Nr. 274. Dienstag, de« 23. Movemder 1886. 3 Iaifrg. ßtrlintrUiillislilall KrgiM für die Intrreffen der Arbeiter. 4 Das„Berliner Volksblatt" «scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's tzaus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mari, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.) Jnsertionsaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Ucberemkunst. Inserate werden bis 4 Uhr Nachnnttags ,n der Erpedttion, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenoinmen. Redaktion: Kenthstraste 2.— Grpeditio«: Zlmmerstraste 44. Die Arveiterbewegung in Nordamerika. Die letzten Wahlen in der großen Union dürfen wohl als ein Zeichen betrachtet werden, daß die Arbeiterbewegung w eine neue Phase eintritt. An einer Menge von Plätzen, namentlich in New-Bork, sind die Arbeiter plötzlich in Masse selbstständig aufgetreten, haben ihre eigenen Kandidaten nominirt und auch gewalttge Stimmenzahlen auf dieselben '«einigt.) Bisher war man gewohnt, die große Masse der nord- amerikanischen Arbeiter bei den Wahlen im Schlepptau anderer Parteien zu sehen. Sowohl die republikanische als ?le demokratische Partei besaßen eine gewisse Geschicklichkeit Hs demagogischen Kniffen, mit denen sie die Stimmen der Arbeiter für sich einzufangen wußten. Die Republikaner priesen ihnen die Schutzzollpolitik und die Zentralisation an, während die Demokraten ihnen vorposaunten, alles Gluck käme von der Handelsfreiheit und die politische Freiheit des Landes läge im Föderalismus. Beide übertrafen sich bei der Wahl- agitation in Schmeicheleien den Arbeitern gegenüber; man konnte fast glauben, sie wären deren Untergebene. Dabei rvurden die schwindelhaftesten Versprechungen gemacht und oft die schmutzigsten Bestechungsmittel angewendet. Wenn die Wahlen glücklich vorüber waren, dann warf sich der ge- wählte Pankeee wieder plötzlich in die Brust und kannte die Arbeiter nicht mehr, die er soeben noch„Brüder" titulirt hatte. Die gegebenen Versprechungen zu halten, daran 'achte Niemand; fast alle waren eifrig bestrebt, die er- Menen Mandate zu ihrem persönlichen und pekuniären '�theil auszunutzen. Ein Theil jener Korruption, die leider ein Pfahl im Fleische jenes großen Staatswesens steckt, auf die Wahlen übergegangen. ., Das war und ist doppelt zu bedauern. Denn in der °°l!en Union bedeutet die Volksvertretung thatsächlich weit alz bei uns; sie kann dort wirklich einen gestaltenden Einfluß r1] die inneren Verhältnisse des Landes ausüben. Wenn sie so N.snmengesetzt wäre, daß sie ehrlich durchgreifende sozial- 5"hsche Reformen erstrebte, so könnte sie leicht ihren Willen � �setzen, leichter als die französische Deputirtenkammer. .° lange die Pankee's dominiren, wird sie freilich niemals �"solchen aufrichtigen Willen zeigen' sie wird vielmehr L, 3. bemüht sein, der gegenwärtigen Klassenherrschaft eine "9( zu Hilden. & r verschiedenen Wahlsysteme, die in der Union be- L h'", sind allerdings nicht so demokratisch, wie man in t���viokratischen Republik erwarten sollte. Die berühm- foff � von der Gleichberechtigung Aller, die in der Ver- MlUngsurhrnde enthalten sind, erscheinen dadurch in einem k*«qd ***»«rtotm.] Jeuiiieton. [33 Im Hause ves Dervervens. Kriminalroman. Von Reinhold Ortmann. Wi ihn auf seinem Wege auf; alles schien iL?„�"9« im tiefsten Schlummer zu liegen und ohne jede « a9""9-'am er in das Parterregeschoß. Hier üherlegte "uref i!- e,2.i9e Sekunden, ob er es nicht doch wagen sollte, den m � das Freie zu gewinnen; aber er verwarf lenA, wieder und wendete sich nach rechts, da er tiuäu daß die in dieser Rimtung liegende Zimmer- P2,'chlig unbenutzt war. Der Griff der Thür gab dem ick> Hand nach, aber die rostigen Angeln drehten Sit- 0�ne e�n hähüch kreischendes Geräufch. Aergerlich icbfi6* tnne' um öu horchen; aber auch jetzt noch regte sich b?.' ssud so trat er denn vollends in das Zimmer, die htnim" KX nnt ttrtA ntt« tn oen räumen, vir er ourcy�cyrui; die Einfachheit und Oede der Ausstattung, die er sonst so } verwünscht hatte, kam ihm jetzt vottrefflich zu statten. Bends stand ihm ein Möbelstück im Wege, gegen das er 'lt«nd hätte stoßen müssen und die Thüren lagen m emer vollständig geraden Linie, daß es den tastenden fanden --'°d--chMch.n � r«% �."enn auch die vielleicht seit Monaten nicht zuruckge- lrt ess?.n Riegel seinen Bemühungen eine gute Weile einen ackigen pafsiven Widerstand entgegensetzten, so Selang «im doch endlich, einen Flügel ohne nennenswetthes Ge- aufzustoßen.„ lr Draußen war alle« in tiefste Finsterniß eingehüllt. Es lcht unmöglich, daß man ihn noch wahrnehmen sollte, eiaenthümlichen Licht; sie mußten noch eigenthümlicher er- scheinen, so lange noch die Sklaverei bestand. Doch sind die Wahlsysteme nicht so, daß sie, wie in so manchen europäi- schen Staaten, die Arbeiter von allen Erfolgen ausschließen, wenn sie selbstständig auftreten; im Gegentheil haben die Arheiter mächtige Chanzen. Man kann sich nur wundem, daß sie dies nicht früher eingesehen haben. Es mag sein, daß die hastige Jagd nach Gewinn und Er- werb, die das hervorragendste Merkmal des sozialen Lebens in den Vereinigten Staaten bildet, sich theilwcise auf alle Klassen übettragen und so auch die große Masse des arbeitenden Volkes gewöhnt hat, ihr Augenmerk auf den Erwerb zu richten. Das ist jetzt offenbar anders geworden, denn die Masse beginnt sich mit den politischen und ökonomischen Tagesfragen zu beschäftigen. Wenn sie«- kennt, welche Macht ihr durch die demokratischen Ein- richtungen verliehen ist, so wird es ihr leicht sein, auf dem fttcdlichsten Wege von der Welt eine Gefetzgebung zu envitten, die wenigstens einen großen Theil der ökonomi- schen Kalamitäten zu beseitigen und eine gesunde Basis zur Fottentwicklung zu beschaffen geeignet wäre. Die amerikanischen Arbeiter werden damit leichter fahren, als die europäischen. Ihnen steht nicht eine gebildete Bourgeoisie gegenüber, deren Exiftenzberechti- gung von einem wohlgeschulten Gelehttenthum wissenschaftlich verfochten wird. Uebcr solche Dinge zerbttcht sich der Nankee wenig den Kopf. Man sah beim Auftreten von Henry George in New-Zott, wie wenig die Aankees diesem wissen- schaftlich befähigten Manne gewachsen waren. Die alten Patteien der Union sind im Niedergang be- griffen. Sie sind zu wenig mit der Zeit vorwätts ge- fchtttten; sie stehen im Wesentlichen noch auf demselben Boden, den sie zur Zeit des großen Sezessionskrieges inne hatten. Sie sind unfähig, gesunde positive Reformen zu schaffen, denn ihre politische Weisheit hat sich längst aus- gelebt. Und wo sollte eine neue herkommen? Die Arbeiter der großen Union haben eine schöne und großartige Aufgabe zu erfüllen; sie haben in oas poli- tische Leben, das von den Bankee's mit deren Brutalität oft so sehr herabgewürdigt worden ist, wirklich demokratische Formen und demokratisches Wesen einzuführen. Die Ar- beiter werden die große moralische Reform herbeiführen, daß bei den Wahlen die Gesinnung und nicht mehr der Dollar entscheidet. Ihr Masseneinttttt in die politische Arena wird reinigend und klärend auf die ganze politische Atmosphäre wirken. Damit werden sie auch im Sinne der Stifter jener großen Republik handeln, denn jene wahrhaft edeln Männer wie Washington, Franklin und Thomas Paine haben sich niemals träumen sobald er nur erst den Sandboden des Pattes unter seinen Füßen hatte. „Das Glück ist mir doch noch nicht ganz untreu und ich werde es zu mir zurück zu zwingen wissen," murmelte er mit einem flüchtigen Wiederaufleben seiner alten Zu- verficht, indem er sich mit einem Bein auf die Fensterbank fchwang. In demselben Augenblick aber, als er sich anschickte, vollends hinauf zu springen, fühlte er sich von zwei mensch- lichen Armen wie von eisernen Klammern umschlungen, und eine Stimme, deren Klang ihm nur zu bekannt war, nef mit dem Aufgebot ihrer ganzen Kraft nach Hilfe. Sie, die er suchen wollte, hatte ihn selbst gesucht und nur zu rasch hatte sie ihn gefunden. Auf seinem ganzen Wege durch die dunklen Zimmer mußte sie ihm nach- geschlichen sein, um diesen letzten Augenblick für die Aus- führung ihrer Absicht zu benutzen. Jetzt hielt sie ihn mit der Kraft einer Verzweifelten fest und wenn auch Ramfeld die ganze, keineswegs geringe Kraft seiner sehnigen Arme aufbot, um sich aus der unerwünschten Umschlingung zu befreien, so gab der heiße Durst nach Rache seiner Feindin doch eine nahezu übermenschliche Stätte. Zudem brachte ihn seine halb sitzende Lage in einem Nachtheil, der ihn einige unschätzbare Sekunden verlieren ließ. „Zuanita," zischte er,„Iuanita, das ist Dein Tod! Auf der Stelle läßt Du mich los, oder— bei Gott—" „Zu Hilfe! Zu Hilfe!" war ihre einzige, mit voller Lungenkrast hervorgestoßene Antwort, und Ramfeld mußte wohl einsehen, daß hier auf ein Nachgeben und auf Mitleid nicht zu rechnen sei. Aber loskommen mußte er um jeden Preis. So machte er denn mit einem gewaltigen Ruck seinen rechten Arm frei und umklammerte mit eisernem Gttff Iuanita's Hals. Ihr Hilfegeschrei verstummte und machte einem dumpfen Stöhnen Platz, aber ihre Arme schienen sich nur desto fester um seinen Leib zu schließen. „Und wenn ich Dich erwürgen soll, ich lasse Dich nicht!" zischte er ihr in's Ohr, seine Finger noch krampfiger zusammendrückend. Juanita fühlte, daß ihre Sinne zu schwinden begannen. Ihre keuchende Brust rang umsonst nach Athem, die Finster- niß rings erfüllte sich plötzlich für sie mit allerlei kreisenden lassen, daß ihr stolzes Werk die Beute einer Dollar- Oligarchie werden könne. Der Anfang, den die amettkanischen Arbeiter bei den letzten Wahlen gemacht haben, war gut. Wir denken, daß das Verlangen nach einer selbständigen Arbeiterbewegung allerwätts die Massen ergreift. Nur so kann das von den Pankee's korrumpitte politische Leben der Union wieder ge- sunden. Politische Ueverstcht. Der Reichstag wird am Tonnerstag Mittag 12 Uhr im weißen Saale des königlichen Schlosses eröynet werden, wahr- scheinlich durch den Staatssekretär von Bötticher. Eine der ersten Vorlagen dürste das Militärseptennat betreffen. Der Bundesrath gedachte gestern die Berathung darüber zu be- endigen. Zum Kampf gegen die Fachvereine. Wir lesen in der „Nordd. Allg. Ztg." aus Liegnitz, l9. November:„Seit einigen Fahren besteht zu Liegnitz ein Fachverein der Tischler und Jnltrumentenbauer, dessen Bestrebungen ausschließlich darauf gerichtet sein sollten, die Lage der Tischlcrgesellen zu verbessern, insbesondere durch Erhöhung der Löhne und Beseitigung der Akkordarbeiten. Das Austreten des Vereins war aber, wie der „Schles. Ztg." bettchtet wird, mit der Zeit ein so kühnes ge- worden, daß die Arbeitgeber beinahe unter der Herrschaft der einzelnen Vereins Mitglieder standen. Dies und die Wahrnehmungen, daß der Fachverein der Tischler von seiner eigentlichen Tendenz abwich, indem er hauvtsächlich einen Verfammlungspunkt politischer uud sozialistischer Gefinnungsgenossen bildete, gab Veranlassung zu einem energischen Vorgehen gegen denselben. Durch umfangreiche Recherchen wurde zunächst festgestellt, daß der betretende Ver- ein mit dem Zentralverein in Stuttgart in schriftlichem Ver- kehr stand, sowie daß die vorgefundenen Korrcspcnzcn gegen- seitige Unterstützungen bei Arbeitseinstellungen— und im letzteren Falle auch Fernhaltung des Zuzuges— zusichetten. Aus allen diesen Feststellungen schloß man, daß der Verein ein poli- tischer sei. Es ist deshalb die Untersuchung gegen die Vorftandsmitglieder und zugleich die Schließung des Vereins beantragt worden."— Diese Korrespondenz plaudert sehr unüberlegt aus der Schule. Daß es den Unternehmern recht unangmehm ist, wenn ein Fachvercin großen Einfluß ge- winnt, das glauben wir gern, aber was geht es die B c- Hörden an, daß„die Arbeitgeber beinahe unter die Herftchast des Vereins" geriethen. Wir haben noch nie davon gehört, daß die Behörden in ähnlicher Weise gegen einflußreiche Unter- nehmcrverbände eingeschritten wären, auch dann nicht, wenn die Arbeiter ganz nach deren Pfeife tanzen mußten. Ferner müssen wir ganz etttaunt fragen: seit wann denn ein Verein, wie die Korrespondenz andeutet, dadurch zu einem„politischen" wird, daß er mit emem Zentralverein— im vorliegenden Falle mit dem in Stuttgatt— Briefe wechselt und andere Vereine bei Streiks unterstutzt? Die„Nordd. Allg. Ztg." glaubt offenbar, sich den Arbeitern gegenüber einen gewissen Zynismus gestatten und tanzenden Figuren, mit Feuerrädern und bunten, phantastisch gestalteten Flecken. Die Kraft ihrer Muskeln ließ nach, ein dumpfes Summen und Brausen tönte ihr in den Ohren, und willenlos sank sie endlich zuttick. In demselben Moment, wo sich ihre Arme lösten, lösten sich auch die eiskalten Finger von ihrem Halse und mit einem einzigen Sprunge war Ramfeld unten in dem Patt. Aber Iuanita's Hilfegeschrei hatte den Gendarmen und den Pottier alarmirt, und wenn sie zuerst auch nach falscher Richtung gelaufen waren, so kamen sie doch rechtzeitig, um den aus dem Fenster Spttngenden förmlich in ihren Armen aufzufangen. Ramfeld wehtte sich wie ein Verzweifelter, allein er fühlte bald die Ueberlegenheit der beiden statten Mäaner, und als er plötzlich die blanke Waffe des Gendarmen vor seinem Gesicht sah, ergab er sich in sein Schicksal. Die beiden Männer hatten ihn in seiner Vettleidung noch nicht ettannt, aber er wußte ja, daß eine Entdeckung unausbleiblich war und so entschloß er sich zu einem letzten verzweifelten Mittel. Mit einem Ruck den falschen Bart und die Bttlle entfernend, zeigte er ihnen sein wahres Ge- ficht und sagte in brüskem Tone: „Werden Sie mich jetzt unbehelligt lassen?— Sie sehen, daß es sich um einen Scherz handelt und Ihr allzu großer Diensteifer wird Ihnen sicherlich keine angenehmen Früchte tragen!" „Ueber diesen Scherz werden Sie mir wohl einige nähere Mittheilungen machen!" sagte die kalte Stimme des Polizeikommissars hinter ihnen und eine feste Hand legte sich auf Ramfeld's Schulter.„Doktor Ramfeld, ich verhafte Sie!— Gendarm, legen Sie diesem Manne Hand- schellen an!" „Herr!" fnhr Ramfeld empor. Doch man nahm auf seine zornige Aufwallung keine Rücksicht mehr. Mit gefessel- ten Händen wurde er vor den Untersuchungsttchter geführt und der erste Gegenstand, auf welchen seine Blicke'fielen, war seine vor dem Beamten liegende Btteftasche. Nun war sein Schicksal besiegelt. An Leugnen war nicht mehr zu denken und so hüllte er sich denn in ein düsteres, hatt- zn dürfen— sonst hätte sie einer solchen Auslaffung nickt Raum gewähren können. Letztere besagt offenbar weiter nichts als: die Fvchvereine sind politische Vereine und als solche wollen wir sie verboten haben; find sie keine politischen Vereine, so er- klären wir sie für solche und verbieten sie dann erst recht. Vollmar's„Bayerische Polksstimme". Die Reichs- kommission hat die Beschwerde des Reickstagsabgeordnetcn v. Vellmar gegen das Verbot der„Bayerischen Volksstimme" abgewiesen. Der Beschwerdeführer hatte seine Eingabe durch die Thatsache begründet, daß andere Blätter den Artikel unbehelligt gebracht hätten. Dem gegenüber führte indeß, wie man der„A. Li." berichtet, die Reichskommission in ihrer Ent- schließung aus, daß es völlig unerheblich sei, ob derselbe Artikel in verschiedenen anderen Blättern gestanden habe und dort aus zutreffenden oder nicht zutreffenden Gründen dem Verbote bis- her entgangen sei. Gleichzeitig sprach die Reichskommisston auch den Grundsatz aus: daß die sozialdemokratische Partei den gc- waltsamen Umsturz der bestehenden Staats- und Gcsellschaits- vrdnung anstrebe, sei so bekannt, daß es keines weiteren Be- weises bedürfe. Darnach ist also beim Erlaß von Verboten auf Grund des§ 11 des Sozialistengesetzes keineswegs un- umgänglich nothmendig, wie dies bisher in der Praxis so erachtet wurde, nachzuweisen, daß der betreffende Aufsatz nicht nur schleckt- weg sozialistische, sondern solche soziali- stische Bestrebungen enthalte, die auf den ilnisturz der bestehenden Staats- oder Ge- srllschaftsordnung in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkeningsklaffen gefährdenden Weise gerichtet sind. Bleibt es bei der derzeitigen Auffassung der Reichskommission, wonach jede sozialdemokratische Be st rebung zugleich eine umstürzlerische ist, so hat das Sozialistengesetz damit eine Auslegung gefunden, welche gegenüber der traditionellen als wesentlich verschärft zu betrachten ist. Diese Verschärfung liegt allerdings ganz im Sinne der heutigen Politik, es fragt sich nur, ob sie auch im Sinne der Befürworter des Sozialistengesetzes lag. Hoffentlich wird der Reichstag endlich einmal gezwungen, in diesen Fragen offen Farbe zu bekennen. Das„Deutsche Tageblatt" konstatirt mit großem Behagen, daß die heutige„Sozialreform"„ganz wesentlich"„das Heil unserer Bourgeoisie" im Auge hatte. Trefflicher ist der ganze Werth unserer neuen Aera niemals kritisirt worden als es hiermit seitens des offiziösen Blattes geschieht. Sozialistisches. Für gestern Abend hatte Herr Reichs- tagsahgcordneter A. Sabor eine Volksversammlung angemeldet, die im Schützenhofe zu Bornheim stattfinden sollte. Als Tages- ordnung war bestimmt: 1) Die bevorstehende Rcichstagsscssion, Referent Herr Sabor. 2) Die Stadtverordnetenwahlen. Das Polizeipräsidium hal jedoch die Versammlung auf Grund des § 9 Abs. 2 des Sozialistengesetzes verboten. Auf sein schrift- liches Verlangen, ihm die„Thatsachen", mit welchen das Verbot begründet wurde, anzugeben, wurde Herrn Sabor zu Protokoll eröffnet, daß die Mittheilung von Thatsachen veriveigert werde. — Der Fachverein der Metallarbeiter zu Dresden feierte am vergangenen Mittwoch sein drittes Stiftungsfest, welches gut besucht war. Es war in Aussicht genommen, daß der Reichs- tagsabgeordnete Singer die Festrede halten sollte, doch wurde für diesen Fall das Verbot des ganzen Festes angedroht.— Gestern sollte Singer in Mannheim sprechen.— Die Liedertafel„Aphrodite" in Altona, welche durch den Sozialisten- prozeß so bekannt geworden ist, hat sich durch Beschluß der Generalversammlung aufgelöst. Klerikales. Der„Wests. Merkur" bemerkt gegenüber der Erkläning des Reichstags. Abgeordneten Adae in Bezug auf die Jesuiten:„Die Jesuiten werden wieder nach Deutschland kommen, mag nun Herr Adae dafür stinimen oder dagegen." Dem Vernehmen nach ist der Ratzebnrger Amts- gerichtsrath Francke nach Bredtcdt(Holstein) versetzt. Seine neue Stellung hat er am 1. Januar anzutreten. Verboten auf Grund de» Sozialistengesetzes wurde die Druckschrist:„Was wollen die Sozialdemokraten? Ein nicht gehaltener Vortrag von A. Godau. Verlag von A. Godau. Königsberg, Druck von heim. Thierbach Nachflg. 