Ur. S6«. Konnabend, den 13. November 1886. 3. Jahrg. MiiurMsIM. Brgan für die Interessen der Arbeiter. DaS„Berliner Volksblatt" scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnemcntspreis für Berlin frei «MlKiWBLMMJ'w* Jnsertionsaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarlt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Ucbereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags m der Expedition, Berlin SW., Zimmcrftraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Keuthstraße Ä.— Grpedition: Zimmerstraße 44. im Die Cinheits schule. ®ir"®J!reme berühren sich," so lautet'ein altes Wort. lür-u?. an dasselbe erinnert durch einen Vortrag, den hit&y ein hochkonservativer Pastor über Halbbildung, Ver- dung, Ueberbildung hielt. , in demselben wurde nachgewiesen, daß zahlreiche Km- � der besser situirten Gesellschaft um jeden Preis höhere, . uch die höchsten Bildungsanstalten besuchen müßten, selbst wenn dieselben nachweislich nicht die geringsten Fähig- % � ZU tieferem Studium besäßen. Die Söhnchen der kamten, der Kaufleute, auch einzelner wohlhabender Hand- . ifler müßten die Realschule, das Gymnasium und gar die ."wersität frequentiren, blos um als Einjähriq-Freiwillige schaff zu dienen oder sich irgend einen Titel zu per- „w®hne jede geistige Begabung,„dem Zwang gehorchend, 'cht dem eigenen Triebe drückten sich diese /i�ichchen zum Entsetzen der Lehrer, den Mitschülern � Hindernis; auf den höheren Lehranstalten so lange '"Um, bis sie den gewünschten Zweck erreicht hätten. «Die Eltern, welche genügend Geld besitzen, können es aushalten, während tüchtige Söhne armer Leute keine elegenheit vielfach haben, ihrem Wissensdrang zu fröhncn der menschlichen Gesellschaft durch ihr Studium größeren Zützen zu gewähren. . Durch solches Mißoerhältniß entstände die jetzt in der Mellschaft viel beobachtete Verbildung, welche zu unerträg- uhen Mißständen führe. , Denselben könne man nur vorbeugen, indem man sich 5 1 bem großen Gedanken der Einheitsschule be- '„in welcher der Unterricht für alle wird � ohne Ausnahme gleichmäßig ertheilt zu aus welcher dann nur die wirklich begabten sollen höheren, wissenschaftlichen Bildung hervorgehen spro�'° Fesagt, gehört der Pastor, der solche Worte ge- � zur streng konservativen Partei. ; glaubt, durch die Eink zu erziehen und zur christlichen Einfachheit g\"'»ur irreng roniervanven parrei. Niehr kn? ���be glaubt, durch die Einheitsschule das Volk ZU erziehen und zur christlichen Einfachheit sich A'"hren, dies ist ganz seine Sache. Der Gedanke an fozialikurx ein völlig demokratischer mit einem starten Ächen Anhauche. kkatisck- 20 Jahren nämlich fordert die sozialdemo- 'A Partei diese Einheitsschule. »lle Pi,,l uonnt dieselbe eine„Allgemeine Volksschule" für exjstix. bes Volkes. Es soll nur diese eine Schule Äealsrf.',"' welcher keine besonderen höheren Schulen, als � wn. Gymnasien und Universitäten sich befinden, müssen r"us verschiedene Klassen. Die untern Klassen selbstverständlich in jedem Orte befinden, während Ieuilleton. � 9m Hause des Verderbens. Kriminalroman. Von Reinhold Ortman«. felb'z me uon einer schweren Last befreit hob sich Ram- halte» � hatte es einen Augenblick für möglich ge- wnute'.'S 2uanita im Besitz seines Geheimnisses sein 0ers erausgestellt hatte. Mußte Elsbeth darunter nicht eben so chwer leiden, wie er selbst? Wäre sie ihm nicht für immer verloren gewesen? Nein, nein, angesichts einer solchen Möglichkeit durfte er sich nicht durch kleinliche Rücksichten ab- halten lassen, die volle, rückhaltslose Wahrheit zu sagen. Er durfte ja der Zustimmung Elsbeth's gewiß sein, und alles Gerede, das etwa aus dieser seiner Aussage entstehen konnte, mußte von selbst verstummen, wenn er sie vor aller Welt zu seiner Braut, zu seinem Weibe machte. Als nun der Untersuchungsrichter seine Frage wieder- holte, theilte er ihm mit wenigen Worten mit, welche Um- stände ihn zum abermaligen Betreten des Branden steiner Parks bewogen hatten. „Fräulein Elsbeth Werner", schloß er seine Worte mit wärmerem Tone,„ist meine Braut vor meinem Herzen, aber noch nicht vor den Augen der Welt. Ich hoffe darum, Herr Amtsrichter, daß Sie von dieser meiner Mittheilung einen so diskreten Gebrauch machen wie eS die Pflicht Ihres Amts nur immer zuläßt. Es handelt sich um den guten Namen einer Dame, die in keinem Falle mit den traurigen Er- eignissen, die hier in Frage stehen, das Geringste zu thun hat." Der Richter schien diese letzten Worte ganz überhört zu haben. Er sah Holmfeld scharf ins Gesicht und fragte �„Sie sind also jedenfalls in der�Lage, mir den allerdings zum größten Theil nicht auS sich selber schöpft, son« dem aus dem preußischen Landrecht und allen möglichen Gc- finde- und Dienstbotenordnungen. Es ist ein gar eigenes Ding mit solchen älteren Ges-'tzen. Aus ganz anderen Wirthschafts- Verhältnissen emporgewachsen und für ganz andere Verhältnisse berechnet, athmen sie natürlich einen ganz anderen„Geist", aber gerade weil dieser Geist durchaus ein Produkt seiner Zeit war, läßt er sich nicht im mindesten wieder auf unsere gänzlich veränderte Gegenwart übertragen— und wenn Herr Pindtcr den„gesunden altpreußischen Ueberlieferungen", der„sozial- verpflichtenden Tendenz des Allgemeinen Landrechtes" und der patriarchalischen Fürsorge" noch soviele Thränen nachweint. Solange das Arbeitsvcrhältniß noch ein ständiges war, solange der Arbeiter dem Hause des Meisters an- gehörte, mußte natürlich das Verhältniß zwischen Meister und Gesellen viel mehr ein familiäres sein und dies mußte sich auch im Falle der Erkrankung und der vorübergehenden Arbeits- Unfähigkeit des Arbeiters zeigen. Seitdem der Unternehmer aber infolge der Zunahme des Großbetriebes Hunderten und aberhunderten von Arbeitem gegenübersteht, seitdem die Markt- fluktuationen bei der heutigen Wirthschaftsunordnung bedingen, daß hunderte von Arbeitern entlassen und morgen wieder herangezogen werden, seitdem ist natürlich von einer großen „Familiengemeinschaft" und einem„väterlichen" Geiste nicht mehr die Rede und kann davon nicht mehr die Rede sein. Und eben weil dieser Geist nicht wieder zu erwecken ist, weil niemals wieder die Fürsorge und die Opferwilligkeit der Unter« nehmer, sondern lediglich das Selbstbewußtsein und die Selbstthätigkcit der Arbeiter uns aus unserer wirthschaftlichen Misere befreien wird, deswegen sind wir gegen jede, auf die Dauer doch lebensunfähige Ver- quickung von Unternehmer- und Arbeitcrintercssen, deswegen sind wir gegen viele der heutigen„Wohlfahrtseinrichtungen", deswegen sind wir gegen Orts- und Jnnungskasscn rnd für freie Hilfskassen, für Fachvereine und gegen Innungen und ähnliche Verbände von Untemehmem und Arbeitern. Todte sind nicht mehr zu erwecken und hinter dem„Geist der Für- sorge für Arbeiter", der heute so gern vorgeführt wird, steckt gewöhnlich etwas ganz anderes— eine neue Art, die Arbeiter von der Verfolgung ihrer wirthschaftlichen Interessen durch allerhand Blendwerk abzuziehen. Lassen wir also den Geist des Landrechtes ruhen Zu den Buckauer Sozialiktenverljaftungen schreibt man der„Brest. Morgenztg.":„Ucver die Gründe ist offiziell noch nichts bekannt geworden. Zuerst hieß es, wegen sozialdcmokra- tischer Umtriebe, dann wegen vorbereitender Schritte zum Hoch- verrath. Offizielle Angaben werden nicht gemacht. Nach Privatnachrichtcn, denen Glaubwürdigkeit beizumessen ist, be- ziehen sich die Verhaftungen auf einen Vorgang bei der Reise des Kronprinzen zur Domeinweihung in Merseburg. Es sollen an jenem Sonntag Morgen an Bäumen, Häusern, Scheunen Plakate aufrührerischen Inhalts und sehr aufreizender Sprache angeheftet gefunden worden sein. Ob sich dieselben gegen den Kronprinzen richteten, ob sie überhaupt in direkten Zusammen- hang mit jener Reise zu bringen sind, ist nicht aufgeklärt. Die �hatsache selbst aber wird(der„Bresl. Morgenztg.") als ver- bürgt bezeichnet. Man wird ja nach Abschluß der Vorunter- suchuny Näheres über den Vorfall hören, aber es drängt sich die Ennncning daran auf, daß die Ä a s s c n a n k l a g e n in Deutschland in letzter Zeit in auffälliger Weise in der Zunahme begriffen sind. Wenn wir von dem Grünauer Prozeß sprechen, von dem noch gar nicht beendeten Sprcmberger Prozeß, so ist damit nur der jüngsten Ereignisse Erwähnung gethan. Auch andere Wahrzeichen gicbt es, daß die sozialistische Propaganda Fortschritte gemacht hat. In Chemnitz hat ein Agitator den Muth gefunden, Soldaten zu seinen Ueberzeugungen bekehren zu wollen; in Lübeck ist gar ein Soldat, andere Benchte sprechen von zwei Soldaten, verhaftet worden. Wer die Zei- tungsnotizen über solche Vorfälle aufmerksam liest und sie sam- melt, wird schnell eine stattliche Liste beisammen haben. Das geschieht trotz des Sozialistengesetzes, rufen die Konservativen. Es geschieht durch das Sozialistengesetz, so darf man kühnlich behaupten, denn man kann es beweisen. Es stehen die Listen des Polizeipräsidii über die Zahl der aus Berlin, Hamburg, Leipzig Ausgewiesenen der Oeffentlichkeit nicht zu Gebote. Aber wenn die Zahl derselben auf 200 angenommen wird all' die Jahre hindurch, so ist sie sicherlich mäßig gegriffen. Die Hälfte mag nach Amerika ausgewandert sein— es haben sich dort allein sechs Führer häuslich niedergelassen. Tie anderen hundert aber, die sich nicht so schnell von der Heimath trennen mochten, haben ihr neues Domizil in einem anderen Orte Deutschlands aufgeschlagen. Der sozialdemokratische Agitator wird mit Hilfe der Polizei fein säuberlich übcr's ganze Deutsche Reich ver- breitet. Es ist klar, der aus Berlin ausgewiesene Sozialdemo- krat verläßt die Stadt, ein anderer Mann, als er gewesen, ehe er die Ausweisung erhielt. Er ist verbitterter, verzweifelter, entschiedener. Je nach der Größe des Verlustes, den er er- leidet, nach dem Grade, in dem er sein Schicksal nicht zu vcr- dienen glaubt, wird er verbitterter sein. So koinmt er in eine neue Stadt, oft ein Mann gebrochener Existenz. Wie darf es Wunder nehmen, wenn er nun erst recht, mit ganzer Seele, Brief, welcher die Einladung zum Rendezvous enthielt, zu zeigen?" „Ich habe ihn verbrannt." „So, so! Von wem wurde Ihnen der Brief über- bracht?" „Das weiß ich nicht!— Ich fand ihn bei der Heimkehr von einem kurzen Ausgange in meinem Zimmer vor." „Und Sie erkundigten sich gar nicht nach dem Ueber- bringer?" „Das that ich allerdings, aber meine Wirthin ver- mochte mir keine Auskunft zu geben. Niemand hat den Boten gesehen." „Hatte sich denn Fräulein Werner um die verabredete Zeit an jener Stelle eingefunden." „Nein!— Sie muß durch irgend etwas daran ver- hindert worden fein und ich danke dem Himmel dafür, denn sie wäre sonst Zeugin jener unverantwortlichen Behandlung gewesen, die man mir zu Theil werden ließ." „Mir scheint, sie hätten mehr Ursache, dem Himmel zu danken, wenn die junge Dame wirklich gekommen wäre!" sagte der Richter mit scharfer Betonung. „Doch wollen Sie mir nun erklären, zu welchem Zwecke Sie sich für ein Rendezvous mit einem geladenen Revolver versahen?" „Ich war mir über die eigentliche Ursache selbst nicht recht klar geworden. Der Gedanke schoß mir beim Weggehen eben durch den Kopf, und ich steckte die Waffe zu mir. Daß ich den feindlichen Boden nicht ganz wehrlos betreten wollte, ist es ja am Ende erklärlich genug." „Sie bestreiten auch nicht, vorgestern beim Verlassen des Gutes Drohungen gegen den Baron ausgestoßen zu haben?" „Ich leugne das nicht und gebe sogar zu, daß ich mich möglichenveise vergessen haben würde, wenn der Zufall in Augenblicke eine Begegnung zwischen uns herbeigeführt »Sie verbessern durch dieses Geständniß Ihre Lage und wenn man will, aus einem Gefühl der Rache heraus,» dem bisherigen Sinne weiter wirkt? Früher, in Berlin, Haw bürg, Leipzig, kämpfte er für die Partei, jetzt hat er ein eiger« Konto zu begleichen und es ist in der menschlichen Natur b» gründet, daß er desto energischer wird. Wenn es in bt* Beziehung schlimmer geworden— es kann keine andere Erlv rung geben als die, daß unter dem Soziali st engest! dir sozialistische Propaganda immer weitli in Teutschland verbreitet werden muß."— Und ohne W Sozialistengesetz etwa nicht? Die bürgerlichen Parteien fn* wie man sieht, in einer schlimmen Lage. Weisen sie nicht ais. so müssen sie das Wachsthum des Sozialismus fürchten, um weisen sie aus, so müssen sie mit Schrecken bemerken, daß W Agitation an allen Ecken und Enden Deutschlands aus — in der That, eine Situation zum Verzweifeln für eiul» „Mann der Ordnung". Den Berliner Sozialdemokraten stellt der_ Korr." folgendes Zeugniß kür die Rcichstagswahlen aus: einzige Partei, die entschlossen, einheitlich und sicher auftritt, W die Sozialdemokraten, die denn wahrscheinlich auch mit � Erfolg am meisten zufrieden sein werden." Daß auch unter den Konservativen Muth und lw abhängi'gkeitssinn noch nicht ganz ausgestorben, zeigt f Beispiel des Abgeordneten Kardorss. Dieser Ritter% Furcht und Tadel hat sich zu dem Heldenmüthigen Entp» aufgerafft, sogar dem Reichskanzler den Fehdehandschuh l)W werfen und— dessen bekannte Abneigung gegen s® lateinischen Druck deutscher Bücher zu bekämpfen. Lewj ist ihm der Entschluß nicht geworden, denn er erklärt in „Post":„Die gothischen Buchstaben, deren der deutsche% sich durchschnittlich bedient, haben in dem Fürsten Re>� kanzler einen so energischen und gewichtigen Fürsprecher% Vertheidiger gefunden, daß es sehr gewagt erscheinen ma& T zu der gegenthciligen Auffassung zu bekennen, und daß tffl" als Anhänger und Verehrer unseres großen deutschen St®»* mannes seit mehr als zwanzig Jahren, sicher vermeiden wu"s mich mit seiner Meinung und Neigung in Widerspruch r setzen— wenn die Frage eine unwichtigere, eine Frage von i" rinacrer nationaler Bedeutung wäre, als sie mir seit li* Jahren erscheint." Schließlich aber zieht Herr Kardorff tue gegen die gothischen Lettern zu Felde und er meint „Wenn ich in Erwägung ziehe, Daß das gothische AlvvÄ nur ein korrumpirtcs lateinisches Alphabet ist, und an r einen besonderen, nationalen Charakter nicht trägt, so kann nur den dringenden Wunsch im Interesse der GemeinversW� lichkeit und Verbreitung der deutschen Sprache hegen, daß G a llmalige Umwandlung unseres geschriebenen unseres gedruckten Alphabets in der Richtung einer Ännähenjs an das lateinische Alphabet sich vollziehen möge."— Der flf™ mittelparteiliche Staatsmann vcrräth sich auch in dieser Lcno» Politik. Nur keine Ueberstürzung! Erst werden wir ein AstfPj erfinden, das kaum von dem deutschen zu unterscheiden ist, durch eine Reihe von Metamorphosen hindurch werden � dann zu einer Schreibart gelangen, die kaum von der lateinü�L abweicht, und dann werden wir die endgiltige Einführung� letzteren wagen dürfen. Das nennt man Fortschritt „Schonung der ererbten Einrichtungen!" Verbotene Versammlungen und Vereine. In®'L wurde eine Versammlung des allgemeinen Bürgervcrcino° boten, in welcher über die demnächst stattfindende u, meinderathswahl verhandelt werden sollte. Allcro' � war der Reichstagsabgeordnete Herr Hugo Rödiger als angekündigt.— In München sollte eine örrenl Böttcherversammlung stattfinden, in welcher Schäfflerstreik im Allgemeinen" und eine„gewerbliche � schau" auf der Tagesordnung stand. Die Polizei /ralLr< diese Tagesordnung für allzu unbestimmt und als„eine schicbuna für sozialdemokratische Verhandlungen". Ferner auch zu befürchten, es könnten sozialdemokratische Ag�xr auftreten, weil die Referenten nicht genannt seien uv* � Einbcrufer notorisch sozialdemokratische Gesinnungen — deshalb Verbot.— Bei Versammlangen ist die VeW jjt lediglich an die höheren Auffichtsinstanzen zu richten, wöbe. � Zlbweisung des Beschwerdeführers unausbleiblich ist, vW'wi» diesem Falle gewiß das Verbot als unbegründet von l � rechtlich und vernünftig Denkenden anerkannt werden In K a s s c l wurde oer„Fachverein der Metallarbeiter der Polizeibehörde nicht genehmigt, weil ein Vorstandsanjßsz dem 1878 ausgelösten Fachvcrein angehörte und deshalb Verein als Fortsetzung betrachtet werden müsse! rM Sozialtstischcs. Auch in Frankfurt a.# L,« Verhaftungen stattgefunden. Der„Köln. Ztg." meldet darüber unter dem 11. d.: Die Polizei hob gestern s. � eine geheime Versammlung auf, welche in der WirthslW Sozialistenführers Prinz stattfand. Zahlreiche Ver hast wurden gemacht und Schriftstücke in Beschlag darunter Nummern der Most'schen Freiheit. Welche Trag die Verhaftungen haben, wird sich erst nach Abschluß � � geleiteten Erhebungen zeigen. Unter den Verhafteten n�, genannt: Kaufmann Füllgrabe, Lithograph Trompeter, Händler Huber.— Dre„Nat.-Ztg." berichtet in ihrer � „Ich sage die Wahrheit und da ich unschuldig � der Scheußlichkeit, die mir zur Last gelegt wird, 1° �5 die Wahrheit am besten zum Aufhören dieser Law führen." mCt> Der Untersuchungsrichter nahm einen kleinen. stand, der bis dahin, von einem Blatt Papier verdcol, dem Tische gelegen hatte, zur Hand und hielt ihn entgegen.., s& „Dies Medaillon ist Ihnen unzweifelhaft bekann ist das Ihrige, nicht wahr?" Holmfeld warf einen Blick auf den kleinen� pi gegenständ und es gelang ihm nicht, seine BestwZ verbergen., C „Dies Medaillon ist nicht mein Eigenthum,> zögernd. � «Aber Sie kennen es!— Wem gehört es?'