Nr. 269. Mittwoch, de« 17. Nvvemder 1886. 3. Jahrg. MiiurMMI Brgan für die Interrffen der Arbeilcr. 4 Das Zentrum und die Ardeiter. Die Stimmen und Anzeichen mehren sich, welche darauf hinweisen, daß in dem Verhältniß der katholischen Arbeiter- Massen zu der Zentrumspartei sich eine Aenderung vorbe- reitet. Die Arbeiter werden es müde, dem Zentrum Heeresfolge zu leisten und die Schaukelpolitik des Herrn Windthorst zu unterstützen. Die Haltung der Arbeiter ist für die Zentrumspartei eine Lebensfrage. Bekanntlich haben die katbolischen Arbeitervereine eine weitaus größere Anzahl von Mitgliedern aufzuweisen, als die ähnlichen Ver- mrngungen aller anderen Parteien zusammengenommen. Diese Arbeiter waren es auch, welche dem Zentrum seine populäre Basis gaben. Die Führer der Partei verstanden es, mit allen demagogischen Künsten diese Arbeiter zu ge- minnen und zu fesseln. Bor diesen Bolksmasien traten sie als halbe oder gar Dreiviertels-Demokraten auf und für sie erfanden sie die Devise:„Wahrheit, Freiheit und Recht!" die sie heute noch aufrecht er- halten, wie einen Hohn auf ihre wirklichen Bestrebungen. Die katholischen Arbeiter nahmen diese Phrasen in der That lange Zeit für baare Münze und der alte Fuchs Windt- Horst konnte unter dem Hohngelächter aller bösen Genien als„Freiheitskämpfer" auftreten. Die Gesellen- und andere Vereine, die unter den katholischen Arbeitern so masienhaft bestanden, waren ein vortreffliches Mittel, die Arbeiter zu Ultramontaner Einseitigkeit zu erziehen. 3n diesen hermetisch abgeschloffenen Verbindungen konnten die„Hetzkapläne" und die Manche ganz nach Belieben ihre Steckenpferde tummeln; Bildungsmittel dienten hier Vorträge über die heilige Elisabeth und dergleichen. Von den ökonomischen Fragen, � draußen die ganze politische Welt bewegten, erfuhren Arbeiter nichts. Sie zahlten aber reichliche Peters- cf, V, worüber man sich nicht wundern kann, denn J. wurden Bilder ausgetheilt, die den Papst jJ/H? IX. im Kerker auf einem ärmlichen Strohlager '"stellten. Da mußte man selbstverständlich etwas thun. i. Indessen konnten diese künstlichen Absperrungsmittel auf e Dauer denn doch nicht ausreichen. Den Arbeitern war vrm■ Hauptsache, was bei den Führern der Zentrums- r�ei nur aus Heuchelei oder als Nebensache aufrecht er- V'Cn wurde: die halbdemokratischen Gepflogenheiten. kam, daß man an einigen Orten ohnehin hatte Kon- ?JHonen machen müssen, zu denen sich die Herren vom ntrum nur ungern entschließen. Zn Aachen z. B. hatte alle Mühe gehabt, die zahlreiche und rührige Arbeiter- voikerung dem Zentrum zu erhalten; man hatte deshalb Bewegung einen christlich-sozialen Anstrich ILa• Unb schuf ihr ein eigenes„christlich-soziales" Organ, Berne äußerst heftige und einschneidende Kritik an den l*»ch* "W»«rbotm.] JeuMeton. [28 I« ftanlr des Verderbens. Kriminalroman. Von Reinhold Ortmann. Er legte dem Gärtner eine Reihe von Fragen vor, die J auf sein Verhältniß zu dem jungen Baron von Branden- *, vornehmlich auf die Ereignisse der letzten Tage be- ü?": und Alles, was ihm Nikolaus da der Wahrheit ge- sckrf antworten mußte, war in der That geeignet, einem vinu°°vhandenen Verdacht neue und gewichtige Stützen iu» �fststsben. Als das Verhör beendet war, hatte der fian*6 ann den Eindruck von der Schwere seiner Lage und voll empfangen, und der Untersuchungsrichter �kluar naC� �ner �dführung zu dem Protokoll führenden im der Geschichte werden wir schneller fertig, als ich au rfir■ g geglaubt hatte! So hartnäckig die beiden Burschen ei» re sie sitzen zu fesi in der Falle, als daß noch Entschlüpfen möglich wäre!" möglich XX. , nach der angestrengten und auflegenden GemüL. T*. 2nquirirenS, der er den ganzen Vormittag bald �el �atte, zu erholen, trat der Untersuchungsrichter richts�� Diner, das er in Gemeinschaft mit den Ge- die und mit Dr. Ramfeld eingenommen hatte, Sana Zigarre im Munde, einen kleinen Spazier- Masirpn r Polizeikommiffar war nach dem Städtchen "«hmen dort Genaueres über Holmfeld'S Be- Und biz�?,.�"-� des �vergangenen Tages zu. erforschen der s»ner Rückkehr wollte der Richter mit »(lche ib"» L- � Verfahrens warten. Die Begleiwna, SAehnt Ramfeld angeboten, hatte er höflich dankend ab- meine Gedanken über den Fall, der in Anspruch nimmt, ein wenig sichten mochte mir aus dem vorhandenen ökonomischen Zuständen übte, ohne natürlich jemals zu ver- geffen, die katholische Kirche als einzige Zuflucht gegen die verfahrenen Zustände von heute zu empfehlen. Aehnlich waren oder sind die Verhältniffe in Essen. Das Alles änderte sich mit der neuen Taktik der Zentrums- partei gegenüber der Regierung. Die Regierung gab nach in Berlin und in Rom und das Zentrum wurde aus einer eigentlichen Oppositionspartei eine„Fraktion Dreh- s ch e i b e", welche der Regierung aus ihren Verlegenheiten hilft. Sie unterscheidet sich von den früheren National- liberalen nur dadurch, daß sie sich ihre Dienste besser hono- riren läßt- sie ist um ein gutes Stück klüger. Ob aber ihre historische Rolle Keffer endigen wird, als die der Na- tionalliberalen, das ist eine andere Frage. Wenn die Zentrumsführer geglaubt hatten, sie hätten den katholischen Arbeitern das Gehirn glücklich so stark ver- kleistert, daß diese die große Schwenkung gar nicht zu be- merken im Stande seien, so mußten sie bald bemerken, wie sehr sie sich geirrt hatten. Schon die bekannten Ab- stimmungen über das Sozialistengesetz machten viele Arbeiter stutzig. Dann kam aber auch das Verhalten des Zentrums in der Frage des Arbeiterschutzes. Die Herren nahmen von dem Worte„Arbeiterschutz" den Mund so voll, daß Andere kaum mehr zu Worte kommen konnten. Was sie dagegen an positiven Vorschlägen vor- brachten, war von geradezu verblüffender Armseligkeit und man konnte nur staunen über die Gedankenarmuth von So- zialpolitikern ä la Hitze, die im ultramontanen Lager als Kapazitäten galten und noch gelten. Während sie aber mit hochtrabenden Phrasen von„Arbeiterschutz" diese ihre Blößen zu verdecken suchten, faßten sie reaktionäre Beschlüsse. Sie verhinderten es, daß die Arbeiter im Unfallversiche- rungsgesetz eine selbstständige Vertretung bekamen und sie setzten bei der Ausdehnung des Unfallversicherungsgesetzes auf die ländlichen Arbeiter die bekannten Veränderungen im Interesse der Agrarier durch. Das Alles blieb nicht unbemerkt und die Wirkungen beginnen sich zu zeigen. Unter den Aachener Arbeitern greisen andere Strömungen Platz. Vom Niederrhein wird das Gleiche berichtet. Bei den nächsten Wahlen wird man's deutlich sehen, wie die Herren vom Zentrum allen ihren Gegnern den Kampf leichter gemacht haben. Zufall ist es auch nicht, daß auf dem Breslauer Katholikentage so dringend nach katholischen Arbeitervereinen verlangt wurde. Uns däucht, Herr von Schorlemer-Alst hat den Reichstag aus ähnlichen Gründen verlaffen, wie Herr von Bennigsen. Er wittert Morgenluft. Die Zeit kann nicht mehr fern sein, die den katholischen Material gern ein möglichst genaues Bild des Ge- schehenen zurechtlegen und dazu muß ich wohl ein Stünd- chen für mich allein haben. Vergeben Sie mir also, wenn ich für diesmal auf das Vergnügen Ihrer Begleitung ver- zichte!" Bei einem der Bedienten erkundigte er sich dann nach dem gegen Neudorf hin führenden Wege, den er ein- schlagen wollte, um vielleicht im Vorübergehen unten im Dorfe noch diese oder jene Aufklärung aus dem Munde der Bauern zu empfangen. Er war indessen erst wenige Hundert Schntte vom Herrenhause entfernt, als sich ein verwittertes Weib, das mit einem Reisigbündel, anscheinend um sich auszuruhen, auf einem Stein gesessen hatte, gerade mitten auf dem Wege aufpflanzte, so daß er nothwendig auf sie aufmerksam werden mußte. Halb mechanisch griff er in die Tasche, um sich durch ein kleines Almosen weitere Belästigung zu ersparen; aber er sah erst jetzt, daß die Alte aus ihrem Busentuche ein zusammengefaltete« Papier hervor- gezogen hatte, das sie ihm, ohne ein Wort zu sprechen, ent- gegenhielt. „Was soll das, Frau?" fragte er überrascht.„Was wollt Ihr mir da geben?— Handelt es sich um eine Bettelei, so laßt mich in Ruhe!" Die Alte grinste und schüttelte den Kopf. „Nehmen Sie nur, mein Herrchen!" sagte sie.„Ich trag's schon seit heute Vormittag mit mir herum; aber ich durfte ja nicht aufs Schloß gehen, sondern sollte Ihnen aufpaffen, wenn Sie herauskämen. Na, lange genug hat's gedauert." „Aber Ihr irrt Euch ohne Zweifel in der Person, Frau," sagte der Untersuchungsrichter, der noch immer zögerte, ihr das Papier aus der Hand zu nehmen.„Wißt Ihr denn, wer ich bin?" „Ei fleilich weiß ich'«!— Sie hat mir Sie ja gezeigt und mir eingeschärft, ich solle Sie ja recht genau ansehen, damit das Papier nachher nicht in falsche Hände käme. Ich glaube, es muß etwas sehr Wich- tiges sein." „Nun denn, so gebt eS her!" sagte der Richter, das unversiegelte Papier aus ihrer vertrockneten Hand nehmend Arbeitern, soweit sie den Fahnen des Zentrums gefolgt sind, es wie Schuppen von den Augen fallen und sie er- kennen läßt, wie wenig sie mit dieser Zentrumspartei zu thun haben. Sie werden dann einsehen, daß sie einem Feinde gefällig gewesen sind. SSewerEWe MiedsgencEtc. Der§ 120» der Gewerbeordnung bestimmt, daß Streitig- leiten der sclbstständigen Gewerbetreibenden mit ihren Arbei- tern, welche sich auf den Antritt, die Fortsetzung oder Auf- Hebung des Arbeitsverhältnisses, auf die gegenseitigen Leistungen aus demselben, auf die Ertheilung oder den Inhalt der Ar- beitsbücher oder Zeugnisse beziehen, soweit für diese Angelegen- hciten besondere Behörden vorhanden find, vor diese gebracht werden müssen. Wo solche Behörden nicht bestehen, erfolgt die Entscheidung durch die Gemeindebehörden. Von den letzteren können auch durch Ortsstatut Schiedsgerichte mit der Entschei- dring betraut werden. Diese Schiedsgerichte sind zu gleichen Theilcn aus Arbeitgebern und Arbeitern zrr bilden. Dieser Paragraph, welcher sich mit geringen Aendcrnngen bereits als§ 108 in der Gewerbeordnung von 1869 befindet, sollte nach den Wünschen der Väter unserer heute fleilich viel- fach verstümmelten Gewerbeordnung nach zweiertci Richtungen wirken. Einmal sollte dadurch die Art und Weise festgestellt werden, wie Streitfragen, welche aus dem bestehenden Arbeits- verhältniß erwachsen, gerichtlich zu schlichten sind, und dann hoffte man, daß auf Grund des in dem Paragraphen ausgc- sprochenen Rechtes der Bildung von Schiedsgerichten diese sich rasch einführen und aus ihnen sogenannte Einigungs- ämter hervorgehen würden. Ausgabe der letzteren wäre es gewesen, durch frei gewählte Vermittlungsorgane einen güt- lichen Ausgleich von Jnteressen-Strcitigkeitcn über die künf- tiaen Bedingungen des Arbeitsvertrages, als: Höhe des Lohnes, Arbeitsdauer u. s. w. herbeizuführen. Nach beiden Richtungen haben sich aber die gehegten Hoffnungen nicht er- füllt. Die Gemeinden haben nur in ganz vereinzelten Fällen die Initiative zur Bildung von Schiedsgerichten ergriffen rnd wo diese eingeführt wurden, geschah dieses ausschließlich nur zu dem Zweck, Streitigkeiten, die aus dem be- stehenden Arbcitsverhältniß resultiren, zum amtlichen Aus- trag zu bringen. An die Bildung sogenannter Einigungsämtcr, deren eigentliche Aufgabe nach liberaler Theorie es wäre, Streiks zu verhindem jc., wurde von keiner Seite herangetreten. Die Versuche von Dr. Max Hirsch, solche Einigungsämter zu bilden, sind, wie alle Schöpfungen, die von diesem Sozialpfuscher bis jetzt ausgingen, jämmerlich verunglückt. Die Ursache, daß solche Versuche mißglücken mußten, liegt darin, daß die erste Vor- bedingung solcher Schöpfungen die Existenz großer Arbeiterorganisationen ist. Nur wenn solche bestehen und von ihnen die Vertreter in die Einigungs- ämter geschickt werden, werden erst die letzteren selbst einige Bedeutung erlangen. Die Hoffnungen der liberalen Theoretr- ker, durch solche Einigungsämtcr die Streiks fast gänzlich aus der Welt zu schaffen, bleiben freilich auch dann noch unerfüllt. und eS auseinander faltend.„Aber wartet einen Augen- blick, damit ich'S Euch zurückgeben kann, wenn es für einen Anderen bestimmt gewesen ist." Die Alte nickte und blieb an seiner Seite stehen, während er das mit festen Zügen geschriebene Billet über- flog. Es enthielt nur wenige Zeilen und diese lauteten: „Sie sind in Bezug auf das Verbrechen, welches im Park von Brandenstein begangen worden ist, auf einer fal- schen Spur! Nicht die beiden Verhafteten sind die Schul- digen, sonden ein Anderer, über dessen Person ich Ihnen Aufschluß�geben werde, wenn Sie sich zu mir begeben wollen. Ich selbst darf nicht auf das Schloß kommen, wenn der wirkliche Verbrecher, der sich dort aufhält, nicht Ver- dacht schöpfen und sich in Sicherheit bringen soll, bevor die Sache aufgeklärt ist. Ich erwarte Sie bestimmt, doch kommen Sie bald, denn jede Stunde des Zögcrns kann Sie um das Resultat der Untersuchung bringen. Die alte Frau, welche Ihnen diesen Brief übergiebt, wird Sie zu mir führen." Weder eine Anrede, noch eine Unterschrift waren vor- Händen, und kopfschüttelnd überflog der Untersuchungsrichter zu wiederholten Malen die räthfelhafte Einladung. Sein erster Gedanke war, daß man beabsichtige, ihm irgend eine Falle zu legen; aber schon im nächsten Augen- blick verwarf er diese Muthmaßung wieder als eine unwahr- scheinliche. „Es ist ein Versuch, mich auf eine falsche Spur zu lenken" sagte er zu sich selbst.„Wahrscheinlich sind doch noch Mitwisser des Geheimnisses vorhanden, und wenn ihr Gesicht und ihr Benehmen nicht gar zu unschuldsvoll ge- wefen wäre, ich würde wahrhaftig glauben, hinter diesem Brief, den ohne allen Zweifel eine Dame geschrieben hat, steckt die Schwester des Obergärtners. Nun, jedenfalls ist es meine Pflicht, hinzugehen; denn es ist ja trotz alledem nicht ausgeschlossen, daß mir hier ein werthvoller Fingerzeig geboten werde!" „Wollen Sie mich zu der Person bringen, die Ihnen dies Papier gegeben hat?" wendete er sich laut an die regungslos dastehende Alte.„Wo hält sie sich auf?— Das zeigen uns die Vorgänge in England, wo die Bedin- gungen für die Einigungsämter vorhanden und diese selbst auch allgemein eingeführt sind, trotzdem aber die Riesenstreiks bis heute nicht verschwunden sind. Der Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist eben ein so schroffer, daß er durch ganz andere Mittel als wohlgemeinte Redensarten und Rathschläge zum Austrag gebracht werden muß, und eines dieser Mittel ist der Streik. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß von Seiten der Ge- meinden die Einführung gewerblicher Schiedsgerichte aus eigenem Antriebe nicht in dem Maße erfolgte, wie man ursprünglich er- wartete, ergriff die Regierung die Initiative, indem sie, nachdem die Angelegenheit im Fahre 1873 im Reichstage zum ersten Male eingebend erörtert worden war, im Jahre 1875 Ermittelungen über die Verbreitung und Wirksamkeit der auf Grund des da- mittigen§ 108 der Gewerbeordnung errichteten Schiedsgerichte anstellte. Dieselben ergaben, daß die Zahl der errichteten Schicds- geeichte eine verhältnißmäßig geringe war, daß die Organisation derselben eine sehr ungleiche, vielfach auch unzureichende und unzweckmäßige war und daß ihre Wirksamkeit eine größere Be- deutung nicht erlangt hatte. Im Jahre 1878 legte die Regierung dann dem Reichstag einen Entwurf vor, dessen Inhalt die Normativbestimmungcn für die Errichtung von Gewerbe- gerichten enthielt. Tie obligatorische Einführung solcher Gerichte enthielt zwar auch dieser Entwurf nicht, sondern es blieb nach wie vor dem freien Ermessen der Gemeinden anheimgestellt, ob fie solche einführen wollten oder nicht; doch sollte durch die Ausstellung fester Normen die Einführung der Gerichte erleichtert und besonders eine einheitliche Regelung derselben crziett werden. Der Entwurf scheiterte, weil die Regierungen sich weigerten, auf das Bestätigungsrecht der Vorsitzenden der Gerichte zu vcr- zichten. Zentrum, Fortschrittler und Sozialdemokraten glaubten aber um so weniger den höheren Verwaltungsbehörden, denen die Bestätigung übertragen werden sollte, ein solches Bestätigungs- recht einräumen zu können, als gerade damals in Folge des Kulturkampfes mit dem Bestätigungsrecht gegenüber Gemeinde- beamten viele Ungeheuerlichkeiten passirten. Der Entwurf wurde also nicht Gesetz und seit jener Zeit ist von Seiten der Regierung kein Versuch mehr gemacht worden, die Einführung der Gewerbegerichte zu fördern. Um so energischer wird dagegen diese Forderung von den Arbeitern gestellt. In einer Anzahl größerer Städte sind denn auch bereits gewerbliche Schiedsgerichte eingeführt worden und überall, wo dies geschah, haben sich dieselben ausgezeichnet bewährt. Wenn trotzdem Städte wie Berlin, Frankfurt, München sich einer solchen Institution noch nicht erfreuen, so beweist dies eben auch wieder nur, daß, wo es sich darum handelt, Maßnahmen zutreffen, welche im Interesse der Ar- beitcr liegen, es zwar gewöhnlich nicht an schönen Worten, leider aber nur allzu häufig an energischem Willen und an Thaten fehlt. Durch den Arbeitcrschutzgesetzentwurf ist auch diese Ange- legenhcit im Reichstag wieder zur Sprache gekommen, und von der Ardeiterschutzkommission wurde eine Resolution an das Haus gebracht, worin die obligatorische Einführung von Gewerbegerichten mit der Maßgabe gefordert wurde, daß die Bei- sitzer derselben zu gleichen Thcilen von den Arbeitgebern und von den Arbeitem in gettennten Wahlkörpcm und in unmittel- barer gleicher und gebeimer Abstimmung gewählt werden. Tie Resolution fand Annahme, doch hat sich die Regierung dazu nicht geäußert und ist wohs als sicher anzunehmen, daß sie der obligatorischen Einführung der Gcwcrbcgcrichte beute noch eben so ablehnend als früher gegenüber steht. Heber die Be- stätigungsfragc würde heute ein Entwurf nicht mehr stolpern, denn über solche„Kleinigkeiten" echaufsirt sich die heutige Majorität im Reichstage nicht mehr. Ob die nächsten Jahre uns eine bessere gesetzliche Regelung bringen werden, möge dahin- gestellt bleiben, auf alle Fälle werden die Arbeiter aber dafür Sorge tragen, daß die Angelegenheit nicht von der Tages- ordnung verschwindet. Daß eine energische Agitation in dieser Beziehung wie in vielen anderen zum Ziele führt, zeigt die Thatsache, daß auf die Anregung aus dem Arbeiterftande heraus in Leipzig, Nürnberg, Stuttgart und vielen anderen Orten bereits gewerbliche Schiedsgerichte eingeführt wurden und hoffent- lich wird die von Berliner Arbeitervcrtretern eingeleitete Agitation zu demselben Ziele führen.(„Recht aus Arbeit.") Potttische Ueberstcht. Scheu im Chemnitzer Tozialistenprozesse wurde vcr- sucht, einzelnen Angehörigen der Arbeiterpartei die„Tbcilnahme an einer Verbindung" nachzuweisen,„deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden sollte." Dieser Nachweis mißglückte bekanntlich und selbst das Freiberger Urthal vermochte gegen die Angeklagten nur den § 129 des Strafgesetzbuches in Anwendung zu bringen, der sich gegen die Theilnahme an einer(nicht gcheuncn) Verbindung richtet, zu deren Zwecken gehött,„Maßregeln der Verwaltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu verhindern oder zu entkräften." Es ließ sich ermatten, daß die Wenn es weit von hier ist, so werde ich uns einen Wagen anschirren lassen." „I, beileibe nicht, Herr!" unlerbrach ihn das Weib hastig.