Nr. 287. Mittwoch, de« 8. Dezember 1886. B. JabrK. SMerVülksbl«» Lrgan skr die Interessen der Arbeiter. 4 Z«r Sozialgrsetzgrbnng. Der Normalarbeitstag resp. Maximal- »rbeitStag wird in dieser Session des Reichstags wieder jur Verbandlung kommen und zwar wird derselbe wohl zu eingehenderen Debatten führen als bisher. Denn früher lag eine lange Reihe von Anträgen auf Einführung einer neuen Arbeiterschutzgesetzgebung vor; diesmal wird sich das vor- liegende Material auf die Sonntagsarbeit, auf die Frauen- und Kinderarbeit und auf den Maximalarbeitstag be- schränken. Bis jetzt sind zwei Anträge eingebracht; das Zentrum verlangt durch die Äbgg. Lieber und Hitze einen elf- ständigen Normalarbeitstag, wobei aber so viele Aus- nahmen zulässig sein sollen, daß von dem eigentlichen Normal- arbeitStage ziemlich wenig mehr übrig bleibt. Die Abgeord- neten der Arbeiterpartei dagegen beantragen einen zehn- ständigen Normalarbeitstag und werden, was eine Hauptsache ist, eine strikte und unnachsichtliche Durchführung verlangen. Denn ohne eine solche bleibt der Normalarbeitstag eine papierne Maßregel, die wohl einen platonischen, aber keinen praktischen Werth hat. Aus dem Antrag des Zentrums leuchtet eine dcma- gogische Tendenz unverkennbar hervor; man will die Unter- nehmer möglichst gelinde behandeln und die Sache so ein- richten, daß es so ziemlich beim alten bleibt; dann aber will man doch den Arbeitern sagen können: Seht, w i r sind für Euch eingetreten und haben den Normalarbeitstag für Euch verlangt. Die Herren vom Zentrum fühlen wohl, wie sehr in ihrer Partei die Zersetzung um sich zu greisen droht; «aher wird ein Mittel gesucht, um die Arbeiter festzuhalten, ?i( längst schon nur mit Widerstreben den krummen Wegen r* Herrn Windthorst folgen. Dazu soll nun der elf- Windiae Normalarbeitstag— mit zahlreichen Ausnahmen— leiten. Es gicbt allerdings in Deutschland leider Betriebe genug, !** Mehr als elf Stunden gearbeitet wird. Allein ein elfstündiger �aymalarbeitstag reicht nicht hin, um die Arbeitslosigkeit so fu vermindern, daß die gesammte Arbeiterklasse einen Bortheil davon hat. Elf Stunden schwerer körperlicher Arbeit das Tanze Zghr hindurch, mit Ausnahme der Sonn- und Feier- bei fast immer ungenügender Ernährung, sind zu viel >ur einen normalen Menschen und müssen dessen Knochen und Muskeln vorzeitig abnutzen. Die Riesennaturen, die das ohne Schaden an ihrer Gesundheit und Körpcrkraft Ehalten können, sind eben so selten wie die Leute, die mit dloßer Hand ein Hufeisen zerbrechen. Der zehnstiindige Normalarbeitstag ist eine äußerst Mäßige Forderung, wenn man bedenkt, daß in England und Nordamerika große Bewegungen im Gange sind, welche auf Jeuildeton. porbotou]- Die Derfuhrerw. Novelle von D. C o l o n i u S. [3 n. ii. Als Antonio aus seinem Schlafe erwachte, war es fast fltüag. Er sprang von seinem Lager auf und wundette Uch anfangs, daß er sich in in seinem Zimmer nicht zurecht- stnden konnte; erst nachdem er die Gardinen, welche das Tageslicht abhielten, geöffnet hatte, erkannte er, daß er sich ?'cht in seiner Wohnung befinde. Vergebens suchte er in Idrnem Tedächtnisse nach, wie er hierher gekommen; von �>n Momente ab, wo er in den Wagen gestiegen war, hatte � keine Erinnerung mehr. Sein Zweifel dauerte indeß U'cht lange; denn kaum hatte er seinen Anzug geordnet, als Une ältliche, ihm wohl bekannte Frau eintrat. .„Wir haben uns lange nicht gesehen, Herr Antonio," 5� sie mit jener katzenhaften Freundlichkeit, wie sie solchen tierinnen eigen ist, die von ihren Herren zu Vertrauten ächeimer Sünden gemacht werden,„und wenn nicht eine Wollige Verwechselung Sie hierhergeführt hätte, so hätten vielleicht gar nicht daran gedacht, daß ich überhaupt '°ch eristire." e.„Zch wünschte, mein Fuß wäre erlahmt, bevor ich die schwelle dieses Hauses betrat, in welchem das verkappte M-r umherschleicht. Hätte ich Dich früher erdrosselt, Du Mutter der Sünde, bevor meine Ruhe Deinem hungrigen Dpfer gebracht ivurde!".. "Mein Kind?" wiederholte das Weib mit onnfenber beide,„wenn die Dame, mit der Sie hier ominenkommen, mein Kind wäre, würde ich sie zwingen, �tebe einem Manne zu entziehen, der ihrer ganz uw- l.V! TI"""" AU CIU11CUKU, vvfc IV"-. ö-.-o- *70 ist. Ja, mein stolzer Herr Antonio, sehen Sie mich ,f«® groß an, Sie verdienen nicht so heiß und auf- k-rnd geliebt zu sein, und wenn ich es genau überlege, gar nicht, was die Frau Baronin von Ihnen will, -M» an jedem Finger ein Dutzend Anbeter herzähle» die bekannten acht Stunden abzielen— acht Stunden Ar- beit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf. Unter der gegenwärtigen Produktionsform ist diese Dreitheilung des 24 stündigen Tages in den Verhältnissen durchaus begründet. Wenn man heute vorläufig sich mit einem zehnstündigen Maximalarbeitstag begnügen will, so geschieht das, um die Durchführbarkeit dieser praktischen Forderung zu erleichtern. Auf der da- durch gegebenen Grundlage könnte dann weiter gebaut wer- den, wenn nur einmal die Gesetzgebung so weit gekommen wäre, die manchesterliche Mauer von Vomrtheilen zu durch- brechen und sich das Recht zu vindiziren, in die wirthschast- lichen Verhältnisse regelno und ordnend einzugreifen. Wir erwarten vom Normal- resp. Maximalarbeitstag keine Wunder, aber er ist eine für die Arbeiter wohlthätige Institution und schafft eine Basis, auf der sich eine durch- greifende Arbeiterschutzgesetzgebung entwickeln kann. Auch muß der Maximalarbeitstag mit einer Reihe anderer Maß- regeln in Verbindung stehen, um gewichtig einzuwirken. Vor allen Dingen aber möchten wir betonen, daß der Nor- malarbeitstag nicht allein vom ökonomischen resp. kauf- männischen Standpunkt aus zu betrachten ist. Der Industrielle, der den Normalarbeitstag verwirft, rechnet sich einen wirk- lichen oder angeblichen Abzug von der Quote seines Profits heraus und das genügt dann für die herrschende Professoren- käste, den Normalarbeitstag als„unausführbar" zu ver- werfen. Diese Leute rechnen aber mit der Arbeitskraft als mit einer Waare. Sie ist es insofern, als sie auf dem Arbeitsmarkte feilgeboten werden muß; aber sie ist dennoch keine gewöhnliche Waare, zu der sie so manche National- ökonomen gerne degradirt sehen möchten, denn sie hängt untrennbar mit einem lebendigen Menschen zusammen und wer dies nicht übersehen will, der muß auch zugeben, daß die„Waare" Arbeitskraft mit den wichtigsten staatlichen und gesellschaftlichen Interessen zusammenhängt. Daraus ergiebt sich vann ganz von selbst, daß der Normalarbeitstag auch von anderer Seite gewürdigt werden muß; nicht allein nach seiner ökonomischen Bedeutung, son- dern auch weil er dem Arbeiter Zeit aiebt, sich zu erholen, sich zu bilden und sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu betheiligen. Es ist eitel Heuchelei, wenn man von„Bildung" spricht und„Volksbibliotheken" einrichtet, dem Volke aber keine Zeit gewährt, diese Bibliotheken zu benutzen. Allerdings mag eS Leute geben, welche sich vor der Volksbildung fürchten und die Windthorst und Kleist-Retzow haben dazu eben so Grund wie die Richter und Marquardsen. Ein gebildetes Volk würde den Humbug der alten Parteien durchschauen und sich den neuen gesellschaftlichen Ideen zuwenden, welche den auf der Arbeiterklasse lastenden Druck beseitigen wollen. So hat die Beschränkung der Arbeitszeit Konsequenzen, könnte, von welchen mir jeder einzelne lieber wäre, als Sie. Bilden Sie sich ja nichts auf Ihre schönen Augen ein, solcher giebt es noch viele; aber es giebt wenige Baroninnen, die sich in Sie verlieben würden, und gewiß keinen zweiten Mann, der thöricht genug wäre, ein solches Glück mit Füßen zu treten." Antonio ergriff seinen Hut und machte ohne Gruß und Erwiderung einige Schritte gegen die Thür. „Haben Sie nur noch ein wenig Geduld, ungestümer junger Herr!" rief die Frau, ihn zurückhaltend;„sind Sie denn nicht neugierig, zu erfahren, wie Sie hierher kamen? Ich will Zhncn Alles erzählen, während Sie eine Tasse Chokolade trinken." Antonio schien indeß in der That nicht auf den Grund seiner Anwesenheit an diesem Orte neugierig zu sein und wäre sicherlich davon geeilt, wenn die Frau ihm nicht nach- gerufen hätte, daß die Hausthür geschlossen sei und daß er sich die Mühe des Treppensteigens ersparen möge. „Was willst Du von mir und was soll ich hier?" fragte Antonio umkehrend.„Siehst Du nicht ein, daß es thöricht von Dir wäre, mir Trotz bieten zu wollen? Ich würde die Thür erbrechen, aber zuerst Deine Schleicherseele aus dem verdorrten Knochengerippe treten, wenn Du mir Widerstand leisten wolltest!" „O, das sieht Ihnen nicht ähnlich, stolzer Herr Antonio! Sie können zwar ohne Gewissensbisse den Ruf und das Lebens- glück einer Frau zu Grunde richten, die Zhnen Alles zum Opfer gebracht hat; aber sich an einem schwachen, wehrlosen Weibe vergreifen?— Pfui, das wäre eines so edlen Ritters un- würdig! Uebrigens hätte ich gar nicht gedacht, daß Sie so furchtsam sind; Sie scheinen ja förmlich Angst vor mir zu haben. Es ist Zhnen jetzt so unheimlich hier; und doch waren Sie in demselben Hause und in diesem Zimmer so glücklich und llberselig! Es ist gar nicht schön, daß Sie mich so verächtlich behandeln; aber unverzeihlich ist es, daß Sie—"D. „Hat die Frau Baronesse Dich vielleicht beauftragt, mir Vorwürfe zu machen?" unterbrach er den Redefluß des Weibes, „dann hätte sie in der That nicht nöthig gehabt, mich, ich weiß nicht durch welche Schleichmittel, hierher zu bringen; Du die für die ganze Welt wohlthätig und vortheilhaft find. Sie findet ihren Hauptgegner nur an jenem Egoismus, dem die Gesammtinteressen ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben werden und der, nur den Vortheil des Augenblicks erfassend, die Gesammtentwickelung auf Jahrhunderte ver- derben würde— wenn er könnte. Der Normalarbeitstag wird kommen, früher oder später; je früher er kommt, desto leichter wird unserem Volke seine ökonomische Gesundung werden. Iie IMik vom 6. Iezemöer. § Die beiden Wahlen von vorgestern, in Mannheim und in Berlin, haben insofern große Achnlichkeit, als fie beide ein beträchtliches Anwachsen der sozia« listischen Stimmen zeigen. Gerade im ersten Berliner Wahlkreise haben das die Gegner wohl am wenigsten erwartet! Man bedenke, daß dieser Kreis am stärksten jene Verdrängung der eigentlichen Arbeiterbewohner zeigt, welche in den Zentren aller aufstrebenden großen Städte bemerkbar ist: die Mictbskaserncn weichen hier falhionabken Häusern mit glänzenden Läden, ausgedehnten Komptoirs und Bureaur und diese ganze Umwandlung vertreibt natürlich an vielen Punkten das Arbeiterelement zu Gunsten der Kaufleute, Hoflieferanten, Hoteliers und der ganzen Bedientenschaar von Kastellanen, Reitknechten und wie die sich beständig mehrenden Anhängsel der oberen Zehntausend alle heißen. Schon dadurch hatte die Arbeiterpartei einen schwereren Stand als jemals früher. Dazu kam das Verhalten der Behörden, welche jede öffent- liche Agitation, durch Schrift oder Rede, zu unterdrücken strebten. Mit der Freitagsversammlung in der Tonhalle begann— und endete die öffentliche Propaganda für die Wahl Chrisiensen's. Alle weiteren Versammlungen wurden verhindert— im Anfang durch die Einschüchterung der Wirthe, später durch direktes polizeiliches Verbot—, alle Flugblätter wurden verboten; trotz alledem stieg die Zahl ver sozialistischen Stim» men von 821 auf 1454, also um nahezu achtzig Prozent! Das ist ein Resultat, wie es unter dm bezeich- neten Umständen glänzender kaum gedacht werden konnte und cS wird nicht verfehlen, auf die Anhänger der Arbeiterpartei allerorts den erhebendsten Eindruck zu machen. Auch in Mannheim hat der sozialistische Kandidat. Stadtrath Dreesbach, trotzdem er bei der Stichwahl vorgestern unterlegen ist, mehr Stimmen auf sich vereinigt, als jemals früher ein Vertreter der Arbeiterpartei. Man zählte nämlich sozialistische Stimmen: 1871....- 1874.... 1056 1877.... 1689 1878.... 2376 1881.... 2517 1884.... 4846 1886.... 6818 Stichwahl.. 9775 aber bist sicherlich die schlechteste Vertreterin ihrer Sache.. Zch spreche mich nicht von aller Schuld frei; aber ein Verbrechen war eS, ein Weib wie Dich zur Mitwisserin und Beschützerin eines an sich unschönen Verhältnisses zu machen; waS die Baronin aber durch Deine Fürsprache bezwecken will, ist mir in der That ein Räthsel. Zch verlange nicht zu wissen, auf welche Weise ich hierher gekommen bin, ich könnte sonst in Verlegenheit gerathen, um ähnlichen wei- teren Zudringlichkeiten zu begegnen, die ganze Sache der Behörde mitzutheilen; aber ich verlange, daß Deine hohe Gönnerin mich fortan unangefochten lasse. Zn diesem Augen- blicke aber verlange ich, daß Du mir die Thür öffnest und mich nicht länger zwingst, Dein giftgeschwollenes Gesicht anzusehen. Während der letzten Worte Antonio'S war eine ver- schleierte weibliche Gestalt aus einer Seitenthür eingetreten, und stand jetzt plötzlich vor Antonio, ohne daß er ihre An- Näherung bemerkt hätte. „Sie werden dies Haus verlassen können, sobald Sie wollen, Antonio!" sagte sie mit bewegter tiefer Stimme, „nur einige Minuten wollen Sie sich noch gedulden!"— und sich gegen die zweite Frau wendend, deutete sie ihr mit einer leichten Handbdwegung an, sich zu entfernen. Eine volle Minute lang stand Antonio, nachdem er mit der noch immer verschleierten Frau allein war, schweigend und niedergeschlagenen Blickes vor ihr; man sah es ihm an, daß ein heftiger Kampf in seinem Znnern arbeitete und daß er Mühe hatte, seine Erregtheit zu verbergen. Noch immer abgewandten Blickes und mit gepreßtes fast ton- loser Stimme fragte er endlich:„Was wollen Sie von mir?" „Von diesem Augenblicke an nichts Anderes, als Ihnen erklären, daß ich meine Achtung vor mir selbst wieder er- langt habe, weil ich zu der Ueberzeugung gekommen bin, daß Sie ein Elender sind, weil ich Sie tiefer, viel tiefer verachten lernte, als mein eigenes Benehmen Zhnen gegen- über. Vor«ner Stunde noch war es ein von Haß und Liebe untermischtes Gefühl, welches mich zu Ihnen trieb; vor einer Stunde noch hatte ich Pflichten gegen Sie, denen zu Liebe ich mich der gemeinsten Erniedrigung untere Man ficht aus diesen Zahlen mit einem Blicke, wie das Proletariat in seinem politischen Emanzipationskampf immer vorwärts geschritten ist, ohne jeden Rückschlag. Und wenn von den Stimmen, die vorgestern bei der Stichwahl auf Treesbach mehr als bei der ersten Wahl entfielen, auch einige der bürger- lichcn Demokratie zuzuschreiben sein dürften, so ist und bleibt die Zunahme der eigentlich sozialistischen Stimmen in Mannheim doch eine ganz rapide. Geradezu kläglich nimmt sich demgegenüber der Anblick der bürgerlichen Parteien aus. Die Konservativen im ersten Ber- lincr Kreise brachten es vor zwei Jahren auf 6754 Stimmen, heute müssen ste sich mit 4733, mit nahezu 2000 weniger, begnügen. Ter„Frcifinn" hat zwar im ersten Anlauf gesiegt, aber auch er sieht die Schaar scmcr Anhänger, trotz einer ficber- haften Agitation, reduzirt: von 8428 auf 7207! Das sind trotz alles äußerlichen Erfolges beschämende Resultate gegenüber der aufstrebenden Arbeiterpartei! Und in Mannheim? In Mannheim hat allerdings ein Nationalliberaler noch niemals soviel Stimmen erhalten, wie vorgestern. 1884, in dem für sie günstigsten Jahre, brachten es die Nationalliberalen auf 8380 Stimmen und vorgestern auf 10 792. Aber von diesen Stimmen ist ein großer Theil von den süddeutschen Bourgeois- demokraten abgegeben worden, die sich offenbar viel- mehr als Bourgeois denn als Demokraten fühlen und die daher einem sozialistischen Demokraten viel feindseliger gegenüber stehen als einem rückgratlosen Mittelparteiler und Reaktionär, der die Interessen der besitzenden Klassen vertritt. Schon nach der Wahl vom 26. v. M. wurde allgemein angenommen, daß von den 7636 Stimmen Tiffens's ein Theil von den„Demokraten" abgegeben worden sei, noch mehr gilt dies natürlich von dm 10 792, die vorgestern auf Dissen� entfielen. Alle Auf- forderungen des Mannheimer Komitees und der Demokraten im Reichstage haben die Mannheimer„Volksparteiler" offenbar nicht bewegen können, aus ihrer Bourgeoishaut herauszufahren. Zieht man das alles in Rücksicht, so ergiebt sich zweifellos, daß auch in Mannheim die nationalliberale Partei nicht stärker ge- worden ist, während die bürgerliche Demokratie, die früher den Kreis beherrschte, sich als vollständig politisch bankerott er- wiesen hat. Also überall Stillstand und Rückschritt der bürgerlichen Parteien! Ueberall Fortschritt und Aufschwung der Arbeiter- partei! Das ist das Ergcbniß der Wahlen vom 6. Dezember. ** * Wir fügen hier gleich noch eine Zusammenstellung an, wie sich am Montag in den einzelnen ÄezirkenÄerlins das Ergcbniß der Abstimmung gestaltete: Stadttheil Berlin. 1. Stadtbez. 1. Wahllokal: BerlinischesRathhaus: Klotz 276, Gerold III, Marggraff 17, Christcnsen 42. 2. Stadtbez. 1. Wahllokal: I ü d e n st r. 55: Klotz 241, Gerold 92, Marggraff 5, Christcnsen 31. 3. Stadtbez. 2. Wahllokal: Stralaucrstr. 11: Klotz 213, Gerold 95, Maraaraff 5, Christensen 31. 4. Stadtbez. 2. Wahllokal: Stralaucrstr. 43: Klotz 254, Gerold 144, Marggraff 5, Christensen 80. 5. Stadtbez. 3. Wahllokal: S t r a l a u e r st r. 57: Klotz 311, Gerold 106, Mamgraff 11, Christensen 78. 6. Stadtbez. 3. Wahllokal: klosterst r. 41: Klotz 227, Gerold III, Marggraff 6, Christensen 42. 7. Stadtbez. 4. Wahllokal: Panorama st r.: Klotz 347, Gerold 86, Marggraff 11, Christensen 44. 8. Stadtbez. 5. Wahllokal: L> e i l i g c g c i st st r. 34: Klotz 264, Gerold 49, Marggraff 11, Chnstensen 34. 9. Stadtbez. 5. Wahllokal: Neue Friedrich st r. 44: Klotz 223, Gerold 56, Marggraff 5, Christenscn 43. Alt-Cölln. 10. Stadtbez. 6. Wahllokal: Scharren st r. 7: Klotz 210, Gerold 130, Marggraff 17, Christcnsen 60. 11. Stadtbez. 6. Wahllokal: B r ü d e r st r. 26: Klotz 226, Gerold 183, Marggraff 9, Christensen 30. 12. Stadtbez. 7. Wahllokal: F i s ch e r st r. 10: Klotz 140, Gerold 122, Marggraff 4, Christensen 82. 13. Stadtbez. 7. Wahllokal: Friedrichsg rächt 16: Klotz 173, Gerold 119, Marggraff 3, Christensen 63. 14. Stadtbez. 8. Wahllokal: R o ß st r. 5: Klotz 178, Gerold 135, Marggraff 6, Christensen 66. 15. Stadtbez. 8. Wahllokal: Scharrenstr. 12: Klotz 192, Gerold 135, Marggraff 9, Chrisiensen 74. Friedrichswerder. 16. Stadtbez. 9. Wahllokal: N i cd erw a l l str. 18: Klotz 154, Gerold 77, Marggraff 8, Christcnsen 51. 17. Stadtbez. 9. Wahllokal: K l. Kurstr. 1: Klotz 185, Gerold 107, Marggraff 8, Christcnsen 54. 18. Stadtbez. 10. Wahllokal: Jägerstr. 54: Klotz 227, Gerold 186, Marggraff 17, Christensen 36. Dorotheenstadt. 19. Stadtbez. 11. Wahllokal: Dorothcenstraße 12: Klotz 110, Gerold 128, Marggraff 10, Christenscn 13. worfen hätte; von jetzt an sind sie gelöst.— Sie können gehen, Antonio." „Und um mir diese Erklärung zu geben, hatten Sie iröthig, solche Vorbereitungen zu treffen, mich, ich weiß nicht durch welche Ränke, in diese Mörderhöhle meiner Ehre und männlichen Tugend zu schleppen! Sie wollten mir sagen, daß ich ein Elender sei, daß Sie mich verachten; vergessen Sie nicht, daß diese Ihre Verachtung das einzige Mittel ist, mich vor mir selbst zu rechtfertigen. Ich wäre noch viel elender, als ich es schon durch Sie geworden bin, wenn nicht eben in Zhrem Hasse der einzige Beweis läge, daß ich noch rechtzeitig um- gekehrt bin, daß ich noch Hoffnung habe, ein Mensch unter Menschen»u werden; ich weiß nicht, welcher neue Verrath, welches raffinirte Laster hinter diesem Ihrem letzten Schritte verkappt ist. Hoffen Sie nur nicht, mich unvorbereitet zu finden, ich werde im schlimmsten Falle.. „Was willst Du im schlimmsten Falle thun, Antonio?" rief die Frau, indem sie ihren Schleier zurückwarf und ihren leidenschaftlich glühenden Blick auf Antonio heftete.„Sieh' mir ins Auge und wage es auszusprechen, was Deine feige Furcht Dich denken ließ. Du suchst Deinen Verrath an mir hinter der Schutzwehr Deiner erträumten männlichen Tugend zu verbergen, das soll Dir nicht gelingen; Du hast mich, nachdem ich Dir meine Ehre, meinen Ruf, die Liebe meines angetrauten Gatten, mein Lebensglück und mein Seelenheil geopfert, verlassen— ich vergebe es Dir. Du hast meiner Trauer gespottet, hast meine Liebe belacht und meinen Schmerz verhöhnt, ich will es Deiner blinden Thor- heit zu Gute halten; Du hast mir mit der herzlosesten Grausamken eine einzige, die letzte Unterredung verweigert, um die ich Dich flehentlich bat; Du bist mir zum Hohne an der Stelle gewesen, wohin ich Dich beschied, ohne mich und mein Flehen zu beachten— ich vergebe es Deinem Leicht- sinn. Du hast mich gezwungen, mich vor Dir zu erniedrigen, wie eine Magd; Du hast mir nicht geglaubt, daß zwei Menschenleben von der Unterredung, die Du mir ver- weigertest, abhingen; Du wolltest mich zur zweifachen Mör- dcrin machen— ich will diesen Frevel Deiner halsstarrigen Selbstsucht znschreibon; Du betrachtest Dein Verhältniß zu 20. Stadtbez. 