Nr. 276. Dmmerstag» de» 25. Uovemder 1886. 3. Jahrg. ßfrliiitriDlIistilnll Krgil« snr die Interessen der Arbeiter. 4 Sabelgerassrl. Seit einiger Zeit ist eine sonderbare Art von militari- icher Literatur aufgetaucht. Diesseits und jenseits des Rheins erscheinen Brochüren, in denen der zukünftige Krieg Zwischen Frankreich und Deutschland in prophetischer Weise als etwas schon Geschehenes behandelt wird. Da liest man Mnz genau die Bewegungen der Heere und die Orte, wo die Schlachten geschlagen werden, auch die Anzahl der Radien und Verwundeten. Selbstverständlich fällt in den französischen Schriften der Feldzug für die Franzosen, in den deutschen für die Deutschen siegreich aus. Was diese Schriften zu bedeuten haben, leuchtet sofort em. Sie sind hüben und drüben ein Ausfluß des Chauvi- uismus. Und sie erreichen auch den Zweck der nationalen Verhetzung, den sie sich gesteckt haben. Denn die deutsche Presse erhebt ein Zetergeschrei über die französischen Feder- Helden, welche der Durst nach Revanche nicht schlafen läßt; andererseits aber schreit die französische Presse Zeter und -niordio ob der deutschen Militärschriftsteller, die Frankreich tnit einem neuen Einfall bedrohen. Wir hören fast tagtäglich von Staatsmännern anläßlich «er bulgarischen Wirren versichern, welch hohes Gut der miede sei und daß es für Europa ein unsägliches Unglück bedeute, wenn der europäische Friede gestört würde. Äun, >nan braucht nicht Alles zu glauben, was die Diplomaten sagen; darin aber wird ihnen jeder vernünftige Mensch bei- stimmen, daß der Friede ein Segen, der Krieg ein Unglück sst. Ob es die Herren Diplomaten, wenn sie dies sagen, aasrichtig meinen oder nicht, bleibt sich gleich; für uns steht 1 aer Satz fest. W schan erwähnten Kriegsbrochüren aber beweisen, tlm»� auch Leute giebt, welche den Krieg für eine Wohl- Niei' Frieden für ein Unglück halten. Man sollte nicht daß es im neunzehnten Jahrhundert solche Menschen 'Aber es giebt sie doch. lni?. eie Kriegsschwärmer behaupten, ein langer Frieden .Jlf tfn Land in Weichlichkeit und Wohlleben versinken, hrend der Krieg die Bevölkerung kräftige und abhärte. d ,. hatten diese Leute recht, so müßte die Zeit des fragil?'«jährigen Krieges bie_ glückli seiir ein Behauptung Aufstellt! fr.;' p,' giayrigen«rteges oie gmaucype uno s?i» gendste Epoche der deutschen Geschichte gewesen ein' ist freilich nicht sicher, daß nicht noch einmal militärischer Geschichtsschreiber austritt und eine solche ein r. Behauptung aber, daß der Friede verweichliche, ist in i Unsinn. Sie kann höchstens in Bezug auf die treS �en Verhältnissen lebenden Bevölkerungsklassen zu- nirf.»"'®'e große Masse unseres Volkes aber kann gar ™ m»Verweichlichung und Wohlleben" versinken, weil »etJotnu] §fcuiUcton. [35 Im Hause des Jterderdens. Krintinalroman. Von Reinhold Lrtmann. de». früher Morgenswnde hatte Holmfeld von drb ��rsuchungsrichter die offizielle Mitthcilung erhalten, hollkommen frei sei, und er schickte sich eben an, das Q.�örzhnmer zu verlassen, als die Thür des Nebengemaches llnet wurde und eine nur zu wohlbekannte Stimme seinen t'ef- Im nächsten Augenblick lag Elsbeth in seinen einra. �nd durch die Brust des jungen Mannes strömte erst• so unendlicher Seligkeit, als habe er die Geliebte reo, � Zum ersten Mal gefunden. Zn der freudigen Auf- nickt 8 k'pfe* unerwarteten Wiedersehens hatte er es gar bemerkt, daß sie nicht die einzigen Personen im Zimmer die«s Un� überrascht wendete er sich um, als ihm Nikolaus h.J-�nd auf die Schulter legte, und zugleich auf einen und eine Dame deutete, welche seitwärts in einer standen. ®lftrf Herr Oberförster von Nuggenhagen möchte Dir ..Un? Wünschen zu Deiner Befreiung, Georg" sagte er, f*nbest dabei zugleich Gelegenheit, ihm und seinem u»r,�'u Tochter für die Freundlichkeit zu danken, welche sie €o f-��eth in dieser traurigen Zeit—" d.."�ssen wir den Dank, junger Mann!" unterbrach ihn W,«*„Möchte Euch Beide sonst im Verdacht aus&'■ uß Ihr mich beschämen wollt!— Habe hier nur einen m«gartet, Herr Inspektor Holmfeld, um Ihnen bock �°�chlag zu machen. In das Dorf können Sie heute Ihq.,«ut zurückgehen. Zedermann weiß zwar, daß ober W.n.? glänzend an den Tag gekommen ist; Und° Volk ist nun einmal neugierig und zudringlich Shnen mit seiner Theilnahme leicht un- Pisi. tfn. merden. Kommen Sie darum vorläusig zu S ov®.111 Haus ist zwar kein Palast, aber Raum für finden. Sind Sie damit ein- sie den harten Kampf ums Dasein zu bestehen hat. Der Krieg um das tägliche Brot hat auch seine Schlacht- felder, seine Strapazen, seine Verluste und seine Schreckens- szenen. Die Herren, welche chauvinistische Brochüren schreiben, haben davon freilich keine Ahnung. Ein Herr Oberstlieutenant a. D. Namens Köttschau hat eine Brochüre geschrieben, wegen deren in der französischen Presse gegenwärtig lebhaft die Lärmtrommel gerührt wird. Die famose Arbeit heißt:„Der nächste deutsch-französische Krieg" und stellt die Behauptung auf, ein baldiger großer Krieg zwischen Deutschland und Frankreich läge im Interesse beider Staaten. Diese Behauptung wird damit zu beweisen ge- sucht, die Deutschen hätten beim letzten französischen Krieg „den wälschen Luxus" kennen gelernt und hätten von dort die gegenwärtige Unzufriedenheit mitgebracht. Das ist eine sonderbare Beweisführung. Wenn das richtig ist, so wird durch einen neuen Krieg die Unzufriedenheit ja nur ver- mehrt, statt vermindert, denn wenn die deutschen Heere wieder nach Frankreich hineinrücken, so kommen sie ja auch wieder mit dem„wälschen Luxus" in Berührung. Dann werden in dieser Brochüre die modernen Ver- kehrsmittel angeklagt, daß sie mächtig dazu beigetragen hatten, die Sucht nach materiellen Genüssen zu wecken und so den Klassenhaß zu steigern, der nach einer Katastrophe hindränge. Allen Eventualitäten aber könne man durch einen großen Krieg mit Frankreich begegnen, der ein„edler Ausgleich" für alle denkbaren Fälle sei. Man kann nur staunen, was noch für mittelalterliche Gespenster unter uns wandeln. Dieser Oberstlieutenant a. D. steht ivahrhaftig noch auf dem Standpunkt des einst so wacker schimpfenden Hallenser Professors Leo, der die Kriege als das größte Glück für die Menschheit zu erklären pflegte, weil sie mit dem„skrophulösen Gesindel" aus- räumten. Nur daß der alte Leo bei aller Grobheit seine paradoxen Behauptungen bedeutend geistreicher zu begründen pflegte, als der offenbar nicht sehr federgewandte Herr Oberstlieutenant. Wir wissen also, was und woran wir sind. Wir können nur durch einen neuen großen Krieg kurirt werden von unserem„Wohlleben". Die sächsischen Weber und die ostpreußischcn Tagelöhner werden allerdings etwas erstaunt sein, daß sie ihr Wohlleben, das sie bei Kaffee, Schnaps und Kartoffeln geführt, durch einen neuen Feldzug gegen die Franzosen büßen sollen. Derartige Schriften sind in Wirklichkeit„gemeingefähr- lich", weil sie den Rassen- und Nationalitätenhaß förmlich kultiviren. Wir bedauern jeden Menschen, und sei er auch ein Oberstlieutenant a. D., der sich nicht zu der Anschauung zu erheben vermag, daß die Brüderlichkeit der Völker unter- —— Holmfeld war im Begriff, freudig dankbar zu- zusagen, als Elsbeth leise seinen Arm berührte und ihn durch einen Blick bat, ihrem Bruder die Entscheidung zu überlassen. NikolanS schien mit sich selbst zu kämpfen. Er hatte die Augen zu Boden geschlagen, und es wurde ihm offenbar schwer, die rechten Worte zur Antwort zu finden. „Herr von Nuggenhagen," sagte er endlich,„ich weiß die Bedeutung Ihrer großen Freundlichkeit zu würdigen, und ich danke Ihnen von Herzen. Für meine Person aber kann ich Ihr liebenswürdiges Anerbieten nicht annehmen, und ich denke, auch meine Schwester wird mir erlauben, es in ihrem Namen abzulehnen." „Ah!— Also doch noch empfindlich!— Sollten einem alten Manne gegenüber schon etwas nachgiebiger fem, mein Freund!" „Mißdeuten Sie meine Antwort nicht, Herr Oberförster. Der Himmel weiß, wie schwer es mir geworden ist, sie zu geben. Aber meine Dankbarkeit gegen Sie ist eine aus- richtige und tiefe, als daß ich nicht unbedingt jedes Bei- sammensein vermeiden sollte, das den Frieden Ihre« Hauses von Neuem stören könnte." „Aber zum Henker, Herr! Glauben Sie denn, daß ich Sie in mein HauS einladen würde, wenn ich etwas derartiges befürchtete? Da will ich mich schon vorsehen! Entweder reist Helene noch heute Abend zu ihrer Tante nach Wien—" „Aber, lieber Papa!" „Ruhig, Mädel!— Weißt Du nicht mehr, was Du mir hoch und theuer versprochen hast?— Also entweder: sie reist oder-- na, aber zum Donnerwetter, so stehen Sie doch nicht so stumm, als wenn Sie gar kein Interesse an der Sache hätten!— Ich kann sie Ihnen doch nicht geradezu in die Arme werfen!" „Papa! Mein lieber, lieber Papa!" Diesmal war es ein Heller Zubelruf, der aus Hele- nens Munde kam, und noch ehe Nikolaus die ganze Fülle seines Glückes begriffen, noch ehe er ein einziges Wort ge- funden hatte, fühlte er zwei weiche Arme auf seinem Nacken. einen warmen Athem und zwei schwellende Lippen, die sich einander und nicht der Krieg mit seinen Schrecken das Ideal. für eine schönere Zukunft ist. Um Uebrigen wollen wir hoffen, daß es im Volke doch noch Leute genug giebt, die gegen solche Schriften mit Ver- nunft und Friedfertigkeit ausreichend gewappnet sind. Politische Ueverstcht. Sozialtstenprozene. Die„Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reiches"(September 1886) enthalten eine Ueber- stcht der in den Jahren[882 bis 1885 von deutschen Gerichten abgcurtheiltcn Vergehen und Verbrechen. In der Aera des Sozialistengesetzes fehlt es selbstverständlich nicht an Verstößen gegen das Gesetz vom 21. Oktober 1878. Im Anschluß an die amtlichen Mittheilungcn haben wir über die Sozialisten- Prozesse der Jahre 1882 bis 1885 folgende kleine Tafel zu- sammengcf„ll.: wm noch nicht Jahr Abgeurtheilte überhaupt 18 Jahre alt 1882: 117 69 2 1883: 106 83 8 1884: 140 113 1 1885: 123 98 1 Wie man ficht, ist die Zahl dcr Abgeurtheilten in beständiger Zunahme begriffen, nur das Jahr 1885 zeigt eine ganz minimale, nicht ins Gewicht fallende Ver- Minderung; Dasselbe Verhältniß stellt fich aber auch bei den Ziffern der Verurtheilten heraus. Es wurden von den Pro» zcsfirten verurtheilt 1882: 58,9 pCt., 1883: 78,3 pCt., 1884: 80,7 pCt., 1885: 79,6 pCt., es vollzieht fich also in ganz auf- fälliger Weise eine Bewegung in aufsteigender Linie Das Jahr der Rcichstagswahlen, 1884, mit seiner allgemeinen, tief- gehenden Erregung, mit seinen heftig fich gestattenden Kämpfen weist die höchste Zahl von Prozessen und Verur- theilungen auf. Je mächtiger fich ferner die Arbeiterbewegung entwickelt, um so schärfer weht die Luft vom sozialistengesetz- lichen Himmel, um so straffer werden die Zügel angezogen. Wir find der festen Ueberzeugung, daß die jetzigen Zustände ungesunde sind, daß der harte Druck der Ausnahmegesetzgebung ein unheilvoller ist, daß friedlicher Fortschritt und Polizeigesetze nicht in Einklang zu bringen find, und daß eine echte Sozial- reform fich nur auf der Gmndlage einer freisinnigen, durch und durch volksthümlichen Politik entwickeln kann. Was bedeuten aber die nüchternen Zahlen, die wir oben mitgetheilt? Eine Summe von Roth, Elend, Unglück ist hereingebrochen über die Familien der Betroffenen, über die Betroffenen selbst. Sie find ein Mahnruf an die höchsten gesetzgebenden Faktoren, nicht weiter die Bahn des Oktobcrgcsctzes zu wandeln, sondern gründlich mit demselben aufzuräumen. Die Losung der nächsten Wahlen muß vor Allem sein: Für oder gegen das Sozialisten- gesetz. Die neue Militärvorlage. Die„Freist Ztg." schreibt: „Der Inhalt der neuen Militärvorlage soll erst bei Eröffnung Des Reichstages bekannt gegeben werden. Inzwischen erfährt fest und innig auf die seinigen drückten, und es war, als schwämmen Erde und Himmel vor seinen Augen zu- sammen.— Jetzt gab eS für die Annahme der freundlichen Ein- ladung natürlich kein Hinderniß mehr. Nur Holmfeld war plötzlich anderen Sinnes geworden und erklärte, auf der Stelle abreisen zu müssen. „Es handelt sich um eine Ueberraschung für Dich, Elz- beth," sagte er.„In spätestens zwei Tagen bin ich zurück, und ich glaube, es giebt ein fröhliches Wiedersehen?" Erröthend schlug das junge Mädchen die Blicke zu Boden. Sie wußte]a, was Holmfeld's Absicht war, und sie baten ihn nicht länger, zu bleiben. Der irdischen Gerechtigkeit war es zwar gelungen, die Unschuldigen vor einer unverdienten Strafe zu bewahren, allein es sollte ihr nicht vergönnt sein, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Als gegen Mittag der Gerichts- physikus mit einem Assistenten eintraf, um die seiner Zeit verabsäumte Sektion des alten Barons vorzunehmen, erhielt der Gendarm den Auftrag, den Gefangenen vorzuführen, damit er bei dem Akt zugegen sei. Mit bleichen und be- stürztem Gesicht aber kehrte er nach wenigen Minuten zurück, um zu melden, daß er seine Weisung nicht mehr ausführeu könne. Zn einer Viertelstunde minder sorgfältiger Bewachung war es dem Verbrecher gelungen, seine Hände von den Fesseln zu befreien und sich mittelst eines Taschentuches an dem Thürgriff zu erhängen. Tief erschüttert wandte sich der Untersuchungsrichter an den Polizeikommissar mit den Worten: „Diesmal hat un» ein Höherer in den Arm gegriffen. Unsere Arbeit ist hier zu Ende!" Gleich nach dem Bekanntwerden von Ramfeld's Tode war Zuanita verschwunden. Alle Nachforschungen, welche auf Elsbeth's Andrängen von dem Oberförster und von Nikolaus veranstaltet wurden, blieben ohne Erfolg, und das junge Mädchen mußte endlich die Hoffnung aufgeben, die Frau, der es so unendlich viel verdankte, wiederzusehen. Noch vor Ablauf der in Aussicht genommenen zwei Tage aber schon die„Nationalliberale Korresv", daß es auf eine Ejr höhung der Friedenspräsenzstärke um nicht weniger als 41 135 Mann abgesehen sei. Damit würde die Friedenspräsenzstärke von 427 274 Mann auf 468 409 Mann erhöht werden. Die Erhöhung würde also nahezu ein volles Zehntel betragen. Im Jahre 1880 hat sich die Er- höhung bekanntlich nur auf 26 000 Mann belaufen. Bis da- hin betrug die Friedenspräsenz nämlich 401659 Mann. Jene neue Erhöhung der Friedcnsvräs enzstärke würde die laufenden Ausgaben um ungefähr 26 Millionen Mark erhöhen. Dazu würden aber noch mindestens 40 Millionen zur ersten Bekleidung und Ausrüstung und weiterhin noch 40 Millionen für neue Kasernen kommen müssen. Die gemeldete Erhöhung würde in ihrem Umfange der Errichtung von ungefähr zwei neuen Armeekorps gleichkommen!" Dre Session scheint gut anlangen zu wollen. Auflösung des Reichstags. Man schreibt uns: Seitdem es feststeht, daß die neue SeptcnnatSvorlage schon zu Anfang der bevorstehenden Reichstagsscsston eingebracht werden wird, zerbrechen sich viele Leute den Kops, was geschehen wird, wenn der Reichstag die Vorlage ablehnen würde. Mancher ist dann gleich mit der Antwort bei der Hand, daß dann der Reichskanzler den Reichstag auflösen würde. Die Neuwahlen würden dann schon nächstes Frühjahr stattsindcn und zwar unter der Parole:„Rcichsfeino" oder„Reichsfreund". Man glaube in Regierungskreisen dann auch für manche anderen Fragen ein zugänglicheres Parlament zu erhalten, als das gegenwärtige. Die Situation erinnert lebhaft an diejenige des Vorjahrs. Da spielte das Sozialistengesetz dieselbe Rolle� wie jetzt das neue Militärgesetz. Wenn der Reichstag das Sozia- liitengesetz nicht verlängert, dann wird er aufgelöst. Ja, wenn! Windthorst kommandirte seine Mannen in genügender Anzahl ab, das Gesetz kam zu Stande und der Reichstag wurde nicht aufgelöst. Tasselbe Spiel wird sich bei der Äilitärvorlage wiederholen. Die Abg. Richter und Windthorst werden höchst schneidige Reden halten, die Richerts und Frankensteins werden abwiegeln und bei der Abstimmung werden 30—40 Zentrumsmänner und am Ende auch noch etliche rechtsflügclige Freifin- nige für das Militärgesetz stimmen. Mit der Auflösung dürste es somit kaum etwas werden. Ultramontane Arbeiterhetze. Wir haben schon oft darauf hingewiesen, wie das Zentrum, seitdem es seinen Frieden niit der Regierung gemacht hat oder doch zu machen sich anschickt, auch gegen die Arbeiter eine ganz andere Stellung cinzu- nehmen beginnt. Es verzichtet immer mehr auf die tönende Frciheitsphrase und entpuppt sich auch äußerlich als die reaktionäre Partei, die es im Innern von jeher war. Es ver- wundert uns daher auch gar nicht, heute in der„Germania" folgende redaktionelle Bemerkung zu einer Korrespondenz aus Belgien zu lesen:„Tie fortwährenden Streiks sind um so bc- dauerlicher, als sie vielfach nicht durch Roth und Nothwehr her- vorgerufen, sondern in den meisten Fällen in Arbeiter- forderungen der ü b e r m ü t h i g st c n Art ihre Ursache haben. Die Agitatoren fassen den Streik als eine Art von Uebungs- excrziren auf, die Arbciterdataillone sollen Schulung und Em- hcit gewinnen, sie sollen Werkzeuge in der Hand der Dirigenten werden. In der unverantwortlichsten Weise wird dann ein Streik vom Zaune gebrochen. Die Faulenzerei treibt dann die Arbeiter immer tiefer in die Roth und damit immer weiter in die Arnre der Agitatoren. Daß bei den häusig stattfindenden Meetings der Flasche fleißig zugesprochen wird, dürfen wir wohl kaum hinzufügen."— Schöner hätte es das erste beste Reptil auch nicht machen können. Sozialistisches. Aus Neumünster erfährt der„Hamb. Corr.":„Bei mehreren hiesigen Anhängern der sozialistischen Partei sino am Sonnabend polizeiliche Haussuchungen nach verbotenen Schriften vorgenommen und der Tapezier Eugen Grünberg(aus Hamburg-Altona ausgewiesen) ist ver- haftet worden. In der hiesigen ländlichen Umgegend wur- den in den letzten Tagen Flugblätter über„Was hat die länd- liche Bevölkerung von der Sozialdemokratie zu erwarten" ver» breitet und auch in hiesiger Stadt wurden gestern Abend Flugblätter vertheilt. Ob die obengenannte Haussuchung und Verhaftung mit der Flugblattervertheilung im Zusammenhang steht, haben wir nicht erfahren." Auch aus hamdurgischem Gebiete, und zwar in Bcrgedorf, hat, wie wir schon berichteten, eine Vetthcilung von Flugschriften stattgefunden. Der„Hamb. Corr." berichtet auch darüber:„Am Sonntag wurden hier der Bildhauergchilfe Krug und der Maurergeselle Voigt, beide aus Hamburg, dabei abgefaßt, daß sie sozialdemokratische Flugblätter in die Häuser warfen. Auch in Friedrichsruh und Um- gegend sollen mehrere Leute dabei ettappt und ver- haftet worden sein."