. Holmfeld erblaßte und zauderte mit der Antw „Sic betonten doch soeben noch mit so grep � ck' druck, rücksichtslos die Wahrheit sagen zu wollen. warte sie jetzt von Ihnen."' �... „Nun gut! Dies Medaillon gehört dem Bruvcr � Verlobten, dem Obergärtner Nikolaus Werner, �.chra-Ü' er mit dem vorliegenden Verbrechen in Verbindung werden soll,—" .Nun „Nun?" „So muß ich Ihnen sagen, daß nur ein*5" ,i(j nsts. Zufall dabei im Spiele sein kann. Es wäre entsetz�. � W ich meine Befreiung dem Umstände verdanken 1 g# man den wahnwitzigen Verdacht, dem ich Slr falle, gegen Werner erhebt. Er hat mit der Öa° 1°%% w. Woher kommt Ihnen überhaupt der Gedanke, Ihnen überhaupt Werner verdächtigen könnte?". 6 die d'lf „Welchen Zweck könnte es sonst haben, Schmuckgegenstand da als ein corpus delicti aui �#1« % das ist wahr; aber niemals würde er im Stande,,' � f.) gememen Meuchelmord zu begehen,— niemals. vusgabe noch ausführlicher: Schon seit längerem hatte die hiesige Polizeibehörde, deren Kriminalabtheilung unter der Lei- tung des Herrn Polizeiraths von Hacke steht, ein wachsames Auge auf die Zusammenkünfte der Sozialisten, und als ihr gestern von einem ihrer Organe die Mittheilung gemacht wurde, bei dem Gastwirth Prinz in der Albusgasse würde mit An- bruch der Dunkelheit ein Meeting abgehalten werden, traf sie ihre Maßregeln. Als eine beträchtliche Anzahl in der Privat- Wohnung des Herrn Prinz versammelt war, ließ sie die Eingänge der Straße besetzen. Polizeirath von Hacke in Begleitung eines Polizeikommissars und einer Anzahl Schutzleute erklärte die Theilnehmer der Versammlung sammt und sonders für verhaftet, während den Gästen der Wirthschaft bedeutet wurde, ihre Plätze nicht zu verlassen. Die Polizei, welche mehrere der Verhafteten schloß, um ein Entweichen zu verhin- dern, durchsuchte die Räumlichkeiten und beschlagnahmte eine Anzahl Schriftstücke, wovon eines von besonderem Interesse für die Behörde gewesen sein muß, denn der Polizeikommissar erklärte bezüglich dessen der Frau Gastwirth Prinz, man habe schon wochenlang danach gefahndet. Dreiundzwanzig Arrestanten, darunter der Gastwirth Prinz, der Spezereihändler Füllgrabe und der aus verschiedenen Sozialistenprozessen bekannte Litho- graph Trompeter wurden ins Polizeigefängniß abgeführt. Zwei der Verhafteten, die man als unverdächtig erkannte und die in der Wirthschaft selbst festgenommen worden waren, wurden bald nach ihrer Festnahme wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Reichstagsabgeordnete Sabor beaufftagte den Rechtsanwalt Holdhcim mit der Führung der Sache der Ver- hafteten. Da Herr Sabor von der Versammlung, die ziemlich äffen betrieben worden, keine Kenntniß hatte, so schließt er daraus, daß sie keine große Bedeutung gehabt und sich wahrscheinlich mit den bevorstehenden Stadtverordneten- wählen, die am 25. November stattfinden werden, beschäftigt habe.— Am nächsten Montag wird vor der Sttaf- kammer des Landgerichts in Altona der Sozialisten- v r o z c ß gegen die in der Thalsttaße in St. Pauli verhafteten Sozialisten verhandelt werden. Die Angeklagten werden be- schuldigt, sich der Verbreitung des Züricher„Sozialdemokrat" und des Vergehens gegen§§ 125 und 129 des R.-Str.-G.-B. schuldig gemacht zu haben, indem sie einer Verbindung ange- Höften, deren Ziel und Zweck der Regierung unbekannt und die durch ungesetzliche Mittel Verfügungen der Verwaltung ver- hindem wolle. Aus Kamerun kommen immer nur ttauftge Nachrichten. So ist auch ein Geschäftsführer der Hamburger Firma Woermann, Herr W- Bergbaus aus Zörbig, der noch im vongcn Jahre mit einem Sohne des König Bell zum Besuch w seiner Hcimath war, kürzlich am gelben Fieber gestorben. Es ist in der That Leichtsinn, wenn Deutsche in jene Kolonien gehen und ein Verbrechen, sie dahin zu verleiten. Mit jedem Tage fallen mehr und mehr Zweige von dem glänzenden, kunstlich aufgeftchtcten Kolonialbaum in Südafftka. Rasches Avancement. Landrath Graf Wilhelm Bismarck soll nach einem Artikel der„Straßburger Post" schon zum Bc- zukspräsidenten in Metz ausersehen sein, während der doftige wtzigc Präsident nach Straßburg versetzt werden solle. Zur Be- gnindung dieser Beförderung wird angefühft, daß Graf Wil- Helm Bismarck vor einigen Jahrrn als Assessor in der Statt- halterei arbeitete. Schweizerischer Handelsvertrag. Angesichts der Er- öfterungen schweizerischer Blätter über einen Zollkfteg der Schweiz gegen Deutschland stellt die„Nordd. Allg. Ztg." Gegenmaßregeln in Aussicht. Letztere würden, schreibt dieselbe, unter Anderen dann bestehen können, den Veredelungs- verkehr in Baumwollwaaren mit der Schweiz zu inhibiren, und zwar sowohl den Transit- wie den gegenseitigen Vcredclungsverkehr, welche Maßregel einen Theil der schweize- rsschcn Baumwollindustric in fast ruinöser Weise ttcffen würde, ohne daß von einer nachhaltigen Rückwirkung aus die deutsche Mvustfte die Rede sein könnte. England würde in diesem V?lle als Lieferant an die Stelle der Schweiz tteten; jedoch der deutschen Industrie würde der Rücktritt der schweize- "bttx Konkurrenz zu Grite kommen. z> Einführung von Schulärzten. Breslau, 10. November. jT«! Stadtverordneten haben 26 Aerzte eine Petition übennittelt, v" welcher beantragt wird, das Kollegium möge an den Magisttat t"® Ersuchen um Einführung von Schulärzten richten. 57 Aerzte ?°bcn sich bereits zur Ucbcrnahmc der Funktion als Schulärzte vnÄ"klärt. Der Schularzt soll zu den Sitzungen des Schul- "Landes zugezogen werden. Dw Anregung zu diesem sehr Projekt ist von der hygienischen Sektion Gesellschaft für vaterländische Kultur ausgc- »angen. ..... " schlcsischcn Gesellschaft für vaterländische Kultur »ange,,. Für den ersten ReichstagswahlkreiS hat, wie das "�'stluh-soziale Korrespondenzblatt" des Herrn Stöckcr be- Met, die Majorität des Vorstandes des konservativen Wahl- ,7"ns im ersten Reichstagswablkreis nach eftolgter Ablehnung .es Herrn v. Levetzow Herrn Gerold als geeigneten Kandi- " m Aussicht genommen. „ Gesterreich Uttgar«. Der Ausschuß der ungarischen Delegation für äußere An« Aus Kunst und Leben. Samer Aquarium des Hern, Kaspar August Ober- o J"' Wertherstraße 97, hatten, wie die„Deutsche Jäger- o'm'll mittheilt, einige Naturfreunde Gelegenheit, einen o"W,.Zwischen Igel und Kreuzotter zu beobachten. Eine wurde zu dem Stachelttäger in einen Glaskasten nnÄ« man war gespannt, wie sich der Igel verhalten sirf> ,5.'?Q.um hatte die Schlange den Igel erblickt, als sie l tn"ne Ecke zurückzog, den Kopf kampfbereit vor- h.,.s.*"ud zischende Laute von sich gab. Der Igel ging bc- der �?? und schnüffelte nach der Schlange, welche zuerst, da aber'».£cn Kopf einzog, in die Stacheln biß. Dann wurde faste,,"Ael dreister; er versuchte die Schlange am Kopf zu n-bi?' wurde aber von deftelben mehreremale m die Schnauze einml,"' worauf er sich einige Minuten zurückzog. Da auf un„"?v. mit einer Schnclligkeft, wie man sie dem anscheinend stcli e'Ä�u stachligen Gesellen nicht zutrauen sollte, stürzte er Sclün» Otter, ein knirschender Biß, und der Kopf der Konk 8£ war zermalmt. Wohlgemuth fraß der Sieger, beim ein- ßsnd, die Schlange halb auf, bekam jedoch ungefähr feu*,. Stunde lang Zuckungen, wobei er die Nase in das Und„ �aoos steckte. Dann erholte er sich wieder vollständig 0""»ehrte den Rest seines todten Feindes. tn-�R�essor W. v. Bezold, der Direktor des königlich Seit- ,,?>�~?eteorologischcn Instituts, äußerte sich kürzlich über ber TO.*? Streitfragen in der Meteorologie, indem er die Frage ttttb smtpt0?n0fe besprach, wie sie vom Volke gehandhabt tWt,.r 5- vielfach die Behauptung aussprechen, daß kündig.,' Va8"', Landleute:c. in Bezug auf die Vorhervcr- „über" c 8 Wetters den wissenschaftlichen Fachmcteorologen Ren liegt dies daran, daß man bei Prophezciun- folge.„LH erfahrungsmäßig nit die günstigen Er- siünstin. m wahrend man den Meteorologen jede einzelne nn- .W: schwer anrechnet. Zu den Volks- h«r Mond re-? Ie,t undenklichen Zeiten auch die Ansicht, daß WchWZMM gelegenheiten nahm nach unwesentlicher Debatte am Donnerstag das Budget des Aeußern an und beschloß, in der Sitzung am nächsten Sonnabend von dem Grafen K a l n o k y ein zusammen- hängendes Bild der politischen Situation zu verlangen. Frankreich. Das„Petit Journal" ist auf England schlecht zu sprechen. Die französische Kolonisationsgesellschaft auf M a d a- g a s k a r hat Berichte nach Europa geschickt, wonach die Hovas den Engländern alles bewilligen, was sie den Franzosen ver- weigern. Während die Franzosen nicht ihren früheren Grund- besitz zurückerobern können, werden den Engländern Konzesstonen besten Bodens bis zu 1500 Hektaren zu billigen Preisen abge- tteten. Tamatave werde trotz des Friedens von Wachen der Hovasannee umringt, welche die Reisenden nach Belieben auf- halten. In Tamatave selbst, das von den Franzosen besetzt bleibt, bis die Kriegsentschädigung bezahlt ist, wagen die Hovas am hellen Tage, herumirrende Eingeborene gefangen zu nehmen und als Sklaven wegzuführen.„Petit Journal" hofft, daß der Generalresident der Hovasrcgicrung mehr Respekt von Frankreichs Macht und Rechten einflößen werde. Die lieber schwemmungen in Südfrankreich nehmen zu. Im Departement Gard stürzten viele Häuser ein; es herrcht große Aufregung. P a u l B e r t, der französische Ministerrefident zu Tong- king, ist dort gestorben. Die Kammer, welcher Herr von Freycinet erst spät diese Mittheilung machte, hob, zum Aus- druck ihrer Trauer, die Sitzung sofort auf. Kalkan lander. Die„Neue Freie Presse" erfährt aus Pest, P r i n z W a l- d e m a r sei nicht Rußlands Kandidat für den bulgarischen Thron, dagegen würde Rußland der Wahl des Fürsten von Mingrelicn zustimmen. Der offiziöse„Nemzet" schreibt: „Wenn Rußland sein Doppelspiel fortsetzt, wird es die Mächte zu diplomatischer und, wenn diese erfolglos bleibe, vielleicht zu viel ernsterer Aktion zwingen."— Für die Kandidatur des Fürsten Nikolaus von Mingrclien ist eine einflußreiche Hof- klique in Petersburg und anderen Hauptstädten Europas faktisch thätig. Das russische Kabinet hat sich bis jetzt die Kandidatur noch nicht angeeignet, was nicht ausschließt, daß dies später ge- schehcn kann. Des Prinzen Waldemar schließliche Ablehnung gilt allgemein auf Grund der von uns mitgetheilten Antwort an die Sobranje als gewiß. Die Mächte scheinen die Lage durchaus nicht als unbe- drohlich anzusehen. Aus Venedig meldet der„Corriere", drei italienische Panzers chifse seien angewiesen, sich nach Malta zu begeben, dort sich dem britischen Geschwader an- zuschließen und weitere Befehle abzuwarten.— Die offiziöse Wiener„Politische Korrespondenz" berichtet aus besonderer Londoner Quelle:„Rußlands stereotyp gewordene Versicherungen, kein militärisches Einschreiten in Bulgarien zu planen, er- leichtern den zögernden Kadineten die Rolle des reservirten Ge- währenlassens. Viel gehe dabei nicht verloren zderTagder schließlichen Abrechnung sei eben noch nicht ge- kommen, könne aber nicht ausbleiben. Der ge- rechte, wohlerwogene und cmste Einspruch der dazu berufenen Mächte werde noch rechtzeitig kommen und eine Lösung gegen die Verträge und Interessen Europas verhüten.— Nach Meldungen aus Odessa haben sämmtliche Kommandos der in den südrussischen Gouvernements Eherson, Jekaterinoslaw, Charkow, Äessarabicn und Tauften garnisonirendcn Truppen aus Petersburg den Befehl erhalten, ihre Truppen jeden Augen- blick marschbereit zu halten. Gleichzeitig wurde die Ge- sellschaft für Dampsschifffahrt auf dem Schwarzen Meere auf- gefordert, je zehn Dampfer in Nikolajew, Odessa und Sebast- opol bereit zu halten. In den genannten Hafenstädten herrscht außerordentliche Rührigkeit, Proviant und Fourage werden in großer Menge angekauft und in den Häfen aufgespeichert. Afrika. Die Aeußcrungen Salisbury's über Egypten haben in Parts wenig befriedigt, weil sie nicht den mindesten Anhalt dafür bieten, daß England in absehbarer Zeit Egypten räumen werde. Uebftgens läßt sich die„France" allein dadurch zu einen, derben Ausfall verleiten. Sie behauptet, England werde nie im Stande sein, eine gute Verwaltung in Egypten einzu- führen und habe auch bisher nichts hierfür gethan. Salisbury's Rede laufe daher darauf hinaus, daß England Egypten nie verlassen werde. Zu Salisbury's Bewunderung für die Bulgaren bemerkt dieses angeblich repubiikanische Blatt:„Salisbury steht nicht ein, daß die nächtliche Verschwörung, welche den Fürsten Alexander gestürzt hat, weit weniger schändlich war, als die Bombardirung von Alexandrien." Gerichts-Zeitung. t Wieder ein falicher Kriminalbeamter. Der Ver- golder Friedftch H. hatte einen guten Freund, den Maler Br. Dieser Freund führte ein recht unglückliches Familienleben; er lebte mit seiner Frau im Unfrieden und eines Tages war die Gattin veftchwunden. Alle Nachforschungen blieben zunächst vergeblich, so eifrig sie von Br. auch betticben wurden. Der tigen und man hat in einer Reihe umfangreicher Unteftuchun- gen in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts hierüber eine ganze Literatur geschaffen. Man hatte die Einwirkung des Mondes auf Ebbe und Fluth des Meeres auch auf den Luft- ozean übertragen und von einer Mondebbe und-Fluth der Atmosphäre gesprochen. Aber die allergenauesten Unteftuchungen haben ergeben, daß höchstens in den Luftschichten der Aequatorialgegenden eine ganz ge- ringe Spur dieser Anziehung sich nachweifen läßt, daß dies aber für unsere Breiten ohne jeden Einfluß ist. Da- gegen daft man gewisse andere Eftcheinungen, wenn z. B. der Mond einen Hof hat, sehr wohl als meteorologische Phänomene auffassen. Aber auch hier wirkt der Mond nur wie ein dahinter gestelltes Licht, welches einen bestinimten Zustand der oberen atmosphärischen Schichten, jene leichte, fast unsichtbare Wolken- schicht, vir wir Zirrusfilz nennen, erhellt und für uns bemerkbar macht. Professor von Bezold besprach sodann die sogenannten, in Volkskrcisen beliebten Bauernregeln. Dieselben haben im Großen und Ganzen den Werth jenes bekannten Ausspruches: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, so ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist." Es giebt aber auch einige Bauem- regeln, welche keine Vorheftagung enthalten, sondern die einfache Umschreibung einer meteorologischen Thatsache. Jedermann weiß, daß es am 8. Juni nicht mehr fftert. In Bezug hierauf sagt die Bauernregel:„Metardus(8. Juni) bringt keinen Frost mehr, der dem Weinstock gefährlich mär." Ebenso pflegt es im April wohl noch einmal zu schürten, was die Bauernregel prompt mit den Worten bestätigt:„Ist der Apftl auch noch so gut, er schneit dem Bauer auf den Hut." Zum Schlüsse besprach Pro- fessor von Bezold die örtlichen Witterungsanzeichen: Bewölkung, Wind jc. Allerdings gestattet uns die„Himmelsschau", gewisse Schlüsse auf die nächsten Veränderungen des Wetters mitunter zu machen. Wenn man aber den tclearaphischen Wetterbrncht von Europa hat, so gleicht man einem Beobachter, der sich mele Meilen hoch in die Luft gehoben hat und gleichzeitig d,e Himmelsschau unseres gcsammten Erdthefles überblickt. Die Berechtigung der Fremdwörter. Ueber dieses Thema hielt am 6. d. M., wie wir dem„Stuttg. N. Tagbl." entnehmen, anläßlich der Preisvertheflung in Tübingen, Kanzler v. Rümclin eine interessante Rede, welche als Reaktion auf d,e zur Mode gewordene Fremdwörterhatz$u betrachten ist. Redner erläuterte zunächst, daß diese Frage mcht gelöst werden könne von den Gesichtspuntten aus, welche von den Punsten gewohn- lich ins Auge gefaßt werden; insbesondere wird die nationale Ehre damit nicht befleckt, daß man einmal ein Fremdwort, das Maler empfand nämlich eine heftige Sehnsucht nach der Ver- schwundenen und hatte den innigsten Wunsch, sie wieder in seine Arme zu schließen und sich mit ihr zu versöhnen. Dazu war zunächst nothwendig, den Aufenthaltsort der Entflohenen festzustellen. Durch einen Zufall bekam Br. Wind, daß eine Wittwe Detert seine Frau beherberge, und er machte sich auf, um peftönlich Nachfoftchung zu halten. Er fand einen sehr kühlen Empfang; Frau Detert bedeutete ihm kalt, daß sie nicht wisse, wo die verschwundene Gattin weile, und daß sie der- selben nicht Wohnung gewährt habe. Herr Br. schäumte, denn er glaubte, ganz bestimmt annehmen zu dürfen, daß er von der D. zum Besten gehalten werde. Er mußte aber zunächst abziehen, da er Frau Detert zu anderen Angaben nicht veranlassen konnte. Seinem Freunde, dem Vergolder H., theilte er sein Mißgeschick mit und fragte ihn, was er thun solle. Der war mit einem guten Rathe sofort bei der Hand. Er wußte ein Mittel, die Wittwe zu zwingen, die Wahrheit zu sagen und war auch bereit, die Hauptrolle in diesem Plane zu übernehmen. Er instruirte seinen Freund und erschien mit ihm in der Wohnung der Wittwe Detert. Br. nahm das Wort: Ich hoffe, Sie werden mir jetzt die Wahrheit sagen, Frau Detert; ich habe mich an die Polizei gewendet und dieser Herr hier ist Kftminal- beamter. Dabei deutete er auf seinen Freund, der eine strenge Amtsmiene annahm und von Frau D- verlangte, sie solle die polizeilichen An- und Abmeldungen vorlegen, um festzustellen, ob Frau Br. bei ihr gewohnt habe. Die Männer hatten aber die Klugheit der Wittwe unteftchätzt. Frau D. war mißtrauisch, ließ sich auf Auseinandersetzungen gar nicht ein, sondem schickte nach der Polizei. Ein Schutz- mann erschien und stellte fest, daß der Pscuookftminalbeamte der Vergolder Friedrich H. sei. Der Freundschaftsdienst des- selben unterlag heute der Prüfung der ersten Strafkammer des hiesigen Landgeftchts f. Die Anklage bezeichnete ihn stteng mit„unbefugter Ausübung eines öffentlichen Amtes". Der Thatbestand wurde so, wie er oben erzählt ist, festgestellt. Der Staatsanwalt faßte den Vorgang ernst auf