1 1. Wabllokal: Mittelstraße 65: Klotz 108, Gerold 124, Marggraff 22, Christcnsen 10. 21. Stadtbez. 12. Wahllokal; Friedrich-Werder- sches Gymnasium: Klotz 64, Gerold 149, Marggraff 6, Christensen 6. 22. Stadtbez. 12. Wahllokal: Dorotheenstadt. Realgymnasium: Klotz 133, Gerold 128, Marggraff 7, Christensen 21. 23. Stadtbez. 13. Wahllokal: Dorothcenstraße 31: Klotz 122, Gerold 185, Marggraff 9, Christensen 20. 24. Stadtbez. 13. Wahllokal: Dorotheenstraße 66: Klotz 117, Gerold 137, Marggraff 8, Christensen 22. 25. Stadtbez. 24. Wahllokal; Behren str. 52: Klotz 134, Gerold 135, Marggraff 14, Christenscn 23. 26. Stadtbez. 14. Wabllokal: Unter denLinden4a: Klotz 142, Gerold 165, Marggraff 8, Christensen 9. Friedrichstadt. 27. Stadtbez, 15. Wahllokal: Deutscher Dom: Klotz 168, Gerold 104, Marggraff 21, Christenscn 23. 28. Stadtbez. 15. Wahllokal: Französische st r. 33»: Klotz 154, Gerold 116, Marggraff 25, Christcnsen 8. 29. Stadtbez. 16. Wahllokal: Leipziger st r. 33(Glas- Halle): Klotz 272, Gerold 96, Marggraff 19, Christenscn 32. 30. Stadtbez. 17. Wahllokal: Krausenstr. 10: Klotz 152, Gerold 81, Marggraff 24, Christensen 26. 31. Stadtbez. 17. Wahllokal: Leipziger str. 33(oberer Saal): Klotz 153, Gerold 129, Marggraff 19, Christensen 29. 32. Stadtbez. 18. Wahllokal: T a u b e n st r. 64: Klotz 164, Gerold 134, Marggraff 19, Christensen 55. 33. Stadtbez. 18. Wahllokal: M a u e r st r. 76: Klotz 200, Gerold 126, Marggraff 22, Christensen 51. 34. Stadtbez. 19. Wahllokal: Französische st r. 10: Klotz 165, Gerold 124, Marggraff 43, Chnstensen 35. 35. Stadtbez. 19. Wahllokal: Kanonier str. 14—15: Klotz 182, Gerold 1 12, Marggraff 16, Christensen 40. 36. Stadtbez. 20. Wahllokal: Leipziger st r. 14: Klotz 152, Gerold 126, Marggraff 11, Christensen 21. 37. Stadtbez. 20. Wahllokal: Leipzigerstr. 132: Klotz III, Gerold 145, Marggraff 17, Christensen 5. Thiergarten. 38. Stadtbez. 283. Wahllokal: In den Zelten 1: Klotz 221, Gerold 158, Marggraff 16, Christensen 14. 39. Stadtbez. 284. Wahllokal: Luisenhof: Klotz 142, Gerold 137, Marggraff 23, Christcnsen 50. Potttlsche Ueverstcht. 200 Millionen neue Steuern. Während die Thronrede selbst und die Vertreter der Reichsgerierung bei der ersten Be- rathung des Etats im Reichstage die Unmöglichkeit betonen, dem gegenwärtigen Reichstage eine Vorlage wegen Deckung des Defizits in der Rcichsfinanzvcrwaltung zu machen, weil derselbe frühere unzweckmäßige Vorlagen abgelehnt hat, werden nach einer Mittheilung der„Lid. Korr." in aller Stille Stcuerpro- jekte vorbereitet, welche eine Mehrbelastung von etwa 200 Mill. Mark in Aussicht stellen. Es unterläge danach keinem Zweifel, daß die Reichspartei des Reichstags und zwar ini Einvcrständniß mit der Regierung einen Branntwein st euerplan ausarbeite, dessen Ertrag auf 120 Millionen Mark veranschlagt wird. Als Antragsteller wird Geh. Lbcr-Reg.-Rath Gamp genannt. Es würde das die Einführung einer Konsumsteuer von etwa 50 Pf. pro Hektoliter, das Doppelte des vom Zentrum in der letzten Session angebotenen Satzes voraussetzen. Schon damals stand ein „Kompronnßoorschlag" dieses Inhalts zur Erörterung— selbstverständlich hinter den parlamentarischen Kouliffen—, der aber fallen gelassen wurde, weil die Regierung Bedenken trug, den Voraussetzungen dieses Vorschlags, d. h. dem Wegfall der den Brennern zugedachten Begünstigungen zuzustimmen. Ob die Regierung, wie behauptet wird, jetzt bereit ist, die Sonderintcr- essen der Kartoffelbranntweinbrenncr preiszugeben, um dem Geldbedürfniß der Rcichskaffe zur Befriedigung zu verhelfen, bleibt abzuwarten. Wenn die Angelegenheit noch nicht weiter gediehen ist, als es bisher den Anschein hat, so liegt, der zi- tirten Korrespondenz zufolge, der Grund darin, daß die R e- gierung mit einer Einnahme vonl20Millio- n e n nicht zufrieden ist. Sie verlangt weiterhin eine Erhöbung der Tabaks st euer bezw. des Tabakszolls, welche eine Äcyreinnahme von 60—70 Millionen Mark herbeiführen soll. Und während Finanzminister von Scholz im Reichstag den Entrüsteten spielt, wenn Jemand behauptet, daß die Re- gicrung an dem Projekt des Tabakmonopols festhalte, wird unter der Hand gedroht, die Regierung werde das Monopol wieder bringen, wenn der Ertrag des Tabakszolls nicht um den bezeichneten Betrag gesteigert werde. Zu den Freiberger Berurthcilungen. Wir meldeten kürzlich, daß der Landtags ab geordnete Karl Ulrich, der zu den in Frcibcrg zu 9 Monat Gefängniß ver- urtheiltcn Eozialdcmokralcn gehört, die Aufforderung des Chemnitzer Staatsanwalts Schwabe zum Strafantritt ab ge- mir, wie eine Krankheit, von der Du noch nicht genesen bist; Du wahrst mit zarter Schonung für Dein liebes Ich Dein Herz vor jeder Berührung mit" Deiner jüngsten Ver- gangenheit; Tu schläferst Dein Gewissen mit verkehrten Theorien ein— all das verzeihe ich Dir; aber Du beabsichtigst, um in Deiner Ruhe nicht gestört zu werden, den Mann, den ich Deinetwegen dem Spotte der Welt preisgab, zum Schutze gegen mich anzurufen; Du willst mich strafen für meine heiße Liebe, Du willst mich selbst zum Richtplatze führen, Du willst mein Verräther, der Knecht meines Henkers werden— das vergebe ich Dir nicht, Antonio!" Die junge Frau hielt, nachdem sie diese mit immer ge- steigerterer Leidenschaft auSgestoßenen Worte geendet hatte, plötzlich inne, dann trat sie ganz nahe an Antonio heran, so daß ihr Athcm fast den seinen berührte und sagte in herabgestimmtem, fast flüsterndem Tone: „Gestern, Antonio, als ich Dich unter tausend Thränen um eine Unterredung bat, schwur ich Dir, daß zwei Menschen- leben auf dem Spiele ständen; das Loos ist gefallen, aber nicht zwei, sondern drei Leben verlangt es." Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:„Ich habe Dich durch tau- send Ränke hierher bringen lassen, Antonio, um Dich zu tödten." „Sie spielen ihre Rolle vortrefflich, gnädige Frau," erwiderte Antonio mit kaltem Lächeln,„aber darf ich auch wissen, wer außer mir und Ihnen noch dem Tode ver- fallen ist?" Tie Frau zuckte bei dieser in vollkommen ruhigem Tone ausgesprochenen Frage schaudernd zusammen. Sichtbar hatte sie von der letzten Wendung ihrer Rede eine ganz andere Wirkung envartet; im ersten Augenblick machte sie Miene, den Mantel, der noch immer ihren ganzen Körper umhüllte, zurückzuschlagen, doch gleich darauf zog sie ihn enger um sich zusammen, und indem sie wieder einen Schritt von An- tonio, der ohne die leiseste Bewegung an seiner Stelle ge- blieben war, zurücktrat, sagte sie mit einer Ruhe, die dem Fragetone des jungen Mannes entsprach: „Antonio, diese Stunde ist zu ernst für mich, als daß die neue Kränkung, die Du mir zufüast, mich berühren lehnt habe. Dies geschah mit dem Hinweis auf Artikel 84 der hessischen Verfassung und§ 6 des Einführmmsgesetzes zur Strafprozeßordnung, auf die gestützt, Ulrich dem Staatsanwalt das Recht bestritt, ihn verhaften zu lassen. Darauf hat nun- mehr der Staatsanwalt Schwabe unterm 27. November eine wieverholte Aufforderung zum Strafantritt an den Veruttheilteu gerichtet. In derselben heißt es, daß der Arttkel 34 der hessischen Verfassung nach früher ergangenen Entscheidungen lediglich Untersuchungs-, nicht aber Straf» Haft im Auge habe, und daß hiernach ein weiterer Anlaß zu einem Strafaufschub nicht vorliege. Schließlich wird abermals mit persönlicher Sistirung gedroht, wenn Ulrich sich nicht bis zum 3. Dezember stelle. Dies veranlaßte den Abgc- ordneten Ulrich zu nachstehender Erklärung: An die königl. Staatsanwaltschaft in Chemnitz. Ihre neue Zuschrift und Auf- forderung zum Strafantritt vom 27. v. M. beantwortend, will ich zunächst feststellen, daß ich keinen Strafaufschub gewünscht habe. Ich habe lediglich ein mir zustehendes Recht hervor- gehoben und muß dies auch heute noch gegenüber Ihrer er- neuten Aunorderung zum Strafantritt thun, da darin aber- mals„persönliche Sisttrung" angedroht ist. Nach Artikel 84 der hessischen Verfassung sind die Abgeordneten„während der Tauer des Landtages keiner Art von Arrest, als mit Bewilli- gung der Kammer, zu welcher sie gehören, unterworfen, den Fall der Ergreifung auf frischer That bei strafbaren Handlumen ausgenommen" ic. w. Und nach§ 6 Absatz 2 sub 1 des Ein- führungsgeseyes zur Strafprozeßordnung bleiben die„landes- gesetzlichen Bestimmungen":„über die Voraussetzungen, unter welchen gegen Mitglieder einer gesetzgebenden Versammlung während der Dauer einer Sitzungsperiode ein Strafverfahren eingeleitet oder fortgesetzt werden kann", in Kraft. Die hessische Verfassung kennt für den Landtag nur eine Sitzungsperiode während der Dauer desselben; vom Augenblick feiner Eröffnung bis zur Schließung befindet er sich in einer immerwährenden Sitzungsperiode, auch wenn eine Zeit lang keine Plenarsitzungen stattfinden, denn die Ausschüsse des Landtages arbeiten auch während der Vertagung der Plenarsitzungen fort. Un- richtig ist, daß der Art. 84 der hessischen Landesverfassung nach früher ergangenen Entscheidungen lediglich Untersuchungshast, nicht aber Strafhaft im Auge hat, denn derselbe sagt ganz klar. daß Personen, welche zur Ständevcrsammlung gehören,„keiner Art von Arrest, als mit Einwilligung der Kammer", unter- worfen sind. Eine Entscheidung in der Sache steht lediglich der zweiten Kammer der Stände Hessens, deren Mitglied ich bin, zu. In dieser Auffassung der Sachlage befinde ich mich mit einer Anzahl meiner Kollegen, an die ich mich gewendet. in vollem Einverständniß und auch der Herr Präsident der Kammer, bei dem ich persönlich vorgesprochen, neigt sich meiner Ansicht zu.— Ich erkläre also wiederholt, daß ich auf Erfüllung des Artikels 84 der Hess. Verfassung bestehen muß und bemerke noch, daß ich die großherzogliche Regierung ersucht habe, micb in meinen Rechten zu schützen und event. eine Verletzung der Ver- fassung zu verhindern. Offenbach a. M., 30. November 1886. C. Ulrich, Mitglied der zweiten Kammer der Stände des Groß- herzogthums Hessen.— Man darf nun wohl gespannt darauf sein, was der erste Staatsanwalt von Chemnitz, Herr Schwabe. jetzt thun wird. Zur neuerlichen Ausweisung des Herrn Keßler schreibt der letzte„Beugcwerkschaftcr":„Ausgewiesen aus der Stadt München und dem ganzen Königreich Bayern wurde unser ge- sä'ätztcr Mitarbeiter Herr Keßler. Obgleich die gegen ihn ge- faßten Beschlüsse noch nicht rechtskräftig geworden sind, wurde ihm am 24. November aufgegeben, München und das König- reich Bayern innerhalb drei Tagen zu verlassen, da er sonst durch Zwang entfernt werden würde. Herr Keßler ist am Sonnabend, den 27. November, von München abgereist. Herr Keßler war in München nach keiner Richtung bin politisch thätig» sondern lebte ganz zurückgezogen mit seiner Tochter. Die letz' tere wird sich dem Veinchmen nach wieder nach Berlin zurü� begeben, um dort ihre Studien an der königlichen Kunstgeweck*? schule fortzusetzen. Wenn sie, wie es jetzt nothwcndig ist, fiv von ihrem Vater einmal trennen muß, so geht sie lieber n Berlin, dessen Lehranstalt für Kunstgewerbe weit über der Mün- chcner Anstalt fleht, obgleich sie die jüngere ist. Die Answer- srmg trifft Herrn Keßler besonders deshalb hart(abgesehen von der Trennung von seiner Tochter), weil er glaubte, man würde ihn in München überhaupt unbelästigt lassen, da er einen gan- zen Monat daselbst unbelästigt blieb. Er hatte darauf, hin scwe Wohnungseinrichtung nach München kommen lassen, die nun wieder, theilwcise wenigstens, zurückwandern muß mit erheblichen Kosten. In der Kürze der Zeit ist es Herrn Keßler natürlich auch nicht möglich gewesen, als Baumeister sich in München irgend welche Einnahme zu verschaffen, so daß es nicht zu ver- wundern wäre, wenn er und seine Tochter in Bedrängnm gcrathcn würden. Man berichtet uns aber, daß Herr Keßler den frischen Humor, den ja seine Bekannten an ihm kennen, nicht verloren hat. Möge er bald irgendwo Ruhe finden! Die Börsenjobber sind nicht gewillt, die Vorwürfe des Fina, zmiiiisters nihig einzustecken. Das Acltcstcnkollegium der Berliner Kaufmannschaft beschloß am Montag, die sich inier- csfircndcn Handelskammern zu gemeinsamen Schritten aufzn» könnte. Du hast ein Recht, an meiner Wahrhaftigkeit zu zweifeln, weil ich seit dem ersten Tage unseres Zusammentreffens bald an mir, bald an Dir, bald an dem Manne, dem man meine Zugend verkauft, zur Lügnerin wurde. Ich h'ff* Dir damals meine wahren Verhältnisse verschwiegen, weil meine Leidenschaft mich blind und wahnsinnig machte; ich bin«u Italien geboren, und könntest Du auch die Liebe des Weibes im Allgemeinen ermessen, meine Liebe, die Glutb, die Huss gcbung, die bis zur Raserei gesteigerte Leidenschaft ens� Weibes aus meinem Volke ist Dir fremd. Ich habe D'?- ich habe meine Freunde, ich habe die Welt betrogen au Liebe zu Dir; ich bin zur Sünderin geworden aus Liev und selbst in diesem Augenblicke, wo ich ein dreifaches Bfl; brechen zu begehen gewillt bin, ist es die Liebe, die w«? dazu zwingt. Ich kann mir keine Rechenschaft von mein Schuld geben, ich weiß nur, daß ich von einer höher Macht getrieben handle, und ich mache diese hohe Maq, die meine Leidenschast entzündet und mich zu ihrer Sklav gemacht hat, für mein Thun verantwortlich." Mtt � bewegter, zitternder, von zurückgedrängten Thränen•)aw erstickter Summe fuhr sie fort:-.,f „Frage Dich selbst, Antonio, was mich, das I' Weib, um deren Gunst die halbe Männerwelt Dich bene' deren freundlicher Blick Hunderte zu Sklaven macht, mich veranlassen könnte, in dieser Gestalt zerknirscht, 9 demüthigt vor dem Manne zu erscheinen, der mich veracy- Du fragtest mich, was ich von Dir will? Was kam � jetzt noch von Dir wollen? Die Bande wieder kinip:ei Du gewaltsam zerrissen? Unmöglich! Dir Botf* x machen? Wozu? Mich vor Dir rechtfertigen? Nein, das. ich auch dann nicht, wenn ich mich wirklich schuldbewußt 1' � oder glaubst Du etwa, daß es mir Freude macht, mi«y>.« fortwährend durch Deinen Anblick zu foltern?. 4.» 6 �n- ich spielte eine einstudirte Rolle; Du hast nicht 6n, 3 �e(n recht, ich hatte mir wohl überdacht wie ich Dach � wollte, wenn ich Dich m diesem Hause, wo ich die N; lichsten und unglücklichsten Stunden verlebt, miedet � aber ich habe gleich nach dem ersten Begegnen a J|jjf; geflen, was ich Dir sagen, wie ich mich benehmen ich bin aus der Rolle gefallen. Ich weiß es, Ant- sordern. Zunächst soll die Aufforderung an Herrn v. Scholz gerichtet werden, das für die aufgestellte Behauptung ertorder- ncke Beweismatcrial beizubringen. Was für ein zartes Ge- wissen die Herren doch haben, welche denselben Kreisen angc- hären, von denen man in der Gründerzeit mit Recht behaupten durfte, fie streiften alle mit dem Aermel das Zuchthaus! Aschaffenburg, 4. Dezember. Nach dem nunmehr vor- liegenden amtlichen Ergebniffc der hiesigen Rcichstagscrsatz- wähl erhielt der Pfarrer Adam Haus(ultramontan) 8870, Peter Krest(nat.-lib) 8204 und Karl Grillenberger(Sozial- demokrat) 27 stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Der Landrath von Gersfeld bestreitet in einer Zuschrift an die„Franks. Ztg.", daß er um deswillen die Erlaubniß zur Tanzmusik in Liebhards versagt habe, weil er glauben mußte, der betreffende Wirth und Wahlmann habe den Gcgcnkandi- daten gewählü Die Militärkommisston des Reichstags ist, wie folgt, zusammengesetzt: Graf v. Ballestrem(Zentrum), Vorfitzender; Freiherr v. Maltzahn-Gültz(konservativ), dessen Stellvertreter; den freisinnigen Abgeordneten Freih. v. Stauffcnberg, Dr. Bam- derger, Dr. Hand, Richter, Rickert; den s o z i a l i st i s ch e n Abgeordneten Grillenberger und Hasen- clever; den nationalliberalen Abgeordneten v. Benda, Dr. Buhl, Hobrecht, Dr. Marquardsen; den Zentrumsabgeordneten Frciherrn v. Franckenstcin, Dr. Orterer, Dr. Lieber, Frciherrn v. Huenc, Dr. Roßhirt, Trimborn, Dr. Windthorst; den frei- konservativen Abgeordneten Graf v. Bchr, Frciherrn v. Wöll- Warth; den konservativen Abgeordneten v. Frege, v. Helldorf, o. Wedell-Malchow, Graf v. Saldern- Ahlimb, v. Koller; dem Polnischen Abgeordneten v. Koszielski. Kelgien. Mit den Viehzöllen wird jetzt von den Klerikalen Emst gemacht. Schneller, als man nach den Berichten über die jüngste Versammlung der parlamentarischen Rechte ver- muthen konnte, ist die bereits in der vorigen Kammersesfion eingebrachte Motion Dumont wieder hervorgezogen worden, um jetzt ihrer Durchführung entgegenzugehen. Der Bericht M- l o t's ist eine mit großem Fleiße ausgeführte und mit allen möglichen Argumenten zu Gunsten der Schutzzölle ausgc- rüstete Arbeit. Indem der Beucht diese empfiehlt, hütet er sich sndeß, Wunder davon zu prophezeien; er sieht vielmehr den Hauptnutzen dieser Maßregel nur in der„moralischen Wirkung" auf die Landwirthe, in deren Ennuthigung, da ste fortan nicht mehr als Aschenbrödel bebandelt werden würden. Nach Muster der deutschen Agrarier bestreitet Herr Mslot natürlich, daß der Zoll den Fleischkonsum vcrtheuern werde. Die unerbittliche Logik, daß ein Schutzzoll doch nur dann über- Haupt seine Wirkung ausüben kann, wenn er den Preis höher hält, als er sonst wäre, ist dem Verfechter der belgischen Vieh- zolle natürlich im höchsten Grade unbequem. Er sieht voraus, daß sich gegen diesen Punkt der Hauptsturm der Zollgegner konzentriren werde mit dem Hinweis auf die ärmere Bevölke- rung der Städte und die Arbeiter der Jndustriebezirke, denen in»rolge der starken Vieheinfuhr aus dem Auslände bisher die Fleischnahruna immer noch zu mäßigem Preise zugänglich ge- blieben ist. Der Bericht meint mit Bezug hierauf, daß ini höchsten Falle, wenn man eine Vertheuerung der Preise doch annehmen wolle, bei einem Fleischkonsum von 20 Kilo pro Kopf und Jahr eine Arbeiterfamilie bei einem Konsum von 70 Kilo p. a. um„höchstens" 1 Fr. 68 Zts. jährlich höher de- lastet würde. Wenn man berücksichtigt, daß diese selbst von dein Schutzzöllner Mslot als möglich eingeräumte Ziffer natürlich noch zu niedrig sein wird, so ergiedt sich, daß die Oppofl- tion allerdings nur zu Recht haben wird, wcirn sie geltend macht, daß durch solche Zölle die ohncdieß schon so tief traurige Lage des belgischen Arbeiters noch weiter verschlimmert werde. Es erübrigt noch, die einzelnen Zollsätze, welche die Kom- Mission ganz gemäß dem Dumont'schen Antrage vorschlägt, m Kürze anzuführen. Für Kälber von über 50 Kilogramm lvewicht hat dieselbe den allgemeinen Satz von 3 Franks auf ?.Fr. erhöht. Für Rinder werden gefordert: 30 Fr. per Stück, , � Kühe 12 Fr., für Stiere 12 Fr., für junge Stiere, Rinder Kühe 6 Fr., für Kälber 3, beziehungsweise 6 Fr. Für Kinmel 2,50 Fr., für Schafe 1 Fr. Für Schweine 6 Fr., 'ur Milchschweine unter 10 Kilogramm 1 Fr., für frisches oder �salzenes Fleisch per 100 Kilogramm 6 Fr., für geräuchertes °ccr gesalzenes Fleisch(Sveck ausgenommen) 8 Fr. Der An- ffag soll bereits in naher Zeit zur Verhandlung gelangen. Noch )!.' die Kammer von den Debatten über die Abänderung des �Metzes über die Kriminal-Untersuchung in Anspruch genommen; ej liegt aber der Rechten daran, die Viehzölle bald unter Dach �"d Fach zu bringen, denn sie sollen die Etappe zu den gleich "hr von ihnen begehrten Gctrcidczöllen bilden. Ein bemerkcnswerthes Ereigniß, das für die allgemeinen Amhlen von 1887 bedeutungsvoll werden wird, hat sich soeben w Brüssel vollzogen. Am 12. d. M. find neue Kommunal- Jmhe zu wählen. Die liberalen Doktrinäre wie die Klerikalen haben Stimmenthaltung mit Rücksicht auf die nächstjährigen sohlen beschlossen. Die Progressisten und Demokraten de- Zkrrfchen das Feld. Unter Leitung ihres Führers Janson haben 1% mit der Arbeiterpartei ein Bündniß ge- bin klug, klüger als Du glaubst, aber mein Gedanke erliegt bcm übcrma�tigen Gefühle, das mich beherrscht, ich bin Dir Akgenüber in diesem Augenblicke noch, was ich in jenem Momente war, als mich der erste Strahl aus Deinem Auge �s, ich bin ein schwaches, schwaches Weib!— Ich liebe gM, Antonio, ich löse mich auf, ich vergesse mich in meiner �ebe, ich kann nicht ohne Dich leben, ich kann auch nicht °hne Dich sterben, Antonio! Ich habe Dich hierher gebracht, m Dich zu tobten. Wir muffen sterben, ich und Du und 'nein- Dein Kind!" „Dein Kind, Adele?" schrie Antonio, am ganzen Körper bebend, indem er die wankeiide Frau in seine Arme «usfing. f„Meine Kind! Antonio, Geliebter!" lispelte sie und von Antonio gehalten, zu dessen Füßen ohnmächtig zu- 'nmmen. . Als Antonio den Mantel öffnete und ihn vom Körper ohnmächtigen Frau löste, sah er einen blanken Dolch in 'Ber Rechten,' dessen Griff sie krampfhaft festhielt. Lang- entwand er ihr die scharfe Waffe und warf einen Anlr"' �rschenden Blick in das bleiche, noch immer schöne q. Roch am späten Abende deffelben Tages finden wir Antonio und seinen Freund Rudolph in der Wohnung des Meren beisammen. Rudolph war soeben eingetreten und Zm.d mit dem Ausdruck der tiefsten Wehmuth vor seinem Munde, der an seinem Pulte sitzend, den Kopf auf Hand gestützt, in finsteres Brüten versunken schien. (Fortsetzung folgt.) Ans Kunst und Keden. v- Fm Stadt-Theater findet am Donnerstag, den 9. Dezbr., 4 ni?