ZK 290 Ksnuabend, de» 11. Dezember 1886. 3. Iahrg» Brgan für die Interessen der Arbeiter. Eine Grktärungi des preußischen Kriegsministers. Unfern Lesern ist bekannt, daß vielfach Soldaten be- urlaubt werden, um bei Erntearbeiten Hilfe zu leisten und daß es gerade die Großgrundbesitzer sind, denen diese Hilfe zu Gute kommt. Ferner ist es bekannt, daß auch Soldaten direkt bei Privatunternehmern in den verschiedensten Arbeits- zweigen beschäftigt werden. Besonders aber sind dieselben beim Lohnkampfe der Arbeiter den in ihren Einnahmen bedrohten Kapitalisten zu Hilfe geschickt worden. So geschah dies speziell bei den jüngsten Buch- druckcrstreiks in Wesel und bei Sittenfeld in Berlin, dann bei dem Schäfflerstreik in München. In Wesel und München wurden die abkomman- dirten Soldaten von dem Armeekorpskommandanten zu Münster resp. vom bayrischen Kriegsminister wieder von der Arbeit zurückgerufen und»war unter ausdrücklicher Auer- kennung des Grundsatzes, vaß die Soldaten nicht bei Pri- vaten als Konkurrenten den Arbeitern gegenüber beschäftigt werden dürften. Auf Grund dieser Thatsachen interpellirten die Sozial- demokraten bei der Etatsberathung durch den Abg. Kayser im Reichstage den Kriegsminister von Preußen. Der Kriegsminister erklärte, daß die beiden Fälle in Wesel und München ihre wünschenswerthe Erledigung gefunden hätten, die Beschäftigung von Soldaten bei Eittenfeld sei ihm nicht näher bekannt, deshalb könne er sich auch nicht weiter auf eine Besprechung dieses Falles ein- lasten. Es wäre ihm lieb, wenn ihm nähere Details, wie stiele Soldaten und wie lange Zeit dieselben dort gearbeitet Vitien, mitgetheilt würden. Wir glauben, daß es sich für die betreffenden Buch- Wferkreise wohl empfehlen dürfte, das nöthige Material an W preußischen Kriegsminister abzugeben. Im übrigen aber gab der Kriegsminister die weitere Erklärung ab, daß er die Beschäftigung der Soldaten bei Privatarbeiten nur dannfür Zulässig erachte, wenn ein Roth st and vor- banden' sei, wie z. B. bei Feuersgefahr, Schiffbruch und Wastersnoth. Diese Erklärung halten wir für korrekt, und es ist nur »u wünschen, daß der Kriegsminister dieselbe allen Militär- Kommandos zukommen läßt zur strengsten Nachachtung. Wenn nach dieser Erklärung des Kriegsministers ge- handelt wird, so fällt dann auch, ganz abgesehen von der Konkurrenz der Soldatenarbeit bei Streits, vor Allem, wie 'chon angedeutet, die Bevorzugung der Großgrundbesitzer »ertot«.] IleuMeton. [6 Die Nerfiihrerw. Novelle von D. C o l o n i u S. Den Czechen ist das Lieben oder vielmehr das: einen beliebten, eine Geliebte haben eben so sehr ein Sonn- tagzbedürfniß, wie ein zweites Kleid, wie Brot und Salz tj« tägliches ist. Dabei ist ihnen das Lieben nicht eigent- �che Angelegenheit des Herzens, der Seele, des Geistes oder des Körpers, sondern rein Geschäftssache. In den untern Bolksklasten(und höhere giebt es eigentlich nicht) be- fachten sich die Liebenden etwa so, wie der Kaufmann die Artikel seines Geschäfts; wenn ihm einer ausgeht, muß er durch einen andern ersetzt werden. In einem größeren Hofe find die vorhandenen Knechte und Mägde einander ilugetheilt, wie wenn etwa das Loos entschieden hätte. Von tiner freien Wahl ist nie die Rede. Tritt ein Knecht aus dem Dienst, so sieht sich die entsprechende Magd, seine Ge- uebte, durchaus nicht veranlaßt, ein Gleiches zu thun, son- dern der neuaufgenommene Knecht übernimmt die Pferde, das Lager im Stalle, den Platz am Tische und— auch die geliebte des früheren, gleichviel ob dieser gestorben, in den Kriegsdienst berufen oder nur zu einem andern Herrn ein- getreten ist. Oftmals weinen beide Theile beim Abschiede— die Gewohnheit vermag doch viel!— sind aber sicherlich am nächsten Sonntag wieder vollkommen getröstet und bleiben Mem neuen„Schatz" so lange getreu, bis das Schicksal sie wieder trennt. Daß eine fünfunddreißigjähnge Magd oftmals einem einundzwanzigjährigen Burschen anheimfällt, 'st ganz natürlich, welcher Umstand indeß das Glück Beider "'cht im Geringsten stört. Bei alledem wird beiderseits Jthr auf Treue, Aufrichtigkeit und Verschwiegenheit gesehen. «»ehe dem Mädchen, das mit einem Andern als mit ihrem geliebten tanzt, einem Andern die übrig gebliebenen Dalken oder Klöße Übermacht, oder andern Pferden daS gestohlene oder erbeutete Futter zuschiebt. Schlägereien beim Tanze fort, denen jetzt im ausgedehntesten Maße die frische und billige Soldatenkraft bei der Ernte zur Verfügung gestellt wird, wodurch die ländlichen Arbeiter vielfach bedrückt und in ihrem Lohne beschränkt werden. Bedenkt man dabei, daß die Militärmacht in Deutschland durchweg durch invirekte Steuern erhalten wird, daß aber gerade diese Steuern in ihrer ganzen Schwere auf den Schultern der Arbeiter ruhen, so war eigentlich die Erklärung des Ministers selbstverständlich. Jedoch macht sie deshalb einen guten Eindruck, weil man in den letzten Jahren nur selten aus dem Munde eines Regierungsvertreters ein ernsthaftes Wort zu Gunsten der Arbeiter vernommen hat. In unserer Zeit, wo die ganze Sozialreform im Wesentlichen durch Verbotsgesetze und Polizeimaßregeln zum Ausdruck gelangt, wo der Herr Minister des Innern des Reichs nur allerlei unbe- stimmte Andeutungen über die Fortführung der Sozialreform zu machen weiß und der Herr Minister des Innern von Preußen das ganze Heil der Arbeiterklasse im Sozialistengesetz zu finden vermeint, muß es allerdings angenehm berühren, wenn gerade der Kriegsministcr Erklärungen abgiebt, die dazu geeignet sind, die Arbeiter in ihren Lohnkämpfen zu schützen. Aber eins ist nicht aus dem Auge zu laffen. Die Ar- beiter muffen gegebenen Falles den Herrn Kriegsminister beim Wort halten. Auch die Arbeiterblätter werden wohl daran thun, die Erklärung des preußischen Kriegsministers, nach der auch wahrscheinlich die Chefs der Heeresverwaltungen in den an- deren deutschen Staaten sich richten werden, besonders her vorzuheben. Wir thun dies, indem wir die Erklärung hier an her vorragender Stelle einer kurzen Besprechung unterworfen haben._ üus der Mifitärfcoitimiffion. Die gestrige Sitzung der Reichstagskommission zur Bcrathung der Militärvorlage murde um 10 Uhr Vormittags eröffnet. Nachdem der Kriegsminister auf speziellen Wunsch des Chefs des Gcneralstabs der Armee noch die Mittheilung gemacht hatte, daß die den Mitgliedern der Kommission über- reichten Karten, soweit sie den Osten Deutschlands betreffen, gleichfalls als vertraulich anzusehen seien, erhielt der Abg. Richter das Wort. Derselbe schloß sich den Wünschen seiner Frattionsfreunde an, die weitere Aufklärungen über die politische Weltlage in der gestrigen Sitzung verlangt hatten. Darauf ging er auf die Einzelheiten der Rede des Kriegsministcrs ein. Den Schwerpunkt der Vorlage legte er auf die dauernde Belastung des Volkes und stellte die kommen nur dann vor, wenn die Summe der Höfe oder der im Dorfe vorhandenen Knechte und Mägde eine un- gerade ist, so daß zwei Knechte auf eine Magd, zwei Mägde auf einen Knecht kommen, oder auch wenn ein Unberufener im Rausche es wagt, an ein fremdes Liebchen Hand anzu- legen. Zwischen den Mädchen und Burschen der wohlhabenderen Bauern findet bis auf die durch den Standeßunterfchied be- dingten Einzelheiten daffelbe Verhältniß statt. Der eigent- liche„stockböhmische"(czechische) Bauernstand besteht meist au< roh sinnlichen, arglistige», zum Diebstahl und Betrug ge- neigten Menschen, von welchen jedoch die Familie des Rich- terS in Bechlin, wie viele andere im Lande, die wir kenne» zu lernen Gelegenheit hatten, glänzende Ausnahme» bilden. Rosarka war durch ihren klugen Vater zwar nicht dem gesellschaftlichen Umgange, aber vielmehr dem gefährliche« Einfluffe ihrer Umgebung entzogen worden. Aeußerlich ge- stattete er ihr eine freie Entwickeluvg, s» daß sie sich von den anderen Mädchen im Dorfe in nicht« unterschied; in der Bildung ihres Gemüths aber verfolgte er Schritt für Schritt seinen selbst entworfenen Plan, so daß er sie all- mälig zu einer eigenen Anschauung, zu einem indiviouellen Urtheil führte,— natürlich mußten die niedrige» Gebräuche und die Sittenlosigkeit der Bauern ein abschreckender Gegen- satz zu den Ansichten Rosarka's werden. Diese Erziehung Rosarka's hatte zwar einerseits den Vortheil, daß der Spiegel ihrer Seele von dem Dunste der sie anhauchenden Gemeinheit nicht getrübt werden konnte, andererseits aber härtete das Gefühl des Alleinseins ihren Charakter bis zu einem gewissen Grade ab. Konsequenz ist eine der schönsten Tugenden des Mannes; auch im Lebe» des Weibes ist sie ein schöner Zug; weit schöner aber noch ist Nachgiebigkeit und Milde. Rosarka war unerschütterlich in ihrem Willen, unlenksam iu ihren Neigungen, unerbittlich in ihren Abneigungen geworden, ja selbst in ihrer Nachgiebig- keit war sie konsequent. Sie kannte wenige gesellschaftliche Formen und ließ diejenigen, die sie kannte, unbeachtet, sobald sie ihren Ansichten entgegentraten. In dem Wesen Rosarka's lag eine sonderbare Mischung von Ruhe und Leidenschaft, österreichische Kriegsmacht an der Hand einer Reihe von Zahlen als viel günstiger hin, als der Kriegsminister dies Tags zuvor gethan hatte. Die Präscnzziffer sei nicht allein ent- scheidend für die Hcercstüchtigkeit, es komme hauptsächlich darauf an, wie viel ausgebildete Soldaten im Kriegsfall vorhanden seien. Jndezug auf die Kriegsmacht Frankreichs erklärte der Redner, daß die dort eingeführte allgemeine Wehrpflicht in Frankreich noch auf Jahre hinaus nicht diejenige günstige Wirkung auf die Kriegs- tüchtigkeit der Armee ausübe, als dies in Deutschland der Fall sei, wo die allgemeine Wehrpflicht viel länger existire. Die Furcht vor der französischen Kriegsmacht müsse unter diesem Gesichtspunkt sich bedeutend vermindern. Redner theilte ver- schiedene vergleichende Zahlen mit, die mit den vom Kriegs- minister mitgetheiltcn zu Ungunsten der Heeresstärke Frankreichs in vielen Theilen abwichen. Frankreichs Truppen aber seien mehr oder minder über den Erdkreis vertheilt. In Algier und Tongking ständen bedeutende Truppentheile, die bei einem Kriege mit Deutschland nicht in Betracht käme. Die Zahl dieser Truppen bettage aber 7000 Mann. Redner versuchte den Nach- weis, daß ein großer Theil der französischen Mannschaften nur 10 Monate ausgebildet würde, und daß, wenigstens nach den Anschauungen des Kriegsministers, der fest auf der dreijährigen Dienstzeit bestehe, solche Truppen keine genügende Ausbildung für den Krieg besäßen. Wenn immer auf die Reorganisation des Ministers Boulangcr als aus ein Muster hingewiesen würde, so mache er darauf aufmerksam, daß um diese Reorganisation hefttge Kämpfe zwischen Regierung und Kammer ausgebrochen seien, daß aber auch die Kammer jetzt schon ihr jährliches Budgetrecht in dieser Frage gewahtt habe, so daß alljährlich die Zahl der Rekruten festgesetzt werde, daß aber auch die Kammer bei den zweijährigen Soldaten zu entscheiden habe, wann und wie viele derselben zu entlassen seien. Wenn dem Deutschen Reichstage solche Rechte zuständen, ließe sich viel leichter über die gegeirwärtige Vorlage verhandeln. Die Franzosen hätten übrigens in derselben Zeit im vorigen Dezen- nium die Präsenzziffer um 17 000 Mann vermehrt, in welchem Deutschland dieselbe um ca. 60 000 Mann erhöbt habe. Frank- reich habe in Folge der Erhöhung der Zahl unserer Infanterie die sernige dann gleichfalls verstärtt. Noch immer hätten wir bei der Infanterie eine um 11 000 Mann höhere Präsenz als jene. Richter erbittet sich vom Kriegsminister Auskunft darüber, wann die Verhandlungen bei den Regierungen über die Mi- litärvorlage Anfang und Ende gehabt hätten, und ob dieselben unterbrochen gewesen seien. Die ungemeine Beschleunigung der Bcrathung der Vorlage halte er gar nicht für zweckmäßig; man solle erst die Entwickelung der Dinge abwarten, dann erst könne man sich für ein zweckdienliches Gesetz entscheiden. Sonderbar erschien es auch dem Redner, daß der Kriegsminister die Ver- mehrung der Attillerie als eine Konsequenz der Vcrmchnmg der Infanterie hingestellt habe. Ter Kriegsminister habe gesagt, daß die Vermehnmg der Infanterie deshalb nothwendig sei, weil dieselbe im Kriege nicht allein durch die Gefechte, sondeni überhaupt die weitaus größten Verluste aufzuweisen habe, die Attillerie aber habe nur ganz geringe Verluste. Das von jungfräulicher Schüchternheit und kühner Freiheit, von zatter Weiblichkeit und männlicher Festigkeit, von naiver Unbefangenheit und durchdttngendem Scharfsinn. Nichts desto weniger aber war sie edel und liebevoll, ohne Hoch- muth und Selbstsucht, hingebend und aufopfernd, wo sie liebte— und Tonda war der Gegenstand ihrer ersten, ein- zigen und ewigen Liebe. Tonda war alt Kind schon der einzige Gesinnungs- genösse Rosarka's gewesen; bei ihr war es die Erziehung, bei ihm ein natürlicher, gewaltsam emporstrebender Sinn für das Gute und Schöne, wodurch die beiden Kinder sich vor allen anderen im Dorfe auszeichneten. Der Richter selbst fand an dem aufgeweckten, gcistes- frischen Knaben viel Gefallen und ließ ihn an dem Unter- richte Rosarka's Theil nehmen. Sein ausgezeichnetes Ge- dächtniß und seine ungewöhnliche Auffassungsgabe brachten ihn bald dahin, daß er an seinen Lehrer Fragen stellte, die dieser nicht mehr zu beantwotten wußte; Tonda hatte die Gelehrsamkeit des Richters schon in seinem zwölften Jahre erschöpft. Resatta, welche sich allen anderen Kindern im Dorfe so sehr überlegen fühlte, blickte mit einer Art Verehrung zu Tonda hinauf, den sie in keinem Stücke zu erreichen ver- mochte; sein freundliches und liebevolles Benehmen gegen sie ließ den hin und wieder erivachenden Neid nicht auf- kommen, und war überdies noch Veranlassung, daß sie sich vettrauenSnoll an ihn anschmiegte. In seinen: zwölften Jahre lief Tonda, der einige Jahre hindurch den Viehhitten in seinem Geschäfte hatte unter- stützen müssen, davon; er bettelte sich von Dorf zu Dorf, bis er nach Jung-Bunzlau kam, woselbst wohlhabende Ver- wandte sich seiner annahmen und ihn in seiner Neigung zum Studium unterstützten. Hier begann der arme, halb verwahrloste Bursche seine Laufbahn. Auf dem Jung- Bunzlauer Gymnasium erhielt er seinen ersten gründlichen Unterttcht. Späterhin ging er nach Prag zur Universität. Aber ohne Mittel, ohne jegliche Unterstützung, war er ge- zwungen, theilweise durch Unterttcht, theilweise durch niedttge Dienstleistungen seinen kleinen täglichen Bedarf zu erwerben, svreche doch wahrlich nicht für eine Vermehrung der Artillerie. Der Redner beleuchtet nun die Kriegsmacht Rußlands und kommt zu dem Resultat, daß die Kriegsmacht Rußlands unae- mein überschätzt werde, wenigstens drejenige Kriegsmacht, die gegen Deutschland ins Feld geführt werden könne. Die meisten russischen Truppen seien an ver asiatischen Grenze dislozirtund könnten von dort nicht leicht weggezogen werden. Zahlenmäßig versucht Richter sodann den Nachweis, daß Rußland in dm letzten Jahren seine Friedenspräsenzstärke nicht vermehrt, son- dcrn eher vermindert habe. Dre heute von der Regierung gegebene Auskunft stehe übrigens im Gegensatz mit der Aus- kunft von 1880. Dam las habe man genau erfahren, wozu die einzelnen Ausgaben dienen sollten, während man setzt mehr auf allgemeine Kombinationen verwiesen werde. Man wisse nicht einmal, ob die verlangten 18 000 Mann über die ganze Armee vcrtheilt werden, oder ob sie nur einzelne Bezirke treffen sollm. Hierauf nahm Kriegsminister von Bronsart das Wort: Derselbe führte zunächst aus, daß die Vorlage ganz den Zweck verfolge, das Land recht rasch vcrtheidigungsfähigcr und die Annee kriegstüchtiger zu machen. Schon vom I.April 1837 an würden durch die vermehrten Rekrutenaushebungm die Re- aimmter bald schon mit einer größeren Anzahl, wenn auch nur halb ausgebildeter Soldaten, vermehrt. Hierauf gab der Minister noch weitere Aufklärungen über Dislokationen, die er aber als streng vertrauliche bezeichnete. Tann meinte er, daß er die innere Tüchtigkeit der österreichischen Armee nicht be- streiten wolle, und daß er als Soldat auch erfreut sei über die Lobsprüche, welche in der Kommission über die innere Tüchtigkeit der deutschen Armee gefallen seien, aber die innere Tüchtigkeit einer Armee sei ein viel unsichereres Element als das derZahlen. Es sei nicht richtia, was der Abg. Richter(welchen der Kriegs- minister lediglich„den Herrn Abgeordneten" nennt) in Bezug auf die frauzösische Streitmacht gesagt habe, da das Algierische Armeekorps, wie wir 1870 geiehcn hätten, recht rasch auf den europäischen Kriegsschauplatz gebracht werden könne. Im Ucbrigen aber mußte der Kriegsminister zugestehen, daß in Bezug auf die neue Vorlage in Frankreich die Tinge so lägen, wie der Abg. Richter ausgeführt habe. Einige interssante Äittheilungen machte der Minister noch über die Zustände in der Artillerie, wo die nöthige scharfe Trennung zwischen Feld- und Fuß- artillerie noch nicht überall erfolgt sei. Dieser II ebelstand werde aber durch die Annahme der Militärvorlagc beseitigt. Tie Geschützbespannung sei in Frankreich eine weit bessere als in Deutschland. Auch hier müsse Wandel geschaffen werden. Der Minister meinte dann, daß er der Ueberzeugung lebe, die Vorlage werde angenommen. Der französische Mi- nister sei übrigens in der gleichen Lage; derselbe könne nur mit noch größerer Sicherheit auf die Annahme seiner Vorlage rechnen. Dabei gestand der Minister zu, daß der französische Gesetzentwurf vorläusig an der Situation auch nichts ändere; es dauere eine längere Zeit, che sich die Wirkungen desselben zeigen würden. Ferner erkläre der Kriegsminister, daß er sich weniger mit der russischen Armee als mit der französischen bc- schäftigc. Ferner theilte er mit, daß er bei der Spezial- berathung noch weitere Aufklärungen geben würde. Die Sitzung wurde darauf vertagt. Die nächste Sitzung wurde auf heute Vormittag 10 Uhr anberaumt. Die Generaldebatte soll heute zu Ende geführt werden, die Spezialdiskussion Montag be- ginnen. Politische Uebeestcht Von der Berliner konservativen Bewegung. Christoph Cremer, einstmals Redakteur der„Germania", rheinisches Zentrumsmitglied des Abgeordnetenhauses und Freund des spa- nischen Ton Carlos, jetzt, nachdem ihn das Zentrum verstoßen, Abgeordneter für Teltow-Beeskow-Slorkow, christlich- sozialer antisemitischer Agitator und in dem Kleeblatt Stöcker-Wagncr- Cremcr der Spaß- und Radaumacher, hat, um den schlecht- unterrichteten Kanzler eines Besseren zu belehren, einen langen Klagebrief an die„Nordd. Allgem. Ztg." geschrieben, den diese, ohne ihr Unrecht einzugestehen, veröffentlicht. Cremer klagt darin über„die sogenannten besseren und gebildeteren Kreise der Residenz", welche die Berliner konservative Be- w e g u n g durchaus im Stich ließen. Von Interesse ist in dem Briefe eine Mitthcilung über die besonderen Kosten, die bei der Wahl von 1884 der fünfte Berliner Reichstagswahlkreis gehabt bat. Dort erhielt Cremer im ersten Wahlgange 6431, in der Stichwahl 7891, in der Ersatzwahl 5274, zusammen 19596 Stimmen. Für diese drei Wahlen hatte der Wahlkreis, wie Cremer versichert,„20000 M.", die vielleicht zu einem Drittel durch größere Posten gedeckt werden konnten, aus eigenen Kräften aufzubringen den Opfennuth(übrigens knabbert er noch jetzt an einer Restschuld von etwa 1000 Mark)." Danach kostete jeder Stimmzettel für Cremer seinem Wahlkreise eine Mark zwei Pfennig!