— In Ergänzung dieser Mit- theilunaen schreibt man der„Krcuzztg." unter dem 22. d. M.: „Die sozialdemokratische Partei hatte gestern wiederum eine Agitation geplant, bei welcher es sich um die Verbreitung einer Flugschrift unter der Landbevölkerung handelte. Die Altona- Kaltenkirchcr Bahn führte nämlich gestern Morgen eine große Anzahl junger Leute, von denen auf jeder Station einige aus- stiegen unter dem Vorgeben, landwirthschaftliche Produkte, Schweine und Kartoffeln kaufen zu wollen. In jedes Haus, kehrte Holmfeld zurück, und das glückstrahlende Gesicht, mit welchem er seine Braut in die Arme schloß, verkündete im Voraus fröhliche Botschaft. Der Segen der Eltern war erlangt, und mit sonnigem Lächeln überreichte Holmfeld der erglühenden Elsbeth das erste Exemplar der gedruckten Vcrlobunasanzeigen. Ein fröhlicher Schmaus im Hause des Oberförsters sollte den glücklichen Tag beschließen. Als man sich eben anschickte, zu Tisch zu gehen, brachte der Post- böte einen an Elsbeth adressirten Brief. Die Schriftzüge waren ihr wohl bekannt. „Er ist von der Mexikanerin," sagte sie, ihn erbrechend, „und aus Bremen datirt. Ich lese ihn Euch vor." „Mein liebes Fräulein! Zn dem Augenblick, da ich mich anschicke, den Boden Europas zu verlassen und in meine ferne Heimath zurückzukehren, sende ich Ihnen meinen letzten Gruß. Möge Ihnen nach all' den erlittenen Prüfungen das Glück so reich zu Theil werden, wie Sie es verdienen!— Behalten Sie mickL wenn es sein kann, in freundlichem Andenken; vergessen Sie, daß die Rachsucht eines tödtlich beleidigten Frauenherzens die Triebfeder meines Handelns gewesen und veralten Sie mich nicht, auch wenn Sie die Leidenschaften meiner Brust nicht begreifen konnten. — Gott segne Sie!— Leben Sie wohl! Zuanita." In der That blieb den Behörden und Gerichten auf Brandenstein nichts mehr zu thun. Die ganze Affäre war durch die Beseitigung des Schuldigen beendet und die Kunde der düsteren Ereignisse drang darum nicht erst in weitere Kreise.— Das prächtige Rittergut fiel au eine Reihe sehr entfernter armer Verwandter, die der Baron niemals gesehen hatte, und da keiner von ihnen bemittelt genug war, es allein zu übernehmen und die Miterben durch Geld zu ent- schädigen, so kam Brandenstein zum Verkauf. Die günstige Konjunktur benutzend, erwarb der Oberförster v. Nuggenhagen einen größeren Theil, welcher unmittelbar an seine kleme Besitzung grenzte, um dieselbe seiner Tochter und seinem Schwiegersohn als Mitgift zum Geschenk zu machen und sie gemeinschaftlich mit ihnen zu bewirthschaften. in jede Käthe wurde bald eine in der Schweizer Genossen« schaftsdruckerei Hottingen-Zürich gedruckte Flugschrift: Was hat die ländliche Bevölkerung von der Sozialdemokratie zu ermatten?" getragen. Die Polizei war jedoch von dem Plane unterrichtet und hielt scharfe Wache auf allen Bahnhöfen. In den Dörfern Rellingen und Pinncbergdorf wurden 5 Personen bei der Ver- breitung des Flugblattes betroffen und verhaftet. In Elmshom wurden 7 Personen, am Altonaer Bahnhofe wurden 10 derselben festgenommen. Bei sämmtlichcn Verhafteten sind noch Flugschttsten vorgefunden worden. Die Verhafteten find alle ganz junge Leute, die man besonders für solche Agitation gewählt hatte, damit bei etwaigen Ausweisungen keine Familie zu leiden hat. In Hamburg war die Polizei von dem Handstreich der Sozialdemokraten schon am Sonn- abend unterrichtet."— D i e Namen der in Frank- furt a. M. verhafteten Sozialdemokraten sind: 1) Schneider Hermann Glockzin; 2) Zigarrenhändler Josef Huber; 3) Schreiner Anton Herbst; 4) Tylograph Adolf Gerecke; 5) Schreiner Gustav Klcinschmidt; 6) Schlosser Peter Jacobs; 7) Schreiner Franz Fechcr; 8) Schneider August Bornstein; 9) Stcindrucker Wilhelm Trompeter; 10) Gastwitth Heinrich Prinz; 11) Kaufmann Oskar Füllgrabe; 12) Schneidergeselle Gotthelf Richter; 13) Schloffergeselle August Berger; 14) Schlosser Gotthelf Hadter; 15) Bandweber Peter Rücker; 16) Echneidergcsellc Hermann Wächter; 17) Schneivcrgcsclle Johann Wißwäffer; 18) Schneidergeselle Karl Heiligcnstein; 19) Schnci- dergcselle Peter Klippel; 20) Schneidergeselle Geinnch Blomen- kamp; 21) Schreinergcselle Adam Schubart; 22) Schreiner- geselle Ferdinand Günther; 23) Schlossergeselle Konrad Schaper; 24) Schreiner Eduard Steinbrenner; 25) Schreiner Heinttch Schmidt. Elberfeld, 23. November. Seitens der Staatsanwaltschaft ist dem Schriftsteller Ferdinand Gilles die Mittheilung zu- gegangen, daß in einem Ermittlungsvettahren gegen denselben wegen Vergehens gegen den§ 131 R.-Str.-G.-B.(Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen) mit Verfügung vom 18. d. M. das Verfahren eingestellt worden ist. So weit uns bekannt, bezog sich dieses„Ermittclungsverfahren" auf eine redattionelle Bemerkung zu einem Sttafkammerbettcht der Elbcrfeldcr„Freie Presse", worin die Zeugenaussage eines fostdirektors, daß die Postbeamten postseitig zum irchenbesuche angehalten würden, entsprechend bc- leuchtet worden war. Den Strafantrag stellte die Oberpost- direktion zu Düsseldorf, worauf die Staatsanwaltschaft gegen Gilles eine Untersuchung wegen Verächtlichmachung einer Staatscinttchtung, der Reichspost nämlich, eröffnete. Daß diese Untersuchung zu einem negativen Ergebnisse führen werde, war vorauszusehen. Potsdamer Zustände. Wir entnehmen der ,,Fr. Ztg.": In Potsdam besteht bekanntlich eine königliche Polizeiverwallung. Dieselbe hält sich jetzt sogar für berechtigt, die Versammlungen des Droschkenvereins zu überwachen, und verlangt, daß jeder Redner Namen und Wohnung angiebt. Eine Gcneralvcrsamm- lung des Ortskrankenkaffenvercins der Schlosser konnte nicht fortgesetzt werden, weil der Polizeikommissar wegen nicht erfolgter polizeilicher Anmeldung Widerspruch erhob. Gegen den Vor- fitzenden des Droschkcnvereins versuchte die Polizei eine Klage einzuleiten, weil er unangemeldet eine Vorstandssitzung in seiner Wohnung abgehalten habe. Die Staatsanwaltschaft stellte indessen die Verfolgung ein. Schon findet der Droschkenverein bei den Witthen kein Lokal mehr, so daß die nächste Versamm- lung im Pferdestall eines Droschkenbesitzers stattfinden muß. Der Polizeipräsident von Potsdam ist bereits zurSchadloshnltung einem Droschkenbefitzer gegenüber vcruttheilt worden, weil er auf Grund einer nicht rechtsbeständigen Polizei- Verordnung demselben den Fahrschein entzogen hatte. In einer Buchdruckervcrsammlung am Sonntag verlangte der Polizei- beamte, daß der Bottragende, welcher von außerhalb gekommen war, sich dmch einen Paß oder dergleichen legctimire.— Solche Potsdamer Zustände haben eine unverkennbare Aehnlichkeit mit den Zuständen in Ostpreußen. Schwei?. Im„Entlebucher Anzeiger"(Luzern) wird die u n e n t- geltliche Verabreichung derLehrmittel in den Schulm lebhaft befürwottet. Dänemark. Der ersten Kammer lagen am Sonnabend zwei höchst interessante Vorlagen zur Berathung vor: die Vorschläge der sozialdemokratischen Mitglieder, betreffend ein Gesetz über eine der hauptstädtischen Gemeinde zu gewährende Anleihe zur Regulirung der Bauverhältnisse, sowie zur Aufführungvon Arbeitcrwohnungen, und ein Gesetz zur Veranstaltung von Maß- nahmen zur Abstellung der Arbeitslosigkeit. Der erstgenannte Vorschlag rief eine lebhafte Debatte hervor, deren Resultat dann bestand, daß er einen: Ausschusse übergeben wurde, welchem Schicksale auch der zweite Vorschlag, dessen Berathung nur sehr kurze Zeit in Anspruch nahm, anheimfiel. Ob das einem Be- gräbniß gleichkommt, vermögen wir nicht zu beuttbeilen. Wahr- scheinlich! Das ist ja das Schicksal aller Vorlagen von Arbeiten: ettretern. Ans Knnst mifc Zeven. Im Berliner Stadttheater fanden die Extra-Vorstellungen bisher stets vor auSverkauftem Hause statt und sieht sich des« halb die Direktion veranlaßt, dieselben am Freitag und Sonn- abend in dieser Woche zu wiederholen. Die gerngeschenen Gäste dieser Bühne: Frl. Ida Müller, Herr Max Samst und Herr Franz Tragau werden die Hauptrollen in Charl. Birch- f feiffer's romantischem Schauspiel„Pfefferrösel"(Freitag) und arl v. Holtci's vaterländischem Schauspiel„Lenore"(Sonn- abend) übernehmen. Bons haben Giltigkeit; das Rauchen ist an diesen beiden Abenden nicht gestattet. Eine anthropologische Sehenswürdigkeit von ganz außergewöhnlichem Interesse wird von einem hiesigen Etabliffc- mcnt für die nächste Zukunft fignalisttt. Auf der Ueberfahtt von West-Jndien nach Europa defindet sich eine aus Männern» trauen und Kindern bestehende Karawane von Kariben oder rowaken, also Nachkömmlinge jener Ureingeborenen der An- tillen, die Kolumbus, als er auf seiner Entdeckungsreise jenseits des Meeres zum ersten Mal daS Land betrat, zuerst gesehen hatte. Bekanntlich wurden diese Ureingeborenen, die Kattden, von den Europäern und den afnkanischen Negern fast gänzlich bis auf 30 Familien vernichtet. Zwei Familcen dieser letzten Überreste, im Ganzen 14 Personen, werden sich nun mit ihren Witthschaftsgeräthcn, Zelten, Waffen und Instrumenten hier zeigen und dem Publikum ein anschauliches und lebensvolles Bild von ihren uralten Sitten und Gebräuchen vorführen. Räuber und Schauspieler. Da sage Einer noch, es gebe keine Roniantik mehr im Theaterleben! Vor den Assisen zu terugia findet am 1. Dezember die Verhandlung gegen den chauspieler Luchino Reste statt, welcher überführt ist, ein Mitglied jener berüchtigten Räuberbande gewesen zu sein, die im Jahre 1874 vom Gerichtshofe zu Ravenna abgcuttheilt wurde und wobei auch ein Bruder des Resta zu langjähngem schwerem Ketter vcruttheilt ward, während Luchino sich da- mals dem Arme der Gerechtigkeit durch die Flucht entzogen hatte. Vor Kurzem wurde nun der Räuber- Schauspieler in einem Pariser Theater verhaftet, wo derselbe Charakterrollen und erste Chargen spielte und ein beliebtes Mitglied der Ge- sellschaft war. Luchino Resta, dem mehrere schwere Verbrechen zur Last gelegt werden, hatte seit seiner Flucht ein abentcuer- liches Leben in Spanien, Frankreich jc. geführt und sieht jetzt seiner Bestrafung entgegen. Verrückte Studenten. London, 19. November. Eine französische Primadonna, welche eine deutsche Opermolle in Schwede«««d Uarwege«. Auch in Schweven stehen jetzl die Sozialistenver» folgungen in Blüthe. Wie gemeldet wird, ist vor einigen Tagen der vielfach erwähnte Schneider Palm, welcher als Führer der schwedischen Sozialisten gilt, in Hudickswall vom dortigen Gerichte verschiedener„aufrührerischer Auslassungen" wegen zu einer dreimonatigen Gefängnißstrafe vcruttheilt wor- den. Die Bourgeoisblätter befürwottcn weitere Maßregelungen und die Regierung wird es zweifellos daran nicht fehlen lassen. Kelgien. In Belgien wird die jetzt in Angriff genommene Frage der Ärbeiterunfallversicherung demnächst von der Euquetekommisfion der Regierung in Berathung genommen werden. Ter Bericht des dafür destellten Referenten Jacobs, Mitgliedes der Teputittenkammer, geht, wie der Entwurf selbst, von dem Grundsatze aus, daß die Intervention des Staates auf das„bescheidenste" Maß zu beschränken und in der Ver- ficherung der Arbeiter eine„vermittelnde" Bahn einzuschlagen ist. Abgesehen von den einzelnen Bestimmungen, die erst nach der Kommissionsentscheidung Wctth erhalten, ist das im Gesetz« entwürfe festgestellte System folgendes: Ohne die Vorschriften des Zivilrechts zu ändern, soll den Arbeitgebern der„gefähr- lichstcn" industriellen Unternehmungen, d. h. derjenigen Wette» bei denen Dampf, Gas oder Elettrizität als Treidkraft ange- wendet wird, vor Inbetriebsetzung ihres Unternehmens die Ver« pflichtung auferlegt werden, ihre Arbeiter gegen mögliche Un- fälle zu versichern. Der Arbeitgeber kann sich den Versicherer nach Belieben wählen, nur ist cr Bürge für die Zahlungsfähig- keit desselben. Schließt der Unternehmer keine Versicherung ab, so gilt er selbst als Versicherer; in diesem Falle kann eine Kaution als Bürgschaft für jede erworbene Rente verlangt wer- den. Dem verletzten Arbeiter oder den Erben des verletzten Arbeiters steht es frei� auf dem Rechtswege von dem Urheber des Schadens die Dinerenz zwischen dem Wetthe der gesctz- lichcn Rente und einer vollständigen Schadloshaltuna zu fordern. Das Gesetz will also die Zwangsversicherung einführen ohne Bildung einer Zwangsversicherungs-Gesellschatt. In der Teputittenkammer erläutette Oultremont seinen Antrag, betreuend die Einführung der persönlichen Militär- d i e n st p f l i ch t, gegen welchen der Kriegsnrinister verschiedene Einwendungen erhob. Die Kammer beschloß, den Antrag in Erwägung zu ziehen. Frankreich. Die französische Teputittenkammer hat ein Amendement betreffend Aufhebung des Unter st aatssekrctär Postens mit nur vier Stimmen Majorität verworfen. Vier Unter« staatssckretäre haben in Folge dessen ihre Entlassung eingereicht. Ferner nahm die Kammer ein Amendement, welches die Forde« rung für Besoldung der Beamten des Finanzministenums um 618000 Frls. herabsetzt, trotz der Einwendungen des Finanz? Ministers Sadi Carnot, an. Andere ähnliche Amendements wurden gleichfalls in Erwägung gezogen, obgleich der Minister dagegen war Die ohnedies erschütterte Stellung des letzteren dürfte dadurch schwerlich gestärkt werden. Großbritannie«. Die auswärtige Politik Englands, schreibt man der„Magd. Ztg.", weist zur Zeit deutlichere Akzente auf als jemals seitdem Lord Beaconssield von der Regierung znrückgettetcn ist, und wenn die englischen Diplomatm mir demselben Geschick dabei verfahren, welches sie in der letzten Zeit entwickelt haben, so ist vorauszusehen, daß Englands Stimme im Rath der Völker wieder so einflußreich werden wird, wie je zuvor in diesem Jahrhunvcrt. Was man an der Politik Lord Salisbury's und seiner Freunde heute lobt, daS ist vor Allem der Umstand, daß sie Umficht und Kühnheit ver- eint. Sie ist gleich weit entfernt von der oft abenteuerlich ge» attetcn aggressiven Politik Lord Palmcrston's, wie von der Zaudcrpolitik Mr. Gladstonc's, der stets den Versuch macht, den Pel� zu waschen, ohne ihn naß zu machen. Im Schooß« des Kabmets von Sankt James weiß man, daß die politische Situation große Vorsicht erheischt, wenn nicht die kostbaren Güter des ,«iedens um ein Kleines auf's Spiel gesetzt werden sollen.?ioch hat der andere Theil seine letzten Kattm nicht ausgespielt, noch kann man ruhigen Blutes abmatten, welch« Trümpfe er noch in der Hand hat. Zu einer offenen Sprach« ist es also noch Zeit. Ucbrigens weiß man, daß die englisch« Politik nicht allein in Bulganen wachsam ist. Mit ebm s« großer Sorgfalt blickt sie nach Indien und Egypten. J» London hat man schon vor einiger Zeit Nachrichten über russisch« Truppenbcwcgungm an den Grenzen Afghanistans erhalten, und wenn man daraus auch keine unmittelbaren Besorgniss« schöpft, so hat man doch Veranlassung genommen, gewisse mil'f tänsche Maßregeln der Vorficht zu treffen. Von englischer Seck« in Berlin wird das bestätigt, mit dem Zusatz:„Wir sind«ut Alles gefaßt.". liebet die sozialistische Demonstration aus Trafalgar-Square schreibt man dem„Hamb. Corr." unter London, 22. November:„Die von der sozialdemokratisch«" Vereinigung beschlossene Massen-Kundgebung, um der Reg:«' englischer Sprache singt, Frau Marie Roze, bringt augenblicklich die schottischen Studentemin Edinburg um ihren Verstand. Ai» Mitglied der englische:: Operngefellschaft Karl Rosas sang m Bizets Carmen und die Elsa aus Wagners Lohengttn; S""" eine schwarzhaattge Elsa, aber so bezaubernd in Erscheinung w»? Stimme, daß die Edinburger Kunstkritik darauf schwött, ß« hinsüro die deutfche Elsa rncht mehr ohne die Französin PW Roze vorstellen zu können. Und die Studenten vollends vcr ehtten ihr an einem Carmenabend eine rothe dlauquasng Swdentenmütze, einen silbernen Straußhalter und ein wews? wo Matte Roze abgestiegen. Vom Balkon aus hielt n-, der Etudentenmütze auf dem Kopfe, an ihre„entzückten beter" eine Dankesrede, welche mit den Worten:„Ich laß m«� Herz bei Euch" und einer Kußhand schloß. Eine glühende Phantasie hat augenscheinlich der R«� teur des in Ottowa, Jlls., erscheinenden„Herold".-t.eri. entwirft— um ein Beispiel anzuführen— von einem eng amerikanischen Journallsten, mit dem er fortwährend m liegt, das folgende liedliche Bild:„Eine rcqenschirmattrg � gestülpte Schnupftabaksnafe that seinem Ansehen werter l Abbruch und die bajazzomäßigen Hanswurstiaden des""f dürren kleinen Rüpels wurden als Genialität bewundett- von Ohr zu Ohr sich erstreckende Vollmatrosenschnute-.„fts Osten und Westen seines röthlich schimmernden Wane � von enormen sechszehnzölligenHottentotten-Gehörmuscheln t � wird, sprudelt mitunter kleine Niagarafälle vatentrttn v samkcit hervor, bei welcher Gelegenheit seine wässengen fnu(n« äugelein in ihren Räuberhöhlen funkeln und d:e zwwn � attigen Echwcfelholzbeinchen wackeln und zittem, als oo Zipperlein in ihren Zunderknöchelchen hätten. � Au« dem Aachener Zeitungsmuseum. An daS� O. v. Forckcnbeck begründete, gegenwättrg vom Redau«» � Schlesinger verwaltete Zeitunasmuseun: in Aacken««' �jche so schreibt man der„K. Ztg.",:n den letzten%»««nt- und bemerkenswetthe Zuwendungen Um nur emcge». lich zu erwähnen, so erhielt das Zeitungsmuseum �iieb«": Vertreter des Deutschen Reiches in Tokio, fc««™'?ne"nK„Fl1 über 50 japanische Zeitungen. Der in Tokw ebc"?5 Schimbün" sandte dirett zwei Nummern semes Bio L. Möller, Herausgeber des ,,Atn»x»g61mt>t" Govt» ttuanumnosassanik univkat", zwei Jahrgänge dm« fung und dem Publikum das Elend der beschäftigungslosen «rdeiter vor die Augen zu führen, fand gestern Nachmittag um 3 Uhr auf Trafalgar-Square unter dem Zusammenfluß großer Voltsmassen statt, ohne zu Ausschreitungen und Ruhestörungen «eführt zu yaben. Es waren nahezu 4000 Polizeikonstabler, darunter etwa 100 berittene, aufgeboten, während in den Kasernen 500 Mann Militär in Bereitschaft gehalten wurden, mn nöthigenfalls sofort zur Unterstützung der Polizei einzu- ichreiten. Auch waren in den Militär-Devots Friedensrichter anwesend, um erforderlichenfalls die Aufruhrakte zu verlesen, welche Förmlichkeit dem englischen Gesetze gemäß dem Ein- streiten des Militärs vorausgehen muß. Um den Trafalgar- Square hemm war ein Doppelkordon von Polizisten gezogen, und im Square selber waren an vier Punkten starke Ab- theilunaen von Schutzleuten postirt, während in den bcnach- varten Straßen ansehnliche Reservemannschaften stationirt waren! Kurz vor 3 Uhr langten die Sozialistenvereine, welche sich an der Kundgebung betheiligten, aus allen Theilen Londons mit Fahnen und Musik unter den Klängen der„Marseillaise", be- Sleitet von großen Pöbelmassen, auf dem Square an, und bald darauf begann das Meeting. Von fünf Tribünen herab wur- den von je 4 Rednem Ansprachen an das Volk gehalten. Das bedeutendste der fünf Meetings war das, bei welchem der Sozialist John Ward, welcher nach der Sozialisten kundgebung am Lordmayorstage eine Rolle in dem Bowstrcet-Polizeiacricht ssespielt hatte, den Vorfitz führte, und äußerst heftige Reden Ehalten wurden. Auf anderen Tribünen hielten Hyndman, Äilliams und Champion Ansprachen. Letzterer bemerkte u. a., die Lage der Arbeiterklassen in großen Städten wäre eine ständige Bedrohung der Zivilisation; der Tag werde kommen, wo die Unzufriedenheit einen solchen Grad erreichen werde, daß die Arbeiter fühlen würden, daß es besser sei, kämpfend zu sterben, als zu verhungern. Ein Sozialist, Lunn, forderte die Arbeiter auf, sich zu vereinigen. Nachdem noch andere Redner Ii ssvrochen, wurden Resolutionen angenommen, welche zur Ab- lüfe des gegenwärtigen Nothstandcs unter den Arbeitern die ofortige Jnangrissnahme von öffentlichen Arbeiten, die Ver- urzung der Arbeitszeit in den Regiemngswerkstätten verlangen, bre Weigemng des Premierministers, eine Deputation der Ar- beitslosen zu empfangen, beklagen, und die Mitglieder der Ge- werkvereine, welche jüngst den Prinzen von Wales in Sand- Ungham besuchten, tadeln, worauf sich eine aus sechs Personen bestehende Deputation nach der Wohnung Lord Salisburq's *n Arlingtonstrcet begab und in der Abwesenheit des Premiers «ne Abschrift der Resolutionen bei dem Portier hinterließ. Kurz nach 4 Uhr löste sich das Meeting auf, die Sozialisten- vercrne traten ihren Rückmarsch an, und der Square und dessen Zugänge wurden sodann von berittenen Konstablem besetzt. Bei einbrechender Dunkelheit hatten Trafalgar-Square und bre benachbarten Straßen wieder ihr normales Aussehen. �mem ungefähren Ueberschlag nach waren ca. 5000 Menschen «uf den Beinen. Italie«. Die bulgarische Frage wird nächster Tage auch im rtalienischcn Parlament zur Diskussion gelangen. Ein Tele« stramm meldet darüber: Rom, 23. November. Der Minister stes Auswärtigen, Graf Robilant, legte in der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer die, die bulgarische Frage betreffenden Aktenstücke vor. Am Sonntag wird der Minister die Jnter- pellationen bezüglich der auswärtigen Politik beantworten. Kalka» tattder. Die„Voss. Ztg." schreibt: General K aulbars ist bis Zum letzten Augenblick auf bulgarischem Boden sich selbst treu geblieben. Seinen Einzug in Bulgarien charakterisirte brutale Ueberhcbung, sein Auszug, wie ihn unser Spezialkorrespondent Widert, entbehrte auch nicht der nöthigen Brutalität. Unser Korrespondent telegraphirt uns nämlich aus Sofia: Kaulbars Meise ging ohne Sang und Klang vor sich. Während der �esse erklärte er: Ich verlasse Bulgarien, weil der Kaiser nichts �2 mit einer Regierung von Klopffechtern zu thun will. So lange diese Regierung am Ruder bleibt, wird m llmien nichts Gutes von Rußland zu hoffen haben. Der niDWchaft ist angezeigt, daß die diplomatische Verbindung «Mwchen ist. Alle russischen Konsule find abgereist, nur die in* te flnd zurückgeblieben. General Kaulbars war krank, surf.» izter Stimmung und entmuthigt. In Philipvopel ver- er Flugschriften zu verbreiten. Als ein bulgarischer Gen- t-�bies verbot, schimpfte Kaulbars die Regen- «r ÜiÄ* gabunden. Darüber, erwiderte der Gendarm, sei rni». berufen, zu urtheilen, aber er verbiete die Vertheilung Norf. V�ührerischen Schriften. Kaulbars sagte erregt: Ich gehe »iftL m ersburg, um meinem Herrn zu sagen, daß Eure Mi- ian rS olksau ssauger und Bedrücker find.