Kr. 381. Mittwoch, de« 1. Dezember 1886. 3. IahrK. SMerVoldsdlx». Brgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Marl, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1336 unter Nr. 769.) Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Ucbcreinkunft. Inserate werden bis 4 Ubr Ziachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Äureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Kenthstraße 3.— Expedition: Zimmerstraße 44. Heitrage zur Arbeiterstatistik. Wie schon früher, so hat auch im vorigen?ahre der Vorstand der deutschen Tischlervereine statistische Erhebungen im Tischlergewerbe angestellt, deren Ergebnisse nunmehr im Druck erschienen sind. Wir haben hier ein Stück echter und unverfälschter Arbeiterstatistik vor uns, wie wir sie ganz besonders hochschätzen, weil sie ganz direkt aus dem Volke kommt und die Ziffern nicht erst von berufs- mäßigen Statistikern geschickt„gruppirt" sind. Die An- gaben erstrecken sich auf 110 Städte und wir sehen da konstatirt, daß die Arbeitszeit im Tischlergewerbe, mit einer Ausnahme,*) nirgends weniger als 60 Stunden pro Woche — also 10 Stunden pro Tag— beträgt; von der Ueber- zeitarbeit abgesehen. Dagegen erreicht die Durchschnitts- arbeitszeit an manchen Orten eine Höhe von 78 Stunden S) Woche, also 13 Stunden pro Tag; überhaupt wankt die Durchschnittsarbeitszeit meistens zwischen 65 und 78 Stunden pro Woche. Man sieht also, daß jene Leute, welche behaupten, im Tischler- gewerbe habe sich ein zehnstündiger Normalarbeitstag„ganz von selbst" herausgebildet, sich entweder im Jrrthum be- finden oder wider besieres Wissen drauf los behaupten. Man kann aber wohl darauf hinweisen, daß gerade bei solch anstrengender Arbeit, wie die Tischlerarbeit es ist, ein Normalarbeitstag von 8—9 Stunden immer mehr ein dringendes Erforderniß wird. Was die Lohnverhältnisse betrifft, so giebt es Orte, wo der Durchschnittsverdienst sich kaum über 600 M. jährlich erhebt. Das ist ein höchst trauriger Zustand, denn wie soll ein Arbeiter mit einem Wochenverdienst von 12—13 M. eine Familie ernähren? Wir finden unter den 110 Orten �nen einzigen, wo die durchschnittliche Jahreseinnahme %0 Mark übersteigt; es ist die Stadt Dortmund und die .�Urchschnittseinnahme pro Jahr erreicht 1072 M. Erfreu- "ch ist dabei zu sehen, daß in Charlottenburg, die kürzeste Arbeitszeit eingeführt ist, die durch- lchnittliche Jahreseinnahme sich auf 956 Mark, also auf einen der höchsten Sätze beläuft. Dagegen finden wir, daß in Pirna bei täglich elfstündiger Arbeitszeit der �ahresverdienst sich nur auf 594 M., also am niedrigsten "on allen Plätzen stellt. Eine eigenthümliche Erscheinung zeigt der Vergleich Mischen den Erträgnissen der Arbeit nach Zeitlohn und Stücklohn. Die oft gehörte spießbürgerliche Behauptung, daß die Arbeiter beim Stücklohn mehr verdienen, wird da- durch entschieden widerlegt. Wenn man nicht das Arbeits- verdienst pro Stunde oder Tag, sondern pro Jahresein- wmmen betrachtet, so findet man, daß das Verhältniß häufig *) In Charlottenburg beträgt sie 57 Stunden pro Woche. lS-chdruck sertoter,.] Ieuill'eton. [5 Gin Sprung. Novelle von Curt Vaake. � Anna antwortete nicht. Sie hörte nicht, was der y'unn, mit dem sie rang, ihr sagte; in diesem Verzweif- ungskampfe waren alle ihre Sinne von einem wilden, sie Zerreißenden Haßgefühl angespannt. Die Autorität des Katers, ja, der Gedanke, daß jener Grausame ihr Vater >et, waren völlig für sie verschwunden. Nur der Wunsch wach Rache war, vereint mit einem instinktiven Selbsterhal- 'Ungstnebe, in ihr übrig geblieben. Und schließlich anterlag sie. .. Riemann packte sie an ihren lockigen, schwarzen Haaren, sich gelöst hatten und in wilder Verwirrung um ihre schultern hingen. So zerrte er sie zu Boden und kniete uuf ihr. Fortwährend murmelte er:„Kröte... Kröte," und während er sie durch die Stube schleifte, stieß er sie mit den Füßen in die Seite. Sie stöhnte dumpf bei dieser warbarischen Mißhandlung. Jetzt öffnete er mit der einen vand die Thür, die zum Flur hinaus führte, zog das Mab. 2ln halb empor und stieß es dann mit einem Fluche rück- in die Dunkelheit hinein. . Anna wäre die steile Treppe hinuntergestürzt, wenn sie «'cht mechanisch nach dem Geländer gegriffen hätte, an dem Ksthielt, während hinter ihr die Thür donnernd mS M°ß fiel. Ebenso mechanisch setzte sie sich auf die erste �eppenstufe nieder und stützte den Kopf mit der Hand, m es wie in einem Mückenschwarm wirbelte. Augenblick- 2 Tte ße kein Gefühl für ihren körperlichen Schmerz, Fe» r6 �wgen, vor denen noch immer ein blutrotheS »euer lag, blickten starr und brennend in die Dunkelheit. So vergingen einige Minuten, bis sie allmälig ihre wiederfand; es war ihr, als stiege ein Knoten Ä ihrem Halse auf, der ihr den Äthem nahm, samw.'bre Kehle wie mit eisernen Klammern zu- "engeschnürt; diese furchtbare Nervenspannung löste sich wechselt und das der Zeitlohn in den' meisten Fällen, als Jahresverdienst betrachtet, höher ist als der Stücklohn. Diese Erscheinung ist indessen auch sehr erklärlich. Die Stück- arbeit wird naturgemäß vom Arbeiter hastiger betrieben als die Zeitarbeit; er strengt sich mehr an, in der Hoffnung, mehr zu verdienen. Um so größer ist aber der Verbrauch an Kräften und was durch größere Anstrengung gewonnen wird, geht durch die hinterher eintretende Erschöpfung, wäh- rend welcher der Arbeiter wieder weniger leisten kann, ver- loren. Wir erfahren, daß in den erwähnten 110 Städten auch 623 Arbeiterinnen im Tischlergewerbe beschäftigt sind. Ihre Arbeitszeit bewegt sich zwischen 56 und 72 Stunden wöchentlich; ihr höchster Jahresverdienst erreicht 580, der niedrigste 264 Marl. Sie sind hauptsächlich mit Poliren und An- streichen beschäftigt. Der Herausgeber der Statistik hat es sich auch ange- legen sein lassen, ein Haushaltungsbudget einer Familie aufzustellen, und zwar von vier bis fünf Köpfen. Dasselbe beläuft sich nach den niedrigsten Anschlägen auf 1328 Mark im Jahr. Und wir haben gesehen, daß in den 110 Orten nur an einem einzigen das Jahres- einkommen im Durchschnitt 1000 Mark übersteigt. Die Aus- gaben eines ledigen Tischlergehilsen in München sind be- rechnet auf 905 Mark und dabei sind alle Ausgaben für Vergnügungen ausgeschlossen. Und der jährliche Durch- schnittsverdienst in München beläust sich auf 831 Mark. In diesen Differenzen steckt das Elend unseres Arbeiter- standes, denn womit sollen sie das Defizit decken? Vielleicht durch Sparsamkeit? Der Herausgeber der Statistik hat sich auch den Stand der Lebensmittel- und Miethspreise an den verschiedenen Orten mittheilen lassen. Wenn man sich, darauf gestützt, die Jahresausgaben der Arbeiterfamilien, auch nach den allergeringsten Anforderungen, herausrechnet, so kann man sehen, daß an keinem einzigen Ort der Jahresverdienst eines Tischlers hinreicht, seiner Familie einen ausreichenden Unterhalt zu gewähren. Damit ist genugsam erklärt, warum die Frauen- und Kinder- arbeit immer mehr überhand nimmt und warum sie so billig ist und immer billiger wird. Wir könnten noch Manches aus dieser interessanten Statistik anführen, doch damit sei es genug. Sie mag den Herren, welche glauben, mit der Versicherung für Krankheit, Unfälle und Alter sei schon eine„S o z i a l r e f o r m" ge- schaffen, beweisen, wo die Arbeiter der Schuh drückt. Sie zeigt, daß zunächst die Regelung der Arbeitszeit in Angriff genommen werden muß, wenn man eine vortheilhaftere Si- tuation für die Arbeiter schaffen will. Man wird auch über kurz oder lang sich wohl daran machen müssen. endlich in ein„Ach" auf, das aus den Tiefen ihrer Brust quoll; ein Schluchzen stellte sich ein, das ruckweise ansetzte und ihren ganzen Körper durchschüttelte, und nun gingen ihr auch die Augen über; sie konnte wieder weinen und die Thränen flössen unaufhaltsam. Das war eine Erleichterung; jetzt bemerkte sie auch, daß ihr die eine Schulter wie gelähmt war und daß sie einen stechenden Schmerz an dieser Stelle fühlte, wenn sie sich bewegte. Auch ihre Kopfhaut brannte, und als sie mit der Hand nach der schmerzenden Stelle hinfaßte, nahm sie ganze Büschel ihres zarten und weichen Haares weg, die ihr vom Vater ausgerissen waren. Dieses Haar hatte Ernst geküßt, und nun dachte sie an ihn und an ihr Zusammensein. Welche Veränderung war vor sich gegangen; wie war es gekommen, daß sie, die Glückliche, in solchem Leide, mit zerschlagenen Gliedern da- saß? Oder ängstigte sie nur ein böser Traum? Sie tastete hemm, wie um sich zu überzeugen, ob sie nicht im Bette läge; aber es war eine harte, hölzerne Stufe, aus der sie in der Finsterniß saß, und sie fühlte den feinen, knirschenden Sand, den sie selber hingestreut, als sie die Treppe gescheuert hatte. Es kam ihr empfindlich kalt vor und ein Fieberfrost durchschauerte sie. In den Schläfen pochte das Blut, ihre Stirn und ihre Wangen brannten, und sie preßte ihre kalten Finger an, als wollte sie an ihnen sich die Hände wärmen. Aber besonders fror sie an den Füßen, die nur mit Strümpfen bedeckt waren, denn sie hatte die Schuhe sich vorhin ausgezogen, um ohne Geräusch in die Wohnung der Eltern zu schleichen.. Nun war sie doch entdeckt worden, und wie sollte das enden? Sie erinnerte sich jetzt, daß sie mit ihrem Vater sich hemmgeschlagen habe, aber sie hatte bei diesem Gedanken nicht eine Spur von Reue und Bedauem. Nur Haß und Ekel empfand sie und den brennenden Wunsch, auS seiner Nähe gerückt zu werden. Jede Gemeinschaft zwischen ihm und ihr sollte aufhören, sie mußte fort, sie konnte nicht erne Lust mehr mit dem Menschen athmen, der sie verfolgt, so lange sie dachte, der sie bis auf diese Stunde mit aus- gesuchter Grausamkeit gequält und gepeinigt hatte und den Politische Urberficht. Die Mittelparteiler müssen es mit der Bewilligung neuer Steuern furchtbar eilig haben. Wie die„Post er- fährt, besteht in konservativen und nationallibcralen Kreisen der Gedanke der Vereinbarung eines steuerpolitischen Programms, auf dessen Basis die Mittel zur Ausführung des neuen Mili- tärgcsetzes zu beschaffen seien. Von der ultramonlanen Ilmfallspartei, ftn Betreff der M i l i t ä r v o r l a g e soll der Abgeordnete Windthorst, wie man der„Bresl. Ztg." mittheilt, im Privatgespräch ange- deutet haben, wenn seine Freunde für Erhöhung der Militär» lasten stimmen wollen, werde er sie gewiß nicht hindern. Hauptsache sei ihm die Erhaltung der Zentmmsfraktion. Das sieht der Meppener Perle ähnlich. Bischof Kopp und die Zentrumspartei. Die klerikale „Nicderrheinische Volkszcitung" faßt die Aeußerungen des Bischof Kopp, welche derselbe bei den Firmungsreisen in der Grafschaft Mark über die Zcntrumspartei gethan, dahin zu- sammen: die Haltung des Zentmms trage dem Friedens- bedürfnisse nicht Rechnung; die Regierung wollte aufrichtig den Frieden; dagegen gebe das Zentrum und die Zentrums» presse durch Mißtrauen der Verstimmung immer wieder neue Nahrung. Zu alledem komme die wenig entgegenkommende Haltung des Zentrums in politischen Fragen, welche der Re- gierung sehr am Herzen lägen; es sei eben der Schein vor- handen, als mache Windthorst mit den Freisinnigen, wie es ihm gut dünke, gemeinschaftliche Sache. Windthorst habe ihn schlecht behandelt. Vor der Hand scheint freilich Bischof Kopp wenig Einfluß auf die Zentrumskreise zu haben. Aus Leipzig schreibt man uns: Daß das Sozialistengesetz und der mit diesem verbundene„Kleine" einen Zustand ge» schaffen haben, der für die Dauer unhaltbar ist, leuchtet wohl auch dem Blödesten ein. Obgleich erwähntes Gesetz nur gegen die„gemeingefährlichen" Bestrebungen der Sozialdemokratie gerichtet sein soll, die Wahlen dieser Partei an sich aber nicht verboten sein sollen, bat es thatsächlich die Wahlm der Arbeiter lahm gelegt. Wir kommen zu diesem Schlüsse, wenn wir sehen, daß wenige Tage vor den Stadt- verordneten- Neuwahlen nur bekannt ist, daß das „Allgemeine Wahlkomitce" seine Vorbereitungen traf, um den Bürgem am Wahltage eine Kandidatenliste der loyalsten von den loyalen Bürgern der Stadt zur Wahl zu unterbreiten. Der Städtische Verein, der Stadtvcrein und wie sie alle heißen, sind sang- und klanglos dahin gegangen, von wo keine Wieder- kehr ist. Wer wird denn auf dem Plane erscheinen, um einem großen Theilc der denkenden Bürgerschaft Leipzigs Männer zur Wahl vorzuschlagen, die den Geist der neueren Zeit im Stadt- verordneten-Kollegium zu vertreten gedenken? Männer aller- dings, die um ihrer Ucbcrzeugung willen auch zu leiden den Muth und das Zeug haben. Daß dies nur die Arbeiterpartei sein kann, weiß jeder. Es ist keinesfalls nothwcndig, daß man bei der zur Wahl der Stadtverordneten nothwendigen Listen- wähl an eine Vereinigung mit anderen Korporationen denken mußte, denn§ 54 Abs. 4 der revidirten Städteoidnung hat vorgesehen, daß Stimmzettel deshalb nicht ungiltig sein können, sie in der Rohheit und Gemeinheit seines Wesens ganz durchschaute. Er war ein Trunkenbold, ein Farrlenzer und ein Schmarotzer, aber nicht mehr ihr Vater. Und wie um sich vor sich selber zu rechtfertigen, rief sie sich die unzähligen Züchtigungen ins Gedächtniß zurück, die sie grundlos und unverdient von ihm empfangen hatte. Die Rechnung stimmte und konnte abgeschlossen werden, sie mußte fort. Allein, sollte sie auch ihre Mutter verlassen, die noch. Schlimmeres als sie zu ertragen hatte. Aber weshalb ertrug sie es?— Warum verließ sie nicht den Mann, der sie nicht liebte und wie eine Last behandelte, die nur Gesetz, Her- kommen und Gewohnheit abzuschütteln hinderten? Die Mutter war schwach, hatte sich in ihr Schicksal ergeben und leistete keinen Widerstand, sie ließ alles über sich ergehen und ertrug ohne Murren ihr Loos. Nun, so wollte sie nicht handeln und dulden! Sie wollte die Fesseln brechen, die sie umketteten, sie wollte frei sein und stark!... Ach, sie war doch so schwach und arm!... Und ihre Thränen flössen wieder, sie empfand ein tiefes Mitleid mit sich und ihrem Geschick und sie beweinte ihre Hilflosigkeit. Mit der Zeit beruhigte sie sich wieder und ihre Thränen versiegten. Sie schalt sich kleinmüthig und war mit ihrer Schwäche unzufrieden. Wie konnte sie klagen und verzage», und meinen, sie wäre arm und verlassen, wenn Ernst sie liebte! Erst vor wenigen Stunden hatte er ihr geschworen, sie ewig zu lieben, und diese feste Versicherung der Treue sollte ihr in ihrer Roth keine Stütze sein? In den heitersten Farben hatte er ihr zukünftiges Glück geschildert, so wie er es erträumte; in einem Pfarrhäusche» auf dem Lande, in breiter, gesegneter Gegend würden sie wohnen. das mit der kleinen, frommen Kirche auf einem sanftansteigenden Hügel liege; von seinen reben- umsponnenen Fenstern könne man die rothen Dachziegel stattlicher Bauernhöfe und die braunen, bemoosten Strohdächer der Hütten sehen; heller, lustiger Sonnenschein liege über den Fluren; durch das rauschende, mannshohe gelbe Korn schritten er und sie und die einfachen Landleute neigten sich vor ihrem Pfarrer und küßten ihr die tncnn sie weniger Namen vonPersonen enthalten, als zu wählen sind. Wir glauben, daß bei der Kürze der Zeit, die zwischen der Wahl und heute liegt, nicht mehr in eine Agitation eingetreten werden kann. Es bleibt den Wühlern, die fortgeschritteneren Ideen sicb zuwenden, lind die in der gegenwärtigen Stadtver- trctung und bei den vorgeschlagenen Kandidaten nicht das, was sie sich wünschen, finden, nichts weiter übrig, als mit unbe- schriebencn oder durchstrickenen Zetteln zu wählen. Warten wir noch ruhig ab, die Zeit wird und muß kommen, wo auch Vertreter der Ideen der neuen Zeit in den Körperschaften der Etadt Leipzig ihren Einzug halten werden. Sozialistisches. Die am Sonntag in Dresden abge- haltene Volksversammlung, in welcher der sozialdemokratische Landtagsabgcordncte Geyer aus Großenhain über„Die Arbeiter- bcwegung und der Deutsche Reichstag" sprach, wurde von dem überwachenden Polizeikommiyar Hohlfcldt aufgelöst.— Alexander Kapp, ein Frankfurter Sozialist, wurde in Kaiserslautern, wo er seit einiger Zeit wohnt, verhaftet und nach Frankfurt gebracht. Auch der Tapczirer Grüneberg, welcher zu Ailtang dieses Jahres in Frankfurt weilte, ist in Neumünster verhaltet worden.— N e i s'e i. Schi., 28. November. Am Mittwoch fanden bei den hier garnisonirenden Mannschaften des 2. Oberschlesischen Infanterie- Regiments Nr. 23 Durchsuchungen nach sozialdemokratischen Schriften statt. Bei einem Musketier der 2. Kompagnie ist, wie verlautet, ein Buch be- schlagnahmt worden.— Elberfeld, 29. November. Am Sonntag arrangirte der gegenwärtige Besitzer'der„Wilhelms- höhe", verr Hoffi ein Konzert, aber Herr Hoff denkt und die Polizei lenkt! Ter Saal der„Wilhelmshöhe" war schon dicht besetzt, als etwa um 6 Uhr die Polizeikommissare Kamphof und Aschcndorf nebst der nöthigen behelmten Beihilfe anrückten und Kasse sowie Karten konfiszirten. Im Saal herrscht große Aufregung, immer mehr Polizeibeamte drängen sich herein, Alles ist gespannt, was da kommen soll,„doch das kaum noch erwartete, es soll nun geschehen". Herr Polizeikommissar Kamphof begiebt sich in die Mitte des Saales und erklärt die Versammlung resp. Festlichkeit auf Grund des Sozialistengesetzes für aufgelöst.„Tiefes Schweigen" beherrscht die Fest- theilnchnier, allgemeines Erstaunen über eine derattige Maß- regel, aber nur kurze Zeit, dann macht sich die Erbitterung Luft. Ein hübsches Stück Protzenthum wurde in der Münchener Niagistratssitzung vom Freitag bekannt gegeben. Ein Gärtner an der Nordcndstraße will seinen Gatten mit dem duftigen Inhalt der Abortaruben begießen, was ihm verboten wurde. Nun schreibt der Mensch an den Magistrat ganz kalt: In den paar Hütten(!) neben dem Gatten logiren �nur arme Leute", in deren Wohnungen es so übel riecht wie in einem begossenen Garten. Auch haben diese Leute Almosen und sammeln milde Gaden. Deshalb soll man den steuer- zahlenden(!) und produktiven(!) Bürger nicht am„Allemoth- wendigsten"(!!) hindem!!