Nr. 291. Sountag, de« 12. Dezember 1886. S. Jahrg. SMcrVilksdlM Krgsn für dir Inlerrssen der Ardritrr. 4 Das Uniernehmerthnm bei Staats arbeiten. Ein an und für sich nicht gerade besonderer Vorfall erregt unser Interesse doch aus allgemeinen Gründen, so daß wir denselben hier mittheilen und eine kurze Besprechung daran knüpfen werden. Nach der herrlichen Wartburg wird von Eisenach aus eine Wasierleitung und zwar auf Staatskosten angelegt. An einem der letzten Löhnungstage hatten sich zwei Strecken- Unternehmer heimlich entfernt, ohne den Arbeitern den Lohn auszuzahlen. Die Arbeiter in ihrer Noth rückten gegen das groß- herzogliche Rechnungsamt in Eisenach vor, um von dieser Behörde die Lohnauszahlung zu verlangen,„zu welcher dieselbe," wie uns Bourgeoisblätter belehren, „nicht verpflichtet war." Das großherzogliche Rechnungs- amt aber war verständiger, es telegraphirte nach Weimar, und erhielt die Ermächtigung von dort zur Auszahlung der rückständigen Löhne. Ob es nun der großherzoglichen Kasie gelingt, den Betrag von den beiden Unternehmern wieder einzutreiben, das wissen wir nicht; aber der Staat überhaupt hat seine Konsequenzen aus solchem Vorfalle zu ziehen, mag die Sache in diesem speziellen Falle auslaufen wie sie will. Der Staat ist gesetzlich allerdings nicht verpflichtet, bei solchen Vorfällen die Arbeiter auszulöhnen; jedoch die moralische Pflicht muß ihm zuerkannt werden, und nach dieser Moralischen Pflicht haben das großherzogliche Rechnungs- Mt zu Eisenach und die Regierung zu Weimar auch ge- Vmdelt. Wenn der Staat bei seinen Arbeiten spezielle Unter- Rehmer engagirt, so hat er sich davon zu überzeugen, daß dieselben auch leistungsfähig sind, eventuell hat er von den- Men Kautionen zu verlangen. Diese Vorsicht wird durch den oben erzählten Vorfall noch dringender. Auch bei dem bevorstehenden Bau des Nordostseekanals werden die einzelnen Baustrecken verdingt. Wenn sich dabei lüderliche oder zahlungsunfähige Unternehmer vor- mnden, welche ihre Arbeiter nicht auszahlen wollten oder könnten, wie dann? Für das Reich wird der Kanal gebaut- das Reich ge- kangt in den Besitz desselben, es ist Eigenthümer. Als so- Mannten Generalunternehmer hat es den Staat Preußen �gagirt. Dieser nun engagirt seinerseits allerlei größere j�d kleinere Unternehmer, von denen dann speziell die Ar- deiter und ihr ganzes Wohl und Wehe abhängen. Wenn diese Unter-Unternehmer nun nicht ihre Schuldig- keit thun wollen oder können, so ist der Staat Preußen �chtlich ganz gewiß nicht und auch kaum moralisch ver- aertotn.] IleuiU'eton. [7 Die DerfÄhrerin. Novelle von D. C o l o n i u s. _ Als Tonda den Richter bemerkte, machte er sich von jkkofarka los, ging ihm einen Schritt entgegen, umarmte ihn vkstig und hing lange an seinem Halse. Die Mitglieder beider Familien blieben noch mehrere stunden beisammen, während welcher Zeit Tonda von seinen Weisen und Erlebnissen erzählen mußte und als sie sich Rennten, begleitete Tonda den Richter und seme Achter bis zu ihrer nahe gelegenen Wohnung. �°rt sagte ihm Rosarka so leise, daß der Richter nicht hören konnte:„Morgen wirst Du mir Alles erzählen." Dann mit einem lauten„Gute Nacht!" sieben sie Tonda stehen, der schwermüthig und traurig in Kämmerchen zurückkehrte. v«Warum hast Du Tonda nicht mit hereinkommen lassen, vamst wir ihn in unserm Hause hätten willkommen heißen wnnen?" fragte der Richter seine Tochter, nachdem sie in '»re durchwärmte Wohnstube eingetreten waren. .»Weil ich in diesem Falle noch heute hätte mit ihm Mchen müssen und das wollte ich nicht. Ruhe ist ihm "ö mir nothwendig.".., _, Rosarka gab diese Antwort in einem Tone, der jede eitere Erörterung abschnitt.,., .»Hast Du ihn verändert gefunden?" fragte der Vater . eder nach einer langen Pause, während welcher Rosarka r Frostblumen am Fenster aufmerksam betrachtete. ....»Er ist eben so gut und lieb, wie er war; aber un- S ucklich ist er, glaub ich, gewesen." Hierauf küßte sie ihrem r ehrfurchtsvoll die Hand und ging in ihr Schlaf- mmerchen.— Sie schloß in dieser Nacht kein Auge.--- f.!»Hast Du Rosarka verändert gefunden?" ftagte Pepik nen Bruder, als er zurückkam. »Sie ist eben so gut und lieb, wie sie war; aber ich pflichtet, für die Unternehmer, welche die Lohnzahlung nicht leisten, einzutreten, und soweit wir die preußischen Behörden kennen, werden sie sicherlich nach dieser Richtung über ihre Pflicht nicht hinausgehen. Umsomehr müßte das Deutsche Reich auf der Hut sein und seine Arbeiter schützen, indem es seinen Generalunter- nehmer, der ja unter allen Umständen zahlungsfähig ist, ver- pflichtete, nur solche SpezialUnternehmer anzustellen, von denen er überzeugt ist, daß sie ihren Verpflichtungen nach- kommen, und für die er, der Generalunternehmer Preußen, eventuell sich verbürgt. Das Reich kann unmöglich jetzt mehr, da es leider nicht selbst die Oberaufsicht über den Bau führt, die Pflicht übernehmen, sich für die von Preußen angestellten Unter- nehmer zu verbürgen. Man sieht, es kann dort am Bau des Nordostseekanals eine merkwürdige Wirthschaft geben und eigenthümliche Rechtsverhältnisse, welche keineswegs für die Arbeiter gesunde zu nennen sind, werden dort herrschen. Es ist überhaupt ein verkehrtes Beginnen, daß der Staat seine Arbeiten nicht direkt ausführen läßt, ebenso wie er dies bei der Post und Telegraphie thut. Wie hier das Deutsche Reich selbst die direkte Aussicht führt, so hätte es dieselbe auch bei dem Kanalbau nicht aus den Händen geben sollen. Aber es steckte in unseren Reichs- und VolkSver- tretern noch so viel Manchesterthum, daß sie Alles der Pri- vatthätigkeit überlassen, trotzdem dadurch ein Konkurrenzkampf entsteht, welcher die Löhne herabdrückt und die Arbeiter durchweg schädigt. Und dabei redet man von Sozialreform und Staat* sozialiSmuS!--— Zu dem oben erzählten Vorfalle ist noch mitzu- theilen, daß die beiden auSgekniffenen Unternehmer mit allerlei fremden, zusammengetrommelten Arbeitern in Eisenach angelangt waren, wo sie dann durch billigere Angebote die einheimischen Unternehmer und Arbeiter ver- drängten. Und wie wir erfahren, sollen auch fremde Unternehmer und fremde Arbeiter in großen Schaaren nach Holstein kommen, um an dem Kanalbau Theil zu nehmen. Wie sich somit die Sache dort gestalten wird, können wir heute noch nicht sagen, das Eine aber steht fest, daß solche verletzende und gefährliche Vorfälle nicht eintreten könnten, wenn der Staat für seine Angelegen- heiten auch neben seinen Rechten seine eigene volle Pflicht einsetzte. Und solche Vorkommnisse müssen besonders auch in den betreffenden Parlamenten zur Sprache gebracht werden, da sie viel mehr als die schönsten theoretischen Reden die wirthschaftlichen Verhältnisse und das Loos zahlreicher deutscher Arbeiter kennzeichnen. fürchte, es steht ihr noch großes Unglück bevor," antwortete Tonda, ließ den über diese Worte verwunderten Pepik an der Thür stehen, schloß sich in sein Kämmerchen ein und warf sich aus sein Lager.— Auch er schloß in dieser Nacht kein Auge. VIT. Wenn Du, mein Leser, in Hamburg zum Steinthore hinausgehst und links in die zur Alster hin führende Allee einbiegst, so wirst Du dem Kirchhofe gegenüber in der Nähe des sogenannten„Trichters" ein überaus nettes einstöckiges Häuschen bemerken, welches— falls Du Dich überhaupt ein wenig umzusehen geneigt bist— vor allen andern Deine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Dieses Häuschen hat nur vier Frontfenster, ist kleiner als alle seine Nachbarn rechts und links, und dennoch würdest Du, wenn Du mit Deiner Geliebten(Ihr dürft aber Beide nicht sehr reich nnd nicht sehr groß gewachsen sein) am Anne vorbeiziehst und Dir das Häuschen ansiehst, den Gedanken nicht unterdrücken können, daß Du in diesem Häuschen mit Deinem Weibchen recht glücklich sein könntest. Vor Kurzem noch wohnte in diesem Hänichen eine glückliche Familie, oder vielmehr die Familie, die in diesem Häuschen wohnte, war noch vor Kurzem glücklich. Der Vater— er war Geschäftsführer in einem der ersten Häuser — lief mit einer leichtsinnigen Dirne davon, schiffte sich nach England ein und ließ sein armes Weib nnd seine unschul- digen Kinder im tiefsten Elende zurück. Gute Menschen, deren man unter der Bevölkerung Hamburgs sehr viele findet, nahmen sich der armen Würmer an; die Mutter aber war gezwungen, einstweilen die Wohnung sammt der Ein- richtung zu vermiethen. Sie richtete sich in einem entlegenen Häuschen St. Georgs ein Zimmerchen ein und mußte fortan von ihrer Hände Arbeit leben. Erkundigst Du Dich bei den Nachbarn, wer jetzt die Wohnung bezogen habe, so werden sie Dir keine genaue Auskunft geben können. Die Köchinnen nur wollen vom „Milchmanne", dem„Schlachterjungen" oder der„Vierlän- derin", welche mit ihren Nahrungsvorräthen auch die Be- wohner jenes Häuschens versehen, erfahren haben, daß da- Volttische Uebrrstcht. Ueber den Werth des allgemeinen Stimmrechtes und der parlamentarischen Vertretung für die Arbeiter urtheilt Dr. Adler(Die Arbeiterkammern und die Arbeiter. Wien 1886) sehr zutreffend:„Es ist den Arbeitern in erster Linie nickt darum zu thun, eine Anzahl von Arbeitern im Parlamente zu sehen— nicht das Gcwähltwerden ist ihnen Hauptsache, sondern das Wählen. Die Zeiten, in welchen sanguinische Hoffnungen daran geknüpft wurden, daß die Majorität irgend eines Parlaments den Sozialdemokraten zufallen würde, sind längst vorbei. Heute weiß die Arbeiter- parte! aller Länder ganz genau, daß ihr Sieg von ganz ande- ren Bedingungen abhängt als von der Erlangung einer solchen Majorität. Sie weiß, daß er abhängt von der ökonomischen Entwickelung einerseits und dem Fortschreiten des Klassenbe- wußtseins des Proletariates andererseits. Sie weiß aber auch, daß die Resultate des Wahlrechtes nicht nach seinen Erfolgen abzuschätzen sind und daß das allgemeine gleiche, direkte Wahlrecht, wie eS Frankreich und Deutschland heute haben, bei dem ökonomischen Druck, unter welchem die Wähler stehen, durchaus kein freies Wahlrecht bedeutet. Es fällt ihnen darum auch nicht ein, in der Zahl der für sie „__ Wählervers amm- lungcn dre einzige Gelegenheit, wo Angehörige verschiedener Parteien miteinander in Berührung kommen und ihre Ansichten direkt diskutiren können. Es ist ja ganz begreiflich, daß es die Bourgeoisie viel bequemer findet, bei ihren Versammlungen unter sich zu bleiben und daß die Arbeiterpartei keine Gelegen- heit findet, ihre Meinung dem Gegner ins Gesicht zu sagen. Anders stellt sich die Sache während der Wahlbcwegung. Hier muß der Kandidat sprechen, muß der Wähler hören. Aber der VorthcU, den das Wahlreckt bietet, geht noch viel weiter. Wenn auch, wie schon vorher berührt, wir sehr gut wissen, daß die Zahl der für die Partei Stiinmcnden sich mit der Zahl ihrer Anhänger durchaus nicht deckt, so ist es trotzdem von ungeheurem Werth, das Wachsen der Stimmenzahl beobachten zu können. Jede Partei wird erst durch die Wahlen sich ihrer eigenen Stärke bewußt und aus diesem Grunde haben die 550000 sozialdemokratischen Stimmen, die bei den letzten Wahlen in Deutschland abgegeben wurden, die Parteigenossen aller Länder mit Selbstbewußtsein und Stolz erfüllt. Nicht die 25 Abgeordneten, welche die Partei in den Reichstag entsendet hat, bilden den wesentlichen Erfolg der letzten Wahlen, und wenn es bei der nächsten Wahl 50 Abgeordnete werden, so wird dieses äußerliche Resultat nicht den Werth haben, als die Million Stimmen, welche die Partei hoffentlich erreichen wird. Wenn durch irgend einen Machtspruch der Regierung etwa heute 50 Abgeordnete in das Parlamer t berufen würden, emannt wie die Herrcnhausmitglieder es werden, so würden diese 50 Abgeordneten für die Arbeiterschaft nicht den Werth haben, wie ein einziger, welcher von ihr gewählt wird, und zwar gewählt im Kampfe mit den herrschenden Parteien."— Man kann diese sehr richtigen Ausführungen noch knapper dahin zusammenfassen: 25 Arbeiterselbst etwa seit acht Tagen zwei Frauen leben, die nicht plattdeutsch sprechen und es auch nicht verstehen, die Miethe für drei Monate vorausbezahlt haben und die Haus- thür immer verschlossen hallen. Wir aber wollen von unserm Autorrechte, welches die Macht aller Schlösser und Riegel bricht, Gebrauch machen und uns angemeldet in das Innere des Häuschens be- geben. Eine fast pedantische Sauberkeit und Ordnung, wie man sie in vielen Städten Norddeutschlands antrifft, be- kündet auch hier den Charakter der früheren Bewohner, denn daß die jetzigen denselben Sinn für Reinlichkeit nicht mitgebracht haben, wird schon durch mancherlei auf der Hausflur zurückgebliebene Spuren von gemachten Einkäufen hinlänglich bewiesen. Die beiden, mit einem ziemlich großen Garten in Verbindung stehenden Zimmer des unteren Stock- werkes sind leer; die Schlüssel stecken in den Thürschlössern, und man sieht es an der Anlage der Parterrewohnung, daß sie den Zweck hatte, den Sommer über an eine kleine Fa- milie, oder auch an zwei ledige Herren vermiethet zu werden, um ihnen einen schwachen Begriff von den Annehmlich- leiten des Landlebens beizubringen. Im obern Stockwerk befinden sich vier geräumige Zimmer und im größten der- selben, welches, sein gar zu„praktisches" Mobilar abgerechnet, so ziemlich dem Zwecke eines Salons ent- spricht, finden wie eine Frau im Alter von 28 bis 30 Jahren. Sie ist nicht mehr schön zu nennen und doch liegt ein eigen- thümlicher Zauber in ihrem Gesichte und in ihrem ganzen Wesen. Trotzdem sie sich bereits in jener Periode befindet wo aller künstlichen Mittel ungeachtet der Teint seine Glätte und Reinheit nicht mehr beibehalten will, trotzdem in allen Theilen des Gesichtes die Spuren einer schnell durchlebten, von ewig ungestillter Leidenschaft fortwährend aufgeregten Vergangenheit sichtbar sind— trotz alledem kann diese Frau noch anmuthig— liebenswürdig— verführerisch sein, wenn sie es sein will. Um ihre Mundwinkel liegt ein Zug von Ironie, welchen hochbegabte, aber sinnliche Frauen gewöhn- lich anzunehmen pflegen, nachdem sie eine gewisse Anzahl von Triumphen über schwer zu besiegende Männerherzen «�geordnete würden sehr wenig bedeuten, wenn sie, wie etwa dne Volkswirthschaftsräthe seligen Angedenkens, nicht gewählt, ondem von oben herab ernannt mürben, 25 Arbeiteradgeordnete find aber eine Macht, eine nicht zu übersehende, einfluß- reiche Macht, wenn hinter ihnen über i Million überzeugte Arbeiter stehen. Die Aufklärung und Organisation der Massen, nicht die Zahl der parlamentarischen Vertreter an sich, ist daher für die Emanzipation der Arbeiterklasse das wesentlichste, und weil die Wahlen am tiefsten die Massen ausrühren, deshalb ist •uns das allgemeine Wahlrecht das höchste aller politischen Rechte, das wir nimmer preisgeben werden. Die Nothwendigkeit der Ausdehnung der Arbeiterschutz- Gesetzgebung auf die Hausindustrie ist schon oft an dieser Stelle betont worden. Einen neuen foinweis darauf finden wir auch in einem Vortrag des Herrn Dr. Karl Roscher, eines höheren sächsischen Beamten, dem wir das Folgende über die auch von uns schon öfter berührten Verhältnisse in der Plauener Stickerei entnehmen!