Nr. S7Ä. Sonnabend, den%0. Ksvemder 1886. 6. Jahrg. SMcrVsllisbl«». Brgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnemcntspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Str. 769.) Insertion Kaebnhr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Ucbercinkunft. Inserate werden bis 4 Ilhr Nachmittags m der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenonunen. Redaktio«: Keuthstraße 3.— Expedition: Zlmmerstraße 44. Zur österreichischen Arbeiter- bemegung wird uns geschrieben: Das„Verl. Volksbl." brachte in seiner Nr. 258 unter der Ueberschrift„Zum Wiener Anarchistenfang" einen Ar- tikel, der sich in der Hauptsache mit der 500 Gulden-Versammlung in Wien beschäftigt. Ueber diese Versammlung cht seit sechs Zahren so viel geschrieben und geredet, so viel weggelassen und hinzugefügt worden, daß ich mich schon oft- Malz wunderte, warum nicht der eine oder andere sich ver- anlaßt fühlte, eine authentische Darstellung des Sachver- Haltes und eine Erklärung desselben zu veröffentlichen. Wie gesagt, ist dies bisher nicht geschehen und nun will ich es hiermit thun, um der Wahrheit die Ehre zu geben. Bevor ich aber direkt auf diese Angelegenheit weiter eingehe, will ich einen kurzen Rückblick auf die Entwickeluna der österreichischen Arbeiterbewegung werfen. Dieselbe ist kaum weiter zurückzuführen als auf die Versuche im west- kichen Böhmen, 1863 Sektionen des„Allgemeinen deutschen Arbeitervereins" zu gründen, die aber von keinem nennenswerthen Erfolge waren und sich auch nicht behaupten konnten, weil es damals in Oester- reich noch kein Vereins- und Versammlungs- r e ch t für das V o l k gab. Derartige Gesetze wurden erst geschaffen 1867 unter dem sogenannten Bürgerministerium; aber der Liberalismus der Herren war nicht groß, es war aar eine„Freiheit wie in Oesterreich". Aber ungeachtet aer Verklauselungen und der Kautschuknatur dieser Gesetze war durch sie doch die Möglichkeit gegeben, sich in Vereinen �.uzentnren, in Versammlungen die sozial-ökonomischen politischen Verhältnisse zu besprechen und die Folge ?lar/ daß die österreichische Arbeiterschaft sich für die Lassalle- Zdeen, für die Emanzipation ihrer Klaffe begeisterte. m,( rwinder und Härtung, die von Frankfurt am j-'ain übersiedelten, nahmen daselbst im Vereine mit An- ?seas Scheu und einer Reihe intelligenter Ar- f?'" gewissermaßen die Leitung der österreichischen Arbeiter- Ichaft in die Hände, gründeten das Organ„Die Volks- MMme" und wirkten in der bekannten Weise auf die Aus- r-'wng der Arbeiterbewegung in Oesterreich hin. Man muß »stehen, daß diese Thätigkeit von den besten Erfolgen be- pw'tet war, denn überall in allen Provinzen wurden Ar- «nervereine gegründet, deren Mitgliederzahl in den �oßeren Städten sich auf Tausende belief. n*. 2m Jahre 1869 kam der Erlaß des Trinkgeld-MinisterS ri 8 kra, wodurch die Sozialdemokratie für staatsgefährlich ""art wurde, der zur Folge hatte, daß die ohnehin eng -----»ertotfn,]_ I Im Haufe des Nrrdrrbens. Kriminalroman. Von Reinhold Ortman«. «... Zetzt aber war es Helene, welche ihr nnerschrocken zu Me kam.„Sprechen Sie ohne Bedenken, Fräulein �wier." sagte sie.„Mein Papa weiß, daß ich das größte Interesse daran habe, etwas Näheres von Zhrem Bruder zu Mren! Lassen Sie uns darum schnell hören, was wir Ren sollen!" :t Sie führte Elsbeth zu einem Sitz und ließ sich an ?rer Seite nieder, ihre Hand immer noch festhaltend. «Sie haben gehört, welche furchtbare Anklage man Men meinen Bruder erhoben hat. Er soll bei einem Ver- .„chen betheiligt gewesen sein, welches gestern Abend be- wugen worden." o.»Testern Abend?" Helene zuckte zusammen und die Nfbe wechselte auf ihren Wangen.„Gestern Abend?" wiederholte sie.„Und um welche Stunde?" «.»Bald nach sieben Uhr hatte man den Baron in den Leiche �Cn' und um neun Uhr fand man seine kirrst als Helene immer und immer wieder in ihrer .T# demüthigen und doch furchtlos entschlossenen Weise fc-iT" gesprochen hatte, als auch Elsbeth vor ihm auf die «SÄ1?1 war. als sie die großen, in Thränen schwrm- Mit" K>nderaugen flehend zu ihm empor genchtet hatte, bittend er Stimme um Mitleid für ihren Bruder reau"»' r da schien sich die Gewalt der inneren Er- Er ai«» � Oberförsters einigermaßen gebrochen zu haben. kick n parken Schritten auf und nieder und blieb end- � vor Elsbeth stehen. !» URflS-tt°uf. mein Fräulein," sagte er.„Sie sind leib„Ä'S an der ganzen Geschichte und eS thut mir üitem— �öer halten Sie es einem betrogenen, verrathenen und geschändeten Vater zu Gute, wenn JeuiU'eton. [31 begrenzte Bewegungsfreiheit für die sozialistische Arbeiter- schaft noch mehr beschränkt und diese förmlich der Gnade und Ungnade jedes beliebigen Polizeibeamten ausgeliefert wurde. Dadurch wurde das einzige halbe politische Recht der österreichischen Arbeiterschaft wieder illusorisch gemacht und sie standen ziemlich so rechtlos wieder da, wie vor dem Zahre 1867. Doch man ließ sich dadurch nicht entmuthigen und setzte namentlich die Agitation zur Erlangung des allgemeinen Wahlrechtes für alle Vertretungs- körper fort. Zu diesem Zwecke fand am 13. Dezbr. 1869 vor dem Abgeordnetenhause in Wien die große Demon- stration— an der ca. 30000 Personen Theil nahmen— und die Ueberreichuna einer bezüglichen Petition an den Reichsrath und die Regierung statt. Die Antwort auf dieses friedliche Unternehmen und das berechtigte Verlangen in der Petition bestand in einer Maffenverhaftung, die im März 1870 erfolgte. Im Juli desselben Jahres wurde gegen 14 der verhafteten Sozialdemokraten in einer 12 Tage dauernden Verhandlung ein Prozeß wegen Hochverrathes durchgeführt, der mit der Verurtheilung sämmtlicher An- geklagten zu Kerkerstrafen von 2 Monaten bis zu 6 Jahren endete. Die Verurtheilten saßen allerdings nur einen geringen Theil ihrer Strafen ab, indem sie von dem bald darauf ans Ruder gelangten Ministerium Hohen- wart amnestirt wurden. Die ganze österreichische Arbeiterbewegung spitzte sich schon von ihrem Beginn an auf einen Kampf mit der Polizei zu, welcher bis heute noch fortdauert, der von Seiten der Arbeiter beispiellose Opfer forderte und die Entwicklung stets hemmte. Ob ihr Thun gesetzlich oder u n g e s e tz- l i ch, immer und überall rettete die österreichische Polizei den Staat, wo ein gewöhnlicher Mensch noch nichts gefähr- liches bemerken konnte. Durch fast zwei Jahrzehnte gründete die österreichische Arbeiterschaft unverdrossen Äildungs- und Fachvereine, die alle nach kurzem Bestände aus den nichtigsten Gründen wieder aufgelöst wurden; seit 1867 fordert sie Rechte, die jedem'Menschen gehören und welche die Arbeiter anderer Länder ohne Agitation gewährt erhielten. Ein vorsintfluth- liches Preßgesetz macht es den Arbeitern äußerst schwer, ein Preßorgan zu unterhalten, aber immer wurden diesem Zwecke die größten Opfer gebracht. Der„Volksstimme" in Wien folgte„Der Volkswille", diesem„Die Gleichheit", sodann„Der Sozialist", der wöchentlich 2 Mal erschien und 4000 fl. Kaution bei der Behörde erlegen mußte. Namentlich gegen letzteres Blatt— weil es Geld zu holen gab— folgte Prozeß auf Prozeß, jeder mit Verurtheilung des Angeklagten, jeder mit der gerichtlichen Beschlagnahme eines Theiles der Kaution endigend, die sofort wieder vervollständigt werden mußte, da sonst das Blatt nicht weiter erscheinen durfte. So ihm das Blut ins Kochen geräth!— Ihr Bruder hat schlecht an mir gehandelt— sehr schlecht!" „Du thust ihm Unrecht, Papa—" „Schweig', Helene! Es wird mir schwer genug, Ruhe zu erzwingen!" „Stein Papa, ich kann nicht schweigen; ich darf nicht! ES steht für uns Alle zu viel auf dem Spiele und ich will mich nachher geduldig Allem unterwerfen, was Du als Strafe über mich verhängst.— Du bist von vornherein un- gerecht und hart gegen meinen Lebensretter gewesen, Papa! Du hast keine Rücksicht daraufgenommen, daß ich ihn liebte und in ihm und mir durch die Unerbittlichkeit Deiner Vor- urtheile alle Hoffnung auf die Zukunft zerstört. Ist es da wirklich ein so großes Verbrechen, wenn wir, die wir uns treu und innig liebten, und die wir unS Deinem Machtwort fügen mußten, wenigstens nicht für eine lange unbestimmte Zeit auseinander gehen wollten, ohne unS noch einmal für eine kurze, wehmüthige Stunde aesehen zu haben. Und keinen anderen Zweck hatte unsere Zusammenkunft vom gestrigen Abend. Du solltest mir und dem Schicksal darum nicht zürnen, Papa; denn gerade durch diese heim- liche Zusammenkunft wird mir nun eine Gelegenheit, einen Theil der Schuld zurückzuzahlen, welche wir Beide gegen den Retter meines Lebens haben! Jetzt bin ich es ja, die ihm mit einem einzigen Wort Freiheit und Ehre zurückgeben k"" Um dafür die eigene Ehre und die eines alten, flecken- losen'NamenS für immer preiszugeben!- Ein schöner Tausch fürwahr!— Vrellercht hat der Bursche gar nichts Anderes gewollt!"..,... „Und hast Du nicht geHort, Papa, was uns seine eigene Schwester noch soeben sagte?- Er würde eher sterben bevor er eine Auskunft darüber gäbe, wo er gestern' gewesen! Ich weiß, daß das die Wahrheit ist und Du selbst, Papa, magst ihn in dieser Hinsicht auf die Probe stellen Und sollte der einfache Bürgerliche durch seinen Muth und sein selbstloses Ehrgefühl meinen Papa beschämen dürfen?— Nicht wahr, Papa, das darf er nicht! Du wirst sogleich mit mir nach Brandensteln fahren und wir werden ihn befreien!— Was Du dann um Tausende von Gulden geschädigt, mußte das Blatt schließ- lich, tief in Schulden steckend, im Jahre 1879 sein Weitererscheinen einstellen, was alle Arbeiter mit tiefstem Bedauern erfüllte. Es wurde dann„Die Zukunft" in Wien,„Der Volksfteund" in Brünn gegründet, welch letzteres Blatt auch heute noch erscheint. Von kleinen, hier und da vorgekommenen persönlichen Zwistigkeiten abgesehen, war die Partei in sich selbst stets einig, und einmüthig auch im Austreten nach Außen. Daß sie sich nicht in wünschenswerther Weise ausbreitete, ver- schulden die im„Lande der Unwahrscheinlichkeiten" bestehen- den reaktionären Gesetze und die Sucht aller Behörden, bei dem großen Kesseltreiben staatsretterisch thätig zu sein und häusig noch über die Grenzen des gesetzlich Erlaubten hin- auszugehen. Während die hauplstädtischen Polizeibeamten mit einem gewissen Raffinement handeln, zeichnen sich die andern Provinzen durch krasse Unwissenheit und beleidigendes und damit provozirendes Benehme» aus. Gendarmen und Poli- zisten dringen ohne behördlichen Austrag in die Wohnungen abwesender Arbeiter ein, erbrechen Koffer und Schränke und konfisziren, was ihnen an Papier in die Hände kommt, sogar Schriften, die direkt aus der Wiener Hof- und Staats- druckerei stammen. Beschwerden bei dem vorgesetzten Bezirks- Hauptmann sind in der Regel erfolglos, ja es kommt vor, daß diese„gebildeten" Beamten den beschwerdeführenden Arbeiter verhöhnen und ohne jeden Grund mit Einsperrung bedrohen. Von den widerrechtlich beschlagnahmten Schriften wird selten etwas zurückgegeben, auch wenn es selbst Gesetzes- bücher sind! Aber Zweck dieses„gesetzlichen Verfahrens" ist, den Arbeiter zu schädigen an Eigenthum und ihm das Lesen zu erschweren. So werden die Gemüther erbittert; man will den Arbeiter absolut in der Dummheit und im Elende erhalten und macht daher jede Emanzipationsbestrebung, jede Verbesserung der Existenzbedingung unmöglich und erklärt jede darauf abzielende Thäiigkeit, sei sie noch so harmlos, für staatSgefährlich und verbrecherisch. Der gesetzliche Boden ist dem österreichischen Arbeiter entzogen, jeder Schritt, den die Roth ihn zu thun zwingt, macht ihn zum Verbrecher. Nie Slraffreifieit der ItarfamenfstericfiteL Die Anrufung des Reichsgerichts in Strafsachen kann nur eine Verletzung der Prozeßformen oder rccktsinthümliche Aus- Icgung und Anwendung des Gesetzes geltend machen. Die thatsächlichcn Feststellungen,� auf Grund deren der Richter zu der llcberzcr>guiig von der Schuld eines Angeklagten gekommen ist, entzieden sich bei dem Reichsgericht der Stachprüfuna; das- selbe ist eben kein Berufogcricht, sondern ein Kassationshof. Es kommt nickt selten vor, daß das Reichsgericht zu der Anficht gelangt, der Vorrichter habe sich in Beurtheilung des That» über mich verfügst, will ich geduldig nnd ohne Widerrede tragen." Es lag in Helenens ganzem Benehmen etwas, was den alten Herrn von Nuggenhagen trotz seines noch keineswegs besänftigten Zornes mit einer gewissen Bewunderung gegen seine Tochter erfüllte. Wohl gab es noch manches grimmige Wort und manche flehende Bitte, ehe der erste Sturm einigermaßen gemildert war' aber endlich geschah doch, was Helene und Elsbeth ersehnt hatten, und das kleine Wägelchen des Oberförsters wurde zur Fahrt nach Branden- stein bereitet. „O, mein Gott, wie soll ich Ihnen für Ihre hochherzige That danken!" rief Elsbeth aus, als Herr von Nuggenhagen sie verlassen hatte.„Ich weiß nicht, ob ich selber Ihren Muth besessen haben würde!" „Es braucht keines Muthes, wenn man seine Pflicht zu thun hat, und noch dazu die Pflicht gegen den, welchen man liebt!