— Das war selbst den Bourgeois im Räthhaus zu stark, sie wiesen das so impertinent motivitte Ansuchen ab.,.... lieber das Religionsbekenntnist der Einwohner Preustens bringt die„Etat. Korr." folgende auf der letzten Volkszählung vom 1. Dezember 1885 beruhende Angaben: Unter der ottsanwesenden Bevölkening befanden sich 18 243 587 Evangelische, 9 621624 Katholiken, 88 020 sonstige Christen, 366 543 Juden und 155 Bekenner anderer Religionen; bei 3529 Personen war das Religionsbekcnntniß nicht zu ermitteln. Die Evangelischen machten von der Gesammtbevölkerung 64,42 pCt./ die Katholiken 33,97 pCt., die sonstigen Christen 0,30 pCt., die Juden 1,30 pCt. aus. Die nachstehende Zuschrift geht der demokratisch-frei- sinnigen Berliner„Volkszeitung" mit der Bitte um Abdruck zu: Durch fast sämmtliche Bettchte über den„Altonaer Sozialisten- vrozeß" lief die Mittheilung, daß ich mit den Veruttheilten in Verbindung gestanden, d. h. von denselben zu agitatottschcn Zwecken Geld erhalten hätte. Es könnte scheinen, daß mein Schweigen in dieser Sache ein Zugeständniß meinerseits sei. Somit erkläre ich, daß mir beim Lesen der Namen der Ver- urtheiltcn die Ueberzeugung kam, keinen derselben je gesehen, noch mit ihm gesprochen zu haben. Ferner erkläre ich, daß ich von keinem der Venirtheilten jemals Geld erhalten und daß ich von Altona überhaupt seit dem Jahre 1877 keinerlei Gelder in Empfang genommen habe. Vor 1877 war ich Vertreter von Altona im'Reichstage und habe damals ab und zu die Ver- Mittelung von Geldern an die Pattci von dott übernommen. Halle a. S, 28. November 1886. Wilh. Hasenclever. Gesterreich Ungar«. Die Kandidatur des Fürsten von Pl i n g r e l i e n ist in der unganschen Delegation zur Sprache gekommen. Graf Zichy fragte nämlich, welchen Standpunkt ver Minister des Aus- wärtigen demgegenüber einnehmen werde. Sektionschef Szoegenyi antwortete, daß der Minister von diesen oder ähn- lichen Vorgängen keine Kenntniß habe. Nach Zichy nahm Graf A p p o n y i das Wott. lieber seine bcachtenswerthe Rede meldet ein Privattelegramm der„Voss. Ztg." aus Wien: Avponyi hält die Situation im Lttent für gefahrdrohend, und kann daher den Bericht mit dem Vertrauensvotum nicht bedingungslos annehmen. Im Berichte müßte zum wenig- Hand, dem Engel der Armen. Ja, er verstand zu schildern, ihr Ernst, man mußte ihm glauben, was er sagte. Und da sollte sie kleinmüthig werden? Wohl sagte sie sich jetzt, daß diese erträumte Zukunft noch in weiter Ferne läge, aber der Gedanke an sie war ihr doch ein Trost und eine Hoffnung. Sie ging noch weiter: sie gestand sich sogar, daß ihre eigenen Wünsche bis- her nicht auf ein so beschauliches und ruhiges Leben an einem abgeschiedenen Orte gettchtet waren. Sie wollte die Welt sehen, wollte ihre Zugend genießen, wollte von Fest zu Fest eilen, in Zuwelen prangen und in Seide glänzen, sie wollte...... ja, wollte sie es wirklich, war es nicht genug, daß Ernst sie liebte, konnte es ein Glück für sie außer ihm geben? Und wenn sie auf alles verzichten sollte und wenn von seinen und von ihren Träumen sich nicht ein ein- ziger venvirklichen würde und wenn sie arm und gering und dürftig ihr Leben verbttngen müßten, sie würden dennoch mit einander glücklich werden, wenn sie sich nur liebten. Die äußeren Umstände erschienen ihr unbedeutend und verschwanden gegen die Gewalt dieser Liebe. Sie folgte diesem Gedankengange und sie sah nichts, was sie hindern konnte, sofott uiid für immer mit Ernst zusammen zu sein. Er würde durch sie in seinem Studium nicht gestött worden, und sollte es. doch geschehen, nun, so stand ihm ein anderer Berus offen; sie vertraute auf seine und auf ihre Kraft und sie erwog die Möglichkeit, selbstständig für große Geschäfte zu arbeiten. Gegen wöchentliche Abzahlungen würde sie sich eine Nähmaschine anschaffen, später würde sie selber junge Mädchen beschästigen und sich darauf beschränken, die Stoffe zuzuschneiden und die Kleider abzuliefern. Diese praktischen Berechnungen beschäftigten sie unaus- gesetzt. Sie vettiefte sich in sie und erwog sie nach allen Seiten, während die Voraussetzung zu ihnen, der Gedanke, daß sie morgen die Wohnung der Eltern verlassen und für immer zu Ernst gehen wollte, ihr so selbstverständlich vor- kam, daß sie ihn nicht weiter prüfte. Dem fiebernden, frierenden Mädchen, das, von Zeit zu Zeit zusammenschauernd, in der Dunkelheit auf der Treppen- stufe saß, stand es unerschütterlich fest, daß Ernst sie liebte sten angeführt sein, daß Oesterreich unter den Mächten in Ottentfragen die Führerrolle innehaben muß. Daß Kaulbars ohne Erfolg abreisen mußte, sei allein der Klugheit und Tapfer- keit der Bulgaren zuzuschreiben. Unserm Bündniß mit Deutsch- land hätte es schon früher gelingen müssen, die Verhältnisse in Bulgarien zu regeln und die Kandidatur des Mingrelicrs zu verhmdem, welche schließlich den Bulgaren aufgedrängt wer- den wird. Kelgien. Die Agitationen nehmen in Belgien kein Ende. Die Klerikalen entfachen im ganzen Lande eine gewaltige Agitation gegen die Beseitigung der Stellvettretung. Von Antwerpen aus, wo sämmtliche klettkalen Kreise gegen jede Militärreform sind, wird besonders geschütt. Ebenso aaitircn die Arbeiter: der sozialistische„Vooruit" hat 10000 Manifeste vettheilt. Die Arbeitseinstellung in Gent dauert fort, so daß täglich drei Bataillone Bürgergarde unter Waffen find. Alle Widerstandskassen unterhalten die Streikenden, die bis zum Siege ausharren wollen; ebenso wird der Streik der Kohlenarbeiter in Amercoeur durch öfientliche Subskriptionen aufrecht erhalten. Frankreich. Die mit der Vorberathung über die drei Gesetzentwütte, bekeffend die Ausschließung fremder Produkte von den Lieferungen und den öffentlichen Bauten des Staates, der Departements und Gemeinden, bettaute Kommission bat den Bettcht des Abg. Matty entgegengenommen. Dieser Bericht gelangt zu folgenden Schlußfolgerungen: 1) Der Nichtannahme der drei der Kommission unterbreiteten Anttäge; 2) der Annahme einer gesetzlichen Maßregel, welche die Minister verpflichtet, alljährlich den Stand der im Auslande gekauften Lebensmittel, Produkte, Waaren, Objekte aller Art zur Deckung des Bedarfs der unter ihren Befehlen stehenden Dienstzweige mit einer summattschen Angabe der Gründe, welche diese An- käufe bestimmt haben, zu veröffentlichen.— Der erste Theil, die Verwerfung der drei vorliegenden Anttäge, wurde mit Stimmenmehrheit, der zweite mit Stimmeneinhelligkeit genehmigt. Der Pariser Wahrspruch lautet:„Wenn gebaut wird, gehen alle Geschäfte." Nach diesem Maßstab gemessen, be- findet sich Patts im vollsten Rückgange. Im Jahre 1879 wurden 150 Millionen verbaut, 1880: 175, 1881: 225, 1882: 230 und 1883 sogar 325 Millionen. Von 1884 ab werden dagegen jährlich nur noch 40—48 Millionen für Bauten ver- wandt, in den letzten vier Jahren zusammen nicht so viel als in einem einzigen der früheren Jahre. Ter Gemeinde- r a t h geht nun mit dem Plane um, durch Vereinbarung mit einer Anzahl Unternehmer und Kapitalisten jährlich für 60 Millionen Neubauten auszuführen. Dieselben sollen ausschließlich kleine billige Wohnungen enthalten, an denen ttotz zahlreicher leerstehender Häuser immer noch ein sehr empfindlicher Mangel herrscht. Die Inhaber billiger Wohnungen klagen außerordentlich über unerschwingliche Micthen. Gratzbritannien. Tie Regierung scheint entschlossen zusein, der National- l i g a i n I r l a n d, die in verschiedenen Theilen des Landes einen ernsten Pachtkrieg herbeigeführt hat, energisch entgegenzu- treten. In einer im Oktober in Woodford abgehaltenen Massen- vettammlung hatte John Dillon, der Abgeordnete für Ost-Mayo, den Pächtern angerathen, den reduzirten Pachtzins, wenn die- Gutsherren ihn nicht annehmen wollen, an die zur Unterstützung der Ennittirten eingesetzten Komitees zu zahlen. Bald daraus veröffentlichte Parnell's Organ,„United Jreland", einen förmlich auf den obigen Vorschlag basirten Fcldzugsplan, wonach die Pächter auf einem jeden Güterkomplex über die von ihnen verlangte Vachtermäßigung sich verständigen und diesen so vereinbarten Betrag am Zahltage dem Agenten in corpore anbieten sollen; verweigert dieser die Annahme, so soll ein jeder Pächter den von ihm nach obiger Vereinbarung zu zahlenden Betrag an das für diesen Zweck gebildete Komitee einzahlen, das aus den so empfangenen Geldern einen gemeinsamen Fonds bildet, aus dem die betreffenden Pächter schadlos gehalten werden. Dieser Plan ist nunmehr auf verschiedenen großen Gütcrkomplexcn zur Durchführung gelangt, ferner in den Kreisen Kork, Limettck, Galway u. s. w., und in vielen Fällen ist es zu ernsten agrattschen Unruhen gekommen. Die Regierung hat nunmehr den Entschluß gefaßt, den .Haupturhebcr dieses neuen Landkrieges, John Dillon, in Anklagezustand zu versetzen. Es ist ihm bereits eine Vorladung zugestellt worden, Dienstag(also gestern) vor den Schranken der Queens Bcnch-Abtheilung des obersten Gettchtshofes in Dublin zu erscheinen, um sich wegen der von ihm jüngst ge- haltenen aufrührerischen Reden zu verantworten. Es handelt sich dabei besonders um eine am 7. November in Longford ge- haltene Rede, welcher Ausschreitungen gegen Gerichtsvollzieher und Widerstand gegen die Behändigung von Exmisstonsbetchlen seitens verschiedener Pächter folgten.„United Jreland" soll wegen des in seinen Spalten erschienenen agrarischen Feldzugs- planes und anderer zum Widerstand gegen die Behörden auf- und mit offenen Armen aufnehmen würde und daß dies der einzige Weg für sie sei, um glücklich zu werden. Diese Zdec hielt sie aufrecht und beruhigte sie. Um vier Uhr früh ließ die Mutter ihre Tochter in die Wohnung hinein. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst rntfr Leben. Schnell verheirathet. Als der Engländer Cooper die Stadt Kinschakiang an der chinesisch- tibetanischen Grenze be- suchte, so lesen wir im„Daheim", und eben von seinem Maul- thiere absteigen wollte, kam ihm eine Anzahl junger, festlich gekleideter und mit Blumen geschmückter Mädchen entgegen. Sie waren ihm beim Absteigen behilflich und luden ihn ein, auf dem grünen Rasen an einem Picknick theilzunehmcn. Kalte Hammelkeule, Mehlkuchen, Thee, Süßigkeiten und Nüsse wur- den gereicht und dazu Samschu(Reisbranntwein) getrunken. Alle waren ungemein munter, und das Lachen und Jauchzen wollte kein Ende nehmen. Die große Aufmerksamkeit, welche die Mädchen dem Reisenden erzeigten, und der Unistand, daß fie seinen Namen kannten, bewiesen, daß sie von seiner Ankunft vorher unterrichtet waren. Tie kleinen anmuthigen Geschöpfe brachten, nachdem das Essen vorüber, Pfeife, Tabak und Feuer herbei und begannen lustig zu plaudern. Cooper fühlte nun einiges Ruhcbcvüttniß und streckte sich auf dem Rasen aus, um zu schlafen. Indessen dazu hatte er keine Zell, denn die Ääd- chen kamen nun in geschlossener Gruppe auf ihn zu und schoben ihm eine sechzehnjährige, niedliche, in Seide gekleidete und mit Blumengewinden geschmückte Genossin nahe„auf den Hals", destteuten dann das Paar mit Blumen und begannen um das- selbe herum zu tanzen. Das war dem Reisenden doch zu kor- dial und er begann sein Maulthier zu satteln. Da trat sein chinesischer Tiener an ihn heran und theilte ihm mit, daß diese soeben durchgemachte Zeremonie eine gesetzkräftige Hcirath bedeute. Lachen half rnchts. Cooper war das Opfer der Herr- schenden Sitte geworden, und als er erklärte, sich derselben nicht fügen ,u wollen, entstand ein allgemeines Heulen. Die ff-ZMAMSW reizender Artikel eine erste Verwarnung erhalten haben oder demnächst empfangen. Dillon wird auch wegen ttner in Murroe. Grafschaft Galway, am vorigen Sonntag gehaltenen Rede be- langt werden, wottn er gegen die Zahlung nicht ermäßigter Pachtzinse eiferte. Es wird ihm von dem Gettchtshof wahr- scheinlich aufgegeben werden, Bürgschaften für sein künftiges gutes Verhalten zu leisten. Leistet er diesem Befehle nicht Folge, so wird er, wie einst Michael Tavitt, mindestens sechs Monate im Gefängniß zuzubringen haben. Es verlautet, daß O'Donovan Roya in New-Pork die Führettchaft der Dynamitpartci der Fenischen Brüderschaft niedergelegt hat und Dr. Hamilton Williams sein Nachfolger geworden ist. Kalka« lander. Aus Konstantinopel wird der„Pol. Korr." unterm 24. November„von besonderer Seite" geschrieben: Die türkischen Rüstungen dauern unausgesetzt an und werden in großem Maßstabe betrieben. Während der letzten Wochen sind in häufiger Folge Sendungen von Kriegsmaterial nach Adrianopcl abgegangen, so daß dieser Ort— dank den dort erttchteten Be- festigungen— zu einem Waffenplatze ersten Ranges geworden ist. Auch die Linie von Tschataldscha ist theilweife wieder be- setzt worden. Die Befestigung der Dardanellen schreitet unter der Leitung des deutschen Generals Ristow Pascha vorwärts. Bemerkenswerth ist auch, daß— zum ersten Male seit dem russisch- türkischen Kriege— jetzt in Tschataldscha schatte Schießübunam vorgenommen werden, und auch die Infanterie, welche seit vielen Jahren diese Hebungen aus Ersparnißrücksichten unter- lassm hatte, wird jetzt im Schießen nach den Zielen ein« geübt. Asien. Tie französische Teputirtenkammer beschäftigte sich mit dem Kredit für das Protektorat über T o n g k i n g. Unter diesem Titel werden 30 Millionen Franks gefordert, eine bittere Pille für die zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen Ausgaben und Einnahmen ohne neue Anleihe gewählten Abgeordneten. Um fie zu versüßen, erklärte Freycinet, der geforderte Betrag von 30 Millionen würde nach und nach verschwinden, es sei eine jährliche Verminderung desselben um 5 Millionen in Folge der Zunahme der Einnahmen vorauszusehen. Von einer Räumung Tonkgings könne nicht mehr die Rede sein. Amerika. lieber die politischen Bestrebungen der Ar- beiterNew-Borks berichtet die„New-Uorker Handelsztg.• Die New-Uorker Gewerkschaftsvereine und Arbeiterorganisationen, welche bei der letzten Mayorswahl Henry George unterstützt, beabsichtigen eine permanente Arbeiterpartei zu bilden. Das Exekutivkomit' der Arbeiter, welches die George-Kampagne ge- leitet, hat die Sache in die Hand genommen und in einet kürzlich stattgefundenen Sitzung beschlossen, eine Konvention von Delegaten der verschiedenen Affemblydistrikte einzuberufen, in welcher die zur Bildung der geplanten Arbeiterpartei votb- wendigen Schritte besprochen werden sollen. Henry George nimmt aktiven Antheil an der Organisation der Partei und hat dettelben, die erst im Werden begriffen, sogar schon einen Namen beigelegt, der da lautet„Progrefsive Democracy" iFort- schrittliche Demottatie). Ueber die Bechehaltung dieses Namens bat übrigens auch die erwähnte Konvention zu entscheiden- Wir können, so fügt dem die„Newy. H.-Ztg." bei, im Hinblick auf diese Parteiorganisation nur wiederholen, daß aus dieser Arbeiterbewegung mit der Zeit wohl eine neue lcbens- fähige Partei entstehen mag, da für die Bildung einer solchen angesichts der Verschiebungen der Scheide- linien und der Zersetzung in den alten politische" Parteien die Bedingungen vorhanden find. Es ist eine de- merkenswerthe Thatsache, daß die Henry George-Kampagne des Anstoß zu Arbeiterbewegungen in dettelben Richtung in a"' derenTheilen des Landes gegeben hat. So hat ff z. B. in Philadelphia bereits ein Henry Georgeklub, f. stehend aus Gewerkschaftsvereinen, gebildet und sollen dortigen Arbeiter emstlich mit der Absicht umgehen, dem spiele ihrer Ncw-Z)orter Kollegen zu folgen und ebenfalls et» politische Partei zu organisiren, welche bei der in der Stadt d Bruderliebe im Februar nächsten Jahres stattfindenden Mai)otl wähl einen eigenen Kandidaten nach dem Muster Gcorge's aufstellen soll. Also dasselbe Experiment wie in Nork. Auch im Westen haben die Arbeiterorganisationen� gönnen, in das politische Getriebe einzugreifen und be« d letzten Wahlen mehr Erfolge errungen, als ihre Kameraden New-Nork. In C h i k a g o ist es auf diese Weise den Arbeitet» gelungen, eine Anzahl der von ihnen für die Legislatur anis stellten Kandidaten durchzubringen und in Milwa««« haben sie sogar einen Vertreter für das R c p r ä s e n t a n t f Haus des Kongresses gewählt. Es steht demnächl> � erwarten, daß sich in allen großen Städten des Landes Arbe«. Parteien organisiren werden, welche sich später,«oabttehem anläßlich der nächsten Präsidentenwahl, zu einer ßfOB politischen Partei konsolidiren werden, um den Kanipf m» Republikanern und Demokraten auf der ganzen Linie uui»» nehmen. gend, sie zu behalten, da fie zu Hause sonst harter Behandlusj? ausgesetzt sei. So nahm Cooper denn die schöne mit sich, doch nur unter der Bedingung, daß fie ihn„FuÜ* d. h. Vater, anredete und als solchen betrachtete..... lieber das schreckliche Ende einer Löwenbandlg. wird der„Voss. Ztg." unterm 28. November aus gendes geschrieben:„Vor wenigen Wochen hatte m.-0. die große Menagerie Nouma-Hawa großen Zulauf fleimt•„ insbcfondere hatten die Vorstellungen der Löwenbanvig � Frau Nouma Staunen erregt. Gegenwärtig befindet fiw Menagerie in Verviers und findet denselben Zulauf, f(z�pe entsetzliches Ereigniß hat den Löwen-Produktionen ein gemacht. Um etwas Neues zu bieten, war ein i"nger � jähriger Löwe dresfirt worden, und um kurz vor der Tori die Kunststücke zu wiederholen, bettat Frau Nouma den � In demselben Augenblicke stürzte sich der Lowe a � Bändigerin, ergriff sie an der Gurgel, riß ihr das Kw.__ zerfleischte ihren Vorderarm— mit dem Rufe:„Aug> es ist das der Diener der Menagerie—„rette mich, ,,(ist verloren!'" stürzt fie besinnungslos zu Boden. per« hinzu und stürzt in den Käfig. Mit Riesenttaft ergrettt � � Rachen des Löwen und wirft das wüthende Thier zun> Direktor Soulet steigt entschlossen auch in den.naNg, �ngt wohl der Löwe ihm eine Wunde am �Fuße beibnng, es ihm, Frau Nouma aus dem Käfig zu gtehen gaintt herauszuspringen. Nun entspinnt sich cin wuthen zzlut- zwischen August und dem Löwen. Letzterer, durtb ztt- geruch noch wüthender gemacht, fturzt sich auf den �«pW* fleischt und beißt ihn— da kommt der Reitnur ��artig- arbeitet den Löwen mit einer Heugave«� fopiu daß August, von Blut n 5 Minuten o er Frau Noum rbarische Kunfi werden, sollte, mehr dulden, ur, nur stttlick können daran ein Wohlgefallen finden. sollte man in einem Lande überhaupt nicht mehr dulden, zur Förderung der Kultur, nur sittlich Aerzte ICin fick Olli tui.w» au. per Löwenbändigern gezeigt werden, sollte sicherlich ich verwahrloste A en ff Ein Ji■ sprcchung einer Vorstellung wartig in Oldenburg auf einem 20 Fuß hohen und 40 Fuß breit draht. AMÄZ-ZNs Kommunales. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung am Donnerstag, den 2. Dezember, Nachmittags 5 Uhr. Sieben Naturalisationsgesuche— Vorschläge des Ausschusses für die Wahlen von unbesoldeten Gemeindebeamten— Berichterstattung über die Vorlage, betr. den Ausbau der Dammmühlen— Vorlage, betr. die von den städtischen Gas- anstalten im Juli September-Quartal gespeisten Flammen— desgl., betr. den Ankauf des Lohmühlengrundstücks_in der Schlcsischenstraße und am Lohmühlenwege, zwischen Schifffahrts- kanal und Fluthgraben— desgl., betr. das Regulativ für die Verwaltung des Reichenheim'schen Vermächtnisses—_ desgl., betr. die Festsetzung einer neuen Baufluchtlinie für das Grundstück Königgrätzerstraße Nr. 12— desgl., betr. den Verkauf der Restparzelle des Scharren-Grundstücks an der Taubenstraße— desgl., betr. die Erstattung des Kaufgeldes für das Terrain hinter der Elbingerstraße— desgl., betr. den Bau einer Jnterimsbrücke über den Landwchrkanal unter der Albrechtshoferbrücke— desgl., betr. die Erwerbung des Bürger- fleigterrains vor dem Grundstück Gerichtsstraße Nr. 64— desgl., betr. die Festsetzung einer neuen Bausluchtlinie für die Ostseite des Neuen Marktes, sowie den Ankauf der Grundstücke Neuer Markt Nr. 3, 4 5, 6 und 7— desgl., betr. den Ankauf des Grundstücks Müllersttaße Nr. 151— Berichterstattung über die Vorlage, betr. den Anschluß der Anilinfabrik am Wiesen-llfer an die Kanalisation— Vorlage, betr. den Anschluß des Arbeits- Hauses und des Waisenhauses an die Wafferhebestation vor dem Stralauer Thore— desgl., betr. den Ankauf der Grundstücke Andrcasstraße Nr. 56, Krautsstraße Nr. 48 a und Grüner Weg Nr. 95 behms Erbauung einer Markthalle im Osten der Stadt — Sieben Rechnungen— Fünf Untcrstützungssachen— Vorlage, betr. die Wahl von Schiedsmännern für die Kommission zur Abschätzung seuchenkranker Thiere desgl., betr. die Ver- tänqerung eines Engagementsvertrages— desgl., betr. die Neu- wähl der Mitglieder der Einschätzungs-Kommission für juristische Personen.— Außerdem findet in dieser Sitzung um 5£ Uhr die Einführung von fünf neugewählten Stadtverordneten und um 7 Uhr die Wahl eines unbesoldeten Stadtraths statt. Folgende Petitionen sind bei der Stadtverordneten-Ver- sammlung eingegangen: Herstellung einer Verbindung der Chausseestraße mit der Gartenstraße zwischen der Invaliden- und Liesenstraße.