„Ein trauriges Beispiel der Ausbeutung von Kindern in der Haus- i n d u st r i e schildert ein Gutachten, welches die Direktoren der drei Bczirksschulen zu Plauen i. V- der dortigen Handels- und Gewerbekammer gemeinsam abgegeben haben. In demselben wird bemerkt, daß die Kinderarbeit in den Fabriksticksälen Plauens im Allgemeinen keinen(?) nachtheiligen Einfluß auf die leibliche Entwickelung der Kinder ausübe. Schlimmer da- gegen seien in Bezug auf die Gesundheit diejenigen Kinder da- ran, welche im Hause an Stickmaschinen arbeiten. Hier fehle eben jede Kontrole. Diese Kinder müßten in der Regel bis spät in die Rächt, nicht selten ganze Nächte hindurch und auch Sonntags arbeiten. Die in Fabriken auf 6 Stunden beschränkte Arbeitszeit belaufe sich in der Hausindustrie nicht selten auf das Doppelte und mehr. Die zu frühzeitige, zu an- haltende und bei schlechter Körperhaltung vornüber gebeugt be- tnebene Arbeit schädige insbesondere die Augen. Diese Kinder seien zum Beispiel nicht im Stande, eine halbe Seite im Lesebuche zu lesen, ohne daß ihnen die Augen übergingen. Die Ansicht, daß das frühzeitige Arbeiten die Finger geschickt mache, treffe hier nicht zu, denn die Kinder seien beim Schreiben wie beim Zeichnen ungeschickt. Die Beschäftigung bei der Stickerei sei eben eine ganz ein- fertige und erfordere nur eine gewisse Schnelligkeit im Ein- fädeln. Solche Kinder lernten auch wenig von ihrer Umge- bung kennen. Was nicht am Wege zur Arbeit oder zur Schule liege, habe k e in I n t e r e s s e für sie. Daher werde über Mangel an Beobachtung geklagt. Das Kind hänge an der Arbeit, und diese nehme alle seine Gedanken und Sorgen in Anspruch. Mit dem Eintritt in das Erwerbsleben höre die Harmlosigkeit und Sorglosigkeit, die wohlthuende körperliche und geistige Frische aus. Ten Mittelpunkt des kindlichen Lebens bilde nunmehr die Arbeit, nicht die Schule. Die Schule würde grausam handeln, wenn sie den Kindern, welche oft schon vor Beginn der Schulstunden haben arbeiten müssen und nicht frisch in die Schule kommen, noch größere Haus- aufgaben stellen wollte. Daher müßten alle Aufgaben in der Schule selbst gelöst werden, so daß dem Unterricht eine ziemlich bedeutende Zeit verloren gehe. Auch die Schulferien erwarteten diese Kinder nicht mit Freuden; müßten sie doch rvährend der Ferien nur noch Mehrarbeiten. Eine aus Veranlassung der Hanvels- und Gcwerbckammer in zwei Mädchenklassen der l. Bezirksschule zu Plauen von der Lehrerin an- gestellte genaue Erhebung ergab, daß von 96 Mädchen 30 in Maschinenstickereien mit Fädeln und 13 zu Hause mit Aus- schneiden(Zäckeln) beschäftigt waren. Von den elfteren(30) war nur eine, von den letzteren(l3) keine über 12 Fahre alt. Es hätte daher von allen 43 Mädchen nach dem Gesetz in Fabriken nur eine beschäftigt werden können, während die Hausindustrie einer Beschränkung in der Verwendung dieser Kinder nickt unterlag. Die tägliche Arbeitszeit aber, welche nach dem Gesetz für 12— 14 jährige Kinder nicht über 6 Stunden betragen darf, betrug bei einem Mädchen von 8—9 Jahren 9i Stunden, hei 10 Mädchen von 9—10 Jahren 8—11 Stunden u. s. w. Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß noch viel jüngere Kinder zu Hause mit der Fädelei bei der Maschine beschäftigt, daß die Fädclkinder viel während der für das Auge besonders schädlichen Abendstunden, ja selbst bis Mitternacht und noch länger vom Sticker zurückgehalten werden. Nach den in der 1. Bezirksschule angestellten Erörterungen hat ein 10 jähriges Mädchen bei seinem Vater oft bis 11 Uhr, ja sogar eine ganze Nacht durch arbeiten müssen."— Das beweist, daß ein Arbeiterschutz nur dann wirksam ist, wenn dem Kapi- tal alle Schleichwege zur Umgehung der Gesetze verlegt sind. Wollte nian der Hausindustrie gar keine Fesseln anlegen, so würde man vielfach weiter nichts erreichen, als daß der Fabri- kant die Arbeiter, besonders die weiblichen und jugendlichen in ihrer Wohnung ausbeutet, und das noch viel gründlicher als vorher in der Fabrik. Darum Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf jede gewerbliche Thätigkcit! Die Wahle» vom K. Dezember. Die amtliche Zusammenstellung des Wahlresultats im ersten Berliner Reichs- tarswahlkreise erfolgte durch den Stadtrath Kochhann unter Mrlwiilung von 10 Beisitzern in dem Hörsaale des Friedrich- errungen haben und noch immer neue zu erringen gesonnen sind. Solche Frauen sind nicht kokett, nicht herausfordernd, sondern zurückhaltend, sparsam mit ihren Gunstbezeugungen, ihrer Unwiderstehlichieit und ihrer Macht bewußt. Sie lassen sich fangen, aber nie überraschen, lassen sich, nachdem sie sich Siegerinnen wissen, erobern, und spielen wie unbewußt ihren Verfolgern die Waffen in die Hand, mit welchen allein sie bezwungen werden können. Sie begnügen sich nicht mit einer halben Errungenschaft, verachten ven Mann, der zu ihren Füßen schmachtet, und— sich glücklich fühlt, wenn es ihm gestattet wird, ihre Handschuhe zu küssen, bevorzugen aber jenen, der eS nicht der Mühe werth hält, sich wegen eines herabgefallenen Taschentuches zur Erde zu bücken. Die Frau, die wir vor uns haben, ist eine von jenen, von denen Goethe sagt, daß sie verführt werden können, nachdem sie beleidigt worden sind. Die Frau steht nachdenkend am Fenster, den Blick un- verwandt auf einen Punkt gerichtet; es scheint, als suche sie trotz der beträchtlichen Entfernung die Zuschrift auf einem Grabstein des gegenüber liegenden Kirchhofs mit freiem Auge zu lesen. Wenn man indeß den eigenthümlichen Ausdruck in ihrem Gesichte zu deuten weiß, so muß man erkennen, daß dieser von zurückgedrängten Thränen heißglühende Blick ferne Gegenden und Gestalten sucht,— daß ein von Sehn- sucht, Liebe und Haß untermischtes Gefühl in ihrer Seele lodert, daß auf ihren bald verächtlich zuckenden, bald wieder fest zusammengepreßten Lippen ein Wort— vielleicht ein Name— schwebt, den sie nicht auszusprechen wagt, obgleich er in tausendfachem Echo aus dem übervollen Herzen sich hervordrängt. Plötzlich verändert sich der Ausdruck in ihrem Ge- sichte; ihr Auge hängt nicht mehr an einem fernen Punkte, sonoecn forscht mit ängstlicher Spannung in den Zügen eines jungen Mannes,"der soeben durch die Allee geht und j oes Haus zu betrachten scheint.„Das ist er!" spricht die Frau dann fast triumphirend zu sich selbst, ruft dann mit s>r lauter Stimme den Namen:„Marie!" und befiehlt ei wr eintretenden ältlichen Frau, den jungen Mann im braunen Ucberrock, der so eben durch die Allee geht, einzu- laden, ihr allsogleich zu folgen. Werderscken Gymnasiums. Bcmerkenswcrth ist, daß nur in zwei Wahlbezirken, dem 14. und 37., keine ungistigen Stimmen vorkamen. Zwei Wähler hatten sich ihre« eigenen Stimmzettel mit der Firma Carl Gustav Gerold statt des Namens des Inhabers zurccht gemacht. Einer hatte seinen Namen durch den Zusatz:„Viel Glück!" ungiltig gemacht; ein anderer hatte in der Eile zwei Zettel zusammengefaltet, ein dritter zwei Namen auf einen Zettel geschrieben. Das offizielle Ergebniß der Wahl ist 7206 Stimmen für Klotz, 4782 für Gerold, 1455 für C h r i st e n s e n, 486 für Marggraff; 7 haben sich zersplittert, ungiltig sind 67 Stimmen.— Nach dem nunmehr vor- liegenden amtlichen Resultat der Mannheimer Reichstags- Stichwahl wurde Dissens(natlib.) mit 10751 Stimmen gewählt. TrccSbach(Sozialist) crhiel 9775 Stimmen. Als Minister von Scholz im Reichstage der Verlegen« heit, in welche er sich durch die Erklärung, daß die Monopol- Projekte der Regierung durch vre ablehnenden Beschlüsse des Reichstages nicht beseitigt seien, versetzt hatte, dadurch zu entgehen suchte, daß er seine Gegner einer Kampfesweise be- schuldigte, deren ehrliche Männer sich nicht bedienten, mußte er sich von dem Präsidenten an die parlamentarischen Sitten erinnern lassen. Tie„N- A. Z." läßt sich durch solche Bedenken nicht zurückhalten, die Opposition in dem Sinne des Herrn v. Scholz anzugreifen. Darüber ist kein Wort zu verlieren. Politischer Anstand ist eine Vokabel, die nicht in allen Wörter- büchcrn verzeichnet steht. Von Interesse ist nur, daß nach der Darstellung der„N. A. Z", wenn auch vielleicht jetzt noch nicht das Tadaksmonopol, so doch zweifellos das B rannt- w e i n m o n o p o l aus dem Programm der verbündeten Rc- gicrungen steht. Das Tabaksmonopol kommt eist später wieder; Herr v. Scholz, der sich persönlich als Anhänger auch des Tabaksmonopols darstellt, ist davon fest überzeugt. Gleichwohl soll es eine Verleumdung der Regierung sein, zu behaupten, daß das Tabaksmonopol auf dem Programm derselben stehe! Im klebrigen ist es bemerkenswetth, daß die„N. A. Z." zur Vertheidigung des Ministers v. Scholz in die Schranken ttitt. Es giebt das die Gewißheit, daß der preußische Finanzministcr auch die letzte Krists glücklich überstanden hat. lieber die Lstafrikanische Gesellschaft schreibt die „Nation": Dr. Jühlke, der im Auftrage der Ostafrikanischen Gesellschaft neue Ländereien im Osten des dunklen Erdtheils erwerben sollte, ist von Somalis erm o rd et worden. Ein anderes Mitglied der Expedition, Lieutenant Günther, ist wenig früher in einem Flusse ertrunken. Wenn die Gesellschaft noch von einigen wenigen solchen Unglücksfällen betroffen wcr- den sollte, so wird sie auch nicht einen Vertteter mehr auf jenen riesigen Territorien besitzen, die sie mit so zweifelhaftem Recht als ihr Eigcnthum in Anspruch ninimt. Diese groteske Thatsache beleuchtet am klarsten die Lage der Ostafrikanischcn Gesellschaft. Tie Gesellschaft, die über Königreiche verfügt, be- sitzt absolut keine Mittel, aber sie befitzt auch nicht zehn Äen- schen, vielleicht nicht fünf, die ihre Rechte in diesen Königreichen wahrnehmen. Das Unternehmen erscheint wie eine phantastische Riescns vielem erwachsener Kinder; der letzte tragische Zwischen- fall sollte aber eine Mahnung sein, in dieser Spielerei nunmehr endlich inne zu halten.— Wie seitens der Ostafrikanischen Gc- sellschaft in der Presse mitgetheilt wird, wird an Stelle des ermordeten Dr. Jühlke Graf Pfeil in den nächsten Tagen als Generalgouverneur des Somalilandes nach Afrika abreisen. Man darf gespannt sein, od Graf Pfeil nunmehr die brutale Methode der Erziehung des Negers zur Arbeit, welche er auf dem großen überseeischen Kongreß empfohlen hat, zur prattischen Ausfühiung bringen wird. Die„Erfolge" werden dann nicht länger auf sich matten lassen. Ter Appetit kommt beim Essen und daher ttchtct„ein Landwirth aus der Provinz Posen" ganz unverfroren das Er- suchen an den Reichstag, mit dem System der bishettgen Zölle auf nothwendige Lebensmittel zu brechen und einfach zu Einfuhrverboten überzugehen! Er fühtt nach der „Thür. Waldp." aus, daß, wenn nickt die Einsuhr von Gc- treibe, Mehl, Fleisch, Vieh, Butter, Wolle und Wollprodukten einfach verboten werde, die Landwirthschaft zu Grunde gehen müsse und damit eine Bevölkerungsklasse, die„bisher Preußen und Teutschland durch ihren aufopfernden Patriotismus, durch ihren moralischen Lebenswandel, durch ihre Intelligenz, Arbeits- und Steuerkraft groß gemacht." 8 Millionen Arbeiter auf dem Lande allein würden brotlos werden, ohne Beschäftigung und ohne Wohnsitze(!) ungerechnet der Jndustttcn, die mit der Landwirthschaft zusammenhängen. Diese alle würden das Proletariat in den Städten vermehren, Sozialdemokraten wer- den und sich für eine gründliche„Aenderung der Weltlage" ins Zeug legen.— Wenn diese Argumente auf den Reichstag keinen Eindruck machen sollten, wäre es allerdings sehr schlimm. Was aber den Einsender anlangt, so möchten wir zwar weder die Güte seines moralischen Lebenswandels, noch die Größe seines Patttotisnius bezweifeln, wohl aber, daß seine Intelligenz Deutschland groß gemacht haben könnte. Der telegraphische Verkehr in Deutschland. Ein Ver- gleich mit anderen Ländern zeigt uns, daß in Teutschland von dem Telegraphen noch lange nicht der ausgedehnte Gebrauch gemacht wird, welcher anderwärts stattfindet. Denn in Deutsch- Die Dienerin— daß sie diese Stellung'inne Hat, ging schon aus dem Ton hervor, in welchem die zuttickbleibende Frau ihr obigen Befehl ettheilte— eilte die Treppe hinab, kehtte nach einigen Äugenblicken mit dem bezeichneten jungen Manne zurück und fühtte ihn, nachdem sie seinen Ucberrock und seine Ueberschuhe in Empfang genommen hatte, in das Zimmer ihrer Gebietenn. Man sah es dem eintretenden jungen Manne auf den ersten Blick an, daß es ihn bei Weitem mehr überrasche, weswegen, als von wem er hierher berufen worden sei; denn er machte der Dame, nachdem er einen flüchtigen Blick ans sie geworfen, niedergeschlagenen AugeS eine tiefe Verbeugung und hatte Mühe, seine Verlegenheit zu ver- bergen. (Fottsetzung folgt.) Aus Kunst und Leven. Im Walhallatheater errang am Freitag die erste Auf- führung der„Vagabunden" einen unbestrittenen Erfolg. Der besonderen Originalität der Z e l l e r' schen Operette kann man den ungewöhnlichen Beifall gewiß nicht zuschreiben. So jung die Form der Operette noch ist, so ist sie doch bereits zur vollsten Echabloncnhaftigkeit erstarrt. Erst ein paar Ehöre, dann eine romantische Serenade, einige schmelzende, wiegende Walzermelodien, dazu die nöthige Zahl von Kouplets und flotten Märschen, dazwischen ein paar Liebes- und Eifersuchts- fzenen und möglichst viel Gelegenheiten zur Schaustellung einer Reihe von Kostüm- uno Wadenspezialitäten— da» it hat man sich allmälig bei den deuttchen Nachfolgern Offenbach's begnügen gelernt und auch an das Zcllerssche Werk darf man keine größeren Ansprüche erheben. Aber was es bietet, bietet es in fo liebenswürdiger, zum Theil bestttckcnder Form, daß die Beifallssalven am Freitag wohl erklärlich find. Berlin ist für die nächsten Monate wieder um einige Walzermelodicn reicher und der Marsch am Schlüsse des dritten Attes wird wahrscheinlich ebensoviel gesungen, gespielt und geklimpert wcr- den, wie seinerzeit der Fatinitzamarsch. Mehr kann man von einer Operette nicht verlangen. Gespielt wurde übrigens aus- ;czeichnct> in erster Linie von den Damen Frl. Ahrens«Wahr- agerin Dyrsa) und Frl. Secbold(Marizza). Auch Fräulein land kommen jährlich auf 100 Einwohner nur 33,9 Telegramme, während in Großbritannien und Irland 88,8 Telegramme auf 100 Einwohner kommen. In der Schweiz entfallen 77,2, in Frankreich 73,2, in Holland 53,9, in Belgien 53,6, in Nor« wegen 40,4, in Dänemark 37,8 Telegramme auf 100 Einwohner. Deutschland und die bulgarische Deputation. Ein Privattelegramm meldet der„Voss. Ztg." aus Sofia: „Deutschland erklätt, Bulgarien ist ein Vasallenstaat der Pfotte, daher kann kein offizieller Empfang der Deputation statt- finden; auf bulgarische Vorschläge könne deutscherseits offiziell nur der Pfotte geantwortet werden, die ihrerseits die Antwott an Bulgarien weitergebe. Man ist hier entmuthigt und sagt, Teutschland habe nichts für Bulgarien gethan, Deutschland habe die Entthronung des Fürsten zugelassen, den zurückgekehrten Fürsten abermals zur Abreise gezwungen und heute sich mit Rußland und der Pfotte verständigt." Sozialistisches. Posen, 9. Dezember. Die hiesigen Sozialisten haben gestern Abend eine polnische Broschüre in zahlreichen Exemplaren in der Breslauerstraße verbreitet. Die sozialistische Agitation nimmt in polnischen Kreisen stetig zu.— Rendsburg, 5. Dezember. Heute wurde bei dem 1. Bataillon des 85. Regiments nach verbotenen Schriften recherchitt und wurden drei„Wahre Jakob" beschlagnahmt. In der That eine magere Beute! Vor diesem harmlosen, munteren Witz- blatte braucht das Deutsche Reich sich doch sicherlich nicht zu fürchten.