— Mag auch mein Papa wettern und zornig sein; ich weiß doch, daß er in diesem Augenblick schon eine gewisse Bewunderung für Nikolaus empfindet, und daß auch das Bewußtsetn eines Unrechts gegen ihn anfängt, in seinem Herzen lebendig zu werden. Stoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, daß er ihm und mir verzeihen werde!" XXIII. Der Abend war bereits hereingebrochen, als Nikolaus Werner noch einmal vor den Untersuchungsrichter geführt wurde. Das Gesicht des Beamten war ernster, als beim ersten Verhör, aber seine Stimme hatte einen freundlichen Klang, als er sagte: „Ich habe wohl nicht mit Unrecht angenommen, daß Sie jetzt zu der Erkcnntniß gekommen sind, es sei auf jeden Fall besser, rückhaltlos und offen die Wahrheit zu sagen." „Das that ich bereits, als ich Ihnen erklärte, daß ich nichts von diesem Verbrechen weiß!" „Gut! Aber sie weigerten sich, mir anzugeben, wo Sie sich iu der Zeit aufgehalten, in welcher es verübt wurde." icstandes zu Ungunsten des Angeklagten geirrt, also einen Unschuldigen verurthcilt, dennoch aber das Revifionsgesnch zurückweisen muß, weil nach der materiellen Seite hin das Ur- theil unangreifbar ist. Daher das allgemeine Verlangen nach Wiedereinführung der Berufungsinstanz, das sich in dem Grade, als die Fehlbarkeit der Richtersprüche wächst, von Jahr zu Jahr steigern wird. Bisweilen kommt es nun aber vor, daß That- und Rechts- frage zusammenfallen, daß der Richter nicht etwa darüber zu entscheiden hat, ob jemand die ihm zur Last gelegte strafbare .Handlung begangen hat, sondem darüber, ob die Handlung, die Jemand begangen hat, nach dem Gesetze strafbar ist. Als- dann bekommt die Revision den Charakter der Berufung, denn das Reichsgericht hat gewissermaßen auch ein materielles Urtheil zu fällen. Dieser Fall lag bei der Revision der„Freisinnigen Zeitung" gegen die Verurthcilung wegen des Abdruckes der Heine'schcn Reichstagsrede vor. Der erste Richter hatte die Wahrheitstreue des Berichts nicht bemängelt, aber demselben den Schutz des Art. 22 der Rcichsverfassung versagt, weil er von Bemerkungen begleitet gewesen sei, durch welche die Annahme, das Blatt habe nicht lediglich referiren, sondem sich die Ausfühningen Heine's aneignen wollen, gerechtfertigt werde. Diese Folgerung war der Grund der Beschwerde gewesen, sie wurde als rechtsirrthümlich angefochten, einmal weil die Be- nierkungen an sich nicht beleidigender Natur gewesen seien und zweitens, weil sie sich jedes Urtheils über die Ausführungen Heine's enthalten hätten. Das Reichsgericht hat die Revision verworfen, indem es den Rechtssatz aufstellte, der Strafrichter dürfe ohne Rechts- irrthum aus der Beifügung irgendwelcher raisonnirenden und kritischen Bemerkungen zu dem wahrheitsgetreuen Bericht über eine Parlamentsverhandlung thatsächlich den Schluß ziehen, daß der sonst lediglich referirende Artikel seinem ganzen In- halte nach nicht ein Bericht, sondem eine eigene Aeußerung des Verfassers sei. Es hat sogar auf einen desfallsigen Ein- wurf der Vertheidigung den Satz hingestellt, daß selbst eine räumliche Trennung eines derartigen Artikels in zwei geson- dcrte, von denen der eine den bloßen Verdacht, der andere das bloße Raisonnement enthält, nicht unbedingt der Annahme entgegenstehen würde, daß auch der Berichts- Artikel dem Schutz der Reichsverfassung entzogen sei, wofern der Strafrichter den innem Zusammenhang auch der räumlich getrennten Artikel thatsächlich festzustellen in der Lage sei. Es stehe nichts entgegen, diesen letzteren Satz selbst dann anzu- wenden, wenn beide Hälften— Bericht und Roisonnement— selbst in verschiedenen, vielleicht nicht einmal unmittelbar auf einander folgenden Nummem derselben Zeitung enthalten sind. Dieses Urtheil berührt scheinbar den Art. 22 der Ver- sassung gar nicht, in Wirklichkeit stellt es aber die Frage, ob der Schutz desselben einem Parlamcntsbericht zuzubilligen sei, in das jeweilige Ermessen der Strafkammem. Wohl keine Zeitung wird sich kritischer Bemerkungen zu den Parlaments- Verhandlungen enthalten, namentlich wenn in denselben Be- fchwerdcn gegen die Verwaltung oder einzelne Organe der- selben zur Sprache gebracht werden. Diese Beschwerden können, falls sie gnindlos find, den Charakter der Beleidigung haben, wie es bei der Heine'schen Expektoration der Fall war, aber woran soll das der Redakteur im Voraus erkennen? Er wird doch immer von der Voraussetzung ausgehen, ein Abgeordneter werde sich im Interesse seiner Ehre und ini Bewußtsein der Psiicht, die ihm das Mandat auferlegt, vor wissentlicher oder leichtfer- tiger Unwahrheit hüten, und wenn er auch vorsichtig genug ist, zu sagen:„So ist es", so wird er doch in dm meisten Fällen, so wie es oie„Freis. Ztg." gethan hat, dem Verlangen Aus- druck geben, daß eine Untersuchung angestellt werde, um die Wahrheit oder die Falschheit der Beschwerden zu ermitteln. Wenn es nun nach dem Ausspruch des Reichsgerichts dem Strafrichter anheimgegen ist, auf Gmnd solcher Besprechungen über parlamentarische Vorgänge dem vorausgegangenen oder gleichzeitigen wahrheitsgetreuen Bericht über die Verhandlungen selbst den Charakter eines solchen und damit den Schutz des Art. 22 der Vestassung abzusprechen, welchen Werth kann man da noch jenem Schutz Beimessen, welche Garantie gewährt er der Presse? Nicht den geringsten, es sei denn, daß sie in ihrem politischen Theile darauf ver- zichte, Parlamentsverhandlungen überhaupt zu besprechen. Logisch und juristich mag die Distinktion, die das Reichs- gericht zwischen Bericht und Raisonnement macht, vielleicht nicht anfechtbar sein, staatsrechtlich ist sie es im vollsten Maße. Wir fragen: Hat wohl der Gesetzgeber daran gedacht, daß durch eine kritische Bemerkung aus der ersten Seite eines Blattes der Bericht über eine Verhandlung den Charakter der Wahrheits- treue verlieren könne? Die ratio legis war doch offenbar? fol- gcnde: Die Oeffentlichkeit der Parlamentsverhandtungen, die die eine staatliche Nothwendigkeit ist, bedingt den Schutz der Berichte, welche dieselben dem Lande kundgeben, verlangen, daß die Immunität, die das gesprochene Wort Hunderten von Tri- bünenbesuchern zugänglich macht, auch dem für Millionen be- stimmten gedruckten Wort zu Theil wird. Was die Kritik aus eigenem bietet, dafür ist sie verantwortlich, sofem dieselbe beleidi- „Und diese Weigerung werde ich jetzt und in alle Ewig- keit aufrecht erhalten!" „Wenn sich nun aber die Verhältnisse so gestaltet hätten, daß es nur von der Erklärung über diesen Punkt abhinge, ob Sie freizulassen oder noch auf unbestimmte Zeit in Unter- suchungshaft zu halten wären, wenn dieser eine Punkt nun vielleicht gar für die Möglichkeit Ihrer Verurtheilung aus- schlaggebend wäre?" „So müßte ich es eben darauf ankommen lassen!" war die ruhige und ohne Zögern gegebene Antwort.„Eine an- dere Auskunft über diesen Gegenstand werden Sie von mir niemals erhalten!" „Sie rechnen also darauf, daß diese Auskunft ohne Ihr Dazuthun von anderer Seite erfolgen werde?" „Wer sagt das? Sie befinden sich da in einem Zrrthum, Herr Amtsrichter, wenn Sie glauben, daß überhaupt von irgend Jemandem ein Aufschluß darüber gegeben werden könnte! Es ist ganz unmöglich, und ich bitte Sie dringendst, nicht erst darnach zu forschen!" „Jedes Gericht würde das für ein halbes Zugeständniß Ihrer Schuld nehmen!" „Nun, so nehme man es dafür!— Wenn eS möglich ist, darauf hin einen Menschen zu verurtheilen, so mag es geschehen! Ich habe kein Mittel, mich dagegen zu schützen." „Sie beharren also auf Ihrem hartnäckigen Schweigen?" „Unbedingt!" „Aber Sie werden mir wenigstens der Wahrheit gemäß antworten, wenn ich Ihnen vorhalte, was über Ihren gestrigen Verbleib in Erfahrung gebracht worden ist?" Nikolaus zuckte zusammen.— Der Gedanke, daß der Beamte auf die richtige Spur gekommen sein konnte, er- schreckte ihn mehr, als die Vorstellung von den Gefahren, die ihn selbst bedrohten. Es stand in seine Seele felsenfest — und war in all' den traurigen Stunden seiner Gefangen- schuft zum unerschütterlichen Entschluß geworden, daß Helenens guter Name nicht durch das Kundwerden des heimlichen Rendezvous angetastet werden dürfe, daß er alles aufbieten müsse, Um das zu verhindern, wie groß auch immer das von ihm selbst zu bringende Opfer sein möge. Darum ent- aender oder sonst strafbarer Art ist; ist sie dies nicht, so hat sie keine Verfolgung zu besorgen. Wie stellt sich aber die Sache nach dem Erkenntniß des Reichsgerichts? Die Kritik, die an sich straflos ist, kann jeweils den gleichfalls an sich straflosen Bericht strafbar machen, wenn der Richter einen Zusammenhang zwischen l eiden annimmt und dieser Zusammenhang braucht keineswegs ein unmittelbarer, materieller zu sein, es genügt, daß er als ein„innerer" erkannt wird. Wer aber will bestreiten, daß ein solcher innerer Zusammenhang zwischen einer Thatsache und einem Kommentar zu derselben immer vorhanden ist? Nehmen wir ein Beispiel, den Fall Jhring-Mahlow. Alle Blätter haben, als derselbe im Parlament zur Sprache gebracht war, dazu das Wort ergriffen, und selbst die zahmsten haben mit Herrn v. Puttkamer gemeint, die Gerichte müßten sich mit der Sache beschäftigen. Gesetzt nun, die gerichtliche Prozedur wäre zu Gunsten Jhring-Äahlow's ausgefallen, was würde die Staatsanwaltschaften hindern, auf Grund des Beleidigungs- Paragraphen gegen alle Blätter vorzugehen, die einen Bericht über jene Parlamentsvcrhandlung gebracht haben? Es stände allerdings im Erni essen des Richters, die Anklage zurück- zuweisen, aber ebenso könnte dieses Ermessen zu der thatsäch- lichen Feststellung gelangen, durch die raisonnirenden Äusfüh- rungen im politischen Theile der Blätter habe der Bericht seine Eigenschaft als solcher eingebüßt und den Schutz des Art. 22 der Verfassung verwirkt. Ein Rechtsirrthum wäre das ja heute nicht mehr, das Ermessen des Richters aber entzieht sich der Prüfung des Reichsgerichts. Was soll die Presse nun thun? Man könnte sagen, sie möge aus den Berichten über die Parlamentsverhandlungen Alles ausmerzen, was etwa beleidigend sein könnte, oder sie möge sich jeder Bemerkung zu den Verhandlungen enthalten. Das crstere ist gar nicht einmal möglich, aber gesetzt, es ließe sich durch- führen, würde da nicht der Bericht erst den Charakter der Wahr- heitstreue einbüßen? Das Andere aber verbietet der Presse ihr Beruf und würde sie für unser inneres politischen Leben geradezu dcgradiren. Sie muß also auf die Gefahr hin, Verurthcilungcn über sich ergehen zu lassen, trotz Reichsgericht ihre Aufgabe er- füllen, denn der Preis, uin den sie den Fangeisen, die ihr hier neuerdings gestellt sind, entgehen kann, ist zu hoch. Aber geht die Sache wirklich nur die Presse an, verletzt sie nicht auch das allgemeine Interesse, das doch bei der Oepent- lichkeit der Parlamentsverhandlungen am meisten ins Gewicht fällt? Wir kehren zu dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen zurück, indem wir sagen: Da die Oeffentlichkeit irgend einer Verhandlung erst durch die Wiedergabe in der Presse eine Wahrheit wwd, so ist thatsächlich dadurch, daß der Art. 22 der Verfassung nur noch eine theoretische Bedeutung hat, die Oeffentlichkeit der Parlamente im Deutschen Reiche keine Wahr- hcit mehr, sondem eine Illusion, von welcher die Gerichte das Bürgerthum Tag um Tag kuriren können. Die Kur- kosten hat, wie gewöhnlich, die Presse zu zahlen. _(„Franks. Ztg.") Votttische Ueberstcht. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sucht nach den Gründen, wamm wir uns— mit der„Magd. Ztg."— gegen eine weitere Ausdehnung der Aufgaben und Befugnisse der Berufsgenossenschaften erklärten, und findet den Gmnd natürlich darin,„daß die Bemfsgenossenschaften, als eine dem sozialen Frieden dienliche Organisation gedacht und geschaffen, der Sozialdemokratie ein Dom im Auge sind." Wie sich doch die Weithin den Köpfen dieser„Sozialreformer" wiederspiegelt! Wahrlich, Bastrat und Schulze-Delitzsch konnten nicht mehr von„Frieden" und Harmonie träumen, wo es sich um Kampf und Interessengegensätze handelt! Wer sind denn diese Bemfsgenossenschaften, in deren Händen zunächst die Un- fallversichemirg liegt? Lediglich Verbände von Unter- nehmern, die im heutigen Wirthschaftssystem auf den Kainpf gegen die Arbeiter angeiviesen sind: der niedrigere Lohn bedeutet für sie einen höheren Gewinn, die längere Ar- beitszeit eine reichere Einnahme. Für uns, die wir die Jntcr- essen der Arbeiter vertreten, ist es daher die erste politische Aufgabe, den Einfluß dieser Verbände zu schwächen, wenigstens solange, als die Verbände der Arbeiter nichts sind als hilflose Trümmer. Die Verbände der Kapitalisten immer fester zusammenzuschweißen, indem man immer vitalere Interessen des Kapitals mit ihnen verknüpft, dazu sollen wir, die Verfechter der Interessen des Arbeiter- standes, die Hand bieten, zu derselben Zeit, wo man den Arbeiterkoalitionen alle Freiheit der Bewegung genommen hat? Und Förderung des sozialen„Friedens" nennt die„Nordd. Allg. Ztg." ein System, das die Position der Unternehmer stärkt und stärkt und die der Ardeiter schwächt und schwächt? schloß er sich in diesem Augenblick, lieber die Unwahrheit zu sagen, als die Geliebte zu kompromittiren, und mit leiser Stimme erwiderte er auf die Frage des Untersuchuirgs- richters: „Ich werde Ihnen antworten, Herr Amtsrichter, so gut ich kann!" „Nun wohl!— Man vermuthet, daß Sie eine Zu- sammenkunft mit einer Dame gehabt haben!— Es wäre ' zu Ihrem Heil, wenn sich diese Vermuthung bestätigte; darum bedenken Sie wohl, was Sie mir darauf zu sagen haben! Ist unsere Annahme richtig?" „Sie ist falsch!" antwortete Nikolaus, sich gewaltsam zur Aufrechterhaltung seiner Festigkeit zwingend!„Ich muß das entschieden bestreiten!" „Auch wenn man Ihnen den Namen der Dame nennen könnte?" „Auch dann noch! Denn man würde sich auf einer grundverkehrten Spur befinden und würde nur noch mehr ganz unbetheiligte Personen in die unglückselige Angelenheit verwickeln!" „Sie verzichten also darauf, daß in dieser Hinsicht weitere Erhebungen stattfinden?" „Ich verzichte darauf!" „Sie sühnen Ihr Unrecht als ein ehrenhafter Mensch!" klang plötzlich eine Stimme dicht hinter Nikolaus, und als er sich bestürzt umwandte, sah er vor sich die hohe Gestalt des alten Oberförsters, der ihn mit ernsten, aber keines- wegS unfreundlichen Blicken betrachtete. Er mußte bis da- hin hinter dem hohen Stehspiegel, der in der einen Ecke des Zimmers stand, verborgen gewesen sein, denn Nikolaus hatte weder das Knarren einer Thür, noch das Geräusch seiner Schritte vernommen. Ehe er in seiner Verwirrung Zeit fand, auf die unerwartete Anrede etwas zu erwidern war der Oberförster an den Untersuchungsrichter heran-' getreten und hatte dresem dre Hand gereicht „Ich danke.' Ihnen, daß Sie auf meinen Wunsch ein- wBqkk Schon vor längerer Zeit wies eine— nicht verbotene— sozio» listische Schrift auf die wirthschaftlich-soziale n Konsequenzen der Bildung der Berufsgcnoffenschaften hin, ohne besonderen Glau- ben zu finden. Heute bringt man die vielgerühmte Klassen- Organisation bereits in Verbindung mit der„Regelung von Produktion und Preis." Wie lange wird es währen und ihre wichtigste und dringlichste Aufgabe wird sein— die Regelung der Löhne! Dann hätten wir feste, wohlgegliederte, unum- schränkte Organisationen der Klasse der Untemehmer, eine zu Staub zerriebene, jeder Organisation für den Lohnkampf ent- kehrende Klasse der Arbeiter— und dann allerdings dm sozialen„Frieden", wie ihn das Kanzlerblatt wünscht. Und dazu sollen wir gar noch behilflich sein? Dann müßten wir in der That sonderbare Schwärmer sein! Die Freiberger Verurtheilungen. Der heiflsche Land- tagsabgcordnete Karl Ulrich, der bekanntlich mit zu den in Freiberg zu neun Monaten Gefängniß verurtheilten Sozial- demokratcn gehört, hat die unter Androhung der„persönlichm Vorführung" ergangene Aufforderung der Staatsanwaltschaft in Chemnitz zum Strafantritt mit dem Hinweis auf seine durch Art. 84 der hessischen Verfassung und Art. 6 des Einführungsgesetzes zur Strafprozeßordnung gesicherten Rechte als Mitglred der zweiten Kammer abgelehnt.