— Statt den Ovfermuth der Wähler des Wahlkreises zu preisen, in wel- chcm er sich rühmt, fünfmal durchgefallen zu sein, sollte Herr und so unter fortwährenden Ovalen und Sorgen aller Art setzte er seine Studien fort. Rosarka indeß dachte nichts und nichts als an Tonda. Sie haue jetzt Niemand, mit dem sie ihre kleinen Freuden uud Leiden theilen. Niemand, dem sie vertrauen, der sie loben oder tadeln konnte, aber sie lobte und tadelte sich selbst im Sinne Tonda's, vergegenwärtigte sich jede feiner Handlungen, jeden seiner ausgesprochenen Ge- danken, jeden Zug seines Charakters und überredete sich, daß sie das darum thue, um ihm in allen Stücken ähnlich zu werden. So erhielt das Bild Tonda'S im Herren Rosarka'S eine immer deutlichere Gestalt, und dieses Bild beherrschte, ohne daß sie es wußte, ihr Inneres so sehr, daß sie ihm ohne Zwang jede leise Regung, jede fremde Neigung als Opfer darbrachte. Tonda verlebte die jährlichen Ferien in Bechlin und größtentheilS im Hause des Richters. DaS war für ihn und Rosarka die glücklichste Zeit. Der Abschied führte jedes- mal beiderseits Thränen herbei, später gab man sich das Versprechen zu schreiben, und hielt Wort. Rosarka erhielt allmonatlich mindestens einen Brief durch ihren Vater zuge- Stellt und beantwortete ihn jedesmal sogleich. Manchmal ieß sie den Vater ihre Antwortschreiben lesen, so oft sie aber von ihren Sparpfennigen ein gewisses Sümmchen zu- sammengebracht hatte und es Tonda überschicken konnte, be- sorgte sie ihren Brief selbst an seine Adresse und that, als ob sie Tonda und seinen Brief ganz vergessen habe. So entspann sich zwischen diesen beiden gleich guten Menschen ein Verhältniß, welches ihrerseits auf's Wärmste an- geregt und von ihm gleich innig erwidert wurde. Wir übergehen hier einen Zeitraum von mehreren Jahren.— Tonda schien Rosarka ganz vergessen zu haben, zog längere Zeit in Deutschland umher, kehrte dann nach Wien zurück, und wie wir ihn in Bechlin wiederfinden, statte er Rosarka seit drei Jahren nicht gesehen und ihr fast seit 18 Monaten nicht geschrieben. VI. Mehrere Sekunden lang standen die beiden Jugend- gespielen einander regungslos gegenüber. Tonda wagte es Cremer dieselben zu größerer Sparsamkeit anhalten. 20000 M. find wahrlich seine drei Durchfälle nicht werth. Der Hirsch-Dunckerianer Sache ist prinzipielle Klarheit und zielbewußtes Handeln zwar niemals gewesen. Wie weit es aber die Schildknappen des genialen HarmoniestabStrom- peters Dr. Hirsch unter Umständen bringen können, zeigt fol- gcnde kleine gut verbürgte Geschichte aus Fürth in Bayern, welche wir dem Fürthcr Arbciterorgan, der„Fürther Bürgerzeitung" entnehmen. Dieselbe schreibt:„Der Sekretär des Gcwerkvereins der Schreiner(Hirsch- Duncker) Herr H e u g e r in Fürth erstattet in der letzten Nummer des „Gewerkverein" Bericht über die„Thätigkeit" seines Vereins. Als Kuriosum theilen wir daraus folgenden Passus mit:„Auck in nationaler Hinficht waren wir t h ä t i g, indem wir beim Besuch unseres Prinzrcgcntcn mit der uns be- reitwilligst überlaffenen Fahne der vormaligen Treckslerzunft marschirten." In der That köstlich, das Marschiren hinter einer alten Zunftfahne als„nationale Thätigkeit" zu dcklariren. Die Originale sterben wicht aus." Und um so beachtcnswerther, als das Zentralorgan, das Amtsblatt der Gewerkvereine, seelenruhig dies Geschreibsel abdruckt, und damit Brief und Siegel zu dieser„nationalen Thätigkeits">Acußcrung giebt. Wer die Hirsche und ihre Führer kennt, wird dies Geschichtchen — zum Ucbrigen thun. Aus dem kleinen Sachsen, dem höchstindustriellen deutschen Staate, sind von 1871—1885 mcht weniger als 47 766 Personen, darunter 29335 männlichen und 18411 weib- lichen Geschlechtes, ausgewandert. Wie sagt doch Fürst Bismarck? Die Wohlhabenheit treibe die Leute in die Fremde. O du wohlhabendes Sachsen! Die Jnnungsschwärmer finden plötzlich, daß die so sehn- lich erstrebten und so freudig begrüßten Handwerkerrerbände auch sehr häßliche und unangenehme Seiten haben. Ter L i e g n i tz e r Magistrat, als Aufsschtsbchörde der dortigen In- nungen, hat an die Vorstände folgendes Zirkularschreiben, datirt 24. November, gerichtet:„Nach§ 100d der Gewerbeordnung dürfen zu anderen Zwecken als der Erfüllung der statutarisch oder durch das Gesetz bestimmten Aufgaben der Innung, sowie der Deckung der Kosten der Jnnungsverwaltuna weder Beiträge von den Jnnungsmitgliedem oder von den Gesellen derselben erhoben werden, noch Verwendungen aus dem Ver- mögen der Innung erfolgen. Unter Bezugnahme auf diese Vorschrift hat das Reichsgericht durch Erkenntniß vom 1. Oktober c. die Vorstandsmitglieder einer Innung wegen U n- treue(welche nach§ 266 Strafgesetzbuches mit Gefänaniß be- straft wird) für schuldig erachtet, weil sie einen Beschluß der Generalversammlung ausgeführt hatten, wonach ein zum In- nungsvcrmögen gehöriges Kapital unter die Mitglieder der Innung vertheilt werden sollte. In gleicher Weise würden hiernach die Vorstandsmitglieder einer Innung bestraft werden können, wenn sie Einkünfte der Innung, z. B. die statuten- mäßigen Beiträge, Zinsen und sonstigen Einnahmen unter die Jnnungsmitglieder vertheilen oder zu anderen Zwecken, als zur Erfüllung der Ausgaben der Innung, wie z. B. z u Ergötzlichkeiten verwenden oder verwenden lassen." Dieses Schreiben ist dem JnnungSverbande in Liegnitz schwer in die Glieder gefahren. Es war bis jetzt herkömmlich und kein zünftiger Mensch fand darin etwas Unrechtes, daß die Jnnungskaffen bei Schmausereien und Trinkge- lagen gehörig bluten mußten. Wer erinnert sich nicht der splendiden Festivitäten, die eine gewisse Innung einer gewissen Stadt alljährlich deging und bei welchen die reichlichen Ein- künfte der Jnnungskassen herhalten mußten! Das soll nun forstallen? Dann hätten wir ja gar nichts mehr von den In- nungen! Eine sehr unangenehme Zugabe der Innungen ist außerdem der konfessionelle Hader, der darin, wie es scheint, einen sehr günstigen Boden findet. Der Allgemeine Deutsche Handwerkerbund< München) und der Ostdeutsche Hand- werkerdund(Breslau) fahren fort, fich gebörig schlecht zu machen. Das Präsidium der süddeutschen Gesellschaft hat ein Zirkular an 1500 ostdeutsche Innungen versandt, mit der Auf- fordcning, fich dem Münchmer Bund anzuschließen. Darüber ist man nun in Breslau sehr enstüstet. Ueber die Freibcrger Berurtheilten berichtet die„Frkf. Ztg." noch folgendes aus München, 8. Dezember: In der seitens des Oberstaatsanwalts Schwabe an die hiefige„Allgem. Ztg." und den Preßausschuß M ü nch en er Pre ss e, eine Vereinigung, in der sich der größte Theil der hiesigen Presse seit Kurzem organisitt hat, in der Angelegenheit der Strafverbüßung des Reichstags abgeordneten L. Viereck gerichteten Notiz war darauf hingewiesen, daß das seitens Aiereck's„nachträglich ge- stellte Gesuch um Gcstattung der Strafverbüßung in München nur dann genehmigt werden könnte, wenn die Staatsanwalt- schaft daselbst sich zur Uebernahme der Strafvollstreckung bereit erklärte". Der PrcßauSsckuß wandte fich daher durch seinen engeren Ausschuß in persönlicher Vorstellung an den Justiz- minister Dr. v. Fäustle mit der Bitte, die hiesige Staats- anwaltschakt zur Uebernahme der Sstafvollssteckung anweisen zu wollen. Leider mit vollkommen negativem Erfolge. Herr v. Fäustle erklärte, daß die hiesige Staatsanwalstchaft es absolut abgelehnt habe, die Ueberwachung eines zweiten derattigen Ge- nicht, die Augen aufzuschlagen, vor Furcht, einem gerechten Vorwurfe in den Blicken Rosarka's zu begegnen, und doch sprach sich in ihrem erröthenden Gesichte nichts als die leb- hafteste Freude, die innigste Liebe aus. Er streckte ihr die Hand entgegegen, sie aber fiel ihm um den Hals, und erst als er ihre brennenden Lippen auf den seinen fühlte, schlang er beide Arme um ihren Leib und hielt sie lange an seinem stürmisch klopfenden Herzen fest. „Warum weinst Du, mein Lieber?" fragte Rosarka leise, als sie die brennenden Thränen Tonda'S auf ihrem Halse fühlte. „Ich weiß es selbst nicht, ob vor Freude oder Schmerz, aber mir ist zu Muthe, daß ich Dich fragen möchte, warum Du nicht weinst?" „Warum sollte ich wemen, da ich glücklich bin," ewiderte Rosarka, indem sie sich von den Armen Tonda's losmachte. „Glücklich?" fragte Tonda mit einem Seufzer. «Ja— ich habe Dich wieder, und das ist Alles, waS ich wünschen kann." Tonda sah sie so wehmüthig an, als hätte er sie fragen wollen: Und liegt Dir denn gar nichts daran, wie Du mich wieder hast? „Du hast Dich sehr verändert," fuhr Rosarka nach einer kurzen Pause fort„Deine Mutter erzählte mir Vieles, Du bist zurückhaltender und kälter." „Ich bin alt geworden," unterbrach sie Tonda. „Aber ich weiß, daß Du Dir innerlich gleich geblieben bist; Du kannst nichts BöseS gethan haben, das ist unmög- lich; und daß Du so lange nichts von Dir hören ließest? Du hast mich vielleicht nur prüfen wollen, ob ich die Kraft habe, Dir über alle Versuchungen hinweg treu zu bleiben. O! ich hätte auf Deine Rückkehr noch viele Jahre lang warten können, und wenn Du gar nicht gekommen und mich auch gar nicht zu Dir gerufen hättest, so hätte ich Trauer um Dich angelegt— ich hätte gewußt,[Du seiest gestorben." „O! wäre ich gestorben, bevor ich zum Verräther an mir und Dir wurde!" rief Tonda, indem er mit beiden Händen sein Gesicht bedeckte. Nach einer langen Pause fangen en, die eine Reihe von Ausnahmezuständen zur Folge habe, in dem Gekängniß an der Baadersttaße zu übernehmen, sowohl aus lokalen als aus dienstlichen Gründen. Er müsse diese Anficht des Staatsanwalts um so mehr rcspektiren, als derselbe außer der Leitung des Gefängnisses eine volle Arbeits- leistung auf seinen Schultern habe, ihm daher derartige beson- dere Pflichten ohne zwingende Nothwendigkeit nicht auferlegt werden könnten. Es vergehe ohnehin kein Monat, wo nicht zwei bis drei derartige, besondere Mühewaltung in Anspruch nehmende hiefige Gefangene, die man aufnehmen müsse, in die Anstalt gelangten. Auch scheine der Chemnitzer Arzt den Zu- stand Viereck's nicht für so bedenklich gehalten zu haben, wie die Herren Nußbaum und Mattin. Auf den Einwand, daß der Zustand Viereck's einerseits nicht so viel fottwährende Aufmerk« samkeit erfordere wie der V ol l m ar' s, daß aber andererseits die Gefahr, wenn ein Krankheitsfall eintrete, mindestens ebenso groß sei, wie bei Vollmar, hielt der Justizminister angesichts der positiven Erklärung des Staatsanwalts, die er rcspektiren müsse, die Unmöglichkeit der Aufnahme Viereck's im Gefängniß an der Baaderstraße aufrecht, äußette aber die Anficht, daß, wenn auch seitens des sächsischen Arztes die Unmöglichkeit der Fortsetzung der Strafverbüßung in Zwickau konstatitt werde und auf Grund dieser Thatsache ein neuerliches Gesuch hierher gelange, die Sache aufs Neue unter Berücksichtigung der ob- waltenden Verhältnisse werde geprüft werden. So lange die Sachsen die Verantwottung glaubten tragen zu können, müsse er seinerseits fich allein auf den Boden der hier vorliegenden Thatsachen stellen, die nebenbei so gelagett seien, daß man fich in Sachsen unter Umständen werde zu einer Unterbrechung der Sttafvollstteckung entschließen müssen. Sozialistisches. Kiel, 8. Dezember. Auf Requisition der hiesigen Staatsanwaltschaft fanden am 4. d. M gleichzeitig in Kiel, Ncumünster, Rendsburg und wahrscheinlrch auch m anderen Städten Haussuchungen auf Grund der §§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches(Theilnahme an ge- Heimen Verbindungen) statt. In einzelnen Fällen sollen sozialistische Schriften beschlagnahmt sein. In Neu- Münster fand eine Verhaftung statt. Hrer wurde gestern der sozialistische Redatteur Johannes Frers wegen Beleidigung des Justizministers und des Richterkollegiums der Strafkammer des Landgerichts zu Freiberg in Sachen des Kopenhagener Kon« f esses zu sechs Monaten veruttheilt und sofort verhaftet.— hem nitz, 9. Dezember. Der„Kölln. Ztg." wird von hier geschrieben:„Zu der nculichcn Ausführung Ihres Berliner Berichterstatters, wonach die Sozialdemokraten sich in neuester Zeit außerordentliche Mühe gebe» und viele Kosten aufwenden, um aktive Soldaten für ihre Grundsätze zu gewinnen, kann ich Ihnen aus unserer Stadt einen neuen Beleg mittheilen, der demnächst vor dem hiesigen Gerichte zur Abuttheilung kommen wird. Ein hiesiger bekannter Sozialdemokrat, der Handarbeiter Möckel, ist auf Veranlassung mehrerer Soldaten des hiesigen Regiments am 1. d. M. verhaltet worden, als er bei Gelegen» heit des Jahrmarktes versucht hatte, die Soldatm gegm ihre Vorgesetzten aufzuhetzen. Unter anderm versuchte er sie davon zu überzeugen, daß die Arbeiter bcabsichtigtm, sowohl die Offiziere wie die Fabrikanten zu tödtcn oder unschädlich zu machen, um an deren Stelle sich der Herrschaft zu bemächtigen. Möckel suchte den Soldaten klar zu machen, daß sie bei einer solchen Gewaltthat nicht die jetzigen Machtinhaber beschützen dürften, sondem treu zum Volke stehen müßten. Die gericht- liche Untersuchung ist bereits soweit gediehen, daß die Verband« lung schon am 14. Dezember auf Grund des§ 112 des Strafgesetzbuches(Aufreizung von Soldatm) stattfinden wird."— Wahrscheinlich ist der größte Theil dieser Darstellung erlogen. Zu den Ausweisungen. Wie der„Voss. Ztg." aus Petersburg geschrieben wird, soll im Zusammenhang mit den Arbeiten der Plchweschen Kommission eine K onv ention zwischen Deutschland und Rußland vereinbar werden. Fürst Bismarck habe sich durch den Otfraf�1 Schuwalow bestimmen lassen, russischen Untcrthanen, falls s5 nicht jüdischer und polnischer'Nationalität sind, den Aufenthalt auf prmßischem Territorium ohne die bisherigen Beschränkungen zu gestatten. Tie erwähnte Kommisston ihrer- seits beantragt, die Ausländettrage vom Standpunkt der Gegenseitigkeit zu regeln, d. h. die Rechte des Bürgers ewe» fremden Staates in Rußland genau nach den Rechten zu bemessen, welche Russen in dem in Frage kommenden Staar genießen.. In dem Ministerium des Innen: soll die Frage erörtert werden, in wie weit eine Abänderung der Kreisord« n u n g für die in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt liegenden und mit dieser in unmittelbare amtliche Berührung kommmdcn Amtsbezirke auf gesetzlichem Wege herbeizuführen sei. Vielfach soll die Ansicht geltend gemacht sein, in mehrere dieser Amts« bezirke die Städteordnuna einzuführen, sie zu Bürgermeisterelen zu machen und an ihre Spitze Bürgermeister zu stellen, welch- aus der Zahl der geschulten Beamten zn wählen wären, da�e gegenwärtigen Zustände unhaltbare seien. Wieder ein Stuo Bureaukratre mehr!.. Die ultramontane„Germania" schreibt heute KP; setzte er mit schmerzlich bewegter Stimme hinzu:„Geh', Rosatta, geh'!— ich bin Deiner Liebe und Deiner Freund- schaft unwürdig geworden." Das Gesicht des Mädchens entfärbte sich bei diese« Motten bis zu jenem Grade von krankhafter Blässe, wttch schwächliche, bis zum höchsten Zorne getriebene Mensche ihren ruhigen, statten, unantastbaren Widersachern siegen« über, oder auch kräftige, unbeugsame, durch einen einzige« Schlag zusammengedrückte Naturen anzunehmen pstege«. Rosarka wich einen Schritt zurück und fragte mit zitternde, halb von Schmerz erstickter Stimme:„Tonda, bist Du m heirathet?".._. Er sah sie traurig lächelnd an und erwidette m ein Tone, den sie zu hören gewohnt war, so oft er eine ihl Handlungen oder Ansichten mißbilligte:„Weißt Du, Rgsi)' wenn ich ein Weib hätte nehmen wollen, würde ich hlenw erst Deinen Rath eingeholt und Dir nachher das Madch meiner Wahl zur genauen Prüfung überlassen haben. „Du hast Recht, mein Lieber, es war eine Dumwl von mir, daß ich dies fragte." Bei diesen Motten tra 1 wieder zu Tonda heran, drückte ihn sanft auf den lehn Sessel nieder, setzte sich auf seine Knie, schlang ihren j um seinen Nacken und fuhr dann sott:„Hast Du l Vettrauen zu mir, mein Tonda, daß Du mir sagen io> wodurch Du zum Verräther an mir und Dir gswor „Ich werde es Dir sagen, wenn Du es zu wlssen langst.".. uait „Ich verlange es nicht zu wissen, ich silsiube, ,lü? es schon errathen. Sieh' mich an, so, fest sieh, � Auge! Nicht wahr, Du hast eine Liebschaft gehab Du scheuest Dich, es mir einzugestehen und thust" � indem Du nicht Nein sagst. Das schadet ja"IT' cnn6 Tonda, ich nehme Dir das gar nicht übel; es glev» � noch viele Rosarka's in der Welt, und hätte tch'(fjch einen einzigen Toda nach Dir gefunden, ich hatte ly gj�e, geküßt. Ernst war es Dir ja doch nicht um icn' ei sonst würdest Du mit Deiner Strenge gegen Dicy nicht dulden, daß ich jetzt auf Deinem Schöße i? Dich küsse.".. r. Dir I11 „Nein, Nosatta, ich habe nur nicht die Kraf, einem„Emflcsandt" über Windthorst. Dasselbe macht den Eindruck, daß bei dem Kavalleristen der„Kreuzztfl." die unteren Ertremitäten wahrscheinlich besser ausgebildet stnd als die Schädelpartie.— Mit letzterer Partie steht es übrigens bei den meisten Freunden der„Krcuzztg." ziemlich bedenklich aus. Weitere Vrotvertheuerung? Die Agrarier beginnen schon wieder Agitationen wegen abermaliger Erhöhung der Zölle auf landwirthschaftliche Produkte. In der Generalversammlung des landwirthschaftlichen Zentralvereins für den Regierungsbezirk Potsdam wurde über einen Antrag des Kreisvereins Prenzlau auf Erhöhung der Zölle auf sämmtliche landwirthschaftliche Produkte verhandelt. Ein Freiherr v. Patow(nach anderer Meldung ein Herr Paetow) empfahl einen Getreidezoll von 6 M.(Verdoppelung), einen Zoll auf Oelfrüchte von 9 M. (gegenwärtig 2 M.) und einen Wollzoll von 200 M. pro 100 Kilogramm. Herr v. Wedell-Malchow, welcher den Vorfitz führte, gab zwar zu bedenken, daß eine Erhöhung des Zolles auf Oelfrüchte sowohl als auch die Verdoppelung der Getreide- Zölle„nicht grade ausfichtsvoll" sei, scheint stch aber nicht direkt gegen die Erhöhungen ausgesprochen zu haben. Von einigen Anwesenden geschah dies allerdings, die Mehrheit ließ stch aber nur überzeugen, daß die Erhöhung der Oelfruchtzölle mit Rückficht auf die Oelzölle unthunlich sei, und sprach sich im klebrigen für einen Wollzoll, über dessen Höhe der Vorstand noch einmal berathen soll, und für eine Ver- doppelung der Getreidezölle aus. Das genügt! Schweden nnd Norwegen. � In der Hauptstadt Norwegens hat in diesen Tagen eine sozialistische Massenversammlung stattge- funden, die von einem dänischen Agitator geleitet wurde. In derselben stand die sogenannte Unfittlichkeitsfrage zur Berathung. Die zahlreich besuchte Versammlung hat folgende bemerkens- wcrthe Resolution angenommen, durch die dem Hebel abgeholfen werden soll- 1. Aufhebung der öffentlichen Sittenkon- trole; 2. Einrichtung von Kindcrerziehungsanstalten durch den Staat; 3. Herstellung zeitgemäßer Ärbeiterwohnungen durch die Kommunen; 4. Verbot der Verwendung von verheiratheten Frauen und Kindern zu industrieller Arbeit außerhalb des Hauses; 5. Gleichstellung unehelicher Kinder mit ehelichen in Bezug auf Erbrecht. Helgie«. Es war vorauszusehen, daß die Berathung des Militär- e t a t s in der Kammer zu stürmischen Debatten führen würde. Die Redner der Rechten sahen das Heil der Armee nur in der Errichtung einer umfassenden Militär s e c l s o r g e(!), die der Kriegsminister zusagte, diejenigen der Linken bemängelten Be- waffnung und Ausrüstung des Heeres und forderten vor allem die Beseitigung der Stellvertretung, wie die Einführung der versönlichen Dienstpflicht. Der Finanzminister trat für die Armee ein, die jetzt auf dem Kriegsfuße 130000 Mann stark sei; das Ministerium wolle keine Erhöhung der Militär- lasten; Kredite für Neubewaffnung würde man„später" fordem, die Befestigungen Antwerpens, das die Bafis der Verthcidigung sei, seien vortrefflich, die der Maas-Linie müßten erst festgestellt werden. Die Frage der Beseitigung der Stellvertretung sei noch nicht reif, zumal, was das Wichtigste sei, die Liberalen die Militärfreiheit der Geistlichen ab- fchaffen wollten! Der Deputirte Frsre-Orban griff dieserhalb das Ministerium, dessen Haltung schmachvoll sei, heftig an. Die ganze Linie sei für ven persönlichen Dienst; die Re- gierung lehne seine Einführung ab, weil sie fürchte, ihre Portefeuilles zu verlieren. Die 130 000 Mann seien eine Jlluston, die Reserve existire nicht. Die Debatte ergab, daß der hohe Kletus gegen die Reform ist und das Ministerium sich dem fügt. In der Stadt Gent dauert die Arbeitseinstellung fort, nicht minder die Erregung der Arbeiter. Sämmtliche Polizeibeamte erhalten Revolver. Frankreich. Die französische Minist er! ris is ist im Begriff, einen �läufigen Abschluß zu finden. Wie berichtet, würden in dem ton Goblet zu bildenden Kabinet die Posten der Minister des Mncrn, der Finanzen, der Justiz und der auswärtigen Ange- iegenheiten neu besetzt werden, während die übrigen Minister- »ortefeuilles in den Händen der bisherigen Inhaber bleiben würden. Die Uebcrnahme des Finanzministeriums soll Dauphin iugcfichert haben. ES ist sogar die Rede davon, Frey ein et würde als Minister deS Auswärtigen an dem Kabinet sich be- -heiligen; wenn auch das letztere sich voraussichtlich nicht be- Üätigt, so wird doch das Ergebniß der Ministerkrists ein Kabinet Freycinet ohne Freycinet sein, die bekannte Aufführung von Hamlet ohne Hamlet. Ist niit dem Zusammenflicken des ge- Uürzten KabinetS etwas gewonnen? lieber die größte Schwierigkeit ist man für den Tag hinweg; es ?'