— Verboten wurde auf Grund des Sozialistengesetzes die vom 20. November 1886 datirtc Nr. 2 der in London er- scheinenden periodischen Druckschrift:„Die Autonomie. Anarchistisch-kommunistisches Organ." Gedruckt und heraus- gegeben von R. Gunderson, 96, Wardour Street, Soho Square, London W. Oesterreich Ungar«. Aus der Wiener Skandalchronik möge folgendes Geschichtchen als ein Beitrag zur Charakteristik der bürgerlich- „demokratischen" Führer und Volksmänncr gemeldet sein. Nach- dem kaum die Affäre Wcinwurm(wegen des Heirathsstipendiums für dessen Schwiegertochter) etwas verraucht ist, kommt ein noch sprechenderer Beweis zu Tage, wie mit unser» Kommunal- teldcrn und Stiftungen gcwirihschaftet wird. Es gingen zwei iürgcr des V n. Stadtbezirks zum Bürgermeister und führten Beschwerde, daß eine Frau seit 22 Jahren ein städtisches Ver« sorgungsgeld von sechs Gulden monatlich erhalte, obwohl ihr Sohn sehr vermöglich sei. Er besitze nämlich drei Häuser, eine Branntwcinladenlizenz, die er um 400 Gulden jährlich verpachtet, erhalte als Magistratsrath mehr als 3000 Gulden Gehalt und sei überdies Reichsrathsabgcordneter— mit einem Worte: Dr. Kronawetter. Der Bürgermeister ließ sofott Erhebungen pflegen, wonach Frau Kronawetter, jetzt 82 Jahre alt, seit dem im Jahre 1864 erfolgten Tode ihres Mannes, des Schlosser- meisters Kronawetter, thatsächlich monatlich 6 Gulden bezog. Ter Bürgermeister befahl die sofortige Einstellung dieses„Armen- gelbes", weil der Sohn der„Pfründncrin", Kronawetter, in der Lage ist, seine Mutter zu unterstützen! Schweiz. Der schweizer Nationalralh hat das Branntwein- Monopol nach attikelweiser Berathung bei der Gencralab- stinimung mit allen gegen 6 Stimmen angenommen. Die Annahme der Vorlage durch den Ständeraih gilt als gesichert. Nack den Beschlüssen des Bundesraths lauten nunmehr die Attikel 1 und 2: Art. 1. Das Recht zur Herstellung und zur Einfuhr gebrannter Wasser aus Stoffen, deren Brennen durch Art. 32 der Bundesvcttassung der Bundesgesetz- gebuna unterstellt ist, steht ausschließlich dem Bunde zu. Der Bund ist verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die zur Verarbeitung zu Getränken bestimmten gebrannten Wasser ge- nüaend gereinigt seien, in keinem Falle mcbr als 3"„, alkoholische Verunreinigungen enthalten sollen. Soweit der Bevatt durch inländische Produttion gedeckt werden soll, überträgt der Bund die erforderlichen Lieferungen an die Privatthätigkeit nack Maßgabe von Art. 2. Art. 2. Ungefähr ein Viertel des Bedarfcs an gebrannten Wassern wird durch Lieferungsvctträge beschafft, welche der Bund mit inländischen Produ- z e n t e n abzuschließen hat. Die Lieferungen werden in Loosen von wenigstens 150 Hektoliter und höchstens 1000 Hettoliter absoluten Alkohols auf Grund von Lastcnhcften zur Uebernahme ausgeschrieben und für eine vom Bundcsrath festzusetzende Periode an diejenigen vergeben, welche bei zureichenden Garan- tien nach der Abstufung der Loose die günstigsten Anerbieten machen. Bei der Vergebung wird das Brennen einheimischer Rohmaterialien und der Brcnnbetricb in Form landwirthschaft- sicher Genossenschaften vorzugsweise berückfichtiat. Keine Bren- nerei erhält mehr als ein Loos zugeschlagen. Ferner wurde dw Monopolgcbähr für eingeführte Qualitätsspirituosen von 100 auf 80 Frks. für den Meterzentner herabgesetzt und bezüglich Feststellung des Verkaufspreises der vom Bunde abgegebenen gebrannten Wasser(120 bis 150 Frks. für den Hettoliter absoluten Alkohols) folgende Aenderung �beschlossen! „Der Verkaufspreis wird vom Bundesrath periodisch festgesetzt und im„Bundesblatt" veröffentlicht." Der Bundcsrath veran- Tschcrpa oab die alte kokette Gräfin sehr gut in Spiel und Gesang. Von den Herren ttug wohl den meisten Beifall Herr Herrmann in der Rolle des russischen Polizeimeisters(Iwan der Schreckliche) davon, Herr Philipp und Herr Klein erfreuten fick ebenfalls eines großen Erfolges. Die Ausstattung war tzlän- zend, die Regie gut, so daß der„Vagabund" wahrscheinlich lange Zeit die Bretter des Walhallathcaters beherrschen wird. Die„Sternschnuppe" ist zu einem wirttichen Zug- und Kassenstück des Wallncr-Theaters geworden und wird da» Repertoire dieser Bühne zweifellos in das neue Jahr hine'N beherrschen, da die Einnahmen trotz des ungünstigsten Weih- nachtsmonats selbst an Wochentagen sich auf der Höhe„übel- raschend voller Häuser" erhalten. Im Deutschen Theater wird heute, Sonntag,„Der schwär� Schleier", und morgen, Montag,„Das Käthchen von Hcilbronn� gegeben. Die nächste Aufführung von„Romeo und Jusia findet am Mittwoch, den 15. ds. Mts., statt. Am folgenden Sonntag, den 19. d. M., geht Shakespeare's„Macbeth"J neuer Uebersctzung von Dr. Gildcmeister zuin ersten Mal n> Szene. Außerdem dringt das Repettoir dieser Woche noch Aul- führungeir von ,, Doktor Klaus",„Der schwarze Schleier" urw „Ein Tropfen Gift". Im Eden-Theater wird am Dienstag, den 14. d. Wj eine Vorstellung stattfinden, die als erste Äenesizvorstcllung de» ausgezeichneten Kapellmeisters Herrn Franz Brandt ein sonders ausgewähltes und sehr interessantes Programm bringen wird. Außer einigen größeren Festkompofitionen, die vom Kavellmeiller Brandt besonders kür dicken Abend koMP0N>r> Uciuiihcii, luciucn vic o11* �-fo und eine neue Spezialitätentruppe als Gäste mitwirken, wav' rend die engagitten Kräfte, die vorzüglichen Duettisten heim, der ttcffliche Humorist Zochcr und Riegel's Ballet-Gefl� schaft durchaus neue unterhaltende Nummern bringen w�v'- dazu tritt noch die Mitwirkung der großartigen mufikalum� klowns Forest, des Ringturners Nizarras und das Auftten der Antillen-Neger, welche Kräfte insgesammt die VorstelluW zu einer der besten und interessantesten in dieser Saison 8� stalten werden..... Projektirtes Rcpertoir der königlichen Schausp'� Viyiau u. w; VrC�rifl sckilagt übnqcns die Ausgaben der Alkoholverwaltung auf Grand des jetzigen Entwurfs auf 9 396 500 Frks., die Einnahmen derselben auf 18 216 600 Frks., so daß dessen Er- gebniß auf 8 820 000 Frks. beziffert werden konnte. Rußland. An der S t u d e n t c n d e m o n st r a t i o n auf dem Wolkowofriedbofe hatten auch 100 Studentinnen theil- gcnommen. Ani Tage nach dem Vorfalle wurden allen Studentinnen der medizinischen Akademie die Pässe abgenommen, damit sie nicht abreisen konnten, worauf die Ver- Haftungen begannen. 18 Studentinnen find bereits auf „administrativen, Wege" aus Petersburg entfernt worden. Äsian hat vorgeschlagen, daß die Uebrigen hiergegen bei dem Polizeinieister Grcsser protestiren sollten, allein der Gedanke scheint aufgegeben worden zu sein, da ein solcher Protest doch nur zu neuen Verhaftungen geführt hätte. Soll doch der Polizeimeister bereits vom Minister des Innern einen Verweis dafür erhalten haben, daß er nicht energisch genug vor- gegangen ist. Frankreich. Folgende M i n isi e r l i st e zirkulirt: Goblet Inneres, Duclerc Aeußeres, Sarrien Justiz. Dauphin Finanzen, Burdeau Unterricht. Die Uebrigen bleiben. Duclerc, Sarrien und Develle sind noch zweifelhaft, ob sie annehmen. Der neue Ministerpräsident Rens Marie Goblet, Deputirtcr für das Somme-Departemcnt, geb. am 23. Septbr. 1828 in Aire(Pas de Calais), war 1869 Mitbegründer des demokratischen Blattes„Progibs de la Somme" und Mitglied des Gencralraths für den nordöstlichen Kanton des Somme- Departements. 1879 wurde er Unterstaatssekretär des Justiz- Ministeriums, 1882 Minister des Innern im damaligen Kabinet Frcycinct, dann im Kabinet Brisson, 1885 Minister des Unterrichts und der schönen Künste und behielt diesen wichtigen Posten auch unter dem letzten Ministerium Freycinet. Goblet steht mit den Opportunisten und besonders mit Jerry in Unter- richtssragen auf gleichem Boden und hat das Elcmentarschulgesetz durchgebracht, das den Klerikalen ein Tom im Auge ist. Schon deshalb wird Goblet die ganze Rechte in unerbittlicher Feind- schaft auf Schritt und Tritt im Wege finden. Mit den Oppottunisten steht er aber nur in der Unterrichtstrage in vollem Einvernehmen; Clemenccau wird ihm schon darum nicht bald sein, weil ihn, ein Kabinct Floquct lieber gewesen wäre. Der erste Eindruck der Nachricht, daß Goblet die neue Re- gierung bilden solle, war bei den Radikalen und Monarchisten kein guter. GroSbrita««ien. Das Ergebniß der Konserenz der liberalen Unionistcn ist nach dem Urtheile des„Standard" der unheilbare Br ach mit den Gladstonianern. Das Blatt schreibt: „Eine bloße Liste der Männer, welche an der gestrigen Konfe- rcnz der liberalen Unionistcn entweder persönlich theilnahmen oder durch Schreiben ihre Ansichten kundgaben, ertheilt denen eine Lektion, welche wähnen, daß die Zeit für Jpume-Rule ist. Der Katalog umfaßt fast alle Führer des Liberalismus von Bedeutung.(?) Besonders wichttg aber ist das Schreiben Brights."— Die„Daily New s" glaubten, daß die VerHand- lungen der dissentirmden Liberalen der konservativen Partei sehr zum Tröste und zur Ermuthigung dienen werden.„Lord Oattington hegt keine Hoffnungen, daß sich die diffentirendcn Liberalen bald wieder mit ihren früheren Verbündeten aus- söhnen werden. Die liberale Partei wird aber weder ihre Grundsätze, noch ihre Führer aufgeben, weil ein Theil ihrer Mitglieder sich von ihr losgesagt hat. Es würde verbrechen- scher Leichtsinn sein, wenn wir, nachdem wir eine so großattige und weitreichende Politik, wie die der Gründung eines eigenen Parlaments für Irland, angenommen haben, nun zugeben sollten, daß es doch ein Jrtthum war und Kreisbehörden auch wohl ausreichen möchten. Das Hauvtargument für Sbomc-Rule b leibt, daß inan sonst keine andere Wahl hat, als Irland gegen die Wünsche des irischen Volkes, d. h. despotisch, zu regieren. die Schwäche hat keine merklichen Fortschntte gemacht. einige Tage, einige Stunden vielleicht und er wird das Msten aufgeben müssen."- Unterm 8. Dezember wird aus r."s berichtet: Merlatti ttotzt den Prophezeiungen Derer, s'f'che ihm den gestrigen Tag als letzte mögliche Grenze für �'"e Fastenkur steckten. Er behauptete, er werde es noch sieben �ae. den Rest der fünfzig, aushalten, und organlfltt für den nei.»' Bmttet zu 20 Frks. per Kopf, an welchem er Therl Ii,?"'?» und die erste Nahrung genießen will.— Er sollte sich "Dinen Platz im Jrrenhause bestellen. bmu& Niveauveränderungen an der Sildkuste von Eng- sin!,{"'ben fcho» lange die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, v°°ber heute noch so räthselhaft wie imicrsten Anfange, denn Anscheine nach kommen hier positive und negative Be- lfd.'"Sfn"eben- und durcheinander vor in einer Weise, welche nfr1 Bettuch, sie durch eine Nivcauveränderung des Meeres zu n.«aren unmöglich machen. Steikie Gardner spricht in einem «an.™«Geological Magazine" aus. daß die Küste in ihrer Ninn a. Ausdehnung in Bewegung sei. An vielen Stellen findet in," Reste versunkener Wälder bis 70 Fuß unter dem Meeres- ß"! bei Pentnan fand man menschliche Uebeneste 34 Fuß protestantischen Einwohnern der Stadt kam. Im Verlaufe des Krawalles wurden auch einige von Protestanten bewohnte Häuser demolitt. Die Polizei war machtlos und es mußten zwei Schwadronen Dragoner reguiritt werden» welche mtt Hilfe der Konstabler die Straßen säubctten. Kalkanlander. Tie Rückkehr des Generals Kaulbars aus Bulgarien hat der russischen Presse Gelegenheit gegeben, die Beziehungen zwischen Rußland und Bulgarien einer neuerlichen Betrachtung zu unterziehen. Das Resultat ist natürlich ein für die jetztigen bulgarischen Machthaber sehr ungünstiges. Be- zeichnete doch sogar der Hauptredner in einer Sitzung des Petersburger stawischcn Wohlthätigkeitsvereins, der bekannte Panstawist W. I. Lamanskij, die Leiter des bulgarischen Volkes als„ordinäre und unwissende bulgattsche Nihilisten, Nestlinge unserer Seminare und unserer rastlos und verwegen weiter wühlenden rothen Literatur, durchgebrannte Wiener Kommis, bessarabische Marqueure, Philippopeler Wucherer und Rustschuker Frcudenhausbesitzer." Fürst Meschtscherski, der Herausgeber des von dem Zaren eifrig gelesenen Blattes „Grashdanin", geht noch weiter, indem er auch das bulgarische Volk der Untetttützung Rußlands für unwürdig erklätt. Viele russische Blätter, sagt er, betrügen sich selbst, wenn sie be- hauptcn, daß das bulgarische Volk Rußtand ergeben und dank- bar sei; in politischer Hinsicht mag Bulgatten den Russen noth- wendig sein und seinerzeit werde die russische Regierung die Frage als eine politische auch entscheiden, aber man solle doch nicht vergessen, wie schändkich sich die Bul- garen während des letzten Ktteges gegen die russischen Soldaten benommen hätten. Jetzt solle man nach zwei- jähriger Verhenlichung des„verrätherischen Battenberger's" seitens des bulgattschen Volkes, das nunmehr einer Hand- voll Taugenichtse gehorche, glauben, daß dieses selbe Volk bereit sei, sich dem Willen des„Erhabenen Leiters" Rußlands zu unterwetten, und daß es dieses Land liebe! Dann heißt es— nach der„Franks. Ztg."— wörtlich:„Nein— das arme Rußland hat seine Gefühlsseligkeit theuer genug bezahlt. Es ist Zeit, daß wir zur Vernunft kommen und einsehen, daß es geradezu sündhaft wäre gegenüber dem Vaterlande, sich mit dem bulgarischen Lum pengetriebe zu beschäftigen. Gott bewahre uns vor jeder Buhlerci um die Sympathien dieses Volkes, das da log, als es von den Oualen des türki- schen Joches sprach, und vas da lügt, wenn es jetzt von seiner Anhänglichkeit an Rußland spttcht.... Es lebt nur für seinen Bauch und seine Konstitution.... In Rußland aber— was auch die Zeitungsschreiber in ihrem Leichtsinn vordringen mögen — in Rußland lebt das dankerfüllte Vettrauen zum Zaren, daß er nicht einen einzigen Tropfen russischen Blutes, nicht eine einzige nlssische Kopeke für Bulgarien opfern wird..... Wir brauchen alle unsere Kräfte für andere Zwecke." Gleichzeitig veröffentlicht Fürst Mescktscherski eine Zuschttst, welche, die gc- stimmte„slavische Frage" ins Auge fassend, rundweg erklärt, daß die„größten Feinde russischen Wohlergens diejenigen seien, die in den Händen der europäischen Bismarcke und geschworenen Widersacher Rußlands die Rolle von Blutegeln spielen, die dem russischen Koloß angesetzt würden, ihm die Kratt auszu- saugen, d. h.— die slawischen Brüder aller Sotten." So lange sie sich in fremden Händen befinden, liebäugeln sie mit Rußland; so bald aber diese ihre ältere Schwester—„welch' eine Ehre für Rußland,", mit jeglichem Lumpengesindel in Europa verwandt zu sein!"