SS Nr. 79 Sonnabend, den 3 April 1886# III. Jahrg. crlinrcMstilgll Brgsn für dir Inlrrrssen der Ardeiter. 4 DNliimrMlislhtt Kustii«!>. Die erregte« Szenen im R ichiiage bei der zweite« Berathung des Sozialistengesetze» ließen mit Sicherheit erwane«, daß gewisse„wohlgesinnte" Blätter die Telegen- beit beruhen wüidev, um der Lmke« etwa« am Zeuge zu fbdk« und die Schuld an dem ganzen Lärm auf vere» Schultern zu wälzen. Da« ist den« auch nicht ausgeblieben und die„Magdeburgische Zeitung' beginnt damit, ein Jammergeschrei über die„Verwilderung der parlamentarischen Sitten" zu erhebe«, da» in de« konservative« B.äuera eine» beieitwilligen Wider- hall findet. E« wird außerhalb der»ationallibeiale« Partei wenige Leute gebe«, die e» ernsthaft»rhmen, wenn die„Magde- durgische Zeitung" in dem Brustto«„sittlicher Entrüstung" redet. Das steht diesem Blatte, da« noch nie Grundsätze pehabt, sondern sich immer»ach der jew.iligen herrschenden Wmdricktung von eben her gedreht hat, so schlecht an, daß t# nur komi,ch wirken kann. Aber die Linke trägt auch reineSwegS die Schuld an jenen turbulenten Szenen. Die Schuld trägt einzig und allem Herr Stöcker,, der den Versuch machte, den wüste« Ton und da« anstößige Gebahren der Antisemnen-Versammlunaen in de» Reichstag zu verpflanzen. Was er damit bezweckte, ist klar. Er wollie da« leck gewordene Schiff seine« Rufe« wieder auSbcffern und dazu sollten ihm die Verhandlunge» über da» Sozialistengesetz diene». Der Versuch mißalückte so kläglich, al« e« überhaupt möglich war. Herr Stöcker steht heute in der öffentliche» Meinung nicht günstiger, al« vor diese« Verhandlunge«; eher noch weit ungünstiger. Uno wie unternahm er den Versuch seiner politischen R«> babrlrtatio»? Er war es, der zuerst die private» und per- sönlichen Ve>hält»iffe vo« einzelnen Abgeordnete» in der gehäsfigste« Werse in die Debatte hineintrug und der mit seinen Verdächtigungen selbst dann nicht aufhörte, al« die- selben sachlich zurückgewiesen worden waren. Er hielt sich für berufe«, allen Parteien, denen er gegenübersteht, die heftigste» Vorwürfe zu machen u«d schließlich in ei» Klage- lied über den sittlichen Verfall unserer Epoche aus« zubrechen. Wen« man bedenkt, daß e« gerade Herr Stöcker war, der da« Alle« that, so kann man sich doch sicherlich nicht wundern, daß sich«uf der Linken wied« holt die Zeichen der lebhasttste« Entrüstung kund« gabt« und daß da« Untnfange» de« Herrn Hofpredign« in nicht gerade sanften Ausdrücken zurückgewiesen wurde. Zm Uebrigen wird u«S versichert, daß auch bei de« «ationall berale« Abgeordneten sich unverkennbare Zeichen der Entrüstung über da« Austreten de« Herr» Stücker kund- gegeben haben. Die Vemnglimpfunge», welche die„Mag- Meuilleton» Der Trödler. Roma» vo« A. E. Brachvogel. (Fortsetzung) Niemand sah aber da«««änderte Benehme« Zosua'« ,.,......________,_ aae der Dinge durchschaute und in seiner beliebte« Weise auf der Lauer lag, um im rechten Augenblick das Te- wicht seine« rücksichtslosen Entschlusses in die Wagschale zu ««fe«. Die Gelegenheit hierzu sollte sich bald genug finden. Anfang« Mai, mithin ei« Vierteljahr vor de« Te- richtsferien, welche, wie Josua meinte, den Sohn in'« Vaterhau« zurückführe» und forta» an dasselbe fessel« sollten, da da« Affessorexame«, welchem Edmund nahte, i» der Residenz B..... abgemacht werde» mußte, fühlte Vorboten einer schleichenden Krankheit, und es schien, al« solle die feine, vurchdringende FrühlingSluft seine Säfte ga», verzehren, und der Kuß, welcher die ganze Natur zu rascherem Pul»schlag rief, seinm letzte« Augenblick herbei- führe». Nachdem er Tage und Nächte lang mit sich zu Rothe gegaugen, gar oft da« vergessene, unausgefertigte Testament durchlest» und stet« mißmuthig bei Seite gelegt hatte, schickte er eine« Tage« Beate« zu Schätzlein« mit der Bitte hinunter:„Mamsell Mathilde wöge doch auf eine halbe Stunde zu dem kranken Herr» komme», er habe mit ihr Ranch«!« zu reden.' Justus sah Beaten v«dutzt an. Mathilde«röthete, und Christine stand zög««d da, sie wußte»ich», wie ste sich ia Gegenwart ihre« Manne« be- »ehme» sollte. deburgische Zeimng' der Linken applizire» möchte, falle« somlt auf die natronallrberale Partei zurück. Wer mit unserer parlamentarischen Geschichte einiger- maße» vertraut ist, der weiß, daß die Nationallrberalen auch»icht den mindesten Grund haben, andere Parteien über parlamentarische EiUen belehre» zu wolle». Als diese Partei«och Regierungspartei war und im Reichstage über eine große Mehrheit v«fügte, nutzte sie ihre Macht so bmtal aus, wie e« niemals eine andere Partei wieder ge- than hat. Damals war e« Sitte, die politische« Gegner niederzuschreien: um ein Beispiel anzuführen, eriunern wir a» die bekannte Szene mit dem elsässer Abgeordnete« T e u t s ch. ES waren die Natiovalliberale», aus deren Munde gegenüber einem Redner, der ihnen nicht gefiel, einmal im Reichstage der Ruf:„ H a u t i h« I" vernom- me» wmde. Die Geschäftsordnung ist gegenüber de« politische» Gegner»«och vo« kein« Partei so terroristisch gehandhabt worden, wie vo» den Nationalliberalen. Over hat man schon vergesse«, d«ß Herr Valentin ein Mit- glied der«atio»alltb«alen Partei war, jener famose Valentin, welcher stets eine Anzahl gedruckterSchluß- a n t r S g e vor sich liege» hatte, um mit Zustimmung seiner Partei dem politische» Gegner beliebig da« Wort ab- zuschneiden? Ma» kann sonach, ohne sich ein« Uebertreibung schuldig zu mache», sagen, daß sich die parlamentarische« Sitten entschieden gebessert habe«, seitdem die national- lib«ale Majorität verfchwunde» ist. Wen» trotzdem die nationalliberale» Größen in ihren Blätter« al« die„an- ständige» Elemente" bezeichnet werde», d«e« Gesicht«« man„die Entrüstung über oa» Treiben d« Linken' ange- sehe» habe» will, so macht uns dies« Kasu« lachen. Diese H«ren Nationalliberalen„entrüsten' sich auch gar zu leicht; sie machen J«„Entrüstung" auf Befehl oder ftei- willig, je nach Bedürfniß. Möge» sie sich„entrüsten", so viel ihnen immer beliebt! Sie wnde« dadurch den komischen Eindruck de« Schauspiel«, da« sie der Oeffentlich- keit darbiete«,»icht abzuschwächen vermögen, de« Schauspiel« ein« Partei, die sich einbildet, etwa« zu sein, wa« sie längst nicht mehr ist. E« ist ei» wahrer Genuß für de» Zuschau«, diese nationalliberale« Staatsmännche» zu beobachte«, wie sie im Bewußtsei» ihrer imaginäre« Größe umherstolzire« und e» für sehr staatSmänoisch erachte«, der Reginuvg gegenüber bei jed« Gelegenheit die tiefsten Bücklinge zu mache», selbst dann, wen« sich die Regierung vo» diesem ufvrinaliche» ServiliSmu« angewidert fühlt! Eehnsüchlig licken die strebsamen Staatsmännchen nach den Sitze« de« strebsame» Staatsmännchen nai fitzen. lange man nicht de» Math hat, gänzlich konservativ zu Bu»de«rath«, die zu erklimme« ihnen«icht vngönnt ist. Und e« wäre doch so schön, da oben zu fitzen. Ab« so „Hm, hm!" räusperte Justus genug!— Na, Kranke find»underlich, man muß mit auf.„Da» ist eigen muß mit Eine Smpfehlurg, meine Tocht« ihnen ei« Einsehen haben. wird kommen!" Beate nickte und ging. Die gute Alte war selbst über diesen Auftrag erstaunt, hatte sie sich doch Henning»' Freund- lichkeit zu d« jungen Schätzlein in letzt« Zeit ohnehin nicht recht«klären könne«. „Mathilde," sagte Justus«nst, al» die Wirthschasteri» v«sch»unden war.„Du mngst gehe» und sehe«, wa« d« Alte will. Seit Edmund fort ist, hast Du Ma»ch«lei für Dich behalte«, wa« ich hätte«fahren müsse»,— ich kenne Euch Weib« aber, Ihr liebt die Geheimnißkrämnei.— Glaube mir, ich weiß Alle«, mehr vielleicht, al« Ihr selber, und kann mir denke», wa« Henning« vorhat. Bish« habe ich mich«icht weit« in Deine Angelegenheiten gedrängt, als meine Pflicht als Bat« mich»öthigte, vo» jetzt an verlange ich ab« vo« Dir Offenheit, verlange, daß Du mir sagst, wa» Der da oben will,— oder—* sei» graue« Auge blitzte unheimlich fast,„ich müßte der Liebe fluchen, die ich imm« für Dich gehabt Habel Hörst Du?!' „Lieb«, gut« Justu«, ich bitte Dich „Sei ganz ruhig, Mutt«!" rief S« Dich alber« genug bish« benommen, glai -!' Stzlein,„Du hast test Deinem Kmde lg bish«._ zum Glück zu Handel», und e« ist nicht» wie Jamm«, bleiche Wangen und schlaflose Nächte dabei h«au«gekomme«!— Willst Du offen sei», Mädel, ja oder nein?!' Er hatte Mathilden bei d« Hand gepackt, die Linke auf ihre Schult« gelegt und sah ihr starr, düst« in'S erschrockene Antlitz. Langsam ran» eine verstohlene Thräne üb« seine Wange. „Ja, lieb« Vater, ich will e«. Ach, ich könnt'««icht üb«'« Herz bringen, Dir alle» zu sage«!" „Gut, Du hast noch nie gelogen!— Geh' zu Henning« hinauf,«über ohne meine Eilaubniß versprichst Du ihm nicht»;»erstehst Du, nicht«! Dein Bat«»«bietet eS Dir, Dein Vater, d« Dein Glück will." Er drückt« ihr die Hand, preßte eine« heißen Kuß auf ihre Stirn, dann setzte er sich wie kraftlos in den alte» Ledttstuhl am Ladentisch. w«de», wird man sich'« wohl verkneife» müsse», sich würde- voll dort oben hin zu drapire«, und die Regierung hat mtt allzu„schmiegsamen" Leuten auch nicht g«ne zu thu«. Keine Partei hat den Parlamentarismus mehr diskredittrt, al« die«atiovalllbctale, durch ihre» Wankelmuth, ihre Schwäche und ihre« Egoismus. Wenn ihre Anhäng« sich dennoch herausnehme»,„parla- mentarische» Anstand" zu predigen, so können sie«icht ver- langen, daß ma» die», fall« man»icht einfach darüber lachen will, al« etwa« andere« betrachtet, denn al» die widerwärtigste politische Heuchelei. P-lMsche Ueberstcht. De« Nattonalliberale« war e» bei B e r a t h u n g de« Sozialistengesetze» vorbehalten, den Versuch zu machen, durch direkte Fälschungen gegen die Sozialdemokratie aufzuhetzen. Da ist ein Abgeordneter mit Namen Fritz Kalle, der al» ein volkSwirthschastlichei Licht der Partei gilt. Derselbe wollte gestern eine große Vernlchtungsrede gegen die Sozialdemokratie halten, doch hatte er seine Rechnung ohne den„Schuft«" ge« macht, dai heißt ohne eine Broschüre, d!e ein Pastor Schuster gegen die Sozialdemokratie vor längerer Zeit geschrieben hat. AuS dem kommunistischen Manifest wollte nämlich He« Kalle beweisen, daß die Sozialdemokraten Weibergemeinschaft forderten; er nahm den„Schuft«" zur Hand und laS einige Sätze, al» im kommunistischen Manifest stehend, au« dem- selben vor. Sofort«scholl vielstimmig der Ruf bei den Sozialdemokraten: Erlogen! Steht nicht im Manifest l Gerade daS Gegentheil! Im kommunistischen Manifest steht nämlich, daß bei den heutigen gesellschaftlichen Zuständen die Weibergemeinschaft thatsächltch bestehe, daß die Liebe käuflich sei und daß derartige Zustände abgeschafft werden müßten. Der nationallib«ale Redner wurde durch die energischen Zwischenrufe d«art perplex, daß er seine„VernichtungSrede" mit Ach und Krach, begleitet von lautem Gelacht« kaum zu Ende führen konnte. Al«« die Tribüne verlassen hatte, wurde ihm daS kommunistische Manifest, welche« auS d« Bibliothek rasch herbeigeschafft worden war, unt« die Rase gehalten.- Wie ein--- Pudel drückte stch He« Kalle in seinen Sessel.— Die Herren Nationalliberalen ab« haben zu ihren früheren Heldenthaten eine neue, ihrer würdige hin» zugefügt. Die Berliner„VolkSzeitnng" gefällt sich neu«dings mehr und mehr im Eiertanzen zwischen deutschem Freist»« und Sozialdemokratie. So brachte fie erst gestern wieder einen Artikel, dessen stch kein Sozialist zu schämen brauchte, aber— Mathilde ging langsam hinau«. „Ab« Justu«,' sagte Christine beklommen, indem fie zu ihm trat,„wie kannst Du so heftig und auß« Dir sei«, ich kann nicht begreife»—" „Ja, nicht begreife«! Daß Du nicht» begreife« kannst, das begreife ich I Wie'« kommen wird, sehe ich, und will dabei nicht ruhig sitze», will«icht mein Kind in'« Elend rennen sehn! Ihr habt diese dritthalb Jahre»ach Eurem Kopfe gehandelt, und dumm gehandelt, jetzt hört'« auf I'— Er machte eine hastige Bewegung mit der Hand, und Christine verstand ihn zu wohl, um»och ein Wort zu äuß««. I» solche« Augenblicke« war Schätzlei» nie bei« zukomme». Indessen hatte Mathilde ihre einfache Toilette rasch in Ordnung gebracht und erschien bei Beaten, welche fie in Herr» Henning«' Wohnzimmer führte. Nur als Kind war fie in diesen Räume« gewesen.— Alle« stand am alte« Platze und schaute fie mit d« Gravität verganaener Tage an. „Gehen Sie nur imm« vorwärts, dort ist de» Herr« Schlasstubenthür, Tildchen,« liegt drinnen auf dem Sopha." Mathilde näherte sich zitternd d« Thür und klopfte leise. Auf den Ruf Josua'» trat sie»«legen ein und blieb im Gefühl unwrllkürlich« Bangigkeit an der Thür stehe«. Dn alte Herr, in de« Schlafrock gewickelt, mtt einem Marderpelz zugedeckt, lag auf dem Sopha, vor sich«ine« Tisch mit Bücher«, Arzeneie« und Zeitungen. Al« sie eintrat, wendete« hastig de« Kopf und sah fie vo« oben bi« unten mit dem eigenthümliche« Lächeln der Be» fnedigung an. Er«hob sich rasch zu einer fitzende» Stellung. „Ach, da find Sie ja, Mathildchen I Das ist hübsch! — Ich Hab' Sie schon recht erwartet.— Aber wa« bleibe» Sie den» an der Thür stehe». Kind, ich bi« kein Nabob, sondtt» ei« armer, alt« Mann, der Trost vo» Ihnen will. Da setze« Sie sich her, hier auf den Sessel «eben mich, daß ich Ihnen in die lieben Auge« sehen kann!"— fflflf fie sogleich wieder mit ängstlichem Seitenblick auf ihr« drodgebenden Aktionäre hinzu—„e8 versteht sich von selbst, daß wir mit diesen kritischen Bemerkungen zu den Aui« führungen de! Reichskanzlers über daß sozialdemokratische Pro gramm nicht im entferntesten für daß letztere an sich eintreten wollen." ES freut unl, daß die„Votkszeitung" selber ein- gesteht, daß sie mit der Arbeitersache„nicht im entferntesten" etwaS zu thun hat. Bei den nächsten Wahlen wird fie wieder daS Banner des Herrn Eugen Richter schwingen, da ihre bürgerlich demokratische Partei doch schon von Anfang an in den letzten Zügen lag,— und wenn fie jetzt vor den Arbeitem und den Albeilerführem ein so ge- schmeidigeS Rückgrat zeigt, so dürste daS auS viel klingenderen und darum zwingenderen Gründen zu erklären sein, alS auS Sympathie für die Gediückten d«S Volke« Wir begrüß-n jede arbeiterfreundliche Bestrebung mit Freuden, mag fie kommen, von welcher Seite ste will. Aber ein Blatt, dai heute die Arbeiter lockt und umschmeichelt, um fie morgen an den manchesterlichen Heerbann de« Herrn Eugen Richter zu ver« ratben,— ein solche« Blatt wird allenvenk enden Ar» beitern immer in tiefster Seele zuwider sein. Unnatürliche Parteibündntsse. Wir lesen in ver« schiedenen nationalliberalcn Z-ttungen eine gleichlautende Notiz, in welcher von dem unnatürlichen Pasteibündniß der Deutsch- Freistnnigen und Klerikalen die Rede ist. Wenn man von einigen Einzelstagen absteht, so hat man ja recht, wenigstens soweit ein derartiges Parteibündniss in der That besteht. Aber ist eS denn(ein unnatürliche« Parteibündniß, welche« in viel höherem Maße zwischen Konservativen und Liberalen vorhanden ist? Sind denn Konservative und Liberale nicht die schärfsten Gegensätze? Schon in den bei» den Ausdrücken ist dies festgestellt: kontervattv und liberal be» zeichnen zwei ganz verschiedene Weltanschauungen.— Doch dieS findet auf die N a t i o n a l» L i b e r a l e n keine Anwendung mehr, die National-Ltderalen find eben nicht mehr liberal. — fie find konservativ geworden. Zwischen ihnen und den Konservativen herrscht also ein ganz natürliche« Parteibündnlß. Dr. Ma qumdsen und Hofprediger S'.öcker haben fich längst schon den Bruderkuß gegeben. Eine parlamentarische Abnormität erblickt die„BreSl. Mgztg." mit Recht in der Behandlung der kirchenpolttischen Frage.„Es würde nicht allzusehr befremdet haben— schreibt daS„BreSl. Blatt— wenn die preußische Regierung stch mit der Kurie über Bestimmungen verständigt hätte, um dieselben nachher, zu einem Gesetzentwurf veiarbeitet, dem Landtage vorzulegen! aber daß Papst Leo und Fürst Bismarck über «inen Gesetzentwurf, welcher dem Herrenhause bereit« zur Beschlußsastung v o r l i e g t, mit einander verhandeln, al» ob nicht ein preußische« Gesetz, sondem ein internationaler Ver- trag in Frage stünde, gehört zu den vielen Unbegreiflichkeiten, an welchem die Geschichte des preußischen Parlamentarismus so reich ist, wie die keines anderen Lantes. Mag die neue kirchenpolittsche Vorlage angenommen oder verworfen werden, jedenfalls ist ste über dle Köpfe nicht de» Zenttum«, sondern de« Landtages zu Stande gekommen, und daS ist der Humor davon. Ueber da« Verhalte« de« Fürsten vi«marS in der Kutturkampffrage giebt die„Times" eine recht merkwärdige Er» klärung.„Wenn erst zwischen der preußischen Regierung und der Zentrumspartei der Friede geschlofsen ist,— meint da« Welldlatt— wird fich Fürst Bismarck in einer defferen Lage befinden, seine ökonomischen Pläne zu fördern, welche die Ar- betterllafien in ihren Gefühlen der Exekutive näher bringen sollen. Die« ist gegenwärtig zugestandenermaßen das Ziel und der Zweck seine« Lebens. CS ist sein Ehrgeiz, Deutschland so zufrieden und gedeihlich im Innern zu sehen, wie ei nach Außen stark ist. Er will für diesen Zweck alle konservativen Kräfte auf seiner Seite haben, und da die römische Kirche eine solche Kraft ist, hat er als wahrer Staatsmann beschlossen, ste für fich zu gewinnen."— Wir wissen nicht, was Fürst Bis- marck im Innersten seine« Herzen« wohl erstreben mag. Aber wir fürchten, von dm drei Zielen, die er im Reichstag so sehr betonte: Geld, Soldaten und ein zufriedenes Volk, dürfte ihm das dritte am wmigsten am Herzen liegen. Und seine neue Bundesgenossenschaft bestärkt un« nur in unserer Be- fürchtung. Die Garantie für die eghpttsche Anleihe wurde be» kanntlich seiner Zeit im Reichstage hauptsächlich damit begrün« det, daß die Garantiemächte thatsächlich nie in die Lage kommen würden, elwa« zahlen zu müssen. Der ungarische Ministerprästdent scheint hierüber anderer Meinung. Er erklärte im ungarischen Reichstage ausdrücklich, man könne nicht ein- für allemal sogen, daß diese Garantie niemals thatsächlich in Anspruch gmommen werde. Er schlug daher in Ueberetn- stimmung mit dem Grafen Apponyi vor, daß der Reichstag zwar die Konvention annehme, fich aber für den Fall einer rhaisächltchm Inanspruchnahme der Garantie und für den Fall, daß dt« dahin eine Konvmtion über die Repartttion der Ga- rainielast zwischen den einzelnm Mächten nicht zu Stande ge» kommen wäre, fich vorbehalte, über daS Verhältniß der Parti» ztpatton und über die Modalitätm derselben mit den übrigen »Herr Henning«, ich—" „Ach wa«, Herr Hennings, Papa HmningS heißt'S. Machen Sie keine Umstände, fetzen Sie sich I" Math.lde leistete mit hohem Erröthm Folge. Zosua ergriff ihre Hand und hielt sie fest, eine weh« müthige Seligkeit schien über ihn zu kommen. „Hören Sie mir ruhig zu, Mathilde, antworten Sie mir auf meine Fragen als ein ehrliche«, treue« Mädchen, und wenn ich sterbe, Kind, soll meine erste Bitte bei Dem droben für Sie sein." Mathilde fühlte ei» leise« Frösteln über ihren Körper gleiten. .Sie sind in meinem Hause groß aewoide», Schatz, mit meinem Edmund groß geworden, und Ihr habt Euch wie Bruder und Schwester betrachtet. Au« Kindern werden Leute, und Ihr Beide seid in die Jahre gekomme«, wo ein junger Mann und ei» junge« Mädchen nicht ungestraft mit emaadrr umgehe« können, zumal so'n hübsche« Mädchen, wie Du, Herzchen!" „Herr Henning«, verzeihen Sie, ich—" „Süll, ganz still. Wenn zwei jungen Leute» dann da» Unglück passiri, daß fie sich in einander verliebe«, so könne« sie doch nicht« dafür, mein Liebchen.