* wenigstens wieder eine Regierung da. Aber b'efe Regierung ist auch wieder von einem Augenblick zum andern bedroht. Denn die radikalen- und opportunistischen Republikaner stehen sich erbitterter wie jemals gegenüber, die llroße Beute Frankreich lag den Bourgeois. Radikalen schon so "ahe und soll ihnen jetzt entgehen! Auch die Opportunisten widerstehen; wäre ich strenger gegen mich gewesen, so hätte 'ch der Versuchung nicht unterliegen müssen, ich stände jetzt "'cht beschämt und gedemüthigt vor Dir. Ich habe mich absichtlich betäubt, um Dich vergessen und opfern zu können. Z; Wahrlich, Rosarka, ich bin Deiner unwürdig geworden." Dabei machte er einen schwachen Versuch, aufzustehen. Sie h-elt ihn fest. „Wenn ich Dir aber sage, daß ich alles Vergangene twrgessen will, wenn Du eS vergessen kannst." „Ich kann weder mein Vergehen noch die Folgen ver- ■ssffen, die mir aus ihnen erwachsen. Vergessen wäre doppelt strafbar. Du mit der Reinheit Deiner Seele vermagst die Größe meines Vergehens kaum zu ermessen; ich fürchte, es fit unwiderruflich geworden!" In diesem Augenblicke trat der Richter, von den Eltern "fld dem Bruder Tonda'S begleitet, in'Z Kämmerchen. Sie blieben einen Augenblick an der Thür stehen; keiner der �'(kommenden schien von der Stellung Rosarka's und Touda's besonders überrascht zu sein, vielmehr sah man in den Ge- stchtern der beiden Alten jenes zufriedene Lächeln, hinter welchem ein unausgesprochenes„Gott sei Dank!" deutlich erkennen war. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst unl» Zeven. „ Im Belle-Alliance-Tlieater tritt Frau Marie Gnstinger gegenwärtig als schöne Helena auf. In dieser Rolle, welche a. gefeierte Gastin schon vor inehr als 20 Jahren spielte, ""»et sie noch heute Gelegenheit, ihr vielseitiges Talent zu ingen. Als schöne Helena kommt ihr keine Konkurrentin «wich; noch heute ist sie die beste Darstellerin der ungetreuen Iattm des Königs Menelaus. Die graziöse, vornehme Art der �stellung. ihre diskrete Spielweise wird der Geistinger wohl M für die nächsten Jahre noch die Gunst des Publikums "chern. Es übt eine drollige Wirkung auf das Publikum aus, die Künstlerin urplötzlich aus dem getragenen Pathos der Ä fchsschen Königin ,n das unverfälschte„Weanerisch" zurück- .Herr Weidemann errang sich durch seine schöne Stimme, wie durch fem trcnliches Spiel als Paris ebenfalls den leb- find weniger denn je geneigt, sich ihren radikalen Gegnern unterzuordnen. Goblet selbst genießt den besonderen Haß der Monarchisten. Das stnd schon Schwierigkeiten genug. Es bleiben aber alle die Klippen bestehen, an denen das Ministerium Freycinet eben scheiterte, denn die Frage ist im Grunde ja keine Personenfrage, sondern eine Finanzfrage. Wie ist es möglich, weiter zu regieren ohne neue Steuern oder neue Anleihen? Grsßkrlta««iett. Tories und Whigs feiern augenblicklich Verbrüderungsfeste, um sich gegenseitig zu dem bevorstehmden neuen Feldzuge gegen die Jrländer Äuth zu machen. Lord Salisbury konnte mit Befriedigung auf die Tags vorher abgehaltene Versamm- lung der sogenannten liberalen Unionisten hinweisen, denn dieselben haben sich ganz in den Dienst der Tories ge- stellt. Um so sonderbarer nimmt sich die Rede aus, mit welcher Mr. Goschen die Unterstützung der Zwangspolstik in Irland von Seiten der liberalen Sezesflonisten zu rechtfertigen suchte. Er sagte nämlich:„Mr. Gladstonc hat an das Verdikt der zivilifirten Welt appcllirt. Ich wage der zivilifirten Welt zu sagen, daß die Unionisten die Schlacht der Ordnung liefern. Wir liefern eine Schlacht zu Gunsten der Gesellschaft im Großen, in welcher, wenn wir nicht erfolgreich find, die ver- mögenden Klassen nicht allein leiden werden. Die Unionistm halten nicht allein die Integrität des Reiches aufrecht, sondern auch die Grundsätze, unter denen allein die Wohlfahrt ihre Segnungen über die ganze Welt verbreiten kann. In der Vergangenheit erregte die Mäßigung der liberalen Partei die Bewunderung des Kontinents und der ganzen Welt, und ihr gesunder Menschenverstand hat uns vor den Gefahren, den Ausschreitungen und der Unfittlichkeit der Revolution bewahrt. Es ist unsere Pflicht, diese Ueberlieferung aufrecht zu halten, und es liegt uns nicht nur ob, die Einigkeit des Reichs auf- recht zu halten, sondem angesichts der Welt die liberale Partei von dem Vorwurf zu reinigen, daß sie eine mit Konfiskation und Anarchie verbündete Partei ist. Wir sind die Vertreter dieser großen historischen traditionellen liberalen Partei." Wie die zahlreichen Lords, aus denen die liberale Sezession zum größten Theil besteht, sich über diese und ähnliche Worte ge- freut haben, kann man aus den Erklärungen Lord Salisbury's ersehen. Im Interesse der liberalen Sache wäre nur zu wün- sehen, daß die„liberalen Unionisten" so bald als möglich auch offen ganz in das konservative Lager übergehen möchten, damit alle Spekulationen über die Möglichkeit einer Wiedervereinigung derselben mit der liberalen Partei endlich aufhören. Aus Salisbury's Rede im konservativen Klub von London hebt der Telegraph folgendes hervor: Bezüglich der irischen Frage trachteten die Konservativen keineswegs darnach, Differenzen mit den liberalen Unionisten zu suchen, sie wünschten im Gegentheil alle möglichen Mittel zu finden, um gemeinsam mit denselben zu handeln, ohne ihre politische Individualität zu opfern. Die Regierung beabsichtige, zuerst über eine englische und schottische Lokalregier un� und dann im geeigneten Augenblick über eine Lokalregierung Irlands zu verhandeln. Sobald solche hergestellt sei, könne man über die ernsten Irland betreffenden sozialen Fragen be- rathen. Die Regierung wolle ferner die U e b e r t r a g u n g von Grundbesitz in Großbritannien erleichtern, ohne die EigenthumSrechte zu schädigen. Was die Geschäftsord- n u n g für das Unterhaus betreffe, so hätten sich die Ansichten der Regierung nicht geändert, letztere werde Alles thun, um die Redefreiheit zu sichern, aber die Mittel, welche hinreichend waren, so lange es nur 40 irische Deputirte gab, würden nicht ausreichen bei 90 irischen Deputirten. Bevor man sich indessen mit diesen das Parlament betreffenden Fragen beschäftigen könne, gäbe es noch eine dringendere zu ordnen, die sich auf die augenblickliche Lage Irlands beziehe. Nichts als eine strenge Handhabung des Gesetzes könne die Bevölke- rung von der Täuschung befreien, in welcher sie sich befinde. Man müsse sich mit dem Hebel beschäftigen, welches beträchtliche Klassen Irlands dazu verleite, unter einem politischen Vorwande sich gesetzlichen Verpflichtungen zu entziehen. Die Regierung rechne auf die Unterstützung nicht nur der Konser- vativen und der Unionisten, sondern auch auf eine solche auS anderen Parteien, denn sie wolle Doktrinen entgegentreten, welche der Industrie und dem Wohle eines jeden Gemein- wesens verhängnißvoll find. Balkan landet*. In Wien ist die bulgarische Deputation vom Grafen Kalnoky empfangen worden. Die Unterredung dauerte 1% Stunden. Afrika. Die Pforte entwickelt eine so ungewöhnliche Energie, daß man nicht umhin kann, an Beeinflussung seitens auswärtiger Mächte, und zwar Frankreichs und Rußlands, zu glauben. Sie hat dein englischen Staatssekretär des Auswärtigen eine Note überreichen lassen, in welcher sie unumwunden den Wunsch ausspricht, über die Räumung Egyptens mit England in einen Meinungsaustausch zu treten. Jddesleigh soll ge- antwortet haben, er werde die Note in Erwägung ziehen. haftesten Beifall der zahlreich erschienenen Zuhörer. Die Herren Hanno als„König Menelaus" und Linder als„Calches" verstanden es in ihren komischen Rollen trefflich, die Lach- muskeln deS Publikums in Bewegung zu setzen.— Das Gastspiel der Frau Geistiger soll in den nächsten Tagen noch eine Novität bringen, nämlich die Wimer Posse„Die Kindsfrau" von Zell. Im Eden-Theater ist seit gestem eine Kraftproduktion auf dem Programm, eine wahrhaft phänommalc Leistung, welche bei sämmtlichen Freunden ungewöhnlicher Athletenar- bellen Aufsehen erregen Dürfte. Herr Kleiner, der sich zur lebendigen Illustration seines Namens einer Körpergröße er- frmt, welche die eines Flügelmannes der Garde um einen Kopf überragt, hebt als„der stärkste Mann Sachsens" ein 1200 Pfd. schweres, lebendes Pferd mit einer Leichtigkeit in die Höhe, als wenn es eitel Pappe wäre. Ebenso spielt er niit 400 Pfund schweren Steinen mit einer Grazie Fangball, wie junge Mäd- chen mit ihren Gummibällen. Außerordentlich lebhaften Beifall findet allabendlich auch die Produktion der beiden musikalischen KlownS Brothers Forest, die in musikalischen Scherzen und Drollerien schon das Unglaublichste leisten und die Lachmuskeln der Anwesenden ununterbrochen in Bewegung setzm. Ein„findiger" Fabrikant. Ein reicher Eisenwerksbesitzer im Norden Englands ließ, um über die Vorgänge in seinem HauS« und Fabrikwesm auch während seiner häufigen Abwesm- heit vom Hause unterrichtet zu bleiben, in seinen elektrisch be- leuchteten Arbeits- und Wohnräumen in der Wand versteckte Apparate anbringen, die aus einer photographischen Camera und einem die Stunden registrirenden Uhrwerke bestanden, das jede Stunde ein Stück einer Rolle von Eastmanpapier ab« rollte. War der Herr vom Hause abwesend, so wurden die Apparate in Gang erhalten. Nach Ablauf einer jeden Stunde öffnete sich ganz unhörbar der Verschluß des Apparats, ein Stück des photographischen Papiers wurde der Belichtung aus- gesetzt, so daß ein Momcntbild des gut beleuchteten Raumes aufgenommen wurde, das alle Details in demselben treu wiedergab. Kehrte der Fabrikherr von der Reise zurück, so pflegte er diese Negativbilder zu entwickeln und die dann ge- wonnenen Positivbilder als Beweismaterial aufzubewahren, welches bei entsprechenden Gelegenheiten benutzt wurde und mitunter ganz drastisch auf die Schuldigen wirkte. So soll es sehr abkühlend auf einen Fabrikzeichner gewirkt haben, der sehr erregt von seinem Herrn Aufklärung über den Grund seiner plötzlichen Entlassung verlangte, als ihm der letztere eine Photo- graphie vorlegte, welche den Zeichner mit über dem Schreib- Asi»*- Der indisch-europaijche Kanal scheint nun an die Tagesordnung kommen zu sollen. In der Akademie der Wissenschaften zu Paris legte Herr Janssen den vom Ingenieur Ende ausgearbeiteten Plan desselben vor; dieser Kanal würde vom Mittelmeer, bei Antiochia ausgehend, dm Euphrat er- reichm, diesem würde er bis Babylon folgen, um von da biß Bagdad einen uralten Kanal zu benutzen, welcher nur neu in Stand gesetzt zu werden braucht. Das schwierigste Glied wäre nun die Fortsetzung von Bagdad bis zum persischen Meerbusen. Jedenfalls wäre dieser Kanal ohne allzu Hohe Kosten aus- sührbar. Er würde den Vortheil bieten, daß durch ihn welle Strecken fruchtbaren Landes erschlossen würden, welche im Laufe der Zeiten der Verwilderung anheimgefallen find. Der eben- falls schon aufgestellte Plan, die Bewässerungsanlagen der Chaldäer im Euphrat und Tigris wiederum in Stand zu setzen, wäre damit in Verbindung zu bringen. AttstraHe». Die Regierung von Süd-Australien meldet aus Adelaide, 7. Dezember;„In den Goldfeldern von Teetulpa find jetzt über 5000 Menschen beschäftigt und es liegen von dort im Allgemeinen recht günstige Berichte vor. Der größte Gold- klumpen, der b>s jetzt gefunden wurde, wiegt 30 Unzen. Die English, Scottish and Australian Ehartered Bank hat während der letzten 14 Tage 1200 Unzen Gold an Ort und Stelle auf- gekauft. Heber andere Käufe wird nichts berichtet. Teetulpa rst 211 Meilen nördlich von Adelaide und 20 Meilen von der Ädelaide-Silverton-Eisenbahn entfernt." Amerika. Der in Philadelphia erscheinende„Record" theilt mit, er habe ermittelt, daß der Fcnier O'Donovan Rossa keine Organisation hinter sich habe; er stehe vielmehr allein mit seiner Zeitung, die nur Verlust bringe. Rossa stehe mit der fenischen Brüderschaft in keiner Verbindung; er wurde aus der Brüderschaft ausgestoßen, weil seine Ausstoßung durchaus erforderlich für deren Bestehen war. Rossa besitze demnach keine Aggresfionsmittel._ Oerichts-Zeitmrg. Zweibrücken, 7. Dezember. Das pfälzische Schwurgericht verurtheiltc gestern den 21jährigen Winzer Peter Eichham auS Diedesfeld bei Neustadt a. H. wegen Mordversuchs zu einer Zuchthausstrafe von fünf Jahren. Der Angeklagte hatte in seinem Heimathsortc ein Liebesverhältniß mit einem 16jährigen Mädchen angeknüpft, das von der weiblichen Seite alsbald immer mehr gelockert und schließlich ganz gelöst wurde. Aus Groll und Eifersucht kaufte er sich am 27. September einen Revolver und feuerte zwei Tage später aus demselben einen Schuß nach dem Hinterkopfe der untreuen Geliebten ab, der das Mädchen an der rechten Nackenseite nur unerheblich ver» letzte. Dann schoß er den Revolver gegen stch selbst ab, allein auch diese Wunde war nicht lebensgefährlich. Aus Furcht vor der Entdeckung schleppte er sich darauf in einen Weinberg und wurde dort bald von der Polizei aufgegriffen. In seinem Taschenbuche fand sich bei der Verhaftung die merkwürdige Selbstanzeige:„Ich melde mich an, daß ich ein Mädchen, mit mit welchem ich Bekanntschaft hatte, geschossen habe." Von der Vertheidigung wurde die Nebenfrage auf versuchten Todt- schlag gestellt, die Geschworenen aber bejahten die auf Mord- versuch lautende Hauptfrage, worauf denn, wie bereits ange- geben, erkannt wurde. Dresden, 8. Dezember. Von dem königl. Schwurgericht wurden heute der am 10. Januar 1867 zu Weißtropp gebürtige Oskar Franz Große sowie der am 17. März 1866 zu Dresden geborene Friedrich Wilhelm Arthur Frankfurter wegen gemeinsam verüben Raubmordes zum Tode verurtheilt. Beide hatten am 27. Juli d. I. auf dem Wege von Weißtropp nach Krossebaude durch zwei Revolverschüsse den Kaufmann Koch von hier tödlich verwundet und der Brieftasche mit 6100 M. beraubt._ Soziales«nd Arbeiterbewegung. Einige für Fachvereine und Arbeitertnnenvereine sehr beachtenswerthe Wmke finden wir im„Baugewerkschafter". Es heißt da: 1) Nach Auslegung der obersten Gerichte kann jeder Verein, wenn er sich auch nur einmal mit einer poli» tischen Angelegenheit beschäftigt hat, für einen solchen angesehen werden, der bezweckt, politische Angelegenheiten zu erörtern. 2) Die Gerichte verstehen unter„polllische Angelegenheiten" Alles, was sich auf die Staatsverwaltung bezieht, besonders also alle Petitionen an den Bundesrath, die Parlamente oder die Regierungen. Die sozialen Angelegenheiten, Arbeiterschutzgcsetz, Normalarbeitstag, Minimallohn w., sind nach den Auslegungen der Gerichte sogar hervorragend politische Angelegenheiten, so- bald es versucht wird, sie thatsächlich zur Geltung zu bringen. Die entgegenstehenden Entscheidungen einiger unteren Gerichte ändern an dieser Auffassung der Overgerichte nichts, da solche Entscheidungen in der oberen Instanz immer aufgehoben werden. pult ausgestreckten Beinen(?) darstellte, während die gleichfalls verzeichnete Registtirungsmarke aus eine Stunde hinwies, wo derselbe gerade fleißig an der Arbeit sein sollte.— Der Herr Fabrikant hätte die Unkosten, welche die Anbringung dieser „finnreichen" Konttolapparate verursachte, jedenfalls besser an- gewandt, wenn er sie zur Aufbesserung der Löhne seiner Ar- beiter verwendet haben würde. Aus der Zeit der Hexenprozesse. Vor ungefähr zwei Jahren kam Herr George L. Burr, ein junger amerikanischer Gelehrter, nach Europa, um seine historischen Studien fottzu- setzen und namentlich seine Forschungen auf dem Gebiete der Geschichte der Hexenprozesse weiter zu verfolgen und zu vervoll« ständigen. Unter anderem ist es ihm auch gelungen, die Hand» schrist des vor 300 Jahren von dem Universitätsprofessor Eorne- lius Loos(Lösaus) verfaßten Buches„vo vera et falsa Magia" in der dem ehemaligen Jesuitenkollegium einst angehöngen Stadtbibliothek zu Tner wieder aufzufinden. Mit dem Druck dieser Abhandlung, welche gegen eine zur Vettheidigung des Hexenverbrcnnens erlassene Schrift des Trier'schen Suffragan- bischofs Peter Binsfeld gerichtet war, hatte man in Köln kaum angefangen, als die Veröffentlichung derselben verboten und das Manuskript konsiszitt und vernichtet wurde. Glück- licherweise ist nur eine Abschrift des Werkes den Ketzerrichtern in die Hände gerathen; das Original hatte Loos nicht in die Druckerei geschickt, sondem für sich behalten. Bald darauf wurde er eingekerkert, gefoltert und zur Wiedermfung gezwun- gen; es gelang ihm jedoch, die Urschrift seines Werkes vor den eifrigst nachforschenden Inquisitoren zu bewahren und auf irgend eine Weise in Sicherheit zu bringen, und zwar so sehr in Sicherheit, daß man sie nirgends wieder finden konnte und für vollständig verloren hielt. Es ist diese Handschrift, welche Herr Burr vor kurzem entdeckte und abschrieb. Leider enthält" sie nur die Hälfte des betreffenden Werkes, nämlich die ersten zwei je in sechs Kapitel zerfallenden Bücher nebst einem vollständigen Jnhaltsregister. Wie aus diesem Register zu ersehen ist, be- stand das ganze Werk aus vier Büchem, von denen das dritte in zwölf und das vierte in drei Kapitel und ein Schlußwort eingetheilt wurde. Hoffmtlich wird man diese beiden noch fehlenden Bücher irgendwo findm, vielleicht in Brüssel, wo der unglückliche Loos die letzten Jahre seines Lebens zubrachte und die Stelle emes Unterpfarrers an der Kirche Notre-Tame de la Chapelle bekleidete. Als er starb, war die Inquisition so eben im Begriffe, ihn zum dritten Male vor ihr Gericht zu fordern, und nur der Tod hat ihn höchst wahrscheinlich von der Folter- bank und dem Schciterhausm zur rechten Zeit gerettet. 3) Es kann also j e d e t Fachvcrein, wenn er auch nur ein- mal eine Petition an den Bundesrath oder Reichstag beschlossen, oder über das Arbeit erschuygesetz verhandelt hat, zweifellos von den Behörden als politischer Verein angesehen werden. Das desagt natürlich durchaus nicht, daß es den Fach- «reinen absolut verboten sei, sich mit politischen Angelegenheiten zu beschäftigen. Sie dürfen es überall. Sie müssen sich nur auch über die Folgen klar werden, um sich vor Schaden zu schützen. Nach den meisten Vereinsgesetzen der deutschen Staaten ist solchen Vereinen, die sich mit politischen Angelegenheiten befassen, verboten, mit ähnlichen Vereinen sich in irgend einer Art in Verbindung zu setzen. Ties Verbot be- steht in Preußen(§ 8 des Vereins- Gesetzes), B a y ern t§ 17 des V.-G.), Sachsen(§24 des V.-G.), Hessen(§ 4 des Bundestagsbeschlusses vom 13. Juli 1854), Braunschweig(§4 Abschnitt 2 verbietet das Bilden ge- meinsamcr Organe jc.), Reuß j. L.(§11 des V.