„Es sind ja kaum zehn Minuten bis zu meinem Häuschen; und wenn Sie mit einem Wagen kämen, würde uns ja das ganze Dorf sehen. Da würde sie mich schön anfahren!" ; Der Richter sah ein, daß es das Rathsamste sei, sich zu fügen, wenn er möglichst rasch und einfach zum Ziele kommen wolle. Darum folgte er ohne weitere Auseinander- setzung dem eilfettig voran humpelnden alten Weibe, das bald von der Landstraße abbog und ihn auf einem an- scheinend wenig betretenen und durch Strauchwett fast ganz verdeckten Fußwege in der Richtung auf Neudorf zu fühtte. Sie hatte dabei die Entfernung bis zum Endpunkt ihres Weges ganz richtig geschätzt, denn es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als sie vor einer niedttgen, aus Lehm und Holz erachteten und mit Stroh gedeckten Hütte standen, die abseits von den anderen Häusern ganz am Ende des Dorfes gelegen war. „Hier treten Sie nur ein, mein Herrchen," sagte die Alte, auf die niedttge, schiefe Thüröffnung deutend.„So hübsch wie in Schloß Brandenstein ist es da drinnen freilich nicht; aber so vornehmen Besuch hat die alte Binsen- Matthe auch niemals zuvor gehabt, sonst wäre sie vielleicht besser darauf eingettchtet." Grinsend über den Witz ihrer eigenen Rede folgte sie dem Richter in das Hüttchen, das nur aus einem als Wohnzimmer und Küche benutzten Räume und einem klei- nen Verschlage mit der dürftigen Lagerstätte der Binsenmanhe bestand. Die Fenster des Wohnraumes waren so klein und ihre zerbrochenen Scheiben zudem so vielfach mit Papier über- klebt, daß man in dem herrschenden Halbdunkel kaum die einzelnen Gegenstände unterscheiden konnte, und der Unter- suchungsttchter bemettte darum die Anwesenheit einer dtttten Person erst, als er den Klang ihrer eigenthümlich frcmdattig klingenden Wotte vernahm. „Sie sind der Herr vom Gericht, welcher oben auf dem Schlosse die Untersuchung fühtt?" redete sie ihn an.„Zch Regierung sich damit nicht begnügen würde, und diesem Streben ist es wohk zuzuschreiben, daß neuerdings in Altona und Frankfurt a. M. geheime Versammlungen aufgehoben worden find, deren Theil- nehmer bezichtigt werden, den§ 128 des Strafgesetzbuches übertreten zu haben(vcrgl. auch heute unter„Gericht".) Gleich nach den Ältonaer Verhaftungen brach, wie man sich erinnern wird, der offiziöse„5zamb. Corr." in lauten Jubel aus, daß nunmehr die„geheime Verbindung" erwiesen sei. Das Vor- gehen in Frankfutt arbeitet onenbar in derselben Richtung und man wird in anderen Städten Altona und Frankfurt nachzu- folgen suchen. Welches weitere Ziel man damit zu fördern strebt, darüber enthalten wir uns vorläufig aller Vennuthungen, jedenfalls ist es gut, sich der augenblicklichen Sach- läge vollkommen bewußt zu werden. Eine Vorlage über die Sonntagsarbeit soll auch dem nächsten Reichstage noch nicht gemacht werden.„Ilebrigens erhält sich nach wie vor die Ansicht, daß sich die Regierung überhaupt nicht zu einer Erweiterung der jetzt bestehen- den Gesetzgebung entschließen möchte, zumal da einige Bundes- stallten schon jetzt die bestehenden Gesetze als völlig ausreichend und Erweiterungen als bedenklich für Handel und Industrie bezeichnet haben. Immerhin ist es möglich, daß die Re- qiening noch in der nächsten Reichstagssession wenigstens einen Bericht über die Enquete und die daraus gefolgettc Stel- lung der Regierung vorlegen wird."— So melden offiziöse Blätter. Wir glauben das gem. So rasch die Regierung zur Hand ist, wenn es etwas gegen die Arbeiter zu thun allt, so langsani ist sie, wenn die Arbeiter etwas für sich beanspruchen. Selbst Professor Wagner crklätte es für unverständlich, daß man bezüglich der Sonntagsarbeit überhaupt einer Enquete bedürfe. Die Regierung bedarf nicht nur derselben, sondern sie bedatt auch einer ungemessenen Zeit, um zu dem Ergebniß zu kommen, daß„überhaupt nichts" zu geschehen habe. Die Verhaftungen in Buckau bei Magdeburg sind, wie vorauszusehen war, zu einer Schauermär aufgebauscht worden. Tie Rcpotter unserer„anständigen" Presse helfen einem viel- gefühlten Bedüttnisse ab, wenn sie dem Nomialphilister eine Gänsehaut um die andere über den Leib jagen, aber keinem Staatsanwälte fällt es ein, in dieser„Methode" das Merkmal des groben Unfugs zu erblicken. Diesmal ist es die„Saale- zeitung" gewesen, welche der Welt bekannt gab, daß in Buckau 40—50 Arbeiter wegen„hochverrätherischer Umtriebe" verhaftet worden seien, und jetzt stellt es sich heraus, daß es nur 17 sind. Von 17 auf 40—50 ist ein Katzensprung. Gelogen wie tele- graphirt. Die Verhafteten sollen, neuerer Nachricht zufolge, die Äost'sche„Freihett" verbreitet haben, was wir aber auch stark bezweifeln. Tie„Fränk. Tagesp," meldet noch weiter: Der aus Berlin ausgewiesene Schuhmacher Krause, in Nüm- berg als Kronzeuge Ii es„Fränkischen Kurier" gelegentlich der Pommer-Hofmann-Affäre bekannt, war, heißt es dann, ver- haftet worden, weil er viel von Dynamit g n: e d e t hatte: er wurde jedoch nach 5 Tagen wieder entlassen. Seine Ver- Haftung geschah durch 10 Magdeburger Krimininalbcamtc. Etliche weniger belastete Arbeiter sollen wieder entlassen wer- den. Die ganze Sache sei sehr aufgebauscht; in Magdeburg messe man dem Vorfall keine große Bedeutung bei. Das ist die Geschichte, wie sie jetzt dargestellt wird. Daß darin auch noch viel Uebcrtteibung enthalten ist, ist auf den ersten Blick klar. Zu den Frankfurter Sozialistenverhaftunaen wird jetzt berichtet, daß der verslorbene Schäfer sieben Nummern des „Sozialdemokrat" zur Vettheilung bei sich hatte, fcmcr auch Sammellisten zur Unterstützung der in Haft befindlichen Pattci- genossen. Fcmcr weiß die Jlölu. Ztg." zu melden:„Es war die„Geschäftskommission" der Parte«, welche man bei ihrer Sitzung überrascht hatte, und hat die Behörde genügenden Be- lastungsstoff, un« gegen die bei Prinz Versammelten auf Grund des§ 128 des Strafgesetzbuchs vorzugehen. Nochmals die Freiberger Verurtheilten. Dem Abg. Auer, welcher in Nümberg fitzen wollte,«st dies Gesuch abge- schlagen worden, v. Wollmar hofft ivegcn seines körperlichen Zustandes in München bleiben zu dürfen. Den in Zwickau Sitzenden ist Selbstbeköstigung, Beschäftigung nach Wahl, eigene Kleidung und Wäsche, eine Zeitung und Licht bis Abends 10 Uhr gestattet worden.(Auer verliett also im Vergleich zu dem, was im Nümbcrgcr Zellengefängniß an Vergünstigungen eingeräumt wird, nichts.) Herr Viereck hat Strafaufschub beantragt, ist aber abschlägig beschiedcn worden. Die berühmten Mannheimer Demotraten scheinen wirklich gar nicht so abgeneigt, im Nothfall den national- liberalen Kandidaten herauszuhauen. Wenigstens hält die „Franks. Ztg." es für nöthig, ganz energisch ihren Mannheimern «ns Gewissen zu reden, eie bemerkt:„Die widerliche Auf- dringlichkeit, mit welcher die Heidelberger Gesellschaft an die Demokratie sich jetzt heranzudrängen sucht, müßte allein schon stutzig machen; wird doch von keiner Seite die Volkspartei eifriger mit Koth beworfen, als von der nationalliberalcn. Wenn Herr Schwuchow von der„Badiscken Landeszeitung"— bekannt als Mitarbeiter des„Wcinländer" sowie als Regenerator des Joumalistenstandes— eine Woche lang nicht auf die De- danke Ihnen, daß Sie meiner Aufforderung, mich zu be- suchen, Folge geleistet� haben! Nehmen Sie} bitte, dort auf jener Truhe Plaß� Es giebt keine andere Gelegenheit zum Sitzen hier, und Ihr, Matthe, laßt uns allein und sorgt, daß Niemand hier herumschleicht!" Etwas verblüfft über den eigenattigen Empfang und die ruhige Sicherheit der Frau, die ihm da gegenüber saß, ließ sich der Untersuchungsrichter auf dem ihm angewiesenen Platz nieder. „Zch bin Ihrer Einladung gefolgt," sagte er,„weil ich es für meine Pflicht halte, auch die abenteuerlichste Spur aufzunehmen, so lange nur eine entfernte Vermuthung vorliegt, daß damit der Wahrheit gedient sein könnte. Sie dürfen deshalb aber nicht etwa erwattei«, daß ich mich darauf einlassen werde, irgend eine Rolle in einem geheim- nißvollen oder romanhaften Spiel zu übernehmen. Es ist das erste und das letzte Mal, daß ich in dieser An- gelegenheit von Ihnen eure Zeugenaussage an einem anderen, als dem zuständigen und angemessenen Otte ent- gegennehme. Und nun, wer sind Sie und was haben Sie mir zu sagen?" Zuanita hatte ihn ruhig angehött; sie schien seine Motte als eine selbstverständliche Einleitung zu betrachten, auf welche sie durchaus gefaßt gewesen war und von der sie nicht im Mindesten in ihrer ruhigen Haltung erschüttett «verden konnte. Den ersten Theil der an sie gerichteten Frage scheinbar ganz überhörend, erwidette sie ohne zu zögern: „Zch habe Ihnen bereits geschrieben, daß die beiden Männer, welche auf Schloß Brandenstein gefangen gehalten werden, unschuldig sind an dem Verbrechen, das ihnen zur Last gelegt wird. Der Schuldige ist ein Anderer!" „Und Sie glauben, diesen Airderen zu kennen?" „Zch kenne ihn!" war die klare und bestimmte Antwort. „Wußten Sie nicht, daß es alsdann Zhre Pflicht war, mir oben auf dem Schlosse davon Mittheilunq ,u machen?" »Wenn Sie mich bis zu Ende angehött haben, werden Sie begreifen, warum ich es nicht gethan." mokraten schimpft, so ist das höchst verdächtig. Die national- , liberale Presse versagt sich eben zur Zeit das Vergnügen, gegen die Volkspartei zu Hetzen, weil sie in Nkannheim deren Stimmen brauchen kann; wenigstens erhofft man dort eine Att Neutra- lität der Demokraten. Die„Nat.-Lib. Corr." meint ihrerseits, die Hälfte der letzteren wurde für Diffenc, die andere für ; Dreesbach stimmen. Nun scheint es uns allerdings, als würde die von der Patteileitung ausgegebene Parole der Wahl' enthaltung nicht innegehalten werden. Gänzlich unwahrfchein- lich aber ist, daß demokratische Stimmen für den national- liberalen Kandidaten abgegeben werden sollten; denn von dem konservativen Bewerber abgesehen, steht jeder andere Kandidat der Demokratie näher, als der Erkorene der Heidelberger. Da- nach dürften unsere Mannheimer Patteifreunde ihre Ent- schlicßungen richten."— Schlimm genug, wenn die Pattei- freunde sich noch lange entschließen müssen!— Die Sozialdemokraten scheinen ungemein rührig. In Lautcrshausm wurde Herr Dreesbach gar mittelst Fackelzuges zum Versamrn- lungslokal geleitet! Die Angelegenheit des Rechtsanwaltes Dr. Dedekind in Braunschweig scheint gänzlich erledigt zu sein, man hött und sieht nichts davon, auch verlautet noch nichts davon, daß die Klage gegen das„Braunschwciger Tageblatt", wegen Ver- öffentlichung einer Berichtigung des Dr. Dedekind, wirklich er- hoben werden wird. Dieser Preßprozeß würde vermutblich auch dasselbe Ende nehmen wie die Untersuchung gegen Dedekind. Tie ganze Angelegenheit hat viel böses Blut gemacht— nur die Welsen triumphircn, und man kann ihnen das auch nicht verdenken. Ter Klub Weif hat Dedekind schon geieictt, ferner giebt Dedekind in seiner Villa in Wolfenbüttel seinen An- hängern ein Fest, ein zu seiner Ehre beabsichtigter Fackelzug wurde verboten. Gegen die Kolonisation der Lüneburger Heide, wie sie von der kürzlich in Berlin gebildeten Gesellschaft für innere Kolonisation geplant wird, wendet sich eine Lüncburger Korre- spondenz in der„Wes.-Ztg." In derselben wird darauf hinge- wiesen, daß es in der Lüncburger Haide kein herrenloses Land giebt; dasselbe ist entweder im Besitz der Regierung oder der Rittergüter, größtentheils aber der Bauemhöfe, die durch Ge- meinheitstheilungen häufig zu einer bedeutenden Größe ange- wachsen sind. Vor etwa 20 bis 30 Jahren sei es fast zur Mode geworden, sich in der Lüncburger Haide anzukaufen, die damaligen Ansiedler aber seien fast alle zu Grunde gegangen. In der Korrespondenz wird es für völlig verkehtt erachtet, wollte man einzelne Höfe oder gar ganze Gemarkungen an- kaufen, um diese in Parzellen von je 35 Morgen zu zettheilcn- Die unglücklichen Bebauer derselben würden auf ihnen ent- weder verhungern oder als Bettler ihren Nachbarn zur Last fallen. Zur Entwässerung und Bebauung der Moore würden Geldmittel gehören, die dem Verein für innere Kolonisation schwerlich zu Gebote stehen würden. Gesterreich-Ungar«. Die Rede des Grafen Kalnoky wird heute von der ge- sammtcn Presse kommentirt. Der„Pester Lloyd" schreibt: Minister bezeichnet ganz deutlich und ohne irgend welche lini- sch weife diejenige Grenze,«velche er sich für die Anwendung rein friedlicher Mittel gesteckt habe und es ist heute zuw ersten Male von so autoritativer Seite in bestimmter Form es- klärt worden, daß die Entsendung eines russischen K o n, m tr sars, welcher an die Spitze der Regierung in Bulgarien treten würde, oder eine militärische Okkupation und zwar m«- «mr eine bleibende, sondern auch eine vorübergehende, sei es der Seehäfen, sei es des Landes selbst, schlechterding nicht geduldet würde und daß jeder derartige Schnn von Seite Rußlands„zu einer entschiedenen Stcllungnahw veranlassen müßte". Und noch eine weitere Frage ist durch d« heutigen Erklärungen des Ministers in befriedigender WM" beantwortet worden, die Frage: ob wir für den Fall, als wu zu solch' einer„entschiedenen Stellungnahme" genöthigt«9% nicht etwa allein bleiben würden? Wir empfehlen in s""") Beziehung der Aufmerksamkeit unserer Lcstt ganz besonders jemgc, was Graf Kalnoky über unser Verhältniß zu D cuti la n d gesagt hat. Warn man diese Stelle der miniWyL Rede aus dem Diplomatischen ins Gemeinverständu� übersetzt, so kann dieselbe keinen anderen Sinn h�' als daß Fürst Bismarck allerdings bemüht ist, J, bulgarische Frage zu lokalisircn und namentlich eine � Mischung von unserer Seite so lange als möglich Issutanz halten,— eine Tendenz, welche auch beim Grafen Kalnoky sU bedingte Unterstützung findet, daß aber für den Fall, als ffl. diese vereinigten Bestrebungen zur Erhaltung des Friedes ff land nicht hindern sollten, auf der bisher betretenen Bahn» einige Schritte weiter nach vorwärts zu thun und jene Gra' zu überschreiten, jenseits deren bereits unsere Jnteressensvv'. beginnt, daß in diesem Falle, welcher uns behufs Verthah'-ff' dieser Interessen zu den äußersten Mitteln zu greifen nöthlp� würde, Teutschland ganz bestimmt an unserer'S o. zu finden sein werde. Findet diese Hoffnung, offenbar. Rücksicht für die Beziehungen, welche zwifchen Deutschland � Rußland bestehen, in der ministeriellen Rede nur einen � Form nach überaus zarten und vorsichtigen Ausdruck, so s" „Nun wohl, ich höre!"— Aber noch einmal.„ schonen Sie mich mit Märchen und Romanen! Sie wu damit doch Niemanden« nützen können." „Zch will Niemandem nützen als der Wahrheit; � Sie werden mir das glauben, wenn ich Zhnen sa(E,, i" ich keinen der beiden Angeschuldigten jemals gesehen h* L „Darüber werden wir später sprechen. Zur J;1 v«« also, wenn ich bitten darf!— Wen halten Sie für Schuldigen?" „Den Doktor Paul Ramfeld!" „Ah, das ist stark!" ßi „Lassen Sie mich ausreden; ich schwöre Voraus, daß ich nichts als die volle Wahrheit I» werde.".„ff Dann erzählte Zuanita die Geschichte ihrer schaff mit Ramfeld, ihrer Flucht von der HaZ'en»«. Vaters ihrer Scheinehe mit dem Betrüger, ihrem nach ihm und ihrem endlichen Wiederfinden. � ruhig begonnen, aber die Erinnerung an die iF � fahrene Schmach hatte ihr Blut doch wieder Wallung gebracht und sie mußte mit dem Sprechen � halten, um ihre Fassung für das Weitere wieder z winnen._.tj piff „Zch bin Ihrer Bitte gefolgt nnd habe Sie � ßhck terbrochen," sagte der Untersuchungsrichter, M Erzählung romanhast genug klang; aber ich 9.7>} tneme Meinungsäußerung darüber vor, bis welchem Zusammenhange das Alles mit den �, a„„ P auf Schloß Brandensiein stehen soll. Sie werde auch die Beweise für alle ihre Behauptungen v j „ gßekg „Die Beweise?" fragte Zuanita betroffen.» � t Art können denn diese Beweise sein und woher 1 11 nehmen?— Mag er doch beweisen, daß meine wahr seien!"«„hren jl „Nun gut! Auch daS wird sich finden.-> �„«t# nur sott, was wissen Sie über das Verbrechen vo stein?" sondt „Zch weiß nicht nur von einem Verbriw�� ist ich weiß von zweien. Nicht nur der junge � fie um desto bestimmter in Bezug auf England ausge- svrochen, wo ähnliche Bedenken nicht zu schonen find. Es ist eine„fichere und reelle Unterstützung", welche Graf Kalnoky von diesem Jnselreiche her erwartet, falls wir für die durch den Berliner Vertrag geschaffenen Rechtszustände energischer einzu- treten aenöthigt werden sollten. Und wenn wir die diplomati- schen Redewendungen recht verstehen, so ist es zur Stunde viel- leicht noch nicht positiv, aber doch in Hohem Grade wahrscheinlich, oaß in der Stunde der Gefahr auchJtaliensich jenen Mächten anschließen würde, welche sich die Vertheidiguna und Ausrechterhal- tung der im Berliner Vertrage umschriebenen Rechtsverhältnisse auf der Balkanhalbinsel zur Äufgabe stellen."— Auch die englischen Blätter lassen sich über die Rede aus. Nach Mittheilung des Wolff'schen Telegraph endureaus bemerkt die ministerielle„Morning-Po st"' Die strikte Aufrechterhaltung des Berliner Vertrages werde in Kalnoky's Rede als wesentliche Bedingung für die Erhaltung des Friedens hingestellt; daß Oesterreich- Ungarn, Deutschland, Italien und England über mesen Punkt vollkommen einig seien, darüber könne kein Zweifel obwalten. Das Bestehen dieser Verständigung bilde du sicherste Gewähr für die Erhaltung des europäischen Frie- dens. Tie„T i m e s" versprechen sich von der Rede die Wir- «ung, daß dieselbe in Europa allgemein den Eindruck hervor- rufen werde, die öffentliche Meinung sei noch immer mächtig Muug, um den aggressiven Ehrgeiz einer Macht zu zügeln. In Bulgarien werde der Muth der Bevölkerung wieder aufleben; me Haltung Oesterreichs und Englands, sowie die Stellung Deutschlands und Italiens, wie dieselben von Kalnokn desinirt werden, gewähren wesentliche Bürgschaften für die Erfüllung ves von der russischen Regierung gegebenen Versprechens der Nichteinmischung. Schweiz. Nach dreistündiger Debatte verwarf der Züricher Kantons- wth mit allen gegen 3 Stimmen das Begehren der Frei- Sebung der ärztlichen Praxis. Rußland. Der Justizminister Manassein legte nach dem„Berl. T." vom Reichsrath einen Antrag auf Beschränkung der önentlichen Gerichtssitzungen vor. Belgien. Auch auf der liberalen Seite der Kammer gährt es; shr bisheriger Führer, der Deputirte Frere Orban, der sich lern braver„Liberaler"!) weder für die Erweiterung des Wahl- rechtes, noch für die Einführung der persönlichen Dienstpflicht erwärmen kann, sieht sich von seinen Fraktionsgenossen über- mmmt; nur vier stimmen ihm bei; in Folge dessen hat er be- schloffen, sich mit Rücksicht auf sein hohes Alter„halb" zurück- Zuziehori und der Linken als künftigen Sprecher den De- jmtirten Bara(früher Justizminister) vorzuschlagen, was An- «ang fand. - Auch in der Kammer ist jetzt ein Antrag auf Erlaß einer Amnestie gestellt; derselbe wird indeß zuversichtlich ab- golehnt. Tagegen werden weitere umfassende Begnadigungen stattfinden. Die katholische Partei hat beschlossen, in allen Städten, Borfern und industriellen Orten Belgiens jetzt mit der Bil- °ung katholischer Arbeitervereine vorzugehen. Der Erfolg wird hoffentlich gleich Null sein. Wir wollen Ar- veitervercine, aber nicht unter der Leitung und Beeinflussung von Muckern und herrschsüchtigen Geistlichen. Frankreich. Das Abgeordnetenhaus nahm mit 220 gegen 209 Stimmen die Dringlichkeit und die sofortige Berathung des Gesetz- entwurfs, betreffend den für Frau Paul Bert bestimmten Wittwcngehalt von 12000 Franks an, ungeachtet des lebhaften Biiderstandcs, der von den Bänken der Reckten und der äußersten Linken gegen das Prinzip sowohl als gegen die Ziffer v« Pension erhoben wurde. Noch sprach jetzt der Royalist ;?? starb, zu thun, was für die Hinterbliebenen zahlreicher ob-, w und Matrosen nicht gcthan wird. Das Gesetz wurde artikelweise und dann als Ganzes mit 252 gegen 199 An. genehmigt. Hierauf brachten die Abgeordneten .'er, Camelinat und andere Mitglieder der Arbeiter- Nc? P e einen Gesetzentwurf ein, demzufolge die Wittwen der und Soldaten, welche in Tongking und Madagaskar �Mben sind oder sterben werden, ernc Pension von 1000 b-n n? erhalten sollen. Der Abg. Antide Boncr vertheidigte Ihm,.