Nr. 77. DoimerKag» de- 1. April 1886. m. Jahrs, cllwttVMIiIl Drgsn für die Interessen der Arbeiter. Abonnement«� Einkaäung. Zum bevorst-hendm VierteljahrSwechsel erlauben wir unS alle Arbeiier Berlins zum Abonnement auf daS «Kerliner volksblatt" mit der Gratisbeilage „Küastrirtrs Ksnntagsblatt" einzuladen. �'„Ziierkiner Aolksblatt" kostet für das ganze Vierteljahr frei inS Haus 4 Mark, für dm Monat April 1 Mark 35 Pf., pro Woche 35 Pfg. Bestellungm werden von sLmmtlichm ZetwngSspediteurm, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmerstr. 44, ent« »«gmgenommm. Plr außerhalb nehmen alle Postanstaltm Abonnemmts für da? nächste Vierteljahr zum Preise von 4 Mark entgegm. Tie Redaktion und Expedition deS„Berliner Volksblatt" Er hat sich mchmuk sklbsi zmchtrt— der Berliner Hofapostel Stöcker in der ReichStagtsitzung vom 30. März. Dieser Tag, den er dazu destimmt zu haben schien, sich zu„rehabilitiren", wurde für ihn ein wahrer Tag deS Unglücks! Der edle„Diener Gott«»", der seit Zahr und Tag unter stetem Beruf auf .Gott",„Religion",„Kirche",„christliche Staatsordnung" zc. die denkbar wüsteste Hetze gegen das Zudenthum betreibt und die niedrigsten Leidenschaften, Neid, Haß und Nach» sucht aufstachelte, um von der lieben Unwissenheit und Beschränktheit seiner„Verehrer" als ei»„zweiter Luther" an- gestaunt und beweihräuchert zu werden; dieser tragi-komische Fanatiker, der seine« Feinden gegenüber in rücksichtslosester Weise nach dem Grundsatze handelt:„Der Zweck heiligt die Mitter; dieser„fromme" Prediger der Nächstenliebe und des Gebotes:„Du sollst nicht lügen", dessen„WahrheitS- liebe" erst ganz kürzlich vor Gericht in einer für ihn geradezu vernichtenden Weise illustrirt wurde; dieser„ver- ehrungswürdige" Mensch haste die Unverfrorenheit, in der Sozialistmgesetz-Debatte nicht nur seinen religiösen FanatiS- muS, sondern auch seiner sattsam bekannte» Schmäh- sucht einmal wieder gründlich die Zügel schießen zu lassen. Wenn die Welt«och eine« Beweise» dafür �bedurft hätte, daß der Berliner Hofprediger bei all seinem Auf- treten lediglich einer höchst kleinlichen persönlichen Ruhm- sucht Rechnung trägt, so würde sein letzte« Auftreten im JeuMetow Der Trödler. Roma» von A. E. Brachvogel. (Fortsetzung) '5 rSvi i5" der Alle gefragt hat, ob ihm denn kein Mädel«a S... gefällt? Da erzählte Edmund denn von WulfenS und Wedel« und, der Geier weiß, von welchen Frauensleuten, und der Alte rechnete schon auS, wie v«el Vermögen Jede hätte. Auf eine Baronesse AS-, Ast—, Hab' ich den verrücktm Namen vergessen! Mit As sing er an, kurz, auf eine Baronesse Wolkevheim,»der so wa», ist der Herr Edmund ganz versessm, aber der Alte schre» schlechte Lust zu haben! Warten Sie'« nur ab. t« e,n paar Tagen wird sich schon Alle« zeigen!". „Es ist aber doch ganz unmöglich, Beate, seufzte Christine.„Wer Edmund beim Abschied sah, laua» nimmermehr glauben! Paßt auf, e» kommt doch besser, als wir denken." �„, ,»Ich muß ihn spreche», Beate, will de« Versuch mache», ob«r mir ausweicht; Mutter! laß un» morgen Nachmittag auf de» Friedhaf zu Annen gehe», und Beate mag eS ihm sagen. Ko«mt er nicht, dann—, dann soll Beate recht haben." „'st da« Beste," antwortete die Mutter,„d"«» lomrnft Du doch wenigstens einmal in die Ruhe. Warst Du doch i« de« letzten Monate» in ewiger Auf- regung!" er ,.,----- nicht seinen Briefen mz n Winter und da« Frühjahr über angesehen, daß.. « seiner Mathilde, seinen Versprechungen und de« Leute» >„kalten Stein" herzlich wenig wissen will, und nur«bch chande halber so thut, als gingen sie ihn'was an?" e als solch ein Beweis anzusehen sein. Er trug eine Selbstüberhebung und Selbstüberschätzung zur Schau, für die er mit Recht die ungestüme Heiterkeit der Majorität des Hause» erntete. Es hätte nur noch Sesehlt, daß er ausrief:„Mein ist da« Reich und die iraft und die Herrlichkeit." Er gerirte sich so vollständig als Verkünder des Willens und der Absichten der Gottheit, wie immer nur ein unfehlbarer Papst es thun könnte. Seine» Geifers vollste Schale spritzte er über die „gottlosen" Sozialdemokraten, insbesondere über de» ihm so sehr verhaßte»„Juden" Singer. DaS ganze Gebahren erinnerte unS lebhaft an die Fabel von dem Rabeü und dem Schwan. Den schwarzen Geselle» ärgert deS Schwanes helle« Kleid, der auf klarem Wasser ruhig seine Bahnen zieht; er trägt einen Haufen Koth zusammen und bewirft damit seinen Feind. Der aber taucht unter und erscheint im nächsten Augenblicke so wie zuvor, während die boshafte schwarze Kreatur sich erst mühsam die Krallen wieder vom Kothe säubern muß. Wenn'S dem Berliner Hofprediger wieder einmal ein- fallen sollte, die Rolle deS Raben zu spielen, so möge er sich dieser Fabel erinnern. UcbrigenS haben wir keine» Anlaß, einem Menschen zu grollen, der e« so trefflich wie er verstand, sich vor den versammelte» Vertreter« der Nation selbst moralisch hinzurichten. Die brlzischw Wnlte. In der belgischen Deputirtenlammer find die Unruben nunmehr zur Sprache gekommen. Der MinisterprLfi- dent Äernaert machte folgende Mttheilungen über die Be wegung und deren Unruhen: Die Arbeiter klagten über unzu- reichenden Lohn und verlangten eine Verkürzung der Arbeitszeit. Die Erträgniffe auS der Ausdeutung der Kohlengruben seien indeß äußerst spärliche; in den letzten 3 Jahren habe das dabei interetflrte Kapital nur 1 Prozent ergeben, und wenn man daS den Arbeitern zukommen lassen wolle, so würden diese daraus doch nur einen Mehrverdienst von 6 ZentimeS täglich Der Minister gtebt sodann«ine Darstellung der denen fich nur dieHefe de« Volks be- ,... Durch die am 18. März in Lüttich vorgekommenen Ruhestörungen seien die Behörden überrascht worden, am 20. aber seien Truppen requirirt und die Ordnung sei sofort wieder hergestellt worden. Auch die Unterdrückung der am 26. d. im phlenbecken von Charlerot stattgehabten Ausschreitungen und Zerstörungen habe nicht auf fich warten laffen. General van der Smissen habe bereits am 27. mit 12 Bataillonen und 9 ESkadronS in dem Kohlenreviere von Charlerot gestanden. Man mache der Regierung den Vorwurf, daß fie den Effektiv- stand de« HeereS zu fibr verringert habe, derselbe be- trage 44 750 Mann. Am 27. dsS. sei die Einberufung weiterer zwei Klaffen der dienstpflichtigen Mannschaft angeordnet, dieser Schätzlein trat von der Thür weg, et wußte genug.— Schnell zündete er seine Pfeife an und qualmte heftig vor fich bin, während er in die Lampe stierte. Bald lächelte er höhnisch, bald murmelte er, wie zornig bewegt. Al» die Frauen hereinkamen, fanden sie ihn eifrig lesend, und man ging ohne große weitere Unterhaltung zu Bett.——————————————— Ihre empörte« Gefühle, ihr gekränkter Stolz hatte« die alte Beate verleitet, Evmund'S Sünden im schwärzeste« Lichte darzustelle« und der armen Mathilde wie Mutter Christinen eine schlechte Nacht zu machen. Mit der Wichtig- keit, die sich diese Gute alt Erzieherin Edmund's und Ver« traute seiner LiebeSgeheimnisie anmaßte, ließ sie den jungen Man» am ander» Morgen, nachdem Papa Hen- nings in'S Geschäft hinabgegangen war, ihre Verstimmung empfinde«. Da Edmund die« aber nicht verstehe» zu wollen schien, sondern sich trällernd anschickte, Visiten zu machen, konnte fie fich nicht länger haften. „So? Also Her, Edmund vergessen wohl ganz, wem Sie Ihre Liebe und Treue geschworen haben und daß Sie Nachmittags an Annen» Grabe Gesellschaft finden können. Sie natürlich denken an nicht«, al«— al« an die Boro- «esse!!"— Edmund schrak furchtbar zusammen und starrte Beate« an, indem er sich heftig auf die Lippen biß. „Beate, ich bin Dir vielen Dank schuldig, und den werde ich nie vergesse«, eben so wenig wie meine übrigen Pflichten. Eine Idee muß ich Dir aber benehmen, nämlich die, ich sei der Knabe noch, den Du Hofmeister« kannst. Wa« ich thun und lassen soll, ist meine Sache, und ich rathe Dir, Deines eigenen Vortheil« wegen, misch' Dich nicht hinein!" „O schön, junger Herr, gut, junger Herr! Von heute ab wird mich auch nichts mehr'was angehen! Werd' mich nicht mehr hergebe», Ihre heimlichen Briefe—" Die brauchst Du auch nicht mehr zu bestellen, eben so wenig wie Du de» Spion an der Thür zu machen hast, wenn ei» Sohn mit seinem Vater spricht! Ich habe sonst eine alte, treue, gutherzige Beate gehabt, von der ich mir Befebl sei in rascher AuSfübrung begriffen. Man müffe jetzt an die Zukunft denken. Die Regierung werde dieS in aller Ruhe thun und nach Mitteln suchen, den Arbeitern zu helfen und Arbeit für fie zu finden. Nicht die Arbeiter seien eS, denen mandievorgekommenenVerwüstun- gen zuzuschreiben habe. Die Regierung werde einen Kredit von 43 Millionen fordern; man sei beschäftigt mit den Vorarbeiten für den Bau von Vizinallinien und noch vor dem Ende des JahreS würden 352 Kilometer dieser Linien dem Betriebe übergeben werden können.— Nach dieser Darstellung des Ministers scheinen einmal die Ereigniffe fich nicht so schreck» lich gestaltet zu haben, als fie anfangs geschildert wurden, und scheinen wiederum verlumpte Burschen und weniger eigentliche Arbeiter die Hauptexzedenten gewesen zu sein. Wir faffen nunmehr nach den tclegraphischcn Meldungen die letzten Nachrichten zusammen, die auS dem Basstn von C h a r l e r o i nicht mehr so schlimm lauten. Allerdings ist eS noch an einzelnen Stellen zu blutigen Zusammenstößen gekom- men, so in Mariemont, wo 3000 Streitende«inen Angriff auf daS Kohlenbergwerk machten und von den Truppen zurückge- schlagen wurden, wobei 14 Personen getödtet oder verwundet wurden; so in Barges wo es zu einem blutigen Zusammen- stoß mit der Gendarmerie kam. Auch weitere Arbeirs» einstellungen haben im Laufe deS Montags noch stattgefunden, aber zu Ausschreitungen wie am Sonnabend ist es nicht mehr gekommen. ES wurden zahlreiche Ver» hastungen von Anarchisten und Aufrührern vor» genommen. Das eingetretene starke Regenwetter erleichterte den Truppen die Unterdrückung der Bewegung.— Nach einem Wolff'schen Telegramm aui T o u r n a i ist daselbst eine An» zahl Streikender in die Stadt eingedrungen und verlangt von den Befitzern der Steinbrüche eine Erhöhung der Löhne, sowie schriftliche Verpflichtungen der Arbeitgeber.— Au« A n t o i n g wird gemeldet, daß zahlreiche Abtheilungen Streikender die länolichm Orte durchziehen und zur Arbeitseinstellung auf» fordem. Ucber daS Verhalten der Soldaten äußern fich einzelne Organe sehr mißfällig. So schreibt ein Berichterstatter de» „Berl. Tagebl.":„Ich hatte Gelegenheit, mit verschiedenen Arbeitem zu sprechen; ich habe mich diesen Morgen, um die Anfichten der Leute kennen zu lernen, eigen« unter Ardeiter in ein Kupee dritter Klasse gefitzt und dabei gefunden, daß die Leute durch die Attacken des Militärs weniger gebändigt, als fürchterlich erbittert worden sind. Vor Allem find die Frauen wie rasend und reizen die Männer unermüdlich zum Widerstante. DaS ver» aoffene Blut hat einen Ingrimm und Haß hervorgerufen, deren Folgen gar nicht abzusehen find.„Es ist ohne Giund "uf un« geschossen worden!" behaupten die Leute; ein Arbeiter erzahlte seinen Kameraden, die Soldaten hätten ohne Weitere» auf eine friedliche Deputatton gefeuert, die fich dem Osfizier genähert halte, um mit ihm zu unterhandeln. Was hieran Wahres ist, mag dahingestellt bleiben, da» Blutbad von Roux am 27. März hätte dagegen nach meiner Anficht wohl vermieden werden können. Nach den Belichten der hiefigen, den Fabrikbefitzern freundlich gefinnten Presse Viele» gefallen ließ, weil sie eben meine alte Beate war, eine gemeine Horcherin und Klatscherin verachte ich!" Beate ging zornsprühend hinaus und warf die Thür in'« Schloß, um sich in der Küche auszuweinen. Sie war >u der traurige» Einsicht gekommen, daß ihr unumschränkte« Reich gänzlich vorüber und Edmund„so schlimm geworden sei, daß eine treue Person, wie sie, dem Undankbare« den Rücken wende« müsse." Sie gelobte sich steif und fest, daß kein Wort über ihn ferner von ihren Lippen gehen sollte. Ihre Erbitterung war tief und in sofern gerecht, als fie, nachdem fie die Vertraute seiner Liebe gewesen, sich am wenigsten einer rauhe» Behandlung versehe« konnte.„Mit dem bin ich fertig!" sagte sie, indem sie zornig die letzte Throne au« der Wimper wischte. Edmund's Erbitterung über Beaten'« Horcherei war eben so natürlich. Aber die Art, wie er mit der altm Wirthschafterin umsprang, schien mindestens uvbesonne». Die Macht, welche sie über ihn al« Knaben geübt, der Einfluß, den er ihr selbst al« Vertrauten seiner Neigung eingeräumt, ließ fie bei ihrer geringe« Bildung eben die Grenze zwischen Recht und Unrecht vergesse». Die« hätte Edmund bedenken solle». Sein Zorn und Schrecke« zu- gleich entsprang aber auS der fatalen Gewißheit, Beate habe feine Acußerungen über Astarte gehört und sie sogleich Mathilden mitgetheilt. Daß er hierüber so in Harnisch gc- rathen könne, bewie» ihm ferner zu seiner eigenen Beschä- mung, daß er fich selbst schuldig fühle. Er ärgerte sich nachttäglich über sei« kaltes Benehmen gegen Beate« und suchte e« im Laufe deS Tages möglichst gut zu machen, aber die gekränkte Wirthschafteim sah hierin erst recht, wie ge» gründet ihr Argwohn sei, und setzte ihm ihrerseits einen die gekränkte Wirthschafteim sah hierin erst recht, wie ge» gründet ihr Argwohn sei, und setzte ihm ihrer trockene« Ton entgegen, der den Triumph über de« jungen Mann b-siegelte. Nachmittags schützte Mathilde Einkäufe vor, um sich bei Justus zu beurlauben, und wanderte so erregt wie ungewiß nach dem alten Ort de« Stelldicheins. Justus, nachdem er Christinen einen Geschäftsgang auf- gettagen und nun allein war, wartete ab, bis Beate fich im Hofe blicken ließ, winkte sie zu sich herein und drang ihr ein umfassende« Bckeuntviß über Edmund ab, welches mSren an Wtfem Tage 400 bis 500 Arbeiter einem Bataillon Infanterie, unterstützt von einer Eckwabron Lanciers, begegnet, und der kommandirende Offijier habe jene aufgefordert, fich zurückzuziehen. Ein Junge sei mit einem Stocke aus den Offizier losgesprungen, in demselben Augenblicke aber wäre er von einem Eolvaten durch den Kopf geschoffen worden. Dann erst habe der Oifizier Feuer kommandirt, deffen Folge 19 Todte und an 20 Verwundete waren. Ernste Maßregeln find den Brandstiftern gegenüber gewiß am Platze, aber ich sollte denken, ein Bataillon und eine Schwadron hätten zusammen 400 Unbewaffnete, unter denen fich viele Jungen befanden, auch mit der blanken Waffe in die Flucht jagen können. Der„Kreuz Ztg." wird von ihrem Brüffeler Korrespon- denten die Nachricht, Fürst Bismarck hätte Belgien gemeinsame Maßregeln gegen den Anarchismus vorgeschlagen, alS erfunden bezeichnet. *** Nach den Abendblättern hat fich die Situation in Belgien immer günstiger gestaltet und eS stellt fich mehr und wehr her- aus, daß viele der früher gemeldeten Verheerungen nur o:n der Phantasie der Reporter angerichtet worden find. So schreibt soeben ein Belichte: statter deS„Berl. Tagedl":„Die Nachrichten übet stattgehabte Brandstiftungen find arg übertrieben. Mehrere als verbrannt gemeldete Schlösser bezw. Villen sah ich völlig unbeschädigt, wo- gegen in verschiedenen Etablissements allerdings Verwüstungen angerichtet find, welche den Betrieb auf lange Zeit unmöglich machen werden."— Der„Nat.-Ztg" wird von gestern(Mitl> woch) telegrophirt:„Heute Morgen besuchte ich mehrere Gruben im Borinage, dem vielgenannten Kohlendistrifte der Provinz Hennegau. Urberall herrscht Ruhe; nur in vier Gruben haben daselbst die Arbeiter die Arbeit eingestellt."— Nlch einer Depesche von„Wolffs Bureau" ist in Charleroi die Arbeit wilder aufgenommen und die Bürgergarde bis auf Weiteres beurlaubt worden Nur in Tournai hat der Streik an Umfang gewonnen. Die Streikenden, welche in Calonne zu einer Berathung zusammen getreten waren, nahmen sehr bald eine drohende Hallung an und zerstörten die Telephonverbindung zwischen Crevecoeur und Allain. In Stärke von 800 Mann setzten sich dieselben nach Barges in Bewegung und verübten auf dem Wege zahlreiche Zerstörungen von Etgenlhum." Alle» in allem tlingt das ganz anders als die Berichte der letzten Tage. Politische|leber' ficht. Herr Minister von Puttkamer hat am 30. d. Mts. im Reichstage bei Berathung deS Sozialistengesetzes folgendes Bild gebraucht:„Wer jetzt das Sozialistengesetz aufheben will, der handelt wie ein Mann, der bei herannahendem Gewitter nichts eiligeres zu thun hat, als den Blitzableiter vom Dache seines HauseS fortzunehmen."— TagS zuvor stand in zahlreichen Provinzialzeitungen, welche vom Berliner Preßbüreau und dem Reptilienfonds gespeist werden, ein Artikel über die „Revolution m Belgien", in welchem eS wörtlich heißt:„Wenn Jemand in einem Augenblicke, wo ringsumher der Blitz ein- schlagt, seinen Blitzableiter vom Hause entfernen wollte, dann würde man an seinem Verstände verzweifeln."— Den im Reichstage anwesenden Journalisten wird vom RegierungS- tische häufig der Vorwurf gemacht» daß fie an fich oft- malS ein Plagiat verübten, indem fie daS im Reichstage sprächen, waS fie vorher geschrieben hätten. Wenn nun Herr von Puttkamer auch wohl den offiziösen Artikel nicht geschrieben haben mag, da er dazu gewiß keine Zeit hat, so liegt doch dann der Gedanke nahe, daß der« selbe Geheimrath, welcher die offiziöse Presse bedient, auch die Rede deS Herrn Puttkamer am Tage vorher skizzirt hat, wodurch daS Austreten deS Herrn Ministers im Reichstage ge« wiß nicht an Bedeutung gewinnen dürfte.