— Beseitigung der durch die Berlin-?tettiner Cisenbahn im Weichbilde der Stadt hervorgerufenen Verkehrs- störungen.— Beschlcumgung der Kanalisationsarbeiten im Radialsystem XU.— Ottertc zum Ankauf von Terrains der Grundstücke Friedrichstraße 102 und 103 und Wcidendamm 1 zur Turchlcgung der Eharlottenstraße.— Regulirun g der Ska- litzerstraße zwischen Elisabeth-Ufer und Manteuffelsttaße.— Der »Schlesilche Thor- Bezirksverein" petitionirt um Bewilligung eines Beitrages seitens der Stadt zu dem Bau einer Kirche für die von der Thomas-Parochie abzuzweigende neue Kirchen- gemeinde. * Aus dem Verwaltungsbericht der Irrenanstalt der Stadt Berlin zu Dalldorf entnehmen wir, daß sich die Gesammt- beweguna der in kommunaler Anstaltspflege(in Dalldorf und in der Kommunalabt Heilung von Privatanstalten) befindlichen Geisteskranken im Rechnungsjahre 1. April 1885—86 in folgender Weise gestaltete: Am 31. März 1885 war der Bestand 1909 Irre; bis zum 31. März 1886 betrug der Zugang 936 Personen, zusammen also 2845 Personen. Abgegangen sind während des Berichtsjahres 785, so daß der Bestand ultimo März 1886 2060 betrug. Von letzteren waren untergebracht in Dalldorf 1256 und in Privatanstalten 804 Personen. Von den im Jahre 1885—86 auf die Jrrcnabtheilung im Ganzen 628 Aufgenommenen war unter den Männern der Handwerkerstand am meisten vertreten mit 127, der Künstlerstand am wenigsten mit 2, der Gclehrtenstand mit 8, der Arbciterstand mit 14 jc. unter den Frauen find die Dienstmädchen am meisten vertreten 54, am wenigsten die Schauspielerinnen nnt 5, Handwerker- 5?ani mit 33, Arbeiterinnen(ledig) mit 34, Arbeiterinnen mit J' Räherinncn mit 27, aus dem Gelehrtenstand mit 25, aus N Beamtenstande mit 25 k- Von der Gesammtsumme des Abganges sind 50 oder 7,8 pCt. gestorben, 17 entwichen Mrunter 6 wiederholt), die übrigen sind in die Familie oder n eine Pflegestelle oder in eine Siechenanstalt zc. entlassen, oder °uch in auswärtige Irrenanstalten(19 Personen) untergebracht Sorten. In der Jdiotenanstalt, welche mit der Irrenanstalt in Dalldorf verbunden ist, war der Bestand ultimo März 1885 i'8 Zöglinge. Aufgenommen wurden bis ultimo März 1886 '.'-entlassen wurden 31, gestorben sind 3. Der Bestand war °lkdann ultimo März 1886 133 Zöglinge(95 Knaben und d8 Mädchen).__ Gerichts-Ieitnng. , Wien, 29. November. Vor dem hiesigen Schwurgerichte Mann heute der Prozeß gegen den Lokomotivführer Wenzel S�nfa und dm Verkchrseleven Karl Scherer, welche am rJ- August d. I. den Eisenbahnzusammenstoß bei Mödling auf 0"«rüdbahn verschuldet haben, wobei fünf Personen getödtet "P dreißig Personen theils leicht, theils schwer verletzt wurden. der Anklage wird folgendes ausgeführt. Trnka hat am qS.end dezeichneten Tages als Lokomotivführer des von <5>ener-Neustadt nach Wien verkehrenden Personenzuges bei der Mion Mödling die Warrningsrufe des mit ihm auf der �iascbine beschäftigten Heizers nicht beachtet, hat auch eS-'alt- und Nothsignale, sowie die Signallichter, die Fanale des entgegenkommenden Stockmannes, die Signal- Me des Zugführers nicht beachtet! er hat unterlassen, j.S.ZU versichern, ob das von ihm befahrene Geleise üÄ.-, Einfahrt in die Station Mödling frei sei, und ist m ".Omft unvorsichtiger Weise, bei verhältnißmäßig bedeutender lÄ?'?oschwindigkeit weitergefahren und in den auf demselben \*ss( befindlichen, in gleicher Richtung nach Wien abgehen- v" Zug Nr. 79 hineingefahren. Scherer hat als diensthaben- . Stationsbernnter in Mödling des Stationsdcckungssignal »ireie Fahrt" stellen lassen, obwohl ihm bekannt sein mußte, c3 dem Zuge 79 ein anderer Zug in kürzester Zeit auf dem- .wen Geleise und in derselben Richtung nach Wien folge, und unterlassen, der Dienstvorschrift gemäß, dem Zuge 79 .:as Zeichen zur Abfahrt durch ein Handsignal oder durch R,on Bahnbediensteten zukommen zu lassen. Die . laatsanwaltschaft führt noch den Angaben von Sach- ml..?"8 igen aus, daß Trnka bei nur einiger Auf- "stamkeit, wenn er auf eines der ihm gege- «es/-?,? Haltesignale geachtet hätte, trotz des auf„freie Fahtt" Wellten Stationsdcckungssignals, dm Zug hatte zum Stillstand MNgen müssen. Trnka hat selbst unmittelbar nach der Kala- tief betroffen und gebeugt gesagt: Ich sah das grüne g?t der Standschcibe, hielt die Bahn dem Betnebsreglemmt wr fahrbar und sah dann weiter nicht mehr auf die vu?!?on. sondem ins Grüne. Beim Bezirksgerichte Mödling er: Ich muß eingestehen, daß ich, da. ich die Distanz- Heiligthum betrachtete, verabsäumt habe, dm Pzjen Erscheinungen die„nöthigc Aufmerkjamkelt zu schmken. steht 8en Scherer betrifft, so hatte dieser, wie er selbst zuge- Fahrt?" daran gedacht, daß er das Signal auf frere Ä5 S lÄÄ& % wird zwe, Tage andauern. '885«"ftdurch vier Instanzen. Am 16. Dezember 'Narrn m V'oouja ein großes Bankett statt und der Kauf- k'achbar u eT 8Ä. owblirt ist. hörte von seinem iisck- best» rn h �«guora Theresia Bernato, die Gattin des Haus- der ri� Bernato, die schönste Frau der Stadt sei. Giacomo, T gekümmett. sprang, vom gmosscnen orhrtzt, auf und nef:„Wenn sie wirklich die Schönste ist, muß ich sie küssen und zwar binnen einer Stunde". Giacomo nahm einen Wagen, fuhr zur Wohnung der schönen Frau, ließ sich melden und als Frau Bernato, die in ihm einen Geschäftsfreund ihres Gattm vermuthete, ihn empfing, näherte er sich ihr, umschlang ihre Taille und küßte sie auf die linke Wange. Die Dame versetzte dem Frechen eine tüchtige Ohr- feige, dann rief sie um Hilfe. Ihr Gatte und die Dimerschaft eilten herbei, Giacomo wurde etwas unsanft zu Thür hinaus- gedrängt, kehrte aber glückstrahlend zu seinen Freunden zurück und sagte:„Ich habe das schönste Weib geküßt, nun soll man mich meinetwegen hängm." Signora Bemato verklagte nun den Kußräuber bei dem Gerichte von Vicenza und dieses ver- uttheilte denselben zu 5 Tagen Gefängniß, 50 Franks Strafe und Ersatz der Gerichtskosten in der Höhe von 1057 Franks. Signor Giacomo fand dies für einen Kuß etwas zu hoch ge- griffen, und appellitte an das Obergettcht. Dieses bestätigte das Urtheil und Giacomo richtete seinen Rekurs an den Kassa- tionshof von Florenz. Dott wurde das Urtheil umgestoßen und der Fall vor das Tnbunalgericht von Treviso verwiesen, wo er am 20. d. zur Verhandlung gelangte. Signora Theresa Bernato wohnte der Verhandlung bei; sie wirst dem Kußrüuber wüthende Blicke zu und crklätt, sie werde diese Schmach ihr Leben lang nicht vergessen. Phlegmatisch erwidettc Giacomo; „Tic Zeit bewirkt viel, ich dachte auch, daß ich das Vergnügen dieses Kusses lebenslänglich empfinden würde, und jetzt spüre ich gar nichts mehr davon." Das Tribunal fand die Strafe des ersten Gericbts zu strenge und vcruttheilte Signor Giacomo nur zu dreißig Franks. Kozmles u«d Arbeiterbewegung. Unfälle der Seeleute. In der englischen Handelsmarine verliett im �Jahresdurchschnitt von 66 Matrosen einer sein Leben durch Schiffsunfall, während das Verhältniß bei dm englischen Bahnbeamten sich wie 1: 600 und bei den Bergleuten wie 1: 454 stellt. Nach der deutschen Berufsstatistik vom 5. Juni 1882 befanden sich unter � den Jnvalidm für die See- und Küstenschiffsahtt an Schiffcm 942 Personen, an Schiffmannschaften 675 Personen, darunter 309 bezw. 282 Personen von 70 Jahren und mehr, bei denen also die Invalidität wohlauf das hohe Alter zurückgefühtt werden kann. Wenn man hin- sichtlich der Uebrigen etwa die Hälfte als durch Unfall ver- anlaßt und die andere Hälfte als durch andere Ursachen ent- standen vorausgesetzt, wie es z. B. der Regierungsrath von Woedtke gethan, so kann man annehmen, daß 316 Invaliden unter den Schiffem und 196 unter der Schiffmannschaft vor- Händen gewesen sind, die ihre Invalidität aus Seeunfällm herleiten. Hält man damit zusammen die Zahl der crwerbs- thätigen Personen in der Schifferbevölkerung, so ergiebt sich, daß von der Secschifffahrt treibenden selbstständigen Bevölkerung im Jahre 1882 bei uns ebenfalls einer von 66 Personen oder 1,5 p C t. der gesammten Zahl verloren gegangen sind. In der großen Mehrheit der Fälle erleiden die Seeleute, wenn sie verunglücken, den Tod; man hat für das Jahr 1882 auf 414 Todesfälle 30 Jnvaliditätsfälle und für den Durchschnitt von 1878—1882 333 Todesfälle gegen 30 Jnvaliditätsfälle gerechnet! Aus Antwerpen, 25. November, berichtet man der„Frkf. Ztg.": Die Diamantschleiferei der Scheldesiadt ist feit Kurzem von einer allgemeinen A r b e i t s e i n st e l l u n g be- droht. Diese Industrie ist gegenwättig eine der bedmtendsten des Antwervener Platzes und hat seit mehreren Jahren die Konkurrenz Amsterdams, das früher der Hauptmarkt für ge- schliffene Diamanten gewesen, auf dm vomehmsten Plätzen des Diamantenhandels, London und Paris, besiegt. Ein ganzes Heer von Arbeitern dient dieser Industrie, die zur Zeit min- bestens 1800 Werkbänke oder„Mühlen" in Thätigkeit fetzt. Die allgemeine Krisis, unter der die witthschaftliche Welt leidet, ist jedoch auch an diesem Arbeitszweige nicht spurlos vorüber- gegangen; seit drei bis vier Jahren zeigte sich dies in einer Verminderung der Lobiisütze der Schleifer, die 4 Franks per Karat betrug. Da gelang es den Fabrikanten vor etwa sieben Wochen, sich neue Absatzgebiete in China und Japan zu eröff- nm. Die Folge ivar eine plötzliche bedeutende Hebung des Geschäftes, so daß jetzt die Untemehmer, obgleich in allen Etabliffements von 6 Uhr Morgms bis 10 Uhr Abends gearbeitet wird, den zahlreich einlaufmden Aufträgm nickt zu genügen vermögen. Natürlich jubeln diese, allein in ihrem Jubel vergaßen sie, den Lohntattf, wie er vor der Herabsetzung der Arbeitslöhne bestanden, wieder herzustellen..Heftige Proteste der Arbeiter blieben nicht aus, und in großen Meetings machten diese ihrer Unzufriedenheit Lust. In der ersten dieser Versamm- hingen wurden nach langer Diskussion folgende Beschlüsse ge- faßt: 1) eine Lohnerhöhung von 100 Prozent per Karat zu ver- langen; 2) darauf zu bestehen, daß denjenigen Arbeitern, die „Brillanten" schleifen, der Edelstein fortan in rohem Zustande und nicht mehr geschnitten, wie dies bisher der Fall gehefett werde. Für den Fall, daß diese Forderungen nicht bewilligt werden sollten, verpflichtm sich die dem Beschlüsse Beigetretenen, nach Ablieferung der Pattie, die sie noch unterständen hätten, alle Arbeit zu verweigern. Ju Folge dieser Haltung kracken bereits am Tage darauf mehrere pattielle Streiks aus. Eine Anzahl Fabrikanten einigten sich hierauf dahin, ihren Arbeitern zwei Franks per Karat zuzulegen, jedoch unter der Bedingung, daß der neue Lohntarif erst am 1. Januar näcksthin in Kraft trete. In einem zweiten großen Meeting der Schleifer wurde über dieses Anerbieten hin und her gestritten und zuletzt be- schloffen, den Vorschlag der Fabrikanten im Prinzip anzuneh- mm, jedoch für das Inkrafttreten der erhöhten Lohnsätze nur eine Frist von zwei Wochen zuzugestehen. Werde dem keine Folge gegeben, so solle die allgemeine Einstellung der Arbeit erfolgen. Vorläufig ist die Arbeit überall wieder aufgenommen worden, die Zwischenzeit aber wird von dm Diamantschleifem zur Gründung einer Liga behufs Vettheidigung ihrer Interessen benutzt, zu welchem Zwecke im Laufe vergangmer Woche mehrere Meetings stattfanden. Von einem Eingehen der Fabttkanten aus die Forderungen der Schleifer ist noch nichts wahrzunehmen, dagegen sind zwei von den Arbeitern, die an der Spitze der Bewegung stehen, von einem der Fabttkanten entlassen worden.— Ganz wie bei uns! Der schweizerische Schifflistickerei-Verband hat in seiner letzten Versammlung in St. Gallen beschlossen, den M i n i m a l- lohn fallen zu lassen, um die Konkurrenz mit der sächsischen Stickerei aufnehmen zu können. Internationale Fabrikgesetzgebung, damit nicht die Unternehmer des einen Landes immer die günstigere Lage ihrer Konkurrenten im andern Lande vorschützen können, um die Löhne wucherisch zu drücken! Im Fachverein der Maurer Hamburgs wurde am Donnerstag Abend über die Mangel des hamburgischm Bau- polizeigefetzes verhandelt und eine Anzahl von Be- stimmungen über Stärke und Art des Mauerwerks, der Bindemittel und der Beschaffenheit des Untergrundes gewünscht. Ein Redner betonte, daß schon eine Kommission mit dem Mandat, Abänderungsvorschläge zum Vaupolizeigesetz zu machen. bestehe, und ersuchte, derselben mit Rathschlögen zu helfen. Da trotz eines früheren Beschlusses, auf den Bauten des Maurer- meisters Brümmer die Arbeit einzustellen, doch einzelne Maurer die Arbeit wieder aufgenommen haben, beschloß die Versamm- lung aufs neue mit ollen gegen eine Stimme, daß bis zur Beendigung der Untersuchung gegen Bttimmer kein Mit- glied des Maurerfachvereins bei demselben in Arbeit treten darf. Ter Beginn dieser neuen allgemeinen Sperre wurde auf Montag, den 29. d. M, festgesetzt. Uerewe und Nersammlungen. Der Fachverein der Tischler hielt am Sonnabend, den 27. November, eine gut besuchte Versammlung in Jordan's Salon, Neue Grünstraße 28, unter Vorfitz des Herrn Tutzauer ab. Nach geschäftlichen Mittheilungen seitens des Vorfitzenden. wurde über einen Antrag der Arbeitsvermittelungs-Kommisston diskutitt, der die Ueberweisung einer größeren Anzahl Werk- stellen, über die von Seiten der Kollegen Klage gefühtt wor- den, behufs Recherchirung der Fachkommission zu übergeben be- sagt. Hierbei wurde von verschiedenen Kollegen auf die immer schlechter werdenden Arbeits- und Lohnverhältnisse in vielen Wettstellen hingewiesen und die Kollegen aufgefordett, that- kräftig für Heranziehung der Kollegen zum Fachverein zu agitireu, damit in geschlossenen Reihen mit Erfolg für Befferung der trauttgen Zustände im Gewerk geschritten werden könnte. Weiter wurde die Ausbeutung der Kollegen durch die söge- nannten„Arbeitsnachweise" von Schankwitthen charaktettsttt. Unter anderen wurde der„Arbeitsnachweis" des Schankwirths Ammer, Ritterstraße 34, als ein solcher genannt, wo die Kolle- gen wohl ihr Geld verzehren könnten, aber Arbett nur in den seltensten Fällen bekämen. Auch der„Adressen- schacher" der Ottstassirer wurde einer näheren Beleuchtung unterzogen und die Delegitten der Ottskrankenkaffe, die dem Fachverein angehörten, aufgefordett, in der nächsten Generalversammlung der Ottskasse den Kassirern plausibel zu machen, daß die Adressenausgabe von ihrer Seite entschieden eingestellt werden müsse und daß sie sich nach den Gesellen und nicht nach den Meistern zu richten hätten, wie und wo die Arbeitsadressenausgabe ettolgen solle. Es wurden sodann die Werkstellen des Herrn Sander, Taubenstraße 46, sowie die des Herrn Otto, Blumenstraße 33, vom Arbeitsnachweis aus- geschloffen. Nach Erledigung eines Antrags Gttmpe sowie ver- schiedener Anträge, welche des öffentlichen Interesses entbehren, machte der Vorsitzende bekannt, daß Abonnements auf die „Neue Tischlerzeitung" Herr Fritz entgegennimmt, femer, daß die Vereinsmitglieder, die während einer etwaigen Krankheit ihre Beiträge erlassen haben wollen, ihr Buch bei Eintrete» der Krankheit beim Rendanten vorzuzeigen haben. Billets zum Weihnacktsvergnügen werden durch Herrn Apelt vergeben. Die nächste Versammlung findet Montag, den 6. Dezember, in Jordan's Salon statt. Eine Mitgliederversammlung der Freien Organisation junger Kanflente findet am Freitag, den 3. Dezember er., Abends 9 Uhr, in Nieft's Salon, Kommandantenstr. 71 72, statt. Tagesordnung: 1. Unterstützungsfonds. 2. Rechtsschutz für Mitglieder. 3. Verschiedenes. Gäste haben freien Zuttttt. Briese und Zusendungen sind an das Bureau, Friedttchstr. 20, zu richten. Verein für Technik und Gewerbe. Mittelstraße 65, Mittwoch, Abends 8» Uhr, Vortrag. Gäste willkommen. Gesang- und gesellige Vereine am Mittwoch.„Freys" Gesangverein der freireligiösen Gemeinde. Uebungsstunde Abends 8 Uhr Münzstt. 5.— Gesangverein„Norddeutsche Schleife" Abends 9 Uhr Dresdenerstr. 72 73 im Restaurant „Eden-Theater". Kleine Mittheilungen. Elberfeld, 28. November. Gegen einen Lehrer der hiesi- gen Oberrealschule ist wegen Begehung mehrerer Sittlichkeits- verbrechen die Untersuchung eingeleitet worden. Der Angeschill- digte hat sich der Verhaftung ourch die Flucht entzogen und wird steckbrieflich verfolgt. Mainz, 28. November. In Folge eines Krawalls, welcher sich in der vergangenen Nacht zwischen Soldaten des branden- burgischen Festungs-Artillerie-Regiments Nr. 3 und Zivilisten abspielte, ist die auf dem Flachsmarkt gelegene Nadianerhof- kaserne gesperrt. Die Soldaten dürfen die Kaserne nicht eher verlassen, bis die Exzedenten, welche während der Nacht in die Kaserne eindrangen, ennittelt sind. Petersburg, 29. November. In Taschkent hat heute Vor- mittag 9 Uhr 10 Minuten ein starkes Erdbeben stattgefunden; viele Häuser des mssischen Viettels wurden hierdurch be- schädigt. New-Pork, 19. November. Die gerichtliche Verhandlung gegen den frühern Schöffen von New-Nork, Quade, welcher beschuldigt ist, in der Angelegenheit der Broadway- Straßenbahn ein Geschenk empfangen zu haben, wurde heute wieder aufge-- nommen. Die ebenfalls angeklagten Schöffen Fullgraff und Im bezeugen, daß dreizehn Schöffen für Abgabe ihrer Stimme zu Gunsten der Bauerlaubniß der Straßenbahn je 20 000 Doll. empfangen hätten. KriefKasten der Redaktion. Bei Anfragen bitten wir die Abonnements-Ouittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. Abonnent Wallstraße. Nach einer neueren Entscheidung eines Oberlandesgerichts kann der Fiskus die Gewinne aus der sächsischen Lotterie von dem Gewinner einklagen. Doch ist die Sache rechtlich sehr zweifelhaft, und es ist zunächst die Entscheidung des Reichsgerichts abzuwatten. 99. Briefkasten. 1. Sie können nicht verlangen, daß der Empfänger eines Beleidigungen gegen Sie enthaltenden Briefes Ihnen denselben herausgiebt, damit Sie den Bttef- schreiber ermitteln. 2. Zur Veranstaltung eines Privatmasken- Halles brauchen Sie keine polizeiliche Genehmigung. Wir er- inner» Sie aber daran, daß vor einigen Jahren Jemand wegen Vergehens gegen das Sozialistengesetz bestraft ist, weil er auf einem Maskenball einen Degen trug, ohne einen Waffenschein zu haben. K. S. Wenn Sie ein Darlehn auf Grund eines ein- fachen Schuldscheins einklagen, so sind Sie immerhin der Ge- fahr ausgesetzt, daß der Beklagte seine Unterschrift abschwört. Es ist darum rathsam, bei größeren Objekten die Unterschritt notariell oder gerichtlich beglaubigen zu laffen. Erforderlich ist dies aber nicht. S. St. 40. Sie brauchen dem Wirthe nur die Methe zu zahlen, welche Sie in dem von Ihnen selbst unterzeichneten Kontrakte versprochen haben. Wenn Ihre Frau die einzige Erbin der Großmutter ist und befürchten muß, daß deren Mieths- und sonstige Schulden den Werth der Nachlaßsachen übersteigen, so thut sie am besten, der Erbschaft durch ein an das Amtsgettcht zu richtendes Schriftstück zu entsagen. Abonnent in Aachen. Wenden Sie sich mit Ihrer Be» schwerde an die Post. R. 5. Bezüglich der„Neuen Welt" wollen Sie sich ge- fälligst an den Verlag von Geiser u. Komp. in Breslau wenden. E. S., Melchiorstraße. Besten Dank für Ihre freund- liche Gabe. Einbanddecken zur„Jllustttrten Sonntagsbeilage" sind nicht angefertigt worden. Nr. 12. Nüdersdorferstr. Sie können Ihren früheren Arbeitgeber auf Schadensersatz belangen, wenn derselbe Ihnen ohne rechtmäßigen Grund Ihr Krankenkassenbuch inne behalten hat, und es Ihnen dadurch unmöglich geworden ist, anderweit Arbeit zu bekommen. Die Klage geht nicht an die Gewerde- deputation, sondern an das Amtsgettcht und kann auf der An- meldestube, Neue Fttedrichstt. 