Kr. 286. Dienstag, de« 7. Dezember 1886. 3. Iatzrg. MncrlMloll Brgan für die Interessen der Arbeiter. 4 DaS„Berliner VolkSblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei tn'S Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.) Jnsertionsaebuhr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Äiaum 40 Pf. Arbcitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Ucbereinkunft. Inserate werden bis 4 Ilhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoneen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Keuthstraße 2.— Expedition: Zlmmerstraße 44. Kaldige Entscheidungen. Man kann eS dem Generalfeldmarschall Grafen Moltke Dank wissen, daß er im Deutschen Reichstage offen und un- Umwunden ausgesprochen hat, daß sämmtliche Kulturstaaten Europas sich derartig schwere Rüstungen angezogen hätten, baß selbst das reichste Land sie auf die Dauer nicht ertragen könne und daß ein solcher Zustand auf„baldige Entscheidungen" hindränge. Daß der Redner das Deutsche Reich von den europäischen Kulturstaaten nach dieser Richtung hin nicht ausgeschlosien wisien wollte, ging schon daraus hervor, daß er demselben noch eine schwerere Rüstung wünschte, umtden baldigen Eni- scheidungen mit Krafk entgegnen zu können und daß er von „ganz Europa" sprach. Wenn dann aber GrafMoltkezumSchlusiebetonte, daß diese schwerere Rüstung geeignet sei, den bedrohten Frieden zu sichern, so wird männiglich der tiefe Widerspruch auffallen, der in der Rede des Feldmarschalls liegt. Der Kriegsminister hat vorsichtiger gesprochen. Er hält die schweren Rüstungen nicht dafür angcthan, daß sie auf „baldige Entscheidungen" hindrängen, er stellt dieselben ledig- lich als Erhalterinnen des Friedens dar. Wir glauben aber, daß der Kriegsminister und Graf Moltke im letzten Theile seiner Rede unrecht haben, daß vielmehr der Chef des Generalstabs im ersten Theile seiner Rede vir Situation vollständig wahr und getreu schildert. „Ganz Europa starrt in Waffen! Das drängt mit Rawrnothwendigkeit auf baldige Entscheidungen hin." Wenn nun aber ganz Europa nicht in Waffcu starrte, «as dann? Mit Raturnothwendigkeit würden„baldige Ent- lchcwungen" und wahrscheinlich die Entscheidungen mit den Waffen überhaupt zurückgedrängt sein. Das geradeGegentheilvon was der Marschall prophezeit, würde dann eintreten. iPeun man nun aber, trotzdem„ganz Europa in Waffen die Waffen noch vermehrt, so werden die Waffen- Scheidungen immer„naturnothwendige r". . Auf die neue Militärvorlage in Deutschland werden Frankreich und Rußland, um gleichfalls den„baldigen Ent- Leibungen" kräftiger entgegentreten zu können, mit neuen �rresvcrmehrungen und Rüstungen antworten. Und so wird es fortgehen, bis einer von den europäischen Staaten den Ungewissen Krieg gezwungen wird, weil er nicht weiter rüsten kann und das einzige Heil in glücklichen Schlachten sucht. ,, Va hanque! Der Krieg ist ungewiß, wie das Hazard- Viel. Deshalb ist es sehr gefährlich. Alles auf eine �°rte zu setzen, deshalb ist es gefährlich, zwischen >r«ßen Nationen das Schwert entscheiden zu laffen! Wir sagten, daß wir dem Grafen Moltke Dank wiffen iMkw Mrtrttn.] IeuiU'eton. [2 Die Derfuhrerin. Novelle von D. C o l o n i u S. „ES ist das ein Mensch von Geist und Talent, aber '?ne Charakter," sagte Antonio mit Bezug auf den Ungar; „ober seinen Rath will ich insofern befolgen, als ich mich *wr noch andern Burschen in Acht nehmen will. Und nun, Rudolph, erzähle mir, woher Du etwas über mein Verhält- zu diesem Weibe und über deren Anwesenheit an diesem erfahren hast." .„Seit längerer Zeit schon," erwiderte Rudolph, forschte 'ch vergebens nach dem Grunde Deiner Schwermuth. An- längs u>ar ich der Meinung, daß Familienverhältniffe oder vielleicht die Sorge um Deine Lebensstellung die Ursache J**! ich weiß es, Antonio, Du bist von armer Herkunft und �rdankst das Wenige, was Du besitzest, Dir selbst. Ich �vmuthete, daß Du Dich in Verlegenheit befändest, und zog �2 Deinem ungewöhnlichen verschlossenen Wesen die Fol- �ng, daß Dein Stolz Dich verhindere, über die mir zu �vote stehenden Mittel zn verfügen. Zch sehnte mich dar- SQch. Dir, welcher Art auch immer Dein Leid sein mochte, helfen und Dir zuvorzukommen, und machte mir kein . swiffen daraus, mich m Deine persönlichen Angelegen- �Uen zu mischen. Gestern Abend, es war schon in der Zimmerung, war ich während Deiner Abwesenheit in �Nner Wohnung. Zch wollte Dich erwarten. Da ?°chte es an die Thür, ich öffnete und fand weibliche, verschleierte Gestalt, welche geheimmßvoll M Deinem Namen fragte. Nachdem ich ihr geantwortet, Hl dies Deine Wohnung sei, übergab sie mir ein Schreiben di!f eitte davon. Eine innere Stimme sagte mir, daß 'ejes Schreiben mit Deiner Traurigkeit in irgend welcher n.? g stände. Zch fragte mich, ob ich eS Dir übel e* würde, wenn Du ein mit meiner Adreffe versehenes ein J?1 offnen würdest, und nachdem ich mir selbst mit "VM Nein antworten mußte, erbrach ich daS Siegel. DaS für seine letzte ReichStagsrede, denn Niemand hat bis jetzt so überzeugend gegen die HeereSvcrmehrung und f ü r die Abrüstung gesprochen, als er.--- Die„baldigen Entscheidungen" können vermieden wer- den durch die Einsicht der Regierungen und Volksvertretungen in den großen europäischen Staaten. Bei Rußland allein kann von solcher Einsicht keine Rede sein, Oesterreich aber kann ohne fremde Beihilfe keinen Krieg anzetteln und kommt somit nicht in Betracht. Seine Armee reicht eben hin, um sich gegen einen russischen Andrang vertheidigen zu können. Bleiben nur noch das Deutsche Reich und die Französische Republik übrig. Daß Deutschland vertheidigungsfähig gegen den Osten dastehen muß, ist selbstverständlich. Auch der sozialdemo- kratische Abg. Grillenberger hat im Reichstage namens seiner Partei dahin zielende bündige Erklärungen abgegeben. Gegen den dräuenden„Erbfreund" hilft lediglich Waffengewalt, da friedliche Abmachungen mit ihm niemals auf fester Basis ruhen. Anders sieht es mit der Französischen Republik aus. Einige deroulederige Schreier ausgeschloffen, wollen Volk und Regierung den Frieden und das Volk sicherlich auch den dauernden Frieden mit Deutschland. Hier ließe sich also eine Basis schaffen, welche die Heeresverminderung in beiden Ländern ermöglichte, die beide Völker aufathmen ließe bei der Ablegung der über- großen Rüstung. Aber keins der beiden Reiche will den Anfang machen! Bei einiger Verständigung nur müßte dies das Deutsche Reich, das kriegsmächtigere thun, welches in dem letzten großen Kriege die französische Macht mit starken, wuchtigen Schlägen in ungemein kurzer Zeit zerschmettert hat. Wenn dann Europa nicht mehr in Waffen starren würde, wenn dann, wie kürzlich der Abg. Hasenclever im Reichstage erklärte, anstatt der vermehrten Regimenter die Vaterlandsliebe des Volkes treue Wacht an den Grenzen hielte und das Deutsche Reich übermächtig in der Verthei- digung hinstellte, dann würden Ruhe und Frieden in Europa eingezogen sein und Niemand würde mehr beunruhigt werden wegen der „baldigen Entscheidungen." Politische Ueverstcht. Soztaldemokratische Antrüge im Reichstage. Die sozialdemokratischen Abgeordneten haben im Reichtage folgen« den Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen und Ergänzungen der Gewerbeordnung vom 1. Juli 1883, eingebracht: § 1218. Die Arbeitszeit für alle in gewerblichen Unter- nehmungen beschäftigten, über sechszehn Jahre alten Arbeiter Schreiben enthielt nach einem Erguß überwallender Zärt- lichkeit und glühend heißer, leidenschaftlicher Liebe die Bitte um eine einzige, die letzte Zusammenkunft. Zch ersah au« diesem Schreiben, daß Du Dich diesem Mädchen entzogst, daß Du Dich vor ihr verborgen hielst, daß Du sie geliebt hast— und zum Verräther an ihr werden wolltest, und ich tonnte eS nicht ertragen, daß Du, den ich für den besten uud edelsten Menschen halte, einen Makel auf Deinem Charakter haften ließest. Sie beschwor Dich bei Allem, was Dir heilig ist, hierher zu kommen; sie habe Dir eine Mit- theilung zu machen, von der zwei Menschenleben abhingen, dabei sprach sie so deutlich ihre Furcht au«, daß Du dennoch nicht kommen würdest, daß ich unwillkürlich Mitleid mit der Unbekannten empfand und den Entschluß faßte, ihre Bitte zu unterstützen. „Zch wollte Dich in jedem Falle hierher führen, da es Dir doch immer unbenommen blieb, nach Deinem Gutdünken zu handeln. Da« Erkennungszeichen sollte ein blaues Bändchen sein, welches Du um den Zeigefinger der linken Hand gebunden haben solltest. Hier ist da« Bändchen, was willst Du thun?" „Ich werde nach Hause gehen," sagte Antonio, sich er« hebend. „DaS sollst Du nicht! Bei meinem Leben, Antonio, das sollst Du nicht! Du kannst nicht so grausam sein, einem Menschen, wer er auch immer sei, wa< er auch immer verschuldet haben mag, eine solche Bitte abzuschlagen. Eine Liebe, wie sie sich in jenen Zeilen aussprach, kann nicht er- logen sein, und wenn Du sie auch nicht erwiderst, so hast Du doch nicht da« Recht, sie mit Füßen zu treten. Sie hat nichts von Dir verlangt, al« daß Du sie anhören sollst, und wenn die Bitte Deines Freunde« etwa« über Dich ver« mag, wirst Du es thun." „Du weißt nicht, Rudolph, wa« Du von mir verlangst; wiffe denn, dieses Weib ist die Frau eines Andern, sie hat mir meinen Seelenfrieden geraubt, sie hat mich umgarnt und betäubt, und erst, nachdem ich in ihren künstlich ge« schlungenen Netzen gefangen lag, erkannte ich, daß nur sinn- liche Gier sie zu einem Schritte verleitet, der mich um meine Selbstachtung betrogen hat. Ich habe sie nie geliebt; und Hilfspersonen darf, ausschließlich der Pausen, täglicki höchstens zehn Stunden, am Sonnabend höchstens acht Stunden währen. Für verheirathete Frauen, bezw. Wittwen, hat am Sonnabend der Schluß der Arbeitszeit bereits um Wölf Uhr Mittags einzutreten. Bei Arbeiten unter Tag(in Bergwerken, Salinen zc.) oder in Betrieben, in denen ununter- brachen Tag- und Nachtarbeit stattfindet, darf die tägliche Ar- beitszeit acht Stunden nicht überschreiten. Kürzere Arbeits- schichten find der freien Verabredung beider vertragschließenden Theile überlassen.— Ferner:§ 135 zu streichen und denselben folgendermaßen zu fassen:§ 135. Die gewerbsmäßige Beschäftigung von Kindern unter vierzehn Jahren ist verboten. Jugendliche Arbeiter und Hilfspersonen im Alter von vierzehn bis scchszehn Jahren dürfen täglich nicht über acht Stunden beschäftigt werden.— Wöchnerinnen dürfen während drei Wochen nach ihrer Nieder» fünft nicht beschäftigt werden. Ein anderer Antrag beschäftigt sich mit der II e n d c r un z der Zwangsvoll st reck ung und lautet: Der Reichstag wolle beschließen: Der Bundesrath wird aufgefordert, bald- möglichst einen Gesetzentwurf einzubringen, nach welchem die Bestimmungen der Zivilprozeßordnung vom 30. Januar 1877 über die Zwangsvollstreckung derart abgeändert werden, daß namentlich: a. die in den§§ 715 und 749 aufgeführten Gegenstände bez. Forderungen, welche der Pfändung nicht unterworfen sein sollen, vermehrt und, soweit er' orderlich, noch genauer spezialifirt werden, und d. das Zurückbehaltungs- recht der Vermiether und Verpächter an den sonst von der Pfändung befreiten Gegenständen aufgehoben werde. Bei Gelegenheit der Stadtverordnetenwahlen in Sachsen wurde kürzlich auf die Siege der Sozialdemo- k r a t e n und das Wachsthum der Partei in Sachsen kurz hin- gewiesen. Hierüber ist das„Dresdener Journal" so aufge- bracht, daß es eine„Richtigstellung" des völlig wahrheitsgc- mäßen Hinweises riskirt und dabei als Haupttrumpf ausspielt, daß die Chemnitzer Sozialdemokraten bei den Stadtver- ordnetcnwahlen eine schwere Niederlage erlitten hätten. Hierzu schreibt man der„Franks. Ztg." aus dem sächsischen Manchester? Jenes sächsische Residenzblatt scheint nicht zu wissen, daß die geringe Stimmenzahl bei den hiesigen Stadtverordnetenwahlen auf andere Gründe, nicht aber auf eine Schwäche der Partei zurückgeführt werden muß, die vielmehr, wie genügsam bekannt ist, in Chemnitz einen ihrer festesten Sitze hat. Von den hiesigen sozial- demokratischen Arbeiten! kann nur eine verschwindende Minder- zahl das städtische Wahlrecht ausüben, da die überwiegende Menge nicht das Bürgerrecht besitzt. Zur Erwerbung des- selben könnten sie, wenn die Qualifikation sonst vor- Händen, allerdings nach einigen Jahren gezwungen werden, aber da ein ständiger Wohnungswechsel der ärmeren Klasse zwischen Chemnitz und den die Stadt umgebenden volkreichen Vororten und Dörfern stattfindet, so ist der hiesige Arbeiter nur selten mehrere Jahre ununterbrochen in der Stadt ansässig und also für. den Bürgerrechtszwang nicht reif. Schon aus diesen Gründen haben die städtischen Wahlen für die hiesige sozialdemokratische Partei nur ein geringes In- teresse; sie engagirt sich nur sehr wenig dabei und spart, wie da« Gefühl, welches Dir aus ihren Zeilen zu sprechen schien, ist nicht« als der Gluth-Widerschein einer unbefriedigten Leidenschaft, welchen Du in Deiner Unerfahrenheit mit der Schamröthe verkannter Tugend oder dem rosigen Hauch der reinsten Zärtlichkeit verwechselst— was mir dieses Weib zu sagen hat, ist entweder sündhaft oder erlogen.-- Laß mich gehen, mein Freund, ich sehne mich nach Einsamkeit; dieser Taumel ist mir jetzt doppelt widerwärtig."—— Der Ungar sah sich, nachdem er von dem schwarzen Domino so unsanft abgewiesen worden war, nach dem Blumenmädchen um— sie stand neben ihm. „Zch glaube. Du hast in dem schwarzen Domino eine ganz andere Person vermuthet," sagte der Ungar,„dieser Mann dürfte kaum eine so außerordentliche Aufmerksamkeit verdienen." „Gleichviel, nenne mir seinen Vornamen," ewiderteda» Mädchen nichts desto weniger gespannt. „Antonio!" Die Venitianerin zuckte zusammen und wendete sich schnell nach den beiden Masken um, die sie Arm in Arm dem Seitengemache zuschreiten sah. Einige Augen» blicke stand sie nachdenkend still, dann sagte sie in ganz ver» ändertem Tone zum Ungar: „Geben Sie mir Zhren Ann, mein Herr,'und lassen Sie un« weiter gehen; im habe ein ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen." „Gehört dieser Antonio zu ihren Bekannten?" „Die« wohl, aber nicht zu meinen Freunden." „Sind einige von Zhren Freunden hier anwesend?" „Wir sind fünf zusammen hier angekommen." „Darf ich Zhnen vertrauen, mein Herr?" „Unbedingt." „Dann geben Sie mir Zbr Wort, daß Sie, ohne nach meinen Beweggründen zu forschen, meinen Auftrag voll- führen wollen." „Zch will es unter der Bedingung.. „Stellen Sie keine Bedingung, ich bedarf Ihre« Bei- standes: wenn Sie ritterlich denken, werden Sie mir ihn ohne Weiteres gewähren; an diesem Zeiche» will ich Sie dieses auch andcrswo geschieht, ihre Kraft für die Reichstags- wähl, die auch hier in verblüffender Weise dartbun wird, eine wie vortreffliche Agitation der große Chenmitz-Frcibcrger So- zialistenprozeß für die Sozialdemokratie in Sachsen war. Schon jetzt läßt sich auch hier erkennen, daß die vielfachen Schreiereien der letzten Zeit die Partei nicht nur innerlich gefestigt und ziel- bewußter gemacht, sondern ihr einen Zuwachs neuer Anhänger verschafft haben, deren Zahl bei den nächsten Reichstags- wählen die Meinung des„Dresdener Journals" über den Niedergang der sächsischen Sozialdemokratie doch etwas bc- richtigen dürfte. Einen Angriff auf das allgemeine Wahlrecht hat sich kürzlich unter dem lebhaften Beifall der Anwesenden der der nationalliberalen Partei zuzurechnende Privatdozent der Bolkswirtbschaft Dr. Warschauer in Leipzig gestattet, als er im kaufmännischen Verein einen Vortrag über Steuerwcscn hielt. Er sprach bei dieser Gelegenheit für eine Reichsein- kommenstcuer, die mit dem allgemeinen Wahlrecht in Verbin- dung zu bringen sei, nämlich so, daß letzteres wenigstens von «mem Minimum der Einkommensteuer abhängig gemacht wer- den müsse. Da nun andererseits Herr Dr. Warschauer das Einkommen bis zu 1200 M. von der Einkommensteuer defreit wissen will, so ergiebt sich klar, wie„allgemein" das Wahlrecht dann noch sein würde. Charakteristisch ist, daß es wiederum ein Nationalliberaler sein mußte, der solchen Verrath an den Freiheiten des Volkes predigt, Diese nationalliberale Gesellschaft ist noch reaktionärer als mancher Konservative. Furcht vor Frankreich? In demselben Augenblick, wo nationalliberale Blätter von der traurigen Lage der französischen Staatsfinanzen sprechen, wo das Ministerium Frcyrinet mit sammt Boulanger seine Entlassung eingereicht hat, in demselben Augenblick, wo man von den verkommenen Franzosen spricht, die kaum ernsthaft zu nehmen seien, da ertönt in denselben Organen ein lautes Geschrei von Gefahr, die uns von dem „unberechenbaren Nachbar im Westen" drohe, lind auf diese lächerlichen Widersprüche will man von Seiten dieser chauvinistisch angehauchten Partei die Hceresvermehrung des Deutschen Reichs aufbauen! Etwas mehr Logik dürfte die deutsche Reichsregierung von diesen ihren Bundes- Genossen doch verlangen können. Wenn aber eine derartige Taktik zu einem baldigen Kriege führen sollte, so haben die Nationalliberalen durch ihr chauvinistisches Geschrei eine große Mitschuld daran sich aufgeladen. Wenn dann aber der Krieg nicht glücklich für Deutschland ausfiele, so würden all' die jetzigen Kriegsschreier und Kriegsfördcrer die ganze Schuld auf die Regierung schieben, die sich vor Isolchen Freunden schützen möge. Sozialistisches. Mannheim, 4. Dezember. Ein sozialistisches Flugblatt, welches die Wahl Dreesbach's de- fürwortete und in 30 000 Ercmvlaren hergestellt war, wurde vor der Ausgabe polizeilich beschlagnahmt.— Eine auf den 25. November zum Zweck der Wahl eines Delegirten in Barmen einberufene öffentliche Tiscklerversammlung wurde auf Grund des bekannten§ 9 des Sozialistengesetzes verboten. — Konservative Blätter melden aus Leobschütz, 3. De- zember: Vor einigen Tagen ist in dem Dorfe Branitz im dies- scitigen Kreise, ganz nahe an der österreichischen Grenze bc- legen, ein Packet sozialdemokratischer Schriften, unter denen sich auch die Most'sche„Freiheit" befand, mit Bc- schlag belegt worden. Das Packet war in einem Lrte der Rheinprovinz aufgegeben.— Die,, Thür. Waldpost" berichtet aus Pößneck, Ende November: Welche herrlichen Früchte durch die über den Friseur P. Scige verhängte Bricfsperre gezeitigt werden, beweist der Fall, daß zwei Sendungen Zigarren von Brauckhoff u. Rüdiger in Gera von der kaiserlichen Postanstalt Pößneck als sozialistengesetzverdächtig an das Anrtsgericht ab- geliefert wurden! Da Seige die Annahme der Zigarren von Seiten des Gerichts verweigert hat, so wird wohl dasselbe in Bälde Auktion anstellen, denn es ist nicht anzunehmen, daI die betreffende Firma die Zigarren retour nimmt. Alle an Seige gesandten Sachen. Briefe, Packete:c., wandem ins Amtsgericht und gehen die„Verdächtigen" nach Rudolstadt an die Staats- anwaltschaft, während„Manufakturarbeitcr-Zeitung" und„Bau- gewerkschafter" von Amtswegen dem„Gesperrten" ausgehändigt werden. Allwöchentlich mehrere Male muß der Amtsdiener mit „angehaltenen" Schriften in die Jüdeweiner Vorstadt wandern und dieselben dem„Gemaßregeltcn" abliefern. Es wird in dieser Sache mehr Papier verschreiben, als die ganze Angelegen- hcit werth ist. Die Formel zu jedem Protokoll lautet:„In Untersuchungssachen gegen mich wegen Vergehens gegen das Gesetz vom 21. Oktober 1878 erhalte ich vom Amtsdiener Höhn folgende Blätter(folgt Name) ausgehändigt" ic. ic.