* trag im Namen der Glcicbhcit aller Bürger und ver- ficb* die Dringlichkeit. Dieselbe wurde abgelehnt, well sollen' strich viele Stimmen, 180, dagegen wie dafür er- d-n$ v u v i e r hat definitiv, trotz des Trangens Freycinets, "asten als Resident in Tongking abgelehnt. » Großbritan«!-«. DU, Kriege gegen den„Zehnten" in Nord- fauf.iv® ssnd die kirchlichen Kommissäre schlimm daran, da lande von Lstrl., die ihnen früher zukamen, in Folge ihrer worden; auch der alte Gutsherr ist keines natür- Zw." �vdes gestorben, und die, welche ihn tödteten, waren er Ramfeld und sein eigener Neffe." sprechen!"�'~ 2ch glaube, Sie wissen nicht, was Sie arna.-5 2uanita ließ sich nicht beirren' sie erzählte mit Ausführlichkeit, wie sie jeden von Ramfeld's Schrit- A der Residenz bewacht und beobachtet habe, auf den den-�'c niartend, da der Plan reif sein würde; sie schil- sck-s l�1"6 abenteuerliche Existenz und wie er sich durch fal- Um- r i'e' unb andere verwerfliche Mittel seinen Lebens- 'alt erworben hat. ton», T hätte ihn schon damals in's Gefängniß bringen sein Ji'st wahr!" rief sie heftig aus.„Ich kannte Poll, st"nd Lassen und ein Wort von mir an die stiJ"- e'"e einzige Andeutung hätte genügt, ihn mitten in Straf' Ländlichen Treiben erwischen zu lassen. Aber die v'Hm alsdann bevorstand, genügte mir nicht. Ich Und s' st er stüher oder später von selbst verderben müsse, and-,"tollte ich warten. Daß er dabei noch einmal nickt Menschen unglücklich machen würde, fürchtete ich im traute mir die Macht zu, seine Pläne noch bnldet- stj.�'hrer Ausführung zu durchkreuzen. Darum solat- j.■ st'"e Abreise nach Brandenstein und darum Gunst yh'hnr hierher. Ich konnte nicht ahnen, daß die Un- Ich'. /� Verhältnisse alle meine Anschläge vereiteln würde. hindern Verbrechen, die hier geschehen sind, nicht ver- ein grü: aber ich will wenigstens verhindern, daß zogen werde � �äha�ige dafür zur Rechenschaft ge- zu s"�st bas ist Alles, was Sie mir über diesen Punkt �hre Behnn�ba" � Sie haben keinen weiteren Anhalt für deinem" Augenblick keinen anderen, als die sin Äbex lebende unumstößliche Ueberzeugung!— stgen darum noch nicht auf, mein Herr, und 8% nich m.«Stm, nicht in unwillige Falten! Ich habe °°!' Rams->.'5°�"?5 gehabt, Sie durch diese Unterredung "%%%% jif, hartnäckigen Verweigerung einer Ermäßigung von den Pächtern noch immer zurückbehalten werden. Während dieser ganzen Woche haben Unteragenten der Kommissäre weitere Beitreibungen des„Zehnten" versucht, aber bis jetzt ist kaum genug verein- nahmt, um die Unkosten zu decken. Die Erbitterung der Tones gegen G l a d st o n e zeigt sich auch darin, daß manche ihrer Blätter den greisen Führer der Liberalen als„übergeschnappt" darstellen. So schrieb neulich die JOorkshire Post": Aus sicherer Quelle erfahren wir, daß Mr. Gladstone's peinliche Aufregung noch immer andauert, und daß er unausgesetzt überwacht werden muß. Er springt vom Tische auf, preßt die Hände gegen seinen Kopf und schreit un- zusammenhängende Worte, bis er besänftigt und beruhigt wird. Mr. Goschen ist kein Mann, der irgend Jemandem etwas weiß macht, und doch ist es sicher, daß, als er zum letzten Male mit seiner Gemahlin die Gladstone'sche Familie besuchte, Mr. Glad- stone plötzlich„Macht, Macht, Macht!" zu heulen begann, und schreiend im Zimmer umhergaloppirte, bis man ihn wieder be- ruhigt hatte." Hierauf hat der Ex-Premier geantwortet:„Ich muß den Uorkshireartikel für sich selber sprechen lassen. Er ist auffallender aber weniger übelgesinnt, als andere in der niederen Klasse von Tory-Joumalen, die ich mit Schweigen übergehe. Ich habe mich stets daran zu erinnern, daß der ungebührliche Tadel einiger durch die Edelmüthiakeit anderer weit über meine Verdienste' hinaus überwogen wird." Mr. Goschen erwidert: „Es ist absolut unwahr, daß ich oder irgend ein Mitglied meiner Familie jemals Zeugen einer solchen Szene waren, wie sie der Korrespondent schildert." Kalka« lander. Die„Politische Korresp." meldet aus Tirnowa: Nabo- low wurde wegen des Äordanschlages auf das Leben des Fürsten Alexander und wegen der Urheberschaft des Putsches in Äurgas durch das Kriegsgericht daselbst zum Tode ver- u r t h e i l t, dann nebst dem Urtheil gegen Empfangsbestätigung dem russischen Konsulate übergeben. K a u l b a r s notifizirte der Regierung, er betrachte das Urtheil als Null. Der For- dcrung des General Kaulbars, betr. die Entlassung des Prä- selten und Polizeichefs in Philippopel anläßlich der Affaire des russischen Kawassen, dürfte die Regierung nicht entsprechen. Sie erblickt den Gmnd dieser Forderung in den Wunsche, es möchten die Funktionäre entfernt werden, auf deren Wachsamkeit die Vereitelung des in Philippopel geplanten Putsches zurückzu- führen sei. Ungeachtet der Friedenshoffnungen, welchen Graf Kalnoky in seiner Darlegung der Situation vor der ungarischen Tele- gation Ausdruck gegeben, kommen aus London Nachrichten, welche befürchten lassen, daß Rußland auf dem eingeschla- genen Wege noch nicht einzuhalten beabsichtige. So wird der „Natztg." aus London berichtet: Obgleich die Nachricht lanzirt worden, daß der F ü r st von M i n g r e l i e n der einzige Kandidat Rußlands für den bulgarischen Thron sei, liegen hier Meldungen vor, nach welchen Rußland überhaupt zunächst mit einer offiziellen Kandidatur nicht hervorzutreten beabsichtige. Vielleicht, daß, wie ich Ihnen schon in meiner kürzlichen Mit- theilung bemerkte, im Falle der Demission der Regentschaft Ruß- land diese Gelegenheit ergriffen hätte, um die bulgarische An- gelegenheit einer endgiltigen Lösung näher zu bringen. Seither ist aber die Nichtannahme der Demission der Regentschaft seitens der Sobranje und die Neuwahl eines Regentschaftsmitglicdes seitens der letzteren erfolgt, was von übler Rückwirkung sein dürste. Es scheint, daß es Rußland auf ein In terregnum in Bulgarien, und zwar solches bedenklicher Natur, abgesehen habe und daß während dieser Zeit auch andere Fragen, vor Allem die einer Abänderung der bulgarisch- türkischen Konven- tion, betreffend die Union, auf das Tapet bringen wolle, wobei sich eine von der bisherigen Haltung Rußlands in der Union- frage sehr verschiedene Tendenz bemerkbar macht. Man wird gut thun, aus diese Absichten Rußlands, hinter welchen groß- bulgarische Pläne, entsprechend den Ideen des Vertrages von San Stefano, zu Grunde liegen, Acht zu haben. Zur Eharakterisirung der mingrelischen Kandi- datur macht der englische Oberst Stewart, ehemaliger Bevoll- mächtigtcr bei der afghanischen Ärenzkommission, auf Grund seiner genauen Kenntniß der kaukasischen Zustände folgende Bemerkungen:„Wenn die russische Regierung", schreibt er, „einen sogenannten mingrelischen Prinzen als bulgarischen Thronkandidaten aufstellt, so muß sie sich entweder einen schlechten Witz erlaubt haben, oder glauben, daß das Volk Bulgariens oder die europäischen Mächte sehr wenig unter- richtet sind über die Stellung, welche in Rußland selbst die sogenannten mingrelischen Prinzen einnehmen. Bei meinen häufigen Besuchen im Kaukasus habe ich eine ganze Anzahl mingrelischcr und georgischer Prinzen kennen gelernt. Alle jene südkaukasischen Länder, Georgien, Mingrelien, Jmereticn und Gurief haben zu irgend einer Zeit einmal sogenannte regierende Familien besessen, obgleich dieselben meist die Vasallen Per- siens oder einer anderen Macht waren. Alle Nachkömmlinge dieser Familien, und deren giebt es hunderte, führen den Titel Prinz. Aber sogar Leute, die nur durch tzcirath mit einer jener Familien verwandt sind, haben den Titel angenommen. Folglich ist die Zahl der Prinzen in Georgien und Mingrelien gehen müssen, wenn sich die Beweise finden sollen, die mir jetzt noch fehlen." „Aber das sind ja nichts als Hirngespinste. Dr. Ram- feld war in dem Augenblick, in welchem die Unthat verübt wurde, nachweislich meilenweit von dem Schauplafcderselben entfernt. Schon am Nachmittag ging er in die Stadt, erst am Abend ging der Baron in den Park, und erst als das Verbrechen entdeckt worden war, wurde Doktor Ramfeld durch einen Boten zurückgeholt." „Das Alles ist mir bekannt!" „Wie, und Sie haben dennoch den Muth, oder den Unverstand, Ihre unsinnige Behauptung aufrecht zu er- halten?" „Glauben Sie denn, daß ein Mann, der mit so kalter Ueberlegung alle Vorbereitungen zu treffen weiß, welche den Verdacht der Schuld auf Andere werfen sollen, das Allernächste und Allereinfachste außer Acht gelassen haben sollte? Ja, er ist in der Nacht durch einen Boten zurück- geholt worden; aber in der Zwischenzeit ist er auf Bran- denstein gewesen; denn kein Anderer als er hat den Schuß gethan!" (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Keben. Das Stadttheater war am Sonntag zu den Aufführungen von„Lumpaeivagabundus" schon lange vor Beginn der Vor- stellung total ausverkauft. Am Todtensonntag geht hier das Schauspiel„Therese Krones" in Szene. Harem-Waggons. Aus Bokhara wird gemeldet: Der Bau der Transkaspischen Bahn schreitet rasch vorwärts. Der Emir hat sich daher, wie der„Nusret" meldet, beeilt, General Annenkow, den Erbauer dieser Bahn, darauf aufmerksam machen zu lassen, daß er durchaus nicht gestatten könne, daß in seinem Reiche Frauen und Männer bunt vurcheinauder in den Waggons sitzen sollen. General Annenkow gab daraufhin dem Emir die Zusage, daß er für die Frauen und Mädchen eigene Waggons oder Koupes mit verhängten Fenstem einführen werde. Diese Frauen-KoupSs oder Waggons werden unter strenger Bewachung stehen, damit kein Mann m dieselben eindringe. sehr groß. Diese Leute haben oft ihr Eigenthum eingebüßt und sind froh, wenn sie eine untergeordnete Stelle im Heere oder bei der Regiemna erlangen können. Selten gelangen sie zu höheren Posten. Em mingrelischer Prinz, den ich kenne» ist Kommis bei einem Kaufmann, während andere, die auch dazu nicht zu brauchen sind, eine Laufbahn ergreifen, die sie mit den Strafgesetzen in Zwist briugt. Mir ist ein Fall be- kannt, daß ein gewisser Prinz wegen Mordes und Raubes hingerichtet wurde und ein mingrelischer Prinz erduldet gegenwärtig in Sibirien Zwangsarbeit wegen ähnlicher Ver- gehen." Amerika. Die Wiederaufnahme der Arbeit seitens der Fleischverpacker und der auf den Viehhöfen beschäftigten Arbeiter in E H i k a g o erfolgte auf Befehl Powderlys, des Chefs der Kniahts of Labour. Die Arbeiter beschlossen, obwohl unter Protest und Einlegung von Verwahrung, die verlangte zehnstündige Arbeits« zeit zu alzeptiren._ Kommunales. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten« Versammlung am Donnerstag, den 18. November, Nach- mittags 5 Uhr: Vorschläge des Ausschusses für die Wahlen von unbesoldeten Gemeindebeamten— Vorlage, betr. die Auf- nähme eines Hospitaliten in die Wunderlich-Stiftung— Wahl je eines Mitgliedes in die Invaliden- und Veteranen-Unter- stützungs-Deputation und in die Park- Deputation— Berichterstattung über die Vorlage, betr. die Festsetzung von Bau- fluchtlinien für die Verlängerung der Charlottenstraße— desgl. über die Vorlage, betr. den Ankauf zweier Grundstücke zur Er- Weiterung der Gasanstalt in der Danzigerstraße— Vorlage» betr. die Vertheilung der diesjährigen Zinsen aus dem Ver- mächtnisse des Hofraths Hetzer— desgl., betr. die Entlassung eines Abnehmers von ausgenutzten Gasreinigungsmaffen aus seinen kontraktlichen Verpflichtungen— desgl., betr. die Ueber- lnffung zweier Bauplätze und die Zahlung einer Beihilfe an den Verein für Volksbäder zum Zwecke der Errichtung zweier Volksbadeanstalten— desgl., betr. den Ankauf einer Parzelle des Grundstücks Chausseestraße 76 zur Erweiterung der Gas- anstatt in der Müllerstraße— desgl., betr. den Verkauf der zwischen den Grundstücken Klosterstraße 84 und 87 und der Neuen Friedrichstraße belegenen städtischen Terrains— desgl., betr. die Aufnahme von drei auf dem Terrain der früher Wöhlert'schen Aktiengesellschaft projektirten Straßen in die Ab- theilung X. des Bebauungsplanes— desgl., bie Erwerbung des Straßenlandes vor dem Grundstück Skalitzerstraße 78/74 und Köpnickerstraße 195— desgl., betr. die Erwerbung des Straßenlandes vor dem Grundstück Schlesischestr. 6— desgl., betr. die Freilegung der Kreuzbergstraße und der in dieselbe einmündenden Straße 6 a der Abtheilung>li. des Bebauungs« planes— desgl., betr. den Ankauf des Grundstücks Weißen- burgerstr. 4 a zum Bau einer höheren Bürgerschule— desgl., betr. den Ankauf des Grundstücks Albrechtstraße 16 und einer hinter demselben belegenen Parzelle des Grundstücks Schiff- bauerdamm 4» und 5 zu Gemeindeschulzwecken— eine Rechnung— Berichterstattung über ein Naturalisationsgestich— desgl. des Ausschusses zur Vorbereitung der Wahl von zwei unbesoldeten Stadträthen— eine Unterstützungssache.— Um 6 Uhr findet eine gemeinschaftliche Sitzung des Magistrats und der Stadtverordneten- Versammlung statt behufs der Neuwahl eines Mitgliedes für den Bezirksausschuß Berlin. Die Arrnuth in Berlin. Im letzten Verwaltungsjahr (1. April 1885 bis 31. März 1886) betrug die Gesammtausgabe für das Armenwesen in Berlin 8 108 611 M., wovon 7 038 402 Mark(gegen 6 965 476 M. im Vorjahre) durch Kommunalzuschuß zu decken waren. Laufend unterstützt wurden durchschnitt- lich im Monat 15 998 Personen und 7355 Pflegekinder. Als Ursachen der Unterstützungsbedürftigkeit geben die Almosenlistm an: bei 53 pCt. hohes Alter, bei 33 pCt. andauernde Krankheit oder Siechthum, bei 14 pCt. nicht zureichenden Erwerb k. In der Armen krankenvflege standen 46 807 Personen, für welche an Arzneien 97 457 M. verausgabt worden sind. Zu Zwecken des Kartoffelbaues durch Arme hat die Stadt einen Zuschuß von 15 136 M., für die Supvenvert Heilung während der Winter- monate einen solchen von 32 000 M. geleistet. Es sind 586 000 f ortionen Suppe vertheilt worden. Ebenso sind 761 arme onfirmanden auf Kosten der Stadt gekleidet worden. In den Krankenhäusern wurden durchschnittlich 1419 Kranke auf Rech- nung der Kommune Berlin verpflegt, außerdem täglich 599 im Krankenhaus am Friedrichshain(in Summa 7824), 424 im Krankenhaus Moabit(in Summa 4066) und 238 in Siechen- häusern. Bei der Wohlthätigkeits-Armenpflege sind im Ganzen 341 700 M- verausgabt worden; das diesen Zwecken dienende Kapitalvermögen der Hauptstiftungskaffe betrug 3 340 084 M., das der Nebenfonds 6 563 079 M-, zusammen 9903 163 M. Zn Armenunterstützungszwecken sind bei der Haupt« Stiftungskasse im Oktober d. I. eingegangen; an Vermächt- nissen und Geschenken: 811,12 Ä., aus Kollektengeldern 621,30 Mark aus schiedsmännischen Vergleichen, Zessionen jc. 635,20 M. In Summa 2067,62 M. Ein schnell„gefaßter" Tenorist. Ein seltsames Stück- lein von einem schnell„gefaßten" Tenoristen wird aus Perpignan gemeldet. Im dortigen Stadttheater verspätete sich bei der letzten Aufführung von Rossini's Teil der Sänger des Arnold bei einem Auftritt derartig, daß das Orchester in Ver- wirrung gerieth, die Mitspielenden auf der Bühne in die größte Verlegenheit kamen und die Konfusion schließlich so groß wurde, daß der Kapellmeister den Taktirstock niederlegte, Musiker und Sänger schwiegen und eine höchst peinliche Pause entstand. Da trat der sonst sehr beliebte Tenorist, der die ganze Verwirrung angerichtet hatte, vor an die Rampe und richtete folgendes ge- wagte Jmpromtu an das Publikum:„Meine geehrten Herr- schaften! Sehen Sie sich(auf die Szene deutend) diese hohen Berge, diese zerklüfteten Felsen und breiten Spalten an— ist es da ein Wunder, wenn ich mich in der Wildniß verirrt und auf meinem gefahrvollen Wege ein wenig verspätet habe?!" Nach diesen unerwarteten kühnen Motten lachte ein Theil des verblüfften Publikums, der größere Theil aber nahm die Sache ernst und begann furchtbar zu schreien und zu toben über diese „Ilnverfchämiheit" des Sängers. Da trat schnell entschlossen der Direktor hervor, packte den Tenottsten am Kragen, bat das Publikum um Ruhe und zwang den Sünder, um Verzeihung zu bitten. Das Publikum war versöhnt, und die Oper konnte ihren Fottgang nehmen. Junge Mulattinnen gesucht. Aus Patts wird der Wiener„Allg. Ztg." geschtteben:„Die Direktion des Potte« Saint- Martin-Theater kündigt in den Journalen folgendes an: „Für die Aufführung des dritten Altes des„Krokodil" werden junge Mulattinnen dringend gesucht." Diese Annonze blieb ohne namhaften Erfolg, da Patts arm an dieser Ätt von Damen ist und die wenigen daselbst lebenden Mulattinnen zu- meist alt und als Kinderfrauen in hochattstokratischen Häusern plazitt find, also nicht daran denken, sich an ihrem Lebens« abende der Bühne zu widmen. So blieb denn der Direktion nichts übttg, als mit einem exotischen Zlaenten ein Abkommen zu schließen, der sich verpflichtete, aus Batavia hundettfünfzig dieser brünetten Damen bis zur Premiöre auf die Bühne zu stellen. Für Uebettuhr, Verpflegung und Gagen zahlt die Direktton ein Pauschale. Keine volle Svrache. Ein Inserat der„N. 31. Z.", in welchem ein erster Redakteur für eine unabhängige Tageezei- tung nattonaler Richtung gesucht wird, enthält in religiöser Beziehung folgende 3lnforderung:„In religiösen Fragen wird eine versöhnende, jedenfalls aber nicht volle Sprache ver- langt." Gerichts-Zeitung. Reichsgerichts* Entscheidung.