13, zu Protokoll gegeben werden. R. S. Tasdorf. 1. Nur wenn man das geschlachtete Schwein ganz oder theilweise verkaufen will, muß man daffelbe auf Trichinen untersuchen lassen. Die Taxe der Fleischbeschauer ist uns nicht bekannt.— 2. Wenn Sie den Tabak nur an diejenigen verkaufen, die zu der Vereinigung gehören und die Bücher lesen, nicht auch an Fremde, so liegt lein Gewerbe. betrieb vor und eine Anmeldung bei der Steuerbehörde ift nicht erforderlich. 31. M. 13. Sie brauchen die gebildete Kasse nicht poli- zeilich anzumelden und können den Namen beibehalten. Theater. Mittwoch, den 1. Dezember. Opernhaus. Donna Diana. Schauspielhaus. Ein Wintermärchen. Deutsches Theater. Romeo und Julia. Kricdrtch-Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Vittoria-Theater. Amor. Oftead-Theater. Das neue Gebot. Restdenz- Theater. Georgette. M �tentral-Theater. Der Waldteufel. Kellealliance- Theater. Der Krcuzelschreiber. Walhalla-Ttjcatcr. Die Piraten. Künipstädtisches Theater. Von Schrot und Kom. Kaufmann's Varietee. Spezialitäten- Vor- stellung. Amerikan- Theater. Spezialitäten-Vorstellung. Reichshallen- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Coueordia- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Soeben erschien Heft 3 cker Internationalen Bibliothek. Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Thcater.) Wallnertheaterstr. 15. Das Mädel ohne Geld. Posse mit Ges. in 3 Akten von Dr. Ed. Jacobson. Musik von Lehncrt. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Vor der Vorstellung: HM' Großes Concert,"WW ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Eoncerts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7', Uhr, Sonntags 7»/, Uhr. Das Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen. Die Darwin'sclie Theorie,(»u Abstammung Mensche«.) Prei» pro Arft 50 pf. Zu beziehen durch die Crpedltion des„Kerl. KolKsUatt", Zimmerstraße 44. Sßf Miedern erkäufern Rabatt. emam Der weltberühmte anatomische ist heute und täglich ausgestellt in «�er welioeruymre a Apollo Prauseher's Museum, Kommandantenstrasie 70.(1132 Dienstag und Freitag: Damnentag. Entree 50 Pf. Vereinskarten giltig. Passage 1 Tr. 9 M Kala Etleii-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Dresdcnerstr. 72 73. Zum ersten Male in Berlin: Gingeborene der Antillen. Anthropologische Sehenswürdigkeit.(ItPersoncn.) Nelson und Mayton, Exzcntria- Clowns. Krothero Forest, Musikal-Clowns. Madame Flora Hoffman«, Konzcrtsängcrin. La la Suitana Hadschi, Gymnastiker und Springer. Mr. Uizarraa, Krafttumer. Paula«. Fndw. Tellheim. Eugen Iocher. Kirgel» Kalletgrsellschaft, 12 Damen, 2Herren. ttassenöffnung Uhr. Anfang 7i Uhr. EmiBe Zola. Soeben erschien in unserem Verlag Emile Iola's erster grosser Roman Die Geheimnisse von Marseille. Autoristrte Ueberfetzung von Mar Trautner. Zum ersten Male ins Deutsche übertragen. 500 Seiten stark. Elegant ausgestattet, geheftet und beschnitten. Preia im Bnchliaudel 2 Mark 50 Pfennig. Wiederverkäufer erhalten hohen Rabatt. Besonders cmpfehlenswctth für Kolportage- und Eisenbah«buch Hand laugen, Leih- bibliotheken:c. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen, sowie direkt von der Verlagshandlung Nürnberg. Wörlein& Comp. LoWnlu, Fiszslknli- und Pantinen» Fabrik von Christian Weyer, S.O. Mariannensk. 10. Alle in dieses Fach einschlagende Artikel in bester Qualität.[958 Cigarren-& Tabak-Handlung Friedrich Michelsen, Vertreter: G. Splettsttisser, 15 b Weinbergsweg 15 b. Lager echt amerikanischer, russischer und türkischer Eigaretten und Tabake.[919 AAM>)MA|-UedailLas,(941 NdmjJwH Stempel-Federhalter Stempel für Yereice und Gewerbe, Sckablmeo nnd Schilder H. Guttmann, Graveur, Hrnnnenstrasse 9, Roaeutk. Thor. s x Einer geehtten Nachbarschaft empf. mein Kol?- n. Kohiengelchäft. Karl Wahner, Adalbcrtstraßc 6. X Teppiche, zurückgesetzte Muster, zu Spottpreisen, in der Teppichfabrik- Niederlage, UÄS I 1138] Moribstraße 18, TSOT I. Theilzahlung gestattet! illinlrtjuilflnls, Hrreci-Aiizllzk. Ä7 Augnltstrahe 27 im Laden,-an» sämmtlicher Systeme, Ringschiffchen ic. verk. E. Franke, Saarbruckerstraße 6. Reparaturen schnell und billig.(760 10 A. er-Panorama-J J In dieser Woche: Eine Wander. d. d.Riesengebirgc. Zweite Reise durch das malerische Schottland. Herlya-Neise.— Carolinen-Inseln. Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Schwere Ueberzicher, 20—30 M-, soll, schleun. vk. w. Schneidcrmstt. Wagner, Köpnickerstr.43H.U>. Schlafstelle bei Mielenz, Qranienstraße 10 tV r. Soeben ist erschienen: Arbeitsmarkt. Ein TilchlergescUe auf Kastcnarbeit wird verlangt Müllersttasie 40 Hof parterre bei Hilgcndorf.__[1185 j Der MWeltKaleiidtt für 1887. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Reichshaushalts-Etat des Deut- schea Reichs.— Zerbrochene Kellen. Er- »ählung von Rob. Schweichel.— Bäe- tiqe Frauen und SaarNeuschev.— Ei« Proletarierkind. Erzählung v.H.tzang er. — Der Kampf zwischen Feuer u. Wasser in der Welt. Von P. Osw. Köhler.— Wie man eine Million verdient.— Flie- gende Blätter(humoristisch). Al« Wrati»- Keilagen: 1. Lucia. 3. Mutlerglück. 2. Blanche. 4. Die beide» Alte». Ei» Waudkaleuder. —~~ preis 50 ps.=— b■'iSiSäSisisi�'SS�S-iSiSiSiSiS'iS�S�'üSt. Tnchtiae Mechaniker| Zu beziehen durch die Expedition dies. Blatts auf Glocken und Tableauklappen werden vcr- Zimmerstraße 44. langt Baruthcrstraße 9.[1183 1 Wiederverkäufern Rabatt. Verantwortlich für den polstischen Theil und Beilage zum Berliner Bolkvblalt Kr. 281. Mithooch. im 1 Dezember 88h. 3 Jahrg. Varlamnrtsverichte. Deutscher Reichstag. 3. Sitzung vom 30. November, 125U h r. Am Tische des Bundesraths: von Boetticher, Jacob i, von Scholz, vonCaprivi, Bronsart von S ch e ll en d orff u. A. mit zahlreichen Kommiffarien. Der Reichstag wird um die Ermächtigung zw strafrecht- nchen Verfolgung des Redakteurs der„Darmstädter freien Preflc" ersucht, der nach Auffassung des Kreisamtes zu Darm- stadi in der Nummer vom 2. Oktober d. I. den Reichstag be- leidigt hat. Das betr. Schreiben wird an die Geschäfts- ordnungskommission verwiesen. Eingegangen ist die Vtebcrficht über den Stand der Bau- ausführungen und der Beschaffung von Betriebsmitteln für die Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen und für die im Großherzog- thum Luxemburg belegenen Strecken der Wilhelm-Luxemburg- Eisenbahn vom 30. September 1886. Ferner ein Beschluß des Bundesrathr, betr. die Aufnahme der Anlagen, in welchen Albuminpapier hergestellt wird, in das Verzeichniß der ge- werblichen Anlagen, welche nach Bestimmung des§ 16 der Gewerbeordnung einer besonderen Genehmigung bedürfen. Die erste Berathung des Reichshaushalts- et a t s für 1887 88 nebst dem Anleihegesetz leitet der Staats- sekrctär des Reichsschatzamts Dr. I a c o b i mit einem sehr Umfassenden Vortrage ein, der zum großen Theil auf bekannte Thatsachen und die in Aller Händen befindlichen Ueberfichten über die Einnahmen und Ausgaben des Etatsjahres 1885 86 Zurückgreift. Seine Mittheilungen bieten daher im Ganzen «wenig Neues, leider auch wenig Erfreuliches". Der definitive Abschluß des Jahres 1885 86 weicht naturgemäß mehrfach von Schätzungen ab, die im vorigen Jahre an dieser Stelle auf Grunv der Erfahrungen eines halben Jahres aufgestellt werden konnten. Vornehmlich fällt ins Gewicht der erhebliche Ausfall der R ü b e n z u ck e r st e u c r, der sich schon im Jahre 1884 86 auf 14� Millionen stellte und im Vorjahre auf etwas über 20 Millionen gestiegen ist. Beim Reichsheere wurden nahezu 2t Millionen weniger verausgabt, wesentlich durch Ersparnisse bei der Naturverpflegung, bei der Marine über 3 Millionen mehr verausgabt in Folge der umfangreichen Indienststellung der Schiffe. Im Schlußergebniß hat fich für Rechnung des Reicks ein auf das Konto der Rüberzuckcrstcuer zurückführender Fehlbetrag von 17 480 377 M. ergeben, der im Etatsjahr 1887 88 seine Deckung zu finden haben wird. Bezüglich der Abgaben, deren Mehr- ertrüge den Einzclstaatcn zu überweisen find, find die erwarteten höheren Beträge nicht voll eingegangen: bei der Tabackssteuer rst eine Mindereinnahme von etwa j Million zu nennen. Die Zölle haben ein Mehr von nur 15 856 490 M. und die Etcmpclabgabcn ein solches von 2 640 528 M. aufzuweisen. Diese Mehreinnahmen bilden nämlich nicht im gewöhnlichen Sinne einen Ueberschuß gegen die etatsmäßigen Ansätze, fie sind wesentlich durch die bei der Etatsaufstellung nicht berücksichtigten "5 Laufe des Jahres 1885 bezw. mit dem 1. Januar 1886 �getretenen Zollerhöhungen und durch die seit dem 1. Ok- Nw 1885 erhobenen�tempeladaaben von Kauf- und sonstigen o �affungsgcschäften herbeigeführt. Eine stärkere Einfuhr von Kaffee und Petroleum hat mrtgewirkt. Die Mehrüberweisungen an die Einzel- Katen beziffern sich auf 18 454 064 M., so daß hierin ein «"sgleich für d en vorhin erwähnten F e h lb e tr a g zu ""den ist. Die Ausprägung egyptisch er Münzen auf der Münzstätte in Berlin hat der egyptischen Regierung Anlaß ge- b/ben, Anträge auf die Ucberlassung von Silberbarren zu Ucllen.(Hört, hört! links.) Diesem Antrage ist stattgegeben forden(hört, hört! links), um die fortgesetzten Zinsverluste zu vermeiden und um die Schwächung der Betriebsfonds, welche um den früheren Münzwcrth der Silberbarren gekürzt waren, W beheben. Es sind also ganz unbeschadet der Stellung zur �ahrungsfrage wesentlich praktische Rücksichten für die Regie» jung maßgebend gewesen. Ein Druck auf den Silberpreis wnnte naturlich bei diesen Abschlüssen, die sich im Stillen voll- Sogen, nicht geübt werden. Aus gleicher Erwägung ist dann � genannten Regierung im laufenden Jahre der Rest der vorhandenen Silberbarren überlassen und auck nur, um den Osdorf für die Ausprägung der egyptischen Münzen voll zu oesnedigen, ein geringer Therl des vorhandenen Thalerbcstandes m Betrage von Isj Millionen Mark eingeschmolzen. . Der Schätzung der muthmaßlichen Ergebnisse des laufen- 5?" Jahres konnten die Erfahrungen der ersten 7 Monate zu i�Jchnde gelegt werden, aber nicht in allen Punkten. Natür- «g find diese Schätzungen mit gewohnter Vorsicht aufzunehmen. u-? wnden sich Pichrausgaben herausstellen bei dem Aus- wartigen Amt, bei der Verwaltung des Reichsheercs und bei oem allgemeinen Pensionsfonds. Vei dem Auswärtigen Amte sind 4 035 000 M. aesckätzt. Es handelt sich um Mehrbedurf- schon im Vorjahre hervorgetreten TOö 4035 000 TL ? NW ähnlicher Art, *•. Jvlv siC(UJitil IUI-Ovljvtyvv yv � sisid�Bezüglich der Verwaltung des Reichsheeres wrrd vor- wugg auf ein Mindererfordcrniß bei den sortdauemdcn Aus- _..—............................. zu erwarten, Jocltfit jedoch bisher nicht haben ziffermäßig festgestellt werden gönnen. Ersparnisse bei dieser Verwaltung in der Höhe von ksiva 4 700 000 M. werden auch in diesem Jahre namentlich w Folge der Preisrückgänge bei den Brot- und Fouragc- Naturalien und bei den Viktualicn vorausgesehen. Gegenüber Uen Mehraufwendungen in Folge der Verminderung der "sianqucments, in Folge der Steigerung der Pferdepreise ge- ?ngere Einnahmen aus der Bcwirthschaftung der Remontc- vevots und Vermehrung der Reise-, Vorspann- und Transport- «men. Mit der Kompletirung des Waffenmatcnals hat wneller vorgeschritten werden können, als vorausgesetzt war f*7'siögen hrerfürü 200 000 M- mehr aufzuwendm sern, als veran- Magt war. Hierzu außerctatsmäßige Ausgaben für Garmsons- SVÄX, CÄÄ'ffi»71 Tf Jn«��kn. Minderausaaben stehen bei dem Reuhsamt des AuafuJl r �"üne, der Justizverwaltung, der Rerchsschuld>n AÄÄ Q���u, düngen, da diese erst mit Ablauf des ersten AuS0 tnä �denßetceten sind, während eine nickt etatisirte La,,� von 440000 M. bei dem Ziord-Ostsee-Kanal schon im «Ute diefrs Jahres nöthia werden wird. «ine» M SPIP vift Abzug der Minderausgaben auf der. ajl. der Ausgaben von 5 079000 M. zu rechnen, » cutung verliert, wenn man erwägt, daß Vre Imnung der Kompletirung des Waffenmaterials eigentlich nur eine Ausgabe vorweg nimmt, die später doch zu leisten ge- wesen sein würde. Erheblicher werden fich die Minde einnahmen gestalten, auf 19 200 000 M.(23 516 000 M. nach Abzug der Mehr- einnahmen von 4 474000 M.). Ausschlaggebend ist auch hier wieder die Zuckersteuer, deren Minderung fich für das laufende Jahr wahrscheinlich auf 21 714 000 M. stellen wird. Im Jahre 1885 86 belief sich der wirkliche Ausfall genau auf 20 190 256 M., 188t 85 auf rund 14t Millionen Seit diesem Jahre haben wir fortgesetzt mit der Fchlsamkeit und Unsicherheit dieses an fich erheblichen Einnahmepostens zu kämpfen. Erst wenn die Novelle zum Zuckersteuergesetz zu ihrer vollen Geltung gelangt sein wird, dürren wir wieder auf übersichtlichere und gleichmäßigere Resultate rechnen. In dem Fehlbetrag von 24 121 000 M. für das laufende Jahr befinden sich Mehrausgaben von 6 969 000 M., welche im Falle der Vorausbewilligung durch Anleihen zu decken gewesen wären, so die Ausgaben für Kompletirung des Waffenmateiials und die Bauten in Saarburg. Um so viel würde sich also der Fehlbetrag vermindern, wenn man diese Beträge noch nackträg- lich der Anleihe zur Rechnung zu stellen für geeignet befinden sollte. Auch bei der Uebcrwersung an die Bundesstaaten be- stimmter Zölle und Steuern wird ein erheblicher Ausfall nicht zu vermeiden fein, weil die Getreideausfuhr weit hinter den Voraussetzungen zurückgeblieben ist. Angenomnien wurde eine Einnahme von 56 650 000 M. aus den Getreidezöllen, wobei der Durchschnitt der Einfuhr von 1882—84 zu Grunde gelegt wurde zugleich mit der Annahme, daß die erhöhten Ge- treidezölle nicht schon für das laufende Jahr die Einfuhr zu- rückdrängen würden. In Wirklichkeit haben dieselben in der ersten Hälfte dieses Etatsjahres eine Einnahme von nur 13 900 000 M. ergeben. Berechnet man das zweite Semester in analoger Weise, so berechnet fich die Einnahme an Getreide- zöllen auf 31603 000 M.. im Ganzen also auf 25047 000 M. niedriger als bei der Etatsaufstellung angenommen ist, in Folge der reichlicheren Ernteerträge. Etwa 10 Millionen dieses Ausfalles werden eingebracht auf Mehreinnahmen von anderen Zoll- artikeln, auf die man rechnen kann. Die Vorauszahlungen an die Einzelstaaten würden also etwa um 16 600 000 M- hinter den Voraussetzungen des Etats zurückgeblieben, aber immer noch um 18t Millionen Mark höher sein als im vorigen Jahre. Illach diesen Erklärungen wird die Lage des Etatscntwurfs für 1887—88 vielleicht wieder überraschend erscheinen. Er bedingt unter Einrechnung eines um 1 1 059 000 M. gesteigerten Fehlbetrages aus dem Jahre 1885—86 eine Erhöhung der Matrikularbei- träge um 29117 777 M-, während den Bundesstaaten an Ueberschüssen 2 208 000 M. weniger überwiesen werden kann- ten. Die außerordentlichen Zuschüsse find auf 72 891 791 M. derechnet. Bei Aufstellung des Etats ist in Frage gekominen, ob nicht noch ein größerer Theil der einmaligen Ausgaben der Heeresverwaltung auf die Anleihe zu verweisen sei. Indessen ist es richtiger erschienen, an den Grundsätzen früherer Jahre festzuhalten. Fortdauernd wird beim Auswärtigen Amt eine Steigerung der Ausgaben um 384 955 M. eintreten; u. A. be- darf der Kommissionslostenfonds zu Gunsten der Entwickelung des überseeischen Handels einer Verstärkung. Für die deutschen Schutzgebiete find erstmalig feste Besoldungen für die Beamten vorgesehen: für dieselben Gebiete kehrt bei den einmaligen Aus- gaben ein Zuschußbeitrag an Verwaltungskosten wieder, wo- gegen die für die gleichen Zwecke im laufenden Jahre einge- stellten Pauschsummen höheren Betrages wegfallen. Von den fortdauernden Ausgaben des Rcichsamtes des Innern treten in den Vordergrund die Verstärkung des Fonds zur Förderung der Hochseefischerei um 100000, sowie 100 432 M. für die neu zu errichtende physikalisch- technische Reichsanstalt zur experimentellen Förderung der exakten Naturwissenschaft. Bei dem R e i ch s h e e r ist mit Berücksichtigung der baye- rischen Quote eine dauernde Mehrbewilligung von 2 443 000 M. erforderlich. Daneben verursacht die Abnahme von Manque- ments von Offizieren eine Mehrausgabe von mehr als 1 Million. An Brot und Fourage ergiebt sick ein Mchrcrforderniß von 150 000 M. Im Uebrigen aber hat in Rücksicht auf die billigen Oktoberpreise eine Minderausgabe von 8125 M- stattgefunden. Die Marineverwaltung erfordert zur Erhaltung ihrer Ein- ricktungcn und Verstärkung des Materials eine Mchrsummc von 1 237 007 M. Ter allgemeine Pensionsfonds weist namentlich in Folge der neuen Penfionsgesetze ein Mehr von fast 2) Millionen auf. Einbegriffen find die 350000 M. für allerhöwste Be- willigung behufs Verbesserung der Lage ausgeschiedener Offi- ziere, Acrzte, Beamten. Ebenso soll der Etat des Reicks-Schav- amtes zu Gunsten der Kombattanten um 200 000 M. erhöht werden. Dem Anwachsen der Staatsschuld entsprechend, hat auch der Zinssatz um 1 617 000 M. erhöht werden müssen. Der Ressort des Rcichsamtes des Innern ist mit 17 080000 und die Verwaltung des Reichsheeres mit 14 534000 M. betheiligt. Zum Bau eines Gebäudes für das Patentamt ist die erste Rate mit 200000 M. eingestellt. Auck bei der Verwaltung des Reichsheercs vermindert sich der Mehrbetrag im ordentlichen Etat auf 8 333 000 M. Die im außerordentlichen Etat vor- kommenden Ansätze lasten zu einem Betrage von 2 337 000 M. Bei der Reicks-Justizverwaltung sind 850000 M. zur Einrichtung eines Dienstgebäudes ausgeworfen. Bei den Einnahmen schließen die Zölle und Verbrauchssteuern mit einem Mehrbe- trag von 471 330 M. Hinsichtlich der Zölle, Branntwein- und Tabakssteuern ist zu sagen, daß im Laufe des Monats Oktober keine höheren Einnahmen gegenüber dem Vorjahre, vielmehr Mindereinnahmen zu verzeichnen find.