Nr. 293. Dienstag» de« 14 Dezember 1886. 6 ZahrG SMiuerWksbl«» flrpn für die Interessen der Arbeiter. 4 Aus einem Musterstaat. Bekanntlich wurde Belgien stets mit Vorliebe als daS Muster eines Industriestaats bezeichnet, ein Ausdruck, den wir nur insofern ernst nehmen können, als in diesem Lande in der That am deutlichsten sich gezeigt hat, zu wochschule gewesen sind,„die der unbeugsame Wille des eisemen Kanzlers verdrängt hat." Oesterreich-M«gar«. Mit wahrer Leidenschaft tritt das Wiener feudal- klerikale Organ für die Arbeiter ein, und dicke Thränen werden jedesmal vergossen, wenn von den Benach- thciligungen gesprochen wird, welche den Arbeitern von liberalen Fabrikanten zugefügt werden. Run liest man in der letzten Nummer der Wiener Buchdrucker-Zeitung„Vorwärts" Erbau- liches über das Verhältniß der Setzer des„Vaterland" zu diesem Organe. Es giebt ein einziges Tagblatt in Wien, dessen Druckerei ihren Arbeitern den tarifmäßigen Lohn vorenthält, und dieses einzige Blatt ist— das„Vaterland"! Uebcr diesen Gegenstand verhandelte denn am S. Dezember der Ausschuß des Klubs der Zeitungssetzer, und die geladenen Arbeiter aus der Druckerei des„Vaterland" machten hier bemerkenswetthe Mittheilunacn. Darnach hätten Dr. Eicke, der Administtator, und Herr Jnthal, der Herausgeber des Blattes, erklärt, es liege nicht in ihrer Macht, eine Aenderung zu schaffen; es sei dies Sache der Norbertus-Tmckcrei, nrit welcher das„Vaterland" einen Druckvertrag besitze. Die Leiter dieser frommen Druckerei hingegen versichern, sie seien von dem besten Willen beseelt, jedoch können sie ohne„die maßgebenden anderen Persönlich- leiten dcsf„Vaterland"" nichts thun. Mit einem gewissen Humor meint denn der„Vorwärts":»Vaterland" und Norbertus- Druckerei erklären feierlich, den Wünschen des Personals, rc- spcktioe des Klubs entgegenkommen zu wollen, aber vom Zahlen wollen beide nichts wissen. So sieht die Sozial- r e f o r m aus, wenn sie von Junkern und Klerikalen praktisch geübt wird! Schwede«««d Uorwege«. Ein interessanter Beitrag dazu, wie die freie Kon- k u r r e n z immer mehr durch Monopole und Kartelle durch- löchert wird, liegt heute auch aus Schweden vor. Die schwedischen Brauereibesitzer scheinen dem Beispiele der Sägewcrksbcsitzer folgen zu wollen, welch' letztere vor einiger Zeit zum Zwecke der Verhütung einer Uebcrproduktion eine Konvention geschlossen haben, um die Holzwaarcn- preise auf ihrer bisherigen Höhe zu erhalten. In Folge der sich über das ganze Land verbreitenden Nücktemheitsbewegung, vielleicht aber auch in Folge der schlechten Zeiten ist der Branntweinverbrauch in den letzten Jahren etwas zurück- E gangen und das über die Nachfrage hinausgehende Angebot t ein Fallen der Preise bewirkt. Die Brennereibesiver hielten reits mehrere Versammlungen ab, auf welchen eine Mprozentige Verminderung der bisherigen Produktion als nothwendrg er- achtet wurde. Durch die Einmischung des großen Branntwein- Exporteurs L- O. Smith hat diese Angelegenheit indessen nach den„Hamb. Nachr." eine ganz neue Wendung genommen. Das Bestreben desselben geht darauf hinaus, eine Vereinigung ?u bilden, welche die gesammte schwedische Branntweinbrennerei, die gesammte Spritveredelung und den gesammten Pattieverkauf übernähme. Um dieses Projekt duichführen zu können, sollen m erster Reihe die Etablissements der Schoone'schcn Spttt- fabriks-Akticngescllschaft zu Chttstianstad, Malmö, Stockholm und Gothenburg, sowie die für den inländischen Absatz berech- neten Etablissements der Karlshamner Spritveredelungs-Aktien- gcsellschaft zu dem Zwecke angekauft werden, und zwar zu dem