— Brandenburg a. H. Am 3. d. M. fanden hier auf Requisition der Altonaer Staatsanwaltschaft Massen-Haus- suchunaen statt. Gesucht wurde, so weit bis jetzt bekannt, bei fünfzehn Personen nach verbotenen Schriften, vor allem jedoch nach cmer Korrespondenz mit den Altonaer Sozialdemokraten, wozu ein Brief aus Brandenburg vcranlaßte, welcher bei einem in Hamburg auf dem Bahnhof Verhafteten gefunden wurde. Das Resultat war, abgesehen von einigen Broschüren, gleich Null. Es fehlte auch nicht an humoristischen Szenen. So später erkennen, wenn es überhaupt noch ein„Später" für uns geben soll." Die Venetianerin zog bei diesen Worten den Hand- schuh ab und ließ den Ungar eine Hand sehen, deren Weich- heit und sorgsame Pflege auf eine hohe Abkunft deutete; sie löste einen dünnen Reifrina mit einer einfachen Diamant- faffung vom Finger und gab ihn mit dem dargebotenen Ringe zugleich die zarte, rosige Hand, und bezaubert durch den leisen Druck, der ihm als Erwiderung des seinigen zu Theil ward, rief er:„Verfüge über mich. Du reizende Zauberin, ich mache mich ganz zu Deinem Eigenthume!" „3ch verlange von Ihnen nichts, als daß Sie jenen Antonio hier festhalten; vermögen Sie selbst nichts über ihn, so nehmen Sie die Hilfe Ihrer Freunde in Anspruch; bieten Sie Alles auf, ihn zu berauschen, thun Sie, was sie wollen, nur lassen Sie ihn nicht fort." „Ich schwöre es Dir, er soll hier bleiben und müßte ich ihn mit meinen eigenen Händen fesseln;— aber nur eine Bitte gewähre mir, Du verführerische Zauberin, ver- sprich mir, daß es mir gestattet sein soll, Dich außer der Maske zu sehen." „Es hängt vom heutigen Abend ab, ob und wie wir uns wiedersehen wollen." Der Ungar wollte noch etwas sagen, die MaSke aber hatte ihm sanft den Arm entzogen und war davon geeilt. Von diesem Augenblicke an war das Blumenmädchen von der Redoute verschwunden. Ihre geistvolle Unter- Haltung hatte Aufsehen erregt; sie ward von Vielen gesucht, aber Niemand wußte, wo sie gewesen, wo sie hin- gekommen. ES war gegen drei Uhr nach Mitternacht. Die Masken hatten sich verloren oder vielmehr die Larven hatten sich entpuppt und flatterten nun im glänzenden Ballkostume als Schmetterlinge dahin. Die Nichttänzer hatten sich in besondere Räume zurückgezogen, wo sie je nach ihrer Neigung beim Wein oder Spiel ihr Vergnügen suchten. DaS kleine Seitenkabinet, in welches wir vorher die beiden Freunde hatten treten sehen, bot jetzt einen eigenthümlichen Anblick dar. wurden bei dem Vcrgolver Ewald außer zwei Broschüren auch ein„Deutsches Wochenblatt" vom Jahre 1885, sowie ein Privatbrief beschlagnahmt, bei einem anderen zwei Pfund Stullenpapier, auf einer anderen Stelle sollte ein Gebetbuch beschlagnahmt werden. Ucber die Wahl in Mannheim und über die Parole des Wahlkomitees der Volkspartci, in der Stichwahl für den Sozialdemokraten zu stimmen, schreibt das„Leipz. Tagebl.": „Daß die Demokraten das nickt thun, hat schon die erste Wahl bewiesen; bei dieser haben mindestens 2000 ehrliche Demokraten für Tiffcne abgestimmt und werden so jetzt auch in der Stichwahl handeln. Die übrigen Demokraten haben gar nicht gewählt und werden auch am 6. wohl nicht, keinesfalls aber Dreesbach wählen. Unter solchen Verhältnissen bat, wie bereits berichtet, der nationallibcrale Kandidat einen Vorsprung von 1700 Stimmen vor dem Sozialdemokraten, die dieser letztere schwerlich wird einholen können."— Ob sich die National- liberalen bei dieser Berechnung nicht schneiden? Köstlich ist nur, daß diejenigen Demokraten, welche für den nationallibc- ralcn Kandidaten stimmen, ehrliche Demokraten genannt werden. Danach sind diejenigen Demokraten, welche für den Sozialdemokraten sich erklären, falsche Demokraten. Wir würden dahingegen die crsteren Renegaten nennen, während die letzteren ihrer politischen Ilebcrzcugung treu geblieben find. Der Reichstagsabgcordnete Hann erläßt in der Elber- fcldcr„Freie Presse" folgende Erklärung:„Tic Notiz einer hiesigen Zeitung, welche darauf die Runde durch die ganze Presse machte, daß am Sonntag, den 28. v. M., bei mir eine polizeiliche Haussuchung stattgefunden, beruht aut Unrichtigkeit. Es ist nur, wie die„Freie Presse" richtig geschrieben hat, nach einer Kiste geforscht worden. Als ich der Polizei erklärt hatte, daß ich davon nichts wisse, ist auch nicht darnach gesuckt worden. Dies zur Steuer der Wahrheit. Fr. Harnt."— Auch wir haben die betreffende Notiz gebracht. Die ganze Angelegen- heit hat nunmehr unseres Erachtens durch vorstehcnde,Erklärung ihre Erledigung gefunden. In Bezug auf die jüngsten Verurtheilungen zahl- reicher Sozialdemokraten schreibt die auf dem rechten Flügel der freisinnigen Partei stehende„Saale-Zeitung" unter Anderem folgendes:„Als im Jahre 1878 das Sozialistengesetz erlassen wurde, erklärte die Regierung, das gemeine Recht reiche nicht aus, um die Ausschreitungen der sozialistischen Agitation nieder- zuhalten. Eben aus diesem Grunde stimmte der Reichstag nach langem Bedenken und Schwanken der Ausnahmemaßregel zu, und m den ersten Jahren nach 1878 hörte man denn auch kaum etwas von Verfolgungen sozialdemokratischer Parteimit- alicder auf Grund des Strafgesetzes. Je mehr sich aber herausstellte, daß die Ausnahmemaßregel nicht nur wirkungslos ist, sondern eher noch zur Stärkung der revolutionären Arbeiter- partei gereicht, wird nun wieder auf das gemeine Recht behufs Verfolgung dieser Partei zurückgegriffen. Da kann man doch nicht mehr die besorgte Frage unterdrücken: Wohin soll diese Schraube ohne Ende führen? Wenn sich polizeiliche Unter- drückung und strafrechtliche Verfolgung so gänzlich unwirksam gegen die drohende Gefahr erweisen, dann sollte man diese Mittel nicht immer noch verstärken, sondern die Frage erwägen, ob auf sozialreformatorischem Gebiete nicht unendlich viel mehr aethan werden kann, als bisher gethan worden ist."— Dieser Rothschrei erscheint uns vom Standpunkt einer Vertreterin der herrschenden Gesellschaft sehr am Platze, da dem Blatte die Gesellschaft durch das Sozialistengesetz bedroht erscheint. Bei der überseeischen Auswanderung scheint leider schon wieder einmal ein Umschwung zu dauernder Zunahme sich vorzubereiten. Nach dem neuen reichsstatistischcn Monatshefte ist die Zahl der über deutsche Häfen und Airtwerpen Ausae- wanderten auch im Oktober wieder, wie schon im September der Fall war, etwas größer gewesen, als im entsprechenden Monat des Vorjahres. Sic betrug 8560 gegen 8529 im Jahre 1885, 12 745 im Jahre 1884, 19440 im Jahre 1883, 18 477 im Jahre 1882, 22 212 im Jahre 1881 und 14387 im Jahre 1880. Mit einer besonders hohen Zahl von Auswanderern ist im Oktober d. I. Westpreußcn betheiligt; es wanderten von dort 852, also 10 pCt. der Gesammtzahl aus. Seit Beginn des Jahres bis Ende Oktober er. sind im Ganzen aus Deutsch- land über deutsche Häsen ausgewandert 68 136 Personen gegen 96 709, 135 090, 153 394, 179 443 und 194 801 im entsprechenden Zeittaum der Jahre bis 1881 zurück. Das Branntweinmonopol und das Tabakmonopol sind nothwendigc Requisite des herrschenden Systems. Die von demselben vorangestellten Bedürfnisse sind so groß, daß sie schon ohne Monopol fast gar nicht gedeckt werden können. Ilm 29 Millionen sollen die Matrikularumlagcn erhöht werden, auf eine Anleihe werden 66 Millionen, größtcnthcils zur Deckung von Militärausgabcn bestimmt, geschoben, aus dem laufenden Etat ist ein Defizit von 25 Millionen zu decken und endlich würde die Militärvorlage im Annahmefalle weitere 15 Millionen beanspruchen. Das verlangt alles allein der diesjährige Etat, der nächstjährige will aber auch seinen Theil haben. Dazu kommen dann noch die vielen Versprechungen, welche die Re- gierung gemacht hat. Darum sagte schon bei der vorjährigen Etatsberathung der damalige Schatzsekretär v. Burcha d: Um einen mit Flaschen und Gläsern bedeckten Tisch saßen oder vielmehr lagerten sechs junge Männer, deren Gesichter allein)U Verräthern ihres ZustandcS hätten wer- den müssen. Die seidenen Mäntel, Masken und Trachten lagen, mit Füßen getreten, entstellt und zerrissen auf dem fußboden umher, und diejenigen Theile, deren sich die räger nicht entledigen konnten, waren an den Körpern der- selben in einem nicht minder desolaten Zustande. Auf den ersten Blick konnte man eS erkennen, daß die jungen Leute inSgesammt Kandidaten der Wissenschaft waren, und wenn man sich ein wenig Mühe geben wollte, mußte man auch die Fakultäten erkennen, denen sie angehörten. Der junge Mann in ungarischer Tracht mit dem scharf mar- kirten, eben so klugen wie sinnlichen Gesichte hätte sicherlich seinen Zweck verfehlt, wenn er sich nicht der RechtSwisscn- fchaft gewidmet hätte; sein Nachbar mit dem schlaffen, schlaf- trunkenen Gesichte konnte nur ein angehender Beamter sein; der Dritte mit dem weinseligen VollmondSgesicht und dem sorgfältig gekräuselten Haar, welch letzteres trotz des wackeln- den Kopfes nicht aus seiner Lage gerückt worden war, konnte nur ein. Mediziner sein, der sich vorzugsweise zum Frauenarzt qualifizirte; der Vierte ein junger Mensch von angenehmen Aeußern mit dem harmlos aemüth- lichen, fast weichen Gesichte, konnte gleichfalls nur Arzt sein, aber ein solcher, der in Behandlung innerer Krank- heiten weit glücklicher ist, als in Operationen. Rudolph Schwarz, so ist der Name dieses angehenden Arztes, muß sicherlich einmal ein sehr beliebter, aber wenig berühmter Name werden. Den erwählten Beruf des Fünften hätte, wenn nicht schon sein kurzsichtiges, geschwächtes Auge, doch sicherlich sein gleichmäßig ruhiges Wesen verrathen; ein Mensch, der zwischen fünf halb und ganz Berauschten nüchtern bleibt, ein Mensch, der nur lächelt, wenn Andere toben, der sich nie auflegt, nicht singt, nicht tanzt, nicht liebt, sich mit Büchern überladet, das Leben aus dicken Fo- lianten studirt und eminente Examen macht, ist ein angehender Lehrer, ein Pedant, ein Denker und Philosoph. Die Anwesenheit dieses Menschen an diesem Orte hätte man sich nicht anders erklären können, als daß er mit Ge- walt hierher geschleppt worden sei. „Sollen die zablreichen übrigen Bedürfnisse des Reichs, welche nun schon allzulange zurückgestellt sind, endlich befriedigt wer» den, so wird es geboten sein, auf dem Gebiete der Tabaks» und Getränkesteucr dem Reiche wesentlich verstärkte Einnahmen zuzuführen." Das Branntweinmonopol ist dieser Ankündigung des Schatzsekretärs alsbald nackgefolgt. Mit noch viel größerer Majorität als seiner Zeit das Tabakmonopol wurde das Branntweinmonopol abgelehnt vom Reichstage. Trotzdem aber, weil man eben sich mit den Bedürfnissen nicht einrichtet, stehen die Monopolpläne bei der Regierung unerschütterlich fest. Finanzminister von Scholz erklärte desbalb in der Generaldebatte des Etats:„Es find die Aufgaben beinahe allein mit dem Ertrage des Brannt» Monopols vollständig zu erfüllen, im Reich und in Preußen, und soweit sie nicht vollständig damit zu erfüllen find, würden sie eben nur in tanturn zu erfüllen sei.(Heiserkeit links. Rufe: Tabakmonopol!) Der Tabak wird später gewiß noch dazu kommen. Sie wissen, das ist meine positive Ueberzeuaung." Also Herr v. Scholz nach dem offiziellen stenographischen Berickt. Hier wird klipp und klar das Branntweinmonopol und das Tabaksmonopol als eine sichere Eventualität hingestellt, mit welcher wir bei den Wahlen zu rechnen haben werden. Der Minister suchte zwar anr zweiten Tag der Generaldebatte seine Worte zu drehen und zu deuten, aber ein offizielles Dementi gab er nicht. Das Branntweinmonopol kommt und auch das Tabakmonopol. Darum schlägt die Regierung jetzt auch keine neuen Steuern vor. Sie will und muß für ihre Politik Monopole haben, deshalb überläßt sie den Bundesstaaten dieses Mal die Deckung der Unterbilanz, um sich nickt die Wahlen zu verderben. Wenn dann die Finanzverhältnisse auch in den Einzelstaaten erschüttert sind, dann hofft man mit den Mono- polen durchzudringen. AllejBartcien, welche nicht gewillt find, der Regierung einen neuen Äachtzuwachs zu bewilligen, werden daher gut daran thun, sich zum Kampfe gegen alle Monopol» Projekte zu rüsten und dem Finanzminister für seine vorzeitige Offenheit dankbar zu sein. Zur Förderung des telegraphischen Verkehrs über« nimmt es jetzt die Reichspost- und Telegraphenverwaltung, auf kürzere Ensfernunaen Nebentelegraphen zum Anschluß an Reichstelegraphen herzustellen und Privatpersonen zu deren eigenen! und ausschließlichem Gebrauche entweder miethweise oder eigenthümlich zu überlassen. Unter Umständen können verschiedene, an eine und dieselbe Reichstclegraphen» anstalt in dieser Weise angeschlossene Geschäftsstuben, Fabriken, Wohnungen:c. telegraphisch miteinander in Verbindung treten. Die Nebenanlage dient dazu, dem Inhaber die für ihn bei der nächsten Reichsanstalt eingehenden und von ihm an diese adzu« seirdenden Telegramme zuzuführen. Für die Wahrnehmung des Telegraphcndienstcs bei der Nebenstelle hat der Inhaber selbst zu sorgen, jedoch wird die Reichsverwaltung einer hierzu bestimmten geeigneten Person unentgeltlich Gelegenheit zur Ausbildung geben, falls ihr daraus kerne Kosten entstehen. Die für den Inhaber ankoinmcnden und von ihm abzusendenden Telegramme werden auf der Anschlußleitung gebührenfrei bc- fördert. Bei nücthweiser Ueberlassung sind für die Benutzung des Nebentelegraphen mit einer Anschlußleitung bis zu ernem Kilometer Länge der Rcichspostkasse jährlich zu entrichten: bei dem Betriebe mit Morseapparaten 125 M., bei dem Betriebe mit Fernsprechern 75 M. Wünscht der Antragsteller die Auf« stellung weiterer qls der unbedingt erforderlichen Apparate, s» wird die dafür zu zahlende Vergütung in jedem einzelnen Falle besonders festgesetzt, desgleichen bei außergewöhnlichen Dienstleistungen, wie Dienstbereitschnft während der Nacht rc-, für jedes weitere Kilometer Anschlußleitung— wobei jedes angefangene Kilometer für voll gilt— eine Zuschlagsgebühr von 20 M. Der Inhaber bat sich auf 5 Jahre mit vorangehender halbjährlicher Kündigung zu verpflichten. Wünscht der Inhaber den Nebentelegraphen als Eigei.thum zu erlangen, so hat er die Herstellungskosten der Anlage zu zahlen und auf seiiM' Wunsch besorgt die Reicksverwallung die Unterhaltung der Linie und Leitung für Rechnung des Inhabers, der für d« Wahrnehmung des Nebendicnstes jährlich 50 M. zu entrichten bat. Tic Reichsverwaltrtng kann jederzeit den Betticb der Nebenanlagen zeitweise oder gänzlich einstellen, ohne daß den Inhabern ein Entschädigungsanspruch zusteht, und„in Kriegs- oder unruhigen Zeiten" die Nebcnstdlcn durch ihre Beamten betteiden lassen. Holland. Der von Hecrnskerl der Zweiten Kammer vorgelegte Gesetz- entwarf über das Wahlrecht scheint bei keiner Partei d»e erwartete Billigung zu finden. Zwar ist in demselben da.) Wahlrecht derart etwas ausgedehnt worden, daß von nun an etwa 300000 Wähler, also etwa doppelt so viel als bisher, das Reckt haben sollen, die hundert Abgeordneten, aus welchen fortan die Zweite Kammer bestehen soll, zu wählen, aber dre Rechte ivird sich doch nie mit dem Grundsatz vereinigen können- daß das bisher dem Wahlrecht zu Grunde liegende Prinzip des Miethwerthes vollständig über Bord geworfen ist, während vre Linke und namentlich der radikalere Theil derselben an dem doch noch festgehaltenen Vermögenszensris Anstoß nimmt. Der Minister wird, wie er sich wiederholt ausgesprochen hat, zu emcr Antonio, der Sechste in der Gesellschaft, war auf das Zureden der Andern, die sämmtlich zu seiner Bekannischafl gehörten, noch mehr aber seinem Freunde zu Liebe, hier Seblieben. Zeder Einzelne gab sich Mühe, ihn zu erheitern, llle tranken ihm zu; er that Bescheid, und der reich- lich genossene Wein konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Anfangs der Gedrückteste und Schweig« samste in der Gesellschaft, war er bald da» belebende Element in ihr, und seine Lust war um so wilder, je mehr sie mit seinem nüchternen Seelenzustand im Widerspruch war. Die Musik im Ballsaale war verstummt, bi ermüdeten Tänzer hatten sich verloren, nur aus dem Serien- kabinet schallte noch von Zeit zu Zeit lautes Lachen un Gläserklirrcn durch den verödeten Raum. Mehrmals W hatte der Eine oder Andere der sechs jungen Leute zu Aufbruch gemahnt; nur der Ungar hielt sie noch imwe- seinem Versprechen getreu und auf die weitere Weisung® Blumenmädchens harrend, zurück. Endlich war all 1 Zureden vergebens, der Philosoph erhob sich zuerst;'v folgten Antonio und die Uebrigen.,„ Die jungen Leute taumelten, einer den andern u" stützend, die Treppe hinab, und wurden schon auf. Korridor von einem Dutzend bereitivilliger Diener. Empfang genommen, die sie zu einem Wagen ge wollten.,.»ck Auf der Straße gesellten sich zu jenen noch eine_ Fiaker, welche jeden Ncuankommenden mit einem vresi migen„Fahr mcr Euer Gnaden?" umschwärmten. fl Schon in der Vorhalle hatte sich ein fremder Mann Antonio herangedrängt, und da eS trotz des nahen Aio ö noch sehr dunkel war, hatte es Niemand, Antonio am allerwenigsten bemerkt, daß der Mann, aus' g, Arm gestützt er auf die Straße kam, nicht zu seiner® i � schaft gehörte. In der Meinung, daß es Rudolph fl',! � er ihm, ohne sich um die Andern weiter zu belüinmerD� einem bereit stehenden Wagen und nachdem er""schlag seines Begleiters eingestiegen war, warf Letzterer den'» � zu und der Wagen rollte, ohne daß die Einsteigende � Führer eine weitere Weisung gaben, im Fluge dahin. jn nachdem die jungen Leute sich arrangirt und zwei Wag Einführung des allgemeinen Wahlrechtes niemals die Hand bieten. Die holländischen Arbeiter sind leider noch nicht organisirt genug, um ihre Forderungen durchzusetzen. Frankreich. Die Gruppen der hinten in der französischen De- vutirtenkam mer suchen nach geeigneten Mitteln, um ihre frühere Abstimmung ungeschehen zu machen und das Mi- nisterium zu bestimmen, im Amte zu bleiben. Bis jetzt hat aber Ministerpräsident Freycinet alle bezüglichen Vorschlüge ab- gelehnt. Der Korrespondent der„Voss. Ztg." tclegraphirt über den Verlauf der M i n i st e r k r i s i s: Grevy hatte im Mi- nistenath den Vorsitz, er suchte Freycinet zur Zurücknahme des Entlassungsgcsuchs zu bestimmen, doch verweigerten dies Freycinet und die übrigen Minister entschieden. F l o gu e t erklärte seinen politischen Freunden, er werde keinesfalls Frey- cinet's Erbschaft antreten. In der Kammersitzung zeigte Frey- einet amtlich den Rücktritt des Kabinets an; bis zur Ernenn- ung der Nachfolger werde das Kabinet die laufenden Geschäfte erledigen, doch glaube es nicht mehr eine genügende Autorität zu befitzen, um an der Staatshaushaltsberathung Theil nehmen zu können. Laguerre beantragte die Aufhebung der Sitzung bis vier Uhr. Grosser Lärm. Der Antrag wird abgelehnt und Vertagung der Sitzung bis Montag beschlossen. Vor der Sitzung versammelte sich die radikale Linke, um über die Mittel zur Beendigung der Ministerkrisis zu bcrathen. Alle Mitglieder waren darüber einig, dah die Abstimmung kein Misstrauensvotum war und man durch Darlegung der wirk- lichen Gefühle der Mehrheit das Kabinet zu erhalten suchen müsse. Auf Rivet's Antrag wurde beschlossen, eine Jnterpella- tion einzubringen und sie mit einer Vertraucnskundgebung zu sthliessen. Für letztere wurden zwei Fassungen vorgeschlagen; die eine lautet: Die Kammer, welche das Vcrwaltungsräder- werk zu vereinfachen wünscht, jedoch den Regierungserklärungen über diesen Gegenstand vertraut, geht zur Tagesordnung über; die andere Fassung lautet: TieKammer, denRegierungserklärungen vertrauend und überzeugt, daß dieUnterpräfekturenresorm bloß ein erster Schritt zu umfassenderen Reformen sein wird, geht zur Tages- ordnemg über. Die Versammlung schickte ihren Vorstand zu Freycinet, um ihm diese Beschlüsse mitzutheilen. Freycinet er- klärte ihr kurz und bestimmt, er lasse sich auf den vorgeschlage- nen Ausgleich nicht ein. Die Vereinigung der Linken beschloß in ihrer Versammlung, allen Versuchen zur Erhaltung des Kabinets zuzustimmen, doch werde sie in dieser Hinsicht keinerlei Initiative ergreifen, da sie gestern fürs Kabinet gestimmt habe, also für die Krise nicht verantwortlich sei. In der Versammlung der äußer st en Linken klagte man die Re- gierung an, die Krise willkürlich herbeigeführt zu haben, da die Abstimmung nur Sarrien, nicht aber das Gesammtkabinet und am allerwenigsten Freycinet treffe; übrigens habe die Regierung durch ihre Weigerung, Reformen vorzunehmen, alles verschuldet. Man beschloß, sich mit der radikalen Linken zu verständigen, um gemeinsam vorzugehen. Freycinet ging in den Senat und sagte seinen dortigen Freunden, er sei nicht aus Empfindlichkeit zurückgetreten, sondern weil die Parteivcrhältnisse in der Kammer rhm das Weiterregieren unmöglich machten; die unsichere und geringe Mehrheit gebe ihm keine genügende Autorität in den jetzt besonders heikeln Unterhandlungen mit ausländischen Re- gierungen. Allseitig besteht der lebhafteste Wunsch, das Kabinct zu erhalten. Bis Montag werden die radikale Linke und die Vereinigung der Linken Anstrengungen machen, um Freycinet umzustimmen, doch sind die Blätter sehr schwarzschcrisch. Die einen halten die Kammerauflösung für unvermeidlich, doch äußerst gefährlich; die anderen überhäufen die äußerste Linke mit Vorwürfen. Die„Justice", Clemcnceau's Organ, erklärt Reformen für unerläßlich, und wenn Freycinet sich ihnen wider- setze, so habe er nur, was er verdiene. Die Stimmung ist all- gemein niedergedrückt. Großbrita««iett. ,, Die„Times" befürworten wiederum unnachsichtige Strenge �Irland:„Wir wünschen, die Regierung wäre sich mehr Mer Stärke, der Unterstützung einer Nation, welche noch nicht ,�>ernt hat, Integrität zu schätzen, bewußt. Die Schwierig- Mey,„nter welchen das Ministerium in Folge der Unvoll- �wenheiten des Gesetzes kämpft, liegen klar zu Tage und Un sollte billig dieselben wohl in Betracht ziehen. Aber jemandem sollte der geringste Zweifel übrig gelassen werden, naß Gebrauch von jeder Waffe, deren Anwendung das Gesetz �stattet, gemacht werden wird. Leider erhält sich immer noch oas Gerücht, daß gegen gewisse Leute Nachsicht geübt werden % Es ist natürlich das Interesse der Agitatoren, diese Ge- 1!'