Üe Aufführung von„Die Kunstmegäre", Gcsangsposse m von Hermann Frciherrn von Maltzan, statt._ Die v„Rmiat wird dadurch schon ein höheres Interesse gewinnen, " b Jet Autor sich zugleich als Komponist einführt. Ueber das Wachsen des Volumens und der Masse bnt Erde durch den fortdauernden Fall von Sternschnuppen 0 Meteoren schreibt man: Es find naturwissenschaftliche schloffen. Infolge dessen wird zweifellos der sozialistisch- republikanische Arbeiterführer Vandendorp, Mitglied des General- raths der Ardeiterpartei, zum Kommunalrath gewählt. Zum ersten Male zieht ein Vertreter der Arbeiter in das Rathhaus ein, ein Ereigniß in Belgien. Die Doktrinäre sind ganz ver- dutzt. Das ministerielle„Brüsseler Journal" giebt der Cnt- rüstung der Regierung über diese Wahl Ausdruck, aber hindern kann sie sie nicht. Gratzbritanuie«. Das Kabinet trat zu einer Sitzung zusammen, in welcher die Lage der Dinge in Irland fast den ausschließlichen Gegenstand der Erörterung bildete. Das Vorgehen der irischen Regierung gegen Dillon wurde gutgeheißen und es bekundete sich einstimmig der Entschluß, in Jrlaud die Zwangsgesetze zur vollsten Geltung zu bringen. Sollten nicht unvorhergesehene Ereignisse eintreten, so ist vor Weihnachten kein weiterer Ministerrath in Aussicht genommen. Lord Salisburp und die meisten anderen Mitglieder des Kabincts haben sich auf ihre Besitzungen begeben.— Die Londoner Zweige der irischen Nationalliga hielten eine Versammlung, in welcher be- schloffen wurde, eine Reihe von öffentlichen Ver- sammlungen abzuhalten, um gegen das Vorgehen der irischen Regierung gegen den Abgeordneten Dillon Protest ein- zulegen. Die erste derartige Kundgebung soll demnächst im Hydepark stattfinden.— Auch in Irland selbst regt es sich über- all gegen das aewaltthätige Vorgehen der Regierung. Im D u b l i n e r Stadthause fand eme außerordentliche Sitzung des Gemeinderaths der irischen Hauptstadt statt, welche von dem Lordmayor Sullivan einberufen worden war, um das jüngste Vorgehen der irischen Regierung in Bezug auf die von der Nationalliga organisirten Volksversammlungen und den Prozeß John Dillon zu besprechen. Die Home-Rule- Mitglieder des Genieinderaths hatten sich überaus zahlreich ein- gefunden, die konservativen Gemeinderäthe waren indeß sämmt- lich abwesend. Nachdem der Lordmayor die Sitzung eröffnet, beantragte Thomas Sexton folgende Resolution:„Dieser Rath fühlt sich dazu berufen, einen nachdrücklichen P r o t e st einzu- legen gegen das Verhalten der Regierung in ihrem gesetz- widrigen und frevelhaften Angriffe auf das Volk in Sligo am Sonnabend den 27. November und ihr willkürliches und unerhörtes Verbot der in Sligo für Sonntag, den 28. November, einberufenen Volksversammlung, sowie in ihrer Anwendung eines veralteteii Ge- sctzes zur Einleitung eines Strafverfahrens gegen Herrn Dillon, ohne irgend ein Vergehen gegen das Gesetz namhaft zu machen und ohne die Intervention einer Jury zu gestatten. Dies ist ein herausforderndes Verfahren, welches streng miß- billigt werden muß, da es öffentliche Gefahr und Vcrwir- rung in sich birgt. Der Rath hofft demnach, das britische Volk werde wahrnehmen, in welcher Weise die Regierung ihr von dem Obersckrctär für Irland in Bristol am 13. November gemachtes Versprechen hält, daß die Regierung in Irland eine ruhige, stetige, geduldige und verfassungsmäßige Handhabung des ordentlichen Gesetzes üben werde." Nach kurzer Debatte wurde die Resolution einstimmig genehmigt und beschlossen, Abschristen davon dem Obersckretär sür Irland, Gladstone und John Morley zu übermitteln. In London sind soeben unter dem Titel„L ond oner Arbeiterzeitung" die ersten Nummern einer vom„Kom- munistischen Arbeiterverein" herausgegebenen neuen sozialisti- schon Wochenschrift erschienen. Kalkan länder. Die seltsame Ehrerbietigkeit des Sultans gegenüber dem Zaren giebt dem„Standard" zu folgenden Betrachtungen Anlaß:„Was Abdul Hamid durch sein untcrthäniges Be- nehmen gegen Rußland eigentlich zu gewinnen hofft, ist einem gewöhnlichen Menschenverstände nicht klar. Von dem Gedanken, daß der Sultan glaubt, daß Rußland der beste Freund der Türkei ist, können wir absehen. Alle Argumente der Minister, welche Herr v. Nelidow auf seine Seite bringt, können den Sultan nicht blind machen gegen die Thatsache, daß Rußland, wenn es möglich ist, das osmanische Reich zu zerstören oder wenigstens den Sultan zum Vasallen des Zaren zu machen gedenkt. Ader der schwache Verstand und die demoralistrte Energie türkischer Staatsmänner lassen fie stets zähe eine vor- übergehende Einzelheit ins Auge fassen, wodurch sie das wahr- Haft Wichtige immer übersehen. So liegt dem Sultan unend- lich mehr daran, das schwache Band, welches Bulgarien und Ostrumelicn an sein Szepter knüpft, zu bewahren, als eine kräftige Schranke gegen nwskowitische Angriffe und Beutelust zu errichten. Wahrhaft freundschaftlich gesinnte Rathgeber, wie Sir William White, finden es daher schwer, mit einem solchen Herrscher zu verkehren. Zum Unglück unterstützt eine andere Macht die Schliche, durch welche die Türkei eingeschüchtert und irregeleitet wird. Die französische Regierung hat in aller Stille beharrlich und mit Berechnung Rußland in die Hände.gespielt und dadurch die Arroganz des Zaren und die Furchtsamkeit des Sultans vermehrt. Daß Herr de Frencinet sich von den schlauen Intriganten in in St. Petersburg zun, Werkzeug hat brauchen und dupiren Autoritäten der Meinung, daß durch den fortgesetzten Nieder- schlag der Sternschnuppen und Meteore die Masse und das Volumen des Erdkörpers vennehrt werde, daß eine Verlang- samuna der Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde die Folge da- von fem müsse. Wenn man die Zahl der Sternschnuppen, die man innerhalb eines gegebenen Horizonts während der ver- schiedenen Nächte des Jahres beobachtet, auf Horizonte gleichen Umfangs, deren Zahl so groß ist, daß sie die ganze Erde um- fassen, ausdehnt, so folgert der große amerikanische Geometer S. Newcomb, daß jährlich nicht weniger als 146 Milliarden Sternschnuppen auf die Erde niederfallen. In Folge der Uin- Wandlung ihrer Bewegung in Wärme zerschmelzen ste aber, verzehren sich und kommen langsam und in Gestalt eines Niederschlages auf der Oberfläche der Erde an. Flammarion giebt nun eine größere Reihe von Beispielen massenhafter Sternschnuppenfälle an, wie den am 27. November 1872, bei denen die Sternschnuppen erloschen, che sie nur unseren Boden erreichten. P. Sccchi beobachtete zu Rom von 7 Uhr Abends bis 1 Uhr nach Mitternacht 13 892 Meteore; der ganze Himmel stand in Feuer, es war buchstäblich einen Sternenregen. Daß wüklich die Sternschnuppen sich in Siaubmaffe in Folge der Schmelzung umwandeln, ist durch unterrichtete Reisende kon- ftatirt. So fand Reichenbnch auf dem 400 m hohen tafelförmigen Dahisbergc, der noch nie bestiegen war, in der gesainmeltcn Erde nach angestellter Analyse die charakteristischen Metalle Rickel und Kobalt. Diese Ergebnisse waren um so auffälliger, als in diesem Tbeile Oesterreichs die Grundmasse der Gebirge aus Sandstein und Kalk besteht. Ebenso hat Tiffandier in dem atmosphärischen Staub, welcher auf den Schneeflächen des Mont Blanc gesammelt war, mikroskopische Küaelchen ge- schmolzenen Eisens gefunden, die nur von geschmolzenen Sternschnuppen herrühren konnten. Flammarion nimmt an, daß das Volumen eines Meteoriten sich im Mittel auf einen Kubik- millimetcr reduzirt, die Jahreszahl ssich auf 146 ebm stellt und ein Gewicht von 10 220 000 kg ausmacht. Denken wir uns diesen Staub auf eine Erdoberfläche von 510 qkm gleichmäßig verbreitet, so sehen wir, daß unser Eidball in 34 90O Jahren etwa um eine Schicht von 0,01 m Ticke zunehmen, sein Durch- messet um 0,02 m wachsen wird." Unzweifelhaft ist diese Zu- nahine außerordentlich klein, gewiß beeinflußt fie aber die ganze Natur und vielleicht auch die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde. Der russische Maler Wercschtschagin hat sich seinen Weltrubm nicht zum wenigsten durch die realistischen„Erinne- rungcn erworben, die er 1877 von den Schlachlfeldcrn um lassen, darüber hegen wir keinen Zweifel. Sollte- Rußland in einen Krieg gerathen, so wäre Frank» reich ein sehr werthvoller Verbündeter. Falls ab>r Frankreich in einen Krieg verwickelt werden sollte, würde da Rußland als Verbündeter an seiner Seite stehen? Aller diplomatische Scharfblick muß den französischen Staatsmännern abhanden gekommen sein, wenn sie sich wirklich einbilden, dcß es ihnen je gelingen wird, mit Rußland eine auf Gegenseitig» keit beruhende Waffenbrüderschaft abzuschließen." Die in Belgrad angelangte bulgarische D cp u- tation stattete nach einer offiziösen Meldung von vorgestern dem Ministerpräsidenten Garaschanin einen Besuch ab. Ueber das Verhalten der Mächte berichtet das nachstehende Privat« telegramm der„Voss. Ztg.": Wien, 6. Dezember. Die türkischen Vertreter bei den Großmächten erhielten Instruktionen dahin, die bulgarische Deputation zu ignorircn.— Rußland Hot den Antrag Oesterreichs, dessen Standpunkt auch England ein» nimmt, betreffend die Regelung der Union zwischen Bulgarien und Ostrumelien, definitiv abgelehnt.— Nach einer Meldung. der„Pölitz Korresp." aus Sofia ließ das russische Kabiner seit der Anfrage betreffs des Fürsten von Mingrelien den Mächten keine weiteren Mittbeilungcn zukommen; eben so wenig ergriff eines der anderen Kavincte die Initiative in dieser An- gelegenheit.— In der diplomatischen Welt gewinnt die An- nähme von einer längeren Dauer des Provisoriums in Bulgarien immer mehr Boden. Afrika. In Oder-Egypten haben die Engländer einen Vor- st o ß gegen die Araber gemacht. Oberst Chermside telcgraphirt, daß die von den egyvtischen Truppen gemachten Gefangenen erzählen, der Feind hätte Anstalten getroffen, um in Dusera einzufallen. Der Rückzug der Derwische vor dem Rekognos- zirungskorps des Generals de Montmorency war ein sehr eiliger. Die Eingeborenen in Sarras machten eine Demonstration, aber bei der Ankunft der egyptischen Truppen beschäftigten sie sich mit der Berieselung ihrer Felder. Oberst Eherinside steht jetzt zwischen Sarras und Wady Halfa. Amerika. Der Kongreß der Vereinigten Staten in Washington ist mit einer Botschaft des Präsidenten eröffnet worden, in welcher es heißt:„Mit dem Aus- lande hätten sich in diesen: Jahre keinerlei Fragen erhoben, welche außerhalb des Bereichs freundschaftlicher Regelung ge- legen wären. Die Einweihung der Statue der Freiheit habe der Sympathie zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich einen neuen Impuls gegeben. Das Verfahren der kanadischen Behörden in der Fischereifrage habe die freundschaftlichen Beziehungen mit Kanada zwar schwer ge- fährdet, jedoch sei zu hoffen, das die schwebenden Untcrhand- lungen noch vor dem Ende der Session zu einer befriedigenden Lösung führen. Die Botschaft erwähnt die Rückberufung des amerikanischen Konsuls Greenbaum aus S a m o a, dessen Schritte zur Herbeiführung eines Protektorats der Union über Samoa die Regierung verleugnet habe; nachdem in der Ver- tretung der drei interessirten Mächte ein Wechsel eingetreten sei, könne man die Eintracht und Verständigung unter diesen Mächten, nicht minder den Frieden und die Wohlfahrt, sowie die autonome Verwaltung und die Neutralität Saucoas als gesichert betrachten. Die Botschaft spricht sich ferner für die Vereinbarung zum Schutze dcS literarischen Eigen- t h u m s aus. Die Regierung der Vereinigten Staaten habe die Berner Konvention nicht unterzeichnet, weil die Angelegen- heit vor den Kongreß gehöre. Es wird empfohlen, den Präsidenten zu ermächtigen, die beh rfs Auslieferung in Haft befindlichen Personen freizulassen, wenn deren Auslieferung dem Präsidenten unangemessen erscheine. Ferner wird die Aufhebung des Zolles auf fremde Kunstwerke beantragtz Das Staatseinkommen übersteige mehr als jemals die öffentlichen Bedürfnisse(glückliches Amerika.') 7 die ganze jetzt zahlbare schuld werde in Jahresfrist bezahlt sein, wenn die gegenwärtigen Verhältnisse fortdauerten. Im Falle das gegenwärtige System der Staatseinkünfte beibehalte» werde, dürften die Einnahmen weit größer sein als nothwendig, um die Ausgaben zu decken. Eine Aendcrung der bestehende» Politik, wonach die Haupteinkünfte durch Einfuhrzölle aufgebracht würden, sei jedoch nicht wünschenswerth. Der Prä- sidcnt ist vielmehr für eine Steuerreform, welche unter Schonung der Industrien, die von den gegenwärtigen Be- dinaungen abhängig sind, gleichzeitig die Interessen der ameri- kamschcn Arbeit besonders berücksichtigt. Präsident Clevcland sieht keinen Gnind, seine früheren Ansichten gegen obligatorisch« Silberprägung zu ändern und empfiehlt deren Ein- stellung. Von den 247 Millionen Dollars, welche bis zum 1. Dezember geprägt worden, seien 80 Millionen noch in dem Schatzamte, trotz aller Anstrengungen, dieselben in Umlauf zu setzen. Der Präsident weist hierbei auf die Zunahme in der Goldausfuhr aus den Vereinigten Staaten hin. Nach dem lctztjährigen Bericht des Schatzsckretärs betrugen die Einnahme» des mit dem Monat Juni abgeschlossenen Jahres 336 440000 Dollars, die Ausgaben 242 480 000 Dollars, die Einnahmen Plewna in seiner Skizzenmappe mitgebracht. In diesen Bit- dcrn, sagt ein bekannter Kritiker, führt der geniale Maler keine einzige wirkliche Schlacht, keinen einzigen Kampf vor. Er sah sich als Künstler nicht hingerissen durch glänzende Schlachten- szenen oder ergreifende Kämpfe; seinen Pinsek führte nicht der Gedanke, einen Kriegshelden oder ein Kriegshcer zu verherrlichen, nein, die Kehrseite von der Medaille berauschenden. Kr>egsruhms, die Nachtseiten des Krieges, die furchtbaren Stra- pazen, die endlosen Entbehrungen, den Schmerz des Soldaten — Menschen führt W. uns vor, und er will auch, daß die. ganze Welt sie sehe, daß ste erkenne, zu welchen, Grade von Bestialität der Mensch zu gelangen im Stande sei. Er sieht auch den Krieq mit dem Auge des Philosophen, des Philan» tropen und spricht:„Es giebt Menschen, die da behaupten, ich sei kein Patriot, weil ich diese Schlachten so gemalt habe, wie. sie wirklich waren. Ich habe nie eine Schlacht wahrheitsgetreu gemalt gesehen. Als ich an nieine Aufgabe herantrat, war ick fest entschloffen, Alles so darzustellen, wie es sich in Wirklichkeit zeigt. Ich habe, waS ich erschaut, so ehrlich wiedererzählt, wie es mir nur möglich war. Krieg besteht nur zu 10 Prozent aus Siegen, 90 Prozent find furchtbare Verstümmelungen, Frost, Hunger, Grausamkeit, Verzweiflung und die schrecklichsten Todesfälle."— Gewiß, in einer Zeit, wo überall die inten- stvsten Versuche gemacht werden, den Gegner in der Tödtlich- keit der Mordwaffe zu übertreffen, ist das Erscheinen eines Künstlers, der durch seine rücksichtslose Darstellung der furcht- barsten Seiten des Krieges sich bestrebt, nicht nur Schrecken und Abscheu, sondern auch Mitleid zu erwecken, äußerst zeitgemäß. W. folgt dem Soldaten ins Lager, in die schneeverwehten Schanzgräben, auf den einsamen, vergessenen Wachtposten: er schreitet mit ihm bis zur Schlachtenrescrve, begleitet den Verwundeten auf den Verbandplatz, in die dunklen Löcher der türkischen Lazarethe. er führt den Beschauer auf das weit und breit mit Leichen übersäete Schlachtfeld, wo entweder der Pope seinen letzten Segen spricht oder der wilde Baschi-Bozuk noch seinen wüsten Spaß treibt._ Dann folgt er wieder der langen Reihe der mit Gefangenen überfüllten Wagen, bis er endlich, das Haupt trauergefullt zur Brust geneigt, auf den schüre- verwehten Grabern Halt macht. Er ergreift, ja packt durch den schroffsten Realismus, mit dem er seine Szenen malt. Auf die Frage, warum er gerade nur und ausschließlich solche Vorwürfe wählt, antwortete er gelaffcn:„Ich habe es gesehen, es ist so! Andere malen schone Schlachten, ich habe nur den häßlichen Krieg gesehen und gemalt."- Wer je ein Schlachtfeld gesehen. muß ihm Recht geben. detrugm 12750000 Tollars mehr, die Ausgaben 17740000 Dollars weniger als im Vorjahre. Nach den gegenwärtigen Anzeichen werden die Einnahmen des laufenden Fiskaljahres die Ausgaben um 90 Mill. Dollars übersteigen." In New-Uork streiken die Teppichweberinnen der Firma Merlins u. Co., weil in jener Fabrik die schändliche Ge- pflogenheit bestand, daß die Mädchen von dem Werkführer ge- zwungen wurden, sich zu prostituiren, widrigenfalls ihre Ent- lassung erfolgte. Der Verein der Zimmerleute von Brooklyn hat zu Gunsten der für ihre Ehre streikenden Mädchen eine Resolution angenommen und einen Geldbeitrag bewilligt. Kommunales. Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung am Tonnerstag, den 9. Dezember, Nach- mittags 6 Uhr: Einige Pensionirrmgs- und Anstcllungs- sacken— Wahl von zwer Mitgliedern für das Kuratorium der Reichenhcimschen Stiftung— Berichterstattung über die Vor- läge, betreffend die Bewilligung eines Beitrages zum Kirchen- bau für eine von der Thomasparochie abzuzweigende neue Kirchengcmeinde— desgl. über die Vorlage, betr. den Ankauf des Grundstücks Müllcrstr. 151— Vorlage, betr. die stattge- fundene außerordentliche Revision sämmtlrcher städtischer Kassen — desgl., betr. die Vergrößerung der Geschäftsräume für die Steuerannabmcstclle 4 im Hause Gneiscnaustr. 4— desgl., betreffend die erfolgte Bauabnahme der N. Schweinehalle auf dem Zentralviebhofe— Antrag von Mitgliedern der Versamm- lung, betr. die Müllabfuhr— desgl., betr. die Erwerbung des fiskalischen Terrains hinter den Grundstücken Neue Friedrich- stcaße 32 33 zur Freilcgung der Stadtbahn-Parallelstraße— desgl., betr. die Anstellung eines Generaldirektors für die Verwaltung der Ricselgüter— desgl., betr. die Erwerbung einer von dem Grundstücke Chauffeestr. 4 zur Straßenverbreiterung erforderlichen Parzelle— zwei Rechnungen— Berichterstattung über zwei Naturalisationsgesuche— desgl. des zur Vorbereitung der Wahl eines Stadtkämmercs eingesetzten Ausschuffes— Vorlage, betr. die Verlängerung eines Engagementsvertrages. An Petitionen sind bei den städtischen Behörden u. A. folgende eingegangen: Versagung der Genehmigung zur Ab- änderung der Baufluchtlinie für das Grundstück Königgrätzer- straße 12.— Verlängerung der Kanonierstraße von der Behren- straße nach der Straße Unter den Linden behufs Entlastung der Fricdrichstraße.— Festsetzung neuer Baufluchtlinien für die Friedrichstraße zwischen Georgen- und Behrenstraße.— Rcgu- lirung des Lützow-Platzes.— Regulimng der Mannsteinstraße. — Schleunige Inangriffnahme und Vollendung des Baues der Markthalle auf dem Magdeburger Platz.