Preise, welchen die gegenwärtigen Besitzer selbst dafür gezahlt. Auf die Kaufsumme, für welche die Verkäufer Aktien in der großen Gesellschaft erhalten sollten, würde eine jährliche Divi« dende von 12 vCt. zu garantiren sein. Da L. O- Smith der „ zum Zuschauen mit anstoßenden Buffctsaal. Diese �täume werden im Sommer als Erholungsräume benutzt. Der Vorraum zu den Ställen ist im Sommer Gymnastiksaal; die Ställe sind dann Aufbewahrungsräume, wahrsckeinllch für die Wintercinttchtung. DaS Becken enthält 1200 Kubikmeter Waffer. Es wird zunächst mit Pumpen aus einem 80 Meter «esen Brunnen gefüllt, welcher das Wasser mit einer Temperatur von 12 Grad C. liefert. Im Winter erfolgt die Erwärinung auf 23 bis 24 Grad C- durch das Kondcnsations- «asser der Maschinen, welche das elektrische Licht erzeugen. In einer Stunde fließen 50 Kubikmeter Wasser zu, was eine voll- »ändige Erneuerung des Waffers in einem Tage gestattet. Das Kondensationswasser wird zunächst in zwei Bottichen dadurch von dem in den Maschinentheilen aufgenommenen Fett ge- remigt, daß diese Gefäße die oberste fetthaltige Wasserschicht Überlaufen lassen. Der Ausfluß nach dem Schwininideckcn bin befindet sich im Boden der Bottiche. Wiewohl diese Entfettung für genügend erachtet wird, hat doch noch baS große Schwimmbecken ttngsheruni einen Uederlauf, welcher bas Entweichen blos der obersten Wasserschicht gestattet. Jni Sommer, wenn das Bad den ganzen Tag geöffnet ist, wird «lt Dampfwasser gewärmt, welches über der Mitte des Schirms 'pnngbrunnenattig in das Becken tritt und dott das Wasser auf 24 Grad C. erhält. Besonders demerkcnswerth ist die einfache Art, wie man in diesem so viel warnies Wasser enthal- »enden Raum eine unbequeme Kondensation der Wasserdämpfe verhindett. Man erreicht dieses durch eine so ausgiebige�Luftung, vaß jeder Niederschlag vermieden wird. In den L-aal von 1?000 Kubikmeter Inhalt werden stündlich 40 000 Kubikmeter wiche Luft eingeblasen. Ein Ventilator von 2,25 Meter Durch- «cffcr drückt die reine Luft im Winter in die Kalorifercn, aus uenen sie in einen um daS Wasserdecken herumlaufenden Kana fNtt. von wo sie dann mit 40 Grad C. Temperatur im Saal unter den Eitzen anlangt. Durch diese Anordnung.wird auch ttner Abkühlung des Wassers entgegengewirkt. Die schlechte �utt entweicht durch stellbare Leffnungen in der Kuppel. Die Saalwärme ist ohne Echwiettgkeit auf 18 bis 20 Grad C. zu Multen. Im Sommer, wenn nach Entfernung der Sitzrechen f.Pe«rößere Wasscrverdunstungsfläche freigelegt ist, werden NÄÜÄrt k- in den Abhandlungen der russischen Geographischen � �f«aft rine Schilderung seiner Beobachtungen in chinesischen �andgasthofen. Be, größeren Entfernungen, so heißt es daselbst, wischen Städten und Dörfern findet man einzeln stehende hauptsächlichste Besitzer der vorhin erwähnten Spntveredelungs- fabttken ist, so läßt sich die neuere Abficht dieses Projekts leicht durchschauen. Um aber einen solchen Ertrag zu erzielen, wie er gewährleistet werden soll, müßten die Konsumenten, d. h. vorzugsweise die Arbeiter, einen bedeutend hohem Preis als bisher zahlen. Die Branntweinausschank-Gesellschaftm zu Stockholm und Gothenburg entnehmen allein jährlich zitta fünf Millionen Liter, und es liegt da wohl nahe, daß dieselben die zu Gunsten eines solchen Privatmonopols der Branntwein- brenner projektitte neue Branntweinsteuer nicht so ohne weiteres über sich ergehen lassen würden. R«ßla«d. Die in Kiew erscheinende Zeitung„Sana" ist auf Grund des Prcßgesetzes durch einen Beschluß des Ministeriums ver- boten worden. Die russische Regierung hat dem in Sofia zurückgeblic- benen Sekretär