— sobald sie sie auf eigene Füße stellt, so nehmen sie sofort Dienste bei den Feinden Ruß- lands. Afrika. Heber die jüngst mitgetheilten Unruhen in den portu- g i e s i s ch e n Besitzungen an der Ostküste verlautete bis jetzt nichts näheres, schreibt das soeben eingettoffene„Capland" vom 12. November, aber so viel ist ziemlich klar, daß die Por- tugiesen sich dort nicht mehr halten können. „Es wäre nicht unmöglich, daß die aufständischen Eingeborenen von irgend einer der Mächte angefeuett worden find, welche in den Besitz der betreffenden Kolonie zu kommen wünschen, mit denen ja auch die pottugiesische Regiening bekanntlich schon längere Zeit betreffs Verkaufs der Delagoabai in Unterhandlung steht. Die Interessenten am Kap drängen die englische Regierung schon lange, sich den Besitz derselben zu sichern. Erst vor Kurzem haben wieder die Henen Wiener und Spttgg bei ihrer Anwesenheit in London den Kolonialsekretär zur Ent- scheidung gedrängt. Es fragt sich aber, ob England sich in der Lage befindet, diesem Drängen nachzugeben. Der Besitz der ganzen oder eines Theiles der pottugiesischen Besitzungen an der Ostküste bedingt gewisse Auslagen und Umständlichkeiten, welche der englischen Regierung im Augenblick recht unbequem sein könnten. Jedenfalls aber ist der Auszug der Por« tugiesen nur eine Frage der Zeit, und je eher derselbe erfolgt, desto besser wäre es für die Ettchlicßung und Entwickelung der Ostküste und des Hinterlandes." Amerika. In die Gesetzgebung von Nebraska find nicht weniger als 16 Deutsche gewählt worden, 5 Senatoren und 11 Neunter der Hochwaflcrlinie, bei Carnon sogar 64 Fuß tief; die Insel Wight ist erst nach Chttsti Geburt vom Festlande abge« trennt worden, und besonders in Cornwallis hat das Meer große Fortschritte gemacht. Dagegen steht Poolc auf einer Stelle, wo vor 70 Jahren noch tiefes Wasser war, und die Dünen bei Poole Harbour sind binnen 44 Jahren, von 1785—1829, um eine halbe Meile ins Meer hineingerückt. Im Allgemeinen scheint ganz Kent in der Hebung begriffen, Sussex theils in Hebung, theils in Senkung, die Grafschaften weiter westlich sämmtlich m Senkung, doch kommen an einzelnen Stellen auch Widerspttichc vor, und hier und da scheinen sogar innerhalb der historischen Zeit positive und negative Bewegung gewechselt zu haben. Gardner spricht sich ganz entschieden gegen die Theorie von Pigeon aus, nach welcher die vettunkenen Wälder ursprünglich in durch Dünen oder Landdämme ge- scbützten Depressionen gewachsen sein sollen, so daß sie durch einen Turchbruch des Meeres hätten übettchwemmt werden können. Hebet die Blitzgefahr entnehmen wir einem m der meteorologischen Gc>ellschaft zu Berlin gehaltenen Vottrag folgende Notiz: Die geologische Beschaffenheit des Bodens, insbesondere seine Wasscrkapazität, habe auf die Blitzgesahr einer Gegend erheblichen Einfluß. Bezeichne man diese für Kalkboden mit 1, so sei diejenige für Kauvermergcl gleich 2, für Thonboden gleich 7, für Sandboden gleich 9 und für Lehmboden gleich 22. Diesem Umstände habe der größte Theil Süd- deutschlands und Oesterreichs seine geringe Blitzgcfährdung gegenüber dem norddeutschen Flachlande wohl in erster Linie zu verdanken. Von allen Bäumen würden Eichen am häufigsten, Buchen am seltensten durch Blitze beschädigt. Bezeichne man die Blitzgefahr der Buchen mit 1, so sei diejenige für Nadel« Hölzer gleich 15, für Eichen gleich 54 und für andere Lardhölzer gleich 40. Ferner treffe der Blitz relativ oft kranke, bevorzuge freistehende und Randbäume vor solchen im Bestände und be> schädige am leichtesten 16—20 Meter hohe Bäume. Auch treffe der Blitzstrahl nahezu dreimal häufiger den Schaft als lue Spitze der Bäume und springe nur in drei unter hundett Fällen auf andere Bäume über. Bei einem Drittel aller vom Blitz berührten Bäume werde der Stamm zersplittett. Eine schwere, bisher glücklich verlaufene Operatton ist Anfang dieses Monats im Stadtkrankenhause zu Dresden an einem 22 Jahre alten Webergesellen vorgenommen worden. Der junge Mensch war wegen verschiedener Vergehen bei dem königl. Landgerichte cingeliefett worden und im Gefängnisse erkrankt. Er hatte, so ergab sich bald, wahrscheinlich lediglich Präsentanten, nämlich in den Senat: Bruno Tzschuck, C. Duras, Paul Schminke, H. Speick, Samuel Wolbach; in das Reprä« sentantenhaus: George Heimrod, G. F. Kreper, John Peters, G. Baunrann, I. W. Fuchs, H. Lieswald, S. Blick, Nie. Wullenweber, M. F. Franz, A. Rief und I. Wilhelmsen. Soziales und Arbeiterbewegung. Wie sehr die Verdrängung der Kleiniiidrlstrie durch die dampfbetriebene Großindustrie neuerdings im Wachsen ist, zeigt u. Ä. ein von dem Plauenschen Gcwerbeinspektor(1884) erwähnter Fall. Während zur Anfettigung der früher ge« bräuchlichen Art der Gardinen einfache Hand- oder mechanische Stühle erforderlich waren, welche 500—1000 Mark das Stück kosteten und wenig Raum erfordetten, so daß selbst beschränkte Wohnungen und kleine Fabriken zu ihrer Aufstellung ausrerch- ten, verlangt die Anfettigung der jetzt bevorzugten englischen Gardinen Maschinen, deren jede 20 000 M. kostet, und einen Raum von mindestens 5 Meter Höhe, 8 Meter Breite und zwei Meter Tiefe, sowie eine starke Betriebskraft in Anspruch nimmt. Dasselbe Kapital, welches früher hinreichte, um 20—30 Gardinenwebstühle aufzustellen, reicht bei der Fabrikation der jetzt üblichen englischen Gardinen nur für einen Stuhl. Aehnliche Beispiele ließen sich auch aus anderen Industriezweigen an- führen. Sie zeigen, daß es dem Kleinbetriebe immer schwerer wird, den Wettkampf mit dem Großbetriebe auszuhalten. Wie der Großbetrieb immer mehr die Produktions- mittel konzentrirt, zeigt die Mittheilung, daß die A. Riebe ck's ch en Montanwerke i n H a l l e a. S. mit einem Grundkapital von 10 Millionen Mark wirthschaftcn, in 15 Bergwerken, 12 Schwelereien und 3 Fabriken 3837 Beamte und Arbeiter beschäftigen; 1 10 Dampfkessel, 288 Dampfmaschinen, 549 Schwclzylinder. 55 Trockenöfen, 34 Pressen für Äriquctts, 13 Ziegelöfen, 4 Gasanstalten und 125 Theer- und Oelblasen, wie 50 hydraulische Pressen sind in Thätigkeit. Fürwahr ein Jndustttefürstenthum mit großartigem— Entberungslohn. Aber wenn die Werke nicht genügend beschäftigt sind, dann werden die fleißigen„Hände", die all diese Dinge schaffen, doch auf Lohnentbehrung gesetzt. Zum Nachdenken für die Gegner des Krankenkassen- zwanges für Kaufleute wird dem„Handlungsgeh." folgen- der Fall bettchtet. Eine größere Firma im Norden Berlins engagitt junge Leute, welche einen ihnen vorgelegten Kontrakt unterschreiben müssen. In dem Kontrast heißt es unter Anderem:„Wird der junge Mann krank, so hat er die Pflicht, dem Chef die Krankheit binnen 3 Stunden anzuzeigen. Der Chef hat das Recht, den jungen Mann von seinem.Hausarzt untettuchen zu lassen und ihm die K r a n k h e i t s t a g e v o,m Gehalt abzuziehen; thut es dies nicht gleich, so hat der Chef das Recht, bei Abgang des jungen Mannes solches zu thun." Trotzdem meint das Aeltestenkollegium, die„Chefs" zahlten immer die Krankcnkosten und es sei daher ganz über- flüssig, Kassen zur Krankenversicherung zu schaffen. Aus Sachsen, 9. Dezember. Ziemlich bestimmt auftreten- den Meldungen zufolge, soll der sächsische Bergfiskus beschlossen haben, den Bettieb der beiden seit Jahrhundetten ausgebeuteten Silberbergwerke„Chmprinz" und„Beihilfe" bei Freiberg gänz- lich einzustellen. Durch diese Maßregel würden 400 Bergleute beschäftigungslos. Die Ausfuhr Kanadas in landwirthschaftlichen Pro- dukten. lieber die Zunahme der Weizenproduktion in Kanada geben folgende Zahlen ein Bild. Das Jahr wird am 31. Aug. abgeschlossen. In Minneapolis produzirten die Mühlen: 1877 im Ganzen 2 619 523 Ztr. Weizenmehl, S:: IIS;; II::: IS!;: 1882„„ 8 892558„ 1883„„ 11 329 416„ 1884„„ 14 889 501„ 1885„„ 14 619 948„ 1886„„ 10 622 228„" Dies ist die Produktion einer einzigen großen aufstrebenden Handelsstadt. Der Viehexport betrug nach England: 1877 Rindvieh 6 000 Stück. Schafe 9 000 Stück. 1885„ 70000„„ 51 000„ Auch diese Zahlen zeigen die außerordentlichen Fottschntte» welche Kanada in der Ausnützung seiner unendlich großen Hilks« mittel macht. Der Gesammtexpott an landwirthschaftlichen Pro- dukten, Thieren und Holz betrug: 1884... 177 694 625 M. 1885... 191 622 312„ Mehr in 1885... 13 927 687 M. Der heutigen Nummer liegt ein Prospekt der Sttickgarn und Strumpfwaaren-Fabrik von Anton Schnur, Alte Schützen- straße 2 bei, worauf wir unsere Leser noch besonders aufmerk- sam machen. in selbstmörderischer Absicht, irgend welche feste Gegenstände verschluckt, weshalb man im Stadtstankcnhause den Magen öffnete und in demselben 10 Stückchen Holz sowie 2 Stücke einer Gumnnmanschettc vottand, die man mit vieler Sorgfalt entfernte. Die Genesung des Opettrten schreitet langsam vorwärts. Ein neuer Sport. Da die gewerbsmäßigen Hungerleider Merlatti u. Gen. langweilig zu werden beginnen, hat die„vor- nehme Gesellschaft" von Paris eine neue Art Winterzerstrcuung erfunden. Henen und Damen lassen sich für destimmte Stunden die Pariser— Kanäle, deren Bau sehr interessant ist, bengalisch beleuchten und besichtigen, mit Fackeln bewaffnet, deren mannig- fache Abzweigungen. Die sonderbaren Schwärmer steigen, gehüllt in eigenattige, die Feuchtigkeit abhaltende lange Mäntel, in den Hauptkanal hinab, die Exkursionen werden selbstver- ständlich nur in Begleitung von Führern unternommen, da die Sache bei plötzlichen Regengüssen oder Rohrbrüchen gefährlich werden könnte. Ein Giftmischer aus Wissensdrang. Vor einigen Tagen begann in Lüttich vor einem Kttegsgerichte ein seltsamer Prozeß. Ein militärärztlicher Eleve, Namens Fourcz, Hörer der Medizin, ist des Giftmordes angeklagt. Er pflegte aus den Laboratotten der Universität Gifte zu entwenden, mit denen er in den Kaffeehäusem Experimente anstellte, indem er dieselben in vettchiedenen Quantitäten in den Kaffee der Gäste schüttete, an deren Tisch er Platz zu nehmen pflegte. Auf diese Weise bat er im Kaffeehause„Palais des Fleurs" in der Rue des Vennes einen Herrn Scbanus, Brücken- und Sttaßen-Jngenicur, getödtet; ein zweites Mal brachte er einen Reservekapitän in Gefahr, durch Gift zu sterben, wurde aber noch rechtzeitig bei der Manipulation ertappt und festgenommen. Ein sonderbarer Schwindel im Zusammenhange mtt der Kunstreise von Adelina Patti in Amerika wurde jüngst in Mexiko verübt. Dort ttat ein Mensch auf, der sich, nachdem er in New- Bork die erforderliche Information gesammelt, niit ge- fälschten Empfehlungsbriefen versehen, als den Agenten des Jmpresattos der Pnmadonna, Mr. Äbbey, ausgab, und als solcher zwei Patti-Konzette ankündigte, für die er jeden Sitz verkaufte. Da man Argwohn gegen den Mann schöpfte, wurde dettelbe polizeilich überwacht und gleichzeitig wurden telegraphisch in New-Nork Recherchen eingezogen. Dennock gelang es den, Gauner, mit seinem aus etwa 30 000 Dollars bestehenden Raube zu vettchwinden. Pass. 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Derselbe gab eine nähere Uebcrstcht über die Kriegsstärke der deutschen, fran- töfischen und russischen Armee. Die einzelnen Zahlen muffen als„vertraulich" betrachtet werden. Doch sei mitgetheilt, daß danach die Kriegsstärke von Teutschland und Frankreich fast tleich, die Rußlands sich etwas höher stellt. Zu Ungunsten )eutschlands aber spreche ganz erheblich, daß in Frankreich nur 6000 Wehrpflichtige sich im Durchschnist der Kontrole entziehen, in Deutschland aber 40 000. Fn Rußland werde auch dre vor- her festgestellte Ziffer der Aushebung viestach überschritten. Zu Ungunsten der Hcercsstärke Frankreichs theilte Redner mit, daß die im Etat veranschlagten Rekruten immer erst das kolaende Fahr eingestellt würden, während die Einstellung der R kruten in Deutschland in demselben Fahre aeWiehe. Fn Rußland falle ins Gewicht, daß die weibliche Bevölkerung die männliche um 1200000 Köpfe übersteige, so daß dort bei der Aushebung die männliche Bevölkerung bei 0,92 p(5t. ebenso angespannt «erde, wie in Deutschland die Bevölkerung hei einer AuS- Hebung von 1 vCt. Ferner falle in's Gensicht, daß bei der dünm gesäeten Bevölkerung in Rußland die Aushebung eines arbeits- tuchtiaen Mannes in wirthschaftlicher Beziehung viel ungünstiger Sei als in Deutschland und Frankreich beigrößererBevölkerungedich- igkeit. Der Herr Regierungekommisiar wies ferner darauf hin, daß bei den vergleichenden Zahlen zwischen Teutschland und Frankreich meist außer Acht gelassen werden die mannigfachen Institute, die unter anderem Namen eigentlich doch den, Ar- «eeverbande angehörten, wie die Gendarnrerie und die Marine- truppen, welche im Kriegsfälle direkte Militärdienste auch zu Sande leisteten. Bezüglich der Stellung Rußlands zur Türkei glaubte der Redner, daß im Kriegsfalle die Balkanstaaten dem ersteren zirka 240000 Mann als Hilfstruppen zur Verfügung stellen würden. Dadurch sei Rußland in der Lage, seine ganze reguläre Tryvvenmacht gegebenen Falles an die deutsche Grenze zu werfen. Im weiteren stellte der Rel gierungskommiffar die russischen Heeresverhältniffc unter Heran- jichung umfassenden statistischen Materials in sehr günstiges Licht. Herrn Major von Haberling gelang es in der That, die Macht Rußlands als bedrohlich für Deutschland hinzustellen. Allerdings, meinte der Kommissar, sei die deutsche Armee die Musterarmee der ganzen Welt, der Geist in derselben sei der teste und deshalb brauche man keinerlei Furcht zu haben, wenn- gleich die wirkliche Kriegsstärke Rußlands 2 Millionen 900000 Mann beträgt. Wenn man alles in allem betrachte, ständen den 2 Millionen Truppen, die Diutschland im äußersten Falle stellen könnte, zirka 5 Millionen französische und russische Mannschaften entgegen. Tie österreichische Heeresstärke stellte der Redner ganz im Sinne des Kriegsministcrs dar. Der Kriegsminister nahm darauf das Wort, um noch einige Angaben des Kommissars von Haderling als ganz de- sonders vertrauliche zu bezeichnen, namentlich soweit dieselben die Kriegsstärke der russischen Armee betreffen. Hierauf trat eine Pause ein. Nach der Pause nahm Abg. Freih. v. Wöllwarth(Reichs- Partei) das Wort. Er war der Anfickst, daß die g,oße Mehr- tzeit deS deutschen Volkes, mit Ausnahme der S o z i a l d e m o- «raten, für die Vorlage sei. Die Nation wolle nicht vcr- weigern, was nothwendig sei zur Vertheidigung des Vaterlandes. Er selbst erkläre sich für die Vorlage in allen ihren Theilen, wit besonderem Nachdruck betonte Redner die Nothwcndigkcit der Vermehrung der Artillerie. � Abg. Hasenclever(Sozialdcm.) erklarte, daß er bei der bekannten Stellung, welche seine Partei der Vorlage gegenüber einnehme, eigentlich die Absicht gehabt habe, sich an der General- debatte nicht zu detheiligen. Die Ausführungen des Freih. v- Wöllwarth nöthigten ihn jedoch zu km.ur Erwiderung. Die pegenwärtige Vorlage nütze nichts zur Vertheidigung des Vater- iandeS, wenn Gefahr im Vorzüge sei. Wenn aber eine direkte und unmittelbare Gefahr für das Vaterland überzeugend nach- gewiesen würde, dann sei er und seine Freunde jederzeit bereit, diejenigen Gesetze und Mittel zu bewilligen, welche geignct seien, drcser Gefahr wirksam entgegenzutreten. Redner stellte darauf die Frage an den Minister, woher es komme, daß inTeutschland40000 Personen sich der Kontrole entzögen, während in�Frankrcich nur 6000 Renitente vorhanden seien, ob dieS die Folge einer besonderen Abneigung der Deutschen gegen den Militär- dienst sei oder durch uberstrenge Disziplin bewirkt werde. Dem Kriegsminister gab er den Rath, nicht so eifrig auf Durch- berathung der Vorlage vor Weinachten zu bestehen, da frühere parlamentarische Vorgänge bewiesen, daß viele Mitglieder des Kerliner Sonntagsplauderei. B. C. lieber Nacht hat der Weihnachtsbaum seinen Einzug in Berlin gehalten. Ein Stück Waidesdust und Maldespoesie ist auf da» Straßeupflaster der Rcichshaupt- stadt verpflanzt, an den zugigen Straßenecken ruht der ge- füllte Tannenbaum und mischt seine» würzigen Duft mit dem Qualm der dampfenden ÄSphalikeffel. Eine merkwürdige Zeit, diese Weihnachtszeit! Poesie Und Prosa verwebt sich mit einander; wenn den eilenden Passanten flüchtig der Hauch de» fernen Waldes umspielt Und er sinnend und vergangener Zeiten gedenkend einen Augenblick verweilen möchte, so trifft sein Ohr das raffelnde berausch der Knarre, der dumpfe Ton des„Walddeibels", oder ein frierender Zunge preist ihm die Vorzüge eines ge- «rnkiaen Hampelmann«» a»— wenn ihm nicht gar die Imitation b«» LandvogtS Kaulbar» zum Kauf angeboten wird. Auch ber alte Weihnacht»markt ist wieder erstanden, man hat jedoch «einen Raum mehr für ihn in den Straßen, alljährlich hat man ihm mehr Boden entzogen, und wen« er früher Ut>t heißer Sehnsucht al» willlommener Gast von unseren Altvorderen erwartet wurde, so fehlt dem gegenwärtigen �schlecht da» Verständniß für die primitive Budenstadt mit chren qualmende» Lampen, ihrem unentwirrbaren Getöse Und dem berühmte» Duft der Berliner Knoblauchwürste. Man spricht nicht mehr viel vom Weihnachtsmarkt, wo der «kine Mann seine selbstverfertigte Waare immer noch an- bringen konnte; roa» unsere Väter»och entzückte, hat für Un» den Werth vollständig eingebüßt. Man feiert heute baz Weihnachtsfest ganz ander» al« noch vor wenigen Zahnehnten. E« scheint, al« ob un« in dem brausenden uud hastenden Getriebe der Gegenwart der zarte Sinn für bre kleine» häuslichen Arbeiten abhanden gekommen �üre; wo« früher sich ein Zeder zu seinem Vergnügen selbst �uftrtigte, dessen hat sich auch heut« scho» die Zndustrie b»> Reichstags vor den Ferien ein entschiedene«„Nein" einer Re- gierungsvorlage zugerufen bätten, die durch Farniliendezichungen und den Einfluß gesellschaftlicher Verhältnisse in ihrer Heimath sich bestimmen ließen, nach den Ferien ein ebenso entschiedenes „Fa" auszusprechen. Er und seine Partei stimme rundweg gegen die Vorlage, was nicht ausschlösse, bei den verschiedenen Positionen für einzelne Amendements zu stimmen, um die Vor- läge zu Gunsten des Volkes zu mildern. Kriegsminister von Bronsart erwiderte, daß er dafür, daß sich in Deritschland eine so große Zahl von Gestellungspflich- tigen der Wehrpflicht entziehen, keinen anderen Grund kenne, als den großen Auewanderungstrieb, der gerade die Deutschen beseele. Keinesfalls sei der Grund für diese Erscheinung in der Behandlung der Soldaten im deutschen Heere zu suchen. Ter Herr Minister berichtete sodann eine gestern mißverstandene Aeußerung, welche dahin ging, daß die Zahlen wichtiger seien bei den europäischen Heeren, als der Geist, der sie beseele. Er halte viel darauf, daß ein frischer Volksgeist in der Armee herrsche. Sodann suchte Abg. Richter in längerer Auseinander- sctzung eine Reibe von Zahlen des Herrn Rcgicrungskommissars zu widerlegen. Derselbe wies auf einige Widersprüche hin, die seiner Ansicht nach in der Rede des Major Haberling enthalten seien, besonders bezüglich der französischen Heeresverhältnisse. Er suchte nachzuweisen, daß durch die Bewilligung der Vorlage lammtliche Tispositionsurlauber— ca. 20000 Mann— vom 1. April nächsten Jahres ab wieder eingezogen würden. Die Vorlage bedeute also eine Verlängerung der Dienstzeit. Fünf Monate habe man in Frankreich gebraucht, um die Vorlage des Kncsminiftcrs Bouiangcr zu berathen, und bei uns erhebe man in einigen Preßorganen bereits Vorwürfe, daß die Vorlage nicht sofort en bloo angenommen worden sei. Er wenigstens brauche Zeit, mn die Vorlage gründlich zu berathen. Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff: Eine Ver längerung der Dienstzeit werde durch die Vorlage nicht bezweckt, denn Niemand würde über die Dauer der gesetzlichen Dienst- xflickt herangezogen. Tie deutsche Kriegsstärke sei nicht so groß, wie sie vielfach angesehen werde. Tie dabei vom Herrn Minister gegebenen Zahlen sind nickt für die Oeffentlichkeit bestimmt. Auf die russische Heeresstärke übergehend, erklärt der Minister, daß es unendlich schwieriger sei, diese genau zu ermitteln als die französische. Das liege an der Abgeschlossenheit der russischen Presse und an dem dortigen Regierungssystem, welches gerade in Militärsachcn mit großer Strenge über die Geheimhaltung ihrer Pläne und Absichten wache. Bei den Franzosen liege es insofern anders, als man dort die Kriegs- stärke leicht aus dem Etat ersehen könne. Aus diesem gehe aber auch hervor, daß die Heeresniacht Frankreichs durch die viel größere Zahl der Rekruten, welche ausgehoben werden sollen, in den nächsten Jahren in hohem Maße sich steigern. Darauf hin müsse er in Aussicht stellen, daß auch nach Annahme der gegenwärtigen Vorlage es nicht ausgeschlojsen sei, daß später die verdün- deten Regierungen auf eine weitere Er- höbung der Präsenzziffer der Armee hin- wirken. Abg. Dr. Buhl(nationallib.) hält die russische Kriegsgefahr für außerordentlich groß und empfiehlt die Annahme der Vorlage schon ans diesem Grunde. Aber auch von Westen drobe Gefahr. Das Bonlanger'sche Gesetz bringe für die Zu- fünft eine ungemeine HeereSvermehrung, welcher durch die Vor- läge entgegcngewirlt werden müsse. Redner bedauert, daß keine Mittheilungen des Auswärtigen Amts über die europäische Lage vorliegen, aber als einfacher Zeitungslescr vermöge man schon die jetzige gesähiliche Lage zu erkennen. Boulanger werde in Frankreich als der Mann angesehen, der bald losschlagen werde, darin liege allein schon die Kriegs- gefabr bei dem heißblütigen Charakter und dein Chauvinismus der Franzosen. Abg. Rickert hält die eingehendste Berathung aller Einzel» Helten der Vorlage für erforderlich und bebt hervor, daß eine Verständigung über das Gc'etz nur möglich sei, wenn die Regie- nmg out planmäßige größere Beurlaubungen während der Dienstzeit eingehe. Ncickdem der Kriegsminister nochmals die Dringlichkeit der Vorlage betont, wurde die Debatte vertagt. Nächste Sitzung Montag Vormittag 10 Uhr. Kommmmies. * Der Etat für die städtischen Gemeindeschulen pro 1887 88 erfordert aus dem Stadtsäckel die Summe von 7 395 85,3 M-, wübrend aus den ciaenen Einnahmen noch die mächiigo sie stellt uns Alles fix und fertig hin, der mo- derne Weltbürger hat nichts anderes zu thun, als möglichst tief in seine Tasche zu greifen und und— zu zahlen. Ja, zahlen— das ist da» große Wort, welches dem Weihnachtafest ein eigenartige» Gepräge aufdrückt. Man liest so häusig von den Leuten, die„es dazu haben," daß gerade jetzt wahrhafte Verheerungen in ihren Baarbeständen angerichtet werden, daß die theure Gattin so lange schmei- chelt und schmollt, bis ihr der Herzenswunsch erfüllt ist, und daß nach Befriedigung de» letzten Wunsche» Alle« wieder beim Alten bleibt. Die Bourgeoisie ist wirklich um die Gabe zu beneiden, die et ihr gestattet, sich über sich selbst lustig zu machen. Von Rechtswegen könnte man in da» Hohngelächter mit einstimmen. ES würde dadurch nur garnicht» an der Sache geändert werden. Trotzdem aber bleibt ma» dabei, daß Weihnachten die Verkörperung eine» allgemeinen Frie- den»- und Freudenfeste« ist- die einzige K»nseaue»z, die man bi«her hierauf beziehen konnte, ist die, daß ma» bei dieser Gelegenheit alte» und jungen Kinder» Soldaten schenkt. Eine» Zweck mindesten« muß jede» Ding auf der Welt haben. Wenn wir von den WohlthätigkeitSbazare» absehen, die da» Weihnachtsfest gezeitigt hat, so bleive» eigentlich nur die armen Kleinen übrig, die allabendlich jetzt mit ihre» winzigen Erzeugnissen auf den kalten Straße» Handel treiben. Auch sie sind bereits„lästig" gefallen. Man machte sich über die Kleinen lustig, die Presse derjenige» Leute, die sich für die allein existenzberechttgten halten, forderte energisch ihre Entfernung von der Straße. Wir auch, Kinder gehören Nacht» nicht auf die Straßen, wo sie den Insulte» aller besiersiiuirten Müssiggänger ausgesetzt sind,— häufig bleibt e» sogar nicht einmal bei Insulten— sie gehören ebenso gut in wohl- durchwärmte und erleuchtete Zimmer, wo sie sich die lange» Summe von 69 531 M. zur Verfügung steht, also eine Gesammt" ausgäbe von 7 465 884 M. erforderlich ist. Die Zahl der ii*. Gemeindeschulen und auf Kosten der Stadt in Privatschulen eingeschulten Kinder betrug im Jahre 1886 152567 und wird sich Ende 1887 ans rund 160 000 belaufen. Das Lchrpersonal betrug Ende März er. in den 163 Gemeindeschulen bei einer Klassenzahl von 2743 163 Rektoren, 1726 Lehrer und- 859 Lehrerinnen. Da im Jahre 1887 noch 8 neue Gemeindeschulen eröffnet werden, so vermehrt sich auch das Lehrpersonal um 8 Rektoren, 83 Lehrer und 39 Lehrerinnen. An Besoldungen find zu zahlen 6 173 134 M, für Heizung, Erleuchtung und Wasserverbrauch 265 739 M.; für gemiethcte Schulräume ist ein MiethSzins von 298 360 M. und für bauliche Unter- Haltung 171 000 M zu zahlen, denen noch eine Ausgabe von 220628 M. für Hausbedürfnisse hinzutritt. * Der Etat der städtischen Tnubstummenschnle. welche 184 Schüler zählt, von denen nur 12 einen Beitrag als Schul» geld leisten, wahrend 172 Schüler freien Unterricht genießm, ist vom Magistrat für das Rechnungsjahr 1887 88 in Einnahme auf 1157 M. und in Ausgabe auf 53 684 M. festgesetzt worden. Demnach ist ein städtischer Zuschuß von 52527 Ä. erforderlich. * Zur Unterhaltung der städtische» Blindenschule ist eine Summe von 12498 M. ertorderlich. Der Fortbildungsunterricht erfordert einen Aufwand von 209090 M. Der Etat der ersten höheren Bürgerschule weist eine Einnahme von 20 850 M. auf, bei einer Ausgabe von 68 982 M. Nach Mittheilung des Statistischen Amts der Stadt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 28. Novbr. bis inkl. 4. Dezember er. zur Anineldung gekommen: 254 Eheschließungen, 826 Lebendgcborme, 33 Todtgeborene� 540 Sterbefälle. Kokaies. Der Weihnachtsmarkt Berlins ist über Nacht entstan» den. Am gestrigen Abend gegen 10 Uhr konnte man sein Werden von Anfang an beobachten. Schwerfällige Möbel- wagen brachten in langer Reihe die Planken, Bretter und Plane herbei. Rasch ist der rumpelhaftc Inhalt entladen— eine kurze Auseinandersetzung mit den, rechthaberischen Nach- bar, welcher die polizeilich gesteckte Grenze zu überschreiten Lust hatte— dann ein gedämpftes Hämmern und Zimmern und— in kürzester Zeit steht„schweigend und starrend in dunkler Nacht, bescheidener Hüttchen hölzerner Pracht." Wenn heute Morgen das„junge" Beilin mit verlangenden Blicken die aufgethürm» ten Schätze mustert, so deckt grellbunter Tand die primitive Budenstadt. Hier dieses stattliche Pferd von.Holz und Leder laßt schneller des Knaben Pulse schlagen, dort ist es die schim- menide Puppe, auf welcher begehrlich des Mädchens Auge ruht. Der diesjährige Weihnachtsmarkt ist wahrscheinlich der letzte in seiner jetzigen Form. Vormals, als er doch ansvruchsvoll den Fahrdamm der Breiten- straße deckte, war seine Blüthczeit. Dann wurde er, wenn wir nicht irren, im Jahre 1872 von hier verdrängt und mußte sich neben dem Schloßplatz mit dem stillen Lustgarten begnügen. So haust er noch in diesem Jahre, im nächsten wird er vor- aussicktiich die großstädtische Mmkihalle beziehen müssen. Daß mit diesem abermaligen Ilmzuge der letzte Rest des nur müh- sam gewahrten poetischen Schimmers verloren geht, ist kaum zu bezweifeln. Soll man es bedauetn? Uns will scheinen, als ob der Weihnachtsmarkt überhaupt nicht mehr mit dem Getriebe der Weltstadt in Einklang zu bringen ist. lind eins ist sicher: zum urwüchsigen Trubel des Weihnachtsmarktverkehrs gehört so heute wie von jeher der freie Himmel und ein kla, er Frost. In der dunstdurchwärmten Markthallenluft fehlt ihm die erhaltende Kraft. Vielleicht vegetirt er noch eine kurze oder längere Spanne, dann wird auch dieses Ueberbleibsel aus großvaterlicher Zeit im Strudel der fortschreitenden Aera der Elektrizität unter- gehen. Seit einiger Zeit wird Berlin durch eine besondere Art von Versammlungen heimgesucht, deren Zweck eigentlich schwer verständlich ist. Es sind dies nämlich religiöse Versammlungen, in welchen die beikelsten Tinge von den Vortragenden er- örtcrt werden. Mit besonderer Vorliebe wird die Frage nach dem Fortleben im Jenseits erörtert und so interessant das Thema auch sein mag. so vermag die genugsam bekannte Art, wie dasselbe von orthodoxer Seite erörtert wird, diesen Vor- trägen, trotz aller Liebeswerbungen für dieselben, kein größeres Publikum zuzuführen. Was aber die Berliner mit ihrer be- kannten Ignoranz bei diesen Vorträgen versäumen, das mögen sie aus den nachfolgenden Mittheiluirgcn über einen kürzlich hier von einem Pastor gehaltenen Vortrag über:„Den neuen Himmel und die reue Erde", entnehmen. Es werde dort, so Winterabende Keffer verlreiben können, wie in die kalten Straßen, wo der erbarmungslose Dezemberwind ein hartes Wort redet. Merkwürdig, wie die Ansichten verschiedener Leute über denselben Gegenstand verschieden sind. Es ist ja selbstverständlich, daß die kleinen Kaufleute, die mit so eindringlicher Stimme zu bitten verstehen, jedermann auffallen. Nun hat man in unserem er- sindung«reichen Zeitalter nicht nur anderweitige epoche- machende Entdeckungen gemacht, sondern man hat auch ge- funden, daß jene Kinder sich nur zu ihrem Privat- vergnüge» Hände, Füße und Nasenspitzen auf den Straßen erfrieren. E« muß nämlich ein ganz herrliches Vergnügen sein, an einer zugigen Straßenecke in möglichst defekter Kleidung und mit hungrigem Magen zu stehen und bi« tief in die Nacht hinein zu warten, ob man für eine» Hampelmann nicht doch noch zehn Pfennige löse» kan». Probiren geht über Studirev, und durch die nüchterne Praxi» ist schon mancher superkluge Schönredner bekehrt worden. Wir sind Freunde der praktischen Erfahrung, bloße» Rede« und alleinige Entwickelung von Theorien thut'» freilich nicht bei nn», wir machen den Vor- schlag, daß alle die weisen Herren und höchstwahrschein- lich noch weiseren Damen, denen die armen Kinder auf der Straße ein Gräuel sind, selbst nur einen einzigen Abend mit Blumen oder Schafchen handeln; wir glauben kaum, daß man dann noch den Kindern unserer ärmsten Mitmenschen übermäßige Vergnügungssucht vorwerfen wird. Man muß sich aber in der Weihnachtszeit amüsiren, und wenn die mildherzigsten Menschen nichts bcsiercs wissen, so unterhalten sie sich damit, daß sie über die bedauerns- werthesten ihrer Mitgeschöpfe herziehen. So war'» vow. Alter» Herl versicherte der Vortragende, ein Leben in„vertlärter Leiblich. teil"(?) sein; aber der durch den Fall Satans und der bösen Engel verunreinigte(!) Himmel mußte erneuert werden. Die neue Erde können wir uns vorstellig machen nach Art des Para- dieses, und daß alle Geschöpfe auch der Pflanzen- und Thienvelt noch viel herrlicher seien. Das Meer, welches etwas Schreckliches an sich habe, sei dann nicht mehr. Das himmlische Jerusalem sei das Herrlichste, was es gebe; es sei nicht blas ein Zeichen oder Bild, sondern wirklich und wcsenhaft. Die Stadt befitze sieben Vorzüge: erstens, sie ist ganz fleckenlos, ihr Licht gleicht dem Diamanten. Zweitens: Sie besivt einen festen und sicheren Bau, Mauern, Engelwächter, Grundstein. Drittens: Sie besitzt ebenmäßige Gestalt und Größe, wahrscheinlich liege sie auf einem sanft ansteigenden Berge, auf dessen Spitze der Thron Gottes steht. Viertens: Sie besteht aus dem Kostbar- sten, Diamant, Gold, Perlen, Edelsteinen. Fün'tens: Sie ist heilig, bei ihr ist aller Genuß sakramentaler Genuß. Sechstens: Der Ertrag des gesammten Völkerledens, sowie Rang- und Standesunterschiedc dienen hier blos zur gegenseitigen Er- quickung. Siebentens: Hier sei mehr als paradiesische Selig- keit, vermittelt durch den Lcdensstrom und die Lebensbäume. — So der Vortragende. Sollte dem geehrten Leser vielleicht etwas unklar sein, so möge er sich beruhigen und sich mit uns trösten, auch uns fehlt jedes Verständniß für solche Schilderung des Uebersinnlichen durch recht prob sinnliche Begriffe. Und die Wirkung und der Zweck dieser Vorträge? Will man vielleicht auf diese Weise Sozialdemokraten bekehren? Der richtige Berliner wird Jedem, der ihm solche Dinge plausibel zu machen sucht, einfach und mit Recht sagen:„Nu halt aber die Luft an!" Der letzte Freitag war bekanntlich der letzte Termin, bis zu dem die Erneuerung der Lottcrieloose für die nächste Ziehung durch dm Spieler stattfinden mußte. In dieser Eigenschaft pflegt der Tag einem gewissen Theile unseres Geschättslcbcns seine Signatur zu geben, nämlich den Pfandleihem. Ein Pfandleiher in der Dresdenersttaße belieh im Laufe des Frei- tags in fünf Fällen Piäjrder, wobei ihm von den Darleyns- nehmern mitgetheilt wurde, daß sie des entliehenen Geldes zur Erneuerung der Lotterie benöthigt seien. Der menschmfreund- liche Geschäftsmann hatte kein ausreichendes Interesse an der näheren Prüfung dieser Angaben, weshalb dieselbe unterblieb; aber charakteristisch find dieselben immerhin. In jedem Falle hat die Vermehrung der Lottcrieloose das Gute, daß sie den geldbedürftigen Leuten, die noch in der glücklichen Lage sind, etwas versetzen zu können, in der Zeit der Loose-Erneuerung einen plausiblen Vorwand für den Punip liefern. Zwei ergötzliche Verdeutschungsversuche in Versen d ingl die neueste Nummer der Zeilschrift des Allgemeinen deutschen Sprachvereins. Darüber, wie„Sauce" zu übersetzen ist, sind sich die Gelehrten einstweilen selbst noch nicht einig, und so mögen unsere Leser nach eigenmi Geschmack sich für das eine oder das andere der beiden launigen Gedichtchen cnt- scheiden, welche hier folgen: 1. Auf dein deutschen Speisezettel Nimmermehr die ssuco prunke! Fort mit diesem wälschen Bettel, Aber fort auch mit der Tunke! Salse heißt's fortan, nicht anders! So will's Stephan und auch Sanders. 