— Offerte eines zwischen Gr. Frankfurter-, Wrstenwalder- und Verlängerte Andreasstraße belegenen Terrains zur Erbauung einer Markt- Halle. Nach Mittheilung des Statistischen Amts der Stadt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 21. Novbr. bis inkl. 27. November er. zur Anmeldung gekommen: 257 Eheschließungen, 841 Lebendgeborene, 24 Todtgeborene, 572 Sterbefälle. Die Müllabfuhr betreffend, ist der Stadtverordneten- Versammlung folgender von 44 Stadtverordneten unterzeichnete Antrag zugegangen:«Die Stadtverordneten- Versammlung wolle beschließen, den Magistrat zu ersuchen, mit der Versamm- lung in gemischter Deputation darüber zu berathen: ob, eventuell in welchem Umfange und unter welchen Bedingungen die Ab- fuhr des Mülls und sonstigen Kehrichts aus den Häusern durch die städtische Verwaltung übernommen werden kann." Zur Begründung dieses Antrages wird folgendes angeführt:„Tie gegenwärtig bestehende, den einzelnen Hausbesitzern üdcrlassene Art der Müllabfuhr ist mit erheblichen Unzuträglichkeiten vcr- Kunden, entspricht vielfach nicht den Anforderungen der öffent- lichen Gesundheitspflege und'stößt bei der wachsenden AuS- dehnung der Stadt von Jahr zu Jahr auf größere Schwierig- leiten. Wenn die Müllabfuhr unter Verbesserung und cinheit- licher Regelung des Betriebes durch Organe der städtischen Verwaltung desorgt oder doch kontrolirt, werden könnte, würde einem dringenden Bedürfniß abgeholfen werden." Im Ärbeitshause befanden sich am 1. November d. I. 74 Familien mit 295 Personen. Am 1. Dezember war der Bestand 45 Familien mit 167 Personen. Das Asyl für nächtliche Obdachlose benutzten im Laufe des Monats November 9861 Personen und zwar 9092 Männer und 769 Frauen. Von diesen Personen wurden 3 der Eharitee, 43 dem Krankenhause Moabit, 2 dem Krankenhause am Friedrichshain überwiesen und 456 der Polizei vorgeführt. Gerichts-Ielttmg. Wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte sich gestern vor der Strafkammer Landgerichts II der in der Zementfabrik „Adler" bei Zossen beschäftigt gewesene Arbeiter Karl Licbsch zu verantworten. In dem genannten Etablissement ereigneten sich im Juli d. I. und zwar innerhalb eines Zeitrauins von 8 Tagen hintereinander zwei bedauerliche Unfälle. Eines Tages war daselbst ein Arbeiter Namens Schneider durch eine vor- handenc Oeffnung, welche jeglicher Sicherungs-Vorrichtung ent- Kehrte, einen Fahrstuhlschacht aus bedeutender Höhe hinunter- gestürzt und man hatte ihn schwer verletzt vom Orte seiner Thätigkeit hinweggettagcn. Nachdem in Folge dessen der Ver- letzte gegen seine Arbeitgeber einen Schadenersatz wegen des beim Betriebe erlittenen unverschuldeten Unfalls im Prozeßwege geltend gemacht und wegen dieses Vorkommnisses die Voruntersuchung sttafrechtlich eingeleitet worden war, hielten die Unternehmer es endlich für erfor- derlich Sicherungsmaßregeln zu ttcffen und an der kritischen Stelle des Fahrstuhlschachts wurde demnächst eine eiserne be- wegliche Barriere vorgelegt. Aber auch diese Sicherbeits-Vor- ricktung verfehlte gänzlich ihrm Zweck; denn genau 8 Tage später stürzte ein anderer Ardeiter, Namens Domisch, welcher mit dem Heraufschaffen von zum Bau einer neu anzu- legenden Trockenkammer bestimmten Steinen am Fahrstuhl aus- nahmsweise beschäftigt war, den Fahrstuhlschacht, weil die qu. Barrierenstange nicht vorgelegt worden, aus einer Höhe vow' 40 Fuß hinunter in die Tiefe. Im Blute schwimmend und mit zerschmetterten Gliedem, jedoch noch lebend wurde Tomisch aufgehoben; vier Rippen und der linke Arme waren dem Be- daucrnswetthen zerbrochen, abgesehen von anderen weniger er- heblichcn Verletzungen. Ter Direktor der Zementfabrik be- zeichnete als verantwortlichen Urheber dieses zweiten Unfalls den oben dezeichneten Angeklagten Liedsch, weil derselbe es unter- lassen, den Fabrstuhlschacht durch Vorlegen der Varrierenstange zu sichern, wie solches seine Funktion als Vorarbeiter dem er- haltenen Aufttag gemäß erforderte. Vor Gericht wendete Liebsch dagegen ein, daß jene Barriere keine genügende Siche- rung gegen Unfälle gewährt habe, dafür zeuge der Umstand, daß hinterher, kurz nachdem Domisch hinuntergestürzt, seitens der Direttion erst eine hinlängliche Einrichtung, bestehend aus einer mit mechanischer Vorrichtung versehenen Drahtgitterthür, welche selbstständig nach der jeweiligen Bewegung des Fahrstuhls sich öffnet und schließt, an der kritischen Stelle angebracht worden sei; außerdem habe er dem Tomisch ausdrücklich verboten, beim Herausschaffen der Steine nach oben den Fahrstuhl zu be- nutzen. Im jämmerlichen Zustande erschien der als Belastunas- zeuge geladene w. Tomisch vor Gericht; derselbe befindet sich gegenwättia noch in der königl. Klinik in Behandlung und wird wahrscheinlich, da die zerschmetterten Knochen des Arms, trotz nachttäglick infolge ärztlicher Anordnung erfolgten Auf- brcchens, sich nicht heilsam fügen wollen, eine Amputation des ArmeS sich gefallen lassen müssen. In seiner Aussage widerlegt Domisch die Behauptung des Angeklagten, bezüglich des von dem letzteren angeblich an ihn gerichteten Verbots der Be- Nutzung des Fahrstuhls. Seine Aussage sowie diejenige des Direktors der Zementfabrik ließen den Angeklagten als alleinigen Urheber jenes Unfalls, welchem Tomisch zum Opfer fiel, er- scheinen; der Staatsanwalt erachtete in seinen Ausführungen die Schuld des Angeklagten um so größer, weil erst 8 Tage vorher ein gleicher Unfall in der Zcmenttabrik stattgehabt und demgemäß lautete der Sttafanttag auf 3 Monat Gefängniß. Ter Gerichtshof zog jedoch die thatsächlichen Verhältnisse zu Gunsten des Angeklagten in Betracht und das Uttheil lautete demgemäß auf nur 1 Woche Gefängniß. Kleine Wittheilungen. Hirschbera i. Schi., 6. Dez. In den Sudeten herrschen seit gestern früh starke Schneestürme; der Eisenbahnverkehr ist vielfach gestört, die Personenzüge kommen mit mehrstündigen Verspätungen an, der Frachtverkehr ist eingestellt. Zwischen Greiffenberg und Rabischau ist ein Güterzug stecken geblieben, der Verkehr zwischen Glatz und Dittersdorf ist eingestellt. Der Schnee liegt stellenweise 2 Meter hoch. Dannstadt, 3. Dezbr. In dem benachbarten Odenwald- dorfe Lengfeld hat sich gestern eine schreckliche Liebestragövie abgespielt. Der dort angestellte, kaum 20 Jahre alte Sulvikar Schröder hatte mit der Tochter eines Gutsbesitzers Namens Walther ein Liebesverhältntß angeknüpft, welches jedoch von den Eltern des Mädchens nicht gebilligt wurde. Als der junge Mann von letzterem einen Brief erhielt, welcher ihm jede Hoff« nung auf eine spätere Vereinigung mit seiner Geliebten denahm, faßte er den Entschluß, dieselbe zu tödten, und führte diesen schrecklichen Plan gestern Abend aus, als das Mädchen, mit ihrer Mutter aus Darmstadt zurückkehrend, das Eisenbahnkoupee auf der Station Lengfcld verließ. Von einer Rcvolverkugel ins Herz gettoffen, sank das Mädchen todt zusammen, worauf sich der Mörder selbst in den Hals schoß, ohne sich jedoch lebcns- gefährlich zu verletzen. VervierS, 4. Dezember. Heute früh 4 Uhr brach in dem großen Spielwaarengeschäft von Alfred Ihrouet(Crapaurue- sttaße) Feuer aus. Der Besitzer war mit Frau, zwei Söhnen und den Gcschäftsgchilfen über Nacht bis 3 Uhr thätig gewesen, die durch die Nikolausverkäufe gestern geräumten Fächer wieder neu zu füllen. Kaum waren sie schlafen gegangen, als das Untergeschoß plötzlich in Brand gericth und binnen ganz kurzer Zeit auch die oberen Stockwerke in Flammen standen. Herr und Frau Throuet, die man aus emcm Fenster des zweiten Stockes nach Hilfe rufen hörte, sind leider umgckom- mcn; die Söhne, 26 und 20 Jahre alt, sprangen auf die Sttaße und verletzten sich schwer, auch die Gehilfen haben ihr Leben retten können, aber schwere Verletzungen erlitten. Die Magd rettete sich über das Dach des Nachbarhauses. London, 5. Dezember, Eine Explosion schlagender Wetter ereignete sich in der Kohlenzeche Elcmore, Turham, während 38 Bergleute in der Tiefe arbeiteten. Von diesen wurden drei als Leichen und 15 in schwerverletztem Zustande an die Ober- fläche geschafft. Die übrigen zwanzig befinden sich noch in der Zeche und man weiß bis zur Stunde noch nicht, ob sie todt oder lebendig sind. Das Rettungswerk wurde nämlich durch den plötzlichen Einsturz des Schachts und das Erlöschen des elektrischen Lichts, mit welchem das Berawerk erleuchtet war, unterbrochen.— Die Blindenanstalt in Glasgow brannte am Freitag nieder. Die Insassen, mehrere hundert an Zahl, wur- den alle gerettet. Ter angerichtete Schaden bettägt etwa 10 000 Lstrl. Theater. Mittwoch, den 8. Dezember. vperuhaus. Fra Diavolo. Schauspielhau». Ein Wintermärchen. Deutsche» Theater. Der Königslieutcnant. Kriedrich-Wtlhelmstädttsches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. Bittorta-Theater. Amor. Osteud-Theater. Das neue Gebot. Refidenz-Theater. Georgette. Aeutral-Theater. Der Waldteufel. vellealliauee-Theater. Die schöne Helena. Walhalla-Theater. Geschlossen. flönigsiädtische» Theater. Von Schrot und Korn. m Kaufmann'» Variete«. Spezialitäten- Vor- stellung. Amertkan-Theater. Spezialitätm-Vorstellung. Aeichshallen» Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Toncordia» Theater. Spezialttäten- Vor« stellung._ Stadt-Theater. (Früher Alhambra-Theater.) Wallnettheaterstt. 15. Mittwoch: Grtra-Norstellung. Einmalige Aufführung: Mn alter Husar» oder: Tre« dem König. Vaterland. Schausp. in 3 Akten von Ullrich Aul. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Vor der Vorstellung: MT Großes Concertz"MI ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Eoncerts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Slnfang der Vorstellung: Wochentags 7'/, Uhr, Sonntags 7»/, Uhr. Da» Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen._ Soeben erschien Gegev Theilfahluvs: Paletat», Barrett- und M«ab»«-A»t»a». sowie Damenkleide». Wiuter.WSutel w im Tuch-Geschäft[1169 PrwMftr. SS, gegenüber der Turnhalle. HeftS ller Internationalen Bibliothek. Die Darwinsche Theorie.««v preis pro Heft 50 Pf. Zu beziehen durch die Grpeditio« des»Kerl. Kolksblatt", Zimmerstraße 44. MF Miederverkäufer« Rabatt.-ME Fach erein der Steindrucker und Lithographen. Am Sonntag, den 5. er., verstarb das Mit- glicd Herr Otto Schul» in Folge eines Un- falls. Die Beerdigung stndet Mittwoch, den 8., Nachm. 2[ Uhr, vom Augusta-Hospital, Schorn- borststtaße, aus nach dem Paulskirchhof in der Seesttaße statt. Um recht zahlreiche Betheiligung bittet 1234]_ Der V o r st a n d. Eden-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Drcsdenerstt. 72/73. Zum ersten Male in Berlin: Antillen-Neger-Karamane. Anthropologische Sehenswürdigkeit. H rother» Forest, Mufikal-Elowns. pelfon««d Maqthorn, Eremtric-ClownS. Mr. pizarra», Kraftproduttronen an dm ind. Ringen. Niegel» Kalletgefell fchaft, 12 Damm, 2 Herren. Paula u. Ludwig Teilheim. Eugen Zocher. Kaffmöffnung 6[ Uhr. Anfang 7t Uhr. Mittwoch»ud Sonuabeud, Nachm. 4 Uhr: Extra-AussteHung der Antillen-Neger Karawane _ für Kinder und Erwachsme._ |' He da Ulcus, 1944 ' XC■■■|J d Stempel-Federhalter, Stempel für Vereine nvd Gewerbe, Schablonen nnd Schilder. H. Gnttmann, Graveur, _ Wrnnmenntmaae 9. Bogenth. Thor. Nähmaschilltll Sä®.» E. Franke, Saarbriickerstraße 6. Reparaturen schnell und billig._[760 Meinen Freunden und Bckanntm, insdeson- dere dm Kollegm der Mechnick'schcn Fabrik bei meiner Abreise ein herzliches Lebewohl. Theilzahwng gestattet! UwlnPlklils, Hrrrni-Kizizk. tmtr S7 Auguststraße Ä7 im Lade«."Ma Soeben ist erschienen: Z>er ,elieWtlt-Kiile»dtr: für 1887. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Reichshaushalts.Etat be» Deut. scheu Reich».— Zerbrocheue stette». Er- »ählung von Rob. Schweichel.— Bärtige Kraue»»ub Haarmeusche».— Ei» Proletarierkiub. Erzählung v.EIL a n g e r. — Der Sa«bf zwischen Feuer u. Wasser i» ber Welt. Von P. OSw. stöhler.— Wie man eiue Millio»»erbieut.— Flie- geub» Blätter(humoristisch). Als«ratts-KeUageu: I. Lucia. 3. Muttergluck. 2. Blauche. 4. Die beibeu Alte». Ei» Waubkaleuber. — preis 50 pf.— Passage 1 Tr. 9 SIL— 10& Kalaer-Panorama. Reise am schönen Rhein. Wanderung d. d. Riesengebirge- Hertha-Reise.— Carolinen-Inseln., Weihnachts-Ausstellung. Da» Leben Jesu- Sine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf* Tepiiicbe, zurückgesetzte Muster, zu Kpottprrisen, in der Teppichfabrik- Niederlage,%M0%S|a 1138] M-rihstruße 18, ilOTH 3« haben in der Grpedition d. Kl-» Zimmer straße 44. Zu beziehen durch die Expedition dies. Blattes Zimmersttaße 44. Wiederverkäufern Rabatt.> Soeben erschien im Verlage von Wörlet« &@o. der Vmislke InniiiDttlin- mid Kkdeitri* Wz Kilwda für 1887 (lX. Jahrgang). Dieser Notizkalmder, seit Jahren in den deutschen Arbeiter- und Handwcrkertteisen rühmlichst bekannt, ist nicht blas Kalmder, sondem zugleich Notizbuch und Gesetz- sammlung. Auch in diesem Jahre ist sowohl auf den Jnhatt als die Ausstattung besondre Sorgfalt verwendet und ist namentlich be« züglich des Einbandes Vorzügliches ge- leistet und bestes Material dazu verwendet- Nebm der gewöhnlichm Ausgabe 0* auch wieder eine stärkere veranstaltet, welme mehr Schreibpapier enthält und kräftigen Leinwandeinband mit Teckel nach Bnm taschenatt und Gummiband hat. Auch w der gewöhnlichm Sorte find diesmal v» Ecken abgerundet. Inhalt de» Kalender»: Kalmdarium mit neu revidittem schichtskalender; postalische Bestimmungen' Telegrammtarif; das ganze Unfallverff«." rungsgesetz mit Anhang vom 28. Mai 18g®j Gesetz über die eingeschriebenen Hilfskaffen mit der Novelle vom 1. Juni 1884; da Reichstags- Wahlgesetz mit Reglement. Auszug aus dem Reichs- Paimtgesetz! Gewinoeschneidetabclle für Metallarbe»?? Schreibpapier mit Datumsangabe Tagesnotizen, leeres Schreibpapier. BN? tasckchen. Der ganze Kalender ist merz Bogm stark. Preis der einfachm Ausgabe 50 »„ stärkeren Q„ 70 ff- Wiederverkäufe: erhalte« lohnende» verantwortlich für dm polttischen Theil. und Soziales Max Schippet, für Vereine und Versammlungen«. Tutzauer. für dm übrigm Thell der Zeitung«. Croubeim sämmtlick j? Druck und Verlag von Max vadwg in Berlin SW., Beuthsttaße 2. Hier»« ei«e Beilage« Beilage zum Berliner Bolksblalt. Nr 387. Mittwoch« de« 8. Dezember 1886. 3. Jahrg. üus®e(terrciA. Der Gesetzentwurf über die Arbeiterkammern, den der deutsch- österreichische Klub im Reickisratb eingebracht hat und den der deutsche Klub unterstützt, bat aus den Kreisen der da- durch Betroffenen, aus der Arbeitei bevölkerung, mehrfache Kund- aebungen hervorgerufen, welche in eine ziemlich schroff ab- lehmde Tendenz auslaufen. Bor Allem giebt sich darin das unbezwinglichc Mißtrauen kund, das die Arbeiter gegenüber allen Handlungen jener Partei beherrscht, die in den 70er Fahren, gestützt auf eine Regierung, welche aus ihren Reihen ge- Nammen war, nicht nur die vollkommenste Gleichgiltigkeit gegen alle Forderungen der Arbeiter an den Tag legte, sondern auch mit Ruhe zusah, wie die staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechte der Ardeiter von den politischen Behörden mit Füßen getreten wurden. In keiner Phase der zahlreichen Regie- rungssysteme, die seit 1867, dem Geburtstage der gegenwärtigen Verfassung, verflossen sind, begegnete man den Bestrebungen der Arbeiter seitens der Rcgierungs- bchörde mit solcher Unwissenheit, solchem Hochnmth und solcher rücksichtslosen Feindseligkeit, als unter dem Mini- sterium Auersperg-Lasser, welches sich selbst als ein Partei- Ministerium der Liberalen bezeichnete. Der jetzt bestehende deutsch- österreichische Klub steht aber hauptsächlich unter dem Einflüsse jener Männer, welche dem Ministerium Auersperg- Laffer Heeresfolge leisteten und daraus entspringt das unver- hohlene Mißtrauen, welches die Arbeiter gegen alles zeigen, was von jener Fraktion im angeblichen Interesse der Arbeiter- schakt unternommen wird. So war es, als vor ein paar Fahren dieselben Leute, der ehemalige Handelsminister R. von Ehlumecky an der Spitze, der Regierung den Rang abzulaufen suchten, indem sie eine Enquete— dieses Universalheilmittel in den Händen der Rathlosen und Unentschiedenen— über die Frage der Unfall- und Altersversicherung beantragten. Die Arbeiter verhielten sich gegen diese Sirenenrufe uncmpsindlich. Viel wichtiger für die Beurthcilung der Arbeiterfreundlichkeit tener Fraktton schien ihnen mit Recht die Thatsache, daß sich dieselben Herren mit Händen und Füßen gegen den Marimal- arbeitstag von 11 Stunden und gegen die Abschaffung der Nachtarbeit der Kinder wehrten. Aber auch der Gesetzentwurf über die Ardeiter- kammern selbst bietet Anlaß genug, die politisch den- kenden Arbeiter mit berechtigtem Mißtrauen zu erfüllen. Seit dem Beginne der Arbeiterbewegung in Oesterreich steht das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht an der Spitze der Forderungen der Arbeiterpartei! die kurze Phase des tollsten Anarchismus, die dazwischen eintrat und in welcher nur die Minorität der organisirten österreichischen Arbeiter an jener Forderung festhielt, war nur ein vorübergehendes, bedeutungs- loses Moment, denn schon jetzt wagt sich keine Stimme in Ar- beiterversammlungen mehr gegen das allgemeine Wahlrecht zu äußem. Diese Forderung allein genügt dem sozialistischen und demokratischen Programme der Arbeiterpartei und wird dem Prinzip der politischen Gleichhett gerecht. Die Arbeiterkammern, welche jetzt plötzlich sich die Sym- ttithicn der deutschen Liberalen und Nationalen errungen haben, mrd schon im Fahre 1872 in Arbciterversammlungen gefordert worden! das Gros der Arbeiterpartei verhielt sich aber schon damals ablehnend gegen diese opportunistische Taktik. Erst dach der Parteispaltung im Fahre 1873, bei welcher sich die »Radikalen" unter Führung Andreas Scherls von den Anhän- Bern Heinrich Oderwinders kennten, gewannen die Arbeiter- Emmern, mit politischem Wahlrecht analog den Handels- und Gewerbe kammern ausgestattet, an Oberwinder einen eifrigen Be- fürwotter, der im Namen und Austrag seiner Fraktion duch ein Memorandum an den Wahlrcformaussckuß »es Abgeordnetenhauses richtete, in welchem er Ar- beiterkammem mit Wahlrecht in den stlcichsrath als «dschlagszahlung an die Arbeiter verlangte. Da damals ohne- bin die Rcfornr des Wahlrechts auf der Tagesordnung stand iwb die liberale Regierung die direkten Wahlen anstatt der bisher indiretten aus der Mitte der Landtagsmitglieder einzu- fuhren suchte, war jene Forderung der Fraktion Oberwinder's flewift eine gerechte und äußerst bescheidene. Mehrere Führer der Liberalen im RcichSrathe liebäugelten auch niit Oberwinder und zeigten sich gegen die Forderungen der Arbeiter, iirsbe- sondere gegen das Projekt der Arbeitertammern, sehr entgegen- kommend, aber all diese Liebe blieb platonisch, denn es kam zu nichts weiter als zu einer Resolution, in welcher der Regierung Nahe gelegt wurde, sich mit der Frage der Arbeiterkammem zu beschäftigen. Die Regierung aber legte die Resolution dorthin, wohin olle Ardeitervctitionen seit jeher gelangt waren, zu den Akten, wo sie bis heute ruht. Das war unter der libe- �alen Parteiregierung und unter der liberalen Majorität im �eichsrathe. Daß nun dieselbe Pattei, zum großen Theile dieselben ■Rannet, mit einem solchen Feuereifer für eine Reform entteten, bw ihnen noch vor zwölf Fahren herzlich glerchgrlttg, theu- pwlse sogar verderblich erschien, hat seinen Gnmd in ber Hauptsache in der geänderten Stellung der Regrcrung ßkgenüber der Arbeiterbewegung und in dem Wechsel m der inneren Politik, der seitdem in Oesterreich eingetreten ist. Fene bvchmüthige Ignoranz, die sich in der Aeußerung des söge- Mannten Bürgcrministers Dr. Giskra kundgab: Die soziale Frage hört der Bodenbach auf— mußte angesichts der stetig wachsrnden sozialistischen Bewegung in allen modernen Kultur- »andern dem Gefühl einer beängstigenden Unsicherheit weichen und schließlich damit enden, daß man durch Konzessionen an ble Arbeiter die Interessen der herrschenden Klassen am besten Zu fördern glaubte. Die konservativen Parteien, die durch ihren '""igen Zusammenhang mit den Privilegien des Grundbesitzes w einem gewissen naturlichen Gegensatz zu den Fchtereflen des Ulbuskiellen und handeltreibenden Kapitals gedrängt werden, Md durch diese ihre Stellung befähigt, dem Kampfe zw, scheu Untemehmer und Arbeiter auf dem Gebute der Industrie größerer Objektivität ihre Aufmerksamkeit zu schenken. uls die meist dem industriellen und Handelskapitale mg verbundenen liberalen Parteien. Außer in England hat gab/ Geschick in Angriff «5*8 Umuber der Arbeiterbevölkerung ihrerseits aufgenommen und damit eine populäre Waffe fleflenuber den opposttionellen ueutschnationalen Fabrikanten in die Hand bekommen. bi. �r Gesetzentwurf der deutschnationalen Kaktimm' über m...�pthtung von Arbeiterkammcrn ist ein Rückschlag dm er it* ist ein Versuch der oppositionellen Elemente, du ganz- ".m geschwundenen Sympathien bei den Arbeitern für die ehe- freisinnig Liberalen wieder aufzucrwecken, der Regierungs- ein Paroli zu bieten. Dieselbe Tendmz verfolgt die Opposition auch durch ihre geheuchelte Tbeilnnhme für, die pser der Sozialistenverfolgung, durch ihren scheinbaren Widerstand gegen das Anarchistengesetz; sie will der Regierung allein das Odium der Gewalt und Polizeimaßregeln gegen die So- zialistcn aufladen und ihre Hände in Unschuld waschen. Sie ist aber dabei wohl bedacht, daß ihr Widerstand gegen das Gesetz fruchtlos bleibt, daß hierdurch die Regierung an dem schärfsten Vorgehen gegen die sozialistische Bewegung nicht gc- hindert wird. Diese Unehrlichkeit und Doppelzüngigkeit mani- festirt sich auch in dem Inhalte des Gesetzes über die Arbeiter- kammern._ V arlamentsberichte. Deutscher Reichstag. 