der russischen Agentur, Somoff, befohlen, sich zur Abreise bereit zu halten. Frankreich. Dem neuen Ministerium Goblet in Frankreich fehlt es noch immer an einem Minister des Auswättlgen. Vor der L>and hat Goblet dieses Reffott intettmistisch selbst übernommen, gleichzeitig aber bei dem französischen Botschafter Decrais in Wien angefragt, ob er zur Uebernahme des Ministeriums des Auswärtigen bereit sei. Am Sonnabend verlas Goblet in der Deputittenkammer eine Erklärung des neuen Ministeriums, in welcher es heißt, daß dasselbe hinsichtlich der auswättiacn Politik die von dem vottgen Kabinet eingeschlagene, von der Kammer gebilligte Richtung einhalten werde. Die innere Politik anlangend, so würden die gewünschten Reformen in der Session von 1887 vorgelegt werden. Das Ministettum werde übttgens bemüht sein, das Vertrauen der Kammer weniger durch zahl- reiche Besprechungen zu erreichen, als es sich zur Aufgabe machen werde, jede Zusage mit Gewissenhaftigkeit zur Aus- führung zu bringen. Die Kammer möge ihr Vertrauen zu dem neuen Ministerium dadurch an den Tag legen, daß sie demselben die provisottschen Zwölftel der Jahreseinkünfte bewillige. Goblet beantragte hierauf die Vertagung der Kammer bis Dienstag, um alsdann diese provisorischen Kredite zu bewilligen. Die Kammer beschloß demgemäß. Die Aufnahme der ministe- ttellen Deklaration war aber sonst höchst kühl, im Senat etwas wärmer. Die Presse ist durchweg dem Kabinct Goblet un- freundlich gesinnt. Grohbrita««ie«. Die„Voss. Ztg." erhält aus London, 10. Dezember, die folgende interessante Korrespondenz:„Vom agrarischen Kriegsschauplatz in Irland ist ein eingehender Bettcht eingelaufen über die Belagerung und Einnahme von ,,S a u n d e r s' F o r t", der besser als alle Reden homerulcrischer und homerulefeind- licher englischer Staatsmänner das Verständniß für die erbit- tette Feindschaft der irischen Bauern gegen ihre Großgrundbesitzer erschließt. Saunders' Fort ist der in Folge jener Belagerung volksthümlich gewordene Name für die Farm eines Pächters Namens Saunders in jenem dem Marquis von Clanricarde gehöttgen Gutsbezirke Woodford, in dem der erbittertste Streit zwischen dem ab- wesenden Großgrundbesitzer und seinen Pächtern tobt. Saun- ders kam vor etwa 17 Jahren aus Amerika zurück, wo er sich ein kleines Vermögen von 600 Lstr. erworben halte, das sich durch seine Heirath um baare 100 Lstr. vermchtte. Er pachtete die Farm mit ihren 34 Akrcs schlechten, sumpfigen Landes und verwandte sein ganzes Kapital dazu, um brauchbare Gebäude zu errichten und das Land durch Drainirungen in bessern Zu- stand zu versetzen. Der Werth der von ihm errichteten Bau- lichkeiten wird auf 200 Lstr. geschätzt. Die ganzen 17 Jahre hindurch hat er seinen Pachtzins pünktlich bezahlt. Da er sich an dem auf dem Gütern Clanncarde's ausgcbrochenen Pacht- streik betheiligte, wurden er und noch drei andere Pächter, um ein Excmpel zu statuiren, von dem Landagenten als erste Opfer der Ausweisung ausersehen. Zwei Tage waren erforderlich, um die ersten beiden Farmen mit Hilfe der bewaffneten Mannschaft in Besitz zu nehmen; am dritten Tage gelang es ziemlich frühzeitig das Haus eines gewissen Brodwick durch einen Bajonnetangriff zu nehmen und die Besatzung von 27 Mann zu Gefangenen zu machen. Man glaubte am Nachmittag noch Zeit zu haben, um auch Saunders zu exmittiren. Unter dem Schutz von 500 bewaffneten Polizeisoldaten rückte der Chettff mit seinen Exekutor- gehilfen gegen die Farm heran. Die Aufforderung zur lieber- gäbe wurde mit Hohngelächter von dem verschanzten Wohnhause aus empfangen, und eine grüne Flagge mit der