— Sag''mal, habt hr Euch in einander verliebt 1 Bist Du Edmund gut? Ehrlich!" Mathilde war wie v»n Purpur übergösse«, ihr Herz schlug so gewaltig, daß sie ängstlich mit der Hand daffelbe preßte. Ihre Lippe« zuckte» und stammelte»:„Ja!"— .Siehst Du wohl?— Hat Dir Edmund Ver» sprechungen getha«, und wann? Ganz aufrichtig, ich bin ja nicht böse!" „Er hat sich mir schon al« Student versprochen, und da er»ach S... ging, den Abend vorher, hat er mir'« geschworen I" Eine lange Pause der Spannung für Mathilde» folgte, während dem eine gewaltige Bewegung Zosua überkam. Er drückte hastig Mathilden« Hand. „Dein Vater ist dagegen?' »Ja!' »Ich weiß, er ist auf Edmund schlecht zu sprechen. I kompetenten Faftoren zu entscheiden. Ungarn verpflichtet fich also zwar, die Grinntielast zu übernebmen, der Reichstag aber behält fich da« Recht vor, über da« Autmaß derselben im Falle einer Rwartirung der Zinsenlast auf die efitzelnrn Staaten »inen neuen Beschluß zu fassen. Dadurch gewinnt dle Garantie einen sehr theorett'chen Charakter, weil der eventuelle Inhalt derselben von einem nmen Votum de« Reichstages abhängt. — DaS scheint un« viel rtchtiger, al« die Haltung unsere« Reichitage«, der zu Gunsten der egyptischen Bondholder« sofort die Steuerkraft de« Volle« verpfändet hat. Die Entscheidung de» Oberverwaltnngsgerichtet be« züglich der Kornzollpetilion der Stettiner Stadtverordneten ist so interessant, daß wir au« der Begründung noch folgende« nach der„N Stett. Ztg." mtttheiien:„Die Stadtverordneten» Versammlung ist zuständig gewesen, eine Petition de« vor- liegenden Inhalt» zu beschließen. ES handelt stch um eine Petition an den deutschen Reichstag- Die Ausübung de« Petiticrninchti auf dem Gebiet der Reichsgesetzgebung und Verwaltung ist nicht besonder« geregelt; die RnchSverfaffung berückstchttgt da« PeistionSrrcht im Artikel 23, in so weit da- selbst getagt ist, daß der Reichstag das Recht hat, an ihn ge- richtete Petitionen dem BundeSrathe beziehungsweise Reich«- kanzler zu überweisen. Die Prüfung der Zuläsfiakeit der in vorliegender Sache stattgrhadten Beschränkung der PetitwnSfteiheit hat daher nach preußischem Staatsrecht zu er- folgen. Der Gesetzgeber deschränkt im§ 35 der Städte« ordnung vom 30. Mai 1853 die Lefugniß der Sladtver- ordneten-Versammlung zur Berathung wie zur Beschlußfassung und somit auch da« Petttioniren, welcke« ohne die Thättgleit nicht denkbar ist, der Regel nach auf Gemeinde anaelegen betten. Die Gemeinden find vermögensrechtliche Subjekte, ihre Organe die Verwalter ihres E'genthume«. Eine Petition der Gemeindeorgane in Sachen der staatlichen beziehungsweise ReichSgrsetzgebung erscheint nur dann al» Gemeinde- angelegenheit, wenn sie in der B eson derheit der Verhältnisse der örtlichen Gemeinschaft ihren Ausgangspunkt, in dem Schutz uud in der Förderung dieser Verhältnisse ihr Ziel hat. Diese Norm steht in vollem EinUange mit den auf die Stellung der Ge- meinden im Organismus deS Staate« bezüglichen legi«» latoüschen Vorgangen; ihr entspricht ferner im Wesentlichen die bisher bekannt gewordene Praxi« der Ausficdlsdehördrn. Nach derselben ist der Besugniß der städtischen Organe zum Petitioniren der weite Krei« der Gegenstände entzogen, die, wie namentlich auf dem Gebiete der Staatsverfassung, ihrer tbatsächlichen und rechtlichen Natur nach die Beziehung auf eine einzelne Gemeinde ausschließen. Ein figmfikantenS Lei- spiel dieser Art ist der vor Kurzem bekannt gewordene Versuch, die Petition einer Stadtverordncken-Ver- sammlung um Vermehrung der Zahl der für den Umkreis einer Stadt(Berlin) bestimmten Reichstag«- und Landtagsabgeordneten in da« Leben zu rüsen. Dem Kommissar zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesse« ist insoweit beizupflichten, als die vor- liegende Petition nicht al« eine Gemeinde-Angc- legenheit angesehen werden konnte, wenn fie lediglich nach ihren EingangSsätzen zu beurtheilen wäre und zwar mit Rückstcht auf deren ganz allgemeinen Inhalt. Der Kern- und Schwerpunkt besteht aber in der versuchten, durch jene Sätze eingeleiteten Darlegung der besonderen Bedeutung einer Kornzoll-Erhöhung für den Handel und Verkehr der Stadt Stettin als des Haupt Import- und ExpottpiatzeS der Ostsee für Getreide, eine Darlegung, an welche fich die Behaue iung knüpft, daß die ganze erwerbend« Bevölkerung Stettins und deren Steuerkraft in MUIeidenschast gezogen werden würde, wenn eine so bedeutende Einsuhr, wie die deS Getreide« und der dadurch bedingte Schiffsverkehr dem Stettiner Hafen verloren ginge. Für die hier zu treffende Entscheidung ist nicht danach zu fragen, ob diese Annahme ganz oder zum Theil haltlo« ist. Hier kommt es nur darauf am daß jene Angaben nicht als Deckmantel einer unzuläsfigen Einmischung in die praltische Lösung einer großm steuerpolitischen Frage dienen sollen. Hinfür fehlt jeder Anhalt und«scheint der Gegenstand der Petition nach den vorstehend entwickelten Grundsätzen allerdings als eine Gemeindeangelegenbeit, über welche die Klägerin zu beschließen nach§ 35 der Städteordnung vom 30. Mai 1856 zuständig war." Bei der Abstimmung über da« Sozialistengesetz (2. Lesung) haben vom Zenttum(ohne Hospitanten) 43 Mit» glieder mit nein, 35 mit ja gestimmt, 21 fehlten. StaatShtise für bankerotte deutsche«tttergutßbesttzer. Au« Posen wird der„Freis. Ztg." folgende« geschrieben: E« find dem Ministerium bereit« über 100 Güter au« der Pro- vinz Posen zu Kolonisationszwecken angeboten worden. Es ist dieS hauptsächlich von Deutschen geschchcn, die eine will- kommene Gelegenheit vor Augen sehen, ihren zerrütteten Ver- mögensoerhältniffen aufzuhelfen. In der Liste dn fallirtm Gutsbcfitzer auS der Provinz Posen begegnet man in den letzten Zeiten fast ausschließlich nur deutschen Namen. Rechtsanwalt Tolktemitt zeigt an, daß ihm von d« Ein- leiiung eine« Sttasverfahren« gegen ihn au? Anlaß eine? Ar- — Hast Du kerne Hoffnung, er werde seine Meinung ändern?" „Ich weiß e« nicht, Herr Henning«. Als wir zusam- wen in Oberhoff damals waren und von Edmund Abschied nahmen, hat mir der Vater nachher auf dem Kirchhof, wir kamen vorbei, versprochen, wenn Edmund ein solch respektabler Mann würde, wie er'« wünsche, würde er nicht Nein sagen!" Josua fuhr auf.— Dann sann er»ach und lächelte. „Eo so I— Und Ihr habt also Edmund in Oberhoff gesehe«? Erzähle mir da», meine Tochter!' Mathilde erzählte ihm von den Bedenken und Weige- runge» ihre» Vater», und vergaß nicht«, wa« dem alte» Herr» ein lebendige» Bild jener Abschiedspunde geben konnte. Nach ein« Weile sagte« rasch: »Hast Du vo» Edmund'« Treiben in S... Nachricht?" Da stürzten unaushalisame Thränen au« dc« armen Mädchens Antlitz, und fie begann zu schluchzen, so heiß und schm«zllch, daß sie ihr Gesicht bedecken mußte, um sich recht auszuweinen. Josua Henning« zitterte am ganzen Leibe. Er hatte fie losgelassen, seine Hände gefaltet und schien au« tiefstem Her,en»grunde mit seinem Schöpf« zu rede«. Darauf wurde« gefaßter. »Liebst Du meinen unseligen Edmund noch, Kind I'— »Ja, ach Gott ja! Mehr wie mein Leben I" ,O Tochter, Tocht«, Gott segne Dich in Ewigkeit. Vttsprich mir, ihn ew,g zu lieben, nie eine« Andern Weib zu w«den, al« seine«! Ich will Dein Vater sein, Du sei seine Rett«i», ab« versprich mir'«, damit— damit ich ruhig sterbe I!" Mathilde stand auf, todteubleich I Krampfhaft preßte fie seine Rechte! „Herr— H«r Henning«, Gott allein weiß, wie g«n ich'« versprechen möchte I Gott weiß, wa« in mir lebt für Edmund, ab« au« Liebe zu meinem Vater darf ich Ihnen nicht«»«sprechen!" iikel« üb« den Diätenprozeß noch nicht« bekannt sei. Wir hatten diese Nachricht anderen Blättem entnommen. Die soitaldemokratische Partei der Pfalz will nun» mehr auch bei d« Adgeordnetenwahl zum baycrilchen Landtag in die Agitation treten. Zu diesem Zweck hat dieselbe für Sonntag, den 4. April, eine Versammlung nach LudwigShafen einberufen, in welcher die Stellungnahme der Partei zur nächsten LandtagSwabl. sowie die Schritte zur Erlangung de« allgemeinen direkten Wahlrecht« für den bayerischen Landtag besprochen werden sollen. Belgien. Dem„I n t r a n s i g e a n t" wird au« Brüssel telegraphirtr Wir wissen nicht, woher die auswärtigen Blätter und nament- lich die„Aaence Horas" ti haben, daß die hirfige Bewegung von deutschen Sozialisten geleitet sein soll. DaS ist ganz und gar falsch. Man braucht übrigen S nur die Listen der Todtcn, der Verwundeten und der verhasteten Arbeiter durch- zusehen, um stch zu vergewiffcrn, daß alle Belgi« und kein einziger Deutscher unter ihnen ist. Es verdient aber hervorgehoben ,u werden, daß die revolutionäre Bewegung stch nicht auf die Glubenarbeiter beschränkt; andere Handwerker» aruppen betheil, gen fich ebenfalls daran, wie Schreiner, Fri» seure, Anstreicher, GlaSdrenmr, Bläser, Schmelzer, Hetzer und Schmiede.— Auch der Korrespondent der„National- zeitung" bestätigt die« durch folgende Mittheiluna:„Die streikenden Arbeiter um Möns im Borinagegebiet find zum größten Theil Wallonen, aber auch dai olämitche Element tritt hier schon hinzu. Deutsche Einflüsse haben hi« nicht mitge» wirkt, eine sozialdemokratische Bewegung ist hi« fast vollständig unbekannt; die sozialistischen belgischen Blatt« find im ganzen Gebiet nur in ca. 300 Exemplaren verbreitet. Rein öko» nomische Gründe haben hier die Arbeiter zum Sfieik veranlaßt." Da« Hingt wesentlich ander« al« die Hetzartikel andner Llätt«. Dn Berichterstatter d«„Rat. Ztg." weift ferner darauf hin, wie maßlo« die Tumulte von einer sensattonSlüstnnen Presse übertrieben worden find.„Je mehr ich— heißt e« da— die Situation überschauen konnte, um so mehr mußte fich mir mit Nothwendigkett die Meinung aufdrängen, daß die sranzöstschen Journalisten, die die ersten Berichte üb« die Streik« geschiieden, zu sehr in„Sensation" gemacht hatten. Ein Inspektor vnstcherte un«, daß der Schaven in d« Glacerie de Roux fich nur auf 80 000 Mark beläust und wa» hatten die Franzosen daraus gemocht, au« den Tausenden waren beinah Millionen geworden!Man hatte, nur um einsen» sation« lust ige« Pub Iii um befriedigen zu können, die unglaublichsten Greuelthaten verbreitet, und damit d« Welt Schrecken und Angst ein« wozu doch Grund nur in sehr geringem r a d e vorhanden war." Ein Meeting der Arbeitervneine in Gent tadelte die Ord« nungSstöruna unv empfahl Ruhe und Bestehen auf dem Ver» langen nach sozialen Reformen. Ein Komitee Brüssel« Rechts» anwälte Hot fich zur Verlheidiguna der zahlreichen Ge'aigenen im ganzen Lande gebildet. Alle Gefängnisse find überfüllt und e» erfolgen immer mehr Verhaftungen. Die Regttmng wird einen Kredit von den Kammern««langen müssen zur Eni» schädigung für die angerichtete Zerstörung, da die Gemeinden zu arm find, um d« gesetzlichen Verflichtung nachzukommen. Die Streik« in den Steinbrüchen find beinahe beendigt. Ein großer Streik droht in den großm Bergwerken von Martemont. Wie der„Voss. Z?«." au« Brüssel telegraphisch gemeldet wird, sollen an der rheinisch. belgischen Grenze preußische Truppenaufstellungen erfolgt sein. Die B-stätigung dieser Meldung wird abzuwartm sein. In der Kohlmgrubt Mariemont soll d« Sireik zu einem Tynamitattentate gegen den BergwerkSdirektor geführt haben, wobei HolztSfeluno, Hausthüren und Fenster de« Gebäude» zerstört wurden. Oesterreich Ungar». Im österreichischen Abgeordnetenbause hat d« KultuS« minister fich über sein Programm der R-form deS Mittelschul« wesen« ausgesprochen. Herr v. Gautsch redete den humanisti- schen Studien da» Wort; das Bildungsniveau der Aditu« rienten könne nicht hnabgesetzt werden. Wenn dennoch Erleichterungen eintreten sollen, so müsse ein neuntes Gymnastaljahr geschaffen werden. Er gehe mtt dem Gedanken um, daszehnte Lebensjahr als Minimalalter für den Eintritt in die MUttlschulm zu fixiren. Schweiz. Auch in der Schwei, scheint fich daS Bedürfniß nach einem „JuliuSthurm" geltend zu machen. Die liberale„N-ue Züricher Zeitung" führt aus. daß die Million Franken, welche im BundeSrathe für Bestrettung d« ersten Bedürfnisse einer Mobilmachung bereit liegen, doch eintretenden Falls nicht aus» reichend sein würden, und daß eS. trotz allem Patriotismus. doch fchwn halten würde, 20, 30, 40 Mill. in einem kritischen Mo» mmte zusammen zu raffen.„Damm wird fich", fährt sie fort. „der Bundesrath und die BundeSonsawmIung die Frage stellen müffm, ob die Schwei, nicht allmälia einen ansehnlichen Kriegs s cha tz in. daarem Gelde an,ammeln soll. Wir sprechen damit nicht für daS System der Anlegung von Kriegs« Die Hände sanken ihr kraftlos herab, ste hätte in die Knie brechen mögen. „Mathilde, wie e« auch komme,— Du hast rfieinen Segen, Du sollst mir Tochter sei», od« keine I Gott, d« mich wohl eh« abrufen wird, al» ich denke, d« weiß meinen Willen!— Sei recht oft bei mir, ja?— Da« wird Dir Dein Bat« schon erlaube«, und— bitte den Alte« schön, daß er«achh« zu mir komme, ich habe keine« Freund mehr al» ihn, und— ach, gar so viele Sorgen." Schluchzend fast zog« Mathilde« zu fich, umarmte und küßte fie, nannte sie mit tausend Namen der Liebe. Schien doch in diesem Mädchen fortan seine ganze irdische Hoffnung vereint.— AI« er sich ein wenig gesammelt hatte, entließ er die TrödlerStochtn, die, mtt welch' wunderbaren Gefühlen ihm da««ste Mal die Hand küßte, ihn Bat« nannte. Sie eilte hinab zu de« Eltern und theilte ihnen in Ueberfülle ihre« Herzen« Alle« mtt, wa« zwischen ihr und Josua vorgefallen war. „Also« hat Dich doch binden wollen! Binden an diesen Burschen, damit seine« Sohne« Glück mtt dem Deinen «kaust w«de! Nimmermehr! Hast Du'« ihm denn wirklich nicht zugesagt?" „Ich habe e« nicht!" sagte Mathilde mit brechende» Stimme. »Da« war recht! Ist um lieb! Ich werd' zu ihm gehen und ihm meine Anficht sagen. Da« wird der Geschichte ein Ende machen, mein' ich. Er verlange von mir, wa» er wolle, ab« nicht, daß«ch Schlimm«-» ihue, als einen Selbstmord. Hi« höu alle Thnlnahme, aller Dank, alle Freund« schaft auf! Still, ich höre nicht», schlecht«dings nicht«! Ich muß wisse«, was ich thue, und, Gott Lob, ich weiß e« verdammt genau!' Justus eilte zu Josua und üb«ließ den Frauen, mtt dem Chao« ihrer Gedanken, so gut ste konnte«, fertig zu w«den. (Fortsetzung folgt.) fondS im allgemeinen, denn für iedeS Land fallen eigenartige V-rhältniffe und«edürfniffe in Betracht, und offenbar wäre es ganz überflüsfig. wenn«. Sngland oder die Vere ngten Staaten etwa» Dnarligel schaffen wollten;- aber wir find lein England. Wir find ein lletneS Land, dai leicht ,u über. rumpeln ist, unsere großen Gcldreservoirs liegen zum Theil an der Grenze und im Kriegsfälle lönnte es unS darum bald am Nothwendigsten mangeln." Grotzbritauuie». Allem Anschein nach kommt demnächst auch die Frage des JmmodiliarerbrechtS in Fluß. Eine Deputation der Free Land Leagne(BodenfretheitSIiga), welche stch dieser Reform Haupt- Schlich widmet, hatte dieser Tage mit dem Großlanzler eine nterreduna, in deren Berlauf sich über ei' ige wichtige Refor- men Uebereinstimmung zwischen den Anfichten Sei Ministers und denen der Liga ergab. Nach englischem Recht erbt in Fn- testatfällen der älreste Sohn des ErblafferS ollen Grundbefitz unter Ausschluß sämmtlicher übrigen Familienmitglieder. Diesem RechtSgrunvsatz ist eS zuzuschreiben, daß der englische Adel fich wesentlich im ungeschmälerten Besitz seiner Ländereien erhalten hat und daß fich immerfort neue Großgrunddefitzerfamilien durch Aufsaugung des KleindefitzeS bilden, denn daS Prinzip des AnerdenrechtS des ältesten EohneS wird noch in seiner Wir- lung dadurch verstärlt, daß durch Ausnutzung des weitgehenden TesttrrechteS die meisten Besitzer ihre Ländereien ihrem ältesten Sohn nur zur Nutznießung auf Lebenszeit vermachen, während atS eigentlicher Erbe deffen Sohn, häufig ein noch ungedoreneS Kind destellt wird. Die Tradition zwingt dann diesen nominell zur freien Verfügung der Ländereien gelangenden Enkel d:S ursprünglichen ErblafferS, das Befitzthum wiederum in gleicher Weise seinem Sohn als Nutznießer und seinem Enkel als wirklichen Eiben zu vermachen„to entail it in tail male", wie der technische Autdruck lautet. DieseS Jntestatanerbenrecht deS ältesten Sohnes aufzuheben und das„law of eettlement and entail" dahin zu ändern, daß die Festlegung deS Grund und BodenS in der Art der Majorate nicht mehr möglich ist, halten alle Bgrarreformer Englands für dm ersten Schritt, nm„Frei- Handel im Land" und dadurch eine Gesundung der Besitzver- hältniffe einzuleiten. — Im Unterhause erllärtc Unterstaatsselretär Bryce, er könne in Betreff Bulgariens keine Mittheilung machen, da die Unterhandlungen fortdauerten. Was Grtechmland anbelange, so halte die Regierung fest an den von dem Kabinet Salis- bmy eingegangenen Engagements. Das russische Geschwader habe die Sudabai nur zeitweilig verlassm und werde bald nach derselben zurückkehrm. — Im Oderhause gab der Staatssekretär des Auswärtigen, Lord Rosede m eine analoge Erkärung ad und fügte derselben noch hinzu: Wir haben von Rußland die herzlichsten Verstche- rungen über seine Kooperation in dieser Frage erhalten. Fraurreich. In Folge des Streiks, der in Firmy bei Deca- z e v i l l e ausgebrochen ist, hat hier eine große Versammlung unter dem Vorsitze BaSly'» stattgefunden. Die Minenardeiter von Decazeville und CaudeS begaben stch gruppenweise und unter Abfingen der„Carwagnole" nach Firmy. Eine Gruppe trug an einer Stange einen rothen Lappen. Als BaSly dies bemerkte, forderte er die Arbeiter auf. derartige Manifestationen zu unterlaffen, worauf die improvistrte rothe Fahne entfernt wurde. Der Verwaltung rath der Bergwerke von Aveyron hat Ordre gegeben, die Werkstätten zu schließen und das Feuer der Hochöfen auszulöschen. In Folge deffen find in den betr. Werkstätten Zettel angesch'agen worden, welche die Arbeiter davon in Kmntniß setzen, daß von heute Abend 6 Uhr an die Arbeit in sämmtlichen Werkstätten eingestellt werden muß. Nicht wmiger als 1250 Arbeiter find dadurch plötzlich arbeitslos ge- worden. — Die Arbeiten der französtschen Budgetkommission werdm allseitig mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, weil die« selben möglicherweise nicht ohne Einfluß auf daS Schicksal deS Ministeriums Freycinet oder wenigstens einiger Mitglieder deS- Slben sein werden. Ursprünglich forderte die Regierung eine nleihe von 1466 Millionen: Minister Freycinet erklärte aber in der Budgettommission, er aizeptire den Betrag von 900 Millionen für die Anleihe; 400 Millionen davon sollen direkt den Sparkaffen überwiesm und 500 Millionen in öffentlicher Sub« slription aufgebracht werden. Die anwesenden 24 KommisfionS- mttglieder nahmen einstimmig die Vorschläge FrcycinetS an, so daß. wie das„Börsenblatt" mitthetlt, in der Votimng dieser 900 Millionen in 3 proz. perpetuirlicher Rente durch die Kammer nicht mehr gezweifelt werden könne. Italien. Der von uns bereits derührte Venediger Prozeß hat wieder einmal die Nolhwendigkelt der Euischädigung für ungerecht Verhaftete recht deutlich gemacht. 