?« zu übertreiben und darauf zu sagen, daß der Schrecken, Welchen sie einflößen, der Grund der Milde sei. Die einzige nchtige Antwort auf alle Kunstgriffe der Agitatoren ist, die z?evölkenlng zu überzeugen, daß, wenn eine Exmission gericht- nT �geordnet ist, sie trotz alles Widerstandes ausgeführt wird. gewisse Dinge, die kürzlich passirt sind, dienen gewiß nicht �azu, diese Ueberzeugung zu stärken und ihre Wirkung nach entgegengesetzten Richtung ist immens. Die„stetige Hand- s°ung emer ehrlichen Regierung", welche Lord Salisbury ver- '"Ochen hat, muß mit unbeugsamer Strenge be- — genommen hatten, bemerkte es Rudolph, der allein zurückgeblieben war und auf seinen Freund wartete, daß 5er nicht bei ihm war. Er rief mit lauter Stimme: "Antonio, wo bist Du?" Doch da er keine Antwort erhielt, n/ve Cr in der Meinung, Antonio sei noch zurückgeblieben, Ueder um. Antonio war nirgends zu finden; erst nachdem ,?r Suchende durch einen Lohnkutscher die Versicherung er- sUelt, baß zwei der herabkommenden Herren vor den andern hinein bereit stehenden Wagen davongefahren seien, ver- I�gte sich Rudolph, dessen Zustand ihm kein längeres Nach- knken gestattete, sorglos in seine Wohnung. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Leben. Auch ein Thronkandidat für Bulgarien. Der Eigen- Lumcr der größten Bäckerei, Konditorer und Honigkuchen- Abrik in Charkow lRußland), Namens Polojuchtoss, ist wegen ie nts Ehrgeizes allgemein bekannt und wird wegen seiner ,�e» Gaben an die Klöster von der Geistlichkeit stets ausge- awas weniger— xieiixar zu �ei Herren, welche sich»>»»»? � Mtnnen gaben nnd erklärten, beauftragt zu sem, ,hn um Annahme des verwaisten Thrones zu bittm. Wahrend sie 9% wecken kommt, ein Telegramm aus Soya mit der gleichen % Polojuchtoff hält die Sache für unwahrscheinlich, aber «äW.» Win«".Art nach Hause zurück. Dort findet er die„Depu- V«" uwt mehr vor; mit derselben aber find aus scmcm s�wunder�erhand Kostbarkeiten, Gelder und Werthpapicre ver- wiltbfe,?J;Ut Teidcnkultur. Die Zeitschrift für die land- iy w, Etlichen Vereine des Großherzogthums Hessen bimgt Seiy. f■ nnen interessanten Aufsatz über einen japanesischcn Atta0n8 CyntBia, dessen Raupe sich vielleicht zur "wtifct), icn Scidenzucht verwenden läßt. Der große, schöne ginnen, sonst wird sie überhaupt nicht beginnen. Die Polizei hat eine aufrührerische Versammlung in Cork aufgelöst. Ohne Zweifel wird darüber viele wortreiche Entrüstung entstehen, die Regierung braucht sich aber darum nicht zu kümmern. Sie muß sich die Thatsache klar machen, daß die Krifis in dem Kampfe mit den Mächten der Gesetzlosigkeit jetzt erreicht ist, daß entweder die letzteren zusammenbrechen werden, oder die Autorität der Regierung schwer geschädigt wird. Die Jrländcr erkennen sehr wohl ihre Herren und stellen sich dann schleunigst auf die Seite des Stärkeren." Hochmuth kommt vor dem Falle, wird es wohl auch den irenfeindlichen Engländern gegen- über heißen. Aus London, 3. Dezember, wird geschrieben: Die Stadt Cork war gestern Abend wiederum der Schauplatz ernstlicher Ruhestörungen. Veranlassung dazu bot die feierliche Ab- holung des Farmers Timothy Hurley vom Bahnhofe. Hurley hat früher einer Exmission erfolgreich Widerstand geleistet. Jetzt schwebt gegen ihn eine Anklage, weil man Dynamit in seinem Besitz gefunden hat, jedoch wurde er von den Behörden gegen Stellung von Bürgschaft auf freiem Fuße belassen. .Hurley's Ankunft in Cork sollte nun zu einer Demonstration benutzt werde. Im Triumphzuge wurde er, zwischen den Parla- mentsmitgliedern O'Connor und Dr. Tanner sitzend, in einer Kutsche nach dem Gerichtshause gefahren, wo die Versammlung stattfinden sollte. O'Connor hatte seine Rede schon vom Wagen aus begonnen, als die Menge bemerkte, daß ein Regierungsstenograph sich Notizen machte und sich auf ihn stürzen wollte. O'Connor intervenirte jedoch und lud den Reporter ein, in dem Wagen Platz zu nehmen. Damit war aber der heiß- spornige Hurley nicht einverstanden. Mit den Worten, daß er nie und nimmer bei einem Spion sitzen würde, sprang er vom Wagen. Die aufgeregte Menge wollte den Stenographen schon herunterreißen, als 30 Polizisten unter dem Kommando des Inspektors Welling erschienen. Ter letztere erklärte die Ver- sammlung sofort für aufgelöst, und als die Menge keine Miene machte, auseinander zu gehen, schritt die Polizei mit blanker Waffe ein. Mehrere Personen wurden übel zugerichtet, ein Mann trug eine Kopfwunde davon. O'Connor fragte hierauf den Inspektor, mit welchem Rechte er die Versammlung aus- löse, erhielt aber keine Antwort. Dann erklärte er, die Ver- sammlung werde dennoch abgehalten werden, obgleich die meisten Anwesenden fich schon aus dem Staube gemacht hatten. Tie Aufregung stieg immer mehr, Inspektor Welling erhielt einen Schlag. Ein Polizist versuchte, O'Connor zu verhaften. Dr. Tanner, der seinen Kollegen befreien wollte, wurde von einem Polizeiknüppel zu Boden geschlagen. O'Connor ver- setzte dem Inspektor einen Faustschlag, wurde jedoch nicht ver- haftet. Endlich begab er fich, nachdem die Menge längst nach allen Richtungen Fersengeld gegeben hatte, ins Victoria Hotel, von dessen Treppe aus er die Feigheit seiner Landsleute brand- markte. Italie«. Der Herzog Visconti di Modrone, Besitzer einer großen Sammetfabrik in Vaprio d'Adda, hat den Bei rieb eingestellt, weil der dortige Steuererhcber die plötzliche Erhöhung der Fabriksteuer auf den dreifachen Betrag beabsichtigte. Da hierdurch 8—900 Arbeiter brotlos geworden find, so hat ein Abgeordneter, Pavesi, eine Interpellation an den Finanzminister angekündigt. Wie es heißt, hat der letztere in privater Form bereits seine Bereitwilligkeit erklärt, den Fall zu untersuchen und die Kontroverse beizulegen. Ein Regierungs- kommissär soll Erhebungen über die Berechtigung und Oppor- tunität der Steuererhöhung anstellen. Salka« länder. Die an die Vertragsmächte entsandte bulgarische Deputation beabsichtigt, auch bei dem russischen Botschafter in Wien, Lobanow, vorzusprechen, um demselben zu erklären, die bulgarische Regierung würde einwilligen, ein Ministerium aller Parteien zu bilden, welches die gegenwärtige Sodranje auf- zulösen hätte. Die Bulgaren hoffen, daß es ihnen gelingen würde, wenn sie in Petersburg empfangen werden könnten, diese Kombination zur Annahme zu bringen und stützen ihre Hoffnung auf die Gewißheit, daß der Minister v. Giers sich dieser friedlichen Lösung nicht widersetzt habe, als davon wäh- rend der Session der Sobranje in Tirnowa zum ersten Mal die Rede war. Nach russischer Anficht hält man jedoch gegenwärtig Zugeständnisse für unnütz, da Anhänger Rußlands nicht in eine Regierung eintreten würden, in welcher die gegenwärtigen Macht- Haber sich befänden; auch seien alle Schritte, in Petersburg empfangen zu werden, im vorhinein resultatlos. Es wird versickert, Rußland habe bei der Pforte be- Hufs Emcnnungdcs Fürsten von Mingrelien zum Gou- verneur von Ostrumelien sondirt, sei aber dabei aus direkten Widerstand des Sultans gestoßen.— Der Ministerrath hat be- schlössen, die Garnisonen aus Kreta zu verstärken. Afrika. Die Neuwahlen für die egyptische National- Versammlung sind auf den 15. d. Mts. ausgeschrieben. Man weiß, daß Lord Dufferin Eggypten mit der Segnung einer parlamentarischen Körperschaft bedacht hat, wobei er von Schmetterling besitzt eine Flügelweite von 12 Zentimetern und war 1873 in Wien sammt Raupen und Kokons von Japan aus ausgestellt worden. Von da aus sind einige lebende Ko- kons nach Mainz gekommen, von einem dortigen Liebhaber weiter gepflegt und Schmetterlinge zum Verkauf gezüchtet wor- den. Tie Raupe entschlüpft dem Ei nach 14 Tagen und geht dann sofort an das Futter. Als solches dienen die Blätter des Götterba"mes, Ailanthtis glandnlosa, der sehr rasch wächst und als Zierbaum auf Plätzen und Straßen vielfach zu finden ist. Seine großen gefiederten Blätter liesern den Raupen reichliche Nahrung. Außerdem nehmen diese auch noch die Blätter des Esstgbaumes, der noch häufiger ist, und zur Aushilfe können sogar die Blätter der Weberkarde, Dipaacns fullonurn, dienen. Wegen der leichteren Beschaffung der Nahrung hat somit der genannte Spinner einen großen Vorzug vor dem bisher ge- züchleten; weiter aber auch erlaubt er zwei und in heißen Sommern sogar drei Generationen zu erziehen und erhält da- durch ein großes lleberacwicht über den chinesischen Spinner, der nur eine Generation im Jahre hervorbringt. In den 12 Jahren, während welcher die Raupen bis jetzt m Mainz ge- zogen worden sind, hat sich keine Krankheit bei ihnen gezeigt. Die Redaltion der oben genannten hessischen Zeitschrift giebt auf Anfragen die Adresse des Mainzer Züchters. Ein seltenes Naturspiel wurde dieser Tage bei Sonnen- Untergang in Homorod-Heviz, am Fuße der Fogaraser Alpen beobachtet. Tie Sonne sentte sich hinab und färbte den Schnee der Berggipfel mit Purpur. Auf einmal stiegen in der Abend- röthc zwei strahlende Sonnen auf, die in kleiner Entfernung von einander mehrere Minuten Hinduich stehen blieben. Zwei Tage später wiederholte sich diese merkwürdige Naturerscheinung, jedoch mit dem Monde. Dieses Phänomen verschwand eben- falls rasch, ließ jedoch einen Wolkenstteifen(von blendender Silberfarde zurück.— Ein Phänomen ist von der Kalocsaer Sternwarte am 28. November beobachtet worden._ Auf der südöstlichen Seite der Sonnenscheibe war nämlich eine seltene Protuberanz sichtbar. Die ausgcbrochene Flamme erhob fich bis zu einer Höhe von 22 000 Meilen. Gegenwärtig hat sich die Flamme vom Sonnenkörper bereits abgelöst und schwebt nun in Wolkengestalt oberhalb der Sonnenscheibe. Eine merkwürdige Mineraliensammlung befindet sich in den Kellerräumen der Akademie San Fernando zu Madrid. Diese besteht aus eine Ansammlung von Kisten, welche uner- öffnet jene Räume seit etwa 200 Jahren ausfüllen und viel- leicht noch eben so lange ihrer Eröffnung harren, wenn ihnen nicht ein besseres Geschick zu Theil wird. Sie stammen noch der Anschauung ausgegangen sein mag, daß es nichts schaden könne, den Fellahs einen Schein der Freiheit zu gewähren, wenn nur die Regierung in Wahrheit alle Gewalt in sich ver- einigt. Das egyptische Parlament hat die Eigenthümlickkeit, daß die Regierung in gewissen Fällen verpflichtet ist, seine Meinung einzuholen, daß es ihr aber unbenommen bleibt, nach eigenem Gutdünken zu verfahren, wenn das Votum der Volks- Versammlung ihre Vorlagen nicht billigt. Das ist freilich ein wohlfeiler Parlamentarismus und die egyptische National- Vertretung ist darnach. Anfangs jubelte ganz Egypten, und mit dem Enthusiasmus, dem das arabische Naturell fich so leicht hingiebt, wurden die kühnsten Hoffnungen auf eine neue Aera geknüpft. Die Ernüchterung ist aber rasch ein- getreten und heute ist Niemand mehr, der bei dem Gedanken einer Neubildung dieses Parlamentes irgend eine Regung empfände._ Oerichts-Ieitung. t Das„Märchen" als— Zahnstocher. Die Industrie bemächtigt sich jeden Stoffes, der das Interesse der Großstadt auf einige Zeit, und wären es einige Tage, beschäftigt. Das „Märchen", jenes vielbesprochene, durch einen Prozeß in seiner Art berühmt gewordene lüsterne Bild des Professor Gräf, das, ein Kitzel für die abgestumpften Gaumen der Genußwclt, eine nackte Frauensperson darstellt, die im Begriff ist, in ein Bad hinabzusteigen, hat einen betriebsamen Elfendeinwaarcnfabrikanten angeregt, einen Zahnstocher zu verfertigen und in den Handel zu bringen, der die Figur eines nackten Mädchens zeigt, deren bewegliche Arme und Beine als Ohrlöffel und Zahnstocher dienen, lieber die Geschmacklosigkeit dieses Einfalls ein Wort hier zu verlieren, wäre unangebracht; genug, der Zahnstocher wurde gekauft, viel gekauft und, ein noch größerer Beweis für das Gelungene der„Erfindung", er wurde nachgeahmt. Der geniale Entdecker war jedoch vorsichtig genug gewesen, sein „Geschmacksmuster" gesetzlich schützen zu lassen und deshalb war er um so weniger gesonnen, sich sein„geistiges Eigenthum" und den Verdienst dazu aus den Händen reißen zu lassen. Er stellte deshalb den Strafantrag und erreichte, daß gestern die zweite Strafkammer des hiesigen Landgerichts I über diese Verletzung seines Urheberrechtes verhandelte. Der Elfcnbeinwaarenfabrikant, welcher das Muster nachge- ahmt hatte, behauptete, daß diese geschützte Er- findung weder neu noch originell sei, da bereits Zahnstocher in Gestalt von männlichen Figuren, als Teufel, Harlekin, Ka- puziner vorhanden und im Handel vertrieben würden. Das Gutachten des„gewerblichen Sachverständigen-Vercins" ent- schied sich jedoch zu Gunsten des Geschädigten; es wurde be- gutachtet, daß das Muster in der That im Sinne des Gesetzes schutzberecktigt sei. Auf Grund dieser Bekundung venirthcilte der Gerichtshof den Nachentdecker und den Händler, der Vre nachgemachten„Märchen-Zahnstocker" vertrieben hatte, zu einer Geldstrafe von je 100 Mark. Der Geschädigte hatte einen Schadenersatz von 500 Mark beansprucht; cr behauptete nämlich, um so viel weniger verdient zu haben, als die Konkurrenz sich aufthat. Seinen Gesammtvcrdienst im Laufe eines Jahres be- zifferte er auf zirka 3500 Mark, eine recht anständige Summe für die Erfindung. Der Gerichtshof verwies den Geschädigten jedoch auf den Weg der Privatklage, da derselbe vergessen hatte, zu beantragen, als Nebenkläger zugelassen zu werden. t Die verschwundene Hose. Eine tragikomische Geschichte beschäftigte gestern die erste Strafkammer des hiesigen Land- gerichts>. Der Held derselben ist ein ehrsamer Bäckermeister, ein großer Verehrer des weiblichen Geschlechts. So macht es ihm ein Hauptvergnügen, jene Lokale aufzusuchen, die„äußerlich" durch eine farbige Laterne und exotische Namen,„innerlich" durch schlechtes einheimisches Bier, das als„Echtes" zu sehr unzivilen Preisen verzapft wird, auffallen, die ihre Gäste aber durch Bedienung von„zarter Hand" zu entschädigen versprechen. fn einem dieser Lokale war an einem Herbstabend d. I. der crr Bäckermeister tz. Er knüpfte ein Gespräch mit der Kellnerin an, die sich zu ihm gesetzt hatte, zahlte mehrere Glas Bier sür sie und niachte ihr schließlich den Vorschlag, das Lokal zu ver« lassen und ihn zu begleiten. Das Mädcken war damit einver- standen, sie hatte heftige Kopfschmerzen und ihr lag daran, in's Freie zu kommen. Da ihr aber der Wirth die Erlaubniß hierzu nicht bewilligt hätte, wie sie anzunehmen allen Grund hatte, so ersann sie einen Plan, um fich unbemerkt aus dem Zimmer hinauszuschmuggeln. Sie bat den Bäckermeister, ihren Mantel und ihren Hut an sich zu nehmen und hinauszugehen; sie werde ihm dann sofort folgen. Der Bäckermeister war galant genug, diese Gefälligkeit zu erfüllen, er nahm die Klcidungs- stücke des Mädchens von einem Garderobenständer, der im dunklen Hintergrunde des Zimmers stand, weg und verließ un- gehindert das Wirthshaus. Draußen wartete er in einem Hausflur. Es vergingen zehn Minuten, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, das Mädchen erschien nicht. Nack einer Stunde vergeblichen Wartens nahm die Geduld des Bäcker- meistcrs ein Ende und er suchte seine Wohnung auf. Den Mantel und den Hut des Mädchens nahm cr mit, denn cr hatte nicht den Muth, mit diesen Sachen die Restauration zu aus jener Zeit, wo die Sonne in dem spanischen Reiche nie- mals unterging, und zwar aus der Blüthe*eit der spanischen Herrschaft in Mexiko und Süd- Amerika, wo die dortigen Berg» werke noch das Dorado der ganzen Welt waren. Daß jene aber die seltsamsten Sachen enthalten werden, ist anzunehmen, da man damals nur Pracht- und Schaustücke als„curioaa naturae" für wissenschaftliche Zwecke zu sammeln pflegte, lieber allen Reichthum, welcher damals aus den amerikanischen Kolonien über Spanien kam, mochte man an solche Winzig- ketten nicht denken, umsoweniger, als ja heute noch die staat- liche Naturwissenschaft ganz mittelalterig ist und man diese Wissenschaft auch ohne Sammlungen und Laboratorien lehren zu können meinte. In den Reisebriefen der Gebrüder Fraase in Stuttgart aus Süd-Frankreich und Spanien heißt es geradezu: „Welch' ein Verdienst wäre es vom deutschen Kanzler» wenn cr bei der spanischen Regierung ein Gebot von 100000 Frks. auf die uneröffnetcn spanischen Kisten machen würde. Auch die Humboldt'schen Sammlungen seiner amerika- nischen Reise, welche als wissenschaftlicher Tribut an die spanische Regierung abgeliefert werden mußten, befinden sich seit 1804 noch unberührt und wahrscheinlich von Niemand durchstudirt in einem Wandschrank magazinirt." Wie, fragt der Berichterstatter, mag der naturhistorische Unterricht an der Akademie beschaffen sein, wenn solche Dinge mög- lich sind? Aus Rache die Rase abgebissen. Aus Neutra wird dem „Pest. Ll." solgcnder Racheakt berichtet: Die Wittwe Kallinay ließ ihren Pächter Moriz Ungar in Uezbsgh wegen angeblichen Pachttrickstandes excquiren. Die Angelegenheit führte der zu- künftige Schwiegersohn der Kallinay, der Advokaturs-Kandidat Julius Vießt. Ter Pächter wurde durch die gegen ihn geführte Sicherstellung in den Konkurs gelricbcn und riß auch andere zwei Familien, die für ihn in Wechselobligo standen, mit in den Ruin. Für den Urheber seines Unglückes hielt er den Letter der Angelegenheit, an dem er am 1. d. M. auch furcht- bare Rache übte. Für diesen Tag war die Lizitation der Fahr« nisse Ungarns ausgeschrieben. Als Vießt mit dem Beamten in Uezbsgh in das Haus des Exekuten kam, begann erst die Mutter, dann die Frau Ungars einen Wottstreit mit ihm, woraus Ungar dazuttat, die Hände V.'s begütcnd faßte, ihn umarmte und ihm buchstäblich die Nase abbiß. Der Beamte stellte sofort den Gerichtsakt ein, erstattete von dem Vorfalle die Anzeige und brachte den Verwundeten zur Pflege nach Neutta. "betreten und er entschloß sich, sie durch einen Diensimann zurückzuschicken. Ein böser Zufall war eß, der Rosalie, so hieß die Kellnerin, gehindert hatte, ihr Wort zu halten. Gerade als sie im Begriff war, sich zu entfernen, erschien der Sohn des Wirthes und ging an den Garderoben- ständcr, um von dort die„Extrahosen" herunter zu nehmen, die er hingehängt hatte. Tiefe Hosen waren verschwunden. In der Hast, mit welcher der Bäckermeister den Mantel des Mädchens von dem Haken genommen, hatte er nicht bemerkt, daß er dabei die darunter hängenden Hofen mitgefaßt hatte. Der Sohn des Wirthes schlug, entrüstet über den Verlust seiner neuen Unaussprechlichen, Lärm, die Polizei wurde geholt, und das Mädchen, welches Angst hatte, ihr armseliges Brot zu ver- lieren, wagte nicht die Wahrheit zu gestehen, sondern sagte, der Gast, der zuletzt in dem Zimmer gewesen sei, habe die Hosen mit ihrem Mantel zugleich gestohlen. Am nächsten Morgen wurde der Herr Bäckermeister durch den Besuch einiger Kriminalschutzlcute nicht gerade angenehm überrascht. Er erzählte den Hergang und so kam die falsche Denunziation, die ihn getroffen, zum Vorschein- Das Mädchen wurde angeklagt und stand gestern vor der oben genannten Strafkammer. Der Gerichtshof sah den Fall als milde an und erkannte nach dem Antrage des Staatsanwalts