1886", ferner die Druckschrift mit der Ueberschrift:„Den Junkern und Stre- dem" und der Unterschrift:„Die Wacht am Main". SchWeix. Der Alkohol- Ausschuß des Nationalraths will, wie bereits mitgcthcilt, eine Lösung der Frage, auf dem Boden des Monopols„als der einzigen Steuerfonn, welche dem Gesetz- geber gestattet, zwischen den widerstreitenden Interessen des Fiskus, der Konsumenten und der Landwirthschaft eine billige Vermittelung herzustellen, in der Weise nämlich, daß die An- theile des Imports, des inländischen Großbetriebs und des in- ländischen Kleinbetriebs an der Versorgung des Landes mit Sprit in einer jene verschiedenen Interessen billig berücksich- tigenden Weise geregelt würden." Dabei hat sich der Ausschuß über ein verknüpftes System geeinigt, welches zwar auf dem Boden des Fabrikationsmonopols aufgebaut ist, aber durch be- stimmte Zugeständnisse auch jenen Interessen Rechnung trägt, nackiges Schweigen. Wenn er dem Schicksal auch nichts mehr abtrotzen konnte, so wollte er dem Verhängniß doch nicht um einen Schritt entgegen gehen. „Erkennen Sie diese Brieftasche als Ihr Eigenthum an?" fragte der Untersuchungsrichter. Ramfeld preßte die Lippen auf einander und gab keine Antwort. „Haben Sie meine Frage nicht verstanden?" Wieder erfolgte ein gleichmüthiges Stillschweigen, und des Doktors Züge blieben so unbewegt, daß sich wohl annehmen ließ, feine Regungslosigkeit sei mehr der Aus- druck eines festen Eutschlusses als derjenige einer Ver- legenheit. „Run wohl," fuhr der Gerichtsbeamte fort, als er einige Sekunden vergebens gewartet hatte.„Sie mögen Ihr Verhalten einrichten, wie es Ihnen beliebt!'Wie die Dinge jetzt liegen, werden wir auch ohne Ihre Auskunft fertig werden, und wenn Sie auch selber es verschmähen, Zhr Herz durch ein offenes Geständniß zu erleichtern, so will ich Ihnen dadurch entgegenkommen, daß ich Ihnen eine kleine Uebersicht über die in unseren Händen befindlichen Beweise gebe. Zunächst ist uns Zhr ganzes siandalöses Vorleben bis in die Einzelheiten bekannt; wir wissen, in welcher Weise Sie Ihre Zeit in Amerika angewendet haben und welche Gründe Sie zu eiliger Rückkehr nach Europa veranlaßten. Daß Sie dabei noch Zeit gefunden haben, diese hübsche Waffe hier mitzunehmen, spricht sehr für Ihre Borsicht. Der Revolver ist Ihnen doch bekannt, Herr Doktor, nicht wahr?" Ramfeld kräuselte verächtlich die Lippen, als der Richter die Schußwaffe vor ihn auf den Tisch legte. Dieser Zurist gab sich ja ihm gegenüber jetzt den Anschein, als habe sein eigener Scharfsinn Beweis um Beweis in der verhängnißvollen Kette zusammengefügt, welche ihn jetzt umschlang, und doch wußte er nur zu gut, wem allein alle diese Entdeckungen zuzuschreiben waren. Die große Wirkung, welche sich der Untersuchungs- richter von dem plötzlichen Anblick des PistolS versprochen hatte, blieb also vollständig aus, und sicher würde diese unerschütterliche Kaltblütigkeit nicht ohne Einfluß auf seine deren besondere Wahrnehmung der Vcrkaufsmonopolentwurf sich zur Aufgabe gestellt hatte. Die Grundlage dieses neuen Systems bildet das volle Monopol des Bundes für die Fabri- kation und die Rektifikation von gewöhnlichem Branntwein und für die Einfuhr von gebrannten Wassern jeder Art. Tie vom Bundesrathsausschuß in Aussicht genommene Zollerhöhung betrifft ziemlich über 100 Positronen, von denen jedoch eine größere Anzahl durch die Handelsverträge zur Zeit noch gebunden sind. Für neue Unterhandlungen hätten dann die erhöhten Tarife als Grundlage zu dienen. Rußland. Die Feindseligkeit unseres östlichen Nachbars, welche sich auf zollpolitischem Gebiet fortdauernd in der Festsetzung neuer Zölle, in der Erhöhung der bereits bestehenden und in dem Ersinnen aller möglichen und unmöglichen Z o l l v I a ck e- r e i c n äußert, dauert unvermindert fort. Mit zielbewußter Konsequenz und ohne Rückficht auf die unvermeidliche Schädi- gung der eigenen Landesangehörigen, verfolgt die russische Re- gierung den Weg, den sie sich in der Zollpolitik Deutschland gegenüber vorgezeichnet hat, ohne sich durch die hinweise auf die unvermeidlichen Nachtheile beirren zu lassen, welche ihre Maßnahmen für das heimische Verkehrsleben mit sich führen. So trifft insbesondere auch die letzte, als vollständiges Novum auf dem Gebiete der Zollplackereien zu erachtende Maßregel des russischen Finanzministers, die Einfühning der sogenannten P l o m b en abg a b e für ausländischr Waaren, die russische Geschäftswelt nicht minder schwer, wie die deutsche Industrie. Kautschuk- und Lederwaaren, Zeuge, Tücher- und Posamcntier- waaren, Kleidungsstücke, Wäsche, kurz alle möglichen Gegen- stände, die das Ausland liefern muß, sollen Stück für Stück plombirt und mit einer Plombenabgabe von 1 bis 8 Kopeken belegt werden. Die deutsche Industrie ist vorwiegend in den vorerwähnten Artikeln von dieser Neuerung betroffen, die bei kleineren Fabrikaten wie Handschuhen, Manschetten, Strümpfen, Kragen, Nähnadeln, einer nicht unbedcutenven Zollerhöhung gleichkommt. Wie schwer der Druck eines bis dahin unerhörten Rückganges auf fast allen deutschen Jndustnebezirken lastet, wie tödlich speziell die Eisen- und Maschinenindustrie im deutschen Osten durch die russischen Zollrepressalien getroffen ist, bedarf nach den bisherigen traurigen Erfahrungen, die sich gleichmäßig in fast allen Handelskammerberichten wiedergegeben finden, kaum einer weiteren Beleuchtung. Um so empfindlicher trifft daher jene russische Neuerung abermals die deutsche Industrie. Die Hoffnungen, die sich an die im vorigen Monat stattgehabte Konferenz des russischen Botschafters Grafen Sckuwaloff mit dem Fürsten Bismarck geknüpft hatten, scheinen jeder thatsäch- liehen Unterlage zu entbehren. Denn bis heute sind von russischer Seite keine Erleichterungen in den Handels- beziehungen, im Grenzverkehr sichtbar geworden oder auch nur als ernstlich beabsichtigt zum Vorschein gekommen; im Gegen- theil: die russische Plombcnabgabe beweist, daß der östliche Nachbar in zielbewußter Unversöhnlichkeit die zollpolitische Fehde nicht aufzugeben gedenkt. K-lgi-n. Die A m n e st i e f r a g e ist jetzt endgiltig beseitigt. Der Senator Dr. Crocq ttat im Senat auf das Wärmste für die Arbeiter ein; er hob hervor, daß das Elend der Arbeiter, ihre Ausbeutung die Unthaten hervorgerufen. Die Amnestie sei im Interesse des Friedens, des Königthums selbst erwünscht. Ter Finanzminister erklärte sie für unzulässig. Die Anstifter und die Angreifer der Arbeitsfreiheit müßten ihre Tbaten büßen. Ter Senat stimmte dem Minister so lebhaft bei, daß nur drei Mitglieder die Berathung des Erocq'schen Antrags unterstützten; er war somit beseitigt. Frankreich. Tie Post von Madagaskar bringt Berichte, die mit dem amtlichen Optimismus des Ministeriums gar nicht über- einstimmen. Tie Regierung der hovas steht, wie aus ihren mehrfachen Schwankungen hervorgeht, ganz unter dem Einflüsse englischer Gegner der französischen Okkupation, insbe- sondere der Methodistenmissionäre und richtet sich mit ihrer Nachgiebigkeit den Franzosen gegenüber nur danach, ob sie eine neue Expedition befürchtet oder nicht. Ein Briet des„Matin" fordert die Sendung von 12—1500 Turkos und Tirailleurs vom Senegal, die ohne Verzug eintreffen müßten.„Geschieht dies nicht, so haben wir im nächsten Jahre Krieg und wenn Frankreich vor diesem äußersten Kampfe zurückschreckt, wird die von Admiral Pierre begonnene Expedition kein anderes Ergeb- niß haben, als Madagaskar in die Hände der Engländer zu bringen." Amtliche Depeschen stellen die Lage dagegen als de- fricdigend dar. Großkrttanuie»». Der Generalrath der sozialdemokratischen Föde- ration hat beschlossen, daß auf Trafalgar Square folgende R e- solution gefaßt werden soll: Dresc von der sozialdemo- kratiscken Föderation einberufene Versammlung von beschäftigten und beschäftigungslosen Arbeitern fordert die Regierung nochmals auf, unverzüglich Schritte zu thun, um die Lokalbehörden in Stand zu setzen, die Arbeit der Beschäf- Ueberzeugung von Ramfeld's Schuld geblieben sein, wären die Beweise, welche sich seit einer Stunde in seinen Händen befanden, von weniger erdrückendem Gewicht gewesen. Jetzt aber war er seiner Sache zu gewiß, und die merkwürdige Ruhe des Gefangenen konnte nur seinen Unwillen reizen, Seine Stimme hatte deshalb einen noch schärferen Klang, als er fortfuhr: „Es ist uns auch bekannt, welche verwerfliche Lebens- weise Sie in der Hanptstadt geführt haben; wir wissen also ganz genau, wie wir Ihr Hierherkommen und die hier von Ihnen verübten Verbrechen zu beurtheilen haben! Wir wür- den das wissen, auch wenn unS nicht diese unwiderleglichen Beweise die Mühe weiteren ForschenS fast vollständig er- sparten!— Nun, das scheint Ihnen ja sehr lächerlich zu sein!" In der That hatte der Doktor den Mund zu einem wirklichen Lächeln verzogen. Das Spiel war ja verloren,— er hatte nichts mehr einzusetzen, da konnte eS ihm wohl gleich sein, ob er durch ein verächtliches Lächeln den Zorn seiner Richter reizte oder nicht. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Leben. Das Lachen. Ein älterer englischer Philosoph sagt in einer Abhandlung über das Lachen: Der Offene und der Frei- müthige läßt, wenn er lacht, den Selbstlaut a ertönen, der Phlegmatiker e und i. A mit o verbunden bezeichnet Frei- gebigkeit, Dreistigkeit. E und u giebt den Geizhals und Heuchler zu erkennen. Personen, von denen die eine a und o, die andere a und i beim Lachen hören lassen, sympathisiren mit einander, und können, falls sie zweierlei Geschlechts sind, gute Eheleute werden. Ticke Leute lacken mehr als magere. Dem Nielachenden gehe man aus dem Wege. Inneres Lachen be- zeichnet Bosheit. Wüstes Lachen verräth den Thoren, stilles Lächeln zeigt den Weisen an. Auch ein Mittel, sich Gerechtigkeit zu verschaffen. Im Palais Bourdon zu Paris tmg sich vor einigen Tagen ein Auf- sehen erregender Zwischenfall zu. Um 2 Uhr Nachmittags erschien eine anständig gekleidete Frau vor dem Eingang zur tigungsloscn an nützlichen und lohnenden Bauten zu organi« streu; sofort die Vollmachten der Ärmenpfleger in Sachen der Unterstützung von Armen außerhalb der Armenhäuser auszu- dehnen, die Arbeitsstunden in allen Regierungswcrk- stätten auf acht pro Tag herabzusetzen und den Schul- ä nc t e r n in London und cm ganzen Lande die Nothwendigkeit zu empfehlen, eine freie Mahlzeit täglich für die Kinder ihrer Schulen zu beschaffen. Gleichzeitig richtete der General- rath ein Schreiben an den Polizcichef, Sir Charles Warren, worin er„im Hinblick auf die vorherrschende Panik" die Dienste von etlichen hundert Sozialdemokraten als Spezialkonstabter anbietet, um die Ordnung auf dem Square aufrecht zu er- halten. Ter Generalrath fügt sodann etwas beißend hinzu: Die sozialdemokratische Föderation wird sich glücklich schätzen, eine besondere Wache für zwei Kanonen zu stellen, die, wie es in den Zeitungen heißt, bei dieser Gelegenheit auf dem Platze sein werden. Solche Waffen find gefährliche Spielzeuge und jüngste Erfahrungen haben gelehrt, daß, wenn sie unglücklicher Weise abgefeuert werden, sie mehr Schaden den hinter ihnen als den vor ihnen Stehenden zufügen. „Centtal-News" meldet auch, daß kürzlich die Polizei- bchörde in Killarney einen französischen Agenten gefaßt hätte, der unter dem Vorgeben, ein Reisender einer Londoner Firma zusein, Irland bereise, um Waffen an das irländische Publikum zu verkaufen. Man habe die Papiere und Proben des Herrn sästrt. Ob er der„Anns Akt" werde unterstellt werden, sei noch nicht bekannt. Nach seiner Reiseroute wollte er sich von Killarney zunächst nach Castle-Jsland begeben. Er hofft also wohl auf reichen Absatz in der Hauptbeimath der Mondscheinlcr! Uebrigens berichtet„United Irland", daß gegen 2000 Pächter eine Art Bündniß, betteffs der Pachtzahlung, ge- stiftet hatten, welche den Landlords den Gnadenstoß geben oder die Regierung zwingen solle, mit rücksichtsloser Härte vorzu- gehen. Jedenfalls würden die nächsten Monate schlechte Zeiten bringen. Der Schatzkanzler, Lord Randolph Churchill, empfing eine Deputation des Gemeinderathes der City von London und des hauptstädtischen Battenamtes, welche die Regierung ersuchte, ihre Genehmigung zur Einbringung eines Gesetzcnt- wurfs für die Emeuerung der in London erhobenen Kohlen- und Weinabgaben zu ertheilen. Der Schatzkanzler er- widerte, die Regierung hätte beschlossen, der beabsichtigten Emeuerung dieser Abgaben ihre Zustimmung zu versagen. Die Kohlenabgabe betrachte sie als eine schwere Steuer auf ein Lebensbedürfniß der großen Masse der Bevölkerung; sie sei auch dazu anaethan die Gründung von Fabriken in London zu verhindern; oie Abgabe würde von Personen entrichtet, die keine Stimme in der Verausgabung der daraus bezogenen großen Summen hätten und überdies verleite sie die leitenden Körperschaften zu übertriebenen Ausgaben, hiemach nimmt also die Tory-Regiemng dieselbe Stellung zu dieser Frage ein wie diejenige Gladstone s. Kalkan lander. Um Mißverständnissen und nachthciliaen Deutungen der Abreise des Generals Kaulbars vorzubeugen, erließ, der „N. Fr. Pr." zufolge, das Ministerium des Innern an alle Präfekten ein Zirkular, worin erklätt wird, daß der wahre Gmnd der Abreise des mssischen Generals in der Vemttheilung seiner Haltung in Bulgarien seitens Salisbury's und Kalnoky s liege. Sein weiteres Verbleiben in Bulgarien sei in Folge dieser Er- klämngen unmöglich geworden. In dem Zirkular wird weiter erwähnt, daß mit der Abreise Kaulbars' die Agitationen und Ruhestömngen aufhören werden und daß die Lösung der bul- garischen Frage nun Europa überlassen bleibe. Die Präfekten werden angewiesen, Demonstrationen und Ruhestömngen durch gewisse Agenten anläßlich dieses Falles hintanzuhalten. Bei der Abreise des Generals Kaulbars waren etwa fünfzig Personen von der Bevölkerung von Sofia zugegen. Der General sprach denselben seinen Dank aus und verabschiedete sich, indem er sagte, er verlasse das Land, weil die Regenten desselben die Stimme Rußlands nicht hören wollten. Den Abbruch der Beziehungen zu Bulgarien besprechend, sagt die„Petersburger„Nowoje Wremja", daß des Kaulbach Abreise eine Drohung auch gegen die Mächte se>- welche die Regentschaft gegen Rußland unterstützen; mit Bul» garien sei ein Bmch überhaupt unmöglich. Die Abreise sei der erste Schritt Rußlands zum Bruch mit den Mächten, welche Bulgarien aufhetzen. Es werde sich zeigen, unter welchen Be- dingungeir der Friede zu erhalten sei.. Der„Kreuzztg." wird aus Petersburg gemeldet:„Der Zar hm dem Kawassen des Konsulats in Pbilippopel, der neulich dock von bulgarischer Seite wegen Anstiftung eines übrigens recht- zeitig verettelten Putsches verhaftet worden war, das G e o r g s- kreuz verliehen." So viel bekannt, hat kein Kawaß de» mssischen Konsulats in Philippopel einen Putsch anaezetteu- Tagegen hat einer seinen Namen in der bulgarischen Geschickt- unsterblich gemacht, weil er dem russischen„Regicr.-Anz." zu- folge durch den mehrfach geschildetten Sttaßenskandal Anlag gab, daß der Zar den General Kaulbars aus Bulgarien zurückberufen hat. Dieser Kawaß muß wohl das Georgskreuz ck- halten haben. Teputittenkammer und feuerte dort aus einem Revolver fünl Schüsse in die Luft ab. Sie wurde sogleich festgenommen, leistete keinen Widerstand und gab ohne Weiteres die WaN den Dienern. Vor die Ouästoren geführt, erklärte die Frau, sie sei keineswegs verrückt und hätte nur beabsichtigt, die allge meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken; seit sechs Jubck führe sie einen Prozeß, ohne zu ihrem Rechte zu gelangen. dem ich auf ein Haus schoß, wo Gerechtigkeit thronen mue: hosste ich, sie herauszulocken ," fügte sse hinzu. Sie habe M den Abg. Laguere gezählt, der sich ihrer annehmen dürfte, M er ihren Fall kennen würde. Die Frau stammt aus der Ml. rente Jnfericure und wohnt seit 20 Jahren in Paris. N dem ersten Verhöre wurde sie auf das Polizeikommiffanal v Viettels gebracht. Tie verhaftete Frau heißt Claire Litott,. 49 Jahre alt, Rüschenarberterin und wohnt 13 Rue de Stc herque in Paris. Eine räthselhafte Entdeckung haben nach der„TY Ztg." die Behörden in Erfurt gemacht. Als vor eung Jahren eine männliche Leiche aus dem dottigen Statu gr, gefischt wurde, wurde dieselbe von einer Frau als vre m, Mannes auf das Bestimmteste rckognoszirt: auch mehrere gehörige bekräftigten, daß die Leiche ihr Vater resp. Vcrman sei. Jetzt erhält auf einmal die Wittwe vom Standesaw Erfurt die Nachricht, daß sich ihr Mann im ZuchtHam � Waldheim in Sachsen befinde. Die Frau eilte sofort na* � Standesamte und mußte zugeben, daß die Personalren" denen ihres Mannes aufs Genaueste übereinstimmen,-irnc Hörden sind bemüht, das�Räthsel zu lösen._____£ai lajnui um oen avPI av, maane un mu uj.,"ü: MmIW den und brannte dann durch.— Die Elektrizität fmft" uhlen den Kunden eines Ladens in Peterboro,' Kanada, emen � Streich. Vor der Thür befindet sich eine eiseme Pmtl-; Knabe trat auf dieselbe, und im Nu lag er auf bf".„„eri, ein zweiter wollte ebenfalls in den Laden und knrckte��.�tn nach und fand, daß ver ganze eijernc Borvau oev � Elektrizität angefüllt sei. Der Draht des clekttrschen 1.> ulil» in Berührung mit dem feuchten Fenstervorhang sßfaM lieferte die Elektrizität. Der Strom folgte dem eyernen� bis in die Thürplatte, welche den Ein- und Aiisga 3 �pd Ladens solch' tolle Streiche gespielt hatte, hrelt man in die Nahe der Fensterrahmen, so sprangen elektnlro Afrika« Der Besuch Sir H. SÜoItt's in London giebt dem Londoner „Standard" Anlaß zu folgenden Bemerkungen:„In Egypten, als einem Vasallenstaat oer Türkei, gellen jene Kapitulationen, welche ausländischen Konsuln das Recht aeben, in Gang der Justiz und Verwaltung einzugreifen. Sir H. D. Wolff wird seinen Vorgesetzten in London Aufklärungen über diesen seltsamen Zustand der Dinge geben und ihnen mittheilen, daß es unmöglich ist, so lange er andauert, den 6 all, welchen wir in Egypten gewonnen haben, zu schwächen. Mag der Auf« stand Arabi's und seine Folgen dem Gcdächtniß der Franzosen vollständig entschwunden sein, in Egypten giebt es Niemanden, möge er einer Nationalität angehören, welcher er wolle, dem jene Ereignisse nicht noch lebhaft vor Augen stehen, der der Verdienste, welche England damals Leben und Eigenthum er- wiesen, nicht dankbar gedenkt. Die Rolle, welche wir damals spielten, wird nicht vergessen, das Gute, das wir gestiftet, stets anerkannt werden. Das sind unsere Kreditive. Fragt jemand, was wir noch in Egypten zu thun haben, so wird Sir Henry Lord Salisbury und Lord Jddesleigh mittheilen könen, daß, falls sich auch nur das Gerücht unseres Abzuges bilden sollte, eine jähe Panik entstehen und Egypten und der Khedive sich von uns verrathen glauben würden. Auch dem Sultan scheint nicht besonders viel daranzuliegen, daß wir das Land räumen. Mukhtar Pascha wird seinem Herrn berichtet haben, wie schwach die Bande sind, welche Egypten an die Türkei knüpfen und daß die Stärke dieser Verbindung namentlich davon abhängt, welchen Schutz wir ihr angedeihen lassen. Der Besuch Sir venry Drummond Wolff's in London wird eine zwiefache Bedeutung haben. Er wird nicht nur im Stande sein, be- wähtten Rath zu ettheilen, sondern auch neue und genauere Instruktionen empfangen. Lange wird er wahrscheinlich nicht M England verweilen, da seine Anwesenheit in Egypten noth- «endig ist." Afi-m Aus Wladikawkas im Kaukasus wird gemeldet, daß unter den Tschetschenzen ein großer Aufstand ausgebrochen ssl. Schon gegen Ende August erhoben sich dieselben und brachen zur Nachtzeit in die Wohnungen der russischen Offiziere em. Dre beständig im Distrikt garnisonircnden Truppen sammelten sich zwar rasch, machten einen Einfall in das Gebiet ber Tschetschenzen und tödteten einige, aber der Aufstand hatte schon eine zu umfassende Form angenommen, um von den Lokaltruppen bewältigt werden zu können. Gegenwättig sind vuf dem Schauplatz des Aufstandes genug Truppen vorhanden, um die Aufständischen zu umzingeln und zu unterwerfen, aber Jl liegt im Plan der Russen, alle benachbatten Pässe und Schluchten zu besetzen, denn wenn sich der Aufstand nach den Bergen von Daghestan und darüber hinaus ausbreiten sollte, «nnte er alle Stämme des Kaukasus zur Erhebung bewegen. Brc Ursache der Revolte war der Versuch, die Tschetschenzen Kegen ihren Willen und mit Gewalt zum Militärdienst zu jwmgcn, und er brach aus, als die Behörden die Namen der Mitglieder des Stammes in die Militärlisten einzutragen be- tonnen. Ueber hundert Kosaken sind bereits getödtet worden. )ie Verluste der Tschetschenzen sind unbekannt. Amerika. Zum Präsidenten der Republik Uruguay ist, wie aus Montevideo gemeldet wird, General Maximo Tajes von der Generalversammlung gewählt worden. Kommunales. * Neue Polizeiverordnuna, den Milchhandel betreffend. �Ler Magistrat beschäftigte sich m seiner letzten Sitzung mit dem �kannten Entwurf zu einer Polizeivcrordnung betreffend den Mehr mit Milch in der Stadt Berlin. Derselbe hat beschlossen, Ä Polizeiverordnung mit einigen redaktionellen Acnderungen CjPmmen, bis auf den§ 1, welcher von prinzipieller Be- t>i!r A! ist. Nach dem Vorschlage des Polizeipräsidiums lautet «.fj? z 1 wie folgt:„Milch darf nur als Vollmilch oder Halb- in'w oder Magermilch in den Verlehr gebracht werden. Als h J IL« i I ch gilt eine Milch, welche nach der Gewinnung durch Melken in keiner Weise entrahmt ist, einen Fettgehalt von �'"bestens 2,7 pCt. und bis 15 Grad Celsius Temperatur, ein ibezrsischxz Gewicht von mindestens 1,028=» 14 Grad des i'�tlichen Milchprobers hat. Halb milch ist solche Milch, . sschct nur derjenige Rahm ganz oder theilweise entzogen ist, och beim Stehen der Milch nach dem Melken naturgemäß fwt°bne künstliche Mittel auf derselben gebildet hat. Der valbiuiich steht eine Mischmilch aus Vollmilch und oder theilweise entrahmter Milch gleich. Halbmilch mindestens 1,5 pCt. Fett enthalten und bei Grad Celsius Temperatur ein spezifisches Gewicht San IT von srnv mindestens 1,030--- 15 Grad des polizeilichen wbers haben. Magermilch ist eine durch maschinelle Vor- . mtungen z. B. durch Zentrisuge entfettete Milch, welche min- <>1iens 0,15 pCt. Fett entbalten und bei 15 Grad Celsius Ifi«>Ä.