-G.). In den anderen, hier nicht genannten deutschen Staaten ist es den politischen Vereinen nicht verboten, mit anderen Vereinen in Verbindung zu treten. Wenn aber ein politischer Verein in einem Lande, in dem das Verbot besteht, mit einem politischen Verein in einem Lande, wo das Verbot nicht besteht, in Ver- bindung tritt, so wird der Verein im ersteren Lande doch be- straft, im anderen natürlich nicht. Besonders diese Verschieden- heit der Gesetzgebung ist ein Fallstrick für viele Vereine gcwcr- den. Tie Leiter der Vereine in solchen Staaten, in welchen die Beschränkung nicht bestand, haben sich leider oft genug die Gesetzgebung im Nachbarlande nicht vergegenwärtigt, haben un- vorsichtig und unklug gehandelt, und Vereine verleitet, mit ihnen in Verbindung zu treten, obgleich diese es nicht durften. Tos darf nicht wieder vorkommen. Wir warnen daher die Fachvereine in den Staaten, die oben aufgezählt sind, recht ernstlich, alles zu vermeiden, was nach einer Verbindung mit anderen Vereinen aussieht und bemerken dabei, daß auch Kommissionen, sie mögen heißen wie sie wollen, beson- ders im Sinne des preußischen Gesetzes Vereine find. Man empfange auch besonders keine Abgesandten solcher Vereine oder Kommissionen in den Vereinen und lasse sie nicht in den Ver- einsversammlungen sprechen. Zu große Vorsicht ist besser als das Gegenthcil. Oeffentliche Versammlungen sollten auch nicht von Vorständen der Fachrcreine berufen werden, sondern immer von den Fachvercinen ganz geschieden sein, mit ihm nichts, am wenigsten die Protokollbücher gemeinsam haben. Ter Winter ist da. Tie Pontrjpool Tinplate Works, Blechfabrikcn in Südwoles, stellten den Betrieb ein; 800 Arbeiter drodlos.— Tas Baroger Steinkohlenbergwerk in Tort- mund kündigte 500 Arbeitern-— Auf der sonst ca. 1500 Mann beschäftigenden Werft am Reiher stieg in Hamburg schaffen jetzt nur 400, die Werft von Jürgens u. Ko.(sonst 1300 Mann) beschäftigt nur noch 350 Arbeiter. Wie herrlich offenbart sich wieder einmal die Harmonie von Arbeit und Kapital! Die Fabrikation künstlicher Blumen, die bekanntlich in S e b nitz in Sachsen ganz besonders gedeiht, entwickelt sich immer mehr. Wie das Organ der Chemnitzer Handelskammer» die„Tcutsche Jndustriczeitung" schreibt,„kommen neuerdings die deutschen Fabrikate rn derselben Vollenoung auf den Markt. als die Pariser Fabrikate dieser Branche. Was die Massen« Produktion anlangt, so fallen in Deutschland die billigen Produktionsverhältnisse ins Gewicht und find in Folge dessen die deutschen Produkte dieser Art dem entsprechend billiger. S o kann es nicht Wunder nehmen, daß der Export auch hierin im Wachsen begriffen ist." Also, weil die Ausnützung der Weiber- und Kinderarbeit in Teutschland so hoch ins Kraut geschossen ist, weil Frauen und jugendliche Arbeiter zu wahren.Hungcrlöhncn arbeiten, deshalb gedeiht die Industrie, d. h. der Fabrikant. Ter Streik in der Pcrlmuttcrvaarenfabrik von Tauber& Ehrlich, Gr. Franksurterstr. 72/73, ist zu Gunsten der Arbeiter beendet. Ter Fabrikant hat, durch das kollegiale Zusammenhalten der Streikenden sowohl wie durck die diesen vom Fachverein zugesagte Hilfe veranlaßt, sämmtliche Forderungen ohne weiteres Widerreden bewilligt. Theater. Sonnabend, den 11. Dezember. Opernhaus. Der Trompeter von Säkkinaen. Tchauspielhaus. Der Winkelschrcibcr. Vorher: WallenstenLs Lager. Tentsches Theater. König Richard der Dritte. Krtedrtch-WtlhelmstädtischeS Theater. Der Vizeadmiral. Walluer-Theater. Tie Sternschnuppe. BMorta-Theater. Viviana. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Restdenz-Theater. Georgette. Acntral-Theater. Der Waldteufel. IHellealliance-Theater. Tie scköne Helena. Walhall a-Theater. Der Vagabund. KvnigftädtischeS Theater. So find sie Alle. Aanfmann's Varietee. Spezialitäten- Vorstellung. B«erikan«Theater. Spezialitäten-Vorstcllung. Merchshalleu• Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. ltoueardia• Theater. Spezialitäten- Vor- stellung._ llMMWGg Tis-ä-ris( d. Luckauerstraße. Das von Oranienstoe 159 Yis-ä-Tis d.Luckauerstraße. Stadt-Theater (Früher Alhambra-Theater.) Wallncrtheaterstr. 1 5. Ertra-Uorstellung. Novität: Novität! Die Kutlstmegäre. Gesangsposse in 4 Akten von Hermann Freiherrn von Maltzan. Musik vom Verfasser. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Regie: Herr E. Czaschke. Vor der Vorstellung: Großes Concert,"MW ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hm. Theodor Franke. Anfang des Concetts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 70, Uhr, Sonntags 7»/, Uhr. Das Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen.___ ISden-Theater* lFrüher Louisenst. Theater.) Tresdenerstt. 72/73. Zum ersten Male in Berlin: A«ttllen-Neger-KaroWane. 14 Personen, anthropologische Sehenswürdigkeit. Wilhelm Kleiner, der stärkste Mau« Sachsen», hebt u. A. ein lebende«, 1%00 Pfund schwere» Pferd. Krvther« For est, Musikal-Clowns. f elson und Manthorn. kr. Pizarra«, Kraftturner. irge»»SaUet»»s»llschaft. 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Verschiedenes und Fragekastcn. Der Vorstand.[125» Versammlung des fachnmins ht Steintriiger KrrlikS Sonntag, den 12. Dezember, Vorm. 11 Uhr, in Scheffer'» Salon. Jnselstraße 10. Tagesordnung: Wahl eines Kasfirers zum General- fonds und weitere innere Vereinsangelegenheiten, Verschiedenes, Fragckasten. Nur Mitglieder haben Zutritt. Neue Mitglieder werden in jeder Ver- sammlung aufgenommen.[1249 Carl Wallenthin, Vorsitzender. iachv. der Marmor-«. Grsultarbtittr. Vrreinsstbung Sonntag, dm 12. d. M., Vormittags 10 Uhr- Die Kollegen werden ersucht, zahlreich zu er- scheinen. Der Vorstand.[1-1� Leihhaus-Ausverkauf Jägerstrasse gf# • I. Abthellnng.• � ißPL Jägerstrasse m LL Abthellnng. 12000 Hkibst- Uni, Willln-Valetoti 1 8000 compl. Rock- u. Jaq.-Anzügt streng modern ff. Stoffe v. 10—30 M., 5000 Damen- und Mädchen-Mantel, 2000 ff. Schlafröcke von 8 Mark an, 3000 hoch eleg. Burschen- u. Knaben-Anz-, 5000 Röcke, ff. schwarze Anzüge, Holen- Westen, Leibr-, Jaquets, Uhren, div. 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Sitzung vom 10. Dezember, 1 Uhr. Am Tische des Bundecrarbs von Boettichcr, ZZronsart von Schellendorff und Kommiffarien. Die Aufnahme der Albuminpaviev Fabriken in das Ver- zcichuiß der konzesfionsbediirftigen Anlagen wird in erster und zweiter, der Gesetzentwurf, betr. die Kontrole des Reiche- und Landeshaushalts von Elsaß- Lothringen für 1886 87 in dritter Berathung genehmigt und darauf die S v e z i a l- berathung des Reichshaushaltsetatfür 1887 88 (Verwaltung des R eichsh eeres) fortgesetzt. Abg. Richert: Im Sommer d. I. hat eine Angelegenheit, welche die Offiziere unserer Armee angeht, in weiten Kreisen großes Aufsehen und ein peinliches Gefühl hervorgerufen. Bis jetzt hat der Krieqsminister und überhaupt die Kriegsverwaltung, soweit öffentlich bekannt geworden, dazu aar keine Stellung ge- nommen. Da er auch bei der ersten Lesung des Etats fich darüber nicht geäußert hat und ich nicht weiß, ob er über die Sache unterrichtet ist oder nicht, so mache ich ihm Mittheilung von einem Zirkular, das schon in früheren Jahren zur Veröffent- lichung gelangt, zuletzt im Juli d. I. an die Offiziere der Armee versandt worden ist, und zwar im Auftrage des Vereins zur Verbreitung konservativer Zeitschriften, unterzeichnet von Herrn v. Köller-Eammin, wie ich annehme, dem Mitglied des Reichs- tags. lZustimmung des Abg. v Koller.) Herr v. Köller hat keine Veranlassung, sehr viel Rühmens von dem Zirkular zu machen, das die Offiziere der Armee zu gesetzwidrigen Hand- lungen auffordert, und ich bedauere, daß ein Mitglied des Hauses keinen Anstand nimmt, gegnerische Parteien mit solchem Fanatismus zu bekämpfen. Das Zirkular weist zunächst auf den Charakter der sozialistischen und fortschrittlichen Zeitungen hin, welche das Gift der Auflehnung gegen jede göttliche und menschliche Ordnung in die Herzen der Leser streuen, und auf die Gefahren, welche auch für die Armee entstehen könnten, wenn einmal die oppofitionellen Parteien die Mehrheit im Reichstag erlangten. Zur Bekämpfung dieser Bestrebungen habe sich der Verein zur Verbreitung konservativer Zeitschriften gebildet. Von den höchsten Führern des Heeres sei derselbe auf das Freudigste begrüßt worden, wiewohl eine Betheiligung von Offizieren an der Leitung des Vereins durch das Reichs- Militärgesetz verboten sei. Tie Offiziere sollten nur konservative Blätter lesen und ihnen allein ihre Inserate zuwenden. Was in dem Zirkular von den Offizieren verlangt wird, ist nichts anderes, als was das Wesen des Vereins ausmacht, sollen ste ja auch ausdrücklich zu Beiträgen herangezogen werden. Ebenso wie in der Presse kein Mangel an Ueberein- stimmung des Urheils über dieses Zirkular war, wird wohl schwerlich hier im Hause die Meinung gcthcilt sein, wenn es sich danim handelt, ob unsere Offiziere zur Umgehung des Reichsmilitärgesctzcs veranlaßt werden sollen. Es wäre für uns allerdings von hohem Interesse, zu «rsahren, od der Kriegsminister der Ansicht ist, daß die Würde unseres hochgeehrten Olfizierstandes durch derartige Anreizungen würde aufrecht erhalten werden können. Namentlich in diesem Augenblick, wo mnn dem Lande große Opfer für das Heer zu- Niniuthen Veranlassung genommen hat, wird fortwährend de- «nt, daß für alle Parteien das Gebiet der Armee, die unser Vaterland, Alle, ohne Unterschied der Parteien, schützt, das- jenige sei, auf dem alle Parteien zusammenstehen. Diese Armee nickt in die politischen Kämpfe hineinzuziehen, ist bisher politischer Grundsatz aller Parteien gewesen, welcher auch in dem zitirten klaren Paragraphen des Reichs- Militärgesetzes «usdwck gefunden hat. Der Abg. v. Köller scheint fich gar nicht vorstellen zu können, daß ein Offizier eine andere Mci- nung haben kann als er, daß es unter den Offizieren auch liberal denkende Männer giebt. Es ist traurig, daß wir Grund haben, uns darüber zu deschweren, daß nicht immer diejenige Unparteilichkeit in der Armee gewahrt wird, die wir zu fordern derechtigt find. Ich erinnere, welche peinlichen Eindrücke es wachte, als beim Leichcnbegängniß des Stadtver« ordneten» Vorstehers der Reichshauptstadt, deren Ver- waltung, wie auch der Militärbehörde bekannt sein wird, auch an höchster Stelle die größte Anerkennung Wunden, die Militärmusik, welche zugesagt hatte, im letzten Augenblick absagen mußte, weil sie die Erlaubmß von der Militärbehörde nicht erhielt, während dieselbe bei Festlichkeiten konservativer Vereine ohne weiteres ertheilt wurde. Je mehr oie Kriegsverwaltung, und insbesondere glaube ich dies von vom Kriegsminister, das redliche Bestreben hat, die Armee hoch «der allen Parteien zu halten, desto sorgsamer müßte darüber Bewacht werden, daß von den Militärbehörden einzelnen gegen- «der keine Parteilichkeit geübt wird. Ich habe das Vertrauen, M der Kriegsminister das Zirkular mißbilligen wird, und hoffe, daß Sie alle mit mir übereinstimmen, Protest einzulegen Iegen diesen Versuch, die Offiziere der Armee zu Slgitatorcn orr konservativen Partei herabzuwürdigen.(Lebhafter Verfall Unks.) . Abg. v. Köller: Der Appell des Abg. Rickert, nicht zu- julasscn, daß die Offiziere zu Agitatoren der konservativen Partei herabgewürdigt werden, ist vielleicht durch seine Erregtheit erklär- Uch, aber eine ganz unmotivirtc und überflüsfige Bemerkung. Der o rutsche Offizierstand läßt fich weder durch irgendeine Partei floch durch sonst etwaS herabwürdigen. Diese Insinuation weise lch NamenS des deutschen Offizierkorps zurück. Ich habe ja er» wartet, daß diese Angelegenheit, über d,e in der oppositionellen Presse ein furchtbares Geschrei erhoben worden ist, auch hier jur Erörterung kommen, und daß es gerade von Seiten des Abg. Rickert geschehen wird, der allerdings der geeignetste Red- ist, um derartige Dinge mit schönen Rederwarten aufzu- bauschen.(Zuruf rechts: Richter!) Nein, Herr Rickert versteht f* besser als Herr Richter. Die konservative Partei hat mit *« ganzen Sache nichts zu thun. Das Zirkular ist unter mei- «rm Namen und nicht unter dem der konservativen Partei in sai Land gegangen; es ist also als meine persönliche Ange- wgenheit zu betrachten. Den Angriff auf mich alS Landrath Jjt der Abg. Rickert heute hier nicht wiederholt, sonst wurde «b antworten: ich bin für meine Handlungen als Landrath Zeinem allergnädtgsten Herrn Rechenschaft schuldig und kernem Parlament. Ich bitte, mir als Landratb hier kerne Vorwurfe V machen.(Ruf links: Ist nicht geschehen!) Dreses ser der Presse gesagt, die doch in diesen Fragen mindestens •pn Ihnen beeinflußt ist. Vor mehreren Jahren ist •i« Derein zur Verbreitung konservativer Zertschmten Begründet worden, dessen Ziveck die Verbreitung von Zeit- Iwristen. Zeitungen und Flugblättem ist, welche auf dem Boden kser kaiserlichen Botschaft stehen. Der Verein bezieht fich nicht zrwa lediglich auf die dcutschkonscrvative Partei, sondern auf die -patteien, welche fich auf den Boden der kaiserlichm Botschaft Wtellt haben, und hat zur Aufgabe, denjenigen Preßerzeug- "isien entgegenzutreten, welche dieselbe bckämp'en. Derselbe ist Wo ein Desensivstoß gegen die sozialdemokratische und die ihr '«ah« verwandte deutschfreisinnige Partei.(Gelächter links.) Sonnadettd. den 11« Dezember 1886. Der Abg. Rickert meinte, der Verfasser des ZirkularS versuche die Offiziere zu Gesetzwidrigkeiten zu verleiten. Trauen Sie doch unseren Offizieren nicht ein so leichtes Pflichtbewußtsein zu. Der Abg. Rickert ist ein sehr gewandter Redner, aber jeder Versuch von ihm, die Offiziere zu Ungesetzlichkeiten zu veranlassen, würde an ihnen wie an einer Mauer abprallen. In jenem Zirkular ist nicht eine Silbe vorhanden, durch welche die Offiziere aufgefordert werden, einem politischen Vereine bei- zutreten. Zwei Offiziere, welche glaubten, in eincnr Jnattivitäts- verhältniß zu stehen, waren zwar dem Verein beigetteten, sind aber unmittelbar nachdem ihnen bekannt geworden, daß sie der aktiven preußischen Armee angehören, ausgeschieden. Andere Offiziere sind weder zum Beitritt aufgefordert, noch beigetreten. Dagegen find sie aufgefordert worden, dem Verein ihre Sympathien zuzuwenden und ihn mit ihren Mitteln hin und wieder zu unterstützen. Dadurch wird man doch nicht Mitglied; das wird man nur durch die Erklärung, daß man dem Verein beittete. Die ganze Angelegenheit ist also in ungerechtfertigter Weise von dem Abg. Rickert aufgebauscht worden. Beiträge sind mir aller- dings hin und wieder geschickt worden, und ich will die Ge- legenheit nicht vorübergehen lassen, diejenigen Herren aus der Armee, die sich fortgesetzt unserer Sache wohlwollend gezeigt haben, zu bitten, in diesem Jahre unseren Verein wieder zu unterstützen.(Beifall rechts.)#.&&&%>■ Kriegsminister Vronsart v. Schellendorff: Ich habe von der ganzen Angelegenheit nur aus den Zeitungen Kenntniß genommen. Mir ist ein solches Zirkular nicht zugegangen, noch viel weniger, wie in der Presse behauptet worden ist, nach Vereinbarung mit Herrn v. Köller oder irgend einem anderen Mitgliede des Vereins in die Welt ge- schickt worden. Für mich hatte nur der eine Punkt Interesse, daß aktive Offiziere, welche wirklich Grund hatten, üher ihre Oualität als aktive Offiziere in Zweifel zu sein, Mit- Glieder des Vereins geworden waren.— Nach dieser Richtung ist Rcmedur eingetreten, weil es sich, allerdings meiner Meinung nach, mit dem§ 49 des Reichs-Militärgesetzes nicht vertragen haben würde. Im Uebrigen, wenn die Offiziere der Armee Briefe bekommen, so kann ich wohl nicht gut dafür verantwort- (ich gemacht werden, und wenn mir ein Vorwurf gemacht worden ist, daß ich nickt in der Presse oder in irgend einer Weise Gelegenheit ergrissen hätte, zu veröffentlichen, was meiner- scits nach dieser Richtung hin veranlaßt worden ist, so erkläre ich Ihnen ganz offen, daß das Bedürfniß, seine Handlungen veröffentlicht zu sehen, ja ein sehr verschiedenartiges sein mag; bei mir besteht es nur im allerminimalsten Grade; nur wo es absolut nicht vermieden werden kann, thue ich es, sonst nicht. Wenn nun der Abg. Rickert gemeint hat, die Würde des Offizierstandes werde dadurch verletzt, daß die Herren Vorzugs- weise konservative Zeitungen in den Kasinos halten oder auf der Wache oder in einer Konditorei fordern,(Abg. Rickert: Das habe ich nicht gesagt!) so bin ich dieser Meinung nicht. Im Uebrigen bin ich sehr bestimmt der Meinung, daß der Offizierstand seine Würde ohne Erinnerung meinerseits und auch ohne Er- innerung des Abg. Rickert zu erhalten wissen wird.(Beifall rechts.) Abg. Kahser: Meine Partei kann den Tadel Rickerts gegen v. Köller nicht theilen, weil, was dem Offizier recht, den Soldaten billig ist(hört! hört! links.) Gewundert hat mich nur, daß, während man den Offizieren auf Grund des Art. 49 des Rcichsmilitärgesetzes die Teilnahme an politischen Dingen verbietet, man ihnen andererseits erlaubt, was Zivilisten ver- boten ist, vor allein die Duelle. Weiter hat mich gewundert, daß die Kriegsverwaltung den Soldaten sogar den Besuch be- stimmter Wirthschasten und Zigarrenläden verbietet, als ob diese staatsgefährlich seien. Die Annee ist nicht Eigenthum einer hestimnrten Verwaltung. Ich frage nun den Kriegsminister, was er dazu sagen wurde, wenn wir(die Sozialdemokraten) einen Beitrag von den Soldaten und Unterofsizicren verlangen würden? Würde er sich da auch nicht darum lümmem? Ich bin überzeugt, das Heer, vom Feldwebel bis zum Kriegs- rninister, würde in Aufregung gerathen, und man würde über die Stadt, wo solche Beiträge von den Soldaten ver- langt werden, den Belagerungszustand verhängen. Wir glauben, daß es keine Schande für einen Offfzrer ist, politisch zu agitiren, verlangen dann aber, daß in Bezug auf die Sol- daten mit demselben Maße gemessen werde. Ich habe dann noch an den Kriegsminister eine Anfrage zu richten. Es ist notorisch, daß der Streiks vielfach Soldaten zu Gunsten der kapitalistischen Unternehmer verwendet worden sind, so in Wesel und in Berlin in der Sittcnfeld'schen Druckerei. Auch meine Partei hat an der Wchrhastigkcit des Vaterlandes ein Jnter« esse, kann es aber nicht gutheißen, daß die Armee zu arbetter- feindlichen Zwecken benutzt wird. In München sind ebenfalls Soldaten zu gewerblichen Zwecken verwendet worden. Auf eine Beschwerde hin hat dann der bayerische Kriegsminister die Zurückziehung der Soldaten angeordnet und fich dadurch den Dank der dortigen Arbeiter erworben. Würde der Kriegs- minister ebenfalls eine destimmte Verordnung nach der Rich- tung erlassm, so würde sie auch von den übrigen obersten Kriegsverwaltungen Nachahmung finden. Die Armee ist nur dazu da, dem Lande zur Wehr zu dienen und darf nicht zu einseitigen Parteiagitationen benutzt werden, um die Arbeiter zu Gunsten der Kapitalisten zu schädigen. Abg. Dirichlet: Was den materiellen Inhalt der Aus» führungen des Herrn v. Köller bettifft, so haben Sie wohl alle den Eindruck, daß ee ihm in keiner Weise gelungen ist, irgend» wie den Eindruck abzuschwächen, dm sein Vorgehm gemacht hat(Oho! rechts), daß cS fich hier nämlich um eine offene Aufforderung zu ungesetzlichen Handlungen an die Offiziere der Armee hanvelt. Und was Ton und Form seiner Aeuße« rungen betrifft in Bezug auf die Anständigkett von Leuten, welche anderer Meinung in politischen Dingen sind, so mt» spricht dieser Ton so wenig den Gewohnheiten des bürgerlichm Kreises, dem ich anzugehören die Ehre habe, daß ich eS mir schuldig zu sein glaube, auf diesm Ton nicht weiter einzugehm. (Sehr gut! links.) Mehr interesfirt mich die Antwott deS Kriegsministers. Wenn er gesagt, die Ansprüche, welche er an das Maß der Publizität seiner Handlungm mache, seim sehr geringe, so ist das für seine Person ein durchaus berechtigter Standpunkt. Aber für ihn als Ressortchef und verantwortlichen Minister liegt die Sache doch etwas anders. Wäre wirklich das Bedürfniß nach Publizität seitens der Chefs unserer Der» waltungen ein so geringes, dann hätten sie es nicht nöthig, einm sog. WclfcnfondS in Preußen zu benutzen, und wmn hier diese Ilngelegenhcit ein derartiges Aufsehen gemacht, ob durch künst« liche Aufbauschung oder nicht, ist gleickgiltig, dann hat, glaube ich, ein Ressottchek wohl eigentlich die Verpflichtung, seine eigenen Neigungen in Bezug auf das Maß der Publizität etwas zurücktreten zu lassen und den Rücksichten, welche er als Mi- nister der Oeffentlichkeit schuldig ist, etwas mehr Spielraum zu geben. Man macht die Erfahrung, daß in den ersten Jahren nack einem Kriege daS Verhältniß zwischm Militär und Zivil absolut nichts zu wünschen übrig läßt, daß sich dann aber eine gewisse Minirarbeit geltend macht, welche allmälig zu einer 6. IahrZ« Entfremdung zwischen dem Militärstande und sehr weiten bürgerlichen Kreisen führt. Im Anfange dieses Jahrhunderts war es leider so weit gekomnim, daß man in weiten bürger- lichen Kreisen die Niederlagen unserer Armee als eine heilsame Temüthigung für ihre exklusive Haltung ansah, und zehn Jahre nach den Freiheitskriegen wurde eine Kabinetsordre Serner Majestät des Königs nöthig, um den Herren Offi- zieren klar zu machen, daß sie nicht den Bürgerstand zu brusquiren hätten. In den fünfziger Jahren trat in meiner Heimath eine geradezu unleidliche Spannung ein, und jeder Ost- prcuße hat es noch in sehr dankbarer Erinnerung, daß Se. Majestät der jetzige Kaiser damals in seiner Eigenschaft als Generaloberst der Infanterie einen Besuch in Königsberg dazu benutzte, um dem heillosen Unwesen, welches in der ganzen Division dadurch eingerissen war, daß der Kommandeur der- selben sich vielmehr als Politiker wie als Militär fühlte, ein Ende zu inachen. Leider hat sich auch jetzt wieder eine Wand- lung vollzogen, welche keineswegs unseren gemeinsamen Interessen entspricht. Es ist sehr ungeeignet, gerade jetzt poli- tische Verhältnisse in die Armee zu tragen, wo man eine so starke Verinehrung derselben anstrebt, und die Stellung als Offizier denjenigen zu verschließen, welche das Unglück gehabt haben, in der Wahl ihrer Eltern nicht vorsichtig genug zu sein. In dieser Beziehung möchte ich dem Herrn Minister zwei Fälle mittheilen, ohne ihn persönlich dafür verantwortlich zu machen, well er sie vielleicht nicht gekannt hat. Der erste Fall betrifft einen jungen Mann im Regierungsbezirk Gumbinnen, dessen Vater, ein hochgeachteter Domänenvächter, liberale Anschauungen hatte. Der junge Mann wurde vor Ablauf seiner Dienstleistung von dem betreffenden Regimentskommandeur nach seiner politischen Gesinnung gefragt und wie er sich bei den nächsten Wahlen verhalten würde.