8. Sitzungvom 7. Dezember, 1 Uhr. Am Tische des Bundesraths von Boetticher, Graf Bismarck, v. Schellin g und Kommiffarien. Zunächst steht der Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung eines Seminars für orientalische Sprachen zur ersten und evmtuell zur zweiten Berathung. Das Reich soll zu der als preußische Einrichtung beabsichtigten Errichtung des mit der Berliner Universität verbundenen Seminars 20000 M. für die erste Einrichtung und 36 000 M. zu den jährlichen Ausgaben im Maximum beitragm. Abg. Grad: Ich begrüße die Vorlage, welche in der von- gen Session nicht mehr zur Verhandlung kam, mit großer Freude. Sie wird nicht nur dem Interesse der Diplomatie dienen, sondern auch dem Kaufmannsstandc von dem größten Nutzen sein und darin liegt ihr hoher volkswirthschaftlicher Werth. Ohne die Kenntniß fremder Sprachen kann auch der Handel nicht gut gefördert werden. In den letzten Fahren hat unser Verkehr mit dem Orient ziemlich zugenommen, steht aber hinter dem, was er noch werden kann, zurück. Unser Export nach der Türkei beträgt 8 Millionen, der englische 127 Millionen; nach Egypten expor- tiren wir 1 Million, England 47 Millionen; nach China wir 11, England 83 Millionen; nach den ostindischen Inseln wir 10, England 41 Millionen; nach Britisch- Indien wir 3, Eng- land 611 Millionen Mark. In den letzten 50 Jahren hat Ach die Bevölkerung Deutschlands um die Hälfte vennehrt. Vor 50 Jahren expottirten wir Getreide und impottirten industtielle Gegenstände; jetzt hat sich das Verhältniß umgekehrt. Die Einrichtung des Seminars für orientalische Sprachen hat volks- wirthschaftlich dieselbe Bedeutung wie die Dampfersubventton. Nach der Vorlage soll das Seminar eingerichtet werden nach dem Modell der in Paris und Wien bestehenden Institute. Es sollen wissenschaftliche Vorttäge gehalten und auch prak- tische Uebungen angestellt werden und zu diesem Zweck den, Institute Eingeborene des betreffenden Landes als Assistenten beigegeben werden. Die Schule in Paris hat 12 Lehrstühle, am Berliner Seminar sollen nur 6 errichtet werden. Das fran- zöstsche Budget für das Seminar beziffert sich auf 154 000 Fr., hingegen werden für das Seminar in Berlin nur 72 000 M. als fortlaufende Ausgabe und 40 000 M. als einmalige Ausgabe gefordert. Hiervon soll Preußen die Hälfte tragen. Ich meine, daß das Reich an der Sache sehr bctheiligt ist. Ich werde des- halb für die Vorlage stimmen und würde auch nichts dagegen haben, wenn sie an die Budgctkommission verwiesen würde. Abg. Klemm befürwortet ebenfalls die Vorlage und zwar unter besonderem Hinweis der Erfolge, welche die französische Schule gehabt hat. Bedenklich ist es ihm aber, daß das Reich nicht nur intt einem Zuschüsse eine Einrichtung eines Einzel- staates bedenkt, sondern sich auch einen Eingriff in die Ver- waltung desselben vorbehält. Redner beantragt die Verweisung der Vorlage an die Budgetkommisfion. Abg. Dr. Bamberger: Wenn ich keine anderen Gründe hätte, die Vorlage zu begrüßen, als Herr Grad, so würde ich allerdings wünschen, ohne Verweisung an die Kommission so- fort in ihre zweite Berathung einzutreten und da ein negatives Votum abzugeben. Es ist doch eine etwas gar zu einfache Vorstellung von der Sache, wie Herr Grad es thut, die Ziffern des deutschen und englischen Exportes nach dem Orient vorzu- rechnen, und ich glaube, je mehr Geld wir für ein orientalisches Seminar ausgeben, desto weniger wird die Ziffer unseres Er- vorts nach dem Orient wachsen. Ich glaube sogar, daß vre Vergleichung mit der in meinen Augen zweifelhatten Leistung der Dampfersubvention noch viel zu hochgehend ist, und ich würde der Sache durchaus nicht freundlich gegenüber stehen, wenn ich wirklich glaubte, daß ihre kommerzielle Bedeutung ihren Schwerpunkt bilde. Der Abgeordnete Klemm scheint mir die Sache schon viel richtiger aufgefaßt zu haben und ich sehe eine günstige Vorbedeutung dafür, daß sie in meinem Sinne aufgefaßt zu werden verdient, darin, daß der Vertreter des preußischen Universitätswesens(Geh. Rath Althoff) als Regierungskommissar für die Vorlage hier anwesend ist. Ich sehe in ihr eine wesentliche Förderung des philologi- schen Studiums nach der Seite der lebenden Sprachbildung hin, und nur von diesem Standpunkte aus kann ich ihr bei- pflichten; denn für die Idee, die Bcmutterung deS Handels, die überall Leute hinschickt, um für ihn zu werben, auch noch durch Sprachkunde zu unterstützen, kann ich mich in keiner Weise erwärmen. Dagegen stand Deutschland seit jeher und steht namentlich in diesem Jahrhundert so sehr auf der Höhe der philologischen und linguistischen Studien als die erste und jederr- falls unübertroffene Nation der Welt, daß eine Vorlage, die sich mit diesen Aufgaben beschäftigt und zwischen Wissen- schaft und Leben noch ein neues Band zu knüpfen sucht, selbstverständlich unseres Wohlwollens sicher ist. Auch sind ja die Ansprüche, die damit an das Reich gestellt werden, nicht sehr groß. Andererseits verdienen auch kleine Ausgaben bei der jetzigen Finanzlage auf ihre Nothwendigkeit geprüft zu werden, und ich bin daher auch für die Verweisung der Vor- läge an die Budgctkommission. Was mich etwas bedenklich gegen sie macht— nur bedenklich, denn ungünstig bin ich nicht gesinnt— ist, daß sie sich dock zunächst als Nachahmung an Institutionen anschließt, deren Ursprung weit zurückliegt und die, wenn sie heute noch zu schaffen wären, auch von den beiden Musterländenr Oesterreich und Frankreich, nicht so oder gar nicht geschaffen würden. Das französische Institut daiirt aus dem 17. Jahrhundert, aus Colberts Zeit. Damals wurden jene orientalischen Sckulen geschaffen, deren Zöglinge damals wie noch heute äs 1 Orient hießen. Die Sacke war aber rein praktisch gedacht; Knabm von 8—10 Jahren, 10 oder 12 an der Zahl, wurden in die Kapu- zinerklöster nach Konstantinopel und Smyrna geschickt, während gleichzeitig junge Orientalen oder Angehörige französischer im Orient ansässiger Familien nach Paris gezogen wurden, um im dottigen Jesuitenkloster in den orientalischen Sprachen unter- richtet zu werden. Die Institution hatte damals einen ganz anderen Sinn als sie ihn heute haben kann. Damals stand Europa, die Frankenwelt, dem Orient und namentlich der Hohen forte ganz anders gegenüber als jetzt: als unterwürfiger jener mußte Jeder, der sich der Hohen Pforte nähern wollte, ihre Huld und Gnade sich erst erbetteln; und noch bis zum Ende des vorigen Jahunderts gingen in Konstantine pel die auS diesen Schulen hervorgegangenen bei den Gesandtschaften angestellten Dragomans in orientalischem Kostüm zu Hofe. Wu hat sich das Alles in's Gegentheil verkehrt! Jetzt können wir mit einigem Stolz aus jene orientalischen Mächte herabsehen. Sic haben sich auf alle mögliche Weise zivilisirt, nicht am wenigsten durch Schuldenmachen, und selbst China erschien vier oder fünf Mal in Europa und nahm die Pump- kraft der europäischen Börsen in Anspruch; wenn wir ihm noch einige Male so den Hof machen, wie in diesem Sommer, mit Herumfahren und auter Bewirthung, dann ist es vielleicht so gut, auch bei der Berliner Börse eine Anleihe zu konttahiren. (Heiterkeit.) Das zivilifirt enorm und macht sehr zahm; darum brauchen wir uns jetzt nicht so anzusttengen, um jenen orien- talischen Mächten nahe zu kommen, wie damals, als jene Schulen gegründet wurden, die uns jetzt als Vorbild dienen sollen. Auch Oesterreich hat nach dem fran- zösischcn Beispiel seiner Zeit eine ähnliche orienta- lische Schule bei der Nuntiatur in Konstantinooel ge- gründet, die erst unter Maria Theresia nach Wien verlegt wurde. Diese ,Aprachknaben", wie man sie nannte, als die Schulen beider Nationen noch in Konstantinopel waren, waren Zöglinge im Sinne unserer Vorlage, und es werden noch heute nicht mehr in Konstantinopel, aber in Paris in der Dra- gomanschule ganz junge Kinder eingestellt und die Schule selbst rst ein Appendix zu cmem Lyzeum. Erst später, wenn sie dort ausgebildet find, werden sie nach dem Orient geschickt, wo sie den Konsuln anvertraut, und wenn diese keinen Platz haben, bei Orientalen zur Pflege gegeben werden unter der Bedingung, daß sie nur die dortige Sprache sprechen. Ebenso ist die Akademie für orientalische Sprachen in Wien, insofern sie für diesen Dienst zugeschnitten ist, ein Internat, in dem die Schüler erzogen, gepflegt und unterrichtet werden und zwar nicht dlos für diese Sprachen, sondern für das ganze Konsularwesen. Es handelt sich hier also um eine Spezialausbildung theils in den fremden Sprachen, theils für das ganze Konsularwesen, in großem Unterschied gegen unsere Vorlage, die nur eine akademische Leistung erstrebt; die Sprachen des Orients und Afrikas, hauptsächlich arabisch— denn kafferisch oder hottentottisch wird man bei uns zu lernen sich noch nicht gezwungen fühlen— sollen unter Zuziehung eines Eingeborenen akademisch gelehrt werden. So weit, wie es nach der Methode von Wien oder gar von Paris geschieht, wird man bei uns nicht gehen, sonst möchte ich besorgen, daß die jetzt so geringen Kosten, die uns etwas verführerisch anlächeln, sich sehr bald steigem werden. So wie du Sache in Zug kommt, werden Anträge auf Stipendien folgen, damit die auf diese Weise vorgebildeten jungen Leute sich weiter entwickeln. Ob nun der jetzige diplomatische Dienst, namentlich in China und Japan, mit der englischen und zum Theil mit der deutschen Sprache so vertraut ist, daß er kaum mehr der Dolmetscher bedarf, und ob wir gerade für ihn nöthig haben, besondere Erziehungs- Methoden einzuführen, das will ich im Augenblick nicht ent- scheiden, sondern nur einige Zwcifelsgründe beibringen, damit wir die Sache heute nickt über das Knie brechen, sondern in der Kommission genau überlegen.(Beifall links.) Abg. v. Cuny: Der leitende Gesichtspunkt bei dieser Vorlage ist keineswegs der philologische, den Herr Bamberger in den Vordergrund geschoben hat. Es werden hier die Konse- quenzen gezogen von der Thatsache, daß der Orient mit einer in seiner Art sehr entwickelten und für die Menschheit sehr wichtigen Kultur in den Kreis unserer Kultur eingetreten ist. Wenn wir nur die eine Thatsache beherzigen, daß fortwährend aus Japan eine große Anzahl begabter, auf der Höhe der dor- tigcn Bitdung stehender junger Männer hier nach Berlin konimt, um hier an unserer Bildung theilzunehmen, dann wer- den wir uns nicht verhehlen, daß es sich hier um mehr handelt, als um eine bloße Frage der Gewandtheit zum Zweck der gegenseitigen praktischen Geschäftserledigung. Es sind vielmehr beide Kulturkrcisc, die bis vor Kurzem einander fremd und fern gegenüberstanden, im Begriff, ich will nicht sagen in einander aufzugehen, aber in die engsten Beziehungen zu einander zu treten, und unsere Nation kann sich der Aufgabe nicht ent- ziehen, diejenigen geistigen Waffen, die zur Bewältigung dieser Aufgabe erforderlich sind, sich anzueignen. Die philologische Seite der Sache ist nur eine von vielen. Die Folgen aber, die für unseren Handelsverkehr aus der Kenntniß der orientalischen Sprachen entspringen, fallen auch nicht am wenigsten ins Gewicht, und wenn Sie nun die Aeußerungen der englischen Presse bedenken über den Vorsvmng, den der deutsche Kaufmann im Orient und zwar nicht am wenigsten wegen seiner Kenntniß der orienta- tischen Sprachen über den englischen Kaufmann zu erreichen im Begriff steht, dann werden Sie auch, glaube ich, der Sacke keine Gewalt anthun, wenn Sie anerkennen, daß Herr Grad in dankenswerther Weise eine sehr wichtige Seite der Frage berührt hat. Darin gebe ich Heren Bamberger recht, daß es nicht an- gezeigt sein würde, gerade das in Frankreich bestehende Institut zum unmittelbaren Vorbild zu nehmen. Uebrigens entnehme ich schon aus der Vorlage, daß das keineswegs die hierbei ob- waltende Abficht ist, es soll vielmehr nur Gelegenheit gegeben werden zur theoretischen Erlernung und Verwendung der orientalischen Sprachen. Was den Kostenpunkt betrifft, so wird eine eingehende Erörterung desselben nur in der Kommission möglich sein. Die Vorlage geht an die Budgetkommission. hierauf wird der Bericht der Reichsschnlden-Kommission auf den Antrag des Abg. Meyer(Halle) an die Rechnungs- kommissio verwiesen. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats. Bei dem Etat der R e i ch S j u st i zv e r w a l t u n g bittet Mg. Roßhirt um Auskunft über den Stand der Arbeiten der Kommission zur Ausarbeitung eines bürgerlichen Gesetzbuches; dieselbe werde sowohl den Fachmännern als dem deutschen Volke erwünscht sein. Mg. Bernuth: In diesem Jahre sind für die Kommission ur Herstellung des bürgerlichen Gesetzbuches 25 EX) M. weniger »cansprucht als in dem verflossenen Fahre, weil dieselben nach dem Stande der Arbeiten der Kommission entbehrt werden können. Es sollen das nach Mittheilungen der Presse Ersparnisse an Druckkosten sein, während die Kommission selbst noch während des ganzen Etatsjahres werde bestehen müssen. Ich bin weit entfernt, die Kommisston angreifen zu wollen, in welcher die hervorragendsten Juristen sitzen und deren Vorfitzender einer der ersten deutschen Juristen von unerschöpflicher Arbeitskraft ist. Aber es muß der Wunsch berechtigt erscheinen, daß das Werk aus den Arbeiten der Kommission allmälig an den Tag komme. Allgemein wwd ferner der Wunsch gehegt, daß der aus der Kommission hervorgehende Entwurf der Oeffentlichkeit nicht entzogen werde, damit eine wissenschaftliche Kritik dem- elben gewidmet werden könne, so daß dem Biindesrath und Reickstag reichhaltiges Material zur Würdigung des Entwurfs gegeben werde.(Beifall.) Staatesekretär im Reichsjustizamt V. Schelling; Die Kommission hat ihre Berathungen am 1. Lktober 1881 begonnen und mit einer solchen Unermüdlichkeit, die auch mein Vor- redncr anerkannte, gearbeitet, daß sie jetzt im 5. letzten Theile, dem Erbrecht, steht Voraussichtlich wird sie Mitte des nächsten Jahres auch den 5. Thcil fertig gestellt haben. Dann soll der Kritik durch Drucklegung ein weites Feld eröffnet werden. Es ist nicht gesagt, daß damit die Thätigkeit der Kommission zu Ende ist. Vielleicht thut sie gut, sich noch mit einigen Er- gänzungen z. B- mit dem Einführungsgesetz der Grundbuch- ordnung und anderen Nachträgen zu beschäftigen. Weil diese Möglichkeit vorliegt, wird die Kommission noch während des ganzen nächsten Jahres fortgesetzt werden, und deshalb ist keine erheblich geringere Summe im Etat eingestellt worden. Die Absetzung von 25000 M. wird dadurch motivirt, daß Er- sparnisse an diesem Fonds gemacht worden sind. Abg. Bock: In der zu erwartenden Vorlage wegen Herab- sctzung der Gerichts- und Anwalts gebühren ist in der Haupt fache nur auf eine Ermäßigung der Anwaltsgedühren Bedacht genommen. Eine derartige Reform des Gebührenwesens genügt dem Volke keineswegs. Auf die Herren Millionäre freilich hat man eine zarte Rücksicht genommen, indem man auch die Gerichtsgebühren für Streitobjekte über 10000 M. ermäßigen will. West mehr liegt uns aber am Herzen, daß der arnre Mann mit geringen Kosten seinen Arbeitslohn oder sonst eine geringe Fordemng einklagen könne. Man sagt, in Folge der Erhöhung der Prozeßkosten sei keine Störung der Rechtspflege eingetreten. Die Abnahme der Prozeffe aber, die feststeht, ist ein deutlicher Be- leg für eine solche Störung, und nichts bewirkt mehr eine Ne- girung der öffentlichen Autorität, die man den Sozialdemo- traten vorwirft, als wenn das Recht im Lande nicht zu seiner Geltung kommen kann. Die llrtheile des Reichsgerichts, die Tendenzprozeffe der letzten Zeit, das Frciberger Urtheil sorgen für die Herabsetzung der Autorität mehr als hundert sozialistische Reden. Die Gerichtskosten in dem Diätenprozesse des Abg. Kräcker wegen 1500 M. haben 249 M. betragen, dazu kommen für jeden der beiden Anwalte etwa 150 M., macht zusammen etwa 549 M; das sind unerträgliche Verhältnisse. Laute und berechtigte Klagen hat auch das Institut der Ge- richtsvollziehcr hervorgerufen- Während der Exekutor früher stolz zu Fuß zum Auspfänden ging, kommt der Gerichtsvollzieher jetzt gefahren, theils einspännig, theils zweispännig, um dann dafür dem armen Teufel entweder eine Zwangshypothek auf sein Häuschen zu legen oder ihm das letzte Stück abzupfändcn. Das muß das Ansehen der Gerichtspflege in den unteren Ständen untergraben. Ick empfehle dem Staatssekretär des Justizamts nicht blas eine Ermäßigung der Anwalts-, sondern vorzrigsweise der Gerichtsgebühren eintreten zu lassen. Tit. 1—4 werden hierauf bewilligt. Tit. 5—8 werden wegen einer Mehrfordcrung von 1350 M. für einen neu anzustellenden Boten auf Antrag des Abg. von Bernuth in die Kommission verwiesen. Der Rest des Etats der Jastizverwaltung, die Etats des Reichs eisend ahn amts, des Rechnungshofes, des allgemeinen Pensionsfonds und Reichs- invalidcnf'onds werden, soweit sie nicht der Budgetkom- Mission zur Vorbcrathung überwiesen sind, ohne Debatte ge- nehmigt. Um der Budgctkommission und der Kommission zur Bcrathung der Militärvorlage etwas Raum für ihre Arbeiten zu geben, schlägt der Präsident vor, die nächste Sitzung erst am Freitag abzuhalten. Widerspruch dagegen er- hebt sich nicht. Schluß 2� Uhr. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. (Etat der Militärverwaltung und des Reichstags.) Lokales. In einem ganz eigenartigen Lichte erscheinen gewisse Zustände der Reichshauptstadt, wenn man folgenden Bericht der„Voss. Ztg.", eines durchaus militär- und polizeifrommcn Bourgeoisblnttes, liest.„Jeder alte Berliner, so schreibt das genannte Blatt, erinnert sich noch des Dustern Kellers an der Bergmann- und Bcllealliancesttaßen-Ecke. Es war, wie man früher sagte, eine alte Tabagie mit einem Garten voll Herr- sicher Bäume, wohin dazumal gern der Berliner der Friedrich- stadt mit seiner Familie wallfahrtctc, um seine Weiße zu ttinken. Hinten hinauf führte ein Weg linksab nach einem Birkenhain, der der jüngeren Welt zum Spiel- und Tummelplatz diente, den aber auch zeitweise Lebensmüde sich aussuchten, um dem Schissbruch ihres Daseins ein schnelles Ende zu bereiten. An der Ostscite des Gartens an der Bcrgmannstraße tzand ein niedriges Häuschen, dessen sauber, aber einfach nach der Väter alter Sitte ausgestatteter Gasttauni gegen die Unbilden der Witterung zur Sommer- oder Winterzeit Schutz bot, und es waltete darin ein Musterexemplar eines alten Weißbier- wirthes, wie man sich deren in Berlin noch aus guter alter Zeit erinnert, von behäbiger Jovialität gegen die Gäste, die er gern sah, kurz angebunden und grob gegen diejenigen Gäste, die ihm nickt behagten. Immer aber hielt er auf Ordnung und Sitte, wie es sich für eine alt? und gut rcnonimirtc Bürgertabagie geziemte. Ende der fünfziger Jahre fiel zunächst der Garten mit seinen prächti- gen alten Bäumen der Bauspekulution zum Opfer und es blieb von dem Dustern Keller nur das Häuschen stehen, hinter dem sich dann von dem Gatten nur noch ein schmaler Sttcif bis zu dem Berge hinzog, auf dessen Höhe sich der Berliner Bock bc- findet. Nur wenrgc Ucbcrbleibsel jenes alten Baumbestandes fttsteten in diesem Gnttenstteifen noch ein kümmerliches Dasein. Aber auch jene alten Ucberreste, die von den« Tustern Keller nichts mehr als den Namen gerettet hatten, sollten keinen lan- gen Bestand mehr haben; Mitte der siebziger Jahre sielen auch sie und mußten einem Neubau Play machen. Ter Witth der letzten Jahre mußte sich flüchten und bezog ein neues Lokal schräg gegenüber, und heute ettnnett an die �vergangene Herrlichkeit des alten Tustern Kellers nur noch das Schild, welches die Auf- schrift„Restaurant zum dustern Keller" führt. In dieser Lokali- tat, die zwar nichts mehr von der Altoäterlichkcit ihres früheren Heim hat, die aber von Berliner Bürgern noch gem besucht wird, spielt sich die kleine Geschichte ab, die wir erzählen wollen." An dieser Schilderung, so wird gewiß ein jeder sagen, ist durch- aus nichts Bemerkenswetthcs, es ist eine Reminiszenz, wie man sie häufig in den Tagesblättern findet. Bezeichnend für den Standpunkt eines„auch" freisinnigen Blattes ist es aber, daß diese ganze lange Einleitung, die fast vom Anbeginn der Welt anfängt, nothwcndig ist, um den Lesern die folgende kleine Ge- schichte aufzutischen:„Eine Berliner Einschätzungskommission hatte sich dott, so fährt die„Voss. Ztg." sott, für ihre Sitzungen zur Erledigung ihrer amtlichen Arbeiten ein besonderes Zimmer ausgesucht, zu dem lern Gast Zutritt hat. Man weiß ja, die Privatwohnungsräume sind in Berlin beschränkt, amtliche Lo- kalitäten stehen nickt imnier zur Verfügung. So tagte jene Einschätzungskommission dott auch am 2. d. M. Die Ein- schätzung der Berliner Bürger ist kein leichtes Aint und wenn es gewissenhaft gchandhadt wird, erfordett es Zeit. Die Ar- beiten hatten sich derattig gehäuft, daß die Kommission noch um Iii Uhr Abends in Thätigkeit war. Da sollte aber die Arbeit der Kommission ein jähes und unerwattetcs Ende er- fahren. Ein Schutzmann betrat das Zimmer, mahnte die Herren, daß es Schlafenszeit sei und gebot Feierabend. Das Lokal hat nur die Schankkonzession bis 11 Uhr Abends. Da half kein Widerspruch, daß es ein abgeschlossenes, be- sondercs Zimmer sei, in dem die Kommission arbeitete. und daß der Vorsitzende derselben den Schutzmann darauf aufmerksam machte, daß die Kommission in amtlicher Eigenschaft hier tage? der Schutzmann bestand auf seinem Eckein und die Kommission mußte das Feld räumen. Im Kass National in der Friedrichstraße tagt andere Gesell- schaft und es soll zuweilen dott bis zum frühen Morgen recht munter hergehen! kein Schutzmann stött sie, das Kaf- National hat Nachtkonzesfion. Aus einem rcservirtcn Zimmer des Nestau- rants zum dustern Keller muß die Einschätzungskommission um Iii Uhr flüchten. Aber freilich— warum tagt sie nicht im „Kaf National", von der Polizei würde sie dott nicht gestött." — Wir unsererseits find nun vollständig von der Solidität des mit eckt spießbürgerlicher Gründlichkeit und Genauigkeit ge- schildetten Lokals überzeugt, glauben aber, daß es kaum nöthig gewesen wäre, eine so umfassende Genealogie einer Kneipe zu geben, die von einer Berliner Einschätzungskommission mit ihrem Besuch beehrt wird. Mag das Restaurant aber nun noch so würdig sein, so können wir uns aus anderen Gründen schon nickt daniit einverstanden erklären, daß so wich- tige Geschäfte, wie die Einschätzung der Steuerzahler, in Räumlichkeiten vorgenommen werden, in welchen der „großen Weiße" und der„Stttppe" gehuldigt wird. Bei allzulangem Sitzen kann es den Herren Einschätzungskommissaren denn doch auch passtren. daß sie alles„doppelt sehen"— selbst das Einkommen und Vermögen der einzuschätzenden Mitbürger. Wenn man seine Steuerquittungen betrachtet, kommt man un- willkürlich auf diesen Gedanken. Spaßhaft ist es allerdings, wie die„Voss. Ztg." sich anstellt, wenn sie gegen polizeiliche Maßnahmen bockbeinig wird. Es müssen doch in Berlin recht dedeirklicke Zustände herrschen, wenn schon die„Tante Voß" ungeinüthlich wird. Um den einen Mißstand zu rügen, hätte sie die bittere Pille freilich nickt in aar so viel Zucker zu hüllen brauchen, namentlich ist das„Kafs National" doch so gefährlich nicht mehr— seitdem nämlich dort, wie ein anderes Blatt kürzlich indiskreter Weise vcrricth— sogar ein besonderer Tisch für Neichstagsabgeordnete rescrvitt wird. Wo Reichstags- abgeordnete verkehren, da kann doch auch ganz gettost eine Berliner Einschätzungskommission tagen. Pennbrüder. Das Unglück in seiner trostlosesten Gestalt erregt oft mehr Spott als Mitleid, und das Elend in seiner jammervollsten Gestalt zu sehen, bietet unsere Welt- und Millionenstadt trotz ihres Glanzes, trotz ihrer Pracht und Herr- lichkcit reichlich Gelegenheit. Die bessere Gesellschaft, die ge- bildeten Stände sind schnell bei der Hand, sich ein Utthcil zu bilden und ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen über das sich ihnen vor Augen stellende Elend und dasselbe mit Namen zu belegen, welche den Stempel absoluter Unkenntniß bestehender Verhältnisse, sowie einer großen Lieb- und Herzlosigkeit an sich tragen. Jene, welche den geschmackvollen Namen„Vagabunden" auf die wandernden, nach Arbeit suchenden und von den ärgsten Nöthen des Lebens heimgesuchten Arbeiter in Anwendung brachten,— wer kennt nicht das Märchen von dm 200 000 Vagabunden, welche das Land durchziehen!