(Hört! hört! links.) Sie werden sich erinnern, daß im Bundesrath im Sev- tembcr 1885 Bestimmungen getroffen wurden gegen Zollbehand- lung der mit Mineralöl eingehenden Fässer. Diese Bestim« mungen traten am 1. November 1885 in Kraft. Die Vorein- fuhr im Oktober 1885 hat sich auf 500000 Doppelzentner gestellt mit einer Zolleinnahme von 3 600 000 M. Ter Ertrag der Stempelsteuer für Kauf- und Anschaffungs- gesckäfte hat um 4 398 000 M. geringer zum Ansatz komnicn müssen; einen Ausgleich von 1 377 000 M. gewährte ein Mehr- ertrag aus der Verdoppelung der preußischen Staatslotterie- loose. Bei der Post- und Telearapbenverwaltung noch ein Mehr von 889 777 M-, bei der Eisenbahnverwaltung ein Weniger von 1 150 800 M. Wenn wir nun die Matrikularbeiträge und die lieber- Weisungen an die Bundesstaaten gegenüberstellen, so sind bei den ersten in Abzug zu bringen die Aequivalrntc für die nicht allen Staaten gemeinsamen Einnahmen. Wenn wir so für die drei bisher behandelten Jahre Matri- kularbeiträge und Uederweisungen gegeneinander abwägen, so ergiebt sich, daß für 1885/86 13 Millionen von den Bundesstaaten mehr zu empfangen als zu zahlen waren, daß für 1886 87 diese Mehrauszahlungcn auf 15 400 000 M. zu schätzen sind und sich für 1337 auf den aller- dings sehr bescheidenen Betrag von 686 000 M. reduziren. (Bewegung links.) In mehrfachen Beziehungen ist der Etat von 1887 88 durch besondere Umstände ungünstig beeinflußt. Dahin gehört die Nothwendigkcit der Deckung des erheblichen Fehlbetrages aus dem Jahre 1885 86, die Thatsacke, daß die Wirkungen dcrZuckersteuernovclle noch erst später voll eintreten werden, und der Unistand, daß der Ertrag der Stempelabgaben erheblich hinter den Erwartungen zurücksteht. Nun werden aber noch erhebliche Mehrbedürfnisse eintreten, die bei der Etatsaufstcllung noch nicht berücksichtigt werden konnten, Mehrbedürfnisse, bedingt durch die Entwürfe seitens des wichtigen und dringlichen Heeresgesetzes unv des Seetarif- gesetzcs. Demgegenüber werden die Mehreinnahmen, welche sich aus der gcplarten Einführung der Reliktenversicherung für die An» gehörigen der Militär- und Marineverwaltung ergeben werden, ick sage, insofern ergeben werden, als die Wittwen- und Waiseirbctröge vorläufig in den ersten Jahren hinter den Be» trägen der betreffenden Funktionäre zurückbleiben werden. Mehrbcdürfnisse, meine Herren, können nickt ausbleiben, wenn wir nickt ou' die nothwendige Befestigung der Rcichsinstitu- tionen verrichten wollen. Ein Stillstand in dieser Beziehung ist nicht möglich und Mehibedünnisse bedingen auch finanzielle Opfer. Versäumnisse in dieser Beziehung bestrafen sich in oer Zukunft, nickt blos in der Gegenwart. Die Bundesrcgierrmgen haben deshalb ihrer- -eits nicht verzichten können, die nöthigen Mehrbcdürfnisse zur Geltung zu dringen, auch wenn sich die befriedigende Lösung der Dcckung«frage noch weiter verrögern sollte. Die Bundes- regierunge» sind nickt minder der Pflicht bewußt gewesen, wie die Thatsacken gezeigt haben, auch die Mittel zur Befriedigung der Ptehrbedürfnisse an�dic Hand zu geben, und es ist ange- sichts der heutigen Sachlage wohl die Frage berechtigt, wie würden sich die Finanzvcrhältnisse stellen, wenn nicht die frühw von den Regierungen vorgelegten und wenn auch mit mehrseitigem Widerstreben zur Annahme gelangten Zölle und Steuern zur.Hil'e gekommen wären. Es ist auch die weitere Frage berechtigt: um wie viel günstiger würden sich heute unsere Finanzverhältniffe stellen, wenn die eine oder an- derc der von den Regierungen in der günstigen Zeit einge- brachten Vorlagen zur Annahme gelangt wären? Angesichts nun aber der seitens des Reichstages in der letzten Zeit fort« dauernd angenommenen ablehnenden Haltung haben die Bundes- regierungen zur Zeit davon abstehen müssen, ihrerseits mit neuen Versuchen vorzugehen und den Reichstag wiederholt um neue Steuerbewilligungen anzugehen. Selbst die im vorigen Jahre wohl mehrfach kundgegebene Bereitwilligkeit auf eine Ncurcgu» lirung der Branntweinsteuer einzugehen, hat praktische Resultate nicht gezeitigt. Unter diesen Umständen ist den Regierungen nur übrig geblieben, den Versuch m machen, die Schwierigkeit so zu lösen, daß die Mehibedürmisse festgestellt werden, und zu erwarten, daß die für die Finanzwirthschait, namentlich der Bundesstaaten, aui die Dauer nickt erträgliche Unzulänglichkeit der Ein- nahmequellen dem Lande und den Wählern die Nothwendig- keit c neS Wandels zum Bewußtsein kommt. Meine.Herren! Tie Regierungen verkennen am wenigsten die Schwierigkeiten und die daraus erwachsende Nothlage l sie müssen aber dieser Nothlage entipreckend handeln und können nicht Resultate er- zwingen, zu deren Erreichung fie die Zustimmung des Reichs- tags bedürfen. Möckte endlich die Auffassung aufgegeben werden, als ob die Bundesregierungen die neuen Mittel im wesentlichen für sich in Anspruch nehmen.(Heiterkeit links.) Es kann nickt oft geaug wiederholt werden, daß nicht die Regierungen bedürftig find, sondern das Reich und die Bundes- staaten.(Sehr richtig rechts.) Wir dürfen zum Lande und zu Ihnen« wendet wohl sawn: reatua agitur und wir würden dieser reatua gern die res nostra sübslituiren, wenn wir nur auf Entgegenkomme» hatten rechnen können. Meine Herren, neue Steuern, die Jedem genehm find und die keine vermeint- lichen und keine wirklichen Belästigringen mit sich führen, lassen sich überhaupt nicht erfinden. Wenn wir aber in jedem Einzelfalle die Belästigungen in den Vordergrund stellen wollen, kommen wir überhaupt nickt weiter. Größer als der Druck, den diese oder jene Steuer üben kann, wird unter Um- ständen der Druck sich gestalten, welcher erwächst, wenn die nothwendigen Bedürfnisse des Reicks nicht befriedigt werden können. Pläne Herren, wenn die nothwendige Nothlage die allseitige Ueberzeugung befestigt, daß mehr Bedürfnisse auch mehr Bedeckungen erfordern, so machen wir damit einen großen Fortschritt und können hoffen, daß bald die Lösung der vor- handcnen Schwierigkeiten eintrete. Was wir suchen, das ist eine sachliche, von Parteinicksickten nicht beeinflußte, wohl aber von dem Bewußtsein der allgemeinen Verantwortlichkeit ge- tragcne Pistarbeit(Bravo! sehr gut! rechts), im Erfassen des nothwendig Gemeinsamen. Daß dann nicht noch genug Diffe- renzcn zun« Kainpf übrig bleiben würden, glaube ich, brauchen wir nickt zu befürchten.(Beifall rechts.) Abg. Rickert: Ich hatte nickt vermuthct, daß der Herr Sckatzsekretär, den wir heute zum ersten Male die Ehre haben unter uns zu sehen, seine Rede mit theoretischen Auseinander- setzungen schließen würde, für welche in diesem Hause lein Boden ist. Er sollte doch aus unseren früheren Verhandlungen wissen, daß es gar nicht nöthig ist, eine so kindliche Anschau- ung wie die, die Regierung verlange die Steuern für sich und nicht für das Land, zu widerlegen. Es kommt aber auf das Maß der Steuern an, und ob sie dem Wohle des Landes ent- sprechen oder nicht. Das einzig Erfreuliche, was uns der Herr Sckavsekrekär rnitgcthcilt hat, war, daß die Regierung neuer- dings eine» Theil ihier Silbervorräthe abgestoßen habe. Daß er sich dabei verwahrt hat, es sei dies geschehen unbeschadet der Stellung der Regierung zur WährungSfragc überhaupt, halte ich nur für eine kleine Beruhigung nach einer gewissen Seite hin. Die Maßregel war richtig, vernünftig und verdient alle Anerkennung. Im Uebrigen waren die Auseinander- setzungen des Herrn Schatzselrctärs sckwül und nieder- drückend: geringere Einnahmen, höhere Ausgaben, ein Defizit des laufenden Jahres von 25 Millionen und ich füge hinzu, was nicht unwesentlich ist» noch immer kein Rcicksfinanzminister. Wirkt denn der jetzige Schatzstkretär in irgend einer entscheidenden Weise bei dem ganzen Etat mit, ist er Derjenige. welcher den Verhält- nisscn des Landes den Etat anpaßt? Wir brauchen eben einen Finanzminister, wie ihn früher Preußen hatte und andere Staaten noch haben, um unsere Finanzen auf eine einheitliche, solide Basis zu stellen. 1879 forderte der damalige Finanz- minister 164 Millionen neue steuern, um die Kläffen- und Einroinmenstcuer zu reformiren, die halbe Gnind- und Gebäude- st euer den Kommunen zu überweisen und eine Ermäßigung der Gewerbesteuer herbeizuführen. Was ist aus diesem hochtönenden Programm geworden? Bei der Klassenstcuer haben wir es nicht viel weiter gebrockt, als bis zu dem mechanischen Abstrich der zwei untersten stufen, von einer Ueberweisung der halben Grund- und Gebäudcsteuer und einer Reform der Gewerbesteuer ist keine Rede, ebensowenig von den übrigen Steuererleichterungen. V\t man seit Jahren den Wählern versprochen. Offen gestanden halte ich es für einen Vorzug dieser schlechten Situation, daß endlich einmal das Gerede von Steuererleichterungen angesichts dieses Etats verstummen muß.(Widerspruch des preußischen Finanzministers.) Der preußische Finanzminister sagt: O ja.(Bei- fall rechts.) Ja, was ist denn aus Ihren Versprechungen ge> worden? Noch im vorigen Jahre hat Herr von Malyahn hier das große Wort gelassen ausgesprochen: in den nächsten Jahren werden wir in der Lage sein, den Kommunen in Preußen die Mittel zuzuführen, die es ihnen ermöglichen, einen Theil der Kommunalsteuern zu erlassen. Eine solche Finanzpolitik zu proklamiren, ist eine Kleinigkeit; die Ausführnng aber ist eine andere Sache. 1882 hob der Finanzminister mit Emphase die Erfolge der neuen Politik hervor, Preußen habe an das Reich nicht nur nichts zu zahlen, sondern empfange beinahe 3 Mill. Er rühmt dies als einen noch aar nicht genug gewürdigten Erfolg. Wie steht es jetzt damit? Wir müssen wieder von vom anfangen. Nun wird man endlich aufhören, schön zu färben und zugeben müssen, daß es sich seit 1879 nur um Vermehrung der Ausgaben und der Reichslasten aus den Taschen der Steuerzahler handelt. Es thut noth, daß wir klar über- sehen können, welche Ausgaben dringend nöthig sind. Für erwiesenermaßen nöthige Ausgaben werden selbstverständlich die Mittel zur Deckung beschafft werden müssen.(Hört! hört! rechts; Zuruf.) Was haben denn Sie(rechts) bei dem Brannt- weinmonopol für Hilfe geleistet? Bei der Abstimmung blieben Einige noch im Saale, stimmten dagegen, die An- andeien gingen zum Saale hinaus.(Heiterkeit links.) Und beim Tabaksmonopol waren viele von Ihnen auch nicht zu haben. Der gegenwärtige Etat fordert zu ernsten Betrachtungen auf. Wir begegnen zunächst geringeren Einnahmen. Es ist sehr leicht, auf dem Papiere höhere Zölle und Steuern zu de- kretiren, aber schwer, diese Einnahmen wirklich zu bekommen. Sie können in Folge eines Fehlschlages in dm Gctreidezöllen im laufcndm Jahre 16 Millionen weniger an die Einzel- staaten überweisen, als im Etat steht. Natürlich, höhere Ge- treidezölle sind nicht immer schon höhere Einnahmen. Ich will hier nicht auf die in der Presse erörterte Frage eingehen, ob eine Verminderung des Brotkonsums in Deutschland einge- treten sei. Aber es ist keine Frage, daß in den Getreidezöllcn Schwankungen von 30 bis 50 Millionen sich ergeben können. Gicbt der liebe Gott eine gute Ernte, so beklagt sich der Herr Schatzsekrctär über geringere Einnahmen. Der Getreidezoll wirkt erst dann, wenn wir eine schleckte Ernte haben. Dann wird das Reich um so besser gestellt, je schlechter die Ver- hältnissc im Lande werden. Schwankmde Einnahmen, welche oft versagen,— das ist die Folge. Ein fernerer Posten ist die Börsensteuer. Ich will nur wenig davon sprechen, denn ich weiß, daß Sie schon bei dem Namen Börsensteuer eine gewisse Beklemmung fühlen.(Widerspruch rechts, Heiter- leit.) Haben Sie wirklich noch Appetit?(Gewiß.) Wir haben nichts dagegen, aber wir haben Ihnen schon damals vor- ausgesagt, Sie würden selbst diesen bescheidenen Anschlag von 12 Millionen nicht erreichen. Konservative Zeitungen schoben das auf Defraudationen. Dies zeugt auf eine Unkcnntniß der Sachlage. Ich habe darüber mit Sachverständigen gesprochen, die auch darüber ein Urtheil haben, trotz des preußischen Finanzministers, der mir eben widerspricht. Sie haben nichts Anderes erreicht, als daß Sie manches reelle Geschäft von der Arbitrage in die minder reellen Bahnen der Spekulation ge- drängt haben.(Sicher kein Vortheil!) Mit besonderem In- tercssc habe ich mir den P o st e t a t angesehen, und zwar mit Rücksicht auf die theilweise erhöhten Telcgraphengebühren und die Konkurrenz der Stadtbriefpostdeförderung. Ich war ge- spannt, ob in diesem Etat eine Einwirkung beider Maßregeln zu ersehen sein möchte, und ich möchte fast annehmen, daß der Herr Staatssekretär diese Einwirkung zum Ausdruck gebracht hat. Weshalb beträgt der Ueberschuß des laufenden Jahres nur 998 000 M. gegen das vorige Jahr, während er im vorüber- gehenden 1 600 000 M- höher war als im vergangenen? Jeden- falls ist dieser Postetat in seinen Haupteinnahmepostcn kein Zeichen einer Zuversicht zu einer Gesundung unseres Verkehrs- lcbens. Angesichts dieser Mindereinnahmen sollte man in den Ausgaben die allergrößte Beschränkung erwarten. Der Herr Schatzsekretär meint, die von dem Krieasministcr wiederholten Forderungen seien dringliche. Ja, die Begriffe über das, was dringlich ist oder nicht, sind sehr verschieden. Es wird wohl möglich sein, aus dem Etat Posten, die wünschenswerth sein mögen, von denen, die dringlich sind, zu sondern. Die Bud- gctkommission wird in diesem Jahre dabei ein gut Stück Arbeit machen können. Ein hervorragendes Jntercffe hat dies- mal der Marineetat, der i Million mehr für Miiitärversonal verlangt, sehr aneikennenswerther Weise 100000 M. weniger für die Indienststellung, obgleich fünf Monate mehr bei der Aufstellung der Jndiensthaltungs- Tabelle ange- setzt sind. Es ist das zu akzeptiren als ein vorläusiges Ancrkenntniß, daß die Sache in dem Maßstabe, wie sie in Ver- anlassung der Kolonialpolitik 1885 86 getrieben wurde, nicht weiter zu führen ist. Der bedenklichste Punkt ist das, was in der Denkschrift steht. Während man uns 1834 sagte, � in den nächsten 3 bis 4 Jahren werden wir keine Schiffe mehr von Ihnen verlangen, hat man später Kreuzer von uns verlangt. Einen Kreuzer haben wir gestrichen. Die Forderung tritt in diesem Jahre wieder auf und dazu die ganz neue Forderung eines Panzerkanonenbootes. Ob die Panzcrkanonenboote noth- wendig seien im Interesse der Vertheidigung oder der Offensiv- kraft, habe ich aus der Denkschrift nicht ersehen können. Es herrschte früher eine sehr große Begeisterung für diese Fahrzeuge. Heute scheint ja das große Panzerschlachtschiff ein über- wuiidener Standpunkt zu sein, die Marineverwaltung hat we- nigstens für Deutschland den Neubau von großen Panzer- schinen nicht mehr in Ausficht genommen. Es ist kein Zweifel: was der Vertheidigung unserer Küsten nothwendig ist, das wird und muß bewilligt werden. Aber auf weiter- gehende Perspektiven, etwa eine Offenfivflotte zu schaffen, können wir nicht eingehen. Ter Militärctat hat im Extra- ordinarium eine starke Vermehrung um 14t Millionen Mark. Die im Vorjahre abgelehnten Forderungen sind wieder eingebracht. Ich glaube nicht, daß diese Taktik eine richtige ist. Es wird dem Herrn Kriegsminister nicht gelingen, wenn er nicht ganz besondere Gründe, die wir bisher nicht gekannt haben, beibringt, die Budgetkommisfion zur Bewilligung dessen zu be- wegen, was sie damals abgelehnt hat. Denn die Finanzluge ist wieder schlechter geworden. Budgetrcchtlich ist besonders die provisorische Einrichtung einer dritten Landwchrinspcktion in Berlin von Bedeutung. Wenn uns nicht näherer Aufschluß gegeben wird, so bin ich der Meinung, daß hier eine Ver- lcüung unseres Bewilligungsrechtes vorliegt, denn der Kriegs- mmister ist nicht berechtigt, gegen einen ausdrücklichen Beschluß des Reichstages eine auch nur provisorische Einrichtung aus Dispositionsfonds zu treffen. Dazu sind die Dispositionsfonds nicht da. Nach der Thronrede soll die Unfallversicherung zum Abschlüsse gebracht werden. Vor drei Jahren wurden wir zur Berathung zweier Etats in einem Jahre gezwungen— der Zwang wurde in der feierlichen Form einer kaiserlichen Botschaft geübt— damit in der nächsten Session die Alters- und In- validcn-Versorgungsgcsetzgebung gemacht werden könnte. Die Anschauungen darüber haben gewechselt; jetzt heißt es, wir haben dazu kein Geld. Also auch hier wieder Wahlprogramm. Die Invalidenversicherung wird als Zugmittel benutzt, obwohl das Patrimonium der Enterbten seiner Zeit seine Dienste nicht gethan hat. Besser wäre es, nach dieser Richtung Abstand von weiteren Schritten zu nehmen. Herr v. Bennigsen hat sich auf dieses vage Gebiet nicht einlassen wollen, und selbst Occhel- Häuser will Rcichsgelder dafür nicht bewilligen. Ist die „Krcuzzeitung" mit ihrer Nachricht im Reckt, daß das Gesetz bereits fertig sei, so bitte rch um baldige Veröffentlichung des Textes, damit unser Harren auf diese Lösung der sozialen Frage, wie Sie sie angestrebt haben, befriedigt werde. Wir haben keine Ahnung, wie und mit welchen Mitteln es gemacht werden soll. Wieviel Geld braucht der Herr Staatssekretär da- zu?(Ruf vom Bundesrathstisch: Eine ganze Menge!) Ja, das glaube ich, aber wer wird diese hunderte von Millionen bezahlen? Natürlich die Arbeiter. Es wird Ihnen nicht gelingen, auf sozialpolitischem Gebiete Ideen mit Polizcimaßregeln nie- dcrzuschlagen, die Arbeiter zu versöhnen, wenn Sie das Koalitionerecht beeinträchtigen. Ganz unklar ist der Passus über die Gewcrbepolitik. Steckt nicht auch hier ein Stückchen Reaktion dahinter? Eine Sehnsucht nach Zwangs- innungen? Hier muß der Reichstag Klarheit schaffen. Der letzte Punkt der Thronrede ist die Steuerpolitik, die nunmehr an die Wähler gebracht werden soll.„?!ur einmal eine andere Reichs- tagsmajorität", sagt ein mittclparteiliches Blatt,„dann wollen wir schon freie Bahn schaffen!" Ja, eine Majorität, die nicht von Richter und Windthorst kommandirt wird, sondern in Herrn v. Köller ihren Führer findet. Ja, dann würden Sic, glaube ich, gut umspringen mit gewissen Dingen, die uns am Herzen liegen. Aber die Wähler stehen ja noch dazwischen. Und wie schön klingt der wundervolle Euphemismus:„Ander- weite Vertheilung der Lasten", während es sich um ungemessene Vermehrung handelte! Wie hat man uns übel genommen, als wir fragten, wozu das Geld verwendet werden solle. Der Finanzministcr, so hieß es, habe ja schon gesagt, es handle sich nur um eine Steuercntlastung. Ja, was für eine Steuer- cntlastung! Herr v. Huene wird es wissen. Die Ucber- weisungspolitik schützt Sie nickt; Sie können zehn lege« Huene machen, es hilft Ihnen nichts. Was haben wir in der Kommission erfahren? 