(Nachdruck verboten.) Leipzig, 15. November. Ein Sozialistcnprozcß, der in gewisser Beziehung zum Nachdenken anregt, kam dieser Tage in der Revisionsinstanz vor dem I. Strmsenate des Reichsgerichts zur Berhandlung. Zu Grunde lag dieser Verhandlung ein Uttheil des Landgerichts Düsseldorf vom 28. Juni, wonach sieben Schlosser auf Grund§ 17 Abs. 1 des Sozialistengesetzes mit 30 bez. 20 M- Geldstrafe belegt waren. Die einschlägige Ge- setzesstelle lautet:„Wer an einem verbotenen Verein als Mit- glied sich bethciligt oder eine Thätigkcit im Interesse eines solchen Vereins ausübt, wird mit Geldstrafe bis zu 500 M. oder mit Gefängniß bis zu 3 Monaten bestraft." Von der badischen Polizeibehörde war am 19. August 1885 die„Vereinigung der Metallarbeiter Deutschlands" mit dem Sitze in Mannheim auf Grund des Sozialistengesetzes verboten worden und damit hatten gleichzeitig die Lokalvereinc, welche der„Vereinigung" angehörten, ihr Ende erreicht. Der Düsseldorfer Zweigverein hatte schon vor Begründung der„Vereinigung" selbstständig unter dem Namen„Fachvercin" bestanden und seine eigenen Statuten gehabt; später war er der„Vereinigung" beigettcten und hatte damit deren Statuten angenommen. Nachdem nun am 22. August dem bisherigen Vorsitzenden der Düsseldorfer Mitgliedschaft der„Vereinigung" durch die Polizei die Mit- theilung von dem Verbot des Gesamnitvereins gemacht war, ersuchte derselbe in Gemeinschaft niit sechs Genossen am andern Tage die Polizei um die Erlaubnis zur Gründung eines„Vereins der.Metallarbeiter von Düsseldorf und Um- gegend" und legte gleichzeitig ein Statut zur Genehmigung vor. Dieses Statut war bis auf Kleinigkeiten dasselbe, welches der frühere„Fachverein" besessen hatte. Tie Genehmigung zur Gründung des neuen Vereins wurde nicht etthcilt; aber nicht genug damit, es wurde auch gegen jene sieben Personen An- klage auf Grund der schon erwähnten Gesctzesstelle erhoben und auch ihre Bestrafung ausgesprochen. Das Gericht nahm an, daß die Angeklagten eine Thätigkcit im Interesse des verbotenen Vereins ausgeübt hätten, indem sie bei der Polizei eine Ge- nehmiguna der Statuten nachsuchten. Als selbstverständlich wurde es nämlich erachtet, daß der neue Verein nur eine Fortsetzung des früheren sein sollte. Ties entnahm die Sttafkammcr Haupt- sächlich aus dem Umstände, daß die Statuten des zu gründenden Vereins mit den Statuten des früheren Fackvereins fast übereinstimmten. Ausschlaggebend für diese Feststellung war auch noch ein Brief, der bei dem präsumtiven Vorsstzenden vor- gefunden war. In demselben thcilte nämlich der Zenttal- vorstand in Mannheim den Lokalvereinen die Befürchtung mit, daß der Verein aufgelöst werden würde und es wurde daran der Rath geknüpft, nian möge sofort nach Empfang eines Telegramms vom Zentralvorstande, welches ein unverfängliches Stichwott enthalten sollte, mit der Neubildung von unabhängigen Lokalvereinen vorgehen» damit in der Erledigung der Geschäfte keine Unterbrechung cinttcte. Hiernach mußte es also scheinen, als ob ein geheimes Forlbe- stehen der„Vereinigung" geplant war. Tie Angeklagten hatten nun gegen das Urtheil Revision eingelegt und in derselben das Sackverhältniß, wie wir es niitgethcilt, klargelegt. Daran wurde die Ausführung geknüpft, daß der neu zu gründende Verein mit Unrecht als eine Fortsetzung der verbotenen Mitgliedschaft der„Vereinigung" angesehen fei, da nicht festgestellt sei, daß die Staten der letzteren mit den zur Genehmigung der Polizei vorgelegten übereingestimmt hätten. Als Fortsetzung des frühe- ren Fachvcreins aber wäre der zu gründende Verein nicht straf- bar gewesen, weil der„Fachverein" von der Polizei nicht ver- boten war, sondern sich selbst auflöste. Von dem Inhalte des Mannheimer Briefes hätten nachgewiesenermaßen nur zwei von den Angeklagten Kenntniß gehabt, mit Unrecht sei daher allen Angeklagten der Dolus zugeschrieben worden, im Interesse der verbotenen„Vereinigung" zu handeln. Ucbcrhaupt aber, so hieß es weiter in der Revistonsschrift, sei es nicht erfindlich, wie in dem, was die Angeklagten gethan haben, etwas strafbares erblickt werden könne, da doch das Gesetz selbst vorschreibt, daß die Erlaubniß für die Gründung eines solchen Vereins bei der Polizei nachgesucht werden muß. Für die Befol- oung gesetzlicher Vorschriften könne doch unmöglich jemand bestraft werden. Der Reichsanwalt Hosinger hielt die Revision für unbegründet und beantragte deren Verwerfung. Ter§ 17, so sagte er, bestrafe jeden, der irgend welche Thätiakeit im Interesse eines verbotenen Vereins ausübe, und daß den An- geklagten eine solche Thätigkcit zur Last falle, sei hier aus that- sächlichen Gründen angenommen. Nicht nur aus den Statuten sei die Absicht der Fortsetzung entnommen, sondern auch aus dem Briefe. Uebrigens hätte die Aehnlichkcit der Statuten aar nicht als entscheidend angesehen werden brauchen. Statuten seien bei solchen Vereinen immer ganz harmlos und dienten als Teckmantel für unerlaubte Besttebungen. Sie würden ja nur eingereicht, um die Genehmigung zu erlangen und die ver- botenc Vereinigung zu Stande zu bringen.— Das Reichsgericht erachtete aber ttotzdem die Feststellungen des Landgerichtes nicht für ausreichend und hob das Urthal auf unter Zurückverweisung der Sache an die erste Instanz. Hirschberg i. Schl., 11. November.(Der Hermsdorfer Mord.) Nach dem umfassenden Geständniß des Mörders An- sorge, das dieser auf Befraaeu des Präsidenten und eines Ge- schworenen mit seltener Ruhe bis in die kleinsten Einzelheiten vervollständigte, wurde zur Vernehmung der Frau Schwabe ge- schritten, welcher der Erössnungsbeschluß Anstiftung zum Morde zur Last legt. Frau Schwabe ist jetzt ungefähr 25 Jahre alt. Auch ihr Geständniß wird ziemlich ruhig abgelegt und nur, wenn sie aus gar zu grobe Widersprüche mit den Angaben deS Ansorge hingewiesen wird, versucht sie zu weinen. Nach dem Geständniß des Ansorge und ihrem eigenen Bericht muß man bei solchen anscheinend reuigen Anwandlungen unwillkürlich an ihre Verstellung denken, mit der sie nach dem Morde die Kon- dolationen ihrer Bekannten entgegen genommen hat. Sie er- scheint nach ihrer Vernehmung als ein wahres Scheusal eines Weibes. Wie sie selbst zugesteht, hat sie während ihrer Ehe nicht nur mit ihrem Äitanaeklagtcn Ansorge, sondern noch mit einem anderen Manne in ehebrecherischem Verhältniß gelebt und ganz kurze Zeit nach dem Morde, während Ansorge im Herrn s» Dörfer Gefängniß saß, ließ sie sich mit einem Verwandten ihres ermordeten Mannes wieder in geschlechtlichen Verkehr ein. Was die Mordthat anbetrifft, so leugnet sie die ihr von Ansorge in die Schuhe geschobene erste Anregung und die Theilnahme an der Ausarbeitung des schändlichen Planes. In Ansorge sei, aus Liebe zu ihr, die es bei ihrem Manne sehr schlecht gehabt hätte, der Mordgcdanke zuerst erwacht und sie hätte nur in Rückficht auf die vielen Mißhandlungen, die sie von Seiten des Schwabe stets auszustehen hatte, den Entschluß gebilligt. DaS Messer hätte sie zwar dem Ansorge bei seiner Abfahrt gegeben, doch sei das nur auf seinen speziellen Wunsch geschehen. Daß sie an dem Abend nach der That dem Ansorge, der ihr alle Einzelheiten der Ermordung erzählen mußte, bei Jlch behalten wollte, könne sie nicht leugnen, dies ei aber nur aus Furcht geschehen, daß man ihr in der Nacht den Ermordeten nach Hause bringen würde.— Die einander so widersprechenden Erklärungen der beiden Angeklag- ten erhalten auch durch die Konfrontation der Beiden nicht die aewünschte Aufklärung. Anjorge betheuett die Wahrheit seiner Aussage. Aus den Zeugenaussagen ist nicht viel Interessantes zu berichten. Im Wesentlichen bestätigten sie die Einzelheiten der beiden Geständnisse oder sie dienten dazu, das Verhältniß der Frau Schwabe zu ihrem Manne in das richtige Licht zu setzen. Das Gutachten des medizinischen Sachverständigen KreisphyfikuS Dr. Herrmann ging dahin, daß von den gegen Schwabe abgc- feuerten vier Schüssen drei tödtlich waren.— Die an die Ge- schworenen gestellten Fragen lauteten: Ist Ansorge des ihm zur Last gelegten Mordes und die verwittwete Frau Schwade der Anstiftung zu diesem Verbreckung schuldig? Dazu wurde noch vom Staatsanwalt als Ncbcnfrage für den Fall der Ver- neinung der zweiten die Frage gestellt: Ist Frau Sckwabe der wissentlichen Beihilfe zum Morde schuldig?— Ter Staatsanwalt pläditte für Bejahung der beiden ersten Fragen.— Der Vertheidiger des Ansorge stellt nach dessen umfangreichem Geständnisse den Geschworenen das Uttheil anHeim. Dagegen Kitt der Vettheidiger der Frau Schwabe für deren Freisprechung ein, indem er das Geständniß des Ansorge als Racheakt hin- stellt. Die Geschworenen sprachen Ansorge des Mordes und die Frau Schwabe der Beihilfe zu diesem Verbrechen schuldig, worauf der Gcttchtshof ersteren zum Tode und letztere zu fünf- Jahren Zuchthaus veruttheilte. Ansorge nahm sein Urtheil hr gefaßt auf. Frau Schwabe weinte. Soziales und Arbeiterbewegung. Ein englisch-amerikanisches Arbeiterblalt. Das Er- scheinen einer täglichen Arbeiterzeitung in englischer Sprache ist ohne Zweifel ein bedeutsames Ercigniß für die amettkanische Arbeiterbewegung. Von der beispiellosen Wahlbewegung New- Norfs wurde �>as neue Blatt„Tbe Leader" im Flug zu einer riefigen Lescziner(100000) emporgctragen. Es erscheint jeden Nachmittag, im Format der„New-Norker Volkszeitung"(auf deren Presse es gedruckt wird) und zu dem Preise von 1 Cent (4 Pfennige). Dem Inhalt nach ist das Blatt bis jetzt ein reines Kampagncblatt gewesen. Später soll allen an eine Zeitung gestellten Anforderungen volle Genüge geleistet werden. Bisher wird ausschließlich Henni George's Landthcorie vertreten; auch hier wird sich der Gesichtskreis des Blattes nach der Wahl wesentlich erweitern müssen. Vorläufig kommt es darauf an, daß die Arbeiterpartei von New-Nork ein Organ hat, um den Verleumdungen und Entstellungen der kapitalistischen Presse entgegenzutreten und die Arbeiter über die Bedeutung der Bewegung aufzuklären, sie zu ermuthigen und in ihrer neuen politischen Haltung zu bc- kräftigen. Daß ein solches Organ ein Bedürfniß war, zeigt sich an dem reißenden Verkauf, welchen der„Leader" vom ersten Tage seines Erscheinens an gefunden hat. Diese unerwattet große Unterstützung der neuen Zeitung ist ihrerseits wieder ein Beweis, daß die Bewegung eine ernsthafte Bedeutung gewonnen hat und ein wittlicher Mißcttolg ausgeschlossen ist. Zur Heraus- gäbe des Blattes ist eine Akiiengesellschast gebildet worden, welche Attien von 5 Dollars für Individuen und von 100 Dollars für Arbeiterorganisationen ausgiebt. Bisher war die sozialisti- sche Presse Nordamerikas bekanntlich ausschließlich deutsch— zum großen Schaden einer einheitlichen Arbeiterbewegung. Arbeitslosigkeit. Kopenhagen, im Ottober. Von 40 hiesigen Fachvereinen sind Ermittelungen über die dermalige Anzahl der zur Zeit arbeitslosen Fachkollegcn gesammelt worden. Darnach verhält sich die Gesammtzahl der vorhandenen Berufsgenossen zu den arbcitslosm bei den Arbeitsleutcn(ohne die bei Bauten beschäftigten) wie 10000: 3000; bei den Bäckern wie 700: 180; bei den Spenglern wie 360: 50; Böttchern 250: 20; Zigarrenarbeitern 500: 40; Vergoldern 100: 20; Heizern 900: 100; Gipsern 60: 18; Gurtlem 150: 9; Hauszimmerem 1400: 620; Kottschneidern 80: 10; Wagenbauern 80: 15; Lithographen 125: 30; Malern 800: 200; Maurern 1500: 600; Maurerarbeitsleuten 1900: 1300; Modellschneidern 90: 8; Äöbelschrcinern 600; 90; Bautischlern 1200: 400; Pianofortearbeitern 150: 4: Sattlern 450: 60; Sägewerkarbeitern 300: 30; Seilern 70: 8; Schieferdeckern 30: 20; Schuhmachern 2000: 150; Schneidern 1400: 475; Schmieden 3000: 550; Schiffszimmern 350: 100; Telephonarbeitern 50: 10; Drechslern 100: 20; Holzgeräthenmachern 40: 10; Buchdruckern 600: 35. Selbstredend machen diese Zahlen auf absolute Richtigkeit keinen Anspruch. Es hat nur die ungefähre Anzahl der in der Branche Thätigen, sowie der Arbeitslosen fermittelt werden können. Immerhin dürfte das Endcrgebniß der Schätzung, daß von den 35000 gewerblichen Arbeitem Kopenhagens(in der Aufstellung fehlen mehrere Branchen z. B. die Weber, Korbmacher und Sandgräber) etwa 9000 oder 28 Prozent erwerbslos find, mit der Wirklichkeit ziemlich übereinstimmen. Aufgcfühtt ssnd nur die männlichen Arbeiter, während die Frauenarbeit namentlich in der Textilindusttie einen sehr bedeutenden An- theil aufweist. Man begreift nach Bekanntwerden dieser Elends- statistik, daß die soziale Fragein Tänemattzu einer brennenden geworden ist und die allgemeines Aufsehen erregenden Fott- schritte der Arbeiterbewegung gezeitigt hat. Die Bergleute in den Zwickauer Kohlenbergwerken sollen wieder uniformirt werden. Man hofft sie auf diese Weise mehr oder weniger„den Einflüssen sozialistischer Agitatoren zu entziehen." Das ist kein schlechter Witz, sondern alles Emstes in einer Reihe angesehener Blätter zu lesen. Kleine Mittkeilnnsen. Temesvar, 15. November. Heute Nackt um 1 Uhr wurde hier ein Erdbeben vettpütt. Es fanden zwei Erdettckütteningen statt, welche durch je zwei Sekunden andauerten. Die erste Er- fchütterung war ziemlich stark, die zweite etwas schwächer. Bc- fchädigungen find nicht vorgekommen. Nach dem Erdbeben zog ein großer Sturm mit Regen heran. Brüssel, 11. November. Als gestern, so wird der„Fr. Ztg." geschrieben, die Repräsentantcnkammcr eben ihre erste Sitzung eröffnet hatte, stürzte plötzlich eine Katze von der Höhe der öffentlichen Tribünen, die Ballustrade der für die Presse rcser- vittcn Sitze streifend, auf eine der Bänke der Deputittcn herab. Die ebrenwerhen Herren, die in diesem Augenblicke in der Nähe Des Bureaus dicht zusammengcschaatt standen, waren Anfangs erschreckt über das unvermuthete Erscheinen des vierbeinigen Gastes. Tann aber machten sie sich unter Gelächter an die Jagd auf das Thier, das, zwischen den Bänken hin und her gehetzt, einen Ausweg suchte, bis es endlich den Husfiers gelang, den Störer des Parlamentsfriedens zu verscheuchen. Rom, 13. November. Ter Südweststurm dauett an der ganzen Küste noch fort, glücklicher Weife in Mittel- und Süd- Italien bei mäßigen Niederschlägen. In Picmont hat der Sturm heute Nachts aufgchött, in der Emilia hält er noch an. Aus Kasale und Monferato wird ein langsames Fallen des Po gemeldet. Würde Nordwind eintreten, so könnte das Waffer rasch abfließen, so aber treten bedenkliche Stauungen ein, welche bei Piaeenza und Rovigo die größte Gefahr hervorrufen. Das Hochwasser hat in letzterer Stadt die Höhe von 1872 erreicht, als der Po durch sieben Tammbrüche meilenweite Flächen über- schwemmte. Die Schiffsbrücke bei Ponte-Lagoscuro wurde ein- gezogen. Das Hochwasser der Etfch ist noch ungefährlich und die Dämme von 1882 bewähren sich. Auf der Strecke Navara- Vercelli ist der Bahndamm am Flusse Tanaro, während ein Zug darüber fuhr, eingesunken. Vierzehn Wagen stürzten in den Fluß, verunglückt ist Niemand. Bei Mailand üderfluthete die Olona die Dämme und Wiesen. Hier herrscht ununterbrochen Scirocco. Marseille, 13. November. Aus Südfrankreich wird von bedenklichen Ueberschwemmungen in Folge der anhaltenden Regengüsse gemeldet. Zwischen Digne und Grenoble ist ein Personenzug auf einen Felsdlock aufgefahren, der sich abgelöst hatte, und wurden vier Passagiere gctödtct und neun schwer verletzt. Ein anderer Zug glitt auf der Brücke von Albalonga aus und jturzte in die Tiefe. Ter Maschinenführer und der Heuer ettranken, d,e ncun Wagaons, die zum Glück nur Maaren fuhtten, l.egen ,n dem Flußbett zerstreut. Die Brücke von Eavaillon ist von der Turance mit sottgenssen worden, mehrere Viettel von Avignon haben einen Meter hoch Wasser in dm Sttaßen und die Uebetsckwemmung, welche stellenweise zwei Meter hoch ist, erstteckt sich über Tarascon, St. Rcmy, Treben bis Arles. Zugleich wird ein Steigen der Saone gemeldet und es find Truppen aufgeboten worden, um deschädigte Ouer« dämme schleunigst auszubessern.— Der„N. Fr. Pr." wird folgendes berichtet:„Ter Personenzug Nr. 429, welcher gestern um 5 Uhr 38 Minuten Morgens von hier abfuhr, entgleiste um 11 Uhr Vormittags in Folge einer Erdabrutschung zwischen Peipin und Sisteron. Die Katasttophe erfolgte vier Kilometer von der Station Sisteron, einige Minuten nach dem Einstürze des Berges von Mont-Gerves. Einige Bauern, welche Zeugen dieses Ereignisses waren, gaben wiederholte Warnungszeichen, welche jedoch nicht beachtet wurden, da sich der Zug mit größter Geschwindigkeit bewegte. Es find drei Personen getödtet, zwölf schwer verwundet und einige leicht verletzt worden. Jn Reallon im Bezirke von Savines kamen zahlreiche Erdabrusschungen vor, durch welche acht Personen begraben wurden." Konstantinopel, 5. November.(Schiffskollision im Mal- marameere.) Am 2. d. M. hat sich im Marmaramecre der Zu- sammenstoß eines englischen Dampfers mit einem mit Getrcide beladencn gnechischen Schiffe ereignet, welches nach dem Piräus bestimmt war. Das griechische Schiff sank augenblicklich, doch gelang es dem Dampfer, fünf Mann von dessen Bemannung zu retten. Der griechische Kapitän und die anderen fünf Mattosen kamen um._ Vermischtes. Ein Amrumer Kleiderhaken. Auf der kleinen Nordscc- Insel Amrum an der schleswigschen Westküste herrscht seit uw denklichen Zeiten ein seltsamer Brauch. Es befindet sich dost nämlich nur eine Kirche und zwar in dem Torfe Nebel. Das Innere ist sehr einfach und schmucklos. Die kleine Orgel, die Kanzel, der Altar gehören nicht zu den Sehenswürdigkeiten, die aufgesucht zu werden verdienen. Allein dennoch giebt es dott etwas zu sehen, das einzig in seiner Att ist, nämlich die berühmten Kleiderhaken. Die frommen Insulaner und zwar meistens die Frauen(da die Männer den größten Theil ihre» Lebens auf der See herumschwärmen), welche auf der Ins" allsonntäglich der Kirche zupilgern, pflegen in einem Winkel des Gotteshauses ihre Mäntel und Hüte an dott befestigten Haken aufzuhängen. Jede Familie hat einen besonderen r aken, der ihr eigenthümlich angehört. An demselben sind noch andere kleine Haken angebracht, so daß man bequem eine ganze Garde- robe daran aufhängen kann. In uralter Zeit waren diele Haken einfache Holzhaken. Mehrere hundert Jahre hatte man siw bcscheidentlich damit beholfen, da kam Jemand auf den jondcr- baren Einfall, aus einem Stück Walsischknochcn einen zierlichen Haken zu schnitzen und in der Kirche anzubnngen, eine Neuerung- welche die erstaunlichsten Folgen herbeiführen sollte. Ein Nock- bar des Wallnschknochenbesitzers beneidete diesen nämlich ua> seinen schönen Haken und ließ deshalb während seiner nächste» Seereise in Amsterdam von einem holländischen Kunstschmied einen prächtigen eisernen Haken schmieden, den er nachher heimbraw" und in dem Kirchenwinkel befestigen ließ. Von jetzt an hasten die übrigen Amrumer keine Ruhe mehr. Es war für sie Ehren- fache geworden, sich prächtige künstliche Kleiderhaken anzuschasten- Tie alten bescheidenen Holzhaken verschwanden nach und»jj® einer nach dem andern, und an deren Stelle erfchienen schönsten Kleiderhaken von polittcm und»iselittcm Stahl, rc>® vergoldet, versilbctt oder sonst verziert.-Darunter befinden|}® wahre Kunstwerke der Schmiedearbeit, die 50 bis 100 Tha-ss gekostet haben mögen. Ter einzige LuxuS, der auf der o1"' vetricben wird, besteht in diefen kirchlichen Kleiderhaken. Wf die armen Amrumer auch sonst von Pracht und dem Rcickth!"? der Welt nichts besitzen, wenn sse auch weit zurück sind in allrn Angelegenheiten der Mode und des Luxus— eines g''�,5 denn doch, was sie vor der übrigen Menschheit voraus%% nämlich in ihrer kleinen armen Kirche die prächtigsten und'um lichsten Kleiderhaken! Jockey Fred Archer t- Aus London, 9. d., wird 0' schrieben: Das schon kurz gemeldete schreckliche Ende des» rühmtesten und populärsten der englischen Jockeys ist in/t, Mund. Er ist thassächlich und buchstäblich das Opfer stin aufregenden und aufreibenden Berufes geworden, denn � Pistolenschuß, mit dem er seinem jungen Leben ein y machte(er war kaum 30 Jabre alt) wurde im FicbcrdcW, einer Krankheit abgefeuert, die er sich auf dem Turf in Lew geholt hat. Vor 14 Tagen ritt er St. Mirin, dw Herzogin von Montrose gehörige Mähre, um die Eaindri shire Stakes zu gewinnen, einen der zwei Preise(der OY Cup ist der andere), die er nie davongetragen. Der Ritt würde ihm eine Summe von 9000 Pfd.(180 netto eingetragen haben. Um das zum Ritt nöthigc Gew. von 8 Stein 6 Pfd. zu erreichen, fastete Archer drei*& lang und saß 48 Stunden in dem türkischen das seinem prunkvollen Landsitz Falmouth- Houst. Newmarket angebaut ist. Außerdem vettchlang er große£ � einer starken Medizin. Gleichwohl konnte er sein Gnrmv � auf 8 Stein 7 Pfd. reduziren, und er verlor den Rist- außerordentlich strenge Kur hate jedoch die bereits durch Tra>> und unaufhörliche Körperansttengung und Aufregung grabene Konstittition des keineswegs kräftig gebauten vollständig minirt, so daß er sich in Lewes am letzten Do tag eine Ettältung zuzog, zu der sich am Sonntag ein bo» Jje Typhus gesellte. Äußer der Krankenwättettn wow-j Schwester am Bett des Kranken. Ter behandelnde Arzr.