(Hört! hört! links.) Mit einem Takte, wie es von so jungen Leuten nicht immer zu verlangen ist, antwortete er: Ich bin zu jung, um mir darüber eine fest- stehende Meinung gebildet zu haben; sollte ich aber einmal mir eine eigene Meinung bilden, so glaube ich, daß mir die Autorität meines Vaters höher stehen wird, als irgend eine andere. Darauf erhielt er die Antwort: Dann kann ich Sie nicht brauchen. Erst nach langer Zeit erhielt der junge Mann seine Oualifikation zum Offizier, und obwohl bereits eine Reihe von Jahren vergangen ist, ist es absolut nicht möglich gewesen, den Bezirkskommandeur des Landwehrbattaillons zu Goldap dazu zu bewegen, den Betreffenden zur Wahl zu stellen. Der zwelle Fall betrifft einen älteren Landwehroffizier. Dieser Herr gehörte von jeher der Fortschrittspartei an. Nebenbei bemerkt, gehörten dieser Partei die große Mehrzahl der ostpreußischen Landwehroffiziere an.(Widersprich rechts.) Dieser.Herr gehötte auch in seinen Zivilvcrhältnissen dem liberalen Wahlkomitee an. In dieser Eigenschaft wurde er von dem Regierungspräsidenten von Gumbinnen in einer Weise angegriffen, welche der Kritik im preußischen Ab- geordnctenhausc unterlag, und es ist eine gewisse Remedur eingetreten. Er hat nun eine Schrift bezüglich seiner Recht- fertrgung und Verhaltens gegenüber dem Regierungspräsidenten mitunterzeichnet. Wenige Tage nachdem erschien diese Publi- kation erschien, erhielt er die Aufforderung, seinen Abschied ein- zureichen. Damals herrschte schon die Spannung mit Rußland und er antwortete daher: Er fühle sich körperlich gesund und geistig frisch und hielte es daher für eine Pflichtvergessenhcit, unter diesen Verhältnissen seinen Abschied zu nehmen. Er wurde nochmals aufgefordert und erhielt kurze Zeit darauf den schlichten Abschied. Ich will den Kriegsminister nicht dafür verantwortlich machen, weiß auch nicht, wie weit er die Fähig- kell hat, Remedur eintreten zu lassen. Ich darf aber nicht ver- hehlen, daß ein derartiges Vorgehen, die Söhne von Mitglicdrcn einer größeren politischen Pattei im Lande direkt vom Offizier- stände auszuschließen, nicht dem Wesen derjenigen Jnsti- tutionen entspricht, deren wir uns seit einem Jahrhundert zu erfrepen haben. Abg. Rickert: Nachdem der Abg. von Köller nur für seine Person gesprochen, schwindet für mich vollständig das Interesse, mich weiter mit ihm zu beschäftigen. Ich habe nur ein Bedürfniß, dem Kriegsminister zu antworten. So lebhaft ich feine Erklärungen bedauere, so freue ich mich, daß er offen mit der Sprache herausgekonrnien ist. Diese kleine Verhandlung wirft ein Helles Schlaglicht auf die ganze Situation. Wir haben die Absicht gehabt, die Armee vor politischen Agitattonen zu bewahren. Der Kriegsminister hat keine Veranlassung, hier diesen Standpunkt zu wahren. Im Gegentheil, er spricht darüber, ob dieses Zirkular einen Versuch bildet, die Offiziere zu gesetzwidrigen Handlungen zu bewegen, gar nicht; er scheint also implioite der Meinung zu sein, daß dieses Köller'sche Zirkular die Offiziere zu vollständig zulässigen Handlungen auffordert. Nun, dann haben wir ja über die ganze Sache nicht weiter zu diskutiren. Herr Kayscr hat ganz Recht: waS den Konservativen recht, ist den Sozialdemokraten und anderen Parteien billig. Jetzt kann die Armee zum Schau» platz aller politischen Agitationen gemacht werden. Wir bc° streben uns. sie davor zu bewahren, der Kriegsminister ist anderer Meinung, mag er auch verantwortlich für die Folgen sein. Kriegsminister Vronsart v. Schellendorff: Meine Herren, ich vrotestire auf das allerentschiedendste dagegen, daß in meinen Motten irgendwie die Zuläsflgkeit eines Zustandes gefunden werden könnte, welchen der Herr Abgeordnete hier eben damit charattcrifltt hat, daß er gesagt hat, drc Armee solle zum Schauplatz aller politischen Agitationen gemacht werden. Nein, meine Herren, die Armee soll nie ein Schauplatz politi- scher Agitationen werden. Im übttgen habe ich in meiner früheren Erklärung weiter nichts gesagt, als daß an der Stelle, wo ein offenbarer Verstoß, wöttlich genommen also, ein offen- barer Verstoß gegen das Gesetz vorlag, daß Remedur eingetreten ist. Ich halte meine Erklärungen vollständig aufrecht, daß es weder entwürdigend für den Offizier, noch unpassend ist oder auch nur irgend eine Zulassung der Vermuthung, als ob die Armee ein Tummelplatz politischer Leidenschaften werden sollte, wenn ein einzelner Offizier sagt, wenn er in eine Konditorei kommt: Vllte, geben Sic mrr die und die Zeitung. Das ist das, waS von Herrn v. Köller oder von dieser Pattei den Herren empfohlen worden ist. Also selbst wenn sie es thun, ebenso wenn sie in den Offfziettasinos oder auf der Wache eine solche Zeitung holten. Meine Herren, die politische Neutralität, die fich äußerlich ber allen Gelegenheiten dokunientiren soll, wird dadurch meiner Meinung nach gar nicht verletzt, wenn vielleicht der Offizrer mrt Vorliebe konservative Zeitungen liest. Meine Herren, ich spreche es hier nebenbei ganz offen aus: Machen Sre doch mcht immer den Unterschied der Armee gegen» über zwischen konservativ und liberal, sagen Sie lieber regie- rungsfreundlich oder oppositionell, und sagen Sie: scharf oppositionell. Wenn Sie die Zeitungen der deutschfrcisinnigcn Patter lesen, so werden Sie finden, daß die Zustünde, wie sie in der Ann« seit langer Zeit existitt haben, und wie sie, so Gott will, noch lange existiren werden, zuweilen in einer höchst unangemessenen Weise angegriffen werden, und daß die& natürlich in viel höbcrem Maße gilt von den Zeitungen der sozialdemokratischen Partei. Meine Herren, wenn die sozial- demokratische Partei Versuche macht, die Zeitungen_ in die Kaserne zu bringen, so wird dadurch meiner Meinung nach die Disziplin in allerhöchstem Maße ge- fäbrdet, und wenn der Herr Abg. Rickert vorhin zu allen Ileus erungeu des Herrn Abg. Kayser— ich weiß nicht Dr. Kayser oder nur Kayser,(Zuruf: Kayser) also blos Kayser; ich möchte nichts verabsäumen, dem Herrn gegenüber in Bezug auf seine Würde— wenn also der Herr Abg. Rickert da immer sehr vernehmlich:„hört, hört" gerufen bat, und den Einfluß, den eine konservative Zeitung auf die Armee haben könnte, und die Verbreitung konservativer Anschauungen auf eine Stufe stellen will mit der Verbreitung sozialistischer An- schauungen, dann ist er doch gewaltig im Jrrthum, und wir werden ganz entschieden dafür sorgen, daß sozialdemokratische Zeitungen in der Armee keinen Eingang finden im Interesse der Disziplin; und ein Offizier, der etwa der sozialdemokratischen Partei angehörte, ja, meine Herren, ich glaube, Sie sind auch der Meinung, daß dies ein unmöglicher Standpunkt ist.(Zu- ruf links.) Ich habe nicht verstanden,— es war ein Zwischen- ruf; ich bin bereit zu antworten jeden Augenblick.(Kurze Pause.) Also es ist nichts. Dann hat der Herr Abg. Kayser von einer Betheiligung von Soldaten bei den Streiks im Interesse kapitalistischer Personen oder Assoziationen u. s. w. gesprochen. Er hat zwei Fälle erwähnt. Der eine Fall betrifft Wesel. Meine Herren, es ist ganz richtig, daß durch den nächsten Truppenbefchlshabcr dies ge- stattet worden ist; es ist aber sofort Remedur eingetreten durch den kommandirenden General. Das kann gar kein Gegen- stand der Klage im Reichstage werden, wenn durch die vorgc- setzten militärischen Instanzen Remcdur eintritt. Was den zweiten Fall anbelangt, so ist er mir nicht bekannt, aber der Herr Abgeordnete würde vielleicht die Güte baden, wir zu sagen, wie lange und wie viel Leute in dieser Sittenfeld'schen Druckerei gearbeitet haben. Im Allgemeinen besteht in der Armee der Grundsatz, und er ist, glaube ich, auch richtig, daß im Falle, wo Streiks eintreten, von Seite der Armee nur nachgeholfen werden darf, in einem ganz bestimmt vorliegenden öffentlichen Interesse, und das, glaube ick, wird auch nicht be- stritten werden köirnen. Setzen Sie z. B- den Fall, es ist irgendwo ein Dammbruch, und die betreffenden Arbeiter be- nutzen die Gelegenheit der Roth, um die Preise hinaufzu- schrauben, so würde es meiner Meinung nach sehr richtig sein, wenn von der Armee in diesem Falle Hilfe geleistet würde, ebenso bei Feuer und dergleichen un- angenehmen Naturereignissen. Nun, meine tzerrsn, komme ick zu der Rede des Herrn Abg. Dirichlet. Ich glaube, er hat vom Welfenfonds gesprochen. Meine Herren, mir steht kein Pfennig davon zur Verfügung, zu meinem großen Be- dauern, weil ich ja vielleicht, wenn auch nicht für die Presse, aber anderweitig davon Gebrauch machen könnte. Ich möchte also bitten, daß die Betrachtung ausscheidet. Wenn er nun meint, ich wäre zur Veröffentlichung von Verfügungen gewisser- maßen durch mcme amtliche Stellung genöthigt, so erkläre ich Ihnen, meine Herren, daß ich auch in der Beziehung das Mini- nium dessen, was nur überhaupt darin geleistet werden muß, für meine Stellung als das Richtige halte. Ich halte mich nur nicht für verpflichtet, in jedem Falle, wo irgendwo etwas ge- schicht, was man für ungehörig hält— ob mit Recht oder Un- recht— jedesmal mit großen Zeitungsartikeln zu antworten. Meine Herren, das wäre auch eine über meine Kräfte hinaus- gehende Ausgabe; ich würde in diesem Falle z. B. in meinem Etat mir ein'ge besondere Räthe dafür halten müssen, Leute, die dazu hingesetzt werden, um jeden Angriff auf die Militär- Verwaltung abzuweisen. Ich ignorire diese Angriffe, insofern sie nicht positvc Beleidigungen einzelner Personen und Behörden en halten, die zu vertreten ich verpflichtet bin. Ter Herr Abgeordnete hat dann von dem Verhältniß zwischen Militär und Zivil gesprochen. Er hat mich gütiger« w isc nicht verantwortlich gemacht für Zustände, die vor meiner Geburt liegen(Heiterkeit), ist aber doch allmälig auch auf Zu- stände der neueren Zeit gekommen und namentlich auch schon auf Zustände, die vielleicht, wenn sie auch meine amtliche Ver- antivortung gar nicht betreffen, doch in meinem Gedächtniß sein werden. Da, meine Herren, möchte ich denn doch hier sagen, wenn der Herr Abgeordnete bezüglich des— ich kann oen Namen wohl nennen— Generallieutcnants v. Plehwe die Meinung ausgesprochen hat, daß derselbe seiner Zeit als Kom- mandeur der 1. Division mehr Politiker als Soldat gewesen wäre, daß diese Auffassung eine ganz unbegründete und un- richtige ist. Herr von Plehwe ist ein ausgezeichneter Offizier gewesen, ein Mann, der mit Aufbietung aller seiner körperlichen und geistigen Kräfte den militärischen Zustand seiner Division gefördert hat und der, insoweit er auch zuweilen politische Aeußerungen u. Vgl. gethan hat, jedenfalls nie den Ehrgeiz besessen hat, eine Hauptrolle als Politiker zu spielen und sie auch thatsächlich nie gespielt bat. Meine Herren, ein Äenerallieutenant, der in dem Alter— er wird sich Rütte der Secksziger befunden haben,— seinen Dienst so auf- saßt, daß er nicht einmal, sondern mehrmals von Königsberg nach Pillau bei Frost und schlechtem Wetter hin- und zurück- geritten ist, um Truppeninspizirungen vorzunehmen, der verliert auch schon auf diesen Ritten— die im klebrigen Ihnen den Begriff von seiner vollen Felddienstfähigkeit geben,— die Zeit, sich noch viel und ganz besonders mit Politik zu beschäftigen. Daß der Gencrallieutenant v. Plehwe sehr sorgfältig bemüht gewesen ist, denjenigen Geist auch in der Provinz zu beben, den er für den richtigen gehalten hat, nämlich den Geist des Vertrauens dazu, daß das, was der König sagt, das Richtige ist, das verdenke ich ihm nicht und das wird ihm nie ein Ofsi- zier in der Armee verdenken.(Lebhaftes Bravo! rechts.) Nun, meine Herren, der Herr Abgeordnete hat davon gesprochen, daß in neuerer Zeit, also nachdem wir uns etwas von den Kriegs- zeiten entfernt haben, das Verhältniß zwischen der Armee und der Zivilbevölkerung ein weniger gutes geworden ist.— Meine Herren, ich komme ja doch auch mit vielen bürgerlichen Kreisen in Berührung, und ich kann nur sagen, ich habe eine derartige Empfindung gar nicht(sehr richtig! rechts); indessen, ich habe sie vielleicht doch in einem Sinne, daß unser Verhältniß nicht ein so ganz günstiges ist, nämlich insoweit es sich um Bewilligung für den Militäretat handelt. Das ist ganz sicher, meine Herren, daß nach dem Kriege Sie mit vollerer Hand sich einverstanden erklärt haben mit den Forderungen der Militärverwaltung und daß gewiß auch darin ein gewisses Ueberwiegen des Gefühlsmomcnts über die ganz kalte und kühle Berechnung, die Sie vielleicht anzulegen jetzt mehr geneigt sind, sich zeigte. Aber ich bin der Meinung--(Zwischenruf links).— Ich habe nickt ver- standen.(Abg. Rickert: Ich meinte, das wäre nicht richtig.)— Nicht richtig?(Abg. Rickert: Nach Jbrer eigenen Tabelle!)— Meine Herren, es handelt sich ja nicht darum, daß Sie heute mehr bewilligen als damals, sondern es handelt sich darum, in welchem Verhältniß Sie den Militär'ordeiungen entgegen- treten gegen früher. Nun, meine Herren, wenn aber wirklich der Herr Abgeordnete Reckt haben sollte, wenn wirklich das schöne Verhältniß, welches er selbst hervorgehoben hat, nnmittelbar nack dem Kriege von 1670—71 nicht in dem Maße mehr bestehen sollte, an wem läge denn da die Schuld? Ist denn hier von ihm auch nur ein Schatten des Beweises beigebracht worden, daß ein solcher in seiner Allgemeinheit doch bestehender Zustand, wie er ihn charakterisirt hat, irgendwie Schuld der Offiziere, Schuld der Armeeverwaltung oder der« aleichen mehr ist? Nicht den Schatten eines Beweises hat er da- für gebracht. Er hat zwei Fälle genannt. Meine Herren, der eine Fall ist mir absolut unbekannt; das ist der mit dem jungen Manne, der immer noch nicht zur Wahl gestellt werden kann. Ich würde ja dankbar dafür sein, wenn sertens der zunächst be- i theiligten, derjenigen Personen, die Interesse daran haben, die Sacke an gehöriger Stelle zur Sprache gebracht würde, so daß man den Sachen näher treten kann; heute, auf bloße An- führung des Herrn Abg. Dirichlet kann ich dock gar kein Urtheil aussprechen. Der Herr Abgeordnete ist selbst persönlich von der Sache nickt betroffen, und man findet ja auch, daß zu- weilen Leute, die persönlich von der Angelegenheit betroffen find, doch eine irrige Meinung von derselben haben, auch selbst in that- sächlicher Beziehung; das sehen mir ja alle Tage. Was nun den zweiten Fall anbetrifft, so ist er mir allerdings genau auch nicht in der Erinnerung, und ich kann nicht sagen, ob er identisch ist mit demjenigen, den der Herr Abgeordnete hier hervorgehoben hat. So weit ich mich entsinne, lag der Fall vor, daß ein Offizier des Beurlaubtenstandes einen in der Form höchst unangemessenen öffentlichen Aufruf, welcher seine Spitze gegen einen hohen Regierungsbeamten kehrte, mit unterschrieb, und zwar, wozu gar keine Veranlassung war, mit seinem Charakter als Offizier. Meine Herren, wrr sind der Meinung, daß auch die Positionen im Bcurlaubtenstande den betreffenden Herren gewisse Pflichten auferlegen, wenn sie auch durch das Gesetz nicht vorgeschrieben find. Wer diese Pflichten verletzt, und dahin gehört, daß, wenn man als Offizier den höchsten Beamten der Zivilverwaltung öffentlich und ohne persönlich dazu besonders genöthigt zu sein, angreift, daß ein solcher Offizier eine Stellung in der Armee nicht mehr behalten kann. (Bravo! rechts,) Abg. Richter: Ter einzelne Fall ist mir zu wenig bekannt, doch kommt es in Betracht, daß die Stellung als Offizier sich nicht mit der ganzen Persönlichkeit deckt, daß Jemand, wenn auch Landwebroffizier, Reserveoffizier ist, daneben als er Staatsbürger gewisse Rechte und Pflichten hat, und daß diese nicht dem Standpunkte eines Sckondelieutenants der Reserve und Landwehr untergeordnet werden dürfen. Wenn der Herr Kriegsminister meinte, unmittelbar nach dem Kriege sei hier mehr entgegengekommen, so ist ihm schon dazwischen gerufen worden, daß gerade in den Friedensjahren die Bewilligungen des Hauses fich erhöht haben.(Sehr richtig! links.) Die laufenden Militärausgaben find seit 1872 von 272 Millionen auf 346 Millionen Mark erhöht worden. Ter Herr Kriegs- minister meinte zuletzt, es komme ihm nicht nur auf das Geld, sondern auch auf die begleitenden Reden an. Ich weiß nicht, worauf er da gespitzt hat, aber ich kann nur sagen:„Es schallt aus dem Walde so heraus, wie man hineinruft", und viel kommt auch auf die Tonart an, in welcher der Herr Kriegsminister zu dem Parlamente spricht. Ich will nur hervorheben, welchen Unterschied wir empfunden baben, als an der Stelle des Herrn von Roon Herr v. Kameke die Militärangclegcnheiten in diesem Hause vertrat. Tann hat der Herr Kriegsminister eine allgemeine Bemerkung über die freifinnige Presse gemacht. Ich widerspreche dem, daß es eine Eigenthümlichkeit, ein Charakterzug der freifinnigen Presse sei, Einrichtungen der Armee herabzuziehen, die Armee als solche in ihren Einrichtungen nicht gebührend zu achten und zu schädigen. Das ist durchaus nicht der Fall.