— Außerdem zeigte der Abg. Hänel in der gestrigen Sitzung deS Reichstages, daß daS Beispiel mit dem Blitzableiter völlig hinke. DaS Sozia« listengesetz solle allerdings ein Blitzarbeiter sein, doch sei er so verkehrt und schlecht angebracht worden, daß er den Blitz an- ziehe und direkt in das HauS führe. Das Sozialistengesetz be« schwöre all' die Gefahren herauf, denen eS vorbeugen wolle. Im Ukbrigen war die Hänel'sche Rede in dem bekannten Syruptone gehalten und so„allgemein gehalten, als möglich." Das Knotenthum im deutsche« Reichstage. AuS der Sitzung deS deuiscken Reichstags vom 30 Marz muß aus« drücklich auf daS Auftreten deS Abgeordneten und HofpredigerS Herrn Stöcker hingewiesen werden. Eine solche Fülle von geistlosen und albernen RedenSarien hat selbst dir Spezial- ihr durch ihre jetzige Stimmung natürlich sehr erleichtert wurde. Ungewiß, ob fie Edmund finden würde oder nicht, de- trat Mathilde den Kirchhof. Em freudiger Schreck durch- zuckte fie, als sie ihn von fern schon unweit AnnenS Gruft auf und nieder gehe« sah. Wir würden Edmund sehr Unrecht thun, wollte« wir glaube«, nur Scham und ei« gewisse« Schuldbewußtsein allein habe ihn hergetrieben. Er fühlte sich allerdings «icht ganz vorwurfsfrei, hatte leider nun die Entdeckung gemacht, Astarten'» Bild schwebe ihm häufiger vor, als e» für feine Neigung zu Mathilden gut fei, aber trotzdem liebte er Mathilden»och, hatte keinen seiner Schwüre ver« gessen und brannte vor Ungeduld, fie wieder zu sehen, um all' die kleine« Wolke» zu zerstreue», welche in letzter Zeit de» Himmel seiner Liebe bewölkt hatten. Kaum sah er fie nahen, sah wieder diese flammende«, dunklen Augen, die» liebliche, tief erröihende Antlitz, al» er alle Soireen der Welt über der Geliebten seiner Zugend, der Erinnerung süßester LiebeSwonne vergaß und zitternd zu ihr eilte, um sie in seine Arme zu schließen, ihre Hände mit Küsse» zu bedecken. „Und Du hast mich doch nicht vergesse«, Edmund, hast Dich also nicht so verändert, wie die letzten Briefe mich fürchten ließen?" flüsterte Mathilde. „Nein, HerzenSmädche», glaube mir, Dir gegenüber .. abe ich mich nicht verändert. Mein Herz ist Dir ebenso L eigen, wie sonst, und nicht« kann meine Liebe ende», als der Tod I" „Ach, Edmund," seufzte Mathilde,„überzeuge mein arme« Herz ja recht fest davon, den« Deine Briefe haben mich oft wankend im Vertrauen gemacht!" „Aber wa» ist denn geschehen? Mein Gott, schon al» ich Knabe war, hattest Du alle Hände voll an mir zu Hofmeistern, und wenn ich'« auch manchmal ein bische» kraus treibe, der alte Edmund bin ich doch, wenigsten« für Dich!" „Wollte Gott, Du wärst es," erwiderte Mathilde. „aber ich fürchte, Du betrügst Dich selbst. Deine Liebe zu mir bezweifle ich nicht, aber Deine Standhafiigkeit genösse des Herrn Stöcker, der bekannte Schneider Giüneberg, früher nickt in einer Volksversammlung vorgebracht. Und dabei der Ton! Nicht den Kanzelton, der gelegentlich hervor- brach, tadeln wir, sondern den knotigen Äiervantton. Wir haben heftigen Debatten im Reichstage beigewohnt, wir haben dabei derbe Ausdrücke gehört, wir haben die schärfsten Ausfälle vernommen, aber Herr Abg. Etöcker war weder heftig, noch derb oder gar scharf, er war lediglich knotig. Das ist das einzige Wort, welches das Auftreten diese? Mannes richtig zeichnet. Sein Pathos war hohl und wo er warnend seine Stimme erhob, da verübte er ein Plagiat. Der Allerweltsanrempler„fabulirt" in seiner Nummer vom 30. März seinen Lesern vor, der Abg. Hasencleoer habe in der Volksversammlung, die am letzten Sonntag in der Tonhalle zu Berlin stattfand, gesagt,„daß die Liberalen, um nur ihre manchesterlicken Interessen zu mehren, ein Stück nach dem andern von der Gewerbefreibeit, Freijügigkeit und Preß- freiheit geopfert hätten."— Tie Mittheilung der„Freis. Z!g." beruht auf völliger Unwahrheit, wie auch aus dem Bericht in Nc. 75 unserer Zeitung hervorgeht. Außerdem dienen ja gerade Gc« werbefreiheit, Freizügigkeit ganz besonders den manchesterlichen Jnteleffen. Der Abg. Hasenclever führte aus, daß Gewerbefrei- best, Freizügigkeit und ein Stück Preßfreiheit unter Beihilfe der Liberalen im Norddeutschen Reichstage errungen worden seien, daß aber später, lediglich um die Herrschaft des Kapitals zu be- haupten, im Interesse deS Manchesterthums eben dicselbtn L.be« ralen die parlamentarischen und politischen Freiheitm durch Annahme deS MilitärseptennatS und des Sozialistengesetzes auf dem Altar der Reaktion geopfert hätten. Dabei sprach der Abg. Hasenclever ganz besonders den größten Thcil der damaligen Fortschrittspartei von dem Vorwurf frei. Wa« will nun eigentlich der Abg. Eugen Richter mit seiner fortwähren- den Anrempelet? Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Ein- zig und allein durch den glühenden und blinden Haß dieses Demagogen gegen die Sozialdemokratie. Ueber die Branntweinstenerprojekte der Regierung giebt die„Köln. Ztg." bereits Andeutungen. Darnach würde der Verkauf von RoyspirituS verbeten, die Reinigung zwangs- weise eingeführt und diese versteuert werden, und zwar für den Hektoliter im ersten Jahre mit 50 M., im zweiten mit 60 M., im dritten mit 80 M. Im Jn'ande würde dadurch weniger kon« sumirt, die Auesuhr aber bedeutend vermehrt werden, dieS werde freilich den Weltpreis drücken und namentlich die Kar- toffelbrenner im Osten schwer schädigen; diese Wunde aber werde der Staat durch Aenderung der Maischraumsteuer zu Gunsten der kleinen und msttleren Brennereien zu heilen trachten. Im U-brigcn werde die Unfruchtbarkeit des ewigen Richterschcn„Nein" auch unter den Verehrern dieses„Volks- Verführers" immerkmehr anerkannt, und die nationatliberale Partei und die Konservativen würden jetzt Alles aufbieten, um die politische„Hohlheit" und und„verbrecherische Gefährlichkeit" dieses„Nein" gebührend bloszustellen.— Die Konservativen bieten nun schon lange„alle?" auf und haben doch daS Wider« streben geaen ausschweifende Steuerprojekte nicht besiegen können. Warten wir also ab, wer— um mit Fürst Bismarck zu reden— zuletzt lacht. Deutsche Preßfttmmen über die belgischen Tumulte. Während fich die meisten konservativen und nationalliberalen Blätter noch immer darin gefallen, den Sozialismus für das Sengen und Brennen in Belgien verantwortlich zu machen, bewahren andere Blätter ein ruhigeres U lheii und eine an- ständigere Haltung. So schreibt die„P o s en e r Z e i t u n g" sehr zutreffend:„Eine planmäßige, sozialpolitisch organtfirte Form hat die Bewegung ebenso wenig, wie die tumultuarischen Straßenom gänge, die fich vor einigen Wochen in London ab» gespielt haben. Gegenüber gewissen Versuchen, aus den belai- fchen Unruhen politiicheS Kapital zu schlagen, ist es wichtig, diese Thalsacht festzustellen. In London erlebte man das Schauspiel, daß sozialdemokratische Versammlungen völlig ruhig verliefen. Am letzten Sonntag haben die Belgier die gleiche Erfahrung gemacht; daS allgemeine Arbeitermeeting in Louviöre hat„wider Erwarten", sagt der offiziöse Telegraph, ohne Störung der Ruhe stattgehabt. Und man darf ohne Weiteres b-hauten: Wären die belgischen Arbeiter so organisirt, wie z. B. die deutschen trotz deS Sozialistengesrtz-S e« find, so würden diejenigen Elemente, welche in der Znstö ung, im Sengen und Brennen ihr Ver- gnügen finden, längst von den organistrten Arbeitern zur Raison gebracht worden sein. Der Beweis dafür ist nicht schwer zu erbringen. Die Belgier schätzen selbst die Revolutionäre auf 5—6000 Mann. Darunter dürften schwerlich auch nur 100 sein, die mit vollem Bewußtsein anarchischen Prinzipien huldi« gen. Der Rest ist arbeitslos, durch den Hunger zur Ver- »weiflung gebracht, es ist ihm gleichgiltig, ob ein langsames Dahinhungern oder die Kugel seinem Leven ein Ende macht. Ja, er zieht daS letztere vor. Solche Menschen werden fich jederzeit überall zu Tausenden finden, so lange nicht Mittel und Wege gefunden find, die arbeitenden Massen durch die Bedingungen einer menschenwürdigen Existenz an das Leben zu fesseln. Diejenigen Parteien aber, welche dieses Ziel vor« zugsweise erstreben, wissen zu gut, daß planlos in Sz ne ge« auf die Dauer! Früher gebortest Du mir ungetheilt, der „kalte Stein" war Deine Welt, und selbst Deine kleine« Streiche waren so liebenswürdig, so herzgewinnend, ach waren Zeugnisse Deiner zwar eigenwilligen, aber treuen Seele? Jetzt rst's anders.— Du gehörst nicht mehr mir, nicht mehr Dir selbst, wie ehemals, fordern den vornehmen Gesellschaften m S...! Dein verändertes Aussehen, Dein Benehme« beweisen e», und je mehr Du Dich im Umgange dieser Leute wohl befindest, desto«ehr entfremdest Du Dich mir, Edmund!" „DaS siehst Du eben anf Deine kleinbürgerliche Weife an, Liebchen. Sei doch vernünftig, laß uns ruhig darüber reden.— Papa Justus hatte an jenem Abschiedstage sehr recht, die träumerische Jugend ist von un« gewichen und hat den Erfordernissen der große» Welt Platz gemacht. Wenn wir nun demgemäß ein andere« Lebe» beginne», ist eS darum nöthrg, daß unsere Liebe zu einander ver» ändert werde» muß? Ich habe früher im enge», väter- lichen Hause gelebt, kannte, außer meinen Kommilitonen, nur Dich und doS Elternhaus I So kann man doch nicht ewig ex stiren. Ich bin einmal der Sohn eines reichen Mannes, der als Jurist eine große Karriere machen soll! Papa verlangt daS, und ich sehe e« auch lebhaft ei», denn ich habe Ehrgeiz, liebe den Glanz, und Papa hat ja dafür (u sorgt, daß ich dabei nicht gar zu ängstlich zu sei» brauche. Diese Zirkel und Bekanntschafte« geben mir dazu die beste Gelegenheit, bringen mrch in nützliche Verbindungen und schaffen mir dre Kenntnisse deS Lebens und der Welt, welche unerläßlich find I Kannst Du das tadeln?— Statt mich darin zu hindern und zu verlangen, ich solle wich zurückziehen in die enge» Verhältnisse eines Kindergesicht»« kreifcs, handeltest Du nicht klüger, für unsere Zukunft rich. tiger, wen» Du meinem Wunsch«achgebest, Dich selbst in Toilette. Manieren, durch Lektüre und Bekanntschaften für den Wirkungskreis an meiner Seite geschickt machtest? Du sollst»eben mir einsi in de« Sphären leben, die mein Be« ruf, mein Vermögen, mein Ehrgeiz und der Wunsch meines Vaters mir anweise«, und daS beste Mttel, alle Bedenken, die er etwa unsrer Verbindung einmal entgegen- setz?« könnte, ist doch das, zu beweisen, Du passest am setzte Revolten von dem Ziele ablenken, als daß fie die be» günstigen oder auch nur gestatten sollten. Würden heute in Deutschland Streiks stattfinden, in denen wie in Belgien das Petroleum eine Rolle spielte, so würde ganz zweifelS« ohne die sozialdemokratische Partei ihren ganzen Ei. fluß im Sinne einer Beruhigung der Gemüther geltend machen. Politisch organisirte Arbeiter- Vereint. gungen, mögen sie nun Gewerk-, Fach reine'—-—.......-•- vereine oder s o n st w i e heiß en, haben ein Interesse daran, revolutionäre Ausbrüche aus ihrer Mitte hintanzuhalten und haben fich durch Bethätigung dieses Interesses bereit» vielfach ein Verdienst erworben."— Auch das„Dtsch. Mtgsbl." schrieb sehr vernünftig:„Wer die letzten Ereignisse mit anae« sehen und speziell die sozialen Zustände in Belgien mit eigenen Augen kennen gelernt hat, wird sich blas darüber wundern können, daß die Arbeiterbewe- gung nicht schon längst ausgebrochen ist. Gerade Belgien, dessen Arbeiterbevölkerung den größten Prozentsatz der Gesammtbeoölkerung ausmacht, sollte daS größte Interesse daran haben, durch Verleihung politischer Rechte und durch Einführung sozialer Reformen die ihm drohende Gefahr zu beschwören. Statt deffen sehen wir hier zu Lande eine grundverkehrte Politik. Die belgische Verfassung, welche von Freiheiten strotzt und die ungehinderte Bewegung deS BürgerthumS für alle Zeiten fichert, hat für den Arbeiter nicht da« geringste Verständniß. Sie ist auf oligarchischer und plutokratischer Grundlage aufgebaut, ver« leiht alle politischen Rechte der wohl« habenden Bourgeoisie und speist die große Mehrheit der Bevölkerung mit einigen freiheitlichen Phrasen ab. Man kann fich in der That keine demüthigere Rolle denken, als jene, welche die belgische Verfassung den arbeitenden Klaffen zutheilt. Von den vielen politischen Rechten, welche die belgische Konstitution zu einer europäischen Mukeroerfaffung machten, genießen die Arbeiter keine«. Sie befitzen weder ein Wahlrecht für die gesetzgebenden Körperschasten, noch ein solches für die Gemeinde« Vertretungen, und würden überhaupt gar nicht ahnen, daß fie belgische Staatsbürger find, wenn fie nicht von Zeit zu Zeit durch die Eteuerämter und Militäraushebtlnfls-Kommisfionen an diese ihre Eigenschaft erinnert würden. Die hier zu Lande fast unerschwinglichrn indtiekten Steuern find durchweg Be» lastunge,, der Arbeiter, während fich die Kapitalien aller steuer« politischen Belästigungen mit Geschick zu entziehen wissen. Auch die Blutsteuer wird in Belgien ausschließlich von den unteren Volksllaffen geleistet, da die wohlhabenderen Klaffen ihre Söhne gegen die Summe von 1600 bis 2000 Franken los« kaufen. Zst eS unter solchen Umständen zu verwundern, daß die Unzufriedenheit nicht blos unter den Arbeitern, sondern auch unter der niederen Bourgeoifie, die gleichsfallS von allen politischen Rechten ausgeschlossen ist, in beunruhigender Weise wächst?" Ein Nachspiel der Diätenprozesse. Wie man der „Voss. Ztg." auS Naumburg a- d. S. schreibt, ist gegen den dortigen Rechtsanwalt Tolkiemit das Strafverfahren eröffnet wegen eines Artikels über die Diätenprozesse, den er in der „Nation" veröffentlicht hat. Tolkiemit war Vertreter Heine'S, HasencleoerS und Lerche'«. Auf der kaiserliche« Werft z« Danzig find nach der „Danz. Ztg." sehr viele Handwerker, angeblich etwa 100, gekündigt worden, dabei ältere Handwerker, welche 10 Jahre und darüber gearbeitet haben. Organ für Kö-ninne»!— so hatte die„Nordd. Allg. Ztg." in ihrem Unwuthe die„Voss. Ztg." genannt. Tie Tante druckte dafür eine Stelle aus dem Kanzlerblatt ab„nicht nur als Probe de« ParfümS auS der journalistischen Be» dienten st übe, sondern auch alS Beweis für den Cynis- muS, zu welchem die offiziöse Livree befähigt." UnS will es schier bedünke--, daß diese Aeußerungen alle beide— etwa« über das erlaubte Maß hinausgehen. OesterreichUngar i». Eine geradezu rusfische Polizeiwirthschaft muß in Oesterreich herrschen, wenn folgende Bemerkungen aus einer Rede de« Abg. Dr. K r o n a w e t t e r im ReichSrathe zutreffen: „Das Recht der Freizügigkeit— äußerte der Wiener Demokrat— steht allerdings in den Staatsgrundgesetzen, aber eS ist bereit« im Jahre 1871 durch eine Art Vagabunden Gesetz kasfirt worden, und da« Uedrige hat daS neueste Vagabunden. Gesetz Ziseleur, thun? ihm au« Polizei hat dad auischick höre we da» tt. (Bravo! der ginl wurde t Gendari einen T Fabrika' der Fat wurde i solchen Sind d Ich kau Die Fr wahrlei gangen. «ne ga Diese v nehmen links.) gesehen, (Hört! bürget lungen nichtpo! vorgegr für der gethan. Im vorigen Jahre wurde ein Schuhmacher auf bloße Denunziation eines Kollegen, der dem katholischen Gesellen« verein angehörte.(Hört! Hört! linkS), wegen Gotteslästerung gefaßt und nach seiner Hetmath in Kroatien abgeschoben. In Sternberg wurde ein Mann, der kurze Zeit verheirathet war, plötzlich arretirt und in Ketten nach Olmütz transvortirt. Dort hat er eine Untersuchung von acht oder zehn Wochen mit- gemacht, dann wurde er wieder ftcigelassen, aber er war in seinen Vermögensverhältnissen mitsammt seiner Familie ruinirt. Wer zahlt das den Leuten, die durch Akte der gemeinsten Denunziation und Polizei-Willlür au« ihrer Existenz gerissen werden?(Sehr richtig! links.) Ein Ziseleur wurde von hier nach Mrstelbach abgeschoben. Dort brauchte man keinen besten zu meiner Frau, mich und Dich selbst zu übet« zeuge», daß Dich kein Weib verdunkeln kann! Ich hin gewiß, Du kannst!"— Marhrlde hatte unter wechselndem Erröthen und Er» bleichen dem jungen Manne zugehört, und ihr zuckender Mund, ihr fieberhaftes Zittern vcrriethen den inneren hef« tigcn Seelenkampf. „Ich habe bisher noch nie daran gedacht, Edmund, daß Du der Sohn eines so sehr reiche« Manne« seiest, gar so vornehm werden müßtest im Leben! Hab' immer gemeint, wenn sich Zweie lieb haben, so sei da« Alles das Höchste, und wenn Gott sie noch mit irdische« Gütern segne» will, sie es al« etwas betrachten müßten, wa» fie nrcht viel glücklicher mache, aber nöthige, um so viel Schöneres für die Mitmensche« zu vollbringe», um so edler zu sein! Ein Mann, der sich bei vornehme» Herr« schaftcn und wenn er'waS recht Großes, Mächtiges ge- worden ist glücklicher fühlt, als zu Hause bei keiner Frau und unter ein paar guten Freunde», der ist für'« Familien« leben nicht geschaffen! Ich bin einmal das Kind eine» schlichten Manne», eine Trödlerstochter, Edmund I Ver« stehe nur so viel, als eine Frau, die ihren Mann glücklich machen will, eben braucht! Was Du verlangst, daß ich werden soll, werd' ich nie,— da, Edmund, mußt Du zu den Mädchen gehen, die auf solche Künste erzogen sind, zu Deinen Damen in S..., und mein Herz sagt mir, Du wirst diesen Weg gehe«!!"— Sie wendete sich von tiefstem Schmerz erfüllt und unfähig, längere pein« liehe Erörterungen zu ertrage«, hastig und eilte weinend hinweg. Edmund stand an AnnenS Grabe wie versteinert. DaS, ja daS war der Markstein, der Scheideweg seiner Liebe! Entweder Mathilde oder Astarte, entweder ein stilles, seliges Glück der anspruchslosesten, aber Alle« über« wältigenden Neigung, oder der Glanz, die Fortune, die moderne Romartik de« Salons und ParquetS am Arme eine» blendenden Weibe«, welche« ihm in ewigem Zauber- banne de» Sinnenreizes hielt, aus dem er kein Erwache» kannte I" „Zu Deinen Damen in S..., und Du wirst e» « böte in i das eifels. icffuß achen. ini« ach» teresse galten Kreits Zsbl." angt» flcnen Iber w e- Ziseleur, der Mann durfte aber nicht fort. WaS sollte er da ihun? Betteln durste er auch nicht. Sein Arbeitgeber hat ihm aus Wien die Arbeit nachgeschickt, allein unsere allwiffende Polizei hat fich gleich darein gemischt(hört! Hört! links) und hat dahin gewillt, daß man dem Ziseleur die Arbest nicht hin- ausschickte. Jeder Brief an ihn wurde aufgebrochen- Ich ae- höre weder der schärferen, noch der schärfften Tonart an, aber da» verdient keine andere Bezeichnung als„Infamie". (Bravo! links.) In FloridSdorf wurde ein Weber ausgewiesen, der ging nach Winbenthal. Da er ein gischickter Mann ist, «urde er dort alS Werkmeister angestellt. Ader da hat ihn ein Gendarm bei dem Fabrikanten denunzirt, er solle doch nicht einen Dieb in seinem Hause behalten. Der Mann hat dem Fabrikanten betheuert, daß er kein Dieb sei. Darauf wurde der Fabrikant zur Bezirkshauptmannschast vorgeladen und dort wurde ihm vorgestellt, er solle doch aus Patriotismus einen solchen Mann nicht länger behalten.(Hört! Hört! links.) Sind diese Bngdegenheiten der Regierung bekannt oder nicht? Ich kann mir gar nicht denken, daß so etwaS möglich sein soll. Die Freiheit der Person ist unS nach den Gesetzen auch ge- währleistet. Aber da wird in willkürlichster Weise vorge« gangen. Ohne Vorweisung eines gerichtlichen BefeblS kommt eine ganze Kompzgnic roher Polizeileute mitten in der Nacht. Diese werfen Weiber und Kinder auS den Betten heraus, de- nehmen fich in der unanständigsten Weise.(Hört! Hört! links.) Da werden die Strohsäcke herausgeworfen und nach- gesehen, ob nicht ein Exemplar der„Wahrheit" darunter ist. (Hört! und Rufe links: Pwi!) Die österreichischen Staatsbürger haben da« Recht, Vereine zu bilden und Verfamm- lungen zu halten. Die harmlosesten dieser Vereine find die nichtpolitischen. In welcher Weise wird nun aber mit denen' vorgegangen? Wir haben einen Arbeiter-Sängerdund in Wien für ven wird eine eigene Zensur gemacht. Lieder, die überall gesungen werden dürfen, darf er nicht fingen. WaS die Per- sammlungin betrifft, da geht es in ganz sonderbarer Weise zu. Man verlangt die Mitibeilung des Programms, und überhaupt ist eine solche Versammlung vollkommen der Willkür des am» tirenden Polizei-Kommiffär« anheim gegeben. Alle Augenblicke unterbricht derselbe einen Redner und giebt ihm Belehrungen, während er doch nach dem Gesetze dazu absolut kein Recht hat. Er hat zu schweigen und daS Maul zu halten(laute Heiterkeit) und darf nur sprechen, wenn eine gesetzwidrige Handlung vor» gekommen ist Warum soll ein Kommiffär, der in dieser Weise selbst das Vereinsgesetz überschritt, nicht gestraft werden? Bei den Arbeiterversammlungen, da herrscht eine ganz besondere Praxis in neuester Zeit. Bevor fich Einer zum Worte meldet, wird er immer gefragt:„Wohin find Sie zuständig?"