� ihn kaum verlassen und Mrs. Colmore, seine Schwester,. fie sich allein mit dem Patienten. Da sprang dieser, wahr einen Augenblick den Rücken kehtte, im Delirium aus bn � ergriff einen Revolver, den er zum Schutz vor Eintnemer> J(1, bem, Bett hängen hatte und schoß sich eine Kugel du � Mund, noch ehe es seiner Schwester gelang, ihm die Ast entreißen. Bluttriefend sank er ihr sterbcnv in die Arm- �st seinem 12. Jahre widmete er sich der Reitkunst, und wi �, Matthew Dawson, dem berühmten Trainer des Lord Fa �%,,( in feiner Kunst unterrichtet. Aber erst in 1870 rm jfrt Stute Athol Daisy in Chcsterfield. In 1872 0i«a"IW 4 Cesarenntch für Mr. Radcliffe und sein ausgezeichneter vor» Salvanos bei dieser Gelegenheit zog die Aufmerksamkeit. 7 Ps?. Falmouth auf seine Leistungen. Er wog damals 5&_ M Im nächsten Jahre gewann er Vre 2000®1'-glgen�. dem Atlantic des Lord Falmouth und während den l Jahren stand sein Name an der Spitze der siegrcrm'M � g# außer 1880, als er an einem Armbruch litt und blo gelb', SStÄ?|8M W If/g Er ritt 512 Mal. aber blas 170 Siege fielen Diesen Rückgang muß man seiner durch Uebc �, geschwächten Kanstitution zufchrecken. Man dan g# Recht wundern, daß Fred Archer, der sich'N i(,cn Xt# durch seine Reitkunst ein fürstliches Vermögen �erw j, fuhm, wurde, die Absicht, dem Tutt Valet zu sagen. A-yM\„ck des aufregenden Berufs war zu stark, und er auf den Sattel zurück, nur um sich genau am � Fr Todestag seiner Frau selbst das Leben zu nttimc/ läßt ein kleines Töchterlein, bei dessen Geburt di PstMg jie Seine Freunde— und er hatte deren eine 0 und fü liebten und achteten ihn als einen braven ��r.stWter- Armen der Nachbarschaft war er ein großer i-1 «erantwottlich für den politischen Theil und Soziales Max Echippel, für Vereine und Versammlungen F. Zutzaucr für den Druck und Verlag von Max Babing in Berlin Lv. Beuthsttaße übrigen Theil der Zeitung R. Cronheim sämmll'AAgt. Hierzu eine Beilage zum Berliner Volksblatt. Nr. SS9. ZoKales. Die Papier- Ausstellung, welche vor Kurzem m den Räumen der Wtmrenbörse hiersclbst etablirt war, ist, wenigstens für das größere Publikum, ziemlich achtlos vorüber gegangen, ein Umstand, der in unserem„paviernrn" Zeitalter, in dem wir leben, eigentlich befremden müßte, der aber wohl darin seine Entschuldigung findet, daß das Berliner Publikum im letzten Sommer allzusehr von anderen Dingen in Anspruch gc- Nammen worden ist. Und doch war die Papier-Ausstellung in vieler Beziehung intcrefiant und verdienten namentlich die Produkte der Luxuspapierfabrikation die Bewunderung, die ihnen zu Theil würde, im vollsten Maße. Und diese Bcwun- Gerung ist nicht nur eine einseitige, lokale, sondern eine allseitige, internationale, denn die deutsche Luxuspapierfabrikation W sich einen Weltruf erworben, den sie in erster Linie ihren geschmackvoll und künstlerisch entworfenen und sauber ausge- führten Erzeugniffm verdankt. Und nach diesen Richtungen hin wird auch thatsächlick das Möglichste geleistet. Tie Muster- entwürfe werden größtentheils namhaften Künstlern übertragen, wenigstens von großen Fabriken, und werden diese Muster auf das Höchste honorirt, da es hauptsächlich auf Originalität der Entwüne ankommt. Jedes Jahr soll etwas Neues bringen, was packt, anspricht und das Publikum zum Kaufen animirt, denn hierbei gilt auch der Grundsatz, die Menge muß es drin- gen, denn nur durch Massenumsatz ist noch ein Geschäft zu machen, da die Fabrikanten in Folge großer Konkurrenz ge- zwungen sind, die Fabrikate mit dem kleinsten Nutzen abzu- setzen. Ter Wettbewerb auf diesem Gebiete ist ein ganz gc- waltiger, denn in Deutschland bestehen mehrere hundert Fabriken, die sich mit der Herstellung von Luxuspapierartikcln beschäf- tigen, die fast durchweg mit Schnellpressen arbeiten in mehr oder minder großer Anzahl, und außerdem noch die Arbeits- kraft eines Heeres von Arbeitern und Arbeiterinnen in Anspruch nehmen, welche letzteren, durch jahrelange Ilebung erfahren, die saubere Ausführung ermöglichen und für jeden Fabrikanten unerläßlich sind. Trotzdem die deutsche Luxuspapierfabrikation einen Weltruf genießt, ist die Geschäftslage im Allgemeinen doch eine wenig zufriedenstellende, denn in Folge der großen Konkurrenz sind die Fabrikanten geneigt, sich gegenseitig im Preise zu unterbieten und die Händler sind in der Lage, die Preise nach ihrem Gefallen zu fixiren. Das Ausfuhrgeschäft geht ebenfalls zurück, da Amerika, das ehedem viel m diesen Artikeln konsumirte, den größten Theil des Bedarfes jetzt durch eigene Fabrikate deckt, nach anderen Ländern, wie Frankreich, Rußland, ist das Ausfuhrgeschäft in Folge von Zollbeschrän- kungen ebenfalls bedeutend zurückgegangen. England bildet zwar nach wie vor das umfangreichste Absatzgebiet, doch hat der dortige Absatz keinerlei Steigerung erfahren, während die An- sprümc immer größer werden. Die einst so blühende Industrie schwebt demnach in dem Zustande des„Hängens und Bangens in schwebender Pein", welcher Zustand besonders nachtheilig vuf die Lage der in der Luxuspapierfabrikation beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen wirkt, welche denn auch heute im Allgemeinen sehr viel zu wünschen übrig läßt. Die Nufallvcrhütunasvorschriften, die nunmehr in «sicher Aufeinanderfolge oci den einzelnen Berufsgenossen- 'chchten folgen dürften, nehmen in der That einen Eharaktcr ??' ber für die Arbeiter höchst bedenklich ist. Die soeben ver- Acntlichtcn Unsallverhütungsvorschristen der Berufsgenossen- 'chaft für die Musik-Jnstrunienten-Jndustrie enthält folgende M die Arbeiter bezügliche Bestimmungen:„Das Reinigen, Eutzen und Repariren, sowie überhaupt jede nicht der Fadri- Wwn dienende Thätigkeit an der Maschine und ihren Therlen bei gehender Maschine verboten. Das eigenmächtige Ent- wrnen und die eigenmächtige Nichtbenutzung von Schutzvor- Achtungen ist untersagt. Tie an den Maschinen zugelassenen Arbeiter haben enganschließende Kleider und passendes Schuh- wn' zu tragen. Wo es die Sicherheit erfordert, sind die Arme, bezw. die Unterarme zu entblößen. Arbeiterinnen haben +% Röcke zusammenzubinden; auch dürfen Zöpfe und Hals- fUwer nicht lang herunterhängend getragen werden. Der Arbeiter �?rf sich an Maschinen, für die er nicht ausdrücklich angestellt ist, maitsju schaffe machen. Der Arbeiter muß sich jedesmal, bevor er Maschine in Gang setzt, von der völligen Betricbsfähigkeit der- >ewen überzeugen und alle wahrgenommenen Mängel(namentlich Schlagen von Lagem) dem Bctricbsuntcnichmer resp. dessen Stellvertreter anzeigen. Bei jedem Verlassen der Arbeits- Maschine ist dieselbe anßer Thätigkeit zu setzen. Arbeiten für andere Personen als für den Bctriebsunternehmer dürfen nur Genehmigung desselben oder seines Stellvertreters vorge- kommen werden. Versicherte Personen, welche diesen Vor- Falscher Schmuck. Pariser Skizze von Guy de Maupassant. . Herr Lantin war dem jungen Mädchen zum ersten Male 'n einer Gesellschaft begegnet, die einer seiner Vorgesetzten si�Aeben und er hatte sich sofort sterblich verliebt. . Sie war die Tochter eines ehemaligen, jetzt schon seit �ngcn Iahren verstorbenen Beamten. Nach dem Tode des Katers war ihre Mutter mit ihr aus der Provinz, in der sie bisher lu■ �tten, nach Paris gekommen, in der Hoffnung, daß Ich in der Hauptstadt dem jungen Mädchen eher Gelegenheit W6""'ürde, eine paffende und gute Partie zumachen. Die r..ben Damen besaßen kein Vermögen; sie lebten einfach, scheiden und in überaus ehrenwerther Weise. Die Tochter d sl � durchaus das Urbild eines braven Weibes zu sein, 3 der junge Mann bald von nichts anderem mehr träumte, 3 von einer Ehe mit ihr, der er sein ganzes Leben weihen sollte. Zu ihrer Schönheit gesellte sich Bescheidenheit und �sielsgieiche Sanftmuth: das liebliche Lächeln, das immer iinx reclJenb um ihre Lippen spielte, schien die Milde spiegeln nigk�U �rer Seele und ihres Herzens wiederzu- Alle Welt fand sie entzückend und wurde nicht müde, sie L Z.•• Alle, die sie näher kannten, waren dann einig, wä% dieselbe'w?r.anfö bezog, hielt um ihre Hand an, erhielt ' T. und heirathete also das reizende Mädchen. lebten überaus glücklich mit einander Die "nzuriİ es.das Hauswesen mit so musterhafter Sparsamkeit Mittwoch, de« 17. November 1886. sckriftm zuwiderhandeln, verfallen in eine Geldstrafe bis zu C M-, welche der zuständigen Krankenkasse zufällt." Wer die Arbeit in mit Maschinen betriebenen Fabriken kennt, wird zu- geben, daß jeder Arbeiter an jedem Tage mindestens zwanzig Mal in die Lage kommen wird, gegen eine oder mehrere dieser Vorschriften zu verstoßen, was ihm, wenn er Glück hat, ebenso viel Ordnungsstrafen eintragen kann. Man sollte doch in der That den Arbeitern gegenüber mit solchen Strafbcstimmungen etwas rücksichtsvoller umgehen; die Gefahr, sich selbst bei vor- kommender Unachtsamkeit zu beschädigen und der natürliche Selbsterhaltungstrieb jedes Menschen werden den Arbeiter mehr als alle Strafdcstimmungen, die leicht in chikanöser Weise ange- wendet werden können, zur nöthigen Vorsicht veranlassen. Der Berliner Kalandshof. Unter dem Einflüsse der neuen Zeit ist mancher Erinnerungsstein in Berlin verschwunden. Auch die Kalandsgasse ist mit ihren alten, verräucherten schmutzigen Gebäuden der Kaiscr-Wilhelmstraßc zum Opfer ge- fallen. Der Kaland oder die Elendsgilde war ursprünglich eine Vereinigung von Geistlichen und Laien, der selbst Frauen beitreten konnten und die den Zweck hatte, Heimathlose, im Elend(d. h. ini Auslande) lebende Menschen zu unterstützen; denn der Fremde genoß nicht den Schutz der Gesetze, er war aller Unbill der barbarisch räuberischen Zeit ausgesetzt. Die Kalandsgilde entstand ursprünglich in Westfalen, der Berliner Kaland wurde unter dem Bischof Ludwig von Brandenburg 1343 gegründet. In der Nikolaikirche besaß er eine Kapelle und mehrere Altäre. Auch fehlten ihm diese in der Marien- und Petrikirche nicht, was der Brüderschaft eine gute Einnahme sicherte und ihre Kasse füllte, die von einem Tcchanten und zwei Kämmerern verwaltet wurde. Das Gildenhaus stand in der Klosterstraßc und nach ihm besaßen die Kalandsgasse und der Kalandshof ihre Namen. Ob die Ausartung des Kalands, die sich in Völlerei und Sittenlosigkeit gezeigt haben soll, den Grund zu seiner Auflösung, die in die Zeit der Reformation fällt, gegeben hat, läßt sich nicht nachweisen, obgleich es glaub- tich erscheint. Jedenfalls war die Gilde nicht mehr zeitgemäß. Im Jahre 1548 überwies Kurfürst Joachim». den Berliner Kalandshof den Kirchen- und Schuldienern als Dienstgebäude; doch erstand der Rath von Berlin 1698 das Haus für 2250 Thaler zum Zwecke einer Gesaiigencnanstalt, woher sich der Name„das graue Elend" für die spätere Stadtvoigtei schreibt. Den Organen des Polizeipräsidinms ist es vorgestern in den Abendstunden gelungen, etwa 8000 Exemplare eines sozialdemokratischen Flugblattes mit der Ueberschrift:„Arbeiter, Bürger!" und dem Schluß:„Hoch die internationale, revolu- tionäre Sozialdemokratie!" abzufangen und mit Beschlag zu belegen. Tie„Nordd. Allg. Ztg.", der wir diese Notiz ent- nehmen, bemerkt herzu:„Die Sprache des Aufrufs giebt der des Organs der deutschen Sozialdemokratie, deren Vorstand bekanntlich die jeweilige sozialdemokratische Fraktion des Deutschen Reichstags ist, des in der Schweiz erscheinenden „Sozialdemokrat" an Unfläthigkeit und Aufreizung nichts nach. Daß das Blatt auf Grund des Sozialistengesetzes verboten werden wird, ist selbstverständlich." Tie Ansichten über„Un- fläthigkeit" und„Aufreizung" sind auf dieser Häsen Welt sehr verschieden, was den, Einen„unfläthig" und„aufreizend" er- scheint, ist bei dem Andern vielleicht der Ausdruck tiefinnerer Erregung. Wir kennen das Flugblatt weder der Form noch dem Inhalt nach, können also mit der„Nordd. Allg. Ztg." darüber nicht streiten. Haussuchung. Bei dem Schriftsetzer Herrn Emil Bley, Bandelstr. 24, wurde gestern Morgen gegen£8 Uhr eine polizeiliche Haussuchung nach verbotenen Schriften abgehalten. Ge- funden wurde nichts, doch wurde je ein Exemplar der beiden bisher erschienenen Hefte der„Internationalen Bibliothek" in polizeiliche Verwahrung aenommen. Ein junger Seefahrer, Namens D., welcher sich hier bei seinen in der Elisabethstraße wohnenden Angehörigen zum kurzen Besuche aufhält, ging in der Nacht mit seinem ihm gleich- altrigen Bruder und seinem Vater über die Oranienbrücke, als vier Männer auf sie zu kamen und sie in ganz unverschämter Weise anrempelten. Ohne irgend eine Veranlassung fielen so- dann die Kerle über den jungen Seefahrer her und es entstand ein Handgemenge, wobei von den Rowdies versucht wurde, einen oder den anderen der Angegriffenen über das Geländer ins Wasser zu werfen. Als dies nicht gelang, griffen sie an- scheinend zum Messer, denn sämintliche drei Angefallenen, be- sonders aber der Seemann, erhielten scharfe Wunden und mußten, blutüberströmt, die Hilfe der Sanitätswache in der Adalhertstraße nachsuchen. Der Seefahrer, ein Steuermann, befindet sich noch in sorgfältiger Behandlung des Geh. Sanitäts- Immer neue Aufmerksamkeiten und Ueberraschungen wußte die junge Frau für ihren Gemahl zu ersinnen— ihre Per- son, ihr Wesen, ihr Thun und Lassen war so reizend, daß dieser sie sechs Jahre nach der Hochzeit noch eben so innig liebte, wie in den ersten Tagen, nachdem sich Beide zum ersten Male gesehen hatten. Nur in zwiefacher Hinsicht ließ sie ihrer Neigung viel- leicht zu weit die Zügel schießen— sie hatte nämlich eine unbegrenzte Vorliebe für das Theater und für falschen Schmuck. Ihre Freundinnen— sie kannte die Frauen einiger Subalternbeamten— schenkten ihr sehr häufig Billets zu Vorstellungen von Stücken, die besonders gefallen hatten und die dadurch zu Modestücken geworden waren— häufig erhielt jie sogar Billets zu Premieren und dann nöthigte sie ihren Gatten, ob er nun wollte oder nicht, mit ihr das Theater zu besuchen. Für ihn, der von der Tagesarbeit Abends müde und matt nach Hause kam, hatte aber der Theaterbesuch nichts Unterhaltendes, sondern nur Abspannen- des deshalb bat er schließlich seine Frau, mit irgend einer Dame aus ihrer Bekanntschaft das Theater zu besuchen und sich von dieser wieder nach Hause begleiten zu lassen. Das war anfänglich nicht nach ihrem Geschmack; es schien ihr nicht schicklich, ohne den Gatten an einem öffentlichen Ver- gnügen Theil zu nehmen. Schließlich aber gab sie seinem Vitien und Drängen nach und er fühlte sich be, diesem Arrangement ordentlich wohl. Neben der großen Vorliebe für theatralische Vorstellungen hatte sie noch die eine, sich zu schmücken und zu putzen. Ihre Toiletten waren, das mußte ihr Jedermann nachsagen, Immer einfach und bescheiden, bewiesen aber, daß sie ausge- zeichneten Geschmack besitze. Ihre Grazie, ihre Anmuth ließen die Einfachheit der Kleider vergessen; man hätte fast sagen können, durch die Bescheidenheit in der Toilette kam ihr Wesen erst recht zur Geltung, wie sie andererseits jedem, auch dem einfachsten Gegenstand einen besonderen Reiz und Werth 3. Iichrg» raths N.; er wird seinen Urlaub nun zur Heilung seiner Ver- lctzungen benutzen müssen. Keiner der Uebelthäter konnte er- griffen werden, denn als Schutzleute und Nachtwächter zur Stelle kamen, waren sie verschwunden. In einer so lebhaften Gegend, wie jene des Oranienplatzes, sollte man wirklich nicht an- nehmen, daß derartige Exzesse ungeahndet sich ereignen könnten. Auch Kunstwerke sind vor der Hand des Gerichtsvoll- ziehers nicht sicher. Vier Bilder, die auf der Jubiläums-Kunst- ausstellung sich befanden, darunser zwei von größerem Umfange, sind dem Schicksal der Pfändung anheimgefallen. Mit dem Siegel auf der Rückseite versehen, befinden sich die Gemälde augenblicklich im Gewahrsam der Akademie der Künste. Ein Maler aus Wien ist es, dem trotz Apoll und der neun Musen die garstige Themis einen so bösen Streich gespielt hat. Wohl hatte der Künstler für seine Werke eine andere Medaille erhofft als— das Siegel des Gerichtsvollziehers! Einer theilweise gewiß recht lehrreichen Verwechselung fiel, wie uns mitgetheilt wird, am Donnerstag Abend gegen 11 Uhr der Polizeiwachtmeister L. zum Opfer. Dieser Herr wollte um die angegebene Zeit sich nach seiner in der Straße V Nr. 9 belegenen Wohnung begeben. Der Wachtmeister war im Hausanzug und in Hausschuhen. Als er vor sein Haus kam, forderte er den Nachtwächter, der gerade vor der Hausthür stand, in höflicher Weise aus, ihm das Haus aufzuschließen. Der Nachtwächter musterte den Wachtmeister von Kopf bis zu den Füßen, schlug dann die Bitte rundweg ab und erklärte den gestrengen Hern, Wachtmeister noch obendrein für einen „Louis". Als der Wachtmeister darauf sagte, wer er sei und daß er in dem betreffenden.Hause drei Treppen hoch wohne, gab der Nachtwächter statt aller Antwott mit seiner Pfeife das Nothsignal. Eine Schutzmannspatrouille, die zufällig vorüber- ging, arretirte nun in Gemeinschaft mit dem Nachtwächter den Vorgesetzten. Auf dem Transport zur Wache ging es außer- ordentlich„derbe" zu, so oft der Wachtmeister bethcuerte, daß er durchaus kein strafwürdiger Verbrecher, sondern der Polizei- wachtnieister L. sei, wurden ihm Antworten zu Theil, die an De rtlichkeit und vor Allem an„Fühlbarkeit" nichts zu wünschen übrig ließen. Vor der Thür des Polizeireviers angelangt, wurde geklingelt und als von einein Schutzniann geöffnet wurde, gab der„diensteifrige" Nachtwächter dem Herrn Wachtmeister einen „Schubs", der nicht von schlechten Eltern gewesen sein soll. Auch aus der Treppe erging es dem Vorgesetzten noch recht übel, es setzte wenig respektvolle Worte aber desto mehr„Knuffe". Im Polizewurcau rekognoszirte der dort anwesende Wacht- mcister Herrn L- sofort als seinen Kollegen. Man kann sich das Entsetzen der drei verblüfften„Anne der Gerechtigkeit" vor- stellen, die diesmal mit ihren sonst so beliebten„Zartheiten" an den Unrechten gekommen ivaren. Der Wachtmeister hat die Affäre höheren Orts gemeldet. Bewegung der Bevölkerung Berlms nach den Ver- öffentlichungen des statistischen Amts der Stadt. Die fortgc- schriebcnc Bevölkerungszahl betrug am 23. Oktober inkl. der nachträglichen An- und Abmeldungen 1 352 059, hat sich demnach gegen die Woche vorher um 4042 Seelen vermehrt. Jnider Woche vom 24. bis 30. Oktober wurden polizeilich ge- meldet 6117 zugezogene, 2174 fortgezogene Personen; standes- amtlich wurden 484 Ehen geschlossen. Geboren wurden 832 Kinder, und zwar lebend: 382 männliche, 419 weibliche zusammen 801(darunter 90 außereheliche), todt 17 männliche, 14 weibliche, zusammen 31(darunter 6 außereheliche) Kinder. Die Lcbendgcborenen, aufs Jahr berechnet, Hilden 30,9, die Todtgeborenen 1,2 pro Mille der Be- völkerung, die außerehelich Geborenen 11,54 pCt. aller in der Woche Geborenen, davon die bei den Lebendgeborenen 11,23, die bei den Todtgeborenen 19,35 pCt. In der kgl. Charitee und Entbindungs-Anstalt wurden 28 Kinder geboren. Gestorben (ohne Todtgeborene) sind 549, nämlich 302 männliche, 247 weibliche Personen. Von diesen waren unter 1 Jahr alt 175(inkl 34 außereheliche), 1 bis 5 Jahre 84(inkl. 5 außerheliche), 5 bis 10 Jahre 20, 10 bis 15 Jahre 7, 15 bis 20 Jahre 8, 20 bis 30 Jahre 36, 30 bis 40 Jahre 48, 40 bis 60 Jahre 78, 60 bis 80 Jahre 76, über 80 Jahre 17. Die Sterbefälle beim Alter von 0 bis 5 Jahren machen 47,19 pCt. sämmt- licher in dieser Woche Gestorbenen aus. Von