— Gad- jvWCssendi erforschte die Ansichten der Regenten bezüglich des oriDt von M in grelien; Stambulow erwiderte, er werden �ß die Bulgaren den Mingrelier wählen ... Afie«. tEßJde Politik des chinesischen Reichs ist stets eigen- ��ch�ahne�ewandett��ebe�a�neuest�V� cincr dänischen Kolonie an der Westküste Grönlands, Aiiin Pölich erscheinenden illustrirtcn Eslimozeitung. Herr Exs�ev hatte sich seiner Zeit der Expedition Nordenskjöld's zur Unh 7ung des Binneneises in Grönland angeschlossen lni.t.�"eferte in seiner Zeitung durch Zeichnungen er- den! Verichte über diese Reise. Sein Bild, in h(ar;,.von Nordenskjöld zuletzt herausgegebenen Werke nefnrnl enthalten, weist ein kluges Gesicht mit aus- Seim a e.I!em EskimotypuS auf. Aus nördlichen Breiten trafen A,. est u, M s m u s cu m ferner ein die in Tromsö erscheinende Nis.» �/�llftstidende" und eine Karnevalszcichnung Fastclauens- jw ,. Aebrigcns besitzt das Zeituugsmuscum schon von früher „z,'"e Rummer des in Hammerfest herausgegebenen Blattes Eri-m„.�sv". Um die Bereicherung des Zcitungsmuseums mit � Zeugnissen des südamerikanischen Zcitunaswcsens macht sich A>J?�V�eber ber deutschen„La Plata-Zeitung" in Buenos Zi„,„' Herr L. Tjarks, besonders verdient; ihm verdankt es BUm.tp?1 von sämmtlichen in der Hauptstadt der Argentinischen i �./vscheincndcn Blättern, nämlich 23 spanische, 5 deutsche, »us nn'�e, 2 englische und 2 französische, außerdem Zeitungen Üitm,... ntcvideo, Bolivia u. f. w. Brasilische Zeitungen Und sn et.n ous Rio de Janeiro, San Leopoldo, San Paolo �ohia Bla lern er von der Östküstc Patagoniens aus vielJ��ongenehmer" Reisegefährte. Die Pariser Schau- ton% Mlle. Jeanne Marny fuhr am 19. d. mittelst Eilzuges Fr-�ouen nach Paris. In der Station Vemon stieg ein ihx"n, der sich ihr als Graf Pcrigor vorstellte und mit Ä-�viuthlich plauderte. Plötzlich sagte er dem entsetzten M.s 5°" lachend:„Wissen Sie, woher ich komme?— direkt lviel-fi? �vrenhause, aus welchem ich entfloh." Als die Sckau- fff ÄvM AK �lichrn � sln Messer hervor und brachte sich emige tiefe Noch,"E™ bei. Mit Hohnlachen setzte er hinzu:„Wenn Sie Blande,,.' e"' ersteche ich auch Sie; dann werden Sie es olhriannr obnmäd&tia suchte die verzweifelte Dame das ?Uf ihÄ»■ Wahnsinnige drückte die Schausprelcnn Nwmetn"'eder und begann, alles im Koupee zu zer- chinesischen Regierung berichtet der„Voss. Ztg." ein Telegramm aus Paris:„China will die fremden Länder, welche sich ge- schichtliche Bestandtheile des chinesischen Reichs angeeignet haben, zur alten Tributpflicht wieder heranziehen. Es fordert von Portugal für Macao den seit hundert Jahren unbezahlten Tribut für das ganze Jahrhundert nebst Zinsen. Gelingt es, den Anspruch durchzusetzen, so sollen Engtand für Hongkong, Japan für Linlin(Lutschu) und Frankreich für Änam an die Reihe kommen." Gerichts-Zeitung. Leipzig. 23. November. Der große Aufruhrprozeß, welcher gestern Vormittag 10% Uhr vor dem hiesigen Schwurgericht seinen Anfang nahm, hatte weniger Publikum vor dem Land- acrichtsgebäude versammelt, als man nach der Bedeutung des Prozesses und dem Staube, den er aufgewirbelt, erwarten durfte. Wahrscheinlich hatte der Umstand, daß der Eintritt in den Saal nur Karteninhabern gestattet wurde, die Neugierigen wieder verscheucht. Der Schwurgerichtssaal trug kein auffallendes Gepräge. In der Ministerloge wohnte Herr Landgerichtsdirektor Schurig mit einem jüngeren Herrn der Verhandlung bei. Als Zeugen sind 9 Herren und 3 Damen erschienen; den Gerichtshof bildeten die Herren Landgerichtsdirektor Pusch als Vorsitzender und die Landgcrichtsräthe Gruber und Dr. v. Sommerlatte als Beisitzer; die Anklage führte Herr Staatsanwalt Häntzschel; als Verthei- diger fungiren oie Herren Justizrath Anschütz, Justizrath Oertel, Rechtsanwalt Broda und Rechtsanwalt Dr. Zehme. Es wird sodann die Geschworenenbank gebildet und auch ein Ergänzungsgeschworencr ausgeloost. Der Vorsitzende tritt darauf in die Verhandlung ein und stellt zunächst die persön- lichen Verhältnisse der vier Angeklagten fest. Dieselben ergeben sich wie folgt: 1) Karl Friedrich Richard Schumann, geb. 1. Ottober 1860 zu Leipzig, hat hier die Schule besucht und das Tischlerhand- werk erlernt, ist seit 1885 verheirathet, wohnte zuletzt in Leip- zig, Friedrichstraße 25, ist nicht Soldat gewesen, Einmal ist Schumann früher wegen Verdachts des Vergehens gegen§ 19 des Sozialistengesetzes in Untersuchung gewesen, jedoch am 9. August durch gerichtliches Urtheil freigesprochen worden, ist überhaupt unbestraft. 2) Franz Hermann Mehnert, geb. am 8. Juli 1855 in Colpa, einem Dorfe bei Dessau, hat in Volkmarsdorf die Schule besucht und später das Schlosserhandwerk erlemt, er wohnte zuletzt in Anger, war Soldat beim 107. Regiment, ist jetzt Landwehrmann; der Angeklagte ist noch unbe- straft. 3) Johann Wolfgang Pöhlmann, geb. am 26. Nov. 1861 in Thierstein, einem Dorfe bei Wunfiedel in Bayern, ist un- verheirathet, hat das Schneiderhandwerk erlernt, ist wie die Vorgenannten Gehilfe, wohnte zuletzt in Leipzig, Promenaden- straße 39, ist Reservist und noch unbesttaft. 4) Karl Rudolf Hugo Kießling, geb. am 10. März 1849 in Leipzig, verheirathet seit 1875, ist Notendruckergehilfe und hat zuletzt in Leipzig, Mittelstraße Nr. 24, gewohnt, ist nicht Soldat gewesen, einmal wegen Vergehens gegen das So- zialistengesetz mit 14 Tagen Gefängniß vorbestraft, sonst unbestraft. Es erfolgt sodann die Verlesung des Eröffnungsbeschlusses. Derselbe stellt den Vorgang, welcher die vier Genannten auf die Anklagebank gebracht hat, wie folgt dar: Am Nachmittag des 26. September haben sich 300—400 Personen im neuen Schützenhause versammelt, um den Angeklagten Schumann, welcher auf Grund des§ 28 des Sozialistengesetzes ausgewiesen war und spätestens am 27. September Leipzig verlassen sollte, das Geleit zu geben. Nachdem von mehreren Personen, von denen viele rothe Blumen im Knopfloche und rothe Shlipse trugen, sowie auch von Schumann Reden gehalten waren, begab sich der Zug durch die Frantturtcrsttaße, über den Fleischerplatz, durch die Pfaffendorferstraße nach Gohlis. Auf dem Wege wurde die Arbeiter-Marseillaise gesungen und am Ausgange der Pfayendorfersttaße eine rothe Fahne entfaltet. Es sprangen hierauf der Polizeilicutenant Zschucke, Kriminalwachtmeister Förstenderg und die Kriminalschutzleutc Zimmermann und Richter, welche mit Herrn Oberwachtmeister Jrdel in der Pfaffendorfer- straße dem Zuge folgten, am Ausgange der ge- nannten Straße auf einen Pferdebahnwagen und fuhren dem Zuge nach. Herr Jrdel fuhr nicht mit. Als der Wagen in die Nähe des Fahnenträgers gekommen war, sprangen die Genannten ab und stürzten sich mit den Motten: „Wir flnd Polizeibeamte!" in den Zug und auf den Fahnen- träger, um diesen aus dem Zuge herauszuziehen. Sie wurden jedoch, als sie kaum den Fahnenträger ergriffen und ein Stück herausgezogen hatten, von den Zugtheilnehmern umringt und mit Fäusten, Stöcken und Schirmen deratt geschlagen, daß sie von ihrem Vorsatz Abstand nehmen mußten. Es gelang den Herren Zschucke und Richter, sich fliehend zurückzuziehen, während Förstenderg und Zimmermann durch Vorhalten ihrer Revolver die Menge von sich zurückschreckten. Es soll nun der Angeklagte Schumann dadurch, daß er dem Fahnenträger zurief:„Fahne hoch!— Fahne höher!" zum gewaltthätigen Vorgehen gegen die Beamten aufgefordett, die Angeklagten Mehnett, Pöhlmann und Kießling— sämmtlich im Bewußtsein der Ungesetzlichkeit ihrer That— die Beamten umdrängt, Mehnett nach Zschucke und Zimmermann, Pöhlmann nach Förstenderg, Kießling gleich- falls nach Zschucke geschlagen, hierdurch aber an dem Ausnihr der Uebrigcn sich bethciligt haben. Die Anklage ist auf Grund des § 115, 1, 2 in Verbindung mit§ 113 des Strafgel ctzbuchs erhoben, Schumann, den die Anklage als Rädelsführer bezeichnet, hat sich in Folge seiner Aufforderung des Tragens republikanischer Abzeichen«die rothe Fahne) auch noch gegen die Verordnung vom 14. Juli 1849 zu verantwotten. m Nach Verlesung der Änklageschttft schritt der Vorfitzende zum Verhör der Angeklagten. Schumann erklärt, er sei nicht- schuldig. Er erzählt darauf, wie seine Freunde ihm vom Neuen Schützenhause das Geleit gegeben. Reden habe er nicht ge- halten, fondern sich im Neuen Schützenhause lediglich für das Erscheinen der Freunde bedankt und die Gründe seiner Aus- Weisung dargelegt. Er bestreitet, gesagt zu haben,„Fahne hock" ic., will auch das rothe Tuch als Fahne nicht angesehen, auch nicht neben dem Fahnenträger, sondem am Ende des Zuges gegangen sein. Von dem Angriff auf die Polizeibeamten will er nichts gesehen haben. Er ist nach der Schlägerei nach Gohlis gegangen. Der Angeklagte Mehnett erklätt sich gleichfalls für nicht- schuldig. Er sei auf dem Fleischerplatze zufällig auf den Zug gestoßen. Er sei nicht in der Nähe der Fahne gegangen, habe auch nie einen Stock getragen. Er habe nach der Schlägerei noch ein Glas Bier im Gasthofe zum Anker ge- trunken und sei dann nach Hause gegangen, wo er am anderm Morgen arretitt worden sei. Er interesfire sich für die Sozial- demokratie und deshalb sei er dem Zuge gefolgt, nicht aber um zu demonstttren. Der Angeklagte Pöhlmann hat früher zugegeben, daß er nach Förstenderg einen Schlag gefühtt, aber nicht aettoffen habe, fodann hat er seine Aussage dahin abgeändett, er habe nur aus- geholt zum Schlage, aber, als er Förstenderg erkannt, ab- gelassen. Auf die Frage, ob er Anhänger der Sozialdemokratie sei, erwiderte er, er sei noch nicht so eingeweiht. Der Angeklagte Kießling leugnet gleichfalls, an der Schlägerei sich betheiligt zu haben, er sei auch nicht dirctt am Zuge betheiligt gewesen. Schumann sei zwar sein persönlicher Freund, aber er, Kießling, sei kein Eozialdemottat. Früher sei er allerdings einmal als Sozialdemokrat aus Leipzig aus- gewiesen worden, aber seit zirka einem Jahre sei dies Verbot aufgehoben worden; er sei auch seit ungefähr eben so langer Zeit nicht mehr Sozialdemokrat. Er habe auch zu Schumann einmal gesagt:„Schumann, das hat keinen Zweck, daß Du Dich aufopferst für die Sozialdemokratie, Du erntest doch nur Undank." Er erzählt weiter, er stehe bei der Sozialdemokratie in dem Verdachte, der Polizei Dienste zu leisten; in einem so- zialistischen Blatte habe auch eine Wamung vor ihm gestanden, dahin lautend, die sozialistische Pattei solle sich vor ihm in Acht nehmen. Er sei dem Zuge mit seiner Frau gefolgt, sei aber stets abseits gegangen; er habe von der linken Seite des Exerzierplatzes aus den Skandal gesehen, habe aber nicht daran Theil genommen. Er hat seine Mitangeklagten Pöhlmann und Mehnett damals noch nicht gekannt. Auf Fragen des Staatsanwalts giebt er zu, wiederholt in dem Restaurant des ausgewiesenen Weber verkehtt zu haben. Der Staatsanwatt sagt, es sei jenes Restaurant doch der Versammlungsott der Sozialisten; der Angeklagte erwidert, es verkehrten dott auch Nichtsozialisten. Es beginnt sodann die Zeugenvernehmung mit der Abhörung des Zeugen Kriminalwachtmeister Förstenderg. Derselbe erzählt, wie er auf die Meldung der VO. Bezirkwache hin mit dem Kriminalschutzmann Zimmermann und dem Ober- Wachtmeister Jrdel nach der Pfaffendorferstraße gegangen sei. Unterwegs trafen sie Zschucke und Richter. Wie Zschucke, Förstenderg, Richter und Zimmermann bis zum Fahnenträger gefahren und denselben angegriffen haben, ist oben bereits ge- sagt. Förstenderg wurde durch die erhaltenen Schläge momentan besinnungslos, er stürzte zweimal zu Boden, bis es ihm gelang, seinen Revolver zu zrehcn. Dasselbe that Zimmer- mann. Beide verloren in der Schlägerei ihren Hut. Försten- berg ging nach der Schlägerei nach Gohlis, alarmitte die dortigen Schutzleute und ist dann mit Herrn Dr. Schanz, welcher in einer Droschke mit anderen Polizeibeamten am Thatorte anlangte, nach Möckern gefahren, wo mehrere Per- sonen in Haft genommen wurden. Der Zeuge hat den An- geklagten Pöhlmann mit erhobenem Stocke gesehen und nimmt an, daß er auch von Pöhlmann geschlagen worden ist. Den Mehnert hat der Zeuge in Gohlis gesehen, Schumann und Kießling hat er nicht wahrgenommen. Förstenderg hält die Angabe Kießling's, er sei kein Sozialdemokrat, für ein „Theater". Der nächste Zeuge, Knminalschutzmann Zimmermann, er- zählt den Thatbestand wie Förstenderg. Zimmernrann ergriff mit der linken Hand die Fahnenstange und mit der rechten packte er den Hals des Trägers, als er im selben Moment von hinten zu Boden geschlagen wurde. Er erhielt furchtbare Schläge mit Stöcken und Schirmen und wurde von den ihn Umdrängenden förmlich bedeckt. Als er am Boden lag, fühlte er, daß ihm das Blut in den Nacken rieselte. Endlich gelang es ihm, seinen Arm frei zu machen und, mit dem aus den Tasche gezogenen Revolver in der Hand, den Angreifem zuzu- rufen:„Zurück oder ich schieße Euch über den Haufen!- Un- weit sah er Förstenderg am Boden liegen, während Richter in einiger Entfemung her am focht. Lieutenant Zschucke sah er nicht mehr. Es wird hierauf die kommissarisch aufgenommene Zeugenaussage des Polizeilieutenant Zschricke, welcher z. Z. am Rheu- matismus krank liegt, verlesen. Die Marseillaise sei, so giebt der Zeuge an, so laut gesungen worden, daß die Leute aus den Fenstern gesehen hätten. Die rothe Fahne sei mit Hurrah entblößt worden. Als der Zeuge mtt den Wotten:„Polizeibcamter— Fahne raus!" mtt den anderen Beamten auf den Fahnenttäger eindrang, erhielt er zwei so starke Schläge, daß er taumelte. Zwei Derer, welche am meisten auf ihn eindrangen, glichen im Geficht, Figur und Kleidung Mehnett und Pöhlmann. Der Zeuge, dessen Rohrstock sofott zerbrach, wich auf die rechte Seite des Exerzierplatzes aus. Hier trat ihni ein Mann, welcher Kießling glich, entgegen und fühtte den letzten Schlag gegen ihn, den er jedoch abwehtte. Er hotte dann eine Militärpatrouille aus der Barackenkaserne(134. Regt.) und verfolgte den Zug bis Möckem. Hier wurde ihm jedoch in Folge der erhallenen Schläge übel, so daß er von der weiteren Verfolgung abstehen mußte. Er erinnert sich, einen Stock in der Hand Jemandes gesehen zu haben, welcher Mehnett glich. Er kannte weder Kießling noch Mehnett, noch Pöhlmann vor jener Affäre. Hätten sie, so sagt der Zeuge, dm Fahnmträger gekannt, so wären sie weiter gefahrm, und er würde keinen Angriff auf denselben haben machen lassen, da ja doch vorauszusehen war, daß er mit seinen wenigen Be- gleitem der großen Menge gegenüber im Kampf unterliegen mußte. Nachdem die vorstehende Aussage verlesen worden ist, wird der Zeuge Schlossergeselle Muhl vernommen, welcher zufällig am Zuge vorbeigekommen ist. Derselbe hat vor der Polizei s. Z. in Schumann bestimmt denjenigen erkannt, welcher ge- rufen:„Fahne hoch!" Heute erkennt er ihn jedoch nicht mehr mit derselben Bestimmtheit. Den Angeklagten Mehnett hat er an der Spitze des Zuges gesehen. Denjenigen, welcher auf Herrn Zschucke zuschlug, findet er mit Kießling sehr ähnlich; er habe dieselbe Figur, densclbm rothen Schnurrbatt und dieselbe Kleidung getragen. Der Angeklagte Schumann wiederholt hier, daß er nicht in der Nähe des Fahnenträgers, sondem mit seiner Frau und Schwägerin am Ende des Zuges gegangen sei. Der Staatsanwalt bemerkt, es sei dies doch sehr unwahr- scheinlich, denn Schumann, dem der ganze Zug gegolten, sei dann doch sehr kläglich von seinen Freunden behandelt worden. Den Gefcietten führe man doch in der Mitte oder am Anfang des Zuges, man solle nur an Schützenfestzüge denken. Angeklagter: Aus dem Schützenfeste kann man doch nicht auf unser Fest und mich schließen. Staatsanwalt: Das Schützenfest habe ich allerdings mit Ihrem Feste keineswegs vergleichen wollen. Vernommen wird hierauf die Zeugin Frau Eichbrodt. Sie war mit ihrem Manne, dem bekannten Orgeldreher Eichbrodt, zufällig des Wegs gekommen und erkennt Mehnett, den sie nach der Schlägerei gesehen, genau. Arif Befragen des Staats- anwalts bestätigt sie, daß ihrem Manne gedroht worden sei, man werde ihm ein Bein ausdrehen— derselbe trägt Stelzfüße—, wenn er gegen die Angeklagten zeuge. Der Mann ist zur heutigen Verhandlung nicht vorgeladen worden. Der Zeuge Herr Schutzmann Richter, von dem wir schon gesagt, daß er sich seinen Kollegen in der Pfaffendorferstraße an- schloß, war zufällig zum Zuge gekommen. Er war nach der Schlägerei, bei der auch er übel zugerichtet worden war, de« Zuge nachgegangen und hat sich in Gohlis einen neuen Hut gekauft, da der seinige bei der Schlägerei auf Nimmer- wiedersehen verloren gegangen war. Auch er ist mit Herrn Dr. Schanz weiter gefahren. Er erkennt Niemanden von den Angreifern wieder, da die Prügclszene so schnell ge- wechselt habe. Einige weitere Zeugen, die Gattin des Angeklagten Kieß- lina, der Tischler Hofmeister, welcher morgen, Donnerstag, nnt mehreren anderen noch sich vor der Strafkammer wegen seiner Betheiligung an eben demselben Vorfall zu verantwotten haben wird, sowie der Lehrer Pönitz und ein Pferdcbahnkontroleur. sie alle geben Einzelheiten ihrer Wahrnehmungen ab. Frau Kießling bestreitet, daß ihr Mann an der Schlägerei oder an dem Zuge sich betheiligt habe.