(Hört! Hört! links.) Wenn der eine Nase hat, welche dem Polizei- kommiffär staatsgefährlich vorkommt(Heiterkeit) und er hat fich zum Worte gemeldet, ohne daß er irgend etwas noch gesprochen hätte, und ist nicht in Wien zuständig, wird er gleich nach der Versammlung abgeschoben.(Hört! Hört! links.) Am 13. Marz haben fich Gruppen von Arbeitern um da» Denkmal der März- gefallenen reiht. Einer von den Detektivs, die da waren, schrie: „WaS macht'S denn da? Henkl's Euch lieber auf!"(Hört' Hört! links.) Einer von den Arbeitern hat demselben zuae- rufen:„Sie brutaler Mensch, Sie verdienen tausend Mal eher den Strick als wir I" und hat dann ein Hoch auf die Gefallenen ausgebracht. Gleich darauf wurden die Leute von der Polizei hinausgedrängt. So wird die Erinnerung an die glorreichsten Tage Wiens gefeiert."(Hört! Hört! links.) Franrreich. Die Finanzfrage ist jetzt der Kernpunkt aller politi« schen Erörterungen. In der Budgetkommisfion haben bereit? Radikale und Äambettrsten ihre Kräfte gemeffcn und mit der Wahl Rouviers zum Vorfitzenden ist der Sieg auf die Seite der„Gemäßigten" gefallen, d. h. derjenigen Staatsmänner, welche lieber die Staatsschulden ins Endlose vermehren, als daß ste, wie die Radikalen es verlangen, durch eine Einkom- mensteuer die Reicheren etwas stärker heranziehen. Den großen Eisendahngesellschaften dürfte die Entscheidung in der Budgetkommisfion sehr willkommen gewesen sein, denn fie stehen fich bei der Fortsetzung de» alten Finan,schlendrianS ganz ausgezeichnet. Die Garantiezuschüsse für die Eisenbahnen steigen mit erschreckender Schnelligkeit und dürf- ten nächstes Jahr 100 Millionen erreichen. Haben doch die sechs großen Bahngesellschasten während der ersten zwei Mo- nate einen EinnahmeauSfall von 7 800000 Franks gegen daS Vorjahr herausgerechnet, welches selbst schon mit einem solchen von nahezu 40 Millionen schloß. Das wird also den Staats- schätz ein hübsches Stück Geld kosten. Ferner aber w«rden kraft der mit den sechs großen Bahngesellschasten getroffenen Abkommen immer noch weitere ertraglose, ja meist unbedingt «rtragunfähige Strecken gebaut. Da» ergiedt jährlich 200 bis 250 Millionen mehr, für deren Verzinsung der Staat auf- kommen muß. So, wie die großen Bahngesellschaften und das Eisenbahnwesen in Frankreich fich überhaupt seit 30 Jahren entwickelt haben, find fie zu einem unersättlichen Blutsauger deS Staates geworden. Wird dieser Lindwurm nicht umge- bracht, so wird er dem Staate immer mehr Mark und Bein aussaugen. thun!— Hölle und Teufel, Du wirst es thun I Math lde hör' mich an!" Er stürzte ihr nach. Mathilde hatte eisen Lohnwagea genommen, der zu» fällig vor dem Kirchhofe stand, und fuhr bereits nach der Stadt znrück.—.._ „Und Du wirst es thun!' murmelte Edmund düster vor sich hin und starrte fortwährend in'» Leere.— Mehrere Versuche, welche er machte, Mathilden wäh» rend seiner Besuchszeit zu spreche», prallten an Beaten« und Mutter Christinen« Hartnäckigkeit ab. „Sie wiffe» Mathilden« Meinung. Herr Edmund," sagte letztere,.quälen Sie sie nicht. WaS Sie au« ihr machen wollen, kann S-e nie werde«, und mein Mann wie ich würde« e« weder dulde«,«och ausführe» können. Wir find eben nur einfache Leute.— Sie könne« Ihre Bekannt- schaste« und neue« Genüsse nicht aufopfern, wozu soll also da« Rede« führe«? Wäre Alle« auch zwischen Euch in Ordnung, vergessen Sie doch Ihre« Herrn Vater nur nicht. Lassen Sie die Dinge nur gehe«, vielleicht be- kommen S:e einmal die vornehmen Leute und das lustige Leben satt und denken, daß der alte Justus mit seinem dummen Liebe doch wohl recht gehabt hat!" Während Herr Zosua seines Sohnes nun auch recht vo« Herzen genoß, mit ihm alle Bekannte und Freunde besuchte und nichts unterließ, wa» demselben angenehm sein konnte, ging ihm doch daS erste Gespräch mit ihm und die bewußte Baronesse sehr im Kopfe herum. Er fand fich de«- halb veranlaßt, briefliche Nachrichten unter der Hand über die Dame eiozuz'ehe«. Die Aufklärung, welche ihm Herr Toldt, de« er damit betraute, gab, war für Zosua nicht« weniger als angenehm.___ Baronesse Altarte hatte entschieden kein Vermögen, obwohl sie höchst aristokratisch lebte und fich nicht wenig auf ihre Geburt einbildete. Dies war für den Alten genug, Furcht vor einer solchen Wahl seines Sohnes zu hegen... Als der Tag der Abreise kam, litt«s sein Vater In Decazeville soll der Streik neuerdings an Ausdehnung noch gewonnen haben. (8» o tz ü r i t a»« i e«* Mr. James Stansfeld, Parlamentsmitglied für Halifax, ward, wie wir schon meldeten, an Stelle Chamberlain's zum Präfidenten deS LokalregierunaSamteS, und Lord Dalhoufie als Nachfolger Trevelyan'S zum Sekretär für Schottland ernannt, letzterer indeß vorläufig ohne Eitz im Kabinet. Stansfeld ist ein erfahrener Staatsmann, der seit 1863 verschiedene Regierungsämter bekleidet, und den Posten, zu dem er jetzt be» rufen wird, schon von 1871—1874 im damaligen Gladftone- schen Kabinet inne hatte. Lord D a l h o u s i e ist ein verhält- nißmäßig junger schottischer Pair, der bislang keinem Re- gierungsamte vorgestanden hat. Erst vor wenigen Tagen kehrte er von einer langen Rundreise in Australien nach Eng- land zurück. Wettere Rücktritte von Ministern find noch nicht erfolgt, doch verlautet, daß Lord Spencer, der KonseilSvräfident, das Kabinet verlaffen wird, falls, wie vielfach gemunkelt wird, da« irische LandankaufS. Projekt fallen gelassen wird. Außerbalb des Kabinet« werden wahrscheinlich drei Mttglieder der Re- gierung dem Beispiele Chamberlain's und Trevelyan'S folgen, sobald der Premier seine Pläne öffentlich erklärt hat, nämlich der Oberstkämmerer Lord Kenmare, der Oberjägermeitter Lord Cork und der Kanzler des Herzogthums Lancaster. Chamber- law soll zu rückstchlsloser Oppofttion gegen Gladftone entschloffen sein, und hofft hierbei Unterstützung sowohl bei den rechtS- stehenden Whigs vom Schlage Hartinatons und GoschenS. wie bei den Radikalen von der Stellung Dtlkei zu finden. Trifft da« zu. so würde Gladftone allerdina! keine Majorität für seine Pläne erhalten, nicht einmal im Unterhause. Heaton beantragte am 30. im Unterhause die Anknüpfung von Unterhandlungen mit den anderen Regierungen behufs Einführung des Weltpenny PostsystemS. Hutton stellte den Unteranttag, wodurch die Neuerung auf daS ge- jammte britische Reich beschränkt wird. Fowler bekämpfte beide Anträgt, da der Staatsschatz jährlich an dem fremden Post- verkehr bereits 356 000 Pfund verliere. Die beantragte Neuerung würde den Verlust um zirka eine halbe Mrllion steigem. HuttonS Unteranttag wurde abstimmungiloS, HeatonS Antrag mit 258 gegen 127 Stimmen verworfen. Lord Sudleu erklärte im Oberhause, die Regierung sei bereit, den Tabakbau in England als Experiment zu ge- statten unter der Beschränkung, daß der Steuerbehörde vorder die Quantität der Aussaat angezeigt werde, ferner, daß der Platz deS Anbaue« den Akzisedeamten leicht zugänglich ist, und daß für alle als brauchbar erwiesenen Produkte eine Steuer bezahlt wird. Balkanläuder. Au« Griechenland lauten die Nachrichten immer kriegerischer. So wird der„Franks. Ztg." aus Athen gemeldet: Die Regierung wird von der Kammer die Erlaubniß zu einem Zwangtanlehen und Aufnahme fremder Offiziere verlangen. In Volo find die Befestigungen fertig. Die Vertheilung der Streitkräfte ist folgende: Bei Lartfsa stehen 25000 Mann, in Trikala und Arta je 16 000 Mann, in zweiter Linie 15000 Mann. Die kürzlich einberufenen Reserven ergeben 20000 Mann. Auch in Bulgarien scheinen Ueberraschungen nicht ausgeschlossen. Man befürchtet vielfach den Eintritt einer Kata- strophe in Sofia. Der Wunsch von rusfischer Seite geht dahin, ein Königreich Bulgarien ohne dem Fürsten Alexander zu bilden. Man erachtet den Moment für nahe bevorstehend, wo Rußland die Herstellung der Ordnung in Bulgarien energisch in die Hand nehmen müsse. Man hofft(d. h. in Petersburg!) Deutsch- land und Oesterreich würden keine Hindernisse bereiten und England nur protestiren. In Pest hinwiederum glaubt man, nach dem„Hamb. Korresp.", daß die übrigen Mächte, da Ruß- land augenblicklich gänzlich isolirt ist, wenigstens stillschweigend zusehen würden, wenn der Fürst von Bulgarien die Union faktisch durchführe. Die Kabinette in Wien und Berlin seien bezüglich der Gestallung der Dinge im vollsten Einvernehmen. Amerika. Wie der„TimeS" aus Philadelphia vom 28. v. Mi«, berichtet wird, soll unter den„Rittern der Arbeit" Uneinigkett ausgebrochen sein. Der Großmeister des BundeS, Powderley, soll fich jetzt mißbilligend gegenüber den Zweigvereinen ausge« sprachen haben, daß„unauloristrte" Streiks" in Scene gesetzt wurden; die Subordination soll aber noch nicht hergestellt sein. Ob diese Nachricht begründet ist, muß freilich noch dahinge- stellt bleiben. Parlamentarische». Seit vorigen Sonnabend zirkulirte das Gerücht und ist dasselbe auch vom„Berl. Volksbl." gebracht worden, daß der Abgeordnete W i n d t h o r st seine AbänderungSanträge zum Sozialistengesetz bei der zweiten Berathung deffelben im Reichstage nicht wieder einbringen wolle. Das Gerücht ist entstanden durch eine ausdrückliche dahin zielende gefühl nicht, ganz davon zu schweigen, obwohl nichts an- deutete, Edmund habe sich wirklich in die Dame verliebt. „Wenn Du jemal« ei« Mädchen hettathest, Edmund, so wähle die Tochter eine« angesehenen, vielvermögenden Hauses, die aber immerhin bürgerlich genug erzogen ist, um an de» Mann, welchen fie wirklich liebt, nur ver» «ünftige Anforderungen zu stellen, eine Frau, die in ihrer Familie allein de« Himmel sieht uvd de« allzugroße» Glanz meidet, nicht weil sie ihn nicht bezahle», sondern zu ihrem Glücke vollständig entbehren kann! Wähle keine Baronesse ohne Vermöge», aber auch keine Millionär»«, die nicht« Edleres kennt, als KouponS abzuschneiden oder die größte« Brillanten zu trage«!"—— (Fortsetzung folgt.) Erklärung de« Abgeordneten Windthorst einigen sozialdemokra» tischen Abgeordneten gegenüber. Wie wir nun erfahren, ist der Abgeordnete Windthorst am 28. v. M. in der Fraktion«- fitzung des ZenttumS überstimmt worden, so daß, wie aus den ParlamentSberichten erfichtlich, die AbänderungSanträge doch eingebracht worden find und zur DiSIusfion gestanden haben. Die Budgetkommission deS Abgeordnetenhauses beschäftigte fich heute Vormittag mit einer Petition der Lokomotivführer undHeizer der Köln-Mindener Eisenbahn, welche fich darüber beschweren, daß fie bei der Verstaatlichung der genannten Bahn eine Benachtheili- gung insofern erfahren hätten, al« die Staatsverwaltung die außerordentlichen Unterstützungen um 30 pCt. gekürzt und den Beitritt zur UnterstützungSkaffe der Lokomotivführer und Heize!.- freigegeben habe. Die RegierungSkommissarien erklärten, daß die Maßregel der Kürzung wegen der Insuffizienz jener Kasse nothwendig gewesen sei und daß man, um den Wünschen der Beschwerdefübrer gerecht zu werden, in den Etat eine Summe von 10000 M. zur Subventionirung jener Kasse eingestellt habe. Die Kommisston war der Anficht, daß nach dieser Er- klärung die Petition ali erledigt anzusehen sei. Aus Kunst und Zeven. Zum Benefiz für Herrn Eduard Stobbe geht am Sonnabend, den 3. April, im Alhambratheater eine Märchen- poffe„Die Räuberherberge im Walde" zum ersten Male in Szene. Von dem Benefizianten, einem langjährigen Mitgliede an diesem Theater, dürften verschiedene Leistungen deffelben noch in bestem Andenken stehen. Wer beispielsweise erinnert fich nicht seiner Leistungen als„Theekeffel" in der alten EalingrS'schen Posse:„Berliner Kinder" und als„Armenvater und Kirchenvorsteher" in dem Volksstück„Ein Mann aus dem Volke". Wer gedenkt nicht seines köstlichen„Paganell" in dem Ausstattungsstück»Die Kinder deS Kapitän Grant". ES find dies Rollen, die von Eduard Stobbe mit großem Erfolg dar« gestellt wurden. Uebrigens repräsentiit die Aufführung des Stücke»„Die Räuberherberge im Walde" in gewisser Beziehung eine Art von Jubiläum— eS ist da« hundertste Stück, welche« unter der Direktion Strewe im Alhambratheater zur Auf- führung gelangt. Am 8. Oktober 1881 wurde da« Alhambratheater unter Strewe mit der AuSstattungSpoffe von Hugo Busse und Paul Strewe„Die sieben Wunder der Welt" er- öffnet. Mit diesem EröffnungSflück hatte die Direktion einen großen Erfolg zu verzeichnen; e« erlebte vor stets gut besuchten Häusern über 70 Wiederbolungen. Aehnliche Erfolge hatten noch aufzuweisen da« Ausstattungsstück von Girs„Die drei Gerichts-Jettmig. Der bekannte Pretsrtnaer Carl Wollmann, welcher im vorigen Jahrzehnt im Zirkus Renz wie im Zirkus Sala« monski engagirt war, wurde gestern in bayerischer Gefängniß« kleidung vor die Schranken der dritten Strafkammer hiefigen Landgerichts l gestellt, um fich wegen einer Anzahl im Jahre 1881 hier begangener Betrügereien zu verantworten. Der schon vielfach vorbestrafte Angeklagte befitzt im Schwindeln und im Oeffnen der Gefängnisse ein mindestens ebenso bedeutendes Talent, wie er eS seiner Zeit als Kunst» retter und noch mehr als Ringkämpfer im Werfen der ihm an Körperlraft überlegenen Gegner entwickelt bat. Gegenwärtig verbüßt er eine achtzebnmonatige Gefängnißftrafe in der Anstalt zu Laufen. Einer 2V,jLhriqtn Strafe, welche ihm da« Strafgericht in Berlin auferlegt hat, entzog er fich durch einen Ausbruch aus dem dortigen Ge» sängniß. Aus Befragen d:S Präfidenten erklärte er, daß er von dieser Strafe ftei sei. Nach längerem Hin- und Heneden wird diese Angade dahin aufgeklärt, daß der Angeklagte nach dem bestehenden Auslieferungsverträge wegen dieser Sache nicht ausgeliefert werden dürfe. Glatt wie ein Aal verstand er e« stets, wie der GerichtSvor sitzende hervorhob, sich den Fingern der Polizeibehörden und Gerichte zu entwinden, bis es gelang, ihn in Linz, wo er fich einen sal- schen Namen beigelegt und auf denselben Betrüoereien verübt hat, festzunehmen. Von Linz wurde er nach Stuttgart und von dorr nach Lausen ausgeliefert. In diesem Orte hat ihn denn auch die hiefige Staatsanwaltschaft ausfindig gemacht und vor die obige Sttafkammer zitirt. Seiner Natur nach sucht er vor Gericht das Blaue vom Himmel herabzulügm und entgegnete er auf den Einwand des Präfidenten:„Wenn ich lügen wollte, daS wäre ja dumm von mir; Sie dürfen mir nun wohl alle Schlechtigkeiten, aber keine Dummheit zutrauen." Der Gerichtshof ließ fich durch diese Betheuerunaen aber nicht beirren- er verurtheilte den Angeklagten vielmehr zusätzlich zu ein:m Jahre Gefängniß. Das Nachspiel einer aufgelösten Krauen-Versamm- lung, welche am 1. Dezember v. I. im„Deutschen Kaiser", Lothringerstraße 37, unter dem Vorfitze der Fi au Pötting tagte, fand gestern vor der ersten Strafkammer hiefigen Landgerichts l statt, vor welcher fich der Schlossergeselle Oskar Kerlin wegen Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche zu verantworten hatte. In jener Versammlung hatte den Vortrag der Dr. Stahn über die„Entstehung deS Menschengeschlechtes" gehalten und der Angeklagte fich an der fich daran knüpfenden Diskusston betheiligt. Nach der Be« kundung deS überwachmden Polizeilieutenants Bernhardt hat derselbe die Bibel für unwahr und entfittlichend de» zeichnet und fich als einen Anbänger der Darwin'schen Theorie bekannt. Die Auferstehung erkläre er fich nach dieser etwa so: Der Mensch sterbe und sein Leib werde zu Staub, dieser werde zurDüngungdeS AckerS verbraucht; in Folge dessenwachse auf dem» selben Gras, da« fresse die Kuh— und die sei die Auferstehung. Der Angeklagte bestreitet, den letzten PaffuS ausgesprochen zu haben, da deretts nach dem Worte Kuh der Polizeiojfizier die Versammlung auflöste. In dieser Angabe wird er durch da« Zeugniß der Frau Pötting unterstützt, wohingegen Polizei« lteutenant Bernhardt seine Aufzeichnung im Bericht aufrecht erhält. Staatsanwalt v. d. Reck beantragt 14 Tage Gefängniß. Der Gerichtshof erkannte aber aus Rechtsgründen auf Frei» sprechung de« Angeklagten, der bei seinem Bildungsgrade aller» ding« besser gethan hätte, nicht seine Ungläubigkeit hervorzu» kehren und fich an der Diskusston über ein so heikles Thema zu betheiligen. Das Gesetz bestraft aber nur die Beschimpfung von Einrichtungen, während e« fich vorliegend nur um Lehren der christlichen Kirche bandle. RetchsgerichtS-Entscheidung. Leipzig, 28. März.(Ver- leitung zum Meineide.) Die Haushälterin Anna Jakob in Rolandsknappcn", von HclmeSberger jun.„Der Graf von Gleichen", von Braun„Die schwarze Venus", von Dr. Woll- heim„Undine, die Fürstin der Wellen". Ueber einen tragische««nd geheimnißvolle« Borfall wird au« der ungarischen Hauptstadt berichtet:„Auf dem Sezirtisch der Todtenkammer deS RochuSspitalS lag am Sonn- abend eines der schönsten Mädchen, welche« die heurigen Bälle mitgemacht hat, die Tochter eines hochgestellten Bahnbeamten, Irma Szerercsenyi. Das Mädchen hat Dienstag einen Selbst» mord verübt aus Verzweiflung über tierhältniffe, die wir hier nicht berühren wollen. Es sei nur soviel gesagt, daß die Arme viel, sehr viel gelitten, bis fie dm Entschluß gefaßt, lieber zu sterben, als fich zu ergeben. Die Eltern, die wohl nicht ge- dacht, daß es so weit kommen werde, boten Alle« auf, um den Todesfall als normal erscheinen zu lassen. Der Hausarzt stellte da« Zeugniß aus. daß Irma am Herzschlage plötzlich verstorben sei. Er sagte am Ende nichts Unwahre«, denn fie starb fak- tisch an gebrochenem Herzen! Der Todtendeschauer bestätigte diese Todesursache und Jrma's Leiche wurde in ihre schönsten Kleider-"— w""....... gelegt Da er !a erschien.................... wies die Ordre des Ober Stadthauptmanns vor, demgemäß die Leiche obduzirt werden müsse. Eine anonyme Anzeige war an die Polizei gelangt, in welcher der Selbstmord de« Mäd» chen« milaetheilt wurde. Der Polizribcanfte ließ die Leiche au« dem Sarge heben, entkleiden und mtttelst Tragkorbe« nach der Todtenkammer de« Rochusspitals ttagen. Donnerstag ae- garin Dr. Ajtay die Leiche in Anwesenheit der Polizeiä, sie und Studirenden zu seziren. Da erschien derselbe Polizei� � amte und ließ die Obduktion suspendirm, da, wie er ang... der Verdacht vorlag, daß ein Verbrechen mit im Spiele sei. An der Leiche waren nämlich kleinere Kontustonen und Haut» abschürfungcn wahrnehmbar, in Folge deren die gerichtliche Obduftion angeordnet wurde. Dieselbe fand mit Ausschluß aller nicht amtlichen Personen statt. Das Resultat war: TodeS« Ursache— Vergiftung durch Phosphor; aller Wahrscheinlich» keit nach: Selbstmord.