19 brave Landarbeiter aus dem Gebiete von Mantua haben 14 Monate lang unter der AnNage der Verschwörung und Auflehnung gegen die Staatsgewalt im Gefängniß geschmachtet und find sämmtlich freigesprochen worden. Der Prozeß hat geradezu un- geheuerliche Dimenfionen angenommen. Es find 320 Zeugen verhört worden! ES stellte fich im Verlaufe des Prozesses heraus, daß die Landarbeiter, durch das größte Elend, durch die erbärmlichsten Löhne und durch Krankheiten dazu ge- trieben waren, von dem Rechte der Ardeit sein stellung Gebrauch zu machen. Sachverständige Ae rzte. die vernommen wurden, entwarfen schreckliche Bildervondem Elend, da» unter der Landbevölkerung jener Gegenden herrscht und die Veranlaffung zu ansteckenden Hautkranweiten geworden ist. Bürgermeister und Grunddrfiyer aus dem Mantuanischen bestätigten diese Erklärungen: sie de- kannten, daß die Arbeitslöhne auf 60, ja auf 45 Cent, pro Tag herabgesunken seien. Die meisten auch von den Be- lastungSzeugen sprachen fich zu Gunsten der Angeklagten auS und der Direttor der Irrenanstalt von Mantua. Prof. Sacchi, drückte sogar seine Frmde über die Bewegung der ackerdauen- den Bevölkerung aus. weil sie ein Zeichen erwachenden Stldst. bewußtseins und wtedererweckter Menschenwürde sei. Die Frei- gesprochenen wurden vor dem Justizpalaste mit Musik empfangen und im Triumph nach San Giobbe geleitetet, wo der Berein der Metzger Lebensmittel und Geld an st« vertheilte. Möge dieser Prozeß den einzigen Segen haben, der ihm folgen kann l Möge er die Aufmerksamkeit der Regierung auf jene arme, hungernde Bevölkerung lenken! Möge die Emhüllung des ElmdS seine Milderung bewirten! Rußland. Dem ReichSrath soll jetzt nach dem famosen Landardeiter. gesetz ein F a b r i k g e s e tz vorliegen, das natürlich Alles wiederum dem Belieben der rusfischen vureoukratie überlaßt. Die Vorlagt enthält nur die allgemeinen Prinzipien, nach welchen da» Gesetz gehandhadt werden soll. Die Festfitzung der Ein- zelheiten soll besonders einzusetzenden AusfichtSdehörden über- tragen werden, um diese Einzelheiten den jeweiligen lokalen Verhaltniffen anzupassen. Die» Verfahren dürfte, in Rußland angewandt, jedoch Bedenken erregen. Die Ausführung des Gesetzes wird dadurch dem individuellen Belieben einzelner Personen überlassen, und es könnte bei den eigenthümlichm rusfischen Beamtenverhältnissen leicht dahin kommen, daß da» Gesetz in vielen Fällen unausgeführt bleibt. Der EiSgang auf der Newa bei Schlüffelburg und der Eisgang auf der Düna bei Friedrichsstadt hat b«,onnen. Nach den vorliegenden Nachrichten ist im westlichen Rußland da» Aufgehen der Flüsse diesmal von starkem Eisgang und Hochwasser begleitet, Warschau und Atitau find theilweise über» schwemmt. In Mitau wurde eine hölzeme Brücke von den Eisschollen zertrümmert: auf der Dombrowa- Jwangorod-Bahn ist eine Brücke beschädigt. Balkauläuder. Der Fürst von Bulgarien besteht auf seiner Weige- rung, fich auf eine kurze Ernennung einzulassen. Nach einer hochoffiziösen Mittheilung der„Köln. Ztg." aus Sofia erkärt der Fürst, daß er im Bukarester Frieden nur deshalb auf alle berechtigten Forderungm deS Siegers verzichtet Hab«, um die bulgarische Vereinigung stcherzustcllen. Die bulgarische Vereint« Sung habe zu viel Blut und Geld gekostet, als daß ste neuer« ingS in ein fünfjähriges Provisorium umgewandelt werden könne. DaS gesammte Ministerium habe dai Vorgehen deS Fürsten einhellig gebilligt. Der Aerger Rußlands über den Widerstand deS Fürsten Alexander macht fich wieder in einem offiziösen Arttkcl des„Journal de St. PeterSbourg" Luft, worin eS heißt, eS handle stch um eine Transaktion,„auS welcher Bulgarien eineS TageS deflnttive Lösungen hervor- gehen lassen kann, wenn man die Weisheit befitzt, keinen neuen Konflitt und keine neuen Komplikationen hervorzurufen, so daß dadurch die Mächte veranlaßt werden könnten, ihr Entgegen- kommen zu bedauern." Das Journal führt auS, daß die Situation im Orient keine radikalen Lösungen vertrage und daß eine gewisse Unllarheit fich den Verhältnissen von selbst aufdränge.„Die gegenwärtige TranSaNIon erscheint noth- wendig im Namen höherer Interessen und wenn Rußland, welches soviel Opfer für Bulgarien gebracht hat, eS verlangt, so bat eS auch d»S Recht darauf zu rechnen, daß feine Stimme gehört werde." Der Artikel schließt mit der versteckten Drohung, eS bleibe dem Fürsten Alexander nichts übrig, als fich ,u unterwerfen. Amerika. Jay Gould erklärt, daß dai Oberhaupt der„Ritter der Arbeit", Mr. Powderly ihn in Betreff der schiedsgerichtlichen Bei- legung des Streiks auf den Südwestbahnen mißverstanden habe, da in New Uork nichts aethan werden könne, vielmehr der Vizrprästdcnt Hoxie in St. Louis alleS zu arrangiren habe, Der Streik dauert daher fort. In East St. Louis, Kansas City, haben die Streikenden Eigenthum zerstört. Der Gou- verncur von Illinois hat ein Regiment unter Waffen gerufen und in St. LouiS find 300 Mann Bundektruppen angekommen. Die Verhandlungen zwischen Gould und den Rittern der Arbeit dauern übrigens noch fört und eS ist Ausficht auf eine Regelung deS Streiks durch ein Schiedsgericht vorhanden. Parlamentarische». — In der gestern stattgehabten Sitzung des BundeSrathS find offiziösem Vernehmen nach die neuen Gesetzentwürfe, betr. die Besteuerung de» Branntweins, nicht zur Vor- läge gelangt. So viel man hört, find dieselben bisher nicht definitiv festgestellt und werden jedenfalls erst noch in der ver- muthlich am Sonntag wieder stattfindenden Sitzung deS Staats« Erwägt man, daß : Einbringung der _ Preußens erforderlich ist. so wird man kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die betr. Gesetzentwürfe frühestens Mitte Jier nächsten Woche an den vor k.-iamv vti(»uivficii awu)* im i BundeSrath gelangen lönnten. Der Reichstag wird fich Ostern kaum mit ihnen zu beschäftigen haben. Zakale». Die Nachrichten über vereine und Versammlungen beanspruchen oftmal», und nicht immer zur Freude deS Redakteurs, einen recht erheblichen Theil von dem disponiblen Raum in den Organen unserer TageSprcffe. Unser Versamm- lungiwesen aber hat fich so vielsettig entwickelt, daß es je länger je mehr zur Unmöglichkeit wird, die Wünsche aller VereinSintereffenten in den Referaten zu befriedigen. Demgegenüber hat eS etwa« WohlthuendeS, einmal auf eine Art von Versammlungen hinweisen zu können, bei denen die Theil- nehmer den Anspruch aus Oeffentlichkeit in den meisten Fällen nicht erheben, obwohl diese Zusammenkünfte für die Beur- theilung unserer wirtbschastlichen Verhältnisse keineswegs un« interessant find. In einem abgesonderten Zimmer oder in dem kleinen Saale irgend eine» Restaurant versammeln sich 30, mZ* A' da« Thema: Der Einberufer dieser hochaeehrien Ver- sammlung ist— pleite! sammtliche Anwesende bleiben bei dieser Mittheilung sehr ruRg, denn ste ist ihnen längst bekannt, neugierig ist man nur aufgdie„RegulirungSvorschläge". Vor- etwa zehnfJahren, alS diese Versammlungen zuerst Mode wur- dm, erzreltm die Einberufer nicht fetten unter dem augmblick- lichen Eindruck eineS mündlichen Vortrages, in welchem die Verhältnisse recht paffend geschildert wurden, ein recht günsti- geS Resultat, aber daS nüchterne GeschäftSleben hat stch von dem anwidnstehlichm Eindruck« deS rednerischen Schwunges bald freigemacht und so pasfirte eS vor elnigm Tagm einem hicfiaen Bauunternehmer, der vor zehn Jahren in einer solchen Versammlung einen sehr vorthetlhatten Akkord zu Stande ge» bracht hatte, daß er ein vollständiges FiaSko erlebte, als er jetzt wieder einen ähnlichen Versuch machte. Seine Gläubiger dltebm bei dm rednerischen Ausführungen kühl bis ans Herz hinan und tauschten untereinander ihre Kmntnlffe über die Vermögenslage deS Schuldners aus; wai Einer nicht wußte, wußte der Andere und daß Resultat war, daß man die Akkord- Vorschläge einstimmig zurückwies und der Einberufer fich still mit dem Seufzer davonschlich: Wie stch doch die Zeitm ändern I Die Marunge'sche Familie»- Tragödie. Der Ma- runge'sche Mordprozeß, der mit der Verurtheilung der Frau Marunge und ibreS Sohne» Altert wegen Ermordung ihres Mannes resp. Vaters zum Tode und der Freisprechung de« anderen SohneS Hermann beendet wordm ist, bringt, wenn auch spät, die Sühne für ein Verbrechen, welche» einm ent- setzl>chm Einblick in die Rohhett mancher Menschen gestattet. Da lrdm ste mittm unter uns, verkehrm mit unS, essen mit uns an demselben Tische, wir begegnen ihnm am Frühiings- sonntag auf dem Spaziergang im Walde— die Mutter und der Sohn, die fich in aller. Gemüthlruhe hinsetzen und über- legen, wie sie den unbequemm Vater au» dem Wege schaffen können, und die dann, nach der programmgemäßen Ausführung nicht einen Moment Gewiffenimffe haben. Der Sohn, der dem Vater ebm den Schädel kingeschlagen und ihn dann mit der Mutter im Keller vergrabm hat. zieht stch„Vatftni" beste Kleider an, geht sofort auf den Töpferball und amüstrt fich herrlich, die Mutter ist zwar etwaS mehr mitgenommm, aber rhre Aufregung hindert ste nicht, fich mit dem Strickzeug an daS Bett der jüngeren Kinder zu fetzen und ihnen zu erzählen, der Vater fei fortgegangen und Hab« gedroht, nicht wiederzu- kommen. Dai Mono zur That ist nicht recht klar gestellt worden. Vielleicht wirkten zwei Motive zur That mit. Der alte Marunge war Maurer mit zahlreicher Familie. Von 12 Kindern leben jetzt noch fünf. Daß er für seine Verhält- niffe wohlhabend gewesen— er besaß ein kleines Anwesen mit Muthsüberschuß— ist nachgewiesen, er hatte auch baareS Geld. Natürlich war diese Gefichertheit de» Lebens nur durch äußerste Sparsamkett zu erringen, und e» mag sein, daß unter derselben die Frau etwa» zu leiden hatte. Aver er sparte doch für ste und die Kinder, und es ist andererseits erwiesen, daß seine Weigerung. Geld herzugeben, fich niemals auf noth» wendige Bedürfniffe, sondern stet» nur auf LuxuSdinge bezog. Sodann behandelte er die Kinder streng. Albert, der älteste, hatte fich gegen ihn vergangen, indem er den Vater geschlagen, Hermann, der zweite, hatte den Vater bestohlen. Nun sührte er eiserne Zucht ein. In dem Hause kam es»u Streit und Hader, der schließlich permanent wurde, alS die Mutter fich auf die Seite der Kinder schlug. Nun wurde der Alte ver» zweifelt, er griff zur Schnapsflasche und im Zom soll er jähzornig gewesen sein. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe sah man die Familie sinken. Hermann schafft fich eine Braut an, und da der Alte seine Einwilligung versagt, lebt er in wilder Ehe. Auch als ihm ein Kind geboren wird, beharrt der Alt« auf seiner Weigerung des EhekonfenleS. So kommt ei auch zwischen Hermann und dem Vater zu Mißhelligkeiten. Diesem Verhältniß hat er eS zuzuschreiben, daß auch er unter Anklage gestellt ist, von dem Morde wenigstens ge- wüßt zu haben. Aber da nicht nm nichts gegen ihn erwiesen ist, sondern seine Mutter und sein Bruder ihn ausdrücklich exkulpircn, ja da einige Zeugen ganz direkt darthun, Hermann habe ganz offen feine Meinung stets auS- gesprochen, mit dem Verschwinden deS Vaters könne eS nicht ganz richtig fein, und„der Albert und Mutter würden schon etwaS darüber wissen", so erfolgte seine Freisprechung in voll- ständiger Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung, die ihn in der That für ganz unbetheiliat hätt. Desto widerlicher gestaltet fich nun daS Verhältniß zwischen der Mutter und dem Sohne Albert- BiS zu einem bestimmten Punkte stimmen ihre Aussagen überein. Wie furchtbar einfach fich die paar Worte lesen. Der Vater hatte wieder einmal gezankt, da sagt der Albert:„Mutter, wenn Vater man erst todt wäre",„Ja, aber er lebt doch".„Ich werde ihm ein Paar mit dem Holztlopser auf den Kopf geben",„DaS bekommst Du doch nicht fertig", sagt die Mutter. Die Szene spielt fich beim Abendbrot ab. Der Sohn aber protestirt gegen diese Unterschätzung:„J, ich werde schon". Ei folgen nun einige Verabredungen. Albert kommt Abend», stellt fich mit den Kleidern deS Vater» in dm Holz- stall, bi» der Alte nach Hause gekommen und fich zu Bette Stießt hat. Die Mutter ruft ihn:„Er ist fest einge- blasen" und.... nun kommt die Verschiedmheit in den Aussagen. Albert erzählt:„Ich ging hinein, dm Schlag zu führm. Ali ich e» thun wollte, wurde ich ohnmächtig und lag wohl eine Halde Stunde bewußtlos. AIS ich dann zu mir ge- kommm, war der Vater todt."— Di Mutter sagt:„Ich rief Albert, er ging hinein, schlug auf dm Vater lo» und sagte un» dann, alS eS vorbei war. Ich ging inzwischen zu den Kindern —(«S find noch drei kleine Kinder da) und beruhigte ste über dai Röcheln de» Vater»; er habe wieder feine Krampfanfälle." ES unterliegt keinem Zweifel, daß die Darstellung der Frau die richtige ist. Die Aussagen der Kleinen bestätigen dieS. Aber welch' ein fürchterlicher Mensch ist dieser Albert. Bei aller Verthiertheit und ansckeinendm Gleichgiliigkeit gegen daS Lebm, welche« krampfhafte Festhalten an demselben. In seinem Kopfe muß stch die Anficht festgesetzt haben, daß nur der dem Beile d«S EcharftichterS verfällt— Herr Krauts war im Zu« jchauerranme—, der den tödtlichm Hieb selbst geführt. Der Ausdruck„Beihilfe" in der Anklageschrift läßt ihn vermuthm, daß, wer nur geholfm, mit langer Zuchthausstrafe davonkomme. Uno so will er denn, wie er den Vater ermordet, auch die Mutter aufS Schaffst liefern, ste, in der wmiastenS der eine mmfchliche Zug noch geblieben, die Liebe zu ihren Kindern. Er hätte fich nicht so anzustrengen brauchen, auch diese entsetzliche Einzelheit der Mutter aufbürden zu wollen, wenn er gewußt hätte, daß ste ohnehin mit ihm sterben würde, daß da» Gesetz darin keinen Unterschied kennt, wer da» Verbrechen begeht, wmn eS von Zweien gemeinschaftlich ge- plant wordm ist. Nur in der ebm erwähnten Einzelheit gehen also die AuSsagm auseinander. Mutter und Sohn, die neben- einander fitzm, bewacht von Beamten, wollen fich gegenseitig mtt jetzt Haß sprühmden Augen vergiften. Gemeinschaftlich habm fie dann dm Leichnam in einm Sack gesteckt, in dm Keller geschleppt und dort vergraben. G-meinschaftltch haben sie in außerordentlich geschickter Weise das Verschwinden des Vater» erklärlich zu machm gesucht, bis daS Verbängniß fie doch ereilte. Der Instinkt der Charlottmdurger Bevölkerung ließ fich nicht täuschen. Immer und immer wieder tauchte die Anficht auf, bei dm Marunge'» sei es doch nicht richtig, und die VolkSstimme bezeichnete sogar den Keller als den Ort, wo daS Opfer von Weib und Kind begraben worden. ES ist in dem Prozeffe nicht berührt worden, wieso trotz häufiger Unter- suchungm die Leiche im Keller nicht gefunden wurde, wieso die furchtbare Thal so sehr lange unentdeckt bleiben konnte. Die öffmtliche Meinung war auch stets der Anficht, daß feiten» irgend eines Beamten hier nickt mit richtigem Verständniß vor- gegangen war. Nun, da die That gesühnt wird, athmet man wieder auf. Schrecklich, wie der entsetzliche, nun klar gelegte Vorfall ist, noch schrecklicher wäre«S gewesen, wmn er unent- deckt aebliebm wäre. . Die Vereine habe« doch ihre gute« Seite«! Vier "lustige junge Lmie engagirtm, vom„Bock" kommend, eine Droschke I. Klaffe zur Fahrt nach der Louisenstraße. Unterwegs, an der Ecke der Friedrich, und Schützen straße, wurde aber noch einmal Halt gemacht und sah der Kutscher, daß ihm die Wagendecke, welche beim Einsteigen der Fahrgäste noch im Wagm gelegen hatte, fehlte. Er machte dieselben sofort auf diesm Umstand aufmerksam und forderte für die fehlende Decke 5 M. Entschädigung. ES wurden ihm aber nur 3 M. geboten, die derselbe aber nicht annahm, da fich durch einen später hinzugekommenen Kutscher herausstellte, daß die Fahr- gäste während der Fahrt die Decke aus dem Wagen geworfen hattm. Dem„Verein Berliner Droschkenkutscher", welchem der Geschädigte alS Mitglied angehört, wurde die Sache über- tragen und habm die Herren Fahrgäste e» vorgezogen, nach erfolgter Aufforderung den vollen Preis der Decke(9 M.) einzusenden. Unsere Vororte führen nach und nach sämmtlich die Hundesteuer ein. Auch Nieder-Schönweide hat fie bekommen. Sie bringt in solchen Orten ziemlich viel ein, denn bei der isolirtm Lage der Hauser ist ein Hund fast eine Nothwmdig- keit. Aber Geld braucht heut daS kleinste Gemeinwesen in immer steigender Progrrffion und deshalb nimmt man«S, wo e» geht. «ertean• Theater. Tröffe Spezialitäten- Lorstellung. Theater der GeichShallen. Tröffe Speziali- iiten-Vorstellung. Alhambra-Theater. Wallnertbeaterstraff« 16.[1200 Heute: Benefiz für Xld. Gtobbe. Die Räuberherberge im Walde. Troff« Märchen-Posse mtt Gesang in 4 Akten von Friedrich Hopp. Vor der Vorstellung: Hr. Konzert der Hnuskapetle. Ansang de» Konzert» Wochentag» 7 Uhr, der Vorstellung 7»/« Uhr. Anfang de» Konzert» Sonntag! 6 Uhr, der Vorstellung 7 V» Uhr. »an» haben Wochentag« Tiltigkeit und find im »b«at«dureau(12—1 Uhr) grati» zu haben. lüSJSa Kaiser-Panora««. Nur mr diese Woche: Da» schottische Hochland. I. Abth. Eine Reise d. d. schöne Spanien. Hertha« Reise. Carolinen-Jnseln. Eine Reise 20 Pf. Kinder nur 10 Pf. Tode»-««teiae. Donnerstag, d. 1. d. M„ starb plötzllch mein liebevoller Mann, der Maurerpolier Wilhvlm Gärt««». Die Beerdigung findet Sonntag, d. 4. d. M., Nachmittags 8 Uhr, vom Trauerhause Ltegniverstr. 4 au» nach dem ThomaS- kirchhofc statt. Um stille» Beileid ersucht die betrübte Wittwe nebst Tochter.[1215 Am 1. d. M. starb im 55. Lebensjahre unser Freund und Kollege, der Tischler Albert(iräf im städtischen Krankenhause Moabit. Die Be» erdigung findet am Sonntag, den 4. April, Nachm. 4 Uhr, von der L-ich-nhalle de» St. TbomaSkirchhofe» bei Britz au» statt.[1220 Die Kollege« der Werkstatt von O- Kaiser. Umin der Kan-AnWöger. Am Mittwoch Abend 9V, Uhr starb unser langjähriger VereinSkollege Herr Otto Zimmermann. Die Beerdigung findet am Sonntag, dm 4. April, Nachmittag» 4 Uhr. vom Trauerhause Bernauerstraffe 92 nach dem Elisabeth-Kirchhof (Gesundbrunnen) statt._ �„ I.«.: W. Kunz. Statt besonderer Meldung. Allen Verwandten und Freunden die trau- rtge Nachricht, baff meine liebe Frau Ida Lange» geb. Jähn», am 31. März nach zweilägigem schwerm Krankenlager sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet Sonntag, d. 4 April, Nachm. 4 Ubr, vom Trauerh. Grünauerstr. 6 au» statt. 1231J Gustav Lange nebst Kindern. Fachverein d. Böttcher. Sonntag, den 4. April. Vormittag» 10'/: Uhr: Mitglieder-Versammlung bei Heise, Lrchtendergerftt. 21. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Besprechung über Eommerver- gnügen. 3. Abschaffung der Zunstgebräuche in unserem Gewerbe. 4 Verschievenes. Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich zu erscheinen. 1225 Der Vorstand. Ärb.-Bez.-Verein der Oramen- burger Vorstadt u. d. Wedding. Montag, den 5. April, Abend? 8 Uhr, Geueral-verfawmluug in Kteine'» Kalo«, Gerichtsstr. 10. Ecke Hochstr. Tagesordnung: 1. VierteljahrSbericht. 2. Beschlußfassung über die Stellung deS Vereins zu den Kommunalwehlen. 3. Vorttag des Herrn Kon über:„Tie Zukunft des Handwerk»." 4. Diikusston. 6. Verschiedene». 6. Fragekafien. Gäste haben Zutritt, wenn fie fich ai» Mitglieder einzeichnen lassen.— Für die Mitglieder dient da» QuittunaSduch al» Legitimation. NB. Di« Kibliothrlr befindet stch bei K che am«, Höchste. 38»,«n> KS«««« die K Scher jede» Sonntag Mormittag vo» 10—18 Uhr gewechselt werde«.[1224 De r Vorstand. Fachverein der Tischler. Sonnabend, dm 3. April. Abends 8'/, Uhr, in Iorda»'» Kalo«, Neue Grünstr. 28, Versammlung. Tagesordnung: Vortrag de» Henn H a n» Land über:„Die Werthschätzung de» Lebens in unserer Zeit." DiSkusfion und Fragekasten. Ausgabe der statistischen Fragebogen. Gäste willkommm.[1227 Ktttill d.Ei«sttztt Mchltt). General- Sonntag, den 4. April, Vormtttag» 10 Uhr, ilen« Friedrichstraffe 44. Ta geSordnung: 1. Raffen» und RevistonSbericht. 2. Innere VereinS-Angelegenheitm. 3. Wahl eine» VorftandSmitgltede».[1217 Neue Mitglieder werden aufgmommm. Der Vorstand. OrtSkrankenkaffe der Slemßner. General-Nersamwlung der Delegirtm der Ardeitgeber und Arbeitnebmer am Sonntag, den 11. April, Vorm. 10'/: Uhr, bei Mündt, KSpnickelstr. 100. Tagesordnung: 1. Bericht de» Vorstände» über seine Thätigkeit. 2. Abnahme der Jahre»- rechnung per 1385 und Decharge- Ecthnlung. 3. Verschiedene».[1216] Der Vorstand. Ich empfehle mein Kchuhwaaren-Grschäft von seldstgefertigten Herren-, Damen- und Hiuber-Ktiefel« zu soliden Preisen. Bestellungen nach Maaff, besonder» für Fuffieidmde, sowie Reparaturen jeder Art werden in kürzester Zeit prompt ausgeführt.[1052 Anton Woyack, Müllerstr. 12a. «. 9|r(«-|ihnU 8c harno w, besteht seit zwanzig Jahren. Herli« 3., yranienstr. 153, Ecke Morihpl., empfiehttunt. 3jährifl. Garantie zu ollerdilligsten Preisen: SUb.Zylinder.Uhrm 15,18,20, 24M.:filb. Zylinder. Uhren mit Remontoir. Aufzug 24—30 M.; Ab Anker.Uhren m.Remontoir- Aufzug 36, 40, 4H, 50 M.; gold- Tamrnuhlen 30, 33, 36, 40, 45 Mark; gold. Damen uhren mtt Remontoir Aufzug 36, 40, 45, 50—150 M.; gold. 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Soeben erfchi«« Nr- 27 de» Zu bez straffe 44. Waören Jakov". «ziehen durch die Expedition, Zi, Zimmer« [1229 Ein anständ, alleinstehende», arme» Mädchen will ihr Kind, ein kt Mädchen v. 18 Man, an kinderl. Leute, w. e» an KindeSftatt annebm. woll, oerg. Z. erft. Mittmwalderst.lk b.Kumitzki, H. 4Tr. Freunden und Bekannten empfehle ich mich zur pünttlichm Besorgung de»„Hertiner Uolksbtatt" sowie sämmtlicher Journale. Mode-Zeitungen, Brochüren u. s. w. Kentral-Zettungsspeditio» vo» H. Schmidt» Manteuffelstraffe 80.[1198 Arbeitsmarkt. Einen Lehrling zur Schlofferei u. Maschinen» bau vert Georg Hoenon, Louisen Ufer 2a.[1221 er Ein tüchtiger sucht noch einige Stellen. Nähere» Gr. Frank« furterstraffe 8b, vom 4 Tr. bei Schulz.[1214 Ein tüchtiger Figureuschnitzer findet sofort sehr lohnende B:schäftlgung bei 1228] Heinr. Schulz, Waffergaffe 12. E. DrechSlerges. vl.Prüffmann, Alte Jakobstr. 133. E.Drech»lerlehrl. vl.Prüffmann, Alle Jakobstr.133. Derantwortlrcher Redaktrur ist. Cranlei» w verlin. Druck und Verlag von Mar Vadwg in verlin 8W, Beuthstraze 3, Hierzu eise Beilage Mage zum Berliner Volksblalt. Mr. 7S. Sonnabend, den 3. April 1883. HL V arlamentsverichte. Deutscher SieichSta». K0. Sitzung vom 2. April, l Uhr. Am Tische deS BundeSratheS von Boctticher, von Puti kamer. Etag-gangm ist die Rechnung der Kaste der Ober-Rech« nungs ammer für das EtatSjahr 1883/84. vorgelegt zur Dt> chargr de, üblich desjenigen Theils dieser Rechnung, welcher stch auf die R ichSverwallung bezieht. Zur dr tten Berathung steht der G.-E, betr. die Verlan- aeruna deS Sozialistengesetzes, wie er nach Annahme LeS Ani ageS v. Hertling lautet:„Die Dauer der Geltung deS Grs$' S vom 21. Oltober 1878 wird hiermit bis zum 80 Septemter lt>88 verlängert."(Die Vorlage verlangte bekannt- ltch d e Vertangerung bis zum 30. September 1891.) «bg. Kroeber: Die Vertreter der VottSpartei haben in der Komu isfion dieselbe Stellung zu den Wrndthorst'icken Anträgen wie die Deutschfreistnnigen eingenommen. Wir brachten weitere Anträge ein und haben dieselben nur deshalb nicht wiederholt, weil wir fie für aussichtslos halten mutzten. Unser Partei> Programm schreibt uns vor, gegen jedes AuSnahmegeletz zu stimmen! wir st'mmen also auch gegen daS So ialistengesrtz. Daffelbe ist übrigens viel'ach gegen meine Partei angewendet worden. So wurden in München verschiedene Versammlungen, welche dt« Volkspartei einberufen hatte, verboten oder aufgelöst, ja bei den l-tzten Stichwahlen wurden generell alle Vc sammlungen der Vo ks- Partei verboten. Noch ärger ging es in der bayrischen Rhein- pfulz zu. Die Vollepartet wollte 1882 das SOjährige Jubiläum deS Pambacherf.steS von 1832 feiern. Eine Versammlung unter tr-iem Jtmmel wurde verboten; statt besten meldete der Kollege GahS eine Versammlung zu Neustadt a d. H. an und verrflrchte't stch. nur Anhänger der Volkspartet sprechen zu lasten Auch diese Versammlung wurde auf G und deS§ 9 verboten, und Beschwerden blieben erfolglos. Ihnen, meine Heir-n vom Zentrum, könnte es bald ebenso gehen. Herr Stöcker sagte neulich, die Konservativen wollten keine Ueder- spanr ung de« Eigenihumsbeprrffes. Warum ra'hen Sie denn nicht Jhien Jreunden, die 20000, ja 100000 Morgen Land haben, jedem Ihrer Arbeiter 10 Morgen zn geben? Diese würden ditstlben vor der sozialdemokratischen Agitation mehr schützen. aldulleGesetzt. Herr Stöcker meinte serner, ein erleuchtet's Köntgthum gebe kräftigeren Anstctz zu einer guten Sozialreform, als alle Demokratien, alle Republiken der Welr. WaS hat eS denn aber vollbracht? Durch da« KrankenversichmingS gesctz find in Süddeutschland gut eingerichtete Krankenoeifiche. rungen zerstört worden; daS Unfallgeletz soll stch erst noch de- währen. WaS aber hat gegen diese Kleinigkeiten die Demo- kratie zur Brechung von Eklavenkettm getban! Ich erinnere nur an di- französische Revolution, an die Brf>eiung der Neger- sllaven in Nordamerika. Die fcanzöä'che Nationalversammlung brach di« Leibeigenschaft und die Hörigkeit und stellte die hohe Parole der Demokratie fest in den drei Worten Freiheit, Gleich- hett. Bruderliebe, welche mehr Religion enthalten, alS Herrn Möckers ganze Lehre. In Südamerika hörte ich wohl ein Duye- d Geistl'che, darunter auch einen dewschen lutherischen Pm rer» die N-gersllaoeret als«ine von Gott eingesetzte In- stiiutioir preisen. Ich war in Amerika, alS der edle Demokrat Brown gehängt wurde,- weil er für die Reyer-B-treiung eingetreten war. AuS dem Blute dieses Märtyrers der Freiheit find dann aber die Bataillone mistanden, welche die Sklaven befreit haben; und in den ersten Reihen käu pften deutsche Demokraten, die von den deutschen Fürsten in das Exil getrieben waren und mit ihrem Blute die Schmach abwuschen, mit welcher deutsche Fürst n den deutschen Namen bestecki hatten, als fie ihre Landeslinder wie Sklaven an die Engländer verkauften, um die Freih ii in Amerrka zu bekämpfen.(Umube und wieder- holte Unterbrechungen rechts.) Heute ist der schwarze Bruder in Amerika frei: daS große Wort Johann Jocoby's;„Freiheit für AlleS, wai Menschenantlitz trägt", ist Wahiheit geworden. DaS Prinz'p der Gleichhert vor dem Gesetz zw nat uns ferner, unsere sozialistischen Brüder von der Acht und Averacht zu be- freien, dt« d°S Sozialistengesetz über fie verhängt. DaS Wort „Bruderliebe" endlich leitet uns, auch unsere israelischen Mit dürger alS Brüder anzusehen. Die Juden und die Sozial- demokraten haben auf französtschen Schlachtfeldern für Deutsch- land gekämpft und ihr Blut ve mischt stch mit dem der pommerschen und märkischen Junker. Darum gleiches Recht, wo gleich« Pflichten fiird! Stimmen Sie gegen die Vorlage!(Bei- fall links.) Baynscher Bevollmächtigter v. Herrmann: Ich mutz dem Vorredner widersprechen, datz die boyrischen Behörden daS Sostaltstengesetz auch auf andere politische Parteien, speziell auf die Bolktpartei, anwenden. Bezüglich deS Hambacher Festes müßte man zur richtigen Bemthcilung des Vorganges daS ganie Material vor stch haben, insbesondere die Gründe kennen, welch« die Mälzer Behörden vcranlatzten, die Feier zu ver- hindern. Ich bin leider nicht in der Lage, in diesem Augen blicke daS Material zu beschaffen. ES ist inzwischen schon ein- mal die Tiltigkeit deS Sozialistengesetzes verlängert worden. ohne datz dfoser Vorgang hier zur Sprache gebracht wo-den wäre. Ich bezweifle nicht, hätte uns der Herr Vor- redner die Verfügungen der Pfälzer Behörden wortgetreu mit- (etheiit, so würde stch wohl ein ander« S Bild ergeben aben, nämlich, datz auch andere Faktoren bei der Frier mit- gespielt hätten, alS die Herren von der Volkspaitei. An mehreren Stellen warm rothe Fahnen aufgepflanzt, die erst von der P llizei heruntergenommen werden mutzten. Die rothe Fahne ist doch kein Emblem der Voilepartei? Dann wiffen wir doch auch, datz das Hambacker Fest vom Jahre 1832 in sehr nahen Beziehungm zu derjenigen Bestrebungen stand, welche daS Sozialistengesetz verpönt.(Widerspruch links.) WaS die Münchener Vorgänge derrrfft, so habe ich schon in der Kommission darauf hingewiesen, datz die in München ver dotenm und aufgelösten Versammlungen sozialdemokratische Versammlungen wann, die unter dieses Gesetz fallen. In drr Kommisston hat auch Herr K öder selbst erklärt, er sei di» vor wenigen Jadren Vorsttzender der Volks- S? m und wtffe daber ganz genau, datz damal« ie Volk« Partei in München 160 biS 180 Mitglieder gezählt hwe. Von denselben seien in den Versammlungen tn der m-gel nur 15 erschteesn, weil eS nicht Jedermanns Geschmock sei, im Beisein von Polizeibeamten öffentliche Fragen zu diS- lutiren. Warum miether dann aber die VolkSpaetei für ihre V rsammlungen Lokale, die mehrere Hunderte, ja Taus«»"« von Menschen'ass n? Auch da'ür hat Herr K'över den G und an- flegeden. Er hat gesagt, so lange das Ausnahmegesetz beste be. tonne eine d-mokratischc Partei den Sosialdemok-aten den Zu- tri>t zu ihren Versammlungen nicht veiwebren, d h. so lange DaS Ausvahmegesetz währt, geben wir, die VolkSpartei, den Soäaidemokralen Gelegenheit, die Versammlunaen, die fi- unter eigener Firma nicht abhalten können, in Szene zu setzen. (Sehr richtig! rechts.) Wenn die Polizeidirektion daS hin- dcrt, so scheint fie mir vollkommen in ihrem Rechte zu sein. (Beifall rechtS.) Abg. Kall«: Der Abg. Bebel hat vorgestern geleugnet, datz die Sozialvemokraten die Aufhebung der Ehe erstreben. Ick habe hier einige Beweise deS GegentheilS. Am 27. Jan. 1876 hat Hassilmann(Unruhe bei den Sozialdemokraten) hier gesagt, wenn die Charaktere der Eheleute nicht harmonirten, müsse die Ehe gelöst werden dürfen: die Frau brauche nicht aus Rückficht auf ihre Krnder am Manne festzuhängen. Auch Most als damaliger Vertreter deS Parteiprogramms hat wie- derholt die kommunistische Erziehung der Kinder in großen öffentlichen Anstalten gerordert, und Bebel selbst die Gl-ichbe- rechiiguna der Geschlechter. Marx, der wiffenschaftliche Be- grünber Ihrer Lehre, sagt in einem kommunistischen Manifest, sein Zw.ck sei die Aufhebung der Familie, die Gemeinschaft der Weiber.(Großer Lärm bei den Sozialdemokraten. Rufe: Gelogen I Unwahr! Wörtlich zitiren!) DaS Programm von Marx deckt fich hiernach vollkommen mit dem Kommunismus. und man täuscht fich, wenn man zwischen der Sozial- demokratie und dem Kommunismus eine weite Kluft vcrmuthet. Marx sagt unter anderm ganz offen:„Die Er- oberung der politischen Macht durch dai Proletariat kann nur durch den gewrltsamen Sturz der s-tz'gen Gesell- schastSordnung geschehen. Die Herrschaft der B- fitzenden mutz gebrochen werden durch den Willen deS Volks, den man Re« volution nennt. Mit Rosenwaffer wird die KapitalSfiage auf keinen Fall gelöst." Meine Freunde und ich halten, da wir v n diesen Umsturzdestrebungen der sozialdemokratischen Agitation überzeugt find, und angestchtS der gegenwärtigen Lage, vorläufig noch kräftige Represfivmatzregeln gegenüber jenen gemeingefährlichen Bestrebungen für angebracht. ES giebt wohl unter den sozialdemokratischen Führern einige Naive, welche glauben, datz ihr Ideal fich auf gesetzlichem Wege er« reichen läßt, aber, wenn der Sturm erst entsesselt ist, werden fie mitgerissen werden: und wenn fie fich zu widersetzen wagen, werden fie gleich nach unS die Opfer der bethörten Masten. (Lebhafter Beifall der Nalionalltderalen; Unruhe bei den Sojialdemokraten.) Abg. Dr. Bamberger: Die Aufmerksamkeit und Ge« duld des HauseS heute bei der dritten Lesung der Vorlage be- weist, wie grundlos der Vorwurf ist, datz wir unsere Ent- scheidungen nicht mit der nöthigen Gewtffenhastigkeit, sondem nur nach Frak ionSbeschlüffen und vorgefaßten Meinungen treffen. Die zweite Lesung stand unter dem Eindruck der wicbtigen belgischen E-eigniffe, und wenn diese heute nach wenigen Tagen sckon«ine ganz andere Ptyfiognomie darbieten, so wild eS doppelt wichtig sein, datz wir uni unbefangen und vorurtheilS« lo« auch diesem bestimmenden Eindiuck gegenüber zu erhalten suchen. Ich verüble dem Herrn Minister nicht, datz er die delgischm Vorgänge in die VerhaMung zog; jeder hätte, wenn er an seiner Stelle gestanden, dasteibe gethan. Er glaubte, Belgien sei berufen, einen Kampf auSzufechten nicht nur für die Exfftenz Belgien», sondem für die europäische Kul- tur. Heute präientirt fich aber nach allen Darstellungen die Sache nicht mehr so. Ich bin weit enrfemt den Verlust an Menschenleben, an Vermögen und Wohlstand, der dem Auf. stand zum Opfer gefallen ist, zu unterschätzen. Aber wenn wir die Sache nüchtem betrachten, so ist fie ihrer Effenz nach nur eine großartige Arbeits- einstellung, wie fi« auf industriellem Gebiete schon oft vorgekommen ist, nur mit dem charakteristischen Unterschlede, datz die Waffengewalt, welche nöthig war. um die Erhebung niederzuwerfen, stch langsamer eingestellt hat. al» eS sonst zu geschehen pfl-gt(Heiterleit recht»), und daß die Bewegung Dimenftonen annehmen konnte, die sonst tn Ländern mit wobl organistrter Waffengewalt nicht leicht vorkommen NichtSdistewentger steht fest: die Zerstörung, der VandavSmuS, der unzweifelhaft zu konstatiren war, hat nicht den Umfang erieicht, den sensationslüsterne Journale ihm gegeben hatten. Nicht unabsehbare Reihen von Schlöffem und Klöstem find niedergebrannt, e» ist nur ein Kloster angegliffen und wenige Schlösser zerstört worden(Heiterkeit reckt».) Die Joumale stellten die Sache so dar, al» stünde ganz Belgien in Flammen, »ls sei da» Land der Verheerung preisgegeben; statt deffen hat die Zerstörung fich auf einzelne, allerdings sehr beklagenswerthe Reviere beschräntt. Die Ui fachen lagen injder industriellen Krise. Die Kohlenbergwerke hatten seit Jahren schlechte Geschäfte gemacht und deSbald die Löhne herabgesetzt. Darüber entstand Unzufriedenheit unier den Ardeitern der Kohlenrevier« des Lütticher Becken», die bald auf die Glashütten von Charleroi überging. Derartige Empörungen find nicht die Eigenthümlichkeit unserer Zeit; fie haben existttt, noch ehe von der Sozialdemokratie die Rede war. Ich habe Erkundigungen eingezogen, ob unter den Arbeitern an der belgischen Grenze, im Rheinland und tn Westfalen, eine Aufregung, wie fie jetzt die delgiichen Ardeiter durchwühlt, zu bemerken sei, unv habe von Leuten, die zu diesem Zwecke diese Gebiete durchreisten, die Antwort erhalten, datz dort absolute Ruhe herrsche, obschon unter unseren deutschen Ardeitem die soiialtstischen Jbeen viel weiter verbreitet find, alS unter den belgischen. Die unglücklichen Menschen, die, nachdem fie die Glashütte von Baudoux und da» Schloß in Brand gesteckt, selbst auf das Dach desselben gestiegen und dort in der Tollwuth oder in Tmnlenheit mit verbrannt find, daS warm keine Leute, die sozialistische Projette in» Wert setzen wollen.(Sehr richtig! linkS) da« waren Menschen, die fort geeisten waren von der bestialischen Natur, die in dem rohm Menschen steckt. Die Aera der Barrikadenkämpfe, die seit zwei Jahrhunderten in daS politische Loos der Nationen tref eingegriffen hat, ist meiner Ansicht nach vorüber. Seit der N'ede werfung deS JuniaufstandeS in Pari» 1848, seitdem die b-w:ff«ete Macht auf den Gedanken kam, daß man gegen Barrikaden eine offene Feldschlacht liefern könne und müffe, find die Chancen der Bapikadmprofefforen sehr wesentlich geschwunden. Kein Revolution är kann stch noch mit der AuSficht auf Erfolg in großen Städten schmeicheln, viel eher ist die Gefahr auf daS platte Land gezogen. Und gerade weil die Fabrikvistrikte fich wesentlich auch auf daS platte Land hinüberziehen, wo die bewaffnete Macht, wie wir da» in Belgien sehen, nicht so schnell zur S'elle ist«ie in den Siädlen, daium ist eS mir desond-rs betrübend, datz eine ge- wisse Agitation, die unter dem Schein der gesetzlichen Be- trachtung und Erwägung vor sich geht, bei uns fich immer mehr aus da» platte Land zu w-rfen sucht. Jene systematische Eiregung von Unzufriedenheit deS Landmann« mit seinem Schicksah die seit einer Reihe von Iah en gewisse: maßen zum Regierun gSpiogramm geworden ist, enthält eine viel größere Geiäbrouna der öffentlichen Ruhe und Sicherheit, als jene städtischen Massen, die man jetzt als die eigentlichen Heide ver revolutionären Gefäh'dung ansteht. Wenn ich früher die schv ckenhaste Entwick-lung der Dinge in D urschland in den düstirsim Farben malte, so war es, w-il ich bangte wegen der Zukuntt deS Vaterlandes; und wenn ich heute gegen das Gesetz stimme, so ist deshalb meine Befürchtung nicht ge- ringer geworden, sondem größer. Denn waS ich Mr daS eigentlich gefährliche in der ganz-n Sache halte, die Verdrehung der Ideen tn den Köpfen der Menschen, das hat seitdem in enor» mem Maße zugenommen, und nicht am wenigsten in den Köpfen und Reben derer, die die Regierung diese» Lande» führen. (Hött, hört! Sehr gut! links.) Sieht man freilich die Ding« so an, wie Herr v. Schlieckmann, so wird die Sache zu einer reinen Polizetfrage; deswegen hat er auch dieS G setz eigentlich alt permanente« haben wollen. Er hielt dabei eine Leichenrede auf die Preßfreiheit, die ein überwundener Stand» punkt sei und worau» das Volk fich nicht» mehr mache. Herr v. Schlieckmann hat fich darüber skandalisttt, datz die Exzesse der Kommune vor den Palästen der Rothschilds stehen geblieben seien. Ich weiß nicht, warum man uns damit herabzusetzen sucht, daß man anführt, die Sozialisten hätten vor den Palästen jener Finanzier« Halt gemacht, als ob diese unsere Parteigenossen wären. Uebrigen» find von der Pariser Kam« mune nicht dlo» Bischöfe und Generale, sondern tn bei That auch Bankiers und Journalisten erschossen worden, z. B. ein Bankier Jecker, der dai mexikanische Anleben kontrahttt hatte. ES mutz doch nicht gerade ein jüdischer Bankier sein, der er« schössen wird, damit die Herren befriedigt find.