— Der Rcichstags- abgeordnetc Volkmar hat auf Grund der ärztlichm Zeugnisse des Geheimrathes Professor v. Nußbaum und des Landgerichtsarztes Professor Martin die Erlaubniß erhalten, seine Haft in dem Landgerichtsgefängniß München> abzu- büßen. Diese Zeugnisse erklärten Herrn Vollmar für unfähig zur Aufnahme in ein Zcllcngcfängniß und stellten Gefahr für seinen Gesundheitszustand und selbst für sein Leben in Aus- ficht. Mit Rücksicht auf den Lähmungszustand seiner verwun- deten Beirre und auf innere Leiden(insbesondere Gallenstein« kolik) erhält Herr Vollmar eine besondere Kost und Pflege, welche wenigstens einige Gewähr gegen eine Verschlimmerung seines Gesundheitszustandes durch das Gefängniß geben. Die Berliner Rcichstagsersatzwalil und die verstöckerte« Konservativen. Durch die Proklamation des Stadtverordneten Gerold zum konservativen Karrdidaten für die bevorstehende Ersatzwahl im ersten Berliner Reichstaaswahlkreise ist von Neue« erwiesen, daß Herr Stöcker in der„Berliner Bewegung" noch immer die einflußreichste Person ist. Ludwig Löwe hatte kaum die Augen geschlossen, als die„Kons. Korresp.", das offizielle Organ der konservativen Partei, den früheren Reichstagspräsi- denten v. Levetzow als Kandidaten in Vorschlag brachte, in der unzweideutigen Absicht, Herrn Stöckcr mit seiner Gefolgschaft in dcrr Hintergrund zu drängen und den„antifortschrittlichen Wählern einen„anständigen Konservativen" zu präsentiren- Die Nationallibcralcn waren einer Kooperation mit den Konstr» vativen durchaus nicht abgeneigt, verlangten aber mit der ihnen eigenen Bescheidenheit, obwohl die Zahl der konservativen Wähler die ihrer Parteifreunde mindestens um das Sechsfache überragt und sie selbst nach dem Zeugnisse der ihnen so wohl- wollenden„Post" gar keine Organisation besitzen, die gemein« same Aufstellung eines nationalliberalen Kairdidaten. Hätten sie Herrn von Levetzow akzeptitt, so würde dieser von allen Konservativen unterstützt worden sein, obwohl die Empfehlung desselben durch das Parteiorgan bei der Partei selbst nicht d« erhoffte Aufnahme gefunden hatte. Oeffentlich fand v. Levetzow bei den Konservativen, denen er nicht entschieden genug ist, nur laue Zustimmung, insgeheim lebhafte Anfeffl' tung. focix Stöcker hatte ihm zwar in einer Versammlung seiner Christlich-Sozialen mit sauersüßer Miene einige anel' kennende Worte gewidmet, wird aber in den geheimen KoN' ventikeln keine sonderliche Anstrengung gemacht haben, Freunde für ihn zu gewinnen. Das Ende vom Liede imm daß die Nationallibcralcn selbstständig vorzugchen N" entschlossen und Herr v. Levetzow erklärte, nicht kaudidiren A wollen. Nun hatten die Herren Stöcker und Genossen wieder Oberwasser. Schon vor acht Tagen konnte das„Christus' soziale ssorrespondcnzblatt" melden, daß die Mehrheit de» konservativen Wahlkomitces den Stadtverordneten Gerold Kandidaten auscrlehcn habe, und nunmehr ist derselbe, wie g meldet, unter Assistenz der Herren Wagner und Cremer fes�. lich proklanritt worden. Herr Gerold, der früher nur als 1, Inhaber eines Zigarrcngeschäftes in weiteren Kreisen betau war, ttat, als der Antisemitismus in Aufnahme kam, rn Gefolge der Herren Stöcker und Liebermann von Sonnenv�- ein und arbeitete nanrentlich nicht ohne Erfolg im Juteren der Reichstagskandidatur des letzteren im ersten Wahlkrerse Jahre 1881. Nach der Auflösung der Stadtverordneten-�, sammlung 1883 durfte er sich rühmen, dem Leiter der w schrittlichcn Organisation im ersten Wahlkreise, Dr.. W'U das lange Jahre hindurch iunegehabte Mandat mit tck"? Mehrheit(1522 gegen 983 Stimmen) geraubt zu haben. der Stadtverordneten-Versammlung hat er ebensowcnrg � seine Kollegen von der Bürgerpattei den Versuch gernaaii' � feinen Wählern in reichlichem Maße gegebenen Versrncchuuu zu erfüllen und die angeblichen Mißstände in der stadtn- mein Kind so weit vergessen konnte— aber da es nun einmal geschehen ist, soll wenigstens kein weiteres heil daraus entstehen. Ihnen will ich um Ihrer je?» wackeren Haltung willen nicht weiter zürnen— und Sie haben ihr ja auch das Leben gerettet und ich wa � für bisher noch in Ihrer Schuld!— Nun, so reden doch auch einmal ein Wort I" �.�er „Herr Oberförster," sagte Nikolaus mit Stimme,„ich stehe beschämt vor Ihnen. Aber u y haben Sie, warum hat Helene das gethan? Ncan � mich auch ohne die Enthüllung nicht verurtheilt habe, � der Name Ihrer Tochter hätte nicht erst erwähnt zu w brauchen!" jetzt „Das ist unsere Sache!— Ist der junge Man frei, Herr Untersuchungsrichter?", weiteres «Seme Entlassung kann noch nicht so ohne � � erfolgen. Zwar bin ich von Ihrer Unschuld bereue zeugt, Herr Werner: aber gewisse Umstände zwingen � feie noch über Nacht hier zu behalten.— Beruh 9 sich, Herr Oberförster," fügte er lächelnd hinzu, als wie Herr von Nuggenhagen ärgerlich ausfahren „wenn es Herr Werner wünscht, soll er nicht weyr ,�ssen fangener behandelt werden. Das Zimmer wrrd, Lufte»'1 bleiben, und ich erbitte nur sein Ehrenwort,»r«' �r- nicht vor meiner ausdrücklich ertheilten Ermächtig»» „ a„.„ �..... l � x flOti) f®* folauä,„und meinetwegen mögen Sie mich trägst nicht vor meiner ausdrücklich ertheilten lassen zu wollen.".„ fwe /ich gebe es Ihnen, Herr Amtsrichter, � fä SÄ wollen, daß meiner armen Schwester eine beruh g ich,. Stimme ein.„Seien Sie»tum g-n,% Schwester steht so lange, bis Sie wieber 3. hat unter meinem Schutz, und ich denke, Sie ausreichend ansehen." (Fortsetzung folxt.) Verwaltung bloßzulegen und abzustellen. Er spielt selbst in der > was man darunter versteht. Gegen die Zuckerprämicn. Im Reichstage ist wieder- holt, z. B. vom Abg. Sombatt, auf das Unwesen der Zueker ausfuhrprämien, welches in allen europäischen Staaten bestes' und auf die Nothwendigkcit einer Zuckerkonvcntion aller M?. duzircndcn Staaten hingewiesen worden. Neuerdings wird England, dessen Raffinerien durch den Jmpott von deutsch� raffinirten Zucker ebenso bedrängt werden, wie die# lischen Kolonien durch den Jmpott von Rohrzucker, für. schafsung der ausländischen Zuckerprämim aaitirt. Eine kurm in London stattgehabte Versammlung des Raths des Arber-tt Vereins hat beschlossen, der Regierung die dttngende Nothwe digkeit vor Augen zu führen, mit der Einberufung der mir nationalen Konferenz über die Frage wegen AbsaM»? der Zuckerprämien keine Zeit zu verlieren. Ob_ England gelingen wird, eine solche Konferenz Bälde zu Stande zu bringen, steht noch sehr dahin. 2 lische Regierung machte bereits im Jahre 1881 den Verl, die europäischen Hauptmächte zur Beschickung einer intern» z nalen Zuckerkonferenz zu bewegen, aber Deutschland und Hou: lehnten damals die Thttlnahme ab und Frankreich erklärte i zur Theilnahme nur unter der Bedingung bereit, daß m Ländern, wo Ausfuhrprämien fortdestchen sollten, die EmiHz beschräntungcn aufgehoben würden. Als femer im Jahw,. �f die Zuckcrproduzenten Westindiens das englische Handel-' ersuchten, aus dem Wege internationaler Vereinbarung � Acnderung des von den Zucker produzirenden Ländern. Kontinents eingeführten Prämiensystems herbeizuführen,.I, mottete dasselbe(unter dem 10. Februar 1883), daß cme 1 Vereinbarung zwar angestrebt, aber gescheitett sei, weil D e u land die Betheiligung an einer solchen Konferenz aofow weigett und Frankreich dieselbe an Bedingungen geknupsi v'( die mit der Handelspolitik Englands unvcrttäglich stwm.�l, ähnliche Antwort gab im April 1884 der Ko � minister Lord Derby einer Deputation von Kaufleuren Zuckerfiedereibefitzem, welche auf die Lage der westm Zuckerproduzenten hinwies, die, wie hervorgehoben wuroe, ,j� die Wirksamkeit der deutschen und französischen Zucker? von europäischen Märkten ausgeschlossen würden, uno � zur Beseitigung dieses Uebels' den Minister ersuchten, Einfluß zu Gunsten der Abhaltung einer intemat>onaien ferenz aufzubieten. Lord Derby versichette der Teputauo, � wenn sich der Regierung irgend eine Gelegenhett buu. die Frage mit Erfolg unzuregen, sie sich derselben, un� bedienen würde; die Schwierigkeit liege in dem Umstan(1It) Deutschland und Frankreich fich freiwillig bcsteu Zucker in England unter den Preisen der bntlschci � jji zenten zu verkaufen, und so lange sie gewillt seren, thun. dürften sie schwerlich Argumenten dagegen � ,0 schenken.- Wir glauben das auch. Uebttgens wu��e letzten Satze genauer heißen müssen: solange dw U g�cht 5U die große Volksmasse schröpfen, um sich den bntitm1 sichern und dadurch ihre Taschen zu füllen._ Avis für Korbmacher. Am 16. d. M- haben f Korbmacher(60 Mann) bei Nagel rn Ha m b ur g � 1,. druck des Obigen gebeten. Verantwortlich für den politischen Theil und Soziales Max Cchidpel, für Vereine und Versammlungen 5. Tuyauer. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin sw., Be ______-TT. in LccliN- für den übrigen Theil der Zeitung�R.zCronh� Beuthsttaße 2. Beilage pro Berliner Bolksblatt. ttr. 272. Sonnabend, de« 30. Uooember 1880. 3. Lokales. . In den Straßen Berlins schreitet man oft achtlos «der eiserne Tafeln und Ringe von den verschiedensten Größen und Fonnen dahin, ohne daß man sich Zeit nimmt, variwer nachzudenken, was diese in die Trottoirs und vahrdämme eingelassenen Gegenstände wohl bedeuten mögen. «m zahlreichsten und bekanntesten sind schon jene Tafeln, welche vie Einsteigeschachte und Zuführungsöffnungen der Kanalisation, Wasserleitung, der Gas- und Telegraphenanlagcn k. bedecken, seltener dagegen glatte, kreisrunde Scheiben von etwa Ctrn. Durchmesser, denen man nur in weiten Abständen de- Kegnet. Das sind die Deckel der Grundwasser-Standrohre, von deren Vorhandensein und Zweck nur wenige Bewohner Berlins Kenntniß haben werden. Was Grundwasser ist, dürfte plannt sein. Seit Jahren haben Aerzte und Bautechniker dem Studium desselben ihre Aufmerksamkeit zugewendet, weil man ihm eine der häusigsten und wichtigsten Ursachen für Krank- Men, namentlich solche epidemischer Art zu finden glaubt. -pettenkofer in München hat ja die„Grundwassertheorie" auf- gestellt, daß mit dem Sinken des Grundwassers die Typhus- �krankungen zahlreicher werden, mit dem Steigen desselben sich Vennindern. Außer dieser hygienischen Bedeutung hat das Grundwasser in einer Stadt mit so durchlässigen Boden wie Berlin auch Einfluß auf die Gebäude. In vielen Gegenden ver Stadt tritt das Grundwasser bis 1 Meter unter die Ober- stäche. Die anhaltende Feuchtigkeit des Bodens theilt sich den Fundamenten und Mauern mit, verdirbt die Luft der Keller- Wohnungen und der unteren Geschosse und wirkt hier nicht nur °uf die Gesundheit der Bewohner, sondern nicht minder ver- verblich auf Nahrungsmittel, Kleider, Geräthe k. Genaue Ermittelungen über den gewöhnlichen Stand und die Schwankungen des Grundwassers waren auch erforderlich, um Gr den Bau der Kanalisationsanlage, insbesondere der Ab- Mgskanäle, Anhaltspunkte zu gewinnen. Meistens wurden Mle Untersuchungen am Brunnen ausgeführt, weil man annahm, ?.?» der Stand des Brunnenwassers ein genügendes Merkmal Gr den Stand des Grundwassers abgebe. So verfuhr man in -Lunchen, wo Pcttenkofcr seit Jahren diese Untersuchungen leitete, w wurden auch die Beobachtungen in Berlin zuerst aus- «rtuhrt, die durch Beamte der Feuerwehr unter Leitung Scabell's Zugestellt wurden. Allein gerade diese Untersuchungen ergaben ?uch das Bedenkliche einer solchen Methode, in so fern einmal ?lS tägliche Wasserentnahme an verschiedenen Brunnen sehr er- Büdlich schwankt, andererseits an manchen Orten, um ein gutes Brunnenwasser zu erzielen, durch das Grundwasser hindurch in Were wasserführende Schichten gegangen werden mußte. Die stadtische Deputation für Untersuchung der auf die Kanalisation Und Abfuhr Berlins bezüglichen Fragen entschied sich daher von Anfang an dahin, für die Untersuchung des Grundwassers be- '»nbere eiserne Standröhrcn in den Erdboden einzusenken. Diese 'stohren haben 20 Ztm. Durchmesser und befinden sich an fachen 30 Stellen in der Stadt vertheilt, so am Schloßplatz, kr Brüderstraße, Stralaucrstraße, gegenüber der Waisenstraße, Ii* Oranienburger und Große Präsidcntcnstraße, an der west- Är" �er Brunnen- und Elsasserstraße, im nördlichen BenWei9 der Behrenstraße an der Charlottcnstraße, auf dem dam-. Gureplatz gegenüber der Friedrichsstraße, Ecke Pots- bur„„ und Bülowstraße, am großen Stern auf der Charlotten- £v°,. Chaussee, an der Südwestecke von Oranienplatz und yi°v>cnstraße w. Die Höhenlage der Oberkanten sämmtlicher fxgUnvwasserröhrcn wurde durch ein besonderes Nivellement G�stkllt und seitdem wird täglich an denselben der Stand des di?s. Znssers und zugleich die Wärme desselben gemessen. Auf .Weise sind seit September 1860 über das Berliner worii sser so reiche und sichere Beobachtungen gewonnen mönifÜ!' u>ie sie keine andere Stadt besitzt, und es ist nunmehr G, die Gesundheitsverhältnisse nicht blos der ganzen in A d dern auch der einzelnen Stadtthcile mit Leichtigkeit wnN»?.udung zu setzen mit den Schwankungen des Grund- MonJf egels. Vielleicht interessirt sich nach dieser Erläuterung fom Gec Leser für die sonst wenig anziehenden monatlichen Zu- sxi».„*nstellungen über den Grundwasserstand Berlins, welche werden statistischen Amtes im Kommunalblatt veröffentlicht »lisi �.Polizeipräsidium bringt zur öffentlichen Kennt- _'' vaß morgen die Neue Berliner Omnibus- und Packet- Todtenfeier. Von Fritz von Ostini. Mck verboten.) A, � war ein alter Mann und ich habe selten so viele vJ uCTl tn pnipm AöföKor» �TVrrmpä nnh frftrtPPi vinem Gesichte gesehen. Dünnes und schnee- Haar deckte seine Schläfen— Alles an ihm war Unx h.afr vnd verwittert, nur die Augen schauten lebendig ~.wit seltsamem Trotz in die Welt. Es giebt alte zerstörtes Leben ansieht, auch 'te einer oavon sein. Kaffeehaus kam und Unh• 1 Vtviumcn,»IUI Vit 3j> fj1'1 seltsamem Trotz in die ttenn r1' ,�enen man ein zerstörtes«t... N>j ssv ujx darüber klagen. Er mußte einer davon sein. er ßvüpku ihn Alle, wenn er in's Kaffeehaus kam und freundlich zu uns und sprach wohl auch einmal ein aet darein«Z»- sa-.rrJt tJ-rw' nnJn„n-. .stumn wenn wir Billard spielten. Meist aber saß liefen'"�'n �et Fensternische und seine lebendigen Augen Mn*, unablässig von Einem zum Anderen. Darum n-nJi'hn Viele nicht leiden; es ist nicht Zedern an- vbnn' Zu fühlen, daß gerade ein Anderer an ihm Wstognomische Studien macht. Cr Todtensonntag war es— im vergangenen Zahre. wa.