(Lachen rechts.) Herr von Köller, auf Sie komme ick nachher noch besonders! (Heiterkeit. Herr v. Köller: Das wird mich freuen!) Die frei- sinnige Presse würde dem Volke selbst zuwiderhandeln und sich dadurch schädigen, wenn sie das, was volksthümlich ist und was mit Recht geachtet und geehrt wird, herabsetzen wollte. Nein, die freisinnige Presse belämpft Mißstände und Unvoll- kommenheitcn in den Heereseinrichtungen und weist im ein- zelnen Falle darauf hin. Das ist ihr Reckt und ihre Pflicht, zumal die konservative Presse es fich zur Aufgabe macht, alle jene Mißstände zu beschönigen. Nichts wäre verkehrter für unser Militär, als wenn es keine Kritik militärischer Einrichtungen in der Presse gäbe. Wodurch kam das siegreiche Heer Friedrichs des Großen unmittelbar darauf so herunter? Dadurch, daß man in Hochmuth, Verblendung und Stolz auf die Siege Alles im Heere für unfehlbar und unübertrefflich hielt, und ehe man sich's versah, wurde man schmählich bei Jena und Aucrstädt geschlagen.(Sehr richtig! links, Lachen rechts.) Das ist dieselbe Klaffe der Gesellschaft, die vor 1806 ein ähnliches Selbstbewußtsein zur Schau trug bezüglich der militärischen Einrichtungen, wie es jetzt aus dem Lachen des Herrn v. Koller herüberschallt.(Zuruf rechts: Geschichte schwach!)— Ach, Herr v. Köller, Sie meinten wohl Ihre ganze Persönlichkeit mit der Zwischenbemerkung?(Heiterkeit lmks.) - In der Erklärung des Kricasministcrs ist mir aufgefallen, daß er allgemeine, abstrakte Urthcile abgegeben hat, das Heer solle nickt zuni Tummelplatz politischer Leidenschaften gemacht, keine Agitation hineingetragen werden; über das, worauf es hier praktisch ankommt, hat er vermieden, ein Urtheil zu fällen. Das sage ich dem Herrn Kriegsminister! Wenn das Zirkular nicht unter die Rubrik„praktische Agitation in die Armee tragen" fällt, wenir es von anderer, nicht einmal blos von der sozial- demokratischen Seite nachgeahmt wird, dann heißt das in der That, die Armee zum Tummelplatz politischer Agitationen machen.(Sehr wahr! links.) Wenn die Offiziere ein persön- liches. privates Interesse haben, in den Konditoreien konserva- tive Zeitungen zu lesen, dann brauchen sie darauf nicht erst durch Herrn v. Köller aufmerksam gemacht zu werden. Nein, es handelte sich dämm, die konservative Presse in ihrer Allge« meinheit durch Geldbeitrüge zu unterstützen, im Interesse der Parteirichtung des Herrn v. Köller diese Zeitungen zu unter- stützen, das heißt das Lffizicrkorps in den Parteistreit un- mittelbar hineinziehen. Thatsächlich mag sich ja zuweilen konservativ und liberal mit regierungsfreundlich und oppositionell decken; es hat Zeiten gegeben— man braucht blos an gewisse Aeraattikel der.Freuz-Zeitung" zu denken(sehr gut! links)— wo der Reichskanzler ausführte, daß sei eine so verächt- licke Zeitung, daß alle anständigen Leute fich vereinigen müßten, um eine solche Zeitung in ihrem Leserkreise möglichst zu verringern(Widerspruch rechts)— ja wohl, hier im Reichs- tage war es, im Jahre 1876.(Zwischenruf rechts.) Seitdem hat fich die„Kreuz-Zeitung" nicht geändert, nur der Reichs- kanzter.— Aber ich kann mir auch einen anderen Zustand den- ken, wo„konservativ" und„Regierung" fich durchaus nicht decken, sondern wo umgckchtt eine liberale Rcgiemng ein- schließlich eines liberalen Kriegsministers am Ruder ist und die Konservativen sich in der Opposition befinden. Sollen dann jene Zirkulare des Herrn v. Köller unterbleiben und solche von unserer Seite zuläsfig sein? Soll das Offizierkorps dann ebenso liberal in seinem politischen Auftteten lein, wie man jetzt für richtig hält, daß es konservativ auftritt? Das heißt doch dem Lsfizrcrkorps zumuthen, mit dem Wechsel des Ministeriums seine politische Gesinnung zu wechseln, das Allcrschlimmste, waS pasfiren kann! Soll etwa mit der Majorität dieses Reichstages — und dieselbe wird in Zukunft maßgebend sein für die Richtung der Regierung— auch das Offizierkorps in seinen politischen Ansichten wechseln? Gerade Ihr System führt das Offizierkorps unmittelbar in die politische Agitation hinein, und wir sind es, die im Interesse des Offizierkorps, un- sercr Staatseinrichtungen überhaupt, erklären: möglichst ohne Rückficht auf einen kleinen Vortheil augenblicklichen Patteiinter- rffes das Heer und den Staat davor bewahren zu wollen. (Sehr gut! links.) Auch Herr v. Köller hat eine mir nahe- stehende Zeitung erwähnt. Darüber ein- für allemal einige Bemerkungen. Es ist mir gar nicht unangenehm im Interesse der Verbreitung einer jungen Zeitung, wenn die Herren rechts und die Minister sie recht oft erwähnen, auch in tadelndem Sinne; aber es frappirt mich doch, daß sie heute wieder in die Debatte gezogen wird, nachdem in der Budgetdebatte Herr von Maltzahn-Gülv hervorgehoben hat, wie falsch es sei, und wie sehr es dem Charakter unser Verhandlungen widerstrebe, wenn man sich von der einen oder der anderen Seite auf Zeitungen beriefe; während es unsere Aufgabe sei, Minister und Regierung verantwortlich zu machen, gerathe man auf den Abweg, Zeitungsartikel zu diskutiren. Diese Ansicht thelle ich vollständig und grundsätzlich; wenn nun derselben entgege« Herr v. Köller doch auf Zeitungsartikel Bezug nimmt, so be» weist mir das, daß die Zeitung ins Schwarze gcttoffen und dadurch natürlich den Zom jener Herren erregt hat. Ich habe persönlich veranlaßt, daß das mir persönlich zugeschickte v. Köllcr'sche Zirkular zum Abdruck gelangte, will aber jetzt doch nicht verhehlen, daß ich der Redaktion der„Freifinnige» Zeitung" die Vorhaltung gemacht habe, daß sie nach de« Abdruck des Zirkulars Herrn v. Köller fortgesetzt in einer Weise behandelt habe, welche an Umfang ganz außer Ver- hältniß stände zu der politischen Bedeutung des Herrn v. Köller selbst.(Heiterkeit links.) Die Redaktion hat mir darauf erwidett, daß in der Sauregurkcnzeit selbst Herr v. Köller als Lückenbüßer sehr wohl zu vcrwcrthen sei(Heiter- keit links), und das die sottgesetzte Beschäftigung mit ihm also wohl zu entschuldigen sei, sie hat mir aber versichett, daß das künstig nicht vorkommen solle.(Heiterkeit.) Wenn also künftig von Herrn v. Köller lange Zeit in der „Freisinnigen Zeitung" nicht die Rede sein sollte, so bitte ich Herrn v. Köller, das nicht übel zu nehmen; es wird dann nur der Umfang der Besprechung auf das Niveau seiner politischen Bedeutung zurückgeführt.(Große Heiterkeit und sehr gut! links.) Kttegsminister Bronsart v. Cchellendorff: Nach de« historischen Rückblick des Herrn Richter, an den fich doch auch wohl eine Parallele mit der Gegenwatt schloß, war die Nieder- läge der preußischen Armee im Jahre 1806 wesentlich dadurch verschuldet, daß damals nicht schon eine Presse der Pattei, der er angehört, bestanden hat(Rufe links: Davon hat er nicht gesprochen!), nicht die Presse, aber doch die Sacke,— durch welche die öffentliche Aufmerksamkeit hinlänglich aus die Miß- stände der Amree hingelenkt worden ist, die in stolzer Sicherheit in ihr Unglück gerannt sei. Die Konsequenz davon würde sein, daß wir die Siege von 1870—71 wesentlich den Anstößen und Anregungen derjenigen Presse verdanken, welche unausgesetzt bestrebt gewesen ist, in der Zeit vorher die Grundlagen der Orgo- nisation und Einrichtungen unserer Armee als ganz falsche und schädliche hinzustellen. Kann in der That die Presse, von der die Rede war, das Verdienst in Anspruch nehmen, uns auf den richtigen Weg geleitet zu haben? Ter Herr Abgeordnete hat dann gesagt, das sei doch von mir eine wunderbare und für die Zukunft gar nicht aufrecht zu erhaltende Anforderung, daß das Offizierkorps im Wesentlichen an einer die Regierung günstig beuttheilenden Presse mehr Gefallen finden müßte als an einer, die in grundsätzlicher Opposition zur Regierung steht; wie, wenn die Sacke sich einmal umkehrte und wir einmal eine Regierung dieser Partei einschließlich eines liberalen Kriegs- Ministers bekämen, sollte dann von den Offizieren verlangt werden, daß sie ihre politische Meinung umkehren? Die voli- tische Meinung des einzelnen Offiziers kommt nicht in dem Maße in Bettacht, wie Herr Richter es zu meinen scheint. Das Sprich- wort,„Gedanken sind zollfrei", gilt auch heute von Jedermann; aber eine andere Sache ist es doch, ob es sich für einen Offizier ziemt, die der Regierung entgegenstehenden Patteien, mögen es nun konservative oder liberale sein, gewissermaßen als die seinige zu bezeichnen und überhaupt mit seinen politi- schen Gesinnungen hervorzutreten.(Rufe links: sehr nchtig! Das wollen wir ja!) Gewiß, meine Herren, darum handelt es fich eben, daß wirklich der Offizier fich gegenüber oppofitio- nellen Patteien unter keinen Ilmständen öffentlich zustimmend verhält, so daß daraus geschlossen werben könnte, er stimme ihnen zu, während die Überzeugung ein Glaubenssatz unseres Offizierskorps ist und unserer persönlichen Stellung zum Könige entspricht, daß das, was der König will, das Beste ist.(Bn- fall rechts.) Abg. Dirichlet: Ich will mich über den Charakter des Ge- nerals v. Plehwe mit dem Herrn Kriegsminister nicht in ein« Diskussion einlassen. Was ich über die politische Thätigkeit d� selben mitgetheilt, ist historisch festgestellt. Wenn auch ein guter General gewesen ist, so muß er ein Unwersal- genie gewesen sein, denn als politischer Agitator suchte derstwe seines Gleichen. Ter Herr Kttegsminister ist nur auf einen der von mir angefühttcn Fälle eingegangen. Es handelt fick bei demselben nicht um ein gänzlich unprovozittes Schreiben, sondern um eine Antwort auf eme grobe Verdalinjutte eine» sehr hochgestellten Rcgierungsbeamten, niedergelegt in öffent- lichen Dokumenten. Ob der Betreffende seinen Bttef wn dem Vermerk:„Reserveoffizier" unterzeichnet hat, wn» ich nicht, doch kann das wenig in Betracht kommen in einer Zeit, wo der Titel'„Reservelieutenant" bn allen öffentlichen Bekanntmachungen in den Vordergruno gestellt zu werden pflegt. Was meine andere Behauptung betrifft, so ist es wohl zutteffend, wenn ich bemerkte, daß>n nonnalen Verhältnissen die guten Beziehungen zwischen Muu® und Zivil in dem Maße leiden, als das Bewußlsein des glercken Wirkens gegen einen gemeinsamen Feind zurücktritt. Abg- Richter hat nicht behauptet, daß die Niederläge von Jena er- folgt sei, weil wir keine freifinnigen Zeitungen gehabt,»r hat nur darauf hingewiesen, daß eine gewisse Verknöckerung einzutreten pflegt, wenn nach großen Erfolgen sick sc» gesteigetteS Selbstbewußtsein bemettbar macht, welches em- öffentliche Kontrole nicht zuläßt. Die Angttffe der freisinnigen Presse haben sich niemals gegen die Grunv- institutionen der Armee gerichtet, dieselbe hat vielmehr darüber gewacht, daß diese Grundinstitutionen in de» Weise werter entwickelt werden, wie das der allgemeinen Weh" pflicht entspttcht. Abg. v. Köller: Herr Richter hat die ganze Frage wredet auf das persönliche Gebiet hinübergespielt; ich will desbald nur einige Punkte berichtigen. Es handelt sich für unseren Der ein nur darum, die freisinnige und sozialdemokratische Prel� an die Wand zu drücken. Ich habe mrch auch nicht mit tungen hier beschäftigt, ich habe nur meine Entrüstung daruv� ausgesprochen, wie in einzelnen derselben, so in „Freisinnigen Zeitung", begründet von Eugen Rrd% oie Thatsachen entstellt werden. Herr Richter»a heute Andeutungen gemacht, als ob die Anschauungen o» freisinnigen Pattei auch von Offizieren gethcilt wurden- gch behaupte, daß in der ganzen Armee auch nicht ein ernzw. fstzier ist, welcher den Grundsätzen der Herren Richter u Liebknecht huldigt.(Lachen links. Beifall rechts.) 4; Abg. Richter pflegt fich dann immer mit meiner Person f&JL, schäftigen, wenn andere Geschütze nicht mehr ziehen,(�j®, Heiterkeit.) Ich nehme die Versicherung, daß vre„FreG"" � Zertung sich fottan mit meiner Person wenig veschastrp. werde, mit Dank an. Ich kann an politischer Bedeutung*, «NMr gewinnen, wenn ich in der„Freifinnigen Zeitung"� 6 Monate gar nicht genannt' werde.(Lachen links.) Attaquen, die auf mich geschehen find, haben mir einen m rrnirhtAPii flftrihriirf fonttUCU ttlit DOt, iDlf de- würdigen Eindruck gemacht; fie im Felde der schneidige Angttff eines Reiterre> nicht mit Zündnadelgewehtteuer, sondem mit Steinwütteu antwortet wird. Das Kapitel wird bewilligt.. Beim Kapitel Remonteankäufe fwsst* ver Dirichlet an,'ob das Gerücht, daß es in der Abfiel Militärverwaltung liege, aus Sparsamkeitsrückfichten da» monteankaufsgeschäst an Stelle der bishettgm Rcwom' � Missionen ad hoc kommandittcn Offizieren zu tragen, begründet sei. Die Rentabilität des Pferdezu�-�- für Remontezwcckc ist abhängig von der Stabilität dcrungen. Die nur ad hoc kommandittcn Offiziere w" y, von den Verhältnrssen der einzelnen Bezirke nicht genug Kenntniß erhalten._ � einzelnen Bezirke Kttegsminister Bronsart v. Cchellendorff: SZÄS-BAkASS- «icfit in der Absicht der Verwaltung. Einen häufigeren als den naturgemäßen Wechsel und Abgang eintreten zu lassen, liegt nicht in unserem Interesse, vielmehr empfiehlt es sich schon aus Lckonomie, daß die Herren sich möglichst lange in einem Bezirk bewegen, seine Züchungsvcrhältnisse kennen lernen und einen günstigen Einfluß auf dieselben üben. Das Gerücht wird dadurch entstanden sein, daß ich Herren, die im Winter hier zu wenig zu thun hatten, jetzt anderweit dienstlich ver- wenden will. Abg. Dirichlet konstatirt demgemäß, daß das erwähnte Gerücht grundlos ist. Das Kapitel wird dewilligt. Die übrigen Kapitel des Militäretats, soweit sie nicht der Budgetkommisflon überwiesen werden, werden ohne Debatte bewilligt. Es folgt der Etat des Reichstages. In demselben werden dem Bibliothekar und dessen Assistenten Gehaltszulagen von 900 M. bezw. 600 M. bewilligt; im Entwürfe waren nur Zulagen von 600 bezw. 300 M. vorgesehen. Der Etat des Reichstages wird bewilligt. Nächste Sitzung Montag 1 Uhr.(Antrag Reichens- pcrger, betr. das Duell, und Anträge Lieber, Hitze, Blos, betr. Arbeiterschutz. Schluß 4% Uhr._ Lokales. Die Erbauer der Häuser auf dem Mühlendamm haben ihre Grundsteindokumente nicht in die Grundpfeiler legen können, weil diese auf den Pfeilern der Brücke ruhen, sondern zur Aufnahme das obere Mauerwerk benutzt, wie ein beim Ab- druck des Hauses Nr. 14 gemachter Fund ergiebt. Dort lag nämlich in dem Fensterpfeilcr der Hinterfront eine messingene, innen verzinnte Kapsel und in derselben ein vielfach zusammen- gefaltetes Papier mit folgender Aufschrift: Im Jahr... Christi 1754 d. 16. Juli haben zu diesem Haus den Grundstein mit Gott geleget der Hochedle Herr, Herr Justus Michael Sprögel, Vornehmer Kauf- und Handels-Mann als Eigenthümer und Bauherr dieses Hauses, welches nunmchro mit dem fördcrsten aus dem Mühlcndamm belegenen ehemaligen Reißland'schcn Hause vereiniget, da es vordem nicht dazu gehöret, sondern ab- gethcilt und mit dem ehemaligen Richtcr'schen, welches nun- mehro zum Vorderhaus gemacht wurde, in Eins gewesen. Gegenwärtiger Besitzer ist dessen Herr Schwiegersohn, der Hoch- edle Herr, Herr Joh. Georg Sieburg, Kauf und tzandcls-Mann. Gott der Allmächtige erhalte sämmtl. Familie in Seegen, dass sie dieses Haus bis auf die spätesten Zeiten in Frieden und Ruhe besitzen. Zum steten Andenken haben ihre wehrte Namen mit einverleiben lassen Madame Maria Elisabeth vorbenanndten Herrn Sprögel hochedlc Frau Liebste, dessen Kinder seqndt nach- folgende: Maria Sophia, vorbenanndten Herrn Sieburg's Hoch- edle Frau Liebste. Mademoiselle Johanna Dorothea. Made- moiselle Christiana Amalia. Mademoiselle Maria Charlotta. Der Herr behüte dieses Haus vor Feur und allen widrigen Zu- fällen rc. Ich Johannes Baur, habe die Ehre, gegenwärtiges zum Andenken beizulegen und an dem Vergnügen thcilzunehmcn, auch immerwährendes Wohlsein anzuwünschen, der ick derzeit als Handlungsdiencr in diesem Haufe stehe."— Muß ein frommer Mann gewesen sein. Zur Verhütung von Unglücksfällen auf der Pferde- bahn. Wir haben gestern eine dringliche Warnung an das Publikum veröffentlicht, welche von der Direktion der Großen Berliner Pferde- Eisenbahn- Gesellschaft ausging und darauf hinwies, auf welche Weise Unfälle bei Benutzung der Tram- ways am besten zu vermeiden seien. Die Angelegenheit ist von so außerordentlichem Interesse, daß es sich wohl verlohnt, noch einmal an dieser Stelle darauf zurückzukommen. Der Pserdcbahnbetrieb in Berlin ist jetzt so umfangreich und so großartig, wie kaum in einer zweiten Stadt Europas. Auf den Linien der Großen Berliner Pferde- Eisenbahn- Aktien- Gesellschaft sind im November d. I. 7 353 155 Personen be- listdert und dafür 886 723,66 M. oder durchschnittlich auf den Dag 29 557,45 M. vereinnahmt worden. Die verschiedensten Ctadtlheile find jetzt durch das Schienennctz der Pferdc-Eisen- bahn in bequemste Verbindung gebracht, dem Verkehre ganz Neue Straßen erschlossen worden. Mit dieser mächtig fort- schreitenden Entwickelung des Pferdedahnweseirs ist aber leider auch die Ziffer der Unglücksfälle auf der Pferdebahn stark angewachsen. Es vergeht keine Woche, in welcher der amtliche Polizeibericht oder die beständig die Stadt durchstreifenden Ber- liner Reporter nicht von Unfällen oder schweren Verstümmelungen, die sich beim Besteigen oder beim Verlassen der Tramways «eignet haben, zu rapportircn hätten, und mitunter bringt ein einziger Tag zwei, drei dieser Unglücksfälle. Die Schuld liegt stets an den davon Betroffenen. Merkwürdig ist es, daß, während die Stadtbahn erst seit wenigem Jahren existirt, und die Eröffnung des Pferdebahnvcrkehrs ihr um geraume Zeit vorangegangen ist, das Publikum mit der ganzen Einrichtung der Stadtbähnzüge sich viel schneller vertraut gemacht hat als mit den Tramways. Die Selbstdisziplin der die Stadtbahn benutzenden Passagiere ist geradezu bcwundcrnswcrth. Das Publikum öffnet und schließt die Thürcn eigenhändig, steigt behende ein und aus, ohne der geringsten Anweisung zu bc- dürfen, und mit Ausnahme eines einzigen Falles, in welchem der Diener eines Herrn aus der Bchrcnstraße auf dem Zentral- Bahnhofe Friedrichstraße in gräßlicher Weise seinen Tod fand, m>d Verletzungen ernsterer Natur unter den Passagieren, der Stadtbahn überhaupt nicht vorgekommen. Wer viel auf oer Pferdebahn fährt, hat Gelegenheit, die Gewandtheit zu bc- vbacbten, mit welcher jüngere und ältere Herren sich während der Fahrt auf die Pferdebahn hinauf, und von dem Perron wieder auf den Straßendamm hinabschwingen. Es sind dies die Habitues der Pferdebahn, und es ereignet stch fast niemals, daß einer von ihnen strauchelt oder »u Falle kommt, ja, sie setzen sogar ihren Stolz dann, mit möglichster Eleganz abzuspringen. Ge- wohnlich find es Fahrgäste von außerhalb, dre bei Benutzung der Pferdebahn verunglücken; so hatte sich & B. ein Arbeiter, der vor einigen Wochen so unglücklich vom Borderperron absprang, daß ihm der Wagen über beide Beine aing, erst feit zwei Tagen in Berlin ausgehalten. Solche Bferdebahn-Nculinge sind an der Unbeholfen heit ihres ganzen Auftretens leickt zu erkennen, und nicht nur die Pferdebahn- Kondukteure sollten auf diese Fahrgäste ihr Augenmerk richten, wndern es ist auch die Pflicht der anderen Mit'ahrenden, die '«emden, welche sich in ersichtlich ungeschickter Weise zum Ab- '»ringen bereit machen, zr warnen. Namentlich im Sommer, wahrend der Jubiläums-Kunstausstcllung, hat so mancher biedere Provinziale seine geringe Vertrautheit nut der Pferdebahn durch eine recht unsanfte Berührung des Berliner Pflasters büßen müssen. Für diesen Theil der Fahrgäste, wurde sich ?uch die Anbringung möglichst auffälliger Warnunas-Plakate snnerhalb und außerhalb des Wagens empfehlen. Unbegrerf- G der Leichtsinn, mit welchem Personen, die Kinder auf dem Arme halten oder mit dem Arme umspannen, den Versuch wachen, Pfcrdebahnwagen während der Fahrt zu erklimmen. �»ringen in solchem Falle nicht Kondukteur und dre auf dem Vinterverron Siebenden bereitwilligst hinzu, so ist ein Unglücks- 'all fast unausbleiblich. Mitunter ereignen sich auch Unfälle vadurch. daß Personen, welche sich im Wagen geirrt oder auf emen völlig besetzten Tramway gerathen sind, von dem Kon- »ulteur aufgefordert werden, wieder auszusteigen und dann m Mut Hast ausgleiten und stürzen. Die Pferdebahn-Kondukteurc