— Gegen die Aerzte wird nun die Untersuchung eingelettet." Einen«ene« Ausbruch de« Aetna befürchtet man in Catania. Aus dem Krater wirbelt fortgesetzt eine dicke Rauchwolke auf und betäubendes Geräusch läßt fich hören. Sonneberg war von der Strafkawmer beim Amtsgeiicht in Koburg wegen Anstiftung zum Meineide zu 1 Jahr Zuchthaus verurtheilt worden. Der von ihr zu einer falschen Aussage Angestiftete, ein Fabrikarbeiter B., hatte vor dem Amtsgerichte in Sonneberg die von ihr gewollte fatale Aussage gethan, aber noch vor Beendigung seiner Vernehmung ausdrücklich als un» wahr zurückgenommen und war daher straflos ausgegangen. Die Jakob war der Meinung, daß ste unter diesen Umständen auch nicht verurtheilt werden könne und beantragte in der RevistonSinstanz Aushebung deS erwähnten thihdli. Das ReickSgericht(Hl. Strafsenat) erachtete zwar die Begründung der Revifion als unzutreffend, hob aber dennoch, da daß Urtheil in seiner Gesammtheit angegriffen war, das letztere auf und verwies die Sache zur abermaligen Verhandlung an daS Schwurgericht in Meiningen zurück. In den EntschridungS« gründen wurde folgendes ausgeführt. Der Jnstanzrichtcr geht davon aus, daß seitens des Zeugen B. ein Meineids- versuch begangen sei, daß derselbe aber wegen der Zurücknahme der Aussage vor Schluß der Vernehmung straflos bleibe. Die Folgeiungen jedoch» die der Richter aus dieser Straflostgkett gezogen hat, find rechtSirrthümlich. Die Anstiftung deS B- war keine erfolglose, wie§ 159(„Wer«S unternimmt, einen andern zur Begehung eines Meineides zu verleiten.") voraussetzt. Dieser Paragraph war daher für die Angeklagte gar nicht anzuwenden, sondern der§ 153(Meineid) in Vkrdrndung mit§ 48, 2(Anstiftung), wekhalb daS Schwurgericht zuständig ist. Rechtsirrig ist eS, wenn daS Gericht den§ 159 deshalb für zutreffend hält, weil B. vom Versuch abgestanden ist. Die Straflofigkeit deffelben ist ohne Belang bezüglich der Anstiftung.— Die An» geklagte wird nun, da§ 153 eine härtere Strafe als§ 159 androht, die neu festzusetzende Strafe aber keine höhere als vorher sein darf, weil daS Urtheil auf Revifion der Angeklagten auf- gehoben wurde, ßvorauSfichttich wieder zu einem Jahre Zuchthaus verurtheilt werden._ Soziales tmd Arveitervemegnng. A« die Arbeiter Berlin«! Am 20. März wurden in der Pfaff'schen Möbelfabrik 13 Möbelpolirer gemaßregelt und zwar durch Entlaffung, weil dieselben fich weigerten Sonntags und nach Feierabend zu arbeiten. Mit ihnen erklärten fich noch 10 Mann solidarisch, so daß von den 30 Polirern genannter Fabrik nur 7 weiter arbeiteten. Von diesen 23 Ar- beitem konnten im Laufe der Woche 11 mit Arbeit versorgt werden, während 12 Mann zu unterstützen find. Darum, Arbetter, Handwerker Berlins, tretet mit uns für diese Kollegen ein; wenn Euch einmal derartiges zustößt so werdet Ihr die Möbelpolirer am Platze finden. Freiwillige Beiträge zur Unter- stützung der betreffenden Kollegen bitten wir bei Borkmann, Sorauerstr. 5, abzuliefern. Mit Gruß die Fachkommisfion deS „Verband der Möbelpolirer Berlins." Unsere Agrarier, ultramontane, konservative und ver- schämt nationalliberale, haben seiner Zeit die Höfe rolle für Westfalen als ein lebhaftes Bcdürfniß der dortigen bäuerlichen Bevölkerung geschildert. Die Eintragung in die Höferolle bewirkt bekanntlich, daß bei eintretender Erotheilung der Anerbe wesentlich bevorzugt wird, die Miterbcn fich hin» gegen mit einem stark geschmälerten Anspruch abfinden laffen müffen. Die bäuerliche Familie soll dadurch wirthschalttich kräftig erhalten und eine zu weit gehende Zersplitterung deS BodenS verhütet werden. Sett nahezu 4 Jahren ist nunmehr die Höferolle in Westfalen in Kraft. Alle Behörden find an- gewiesen worden, bei jeder Gelegenheit zur Eintragung in die Höferolle'anzuregen. Am 1. Januar aber waren erst 1202 Bauerngüter in ganz Westfalen in diese Rolle eingetragen, davon kommen auf den Landgerichte bezirk Münster 820, Arns- berg 172, Dortmund 82, Effen 46, Bi-lefeld 35, Paderborn 30, Hagen 12, Duisburg 5, Summa 1202. Die meisten Ein» ttagungen find erfolgt beim Amtsgericht Werne mit 146, dann Münster 137, Borken 76, Recklinghausen 75. Soest 71, Burg. steinfurt 69, Lüdinghausen 58, Coesfeld 53, Warendorf 52, bei allen anderen Amtsgerichten weniger al» 50. Tie Bauern scheinen fich danach nicht viel aus der ihnen aufgedrängten Hllfe zu machm. Die Lage der Tnchfabrtkatio« im Grünberger Revier ist nach dem„Deutschen Handelsarchiv" im Vorjahre immer noch eine befriedigende für— die Fabrikanten gewesen. Bei der Fabnlation der halbwollenen Waaren werden 1600 Arbeiter beschäftigt, die einen Wockenlohn von 15—16 000 M. erhalten haben. Dabei wurden Ueberstunden gcmacht und tbellweise fand sogar Nachtarbeit statt. Das wäre also für überlange Arbeitszeit ein Durchschnittslohn für die Woche von noch nicht ganz 10 M.! Man steht, daß für die Arbetter die Lage keine befriedigende war. Die Verhätt- niffe haben fich in diesem Jahre nicht gebeffcrt. Die Berichte der belgische« Fabrtkdirektoren zeigen die Ursachen der jetzigen Unruhen; gegen reichlich eineinviertcl Million Fr. im Jahre 1884 war im Vorjahre der Gewinn der Gmdendirrktion allein in dem Bezirke Lüttich auf zwei Millionen Fr. gestiegen; der einem Grubenarbeiter erreichbare höchste JabrcSlohn bettug dabei 750 M. Die Roth unter den Londoner Arbeitern läßt noch immer nicht nach, denn obschon mit dem Eintritt befferen Wetters manche bisher unbeschäftigte Leute im Freien Be- schäftigung gefunden haben, so ist die Zahl derselben doch nicht groß genug, um einen fühlbaren Unterschied zu machen, da Handel und Gewerbe noch immer darnieder liegen und somit die Gelegenheiten zum Geld verdienen nur gering find. Der Manston House Unterstützungsfonds, bei dem etwa 76 OOO.Lstr. eingingen, ist erschöpft und neue Beiträge laufen nicht mehr ein, so daß von dieser Seite keine Hilfe mehr zu erwarten ist. Dagegen haben einige Gemeinden den Vorschlag Chamberlain's befolgt und Drainirungs» und andere öffentliche Arbeiten be- ginnen laffen, und da auch in einigen Eisenfadriken und Baumwollspinnereien die Arbeit etwas besser gebt, so ist AuS- ficht vorhanden, daß wenigstens ein Theil der Arbeitslosen Beschäftigung finden wird. Von den New-Jorker Hafen- nnd Dockarbeitern haben gegen 1000 Mann die Arbeit niedergelegt, weil ihnen die geforderte Lohnerhöhung von 5 ZentS pro Tag seitens der Hafenbehörde verweigert wurde. Der Streik dürfte nur von kurzer Dauer sein, da für die Petroleumladungen jetzt be- deutende Arbeitskräfte gebraucht werden. Deshalb wird auf baldiges Nachgeben seitens der Hafenbehörde mit Bestimmtheit gerechnet. Holzarbeiter-Streik in Basel. Die vereinigten Holz- arbeiter erlassen folgenden Auftuf: Werthe Genossen! Durch die Berichte in der„Arbeiterstimme" werdet Ihr bereits in- formirt sein, daß wir mtt unseren Arbeitgedern in Unterhand« lung stehen, betreffend Einführung des 10 stündigen Arbeits« tagcs. Alle Versuche, Welche von unjerer Seite gcmacht wurden, um unsere gewiß gerechte Forderung auf gütlichem Wege herbeizuführen, find gescheitert. Es legten deshalb heute zirka 250 Mann Vcrheiralhete und 200 Mann Ledige die Arbeit nieder. Die Bewegung erstreckt fich auf Schreiner, Zimmerleute, Bildhauer. Drechsler, Glaser zc. Da wir sonst keine Forderung als die Einführung der 10 stündigen Arbeitszeit stellen, so zweifeln wir nicht, daß Ihr uns in diesem Kampfe nach Kräften unterstützen werdet, durch Fernhalten von Arbeits« Kästen und in finanzieller Beziehung. Die Begeisterung unter den Arbeitern ist groß uno wir hoffen, daß, wenn wir in obengenannten Punkten kräftig unterstützt werden, in kürzester Frist der Sieg auf unserer Seite sein wird, denn ge- stützt auf die Solidarität unserer auswärtigen Genossen und gestützt auf unser gutes Recht gehen wir in den Kampf. Mit sozialem Gruß: Die vereinigten Holzarbeiter Basels. NB. Korre» fponbenz-n find zu richten an die Slreilkommisston der vereinigten Holzarbeiter, Hotel Simon, Spahlenvorstadt. Unter- stützungen an Herrn Riegler, Untere Rebgaffe Nr. 15. Kleine Mittheilunge«. * Schreckliche Verwüstung durch eine GaSexploston. Hamburg, 29. März. Heute früh 6 Uhr 5 Minuten erfolgte eine bedeutend« Detonation in- einem Hause an der Kieler» straße tu St. Pauli, die weithin gehört wurde. Am Schulter» dlatt, in der EimSbAtelerstraße, Reeperbahn, ja sogar in der Stadt wurden Getöse und auch Erschütterungen wahruenommen In dem genannten Hause, welches von dem Makler Stüde nebst Schwester bewohnt wird, hatte eine Gasexposson in de, Waschlüche stattgefunden; die Ursache war bis Nachmittags noch nicht definitrv festgestellt. Vermuthet wird, daß die Gas- rohrleitung defekt gewesen und die GasauSströmung fich in der Waschküche längere Zeit angesammelt, woselbst fie durch Fugen rc. fich Lust verschafft habe. Die Gasuhr ist unversehrt geblieben. Die Köchin, die um die angegebene Zeit in de, Waschküche anwesend war und leider das Opfer dieses Ereig» nisses geworden ist, wird wohl Licht angezündet und dadurch die Exoloston herbeigeführt haben. Ein Schutzmann bei Mutzenbecher's Bierhalle vernahm die Explofion, eilte zur Un- glücksstätte und erblickte hier ein Bild der größten Ver- heerung. Die Schieferplatten, sowie daS ganze aus Parterre und einem Stockwerk bestehende HauS hatten fich gehoben, die Fensterscheiben waren sämmtlich nebst Sprossen und Holztheilen zertrümmert, Möbel lagen geborsten, auch im Nachbarhause, umher, wo ebenfalls die Scheiben, wie bei allen in der Nähe und gegenüber liegenden Häusern, zer» splittert waren. Den traurigsten Anblick bot jedoch das be- treffende HauS selbst. In demselben waren die Kellergewölb« nebst Mauern, sowie der Treppenstuhl eingestürzt. Steine der Haustreppe über die Straße geschleudert, Thüren aus den Angeln geHoden und in den Keller geworfen. Der zuerst aus der Stätte erschienene Schutzmann fand die im Hause dienende Köchin unter Trümmern liegend vor, von einer auf ihren Koos gefallenen Thüre getödtet, ebenso lag, von Steinen und Thüren geti offen, daS Dienstmädchen bewußtlos am Boden. Die Leiche der Köchin wurde inS KurhauS, das sehr erheblich verletzt« Dienstmädchen inS KrankenbauS befördert. Die Feuerwehr er« schien schnell an Ott und Stelle und begann sofort mit der Aufgrabung der Gasleitung, nachdem der Maller Stüde und dessen Schwester, die im oberen Stockwerk nach hinten schliefen und von der Eischütterung heftig berührt waren, per Leiter in den Garten hinabgeholt waren, da keine Treppe mehr im Innern vorhanden war, die für die Passage Sicherheit geboten bätte. DaS NcbcnhauS ist ebenfalls sehr beschädigt. Beid« Gebäude wurden von Mitgliedern der Polizei- und Baubehörde sofott eingehend bestchtigt. Wie ein Lauffeuer verbreitete fich die Nachricht in der Stadt, Altona u. s. w., so daß viel Pu- blikum herbeilief, doch wurde die Straße durch Schutzmanns- Posten abgesperrt, um Unberufene von der Stätte der Zerstörung fern zu halten. Kriefkasten der Redaktion. A. M. 17. Als Oekonomte-Handwerker Jahrgang 1874 haben Sie fich am Montag, den 12. April, früh 8 Uhr im ExerzierhauS deS 3. Garde. Regiments z. F., Wrangelstr. 103 biS 104, einzufinden. Tischler W. Nieder in Charlottenburg wird um Einsen- dung seiner Adresse ersucht. 45. Chiffre. Ein allgemeiner Verein, welcher fernen Mitgliedern unentgeltlichen Rechtsschutz gewährt, ist unS in Berlin nicht bekannt. Die einzelnen Fachoereine haben jedoch diese lobenSwerthe Einrichtung. E. I. 1. Sie können als Vormund den Pfandleiher, bei dem Ihre Frau heimlich Depotscheine versetzt hat, auf Heraus- gäbe derselben verklagen. Da der Pfandleiber aus den Depot- scheinen erkennen konnte und mußte, daß Ihrer Frau die freie Verfügung über dieselben nicht zustand, durfte er auf dieselben ein Darleyn nicht gewähren. 2. Auf 44 Marl darf ein kon- zesfionirter Pfandleiher für 2 Monate höchstens 1,68 M. Zinsen verlangm. 3. Da Diebstahl und Unterschlagung unter Ehe- gatten straflos find, kann Ihrer Frau nichts passtren. Sie ist aber natürlich dem Pfandleiher zur Rückzahlung deS DarlehnS verpflichtet. Theater. Donnerstag, den 1. April. vvernhan«. Der Trompeter von Säkkingen. Oper in 4 Akten. Schanfpteldan«. Tartüffe, Lustspiel in 5 Akten von Molisre. Vorher: Echtes Gold wird klar im Feuer.,„ Deutsche« Thenter. Der Hüttenbefitzer. »allner-Theater. Hasemann's Töchter. Nefidenz- Theater Frau Doctor, Schwank in 3 Akten von P. Ferner u. H. Bocage. »elle-Alltanee-Theater. Gastspiel des Herrn �ri'ed rrch��WUhÄmMdtts ch e�� Tb eater. Der Zigeunerbaron, von Job. Sttauß. Walhalla- Theater. Das lachende Berlin. Heiteres aus der Berliner Theateraeschichte mtt Gesang und Tanz in einem Vorsriele und 3 Alten von Jakobson und Willen. Central-Theater. Der Stabs- Trompeter. »Moria- Theater. Wegen„Amor"- Proben vftend-Theeiter. Die Lorelei), romantisches Schauspiel in 5 Aufzügen. «merrean- Theater. Große Spezialttäten- Vorstellung._,„ Theater der Retch«hallen. Große Speziali- »äten-Vorstellung.______ Alhambra-Theater. Wallnertheaterstraße 16.[851 Heute: Am Allerseelentag oder: Das Gebet auf dem Friedhof. Original» Volksschauspiel in 4 Aften nebst I Vorspiel Em gegebenes IDott von Heinrich Klaußmann. Vor der Vorstellung: Gr» Konzert der Hauskapetle. »«foRB des Konzert» Wochentags 7 Uhr. der Vorstellung 7'/« Uhr. Anfang de« Konzerts Sonntags 6 Uhr, d« Vorstellung 7% Uhr. Jentags Billigkeit und find im 12—1 Uhr) gratis zu haben. wgw—«' lÄ«."•% »al»--.»»»»-»->» Nur UtT diese Woche: Das schottische Hochland. I. Abth. Eine Reise d. d. schöne Spanien. Hertha- Reise. Caroltnen-Jnseln. Eine Reise 20 Pf. Kinder nur 10 Pf. FchntM» der Ämmehtll. Versammlung am Sonntag, den 4. April, Vormittags 10 Uhr, in Ahlgrimm'« Salon, Sophienstraße 34. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Der Streik der Steinmetzen in Halle a. S 3. Anträge zum Kongreß. 4. VerschiedeS. Um zahlreiches Erscheinen ersucht[1191] Der Vorstand. Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen. Mitglltdttvttsammlllllg Donnerstag, den 1. April, Abends 8 Uhr, bei Gratmril, Kommandantenstr. 77/79(ob. Saal). T.-O.: Vortrag deS Hm. Dr. StaHn. Abrechnung. Mitgliedskarte legitimirt. Um zahlreiches Erscheinen bittet[1199] Der Votstand. Mit dem 1. April eröffne ich ein parier-, Knch- und Balanteriemaaren-Geschäft in der Kl. Andreasstraße 21. Ich ersuche alle Patteigenoffen, Freunde und Bekannte, mich in meinem Unternehmen gütigst unterstützen zu wollen. Gleichzeitig empfehle ick mich zur pünkt- lichen Besorgung deS„Berliner Volttdlatt", sowie sämmtlicher Zeitungen und Inserate. Achtungsvoll F. BankowsUl, 1196] Zettnngs'Speditenr. Empfehle meine Schlofferei und Nähmaschinen- Keparatur- Merkstatt. Nähmal chinen sämmtlicher Systeme au' Lager. 834] 11. Piew, Muskauerstr. 38, 80. Arbeitsmarks Drechsterlehrling wird verlangt bei 1195]©- Nasche, Wrangelstr. 6. Einen Tavezirerlehrling verlangt 1192] Kahten, Potsdamerstr. 20. Polirer auf Spiegelrabmen verlangt 1190] Müller, Manteuffelstr. 57, 2 Hof. Der Arbells Nachweis für sämmtliche an Holzbeardettungs-Mafchinen beschäftigten Ar. beiter befindet fich vom 3. April ad Mari- annen Ufer 4 bei Jahn._[1193 Der unentgeltliche Arbeits- Nachweis der Klavierarbeiter befindet sich Skalitzerstr. 18 bei Stramm.[357 Augoist Herold Berlin SO., 112 Skalitzerstrasse 112. Spiegel- a. MjleM.-Mligazm.! Eigene Fabrik. Solide Preise« Prompte Bedienung. 784 Allen Freunden und Bekannten zeige hiermit an. daß ich mtt dem heutigen Tage daS Clsrarren-«md Tabak-Giescliäft 15 b Weinbergs wegr 15 b"MU für eigene Rechnung übernommen habe. Cigarren in bekannter Güte. Echten Hanemacker�Kautabak. Achtungsvoll [1183 Bremer« Einem geehrten Publikum empfehle mein Weiß- und iP" MnfiftJiet'Mal jSr* Arbeitsnachweis für Klarlerarbelter.-W» Achtungsvoll» Hermann Stramm, Restaurateur, Skalitzerstr. 18. Reickhalt. Abendttsch Zu jeder TageSzeit: Koniasberger~ i Portion 25 427 Reichhaltiger kalter und warmer FeShstSttr»-, ?ittagottsch v. Uhr. mit Bier Möbel-, Sopha- u. Matratzen-Fabrik A Schulz, Wafferthorstr. 34(auch Theilzahluug). Neelle Maare garauttrt. Cigarren- u. Tabak-Handlung 891 en gros en detail Fritz Goercki Berlin SO., Admiralstraße 40(frühere„Linde"). Import echter Havanna, Lager aller Sorten Ranch- nnd Schnnpf-Tabake« Neich affortirte« Lager echt törktscher. russtscher und ameriknntscher«igarette» u. Tabake. Echt Nordhauser Kautabai�.[891 Freunden und Bekannten empfehle ich mich zur pünttlichen Besorgung de»„KerUner Polkobtatt" sowie sämmtlicher Journale, Mode-Ztitungen, Bcochüren u. s. w. Central-ZettnngSspedition von H. Schmidt, Manteuffelstraße 80.[1198 Zur pünktlichen Besorgung des„KerUner Uolksklatt" sowie sämo tl. Zeitungen empfiehlt stch Frau Kosentreter, Gr. Franlsutterstr. 57 III. Die gKwn die Allmat'schen Eheleute auSge- sp.ochene Bcleidg. nebme ich hiermit zur. u.erkl. dies, für ehrenh. Armer, Jnvaltvenstr. 29. Verantwortlicher Redakteur«.«rond-im in Berlin. Druck und Verlag von«an vadtng In Berlin SW., Beuthstraße 2. Hierzu eine veUag« Beilage zum Berliner VolNlutt. Ur» 77. Donnerstag, de« 1. April 1886. III.| ■Nl rf'ir'Tliht r MM Ml i;-� Uarlsmentsberichts. Devtscher ReickStag. 78. Sitzung vom 31. März, 12 Uhr. Am Tische des Bundksrathes von Boettickcr, von Puttkamer. von Vronsart, sxäter Füist von Bismarck.,,_. Die zweite Berathung des Gesctzentwmfs, betreffend die Veilängerung der GiltigleitSdauer veS Soziallste n» g e s e tz e S, speziell der Anträge deS Abg. Wind t h o r st de. »llglich deSVeibotis der Versammlungen(§§ 9, 10, 17 und 18) tu sehnet(Reichspartei): Obwohl wir gegen das sozialdemol-atikSe Programm schließlich durch seine eigene Un> durchführbarleit geschützt sind, so ist e» doch ein Jirthum, den !em im prastischen Leben stehender Mann theilen wird, die Ideen deffelben im Wege der freien Dislusfion überwinden z-t wollen, zumal in leidenschaftlich erregten Mafien, deren ge» mäßigte Führer rasch durch Anarchisten verdrängt werden. Wenn die Mehrzahl der Geschäfte fast ohne Nutzen arbeitet, so sind die Folge davon Herabsetzung der Löhne und Arbeits- lostgleit. Ader die Mittel, diese Noth und Klage abzustellen, liegen auf ganz anderen Gebieten, als die das Programm der Sozialisten berührt; von der Demonetisirung des Silbers datirt eine Misere, der hoffentlich durch die vereinten Be« mühungen der Staaten ein Ende gemacht werden wird. Die Reichspartei wird in erster Linie tür die Vorlage(5 Jahre) und erst nothgedrungen für den Antrag v. Hertltng(2 Jahre) stimmen. Abg. Hänel: Wir werden für die Anträge Windthorst als eventuelle, aber trotz ihrer etwaigen Annahme gegen daS Gesetz im Ganzen stimmen, nach der alten Praxis der Minori« tätSparteien gegenüber einem Gesetz, das uns grundsätzlich widerstrebt, dem wir aber eventuell eine relativ bessere Gestalt geben möchten. Dadurch thun wir unserem Standpunlt keinen Abbruch, setzen uns keiner Mißdeutung aus und bestreiten zu- 8leich die unglaubliche Uebertieibung deS Ministers, der be> auptet hat, daß mit diesen Anträgen die wesentlichm Zwecke deS Gesetzes nicht erreichbar seien. Hätten dieselben Anträge bei der ersten Annahme deS Sozialistengesetzes vorgelegen, die Regierungen hätten fich keinen Augenblick besonnen, ste anzu« nehmen; es würden mit denselben ganz die nämlichen Erfolge erzielt worden sein, die überhaupt erreicht worden sind. WaS die Regierungen gegen die Amendements einnimmt, ist ihre Tmdenz, ein UebergangSstadium zu dem gemeinen Recht zu bilden und der Gedanke der arundfätzlichen Verwerfung jedes Ausnahmegesetzes, dem die Antragsteller nur aus taktischen Gründen in diesem Fall nicht Folge geben. Nimmt der Reichstag diese Anträge an, so billigt er grundsätzlich das Sozialistengesetz als Ausnahmegesetz nicht, sondern steht eS nur als Avshilfsmiltel und Ueberleitung zum gerneinen Rechte an. Darum halten wir es von großem Werthe, daß wenigstens eine eventuelle Annahme der Anträge erfolgt, und würden die Anschauung deS Reichstags zu verfälschen meinen, wollten wir unsere Stimmen nicht hinzufügen. Von Anfang an ein Gegner deS Sozialistengesetzes, will ich die Grundanschauung, welche unS leitet, nochmals kurz dar- legen, nicht in Form einer Polemik gegen den Abg. Slöcker, der in seiner leidenschaftlichen Befürwortung deS Gesetzes in einen gewissen Widerspruch mit fich selbst gerathen ist. Ich kenne keinen Mann im Deutschen R-iche, der ein gleiches Talent zu Aufreizungen befitzt(sehr gut! links), der die Methode der Polemik, welche man gerade der Sozialdemokratie vorwirft, überall seinen Zwecken nutzbar zu machen weiß(sehr wahr! links), man kann geradezu sagen: er ist der Bebel der reli- giösen Intoleranz und deS Staatssczialismus.