50 Millionen nimmt das Reich vorweg, und wenn Sie jetzt die höhere Militärvor- läge und die Marineforderungen bewilligen, so bekommen Sie von Reichswegcn noch ein paar Dutzend Millionen dazu. Dann gebrauchen Sie wieder eine größere Summe, um das Lock in Preußen zuzustopfen. Sie haben also 150 Millionen nöthig, ohne daß nur ein Steuerzahler eine Erleichterung erhält. Der Finanzminister hat mit seinen Stcuervorlagcn wenig Glück ge- habt; die eine wurde gegen 3 Stimmen, die andere einstimmig abgelehnt. Der Finanzminister war aber in der Kommission sehr befriedigt mit dem Resultate. Er sagte, es hätte sich doch wenigstens ein Konsensus ornnium— die Sozialdemokraten und Fortschrittler ausgenommen— herausgebildet. Herr Schwemburg aber meinte es ganz anders. Im Sommer eröff- ncte er plötzlich der Welt: die Regierung beabsichtige, diesem Reichstage keine weitere Vorlage zu machen, in dem ausschlag- gebend die Parteien seien, die ihre Aufgabe lediglich in der Untcrminirung des Reiches sähen und nicht davor zu- rückschreckten, mit den Polen gemeinsame Sache gegen die handgreiflichen Interessen des Reiches zu machen. Es sei nothwendig, an die Stelle des jetzigen Konglo- merats von Welsen, Franzosen, Sozialdemokraten, Polen und Polengcnossen eine wirkliche Volksvertretung zu setzen. Herr v. Scholz hat uns einmal auseinandergesetzt, daß es ihm Vergnügen mache, sich mit diesem ausgezeichneten Journalisten in persönlichem Verkehr zu unterhaltm. Ick glaube aber, der Herr Finanzminister sollte sich doch hüten, in diesen agitatori- schen Ton zu verfallen. Die„Provinzial-Korrespondenz" bat auch einmal diese Art gehabt, und Herr v. Bennigsen hat das damals mit Entrüstung zurückgewiesen, als eine Methode, welche unser öffentliches Leben vergifte. Was soll das Ausland sagen, wenn in inspirirten Organen derartige Anklagen stehen. Und wie ist denn die Mehrheit, hat denn die konservative Partei die Branntweinsteuer gewollt? Herr v. Maltzahn verkündete: wir sind bereit zu einer Steuerreform, aber unter der Bedinguug, daß die Landwirthschast nicht darunter leidet. So geht es auch beim Zucker, aber die Zuckerindustrie darf nicht leiden um die Landwirlhschaft. Jeder will, daß der andere für ihn zahle! Wer aber ist dieser andere? Der Konsum läßt sich nicht dehnen, wenn man ihn nicht rationell steuer- politisch behandelt. Es handelt sich daher nur um Aus- gabeerhöbungen. Ich würde Ihnen vorschlagen, Herr Finanzministcr, sich den Mann kommen zu lassen, der da meint, man brauche sich nur zu bücken, um Steuern zu er- heben, die 5—600 Millionen tragen. Nehmen Sie ihn in Ihr Ministerium auf, vielleicht treten Sie dann später zu seinen Gunsten zurück. Die Vergleiche mit anderen Ländern können uns nicht helfen. In Deutschland schätzt man das mobile Ver- mögen auf 14 Milliarden, in Frankreich auf 70—80. Es ist richtig, Rußland, Frankreich, Oesterreich vermehren ihre Aus- gaben, sie rüsten immer weiter Aber wie lange werden auch die reichsten Länder es aushalten? Welches Schauspiel gewährt schon jetzt die Etatsbcrathung in Frankreich? Die Verlegen- Hellen müssen in einem Lande, das, wie der Abg. Gernrain nachgewiesen hat, allein durch seine Jahresdefizits seit 1878 6 Milliarden Schulden gemacht hat, trotz seines Reichthums von Jahr zu Jahr zunehmen. Das hat sich schon jetzt schlagend gezeigt, und daher verkünden auch Finanzpolitiker wie Leroy-Beaulieu: es giebt kein airdercs Mittel, als Ablehnung aller neuen Stcuem und Beschränkung der Aus- gaben. Europa sollte mehr als bisher an die Zu- kunft denken. Jenseits des Ozeans ist ein mächtig aufstrebender Konkurrent erstanden. Amerika bat seit 1865 seine Staatsschuld von 2' Milliarden am über die Hälfte verringert, und man weiß dort sehr gut, welche Vortheile man Europa gegenüber durch seine Finanzpolitik hat. Tie europäischen Staaten sollten bedenken, daß dieses Ueberbieten in Rüstungen, die Leistungsfähigkeit und Konkurrenz'ähigkeit aus dem Weltmarkt Europa gegenüber herabdrückcn muß. Vor Allem aber ist es traurig, daß zwei Staaten, die in der alten Kulturwelt eine solche Rolle spielen, wie Frankreich und Teutschland, deren Beruf es wäre, in dem freundschaftlichen Wetteifer in dem Werke des Friedens voranzugehen, zu keinem Vertrauensverhältniß gelangen können. Uebcrall hat man die Gesinnungen, welche beim Empfang des neuen Botschafters bei unserem Kaiser ausgetauscht wurden, mit lebhafter Genug- thuung begrüßt. In Teutschland besteht weder bei der Re- Sicmng noch bei dem Volk Haß, Neid oder Abneigung gegen rankicich, wir haben alle den sehnlichen Wunsch, daß es für die Dauer gelingen werde, ein freundschaftliches Verhältniß zwischen beiden Nationen herzustellen. Erreichen werden wir dies um so eher, je mcbr man sich in Frankreich davon über- zeugt, daß auch in Deutschland, was die Parteien sonst trennen möge, welche verschiedene Meinungen sie auch in Militärsacken selbst haben mögen, sie alle darin einig sind: Deutschland müsse unter allen Umständen seinen Besitzstand und Stellung behaupten. Es wird mit dem letzten Mann und dem letzten Thaler diesen Besitzstand zu vertheidigen wissen(Bravo). Ge- winnt diese Ucberzeugung Boden, dann werden auch, was wir lebhaft wünschen, die Bestrebungen derjenigen Franzosen— und es giebt deren schon viele, besonders unter den Arbeitern— Beachtung finden, welche eine freundschaftliche Beziehung zu Deutschland wollen. In diesen Tagen reproduzirte eine kon- servative Zeitung die Worte des Fürsten Bismarck, daß die starken Fundamente, auf denen Dcuschland ruhen soll, seien: ein starkes Heer, gute Finanzen und Zufrieden- h e i t des Volkes. Ein starkes Heer haben wir und wir wer- den es in Zukunft haben. Gute Finanzen— wir könnten sie auch heute haben, wenn die altbewährten finanz- und steuer- politischen Grundsätze wieder aufgenommen würden. Zufrieden- heit im Volk? In einer Lage, in welcher die größten Ansprüche an die Opfcrwilligkeit des Volkes gemacht werden, in dem größten Theil von Deutschland ein Polizei- und Parterregunent, so kraß- und mcksickts- los in seinen Konsequenzen, wie es nickt ansgcdildcter in den Zeiten des Konflifts war. Neberwucherung von Klassen- bestrebungen und Sondervortheilen in der Steuerpolitik ist der aristokratlsche Satz: nodlosue odligg verschwunden. In einer Zeit, in welcher die großen Massen in lebhaftem Drange streben, ihre soziale und materielle Stellung zu verbessem schneller, als die unumstößlichen wirthschaftlicke Gesetze es möglich machen— nichts als Polizeikampf gegen Ideen. Mit solchen Mitteln werden Sie die Bewegung nicht niederschlagen, sondern sie in das Geheimniß drängen und gefährlicher machen. Statt einer ver- söhnenden Politik verbittert man und hetzt diejenigen aneinander, deren Beruf es wäre, gemeinsam auf diesem Gebiet zu arbeiten, ächtet man die Meinungen prinzipientreuer, auf dem Boden der Verfassung nach ihrer Ueberzcugunq dem Vaterlande und der Monarchie dienender Männer. Man will dem freisinnigen Bürgcrthum die ihnen gebührende Stellung nicht einräumen. Es wird ihnen aber nickt gelingen, Sie mögen mit Ausbietung aller ministeriellen und büreaukratischen Allmacht die Einzelnen zurückschrecken, Sie mögen die Anderen durch Vortheile gewinnen: es wird Ihnen nichts helfen; das freisinnige Bürgcrthum wird die Stellung sich erobern, die ihm im öffent- lichen Leben zukommt, und käme der Tag, wo es einem Staats« mann gelänge, diese Kräfte niederzubeugen, statt sie zu beleben, so würde sehr bald ein anderer Tag darauf folgen, an dem er Gott danken würde, wenn es ihm gelänge, die Kräfte, die er niedergebeugt hat und zerrütten wollte, wieder zu neuem Leben zu erwecken. Denn nur mit Hilfe des freifinnigen Bürgerthums werden Sie die Monarchie fest und fester stützen und Institutionen schaffen, welche eine gedeihliche Zukunft Deutschlands garantiren.(Lebhafter Beifall links.) Staatssekretär im Reichspostamt v. Stephan: Nur mit wenigen Woeten wollte ich einige Aufklämngen geben über die mein Ressort betreffenden Punkte, die der Herr Vorredner de- rührt hat; nach dem hohen Fluge und der dramatischen Be- wcgtheit, die die Diskussion angenommen hat(Heiterkeit rechts), wird vielleicht eine kurze, abkühlende, geschäftsmäßige Unter- breckung nicht ganz unangebracht sein. Der Einnahmesatz aus dem Post- und Telegraphieverkehr hängt mit Tarif- änderungcn oder irgend welchen— übrigens finanziell ganz bedeutungslosen— Konkurrenzen nickt zusammen, sondern er ist das Resultat des dreijährigen Durchschnitts. Die Stei« gcrung betrug 1883 84 5,8 pEt., 1884 85 5,44 pCt., 1885 86 nur 3,21 pCt. Was sodann den Telegraphentarif betrifft, so hat auch der verehrte Abgeordnete Rickert von einer Erhöhung gesprochen und diese mit gewissen sreihändlerischcn oder anti- freihändlcrifchcn Tendenzen in Verbindung gebracht. Das Eine ist so wenig als das Andere der Fall; ich bin aber erfreut, hier ausdrücklich die besonders durch die Presse weiter verbreitete Meinung von einer Erhöhung widerlegen zu können. Bei der Feststellung eines Einheitstarifs für Telegramme ging man auf der ooijährigcn Tclegraphenkonfcrenz davon aus, daß du Grundtare neben der Worttaxe die Taxirung komplizire, au« für eine Reihe von Staaten nicht paßte; die Grundtaxe kam in Wegfall. Ein Wegfall der Grundtare ehne Erhöhung hätte für uns einen Ausfall von 300000 M. jährlich ergeben, und das war bei der Finanzlage des Reichs nicht zu vcranv wetten. Der Satz von 6 statt 5 Pfennigen für das Wort bedeutet auch keineswegs eine Erhöhung. Im habe aus allen einzeln vorgekommenen Telegrammen eine Statistik aus 3 Monaten aufstellen lassen; daraus ergicm sich: theurer sind geworden die Telegramme von 1—' Worten. 12 pEt. der Gcsammtzahl, die von 21—25 Worten, 3,77 pCt.; gleich geblieben die Telegramme von® Worten, 8,73 pCt., ferner die von 16—20 Worten 8,71 pEt! billiger find geworden alle Telegramme zwischen 9 und w Worten, 62,12 pEt. der Gesammtzahl. Also bei der weit über- wiegenden Mehrzahl ist eine Ermäßigung, nur bei 37 pCt. eine Erhöhung eingetreten. Für einen Monat des Berliner Tele- graphenverkehrS sind im Ganzen 7 M. mehr eingekommen,'!n nächsten werden es vielleicht 7 M. weniger sein. Wenn eM Unterschied besteht, so fällt er eher zu Gunsten als zum Naw' theil des Worttarifs aus; außerdem hat der Sechspfenniasa» für internationale Zwecke einen ganz bestimmten VottW Private Stadtbriefbeförderungsanftalten haben schon oft erifW sind aber immer wieder nach kurzem Bestehen von der Bä? fläche verschwunden, thcils aus finanziellen Gründen, theils die Leistungen dieser Anstalten in keiner Weise genügten. � war ein verhängnißvoller Jrtthum, zu glauben, es sei 0� leicht, eine solche Anstalt herzustellen. Dazu gehött eine uw fassende Organisation, großes Betriebskapital, jahrhundertelang Traditionen, ein geschultes Personal, eine gesicherte Kontern, Gebäude, Ausstattungsgegenstandc, ein großer Fuhrpark,% lehnung an alle übrigen Staatsanstaltcn, Schutz durch 5!, Staatvgesetze und die Behörden, kurz eine sehr weitverzwc�' und gegliederte Organisation. Die Begründer machen gewov? lich die Sache so, daß sie hundert Leute nehmen, in eine Blou> stecken und dann laufen lassen(Heiterkeit rechts), das ist gel?- so, als wenn ich 150 Mann nähme, jedem ein Gewehr ga? und sagte:„So nun ist die Kompagnie fertig!"(Heiterkeit rechts Daran sind die früheren Privatposten zu Grunde gegangen, ua. die bestehenden sind im besten Zuge, ihnen nachzufolgen, das Publikum ihnen alles Veftrauen entzogen hat. Noch hc" habe ich eine gedruckte, also wohl in zahlreichen Exemplar verbreitete Karte aus Stettin gesehen, worin sich der Absen" alle Zusendungen durch solche Privatanstalten verbittet. andere Jrtthum ist, daß sie glauben, mit einem billigeren auskommen zu können. Ja, ein schlechter Postdienst'.?!! sich billiger herstellen, ein guter Postdienst nicht..(#% hört! rechts.) Darin liegt der Schwerpunkt: Billig ff,, schleckt! Ein schlechter Postdienst ist überhaupt kein Postdirn es giebt nur einen guten Postdienst, ein mittelmäßiger a. schlechter ist überhaupt nickt existenzbercchtigt. Mit billig�� Tarifen ist also nicht auszukommen. Ob eine Ermäßigung..� Stadtpostportos in Berlin später möglich sein wird, bleibt daa gestellt, für jetzt ist sie nicht möglich, auch in anderen W � städten ist das Porto so hoch und höher wie hier; in 15 Zentimes, in London 1 Pcnny. Der Ausfall, den der ungünstigen, als solche ja gerade heute besonders bcion.� Finanftape auch berechnet chabe, beträgt für Berlin lt Millionen Mark. Eine Vermehrung der Briefzahl w � nicht eintreten. Außerdem müssen bei solcher Betnebsoenp. tung wie der der Privatanstaltcn die Kosten stetig wa�" � wenn die Massensendungen anströmen, dann'ammi� Schwierigkeit der Organisation zujlage; ebenso wcrden�.� den Schnellbetrieb Material und Personen ganz außerorde,� abgenutzt. Jedenfalls hat die Post von dieser Konkuttenz zu fürchten; ich habe mich sogar ablehnend gegen sine e' � Aenderung des Postgesetzes auegesprochen. Die Postveew � bedarf des Schutzes durch Ausdehnung des Monopols w Weise.(Lebhafter Beifall rechts),«ickerf Finanzminister v. Scholz: Nach dem, was Herr- hier als erster Redner in der Budgetdebatte geaußen � würde ich großen Mißverständnissen ausgesetzt sein, w- nicht alsbald auf die Einzelheiten seiner Nedeund„ffd} ihm entworfene Gesammtbild unserer sinanzpohtlschen,. c]ß äubern würde. Kr bat«inächst Protest dagegen crho r,.pe, äußern würde. Er hat zunächst Protest dagegen"BTchürhf' ob von irgend Jemand die kindliche Meinung„..»angif''' daß die verhündeten Regierungen Steuern für sieh v Ans- »ÄtflÄÄ Heilen sich vergegenwärtigen, der der Regierung#. Verfahren oder Plusmaeberei vorgeworfen, und vergie'„mc Nach Herrn Rickert bekundet der vorliegende E er. losgelassen. Aber warum heute? Berathung der Zuckersteuernovelle?("dg Richt-c! hat Abg. Barth dasselbe vorgetragen!) Man soll dem Volke die Sache nicht so darstellen, als hätte die Reichsregiecung sich SU diesem bischen Reform drängen lassen. Haben Sie(lmks) nicht von dem Vorschlage der Regierung noch etwas abge- strichen? Ist es nicht erst beim zweiten Anlaufe gelungen, eine Rübcnsteuer von 1,70 M. zu erlangen, während die Re- gicrung 1,80 M. gefordert hatte?(Zuruf: Exportprämie!) Versuchen Sie es doch, Herr Richert, bringen Sie doch heute eine Novelle ein, welche 65 Millionen Mark aus der Zucker- steuer bringt, und gewinnen Sie eine Mehrheit dafür. Wenn das nicht geschieht, dann bleibt nichts als die bescheidene sub- jektive Meinung des Herrn Richert übrig. Herr Richert freut sich, daß die Neigung, Finanzminister zu spielen, kleiner gcwor- den zu sein scheint; nur dem Finanzmister gebühre die Im- tiative. Freilich müßte er andere Vorlagen machen, als die bisherigen. Auf meine Frage: Welche an- deren? hat er keine Antwort gegeben. Die Regierung will ja keineswegs die Initiative der Steuergesetzgebung dem Reichstage zuschieben, aber sie kann doch verlangm, zu erfahren, welche Vorlagen irgend welche Chanzen haben könnten. Meinen Zwischenruf wollte Herr Richert nicht verstehen; er hat mir ja im Landtag oft genug gesagt, er wüßte ein Mittel, die Finanzlage in Preußen zu refornnren, aber er würde sich hüten, es mir zu sagen.(Zuruf Richerts: Wozu sind Sie denn Finanzminister?) Dann hat er von dem niedrigen Effekt der Getreidezölle gesprochen; er glaubte viel- leicht, uns hier auf eine unangenehme, unerwartete Wirkung derselben aufmerksam machen zu müssen. Wenn sich Jemand über den geringen Effekt gefreut hat, so bin ich es gewesen und die verbündeten Regierungen. Die Getreidezölle sollen es verhindern, daß den deutschen Landwirthen der deutsche Markt entzogen werde. Wenn die Getreidczölle also nicht reichere Erträge geben, dann mag man bedauern, daß die Kreise nach der lei Huene weniger erhalten, aber der Staats- kasse erwächst daraus zunächst kein Nachtheil. Wenn die Er- trägnissc immer so niedrig bleiben, wird sich die Regierung stets freuen, weil sie die Uebcrzeugung hat, daß die Landwirthschaft bei gehörigem Schutze den Bedarf des Landes selbst produziren kann. Er hat dann die Börsensteuer als einen weiteren Beweis ungesunder Finanzpolitik hingestellt. Allerdings hat dieser Posten die allseitigen Erwar- iungen nicht gerechtfertigt. Aber die Vorwürfe gegen die Regierung sind darrm doch nicht gerechtfertigt. Diese hatte ursprünglich eine andere, eine Geschäftsstcuervorlage gemacht. Mit Recht wird die Schuld an dem geringen Ertrage der Steuer den Defrauden zugeschrieben(hört, hört! rechts), weil die Sicherheitsmaßregeln der Geschäftssteuer verworfen find mit dem bekannten Optimismus, der in jedem Steuerpflichtigen einen ehrlichen Menschen sieht. Wenn die horrible Gcschästs- stcuer mit ihren horriblen Kontrolen eingeführt wäre, so wür- den uns diese Erfahrungen erspart geblieben sein. Auch ich bin der Meinung, daß es traurig ist, wenn die Parteien in der Presse sich so kränkende Vorwürfe machen, wie die es sind, gegen welche Herr Richert sich und seine Partei in Schutz ge- Nammen hat. Aber wer im Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen schmeißen. Wenn man sich vergegenwärtigt, was für unerhörte Dinge der Regierung seit Jahren vorgeworfen wer- den,(Abg. Richert: Wo denn?)— ich werde Ihnen eine Blüthenlese davon nächstens mitbringen, ich nenne jetzt nur das„Reichsblatt"— so erklärt sich, daß nun auch von an- derer Seite Vorwürfe kommen, über welche dann plötzlich das Lied der Trauer und Verstimmung erklingt. Ich sage es noch einmal: Sie messen mit zweierlei Maß! Sagte nicht erst heute noch 5)err Richert:„Wir betteln nicht um Lotterickollektcn, die Sie Ihren Prcßrcptilien gewähren mögen". Das ist sehr vorsichtig, aber gegenüber solchen Jnsi- nuationen verlangen Sie noch, daß Ihnen überall in der unab- hangigen und wenig von Rücksichten gebundenen Presse die Ätung gezollt wird, welche Sie andern verweigern. Herr Mert führte dann an, der Finanzminister habe sich bei den Verhandlungen über die Branntweinsteuer sehr befriedi- ? sfd teäußert. Aber was soll man sich denken, wenn er nun lährt:„Aber Herr Schweinburg dachte anders." Der ßRaazminister wiederholt nun seine früheren Erklärungen über &»Beziehungen" zu Herrn Schweinburg. Er empfange den- ,,°en, wie er auch die Redaktcure anderer Blätter empfange R'd wie er auch den Redakteur und die Patrone des„Reichs- fj'm" empfangen werde. Ihn für alles das verantwortlich zu Jüchen, was nun in diesen Zeitungen geschrieben werde, nfn müsse er weit von sich abweisen. Wenn an mir Mes hängen bleiben sollte, was darin steht, so müßte r* mich ja geniren, mit Herm Richert einen Händedruck wechseln oder ein Wort auszutauschen, da ja dann unter umständen Alles, was Herr Richert sagt, als meine Meinung N gefaßt werden würde.(Große Heiterkeit rechts.) Wer die �ache so auffaßt, der kennt wahrscheinlich nur den sklavischen gehorsam...(Heiterkeit rechts.) Die allgemeine Schlußbe- Pachtung des Abg. Richert kam dann darauf hinaus: Ein pries Heer haben wir und werden es haben; gute Finanzen m Il.en wir haben, Zufriedenheit im Jnnem unter dem System FUttkamer natürlich unmöglich. Ich glaube, wir haben diese Nfm der Schlußbctrachtung vom Abg. Richert schon einmal Phort.(Widerspruch des Abg. Richert.) Mit dem ersten Mnkt hat er doch wobl nicht sich in die Neaative nur Heeres« soll hat er doch wohl nicht sich in die Negative zur Heeres (Mge setzen wollen, denn das würde doch mit seiner ganzen . wherigen Stellung zu diesen Fragen schlecht Harmoniren. Bei un zweiten Punkte, der guten Finanzen, habe ich ganz und M nicht ironisch dazwischen gerufen: wir könnten sie haben, brauchten nur zu wollen(Unterbrechung links), wir brauch- '"uns nur zu verständigen. Aber ich muß immer wieder um darauf zurückkommen: wir haben keinen Groschen usgegeben, welcher nicht vom Reichstage bewilligt ***' viele sind auf Ihre Anregung verausgabt tv. vsw Aber abgesehen von der Vergangenheit: man , mdrre doch einmal das Budget und streiche alle Posten Msaus, die auf Grund der Mehreinnahmen durch neue �feuern mehr veeausgabt worden sind, den Abgeordneten s"?wte ich sehen, der mit solchem verstümmelten Budget vor we Wähler zu treten wagte!(Zustimmung rechts.) Ver- wrechungen haben die verbündeten Regierungen überhaupt nickt r##", sondern blos Programme.(Lachen links.) Ein Volk, a�Iches, wie das deutsche, zwei Milliarden für Tabak, Bier und ■oiannswein ausgiebt, welches in den größten Bundesstaaten st�ntlich ohne Staatsschulden besteht— die Schulden Preußens zum größten Theile Eisenbahnschuldcn, denen ein Eigen- njw werthvollster Art gegenübersteht—, welches an Gewerbe- LeiB, Gelehrigkeit und Gelehrsamkeit, möchte ich sagen, an der >vlpe der europäischen Staaten steht, sollte geringere Leistungen ferne Sicherheit aufzubringen im Stande sein, als alle seine di» ifstaatcn? Wer das vom deutschen Volke behauptet, sagt J:,, Unwahrheit. Ich halte das ganze Programm, , eiches ich i,n preußischen Abgeordnctenhause entwickelt aufrecht. Es sind alle die Aufgaben im Reiche Preußen beinahe allein mit dem Ertrage SN, Branntweinmonopols zu erfüllen.