auf eine Gefängnißstrafe von einem Monat gegen die Angeklagte. Koziitles und Arbeitervemegttngi. Arbeiterkammer in Oesterreich. In einer Flugschrift Dr. Victor Ad ler's über„die Arbciterkammem und die Arbeiter"(Wien, 1886, Genossenschaftsbuchdruckerei) finden wir den Wortlaut der Resolution mitgetheilt, in welcher die am 20. Oktober in St. Pölten stattgefundcne Volksversammlung Stellung zu dem Plcner'schen Entwurf nahm. Die Resolution lautet:„In Erwägung, daß eine korporative Vertretung der Lohnarbeiter nur dann einen ausgedehnten Werth hat, wenn dieselbe ausgerüstet ist mit ausgedehnten Befugnissen zur Erhebung der Lage der arbeitenden Klasse, zur bestimmen- den Einflußnahme auf die Arbeiterschutzgesetzgebung und ihre ehrliche Durchführung, auf die Ernennung und Kontrole der Gewerbe-Jnspettoren und mit der Machtvollkommenheit, sich der Organe der staatlichen und kommunalen Verwaltung zu diesen Zwecken zu bedienen;— in Erwägung, daß eine zielbewußte Vertretung der Arbeiterschaft nur zu Stande kommen kann, wenn durch die vorbereitende Thätigkeit von Ge- werkvereinenundArbeiterverbänden das Klaffen- bewußtsein ein allgemeines und deutliches geworden ist;— in Erwägung, daß der von liberaler Seite eingebrachte Gesetz- entwurf über die Errichtung von Arbeiterkammcrn diesen Voraussetzungen keineswegs entspricht, seine einzelnen Bestimmungen sowohl, was die Kompetcnzgrenzen der Kammern als was das aktive und passive Wahlrecht in dieselben anbc- langt, vom engherzigsten Bourgeoisstandpunkte und von laien- haftem Dilletantismus dittirt sind; daß Parteien, welche die bei uns geübte Handhabung des Vereins- und Koalitionsrechtes zustimmend oder stillschweigend zulaffcn, der ernste Wille zur Ermöglichung einer Organisation der Arbeiterschaft überhaupt nicht zuzutrauen ist;— in schließlicher Erwägung, daß das winzige Ausmaß von parlamentarischer Vertretung, welches der Gesetzentwurf den Arbeitern gönnt, durch den indirekten Wahlmodus nicht geeignet ist, den wichtigsten und wesentlichsten Vottheil des allgemeinen Stimmrechtes— die Ermöglichung der politischen Erziehung und der freien Diskussion— zu erfüllen, erklärt die heutige Volksversammlung, daß der am 5. Ottober eingebrachte Gesetzentwurf über die Errichtung von Ärbeiterkammern in keiner Weise den Anforderungen, welche an eine zweckdienliche Vertretung der Interessen der Lohnarbeiter gestellt werden müssen, entspricht und daß das Proletariat seine bestimmte, immer und immer wiederholte Forderung nach dem a l l g e- meinen, gleichen und direkten Wahlrechte niemals für daS Linsengericht eines dürftigen Zubaues an die gegenwärtige Interessenvertretung aufgeben werde. In den Zentralwerkstätten der Staatseisenbahnen zu Chemnitz ist vor einigen Tagen der 4000ste Wagen hergestellt worden. Seit dem nunmehr 10 jährigen Bestehen dieser Fabrik wurden 250000 Zentner Stahl und Eisen und 8000 Kubikmeter Holz gebraucht. Ten Arbeitern aber wurde aus Anlaß „dieses Ereignisses" das übliche Verbrüderungsfest zwischen Kapital und Arbeit gegeben. Solange nämlich m den Staats- Werkstätten nach den Prinzipien der Privatindustrie produzirt wird, steht der Staat dem Arbeiter genau so wie der Privat- kapitalist gegenüber. Deshalb sollen auch hier die bekannten Verbrüderungsfeste aushelfen. Bekämpfung der Sonntagsruhe. Auch in Holland ist der Kampf um die Sonntagsarbeit entbrannt. Die Kammer beschäftigt sich mit dieser Frage. Petitionen für und gegen treffen in Hülle und Fülle ein. Eine sehr interessante haben die Diamantarbeiter Amsterdams gegen Einführung der Sonn- tagsruhe eingereicht. Dieselben heben nämlich hervor, daß dort zur Zeit 60—70 Dampfdiamantschleifereien im Betrieb stehen, in welchen 6000—7000 Arbeiter thätig sind. Außerdem sind noch Hundertc von Männern, Knaben und Mädchen bei diesem Gewerbszweig beschäftigt, dessen Umfang übrigens zur Genüge aus dem Umstände hervorgeht, daß die betreffenden Arbeiter zwei Hilfskassen für Wittwen und Waisen besitzen, deren Ge- sammtreserve 220000, bezw. 30000 fl. beträgt, zwei weitere ähnliche Kassen nicht mitgerechnet, für welche genaue Angaben fehlen. Nun gehören von den gedachten Arbeitern sieben Achtel der israelitischen Religion an, welche be« kanntlich den Sonnabend als ihren Feiertag bettachtet. Wenn nun die Vorlage des Justtzministers zum Gesetze erhoben würde, würden diese Leute auch den Sonntag feiern müssen, was natürlicherweise nicht ohne Einfluß auf die Konkurrenz- fähigkeit der Amsterdamer Diamantindustric bleiben würde. Die Lösung dieser Frage ist allerdings von einigem Interesse. Kleine Mittheilungen. Mannheim, 4. Dezember. Ein Mord und Selbstmord bat heute wieder einmal unsere Stadt in Aufregung versetzt. Ein in der Kaufmann'schen Kunstmühle beschäftigter Arbeiter, Namens Bechtbold, hat seine seitherige Geliebte, Hortensia Matt, die das Verhältniß zu ihm gelöst hatte, tödtlich verwun« det und sich selbst entleibt. Die Matt arbeitete als Näherin bei einer im Quadrat Q 4. 23 wohnenden Frau Liebtteu, welche gegen 1 Uhr ihre Wohnung auf kurze Zeit verließ, um nach dem Bahnhof zu gehen. Um die gleiche Zeit begab sich Becht- hold in die Wohnung derselben, drang unter Drohungen mit einem Rasirmetzer auf seine Geliebte ein und versetzte derselben einen fürchterlichen Schnitt, vom Auge ausgehend, am Ohr her* unter durch den vorderen Theil des Halses. Mit dieser entsetzlichen Verwundung sprang das Mädchen die Treppe hin« unter in die im gleichen Hause befindliche Sänger'scke Witth- schaft und fiel bluttibersttömt und ohnmächtig am Büffet zu- sammen. Inzwischen hatte sich Bechthold mit der gleichen Waffe die Schlagadern am Hals tief durchschnitten und ver- starb nach wenigen Minuten. Die schwerverwundete Matt wurde nach dem allgemeinen Krankenhaus gebracht und ist trotz der sofortigen Hilfe gleichfalls verschieden. Zürich, 5. Dezember. Ein Opfer der Maschine wurde vor« gestern in Unterhittnau der 48jährige Boller, indem ihm der Arm an der Achsel weggerissen wurde, als er den Treibriemen an der Holzfraise in das Rad des Wendelbaumes leiten wollte. — In Muhen(Aargau) wurde Fabrikarbeiter Lüscher durch den Genuß von Pferdefleisch vergiftet. Derselbe kaufte sich Anfangs dieser Woche„Schwartenmagen" bei Pferdemetzger Hertier m Winterthur. Frau, Tochter, Mitarbeiter, sowie ein paar Nach- barskinder labten sich dann mit ihm an dem Fleisch. In kürzester Frist stellte sich Unwohlsein, dann Durchfall und Erbrechen bei ihnen ein. Lüscher starb Donnerstags, die Andern glaubt man retten zu können. Die Verhaftung des Metzgers wurde verfügt. Theater. Dienstag, den 7. Dezember. Opernhaus. Lucia von Lammcrmoor. Echauspielhaus. Die Unterschrift des Königs. Dann: Verstand und Leichtsinn. Deutsches Theater. Der schwarze Schleier. Kriedrich-WUHelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Btttoria-Theater. Amor. Osteud-Theater. Das neue Gebot. Nefidenz-Theater. Georgette. Zentral-Theater. Der Waldteufel. Belleallianee-Theater. Die schöne Helena. Walhalla-Theater. Don Cesar. KSuüstiidtisches Theater. Von Schrot und Korn. Naufmann's Varietee. Spezialitäten- Vor- stellung._, Amerikan-Theater. Spezialitäten-Vorstellung. NeichShallen» Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Toncordia• Theater. Spezialitäten« Vor- stellung. Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Thcater.) Wallnertheaterftt. 15. Der NaMo und seink/amilie. Schauspiel in 5 Akten von S. E. Belphegor: Herr Tragau. Madelaine: Frl. Häser. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Vor der Vorstellung: Großes Concert, �0 ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung ves Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Concerts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7',, Uhr, Sonntags 7"» Uhr. DaS Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen. en-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Dresdenerstt. 72/73. Zum ersten Male in Berlin: AntiUen-Ueger-KarnWane. Anthropologische Sehenswürdigkeit.(IsPersonen.) Krothers Foreft, Mufikal-Clowns. Nelson«nd Ulaqthorn, Ejrcentric-Clowns. Mr. Uizarra», Kraftprodukttonen an den ind. Ringen. Mr. Konnettq mit seinen dressirten Tauben, Katzen, Ratten-c. MiegelsKalletseseUschaft. 12 Damen, 2 Herren. Paula a. Fudwig CeUü.im. Gugeu Zocher. Kassenöffnung 64 Uhr. Anfang 74 Uhr. Reise am schönen Rhein. Wanderung d. d. Riesengebirge. Hertha-Reise.— Carolinen-Inseln. Weihnachts-Ausstellung. Das Leben Jesu. Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Herberge«. Merkehrs» M*«okal sowie Zentral-Ar- 1»beitonachwel« de» Fach- ▼ � verein» der Tischler O« Plumen strafte 56. Die Hlrbeits- Vermitteluim geschieht unentgeltlich. Adressenausgabe an Wochentagen von 8'/, bis S'/, Uhr Abends. 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Erzählungv.E.Langer. — Der S«»ps zwischen Fenee n. Woffer in der Welt.$0« P. D9m. Köhler.— Wie»an ein« Million»erdient.— Flie- gend« Blätter(humoristisch). AI* Grati«- Keilagen: 1. Lneia. 3. Mutter, liiit. 2. Blanche. 4. Die beide» Alte». Li» Wandkalender. -= üvei» 50 Pf.=- Zu beziehen durch die Expeditton dies. Zimmersttaße 44. Wiederverkäufern Kild Hauer verlangt K. straße 38 U bei Suffmann. N-s». Uergoldrr auf Silber verlangt Reich enbergersttaße 114. Benmtoorttith für den politischen Theil�und Soziales?!ax Für Klavierarbeiter Peklw- befin zu jeder Vellage zum Berliner Volksblatt. Mr. 280. Dirnstag. de« 7. Dezember*880. 8 Jahrg. Die ftrfo�tpa&f im er|len fiertiner JleiAstagBipaWtreife ist»Iba Erwarten bereits mit dem ersten Anlauf entschieden und jwar zu Gunsten des D cuts ch- Freisin ni g en Klotz. Wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten der Ar- deiterpartei in ihrer Agitation bereitet worden sind, weil ihr die Flugblätter konfiszirt wurden, weil sie nur eine Versammlung, zur Ernennung ihres Kandidaten, abhalten konnte, so «ird man die von ihr erzielten Erfolge noch immer über Er- «arten günstig nennen müffen. Während die Stimmen aller undnen Parteien gegen die Wahl vom 28. Oktober 1884 zurückgegangen find— die der Freisinnigen *on 8,428 auf 7209, die da Konservativen von #754 auf 4783— find die sozialdemokratischen Stimmen «s nahezu das Doppelte angewachsen! Mögen die Gegner «den, was sie wollen, das ist ein nicht zu untaschätzenda Er- folg, und wmn die sozialistische Stimmenzahl weita in gleichem Maße wächst, so wird die Arbeitapartei sehr bald auch im asten Kreise eine ähnliche Stellung einnehmen, wie in den undaen Baliner Bezirken. Ein wahrhaft jämmerliches Fiasko haben die Nationalliberalen erlitten: ihr Kandidat ahielt im Ganzen 486 Stimmen. Hoffentlich verzichten sie «unmehr auf Baliner Kandidaturen! Das Gesammtresultat da gestrigen Wahl war folgendes: Klotz(deutschfreis.).. 7209 Stimmen Gerold(kons.)... 4783„ Christensen(Sozialist) 1454„ Marggraf(natliba.). 486„ Zersplittert und ungiltig 63» Gewählt ist sonach der Kandidat der deutschfreisinnigen Vsrtet. Landgerichtsrath Klotz. P arlamentsverichte. Deutscher Reichstag. 7. Sitzungvom 6. Dezember, 12 Uhr. tlm Tische des Bundesraths v. Boetticher, Jacodi, Bronsart v. Schellendorff, v. Haenisch. Eingegangen ist die Uebersicht der vom Bundesrath ge- faßten Entschließungen auf Beschlüffe des Reichstages aus der 2. und 3. Session dieser(der 6.) Legislaturperiode. Zunächst steht der Gesetzentwurf, betreffend den Servis- tarif und die Klasseneintheilung der Orte zur ersten Be- rathung, durch welche nicht da Tarif, sondern nur die Ein- iheilung geändert waden soll. Die neue Eintheilung soll mit den, 1. April 1887 in Kraft treten und von diesem Jahre ab, ebenso wie der Tarif von 10 zu 10, statt wie bisher von 15 tu 15 Jahren revidirt werden. Für das Etatsjahr 1887—88 Webt sich daraus ein Mehrbedarf von 943 852 M., davon 275904 M. für die Post- und Telegraphen-, 30 792 M. für die Reichs-Justiz-, da Rest für die vaschiedenen Militärva- Haltungen. Der Klasse A. werden neu zugetheilt Breslau, S�ln und Leipzig, der Klasse l u. A. München(früher Ii.) Münster, Bromberg, Thorn; dagegen aus Klaffe 1«. in die IT. Zersetzt u. A. Wehlau und Meppen. Abg. Sattler(nat-lib.) beantragt, die Vorlage an die �udgetlommisston zu überweisen, in welcher sie sich bereits in d« vorigen Session befand, aber wegen Schlusses des Reichs- %es nicht erledigt werden konnte. Abg. Tröndlin(nat.-lib.): Die Budgetkommisflon da verflossenen Session hatte davon Abstand genommen, die Städte Leipzig, Köln und Breslau in die Sennskaffe A zu versetzen, Peü dies für andere Städte eine bedeutende Mehrbelastung zur L°lge haben würde. Es handelt sich hier aber nickt um eine NM da Billigkeit, sondem da Gerechtigkeit. Mit welchen Gefühlen muß ein Beamter in diesen Städten sehen, daß seine Bezüge geringa sind, als die der Beamten anderer Städte, je B. Dresdens, m denen das Leben billiger ist. Und es Sandelt sich nicht blos um höhere, sondern auch um niedere «eamte. Möge die Kommission für die berechtigten Wünsche dieser Städte Wohlwollen beweisen. .Abg. Baumbach(dtsch.-freis.): Sparen wir doch die Be- rathung der Details für die Kommission auf. Lader ,st die Zorlage unverändert ohne Rücksicht auf die Baathungen und Beschlüsse unsaer früheren Kommission eingebracht, die sralich 1!% die Regierungen nicht bindend find, aba einige Berück fich- «gung doch wohl verdient hätten, z. B. der Hinweis darauf, daß die Vorlage die Volkszählung von 1885 noch nicht beruck- Wt,gt hatte. In da Zwischenzeit konnte man doch diesen �langel ergänzen. Die Arbeit da Kommission ist völlig va- Äsdlich geworden. Die Versetzung Leipzigs in eine höhere Klasse würde alladings Konsequenzen nach sich ziehen, welche M Kommission nicht glaubte verantworten zu können. Trotz- dem ist es ja richtig, daß Leipzig mit andaen Städten, namcnt- mit Dresden vaglichen, in eine höhae Klasse gehören wurdx. Da Fehla liegt darin, daß man die Hauptstädte der �nttelstaaten aus eina gewissen Kourtoiste von vornhaein in ?ie Klasse A. hinübanahm. In Augsburg und Nürnbag ist das Leben theurer als in München. Wenn man sich überhaupt a"l Konsequenzen einlassen wollte, so würde eine immer die Mae nach sich ziehen und wir hätten eine Schraube ohne Ende. Man soll nur dann neue Erhöhungen eintreten lassen, die Nothwendigkeit unbedingt nackgewiesen ist. Wenn in da Kommission das Prinzip da Sparsamkat voll und Mnz zur Anwendung bringen, so dürfen wir hoffen, dafür auch Zustimmung des Plenums zu finden. n,. Staatssekretär v. Boetticher: Ich mochte nicht den Vor- Züt auf dem Bundesrath sitzen lassm, als ob er die Vorlage 5 dies« Session einfach von neuem hätte abdrucken lassen, und tÄrs;9 ääs <%%%%%'%% ää! L.Mg gekommen, daß inzwischen keine Aenderung der Vcr- fcS'ffe eingetreten ist, welche eine andere Lozming der Mte nothwendig machte. Die Arbeit der voriahngm tun»- viisfion ist auch keine vergebliche gewesen; ihre Pru- �"n vorigen Jahre wird, wenn sie anders eine sachliche �Meson ist, ja auch in da gegenwärtigen Kommission leicht zur IftA* 8 5U bringen sein und m eina kürzeren Berathung viel- SWä s?u demselben Ergedniß führen. Was insbesondere die der, Hungen anlangt, welche etwa auf Grund der Ergebnisse «Wen Volkszählung vorzunehmen gewesen wären, so sind die Grundsätze, nach denen die Lozirung erfolgt, keineswegs in dem Sinne bindend, daß eine Stadt, die eine bestimmte Anzahl Einwohner hat, nothwendig in eine bestimmte Servis- klaffe lozirt werden muß. Die Einwohnerzahl ist nicht allein maßgebend, sonst hätten wir bei da Lozirung ja nur ein kal- kulatorisches ,Excmpel vorzunehmen. Die Hauptsache find die Theuerungsvcr Hältnisse, die Preise der nothwendigen Lebens- mittel. Und da kann es vorkommen und kommt es vor, daß Orte, die auf Grund ihrer Einwohnerzahl eina höheren Klasse zu- gehören würden, einer niederen Klasse zugezahlt werden und umge- kehrt. Die Volkszählung von 1885 konnte also nicht absolut vc- stimmend sein. Man hat das Ergebniß derselben im Bundes- rath gleichfalls geprüft und ist trotzdem zu der Ueber- zcugung gekommen, daß die Lozirung der vorjährigen Vorlage die richtige ist. Aus diesen Gründen mußte der Bundesrath die alte Vorlage wieder einbringen. Was die Versetzung Leipzigs anbettifft, so ist die Kommission der Ort, derartige Wünsche zum Ausdruck zu dringen. Jeder hat ja sein Lieblingskind und wird sich dafür interesstrcn, daß es möglichst wohl gebettet ist. Im Allgemeinen ist es mein Wunsch wie der des Bundesraths, daß Lapzig in die Klasse A gesetzt werden möge. Abg. Windthorst erklärt sich mit da kommissarischen Berathung einverstanden, die auch vom Hause beschlossen wird. Der Gesetzentwurf, betreffend die Kontrole des Reichs- Haushalts und des Landeshaushalts von Elsaß-Lothrtn- gen für das Etatsjahr 1886—87 wird in erster und zweiter Lesung ohne Debatte unverändert angenommen und die Denkschrift über die Ausführung der seit 1875 erlassenen Anleihegesetze durch Kenntnißnahme für erledigt erklärt. Hiaauf beginnt die zweite, die Spezialberathung des Reichähaushaltsetats für 1887 88. Ohne Debatte wird der Etat des Reichskanzlers und der Reichskanzlei erledigt. Beim Etat des Reichsamtes des Innern(Titel 1, Staatssekretär des Innern) verlangt das Wort Abg. Lingens(Zentrum): Der uns vorgelegte General- bericht der Fabrikinspektoren zeichnet sich durch Knappheit aus, aber manches Interessante berührt a garnickt; so die Zahl der be- suchten Betriebsstätten innerhalb der Bezirke, und vor Allem die Frage der Sonntagsruhe und Sonntagsfcier. Dies kann kein Zufall sein, sondem muß auf eina höheren Anordnung beruhen. Dann vermisse ich die individuellen Aeußemngen da Fabrikinspektoren, welche oft ungemein werthvoll sind. Umar- beitungen der ursprünglichen Berichte nach der Schablone können uns nicht genügen. Bei diesa Lektüre wird uns wie- da recht klar, wie viel noch zum Schutze der Arbeiter gesetzlich zu thun ist. In der Oberpfalz bleiben die Schleifer und Polirer von Spiegelglas von 4 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends ununterbrochen bei der Arbeit. Nur Sonntags kommen sie zu einem richtigen Schlaf. Da wird jedes Familienleben unmög- lich, ein unerträglicher Zustand! Die sittlichen Gefahren der Rlädchen- und Frauenarbeit werden in dem Bericht aus dem Düffeldorfer Bezirk grell beleuchtet. Die gesetzlich verbotene Nachtarbeit der Arbeiterinnen wird durch die sogenannten Ucba- stunden umgangen. Der schamlosen Ausnutzung der Arbeits- traft muß die Gesetzgebung energisch entgegentreten und ich freue mich, daß der'Abg. Lieber wiederum Anträge zum Schutz der Arbeiter eingebracht hat. Von guter Wirkung wür- den regelmäßige Konferenzen da Fabrikinspektoren hier in Berlin sein, um ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete auszutauschen und praktische Vorschläge zu machen. Der Bericht da Fabrikinspektoren der Schweiz, der ebenso wie da österrachische dm unsrigen weit übertrifft, enthält eine sehr bcherzigenswathe Mittheilung üba den Werth gemein- samen Arbeitens der Inspektoren. In Folge des Rückganges der früher blühenden Plattstichstickerei herrschte unter den Ar- beitem in dieser Branche große Aufregung. Um nun der drohen- den Gefahr zu begegnen, haben die Arbeitgeber in St. Gallen einm Vacin gebildet und auf Anregung des Fabrikinspektors die Arbeit und den Arbeitslohn in einer die Arbeita zufrieden- stellenden Weise gacgelt. Dieses Beispiel verdient Beachtung und Nachahmung. Staatssekretär v. Boetticher: Ich gebe zu, daß der Ge- neralbcricht da Fabrikinspektoren nicht über jeden Zweifel a- haben ist und nicht allen Wünschm entspricht. Wir haben ihn aber gerade haausgegeben mit Rückficht auf die Verhandlungen da frühaen Jahre. Man setzte an da bisherigen Form der Mittheilung der Berichte aus, daß sie ein weitschweifiges, zu vollständiges, unübersichtliches Material biete, welches das Stu- dium in speziellen Fragen außerordmtlich aschwere. Ich habe im vorigen Jahre namentlich auch gegenüber da Exemplifikation auf den Bericht des österreichischen Generalgewerbeinspektors mich zu dem Versuch bereit erklärt, aus den einzelnen Berichten einen Generalbericht fatigen zu lassen und dadurch die lieber- ficht zu aleichtem, gleichzeitig aber auch die Berichte cm Original oda in Abschrift