(Lebhafter Betfall und stürmische Heiterkeit links. Unruhe rechts.) Wie kommt er dazu, außerordentliche Maßregeln gegen die sozia- Itstische Agitation zu befürworten.(Sehr wahr! links.) Aller« dingS ist dies ein Widerspruch seines eigensten Wesens, und doch hat er wieder in einer gewissen Konsequenz gehandelt. Bei der hohen Meinung, die er von seiner eigenen Gott- Lhnlichkeit hat(Gelächter links, Unruhe rechts), muß er nothmcndig jedem Ausnahmegesetz zustimmen.(Sehr richtig! links.) Cr ist ja auch für Ausnahmegesetze gegen die Juden, und in seiner Stellung in der Kirche ruft er überall nach dem starken Arm des Staates, um seine kirchlichen Gegner, die liberale Strömung in der Kirche zu unterdrücken.(Hört! hört! links.) Der Minister fragte gestern, ob wir wirklich davon überzeugt seien, daß die geistigen Waffen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie ausreichen? Ja wohl, Herr v. Puttkamer, gerade diese Grundanschauung trennt unS von Ihnen, weil uns die Geschichte lehrt, daß noch keine große Strömung auf religiösem, sozialem, politischem Gebiete mit äußerlichen Mitteln, mit Polizeigewalt hat beseitigt werden können.(Lebhaste Zustimmung links.) Jede Wahrheit muß stch dadurch behaupten, daß sie ihre Gegner überwindet, der TheiSmuS wird nicht bestehen, wenn er nicht den Atheismus überwindet, die politische Freiheit nicht, wenn fie nicht die fretheitwidrigen Besttebungen befiegt, kein religiöser Glaube, wenn er fich nicht anderen Lehren gegenüber zu behaupten versteht. Deshalb werden auch Sozialdemokratie und An- archiSmuS dauernd nur durch die Freiheit der geistigen Fak- toren, die ihnen in Wahrheit gegenüberstihen, zu unterdrücken sein. Es ist aber eine Verdrehung unseres Standpunttes, wenn man uns gleichzettig die Frage entgegenhält, od wir diese Grundsätze selbst einer Partei und Bestrebungen gegen- über zur Anwendung bringen wollen, welche nicht dir- jenigen Pflichten respektirt, die Recht und Staat gleichmäßig von Allen fordern. Wir verlangen gerade um der Freiheit willen, die wir gewähren, die vollste Pflichterfüllung und gehen nicht von dem Grundsatze aus: wer fich außerhalb veS Rechtes und Staates mit Agitationen und seiner Thätigkeit stellt, den muß das Recht und der Staat außerhalb feiner selbst stellen. Freiheit hat nur der in Anspruch zu mhmen, der fie selbst zu achten versteht, wer an die Gewalt °vpellirt, dem ist mit Gewalt zu antworten. Das können wir ?tn auf dem Boden deS gemeinen Rechts und Pflicht- �wtzung mit scharfer Waffe zurückweisen. Diese Frage des -"Vi Ist also eine von unS längst beantwortete, fie war ®» 1. � nur eine taktische Form seiner Polemik. DaS, waS»n der Lage der Sache wirklich neu ist, ist der Hinweis auf die belgischen Ereignisse. Ich gebe dem Minister zu, daß dieselben auS der Diskussion nicht auszuscheiden find, nicht aber gebe tch ihm zu, daß fie irgend welche sozialistische oder anarchistische.Fonnel in» Werk gesetzt, sondern es ist ein Kampf um Löhne, ern Stteik, wie jeder andere, nur verschärft durch die schwere Lage der belgischen Arbeiter von jeher und im gegenwärtigen Augenblicke. Allerdings haben fich später so« iialistische und anarchtflrsche Elemente angeschlossen. Unser So- zialistengesetz ist doch aber nicht dazu bestimmt, Lohnbewegungen entgegenzutreten, der Minister hat dies in der Kommisston aus« drückltch bestätigt. Könnten wir denn auch, wenn, was Gott ver« hüten wolle, bei uns ähnliche Verbrechen begangen oder auch nur entfernt ähnliche Ereignisse vorkommen würden, von dem Sozialisteng'sey Schutz erwarten? ES ist schlechterdings unan. wendbar. EZ bleibt also nur übrig, daß ein ähnliches Gesetz in Belgien eine propichlaftische Wirkung gehabt haben würde, also gerade der Streitpunkt, der unS hier beschäftigt, od da? Sozialistengesltz g-eignet ist, die Eoziaid-mokratie dauernd zurückzudrängen oder den Bestrebungen crnen milderen Charakter zu geben, d. h. ob eS bi« jrtzt irgend welchen wesentlichen Erfolg für fich aufzuweisen har. Ich spreche ihm nicht jede Wirksamkeit, namentlich nach Außen hin, ad, man kann sogar zugeben, daß et in einzelnen LandeStheilen die Ausbreitung zurückgedränzt hat, für mich aber find die Zahlen maßgebend, die That'ache, daß die Sozialdemokratie in den Wahlen zum Reichstage ganz enorm unter der Herischast d-S Sozialisten« aesctz s gestiegen ist und daß die Zahl der Vertreter hier eine Verdoppelung«fahren hat. Da wäre eS doch Selbsttäuschung, zu sagen, daS Sozialistengesetz habe den Erfolg gehabt, dre Sozialvemokratie einzuschränken. Jenen vortheilhaften Wir« hingen, wie lanesameres Tempo der Ausbreitung, angemessenere Form in der Presse, Programmänderungen und Aehnliches stehen aber die schwersten Schäden gegenüber; daS Gesetz ist ein Element der Demoralisation des deutschen Voltes geworden.(Lebhafter Beifall ltnkS; Widerspruch rechti.) Statt drn Kiaffenhaß abzustumpfen hat es ihn verschärft. Der nicht sozialdemokratische Arbeiter fühlt fich in tiefster Seele ver« letzt, daß man auch ihn den Druck dieses Gesetzes fühlen läßt, und so hat eS einen scharfen Gegensatz hervorgebracht zwischen der Arbeiterschaft und der Bevölkerung, welche geschützt werden sollte. Ein weiterer schwerer Schaden ist, daß es den Sinn der Ungesetzlichkeit in die breitesten Schichten des Volkes hinein- getragen hat. Die Sozialdemokraten freuen fich, aus Bebels Rede konnten Sie den Triumph heraushören, daß ihnen das Gesetz einen Zusammenschloß verschafft ha», werthooller als jede Organisation vor dem Gesetz; fie freuen fich, ihm ein Schnipp- chen zu schlagen, überall lesen die Arheiier die verbotenen Schriften. Herr Stöcker prieS eS als etwas Großes, daß jetzt jeder Arbeiter wisse, die Zeitung, die er lese, sei verboten, und daß fie von dem durchdrungen wären, fie thäten etwas Unge« setzlicheS. Nun, ich finde, daS ist etwas ganz Abscheuliches. (S-Ht wahr! link«) ES ist gefährlich, daß man sagen kann: zwar das jetzt giltige Gesetz umgehen wir, aber jenen großen Grundsatz der Gleichheit Aller vor dem Gesetze behaupten wir, indem wir die uns mit Füßen tretenden Gesetze des Staates umgehen. Denselben Vorgang sehen wir in den katholisch- kirch- lichen Kreisen unseres Volkes gegenüber der Maigesetzgebung im preußischen Staate; wie die formalen Gesetzwidrigkeiten der Anhänger der katholischen Kirche unter dem Scheine einer ge« wissen Heiligkeit überall geschehen find, ebenso werden jetzt in Arbeiterkreisen gewisse Gesetzwidrigkeiten gleichsam mit einem Glorienscheine umgeben. Das ist die schwere demoralifirende Wirkung.(Lebhafte Zustimmung links.) Diese erstreckt fich aber auch auf diejenigen Schichten des Bürgerstandes, welche durch da! Gesetz geschützt werden sollen. DaS Gesetz wiegt fie in eine falsche Ruhe und Sicherheit, deren möglichst lange Wirksamkeit fie wünschen. Wenn wir nicht in unserem Bür g« stände Tag für Tag die Ueberzeugung nähren, daß den Ge« fahren der Sozialdemokratie nur dadurch begegnet werden kann, daß Jeder gegen dieselbe selbst eintritt und daß dai selbst. thätige Bürgerthum am letzlen Ende nur den Steg deS Libe- ralismus erwirken könne, dann wird diese unsere Staatsgesell- schaft retiungSIos zu Grunde gehen. Gewiß ist die Bewegung in Belgien nur ein Symptom, mir ist gar nicht zweifelhaft, daß fie eine größere Bewegung ansagt, welche im Westen an« hebt, und daß daraus uns die schwersten Gefahren entstehen können; aber dagegen find Ausnahmegesetze wirkungslos. Je mehr ich diese Gefahren nicht unterschätze, desto mehr bin ich überzeugt, daß nur, wenn wir die Bürger auf den Kampf um ihre eigensten Güter hinweisen, der Gefahr auf die Dauer begegnet werden kann. Allerdings nimmt man bei nahendem Gewitter nickt den Blitzableiter vom Dache seines HauseS. wenn er in Ordnung ist. Ist er aber in Unordnung, so leitet man den Blitz zu seinem Schaden in sein Gebäude. Dai Ge- setz ist ein schlecht angelegter Blitzableiter, welcher die Gefahr nur verschärft und verhindert, die wahren Eicherheitsmittel gegen die Feinde unserer staatlichen und sozialen Ordnung in Anwendung zu bringen.(Ledhafter Beifall links.) Abg. v. Hertling: Die Stellung des TheilS meiner Freunde, den ich vertrete, zum Gesetz ist folgende: 1878 haben wir, hauptsächlich wegen der vagen Fassung des§ 1, gegen daö Gesetz, nachher aber für die Verlängerung gestimmt, weil jene vage Fassung mehr oder minder eingeschränki und präzistrt war durch die loyale Handhabung des Gesetzes. Zur Zeit handelt es fich darum, od wir daS Gesetz wieder verlängern od er ein völliges Vakuum schaffen wollen. Ich weiß wohl, daß der Name„Ausnahmegesetz" in weiten Kreisen deS Volkes und auch bei vielen meiner Freunde seine Wirkung nicht ver« fehlt, daß es wie eine Verletzung deS Rechts erscheint, wenn eine bestimmte Partei nicht gleich den anderen behandelt wird. Aber ich meine, ver Grundsatz deS gleichen Rechts für Alle darf doch nur da gelten, wo fich Alle wirklich innerhalb deS gleichen Rechts halten.(Lehr wahr!) Das thun die Sozial« demolraten nicht. Ihr Programm ist nicht eine bloße Ver« schiebung eineS VerfaffungSfattors, nicht die Jnteressenver- tretung gewisser Bevölkerungskreise, sondern auigesprochener« maßen gerichtet gegen die letzten und tiefsten Fundamente der ganzen gesellschaftlichen Ordnung, gegen die heiligsten Grund- lagen deS öffentlichen Leben». Hat denn nicht der Abg. Bebel selbst als sein letztes Ziel auf den Atheismus hingewiesen? (Abg. Bebel: Ist daS ein Verbrechen?) Wir, die wir fest« stehen auf dem Boden des Christenthums und es als Grund« läge unsere» ganzen VollsthumS ansehen, können ihrer An« tastung nicht ruhig zusehen: der Atheismus der Massen ist nicht nur ein Erzeugntß der Theorie, sondern unmittelber eine Kraft der Zerstörung.(Beifall im Zentrum.) Atheitmus der Massen bewirk! Gewlssenlostgkett der Massen; und wir, die wir in unserem Verhältniß zum lebendigen Gott daS werthvollste Gut unseres Leben» erblicken, wollen nicht dulden, daß die Ar- bester Gott entfremdet werden durch die Wühlereien gewisser Agitatoren, die stch mit den Fetzen einer angeblichen Wissen« fchaftltchkeit brüsten!(Lebhafter Beifall. Abg. Bebel:„Ver- leumdung!" Großer Lärm. Der Präsident lonstatirt, daß Abg. Bebel die Ordnung wtssenllich habe stören wollen und ruft ihn deshalb zur Ordnung.) Auch daS wlrthschastliche Pro« gramm der Sozialdemokraten steht in fundamentalem Gegen- satz zu allem, waS die übrigen Parteien vereinigt. Sie wollen ja nicht sehreiende Ungerechtigkeiten der Besttzverhältniffe ver- bessern, sondern fie predigen eine neue Konstrullion aller Eigen« tbumS- und ErwerbSzustände, die so vollkommen alles historisch Gewordene vernichten würde, daß fie nur mit brutaler Gewalt durchführbar wäre und zur Zerstörung der gesammten Zivtli- sation führen müßte.(Lebhafter Beifall.) Schon bei Zurück- legung weiterer Etappen auf diesem Wege würde die bestehende Gesellschaftsordnung total zerstört werden. Wir leugnen schlechterdings jede Aehnltchkeit deS Sozialistengesetzes mit dem Jesuitengesetz. Letzteres ist nur die bellagenswerthe Folge der Spannung konfesfioneller Gegensätz-; eine bcklaaenSw fthe Ver« kennung der wahren Faftoeen der Ordnung, denn 1848 haben gerade die Jesuiten als Stützen der Gesetzlichkeit fich bewährt. DaS Sozialistengesetz aber richtet sich gegen wirklich vorhandene gefährliche Bestrebungen; denn daS rothe Gespenst hat leider Fleisch und B!ut angenommen. Zu meinem Erstaunen ist von Herrn von Puttkamer und von anderen Seiten gesagt worden, die belgischen Unruhen seien unter einer katholischen Arbeiter- bevölkerung, guten Söhnen ihrer Kirche, ausgebrochen. Nach mir zugekommenen zuverläsfigen Nachrichten(die der Redner verliest) ist gerade Herr Baudoux. jener große Hüttenbefitzer in Charleroi, in dessen Etablissement die Empörung am stärksten wüthete, einer der wildesten Fanatiker deS Radikalismus; er duldete keinen Arbeiter, der fich katholisch nannte, und ver» langte von seinem panzcn Personal denselben Haß gegen die Relrgion, den er selbst hegte.(Hört, hört! im Zentrum.) Herr Bebel hat dann gesagt, daS katholische Ministerium in Belgien habe auch das Wenige beseitigt, was das liberale für Volks» bildung gethan habe. Das ist vollkommen falsch; daS liberale Ministerium hat überall zwangsweise EtaatSschulen auf Kosten der Gemeinden eingeführt, das jetzige nur diesen Zwang be« seittgt und statt dessen die fteien Schulen gefördert, deren Thätigkeit ein gewiß unverdächtiger Beurtheiler, der unserer Partei durchaus nicht nahe stehende Nationalökonom de Lave« leye, bewundernS werth nennt. Herr Stöcker hat mit behog- licher Breite ausgeführt, daß in Belgien die katholische Kirche Fiasko gemacht habe: in einem Vortrag, den er kürzlich in Berlin hielt, soll er sogar von einer verderblichen Thätigkeit RomS gesprochen haben. Hat jemals hier ein römischer Katholik ein ähnliches Urlheil über die protestantische Küche oder über die Richtung des Herrn Stöcker geäußert? Herr Charles Petrin, auf den er fich beruft, verfolgt die einsettige und verkehrte sozialpolitische Richtung des Manchesterthums; das hat doch aber mit seiner Eigenschaft als Kalholik nichts zu thun. Belgien leidet an den Folgen jenes Manchesterthums und an den Nachwehen der franröfischen Revolution; und aus den dortigen Unruhen können Sie im Gegensatz zu Herrn Slöcker gerade entnehmen, daß es einen Pakt zwischen der katholischen Kirche und der Revolution nicht giebt, und daß stch die Revolutton zuerst gegen den richtet, der einen solchen Palt versucht. Herr Stöcker stieß offene T hären ein, wenn er meinte, man könne bei der Sozialpolitik den Staat nicht ent« dehren. Gerade meine Partei hat zuerst die Hilfe des Staates auf sozialem Gebiet angerufen und den Grundsatz vertreten, daß Staat unv Kirche bei der Sozialrefo'.m eben zusammen» wirken müssen. Wir haben nur nicht das unbedingte Vertrauen zur Staatsgewalt wie Herr Stöcker; denken Sie nur an die letzten RetchitagSwahlen, wo die unter daS Ausnahmegesetz gestellte Partei am meisten stets von denjenigen umworben wurde, welche die Regierung unterstützten; denken Sie auch an jene von leitender Stelle gesprochenen Worte des Willkomms, welche die Vermehrung der sozialdemo- lratischen Abgeordneten als«in freudiges Ereigniß be» grüßten.(Sehr gut! im Zentrum.) Da ist es wohl be» greiflich, daß Manche von uns zweifeln können, ob fie der Ver- lä igerung des Gesetzes zustimmen sollen. Ich halte indessen diese Zweifel nicht für so berechtigt, daß ich meine, wir könnten dies Gesetz ablehnen; denn dasselbe soll ja nicht eine Waffe sein für die Regierung, sondern es ist ein Schutzmittel, dessen Staat und Gesellschaft zurZeit beklagenswertherweise im eigensten Interesse nicht entbehren können. Allerdings, als dauernde Institution wollen wir daS Gesetz nicht, sehon wegen seiner vagen Fassung, welche die Handhabe bietet zu vielfach miß- bräuchlicher Auslegung; dann aber auch, weil daS Gesetz irriger«, aber thatsächlicherweise von den Arbeit in als ein gegen fie gerichtetes Klaffengesctz aufgefaßt wird. Wir haben daher ernsthaft die Ueberleitung des jetzigen Rechiszustandes zum normalen lnS Auge zu fassen, und Diese meine Anficht thetlt man in weiten Kreisen; man will allmälig normale Zu» stände, selbst aus die Gefahr einer allgemeinen Verschärfung des PreßgesetzeS und des Vereins« und VeifammlungSrechtS (hört, hört! links) herbeiführen. Im bezeichneten Sinne werden meine Freunde daher in erster Linie für die Amendement» Windthorst stimmen; in zweiter Linie biite ich Sie aber, meinen Eoantualantrag anzunehmen.(Lebhafter Beifall im Zentrum.) Abg. Marquardsen: Der Abg. von Hertling hat so eben mit großer Offenheit gesprochen und ich danke ihm dafür; nament.ich baden mich seine Be« mcrkungen gegenüber Herrn Stöcker sehr befriedigt. WaS die Anträge Windthorst detrifft, so meinen sa auch wir, daß daS Gesetz nickt eine dauernde Institution sein soll, daß man namentlich oft prüfen muß, ob man nicht allmälig einen normalen Recht Szustand herbeiführen kann: aber die Anträge Windthorst machen, wie ich glaube, die Waffe, die unS daS Gesetz gewähren soll, nur schartig, und ich muß mich gegen diese Vorschläge erklären. Auch die Regierung hat sa daS Gesetz mit den Anträgen Windihorst für unannehmbar erklärt, und diese Erklärung ist für unS sehr schwerwiegend, denn die Regierung ist für Frieden und Ordnung verantwortlich. ES ist gesagt worden, daß die Anträge Windthorst einen Rechts« zustand, wie er in Oesterreich bestehe, herbeiführen werden. DieS ist nicht riehttg; tm Gegentheil entspricht daS österreichische Soziaiistengesetz wesentlich dem unsrigen in seiner jetzigen Ge- statt. Der Reichskanzler hat neulich unter der Zu» stimmung de» HauseS erklärt, daß daS Vaterland drei Hauptstützen habe: eine zufriedene Bevölkerung, gute Finanzen und ein starkes Heer. Da glaube ich, wenn vaS Sozialistengesetz geeignet ist, die verderblichen Lehren einer ungezügelten sozialistischen Agitation niederzuhalten, daß wir recht thun, an dem Gesetze festzuhalten. Denn wenn, wie in Belgien, Eigenthum im Werthe von Millionen unv Arbeits« gelegentheit auf Jahre hinaus zerstört werden, so fördert daS nicht die Finanzen; und was unser Heer anlangt, so fürchte ich nicht, daß die sozialdemokratischen Umiriebe jemals die starke Basti deö deutschen Heere» erschüttern können; aber das starke Heer ist im Falle der Noth auch dazu da, um den Frieden im Innern zu erhalten, und es heißt: toter arm» silent lege«. Deshalb, so lange man mit bloßen Gesetzen auskommen kann, soll man eS versuchen. DaS äußerste Mittel nur für den äußersten Fall I Sorgen Sie mit dafür, daß die Gefahren, welche von. irregeleiteten Söhnen des Vaterlandes uns drohen können, zunächst mit den friedlichen Waffen deS Gesetzes ad« gewendet werden, damit wir nicht einmal in die Lage kommen, fie mit den Waffen der Gewalt unterdrücken zu müssen!