- hat die Nachricht erhalten, daß in Paris emc Gc- ibm*aft des Königs von Abcssinien eingetroffen ist, welche ' ein seltsames Geschenk überbringt, nämlich zwei mächtige ihr« drei prächtige Panther. Die Abessinier wollten Üblere unmittelbar in das Elyfte-Palais uberfuhren, Man ÜÜ viele Mühe, ihnen begreiflich zu mache», daß h.?" dem Hause des Staatsoberhauptes wrlde Thiere nicht W Man hat die lebenden Geschenke in dem Jardin nses gebracht, wo die beiden Löwen und die drer Nesr-i.'n Gegenwart der abesflnischen Botschafter in Käfige merrt wurden. ftohf.den Negern der nordamerikanischen Bundeshaupt- Washington besteht die cigenthümliche Sitte, Begräbniß- ftorbc™'U kitoom deren einziger Zweck es ist, ihren ver- {Jßfc«r Tr niCI)I sO fvQr UVl üvlll«jcüUv; TUtUIX jlt TDX||CTl� ttoft.lv»erblichen Ucberreste von einer langen Reihe von Leid- mit schmetternder Blechmusik an der Spitze, zur der m~ule getragen werden. Diese charakteristische Eigenschaft laffi.„ � hat zur Gründung von zahlreichen Vereinen Veran- tun» � gegeben, die ihren Ehrgeiz darin setzen, in der Enttal- %cbL rn P°mp bei Beerdigungen einander zu uberbieten. zu hnii erem strebt natürlich danach, möglichst viele Mitglieder Wön s. Sie sind sämmtlich inkorporirt. und zwar unter des..�"den Titeln, wie:„Ter alte und ehrwürdige Orden des W"aischen Fischers",„Die devotesten Bruder und Schwestern tr1! T Bethlehem" u. s. w.„ ri t.,. S fiefcftif.l* Bensur in der Türkei. Aus Konstantmopel w.rd des Nn. Kurzlich hat das Ministerium des Innern rm Wege Aeitun�ureaus eine Verordnung erlassen, welche sammtl.chm Land�" Griechenlands den Eintritt in die ottomamschen Nale LJ�Hrt. Anlaß hierzu hatte die Haltung dieser Jour- Mige�iß�,' welche in der letzten Zeit die Pforte einigermaßen ?°kedon� hatten. Da die meisten gnechischen Zeitungen nach ßubTiW' ocm �lilerdiN zu belegen, denen türkenfemd- ouvtlkatwncn nachgewiesen werden können. Die Zensur Magistrat hat beschlossen, den§ 1 nach Maßgabe der Beschlüsse der städtischen Deputation für die öffentliche Gesundheitspflege folgendermaßen zu fassen:„Frische Kuhmilch(im Gegensatze zu saurer Kuhmilch, ferner zu Buttermilch und anderen Produkten aus Kuhmilch, endlich zu Milch anderer Thiere, auf welche Milchwaare gegenwärtige Polizeiverordnung sich nicht bezieht), darf nur als Vollmilch, oder als theilweise enffahnte Milch in den Verkehr gebracht werden. Vollmilch ist solche, welcher der beim Melken vorhanden gewesene Rahmgehalt zu keinem Theile entzogen ist. Alle andere unter gegenwärtige Polizeiverordnung fallende Milch gehört in die Klasse der entsahnten Milch, sei es, daß sie unter der Bezeichnung als Halbmich, als Mager- milch, oder wie sonst an den Markt kommt. Für die als Voll- milch zu verkaufende Milch ist Bedingung, daß sie einen Fett- gehalt von mindestens 2,7 pCt. und bei 15 Grad Celsius- Temperatur ein spezifisches Gewicht von 1,028— 14 Grad des polizeilichen Milchprobers hat. Entsahnte Milch ist, auch als Magermilch bezeichnet, vom Verkehr ausgeschlossen, wenn der noch vorhandene nattirliche Fettgehalt unter 15 pCt. hinabgeht und das spezifische Gewicht ber 15 Grad Celsius-Temperatur über 1,032— 16 Grad des polizeilichen Milchprobers steigt. * Schlechtes Trinkwasser in den städttschen Anstalten zu Rummelsburg. Die Kuratorien des städtischen Waisen- Hauses und des städtischen Arbeitshauses haben sich veranlaßt gesehen, beim Magistrat dahin vorstellig zu werden, daß beide Anstalten mit trinkbarem Wasser versehen werden müßten, da das Wasser, welches jetzt daselbst zum Trinken, Backen und Kochen denutzt werden muß, so schlecht sei, daß bei seinem ferneren Gebrauche die Gesundheit der Insassen beider An- stalten aufs Aeußerste gefährdet sei, Versuche auf Verbesserung des Wassers durch Filtriren aber vollständig erfolglos geblieben seien. Die Kuratorien der besagten Anstalten haben daber be- antragt, diese letzteren mit städtischem Leitungswasser aus städtischen Wasserhebestellen am Stralaucr Thore zu versehen und zu diesem Zwecke ein Zuleitungsrohr nach dem Arbeits- resp. Waisenhause anzulegen. Die hierdurch entstehenden Kosten werden etwa 46 300 M. bettagen. Der Magistrat hat be- schlössen, dem Anttage zu entsprechen und der Stadtverordneten- Versammlung die Aufnahme der veranschlagten Summe in den nächstjährigen Etat zu empfehlen. Gerichts-Zeitung. Die Rädelsführer des Spremberger Krawalls vor dem Schwurgericht. Cottbus, den 20. November 1886. Dritter Tag der Verhandlung. (Schluß.) In unserem letzten Bericht ist bei der letzten Vernehmung des Hubrich das Wort„vielleicht" weggeblieben. Es muß ber dieser Bekundung des Hubrich heißen:„Die Gestellungspflichtigen haben sich an jenem Tage so ungebührlich benommen, daß er(Zeuge) sich vielleicht eines Schimpfwortes bedient habe" u. s- w.— Nach längerer Pause wird die Sitzung wieder er« öffnet. Das Auditorium ist nunmehr überfüllt. Der Präsident verliest die den Geschworenen vorzulegenden III Schuldfragen, die auf qualifizirten Aufruhr, qualisizirten Auflauf und auf Widerstand gegen die Staatsgewalt lauten. Bezüglich des Säbischka ist noch die Frage wegen der Rädels- führerschaft und wegen vorsätzlicher körperlicher Mißhandlung mittelst eines Messers gestellt. Bei Gustav Hoffmann, der erst 17 Jahre alt ist, wird noch die Unterfrage gestellt, ob er die zur Erkenntniß der Strafbarkeit seiner Handlung erfor- derliche Einficht besessen hat. Es beginnen alsdann die Plä- doyers. Erster Staatsanwalt Haucke: Meine Herren Geschworenen! Die gegenwärtige dreitägige Verhandlung hat Ihnen jeden- falls ein Bild von tiefgehenden sozialen Schäden gezeigt, die in einem Theile der Spremberger Bevölkerung herrschen. Die Verhandlung hat den Beweis geliefert, daß in einem Theile der Spremberger Bevölkerung die Begriffe von Ruhe und Ordnung vollständig geschwunden sind. Es ist durch die Verhandlung femer erwiesen worden, daß in einem Theile der Spremberger Bevölkerung die Begriffe von Pflichten, die man den Behörden schuldig ist, nicht existiren, sondem daß der Geist der Widerwärtigkeit, der Auflehnung und Unordnung in der Spremberger Arbeitcrbe- völkerung schon sehr weit um sich gegriffen hat. Diese soziale Anschauung, die ich am Eingange meiner Rede soziale Schäden nannte, war die Haupttticbfeder zu den Vorgängen, die Ihrer Beuttheilung unterbreitet werden. Einer der Herren Vetthei- drger hat bereits vorgestern die Frage angeregt, ob der gesammte Vorgang vom 30. April nicht em Auflauf von dummen Jungens gewesen sei. Wenn man sich einen Theil der Angeklagten an- sieht, so gelangt man allerdings zu der Ansicht, daß dieselben kaum der Schulbank entwachsen sind. Diese Thatsache kann aber nur zu der Uebcrzeugung führen, daß die von mir des Näheren bezeichnete soziale Anschauung in der Arbeitcrbevölkemng Sprem- bergs bereits recht tief eingewurzelt ist. Ich habe bereits bei den Verhandlungen vor der Strafkammer gesagt: ich behaupte nicht, daß die Führer der Sozialdemottaten den Putsch in wird aber mit jedem Tage unleidlicher. Die Zensurbeamten erscheinen täglich in den Redaktionen der Lokalblätter, um die für den Druck bestimmten Artikel im Manuskript zu prüfen, und diese Leute, deren politisches Verständniß nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe steht, unterdrücken oft Attikel, welche gar nichts der Regierung Feindseliges enthalten. Nicht nur Attikel, die eine kaum wahmehmbare mssenfeindliche Spitze haben, auch harmlose Theaternachttchten find dieser lächerlichen Zensur unter- worfen, die sich überdies auch auf die Theateraufführungen selbst erstreckt. So wurde dieser Tage die Aufführung von„La Mascotte" verboten, nachdem schon früher den italienischen Sängern die Darstellung von„Ernani",„Hugenotten" und anderen Opern— als der öffentlichen Moral schädlich— verwehrt worden war. Der Abenteurer Francis Franck in Paris(sein eigent- licher Name ist Francis Pincau) früher Redakteur des„Figaro", der in der letzten Zeit den„reichen Mann" spielte und finanzielle Zeitungen herausgab, wurde auf die Klage einer russischen Familie, der er sehr bedeutende Summen abgeschwindelt hatte, verhaftet. Es gelang ihm aber, dem Polizeibeamten, der ihn nach dem Gefängniß Mazas bringen sollte, zu entweichen, beim „Credit Lyonnais" 150 000 Fr., die er dort niedergelegt hatte, zu erheben und sodann spurlos zu verschwinden. Der Polizei« bcamte wurde abgesetzt und wegen des Verdachts der Bestechung in Untersuchung gezogen. Durchschaut. Neffe(zum reichen Onkel):,«Lieber Onkel, Du weißt, daß ich mich für Deine Tochter schon seit einiger Zeit interessire— ich komme deshalb heute, um bei Dir um ihre Hand anzuhalten!"— Onkel:„Sage mir lieber, wie viel Du gepumpt haben willst!" Im Schneesturm verunglückt. Nach einem Telegramm der, /Times aus Philadelphia ist in der Nähe von Leadville (Kolorado) eine Postkutsche mit neun Passagieren während eines Schneesturms verunglückt. Eine Lawine erfaßte die Kutsche und stürzte dieselbe in einen zweihundett Fuß tiefen Abgrund; die Verunglückten wurden ausgegraben, doch dürften fünf derselben kaum mit dem Leben davonkommen. Neue Taufnamen.„Frau Nachbattn, auf welche Namen wollen Sie denn Ihre Zwillinge taufen lassen?"—„Donner und Dotta sollen sie heißen!"—„Was fällt Ihnen denn ein— solch komische Namen?"—„Ja, so hat sie mein Mann angerufen, als sie zur Welt gekommen find!" Szene gesetzt haben, ich sage das, obwohl Herr Bürgermeister Wirth bekundet hat: der Sohn seines Hauswitths habe ihm derichtet, daß einige Zeit vorher in einer Spremberger Fabrik die Aeußerung gethan worden sein soll, es werde in der Stadt Spremberg ein Putsch unternommen werden. Allein irgend welche Anhaltspunkte haben sich dafür nicht ergeben. Ich bin sogar überzeugt, daß der Puttch die Führer der Sozial- demokraten sehr überrascht hat, ja daß er ihnen sehr unangenehm war. Einmal kam denselben der Putsch zu früh, andererseits wußten die Führer, daß sie sich durch den Puttch den Haß der Spremberger Bürgerschaft zuziehen werden. Allein fest steht, daß die Angeklagten zu den Anhängern der Partei gehören und daß die sozialdemokratischen Ideen, denen die An- geklagten huldigen, den Puttch veranlaßt haben. Bei der näch- sten Verhandlung wird den Herren Geschworenen der Beweis geliefert werden, daß die Spremberger Arbeiterbevölkerung nicht blas zur Ausführung sozialdemokratischer, sondem bereits an- archistischer Handlungen fähig ist. Ich wiederhole also, wenn auch die sozialdemokratische Partei den Krawall nicht in Szene gesetzt hat, so haben doch die Irrlehren, von denen die Ange- klagten angettänkelt, die sie eingesogen, den Putsch veranlaßt. Die Angeklagten haben sich hier auf der Anklagebant allerdings nicht als Sozialdemottaten benommen. In dem sozialdemo- kratischen Liederbuche, das bei einer Haussuchung gefunden wurde, heißt es in dem Liede, das die Ueberschrift trägt:„Was ist ein Sozialist?"„Wer das Panier der Wahrheit stolz und hoch erhaben hält, ist ein Sozialist." Wenn die Angeklagten diesem Grundsatz huldigen würden, dann hätten sie frei und offen erklären müssen:„Wir sind Sozialdemokraten", anstatt in feiger Weise ihre Patteiangehörigkeit zu leugnen. Daß der Vorgang vom 30. April einen sozialdemokratischen Beigeschmack hatte, dafür spricht die rothe Fahne und das Singen der sozialdemokratischen Lieder. Die Herren Vetthcidiger dürften einwenden, daß Auszüge mit Fahnen:c. eine alte Spremberger Sitte sind. Ich gebe dies zu, allein es darf nicht außer Acht gelassen werden, daß die Fahne eine rothe war. In dem erwähnten sozialdemokratischen Liederbuche heißt es u. A.:„Unsere Fahne ist roth." Es ist ja eine alte Erfah- rung, meine Herren, daß bei sozraldemokratischen Beerdigungen Kränze mit rothen Schleifen, rothe Blumen in den Knopf- löchem, rothe Halsbinden u. s. w. getragen werden. Dies beweist doch zur Genüge, daß die rothe Farbe das Symbol, das Panier ist, dem die sozialdemottatische Partei folgt. Erwägt man diese Thatsache, sowie alle weiteren Umstände, so muß man zu der Ueberzeugung gelangen, daß der Putsch zum Mindesten einen starken sozraldemokratischen Beigeschmack hatte. Es dürfte von der Vettheidigung bemerkt werden, daß der Polizeiwacht- meister Hubrich viel Schuld an den Vorgängen hatte. Ich bin der entgegengesetzten Meinung. Es ist nicht zu verkennen, daß die Zustände betreffs der Polizeiorgane in der Stadt Sprem- berg recht ttaunge waren. Das Benehmen des ehemaligen Polizeisergeanten Schilling bei dem Vorgange am 30. April bat eine treffende Illustration hierfür geliefert. Nun kam der Polizeiwachtmeister Hubttch nach Spremberg. Diesem kam es nicht darauf an, sich das Wohlwollen der Spremberger Arbeiter« bevölkerung zu erwerben, sondern haupssächlich seine Pflicht als Polizeibeamter zu erfüllen und für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in der Stadt Sorge zu tragen. Des- halb Hai er auch nur seine volle Pflicht gethan, als er das Herabnehmen der rothen Fahne und das Unterlassen des Singens sozialdemokratischer Lieder gebot. Hubrich erkannte mit Recht, daß es sich um eine sozialdemottatische Dcmon- stration handelte. Der Zeuge Tittel, der zweifellos Sozial- demokrat ist, hat dies auch eingesehen. Da dieser die Folgen voraussah, so rieth er seinem Patteigenossen Säbischka, die rothe Fahne zu entfernen. Zu erwägen ist ferner, daß kurz vorher, ehe der Zug unternommen wurde, eine Anzahl der Angeklagten in dem Restaurationslokale von Klein, das uns als sozialdemokratisches Heerlager bezeichnet wurde, sich Muth getrunken hat. Der Staatsanwalt beleuchtet sodann in längerer Rede die einzelnen Vorgänge und beanttagtgegen alle Angeklagten mit Ausnahme von Rietschel, Wrede, Müller, Maltusch und Rich. Hoffmann das Schuldig. Bezüglich dieser letztgenannten 4 Angeklagten stellt der Staatsanwalt das Urlheil den Geschworenen anheim Im Weiteren demerkt der Staatsanwalt: Angesichts der Urthcile, die von der Sttafkammer gegen diejenigen Angeklagten ausgesprochen wurden, die sich minder erheblicher Vergehen schuldig gemacht haben, würde es in der Außenwelt sehr wunder» bar erscheinen, wenn die geaenwättigen Angeklagten, die be- deutend schwerere Strafthaten begangen haben, durch den Spruch der Geschworenen eine gettngere Strafe treffen sollte. Ganz besonders halte ich bezüglich der Anaekl. Säbischka, Korn, Gustav Hoffmann und Just mildernde Umstände für ausgeschlossen. Meine Herren Geschworenen, Ihre Pflicht ist es, den Aus« schreitungcn der Angeklagten, die den Einflüssen der sozial- demokratischen Agitation entsprungen find, einen Damm cnt- Öegcnzusetzen. Ich bin nicht der Meinung, daß durch Ihren ttheilsspruch der Geist der Sozialdemokratie zu bannen ist, allem jedenfalls sind die Organe, die berufen sind, in einer solchen Affäre ein Uttheil zn fällen, verpflichtet, derattigen Ausschreitungen nach Möglichkeit einen Damm entgegenzusetzen, um die Wiederholung solcher Vorgänge so weit als thunlich zu verhüten. Vcrtheidigcr Rechtsanwalt Hammettchmidt: Meine Herren Geschworenen! Ich kann der Auffassung des Herrn Staatsanwalts nicht beipflichten, daß in der Spremberger Arbeiter- bevölkerung die Begriffe für Ruhe und Ordnung geschwunden sind. Allein selbst dies zugegeben, so hat dies mit der gegen-- wättigen Anklage nicht das Geringste zu thun. Ich bin viel- mehr der Meinung, daß der Vorgang, wie er sich am 30. April in Spremberg zugcttagen, auch an jedem anderen Otte, wo die behaupteten sozialen Schäden nicht vorhanden, möglich ist. Daß der Krawall vom 30. April durch den Einfluß der sozial- demokratischen Pattei entstanden, ist in keiner Weise festgestellt. Es ist von einem der Zeugen bemerkt worden, daß auf ihn die ganze Affäre den Eindruck eines Auflaufs von dummen Jungen gemacht habe. Ich kann dieser Auffassung nur bei- stimmen. Es ist in keiner Weise bewiesen, daß der Krawall einen sozialdemokratischen Charakter hatte. Ich bin der Meinung, wäre der Wachtmeister Hubttch nicht gleich zur Ge- walt geschritten, dann hätte die Sache nicht einen so schlimmen Charakter angenommen. Es hätte in der That genügt, wenn man die Einzelnen notitt und wegen ruhestörenden Lärmens zur Verantwortung gezogen hätte. Der Herr Staatsanwalt behauptet, die Angeklagten seien Sozialdemottaten, den Be« weis hierfür ist er aber schuldig geblieben. Daß die Ange- klagten feig sind, kann ich nicht finden. Es sind eben junge Leute, die vielleicht sich in Arbeiter-Fachvereincn bewegt haben, im übrigen aber von politischen Dingen noch nichts verstehen. All' die Momente, die zu der Annahme berechtigen, daß die Angeklagten Sozialdemokraten seien, wie das Verkehren in sozialdemokratischen Versammlungen, das Lesen sozialdemokratischer Schttften ze. ist ihnen nicht bewiesen worden. Auch die