-i. u seinem alten Platze und sah uns zu. Außer uns kaum drei Gäste im Lokal. � ihnf�� stud alle Lebendigen bei den Tobten," sagte ich gehe selten auf den Friedhof," gab er zur Antwort; erlebt bald siebenzig Zahre zählt und wie ich soviel stian*�&.aß man eigentlich noch einmal so alt ist, wie seine ra.D ere in den gleichen Zahren, dann hat man MnenM�. überall, auf der Gasse, in den Häusern, im Catz.-Gald sogar und im Strom." Es war der längste Ende- ie Zu mir gesprochen. Das Spiel war zu sttzte mich zu ihm. "Und was siegt Alles in diesen Gräbern?" hatte".i��rungen, Menschen und Zllusionen." Der Mann veränderte reden, ohne daß sich seine Miene fahrt-Aktiengesellschaft die Omnibuslinie Prenzlauer Allee(Ecke Metzerstraße)— Äroßbeerenstraße(Ecke Borkstraße) in Betrieb setzen wird. Es gehen auf dieser Linie 10 Wagen in Zwischenräumen von 11 bis 12 Minuten, und zwar von der Prenzlauer Allee der erste 6 Uhr 45 Minuten, der letzte 10 Uhr, von der Großberenstraße 7 Uhr 42 Minuten Morgens, 10 Uhr 57 Minuten Abends. Die Wagen passiren von der Prenzlauer Allee (Ecke Mctzerstraße) die Prenzlauer-, Alexanderstraße, den Alcxanderplatz, die Königs-, Neue Friedrichstraße, den Lustgarten, Am Opernhause, die Behren-, Markgrafen-, Mohren- straße, den Wilhelmsplatz, die Wilhelms-, Anhalt-, König- grätzer-, Großbeerenstraße bis zur Borkstraße. Zurück ebenso. Das Fahrgeld beträgt für die ganze Strecke 20 Pf., mit Theil- strecken für 15 und 10 Pf.— Ferner wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß am Prenzlauer Thore, am Ererzierhause, Spitze nach der Saarbrückerstraße, ein neuer Standplatz für vier Thorwagcn eingerichtet wird. Die schon seit vielen Jahren erstrebte Ueberführung der Ringbahn im Zuge der Stromstraße dürfte nunmehr baldigst in Aussicht stehen. Bisher war an der Verzögerung der Aus- führuna die Eisenbahnvcrwaltung schuld, welche trotz wieder- Holter Aufforderung des Magistrats das Projekt nicht fertig gestellt hatte. Nachdem nunmehr dieser Mangel gehoben ist, wird seitens des Bezirksvereins zu Moabit der Magistrat er- sucht werden, nun seinerseits Vorschläge zur schleunigen Her- stellung zu machen. Gegen die Fremdwörter. Herr Dr. v. Stephan hat nun auch für die Bauten der Post angeordnet, daß von den Bau- anschlügen, Zeichnungen k. alle Fremdwörter fern zu halten und auch die technischen Ausdrücke der deutschen Sprache mög- lichst anzupassen sind. Eine weitere Anordnung geht dahin, bei den zur Zurechtweisung für das Publikum dienenden Auf- schriften in den Post- und Telegraphengebäuden, soweit dies noch nicht geschehen ist, gleichfalls deutsche Bezeichnungen aus- schließlich zur Anwendung zu bringen. So sollen beispielsweise die allgemein mißbrauchten Fremdwörter Korridor, Etage, Portier zc. durch die deutschen Bezeichnungen Gang, Geschoß, Pförtner ersetzt werden. Bei den Berliner Bauten ist, nach der„Voss. Ztg.", diese Anordnung überall zur Durchführung gelangt. I Das Privatpostwesen scheint nach dem Mißerfolge der Berliner Anstalten allgemein im Rückgange begriffen zu sein. In Breslau hat, der„Nordd. Ällg. Ztg." zufolge, der Plan zur Gründung eines Unternehmens für Stadtbncfbeförderung wieder aufgegeben werden müssen, weil es dem Unternehmer nicht gelungen ist, die Bethciligung von Kapitalisten zu gewin- nen. In Stettin scheiterte aus demselben Grunde die in Aus- ficht genommene Privat-Briefdcstellungseinrichtung. In Elber- seid hat eine ähnliche Privat-Beförderungsanstalt den Betrieb einstellen müssen, weil oas Publikum derselben keine Sendung mehr zur Besorgung anvertraute. In Aachen ist die bcabsich- tigte Gründung einer Privat-Stadtbriesbefördemng als geschei- tert zu betrachten. In Krefeld ist die Privat-Packetbeförd erring nach kurzer Zeit des Bestehens wieder eingegangen. Benrer- kcnswcrth ist die Wahrnehmung, daß an einzelnen Orten gleich- zeitig mehrere solcher Unternehmungen entstehen oder doch$u entstehen versuchen. So sind in Karlsnihe(Baden) und in Straßburg(Elf.) je zwei verschiedene Unternehmer für die Ein- Achtung von Privat-Bestellanstalten aufgetreten. In Köln, welches seit einigen Tagen eine„Gesellschaft zur Privatbeförderung von Stadtbnefen" besitzt, haben alsbald noch drei weitere Geschäfts- lcute, jeder für sich, dre polizeiliche Genehmigung zur Eröffnung einer gleichartigen Anstalt nachgesucht. Besonders symptomatisch gestaltet sich aber der Verlauf der Sache in Mainz, denn in dieser erheblich kleineren Stadt ist ebenfalls neben der bereits vorhandenen Privat- Bestelleinrichtung für Stadtbriefe die Gründung von drei weiteren derartigen Unternehmungen geplant. Die in den Pferdebahnwaggons befindlichen Mittel- aänge bestehen bekanntlich aus dicht neben einander befestigten Leisten und ist dieser Fußsteig eine wahre Mausefalle. Es kommt fast täglich vor, daß diesem oder jenem Fahrgast ein 10-, 20- oder 50-Pfennigstück aus der Hand fällt und zwischen diese Leisten geräth. Erblickt man bei der Suche auch wirklich das Geldstück, fo gelingt es in den fcltensten Fällen, dasselbe mit den Fingern zu fassen und da auch geeignete Instrumente fehlen und der Wagen besetzt ist, um das Laufbrett hochzuheben, ladung, mit ihm ein wenig spazieren zu gehen, freudig annahm; dachte ich doch, em Stück von seinem Leben zu erfahren. „Ich mache diesen Weg oft allein," sagte er, als wir draußen waren;„ich gehe an den Stätten vorüber, wo die Erinnerungen für mich begraben liegen, die bösen und die süßen, und das ist zu Zeiten das Beste, waS ein einsamer Mensch thun kann, dann lebt man in einer halben Stunde seine Tage noch ein Mal cursorisch durch. „Dort drüben in dem hohen, schmalen Hause mit dem seltsamen Frauenkopf über dem Thorbogen liegt meine Kind- heit begraben, hoch oben im vierten Stock. Dort bin ich geboren; dort strich mir die Mutterhand über die Locken, die damals noch voll waren und blond; ich sehe sie noch, den lieben Kopf über den Nähtisch gebeugt und sehe noch die Wolken von Tüll und Gaze, die von ihren Händen niederquollen bis auf die Diele. Es wurden Tanzröckchen daraus— meine Mutter war Tänzerin. Einmal durfte ich sie auch sehen, dort drüben im Theater. Neben der alten Frau, bei der wir wohnten, saß ich im Parterre und ich weiß noch, wie himm- lisch schön die Mutter mir vorkam; die Frau aber hielt mir mit ihrer harten, braunen Hand den Mund zu, denn ich hatte begonnen, laut aufzujubeln. In dem alten Theater- gebäude liegt mehr als diese Erinnerung für mich begraben — doch davon später. Von Zeit zu Zeit kam ein vornehmer Mann zu uns, der mich küßte und mir Geschenke brachte- sie mußte ihn wohl sehr lieb haben, die Mutter, so glücklich lachte sie, wenn er kam und so zärtlich hielt sie ihn, wenn er gehen wollte. Eines Tages nähte sie sich statt der Röchchen ein schwarzes Kleid und weinte, als sollte ihr das Herz brechen; und ich weinte mit. Meines Vaters Grab deckt ein großer Stein und ein Wappen ist darauf gemeißelt- aber die eS schmücken sind vornehme Leute und gehen mich nichts an. Er war plötzlich gestorben, ohne für uns sorgen zu können; wie ich später erfuhr, wollte er sich in kurzer Frist mit meiner Mutter trauen lassen. Nun war es anders. Mit den Thränen kam die Roth in's Haus. Noch seh' ich die Gute, wie sie sich mühte, Tag und Nacht; ich sehe sie bleich und bleicher werden, in wortlosem Zammer die Hände ringen und wieder dumpfstöhnend in das ärmliche Sopha so müßte der Verlierer— natürlich auf seine Kosten— die Tour bis zum Endpunkt abfahren, um das Geldstück zu er- langen. In der öffentlichen Heilanstalt für Augenkrante, Neue Königstraßc 6, finden die Sprechstunden täglich(auch Sonntags) von 0 bis 11 Uhr Vormittags statt. Die BeHand- lung sowohl wie die Verabfolgung der Medikamente geschieht unentgeltlich. Man schreibt der„Volks-Ztg.": Als ich vor einigen Tagen in Berlin mit der Stettiner Bahn ankam und in der Jnvalidenstraße die neue Pferdebahn sah, war ich sehr erfreut darüber, daß von diesem sehr frequentem Bahnhofe aus endlich eine derartige Verbindung ins Leben getreten war. Ich benutzte dieselbe sofort und bestieg am Stettiner Bahnhof einen Wagen, um nach der Karlstrnße zu fahren, war aber nicht wenig über- rascht, als der Fahrschein 15 Pf. kostete, und interpeltirte den Schaffner, der mir antwortete: Ja für 10 Pf. können Sie nur bis zum Neuen Thor fahren, oder Sie dürfen diesen Wagen erst von der Chaussecsttaße an benutzen, dann kostet Ihre Tour 10 Pf. Ich fuhr dann später von der Rathcnower- und Thurm- straßen-Ecke nach dem Stetliner Bahnhof— kostete 20 Pf., weit Theilsttecke für 15 Pf. wieder an der Chaussee- und In- validenstraßen-Ecke ist. Dagegen fährt man auf einer ähnlichen Tour von der Thurm- und Äathenowcrstraßen-Ecke nach dem Oranienburger Tbor für 15 Pf., also eine längere Strecke als nach dem Stettiner Bahnhof, 5 Pf. billiger. Nach diesen Er- fahrungen bin ich der Meinung, daß diese Eintheilung recht unzweckmäßig ist. Die Rohrbrüche in der Bellealliancestraße beginnen wie- der trotz der kostspieligen Umbauten im vorigen Sommer. Am Mittwoch Abend platzte das große Hauptrohr an der linken Seite des Blücherplatzes, die Pferdebahnwagen nach Tempelhof mußten vor der Rieselfluth von ihrer Haltestelle stückten und der einige Fuß unter dem Fahrdamm belegene Bürgersteig wurde überschwemmt. Erst nach einer halben Stunde gelang es, die Fluch abzusperren. Die„Berliner Börsen- Zeitung" verbreitete in ihrer gestrigen Abendausgabe die Nachricht, daß der Stadtverordnete Görcki ausgewiesen sei. Die Nachricht beruht, ivie wir aus bester Quelle versichern können, auf Unwahrheit. Ein grober Postbeamter. Es geht dem„Bert. Börs.-Kour." eine Beschwerde über das höchst schroffe Benehmen eines Be- arnten des Postamtes Nr. 12, Ecke der Charlotten- und Zimmer» sttaße, zu. Vorgestern Mittag trat ein Herr, eine erloschene Zigarre im Munde, in das Bureau ein, um ein Rohrpost» Kouvert zu kaufen. Er sah den Beamten am Fenster nach der Sttaße zu stehen, in das Lesen einer Zeitung vertiert. Um sich bemerkbar zu machen, pochte der Herr an die Scheibe des Schalters. Daraufhin fuhr der Beamte, wie von der Tarantel gestochen, auf, stürzte auf den Schalter zu, öffneie das Fenster und rief im zornigen Tone:„Hier wird nicht geraucht Der hierdurch etwas verblünte Herr entschuldigte sich, obwohl ihm thatsächlich die Zigarre bereits„ausgegangen" war. Nichts- dcstoweniger fuhr der Beamte erregt fort:„Wissen Sie nickt, was Anstand ist?" und ließ im weiteren Verlaufs der Aus- einandersetzung, bei welcher sich übrigens der bettenende Herr mit großer Selbstbeherrschung jeder verletzenden Bemerkung ent- hielt, noch die Aeußerung fallen:„Das ist ein ganz nnver- schämtes Benehmen." Auch weigerte sich der Beamte, seinen Namen zu nennen. Es existirt zwar eine in allen Post-BureauS angeschlagene Bekanntmachung, wonach das Rauchen in diesen Räumen untersagt ist, im Publikum ist aber diese Verordnung nur sehr wenig gekannt. Jedenfalls wird die vorgesetzte Be- Hörde Veranlassung nehmen, den jähzornigen Beamten in der Zimmersttaße daniber zu belehren, daß die Angestellten der deutschen Reichspost in Fällen, wo eine Uebcrtretunq einer Ver- ordnung stattfindet, das Publikum in gebührlicher Weise darauf hinzuweisen, nicht aber zu insultiren haben. Polizeibericht. Am 18. d. M, Vormittags gegen 8 Uhr, stürzte ein Theil des a"f dem Grundstück Thurmstr.'Gu befindlichen Fabrikschomsteins zusammen. Die Trümmer durchschlugen das Dach und die Decke, des Fabrikraums und verletzten den darin befindlichen Metalldrcher Härißner. Da auch dem noch stehenden Theil des Schornsteins der Einsturz droht, ist die vorläufige Schließung der Fabrik angeordnet werden.— Um dieselbe Zeit wurde auf dem Neubau Neue Schönhanserstt. 10 der Arbeiter Gcricke von einem durch den Thorweg fahrenden fallen— unsere schönen Möbel hatten wir verkauft. Dann kam ein Abend, der vor mir steht, als wär es der gestrige. Meine Mutter brachte reichliches Essen nach Hause— für den letzten Rest ihrer Gage—, das Zimmer war warm, die Lampe brannte hell, ich war ganz glücklich und dachte, nun wäre Alles wieder wie einst. Dann setzte sie sich hin und schrieb; ich kauerte im Winkel und spielte mit meinen zerbrochenen Sache». Die Mutter stand auf, küßte mich ein paar Mal fest auf den Mund und ging mit dem Briefe aus der Thüre. Dann kam sie wieder, als hätte sie etwas vergessen, legte die Schlüssel, die sonst nie aus ihrer Tasche kamen, auf die Kommode und trat auf mich zu, hastig, weinend. Doch plötzlich wandte sie sich ab und stürzte hin- aus. Zch hörte einen dumpfen Aufschrei, der mir in der Erinnerung noch durch Leib und Seele schauert— damals verstand ich ihn kaum; aber mir graute doch; ich lauschte. Die Thüre ging draußen und wurde zugeschlagen. Sie war fort. Furchtsam und müde kroch ich in's Bett, zum ersten Male allein; ich war ein Kind und schlief ein, trotz meines Grauens. ES ging schon dem Morgen zu, als mich polternde Schritte aus der Treppe weckten; man riß an der Klingel, ich horchte auf die schlürfenden Schritte der alten Frau, die hinausging, zu öffnen. Dann hörte ich sie schreien, gell, häßlich. Dann machten sie auch unsere Thüre auf, zwei Männer trugen die Mutter herein; sie war ganz naß; ihr Gesicht hatten sie zugedeckt mit einem weißen Tuche. Die Leute waren ernst und flüsterten leise. Zch sah immer auf die Mutter und sah im Scheine der her- untergebrannten Lampe, wie das Wasser aus ihren Kleidern auf den Fußboden rann. Da sind wir am Flusse. Meiner armen Mutter erstes Grab liegt dort, zwischen den, zweiten und dritten Pfeiler der Brücke." Der Alte verstummte. Wir beugten uns Beide über das Geländer und sahen hinab, als fiätten wir die Wasser etwas zu ftagen. Aber sie rauschten lustig zu. Dann gingen wir immer in demselben langsamen Schritte weiter durch die Gassen und er zeigte mir die Stätten, an die sich Erinnerungen für ihn knüpften, Gräber, wie er sie nannte; und dabei hatte er nicht die unangenehme Art so vieler Leute, an jeder denkwürdigen Stelle stehen zu bleibe». Da war ein langes, graugrün getünchtes Gebäude, mit Arbeitswagen so gegen die Wand gedrückt, daß er eine Duetsckung am Schenkel erlitt und nach dem St. Hedwigs- Krankenhause gebracht werden mußte.— Im Laufe des Vor- mittags wurde die Leiche einer etwa 20—24 Jahre alten Frauensperson aus dem Waffer des Nordbafens gezogen und nach dem Leichenschauhause gebracht.