2. Tunke darf sich nicht mehr zeigen; Salse müßt Ihr sagen, schreiben. In„Viola, Baß und Geigen", Soll allein nock Tunke bleiben. 3. Keine«aueo ä la diable Soll cntweih'n den deutschen Schnab'l! Deutschem ausgepichtem Halse Schaffe Reizung Teufclssalse! Und nun der Gegner, welchem„Salse" noch nicht deutsch genug klingt: 1. Tunke also willst Du ächten!( Doch ich muß niit Dir gleicht rechten lieber diesen kühnen Spruch; Denn ganz anders steht's ich Buch. 2. Tunke konimt von tunken, tauchen; Warum soll ick's nicht gebrauchen, Tunkend manchen leckren Bissen In die Tunke ein; mit Wissen. 3. Tunke laß' ich nicht verachten, Wenn auch manche drob wohl lachten, Ist ein treffend deutsches Wort:— Drum mit wälscher Salse fort! Der heilige Graal der Antisemiten. Der heilige Graal war nach einer alten Sage ein geheimnißvollcs, kostbares Ge- säß, dem Wandcrkräfte zugeschrieben wurden. Dieselbe Rolle spielte bei den Antisemiten ein silberner Becher, den der D. A. Ä.(Deutscher Antisemiten-Bund), als er auf der Höhe seines Ruhmes stand, seinem Vorsitzenden, Herrn Pickenbach, verehrte. Bei besonders feierlichen Gelegenheiten kam dieses Gefäß anS Tageslicht und verherrlichte die denkwürdigsten Stunden jener Epoche. Aber mit dem Antisemitismus ist leider auch die Herr- lichkeit seines heiligen Graal herabgesunken. Ein harter Ge- richtsvollzieher hatte sich schon vor einiger Zeit seiner bemächtigt, und in vergangener Woche stand er zur gerichtlichen Auktion zugleich mit allerlei profanen Sachen. Die Trödler, christliche wie jüdische, boten darauf, als ob es nur ein gewöhnliches Ge- schirr wäre und, wie das„Reichsblatt" hört, erstand ihn eine Trödlerin aus der Mauerstraße für 50 Mark. So vergeht alle Herrlichkeit der Welt! Den Nadfahrern, welche beim Magistrat wegen der Er- laribniß eingckommen waren, im Friedrichshain außer den Fahrwegen auch die breiten Fußgänger- Alleen mit Bizyllen und Trizyklen befahren zu dürfen, ist dem„Berliner Tagcbl." zufolge, ein abschlägiger Bescheid geworden. Da der Friedrichs- Hain von ganzen vchaaren von kleinen Kindem besucht wird, erscheint das Radfahren auf den Fußwegen, seien sie auch noch so breit, allerdings recht bedenklich. Fahrendes Volk. Eine Abthcilung der vor einigen Tagen in Friedrichshagcn demerkten Zigeunerbande berührte gestern Berlin. Um die Mittagsstunde kamen vier Wägelchen die Prenzlauer Allee entlang und machten an der Ecke der Metzcr- sNuße Halt. Gerade war die Schule aus und eine Schaar flachsköpfiger Jungen und Mädchen sannneltc sich bald um die Wägelchen und betrachtete die braunen Insassen mit stummer Bewunderung. Welch' ein Schmutz und welch' eine Bettler- annuth! Vier erwachsene Männer mit Schlapphüten und Abbruzzen-Phusiognomien standen neben den Pferden, mageren, abgetriebenen Mäkren init struppigem Fell, rothe, schmutzige Decken über den Rücken. Den ersten Wagen, zu dessen Plane buutkarrirte Bettlaken verwendet zu sein schienen, zog ein melan- ckolischer, alter, auf einem Auge erblindeter Schimmel mit hohen Beinen, der aber trotzdem über die schnellste Gangart zu vcr- fügen vermochte. Die Bespannung der nächsten beiden Wagen machte ihm keine Konkurrenz, nur der letzte Wagen, vor den eines jener ausdauernven kleinen polnischen Pferde gespannt war, kam eben so rasch vorwärts. In diesem letzten Wagen saß eine uralte Matrone— anscheinend die Stammmutter der Familie— auf einem Bund Stroh, die im finsteren Mittel- infer alle Ausficht gehabt hätte, als Hexe verbrannt zu werden. Zwei ihrer Enkel oder Urenkel waren die Wagenlenker, hübsche Burschen mit krausem, schwarzem Haar und ausgeprägten ver- jchlageueu Gesichtszügen. Die übrigen Wagen füllte ein Ge- winnncl von Köpfen, Armen und Beinen, die aus Betten, Lumpen, Stroh, Heu und Schmutz hervorragten. Da saßen Weiber, die höchst unbekümmert Säuglingen die Brust reichten, junge Burschen von zwölf Jahren mit Zigarrenstum- meln im Munde, halbwüchsige Mädchen, die ihre elfenbeinernen Zähne und ihre über alle Beschreibung verwilderten Haare zeigten, Kinder, die auf allen Vieren im Wagen zur Mutter krochen, um ein Stück Brot zu bekommen. Alle Männer hatten silberne Ohrringe und die meisten an den Fingern Siegelringe, die zu dick waren und zu sehr glänzten, um als echt zu gelten: ebenso trugen die Frauen mit großer Wohlge- fälligkeit werthlose Schmucksachen, Perlen und bunte Bänder. Schuhwerk und Kleidung war bei fast allen in bcdauerns- werthem Zustande, zerrissen, geflickt, wieder zerrissen und dabei die Vmliebe ihrer Besitzer für schreiende Farben verrathend.— Zwischen den kleinen Germanen, zu denen sich auch Große gesellt hatten, und den Abkömmlingen eines versprengten Volkes von dunkler 5)erkunft entspann sich bald ein lcbha'ter Verkehr. Die kleinen Schulmädchen langten in ihre Taschen und zogen das übrig gebliebene Frückstücksbrot hervor, das gierig in Empfang genommen und verspeist wurde. Da nur die größeren Mitglieder der Bande bei dem kurzen Aufenthalt den Wagen verließen, so blieb den Kleineren nichts weiter übrig, als durch den Wagenplan ihre lachenden Köpfe und verlangenden Hände hervorzustrecken; oft waren sogar nur die Hände sichtbar. Ein Ardeiter, der hinzugekommen war, schenkte einem schwarz- haarigen Zigeunerburschen seine eben angebrannte Zigarre, um die ihn jener bittend angesehen hatte. Einige gute Hausfrauen blieben in der Ferne stehen und schlugen die Hände wegen des vielen Schmutzes, der ihnen überall in den Wagen entgegenstarrte, über den Kopf zusam- mcn. Schließlich erwies es sich, daß die braunen Heiden auch Liebhaber geistiger Genüsse seien. Von den Kindern hatten einige fromme Traktätlein gegen den„Branntweinteufel", die sie wohl im„Unterricht" von dem Herm Pastor erhalten hatten, in den Händen. Im frommen Eifer reichte eines von ihnen die Schrift einein Sohne des„verlorenen Volkes" hin, der sie bereitwillig entgegen nahm und zu studiren begann, nur schade, er hielt sie verkehrt, so daß die Buchstaben auf dem Kopf standen. Das Beispiel reizte, und bald waren die Traktätlein ebenso wie die Schrippen und Stullen im Innern der Wagen verschwun- den.— Inzwischen hatte der Anführer mit einem Schutz- mann parlamentirt und wohl die Erlaubniß erhalten, die Prenzlauer Straße entlang zu fahren. Denn bald rollten die Wägelchen den sanften Abhang der Prenzlauer Allee herab, gefolgt von dem Schwärm der Kinder, die im Dauerlauf neoenhereilten. In gleichmäßigen Schwankungen tanzte unter dem letzten Wagen das einzige Kochgeräth der ganzen Bande, ein kupferner Kessel, der an der Verbindungs- axe der beiden.Hinterräder angebunden war. Des Näthsels Lösung. Hiesige Blätter wußten dieser Tage über das räthselhafte Verschwinden eines Reisenden zu berichten, welcher von einer Buchhandlungsfirma nach West- preußen gesandt worden war. Der junge Mann hatte am 15. November aus Danzig das letzte Lebenszeichen von sich ge- geben, seitdem fehlte von ihm jegliche Nachricht. Tie Besorgniß seiner Anverwandten ist allerdings keine ganz ungerechtfertigte gewesen. Der Reisende ist nämlich, wie die„Danz. Ztg." meldet, in Marienwerdcr am 16. November unter dem Verdacht des Diebstahls verhaftet, vom Schöffengericht schuldig befunden und zu 14tägigcm Gefängniß verurthcilt worden, welche Strafe er jetzt verbüßt. Der Betreffende stand unter der Anklage, einer Kellnerin ein mit Geld gefülltes Portemonnaie entwendet zu haben. Das Portemonnaie wurde bei seiner Verhaftung bei rhni vorgefunden. Ueber die Entlassung hilfsbedürftiger Geisteskranker aus der Irrenanstalt zu Dalldorf mit Unterbringung derselben in Privatpflege haben bisher diverse Meinungsverschiedenheiten bestanden, welche nunmehr durch die Aufstellung folgender Grundsätze beseitigt worden jind: 1. für Geisteskranke, bei denen auch nach ihrer Entlassung aus der Irrenanstalt eine psychiatrische Aufsicht seitens der Anstalt nothwendig bleibt, hat die Armendirektion in keiner Weise zu sorgen, noch bei ihrer Entlassung mitzuwirken. Sie bleiben vielmehr ungeachtet ihrer Entlassung Objekte der Jrrenpfleae und sind deshalb die Kosten ihrer ferneren Verpflegung und Behandlung auf den Etat der Irrenanstalt zu übernehmen. 2. Für Geisteskranke, für welche nach ihrer Entlassung aus der Irrenanstalt eine psychiatrische Aufsicht nicht ferner erforderlich ist, übernimmt nach rhrer Ent- lassung die Armendireftion die fernere Fürsorge und ist hinsichtlich der Unterbringung dieser Kranken rn Privatpflege folgendes Verfahren inne zu halten: a) Sollten die Kranken zu ihren alimcntationspflichtigen Angehörigen entlassen werden, so hat die Direktion der Irrenanstalt unter Beilegung eines ausführlichen Gutachtens über den Zustand und den Grad der Hilfsbedüntigkcit resp. Erwcrbsfähigkeit deS Kranken der Armendireftion Namen und Wohnung der Angehörigen �anzugeben. Tie Armendircktion verhandelt dann mit den betreuenden An- gehörigen über das zu zahlende Kostgeld und ersucht nach Fest- setzung desselben die Tirettion der Irrenanstalt, den Kranken zu dem betreffenden Angehörigen zu entlassen und ihr den Enllassungstag behufs Anweisung des Kostgeldes mitzutheilen. d) Sollen die»ad 2 bezeichneten Kranken zu frcinden Personen in Pflege gegeben werden, so hat die Direktion der Irrenanstalt, nachdem sie die Pflegestelle sorgfältig geprüft und über das zu zahlende Kostgeld verhandelt hat, unter Beilegung eines Gutachtens über den Grad der Erwerbsfähigkeit des Kranken und die Angemessenheit des geforderten Kostgeldes die Genchnngung der Armendirektion zur llebergabe des Kranken in die ermittelte Pflegestelle einzuholen. Die Armen- direktion behält sich vor, auch ihrerseits eine Prüfung der vor- geschlagenen Pflegestelle vorzunehmen, und erst, nachdem sie die Genehmigung erthcilt hat, ist der Kranke in die Pflegestelle zu entlassen und der Tag der Entlassung der Gemeindcdirektion mitzutheilen. Diese erthcilt dann sofort Ordre zur Zahlung des Kostgeldes, sei es durch die betreffende Arincnkommisston, sei es(wenn die Pflegestelle außerhalb Berlins sich befindet) durch Verniittelung der betreffenden Gemeindebehörde, und unterzieht sich jeder ferneren Kontrole der Pflegestelle und des Pfleglings.— Hinsichtlich der der Irrenanstalt zu Dalldorf durch die Polizei zugeführten Geisteskranken bat das königliche Polizeipräsidium verfügt, daß vor jeder Entlaffung eines der- artigen Geisteskranken dem Polizeipräfldium Miltheilung zu machen ist. Polizeibericht. Am 10. d. M. früh fiel in der Linden- straße eine unbekannte Frau plötzlich besinnungslos zu Boden und mußte mittelst Droschke nach der Charitee gebracht werden. — Gegen Mittag wurde auf dem Oranienplatz ein Mann durch eine Equipage überfahren und am linken Oberschenkel verletzt. — Nachmittags erlitt auf dem Neubau Verlängerte Posencr- straße 23 der Eteinträger Bistow dadurch eine nicht unbeträcht- liche Verletzung, daß von einem vorschriftswidrig hergestellten Schutzdach zwei Netzriegel herab und ihm auf den Kopf fielen. — Abends wurde auf dem Hofe des Grundstücks Krautstr. 6 ein obdachloser Arbeiter bewußtlos und aus einer Kopfwunde blutend vorgefunden und mittelst Droschke nach der Charitce gebracht. Er will sicb die Verletzung durch einen Fall zuge- zogen haben.— Am Vormittag desselben Tages fand Luckauer- straße 17 ein unbedeutendes Feuer statt. Es brannte Packstroh im Keller.____ Gerichts-Zeitlmg. Die Schreckenskatastrophe auf dem Geleise der Dampf. straßenbahn Kurfürstendnmm am Abend des 1. August d. I. — welche unter Vernichtung von Menschenleben dem harmlosen Vcrgnügtsein einer Berliner Gesellschaft, dem Handwerkerstände angehörig, ein jähes Ziel gesetzt— sollte am Eonnabend der richterlichen Kognition unterbrestet werden, und zwar der Straf- kammer des Landgerichts«1. Wegen fahrlässiger Tödwng und wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, erschienen vor dem genannten Gerichtshofe: der Kutscher Paatz und der Maschrnist der Kurfürstendamm-Gesellschaft Fietz. Beiden wirft die Anklage vor, daß sie unter Vernachlässigung der vermöge ihres Berufs ihnen obliegenden Pflichten der obigen Vergehe» sich schuldig gemacht und schweres Unglück über verschieden» Familien gebracht. Wie erinnerlich, fuhr am obengenannte» �,age der mit einer vom Grunewald heimkehrende» Gesellschaft von Herren, Damen und Kindern b«- frachtete Kremser des Fuhrherrn Moritz mit eine« Romann'schen Tampfwagen so bedenklich zusammen, d«h zwei Personen, die am Weinbergsweg wohnhaft gewesene 44jährige Frau Weinberg und ein 5jähriges Kind, die Tochter des in der Fürstendergerstraße wohnhaften Vergolders Micke, dabei tödtlich verletzt wurden und am Tage darauf verstarben. während andere Personen mehr oder weniger erheblich verletzt wurden; u. A. waren dem Vater des verunglückten Kindes sämmtlicke Backenzähne eingeschlagen worden. Die Meinunge» über die Person des oder der Urheber waren im Publikum bisher sehr getheilt und unterlagen verschiedener Auffassung; der auf gestern anberaumte Audienztcrmin sollte Klarheit darüber brin- gen, welches Maß von Schuld beiden Angeklagten oder nur einem derselben beizumessen ist. Dazu kam es gestem jedoch noch nicht; der Erfinder des Siraßenbahnwagens war als Sachvev- ständiger nebst Anderen geladen, indessen nicht erschienen, um Auskunft zu geben über verschiedene zur BeurtheilunU der Schuld des Einen oder des Andern nothwen- dig aufgeworfene technische Fragen. Rechtsanwalt Sello, der Vertheidiger des angeklagten Maschinisten Fietz, mackte den Einwand geltend, daß, entgegen den Ausführunge» des Mitangeklagten Paatz, der Tampfwagen durchaus nicht i» übermäßigen Tempo gefahren sei; durch den Zusammenstoß mit dem Kremser sei eine Feder am Steuerungsmechanismus des Dampfwagens zerbrochen und deshalb sei der Maschinist nickt im Stande gewesen, die Maschine zu stoppen. Paast hatte eingewendet, daß das Terrain, auf welckem der Zu» sammenstoß stattfand, besonders zur Nachtzeit ungünstig für den Wagenverkehr sei. Dem Antrage des Staatsanwalts gemäß beschloß nun der Gerichtshof Vertagung der Verhandlung z» einem neuanzuberaumcnden Termin, behufs Vernehmung der von den Vertheidigcnr bezw. von der Staatsanwaltschaft in Vorschlag gebrachten Sachverständigen und Zeugen. t Ein jugendlicher Ausreißer, den Großbritannien a» Deutschland ausgeliefert hatte, stand gestern vor der dritte» Strafkammer des hiesigen Landgerichts>. Im Frühjahr d. A nahm der Kaufmann S. Polle den dreizehn» jährigen Laufburschen Heinrich Müller, einen hübsche« Jungen mit aufgeweckten Zügen, in seine Dienste. Müller wohnte bei seinem Bruder, einem jungen Mann von achtzehn Jahren, der Buchkalter in der Deutschen Bank war. Der Aeltere gewann einen großen, unheilvollen Einfluß auf den Kleineren. Er ließ ihn an seinen vornehmen Passionen theil- nehmen, benutzte ihn trotz seiner Jugend als Vermittler i» verschiedenen Liebesaffären, in die er, der kaum Mannbare, bereits verwickelt war. Seine Gefühle galten hauptsächlich einem Fräulein Luise von Usedom, einem jungen Mädchen, das er zufällig kennen gelernt und verfühtt hatte. Allmälig wurde die Lage für den Buchhalter immer kritischer. Seine Geliebte fühlte sich Mutter und drängte ihn zur Flucht, um den Vorwürfen des elterlichen Hauses zu entgehen. Auch sonst war der Berliner Boden heiß unter den Füßen des achtzehn» jährigen Helden geworden; seine Gläubiger, die er i« Ueberfluß hatte und die er durch nobles, flottes Auftreten, da» seine Jahre nicht verrieth, zu täuschen verstanden, saßen ihm auf dem Halse. Um sich die Mittel zu weiteren Unternchmun» gen zu verschaffen und um den Schauplatz seiner Thaten nach einem anderen Lande verlegen zu können, stiftete er seinen Bruder zu einem Betrüge an, dessen Vorbedingungen er alt Buchhalter einer Bank erwogen hatte. Heinrich Müller stahl seinem Prinzipal