den im Alter unter 1 Jahr gestorbenen Kindern starben 65 im ersten, 31 im zweiten, 19 im dritten, 16 im vierten, 3 im fünften, 5 im sechsten, 36 im siebenten bis zwölften Lebensmonate; von denselben waren ernährt 42 mit Muttermilch, 2 mit Ammenmilch, 64 mit Thiermilch, 5 mit Milchsurrogaten, 27 mit gemischter Nahrung, von 35 war es unbekannt. Todes- Ursachen waren besonders: Lungenschwindsucht(65), Lungenentzündung(32), Bronchialkatarrh(11), Kehlkopfentzündung verlieh durch die Art, wie sie ihn trug. Aber sie hatte auch die Gewohnheit, in den Ohren große geschliffene Rheinkiesel zu tragen, welche die Stelle echter Diamanten einnehmen sollten; sie trug ferner Halsketten aus unechten Perlen, Simili-Armbändcr und Kämme, die in Ermangelung echter Steine mit nachgemachten, mit bunten, schimmernden und geschliffenen Glassplittern besetzt waren. Ihr Gatte machte sich häufig über ihre Vorliebe für derartige Sächelchen lustig und wiederholte ihr öfters: „Liebes Kind! Wenn man nicht die Mittel hat, sich echten Schmuck zu kaufen, dann läßt man es überhaupt ganz bleiben und zeigt sich öffentlich mit nichts Anderem ge- schmückt, als mit seiner natürlichen Schönheit und Anmuth. Die besitzest Du und die sind— glaube es mir— die schönsten und zugleich die seltensten Schmucksachen." Sw lächelte dann stets und sagte:„Was willst Du? Ich liebe es nun einmal. Ich weiß, daß es ein Fehler ist; ich weiß auch, daß Du durchaus Recht hast— aber man kann sich doch nun einmal nicht ändern. Ich bin in diese Schmucksachen ganz vernarrt!" Und dabei ließ sie die Perlen der Ketten durch die Finger gleiten, ließ die Fazetten der Steine leuchten und strahlen und rief entzückt:„Aber nun sie einmal, wie herrlich, wie täuschend ähnlich das gemacht ist! Man möchte wahrhaftig darauf schwören, daß die Steine echt sind." Dann lächelte er wieder und meinte nur:„Du hast den Geschmack einer Zigeunerin." Zuweilen schleppte sie, wenn sie einen Abend gemüth- lich zu Hause verbrachten, den mit Leder überzogenen großen Kasten herbei, der„das Galanteriewaarengeschäft", wie Lantin die Schmucksachen nannte, enthielt, und breitete die einzelnen Gegenstände auf dem Tische aus, an dem sie gemeinschaftlich den Thee einnahmen. Dann betrachtete sie ihren falschen Schmuck so aufmerksam, dann musterte sie ihn mit solcher fast leiden- schafüicher Sorgfalt, als empfinde sie dabei ein tiefes, inniges (15), Krämpfe(28), Gehirnschlag(19), Gehirn- und Gehim- hautentzündung(17), Krebs(11), Altersschwäche(15), Lebensschwäche(32), Abzehrung(24), Masern(5), Scharlach(5), Diphtherie(33), Typhus(5), Diarrhöe(22), Brechdurchfall(14), an andern Krankheiten starben 189 und durch Selbstmord 7, davon durch Vergiftung 1, durch Erhängen 6. Die Sterblichkeit der Woche auf das Jahr berechnet, kommen durchschnittlich auf 1000 Bewohner in Berlin 2 IL, in Breslau 24,5, in Frankfutt a. M. 13,8, in Köln 26,4, in Dresden 23,1, in München 25,8, in Bremen 15,6, in Stuttgart 14,1, in Wien 18,9, in Paris 21,1, in London 17,3, in Liverpool 22,3. In der Woche wurden dem Polizeipräsi- dium gemeldet als erkrankt an Typhus 22, an Masern 83, an Scharlach 74, an Diphtherie 174, an Pocken 1. In den 9 größeren Krankenhäusern wurden in der Äerichtswoche751 Kranke aufgenom- men, davon litten an Masern 6, an Scharlach 6, an Diphtherie 42, an Typhus 17, an Rose 10. Es starben 145 Personen oder 26,4 pCt. aller in der Woche Gestorbenen; als Bestand ver- blieben 3530 Kranke. Polizeibericht. Am 15. d. M. gegen Mittag fiel ein Mann an der Spandauerbrückr wahrscheinlich in Folge eigener Unacht- samkeit vom Vorderperron eines in der Fahrt befindlichen Pferde- bahnwagens auf den Straßcndamm herab und erlitt durch den Sturz nicht unbettächtliche Verletzungen am Kopfe, so daß er St) mittelst Droschke nach seiner Wohnung begeben mußte.— urz nach Mittag machte ein Mann, durch ehelichen Unfrieden veranlaßt, in seiner Wohnung, in der Pnnzen-Allee, den Ver- such, fich zu erhängen, wurde aber noch rechtzeitig an der Aus- sühruna gehindert.— Um dieselbe Zeit versuchte eine Frau in ihrer Wohnung, in der Dresdenerstraße, sich mittelst Oleum zu au vergiften. Sie wurde auf ärztliche Anordnung nach der Charitcc gebracht.— Nachmittags wurde in der Oranienstraße, an der Ecke der Luckauerstraße, ein Lehrling durch einen von dem Kutscher Krampuhl, Gubencrsttaße 60 wohnhaft, geführten Geschäftswagen überfahren und am rechten Fuß und an der rechten Schulter so schwer verletzt, daß er mittelst Droschke nach der Wohnung seiner Eltern gebracht werden mußte.— In der Nacht zum 16. d. M. erschoß sich auf dem Schloßplatz während der Fahrt in einer Droschke ein etwa 24 Jahre alter Mann, dessen Personalien noch nicht festgestellt werden konnten. Die Lache wurde nach dem Leichenschauharse geschafft. Gerichts-Ieitung. t Ein menschliches Scheusal, der Troguist Martin Heinrich Loik, Oranienstraße, stand gestern vor der vierten Strafkammer des hiesigen/Landgerichts i unter der Anklage, ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit verübt ju haben. Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Der Bube, ein in den zwanziger Jahren stehender Mann, hatte das achtjährige Töchterchen eines Arbeiters an stch gelockt und zu verschiedenen Malen in schändlichster Weise gemißbraucht. Die Erbärmlichkeit seiner That wird dadurch noch gesteigert, daß der Verbrecher an einer höchst gefährlichen sexuellen Krankheit leidet und das bedauernswerthe junge Wesen angesteckt und für Lebenszeit unglücklich gemacht hat. Ter gerichtliche Sachver- ständige sagte aus, daß das Kind wohl niemals vollständig werde hergestellt werden, etwas werde stets zurückbleiben.— Der Staatsanwalt brachte eine längere Zuchthausstrufe in An- trag. Ter Gerichtshof entschied sich dafür, die Strafe auf 2& Jahre Gefängniß zu bemessen; die bürgerlichen Ehrenrechte wurden dem Angeklagten auf drei Jahre aberkannt. f Pokern. Tie Frage, ob das in letzter Zeit in Kneipen vielfach gespielte sogenannte Pokern ein Glücksspiel ist, welches die Witthe nicht dulden dürfen, unterlag gestern der Prüfung der fünften Strafkammer des Landgerichts>. Das Schöffen- aericht hatte den Schankwirth Thomas wegen Duldung dieses Spieles zu einer Geldstrafe von 10 M. vcrurthcilt. Vor der Berufungsinstanz machte der Angeklagte geltend, daß er das Spiel für kein Hazardspiel gehalten habe, um so weniger, als es vielfach und auch in Nachtkafes vor den Augen von Kri- minalbeamten unbeanstandet gespielt werde. Das„Pokern" besteht darin, daß 32 Karten von der Sieben bis zum Aß an fünf bis höchstens sechs Spieler vettheilt werden. Jeder dieser Spieler hat vorher seinen Einsatz gemacht; nachdem er seine Karten angesehen hat,„paßt" er entweder oder er setzt von Neuem. Derjenige Spieler gewinnt, der die meisten gleichen und höchsten Karten in der Hand hat.— Dem Staatsanwalt schien aus der Art dieses Spieles unzweifelhaft hervorzugehen, daß jede Berechnung ausgeschlossen sei und daß in ihm aus- schließlich der Zufall entscheide; er bat um Verwerfung der Revision.— Der Vcrtheidiger des Angeklagten machte darauf aufmerksam, daß seinem Klienten jedenfalls die sttafbare Absicht der Ilebertretung gefehlt habe.— Ter Gerichtshof erkannte auf Aufhebung des erstinstanzlichen Urtheils und auf Freisprechung des Angeklagten. Ter Gerichtshof ist der Ansicht, daß das „Pokern" ein Glücksspiel im Sinne des Gesetzes ist. Er nahm aber an, daß der Angeklagte wissentlich dieses Glücksspiel nicht geduldet habe, weil es bisher anstandslos in Lokalen gespielt worden sei. Künftig wird das �Pokern" auf dem Index der verbotenen Spiele stehen, und die Herren Witthe werden gut thun, diese Entscheidung zu beachten. t Daß der Gendarm Hornbogen aus Rixdorf wegen seiner Tüchtigkeit als Kandidat für den durch Versetzung des Behagen. Sie schlang wohl auch ein Kollier um den Hals ihres Mannes, lachte dann herzlich und fröhlich, klatschte vor Vergnügen in die Hände und rief;„Nein, wie Du komisch aussiehst! Wie Du drollig bist!" Dann umarmte und herzte und küßte sie ihn, als wüßte sie sich vor Freude gar nicht zu lassen. Einmal hatte sie wieder einer Vorstellung in der Großen Oper beigewohnt. Zitternd vor Frost kehrte sie in der kalten Winternacht heim. Am nächsten Morgen hustete sie— und acht Tage später starb sie an der Lungencntzün- vung. Lantin hätte sich am liebsten mit ihr ins Grab legen lassen. Seine Verzweiflung, sein Schmerz waren so groß, daß seine Haare im Verlauf eines einzigen Monats weiß wurden. Er weinte von früh bis spät; seine Seele war zerrissen von dem unsagbaren Leid. Jede Erinnerung an das Lächeln, an das Sprechen, an die Stimme, an das lieb- reizende Wesen der Entschlafenen ließ ihn seinen Verlust immer noch mehr empfinden. Die Zeit hatte seinem Schmerze gegenüber ihren lin- dernden Einfluß verloren. Oft sah man ihn während der Bureaustunden, wenn seine Kollegen die Arbeit ruhen ließen und ein Wenig von Tagesneuigkeiten plaudetten, krampfhast das Gesicht verziehen, um sich am Weinen zu hindern. Die Wangen, die Nase, die Stirne waren voll Falten— aber es nützte nichts; im nächsten Augenblick waren seine Augen doch mit Thränen gefüllt und er brach in lautes Schluchzen aus. Das Zimmer der Tobten war so geblieben, wie es zu ihren Lebzeiten ausgesehen hatte; tagtäglich schloß er sich hier ein, um an sie zu denken. Alle Möbel, alle Geräthe, selbst alle ihre Kleidungsstücke blieben unberührt an jener Stelle, an der sie sich am Todestage der Gattin befunden hatten. Aber das Leben machte seine Rechte geltend; recht hatt und rauh erinnerte es ihn an die Alltäglichkeit. Sein Gehalt, das, solange seine Frau es in Empfang genommen und frinzen Handjery erledigten Landrathsposten des Teltower reifes bestimmt sei, hatte der Gesanglehrcr Karl Wuth aus Rixdorf am 22. Juni d. I. in einem Restaurant am Montzplatz behauptet und hinzugefügt, daß Herr Hornbogen bereits Schreib- unterttcht bei seiner Tochter nehme, da er in jedem Motte 25 Fehler mache..Herr Wuth hatte sich in angeheitctter Stimmung befunden, als er diese Geschichte zum Besten gab, und das Schöffengettcht hatte ihn, wie wir f. Z. ausführlich miigetheilt haben, zu einer Geldstrafe von 30 M. vcrurthcilt. Gegen dieses Urtheil hatte Wuth Berufung eingelegt, die gestern vor der fünften Sttafkammer des hiesigen Landgettchts I zur Vcrhaudlung kam. Er besttitt die Abficht der Beleidigung; er sei wittlich an jenem Tage in seinem angetrunkenen Zustande der Meinung gewesen, Hornbogen eigene sich zum Landrath. Er habe niemals etwas gegen den Gendarm gehabt, es sei also gar kein Grund für ihn, jenen zu beleidigen, vorhanden ge- wesen.— Diese Vctthcidlgung erreichte jedoch ihren Zweck nicht. Der Gerichtshof trat dem Standpunkt des Vorderrichters voll- kommen bei, hielt auch das Sttafmaß für angemessen und erkannte auf Verwerfung der Berufung. Die nochmalige Ausgrabung der Leiche der vor 11Z( Jahren verstorbenen Frau Apotheker Speichett auf dem Friedhofe zu Bomst, welche am Montag Vormittag gegen 10 Uhr auf Anordnung des Oberlandcsgcrichts zu Posen statt- fand, hat nicht allein in der Kreisstadt Bomst, sondern in der ganzen Nachbarschaft das größte Aufsehen erregt und den Kirch- Hof vollständig gefüllt. Namentlich hatten stch auch zahlreiche Aerzte und Apotheker aus den Nachbarotten eingefunden. Die zu diesem Akt vorgeladenen Sachverstäoigen, Geh. Medizinal- räthe Koch, Liman, Wolff und der genchtliche Chemiker beim Landgettcht>, Dr. Bischof aus Berlin, sowie der Professor der Chemie an der Breslauer Universität, Dr. Loewig, waren erschienen. Außerdem nahmen amtlich Thttl: der Amtsrichter mit einem Protokollführer aus Bentschen, der Kreis- Physikus und der Kreiswundarzt des Kreises Bomst. Wie wir aus privater Quelle erfahren, befindet sich die ausgegrabene Leiche noch in theilweise mumifizittem Zustande, und soll die Möglichkeit vorliegen, einzelne Theile derselben nach dem Vorhandensein von Giften, �insbesondere von Arsenik untersuchen zu können. Mit dieser Untersuchung soll nach An- ordnung des Oberlandcsgcrichts ein bisher noch nicht betheiligt gewesenen Chemiker bettaut werden. Da strengste Amtsver- sckwiegenheit proklamitt ist, vermag uns unser Gewährsmann Weiteres nicht mitzutheilen. Nur so viel versichett uns der- selbe, daß die vorgenommene Prozedur bei den Bewohnern von Bomst, welche an die Schuld des verurtheiltcn Angeklagten stets gezweifelt haben, die größte Befriedigung hervörgenifen hat.— Nach Beendigung der Ermittelungen werden wir Weiteres berichten. Ein Sozialisten-Prozeß vor dem königl. Landgericht zu Altona. Vorsitzender: LandgcttchtSdirektor Blumenthal. Staats- anwaltschaft: l. Staatsanwalt Groschuff. Vcrtheidiger: Dr. Türckheim,.Hamburg. Montag, den 15. November 1886. Die ,Dürgcr-Ztg." in Hamburg beuchtet: Verhandelt wurde gegen die Zigarrenarbeiter 1) Claus Saß aus Rendsburg, 2) Gust. Knuth aus Schafstcdt, 3) Joh. Wcde aus Süsel bei Eutin, 4) Joh. Jensen aus Schleswig, 5) Wilh. Hopp aus Pasewalk, 6) Johann Rassow aus Flensburg, 7) Traugott Heidrich aus Belitz, 8) Herm. Thomas aus Eilenburg und 9) Herrn. Stein aus Altona, welche angeklagt sind, als Mitglieder an einer ge- Heimen Verbindung theilgenommcn zu haben, deren Dasein, Verfassung und Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden sollte, und zu deren Zwecken gehört, die Vollziehung des Reichsgesetzes vom 21. Ottober 1878 und die zu dessen Handhabung in's Werk gesetzten Maßnahmen der Ver- waltungsbehörden durch ungesetzliche Mittel fottgesetzter Ver- breitung verbotener sozialdemokratischer Druckschriften zu verhindern und zu entkräften. Sämmtliche Angeklagte sind bisher gänzlich unbescholten, erscheinen aber durch die seit dem_ 4. August anhaltende Untersuchungshaft ziemlich angegriffen. Tie Anklageschrift lautet wie folgt: Am 4. August d. I. wurde die der Polizei als Sammelpuntt sozialdemokratischer Parteiführer bekannte Witthschaft von Richter (früher Grosz), Thalstraße 45, St. Pauli, von Polizeibeamten umstellt. Bei einer Durchsuchung des Lokals wurden in einem Zimmer des Kellers, welches sonst von einem Kellner als Schlaf- zimmer benutzt wird, die Angeklagten ad 1—7 vorgefunden und verhaftet. Unmittelbar darauf wurde auch Thomas in den oberen Witthschaftsräumen angetroffen und inhaftitt. Dasselbe Schicksal ereilte Stein am 15. August in seiner Wohnung. Beim Eintritt der Polizei in den Richter'schcn Keller fand man die Angeklagten ad 1—7 um einen Tisch sitzen. Alle hatten kleine Abrechnungsbücher, Saß Tinte und Feder und einen ver- schlosscnen Holzkoffer vor fich. Bei einer in dem Zinnner vor- genommenen Durchsuchung wurden folgende Gegenstände vor- gefunden und beschlagnahmt: 31 Stück Abeitcrmarseillaise von I. Audorff; eine Pattie Nr. 28 des„Sozialdemokrat"; Sammel- liste Nr. 789 für die Familien der Ausgewiesenen mit einge- gangenen Beittägcn; Kotten zu Lusttouren des„Eimsbütteler Sängerbundes" und der„Aphrodite"; Notizbücher mit Adressen und Berechnungen und ferner in den Kleidern der ver- schicdcnen Angeklagten Katten der vorgenannten Liedertafeln, kuvettitte Nummern des„Sozialdemokrat" und Notizen über Adressen. Auf dem Fußboden des Zimmers lagen 5 Packete, verwaltet, ausgereicht hatte, um alle ihre gemeinsamen Be- dürfnisse zu befriedigen, erwies sich jetzt als ungenügend, um die Witthschaft des Wittwers zu versorgen. Mit Staunen ftagte er sich oft, wie sie bisher die feinsten Weine hatten trinken, die besten Speisen hatten essen können, während er mit knapper Roth nur die allerbescheidensten Ansprüche be- ftiedigen konnte. Er machte Schulden; er lieh sich an allen Otten kleine Summen ganz nach der Att von Leuten, die in ihrer Vermögenslage durchaus herabgekommen sind. Als er nun gar eines Morgens— es war noch eine Woche vor dem letzten des Monats, an dem er wieder Gehalt empfing— keinen Pfennig mehr in der Tasche hatte, kam ihm der Ge- danke, irgend etwas zu vettaufen und zwar dachte er zu allererst an„das Galantettewaarengeschäft" seiner Gattin. Es war das um so eher begreiflich, als er diese auf Augen- täuschung hinzielenden Sachen nie recht hatte leiden mögen. Der Blick auf den Kasten, der die Schmucksachen enthielt, war sogar geeignet, ihm das Bild der Heimgegangenen für einen Moment in weniger hellem und reinem Glänze er- scheinen zu lassen. Lange wählte er unter dem wetthlosen Zeug, von dem sie eine Unmasse hinterlassen hatte, denn bis zu ihrer letzten Krankheit hatte sie immer Neues hinzugekauft, und es war fast kein Tag vergangen, an dem sie nicht irgend eine solche Lappalie mit nach Hause gebracht hätte. Er suchte und entschied sich endlich für eine große Halskette, für die er wohl, wie er meinte, sechs bis acht Franks bekommen würde, denn die Arbeit daran war, wenn man bedenkt, daß es schließlich doch nur falsche Steine waren, eine sehr saubere und sorgfältige. Er steckte die Kette also in die Tasche und als er sich dann nach dem Ministettum begab, machte er einen kleinen Umweg und ging über die Boulevards, um unter den dort befindlichen Bijoutettegeschäften eines auszusuchen, das ihm welche Exemplare der verbotenen„Sozialdemokratischen Biblio- thek",„Die Sozialdemokratie vor dem Deutschen Reichstags enthielten; ein Packet mit der Aufschrift A. v. Ewig, Kauf- mann in Neumünster, enthaltend 300 Sammellisten für den Wahlfond. In dem Holzkoffer, welcher vor Saß auf dem Tisch gestanden hatte, befanden sich zahlreiche Nummem des„Sozial- demokrat" und der verbotenen Schrift„Mucker, Pfaffen und Königsschwindcl"; Sammellisten für die Familien der Ausge- wiesenen in 102 Exemplaren; ferner eine fortlaufende Rechnung für die Zeit vom 1. Januar 1884 bis dahin 1885; sowie eine solche vom 1. Januar 1884 bis 30. September 1885; Berechnungen über ausstehende Wetthzeichen und Karten; Postscheine, darunter ein solcher an Frohme in Frankfutt a. M.; ein Brief von I. Gorlt aus Wandsbek an Saß; eine Bleistiftnotiz aus dem Organisationsplan; ein gedruckter Organisationsplan; Abrech- nungen über verbotene Druckschttften. In den Wohnungen der Angeklagten wurden bei vorgenommenen 5)aussuchungM Listen über Beiträge und verbotene Schriften vorgefunden, wie z. B.:„Was die Sozialdemokraten find und was sie wollend „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissen- schast",„Bastiat Schulze, von Lassalle",„Geibs Gedichte, „Aus Nacht zum Licht",„Die Frau, von Bebel",„Ein neues Wintennärchen" und andere mehr. Die Angeschuldigten de- streiten, einer Verbindung gedachter Art angehört zu haben und suchen ihre Anwesenheit in dem Richter schen Lokale, insbe- sondere in dem Zimmer des Kellners, theils durch Berufung auf einen Unbekannten, theils durch Behauptung eines Zu- falles zu erklären. Saß, welcher bei seiner Festnahme die vor ihm liegenden zwei Abrcchnungsbücher als sein Eigenthum an- erkannte, behauptete jetzt, daß ihm ein Unbekannter in der Richterschen Wirthschaft dieselben mit dem Bemerken:„Er solle doch nach unten gehen" übergeben habe. Daß diese beiden Abrechnungsbücher dem Saß gehören, nimmt die An- klage deshalb als erwiesen an, weil in dem Buche vier Bncfc vom Schuhmacher Villain-Elmshom mit der Unterschnst „Dein Ferdinand" lagen; ferner ein Bttef des Schuh- machcrs Kluß ebendaher, mit der Ueberschrift„Freund S." Ein bei Saß vorgefundenes Schlüsselbund erkennt Saß als sein Eigenthum an, kann aber nicht erklären, wie es kommt, daß der eine Schlüssel zu dem Holzkoffer paßt. Von einem mit I. Gorlt unterzeichneten Briefe bestreitet Saß, daß er an ihn geachtet sei, obwohl Gorlt zugegeben hat, daß er ihn an den Angeschuldigten gerichtet habe. Angeklagter Knuth de- hauptet, zufällig aus dem Witthschaftslokal in das Kellncrzimmer gerathen zu sein, als er das Pissoir aufsuchen wollte. Den be> Wedc vorgefundenen Organisationsplan will dieser von einem Unbekannten in St. Pauli empfangen haben. Jensen be- hauptet ebenfalls, auf dem Gange zum Pissoir in das Kellner- zimmer gerathen zu sein. Hopp will von einem Unbekannten die Aufforderung erhalten haben, nach der Richter'schcn Witthf schaft zu gehen. Bezüglich der Notizen in seinem Notizbuw räumt er ein, daß dieselben fich auf das Abonnement des „Sozialdemokrat" beziehen. Rassow will ebenfalls von einem Unbekannten die bei ihm vorgefundenen Schrift stücke bekommen haben. Heidrich gesteht zu, daß er ein Packet, enthaltend die Broschüre„Die Sozialdemokratie vor dem Deutschen Reichstage", nach der Kellerwitthschaft getragen ham, dieses soll auf Aufforderung� eines Unbekannten geschehen sein- Thomas giebt zu, daß er Saß, Wede und Knuth kennt und daß er sich mit denselben wiederholt im Kellnerzimmer zun' Zwecke seiner Bildung über die Prinzipien des Sozialismus unterhalten habe. Er bestteitet, den„Sozialdemottm verbreitet zu haben, will aber Abonnent sein. Zeuge Gastwwd Richter Hai die Witthschaft am 5. Mai d. I. von dem WuM Grosz übernommen. Nach seiner Angabe sind die sämmtvw� bei ihm verhafteten 8 Angeklagten bei ihm regelmäßig mss 14 Tage zusammen gekommen und haben sich unter der Bor- gäbe, über Krankenkassenangclegenbciten verhandeln zu wollen, m ein besonderes Zimmer, anfänglich in das neben dem B'�rd- simmer belegene, später in das Schlafzimmer des Kcllncru zurückgezogen.. Richter hat bemerkt, daß die 9W' schuldigten Packete mitgebracht und beim Fortgehen o>m kleinen Kasten, auch Packete unter die Treppe go�s. haben. Er hat auch wahrgenommen, daß Saß" diesen Versammlungen den Vorsitz geführt und von Anweicu den Geld angenommen hat. Zeuge Kellner Bockel bestätigt®, Angaben des Richter vollständig. Richter habe ihn jedes if' mit dem Bemerken,„die Altonaer kommen" angewiesen,® Zimmer zurecht zu machen. Nach der ersten Zusammenkunft n der Kellner unter seinem Bett ein Packet vorgefunden, uc® die Organisation der verbotenen Verbindung, die Stellung® einzelnen Angeklagten in derselben ist folgendes ermittelt. � bei Wede vorgefundene Organisationsplan hat folgenden>!, halt: i. Abth.: Att.