— Gegen Mittag fiel in der Markusstraße der obdachlose Ardeiter Kallinat von einem Arbeitswagcn während der Fahrt auf das Straßenpflaster herab und erlitt dadurch eine nicht unbedenkliche Verletzung am Kopf, so daß er mittelst Droschke nach dem Krankenhause im Friedrichshain gebracht werden mußte.— Am Nachmittage war in der Hollmannstraße ein Knabe unbefugter Weise auf einen dort haltenden Wagen geklettert, fiel von demselben herab und erlitt durch den Fall auf das Pflaster eine Gehirnerschütterung. — Als gegen Abend eine Verkäuferin in einen. Fleischerstand der Markthalle in der Lindensttaße eine Gasätherlampe füllen wollte, entzündete sich ein Theil des vergossenen Aethers, wo« durch sie einige Brandwunden an der linken Hand erlitt. Sie von Oerichts-Ieitungc. Die Rädelsführer des Spremberger Krawalls vor dem Schwurgericht. Cottbus, den 18. November 1886. Erster Tag der Verhandlung.(Schluß.) Der ehemalige Polizeisergeant Schilling wiederholt im Wesentlichen seine früher gemachten Bekundungen. Verth. R.- A. Hammerschmidt: Worauf begründet der Zeuge seine Bemerkung:„Wenn Hubrich die Sache einge- fädelt hat, dann kann er auch sehen, wie er mit den Leuten fertig wird?"— Zeuge: Ich erinnere mich nicht, eine solche Bekundung gethan zu haben. Ich habe dem Hubnch nach Kräften geholfen, ich weigerte mich nur, meinen Säbel zu ziehen. Ich hatte einmal die Vorgänge in Franffurt a. M. im Auge und andererseits sagt unsere Instruktion: wir sollen nur den Säbel ziehen, wenn wir thätlich angegriffen werden. Allein weder Hubrich noch ich wurden thätlich angegriffen. Wenn ich dem Hubrich Folge geleistet hätte, dann hätte man gewiß zu mir gesagt: Sie alter Sergeant, der Sie vielleicht mehr Jahre Polizeisergeant sind, als Hubrich Monate, haben dem Hubrich Folge geleistet, anstatt ihn ungesetzlichen Handlungen abzuhalten! Vertheidiger R.-A. Schulz: Ist dem Zeugen bekannt, daß .Hubrich im(öchiefehause die Gestellungspflichtigen mit„Alle" und„Lausejunge" angeredet hat?— Zeuge: Ich habe es nicht gehört, der Polizeisergeant Richter hat es mir jedoch gesagt. Dr. med. Schichold: Ich habe gesehen, wie der Angeklagte Weder einen Stock in die Höhe hob, in die Menge hineinging und rief:„Folgt mir, die Reichen leben von unserem Schweiße"; diese Aeßerung amüsirte mich, da es mir gar nicht so schien, als ob Weder schon einmal geschwitzt hatte. Ob Hubrich bei diesem Menschenknäuel stand, kann ich nicht sagen. Schilling stand mit gekreuzten Händen da und als ich ihm sagte, er solle doch mit eingreifen, da sagte er: Wenn Hubrich sich die Sache eingebrockt hat, dann mag er sehen, wie er mit den Leuten wieder fertig wird. Weder: Er habe wohl eine Redensart, wie sie der Zeuge bekundet, gehört, er habe sie aber nicht gethan. Auch Schilling bestteitet wiederholt, dem Hubrich nicht ge- halfen, oder eine Aeußerung, wie die bekundete, gethan zu haben. Kaufmann Merlc bemerkt auf Befragen des Rechtsanwalts Hammerschmidt: Auf ihn habe die ganze Sache nicht den Ein- druck einer Zusammenrottung, sondern den eines Auflaufs von dummen Jungen gemacht. Krankenwärter Fellisch: Er sei von Hubrich zur Hilfeleistung aufgefordert worden; als er nun einen der Exzedentcn arretircn wollte, habe Jemand aus der Menge gerufen:„Springt doch dem Kerl auf den Rücken." Wer dieser Rufer gewesen, wisse er nicht. Vertheidiger Rcchtsanstalt Hammerschmidt: Hat der Vor- gang auf den Zeugen den Eindruck gemacht, als wenn es sich um eine sozialdemokratische Demonsttation handelte?— Zeuge: Das nicht, dazu schienen mir die Leute auch noch viel zu jung, ich glaube, die ganze Sache galt lediglich dem Hubrich. Fleischergeselle.Harmuth: Er sei dem Krankenwärter Fellisch, als dieser von der Menge angegriffen wurde, zu Hilfe geeilt. Der Auflauf sei deshalb so groß geworden, da zu jener Zeit die Arbeiter gerade aus den Fabriken kamen. Die Ansammlung sei gerade an der sogenannten scharfen Ecke gewesen: es stoßen dort fünf Sttaßen zusammen, deshalb seien dort Mittags stets eine Anzahl Menschen versammelt. Polizeisergeant Schilling habe zu einer Anzahl Leute gesagt:„Seid vernünfttg, Leute, und folgt mir", daraufhin seien die Leute anstandslos mit ihm gegangen. Einige weitere Zeugen bekunden nichts Neues.— Gegen 3'/. Ilhr Nachmittags wird die Sitzung auf morgen(Freitag) Vormittag 9 Uhr vettagt. einer schwerbeschlagenen Thüre, die einer Festung genügt hätte. Er wies darauf hin: „Dort liegt mein Kindesglück begraben— im Waisen- Haus. Sie wissen nicht, was das heißt„im Waisenhaus", wenn man Mutterliebe gekannt. Es giebt einen bitteren Nachgeschmack für's ganze Leben, dies Alleinsein zu einer Zeit, wo der werdende Mensch am meisten Liebe braucht. Mitleid für Liebe— ein harter Tausch! „Zehn Fahre mußte ich ausharren in dem grauen An- zug mit der schwarzen Kappe. Und dann war der Zugend- übermuth dahin mitsammt den rotben Wangen. Ein Ver- wandter meiner Mutter nahm mich damals auf, ein alter, schrullenhafter Mann, der in den Bureaur des Theaters be- schäftigt war, und er führte mich in.die Welt, aus der ich stammte, zurück, auf die Bretter. Fünfzehn Jahre alt, voll guten Willens, gewandt wie eine Katze und begeistert für die Kunst— man konnte mich brauchen als Negerknaben, als Pagen, als Gamm, als Löwen und als Bären. O wie viel zauberhafte Stunden liegen mir begraben in dem alten Musentempel mit den Sandsteinfiguren im Giebelfeld und dem lächelnden Apollo am Vorhang. Bald hatte ich den Beruf lieb gewonnen und oblag ihm mit großem Eifer. Zu Hause studirte ich fleißig und wußte mtt etlichen zwanzig Jahren so viel, als hätte ich bessere Schulen hinter mir, als die des Waisenhauses. Als mein alter Beschützer starb, bezog ich meine eigene Stube, den Sternen ziemlich nahe; das Haus ist abgerissen— jener Börsenpalast steht an seiner Stelle. Es waren herrliche Jahre— ein Vorwärts- streben, das nicht erfolglos war, eine Freiheit ohne Grenzen. „Es verstand sich von selbst, daß ich mich in eine Kollegin verliebte. Eine niedliche Blondine mit großen, blauen Märchenaugen, die unter dunklen Wimpern herausträumten, so berückend lieb. Auch sie war mir gut, ich wußte es lang. Wenn wir Komödie gespielt hatten, fiihrte ich sie vom Theater nach Hause. Hier gingen wir über den Markt, er ist jetzt noch ganz so wie damals. Zwischen den Bretter- Häuschen war's hübsch dunkel, wenn der Mond nicht allzu hoch stand. Und da gingen wir wieder einmal; wir hatten Liebe gespielt auf der Bühne und dachten der Sache nun so Zweiter Tag der Verhandlung. Präsident Landgericbtodirektor Krause eröffnet gegen 9 Uhr Vormittags wiederum die Sitzung. Der zunächst vernommene Polizei-Wachtmeister Sommer bekundet auf Befragen des Präsidenten: Ich bin nicht der Meinung, daß der Krawall am 30. April ein geplanter ge- wesen ist. Als ich zu dem Krawall hinzukam, da forderte ich mehrfach auf, auseinanderzugehen. Da sich aber Nie- mand entfernte, so ergriff ich den Angeklagten Horn, der sich aber wieder losriß. Unter den Exzedenten, die sich nicht entfernten, befand sich auch der Angeklagte Henschke! Präs.: Haben Sie bei dem Krawall singen gehört?— Zeuge: Nein. Präs.: Kennen Sie dies rothe Buch?— Zeuge: Jawohl, das ist das sozialdemokratische Liederbuch, das ich einmal bei einer Haussuchung fand. Präs.: Bei wem fand diese Haussuchung statt?— Zeuge: Bei einem gewissen Biber. Präs.: Wissen Sie, ob die gegenwärtigen Angeklagten Sozialdemokraten sind?— Zeuge: Ja. Präs.: Woraus schließen Sie das?— Zeuge: Ich habe die Leute mehrfach in sozialdemokratischen Versammlungen ge- sehen. Präs.: Es fanden also in Sprcmberg oftmals sozialdemokratische Versammlungen statt?— Zeuge: In diesem Jahre nicht, aber im vergangenen. Präs.: Wer sprach denn in diesen Versammlungen?— Zeuge: Das weiß ich nicht mehr; in einer sprach tzasenclever, diese Versammlung wurde aufgelöst. Präs.: Wen von den Angeklagten haben Sie in dieser Versammlung gesehen?— Zeuge: Säbischka und Horn. Präs.: Von den übrigen Angeklagten Niemanden?— Zeuge: Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, aber Anhänger der sozialdemokratischen Partei werden sie wohl sein. Präs.: Woraus entnehmen Sic das?— Zeuge: Man nimmt das doch an, die Arbeiter in Spremberg sind ja fast alle Sozialdemokraten. Präs.: Sie sind also der Meinung, da die Angeklagten Fabrikarbeiter find, so werden es Sozialdemokraten sein? — Zeuge: Jawohl, sie waren ja auch bei Allem dabei.— Präs.: Wo waren sie dabei?— Zeuge: Bei all' den Kra- wallen. Präs.: Und Sie sind der Meinung, daß Alle, die sich an den Krawallen betheiligt haben, Sozialdemokraten waren?— Zeuge: Jawohl. Präs.: Wird denn von der Polizei in Spremberg eine Liste über diejenigen Personen geführt, die sich zu den Sozialdenio- kraten halten?— Zeuge: Jawohl, wenigstens sind die- jenigen Personen verzeichnet, die zu dem Tuchmacher-Fachvcrcin gehören. Vertheidiger Rechtsanwalt Hammerschmidt: Der Ange- klagte Säbischka behauptet, daß er niemals einer sozialdemokra- tischen Versamnilung beigewohnt hat, ich frage deshalb den Zeugen, ob er den Säbischka persönlich in der Hasenclever'schcn Versammlung gesehen hat?— Zeuge: Ob Säbischka gerade in dieser Versammlung war, kann ich nicht sagen, in anderen Versammlungen habe ich ihn aber gesehen. Verth. R.-A. Schulz: Auch der Angeklagte Korn behauptet, daß er niemals einer sozialdemokratischen Versammlung beige- wohnt hat, ich frage deshalb den Zeugen, ob er den Korn in sozialdemokratischen Versammlungen gesehen hat?— Zeuge: Ja. Präs.: Wissen Sie genau, daß das sozialdemokratische Ver- sammlungen waren?— Zeuge: Ich nahm es an. Präs.: Ja wir müssen Thatsachcn wissen, Ihre bloße An- nähme genügt uns nicht.— Zeuge: So genau weiß ich das ja auch nicht. Präs.: Waren denn das Volksversammlungen, die Sie im Auge haben?— Zeuge: Ja. Präs.: Wer sprach denn in diesen Versammlungen.— teuge: Das weiß ich nicht mehr genau, in einer sprach der bgcordnete Kayser. Staatsanwalt: Herr Wachtmeister, Sie haben doch eine sehr laute Stimme, die Menge hat danach wohl Ihre Auf- forderung, auseinander zu gehen, deutlich gehört?— Zeuge: Herr Staatsanwalt, ich habe so laut geschrien, daß die Fenster gezittert haben. Katasterkonttoleur Bo chardt, Maurermeister Mittag und Stadtsckretär Klip bekunden bereits bekannte Thatsachcn. Magisttatskanzlist Ernst Just: Er sei von dem Polizei- scrgeanten Hubrich zur Hilfeleistung aufgefordert worden. Von denen, die auf Hubrich eingedrängt seien, habe er die Ange- klagten Korn, Franke, Gustav Hoffmann, Wonncberger und Just erkannt. Letzteren habe er verhaften wollen, dieser habe sich jedoch mit Hilfe des Gustav Hoffmann wieder losgerissen. Richard Hoffmann habe gerufen:„Gebt doch dem Justens Ernst eins in die Fresse."— Die Angeklagten bestreiten die Bekun- düngen dieses Zeugen. Magisttatsbote Noack: Als die Gendarmen erschienen, habe der Angeklagte Müller gerufen:„Die Pickelhauben bekommen auch ihre Dresche." Korn, Dubrau und Müller haben weiter nach. Ich wurde warm, zog sie keck in den Arm— dort an der Ecke, wo sich die Gäßchen kreuzen, bekam ich den ersten Kuß. Damals brannte noch keine Laterne da. Ist das kein Grab? Ein doppeltes! Für ein Glück und für ein Weh! Das Weh kam nachher, unfehlbar wie am Schlüsse im Alphabet. Wir waren uns gut, drei volle Jahre. Ich arbeitete zu Hause auch ein bischen für die Presse; meine kleinen Essays nahmen sie gern an. Das machte mir Much, ich wollte etwas Größeres wagen, etwas, was uns Beiden helfen sollte mit einem Schlag— denn mit unseren kleinen Gagen konnten wir doch nicht heirathen. Wenn ein Schauspieler schreibt, was soll er dann schreiben als ein Schauspiel— ich schrieb eins, es war eine richtige Apotheose der Liebe. Mary hoffte, träumte mit mir von meinen Er- folgen. Es war eine köstliche Zeit— ihr Grab liegt, wie unser geträumtes Glück— in der Lust, denn meine Man- sarde lag um einen Stock höher, als das Dach jenes Palastes reicht. „Man nahm mein Stück an, man führte es auf. Keine Hand rührte sich nach dem ersten Akt, nach dem zweiten lachten sie, nach dem dritten scharrten sie mit den Füßen, nach dem letzten zischten sie mich aus. Sie hatten recht, ich sah es selbst ein, daß Alles verfehlt war und daß ich jenes Talent nicht befaß. Aber es that mir weh— namenlos weh. Nicht nur mein Stolz war zertreten, auch meine Hoff- nung. Ach, unter den alten, staubigen Brettern lag nun auch ein Grab für mich. Nach dem Theater ging ich mit Mary nach Hause wie sonst. Sie weinte und blieb stumm. Dann wurde sie kühler gegen mich. Ein halbes Jahr später bewohnte sie den ersten Stock in jenem gelben Hause. Sie hatte Kleider, Equipage, ihre eigene Zofe, Alles— Alles was schöne Weiber so billig haben können auf dieser Welt' Ach, mein Freund, in jenem ersten Stock liegt ein gut Stück von meinem Glauben an Menschenwürde und andere schöne Dinge begraben. Wir mußten noch oft zusammen spielen- wir küßten uns und sagten uns schöne Dinae. Draußen nahm ich ein Weib, ohne Roman, wir gewannen uns nach- der Aufforderung des Landraths, sich zu entfernen, nicht Folge geleistet. Angeklagter Maltusch: Der Zeuge ist dabei gewesen, als ich am Sonntag, den 2. Mai, von dem Polizeisergeant Hubrich bei dem polizeilichen Verhör geschlagen wurde.— Zeuge: Das habe ich nicht gesehen. Landrath Hoffmann: Als ich hinzukam, hieb Hubrich mit dem Säbel auf die Menge ei», da er sehr bedrängt war. Von denen, die Hubrich bedrängten, kann ich die Angeklagten Just und Korn bezeichnen. Ich sagte zu dem Herrn Bürger- mcistcr: Ich habe die Gendarmen schon bestellt, wenn diese nichts ausrichten, dann müssen wir die Feuerwehr requiriren. Präs.: Die Gendarmen genügten aber?— Zeuge: Jawohl, vollständig, zumal in demselben Augenblick auch noch Polizei- Wachtmeister Sommer hinzukam. Präs.: Als die Gendarmen hinzukamen, ging die Menge schließlich auseinander?— Zeucze: jawohl, als ich hinzukam, da sagten mir die Leute: Hubrich hat angefangen; ich bemerkte: Das wird sich ja finden, macht Euch aber nicht unglücklich und geht jetzt auseinander. Präs.: Herr Landrath, haben Sie sozialdemokratische Lieder singen gehört?— Zeuge: Nein. Präs.: Wenn es lediglich darauf abgesehen war, dem Hubrick etwas auszuwischen, da hätte man es doch am Abend thun können. Der Krawall ist aber Mittags am hellen Tage in so umfangreicher Weise passirt, sind Sie der Meinung, daß die Leute durch die sozialdemokratische Partei aufgestachelt waren? — Zeuge: Das kann ich nicht direkt behaupten. Ich muß jedoch bemerken, daß in Spremberg eine sehr wohlorganisitte sozialdemokratische Partei besteht, und daß diese eine sehr lebhafte Agitation entfaltet hat. Von dem Restaurateur Klein, bei dem sich gewissermaßen das sozialdemokratische Heerlager Sprembergs befindet, sind die Arbeiter geradezu aufgehetzt worden. Klein soll zu jener Zeit zu einigen Arbeitern gesagt haben:„Die Arbeiter müssen es in Deutschland ebenso machen, wie in Belgien, es muß endlich einmal anders werden." Ein Arbeiter erwiderte jedoch:„Ich bin Soldat und werde meinen Eid nicht brechen." Präs.: Haben denn zu jener Zeit irgend welche Vorgänge auf die Arbciterbcvölkerung aufregend gewirft?