Zeugen haben hierüber etwas Positives nicht bekunden können. Die Angeklagten selbst leugnen, Sozialdemokraten zu sein; man wird daher nicht zu der Annahme gelangen können, daß der in Rede stehende Vorgang der Ausfluß sozialdemokratischer Agitation war. Nun sagt der Herr Staatsanwalt: Es würde in der Außenwelt sehr wunderbar erscheinen, wenn angesichts der Uttheile der Sttafkammer das Uttheil des Schwur- gettchts milde ausfallen würde. Meine Herten Geschworenen, ich weiß nicht, wodurch es gekommen ist, daß die Sttafkammer-Sache vor der Schwurgerichts-Sache verhandelt wurde, allem soviel steht fest, wenn ein Dutzend Sttafkammer- urtherle vorliegen würde, so dürfte dies auf Ihr Uttheil nicht den gerrngsten Einfluß haben. Ihr Uttheil muß ein selbststän- diges sein. meine Herren Geschworenen, müssen lediglich dazenlge prüfen, was Ihnen unterbreitet worden ist. Straf- »ammcruriheile dürfen Sie in feiner Weise beeinflussen. Der Vertheidiaer plädirt im Weiteren: seinen Klienten Sädischka nur des Widerstandes gegen die Staatsgewalt für schuldig zu erklären, demselben jedoch mildemde Umstände zuzubilligen, seinen Klienten Maltusch dagegen freizusprechen. Vertheidiaer Rechtsanwalt Schulz: Meine Herren Ge- schwormen! Der Herr Staatsanwalt sagte, es ist Pflicht der Organe, die berufm find, in dieser Sache ein Urthcil zu fällen, den Geist der Unordnung, wie er durch die sozialdemokratische Agitation geschaffen, zu bannen. Zunächst muß doch aber be- wiesen werden, daß der Vorgang sozialdemokratischen Ein- flössen cntspningen ist. Ich gebe zu, daß in Spremderc! die sozialdemokratische Partei sehr stark ist, daß diese Partei aber in irgend einer Weise ihre Hand im Spiele gehabt hat, dafür ist kein Beweis erbracht worden. Der Herr Polizeisekretär Mattka sagte: Säbischka ist Sozialdemokrat, denn er hat nichts und verkehrt in untergeordneten Schnaps- kneipen. Ja, nieine Herren Geschworenen, das find doch keine Merkmale für einen Sozialdemokraten. Würde Säbischka in feine Kneipen gehen, dann würde dies vielleicht seine Mittel zu sehr in Anspruch nehmen, vielleicht würde man ihm auch, angesichts seiner dürftigen Kleidung, in solchen Lokalen nichts verabreichen. Daß Säbischka bei Klein verkehrt hat, ist auch kein Beweis für seine sozialdemokratische Zugehörigkeit. Die sogenannte rothe Fahne, die Säbischka ge- tragen, spricht für eine sozialdemokratische Demonstration in keiner Weise. Ich bin der Meinung, es war eine reine Zu- fälligkeit, daß das an den Stock geknüpfte Taschentuch von rother Farbe war. Das Vorantragen von Fahnen scheint über- Haupt in hiesiger Gegend sehr beliebt zu sein. Ich glaube, Sie werden mir darin beistimmen, meine Herren Geschworenen, wenn ich sage: Das jetzt Mode gewordene sogenannte schnei- dige Austreten des Wachtmeisters tzubrich, ganz besonders den Gestellungspflichtigen gegenüber, hat sehr viel zur Herbeiführung des ganzen Vorganges beigetragen. Zur Sache selbst habe ich iU bemerken, daß eine Zusammenrottung nicht erwiesen ist und laß es noch sehr fraglich erscheint, ob vre Fähigkeit, der Auffor- derung, sich zu entfernen, nachzukommen, vorhanden war. Auch erscheint es fraglich, ob in diesem Fall der Dolus, d.h. dasBe- wußtscin der Strafbarkcit vorhanden war. Ich habe in dieser Beziehung einen Versuch gemacht und gestern den Zeugen Meuser gefragt, ob er der Aufforderung Folge geleistet. Der Zeuge konnte mir diese Frage nicht bejahen. Der Vertheidiaer plädirt schließlich für Freisprechung seines Klienten Henschke, und bittet, seinen Klienten Kom nur wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt unter Zu- billigung mildernder Umstände für schuldig zu erflären. Verth. R.-A. Kühne, der ebenfalls die Meinung ausspricht, daß der Vorgang keinerlei sozialdemokratischen Charakter hatte, plädirt für Freisprechung seines Klienten Broflg und bittet, den Angeklagten Hoffniann nur wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, unter Zubilligung mildernder Umstände, für schuldig zu erklären. Gerichtsassessor Wilde plaidirt für Freisprechung seiner Klienten Franke und Dubrau. Verth. R.-A. Dedolph spricht sein Bedauern aus, daß die gesammte Sache nicht vor den? Schöffengericht in Sprcmberg seine Erledigung gefunden habe. Die Sache habe deshalb eine solche Ausdehnung angenommen, da der tumultuarischen Vor- gänge wegen über Spremberg der kleine Belagerungszustand verhängt worden sei. Wenn, was er hoffe, das Urtheil des Schwurgerichts milder ausfallen werde, als das der Straf- kammcr, so treffe die Schuld diejenigen, die die Sache in der geschehenen Weise zerrissen haben. Der Vertheidiger plädirt schließlich für Freisprechung von Mummert und beantragt, seinen Klienten Just nur wegen Widerstandes gegen die Staats- gemalt, unter Zubilligung mildernder Umstände, für schuldig zu erklären. Verth. Justizrath Lorenz plädirt ebenfalls für Freisprechung seiner Klienten Rex und Horn. Verth. Justizrath Frommer: Ein Aufruhr von vielen hundert Personen gegen eine einzige, ohne daß diese einzelne Person einen zerrissenen Rock, eine zerrissene Hose einen blauen Fleck, eine Schramme davongetragen, ist zweifellos ein sehr klägliches Resultat. Hubrich hat allerdings bekundet, daß er geschlagen worden sei, allein kein weiterer Zeuge außer diesem hat dies bekunden können. Angesichts der Widersprüche, in die sich Hubrich verwickelt hat, angesichts des Umstandes, daß er heute schließlich zugeben mußte, daß er vielleicht sich im Schießhause eines Schimpfwortes bedient, während er mehrfach, auch in den Strafkammerverhandlunaen, eidlich dies in Abrede gestellt, erscheint mir Hubrich in dieser Beziehunaals ein sehr unglaubwürdiger Zeuge. Einer der Herren Mit- vertheidiger schob die Schuld des Aufruhrs auf Hubrich, etwas, was ihm der Herr Staatsanwalt sehr übel genommen hat. Ich bin offen gestanden fast geneigt, mich der Ansicht meines Herrn Mitvertheidigers anzuschließen. Der Herr Staatsanwalt nannte das frühere Polizeisystem in Spremberg ein trauriges. Jetzt, wo ein mehr schneidiges System, das Systenr Hubrich Platz gegriffen, soll es besser geworden sein. Ich bin auch schon 10 Jahre hier, ich habe aber niemals gehört, daß in Spremberg der Friede gestört worden sei. Es ist niemals in Spremberg etwas vorgekommen. Vom Standpunkte des Herrn Staatsanwalts mag es vielleicht richtig sein, wenn viel angezeigt wird, ich bin jedoch der Meinung, das mehr friedliche Vorgehen der Polizei- sergeanten Schilling und Richter ist dem System Hubrich vor- f ziehen. Besser wäre es jedenfalls gewesen, wenn der in Rede chende Vorgang nicht derartig aufgebauscht worden wäre. Die naeklagten, die noch nicht Sozialdemokraten find, werden jetzt zu Märtyrern der Sozialdemokratie. Sie wissen aber, meine Herren, daß nichts gefährlicher ist, als ein Martyrium zu schaffen. Die Namen dieser jugendlichen Angeklagten stehen in allen Zei« tungen. Wenn sie gar noch zu hohen Strafen verurtheilt wür« den, dann werden sie, wenn sie aus dem Gefängnisse komnien, sich sofort als Märtyrer der Sozialdemokratie aufspielen, indem sie den Sozialdemokraten sagen: Wir haben für Euch gelitten. Die Sozialdemokratie ist ja eine noch ganz junge Partei. Der beste Maßstab, ob der Vorgang als Ausfluß sozialdemokratischer Agitation zu betrachten ist, bildet die Frage: Wäre der Vor« gang, ehe es eine sozialdemokratische Partei gab, unmöglich ge« wesen? Ich glaube, derartige Vorgänge sind vorgekommen, so lange der preußische Staat Rekruten aushebt. Meine Herren Geschworenen! Man will Ihre Souveränität nicht antastm, allein man sagt Ihnen, Sie sollen auf die Außen- weit Rückficht nehmen, die es sehr wunderbar finden wurde, wenn das Urtheil gegen die Rädelsführer milder ausfiele, als gegen diejenigm ÄngellaAten, die sich vor der Sttafkammer zu verantworten hatten. Eine merkwürdige Souveränität. Ich bin der Meinung, der Richter hat nach dem Urtheil der Außenwelt nicht das Geringste zu fragen. Man versucht es ja jetzt wieder, die Geschworenengerichte anzugreifen und beschuldigt die Geschworenen der inneren Unselbstständigkeit. Gegenwärtig verlangt man von Ihnen aber die äußere Unselbstständigkeit. Der Vertheidiger plädirt schließlich für Freisprechung seiner Klienten Rietschel und Warmulla. Nachdem noch die Vertheidiger Referendare Dr. Buder und Wehlan für ihre Klienten auf Freisprechung plädirt, giebt der Präsident den Geschworenen die vorgeschriebene Rechtsbelehrung, worauf sich dieselben gegen llj Uhr Abends zur Berathung zurückziehen. Gegen 3 Uhr Morgens kehren die Geschworenen zurück. Der Obmann verkündet: Die Geschworenen haben die Fragen wegen Aufruhrs bezüglich sämmtlicher Angeklagten. vernemt. Bezüglich des Säbischka ist die Sttafe wegen dcS qualifizirten Auflaufs und wegen der körperlichen Mißhandlung bejaht, in beiden Fällen jedoch demselben mildernde Umstände be- willigt worden. Bezüglich des Kom und Gustav Hoff- mann ist die Frage des Auflaufs, unter Zubilligung mildemder Umstände, bejaht worden. Bezüglich des Franke und Just ist die Frage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, unter Aueschluß mildernder Umstände, bejaht worden. Bezüglich des Warmlilla, Brofig, Dubrau, Hom und Wonneberger sind die Fragen wegen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, unter Zubilligung mildemder Umstände, be- jaht, bezüglich der weiteren Angeklagten find alle Schuldfragen verneint worden. Nachdem alsdann noch ein längeres Plaidoyer wegen des Sttafmaßes stattgefunden, zieht sich der Gerichtshof gegen 4 Uhr Morgens zur Berathung zurück.— Gegen Uhr Morgens verkündet der Präsident, Landgcrichtsdirektor Krause, daß Sä- bischka mit 2 Jahren, Kom mit ij Jahren, Gustav Hoffmann mit 1 Jahre, Franke und Just mit je 1 Jabre, Warmulla mit 9 Monaten, Brosig und Dubrau mit je 8 Monaten, Hom und Wonneberger mit je G Monaten Gefängniß zu bestrafen sind. Bei Franke, Just, Warmulla und Brosig sind je 3 Monate, bei Dubrau, Hom und Wonneberger je 2 Monate auf die er- littene Untersuchungshaft angerechnet worden, die übrigen acht Angeklagten sind, gemäß dem Verdikt der Geschworenen, kosten- los freigesprochen. Der Gerichtshof hat außerdem beschlossen: die Angeklagten Säbischka, Kom, Gustav Hoffmann, Just und Franke, mit Rücksicht auf die Höhe des Sttafmaßes, in Haft zu behalten. t Ein Schlafstellendicbstahl wurde von der Anklage dem bisher noch nicht vorbesttaften Schlosser Karl V. zur Last gelegt, der gestern vor der 95. Abtheilung des hiesigen Schöffen« gerichts stand. V. wohnte seit ungefähr einem Jahre mit einem Kollegen zusammen bei einer Wittwe Schwarz in der Linien- sttaße, und seine Witthin stellt ihm das Zeugniß aus, daß er ein ordentlicher und solider junger Mann gewesen sei. Da ge- rieth er im Juli d. I. außer Stellung, und trotz aller Mühe, die er sich gab, war es ihm nicht möglich, dauemde Beschäfti- gung zu finden. Schließlich blieb er mit der Micthszahlung im Rückstände und seine Wittbin kündigte ihm, da sie selber eine arme Frau und auf den Miethszins angewiesen war, das Logis. Am 1. November sollte er ziehen; seine Witthin hatte davon gesprochen, daß sie seine Sachen als Pfand zuttickbehalten werde, wenn er an diesem Tage seine Schuld, welche allmälig die Höhe von 30 Mark erreicht hatte, nicht bezahlen würde. Da ließ sich V. verleiten, einen Diebstahl zu begehen; er öffnete mit einem Nachschlüssek den Koffer seines Kollegen und nahm den Leinwandbeutel heraus, in den, derselbe seine Erspamisse, zirka 60 Mark, verwahrte. Er tilgte seine Schuld und entfernte sich hastig mit seinen Sachen, wobei er ein Paar Stiefeln, die ihm gehörten, noch zurückließ. Der Witthin war die Eile aufgefallen, mit der er sich entfernte; es war daher gar kein Zweifel möglich, wer der Dieb gewesen sei, als der Bestohlene seinen Verlust bemerkte. Trotzdem sofort Anzeige gemacht wurde, war V. in Berlin nicht mehr anzutteffen; er hatte sich sofort nach seiner Heimath, einer kleinen Stadt in Pommem, zurückbegeben. Dort wmde er ermittelt und nach Berlin gebracht. Er gestand ein', die That verübt zu haben und bat um mildernde Umstände, da er sich in Roth befunden habe. Der Staatsanwalt beanttagte eine Gefängniß- sttafe von vierzehn Tagen gegen den Angeklagten. Der Ge- richtshof hielt eine Gefängnißstrafe von einer Woche für ange- messen, indem er die bisherige Unbescholtenheit des Angeklagten sowohl als seinen Vettrauensbnich, der in seiner Handlungs- weise gegen den Kollegen lag, in Anrechnung brachte. Soziales und Arveiterbewegung. Die englische Landwirtschaft und da» englische Kapital. Bis zu welchem Maße das Mißtrauen Englands selbst auf eine Besserung seiner agrarischen Bcrhältniffe geht, beweisen die Wanderungen englischen Kapitals nach den Ver- einigten Staaten von Nordamenka, wo in den letzten Jahren eine ganze Reihe von englischen Gesellschaften und Personen große Landflächen angekauft haben. Eine italienische Broschüre giebt ein genaues Verzeichniß davon, interessant genug zur Wiedergabe der Namen und der Größe der Flächen: Acres Englisches Syndikat Nr. 1(Kauf in Texas) 4 500000 „„„ 2„„„ 3 000 000 Sir Edwaid Reid(in Florida) 2000 000 Englisches Syndikat, geleitet von S. Philppotts 1 800 000 Londoner Landcompany, gel. v. Marquis of Tweedale 1 750 000 ----- i 300 000 1 100000 750 000 700 000 600 000 425000 320 000 310000 300 000 230 000 247 000 100 000 100 000 60 000 60 000 10000 Peterboro hilipps, Marschall u. Ko., London deutsches Syndikat Englisch-Amerikanisches Smidikat, London Englische Gesellschaft(in Mississippi) M. Ellerhauser(in Westvirginien) Herzog von Sutherland Englische Landgesellschaft Hauptmann Whalley, Parlamentsmitglied, Missouri Landgesellschaft, Edinburg R. Tcnnant, London Schottische Landgescllschaft, Dundee Lord Dunmore B. Newgas, Liverpool Lord Houghton Lord Dnnraven Albett Peel, Parlamentsmitglied, Leicester_____ Also zusammen Akres 19 662 000 oder 8 481 000 Hektar, waS über% des anbaufähigen Bodens von ganz Ungarn gleich kommt. Das Kapital zeigt sich hierbei in dem ganzen Glänze seiner„nationalen" Gesinnung. Da in England nichts zu verdienen ist, so wandett es über den Ozean und hilft durch die gesteigerte Konkurrenz auf dem Lebensmittel- martt die Landwirthschaft der Heimath mit ruiniren. DaS hindert das Kapital aber natürlich nicht, eine„nationale" Wirthschaftspolitik zu verlangen, wenn dabei Geld zu ver- dienen ist. Der Kideikommistbcsitz in Oesterreich umfaßt 880 Fidei- kommißgüter, welche zu 292 Realfideikommiffen vereinigt find. Auf jedes entt'allcn im Durchschnitt etwas weniger als 4000 b». Ter gebundene Boden umfaßt also ungefähr eine Million Hektar; derselbe ist unveräußerlich und kann häufig selbst in ein Fideikommißkapital nicht umgewandelt werden. Da Oester- reich 27 Millionen b» Grund und Boden besitzt, so sind alsa ungefähr 4 pEt. gebunden, und zwar vorzugsweise besserer Boden und Kulttiren. Von unproduktivem Boden, der in Oesterreich 2 Mill. b» umfaßt, gehören nur 35000 b» dem Fideikommißbesitze an. Von dem gesammten fideikom- missattschen Großgrundbesitze Oesterreichs entfällt mehrs als die Hälfte, nämlich ern Areal von 580 000 t» oder 12 pEt-, auf Böhmen. Die in Böhmen gelegenen 220 Fideikommißgüter gehören 58 Adelsfamilien. In neuerer Zeit wurde eine größere Zahl neuer Fideikommiffe geschaffen, andere wurden vergrößett. Der Abg. Heinnch Swoboda sieht in einem Aufsatze,„Das Anwachsen der Fideikommiffe", den er in der Deutschen Zeitung veröffentlicht, ittsche Zustände nahen und meint, daß in dieser Richtung Abhilfe geschaffen werden müsse. Aus Anlast des HauSeinsturze» in Hamburg schreiben mehrere Bauarbeiter an die Hamburger„Bürger- Ztg.":„Schon wieder erschüttert die Trauerkunde unsere Stadt von dem in der Neustädter Fuhlentwiete eingestürzten Treppenhaus, wodurch wieder vier von unseren Kameraden schiver verletzt find. Nun fragen wir, ob denn durchaus keine Abhilfe geschaffen werden soll, oder ob die Arbeiter blos nur der Willkür der Herren Bauunternehmer ausgesetzt sein sollen? Ob der Staat sich jetzt endlich einmal dazu verpflichtet fühlt, zum Schutze des ArbciterstandeS thatkräftig einzutteten? Wenn hier nicht schnell Abhilfe geschaffen wird, so werden die Bewohner unserer Stadt nur mit Angst und Schrecken ein neues Haus beziehen können. Nun werfen wir die Frage auf, wodurch entsteht denn all dieses Unglück? Und darauf antworten wir: Das kommt von dem schlechten Material und von der schlechten Arbeit. Sehr selten kommt es jetzt vor, daß richtig schneiden- der Verband gemauert wird. Nur immer vorwärts! Verband, darauf kommt es nicht an! Ein Haus wird's ja doch, aber welch ein Haus! Statt Mauerlatten von 5 und 5 Qu., und richtig die Balken darin verkämmt,— davon ist keine Rede! Nur um Holz zu sparen, werden Klötze von 14 Zoll lang genommen. Tie eingekämmten Balken in einer Mauerlattc, mit guten Ankern versehen, würden jede Etage zusammen verankern. Aber die Herren Arbeitgeber sparen lieber Mauerlatten. Die Arbeit nur geschwind zusammen gepfuscht— und dann das Geld dafür in Empfang genommen— das ist ja die Haupt- fache, sowie tüchtig die Arbeiter zu schuhnegeln, damit es nur ja recht bald fertig wird. Gut oder schlecht, Geld aiebt's doch, d. h. Geld für die Uebernehmcr, von denen viel- leicht mancher aar nicht einmal das Geschäft richtig gelernt hat, denn heut zu Tage kann ja ein Schloffer, Bäcker oder Schuster Bauübernehmer spielen. Herrliche Zustände! O welche Lust, o welche Lust, ein Mauermann zu sein! Morgens gehen wir gesund von unserer Familie und Mittags kommt die Kunde an Frau und Kinder:«sie haben keinen Vater mehr! Er liegt unter den Trümmern seiner Arbeit zerschmettert! Giebt es denn keine Gerechtigkeit? Wir werden unscreStimme erheben, wir werden uns versammelnundnicht mehr verstummen! Ob man sagt, wir find Sozialdcmo- kraten oder nicht, das ist uns völlig einerlei; wir hören nicht auf, bis man für die arbeitende Klasse schützend einttitt. Ob und wann dies geschehen wird, wissen wir freilich nicht, denn was ist an ein paar Ärbeiterleben gelegen!"— Wir haben bereits öfter betont, daß nur die Arbeit er-Organisationen hier Wandlung schaffen können, weil ihre Mitglieder allein nur Nachtheile und keinen V ottheil, wie die Unternehmer, von den Schwindelbauten haben. Deswegen sagen die Hamburger Maurer ganz ttchtig: wir werden unsere Stimme erheben! Freilich steht dem das Soziali st engesetz entgegen, unter dessen Herrschaft die Maurer sich kaum oft werden„versammeln" können. Zur Buchdruckerbeweaunfl. In H a n, b u r g ist in Folge der Einführung des neuen Tarifs in einer der größten Drucke- reien eine Arbeitseinstellung in Aussicht. Es wird deshalb ersucht, bei etwaigen Konditionsanerbietungcn von dort dieses berücksichtigen zu wollen.