Inschrift „Gott schütze Irland" flog an einer auf dem Schornstein an- gebrachten Stange in die Höhe. Die Exekutorgehilfen nickten vor; eimerweise werden sie mit kochendem Wasser begossen. Kochendes Wasser, das zuweilen durch den gefährlicheren sieden- den Kalk ersetzt wird, ist in Galway das übliche Vettbeidi- gungsmittel der Pächter gegen Exmissionen. Ader außer dieser landesüblichen Waffe hatte der geniale Saunders noch ein de- sonderes Vettheidigungsmittcl ersonnen. Wo die Exekutor- gehilfen am dichtesten standen, ward ein Bienenkorb in Gasthöfe, in welchen die ärmeren Reisenden kurze Rast zu halten pflegen. Ein solcher Gasthof besteht gewöhnlich aus einer großen Küche, einem kleinen Gelasse für die Familie des Witthes und einem großen Zeltdache für die Gälte, welches mit Tischen und Bänken aus Lehm versehen ist. Um die Mittagszeit sammelt sich hier eine große Menge Reisender an, und es entwickelt sich eine gesteigette Thätigkeit der Köche und Diener. Die einen bereiten auf großen hölzernen Brettern süße Brote, die gedämpft werden, oder eine Art Fleischkuchen oder Nudeln, die eine Lieblingsspeise der Chinesen bilden; andere besorgen das Kochen derselben und vettheilen die'Pottionen in Thonschalen. Es sammeln sich immer mehr Menschen, die Plätze an den Tischen werden immer mehr gefüllt; die neu Hinzugekommenen drängen sich um die Herde, um die verlangten Speisen zu erhalten, und hocken dann auf dem Boden, wo sie gerade Platz finden, den Durst mit warmem Thee stillend oder Makkaroni und Fleischkuchen mit stark gewürztem Gemüse verzehrend. Nachdem das Mahl be- endet und die Pfeife angeraucht, legt sich ein Theil auf den Boden zur Ruhe; ein anderer begiebt sich in die Küche über dem warmen Herd, um sich dem Genüsse des Opiumrauchens hinzugeben; ein dtttter endlich sammelt sich zu kleineren Gnippen, um sich die Zeit mit Kattenspiel und Würfeln zu vertreiben. Wein wird gewärmt aus Metallbechern und in der Regel nur in gettnger Quantstät genoffen, dagegen werden Karten-(fast ausnahmslos Hazard-) Spiele leidenschaftlich ge- spielt. So mäßig der Chinese in Allem zu sein pflegt, so maßlos ergiebt er sich der Leidenschaft des Hazardspieles. Diese Leidenschaft und das Rauchen von Opium enthalten die Keime zum sittlichen Verfalle der Bewohner des Reiches der Mitte. Nachdem sie der Ruhe gepflegt, entfernen sich die Reisenden allmälig. Der Gasthof wird leer, um am folgenden Tage einer neuen Menge Reisender Obdach zu geben. Das Papier der Alten. In den Mrttherlungen über den Papynis Rainer, deren Redaktion Professor Karabacek besorgt, findet sich u. A. ein vorläufiger Bettcht von Julius Wiesner über die bisherigen Resultate seiner Untersuchung der Papiere von El-Fajum. Aus demselben geht die interessante Thatsache hervor, oaß die mikroskopisch untersuchten Papiere, welche frühestens aus dem 8. oder 9. Jahrhundett stammen, in die Kategorie der sogenannten gefilzten oder geschöpften Beschreib- stoffe gehören, also Papier im modernen Sinne sind. Alle wurden durch eine Att Leimung beschreibbar gemacht; die besser erhaltenen könnten sogar jetzt noch mit Tinte beschrieben wer- den. Die mikroskopische Untersuchung hat ergeben, daß diese ihre Mitte geschleudert und die wüthenden Insekten stürzten sich aus dem Innern dieser sonderbaren Handgranate heraus und trieben durch ihre Stiche die Angreifer auseinander. Ver» geblich dringen sie wieder vor, das Vertheidigungsmatettal ist unerschöpflich; sie können nicht an die Mauern heran, um sich mit Stemmeisen einen Eingang zu erbrechen. Schließlich sind sie genöthigt, zerstochen, verbrüht und mit ver- brannten