einen Ehekzettel aus dcm Chekbuche, stellte ihn auf 2000 M. aus, setzte den Namen Heinrich Polle darunte* und begab sich zur„Deutschen Bank" damit, mit der sein Cb" im Chekverkchr stand. Er wies den Zettel vor, wurde aber i'* nächst zweimal abgewiesen, bis es ihm beinr dritten glückte, die 2000 M. von einem etwas leichtgläubigen KaMtt zu erhalten. Mit diesem Gelde begaben sich sein Bruder und er zunächst nach Rotterdam und dann nach London- Dorthin wurde auch die Braut, Fräulein v. Usedom. deordett. Der Bruder setzte seinen Lebenswandel in Lotstn» fort und brachte in fünf Wochen die 2000 M. durch._ Nun wurden alle Drei obdachlos und von der Londoner Polizei aufgegriffen. Inzwischen war von dem Berliner Gericht em Aus- lieferungsantrag gegen die Gebrüder Müller eingelaufen, ßrrr Polle war durch das Verschwinden des Laufburschen auf da» Verschwinden des Ehekzettels aufmerksam gemacht worden und seine Nachfrage bei der Bank ergab den Betrug. Ter Schade» wurde in der Wesse gcttagen, daß die Bank 1500 M und Herr Polle 500 M. übernahm. Die Londoner Behörden lehnten indeß die Auslieferung des älteren Müller ab, da Ii* die Anstiftung des jüngeren Bruders durch ihn um so weniger für erwiesen annahmen, als Heinrich Müller w brüderlicher Liebe alle Schuld auf sich nahm. V» wurde nur er abgeschoben, während sein Bruver und seine Geliebte in London wieder auf freien gesetzt wurden. Der junge Bursche machte gestern vor Gmckr einen sehr intelligenten Eindruck, so daß man ihm das Bcr- ständniß für die Strafbarkeit seiner Handlungsweise zutraure- Wie sehr er aber trotzdem unter dem Einfluß seines älteren Bruders gestanden, ging aus der an sich unbedeutenden Klerntg» keit hervor, daß er sein Haar wie der erste studennflyr Rennommir-„Hecht" tadellos bis tief in den Nacken hinein g� tniri. Der bcnntrnnfp rtn u vyyvi uiiyuiiz jvj»,»iivbiu vi. vii der Junge doch sehr unter dem Einflüsse seines„leider ausgelieferten" älteren Bruders gestanden habe. Der strafrechtliche Grundsatz, daß Niemand ordentlichen Richter entzogen werden darf, kann sehr umgestoßen werden, wie aus dem nachstehend mitgethmunj Falle hervorgeht. Der Redakteur der„Ebers walder Zw- Lemme hatte sich vor einiger Zeit vor der Strwkammer Eberswalde wegen Beleidigung des Gymnasialdireklors zu verantworten. Infolge der Behauptung des Staatsanwau» Meyer, daß der Beleidigte aus Aerger über den inknminctt. Attikel eine Blinddarmentzündung davongetragen hat,»st �» den Anttag des Vertheidigers, Rechtsanwalts Dr. Flatau a Berlin, die Sache vertagt und ein neuer Termin auf o 5. Januar k. I. anberaumt worden. Zur großen lleberrajcyu aller Betheiligten haben zu demselben auch zwei hervorragen Mitglieder des Gerichtshofs, der frühere Reichstagsabg-"w aerichtsrath Schrötter und der Amtsgcrichtsrath Rätzel£ ladungen als Zeugen erhalten, ohne daß außer dem* den Staatsanwalt weder diesen Herren, noch den uvr>s Betheiligten bekannt ist, was die neuen Zeugen in diesem 4> Prozesse aussagen sollen oder könnten. Auf jeden Fall � vi diese beiden Richter durch ihre Ladung als Zeugen unfoh'lß der Uttheilsfällung als Richter mitzuwirken, und es bedarf � Heranziehung zweier Hilfsrichter. Die Wirkung dieser l adu ß � bringt den oben mitgetheilten Grundsatz zum Wanken,| der Angeklagte muß es sich wohl oder übel gefallen lassen- er durch Hilfsrichter abgeurtheill wird, wiewohl die Jnstnu � der Hilfsrichter, die früher in Preußen bestand und so i � reiche Angriffe erfahren hat, in der Rcichsjiistizgesetzg�uTO. � seitigt worden ist. Eine Abhilfe dieses offenbar hervortrcl � Ucbelstandcs läßt sich entweder nur durch ein Reskript br» Justizministers an die Staatsanwaltschaften, sich der � � von Mitgliedern der erkennenden Gerichte zu enthaucn, durch die Gesetzgebung herbeiführen. m ver- d'ener Franz Rachel vom Amtsgerichte in Barmen j Unterschlagung im Amte angeklagt, aber von der«trai» in Düsseldorf am 2. Juli freigesprochen worden. Es lag ihm ob, die von den Beamten der verschiedenen Kanzleien geschrie- denen Briefe zu frankiren und zur Post zu besorgen; die dazu nöthigen Briefmarken erhielt er öfters in größerer Anzahl auS den Kanzleien. Eine einheitliche Kontrole über die Verwendung der Marken bestand nicht. Die Anklage behauptete nun, daß R. zu verschiedenen Malen mehr Briefmarken gefordert hatte, als er brauchte, und daß er die zuviel erhaltenen Marken unter- schlagen habe. Bezüglich einer Reihe von Fällen behauptete nun der Angeklagte, er habe die in der einen Kanzlei zu viel geforderten Marken zur Frankirung von Briefen aus einer anderen Kanzlei benutzt, in den übrigen Fällen will er sich indessen durch die Briefmarken nur für Auslagen bezahlt gemacht haben, die er im Fnteresse des Anitsgerichts habe machen müssen. Fn der That wurde denn auch festgestellt, daß ihm von Seiten der Kanzleibeamten die Anschaffung der verschiedensten Gc- brauchsgegenstände aufgetragen war, ohne daß ihm das Geld dazu gegeben wäre. Wie hoch sich diese Beträge belaufen haben, konnte jedoch nicht festgestellt werden, da über die Aus- gaben im Barmer Amtsgerichte keine Aufzeichnungen gemacht wurden. Das Landgericht nahm bei dieser Sachlage an, daß dem Angeklagten das Bewußtsein der Rechts- Widrigkeit gefehlt Hobe und sprach ihn frei. Hiergegen hatte der Staatsanwalt Revision eingelegt, welche vor den,>. Strafsenate des Reichsgerichts verhandelt wurde. Ter Staatsanwalt war der Meinung, daß weniger eine Unter- schlagung. als ein Betrug vorliege, denn der Angeklagte habe den betreffenden Beamten vorgespiegelt, daß er mehr Briefe zu befördern habe, als es wirklich der Fall war. Der Reichsan- walt beantragte jedoch Verwerfung der Revision, da es voll- ständig am subjektiven Thatbestand mangele. Der Angeklagte habe sich nach dem bestehenden Brauche oder vielmehr Miß- brauche für berechtigt halten können, sich durch Briefmarken be- Zahlt zu machen, damit sei jeder Dolus, auch für einen etwai- gen Betrug, ausgeschlossen.— Taraufhin wurde die Revision verworfen. Leipzig, 9. Dezember.(Bestätigung eines Todesurtheiles.) Von dem Schwurgerichte in Ratibor wurde am 15. Oktober der Bauernsohn Newrzclla zum Tode verurtheilt, weil er seine von ihm geschwängerte Geliebte vorsätzlich getödtct und in ein vorher auf dem Felde gegrabenes Loch verscharrt. Um sich eine Galgenfrist zu verschaffen, hatte er die Revision verfolgt und gerügt, daß der Ausschluß der Oeffentlichkeit nur„zur Wah- rung der guten Sitten." nicht aber wegen„Gefährdung der Sittlichkett", wie die Str.-Pr.-O- sagt, vom Gericht beschlossen war. Der Rcicbsanwalt wies in der Sitzung des lV. Strafsenats vom 7. Tczeniber darauf hin, daß nach einem früheren Urthcil des Reichsgesctzcs dem Gesetze durchaus entspreche und beanttagte insoweit und auch bezüglich einer anderen Rüge die Verwerfung der Revision- Das Reichsgericht trat diesen Ausführungen bei, so daß nun das Todesuttheil rechtskräftig ge- worden ist. Wien, 10. Dezember. Heute wurde vor dem Schwur- gerichte die Verhandlung gegen Gerhardus Kreitter, welcher be- kanntlich am 4. November o. I. den Truckereibesitzer Schloß- berg ermordet hat, durchgeführt. Der Staatsanwalt hat gegen den 24 jährigen Angeklagten die Anklage wegen Meuchelmord erhoben und ihn außerdem angeklagt, am Abend, bevor cr den Schloßberg ermordete, auf dem Stubenring gegen den Schnei- der Karl Fengl einen Raubmord versucht und sich an demselben Tage einem Sicherheitswachmann gegenüber, der ihn verhaften wollte, dadurch, daß er sein geöffnetes Taschenmesser drohend aegen denselbcn erhob, des Verbrechens der öffentlichen Gewalt- ihätigkett schuldig gemacht zu haben. Kreitter leugnete nicht, Äerrn Schloßbeeg gestochen zu haben. Er erzählt, daß er am Abend des 4. November durch die Wollzeile— welche im Zentrum der Stadt gelegenjst— gegangen sei; am Ende derselben sei ein Mann— Schloßbcrg— an ihn angestoßen. Darüber seien sie in einen kurzen Wortwechsel gerathen und da Eclstoßberg,den er früher nie gesehen hatte, mit einem Spazierstocke nach ihm geschlagen habe, habe er die Schläge mit der linken Hand abgewehrt, sein Messer gezogen, geöffnet und Herrn Schloßberg einen Stich in die linke Halsseite versetzt, worauf er entflohen sei. Er habe jedoch nicht die Absicht ge- habt, Herrn Schloßbcrg zu tödlen oder zu berauben, und habe denselben auch nicht angebettelt. Der Staatsanwalt suchte nun durch die Zeugenaussagen den Nachweis zu führen, daß diese Verantwortung unwahr sei. Mehrere Zeugen sagten nämlich mit Bestimmtheit aus, daß Kreitter derselbe Mensch sei, der sie und andere Personen am Abend des 4. und 5. November in Zudringlicher und frecher Weise angebettest habe. Es sei also, uibrte der Staatsanwalt aus, anzunehmen, daß Kreitter den Zchloßberg angebettelt habe, und über die Verweigerung einer Gabe erzürnt, sich an Schloßberg rächen wollte. Das sei dem Angeklagten vollkommen zuzutrauen; denn cr erwies sich, ob- wohl er aus„anständiger" Fainilie stammt, schon in seiner «uzend als lüderlich und arbeitsscheu, erlernte kein Handwerk und schlug sich bettelnd herum. Ter Vettheidiger Kreitter's, Br. Schnecberger, setzte Alles daran, den Nachweis zu führen, daß Kreitter sich weder eines Meuchelmordes, noch eines ver- Nichten Raubmordes, sondern eines Todtschlages schuldig gc- wacht habe. Die Urtheilsfällung dürfte noch heute erfolgen. Nereme und Versammlungen. .* Der Fachverein der Mechaniker. Optiker, Uhrmacher, chirurgischer und anderer Jnstrumentenmacher hielt am Mitt- wach, den 8. Dezember, eine gut besuchte Mitgliederversamm- wng bei Niest's, Kommandantenstr. 71—72, ab, in welcher Herr Benkendorff einen beifällig aufgenommenen Vottrag über: »Das Findlingswesen" hielt. Die an den Herrn Referenten öestelltcn Fragen beantwortete derselbe in der eingehendsten Weise. Zu„Verschiedenes" wurde ein Brief von den Herren Biedermann u. Czarnikow verlesen, in welchem sich dieselben Seren die in der letzten Sitzung geäußerten Behauptungen ver« wahren und auf die von ihnen im„Berliner Volksblatt" ver- chjentlichte Erwiderung verweisen. Da die beiden Herren, welche we betreffenden Angaben gemacht hatten, anwesend waren,_ so entspann sich darüber eine sehr lebhafte Debatte. Ein Mitglied ch eilte mit, daß die Erwiderung der Herren Biedermann und «iarnikow insofern sich mit den gemachten Angaben decke, als we 20 pCt. Abzug angekündigt waren, dies aber von den Zerren nicht zur Ausführung gebracht wurde, bis auf einen "lrtikel, auf welchen ein Abzug von 10 pCt. gemacht worden ttt. Die Lohnvcrhältnisse find so, wie von der Firma ange- Seden, nur sei dabei in Betracht zu ziehen, daß die Gehilfen, welche die höheren Löhne erhalten, fast stets aus„Montage" Um befinden, dadurch auch selbstredend viel größere Ausgaben haben, als die in der Werkstatt beschäftigten. Nachdem noch Jwifle interne Angelegenheiten, welche zu sehr hitzigen Debatten luhrten, und der Fragekasten erledigt waren, schloß der Vor- Ntzende die Sitzung um 12£ Uhr.-, m ,,/ „ Ter Verein für Technik und Gewerbe in Berlin(ge- gründet 17. Febr. 1881) veranstaltet im oberen Saale deS �.eitmann'schen Restaurants. Brunnenstraße 9 heute(Sonntag) gwe Ausstellung von Studienblättern, Landschaften, Städtcan- "wen aus allen T heilen der Erde, Thierskizzcn-c.-c. Diese Uberaus reichhaltigen Sammlungen sind während Jahrhun« eit mit Fleiß zusammen getragen und bieten den reichsten ß�f.M"ri®cIcI'Iunl unö Anschauung. Zahlreiche machtvolle Kunstblätter veranschaulichen die schönsten Punkte Deutschlands. JJieunde des Vereins, sowie jeder Interessent, Herren und Bamen, sind freundlichst zur Besichtigung der Ausstellung ein- j*-aden. Eintritt frei. Tie Ausstellung ist von 10 Uhr Vor- ""ttags bis 3 Uhr Nachmittags geöffnet Zentral-Kranken- und Sterbctasse der Drechsler und Zn'n' nrwerblicher Arbeiter Teutschlands(E. H. 48). Ver- waltungsstelle„Berlm A". Den Mitgliedern zur Nachricht, daß die Zahlstellen der Verwaltungsstelle am Sonnabend, dm 25. Dezember(1. Weihnachtsfeiertag), und Eonnabend, den 1. Januar 1887(Neujahrstag), geschlossen find und dafür Bei- träge am Sonntag, den 26. Dezember, und Sonntag, den 2. Januar. Vormittags von 10 Uhr an, entgegengenommen werden. Die Auszahlung der Krankenunterstützungen findet Sonntags, Vormittags von 11—1 Uhr, im Lokale des Herrn Winzer, Narmynstr. 78, statt. Kranken- und Medizinscheine stellt aus: für den Osten Herr Gerlach, Kl. Andreasstrr. 4 Hof 3 Tr.; für den Südosten Herr Köppen, Manteuffelstr. 27 Hof 2 Tr. in der Zeit von 7j— 9 UhrJUbends. Die Ouartals- versammlung des Bezirks findet ani Sonntag, den 16. Januar 1887, Vormittags 10 Uhr, im Lokale des Herrn Säger, Grüner Weg 29, statt. Billcts vom 2. Stiftungsfest sind bis spätestens Sonntag, den 19. Dezember, zurückzuliefern. Der Bevollniäch- tigte Schräder wohnt jetzt Wrangelstr. 49 vom 4 Tr.; der Kasfirer Mönch Adalbert str. 26 vorn 4 Tr.; bei letzterem finden Aufnahmen zu jeder Zeit statt. Die öffentliche Tchuhmacher-Versammlung, welche am Montag, den 13. d. Mts., im„Königstädtischen Kasino" statt- finden sollte, kann nicht abhalten werden, weil die polizeiliche Genehmigung versagt wurde. In der Versammlung sollte über die Angriffe des Jnnungsmeisters Schumann gegen die Berliner Schuhmacher-Organisation verhandelt werden. Zentral- Kranken- und Begräbnihkasse der Buch- bindcr. Die hiesige Verwaltungsstelle hatte zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Kasse am 23. Oktober eine Festlich- keit in der„Philharmonie" arrangirt. Das finanzielle Ergebniß derselben war recht zufriedenstellend. Die Ausgaben betrugen 540 M-, die Einnahmen 950 M., es ergiebt sich demnach ein Ueberschuß von 410 M. Bekanntlich ist derselbe für hilfsbe- dürftige kranke Mitglieder der hiesigen Verwaltungsstelle be- stimmt und kann man auch aus diesem Gmnde mit großer Genugthuung das erzielte Resultat konstatiren. Von den ge- nannten 410 M. find 300 M. als Fonds zinstragend angelegt, während sich der Rest theils noch in den Händen des Kasfircrs befindet, theils schon zu Unterstützungen verwendet worden ist. Verein zur Wahrung der Interessen der Lackirer aller Branchen. Montag, den 13. Dezember, Abends 8 Uhr, Versammlung in Nieft's Salon, Kommandantenstr rße 71—72. Tagesordnung: Vereinsangelegcnheiten, Verschiedenes und Fragekasten. Freie Vereinigung der Graveure, Ziseleure k. Montag, den 13. Dezember, Abends 8& Uhr, Versammlung im Restaurant Sahm, Annenstraße 16. Tagesordnung: 1. Geschäftliches, Aufnahme neuer Mitglieder, Bericht des Nachweise- bureaus. 2. Vottrag des Herrn Dr. Stahn über:„Das Auge und die Pflege desselben". 3. Verschiedenes.— Gäste sind willkommen. Fachverein der Posamentiere und Seidenknopfmacher. Versammlung am Montag, den 13. Dezember, Abends 8� Uhr, im Königstadt-Kasino, Holzmarktstr. 72. Verband deutscher Zimmerleute, Lokalverband„Berlin- Zentrum". Dienstag, den 14. d. Mts., Abends 8 Uhr, Kommandantenstr. 77 79, Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Verschiedenes. 3. Fragekasten.— Aufnahme neuer Mitglieder. Aachverein sämmtlicher im Drechslergewerk beschäf- tigten Arbeiter Berlins. Den Mitgliedern zur Nachttcht, daß der Kasfirer C. Bucbmann, Naunvnstr. 4 wohnhaft, Sonn- tags Vorniittag von 10 Uhr an zur Entgegennahme von Bei- trägen und Aufnahme neuer Mitglieder im Lokale Naunyn- straße 78 zugegen ist. Daselbst findet am Montag, den 13. Dezember, die erste Uebungsstunde der Liedettafel des Vereins statt, zu welcher stimmbegabte Gcwerksgenossen eingeladen sind. Anfang präzise 9 Uhr Abends. Der Unterrichtskursus im Englischen, an welchem bis jetzt 31 Personen ihre Theilnahme zugesagt haben, wird ebenfalls im Lokale des Herrn Winzer, Naunynstr. 