(Ruf: Tabak!) iü r, wird später noch dazu kommen,(Heiterkeit.) Es ia« bedauerlich, wenn gegenüber dem Dissens, zu dem Sie fou/vMmen berechtigt sind, und der Sterilität, die daraus m-ie.' Thcil des Reichstages, und zwar gerade der, der am antu. m. der Negation sich befunden hat, immer auf den erign?, zukommt und sagt: Du hast Deine Versprechungen nicht Türm]£qG kommt ihm nicht zu. Ich kann die Tevise fur »oa"»cht besser charakterifiren als mit den Worten: n)arb'ä Grei0nife' h'er«" Reichstag! Und 0. Sö e n b fl: Das Mißverhältniß zwischen Einnahmen i„.Ausgaben m dem vorliegenden Etat wurzelt unbestreitbar chlcrn. Schon in früheren Jahren ist dies mit Be- in alten zug auf die Rübensteuer von meinen politischen Freunden hier ausgesprochen worden. Der rapide Verfall dieser Steuer wurde freilich nicht vorausgesehen. Mit dem Abgeordneten Richert bin ich darin einverstanden, daß die Stärke des Reiches nicht blos auf seiner Wehrkraft beruht, sondern auch auf guten Finanzen. Das trübe Bild, das ich aus dem Studium des Etats schon gewonnen, ist aber durch den Vortrag vom Bundesrathstische noch verschlimmert worden. Ein gün- stigeres Verhältniß zwischen Einnahmen und Ausgaben wird sich auch in der Kommisston nicht erreichen lassen; es mag an den Ausgaben manches gestrichen, etwas den Einnahmen zuge- setzt werden, an dem Gesammtresultat wird die Budget- kommisfion nichts ändern können, und dieses heißt: Erhöhung der Matrikularbeiträge um 29 Millionen, und Erhöhung der Anleihe auf 62 Millionen. Wir werden also aus den jetzigen Einnahmequellen nicht im Stande sein, in den Finanzen des preußischen Staates durch Ueberweisungen aus den Reichs- einnahmen ein geordnetes Verhältniß herzustellen. Dazu wün- schen wir in Preußen seit Jahren: Erleichterung der Kommunen, Befreiung von der Schullast; und vor allem mußten wir bis- her, was von den Herren, die in der Mitte der Finanz- Verwaltung sitzen, mitunter nicht genügend beachtet wird, auf Amortisation der Eisenbahnschuld verzichten, welche wir doch nur in der Voraussetzung genehmigt haben, daß ein bestimmter Prozentsatz davon im Interesse der Sicherheit der Zukunft im Etat amortisirt wird. Meine politischen Freunde nnd ich, wir sind der Meinung, daß diese Wirthfchaft des Schuldenmachens ein Ucbel ist, das auf die Dauer nicht zu ertragen ist. Wir bieten deshalb die Hand, sobald sie uns geboten wird, um aus diesem Zustand herauszukommen. Wir haben dies gezeigt, als die Branntweinsteuer den Reichstag beschäftigte. Nach unseren Vorschlägen wären daraus 60—70 Millionen gewonnen worden, während die Regierung 120 Millionen verlangte. Die von uns vorgeschlagene Summe hätte aber genügt, um die im Reiche und in den Einzelstaaten vorhandenen Bedürfnisse in ausgiebiger Weise zu befriedigen. Man hätte deshalb nicht Phantastevlänen und idealen Steuerprojekten nach- gehen sollen. Meine politischen Freunde bedauern deshalb auch lebhaft— und wir scheuen den Vorwurf, der uns hieraus gemacht werden wird, nicht— daß die Regierungen es nicht für angezeigt gehalten haben, diesem Reichs- tage neue Steuern vorzuschlagen. Die überwiegende Mehrheit der Branntweinsteucrkommisfion ist ja auch im vorigen Jahre der Meinung gewesen, daß der Branntwein ein geeignetes Steuer- objekt sei; die Einen wollten freilich nur 25 Pf., die Anderen 60 Pf. pro Liter bewilligen. Darüber wäre eine Einigung unter den Parteien indessen möglich gewesen; aber die Re- gierungen waren mit einem solchen Ertrage nicht zufrieden. Ein verfehlter Pfad war es auch, daß man auch für die Brennerei- bcsitzer bei der Steuer einen Gewinn erzielen zu wollen schien. Ich würde es nach alle dem also für richtiger gehalten haben, wenn die Regierungen sich entschlossen hätten, von Neuem eine Branntweinsteuervorlage dem Reichstage vorzulegen. Zum Schluß möchte ich betreffs der Militärvorlage nur sagen, daß es natürlich unsere Aufgabe sein wird zu prüfen, ob die Motive in Bezug auf die internationalen Verhältnisse begründet sind. Aber die Hoffnung habe ich, daß, wenn die Nothwen- igkeit der Vermchmng unseres Heeres anerkannt wird, unser deutsches Voll in der Ovferfreudigkeit und Opferbereit- schaft zur Sicherheit und zur Ehre unseres Vaterlandes hinter keinem anderen Volke zurückstehen wird.(Beifall.) Die Debatte wird vertagt. Persönlich bemerkt Abg. Rickert: Der Finanzminister habe ihn in einer Reihe von Punkten vollständig mißverstanden, obwohl er ihm so nahe gewesen. Es sei unrichtig, daß er(Redner) über die Schweinburg'schen Bemer- lungen über den Reichstag verstimmt und gekränkt sei. Was Herr Schweinburg darüber schrecke, sei ihm und dem Reichstag hoffentlich auch vollständig gleichailtig. Er habe das nur zm Charakteristik der inspirirten Presse angeführt. In Bezug auf das Fiasko stelle er folgendes richtig: Er (Redner) habe gesagt, vie Regierungen hätten 1879 versprochen. die neuen Steuern zunächst zu Steuerleichterungen zu ver- wenden. So stehe es ausdrücklich in der Thronrede von 1879. Diese Versprechung habe die Regierung nicht erfüllt, die Steuerlasten seien vermehrt. Das seien Thatsachen. Im Uebrigen danke er dem Finanzminister aufrichtig für seine letzten offenen Mittheilungen. Dieselben seien von un- schätzbarem Werth.(Glocke des Präsidenten.) Leider könne er darüber heute im Rahmen einer persönlichen Bemerkung nicht reden.(Heiterkeit.) Um 4% Uhr wird die weitere Berathung bis Mittwoch 12 Uhr vettagt._ Parlamentarisches. Tie Münchener„Allg. Ztg." enthält folgende Zuschrift: „Münchencr Blätter haben sich mißbilligend darüber ausge- sprachen, daß seitens der Staatsanwaltschaft zu Chemnitz dem Ansuchen Herrn Viereckes, die ihm vom Landgerichte Frcibcrg auserlegte ncunmonatliche Gefängnißstrafe in München vcrbiißen zu dürfen, ohne Rücksicht auf dessen von Gchcimrath v. Nuß- hauni und anderen ärztlichen Autoritäten bescheinigten Krank- heitszustand nicht stattgegeben, vielmehr auf Gestellung des Perurtheilten in Chemnitz zum Zwecke des Strafantritts be- standen worden sei. Diese abfälligen Urtheile beruhen auf salschen Voraussetzungen. Ein Gesuch der vorbezeichnetcn Art hat zur fraglichen Zeit der Staatsanwaltschaft aar nicht vor- gelegen. Dagegen hatte Herr Viereck um Strafaufschub auf unbestimmte Zeit gebeten. Zur Begründung dieses Gesuchs hatte er auf verschiedene Umstände, zuletzt auch auf körperliches Leiden Bezug genommen. Ein ärztliches Zeugniß war dem Gesuche nicht beigefügt. Deshalb und weil der Staatsanwalt- schaft bekannt war, daß Herr Viereck häufige Agitations- reisen unternehme, derselbe auch in seinem Gesuche an erster Stelle sich darauf berufen hatte, daß er zum Reichstag nach Berlin einberufen sei uud an den Arbeiten desselben sich zu be- theiligm beabsichtige, hieraus aber gefolgert werden durfte, daß es mit dem Gesundheitszustand Herrn Vierecks doch nicht so schlimm stehen könne, erachtete die Staatsanwaltschaft einen Strafaufschub wegen Krankheit zur Zeit nicht für ausreichend begründet. Das Gericht, auf dessen Entscheidung Herr Viereck eventuell angetragen hatte, trat der Staatsanwaltschaft bei. Nach seinem Eintreffen in Chemnitz ist Herr Viereck gerichts- ärztlich untersucht und die Vollstreckung der Strafe als unbe- denklich bezeichnet worden. Die Zeugnisse der Herren Geheim« rath von Nußbaum und Professor Dr. Martin in München, sowie des Dr. Epenstein in Würzburg hat Herr Viereck erst in Chemnitz der Staatsanwaltschaft überreicht. Das von ihm unter Bezugnahme auf diese Zeugnisse nachträglich gestellte Ge- such um Gestattung der Strafvcrbüßung in München, dessen Genehmigung überhaupt nur eintreten könnte, wenn die Staats- anwaltschaft zu München sich zur Ucbernahme der Strafvoll- strcckung bereit erklärt, ist dem kgl. sächsischen Justizministerium zur Entschließung angezeigt worden. Chemnitz, dm 27. No- vember 1886. Drr Erste Staatsanwalt: Schwabe." Lokales. Neue Reichsbauten in Bertin nach Maßgabe des Reichshaushaltsetats pro 1887,88. Nachslehmd geben wir ein Verzeichniß derjenigen Positionen, welche im neuen Reichs- haushaltsetat pro 1887/88 für neue Bauten in Berlin neu auf- geworfen find. Unser Verzeichniß umfaßt also nur die erstm Raten bezw. Bauraten, nicht aber diejenigen Positionen, für welche in früheren Etats schon eine Bewilligung stattgefunden hat. Erstens: Neubauten von Magazingebäuden, in Berlin, Grundstückserwerbs- und Enthebungskosten für die im Nord- westm und Südosten der Stadt geplanten zwei Fouragemagä- zine 1 600 000 M.(im vorigen Jahre find zur Projektbearbei- tnng 35 000 M. bewilligt worden). Der Plan umfaßt die Auf« gäbe der militärsiskalischen Proviantamtsmagazine, Königsgraben Nr. 16, Neue Friedrichstraße 2, sowie der Garnisonbäckerei in der Alexanderstraße 11»; der Verkaufserlös hierfür ist auf 4745 244 M. geschätzt und Ersatzbauten hierfür ssnd geplant auf dem fiskalischen Grundstück Köpenickerstraße 16—17, sowie sowie durch Anlegung zweier Fourage-Etablissements im Nord- wcsten der Stadt und im südöstlichen Theile in möglichster Nähe des Spreeflusses. Zur Erweiterung der Diensträume für das Kriegsministerium in Berlin, erste Rate zum Grundstückserwcrb und zur Entwurssbearbeitung 1 262 250 M. Es liegt im Plan, die Grundstücke Wilhelmftraße 82, 83, 84 für 1 225(XK) M. anzukaufen und an deren Stelle ein Dienstgebäude zu errichten. Nach Vollendung des Erweiterungsbaues würden die Grund- stücke Wilhclmstraße Nr. 101 und Leipzigerstraße Ztr. 19 und außerdem die für Zwecke des Kriegsministeriums bisher reser- virten Grundstücke Belle-Allianceplatz Nr. 13 und Neue Grünstraße Nr. 19 für zusammen 1 692 800 M. zum Verkauf ge- langen. Neubau eines Kasernemcnts für ein Regiment Garde- feldartilleric, erste Rate zum Grundstückserwerb und Entwurfs- bearbcitung 700 000 M. Dafür soll die Kaseme am Oranien- burger Thor für 2 056 000 Mark verkauft werden. Die Kupfergrabenkaserne dagegen soll nach einem Umbau mit In- fanterie belegt werden.— Zur Errichtung eines Dienstgebäudes für das Patentamt, erste Baurate, 200 000 M. Das Grundstück ist bereits erworben.— Zur Ausführung außerordentlicher Bauarbeiten auf dem Dienstgrundstück des Rcichsamts des Jnnem 12000 M— Zur Errichtung der physikalisch-technischen Reichsanstalt für die experimentelle Förderung der exakten Naturforschung und der Präzisionstechnii ist ein Extraordinarium des Jnnem im Reichshaushaltsetat vorgesehen. Die Gesammt- bausumme dafür ist auf 868 254 M. berechnet, während sich die Ausrüstung mit Instrumenten w. auf 296 000 M. belaufen wird. Davon find als erste Raten 480 000 resp. 120 000 M. in den Etat gestellt worden. Ueber das Schnüren plaudert Balduin Groller im„Neuen f ester Journal": Ich habe keineswegs vor, dem Mieder etwas am eugc zu flicken und eine scharfePhilippika gegen dasSchnüren los- zulassen. Ich hege nämlich die wohl kaum anfechtbare Meinung, daß es nicht angehe, Wasser zu predigen und Champagner zu trinken, gegen das Schnüren zu wettern und sich im Uebrigen an dem Anblick einer feinen Taille zu erfreuen. Das wäre eine unehrliche Geschichte. Auch ein wißbegieriger Forscher kann viel fragen. Sie müssen Nachsicht mit mir haben, ich verstehe von der Sache gar nichts. Wie käme ich auch dazu, woher und wieso? Sie glauben, daß, wenn man über eine Sache schreibt — aber, ich sage ja nichts gegen das Schnüren, und ich bitte, daß mir das entsprechend hoch angerechnet werde. Seit Jahr- Hunderten wird dagegen gepredigt vom sittlichen, vom sanitären, vom ästhetischen Standpunkt, ich brauchte nur hineinzugreifen in das reiche Arsenal der Waffen, mit welchen es bereits be- kämpft worden ist, aber ich wünsche gar nicht zu den Gegnern gezählt zu werden. Also zu den Anhängern? Ich weiß es nicht, dazu habe ich zu wenig Sachkenntniß; Alles, was ich von mir sagen kann, ist, daß ick entmentscht genug bin, an einer zierlichen Taille Gefallen zu finden, und ein solch sträflicher Wüstling, das auch ungescheut am helllichten Tage auszusprechen. Den sittlichen Standpunkt in dieser Frage können wir bcnihigt den Fastenpredigern überlassen. Wir wissen, daß auch die vollendetste Unschuld cm Mieder tragen kann, ja tragen muß. Ich gehe noch weiter und sage, daß auch die vollendetste Unschuld ohne Mieder wenn auch nicht gerade unsittlich, so doch zum mindesten einigermaßen unanständig erscheinen würde, das heißt, wenn— Herr Gott; hat das manchmal seine Schwierigkeit, über die allernatürlichsten Dinge zu reden!— also, wenn es nicht sowieso Alles eins wäre oder, um uns juristisch-krinnnalistisch auszudrücken, wenn nicht der Abgang jeglichen Thatbestandes, jede weitere Prozedur ohnedies unnöthig machen würde. Nor- male Verhältnisse erfordern den Schnürleib, daran können auch die Sittenprediger nichts ändern. Oder sollten Moralisten sich darum kümmern, daß man sich nicht zu eng schnüre? Ich glaube nicht, daß man Glück haben würde mit dieser Berechnung der Tugend nach der Anzahl Zentimeter einer Taillenweite. Zudem ist dieser Gesichtspunkt ein medizinischer, und darum bitte ich, ihn außer Acht lassen zu dürfen. Mit den Medicis, seien sie nun ge» fürstet oder nicht, möchte ich nichts zu thun haben. Eines darf ich übrigens auch hier erwähnen: die Medici verwerfen den Schnür» leck nicht im Bausch und Bogen, sie verwerfen ihn überhaupt nicht und in besonderen Fällen verschreiben sie bekanntlich be- sondere Mieder. So kommen wir nun zum ästhetischen Stand- vunkt. Da wird immer der alte Trumpf ausgespielt, daß die Venus von Milo bekanntermaßen auch ohne Mieder eine ganz gute Figur mache. Vor diesem Gemeinplatz hat man einen ungeheuren Respekt; er schneidet gewöhnlich jede weitere Dis- kussion ad. Wir wollen uns aber das Reden nicht verbieten lassen und rund heraus sagen, daß dieser Einwand ein sophisti- scher und unsinniger ist. Das Kostüm der Hochwohl- und schaumgebornen Göttin verträgt eben keinen Schnürleib. Wenn sie aber, wie sie geht und steht, ohne Mieder in eine moderne Toilette gesteckt wird— dabei fasse ich den Begriff„modern" sehr weit und gebe gleich ein paar Jahrhunderte, wenn man will ein halbes Jahrtausend und mehr Spielraum— wenn man ihr nur einen ganz gewöhnlichen Regenmantel anthut, so wird sie, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, aussehen, wie eine moderne Zierpuppe. Ich verehre die Tugend, aber ich halte auch etwas von der Grazie und leider haben sich nun die Dinge im Laufe der Jahunderte so entwickelt, daß wir uns eine ungeschnürtc Grazie nicht mehr recht denken können. Die Ungcbundenheit des Wesens mag ja recht schön und gut sein, aber doch nicht immer. Dabei möchte ich aber doch nicht den Uebertreibungen und den zweck- losen Anstrengungen nnd Strapazen das Wort reden. Das Schnüren hat einen vernünftigen Zweck und dieser kann nicht durch unvernünftige Mittel gefordert werden. Schließlich muß doch Alles Sinn und Verstand haben. Sich die Seele heraus- zudrücken für nichts und wieder nichts hat keinen Sinn. Ver« gessen wir nicht, daß es in der Architektur keine absolute Größe giebt. Ein ungeschickter Baumeister wird auch einem gewaltigen Bau nicht dazu verhelfen können, daß er einen gewaltigen und großen Eindruck macht, während ein geschickter Architekt durch kluge Benützung der Tcrrainverhältnisse, sowie durch glückliche Kontrastirungen oder Zusammenfassung der einzelnen Bau- glieder auch durch einen kleineren Bau die Wirkung der Größe wird_ erzielen können und so kann es wohl geschehen, daß der in Wirklichkeit kleinere Bau einen imposanteren Essekt mackt als der absolut größere. Aber die absolute Größe entscheidet nicht, die relative Größe macht es. Wenn das Größenverhältniß der einzelnen Baugliedcr unter einander kein harmonisches, ist' dann nützen alle aufgebotenen Massen nichts. die Wirkung bleibt aus. Das Verhättniß zwischen Last und Stütze muß vor allen Dingen stimmen, sonst klappt die aanze Geschichte nicht. Auf eine zarte, schlanke Säulenarchitektur darf ich nicht kolossal ausladende Massen setzen und auf einen Unter- bau von mächtigen Lossagen nicht eme zierliche Gartenhaus- Architektur. Die Anwendung der architektonischen Grundgesetze ergicbt sich von selbst. Man kann sich fürchterlich zusammen- schnüren und doch mit der dünnen Taille absolut keinen Essekt machen, wenn man nicht in der Lage ist, auch das Gesetz der Kontraste für sich sprechen zu lassen. Mit der absoluten Dünn- heit ist auch da absolut nichts eneicht. Der Säulenschaft für sich allem sagt nichts, das Auge wird erst befriedigt, wenn zu dem gewölbten Oberbau das rechte Verhältniß hergestellt ist. Ist die Architektur nur sonst entsprechend, dann giebt ein Zentimeter mehr oder weniger nicht den Ausschlag. Eines ist unzweifelhaft: Schnüren muß man sich, aber mit Maß und Vernunft. Denn allzu viel nützt niemals. Sind die arcbitekto- nischen Verhältnisse nicht danach, so wird auch durch das stärkste Schnüren der gewünschte Effekt nicht erreicht, und find sie danach, so findet man auch mit weniger sein Auslangen. Was gewalt- sam erzwungen ist, kann niemals schön sein, weder in der Kunst noch in der Natur, lassen wir also das Mieder gelten und rcspektiren wir die guten Werke. Es ist löblich, die Hungrigen zu speisen, die Nackten zu dekleiden, die Fremden zu beherbergen, die Betrübten aufzurichten, aber es steht nirgend geschrieben, daß man die Gefangenen befreien soll. Etwas muß an dem Schnüren und dem Schnürleib doch sein, sonst hätten sie der sahrhundertelangen Bekämpfung wohl nicht Stand halten können, nur müßte sich einmal eine Fachfrau finden, die uns da ganz reinen Wein einschenkt. Woher einen Fachmann nehmen? Unser Wissen ist Stückwerk. Unsereins bleibt doch trotz alledem und alledem immer nur ein Dilettant, aber man vergesse nickt, daß zu den Hauptmerkmalen des Dilettanten die Liebe zur Sache gehört. Vom Dilettanten zum Liebhaber ist nur ein Schritt, und mich däucht, daß diesen Schritt so Mancher schon gemacht hat. Infam! Wenn ein armer Mensch in der äußersten Verzweiflung fremdes Eigenthum antastet, so verfällt er zwar der Strenge des Gesetzes, allein selbst der Richter wird in solchen Fällen dem Verbrecher sein Mitgefühl nicht versagen können. Ganz anders liegt die Sache bei jenen sogenannten Lebemännern der„besseren Gesellschaft", welche mit voller Ueberlegung in rasfinittester Weise armen Arbeitern und Handwerkern die Sparpfennige rauben, um ihren„noblen" Passiv- nen weiter nachgehen zu können. Daß solche Menschen nicht einmal davor zurückschrecken, die in ihren eigenen Geschäften angestellten Arbeiter auszuplündern, beweist der Fall Salo Pineus. Dieser Herr gründete bekanntlich in den fiebenziger Jahren Hierselbst ein Bankgeschäft, witthschaftetc aber derartig, daß bereits 1882 die erste Pleite kam. Guter Rath fand sich jedoch bald; Herr Pineus blieb im Geschäft und dieses wurde von seinem bisherigen Kassirer, einem Herrn Sttotz, weiter ge- fühtt. Im Juni 1885 nahte die zweite Plette. Herr Pineus hatte jedenfalls aus der ersten gelernt, wie's gemacht werden muß, denn er schwindelte und raffte zusammen, was er irgendwie erlangen konnte und verduftete mit seinem Raub nach Amettka, wo er sich den Namen Palm beigelegt haben soll. Der Herr Sttotz entwickelte ebenfalls eine recht merkwürdige Thätigkeit vor dem Krach. Es war ihm bekannt, daß der Kassenbote des Geschäfts, ein schon bejahtter Mann Namens Karl Wetzel, welcher der Firma bereits 9 Jahre tteu und ehrlich diente, im Besitz von 2000 M. 5 pCt. rumänischer Staatsanleihe war, deshalb ließ er ihn einige Tage vor dem öffentlichen Zusam- menbruch zu sich rufen und ersuchte ihn, die Papiere dem Ge- schäfte auf einige Tage zur Verfügung zu stellen. Seinem Chef konnte der alte Mann das Gesuch natürlich nicht ab- schlagen und so wanderten die Rumänen in die sauberen Hände des Herrn Sttotz, um für immer ihrem rechtmäßigen Besitzer zu verschwinden. Klüger als der Vater, war die Tochter des Kassenboten. Kaum hatte Herr Sttotz erfahren, daß sich Fräu- lein Wetzel 200 M. erspart und in Stadtobligationcn angelegt habe, so versuchte er, auch diese Papiere an sich zu bringen. Dies gelang ihm glücklicherweise nicht; das Mädchen lehnte den Antrag rundweg ab und rettete dadurch ihre Spargroschen. Wetzel ist Briefttäger bei der Packetfahrtgesellschaft geworden, der erlittene Verlust hat ihn aber fast tiefsinnig gemacht. 