Kleidern den Rückzug anzutreten unter dem Tttumphgeschrei drr vierundzwanzig Vettheidiger von„Saunders' Fort", wie die Behausung fort- hin nach diesem siegreichen Kampf genannt worden ist. Ganz Woodford war außer sich vor Freude und die ganze Nacht wurde gearbeitet, um durch Verrammlung der Thüren und Fenster und Heranschleppung von Feueeungsmatettal zum Wasserkochen die Festung uneinnehmbar zu machen. Aber auch der Feind war nicht müßig. Man griff auf die Kriegskunst der alten Römer zurück, um die Erstürmung zu ermöglichen. Von dem Bau eines Sturmbalkens mit Widderkovf nahm man zwar Abstand, da dabei das ganze Gebäude in Trümmer hätte gehen können. Aber man erbaute, vermuthlich gestützt auf Cäsar's Kommentare, eine richtige Testudo, ein schiebbares Schutzdach, unter dem die Sturmkolonne sicher vor Wurfgeschossen bis an die Mauer vorrücken konnte. Mit Sturmleitern sollten die Exekutorgehilfen dann das Dach erklettern. fAls dieser alter« thümliche Apparat acht Tage später heranrückte, schleppten die Vettheidiger schleunigst schwere Steine in das Haus, mit dem sie das Schutzdach zu zcttrümmern gedachten. Die Angreifer gebrauchten nun die Kriegslist, mit dem Schutzdach an die Mauern heranzudrücken und dort zum Schein Ärech- versuche zu machen. Wiederum flogen Bienenkörbe, Eimer kochenden Wassers und schließlich schwere Feldsteine herunter, aber die Tcstudo erwies sich den letzteren gewachsen, so daß sie nicht zettrümmert wurde. Zwei Stunden lang wurde aus solche Weise operitt, bis die Belagettcn ihre Mu« nition verworfen hatten, dann rückten die Polizeisoldaten mit den Sturmleitern heran, erklommen bas Dach und brachen von oben in das Haus ein. Die Besatzung ergab sich und die grüne Flagge Irlands wurde vom Schornstein nieder- geholt.— Das ist die Geschichte der Eroberung von Saunders' Fort. Achnlich, wenn anch nicht mit so langem Erfolg, vertheidigen sich die Farmer auch an andern Orten. Da werden Exmissionen schließlich ein zu kostspieliges Unter- nehmen. KalKattlS«d-r. Die Stimmung in Bulgarien beruhigt und befestigt sich ersichtlich. Obwohl die Zankowisten sich noch keineswegs überwunden geben und die Hände nicht in den Schoß legen, glaubt man in bulgarischen Regicrungskreisen, was die Er- Haltung der Ordnung und Ruhe betrifft, voller Zuversicht in die Zukunft blicken zu können. Die finanzielle Lage ist erfreu- lich, die Steuern gehen mit überraschender Regelmäßigkeit ein, so daß die Befriedigung der laufenden Bedürfnisse auf keinerlei Schwierigkeit stößt. So berichtet man wenigstens der Wiener „Polit. Corr."_ Soziales und Arveitervewegimg. Nochmals die„Ritter der Arbeit". Bezüglich dieser amerikanischen Arbeiterorganisation, welche unzweifelhaft berufen ist, eine große Rolle zu spielen, schreibt man der Hamburger „Bürger- Ztg." aus New- Bork: Ueber den Orden der Euights of Labor wird so viel Widersprechendes geschrieben, daß ich nochmals die Feder � ergreifen muß. Sind die Knigbts of Labor eine politische Organisation oder nicht? Sind sie eine sozialistische Organisation oder nicht? Und wie stark find sie? Was ist ihre Zukunft? Diese Fragen will ich in möglichster Kürze beantwotten. Als solcher ist der„Orden" kein politischer Verein— ebensowenig wie die Trades-Unions, von denen er sich nur dadurch unterscheidet, daß er Arbeiter der verschiedensten, ja aller Gewerke aufnimmt und sogar über die Reihen der Lohnarbeiter hinausareift. So sind namentlich viele Journalisten und Beamten Mitglieder des Ordens der Arbeitsritter. Aber die Mitglieder des Ordens treiben selbstverständlich Politik, und ebenso selbstverständlich ist, daß die gemeinsame Organisation auch eine gewisse Gemeinsamkeit des politischen Strebens dedingt. So traten bei den letzten No- vemberwahlcn in New. Bork und an anderen Orten die Arbcitstttter notorisch geschlossen für die Arbeiterkan- didaten ein. Der„Orden" selbst verhält sich aber neutral: und würde der Präsident, mit sammt dem Exek rtivausschuß, offiziell eine bestimmte politische Aktion vorschreiben, so wäre das ungesetzlich und folalich für die Mitglieder nicht bindend.