— können auch die Ehre kür sich in Anspruch nehmen, die nicht minder gcschmack- volle Bezeichnung„Pennbrüder" erkunden zu haben. Äaga- bunden und Pennbrüder sind synonyme Begriffe, denn was die„Vagabunden" für das Land, das sind die„Pennbrüder" für die Äadt. Ihre Beschäftigung besteht nach Anficht gewisser Leute darin, in den Straßen umher zu schlendern, auf öffent- lichen Plätzen herum zu lungern oder die dott stehenden Ruhe- bänke zu drücken, des Nachts bei„Mutter Grün", in Neu- bauten, Vorgättcn oder an sonstigen angenehmen Orten zu „pennen". Es hieße nur leeres Stroh dreschen und Eulen nach Athen tragen, wollte man sich die Mühe nehmen, Jenen, die absolut kein Vcrständniß für die„soziale Frage" haben, das Unglück der Unglücklichen mitzufühlen außer Stande sind, einen wenn auch nur schwachen Begriff von dem grenzen- losen Elend jener Menschen, welche sie verächtlich„Pennbrüder" nennen, beizubringen. Wohl aber möchten Jene bedenken, was sie sprechen und erst etwas über die Ursachen nachdenken, welche die Menschen zu„Pennbrüdern" werden lassen. Ain Montag brachte die konservative„Post" eine Notiz, das Ende eines „Pennbruders" betreyend, welche höchst charakteristisch ist und wohl verdient, namentlich in„besseren" Kreisen recht sehr be- hcrzigt zu werden. Besagte Notiz meldet in kurzen Wottm, daß am Sonntag Vormittag in der Nähe des Görlitzer Bahn- Hofes ein bewußtloser Penirvruder, an der Erde liegend, aufge- funden und nach der sanitätswackc am Görlitzer Bahnhof ge- schafft worden sei, woselbst der wachhabende Arzt den eingc- tretcnen Tod durch Erfrieren konstntirtc. Der„Pernrbrudcr" sei von Ungeziefer übersät, seine Taschen vollständig leer ge- wcscn. Das aber habe man den Gesichtszügen und den fein- gebildeten Händen angeschen,— der„Pennbruder" habe einst bessere Tage gesehen! Wie Viele mögen die Notiz gelesen haben, ohne etwas anderes dabei zu denken, als:„Entsetzlich, was es doch für Menschen giebt!" Wer aber etwas darüber nachdenkt und sich die fürchterliche Lage jenes Bedauerns- wertbcn— mag er nun durch eigenes Verschulden oder Unvcr- schulden in dieselbe gekommen sein— vor Augen fühtt, wer die unmenschlichen Qualen, die der Unglückliche erduldet hat, bis zu dem Augenblicke, wo ihn, von Ungeziefer übersät, in den Straßen Berlins der Tod durch Erfrieren seinem namenlosen Jammer entrückte, vergegenwättigt, der kann allerdings auch den Ausruf nicht unterdrücken: «Entsetzlich, was es doch für Menschen giebt!" Aller- Vings in einem anderen Sinne. Es wäre zu optimistisch gedacht, wollte man nickt zugeben, daß auch unter den„Penn- brüdcrn" sich Elemente befinden, welche kein besonderes Mitgc- fühl erwecken, das man schließlich auch dem Unwürdigsten nicht verweigern kann, doch heißt es ebenso allzu pessimistisch utthcilcn, will man unter„Pennblüvern" nur die Hcse der menschlichen Gesellschaft verstehen. Diese beliebte Anschauung wird gründlich widerlegt durch die gedachte Notiz, welche besagt, daß der „Pennbruder" einst bessere Tage gesehen. Was dieses„bessere Tage gesehen", in diesem Falle bedeuten soll, wird hinlänglich erklätt durch den Hinweis auf die Gesichtszüge und die fciirge« bildeten Hände des Verunglückten, es ist eine milde Umschrei- bung der Thatsache, daß derselbe einst den„besseren Ständen" angehört hat und diese thatsache ist ein eindringliches memen o mori für die Angehörigen der besseren Stände, indem dieser Fall wiederum beweist, daß das menschliche Schicksal unbe- rechenbar ist, daß sich das„Pennbruderthum" auch aus den „besseren Siändcn" rckrutitt. Diese Thatsache sollte eine ernste Mahnung sein an Alle, mehr Nächstenliebe zu üben und die Vermögenden ansporne». Zustände zu schonen, welche so fürchterliche Vorkommnisse, wie das geschilderte, unmöglich machen. Bessere Tage sieht schließlich immer noch auch der ärmste Ar- bciter, der, wenn auch unter den schwersten Entbehrungen sein Dasein fristend, wenigstens noch ein Obdach besitzt. Doch wie schnell ist in heutiger Zeit dieses unscheinbare, wenngleich un- schätzbare Befitzthum verloren! Man betrachte nur die große Zahl der Arbeitslosen, welche verzweifelnd die Straßen Berlins durch- irren, deren Zahl namentlich zur Wintcrzeit zu einer erschreckenden Höhe anschwillt! Ist der Mensch erst arbestslos, so wird er auch sehr leicht obdachlos und die Statistiken der Asyle für Obdachlose reden eine deutliche Sprache. Arbeits- und obdachlos, werden die Menschen„Pennbrüder" und enden schließlich auf offener Straße, nachdem sie den Kelch unmenschlicher Leiden bis auf den letzten Tropfen gelcctt haben. Diese Thatsache» sind schrecklich aber wahr und schreien laut um endliche energi- scke Abhilfe. Hier Helten keine„humanen" Bestrebungen, keine Asyle, keine Wohlthätigkeit, hier helfen allein durchgreifende soziale Reformen! Solche herbeizuführen sollte doch endlich das Bestreben eines jeden Staatsbürgers sein und zwar im eigensten Interesse, da jetzt ein jeder, mag er reich oder arm sein, die Anwartschaft hat, ein„Pennbruder" zu werden! Die Anwendung künstlicher Beleuchtung scheint in Folge des polizeilichen Verbotes der Maurerardect bei einer Tempe- ratur unter zwei Grad Kälte sehr umfangreich zu werden. Meist ist es die elettttsche Beleuchtung, die z. B. bei den umfang- reichen Neubauten in der Beuthstraße und an der Zimmer- und Lindenslraßenecke und bei vielen anderen Neubauten im Innern der Stadt zur Anwendung kommt, und es macht einen eigenthümlicken Eindruck, mitten auf dem Bauplatze in einer kleinen provisorischen Hütte die Dampfmaschine aufgestellt zu sehen, welche für acht bis zehn Lampen berechnet ist, die den Bauplatz und das begonnene Mauerwerk mit ihrem fahlen Lichte erleuchten. Weniger imposant machen sich die hochflackernden Benzinlampen auf anderen Neubauten, z. B. in der Leipziger- straße, mit ihrem äußerst belästigenden Geruch für Jeden, der in ihre Nähe geräth. Selbstverständlich gehött eine größere Zahl solcher Flammen dazu, um in der Dunkelheit die zur Fortführung der Arbeit erforderliche Helle zu verbreiten. Eins aber ist bei dieser künstlichen Beleuchtung ganz zweifellos, nämlich, daß auch bei der ausgiebigsten Anwendung derselben die ohnehin für vie be- schäftigten Arbeiter sehr große Gefahr noch mehr erhöht wird. So wird schwerlich eine künstliche Beleuchtung so einzurichten sein, daß alle Theile eines über das Fundament hinausragen- den Rohbaues genügend erleuchtet sind. Ueberall wirkt das grelle Lickt auch tiefe Schatten und erzeugt bei dem Arbeiter ein Gefühl der Unbehaglichkeit und Unbequemlichkeit, das er während der Arbeit bei natürlichem Tageslicht nicht kennt Be» sonders verhängnißvoll kann dieser Umstand für die mit dem Herbeischaffen des Materials beschäftigten Arbeiter werden. Ein unglücklicher Tritt in eine Oeffnung, die zufällig von einem solchen tiefen Schatten dedeckt ist, kostet ein Menschenleben oder die gesunden Glieder eines Arbeiters und macht diesen zum Krüppet Sind schon bei unseren Bauausführungen allgemein größere Sicherheitsvorkehrun gen wünschenswetth, so sind sie es bei diesen künstlich beleuchteten Bauten doppelt und dreifach. Von verschiedenen Seiten werden wir auf ein Inserat aufmerksam gemacht, welches sich gestern im„Lokal-Anzeiger" fand. Dasselbe lautete:„Zeitungsfalzer werden gegen gutm Lobn für einige Zeit gesucht. Meldungen Dienstag Nachmittag 3 Uhr Zimmerstr. 40 41, Hof Quergebäude part. rechts."— Um 3 Uhr hatten sich dott eine große Anzahl von Beschäftigung suchenden Personen eingefunden, die jedoch Alle mit dem barschen Bescheide vom Pottier abgewiesen wurden, daß der Bedarf an Leuten bereits um 1 Uhr gedeckt worden sei. Man sollte doch heute, wo es so viele arbeitslose Personen in Berlin giebt, mit der Abfassung derartiger Annonzen etwas gewissenhafter umgehen, arme Teufel werden durch solche ungenaue Angaben zu ihrem sonstigen Unglück noch obendrein zum Besten gehallen. Mindestens aber dürfen die Genasführten verlangen, daß ihnen ein ausreichender und höflicher Bescheid zu Theil wird und daß sie nicht noch grob angefahren werden. Der Grunewald, der durch die Stadtbahn den Berlinern so nahe gerückt ist, ettähtt jetzt wichtige Umänderungen, durch welche abennals ein Stück des Grunewald den Berlinern er- schloffen werden soll. Um den Grunewald gewissermaßen an die Schwelle der Stadt zu rücken, muß man planmäßig die Verkehrswege dahin verbessern und erweitern. Ein Schritt weiter nach diesem Ziel zu ist in aller Stille mit der Anlegung einer neuen Hauptstraße nach dem Grunewald aethan worden. Einige hundert Arbeiter sind zur Zeit bei der Regulirung der neuen Sttaße beschäftigt, Die neue Straße zweigt am Kur- fürstendamm da ab, wo dieselbe von der Wilmersdorferstraße geschnitten wird, und geht dann gradlinig in ungefähr der- selben Anlage wie der Kuttürstendamm auf den Grunewald zu, den sie in der Nähe von Schmargendorf trink, um dann bis an den Grunewaldsee in der Nähe von Paulsborn fortge« setzt zu werden. Man kann ermessen, was es heißt, diesen lieblichen Theil des Grunewalds nun ebenfalls erreichbar zu machen, der für alle nicht mit Fuhrwerk gesegneten Menschen sowohl von Dahlem wie von der Station Grunewald aus nur nach langem Marsche zu erreichen war. Dott, wo die neue Sttaße, welche bereits ihren'Namen hat— sie wird Kronprinzen- Damni heißen— den Grunewald trifft, unmittelbar an seinem Saume soll ein Erkttschungs- Etablissement in großem Stil errichtet werden. Dasselbe befindet sich bereits im Bau- Nur für eine kleine Sttecke des Kronprinzen-Dammes sind Terrainregelungen vorzunehmen, alles Wesentliche ist cnt#K den, ja man hat bereits mit dem Ausholzen an einigen Stehen begonnen und hat an anderen vorläufige Pflastcnmgsardeiten in Angriff genommen. Mittel gegen das Ausgleiten der Pferde auf glattem Pstastcr. Das kaiserliche Postfuhramt in Berlin, welches über einen sehr großen Pfcrdebestand verfügt, hat in jüngster Zeit eine Einrichtung gettoffen, die bestimmt ist, den zahlreichen Unfällen vorzubeugen, denen die Pferde auf dem übcrcnr- glatten Pflaster Berlins ausgesetzt sind. Zwischen den Hütt eisen der Pferde werden kleine, aus einem brasilianisch�' Faserstoff geflochtene korkartigc Polster, die sogenannten„Bea- mann'schen Hufpolstcr", eingeschoben, welche in Folge ihrer starken Rcibungsfähigkcit dem Pferde selbst auf dem glattesten Asphaltpstastcr und dergleichen einen so festen Halt geben, dag das gefährliche Ausgleiten mit den Hufen vollständig auege- schloffen wird. Die Polster konscrviren auch sonst den Huf, vre Einwirkung des harten Pflasters auf denselben wird durch d«e Elastizität des Polsters gcmildett und auch die Hufeisen werden weniger abgenutzt. Der übliche Nedaktionemaikäfcr wurde uns vorgestern Abend von einem freundlichen Leser gestiftet. Leider fehlen alle Taten über die Herkunft des braune» Burschen und cum namentlich die Angabe, wer den geehrten Gast wobl veranlaß» haben könnte, die schützende und wärmende Erde so vorzertrg zu verlassen. Vorläufig haben wir ihn unserer Menagerie enr- verleibt, bis sich vielleicht irgend ein verständnißrcichcr Maikaser- Hermes findet, der für sein weiteres Fortkommen zu sorgen besser in der Lage ist als wir._ Das Anfassen der Backwaaren, welches in der P-em vielfach gerügt worden ist, giebt jetzt auch den Bäckern zu emer lebhaften Besprechung der Frage Veranlassung. Man wunlw allgemein eine Beseitigung der Unsitte, glaubt aber, daß»ow eine größere Agitation nöthig sei, um die Frage spruchreif t» �Ausweisung? Das„Berl. Tagebl." schreibt: ,Flempnr' Weiß, in der Liesensttaße wohnhaft, in den Kreisen der Soz>w demottatcn unter dem Namen„Grünspan" bekannt, ist, n" uns mitgethcilt wird, am Sonntag früh auf Grund des«v zialistengesctzes ausgewiesen worden. Da derselbe österrerchrl® Untetthan ist, wurde er r.icht nur aus Berlin, sondern Sjlr aus dem gesummten preußischen Staatsgebiete ausgewiesen- Das Fcmhöfer'sche Tuchgeschäft, welches als ss&te innerung an die vornehme Zeit des Mühlcndammes'ss um Tage hineinragte, hat am Sonnabend seine Pforten geschttn. Dasselbe gehörte seit alter Zeit den Fatthöfcr's, einer b 0 mischen Kolonistcnfamilie. Es fällt, damit an der eng, Stelle ein vorläuflgcr Durchgang für das Publikum geoN werden kann.„..«.rbe» Neber die Festnahme einer Person wegen tinfluffnng wird uns folgende Mittheilung gemacht- � x gestern Mittag ein Wahlberechtigter eins der Wahllokale r- Königstadt betrat und die Stimmzettel entgegennahm, tra ihn ein Herr mit den Motten zu:„Wühlen Sie&cn (hier nannte er den Namen eines der aus gestellten Kandlv.� dann ttinken wir nachher auch ein Glas Bier zufain» Mögen die Worte im Ernst oder im Scherz gesprochen w_ sein— der wachthabende Schutzmann, welcher die Acuv gehört hatte, flstirte den Betreffenden nach der Polizei, Wie wir hören, ist es ein Kaufmann aus Hamburg. � selbe wird sich nun wegen versuchter Wahlbeeinflussung v Strafrichter zu verantworten haben. 17 mw Im Rausche beraubt. In der Nackt vom}■ iä j» 18. Oktober zeckten drei Zöglinge eines hiesigen h« einem Lokal rn der Jägerstraßc. Nach Mitternacht tren- � sich in der Passage. Zwei von ihnen gingen dttev'-s,rcr.d gemeinsckmftlichen Wohnung in der Schönhauser Allee, w der Dritte, Namens G-, welcher stark angetrunken.K" auf den Straßen umhcrwandcrte. So weit die � �es letzteren reicht, hat, wäbrcnd er laut in polnischer Sprache räsonnirte, ein gleichfalls polnisch sprechender Herr sick zu ihm gesellt. Als die vorangegangenen Genossen vor ihrer Wohnung •angdangt war, wurde G. daselbst von einem etwa 19 Jayre ölten anständig gekleideten Herrn aus einer Droschke herausgehoben und seinen Freunden mit den Worten: „Hier bringe ich Jemand, der will hier wohnen-, übergeben. Ter Fremde bezahlte demnächst den Droschken- kutschcr, nachdem er mit demselben über die Höhe des Fahrgeldes gesttitten hatte, und verschwand. In der Wohnung angelangt, vermißte G. seine silberne Uhr, auf deren Deckel die Buchstaben L- G. eingegraben waren, eine silberne Panzerkette, eine goldene Kravattennadel mit drei Korallen, sein schwarzes Lederportcmonnaic mit einem Inhalt von 1,35 M., ein gelbes, guadratförmiges Zigarrenetui aus imitirtem Krokodilleder mit Nickeleinfassung und ein braunes Taschenmesser. Dagegen fand er in der Tasche seines Beinkleides einen Leinwand läppen vor, der ihn auf die Vermuthung brachte, daß er während der Droschkenfahrt von seinem unbekannten Begleiter betäubt und beraubt worden ist; doch dürfte es eines Betäubungsmittels kaum bedurft haben, um den G. in einen Zustand der Be- wußtlofigkeit zu versetzen. Der Lappen scheint als Taschentuch benutzt worden zu sein. Ucbcr eine vermeintlich große Rattenplage in der Zentral-Markthalle find in Jntcrepentenkrcisen und in den Zeitungen Klagen laut geworden, welche die„Allg. Fl.-Ztg." auf ihr richtiges Maß zurückzuführen in der Lage ist. Bekannt- (ich sind in der Zentral-Markthalle für die verbesserten Venti- lationseinrichtungen mehrere große Röhren nach der Kaiser Wilhelmstraße hin angelegt worden. Einige dieser Röhren, welche dem Militär-Gctreidespeicher nahe liegen, haben nun eine Anzahl Ratten, die sonsi in jenem Speicher Hausen, benutzt, um ihren Einzug in die Markthalle zu halten. Sobald dieser Rattenzuzug gemerkt und auch die Quelle dieses Zuzugs gefun- den worden, sind jene Röhren natürlich sofort mit starken Drahtvcrkleidungen verschen worden, so daß ein weiterer Zuzug ausgeschlossen ist. Für die Vertreibung der bereits eingezogenen Ratten ist ein Kammerjäger angestellt worden, dessen Thätig- keit sehr bald die langgeschwänzten ungebetenen Gäste wieder vertteibcn dürfte. Auch einer Katze, die nächtlich in der Marli- Halle sich gütlich zu thun beliebt, ist man auf der Spur. Da es bei den weiten Räumlichkeiten dieser Martthallenanlage jedoch sehr schwer werden dürfte, sie zu fangen, so beabsichtigt man, sobald sie in Sicht kommt, sie zu erschießen. Vom Gerüst gestürzt. Von dem Bau Manstcin- und Norksttaßen-Ecke, auf dem Bau des Bczirksvorstehers Windcck, ist in Folge schlechter Verankerung des Gesimses und des schlechten Baumaterials der Polier herabgestürzt und auf der Stelle todt geblieben. Auf dem Bau herrschte ein förniliches Jagen, aber keine ordnungsmäßige Arbeit. Schreckensbleich war eine Anzahl kleiner Knabengesichter, die am Sonnabend dem Unfall eines Schulkameraden an der Friedrichsgracht zugeschaut hatten. Tie kleine Schaar kam aus der Schule und lärmte und tobte, wie das nun einmal bei ihnen Unsitte ist, auf dem benachbarten Trottoir und Straßen- dann» herum. Mit unglaublicher Dreistigkeit bückte sich ein achtjähriger Knabe, um vor einem herannahenden Rollwagen ein Stückchen von dem seltenen frischgcfrorenen Eise auf oer Straße aufzuheben. Die Keckheit strafte sich furchtbar an dem Kleine», der schwere Wagen fuhr ihm über die Finger der rechten 5?and und quetschte sie zu einer unförmlichen, blutigen Masse. Vorübergehende hoben den Kleinen auf und trugen ihn nach dem nächsten Heilgehilfen, der einen ersten Nvthvcr- band anlegte. Natürlich hatte der Anblick der verletzten Hand und der Blutverlust des Schulkameraden erschreckend auf die kleine Schaar gewirkt, die nun sehr artig und still nach Hause schlich. Der Lärm und die bekannten kleiner! Ungezogenheiten der Kinder in der Nähe der Schulgebäudc sind nichts seltenes. Sollte den Lehrern hier nicht ein erfolgreiches und wenig be- schwcrlichcs Eingreifen möglich sein? � Polizei- Bericht. Am 4. d. M. war die 3 Jahre alte Achter des Zimmermanns Haupt in der elterlichen Wohnung 'a einen Waschkesscl mit heißem Wasser gefallen und hatte sich °adei derart verbrüht, daß sie am folgenden Tage in Bethanien, b>ohin sie gebracht worden war, an den erlittenen Verletzungen Warb.— In der Nacht zum 6. ds. Mts. vergiftete sich ein Niann in seiner Wohnung in der Poststraße mittelst Cyankali. 