>. Die Leitung der Organisation w>. wird 1) durch ein aus 12 Personen bestehendes Zentral-W®® komitees, 2) durch die Lokal-Wahlkomitees, 3) durch die® einigten Bezirksführer gehandhabt. Erstere sind die ausfubro' dsn Behörden, letztere die bestimmende Behörde..Art. 1. Aus Urwahlen der aktiven Parteimitglieder m r. betreffenden Bezirken gehen die Bezirksführcr WL) 2. Die Lokal- Wahlkomitcc- Mitglieder(Disttiktstull� werden von den aktiven Parteimitgliedern gewählt. 3._ Zenttal-Wahlkomiiee-Mitglieder werden auf den Besirksfuv Versammlungen eines jeden Wahlkreises gewählt. 4. Aus � Wahlen der Bezirksführer eines jeden Wahlkreises werden �evssomysomohHürbießontW�erZnitral�al�®!!�� Vertrauen einflößte und an dessen Besitzer er sich'n � recht peinlichen Angelegenheit wenden könnte.. Ct Endlich fand er ein solches und trat in den 2a®/?' z schämte sich, einem ihm unbekannten Menschen Mitth®"� machen zu müssen von der drückenden Lage, in der er> befand und diesem ein solch wetthloses Ding zum 51 anbieten zu müssen— aber was half's?.. »Mein Herr," begann er, sich an den Geschäfts'"'' � wendend,„ich möchte gern wissen, wie hoch Sie dieft � hier taxiren." sie Der Kaufmann nahm sie, betrachtete sie, w®"®' um, betrachtete sie wieder, nahm dann eine Lupe J«* r, nef dann seinen Kommis, mit dem er einige leise, merkungen austauschte, legte dann die Kette auf den � � tisch und trat einige Schritte zurück, um ihren M® ber Entfernung zu betrachten und ihn danach bejier s uttheilen.. Lantin fühlte sich durch so viele Weiterungen chen genitt; er wollte schon den Mund aufthu? un si, „Geben Sie sich nicht so viel Mühe! Ich weiß s®? daß das Ding keinen besonderen Werth hat"-- 0. bis bemerkte:„Mein Herr, diese Kette ist zwölftanl fünfzehntausend Franks werth, ich kann. st®~# aber nur dann abkaufen, wenn Sie mir ganz 9{-„d." theilen, wie Sie in den Besitz derselben gekommen l' �ui Der Wittwer rife die Annen meit auf: er Iva mtyi uuiui vrtvmmen. �cy tann„Minen 1 i£«' send Franks geben. Wenn Ihnen ein Anderer' � bietet, können Sie jederzeit zu mir zurückkommen Summe erhalten." (Schluß folgt.) �nterstutzungskasse gewählt. Zu einem Panettongreg werven me Delegirten von den Bezirksführern und Stellvertretern des betreffenden Wahlkreises gewählt. Auf einer allgemeinen Be- Zirksführer-Verfammlung hingegen werden die Instruktionen er- weilt, auf Grund deren die Delegirten die Vertretung auf dem Kongreß zu übernehmen haben. Art. I i. Für jeden Wahlkreis fmd zwei Zentral-Wahlkonntec-Mitglieder zu wählen. In Art.>V. ist die Wahl der Vertrauensmänner geordnet. Daselbst heißt es in Absatz 2 wörtlich wie folgt:„Vertrauensmänner, welche stch etwas zu Schulden kommen lassen, oder grobe Un- vorfichtigkeiten begehen, müssen sofort auf Antrag der Körperschaft abgesetzt werden." In Art. V sind die ■pflichten und Rechte der Vertrauensmänner erörtert. Es heißt darin wörtlich: Die Bezirksführer haben dahin zu wirken, immer wehr Anhänger für die Partei zu gewinnen und die für die Partei bestimmten Gelder auf die vom Zentral-Wahlkomitee vorgeschriebene Weise zu sammeln. Die Tistriktsführcr haben die Geschäftsleit rng in den Distriktsversammlungcn zu führen. ferner haben dieselben an der Geschäftsleitung ihres Wahl- »eises thcilzunehmen, wie auch aus ihrer Mitte den Kasfirer des Wahlkreises zu wählen. Tie Mitglieder des Zentral- Wahlkomitees haben sämmtlichc Vertrauensmänner zu über- wachen und speziell im nördlichen Belagerungsgebiet die Geschäftsleitung zu führen. Ebenso hat dasselbe Beschwerden iu untersuchen und eventuell zu schlichten. Das Zentral-Wahl- komitee hat ferner die Zentral-Wahlkasse und die Unterstützungs- lasse zu verwalten, das Zeitungswesen zu leiten und d'e Korrespondenz mit dem Vorstand und den geschäfts- tuenden Vertretern der Paftei in Deutschland zu führen; lurz, es ist Aufgabe des Zentral-Wahlkomitees, nach außen wie nach innen die Interessen der Partei zu wahren und in diesem Sinne zu wirken. Als aktives Mit- ssstod ist nur derjenige zu betrachten, der in der Liste des Be- äirksführers eingetragen ist. Die 2. Abtheilung behandelt das Kassenwesen, nämlich: 1) Lokalwahlkassc, 2) Die Zentralwahl- wsse, welche besteht a. aus den jetzt vorhandenen Parteigeldern, v- aus dem Erlös der Werthzeichen, c. aus etwaigen Geschenken. ■v Tic Untersiützungskassc, welche besteht a. aus den Erträgen «er Sammelbögen, b. aus den Ueberschüsscn der von der Partei veranstalteten Festlichkeiten, c. aus etwaigen Geschenken. Nach ver Kassenordnung geschehen alle Abrechnungen von der Bezirks- b»s zur Zentralkasse durch Kontobücher, welche vom Zentral- Wahlkomitee geliefert werden. Bezüglich des Bezirkskontobuches ist ausdrücklich vorgeschrieben, daß darin die unteren Mann- lchaftcn den Betrag, den sie abzuliefern haben, eigenhändig einschreiben, ohne Nennung des Namens, sondern nur nach Nummern.— Genau derselbe gedruckte Organi- latwnsplan ist zu Ottensen im Zimmer des Zigarren- arbeitcrs Kückelhahn, welcher durch Urtheil des Land- Serichts Altona vom 19. Februar d. I. wegen Verbrei- tung verbotener Druckschriften zu einer Gefängnißstrafe von « Fahren 6 Monaten veruftheilt ist, vorgefunden worden; außerdem ein wörtlich gleichlautender Abdruck in anderer Form und eine als Entwurf bezeichnete Kassenordnung für das Be- «agerungsgebict Hamburg und Umgegend. Der vorerwähnte last gleichlautende Abdruck des Organisationsplanes ist auch bei vem Zigarrenarbeiter Denk in Ottensen vorgefunden worden, welcher wegen Verdachts Verbreitung sozialdemokratischer Druck- ichriften verhaftet worden war und von der Regierung in Schleswig ausgewiesen worden ist. Daß der bei Wede vorge- fundcne Organisationsplan für die von den Angeklagten ge- bildete Verbindung maßgebend ist, soll nach der Anklage aus einem mit Bleistift geschriebenen Zettel hervorgehen, welcher in dem Holzkoffer gefunden wurde. Auf den Zettel ist mit Bleistift Abschnitt 4, Absatz 2 obigen Planes wörtlich nieder- geschrieben und dazu folgende Bemerkung gemacht:„Die Perttaucnslcute weroen auch noch auf§ 4, Absatz 2 des Lrganisationsplanes hingewiesen. Als grobe Unvorsichtigkeit f es unter Anderem besonders, wer bei Vertheilung von lgschriften, Sammellisten, Organisationspläne u. s. w. bei trägt und wer, nachdem er von der Behörde aufgeschrieben klant n �aus nicht rein hält."— Die Stellung der Ange- ftn'n der vermuthcten geheimen Verbindung hat die An- ..A ssch aus einem im Holzkoffer gefundenen Zettel zu erklären L; 4t. Auf demselben stehen mit Bleistift geschrieben ver- Sfacnc Namen. Darunter die von Wede, Jensen, Thomas fi*?aß. Heber den zuerst genannten drei Namen befindet 'JW e,n c W roQg nach der Anklage Zenttal-Wahlkomitee fvll. Die Namen Denk und Kückelhahn sind durch- tAr; ir" und dafür Jensen und Thomas gesetzt, so daß diese, «?,/Bt die Anklage, die früheren Stellungen Jener ver- g," tct haben. Heber dem Namen Saß steht ein 8. V., was o®., Schriften- Vertrieb gedeutet wird. Die auf dem Ia, ii- uicht mit aufgeführten Namen der übrigen Ange- huldigten sollen Bezirks- und Distriksführer gewesen sein. An?? �n'etI und die Beschäftigung der Verbindung glaubt die uuage aus den aufgefundenen Rechnungen und Kontobüchern (nr!)- Zu können.' Vier solche Abrechnungen behandeln Nlausend die Einnahmen und die Ausgaben für die Zeit 31,- Dezember 1884 bis dahin 1885. Am 31. Dezember 3i as 1,4 c,n Kassenbestand von 8194,94 vorgetragen. Am Ti.$cm6cr 1885 ist ein solcher von 6735,83 M. verblieben. unh Zunahmen resultiren aus Listen von Harburg, Altona g,,,,4tarmbck und aus Beiträgen von einzelnen Personen und B. die lustigen Musikanten von den alten Griechen. «em-Jf gaben bestehen in Zahlungen an die Familien der Aus- E?cnm, für Reisen. Rechtssachen. Drucksachen Lokale, Kranze, aX n uni) dergleichen mehr. Es kommen u. A. folgende Aus- »abcn vor: AnB. zur allgemeinen St.-Wahl(?)3000M.. Anwesen- »-'„Fahrt und Diäten 66,25 M.. nach Lübeck und Bremcnwegen Sjrsfcn Oldenburger Wahl 322,60 M., Anwesenheit H., bahn""d Diäten 97,20 M. Mit H. nach Harburg, Pferde- lU'c>. Droschke, Logis 43,50 Mark, nach Frankreich 2£— 800 M, Telegramm nach New-Nork 55 M-, für für ärn,®4 H- 4 186 M.. Tiätenfonds mit Porto 2500,8a M, 9r:-klgltati-—---- f•'- x.— c— v- Infe Pafteikongreß werden L«r yirtiirtii � �..—.y,— Holstein 95 M. Drei andere fortlaufende ber i«or 3o!? betreffen die Zeit vom 1. Januar bis 30. Dezem- % Pf""w 1. Januar ist ein Kassenbestand von 5618 M. �afsenfipf? ve öcn- Am 30. September 1885 bleibt ein �'der Zt D0" 8285,10 M. In Einnahme find gestellt dkn j den Wahlkreisen 1—6; ferner Beiträge von einzel- aus A[t?!len und Klubs, z. B. von dem„vuckligen Schulz" 60 M nnrf, Ctrnnfreicb 800 M., Fr, 150 M. Vier andere wL' uach Frankreich ouu WF, iw rvl. xsiti Ausnnii. x�uungen enthalten anscheinend Einnahmen und auch 1,;*" des Lokalwahlkomitces. Als Einnahmequellen find Krafl-r? bezeichnet Sammellisten, Wefth, eichen,„Jakob", versinn>.,st?d Bücher. Der Inhalt der Kontobücher ist schwer ,el».TWch. da er fast Inhalt der aus arabischen mmm »Sozialdemokrat", da nach dem Organisationsplane dem Zentral- Wahlkomstee die Verwaltung des Zeitungswesens obliegt. Das Vettreiben will man daraus folgern können, weil der„Sozial- demokrat" den Abonnenten jetzt in gelben, früher in bläulichen Kuverts ohne Adresse geliefert wurde und man solche Kuverts im Besitze der Angeklagten gefunden hat. Die im Kellner- zimmer vorgefundenen Reste von Kartons sollen den Ver- brauch von 2000 derartigen Kuvetts beweisen. Nach dem Organisationsplane besteht die Einnahme der Zentral- Wahlkasse zum Theil aus Werthzeichen. Hierunter sollen nach der Anklage Druckschriften verstanden werden, welche die sozialdemokratische Organisation vertreibt. Dieselben sind namentlich aus den beiden Hauptniederlagen der sozialisttschen Schriften: Expedition des„Sozialdemokrat" und Verlags- buchhandlung Hottingen-Zürich bezogen. Daß solche Schriften vertrieben find, will man daraus entnehmen, daß ein Preis- kurant darüber vorgefunden ist. Femer schreibt der Geschäfts- führer der Buchhandlung von Wörlein und Ko. in Nürnberg, wie ein im Koffer vorgefundener Brief beweist:„Es bestimmt die Parteileitung diese Brochüren und Werthzeichen und können dieselben, da die Zenttalleilung dieselben bestimmt, nur von Nürnberg bezogen werden." Die Anklage hält es für erwiesen, daß folgende verbotene Druckschriften:„Arbeitermarseillaise von I. Andorf",„Sozialdemokratische Bibliothek",„Mucker, Pfaffen und Königsschwindel" und„Marseillaise des Christenthums" von Dr. Friedrich Krasser, von den Angeklagten vertrieben worden sind. Angeklagter Wede hat bei seiner Verhaftung zwei mit rother Dinte geschriebene Zettel bei sich geführt, von denen der eine eine Abrech- nung über solche Wcrthzeichen und Broschüren enthält. Ein gleicher Zettel gleichen Inhalts wurde hei Stein vor- gefunden. Wede will Stein nicht kennen, während Stein dm Wede kennen will. Die mit rother Dinte geschriebenen Zettel soll nach Gutachten des Schreibverständigen Krambeck Ange- klagter Stein geschrieben haben. Auf dem zweiten bei Wede vorgefundenen Zettel warm verschiedene Adressen verzeichnet, darunter die des Schneiders Froh. Auf den vorgefundenen Abrechnungen siguriren noch folgende verbotene Bücher und Brochüren:„Die Frau und der Sozialismus von Bebel",„Vor- wärts", verschiedene Lassallcssche Schriften,„Änti-Syllabus", Cetemm Censeo" von Dr. F. Krasser, zum„Reichshaus- Haltsetat von Liebknecht",„Der Normalarbeitstags von Geib",„Die nationale Mission der deutschen Sozialdemolratte", „Demagogie und Sazialdemokratie von Frohme",„Aus Nachl zum Licht von Frohme";- femcr soll aus dm Abrechnungen hervorgehen, daß„das Grab zu Ottensen" in 2 mal 235 Crem- plaren verkauft worden ist. Aus den im Holzkoffer aufgefun- denen Rechnungen geht hervor, daß die Angeklagten mir dem Reichstagskandioaten Molkenbuhr in Kellinghusen in Verbin- dindung gestanden haben. Daß die Angeklagten sich auch mit der Sammlung für die Familien der Ausgewiesenen beschäftigt haben, soll aus den vorgefundenen benutzten und unbenutzten Sammellisten hervorgehm. Daß endlich die Beträge aus ver- anstaltctcn Festlichkeiten in die Kassen der Verbindungen ge- flössen sind, sollen die zahlreich aufgefundenen Karten zu Lust- touren der Liedertafeln„Eimsdütteler Sängerbund" und„Aphro- dite" bekunden und wird angenommen, weil die Abrechnungm über diese Touren durch die Bücher der Verbindungen gegangm sind, daß die Touren nicht von den benannten Liedertafeln, sondern von der sozialdemokratischen Parteiorganisation für Rechnung derselben veranstaltet sind. Die vernommenen Vorstände der Liedertafeln haben auch über die Einnahmen und Ausgaben keine Auskunst geben können. Nach dem Pro- tokollbuch der„Aphrodite" ist in der Generalversammlung vom 14. November 1885 der Antrag gestellt worden, bei Aufnahme neuer Mitglieder strenge zu untersuchen, ob und wo sie der Organisation angehören und ob sie ihren prinzipiellen Verpflichtungen regelmäßig nachkommen. Saß, Wede, Jensen, Hopp, Rassow, Heidrich, Thomas und Knuth werden angeklagt, durch zwei verschiedene selbst- ständige Handlungen zu Hamburg in den Jahren 1885 und 1886 als Mitglieder an einer im Sinne der§§ 128 und 129 des R-St-G-B. verbotenen Verbindung theilgenommcn und gemeinschaftlich verbotene Druckschriften verbreitet zu haben, Stein des letzteren Vergehens durch wenigstens zwei verschiedene selbstständige Handlungen.(Schluß folgt.) Nereme und Versammlungen. t Die neue„Hansa"(Hahn, Achilles u. Co.) hat ein etwas sonderbares Mittel angewendet, um in die Oeffcntlichkeit zu treten: sie berief am Montag eine Versammlung der An- nahmcstellen-Jnhaber und der Beamten der alten„Hansa"(R. Kühn) nach dem Restaurant Buggcnhagen am Moritzplatz zu einer Vorbesprechung und lud gleichzeitig die Vertreter der Presse ein, wohl um auf billige Weise für sich Reklame zu machen. Es mochten ungefähr 600 Personen erschienen sein, zum größten Theil Geschäftsleute, welche die 10 pCt. Provision, welche die alte Hansa für Verkauf der Wefthzeichen ze. ihnen gezahlt hatte, nicht gern missen wollen. Wir haben unteren Standpunkt zu dem Privatpostbetricb zu verschiedenen Malen auseinandergesetzt; wir müssen gestehen, daß wir in unserer Abneigung gegen ihn durch die Montagsversammlung nur be- stärkt worden sind. Tie leitenden Größen der neuen„Hansa" machten, soweit sie in der Versammlung als Redner auftraten, auf uns nicht gerade den besten Eindruck. Ein Herr Anderssen, der sich selbst als„Schlachtopfer" des Herrn Kühn bezeichnete, hielt eine phrasenreiche Rede, in der er mit großer Bescheidenheit seine eigenen Verdienste und des„Heim Direktor Achilles" in das rechte Licht setzte und an Herrn Kühn keinen'guten Bissen, so zu sagen, mehr ließ, dem er auch die intellektuelle Urheberschaft des famosen Konttaktes, den die Hansaboten unterzeichnen mußten, aufbürdete. Leider verschwieg der Herr den Wortlaut des Kontraktes, den die neue Gesellschaft ihren Boten vorzu- legen gedenft. Von diesen Boten wurde überhaupt merkwürdig wenig gesprochen, besonders über das Gehalt, welches sie beziehen sollen, wurde während der ganzen Versammlung kein Wort ge- redet. Nur erwähnte Herr Anderssen, daß sich bei ihm und bei Herrn Achilles viele alte Hansaboten gemeldet und sie um des Himmels willen gebeten hätten, sie möchten doch ja eine neue Gesellschaft gründen;„sie wollten gern ihre Kaution ihnen schenken und vierzehn Tage lang auf den Lohn verzichten."(!!) Herr Anderssen, der mit Würde das erhabene Gefühl zur Schau trug, ein Wohl- thäter der Menschheit zu sein und der dreihundert hungernden Botcnfamilien wegen eine neue Gesellschaft mitgegründet und einen(gut bezahlten) Posten in derselben angenommen zu haben, verfichette zwar stnädia, daß die Gesellschaft auf solche Anerbicttmgen nicht emzugehen brauche, aber— wir werden uns später sprechen. Jedenfalls mußte es im Gegensatze hierzu sehr eigenthümlich berühren, mit welchen Mitteln die neue Ge- scllschaft die Annahmestelleninhaber zu gewinnen sucht. Sie schenkt ihnen sofott 5 Mark in Wefthzeichen, den sog. eisernen Bestand, der nicht bezahlt zu werden braucht. Wenn man nur nicht versucht, diesen Verlust durch Drücken der Löhne der Boten und niederen Beamten auszugleichen.— Auf die weiteren Interna der Gesellschaft, die dann lang und breit eröfteft wurden,— so will die neue.Hansa Eilbnefc zum Pofto von 10 Pf. bestellen — näher einzugehen, verzichten wir. Nur wollen wir erwähnen, daß sie am 25. d. M. ihre Thätigkett beginnen wird. An schönen Rebensäften haben es die Gründer nicht fehlen lassen. Herr Achilles ging sogar so weit, die mittelalterliche Hansa zu zitiren und sie als Vorbild hinzustellen; hoffentlich werden die Thaten nicht allzusehr im Widerspruch mit den schönen Woften "C' Der Fachverein der Steinträger hielt am letzten Sonn- tag eine Mitgliederversammlung in Scheffer's Salon, Insel- sttaße 10, ab mit der Tagesordnung: Innere Vereinsaugelcgen- heiten, Verschiedenes und Fragekasten. Die Versammlung ehrte mnachst das Andenken des verstorbenen Mitgliedes Wilhelm Neumann durch Erheben von den Plätzen.