78, und zwar Montags, Abends von 8—9 Uhr, und Donnerstags, Abends von 9—10 Uhr, abgehalten werden. Lehrer: Herr Dr. Lütgenau. Honorar pro Monat eine Mark. — Versammlung der Vertrauensleute und Fachkommisfions- niitglieder am Dienstag, den 14. Dezember, Abends 8 Uhr, in vorgenanntem Lokale. Der Vorsitzende Fr. Schräder wohnt jetzt Wrangelstr. 49 vorn 4 Tr. Freireligiöse Gemeinde. Beschließende Versammlung am Montag, den 13. Dezember, Abends 8% Uhr, Niederwallstraße 20 Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, werden außer der Revisorenwahl noch andere Fragen Veranlassung zu scharfen Debatten geben. Es werden daher diejenigen Mitglie- der, welche bisher treu für die Interessen der Gemeinde im Kampf gestanden, auch in dieser Versammlung nicht fehlen dürfen. Verein der Modelltischler. Montag, den 13. d. M., Abends 8$ Uhr, Ackerstt. 63, Vottrag des Ingenieurs Herrn Wolfsberg über das Eisen, seine Gewinnung und Ver- arbeitung. Generalversammlung der Berliner Tischler am Mon> tag, den 13. Dezember, Abends 8 Uhr, im Lokale Urania, Wranzelstraße 9—10. Tagesordnung: Welche Anträge stellen die Berliner Tischler zu dem am 28.-29. Dezember 1886 zu Gotha stattfindenden deutschen Tischler-Kongrcß? Die Kom- Mission der Tischler Berlins macht bekannt, daß die frei- willigen Beiträge zu den Delegationskosten jetzt Sonnabends Abends von 8—10 Uhr auf den bekannten Zahlstellen ange- nommen werden. Fachvcrein der Steinträger Berlins. Sonntag, den 12. Dezember, Vorm. 11 Uhr, in Schcfler's Salon, Jnselstr. 10 Versammlung. Tagesordnung: Wahl eines Kasfirers zum Generalfonds und innere Vereinsangelegenheiten, Verschiedenes, Fragekasten. Nur Mitglieder haben Zuttttt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Eine öffentliche Versammlung zur Ausbreitung des Sanitätsvereins für Arbeiter beiderlei Geschlechts findet am Dienstag, den 14. d. M, in Kellcr's Salon, Ändreasstr. 21, statt. Tages- Ordnung: I.Vortrag des Herrn Dr. Sturm über Lungenleiden. 2. Diskussion. 3. Aufkläning über den Sanitätsverein. Zur Deckung der Unkosten Enttee nach Be- lieben. Der Zutritt ist auch Damen gestattet. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine*c. am Montag. Gesangverein„Männerchor Linde" Abends 8 Uhr Naunyn- sttaße 70 bei Stab.— Männergesangverein„Schneeglöckchen" Abends 9 Uhr im Restaurant Klose, Mariannenstraße 31 32. — Turnverein„Hasenhaide"(Lehrlingsabtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenbachstt. 60—61.—„Berliner Turngenossenschaft" (7.ZLehrlingsabtheilung) Abends 8 Uhr in der städtischen Tum- Halle Bntzerftraße 17 18.— Zitherklub„Amphion" Abends 8j Uhr im„Knrtürstenkcllcr", Poststt. 5. Fachverein der Rohrleger. Versammlung am Sonntag, dm 12. d., Vormittags 10 Uhr, in Nieft's Salon, Komman- dantenstraße 74 72 Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Baumgatt. 2. Abrechnung des Vergnügungskomitees über das Wintervergnügen. 3. Verschiedenes und Fra gekästen. Fachverein der Marmor- und Granitarbeiter. Ver- einsversammlung Sonntag, den 12. d. M., Vormittags 10 II Hr. Gesang- und gesellige Vereine am Sonntag.„Liedertafel der Maler Berlins" Nachmittags 4 Uhr bei Sodtke, Ritterstraße 123.— Männergesangverein„Firmitas". Nachmittags 3 Uhr bei Bührtng, Ritlerstraße 105, Gesang und Musik. Kleine MMheiinngen. Lübeck, 10. Dezember. Eine Feuersbmnst bei orkanattigem Sturm bat heute Nacht das zum Lübecker Stadtgebiet gehörige Dorf Dissau vollständig eingeäschert. Es wird Brandstiftung vecmuthet. Frankfurt a. M., 9. Dezember. Ein seltsamer Vorfall beschäftigt gegenwärtig die hiesige Polizeibehörde. In einem Hause der Großen Bockenheimerstraße mattete die Hausfrau Morgms vergeblich auf das im höhem Stockwette schlafende Dienstmädchen. Als man dasselbe in seinem Zimmer aufsuchte, war es unter dem Bettzeug verborgen, mit einem Knebel im Munde und die Hände an die Bettpfosten gebunden. Dasselbe behauptet, daß in der Nacht ein Mann zu ihr ins Zimmer ge- drungen sei, sie mit einem Messer dedroht und als sie sich ge« weigett, die Schlüssel zur Wohnung ihrer Herrschaft heraus- zugeben, sie in vorstehend geschildeter Weise geknebelt und ge- bunden habe. Da das Mädchen allein nicht fähig war, sich in die angegebene Lage zu bttngen, forscht man nach den näheren Umständen dieses sonderbaren Vorfalls. Mainz, 9. Dezember. Der Schnellzug Köln- Mainz, welcher Köln heute früh um 9 Uhr verließ, hatte auf seiner Fahtt mit heftigen Sturmwinden zu kämpfen und kam deshalb in Bingerbrück mit einer Halden Stunde Verspätung an, welche bis hier nicht einzuholen war. Nach Versicherung von Mit« reisenden soll der Sturm zwischen Köln und Bonn derart ge- tobt haben, daß der Zug kaum vorwärts kommen konnte und man schier befürchten mußte, umgeblasen zu werden. Düsseldorf, 8. Dezember.(Hauseinsturz.) Kaum sind vierzehn Tage verflossen seit dem Hauseinsturz auf der Düffel« thaletttraße und heute schon müssen wir wiederum von dem Zusammenbruch eines Neubaues Mittheilung machen. Die Feuerwehr war schon am Nachmittage hinaus nach Flingern zu einem großen Brande ausgerückt. Die zusammengeeilte Re« servefeuerwchr wurde gegen 6 Uhr nach Oberbstk gerufen, um dort die Aufräumungsarbeitcn bei einem an der Kölnersttaße zusammengestürzten Neubau zu übernehmen. Wir wollen eS schon vorausschicken, daß weder Menschenleben zu beklagen, noch sonstige Verletzungen vorgekommen sind. Man vermuthete jedoch, daß des Weges gekommene Leute unter die Trümmer gerathen seien. Der zusammengestürzte Neubau war schon bis zur letzten Balkenlage gediehen. In der gegenüberliegenden Witthschaft machten sich gestern Gäste gegenseitig darauf aufmerksam, daß der Neubau bedenkliche Risse und Abweichungen habe. Heute Nachmittag gegen 4 Uhr vernahmen die im Bau befindlichen Arbeiter ein Knistern und Knacken im Mauerwerk und gleich nachher stürzten einige innere Mauern ein. Die Arbeiter flüchteten und unterließm es, von dieser Thatsache die erfor- derliche Anzeige zu machen. Um sechs Uhr brach das ganze Gebäude mit furchtbarem, donnerähnlichem Krachen zusammen. Nur der Hinterbau und ein Stück der Hintermauer blieben stehen. Alles andere Mauerwerk fiel bis auf das Fundament zusammen. Die dicken Balken waren zersplittert wie Streich- Hölzchen. In der Nähe befindliche Leute glaubten im Moment des Zusammensturzes Personen am Gebäude bemettt zuhaben, welche durch das zusammenfallende Mauerwerk verschüttet wor- den seien. Die Feuerwehr war bald zur Stelle, mußte zunächst zu ihrer eigenen Sicherheit einige Balken und einiges Mauer- werk beseitigen und begab sich dann mit aller Energie an die Aufräumungsarbeiten, mit denen sie volle 2j Stunden zu thun hatte. Wollin, 8. Dezember. Von einem großen Diebstahl er- zählt das„Used.-Woll. Dampfb." Kürzlich zog von Kammin die Familie Kücken hier zu, bestehend aus der Mutter, einem Sohne von einigen dreißig Jahren und einer Tochter von etwa zwanzig Jahren. Der Sohn hatte längere Zeit in Kammin bei dem Justizrath Schweiger geschrieben. Letzterer vermißte kürzlich aus seiner Kasse eine bedeutende Summe, wie es heißt, 60 000 M., darunter Pfandbriefe und Zinsscheine. Der Ver- dacht lenkte sich sofott auf Kücken. Bei einer Haussuchung wurde in einer finsteren Kammer ein altes Buch gefunden, in dem sich zwei Werthpapiere über je 3000 M. vorfanden, und in einer alten Bibel fanden sich viele Zinsscheine. In dem Fußboden, der aufgebrochen wurde, fand man aber die wahre Diebesschatzkammer. Es wurden hervorgeholt viele Rollen mit Goldstücken, wetthvolle Ringe mit Brillanten, Silberzeug, ferner ein zugenähter und versiegelter Handschuh, der ebenfalls vollgepfropft mit Goldstücken war. Bei dem Handschuh befand sich ein Zettel, auf welchem bemettt war, wie viel an diesem und jenem Tage demselben entnommen. Kücken scheint ein sonderbarer Heiliger zu sein, denn auf dem gestohlenen Gute fand sich auch die Bemerkung: Lieber Gott, heute habe ich wieder einen guten Tag gehabt! Auch Pläne zu Reisen nach Rumänien, Egypten, der Türkei, lagen bei dem Schatze, es ist also eine Reise auf Nimmerwiedersehen geplant worden. Außerdem fand man noch einen scharfen Dolch, der Blutspuren trug. Nach ungefährer Schätzung beträgt der Wetth der wiederqefun- denen Sachen 100 000 M. Angesichts dieser Ueberführungen gab Kücken sein anfängliches Leugnen auf. Eine Anzahl Wetthpapiere will er auf dem Boden des Schweiger'schen Hauses versteckt haben. Behufs Feststellung dieser Angade ist Kücken beute nach Kammin gebracht worden. Mutter und Tochter find hier in Haft. Zürich, 5. Dezember. Hier macht eine mysteriöse polizeiliche Entdeckung viel von sich reden. Im Bezirk Dielsdorf wurde eine etwa zwanzigjährige, körperlich unentwickelte Va- aantin aufgegriffen, die sich als Idiotin ergab, epileptische An- sälle hatte und geistig auf dem Standpunkte eines Kindes steht. Die polizeiliche bezw. ärztliche Beobachtung führte zu der An- nähme, daß man es nicht mit einer gewöhnlichen Landstreicherin, auch nicht mit einer geborenen Idiotin, sondem mit einer An- gehörigen der höheren Stände zu thun habe, an welcher ein Verbrechen verübt worden ist. In der Irrenanstalt Burghölzli nämlich, wohin sie zur Beobachtung gebracht wurde, verloren sich ihre Anfälle etwas und das geistige Leben begann zu er- wachen. Sie gab an, ein Kind geboren zu haben, weigerte sich aber ängstlich, über dessen Herkunft etwas zu sagen. Der Bruder habe es getödtct und er werde Alle tödten, die den Vater des Kindes verriethen. Sie giebt an, lange Zeit in einem Keller gefangen gehalten und furchtbar mißhandelt worden zu sein. Auch habe sie eine böse Stiefmutter gehabt. Aussallend ist ihre Kenntniß französischer, englischer und italienischer Sätze; merkwürdig auch, daß sie von Nymphenburg erzählt, den Dr. Gudden kannte und oom ertränkten König spricht. Auch von der Bekanntschaft mit einem ultramontanen Geistlichen weiß sie zu erzählen, ebenso von einem englischen Fräulein- Institut in München. Man hält es nach alledem für wahrscheinlich, daß sie sich einst in„sehr hohen" Kreisen bewegte. Nachdem der König gestorben sei, habe der Vater, ein Offizier, die Mutter mit dem Säbel geschlagen und ihnen die schönen Kleider ausgezogen. lieber ihren Transport von München, wo sie sich anscheinend früher aufhielt, nach der Schweiz und in den Kanton Zürich weiß sie nichts anzugeben. Nur an Lindau und den Bodensee erinnerte sie sich. Sie giebt im klebrigen an, daß sie nach Genf sollte, um dasell'st Verwandte aufzusuchen.— Die Münchener Polizei ist von der Sache unterrichtet; einstweilen werden im Burghölzli die Beobachtungen eifrig fortgesetzt. Amsterdam, 8. Dezember.(Sturm.) Seit heute früh herrscht ein heftiger Sturm; starke Regenschauer und das über die Ufer hinspülende Waffer unserer zahleichen„Grachten"(Ka- näle) bemmen fast jeden Verkehr. Ziegel, Schornsteine und halbe Dächer, sind stellenweise herunter geschleudert worden, und Wagen und Menschen wurden vorn Winde um- wotten. Auch von der Seeseite her kommen nur traurige Berichte. Dre Leuchthurme Nord- und West- Sckwuwen bemerkten einen_ Dampfer auf dem sogenannten „Nreuwe-Land festgefahren m größter Roth; alle Stet tun gs- versuche von der Küste aus sind des Sturmes halber vergebens geblieben. Die Nationalität des Tanipfers ist noch nicht be- kannt. Da die NotHflagge noch gehißt ist. vermuthet man die Mannschaft noch an Bord, obwohl die Sturzwellen wild über dm Dampfer hinschlagen. Theater. Sonntag, den 12. Dezember. Cljernttau». Die Hochzeit des Figaro. Montag: Carmen. Eckausptethaus. Die Unterschrift deS KönigS. Hierauf: Verstand und Leichtsinn. Montag: Fugendliebe. Hierauf: Das Tage« buch. Zum Schluß: Kleine Mißoer- ständniffe. Deutsche» T beater. Der schwarze Schleier. Montag: Das Käthchen oon Heilbronn. Kroll's Theater. Der Mikado. Montag: Dieselbe Vorstellung. Krredrtch-SStlhelmstädtische» Theater. Der Vizeadmiral. Montag: Dieselbe Vorstellung. Wallner- Theater. Die Sternschnuppe. Montag: Dieselbe Vorstellung. fBiftana-Tiieatcr. Vioiana. Montag: Dieselbe Vorstellung. Ostend- Ttieater. Das neue Gebot. Montag: Dieselbe Vorstellung. Nelldcuz-Theater. Georgette. Montag: Dieselbe Vorstellung. Aenrrat-Theater. Der Waldteufel. Montag: Dieselbe Vorstellung. Bellealltance-Theater. Die schöne Helena. Montag: Dieselbe Vorstellung. Watballa-Ttieater. Der Vagabund. Montag: Tieselbe Vorstellung. Köniaftädttsches Theater. So find fie Alle. Montag: Dieselbe Vorstellung. Umcrtkan-Theater. Spezialitälen-Vorstcllung. Eoucordia- Theater. Spezialitäten- Vor- ftellung._ JEcIeß-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Tresdenerstr. 72/73. Zum ersten Male in Berlin: Atrtillett-|Uger-KarftWfttte. 14 Personen, anthropologische Sehenswürdigkeit. Milhelm Kleiner, der stärkste Mann fachten«, derselbe hebt U.A. ein lebende», 80U Pfund schwere» Pferd. D»- Großer Erfolg! K rather» Forest, Muflkal-Clowns. �"4 Mr. Pizarra», Kraftturner. zlelso««nd Maqthorn.. Miege!» wallet Gesellschaft. Paula». Ludwig TrUhei«. Eugen Aocher. Kanenöffnung Sj Uhr. Anfang U Montag: Graste Spezialitäten- ftellung Anfang 7i Uhr. Mittwoch. Nachmittags 4 Uhr: Ertra- Ausftellnng der Antillen-Peger für Kinder und Erwachsene. or- Stadt-Uieater. Wallnertheaterstr. 15. Sonntag zum 1. Male: Die Gebieterin von St. Troper. Schauspiel in 5 Akten. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Regie: Herr E. Czaschke. Vor der Vor ftellung: WF Großes Concert, msaetührt oon der Hauskapclle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Coneerts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7'/, Uhr, Sonntags 7*4 Uhr. DaS Theater ist mit elektrischer Beleuchtung ersehen. Passage 1 Tr. 9 M.- 10 A. Kaluer-Panoraiiia. In dieser Woche: Wanderung d. Süddeutschland, Heidelberg, Constanz, Wiesbaden w. Eine bequeme Rheinreist. Weihnachst-K«»ftellung, nur von 4—8 Uhr. Täglich: Palästina. Das Leben Jesu. Eine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Frauscher's Museum. 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Vortrag des Herrn Mehner. ' 4. Diskussion. 5. Verschiedenes und Fragekasten. 1263] Der Vorstand. Alle Frauen und Männer, welche der Arbci- terinnenversammlung bei Jacobi, Landsberger» straße, am 13. April d. I. beiwohnten, in der Herr Christensen über den Befähigungsnachweis rcfeiirte, und welche fich der Vorgänge betreffs des überwachenden Lieutenants genau erinnern, find gebeten, sich im Interesse der angeklagten Vorstandsmitglieder des Arbciterinnenvereins zu melden beim Rechtsanwalt A. Stadthagen. Landsdergerstraße 62. Sprechstunden 8—9 und 5-7 Uhr._[1255 Nersammtung des Verrivs d.parqneti-odevlk'gtt Sktlins �Montag, den 13. Dezember, Abends 8 Uhr, �tn Pieper» Salon Mauerstraße 86. Tages-Ordnung: 1. Vercinsangelegenheiten. 2. Fragekasten. Tie Mitglieder werden auf§6 des Statuts aufmerksam gemacht.[1262 Der Vorstand. M?rS»tzL«tzs»krti> der Sschdinder. Montag, dm 13. d. M., Abends 9 Uhr: Generalversammlung in Gratweil's Bier« h allen, Kommandantenstr. 77—79. Tagesordnung: 1. Vorstandswahl. 2. Abrechnung vom Stiftungsfest. 3. Verschiedenes. Der Vorstand. Der Kolporteur, welcher da»„Kerliner Polksblatt'»ach Jägerstraße-IN kviuat, möge diese« jetzt Schützrnstr üü II l. abg. Großer Ausverkauf VON Paletotfutter. Lama», Eloth, Cäper» Shirting. best. Schueiderteinwand, E q-tppe- Seide. Knöpfen, Schnallen. Kosenhaken. Sämmtltche Waaren sind killig zum An»- verkauf gestellt. Korden und Litzen mit 10 pEt. Rabatt. Prfter von allen Waarru unter dem Kostenpreis». Beim Einkauf von 10 Mark an 5 pEt. Pabatt.[1257 Slegmnnd Ferger, Alte Fakobstraße 65. ArbeiiSmarkt. Ein Dergolderlehrling wird sofort verlangt Eisenbahnstraße 11. [1 lleifitiausUusiißilifluf slkönliauser Nlee 182. Ommkns-AaltesteUe am Schönhavser Thor. [790] 14000 eleg. Herbst- u. 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