__ Kleine MittheilunKen.. Münster, 18. November. Auf der Sttecke Münster- Rheine stieß gestern Abend 6% Uhr der von Soest nach Emden fahrende Personenzug mit einem zweispännigen Fuhrwett zusammen� welches in der Dunkelheit vom rechten Wege auf den Bahn- körper abgeirrt war. Die Pferde wurden getödtet, der Wagen zertrümmert und auch die Lokomotive beschädigt. Die Fahrt konnte indeß nach halbstündigem Aufenthalt fortgesetzt werden. Menschenleben, sind, wie man hört, nicht zu beklagen. Trier, 18. November. Ein blutiges Verbrechen setzt die Bewohner des benachbarten kleinen Hochwalddorfes Mettnich in Aufregung. Ein verheiratheter Bauer durchstieß mit der Mistgabel fernen jüngeren Bruder, der sofort seinen Geist auf« gab. Veranlassung zu dem Brudermorde war ein geringfügiger Streit, der sich bei der abendlichen Viehfütterung im Stalleentwickelte. Kalk, 19. November. Einen fürchterlichen Tod fand heute Morgen ein jugendlicher Arbeiter in dem hiesigen Faconeisen- Walzwerk. Er gericth mit der Hand zwischen die Walzen, welche den Unglücklichen erfaßten und ihn erst als vollständig zerquetschte Leiche wieder losließen. Markthallen-Vericht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vennittler, Berlin, den 22. November 1886. Geflügel. Gänse werden wieder reichlicher zugeführt, Be« darf und Preise steigend. Regelmäßige Zufuhren an fetten Gänsen, Enten und Puten sehr erwünscht. 8—10 Pfd. schwere gerupfte Gänse 45-50 Pf., über 10-15 Pfd. 50-60 Pf.. Fett« gänse über 15 Pfd. schwer 60 Pf. und mehr ver Pfd., junge Enten 1,50—2,50, fette Enten 50—60 Pf. per Pfd., Hühner 0,55 bis 0,80 und 1,20—1,70 M-, Tauben 30—40 Pf., Poularden 4,50 bis 8 Ä- Mageres Geflügel schwer verkäuflich, lebende Gänst zum Mästen 2,00—3,00 M-, lebende Enten 0,90—1,50 M- Auktion täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Wild. Die Zufuhr ist sehr gering; an Hasen ist Mangel, dieselben erzielen hohe Preise. Rehe 50—60, Hirsche, sehr starke und fehlerhafte 25 bis 30,'. 28 bis 38, Dammwild 30 bis 45, schwere und fehlerhafte 22 bis 35, Wildschwein 30 bis 45, kleine 40 bis 56 Pf. pr. Pfunde Rebhühner, junge 1,20—1,50, alte 90—110 Pf., Fasanen- Hennen 2,50 bis 2,50, Fasanenhähne 2,90 bis 3,70 M.Hasen 3,20—3,75, Kaninchen 45— 55 Pf. p. Stck, Krametsvögel 2» bis 30 Pf. ver Stück. Auerhahn 3,00-4,50 M. Birkhuhn 1,75—2,50 pr. Stück. Schnepfen 2,20—2,80, Bekassinen P bis 75 Pf. pr. Stück. Die Wildauktionen werden täglich»n Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags abgehalten., Die Engros-Äuktionen finden vermehrte Aufnahme. Ah® aus entfernteren Städten kommen Händler hierher, in der Auktion ihre Einkäufe zu besorgen, weil sie hier bei der großen Auo« wähl vorthellhafter und besser sich versorgen können, als an den Produktionsortcn. Schriftliche Einkaufsocstellungen können nur berücksichtigt werden, wenn ein Preis limitirt und der ungefähre Bettag eingesandt wird. Obst und Gemüse. Birnen 6,00 bis 8,50, TafelbuneN 10-20, feinste Sorten 20-40 M-, Aepfel 6,00-9,00 M« Tafeläpfel 10-20 M, feinste Sorten 20-36 M., Maronen 20-30 M.. Wallnüsse 20-30 M. pr. Ztr.,_, Zwiebeln 4,50-6,00-8,00 M. per 100 Pfd., SBei##� Speisekartoffeln 2,80-3,60, rothe 2,80-3,00, blaue 2,80-3,20?»)* 100 Ko.. groß Sellerie 7-10 M. klein 3-7 M.. MeerreM 7-12 M, Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück. Kohl« rübcn 1,50—2,00 M. per Zentner.,.... Blumen und Blätter. Rofen-Hochstämme 45—55, wedrll veredelte 15—20 M. pr. 100 Stück, Primeln 13—15% pr. 100 Stück. Auktion jeden Dienstag und Freitag um � Nachmittags........._....-�.hren Ostseelachs 1,20-1,60, Flundern, kleine 2,50-5,00 M. 7,50-16 M.. große 18-27 M., Bücklinge 1.80-4.00 M-pZ 100 Stück. Sprotten 25 bis 35 Pf. per Pfund. Raum mittel 1 M. per Pfd. Eier 3,10 M. pr. Schock netto. Butter. Tendenz flau. Feine Tafelbutter findet ich# Aufnahme; die Zufuhr ist mäßig, dagegen wird gen � Waare reichlich zugeführt. Frische feinste Tafelbutter � 120-125, fein Tafelbutter'. 110-118, N. 95%#» Iii. fehlerhafte 85 bis 90. Landbutter I. 90-96, n. eu � 85 M- Galizische und andere geringste Sorten 55 pr. 50 Ko., beKäse. f. Quadrat- Sahnenkäse knapp und Ö». zahlt. Emmenthalcr 70—75, Schweizer I. 56—63, 18 gjj., n?. 42—48, Quadrat-Backstein l. fett 22—30, J1- 1"* Aase Limburger I. 30-35,». 20-25, Rheinischer Holland«: 45-58 M.,_cc6ter Holländer 60-65 M, Edamer i- Berlin- 11. 66-58 M. Leranttvortlich für dm politischen Theil und Soziales Max Cchivpel, für Vereine und Versammlungen F. Tutzauer, für den übrigen Theil der Zeitung R. Cronheim, sämmtlich in Druck und Verlag von Max Babing in Berlin sw., Beuthstraße 2. Hierzu eine.»-,«'" Beilage zum Berliner Bolksblatt. Hr. S74. Aongreß freier eingetriebener und auf andesrecfitfic ricbleter �itfskffen. ler lorfcbriften er- IIL Gera, 15. November. Der Kongreß tritt nunmehr in die Berathung der ge- Wten Anträge ein und gelangt zunächst folgender Antrag zur Debatte:„Ter Kongreß wolle die Errichtung eines Reichs- «wies für Krankenkassenwesen zur cndgiltigen Entscheidung strei- •'flet diesbezüglicher Fälle beantragen." Derselbe ist von Kranken- Mmmitgliedem in Braunschweig, Hamburg, Altona gestellt. Derselbe wird trotz einiger Bedenken, die dagegen geltend gemacht werden, schließlich einstimmig angenommen. Der zweite von Gera und Dresden gestellte Antrag:„Der Reichstag möge anordnen, daß die Einzelstaaten nicht Bestim- wungen treffen können, welche den Vorschriften des Öilfs- bezw. «rankenkasscngesetzes zuwider laufen", wird ebenfalls nach kurzer Debatte angenommen. Der nunmehr zur Verhandlung gelangende Antrag, von Hamburg, Bautzen gestellt, lautet folgendermaßen:„Veranlaßt durch die von zahlreichen Gerichten erlassenen Entscheidungen, ttach welchen den dem§ 75 des Gesetzes vom 15. Juni 1883 genügenden Kassen es fast unmöglich gemacht wird, irgendwelche statutarische Bestimmungen zu treffen, um Simulation vor- Zubeugen, bezw. konstatirte Simulation zu bestrafen, oder für die Folge wenigstens zu verhindern, beschließt der Kongreß, den Reichstag um möglichst genaue Erklärung darüber zu er- suchen: 1. ob es den Ansichten des Reichstags entspricht, daß chronische Krankheiten, welche nach 13 wöchentlicher Dauer für wnen oder einige Tage durch Arbeitsfähigkeit unterbrochen wer- den, als geheilt zu erachten sind, so daß die sofort wieder an derselben Krankheit beginnende Arbeitsunfähigkeit als neue,' von vom an zur Unterstützung berechtigende Krankheit zu be- trachten ist; 2. ob Kassen, welche statt freier Arznei und ärztlicher Be- Handlung% des in Betracht kommenden Tagelohns gewähren, verpflichtet ssnd, ihren Mitgliedeen während durch Krankheit be- dingter Arbeitsunfähigkeit auch Bruchbänder, Brillen und ähn- «che Hellmittel zu gewähren; 3. ob es den Kassen gestattet ist, während des Kranken- geldbezuges von Mitgliedem, welche den vom Arzt oder durch Etatut vorgeschriebenen Anordnungen zuwiderhandeln, Geld- strafen einziehen zu können; 4. ob Ausschluß von Mitgliedem, welcher auf Grund ge- setzlicher, bezw. statutarischer Bestimmungen erfolgt, auch wäh- vmd der Krankheit eines Mitgliedes vorgenommen werden -???> und dann die Zahlung fcmerer Unterstützung aus- >a>lreßt; -5. ob der Bezug von Krankengeld nicht abhängig gemacht kann von der Einreichung eines ärztlichen Attestes, uhes die Arbeitsunfähigkeit des qu. Kranken bescheinigt." Weist Heine begründet diese Anträge in ausführlicher v Herr Kayser macht darauf aufmerksam, daß der Antrag in Weise geändert werden müsse, wenn er Ausficht auf Erfolg solle, daß man den Reichstag auffordert, eine genaue inÄ�lltion zu geben. So wie der Antrag jetzt lautet, ist er mUt empfchlenswerth, weil dadurch der Reichstag gewisser- fTBcn die ihm verfassungsmäßig zustehenden Befugnisse über- (�*«en würde. Was darin gefordert werde, sei Sache der Der Antrag wird unter Vorbehalt der von Herrn Kayser "'vfohlmcn redaktionellen Aenderunaen angenommen. ,. Der nachfolgende, von Greiz gestellte Antrag:„Mehr als r?*1 dem Gesetze vom 15. Juni 1883 genügenden Kasse darf Versicherungspflichtiger angehören� wird mit großer iaiorrtät abgelehnt. Uu dem nachfolgenden, von Bautzen gestellten Antrag: Kongreß wolle gesetzliche Bestimmungen beantragen, welche tT-llerzten die durch Koalition erzwungenen ungewöhnlich ?°den Gebührensätze verbieten", stellt Herr Zaffke den Antrag, önfi �vssesordnung übcrzugeycn und motivirt er denselben damit, M es dm Aerzten ebensowohl freistehen müsse, so viel wie vglnh zu verdienen, wie den Arbeitem. Der Antrag Zaffke wird angenommen. Rus Cannstatt wird beantragt:„Der Kongreß wolle den mecchstag ersuchen: 1. einheitliche Vollzugsbestcmmungen für dna � Deutsche Reich zu erlaffm; 2. eine Bestimmung in Krankenversichcrungsgesetz aufzunehmen, wonach jährlich vmal die Beamten sämmtlicher Krankenkassen eines Ortes zu- Eine rasche That. Eine Geschichte aus dem Westen, erzählt von Auguste Grone r. Die Presse in Wien. ., war noch nicht lange her, daß mein Mann mich ii?. te'ner Heimath, Nordamerika, gebracht hatte. Dort e er seit einer Reihe von Jahren seine ärztliche Praxis. g. Zufrieden und angenehm lebten wir am Saume vccnnatis, von dessen Lärm und Staub uns große ��euanlagen trennten. Auch zu unserem Besitze gehörte d>Urde3�cher®arten, welcher bald mein Lieblingsaufenthalt .j,. Da ich der Landessprache nur wenig mächtig war, eml j TO't wenig Verkehr nach außen hin. Bald aber ivrn* mit Vergnügen, daß unsere Nachbarn deutsch vion*'®'r lernten einander näher kennen, und da wir �"che gemeinsame Interessen hatten, wurde unser Verkehr aus diesem Grunde, später aus herzlicher Sym- A« em sehr lebhafter. so ,e �iton war weder schön noch geistsprühend, aber � warmherzig und gemüthvoll, daß sie in dieser Beziehung Begriffe über die Herzenseigenschaften der heit.mminnen über den Haufen warf, während ihre Klug- die besonnenes Wesen und ihre unvergleichliche Ruhe, 'an98 oft für Kälte uahm, ganz und gar diesen entsprach. fassend� Ifchn war hübsch, lebhaft, ja hastig, von um- feinsten bung und seltenem Thätigkeitsdrange. Mit den Tefüb, Homeren vereinbarte er ein fast krankhaftes Fein- sich bracht nieder ein Bedürfniß nach Anerkennung mit Dienstag, den Ä3. November 1886. sammen zu treten haben, um Unzuträglichkeitcn zu erörtern, und der Aufsichtsbehörde zwecks Abhilfe derselben Mittheilung zn machen." Herr Grünwaldt(Hamburg) beantragt dazu, den ersten Theil anzunehmen, den zweiten aber abzulehnen. Diesem wird entsprochen und demgemäß vom Kongreß beschlossen. Ueber den nächsten Antrag(Greiz, Rothensal):„Jede Bestimmung, welche die Aufnahme von Mitgliedern beschränkt, ist aufzuheben, d. h. es mögen jeder Kaste Aufnahmen neuer Mitglieder nach ihrem Ermessen gestattet sein" wird, nach aus- führlichcr Motivirung des Vertreters von Greiz, welcher zur Sprache bringt, daß die dortige Behörde den Verwaltungen der freien Kassen verboten habe, versicherungspflichtige Personen aufzunehmen, zur Tagesordnung übergegangen, jedoch mit der Bestimmung, daß das ganze Material der Greizer der Kom- Mission zur Ausarbeitung der Denkschrift besonders zur Berück- sichtigung emv'ohlen wird. Um 6 Uhr tritt eine szstündige Vertagung ein und soll alsdann die Sitzung bis um 8 Uhr ununterbrochen weitergeführt werden._ Lokales. lieber die Benutzung der städtischen Desinfektions- anstatt Rcichenbcrgerstraße 66 herrschen, wie die„Voss. Ztg." schreibt, im Publikum trotz der amtlichen Bekanntmachungen noch so irrige Anschauungen, daß es im Interesse weitester Kreise geboten erscheint, aus sicherster Ouelle noch einige Mit- theilungcn darüber zu machen. Bekanntlich hat die Anstalt den Zweck, in Betten, Wäsche, Kleidungsstücken, auch Schuhen, Stiefeln, Hüten, Pelzen, in Gardinen, Vorhängen, Teppichen, Bettvorlegern, Polstermöbeln u. s. w. etwa vorhandene An- stcckungsstoffe, wie sie sich in Folge von Pocken, Cholera, Typhus, Flecktyphus, Schwindsucht, Scharlach, Diphtherie, Masern, Röteln, Rotz u. s. w. im Krankenzimmer und an den in demselben befindlichen Gegenständen und auch den die Kranken pflegenden Personen ablagern, zu tödtcn und dadurch zur Ucbertragung unschädlich zu machen. Im Publikum aber herrscht noch vielfach die irrige Meinung, als od die Anstalt zur Reinigung im Sinne des Waschcns oder einer Bettfeder- reinigungsanstalt wirken soll. Die langjährige Erfahrung mit dem Dcsinfektionsvcrfahren, wie es in gleicher Weise wie in der neuen öffentlichen Anstalt im städtischen Krankenhause „Moabit" in Anwendung gebracht wird, hat nun zwar gelehrt, daß besonders die Desinfektion von Betten ganz außerordent- lich gute Resultate liefert, weil bei diesem Versahren die Federn unberührt in den Inletten bleiben können und die Dcsinfck- tion dennoch eine absolute ist; gleichwohl ist doch der Zweck der neuen Einrichtung nicht eigentlich der des Bettenreinigens, wenn wir auch unseren Hausfrauen nicht dringend genug rathen können, in den so häufigen Fällen von Kinderkrankheiten, wie Keuchhusten, Diphtherie, Scharlach, Masern, Röteln, die Betten, Wäsche und Kleider sowohl der Kinder als der pflegenden Eltern und namentlich auch der Dienstboten einer Desinfektion zu unterziehen. Die bloße schriftliche Anzeige an die Verwaltung, bei welcher allerdings genaue Adresse, Naine, Stand, Wohnung, (ob vorn, Hof und wie viel Treppen) angegeben werden muß, genügt, um dieselbe zu veranlasscu, sofort den Anstaltswagen zur Abholung der Effekten zu schicken und 3— 4 Stunden später sind die Eigenthümer wieder im Besitz der desinsizirten Gegen- stände. Ter Preis von vier Mark pro Kubikmeter des Raumes, welchen die Sachen im Desinfektions-Apparate einnehmen, mag manchem im ersten Augenblick etwas hoch erscheinen— die spätere Erfahrung wird ja auch hier sicher noch Acnderung bringen—, wenn man aber bedenkt, daß hiermit auch der Hin- und Rücktransport selbst für die weitestm Entfernungen bezahlt ist, und daß schon ein großes Quantum von Effekten mindestens zwei Stand Betten z. B-, in einem Kubikmeter Raum unter- gebracht wird, so erscheint auch der Kostenpunkt nicht zu hoch gegriffen. Sicher wird die städtische Verwaltung auch bereit fein, den ärmeren Mitbürgern die Erstattung der Kosten durch Theilzahlungen zn erleichtern, um so auch diese im eigenen, wie im Interesse der Allgemeinheit zur stärkeren Benutzung der wohlthätigen Einrichtung heranzuziehen. Wie uns mitgethcilt wird, ist übrigens die Benutzung der Anstalt schon jetzt trotz der Freiwilligkeit eine recht rege und und die Zahl der ausge- führten Desinfektionen, obgleich die Anstalt erst zwanzig Tage ini Betriebe ist, auf weit über 100 gestiegen. Unter den Krankheiten sind vorhenschend Diphtherie, indessen sind auch eine große Auzahl anderer Krankheitsfälle, Pocken, Scharlach, Mafern u. s. w. gemeldet worden. Ganz besonders muß im Interesse des Publikums noch darauf hingewiesen werden, daß es absolut verkehrt ist, die von Kranken gebrauchten Wäsche- und Kleidungsstücke vor der Desinfektion zu waschen oder die- selben gar, wie es leider vielfach geschieht, undesinfizirt an arme Leute zu verschenken. Gerade hierdurch wird die Ge« Ihre Ehe war eine entschieden glückliche, wiewohl sie nicht unter den günstigsten Auspizien geschlossen worden war. Leiton hätte Jane nach der Meinung seiner Sippe nicht Heirathen sollen, da sie arm und von geringer Herkunft war. Sonst zum Widerstande wenig geschaffen, hatte ihn hier wahre Liebe stark gemacht. Eines TageS stellte er seinen Eltern Jane als seine Braut vor. Die Mutter Robert Leitons, eine sanfte kränkliche Frau, hätte sie freilich gerne wie eine Tochter empfangen, doch wagte sie nichts gegen den Willen ihres Gatten zu thun. Dieser, ein immens reicher Mann von großer politischer Bedeutung und hochgeehrt durch glänzende Würden, nahm Jane kalt auf und entließ sie in einer Weise, die nur zu deutlich sagte, wie ein weiterer Verkehr mit ihr ihm un- erwünscht sei. Voll Bitterkeit und Schmerz verließ das Braut- paar den hartherzigen Mann. Roberts Liebe wußte allerdings die Schatten zu bannen, welche manchmal auf der Stirn seines Weibes lagen, und ihre innige, demüthige Hingabe an den Mann, der ihr Elternliebe und Reichthum geopfert hatte, entschädigte ihn reichlich für das, was er niemals ein Opfer genannt. Sie waren einander alles, sie waren also glücklich. Robert Leiton war Richter. Während er sein Amt versah, das Recht des Schwächeren wahrte, glänzende Reden hielt und sein Ansehen von Fall zu Fall erhöhte, waltete Jane ruhig und verständnißvoll in ihrem reizenden Heim. Der Abend vereinte uns gewöhnlich in unserm oder ihrem Garten und brachte den beiden, von ihren Berufspflichten ermüdeten Männern Gelegenheit, sich ihres häuslichen Glückes bewußt zu werden, und oft unterhielten wir uns stundenlang, fröhlich wie Kinder. Das sollte anders werden! Schon einige Male bemerkten wir, daß Leiton ernst 3. Jahr» fahr einer Verschleppung des Ansteckungsstoffcs wesentlich ver- mehrt. Eine Entschädigungssumme von 18 000 Mark soll, wie hiesige Blätter nach den„Potsdamer Nachr." irrthümlicher- weise melden, der Wittwe des im August in der Zentralmarkt- Halle verunglückten Fleischernicister Heinrich Lippclt aus Glie- nicke bei Hernisdorf vom Kuratorium gezahlt werden. Die„All- gemeine Flsch.