an den Reichstag ge- langen zu lassen, damit die Kontrole des Generalberichts und zugleich ein eingehendes Studium einzelna Fragen möglich sei. Nun weiß ich sehr wohl, daß damit nicht allen Wünschen genügt ist, und ich bin sehr gem baeit, wieder zu dem früheren Verfahren zurückzukehren, und die Origlnalberichte vertbeilm zu lassen, wenn der Reichstag ein Votum nach diesa Richtung abgiebt. Die Wünsche einzelner Mitglieda in Bezug auf die Zweckmäßigkeit des Abdrucks der Originalberichte können sehr verschieden sein. Vielleicht genügt gerade der Generalbaicht Vielm wegen seina Handlichkeit und Kürze(sehr richtig!) Deshalb müßte ick mich bei einer Aenderung auf ein Votum des Reichstages stützen können. Da Vorredner hat in dem Bericht eine Angabe üba die Zahl der besuchten Betriebs- stättcn innerhalb der einzelnen Fabrik-Jnspektionsbczirke ver- mißt. Diese Lücke mag als Mangel empfunden werden, erklärt sich aber dadurch, daß sich in den Originalberichten auch nicht die Zahl der Besuche überall vorfindet, und daß die Dampf- kesselrevifioncn in dem einen Baicht der Zahl da Besuche zu- gerechnet werden, in dem anderen nicht. Wenn aba der Vor- redner in dem Genaaldcricht Notizen üba dm Umfang da Sonntagsarbeit in den Fabriken vamißt, so hat a übersehen, daß wir immer noch mit da Bearbeitung der großen Enquete über die Sonntagsarbeit beschäftigt sind. Wenn er sich nur noch einige Monate gedulden will, so wird dem Reichstage das reichhaltige Material über dm Stand der Frage im Lande zugehm, welches ein Urthal gestatten wird, ob und was in dieser Beziehung im Wege da Gesetzgebung etwa vorzunehmen sein möchte. Daß die individuellen Aeußerungm der einzelnen Fadrikinspektorm in denc Genaalbericht nicht ausreichend zur Geltung kommen, ist alladings ein Uebelstand, der sich kaum wird vermeiden lassm, es sei denn, daß wir zu dem frühaen Verfahren zurück- kehren. Man hat den Vadacht ausgesprochen, als ob man bei da Zusammenstellung nicht objektiv, und wenn nicht nach einer bestimmten Tendenz, so doch nack einer bestimmten Richtung hin vorgeganam sei. Ich kann vasichem, daß da Verfassa den strengste» Auftrag gehabt hat, sich gewissenhaft an die Sache zu halten, d. h. NM das aufzunehmen, was sich aus dm einzelnen Berichten ergiebt. Ich möchte auch glauben, daß die individuelle Aeußerung weniger Werth hat als eine objektiv gehaltene fach- liche Zusammenfassung dessen, was die Berichte enthalten. In Bezug auf wirksamere Vorschriften zum Schutze der Arbeiter setzt der Bundesrath seine Bemühungen fort. Es sind im letzten Jahre wieda Schutz» Vorschriften erlassen worden. Auf die Regelung der Arbeitszeit, die Sonntagsarbeit u. s. w. gehe ich besser bei der Besprechung der gewerblicken Anträge und der erwähntm Enquete ein. Der Vorschlag, Konferenzen der Fadrikinspektorm zum Zweck eines gegenseitigen Meinungsaustausches zu be» rufen, ist mir sehr sympathisch, aber ich glaube, wir werdm schwerlich ohne eine Aenderung der Gesetzgebung diese Maß» regel ins Auge fassen können. Tie Fabrikinspektorm find Landesbeamte, und deshalb muß die Reichsverwaltung in dieser Beziehung mit einiger Vorsicht vorgehen. Ick bin z. B. nicht sicker, ob nicht ein großer Theil der Fraktionsgenossen des Herrn Lingens es bedenklich finden würde, wenn nun von Reichswegen die Landesbeamten von Bayern, Württemberg hierher zitirt würden. Aber ich lasse die Frage offen. Wir werden nicht nachlassen, soweit es im Interesse der einhatlichm Ausübung der Rcichsgesevgebung erforderlich ist, mit Jnstruk- tionen vorzugehen und die einzelnen Bundesregierungen auf diejenigen Punkte aufmerksam zu machen, deren Erörterung und Ergründung dcirch die Fabrikinspektoren erforderlich ist. Wir werden namentlich auch alle die Wünsche, die im Laufe einer Rcichstagssesfion als erörternswerth bezeichnet werden für die folgenden Jahre, dm Regierungen als solche hinstellm, auf die wir in dm Berichten der Fabrikinsvektoren besondam Werth gelegt zu sehen wünschen. Damit werden die Klagm des Vorredners von Jahr zu Jahr gainger werden. Abg. Banmbach(deutsckfr.): Auch ich halte diese neue Form der Zusammenstellung der Berichte der Fabrikinspektorm für keine besondas vortheilhafte. Ein solcher Generalbaicht entspricht durchaus nicht denjenigen Erwartungen, welche ich hegte. Der österreichische Generalbaicht, ausgezeichnet durch außerordentliche Klarheit und Uebersichtlichkeit, faßt die leiten- den Gefichtspuukte zusammen und bringt die Hauptcrscheinungm auf dem Gebiet des Arbeitsschutzes zum Ausdruck. Der Zm» tralgewerbeimpektor ist dazu im Stande, weil er das ganze Jahr hindurch mitten in den Tingen steht, während der Va» fasser unseres Generalberichts am Schluß des Jahres die va» schiedenm Berichte zusammennimmt und mit Papicrscheere und Kleister den Gmeralbericht zusammenstellt. Wir sollten eine Zentralstelle für die Fabrikinspektoren schaffen, wenn auch nur in der Weise, daß bei dem Reichsamt des Innern eine solche Zentralisation stattfindet. Konferenzen oder Kongresse von Fabrikinspektorm könnten ebenfalls von Nutzen sein. Manche Berichte würden dann allerdings an Ociginalität einbüßen. So ist der Fabrikinspettor des kleinsten deutschen Bundesstaats zu einem sehr originellen Vorschlag gekommen. Er beschäftigt sich in seinem Bericht eingehend mit da Frage, ob es nicht möglich sei, die Frauen und Mädchen besser für den häuslichen Beruf und für die Ehe vorzu- bereiten und kommt zu dem Schluß, daß die Arbeiterinnen bei ihrer Verheirathung nachweisen müßten, daß sie zwei Jahre im Dienst gestanden oder sich bei einer anderen Gelegenheit für ihren Beruf als Hausfrau tüchtig vorbereitet haben(Heiterkeit). Das ist ein Stück von dem Befähigungsnachweis, womit Herr Ackermann die Handwerker beglücken will. Was nun den Ge» neralbericht selbst betrifft, so bin ich weit entkernt, ven Vorwurf zu erheben, daß a irgendwie tendenziös gefärbt fei. Aber die Mitarbeiter des Rcichsamts des Innern sind doch auch Mmschm und der Herr Staatssekretär ist doch auch ein Mensch(Heiter- keit) und zudem noch ein begeisterter Verehrer der Wirthscha'ts» Politik des Herrn Reichskanzlers, und seine Mitarbeiter vertreten denselben Standpunkt. Es liegt doch sehr nahe, daß man sich bei Ausarbeitung eines solchen Berichts durch seine allgemeine wirthschaftliche Anschauungsweise einigermaßen leiten läßt. Der Chemnitzer Bericht sagt: von einem flotten Geschäftsgang da Textilindustrie für das ganze Jahr ist nicht zu sprechen, erst am Schluß des Jahres wurde das Geschäft lebhafter, wenn auch nicht lohnend. Im Generalbaicht heißt es: Der Geschäftsgang war zwar nicht flott, wurde jedoch am Schluß ledhafter.- Diese Tarstellungk» weise weicht von der erstecen doch etwas ab. An eina anderen Stelle werden die Zölle in Verbindung gebracht mit da Errichtung zweier neuer Fabriken in der P'alz. Da Generalbericht hat viele Lücken, aber auch vieles Uederflüssige. So steht z. B. im Anhang die Ansprache eines Fabrikinspettors an die Arbeiter einer Fabrik, worin er sie vor dem Genuß von Schnaps warnt und ihnen den Genuß von Kaffee, Bier und Apfelwein empfiehlt(Heiterkeit). Schließlich noch eine Frage: wie steht es mit der Resolution, die wir im vorigen Jahre nahezu einstimmig faßten, und welche auf eine Vermehrung der Fabrikinspektoren und Verkleinerung der Fabcikinspektionsbezirke hinzielte? Ich höre zu meinem Bedauern, daß der Bundcsrath nicht auf diese Resolution eingehen will. Ich glaube, wir müssen in diesem Jahre auf diese Resolution zurückkommen. Was wir besonders beklagen, ist, daß unsae Fabrikinspektoren nicht die- selbe Vertrauensstellung zu den Fabrikanten und Arbeitern genießen, welche die österreichischen bcfiven, die denn auch auf die dortigen Arbeitsverbältnissc auf das Wohlthätigste eingewirkt haben. Unsere Bezirke sind viel zu groß, als daß die Inspektoren sich mit den einzelnen Arbeitcrkreiscn befreunden und nähere Fühlung mit denselben nehmen könnten. Im österreichischen Abgeordnetenhaus hat ein Herr, da Vielen von uns persönlich befreundet ist, Freiherr v. Kübeck, die österreichischen Gcwcrbeinspektoren als einen Lichtpunkt in der ganzen österreichischen Gewerbegesetzgedung bezeichnet und sich ausdrücklich gegen Zwangsinnunpen und den Betähigungs- Nachweis erklärt. Es wäre sehr zu wünschen, daß auch bei uns das Fabrikinspektorat sich so entwickelte und die büreaukratische Stellung des Fabrikinspcktors eine Vertrauensstellung werden möchte.(Beifall links.) Staatssekretär v. Boetticher: Ter&ar Vorredner hat sich dahin ausgesprochen, daß der Chef des Reich-amts des Innern ein begeisterter Anhänga der Wirlhschaftspolitik des Herrn Reickskanzlas sei, natürlich auch die Beamten des Reichsamts in dieselbe Kerbe schlagen. Dagegen will ich bemerken, daß der Verfassa des Baichts gar kein Beamter ist und bestimmte Weisung erhalten hat, nur sachlich objektiv seine Zusammen- stellungen zu machen. Wenn nun doch einige Stellen üba Handels- und Gewerbepoliiik Urtheile enthalten, so erklärt sich dies daraus, daß diese Urtheile auch in den Einzclberichten enthalten waren, aus denen der Generalbericht zusammen- gestellt ist. Im Uebngen bin ich der Meinung, daß eS dem sachlichen Jntacsse gar nicht entspräche, wenn solche Urtheile in die Berichte aufgenommen werden.(Sehr richtig! links.) Ich werde dafür sorgen, daß in Zukunft die Fabrik- mspcktoren ledrglcch über Thatsachcn berichten.«Sehr gut! links.) Was nun die Resolution auf Vermehrung der Fabrikinspektoren anlangt, so wünscht da Herr Vorredner das Schicksal diesa Resolution zu erfahren. Ich weiß nicht, ob die Mittheilungen fibcr die Beschlüsse des Bundesrath auf die Resolutionen deS Rcichstafls eingeganffen sind.(Zuruf links: gestern!) Der Beschluß des Bundesraths lautet dahin, daß der Resolution keine tolge zu geben sei.(Zuruf links: Warum?) Das ist sehr klar! !ie Fabrikinspektoren find Landcsbeamte; macht sich daher das Bedürfniß einer Vermehrung dieser Beamten geltend, so ist die Befriedigung desselben Sache der Einzel-Landtage.(Sehr richtig!) Das Reich kann nach der gegenwärtigen Lage der Gescvgebung nichts dafür thun.(Beifall rechts.) Abg. Heine(Sozialist): Der Gencralbericht ist durchaus einseitig abgefaßt; er enthält schönfärberische Redensarten in Bezug auf die Mißstände in den Fabriken und andererseits Fußtritte für die deutschen Arbeiter; er ist eine Streitschrift wider die Sozialdemokratie, welche natürlich an Allem schuld ist. Die wohlwollenden Antrüge des Zentrums werden in diesem Bericht auf's Grausamste perhorreszirt; weder der schweizerische noch der österreichische, geschweige denn der englische Bericht enthält so viel Hetzmaterial gegen die Sozialdemokraten. Ich protestirc im Namen des deutschen Arbeiterstandes gegen die Fußtritte, die er in diesem Bericht erhält, und Namens meiner Partei gegen die Beleidigungen, die gegen die Sozialdemokratie und besonders gegen ihre Führer ausgestoßen sind. Ter Bericht konstatirt mit Recht eine Per- bcsserung der Lage der Fabrikanten, die Lage der Arbeiter ist aber eine tief betrübende. Das einzige Gute in dem Bericht ist, daß er konstatirt, daß„sie sich noch nicht gegen früher ver- schlechtert" habe. Die Zahl der Fabriken, in welchen Kinder von 12 bis 14 Iahren beschäftigt werden, hat zugenommen; eine große Anzahl von Meistern nimmt mehr Lehrlinge an, als sie ausbilden können. Was sagen nun die Fabrikinspektoren dazu? Daß eine Verbesserung eintreten müsse? Keineswegs, sie zucken einfach die Achseln und sagen, es sind zwar Mißstände vorhanden, aber das lasse sich einmal nicht ändem. Das Schlimmste ist, daß es anscheinend mit den bestehenden, ohne- hin nicht ausreichenden Vorschriften zum Schritz der Frauen und Kinder in den Fabriken nicht einmal genau genommen wird. Redner geht in seinen weiteren Darlegungen auf die Einzelheiten des Berichts ausführlich ein, wobei er namentlich fast alles aus dem Plauen'schen Bezirke Beigebrachte zitirt, und kommt zu dem Schlüsse: die Fabrikinspck- toren haben nachgerade das Vertrauen der Arbeiter verloren; es herrscht bei ihnen die Meinung, daß die Inspektoren nur zur Unterdrückung des Arbeitcrstandes vorhanden und ein dienst- williges Werkzeug der herrschenden Klassen find.(Beifall bei den Sozialdemokraten.) Abg. Kalle(nat.-lib.): Ich dedauere, daß der Bundesrath sich gegenüber dem vorjährigen Beschlüsse des Reichstags aus Vermehrung der Fabrikinspektoren ablehnend verhalten hat. Der Hinweis darauf, daß die Fabrikinspektoren Beamte der Einzelstaatcn seien, auf deren Ernennung die Reichsregicrung keinen Einfluß habe, trifft nicht zu, da der Reichskanzler in der betreffenden Resolution nur ersucht wurde, bei den Einzek- staaten auf eine Vermehrung der Inspektoren hinzuwirren. Wenn der Reichskanzler der Anficht war, daß es an sich wün- schenswerth sei, die Zahl der Inspektoren in gewissen Be- zirken, insbesondere Preußens, zu verwehren, so wäre es ihm bei seiner maßgebenden Stellung nicht schwer ge- wcscn, diesen Zweck zu erreichen; er brauchte sich ja nur an den preußischen Ministerpräsidenten zu wenden.(Heiterkeit.) Ter Abgeordnete Baumbach hat sich, um ein gewisses gleichmäßiges Verfahren der Inspektoren herbeizuführen, für periodische Konferenzen derselben ausge- sprochen. Ich freue mich, daß der Herr Staatssekretär sich diesem Gedanken sachlich freundlich gegenübergestellt hat, und hoffe, daß es trotz gewisser Bedenken möglich sein wird, unserem Wunsch zu entsprechen. Das Bestreben der Berussgenossen- schaften, durch Erlaß von Vorschriften auf Verhütung und Minderung der Unfälle hinzuwirken, muß dankbar anerkannt werden; die Anfänge, die hierin gemacht find, lassen das Beste erwarten. Die Form des Gencralberichts entspricht vollkommen dem von uns gewollten Zweck der Uebcrflchtlichkeit, und dem, der die Verhältnisse der Arbeiter innerhalb einer gewissen Land- fchaft kennen lernen will, sind ja die Originalbcrichte gleichfalls zu- gänglich. Es kann den Einzclstaaten überlassen bleiben, falls es das Interesse erfordert, die Einzelberichte besonders heraus- zugeben; so werden die Berichte der sächsischen Fabrikinspektoren für das Königreich Sachsen extra veröffentlicht. Bedenklich wäre der Gencralbericht nur, wenn bei der Bearbeitung der einzelnen Dheile tendenziös verfahren würde. Ich habe ihn daraufhin sorg- fältig geprüft, aber an keiner Stelle die bewußte Absicht, den Gegen- stand irgendwie vorn Parteist and punkt zu deHandeln, hervor- treten gefunden. Bei dem ablehnenden Verhalten der Regierung gegenüber unseren Wünschen auf eine Verschärfung der Arbeiterschutzgesetzgebung hätte sie doch darauf hinwirken können, daß die thatsächlichen Verhältniffc der Arbeiter nicht zu düster dargestellt werden. Bei einem sorgfältigen Vergleich des Ge- ncralbcrichts mit den Spezialbcrichten habe ich aber gefunden, daß in jenem nichts Wesentliches von dem, was in diesem aus- gesprochen ist, gestrichen worden ist. Aus dem Berichte geht denn auch hervor, daß eine Revision und Erweiterung der Arbeitcrschutzgesetzgcbung absolut nothwcndig ist, und ich hoffe, daß die Regierung den Weg, den wrr immer empfohlen haben, detreten wird. Abg. Lingens(Zentrum) bemerkt, gerade der Umstand, daß der sächsische Bericht besonders gedruckt werde, beweise, daß der Gencralbericht nicht den Ansprüchen genüge, die man an ihn zu stellen berechtigt sei. Redner bedauert, daß der Be- richt die Sonntagsruhe nicht berühre, und es wäre keine Ent- schuldigung, wenn man sich auf die Enquete beriefe, von der er übrigens wünschen möchte, daß ihre Ergebnisse noch diesem Reichstag vorgelegt würden. Abg. Kaumbach(deutschfreis.): Uebcr die Bcrufsgcnossen« schaften und ihre Wirksamkeit zu sprechen ist die Zeit noch nicht gekommen. Was sie bisher geleistet haben, hat mich noch nicht zur Bewunderung hinreißen können. Von 4 Bcrufsgenossen- schaften im Ganzen sind bis jetzt Vorschriften zur Verhütung von Unglücksfällen erlassen worden. Daß die Fabrikinspektoren nicht Reichsbeamte find, ist auch uns nicht entgangen. Aber dem Kaiser steht nicht blos die Verkündigung der Reichsgesctze, sondem auch die Ucberwachung ihrer Ausführung in den Einzel- staaten zu, und hier handelt es sich uni eine Bestimmung der Reichsgcwerbeordnung, die in den einzelnen Staaten ausgeführt wird. Der Reichskanzler könnte also die Initiative ergreifen, daß die Ausführung dieses Reicksgesetzes seitens der Einzelstaaten wirklich stattfindet. Ein Analogon! Die Reichstagswahlen beruhen auf einem Reichsgesetz, find aber Sache der Einzclstaaten. Nun ist nur ein Fall bekannt, in welchem der Reiche kanzlcr Veranlassung nahm, sick an eine Einzelregierung zu wenden, um diese zu er- suchen, sie möge darüber wachen, daß ihren Beamten die rimt- liche Beeinflussung der Reichstagswahlen untersagt werde. Die Kompetenz dazu ist auch in diesem Falle dem Reichskanzler keinen Augenblick zu bestreiten. Wir werden unser Votum in dieser Frage wiederholen und die Autorität des Reichstags in vollem Ilmfang aufrechterhalten. Staatssekretär v. Boctticher: Das Institut der Fabrik- inspektoren besteht in allen Einzclstaaten, und die Frage ist nur, ob es in ausreichendem Umfange besteht oder ob eine Er- gänzung wünschenowerth und nothwcndig ist. Der Reichstag ist nun der Meinung gewesen, daß eine Vermehrung noth- wendig ist, und hat dies in einer Resolution dem Bundesrath mitgetheilt, der diese Frage den Einzclregierungen zugewiesen hat. Der Bundcsraty hat da vollständig innerhalb seiner Kompetenz und freien Auffassung gehandelt. Der Reichs- kanzler befindet sich also augenblicklich in der Lage, daß er zwischen einem Beschluß des Rundesraths und einem Beschluß des Reichstags zu wählen hat. Da können Sie es doch der Neichsverwaltung nicht verargen, wenn sie die Einzelstaaten für eine weitere Vervollständigung des Inspektoreninstituts nicht in Anspruch nimmt. ES ist ja auch gar nichts verloren. In jedem einzelnen Landtage kann die Sache zur Sprache gebracht und jede einzelne Regierung um die Vermehrung des Personals angegangen werden. Sie sollten deshalb dem Reichskanzler Ihren Zorn nicht so sehr zu- wenden, daß er hier die Fürsorge den Landesregierungen über- läßt. Dann ist die Frage erörtert worden, ob von den Berufs- Senossenschaften eine ausreichmde Fürsorge auf dem Gebiete der lnfallverhütungsvorschriften zu erwarten sein dürfte oder nicht. Es ist von Ihnen in dieser Beziehung schon ein hübscher Anfang gemacht worden. Nickt blos 4, sondem schon 6 Berufsgenossenschaften haben solche Vorschriften erlassen und eine ganze Reihe anderer ist gegenwärtig damit beschäftigt. Daß nickt gleich im ersten Jahre die Berufsgenossenschaften einen großen Erfolg auf diesem Gebiete erzielen, ist leicht erklärlich. Aber der Beweis ist geliefert, daß sie auf diesem Felde wirken können, und es ist auch gar kein Zweifel, daß die Erkenntniß immer mehr zunimmt, daß es im Interesse der Berufe genossen- schaften selbst liegt, wirksam für die Unfallverhütung zu sorgen. Für das Reich ist es außerordentlich schwer, Vorschriften zu erlassen, welche für alle gleichartigen Be- triebe in gleicher Weise in Wirksamkeit treten sollen. Tie Verhältnisse liegen eben nicht im ganzen Reich und in allen Betrieben derselben Branche gleich, und es würde eine kolossale Verletzung der Interessen nicht blos der Unternehmer, sondem auch der Arbester sein, wenn man hier schablonisiren und alle Betriebe über einen Kamm sckecren wollte. Deshalb ist es vorzuziehen, daß die Berufsgenossenschaften und ins- besondere auch die Sektionen nach Maßgabe der lokalen Be- dürfnisse auf dem Gebiete der Arbeitersckutzgesetz gebung vor- gehen. Im Uebrigen hoffe ich, daß der Abg. Lingens nunmehr einen formellen Antrag stellen wird, wie die Berichte der Fabrikinspektoren künstig eingerichtet werden sollen; denn sonst würde ich unglücklicher Staatssekretär nach den Diskussionen, die hier gepflogen worden find, in der That nicht wissen, wie ich es machen soll.