7- Am 6. d. früh fiel der Schneider Felsch in der Tennewitz- Mße in Folge des Glatteises zu Boden und brach ein Bein. Er wurde nach dem Elisabeth-Krankenhause gebracht.— Am Bormittag desselben Tages stürzte auf dem Neubau Kirch stt. 22 °er Zimmermann Roy beim Ausbringen von Balken in Folge angesetzten Glatteises etwa 3 Meter tief hinab und erlitt meh- Rippcnbrüche, so daß er nach dem Krankcnhause in Moabit Kbracht werden mußte.— Um dieselbe Zeit entstand in de», "p'alitzerstr. 17 im Keller belegenen Laboratorium dadurch Feuer, 5®! ttn etwa 2 Ko. Schwefeläther enthaltender Ballon beirn Abfüllen zersprang. Der Hausdiener erlitt beim Löschen leichte Brandwunden an der Hand. Die Feuerwehr war zur Stelle. � Gegen Mittag wurde in der Lindcnsttnße ein Pferd scheu ?ud ging durch. Der Schlosser Thomaske, welcher es auf- galten wollte, wurde von demselben umgerissen, durch Huf- Erlte mehrfach verletzt und ins Genick gebissen, ebenso erlitt ver Kutschcr Glase von dem Thiere durch Beißen eine Ver- wtzung an der Hand.— Als Nachmittags der Rollkutscher Brttmann in der Forstelstraße ein schweres Faß Branntwein «binden wollte, glitt ihm dasselbe aus den Händen, rollte über Z>» hinweg und fügte ihm so schwere Verletzungen zu, daß er b'c Hiifx per nächsten Sanitütswachc in Anspruch nehmen Zutzte.- Um dieselbe Zeit fiel dem auf dem Potsdamer Guter- Bahnhof init Verladen von Frachtgütern beschäftigten Bahn- «rbeiter Uskiewitz eine schwere Kiste auf das Bein, so daß er juren Bruch desselben erlitt und nach dem Elisabeth-Kranken- Mse gebracht werden mußte.— Gegen Abend wurde an der J�ckc der Prenzlauer- und Alexairderstraßc ein Mann durch ein fpchlächterfrchrwerk überfahren und am Knie so schwer verletzt, Laß er mittelst Kraukenwagens nach dem Krankenhausc im vncdnchshain gebracht werden mußte.— Um dieselbe Zeit ge- Bethen in der GreifSwalderstraße ein Arbeiter und ein Maurer El Streit, wobei der letztere durch einen Messerstich am Kopfe verwundet wurde.— Abends gegen 9 Uhr stürzte sich ein 7? Jahre altes Mädchen aus einem Fenster der Langesttaße Lcr Treppen hoch belegenen elterlichen Wohnung auf die Hfaßc hinab und erlitt durch den Fall so schwere Verletzungen, Alh es mittelst Krankenwagens nach dem Krankenhause im «Nedrichshain gebracht werden mußte. Gmcht»'Iett««g. . 5 Gefälschter Saffra» war von der Polizeibehörde durch 2.ne Requisition bei dein Matcrialwaareuhandler Julius �zcmkus vorgefunden worden; es war als Eapran cm Surro- &>t verkaust worden, das sich hauptsächlich aus zeipulvertem s?a!idelbolz und noch einigen anderen Jngredieiizien zusammen- M-. Durch Verfügung vom 7. Februar d. I. wurde Iemkus rch fcaj. Polizeipräsidium darauf aufmerksam gemacht, daß, wean cr sich nicht des Vergehens gegen das. Nnhnmgsmittcl- SJ k schuldig machen wolle, er verpflichtet sei, das tassran- urrogat als„Surrogat" ausdrücklich zu bezeichnen, soba.d er eu.be'rkaufe. Am 27. Februar erschien nun der Schutzmann Me rn Zivilkleiduna in dem Laden des Angeklagten und Snn,? kür 10 Pfennig zerstoßenen Saffran. Der bedienende ~ Herr Szcmkus war gar nicht anwesend— gab weiteres das Surrogat, ohne es als solches zu bezeichnen, R-! Sassran hin. Nunmehr wurde gegen den jr�nzipal eine Anklage eingeleitet, die gestern vor Abtheiluna des hiesigen Schöffengerichts zur "Handlung kam. Zu seiner Entlastung führte der Angeklagte an, daß er nach jener Verfügung der Polizeibehörde sein Personal ausdrücklich beauftragt habe, den Sassran als„Surrogat" beim Verkauf zu bezeichnen. Die Vernehmung des Kommis bestätigte diese Behauptung; der junge Mann gab an, im Drang der Geschäfte die erklärende Bezeichnung zu geben ver- gessen zu haben. Der Amtsanwalt ließ die Anklage wegen wissentlichen Feilhaltens verfälschter Nahnings- resp. Genuß- mittel fallen, sah aber eine Fahrlässigkeit darin, daß der An- geklagte nicht durch deutliche Ettkcttirung jeden Jrrthum bei den Kunden ausgeschlossen habe und beanttagte deshalb eine Geldstrafe von 10 M. gegen den Angeklagten. Der Gerichtshof war jedoch der Anficht, daß der Angeklagte genügend vorsichtig gehandelt habe, als er seinem Personal den bestimmten Auftrag gab, dessen Vernachlässigung nur in einem Falle erwiesen sei und erklärte deshalb die Freisprechung des Angeklagten. t Mitglieder einer Falschmünzergesellschaft standen gestern vor dem Schwurgericht des hiesigen Landgerichts l Tos Verbrechens gegen das Münzgesetzes waren drei Personen, der Schneider Gustav Gömann, der frühere Pferdebahnschaffner, jetzige Kohlenhändler Adolf Brösle und Tapezier Friedrich Roloff angeklagt. Der erstcre sollte in den Jahren 1883—86 falsche Münzen angefertigt, der letztere sie in den Verkehr ge- bracht und der zweite das Verbrechen begünstigt haben. Nur Roloff war im vollen Umfange geständig. Er erzählte, daß er im Sommer d. I. durch Arbeitslosigkeit in große Roth gerathen und zufällig Gömann in der Hascnhaide kennen gelernt habe. Der Schneider sei sein Verführer geworden. Er habe ihm den mühelosen, reichlichen Erwerb vor Augen geführt, den er haben könne, wenn er falsches Geld vcrtteibe, und er sei den Lockungen gefolgt. Die Fälschungen beschränken sich auf Fünf- und Dreimarkstücke, mit dem Münzzeichen A. und der Jahreszahl 1874 resp. 1858 versehen und sind nach dem Gutachten der königl. Münzdirektion aus einer Pcischung von Zinn und Antimon unter Zusatz einer kleinen Quantität Kupfer hcrge- stellt. Es gelang Roloff in ca. 20 Fällen, Falsifikate an den Mann zu bringen; von dem Erlös fiel ihm der dritte Theil zu. Da wurde er am 14. August in Charlottenburg ertappt und noch eine Anzahl falscher Geldstücke bei ihm vorgefunden. Nun schritt die Polizei auch zur Verhaftung des seit längerer Zeit obscrvirten Gömann und auch in seinem Besitz wurden nicht unbeträchtliche Massen unechter Stücke und u. A. ein echtes Fünfmarkstück vorgesunden, welches nach dem Gutachten der Münzdirektion deutliche Spuren trägt, daß es für den Guß der Form benutzt worden ist, in der die falschen Fünfmark- stücke, deren charakteristische Merkmale auf den gleichen Ur- sprungsott hinweisen, hergestellt worden find. Gleichzeitig wurde noch eine andere Entdeckung gemacht. Im Jahre 1883 hotte sein Münzfälschungsprozeß stattgefunden, in dem der Bäcker Molkenthin zu 2& Jahren Zuchthaus wegen Verbreitung falschen Geldes verurtheilt worden war. In demselben hatte der V mittheilte beständig angegeben, er habe die Falsifikate von einem ihm dem Nanien nach unbekannten Mann erhalten, von dem er aber eine Personalbeschreibung lieferte, die Zug für Zug auf Gömann paßle. Gömann hatte sich damals recht- zeitig„gedrückt und hat erst in diesem Frühjahr den Berliner Boden wieder betreten. Er bestreitet, die Münzen selber an- gefettigt zu haben und will sie von dem„Allcrwelts-Unbc- kannten" erhalten haben, der in diesem Falle Karl heißt und sich dem Schneider stets nur in einer Destillation gezeigt haben soll. Es ist auch in der That zweifelhaft, ob nicht noch mehr Personen bei der Herstellung der Falsifikate betheiligt waren, denn es ist der Polizei nicht gelungen, die Münzwerkstätte zu entdecken. Für Gömnnn's Betheiligung spricht aber, daß er bei dem Kurzwaarenhändler Heinrich in der Brückcnstraße das Matena! zu den Fälschungen, sog. Bntannialöffel zu entnehmen pflegte, und der Umfang der Fälschungen geht daraus hervor, daß er einmal 6 Dutzend Löffel auf einmal kaufte.— Brösle hat dadurch sich verdächtig gemacht, daß er Gömann warnte, noch ferner Löffel in dem Lokale von Heinrich zu kaufen, da dasselbe polizeilich umstellt sei.— Der Staats- anwali hielt die Anklage im vollen Umfange aufrecht und be- antragte, gegen die drei Angeklagten das Schuldig auszusprechen. — Die Geschworenen sprachen den Angeklagten Gömann nur der Verbreitung falschen Geldes unter Ausschluß mildernder Umstände und den Angeklagten Roloff der Beihilfe hierzu schuldig, während der Angeklagte Bröske freigesprochen wurde. Der Gerichtshof bemaß die Sttafe für Gömann auf 5 Jahre Zuchthaus ilnd für Roloff auf 3 Jahre Zuchthaus, wie der Staatsanwalt beantragt hatte.— Außerdem wurde auf Ein- ziehung der Falsifikate erkannt. Ucber die Frage, zu welcher Ortskrankeukasse die ver- sicherungspftichtigen Personen des Stadtbezirks Berlin ge- hören, scheint immer noch nicht volle Klarheit zu hcrtschen, und zwar nicht nur in Laien-, sondern auch in juristischen Kreisen. So liegt uns ein Revisions- Erkenntniß des Strafsenats des kgl. Kammergcrichts zu Berlin vom 16. September 1886 vor, in welchem ausgefühtt wird, daß, da nach der Bekanntmachung des Magistrats der Stadt Berlin vom 26. November 1884 eine besondere Kasse für Feilenhauer errichtet worden ist, die in eine beliebige Fabrik als Feilenhauer eingetretene Person bei dieser Kasse zu versichern sei. Diese Auffassung erscheint durchaus un- richtig. Nach§ 16 Abs. 2 des Krankenversicherungsgesetzes soll die Ottskrankenkasse in der Regel für die in einem Gewerbs- zweige oder in einer Betriebsart beschäftigten Personen eröffnet werden, d. h. also für säinmtliche Personen, welche in diesem Gewerbszweige oder in dieser Betriebsart beschäftigt sind. Dem- gemäß bestimmt auch§ 19 Absatz 2 des Gesetzes, daß die in diesen Gewerbszweigen und Betttcbsarten beschäftigten Personen mit dem Tage, an welchem sie in die Beschäftigung eintreten, Mitglieder der betreffenden Kasse werden. Es kommt also für die Zuständigkeit der Ortskrankenkasse lediglich auf den Gewerbs- zweig oder die Betnehsart an, in welcher die betreffende Person beschäftigt ist und keineswegs auf den Beruf der Person. Wenn demnach z. B. ein Feilenhauer in einer Maschinenanstalt be- schäfligt wird, so ist er nicht bei der Ottskrankenkassc der Feilen- Hauer, sondern bei der Ottskrankenkasse der Maschinenbau- arbeiter zu versichern. Der Schutz des§ 193 des Strafgesetzbuches wird nur so selten der Presse zugestanden, daß ein jeder derartiger Fall unter diesen Umständen bcmerkcnswerth crsäieint. Die königl. Ostbahn war von einem Lokalblatte angegriffen worden, weil dieselbe gelegentlich der bienenwitthschaftlichen Ausstellung zu Kalkberge- Rüdersdorf mit der Güterbeförderung säumig„wie immer" gewesen sei, und es wurde ihr dann weiter die iro- nische Bezeichnung einer„Staatsbahn" gegeben. Der Redak- tcur hatte sich nun dieser Tage wegen Beleidigung des Be- tricbsamtes Berlin-Schneidemühl vor der 2. Strafkammer des hiesigen Landgerichts l zu verantworten. Der thatsächlicheBc- weis gelang indcß vollständig, nur wegen der Worte„wie immer" traf den Redakteur die niedrigste Geldstrafe von 3 M Im Ucbrigen wurde der Presse von dem Gerichtshofe aus- drücklich das Recht zugestanden, dcrattige Mißstände zu tadeln. Ein sozialdemokratisches Flugblatt gelangte vor einiger Zeit in Leipzig zur Vettheilung, wegen dessen Verbreitung be- reits 17 Personen in Leipzig zu Gefängnißstrafen verurtheilt wurden. Als Drucker und Verleger war auf dem Flugblatt eine schweizerische Verlagsanstalt genannt, es wurde jedoch er- mittelt, daß jenes sofort auf Gnind des Sozialistengesetzes ver- botene Blatt in der Ludwig'schen Buchdruckcrei in Chemnitz in einer Auflage von 30000 Exemplaren hergestellt war. Buch- druckereibefitzer Ludwig wurde hierfür vom Landgericht zu Chemnitz mit 2 Monat und 1 Woche Gesängniß bestraft. Entscheidungen des Reichsgerichts.(Nachdruck ver- boten.) Leipzig, 6. Dezember.(Prehprozeß.) Der Redakteur des„Boten aus dem Ricsengebirge", Heinrich Dürholt in Hrrschbcrg, hatte in seinem Blatte zwei Attikel veröffentlicht, in welchen den„Pfaffen" der Vorwurf gemacht wurde, daß sie fich an der Wahlbewcgung betheiligen und für das(konser-- vative)„Schlcfische Wochenblatt" Abonnements und Inserate sammeln. Hierdurch fühlte sich der Pastor Schm. beleidigt und er stellte gegen Dürholt einen Strafantrag, dem fich das Kor- sistorium der Provinz Schlesien anschloß. Am 2. Oktober kam die Sache vor der Strafkammer in Hirschberg zur Verhandluna, aber sie nahm einen den Antragstellern nicht erwünschten, für den Angeklagten jedoch um so angenehmeren Verlauf, als er in Folge seiner Kampfesmuthigkeit sehr oft genäthigt ist, fich im Gefängnisse häuslich einzurichten. Hm Dürholt behauptete nämlich, er habe weder Herrn Schm. noch das Konsistorimn resp. eine Einttchtung der christlichen Kirche(das Predigtamt) beleidigen und beschimpfen wollen. Alle die in Frage komme,» den Herren würden fich doch nicht für Pfaffen halten wollen, da man unter Pfayen nur pflichtvergessene, unwürdige Vcttreter des Predigtamtes, das Zerrbild eines Geistlichen, verstehe. Dafür, daß diese Begttffserklänmg die richtige sei, fühtte er eine große Anzahl von Stellen aus den Wetten deutscher Dichter und Schriftsteller an. Wenn sich nun, wie anzunehmen sei, die Anttagsteller nicht für Pfaffen hielten, so hätten sie auch kein Recht zur Stellung des Strafantrages. Diesen Ausführungen trat das Gencht in allen Punkten' bei und erkannte daher auf Freisprechung. Mit Bezug auf eine Stelle des zweiten Attikels, in welcher Superintendenten und Pastoren als„Thoren" bezeichnet waren, sagte das Uttheil, diese Stelle sei zwar geeignet, solche Kirchendiener lächerlich, aber nicht verächtlich zu machen und deshalb könne auch hier von einer Strafbarkeit nicht die Rede sein. Die amtliche Thätig- keit der Prediger habe der Attikel nicht zur Grundlage und deshalb sei das Konsistorium nicht zur Stellung des Straf- antrages berechtigt, da der Attikel nicht davon spreche, daß alle Pastoren und Supenntendenten Abonnenten und Inserenten geworben hätten und Pastor Schm., wie feststehe, dies nicht gethan habe.— Gegen das freisprechende Uttheil hatte der Staatsanwalt das Rechtsmittel der Revision einge- legt, und so kam die Sache am 3. Dezember vor deni 4. Straf- senate des Reichsgerichts zur Verhandlung. Begründet wurde die Revision damit, daß die Fassung des ersten Artikels nicht obne weiteres die Auslegung zulasse, als sei der Ausdruck „Pfaffe" nur in dem vom Gerichte angenommenen Sinne ge- bräuchlich. Eine unzweideutig hervortretende Unterscheidung mache der Artikel nicht, und der Leser könne den Eindruck ge- winnen, daß beide Bcgnffsatten, die vom Gerichte beliebte und die, nach welcher das Wott Pfaffe eine verächtliche Bezeichnung für irgend einen Prediger ist, gemeint sein sollten. Selbst wenn man keine Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche annehmen wolle, würde immer noch eine Beschimpfung einer Anzahl von Geistlichen übrig bleiben. Oberreichsanwakl Tesscndorff beantragte indessen die Verwerfung der Revision, da sie wesentlich gegen die thatsächlichcn Feststellungen an- kämpfe. Wenn auch, so sagte er, das Uttheil an sich nicht un- bedenklich zu sein scheine, so sei doch in den Gründen kein Rechtsirrthum zu finden. Der erste Richter erkenne an, daß das geistliche Lehramt eine Einttchtung der christlichen Kirche sei, aber er sage weiter, es sei nicht anzunehmen, daß die An- griffe des Artikels gegen das geistliche Lehranit gerichtet seien, vielmehr gegen die Auswüchse, die sogenannten Pfaffen. Dies seien alles thatsächliche Feststellungen und es treffe dies in beiden Punkten der Anklage zu. Was nun die Beleidigung der Pastoren betteffe, so werde zunächst vom Landgerichte an- genommen, daß, wenn den Geistlichen vorgeworfen wird, sie trieben Wahlagitation und zwar konservative, dieser Vorwutt sich nicht auf den Beruf beziehe. DieS stt vollständig ttchtig. Das Reichsgericht habe schon früher dahin erkannt, daß nicht eine Bcrufsdclcidi- gung vorliege, wenn einem Geistlichen z. B. Unzuchttteiben und lüderlicher Lebenswandel vorgeworfen worden ist. Solche Dinge ständen in keiner Beziehung zu dem Berufe und die vorgesetzte Behörde könne daher bezüglich solcher Beleidigungen keinen Sttafanttag stellen. Auch Pastor Schm. habe in diesem Falle nicht das Recht zur Antragstellung gehabt, da festgestellt sei, daß er nicht zu den Kolporteuren gehött habe. Wenn der Staatsanwalt die Ausführungen des Urtheils, wonach die Vor- wiitte des Attikels sich nicht auf Pastor Schm. beziehen, für unklar halte, so stt da zu berücksichtigen, daß die Strafkammer Kulanz gegen den Pfarrer üben wollte und deshalb eine aus- drückliche Festcllung, daß derselbe nicht zu den Pfaffen gehöre, für überflüssig gehalten habe.— Das Reichsgericht vcrwatt sodann unter Billigung der Gründe des Oberreichsanwalts die Revision des Staatsanwalts. Leipzig, 6. Dezember.(Freiheitsberaubung und Körper- Verletzung.) Ein gewisser I. besuchte eines Tages den Gemüse- Händler H. in Leipzig-Lindenau, bei welchem er den Maler F. antraf, der bei H. zur Miethe wohnte. Da F. den I. drei Mark schuldete, so mahnte letzterer ihn und drängte ihn schließ- lich in H.'s Wohnung, die er von innen verschloß. Dann prügelte er den F. in lebensgefährlicher Weise, ohne daß H., der von F. noch rückständige Miethe zu fordern hatte, ihn ge- hindert hätte. Das Landgericht Leipzig venirtheilte I. wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung, den H. dagegen wegen Hilfeleistung dazu. H. wollte sich bei seinen 3 Monaten Gefängniß nicht beruhigen und hielt vor dem Reichsgerichte eine große Rede, wonach sich alles gegen ihn ver- schworen haben soll. Das Reichsgericht verwarf jedoch seine Revision am 6. Dezember. Koziales uni» Arbeitervewegnng. Unfallverstcherung in der Landwirthschaft. Den mecklenburgischen Ständen ist der Entwurf einer Verordnung zur Ausführung des Reichsgcsctzes, betreffend die Unfallversicherung der in land- und forstwirthschaftlichcnBetttebcu beschäftigten Personen, vorgelegt. In dem Entwurf ist der ge setzliche Versicherungszwang rückstchtlich der im Betriebe des Familienhauptes nicht gegen Lohn oder Gehalt beschäftigten Familienangehörigen ausgeschlossen. Ebenso wenig soll der Versichcrungs zwang auf Unternehmer land- witthschaftlicher Betriebe ausgedehnt werden, indem davon aus- gegangen wird, daß das etwa vorhandene Vedürfniß für ttne Selbslversicherung kleinerer ländlicher Besitzer durch die im§ 2 des Reichsgeseves gewährte Versichcrungs berechtig ring in ausreichender Weise Abhilfe finde(?). Ter Gesetzentwurf pro- ponitt die Bildung einer Äerufsgcnossenschaft für die Unfall- Versicherung der land- und forstwirthschaftlichcn Arbeiter des Großherzogthums mit dem Sitze in Schwettn, und an Stelle des sonst zuständigen Reichsversicherungsamtes die Konstituirung eines Landcsversicherungsamtes. Nach den dem Gesetzentwurf beigegebenen Motiven hat die großherzogliche Regierung nicht für geboten erachtet, zu der Einführung des allgemeinen Krankenversicherunaszwanges zu schreiten. Die großherzoglichc Regierung geht davon aus, daß die Erwägungen, welche die Reichsgesetzgebung bestimmt haben, die Einführung dieser Versicherung dem Ermessen der einzelnen Bundesstaaten zu überlassen, gerade für Mecklenburg in vollstem Maße zu- treffen, indem die Beziehungen zwischen dem ländlichen Ar- beiter und seinem Arbeitgeber nach Sitte und Herkommen bis jetzt einen Charakter bewahtt hätten, der dem Arbeiter in den Zeiten einer durch Krankhttt verursachten Erwerbsunfähigkeit regelmäßig eine mindestens ebenso werthvollc Hilfe sichere(?), als ein gesetzlicher Vcrsicherungszivang das vermögen würde.