(Heiterkeit linkS.) Man spielt jetzt überall mit der„Lösung der sozialen Frage" und giebt stch vielfach dem Wahne hin, datz man mit Konzesstonen daS Werk vollbringm kann, da» man den„W-lt- brand löschen" nennt. Dieser Glaube beruht auf einer Täuschung; die soziale Monarchie, die unS Herr S'.öcker ge- dt hat, ist nichts anderes, als der CäsariSmuS(sehr richtig! S); deshalb ist fie für Deutschland unanwendbar, und ich fürchte auch nie, datz ein König von Preußen jemals diese soziale Monarchie übernehmen könnte. Sie müssen endlich Farbe dekennen, od Sie unter Lösung der sozialen Frage daS verstehen, was die kommunistische Be- weguna fich al» ibr Programm gebildet hat, oder ob Sie Kranrenkassen, Unfallverficherung oder die jetzt schon recht schwer dastehende Jnvaltdenversorgung und dergleichen Akzessoria meinen, die in den Augen der Sozialbemakrttie nur Klimboria find.(Sehr gut! link».) Also— keine Zweideutigkeit!— die„Lösung der sozialen Frage", daS ist die Lö ung der fozialdemokratirchen im kommunistischen Sinne.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Eine andere giebt eS nicht; daS andere find Konzesstonen, mit denen Sie fich nur selbst in» Verderben hineinführen. Jetzt sprechen die Herr-n vom Individualismus miij'Lerachtung, nachdem fie die soziale Weisheit mit Löffeln gegessen haben; und fie sehen mtt Verachtung auf unS herab, dt« wir noch an den alten schönen VerS, die Quintessenz aller sozialen Welkheit, glauben:„Einstweilen, bis den Lauf der Weit Philosophie zusammenhält, erhält stch da» Ge- triebe durch Hunger und durch Liebe." Da« ist dos wahre Geheimniß der menschheitlichen Entwickelung: und Alle», waS, wie der Reichskanzler mit Recht meinte, dir Welt tn ein Zucht« hauS umwandeln würde, würde durch den StaatSsozialismus noch viel mehr geschehen, al» durch den anarchistischen Sozia- liSmuS; denn»rsterer geht gegen die Natur der Menschheit überhaupt und besonders gegen die Natur der deutschen Mensch« hett. Die Frage, ob eS dem Sozialistengesetz, die Bewegung einzudämmen, fie unschädlich zu machen, gelungen ist, verneine ich. Die sozialistischen Ideen haben fich seit seinem Bestehen in Deutschland ganz unermeßlich au»aeb,eitet. Als eS erlassen wurde, hatten wir 10 oder 11 Sozralisten im R ichs- tag, heut 25, eine Partei, die schon ganz respektabel mitzählt. Die Zunahme der sozialdemokratischen Wahlen deweist, das dieses Gesetz diese Ideen nicht hemmt, sondem fördert, weil unter setner Hen schalt die Unzufriedenheit zunebmen tonnte, ohne datz man im Stande war» zu beweisen, wie wenig hier mit sozialdemokratischen Mitteln abgebolfm werden könnte. Ich rechte mit dm Herren von der Sofial'emokratie gar nicht darüber, wie weit fie stch zum Rechte der Revolution bekennen. DaS Recht der Revolution wird in dm unteren Schichten von Revolutionärm wie in den oberen von Staatsmännern immer im stillen Heizen g-hegt.(Sehr richtig I link«.) Bekanntlich find fittlich verwerflich nur die Revolutionen, welche unter- liegen; die, welche fiegen, find immer gute Thaten gewesen (sehr gut! link»), nicht nack Auffassung deS Weltgericht», aber doch der Weltgeschichte. Indem wir den KreiS Derer, die durch solche Gesetze außerhalb de» Gesetzes stehen, immer weiter ziehen, bedrohen wir unser Vaterland mit der größten Gefahr. Man hat so oft den Staaken vorgeworren, fie betonten erst die Rechte, aber nicht die Pflichten gegen den Staat. Auch wir sagen, datz, wo Rechte find, auch Pflichten find. Wir haben daS Recht der Gesetzlichkeit, der Freiheit, aber daffelbe hat auch seine Pflichten und diese führen dahin, daß man manche Unbequemlichkeit, manche Gefahr be- stehen mutz, um dieses größten GuteS, deS RechtS unv der Freiheit nicht verlustig zu gehm. Wir haben auf dem Boden der Freiheit den Kampf des Jahrhunderts auSzufechten, der nicht ein Kampf mtt streikendm Arbeitem, sondern ein Kampf mit Ideen ist, der nur durch Jdem, ich will nickt sagen be- fiegt, aber doch gelöst werden kann.(Ledhafter Beifall linkS.) Bundesbevollmächtigter Minister v. Puttkamer: Ich kann wir vollkommen denken, datz der Herr Abg. Bamberger dai lebhaste Bedürfnitz fühlt, sein diesmal negatives gegen die Verlängerung de» Sozialistengesetzes gerichtete» Votum vor direm Hause zu motiviren, denn er hat nicht etwa zu den dlotzrn Befürwortern deS Gesetzes von 1878 gehört, sondern er war einer der ersten Rufer im Streit, und es war deshalb für ihn gewiß eine sehr schwierige Aufgabe, jetzt da» entgegenges-tzte Votum zu motiviren. 1878 konnte Herr Bamberger die Dinge gar nicht schwarz genug ansehen. Ja, er ging in sei? em Eifer so weit, datz er einfach das Dilemma stellte: entweder die Gesellschaft mutz untergehen oder fie mutz fich durch ZwangSgeietze schützen (Hört! hört! rechtS.) Heute hat er sogar mit einer gewissen wohlwollenden Nachficht von den Theorien der Herren Sozialdemokraten über den Füistenmord gesprochen unv den delgi- scheu Ereignissen eine ganz untergeorvnete Bedeutung beigelegt. Herr Bamderger will nicht blo» Blut sehen, sondern ein ganzes zerstörtes Land(Unruhe link»), bevor er fich dazu ent« schließen kann, auch nur eine G-fahr in diesen Dingen zu er« blicken.(Zustimmung rechts.) Es wären bei jener Bewegung -rohl auch ein paar Sotzaldemokraten dabei gewesen, aber im Großen und Ganzen sei eS ein Akt der Bestialität gewesen. Ich bestreite ganz und gar, daß zwischen dem Sozialismus, den dieses Gesetz bekämpft, und jenen Ideen, au» welchen die Bewegung entsprang, ein Unterschied desteht. Hrer handelt ei fich darum, od die VolkSmaffen der Agitation der Ver- führ er zu entstehen, also das„Fottwuckern" der so- zialist'schen Tendenzen zu ve, bindern, die Frucht und der Erfolg dieses Gesetzes sein kann, wie eS früher Herr Bamderger mit großer Emphase behauptet bat. Er hat heute auch nickt eine einzige Tdatlache beigebracht, die diese kolossale Veränderung in seiner Stellung irgendwie zu rechtfertigen g- eignet war. In einem Punkt« ist tz-rr Bamderger mit seinem FrationSgenoff-n Havel nickt in U.der- eir. stimm ung. Herr Hänel hielt die freie Diikusfion für hin- I tefäeitb, nm die Sojiatbtmoltoüe innerlich wie äußerlich nitder- zuwerfen. Herr Bambrrger aber bestritt, daß da« Verbot von Versammlungen urd vchristen geeignet sei, dm Volke«ei st so zu mäßigm. daß eS zu solchen Buidrüchen nicht kommen könne. Eine ordere Erste d«S Optimismus des Herrn Bamberger de« steht darin, daß er meinte, die Zeit der Barrikaden sei jetzt vorbei. Dai ist in einem gewissm Grade richtig. Ich bin nicht so sachverständig wie der Abg. Bamberg«:(große Heiter feit recht»), der die Sache au» seiner Jugend her vielleicht noch in Erinnerung hat.(Sehr gut! recht».) Wenn die Banikaden« ära vorbei ist, so haben nur da» der Starke der Regierungen zu danken. Aber die Bestrebungen selbst find heute noch gerade so vorhanden wie früher. Die Leute wagen nur nicht, damit hervorzutreten, weil fie wiffen, daß fie eine niederschmetternde Energie de» Widerstände» finden würden. Wir haben übrigen» den Provinzralbehördm den strengen Befehl gegebm, bei dem leisesten Hauch einer Unruhe soiort mit dm nachd> ücklchstenIMitteln einzuschresten.(Beifall.) Die überwiegende Mehrheit der deutschen Nation steht in diesem Gesetze ein wirksame» Schutz- mittel gegen die Gefahren, welche Herr Bamberger jetzt offenbar in koloffalem Maße unterschätzt. Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde, daß ihm die Motivrruny de» Rücktritt» von seinem früheren Standpunkte vollkommen mißlungen ist. Wa» er gesagt, spricht gegen ihn und für die Vorlage, die ich bitte auch in dritter Lesung anzunehmen. lBeifall recht».) Adg v. Kar Vor ff: Herr Bamberger infinurrt uns, daß wir nicht von dem Ernst der Sache überzeugt, sondern au» Wahliückfichten oder gewtffcn oberflächlrchen Rückstchten für die soziale Gesetzgebung eingetreten wären.(Widerspruch de» Abg. Bamberger.) Die Henen von der treifinnigen Partei find ja in einer sehr angenehmen Lage. Sie können htntreten und sagen, wir haben gegen dieses freiheitSwidrige Gesetz gestimmt, wir find die wahren Freunde de» Volk». Dadurch könnm fie die Stimmen der Sozialdemokraten bei den nächsten Wahlen einheimsen. Dabei bin ich aber der festen Ueberzeugung, daß «in großer Thell von Ihnen sehr froh ist, daß da» Sozialisten» gesetz angenommen wird.(Ledhaste Zustimmung rechts, W�der» tvruch link».) Ich glaube ja, daß einige von Ihnen von jeher der Ueberzeugung gewesen find, daß das Sozialistengesetz nicht gegeben werden dürste. Aber ein Theil von Ihnen denkt ander», und die frühere Abstimmung giebt da» Recht, Ihnen da» zu sagen. Daß dai Gesetz den sozialistischen Ideen Eintrag thut, glaube ich auch nicht, aber e» verhindert gewaltsame Ausbrüche. Welchen Emfluß muffen die Worte Bebel» auf das Gemülh deS schlickten Arbeiters machen. Man muß nicht daran denken, welchen E ndruck Ihre Worte hier im Saale machen, sondern im Lande. Nun nehmen Sie(zum Abg. Bebel gewendet) fich in Acht, bei unS von russtschen Zuständen zu sprechen, sonst fallen die Folgen auf Sie zurück!(Sehr gut I reckt») Sie halten fich ja immer den Rückzug offen. Die Pariser Korn« mune könnte ja von agenta provocatenrs inszenirt sein. Auch daS Nieverwald-Attentat'i Auch die Ermordung Rumpff»? Ich bin der festen Ueberzeugung, daß, wenn Sie einmal an» Ruder kämen, Sie mtt derselben„Brüdrrltchkeit" die Köpfe würden springen laffen, wie die Jakobiner und die Pariser Kummune, die Herr Bebel so sehr verhenlichl hat. Da», waS die Arbeitrr in Belgien verlangen, allgemeines Stimmrecht, allgemeine Wehr» pflicht, obligatorischen Schulunterricht und Arderterschutzg- setze, da» haben unsere deutschen Arbeiter bereit». Ich denke aller dingS mtt Henn Bamberger, daS deutsche Volk hat für die soziale Frage ein höhere» Jntereffe, als jede» andere, deshalb werden Sie wohl auch erkennen, daß die soziale Frage im In« tereffe de» Arbeiters nur durch da» Könsgtium gelöst werden kann.(Sehr richtig! recht».) Folgen Sie lieber Laffalle, der da» soziale Köniathum anstrebt, nickt aber die sozial« Republik. (Widerspruch links und bei den Sozialdemokraten. Adgeord neter Bebel ruft:„Lesen Sie doch seine Briefe an Rodber» tu»!") Dem von verschiedenen Seiten autgesprochenen Wunsche gegenüber, nach und nach durch daS Gesetz vi.lleicht auk den Boden de» gemeinen Recht» zu gelangen, selbst auf Kosten einer Verschärfung de» Verein»» und Versammlungsrecht» vnd einer Beschränkung der Preßfreiheit, erwidere ich: ja, wenn wir hier eine Majorität dafür bekommen können, warum nichr? Ader fie wird nie datür zu bekommen sein, weil fich die Par- teien— auch die konservative— sagen werden, daß fie selbst darunter leiden würden. Die Schwierigkeit der Lösung liegt eben darin, daß die ganze gegenwartige wirthschastliche Nothlage sehr wesentlich mitspricht und diese ist allein verschärft und zu so unleidlicher Höhe gettieben dui ch die End werihung de» SilbnS.(Gelächter linki' große andauernde Heiterk» il recht» und link») Ja wohl, Schuld an der Noch. Sie ist doch herbeigeführt duich den ungeheuren Prciidruck. Wenn ich denselben durch Einführung der Sild-rwäh.ung auf« höbe, so wäre e» doch erwieien, daß die Nichteinführung der» selben die Hauptschuld an der Misere ttägt.(Schallende s Ge» lächter; Rufe link»:„Wenn! Ja wenn!") Ich weiß sehr wohl, daß noch die verschiedensten Fakioren mtrwiiken, aber wethalb ist denn solche wirthschattliche Noch seit Jahrhunderten nicht eingetreten? Weil früher Doppelwährung bestand. In der einen Wagschale lag die ganze Summa der anderen Gründe, in der anderen hielt die Doppelwährung, welche die Entwcrthung verhinderte, jenen da» Gtetckgewicht.(Heiterkeit.) Jetzt haben Sie den Inhalt der»weiten Schale der ersten noch hinzugefügt, mußte da nicht dirse ungehörige Wirkung ent- stehen?(Ruf link»:„Aulgezeichnete Beweisführung!" Ge- lächter.) Sowie die verbündeten Regierungen erklären:„Wir stnd bereit, da» Silber wieder auszumünzen," werden Sie die Hebung aller Preise sehen.(Ruf link»:„Na! Na!" Gelächter.) Nach dm Reden deS Herrn Abg. Bebel wird eS wohl nur noch Wenige geben, welche von der Nothwendigkeit deS Sozialistengesetzes nicht überzeugt find; ich bedauere, daß die freifinnige Partei fich nicht hat überzeugen laffen.(Vereinzelte» Bravo rech!».) Abg. Liebknecht: Der bayerische Herr Bevollmächtigte zum Bundeirath« hat un» in setner Rede eine ganz auS» gezeichnete Waffe gegen da» Gesetz in die Hand gegeben, indem er sagte, die B-st'ebungen, deren Vnrherrltchung da» Hambacher Fest im Jahre 1832 gellen sollte, seien gerade solche gewesen, die da» Sozialistengesetz verbiete. Da steht man ja ganz klar ausgedrückt, daß fich da» letztere gegen jede Oppofition über- Haupt richtet, denn da» Fest galt dem bürgerlichen Lidei aliimuS jener Zeit. Der Adg. Frhr. v. Hntling stellte neulich dieselbe Forderung, indem er fich gegen un», al» die atheistische Pa-tei, wandte. Der AtheiSmu» ist dem Freimaurerthum vnd moder« nen LiberaliSmu» mlsprungen, somit müßte fich nach seiner Schlußfolgerung da» Sozialistengesetz auf all« Parteim link», von un» vi» in die Reihm der Nattonallideralen hinein, er» strecken. Wa» die Angriffe de» Herrn Adg Kalle gegen un» angeht, so hat er seine Weisheit au« demselben Buche geschöpft, wie der Herr Minister v. Puttkamer; er ist auf dm Pastoralen Leim de» Pastor« Schuster gegangen, der in einem Buche allerhand Sätze auS sozialistischen Schriften herausgeiiffen, in Gänse'üßchen gesetzt und mit diesen herumargummtirt hat. Wa» er dann heraus be- weist, giebt er al» sozialistische Lehren auS. Bezüglich der Stellung der Fraum bat Bebel nur gesagt:„Die Frau soll gleichberechtigt sein." In dem kommunistischen Manifest von Karl Marx soll der Satz von der Gemeinschaft der Weider ausgesprochen sein. DaS Gegentheil ist der Fall. DaS ist ein solcher herauSbewiesmer Satz de» Pastor» Schuster. Im Marx heiß e» aber;„Der Bourgeois steht in der Frau ein Pro- duk-ionitnsttummt, und, da er von dn Gemeinschaftlich«» der Produktion hört, so meint er, auch die Wcibergemeinschast solle eingeführt werden; er ahnt nickt, daß eS fich gerade darum handelt, die Stellung der Weiber al» Produktonsinstrument aufzuheben: e» versteht fich von selbst, daß mit der Autbebung der jetzigen Produktion auch die au» ihr hervorgehende W-ibei» gemeinschast, die offizielle und nicht offizielle verschwindet." Also gerade da» Gegentheil.(Hört! hört! link» und bei den Sozialdemokraten.)„Die Frauen find in demselben Moment, wo kommunistische Verhäuniffe etntretm, nicht mehr ge-» nöhigt, fich zu verkaufen, weil fie mtt den Männern gleich- berechtigt find." Wir sprechen auch gar nicht von Ab» schaffung des PrivaleigenthumS, sondern sagen:„Die Diebe, welche den eigentlichen Eiqenthümer, der da» Eigen« thum durch seine Arbeit erwirbt, dem Arbeiter, da» ihm Ge- hörige nehmen, sollen eS herausgeben." Dai heißt doch gerade da» Eigenlhum w ederberstellm.(Lachen recht».) Ich soll nun zu den Feinden de» Parlamentarismus gehören. Da» ist nicht richtig. Sobald der Volkkwtlle im Parlamente voll und ganz zum Ausdruck kommt, bin ich ein überzeugter Anhänger de» Parlamentaritmu», aber nicht, so lange eine durch Beein- fluffungen aller Art gefälschte Vertretung besteht. Mit einer solchen kann ich mir eine friedliche Lösung der sozialen Frage nicht denken. Hätten wir Männer an der Spitze, welche die soziale Frage begreifen, dann wäre die Lösung kinderleicht; fie ist aber nicht möglich, wenn Sozialisten und Sozialdemokraten mundtodt gemacht werden, wenn wir Staatsmänner an der Spitze haben, welche die einfachste Forderung der Sozialdemo« kralle nicht verstehen und welche sagen, fie habe kein Programm a>S den Fürst-nmorv. Dann hört für mich die Vtöglichkeft de» Glauben» auf, daß bei solchem Unverständniß eine fried- liche Lösung möglich sei. In der zweiten Berathung de» Gesetze» stnd un» zwei Gründe vorgeführt worden, die als triftige ausgegeben weiden können, alle» übrige warm hundertmal ge hörte Gemeinplätze; diese beiden Momente find die belgische Revolte und eine erst in derselben zweiten Lesung von Bebel ausgesprochene Bemerkung. Al» am 8. Februar da» erste Wolff'sche Telegramm über die Londoner Unruhen hier ankam, da meiklen wir, daß wir in daS Zeichen der Verlängerung deS Ausnahmegesetze» getreten warm; „England st'ht am Vorabmd einer großen, verhängnißvollen Revolution I" so verkündite dem nichts ahnenden Berliner Bürger Wo ff'S telegrap'Asche» Bureau. Ich schrieb sofortnach London, erhalte die Londoner Zeitungen, finde aber keine Spur von Auflegung darin. In einem Meeting, welches die eng- lischen Schutzzöllner, die fich verschämt die Anhänger de» fair trade nennen, veranstaltet hallen, waren von einigen Sozial« demokraten Reden gehalten, und darnach war«in Mob, der sehr viel weniger Beziehungen zu den Sozialdemokratm al» zu den Verar staltern de» Meetings hatte, zu den bekannten «uischreiturgm übergegangen.(Zwischenrufe recht».) Herr Hyndman hat dasjenige gcthan, wa» man von ge« wiffer Seite auch un» gar zu gern thun sähe; er hat eingestandenermaßen von den Torte», den englischen Konservativen G-ld genommen. Da sehen Sie, weß, Geiste» Kind dieser Aufstanv gewesen ist. Wmn nun auch noch in einigen deutschen Bliitern, wie dem»Leipziger Tageblatt", flott weiter gelogen winde, so schlief doch die Sache allmälig ein. Da kam daS erste Telegramm au» Belgien:„Im An- schluß an eine Feier de» Kommuneaufstande» u. s. w." Mit der Kommune hat der Aufstand ebenso wenig wie etwa Herr v. Puttkamer mit dem Aufstand zu thun; der belgische Arbeiter- krawall ist völlig loigelöst gewesen von jeder politischen De- monstratwn, wie Herr Bamberger vorhin ausführlich dargelegt hat, er war völlig spontan. In der ganzen offiziösen Presse di» herunter zu der nationallideralen aber hieß et: In London haben wir vor einem Monat diese Unruhen gehabt, jetzt in Belgien, wie lange wird«S dauern, dann schlagt da» Feuer de» Aufstände» auch nach Deutschland herüber; ach, wie gut ist e» doch, daß wir da» Sozialistengesetz haben I AlS wir daS hörten, kannten wir die Rede, die unS Herr v. Puttkamer ge hallen hat, schon auswendig. Belgien ist in doppelter Be- ziehung ein Musterland, e» ist da» Musterland de» KlenkaliSmu» und der Bourgeoiste, de» reinen Manchester- tbumS. WaS diese Bewen in Bezug auf die Ausdeutung und Verdummung der Mafien haben leisten können, ist in Belgien zu Tage getreten. ES ist ein Glück für Herrn v. Puttkamer, daß er seine Abstimmung bereits in der Tasche hat; hätte man mit der zweiten Lesung noch drei Tage gewaltet, so würde der rothe Popanz au» Belgien seinen Eindruck auf den Reichstag verfehlt haben. »/io aller Berichte find ja gelogen; und da» zehnte Zehntel ist entstellt. J-tzt wird auf der ganzen Linie widerrufen. Sie werdm doch einen Minister Ihrer eigenen Pattei nicht deS» avouriren wollen, der in Cbarlerot die Uebertreibunaen der Journale zurückgewiesen hat. Die Zustände, wie fie in Belgien und Nordfiankreich herrschen, müffen natürlich zu Auidrüchen der menschlichen Bestlalttät führen. Die Schil�runm die Zola im„Germmal" entwirft, ist nicht» al» ein getreue» Abbild der faktischen Zustände. Gerade in Belgien müßte die Entmenschung und Verlh'irung der Arbeiterdevölkerung ,u solchen Krawallen lühren. Wo sozialistische Organisation besteht, find keine Stterk», find keine R-vollen vorgekommen, da» wird jetzt von allen Zeitun- gen zugestanden. Weihalb soll nicht in die aufständischen Distrtkie irgend ein beliebiger Jhring-Mahlow fich begeben haben, um mitzuarbeiten.