„Er kümmere sich jetzt gar nicht mehr um vre Sache," meint sie, und sie hole rhn jeden Abend aus der Arbeit nach Hause. An jenem Sonntage seien sie Beide nach dem Schützenhause spazieren gegangen, und als der Zug gegangen sei. seien fie diesem gefolgt, um zu sehen, wie die Dinge sich entwickeln werden. Der Zeuge Lehrer Pönitz ist an den Zug heran- getreten, als die ersten Schläge sielen, vorher habe er die rothe Fahne gesehen und ein Lied singen gehört, und er habe auch gesehen, daß ein Beamter nieder geworfen worden sei. Und der Kontroleur der Pferdebahn sagt aus, daß er den Zug ebenfalls gesehen. Mehrere Kriminalbeamte hätten sich auf seinem Wagen befunden, und sie feien herunter ge- sprungen, als die rotbe Fahne entfaltet worden, auf die sie sich alsdann gestürzt. Daß sie gesagt, sie seien Beamte, habe er nicht gehört. :( Herr Kriminalkommissar Denicke theilt mit, e s. Z. vor der Polizei zugegeben, daß er nach ,cn. Er theilt weiter mit, daß der Lieutenant !chnert damals, bei den ersten Verhören, bestimmt Der Zeul Pöhlmann Hai Zschucke gcscT Zschucke den erkannt. � Auf Antrag des Staatsanwalts werden an dieser Stelle die beiden sozialistischen Lieder„Weißt du, wieviel Sternlein stehen ic." und ,, Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet," (die sogenannte Arbeitermarseillaise) verlesen und die Angeklag- ten gefragt, ob diese Lieder auf dem Zuge gesungen seien und ob sie sich am Gesang betheiligt haben. Die Angeklagten er- klären sämmtlich, von dem ersteren Liede nichts gehört zu haben; bezüglich des zweiten Liedes erklären sie, nicht zu wissen, ob gerade dieser Text gesungen worden sei. Als lesster Zeuge wird der Neuscllerbausener Schutzmann Labätzkc über die Vorgänge bei dem Geleit des ausgewiesenen Keinitz befragt. Es war bekanntlich dem Zeugen damals ähn- lich ergangen, wie den Leipziger Kriminalbeamten. Er war beim Entreißen der rothcn Fahne blutig geschlagen worden. Es folgt die Verlesung der ärztlichen Zeugnisse über die Wunden der Zeugen Zimmermann und Förstenberg. Beim letzteren war eine klaffende Wunde auf dem Kopfe, beim ersteren waren sehr viele Schläge, die über den Kopf gegangen waren, konstatirt worden. Der Vorfitzende verliest darauf die Schuldfragen, welche den Geschworenen zur Beantwortung vorgelegt werden sollen. Die Fragen lauten der Anklage gemäß in erster Linie auf Theilnahme am Aufruhr, bei Schumann auf Theilnahme als Rädelsführer am Aufruhr. Es wurden jedoch auch noch einige Hilfsfragen auf geringere Vergehen, als Land- friedensbruch, gemeinsamen Widerstand gegen die Staats- gewalt zc. gestellt.— Das Gericht macht sodann eine Pause. Nach Wiedereröffnung der Sitzung begannen die Plai- doyers der Staatsanwaltschaft und der Vertheidiger. Die Geschworenen bejahten, daß sämmtliche Angeklagte am Aufruhr, und zwar Schumann als Rädelsführer, die übrigen drei Angeklagten aber thätlich daran theilgenommcn haben (§ 115, 1 u. 2 des Str.-G.-B.). Mildernde Umstände schloffen du Geschworenen bei sämmtlichm Angeklagten aus. Schumann wurde auch ferner der Aufforderung zum Tragen republikanischer Abzeichen schuldig befunden. Da§ 115, 2, sobald mildernde Umstände ausgeschlossen werden, nur eine Zuchthausstrafe zu- läßt, so verurtheilte der Gerichtshof Schumann zu 4 Jahren Zuchthaus und 8 Jahren Ehrverlust, Mehnert und Pöhlmann zu 2 Jahren Zuchthaus, Kießling zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus, die drei Letztgenannten zu je 6 Jahren Ehrverlust, erkannte auch bei sämmtlichen auf Zulässigkeit von Polizei- aufsicht. Erschwerend rechnete man bei Schumann an, daß er von der Polizei kurz zuvor erst vor demselben Vergehen ver- warnt worden war._ In Zürich wurde der frühere Strafrechtslehrer an der Hochschule Bern, der das Berner Strafgesetz verfaßt hat, Pro- feffor Pfotenhauer, über 80 Jahre alt, wegen Mißhandlung einer Hausbewohnerin, welche Teppiche ausklopfte und dadurch seinen Zorn erregte und die er sogar in dm Arm gebissen hat, vom Gericht zu dreißigtägiger Einzelhaft verurtheilt. Ein eigenthümlicher Rechtsfall wurde dieser Taße in einem hiesigen Vereine mitgetheilt, der bisher noch nicht m die Oeffmtlichkeit gedrungen ist, der aber überaus interessant ist. Die Sachlage ist folgende: Ein hiesiger Ehemann hatte sich eines Abends mit einer Prostiwirten in einem Lokale ein heimliches Rendezvous gegeben und vergnügte sich dortselbst mit seiner Kourtisane nach besten Kräften, doch währte die Freude nicht allzulange, denn die betrogene Gattin, welche von dem Rendezvous Kennwiß erhalten hatte, erschien gleich einer Rachcgöttin und verleidete dem Pärchen das Beisammensein derartig, daß dieses vorzog, sich schleunigst zu mtfemm. Die empörte Gattin folgte ihm jedoch auf dem Fuße nach und kam es nunmehr auf offener Straße zu heftigen Auseinandersetzungen. Diese Szene verfehlte nicht, neugierige Sttaßenpassantm anzu- locken, welche, nachdem sie die Ursache des Streites erfahren, für die beleidigte Dame Partei ergriffen und den Don Juan von Ehemann im weiteren Verlaufe der Geschehnisse weidlich durchprügelten. Diese nächtliche Szene endete vorerst auf der nächsten Polizeiwache und unterlag sodann der richterlichen Ent- scheidung eines hiesigen Schöffmgerichts, vor dem die besagte Ehefrau und ihre Bundesgenossen, verschiedener Vergehen ange- klagt, sich zu verantworten hattm. Durch die Beweisausnahme wurde festgestellt, daß der betreffende Ehemann zwar geprügelt worden sei, jedoch nicht geprügelt habe und beanttagte der Amtsanwalt die Verurtheilung der Angeklagten, der Ehefrau, well sie die Szene veranlaßt habe, und ihrer Beschützer, weil sie an der nächtlichm Ruhestörung und Prügelei thcilgenommm; der Gerichtshof war jedoch anderer Meinung. Er berief sich auf einen Gesetzesparagraphen, welcher desagt, daß derjenige, der im Besitze eines Rechts- sudjckts ist, dasselbe zu vetthcidigen berechtigt ist. Die Ehe sei nun ein solches Rcchtssubjekt. Dasselbe sei von dem ungetteuen Ehemanne angegriffen worden, mithin sei die Gattin zu der Vettheidigung desselben berechtigt gewesen. Die Personen, welche ihr in dieser Vettheidigung Hilfe geleistet hätten, seien hierzu verpflichtet gewesen und wurden demnach die Angeklagten von Sttafe und Kosten freigesprochen.— Diese Mittheitung geschah gelegentlich einer Darlegung der Institution der Schöffengerichte unier Hinweis auf die Wichtigkeit der Ein- Wirkung der Schöffen auf die Rechtsprechung und wurde hieran die Bemerkung geknüpft, daß die Schöffengerichte durchaus nicht die Angriffe verdienen, welche gegen sie erhoben würden, daß es aber jeder Schöffe sich angelegen sein lassen müsse, sein Amt auf das gewissenhafteste auszufüllen, damit der Zweck erreicht werde, der der Institution der Schöffengerichte zu Grunde liegt, nämlich frisches Leben in die Gerichtsbarkeit zu bringen, das Rechtsbewußtsein des Volkes zu heben und eine befangene Rechtsprechung zu verhindern. Zu bedauern sei es, daß viele Schöffen nicht den Muth hätten, von den ihnen zustehenden Rechten Gebrauch zu machen, dem amtircndcn Richter zu wider- sprechen und ihre Ansichten zu vettreten, wodurch allerdings die Institution der Schöffen sehr häufig zu einer leeren Formalität herabsänke._ Koziales«nd Arbeiterbewegung. „Welche Sungerlöhne heutzutage von d c n d i e M e n- s ch e n k r a f t oft in rücksichtsloser Weise aus- nützenden Fabrikanten für weibliche Handarbell bezahlt werden, dürfte aus folgender Thatsache erhellen."— Dieser einleitende Satz stammt nicht von uns, auch ist er keinem demo- kratischen oder gar einem sozialdemokratischen Blatte entnommen; im Gegentheil, so hebt eine Korrespondenz an im volkswitth- schaftlichen, manchesterlich angehauchten Theile des gouverne- mental-nationalliberalen„Leipziger Tageblatt". Somit ist die obige Ettlärung recht veachtenswetth.— Die Korrespondenz stammt aus Dresden; die Thatsache ist folgende:„Eine Strohhutfabrik, welche in Dresden Arbeiterinnen Beschäftigung zu Hause gewähtt, bezahlt für das Aufputzen eines Dutzend H err enhüte achtzehn Pfennige, sage und schreibe 18 Pf. Unter Aufputzen versteht man in diesem Falle das Einnähen eines Schweißleders im Hute, sowie das Darannähen eines Hutbandes, aus dem auch eine Schleife herzustellen ist, sowie das Festnähen einer Hutschnalle. Den Zwirn zu der Arbeit hat die Arbeiterin obendrein von ihrem Gelde zu kaufen. Solcher Thatsache gegenüber wundett man sich freilich nicht, daß viele arme Mädchen den tausendfälttgen Versuchungen der Großstadt zum Opfer fallen, denn es gehött wahrlich viel Selbstüberwindung, viel Kraft und Anstrengung dazu, jung zu sein, mitten in dem Vergnügungc-Wirrwarr der Großstadt zu leben und nie von dem Gelüst überwältigt zu werden, auch einmal mitzuleben, mitzugenießen, sondern jahraus jahrein jene Redlichkeit und moralische Sauberkeit festzuhalten, welche im hatten Kampfe und dem öden Einerlei eines solchen schweren Broterwerbs nur allzu leicht unterliegt und schimmlig wird."— Hinzuzufügen haben wir nichts. Der Jndustrtetaumel in Berlin. Charakteristisch für die finanzielle Situation in Berlin ist die Bewegung, welche die Attien der Schering' schen chemischen Fabrik in der letzten Zeit durchgemacht haben. In einer Woche sind diese Aktien um nicht weniger als 105 pCt. gestiegen, und die Schwankungen waren so groß, daß diese Tittes an einem Tage sich um 50 pCt. im Preise gehoben haben, um am anderen Tage um 49 pCt. zu fallen. Man schätzt allerdings die Dividende, welche die Attionäre dieser Gesellschaft für das Jahr 1886 erhalten sollen, auf 30 pCt., während für das Jahr 1885 18 pEt. bezahlt wurden. Im Laufe des Jahres 1886 allein ist der Preis dieses Effekts um 356% p Ct. gestiegen, und dasselbe wird geaenwättig mit ca. 600 pEt. notirt. Die Aktien der Dottmunder Union sind seit dem Beginne des Monats November um 20 pCt., die Aktien der Bochumer Werke um 25 pCt., die Aktien der rheinischen Stahlwerke um 37 pCt. gestiegen. Die Attien der Schwarzkopff'schen Fabrik find im Laufe dieses Monats von 332 pCt. auf 415 pCt. gestiegen. Die Attien der Großen Berliner Pferde- Eisenbahn sind in dem gleichen Zeittaume von 247 auf 297 pCt. emporgeschnellt, die Aktien des Norddeutschen Lloyd von 105,8 auf 124,25, die Aktien der Hattburger Gummiwaarcnfabttk von 207 auf 223, die Attien der Stettiner Chamottefabrik von 274 auf 306,5 pCt. gestiegen. Die Attien der Böhmischen Brauerei stiegen in einer Woche um 24 pEt., jene der Vereinsbrauerei um 22 pCt. Man ficht, es ist recht gut möglich, daß, während die Löhne beständig sinken, das Kapital Gewinn auf Gewinn häuft. Aus Gera(Reuß), 18. November, schreibt man:„Seit einigen Tagen hält sich der Reiseagent der„Deutschen evan- gelischen Buch- und Traktat- Gesellschaft in Berlin" hier aus, um für die genannte Gesellschaft Mitglieder zu gewinnen und in den hiesigen zahlreichen Fabriken christliche Schriften zu vertheilen. In Folge seiner beiden im Saal der Herberge zur Heimath gehaltenen Votträge haben sich viele Personen aus den verschiedensten Ständen als Mitglieder gezeichnet. Die m e i st e n der hiesigen Fabrikanten und Arbeitgeber er- klätten sich bereit, die von der oben genannten Gesellschaft ver- breiteten christlichen Schriften unter ihre Arbeiter zu vettheilen, cvent. vettheilen zu lassen." Es ist dock merkwürdig, daß sich die Herren Fabrikanten und Arbeitgeber so sehr für das Seelenheil ihrer Arbeiter interesfiren, dagegen um das leibliche Wohl derselben durchaus gar nicht besorgt sind. Das beweist der Stand der Löhne und die Lebensgewohnhciten der Ar- beiter. Und dann müssen sie doch von geradezu erstaunlicher Naivetät sein, wenn sie glauben, ihre Arbeiter mit solcher geistigen Speise abfüttern zu können. Das geht vielleicht bei den Tagelöhnern des Herrn v. Koller und Genossen in Hinter- pommern und Ostpreußen, aber nicht im Fürstenthum Reuß, welches im Deutschm Reichstage von einem Sozialdemokaten vettreten wird. Buchdruckerbewegung. Lennep, 22. November. Am Sonn- tag Nacbmittag 3 Uhr war hier bei dem Witth Benninghaus eine Versammlung der Buchdruckergehilfen einberufen worden, zu welcher auch die Prinzipale eingeladen waren. Obgleich das Lokal vorher zugesichett war, erklärte doch der Witth im letzten Augenblick, das Lokal nicht hergeben zu können. Von Barmen und Elberfeld waren ebenfalls eine Anzahl Gehilfen erschienen, welche am Bahnhof von mehreren Gendarmen liebevoll empfangen und in die Stadt begleitet wurden. Ueberall das- selbe Bild! Permi schtes. Ein sonderbarer Brauch hat sich nach dem„W.W." in den letzten Jahren unter den Bauern der Tötter Pettopaw- lowskoje und Gratschewskoje(Kreis Vusuluk) eingenistet. Da- selbst wird nämlich das Recht zur Nutznießung von 5 Dessjatinen Wiesenland, das zwischen den beiden Dörfern liegt, durch Faustkampf entschieden. Die Wiesen gehören der Gratschewskoje'schen Gemeinde und waren früher vom Flusse Uran begrenzt; vor ca. 7 Jahren änderte der Fluß seinen Lauf und überschwemmte die jetzt sttcitigcn Wiesen. Alljährlich zu Pfingsten versammelt sich nun die Bevölkerung beider Dörfer, ca. 1500 Menschen, auf den Wiesen und nachdem 2 bis 3 Wedro Branntwein ausgetrunken worden find, beginnt der Kampf, der so lange andauett, bis sich eine der beiden Pattcien als besiegt bekennt. In Folge der erhaltenen Verletzungen bei den Kämpfen haben schon viele Bauern dielen barbarischen Brauch mit ihrem Leben bezahlt; die heranwachsende Jugend aber läßt sich diese Todesfälle keineswegs zur Warnung dienen, sondern findet an diesen Faustkämpfen großes Gc- fallen und wird zudem auch noch von den Alten dazu auf- gemuntcrt. Ein unheimlicher Schlafkollege. London, 22. Novem- bcr. Ein seltsames Abenteuer hatte dieser Tyu in Newcastle ein dott wohlbekannter Biedermann aus dem Westen des Lan- des, der Abends seinen Zug verfehlte und nun nach dem Witthshaus zurückkehtte, wo er TagS über schon allerhand Er- frischungen zu sich genommen hatte, denen er Abends noch so viele hinzufügte, daß er endlich im höchst animitten Zustande die Treppen hinaufstolpette, um sich zur Ruhe zu begeben. Unterwegs ging ihm aber die Kerze aus, und nun suchte er im Dunkeln brummend sein Schlafzimmer, daß ihm von früher her noch wohl bekannt war. Endlich glaubt er es gefunden zu haben, geht hinein, zieht sich aus und legt sich ins Bett, das er zu seinem Erstaunen schon besetzt findet. Zum bösen Spiele gute Miene machend, legt er sich, nachdem er seinen Bettgenossen vergeblich zu wecken versucht, endlich ruhig hin, findet aber seinen Schlafkumpan so kalt, daß er entrüstet ausruft:„Mensch, Du bist ja kalt wie Stein, Deine Füße sind ja ein wahrer Eisberg; rück' doch ein bischen weiter weg!" Da der Bcttgenosse dieser freundlichen Aufforderung keine Folge leistete, so warf er ihn einfach zum Bett hinaus, und schlief dann bald den Schlaf des Gerechten. Am folgenden Morgen aber wurde er durch den Eintritt zweier Männer geweckt, oie einen Sarg hineinbrachten, bei dessen Anblick unser Biedermann erstaunt auffuhr und seine unwillkommenen Gäste verblüfft anglotzte, die, in dem Glauben, einen Geist zu sehen, schleunigst die Flucht ergriffen. Jetzt erinnette sich unser Westländer seines Schlafkumpans, und als er zum Bett hinausschaute und eine Leiche auf dem Fußboden liegen sah, sprang er rasch auf, ergriff seine Kleider und stürzte zum Hause hinaus einem nahen Eisenbahnbogen zu, unter welchem er Toilette machte und dann so schleunigst als möglich Newcastle den Rücken kchtte. So erzählt der„Newcastle Chronicle"._ Kleine Mittheilunge«. Kösfeld, 22. November. Im Nachbardörfchen Lette sah man am Donnerstag aus dem einige Minuten vom Ottc ent- fernt liegenden Hause deö Tagelöhners Strickling dichten Rauch aufsteigen, und als man mit der Feuerspritze hinzueilte, bot sich ein furchtbarer Anblick. Der Rauch kam aus dem Schlafzimmer, Bett und Bettstelle standen in hellen Flammen und am Boden lagen verbrannt und erstickt die drei Kinder der Familie im Atter von 4, 3 und Is Jahren, Leiche an Leiche. Bclebungs- versuche blieben erfolglos. Das Jammern der Eltern, welche zur Zeit auswätts beschäftigt, erst später zurück- kehtten, war herzzerreißend. Die Ursache des Brandes ist nicht aufgeklätt. Leipzig, 23. November. Gestern Abend gegen 6 Uhr entgleisten während des Rangirens auf dem Bahnhofe Gaschwitz zwei Güterwagen. Hierbei wurde ein Hilfsweichensteller, welcher beim Rangiren mit beschäftigt war, überfahren und so- fori getödtct. Schönebeck, 18. November. Heute Abend in der Dunkel- heit find dem Brauereibefitzer Allendott hier zwei Ochsen fori- gelaufen. Der eine verirtte sich auf den Bahndamm bei Bude Nr. 17 und lief dem von hier nach Magdeburg fahrenden Per- sonenzuge entgegen, wurde von der Lokomotive gefaßt und mit gebrochenem Genick in den Graben gcwotten. Nach kurzem Aufenthalt fuhr der Zug weiter. Aden, 22. November. Der Kapitän und sieben Personen der Mannschaft des französischen Kriegsschiffs„Pengonia" in Ambadu, woselbst sie, um Wasser einzunehmen, gelandet, find vom Stamm Ecassa Somanli ermordet worden. Oedenburg, 22. November. Ein entsetzliches Familien- drama spielte sich gestern in Raiding, dem Gebuttsotte Liszt's, ab. Einer der wohlhabendsten Bauern des Ottes, der 53 jähr. Franz Bauer überfiel seine Frau meuchlings und ettchlug sie mit einer Hacke. Hierauf stürzte der Mörder in die Küche, ver- setzte seiner vcrheirathctcn Tochter Johanna mit einer Hacke drei wuchtige Hiebe und zcttchmettette ihr die Hirnschale. Die- selbe wurde in lebensgefährlichem Zustande in ein Nachbarbaus gettagen. Die ledige Tochter Therese, die Zeugin der Blut- jhat war und dem Vater die Mordwaffe entreißen wollte, rettete sich durch rechtzeitige Flucht. Nachdem Bauer noch den vier Monate alten Säugling Jgnaz Kienzl erschlagen hatte, flüchtete er sich aus dem Hause und konnte bis zur Stunde nicht aufgefunden werden. Als Motiv der Schreckensthat wird Rachsucht angenommen. Die Untettuchung ist im Zuge. Krems, 21. November. Als der vorgestern Mittags von Krems nach Wien vettehrende Eisenbahnzug die Station Wagram verließ, wollte sich der 67jährige Alexander Willings- dotter, Gastwirth in Währing, der in unserer Gegend Wein- einkaufe desorgte, auf den bereits im Gange befinolichen Zug hinaufschwingen, glitt hierbei aus und gerieth unter ein Rad des Waggons, welches über den rechten Unterschenkel kam und denselben förmlich zerquetschte. Der Bedauernswetthe wurde auf Anordnung des herbeigeeilten Bahnarztes in das hiesige Allgemeinen Krankenhaus ttanspottitt, woselbst ihm der rechte Fuß amputitt werden mußte. Wien, 21. November. Ein schreckliches Unglück hat sich dieser Tage im Attenal zu Pola ereignet. Ein italienischer Arbeiter war mit der Untersuchung der Dampfmaschinen-Trans- Mission beschäftigt, als ein votttehender Haken der in Gang befindlichen Maschine den Mann an den weiten Hemdärmern erfaßte und aufwätts zog. Der Unglück- liche wurde mit dem ganzen Körper durch eine blos 35 Zentimeter breite Lücke gerissen, wobei ihm der Kopf, die Schultern, die Brust, die Füße und das Kreuz zermalmt wurden. Das Ganze war das Wett einer halben Minute. Ter beklagenswerthe Arbeiter blieb selbstverständlich sogleich tobt. Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischem Vettaufs-Vermittler, Berlin, den 24. November 1886. Geflügel. Regelmäßige Zufuhren an fetten Gänsen, Enten und Puten sehr erwünscht. 8—10 Pfd. schwere gerupfte Gänse 45-50 Pf., über 10-15 Pfd. 50-60 Pf., Fett- gänse über 15 Pfd. schwer 60 Pf. und mehr per Pfd., junge Enten 1,50—2,50, fette Enten 46—50—60 Pf. per Pfd., über 10 Pfd schwere fette Puten 65—70—80 per Pfd., Hühner 0,55 bü 0,80 und 1,20-1,70 M.. Tauben 30-40 Pf.. Poularden 4,5« bis 8 M. Mageres Geflügel schwer vettäuflich, lebende Gänst zum Mästen 2,00—3,00 M., lebende Enten 0,90—1,50 3% Auktion täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Wild. Die Zufuhr ist mäßig; an Hasen ist Mangel, dieselben erzielen hohe Preise. Rehe 52—62, Hirsche, sehr statte und fehlerhafte 25 bis 30,>. 32 bis 40, Tammwild 30 bis 45, schwere und fehlerhafte 22 bis 32, Wild' schwein 30 bis 45, kleine 40 bis 56 Pf. pr. Pfund- Rebhühner, junge 1,20—1,50, alte 90—110 Pf., Fasanen» Hennen 2,00 bis 2,50, Fasanenhähne 3,00 bis 3,70% Hasen 3,50—3,75, Kaninchen 45— 55 Pf. p. Stck, Krametsvögel S« bis 32 Pf. per Stück. Auerhahn 3,00-4,50 M. Birkhuhn 1,75—2,50 pr. Stück. Schnepfen 2,10—4,00, Bekassinen 40 bis 75 Pf. pr. Stück. Die Wildauktionen werden täglich>n> Bogm 4 um 6 Uhr Nachmittags abgehalten. Obst und Gemüse. Größere Zufuhren an Obst sehr er« wünscht. Preise steigend. Birnen 6,00 bis 8,50, TafclbirneN 10-20, feinste Sotten 20-40 M., Aepfel(#-9,00% Tafeläpfel 10-20 M., feinste Sotten 20-36. M. Wallnuist 20-30 M. pr. Ztr. Zwiebeln 4,50-6,00-8,00 M. per 100 Pfd., Weißfleisch'Se Sveisekattoffeln 3,00-3,60, rothe 2,80-3,00, blaue 2,80-3,20»« 100 Ko., groß Sellerie 7-10 M., klein 3-7 M.. MecrrcM« 7-12 M.. Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück, Kohlrüben 1,50—2,00 M. per Zentner. Blumen und Blätter. Rosm-Hochstämme 35—55, niednä veredelte 15-20 M. pr. 100 Stück. Primeln 13-15 X vr. 100 Stück. Auktion jeden Dienstag und Freitag um 5 ud Nachmittags,, M Geräucherte und marinitte Fische. Regelmäßige Zufubttss erwünscht. Bratheringe per Faß 1,50-2,25 M. Ruf#' Sardinen 1,50-1,60 M. Rheinlachs 2,50-2,90, Weser-# Ostseelachs 1,20-1,60, Flundern, kleine 2,50-5,00 M-, 7,50-16 M., große 18-27 M., Bücklinge 1.80-4,00 M-pZ 100 Stück. Sprotten 25 bis 35 Pf. per Pfund. Rauchs mittel 1 M. per Pfd. Eier 3,05 M. pr. Schock netto. Die Zufuhren an fG® Eiern find mäßig und werden leicht vettauft......„h Butter. Tendenz flau. Feine Tafelbutter findet# � nähme; die Zufuhr ist mäßig, dagegen wird 8�9 Aufnahme; Waare reichlich........-----... 120-125, feine Tafelbutter i. 110-118,». 95 bis. Hl. fehlerhaste 85 bis 90. Landbutter I. 90—96, U. 85 M. Galizische und andere geringste Sotten 55- pr- 50 Ko. �, beKäse. f. Quadrat- Sahnenkäse knapp und ch« i#, zahlt. Emmenthaler 70—75, Schweizer l. 66—63, 50 � zugeführt- Frische" feinste Tafelbutter � L S in. 42-48, Quadrat-Backstein i. fett 22-30, II. Käst Limburger I. 30—35,>>. 20—25, Rheinischer fcollänb« 7o, 45-58 M., echter Holländer 60-65 M., Edamer» � ll. 56-58 M. Wasserstand der Spree in der Woche vom 7. Nove® Novem bis 13. November 1886.(Angabe in Metern. Tage Am Oberbaum Dammmühle, Oberwasser. Dammmühle, Unterwasser. 7. 11. 8. 11. 2,30 2,29 0,71 2,30 2,28 0,71 9.11. 2,31 2,29 0,72 10/11. in Berlin- verantwortlich für den politischen Theil und Soziales Max Ichippel. für Vereine und Versammlungen F. Tutzauer, für dm übrigm Theil der Zeitung«. Eronheim. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin SW., Beuthstraße 2. Hierzu eine Beilage zum Berliner Bolksblatt. Nr. 276. Donnerstag, den 25. November 1886. 3. Jahrg. Aong re ! freier cinge andesrec�ltic riAtcler üitfslmlfen. 'cEric�ener unJ auf ier'OorfcHriftcn er- Gera, 17. November. Der Kongreß nahm ferner in seiner Dienstagssitzung fol- gende Anträge zum Hilfskassengesetz an: Zu§ 4.(Sera.) Dem Absatz 2 ist als Schluß hinzuzu- fügen;„Die Prüfung und Ausfertigung des Statuts, sowie der Vermerk der Zulassung haben unentgeltlich zu erfolgen." (Hamburg, Altona.) In Absatz 2 ist der Passus von:„Gegen die Versagung" an bis„Wird die Zulassung u. s. w." zu streichen und dafür zu setzen:„Gegen die Versagung steht nur der Rekurs an das Reichskrankenkassenamt zu. Der Rekurs hat aufschiebende Wirkung."_ r_ Zu§ 12.(Rendsburg.) Dem Absatz 3 möge folgende Fassung gegeben werden:„Auch kann für die Familien- angehörigen der Mitglieder freie ärztliche Behandlung, Medi- kamente, Heil- und Erlcichtenmgsmittel, sowie bei eintreten- dem Todesfall ein Beitrag zu den Beerdigungskosten gewährt werden." Zu§ 19 a.(Altona, Hamburg.) In Ziffer 1 ist hinter; „entgegen zu nehmen" einzuschalten:„Aufnahmen zu voll- ziehen." Zu§ 196.(Altona, Hamburg.) Dem Absatz 2 ist als Schlußsatz hinzuzufügen:„Tritt der Fall ein, daß eine von der höheren Verwaltungsbehörde nach Maßgabe des§ 4, Absatz 5, dieses Gesetze ertheilte Bescheinigung zurückgezogen wird, so ist sämmtlichen Aufsichtsbehörden dies mitzutheilen, in deren Bezirk sich Verwaltungsstellen der betteffenden Kasse besinden." Zu§ 29.(Altona, Hamburg.) Ziffer 6 ist als Scklußsatz hinzuzufügen:„Und der Ausschluß auf Anfordern der höheren Verwaltungsbehörde innerhalb 14 Tage nicht zurückgenommen wird." Zu§ 33.(Attona, Hamburg.) Dem zweiten AbsaH ist hinzuzusetzen:„Für die Revisionen dürfen irgend welche Spar- reln ic. nicht erhoben werden." Allgemeine Anttäge. (Dresden.)„Der Kongreß wolle die Zeitschrift„Die Krankenkaffe" zum Organ der Krankenkassen Deutschlands er- Änttäge zum Unfallverflcherungsgesetz wurden folgende angenommen: Zu§ 5.(Ravolzhausen, Gatte, Bruchköbel, Leipzig, Braunschweig, Altona, Hamburg.)„Der§ 5 ist so umzugestalten, daß nach demselben die Fürsorge für den Verletzten vom Beginn des Unfalls an der Berufsgenossenschaft obliegt." (Hamburg.) In Absatz 7 wolle der Kongreß folgende Aenderung befürwotten: hinter(„Gemeinde- Krankenversiche- rung") ist zu setzen:„von der betteffenden Berufsgenossenschaft iu erstatten, welche diesen Bcttag von dem Untemehmer des- Unigen Betriebes wieder einzuziehen hat, in welchem der Unfall ereignete jc." ,..Zu Z 7.(Hamburg.) Dem§ 7 ist als Schluß hinzu- lu™0w:„Und zwar gilt diese Bestimmung vom Tage des Un- an." . Zu§42.(Hamburg.) In§42 möge gesagt werden, statt "Wenigen Orts-, Betriebs-, Jnnungs-, Knappschaftskaffen": Derjenigen den Anforderungen des§ 75 des Gesetzes vom 5- Juni 1883 genügenden Kassen/' q..Zu§ 53.«Hamburg.) Tie Motte„die voraussichtlich den £od oder eine Erwerbsunfähigkeit von mehr als 13 Wochen zur volge haben wird" sind zu streichen. Von Herrn Berlin, Vettrcter der Krankenkasse„Bauhutte" V Altona, wird noch folgender Anttag gestellt: im§ 8 des Unfallversichenmgsgesetzes folgenden Passus zu streichen:„Die Hinterbliebenen eines Ausländers, welche zur Zeit des Unfalles sucht im Jnlande wohnten, haben keinen Anspruch auf die Rente." �er Anttag wird einstimmig angenommen.(!) Desgleichen nach längerer Debatte folgende Anträge: „Die Unfallversicherung ist auf alle Arbeiter auszudehnen." „Bei Unfällen soll man die Bevollmächtigten sofott von Der Stein am Moor. Von Erwin Bauer. lNachdruck verboten.) Höchstes ersttebcn ist groß, doch selten gekrönt von Erfolgen, Steckt sich zu hoch das Ziel irrende menschliche Kraft; Tief in den Abgrund schleudern den strebenden Geist die Geschicke: „Nur ein Gott schwebt leicht über die Sümpfe hinweg!" Gin unendliches Moor. n. Dicht am Saum des sich allmählich lichtenden alten �annenwaldes beginnend, erstreckt es sich, so weit der Blick »eicht— bis an tzen Hottzont, welcher der unheimlichen, kmtonig braunen Fläche die unsichere Grenze setzt. Ist oraunen ylacye oie unsichere Grenze setzt l>o dort»Ii ßnkf mn der araue Himmel das Moor be- «lhtt? »eicht? «J6- Fläche...„| iU Ende, wo der graue Himmel das Moor "der erstteckt sie sich weiter— so weit die Erde Auge fragt, aber erhält keine Antwott: der ml'.uzont ist trügerisch wie die dunkle Ebene, die er begrenzt! � scheint sie fest und sicher, und doch— ein Schtttt uom Waldrande sott, und der Fuß verliett den Halt und sinkt % und sinkt, wer weiß es, wie tief! Freilich, wer die -Natur versteht, der sieht die Warnungszeichen, die sie dem Infamen Wanderer gesteckt: kein Stein ruht auf der end- �len r.i• fpin IT? Mäche selbstbewußt auf festem Grunde; kein Baum Sudeten Blicke einen Ruhepunkt! Nur kleine Erhöhungen fci»rünlich oder silbern schimmerndem Moose unterbrechen un? Unb. da die gerade Linie, und schwache Birkenstammchen ej, verkümmertes Tannen- und Wachholdergestrupp streben, litt«U finden über der bodenlosen liefe, angst- U'nklamm?? Unb mU i�en 9Bur'5e[n bie Mooshumpeln hie�5�.�dietend aber, als trüge er die Inschrift:„Bis und nicht weiter!" erhebt sich hoch und warnend an der vetrni./ uon Wald und Moor ein mächtiger Stein, grau und �eionin' Moos bewachsen, ein Zeuge gewalttger Natur- °"e längst vergangener Zeiten und von diesen als der Polizei rufen lassen und ihnen gestatten, die Unfälle an Ott und Stelle zu untersuchen." Hierbei wurde darauf auf- merksam gemacht, daß in vielen Städten die Untersuchung auf dem Rathhause vorgenommen wird. Dann wurde von Lcvinson besonders daraus aufmerksam gemacht, daß bei der Masse der Beschwerden dieselben hier nicht sämmtlich zur Sprache gebracht werden könnten, daß aber in der auszuarbeitenden Denkschrift auf dieselben Rücksicht genommen werde. Ferner ivird noch beschlossen, drei Petitionen an den Reichstag zu richten und zwar: über die Hilfskassen, Kranken- Versicherung und Unfallversicherung. Die Denkschrift-Kommission soll diese Petitionen im Namen der Krankenkassen einreichen..Herr Scheps(Leipzig) empfiehlt warm den Anschluß der Lokalkassen an den Verband. Die Versammlung empfiehlt hierauf in einer Resolution den lokalen Krankenkassen den Anschluß an den Verband. Der Kongreß ist ersichtlich am Ende und folgen nun noch verschiedene Ansprachen, von denen die der Abgeordneten Kayser und Rödigcr erwühnenswetth sind. Herr Kayser dankt für die seiner Fraktion zugegangene Einladung und äußett zu gleicher Zeit seine Befriedigung über den Gang der Verhandlungen; er erklärt, auf diesem Kongreß eine Fülle von Belehrungen empfangen zu haben, welche er wieder zum Besten und Wohle der freien Kassen zu vcrwerthen gedenke, soweit ihm dies mög- lich sei. Herr Rödiger spttcht ebenfalls seine Befriedigung über die gepflogenen Verbandlungen aus, und giebt die Erklärung ab, daß Gera die Ehre, welche man der Stadt mit der Wahl als Kongreßott erwiesen, verstanden und auch gewürdigt habe. Der Kongreß wurde am Dienstag, den 16. November, Abends um 7 Uhr, mit einem Hoch auf das Wohl und Gedeihen der freien Krankenkassen geschlossen. Das vollständige genaue Resultat betteffs der vetretenen Kassen ist erst am Dienstag fertig gestellt worden und ist folgendes: Kassen Delegitte Mitgliederzahl An Zentralkassen sind vertreten: 26 30 266 240 „ Lokalkassen 162 102 110099 „ Kassen auf Grund landesr. Bestimmungen 94 21 42 820 Summa: 282 153 419 159 Lokales. Durch eine irrthümliche Angabe einiger hiesigen Zei- tungen, wonach die Wähler zu der bevorstehenden Reichstags- wähl im ersten Reichstagswahlttcis aufgeforvett werden, die Wählerlisten noch jetzt einzusehen, werden viele Wähler zu einem unnöthigen Weg nach dem Köllnischcn Rathhaus verleitet. Die Wählerlisten zu der am 6. Dezember im 1. hiesigen RcichStags- wahlkreise stattfindenden Wahl haben nach der Bekanntmachung des Magistrats(23. Oktober), vom 8. November ab acht Tage lang zu Federmanns Einsicht ausgelegen. Dieselben sind jetzt als abgeschlossen zu betrachten, und liegen nicht mehr öffentlich zur Einsicht aus, Aus dem Berliner Leben. Am Mittwoch Nachmittag wurde aus einem Schanklokale nahe beim Andreasplatz ein ältlicher Mann hinausgeworfen, der sich dieser Prozedur auch nicht sonderlich widersetzte, vielmehr in seinem leichten sommer- lichen Habit ziemlich gleichgiltig davon ging. K., so wollen wir den„Stromer" bezeichnen, der einen sehr vornehmen polnischen Namen trägt, ist ein bei den Restauratcurcn mehr bekannter als beliebter Klavierspieler. Länger als drei Abende hält er es mit seiner Kunst in einer Kneipe nicht aus; in einem Moment, wo er von den Augen des Restaurateurs nicht bewacht wird, flüchtet er in die nächste Destillation und nimmt hier in aller Eile ein so bedeutendes Quantum der stärksten Spirituosen zu sich, daß er unfähig wird, für diesen Tag dem Klavierspiel obzuliegen. Gewöhnlich belästigt er dann die Gäste und wird zum Lokal hinausgeworfen. Der Mann gehört zu den Unverbesserlichen. Wiederholt haben ihn Restaurateure, die sein flottes Klavierspiel und seine amüsanten Votträge kennen, von dem unfehlbaren Untergange gerettet, ihn neu eingekleidet und ihm den nöthigen Unterhalt gewährt,— vergebens; länger als drei Tage hält er es nicht aus. Vor einigen Tagen war K- wiederum von einem Restauratcur neu eingekleidet und mit Wäsche verschen Wächter hingestellt an den Punkt, wo die schöpferischen Kräfte der Erde unserer Periode ihre geheimnißvolle Arbeit, den schwankenden Grund zu festigen, noch nicht beendet. Vor Jahrtausenden mochte er auf nordischen Höhen die Spitze ragender Granitfelsen gekrönt haben, bis ihn die Faust eines zornigen Erdgeistes hinabgeschleudert und die wilden Wogen längst versunkener Wasser hin- und hergeworfen und fortgewälzt, um ihn nach langem Irren an ein wüstes Gestade zu werfen. Hier aber hatte er sich trotzig aufge- pflanzt, der irrende Block, und Wind und Wettern die Stirn geboten, bis die Jahrhundette seine glatte Oberfläche mit tausend Runzeln bedeckt und die um ihn erstandene neue Welt ihn tief in ihren Schooß herabgezogen, so daß er zu- sammengeschrumpft zum Stein am Moor! So nannten ihn die Menschen weit und breit. Aber noch immer bewundetten sie seine Größe und seine ge- waltigen Formen und blieben scheu vor ihm stehen, wenn sie der Zufall an den Waldessaum gefühtt: sahen sie in ihm doch den Meilenstein des Lebens, an dem vomber zeder Schtttt in das Ungewisse des Todes fühtte. * Es war eine häßliche Dämmerstunde. Unheimlich pfeifend fegte der Wind über das Moor her, zerzauste das Moos, das auf dem Steine wucherte, und fuhr zornig in die dichten Äeste der Tannenbäume. Große, finstere Wolken hingen schwer auf das Moor herab, die eine die andere verjagend. Wie graue Schleier hin- und herivallend, stiegen aus dem Sumpfe die Abenddünste empor. Die Stimme des Windes herrschte allein, durch keinen Laut unterbrochen. Doch auch sie wurde schwächer und schwächer. Die Sonne, die vergeblich versucht hatte, mit ihren letzten Strahlen zu Moor und Wald zu bringen, war längst gesunken. Die Wolken hatten sich, je leiser und sanfter der Wind geworden, desto drohender und fester zu- fammengeballt. Die Dünste stiegen immer dichter empor und wogten, ein Nebelmcer, immer höher und höher— zu den Wolken empor. Himmel und Erde schienen in Eins zusammenzufließen; die Natur bereitete sich zur Nachtruhe vor.——— Hastige, unstete Schritte vom Walde her unterbrachen worden, unter der Bedingung, daß er in dem Lokale desselben spiele. Prompt am dritten Tage, wie gewöhnlich, verschwand K. Der ergrimmte Restaurateur fahndete mehrere Tage lang auf ihn und erwischte ihn endlich in einer ziemlich entfernten Stadtgegend. Er lud den K. ein, mit ihm zu kommen und bestieg sogar mit demselben eine Droschke. In seiner Behau- sung angekommen, zog der Restaurateur allerdings andere Saiten auf. Er veranlaßte den K. zunächst, den ihm gefchenk- ten Anzug auszuziehen, händigte ihm dann sein altes Gewand ein und warf ihn zum Hause hinaus.— Recht so! denkt Mancher, der Kerl gehört ins Arbeitshaus; Prügelstrafe für solche Tagediebe!— Noch ein Wort über K. Er war chis vor drei Jahren ein vornehmer Kavalier und nicht selten trifft er in den Lokalen mit Gästen zusammen, die ihn aus dem Verkehr in Offiziersttcisen kannten. Da betrog ihn sein Weib, riß sein Vermögen an sich und heirathete nach glücklich durchgefühttem Ehescheidungsprozesse einen Andern. Heller Wahnsinn spricht jedes Mal aus K.'s Augen, wenn er seine Geschichte erzählt, was er nur selten thut. Die Erinnerung an diese Dinge quält den Unglücklichen wie ein Dämon, sobald er in sorgenloser Lage sich befindet: das tiefste physische Elend verlöscht diese Erinne- rung und ihre Pein. Sollten da Arbeitshaus und Prügel wirtlich die richtigen Hilfsmittel sein? Die Ausstellungslotterie— nur mit einem tiefen Seufzer geht der gewissenhafte Chronist an dieses Unglücksgeschöpf. Wer da geglaubt hat, so plaudctt die„Nat.