— Die Frage, auf welche Weise die Beittäge für die Trauermusik einkasstft werden sollen, beantwoftete Herr Steinberg dahingehend, daß dieselben im Quittungsbuch extra gestempelt werden. Herr Rennthaler machte darauf aufmerksam, daß verschiedene Mitglieder schon im Voraus ihre Vereinsbciträge bezahlt haben uno ermahnte dieselben, in dieser Hinsicht(Beiträge für Trauermusik) gleich- falls ihren Pflichten nachzukommen. Auch sprach er sein Be« dauern aus, daß sich so wenig Mitglieder bei der letzten Beerdigung betheiligt haben. Die Versammlung beschloß hierauf, monatlich zwei Mitgliederveftammlungen abzuhalten und zwar eine im Süden, die andere im Norden Berlins. Ferner wurde beschlossen, die regelmäßigen Versammlungen im Vereinslokal abzuhalten und die Regelung der Wanderver- sammlungen dem Vorstand zu überlassen.— Die Fachvercins- Versammlungen sollen regelmäßig am Sonntag vor dem 15. jeden Monats stattfinden.— Der Vorsitzende sprach sein Bedauern aus, daß sich so wenig Mitglieder an der Zahlung zum Unter- stützungsfonds bctheiligen und forderte dieselben auf, ihren Pflichten besser nachzukommen. Die Beschwerde eines Kollegen wurde dem Schiedsgericht und ein Unterstützungsgesuch der Fachkommission zur Recherche überwiesen. Ein anderes Unter- stützungsgesuch wurde abgelehnt.— Für die Wittwe des ver- slorbenen Koll. Neumann wurde eine Telleftammlung veranstaltet. Bei Erledigung des Fragekasten kam u. A. zur Sprache, daß am letzten Sonnabend auf dem Neubau Skalitzerstraße 40 der Lohn nicht ausgezahlt worden sei. Hierüber entspann sich eine sehr lebhafte Debatte. Herr Rennthaler machte darauf aufmcrk- sam, daß man solche Fälle nicht so leicht nehmen dürfe, da man sonst dem Bauschwindel Vorschub leisten würde. Der Vorsitzende machte die betreffenden Kollegen darauf aufmerksam, den Vor- stand so schnell wie möglich zu benachrichtigen, ob sie ihr Geld an dem vom Arbeitgeber bestimmten Tage erhalten haben oder nicht, damit derselbe weitere Schritte in dieser Angelegenheit thun könne. Der Vorsitzende ermahnte zum Schluß noch, recht zahlreich auf das„Berliner Volksblatt" zu abonniren. Ferner wurde noch darauf aufmerksam gemacht, daß am 20. November von der„Krankenkasse der Bau- und Fabrikarbeiter" ein Kränz- chen arrangift wird und wird zu zahlreichem Besuche desselben aufgefordert. Die nächste Versammlung findet am 12. Dezember statt. Die freie Vereinigung der Lederzurichter und Loh- aerber Berlins hielt am Sonntag, den 14. d. M., in Dräscl's Restaurant, Neue Fnednchstt. 44, eine zahlreich besuchte Ver- sammlung unter Vorsitz des Herrn Busse ab. Nach geschäft- lichen Mittheilungen ermahnte der Vorsitzende zu weiterem, regem Zusammenhalten, damit die Zwecke der Vereinigung zu voller Geltung gebracht würden. Darauf hielt Herr Dr. Max Baumgaft einen beifällig aufgenommenen Vorttag über das Thema:„Die praktische Kriminaljustizpflege während des Mittelalters mit besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Verhältnisse der Mark Brandenburg und Berlins." Fachverein der Steindrucker und Lithographen. Ver- sammlung am Donnerstag, den 18. d. M., Abends 8i Uhr, bei Gratweil, Kommandantenstt. 77—79. Tagesordnung: 1. Vorttag des Herrn A. Schulz über:„Verfolgt der Verein die ihm von Herrn G. Blunk in der„Lithoqravhia" untergc- schobenen Tendenzen?" 2. Diskussion. 3. Verschiedenes und Fragekasten.— Gäste sind willkommen. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Herr G. Blunk ist zu dieser Versamm- lung schftftlich eingeladen.— Billets zu dem am Sonnabend stattfindenden I.Stiftungsfeste(Herren- Abend) sind in der Ver- sammlung, ferner bei den Komiteemitgliedern Herren Kaiser, Michaclkirchplatz 8; Hendrich, Langestt. 86; Kerlin, Bernauer- straßc 59; Schulze(Schöneberg), Golzstraße 1»; Spielmann, Naunynsttaße 36; Prcuß, Böckhsttaße 39; Lehmann, Acker« sttaße 160, sowie bei sämmtlichen Vorstandsmitgliedern zu haben. Fachverein der Putzer. Mittwoch, den 17. November, Abends 3j Uhr, im Vemnslokal, Jnselstt. 10: Mitglieder-Versammlung. Tagesordnung: Diskussion über einzelne Aftikel der„Baugewerks-Zeitung" und Vereins-Angelegenheiten. Ortstrankenkasse der Gürtler. Donnerstag, den 18. November, Abends 8 Uhr, Generalveftammlung bei klinke, Ad- miralstraße 38. Tagesordnung: Wahl von 4 Vorstandsmit- gliedern. Eine öffentliche Versammlung junger Kaufleute aller Branchen findet am Donnefttag, den 18. November, Abends 9 Uhr, statt. Tagesordnung:„Welche Mittel sind geeignet, die Lage der Handlungsgehilfen zu verbessern?" Referent Herr Mieckcr. Freie Diskussion. Demokratischer Verein zu Verlin. Veftammlung Witt- woch, den 17. November, Abends 8J Uhr, in„Berliner Hof- bräu", Taubenstr. 34. Tagesordnung: 1. Die Selbstverwaltung unter dem System Puttkamer. Referent: Herr Ernst Schiegnitz. 2. Vereinsangelegenhciten. Ortskrankenkasse des Zimmerer-Gewerbes. General- Versammlung Donnefttag, den 18. November, Abends 8 Uhr, Linicnstr. 8 bei Siemunv. Tagesordnung: 1. Wahl des Vorstandes. 2. Wahl des Prüfungsausschusses. Ki-anken-Unterstützungsbund der Schneider nein. Diese Kunden geben mir stets eine größere Banknote in Zahlung und ich gebe ihnen das Kleingeld in die Hand, worauf fie es, ohne anzuschauen, in die Tasche stecken, als spiele Geld bei ibnm gar keine Rolle." „Das find wohl junge Kaufleute, dieaern die„Großen" spielen möchten, ohne daß es ihnen ihre Mittel erlaubten?"„Auch das stimmt nicht", erklärte der Verkäufer;„es sind meistens ganz gesetzte Kauflcute mit ihren Kunden vom Lande, denen fie auf diese Weise gewaltig imponiren." Noble Schmuggler, Der Hamb.„B.- Ztg." wird aus Ottensen berichtet: Nachdem unser Stadtverordneter Herr L. in der am Freitag stattgehabten städtischen Kollegiensitzung für sich gesprochen und als Wächter über den Ottenscr Stadtsäckel ge- wacht, damit nicht etwa 1,50 Mark für das grüne Tuch mehr verausgabt werde, ging er nach Hause, um seine Frau nach einem Manufatturwaarenladen in.Haniburg zu begleiten, wo dieselbe fich Zcug zu einem schwarzseidenen Kleide kaufen wollte. Ob man dort nun über die Oualität des Stoffes ebenso scharfe Debatten geführt und denselben ebenfalls einer solch' langen Prüfung unterzogen hat, wie der Herr L. dieses bei dem grünen Tuche in der �tadtverordnctensitzung that, möchten wir bezweifeln, denn in einem Zeiträume von lj Stunden waren die Herrschaften schon wieder zurück. Auch dieses hatte seinen guten Grund und zwar war dieser Grund eine sogenannte„Idee von Schiller". Bevor der Herr Stadtverordnete nach Hamburg ging, fing er nämlich ein vertrauliches Gespräch mit dem am Lohbusch- tunnel postirten Zollbeamten an, in dessen Verlauf er denselben fragte, ob er nach zwei Stunden auch noch auf derselben Station Posten habe, welches bejaht wurde. Diese Frage nun mochte wohl dem Zollbeamten aufgefallen sein. Die Zeit war ver- flössen, der Tunnel am Lohbusch sollte auf dem Heimwege passirt werden. Die Frau Gemahlin ging mit ihrem ganz ungewöhn» lichen Bauchumfange voran und Papa L. hinkte, um mit den Israeliten zu reden, als„Koscherzettcl" nebenher. Ter Zoll- kontroleur hielt aber alle Beide an und befragte sie, ob sie etwas Verzollbares bei sich trugen. Ein zögerndes, aber verdächttges „Nein" ging über die Lippen der Verblüfften. Trotzdem sor- derte der Zollbeamte fie auf, ihm nach dem Hauptbureau zu folgen. Alles Bitten und Vorstellen als„Stadtverordneter" half nichts, denn der Beamte blieb seiner Pflicht getreu. Auf dem Hauptbureau durchsucht, stellte sich heraus, daß Frau „Stadtverordnete" L. sich eine schwarzseidene Leibbinde von be- deutender Länge und Breite zugelegt hatte. Nachdem man sich nun von Seiten der Direktion über unfern fürsorglichen und sparsamen Stadtvater genugsam gewundert, wurde die jeden- falls ziemlich kostbare Robe beschlagnahmt. Die„noblen Schmuggler" haben jedenfalls noch eine nicht unerhebliche Zoll- strafe zu gewärtigen._ Kehte Nachrichten. Verboten auf Grund des Sozialistengesetzes wurde das Flugblatt mit der Ueberschrift: Arbeiter, Bürger! den Anfangsworten:„Seit acht Jahren steht Berlin u. s. w." und dem Schlußsatz:„Hoch die inernationale revolutionäre Sozial- dcmokratie!", angeblich im Druck und Verlag der Schweiz?- rischen Genossenschafts-Druckcrei in Hottingen-Zürich hergestellt. Der Generalrath der sozialdemokratischen Vereinigung in London verständigte, nach der„Voss. Ztg.", den Polizeichef, daß man an der Absicht festhalte, am nächsten Sonntag auf Trafalgar Square eine Kundgebung der Arbeits- losen abzuhalten. Die verschiedenen Abthcilungen der Theil- nehmer würden mit Musikkapellen und Fahnen nach dem Square ziehen. Gleichzeitig richtete der Gcneralrath eine Zuschrift an Salisbury und ersuchte ihn, am nächsten Sonntag ausnahms- weise in London zu bleiben, um eine Deputation unbeschäftigter Arbeiter als Vertreter der Kundgebung zu empfangen. Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vermittler, Berlin, den 16. November 1886. Geräucherte und marinirte Fische. Größere Zufuhren erwünscht. Bratheringe per Faß 1,50—2,25 M. Russische Sardinen 1,50—1,60 M. Rheinlachs 2,50—2,90, Weser- und Ostscclachs 1,20-1,60, Flundern, kleine 2,50- 5,00 M, mittel 7,50—16 M., große 18-27 M., Bücklinge 1,80-4,00 M. per 100 Stück. Sprotten 40 bis 45 Pf. per Pfund. Rauchaal mittel 1 M. per Pfd. Schaalthiere. Austern 7,00-12,00 M. pr. 100 Stück. Mießmuscheln 70-80 Pf. per 100 Stück. Eier 2,90 M. pr. Schock netto. Eier find begehrt; größere Zufuhren erwünscht. Butter. Die Butterpreise halten sich unverändert. Zu- sendungcn nur in>» Waare in Zentncrtonncn gut zu ver- wctthen. Frische feinste Tafelbutter zc. 120—125, feine Tafelbutter'. 110-118,». 95 bis 108, M. fehlerhafte 85 bis 90. Landbutter I. 90—96, 1'. 80 bis 85 M. Galizische und andere geringste Sorten 55—72 M. pr. 50 Ko. Käse. f. Ouadrat- Sahnenkäse begehrt und gut be- zahlt.). 56-63,". 50-55, l". 42-43, Quadrat- Backstein I. fett 20-25, K. 10-16 M., Limburger>. 30 bis 35, Ii. 20—25, Rheinischer Holländer Käse 45—58 M., echter Holländer 60—65 M., Edamer'. 60—70, Ii. 56— 58, französischer Neufchateller 16 M. pro 100 Stück, Roquefort 1,20—1,50 pro Pfd. Blumen und Blätter. Rosen-Hochstämme 45—55, nicdrig- veredelte 16—20 M. pr. 100 Stück, Primeln 13—15 M. pr. 100 Stück. Auktion jeden Dienstag und Freitag um 11 Uhr Vormittags. Obst und Gemüse. Birnen 6,00 bis 8,50, Tafelbirnen 10-20, feinste Sotten 20-40 M., Aepfcl 6,00-9,00 M., Tafeläpfel 10—20 M., feinste Sotten 20—36 M., Maronen 20-30 M., Wallnüsie 20-30 M. pr. Ztr. Zwiebeln 4,50-6.00-8,00 M. ver 100 Pfd., Weißfleischige Speisckattoffeln 2,80-3,60, rothe 2,80-8,00, blaue 2,50-3,00 per 100 Ko., groß Sellerie 7—10 M-, klein 3—7 M., Meerrettig 7-12 M., Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück. Kohlrüben 1,50—2,00 M. per Zentner. Wild. Hasen knapp, werden gut dezahlt, anderes Wild wird in größeren Mengen zugefühtt. Rehe 45—55, fehlerhafte 40 bis 45, Hirsche, sehr starke und fehlerhafte 20 bis 30, l. 30 bis 38, Tammwild 35 bis 45, Wildschwein 35 bis 56 Pf. pr. Pfd., Rebhühner, junge 120, alte 90 bis 110 Vf., Fasancnhcnnen 2,40 bis 2,50, Fasanenhähne 2,70 bis 3,70 M., Hasen 3,20—3,60, Kaninchen 45— 55 Pf. p. Stck, Krametsvögel 25 bis 26 Pf. per Stück. Auerhahn 3,00-4,50 M- Bitthuhn 1,75—2,50 pr. Stück. Schnepfen 2,20—2,80, Bekassinen SO bis 75 Pf. pr. Stück. Die Wildaustionen werden täglich im Bogen 4 um 9Vi Uhr Vormittags und 6 Uhr Nachmittags ab« gehalten. Die Engros-Auktionm finden vermehtte Aufnahme. Auch aus entfernteren Städten kommen Händler hierher, in der Auttion ihre Einkäufe zu besorgen, weil fie hier bei der großen Aus- wähl vottheilhafter und besser sich versorgen können, als an den Produstionsotten. Schnstliche Einkaufsbestellungen können nur berücksichtigt werden, wenn ein Preis limititt und der ungefähie Bettag eingesandt wird. Geflügel. Die Zufuhr mchtt sich, ist aber für den Bedarf noch nicht ausreichend. Preise fest. Fette Gänse gerupft per Pfd. SO bis 60 Pf., Fettgänse über 15 Pfd. schwer 60 Pf. und mehr per Pfund, Stoppelqänse 10bis Pfd. 40—48 Pf. per Pfund- junge Enten 1„50—2,50, fette Enten 50—60 Pf. per Pfd- junge Hühner 0,55—0,80, alte ILO— 1,70 M., Tauben 30 W 40 Pf., Poularden 4,50—8 M. Mageres Geflügel fd)®® verkäuflich, lebende Gänse zuin Mästen 2,00—3,00 M. Kriefkasten der Nedaktiott. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. A. B. 68. Allodialgüter eines Erblassers find diejenige»- welche derselbe zu freiem Eigenthum besessen hatte, im Gegen- satz zu solchen, welche ihm nur für seine Lebzeiten zum Lehe» oder zum Fideikommiß überttagen waren. A. S., Jnvalidenstr. Die Anstalt ist eine Besserungs- anstatt für Kinder und befindet sich in Züllchow bei Stettin. G. P.. Tkalitzerstr. 35 427 Offiziere, 1456 677 Unter- osfiziere und Gemeine, 2803 Geschütze. Lutzuspapier. Sie scheinen zu den Leuten zu gehöre»' welche anderen Vorwürfe machen, wo ein Verschulden Sie g»»* allein trifft. Ihre Abrechnung ist bereits vor dre> Wochen unverkürzt erschienen. Sie können die Nr. 251 27. Ostober bei uns oder auf der Expeditton einsehen. � wäre aber doch Ihre Pflicht gewesen, sich vor Ihrer Bs- schwerde erst um die Sache zu bekümmern. Wohin sollten denn gerathcn, wenn es alle Einsender sich mit Vorwürfen" leicht machen wollten wie Sie? %. 40. 1. Während der Reichstagsfitzungcn kann tb» Abgeordneter aus Berlin entfernt werden.— 2. Es exiin» kein Gesetz über Beschränkung der Arbeitszeit von Ha»»' werks lehrlingen; die Ausbeutung hat also keine Grenzk»- Nur wo die Fortbildungsschule obligatottsch ist, muß»si Meister den Lehrling während der Schulstunden freilassen, fr Fabriken dürfen jugendliche Arbeiter von 14—16 Jam� nicht länger als 10 Stunden beschäftigt werden. I. Schindler und 3. Schumacher. Ihre Einsendung haben wir erst Dienstag Vormittag erhalten, ttotzdem Sie selben bereits am 11. resp. 12. d. M. bei der„Hansa" auV gegeben haben. Abonnent 35. Wenden Sie sich an Herrn Dr. Benle» dorff, Neue Königstt. 11. F. Sch. 5. Fragen Sie doch den ersten besten wchrmann. Uns ist das Reglement nicht bekannt. Theater. Mittwoch, den 17. November. Overnhaus. Die Jüdin. Schauspielhaus. Durch's Ohr. Hierauf: Kleine Mißverständnisse. Deutsches Theater. Die Verschwörung des Fiesko zu Genua. Kriedrick-Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. vtttoria-Theater. Amor. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Nestdenz-Theater. Ein Großstädter. Vorher: Ein anonymer Brief. Zentral-Theater. Der Waldteufel. Velleallianee-Theater. Die Fledermaus. Walhalla-Theater. Rip-Rip. Königstädtisches Theater. Von Schrot und Kom. Kaufmann'S Barietee. Spezialitäten- Vorstellung. Nmerikau-Theater. Spezialitätcn-Vorstellung. Neichshallen» Theater. Spezifitäten- Vor- stellung. Toneordia- Theater. Spezialttäten- Vor- stellung. Berliner Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnettheaterstt. 15. Lumpacivagabundus, oder: Das liederltche Kleeblatt. Ottginalposse in 3 Akten von Nestroy, Musik von Bial und Franke. Vor der Vorstellung: ZWT' Großes Concert, ausaefühtt von der Hauskapelle unter Leitung ves Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Eoncetts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7', Uhr, Sonntags 7», Uhr. Das Theater ist mit elekttischer Beleuchtung «ersehen. Edeii-Tlieatere (Früher Louisenst. Theater.) Tresdenetttr. 72 73. Bat» grogartiafie Program« der Peftdenz. »hr Loyal Uokohama Tro«pe(6 Personen), japanische Provuktionen. Elbin Family, best- renommitte Attobaten und Gymnasttter. Mr. Mizarras, Kraftprodustioncn an den indischen � Ringen. Gemckringtmmpf u«»! _ zwischen Mr. und Mr. Goal. Miegels SaUrtgesrUschaft. 12 Damen, 2 Herren. Maula». Lud ml g TrUheim. Eugen Zochrr.! Mr. Liunckr. Kaolto oder Matrofettstreiche, große burleske Pantomime von der Walton Croupe, 2 Damen, 3 Herren. Kaffenöffnung 60, Uhr. Anfang 7»/, Uhr. Soeben erschien Intenrntionalen Bibliothek. Die Darwinsche Theorie,(m» Abstammung>e» Mensche«) Preis pro Peft 50 Pf. Zu beziehen durch die Crpedition des„Kerl, goihsbiatt\ Zimmerstraße 44. MM- Wiederverbäufern Kabatt. Z« haben in der Erpeditio« d. Hl., Aimmerstrahe 44. Soeben erschien im Verlage von Wörlein & Co. der Dralfdie Handmikn- uiii) irlitilft- llolij-galtaött für 1887 (IX. Jahrgang). Dieser Notizkalender, seit Jahren in den deutschen Arbeiter- und Handwettettreisen rühmlichst bekannt, ist nicht blos Kalender, sondern zugleich Notizbuch und Gesetz- sammlung. Auch in diesem Jahre ist sowohl auf den Inhalt als die Ausstattung brsondere Sorgfalt verwendet und ist namentlich be- züalrch des Einbandes Vorzügliches ge- leistet und bestes Matena! dazu verwendet. Neben der gewöhnlichen Ausgabe ist auch wieder eine stärkere veranstaltet, welche mehr Schreibpapier enthält und kräftigen Leinwandeinband mit Deckel nach Änef- taschcnart und Gummiband hat. Auch bei der gewöhnlichen Sorte sind diesmal die Ecken abgerundet. Inhalt des Kalenders: Kalendarium mit neu revidirtem Ge- schichtskalendcr; postalische Bestimmungen; Telegrammtanf: das ganze Unfallversicherungsgesetz mit Anhang vom 28. Mai 1885; Gesetz über die eingeschnebenen Hilfskassen mit der Novelle vom 1. Juni 1884; das Reichstags- Wahlgesetz mit Reglement; Auszug aus dem Reichs- Patentgesetz; Gcwindeschneidetabelle für Metallarbeiter; Schreibpapier mit Datumsangabe für Tagesnotizen, leeres Schreibpapier, Brief- täschchcn. Der ganze Kalender ist vierzehn Bogen stark. Preis der einfachen Ausgabe 50 Pf. „„ stärkeren„ 70 Pf. Wirbrrverkänfer erhalten lohnenden Rabatt. N Soeben ist erschienen: Der ,ei>cWeltKalciider für 1887. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Reichshaushalts.Eiat de» Deut- sche» Reichs.— Zerdcochese Kette«. Erzählung von Rob. Schweichel.— Väe> liqc nr««e»«nd Haar«e»sche-.— Ei» Proletaricrkiud. Erzählung v.lTÄ angcr. — Der Kampf zwische« Feuer u. Wasser iu der Welt. Von P. Osw. Köhler.— Wie«au ei»e Milliou«erdieut.— Fliegend« Blätter(humoristisch). Als Gratis-Keilagen: I. Lucia. 3. Mutterglück. 2. Blanche. 4. Die beide« Alte». Ei» Waudtaleuder. -= Preis 60 Pf.=- Passage 1 Tr. 9 301— 10 � Halscr-Paiioraiun- In dieser Woche: Neu! Zum ersten Male: Dritte Reise durch die Pyrenäen. Eine interessante Wanderung durch tckoM- Hertha-Reise.— Carolinen-Inseln- Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10# Der weltberühmte anatomische Apollo"Xmf Präuscher's Museum, ,, Kommandantcnstraßc 70. t* Dienstag und Freitag: vameiita»' Enttee 50 Pf. Vereinskarten giltig�, Theilzahlunq gestattet' UilltnpalMSz Hfrm-AuM' (MP~ 27 Anguststrastr 27 im Faden. 8 tempeNS%,%er�' Stempel für Vereine ned Gewer**' Schabbrnen nnd Scuilder. H. santtmann, Gr»reve, Brnnm n trawwe 9, Rosenthjl� Lolzsliiali-, nnd ßnnt�� Mtift � jg von Christian Geyer, K.G. Mariannen� jg Alle in dieses Fach einschlagende bester Oualität. Zu bettchen durch die Expedition dies.! Zimmersttaße 44. _ Wiederverkäufern Rabatt. Gm hübsches Pereinszimmrr ist noch drei- mal in der Woche zu vergeben bei[1078 i«f. Urban, Schankwitth, Forslersttaße 56. Gin zwcifcnstt. möbl. Zimmer ist zum 1. Dez. Zu vermiethcn Zossencrstraßc 40, 4 Tr. v.[1084 Arbeitsmarkt. 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