(Unruhe recht».) Damit will ich keineswegs die Regierung angreifen, denn die bedarf ja solcher Mittel nickt; aber sollte nicht irgend ein solcher agent proro- catenr auf eigene Faust hingegangen sein. Sicher ist e» doch, daß selten» der Regierung Leute dahin geschickt worden find, um Bericht zu erstatten. Und ich setze meinen Kopf zum Pfände, daß auf G.und solcher Berichte solcher Agenten die Schauermärchen in die P-effe und hier an dm Rcichitag ge- langt find.(Wiederholte Unruhe recht») Ich will nur bei- läufig darau» verweisen, waS Füist Bismarck seiner Zell über diese Geheimagenten und Spitzel in seinen Briefen nicdergelrgt hat. WaS nun Bebel» Aeußerung betrifft, so muß e» doch mit einer Sache sehr schlecht bestellt sein, und die Vertreter der Regierung müffen fich in äußerster Verlegenheit befunden habm, wenn fie fich an ein paar Worte eine» Redner» krampfhast anklammern. Wir kennt die Geschichte so wenig, daß er nickt zugeben wollte, daß dai rusfisch« System nvthwendig den Nihilismus erzeugt hat. Ein russischer Adeliger, der bei Ermordung deS Kaiser» Paul zugegen war, sprach e» dem ftanzöfischen Gmeral Custine gegenüber ruhig aui:„Solche Greuelthaten gehören gewissermaßen zu unserer Verfaffung, in Rußland herrscht le deapotisme modere par l'asiassinat. Daß ein Land, wo die Fürsten nicht pflegen eine» natürlichen Tode» zu sterben, wo Niewand vor den Richter gestellt zu weiden braucht, sondern einfach nach Sibirien verschickt wird und für die Welt ver« loren ist, entsprechend gewaltthättge Reaktionen erfahren muß, ist natürlich. Der Absolutismus ist bankerott geworden, er hat mit dem Nihilismus nicht fertig werden können; die Macht de» letzteren ist nur vorhanden durch die inS Gegentheil um- geschlagene Omnipotenz deS persönlichen Regiment». An diese geschtchrltche Wahrheit knüpft Bebel, provozttt durch einen Zwischen» ruf von rechtS, die Aeußerung, daß», wenn auch bei unS ähnliche Zustände zur Henschaft kämen, er selbst dazu rathen und helfen würde, dagegen anzugehen. Diese Zustände find ja bei unS nicht und ich füge hinzu, fie können nicht sein. Ausfische Zustände einführen, beißt da» allgemeine Wahlrecht beseitigen, die Einzellandtage beseitigen, jede öffentliche Mei- nungSSußerung unterdrücken durch drakonische Strafen; da» kann in Deutschland nur geschehen durch ein Verbrechen, durch Hochverroth und Staatsstreich.— Und wenn e» Verbrechern gelingen sollte, Deutschland zu solchen ru! fischen Zuständen her» abzudrücken— aber das Wort rusfisch nicht verdreht— dann wird an Jeden, der sein Vaterland liebt, allerdings die Frage herantreten, ob es nicht möglich sei, solchem System mit den Waffen zu antworten, mit denen es selbst kämpft. Ist denn die aristokiatische Partei so mäßig gewesen in der Anwendung ron Gewalt? Und hat da» Zentrum etwa die Schriften der Jesuiten vergessrn, in denen der Tyrannenmord von sehr guten Katholiken gepriesen wird? Ist nicht der Mordversuch von StapS auf Napoleon in jedem preußischen G'schichtsduch al« die Thai eine» Muster- Patrioten geschildert? Sir führen rusfiscke Zustände nicht her« bei, mögen Sie noch so viel am allgemeinen Wahlrecht herum- bohren I Da» deutsche Volk ist viel zu wert entwickelt: zu russtschen Zuständen gehöit ein russtkcheS Volk oder vtelrnehr die Abwesenheit jede» Volke». Die Nationalliberalen glauben, daß Fürst Bismarck auf seinen Schultern die Geschicke Deutsch- lanvs trägt und deshalb verherrlichen fie ihn. Glaubten wir an diese Omnipotenz de» Fürsten Bismarck, dann könnte leicht einem Heißsporn der Gedanke kommen, daß ein System» Wechsel zu erreichen sei. wenn dieser«ine Mann hinweg- geräumt wäre. Da» wäre nach deren Anschauungen einfach logisch; nach unserer ist e» einlach albern. Wir sehen den Fürsten Bismarck nicht alS den Schöprer, son« dein al» daS Geschöpf der Geschichte Deutschland» an. Wäre er nicht gewesen» so hätte ein beliebiger anderer Hinz oder Kunz daffelbe gemacht.(Große Unruhe bei den Nattonallideralen.) Ein Sozialdemokrat, der zum politischen Morde greift, tritt damit außerhalb de» ganzen Rahmens un erer Parteianschauungen; solche Gewallthalen stnd gerade den herrschenden Gewalten angenehm. Wir wiffen sehr wohl, wie man 1878 die Attentate für daS in eine Sackgaffe ge- rathene System Bismarck, um e» wieder flott zu machen, au»- gedeutet hat. Ohne da» damals künstlich erzeugte Zltterfieber hätte kein Reichstag die wirthschastliche Umkehr gutgeheißen. Darum werden wir immer tböricht genug sein, da» Spiel unserer Feinde zu spielen. Vor drei Monaten hat ein sehr hochgestellter Beamter, der ein biichen hinter die Kouliffen blicken kann— Sie haben Ihre polizeilichen Beziehungen in unseren Kreisen, wir haben fie auch in den Ihrigen — gesagt, die Konjunttur zur Aushebung de» Gesetze» sei günstig, wmn nicht« Unvorhergesehenes geschähe. Wir faßten Viesen Ausspruch al» eine Warnung auf, daß jetzt platzende Dynamitbomben von unendlichem Werth für diejenigen sein wüßten, die die Verlängerung de» Gesetze» wünschten. Wir kannten damals den Fall Mahlow Jhring noch nicht. Die Sozialdemokratie habe kein Programm, sagte der Reichskanzler. Dabei hat er 1878 von der Verwirklichung der berechtigten Fmderungen de» sozialistischen Programm« aesprochen. Unser Goihaer Programm, ich deHaupte es mit S>ol,. ist so umfassend wie da» keiner anderen poittischen Partei. Wa» für ein Pro- gramm hat Fürst Bitmai ck?(Ruf bei dm Sozialdemokraten: Staatsstreich!) Bi» vor zehn Jahren war er Freihändler unter Delbrücks Führung. Jetzt ist er Schutzzöllner, Bimetallist und Agrarier unter der Führung v. Kardorff(Heller- keit links), zuweilen auch noch rein manch est- rlich, wie in der Frage der Eonntogsrube. Er will ein sozialer Reformer sein, und hält da» Sozialistmgesetz aufrecht, das jede Eozialreform verhindert. Sein Programm ist einfach: ordre— contreordre— dßsordre.(Unruhe rechts.) Wo« ist die beutige Wuthschaft im Deutschen Reich« andere» al» desordre? Der heutige Staat ist kein soziales Königthum, er ist ein Klaffmstaat in nacktester Gestalt. Fürst Bismarck ist kein Staattsozialist, wir find die StaatSsozialisten! Er ist ein Staatsmann der allen Schule. Um die hmtigm Zustände ohne gewaltsame Revolution zu verdeffern, dazu brauchen wir einen Staatsmann, der die soziale Frage studirt hat. Für un» ist daS Sozialistengesetz der eiserne Reisen, der uns fest zu- sammmhätt. Aber nicht dadurch werden wir da» Gesetz lo», daß wir un» unter da» Szepter ducken; nein, e» muß Folgen tragen, dt« seinen U.hedern unangenehm find «Unruhe recht», Rufe: Dynamit!), dann werdm wir e» lo» werden. Revoluttonen werdm nicht gemacht, wir stehen mitten drin in den Revolutionen, wie Deutschland», Frankreichs, Jtalim», Spanien« Geschichte der letztm 20 Jahre beweist; und so wird, wa» heute besteht, nach 20 gohten nicht mehr bestehen; der Umgestaltungiprozeß geht unaufhaltsam fort. Thun Sie Ihr Schlimmstes, e» wird zu unserem Besten ge« reichen, und je toller Sie«» treiben, desto rascher geht e» mtt Ihnen zu Ende; der Krug geht zum Brunnen, di« er brichl! (Ledhaster Beifall bei den Sozialdemokraten.) Damit schließt die Diikusfion. E» folgen persönliche Bemerkungen. Abg. Bamberger erklärt, daß er bereit» vor zwei Jahren gegen die Verlängerung de» Sozialistengesetze» ge« stimmt und seine Abstimmung ausführlich motivirt habe. Gr wolle da« Hau» mtt einer nochmaligen Vorführung setner Gründe nicht behelligen. Wenn Herr v. Puttkamer seiner Rede einen optimittischm Charakter zugeschrieben habe, so sei die» da» Gegentheil der Wirklichkeit. Abg. Bebel: Wenn die Herren v. Kardorff und v. Puttkamer auf Gmnd meiner Dimstag-Rede Unterstellungen gemacht, die ich schon zurückgewiesm, so ist nur zweierlei möglich: entweder ihr Verstand ist nicht groß genug, um meine Aeußerung begreifen zu können, oder ihre Ehrlichkett nicht groß genug, um fie begreifen zu wollen. Abg. Hänel bestreitet, daß zwischen ihm und Bamberg er ein Unterschied in der Auffaffung der Gefährlichkell der Sozial- demokratie bestehe. Er habe nur behauptet, daß man den sozia- listischen Tendenzen gegenüber mit der Ditkusstonifteiheit au»» komme. Ausschreitungen gegenüber, wie fie in Belgien vorge« kommen, genüge dieselbe allerdings nicht. Abg. Lenzmann konstattrt, daß er wie in der zweiten auch in der dritten Lesung nicht zum Wort gekommen sei. (Beifall rechts.) E» triumphire auch heute das Unrecht wie vor zwei Jahren. Auch die Abag. v. d. D e ck e n und Meyer(Jena) er« klären, daß ihnen da» Wort abgeschnitten sei. In der Sp?zialdiSkusston bemerkt Abg. G r o h«, daß die öO jährige Jubelfeier de» Hambacher Festes deshalb verboten sei, weil die Polizei befürchtete, daS Fest werde in Folge de» Zuzuge» au» Mannheim, Mainz und Frankfurt einen sozia- ttstischen Charaller annehmen. Die Tendenz» deS Hamdacher Feste« würden nicht unter das Sozialistengesetz fallen. Da» Fest entsprang lediglich der Sehnsucht nach der Einheit und Freiheit de» deutschen Vaterland«». Die SOjährige Gedächtniß» feier sollte nur daran erinnern, daß die Einheit zwar errungen, die Freiheit aber noch zu erringen ist.(Beifall.) In namentlicher Abstimmung wird die Verlängerung de« Sozia listeng« fetze» auf 2 Jahre mtt 169 gegen 137 Stimme« angenommen; vier Abgeordnete(Luciu», Götz v Olenhusen, Graf Chamar» und Haanen) enthatten fich der Abstim- mung.(In zweiter Lesung erfolgte die Annahme de» Gefetze» mll 173 gegen 146 Stimmen.) Mit„I a" stimmen die Kon« servattven, die ReickSpartei, die Nationalliberalen, ein Theil de» Zentrum», sowie die Abgg. Zorn v. Bulach, Bertram und Graf Hacke.— Mll„Nein" stimmen die Freistnnigen« die Sozialdemokraten, Palm, die meisten Wellen und vom Zentrum die Abgeordneten Bender, Biehl, Bock(Aachen), v. Buol, v. Dalwigk, v. Fürth, Graf v. Galen, Gielen, Gleißner, v. GliszinSlt, v. Heereman, Hitze, Horn, Kr hier, Kochann, Letocha, Lieber, Lingen», Renken, Mo* kr, Moufang, Müller(Bamberg), Müller(Pleß), Orterer, v. Papiu», Perger, Porfch, Rocke, Röckrratb. Roß, Rudolphi, Senestrey, Spahn, Stütz«!, v. Strombeck, Timm ermann, Trimborn, Utz, Windt« Horst. Als beim Namensaufruf de» Abgeordneten Zeitz— dessen Wahl bekanntlich«ach dem Antrage der Kommtsfio« für u n g t l t i g erklärt werden soll— derselbe mit Ja l ant« wortete, kam au» den Reihen der Sozialdemokraten der Ruf:• Pfui I woran fich eine lebhafte Auseinandersetzung zwischen Zeitz und einigen Sozialdemokralen knüpfte. Schluß 5'/, Uhr. Nächste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. (Zuckelsteuer, Wahlprüfungen.) Lokale». Znr«eschickte der Mar, tage de» Jahre« 1848 ver. öffenttichten die„Baseler Nachrichten" soebtn einen Beitrag deS verstorbenen Solothurner Landammans Vigier, der an den Kämpfen in Berlm theilgenommen. Die intenffante Schilde. rung erörtert am vchlust die Frage:„Wer hat die Berliner Revolution geleitet? Wer war der Generalstab? Wer waren die Führer?"- Herr Vigier schreibt: Vielfach ist die Idee ausgesprochen worden, eS hätte ein geheimes Komite existirt, welches das Ganze dirigirt habe. Das ist ganz unrichtig. Die Revolution war eine emproviskte, hervorgerufen durch die rohen Gewaltthaten des Militärs. Jeder nahm den Posten ein. an den ihn der Zufall gestellt. Kommandant einer Barrikade wurde, wer fich dazu hervorthat. Planlos wurden die Barri« laden gebaut; planlos wurde gefochtcn. Wie war eS aber möglich, daß diese unbewaffneten, undiSziplinirten Banden dem wohlgeübten preußischen Heere gegenüber Stand halten tonnten, einer Militärmacht gegenüber, Vre in der Stadt einzig 20000 Mann zählte und die von den umliegenden Garnisonen noch verstärkt werden konnte. Der Gründe find zwei: erstens die heldenmüthiae Aufopferung der Arbeiter und sodann die Wuth der gesammten Bevöllerung gegen die rohe MilUärmacht, welche Erbitterung bewirkte, daß alleS wenn auch nicht direkt im Barrikadenkampf, so doch helfend und unterstützend mitwirkte. Kaufleute öffneten ihre Magazine, Frauen und Mädchen brachten auS jedem Hause Speise und Trank. Die Soldaten dagegen waren seit mehreren Tagen und Nächten nicht mehr aus der Uniform gekommen, jeden Abend mußten fit au». rücken. Seit 18 Stunden standen fie unter Waffen. Speise und Trank wurde ihnen nirgends verabfolgt. Durch die Barri» laden waren fie von ihren VerproviantirungSlokalen abge» schnitten. Sie waren zum Tode ermattet.— In der totalen Ermattung der Soldaten, in ihrer Deprimirtheit und Ent» muthigung erkläit Herr Vigier die Ursache deS Vollsfiegei gegen eine Armee von 20000 Mann. Den folgenden boshaften Aprilscherz, dem die„Ger. mania" mit Behagen ihre Spalten öffnet, leisten fich die von einem„katholischen Schriftsteller" herausgegebenen„unpolitischen Zeilläuten."„Am 1. April ist dekannllich der Geburtstag deS Fürsten Bismarck. Wenn bis dahin kein Wunder geschiiht, so mebt«S an jenem Tage ein„ncUionaleS Unglück". Nämlich die 101 Kiebitzeier, welche die„Getreuen von Jever" alle Jahre sticken, werden diesmal nicht rechtzeitig vorhanden sein. Silimm, sehr schlimm! Sicherem Vernehmen nach ist unter demVorfitz deS Herrn». Eynern schon eine freie nationale Konnisfion zusammengetreten zur gründlichen Berathung der �kagr, wie der Wiederkehr einer solchen, daS Wohl deS Reiches gefährdenden und die Lovalität untergrabenden Kalamität vor» gebeugt werden könne. ES ist ein Elrafverfahren gegen„Unbekannt" eröffnet, und zahlreiche Kiebitze find unter Androhung von Zeugnißzwang vernommen worden. Die Vermuthung, daß die Eierleger von den„Polen, Weifen oder Franzosen" zur sträflichen Arbeitseinstellung veranlaßt seien, hat fich nicht bestätigt; die Kiebitzt erkiärm einfach, daß fie bei so schlechtem Wetter durch eine force majeure verhindert seien, ihren nationalen Tribut rechtzeitig einzuliefem. Nach dieser Fest. stellung wird die Kommisfion fich daran machen, ein Ausnahme» gesetz gegen die antinationalen Witterungen zu entwerfen. Man verkennt nicht die Schwierigletten diese» neuen Kultur- kampfes gegen da» Wetter, aber man hofft doch mindestens eben so vrele Erfolge damit zu erzielen, wie mit dem anti. katholischen und dem antipolnischen Kulturkampf- Da da» Weitermachen nicht zur Kompetenz deS Reiches gehört, so wird der Eynern'schcn Gesetzentwurf im preußischen Landtage einge. bracht werden, und zwar am 1. April. Ei« interessante» Naturschauspiel ward gestern auf dem Kanal zwischen Spandau und der Plötzenste er Schleuse beobachtet. Hier sowie auf der Havel und dem Tegeler See, woselbst das EiS in diesem Winter eine Stärke von 18 Zoll erreicht hatte, war dai Eis noch nicht fortgethaut, sondern stellenweis noch in ziemlicher Stärke vorhanden. Gestern Vor« mittag setzte fich nun plötzlich eine riestge Eisfläche in Bewegung und trieb nach der vavel zu, zum nicht geringen Schrecken der hier lagernden Schiffer, die ihre Fahrzeuge gefährdet sahen. Erst nach und nach brach die Eisflache auseinander und trieb in größeren Schollen die Havel hinunter. Vermißt wird die Jnspektorifrau I. Grützmacher auS Niederlage bei Briefen in der Mark. Dieselbe hielt fich seit Dezember d. IS. hier auf, um fich einer Kur zu unterziehen. Dieselbe wohnte in Charlottenburg, Berliner straße 135 bei Hölcke. Ende voriger Woche soll der behandelnde Arzt erklärt haben, daß er von einer in Ausficht genommenen Operation abstehen müsse, weil die Dame fie nicht aushalten würde. Frau Grützmacher schrieb dies ihrem Gatten und theille ihm mit, daß fie am Montag nach Hause kommen wolle. Sie ver. ließ auch am 29. v. M. um 5 Uhr Nachmittags die Wohnung in Charlottenburg in Begleitung ihrer 13jähttgen Nichte Elsa N., um nach Hause zu fahren. DaS Gepäck, auS einem Koffer mit Mesfingbeschlägen, einem braunen Reisekorb und einer roth» ledernen Tasche bestehend, ließ fie fich von einem zufällig vor» beifahrenden Äehlwagen tranSpottiren. Sie wollte den Abend« zug um 8 Uhr denutzen, ist aber in ihrer Heimath nicht einge» troffen, sondern spurlos verschwunden. Frau Grützmacher ist eine große, elegante Figur, etwaS stark, Ende der 30er Jahre, hat dunkelbraunes Haar und trug ein braunkarrirteS Kleid und braunen Regenmantel. Die 13jährige Nichte ist brünett, hat ein blaffeS Geficht und auffallend große Augen. Mittherlungen über den Verbleib beider Personen wolle man bei dem nächsten Polizeibureau machen....... Tat fünfundzwanzigjährige SeschäftsjubtlSnnr de« Herrn Friedrich Schulze, der die Mitglieder des deutschm Reichstages und der preußischen Parlamente mit leiblicher Nahrung versorgt, vereinigte vorgestern Abend eine Gesellschaft von über 200 Personen in den geschliffenen Räumen d«S Leip. ziger Gartens. Die Feier des Abend» wurde wesentlich erhöht durch Vorträge, die in liebenswürdiger Weise von den zahl- reich erschienenen Künstlern cxelutirt wurden..Fraulein Hoff. mann und Herr Biderti von der Oper, Fräulein Christine Kaiser, eine sehr begabte Violinvirtuofin auS Frankfuit a. M-, ernteten für ihre brillanten Leistungen reichen Beifall. Stür> mische Heiterkeit rief dai beliebte Komikcrkleeblatt vom Wallner» Theater, die Herren Blenk«, Meißner und Burwig, hervor. Selbstredind wurde auch getanzt, und die Sterne waren wohl schon verblichen, alS die letzten Gäste ihrem Heim zueilten. Zwei anscheinend goldene Halskette«, eine filberne Broch», ein goldenes Medaillon und ein goldener Uhrdeckel wurden in Papierhüllen auf dem Grundstück Fehrbellrnerstr. 