(Heiterkeit.) Ich verzichte zwar von vorn- herein darauf, es allen Leuten recht zu machen, aber es wäre doch für mich von Werth, zu erfahren, ob die Meinung der Mehrzahl nach der Seite des Generalberichts oder der Einzelberickte gravitirt. Geschehen soll in dieser Beziehung, was der Reichstag wünscht; wir können das alles machen. (Heiterkeit.) Abg. Hartmann(kons.) konstatirt, daß die Ablehnung der vom Reichstage in der vorigen Session gefaßten Resolution nur aus formalen Gründen erfolgt sei. Er erblicke darin die?luf- fordcmng, nunmehr in dieser Frage in den Einzellaudtagen vorzugehen. Er ersuche alle, die in denselben Einfluß besäßen, diesen dahin geltend zu machen, daß das Institut der Ge- wcrbcräthc in der Weise ausgebaut werde, wie es die Reso- lution des Reichstags vorgeschlagen habe. Herr Heine wolle es nicht gelten lassen, daß die Fabrikinspektoren Vertrauensmänner der Arbeiter seien. In Sachsen ist daö allerdings der Fall. Ihm gegenüber habe niehr als ein Arbeiter gesagt, daß der Fabrikmspektor sein volles Vertrauen besitze. Thatsache ist, daß die Auffichtsbezirke jetzt zu groß sind. Der Aufsichtsbeamte kann nicht überwachen, ob das, was wir an Arbeitersckutz- gesetzen befitzen, auch eiugeführt ist und ausgeführt wird. Die periodischen Konferenzen, welche heute verlangt sind, würden sicher an denselben formalen Bedenken scheitern, welche dem Bundesrathe eine Zustimmung zu der vom Reichs- tag beschlossenen Resolution unmöglich gemacht haben. In den Einzclstaaten find derartige Konferenzen schon jetzt üblich. Aus Preußen ist davon gemeldet worden. In Sachsen finden dieselben alljährlich unter dem Vorsitz eines Ministerialbcamten statt. Auch das ist schon eiir Fortschritt. Anerkenncnswcrth ist es, daß die Mitthestungen aus den Berichten endlich so eingerichtet sind, wie das vor einem Jahr hier gewünscht wrirdc. Der Gencralbericht giebt wörtlicke Zitate aus den Einzclbcrichten wieder, auf dem Bureau lagen die Einzelberichte selbst, gewaltige Stöße, die nicht jeder durch- zuarbeiten wünscht. Das Haus kann nur dankbar sein für die umsichtige Weise, in welcher Alles geordnet ist. Was Anlaß zu Beschwerden gegeben, das find die Acußcrungen der Gewerbe- räthe, die nicht unterdrückt werden konnten, wenn nicht das Gesammtbild gestört werden sollte. Wünschcnswerth wäre es, wenn den Mittheilungen wieder eine Aufstellung über die Auf- sichtöbezirkc, die Name» der Aufsichtsbcamtcn, sowie die Größe der Bezirke beigefügt würde. Auf alle Angriffe des Abg. Heine auf die Fabrikinspektoren will Redner nicht eingehen, er will nur die gegen den Inspektor des Plauen'schen Bezirks erhobenen Beschuldigungen zurückweisen, weil ihm derselbe persönlich bekannt. Abg. Heine habe die Auslassungen desselben nur verstümmelt wiedergegeben. Der Gewerbcrath hat allerdings erklärt, daß er gegen die Ausbeutung der Kinder in der Hausinvustrie kein gesetzliches Mittel habe. Aver weiß denn der Abg. Heine ein Rezept, wie dem abzuhelfen sei(Ruf: D ja!), nicht ein Rezept, der Gesetzgebung des zukünftigen sozialdemokratischen Staates entnommen, sondern eines, welches uns die gegenwärtige Gesetz« aebung an die Hand giebt. Es wäre interessant, von Herrn Heine einen GcsctzcSparagraphcn zu erfahren, welcher die Aus« beutung der Kinderarbeit in der Hausindustrie unmöglich macht. Herr Heine hat auch erklärt, daß die Arbeiter zu den Fabrik- inspektoren kein Vertrauen hätten. Doch nur die, welche der Fahne des Herrn Heine folgen, die sozialdemokratischen, welche zu keinem Menschen mehr Vertrauen haben. Abg. Katiser: In dem Gencralbericht tritt allerdings die Tendenz zu Tage. Staatssekretär v. Böttichcr hat das bestritten und gesagt, daß überhaupt kein Ministcrialbeamter mit der Abfassung bettaut gewesen sei. Ich möchte wissen, was das für eine mystische wunderbare Person gewesen ist. Wenn ein objektiver Auszug gemacht werden sollte, so lag kein Grund vor, gerade die gehässigen Acußcrungen der Fabrikinspektoren einzugreifen, dagegen müssen wir uns wehren. Die Bcanitcn sind nicht dazu da, gehässige Acußcnmgcn gegen die Sozialdemokraten fallen zu lassen, dazu werden sie nicht bezahlt. Herr Hartmann sagt, im Königreich Sachsen seien die Fabrikinspektoren Vertrauensmänner der Arbeiter. Ich muß sagen, daß ich diese Tendenz in Sachsen, wenigstens im Dresdener und Leipziger Bezirk, nicht gefunden habe. Ich weiß, daß Arbeiter dort sich scheuten, mit Be- schwerden an die Inspektoren heranzutreten, weil sie Bedenken trugen, sich mit den hohen Herren, wie sie sich den Arbeitern gegenüber zu zeigen pflegten, ins Benehmen zu setzen. Der Plauen'schc Inspektor schciitt allerdings Beschwerden zugäng- lickcr zu sein Herr Hertmann saar, die Sozialdemokraten hätten zu nichts Vertrauen. Wenn wir nicht etwas Vertrauen zu Ihnen hätten, würden wir Ihnen dann von Jahr zu Jahr mit Anträgen zur Arbeitcrsckutzgesetzgebung kommen? Wir hoffen immer noch, daß Sie noch einmal zu der Ueberzeugung kommen werden, daß unsere Forderungen berechtigt find. Der Bericht enthält auch gehässige Bemerkungen über die Wirksamkeit der Fachvereine bei Arbeitseinstellungen; aber er berichtet kein Wort davon, daß in Leipzig beispielsweise gerade die Innungen die Beendigung des Streiks verhindert haben. Derartige'Bemerkungen, wie sie über die Fachvereine gefallen find, sollte man einem Leipziger Polizeiwachtmeister uberlassen. Nicht nur wir grcifm übrigens den Bericht an, Angriffe gegen denselben kann Herr Hattmann auch in der Münchener»Allgemeinen Zeitung" und in den„Preußischen Jahrbüchern" lesen. Die Berichte find ganz so abgefaßt, als ob die Fabrikinspektoren nur Beamte der Fabrikanten wären. Wir haben das Institut derselben in Anregung gebracht; wir find in Sachsen auch für die Zlermehrung der Auffichtsbeamten eingetreten. Gerade aus diesem Gninde bekämpfen wir jede ein- fettige Entwickelung dieser Einrichtung. Herr Hartmann ver- langt von uns ein Rezept für die Behandlung der Kinder- arbeit. Nun. wenn die bestehende Gesetzgebung dazu nrcht ausreicht, so verlangen wir eine andere. Sie muß ei« kräftiges Rezept an die Hand geben; mtt homöopa- thischen Mittelchen wird der Uebelstand nicht behoben. Um die Stellung der Handlungsgehilfen zu verbessern, war übrigens auch Herr Hattmann zu einer Aenderung der Gesetzgebung bereit. Wir waren mal beide in einer Versamni- lung, und Herr Hattmann erklätte damals, er reiche mtt die Hand, er könne dem, was ich gesagt, nur beistimmen.(Abg. Hattmann: Dabei bleibe ich. Heiterkeit.) Nun so hoffe ich, daß Sie uns auch bei unseren Arbeiterschutzanttägen unterstütz«» werden. Der Titel wird dewilligt; desgleichen der Rest d»S Kapitels. Die übrigen Titel des Ordinanums und der Einnahmen aus Spezialetats des Rcichsamts des Innern, soweit sie zur Plenarberathung stehen, werden ohne Debatte bewilligt, das Kap. 12 der Ausgaben,„Reichs- Gesundheitsamt", auf Anregung des Abg. Schräder für heute ausgesetzt. Damit ist die Tagesordnung erledigt. Schluß 4 Uhr. Nächste Sitzung Dienstag I Uhr.(Vor« läge, betr. die Errichtung eines orientalischen Seminars, Bencht der Reichsschuldenkommission, Fortsetzung der Etatsberathung; Reichsjuslizamt, Reichseisenbahnamt, Rechnungshof, Allgemeiner Pensionsfonds.) Lokales. Zur Wahl im 1. Berliner Rcichstagswahlkreife. Gestern früh um 10 Uhr wurden die 39 Wahllokale eröffnet. Man kann nicht sagen, daß sich die allgemeine Betheiligung de» Wähler schon am Vormittag besonders bemerkbar gemacht hätte. Erst in der zwölften Stunde und Nachmittags wurde es leb« hafter und die Wahlvorständc bekamen zu thun. Entsprechend den meistens den„mittleren" und„oberen" Klassen angehörende» Bewohnern des 1. Reichstaaswahlkreises, war die Signatur des Tages keine sehr chnrattcriitische. Die Majorität des Arbeiter« standes hat in anderen Vietteln sein Quartier aufgeschlagen; nur in gewissen Gegenden, wie an der Friedrichsgracht und Petristraßc, sah man in der Mittagsstunde Arbeitertrupps den Wahllokalen zueilen. Soviel wir sahen, waren an jedem der letzteren Stimmzettelvctthcilcr der sozialdemokratischen Partei aufgestellt. Viele Arbeiter hatten opferfreudig für den Tag ihre Dienste zur Verfügung gestellt. Sie eilten, soweit es die Jnformattonen gestatteten, von Haus zu Haus und holten Säumige heran. Sehr regsam waren auch die„Teutschfreifinnigen", für die ja nickt wenig auf dem Spiele stand. Fast sämmtliche Bezirks- vereine hatten ihre Hauptkräfte entsandt. Der reaktionäre Bund der Konservativen, Antisemiten und Nationallibcralcn legte die Hände aber auch nicht in den Schooß. So sah man die gescheitelten Häupter der Jünglingsvereinler überall auftauchen und die Häuser unsicher machen. Selbstverständlich war auch das Gros der famosen Bürgervereinc und des Anti« scmitenbundes auf dem Plan erschienen. Herrn Gerold, dem „Stadtverordneten, Hauptmann a. D. und Hoslieferanten"(so bezeichnete ihn konsequent das Wahlkomitee der Konservativen� aalt der Schweiß der Edlen. An den Eingängen sämmtliche» Wahllokale wurden bei Beginn der Wahl Plakate mit den Namen der betreffenden Kandidaten angeschlagen, sie mußten aber auf Anordnung der Polizei sofott wieder entfernt werden. Ucbrigcns war die Wahlbetheiligung in den einzelnen Bezirken eine sehr verschiedene. Während sie in der einen Straße eine relativ bedeutende war, ist sie in einer anderen wieder äußerst schwach gewesen, ja, es kam sogar der sonderbare Fall vor, da? in der Scharrnstraße, in welcher an zwei Stellen gewählt wurde, in dem einen Lokal die Wahl recht flott von statten ging, f" dem zweiten dagegen die Staatsbürger nur vereinzelt und i» großen Zwischenräumen erschienen, um ihr Wahlrcckt auszU« üben. In der Dorothern-, Mittel- und Lcipzigcrsttaße fuhren zahlreiche Equipagen, denen gelangwcilt aussehende entstiegen, vor die Wahllokale. Die Diener- und BeamtensM war auch in Menge erschienen. Zum Schutze der Gesundheit der Kinder ist in einer Sckule der Stadt Chemnitz in Sachsen eine recht vorsorgliche und anderwätts Nachahmung verdienende Einrichtung getroffen worden. Die Kinder werden dott durch die Direttion aufgk» fordett, sich Hausschuhe oder anderes Schuhwerk zum Wechseln mit in die Schule zu bringen. In jedem Klassenzimmer ist cur Stiefelknecht vorhanden, die nassen Stiefel werden vor Beginn des Unterrichts ausgezogen und bleiben während dessen iw warmen Zimmer stehen. Bei Schluß der Schule findet diu Kind das Schuhwerk warm und trocken, während des Unterrichts bleibt es m seinen Hausschuhen. Jedermann weiß, wie unbehaglich und gefährlich es sein kann, stundenlang mtt nassen Füßen sitzen zu müssen; Kinder, die an kalten Füßen leide» und bei solch nassem Wetter, wie gegenwärtig, einen weiten Schulweg zu machen haben, werden durch diese umsichtige praktische Anordnung jedenfalls vor mancher Erkrankung de- hütet.— Es wäre gewiß wünschenswerth, auch in Berlin ezne ähnliche Einrichtung einzuführen, leider aber verbietet sich d'»* selbe namentlich bei den ärmeren und ärmsten Volksklaffcn von selbst. Man soll doch einmal bei den Arbeiterfamilien nachfragen, ob die Kinder überhaupt Schuhwerk zum Wechseln haben. Es ist uns erinnerlich, daß vor einiger Zctt ein» humoristisch sein sollende Entschuldigung durch die Blatter ging, wonach ein Vater das Fehlen seines Sohneö in ver Schule mit den lakonischen Motten:»Wegen Stiebeln" motz vitt haben sollte. In den beiden Motten liegt entscheede» mehr bittere Wahrheit als Mancher sich denken mag. Des Beste wäre, wenn von der Stadt, wenigstens den Schülern un Schülerinnen der Gcmcindcschulcn, für die Wintermonate warm Filzschuhe, die wäbrend der Schulstunden getragen werden, gratis geliefert würden. So ungeheuer erheblich würden v> Kosten kaum sein, vielleicht findet sich einer der Vertreter v« Arbeiter in der Stadtvettretung bereit, diesen Vorschlag amiw nehmen. Qb sich eine Majorität dafür finden würde, ifll mehr wie zweifelhaft, jedenfalls aber würden die Ra» bewilligungen für geiviye Festivttäten bei eventueller Ablehnung in der denkbar drastischsten Weise illustntt werden. In dicsrn Tagen wird das Telephon ein Viettelfa6£ Kundert alt. Im Dezember 1861 gab Philipp Reis rm vbpw kalifchen Vereine zu Frankfurt a. Ä. zuerst Kunde von le Erfindung; dort bestand sie auch die erste öffentliche Pro Ter„Empfänger" der Vorrichtung war in dem Vortragt, aufgestellt, der„Geber" befand sich 100 Meter davon entz�« in einem verschlossenen Hause. Es wurde zuerst in hon„fm hineingcsprochen, sodann hineingesungen, und schließlich o. aut Instrumenten gespielt. Die Darlegung wirkte mächtig au>. Hörer. Die gesprochenen Motte und der Gesang wurden lich übertragen, weniger aber die Instrumentalmusik- o« Entdeckung inachte Aufsehen in den Fachkreisen. Auf ver � turforscheivcrsammlung in Gießen im Jahre 1864 wurde von den Fachgenossen reichlich Anerkennung gezollt. Vr' Jg« Müller in Freiburg im Breisgau verzeichnete den Avvar, � bald in seinem weit verbreiteten„Lehrbuch der Pbvnk• wohl gericth die Erfindung später in Vergessenheit. A'9,-«i Graham Bell sein Telephon bekannte gab, konnte er tz«„g, anfangs den Erfinder des Telephons nennen.-K" gieio mälig und vielem Widerspruche entgegen wurden Vorrechte anerkannt._ Viele Physiker und Mechaniker w � vor Bell und vor Reis das Telephon munden haben, yp schon in den vierziger Jahren, als er sich Mittellos Havanna umhertrieb. Allein Freunde von Reis(derse � 1874 verstorben) traten für dessen Rechte thatkräftig em,.�,e ihnen zunächst Prof. Schenk in Friedrichsdorf, so Reis allgemein als der erste Erfinder des Telephons m ist. Die ersten von ihm selbst gefertigten Apparate von i>ie er seiner Zeit in Frankfurt vorführte, wurden später von dem Staatssekretär Dr. v. Stephan erworben und sind jetzt im Reichspostmuseum aufgestellt. Reis ist nur vierzig Jahre alt geworden. Er wurde von einem Lungenleidcn dahin gerafft. Seines Zeichens war er Lehrer der Naturwiffenschaften; akademische Bildung hatte er nicht genossen. Der Wille seines Vormundes Reis Vater, ein Bäckermeister in Gelnhausen im Regierungsbezirke Kassel, starb als der Sohn noch nicht lll Jahre alt war zwang Reis wider seine Neigung, mit 14 Jahren in «ine Farbwaaren Handlung in Frankfurt als Lehrling einzutreten, nachdem er in dem Garnier'schen und später in dem Haffe'schen In- siitut zu Frankfurt a. M. in den Realien und in den Sprachen gut ausgebildet worden war. Seine freie Zeit nutzte der Lehrling damit aus, durch Privatunterricht und als Hörer der Ge- Werbeschule seine Kenntnisse zu erweitem. Nach Beendigung der Lehrzeit nahm er seine Studien wieder auf, in der Absicht, Lehrer zu werden. Er hörte in Frankfurt Vorlesungen über Mathematik und Physik und arbeitete im Laboratorium. 1853 wollte er, um seine Studien an einer Universität zu beendigen» nach Heidelberg gehen; allein äußere Verhältnisse und der Rath seines einstigen Lehrers, Dr. Gamicr's, führten ihn da- hin, eine Lehrerstelle an der Garnier'schen Lehranstalt zu Friedrichsdorf anzunehmen. In dieser verblieb er 16 Jahre lang bis zu seinem Tode(am 14. Januar 1874). Den Grundgedanken zu seinem Telephon schöpfte Reis aus Studien über den Bau und die Wirkungsweise des Gehörorganes, zu denen ihm sein Lehramt den Anlaß gab. Gleichfalls aus seiner tag- lichen Beschäftigung kam Bell dahin, seine Femsprechvorrich- tung aufzubauen. Er war anfänglick Lehrer an einer Taub- ■ftummcnanstalt. Bell hat aus seiner Ersindung reichen Gewinn gezogen; der deutsche Erfinder aber ist arm gestorben. Die Lebensbeschreibung von Reis(„Reis, der Erfinder des Tele- Phons"), 1878 von Prof. Schenk herausgegeben, trägt auf dem Titelblatte den Vermerk:„Der Ertrag der Schrift ist für die Hinterlassenen des Erfinders bestimmt." Nunmehr ist auch die Rettungsstation an der sehr ge- fährlichen Stelle bei Stechcr's Loch auf der Havel bei Spandau, welche der Segelllub Tegelsec begründet hat, in's Leben ge- treten, nachdem der Winter seine Visitenkarte abgegeben hat. Alles ist vorbereitet, um bei eventuellen Unglücksfällen die erfor- derliche.Hilfe zu leisten. Ter Frost in der Nacht zum Sonntag war ein so starker, daß der Tegeler See sich mit einer Eisfläche fast vollständig bedeckte, ebenso ein großer Theil des Berlin- Spandauer Schifffahrtskanal, durch den die ersten Kähne sich durckeise» mußten. Das große Becken vor der Plötzensecr Schleuse war vollständig zugefroren. Wenn der Frost noch «inige Tage anhält, dann ist die Schifffahrt für dieses Jahr geschlossen. Die große Zahl von Schiyern, welche mit Frachten nach Berlin beordert sind, machen sich dercits auf ein Uebcr- wintern im Spandaucr Schifffahrtskanal gefaßt, wenn es nicht großen Schleppdampfem gelingen sollte, das Eis zu durch- brechen und die im gedachten Kanal liegenden Frachtkähne durchzudringen. Für unsere Eisläufer ist die Hoffnung vor- banden, daß die vielbcnutztc Strecke bis Saatwinkcl sowie der Tegeler See ein ganz vorzügliches Eis bieten werden, da dasselbe mit Sclinee nicht vermischt ist. Der schwache Schneefall in der letzten Nacht kann der spiegelglatten Fläche des Eises nichts schaden. Kein Eholcrafall! Bezüglich der Erkrankung des Markt- hallcnarbeiters Schmiderski hat die nunmehr beendete Untersuchung im königlichen Hygienischen Institut die Diagnose der behandelnden Aerzte in der königlichen Eharitee dahin bestätigt, daß ein Cholerafall hier nicht vorliegt. Das Polizeipräsidium veröffentlicht in der„Post" folgende bezügliche 'Erklärung: „Die Erkrankung des in dem Hause Petristraße Nr. 3 wohnhaften Arbeiters Schmiderski hatte der Presse Veranlassung zu der Mittheilung über das Vorkommen einer cholcra- verdächtigen Erkrankung in Berlin gegeben. Zufolge der von dem Geheimen Medizinalrath Professor Dr. Koch vorgenommenen bakterioskopischen Untersuchung war Schmiderski lediglich an _ Brechdurchfall fr'ranft; das Leiden ist auf erhcblrche Verdauungsstörungen Zurückzuführen. Ter Polizeipräsident: Frhr. v. Richthofen." . Die Explosion einer Petroleumlampe in einer �koschke zweiter Klasse verursachte am Sonnabend Abend in £Cr Potsdamerstraße einen nicht geringen Auflauf. Der futscher wollte gerade in die Eichhornstraße einbiegen, als er uurch einen Knall neben sich erschreckt wurde, denr kurz darauf «me hell lodernde Flamme folgte. Bevor dieselbe weiteres Unheil anrichtete, hatte der besonnene Kutscher die Latenre ab- llerissen und sie auf den Straßendamni geworfen, um sodann Flamme zu ersticken. Ein Wiedersehe». Im Herbst vorigen Jahres machte vier das Verschwinden eines schönen, jungen Mädchens, der Dochter einer im Osten Berlins wohnenden Rentiere, Aufsehen, Und wie man später erfuhr, hatte dieselbe sich einem un- uechkiratheten Lcbemamie angeschlossen, welckier daS junge, un- �iahrene Mädchen zu bcthören und sie zur Flucht zu bewegen S-wußt hatte! Nach langen Nachforschungen erfuhr die be- wrgte Mutter, daß ihre Tochter sich mit ihrem Verführer in Ucr Schweiz und später in Frankreich aufhielt und daß sie, wenn sie auch bedauere, der Mutter großen Kummer bereitet su haben, doch den Schritt nicht bereue, da sie ein glückliches und herrliches Leben führe.(!) Da sich das lebenslustige Paar stets auf Reisen befand, so hätte ein eventuelles Nachreisen Mutter gar keinen Zweck gehabt, weil sie die Tochter de- «uchungswcisc deren Geliebten doch nicht antteffen würde. So Ergingen Monate, bis schließlich die arme Frau ganz ohne /fachricht von ihrem Kinde blieb. Vor etwa 14 Tagen erhielt von Gram gebeugte Rentiere voir einem ibrcr Bekannten Nachricht, daß ihre Tochter hier gesehen worden sei. Zuerst mclt sie diese Begegnung für unmöglich, da sie rncht W nehmen konnte, daß ihre Tochter, wenn sie wirklich V Berlin wäre, sie nicht besuchen werde. Als man>hr aber �stige Tage darauf auch von einer zweiten Seite dieselbe Mit- st»e>Iung machte und zwar, daß man die Tochter in demselben �tadttheil(der Fricdrichstadt) gesehen hätte, machte sie sich mit ihr bekannten Dame auf die Suche. Am vierten Tage Mte sie die Bestätigung der Meldung erhalten. In demselben Augenblicke, als sie mit jener Bekannten(es war gegen 8 Uhr foeichg) beim Reichvhallen-Thcatcr vorübekam, sah sie zwei lungc Mädchen, von denen das eine auffallend geschminkt war stud überhaupt einen wenig günstigen Eindruck machte, ihr ent- »cgenkommen. Ein einziger Blick des Mutterauges genügte, -L" zu erkennen, daß die Begleiterin jener auffällig gekleideten Dame ihre Tochter sei. Auch das junge Mädchen, mit auf- stMend blassem Gesicht, hatte die Mutter erkannt. Sie wollte M vom Arme der Begleiterin losreißen und fliehen, allein demselben Moment war auch schon die Mutter % lbre Seite geeilt und die Arme der laut- styluchzniden Frau hielten sie fest umklammert. Wah- * nd sich die Freundin, die Situation erkennend, eiligst "'steinte, sah man die Grupee sich nach einer Droschke bewegen. mit der die Damen nach der Wohnung der Rentiere fuhren. �'e Lösung der Geschichte ist ein'ach und alt. Nachdem der Muhrer. so theilt uns ein Berichterstatter nnt, des fungen Mädchens überdrüssig geworden, ließ er sie in einer Stadt ? assens fitzen und mit dem Erlös einiger Werth, nchcn kam Bethörte nach Berlin, sich schämend, ihre Mutter aufzw jnthen. Hier zog sie zu einer Frau, bei der sie schon am ersten K°ge eine Frauensperson kennen lernte, welche im Begriff Md. das verlassene Mädchen mit in den Strudel des Berliner ��5?Ulchen LebenS zu reißen, vor welchem Schicksal es nur »ich die Begegnung der Mutter bewahrt worden ist.