-Ztg.", daß mit dem Entscheide des Senats und mit der zuversichtlich erwaiteten Bestätigung des Ministers nun die zweite Ziehung— zwar keine vermehtte, aber hoffentlich eine verbesserte Auflage— un- beanstandet von der Kritik des Publikums ihren Verlauf neh- men könnte, der hat sich gründlich in der Natur der Menschen geirtt. Der Müller von Sanssouci ist der meistzititte Mann: „es giebt noch Richter in Berlin" und im Sturm und Drang des Rcchtsbewußtseins droht man mit ihrer Anrufung. Es find verzweifelt ernste Auseinandersetzungen, mit denen von Berufe- nen und Unberufenen das ganze römische Recht so zu sagen umgekrempelt und in allen seinen Jrrgängen und Winkeln durchstöbett wird, bis dem Opferlamm, das diese Berge von Gutachten über sich ergehen lassen muß, klar wird, daß sein Loos unter allen Umständen ein bedauernswerthes ist. Und doch verdienen einige Bedenken der Vergessenheit entrissen zu werden. Da wird der Gedanke angeregt, daß von dem Mit- spielen an der zweiten Vcrloosung zunächst die Gewinner der ersten Verloosung ausgeschlossen sein müßten. Sie hätten, so wird zur Begründung angeführt, ihre Freude schon sott. Ja, sie hätten die vielleicht noch größere Freude, durch die Nichtig- keitserklämng der ersten Verloosung um den Zwang gekommen zu sein, einen der 25000 gleichartigen niedrigsten Gewinne in Empfang zu nehmen. Solchergestalt zuerst zu gewinnen und dann wieder um den Gewinn zu kommen, sei so viel des Glückes, daß ein normal konsttuirter Mensch sich um so mehr damit begnügen könne, als dies zwiefache Ver- gnügen ihn nur eine Matt gekostet habe. Sollte dieser Vorschlag angenommen werden— woran allerdings zu zweifeln ist— so würden sich allerdings die Chanzen der noch verbleibenden 471 338 Loosinhaber nur unwesentlich verbessern. Wir haben Ursache anzunehmen, daß in dem Vor- schlage überhaupt nur ein Racheprojekt eines Spielers zum Ausdruck kommt, der sich über den früheren Vorschlag, eine zweite Verloosung nur unter den Gewinnern der ersten Ver- loosung vorzunehmen, ärgett. Die Antwott darauf aber ist nicht lange ausgeblieben, ja sie ist von einem Gewinner, der ahnungsvoll die ihm drohende Gefahr erkannt haben mag, gleichzeitig mit jenem seltsamen Vorschlag eingegangen. Die Durchgefallenen der ersten Verloosung— er nennt sie mit leiser Anspielung auf die Kunstausstellung: die aus dem Berliner Vecloosungs-„Salon" zurückgewiesenen Unzufriedenen, — die nun ihre eigene Verloosung haben wollen, sollten erst recht auch bei der zweiten draußen bleiben, denn sie hätten den allergrößten Gewinn bei der ganzen Geschichte gehabt, sie hätten auf Kosten der glücklichen Gewinner lachen können und und sie hätten gelacht, lange, laut und herzlich. Es sei eine ungeheure Quantität Schadenfreude konsumitt worden in den Tagen der Ungewißheit. Und heute, wo man willig seinen Thaler bezahle, um sich eine armselige Posse vorspielen zu lassen, in der man drei Stunden oft gezwungen genug lache, sollten plötzlich die eingetretene Stille. Hier und da zerbrach unter ihnen knisternd ein trockener Tannenzweig. Der Wind fuhr noch einmal, wie unruhig über die Störung, durch die Nebelmassen und riß sie auf einen Augenblick auseinander. Eine lange, dunkele Gestalt tauchte unter den letzten Bäumen auf und zügelte den eilenden Schritt. „Da wäre ich!" murmelte, erschöpft Athem holend, eine tiefe Stimme.„Da— das Moor, und hier— der alte Stein!" Die Gestalt trat unsicheren Schrittes auf den Fels- block zu, griff mit vorgestreckter Hand an seinen moos- bewachsenen Gipfel und lehnte sich dann müde an seine graue Seite. Es war ein Mann an der Grenze des Alters. Ein weiter schwarzer Mantel umhüllte die Glieder; ein breiter Filzhut, unter dem lange dunkele, in's Graue spielende Haare wirr auf Stirn und Nacken herabquollen, bedeckte das Haupt. Unter dem Hute blitzte ein Paar großer, glänzender Augen hervor; ein Vollbart bedeckte Wangen und Kinn. Nach langem Schweigen seufzte der Ankömm- ling tief auf und fuhr sich mit der Rechten über das Antlitz, so daß der Hut in den Nacken rutschte. Dann richtete er sich plötzlich auf, wandte sich hastig dem Walde zu und beugte den Kopf lauschend vor... Ein höhnisches Lächeln verzerrte das magere, bleiche Gesicht. „Ha, ha! Dieses Mal bin ich ihnen entwischt!" entfuhr es den halbgeöffneten Lippen... Ein Schimmer von Zu- friedenheit überflog das Antlitz. „Ich wußte es, ich würde siegen!'• rief er triumphirend und wandte sich wieder dem Moore zu. Das Auge blickte suchend um sich.„Dort— da ist mein alter Platz," sagte er und setzte sich an dem Fuß des Steines auf ein vor- springendes Stück desselben; das Haupt lehnte er an die kalte Steinwand. Eine Welt von Gedanken schien ihn der Gegenwatt zu entrücken, und er starrte mit weitqeöffneten Augen, wie abwesend, in das über dem Moor schivebende Nebelmeer--- Ein Tannenzapfen löste sich von der Spitze des nächsten Baumes und siel raschelnd zu Boden. Die Gc- stalt zuckte zusammen.(Fortsetzung folgt.) die Turchgefallenen mit dcm Vergnügen, nicht zu den Ge- minnern gehört zu haben, nicht zufrieden sein?■•• Es ist getreulich hier registrirt worden, was uns an Wünschen, die aus dcm Rahmen des Naheliegenden herausfallen, vorgetragen worden ist. Sie seien ebenfalls dem Senat der Akadcinie unterbreitet. Vielleicht fiet dort ein weiserer Richter, der die Entscheiduna trifft. Wir geben es auf. Zur Wetterlage schreibt der Hamburger Wctterkundrge der„Voff. Ztg." unterm 23. November:„Das Steigen des Luftdruckes vollzog sich nickt in stetiger Weise, sondern wurde am Sonntag durch den Einfluß einer im Nordwesten vorbei- ziehenden Depression unterbrochen. Nackdcm am Sonnabend Reifbildung eingetreten und am ganzen Tage sehr dichter Nebel bei ruhigem Wetter und bei einem Barometerstande von 15 mm über normal geherrscht hatte, siel das Barometer in der folgen- den Nacht und am Sonntage 7 mm; leichter Südwind sprang auf und brachte bei seiner Wendung nach West am Sonntag Nachmittag einige Stunden Regenwetter. Abends wehte Nord- wind bei klarem Sternenhimmel. Diese Wettergestaltung war durch den Vorübergang eines Theilminimums ver- anlaßt, welches als ein Randgebilde jener im Nordwesten und Norden durch Skandinavien eilenden Depression auf- trat. Nach denr Verschwinden des Theilminimrims stieg der Druck wieder sckncll und das Barometer erreichte am Montag wieder den früheren Stand. Auch am Dienstag stieg der Luft- druck bei völlig heiterem Himmel noch stetig, so daß am Abend der Barometerstand 18 mm über normal betrug; dabei zeigte -sich am ganzen Tage keine einzige Wolke, mit Ausschluß einiger Nebelschleier, welche am Morgen und Abend hervottraten. Cd- wohl am Tage die Temperutar auf 4 Grad Wärme gestiegen war, hielt sich im Schatten an manchen Orten noch Reif, wel- eher sich in der vorausgehenden Nackt reichlich gebildet hatte. An hellen Tagen kühlt nämlich die Erdoberfläche im Schatten unter freiem Himmel bis zu 4 Grad unter die Lufttemperatur hinab ab, weil durch Sttahlung Wärme in den Weltenraum entsendet wird. Bei dcm sehr hohen Druck sind jetzt mehrere Vorwiegend heitere Tage zu ermatten, an denen sich wiederholt Fröste einstellen werden.", Bei den kaiserlichen Postämtern besteht cme Emrrchtung, welche das Publikum oft zu lauten Aeußerungen des Miß- fallens hinreißt. Ilm 1 Uhr Mittags wird der amtircnde Post- fekretär ourck einen Kollegen abgelöst, zu welchem Behuf der abtretende Beamte über die eingegangenen Bettäge rc. genaue Rechnung abzulegen hat. Dieses Geschäft, welches natürlich mit der größten Sorgfalt zu geschehen hat, lenkt die Aufmerk- samkeit des Beamten von dem sich inzwischen am Schalter an- sanimclnden Publikums in recht störender Weise ab, und es ist dann dem Publikum nicht zu verdenken, wenn es mißfällige Aeußerungen fallen läßt. Könnte hier nicht ein anderer Modus geschaffen werden, welcher diese Stönmg beseitigt? Wir haben, so schreibt uns ein Benchterstatter, wiederholt gesehen, wie Per- soncn, entrüstet über das lange Watten, unabgcfertigt das Post- anit verlassen haben und nach einem anderen Postamt gegangen find, um— hier dieselbe Erfahrung zu machen! Die Zeit der Abrechnung bezw. Ablösung um 1 Uhr erscheint ungeeignet, weil dann in den Postämtern ein vcrhältnißmäßig starker Ver- kehr herrscht. Die Neue Berliner Omnibus- und Packetfahrt-Aktien- gcsellschaft sendet uns folgendes Schreiben mit der Bitte um Aufnahme:„Unter Bezugnahme auf den in der heutigen Beilage Ihres geschützten Blattes enthaltenen Artikel:„Seitens der Packetfahttgesellschaft jc. k." erlauben wir uns ergebenst mitzutheilen, daß wir wegen Herausgabe der mit unseren Werth- zeichen versehenen, irtthümlich von den Absendern in Postbrief- kästen geworfenen Briefschafien eine Eingabe an die kaiserliche Oberpostdirektion richteten, welche jedoch abschlägig bcschiedcn worden ist. Da wir uns bei dem gegebenen Bescheid nicht beruhigen, werden wir die Angelegenheit weiter verfolgen, wozu geeignete Schütte bereits eingeleitet sind." Betrachtung vom Verdeck eines Omnibuswagens. Von oben herab die Welt anzusehen, gilt zwar im Allgemeinen nicht eben als hübsch. Es zieht im Äegentheil dem Menschen nieist, Uild selten ohne Grund, den Vorwurf unbegründeten Stolzes zu. Aber auch hier kommt es nicht allein auf das Wer, sondem noch vielmehr auf das Wie an, und die Sache wird eine ganz wesentlich andere, je nachdem man als den Standpunkt, von welchem herab man die Welt ansehen will, die eigene gcehtte Nasenspitze wählt, oder einen etwas höheren und wirklich hohen Aussichtspuntt, z. B. die Siegessäule oder auch das Verdeck eines Omnibuswagens. Will man so recht aus eigener An- schauung erkennen, wie in Berlin die Gegensätze auf einander stoßen, so gicbt es nichts Instruktiveres als eine Fahrt auf dcm Deck eines Omnibus, beispielsweise auf der Strecke Potsdamer Brücke— Ostbahnhof. Kaum hat sich das Gefährt in Bewegung gesetzt, so wird der beobachtende Blick auch schon gefesselt, und wie eine Wandeldekoration zieht nun die Reichshauptstadt, so weit sich ihr Leben geschäftlich offenbatt, vorüber. Tie Pots- damer Straße läßt hiervon noch wenig merken. Seitdem die Pferdebahn auch durch sie hindurchgelegt ist, hat der Verkehr in ihr zwar eine lebhaftere Gestalt gewonnen, und es sind auch eine größere Anzahl mehr oder weniger glänzende Läden in ihr entstanden, aber ttotzdem deutet ihr ganzer Charattcr noch immer auf den vornehmen Westen, und durch einen Blick in die hier einmündenden Seitenstraßen, Eichhorn- und Linkstraße wird dieser Eindruck nur noch mehr befestigt. Auf dem Potsdamer Platz wird es schon anders. Der kolossale Verkehr hier muß dem Fremden, der drüben auf dem Bahnhof ankommt, sofott einen einigermaßen zutteffenden Begriff von dem Charakter Berlins als Weltstadt beibringen, während der Einhei- mische, daran gewöhnt, kann, noch etwas Anderes empfindet, als Mitleid über die echt spießbürgerliche Idee, hierher erst noch einen Obelisken stellen zu wollen. Als ob die Passage nicht ohnehin schon lebensgefährlich genug wäre. Mit der Fahrt durch die Lcipzigerstraße kommt man dcm Geschäftszentrum immer näher. Es ist geradezu bewundernswetth, wie sich diese Straße im letzten Jahrzehnt zu einer Hauptverkehrsader des Berliner Geschäftsverkehrs entwickelt hat. Bis hierher ist die Physiognomie der Stadt sowohl wie des öffentlichen Lebens noch immer vornehm, d. h. vornehm im landläufigen Sinne dieses Wottes. Elegante, ja glänzende Toiletten überwiegen, mit den ununterbrochen einander folgenden Pferdebahnwagen wetteifern hochfeine Equipagen in dem Bestteben, das Passiren der Stta- ßcnkrcuzungen möglich zu erschweren. Je näher wir dem alten Berlin, dem ehemaligen Kölln kommen, desto auffälliger ver- ändert sich die Physiognomie der Straßen. Tie prunkende Eleganz der glänzenden Schaufenster verschwindet immer mehr, das zwecklose Flaniren auf der Straße hört auf, um bürgerlicher Solidität und geschäftiger Regsamkeit Platz zu machen. Die Läden werden immer kleiner, das Angenehme tritt immer mehr hinter dem Nützlichen, das Entbehrliche hinter dem Noth- wendigen zurück. Auch die rauchgeschwärzten, eng in einander gebauten alten Häuser mit ihren Höfen, Speichern und: hier und da eingestreuten Fahrikgebäuden lassen erkennen, daß in dieser Stadtgegend Geschäft und immer wieder Geschäft das Hauptwott ist. Das gebt so bis über die Sttalauerstraße hinauf An der Jannowitzbrücke versuchen einige inoderne Riesenbauten ein Stück Westen hierher zu verpflanzen. ■Unser Omnibus fährt links in die Blumensttaße und dann den -Grünen Weg hinein. Wieder verändert sich die Szene. Die Schaufenster hören fast ganz auf, und was von solchen noch Vorhanden, verdient durchweg kaum diesen Namen. Das offene Geschäft hat sich im Keller einlogirt und führt dott als Grün- kram-, Holz-, Butter- u. s. w. Handlung ein halb unter- irdisches Dasein. An die Stelle des Hauses ist die Micths- kaserne getreten. In unabsehbar langer Zeile folgen die un- gemüthlichen Wohnstätten einander. Wenn man an einer Straßenecke entlang sieht, so macht es den Eindruck, als be- ständen dieselben nur aus einem einzigen langen Gebäude, so genau übereinstimmend find die Häuser gebaut. Elegante Toiletten verirren sich nur ausnahmsweise hierher, dafür ist hier der Arbeiter zu Hause, und wenn man gerade um die Mittags- oder Abendzeit kommt, so wimmeln die Straßen von Tausenden fleißiger Menschen, welche aus den Fabrikwerkstättcn heimkehren. Denn jedes ist hier eine Fabrik, oft befinden sich sogar mehrere auf einem Grundstück. Am meisten überwiegt die Weberei; überall hött man den Webstuhl klappern. Westen und Osten, Genuß und Kampf, das ist der große Gegensatz, um welchen sich die gcsammte soziale Frage dreht und den uns unser Omnibus einmal mit durchleben lehrt,— mühelos genug freilich, aber durchaus lehrreich genug für Jeden, der ein offenes Auge hat. Am Andreasplatz können wir aussteigen, un, mit dcm nächsten vom Ostdohnhof kommenden Omnibus wieder nach dem Westen zurückzukehren. In halbstündiger Fahrt haben wir mehr von Berlin kennen gelernt, als in manchen dicken Büchern enthalten ist. Zum Fall Speichert geht der„Chemiker-Ztg." von einem bei der Ausgrabung der Leiche betheiligt gcwesenm Expetten folgender Bcttcht zu:„Die Exhumirung erfolgte in der Zeit von 10 bis 12 Uhr. Der Sarg war im unteren Theil noch erhalten, der Teckel war eingedrückt, schloß jedoch den Sarg bis auf eine Mittelfuge. Nach Aushebung des Sarges lag obenauf das schwarzseidene Kleid, im Ganzen wohl erhalten, darunter die Leiche, bis auf die Knochen vollständig verwest, keine Spur von Mumifikation. An einzelnen Stellen etwas weiche schmierige Masse an den Knochen, andere Knochen ganz trocken. Keine Spur von Geruch nach Fäulnißstoffen, keine Schimmelpilzbildungen. Auffallend war enorme Entwicklung von kleinen Fliegenlarven, die in haufenweise zusammengclager- ten Kokons die weich erscheinenden Massen durchsetzten. Die Knochen sind in lockerem Zusammenhang, leicht auszulösen. Es wurde Erde aus vcrfchiedcnen Stellen des Grabes entnommen, Knochen, Kleid, Hobelfpähne, der Sargdeckel, Sargbeschlag jc. asservirt und;versicgelt.— Es darf wohl als gewiß gelten, daß die nunmehr zu erwartende Untersuchung mit der größt denk- barsten Vorsicht ausgeführt werden wird. Die Knochen sind zum Theil mit Erde verunreinigt, ebenso das Kleid und die Hobelfpähne. Im Sargbeschlag viel Zinkthcile an den Gttffen. Die Untersuchung der Erde kann in sachgemäßem Unter- suchungsgang bei Behandlung der betreffenden Lösung mit E28 sehr leicht zu Spuren von Arsen führen. Früher ist, so viel ich weiß, direkt der Auszug der Erde in den Marfh'schen Apparat eingetragen worden, eine Methode, welche Spuren Arsens leicht übettehen läßt. Im Ucbrigen ist das Auffinden von Spuren Arsens in den Leichenresten absolut ohne Belang, �da die gegen- wättig aufgeworfenen Fragen über den Tod der Frau Speichett durch das Auffinden minimalster Spuren Arsens nicht im Ge- ringsten gelöst werden." Die Hedwigskirche, deren rundes Kuppeldach gegenwärtig neu eingedeckt wird, gewährt in den Mittagsstunden an ihrer Vorderfront einen cigenthümlichen, man möchte sagen malerischen Anblick. Die auf dem Kirchendache beschäftigten Arbeiter und ebenso die mit dem Abbruche des danebenstchcndcn Eckhauses beschäftigten Arbeiter verzehren die ihnen von ihren Frauen ge- brachten Mittagsmahlzeiten auf den langgestteckten Granit- stufen, welche d,e Vorderfront des Gebäudes umfassen. Hier in den Nischen und Ecken des Hauses, neben den Eingangs- thüren, auch wohl mitten in der schnurgeraden Flucht der Gra- nitstufen paarweise sitzend, verzehren die Leute ihre Mahlzeit, wodurch die Front des Gebäudes in ihrer eigenartigen Form aus der Entt'crnung, etwa von der Universität her, einen merk- würdigen Anbl'ck gewährt. Bei einiger Phantasie kann man an die Lazaroni im südlichen Italien crinnctt werden, wenn nicht die nördliche Novembettempcratur sehr energisch gegen solche südlichen Erinnerungen protcstitte. Die Großattrgkeit des Gebäudes aber tritt gerade infolge dieser kleinen Gruppen dcm entfernteren Zuschauer lebhafter vor Augen, als dies ohne diese Gruppe der Fall sein würde. Eine interessante Beobachtung hat man bei den französischen Pferden gemacht, welche die Nene Berliner Pferdeeisenbahn-Gescllscheft in ihren Dienst gestellt hat. Diese Pferde, welche zum größten Theil in dcm Depot in der kleinen Frankfuttcrstraße, zum kleineren Theil in dem Depot in Weißens« ihre Stallungen haben, pflegen sich während der Ruhezeit der Länge nach, die Vorder- und Hinterfüße, sowie den Hals vollständig ausgestreckt, zu legen und so ficht man sie in ganzen Reihen in den Ställen liegen, während die deutschen Pferde bei der Ruhe thcils stehen, theils mit unter- geschlagenen Füßen liegen. Die Tauglichkeit der Perdcbahn- pferde ist, wie wir hierbei bemerken wollen, eine ganz ver- schiedene. Manche Pferde werden schon nach wenigen Monaten unbrauchbar, andere dagegen verrichten ihren Dienst ununter- brachen jahrelang; ja es giebt sogar Pferde, welche von der Begründung der Gcsellschaft an mit ungefchwächten Kräften laufen. Was die Pferde in erster Reihe kaput macht, ist das Anziehen und der kurze Trab, in welchem sie laufen müssen. Die Sonne bringt es an den Tag. Vor ungefähr fünf Jahren war ein Dienstmädchen zu zwei Iahren Gefängniß veruttheilt worden. Von ihrer Herrschaft war sie beauftragt worden, einen Geldbttef im Betrage von 700 Matt zur Post zu befördern. Der Herr hat den Brief auf dm Tisch gelegt, als das Mädchen denselben aber fotttragen wollte, war er ver- schwundcn. An das Unerklärliche des Verschwindens glaubte natürlich kein Mensch. In der festen Ucberzeugung, daß sie den Bttef unterschlagen, klagte die Herrschaft das Mädchen an und der Gettchtshof verurtheilte sie zu der oben erwähnten Sttafe. Ihrem hartnäckigen Leugnen stand der Eid ihres Brotherm gegenüber, daß niemand weit« im Zimmer war, als er vor ihren Augen den Geldbttef zur weiteren Besorgung auf dm Tisch legte. Aber die Sonne bringt nicht nur die Schuld, sie bringt auch die Unschuld an den Tag. Vor einiger Zeit ersteht auf einer hiesigen Auttion jemand ein altes Leder- sopha. Da er dasselbe in dem augenblicklichen Zustand nicht gebrauchen kann, so übergicbt er das Soph einem Tapezirer zum Aufarbeiten. Der ist nicht wenig erstaunt, als er in der Rückwand desselben einm mit 700 Mark deklatttten Geldbrief findet. Aber der Mann ist ehrlich. Er eilt mit dem Brief zu seinem Aufttaggebcr und auch dies« ist ein ehrlich« Mann. Er gesteht, wo er das Sopba«standen und ruht nicht eher, als bis er in Erfahrung gebracht, wer der ursprüngliche Besitzer desselben gewesen. Der war nicht wenig überrascht, jetzt nach so lang« Zeit und so unverhofft wieder in den Besitz des längst als verlorm bctrachtetm Geldes zu gelangen. Ein bitterer Wcrmuthsttopfm freilick war der Gedanke an das unschuldig veruttheilte Mädchen. Er hat sich sofort alle Mühe gegeben, über cor Schicksal etwas zu«fahren, bis jetzt jedoch ohne Er- folg. Von dem Augenblick, da sie das Gefängniß verlassen, fehlt jede Spur von ihr. Ein gcheimnistvoller Vorgang«eignete sich in der ver- flosscnen Nacht in Eharlottcnburg. ES wird darüber berichtet: In der verflossenen Nacht kehrte ein H«r, welch« sich als Dr. Erckhoff aus Charlottenburg bezeichnete, in einem Hotel Unter den Linden ein und ließ sich ein Zimmer heizen, verließ das- selbe aber bald wieder, unt« Umständen, die auf Gcistesgc- stöttheit schließen ließen, nämlich nur mit Hose, Hemd und Strümpfen bekleidet, und fuhr in ein« Droschke fort. Später «schien der Droschkmkutsch« im Hotel und theilte mit doli fem Fahrgast unterwegs die Droschke verlassm und querfeldein xNKMMZM ■immmm hier eingetroffenen Rcichstagsabgeordnete n Singer, den Kurator des Männerasyls, erkennen. Der Voranschlag der Ausgaben be- läuft sich auf 34 072 M., der der Einnahmen auf 26 662 M, so daß noch 7410 M. durch außerordentliche Einnahmen zu decken sind. Anttäge liegen vor auf Einführung einer wirksameren Konttole, Oeffnunq des Männerasyls bereits bei Eintritt d« Dunkelheit und Petition um eine andere Benennung des städtischen Asyls, um Verwechselungen zu vermeiden. Ein nettes Früchtchen. Ein Zögling des Johannisstifts bei Plötzmsee, der löjührige Maximilian F., ließ sich vor einigen Tagen aus der Anstalt beurlauben, um seinen in der Frank- fürt« Allee wohnhaften Vater zu besuchen. Dott ist er jedoch nicht eingetroffen, sondern hat sich in der Stadt umhergettteben Gestem Abend wurde er in der Zenttalmarkthalle bei der Aus- führung eines Taschendiebstahls ergriffen und v«haftet. Ge- ständlich ist F. während seiner Streifzüge fortgesetzt auf V«- Übung von Taschendicbstählen ausgegangen. Eine von schrecklichen Folgen begleitete Kesselexplosto» fand gestern Nachmittag gegen 4 Uhr in der Müller'schen Hattgummifabttk, Neue Königstraße, statt. Meist sind es ent- sctzliche Brandwunden, welche das dem Kessel entströmende kochende Wasser ein« Anzahl von Arbeiterinnen der Fabrik zufügte. Am übelsten kamen zwei jugendliche Arbeiterinnen, Mädchen im Alter von 18 bis 20 Jahren, Georgenkirchstt. 