— Ob die Knigbta of Labor sozialistisch sind oder nicht? Ja und nein! Es giebt sozia- listische Arbeitsritter und es giebt unsozialistische. Wie die Äischgestaltigkeit seiner Elemente es mit ssch bringt, ist der „Orden" kein homogenes, aleichattiges Ganze; er umfaßt die Blüthe der amerikanischen Arbeiter, und alle— zum Theil sehr von einander abweichenden— Strömungen und Arychauunaen der amettkanischen Arbeiter spiegeln sich in ihm wieder. Wir haben Arbcitstttter, welche auf dem rein gewerkschaftlichen Boden Papiere ausnahmslos aus Hadern(Lumpen) bereitet sind, und zwar in der Hauptmasse aus Leinenhadern. Die Fajumer Papiere sind die ältesten Hadernpapiere, die man kennt. Alle Fajumer Papiere sind mit Stättekleister geleimt. Es ist also der Stärkckleister ebenfalls im Widerspruche zu den bishettgen Annahmen, das älteste bekannte Material, um Papier be- schreibbar zu machen. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß Stärke zur„Füllung" des Papiers angewendet wurde, zu einer Operation also, wclche.von vielen als eine Erfindung der Ma- schinenvapiettabrikation angesehen wurde. Wie sich nun zeigt, haben schon die Araber die Stärke zur Veredelung des Papiers verwendet und sie find mithin als die Erfinder der„Füllung" zu betrachten. Die auf den Fajumer Papieren befindlichen Schttftzeichen rühren theils von einer der Tusche vergleichbaren Kohlen- oder Rußtinte, theils von einer Flüssigkeit her, deren färbender Beftandtbeil in gerbsaurem Eisen bestand. Schlosser's Weltgeschichte auf dem türkischen Index. Aus Konstantinopel kommt die Nachricht, daß„Schlossers Weltgeschichte" konfiszitt sei und daß dieselbe auf Buchhändler- wegen nicht mehr in das Land der Moslem eingelassen werden soll. Was die türkischen Staatsmänner veranlaßt hat diesem Werke jetzt— bei der 20. Auflage— die Thore zu verschließen, dürfte schwer zu ermitteln sein. Anerkennen muß man jeden- falls die Bcdachtsamkeit, mtt der die Nachfolger Mohamcd's dabei verfahren find, indem sie erst 20 Auflagen in's Land ehen ließen, ehe sie sich zu dieser großen Staatsaktion ent- iossen haben. Eine fromme Betrügerin. Aus Perugia wird unterm 7. d. berichtet:„Der Umstand, daß in letzter Zeit hier zahl- reiche falsche Banknoten in Umlauf waren, hatte die Polizei zu größter Wachsamkeit angespornt. Gestern endlich gelang es, die Verbreiterin des falschen Geldes in der Person einer gut gekleideten, älteren Dame zu verhaften. Dieselbe hatte nämlich in allen Kirchm der Stadt und Umgebung für ihren angeblich verstorben Mann zahlreiche Seelenmessen lesen lassen, die sie dann bezahlte, indem sie sich meist auf Hundert-Lire-Scheine, welche gefälscht waren, herausgeben ließ. Man fand bei der „frommen" Dame eine ungeheure Menge täuschend nachgemachter Hundert- und Tausend-Lwe-Scheine." Ein weiblicher KorschnngSreisender. Eine Frau Kosa- kowa, die in Deutschland Naturwissenschaften studitt hat und jetzt in St. Petersburg lebt, steht im Begriffe, aus eigenem Antnebc und mit eigenen Mitteln eine Forschungsreise nach Zenttalasien anzutreten, deren Dauer auf zwei Jahre be- rechnet ist. flehen und von einer elbstständigen politischen Arbeiterpartei nichts wissen wollen; wir haben Arbeitsritter, die als sogenannte „Schwanzpolitiker" für die alten Parteien(Demokraten oder Republikaner)„Stimmvieh" liefern; und wir haben Arbeits- ritter, die Sozialisten find. In New- Nor! und den meisten großen und größeren Städten dominiren die Sozialisten, in anderen Städten ist's anders. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß die sozialistische Strömung immer stärker wird; und es steht fest, daß die große Mehrheit der Lrdensmitglieder für die Gründung einer selbstständigcn Partei ist. Und das bedeutet, da der Orden mindestens 600000 Mitglieder zählt, für die nächsten Wahlen eine Halde Million Stimmen für die Arbeiterpartei! Die wirthschaftliche ftrisis ist international. Der „Vierteljahrsschrift für Volkswirthschaft" wird aus St. Peters- bürg geschrieben: ,�m Allgemeinen schwebt die Krifis nach wie vor als erdrückendes und beängstigendes Gespenst über unseren wirthschaftlichen Zuständen. Nach wie vor ertönen Klagen aus den Kreisen der Produzenten aller Art, und die einzige Abwechslung besteht darin, daß von Zeit zu Zeit die Klagen einer bestimmten Klasse derselben so laut werden, daß sie alle anderen übertönen, übrigens doch nur, um bald vor Klagen einer anderen Klasse verstummen zu müssen." Um nur eine Industrie herauszugreifen, so ist auch in Rußland die Runkelrüben-Zuckerindustrie durch die famose Schutzzollpolitik künstlich groß gezogen und in die tollste Galoppade der Ueberproduktion hinein gehetzt worden. Vcr- mehrte fich doch in den Jahren 1883—1885 die Zahl der Fabriken um 5 pEt. und der jährliche Ernteertrag um 40 pCt. So kam es, daß bereits im Wirthschftsjahr 1884/85 um 2 Millionen Pud mehr erzeugt worden waren, als Rußland selbst unter den günstigsten Verhältnissen hätte verbrauchen können. Tie Preise fielen eben so rasch, wie sie vorher schnell gestiegen waren, die Unternehmer schrien nach Staatshilfe, und es kam auf Kosten der großen Masse der Konsumenten eine hohe Exportprämie, die aus der Tasche der Steuerzahler genommen wurde. Also beim östlichen ,, Erbfreund" derselbe Zuckerkrach wie bei uns; es geht nichts über die Familienähnlichkeit. Seit dem 1. Juli er. ist die Prämie wiever aufgehoben worden. Und doch Holland in Roth!— Der gesammte auswärtige Handel geht in besorgnißcrregendcr Weise auf der ganzen Linie zurück. Nach dem amtlichen Organ des Finanzministeriums hob sich die Gesammteinfuhr von 216 863 000 Rubel im Jahre 1885 auf 218 805 000 Rubel in 1886: die Totalausfuhr da- gegen vermindette fich in derselben Zeit, fie fiel von 281 251 OOOgRuM auf 207 887 000 Rbel! So ist z. B. die wichtigste russische Ausfuhrwaare, das Getreide im Export, ttotz der guten Ernte, ganz bedeutend zurückgegangen. Die Getreide« rsfubr nahm vom 1. Januar bis 1. August 1886 im Vergleich zu Demselben Zeitabschnitt des Vorjahres um 97 262 000 Pud oder 76 958000 Rubel ab; dabei sank die Ausfuhr von Weizen um 58 pCt., von Roggen um 36 pEt., von Gerste um 70 pCt., von Hafer um 48 pEt. und von Erbsen um 76 pCt. Tie Ausfuhr von Holz aller Art fiel von 15 433 000 auf 12 527 000 Rudel, von Flachs von 31 504 000 Rubel auf 19627 000 Rubel, von Hanf von 8 144 000 Rubel auf 6 886 000 Rubel. Das sind recht lehrreiche Zeichen der Zeit, ein gutes'Heilmittel gegen den Schutzzolltaumel, ein Menetekel für alle die, welche an die Ewigkeit der jetzigen Sozialzustände glaubm und statt den furchtbaren Wirkungen des Kapitalismus entgegenzutreten, mit offenen Augen in das Chaos des allgemeinen wirthschaftlichen Zusammensturzes hineinrennen. Zwei neue Arbeiterwochenblätter. Henry George wird ein den Arbeiterinteressen gewidmetes achtseitiges Wochen« blatt unter dem Namen„Standard" herausgeben, dessen erste Nummer am 8. Januar erscheinen wird. Er ttisst bereits Vorbereitungen, um die besten Schrift- stcller des Landes für sein Blatt zu engagiren.