(Bei« fall bei den Nationalliberalen.) Die Dislusfion wird geschlossen. Persönlich bemerkt Abg. Bebel: Ich konstatire zunächst, daß mir durch den Schluß der Diskussion die Möglichkeit der Vertheidung abgeschnitten ist. Den Vergleich des Ada. Hänel zwischen wir und Herrn Stöcker weise ich auf daS Eatschiedendste zurück.(Lachen rechts.) ES ist dies ein Mann, von dem gerichtlich konstatirt ist, daß er eidlich objeltiv die Unwahrheit gesagt hat. Adg. S t ö ck e r: Herr Äbg. Hänel hat mich den Bebel der Intoleranz genannt. Ich danke ibm für bat Kompliment und gebe ei ihm bei feiner tragischen Natur so zurück, daß ich ihn für den Eabor deS Fortschritts erkläre.(Große Heiterkeit und Beifall rechts.), Adg. Sa bor: Der Abg. Stöcker hat die Gelegenheit ergriffen, um in ganz ungerechtfertigter Weise meinen Namen hier in die Debatte zu ziehen.(Heiterkeit.) Ich begreife die? sehr wohl bei der christlichen Gesinnung, die den Herrn Hof» Prediger und Abg. Etöcker erfüllt.(Heiterkeit.) Ich meiner- seits erkläre dem Herrn Hofprediger und Abg. Stöcker, daß ich keine unchristlichere Erscheinung je im öffenllichen Leben kennen gelernt habe als ihn. Er ist eine der verächtlichsten Er- fcheinungen! Präsident: Der Herr Abg. Sabor hat soeben Herrn Stöcker eine verächtliche Erscheinung genannt.(Sehr gut! Bravo! links). Ich rufe ihn deshalb zur Ordnung. Abg. Hänel: Herr Bebel scheint den Vergleich mit Herrn Stöcker als eine Beleidigung aufzufaffen. Ich faffe den Vergleich mit Herrn Sabor nicht als eine Belewigung auf. staltung der Dinge bei uns eimritt, auf Wege kommen können, wie fie der NihilrsmuS eingeschlagen hat. Ich hoffe aber, daß der Herr Reichskanzler bester in ver Lage fein wird, zu be- urlheilen, wie meine Aeußerungen aufgefaßt werven müss:n. Er hat fie aber, wie schon bemertt, selbst nicht ander» aufge« faßt, sonst wäre er nicht für eine Verlängerung des Gesetze? auf eine bestimmte Dauer eingetreten. Merkwürdiger Weise wird meiner Person eine Bedeutung beigelegt, die weit über die Wirklichkeit hinausgeht. Dagegen muß ich Verwahrung einlegen, weil meine Partei und auch ich selbst eine ganz an- dere Auffassung von der Bedeutung von Persönlichkeiten haben. Die Sozialdemokratie ist ein Produkt unserer modernen Verhältnisse, und al» ein solches Produkt faffe ich auch mich auf, und wenn ich heute beseitigt würde auf irgend eine Weise, so würde das die sozialistische Bewegung so wenig aufhalten wie der Tod größerer Männer, wie Laffalle und Marx auf diese Bewegung von Einfluß gewesen ist Ali Laffalle vor 22-23 Jahren starb, war der Glaube verbreitet, daß die soziale Bewegung erloschen sei. Der Glaube war damals um so begreiflicher, als die Bewegung tn ihren ersten Anfängen begriffen war und die Anhänger derselben sich auf wenige Tausende belirf, während jetzt Hunderttausende, ja vielleicht Millionen hinter unS stehen. Vor wenigen Tagen ist eine Versammlung aufgelöst worden, in der ich, wie Hm v. Puttkamer selbst anerkannt hat, in ganz maßvoller und ob- jektiver Weise referirt habe; das ist ein Zustand, wie er haar- sträubender nicht gedacht werden kann(Ruf rechts:„russtscker"), zunächst noch nicht; erst wenn wir nicht mehr in dieses Haus kommen können, dann werden wir sehr nahe an rusfischen Zu» ständen sein. Sie wissen nun, woran Sie find, Sie wissen, ob es zweckmäßig ist, solche Zustände herbeizuführen. Her? Graf Ballestrem hat die Nothwendigkeit der Verlängerung deS Sozialistengesetzes damit gerechtfertigt, daß wir ausgesprochene Feinde der Religion, des Gottesbegriffs, ver Monarchie seien. Herr Graf Ballestrem soll jedoch bevenken, daß wir in Europa 40 Millionen Menschen haben, die in einer Republik leben, man kann also republikanische Gestnnung doch nicht als ein Verbrechen auslegen. DaS kann nur von rückständigen Leuten geschehen. WaS die Adjchaffung der Ehe detrifft, so wäre es mir sehr intereffant, zu erfahren, wo dirselde in unserem Pro» gramm befürwottet ist, das ist nicht einmal in Schriften ge- schehen; ich selbst habe in einer Broschüre über diese Frage ausgeführt, daß unter anderen Eigenihumsverhälinissen auch die Beziehungen der Geschlechter andere werden müßten(hört, hört! rechts), als fie geworden stnd im Laufe der Geschichte. Wenn Sie wissen wollen, wie wir über diesen Punkt denken» so kann ich Ihnen und vor Allem Herrn von Pultkamer nur anempfehlen die Schrift von Friedrich Engels über die Eni» stehung des P.ivateigentbumS, der Ehe und des Staates zu lesen. Ich weise Sie übrigens noch darauf bin, daß wir auch unter dem Regiment Vis Herrn Fürsten Bismarck zu einer wesentlichen Umgestaltung deS EhedündniffeS gekommen find. (Widerspruch rechts.) WaS die Religion und den Gottesbegriff betrifft, ein Puntt, auf den auch Herr v. Hertling hinge- wiesen hat, so möchte ich den Herren vom Zentrum zu bedenken geben, daß atheistische Anschauungen nicht unter daS Sozialistengesetz fallen. David Strauß' Schriften können auch jetzt unbeanstandet verbreitet werden. Sie(im Zentrum) haben zu diesem Argument wohl nur ge« griffen, weil Sie wissen, daß es am meisten bei Ihren Wählern einschlägt. Von Intoleranz dürfen Sie am allerwenigsten reden; wenn es in Ihrer Macht stände, wenn Ihre Kirche die Machtmittel noch besäße, welche Sie vor 3, 4 und 5 Jahr« Hunderten besessen bat, so würde fie noch heute mit Scheiter« Hausen gegen den Protestantismus vorgehen. Sie rechtfertigen jetzt Ihre Abstimmung damit, daß es etwas anderes sei, ein Gesetz zu verlängern, als ein neues Gesetz einzuführen. Aber dieselben Gründe, die Sie jetzt für die Verlängerung anführen, hätten Sie früher zu der Einführung drS Gesetzes bestimmen müssen. Sie hätten brsser gethan, wenn Sie einfach gesagt hätten: wir halten das Sozialistengesetz für eine nothwendtge Institution. Vielleicht haben Sie diese Ueberzeugung schon 1678 gehabt. Aber damals war die Erinnerung an die Mai» gesetze noch zu frisch und damals war auch die Zusammensetzung des Hauses eine andere. Sie waren von vornherein stcher, daß das Gesetz angenommen werden würde. Herrn v. Herlling's Argumente sür die Verlängerung der Sozialistengesetze waren dieselben, die früher die Nationalliberalen für die Ausnahme» «setze gegen die OrdenSgesellschasten gellend gemacht haben. sch komme nun zu Herrn Stöcker, der fich auch in seiner »strigen Rede als einen haßerfüllten Zeloten gez-igt hat. (Der Präsident ruft den Redner zur Ordnung.) Wenn eS einen Mann giebt, der zum Klaffenhaß aufzureizen fähia war und der dazu aufgereizt hat, so ist eS Stöcker, und die Eigen» schaften, die er den Juden vorwirft, haben auch viele Deutsche; unter Herrn Stöckels eigener Partei find viele Millionäre und Milliardäre. Ich erinnere an die vielen Großgrundbesitzer, die auf der Rechten sitzen! Ein Blatt deS Herrn Stöcker, der „StaatSsoztalist" ist ebenfalls dem gegenwärtigen kapita» listischen System zu Leibe gegangen; und manches Organ meiner Partei hat daS Sozialistengesetz mit Argumenten an» gegriffen, die e» dem„SlaatSsozialisten" entnommen hatte. Ohne daS Sozialistengesetz wäre die Agitation EtöckerS in Berlin garnicht möglich gewesen.(Sehr richtig! ItnlS.) Aller» Vings hat ja Herr Stöcker einzelne Leute unserer Partei ab» wendig gemacht; aber was sür Leute warm daS! Ich erinnere an die Attentäter Hödel und Nobiling, die beide Herrn Stöckels chrtstlich-sozialem Verein angehört haben. (Unruhe rechts.) Wenn bei der letzten Wahl noch Sozialdemokraten ihre Stimme Stöcker gaben, so wird ei nach seiner gestrigen Rede zum letzten Mal ge» wesen sein. Herrn StöckerS Stem ist in Berlin im Niedergänge l(Oho I rechts.) Umgekehrt wird die deutsche Sozialdemokratie auch unter dem Sozialtstengesey nur wachscn; und die jüngste Wahl tn Nordschleswig hat bewtesm, daß wir nickt nur in den Jnduflttedezirken Fonschrttte machen, sondern auch in den ländlichen Kreisen mehr und mehr an Boden ge» winnm. Dafür gebe ich Ihnen die Gewähr! Wir haben unsere Lebenssähigkett genug bewiesen; und waS man auch gegen unS einwenden möge, wir werdm auch ferner wachsen und an Macht zunehmen, und wir werden schließlich Staat und Gesellschaft zwingen, unseren unabweisbaren Forderungen ge« recht zu werden.(Beifall bei den Sozialdcmoiraten.) Reichskanzler Fürst v. Bismarck: Ich könnte mich einfach auf den Ansang der Rede de» Herrn Abg. Bebel be» ziehen, um daS zu bestätigen, waS ich, alS ick zuletzt sprach, behauptet habe, und sagen: bnbewus renrn confitentern. Aber hinter dem, waS der Adg. Bebel in Bezug auf meine Anschul« digung ihm gegenüber gesaat hat, kam so viel anderes, daß eS darüber vergessen werden könnte. Ich halte eS deshalb sür erforderlich, zum Beweise, daß ich nicht zu viel gesagt habe in meiner ersten Aeußerung, den mir jetzt oorliegenven stenogra« phischen Bericht von gestem zu verlesm. Herr Bebel hat danach gesagt: Herr v. Pultkamer glaudte hier inibesondere wieder auf eine Rede aufmerksam machen zu müssen, die ich einmal vor Jahren, wenn ich nicht irre, bei Beratbung des Sozialistengesetzes im Jahre 1881, wenige Tage nach der Ermordung des Zaren in Rr bland, in diesem Hause gehalten habe. Nun, da» beweist zum mindesten, daß, wo die Gelegenheit stck bietet, Niemand von unS sich scheut, seinen Standpuntt, waS immer für einer Frage gegenüber auszusprechen. Habe ich aber damals, wie Herr v. Pultkamer mir unterstellt, den Fürstenmoid verherrlicht?(Zuruf de» StaatSministerS v. Puttkamer.) — So?! Da wäre mir sehr intereffant. wenn Sie die Stelle wörtlich genau zttiren könnten. Ich habe damals — und der Angriff deS Herrn von Puttkamcc richtete fich auch gegen einen Artikel des„Eozialvemolrat"— ganz wie daS heute ähnlich bei einer anderen Gelegenheit geschah— in dem ausgeführt ward, daß das System, daS in Rußland herrsche, mit Nothwendigkeit den Nihilismus geboren habe, mit Nothwendigkeit zu Gewaltmitteln führe, wie fie in dem Znen-MorS ih en Ausdruck gesunden hätten.— Ick habe damals die Ausführungen deS„Sollaldemoerat" akzeptirt. indew ich erklärt habe: das System, wie es in Rußlan? herrscht, muß mit Nothwendigkeit zu solchen Mllt.lN führen. Nun, meine Herren, dai ist noch nicht das Echlimmste; ich habe schon von einer anderen, lonseroatloeren Eene in«c- »ug auf das Attentat von Kullmann auf mich, in Bezug auf die polnische Bewegung ziemlich analoge Aeußerimgen gehört - ich glaube, eS war vom Herrn Abgeordneten Wmdthorst— daß eine solche Politik solche Thaten wohl zu erzeugen geeignet sei; also daS will ich noch nicht so scharf angreifen; es kommt noch bester. Herr Bebel sagt: Die Movarchie würde freilich getroffen werden, wenn Sie die Mittel anwendete, die jetzt in Rußland üblich find.—(Große Unruhe rechts) Ganz gewiß, mit Roth- wendigkeit.— Die„Monarchie", daS ist bei unS doch der„Monarch" und in unmittelbarem Anschluß an die vorher geschehene Erwähnung der Ermordung des Kaisers Alexander doch die direve Drohung mit der Ermordung des deutschen Monarchen!(Oho!) Ich höre da von der demokratischen Seite: Odo! Ich brauche nicht weiter zu plädircn. ES ist die direkte Drohung mit der Ermordung deS Kaiters, mit der Wiederholung deS Hödel- sehen und des Nodiling'schen Attentats, das Sie von sich abzuwälzen suchen. Es hängt nur von Ihrer theorett- sehen Beurtheilung ab, od unsere Einrichtunzen hin. reichend ru| stich genug find, um einen Kaisermord zu begrün- den. Sie setzen es in daS individuelle Urtheil deS Einzelnen über den Staat, über die Monarchie, über das Herkommen und über unsere gesammten Einrichtungen, über unsere Gesetze. Sie halten den Einzelnen unter Umständen für berechtigt zum Morde. Das ist der ungeheure Unterschied, der Sie von der übrigen Menschheit trennt, und der Sie als Objekt der Aus- nahmegesetze qualtfizirt. Niemand außer Ihnen hält den Mord für erlaubt; Sie halten ihn für erlaubt unter gewiffen Um- ständen. Ob diese Umstände da find, das wollen Sie Ihrer eigenen persönlichen Beurtheilung, auch der Beurtheilung der jüngsten und unreifsten Mitglieder Ihrer Partei vorbehalten, und Sie ermuntern durch solche Reden, wie die deS Abg. Bebel, in der derselbe mit seiner Autorität in der Partei den Mrstenmord unter Umständen als erlaubt hingestellt hat— dadurch ermuntern Sie geradeaus dazu. Ich glaube nicht, daß der Abgeordnete Bebel, wenn er das nicht hier im Reichstage geäußert hätte, fich dem Staatsanwälte gegenüber hinreichend würde falviren können wegen even- tueller Aufforderung zum Verbrechen(Oho: links, sehr richtig! rechts), indem er den Mrstenmord als erlaubt erklärt durch die Umstände. Er sagt: Ganz gewiß, mit Nothwcndigkeit! und ich stehe nicht an, daß ich in diesem Falle einer der eisten wäre, der dazu die Hand böte, wenn die Zustände hier so wären—. ES brauchten hier also Die Zustände nicht absolut so zu sein, sondern nur nach dem Urtheil, nach den Ansichten deS Herrn Abg. Bebel. Wir haben ja schon gehört, daß er sagte, so„ganz russisch" wären die Zustände noch nicht; aber er schien doch anzudeuten, daß sie die Grenze streiften. Sobald also die Grenze überschritten ist, ist der Fürstenmord, der Kaiser- mord nack der Anficht Bebels erlaubt und geboten. Da ist gar kein Zweifel nach seiner Reußerung. Er sagt: — Daß ich in diesem Falle einer der ersten wäre. der die Hand dazu böte, wenn die Zustände hier so wären.(Hört, hört!) Ich wiederhole, wenn die Zu- stände hier so wären.(Große Unruhe rechts.) Dann kommt ein hartes lWheil über die russische Regierung, daS ich nicht wiederholen will: er nennt sie eine gewaltthätige — das ist daS mildeste Epitheton, er behauptet von dem System, das in Rußland rxistirt, ein schlimmeres könne in keinem Lande gedacht werdm. Und einem solchen System gegenüber kenne ich keine Rückficht, dem gegenüber find alle Mittel be- rechtigt, wir dieses System uns gegenüber alle Mittel für erlaubt hält. Ich denke, waS ich Ihnen sage, ist so klar wie möglich, Ja, das glaube ich auch(Heiterkeit), da hätten Sie keine Ursache, zu glauben, daß wir un« sere wahre Meinung versteckten. Nun, ich glaube, das genügt, um die Berechtigung meiner ersten Aeußerung vollständig nachiuweisen, Ich wende mich noch gegen einige andere Bemerkungen deS Herrn Abg. Bebel, obschon ich an und für fich daS Bedürfniß, in diese Debatte einzugreifen, nicht hatte, da ich vermutbe, daß die Abstimmung eines Jeden doch schon in den FraktionSbeschlüffen fest- liegt und meine Eimmmittel nicht mehr so sind, daß ich sie unnütz verwenden dürfte; aber eS find geeiste Andeutungen, die mich persönlich betreffen und die ich nicht unwrderlegt lassen kann. Der Herr Abgeordnete hat mir Schuld gegeben, ich hätte die Zivilehe eingebracht, wie er fich ausdrückte. DieS ist eine thatsächliche Unwahrheit. Ich habe fie nicht eingebracht; als fie beschloffen wurde im Ministerium, bin ich gar nicht hier anwesend gewesen, sondern war krank und bemlaubt; das habe ich schon öfter wiederhott...(Oho! links.)— Meine Herren, aus unartikulirten Tönen kann ich nichts anderes entnehmen, alS daß Sie nicht meiner Meinung find; daS weiß ich ohnehin. Sie brauchen diese ungewöhnliche Kunogebung deshalb gar nicht in Szene zu setzen. Ich habe schließlich lieber der Ztvilgesrtzgebung zugestimmt, als mich, krank und abwesend, wie ich war, der Möglichkett auSzusetztn, daß vier neue Äinisterporteseuillci vakant werden würden; ich war nicht im Slande, Seiner Majestät im damaligen Zustande Nachfolger zu verschaffen. An und für fich erachte ich die Sache nicht für so schlimm, wie fie in unserer öffentlichen Mei- nung gehalten wird,— ich halte die Eheschließung wie Luther, den ich, glaube ich, auf metner Seite habe, für eine dürger« liche Institution, von der allerdings zu wünschen ist, daß fie auch des kirchlichen ScgcnS nicht entbehre. Daß ich aber hier- durch Thür und Thor geöffnet hätte zur sozialdemokratischen ------ r"- � eine ungerechte mich auSae« _„ W in einem ve stimmten'Piozramm dw Sozialdemokratie, so viel ich gelesen habe, nickt ausgespiochen. Wir haben ja überhaupt kein be- stimmte 0 Programm(Zuruf von den Sozialdemok-aten: doch!) der Sozialdemokratie— außer dem Fürstenmord kenne ich kein so genau akzentuirtes.(Oho! und Lachen bei den Sozial- oemokraten.) Ich erinnere daran, daß ich schon bei früheren Gelegenheiten getadelt habe, daß Sie sich vor einer Offenbarung der letzten Konsequenzen Ihres Systems so fürchten, daß Sie fich nicht getrauen, Ihr Programm vollständig vor der Oeffent- lichkcit darzulegen. Ich erlaubte mir, Sic nach einem Gedicht von ThomaS Moore mit den: verschleierten Propheten zu ver- gleichen, deffen Macht darauf beruhte, daß er die Häßlichkeit seines GestchtS durch einen Schleier verbarg und im Uebrigen einen mächtigen geistigen Eiristuß auf die Völkerschaften übte, die er führte. Diese Unschönheit, dieses Unsympathische der Ziele, die Sie erstreben, verbergen Sie ,'�Ä?Utg. Ich kann diese Ziele ungefähr ausgesprochen finden in Gothes Faust, in alle dem, was Faust in seinem Zom ver- flucht; er flucht dem, was als Weib und Kind und alS Besitz uns schmeichelt; er flucht der Hoffnung und dem Glauben und vor allem der Geduld. Wenn Jemand die Stelle— ich weiß fie nicht ganz auiwentzig— nachlesen will, so wird er in dem Fluche, den Göthe dem Faust in den Mund legt, ziemlich genau das sozialdemokratische Programm finden, daS heißt die Negation von Allem, was da» Leben überhaupt werlyvoll macht. Der Herr Abg. Bebel warf hier mit einem drohenden Tone die Wort« hin:„wenn die» und daS geschähe, dann würde die Mordfreiheit eintreten, Sie wollen also selbst ermeffen, ob eS zweckmäßig ist, rusfischc Zustände bei uns einzuführen." Solche Drohungen schrecken uns nicht, denn wenn Ihre Zustände eingeführt würden, ist das L-ben so wenig werth. daß ich dem danken würde, der eS mir abnimmt; dann würde der Selbstmord epidemisch werden, zu einer grasstrenden Krankheit. So scheußlich würde in dem Zuchthause, daS Ihnen als letzte? Staatsideal vor- schwebt, die Existenz für Jevermann sein; also ehe Sie dahin kommen, schießen Sie mich ab und alle Leute, die eS mit unS wohl meinen. He'.r Bebel hat ferner Laffalle aufgerufen für feine Vertheidlgung, vielleicht in Anknüpfung an vie perfön- lichen Beziehungen, in denen ich zu Laffalle gestanden habe. Ich glaube, Laffalle hat noch Niemand beschuldigt, daß er Mörder wäre und den Mord gepredigt hätte, und ich glaube, er würde die Herren, die fich jetzt auf ihn berufen, auf daS Schärfste verurtheilen. Ich habe das schon vor Jahren gesagt. Er hat fich auch auf Marx berufen. Nun, ob Marx nicht in der That Mörder züchtete, das weiß ich nicht; denn so viel ich gehört habe, war der Mann, von deffen Schüssen ich die Narben noch an mir trage, Blind, doch ein Zögling von Marx (Abg. Bebel: Gott bewahre! Nein!)— Nicht? Nun, Sie werden daS deffer kennen; ich bin darin wenig bewandert.