und beanttagte eine Gefängnißsttafe von 6 Wochen gegen den Angeklagten. Der Gerichtshof kam zu einer bedeutend milderen Auffassung und hielt eine Geldstrafe von 30 M. für eine ausreichende Sühne für sein Pseudo-Kriminalistenthum. t Vor dem Standesbeamten hatte Frau Wilhelmine Schenk eine falsche eidesstattliche Versicherung bei der Verehe« lichung mit ihrem jetzigen Manne angegeben und eine intellektuelle Urkundenfälschung vollzogen. Sie war deshalb und gleichzeitig des Betrudes angeklagt und vor die dritte Sttafkammer des hiesigen Landgerichts l gefordert worden. Im Jahre 1872 war sie von ihrem ersten Mann, Namens Schmidt, geschieden worden. Als sie nun ihr jetziger Mann Heirathen wollte, ließ sie sich aus ihrem Heimathorte Pillkallen den Tauf- schicken, der sie als unverehelichte Wilhelmine Gottschall an- führte, weil die Nachricht, daß sie sich im Jahre 1872 ver» heirathet habe, nicht nach Pillkallen gedrungen war. So nannte fle sich auch ihrem Bräutigam gegenüber Wilhelmine Gottschall und als Jungfer Gottschall wurde sie auch im Aushang des Standesamtes bezeichnet. Bei der Kopulation versicherte sie dem Standesbeamten an Eidcsstatt, daß sie noch nicht verhei- rathct gewesen sei. Bald nach der Vcrheirathung gerieth Frau Schenk in Bedrängniß und sie wendete sich an ihre hiesigen Verwandten mit der Bitte, ihr Geld zu leihen. Mit der Zeit wurden die Verwandten schwieftger und um sie sicher zu machen, erzählte Frau Schenk, daß sie in Pillkallen noch eine Hypothek von 7600 Thlrn. stehen habe. Um diese Versicherung noch glaubhafter zu machen, ließ sie sich von einem hiesigen Notar ein Schriftstück aufsetzen, durch welches der Amtsrichter Poftt in Pillkallen ermächtigt wurde, das Geld flüssig zu machen und an die Adresse eines hiesigen Rechtsanwalts zu schicken. Ihr Kredit war nun wieder hergestellt und sie machte solange Gebrauch davon, bis die Betrogenen Verdacht schöpften und Anzeige erhoben. In Folge dessen wurde sie wegen einer Anzahl von Betrugsfällen im Frühjahr d. I. zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Der Rest der Fälle sollte mit der Ur- kundenfälschung zusammen gestern zur Aburtheilung kommen. Während die Angeklagte in der Voruntersuchung ein offenes Geständniß abgelegt hatte, veftuchte sie es in der Hauptter- Handlung mit dem Leugnen, bestritt, falsche Thatsachen vorge- spiegelt zu haben und behauptete, sie habe wirklich in Pillkallen 7600 Thlr. hypothekarisch angelegt, und der Amtsftchter Porst sei ihr Vetter und sei von ,hr beauftragt worden, das Geld flüssig zu machen. Diesem Verhalten der Angeklagten gegen- über blieb dem Geftchtshof nichts weiter übrig, als den Termin zu vertagen und die kommissaftsche Vernehmung des Amts- richters Porst zu Pillkallen zu beschließen. Gleichzeitig aber entschied sich der Geftchtshof, die Angeklagte weben Flucht- verdachtes sofort zu verhaften, und so wurde Frau Schenk trotz ihres Sträubens und Jammems ins Unteftuchungsgcfängniß über- führt. t Die frühere Besitzerin des Lindencaf-'s, Unter den Linden 13, Frau Amalie Hitze, deren Namen durch die Zeitungen ging, als ihr Gatte, gegen den sie jetzt auf Eheschei- dung klagbar geworden ist, durch die„Rückkompagnie" ihr ganzes Mobiliar fortschaffen ließ, stand gestern vor der ersten sich Heimathrecht bei uns erworben, anwendet. Es sind etwa 5000 eigentliche Fremdwörter, deren ein gebildeter Deutscher auch außerhalb fachwissenschaftlicher Erörterungen sich gelegent- lich bedient und die sich nicht genau decken mit irgend einem deutschen Wort. Mit Zugrundelegung der bis jetzt vollendeten Theile des Gftmm'schen Wörterbuchs läßt sich der gesammte Schatz unserer Sprache auf zirka 216 000 Wörter berechnen; das Französische hat nach dem ziemlich erschöpfenden Littts'schen Wörterbuch nur etwa halb so viel Wörter. Doch, steht man genauer zu, so ist der Reichthum des Deutschen eben in der unendlichen Fülle von Zusammensetzungen begründet. Auf das Wort Land z. B- folgen bei Grimm 730 Komposita, auf Krieg 650. Sieht man von diesen Zusammensetzungen ab, welche andere Sprachen, wenn auch nicht ganz so bequem, s» doch zum Vorthrtl der Deutlichkeit durch Verbindung von Wörtern mittels Präpositionen ersetzen, so erscheint unsere Sprache thatsächlich arm: Wurzelworte hat sie nur in ungenügender Zahl, nämlich nur etwa dreitausend gegenüber 4500 französischen und einer noch viel größeren Menge englischer. Wir sind sehr häufig in der Lage, ein einfaches Ding, das andere Sprachen mit einem Wurzelwort bezeichnen, durch ein Kompositum bezeichnen zu müssen. Dies ist schon air sich nicht entsprechend, besonders aber wird es dadurch unbe- quem, daß die schwerfälligen Komposita nur wmig Weiterbil- düngen zulassen. Redner führte des näheren sehr scharfsinnig aus, warum es eigentlich unsinnig sei, eine Art patriotischer Entrüstung an den Tag zu legen, wenn Jemand ein Fremd- wort gebrauche. Die Verwendung eines solchen brauche das Gewissen nicht stärker zu belasten, als der Gebrauch ausländischer Genußmittel, arabischen Kaffees oder chinesischen Thecs. Zu Gunsten mäßigen Gebrauchs von Fremdwörtern führte er auch dm Wohlklang an. Unsere deutsche Sprache sei ja in dieser Beziehung besonders wegen ihrer zahlreichen E den romanischen Sprachen gegenüber im Nachthrtl; wer Fremdwörter peinlich vermeide, dessen Sätze werden schon darum geradezu eintönig und langweilig. Schließlich empfiehlt Redner noch zwei Regeln. Wo ein Fremdwort und ein deutsches Wort ihrer begrifflichen Bedeutung nach sich verhalten wie zwei einander schneidende Kreise, da soll man für den ganzen gemeinsamen Abschnitt nur das deutsche Wort gebrauchen; wo das deutsche zum Fremd- wort sich verhält wie ein umschließender Kreis und es sich um den engeren Begftff handelt, da mag man nach Umgrenzung desselben mittels des Fremdworts das deutsche zur Abwechslung anwenden. Strafkammer des hiesigen Landgerichts unter der Anklage des Betruges in mindestens 80 Fällen und der wissentlich falschen Anschuldigung. Die Art, wre der Betrug verübt sein soll, wird nur verständlich, wenn man den eigenthümlichen Zahlungs- und Kontrolmodus kennt, der in den Wiener Caf?s üblich ist. Die Bedienung des Gastes und die Einziehung der Zeche von ihm ist getrennt; die erstere beiorgen die sogenannten Zuträger, die nebenbei bemerkt äußerst schlecht bezahlt werden, die letztere die Zahlkellner. Die Einrichtring soll den Vortheil haben, daß die Gäste aufmerksamer und schneller bedient werden, und hat für die Mehrzahl der Kellner den Nachtheil, daß die„Trinkgelder- kontribution" monopoliflrt ist, und daß die Besitzer des Monopols, die Zahlkellner trotz aller Abgaben und Leistungen an den Besitzer ein sehr an- ständiges Einkommen bezichen, während die Zuträger außer Essen und Trinken täglich eine Mark etwa für eine zwölf- stündige Arbeitszeit erhalten. Hcberdies wird bei diesem „Wiener" Modus das an sich unfinnige Trinkgeldergebcn noch unsinniger, denn der Gast giebt das Geschenk nicht dem Kellner, der ihn bedient hat, sondern einem schwarzbefrackten Manne, der niit der Würde eines Herzogs die Zeche einzieht, mit fabelhafter Geschwindigkeit das Geld wechselt und mit fabelhafter Geschwindigkeit sich zuweilen verrechnet, aber nie zum eigenen Nachtheil. Und für diese nützliche Thätigkeit er- hält er das Trinkgeld. Die Kontrole für die Abrechnung zwischen Zahlkellner und Besitzer geschieht in folgender Weise: Am Büffet sitzt die Kassirerin, hinter sich den Schrank mit den obligaten Liqueurflaschen und vor sich den sogenannten Tage- bogen, ein Formular, in das sie alle aus der Küche von den Zuträgem hervorgeholten Getränke und Speisen mit der Bezeichnung des Preises notirt. Bei der Ab- rechnung werden diese Einzelsummen zusammengerechnet und den Gesammtbetrag muß der Zählkellner zahlen. Der Ueberschuß, das Geld, das er in der Tasche be« hält, sind die Trinkgelder, die er im Laufe des Tages oder der Nacht erhalten hat. Damit aber der Zählkellner nicht etwa dadurch von dem Besitzer betrogen wird, daß die Kassirerin in in den„Tagedogen" mehr einträgt, als wie wirklich aus der Küche geliefert worden, ist folgenoe Einrichtung getroffen. In der Nähe des Büffets befindet sich ein Blechkasten, in dessen einzelnen Fächem sich Metallmarken befinden, die Werthe von 10 Pf. bis 1 M. darstellen. Die Zuträger nehmen nun, wenn sie Getränke oder Speisen aus der Küche holen, den ent- sprechenden Betraa von Marken aus dem Blechknsten und reichen ihn der Kassirerin, welche die Marken in einen zweiten verschlossenen Blechkasten, der auf dem Büffet steht, zu werfen hat. Bei der Abrechnung wird der Kasten aufgeschlossen und sein Inhalt an Marken gezählt. Die Summe, welche sich ergiebt, wenn die Marken ihrem Werth nach zusammengezählt werden, muß mit der Totalsumme der Abrechnung des„Tagebogens" übereinstimmen.— Im Lindenkafö stimmten diese beiden Summen wohl, aber die Zählkellner saßten doch Verdacht, daß sie betrogen worden seien. Sie und die Anklage behaupten, daß Frau Hitze, welche die Kassirerin sehr häusig vertrat, sie dadurch betrogen habe, daß sie mehr ken in den Blechkasten geworfen, als sie den gelieferten Getränken und Speisen entsprochen, und daß sie auch im fTagebogen" die entsprechenden Fälschungen vorgenommen >abe. Sie wollen täglich um 3—10 M, geschädigt worden ein, so daß der Gesammtbetrag ihres Verlustes an 500 Mark betrage.— Der gestrige Termin wurde vertagt, weil ein Haupt- »euge nicht erschienen war. Wir kommen auf den Prozeß bei seiner nächsten Verhandlung zurück. Soziales««d Arbeiterbewegung. Krankenversicherung. Der Rath der Stadt Leipzig hat beschlossen, den Krankenverstcherungszwang auch auf die Arbeiter in land- und forstwirthschaftlichen Betrieben mit Genehmigung der Stadtverordneten auszudehnen. Eine glückliche Jndustne. Es wird jetzt zwar vielfach von einer Besserung der allgemeinen Geschäftslage gesprochen; dabei handelt es sich wohl nur, wenn es in manchen Zweigen wirklich zutrifft, um die unmittelbarste Gegenwart und die nächste Zukunft. Aber— schreibt die„Deutsche Ztg."— daß das verflossene Geschäftsjahr das„bisher beste" gewesen sei und„seine sämmtlichen Vorgänger beträchtlich überrage"— dies gelegentlich der Betrachtung des eigenen Geschäftsergebnisses behaupten zu können, ist voch dem neuesten Jndustrieberichte vorbehalten gewesen, der uns heute vorliegt, nämlich jenem der Pulverfabrikation. Die deutsche Pulverfabrikation kann solche Dithyramben angesichts ihrer Dividenden für 1885/86 anstimmen. Die„Vereinigten rheinisch-westfälischcn Pulver- fabriken" rühmen sich einer Gesammtproduktion des verflossenen Geschäftsjahres von 63 241 Zentner, welche die des Vorjahres um 11 740 Zentner überragt. Die Höhe des Ilmsatzes betrug 5 206 093 M-, gegen 1884 85 mehr um 612736 M. Der Netto-Erlös per Zentner(50 Kilos) übersteigt den des Vorjahres um ca. lOpCt. Das Mehr der verkauften Militärpulver-Quan- täten gegen 1884/85 bttiffert sich mit säst 25 pCt., das des Jagdpulvers mit 10 pCt. während sich beim Sprengpulver ein Ausfall von 15 pCt. zeigt, dessen Ursache in dem schwer dar- niederliegenden Bergbau, namentlich in dem Mindcrverbrauch der Kohlenbergwerke zu suchen ist. Das Dynamitgeschäft ergab durchaus befriedigende Resultate. Neue Werke sind mittler- welle erbaut worden, welche mit der Herstellung von Pulver für die englische Regierung beschäftigt sind. Ein Gewinn- Saldo von rund anderthalb Millionen und eine Dividende von 16'/, v C t. zur Vertheilung sind der wohlklingende Schluß, in welchen der Geschäftsbericht der größten deutschen Pulver- Erzeugerin austönt. Welche andere Industrie kann da kon- kurriren? Es lebe also das— Pulver! Polnische Arbeiter in Westfalen. Ein polnisches Blatt, der„Wielkopolanin", veröffentlicht das Schreiben eines aui Posen nach Westfalen ausgewanderten Arbeiters, welcher seine Landsleute eindringlich warnt, seinem Beispiele zu folgen. Was die polnischm Arbeiter in Westfalen etwa erwarteten, fänden sie nicht. Am 1. und 15. eines jeden Monats verlangten regel- mäßig zahlreiche polnische Arbeiter Beschäftigung, aber fast ebenso häufig könne ihrer Bitte nicht entsprochen werden. Die Leute sollten im Osten bleiben, im Westen erwarteten sie nur Ent- täuschungen und Elend. Das alte Lied! In der alten Heimath kein Auskommen und an dem neuen Aufenthaltsort Enttäuschungen und Elend— das ist das Schicksal des Arbeiters überall, wo der moderne Jndustrialismus herrscht. Im Münsterlande(Westfalen), wo im Allgemeinen wmig Industrie vorhanden ist, meldet man plötzlich in der „gutgesinnten" Presse, daß dort in einigen Orten, so in Gronau, welches Städtchen wohl nur wenigen Menschen dem Namen nach bekannt ist, ein dedeutender Geschäftsaufschwung statt- gefunden habe. In verschiedenen Baumwollwebereien und Spinnereien soll sogar das Arbeitspersonal vermehrt werden; besonders seien Spinnerinnen und Hasplerinnen gesucht, die wöchentlich bis 18 M. verdienen(!?). Wenn man die 1 vor der 8 fortstreicht� so wird es dann seine Richtigkeit haben. Es giebt in jenen Gegenden Ueberfluß von weiblichem Arbeitsper- sonal, welches sich von der landwirthschaftlichen Beschäftigung zur industriellen drängt. Höchstens kann die detreffende Notiz dazu dienen, um aus industriellen Gegenden gewandte Arbei- tennnen nach dem Münsterlande zu ziehen, um den Lohn dort noch mehr zu drücken. Nnternehmer-Vereinigungen behufs Regelung der Pro- duktion haben gewöhnlich nur einen vorübergehenden Werth. Auch dann scheitern dieselben meist am Egoismus einzelner Interessenten, wenn sie das Gesammtwohl im Auge haben. So hat sich auch der Verein der Schiffchcnstickmaschinenbesitzer des Erzgebirges und des Voigtlandes vor einigen Tagen auf- gelöst, der neben der Preishaltung der Waaren zu gleicher Zeit eine Lohnregelung zu Gunsten der Arbeiter angebahnt hatte und ferner dem sogenannten Faktorenunwesen scharf auf die Finger sah. Der Vorfitzende erklärte in der letzten Versamm- lung, daß der Verein lediglich an der Haltung verschiedener Mitglieder gescheitert sei, welche aus egoistischen Gründen den Satzungen des Vereins entgegengehandelt hätten. Das Vereins- vermögen wurde der Invaliden- und Ältersversorgungskaffe des Vereins der Maschinensticker des Königreichs Sachsen über- wiesen. In der Harmonikafabrikation im sächsischen Voigt- lande und den angrenzenden Fürstenthümern wird jetzt ziem- lich flott gearbeitet, aber zu Preisen, die ungemein gering sind. Verdient ein tüchtiger Arbeiter 6Mark wöchent- lich, so ist er recht zufrieden. Nur wenige Arbeiter verdienen mehr, die meisten eine geringere Summe. Den Fabrikanten geht es auch nicht sonderlich, da die Amerikaner die Waaren- preise ungemein gedrückt haben.— In der„Voigtländischen Zeitung" werden jetzt immer Korsettnäherinnen nach Berlin ge- sucht."Besser werden es die armen Mädchen, die diesen Auf- sorderungen folgen, auch wohl nicht haben, als in ihrer Hei- mach. Und auch wohl nicht schlechter; die Zustände in Bezug auf die weibliche Arbeit sind jetzt überall gleich schlimm. Kleine Wittheilungen. Hamburg, 8. November. Wiederholt sind in letzter Zeit hier Neubauten eingestürzt. Der letzte schwere Unglücksfall am Eppendorfcr Wege dürfte nun Anlaß geben, daß endlich unsere baupolizeilichen Vorschriften verbessert werden. Hier in Ham- bürg hat nämlich bisher die Baupolizei nicht einmal das Recht, einen Neubau zu beaufsichtigen. Sie giebt nur eine Bescheini- gung, daß der Neubau angemeldet ist und damit fertig. Sie bekümmert sich erst um die Ausführungsweise des Baues, wenn Beschwerden an sie herantteten. Jetzt haben 23 Bürgerschafts- Mitglieder einen Antrag formulirt, der in der gesammten Bür- gerschaft Anklang findet. Derselbe hat folgenden Wottlaut: „Die Bürgerschaft wolle beschließen, den bereits bestehenden Ausschuß behufs Revision einzelner Paragraphen des Bau- polizeigesetzes zu beaufttagen, auch die Frage zu prüfen, ob eine größere Sicherheit gegen Häusereinsturz gewährleistet wer- den kann durch Vervollständigung und Ergänzung der bau- polizeigesetzlichen Bestimmungen in der Weise, daß seitens der Baupolizeibehörde eine Konttole der Neubauten und der dazu zu verwendenden Baumaterialien während der Bauperiode statt- zufindcn habe, event. dahin gehende Anttäge an die Bürger- schaft gelangen zu lassen." Hamburg, 9. November. Eine zweite schwarze Bande (Compagnie noire), wie sie zu Anfang dieses Jahres in den flersonen der in Ottensen verhafteten Gebrüder Schreck und ißmann, welche bekanntlich eine große Anzahl englischer, italienischer und österreichischer Kaufleute um mehr als eine Million Mark beschwindelt hatten, in sicheren Gewahrsam ge- bracht worden ist, ist dieser Tage hier am Platze entoeckt wor- den, doch haben sich die Theilnehmer derselben leider bisher der Verhaftung entziehen können. Seit einiger Zeit hatte sich hier eine Firma Ottlie u. Co. ctablitt, die ihre Hauptniederlagc in der halb zu Altona, halb zu Hamburg gehörenden Sttaße „Schulterblatt" und zwar aus Altonaer Gebiet hatte, während hier in der Stadt, in der Dammthorsttaße, in der fashionablen Gegend Hamburgs, eine Filiale errichtet war. Die Firma be- stand aus vier, angeblich aus Rußland stammenden Personen, Namens Ottlie, Levy und zwei Gebrüder Beckmann; letztere erst 19 und 20 Jahre alt, besorgten den Einkauf, erstere den Verkauf der erschwindelten Waaren, deren Einkauf sich nach den bisher bei der Polizeibehörde eingelaufenen Anzeigen auf min- destens 700 000 M. belaufen hat. Die Gebrüder Beckmann ttaten hier überall sehr nobel auf und führten ein sehr luxuriöses und verschwenderisches Leben. Sic bewohnten zwei kostbar ausmöblirte Wohnungen, hielten sich drei Reitpferde und verschiedene Maittessen, für welche sie viel Geld ausgaben. Sie waren überall auf den Rennplätzen und geritten sich als hochbegütert. Bei ihren Einkäufen pflegten sie fingirte Refc- renzen erster Klasse aufzugeben und bezahlten gewöhnlich mit Wechseln auf fremde Plätze. Ein Kaufmann, dem auf diese Weise für 12 000 M. Bernsteinwaaren abgeschwindelt worden waren, schöpfte zuerst Verdacht und zog nähere Erkundigungen über die Leute ein, deren Resultat dahin fühtte, daß der Mann sich an die Polizei wandte. Als diese nun gestern zur Ver- Haftung schreiten wollte, fand sie dieselben nicht mehr vor, da sie wohl Lunte gerochen hatten. Der ältere Beckmann hatte einige Tage vor seinem Verschwinden noch ein Portefeuille mit ca. 60 000 M. in Banknoten bei sich. Di" sämmtlichen Lokali- täten der Schwindler sind polizeilich versiegelt worden, doch dürfte der Verkauf der vorgefunoenen Sachen keinen übergroßen Ettrag für die Gläubiger ergeben. Man vermuthet hier, daß die Leute nach Rußland geflüchtet sind. London, 8. November.