15 gefunden. Muthmaßlich rühren diesk Sachen aus einem Dieb- stahl her. Dieselben könnm bei dem Kriminalkommiffariat, Zimmer Nr. 15, bestchtigt werden....._. .. Zahlreiche Anzeige« von Metall-Diebstählen find bei der Kriminalpolizei eingegangen. So wurden in der Nacht zum 31. v. M. einem Gclbgi-ßecmeister in der Alexanderstraße 5 Barren Kupfer und 10 Ballen Mesfing im Gesammtwerthe von zirka 80 Mark aus seiner im Hose im«eller belegenen Werkstatt mittels gewaltsamen Einbruch« entwendet. Gerichts-Zeitrntg. gericht des Landgerichts n das D Zivilprozeß des Kaufmann» Glasersteln in Bernau gegen ihren Vater, den Halddauern Hübner in Wannwitz, wissentlich falsch geschworen zu haben. Am 30. Mai v. I laufte die Ange« klagte bei dem Kaufmann Glaserstein einen Umhang für 21 M. Der Vater lehnte aber die Verantwoitlichleit für daS Geschäft und die Zahlung ab und stellte der Behauptung des Kauf- mannS gegenüber in Abrede, seiner Tochter oder dem Kauf- mann einen Auftrog gegeben zu haben. Luise Hüdner deschwor nun auch, allein und ohne W ffen ihres Vaters zu Gl. bin- gegangen zu sein, der ihr den Umbang„aufgeschwatzt" hätte. Dieser Eid soll, wie die Anklage behauptet, ein wissentlicher Meineid gewesen sein.— Die fiebenstündige Verhandtungent» rollte ein unerquickliches Bild. Ein gewaltiger Apparat von Be- und Entlastungszeugen war in Bewegung gesetzt worden. Aussage stellte fich gegen Aussage, Eid gegen Eid. Eine umfangreiche Beweisaufnahme suchte klarzustellen, ob die beiden Hübner, Vater und Tochter, gemeinschaftlich in Bernau oder auf dem Rückwege von Bernau gesehen worden wären. Der Vertheidiger Rechtsanwalt Wolfgram bemängelte die Glaub- würdigleit der Zeugen oder die Eicherhett ihrer Aussagen, suchte nachzuweisen, daß persönliche Feindschaft und Machma» tionen gegen die Angeklagte und ihren Vater im Spiele seien und bezweifelt, daß ein s« geringes Objekt, 21 M., zum Ver- brechen deS Meineids verleiten konnte.— Der Wahrspruch der Geschworenen lautet« auf Freisprechung der Angeklagten. Moderne Sklaverei, lautete die Ueberschrift eines Ar« tikel« deS„Deutschen Tageblatts" vom 24. Juni v. I., in welchem die Lage der streikenden Arbeiter der Erdmannsdorfer Spinnerei zum Nachthcil der Leiter der Aktien-Gesellschaft ge» schildert wurde. Unter anderem find die Löhne der Weber als zum Verhungern bezeichnet und die Abzüge für Zuspätkommen und Lieferung mangelhafter Arbeit in scharfer Weise gegeißelt. Es ist behauptet, daß auS den bezüglichen Beträgen Remune» rationen für die Oberbeamten entnommen worden find. Trotz» dem da«„D. Tgdl." eine ihm von dritter Seite eingebrachte Berichtigung der behaupteten Thatsachen aufgenommen, streng- ten die Mrektoren der Attiengesellschatt Nagel und Meier dennoch eine Privattlage gegen den»» rantwortlichen Redatteur deS genannten Blattes, Dr. Friedrich Pfannkuch an. Derselbe behauptete, daß ihm der inkrimtnttte Artikel von Herrn Dettweiler zugesandt sei und daß er denselben im besten Glauben an die Richtigkeit der behaupteten Thatsachen aufgenommen habe. Auch sei dieS lediglich in Wahrnehmung der berechtigten Tendenz seines Blatte», welches für die unterdrückten Arbeiter eintritt(Wer lacht da? Red), geschehen. Der als Zeuge ge. ladene Dettweiler verweigerte seine Aussage. Der Gerichtshof fand in dem Artikel schwere, beleidigende Vorwürfe gegen die Privatkläger, für welche der Beklagte als Mittheiler haftbar sei. Nun würde demselben zweifellos der§ 193 deS Str. G-B. zu Gute gekommen sein, wenn nicht aus der Form, insonderheit aus der Ueberschrift, auf die Adficht, zu beleidigen, geschloffen werden müffe. Al« erheblich strafmildernd sei die freiwillige Aufnahme der Berichtigung erachtet und deshalb nur auf 75 M. eventl. 15 Tage Gefängniß erkannt worden. Zugleich wmde den Klägern die Publikationsbefugniß im„Hirschb. Boten" zugesprochen. Eine Anklage wegen fahrlässsger Tödtung und fahr» lässtge« Körperverletzung mtt Uederttetung der BemfSpflicht von allgemeinerem Jntereffe gelangte gestern gegen den Droguen« Händler Kelch und drei Angestellte deffelben vor der ersten Strafkammer hiefigen Landgerichts I zur Verhandlung. Der Anklage lag ein schwerer Unglücksfall zu Grunde, der zwei Menschenleben gefordert und eine längere Krankheit von drei Personen durch Vergiftung herbeigeführt hat. In dem Droguengeschäft de« Angeklagten nämlich stand unter den ätherischen Oelen eine Flasche mit Nitrodenzöl, im gewöhnlichen Leben Mirbanöl genannt, welches zur Fabrikation von Mandel. seife und auch als Rohmaterial für die Darstellung des Ani> lin» verwendet wird. Die Angestellten deS Geschäfts hatten die Unsttte eingeführt, ihren Branntwein mit irgend einem ätherischen Oele zu vermischen, und bei einer solchen Gelegenheit kam dem Kutscher I. die Flasche mit Mirbanöl in die Hand, auS der er verschiedene Tropfen in den Branntwein goß. Von den 5 Arbeitern, die von diesem Gemisch getrunken haben, starb einer am nämlichen Tage, ein zweiter nach mehreren Tagen langer Krankheit, während die drei Anderen nur erkrankten und wieder genasen. Nach dem Gutachten deS Dr. Bischof gehört Mirbanöl zu den Giften, für welche in der bezüglichen Polizeiverordnung ein ficherer AusbewahrungSort vorgeschrieben ist. Die Außerachtiaffung dieser Vorschrift erachtete der Gerichtshof für eine Fahrläsfigkeit, durch welche der traurige Aulgang Herbeigeführt worden ist; er erachtete aber nur den Kelch hier für verantwortlich und verurtheilte deshalb denselben zu 14 Tagen Gefängniß, wäh- rend er die übrigen Angeklagten freisprach. UmzugSfreuden. BeklagenSwettheS LooS„möblirler Herr" zu sein! Der Beduine in der Wüste kann nicht schlimmer daran sein; er schlägt sein Zelt auf, wo eS ihm paßt und bricht e» ab, wenn es ihm nicht mehr gefällt. Aber der Nomade der Groß» stadt, der„möblirte Herr" zieht herum mit seinen Habseligkeiten, sofern er welche befitzt und sucht nach einem Orte, wo er sein müde« Haupt niederlegen kann, nach einer Wohnuno, die einiger» maßen seinen bescheidenen Wünschen entspricht. Man kann ge» trost sagen, daß eS überhaupt keine möblirte Wohnung gtebt, die allen Anforderungen genügt. Bald ist daS Zimmer zu groß, bald ist es zu klein, bald liegt eS zu hoch, bald zu ent« fernt, im Sommer trifft eS die Mittagssonne, im Winter scheint die Bestimmung seines OfenS nur die zu sein, einen kühlen Zimmer- schmuck abzugeben: bald kann man zu ihm nur gelangen, wenn man daS Heiligthum der Familie, daS Schlafzimmer, durch. wandert hat, bald ist man den neugierigen Augen der lieben Nachbarschaft ausgesetzt; bald, um daS schlimmste zuletzt zu sagen, ist die Wirthin zu hübsch, bald zu häßlich. Eine alte erprobte Studentmregel empfiehlt nach drei Dingen besonders bei der Wahl eines möblirten Zimmer« zu sehen, nach dem locus, jocus und focus. Nun, daS erste Erforderniß ist ja er- füllt, soweit Berlin kanalistrt ist. Aber daS„Vergnügen" und die„Heizung", die liegen noch sehr im Argen.-- Glücklich der Mann, der eine möblirte Wohnung gefunden hat, die ihm gefällt. Er wird fie hüten wie einen Schatz! Einer dieser Glücklichen war der Kaufmann F. Er wohnte seit längerer Zell bei Frau H. und eS gefiel ihm so gut bei seiner Witthin, daß er fich entschloß, ihr treu zu bleiben und mtt ihr umzuziehen, alS fie die Woh- nung wechseln mußte. Er sollte auch gar keine Unannehmlich- leiten Huben. Frau H. versprach, alle seine Sachen in die neue Wohnung schaffen zu laffen, ohne daß er einen Finger zu rühren brauche. Der UmzugStag kam, eS war der 2. April vorigen JahreS- Ali vorfichtiger Mann fand fich Herr F. erst um 10 Uhr Abend« in seiner neuen Heimstätte ein. Die sah noch sehr ungemüthlich au»; die Möbel hatten noch nicht den richtigen Platz gefunden; der Schrank stand schief, der Tisch wackelte, ein Stuhl, der verschämt in der Ecke stand, besaß nur noch drei Beine. Ohne Btlderschmuck waren die tapezier- ten Wände, dagegen verrieth ein breiter Fettfleck, wo früher daS Sopha gewesen und wo die früheren Bewohner ge. jeffen und gelehnt hatten. Durch die gardinenlosen Fenster aber sah der Mond wie in eine Ruin« hinein.—„Nun daS läßt fich nicht vermeiden", dachte der junge Kaufmann philosophisch und zündete die Lampe an, deren Zylinder gesprungen und deren Glocke ein großeS Loch aufwies.„ES wird schon besser werden I" Er zog die Stiefel auS und suchte nach den Pan« toffeln. Aber diese gestickte, an den Hacken niedergetretene be» queme Fußbekleidung befand fich noch im Koffer. Wo war aber dieser Koffer? ES waren nur zwei vorhanden und gerade im dritten steckte daS Gesuchte. Herr F. suchte, er sah in den Ecken nach, er kroch unter dai Bett, er kletterte auf einen Stuhl, um auf den Schrank zu blicken: er schaute sogar hinter dem Ofen nach, trotzdem eS sehr unwahrscheinlich mar, daß der Koffer in der Zwischenzeit so abgemagert wäre, um in dem schmalen Zwischenraum Platz finden zu können. Der Keffer war nicht da. Schließlich tröstete fich Herr F. mit der Hoff» nung, daß der Verschwundene unter den Sachen der Wirthin geblieben sei und daß er am nächsten Morgen gefunden werden würde. Aber auch diese Hoffnung war trügerisch. ES wurde alleS umgekehrt, doch der Koffer, der„doch keine Steck» nadel war," wie Frau F. sehr richtig bemerkte, war und blieb verschwunden- Und gerade dieser Koffer hatte wetthvollen Inhalt; 436 Mark betrug der Verlust. ES blieb nichts übrig als anzunehmen, daß er beim Umzug gestohlen war. Den Geldverlust hätte Herr F. noch verschmerzt, aber im Koffer befanden fich seine Papiere und heutzutage gebraucht man Legitimationen an allen Enden. Er lief zur Polizei und da erfuhr er, daß von den Männern, die den Umzug ausgc« führt hatten, zwei über ein sehr stattliche» Register von Vor» strafen verfügten. Bei der Haussuchung wurde aber nichts ge» funden. Der unentdeckte Dieb war jedoch so anständig, Henn F. einige Tage später, sorgfältig in eine alte Zeitung einge« hüllt, seine Legitimationspapiere durch einen Dienstmann zuzu» stellen. Vor der zwette» Strafkammer de« hiefigen Königlichen Landgerichts fand gestern die Angelegenheit insofem ihren Ab« schluß, alt der eine der beiden verdächtigen„Umzugsmänner" der Kellner A. wegen Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. An den vorjährigen Osterumzug wird Herr F. wohl eine Zeitlang gedacht haben und denken. Hoffentlich wohnt er trotzdem noch immer bei Frau H. Soziales Arkeitervewegung. Etwas vom vier. Die modeme WirthfchaftSweise hat zur Grundlage die Produktion auf großer Stufenleiter. In je größerem Umfange fich die Konzentration der Produktionsmittel vollzieht, jemehr die Fortschritte der maschinellen Technik daS ökonomische Getriebe umwälzen, desto schärfer prägt fich daS Entwicklungsgesetz deS Kapitalismus aus, daS da lautet: Sieg des Großbetriebs über den Klein» betrieb. Mitleidslos vernichtet die heutige Entwickelung Taufende und Abertausende aus den Schichten des Klein» bürgerthumi und de» sogenannten Mittelstandes, stößt fie hinab in die Reihen der defitzlosen Arbeiter, die ihre Arbeitskrast unk» nur ihre Arbeitskraft aus den Markt bringen, unbarmherzia geht der eherne Schritt der neuen Zeit über daS Kleinkapital zur Tagesordnung über, die fich unS darstellt alS prägnanteste Gegenüberstellung einer kleinen, immer mehr fich verengernden Gruppe immer reicher werdender Rtesenkapitalrsten, und einer von Tag zu Tag zu immer gewaltigeren Dimensionen anschwellenden breiten Maffe des Proletariats. Auch in der Biererzeugung hat fich diese Thatsache geltend ge« macht. Vor unS liegt eine Ueberstcht über den Betriebsum« fang der Bierbrauereien im ReichSsteuergebiet. Denselben kann man an der Höhe der Brausteuern, die von den ver» schiedenen EtabliffementS entrichtet werden, leicht ermessen. ES zeigt nun die folgende Ueberstcht, daß mit wahrhast natur» gesetzlicher Beständigkett die Zahl der kleinen und mittelgroßen Betriebe von Jahr zu Jahr in weichender, dle Ziffer der Großbetriebe dagegen in steigender Tendenz fich bewegt. Be» trachten wir den Zeitraum von 1872 bis 1883/84, so finden wir. daß im Jahre 1872 an Brausteuer biS 15 M entrichteten 3110 Betriebe, 1573: 2969, 1874: 2682, 1875: 2577, 1876; 2599, 1877-78: 2396, 1878- 79: 2226, 1879-80: 2263, 1880-81: 2289, 1881-82; 2083, 1882-83: 1955, 1883-84: 1948. Wie man steht, ist, abgesehen von einigen kleinen Schwankungen, eine konstante Abnahme dieser Zweigbrauereien zu verzeichnen. Gerade so ist ei bei den Brauereien, die über 15 bis 60 M. Lrausteuer zahlen. Die Ziffer derselben fiel von 1971 im Jahre 1872 auf 1300 im Jrhre 1876, 1114 in 1880 bis 1881 und betrug 1883—84 nur noch 1004, ein ganz kolossaler Rückgang! Dieselbe Erscheinung lrbei fden Bettieben, die 60 bi» 300 R steuern. 1872 gab eS 3642, 1876 nur noch 2810, 1883-84 bloS 2353 Produktionsstätten dieser Art. Daffelbe Lied bei den Bettieben mit über 300 biS 600 M.! Man urthelle selbst: 1872: 1701 Betriebe 1875: 1581 1880-81: 1507 1883-84: 1398„ Auch bei dem eigentlichen Mittelbetrieb mit 600 biS 1500 Mark Brausteuer zeigt fich dieser Rückgang. Im Jahre 1872 gab(«1896, 1876: 1656, 1879- 80: 1606, 1881-84 nur noch 1769 dieser Unternehmungen- Wie anders stellt fich daS Ver- hältniß bei den eigentlichen Großbetrieben! Die Kategorie: über 1600 bis 6000 M. entwickelte fich folgendermaßen: 1872- 1441 Betriebe 1873: 1571„ 1875; 1665 1880-81: 1582„ 1883- 84: 1609„ Diese erste, dem Range nach am tiefsten stehende Gruppe der Großunternehmungen vermehrt fich, aber in geringer Pro» gresston. ES deutet dieS darauf hin, daß ihnen allmültg die Aufsaugung durch die ganz gloßkapilalistilchm Betriede bevorsteht. Die Brauercien mit 6000—15 000 M. Brausteuer stiegen von 271 im Jahre 1872 auf 371 im Jahre 1875 und betrugen 1883—1884 bereits 403. DaS zeigt klipp und klar die Neigung deS Kapitalismus, die Produttion auf großer Stufenleiter zum allgemein gilligen Typus der gesellschaftlichen Arbeit zu erheben. Den glänzenden Abschluß bildet die letzte Kategorie mit über 15000 Mark Brausteuer. Da haben wtt 1872: 125 Betriebe 1875: 197„ 1883- 84: 219 Diese Zahlen find ein vortreffliches Spiegelbild für die witthschaftliche Entwicklungsgeschichte unsere» Zeitalters. Auch in der Bereitung deS edlen Gerstensaftes schlägt ein großer Kapitalist zehn kleine todt. Und daS von Rechtswegen, d. h. als Vorbedingung für die rationellere Regelung der ProduttionS» weise. Die Rheder schreien«ach Staatthilfe. Von der Nordsee wird eine Agitation für Reichssubvention der Rhederei gemelvet. Die Rheder verlangen einen Zuschuß von 50 Pf. pro Registerton für je 1000 Seemeilen Fahrt. Schiffseigner haben früher viel Geld verdient und herrlich und in Freuden gelebt, oder Schätze auf Schätze gehäuft. Jetzt gehen die Ge« schäfte schlecht und fie verdienen nicht so viel, als fie noch ihren Begriffen verdienen müssen. Sie haben gesehen, daß man der Landwitthschaft, der Industrie durch Zölle auf Koste« deS konsumirendm Volkes beigesprungen ist, ergo haben auch fie daS Recht, Subvention vom Siaat zu fordern. DaS ist komisch und bezeichnend zugleich. Komisch, weil früher und auch jetzt noch da» Geschrei groß war und ist, wenn der Ar« beiter zur Hebung seiner Lage Staatsttedit beansprucht. Der Staat dürfe in die Produktion nicht eingreifen, dürfe die wirthschaftliche Freiheit des Einzelnen nicht antasten, hieß eS damals und heißt eS noch heute. Bezeichnend ist das Besch- ei» weil man für fich daS fordert, und noch mehr, waS man bei Jenen als unzulässtg, kulturfeindlich bezeichnet. Das heißt mit andern Worten: der Staat ist nur für die Reichen da, nicht aber für die Armen. Die Eteuergroschen des wertthätigcn Volkes sollen zur Unterstützung der Reichen verwendet werde« dürfen, nicht aber umgelehrt. daS ist die Logik der Rheder, welche ihre Matrosen mit 50—60 M. Monatsheuer ablohnen. Wieder einmal ei« Mcisterwort. Zum Obermeister der Bauinnung in Bautzen kommt ein Maurergeselle und bittet flehentlich um eine kleine Lohnerhöhung, da er bei den tn Bautzen üblichen Hungellöhnen mit seinen fünf Kindern nicht bestehen kann. Er erhält eine abweisende Antwort, die der fcm Obermeister Kube durch den AuSspmch begründet: „Arbeiter brauchen keine Kinder". Sagte ei, und ging ,um Frühschoppen._ � � Zur Lohnbewegung der Maurer. Der Maurer Conrad — aus Berlin autgewiesen— sprach am 30. v. M- in Görlitz in einer öffentlichen Versammlung über die Lage der Maurer. Ei wurde von der Versammlung einstimmig beschloffen, daß am Morgen des 1. April von den Maurergesellen jeder Görlitzer Maurermeister und Baugeschäftiinhaber erinnert werden solle, daß mit diesem Tage der dm Arbeitgebem vorgeleate Lohn« tartf: pro Stunde 30 Pfennig Lohn, zehnstündige Arbeitszeit pro Tag und für Sonntagsardeit und Ueberstunden 10 Pfennig Zuschlag pro Stunde— tn Kraft trete. Da aber vorauistcht» Itch die Arbeitgeber die Forderungen der Gesellen nicht aner- kcnnm werdm, so ist ein Streik unvermeidlich und wird vor» ausstchtlich in ganz kurzer Zeit eintreten. vereine«nd Uersammlunge«. * Die Stuckateure hielten am 29. v. M. in Niest's Lokal eine öffentliche Versammlung ab, welche sehr zahlreich besucht war. Ueber den erstm Punkt der Tageiordnung: Beschlußfassung über die von der Lohnlon Mission vorgeschlagene Streikregulirung, referirte Herr Heindorf, welcher der Versamm- lung bekannt gab, in welcher Weise die Lohnkommisfion ge- denkt, die bevorstehende Arbeitseinstellung zu leiten und forderte derselbe am Schluß seiner Rede die Kollegen auf, fest zusam« wen zu halten und allen Anordnungen der Kommission willig Folge zu leisten, denn nur durch Einigkeit könne man zum Siege gelangen. Der Schriftführer schloß sich den Aus- führungcn bei Vorredners an und thcilte mit, daß eS die Lohnkommisfion sehr bedauere, daß die Stuckateure nun ge- zwungen sind, durch eine Ardeftseinstellung ihrm gestellten humanen Forderungen GeUung zu verschaffen. Die Kommission wäre mit dem besten Vorsatz in die Unterhandlung mft der Meisterkommisston getreten, um ein gutes Einvernehmen mit derselben herdeizufllyren. Leider aber wären die Verhandlungen resultatloi gewesen, die Schuld treffe allein die Meisterkom« Mission, deren Vorsitzender Herr Gillts erklärt hätte, daß die Meister von den von ihnen aufgestellten Bedingungen unter keinen Umständen abgehen würden und daß eS ihm gleich», ltig wäre, wenn die Gehilfen— fallt sie mit dem Meistertarif nicht einverstanden sind— die Anerkennung ihrer Forderungen durch einen Streik er- kämpfen wollten. Redner meinte, ein gutes Einvernehmen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer'könnte nur herrschen, wenn von beiden Seiten der gute Wille dazu vorhanden wäre; wenn aber alle Arbeitgeber den Ansichten deS Herrn GilliS huldigten, dann würden die Ardeiter gedrängt, ihr Recht und ihre Forderungen durch Arbeitseinstellungen zu erkämpfen. Er for- dere nun die Kollegen auf, durch Einigkeit und mit allen ge- setzlich erlaubten Mitteln ihren Forderungen Geltung zu ver- schaffen. ES würden wahrscheinlich, da die Putzer sich ver« pflichtet hätten, die Stuckateure zu unterstützen, die indifferenten Kollegen abgehalten werden, auf den Bauten weiter zu a, besten. Die Versammlung gab nun einstimmig der Lohnkommisfion ihre Zustimmung zu der von derselben vorgeschlagenen Streikregu- lirung. ES wurde beschloffen, von jetzt ab pro Woche 50 Pfg. Beitrag zum Unterstützungsfonds zu zahlen und daß nach Ablauf der ersten Woche nach Eintritt der Arbeitseinstellung die streikenden Kollegen unterstützt werden sollen.— Für die streikenden Tapezirer bewilligte die Versammlung 25 Mark auS dem UnterstützungifondS.