(Heiterkeit.) Ich habe die Verbrecherstatistik so genau nicht studirt; die Herren werden genauer damit vertraut sein. Der Herr Abg. Bebel hat selbst gesagf, wenn daS richtig wäre, was ich gesagt habe, und ich glaube, die Richtigkeit davon ist durch die Verlesung des stenographischen Berichtes vollständig bestätigt— dann begriffe er nicht, warum ich nicht eine längere, eine immer« währende Dauer dieses Gesetzes, und nicht sehr viele Ver- schärfungen dazu beantragt hätte. Ja, ganz einfach deshalb, weil ich dafür nach den bisherigen Erfahrungen die Majorität nicht bekommen würde. Für dasjenige Maß von Schutz der staatlichen Gesellschaft, daS ich für nothwendig halte, habe ich keine Hoffnung hier die Majorität in diesem Hause zu be« kommen, und deshalb bin ich froh, wenn wir den mäßigen Schutz, den wir der Sicherheit der Bürger nach diesem Gesetze gewähren können, von Ihnen bewilligt erhalten auf 5 Jahre, wenn es sein kann. Wollen Sie ihn unS nur auf 2 Jahre geben, so find wir nicht berechtigt, den Bürger, der über 2 Jahre wieder möglicherweise schutzlos fein würde, schon heute der Schutzlofigkeit, den Umtrieben preiszugeben.(Lebhaftes Bravo rechts) Ein Antrag auf Vertagung wird abgelehnt; desgleichen ein Antrag auf Schluß der Debatte. Abg. W t n d t h o r st: Ich kann eine irrige Aeußerung, welche der Reichskanzler in Bezug auf meine Person gemacht bat, nicht ungerügt laffcn. Mir ist gesagt worden, daß der Reichskanzler vorhin en passint geäuß-rt habe, auch vom Abg. Windthorst sei ähnliches in früheren Z-iten behauptet worden, wie gestern vom Abg. Bebel, wenigstens im Allgemeinen. Der Reichskanzler kann stch nur auf meine Rede bezogen haben, die ich in der Kullmann- Debatte am 4. Dezember 1874 hier gehalten habe. Da habe ich, nachdem ich den ganzen Abscheu gegen jene? Verbrechen dargelegt hatte, gesagt, daß allerdings man fich nicht wundern könne, wenn nach den Erfahrungen der Geschichte dann, wenn poltlisch- kirchliche Streitigkeiten auf den Siedepunkt kommen, unglückliche Menschen fich zu wahnsinnigen Unternehmungen hinreißen laffen. Wenn ich die Unternehmungen als wahnsinnige bezeichne, habe ich genügend konstatirt, daß ich ste auf keine Weife in Schutz nehme.(Sehr richtig!) Daneben habe ich alle solche Verbrechen, sei eS gegen Obrigkeiten, fei eS gegen Privatpersonen, für objektiv verab- scheuungswürdig erklärt. Ein Aufstand oder ei« Attentat gegen irgend eine Person bleibt unter allen Umständen ein Verbrechen, darüber habe ich nie einen Zweifel gelaffen. Der Reichskanzler hat auf diesen Vorfall schon einmal in diesem Jahre Bezug genommen: ich glaubte ihm damals im Abgeordnetenhaus« schon genügend geantwortet zu haben; ich hätte wohl hoffen dürfen, daß der Reichskanzler mich heute mit derartigen An- griffen und Anzapfungen verschont hätte. Zur Sache selbst werde ich erst in dritter Leiung wieder das Wort ergreifen. Abg. Bebel: Der Reichskanzler hat meine Rede ganz willkürlich interprettrt, sonst hätte er nicht den horrenden AuS- spruch thnn können, wir hätten kein anderes Programm als den Fürstenmord. Weiß er denn übrigens alS Gefchichtkkenner nicht, daß bisher wenigstens die meisten Fürstenmorde von Mitgliedcm der Gesellschaftiklaffen, denen der Reichskanzler selbst angehört, begangen worden find 7 Gustav Hl. wurde vom schwedischen Adel' Kaiser Paul vom russtschen Adel, mit Vor« wissen seines SohneS, des nachmaligen Kaiser? Alexander I., ermordet, Heinrich IV. vom Priester Ravaillac, und ähnliche Betspiele giebt es noch viele. Ein deutsches patriotisches Schau- spiel,„Tell", erkennt den politischen Mord als berechtigt an; in der alten Geschichte war der Tyrannenmord steti etwaS Lobenswerthes. Ich protestire aber nochmals da- gegen, daß der Kanzler den Fürstenmord als unser politisches Programm bezeichnet hat, ohne diese Behauptung irgendwie *u begründen. Wenn wir unser Programm, das wir oftmals klar und deutlich ausgesprochen haben, nicht mehr überall prollamiren können, so ist eS gerade der Reichskanzler, der unS durch das Ausnahmegesetz daran verhindert- er bietet AlleS auf, uns in unserer Meinungsäußerung zu beschränken. Redner polemifirt sodann gegen die Ausführungen deS Abg. Winterer. Die Diskussion wird hierauf geschlossen und zunächst der Antrag deS Abg. Windthorst die Verkürzung der Frist auf zwei Jahre gegen die Stimmen der Deutschkonservativen, der Reichspartei und etncS kleinen T heiles der Nationalliberalen angenommen. Darauf wird der ganze Antrag des Abg. Windthorst, welcher die Regierungsvorlage ersetzen soll, gegen die Stimmen deS Zentrums abgelehnt. Dagegen gelangt der Antrag v. Hettling, welcher ein- fach die Verlängerung der Gilttgkeitsdauer des Sozialisten- aesetzeS auf 2 Jahre, bis zum 30 September 1888, auS- spricht, durch Auszählung mtt 173 gegen 146 Stimmen zur Annahme. Für denselben stimmen die beiden konservativen Parteien, die Nationalliberalen und die überwiegende Mehrheit deS Zentrums» dagegen die übrigen Parteien des Hauses und vom Zentrum u. Ä. die Abgg. Lieber. Menke«, Rudolpbi, Motler, Windthorst, von Strombeck, Lucius, LtngenS, Frhr. von Heereman, Graf Galen, von Kehler, Porsch, Spähe, Moufang, Kochann, Eenestrey, von GliSzcynSli, von Buol, Stötze!, Hitze, Rücke. Abg. Windthorst zieht nach dieser Entscheidung die von ihm gleichzeitig mtt seinen Amendements einge- brachten beiden Resolutionen als gegenstandslos geworden zurück. Schluß 6 Uhr. Nächste Sitzung Donnerstag 2 Uhr, (Gesetz, betr.§ 809 der E.PO>., JnnungSverdande, Wahl- Prüfungen.)_ Lokales. er. Der erste April. Die Zell der Scherze, der unde- zahlten Rechnungen und deS Umzuges ist da. Gute Freunde» Setreue Nachbarn und desgleichen sorgen tm Laufe des heutigen lageS dafür, daß eS unS nicht an Üeberraschungen fehlt, die Jnduskie bat fich sogar schon der Aprilscherze bemächtigt, und wahrscheinlich wird heute die Post durch die Beförderung der imicktten gerichtlichen Vorlagen, gefälschten VerlobungS- und Todesanzeigen kein schlechtes Geschäft machen. Es giebt auf der Welt entschieden ebensoviel große wie kleine Kinder, und manche großen Kinder find entschieden leichter zu unterhalten wie die kleinen. Heute lächelt man höchstwahrscheinlich, wenn man an die überaus gelungenen Witze aus der Sckmlzeit zurückdenkt, wenn ein besonders dämlicher angehender Gelehrter von schlaueren Kumpanen dazu bewogen wurde, in der nächst ge> leaenen Apotheke für einen„Dreier Mückenfett" zu erwerben. Menschlichem Ermeffen?nach waren eS jedenfalls leine SegenS- wünsche, die der entrüstete Provisor dem jungen Menschenbürger nachsandte, nachdem er ihn in mehr schleuniger wie sanfter Weise vor die Thür befördert hatte. Doch die Menschheit schreitet vor, und was früher der Spart dummer Jungen war, wird beu!e mit Vorliebe von Crwaebsenen kultivirt. Allerdings können das nur Leute sein, die über den nöthigen Ueberschuß von Zeit und Geld verfügen. Wie geistvoll ist nicht die Idee, einem guten Freunde die mit hektozraphischer Genauigkeit imitirte Todesanzeige eines lieben Verwandten in? Haus zu senden! Wie harmlos ist das Vergnügen, wenn der Freund vor Schreck erblaßt, unliebsame Folgen können aus dem geist» reichen Witz entschieden nicht entstehen. Aller Wahrscheinlich» keit nach werden wir an derartigen Üeberraschungen keinen Mangel haben, denn die Presse der Reichshauptstadt hat für den neuen Unfug bereits die nöthige Reklame gemacht, und diejenigen Leute, die bekanntlich niemals alle werden, werden mit der ihnen eigenthümltchen Gründlichkeit schon für das Weitere sorgen.— Inzwischen schreitet der Umzug rüstig vor» wärts. DaS nomavifirende Proletariat zieht mit setner be« weglichen Habe von einer Straße in die andere; wir konnten leider nicht ermitteln, wie vielen Bedürftigen der gütige Stadtverordnete Hoffmann Ii mtt einer sehr hübseben Wobnung für 100—120 Mark aus« geholfen hat. Hoffentlich finden Alle, die mühselig und be- laden find, ein trauliches Heim, in welchem fie von deS TagcS Last und Mühen sorglos auSruhen können. Welcher Spott« preis, 100 Mark! Pennbrüder wird es in Zukunft überhaupt nicht mehr geben, denn 100 Mark laffen fich im Laufe des JahreS wobl immer noch zusammenfechten, und da lohnt eS fich kaum noch der Mühe, daS billigere Logis bei Mutter Grün zu beziehen, wo man übrigen» immer noch durch unliebsame Rc« Visionen der Polizei in seiner behaglichen Beschaulichkeit gestölt wird. Diesen Unannehmlichkeiten braucht man fich jetzt wahr- haftig nicht mehr sür die lumpigen 100 Mark auszusetzen, und der Herr Stadtverordnete Hoffmann Ii wird fich dock hoffent« lich nicht den oberfaulen Witz geleistet haben, halb Berlin in den April zu schicken. Das thut kein braver Mann, vor allen Dingen kein echter, rechter semitisch- antisemitischer Bürger- parteiler.— Allerdings hat der 1. April auch sein Gutes, wenn wir seine Eigenschaft als Zahltag in Betracht ziehen. Leider muß man auch hier mit dem Dichter reden: Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang"— in unser geliebtes Deutsch übertragen: „Die Kaffe ist knapp, die Zahl der geldbedürftigen Gläubiger riesengroß." ES war einmal ein Student, der sich einen ganz eigenartigen Zahlungsmodus ausgeheckt hatte. Nachdem er mit mathematischer Genauigkeit berechnet hatte, was der Schneider, der Schuhmacher und die verschiedenen anderen Kreditoren von ihm zu fordern hatten, und er die betrübende Wahrnehmung machte, daß in dieser Weise für ihn selbst nicht» übrig blieb, resumitte er kurz:„Da bleibt mir nichts, folglich kriegt Keiner waö!" Dieser Student lebt aber nicht mehr, doch daS„in den April schicken" ist bestehen geblieben. Gestern lieferte man wieder den Beweis hierfür. Am „anderen" Ende der Leipziger Straße leistete man fich einen Aprilscherz, über den die arbeitende Bevölkerung blutige Thränen— lachen wird. ES ist nur Schade, daß der Karneval schon vorüber ist, die Komödie hätte besser in die Faschingszeit gepaßt. Doch wir wollen nicht philisterhaft sein; man kann zu jeder JahreSzeit lachen, wenn man will, nur darf man nie vergessen, daß derjenige am besten lacht, der zu- letzt lacht. EZ ist außerdem heute ein freudiger Tag, fteudig deshalb, weil wir ein G-burtstagSkind in unserer Mitte haben. DaS„Berliner Volksblatt" steht heute den 1. April zum dritten Male. Möge eS bei dem Umzug auch in recht viele neue Arbeiterwohnungen einziehen, und möge eS noch recht viele Geburtstage erleben. Der Kanzler und die angebliche Trmtksncht der Berliner. In seiner Freitaasrede emichnek der Kanzler den Trunk„recht eigentlich als rn den Städten zu Hause". Er werde„dort ausgebildet, mit Bier groß gezogen und endige mtt Branntwein". Er werde auch da mit vrel mehr Nachstcht dehandelt alS auf dem Lande. Der Kanzler sagte dann wörtlich:„Wenn hier in Berlin zur Zeit des Bockbiers eine Niederlage auf den Straßen stattfindet, so daß der größte Th'il der Bevölkerung, den man auf den Straßen ficht, den Tag als betrunken zu betrachten ist, dann heißt eS; fie find sehr heiter gewesen, sie haben dem Gambrinus glorio? geopfert; das wird mit Wohlwollen beurtheüt. Wenn aber der ländliche Arbeiter fich betrintt, das ist wieder ganz etwas anderes; er wird mit Verachtung dafür bestraft." Ungerechter find die Berliner wohl niemals bemtheilt worden, als eS mit vorstehenden Worten der Kanzler gcthan hat. Wer mag, so fragt die„Freis. Ztg.", dem Kanzler nur solche Fabeln erzahlt haben? Freilich lebt der Kanzler selbst in seinem PalaiS in der Wilhelmstraße völlig abgeschlossen und berührt höchst selten und nur flüchtig Berliner Sttaßcn. ES giebt wohl kaum eine größere Stadt in Europa, deren Bevölkerung so nüchtern ist und so wenig zur Trunksucht neigt, wie die Berliner Bevölkerung. Die zur Zeit des Bockbiers in einzelnen Lokalen bei schöner Witterung vielleicht an Sonntags Vormittagen vorkommenden Exzesse find etwaS derart AuffallendiS in Berlin, daß ihnen in der Preffe besondere Aufmerksamkeit oeschentt wird. Wann aber ist je in Berlin„der größte Theil der Be« völkerung, den man den Tag auf den Straßen steht", betrunken gewesen? Ein Betrunkener auf den Straßen Berlins ist überhaupt die größte Seltenheit. Ein einfacher Blick in den Polizeibericht hätte den Kanzler auch hier überzeugen müssen, daß er keinen Theil der Bevölkerung deS Landes weniger kennt und versteht, als den Berliner. Im Jahre 1882 wurden in Berlin 42392 Personen von der Polizei auf der Straße aufgegriffen unv in polizeilichen G-wahrsam gebracht; 1883 betrug diese Zahl 32 1 15; 1884: 26 4M. Unter diesen Personen befanden sich 1882 nur 153, 1883 nur 98 und 1884 nur 91, welche wegen Trunkenheit in polizeilichen Gewahrsam ge- bracht wurden. Es vergehen also im Durchschnitt in Berlin 3—4 Tage, ehe die Polizei ein einziges Mal in die Lage kommt, in dem ganzen großen Berlin einen Betrunkenen auf der Straße aufzugreifen. Kaum ist et« Tag vergaugen, seit dem im Marunge- schen Mordprozeß zwei TodeSurtheile gefällt find, und schon wieder kommt die Kunde von einem Morde, welcher in der Nähe der Reichibauptstadt, in Mittenwalde, verübt worden ist. Im Graben der Chaussee zwischen diesem Ott« und Groß» Machnow, wurde am Montag früh die entsetzlich zugerichtete Leiche einer Frauensperson gefunden, in welcher von einem Dorf- bewohr.er alsbald die unverehelichte Dienstmagd ThiniuS er» kannr wurde. Dieselbe war anscheinend mit einem Zaunpfahle, der blutbefleckt in der Nähe lag, erschlagen worden. Der Schädel war vollständig zertrümmert, daS Gesicht fast biS zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Ermordete, im Anfang der zwanziger Jahre stehend, hatte bisher im Dorfe gedient und dort mit dem in demselben Dorfe dienenden Knecht Franke ein LiedeSverhältniß unterhalten, welchem bereits ein Kind ent» soroffen war. Jetzt befand fich die Th. wieder in gesegneten Umständen. Auf den Liebhaber richtete stch sofott allgemein der Verdacht des Mordes. Letzterer muß in den Abendstunden des Sonntag verübt worden sein. Es wurde schleunigst daS Amtsgericht in Mittenwalde benachrichtigt, welches die Mel« dung telearaphisch an die Staatsanwaltschaft am Landgericht II Berlin beförderte. In Folge deffen reiste sofott Staatsanwalt Dr. Menge nach Groß Machnow; derselbe nahm den Thatott in Augenschein und ordnete die Verhaftung deS schwer verdächtigen Franke an. Der muthmaßliche Thäter wurde an das Amtsgericht in Mittenwalde einge- liefert, von welchem die Voruntersuchung aefühtt wird. Zu dieser Mordchat schreibt der„Mttenwalv. Anz." noch foU gende Details; Der Ortsoorsteher Hanke ettannte in der Leiche sofort die bei ihm in Dienst stehende Magd Karoline Thtnias, und da bekannt war, daß diese mit einem Knecht, Namen? Franke, welcher bei dem Bauer Karlap, ebenfalls in Machnow, diente, ein LiebeSoerhäliniß unterhielt, und der Genesung ttneS zwtUm KindeS entgegen ging, so nahm man an, daß Franke den Mord begangen habe. Er wurde deShaid sestgenommm und in daS AmtsgertchtSgefSngnitz Hinselbst abgeliefert; bei der Leiche war eine Wache zurückgelassen worden. Ungefähr um 10 Uhr begab sich eine Gerichtskommilfion mit dem Ver- hasteten, welcher inzwischen gefeffelt worden, nach dem Orte, wo die Leiche lag, um den Thatbestand aufzunehmen. Man fand den Platz vielfach mit Blut getränkt und hrer und dort Theile de! GehirnS. Muthmaßlich war der Mörder am Sonn« tag Abend mit seinem Opfer auf dieser Chauffee spazieren ge- gangen und hat dann schlichlich das Mädchen mit einem zirka 2 Zoll starken Knüppel dermaßen auf den Kopf geschlagen, daß dieser Knüppel in fünf Theile zersprang. Nachdem fich daS Mädchen jedenfalls gewehrt und vielleicht auch um Hilfe ge- rufen, hat der Mörder den ziemlich starken Pfahl von einem Chauffeebaum herauSgeriffcn, hiermit die Unglückliche völlig getödtet und daS Gesicht fast unkenntlich gemacht.— Bei den Verhören, welche am Thatorte angestchts der Leiche, sowie nachher im AmtSgerichtsgebäude mit dem Festgenommenen an- gestellt wurden, leugnete derselbe hartnäckig. Erst am Abend gelang es dem Gefangenenwärter, den Mörder zum Geständnis) zu bewegen. Der Mörder ist aus Brusendorf, woselbst sein« Eltern noch wohnen und fich allgemeiner Achtung erfreuen. Montag Nachmittag um 3 Uhr traf der Staatsanwalt Dr. Menge auS Berlin auf dem Thatorte ein. Dienstag Nachmittag fand die Sektion der Leiche in dem Spritzenhause zu Gr.-Machnow statt, woselbst fie vom Thatorte hingeschafft worden war. Es ist nicht Alles Gold, was glänzt. Vor dem Laden eines Hoflieferanten in der Könizstrahe fuhr neulich eine Equipage vor, ein Diener in Livree öffnete den Schlag und zyei feine Damen entstiegen demselben. Sie wünschten einen Toilette kästen mit Elfenbein Sachen zu kaufen, konnten fich aber bei der Wahl nicht entschließen und baten um Zusendung von drei solcher Kästen zur Auswahl, welche einen Werth von zirka 600 Mark repräsentirten. Der Kaufmann sandte die gewünsch- ten Kästen; nach zwei Tagen erhielt er fie zurück. Bei der Revifion entdeckte er in einer Elfenbein Haarbürste Spuren von Pomade und eine Anzahl Haare. Der Zusammenhang war ihm bald klar. Er eilte nach dem Hause, in welchem die be- treffende„Herrschaft" wohnte und fragte bci einem im Keller wohnenden Budiker, ob g-stern da oben vielleicht Gesellschaft gewesen sei. Die Antwort lautete bejahend. Man hatte fich die Friefirkästen also geliehen, um mit ihnen zu paradiren und ein ahnungsloser Unglücklicher hatte auch richtig eine Haarbürste daraus benutzt. Die ingeniöse Gastgeberin mußte das Ver« gnügen mit 25 Mark für die Bürste büßen, wozu fie fich aller« dingS erst nach lebhaftem Drängen entschloß. Mit Fächer- Sendungen zur Auswahl vor großen Bällen wird vielfach solcher Unfug getrieben. Die Damen paradiren dann jedes« mal mit einem neuen Fächer, der fie nicht einmal Lrihgeld kostet. In der Königlichen Klinik in der Ziegelstrahe wurde am Montag zu später Nachtstunde ein kaum löjähriger junger Mann eingeliefert, welcher fich mit einem Revolver eine Kugel in das Schläfenbein gefeuert hatte. Ueber die Ursache dieser schrecklichen Thai erfahren wir, daß der junge Mann, der Sohn wohlhabender Eltern in der Friedrich- Wilhelmstadt, am Abend mtt seinem Vater einen Auftritt gehabt hatte, fich darauf in ein Nebenzimmer begab und hier einen geladenen Revolver auf seine Stirn abschoß. Ein schnell hinzugerufener Arzt konnte nichts weiter thun, als die Ueberführung des jugend- lichen Selbstmörders, dessen Zustand ein hoffnungsloser sein soll, nach der gedachten Anstatt zu veranlassen. Perewe und Uersammlimgen. be.