(Schadmettatz wegen Bruchs aines Eheverbrechens.) Im Oueen's Bench-Gettchtshof wurden vor einigen Tagen einer dmtschen Gouvernante Namens Pape gegen einm ältlichen Deutschen Namens Freudmberg wegen gebrochenen Eheverbrechens 2000 Pf. St. Schadenersatz zuer- rannt. Fräulein Pape, die in Goldings in Herfordshire in der Familie ves Herrn Rob. mit einem Jahresgehalt von 120 Pf. St. nebst Kost und Logis eine Stellung als Gouvernante be- glettete, lernte im Februar 1880 Herrn Freudenberg, einen Wittwer, kennen, der ihr am 17. Juli desselben Jahres, als sie ebm eine Reise nach Deutschland antteten wollte, einm Heiraths- anttag machte, dm sie auch annahm. Die Verlobung fand bald darauf in Dmtschland statt, wobei Herr Freudenberg seiner Braut dm Trauttng seiner vetttorbmen Frau einhändigte. Die Trauung wurde auf Februar 1881 angesetzt, und Frl. Pape gab ihre Stellung auf Wunsch ihres Bräutigams auf und schaffte ihre Ausstattung an. Die Hochzeit wurde jedoch auf Wunsch deS Herrn Freudenberg aufgeschoben, da dieser noch ettt eine Reise nach New-Bork machen mußte, und Frl. Pape nahm wieder eine andere Gouvernantcnstelle an, blieb aber mit ihrem Bräutigam stets in Korrespondenz, der endlich die Hoch- zeit auf dm Anfang des Jahres 1885 festsetzte, statt dessen aber am 2. Februar sein Vettprcchen zurücknahm und am 10. März eine reiche Dame Namens Miß Ricard heirathete. Die Jury erkannte der Klägettn, wie bemerkt, 2000 Pf. St. zu; da es sich aber herausstellte, daß sie nur um 1500 Pf. St. geklagt hatte, so wurde ihr diese Summe zuettannt. Vermischtes. Die schwarze Fahne. Nachdem im Jahre 1848 in der Bttgittenau zu Wim der Parlammtsdcvutitte Robett Blum standrechtlich ettchossen war, legte das Volk Trauer für den Gefallenen an, besonders in Frankfutt, woselbst Robett Blum jedem Kinde bekannt gewordm war. Das Volk ehtte den Todten noch dadurch, daß alljährlich am Todestage(10. Nov.) eine große schwarze Fahne aufgehißt wurde. Das ging aber, nachdem die Reattion immer stärker geworden, nicht mehr so glatt ab, und die Polizei entfernte sofort die Trauerfahne, ohne daß es ihr jemals geglückt wäre, den Uebelthäter zu fassen. Es ist in hohem Grade staunenswetth, welche gefähr- lichen Punkte ausgttucht wurden, um in der Nacht die Fahne auszupflanzm und ein Herabholm so beschwerlich als möglich zu machm. Dieses Aufhissen der Trauerfahne dauerte bekannt- lich 25 Jahre. Nachdem Frankfutt preußisch geworden war, wurde noch eifttger nach den Attentätern gefottcht, aber immer vergeblich. Da traf die Stadt im Jahre 1867 das Unglück, daß der Dombrand ausbrach und Kirche und Thurm erheblich beschädigte. Um nun die Restaurationsarbeitm Projektiren zu können, wurde ein Baugerüst hergestellt, welches aber nach oben hin damals nicht mit einer Holztteppe, sondern mit Leitern erstiegen werden mußte. Da, eines Morgens am 10. November, flatterte von der höchstm Spitze des Gerüstes, also in zirka 250 Fuß Höhe, eine riesige schwarze„Robett Blum- Fahne" im Herbstwinde. Erst gegen Mittag konnte sie polizeilich entfernt werden. Wer mag in stockfinsterer Herbstnacht sein Leben so auf's Spiel gesetzt haben? Wer mag der verwegene Turner gewesen sein?— Daß auch die Polizei ein„berechtigtes" Jnter- esse an der Lösung dieser„hohen" Frage hatte, war natürlich und so geschah den auch einn polizeiliches Forschen. Die That selbst aber bildete für einige Zeit den Gesprächsstoff in der Stadt, und besonders in einem Klub„Wasserkolleg", woselbst man das Wasser aber nur seinem Namen nach kannte. Ein Schlächtermeister Ph. M. war eifriges Mitglied und damals so in Mitte der 50er Jahre stehend, seine 230 Pfund oder gar mehr wiegend, und seine Beine hatten ihre liebe Roth, den schweren Körper zu ttagen. Er mußte stets recht langsam thun. Eines Morgens erhielt M. eine Vorladung vor den damaligen Polizeipräsidenten Herrn v. Madai, ein ebenfalls sehr wohl« beleibter Herr. Mit der Vorladung in der Hand ttat Herr M. mit folgenden Worten in das Amtszimmer des Polizeipräfl- deuten:„Gute Morje, Herr Präsident, ich Hab' da ä Vor- ladung, ich soll emal zu Ihne komme, was is dann passirt?" Herr von Madai bettachtet unfern Schlächtermeister eine Weile, bricht dann in lautes Lachen aus und sagte:„Nein, Sie sind es so wenig gewesen wie ich, Sie haben es nicht gethan. Sie haben das Psartthurmgerüste nicht in der Nacht erstiegen, in den engen Passagen blieben wir Beide unrettbar stecken. Die »Robett-Blum-Fahne" hat ein„Schlankerer" aufgepflanzt."— Nachdem verabschiedete sich der Schlächtermeister mit den Worten:„Des Hab ich nur Aam aus'm Wasserkolleg zu ver- danke, wenn ich den wißt, der kennt sich gradelirn!" Seit dem Jahr 1870 ist nie mehr die Robert-Blum-Fahne aufgesteckt worden. Eine schlaue Schwindlerin. Das Zuchtpolizei-Gencht in Nantes hatte sich in der letzten Zeit mit einem Handel zu be- schäftigcn, welcher die ganze Stadt in Aufregung versetzte, weil die Angeklagte eine dort sehr bekannte und, wenigstens in ge- wissen Kreisen, eine sehr„angesehene Persönlichkeit war. Anna Rousseau, welche sich Baronin Finand d'Jcard nannte, war 1839 geboren und in das Findelhaus von Nantes gebracht worden. Schon früh gab sie Beweise unverbesserlicher Ver- dorbcnheit, zugleich aber auch eines außerdentlich scharfen Ver- standes. Als das Mädchen groß genug war, um sein Brod zu verdienen, wurde es als Dienstmagd untergebracht, zog jedoch bald eine bequemere und einträglichere Laufbahn vor, die sie mit der Polizei verschiedener Städte in nähere Beziehung brachte. Mehrmals wurde sie wegen Diebstahls und Betruges, auch wegen unrechtmäßigen Tragens von Adelstitel» veruttheilt, und als fie vonges Jahr die Bekanntschaft des Barons Finand d'Jcard machte, hatte sie eben fünf Jahre Gefängniß hinter sich. Der Titel des guten Mannes diente ihr dazu, sogleich einen großartigen Betrug mit Diamanten zu begehen. Sie wurde deshalb in Marseille verfolgt und floh nach Nantes, wo sie sich bei der hohen Geistlichkeit einschmeichelte und 183 000 Franks erschwindelte. Wer konnte der Nichte eines Kardinals— denn für eine solche gab sich die interessante„Generals-Wittwe" aus — eine kleine Gefälligkeit abschlagen? Die Sache kam durch einen Geschäftsagenten an's Licht, welcher weniger gutmüthig war, als ihr Beichtvater, der Abbs Sonn u. A., welcher der „frommen Büßerin" 27 000 Franks vorgestreckt hatte. Das Enve vom Liede war eine Veruttheilung zu zehn Jahren Gefängnis und hundert Franks Sttafc. Anna Rousseau war höchst er- sinderisch und ausnehmend schlau vor Gencht und wäre viel- leicht nicht entlarvt worden ohne den Baron Finand d'Jcard/ welcher wüthend daniber war, daß sie nicht nur seinen Name" in der bekannten Weise mißbraucht, sondern auch ihn großartig bestohlen hatte. Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischew Vettaufs-Vermittler, Berlin, den 12. November 1886. Die Engros-Auktionen finden vermehrte Aufnahme. Auch aus anderen Städten kommen Händler hierher, in der Auktion ihre Einkäufe zu besorgen, weil fie hier bei der großen Aus- wähl vortheilhafter und besser sich versorgen können als an den Produktionsorten. Schriftliche Einkaufsbcstellungen können nm berücksichtigt werden, wenn ein Preis limitirt und der ungefähre Bettag eingesandt wird. Geflügel. Fette Gänse per Pfund 50 bis 60 Pm Fettgänse über 15 Pfd. schwer 60 Pf. und mehr PJ* Pfund, Stoppclgänse bis 8 Pfd. 40—48 Pf. per Pf""®' junge Enten 1,50—2,50, fette Enten 50—60 Pf. per P% junge Hühner 0,55-0,80, alte 1,20-1,70 M, Tauben 30 W 40 Pf., Poularden 4,50-8 M. Mageres Geflügel schn� verkäuflich. Fette Gänse sehr begehrt, müssen, um Ansehen ZU behalten, weder gesengt noch gebrüht werden, nur gerupft- Wild. Rehe waren reichlich zugeführt; Hasen knapp Federvieh ist Mangel. Rehe 55—60, fehlerhafte 45—50, SW*' lehr starke und fehlerhafte 20—25.«. 30—38, Tammwild gehalten., Obst und Gemüse. Birnen 6,00 bis 8,50, Tafew'�v 10-20, feinste Sorten 20-40 M.. Aepfel 6,00-9/%%% Tafeläpfel 10-20 M., feinste Sorten 20-36 M-, Marone" 20-30 M. Wallnüsse 20-30 M. pr. Ztr. ,c_.(AW Zwiebeln 2,25-3,00-4,00 M. per 100 Pfd., WeißfleUA Zentner..j. »ÄtJ'feÄrS Tuberosen 4-5 M. pr. 100 Stück. Veilchen 3,50-5,W tt(, pr- Tausend. Rosen-Hochstämme 40-55, niedria-veM. 15-20 M pr. 100 Stück. Primeln 13-15 M ��5 Auktion jeden Dienstag uno Freitag um 7 Uhr Geräucherte und marinirte Fische. Größere �„.-fische SS Ätl» 60 Stück. Sprotten 40 bis 45 Pf. per Pfund. A mittel 1 M. per Pfd.,...«ößfrt Eier 3,00 M. pr. Schock netto. Eier find begeh">™ Zufuhren erwünscht. feint Butter. Frische feinste Tafelbutter»c. 120—125, gg Tafelbutter I. 110-118, U. 95 bis 108, 1" bis 90. Landbutter I. 90—96, II. 80 bis 85 hei " ä" "........... stehenden Preisen. I. 56—63," II. 50—55, französischer Neufchateller 16 M. pro 100 Stück, 1,20—1,50 pro Pfd. Kerlin» Im d<* IW m» f"""" �*• Beilage zum Berliner Bolksblatt. Nr SSV. Sonnabend de« 13. Nwrinder 1886. 3. Jahrs. Dum äompf der eingetriebenen Sitfsloffcn mit den Grisbranbenba�en. m. Sind nun— wie in§ 58 des Krankenversichemngsgesetzes r; die Parteien auf den Rechtsweg gewiesen, so kann eine Be- Icheinigung nur da genügen, wo das Gesetz dies zuläßt. Daß aber die Gerichte in den Fällen des§ 58 durch jene Be- icheinigung der oberen Verwaltungsbehörde gebunden seien, ist un Gesetze weder zum Ausdruck gelangt noch aus dem Gesetze U folgern. Dieser Standpunkt des Gesetzes kann selbstver- Uandllch auch dadurch keine Aendenmg erleiden, daß Revisions- "am auf einen angeblich unerträglichen Zustand hinweisen, welcher bei solcher Auslegung des Gesetzes für die� einge- Anebenen Hilfskassen und deren Mitglieder geschaffen sei. Rollte, was hier nicht zu untersuchen, in der That ein solcher iiuitand existircn, so könnte dies für den Gesetzgeber Vcran- wffung zur Abänderung des Gesetzes werden, für die Aus- Mng und Anwendung der gegebenen Gesetze wäre jener oustand einflußlos. Die Möglichkeit verschiedener Be- urtheilung der Statuten eingeschriebener Hilfskassen durch ver- lchiedene Verwaltungs- und Gerichtsbehörden aber war schon burch den§ 58 des Kranken versicherungsgesetzes gegeben; hieran ist eben durch die Novelle vom 1. Juni 1884 lediglich nichts Geändert. . Nur zum Ueberfluß soll auch aus der Entstehungsgeschichte ver Novelle selbst, wie schon vom zweiten Richter geschehen, Dargelegt werden, daß aus derselben nichts zu Gunsten der ineorssonskläger zu folgern sei. Zwar kann nach den Ausführungen ver Reichstagsabgeordneten Dr. Hirsch und Genossen(auf deren Antrag die Novelle jenen Zusatz erhielt) bei Gelegenheit der zweiten Berathung der Novelle m der Sitzung vom 22. April 1884(vergl. Stenographische Berichte des Reichstages 1884, rpanb 1, Seite 246 ff.) keinem Zweifel unterliegen, daß nach ver Intention der Antragsteller durch die Bescheinigung der oberen Verwaltungsbehöroe den Mitgliedern der freien Hilfs- lassen eine Gewähr gegen weitere Anfechtung geschaffen und >ur das ganze Reich der Gefahr verschiedener Beurtheilung und zahlloser Einzclprozesse vorbeugt, hierdurch aber auch die Gc- wemden- und Krankenkassen gegen Prozeßkosten gewahrt werden 'vllten. Bei jener zweiten Berathung, welche kun nach Einbringung des Antrages stattfand, hat sich der Vertreter der Bundesregicrunaen allerdings zunächst darauf beschränkt, prin- iipiell gegen den Antrag Stellung zu nehmen und dessen Ablehnung 'A empfehlen, und seine damalige Auffassung des Antrages ergicbt sch ans der Aeußerung, durch jenen Antrag werde das Ver- Haiti, iß der Hilfskassen zu den Krankcn-Zwangskassen wesentlich oerändert werden, da an die Stelle der materiellen Erfordcr- bisse des§ 75 des Krankenversichemngsgesetzes lediglich ein lonnales Crfordemiß treten werde, nämlich die Erklämng der S!« Hilfskasse zulassenden Behörde.— Allein bei der dritten ?srathung im Reichstage am 28. April 1884(1. c. Seite 360 flg.) Jwerte sich die Stellung der Antragenden selbst zn ihrem An- <Ä sofort insofern, als gleich der erste Redner Dr. Hirsch R&yw 369) äußerte, er erachte es für das allein richtige und dx.jk'daß dieselbe Instanz, welche so und so viele Paragraphen des a'�assengesetzes auf die Statuten anwende, auch den§ 75 diel-�cn�nversicherungsgesetzes anwende, und daß das Urtheil bis?£whörde so lange maßgebend sei für das ganze Reich, der a? �oo von anderen Seiten angefochten wird. Darauf gab wel*"knmgsvertreter eine bedeutungsvolle Erklämng ab, in er vor allem betont, daß, wie er sich durch genaueres einer k"? des Antrages überzeugt, die Antragsteller selbst von bi.- fchen Voraussetzung ausgegangen zu sein scheinen, denn S ........ Ur"''ochen aufheben. Ter Antrag könne daher in der vorge- das« Fassung seinen Zweck gar nicht erreichen, indem er e-t-, b'cht enthalte, was er nach der Meinung der Antragsteller selKftt. solle— Seiten 370, 371.— Diese Ansicht stieß dann ein/r Ä dm Antragstellern nicht mehr auf Widcrspmch; ja § 5S y-sohbrn, Schräder, bemerkte geradezu, ihm scheine, daß jekt, slrankenversicherungsgesetzes auf den Fall, von dem sei«, ßyvoochen werde, gar keine Anwendung finde. Das Ito Streitigkeiten, die einen speziellen Fall berühren! Icheid v die Frage eine ganz generelle, der Be- li(h.,,,dft oberen Verwaltungsbehörde könne unbedenk- die m; werden und er glaube, es greife das nicht ein m Ceie. aA"iß, welche der§ 58 den Gemeindebehörden gebe— AnfrL~ Nachdem sodann der Rcgiemngsvertreter diese greis? ling als eine schwer verständliche bezeichnet hatte, er- noch Abgeordneter Dr. Buhl das Wort für den Won.?der auch dieser Abgeordnete äußerte sich dahin, er N.?"rchauz nicht den freien Hilfskassen weitere Rechte geben Recks r~ Hiernach konnte der Regiemngsvertreter mit Äusk.i� sowem Schlußworte konstatiren, er habe bis jetzt keine dab"tl vemommen, welche seine Behauptung widerlege, was d! Losgeschlagene Bestimmung durchaus das nicht sage, diese ck gesagt haben wollen. Er fügte bei, er halte des?bstatlmng für erforderlich, damit bei der Ausfühmng Jllowe;ÄCS den Rcgiemngen nicht etwa der Vorwurf der Gea?nt � gemacht werde— Seite 373.— Ohne irgend eine get�Außerung wurde bei der Abstimmung der Antrag an- Oem«?»*1*!!' wie er dann im Gesetz Ausnahme fand. Hiemach gefrfjil; der zweite Richter zutreffend, daß die Entstehungs- rufend Jenet Gesetzesbestimmung nicht für die Kläger ange- II könne. bei diesen Verhältnissen wäre es ohne Belang, wenn Bestiw»..!� vertretenen Rechtsanschauung wirklich die fragliche sibi&ng d« Novelle ohne praktische Bedeutung wäre."Daß Und in� Bestimmung immerhin solche Bedeutung hat Btanf,, /ordere für die Zeit bis zum Jnslebentreten der Zutreffeüs."ss�verfichemng hatte, ist vom Bemfungsrichter "ofühmng"h?nh""d genügt die Bezugnahme auf solche insof� Sache selbst haben Revifionskläger einen Angriff nur von bm, als sie den Standpuntt des zweiten Richters, lllle gewährt werden, mit den Minimal- ÄÄ—rÄfi5= AW-MMH Unterstützungspflicht, theils hinsichtlich der Bedingungen, von denen die Gewähr einer Unterstützung abhängig gestellt sei oder abhängig gemacht werden könne, die Hilfs- fassen weniger leisten, als die Gemeinden nach§ 6 des Krankenversichcrungsgesctzcs zu leisten haben. Dieser Standpunkt muß als vollkommen dem Gesetze entsprechend be- zeichnet werden, denn nachdem in§ 75 des Krankenversichemngsgesetzes der§ 6 nach seinem ganzen Umfange in Bezug ge- nommen ist, mrßte gegebenen Falls geprüft werden, ob jene Statuten in jeder einzelnen Beziehung dem§6 entsprechen und es konnte von einer Untersuchung der Frage, ob einzelne hier- nach sich ergebende Minderleistungen etwa durch Mehrleistungen nach anderen Beziehungen aufgewogen würden, als außerhalb des Gesetzes liegend Abstand genommen werden, ganz abge- sehen davon, daß nach dieser Beziehung besondere Behauptungen in den Vorinstanzen gar nicht aufgestellt wurden. Hiernach konnte das Rechtsmittel nicht von Erfolg sein Der Ausspmch im Kostenpunkt ergiebt sich aus§ 92 der Zivilprozeßordnung. (gez.) Dr. H o ch c d e r. von Gmelin. Dr. Schlesinger. Meyer. Wittmaack. vonBezold. Löwen st ein. Verkündet in der öffentlichen Sitzung des Sechsten Zivil- scnats des Reichsgerichts vom 27. September 1886. (gez.) Leo, Obersekretär, als Gerichtsschreiber. Kommunales. * Der Etat der Gaifenhausverwaltung ist vom Magistrat für das Rechnungsjahr 1887/88 in Einnahme mit 176 320 M. und in Ausgabe mit 1022557 M. festgestellt worden, so daß ein Zuschuß von 846 237 M. erforderlich ist, gegen das gegenwärtige Etatsjahr 59221 M. mehr. Die Zahl der Kinder, welche in Privatpflege bei Familien untergebracht, steigert sich fortwährend. Im Rechnungsjahr 1882 83 bctmg dieselbe 3046, im gegenwärtigen Etatsjahre jedoch 4073, so daß die Ausgabe für dieselben höher angesetzt werden mußte pro 1887 83. In der Rummelsburger Anstalt befinden sich gegenwärtig 450 Knaben. * Vermelirung der höheren Bürgerschulen. Der Magisttat beabsichtigt, im Laufe des nächsten Jahres noch zwei höhere städtische Bürgerschulen zu errichten und hat daber beschloffen, der Stadtverordncten-Versammlung hierzu die Gegenden vor dem Potsdamer Thore und m der Nähe des Schle- fischen Bahnhofes vorzuschlagen.