— Immer langsam voran, heißt es in Mecklenburg und die dottigen Arhcrter werden nicht eher mehr erreichen, als bis sie sich ebenfalls organisitt und eine gewisse Macht verschafft haben. Die fortschreitende Technik setzt das Untcrnebmetthum in den Stand, aus dem Produktionsprozeß immer mehr heraus- zuschlagen. Wie weit sind wir nicht gekommen in der Aus- beutung früher für nutzlos gehaltener Rückstände, wer weiß nicht von der Verwcrthung der Tdomasschlacken als künst- lichen Dünger u. s. w.? Jetzt wird sogar der Rauch nutz- bar gemacht. Die Fabriken von Elks-Rapids, welche pro Tag 50 Tonnen Brennstoff verbrauchen und dabei aus 24 Cefcn 79 296 Kubikmeter Rauch erhalten, haben aus diesem Nutzproduktc gewonnen und erheblich dabei profitirt. Der Rauch wird durch einen Aspirator in einen hölzernen Sammel- lasten aufgesogen und geht von da in den Kondensations- und Sammelapparat. Man erhält täglich 5000 Kilogramm essigsauren Kalk, 900 Liter Methylalkohol, Thecr u. s. w. Wie wird durch diese neuesten Fortschritte wieder die Kapitalsan- Häufung gesteigert werden. Das Epielwaaren-Exportgeschäft des meininger Ober- landes nach Amerika weist im 3. Quartal 1686 die Ziffer von 4073 792 M- auf, gegenüber dem gleichen Quartal des vorigen Jahres ein Mehr von 1 400 296 M. Welche ungeheure Summe von Arbeit, Leid, welch großartiges Martyrium der Tausende von Hausindustriellen steckt hinter diesen Zahlen! Die Paläste der Sonneberger Kaufherren, die als Verleger einen riesigen Profit auf Kosten der Hausindustriellen,„Fabrikanten" genannt, einstreichen, bilden den Hintergrund eines Gemäldes, das den furchtbarsten Kampf ums Däfern darstellt. Nirgends ist die Ausnutzung der Arbeitskraft eine ärgere, als gerade in der Hausindustrie, die zu entsetzlich niedrigen Löhnen Mann, Weib, Kinder inr zartesten Alter schon in das Joch des kauf- männischen Unternchmerthums spannt. Wohn-, Arbeits-, Schlafraum und Küche find Eins, die Behausungsziffer ist äußerst hoch, so ist z. B- in Sonneberg die Wohnungsfrage gradezu eine brennende. Daß fünfzig Pfennige Tag- l o h n nichts seltenes find, ist aktenmäßig erwiesen. Der vor- treffliche Schildcrer der thüringischen Hansindustrie, Emanuel Sax, hat mit unerbittlichem Griffel die Misöre der Hausindu- striellen und die Lage der sie ausnützenden Kaufmannschaft ge- schildert. Wer unter diesen Voraussetzungen die Exportziffer bettachtct, der wird nicht in den tobenden Jubel der durgerlrchen Organe über diesen„Aufschwung" einstimmen können Die Herren denken freilich: Hon ölet, es riecht nicht, das Gold, nach dem Alles drängt, vor allem das Unternehmerthum. Eine große Glasfabrik will Friedrich Siemens, der Dresdener Glaskönig, in B u d a p e st errichten. Dem Herrn find die organifirten, auf einer höheren Kulturstufe[stehen- den deutschen Arbeiter offenbar zu„rebellisch"; der letzte Glasmacherstreik hat Sr. kapitalistischen Hoheit besonders mißfallen, und deshalb sricht man fich von dem„Ucbermuth" der Arbeiter zu emanzipiren, die so heimtückisch sind, mit rhrem einzigen Gut, der Arbeitskraft sparsam wirthschaftcn zu wollen und höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit, bessere Arbeitsbedingun- gen anzustreben. In Budapest giebt es die Tausende der in Dumpfheit, Schmutz und Bedürfnißlofigkeit verkommenen slo- v a k i s ch c n Kulis, die der deutschnationale Siemens in seiner Glasfabrik nach Belieben ausnutzen kann. Weiter hat die Ge- schichte keinen Zweck. Der Bruder aber hält auf Naturforscher- kongresien geistreiche Reden darüber, wie der Fortschritt des Kapitalismus den Arbeitem zu gute kommt. Es geht nichts über schöne Reden. Zur Buchdmckerbewegung. Barmen, 5. Dezember. Ein Flugblatt, betitelt:„Ein großartiger Versuch zur Irre- leitung der öffentlichen Meinung" wurde am Sonnabend und Sonntag seitens der streikenden Schriftsetzer hier verbreitet. Dieses Flugblatt war schon Ende Oktober von der königl. Re« gierung mit Beschlag belegt und wurde am 1. Dezember wieder frei gegeben. Die Arbeiter der Perlmutterwaaren- Fabrik von Tauber& Ehrlich haben sämmtlich die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist strengstens fernzuhalten. Vereine und Versammlnugen. Im„Berliner entomologischcn Vereine" sprach gestern, (Montag) 6. Dezember, Dr. Karsch, Privatdozent der Insekten- künde an der hiesigen Universität, über die Insekten als Zwischenwirt he. Die Entomologie, d. h. Lehre von den In- selten, rühmt fich eines hohen Alters; schon Aristoteles bc- schäftiate sich damit und kennzeichnete die kleinen summenden, beißcnoen und stechenden Flügler und Käfer theils als nicht Luft athmende Landthiere, welche an ihrem Körper Einschnitte haben) theils als geflügelte Thicre ohne Blut.— Seit Erfindung des Mikroskops hat man die Jnsckten bis ins kleinste zergliedert, ihre Art, ihren Bau und ihre Lebensweise erforscht und festgestellt Dr. Karsch machte es sich zur besonderen Aufgabe, den hei seinen mikroskopischen Untersuchungen gemachtenBeobachtungcn über die in Insekten gefundenen Parasiten und ihre Weiterentwicke- lung nachzuspüren. Dabei ergründete er, wie auch schon andere Gelehrte, daß viele dieser in Insekten lebenden Parasiten sich in entwickeltem Zustande als schmarotzende Würmer im Menschen und in einigen Säugethieren wiederfänden und theil- weise keine, theilweise große Beschwerden verursachten. In seinem fesselnden Vorttage erörterte Dr. Karsch zunächst, daß die Lehre von den Insekten als Zwischenwirthcn im allgemeinen noch keine sehr emsig betriebene sei, trotzdem sie große Beachtung verdiene. Alsdann erläuterte er den Begriff „Zwischen, vittl). Unter einem Zwischen wirth verstehe er ein Schmarotzerthier, das wieder einen Parasiten im Jugend- zustand in sich berge, dessen letztere Weiterentwickelung und Vermehrung aber davon abhängig ist, daß sie passiv in einen anderen Organismus, in einen anderen„Wirth" gelangen, in dem dieser das Thier frißt, welches den Schmarotzer im Jugend- zustand enthält. Deshalb, meinte Dr. Karsch auch, würde die Bezeichnung Vor- und Nachwitth treffender gebraucht werden. Beispielsweise seien zwei Krcbsarten(gammaruB und oyklops) Zwischenwitthe von Fadenwürmern und zwar von dem Medinawurm(ülnria medivensiBt. Dieser Wurm, nur in ttopischen Gegenden vorkommend, bohrt fich mit seinen Haken in den Organismus des Krebses; dort würde er zu Grunde gehen, wenn nicht ein Fisch den Krebs essen und Viesen verdauen würde. Dabei entwickelt und vermehrt sich der Medinawurm und gelangt beim Verzehren des Fisches oder aus dem Waffer durch Trinken in den menschlichen Leib. Dort windet er sich durch bis zum Unterhautzollgewebe und verursacht hier bösartige Ge- schwüre. Die Tropenbewohner suchen nun den Wurm in diesen auf und ziehen den oft 3 bis 4& Meter langen Parafiten durch langsames Aufrollen über ein Röllchen hinaus.— Unter den Insekten als Zwischenwirthcn unterscheide man zwei Arten: freilebende und selbstparafitische. Die ersteren seien Zwischen- witthe der Jugendzustände nicht- bandwurmattiger Parasiten, die letzteren solcher von bandwurmartigcn. Zu den freilebenden gehören die Eintagsfliegen, die Moskitos und der Maikäfer, so wie ihre Larven; zu den seldstparafitischen Zwischenwitthen ge- hörten die„Pelzfresser", die Hunde- und die Schafläuse.— Die Fliegen erfahren ihre Weiterentwickelung und Vermehrungs- sähigkeit in Rauvinsekten: Wasserkäfern, Heuschrecken, Grillen — m denen sie zu„Haarwürmern" heranwachsen. Solche langen haardünnen Parasiten(gording aqnaticng) fänden auf dem Lande Hausfrauen Morgens häufig im Waffer von Wasch- decken. Dorthin gelangten sie Nachts aus den Organismen der Grillen, die sich ihrer, wie beobachtet, durch Winden des Körpers entledigten.— Der Maikäfer und seine Larve: der Engerling sei der Zwischenwirth des namentlich im Schweine- dann, aber auch im Menschen schmarotzenden„Riesenkratzers" (echimorbynohni gigaa). Durch Maikäferessen gelange er in den Menschen. Entdeckt wurde dieser Parasit von Anton Schneider, einem Entomologen in Breslau. Unter den Selbst- Parasiten beherbergen in ihrem Innern die Hundcläuse den Keim des Bandwurm, diesen mrt den Haaren des Hundes fressend; in den Hund wiederum gelangt er durch Lecken und„Knacken" der Läuse und entwickelt sich im Darme zum Gurkenkernband- wurm(taenia eneumerina). In den Menschen gehen die Pa- rafiten über durch„Liebkosungen" der Hunde und entwickeln sich in der Leber oft zu mehrere Pfund schweren Gebilden als „Qucsenwurm", der, wie schon häufig in Zeitungen berichtet, den Tod herbeigeführt hat. Uebrigens kommen die Hundeläuse auch auf Katzen vor!— Ebenfalls durch Lecken gelange die Finne ins Schwein und Rind und durch den Genuß beider Fleisch- arten in rohem Zustande in den Menschen, wo sie zum Band- wurm mit bezw. ohne Hakenkran, heranwachse. Den Zwischenwirth des Zwirnbandwirths(taenia expansa) im Schafe vermuthe der Amerikaner Mc. Murrich in der Wolllaus tmelopagns oTinus), doch sei das nicht recht wahrscheinlich.— Der Vortrag wurde durch Präparate und Wachsmodelle anschaulich erläutert. Bei der Diskussion erwähnt Rettor F. Schulzder Erista- liden(Raupen), deren Untersuchung von großem Werthc, da sie anscheinend die Zwischenwirthe für die Trichinen seien. Die Eristalis- Raupe sei in Schaf- und Pferdekrippen gefunden, werde auch von Ratten gefressen und in den genannten Thier- arten fänden sich, ebenso wie in Schweinen, Trichinen.— Sanitätsrath Meyer erzählte von der von ihm beobachteten schnellen Vermehrung der Hundeläuse auf Stubcnhunden. Der Vorttag, bei dessen Wiedergabe wir uns auf das all- gemeinere deschränken mußten, läßt für das Publikum aufs neue die Gefahren erkennen, denen es sich bei zu innigem Verkehre mit Vierfüßlem aussetzt. Der Unterstützungsverein deutscher Schuhmacher hielt am Montag, den 6. d. M, in Saeger's Salon seine letzte diesjährige Versammlung ab. Der Vorfitzende machte auf den bereits begonnenen Fachunterricht aufmerksam und forderte zu recht reger Betheiligung an demselben auf. Der darauf folgende Vortrag des Herrn Schlüter behandelte das Thema:„Die Ent- stehung des Handwerks." Der Vorttagende sprach über die ersten Spuren des Handwerks und u. A. auch über die ersten Innungen und wies darauf hin, daß diese in eine gemein- schaftliche Kasse gearbeitet hätten(?) und dm Erttag gleichmäßig gctheilt hätten.— Eine animitte Diskussion schloß sich an den Vortrag an.— Zum Schluß theilte der Vorsitzende mit, daß die nächste Versammlung am 3. Januar 1887 im Norden Ber- lins stattfinden wird. Auf eine Frage wird ferner mitgetheilt, daß am 13. d. M. im Königstadt-Kasino eine öffentliche Schuh- macher-Versammlung tagen soll. Eine öffentliche Versammlung der Metallarbeiter Berlins tagte am 3. d. Ä. in Wohlhaupts Salon, Man- tmyelstr. 9. Die Versammlung diskutirte die Ursachen der Arbeitseinstellung in der Fabrik des Herrn Jachmann, Köpe- nickerstt. 99. Der Referent theilte mit, daß die in der genannten Fabrik gezahlten Löhne derart niedrige wärm, daß es dem Ar- beiter nicht möglich sei, dabei existiren zu können. Der durch- schnittliche Verdimst der Granatmarbeiter, welche die Arbeit niedergelegt haben, betrage bei angesttengter Thätigkeit und einer Arbeitszeit von 75 stunden pro Woche 18—22 M. Femer wurde darauf hingewiesen, daß der bisherige Werkführer ebm- falls die Arbeit niedergelegt habe und bezweifelt, daß es dem Obermeister der Fabrik gelingen werde, jetzt eben so gute Arbeitm liefern zu können, wie bisher unter der Leitung des auf Seiten der Arbeiter stehenden Werksührers.— Der Fabrikant Herr Jachmann war zu dieser Versammlung eingeladen, aber nicht erschienen. Da also eine Unterhandlung nicht mög- lich war, wurde eine Kommission gewählt, welche am Sonn- abend mit dem Fabrikanten eine Einigung herbeizuführen suchen sollte. Schließlich nahm die Versammlung eine Resolution an, durch welche sie das Vorgehen der Arbeiter des Herrn Jachmann für gerechtfertigt erklärt und für die Interessen derselben mit allen Kräften einzutreten verspricht. Wie uns berichtet wird, gelang es der gewähltm Kommission nicht, am Sonn- abend mit Herrn Jachmann zu verhandeln, da dieser für die Kommisfionsmitglieder nicht zu sprechen war. Große öffentliche Versammlung der Ortstaffe der Maler am Donnerstag, den 9. d. M., Abends 8 Uhr, in den Gratweilschen Sülm, Kommandantenstt. 77—79, wozu sämmt- liche Arbeitgeber und Arbeitnehmer freundlichst eingeladen werden. Tagesordnung: Zur Aufklämng der Kassenangelegen- heiten und des Unfallverfichcrungsgesetzes. Große Versammlung sämmtlicher Schneider Berlins heute, Mittwoch, Abends 8] Uhr, bei Mündt, Köpnickerstr. 100. Tagesordnung: 1. Wie stellen wir uns zur Neuwahl des Jnnungsausschuffes? Referent: E. Basner. 2. Unser Herdcrgswesen.— Das Erscheinen sämmtlicher Kollegen ist nothwendig. Im Verein Berliner Mechaniker findet am Donnerstag, den 9. Dezember er., Abends 8� Uhr, im Vereinslokal, Alte Jakobstt. 123, Restaurant H. Götze, ein Vortrag des Herrn Regierungsrath Dr. L. Löwenherz über Reichenbach, Fraun- hofer und Steinheil statt. Gäste willkommen. Verein für Technik und Gewerbe. Mittelsttaße 65, Mittwoch, Abends 8j Uhr, Vortrag. Gäste willkommen. Gesang- und gesellige Vereine am Mittwoch.„Freya" Gesangverein der freireligiösen Gemeinde. Uebungsstunde Abends 8 Uhr Münzslraße 5.— Gesangverein„Norddeutsche Schleife" Abends 9 Uhr Dresdenerslr. 72—73 im Restaurant „Eden-Theater". Vermischtes. Ein„anarchistisches Komitee" wurde neuerdings in Leipzig entdeckt. Ein Leipziger Blatt schreibt:„Innerhalb der letzten Woche waren in Leipzig an verschiedene weibliche Per- sonen Drohbriefe gelangt, inhaltlich deren dieselben aufgefordert wurden, zu einer bestimmten Zeit an einem genannien Orte eine gewisse Summe Geldes niederzulegen, widrigenfalls sie von einem„anarchistischen Komitee" getövtet werden würden. Den Bemühungen der Kriminalpolizei gelang es am Freitag, den Briesschreiber in der Person eines 17jährigen Laufburschen zu ermitteln, welcher nach längerem Leugnm auch ein um- fassendes Geständniß ablegte. Der überspannte Jüngling wird wohl Gelegenheit bekommen, seine überhitzte Phantasie abzu« kühlen." Sehr vernünftig in.Hinficht auf die Jugenderziehung ist ein Verbot der königl. Amtshauptmannschaft Glauchau, welches unerwachsenen Personen und insbesondere Kindern die Anwesenheit beim Schlachten von Schweinen untersagt. Zu- widerHandlungen gegen diese Bestimmung find mit Geldstrafe bis zu 30 M. bez. entsprechender Haftstrafe bedroht. Aus der„besseren" Gesellschaft. Die„World" berichtet aus London, daß eine unfinnig große Anzahl von Personen, die sämmtlich der höchsten englischen Aristokratie angehören, fich allabendlich im Avcnue-Theater einfindet, um daselbst die Vor« stellung der„Indianerin" anzusehen. Die Ursache dieser „noblen" Völkerwanderung ist der Umstand, daß die Gemahlin eines Peers von England, jung, schön und in der„eleganten" Welt wohlbekannt, sich daselbst alle Abende in einem höchst freien Kostüm mitten unter den Choristinnen, zur größten Freude und Bewunderung ihrer Freunde und Bekannten, sehen läßt._ Kleine Mittheilungen. Magdeburg, 6. Dezember. Eisenbahnunfall.(Privat- Mitth.) Der um 7 Uhr 15 Min. fällige Personenzug nach Halberftadt ist mit einer Stunde Verspätung soeben von hier abgegangen. Wir fuhren erst glücklich ad, hielten jedoch bald auf dem Außenbahnhof, und wurden dann bald wieder in die Halle zurückgefahren. Die Maschine war nämlich nach einer Fahrt von 5 Minuten total unbrauchbar geworden, beide Kolbenstangen waren krumm gebogen und hatten riesige Löcher m den Kies gewühlt; bei voller Fahrt hätte unabsehbares Un- glück passiren können. Es wird Einem jetzt ordentlich Angst auf den preußischen Staatsbahnen. Krlefkasten der Redaktion. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Ouittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. O. B. 3. Der Betrieb einer Tischlerei, bei welcher regcl- mäßig 20 Leute beschäftigt find, fällt unter das Unfallvcrfiche- tungsgesetz und muß bei der Verwaltungsbehörde(in Berlin beim Polizeipräsidium) angemeldet werden. Hat der Betriebs- Unternehmer diese Anmeldung verabsäumt, so kann gegen ihn von dem Vorstande der betr. Bcrufsgenossenschaft eine Orb- nungssttafe bis zu 300 M. festgesetzt werden. L. L., Vadstr. 16. Wenden Sie sich persönlich an die Redaktion. 3 Wettende. Der Ausdruck:„netter" oder„gemüthlicher Kerl" ist nur dann beleidigend, wenn die Absicht zu beleidigen sich aus dem Zusammenhange des Gespräches oder aus dem Tone ergiedt. Für gewöhnlich ist jene Bezeichnung eher schmeichelhaft als beleidigend. A. I. Wenn Ihnen Ihr Arbeitgeber irrthümlich zu viel gezahlt hat, so haben Sie sich durch die Annahme des zuviel Gezahlten nicht strafbar gemacht. Er kann aber nach Ent- dcckung seines Jrrthums auf Rückgabe klagen resp. den Betrag von Ihrer Gegenforderung in Abzug bringen. Alter Abonnent, Tempelhof. Schweine muß man vor dem Schlachten nur dann auf Trichinen untersuchen lassen, wenn man das Fleisch ganz oder theilweise weiter ver- äußern will. Abonnent Admiralstr. 1. Die Adresse ist zu richten an: Das Holsteinische Ulanen-Regimcnt Nr. 15, Straßburg i. E. 2. Eine ausgeklagte Forderung verjährt immer erst in 30 Jahren; ist aber das Urtheil vor 1879 erlassen, so muß jetzt auf Zu« lassung der Zwangsvollstreckung aus demselben geklagt werden. G. H., Maurer. 1. Ihre Anfrage läßt nicht erkennen, ob Sie bei Ihrer Vemnglückung in einem versicherungspflichtigen Bettiebe thätig waren. War dies der Fall, so können Sie von der Berufsgenosscnschaft Entschädigung fordern, wenn Sie nach Verlauf von 13 Wochen noch nicht oder doch nicht völlig erwerbsfähig sind. 2. Das müssen Sie Herrn Krauts selber fragen. Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vermittler, Berlin, den 7. Dezember 1886. Geflügel. Wegen der feuchten Witterung stnd�die Preise weichend. Gänse unter dem Halse geschnitten, voll- ständig gerupft, Flügel und Füße auf den Rücken gebun« den, nicht gebrüht und nicht gesengt, 8—10 Pfd. schwere 45-52 Pf., über 10-15 Pfd. 52-62 Pf., Fettgänse über 15 Pfd. schwer sehr rar und gut bezahlt 63 Pf. und mehr per Pfd. Enten, Puten und Hühner sollen am Halse geschnitten sein. Ter Kopf, die Flügel und Schwanzfedern werden nicht abgenom- men. Junge Enten 1,50—2,50, fette Enten 50—65 Pf. per Pfund, über 10 Pfund schwere fette Puten 70—80 Pf. per Pfd., Hühner 0,55 bis 0,80 und 1,20-1,70 M., Tauben 30 bis 40 Pf., Poularden 4,50—8 M. Mageres Geflügel schwer verkäuflich. Lebende Gänse zum Mästen 2,00—3,00 M., lebende Enten 0,90—1,50 M. Auktion täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Wild. Die Jagdbeute der letzten königlichen Hofjagd im Grunewald kommt im Bogen 4 zur Versteigerung. Preist weichend. Im Handel dürfen Rebhühner noch bis zum 14. geführt werden. Es wurden in der Auktion folgende Preise erreicht. Hasen nur bei sehr kalter Witterung mit Kaldaune zu versenden, sonst stets ausgeworfen, ohne de- sondere Verpackung, auf Stangen von 10 Stück 3,70—4,05 M- Stück, sehr kleine und sehr fehlhafte entsprechend menia*1 Kaninchen, ausgeweidet 45—55—70 Pf. per Stück. A# ausgeweidet 65—75 Pf., Ii. sehr starke und fehlerhafte 55 bw 65 Pf. pr. Pfund. Hirsche, I. 38—44, Ii. 35—40» Dammwild 50 bis 70, l a 40 bis 50 Pf. per Pfund. Wild- schwein 40 bis 56, kleine 55 bis 75 Pf. pr. Pfund- Rebhühner, junge 1,30—1,60, alte 90—110 Pf., Fasanen- Hennen 2,50 bis 3,00, Fasanenhähne 3,50 bis 4,00% Krametsvögel 32—36 Pf. per Stück. Schnepfen 2,10—4,00» Bekassinen 40—75 Pf. pr. Stück. Die Wildauktionen werden täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags abgehalten. Fleifch. Nach Errichtung der Fleischschau in der Markt« Halle wird es möglich, den Verkauf von geschlachtetem Vieh W zu vermitteln. Den Interessenten gebe ich gem jede nähert Auskunft. Der Fleischkommisfionshandel in unserer Martthalst dürfte für viele Landwirthe und Schlächter von weittragender Bedeutung sein._ Obst und Gemüse. Größere Zufuhren sehr erwünscht- Die Preise steigend. Birnen 10—20 M., feinste Sorten 20-40 M., Acpfel 6,00-9,00 M.. Tafeläpfel 10-20 M-, feinste Sorten 20-36 M, Wallnüsse 20-30 M., gering« 12-15 M. pr. Ztr. Apfelsinen, Valencia 25-28 M.. Llssabon 15—16 M., Zitronen, Malaga 24—25 M. Böhmische Back- flaumen 10—13 M. � Weißfleischige Speisekartoffeln 3,00—3,60, rothe 2,80—3,00» blaue 2,80—3,20 per 100 Ko., groß Sellerie 7—10 M-, kstM 3—7 M., Meerrettig 7—12 M., Zwiebeln 4,50—6—8 M' Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück, Kohlrüben 1,50-2,00 Aiper Zentner. �... Pflanzen. Rosen- Hochstämme 35—55, niedligoeredelle 15-20 M. pr. 100 Stück, Primeln 13-15 M. pr. 100 Stuck- Auktion jeden Dienstag und Freitag um 5 Uhr Nachmittags-, Geräucherte und marinirte Fische. Engros-Auktion tägl'« um 7 Uhr Nachmittags im Bogen 4. Regelmäßige Zufuhren erwünscht. Preise waren steigend. Brathennge per Faß 1FY bis 2,25 MT Russische Sardinen 1,50-1,60 M. Rbeinla«» 2,50-2,90, Weser- und Ostseelachs 1,20-1,60, Flundern, kleine 2,50-5,00 M., mittel 7,50-16 M., große 18-27 M Bücklinge 2,60-6,00 M. per 100 Stück. Sprotten 60-80 per Kiste, 15—25 Pf. per Pfd. Kieler Sprotten 25 bis 35 per Pfund. Rauchaal mittel 1 M. per Pfd., ai Fische. Hechte 40—40 M. per Ztr. Karpfen 35— o*» 55—75 M. per Ztr. Eier 3,30 M. pr. Schock._ Butter. Ja. Butter wenig zugeführt. IIa. Lualu in größeren Posten vorhanden. Frische feinste Tafelbutter 120-125, feine Tafelbutter I. 110-118, II. 95-108% NI. fehlerhafte 85 bis 90. Landbutter I. 90-96," 80 v» 85 M. Galizische und andere geringste Sorten 55—72 i** pr. 50 Ko.....-z. Käse. Emmenthaler 70-75, Schweizer I. 56-63, N. 50� III. 42-48, Ouadrat-Backstein I. fett 20-25,«. 18-22 Limburger I. 26—32, n. 18—22, Rheinischer Holländer J* 45-58 M«Wer Holländer 80-65 M., Edamer I. 60-'"' f.- 45—58 M-, echter Holländer 60- II. 56-58 M. Wasserstand der Spree in der Woche vom 21. Noveinb«« bis 27. November 1886.(Angabe in Metern. Tage Am Oberbaum Dammmühle, Oberwaffer. Dammmühle, Unterwasser. 21/11. 22/11. 2,38 2,35 0,84 23 11. 24 11. 2,38 2,35 0,84 2,37 2,34 0,88 25/11. 2,37 2,34 0,88 26 11 2,37 2,35 0,88 verantwortlich für den politischen Theil und Soziales Max Schippet, für Vereine und Versammlungen K. Tutzauer, für den Druck und Verlag von Max Badina in Berlin SW., Beuthstraße übrigen Theil der Zettung St. Erouhetm, sämmtlich in Berlik