— Zeuge: Es ist wohl möglich, daß die belgischen Unruhen, die Streiks u. s. w. aufregend gewirkt haben, auch glaube ich, daß die Zeitungen, wie„Volksstimme",„Sozialdemokrat", die bei Klein zu lesen waren, aufregend gewirkt haben. Präs.: Haben auch Versammlungen stattgefunden?— Zeuge: Jawohl; außerdem sind von den Sozialdemokraten Sprembergs Wahlproteste erlassen worden, da verschiedene Wählcrvcrsammlungen verboten worden sind; es ist wohl möglich, daß diese Vorgänge auch aufregend gewirkt haben. Präs.: Jedenfalls ist das Vorhandensein einer sozialdcmo« kratischen Partei in Spremberg nicht zu verkennen?— Zeuge: Die Partei ist sogar sehr groß. Präs.: Die Partei entfaltet eine sehr lebhafte Agitation, ist bemüht, Anhänger zu werben und es ist möglich, daß durch ihren Einfluß die jungen Leute zur Begehung von Gewaltthätigkeiten sich haben hinreißen lassen?— Zeuge: Jawohl. Staatsanwalt: Herr Landrath, ich habe Sie bereits in der vorigen Verhandlung gefragt, ob Ihnen bekannt sei, daß in der Nähe von Voremberg im Freien, sogar auch im Walde, sozialdemokratische Versammlungen stattgefunden haben. Sie haben damals bejahend geantwortet, ich muß jedoch noch erwähnen, daß bei dem Staatsanwalt in Hildesheim sich ein Mann ge- meldet, der unter Verschweigung seines Namens bekundet hat: Es epistire in Spremberg eine wohlorganisitte sozialdemokratische Pattci mit leitenden Vertrauensmännern u. s. w. Es gelangen nach Sprcmberg, in großen Packetcn verpackt, viele verbotene Druckschriften, ganz besonders der Züricher„Sozialdemokrat". Auf Grund dieser Thatsachc, die Ihnen amtlich mitgctheilt wurde, haben Sie eine Anzahl Haussuchungen vornehmen lassen? — Zeuge: Jawohl, auf Grund dieser Mitthcilung wurden bcr etwa 7 oder 8 Personen Haussuchungen abgehalten, es wurden eine große Anzahl verbotener sozialdemokratischer Schriften vor- gefunden. Präs.: Können Sie uns sagen, ob die gegenwärtigen Aw geklagten zur sozialdemokratischen Pattei gehören?— Zeuge- Präs.: Haben die gegenwärtigen Angeklagten bei Klein verkchtt?— Zeuge: Das weiß ich nicht, ich habe nur in Zej" tungen gelesen, daß Säbischka und mehrere anocre Gestellung�' Pflichtige am Morgen des 30. April zusammen gewesen sind- Verth. R.-A. Dcdolph: Ist dem Herrn Zeugen bekannt, aus welchem Anlaß Säbischka und andere Gcstellungspfliäst'gf zrc Klein gegangen und was sie dort gemacht haben?— Zeulst- Ich habe bereits gesagt, daß ich von diesem Vorgange nur au» Zeitungen Kcnntniß habe. �„ Auf Befragen des Präsidenten erklären Säbischka, Inn- Brosig, Wonneberger und Müller, daß sie am Morgen de 30. April bei Klein gewesen sind._.. Verth. R.-A. Dedolph: Da die Stimmabgabe bei der Reca» tagswahl doch der beste Maßstab für die Stärke einer Patte»»>> her erst lieb. Sie ging still ihre Wege und unser kleltz Haushalt war musterhast geführt. Dann kam wieder d Elend; ich wurde krank, verlor meine Stimme und»nst'9 meine Stelle. Man versuchte es noch einmal mit mir; ging nicht; die Leute lachten mich unbarmherzig'-iL» das an einem Tage, wo mir das Herz auch ohnedies 1°' schwer genug war— zu Hause lag mein Weib frank. hegrub ich unter jenen Brettern auch noch meinen B' Dann ging's so sott mit dem Begraben. Meine o- schenkte mir ein Mädchen.— Drei Tage später mar l tobt. Nun ivar ich allein mit meinem Kinde, in Noth um's Brot, unsäglich hilflos in dtt- ödeten Wohnung. Da war's wieder ganz st � einst, wie damals, als meine Mutter mit.nnr.., Elend lebte. Und ich hatte das kleine Ding st Da boten mir reiche, kinderlose Leute an, mein Toch»» zu adoptire». Ich kämpfte— und gab es doch str», meine Ersparnisse aufgezehtt waren. Das arme Wejen, nicht hungern wegen meiner dummen Liebe!", �; Der alte Mann war weich geworden. Er stb „In jenem Gasthof ivar es, die Leute bewohn Eckzimmer über der Karyatide. Ich trug das Kle» auf. Es jubelte in der warmen, schönen Stube un> die Händchen nach den vergoldeten Dingen. iL�jr-ra»», ich es auf den Tisch und wandte mich schnell ab. Aise- eine schöne, blaffe Dame, sah, waS ich litt und w � Asch Der Mann, dessen Haar schon ergraute, stand on.* gstäb- und glitt mit der Hand über die gelben Haare m � er chens. Er sah nicht nach mir hin und es war, jzgab. den Vater verachtete, der sein Fleisch und Blu p Dann that ich es selber. Mir war, als hätte„cM Erkerzimmer mit meiner letzten Liebe auch ein meiner Ehre begraben. Aber es war ein falsch �ssen- ich hatte doch Recht gethan, denn ich konnte m°) schon Mutter.•- fein®'11;, „Nun war ich alt geworden uird träumte pu mehr; ich hatte gelernt zu entbehren. Und st mach'* aus meiner Bedürfnißlosigkett ein ivahres Oys fragt ich den Herrn Zeugen, wie viel Stimmen bei der vorigen Reichstagswahl im Nerhältniß zn den anderen Parteien, für den sozialdemokratischen Kandidaten abgegeben worden find? "T Zeuge: Das kann ich augenblicklich nicht sagen, es läßt sich aber leicht feststellen. Bürgermeister Wirth bekundet auf Befragen des Präst- dentcn: Hubrich zeichnete sich vor den anderen Polizeibeamten ganz besonders aus. Er vermied es, gleich dem ehemaligen Polizeisergeanten Schilling, mit den Arbeitern in kardialer Weise zu verkehren. Es sei ihm allerdings berichtet worden, daß Hubrich die Gestellungspflichtigen mit Schimpfworten angeredet habe, da mn Gewährsmann, dies aber nur von Hörensagen wuße, so habe er diese Sache nicht wester untersucht, zumal es feststehe, oaß eine Anzahl Gestellungspflichtige sich sehr ungebührlich 6c- uommen haben. Cb d erKrawall ein vorbereiteter war, könne er nicht fagen; es sei wohl einige Tage vor dem 30. April das Gerücht ver- breitet gewesen: in einer Fabrik soll die Aeußerung gethan worden fem, es werde in nächster Zeit ein Putsch stattfinden; etwas ALHercs konnte jedoch nicht festgestellt werden. Es bestehe in Spremberg eine große sozialdemokratische Partei, die ihren Hauptsammelpunkt in den Restaurationen von Biber und Klein habe. Präs.: Fanden in diesen Lokalen Versammlungen statt? �7 Zeuge: Versammlungen nicht, aber sogenannteBier-Zusammen- «inftc, bei denen, wie vermuthet wird, sozialdemokratische Unter- Haltungen gepflogen wurden. Präs.: Können Sie sagen, ob die belgischen Unruhen auf ole Spremberger Arbeiterbevölkerung aufregend gewirkt haben? ~ Zeuge: Mit Bestimmtheit kann ich das nicht sagen, ich ver- muthe es aber, da zu jener Zeit in der Spreniberger Arbeiter- Bevölkerung eine hochgradige Erregung sich kundgab. Präs.: Fanden auch Versammlungen statt?— Zeuge: M diesem Jahre nicht, da alle Versammlungen ver- ooten wurden. Ter Abgeordnete Käufer hat mehrfach den Versuch gemacht, in Spremberg zu sprechen, es ist ihn, dies ledoch niemals gelungen. Präs.: Haben vor dem 30. April Versammlungen stattgc- Junden?— Zeuge: Rein,.Hascnclcver hat wohl in einer Ver- fammlung gesprochen, das sind aber schon 2 Jahre her. Präs.: Ist Ihnen bekannt, ob die gegenwärtigen Ange- uagten Anhänger der sozialdemokratischen Partei sind.— oeuge: Mit Ausnahme von Rietschel, über den ich nicht unter- ächtet bin, sind sämmtliche Angeklagte Sozialdemokraten. .Präs.: Von wem wissen Sie das?— Zeuge: Von meinen �ekutivbeamtcn. .. Präs.: Herr Wachtmeister Sommer bekundete schon, daß v>e Angeklagten Anhänger der sozialdemokratischen Partei Wen. irgend welche Thatsachen hierfür wußte er jedoch nicht anzuführen?— Zeuge: Es werden auf der Polizei in Sprem- Berg über die Anhänger der Sozialdemokraten Listen geführt. ß Vertheidiger Rechtsanwalt Dedolph: Wer war wohl der �rekutivbcamte, der dem Zeugen gesagt hat, daß die Angeklagten Anhänger der sozialdemokratischen Partei seien?— Zeuge: Polizeisekretär Mattka. Vertheidiger: Dann beantrage ich, den Polizeisckretär -mattka zu laden. .. Staatsanwalt: Ick kann nicht einsehen, welchen Zweck Ble Vernehmung des Polizeisekretär Mattka haben soll. Die Imlage behauptet nicht, daß die Angeklagten Sozialdemokraten und, sondern nur, daß die Angeklagten durch die Agitation der lozmldemokratischen Partei zu dem Krawall veranlaßt wor- Ben sind. .. Verth.: Für diese Behauptung des.Herrn Staatsanwalts >t es icdoch von großer Wichtigkeit, welche Thatsachen zu der Umnähme berechtigten, daß die Angeklagten Anhänger der sozial- diirni 1°$en �nrtci sind. Mein Antrag rechtfertigt sich aber A die Fragen, die bezüglich der Parteiangehörigkeit der An- maten an verschiedene Zeugen gestellt worden sind. Gerichtshof beschließt, den Polizeisekretär Mattka zu lcd!.� werden alsdann eine Anzahl Zeugen vernommen, die �bereits Bekanntes bekunden. tvall»Fabrikant Kossack jr. wird vom Vertheidiger Rechtsan- SW gefragt, od es ihm bekannt sei, daß der Angeklagte lebe»' B" gerufen haben soll:„Folgt mir, Arbeiter, die Reichen gelte?0n unserem Schweiße," in Spremberg als Spaßmacher nen,;',!« daß er sogar einmal in einem Zirkus als Klown mit- weis.Hube?— Zeuge: Ob Wrede Klown gewesen, 'ch nicht, als Spaßmacher ist Wrede in Spremberg Dene.. � bekannt. Er hat Vorstellungen gegeben, wo er u. f � verschluckte, Glas aß, Feuer aus dem Munde zog bekn�svtheidiger Rechtsanwalt Schulz: Ist dem Zeugen "tturtu 1' Baß Wrede in Spreinberg„Wrede-Koltcr" genannt — Zeuge: Jawohl. Eb,kn7�end der Vernehmung dieses Zeugen erscheinen der just/B �'Bent des königl. Kammergerichts, Geheimer Ober- v/Wh Dr. v. Oehlschläger und der Oberstaatsanwalt �ack«Berlin) und nehmen unweit des Richtertisches Platz. lNöbiO�v'.ucher Wobesa: Die Frauen und Kinder haben den ���Skandal gemacht, von den Männern h�be�cr�weniger fe.roehr verbesserten sich meine Umstände, im umgekehrten A.c.. �isse zu meinen Anforderungen. Ich fand wieder «n°Bit und Brot. Aber Arbeit ohne Reiz, Brot ohne — ein einsames Brot. Jetzt hörte ich wohl auch kam Fusionen zu begraben. Was ich nun errungen hatte, fu wir nicht mehr abhanden, der Glaube an mich selber an die Macht, die der Mensch in seinem Willen hat. --Meine Geschichte ist nichts Besonderes; es ist kein an, aus welchem ein Dumas zwölf Bände schreiben , Aber es ist doch das Meiste darin vorgekommen, Zu. B'ss Mensch dulden und begraben kann. Sie ist fertig. pjo'Btzt noch ist und kommt, ist nur eine Schluß- stacht ,« In mein nächstes Grab legen sie mich selber. Gute vasch in sein Haus, vor dem wir angekommen sink» Laternen brannten trübe im Nebel, es war lller geworden. Vas mar unser Gang am Todtensonntag. Vnwp � Ben Mann»och oft und wir plauderten jetzt Au B,n wenig zusammen. Dann blieb er plötzlich aus. viarb»..?'ch— es mag im August gewesen sein— auf- Wi(W ZU besuchen, fand ich ihn leidend. Er wohnte über l ,n Bem schmalen, hohen Hause mit dem Faunkopf 1°em Thorbogen. �ale'kßt si" bie lStu6e' ro0 mi� bie 3Rutter ixm ätzten starb. Allein! Für sein Begräbniß hinterließ er stiww»"".B darüber. Seltsam, er hatte letztwillig be- ?roß.aß seine Todesanzeige einfach gefaßt, aber stand ji.- l�Bitungen gesetzt würde. Ich glaube, ich ver- Trab käme Baß sein Kind einmal an sein stilles *k®'-B-r war der traurige Sonntag im kalten November an fe:n"•.?ch ging durch die Friedhofgassen und kam auch Hügel vorbei. An dem großen, schwarzen Holz- Sind �.5" diesiger Kranz von Rosen und Eiben. Der Morien l! m,t Ben lichten Seiden schleifen, die mit vielen abi%?edruckt waren in goldener Schrift. Lesbar "Äebep- � nur Gineä in der Abendsonne, es hieß gehört.— Auf Befragen des Staatsanwalts giebt der Zeuge zu, daß er gestem Abend, als er nach Spremberg fuhr, im Eisenbahnkoupce geäußert habe:„Es ist ein Skandal, daß des Hubrich wegen ein solcker Aufwand gemacht wird." (Fortsetzung folgt.) t Ei» roher Patron. Unter der Anklage der Körper- Verletzung mittelst gefährlichen Werkzeugs stand gestem der Maurerpolier Otto Kohn, ein junger, aber, wie seine Vorstrafen beweisen, zu Gcwaltthätigkeiten geeigneter Mann vor der fünften Strafkammer des hiesigen Landgerichts'. Der Angeklagte war aufstchtsführender Polier auf dem Neubau Winter- feldstr. 21. Dort engagirte der Polier Heinrich eine Anzahl Steinträger unter dem Kolonncnführer Arendt. Der Polier Kohn genoß auf dem Baue kein besonderes Ansehen; er war allgemein verhaßt, weil sein Auftreten gegen die Arbeiter brüsk war. Es fehlte nicht an Bemerkungen, die sich auf seine Person bezogen und auf dem Bau von Mund zu Mund gingen. Wegen seines großen Strohhutes wurde er von den Steinträgem gem als„Junge mit der Butterblume" bezeichnet. Kohn nahm diese Srichelreden schief und suchte sich dadurch an den Steinträgern zu rächen, daß er bei dem Bau- meister ihre Entlassung durchsetzte. Am 6. Mai d. I., einem Sonnabend, erschien der Kolonnenführer Arendt in der Bau- bude und dort sagte ihm Kohn, daß er und seine Leute ent- lassen seien. Nun war Arendt aber von dem Polier Heinrich engagirt worden und er meinte, daß nur dieser oder der Bau- sührer ihm kündigen könne. Kohn wurde wild, er drang auf Arendt ein, um ihn aus der Baubude herauszustoßen. Arendt wehrte ihn mit der Hand ab und kann ihn hierbei ins Gesicht getroffen haben. Da faßte der Polier nach einem„Ankersplind", einem breiten, zwei Fuß langen Eisenstück, und schlug es dem Arbeiter ins Gesicht. Blutüberströmt taumelte Arendt zu Boden; eine klaffende Wunde über dem Auge, welche den Stirnknochen bloßlegte, ein tiefer Riß in der Oberlippe und der Verlust einiger Zähne zeugten von der Wuth des Schlages. Arendt hatte mehrere Wochen hindurch zu kurircn, bis die Ver- letzungen geheilt waren. Kohn wurde vor das Schöffengericht gestellt und dasselbe vemrtheilte ihn zu einer Geldstrafe von 30 M., da es dem Angeklagten mildernde Umstände zubilligte. Diese letzteren schienen ver Staatsanwaltschaft bei der schwere der Verletzung und den Vorstrafen des Angeklagten unbegründet und sie legte deshalb Berufung ein. Vor der Revisionsinstanz beantragte der Vertreter der Anklage eine Gefängnißstrafe von zwei Monaten gegen Kohn. Die fünfte Strafkammer hielt jedoch die Zubilligung mildernder Umstände für zulässig, da der Angeklagte gereizt worden sei. Nur die vom Vorderrichtcr fest- gesetzte Strafe erschien zu niedrig; sie wurde auf 100 Mark erhöht. t Eine zwölfjährige Diebin. Die kleine Martha B. ist