— Wir können uns mit der Vermehrung der„höheren Bürgerschulen" durchaus nicht einver- standen erklären. Jemehr sich die Zahl dieser Schulen erhöht, umsomehr wird die jetzige Gemeindeschule zur„Armenschule" degradirt werden. * Die Bekanntmachungen der Aufgebote, welche gegen- wättig im Durchgänge des Rathhauses m Kästen ausgehängt werden, haben daselbst einen sehr ungünstigen Platz, da nicht nur die Beleuchtung eine mangelhafte ist, sondern es ist auch daselbst sehr zugig, was für das Publikum, welches diese Be- kanntmachungen au lesen beabsichtigt, mit vielen Beschwerden verknüpft ist. Die Stadtverordneten-Versammlung hatte bereits bei Gelegenheit der Berathung des Etats für die Standes- ämter beim Magisttat in Anregung gebracht, daß die Aufge- böte in einem hellen und gegen Zug geschützten Raum unter- gebracht werden. Das Magisttatskollegium, welches sich mit dieser Angelegenheit in der gesttigen Sitzung beschäftigte, hat beschlossen, auf der südlichen Hälfte des großen Hofes des Rathhauses an der Jüdensttaße einen Pavillon zur Aufnahme der Ausgebote zu errichten. Derselbe soll ganz aus Eisen errichtet und mit einem Glasdache bedeckt werden und zum Aufhängen von 50 Kästen Platz gewähren. Die Gesammtkosten sind hier- für auf 6500 M, veranschlagt. Der Magistrat wird diesen Vorschlag der Stadtverordncten-Versammlung zur Genehmigung unterbreiten. Ein neuer großer Gasbehälter soll auf der dritten städtischen Gasanstalt in der Tanzigersttaße erbaut werden und zwar zum ersten Male in drei Etagen. Da der Stadtausschuß von Berlin die gewerbliche Konzession für eine Anlage, welche die Stadt Berlin selbst ausführt, nicht ertheilcn kann, so hat an dessen Stelle der Oberpräfldent den Stadtausschuß zu Potsdam ernannt. Der letztere hat, nachdem er die gemachte Vorlage genau geprüft, die Konzession erthcilt. Nach Mittheilnng des Statistischen Amts der Stadt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 31. Oktober bis inkl. 6. November er. zur Anmeldung gekommen: 392 Eheschließiingen, 841 Lebendgeborene, 29 Todtgeborene, 555 Stcrbcfälle._ Lokales. Eine seltsame Beleuchtung erfährt der Berliner Kellnerinnenstand durch die Notiz einer hiesigen Zeitung über eine zur Zeit hierorts angeblich grasstrende Kcllnerinnennoth. In Folge der polizeilichen Bestimmung, daß unter Sittenkon- ttole stehende weibliche Personen fernerhin nicht als Kellnerin- nen fungiren dürfen, sollen nämlich die Reihen der Kellnerinnen stark gelichtet sein und da es an Ersatz fehle, so soll eine all- gemeine Kellnerinnennoth herrschen. Die Mehrzahl derjenigen Personen, welche sich jetzt dem Kellnerinnenstande widmen, sind, wie jene Notiz weiter besagt:„liebende Mütter", welche aus der Roth eine Tugend machen und sich aus einer Verkäuferin oder einer Nähterin in eine Kellnerin verwandeln, weil ihr bis- heriger Verdienst nicht für ihre veränderten Verhältnisse aus- reicht. Wenn die Angabe jener Notiz auf Wahrheit beruht, daß die Kcllnerinnen-Nachweisebureaus von den Wirthen be- stürmt werden in Folge der eingetretenen Kellnerinnennoth, so wird dadurch das Berliner Kellnerinnenwesen auf das allerschärfste gekennzeichnet. Es ist wohl kaum anzunehmen, daß lediglich nur der Zufall die Berliner Kellnerinnen sich bisher fast ausschließ- lich aus den Reihen der Prostituirten rekmttren ließ, sondem es ist wohl viel richttger, anzunehmen, daß lediglich diese den an sie gestellten Anforderungen bezüglich der Ausübung des Amtes einer Kellnerin zu genügen vermochten. Unter diesen Umständen kann man sich allerdings ver- anlaßt fühlen, sich auf den Standpuntt des Berliner Polizeipräsidiums zu stellen, welches auf d,e bekannte ,�ellne- rinncnpctition" des„Vereins Berliner Restaurateure" diesem den Rath erthcilte, die weibliche Bedienung abzuschaffen und an deren Bestellung männliche Bedienung treten zu lassen. Dies scheint in der That erwünscht, wenn nicht eine ganzliche Umgestaltung des Kellncrinnenwesens rcsp. jetzigen Kellnerinnen- Unwesens Platz greift, namentlich, wenn man sich den zweiten Theil jener Notiz etwas genauer ansieht. Die jozialen Ver- Hältnisse der Berliner Arbeiterinnen find zur Genüge bekannt, als daß es nicht als eine höchst verwerfliche Frivolität erscheinen muß, in dem Tone jener Notiz von„liebenden Müttem" zu sprechen. Jede der armen Verkäuferinnen oder Näherinnen, die zur„liebenden Mutter" geworden sind, verdient gewiß viel- mehr Nachsicht und Mitleid als Spott. Wenn nun diese Annen aus der Roth eine Tugend machen und sich unter den be- stehenden Verhältnissen dem Kellnerinnenstande zuwenden, lediglich um sich einen größeren materiellen Verdienst zu sichern, so liegt hierin eine unendliche sittliche Gefahr, über welche sich Niemand täuschen sollte, denn es hat bis jetzt noch nichts»er- lautet, daß seitens der Gastwirthe irgend etwas gcthan worden sei, die materielle Lage der Kellnerinnen ihrerseits in irgend einer Weise zu sichern. Wenn daher die Arbeiterinnen, deren Arbeitsverdienst nicht ausreicht, sich anständig zu ernähren, sich dem Kellnerinnenstandc zuwenden in der Erwartung eines größeren Verdienstes, so ist dieser größere Verdienst eben nur dadurch zu erreichen, daß die rechtschaffenen Arbei- terinnen in die Fußtapfen ihrer Vorgängerinnen treten, die durch die eben erwähnte polizeiliche Verfügung ihres einttäg- lichen Amtes enthoben worden sind, mithin allmälig das werden, was jene waren: Prostituirte, und somit dem sittlichen Verfallen und Verderben preisgegeben sind. Die Nothlage der Arbeiterinnen ist leider eine derartige, daß auch für diese, wenn ihre Zeit gekommen sein wird und sie aus dem Kellnerinnen- stände ausscheiden müssen, reichlicher Ersatz sich finden wird. Auf diese Weise werden fortschreitend immer weitere Kreise in das sittliche Verderben hineingezogen, wenn dem fortschreitenden Uebel nicht ernstlich Einhalt geshan wird. Und hierfür giebt es nur zwei Mittel: entweder bequemen sich die Restaurateure mit Damenbedienung endlich dazu, oder werden eventuell dazu gezwungen, den Kellnerinnen eine materielle Sicherung zu ge- währen, oder aber die Damenbedienung wird gänzlich unter- sagr, denn die jetzigen Zustände sind völlig unhaltbar und im höchsten Maße gefahrbringend. Wer Anderen eine Grube graben hilft, kann auch hineinfallen l Im Osten der Stadt, wo die äußersten Sttaßen nur stteckenweise regulirt und noch sehr spärlich bebaut sind» etadlirte sich vor etwa einem Jahre ein junger Bäckermeister. Nun wird zwar überall Brot gegessen, wo Menschen wohnm, aber das letztere war eben in der Nachbarschaft des jungen Geschäftsmannes noch nicht der Fall; seine Waaren blieben liegen und wurden alt, bekanntlich das schlimmste Schicksal, das den Backwaaren und Mädchen beschicden sein kann und so kam der junge Bäckermeister mit seiner alten Äackwaare bald in die schlimmsten Kalamitäten. Um die neuangeschafften Bäckerei- Utensilien und das geringe Mobiliar vor den Gläubigern zu retten, übertrug er seinem Bruder die Rechte aus dem Mieths- verttage, wozu der Wirth des Hauses gern seine Zustimmung gab, da ihm hauptsächlich darum zu thun war, für sein wenig bewohntes Haus den Inhaber der Bäckerei als Miether zu be» halten. Durch dieses Verfahren wurde die Zwangsvollstteckung gegen den Bäckermeister so ziemlich illusorisch, da sich die wenigen Pfandobjekte im Besitze eines Dritten, seines Bniders, befanden und die Gläubiger waren gern damit einverstanden, als ihnen der Schuldner 33% pCt. ihrer Forderungen gegen Verzicht auf den Ueberrest anbot. In- zwischen backte der Bruder weiter, leider mit nicht besserem Er- folge und stellte schließlich die Bäckerei ganz ein. Nunmehr kam aber der Herr Wirth und verlangte Miethe, behielt auch die in der Bäckerei und in der Wohnung verbliebenen Möbel und Bäckerci-Utensilen ein. Diese aber reklamirte nun der erste Besitzer der Bäckerei und der Wifth wurde zur Herausgabe dieser Sachen verurtheilt. Da ihm zweifellos das Eigenthum seines ersten Miethers an diesen Sachen bekannt war, und der Passus in dem gedruckten Miethskonttakte mit dem Bruder des Miethers, wonach versichert wird, daß die in die Räume ein- gebrachten Sachen Eigenthum des neuen Miethers seien, dem dem Vermiether bekannten Sachverhalte gegenüber unerheblich erscheint. Der einzige Hineingefallene von den Gläubigern des Bäckernleisters ist also sein gefälliger tzauswirth; er wird künftig wohl vorsichtiger sein. Ein interessantes Bild vom Berlin vergangener Tage, das namentlich den gewaltigen Gegensatz zwischen dem Verkehr in der Friedrichsttaße in den ersten Jahrzehnten dieses Jahr» Hundefts und jetzt schildert, giebt der schlesischc Dichter Holter in einem 1866 erschienenen, heute aber gänzlich vergessenen Sammelwerk„Charpie". Die Schilderung der Großen Friedftch» straße ist so anschaulich entwoften, daß sie auch die jüngeren Berliner, welche die vormürzlichen Zustände in Berlin nur vom Hörensagen kennen, fesseln düftte. Holtei erzählt der„Freis. Ztg." zufolge: In Berlin giebt es sehr lange Straßen, die längste dürste die Große Friedftchsttaße sein, welche sich vom Halleschen bis zum Oranienburger Thor schnurgerade hinzieht und der an einem kleinen Postmeilchen nicht gar so viel fehlen wird. Als ich zum ersten Mal nach Berlin kam und daselbst „Landjunker in der Residenz" spielte, geschah es mir, daß ich nothwendig zu machende Besuche mit geographischer Genauigkeit vorher anordnete und cintheilte, wobei ich deren zwei, beide in derselben Straße gelegen und den Nummern nach sich ganz nahe, für den Schluß meines Jrrlaufs veftpaftc, aber zu spät entdeckte, wie jene„nachbarlich hausenden Familien" die eine an diesem, die andere an jenem Ende wohnten, wodurch meine jungen Beine— die rettende Droschke war noch nicht eftun- den!— unglaublich litten, denn auch das Trottoir steckte noch im Ei, und der sogenannte Bürgersteig bot mit seinen kleinen» scharsspitzigen Pflastersteinen mehr Dornen als Rosen dar. Späterhin, wie ich ein Berliner geworden, häufig kontemplativen Wanderungen obliegend, die große Stadt nach allen Richtungen hin durchzog, halb Spaziergänger, halb Ent- deckungsreisenocr, machte es mir viel Vergnügen, bei kühlem Wetter diese Riesengasse langsam auszumessen und ihre wechseln« den Physiognomien zu stuoiren. Nicht weit vom Halleschen Thor wohnte mein Gönner, unser allverchftcr Eduard Hitzig, „Vater Ede" von seinen nächsten Freunden genannt. Einige derselben, Wilhelm Neumann und Adalbert von Chamiffo» hatten ihr Lager in derselben Gegend aufgeschlagen. Willibald Alexis rhcilte auch noch die fast ländliche Ruhe und Abge- schiedenheit jener Gefilde, in denen Gras vor den Hausthüren wuchs. War man bei der Kochsttaße, die ihn barg, vorüber, dann nahm das Leben schon zu, man begegnete zwei bis drei Menschen auf einmal und gelangte man erst in die Gegend der sich rascher folgenden Oucrstraßcn, da ließ sich die Nähe der„Linden" schon spüren, lieber diese hinaus hörte das Treiben nicht mehr auf; die Spree von Torfkähnen bedeckt, die Ufer von Arbeitern und Handlangem eingenommen, dann große Kasemen, ein Laufen, Drängen von Soldaten, Spaziergängern bis ans Thor und zu diesem hinaus gewöhnlich mehr oder minder große Leichenzüge. Denn doft fühft der Weg dahin» wo wtt alle folgen müssen, wir mögen wollen oder nicht. Der alte Köpenicker Weg, der von der Treptower Chaussee dicht an dem Schlesischen Busch abbiegend hinter den Treptower Anlagen entlang fühft und früher wegen seiner alten laubreichen Allee ein viel frequentifter Spazierweg war, befindet sich nun schon seit geraumer Zeit in einem geradezu skandalösen Zustande. Bald hinter dem Schlesischen Busch beginnend und bis zur Verbindungebahn ist die ganze Sttccke in eine Schutt- ablagc verwandelt. Dagegen wäre an sich nichts zu sagen, denn Schuttablagcn in der Nähe der Stadt sind ein düngendes Be- düftniß; aber was hier alles als Schutt abgeladen wird, das spottet jeder Beschreibung und ist vielfach ekelerregend. Wehe der menschlichen Nase, deren Besitzer sich hierher verirrt! Die Erfahrung, daß die Erlaubniß zum Schuttabladen, wenn das- selbe ohne Aufsicht erfolgte, gcmißbraucht wird, ist keine neue und konnte füglich der betrettenden Aufsichtsbehörde auch be- kannt sein; außerdem können doch diese Abgänge nicht, wie hier, trhre lang in regellosen Haufen lagern; eine so wichtige traße in unmittelbarer Nähe der Stadt müßte doch planirt und passirbar gemacht werden. Heute kann Niemand diesen Damm überschreiten ohne Gefahr für seine gesunden Glied maßen. Zur Notirung der Marktpreise ist eine Kommisston von Berkaufsvermittlern gewählt worden. Die„Zentr.-Markth." schreibt darüber: Nach der Marktpolizeiverordnung, welche das königliche Polizeipräsidium am 1. Mai dieses Jahres vor der Eröttnuna der Markthallen erlassen, heißt es in§ 16 derselben: „Die Notirung der Marktpreise zum Zwecke des Marktberichts erfolgt durch die Markthallen-Verwaltung und die königliche Marktpolizei gemeinschaftlich". Dieser für unseren gesammten Markthallenverkehr so wichtige Paragraph legt die amtliche Fest- stcllung des Marktberichts lediglich in die Hände der Markt- Mllenverwaltung und der königlichen Marktpolizei. In richtiger ürdigung dieser sehr verantwortlichen Stcllung hat die Ver- waltung der Zcntral-Markthallc die für den Großhandel be- rufcnen städtischen Verkaufsvermittler veranlaßt, aus ihrer Mitte fünf Bertrauensmännner zu erwählen, welche im Verein mit der Zentral-Markthalle eine Kommission für die amtliche Fest- stellung des Marktberichts bilden sollen. Die Wahl der fünf Vertrauensmänner hat nunmehr stattgefunden; es wurden aus dem Verbände der städtischen Verkaufsvermittler durch Stimmen- Mehrheit gewühit: die städtischen Verkaufsvcrnnttler Eduard Weinhagcn, Julius Dreitel, Adolph Heimann, Haase u. Komp. Franz Andreas. Die Verwaltung der Zentral-Markthalle, die Kommission der städtischen Verkaussvcrmittler und die könig- liche Marktpolizei werden demnach vereint den jedesmaligen amtlichen Marktbericht nach den Ergebnissen des Großmarktcs feststellen. Der amtliche Marktbericht wird ausgegeben Mitt- woch und Sonnabend Nachmittag. Verbesserung an den Aernsprechapparaten. Seit längerer Zeit klagt das Publikum darüber, daß die Gesuche um Telephonanschluß entweder gar nicht oder nur sehr langsam be- rücksichtigt werden. Die Postbehörde sieht sich außer Stande, die erforderlichen Leitungen auch ferner oberirdisch zu führen, und hat deshalb mit dem Magisttat, als Eigenthümer des SKaßentcrrains, Verhandlungen wegen Genehmigung der An- läge unterirdischer Leitungen geführt. Der Abschluß dieser Ver- Handlungen steht bevor und daher triftt dem Vernehmen nach die Polizeibehörde bereits Vorkehrungen zur Herstellung der Tclephonanschlüsse noch in dieser Bauperiode. Bei denselben wird wahrscheinlich eine Verbesserung an den Femsprechappara- tcn benutzt werden, deren Durchführung die maßgebenden Kreise längere Zeit beschäftigt hat. Es scheint im Prinzip die Benutzung des Mikrophons beschlossen. Gegenüber den jetzt vorhandenen Apparaten hat man beim Mikrophon den Vortheil, daß die Ucbcrtragung lautreiner ist und der Sprechende nicht nöthig hat, den Apparat dicht an den Mund zu nehmen, ein Umstand, der gewiß allseitig als beachtswerth erkannt werden dürfte. Wie wenig angenehm ist es, mit dem Munde Gegen- stände zu berühren, die wer weiß welche Person bereits benutzt hat. Daß dadurch manche Krankheitsstoffe übertragen sind oder werden können, scheint nicht unwahrscheinlich. Man beobachte nur die sich auf den Sprechplatten ansammelnden Niederschläge, deren Verdunstung bei dem dichten Verschluß des Apparats nicht leicht möglich ist. Bei dem Mikrophon kann man selbst in einiger Entjernung die Unterhaltung klar und deutlich über- tragen. Originalität kann man dem Schwindel nicht absprechen, so schlecht das„Berl. Tagebl.", auf den dieser Tage ein hiesiger Arzt hineingefallen ist, den wir— zur Warnung— seinen „Reinfall" hier selbst schildern lassen:.Kurz vor Beendigung der Sprechstunde erschien am 10. d. M., Vormittags gegen %10 Uhr, ein ganz anständig gekleideter, schon etwas älterer Herr mit graumelirtem Schnurrbarte und zum Theil ergrauten Haaren in meinem Wartezimmer. Sein Auftreten# veranlasste mich, ohne daß ich einen Grund dafür angeben kann, die Frage an ihn zu richten, ob er Patient sei. Er erzählte mir, daß er eine ansteckende Krankheit gehabt habe, die er sich in Küstrin, wo er seßhaft sei, von dem Dr. Schüler habe behandeln lassen, daß sich die Krankheit auf seine Frau übertragen habe und daß er sich genire, dieselbe auch vom dortigen Arzte kuriren zu lassen. In Folge dessen sei er mit seiner Ehehälfte nach Berlin gekom- men, habe in der Jnvalidensttaße für 30 Mark ein Zimmer aemiethct und auf den Rath des Dr. B. aus der Leipziger- straße, der mir ganz unbekannt ist, habe er mich aufgesucht. Cr sprach vom Abreisen in ein paar Stunden und bat mich, seine Frau vor der Nachmittagssprcchstunde noch zu empfangen. Als ich ihm eine Zeit dafür angab, meinte er,„Herr Doktor, darf ich Sic um eine Mark bitten, damit ich mit einer Droschke zum Schlesischen Bahnhof fahren kann, um meine Frau zu holen, die 400 Mark bei sich hat, ich habe das ganze Geld, das ich mir einsteckte, für die Wohnung bezahlt und für noch mehr leicht denkbare Sachen." Er wollte mir sogar die Uhr zum Pfände dafür lassen. Leider war ich so leichtgläubig, ihm die Mark herzugeben, obwohl ich mich sehr dagegen sträubte und ihm sagte, daß ich mit Hochstaplem nicht gern zu thun habe. Er nannte sich Winter, wohne in Küsttin, mit dessen Verhält- nissen er anscheinend sehr vertraut war, und war dabei so entrüstet, daß ich ihn sogar um Entschuldigung bat, weil ich ihm so viel Mißtrauen entgegen brachte.