wußten die Weisung erhalten, solche Personen bis zur nächsten Haltestelle mitfahren zu lassen, um so eher, als dann häufig k ne theilwcise Entleerung des Wagens eintritt. Leider steht vier noch eine polizeiliche Verordnung hindernd im Wege. Die Kondukteure, welche überzählige Passagiere dulden, werden mit einem polizeilichen Strafmandate delegt, wenn sie ein allzu eifriger Schutzmann anzeigt. Sollte es nicht möglich sein, diese polizeiliche Bestimmung ein wenig zu lindern? In anderen Hauptstädten mit bedeutend größerer Einwohnerzahl ist die Be- Hörde in dieser Hinsicht viel weniger rigoros und das Publikum fährt ganz gut dabei. Auch möchten wir der Großen Berliner Pferdeeisenbahn den Vorschlag machen, es einmal mit einer Ein- richtung zu versuchen, die sich in Brüssel, Paris rc., dewährt hat. Dort klappt der Kondukteur mittels einer einfachen Vor- richtung ein Täfelchen mit dem weithin sichtbaren Wort: „Komplet!" auf, sobald der Wagen besetzt ist. Auf diese Weise wird dem Publikum ein unnöthrges Hinterdreinlaufen erspart. Ist ein Platz wieder frei geworden, so klappt der Kondukteur das Täfelchen einfach wieder zusammen. Wir stehen mitten in dem Trubel der Weihnachtszeit. Noch wenige Tage, und die Budenstadt auf dem Schloßplatz und ihre Filialen in den anderen Stadttheilen wachsen aus der Erde empor. Hunderte von Familien bangen der Zeit ent- gegen, in der sie durch Verkauf der bekannten kleinen Nichtig- testen sich einen vorübergehenden Verdienst verschassen können. Ihre Vorposten und Tirailleure find schon vor Wochen aus- gerückt. Sie haben mit knarrender Stimme ihre Knarren und Zubehör unterzubringen versucht. Jeder regenfreie Tag zeigt bereits, welche große Bewegung in die Bevölkerung gekommen ist. Von 4 Uhr Nachmittags an begiebt sich das weibliche Berlin auf die Wanderschaft. Wie ein Trichter zieht das Zentrum der Stadt aus der Peripherie die Massen in sich hinein. Vor den glänzend beleuchteten Schaufenstern staut es sich, auf den schmalen Seitenwegen schieben sich die Strömungen an einander vorüber, das Packet beginnt seine Herrschaft aus- zuüben. Der Ausverkauf aber herrscht souverän. Seine Viel- seitigkeit ist erstaunlich. Wegen Abbruch des Hauses, wegen Aufgabe des Geschäfts, wegen anderer Unternehmungen— voll, groß, umfassend, schleunig, der Variationen ist kein Ende und nur in wenigen Fällen besitzt er die Ehrlichkeit, sich als ein Weihnachts- Ausverkauf zu geben, obwohl auch in diesem Falle nicht recht klar ist, worin seine Besonderheit besteht. Den Geschäftsleuten ist zu wünschen, daß die günstigere Witterung, welche seit zwei Tagen herrschte, anhalten möge. Auf den Dezember hin richten sich ihre Hoffnungen, ihre Berechnungen. Er muß für manche Enttäuschungen im Laufe des Jahres ent- schädigen. Wie folgenschwer verdächtigende Andeutungen wirken können, das hat eine arme Wittwe erfahren müssen, die bei einem älteren Fräulein in der Reichenbergerstraße als Auf- Wärterin fungstte. Das alte Fräulein war eines Abends spät aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen und vermißte am anderen Morgen unter ihren Schmucksachen einen wcrthvollcn, aber alterthümlichen Ring, den sie als ein ererbtes Werthstück besonders schätzte; sie glaubte sich mit Bestimmtheit zu erinnern, daß sie den Ring noch am Abend in ihrer Wohnung gehabt, und so fiel der Verdacht der Entwendung auf die Auswärterin, die unter nicht mißzuverstehenden Andeutungen von dem alten Fräulein entlassen wurde; diese theilte auch den Verlust ihres Ringes anderen Leuten mit und zwar bei Gesprächen über die Entlassung der Auswärterin und in einem Zusammenhange, daß zwar die Aufwätterin nicht direkt des Diebstahls beschul- digt wurde, wohl aber die Beschuldigung leicht gefolgert wer- den konnte. Auf diese Weise war es der armen Frau lange Zeit unmöglich, eine andere Beschäftigung zu erlangen, und den Weg der Jnjurienklage gegen das alte Fräulein zu beschreiten wurde ihr widcrrathen.— Vor einigen Tagen nun hat aber die gegenwärtige Aufwätterin des Fräuleins beim Auseinander- nehmen des Bettes den Ring zwischen Mattatze und dem Bett- gestell eingeklemmt gefunden, so daß anzunehmen ist, die Be- sitzerin habe sich mit dem Ringe am Finger zu Bett gelegt und es ist ihr während des Schlafes der Ring abgeglitten, was besonders dadurch wahrscheinleich wird, daß der Ring nach dem Zugeständnisse des Fräuleins nur lose auf ihrem Finger saß. Nunmehr hat man der zu Unrecht verdächtigten armen Frau den Rath ertheilt, eine Entschädigunasklaae gegen das Fräulein anzustrengen, da durch Zeugen zu beweisen ist, daß die Frau in mehreren Fällen Beschäftigung gefunden haben würde, wenn man gewußt hätte, daß die Behauptung des Fräuleins von dem Ringdicbstahl unttchtig war. Der Ausfall dieses Prozesses verdient in der That Beachtung, denn wird dies Fräulein veruttheilt, so wäre damit der Grundsatz anerkannt, daß die Verdächtigung Unschuldiger Schadensansprüche derselben be- gründet, was bekanntlich bei der Verurlheilung Unschuldiger nicht der Fall ist. Gestohlene Werthpapiere. Nach einer aus London hier- her gelangten Nachricht sind in Haro, einer kleinen Stadt in Spanien, Wctthpapiere im Betrage von 94 000 Frks. gestohlen worden, und zwar 51 000 Pesetas in 4 prozentigen Spanischen Exterior Bonds und 43 000 Pesetas in 4 prozentigen Spanischen Jntettor Bonds. Das Gerücht von der Vergiftung eines Arbeiters Sch. durch seine Ehefrau in Britz hat sich wieder als eine arge Uebettreibung erwiesen. Es ist ttchtig, daß die Frau sich Pillen hatte für ihren Ehemann, der an der Trunksucht litt, ver- schreiben lassen. Dieselben rühtten indessen von einem Berliner Arzt her. Der Verstorbene kam vor einigen Tagen zu einem Arzte nach Rixdorf, der bei ihm eine hochgradige Entzündung des rechten Lungenflügels feststellte, in Folye dessen der Kranke Aufnahme in der Chatttec nachsuchte, die ihm jedoch nicht ge- währt wurde, weil ihm ein Attest der Krankenkasse fehlte, deren Mitglied er war. Er begab sich wieder in seine Wohnung, wo sich alsbald zu der Lungenentzündung noch ein Anfall von Delirium gesellte, der seinen baldigen Tod zur Folge hatte. Von jeder weiteren Untersuchung soll bereits Abstand ge- nommen sein. Durch einen Brand ist am Freitag Abend das Kessel- und Maschinenhaus der großen Sargfabrik von Klee, Kaiserin- Augusta-Ällce 30— Charlottenburger Terrain— bis auf die Umfassungsmauem zerstött worden. Dasselbe bildet einen Anbau zu dem eigentlichen, freistehenden Fabttkgebäude und stand, als die Feuerwehr durch den öffentlichen Feuernrelder in der Thurmstraße kurz nach 6j Uhr alarmirt wurde, schon vollständig in Flammen, so daß hier eine Rettung überhaupt ausgeschlossen war. Die Hauptaufgabe der Feuerwehr bestand deshalb darin, die angrenzende Fabttk, über deren Decke sich die Flammen bereits ebenfalls verbreitet hatten, vor einer weiteren Zerstörung zu schützen. Dies ist in vollstem Umfange gelungen, das Feuer über seinen ursprünglichen Herd nirgends hinausgekommen. Etwas später, als die hiesigen Abtheilungen, kam auch die Ottsfeuerwehr zur Stelle und fand noch aus- reichende Gelegenheit, sich mit einer Spritze an der Löscharbeit zu betheiligen. Gegen 11 Uhr konnten bereits die von hier entsandten Löschzüge die Stätte ihres Wirkens verlassen, lieber die Entstehungsursachc hat sich nichts Bestimmtes ermitteln lassen.— Die Inhaberin des Schirmgeschäfts Spandaucrbrücke Str. 14, ein Fräulein Weimann, welche in einem abgesonderten Raum des Ladens ihre Lagerstätte hat, erwachte gestern früh gegen 6j Uhr von Hitze und Rauch stark belästigt und sah sich plötzlich von Flammen umgeben. Bevor es derselben möglich war, das brennende Bett zu verlassen, hatte sie bereits Brand- Verletzungen an der Brust und an den Armen, leider nicht ungefährlicher Natur, davon getragen. Die durch einen Straßenpassanten herbeigerufene Feuerwehr machte dem Brande, der sich inzwischen auch einigen Ladenutensilien mitgctheilt hatte, sehr schnell ein Ende. Die Inbrandsetzung des Bettes ist jedenfalls durch ein beim Schlafengehen neben dasselbe gestelltes und brennen- gelassenes Licht hervorgerufen worden. Der parlamentarische Korrespondent der„Bresl. Ztg." schreibt von hier unterm 8. Dezember: Gestern wurde beim Bezirksausschuß hiettelbst ein Prozeß zwischen der Stadtgemeinde und dem Polizeipräsidium verhandell. Die große Markthalle enthält außer den Räumlichkeiten, welche dem Marktvettehr dienen und darum der Aufficht der Marttpolizei unterliegen, noch einige Galerien, die von dem Markttreiben völlig getrennt find. Man steigt zu denselben auf Treppen hinauf, während der eigentliche Marktbesucher nur im Erdgeschoß zu thun hat. Der Magisttat hält diese Galetten für sein Privateigenthum, in dessen Benutzung er keinen anderen Beschränkungen unterliegt als denen, welche die Landesgesetze jedem Hauseigenthümer vor- schreiben. Er hat auf denselben Stände zum Verkauf solcher Artikel vermiethet, welche dem eigentlichen Wochenmarttsverkehr nicht angehören, aber doch Gegenstände allgemeinen Verbrauchs sind, wie Pfeifenköpfe, Spazierstöcke, Eimer u. s. w. Die Ein- nahmen, welche er aus diesen Vermiethungen zieht, sind nicht unerheblich und dienen dazu, das in die Markthallen gesteckte Vermögen rentabel zu machen. Das Polizeipräsidium hat nun diesen Gebrauch der Galetten untersagt und der Magisttat ist dagegen klagbar geworden, hat auch gestern in der ersten In« stanz ein obsiegendes Uttheil erstritten. Die Sache, isolitt be- trachtet, mag nicht von übermäßiger Wichtigkeit sein, aber wenn ich recht gezählt habe, ist dieser Prozeß der sechste, der über die Markthallen zwischen der Kommune und dem Fiskus zum Aus» bruch gelangt ist, und bisher ist der Magistrat in keinem der- selben unterlegen, wenn auch einige nicht durch Richterspruch, sondern durch vermittelndes Eingreifen des Ministers erledigt worden find. Man wird aus dieser Thatsache entnehmen können, mit welchen Schwierigkeiten zuweilen der Weg gepflastett ist, den die Kommunalbehörden zu gehen haben. Polizeibericht. In der Nacht zum 9. d. M. glitt der Drechsler Richter vor dem Hause Reichenbergerstraße 162 aus und brach beim Fallen das rechte Bein im Knöchelgelenk. Er wurde mittelst Droschke nach dem Krankenhause Bethanien ge« bracht.— Am 9. d. M-, früh, wurde in der Äärwaldsttaßc ein Mann todt auf dem Bürgersteig liegend vorgefunden und nach dem Leichenschauhause gebracht. Aeußere Verletzungen waren an der Leiche nicht wahrnehmbar. Anscheinend ist derselbe am Schlagfluß verstorben.— Am Nachmittag machte in einer Klinik für Hautkranke ein Mädchen den Versuch, sich zu ver« giften. Es wurde noch lebend nach der Charitee gebracht.— Im dieselbe Zeit wurde ein Arbttter an einer Laube auf dem freien Felde unweit der Rügenerstraße erhängt vorgefunden. — Am 9. d. M- fanden Königsttaße 45, Krausenstraße 39 und Kaisettn Augusta-Allee 30 unbedeutende Feuer statt; in dem ersten Fall veranlaßt durch Funken, welche von dem TagS vorher dort stattgefundenem Brande unbemerkt zurückgc- blieben und durch den Wind wieder angefacht worden waren. Außerdem wurde die Feuerwehr aus Unfug von dem Heizer Linder, Klostersttaße 33 wohnhaft, durch den öffentlichen Feuer- melder in der Klostersttaße alarmitt.— Am 10. d. M, früh, brannte in einem Laden des Hauses An der Spandauerbrücke 14 ein Bett. Die Inhaberin des Geschäfts erlitt dabei schwere Brandwunden. Gerichts-Zeitnng. t Unklare Eigenthumsverhältnisse. Vor der ersten Sttafkammer des hiesigen Landgerichts I hatte sich gestern die ebcverlassene Auguste Harnisch gegen die Anklage der wisscnt« lich falschen Denunziation zu verantworten. Die Angeklagte lebt feit elf Jahren mit dem Schuhmacher W- zusammen; sie selbst betreibt einen kleinen Handel, während der Mann in seiner Professton arbeitet. Das Zusammenleben der beiden Leute war etwas sonderbar: es kamen sehr häufig Streitigkeiten vor, und dann verließ der eine oder der andere Theil die ge« meinschaftliche Wohnung und quattitte sich irgendwo anders ein. Nach einiger Zeit versöhnte man sich wieder, zog wieder zusanrmcn und vettrug sich so lange, als es gerade ging, um dann das Spiel von Neuem zu beginnen. Der letzte Stteit, der in diesem Fttihjahr vor sich ging, scheint aber ernsthafter als seine Vorgänger gewesen zu sein. Die beiden Leute hatten gemeinsam etwas erübrigt, 217 M. im Ganzen, das in einem Sparkaffenbuche auf dem Namen der Frau Harnisch eingetragen war. Den Inhalt desselben nahm jeder von beiden in Anspnich. Als nun wieder eine häusliche Szene den Frieden gestött hafte und eine Separation auf emige Zeit nothwendig er- schien, nahm W. das Sparkassenbuch an sich und erhob 100 Mark darauf, die er für sich verbrauchte. Frau Hämisch getteth in große Wuth über diese Schmälerung der gemeinschaftlichen Erspamissc und denunzitte den Schuhmacher wegen Diebstahls. Es wurde ein Verfahren eingeleitet; in der Hauptvcrhandlung aber gewannen die Richter die Ueberzeugung, daß ein Diebstahl nicht vorliege und sprachen den Angeklagten frei. Aus dieser Freisprechung entnahm die Staatsanwaltschaft, daß die Denunziation der Harnisch falsch sei und gelangte zu der Annahme, daß die Denunziantin sogar gewußt haben müsse, daß ihre Anzeige falsch sei, da man von ihr ermatten könne, daß sie über die Besitzverhältnisse an diesem Sparkassen- buch genau unterrichtet gewesen sei. Die erste Strafkammer schloß sich jedoch gcstem dieser Ansicht der Staatsanwaltschaft, die auch in der Hauvtverhandlung aufrecht erhalten und auf Gmnd deren eine Gefängnißstrafe von einem Monat gegen die Angeklagte beanttagt wurde, nicht an. Der Gcttchtshof sprach die Angeklagte frei, da er durch die Beweisaufnahme es nicht für genügend festgestellt erachtete, wem von beiden„am meisten" das Buch mit dem wetthoollen Inhalt gehöre. Nach- dem die beiden das Vergnügen gehabt, sich gegenfeitig auf die Anklagebank gebracht zu haben, werden sie stch wohl zufrieden geben und sich wieder mit einander versöhnen. t Die Glanzzeit des Mühlendamms ist längst vorüber. Wenige Monate und er wird ganz verschwunden sein und statt der engen, schmutzigen Gasse mit den finsteren Säulengängen an beiden Seiten, wird sich eine breite Straße dahinziehen, durch welche sich der großstädtische Verkehr in tobender Sttö- mung wälzt. Und mit ihm werden auch jene„alte und neue Kleiderläden" verschwunden sein, die ein Jahrhundett lang die verschossene Pracht glänzender Livreen bis zum fadenscheinigsten Ueberzieher und zur vielgeflickten Hose herab ausgehängt haben; verschwinden werden jene jüdischen Trödler mit dem pstffigen Gesicht, den listigen Augen, dem kohlschwarzen Haar, verschwin- den werden jene handfesten Anrufer und„Anreißer" mit den blaurothen, aufgesprungenen, übergroßen Fäusten, die sich so oft dem schüchternen Provinzialen auf die Schulter gelegt, um ihn zum billigen Einkauf in das verschwiegene Dunkel jener Kleidcrhöhlen zu ziehen; verschwinden wird alles— die guten und die schlechten Witze, welche der Volksmund über den Mühlendamm und seine Bewohner gettssen, das ausgetretene Asphaltpflaster, die schmutzigen Bohlen, die grellen Plakake, und Hammer und Merßel werden das' Vernichtungs« werk vollenden, das sie auf der Nordseite des Mühlendamms bereits begonnen haben.— Bald wird auch eine Reminiszenz die Geschichte sein, mit der sich gestern die 93. Abtheilung des hiesigen Schöffengerichts zu beschäftigen hatte, und die wir schmucklos, wie es dem gewistenhaften Chronisten geziemt, den Annalen des Mühlendamms einver- leihen wollen. Es war am 12. Juni d. I. Drei Leute„von außerhalb" gingen in Begleitung eines guten Freundes, eines Eingeborenen, die Attaden des Mühlendammes entlang. Mög« lich, daß der Blick der Fremden etwas länger an dem Reich- thum der Ausstellung alter Kleider haften blieb, ein gewandter Geschäftsinhaber hatte es bemerkt, und wie die Spinne auf das Insekt, das ihrem Netze zu nahe gekommen, stürzte er sich auf die drer, packte ernen am Arm und flüsterte ihn, menschen- freundlich rn's Ohr, er solle die günstige Gelegenheit benutzen und fernen äußeren Adam ber ihm erneuern. Diese Geschäfts- empfehlung traf aber kein geneigtes Ohr. Der Provinziale schüttelte— sich und ließ den Trödler stehen. Dcch oamlt mcht jjentig— das Auge eines SäiutzmanneS hatte die Szene gesehen und schon fragte er in strengem Tone den Kleiderhändler, ob er auch wisse, 5>vß n soeben eine strafbare Handlung begangen habe. So- gleich begab sich auch der Wächter des Gesetzes den drei„An- gerissenen" nach und erkundigte sich nach ihren Namen, da er Die Belästigung anzeigen wollte. Der verdroffcne Geschäfts- mann näherte stch der Gruppe, während der Schutzmann die Namen aufschrieh, und ließ einige unsanfte Bemerkungen gegen die Drei fallen. Der Schutzmann bat ihn, sich in seinen Laden zu verfügen und nach einigem Zögern that er es auch; gleichzeitig aber erschien sein Kommis auf der Bildfläche, um in ver- flärkter Form den Unmutb seines Herrn gegen die drei Paffantcn laut werden zu lassen. Er sprach von Leuten, die Zliaulaffen feil hielten und in diesem angenehmen Genre noch mehrercs. Auch er wurde von dem Schutzmann in den Laden verwiesen und er trat den Rückzug an. Inzwischen hatte sich ein großer Auflauf gebildet, der den Laden des Geschäftsinhaber umschloß. Der streitbare Kommis that fich auch hier hervor. Er stieß einen der Gaffer vom Trottoir herunter und forderte gleichzeitig den Schutzmann in mehr als energischem Tone auf, den Auflauf fortzubringen. Zu diesem Zwecke schien es dem Beamten zu- nächst nothwcndig, den Namen des streitbaren Kommis fcstzu- stellen. Da kam er aber schön an. Er traf auf beständige Weigerung, sodaß er den jungen Mann zur Wache mitnehmen wollte. Er bekam ihn zu fassen, der Kommis war in den Laden zurückgetreten, aber auf der anderen Seite hatte der Ge- schäftsinhaber und noch ein Verkäufer den Ergriffenen gepackt und suchten ihn den Händen des Schutzmanns zu entreißen und ihn in den Laden zurückzuziehen. Hin und her zerrte man sich; es war ein Kampf um den Körper des lebenden Patroklus. Ein zweiter Schutzmann kann seinem Kollegen zur Hilfe, aber auch so wurde nichts erreicht, denn die Gegenpartei hatte sich ebenfalls verstärkt. Ringshemm amüflrten sich die Zuschauer. Schließlich erschien ein Polizeilieutenant, und auf sein Machtgcbot ließ man zunächst den strafbaren Kommis fahren, der fich sofort in das Dunkel des Ladens vcr- kroch. Nun begannen die Präliminarien über die Auslirterring. Tie Gegenpartei war sehr rabiat: eine Kette von Trödlem versperrte den Eingang und die eine Hälfte der Thür wurde geschlossen. Aber die Gewalt blieb beim Gesetze. Die beiden Schutzleute drangen hinein, erwischten den Ausgckniffenen und niachten ihn zu ihrem Arrestanten. Vorher hatte der Polizei- lieutenant noch einige Redensarten und Drohungen über sich ergehen lassen müssen.