„Die deutsche Sozialdemokratie im Reichstage," war da? Thema, über welches der Reichstagsabgeordnete W. Liebknecht vor der imposanten Volksversammlung sprach, welche in der„Tonhalle" unter Vorfitz des Herrn Lehmann stattfand. Die nach Tausenden zählende Menge hörte mit gespanntester Aufmerksamkeit den eindreiviertelstündigen Vortrag des Refe« renten, der beim Erscheinen aufS freudigste begrüßt wurde. Die Ausführungen des Herrn Liedknecht hatten etwa folgen» den Gedankengang: Zwei Jrrthümer werden über die parlamentarische Tbärigkeit der deutschen Sozialdemokratie ver- breitet. Die Anhänger deS Sozialistengesetzes kolpottiren, das« selbe sei von erzieherischer Wirkung auf unS gewesen, wir seien gemäßigter geworden. Eine zweite Meinung geht dahin, wir hatten unsere Tavil im Reichstage verändert, seitdem wir dort eine Fraktion von 25 Mann bilden. Beide Anfichten find Jrrthümer oder gar Lügen, die hundert Mal widerlegt, immer wieder vorgebracht werden. Schwärmer für die Art Parlamentarismus, wie er in England besteht und früher in Frankreich war, find wir selbstverständlich nicht. Aber wir ge« hören zu denen, die eine parlamentarische Regierung in dem Sinne anstreben, als wir die Souverainetät dem Bolle zu- messen, als wir wollen, daß das, waS die Majorität fordert, vollzogen wird. DaS allgemeine Wahlrecht ist der Schlüssel des politischen Lebens und wir find deshalb verpflichtet, an der Gesetzgebung Theil zu nehmm, so weit es die Kräfte gtstatten. DaS haben wir vom ersten Moment unseres Eintritts in daS parlamentarische Leben getban. Bei Berathung der Gewerbe« ordnung im norddeutschen Reichstage wurden schon von unserer Elite AbänderungSanttäge gestellt und einige davon, wie der auf Abschaffung der Arbeitsbücher, auf Einführung deS Fabrik« inspektorates, wurden auch bald oder späterhin angenommen. 17» Jahre vor dem Attentatsjahre brachten wir einen vollstän« digen organischen Gesetzentwurf für den Ardeiterschutz ein, der, wenn man die Fortschritte der Bewegung seit jener Zeit in Rechnung zieht, ebenso umfassend ist, wie jener, den wir in voriger Sesfion eingebracht haben. ES ist also nicht schön» fortwährend die Lüge zu verbretten, wir hätten unS erst seit dem Sozialistengesetz auf parlamentarischen Boden gestellt. ES «ab eine ganz kleine Ettömung in unserer Partei und ich ge« hörte zu ihr, die in sehr abfälliger Weise vom ParlamentartS« muS sprach. Das war im Jahre 1869. Ich hatte Grund zur Annahme, daß der Reichstag mit einem zu geringen Maß von Rechten ausgestattet werden würde, und ich hielt eS deshalb damals für daS beste, den Schwerpunkt der Thätigkett der Partei nach außerhalb deS Reichstages zu verlegen. Seitdem find ganz andere Verhältnisse eingetreien. Das allgemeine Wahlrecht ist im Volle so lebendig geworden, daß das Deutsche Reich weder durch «inen Stoß von außen noch durch einen Scklag von innen Aber den Haufen geworfen werden kann. Da« allgemeine Wahlrecht wird ein Mittel. daS bekämpfte System umzuge- t alten und ebens ist die Betheiligung an den Debatten im teichStage in agitatorischer Hinstcht zur Verbreitung der Grund« sätze unserer Partei von außerordentlichem Werth« für uns. DaS Prinzip ist der Polarstem, den wir fest im Auge behatten: aber wahnsinnig wäre der Schiffer, der lieber nicht segelt, wenn ihm der Wind nicht voll in die Segel fällt. Die Mittel wechseln mit den Verhällniffm. Wird das allgemeine Wahl« «cht beschnitten, so wäre der ein Thor, der noch Hoffnungen aus daS Parlament setzte.— Die zweite irtthümliche Be. hauptung sagt, seit wir zahlreicher geworden, opetttten wir anders, überschwemmten wir den Reichstag mit Anträgen. Wir find jetzt eine Fraktion geworden und können manches thun, was u«S früher unmöglich war. ES werden auch nicht wehr Reden alS früher von uns im Reichstage gehalten: wir wollen den politischen Nerv deS Volkes nickt abstumpfen und unsere Parlei nicht„verlaskern" lassen. Wir find alle einig, daß der parlamentarischen Thätigkeit ganz bestimmte Grenzen gezogen werden müssen. Wir können nicht operirm wie Parnell und die Jrländer im englischen Unterhause, den unS Herr Hyndman als Muster empfiehlt. Die Jrländer stehen auf dem Boden der heutigen Staats- und Gesellschafts- ordnung; fie haben nicht alle Parteien als Gegner, wie wir. fie äbneln in ihrem Verhalten dem Zentrum. Wir aber haben ein festes Programm, von dem wir lein Titelchen opfern. Wenn wir mit anderen Parteien„kompromisscln" wollten, so wäre das ein Verrath an der eigenen Partei. Wenn wir etwas nehmen, so geschieht eS, weil S fich in derselben Richtung be- wegt, wie unsere Forderungen, von denen wir dabei nicht ein: einzige aufgeben. Jeder Kongreß hat ein Paktiren mit anderen Parteien bei den Wahlen verurtheilt!— bei den Stichwahlen ist eS anders, da wähtt man das kleinere Uedcl. Jeder Tag unserer parlamentarischen Thätigkeit belehrt uns, daß uns gegenüber alle Parteien eine reaktionäre Maffe find.— Bei der Frage der Dampfersubventton find Differenzen in der Frattion entstanden, die mehr oder weniger per- sönlicher Nalur, leider zu einer Polemik in der Prcffe führten. Damals streuten unsere Gegner das Gerücht von einer großen Spaltung in unseren Rethen auS. Wir sollten unS theilen in solche, die Parlamentarismus treiben und solche, die nichts von ihm wtffen wollten. Jene Behauptung ist ganz hinfällig. Bei der Nordostseekanalfrage. wo doch dieselben prinzipiellen Fragen in Betracht kommen, waren wir vollkommen einig. Jener Streit veranlaßt« ur-s aber, uns gründlich über den Kern der Frage zu verständigen: inwieweit ist eine parlamentattsche Thäiigkeit empfehlenswerth oder ist das ganze Wählen zu verwerfen, wie die Anarchisten meinen, die da sagen, daß Staat, Heer und Polizei fich nicht durch Beschlüsse wegblasen ließen und daß deshalb die Be« theiligung an der Wahl das Volk mit falschen Hoffnungen ab- speise. Unter uns war aber auch nicht ein einziger, der die Äethciligung an den Reichstagiwahlen als vom Uebel gehalten hätte. Soll nun aber, fragten wir weiter, eS beim Appell an daS Volk bleiben, sollen wir in den Reichstag nicht eintreten, wenn wir Mandate erhalten haben? Einmüthig sagten wir, eS sei selbstverständlich einzutreten, wenn wir uns belheiligt haben. Jacoby legte im Jahre 1874 sein Mandat, als er im Wahlkreise Leipzig-Land gewählt war, nieder. Das Volk aber will praktische Thätigkeit, reine Agitation versteht eS nicht und seine Antwort war, daß wir auf 10 Jahre den Wahlkreis ver« toren haben. Wie weit soll nun unsere Thätigkeit im Reichstage gehen? Hier gingen die Anfichten auseinander. Die Theilung war aber nicht so, daß auf der einen Seit« die standen, die gewöhnlich als rother gellen, als die anderen. Nein, zu dernn, die geneigt waren, die parlamentattsche Thätigkeit auf das geringste Maß zu beschränken, gehötten solche, dre im Gerüche der Mäßigung stehen. Schließlich wurde eine Art Mittelweg gewähtt. Man beschloß, fich nicht an allen, aber an den wich- tigstcn Kommisfionen zu bethttligen, an der WahlprüfungS-, Petitions- und Arbeiterschutzg, setz- Kommission. ES scheint mir aber, daß unsere Arbeit in diesen Kommisfionen im Verhältniß zu den praktischen Resultaten zu hoch gewesen ist, und diese Erfahrung vor Augen, glaube ich, daß, wenn wir abermals über die Frage der Theilnahme an den Kommisfionen beschließen, die Zahl derer größer sein wird als jetzt, die für eine Ein- schränkung dieser Thätigkeit find und den alten Grundsatz wieder befolgen wollen, uns nur durck 2 oder 3 Mann ver- treten zu lassen und nur bei den wichtigsten Gelegenheiten geschloffen auf dem Platze zu sein.— Das allgemeine Stimmrecht ist revolutionär und konservativ zugleich. ES glcbt dem Volke die Möglichkeit, durch den Stimmzettel seine Schicksale zu ordnen und wenn das Volk dai roch nicht besser thul. ist eS seine Schuld. In einem Staat, wo ein ehrliches Wahl- recht besteht, ist jeder Grund zum gewaltsamen Umsturz weg- gefallen. An die Stelle der Kugel ist der Stimmzetlel getreten. Die Wahl zeigt, wie stark eine Parttt ist. Schließt ein Staat aber die Arbttter vom Wählen auS, dann werden die Leidenschaften erregt und die Partei über- schätzt die Zahl ihrer Anhänger. Dann sagt fie: greifen wir zur Gewalt; das arbeitende Bolk, daS find die Millionen, die Herrschenden sind die wenigen Tausende. Das ist ein Gedanke, der den Arbeitern in Oesteneich leicht kommen kann und in schlimmen Zeiten kommen muß, wie die furchtbaren Szenen in Belgien beweisen. Kolossal überschwängliche Hoffnungen bat ein Theil der deutschen Arbeiterpartei auf das allgemeine gleiche Wahlrecht s. Z. gesetzt. Man glaubte, es wäre ein Kinderspiel, in wenigen Jahren die Majorität der Wähler ge- wonncn zn haben. Statt dessen ergaben sich erstaunliche Mi- notttäten. Millionen des arbeitenden Volkes stimmten für die Gegner deS arbeitenden Volkes. Der„Unverstand der Massen", daS war der Feind! Wenn daS Voll sich seiner Lage bewußt wäre, dann müßten wir statt 600 000, 6 Millionen Stimmen haben. Da» zttgt, wo unsere Aufgabe liegt. Da» Pariser Proletattat erlag trotz aller Tapferkeit im Kommune-Aufstand, weil das Land die Städte niederwarf. Durch einen Gewalt- streich wird nicht» erzielt, daS Volk muß reif für die Idee werden. Wird daS Wahlrecht ehrlich gehandhabt, so sind wir, ohne einen Tropfen Blut zu versptttzen, die Sieger! Man hat unS die Schuld für die belgische Arbeiterrevolte beimessm wollen. Dort aber ist der Arbttter von allen politischen Rechten ausgeschlossen, ungebildet, brutalifirt. Der Sozialismus lehrt aber, daß der Arbeiter durch solche Gewaltakte sein Laos als Klasse nicht bessern, als Person nur verschlechtern kann. Daß Deutschland durch die schwere Zeit der jetzigen Krise ohne nennenSwerthe Arbttterunruhen hindurchgeht, ist ein Verdienst unserer Parttt! Ruhig und in aller Stille hat fich hier in Deutschland eine gewattige witthschaftliche Revolution vollzogen, ist an die Stelle der kleinbürgerlichen die gewaltige großbürgerliche Produttion getreten. Daneben gehen große politische Veränderungen, die in die Gründung de» Deutschen Reiches auslaufen. Welcher Szenenwechsel hat in Italien, Spanien, Frankreich statt« gesunden! Wa» geht in Rußland, dem Hott der Reaktion, vor fich I So groß, wie die Veränderungen find, die inner- halb der letzten 20 Jahre in Europa geschehen find, so groß werden die sttn, die in dm nächsten 20 Jahren sich ereignen I— Nach diesen Ausführungen besprach der Redner ttngehend die Stellung der sozialdemokratischen Partei zu den verschiedenen in der Session an den Reichstag heran- getretenen Fragen der inneren und äußeren Politik. Die Kolonialpolitik, der Glaube, daß die soziale Frage in Kamerun und nicht in Deutschland gelöst werde, wurde von Liebknecht scharf kritifirt. Er bezeichnete als Heilmtttel der Uedeipro- duktion, die Produktion dem verderblichen Mechanismus der Sondettntereffen zu entrttßen und fie als genossenschaftlich organifitte Arbeit zur Sache der Gesammtheit zu machen.— Sodann wendete fich der Redner gegen die thörichte Behaup» tung, den Monopolvorlagen der Regierung läge ein sozia- listischer Zug zu Grunde. Nicht Sozialismus sondern FiskaliS- mu! ist eS. der vollkommm auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft stehmd, Exploitation in der schlimmsten Form unter Ausschluß der Konkurrenz treibt. Hierbei nahm Redner Gelegen« httt, auf den Mißbrauch hinzuweisen, der mtt dem Worte „StaatSsozialismuS" getrieben werde. Di« sog. StaatSsozialisten wollten den Klaffenstaat in den Besitz schließlich aller In- dusttten setzen. Dabei denke man fich aber daS heutige Lohn- system alS fottbestchend. DaS sei wieder nur FiSIaliSmu» und was vom FiskuS zu erwarten fei, könne man an den Diäten- Prozessen sehen. Nun kam der Redner auf die Polendebatten und da» NationalttätSprinzip zu sprechen. Er betonte, daß es reine Raffen nicht gäbe, nur Mischrassen und daß, wenn alle Nicht- Germanm aus Deutschland vettrieben werden sollten, ein allgemeiner„Herausschmiß" stattfinden und nicht 10 pCt. der Bevölkerung zurückbleiben würde. DaS vollendetste Staatswesen der Welt, Amerika, kenne eine Nationalitätsfrage nicht, ebenso« wenig die frei Schwitz. Oesteneich werde an iyr sterben, weil nur die Freiheit fie lösen könne. Wenn man den preußischen Landtag dem Reichstag aegmüber national nenne, so vergesse man, daß er nur ttnm Theil der Nation vertrete und gewählt auf Grund des schlechtesten Wahlsystems, wie Fürst Bismarck es selbst genannt habe, nicht al» Ausdruck des VollS« willens gelten könne. Das sei allttn der Reichs« tag. Faul hätt er fich freilich beim Sozialistengesetz. Zum Schluß beschäftigte fich der Redner mit dem Arbeiter- schutzgesetz und mit der gehässtgen und verleumderischen Krittk. die dasselbe bei den gegnerischen Patteien gefunden habe, well der Entwurf praktisch sei und fich gegen ihn nicht daS rothe Gespenst in Bewegung setzen lasse. Da» Arbeiterschutzgesetz sei nicht die Lösung der sozialen Frage, aber es erleichtere diel Lösung, weil eS das Proletariat an Leib und Seele gesund er«- halte. Zu den theoretischen Differenzen über den Minimallohm und den Normalarbettstag bemerkte Liebknecht, daß jede obje!«j tive Kritik zur Klärung der Anschauungen btttrage, daß jedes theoretische Polemik ein Zttchen der Stärke der Partei sei.— Der größte Erfolg, der errungen, sei der, daß alle Parteien ge-' zwungen worden wären, die soziale Frage an die Spitze der Programme zu stellen.— Der Redner schieß folgendermaßen: Begreift daS Volk seine Interessen, dann find wir die Mojo- rität, dann wollen wir den sehen, der uns entgegenttitt.l Lassalle sagte einmal: Das allgemeine Stimmrecht isti keine Wünschelruthe. vermittelst deren wir mit ttncm Schlage die Pforten der Zukunft sprengen. Aber eS ist ein? Werkzeug, es ist ein Hammer, den jetzt freilich daS Volk selber noch gebraucht, um fich Ketten zu schmieden. Wenn daS Volk aber zum V:rständniß kommt, dann wird es mit demselben Hammer auch die Ketten zerschlagen können!"— In den stür-l mischen Beifall, der fich hierauf erhob, schallten die Worte des! Polizeibeamten hinein, welcher die Versammlung für aufgelöst- erklätte. Brausende Hochrufe auf Liebknecht und die Sozial« demokralie wurden ausgebracht. Dann stimmten die Versa««! melten die Ardeitermarseillaise an, und langsam aber in rollftitf Ordnung leerte fich der Saal. * Der Fachveretu siimmtlicher an Holzbearbeitungs--- Maschine» beschäftigter Arbeiter veranstaltet am Sonnabends den 3. Apttl, sein erstes Stiftungsfest, wozu Freunde und! Gönner des VerttnS eingeladen find. Zur Abrechnung und! zur Zahlung der Beiträge(vor der am 18. April statt findenden- Generalversammlung) habm die Mitglieder am Montag, den 5. April, Abends 8'/»— B'/i Uhr, im Ardeits-Nachwtts, Ma-i riannen-Ufer bei Jahn Gelegenheit. * Gauverei« der Maler Berlin». Außerordentliche Generalversammlung am Mittwoch, den 7. April, Abends 8 Uhr, in Gratwcil's Bierhallen, Kommandanlenstr. 77—794 Tagesordnung siehe Inserat am Sonntag. * Fachberein der Tischler. Sonnabend, den 3. April» Abends 3'/, Uhr, in Jordan's Salon, Neue Grünstr. 28, Ver»- sammlunq. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Hans Land über:„Die Werthschätzung des Lebens in unserer Zeit." Dis« lussion, Fragelasten. Ausgabe der statistischen Fragebogen: Gäste find willkommen. Neue Mitglieder werden aufge« nommen. Den Mitgliedern, sowie allen Tischlern Berlins zur Nachricht, daß freiwillige Betträge zur Unter stützung der streikenden Tischler in Bayreuth und Lübeck in der Versamm« lung. sowie am Sonnabend Abend auf den Zahlstellen gegen Quittung in Empfang genommen werden. Letzte Uachrichte«. Der König von Serbien hat das Entlassungsgesuch deS Ministeriums Garaschanin angenommen. Die Minister ver« bleiben indessen dis zur erfolgten Neubildung deS Kabinets in» Die Wiener„Neue Freie Presse" erhält auS Odessa die Mittheilung, daß Rußland Vorbereitungen zu einer demnächstigen Okkuvation Bulgariens treffe. Auf dem dortigen Generalkommando sollen schon die verst-gelten OrdreS zur eventuellen Ueberfchiffung der Truppe» nach Varna bereit fein. Diese Nachricht ist mit Reserve auf« zunehmen. Die Wiener unterrichteten Kreise glauben, wie die „Post" mttnt, nicht, daß Rußland gegenwärtig eine militärische! Intervention in Bulgarien im Sinn: habe. Der Redatteur des„Cri du pcup'e", welcher cm 30. früh i» Charleroi eingetroffen war. ist verhaftet und an die Grenze gebracht worden.— AuS Dinant wird gemeldet, daß in den dortigen Merinofabriken ein Streik ausgebrochen, ca. 300 Ardeiter feiern, im Uebttgen herrscht Ruhe; die Bürgcrgarde i für den Nothfall bereit. Die französtschen Präfekten und kommandirenden Generäle an der belgischen Grenze erwiderten auf Anfragen der Minister deS Innern und des Krieges, daß sie die verfügbaren Truppen für alle Möglichkeiten ausreichend halten. In Dccazeville haben nun auch die Grubenarbeiter, welche die Hochöfen bis« her mit Kohle versorgten, die A'.beit eingestellt, was daS Aus« blasen der Hochöfen nach fick zieht. Die Zahl der Unbeschäf« tigten steigt dadurch um 2500. Kttegsminister Boulanger'S Untersuchung hat ergeben, daß aus Belfott lein Telegramm abgegangen ist, welches die Theilnahme der Soldaten am nächsten sozialistischen Aufstande zusagte. Kleine Mittheiwngen. Dortmund, 29. März. Ein Raubmord ist hier in ver« gangener Nacht verübt worden. Auf einem fttsch gepflügten Felde wurde in der Näh« des Knappenbergcr Weges die Lttche eines ArbetterS gefunden; neben demselben lag das leere Porte« monnaie geöffnet; der Leiche war auch der Rock ausgezogen, der aber in einem Garten in der Umgebung der Stadt wieder«.' gefunden worden ist. Der Tod des äußerst kräftigen jungen Mannes ist durch Erdrosseln berbeigeführt, und zwar ist daS Verbrechen mtt der dloßrn Hand, ohne Anwendung irgend welcher sonstiger Hilfsmittel ausgeführt. Der Ermordtte ist der 19V, jährige Fabrikarbeiter Dietttch Ruhr» von hier. Von dem Thäter fehlt jede Spur. Metz, 29. März. Ein Raubmord wurde am 27. März. Nachmittag?, in dem 16 Kilometer von Metz entfernten Dorfe Pierrevillers verübt. Die Frau dei Wirthe» Baudisffn war zu dieser Zeit allein mit ihrem dreijährigen Kinde in der Wittbschaft An point du jonr, als ein bis zur Stunde noch flüchtiges Individuum eintrat und, nachdem es fich vor der Abwesenheit des Mannes und der Knechte überzeugt hatte, der Frau(wie die Blätter melden) nach heftigem Kampfe die Kehle durchschnitt. Das Messer, mtt welchem die unselige That ver» übt wurde, war vorher in einer benachbarten Ottschaft ge« stöhlen worden. Auch das dreijährige Kind der Gemordeten erhielt mehrere Schnittwunden in den Hals, die jedoch nicht gefährlich find. Der Mörder verschloß nach geschehener That die Thülen und entfernte fich unter Mitnahme der 30 M. ent« haltenden Kaffe durch daS Fenster. Kriefkaste« der Redaktion. * H. Sperber. Schreiben Sie nicht zu klein, wenn w Ihre Einsendungen künftig berllckstchtigm sollen. Trinkhalle 25. 1. Die Herrschast ist berechtigt, die Kur« und Berpflegungikosten für erkranttes Geflnde. zu welchem letzteren auch Ammen gehören, von dem verdienten Lohn in Abzug zu dringen, außer wenn fich das Gesinde die Krankheit durch den Dienst oder bei Gelegenheit des Dienstes zugezogen hat. 2. Der Fall, daß eine in Diensten stehende Amme noch« wendig ihrem eigenen Kinde die Brust rttchen muß, ist zwat im Gesetze nicht ausdrücklich vorgesehen, wenn jedoch ein« dringende Nothwendigkttt hierfür vorliegt, so muß die Amm« für berechtigt gehalten werden, den Dienst ohne Kündigung unter Angade des Grundes zu verlassen. BeranMottitcher ftifeoltaa R, is ämut und«erlag von Met»adwg i» Berlin 3W, Veuthstraß« 2.