— Dies der Sachverhalt. Wer zur angegebenen Zeit und später nicht erschien, war selbstverständlich Herr Winter und seine angebliche Frau.... Ein Geisteskranker, der seine Krankheit kennt. Ein überaus seltsamer Fall hat sich in jüngster Zeit hier ereignet. Ein Mann von etwa dreißig Jahren, Inhaber eines Möbel- geschäftes, dem Anschein nach von bester Gesundheit, sehr sttcb- sam und fleißig"und in wohlgeordneten Verhältnissen lebend, wurde plötzlich irrsinnig und— hatte volle Kenntniß von diesem seinem Zustande. Er traf alle nöthigen geschäftlichen Ver- fügungen für eine Reihe von Tagen, übergab dem Hausdiener die Schlüssel und ließ sich in die Charitee aufnehmen, nachdem er vergeblich in anderen Krankenhäusern Unterkunft gesucht. In der Eharitee kam ein schweres Äehirnleiden zum Ausbruch und führte binnen wenigen Tagen den Tod des Unglücklichen herbei, der nur einmal wieder einen lichten Augenblick hatte. Der Be- dauernswetthe, den seine Verwandten erst als Leiche wiedersahen, ist am Mittwoch bestattet worden. Solle» die Vorderperrons der Pferdebahnwagen wieder geschlossen werden oder nicht? Diese Frage bewegt viele Gc- müther und ist gewissermaßen angebracht angesichts der neuer- dings öfters vorgekommenen Unfälle in Folge Abspringens vom Vorderperron während der Fahrt. Seiner Zeit hielt man das Freigeben des vorderen Perrons für eine wohlthätige Maßregel in Bezug auf die im Innern des Wagens Mitfahrenden, und das ist sie in der That, weil seitdem unangenehme Störungen, besonders der lästige Zug, vermieden oder doch gemildert sind. Das Abspringen während der Fahrt ist und bleibt immer mit Gefahr verbunden, aber es giebt Leute— selbst Damen— die ihrer nickst achten! Die Haltestellen sind doch wahrlich dicht genug gelegt, so daß Jedermann eine solche abwarten könnte. Wer es dennoch wagt, thut es eben auf seine Gefahr. Allen- falls könnte ein warnender Hinweis in gedruckter Form an betteffender Stelle des Wagens angebracht werden! Gerade als sie von einer Kunstrcise nach Berlin zurück- gekehrt waren, wurden am jüngsten Sonntag der Kellner Echwensow und der Schlosser Gruttke in einer Klappe abge- faßt. Sie hatten dem früheren Prinzipal des Schwensow in Frankfurt a. 0. einen nächtlichen Besuch abgestattet und ge- gkaubt, dort eine größere Summe Geldes zu finden; in dieser Erwartung wurden sie indeß getäuscht und hatten mit einem Paar Brillantohrringen, Zigarrentaschen nebst Inhalt und einer Flasche Rum vorlieb nehmen müssen. Hier wurden ihnen diese gestohlenen Sachen abgenommen und außerdem noch zwei Pfandscheine über Uhren. Wie fcstgestellk, ist von den beiden versetzten Uhren die eine eine Stutzuhr aus dem Polytechnikum zu Charlottenburg, woselbst man jedoch noch keine Kenntniß von dem Diebstahl hatte; zu der zweiten, einer silbernen Remontoiruhr mit Goldrand, Nr. 28 038, die jedenfalls auch gestohlen ist, fehlt noch der Eigenthümer. Gruttke hatte im Polilechnikum gearbeitet und hierbei jedenfalls die Stutzuhr mitgehen lassen. Herr Färbereibesitzer Spindler verwahtt sich in einem Briefe an die„Voss. Ztg." nachdrücklich gegen jedes Gerücht, das ihn mit der neuen Hansa in irgend einen Zusammenhang bringt.— Von der Auslösung der alten Hansa sucht zunächst die Omnibus- und Packetfahrt-Gesellschaft Vorkheil zu ziehen. Sie schreibt uns, daß sie durch Vermehrung der Beamten und der Annahmestellen die entstehende Lücke füllen werde. Die Fahrt eines Omnibus der Linie Schönhauser Thor— Hallesches Thor wurde gestern Nachmittag 3 Uhr an dem Kreuzungspuntte der Linden- und Markgrafenstrnße dadurch unterbrochen, daß die Achse des einen Hinterrades durchbrach, wodurch der Kondukteur, ohne sich jedoch wesentlich zu verletzen, auf die Straße geschleudert wurde. Die Passagiere mußten aussteigen. Große Aufregung unter den Verkäufern und dem Publikum verursachte gestern Nachmittag in der städtischen Zentral-Markthalle in der Neuen Friedrichsttaße die Festnahme einer mit Hut und Schleier bekleideten Dame, welche gerade im Begriff stand, sich mit einer gestohlenen Gans zu entfernen. Die Erbitterung des Bestohlenen und der übrigen Marktleute über die„feine Diebin" war eine so große, daß sie über die Ertappte herfielen, an Ort und Stelle gehörige Lynchjustiz an ihr übten und sie dann einem Schutzmann zur Abführung nach dem Marktpolizcibureau übergaben. Spanisches. Seit dem 27. v. M. befinden sich, wie von der hiesigen Kriminalbehörde mitgctheilt wird, in Bremen ein angeblicher Kaufmenn Placido Roman de Torres aus Estepona bei Malaga in Spanien und ein angeblicher Kellner Ottilio Biffo aus Turin in Untersuchungshaft. Es ist festgestellt, daß dieselben in Bremen, Hamburg, Hannover und in Jpswich (England) größere Quantitäten gefälschter, namentlich älterer spanischer Briefmarken als echte für bedeutende Geldsummen verkauft haben. Der de Torres, welcher den Biffo zur Mithilfe bei den Betrügereien angestiftet hat, gab sich für den Inhaber einer Firma R. Fernandez u. Co. in Barcelona aus und be- hauptet, die Marken in Madrid als echte aufgekauft zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben sie auch in anderen Städten Betrügereien verübt. Die Polizeidirektion zu Bremen bittet um Auskunft, od derartige Äetrugshandlungen vorge- kommen sind. Auf eine schreckliche Weise wurde vorgestern Nachmittag 3 Uhr die Waahalsigkeit der kleinen Velozipedkünstler, welche die Sttaßen Berlins unsicher machen, bestraft. Ein in der tzagelsbcrgersttaße 12 wohnender Knabe von etwa 12 Jahren fuhr um oie oben angeführte Zeit auf seinem zwcirädengen Veloziped in der Lindensttaße umher. Als er einen Pferde- bahnwagen der Linie Gesundbrunnen— Krcuzberg daherfahrcn sah, lenkte er um, setzte sich an die Spitze und fuhr dem Wagen voraus; er hielt auch die Fahrt inne, trotzdem der Pferdebahnwagen pflichtschuldigst mit der Glocke das War- nungsfignal gab. Plötzlich vernahm man einen gellenden Schrei, der den Passanten das Blut in den Adern erstarren ließ, man sah den Knaben vom Veloziped gestürzt und den Pferdebahn- kutscher mit aller Kraft den Wagen bremsen, denn unter den Pferden und dem Vorderwagen lag der kleine Radfahrer, der mit einer stark blutenven Kopfwunde hervorgezogen wurde. Das eine Rad des Velozipeds war in die Schienen gegangen, wodurch der Knabe vom Veloziped stürzte. Anscheinend schwer verletzt wurde er unter Assistenz eines Pferdebahnkontroleurs nach einer Droschke getragen und so seinen ahnungslosen Eltern zugeführt. Polizeibericht. Am 11. d. M. Vormittags gerieth ein 7 Jahre altes Mädchen in der Bandelstraße durch eigene Schuld unter eine in der Fahrt befindliche Droschke und wurde dadurch an beiden Füßen nicht unbedeutend verletzt.— Als am Nachmittag ein 9 Jahre alter Knabe auf einem kleinen Veloziped in der Lindensttaße neben einem Pferdebahnwagen herfuhr, fiel er unmittelbar vor den Pferden plötzlich von dem- selben herab, so daß er auf dem Geleise liegen blieb. Der Kutscher vermochte jedoch den Wagen noch rechtzeitig zu bremsen, so daß der zwischen den Schienen liegende Knabe nur leicht am Kopfe verletzt wurde.— Um dieselbe Zeit wurde in der Doro- theensttaße das vor einen Arbeitswagen gespannte Pferd des Eigenthümers Tabbcrt plötzlich scheu und ging durch. An der Ecke der Neuen Wilhelmsttaße stieß der Wagen gegen eine Sttaßenlaterne, wodurch Tabbcrt und seine neben ihm sitzende 4 Jahre alte Tochter auf das Pflaster geschleudert wurden, anscheinend ohne Schaden genommen zu haben. Nachdem das Pferd beruhigt worden war, konnten sie ihren Weg fortsetzen._ Gerichts-Ieitnng. Der Spremberger Krawall vor Gericht. Zweiter Tag der Verhandlung. Präsident Landgerichtsdirektor Ritgen eröffnet gegen 9 Uhr Vormittags wiederum die Sitzung und vernimmt zunächst den Bürgermeister Wirth anläßlich eines Berichts in der„Post". In dieser Zeitung ist eine Stelle mthalten, wonach der Bürger- meistcr Witth bekundet haben soll: Ich bin wohl gegen 2 Uhr Nachmittags zu dem Krawall hinzugekommen; ich habe lediglich meinen Freund Just, da dieser mir leid that, vor der Verhaf- tung retten wollen. Selbstverständlich ist dies ein Druck- fehler, diese Aerißerung hat in der vorigen Verhandlung der Angeklagte Bergmann gethan. Ferner bemerkt der Präsident: Eine Berliner Zeitung hat bei Mitthcilung der Urtheilsgründe in der vorigen Verhandlung ihn(Präsidenten) sagen lassen:„Der Gerichtshof ist nicht der Meinung, daß die sozialdemokratische Partei den Krawall„inspirirtt, anstatt„in- szenitt" zc.— Dieses augenscheinlichen Druckfehlers wegen ist der Berichterstatter der betreffenden Zeitung bei seinem Gange über den Korridor von verschiedenen Zeugen in zum Theil sehr unqualifizirbarer Weise zur Rede gestellt worden. Eine Anzahl Zeugen bestätigen die gestern mstaetheilten Bekundungen über die Vorfälle am Abende des 1. Mai. Alsdann wird zur Fest- stellung der Betheiligung der einzelnm Angeklagten an dem Krawall übergegangen. Der Angeklagte Rubendunst bemerkt auf Befragen des Präsidenten: Er sei aus Neugierde zu dem Krawall gelaufen und habe sich allerdings unter der Menge befunden, der Auf- fordemng der Polizeibeamten auf Entfernung habe er sofort Folge geleistet. Die Beweisaufnahme hierüber ergiebt kein be- stimmtes Resultat. Polizeiwachtmeister Hubrich: Er habe jedenfalls den An- geklagten mehrfach bei den Krawall gesehen, ob der- derselbe der Aufforderung auf Entfernung Folge geleistet habe, wisse er nicht. Der Angeklagte Kara giebt zu, auf dem Marktplatz ge- wcsen zu sein, da er gehört, daß Militär da sei. Skandal habe er nicht gemacht, auch habe er der Aufforderung der Polizeibcamten auf Entfernung sogleich Folge geleistet. Präs.: Haben Sie sich mcht an dem Singen von sozial- demokratischen Liedern bethciligt?— Angekl.: Nein, Herr Präsident. � p* Präs.: Gehören Sie nicht der sozialdemokratischen Partei an?— Angekl.: Ich weiß gar nicht, was das ist. Präs.: Ich will Ihnen hierüber keine Erklärung geben. Wir haben hier ein sozialdemokratisches Liederbuch. In dem« selben ist ein Lied enthalten, in dem es heißt:„Wer weder ist ein Christ noch Türk', noch Jud', noch Heid', sondem glaubt an die Religion der Gerechtigkeit, der ist ein Sozialist." Es stehen aber noch eine ganze Reihe anderer Dinge in diesem Liederbuche.— Angekl.: Ich kenne dies Buch mcht. Bürgermeister Wirth: Kara ist in Spremberg als So- zialist bekannt.— Kara: Ich frage den Herrn Bürgermeister. wie er diese Behauptungen begründet? Präsident: Das Sprichwort: Sage mir, mit wem du umgehst, so werde ich dir sagen, wer du bist, wird wohl auch hier maßgebend sein. Kara: Ich habe mit Sozialdemokraten keinen Umgang. Rentier Müller und Tuchappreteur Lange bekunden: Kara habe zu den Hauptskandalmachcrn gehört.— Lange deponitt noch: Kurz vor Beginn des Krawalls habe ein Arbeiter ge- rufen:„Ihr Bürgerlichen, heute müßte Ihr das Maul halten!" Der Angeklagte Appell bemerkt: Er sei an jenem Abend beim Richtfest gewesen und habe sich in Folge dessen in so an- gettunkencm Zustande befunden, daß er sich auf weitere Vor- gänge nicht mehr erinnere. Von den Zeugen wird bekundet, daß Appelt ebenfalls Skandal gemacht, allerdings stark angetrunken gewesen sei. Der Angeklagte Vurkert erklärt sich ebenfalls für un- schuldig. Ein Zeuge bekundet jedoch: Burkert habe, als der Bürger- mcister zum Auseinandergehen aufforderte, gerufen:„Nicht einen Schritt, nicht eine Bohne!" Der Angeklagte Platz erklärt sich für nichtschuldig, die Be- weisausnahme hierüber führt zu keinem Resultat. Der Angeklagte Täuscher bemerkt: Er wollte nach Hause gehen, habe seinen Weg über den Marttplatz genommen und habe dort, bei dem Krawall angelangt, Hurrah geschrien. An- läßlich dessen sei er sogleich verhaftet worden. Nachtwächkcr Schmidt: Täuscher habe bei seiner Verhaftung energischen Widerstand geleistet. Der Angeklagte Lange erklärt sich ebenfalls für nicht- schuldig. Durch die Beweisaufnahme wird die Behauptung nicht widerlegt. Der Angeklagte Maltusch giebt zu, der Aufforderung des Polizeibcamten auf Entfernung nicht Folge gegeben zu haben- Der Angeklagte Sommer soll auf die Aufforderung, sich zu entfernen, gerufen haben:„Ich habe ein Recht hier zu stehen, ich will einmal sehen, wer mich hier wegbringen will."" Sommer bestreitet das, mehrere Entlastungszeugen, die er zu laden bat, werden bekunden, daß er diese Aeußerung nicht ge- than, sondern ganz unschuldig verhaftet worden sei. Nachwächter Schmidt behauptet, daß Sommer die erwähnte Aeußerung gethan. Der Gerichtshof beschließt, die vorgeschlagenen Entlastungs- zeugen zu laden. Angeklagter Hoffmann: Er wohne auf dem Marktplatz und sei über den letzteren gegangen, um zu seiner Wohnung zu ge- langen. Eine Aufforderung auf Entfernung habe er nicht gehört- Im klebrigen habe er nur an seiner Hausthür gestanden. Präsident: Sie hatten doch nicht dirett nöthig, über den Marktplatz zu gehen, um zu ihrer Wohnung zu gelangen?" Angeklagter: Wenn die Obersten im„Anzeigern bekannt ge- macht hätten, daß am Abende Krawall sein wird, dann wart ich allerdings nicht über den Marttplatz gegangen. Polizeiwachtmeister Hubrich: Der Angeklage hat � JU den Hauptskandalmachcrn gehört. Ich habe ihn Mittags in Gesellschaft von Säbischka und Genoffen in der Neustadt gesehen und ihn, gleich den anderen, ausgefordert, M vom Trottoir zu entfernen. Abends habe ich den Angeklagt� schon um 9 Uhr unter der Menge gesehen. Angekl.: Bis 9% Uhr bin ich bei der Wittwe Keil 9e' wesen. Ich beantrage, diese sowie noch einige andere Zeugen% vernehmen, die auch meine Behauptung, daß ich ganz direw nach Hause gegangen bin, bestätigen werden., Staatsanwalt: Ich beantrage, die Entlastungszeugen av- zulehnen. Präs.: Ich bin auch der Meinung, daß die Vernehmung der benannten Zeugen höchst wahrscheinlich zu keinem Resull� Der Gerichtshof beschließt: Die vorgeschlagenen Entlastung� zeugen abzulehnen. �_ Der frühere Polizeisergeant Richter bekundet: Er habe den Angeklagten gegen 9 Uhr Abends über den Marktplatz na» Hause gehen sehen. Hier ttitt eine zweistündige Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wird Hermann Schmidt vernommen. Dieser sowohl als auch die Angeklaaic Roihert erklären sich für nichtschuldca. Die BeweisaufnalM bezüglich der beiden ersten Angeklagten führt zu keinem L Rothert bemerkt: Er habe seine Frau, die er bei ilittN Einkäufen begleitete, plötzlich verloren. Er habe dieselbe de halb auf dem Marttplatz gesucht, eine Aufforderung zur u' fcrnung aber nicht gehört. Wachtmeister Sommer: Er habe den Rothert sogar?, sönlich aufgefordert, sich zu entfernen, dieser habe ihm ied geantwortet:„Sie haben mir gar nichts zu sagen.",, Auch der Angeklagte Saucke erklärte sich für nichtscbul g- Polizeiwachtmeister Hubrich: Der Angeklagte hat am W lichen Abend ehenfalls gejohlt und gepfiffen. Vor r>n>ß. Wochen, z. Z. als Keil, der sozialdemokrattsche Agitator,. � Spremberg ausgewiesen wurde, hat mich der Angeklagte meyri mit Steinen geworfen. Aks ich ihn in Gemeinschaft mu � Gendarm Zerbst transportirte, sagke er: Lassen Sie msw# los. Ich erwiderte ihm:„Jemand, der sich wie S>e,/ Mordgedanken trägt, müßte eigentlich gefesielt wero Ich bin nicht so schlimm', Herr Wachtmeister, sozialdemokratischen P-�-A bestimmt worden. Am folgenden Morgen widerriet. � Saucke, ich bin von der oeinmmc worvrn. ecm socgenoen Morgen roiutiuM- diese Bemerkung mit dem Hinzufügen: Er sei am vorhergcv den Abend betrunken gewesen.„a- Präs.: Angeklagter, ist das richtig? AngeN.: M'r»st von nichts bekannt.»i-fiber *4i Sagen Sie lieber die Wahrheit; die Akten h durften sich sehr schnell beschaffen lassen.— Angekl.: 3® von nichts. Staatsanwalt: Ich frage den Angeklagten, ob er« �mofrat ist.— Angekl.: Nein.,„„.gsstM Pras.: Diese Frage wird spezieller gestellt werden � ww müssen unterscheiden zwischen Führer, Mitglied u» Hänger der sozialdemottatischen Partei. Sozial Hubrich: Saucke hat sich stets in Gesellschaft von demokraten befunden. m..-swIllMS Bürgermeister Witth ist über die politische Steil? Saucke's nicht unterrichtet. Letzterer, der wegen ves � werfens vom Spremberger Schöffengericht besttatt wo habe die erwähnte Bekundung Hubttchs abgeleugnet.... �t- Die Angeklagten Richter und Heinze erklärten si® schuldig. Die Beweisaufnahme hierüber fördett n*®'®' peM Brostg. der wegen der Vorgänge am 30. Apnl si®«ch aA Schwurgericht zu verantwotten haben wird, giebt 1», M fraglichen Abende unter der Menge befunden ZU hav anu die Frage des Präsidenten; ob er Sozialdemokrat nichtschuldig. Die Beweisaufnahme gegen dieselben enthielt nichts be- lastendes.