34 Jahre hatte er gespart, um für's Alter einen Nothgroschen zu erlangen und nun ist Alles auf einmal dahin. Der Mann wandte sich brieflich an den Herrn Kommerzienrath Pineus, einen Bruder des verschwundenen Bankiers, mit der Bitte, ihm die verlorene Summe aus seiner Kasse zu ersetzen, leider ohne Erfolg. Wie viel arme Leute durch die genannten Herren geschädigt wurden, dürfte sich erst bei der folgenden Gerichtsverhandlung herausstellen, vorausgesetzt, daß dem von der hiesigen Staatsanwaltschaft ge- stellten Ausliefcrungsantrag bezüglich des Herrn Pineus in Amettka stattgegeben wird. Bis jetzt ist die Auslieferung durch pfiffige amerikanische Advokaten vereitelt worden. Herr Strotz weilt ungestört in Berlin. Allem Anschein nach hat er das Strafgesetzbuch in einiger Entfernung vorsichtig umschifft. Es giebt aber noch eine öffentliche Meinung, welche oft da ver- urtheilt, wo der Strafttchter freisprechen muß, und diese wird ihr Uttheil über die Handlungen der Herren Pineus und Sttotz ���Pfefferkuchenl>>rik. Zum bevorstehenden Weihnachtsmarkt sind auch die Pfcfferkuchenhändler bereits auf den Plan getreten. Ihre Erzeugniffe sind, wie immer, auch diesmal mit viel „schönen" Betten vcttehen, aus denen das eine hervorzugehen scheint, daß die Pfeffcrtuchenlyriker wie ihre anderen Bruder in Apoll dem Zuge nach Modernem, nach Aktuellem folgen. So giebt ein Poet, der für das„Politisch-Aktuelle" ein ganz beson- dercs Feingefühl zu haben scheint, den Bcfivern eines Pfeffer- kuchen-Herzens den folgenden wohlgemeinten Rath— allerdings nicht in gleich wohlgelungenen Reimen: Wie der Zar mit Alexander Kommet ja nicht aneinander, Denn sonst geht's Euch wie den Bulgaren, Deren Staatsschiff nun vettahren." Ganz praktisch denkt ein Pfefferküchler in der Schön- hauser Allee, der seinen Leibpoeten das Dichterwott vattiren läßt— natürlich in Zuckerguß auf einein großen Lebkuchen- Mann: »Willst' wissen, Mächen, wie der schmeckt, So frage schnell nur hier im Laden an!" In Berlin N., in der Nähe des Oranienburger Thores, hat ein neuer Mirza Schami folgenden allerdings schwer verständ- lichen Weishcitsspruch in weißem Zuckerguß auf einen mächtigen Quadrat-Lebkuchen gespritzt: „Es wird wohl niemals ganz Ein Pfefferkuchen geblieben sein! Selbst Fischkuchen will mang Die Karpfensauce gerieben sein. Und findest Du sonst was mang,- Muß hundert Mark drauf geschtteben sein!" Für die chemische Fabrik vor dem Schlefischen Busch wurde vor einiger Zeit vom Magisttat bei der Stadtverordneten- Versammlung die Genehmigung dafür nachgesucht, daß die Ent- Wässerung dieser Fabrikanlage durch Anschluß dettelbcn an das städtische Kanalisationssystem und unter der Bedingung erfolge, daß die Besitzer der Fabttk, eine Aktiengesellschaft, die Kosten des Anschluffcs selbst tragen. Das Bekanntwerden dieser Nach- ttcht hat die Bewohner der Gegend am Görlitzer Bahnhof, die nächsten Nachbarn jener Fabttk, in einige Aufregung vettetzt. Bereits seit Jahren ermattete man die Verlegung der Fabrik und damit den Moment, wo man an schönen erquickenden Abenden auch in dieser Gegend frei werde aufatbmen können, was bisher die betäubenden Dünste, welche den dortigen Fabttkationsräumen entstiegen, stets unmöglich machten. Dieses lang ersehnte Ziel scheint nun wieder in die weiteste Ferne gerückt, oder richtiger gesagt, ganz entschwunden, denn durch ihren Anschluß an die Berliner Kanalisation ist der Bestand der Fabttk für lange Zeit gesichert. Auffälliger Weise motivitte der Magistrat seinen Genehmigungsanttag mit dem Hinweise darauf, daß etwa 150 Berliner Arbeiter in der Fabttk thätig seien, die durch deren Eingehen brotlos werden würden. Jedenfalls hätte aber die Verweigerung des Anschlusses nur die Verlegung der Fabttk in die entferntere Umgegend näthig ge- macht und dott würden auch die Arbeiter in einer freieren Ge- tend gesündere Wohnungen gefunden haben. Die abscheulichen lusdünstungcn der Fabrik schädigen heute und in Zukunft einen ganzen Stadttheil und tausende von Familien, und die Arbettettreundlichkeit ist eine verdächtige und wenig zutreffende Motivirung für den Maaistratsantrag. Eine Petition, welche gegenwärtig unter den Ädjazenten zirkulirt, die Genehmigung für den Kanalisationsanschluß der Fabttk von weiteren und ausreichenden Vorkehrungen gegen die Luftvcrschlechtening in der dottigcn Gegend abhängig zu machen, ist gewiß sehr berechtigt und begründet, dürste aber post festurn kommen. Anscheinend betrunken fand sich vor einigen Tagen der Ehemann einer auf dem Oranienplatz-Wochenmarkt ausstehenden Händlettn bei seiner Frau ein, wenigstens glaubte die Frau aus der schlotternden Körperhaltung und der lallenden Sprache ihres Mannes, der sich nicht verständlich machen konnte, auf eitlen zu reichlichen Genuß von Getränken schließen zu dürfen; sie hielt daher den unvermeidlichen ehelichen Sermon und brachte nach Beendigung der Marktgeschäfte ihren Mann nach Hause und zu Bett, wenig darauf achtend, daß dieser fottwäh- rend den Mund bewegte aber kein verständliches Wott hervor- brachte. Als aber am nächsten Tage der Mann noch immer in seinem verdächtigen Zustande sich befand und namentlich der Ausdruck der Augen der Frau verdächtig schien, schickte sie zum Arzt, der denn auch sofort erschien und einen Schlaganfall konstatitte und eine energische Blutcntziehung am Kopfe des Ettrankten, der auch der Sprache beraubt ist, vornahm. Der Zustand des Kranken ist sehr besorgnißerregend. Schwindler. Seit dem 16. d. M. logitte in Meinhardt's Hotel hiettelbst ein junger Mann, welcher sich Slop von Eaden- berg nannte, und dem Hrtelpersonat erzählte, daß er von seinem Vater zum Zwecke der Belehrung und des Vergnügens nach Berlin geschickt worden sei. Auch sprach er von einem in Essen als Oberpostsekretär angestellten Onkel. Acht Tage lang bezahlte der Gast regelmäßig seine Rechnung, dann blieb er im Rückstände mit den Zahlungen, und erweckte, als seine Schuld auf 70 Matt angelaufen war, den Verdacht der Direk- tion, welche sich an die Polizei wandte. Der angebliche Slop von Cadenberg entpuppte sich als der Handlungslehtting Carl Hausmann, welcher nach seiner eigenen Angabe aus Steele bei Essen geflüchtet ist, nachdem er seiner dort wohnenden Mutter 800 Mark entwendet hatte. In dem Besitze des Hausmann wurden außer einem Revolver und einer großen Anzahl von Vifitenkatten auf den Namen Slop von Cadenberg mehrere gefälschte, über hohe Beträge lautende Wechselformulare vorge- funden. Ob die letzteren zum Zwecke von Schwindeleien ange- fertigt und benutzt worden sind, oder ob die Angabe des Haus- mann richtig ist, daß er durch Vorzeigung dieser Wechsel sich nur das Ansehen eines wohlhabenden Mannes, namentlich den Kellnettnnen der von ihm besuchten Restaurants gegenüber, hat geben wollen, hat noch nicht festgestellt werden können. Gemäss den Veröffentlichungen des Kaiserlichen Ge- sundheitsamts sind in der Zeit vom 14. November bis 20. No- vember er. von je 1000 Einwohnern, auf den Jahresdurchschnitt berechnet, als gestorben gemeldet: in Berlin 20,2, in Breslau 80,0, in Königsberg 26,5, in Köln 20,1, in Frankfurt a. M. 18,1, in Wiesbaden 15,0, in Hannover 26,3, in Kassel 16,2, in Magdeburg 23,6, in Stettin 27,7, in Altona 26,3, in Sttaßburg 23,7, in Metz 18,3, in München 23,2, in Nürnberg 24,9, in Augsburg 22,9, in Dresden 21,3, in Leipzig 16,5, in Stritt- gatt 18,7, in Karlsruhe 19,6, in Braunschweig 17,1, in Hamburg 36,5, in Wien 19,5, in Pest 37,4, in Prag 26,2, in Trieft 27,7, in Krakau 23,2, in Bafel 16,9, in Amsterdam 21,5, in Brüssel 23,5, in Paris 22,2, in London 17,4, in Glasgow 23,8, in Liverpool 20,5, in Dublin 24,5, in Edinburg 19,4, in Kopenhagen 20,2, in Stockholm 18,0, in Christtania 20,2, in St. Petersburg 22,7, in Warschau 25,7, in Odessa 32,8, in Rom 18,9, in Turin—, in Venedig 19,0, in Alexandtta 41,5. Ferner in der Zeit vom 25. Oktober bis 30. Oktober er.: in New-Nork 24,3, in Philadelphia 20,8, in Baltimore 18,5, in Calkutta 27,5, in Bombay 24,2, in Madras 38,5. In der Bettchtswoche waren die Sterblichkeitsverhältnisse in den meisten europäischen Großstädten günstige, wenn auch theilweise etwas höhere Sterblichkeitsziffern als in der Vorwoche gemeldet wurden. Nur in wenigen deutschen Städten(Ham- bürg, Barmen, Stettin) war die Sterblichkeit eine nennenswetth gcsteigctte; dagegen werden aus einer sehr großen Zahl, beson- dcrs deutscher Städte, kleine Sterblichkeitsziffem mitgetheilt. Auch in Pest und Trieft hat die Sterblichkeit abgenommen. Einen weiteren ziemlich allgemeinen Rückgang der Sterblichkeit ettuhren Darmkatarrhe und Brechdurchfälle der Kinder, die nur in Hamburg in ansehnlich vermehtter Zahl zum Tode fühtten. Die Theilnahme des Säuglingsalters war daher im Allgemeinen eine kleine; von 10000 Lebenden starben(aufs Jahr berechnet) in Berlin 56, in München 68 Säuglinge. Dagegen kamen akute Entzündungen der Athmungsorgane in vielen Städten in größerer Zahl zum Vorschein und führten auch eine größere Zahl von Sterbcfällen herbei.— Von den Jnfcktionskrank- heiten haben Masern, Keuchhusten, Scharlach und Diphtherie vielfach größere Ausdehnung gefunden, während typhöse Fieber und Pocken mehrfach eine Abnahme der durch sie hervor- gerufenen Sterbefälle und Ettrankungen aufwiesen.— Todesfälle an Masern waren in Berlin, Barmen, Dresden, Hamburg, Magdeburg, Nürnberg, Lübeck, Plauen, Prag, Patts, London, St. Petersburg häufig, auch in Breslau und in den Regierungs- bezitten Auttch, Schleswig, Düsseldorf, Marienwcrden, Stettin herrschen Masern.— Das Scharlachfieber forderte in Hamburg, Chemnitz, Pest, Odessa viel Opfer; in Berlin, Hannover, London, Dublin, Liverpool, Kopenhagen, Christiania, St. Peters- dura, Warschau nahm die Zahl der Sterbefälle und der ge- meldeten Erkrankungen ab.— Tie Sterblichkeit an Diphtherie und Kroup war in Berlin, Dresden, Danzig, Kassel, Magde- bürg, Barmen, London, Patts, Kopenhagen, Christiania, St. Petersburg, Warschau eine größere, während sie in Breslau, München, Leipzig, Altona, Stettin, Wien, Praa, Pest, ein wenig kleiner wurde. Die Zahl der gemeldeten Neu- Er- krankungen war jedoch in den meisten der genannten Städte eine geringere, als in der Vorwoche.— Todesfälle an Unterleibstyphus waren in Berlin, London, St. Petersburg vermindert, in Hamburg, Patts, Lyon gesteigert. Erkrankungen haben aber auch in Hamburg etwas abgenommen. An Flecktyphus wurden aus den Regierungsbezitten Mattenwerder und Münster 4 bezw. 1, ferner aus Wien 1, aus St. Petersburg 2 Erkran- kungen, an Rückfallsfieber aus St. Petersburg 3 Todesfälle mitgetheilt. An epidemischer Genickstarre kam nur 1 Todesfall (aus Berlin), an Kindbettsieber 5 Sterbefälle aus Berlin, 7 aus London zur Berichterstattung. Erkrankungen an rosen- artigen Entzündungen des Zellgewebes der Haut waren in Berlin, Wien, Kopenhagen nicht selten, in London führten sie auch häufiger zum Tode Der Keuchhusten rief in Berlin we- niger, in Patts und London mehr Todesfälle hervor; Erkran- kungen waren in Berlin, Hamburg, Nürnberg, Kopenhagen gesteigert.— Todesfälle an Pocken kamen aus Berlin, Wien, Prag, Venedig je 1, aus Hamburg, Patts, Rom je 2, aus St. Petersburg und Warschau je 4, aus Pest 57 zur Mittheilung. Ettrankungen zeigten sich in Breslau, im Rcgierungsbezitt Mattenwerder nur m einzelnen Fällen, in Berlin und im Regierungsbezirk Schleswig in je 2, in Wien in 3, in Hamburg in 6, in St. Petersburg in 15, in Pest in 207 Fällen.— In Breslau ist ein aus Ungarn auf der Durchreise begriffener Auswanderer an asiatischer Cholera erkrankt angekommen und gestorben. Ein weiterer verdächtiger Erkrankungsfall ist seitdem nicht zur Kennt- niß gelangt. Von den Behörden sind Maßregeln zur möglichen Verhütung einer erneuten Einschleppung getroyen worden.— Aus Oesterreich-Ungarn lauten die Nachrichten über die Cholera im Ganzen günstig. In Szegedin und Trieft ist die Seuche erloschen, in Pest kommen nur noch vereinzelte Erkrankungen vor. Auch aus einigen Orten Kroatiens und Krains werden noch neue Erkrankungen gemeldet. In Jtatien tritt die Cholera neuerdings in Genua, sowohl in er Stadt wie in der Provinz stärker auf. Polizei- Bericht. Am 28. v. Mts. siel eine Frau im Hause Strelitzerstraße 13 von der Treppe und drack das Schlüsselbein. Ungenügende Beleuchtung scheint die Veran- lassung zu dem Unfall gegeben zu haben.— Am 29. v. Mts-, Nachmittags, aetteth in der Prenzlauer Allee eine Frau in Folge eigener Unvorsichtigkeit unter die Räder eines Arbeits- wagcns und erlitt durch Uebcrfahren einen Bruch des linken Unterschenkels. Sie wurde nach der Univerfitäts-Klinik gebracht. — Gegen Abend siel der Fuhrmann Jancer, während er mit Aufladen von Müll beschäftigt war, rücklings vom Wagen herab und erlitt außer mehrfachen Verletzungen am Kopf an- scheinend auch eine Gehirnerschütterung. Er wurde mittelst Droschke nach seiner Wohnung gebracht. Gerichts-Zeitung. Wegen Sittlichkeitsvergehcns angeklagt, erschien gestern, Dienstag, der 65jährige Rentier und frühere Glasermeister Jean Heinrich Taumeyer vor der Strafkammer des Landgerichts 0. Ueberaus traurige Familienverhältnisse offenbarte die unter Aus- schlug der Oessentlichkeit stattgehabte Verhandlung der Sache. Vor einer Reihe von Jahren betrieb der Angeklagte, als ein wohlhabender und im Bekanntenkreise allgemein geachteter Mann Hierselbst, in der Friedttchstadt ein umfangreiches Ge- schüft; das letztere ging jedoch immer mehr und mehr zurück, nachdem Taumcycr seine erste Frau durch den Tod verlor und in Folge eines Schlaganfalls geistesschwach geworden war. Unter diesen Umständen erklärte die zweite Frau— eine Dame in den zwanziger Jahren, welche T- kurz zuvor geheirathet—, daß sie mit T. keinen gemeinschaftlichen Haushalt mehr führen könne; angeblich auf ärztliche Anordnung brachte die Frau deshalb ihren Mann zur besseren Pflege„auf's Land" d. h. nach Rix- dorf. Bei einer daselbst in der Juliusstraße wohnhaften Fa- milie wurde der unglückliche Mann untergebracht; es fehlte jedoch an genügender Aufsicht und daher konnte es sich, wie geschehen, ereignen, daß in einem unbewachten Moment Tau- meyer mehrere auf dem Hof spielende Mädchen im Alter von noch nicht ganz 10 Jahren verlockte.— Das Bewußtsein der Strafbarkeit seiner.Handlungen ist dem Angeklagten, wie sein Benehmen vor Gericht bewies, vollständig abhanden gekommen! drei zum Audienztermin geladene Sachverständige. Kreisphysikus Dr. Falk, Professor Dr. Mendel und der Bezirksphysikus Dr. Garnier, gaben fast übereinstimmend ihr Gutachten dahin ab, daß der Angeklagte, welcher zur Zeit im Lazareth des Moabiter Untersuchungs- Gefängnisses verweilt, geistesschwach sei- Der Gerichtehof erachtete demgemäß den Angeklagten für nickt verhandlungsfähig und beschloß die vorläufige Einstellung des Verfahrens.- Permi schtes. Erdbeben auf hoher See. Wie es auf hoher See zu- geht, wenn ein starkes Erdbeben stattfindet, darüber giebt Kapitän Leo Vogel, der sich nicht fern von den Küsten Süd Carolina's befand, als das Erdbeben Charleston zerstörte, folgenden Bericht: Am Morgen des Erdbebentages war der Küste ent- lang reguläres tropisches Sturmwetter. Der Regen goß in Strömen und die Atmosphäre war drückend. Das Barometer ting herunter bis zu 29.9;— ein für jene Gegend niedriger Barometerstand. Seit vielen Jahren habe ich an der Südküste manche Studien über atmosphärische Erscheinungen gemacht und wußte somit, daß sich etwas Absonderliches ereignen mußte. Es schien, als ob wir einen scharfen Südwest bekommen sollten- Meine Familie war von den Bergen Nord Carolinas heruntergekommen und wollte mit mir nach Florida reisen. Ich sagte, die Fahrt würde wahrscheinlich stürmisch und unangenehm werden und überredete dieselbe, bis zur nächsten Reise in Charleston zu bleiben. Am Abend stachen wir in See und mochten ungefähr 50 Meilen von Charleston und acht Meilen vom Ust: entfernt sein, als wir das Erdbeben verspürten. Der Wind W aus Süden und die See war merklich unruhig. Plötzlich erhie" ich ein Gefühl, als wäre das Schiff auf den Grund gestoßen- Doch das konnte nicht sein, wie ich wußte. Das war ntfrt meine erste Erfahrung mit einem Erdbeben auf hoher See uns so erkannte ich, daß es ein Erdbeben war. Mein erster Gedan>e war an meine Familie in Charleston. In Folge früherer fahrungen wußte ich, daß, wenn der Erdstoß in Charleston ebenso heftig gewesen, als auf meinem Schiffe, daß dann schwerlich in jener Stadt ein Stein auf dem andern bleidrn würde. Und ich war auf die Kunde gefaßt, daß CharlelUM vollständig zerstört worden sei. Die Erschütterung mochte un gefähr eine halbe Minute andauem und war von einem begleitet. Nachdem es dumpfen donnerähnlichen Ton vtu-tut«..... vorüber war, hob sich die See wieder allmaus und kam von Südost, wie zuvor. Meiner RnW nach wurde Charleston vor gänzlicher Zerstörung gerettet dul« den Umstand, daß die See wie ein Polster wirkte und so u Heftigkeit des Stoßes mäßigte. Denn wir verfpürten denSrov 5 Minuten früher als die in Charleston. Und da wir 50 M'-1�, von dort entfernt waren, so ergiebt sich, daß die Ettckütteruns sich mit einer Geschwindigkeit von ungefähr 600 Meilen® uf5 in Stunde fortpflanzte. Wir mußten in St. Johns anlegen dort geraume Zeit verweilen. Jedermann an Bord, der. Charleston Verwandte oder Freunde hatte, war ettlärlicher M. in großer Angst. Erst in Jacksonville erhielten wir durn!> Nachricht über das Unglück. Meine ersten Telegramme n Charleston blieben ohne jegliche Antwort. Endlich kam die treuliche Antwort:„Wir sind alle wohl und befinden uns Bord des„Delaware". Meine Familie wohnte nämliefl� einem der Gebäude, die durch das Erdbeben nur theilweise 5crLta wurden. Sie hatten, wie dort fast Jedermann, nicht an geglaubt, als daß ihr letztes Stündlein gekommen sei. vt Der Eisenwurm. Damit es auch am Humor(;tn-ij Wittener„Ausstellung für Orts- und Heimaths-Kunde n fehle, ist nach der„Rhein.-Westf. Ztg." in der Nähe de* i. deutschen Weinkneive der Wittener Eisenwurm(Verw» 7L Torax periculoana Hnt�.) ausgestellt. Bekanntlich hatte m � rend der diesjährigen Hundstage ein Wittener Berichterl. � die schaurige Mär mitgetheilt, daß das Eisenbahngelene� Ruhr-Siegbahn von einem Eisenwurm angefressen weroe daß mehrere Exemplare dieses gefährlichen Thieres der � bahnhauptwerkstätte zur Beobachtung eingesandt foen-. Wurm, ein echtes Produkt der sauren Gurkenzeit, führte 1�;, in den Spalten nicht allein deutscher, sondern auch o"+, so scher Blätter eine Zeit lang ein fideles Dasein und große Aufmerksamkeit, daß es undankbar gewesen sein � ihn in der Ausstellung einer Stadt, in der er das � Welt erblickte, nicht einem größeren Publikum oortHix pie Jetzt ist dies denn auch geschehen, und es wird namenr Eisenindustriellen interesfiren, das merkwürdige Thier m schein zu nehmen. Ein Stück angefressener Schiene 0 dem Wurm ausgestellt. Wasserstand der Spree in der Woche vom 14. bis 20. November 1886.(Angabe in Metern. Verantwortlich für den politischen Theil und Soziales Max Echippel. für Vereine und Vettammlungen F. Tutzauer, für den Druck und Verlag von Max Babing in Berlin sw., Beuthstraße übrigen Theil der Zettung N. Eronheim, sämmtlick m