-Ztg." schreibt hierzu: Wir sind von zuständiger Seite autorisirt, diese Meldung als durchaus unrichtig zu be- zeichnen. Wir haben bereits früher mitgethcilt, daß die vom Staatsanwalt in dieser Angelegenheit eingeleitete Untersuchung wieder eingestellt worden ist— es liegt also eine rechtliche Verpflichtung des Kuratoriunis zur Zahlung einer Entschädi- gungssummc keineswegs vor. Erfreulicherweise will aber das Kuratorium aus humanen Rücksichten auf die Bedürftigkeit der Betreffenden trotzdem eine Unterstützung der Hinterbliebenen des Verunglückten eintreten lassen: wie die Verhältnisse in diesem Falle liegen, ist jedoch von einer fortlaufenden Unter- stützung in kleinen Raten Abstand genommen worden, die zu gewährende Zahlung wird auf Vermittlung des Gcmeindevor- standes von Glienicke eine einmnlige sein. Ueber die Höhe der Summe schweben noch die Verhandlungen; doch wird naturge- mäß die Summe eine viel geringere ist; sie dürfte kaum ein Drittel der von der Zeitung so bereitwillig gewährten Summe betragen. Ein rheinisches„Fabriknutchen", wie er sich selbst nennt, sendet uns folgende Warnung für das reisende Publikum: Vor einigen Tagen kam ich mit dem Kourierzug von Frank- furt a. M- nach Berlin. Mein Waggon war gut geheizt und befand ich mich den Umständen nach sehr wohl. Am 10. d. mußte ich von Berlin nach Stettin fahren. Meine Geschäfte zwangen mich, den Frühzug, der Berlin um 6 Uhr Morgens verläßt, zu benutzen. Ich war immer noch in der Erinnerung an mein gut geheiztes Koupee des Frankfurter Zuges befangen und ließ daher meine Reisedccke in Berlin zurück. Diese Ün- Vorsichtigkeit sollte ich jedoch bitter bereuen. In dem Zuge herrschte eure wahrhafte Hundekälte, und als ich mich mtt einer bescheidenen Anfrage an einen der dienstthrienden Schaffner wandte, erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß ein Erlaß der Direktion die Heizung der Waggons bei einer Temperatur von 6 Grad Reaumur und darüber verbietet. In Folge dessen mußte ich wirkliche Hexentänze in meinem Koupee aufführen, damit ich nur während der 3s stündigen Fahrt nicht ganz und gar erstarrte. Einen dauerhaften und ergiebigen Schnupfen habe ich von jener Tour trotzdem davongetragen. Was ge- schiebt nun aber mit Frauen und Kindern und weshalb ver- fährt man auf der Stettincr Bahn nicht mit derselben Koulanz, wie in Frankfurt a. M. und Hannover? Wenn die Direktion nicht in der Lage ist, für eine ausreichende Heizung der Züge zu sorgen, weshalb wird dann das Publikum nicht davon in Kenntniß gcsetzr, damit es sich durch Wärmflaschen, Decken:c. vor der Kälte schützen kann? Zu der sensationellen Affäre:„Abenteuer eines Wacht- Meisters" erhält die„Berl. Ztg." von dem mitbetheiligten Wächter Friedrich Schulz, Frucktstraße 68, folgende Mittheilungen. Herr Schulz schreibt: Da mein Zustand es bisher nicht erlaubte, mich aufzuregen, und mein Doktor es auch strenge verbot, so kommt mein Rapport etwas spät. Es war nicht so, wie der Herr Wachtmeister angab; ich befand mich in der Wrangelstraßc, als ich ein übermäßiges Brüllen hörte, der Schall kam aus der neuen Straße 5. Als ich hinzukam in die Nähe des Ruhestörers, so daß er mich sehen konnte, er aber das Schreien nicht unterließ, so verbot ich es ihm, worauf er mir antwortete:„Halten Sie die Schn...., wenn ich Ihnen be- fehle, aufzuschließen, so thun Sie es." Da mir das zu keck war, forderte ich ihn auf, zur Wache zu kommen. Er meinte dann, daß er Wachtmeister fei. Ich wollte das nicht glauben und sagte:„Ein Wachtmeister würde sich nicht so betragen"; trotzdem gingen wir zur Wache. Als wrr nach der Wrangel- straße kamen, ward der Herr so heftig, daß er mit seinem. Stock mir immer unter der Nase fuchtelte, ich bat ihn, das zu unterlassen und griff nach dem Stock. Er aber stieß mich vor die Brust und hieb mir verschiedene Male so wuchtig über, daß ich schwindlig zur Seite taumelte, worauf ich die Nothpfcife nahm und der Wächter Kurz erschien. Ich faßte den Herrn beim Kragen, als er neuerdings immer wieder auf mich schlagen wollte, der Wächter Kurz parirte jedoch die Hiebe ab, auch wollte Kurz ihm den Stock abnehmen, was indeß nicht gelang. Ter Milchhändler Herr George, Cuvrystraßc 10, kann dies bezeugen; sogar im Hausflur in der Wache konnte er sich noch nicht mäßigen; da hat der Schutzmann Gusow ihm wieder den Stock abparirt. Auf der Wache habe ich mich nicht aufgehalten: meinen Dienst konnte ich auch nicht mehr versehen, da meine Schmerzen über- Hand nahmen; ich meldete mich daher krank und begab mich in ärztliche Behandlung, wo mein mich behandelnder Arzt die größte Gefahr befürchtete und jede, auch die geringste Aus- und mißmuthig heimkam, und tiefverstimmt theilte er eines Tages meinem Manne mit, daß sein Vater, welcher derzeit im Süden war, ihm nahegelegt hatte, sich von Jane zu trennen, um eine neue Ehe mit einer Dame schließen zu können, welche reich und schön sei und deren Verbindungen ihm eine rasche Karriere sicherten. Jane erfuhr natürlich von alledem nichts, nur war Robert womöglich noch liebevoller und gütiger gegen sie als sonst. Leiton hatte eine kleine Reise anzutreten. Ich saß, während Jane seinen Koffer packte, bei ihr in dem hübschen Salon, von dem aus man durch eine breite Glasthür, einige Stufen überschreitend, in den Garten gelangen konnte. Eben da sie fertig war und nur noch einige Kleinigkeiten neben den Koffer legte, darunter auch einen Revolver, wurde ich abgerufen._ Später, am Nachmittage, sitze ich in meinem Garten- äuschen. Ich höre Nelli, so hieß die schwarze Dienerin ei Leitons, ihrer Herrschaft einen Herrn melden.„Ralph Leiton!" sagte sie._, Ich wußte, daß es ein Vetter Robert Leitons war, ein — so hatte ich gehört— rauher, rücksichtsloser Mensch. Bald entwickelt sich ein leidenschaftliches Gespräch zwischen Robert und seinem jedenfalls unwillkommenen Gaste. Da ich nicht indiskret sein wollte, war ich gezwungen, in das Haus zu gehen, weil ich im Garten jedes Wort hören kontne. Eben da ich über die Schwelle trete, sagte Jane mit 'eltsam hart tönender Stimme:„Jedes Ihrer'Worte, Ihre Anwesenheit sogar ist schon eine Beleidigung für mich 1" Ich höre nichts mehr, denn ich bin in meinem Zimmer. Doch ja, ich höre etwas! I xeflutig verbot. Ich habe zwei Tage und zwei Nächte Eis- kuhlimg bekommen und muß jetzt noch die peinlichste Vorsicht brauchen. Es wurde in dem Rapport erwähnt, daß ein Schutz- mann Wackermann dabei bcthciligt war, derselbe hatte keinen Dienst und hat harmlos in seinem Bett geschlafen, einen Schutz- mann Schulz aber giebt es auf dem 53. Polizeirevier nicht, auch ist ein Zivilist nickt zugegen gewesen, sowie auch der Sberr Wachtnieister nicht mit Füßen gestoßen und mit Fäusten traktirt worden ist. Daß er aber durch Abwehren des Stockes hin- gefallen ist, kann ich nicht in Abrede stellen. Friedrich Schulz, Wächter, Fruchtstraße 68.. Seheuswerthe Fundirungsarbeiten werden z. Z. m einem der Bebauung erscklossenen Theilc Moabits ausgeführt. Die Lübecker-Straße in Moabit wird von dem alten, längst außer Betrieb gesetzten„Lenz'schen Torfstich" schräg durchzogen. Der dortige Baugnind»st der denkbar ungünstigste. Bei emer Entfernung von 14 Mir. Breite schießt der Tonboden plötzlich von dem schönsten Bausand in eine Tiefe von 9,0 Mtr. hinunter. Diesen uralten Ablagerungen wird jetzt ein schnelles Ende de- reitet, denn Hunderte von Arbeitern sind augenblicklich damit besckäftigt, die Brunnenkästen, welche für die Bebauung der Stelle nothwendig sind, in die Tiefe hinunter zu bringen. Zwei Lokomobilen punrpen fortgesetzt das angesammelte Wasser aus den Torfgräben und kleinere Bagger befördern die Kästen an ihr letztes Ziel. Einen merkwürdigen Anblick gewähren die tllten Baunistämme, welche hier und da in dem Torfe liegen, aber am seltsamsten ist eine 1,0 Mtr. hohe Mooeschicht, welche 7,0 Mtr. unter dem Wasser, fest zusamniengedrückt, silzähnlich lagert. Tie Farbe des Mooses ist gelblich-braun, die Fäserchcn find vorzüglich erhalten. In wenigen Wochen werden aus diesem seltsamen Untergrund die Öäuser in die Höhe wachsen. Hoch über den Wassern des Louisenstädtischen Kanals erheben sich seit einigen Tagen wieder die Vertaufsplätze unserer Aepfelhändler. Bei dem vielen Raum, den die am Ufer ent- lang führende Promenade bietet, ist es eigentlich nicht einzu- sehen, weshalb die Vorräthe auf einem etwa 30 Fuß hohen, und auf dem Boden des Gewässers ruhenden Gerüste und nicht auf fester Erde plazirt werden. Diese schwebenden Verkaufs- plätze mit den dürftigen Bretterunterlagen sind für die Käufer und Verkäufer sehr nacktheilig. Jedes Geldstück, das beim Zahlen der Hand entgleitet, ist in der Regel rettungslos ver- loren und versinkt zwischen den Brettern hindurch in die Tiefe des Kanals. Im vorigen Jahre passirte es einer in der Naunynstraße wohnenden Beamtenwittwc, daß sie den Trauring ihres verstorbenen Mannes bei solcher Gelegenheit vom Finger verlor. Nach einiger Zeit wurde der Ring auf der schmalen Mauerkante, die sich dicht über dem Wasserspiegel des Kanals hinzieht, aufgefunden und der Eigenthümerin wieder zugestellt. Es ist jedenfalls beim Geldzahlen an diesen Verkaufsständen die größte Vorsicht nöthig. Die vielbesprochene Fleischschau des von auswärts ein- gebrachten Fleisches kann noch immer nicht ins Leben treten; der für den 1. Dezember in Ausficht genommene Termin ihrer Eröffnung hat wieder hinausgeschoben werden müssen, denn es find neue Weiterungen eingetreten und bis diese völlig erledigt sind, dürften noch mehrere Wochen verstreichen, während welcher die bereits angestellten vierzehn Thierärzte, die große Zahl der Fleischbeschauer-c. vemrtheilt sind, unbeschäftigt ihr Gehalt von der Stadt zu beziehen. Das Statut für die Fleischschau be- findet sich nämlich noch immer auf der Wanderschaft. Vom Magistrat ausgearbeitet, vom Polizeipräsidium �darauf gcneh- migt, wanderte es nach Potsdam zum Lbcrpräsidenten Dr. Achenbach. Von diesem erbat es sich das Polizeipräsidium zurück, um noch eine Klausel hinzuzufügen. Das Statut wanderte also nach Berlin zurück und dann mit jener Zusatzklausel versehen wieder nach Potsdam. Von dort ließ es Herr Dr. Achenbach wieder nach Berlin an das Ministerium des Innern wandern. Tort wird das Statut beanstandet wegen der Tarifsätze; es wird Umfrage gehalten über die.Handhabung der Fleischschau, über die Höhe der Tarife in anderen Städten— bis die Antworten auf diese Anfragen eingelaufen, bis diese Antworten dann ge- sichtet� sind, bis auf Grund dieser Sichtung dann Bestimmungen getroffen werden und bis diese Bestimmungen dann die Zu- stimmung aller betheiligten Faktoren erhalten haben, kann noch gerauine Zeit vergehen und inzwischen muß die Stadt unnütz große Summen für das angestellte Untersuchungspersonal zahlen und während die hiesigen Fleischer ihr Vieh auf dem hiesigen Schlacht- und Viehhof untersuchen lassen müssen, findet eme Untersuchung des von auswärts eingeführten Fleisches noch immer nicht statt, wodurch gleichzeitig die Benachtheiligung des kaufenden Publikums verlängert wird. Seitens der Packetfahrtgesellschaft werden jetzt die Briefschaften der„h>ansa" mitbcstellt, welche dann Herrn Kühn berechnet werden. Unter den Sendungen, welche jetzt ausge- tragen werden und der„Hansa" zur Besorgung übergeben worden sind, befinden sich solche, welche schon vor Tagen auf- gegeben wurden und an deren Existenz man gar nickt mehr dachte. Was aus den wegen Mangels genügender Adressen unbestellt gebliebenen Briefen der„Hansa geworden ist, hat man bis heute nicht erfahren können. Bei dieser Gelegenheit ist auch die Frage berechtigt, welche Maßregeln die Privat- besörderungsanstaltcn bezüglich jener Briefschaften zu ergreifen gedenken, welche die kaiserliche Lberpostdirektion als herrenloses Gut in den Postbrieskästen gefunden und in Verwahrung ge- nommcn hat. Daß die Angelegenheit hiermit ihre Erledigung gefunden haben sollte, ist doch schwer anzunehmen. Zu den Briefen-c. sind Werthzeichcn der Privatanstalten verwendet worden und da glauben wir, daß es nicht mehr als anständig Ein Schuß ist gefallen! Mit Gedankenschnelle fliege ich hinaus, zur Gitterpforte hin. welche beide Gärten verbindet. Wie im Traume höre ich noch den wohlbekannten Hufschlag, das helle Gewieher von meines Mannes Rappen, und wie im Traume lehne ich an den Eisenstäben des Gitters. Was ich da vor mir sehe, läßt mich wanken. Im Grase, lang hingestreckt liegt die Gestalt des Fremden, und wenige Schritte davon steht Jane auf den Stufen, die zu dem Salon emporführen. Noch hat sie das rauchende Pistol in der einen Hand, während die andere aus dem lockigen Haar ihres Gatten liegt. Der ist in verzweiflungsvoller Geberde zu ihren Füßen hingesunken und drückt sein Gesicht in ihre Kleider. Jetzt sieht -Jane herüber..... Voll wendet sie mir ihr Gesicht zu und schleudert die Waffe weit von sich. Kreidebleich ist dieses Gesicht, aus welchem die träum- hast schönen Augen wild und doch kalt auf mich blicken. Kein Ausdruck liegt in diesen Zügen, die zu Stein geworden scheinen. Oder doch? Nein, guter Gott!— ich muß mich irren, denn Befriedigung kann es ja doch nicht sein, was eine Mörderin angesichts ihres Opfers empfindet! Ein Schwindel ergreift mich, ich athme tief auf und sinke nieder. So trifft mich mein Mann, der eben in den Garten tritt. Wie ich später vernahm, traf er rasch Vorsorge für mich und eilte dann hinüber. Ralph Leiton war nicht todt, nur verwundet. Da er sogleich Hilfe und Ruhe fand, freilich in dem Hause derjenigen, die ihn morden wollte, konnte mein Mann dem verzweifelnden Leiton mit gutem Grunde Hoffnung auf wäre, wenn diese Anstalten geeignete Schritte unternähmen, um sich in den Besitz dieser Briefe zu setzen und sie an die Adressaten zu befördern. Das Ansehen der Beförderungsanstalten könnte hierdurch nur gewinnen. Zum Falle Speichert-Sonnenschein nimmt auch der vereidigte Chemiker am hiesigen Land- und Amtsgericht>, Herr Dr. Paul Jeferich das Wort. In einer ausführlichen Abhandlung, die in den beiden letzten Nummern der„Pharm. Ztg." sich findet, gelangt er zu folgendem Ergebniß...„Als Sonnenschein seiner Zeit(1876) Arsen fand, wurde aus der beobachteten Mumifizirung der Leiche, die man in jener Zeit als maßgebend für Ärsenveraiftung hielt, im Verein mit dem Befunde des Dr. Sonnenschein Arsenvergittung angenommen. Daß dies Urtheil ein den damaligen Erfahrungen entsprechen- des war, verbürgt wohl am besten der Name von Robert Koch, welcher die Leiche damals obduzirt und eine vollständige Mumifizirung derselben gefunden hatte. Heute ist durch Professor Zacyjir's Beobachtungen, die Liman bestätigend wiederholt hat, erwiesen, daß Mumifizirungen nicht immer ein Beweis für Arsenvergiftungen sind. Da nun aber eidlich erwiesen ist, daß das von Sonnenschein gefundene Arsen zweifellos aus den Leichentheilen, in keinem Falle aber aus den Reagentien stammte, daß ferner auch in nicht mit Arsen vergifteten Leichen Spuren dieses Giftes sich finden, so wird sich die Frage nicht dämm drehen können: Hat Sonnen- schein arsenhaltige Reagentien verwandt, sondem vielmehr dar- auf hinausgehen müssen, ob die von ihm gefundenen Spuren Arsen nach den heutigen erweiterten Erfahrungen auch noch zweifellos den Beweis liefern können, daß eine Arsenvergiftung vorliege, eine Frage, die zu beantworten nicht Sache des Che- mikers, sondem des Mediziners ist."— Das angefochtene Gut- achten des Professors Sonnenschein lautet: 1) Die Leichentheile, Magen 2C. enthalten 0,075 Kupferoxpd und sehr deutliche Spuren von Arsen. 2) Dasselbe ist nicht nach dem Tode dem Körper mitgetheilt worden, da allen Erfahrungen nach Arsen aus der Umgebung nicht ins Innere der Leiche dringt. 3) Im vorliegenden Falle ist die Aufnahme von Arsen um so mehr ausgeschlossen, als die Umgebung(Kleidungsstücke, Sarg, Erde) kein Arsen enthielt. Der zu lebenslänglicher Zuchthansstrafe verurtheilte Apotheker Speichert ist, wie die„Pos. Ztg." meldet, schwerer Erkrankung wegen auS der Haft entlassen worden und befindet sich augenblicklich bei seiner Mutter in Posen. Alte Sünden heißen in der Geschästssprache die Verbind- lichkeiten eines Geschäftsmannes, die auf demselben noch aus einer früheren Zeit lasten. Obwohl die neue Zivilprozeßordnung die Lage eines solchen Schuldners gegen früher wesentlich ver- bessert hat, indem sie ein Jahresemkommcn von 1200 M. für denselben von der Pfändung wegen Schulden ausschließt und nur den überschießenden Betrag der Beschlagnahme durch die Gläubiger freiläßt, so erwachsen doch auch bei diesen Bestim- mungen für viele, in ihrem Fache tüchtige Leute aus ihren „alten Sünden" oftmals reckt schwere Nachthcile. Dem Inhaber eines früheren Putzwaarengcschäfts, das derselbe wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben hatte und aus dem er mit einer Schuldenlast von etwa 5000 M. herausging, war es ge- lunaen, eine Stellung als Reisender in einem anderen hiesigen Geschäfte zu erhalten. Seine Gläubiger hatten sich, mit Aus- nähme von zweien, gegen Zahlung von 20 pCt. ihrer Fordcmngen befriedigt erklärt, während er von diesen Beiden unablässig mit Zwangsvollstteckungen verfolgt wurde. Bald nach seinem Eintritt in die neue Stellung wurde sein Gehalt, soweit es jährlich 1200 M. überstieg, mit Arrest belegt, die Folge war seine baldige Ent- lassung, die mit seiner Einwilligung erfolgte, denn mit einem jährlichen Einkommen von 1200 M. konnte er die Aufgaben nicht erfüllen, die in seiner Stellung an ihn erhoben werden mußten. Ganz ähnlich erging es ihm in einer zweiten ähnlichen Stellung. Endlich fand er ern Unterkommen als Reisender mit 1000 M. festem Jahresgehalt und entsprechender Tantieme. Aber auch hier ließ der gerichtliche Arrestbefehl nickt lange auf sich warten, doch legte der neue Prinzipale diesem Befehle keine Bedeutung bei. In Folge dessen verklagten die Gläubiger seines Reisenden den Prinzipal auf Rechnungslegung darüber, welchen Betrag über 1200 M. der in seinen Diensten stehende Schuldner jährlich zu empfangen habe. Diese Klage ist gleich im ersten Verhandlungstermin vom Gericht abgewiesen worden, weil nach Ansicht des Gerichts dem Gläubiger ein Recht, von dem Prinzipal des Schuldners Rechnungslegung aus dem EngaaementSverhältniß zu fordern, nicht zusteht. Hoffentlich ist dem Reisenden nun seine Stellung auch trotz der„alten Süir- den" gesichert. Die Versammlung deS Vereins für Rechtsschutz und Justizreform vom 1. Juni er. wurde bekanntlich in dem Augenblick aufgelöst, als der sozialdemokratische Reichstagsab- geordnete Kayser das Wort ergreifen wollte. Die von dem Vorsitzenden des Vereins, Rechisanwalt G. Kauffmann, des- wegen eingelegte Beschwerde wies der Polizeipräsident v. Richt- Hofen als unbegründet zurück, da in dem Auftreten des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordncten Kayser als Redner mit Rücksicht aus dessen bisherige agitatorische Thätigkcit das Zu- tagetrclen von verbotenen Bestrebungen, wie sie im§ 64 des Sozialistengesetzes charaktcrisirl sind, zu erblicken war. Gegen diesen Bescheid legte Rechtsanwalt Kauffmann auf Beschluß des Vorstandes die weitere Beschwerde bei dem Herrn Minister des Innern ein, und ist von diesem die nachfolgende günstige Entscheidung ergangen:„Berlin, den 18. November 1886. Euer Wohlgeboren eröffne ich auf die Beschwerde vom 14. September er. nach näherer Erörterung des in Betracht kommenden Sachverhalts ergcbenst, daß ich die polizeiliche Auflösung der deffen Genesung geben. Jane hatte mit ihrem Gatten eine lange, hefttge Unterredung und wurde noch am selben Abend auf ihre Selbstanzeige hin verhaftet. Robert Leiton war in einem Zustande zurückgeblieben, der an Wahnsinn grenzte. Dabei traf ihn die Schmach, die nun auf seinem Namen lag, so bitter, daß er sogar uns scheu auswich, die er immer als seine besten und aufrichtigsten Freunde be- zeichnete. Am nächsten Morgen, da ich Nelli für den Kranken einen kühlenden Trank brachte, begegnete ich Robert im Flur. Aber— es war nicht mehr Leiton, es war sein Schatten! Er drückte mir schweigend die Hand und eilte weiter, mich in maßloser Bestürzung zurücklassend. Es gab also solches Elend in der Welt, in welcher ich bislang so glücklich gewesen war! Ein Elend, das in wenigen Stunden einen jungen, lebensfrohen Mann zum Bilde des Unglücks, des Wahnsinns machen konnte! Und von seinem Weibe war eS gekommen, von dem Weibe, das ihm alles dankte, und das er jetzt noch ebenso heiß liebte als je. Aber nicht nur ihn hatte sie bethört. Nelli, die bei dem Kranken wachte, die also fast ohne Unterbrechung die Folgen einer großen Schuld vor sich sah, gingen ihr nicht die Augen über, wenn sie von der sprach, welche diese Schuld begangen hatte? Auch mein Mann sprach keineswegs entrüstet von dieser Frau die.hre Ehre auf so schreckliche Weise vertheidiqt hatte Ich muß sagen, ich fand mich damals zum ersten Male allein in meinem Empfinden. am 1. Juni d. I. von dem Verein für Rechtsschutz und Justiz- reform abgehaltene Versammlung nicht für gerechtfertigt erachtet habe. Dem Herrn Polizeipräsidenten habe ich biernach daS Geeignete eröffnet. Der Minister des Innern, v. Puttkamcr. An den ersten Vorsitzenden des Vereins für Rechtsschutz und Justizreform Herrn Rechtsanwalt Kauffmann hier." Der neue Winterrock. Selbst bei den geringfügigsten Anlässen pflegen gedankenlose Menschen dem über das Maß ihres Rauminhaltes grimmgeschwollenen Jnnem durch die schwerwiegenden Worte„Das ist zum Aus-der-Haut-fahresi Luft zu machen. Haben denn diese Ungeduldigen nur eine schwache Empfindung davon, was das heißt: aus der Haut fahren; wie entsetzlich unbequem