— Grund: Herr Präsident, im„Kottbuser Anz." steht, daß ich 29 Jahre alt bin, ich bin doch erst 21 Jahre. Präsident: Das geht uns nichts an.— Grund: Wenn das aber die Leute lesen? Präsident: Wenden Sie sich an die Redaktion des„Kott- buser Anzeiger".— Grund: Ich habe die Aussage nicht in die Exvevitwn getragen. .Präsident: Benehmen Sie sich anständig, Angeklagter, sonst haben wir für Sie ein anderes Lokal. Die Sitzung wird hierauf gegen Ks, Uhr Abends auf morgen(Sonnabend) Vormittag 9 Uhr vertagt. jw dem Giftmordprozeß gegen den Apotheker Wladislaw Speichert zu Bomst, wird der„Berl. Ztg." von J-inem mit den Verhältnissen vertrauten Mitarbeiter geschrieben: Das Verhältniß zwischen den Speichert'schcn Eheleuten war ein Niedfertiges. Dasselbe wurde mit der Zeit durch die Mutter des Ehemanns gestört, weil ihr Sohn katholischer und die Schwiegermutter evangelischer Konfesston war. Die Bevölke- ttmg von Bomst ist zum größeren Theil katholisch und es bil- deten sich im Kreise derselben verschiedene Urthcile über die rnsilandenen Differenzen. Speichert verschantc sich dadurch, daß er alle gegen ihn gerichteten Angriffe energisch zurückwies, Feinde Md hatte sein Vorgehm zu büßen, als seine Frau in einer diacht erkrankte und im Beisein des bereits verstorbenen Dr. von Zagrodzki verstarb. Als Todesursache wurde zur Zeit, wenn wir nicht rrren, cholera nostras angegeben. Nach und dach entstand das Gerücht, der Apotheker habe seine Frau ver- Mkt. Gelegentlich mag der genannte Arzt die Möglichkeit wohl zugestanden haben und es fanden sich einzelne Personen, darunter ein Winkelkonsulent und ein Ackerbürger, die eine De- Mnziation vom Stapel ließen. Tie Folge davon war, daß die �lche ausgegraben und untersucht wurde. Die traurige Klatsch- Nlchlchtc endete, vielleicht durch einen unglücklichen Zufall, mit der Derurtheilung des Ehegatten wegen Mordes. Unter den Be- mohnem herrschte während der ganzen Zeit, wo der Prozeß nhwebte, eine ungeheure Aufregung, weil ein großer Theil den Apotheker einer solchen That nicht für fähig und unschuldig hielt. Seine durchaus geachtete Familie arbeitet nun seit dem Jahre 1875, seit der VerurtHeilung, ®«htn, die Unschuld ihres Verwandten an den Tag zu bringen. jgw neue Verhandlung wird nun ergeben, wie es mit der J-chult) des bereits seit zehn Jahren im Zuchthause sitzenden Mnirtheilten steht. Bemerkenswerth erscheint noch folgendes: �-le Hauptpersonen, Sonnenschein und der behandelnde Arzt ~ Zagrodzki, sind verstorben. An Stelle des crsteren treten die sachverständigen Otto und Bischoff, von denen Otto als Gc- richtschemiker gerade deshalb einen bedeutenden Namen hat, Mell sich seine Arbeiten auf diesem Gebiet, schon als er in �reifswald noch als Privatdozent wirkte, durch eine große Ge- Mchenhaftigkeit und peinliche Akkuratesse auszeichneten. Unser ■Mitarbeiter hat mit Professor Otto zusammen gearbeitet, war vorher im Sonnenschcin'schcn Laboratorium thätig und kennt me Verdienste beider Männer; er ist der Ansicht, daß die Wiige Entscheidung für die Wissenschaft von hoher Bedeutung win wird. Mag dieser wissenschaftliche Streit dazu beitragen, oas allgemeine lllechtsgcfühl zu stärken; wenn die Unschuld er- miesen werden sollte, wird ein Unglücklicher aus den sinsteren ■Mauern des Zuchthauses befreit und dem Leben wiedergegeben! _ Für einen unschuldig Verurtheilten haben sich dieser Dage in Folge eines Beschlusses des Strafsenats des Kammer- Niichts die Kerkermauern geöffnet, in denen derselbe bereits JO Tage zugebracht hatte. Der Maleraehilfe Hermann Gott- med Friedrich Wentzel ist untcrin 27. März er. von der ersten Strafkammer des Berliner Landgerichts I wegen öffentlicher Beleidigung des Gendarm Marquardt zu einem Monat Gc- Lvgniß vemrtheilt und die dagegen eingelegte Revision vom ffsaericht verworfen worden. Der Angeklagte hat sich unter tten Dheilnehmern der zum dritten Osterfeiertage v. I. nach bei«> Tivolietablisscment einberufenen Volksversammlung '«bo»' solche bekanntlich kurz vor deren Beginn polizeilich sich mi worden ist. Mit verschiedenen Anderen hatte beopf«.» Angeklagte nach der Tempelhofer Chaussee Efen,, Ivo beim Versuch des Ueherschreitcns des ®enbA»Otzes nach der Hasenhaide zu ein Konflikt mit einigen wollt-, � ausbrach, welche die Menge nicht passiren lassen vassirt andere Personen den Exerzierplatz ungehindert 'v wurden die Gendarmen darüber intcrpellirt, und Dab-,? erklätte, daß er nicht allen Leuten nachlaufen könnte. bchc»?.�vchte er mit Bezug auf die Passanten eine despcktir- e der während im Tcnnin vier Zeugen aussagten, daß sich nicht vom Angeklagten gefallen sein kann, da sie enta-l, dessen Nähe befunden hahen und es ihnen nicht hätte Aich»«»"'önnen, wenn dieser den Ruf, den sie, aus einer anderen Ter �Mowmend, ebenfalls gehört haben, ausgestoßen hätte. issen� �tLhof schenkte aber nur der positiven Bekundung des reits„ im Glauben und verurthciltc den Angeklagten wie be- eina-Ä�en. In dem von dem Rechtsanwalt Freudenthal benn»»t ten Wiederauknahme-Antrage wurden Zeugen dafür befand& Marquardt sich 20 Schritt von dem Menschenhaufen ThomÄs ai!B dem der fragliche Ruf erscholl, daß ein Tischler fiinW' der sich in unmittelbarer Nähe vom Angeklagten be- aewes und der von gleicher Statur sei, wie dieser, der Rufer «aaten und daß Thomas nach der Verhaftung des Ange- darw-i. Vede gestellt worden sei, weshalh er sich dem Gen- ThoinÄs��nüber nicht als den Thäter bezeichnet habe, worauf leidin«» entgegnet habe:„Wenn es so weit sei, werde er die Be- auf>1, v,7p0n Zugestehen." Die laudirten Zeugen wurden bis vernrm«J U' der das Recht hat, seine Aussage zu verweigern, Thats"�u.und haben die'......... n"lÜ Bezug auf die Passanten eine despettir- Kan 5nR..» �Ä?.?„Angek�gtt die betreffende Aeußcrung des ge- rn ihre Wissenschaft gestellten Ter Sttafkammer reichten diese nA.c f»»«»v w v v 1 1 U IC - ü-. i-- uHltQrk nTa r.—•••--- llunr» rtla*■"«»VV»; uui», uu». v w.~ i....." Zurück«Ü begründet erscheinen zu lassen; sie wies ihn deshalb strafe„» ordnete die Vollstreckung der erkannten Gefängniß- f � Utl.»iff Vi._____ w.. oii..t. x l,._____.ix rv.....___ �,. ��chlusses'"?■siut Hebung ves angefochtenen landgenchMchen «ufzunebinen � das rechtskräftig geschlossene Verfahren wieder -u und die Hauptverhandlung gegen den Angeklag- den AnaeklA»?"'!ome d� ferner die Vollstreckung der gegen Das ft einmonatlichen Gefängnißstrafe zu unterbrechen 3* f>tincbrnA*lmerßcr"c��""hm in der Begründung an, daß �isprechu»?»u neuen Thatsachen zweifellos geeignet sind, die w»o« 5 des Angeklagten zu begründen. Kennen am ü- Charlottenburger Rennbahn. Bei dem die ChQt[nl" 2o. Oktober bis zum 15. November v. I. hatte ?/gen aeni-Ä'urger Polizei folgende Personen als Buchmacher Xnist Lanhlk Glücksspiels notirt: 1. den Kaufmann i.v9' 3. sslpnr rBnn. dessen Bruder Lederarbeiter Äax Lands- %d L. den«jf1 Jsherwood, 4. Agent Julius Heller .Personen„�.�dchandler Leopold Simon. Die erstgenannten w U hiefnu'}?1 Üvstern vor der Strafkammer des Landge- 'visenden 1-!,».° angeklagt; außerdem war gegen den mitan- °gen Btt® �"anntoi Pferdehändler Simon Anklage erhoben u.�den � � In diesem letzteren Falle war Simon bezichtigt L � mit d�s'bnie Zeit eine Wette von 200 M. gegen mm gehabter Entscheidung des Rennklubs gezahlt habe, so beantragte der Staatsanwalt Freisprechung des Simon; der Gerichtshof erkannte demgemäß. Ferner ward der Agent Julius Heller von der Anklage wegen gewerbsmäßigen Glucksspiels freigesprochen, weil auf Grund der Beweisaufnahme angenommen ward, daß dieser, ein gut situitter Mann, gewerbsmässig Wetten nicht abschloß, sondern nur zu seinem Vergnügen im Bekanntenkreise.— Der Angeklagte Jsherwood als Äeihelfer eines anderweitig zur Verantwottung gezogenen Buchmachers, Namens Reuder, ward zu 3 Tagen Gefängniß und die Ange- klagten Gebrüder Landsberg wurden wegen gewerbsmäßigen Glücksspiels zu je 1 Woche Gefängniß und 500 M. Geld- bußebevcntuell 50 Tage Gefängniß veruttheilt. Drei„halbblinde" Passagiere, die Handelsfrauen Schw. und Sp., sowie ein Sohn der ersteren, sämmtlich aus Berlin, wurden gestern, wie uns mitgetheilt wird, vom Amtsgericht in Köpenick wegen Betruges gegen den Fiskus zu je fünf Tagen Gefängniß veruttheilt. Die drei Personen wollten auf billige Weise von Berlin nach Frankfutt a. O. auf der Eisenbahn sah- rcn; sie hatten nämlich nur bis Köpenick Billets gelöst und ge- dachten von dott heimlich nach Frankfutt a. O.„durchzurut- schcn". Bei einer Revision auf dem Bahnhofe von Köpenick wurden die drei halbblinden Paffagiere von dem Stationsvor- stehcr ertappt. Die beiden Frauen wollten beim Erscheinen des Stationsvorstehers sich durch den entgegengesetzten Ausgang entfernen, wurden aber von dem daselbst postitten Bahnbe- amten anaehalten.— Das Nachspiel fand, wie gesagt, gestern vor dem Köpenicker Anitsgettcht statt. Der Amtsanwalt hatte je drei Wochen beantragt. Vereine und Uersamminngen. Grostenharn i. Sachsen, den 10. November. Gestern Abend sprach hier im Restaurationslokal des Herrn Börner der Reichstags abgeordnete Singer über„die Arbeiterbewegung und das allgemeine Wahlrecht." Die beiden Themata hingen innig zusammen. Die Arbeiterbewegung könne sich durch das allgemeine Wahlrecht besser entfalten, während das allgemeine Wahlrecht nur durch eine zielbewußte Arbeiterbewegung noch erhalten und eriveitett werden könne. Ernste Gedankenthätig- keit nur führe zur witthschaftlichen und politischen Besserstellung der niederen Klassen. Durch die Arbeiterbewegung sei der Ge- danke einer Sozialreform in den Kreisen der Regierung und der gegnerischen Pattcicn erweckt worden. Sonderbar aber bliebe es, einerseits den Bestrebungen der Arbeiter solchergestalt Anerkennung zu zollen, andererseits Ausnahmegesetze zu er- lassen. Wirksame Hilfe von einer Sozialreform» 1a Kranken- und Unfallversicherungsgesetz sei nicht zu erwarten und die Oechclhäuser'schcn Züge einer sozialen Reform machen erstaunen durch ihre Frivolität und Unkenntniß. Die Sonntagsruhe wurde wohl von den Konservativen und Ultra r ontanen— wenn auch in sehr begrenztem Maßstabe— befürwortet, allein da Fürst Bismarck dagegen war, bebten diese Parteien feige zurück und das Resultat der hierauf bezüglichen Enquete bleibe abzuwatten. Wie auch die Gegner mit dem Loose der Ar- better spielen; am Tage der Wahl würde das Volksbewußtsein stärker erwachen. Die Fratemisirung der Gegner mit dem Bruder Wähler werde nicht mehr vorhalten, man wolle ge- machte Versprechungen erfüllt sehen. Am wenigsten hätten die Ackermann'schen Phantasiegebilde seiner Jnnungsbestrcbungen die gedrückten Handwerker zu befriedigen vermocht. Leider habe das hochindustnelle Sachsen diesen Rückwärtsler als Reichs- boten entsandt. Zum Glück stünde die Entwicklung der In- dusttte vor ihrem Höhepunkt, der Wechsel könne nicht mehr lange auf sich warten lassen. Unsere Angriffe treffen das System und unsere Programmforderungen bilden die Grund- läge des neuen, erlösenden Systems. Tamm halten wir fest an diesen Fordcmngen, die, durch das allgemeine Wahlrecht ge- stützt und in vergleichender Diskussion geprüft, die einzige Mög- lichkcit mhigcn Ausgangs bieten.(Bravo. Rufe:„Recht so!") Redner bespricht sodann die bekannten Bestrebungen der Gegner der Arbeiterbewegung, bezw. die Rückwättsrevidimng des Wahl- rechts, betont aber den wohlthätigen Einfluß eines Ausbaues desselben im Sinne seiner Pattei. Es sei im Stande, der „Änarchisterei" allen Boden zu entziehen. Wenn man uns auch mit den Anarchisten in einen Topf wirft, die übrigens in winzigster Zahl in einigen Winkeln des Reiches säßen, mag man die Arbeiterpattci verleumden und bei der künftigen Wahl Schmeichelei und Buhlerei mit den Arbeiterwählem treiben: der Ruhmeskraitz der Arbeiterpattci wird durch unsere Thättgkeit neue Blätter erhalten. Damm vorwätts, ruft Redner, die doppelte Anzahl Stimmen bei der nächsten Wahl muß errungen werden. Lebhafter Beifall lohnte den Redner. In der Diskussion wies der hiesige sozialisttsche Rcichstagsabgeordnete Geyer darauf hin, dass die Bestrebungen seiner Fraktion die Reaktionsgelüste eingedämmt hätten, wenn auch der Reichstag nichts Erspttcß- lichcs für die niederen Klassen geschaffen habe. Dagegen biete die rapide Entwickelung der Arbeiterbewegung eine große Gcnugthuung, da sie die Bürgschaft baldiger Aendemng in sich trage. Habe auch dieses Jahr die meisten und sonder- liebsten sozialistengesetzlischcn Verbote von Vereinen, Versamm- jungen und Zeitungen, sowie zahlreiche Ausweisungen und Prozesse mit strengen Vemttheilungen gebracht, werde doch die Wahl die Nutzlosigkeit dieser Maßregeln beweisen.— Auf eine Anfrage benihtte Herr Singer in seinem Schlußwott den Jhring-Mahlow-Prozeß, auf Gmnd dessen in nächster Session mit dem Herrn Minister v. Puttkamer noch ein emstes Wött- chen zu reden sei. Femer kritisirte"Redner den Puttkamer- schen Streikerlaß unter lebhafter Zustimmung der Ver- sammlung. Im Unterstützungsveretn der Buchbinder wird Herr Jost am Montag, den 15. d. Mts., in Gratwcil's Bier- hallen, Kommandantenstr. 77—79, einen Vottrag über:„Ge- werkschaftliche Vereinigungen, ihre Fehler und ihre Zukunft" halten.(Siehe Inserat.) Wissenschaftlicher Verem für Roller'sche Steno- araphie. Heute, Sonnabend, im Restaurant Vaihinger, Dorotheenstt. 84, Vottrag des Parlamentsstenographen Herrn Klatecki über:„Die Bestrebungen zur Schaffung eines ein- Zeitlichen deutschen Stenographie- Systems." Gäste haben Die polizeiliche Genehmigung wurde versagt der zu gestcm, Freitag, beabsichtigten Sitzung der 21er Maurer-Lohn- kommission. Diese Sitzung sollte im Lokale des Herrn Henke, Tempclherrenstr. 1, stattfinden und sich mit folgender Tages- ordnung beschäftigen: 1. Besprechung über die Verfügung des Königl. Polizeipräsidiums, Gmnd welcher beim Eintritt von über 2 Grad Kälte nicht mehr gemauctt werden soll. 2. Wie denkt die 21er� Lohnkommisston über ihre weitere Thätigkeit in �� �Fach verein der Gas-, Wasser- und Heizungs-Rohrleger. Generalversammlung Sonntag, den 14. November, Vormittags 10 Uhr, in Niefts Salon, Kommandantenstr. 71 72. Tagesordnung: 1. Vietteljährlicher Rechenschaftsbericht. 2. Neuwahl des Vorstandes, der Fachkommtssion und der Revisoren. 3. Verschiedenes und Fragekasten. Bekanntmachung des Arbeits- nachweise-Bureaus.— Quittungsbuch legiturntt. Gälte, durch Mitglieder eingefühtt, haben Zutritt. Verein der Parquetbodenleger. Sonntag, den 14. November, aemüthliche Zusammenkunft mit Damen im Königstadt- Kasino. Alexanderstr. 21, im unteren Saab Ortskrankenkasse der Klempner. Sonntag, den 14. November, Bormittags 10i Uhr, bei Jordan, Neue Grünstr. 28, Generalversammlung der Vertreter der Arbeitgeber und Arbeit- nchmer. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorstandes über seine Thätigkeit; 2. Wahl des Rechnunasausschusses; 3. Wahl von drei Vorstandsmitglicdem, und 4. Verschiedenes. Montag, den 22. November, Abends 6 Uhr, ebendaselbst eine Generalver- sammlung sämmtlicher großjährigen Kassenmitglieder behufS Wahl von 225 Vertretern, und Mittwoch, den 24. November, Abends 8 Uhr, Generalversammlung derjenigen Arbeitgeber, welche Beiträge aus eigenen Mitteln für Kassenmitglieder leisten» behufs Wahl von 75 Vertretern. Freie Vereinigung der Vergolder und Fachgenosseu Berlins. Montag, den 15. November, Abends 8.) Uhr, Versammlung bei Scheffer, Jnselstr. 10. Generalversammlung sämmtlicher Sattler-, Riemer- und Täschner- Gehilfen Berlins Sonnabend, den 13. November, Abends 9 Uhr, in Gratwcil's Bicrhallen, Komman- dantenstraße 77—79(untere Säle). Tagesordnung: 1. Die Wirkung einer Lohnerhöhung auf unsere witthschaftlichen Ver- Hältnisse. Referent Kollege Wirths. 2. Abrechnung vom 2. Quartal. 3. Verschiedenes. Generalversammlung der Alten Sterbekasse der Ma- schinenbauarbeiter Sonntag, den 14. d. Mts, Vormittags 10 Uhr, im Wintergatten des Zentral-Hotels, Eingang Doro- theenslraße. Tagesordnung: 1. Vorlage des von der Sta- tutenberathungs- Kommission revidirten Statuts. 2. Vorlage des statistischen Gutachtens über die Lebensfähigkeit der Kasse. — Das Quittungsbuch der Sterbekaffe legitimirt. Fachverein der Schlosser und Berufsgen. Sonntag, den 14. d. Mts., Vormittags 9£ Uhr, in Gratwcil's Bicrhallen, Kommandantenstr. 77—79, Versammlung. Tagesordnung: Vottrag des Herrn Dr. Stahn über„Elektrizität und Magne- tismus". Diskussion. Aufnahme neuer Mitglieder. Vereins« angelegenhciten. Verschiedenes und Fragekasten. Fachverein der Lithographiesternschleifer. Montag, den 15. d. Ä., Abends 9 Uhr, bei Domack, Johannisstraße 20, Monatsversammlung. Tagesordnung: Vottrag des Herrn Howe über die Pflege des Auges. Gäste willkommen. Fachverein der Steinträger Berlins. Versammlung Sonntag, den 14. November, Vormittags 11 Uhr, in Scheffer's Salon, Jnselstraße 10. Tagesordnung: Innere Vereins- angelegenhciten. Beschlußfassung über die Abstempelung der für Trauermufik zu zahlenden Beittäge. Verschiedenes. Frage- kästen. Neue Mitglieder werden in jeder Vercinsversammlung aufgenommen. Die Mitglieder, welche noch mit ihren Bei- trägen im Rückstände sind, ersucht der Vorstand, die Rückstände zu begleichen. Der Fachverein der Tischler veranstaltet heute, Sonn, abend, den 13. November, in Jordan's Salon, Neue Grün« straße 28, ein Tanzkränzchen. Anfang Abends 81 Uhr. Billets sind nur vorher zu haben bei den Mitgliedern Böhm, Johan- niterstt. 10, Hof Hl; Grucnwaldt, Prinzenstr. 