— Nach einer sehr regen Diskussion über verschiedene interne Angelegenheiten schloß der Vorfitzende um 1'/, Uhr NachtS die Versammlung. dr. Eine öffentliche Versammlung der Tapezirer tagte am Mittwoch in Gratwest'« Sälen unter dem Vorfitze deS Herrn Sander. Der Kollege Grünwald auS Hamburg referirte über das Thema:„Arbeitseinstellung und Fachverein". Derselbe schilderte die zur Zell im Tapezirergewerbe herrschen- den schlechten Lohnverhaltniffe und legte dann die Nothwen- digken dar, daß die Genoffen jedeS Gewerbes, die Meister oder Prinzivale, die für Fabrikanten arbeiten, nicht weniger als die Gehilfen sich zu festen Organisationen zusammen- schließen. Nicht aber vorübergehende nur zur Durchführung von Streik» hergestellte Vereinigungen, sondern für die Dauer bestehende Fachoereine seien im Stande, eine Besserung der Lohn- und Arbeitsverhältniffe herbeizuführen. Die nächste Aufgabe eines FachvereinS sei die, den arbeitslosen Kollegen Arbeit zu schaffen— durch Verkürzung der Arbeitszeit und durch Abschaffung der Ueberstundm- und der SonntagSardeit. Einen NormaUohn zu foidern, sei weniger nöthig, als eine Normalarbeit««eit festzusetzen und strenge tnne zu hallen. Ge- hörten die 1000 tn Bemn vorhandenen Tapezirer alle zum Fachverein, so würde ver Fachverein bei einem Beitrage von 10 Pf. wöchentlich eine JahreSeinnahme von mehr a» 4800 Mark und bei 50 Pf., die wohl auch Feder geben könnte, eine JahreSeinnahme von mehr als 24000 Mark haben. Mit einer solchen Einnahme würde eS ein LeichteS für den Fach- verein sein, allen feinen Mitgliedern Löhne, die zu einer menschenwürdigen Existenz ausreichen, zu erringen und zu fichern.— Herr Sander theilte mit, daß tn der ersten Woche des Streiks der Lohnkommisfion Unterstützungs- gewer im Betrage von 464 Mark zugegangen seien, die Streikausgaben aber inklusive der Agitationskosten zirka 900 Mark betragen haben: er gab dem Referenten darin Recht, daß ei für die Lohnkommisfion eine peinliche Aufgabe sei, durch einen Appell an das SolidaritätSgefühl anderer Gewerk- schaffen die zur Unterstützung der Streikenden nöthigen Gewer zusammen zu bringen und daß es beffer sein würde, wenn die Tapezirer Berlin« so organistrt wären, daß sie mit eigenen Mitteln den Streik stegreich durchführen könnten. Herr Wiw- berger verthewigte dem Referenten gegenüber die Forderung einei Minimallohnes von 22,60 M. wöchentlich. Nach Schluß der Diskussion thestte Herr Staudinaer die(70) Firmen mft, welche der Lohnkommisfion auf ihre Anträge den definftiven Bescheid haben zugehm laffen, daß ste die gestellten Forde- rungen bewilligen, ferner diejenigen Firmen, welche noch keinen definftiven Bescheid gegeben und endlich mehrere Firmen, welche die drei Forderungen zwar bewilligen, aber in Bezug auf die eine derselben, daß der Minimallohn 2250 Ml. sein soll, sich Ausnahmen vorbehalten. Ein Kollege theilte mit, daß in der Werkstätte deS Herrn Ltchtenstein, trotzdem derselbe Alles be- willigt habe, die Ueberstundenardeit nach wie vor betrieben werde. KongreH de» deutsche« Maurer in Dresden. Der Kongreß war besucht von 73 Delegirten, welche 61 Städte ver- treten. AuS Schlesien haften die Städte Breslau, vertreten durch zwei, und Gö-litz, Liegnitz, Brteg und Neiße je durch einen Delegirten den Kongreß beschickt. Der Kongreß tagte vom 23. bis 25. März. Auf der Tagesordnung stand: 1. Rechenschaftsbericht der Kontrol Kommission und 2. der Preß-Kommtsfion. 3. Die Aufgabe der Kontrol- und Preß- kommtsston. 4. Regelung deS Vergehens bei LrbeitS>Ein« stellungen. 5. Organisation der Wanderunterstützung. 6. Agitation und Organisation. Hierzu eine große Anzahl Anträge und Unteranftäge. Nach dem Rechenschaftsbericht der Kontrol Kommission betrug die Einnahme vorigen Jahres ca. 21 000 M., wovon ca. 19 000 M. für die Streiks in Rathenow und Berlin verausgabt wurden und 2000 M. für die Agitation. Der Kontrol Kommission wurde auf Antrag der Reoisioni. Kommisston Decharge enhetlt. Ueber den Rechenschaftsbericht der Preßkommission entspann sich eine heftige De- hatte und wurden die Angriffe besonders von den Hamburger Delegirten geführt. Im Allgemeinen wurde der Bericht, so- wie die Thätizkeit der Berliner Preßkommission de« v angelt, und konnte die Decharge nicht ertheift wer- den. Es wurde eine RevifionS- Kommission gewähll, die sofort nach dem Kongreß, die Revision vorzunehmm hat. — Der dritte Puntt nahm einen ganzen Tag in Anspruch und wurde endlich beschloffen, die Kontrol- von der Pceßkom- Mission zu trennen. ES wurde beiden ein gesondertes Feld der Thätigkeit angewiesen. Die Kontrol- Kommisston wurde in AgitationS-Kommission umgetauft, und hat ihren Sitz in Ham- bürg, die Preßkommisfion, die dm Baubandwerker verwaltet, hat ihren Sitz in Berlin. Zu Punkt 4 find nach Mittheilun- gen der Delegirtm 19 Streiks zumeist in größeren Städten in Aussicht. Wie überall, sind ei auch hier die Innungen, welche nach Kräften Vre berechtigten Forderungen der Gesellen zu ver- hindern suchen, während mit dm außerhalb der Innung stehen- den Unternehmern in vielen Fällen eine Verständigung erziett worden ist. Da die Verhältnisse in Schlesien und Süddmtsch- land am schlechtesten find, so sollen auch diese Distritte in erster Linie berücksichtigt werden, und ist dies in die Hände der AgitattonSkommisfion gelegt worden. Ebenso die Bestimmun- gen zu Puntt 5 und 6 der Tagesordnung. Im Allgemeinen war man der Ansicht, eine rege Agitation zu entfalten, um die Bewegung nach allen Richtungen hin auszudehnen, ohne eine „sogmannte" Zmtralisation und Verbindungen mit den Fach- vereinen anzubahnen. So erhitzt die Gcmüther im Anfang auf einander platztm, und so erregt auch die Verhandlungen begannen, so ging doch jeder Delegirte mit dem Bewußtsein nach seiner Heimath zurück, etwas gute? und bestimmtes ge« schaffen zu haben. * Zentralkranken- und Sterbekasse der deutschen Wagenbauer(@. H. Nr. 8 Hamburg). Sonntag, den 4. Aprll, Vormittags 10 Uhr, in Renz' Salon, Naununstraße 27, Mitglieder-.Versammlung. Tagesordnung: 1. Rechnungslegung vom L Quartal. 2. Verschiedenes und Fragekasten. * Z ntralkranken- und Bearäbnißkasse der Buch- binde»(E. H.). Sonnabend, dm 3. Aprtl, Abends 3'/, Uhr, und Sonntag, dm 4. April, Vormittags 10 Uhr, in den Armin- hallen, Kommandantenstraße 20, Haupt-Versammlun g. Tagesordnung: Berathung der Anträge zur Generaloersammlung. QuiftunpSbuch legitimirt.— Die Zahlstellen befinden sich: 1) Am Oranienplatz bei Sperling, 2) Naunynstraße 60 bei Schneider, 3) Blumenstraße 29 bei Schneider; 4) Ecke der Rojenthaler- und Weinmeisterstraße bei Schröder, 5) Holzmarktstraße 44a bei Wesenick und 6) Alte Jakobstraße 120 bei Ariwall. * Fachverein sämmtlicher im DrechSlergewerk de- schäftigte« Gewerksgeuosseu. Versammlung am Montag, den 5. April, Abends 8 Uhr, im KonzerthauS Sanssouci, Kottbuserstr. 4»(oberer Saal). T.-O.: 1. Geschäftliches. 2. Vortrag über„die amerikanische Arbeiterbewegung im Jahre 1886 und was lehrt uns dieselbe". 3. Verschiedene« und Frage- kästen.— Auwahme neuer Mitglieder. Gäste willkommen. Louisenstädtischer Bezirkiverein„Vorwärts". Mitt- woch, den 7. April, Abend« 8'/, Uhr, in Krieger'S Salon, Wafferthorstr. 68, Versammlung. Tagesordnung; 1. Vortrag deS Rechtsanwalts Herrn Dr. Reiche über:„Gewerbliche Rechtsverhältnisse". 2. Diskussion. 3. Verschiedenes und Fragekasten.— Gäste, durch Mttgleder eingeführt, find will- kommen: neue Mitglieder werden aufgenommen. * Große öffentliche Etsenbahnarbeiter-Versammlung Montag, den 5. Aprtl, AdendS 9 Uhr, tn Sanssouci, Kott- bufferstr. 4». Tagesordnung: Die Petition der Eisenbahn- arbeiter an den preußischen Landtag. Referent Herr Georg Kördel. Abgeordnete find eingeladen. * Allgemeine Kranken« und Sterbekasse der Metall- arbeiter iE. H. 29, Filiale Berlin 3, Gesundbrunnen). Ver- sammlung Sonnabend, den 3. Aprtl, Abend? 8V« Uyr, Badstraße 54—56(Wetmann'S VolkSgarlen). Tagelordnung: 1. Kaffendertcht. 2. Delegirtenwahl. 3. Verschiedene«. * Verein der Berliner Bananschläger. Sonntag, den 4. April, Vormittags 10 Uhr, VereinSoersammlung bei Preuß, Oranienstr. 51. * Fachverein der Metallschleifer und verwandten Be- rufsgenoffen. Montag, den 5. April, AbendS 8 Uhr, in Rieft« Salon, Kommandantenstraße 71—72, Generalversammlung. Tageiordnung: Wahl deS f. Vorsitzenden der Fachkommission und deS VergnügungSiomiteeS. Kaffenbericht. VerschirdeneS. * Sesaug-Berei«„Harmonia". Jeden Sonnabend, Abends 3 Uhr, im Restaurant Schuhmann, Alte Jakob- straße 38. • Berein der Taubenfreunde jeden Sonnabend, Abend« 8'/, Uhr, im Restaurant Kleemann. Laufitzerstr. 41. * Freie Vereinig«»« der Lederzurichter«ud Loh- aerber Berlins. Sonntag, den 4. April, Vormittags 10 Uhr, in Seefetdr'» Lokal, Grenadiersir. 33, Versammlung. Gäste find willkommen. * Stuckateure Berlins. Eine Delegirtenversammlung findet am Sonntag, den 4. April, VormiftagS 10 Uhr, in Niest'S Lokal statt. Sonntag, den 11. April, öffentliche Versammlung._ Ketzte Nachrichten. Schöne Begriffe von Moral herrschen in den Reihen der Konservativen und Nattonalliberalen. Trotzdem die Wahlen der Herren Lötz(Kassel) und deS„Kameraden" Zeitz(Meiningen) von der Wahlprüfungskommission deS Reichstag« sür ungiltlg erklärt worden sind, und der Reichstag selbst am Tage vorher an der Prüfung der Wahl deS letzteren der beiden Herren durch eine von den Anhängern deffelden de« anttagte Vertagung verhindert wurde, stimmten Herr Lötz und der edle„Kamerad" gestern im Reichstag mft ab über die Ver- längerung deS Sozialistengesetzes: daß dieselben bei dem Namensaufruf mit I a antworteten, ist selbstverständlich. Dazu gehört die ganze moralische„Unverfrorenheit", die sich jetzt in den Reihen der Konservativen und Nationalliberalen breft macht. Zu dieser Unverftorenhrtt gesellt sich noch die national- liberale Heuchelei. TagS zuvor bei Feststellung der TageL- ordnung für gestern— eS war der Vorschlag gemacht worden, die Prüfung der Zeitz'schen Wahl vor der Echlußberathung über das Sozialistengesetz zu verbandeln— rief der Fraktion»- genösse deS„Kameraden" Zeitz, der Abg. Miyer(Jena) da- »wischen, daß Herr Zeitz fich beim Sozialistengesetz der Ad- stimmrmg enthalten würde.— So wird Wort gehalten und s o steht die nationalliberale Moral aus�I Herr Reichstagsabgeordneter und Ober- dürgermeister von Forckenbeck ist gestem zum zweit-nmale durch Versaumung deS Pferdebahnanschluffei von der Abstimmung über daS Sozialistengesetz abgehalten worden. *.* Von den Sozial de mokraten fehlten bei der namentlichen Abstimmung über daS Sozialistengesetz die Adgg. Geiser und Viereck. Beide waren Ertrankung in derFamilie und dringender Geschäfte wegen in die Heimath gereist. Dieselben aber hatten sich„abgepaart", wie im Reichstage der technische Ausdruck lautet. Der crsiere mit dem nationalliberalen Herrn Francke, der andere mft dem klerikalen Freiherrn von Arethin, die fich verpflichteten, gleichfall» in der betreffenden Sitzung nicht anwesend zu sein. *** Da die serbische Regierung die Mittel zur Krieg. führung von Wiener Banken erhalten hat, so betrachtet man in Wiener Finanzireisen den Mtnisterwechsel in Serbien mft Besorgnissen. Zu ihrer Beruhigung wird nun dem„F:dbl." au« Belgrad gemeldet, daß der bevorstehende Persorer.wechsel im Finanzminrsterium keine Aenderungen in den finanzpoli tischen Anschauungen der maßgebenden serbischen Kreise und somit auch keinen Systemwechsel in der Finanzverwaltung her beiführen werde. Daß dieS offiziöse Versprechen dem Ministerium Risttcs keine Verpflichtungen auflegt, bedarf wohl nicht besoa« derS bemerkt zu werden. Da»„Journal de St. PeterSbourg" bemerkt, Admiral KaSnakoff habe sich nach Syra und nicht nach Smyrna begeben, und beabsichtige, wieder nach der Sudabai zmückzu« kehren: es seien somit alle an jene Fahrt geknüpften Kommen- tare hinfällig. Die, wie eS heißt, ablehnende Antwort des Fürsten Alexander auf die Mitthetlung der Pforte vom 30. März ist überreicht worden. Der Fürst lehnt eS also noch immer ad, nur auf fünf Jahr zum Gouverneur von Ostrumelien ernannt zu werden. Die„TimeS" sagt in einer Besprechung der ostru- melischen Frage, wenn die Einwilligung des Fürsten Alexander zu der von den Mächten vorgeschlagenen Lösung nicht erlangt werden könne, müßten diese fich bestreben, die Angelegenheit ohne seine Einwilligung zu ordnen, und eS ihm überlaffen, die Folgen zu tragen. In dm Gladstone ergebenen Kreisen bofft man noch de- stimmt auf einm Sieg seines irischen Projektes. Um letzteres zu Fall zu bringt», müßten entweder mindestens 85 Liderale fich an Chamberlain und Trevelyan anschließen, oder, wmn stch hierzu, wie bis jetzt verlautet, nur 50 Liberale entschließen können, mindestens 60 fich der Abstimmung mt- haften._ Uermischtes. Ueber de« kürzlich verstorbene« Literarhistoriker Heinrich Julian Schmidt, einen der unheilvollsten Krftiler, finden wir tn der„Tgl. Rundschau" folgende Kritik der von Julian Schmidt in die Mode gebrachten Kritik:„Sobald ihn (Julian Schmidt) nur eine klein wenig liebenswüidige Stimmung beschleicht, wird er lebendig, anziebmd. belebrmd, das Gemütb befriedigend; geht er seiner gewöhnlichen Natur nach, verbittert er fich und Andere. DaS ist nicht schon Kritik, fich darauf zu bestnnm, was an einer That, an einer schrift« stellerischen Ärbeft Schlechtes fei und dieses Schlechte dann allein hervorzukehren, fonvern das Vermögen, fich unbefangen in den Gegenstand zu versenkm, verleiht die Befähigung zum Erkmnen deS Ganzen. Als er zusammm mit Gustav Freytag Ende der vierziger Jahre die„Grenjdoten" übernahm, trat anfänglich seine Schroffheit noch weniger hervor; er begann mit seinem Besten, daS er hatte: geistvolle Einfälle über unsere großen Dichter und auS diesen kurzen, ziemlich zusammenhanglosen EffqS setzte fich späterhin seine„Geschichte der deutschen Natioal- Lfteratur im 19. Jahrhunvert" zusammm.... Mit tri Selbstvertrauen von früher Jugend an ausgestattet, fühlte sich Julian Schmidt bald genug als eine kritische Kraft, der kein Anderer zuvorkommen könnte. Sein Muth in der Bekämpfung Aller, die geistig in die Höhe strebten und Einfluß auf Viele Gewannen, steigerte stch zum Hochmuth, und dieser schwere >adel darf einem Manne nicht erspart bleiben, der fich syste- malisch darauf verlegt hatte, einen Gutztow zu rui- Nirm. WaS dieser Ritter vom Geist geschaffm hat, eS überragt thurmhoch alle Leistungen Schmivl's, und hierfür hatte nur er selbst kein Verständniß, einfach weil ihm der freie Blick in daS Leben fehlte. Nun, für feinen Gutzkow- Frevel Ist er hart, sehr hart bestraft worden: Ferdinand Laffalle bekundete durch seine Polemik gegen Julian Schmidt nicht blo«, daß er wie dieser ein genauer Kenner unserer Literatur war, sondern daß auch eine viel mächtigere kritische Gewalt tn ihm ßkte. als in seinem Gegner. Und selbst an Derbheit überholt? Sozialist den Literarhtstolik-r weit. Schmidt hatte Gütz- low vernichten wollen und dabei den Dichter tödlich gekräntt— Laffalle brachte Schmidt förmlich um. Daß er ihn zu grausam dehandett hatte, weil er ihm Alles absprach: Kenntniffe, Uriheil, stylistische Kunst, kam Schmidt vorzüglich zu S-attrn, d.nn Lassalle s Schrift gegen ihn wurde zwar sehr deachtet, sogar dewundert, aber doch alS Tendenz-, sogar als Schmähschrift angesehen. Immerhin hatten Laffalle'S Keulmschläge den Kci« tiker so empfindlich mitgmommen, daß er längere Zeit nicht zum arbeiten kam; erst ganz allmälig erholte cr stch von dem Schreck, der ihm aber im Ganzen recht heilsam werden sollte.— Nur einen ganz kleinen Umgangskreis hatte Schmidt in Leipzig gewonnm: eS schien ihm, alS dedürste er Anderer nicht, und wie verhängnißvoll wurde für ihn diese Abgeschlossenheit! Zu seinem Glück trat die Aufforderung an ihn heran, in Berlm eine von der altliberaten Partei zu gründende Zeitung alS Letter zu redigtren. ES hatte auf seinem Namen ein Zauber gelegen, der die liberale Mittelpartei zu der Vorstellung bracht., die„Berliner Allgemeine Zeltung" würde unter Julian Schmidt rasch in die Höhe kommen, auch der Partei ein größeres Ansehen bei mehr Einfluß gewinnen müssen. Allein die Zeitung ging nach zwei Jahren wieder ein, nachdem ste in keiner einzigen Nummer mit irgend welcher beachtenswerthen Leistung hervorge- treten war.— Schmidt zog fich nun in daS literarische Elill- leben zurück; durch die Gnade des Königs war ihm ein Staats« gehatt von 200 Thalern auf Lebmizeit gefichert. Er hat setzt, erst seit wenig Jahren verheirathet, sorgenlos forschen urd schreiben können; da ihm Berlin ungemein behagte, so lirß er fich hier dauernd nieder Er ist in regem Verkehr auch mft seinen politischen Parteifreunden geblieben; indessen erkor er stch foran nur noch daS literarische Gebiet zu seinem Tummel- platz. Um fich dem Publikum durch eine große Arbeit in Erinnerung zu bringen— seine lfterarbisiorischen Handbücher waren durch jüngere Gelehrte zurückgedrängt worden— um auch mft einem wlffenschafttich vollwichtigen Werke sein L«dm abzuschließen, machte er stch an die schon erwähnte Ardeft, deren Vollendung der Tod leider verhindert hat." Kleine Mittheilnnge«. Kassel, 31. März.(Dynamir-Explofion.) In der Dyna» mftfabrU zu Förde bei Olpe hat fich gestern durch Explodiren von Eprengmaterial ein graßliches Unglück ereigne», indem fünf Arbeiter getödtet wurden. Denselben cxolodirten die zu- bereiteten Sprengstoffe unter dm Händen. Die Unglücklichen hinterlassen zahlreiche Familie. Der entsetzliche Vorfall erregt hier um so mehr allgemeine Aufregung, alS erst vor wenigen Wochen in derselben Fabrik auf dteselbe Weise drei Ardetter getödtet wurden. Pari«, 27. März. Photographische Aufnahme de? Innern des verschüttetm Steinbruchs von Chancelade bei Perigneux hadm das Vorhanvmsein eines Leichnams in fitzmder Lage ergeben, in deffm Nähe stch einzelne nackte Thetle eines anderen Körpers beffndm. Man will daraus schließen, daß die unglücklichen Verschüttetest, um ihr Lebm zu verlängern, Einm auS ihrer Mitte tödtetm und aufzehitm. Diese Vermuihuna wird durch den Umstand unterstützt, daß man noch lange nach dem Erdsturze Rauch aus den FelSklüftm über dem Steinbruch aussteigen sah. Brüssel, 1. Aprll.(Verunglückte Arbeiter.) Nach einer Londoner Depesche der„Jndep. Belge" vom 31. März hat inmitten der Arbeiten deS Kanals von Panama eine Pulver« Explofion stattgefundm, wodurch 10 Personen getödtet und 40 verwundet worden find. Kriefkaften der Redaktion. Zwei Wettende. Da» Zifferblatt der Tburmuhr de» Berliner RaidhauseS hat einen Duichmeffer von 13 Fuß. ®. W. 86. Die gewünschte Adreffe ist: Potsdamer« straße 33 tn Charlottenburg. 6. 8. 1) D Sozialistengesetz ist in seiner seitherigen Faffung, also unverändert auf zwei Jahre verlängert worden. 2) Derartige Statuten brauchen Sie ver Behörve nicht zur Genehmigung, sondern nur zur Kmntnißnahme einzureichen. Veramaonftoer Aedattem 9u»»vkgtt« U truck und Vertag von M« Bavtnv«»«tin«eulhstra», a