ein solcher Toilettewechsel wäre? Wie gut ist doch die Haut unseren Bedürfnissen ange- paßt; der eleganteste, noch so„angewachsene" Frack sitzt keinem. Modejüngling so prächtig, wie seine unzweifelhaft angewachsene Haut, wenn es auch vorkommen mag, daß selbst diese zu Be- schwerden Anlaß giebt. Der Feinfühlige treibt daher mit diesen schrecklichen Worten keinen Scherz, denn ihm sind— wenn auch nur in tausendfacher Verdünnung— die Dualen der„Haut- cntäußcrung" in Folge der Vergänglichkeit aller Schneiderwerke in allzu lebhafter Vorstellung. Wir Kulturmenschen sind eben zu einer Art von Einstedlerkrebsen geworden, die ihren weich- liehen Körper mit einer Kunstbaut umschließen müssen. Wenn wir sie nur behalten dürften! Aber kaum daß sie uns zur zweiten Natur geworden ist und wir uns in ihr so zureckt finden, wie in unserem Adamskostüm, zwingt man uns zur Häutung. Denn die Frauen, bei denen diese.Häutungen zur Lebensbedingung gehören, sind es direkt oder indirekt, die uns — hier natürlich nur in dem beschränkten Sinne— aus der „Haut" fahren machen. Dem Ehegespons wird so lange das abgedroschene Sprichwort von den Kleidem, die Leute machen, mit allen möglichen Nutzanwendungen vorgedroschen, daß er nachgeben muß; und der Jüngling, der sich irgendwo— anschlängeln will, hat ohnehin das Be- streben, sich von seiner besten Seite zu zeigen. So kommt es, daß auch wir Männer, öfter als uns angenehm ist, der lieben Gewohnheit der alten Kleidung entsagen müssen. In den letzten Tagen konnte man wieder die Ovfcr weiblicher Ueberredungs- kunst und männlicher Gefallsucht in dunklen Sckaaren die Straßen eigenthümlich beleben sehen. Wem sind nicht schon die älteren und jüngeren Männer aufgefallen, die in nervöser Un- ruhe bald ihren Rockkragen in die Höhe zerren, bald an den Knöpfen herumarbeiten, als ob sie an diesen ihr Schicksal ab- zählen wollten und die, statt mit dem Gesicht g'radaus ihrer Nase nachzugehen, Gefahr laufen, in die Schaufensterscheiben hineinzurennen, weil sie sich in diesen Straßenspiegeln ver- aewissern wollen, ob ihr— neuer Winterrock auch„Figur mackc- Ach, welche Dualen muß man erdulden, bis so ein störrisches Kleidungsstück, das Mucken wie ein störrischer Gaul hat, ordent- lich eingegangen ist! Dazu kommt noch, daß die Herren Be- kleidungekünstlcr stets Partei für ihr Werk nehmen. Wirft ein solches Ungethüm beim Gehen Wellen wie das empörte Meer, daß man von diesem Anblicke seekrank werden könnte, so muß man sich den Vorwurf gefallen lassen, man„werfe" seine Beine „durcheinander und der edle Meister glänzt in einer Gebvrobe, die ihres Gleichen sucht. Aehnelt der Rock in seinem Falten- zuge einer antiken Toga, so wird man mit dem„künstlerischen Hinweise auf windschiefe Gelehrte vertröstet. Trotzdem kommt kein rechtes Behagen auf; man ist eben aus seiner gewohnten Haut heraus. Die Tchöffenaerichts-Verhandlungen sind nickt gerave sensationell, aber häusig interessant. So hatte neulich eine Grünkränicrin eine über ihr wohnende Dame aus eigenthm?' lichem Grunde verklagt. Eine ihr gegenüber wohnende Kundm sah des Morgens aus dem Fenster, als sie gewahr wurde, die verklagte Dame eifrig Bilder von gewissen Thicrchen geras- auf den Grünkram hinab reinigte. Sie schickte in Folge dicm Beobachtung zu der Krämerin hinüber und ließ ihr saqcn, sie ihre Kundm bleiben solle, so möge sie sich solche ProzedMs" verbitten. Die Krämerin revidirtc ihren Kohl und fand riM einige Exemplare des gefährlichen Hausthicres vor. Sie also zur Klage. Im Termin hatte die Beklagte eins der»u der zur Stelle und trat mit demselben an den vorsiveu?�' Richter heran, um es demselben behufs einer Lkularinspestm zu überreichen. Dieser aber sprang trotz Barett und Talaren setzt auf und rief, indem er beide Hände abwehrend vorstreckte- „Bleiben Sie mir vom Leibe!" Die Szene wirkte ungewet komisch und riß alle Anwesenden zu lauter Heiterkeit hin- Bewegung der Vevölkerung Berlins nach den. öffentlichunaen des statistischen Amts der Stadt. Die fem schricbene Bevölkerungszahl betrug an, 30. Oktober inkl.° nachträglichen An- und Abmeldungen 1 355 253, hat sick% nach gegen die Woche vorher um 3194 Seelen vermcb Ju der Woche vom 31. Okt. bis 6. Nov. wurden polizeilich s. meldet 4678 zugezogene, 2743 fortgezogenc Personen; sinnDc amtlich wurden 392 Ehen geschloffen. Geboren w»ro 816 Kinder, und zwar lebend: 418 männliche, 375 wewn� zusammen 793(darunter 103 außereheliche), todt 14 wa». licke, 9 weibliche, zusammen 23(darunter 3 außercheim, Kinder. Die Lebendgeborenen, aufs Jahr berecku. bilden 30,1, die Todtgeborenen 0,9 pro Mille der � völkerung, die außerehelich Geborenen 12,99 pCt. aller w t Woche Geborenen, davon die bei den Lebendgeborcnen 1-" 5 die bei den Todtgeborenen 13,05 pCt. In der kgl. Eharitce. � Entbindimgs-Anstalt wurden 45 Kinder geboren. Geste.. (ohne Todtgeborene) sind 578, nämlich 284 männliche, 294 liehe Personen. Von diesen waren unter 1 Jahr alt 20o L; 36außcrchclicheVkbisöJahre94(inkl Wie lieb mir Jane noch immer war, an solcher Selbst� theidigung konnte ich keinen Gefallen finden.—— Wochen waren vergangen._ � Die Genesung Ralphs ging langsam vor sich- �.«it, nicht mehr phantasirte, wie am Beginne seiner durfte auch ich mich an seiner Pflege betheiligen. Er 1� mir gar nicht so rüde, als man ihn mir geschildert und— was mich am meisten verwunderte— er wa � im mindesten erbittert über Jane, die ihn doch K Krüppel gemacht hatte. Er sprach von ihr mit hoher 9-� und sagte wiederholt, daß er nie ihr Feind gewesen hätte er sie so wie jetzt gekannt._. i Q..iAtiaun9 Er nannte seinen Zustand eine wohlverdiente-t-uey � und schrieb in diesem Sinne auch dem Gerichte un Geschworenen..„„per- Aus seinem Mnnde erfuhr ich erst, daß er> �.�5 froren gewesen war, Jane die Pläne ihres 8,� lliit- mitzutheilen, und ihr schließlich ohne irgend w � zu stände vorgeschlagen habe, sich freiwillig von trennen.' L..iwrbicf „Die Kugel in meinem Beine war die w sieh- Antwort darauf," schloß er lächelnd,„und ich' daß sie mir nicht den Garaus machte, n ck zu wegen, sondern wegen Jane; sie. hätte Ml•„ ganz" leiden, was sie so gar nicht verdient, denn sie I 1 Wahrhaftig, da schwärmte selbst ihr Opfer M w I"V---- J r 1 Mir ward es wirbelig im Kopfe. aX Unter was für sonderbare Menschen rathen? (Schluß folgt.) zan«' ich s" 5 bis 10 Jahre 29, 10 bis 15 Jahre 7, 15 bis 20 Jahre 7, 20 bis 30 Jahre 32, 30 bis 40 Jahre 47, 40 bis 60 Jahre 75, 60 bis 80 Jahre 68, über 80 Jahre 13. Die Sterbefälle beim Alter von 0 bis 5 Jahren machen 51,90 pCt. sämmt- licher in dieser Woche Gestorbenen aus. Von den im Alter unter 1 Jahr gestorbenen Kindem starben 65 im ersten, 35 im zweiten, 15 im dritten, 17 im vierten, 13 im fünften, 11 im sechsten, 50 im siebenten bis zwölften Lcbensmonate; von denselben waren ernährt 41 mit Muttermilch, 1 mit Ammenmilch, 79 mit Thiermilch, 4 mit Milchsurrogaten, 39 mit gemischter Nahrung, von 42 war es unbekannt. Todes- Ursachen waren besonders: Lungenschwindsucht(75), Lungenentzündung(35), Bronchialkatarrh(14), Kehlkopfentzündung (20), Krämpfe(23), Gehirnschlag(11), Gehirn- und Gehirnhautentzündung(7), Krebs(29), Altersschwäche(18), Lebensschwäche(47), Abzehrung(17), Masern(6), Scharlach(3), Diphtherie(62), Typhus(2), Diarrhöe(13), Brechdurchfall(16), an andern Krankheiten starben 172 und durch Selbstmord 8, davon durch Vergiftung 1, durch Erschießen 2, durch Erhängen 4, durch Erstechen 1. Tie Sterblichkeit der Woche auf das Jahr berechnet, kom- men durchschnittlich auf 1000 Bewohner in Berlin 22,2, in Breslau 26,7, in Frankfurt a. M. 14,8, in Köln 28,7, in Dresden 20,7, in München 25,6, in Bremen 19,3, in Stuttgart 13,2, in Wien 22,5, in Paris 22,1, in London 16,7, in Liverpool 19,8. In der Woche wurden dem Polizeipräsi- dium gemeldet als erkrankt an Typhus 22, an Masern 120, an Scharlach 78, an Diphtherie 184 an Pocken—. In den 9 größeren Krankenhäusern wurden in der Berichtswoche 885 Kranke autgenom- wen, davon litten an Masern 8, an Scharlach 11, an Diphtherie 31, ®n Typhus 17, an Rose 7. Es starben 145 Personen oder 25,1 pEt. aller in der Woche Gestorbenen; als Bestand ver- blieben 3593 Kranke. Tic Sterblichkeit der lungenkranken Personen nimmt rn Berlin eine immer höhere Zitter an. Wie enorm die Zahl derjenigen ist, welche an Lungenschwindsucht leiden, ergiebt eine Berechnung, welche die Verwaltung des städtischen Kranken- Hauses Moabit in dieser Hinsicht angestellt hat. Dieselbe kommt Ju dem Resultat, daß nicht weniger als ein Fünftel der Krankenhausbevölkerung mit der Lungenschwindsucht behaftet ist. Im Krankenhause Moabit selbst betrug die Zahl der an Lungen- schwindsucht behandelten Kranken während des letzten Berichts- iahres 550(gegen 476 im Vorjahre) und bildete 13,5 vEt. aller Behandelten(gegen 10,5 pCt. im Vorjahre). Die Mortalität betrug 42,2 pCt., die Zahl der gebessert Entlassenen 33,3 pCt. In Wirklichkeit ist übrigens, wie der Bericht bemerkt, die Zahl der an Lungenschwindsucht Leidenden noch größer, als sie in der oben angeführten Ziffer von 13,5 pCt aller Behandelten junr Ausdruck kommt. Viele Kranke nämlich(und das recht- fettigt die Eingangs erwähnte Zahl von ein Fünftel), bei denen neben einer noch nicht vorgeschttttenen Lungenschwindsucht an- dere Krankheiten bestehen, wegen deren sie das Krankenhaus aufsuchen, werden der letzteren Krankheitsgruppe, nicht der Lungenschwindsucht, eingereiht. Poiizcibmcht. Am 20. d. M. Morgens wurde ein Mann auf dem Boden eines Hauses in der Köslinerstraße erhängt vorgefunden.— Als an demselben Tage Abends der Schneider Körner in seiner Wohnung, Grenadierstr. 20, von seinem Arbeitstische herabsteigen wollte, glitt er aus uud erlitt durch den Fall einen doppelten Bruch des rechten Oberschenkels. Er wurde nach dem Krankenhause am FriednchShain gebracht.— Am 21. d. M. früh stürzte sich ein junger Mann in der Trunkenheit von der Kurfürstenbrücke in die Spree, wurde jedoch alsbald wieder herausgezogen und nach der Wache des 21. Reviers gebracht, wo er sich langsam erholte und wieder zum Bewußtsein «im. Seltsamer Weise hatte er nicht die geringste Erinne- tting von dem Sturz ins Wasser.— An demselben Tage Vor- Mtags fiel in der Trunkenheit ein Schiffer in der Nahe der Mealliancebrücke vom Kahn ins Wasser, wurde jedoch, ohne ybadcn erlitten zu haben, alsbald wieder herausgezogen und der Chantec gebracht.— Gegen Mittag wurde in der Frankfurt erslraße ein 7 Jahre alter Knabe von einem vorx �nwagcn überfahren, als er im Ucbermuth unmittelbar f. Gey Sßferten desselben herzulaufen versuchte. Er erlitt eine \."Wosichc Quetschung des linken Annes und der linken Hand, j J ec von seinen Eltern nach dem Krankcnhause im Friedrichs- El..�bracht werden mußte.— Abends fiel an der Ecke der 3Ws'«n- und Krausenstraßc ein Mann beim Abspringen vom ,,, Lkrvcrron eines in der Fahrt befindlichen Pfcrdcbahnwagens Lr en und gerieth so unglücklich unter die Räder desselben, Norf, v"rn Kopfe schwer verletzt wurde und mittelst Droschke � bet Charitce gebracht werden mußte. Gerichts-Ieitung. d,,..�as Vorgehen der Polizeibehörden gegen die Fach- erfähtt neuerdings durch die Gerichte eine von früheren �«Icheldungcn derselben abweichende Bcuttheilung. Nachdem � aume Zeit hindurch die preußischen Schöffengerichte und die lirf.''om'ncrn auf Antrag der Staatsanwaltschaften die polizei- ssM., Schließungen dieser Vereine sonst durchweg bestätigten ver?,:,,C Vorstände wegen Vergehens gegen das Vcreinsgesetz in �.bellten, erfolgte am 12. Juli d. I. die erste Freisprechung In � fvfchen Sache vor dem Schöffengericht zu Ebcrswalde. 3*.«Visse dessen wurde auch die polizeiliche Schließung des su>ryvereins der Maurer und Zimmerer— um diesen handelte di- nämlich— aufgehoben. Gegen dieses Uttheil legte di.' �fvatsanwaltschast Berufung ein, auf welche hin Sonk am Sonnabend vor der Strafkammer des luvo ZU Prenzlau zur nochmaligen VerHand- bedn» Ter Staatsanwalt pläditte auf Auf- zu n.des ersten llrtheils, Veruttheilung der Angeklagten J Tlnttl /TJ. C••• r /"i r<-. CNf r...r. i....t *11"UCH uuijmö, Gefangnißstrafen und Aufrechterhaltunfl der po- Schließung des Vereins. Der Genchtshof folgte aber Austuhningen des Vettheidigcrs Rechtsanwalts Dr. Flatau ein!»?.n und nahm mit dem ersten Richter an, daß der Ver- " fs'nen Versammlungen weder die Eröttening politischer M ch�stanoe bezwecke, noch daß er mit gleichattigen Vereinen iet«, imÖ getreten sei. Er erkannte daher auf Venverfung auf(Patsanwaltlichen Berufung und legte auch mit Rücksicht «haaen, sowie femer wegen versuchter Nöthigung und oben* � fvlscher Anschuldigung angeklagt erschienen am Sonn- Kari m"fr der Sttafkammcr des Landgerichts Ii der Arbeiter Frücht'??/ Drachholz herbeizuführen; am Orte rst oas - ein kÄLuilauf. daß das bezeichnete Gememdeoberhaupt ßunst Wittwer— sich in ve�änglichcr Werfe um Vre »bereits"l�uen von Friedrichshagen bewerbe. Dieses Gemchts �vnick» � als cinn notorischen Thatsache- von Serien des i\®tIeQenii� s�n0S�8 Erwähnung gcthan und zwar ' roie Frau St. ihrem Manne nach der Hochzeit mit- getheitt; dabei hatte St. in der Hitze sich des Hausfriedens- bruches schuldig gemacht und infolge einer Strafanzeige von Seiten des Amtsvorstehers Drachholz, dessen Dienstbureau zu verlassen, sich geweigert, mußte er nach Lage der Umstände wegen Hausfnedensbmches veruttheilt werden. In dem Tenor des schöffengerichtlichen Uttheils heißt es wörtlich u. A.:„Daß der Angeklagte St. hei Begehung der That sehr erregt war und auch, wie notorisch, in Friedttchshagcn das Gerücht verbreitet sei,„der Amtsvorsteher und Standesbeamte erlaube sich Vettraulichkeiten zu weiblichen Personen!"— Nach diesem Ausfall der Sache erachtete der Amtsvorstcher es nun- mehr für angebracht gegen die obengenannten vier Angeklagten, welche er als Urheber bezw. Verbreiter jenes ihn in seiner Amtsehre schädigenden Gerüchts bettachtet, vorzugehen und zwar indem er gegenüber der gegen ihn in Bezug auf seine Amts- fühmng erhobenen Beschuldigungen den Spieß umdrehte. Es hatte nämlich der angeklagte Landwitth Marell zu Ende des Jahres 1884 eine Immediateingabe an den Protektor der Kaiser Wilhelm-Stiftung— den Kronprinzen— gerichtet, in welcher er die Behauptung aufstellt, daß die Mitangeklagte Wittwe Wien aus dem Fond der Kaiser Wilhelm-Stiftung deshalb keine Unterstützung erhalten bezw. abschläglich beschieden worden sei, weil der in der Angelegenheit mit der Recherche beauftragte Amtsvorstcher Drachholz eine der p. Wien ungünstige Auskunft ertheilt und das Unterstützungsgcsuch der p. Wien nur deshalb nicht befürwottet habe, weil die jetzt angeklagte Wien die ga- lauten Annäherungsversuche des Amtsvorstehers mit Entrüstung zurückgewiesen habe; bezüglich dieses Punktes brachte Marell m der qu. Eingabe genauere Einzelheiten vor und dann schrieb er wöttlich folgendes: Eines Mannes, der weder durch Würde noch durch Kenntniffe seiner Stellung gewachsen ist und auf dem Gebiete der Sittlichkeit im Orte einen Leumund hat, welcher mit der Würde eines Amtsvorstehers nicht im Einklang zu bringen ist pp." Diese Immediateingabe hatte Marell auf Grund der ihm seitens der bisher völlig unbescholtenen Frau Wien ge- machten Mittheilungen verfaßt und in Folge dessen wurde Frau Wien, nachdem der Amtsvorsteher jene Beschuldigungen in Ab- rede gestellt, vor dem königlichen Landrathsamt verantwottlich vernommen; dott hatte dieselbe ihre Mittheilungen als wahr- hcitsgetreu aufrecht erhalten, aber anderweitig nicht zu beweisen vermocht, und demgemäß ist gegen sie und den p. Marell Anklage erhoben wor- den wegen Beleidigung des Amtsvorstehers Drachholz. Der Mitangeklagte Arbeiter Pusch beschuldigte— nachdem er zuvor an den Amtsvorsteher einen Drohbrief gerichtet— den Amtsvorsteher in einer im Januar 1885 bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts ü eingereichten Denunziation, daß der- selbe seiner Ehefrau gegenüber im Amtsgcbäude sich des Ver- brechcns der Nothzucht schuldig gemacht. Die Staatsanwaltschaft hatte die Einleitung eines Strafverfahrens mangels genügender Beweisunterlage abgelehnt und, nachdem auch eine Beschwerde an den Oberstaatsanwalt erfolglos geblieben, sandte Pusch ein Schreiben an die kgl. Regierung zu Potsdam, in welchem er dieselben Beschuldigungen gegen den Amtsvorsteher erhob wegen versuchter Nöthigung und wegen Beleidigung.— Im Audienztermin(unter Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelt) hielten die sämmtlichen Angeklagten ihre Beschuldigungen auf- recht und erboten sich, für dieselben den Beweis der Wahrheit anzutreten; zu diesem Zwecke brachten die Angeklagten eine Anzahl Entlastungszeugen in Vorschlag mit dem Be- merken, daß, falls viese Zeugen das gewünschte Er- gebniß nicht Herbeiführen sollten, eine große Anzahl anderer Zeugen in Reserve stehen. Der Gerichtshof beschloß, den Ent- lastungsanträgen stattzugeben und die in Vorschlag gebrachten Zeugen laden zu lassen. Zu diesem Zweck wurde die Sache vettagt. Unter den vorzuladenden Zeuginnen befindet sich die Tochter eines Friedrichshagener Einwohners und Mitgliedes der dortigen Gemeindevertretung; dieser jungen Dame soll der Amtsvorsteher, ohne dieselbe zu kennen, auf offener Straße in dem rings von Waldungen umgebenen Fttedrichshagen unsitt- liche Anträge gemacht haben. Man darf wohl mit Recht auf den Ausgang dieser oauss cglebre gespannt sein. t Einen recht erheblichen Schaden an der Gesundheit erlitt ein Schulmädchen, die lOjührige Olga O-, durch das unsinnig schnelle Fahren eines Wagens, der von dem Rcstauratcur Bäumlcr gelenkt wurde. Es war am 21. Juni d. I. Die Kleine Alerandcrstraße wollten drei Schulmädchcn überschreiten, als plötzlich ein Wagen im schnellsten Tempo angefahren kam. Es gelang zweien der Kinder, noch rechtzeitig das Trottoir zu gewinnen; das dritte wurde von den Pferden Räder rollten über den Körper Hinzueilende Sttaßenpassanten hoben der Besitzer des Fuhrwerks auf die Pferde loshieb und pfeilschnell davonfuhr. Ein Herr, der den Vorgang beobachtet hatte, warf sich in eine Droschke und setzte dem Wagen nach. Aber erst in Französisch-Buchholz war es möglich, den Flüchtigen einzuholen und seine Persönlichkeit festzustellen. Das Kind war inzwischen in die elterliche Wohnung gebracht und dott vom Arzt untersucht worden. Verletzungen zeigten sich nicht; dagegen bekam das Mädchen nach cinger Zeit epileptische Anfälle, von denen sie bis jetzt noch nicht ganz hergestellt ist. Gestern stand Bäumlcr vor der 87. Abthcilung des hiesigen Schöffengerichts. Der Staats- anwatt beantragte eine Gcfängnißsttafe von 3 Monaten gegen ihn; der Gerichtshof erkannte auf eine Geldstrafe von hundert Matt. Neichsgerichts- Entscheidung. Die Bestrafung einiger Wurstfabrikanten, welche ihren Wurstmaaren Mehl beigemischt hatten, wegen Nahrungsmittelverfälschung seitens der Strafkammer zu Regensburg, ist von, Reichsgericht unter Verwerfung der Revisionen der Angeklagten gebilligt worden. Vereine und Versammlungen. Itts. Der hiesige Gauverein der Maler hielt am Sonn- abend, den 20. d. M, bei Gratweil, Kommandantcnstt. 