— So- "st'st nun Alles ganz gut und höchst interessant und die Geschichte hat einen recht befriedigenden Abschluß gefunden. Wie aber ergeht es den Tausenden von armen Mädchen, die even- tucll auch einem„Lebemann" in die Finger fallen, die aber nicht so vorsichtig waren, sich eine„Rentiere zur Mutter aus- zusuchen? Davon bringen die Zeitungen gewöhnlich nur ein paar Zeilen, und diese finden sich gewöhnlich im Polizei- dericht. Ein recht dummer Witz. Vor einigen Tagen fand die Frau des in der Neidlinger'schen Nähmaschinenfabrik angestellten Kaffenboten Z., als sie auf dem Nachhausewege die Grcnadicrstraße passirte, einen mit fünf Siegeln geschlossenen Geldbrief, welcher den Vermerk trug,„Inhalt 81 OOO M." und an eine Bankfirma in Frankfurt a. M. adressirt war. Die freudig erschrockene Frau beeilte sich, nach Hause zu kommen und ihrem Manne von dem großen Funde Mittheilung zu machen. Der Kasscnbote hütete sich, die Siegel auch nur im Geringsten zu verletzen und beschloß, da der Abend schon sehr weit vorgerückt war, am nächsten Morgen den Geldbrief auf dem Fundbureau, Mühlendamm 3, abzuliefern. Man kann sich denken, daß das in ziemlich beschränkten Verhältnissen lebende Ehepaar eine schlaflose Nacht verbrachte, da den ehr- lichen Leuten bei dem Gedanken, eine so große Summe im Hause zu haben, doch etwas eigenthümlich zu Muthe war, andererseits rechnete der Kassenbote schon aus, daß er durch den ihm zufallenden gesetzmäßigen Finderlohn ein hübsches Kapital in die Hand bekommen müsse. So früh als irgend möglich machte sich Herr Z. nach dem Bundburcau auf und übergab dem diensthabenden Beamten den schwerwiegenden Brief. Als derselbe nun behufs Recherche in Gegenwart des Kassenboten geöffnet wurde, fand sich eine mehrfach in starkes Papier ein- gewickelte Landkarte von Afrika, auf der das„Kap der guten Hoffnung" mit Blaustift dick umrändert war. Der ehrliche Finder zog betrübt seiner Wege und hat zum Schaden auch noch den Spott zu tragen, daß er, ohne jemals aufs Wasser gegangen zu sein, am„Kap der guten Hoffnung" ge- scheitert ist. Ein Opfer des gestrigen ersten Glatteises war eine alte Frau, welche vor dem Schönhauser Thor auf dem ge- glätteten Trottoir zu Fall kam und zwar so unglücklich, daß sie den linken Arm brach. Sie wurde nach der Eharitee befördert. Dieser Fall mahnt die Hausbesitzer zur strengen Pflicht, die Trottoirs so frühzeitig als möglich der Schneefall je. bestreuen zu lassen. Konfiszirtcs Fleisch. Am Sonnabend wurde von Beamten der Vcterinärpolizei eine ganze Wagenladung geschlachteter Hammel bei Ankunft in der Zentral-Markthalle beschlagnahmt. Die Beschlagnahme erfolgte, weil das Fleisch aufgeblasen war. Die beschlagnahmte Waare wurde der Abdeckerei überwiesen. Das HuudeasNl in Britz ist wieder geschlossen worden. Als Grund wird Mangel an Mitteln angegeben.- Die Hunde- liebhaber sollten nunmehr ihre Sorgfalt lieber hilfsbedürftigen Menschen zuwenden. Zwei selten schwere Fälle von Verletzungen wurden in der Nacht zum Sonntag dezw. zum Montag in der Sanitäts- wache in der Adalbcrtftraßc behandelt. In dem ersten Fall hatten Passanten einen Mann, in welchem später der Töpfer Schellring, Prinzensttaße 5 wohnhaft, ermittelt wurde, in der Nacht zum Sonntag gegen 1 Uhr in der Gitschincrsttaße be- wußtlos und mit einer großen, stark blutenden Kopfwunde auf- gefunden. Einigermaßen in der Sanitätswache zur Besinnung gebracht, gab Sch. an, daß er, soweit er sich entsinne, mit einem Messer gestochen worden sei, Alles andere wisse er nicht. Die Wunde war 14 Zentimeter lang und der Schädel stark lädirt. Nach Anlegung eines Trucknothverbandes(das Blut spritzte un- aufhörlich aus der Wunde) wurde der Schwerverletzte nach der Eharitee befördert.— Der zweite Fall betraf den Harmonika- spieler Albert Andreas, Naunynsttaße 65 wohnhast. Derselbe konzertirte zu einer Festlichkeit im Hause Adalbertsttaße 4 und als er in der Nacht zum Montag gegen 3 Uhr das Haus verlassen wollte, stürzte er den letzten Treppenabsatz, den er nicht gesehen hatte(A. hat einen Staar) hinunter, wobei er sich eine schwere, 10 Zentimeter lange und sehr gefährliche Wunde am Hinterkopf zuzog. Tie Blutung zu stillen währte drei Stun- den. Nach Anlegung eines Verbandes wurde der vollständig erschöpfte A. nach seiner Wohnung überführt. Prellereien beim Pferdehandel. Die Ucbervortheilungen und Prellereien gewisser Handelsleute beim Abschluß von Pferde- Verkäufen bilden noch immer häufig den Grund zu berechtigten Klagen der Landwirthe. Besonders gern werden unachtsame Käufer und andere mit Pferden betrogen, welche die Fehler, zu beißen und zu schlagen, an sich haben. Um solche Pferde los zu werden, dedienen sich nun geriebene Handelsleute folgender Kunstkniffe, um den weniger erfahrenen Käufer in die Falle zu locken: 1. Es wird vor der Probe dem Pferde eine bestimmte Ouantität Branntwein eingegossen, um es zu betäuben, weil dann die schlünmen Eigenschaften des Tbicres nicht hervor- treten. Der Verkauf wird abgeschlossen. Bei der Probe waren Zeugen zugegen, welche gesehen haben, daß das Pferd weder geschlagen noch gebissen hat. Kommt der Käufer nach Hause, so fängt das Pferd wiederum an, seine üblen Gewohnheiten auszuüben, und Niemand kann dasselbe brauchen. Es ent- steht natürlich ein Prozeß. Die Zeugen bemerken, daß sie bei der Probe nichts Verdächtiges am Pferde bemerkt baben u. s. w. Verliert nun der Käufer schließlich den Prozeß, dann wird häufig ein zweiter Handel abgeschlossen und schon mancher Käufer ist durch solche Händel um Haus und Hof gekommen. Auch Sachverständige können durch obigen Branntwcinkniff getäuscht werden. 2. Ein anderes, noch inter- essanteres Manöver ist, daß kurz vor der Probe in ein jedes Ohr des Pferdes eine Erbse geschoben wird. Beim Vorführen oder Traben des Pferdes springen die Erbsen in den Ohren des Pferdes hin und her. Durch diesen ungewöhnlichen Vor- gang wird die Aufmerksamkeit des Pferdes von allem Ucbrigen abgelenkt und dasselbe vergißt hierdurch zu schlagen und zu beißen. Später schüttelt das Pferd so lange mit dem Kopfe, bis die Erbsen aus den Ohrcir entfernt sind, und nun führt es seine üblen Gewohnheiten wiederum aus und der Käufer ist geprellt. Diese beiden Manöver kommen beim Abschluß von Pferdevcrkäufen so häufig vor, daß auf diese betrügerischen .Handlungsweisen nickt genug aufmerksam gcmacbt werden kann. Vor Allem daher beim Kauf eines Pferdes die Ohren auch nach Erbsen nnd das Maul desselben nach Branntweingeruch untersucht! Wenn dergleichen angetroffen wird, dann kein Kauf abgeschlossen, damit man vor oft großem Nachtheile be- wahrt bleibe. Vier Strasienräuber und Todtschläger wurden am Freitag-Nnchniittag in das Moabiter Untersuchungsaefängniß eingeliefert. In der Nacht zum 28. v. M. wurde dicht an der Verbindungsbahn in Rixdorf mitten auf der Straße ein schwer verletzter Mensch gefunden. In das Krankenhaus und zum Bewußtsein gebracht, gab er an, Bäckergeselle und von Strol- eben angefallen, seines Wochenlohns beraubt und so gemißhan- delt worden zu sein, daß er bewußtlos liegen blieb. Infolge der sofort mit aller Energie ausgenommenen Recherchen wurden die Thätcr bald in den Personen der sogenannten„Arbeiter" Zimmermann. Glückseliger. Gläser und Ctcinert ermittelt und zur Haft gebracht. Der Beraubte ist mittlerweile seinen Ver- lctzungen erlegen, die vier jungen Burschen haben daher eine sehr schwere Strafe zu gewärtigen._ Polizei» Bericht. In der Nacht vom 3. zum 4. d. M. nürzte der Brauer Aust in der Brauerei Tivoli in den Fahr- stuhlschacht der Mälzerei hinab und erlitt außer einer Kopf- Verletzung einen mehrfachen Bruch des rechten Beines. Er wurde nach dem katholischen Krankcnhause gebrockt.— Am 4 d. M. Nachmittags fiel ein Arbeiter auf dem Grundstücke Plan-Ilfer 1 in der Trunkenheit von einem in der Fahrt be- ariffcncn Stcinwagen herab und erlitt eine Quetschung des linken Wadenbeines. Er wurde nach der Eharitee gebracht.— Zu derselben Zeit fiel ein Mann in der Landsbergerstraße beim Verlassen eines Omnibus von der Aufsteigctteppe zur Erde und brach den linken Unterschenkel. Am 4. d. M. verunglückte der Maler Hemrich auf dem Neubau Thaerstraße 2 dadurch, daß er bei seiner Arbeit durch eine Fensteröffnung auf den tzof deS Grundstücks hinabfiel. Er erlitt dadurch eine bedeutende Ver- letzung am Kopfe, so daß seine Uebcrführung in das Kranken- Haus am Friedrichshain erfolgen mußte.— Zu derselben Zeit fiel ein Mann in angetrunkenem Zustande in der Wallner- Theaterstraße in ein Kellerfenster des Hauses 36 und zog sich dadurch so bedeutende Verletzungen am Kopfe zu, daß er nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht werden mußte. — Am 4. d. M. Abends wurde in der Gitschinersttaße ein Mann aus einer nicht unbedeutenden Kopfwunde blutend ange- troffen und nach Anlegung eines Notverbandes mittelst Droschke nach der Eharitee gebracht. Er behauptet, sich die Ver- letzuna durch einen Fall auf das Straßenpflaster zugezogen zu haben.— Am 5. d. M. früh vergiftete sich eine Frau in ihrer Wohnung in der Frankfutterstraße mittelst Arsenik.— An demselben Tage Vormittags wurde hinter einem Zaun am Görlitzer Ufer ein etwa 30 Jahre alter Mann erstarrt aufgefunden und sollte nach der Sanitätswache gebracht werden, starb jedoch bereits auf dem Wege dahin.— Nachmittags glitt der Schiffsknecht Becker in Folge eigener Unvorsichtigkeit auf dem Verdeck seines hinter dem Grundstück Dorotheenstraße Nr. 44 liegenden Kahnes aus, fiel ins Wasser und cttrank, obwohl so- fort Hilfe zur Stelle war. Die Leiche ist noch nicht gefunden worden.— Gegen Abend machte ein Mann in seiner Wohnung in der Gubencrsttaße den Versuch, sich durch den Genuß von j Liter Petroleum, in das er den Phosphor von einer Anzahl Stteich- Hölzer geschüttet, das Leben zu nehmen. Er wurde noch lebend nach dem Krankenhause im Friedricbshain gebracht.— Als in der Nacht zum 6. d. M. ein Unteroffizier des 2. Garde-Ulanen- Regiments die Joachimstraße entlang ging, gerieth er mit dem auf dem Bürgerfteig stehenden Steinsetzer Scholz, den er im Vorübergehen angestoßen hatte, in Streit und wurde dabei von ihm cttaßt und zu Boden geworfen. Der Unteroffizier sprang bald wieder auf und brachte dem Scholz einen Säbelhieb über die Stirn bei, worauf er fick bei der nächsten Polizeiwache meldete und den Vorfall zur Anzeige brachte. Gerichts-Ieitung. Der„Hetzenmeister" von Friedrichshayn. Breslau, 2. Dezember. Die Strafkammer l des hiesigen Landgerichts beschäftigte sich heute mit folgender Prozeßsache: Im Kreise Wohlau, im Dorfe Friedrichshayn, lebte bis vor wenigen Tagen ein Mann, der in der ganzen Umgegend eines wunderbaren Rufes genoß; ein Mann, gegen dessen Thaten die abenteuei- lichen Geschichten, welche im„Freischütz" der böse Kaspar mit dem guten Max treckt, eitel Aufklärung, reine Vernunft find; ein Mann, der im 13. oder 14. Jahrhundert hätte leben müssen, um keine Seltenheit ersten Ranges zu sein. Der Land- und Gastwirth Julius Geisler, von diesem sprechen wir, galt bei seinen Nachbarn als ein„Hexenmeister" in des Wortes vollster Bedeutung; als ein„Zauberer", der gute Geister rufen, böse verscheuchen konnte; der mit dem Teufel zu unterhandeln und mit dessen Großmutter zu feilschen vermochte; der wie der selige Doktor Eiscnbatt im Stande war, Blinde gehend und Lahme sehend zu machen. Gichtbrüchige heilte Geisler dadurch, daß er sie mehrere Tage lang in einen geheizten Backofen steckte. Ging es in einem Hause um, wie die Leute sagen, so verordnete der m solchen Fällen stets zu Rathe gezogene Landwirth, Gast- witth und Hexenmeister, daß in allen Oefen des betreffenden Haufes Tag und Ziackt so lange aefeuett wurde, bis es in. allen Fugen„knisterte". Auf diese Weise verbrannte der Zau- bcrer die widerspenstigsten Geister. Zu diesem„unbezahlbaren Künstler" nun kam im Februar d. I. der Stellenbefitzer Karl Rademacher aus Neudorf, eine Persönlichkeit, bei der man ge- zwungcn ist, mit Huß auszurufen: O heilige Einfalt! Rade- macher hatte seit einiger Zxit trüben Herzens wahrgenommen, daß seine Kühe bedeutend weniger Milch als früher gaben. Als der monumentale„Freigeist", der er ist, sagte er sich, daß die Kühe„verhext" sein müßten. Diesen Bann zu brechen, war Geister die geeignete Person. Zu ihm also pilgerte der„auf- geklätte" Stcllenbesitzer. Er trug sein Anliegen vor, worauf der Hexenmeister einige unverständliche Sprüche murmelte, etwas HokuSpokus trieb und dann einen mächtigen Folianten,„von Nostradanius eigener Hand", herbeiholte. Nachdem er ein Weilchen in dem Buche geblättett, sprang Geisler auf und sagte:„Die Sache ist richtig, Radcmacher; Euer Nachbar, der Müller, hat Euch die Kühe verhext. Geht nur nach Hause und laßt ordentlich in Eurem Hause feuern, damit den Hexen eingeheizt wird. Nächsten Dienstag komme ich zu Euä>. Inzwischen besorgt Ihr das, was ich Euch auf dem Zettel ausschreiben werde." Geisler setzte sich wieder und ver- zeichnete folgendes:„Schwarze Seife, schwarzen Pfeffer, Teufels- dreck(A«s* foatida) und eine Schweinsblase." Froher Haff- nung steckte Radcmacher den Zettel ein und ging. Am nächste» Dienstag, wie versprochen, erschien Geisler bei ihm. Ter Zauberer ließ sich vor allem einen großen Topf bringen und legte die obigen Gegenstände, außer der SchwcinSblase, hinein. Dann ging er in den Stall und entnahm von den Kühen Haare und zwar welche von der Brust, voni Kreuze und von dem zwischen den Hörnern liegenden Theile. Diese Haare kamen ebenfalls in den Topf. Nachdem der„Hexenmeister" der wundersamen Mischung noch etwas Menschenkoth und etwas Koth von den Kühen beigefügt, verlangte er zwölf Steck- nadeln. Rademacher ließ sein Haus von oben bis unten durch- suchen, es wurden jedoch nur sieben Stecknadeln aufgetrieben. Da 7 auch eine zauberkräftige Zahl ist, begnügte sich Geisler damit. Die Nadeln wandetten zu dem Ilebrigen. Hierauf nahm der„Hexenmeister" den Topf, trug ihn in die Küche, setzte ihn auf den Ofen und kochte den ganzen„Mist" zu Brei. Wiederum einige Sprüche murmelnd, schüttete Geisler dann den Brei in die Schwcinsblase.„Hier diese Blase," sprach, zu Rademacher gewandt, der Zauberer feierlich,„hängt Ihr neun Tage, keinen mehr, keinen weniger, in den Rauch. Dann nehmt Ihr sie herab und tragt sie um Mitternacht auf einen Kreuzweg. Dort vergrabt Ihr sie. Von dem Augenblicke an ist der Diebessegen, den Euer Nachbar Müller über Euch und Eure Kühe gesprochen, vernichtet. Eure Kühe werden dann wieder ordentlich Milch geben!" Gläubig, von Ahnungen aus einer anderen Welt durchschauert, nahm Rademacher die Eckweinsblase entgegen. Hierauf griff er in seine Tasche und zahlte dem Wundermann den vereinbarten Lohn, 15 M. Mit peinlicher Treue befolgte der Stellenbesttzer die ihm gewordene Anweisung. Freudig gestimmt, harrte er der Wirkung. Sie trat nicht ein. Ein Tag um den andern verrann, die Kühe gaben ebenso wenig Mrlch als in der letzten Zeit. Der pyrrr- midale Köhlerglauben Rademachers wankte mehr und mehr. Von schlimmen Zweifeln gefoktett, von Kummer über den Verlust der 15 Mark geplagt, zog der Stellenbefitzer endlich einen Gendarmen ins Vertrauen und theilte diesem mit, wie Geisler die„bebexten" Kühe zu heilen versucht hatte.' Gegen den„Hexenmeister" wurde hierauf eine Untersuchung wegen Betruges eingeleitet. Als das Verfahren noch schwebte, suchte Geisler eines Tages den auf dem Felde beschäftigten Rademacher auf und sagte zu ihm:„Rademacher, wenn ihr vor Gericht stehen werdet, so sprecht nur: Der Gendarm ha: Euch überrumpelt und Ihr habt ihm das alles nur in der Bestürzung erzählt. Sprecht nur, die ganze Geschichte ist nicht wahr. Ihr seid so verdreht gewesen, daß ihr nickt gewußt babt, was Ihr sprecht. Auch davon, daß ich gesagt habe, der Nachbar Müller hat Euch die Kühe„verhext", erzählt nichts!"' Der Stellenbesttzer merkte sich diese Anrede wobl. Als er von dem Schöffengerichte in Wohlau, in der Verhandlung gegen Geisler wegen Betruges, als Zeuge vernommen TOUtbf, thcilte er die Aufforderung dem Vorfitzenden mit. Geisler wurde demgemäß nicht nur wegen Betruges, und zwar zu 2 Monaten Gefängniß, verurtheilt, es wurde gegen ihn auch ein Verfahren wegen Verleitung zum Meineide eingeleitet. Wegen dieses Verbrechens hatte der berühmte„Zauberer" sich beute vor dem bezeichneten Forum zu verantworten. Durch das Zeugniß Radcmacher's wurde er vollkommen überführt. Der Staatsanwalt beantragte, den 66 Jahre alten Angeklagten zu einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr zu veruttheilen. Der Gerichts- Hof erkannte unter Einrechnung der wegen Betruges verhängten Strafe auf 1 Jahr 1 Monat Zuchthaus. So das Schicksal des Hexenmeisters von Friedrichshayn. Zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, so reich an Wissen, so reich an Erfindungen, du hast gerade keine Ursache, auf solche Vorfälle stolz zu sein. Nicht deshalb, weil der„Brave" die Hexenmcistcrei betrieb, sondern deshalb, weil es diesem längst veralteten Geschäft durch so ge- räume Zeit nicht an Kunden fehlte. Dummheit, du bist un- überwindlich! Wien, 3. Dezember. Am Schlüsse der ersten heutigen Verhandlung über eine Appellation gegen ein bezirksgerichtliches Erkcnntniß spielte fich im Vcrhandlungssaale 2 des Landge- richtes, in welchem der Appellsenat des Landgerichtes Gunter Vorfitz des L.-G.-R. Langthaler tagte, ein aufregender Vorfall ab.