unglücklich daran: sie hat eine Stiefmutter und wird von ihr schlecht behandelt. Uebermäßige Strafen auf der einen und voll- kommene Vernachlässigung auf der an dem Seite können nicht besondere Erziehungsrcsultate liefern. So wächst sie geistig ver- wahrlost heran und diese Verwahrlosung zeigt sich bei dem Kinde als Verlogenheit, Naschsucht und Neigung zu Unredlich- leiten. Allmälig ist sie so zu einem jener bedauernswcrthen Geschöpfe geworden, an denen mehr verbrochen worden ist, als sie selber später verbrechen. Bei B. wohnt ein Schlafbursche; in einem kleinen Handkoffer bewahrt er seine Habseligkeiten und seine Ersparnisse auf. Martha hatte beobachtet, wie der junge Mann regelmäßig Geld in ein Portemonnaie steckte, das er in dem Koffer aufbewahrte. Aus Vaters Werkzeugkasten nahm das Kind ein Stemmeisen heraus und als sie allein im Zim er war, erbrach sie den Koffer und eignete sich aus dem Porte- monnaie drei Zehnmarkstücke an. Das Silbcrgeld ließ sie unberührt. Von dem Raube wurde ein Theil sofort vernascht. Martha gab ihren kleineren Geschwistern gewissenhaft davon ab und kaufte sich und ihnen Spielzeug. Der Diebstahl wurde selbstverständlich sofort entdeckt, das Kind erhielt furcht- bare Schläge und wurde außerdem, da der Schlafbursche An- zeige erhoben hatte, vor das Schöffengericht gestellt. Einen recht peinlichen Eindruck machte es, als die Stiefmutter der jugendlichen Angeklagten sie als ganz verdorbenes Kind schilderte und kaum Worte wußte, um die Bosheit und Schlechtigkeit der Zwölfjährigen zu schildern. Die Frau übersah dabei vollstün- big, daß sie sich selbst als der Erzieherin des Kindes das schlechteste Zerigniß ausstellte. Die kleine Angeklagte erschien zerknirscht und war geständig. Trotzdem das Kind zum ersten Male vor Gericht stand, sah der Gerichtshof doch von einem Verweise ab und erkannte auf eine Gefängnißstrafe von drei Tagen, die der Staatsanwalt für die„raffinirte" That bean- tragt hatte. Ein eigenthümlicher Fall von schwerer Urkundenfälschung beschäftigte gestern die zweite Strafkammer hiesigen Landgerichts i in der Strafsache gegen den Hausverwalter Frenze!. Am 2. Juli vermiethete der Angeklagte die zahlreichen Wohnungen in dem noch nicht vollständig fertig gestellten Hause Zehdcnickerstr. 12». Die Wittwe Schmidt hatte sich eine Wohnung von 2 Stuben jc. 3 Treppen links angesehen und für 339 M. gcmiethet, auch den sofort ausgestellten Kontrakt unterschrieben und dem Angeklagten zur Stempelung belassen. Als sie ihren Kontrakt erhielt, war � HerUner Theater. Residenz-Theater. Georgette. Schauspiel in vier Akten von Vietorien Sardou. Die französischen Dramatiker der Jetztzeit suchen etwas darin, in ihren Gcistescrzeugnissen psychologische oder gesell- schaftliche Feinheiten auf das Subtilste zuzuspitzen und auszu- malen. Es kommt ihnen hierbei weniger auf die Darstellung einer hinreißenden dramatischen Handlung als auf die logisch folgerichtige Dialektik in der Entwickelung des Problems an. Gewiß läßt sich darüber streiten, ob die bloße Auseinander- setzung einer rein theoretischen Frage Selbstzweck des Dramas sein darf oder nicht, man darf indessen keinen allzustrengen Maßstab an das jetzige französische Schauspiel anlegen, weil dasselbe auf nachhaltigen Bestand wohl selbst kaum Anspruch erhebt. Ueber den offenbaren Mangel an innerem Gehalt ver- stehen jedoch die französischen Schriftsteller ihr Publikum durch eine glänzende, temperamentvolle Diktion, durch feine Mache und allerlei szenische Hilfsmittel hinwegzutäuschen und in dieser Beziehung darf gewiß Vietorien Sardou als Meister anerkannt Dem Schauspiel Georgette, welches vorgestern im Residenz- Theater aufgeführt wurde, liegt die Idee zu Grunde, ob eine nioralisch nicht intakte Frau ihre mit allen Vorzügen der Tugend und Erziehung ausgestattete Tochter in die sogenannte „Gesellschaft" einführen darf oder nicht. Die vier Akte sind, ohne daß eine eigentliche Handlung hervorttäte, der Erörterung dieses Themas gewidmet. Der Verfasser löst die Frage nicht einmal, und obgleich in der Entwicklung des Schauspiels mit allem Nachdruck auf das Ernsthafteste fortwährend die Frage in den Vordergrund gedrängt wird, findet der Verfasser nicht den Muth, eine offene und entschlossene Antwort zu geben. Man muß gestehen, daß diese Arbeit Sardou's vielleicht die schwächste ist, die von ihm in Deutschland aufgeführt wurde. Man findet in derselben so viele Widersprüche, so viel unaus- gearbeitete Eharaktere, als Personen auftreten. Es wird das sofort klar, wenn wir den Inhalt des Stückes kurz skizziren. Eine frühere Ehansonettcnsänaerin ist durch glückliche Um- stände in den Besitz eines ungeheuren Vermögens und eines üerzogtitels gelangt. Aus ihrer stürmischen Vergangenheit ist ihr eine Tochter erblüht, auf ivelche sie außer ihrer mütterlichen Zärtlichkeit die ganzen Segnungen ihres großen Vermögens überträgt. Paula, so ist der Name der jungen Dame, ist daher „l" durch ein„r" überschrieben. Die rechts belegene Wohnung" ist aber weniger geräumig, als die linke. Der der Fälschung dieses Buchstabens angeklagte Verwalter behauptet, daß er diese Acnderung noch vor dem Unterschreiben vorgenommen habe, und da diese Angabe nicht widerlegt werden konnte, wurde er freigesprochen. Wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Wuchers wurde, wie seiner Zeit berichtet worden, die verehel. Emilie Prijßing Anfangs August er. von der vierten Ferienstrafkammer hiesigen Landgerichts I zu einem Jahre Gcfünäniß und einjäh- rigem Ehrverlust verurtheilt. Die Angeklagte hat ein Gewerbe daraus gemacht, an prostituirtc Frauenzimmer kleine Darlehne zu gewähren, und hat sich für je 3 M. an Vergütung 1 Mark versprechen lassen. Auf die von dem Vertheidiger Rechtsanwalt Dr. Bonk eingelegte Revision hat der zweite Strafsenat des Reichsgerichts dieses Urthal aufgehoben und die Sache zur er- neutcn Verhandlung an dasselbe Gericht zunickgewiesen. Der höchste Gerichtshof erachtet den Begriff der Leistung und des Mißverhältnisses zwischen ihr und der Gegenleistung— es war nämlich von den lüderlichen Darlehnsnchmcrn in den weitaus meisten Fällen nichts zu erlangen— für verkannt, sowie das Bewußtsein der Angeklagten von dem Nothstand der Darlehns- suchenden nicht für genügend festgestellt. t Ein„Nassauer", der ein„Potsdamer" war, stand gestem vor der 87. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts unter der Anklage des Betruges gegen den Eiscnbahnfiskus. Herr Buchholtz war von Potsdam nach Berlin auf ein Bittet vierter Klasse in einem Wagen dritter Klasse gefahren. Kurz vor der Endstation wurde dieser„Jrrthum" entdeckt und Herr Buchholtz sollte die vom Reglement festgesetzte Strafe von 6 M. zahlen. Er weigerte sich zuerst und so wurde der Strafantrag vom Bctriebsamt gestellt. Nun fand sich Herr Ä. ein und zahlte das Verlangte. Dadurch aber wurde das Strafverfahren gegen ihn nicht unterbrochen und gestem wurde er von dem Schöffengericht zu einer Geldstrafe von G M. verurtheilt. Macht zusammen 12 M, und hierzu kommen noch die mcht un erheb- lichen Gerichtskosten. Herr B. wird sich hüten, noch einma eine so thcuere Fahrt zu unternehmen. Uereine und Nersammlnugen. W». Eine gut besuchte Versammlung von Hand- lungsgehilfen, einbemfen von der„Freien Organisation junger Kaufleute", nahm am Donnerstag Abend im Lcitmann'schen Lokale, Bmnncnsttaße 9, nach Anhörung eines beifällig auf- genommenen Referates des Harn Äiecker über:„Die zur Ver- bessemng der Lage der Handlungsgehilfen geeigneten Mittel" die nachstehenden zwei Resolutionen an, welche sich in allen wesentlichen Punkten mit den Ausführuugcn resp. Vorschlägen des Referenten decken und von denen die eine, dem Deutschen Reichstage initzuthcilende einstimmig angenommen wurde, während die Annahme der anderen Resolution, die der Ge- Werbedeputation des Magistrats übermittelt werden soll, mit allen gegen drei Stimmen erfolgte. Die ersterwähnte der beiden Resolutionen lautet:„Die am 18. November er. versammelten Berliner Handlungsgehilfen beschließen: in An- betracht der alles Maß übersteigenden Noth in diesem Stande den hohen Reichstag bczw. die Kommission zur Abändemng der Gewerbeordnung aufzufordern, bezüglich der Festsetzung des Arbeitsverhältnisses der Angestellten im.Handlungsgewerbe zu den Prinzipalen nach folgenden Gesichtspunkten zu verfahren:») Die im H>andelsgesetzbuche vorgeschriebene Kim- digungsfrist bleibt als Minimalgrenze bestehen. Andere Ab- machungen sind, mit Ausnahme einer vierwöchcntlichen Probe- zeit, unstatthaft, b) Die Lehrzeit darf die Tauer von 3 Jahren nicht übersteigen, o) Die Arbeitszeit der im Handelsgewerbe Angestellten im Alter von unter 18 Jahren darf die Dauer von 8 Stunden täglich— ausschließlich der Pausen— nicht ü besteigen. il) Die Arbeitszeit der im Handelsgewcrbe Angestellten im Alter von über 18 Jahren darf die Dauer von 10 Stunden täglich— ausschließlich der Pausen— nicht übersteigen, e) Die Arbeitszeit darf nicht vor 8 Uhr Morgens beginnen und nicht über 8 Uhr Abends, resp. an Sonn- und Feiertagen nicht über 1 Uhr Mittags ausgedehnt werden. Nur bei der Durchführung dieser Forderungen kann der durch Arbeitslosigkeit in der Handlungsgehilfcnschaft übermäßig ausgedehnten Arbeitszeit, sowie dem durch die gedrückten Löhne(Gehälter) hervor-- gerufenen Nothstandc noch einigermaßen gesteuert werden." —_ Die zweite Resolution hat folgenden Wortlaute „Die heutige zc. Versammlung junger'Kaufleute erkennt an, daß die von der„Freien Organisation junger Kaufleute" ins Leben gerufene Agitation für die Ausdehnung des Krankenversicherungszwanges auf die Ange-- stellten im.Handelsgewerbe durchaus den Wünschen und Jnter- essen derselben entspricht. Da demgemäß die baldige Ein- führung des Versichcrungszwanges als eine Nothwendigkett er» scheint, so ersucht und beaustragt die Versammlung den Vor- stand der„Freien Orgairisatioir", der Gewerbcdeputation des Rtagistrats von dieser Resolution Mittheilung zu machen." Der Fachverein der Böttcher hielt am 16. d. M. in Hasse's Salon, Lichtenbergerstr. 21, eine Versammlung ab, in auch ein wahres Mustcrkind, welches aber nicht unterläßt, sich so heimlich und gründlich zu verlieben, daß selbst ihre Mutter, der man nach allem, was man von ihr erfährt, eine gründliche Kcnntniß aller Gefühlssachen wohl zutrauen darf, von dieser Zuneigung nicht eher etwas merkt, bis es zu spät ist. Der Gegenstand der jungfräulichen Liebe ist ein junger Adeliger, in dessen Familie Paula in Folge ihres illustten Titels, den sie führt, verkehren„darf". Ein früherer Anbeter ihrer Mutter, ein Onkel des gräflichen Liebhabers, wirb durch sogenannte Pflichten und Standesrücksichten gezwungen. das Vorleben da ehemaligen Sängerin zu dekouvriren. Eine ebenso hochnäsige, wie bornirt adelsstolze Gräfin weiß, obwohl. ihr von ihrem Sohne das Heine'sche Wort:„Ueber die Rein» heit der adligen Stammbäume haben Philosophen und Stall- knechte ganz eigene Ansichten", in jeder nur denkbaren Tonart vorgetragen wird, nichts besseres zu thun, als Mutta und Tochter vor die Thür zu setzen. Der junge Graf, als feuriger Liebhaber, fügt sich nach einer Menge schönklingender Worte natürlich den, unbeugsamen Willen der gesttengen Frau Mama und heirathet aller Wahrscheinlichkeit nach eine Kousine. Der unglücklichen Paula wird am Schluß des Stückes der Graf, da das ganze Unglück heraufbeschworen hat, zum Mann— versprochen. Ob sie diesen Mann„kriegen" wird, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Selbst die glänzende Regie und Darstellung des Residenz- Theaters kann über alle diese Fehler und Schwächen nicht hinwegtäuschen,- auch der fem pointirte Dialog, der von herbem Sarkasmus und übersprudelnder Liedens- Würdigkeit förmlich drillirte, vermochte den leae» Eindruck nicht zu verwischen, den das Stück schließlich hinter- ließ. Mindestens erivartete man von dem Liebhaba eine That, a fürchtete sich jedoch recht knabenhaft vor seiner Mama, er„verkrümelte" sich und der Dichter hielt es auch nicht für nothwendig, das Publikum über den weiteren Verbleib dieses Mustersohnes aufzuklären. , In Herrn Brandt fand diese Rolle auch keinen allzu glück- lichen Vertreter. Drc eckigen Bewegungen und die purzelnden Naturlaute rmpomren mcht immer, sie werden schließlich lang- wellig.� Im Uebngen riß Charlotte Frohn durch ihr kühnes, fast mannliches Sprel hm, recht wirksam wurde sie von Harn Reicher unterstützt. Fräulein Wolf verstand viel Schmerz und Resignation m ihre Rolle zu legen, weniger ansprechend et- schien ans Fräulein Zipser. Fräulein Hagen war fesch und keck, ganz eine„anständige Frau" im schlechtesten Sinne des Wortes. Drc Regie war vorzüglich wie immer. welcher zunächst beschlossen wurde, zur Feier des Stiftungsfestes am 29. Januar 1887 einen Ball zu arrangiren. Hierauf theilte der Vorsitzende mit, daß in einigen hiesigen Brauereien, sowie in einer Faßfabrik die wöchentlichen Lohnzahlungen nicht inne- gehalten würden und daß die Innung hierüber Beschwerde geführt habe. Er bat um Aufklärung seitens der in den be- treffenden Etablissements beschäftigten Kollegen. Da hierüber keine genügende Auskunft gegeben werden konnte, versprach der Vorsitzende, selbst rcchcrchiren zu wollen und in einer der nächsten Versammlungen hierüber Bericht zu erstatten. Alsdann beschloß die Versammlung, eine Anzahl von Lohntarifen drucken zu lassen, da die vorhandenen sämmtlich vergriffen sind.— Nachdem hierauf der Vorsitzende darauf hingewiesen hatte, daß die- jenigen Mitglieder, welche 3 M. und niehr Beiträge restiren, weder wählbar noch wahlberechtigt seien, wurde die Vorstands- wähl vollzogen. Der neugewählte Vorstand wird zu Neujahr in Funktion treten. Die nächste Vereinsversammlung findet am Dienstag, den 23. November, statt. Der Fachverein der Lithographie-Steinschleifer und Berufsgenossen hielt am 15. d. M. im Lokal von Domack, tohannisstraße 20, eine Versammlung ad, in welcher Herr chriftsteller Hove einen Vortrag über die Beschaffenheit und Funktionirung der einzelnen Bestandtheile des Auges hielt. Der Vortrag war durch manch humoristisch-satyrischen Scherz gewürzt. Dem Referat folgte eine Diskusston über innere Ver- einsangelegenheiten. Der Vorstand ersucht alle Kollegen, welche dem Verein noch nicht angehören, demselben als Mitglieder beizutreten, Die Freie Vereinigung aller in der chirurgischen Branche beschäftigten Berufsgenosscn hielt am Dienstag eine Versammlung ab bei Reinke, Gipsstraße 1. Auf der Tagesordnung stand außer der Aufnahme der Berufsstatistik„Ver- schiedencs und Fraaekasten". Bemerkenswerth ist die zur Ver- lesung gebrachte Fabrikordnung der Hartgummiwaarenfabrik von C. Müller, welche durchaus mcht den Beifall der Versammlung finden konnte. In der nächsten Versammlung soll diese Fabrik- ordnunq einer eingehenden Besprechung unterzogen werden. Nach Erledigung interner Angelegenheiten wurde die Vcrsamm- lung um 12is Uhr geschlossen. Eine öffentliche Wählerversammlung für den ersten Berliner Reichstagswahlkreis findet morgen(Sonntag), Vor- mittags gj Uhr» im„Louisenstädtischen Konzerthause", Alte Jakobstraße 37, statt.