8, in, bei Konrad; Glocke, Lausitzerplatz 2, Hof patt.; Meinz, Manteuffelstr. Ztr. 93, lll links; Haase, Rheinsbergerstr. 13, I; Apelt, Belle- alliancestraße 61, Hof rechts V; Thierbach, Neue Königstr. 72; Besold, Bergmannstt. 96; Fest, Hollmannstr. la, I; Palme, Andreasstt. 17, Hof Ii; Schulz, Britzcrstr. 42; Witte, Möckernstraße 95; Jakob, Äckerstr. 71.— Die Zahlstellen des Vereins befinden sich in folgenden Lokalen: 1. Blumenstt. 56 auf der Tischlerherberge. 2. Skalitzerstt. 107 bei Kunstmann. 3. Belle- allianceplatz 6 bei Hilschcr. 4. Zionskirchplatz 11 bei Hohn. 5. Müllerstraße 184 bei Höring. 6. Gneisenau- und Solms- straßenecke bei Lindenborn und 7. Steglitzerstt. 91 bei Gürgens. Daselbst werden jeden Sonnabend von 81 bis 10 Uhr Abends Beiträge von den Mitgliedern in Empfang genommen und neue Vcreinsmitglieder aufgenommen. Wohlthätigkeits-Matinee. Im Konzetthaus Sanssouci, Sonntag, den 14. November, Vormittags präzise 1 1 Uhr, findet eine Wohlthätigkeits-Matinee statt für den schwerkranken Äe- tallschleifer Hermann Kitzing. Entree 30 Pf. Billets sind zu haben im Zigarrengeschäft Konzerthaus Sanssouci. Vorträge. Im Saale des kath. Vereinshauses, Nieder- wallstraße 11, wird der prakt. Arzt Dr. C. Sturm noch zwei weitere Votträge halten und zwar am Montag, den 15. Novbr., über die Frage:„Wie hättet man sich ab?" und am Mittwoch, den 1. Dezember, über:„Die Uitterleibsleiden". Beginn 81 Uhr. Gesang- und gefelliae Vereine am Sonnabend: Gc- sangverein„Harmonia" Abends 8 Uhr im Restaurant, Alte Jakobstr. 38.— Gesangverein„Sänaerlust" Pallisadenstr. 9, Abends 9 Uhr.— Verein der Taubenfreunde Abends 8v, Uhr im Restaurant Klcmann, Lausitzcrsst. 41.— Dänischer Verein „Frcya" Abends 9 Uhr Rosenthalerstr. 39. Dänische Blätter sind vorhanden.— Verein der Württembcrger Abends 8'/, Uhr bei Vaihinger, Dorotheenstr. 84. Sprech saal. Die Redaktion stellt die Benutzung de» Sprechsaals, soweit Raum dafür abzugeben ist, dem Publikum zur Besprechung von Angelegenheiten allgemeinen Interesse» zur Verfügung; sie verwahrt sich aber gleichzeitig dagegen, mit dem Inhalt desselben tdentifizirt zu werden. Geehrte Redaktion! In Nr. 263 Ihres geschätzten Blattes befindet sich ein Referat über einen von Herrn Dr. Stahn im Fachverein der Metallarbeiter-c. gehaltenen Vottrag„über Leichenverbrennung". Bei der Korrektheit, durch welche sich die Referate Ihres Blattes auszuzeichnen pflegen, und bei der Verbreitung desselben gerade in Denjenigen Kreisen, für welche eine möglichst schnelle Ein- führung der Feuerbestattung besonders wünschenswetth ist, halte ich es für geboten, im Interesse der Sache auf die Ausführungen des Herrn Dr. Stahn einige Worte zu erwidern. Jft es zwar an und für sich zu bedauern, wenn ein Mann von hervorragender Bildung sich öffentlich als ein Gegner der Leichenverbrennung bekennt, so läßt sich doch vom Standpunkte des Geschmacks bekanntlich nichts dagegen sagen. Wenn aber für die Gegnerschaft Gründe angeführt werden, so dürfen die« selben auch andererseits auf ihren Werth oder Unwetth geprüft werden. Was nun die von Herrn Dr. Stahn in's Feld ge- führte Amoniak- Theorie betrifft, nach welcher„dem Erdreiche bezw. den Pflanzen durch das Verbrennen der Leichen zu viel Stoffe entzogen würden", so ist es nicht bloö für diejenigen Freunde der Feuerbestattung, welche mit dem Wesen derselben genau vertraut sind, sondern auch für jeden Aariknlturchemiker eine längst fessstehende Thassache, daß 1. beim Verbrennen der Leichen von denUrstoffen, aus denen sie zusammengesetzt sind, nichts verloren gehen kann, daß diese gentäß ihrer kosmopolittschen Natur sich vielmehr an irgend einem beliebigen Orte wieder zu Pflanzcnnahrung gestalten und daß 2., wenn ein örtlicher Ver- lust an Stickstoff auf der für die Verwesung der Leiche be- stimmten Stätte entstände, dieser Verlust durch anderweite Be- Nutzung der Grabstelle mindestens um das Fünffache aufge- wogen wird. Ein Beispiel wird dies klar machen. Die in Berlin alljährlich zu beerdigenden ca. 35 000 Leichen erfordern bei dreißigjähriger Ruhefrist mindestens 2100 Morgen Fläche; davon die Quadratruthe nur zu 15 M. berechnet, ergicbt ein Kapital von 5 670000 M. Angenommen, diese 35000 X 30 gleich 1 050 000 Leichen würden verbrannt, und es entgingen dadurch beregter Fläche 2 100 000 Kilo Stickstoff(2 Kilo pro Leiche), von welchen erfahrungsmäßig höchstens ein Drittel, also 700000 Kilo dem organischen Leben zu Nutze kommen, so würde, da man das Kilo Stickstoff für 1 M. in beliebiger Menge kaufen kann, sich bei Einführung der Leichenverbrennung und anderweiter Benutzung der Begräbnißplätze in 30 Jahren für Berlin allein ein Plus von zirka 5 Millionen Mark ergeben. Anlangend das zweite Argument, daß die nur noch 100 tahre reichenden Kohlenvorräthe der Erde bei Einführung der euerbestattung noch schneller zu Ende gehen würden, so ist dasselbe womöglich noch grundloser als das crstere. Zur Be- ruhigung des Herrn Dr. Stahn und anderer ängstlicher Seelen will ich nur anführen, daß England mit seinen 1 570 000 Hettar Kohlcnfcldern nicht allein seit über 100 Jahren 50 000 Dampfmaschinen zu 3 Millionen Pferdekräften bcrriebcn, sondern auch Kohlen in großer Masse exportitt hat und dennoch ohne die kolossalen Vorrcithe an Kohlen in Indien etwa 100 Jahre reichen wird. Daß Nordamerika allein 30 Millionen Hektar, Frankreich 350000 und Preußen 300000 Hektar Steinkohlenfelder besitzt, der anderer Länder und der bedeutenden Braun- kohlenlager, welch letztere vorwiegend das Material für vre Leichenverbrennung liefern, gar nicht zu gedenken, und daß die Natur nicht müde wird, fossiles Brennmaterial in so großartigem Maßstabe zu erzeugen, gegen welchen der Kohlenverbrauch bei Leichenverbrennungen nur molekular er- scheint. Nach dem heutigen Stande der Technik kann eine Leiche mit 4—5 Zentner Braunkohle(nicht 30—40) recht wohl verbrannt werden, und außer den vielen andern Vorzügen, welche die Feuerbestattung als die einzig rationelle empfehlen, ist es gerade die Billigkeit, die ihr den Vorzug vor dem Begraben oer Leichen giebt! Vielleicht erweist Herr Dr. Stahn den Anhängern der Feuerbestattung einmal die Gefälligkeit, wenn auch nur annähernd zu berechnen, wie viele Tonnen Kohlen jährlich nur zu Vergnügungsfahrten von Berlin aus in Lokomotiven und auf Dampfschiffen verbraucht werden? Er wird erstaunen, wie bescheiden und genügsam die armen Todten sind. Und gilt denn schließlich Herrn Dr. Stahn die Förderung der allgemeinen Gesundheit, die Berichtigung eines überflüssigen Luxus bei den Bestattungen, die Be- kämpfung orthodoxer Intoleranz und die philosophische Ethik nichts? Tie Feuerbestattung aber darf sich gratuliren, wenn ihre Gegner keine stichhaltigeren Gründe anzuführen wissen. Dr. Ludw. Benkendorff. Letzte Nachrichten. Bulgarisches. Wien, Donnerstag, 11. November, Abends. Die„Polit. Korresp." meldet aus Tirnowa: General Kaulbars richtete heute eine Note an die bulgarische Regierung, in welcher er die Freilassung der Anstifter des Komplots von Burgas, der russischen Offiziere Nabokow und Zalowski, verlangt, um die- selben nach Rußland zurückzusenden. Die Regiernng sei geneigt, diese Forderung zu bewilligen. In einer zweiten Note des Ge- nerals Kaulbars an die bulgarische Regierung werde den Be- Hörden in Burgas und Dubnitz« eine unmenschliche Behandlung der wegen Mordes und Meuterei angeklagten Individuen zum Vorwurf gemacht. Dieser Schritt werde als ein Versuch ange- sehen, die Straflosigkeit jener Individuen zu erlangen und sei die Regierung entschlossen, solchem Verlangen zu widerstehen. — Tie Wahl des Prinzen Waldemar sei überall im Lande mit Befriedigung aufgenommen worden, man erblicke darin ein Mittel, das Land aus der Enge zu defreien, in welche es durch die Abdankung des Fürsten Alexander gerathen sei. Die Be- fürchtung, daß die Armee protcstiren werde, habe sich keines- wegs verwirklicht.— Wien, Freitag, den 12. November. Die »Pol. Korr." meldet, das russische Kabinet habe bisher bei den Mächten noch keinen Schritt gethan, um denselben die Kandi- datur des Fürsten Nikolaus von M i n g r e l i e n für den bul- galischen Thron zu notifiziren; es habe jedoch in der Voraus- setzung, daß der Prinz Waldemar von Dänemark die auf ihn gefallene Wahl ablehnen werde, an den augenblicklich im Kaukasus sich aufhaltenden Fürsten von Mingrelien die Anfrage gerichtet, ob er zustimme, daß seine Kandidatur in Vorschlag ge- bracht werde, sobald diese Frage auf die Tagesordnung gelange.— Tirnowa, Freitag, 12. November. Die Regentschaft hat an den König von Dänemark das telcgraphische Ersuchen gerichtet, den Prinzen Waldemar zur Annahme des Thrones von Bul- garien zu bewegen. New-Pork, Donnerstag, 11. November. Der Streik der Fleischverpacker und der auf den Viehhöfen be- schäftigten Arbeiter in Chikago ist beendet. Die Streikenden verstanden sich zu der verlangten zehnständigen täglichen Arbeitszeit.— Nach den letzten aus Kalifornien hier einge- gangenen Nachrichten sind alle dort gewählten Kandidaten Republikaner, mit Ausnahme des Gouvemeurs und des vor- sitzenden Richters des dortigen Gerichtskreises. Der Tod Paul Bert's. Die„Voss. Ztg." erfährt aus Paris, 11. Nov.: Gegen 5 Uhr wurde drc Nachricht von BerfS Tode Herrn de Freycinet in die Kammer gebracht. Er bestieg die Rednertribüne und sagte, heftig schluchzend und nur der nächsten Umgebung verständlich:„Ich habe den tiefen Schmerz, der Kammer Herrn Paul Bert's Tod anzuzeigen. Er ist wahrlich auf dem Felde der Ehre gestorben, zermalmt von den Müh- seligkeiten, denen er sich unterzogen hatte, um die unternommene Aufgabe glorreich zu lösm. Die Kammer verliert ein ausge- zeichnetes Mitglied, die Wissenschaft einen glänzenden Vertreter, Frankreich einen seiner hingehendsten Söhne, wir, die Regierung, einen unschätzbaren Mitarbeiter, auf den wir unser ganzes Vertrauen gesetzt hatten. Ich habe keine Kraft, mehr zu sagen." Nach einem Nachruf, den der Vorsitzende Easimir Perier rasch aufgesetzt und vorgelesen hatte, wurde die Kam- mersitzung zum Zeichen der Trauer ausgehoben.„Rep. srane." erscheint schwarz gerändert. Der Gambestismus wird den Leichnam auszunutzen suchen. Schon wird ein großartiges Leichenbegängniß auf Staatskosten ins Auge gefaßt, das eine Wiederholung des Leichenzugs Gambetta's werden soll. Ein Staatsschist wird Berts Leiche zurückbringen. Die monarchischen Organe nennen seinen Tod eine Sühne, da er einer der Hauptanstifter des Tongkingabenteuers gewesen sei.„Figaro meint boshaft, sein Nachfolger müsse Jules Ferry werden. „Jntransigeant" sagt, der Tod eines Generalrcsidenten ser nicht tragischer, als der von Tausenden namenloser armer Soldaten, die Tongking schon verschlungen habe. DriefKuste« der Redaktion. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. Steglitz. Sie sind bei der Reichstagswahl wahlberechtigt, wenn Sie zur Zeit, in der die Wählerlisten öffentlich auslieacn, in dem betreffenden Wahlkreis Ihren Wohnsitz haben. Wie lange Sie dort wohnen ist glcichgiltig. Sie müssen sich also überführen, ob sich Ihr Name in der Wählerliste befindet; ist dies nicht der Fall, so können Sie nicht wählen, auch wenn Sie 20 Jahre und länger in dem Wahlkreis wohnen. Rod. C., Breslau. Wir können jetzt nicht noch einmal auf die vergessenen Geschichten zurückkommen. Lassen wir das Alte ruhen. Im Uebrigen ist Ihre Vcnnuthung richtig. W. N., Potsdamerstr. 33. Bei der diesmal entscheiden- den zweiten Lesung fehlten nur Deutschfreisinnige, welche krank waren j bei derselben wurde aber namentlich nicht abgestimmt- — Ber der dritten Lesung, wo die Entscheidung eigentlich schon gefallen war, fehlten folgende Deutschfreisinnigc. Krank: Aus- feld, Dr. Grewe, Dr. Möller(Lüben). Beurlaubt: Hcrrmann, Huchting, Lorenzen, Schlüter. Entschuldigt: v. F o r ck e n b e ck, Thomsen. Ohne Entschuldigung: Dr. Braun, Hamspohn, Lerche, Münch. O. S. Solmsstr. Ob der Wirth den Käufer des in dem Hause befindlichen Geschäfts einziehen lassen muß, ist nur nach dem Inhalte des Miethsvertrages zu beurtheilen. Was zwischen dem bisherigen Miether und dem Käufer des Geschäfts verein- batt ist, ist hierfür gleichgiltig. Theater. Der Sonnabend, den 13. November. Opernhaus. Deutsche Märsche. Vorher: Die Verlobung bei der Laterne. Schauspielhaus. Die Geier-Wally. Deutsches Theater. König Richard w. Kriednch-Wilhelmstädtisches Theater. Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Viktoria-Theater. Amor. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Restdenz-Theater. Ein Großstädter. Vorher: Ein anonymer Brief. Zentral-Theater. Der Waldteufel. Bellealliance-Theater. Die Fledermaus. Walhalla-Theater. Rlx-Rip. Königstädtisches Theater. Von Schrot und Korn. Kaufmann's Varietee. Spezialitäten- Vor- stellung. Amerikan-Theater. Spczialitäten-Vorstellung. Reichshallen- Theater. Spezialitäten- Vor- Concordia- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Berliner Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnertheaterstt. 15. Die Fischerin von Island. Schauspiel in 5 Akten von& Panse. Vor der Vorstellung: Mff Großes Concert, ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Eoncetts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7>, Uhr, Sonntags 7»/, Uhr. Das Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen. Ed en-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Dresdenerstt. 72 73. «a» großartigste Programm der Nestdenz. The pönal Pollohama Tronpe(6 Personen), japanische Produttionen. Familie Gtdim, best- renommitte Akrobaten und Gymnastiker(5 Pers.). Mr. tttzarras, bis jetzt unerreicht in seinen Kraft- Produktionen an den ind. Ringen. Mr. petzo«, bedeutendster Zahnathlet. Family Edwin Kate, Veloziped-Attisten. Kiegrl» Kalletgeselllchaft, 12 Damen, 2 Herren. Eugen Zocher. Paula und Ludwig Tellheim. Mr. Liunte, Kon- Sertsänger. The Malton Tronpe, groteske Zanwmimen-Gesellschaft, 2 Damen, 3 Herren. Kassenöffnung 6'/, Uhr. Anfang 7'/» Uhr. Passage 1 Tr. 9 M.— 10 A. Kaiser-Panorama. Neu! Zum ersten Male: Zweite Reise durch Holland. Eine interessante Wanderung durch Rom. Hertha-Reise.— Carolinen-Inseln. Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Restaurant von Max Kreutz, Kottbuserplatz(Alte Linde), empfiehlt seinen billigen Frühstuck-, Mittag- und Abendtisch zur Auswahl.[1049 Jeden Abend Kartoffelpuffer. 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Inhalt des Kalenders: Kalendarium mit neu revidittem Ge« s chichtskalender; postalische Bestimmungen; Telegrammtarif; das ganze Unfallversicherungsgesetz mit Anhang vom 28. Mai 1885; Gesetz über die eingeschriebenen Hilfskassen mit der Novelle vom 1. Juni 1884; das Reichstags- Wahlgesetz mit Reglement; Auszug aus dem Reichs- Patentgesetz; Gewindeschneidetabelle für Metallarbeiter; Schreibpapier mit Datumsangabe für Tagesnotizen, leeres Schreibpapier, Brief- täschchm. Der ganze Kalender ist vierzehn Bogen stark. Preis der einfachen Ausgabe 60 pf. „„ stärkeren„ 70 Pf. Miederverkäufer erhalte» lohnenden Rabatt. Zigarren Her Nullität, preuvisch» Lotterie-Loose und AntheUe, große Auswahl in langen und kurzen Klub- pfeifen, sowie Lager echt. Wiener Meerschaum- Pfeife« u. Spitzen, Pfeifenkopfe mit dem Bildniß L a s s a l l c' s empsiehll[1010 M. Meyer, Koppenstr. ee, Mitglieder-Uersammlung der Centrai-Kranken- u. Sterbekasse der Tischler u. s. w. für die örtliche Verwaltungsstelle Berlin K. (innere Louisenstadt) am Montag, den 15. Nov., Abends 8 Uhr, in Krieger« Salon, Wasser- thorsttaße 68. Tagesordnung: 1. Rechenschaftsbericht vom 3. Ouartal 1886. 2. Wahl eines Revisors und eines Beittagsammlers. 3. Verlegung mehrerer Zahlstellen. 4. Verschiedene wichtige Kassenangelegenheitcn. Um zahlreiches Erscheinen ersucht[1038] Die Ortsverwaltung. Fachverein der Steindrucker und Lithographen. I. Stiftungsfest (grosser bnmorlst. Herren- Abend) Sonnabend, de» 20. November, in Mundt's Salon, Köpnickersttaße 100. Billets sind zu haben bei den Herren: Kaiser, Michaclkirchplatz 8; Hendrichs, Langestraße 86; Lehmann, Äckerstraße 160; Spielmann, Naunyn- straße 36; Preuß, Böckhstraße 39; Schulz, Schöneberg, Golzstraße 1; Kerlin, Bernaue» straße 39._[1060 Wren-Favrik G. Scharnow, besteht seit 20 Jahren, Berlin S., Oranienstr. 152, Ecke Moritzplatz, empf. unter 3jährigcr Garantie zu allerbilligsten Preisen: Silb.Zylinder-Uhren 15,18,20, 24 M.; filb. 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Rosenth. 19 ZßvAjrznvquväA' o»»Pß 'anqos s.ioqons n eeoil«m ogjjujg wet M i«e«»•"? -lpjlS«»l>;o» uajnß neu uiajaii«>;)»hu,p -nzartl uztzstzlh gooajun»qvv�uzx uzösssy Empfehle meine p!$ Glas-, Porjfllan« und SsdicefUc' Solide Preise. HiMdlttNß Große Auswahl- A. Itarle, Fausttzer-platz 1 Allen Freunden und Gönnern empfehle mew Lokal zur freundl. Frequenz. Jed. Sonnabeno Eisbein u. Sauerkolil. Gutes Weiß- tz' Kairischbier. I. Linscheid, Jnvalidenstt. 13' Soeben ist erschienen: Der .eneWllt-Kaleiidtt: für 1887. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Reichshaushalls-Etat des Deutschen Reichs.— Zerbrocheue Kette«. Er- zählung von Rob. Schweichel.— Bärtige Frauen nnb Ha»r«euschea.— Eiu Proletarierkiab. Erzählung v.E.L an g er. — Der Kampf zwischen Feuer u. Wasser in derWelt. Von P. OSw. Köhler.— Wie man eiue Million verdient.— Fliegende Blätter(humoristisch). Al» Gratis-Keilagen: I. Lucia. 3. Mutterglück. 2. Blanche. 4. Die beide« Alte». Ei» Waudkaleuder. 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