7 und Greifswalderstt. 37 wohnhaft, davon. D« einen wurden beide Vorderarme, das Gesicht und d« Rückenthcil auf eine ganz schreckliche Weise verbrüht, so daß das Fleisch sich von den Knochen schälen ließ; beinahe dieselben entstellenden Verletzungen trug die andere Arbeiterin davon. Wcit«e zwei Zlrbeitettnnen haben minder schwere Verletzungen zu beklagen. Die Schmerzensschrcie und Hilferufe der Verunglückten waren ent« setzlich; das ganze Fabttkpett'onal befand sich in fürchterlicher Aufregung. Die Polizei war binnen Kurzem zur Stelle. Bald erschienen auch die herbeigerufenen Aerzte Dr. Rosenberg und Dr. Fttcke, welche nun vereint den Verunglückten die enorder- liehen Verbände anlegten, und für ihre Ueocttührung nach dem Krankenhause sorgten, lieber die Ursache ist sofott die polizei« liche Untersuchung eingeleitet worden. In wahrhaft entsetzlicher Weise hat ein 13jäbttqcr Knabe am Montag Abend seinem Leben ein Ende gemacht. Im Hause Mclckiorsttaßc 4 befindet sich der„Staatsb. Ztg." zw folge die Tintenfabttk von Buch und Landau«. In dies« Fabrik ist der Arbeit« Schwarz beschäftigt, der im Vordnhaust vier Treppen hoch eine Wohnung inne hat. Schwarz ist zum zweiten Male verheirathct, aus der ersten Ehe stammt der 13jähttge Knabe Karl. Am Montag Abend gegen 8 Uhr sollte der Knabe von der Stiefmutter Schläge erhalten, er entzog s>» denselben aber dadurch, daß er ein Fenster aufriß und die vi« Stockwerke hinab auf die Straße sprang. Er kam unten zuerfl auf beide Beine zu stehen, die er brach, dann schlug er am das Gesicht und zog sich dabei einen Schädelbruch zu. NocO lebend und augenscheinlich noch bei Bewußtsein— denn n ver» mochte noch seinen Namen anzugeben— wurde der Knabe v®� des letzteren derartig am Kopfe verletzt wurde, daß er nach™ Kranken Hause im Friedttchshain gebracht werden mußte- � Gegen Abend wurde ein junger Mann in sein« Wohnung� der Jnvalidenstraße todt im Bette liegend vorgesunden- liegt zweifellos Selbstmord vor und zwar durch Ersch'ev� wahrscheinlich nach vorangegangenem Genuß von Cyankan- � Abenvs gegen 10 Uhr fiel ein Mann in der Trunkenhc" Blücherplay in den Landwehrkanal, wurde ab« alsbald herausgezogen und nach der Ehatttee gebracht. Gerichts-Ieitung. Die Rädelsführer des Spremberger Krawalls vor dem Schwurgericht.. Cottbus, den 23. November loöv- Erstcr Tag der V«handlung.(Schluß.) W Hotelbesitz« Schwctasch: Er sei nicht der Meinung»� Korn geworfen, da d« Wurf anscheinend aus etwas n" � Entfernung, als von der Stelle, an der Korn sich befano-.� kommen sec. Er habe nicht gesehen, daß Hubrich den � mißhandelt habe; nicht Hubrich, sondern er(Zeuge) 0flt'e Korn zu Wache transportitt.... ,a>cN Präs.: He« Zeuge, hielten Sie den Vorgang für �ll sozialdemokratischen Putsch?— Zeuge: Keineswegs, A die ganze Sache für einen groben Unfug. Meine><■ zählten sich allerdings am I. Mai, daß man sich am wieder auf etwas gefaßt machen könne.» Präs.: Tann muß die Sache doch etwas tttt« WS g,. muß doch alsdann ein gewiss« Plan vorhanden fem?" Das glaube ich nicht.. Präs.: Was hätten denn die Leute unter UMl machen können?— Zeuge: Das weiß ich nicht.__.hcn f � Präs.: Ist irgend ein Fenster eingeworfen wo Zeuge: Nein. ,, Tuchfabttkant Püsckel: Er habe den Säbisckka a � des Zuges gesehen. Die am Zuge Betheiligten 10"�� Marseillaise. Säbischka habe d« Aufforderung bcr AWUWS»-« mir unbekannten Manne. littet sagte zu s-mem � f »Wenn wir Dynamitbomben hätten. dann wa« Holsen/ es*, er Tittel bestreitet dies mit aller EntschicdcnhcO. � j jenem Tage überhaupt nicht in der Cangenstraß> 15 irren?— Zeuge: Ich glaube, es war Littel,- � %%%%»« w«»-'", und Säbischka als Rädelsführer der Mmge. �erg�B gingen:„Diese Bude hätten wir auch stur, aus ist der Polizei auch Hilfe gekommen-| börte„uf, Rentier Müll«: Am Sonntag, den. upffach«' ftop' ein Arbeiter zu zwei anderen sagte: ppi- Hnerden-.F daß Dynamit und Brandbomben angesmaN, si* ie?o» den Mann nach seinem Na en, diel«'. koste" seinen Nmnen zu nennen und lief davon, u «in und nannte er mir einen falschen Namen. Später wurde mir gesagt, daß dies der Angeklagte Tittel gewesen sei, ich kann den Mann jedoch nicht wieder erkennen. Die Sitzung wird alsdann gegen 3% Uhr Nachmittags auf Mittwoch Vormittags 9 Uhr vertagt. Zweiter Tag der Verhandlung. Präsident Landgerichtsdirektor Krause eröffnet gegen neun Uhr Vormittags wiederum die Sitzung. Es werden eine Anzahl Entlastungszeugen vernommen, die jedoch nichts Wesent- liches bekunden. Auf Antrag des Staatsanwalts wird nochmals Polizei- Wachtmeister Hubrich vernommen. Dieser erzählt die bereits mitgetheilte Affäre, daß einige Zeit nach dem Krawall 2 junge Arbeiter mit Steinen nach ihm geworfen haben, ohne daß er die betreffenden Persönlichkeiten habe feststellen können. Einige Wochen darauf, kurze Zeit nachdem der sozialdemokratische Agitator Breil aus Spremberg ausgewiesen war, sei er wiederum mit Steinen geworfen worden. Diesmal sei es ihm gelungen, den Attentäter in der Person des Arbeiters Lamke zu verhaften, Dieser sagte'„Ich bin nicht so schlimm,.Herr Wachtmeister, ich bin zu dem Steinewerfen bestimmt worden." Auf die Frage, wer ihn dazu bestimmt habe, antwortete er, das werde er später sagen. Am folgenden Morgen habe Laucke weder von dieser Unterredung, noch daß er mit Steinen geworfen, irgend etwas gewußt. Laucke habe gesagt, er sei am vorhergehenden Abende sinnlos betrunken gewesen; diese letztere Behauptung stelle er (Hubrich) jedoch mit aller Entschiedenheit in Abrede. Es werden alsdann die Aussagen zweier kommissarisch ver- nommener Zeugen verlesen. Rentier Römmler hat danach bekundet, daß am Sonntag Morgen vor seinem in der Nähe des Marktplatzes belegenen Hause eine große Anzahl Pflastersleine gelegen haben, die jeden- salls am Abende vorher hingeschafft worden seien. Vor seinem Hause herrsche stets die größte Sauberkeit, auch liegen innerhalb «er Stadt niemals Pflastersteine umher. Handelsmann Kurtzhals hat am 1- Mai Mittags einige junge Arbeiter, von denen er die Angeklagten Rietschel und Kom erkannt habe, an der Dresdenerstraßen-Ecke stehen sehen. Die Leute sagten:„Heute Abend geht es erst recht los, heute werden wir es dem rothbärtigen Schw........ Mwn besorgen, das Messer muß in Anwendung gebracht werden." Korn und Rietschel stellen eine solche Unterhaltung in Abrede. Ein Geschworener fragt, ob am Abende des 1. Mai der Kandelaber aus dem Marktplatze gebrannt habe. Der Angekl. Tittel behauptet nämlich: er habe am Kandelaber gestanden iwb konnte somit unmöglich von dem gestern vernommenen Tuchfabrikanten Schmidt erkannt worden sein. Die Polizei- Wachtmeister Hubrich, Sommer und Polizei- Sekretär Mattka bekunden, daß sie sich darauf nicht mehr erinnern. � Bürgermeister Wirth: Der Kandelaber habe höchstwahr- scheinlich nicht gebrannt, der Marktplatz sei aber trotzdem der- selig erleuchtet gewesen, daß man vom Rathhause auch sehr Siohi einen am Kandelaber stehenden Menschen erkennen habe können. Der betreffende Geschworene bemerkt: Er habe gestern persönlich in Spremberg einen Versuch gemacht und gefunden, baß, wenn der Kandelaber nicht brenne, man vom Rath- Hause aus einen an letzterem stehenden Menschen nicht erkennen könne. Die Beweisaufnahme ist danach beendet. Der Protokollführer, Referendar Wehlan, verliest die den Geschworenen vorzulegenden Schuldfragen, die bezüglich aller Angeklagten auf Landfriedensbruch und Auflauf, bei den meisten Angeklagten auch ans Rädelsführerschaft lauten. Es wird alsdann von dem Vertheidiger, Rechtsanwalt Schulz, bemerkt, daß vergessen worden sei, den gestern vorge- Magenen Entlastungszeugen Schulz aus Sladen zu vernehmen. Angeklagte Korn verzichtet auf diesen Zeugen. Es nimmt alsdann das Wort zur Schuldsrage Erster Staats- Haucke: Gestern haben wohl zwei Zeugen behauptet, Krawall habe keinen sozialistischen Untergrund gehabt. r'jC'l ich, der ich einen tieferen Einblick in die diesbezüg- Spremberger Verhältnisse habe, behaupte: die ge- '°nimten Vorgänge hatten einen sozialdemokratischen, der ?.?avall vom Abend des 1. Mai bereits einen anarchi- "'Ichen Beigeschmack. Dafür spricht die rothe Fahne und v"® Singen der sozialdemokratischen Lieder, sowie der Umstand, «in großer Tbeil der Angeklagten anfänglich zugegeben sie seien Anhänger der sozialdemokratischen Partei. Allem :'« Vorgänge vom Abende des 1. Mai hoben bereits einen ".®rä)tftifchen Untergrund. Die Sozialdemokraten sind noch so weit, um mit Dynamit ihre Grundsätze zur Ausfüh- zu bringen. Allein man braucht blos einmal die anar Frech" Rätter, z. B. die von dem bekannten Most redigirte i".{efen, und auch andere, im Jnlande verbreitete Blätter m denen die Anwendung von Dynamits empfohlen =* V2/V|UjIvlJlCllvU f I ®TUchtcn, so bleiben immer die Vorgänge vom Abende des ;■ Mot an sich bestehen. Der Staatsanwalt beleuchtet alsdann """Sehender Weise diese Vorgänge, die zweifellos geplant »«Wesen seien und einen sehr gefährlichen Charakter hatten an- "fymen können: er beantragt schließlich gegen sammtliche An- wate das Schuldig..„r �..•"ertheibiger Rechtsanwalt Hammerstein: Daß die Tinge- Anhänger der sozialdemokratischen oder gar anarchish- rT". Partei sind, ist ihnen in keiner Weise bewiesen worden. inj?1',0 wenig ist der Beweis erbracht worden, daß ine sozial- l(isf0tta,ti'chen oder anarchistischen Lehren den Krawall veran- .» haben. Ich erinnere hierbei ganz besonders an die Be- Äsungen des Gastwirth Sckwetasch, des Nathskellerw'rth ZMenz und des Stadtrath Säbisch. Letzterer bemerkte dem Bürgermeister, er halte es für vollständig unnöthig, die Feuer- jv ar zu alarmiren, mit diesen Jungens werde man auch ohne -jÄmerweht fertig werden. Und so war es auch. Ohne jede »«lang es einer Anzahl Bürger, Herr des Tumults zu ei,.~ Der Vertheidiger bemerkt hierauf bezuglich diesbezüglichen Aeußerung des Staatsanwalts, daß die wwvrcnen lediglich das zu beuttheilen haben, was Geaenstand Urni�i eisamnabme gewesen und daß sie das Strafkammer- De? a>"«««" desselben Vorganges absolut nichts angehen dürfe. des �etthcidiger bat schließlich, fernen Klienten Sablschka nur »K'aufs für schuldig zu erklären. �«tet Rede aus. daß der ganze Krawall dem Hubrich gegolten. SSM en. iig SpX&lÄ" 8M Kuchar. �,... "«llflnnv Asstiz-Rath Lorenz plaidirt in längerer Rede für 5(?A0er Freisprechung feines Klienten Tittel._ «lwalt« JuIäer Replik und Duplik zwischen dem Stactts- und den Vertheidigern giebt der Präsident den Gc- schworenen die nöthige Rechtsbelehrung, worauf sich dieselben gegen 2} Uhr Nachmittags zur Berathung zurückziehen. (Schluß folgt.) Leipzig, 24. November. Morgen, Donnerstag, kommen hier vor dem Reichsgericht zwei Diätenprozesse zur Verhandlung, und zwar gegen die Reichstagsabgeordneten Hasenclever und Dirichlet. t„Sozialdemokraten sind alle solche faule Arbeiter!" sagte der Maurerpolier Neumann, der einen Neubau in der Lderbergerstraße leitete, zu dem dort beschäftigten Maurer Mietz, dessen Arbeit er tadelte. Eine solche Aeußerung bekundete wenigstens Mietz, der gestern vor der 91. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts unter der Anklage des Hausfriedensbruches stand. Der Angeklagte erzählte, daß er zu anderen Kollegen die Absicht ausgesprochen habe, die Arbeit niederzulegen und in Moabit Arbeit zu suchen. Diese Abficht sei dem Maurerpolier hinterbracht worden, der von da an auf jede Weise versucht habe, an seiner Arbeit Fehler zu entdecken. Als nun am 12. September d. I. ein solcher nach seiner Meinung undegrün- deter Tadel ausgesprochen wurde, da habe er ärgerlich Werk- zeug und Material von sich geworfen und so sei dem Polier etwas Kalk auf den.Hut geflogen. Von einigen Zeugen wurde aber bekundet, daß der Angeklagte den Polier mit Kalk und zwei halben Ziegelsteinen geworfen habe, von denen aber nur das erste Projektil den Polier getrogen Hobe. Neumann forderte hierauf den Angeklagten auf, sofort den Bau zu verlassen. Als Mietz nicht sogleich ging, rief der Polier den Kalkschläger Will herbei und trug ihm auf, einen Schutzmann herbeizuholen. Ein Beamter war jedoch nicht in der Nähe, und so machten sich Will und noch einige Kalkschläger auf, um den Maurer, der dem Polier mißsiel, vom Bau herunter zu bringen. Als Mietz sich bedroht sah, schwang er seinen Hammer und sein neben ihm arbeitender Kollege D. rief:„Schlagen laß' ich meinen Kollegen nicht!" und ergriff eine Schippe zur Abwehr. Mit dieser Schippe soll er nun dem eindringenden Will einen Stoß in die Brust versetzt haben, so daß derselbe in einen leeren Mörtelkasten trudelte. So gab wenigstens Will es vor Gericht an, während D., der sich gegen die Anklage der Körperver- letzung zu verantworten hatte, diese That in Abrede stellte. Schließlich kam der so lange gesuchte Schutzmann und schlichtete den Streit, der größere Dimensionen anzunehmen drohte, da ein Theil der Maurer für Mietz Partei nahm, während die Kalkschläger sich auf die Seite des Polier stellten. Der Staats- anmalt beantragte gegen Mietz 1 Woche Gefängniß wegen des Hausfriedensbruches, gegen D. 2 Wochen Gefängniß wegen der Körperverletzung. Der Vertheidiger des Mietz bezweifelte die Anwendbarkeit des§ 123(Hausfriedensbruch) und schlug die Ladung eines Entlastungszeugen vor. Diesen Anttag lehnte der Gerichtshof ab und erkannte gegen beide Angeklagten auf Schuldig. Mietz wurde zu einer Woche Gefängniß wegen des Hausfriedensbruches und zu der höchsten Haftstrafe, die das Gesetz zuläßt, zu vierzehn Tagen Haft wegen der Ueberttetung, des Werfens mit den Steinen und dem Kalke verurtheilt, während gegen D. unter Annahme mildernder Umstünde auf eine Woche Gefängniß erkannt wurde. ff„Ein Sommerfest des patriotischen Vereins", mit dieser Spitzmarke versehen waren zwei Artikel im August v. I. in der freisinnigen„Eberswald er Ztg." erschienen, wegen deren sich der verantwortliche Redakteur des Blattes, Adolf Lemme, gestern zu verantworten hatte, der unter der Anklage der Be- leidigung durch die Presse vor der ersten Strafkammer des hiesigen Landgerichts stand. Es handelte sich um eine Artikelserie, die seinerzeit in Eberswalde gewaltigen Staub aufge- wirbelt und durch die sich die Vorstandsmitglieder des genannten Vereins, an ihrer Spitze ein gewisser Major a. D. Ulbrich, beleidigt gefühlt und den Strafantrag gestellt hatten. Die erste Verhandlung hatte vor der Strafkammer des Landgerichts in Prenzlau stattgefunden und das Material für die Anklage war durch vier Artikel gebildet worden. Der Staatsanwalt hatte wegen verleumderischer Beleidigung durch die Presse und in Anbe- tracht der Vorstrafen gegen den Angeklagten 9 Monate Gefängniß beantragt: der Gerichtshof sprach ihn jedoch von Strafe und Kosten frei. Die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen dieses Erkenntniß war vom Reichsgericht insoweit anerkannt worden, als die Revision in Bezug auf zwei Artikel für begründet ge- halten und die Sache mit dieser Einschränkung zur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung an das hiesige Landgericht I gewiesen wurde. Die inkriminirten Artikel beschäftigen sich, wie schon aus der Ueberschrift hervorgeht, mit dem Sommerfest der Eberswalder„Patrioten". Sie erheben gegen den Vorstand des Vereins den Vorwurf, daß er Wahlstimmen zu kaufen suche, mit Freibier und Käsestullen traktire, die Kinder in die politische Agitation hineinziehen wolle und so Unfrieden in die Familien trage:c.— In eine Beweisaufnahme wurde nicht eingetreten, trotzdem 17 Zeugen aus Eberswalde geladen waren. Ter Angeklagte verzichtete wegen eines Formfehlers in dem Eröffnungsbeschluß auf jede Aus- sage; der Nebenkläger, Major Ulbrich, stellte die Wahrheit aller in dem Artikel behaupteten Thatsachen in Abrede.— Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Flatau, beantragte die Freisprechung seines Klienten, da eine Beleidigung in dem Artikel gar nicht enthalten sei, während der Staatsanwalt das Entgegengesetzte herausfand und eine Geldstrafe von 500 M. beantragte. Das Urlheil lautete auf eine Geldstrafe von 300 M. Einem besonders interessanten Fall der Verurtheilung eines Unschuldigen zu drei Jahren Zuchthaus liegt eine merkwürdige Verkettung von Umständen thatsächlicher und recht- licher Natur zu Grunde. Der Rentier Wilhelm Möser aus Fürstenwalde gerieth mit dem Holzhändler Zeuschner, dessen Tochter er hatte heirathen sollen, in Differenzen, aus denen sich ein Zivilprozeß und zwei Strafprozesse entwickelten. Beide hatten die Verbrechen des wissentlichen Meineids und An- stistung dazu als Unterlage, und der letztere war aus dem ersten entsprossen. Möser hatte sich in beiden Sachen auf die Anklage wegen Anstiftung zum Meineid zu verantworten. In dem erstereii Verfahren wurde Möser vornehmlich auf die Aus- sage des Fleischers Plathe freigesprochen. Dieser Zeuge be- zichtigte sich später selbst des Meineids und behauptete, dazu durch Möser bei Gelegenheit eines in Frankturt a. O. stattgehabten Termins durch Gewährung eines Geldgeschenks angestiftet worden zu sein. Einige Zeit darauf widerrief Plathe diese Bezichtigung und Selbstbezichtigung und gab als Grund derselben Anstiftung durch verschiedene Gegner des Möser an, iiie ihn fortwährend bestürmt und ihm keine Ruhe gelassen hätten. Plathe gab auch an, durch die Behandlunr des Untersuchungs- richters zu der Bezichtigung Mösers veranlaßt worden zu sein. Beide Beschuldigte wurden in Untersuchungshaft genommen, und unterm 9. Februar d. I. stellte die Staatsanwaltschaft den Antrag auf Eröffnung des Hauptverfahres und Fortdauer der Haft. Das Landgericht zu Frankfurt a. O. lehnte aber bezüglich des Möser die gestellten Antrage ab, beschloß vielmehr, diesen sofort auf freien Fuß zu setzen. Die Be- zichtigung des Plathe. die noch zudem wieder zuruckae- nommen worden war, wurde nicht als hinreichend zur Be- lastung des Möser erachtet. Gegen diesen Beschluß legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, und der Strafsenat des Kammergerichts eröffnete daraufhin das Hauptverfahren auch gegen Moser und verfügte dessen sofortige Wiederverhaftung. Die Hauptverhandlung fand in den Tagen des 14. und 15. April er. vor dem Schwurgericht in Frankfurt a. O. statt, zu welcher der Vertheidiger des Möser, Rechtsanwalt Dr. Fr. Friedmann aus Berlin, eine große Zahl von Entlastungszeugen geladen hatte. Im Laufe des Verfahrens, das sich für seinen Klienten äußerst günstig gestaltete, verzichtete er aus einen großen Theil derselben. Zum großen Erstaunen aller Betheiligten sprachen aber die Geschworenen das Schuldig auch über Möser aus, und der Gerichtshof venirtheilte beide Angeklagte zu je drei Jahren Zuchthaus und je zehnjährigem Ehrverlust. Die von Möser eingelegte Revision wurde verworfen, der Verurthellte am 11. Juni er. fn die Strafanstalt zu Sonnenburg übergeführt. Rechtsanwalt Dr. Friedmann, welcher diesen Fall in in seiner soeben herausgegebenen Broschüre„lieber die Schwurgerichte" auf S. 16 und 17 besonders erwähnt, reichte einen Wiederaufnahme-Antrag beim Landgericht zu Frankfurt a. O. ein, welcher unter einer merkwürdigen Begründung zurückge- wiesen worden ist. Es heißt darin u. A.:„Es läßt sich nicht verkennen, daß diese Umstände geeignet sind, die Glaubwürdig- reit der Bezichtigung des Plathe in hohem Grade zweifelhaft erscheinen zu lassen. Wenn aber gleichviel die Geschworenen aus der Hauptverhandlung die Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten Möser geschöpft haben, so läßt sich nicht ab- sehen, wie die weiteren m den Vertheidigungsschriften und dem Wiederaufnahmegesuche vorgetragenen Thatsachen die Glaubwür- digkeit der Plathe'schen Bezüchtigung noch mehr, als es ohnehin schon geschehen, soll erschüttern und eine andere Entscheidung zu Gunsten des Angeklagten Möser herbeiführen können, da sie, wie gesagt, die absolute Unwahrheit der Bezichtigung in ihren erheblichen Punkten darzuthun nicht geeignet sind."— Auf die gegen diesen Beschluß eingelegte Beschwerde ordnete der Feriensenat des Kammergerichts die Erhebung der bean- fragten Beweise an, von denen namentlich ein Alibi des Möser für die Zeit der Anstiftung von größter Erheblichkeit ist.— Inzwischen trat wieder ein merkwürdiges neues Ereigniß in dieser an und für sich so eigenartigen Sache ein. Plathe ist am 26. Juli er. in der Strafanstalt zu Sonnenburg verstorben. Vor seinem Ableben widerrief er vor dem Anstaltsgeistlichen Brandt alle seine gegen Möser erhobenen Bezichtigungen und gab auf eindringliches Befragen des Geistlichen an, daß seine erstgemachte Aussage auf voller Wahrheit beruhe. Dieser Bor- fall veranlasste den Ersten Staatsanwalt beim Landgericht zu Frankfurt a. O. seinerseits zu Gunsten des Möser die Wiederaufnahme des Verfahrens in Antrag zu bringen. und die Entlassung desselben aus der Strafanstalt zu bewirken Dieselbe erfolgte am 11. August d. I., so daß Möser ea. fünf Monate in Untersuchungshaft und zwei Monate im Zuchthause unschuldig zugebracht hat. Die Staatsanwaltschaft erachtete mit ihrem Antrage den des Vertheidigers zwar für erledigt, letzterer bestand aber im Interesse seines so schwer mitgenommenen Mandanten darauf, daß auch dessen Antrag entschieden werde und namentlich die Erhebung der Beweise ihren Fortgang nehme. Dies ist auch geschehen und die Beweisaufnahme geschlossen. Wie wir hören, beabsichtigt die Staatsanwaltschaft die Geneh- migung des Herrn Justizministers dazu einzuholen, bei Gericht nach Maßgabe des§ 411 Abs. 2 der Strafprozeßordnung den Anttag auf Freisprechung ohne neue Hauptverhandlung zu stellen. Hoffentlich wird dem unschuldig Venittheilten diese größte zu- lässige Genugthuung zu Theil. Die Voruntersuchung gegen elf dem Fachverein der Töpfer angehörige Vorstandsmitglieder und Mitglieder der Konttolkommisston ist jetzt beendet und ist die Sache der Staats- anwaltschaft übergeben worden. Die Voruntersuchung hat un- gefähr 6 Monate gedauert. Der Fachverein der Töpfer wurde am 9. Juni geschlossen._ Uereine und Versammlungen. bt». Der Fachverein sammtlicher im Drechslergewerk beschäftigten Arbeiter hielt am Dienstag Abend bei Wohl- hnupt, Manteuffelstr. 9, eine Versammlung ab. Zunächst er- stattete der Vorsitzende Bericht über die Antwort des Vorstandes der hiesigen Drechsler-Jnnung auf die an ihn vom Fachverein ergangene Aufforderung zur Einberufung einer önentlichen, ihr Bureau selbst wählenden Drechsler-Meister- und Gesellen-Versammlung, um über die Beschlüsse des von der Innung im August d. I. in Leisnia veranstalteten Trechslertages zu berathen. Diese Antwort des Jnnungsausschusses geht im Wesentlichen dahin, daß sich die Innung auf eine öffentliche Versammlung, welche ihr Bureau selbst wählen soll, nicht einlassen könne, da eine solche Versammlung den Charakter einer ordnungsmäßigen Jnnungsversammlung verliere und der Allgemeinheit nützliche Verbesserungen erfahrungsgemäß aus solchen Versammlungen nicht Hervorgehen. Diese Antwort wurde sowohl vom Refe- renten, als auch von allen an der Diskussion sich detheiligenden Rednern entschieden verurtheilt. Schließlich wurde über dieselbe durch einstimmig angenommene Resolution zur Tagesordnung über» f langen. Sodann referirte Hr. Sündermann über den„Werth der chkommissionen zur Erzielung besserer Arbeitsbedingungen." allen 11 Branchen des Drechslergewerks sei je eine aus mindestens 3, höchstens 11 Personen bestehende Fachkommission zu wühlen, hauptsächlich, um durch Ausarbeitung von Minimal- Akkordlohntarifen die Akkordarbeit etwas zu regeln. Dabei fei zur Zeit ein Minimallohn von 18 M. für den sog.„schwachen Arbeiter" zu Grunde zu legen. Die beabsichtigt gewesene Vor- nähme der Wahl einer Fachkommission der Knopfmacher wurde abgelehnt, da zu wenig Knopfmacher in der Versammlung er» schienen waren. Ferner beauftragte die Versammlung den Borstand des Vereins, zur Errichtung eines Arbeitsnachweisbureaus und Verkehrslokals in kürzester Zeit die vorbereitenden Schritte zu thun. In den Vereinsvorstand wurden zur Ergänzung ge- wählt die Herren Max Viol und Behrenbeck. Der Verein zur Wahrung der Interessen der Korb- macher Berlins und Umgegend hielt am 21. d. M. bei Otto, Ädalbertstt. 21, eine Mitglieder-Versammlung ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Der neu gegründete Unterstützungsverein deutscher Korbmacher. 2. Verschiedenes.— Zum ersten Punkt der Tagesordnung berichtete der zweite Vorsitzende, Herr Fechner, daß in Dresden ein Unterstützungsverein deutscher Korbmacher gegründet worden sei und gelangten die Stututen desselben zur Verlesung. Ueber die Zweckmäßigkeit dieses Unterstützungsvereins wurde lebhaft debattirt und entschied man sich schließlich für Einsetzung einer Kommission von 5 Mitgliedern, welche die Statuten zu prüfen und der nächsten Ver- sammlung Bericht darüber zu erstatten hat. Zu„Verschiedenes" sprach sich zunächst Herr Nielsch für Errichtung einer Herberge für Korbmacher durch den Ver-in aus und wurde darin von mehreren anderen Rednern unterstützt, während Herr Fechner die vorhandenen Herbergen als genügend erachtete. Ferner legte der Kassirer, Herr Reddemann, Rechnung vom Stiftungs- fest; es ergab sich ein Ueberschuß von 22 M. 70 Pf. Alsdann wurde beschlossen, die Dezember-Versammlung des nahen Weih- nachtsfestes wegen ausfallen zu lassen. Die TelegraphenbauanstaltBiedernnann und Ezarnikdw. Bamtherstt.9, sendet uns nachfolgendes Schreiben mit der Bitte, dasselbe zu veröffentlichen: „In der Nr. 273 Ihres geschätzten Blattes vom 21. d.M. befindet sich unter der Rubrik �Vereine und Versammlungen" eine von dem„Fachverein der Mechaniker" herrührende uns de- treffende Nachricht, welche wir in allen Punkten widerleoen müssen. 1. Wir beschäftigen im Durchschnitt 15 Mann, von degen nur einer, in den seltensten Fällen 2 den Lohn von 15 M. pro Woche beziehen. Diesen meist noch ganz jungen Leuten ist durch Akkordarbeit Gelegenheit geboten mehr zu verdienen, doch das gelingt ihnen nicht und find wir gezwungen, die Plätze mit besseren Kräften zu besetzen. 2. Die Behauptung, daß bei einer 13 stündigen Arbeitszeit die tüchtigsten Gehilfen 21, ansnahmS. weise 24 M. bei uns verdienen, ist ebenso unrichtig, indem wir seit Mannten bei 10 stundiger Arbeit pro Woche folgende Löhne zahlen: 1 Mann& 15 M., 2 Mann k 18 M., 2 Mann k 20 M., 4 Mann k 21 M., 2 Mann k 24 M., 1 Mann ä 27 M. und 3 Mann k 30 M. Diese Löhne werden durch Akkordarbeit meist höher und ist es bezeichnend, daß gerade der Redner, von welchem die unrichtigen Angaben in der Versammlung gemacht worden sind, während der letzten 20 Wochen in unseren Geschäfte bei 10 stündiger Arbeit durchschnittlich 34,50 M pro Woche verdient hat. Die weitere in der Versammlung ge-- machte Mittheilung, daß„unseren Leuten" eine Lohnrcduktion in Aussicht gestellt worden ist, beruht ebenfalls auf Unwahrheit. Wir sind bereit, die Berichtigung durch unsere Bücher bezw. Zeugen zu bekräftigen. Den Tischler» Berlinds macht die in der öffentlichen Tischlcruersammlung vom 22. November gewählte Kommission (deren Aufgabe es ist, die freiwilligen Beiträge für Beschickung des in Gotha stattfindenden Tischlerkongreffes durch zwei hiesige Telegirte entgegenzunehmen) bekannt, daß in nachbenannten Lokalen jeden Montag, von 8 bis 10 Uhr Abends, je ein Mit- glied der Kommission zur Empfangnahme freiwilliger Beiträge zu dem angegebenen Zwecke anwesend sein wird: 1) Belle- allianceplatz 6, bei Hilscher; 2) Blumenstr. 56, auf der Tischler- Herberge; 3) Skalitzerstr. 107, bei Kunstmann; 4) Skalitzerstr. 18, bei Stramm; 5) Prinzenstr. 96, bei Beyer und 6) Zwnskirch- platz 11, bei Hohn. Unterstiitzungsverein deutscher Schuhmacher. Donners- tag, den 25. November, Abends 81 Uhr, beginnt in Mundt's Lokal, Kövnickerstraße 100, der Fachunterricht. Anmeldungen von Theilnehmcrn werden daselbst noch entgegengenommen. Verein Berliner Mechaniker. Donnerstag, den 25. November, Abends 8� Uhr, im Vereinslokal, Alte Jakobstr. 128 (Restaurant H. Götze), Vortrag des Herrn Zivilingcnieur L- Wolfsberg über„Erfindungen und Patente". Gäste find will- kommen.— Am Sonnabend, den 27. November, findet ein geselliger Abend im Vereinslokal statt. Billets für Mitglieder mit Dame 30 Pf., für Gäste pro Person 30 Pf. sind nur in den Vereinssitzungen zu haben. Kranken- und Begräbnistkasse des Vereins sämmt- licher Verufsklassen(Berlin>). Sonnabend, den 27. d. M-, Abends 8 Uhr, Münzstr. 5, Versammlung. Neue Mitglieder werden in jeder Versammlung, sowie beim Kassirer Schilling, Koppenstr. 43, aufgenommen. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine lt. am Donners- tag. Männergesangvererein„Lätitia" Abends 9 Uhr inVettin's Restaurant, Vetcranenstr. 19.— Männeraesangverein„Jugend- lust" Abends 9'- Uhr bei Bester, Große Hamburgerstraße 4. — Schäfer'scher„Gesangverein der Elfer". Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger, Skalitzerstraße 126, Gesang.— Turnverein „Hasenhaide"(Lehrlinas- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffen- bachstraßc 60—61.— Musik-Dilettantenverein„Glocke" Abends 81 Uhr Friedrichsbergerstraße 10.— Roller'schcr Stenographenverein„Alt-Cölln" Abends 9 Uhr Wallstraße 20 bei Leonhardt. — Verein Ziehlke'scher Tanzschüler„Tirolienne" Abends 91 Uhr im Restaurant Poppe, Lindenstraße 106.— Rauchklub„Kemspitze" Abends 81 Uhr im Restaurant Holzniarktstraße 41.— Rauch- kluh„Arcona" Abends 9 Uhr bei Brandt, Forsterstraße, Ecke der Reichenbcrgerstraße.______ Letzte Nachrichten. Bulgarisches. Die„Nordd. Nllg. Ztg." schreibt: Der Bericht der„Times", wonach bezüglich der Uebertragung des Schutzes russischer Unterthanen in Bulgarien Unterhandlungen zwischen dem deutschen Vertreter und General v. Kaulbars stattgefunden hätten, welche resultatlos verlaufen seien, ist vollkommen unbegründet. Es erhellt dies auch schon daraus, daß derartige Verhandlungen sich nicht zwischen Vertretern, son- dern nur zwischen den Regierungen selbst erledigen. Verboten auf Grund des Sozialistengesetzes wurde das Flugblatt:„Was hat die ländliche Bevölkerung von der Sozial- Demokratie zu erwarten?", welches beginnt:„Ueberall hört man" und schließt:„nicht mitmachen", ohne Unterschrift, ge- druckt: Schweiz. Genoffenschaftsdruckerei Hottingen. Briefkasten der Rekaktion. Lei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. V. W. Z. Da Ihr bisheriger Astenniether trotz rechtzeitiger Kündigung erst am 2. statt am 1. Oktober gezogen ist, so können Sie jedenfalls für einen Tag Micthe verlangen; für den ganzen Monat aber nur, wenn Sie nachweisen, das Zimmer sei darum nicht zum Oktober vermiethet worden, weil dasselbe nicht schon vom 1. Oktober frei wurde. 8. A. 101. Mündliche Antwort auf Ihre Fragen ist die Redaktion zu ertheilen bereit. H. G. 100. 1. Vorstandssitzungen eines Vereins gelten überhaupt nicht als Versammlungen und bedürfen keiner poli- zeilichen Anmeldung oder Genehmigung. 2. Die Bestimmung, daß Versammlungen polizeilich angemeldet werden müssen, ist bereits im preußischen Vcreinsgesetz vom 11. März 1850 enthalten. Die polizeiliche Genehmigung von Versammlungen ist dagegen erst durch die letzte Bekanntmachung des Bundesrathes bezüglich des sogenannten kleinen Belagerungszustandes für Berlrn erfordert. E. W. Wiesenstraste. Sie können gegen Ihren Wirrt auf ausschließliche Ueberlassung des früher von Ihnen benutztcn Bodenraumes klagen. Eine Entschädigung könnten Sic nM verlangen, wenn Sie thatsächlich Schaden erlitten haben. C. Pücklerstraste 1. Wenn Sie nachweisen können, daß Ihnen beim Kauf des Geschäfts wissentlich falsche Angaben ge- macht worden sind, so können Sie selbstverständlich wegen Be< trugcs denunziren. Sie können außerdem auf Schadencrsa? oder auf Aufhebung des ganzen Kaufverttages klagen. K. Hochstr. Ihre Anfrage ist wirklich originell; Sie scheinen zu glauben, ein unehelicher Vater könne sich der Per» pflichtung zur Alimentenzahlung durch den Nachweis entziehen, daß er in der kritischen Zeit noch mit anderen Mädchen geschlechtlich verkehrt habe. Sie müssen natürlich Aliniente zahlen, können aber das Kind, sobald dasselbe das vierte Lebensjahr zurückgelegt hat, zu sich nehmen. W. B., Riidersdorferstraste. Sie scheinen in der Thai ein recht flüchtiger Zeitungsleser zu sein. Wir theilten Ihne» auf Ihre Beschwerde mit, daß sich der Bericht über die Per- sammlung des Vereins der Metallschrauben-, Fassondreher x- bereits in der Nummer vom letzten Freitag befindet; ttotzdcin bestreiten Sie dies. Nehmen Sie also eine Brille zur Hand, dann werden Sie mit Hilfe derselben in der Nummer von Freitag, den 19. November, im Hauptblatt, vierte Seite, unter „Vereine und Versammlungen" den betreffenden Bericht finden O. F., Drechsler. In dieser Angelegenheit können Ihnen leiver keinen Rath ertheilen. R. R., Erfurt. Den Betrag haben wir empfangen Tie Expedition. E. S. Sie wollen uns niitthcilen, unter welchen l dingungcn Sie uns das betreffende Werk überlassen wollen. Ein Abonnent. Tie Grafschaft Glatz gehört zum Air- gierungsbezirk Breslau, liegt also in Mittelschlcsien; sie umfaß die Kreise Glatz, Habelschwerdt und Neurode und zählte 1880 auf 1636 Ouadratmeter 178 496 Einwohner. „Farbe." Wenden Sie sich an die Annonzen-Erpcdstio» von Hasenstein und Vogler, Berlin W.r Potsdamerstraße. 00 Theater. Donnerstag, den 25. November. Opernhaus. Coppelia. Vorher: Der bettogene Kadi. Schauspielhaus. Der beste Ton. Hierauf: Drei Frauen und keine. Deutsches Theater. Doktor Klaus. Frtedrich-Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Stemschnuppe. Vtttoria-Theater. Amor. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Nesidenz-Theater. Georgette. Schauspiel in 4 Akren von V. Sardou. Zentral-Theater. Der Waldteufel. Bellealliance-Theater. Der Kreuzelschreiber. Walhalla-Theater. Don Cesar. Königstädtisches Theater. Von Schrot und Korn. Kaufmann's Vartetee. Spezialitäten- Vor- stellung. Amerikan-Theater. Spezialitäten-Vorstellung. Retchshallen- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Eoncordia» Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnertheaterstt. 15. Dit Fischcnn von Island. Schauspiel in 5 Asten(10 Bildern) von C- Panse. Regie: Emil Czaschke. Vor der Vorstellung: Großes Concert,"W ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Concetts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7S Uhr, Sonntags 7-, Uhr. Das Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen. JBden-TheMer. (Früher Louisenst. Theater.) Tresdenerstt. 72-73. Da« gvoßartigste Programm der pestdens. Thr Uoqat Nokohama Tronpe(6 Personen), japanische Produstionen. Family Gidiu, kais. russische Hofkünstler, bestrenommirte Gymnastiker. Mr. Uizarra«, der beste Turner der Welt an den indischen Ringen. Mr.|lr$on, der Mann mit dem Löwengebiß, pirgel'v K all et gesell- schaft, 12 Damen, 2 Herren, pamia und Ludwig Tellhelm. Eugen Zacher. Herr Lincke, Konzertsänger. KanKo oder Matrosenstreiche, burleske Pantomime von der Malton Troupe, 2 Damen, 3 Herren. Kassenöffnung 61 Uhr. Anfang 71 Uhr. Achtung! des Vereins Conimers Achtung! zur Wahrung der Interessen der Klavierarbeiter Konnadend, den 27. November 1886, im Konzerthause„Sanssouci, Kottbusrrstraße 4. Anfang p änse 9 Uhr. Killet« ä 50 Pf. find nur bei den Vorstandsmitgliedern und im Arbeitsnachweis bei Stramm, Skalitzerstraße 18, zu haben. Um rege Betheiligung ersucht 1144]__ Das ConüW. von Die Uhre« Kabrik €. 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Ein Wandkalender. —— preis 50 Pf.=- Soeben erschien im Verlage von Wörlei» & Co. der Vellksck« Haudmrker- ut Ardelttt- Miz Killkuder für 1887 (IX. Jahrgang). Dieser Notizkalender, seit Jahren in � deutschen Arbeiter- und Handwerkerkreu� ttihmlichst bekannt, ist nicht blos Kalcnd�- sondern zugleich Notizbuch und Gett? sammlung.,, � Auch in diesem Jahre ist sowohl auf � Inhalt als die Ausstattung besond� Sorgfalt verwendet und ist namentlich �' züglich des Einbandes Vorzügliches 0. leistet und bestes Matena! dazu verwenf• Neben der gewöhnlichen Ausgabe auch wieder eine stärkere veranstaltet, ive>» mehr Schreibpapier enthält und Leinwandcinband mit Deckel nach Br>■ taschenart und Gummiband hat. Aucd. i> der gewöhnlichen Sorte sind diesmal Ecken abgerundet. Inhalt des Kalenders: gu, Kalendattum mit neu revidittew. schichtskalender; postalische Bestimmun?.� Telegrammtattf; das ganze Unfallvcri. SXÄÄ'-Sr'fe; Auszug aus dem Reichs-Patci'tg �. 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