— So stellte fich der Vorgang durch die Beweisausnahme fest. Das Schöffengericht zog das Fazit, in- dem es den streitbaren Komniis wegen Widerstandes zu sechs Wochen Gefängniß, den zu Hilfe gekommenen Verkäufer wegen desselben Vergehens zu der gleichen Strafe und wegen Bclei- digung zu 50 M. Geldbuße und den Geschäftsinhaber wegen proben Unfugs, der in dem Anreißen gefunden wurde, zu 30 M- Geldstrafe und wegen Widerstandes und Nöthigung zu einer Gcsanimtstrafe von 10 Wochen Gefängniß vcrurtheilte. — Ties ist vielleicht die letzte,„gerichtsnotorische" Geschichte vom Mühlendamm. Ein„wilder" Mann wurde am Donnerstag von der ersten Strafkammer am Landgericht n zahm gemacht. Es muß eine ganz turbulente Szene gewesen sein, die der Fuhrmann Rudolf Schaller am 31. Mai d. I. auf dem Amtsgerichte zu Oranienburg herbeiführte und die ihm eine Anklage wegen Hausfriedensbruchs, Widerstandes, Beleidigung, Bedrohung, Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung in sieben selbstständigen Handlungen eingetragen hat, gegen die er sich nunmehr zu verantworten hatte. Am 3l.Mai war die Frau des Angeklagten als Zeugin zu einem Termine auf das Oranienburger Amts- gericht geladen. Als der Plann nach 12 Uhr Mittags nach Hause kam und weder das Mittagessen auf dem Tisch, noch seine Frau im Haufe fand, wurde er wüthend, und in seiner Wuth stürmte er auf das Gericht, verlangte Einlaß in den Sitzungssaal, und da ihm dieser verweigert wurde, drang er gewaltsam ein, forderte im Saale mit lauter Stimme— dadurch die Sitzung unterbrechend— seine Frau auf, mil ihm nach Hause zu kommen und das Mittagessen zu bereiten. Die Frau wollte der Aufforderung des Richters folgen und dableiben, sie wmde aber von dem wüthendcn Manne am Arme ergriffen, zum Sitzungssaale hinaus und nach Hause geschleppt. Die ge- störte Verhandlung konnte in Abwesenheit der entführten Zeugin nicht zu Ende geführt werden, der Gefangenen- Auf- seher Tanncnscldt erhielt daher den Auftrag, nach der Schaller- schen Wohnung zu gehen und Frau Schallcr vorzuführen. Als der Bete nach der dezeichneten Wohnung kam, widersetzte fich der Angeklagte der Entfernung seiner Frau, beschimpfte und beleidigte den Beamten, verließ dann plötzlich das Zimmer und schloß den Beamten sammt der Frau ein. Erst auf dringendes Bitten der Frau ließ er sich herbei, wieder aufzuschließen und den Beamten freizulassen, gab aber nicht zr, daß seine Frau zu Fuß nach dem Gericht ging, er zwang dieselbe vielmehr, niit ihm den Wagen zu besteigen und nach dem Gericht zu fahren. Es bedurfte größter Mühe und Langmuth, um Sckaller so zu beschwichtigen, daß die Verhandlung zu Ende geführt werden konnte. Nachmittags kam Schaller noch einmal nach dem Ge- richtsgebäude, beziehungsweise der Gerichtsschreibcrei, und ver- langte laut tobend protokollarische Aufnahme, weil er vom Gerichtsdiener beleidigt worden sei. Dabei benahm er sich wieder derartig, daß er zum Verlassen der Gerichtsschreibcrei wieder- hott aufgefordert und, da er nicht Folge leistete, gewaltsam hinausgebracht werden mußte. Als er auf der Treppe des Ge- bäudcs losgelassen wurde, zog er ein Messer auS der Tasche und bedrohte die Gerichtsdiener mit dem Verbrechen des Todt- stechens. Schon in einem früheren Termin hatte der An- geklagte die Behauptung aufgestellt, daß er an zeitweiliger Geistesstömna leide, bei großer Hitze, in Folge starken Aergers oder des Genusses geistiger Gettänke daS Bewußtsein verliere und in diesem Zustande nicht wisse, was er thue. In einem solchem Zustande habe er fich am 31. Mai befunden, und daß er an solchen Zufällen leide, wollte er durch Dr. Hornig, den Gendarm und andere Zeugen beweisen. Der angebotene Beweis wurde angmommen, miß- lang aber in der diesmaligen Verhandlung vollständig. Das Urtheil des medizinischen Sachverständigen ging dahin, daß der Angeklagte nicht an einer geistigen Störung leide, solche Zu- fälle höchstens fimulire, wohl aber gern geistige Gettänke zu sich nehme und in der Trunkenheit nicht wissen möge, waS er thue. Aehnlich lautete das Zeugniß der weiteren Zeugen. Der Staatsanwalt war der Anficht, daß eine eigentliche Frei- heitsberaubung nicht vorliege, da das Zimmer, in welches der Angeklagte den Gefangenenaufseher einschloß, zu ebener Erde lag und der Beamte durch das Fenster die Freiheit wieder ge- Winnen konnte. Wegen der übrigen Delikte beanttagte der Staatsanwalt 3 Monate Gefängniß. Der Gerichtshof hielt aber auch die Freiheitsberaubung für erwiesen und da, wenn auch zugegeben werden könne, daß derselbe bei der That an- getrunken war, angenommen werden müsse, daß die an den Tag gelegte Wildheit nur stmulirt wurde, so wurde auf eine Gefängnihsttafe von 4 Monaten erkannt. Kerewe und Versammlungen. * Eine öffentliche Versammlung der Schmiede tagte am 8. d. M. unter Vorfitz des Herrn Tempel in Zllundt's Salon, Köpcnickcrstr. 100. Der Vorsitzende referirte in längerer Rede über die bevorstehende Wahl des Jnnungs-GcscllenauS- schusscs. Er führte aus. daß die Innungen bei der Entwicke- jung unserer Industrie fich als durchaus lebensunfähig zeigen und zeigen müssen. Dennoch versucht man, durch die reaktionären Jnnungsbestrebungcn einen Druck auf die Gesellen auszuüben; die Fvnungen würden jedoch niemals wieder die Macht und das Ansehen erlangen, wie in früheren Zeiten, als die Produktionsverhältnisse noch nicht so entwickelt waren. Es sei Pflicht der Gesellen, die„Fnnungsrückschrittlcr" nicht zu unterstützen und fich an der Wahl des Gescllenausschusses nicht zu betheiligen. Die im vorigen Jahre habe bewiesen, daß ein Gesellenausschuß der gesammten Gesellenschaft nicht das ge- ringste genützt. Als zweiter Redner betrat der jetzige Altgeselle Herr Geelhaar die Bühne, um in seiner Weise den Gesellen- ausschuß zu vertheidigen und die Innung als ein lobenswerthes Institut hinzustellen. An den Gesellenausschuß seien keinerlei Beschwerden eingelaufen, also müsse die Lag- der Schmiede- gesellen eine gute sein. Sodann ergriff der Schmiedemeister Herr Heidenreich das Wort voller Entrüstung über die Aus- führunaen des Vorsitzenden, welcher behauptet hatte, daß die jetzige Innung aus der Rumpelkammer Hervorgehott worden sei. Tie etwas erentrischen Ausführungen des Redners er- regten die größte Heiterkeit der Versammlung. Der nächste Redner Herr Basner legte nun in zirka Iftündiger Rede die Umstände, durch welche die Neuorganisation der jetzigen Innung hervorgerufen wurde, klar. An der Hand eines Aufrufs in der„Schmicde-Zeitung" bewies er klar und deutlich, aus welchen Motiven sich die Meister zu dem„Jnnungsbund" ver- einigt, und daß diese Motive nur die Bevormundung der Ge- sellen durch das Herbcrgswescn und durch die Krankenkasse, so- wie die Einführung der Arbeitsbücher u. dgl. mehr seien.— Die Debatte dehnte sich noch längere Zeit aus. Herr Heiden- reich bestritt die Behauptung, daß die Berliner Schmicdeinnung das Haus in der Mulacksttaße nur gekauft habe, um Einfluß auf die Gesellen ausüben zu können. Aus purer Humanität und um den Arbeitslosen ein Heini zu schaffen, habe die Innung diesen Schritt gethan. Herr Basner, welcher zu jener Zeit Alt- geselle war, suchte Herrn Heidenreich jedoch aus den Verhand- lungen, welche seiner Zeit stattgefunden, zu beweisen, daß er (Basncr) vollständig Recht hatte, wenn er behauptete, daß nur aus Egoismus und um die Arbeitslosen beherrschen zu können, das Haus gekauft worden fei.— Es wurde sodann folgende Resolution angenommen:„Die selbstbewußten Schmiedegesellen Berlins werden sich nicht an der Neuwahl des Jnnungsgescllen- ausschusses bethciligen, sondern durch Nichtbeachtung der Wahl ihre Stellung zur Innung zu erkennen geben." Der 2. Punkt der Tagesordnung,„Unser Herbergswescn", konnte, da die Zeit bereits zu weit vorgerückt war, nicht genügend erörtert werden. — Dieser Gegenstand wird nunmehr die heute(Sonnabend) in Gratweil's Bicrhallcn stattfindenden Versammlung der Ver- einigung der deutschen Schmiede beschäftigen. Die Lohnkommisston der Sattler hatte zu Dienstag, den 7. Dezember, eine öffentliche Versammlung in den Gratweilfchcn Bierhallen einbemfen, zur Beschlußfassung über die zu zahlende Unterstützung an die streikenden Kollegen der Dörmg'schen Werkstelle. Herr Wirths machte bekannt, daß von den 9 Kol- legen, welche die Arbeit in obiger Werkstelle niederlegten, vier bereits untergebracht wären; drei haben auf die Unter- stützung verzichtet und zwei Kollegen hätten von der Kommission, da dieselbe die beschließende Versammlung erst abwarten wollte, der Verheirathcte 10 M., der Unverheirathete 6 M leihweise erhalten, die Versammlung solle nun beschließen, ob die Streikenden mehr Unterstützung erhalten sollen. Nach längerer Diskussion wurde von Herrn Ehappeau der Anttag gestellt, den Verheirathetcn 12 M. und den Unverheiratheten 8 M. pro Woche aus dem Generalfonds der Berliner Sattler auszuzahlen, so lange deren Arbeitslosigkeit anhält. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen; ebenso folgender: „Die Lohnkommisfion ist kompetent, in jedem Falle die enor- derlichen Schritte zu thun, sowie Unterstützung an die streikenden Kollegen auszuzahlen." Unter„Verschiedenes" wurden mehrere wirklich traurige Akkordpreise angeführt, u. A. wird gezahlt: für 1 Dtzd. Schulmappen 3 30?., schlechtere Sorte das Dutzend 1,25 SD?., und stellt sich der Verdienst bei anstrengender, 11—12 Stunden täglicher Arbeitszeit auf wöchentlich 8,50 M. bis 15 SD?. Ein Sattlermeister in der Rittersttaße— so wurde mitgctheilt— zahlt für achtundvierzig Schnallkappm auf Schultornister aufzunähen 40 Pf. Nach Schilderung dieser traurigen Zustände erhielt Herr Schröder das Wort und führte derselbe sehr richtig aus, daß es der Kollegen eigene Schuld sei, wenn solche Preise bezahlt würden; sie sollten Einer für Alle und Alle für Einen stehen und fich einer Organisation anschließen. Das Publikum stände gewiß hinter ihnen, wenn sie in diesen niedrigen Preisen eine Aenderung beschließen würden. Nachdem sich noch verschiedene der Anwesenden Bücher zum Untcrstützungsfonds geholt hatten, schloß Herr Wirths, die Kollegen nochmals zum Beisteuern und festen Zusammenhatten in Freud und Leid auffordernd, die Versammlung. Der Fachverein der Böttcher hielt am 5. d. 30?. in Heise's Salon, Lichtenbergerstt. 21, eine Mitgliederversammlung ab, in der zunächst beschloffen wurde, einem durch schwere Un- glücksfälle heimgesuchten Kollegen eine Unterstützung von 20 M. zu gewähren. Nach günstigem Verlauf der projettirten Matin- e soll demselben eine weitere Unterstützung zu Theil werden. Herr Winter berichtete über dm Entscheid des„Schiedsgerichts" in einer Streitsache. Der Vorsitzende forderte hierauf die Ar- beiter einiger Werkstellen auf, zu berichten, ob in diesen Werk- stellen der Lohn nach dem Tarif gezahlt wird. Nachdem einige Mitglieder dieser Aufforderung entsprochen, thcilt der Vorsitzende mit, weiteres Material sammeln und dann definitiv hierüber berichten zu wollm. Zum Schluß wurden die säumigen Mit- glieder aufgefordert, zum Jahresschluß ihre restircnden Beiträge zu entrichten. Die nächste Versammlung findet am Sonntag, den 12. d. M-, Vormittags lOj Uhr, statt. An die Ttschlergeseller Berlins. Kollegen! Am 28. und 29. d. M- findet in Gotha ein Kongreß der Tischlergescllen Deutschlands statt. Derselbe soll fich u. A. mit dem arbciter« feindlichen Vorgchm des letztm dmschen Tischlertagcs zu Berlin und des allgemeinen deutschen Handwerkertages zu Kösen be- schäftigen. Die letzte in„Sanssouci" abgehaltene öffentliche Versammlung der Tischlergesellen Berlins hat die reaktionären Beschlüsse der Jnnungsmeister aufs schärfste verurtheilt und beschlossm, den Kongreß zu Gotha durch zwei hiesige Delegirte zu beschicken. Die Versammlung beschloß ferner, die Dele» gationskostm durch freiwillige Beiträge zu decken. Es wurde eine aus 7 Personen bestehende Kommission gewählt, an welche diese Beittäge abzuliefern sind. Die Kommission beschloß, von heute ab in nachstehend verzeichneten Lokalm jeden Sonnabend Abend von 8 bis 10 Uhr freiwillige Beittäge gegen Quittung in Empfang zu nehmen: 1. Belleallianceplatz 6 bei Hilscher ldurch Härtung), 2. Blumensttaße 56 in der Herberge ldurch Müller), 3. Ekalitzerstraße 107 bei Kunstmann(durch Koppmann), 4. Skalitzersttaße 18 bei Stramm(durch Bredm- selb), 5. Zionskirchplatz 11 bei Hohn(durch Hinz), 6. Prinzen- strafe 96 bei Beier(durch Pilecke).— Die Kongreßkommisflon. I. A.: Pilecke. Verein der Sattler und Fachgenossen. Sonnabend, den 11. Dezember, Abends 8t Uhr, Kommandantenstt. 77—79 (Gratweil's Bierhallm) Versammlung. Tagesordnung: 1. Anttag des Vorstandes, Unterstützung hilfsbedürftiger Mitglieder betreffmd. 2. Vereinsangelegenheit. 3. Verschiedenes. Verein der Kisten- und Koffermacher. Montag, dm 13. d. M., Mitgliederversammlung in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenstt. 77/79. Tagesordnung: Vortrag und Verschiedenes. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Gäste willkommen. Der Vorstand ersucht Diejenigm, welche noch Sammellisten bcsitzm, dieselben an die in der Versammlung anwesenden Streik-KommisfionSmitglieder abzuliefern. Kachverein der Tischler. Die Zahlstellen des Vereins befinden fich in folgenden Lokalen: 1. Älumenstt. 56 auf der Tischlcrherberge. 2. Skalitzerstt- 107 bei Kunstmann. 3. Belle- Allianceplatz 6 bei Hilscher. 4. Zionskirchplatz 11 bei Hohn. 5. Müllerstr. 184 bei Höring. 6. Gneisenau- und Solms- straßmecke bei Lindenbom und 7. Steglitzerftt. 91 bei Gürgens. Daselbst werden jeden Sonnabend von 8% bis 10 Uhr Abends- Beiträge von den Mitgliedern in Empfang genommen und neue Vereinsmitglieder aufgenommen.— Billets zum Weihnachts- vergnügcn sind auf den Zahlstellen zu haben. Ortskrankenkasse der Maschinenbauarbeiter und ver- wandten Berufsgenossen. Sonntag, den 12. d. Mts., Vormittags 10 Uhr, große Versammlunng in„Sanssouci", Kottbuserstt. 4a. Tagesordnung: Die Zustände innerhalb der Kasse und die morgen stattfindende Delegirtenwahl.— Mitglieder der Sterbekasse haben ebenfalls Zutritt. Vereinigung der deutschen Schmiede. Heute, Sonn» abend, große Versammlung bei Gratweil's, Kommandanten- sttaße 77 79. Tagesordnung:„Unser Herbergswesen". Zentral-Krankcn- und Sterbetasse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter(E. H. Nr. 3, Hamburg). Den Mitgliedern der Verwaltungsstelle Berlin F. zur Nachricht, daß die von der Verwaltungsstelle Berlin E(Wedding) im Bezirk F. errichtete Zahlstelle in der Gartenstraße nicht zu diesem Bezirk gehört und ersucht der Vorstand der Verwaltungsstelle �Berlin F." die dort wohnenden Mitglieder, nach wie vor ihre Beiträge an den von ihm bekannt gegebenen Stellen zu enttich» ten. Im Uebrigen wird auf das Statut§ 22, Abf. 4 verweisen. _ Verein zur Wahrung der Interessen der Tischler. Sonnabend, den 11. Dezember, Abends 8i Uhr, Michaelskirchstraße 39, Versammlung. Tagesordnung: 1. Porttag des Herrn Dr. Zadek. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Per« schiedenes. Abrechnung der Billets vom Stiftungsfest. Aus» gäbe der Billets zu dem am 1. Weihnachtsfeiertage in Klcin's Salon, Oranienstraße Nr. 180, stattfindenden Weihnachtsvergnügen. Verein der Parquetbodenlcger. Montag, den 13. d. M, Abends 8 Uhr, Mauerstr. 86 Mitglieder-Vcrsammlung. Tages- ordnung: 1. Vereinsangelegenheiten. 2. Fragekasten.— Die Mitglieder werden auf§ 6 des Statuts aufmerksam gemacht. Fachverein der Mechaniker, Optiker, Uhrmacher, chirur- gischer und anderer Jnstrumentenmacher. Sonnabend, den 11. Dezember, Abends 8 Uhr, im Verkehrslolal bei Poppe, Lindenstraße 106, Abrechnung vom ersten Stiftungsfest. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metall- arbeiter(E. H. 29, Hamburg), Filiale Ii, Berlin. Den Mit- gliedern zur Nachricht, daß die Zahlstellen am Sonnabend, den 25. Dezember und I.Januar geschlossen sind; dagegen sind die- selben Freitags geöffnet. Gesang- und gesellige Vereine am Sonnabend: Ge« sangverein„Harmoma" Abends 8 Uhr im Restaurant, Alte Jakobstr. 38.— Gesangverein„Sängcrlust" Pallisadenstr. 9, Abends 9 Uhr.—„Wissenschaftlicher Verein für Roller'sche Stenographie". Abends S£ Uhr im Restaurant Gebert, Friedrich- sttaße 94, Vortrag des Herrn Roller über Arends' Leben und Wirken.— Verein der Taubenfrcundc Abends 8', Uhr im Restaurant Klcmann, Lausitzerstt. 41.— Dänischer Verein „Frcpa" Abends 9 Uhr Rosentbalerstr. 39. Dänische Blätter sind vorhanden.— Verein der Wllrttembcrger Abends 8V Uhr bei Vaihinger, Dorothecnstt. 84.— Rauchklub„Qualm" Abends 9 Uhr im Restaurant Tamm, Schönhauser Allee 28. Berichtigung. Der erste Schriftführer des Fachvereins der Former heißt nicht, wie in Nr. 289 unseres Blattes in Folge eines Schreibfehlers angegeben war, Kumphenkel, sondern Kamphenkel. Ter Name des zweiten Schriftführers ist Scharm (nicht Scharm). Kleine MMHeilungen. Leipzip, 9. Dez. Heute Vormittag nach 11 Uhr hat sich auf dem Zirkusneubau auf dem Grundstücke des Rnft."11' Palastes ein beklagenswerther Unfall zugettagcn. ES ist nämlich daselbst in dem für den Zirkus aufzuführenden Stallgc« bäudc ein im Innern aufgerichtetes Gerüst mit allem darauf befindlichen Baumaterial zusammengestürzt und hat auch be« rcits fertige Theile des Gebäudes mit zerstört. Hierbei find 7 Arbeiter, welche fich entweder in dem fraglichen Gebäude oder in dessen unmittelbarer Nähe befunden haben, zum Theil nur leicht, zum Theil aber auch sehr schwer verletzt worden! einer der Arbciter soll beide Beine gebrochen haben. Die Ver- letzten wurden sämmtlich sofort mittels des Krankenwagens nach dem Krankenhause übergeführt. Kopenhagen. 8. Dez. Infolge des heute herrschenden, ungewöhnlich heftigen Sturmes scheiterte eine mccklen- burgische Brigg an den Hafenmolen von Helfingör. Von den Mannschaften sind 5 gerettet; an der Rettung der übrigen 3 wird noch gearbeitet. Außerdem haben 3 Strandungcn bei Kronborg und viele andere Schiffsunsälle an der Küste statt« gefunden. Wien, 8. Dezember.(Selbstmorde.) Der 76jährige Georg Bruckner, Druckmann bei der Feuerwehr, sollte am 3. d. M- wegen des Verdachtes, fich eines Verbrechens gegen die Sitt- lichkeit schuldig gemacht zu haben, verhaftet werden. Als ein Organ der Polizeibehörde in der Wohnung des alten Mannes erschien, um seine Verhaftung vorzunehmen, zog Bruckner ein mit Schwefelsäure gefülltes Fläschchcn aus der Tasche und trank eine Quantität der Flüssigkeit. Er wurde unverzüglich in das Jnquisiten-Spital des Landesgerichts gebracht, ist aber dort an den Folgen der Vergiftung gestorben.— Zum zweiten Male im Laufe einer Woche ist es hier vorgekommen, daß Kinder in Folge schlechter Schulzeugnisse sich aus dem Fenster stürzten. Während der erste Fall dieser Art glücklich ablies, war der zweite heute von ttaurigen Folgen begleitet. Der elf» jährige Ferdinand, Sohn des im dritten Stocke des Hauses Nr. 8 aus dem Währinger Gürtel wohnhaften Geiichtsvoll» ziehcrs Alexander Jofimovic, hatte gestern Mittags einen schlechten Ausweis aus der Schule nach Hause gebracht. Da» Kind war den Nachmittag über traurig gestimmt, weinte wieder- holt und fürchtete, vom heimkehrenden Vater eine Strafe zu erhalten. Gegen 8 Uhr Abends schlich sich der Kleine auf den Korridor, öffnete das Fenster und stürzte fich in den Hott räum hinab. Ter Knabe erlitt eine schwere Gehirnerschütterung und einen Bruch der Schädelbasis. Noch lebend, jedoch total hoffnungslosem Zustande wurde er in die elterliche Wohnung zurückgebracht.,,„ Aus New- Bork wird berichtet: In den Vereinigten Staaten hadm heftige Schneestürme geherrscht, die sich b? Florida ausdehnen. Fast das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten ist mit Schnee bedeckt, einige Eisenbahnen sind>n ihrem Betriebe gestört. Kriefkaste» der Redaktion. L»i Anfragen bittm wir die Abonnementi-Ouittung deijuNigen. iSriestiche Aniwort wird nicht-rtheilt. P. P. Die allgemeine Volkszählung findet regelmaß a» 5 Jahre statt; die nächste also im Jahre 1890., C, 38. Gewiß dürfen Sie über ihren vorjährigen_ Lohn tarif, sowie über etwaige Veränderungen desselben m. Hj, Vereinsversammlung debattiren; die Tagesordnung ist on kgl. Polizeipräsidium jedoch bei Nachsuchung der Genehw gung zur Abhaltung der Versammlung anzuzeigen. Auw o ,n der Versammlung gefaßten Beschlüsse, den Tarif betteffev dürfen Sie den Meistern schriftlich mittheilen., u# O. S. 24. Nach der Volkszählung im Jahre 1880 ba" Berlin damals zusammen 37 252 Gebäude; die Zahl der wohnten Gebäude betrug 24984. Böttcher Schmidt. Bitte senden Sie die Berichte W™ etwas früher ein.__ verantwortlich für den politischen Thcil und Soziales Max Schippel, für Vereine und Versammlungen F. Tntzaner. für den Druck und Verlag von Max Badwg m Berlm SV,'., Beuthsttaße übrigen Theil der Zeitung K, Cronheim, sämmtlich in Berlio,