77.79, eine zahlreich besuchte Generalversammlung ab, in welcher Haupt- sächlich über:„Die neuen(Verbands-) Statuten und den Kon- grcß in Hannover" verhandelt wurde. Aus den Ausführungen des Referenten Herrn Riesop heben wir hervor, daß der in, April dieses Jahres zu Hannover stattgehabte Kongreß der deutschen Maler beschlossen hat, die Gewährung von Reiseuntetttützungen an wandernde Malergchilfen, sowie die Unterstützung andauernd kranker, von der Krankenkasse nicht mehr unterstützter Berufs- kollcgen den lokalen Gauvereinen zu überlassen, da eine Ent- scheidung der maßgebenden Behörde die Auszahlung von solchen Unterstützungen durch den Verband, als den Be- stimmungen des Versicherungsgesctzcs zuwiderlaufend, nicht ge- nehm igt resp. da sie erklätt hat, daß solche Unterstützungen unter das Verficherungsgesetz fallen. Gegenüber diesem Kongreß- beschlussc habe der in Hamburg seßhafte jetzige Vorstand des Malcr-Zenttalverbandcs allen lokalen Gauvereinen einen An- trag unterbreitet,„alle Unterstützungen überhaupt fallen zu lassen" und statt dessen jedem Mitgliede den unentgeltlichen Bezug des Vereinsblattes zu gewähren. Leider sei dieser Antrag von einer großen Anzahl von Gau- Vereinen angenommen worden, während ihn die übrigen, darunter vor allen Berlin, abgelehnt haben. Die betreffenden Untetttützungen der Hilfsbedürftigen durch die Vereine seien unentbehrlich, weshalb die Verbandsstatuten einer dementsprechenden Abänderung dringlich bedürfen. In diesem Sinne sprachen sich auch in der Diskusston alle Redner aus, doch beschloß man, diese Angelegenheit bis zur nächsten Gau- Vereinsversammlung zu vettagen oder dieser eine geeignete Vor- läge zu unterbreiten. A», ersten Weihnachtsfeicttage findet eine Weihnachtsfeier mit Kindcrbescheerung statt. Aus dem Bericht des Herrn Herzog über die in der Britzerfttaße gelegene Fachschule ging hervor, daß der jetzige Stand derselben ein günstiger umgestoßen und die des Mädchens hinweg. das Kind auf, während sei. Da das Mitglied Herr Riesop, angeblich wegen Beleidi- gung des Verbandsvorstandes, von diesem aus dem Verbände, also auch aus jedem Gauverein ausgeschloffen wurde, der hiesige Gauvcrein aber ihn als Mitglied behalten will, beschloß man, behufs Regelung dieser Angelegenheit den ersten Verbands- vorfitzenden zur nächsten Vettammlung aus Hamburg hierher kommen zu lassen. + Der Verein Berliner Hausdiener beschloß in seiner letzten sehr gut besuchten Vettammlung im„Louisenstädtischeir Konzetthause", mit der Gründung eines Fonds zur Untetttützung alter und arbeitsunfähig gewordener Mitglieder vorzugehen und wählte zur Ausarbeitung der in diesem Falle nothwendigen Ergänzungsparagraphen des Statuts eine Kon, Mission von 12 Mitgliedern. Der Verein giebt sich der Hoffnung hin, daß die Pnnzipale das Unternehmen durch einmalige oder durch fortlaufende halbjährliche Beiträge unterstützen werden, damit der ettorderliche Stammfonds rascher zusammenkommt. In dieser Versammlung ließen sich zwanzig neue Mitglieder auf- nehmen. t Der Verein zur Wahrung der Interessen den Klavierarbeiter hielt an, Sonnabend eine stark besuchte Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Schaar ab. Der erste Punkt der Tagesordnung war die Wahl des Vorstandes. Als erster Vorsitzender wurde in Stichwahl gegen Herrn Rüdiger Herr Schaar gewählt, als zweiter Vorsitzender Herr Schmidt, als Schriftführer Herr Hahn, als Kassirer Herr Haack.. — Des Weiteren wurden einige Unterstützungsgesuche und interne Vereinsangelegenheiten erledigt. Gauverein Berliner Bildhauer. Annenstr. 16, Dienstag, den 23. d. M., Abends 9 llhr: Vorlesung. Ortkrankenkasse der Ziaarrenmacher. General- Ver- sammlung Mittwoch, den 24. November, Abends 8 Uhr, Gipsstraße 11. Tagesordnung: Rechenschaftsbericht. Wahl von acht Vorstandsmitgliedern. Wahl der Kommission zur Prüfung der Jahresrechnung. Anträge. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Dienstag. Schäfer'scher„Gesangverein der Elfer". Abends 9 Uhr bei Wolf und Kttiger, Skalitzerstt. 126, Gesang.— Gesangverein „Bruderbund" Abends 9 Uhr Adalbettstt. 4, im Restaurant. — Turnverein„Hasenhaide"(Männer- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenbachstr. 60 61.— Rauchklub„Deutsche Flagge" Abends 8 llhr im Restaurant Händler, Wrangelstt. 11.'— Rauchklub„Zum Wrangel" Abends 8'/, Uhr im Restaurant, Adalbettstt. 4.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeinde- schule. Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Köpnicketttr. 68: Vottrag des Herrn Queva über Elektttzität(mit Experimenten). Nachher Kränzchen._ Vermischtes. Ein eigenthümliches Brandunglück wird aus Birming- ham gemeldet. In der Nachbarschaft von Saltley, wo die .Hauptgasanstalt für Birmingham belegen ist, herrscht beträcht- liche Aufregung, weil durch irgend einen Zufall ein ungeheuerer Haufen Koaks in Brand gcrathen ist und man nicht mit Un- recht befürchtet, daß der Gasometer in die Luft gesprengt wer- den könnte. Durch den geringeren Begehr in der letzteren Zeit hat der Koakshaufen sehr große Dimensionen angenommen; er bedeckt einen Flächenraun, von>300 Fuß Länge hei 200 Fuß Breite, und erhebt sich 30 bis 00 Fuß hoch.' Nach bereits 4tägigem Brande bildete am Freitag die ganze Front eine ungeheuere glühende Masse, worauf die aus 6 großen Schläuchen geschl-uderten Wassermassen kaum irgend welchen Eindruck hervorzubringen schienen. Ein Hai in der Nordsee. Vor einiger Zeit wurde durch die„Osssttesische Zeitung" gemeldet, daß von einem Norder- neyer Fischer ein großer Fisch gefangen worden, von dem man nicht wisse, was für ein Fisch es sei. Man habe ihn deshalb nach Göttingen an das zoologische Museum gesendet. Hier ist der Gefangene denn auch ttcktig, wenngleich todt, angekommen und hat sich als ein gegen 3 Meter langer und 270 Pfd. wiegender Hai erwiesen. Das Thier ist zweifellos in die Nordsee ver- schlagen, denn Haie sind dott nicht zu Hause, ist dann aus eine der Norderncyer Sandbänke gerathen uud dott gefangen worden. Beim Fange selbst konnte er schwerlich mehr großen Schaden anrichten, er war wohl völlig kraftlos, denn im Magen wurde bei der Sektion auch nicht die leiseste Spur von Nahrung vor- gefunden. Nur dadurch ist es auch wohl zu erklären, daß der Hai sich nicht wieder hat frei machen können. Schiffsuntergang. Das chinesische, von englischen Offizieren geleitete Schiff„Takatoma" ist auf der Fahrt von Kakodah nach Nugata mit 96 Passagieren und der ganzen Mann- schaft, mit Ausnahme eines einzigen Eingeborenen, unterge- gangen. Um einem heftigen Sturme zu entgehen, hatte man das Schiff in der Nähe des Hafens mit voller Geschwindigkeit fahren lassen, allein die alten Kessel hielten den Druck nicht' aus und— exploditten. Falsche französische Briefmarke«. Seit einiger Zeit liefen bei der Pariser Postverwaltung Klagen darüber ein, daß in Tabaksbureaus von Patts und der Provinz falsche lö-Zen- timcs- Frankomarken verkauft werden. Nun wird dem„Petit- Journal" aus Saint-Etienne telegraphitt, daß man einer Frau auf der Spur war, welche in Grenoble allein unter vettchiede- nen Verkleidungen mehrere tausend solcher Marken abgesetzt hatte. Man paßte der Person auf und glaubte sie in einer Nonne zu erkennen, welche in Gesellschaft einer anderen Frau dem Bahnhofe von Chateauroux Eiscnbahnbillete löste. Die Agenten stiegen mit den frommen Schwestem ein und verhas- teten sie unterwegs. Sie trugen eine Summe von 2850 Frks., 10 Bttefkouvetts mit je 300 Marken und 70 leere bei sich, welche eben so viel enthalten hatten. Es ergab sich, daß in St.-Etienne 20 000 falsche Franko-Marken, in Grenoble, Lyon und anderen Skädtcn Südfrankreichs ebenfalls eine große An- zahl an den Mann gebracht worden waren. Wahrscheinlich hatten diese Vermittlerinnen den Inhabern der Tabaksbureaus größeren Rabatt angeboten, als ihnen von der Postverwaltung (1.pCt.) gewährt wird. Die Cholera in Japan und Korea scheint jetzt nachzu- lassen. Nachstehendes wird für einen ziemlich genauen Aus- weis der Gesammttodesfälle gehalten: In Japan starben 37 000 unter 59 000 Personen. In Korea war die Gesammt- zahl viel größer und entzieht sich jeder Berechnung. In der Hauptstadt Seoul allein starben 36 000 Personen aus einer Bevölkerung von 250 000 Seelen, und der Verlust in der Pro- vinz ist vcrhältnißmäßig eben so groß gewesen. Man befürchtet, daß die Epidemie in Korea noch nicht ihr Ende erreicht hat, weil die dortige Bevölkerung alle Schutzmaßregeln mißachtet. Wettrennen auf einem Schisse. Einen ganz eigenen Platz zu seinen Wetttennen hat in der letzten Woche der Dubliner Bizykle-Klub gewählt. Der genante Klub hielt näm- lich sein Meeting auf dem Deck des gewaltigsten aller Dampf- schiffe ab, die je auf dem Ozean schwammen, auf dem„Great Eastern". Es ist dies jenes mächtige Schiff, das vor ungefähr zwanzig Jahren eigens zu dem Zwecke gebaut wurde, um das erste Kabel zu legen, das eine elekttische Verbindung zwischen Amettka und Europa schuf und das seit dieser Zeit wegen seiner kolossalen Größe nicht mehr zu Fahtten verwendet wer» den konnte.__ Kleine WMHeilunßen. .Wien, 17. November.(Der Mörder des Gendarmen Permger m München.) Der Weener Polizeidirettion ist es ge- lungen, dee Identität zenes Individuums festzustellen, welches kürzlich unter dem dringenden Verdachte, den Mord an dem bayerischen Gendarmen Mathias Pettnger in München und den Einbruchd'cbstahl beim Bankier Leuze in Passan vollführt zu haben, verhaftet wurde. Der Verhaftete hatte bekanntlich angegeben, Franz auch Frank Hermann zu heißen und Drechs- ler zu sein. Ter vorgebliche Franz Hermann wurde nun auf Grund der eingesendeten Photographie als der berüchtigte und höchst gefährliche Einbrecher Joseph Ploczak erkannt. Ploczak, zu Glosiau in Böhmen gebürtig, 31 Jahre alt, wurde Mitte der siebziger Jahre wegen eines verübten kühnen Einbruchsdieb- stahls zu einer sechsjährigen schweren Kerkerstrafe verurtheilt, welche er in der Festung Thercsienstadt abbüßen sollte. Im Jahre 1876 war es ihm aber gelungen, aus der Kcrkerzelle auszubrechen und nach dem Auslande zu entkommen. Drei Jahre trieb er sich ans dem Kontinent umher und verübte in den größeren Städten eine beträchtliche Anzahl von Einbruchs- diebstählen, bis ihm endlich im Jahre 1879 in Zürich das Handwerk gelegt wurde. Damals wurde er den österreichischm Behörden ausgeliefert und wieder nach Theresienstadt zur Ab- büßung seiner Kerkerstrafe cskortirt. Im Jahre 1884 gelang es ihm ein zweites Mal, aus der Festung zu entspringen, und dies- mal flüchtete er sich nach New- Kork, woselbst er ungefähr zwei Jahre lebte. Nach Europa zurückgekehrt, beging er wieder eine ganze Reihe verwegener Einbruchsdiebstähle und ermordete dann in München den Gendarm Peringer. In Passau wurde er, wie erinnerlich, von einer Kellnerin erkannt und hierauf ver- hastet. Breslau, 21. November. Gestern Mittag fand in der Cholerabaracke des Wenzel-Hancke'schen Krankenhauses im Bei- sein des Medizinalraths Professor Ponfick, Primärarztcs Dr. Buchwald, Professors Neisser und der Bezirksphyfici DDr. Schmiedel und Lesser die Sestion des gestern an der Cholera gestorbenen Bergmanns Pillat(aus Honzlawa, Komitat Szimol in Ungarn, 34 Jahre alt) statt. Der SektionsbefundZcrgab, wie die„Schles.lZtg." schreibt, absolut charakteristische Merkmale für Cholera asiatica. Im Neifser'schen Laboratorium wird die bakteriologische Untersuchung fortgesetzt. Der Waggon, in welchem der an Cholera verstorbene Auswanderer die Reise nach Breslau gemacht hat, konnte nicht ermittelt werden. In- zwischen ist festgestellt worden, daß der Mann von Oderberg ge- kommen ist, und man hat sofort die drei Waggons, in welchen am Donnerstag Auswanderer von Odcrberg nach Breslau befördert worden sind, außer Fahrt gesetzt, um sie aufs gründlichste zu desinsiziren. Gestern Abend um 6 Uhr ist im Regierungs- aebäude bei dem Regierungspräsidenten von Juncker eme Kon- ferenz der Brcslauer Polizciphysiker abgehalten worden, welcher der Geheime Medizinalrath Dr. Wolff beiwohnte. Es dürfte sich hierbei um Berathung von Maßnahmen gegen die Cholera- gefahr nicht allein für die Stadt, sondern auch für den Re- gierungsbezirk Breslau gehandelt haben. Es steht zu erwarten, daß durch Einrichtung besonderer Konkolstationen an hervor- ragend frcquentirten Punkten der Bahnen die Gefahr der Ein- schleppung der Cholera durch Auswanderer wesentlich herab- gemindert werden wird. Letzte Nachrichten. Bulgarisches. Nack den„Times" kündigte General Kaulbars am letzten Dienstag dem deutschen Konsul von Thielmann seine bevorstehende Abreise mit dem Hinzufügen an, daß er in Uebereinstimmung mit einem alten Brauche und der langen Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland die russischen Unterthancn deutschem Schutze anverttauen würde. Herr v. Thielmann antwortete, er werde Instruktionen seiner Regierung in dieser Beziehung einholen, worüber General Kaulbars erstaunt schien und bemerkte, daß dies vermuthlich doch nur als Fonnsache anzusehen sei. Am Donnerstag Abend erklärte Herr v. Thielmann sooann nach Empfang der Instruktionen: er wolle zwar den Schutz der eigentlichen Russen, aber nicht den über die Montenegriner und Bulgaren, welche das mssische Konsulat zu schützen pflegte, übernehmen. Daraufhin telegra- phirte Kaulbars nach Petersburg und erhielt den Befehl, sein Konsulat unter französischen Schuk zu stellen.(Boss. Ztg.) New-Nork, Sonntag, 21. November. Auf einem heute hier stattgehabten s o z i a l i st i.s ch e n Meeting erhoben mehrere Redner gegen Henry George den Vorwurf, die sozialistischen Lehren verleugnet zu haben, nachdem die Sozialisten ihm bei der letzten New-Norker Mayorswahl ihre Unterstützung ge- liehen. lieber die sozialdemokratische Kundgebung in London liegen nachstehende telegraphische Mittheilungen vor: London, 21. November, Abends. Zur Verhinderung von Ruhestörungen bei der heutigen Kundgebung auf Trafalgar-Square waren von der Polizei die umfassendsten Maßregeln geKonen. Der Polizei- chef Warren befand sich mit etwa 4000 Polizeimannschaften, darunter 100 berittenen, persönlich am Platze, außerdem wurden in den benachbarten Kasernen noch 500 Mann Militär in Bereit- schaft gehalten.— London, 21. November, Abends. Eine De- putation der Versammlung auf dem Trafalgar-Square begab sich im Laufe des Nachmittags in die Wohnung Lord S a l i s- bury's. Da dieser nicht anwesend war, so kehrte die Depu- tation nach dem Trafalgar-Square zurück, wo von der Versammlung eine weitere Resolution, in welcher der Mangel an Rücksicht des Premierministers gegenüber den beschäftigungslosen Arbeitcm getadelt wird, angenom- men wurde. Die Versammlung löste sich sodann auf.— London, 21. November, Abends. Die von der sozialdemokratischen Vereinigung veranstaltete Kundgegebung beschäftigungsloser Arbeiter, welche heute Nachmittag auf dem Trafalger-Square stattfand, nahm einen ruhigen Verlauf. Zu den vorgeschlagenen, im sozialisttschen Sinne gehaltenen Resolutionen nahmen 3 Redner das Wort, die Resolutionen wurden angenommen. Während der Verhandlungen erschienen mehrere Deputationen mit Musikkorps, welche bei der Ankunft und bei dem Wieder- abmarsch die Marseillaise spielten. Sozialistisches. Wir haben bereits mitgetheilt, daß der von den Sozialdemokraten in den weimarischcn Landtag Sewählte Herr Mangner aus der Paftei ausge- blossen ist. Der betreffende Beschluß hat folgen- den Wortlaut:„Wir erklären hiermit, daß wir den Landtagsabgeordneten H. Mangner nicht mehr als Partei- genossen betrachten und daß somit seine Thätigkeit innerhalb wie außerhalb des Landtages nicht mit der Sozialdemokratie in Ver- bindung gebracht werden kann. Dieser Beschluß wurde durch ein am 30. Oktober tagendes Schiedsgericht, zusammengesetzt aus Genossen aus Weimar und Apolda, unter Vorsitz eines Mit- gliedes aus der Reichstagsfraktion gefaßt und zwar, weil Herr Mangner in seiner Eigenschaft als Landtagsabgeordncter gegen die Pattciprinzipien verstieß und jede Solidarität mit der Partei ablehnte. Apolda, 7. November. Tie Beauftragten. Görlitz, 21. November. Bei hiesigen Sozialdemokraten fanden Haussuchungen statt, die zur Auffindung von Lagern sozialdemokratischer Schriften geführt haben; unter den- selben haben sich, wie die„Görl. Nachr. u. Anz." erfahren, die neuesten Nummern des„Sozialdemokrat" befunden. Kriefkaften der Redaktio«. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. R. R., Mainz. Den Bekag haben wir empfangen. Die Expedition. E. G. 100. Das gewünschte Adreßbuch können Sie be- ziehen durch die Verlagsbuchhandlung von Klimsch in Frank- furt a. M. Fachverein der Steinträger. Der Vorsitzende wird er» sucht, seine Adresse an die Rcdattion einzusenden. (v. M. Birkenstr. Ob und in welcher Höhe die hinter- bliebenen Kinder Ersatz zu beanspruchen haben, läßt sich nur nach mündlicher Besprechung beuttheilen, zu welcher die Redaktion bereit ist. S. Engelufer. Sie können Ihren Rechtsanwalt auf Schadenersatz belangen, wenn Sie nachweisen, daß er Ihnen den Rath zur Terminsvertagung wider besseres Wissen oder fahrlässig ertheilt hat. Theater. Dienstag, den 23. November. Overnhaus. Donna Diana. Schauspielhaus. Ein Wintermärchen. Deutsches Theater. König Richard der Dntte. Frtedrich-Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Vittoria-Theater. Amor. Oftend-Theater. Das neue Gebot. Refidenz-Theater. Georgette. Schauspiel in 4 Akten von V. Sardou. Sentral-Theater. Der Waldteufel. ellealliance-Theater. Therese Kranes. Walhalla-Theater. Gräfin Dubarry. Königstädtisches Theater. Von Schrot und Korn. Kaufmann's Varietee. Spezialitäten- Vorstellung. Amerikan-Theater. Spezialitäten-Vorstellung. Reichshallen- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Concordia» Theater. Spczialttätcn- Vor- stellung. Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnertheaterstr. 15. Therese Krones. Lebensbild mit Gesang in neun Bildern von Carl Haffner. Vor der Vor stellung: smr Großes Concert, ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hm. Theodor Franke. Anfang des Concetts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7', Uhr, Sonntags 7»'% Uhr. Das Theater ist mit elekkischer Beleuchtung versehen. ISden-Theater. et Louisenst. Theater.) Dresdenersk. 72/73. rohartioste Programm der Restdeuz. oqal Yokohama Troupe(6 Personen), iavanische Proouktionen. The Family Gtdin, kais. mssische Hof-Künstler, beskenrnrnrnrte Gymnastiker. Mr. Kc�on, Zahn-Athlet. Mr. Mizarras, unübertrefflich in seinen Produktionen an den indischen Ringen. Riegel'« Kallet- gestUfchaft, 12 Damm, 2 Herren. Paula«ud Ludwig Tellheim. Guge« I-cher. Herr Fin�e, Konzertsänger. Kanko ober Watro senkreiche, burleske Pantomime von der Malta« Croupe. Kassmöffnung 6& Uhr. Anfang 7t Uhr. Passage 1 Tr. 9 M.- 10 A. Kaluer-Panorama. Neu! Zum ersten Male: Dritte Reise durch Savoyen. Zweite Reise durch das malerische Schottland. Hertha-Reise.- Carolinen-Jnseln. Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. 'S» » Beparatnr-Werkalatt | für# I Marmor-Arbeiten aller Art, ö "0 Waschtische. Trumeaux. Ladentische ic.® 2 von S Philipp Mettel, K Kirchbachstratze 18, Hof pari.? Allm Freunden und Gönnern empfehle mein Cokol zur freundl. Frequenz. 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