— Der bereits wiederholt besttafte und aus Wien für immer ausgewiesene Julius Schmitz, der Sohn eines in Mähren befindlichen Ingenieurs, wurde unlängst vom Bezirks- gerichte wegen Rückkehr zu vier Monaten strengen Arrestes ver- uttheilt. Er ergriff dagegen die Berufung, worüber heute die Verhandlung stattfand. Es wurde das ersttichterliche Uttheil bestättgt. Da zog Schmitz aus seiner Rocktasche einen etwa ein halbes Kilogramm schweren Stein hervor und schleuderte ibn gegen den Verhandlungspräsidenten, traf aber nur den Ge- richtstisch, wo der kollernde Stein eine heillose Verwirrung unter den Atten und Schreibmaterialien anrichtete. Schließlich fiel er auf den rechten Schenkel des Präsidenten nieder. Schmitz wurde aus dem Vcrhandlungssaale gebracht und hat nun die Anklage wegen qualifizitter öffentlicher Gcwaltthätigkeit zu ge- wältigen. Ein Ehescheidungsprozeß. London, 1. Dezember. Gegenwärtig spielt vor den Londoner Gerichten ein Skandalprozcß aus den„vornehmsten" und„höchsten" Kreisen, der uns zeigt, daß gerade die Leute, die soviel von Frömmigkeit und ähnlichen anderen schönen Dingen salbadern, gut daran thäten, vor allen Dingen mit der Bekehrung zum Besseren bei sich selbst anzu- fangen. Der Prozeß bietet uns ein Bild moralischer Ver- kommenheit der prozesfirmden Ehegatten, von der glücklicher Weise diejenigen Volksklassen, denen man mit Vorliebe das meiste Böse nachsagt, denn doch verschont geblieben sind. Es liegen nun über den Prozeß folgende Nachrichten vor: Die Träger der ersten Namen Englands spielen eine Rolle in diesem Prozesse. Lady Colin-Campbell, eine junge und schöne Schottin, verlangt die Ehescheidung von ihrem Manne, Lord Campbell (dem Sohne des Herzogs von ArgyllDund Bruder des Marquis von Lorne, eines Schwiegersohnes der Königin von England), mit dem sie fich im Jahre 1881 verheirathet hatte. Lord Colin ist 32 Jahre att; er sieht sehr herabgcstimmt durch diesen Prozeß und in Folge einer unnennbaren Krankheit aus, die den Hauptanklagepunkt gegen ihn bildet und durch ärztliche Gut- achten bewiesen wurde. Ihr Vettheidiger, Sir Russell, führt aus, daß der Gemahl der Lady Campbell, trotzdem sie ihm die heftigste Abneigung wegen dieser Krankheit zu erkennen gab und trotzdem sie erklärt hatte, vor den Äugen der Welt nicht als seine Frau erscheinen zu wollen, fich dennoch ihr zu nähern suchte und auf ihre hartnäckige Weigerung die Gemeinheit be- ging, die Widerspenstige des Ehebruchs anzuklagen. Er be» schuldigte ste, daß sie während einer Reise vor achtzehn Monaten in Italien die Maitresse des Herzogs von Marlborough, des Bruders des Finanzministers, gewesen sei, was nicht als un- wahrscheinlich gilt, da dieser leichtlebige Herr schon zu wieder- holten Malen als Liebhaber leichtsinniger Frauen figurirte. Seine Eroberungen auf diesem Felde haben ihn Unsummen ge- kostet; er mußte vor zwei Jahren seine Bildergalerie, die fich seit zwei Jahrhunderten vom Vater auf den Sohn vererbt hatte, verkaufen. Der zweite Mann, mit dem sich Lady Campbell vergangen haben soll, Seist ein Fünfziger, Kapitän Shaw, Kommandant des Pompierkorps, in serne Frau zum Sterben verliebt und Vater mehrerer Kinder. Man könnte, sagen die Engländer, eher den Glauben an die Bibel ausgeben, als an eine solche Verirnmg des Biedermannes glauben. Als den dritten Liebhaber seiner Frau bezeichnet Lord Campbell den General Butler, der Miß Thompson, eine bekannte Malerin, gehcirathet hatte. Schließlich denunzirt er auch den Dr. Bird als Ge- liedtm einer Frau, der diese und ibn selber während seiner Krankheit dehandelte. Sie find sämmtlich am ersten Verhandlungstage anwesend, wie auch der Herzog von Argyll, Marquis von Navas; die hervorragendsten Vertreter der Presse und des Advokatenstandes, sowie der Aristokratie sind im Verhandlungs- saale. Lady Campbell sitzt neben ihrer Mutter, einer alten Dame. Der Vettheidiger ist in seinem Erooss unerbittlich und verlangt die chirurgische Darlegung der Operationen, die an dem Manne seiner Klientin vorgenommen werden mußten. Die erste Zeugin, die ausgerufen wurde, Lady Miller, sagte sehr abträglich für Lord Campbell aus. Am zweiten Verhandlungstage wurde das Zeugcnverhör mit Lady Miller fottgesetzt. Sie hat Campbell in sträflichem Verkehre mit ihrer Kammerfrau überrascht und erinnert fich genau des Datums, nämlich des 17. Juni 1886, weil sie dies in ihr Gebetbuch eingeschrieben hatte. Bei einem Kreuzverhöre mit dem Vettheidiger des Lords, dem Advokaten Finley, ver- wickelte sie sich in Widersprüche, und dieser produzitt selbst Briefe von ihr, aus denen hervorgeht, daß sie selbst eme Zeit lang an den Ehebruch der Lady Campbell glaubte. Ge- reizt durch dieses inquifitorische Verfahren, schreit sie:„Mein Herr, Sie verwirren mich! Das ist lächerlich, das ist eine Tottur!" Auf eine Fragestellung des Advokaten ruft fie:„Wie können Sie es wagen, eine ehrbare Dame so zu fragen? Das ist abscheulich!" Dieser Zwischenfall ruft im Auditonum große Heiterkeit hervor. Nach der Vernehmung dieser Dame ergreift Finley das Wort zur Vettheidigung fernes Klienten. Er be- stteitct gleich vorweg den mitthellsamcn Charatter der Krankheit des Lords und stellt somit in Abrede, daß dessen Frau, die überdies schon als Fräulein Blood ein Abenteuer hatte, da- durch Schaden erleroen konnte. Die Familie des Fräuleins bestand, ttotzdem die Aerzte einen Aufschub der Vermählung angerathen hatten, mit allem Nachdruck darauf, daß diese so- fort vollzogen würde. Er sucht weiter zu beweisen, daß alle Schuld an Lady Campbell liege und daß fie in Wahrheit die ehebrecherische Frau ist, wie fie der Lord schildett. Sie hatte, nachdem sie verheirathet war und ttotzdem ihr Gemahl krank lag, nichts Eiligeres zu thun, als Bälle und Gesellschaften zu besuchen. Er will die unleugbaren Beweise erbringen und eventuell die Zeugen vorführen lassen, die datthun werden, wie diese Dame mit verschiedenen Männern in intimstem Verhält- nisse gelebt habe. Was ihren Verkehr mit dem Herzog von Marlborough betteffe, würden ihre eigenen Dienerinnen aus- sagen, das ste diesen nicht allein während ihrer Reisen in Frankreich und Italien, sondern sogar in London zu jeder Zeit empfangen habe. Die Feder sträubt fich, all das nachzu- schreiben, was der unerbittliche Vettheidiger des Lords Campdell gegen dessen Frau vorbringt, und es ist wahrlich zu vcrwun- oern, daß die Damen bei so skandalösen Offenbarungen nicht den Saal verlassm.(Ter Berichterstatter muß ein recht naiver Herr sein, weiß er denn nicht, daß fich die„Damen der höhe- ren Stände" mit Vorliebe zu allen schmutzigen Sensations- affären drängen?)_________ Aereme und Versammlungen. tb. Eine öffentliche Versammlung von Handlungsgehilfen der Material- und Koloiiialwaaren-Hranche mit der Tagesordnung:„Die Lage der Handlungsgehilfen in der Material- und Kolomalwaaren-Branche und was ist zu thun, um dieselbe zu verbessern?" wurde unter Vorsitz des Herrn Deutschland am Sonntag Nachmittag im Roscnlöcher'schen Lo- kale, Rosenthalerstaße 11/12, abgehalten. Der Referent besprach die Lage der Handlungsgehilfen der Kolonialwaarcnbranche und wies darauf hin, daß diese noch immer für Kauflcute zweiter Klasse erachtet würden. Diesem Voruttheil, welches seinen hauptfächlichen Stützpunkt habe an der durch die Ucberlastung bedingten Zurückgezogenheit der Materialisten von allen die In- teressen des Kaufmannsstandes berührenden Angelegenheiten, müßten die Materialisten energisch entgegentreten durch eifrige Wahrung ibrer Interessen und Anschluß an kaufmännische Ver- bände und so die Achtung beanspruchen und die Stellung ein- zunehmen ttachten, die ihnen zukommt. Bevor man indessen an die Heilung eines Uebels gehen könne, müsse man zuvor die Ur- fachen desselben jkennen, und diese seien bezüglich der Nothlagc im Handlungsgchilfenstande hauptsächlich in drei Punkten zu suchen: im Lehrlingsunwesen, in der maßlosen Ar- beitszeit und in den willkürlichen Kündigungsfristen. Die sonftrgen Uebelstände seien mehr oder weniger die nothwendigen Folgen dieser Haupt- und Grundübel, welche mit diesen be- scitigt würden. Der Referent besprach nunmehr die angefuhtten drei Punkte in der eingehendsten Weise und fühtte die Roth- wendigkeit einer zu schaffenden Abhilfe vor Augen. Diese Ab- Hilfe werde aber nicht erreicht durch humane Vercinsbestrebungcn, durch Verabfolgung von Speisemarken u. vgl. m., welche größtentheils auch nur ermöglicht würden durch Zuwendungen von Prinzipalen, die oftmals besser zur Aufbesserung der Ge- hälter der eigenen Angestellten verwendet werden könnten. Aber auf den öffentlichen Ruhm eines Wohlthäters werde nicht gem Verzicht geleistet. Auch von der berühmten„freien Verein- barung" sei eine Abhilfe nicht zu ermatten, da naturgemäß aus freien Stücken die Prinzipale gegen ihr eigenes Interesse handeln würden, eine Abhilfe der Nothlage der Handlungs« gehilfen könne nur durch den Zwang des Gesetzes wittlich er- reicht werden. Die Ausbildung der Lehrlinge sei in der Kolonialwaarenbranche eine besonders mangelhafte, sie würden nur ausgebildet zu möglichst flotten und gewandten Verkäufern und angehalten, mit die Kundschaft erhaltender Liebenswürdig- keit namentlich die weiblichen Kunden zu bedienen; von Buchführung sei keine Rede, höchstens kämen sie dazu, einen geborgten Posten in die Tageskladde einzutragen und denselben wieder auszustreichen, wenn er bezahlt ist. Die Arbeitszeit der Lehr- linge sei eme ganz unerhörte, ebenso wie die der Gehilfen und bettage 17—18 Stunden. Daher sei dieser Bemf einer der ungesundesten und die Verkürzung der Arbeitszeit eine witthschaftliche Nothwendigkeit. Verheirathete Gehilfen fänden gar keine Stellung, da die Prinzipale fürchten, sie könnten Kaffee, Zucker tc. mit nach Hause nehmen. Die kurzen Kündigungsfristen hätten nur den Zweck, die Gehilfen in größerer Abhängigkeit zu erhalten. Solche Zustände beseitigen zu helfen sei Pflicht aller Kollegen und zwar durch Unterstützung der darauf hinzielenden Bestrebungen. Herr Hinze und Herr Hen« ning schlössen sich dem Referenten voll und ganz an und wies namentlich letzterer auf die Vortheile hin, welche die„Freie Organisation junger Kaufleutc" ihren Mitgliedern biete. Nachdem noch mehrere Materialisten die Lage der Handlungsgehilfen dieser Branche ausführlich beleuchtet und besonders Herr Jaauttes hervorgehoben hatte, daß die Geschäfte sehr gut um 9 Uhr Abends geschlossen werden könnten, da die Kundschaft nach dieser Zeit sehr gut entbehrt werden könne, nahm die Ver- sammlung die beiden Resolutionen an, welche in letzter Zeit mehrfach von kaufmännischen Versammlungen angenommen worden find und die vom Reichstage die Regelung der Arbeits- reit, der Sonntagsarbeit, der Kündigungsfristen:c. und vom Magistrate die Einführung des Krankenversichemngszwanges fordern. Die erste wurde einstimmig, die zweite gegen 5 Stimmen angenommen. Wie man heute einen Gesellenausschuß wählt. Am Sonntag, den S. Dezember, hatte die hiesige Drechsler-Jnnung nach der Landsbergersttaße 31 eine Versammlung— unter dem sttengsten Ausschluß der Oeffentlichkcit— einberufen, um wiederum einmal die Wahl eines Gcsellen-Ausschusses vornehmen zu lassen. Erschienen waren im Ganzen„18 Personen". Der Herr Ober- meister Meyer eröffnete Punkt 12 Uhr die„Versammlung" mit der Ankündigung:„Wir schreiten jetzt zur Wahl" und der Mit- theilung der bereits sattsam bekannten Motive, auf Grund deren die Wahl derartiger„Jnnunas-Gescllen-Äusschüsse" stattfindet. Doch so rasch, wie der Herr Obermeister wollte, ging es denn doch noch nicht, sondern es entwickelte sich vorerst eine Dis- kussion, welche drastische Beispiele zu Tage förderte von der „Wirksamkeit" der Jnnnnasbesttebungen auf die Bessergestaltung der Gewerkschaftsverhältniffe. Wir heben davon nur zwei Puntte hervor, sie genügen voll und ganz. Nr. 1 erklärte der Jnnungs- Obermeister auf eine von einem Gesellen-Ausschußmitglied ge- stellte Anfrage, daß die Innung kein Recht dazu hat, um den Gescllenausschuß bei der Einberufung einer öffentlichen Ver- sammlung zu unterstützen; wenn der Ausschuß einen Bericht seiner Thätcgkeit öffentlich geben wolle, dann möge derselbe die etwaigen Ausgaben für die Vettammlung durch eine Kollekte bei der Gesellenschaft decken!— Nr. 2 führte der zweite Ober- meister, Herr Gronau, eine schatte Sprache gegen die—„Rädels- führet" des hiesigen„Fachvereins sämmtlicher im Drechsler- gewett beschäftigten Arbeiter", welche nur, wie sich der werthe Herr ausließ, das gute Einvernehmen zwischen Meister und Gesellen verderben.(O, diese Weisheit des braven Jnnungs- meisters!) Als hierauf einige der Anwesenden sich zum Wort meldeten, erklärte der Herr Obermeister Meyer, daß an dcr Debatte fich nur Mitglieder des Jnnungsvorstandes sowie des Gesellen-Ausschuffcs betheiligen dürfen, für alle übrigen sei die Debatte nicht vorhanden!(Ein Bravo diesem „biederen" Jnnungsvotttande!) Ein Mitglied des Ge- sellenausschuffes wies nun darauf hin, daß, wenn von Seiten des Vorstandes derartige Angriffe auf den Fachverein geschehen, dann es ganz gut wäre, wenn einer der„Rävelsführer" des Fachvereins anwesend sei, damit endlich einmal Klarheit in die Sache käme. Der Redner machte zugleich dm Vottchlag, dem im Vorderlokal anwesmdm zweiten Vorfitzenden des Fach- Vereins, Herrn Sündermann, Zutritt zu der„Versammlung" zu gewähren; aber der Herr Obermeister ettlärte sofort, das ließe das Gesetz nicht zu, das ginge nicht!(Immer fein säuberlich unter fich und dann tüchtig aufgemuckt, ist hier die Losung der Herrm.) Auf die noch weiter angeregten Sacken wollen wir nicht mehr eingehen; doch die Wahl des Gescllenaus- schuffes möge in nachfolgendem der Oeffcntlichkeit übergcbm werdm. Also es ging zur Wahl,„die funfe" wurden gewählt, und zwar von 18 der Anwesenden, stimmten„14" für die in Vottcklag gebrachten Kandidatm; 4 der Anwesenden gaben unbeschriebene Stimmzettel ab. Doch der Zweck war erreicht, und die„große Vettammlung" ging nach Hause! Es sei uns vergönnt, an der Hand des Angeführten darauf hinzuweisen, wie bereits in den weitesten Schichtm der Drechslergesellen der Jnnungs-„Mumpitz" nicht mehr zieht; das beweist die„riesige Theilnahmc" an der Vettammlung, und Hoffmtlich geht der ganze Jnnungs,„RummeI" bald in die Rumpelkammer zurück, aus der man ihn herausgeholt hatte. Doch nicht allein das müßige Zuschaum sei die Sache der Arbeiter; hier heißt es vor allem:„Auf zu gemeinsamer Arbeit innerhalb einer zielbewußten Arberterorgamsatcon." Das mögen die Arbeiter nie vergessen! Der allgememe Anschluß an die Fachvereine ist Pflicht aller Arbeiter. Verband deutscher Zimmerleute. Lokalverband„Berlln Sud. Mittwoch, den 8. Dezember, Abends 8 Uhr, Vettamm- lung im Lokale Mariannmstr. 31 32. T.-O.: 1. Vortrag. 2. Verschiedenes. 3. Fragekasten.— Der Lokalverband„Berlin West" hält ebenfalls am Mittwoch, Abends 8 Uhr, eine Ver- sammlung ab in Gründer's Salon, Schwerinstt. 26. T.-O.: 1. Vortrag über„Schiftungen auf umgeklappten Flächen". 2. Vettckiedencs. 3. Fragekastm.— Der Lokalverband„Berlin Ost versammelt sich am Mittwoch, dm 8. d.M., Abend 8 Uhr, im Lokale Frankfurter Allee 127. T.-O.: 1. Wie ist es mög- lich, der Sonntags arbeit Einhalt zu thun? 2. Das Statut des Sanitätsvereins. 3. Verschiedenes und Fragekasten.— Neue Mitglieder werden in allen Verbandsvettammlungen auf- genommen. Gäste haben Zutritt. _ L Gauverein Berliner Bildhauer. Dienstag, dm 7. d. M., Abends 9 Uhr, Ännmstr. 16: Bibliotheksabend. * Zentralkranken- und Sterbekasse des deutschen Senefelder Bundes(E. H.) Verwaltungsstelle Berlin. Alexandetttt. 31, im Restaurant Weick, heute, Abends 8 Ühr, Mitglieder- und Verwaltungs-Versammlung. Tagesordnung: Rechnungsabschluß pro 1. Quartal. r Fachverein sämmtlicher im DrechSlergewerk beschäftigten Arbeiter Berlins. Mitgliedervettammlung am Dienstag, dm 7. Dezember, Abends 8 Uhr, in Wohlhaupt's Lokal, Äanteuffel- sttaße 9. Fachverein der Mechaniker, Optiker, Uhrmacher, chirurgischer und anderer Jnstrumentenmacher. Mittwoch, den 8. Dezember, Vettammlung bei Rieft, Kommandantenstr. 71 72. T.-O.: I. Vortrag des Herrn Dr. Bohn. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 4. Fragckasten. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Dienstag. Schäfer scher„Gesangverein der Elser". Abends 9 Uhr bei Wolf und Kruger, Skalitzerstr. 126, Gesang.— Gesangverein „Bruderbund" Abends 9 Uhr Adalbertstr. 4, im Restaurant. —„Gcsangchor des Gauvereins der Maler Berlins" Abends 8 Uhr bei Sodtkc, Ritterstt. 123.— Tumverein,„Hasenhaide" Mäimer-Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffmbachstr. 60 61.— Rauchklub �Deutsche Flagge" Abends 8 Uhr im Restaurant Händler, Wrangelstt. 11.— Rauchklub„Zum Wrcmgel" Abends 8'/, Uhr im Restaurant, Wrangelstt. 32.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschule, Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Kopnickerstt. 68.— Vergnügungsverein dcr Bürsten- und Kammmacker jeden Dienstag nach dem 1. und 15., Abends 9 Uhr, bei Wollschläger, Münzstt. 5. Vermischtes. Der Reklamesucht der Amerikaner scheint nichts meh heilig zu sein. Wir haben kürzlich von einer Trauung in einem Schaufenster behufs Reklame berichtet, durch eine Trauung aus dcr Buhne ist die Sache von einem„geschäftskundigm Theater- direktor" noch überboten. Eine solche Trauung ist in aller Wirklichkeit in Norwich. im Staate Connecticut, gefeiert worden. Miß Adams und Herr Delmar, die erste Liebhaberin und der jugendliche Held der dort gastirenden dramatischm Gesellschaft, hatten fich so oft auf offener Bühne und vor dm Äugen des Publikums zum Schein die Hand zum ehelichen Bunde gereicht, daß sie es vor einigen Tagen auch in Wirklichkeit zu thun be- schloffen. Reverend Jewett, der Rektor der dortigen protestan- tischm Kirche, vollzog diese merkwürdige Trauung. Das Er- eigniß, wochenlang vorher gehörig in alle vier Winde ausposaunt, hatte nicht verfehlt, eine ungeheure Menschmmasse an diesem Abende in das Theater zu locken, welche zu drei, vier- bis zehnfachen Eintrittspreisen, um die man sich förmlich schlug, der Lorstellung des Abendstückes beiwohnten, nach dessm Beendigung die andere„Votttellung" vor sich ging. Man kann sich denken, welch schmunzelndes Gesicht der Theaterdirektor, der als Braut« werber fungirte, machte, wie gefüllt seine Kasse war, und r»'1 die Geschmke aus dem begeisterten Publikum, diesem tausend köpfigen Trauzeugen, auf das glückliche neuvermählte Paai herabsttömten.— Nach diesem Beispiel wird man wohl nächstens von Trauungen hören, die im Zirkus, auf fliegendem Trapez, auf Rosses Rücken, auf dem Veloziped oder im Luftballon statt« finden! Eine Fasterin des 16. Jahrhunderts. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts lebte in Augsburg eine im Geruch der Heilig« keit stehende Fraucnspetton Namens Anna Laminitin, welche vorgab, seit 16 Jahren nichts genossen zu habm, als wöchentlich eine Hostie, und deshalb wohl ein größeres Aussehen erregt haben mag, als das Fasten unserer modernen Profesfionshungcr« leider Succi und Merlatti. So allgemein war der Glaube an dieses Wunder, daß es selbst Kaiser Maximilian I. nickt verschmähte, die Laminitin zu besuchen und ihr kostbare Geschenke zu machen. Selbst gelehrte Abhandlungen ettchienen über die berühmte Fasterin. Nur des Kaisers Schwester, die Herzogin Kunigunde von Bayern, wollte nicht an die Wunderinge der Laminitin glauben, und beschloß, den Schleier des Geheim« nisses zu lüften. Zu diesem Zweck ließ ste die Laminitin zu sich nach München kommen. In der Mauer des] Gemaches, in welchem dieselbe ihre Andacht verrichtete, wurde ein kleine-« Loch angebracht, vor welches die Herzogin Klostettrauen dem« derte, deren Wachsamkeit es in der That gelang, die Ursache des Fastenwunders zu ergründen. Man entdeckte nämlich, daß die Laminitin fich heimlicherweise allerhand Gebackenes, das sie versteckt bei sich trug, wohl schmecken ließ. Durch einen Boten ließ die Herzogin ihrem Bruder Kunde von der Entlarviing d» Laminitin thun und der Rath der Stadt Augsburg sah Ü@ veranlaßt, die Schwindlerin aus der Stadt zu verweisen. Nim zog die Laminitin nach Kempten und später nach Kaufbeuren- wo fie fich verhciratbete. Mit ihrem Manne aber pflog sie eine äußerst unfriedliche Ehe, beging allerhand Unfug und Laster- so daß ihr der Prozeß gemacht und fie zum Tode des saufens" verurtheilt wurde. Kleine Mittheiinngen. Würzbura, 5. Dezember. Die Anklage in Sachen de Faulcnbergcr»atasttophe ist sieben Angeklagten gestern zuge« stellt worden. Angeklagt find: Herr Offizral Ehrlich. Ode? stationsmeistcr Sacher. Kondukteur Dürr, dann vier Wecmeu wärter resp. Unterbedienstete. Ter Lokomotivführer des«ckne zuges ist nicht angeklagt. Jedenfalls findet die Verhandlu ß Ende d. M. statt._ New-Nork, 2. Dezember. Der hier heute von Antw�p angekommene Dampfer„Westernland", von der Red Linie meldet, daß er am 27. November in 43« 57' meßn* Länge einen furchtbaren Ottan aus West-Nord-West Z". stehen hatte. Eine riefige Woge zertrümmerte seinen„P*( back", wodurch 4 Matrosen und zwei Zwischendeck-PassaS � Namens Livadiri und Mar Frank, getödtet und 15 an t Seeleute und Passagiere mehr oder weniger erheblich wurden. Kriefkasten der UedaKtuw._ B«i«nfragen bitten mir die aboimementb.Duittung beijufüjen.®r'e' Ann» ort wird nicht ertheiit.., qjr. 1 H. Oberwasserstraße. Vom 1. Leibhusarenregnnenl z liegen der Stab, die 1. 2. und 5. Eskadron in Tanzig, � 3 und 4 in Preuß. Stargard. Vom 2. Leibhusarenregimenr g liegen der Stab und die 1. und 2. Eskadron in Posen, 4. und 5. in Lissa.. E.©., Penzlin. Ihre Korrespondenz konnten nur nicht verwenden. Für das Andere besten Dank...»„nen G. M.. Andreasstraße. Sie haben Recht, dock L Jgg wir in der Sache nichts thun; wenden Sie sich an den der„Neuen Welt". Lerantwortlich für den polttischen Theil und Soziales Max S !el. für Vereine und Versammlungen F. Tutzauer. für dm -"d Verlag von Max Babing in Berlin SW., Beuthsttaße übrigen Theil der Zeitung R. Cronhetrn, sämmtlich in