— Die Tagesordnung und der Referent sollen in der Versammlung bekannt gemacht werden. Verein der Kisten- und Koffermacher. Mitgliederver- samnilung Dienstag, den 23. d. M-, Abends 8.) Uhr, in Grat- weils Bierhallen(oberer Saal), Kommandantenstraße 77—79. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Redakteur Stein„Ueber Feuerbestattung" mit Erklärung des Modells des Leichcnver- brcnnungsapparates zu Gotha. 2. Anträge und Verschiedenes. Neue Mitglieder werden aufgenonimen. Gäste stnd will- kommen. Kranken- und Begräbnistkasse des Vereins sämmt- licher Berufstlassen(E. H. 2.) Zahlstelle 4. Versammlung jeden dritten Sonnabend im Monat Abends 9 Uhr bei Kuß, Karlsbad und Flottwellstraßen-Ecke. Aufnahme neuer Mit- glieder. Ortskrankenkasse der Maurer Berlins. Am Sonntag, den 21. d. Mts., Vormittags von 9 bis 1 Uhr, findet in der „Tonhalle", Friedrichstr. 112, die Wahl von 140 Vertretern oer Mitglieder zur Generalversammlung und von 40 Stellvertretern statt. Jedes großjährige Mitglied der Kasse hat bei dieser Wahl den mit Namen und Wohnung der zu wählenden Personen in die Wahlurne zu legen. Da also 180 Personen zu wählen find, dürfte es im Interesse der Kassenmitglieder liegen, sich über die zu wählenden Personen vorher zu ver- ständigen. Fachverein der Tischler. Die Zahlstellen des Vereins befinden sich in folgenden Lokalen: 1. Blumenstr. 56 auf der Tischlerherbergc. 2. Skalitzerstr. 107 bei Kunstmann. 3. Belle- allianceplatz 6 bei Hilscher. 4. Zionskirchplatz 11 bei Hohn. 5. Müllerstraße 184 bei Häring. 6. Gneisenau- und Solmsstraßenecke bei Lindenborn und 7. Steglitzcrstr. 91 bei Gürgens. Daselbst werden jeden Sonnabend von 8£ bis 10 Uhr Abends Beiträge von den Mitgliedern in Empfang genommen und neue Vereinsmitglieder aufgenommen.— Die nächste Vereinsversammlung findet am Sonnnbcnd, den 27. d. M. bei Jordan, Neue Grünstr. 28, statt. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metall- arbeiter(E. H. 29, Hamburg), Filiale Berlin>. Sonntag, den 21. d. Ä., Vormittags 10% Uhr, Generalversammlung in „Sanssouci"(oberer Saal), Kottbuserstr. 4a. Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Vorstandswahl. 3. Verschiedenes.— Die Mitglieder der Filiale Berlin 1%. versammeln sich am Montag, den 22. d. M., Abends 8 Uhr, im Restaurant Alt-Moabit 89 90. Tagesordnung dieser Versammlung: 1. Kassenbericht. 2. Verschiedenes. Ortskrankenkasse des Zimmerergewerks. Sonntag, den 21. November, Vormittags 10 Uhr, Andreasstr. 21 in Keller's Lokal, Mitgliederversammlung der Arbeitnehmer. Tagesordnung: Wahl der 82 Vertreter zur Generalversammlung(§ 43 des Statuts). Nur denjenigen Mitgliedern, welche großjährig find, ist der Eintritt gestattet, sofern dieselben mit ihren Beiträgen nicht über zwei Zahlungstermine im Rückstände stnd. Ueber gezahlte Beiträge, welche noch nicht abgestempelt sind(§ 30 des Statuts), ist Quittung des Arbeitgebers vorzuzeigen. Nur Quittungsbuch legitimirt.— Die Arbeitgeber, welche Bei- träge zur Kasse aus eigenen Mitteln leisten, werden zu der am Montag, den 22. er., Abends 8 Uhr, Linienstraße 8 bei Siemund stattfindenden Versammlung eingeladen. Tagesord- nung: Wahl der 41 Vertreter zur Generalversammlung(§ 43 des Statuts). Zentral-Kranken- und Sterbekasse der Tischler«, s.w. (Lettliche Venvaltung Berlin E.) Den Mitgliedern zur Kennt- niß, daß heute, Sonnabend, den 20. d. M., Gattenstraße 160 bei Finke die 5. Zahlstelle errichtet wird. Ortskrankentassc der Möbelpolirer. Sonntag, den 21. November, Vormittags 10 Uhr, im Lokale des Herrn Säger, Grüner Weg 29, ordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Antrag über Offenhalten der Zahlstellen und Fest- setzung der Gehälter. 2. Ergänzungswahl des Vorstandes. 3. Wähl des Rechnungsausschusses. 4. Abänderung des Sta- tuts und zwar der§§ 4, 9, 12, 13, 14, 28, 47, 60. 5. Verschiedenes. Unterstützunas- und Begräbnistkasse der vereinigten Vergolder und Berufsgenossen(E. H. 42). Außerordent- liche Generalversammlung am Sonntag, den 21. November, Vormittags 10 Uhr, bei Beese, Alte Schönhauserstraße 42. Tagesordnung: 1..Halbjährlicher Kassenbericht. 2. Wahl dreier Ausschußmitglieder. 3. Statutenänderung. Verein zur Wahrung der Interessen der Klavier- arbeiter. Sonnabend, den 20. November, in Gratwcil's Bierhallen, Kommandantenstt. 77— 79(unterer Saal), General« Versammlung der Mitglieder. Tagesordnung: 1. Wahl des gesammten Vorstandes. 2. Vcreinsangelegenheiten.— In dieser Versammlung muß das Mitgliedsbuch vorgezeigt werden. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Zentral- Kranken- und Tterbekasse der Töpfer und verw. Berufsgenossen(E. H.). Sonntag, den 21. d. Mts., Vormittags 10 Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandanten- straße 77—79(oberer Saal), Mitgliederversammlung. Tages- ordnung: 1. Vottrag des Dr. Sturm über Lungenleiden. 2. Bestand der Kasse am Schluß des 3. Ouattals. 3. Ver- schiedencs. Verein znr Wahrung der Interessen der Korbmacher Berlins und Umgegend. Versammlung Sonntag, den 21. No- vember, Vormittags 10 Uhr, bei Otto, Adalbettstt. 21. Tagesordnung: 1. Ter neu gegründete Unterstützungsverein deutscher Korbmacher. 2. Verschiedenes und Fragekasten. Neue Mit- glieder werden aufgenommen. Gauvercin der Maler Berlins.»Versammlung am Sonnabend, den 20. d. M., Abends 8 Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantensttaße 77—79. T.-O.: 1- Kassen- bericht und Abrechnung vom Kränzchen. 2. Die neuen Statuten und der Kongreß zu Hannover. 3. Bericht der Fach- schulkommission. 4. Bericht des Vergnügungskomitees. 5. Ver- schiedencs und Fragekasten. Eine groste öffentliche Tischlervcrsammlung findet am Montag, den 22. November, in„Sanssouci", Kottbuserstraße 4a, statt mit der Tagesordnung: 1. Der deutsche Tischlerkongreß am 28. und 29. Dezember in Gotha. 2. Wahl von Delegitten zu demselben. * Tischler-Verein. Heute Abend 9 Uhr Kottbuserstt. 4» Mitgliederversammlung. Tagesordnung: Vottrag des Herrn Dr. Rosenstein über Pilze und Krankheitskcime. Gesang- und gesellige Vereine am Sonnabend: Ge- sangverein„Harmoma" Abends 8 Uhr im Restaurant, Alte Jakobstt. 38.— Gesangverein„Sängerlust" Pallisadcnstr. 9, Abends 9 Uhr.— Verein der Taubenfreunde Abends 3- Uhr im Restaurant Klemann, Lausitzerstt. 41.— Dänischer Verein „Freya" Abends 9 Uhr Rosenthalerstr. 39. Dänische Blätter stnd vorhanden.— Verein der Württemberger Abends 3'/, Uhr bei Vaihinger, Torotheenstt. 84. Kleine Wittheilunge«. Hamburg, 19. November. Auf der Neustädter Fuhlen- twiete ist, wie der„Nat.-Ztg." telegraphirt wird, heute Morgen 9 Uhr ein dreistöckiger Neubau eingestürzt. 1 Arbeiter ist todt, 3 schwer verletzt. Hagen, 13. November. Ein entsetzliches Unglück hat fich heute Nachmittag gegen 4 Uhr hier zugetragen. An einem neben der Hauptpost an der Bahnhofsstraßc gelegenen Hause, das in nächster Zeit zu einem Hotel eingerichtet werden soll, waren drei Anstreicher auf einem schwebenden Gerüst damit beschäftigt, die Firma des Hotels anzubringen. Plötzlich riß an der einen Seite das Seil, welches das Gerüst in der Schwebe hielt, und zwei der Anstteicher stürzten aus der Höhe des zweiten Stockwerks auf die Straße hinab, während der dntte, der Maler Grenz, der ein verdächtiges Knistern des Seiles vernommen, sich in demselben Augenblick durch einen kühnen Sprung auf die Straße rettete und nur geringe Ver- letzungcn erlitt. Die beiden anderen Anstreicher mußten in das Krankenhaus befördett werden. Der eine, der Altgeselle, trug schwere Verletzungen, Arm- und Beinbniche davon, sowie mehrere Rippenbrüche, der andere ist namentlich im Gesicht verletzt worden.____ Letzte Nachrichten. Bulgarisches. Kaulbars richtete eine Note an dieRc- gierung, in welcher es heißt: Der Kaiser von Rußland habe dem bulgarischen Volke seine aufrichtigen Gefühle für dasselbe bezeugen wollen. Es sei aber kein Rathscblag Rußlands befolgt, wohl aber seien dreiste Angriffe auf russische Untetthanen ge- schchen, ohne daß die bulgansche Regierung davon NM genommen habe. Endlich sei die Sobranje zusammen- berufen worden, ohne vorherige Verständigung mit Rußland und ungeachtet dessen Protestes. Diese Thatsachen bewiesen, daß die Regentschaft entschlossen sei, sich in ihrem Vorgehen von den Rathschläacn Rußlands nicht beeinflussen zu lassen. Cr, Kaulbars, erkläre Daher, daß die gegenwärtige bulgarische Rc- giemng das Vettraucn Rußlands verloren und die Fort- setzung der Beziehungen unmöglich gemacht habe, so lange die bulgarische Regierung aus den gegenwättigen Mw gliedern zusammengesetzt sei. General Kaulbars tbcilte schließlich mit, daß er am nächsten Sonnabend früh abreisen und das Personal der russischen Konsulate demnächst folgen werde- Die in den letzten Tagen verbreiteten Gerüchte über eine von sämmtlichen europäischen Großmächten zu veranstaltende Kon- f e r e n z wegen der bulganschen Frage erhalten sich nach dem „Berl. Tagebl." Aus unterrichteten Kreisen verlautet, wohl se> ein Ideenaustausch darüber bereits eingeleitet, jedoch liegt momentan noch keinerlei fixes Projekt vor. Da Rußland nach dem Abbruch der Beziehungen mit Bulgarien an die Großmächte eine Denkschrift zu versenden beabsichtige, dürfte vielleicht Rußland selbst die Konferenz als Ausweg formell anregen.— Die„Pol"- Korrespondenz" meldet, die bulgarische Regierung wisse seit suni Tagen, daß Kaulbars das Land verlassen werde; sie gab bereits Weisungen, Kaulbars und den anderen russischen Vertretern d>e Abreise in jeder Weise zu erleichtern und störende Zwischenfalle zu verhindern. Trotzdem freilich seien Unruhen anläßlich Kaulbars' Abreise nicht ausgeschlossen. Louise Michel ist die Strafe von 8 Monaten Gefängniv- zu der sie von dem Pariser Schwurgericht vcruttheilt worden war, erlassen worden. Der Präsident der Republik Nruguafi hat seine Lw lassung gegeben. Theater. Sonnabend, den 20. November. Opernhaus. Keine Vorstellung. 3. Symphonie- Soiree der Kgl. Kapelle. Schauspielhaus. Graf Waldemar. Deutsches Theater. Der schwarze Schleier. Krtedrich-Wilhelmstädtischcs Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Viktorta-Theater. Amor. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Restdenz-Theater. Georgette. Schauspiel in 4 Akten von V. Sardou. Zeutral-Theater. Der Waldteufel. Bellealliance-Theater. Die Fledermaus. Walhalla-Theater. Gräfin Dubarry. Königstädtisches Theater. Von Schrot und Korn. Kaufmann's Varietee. Spezialitäten- Vor- stellung. Amerikan-Theater. Spezialitäten-Vorstellung. Reichshallen» Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Coneordia« Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. nerllner Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnettheaterstt. 15. Ertra-Uorstellung. Gastspiel des Fräulein Iltit ilUlier, des Herrn Franz Tralau, vom Stadttheater in Reichenberg, und des Herrn M. Samst. Philipp ine Weiser. Vor der Vorstellung: Großes Concert,"MI ausgefühtt von der Hauskapelle unter Leitung oes Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Concetts: itags 7 Uhr, Sonntags Anfang der Vorstellung: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Wochmtags 7'/, Uhr, Sonntags 7»', Uhr. Das Theater ist mit elektttscher Beleuchtung versehen._ Ein hübsches Vereinszimmer ist noch drei mal in der Woche zu vergeben bei[1078 Jas. Iltlmn, Schankwitth, Forsterstraße 56. Kitligste Kezugs quelle für Gold- u. SilberWaaren. Zu Fabrikpreisen empfehle: Ringe, Krenzr, Medaillon«.(Ohrringe, Kröche», Armbänder, Collier«, Herren- und Damenketten, Chemifett- und Manschettenknöpfe. Kimilischmuck, Granat-, Korallen- und Kilberschmuch. 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Cronhcim, sämmtlick m Druck und Verlag von Max Bading in Berlin SW., Beuthstraße 2. Passage 1 Tr. 9 M.- 10 A. Kaiser-Panorama. In dieser Woche: Neu! Zum ersten Male: Dntte Reise durch die Pyrenäen. Eine interessante Wanderung durch Rom. Hertha-Reise.— Carolinen-Inseln. Eine Reife 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Eigarren-Fadrik von [801 Paul Krebs, empfiehlt ihre preiswetthen und guten Fabttkate. s UM cka I'Keäaillc vi, 1 944 a"■■■ p d Stempel-Federhalter Stempel für Vereine and Gewerbe, Schablonen nnd Schilder. H, ttnttmann, Gravenr, Brnnnrnatrasiie 9, Roaenth. Thor. Ukttii! der Eivsehtt sTischln) Ausserordentliche Geueraluersammlung am Sonntag, den 21. d. M-, Vorm. 10$ Uhr, Neue Friedrichstraße 44.[1104 Der V o r st a n d. Große IMtaerlammtung ersten Berliner Reichstags- Wahlkreises am Sonntag, den 21. November, Vormittags£10 Uhr, Alte IaKobstraße Ur. 37 (Louisenstädtisches Konzetthaus). Referent und Tagesordnung werden in der Versammlung bekannt gemacht. Oer Einberufen 1103] N. Frank. Todesanzeige. Ten Mitgliedeen des Fachvereins der Stein ttäaer Bettins zur Nachttcht, daß Kamera Onstav Strands am Sonntag, den 2!-?•' Nachm. 3 Uhr, von Straße V Nr. 20(am G® litzer Bahnhof! aus beerdigt wird. Um zahlrei« Betheiligung bittet[1107] Der Vor st an� Todesanzeige. Am 17. d. M. starb unser Kolleae, der Til«! Heinrich Meseek. ö Die Beerdigung findet am Sonntag, den 21- Nachmittags 22L Uhr vom Trauerhause Berlw sttaße 49(Rixdorf) aus statt. � Die Kollegen. der Klaviaturen-Fabrit Forsterstraße-'�. Kranken der Kerl. Gürtler« Die Beerdigung des und Kegräbnißkasse... Lr-,.cenrea kirchhofes aus statt. Um rege Betheiligung bittet w 1110] Der Vorstan� Die General-Uersammlung derDelea der NrtsKranKenKalse der Masdi««'« Arbeiter und verwandten Berufsgenossen t> afÄÄÄ»>1Ä3!: m* 1. Um 9 Uhr Ersatzwahl für zwei ausschcio Vorstandsmitglieder. 2. Um 10 Im»* ui,5 binitte Versammlung der arbeitgedeno � PÄ'Ä 31. Wittia. Berlin. 15. November Ausw. reell u- bill. �)1> -—------. f Langestraße 106.__ E. frdl. Schläfst, b. Sprenger, Ostbahnv� Arbeitsmarkt. Ein geübter puuktirer�od�em���„bn wird verlangt... E. WunllSCh, Brückenstraße Serlut- T- Puschelardeitenn w- v-