— Unter dem Titel„Gleichheit. Sozialdemokratisches Wochenblatt" soll vom 1. Januar ab in Wien ein neues Arbeiter- organ erscheinen. In der soeben ausgegebenen Probenummer heißt es:„Die„Gleichheit" ist ein nach jeder Richtung hin unabhängiges Blatt, steht auf dem Standpunkte der sozial- demokratischen Arbeiterpattei und wird daher mit aller Energie die Interessen des arbeitenden Volkes vertreten; fie wird alle sozialen, witthschattlichen und politischen Tagesfragen in klarer und belehrender Weise behandeln und auch in Feuilletons Unterhaltendes und Anregendes bringen. Die„Gleichheit" er- scheint jeden Samstag in der Stärke von 8—12 Seiten, und kostet für Oesterreich-Ungam ganzjährig 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr., vierteljährig 75 kr., monatlich 25 kr. Einzelne Exem- plare kosten 6 kr.— Für das Ausland vettheuert sich das Blatt um das höhere Porto." Herausgeber ist Dr. Adler. Probe- nummern find zu beziehen durch die Administtation, Wien Vi, Gumpendorferstraße 79. Theater. Dienstag, den 14. Dezember. OVernhauS. Rigoletto. Ochau?pielhaus. Ein Wintermärchen. Deutsches Theater. Doktor Klaus. Kroll's Theater. Der Mikado. Knedrtch-Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner-Theater. Die Sternschnuppe. vtttoria-Theater. Viviana. Oftend-Theater. Das neue Gebot. «estdeuz-Theater. Georgette. Zentral-Theater. Der Waldteufel. »elleallianee-Theater. Die schöne Helena. Walhalla-Theater. Der Vagabund. Köntgstädtisches Theater. So find fie Alle. Toueordia- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Kaufmann'« Varietee. Spezialitäten- Vor- stellung. � Neichshallen• Theater. Spezialitäten- Vor- stellung.___ Stadt-Theater. Wallnertheaterstt. 15. Die Gebieterin von St. Troper. Schauspiel in 5 Akten. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Regie: Herr C. Czaschke. Vor der Vorstellung: SßgT Großes Concert,"MG ausgeführt von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hm. Theodor Franke. Anfang des Concerts: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7',, Uhr, Sonntags 7»/, Uhr. DaS Theater ist mit elektrischer Beleuchtung versehen._ JBden-Theater. (Früher Louisenst. Theater.) Dresdenerstt. 72/73. Zum Keuefis für Herrn Kapellmeister Franz Brandt. Antillen-Ueger-Karawane. 14 Personen, anthropologische Sehenswürdigkeit- i Krather» Forest, Mufikal-Clowns. Uello« und Maqthorn, Excentric-Clowns. Wilhelm Kleiner, der stärkste Man» Kachle«», derselbe hebt u. A. ein lebende«, 1200 Pfund schwere» Pferd. Kennora Forella, Jnsttumentalistm (als Gast). Klumen-Erwachen. gr. Ballet-Divettiffement, arrangirt von K. Riegel, getanzt von Frl. Kachse, Frl. Karkhosf, der kleinen Ballerina Marghuerita und 8 Damen Corp» de Fallet. Mr. Pizarra«, Krafttumer. Frl. Katyi Rictiter. Konzertsängerin. Paula u. Ludwig«ellheim. Eugen A-cher. Anfang 7i Uhr. Mittwoch Nachmittag 4 Uhr: Lebte Au«. stellung der Ueger-Karawane für Kinder.| Passage 1 Tr. 9 M.- 10 31. KaUer-Panorama. In dieser Woche: Wanderung d. Süddeutschland, Heidelberg, Constanz, Wiesbaden w. Eine bequeme Rheinreise. Weih«ach»t-K«»stellung. nur von 4—8 Uhr. Täglich; Palästina. Das Leben Jesu. «ine Reise 20 Pfennig. 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MlÄ-«-»-«-- Beilage zum Berliner Volksblatt. Pr. 5S9S. Dienstag de« 14 Dezember 1886. 3. Jahrg. U arlaments berichte. Deutscher Reichstag. 10. S i v u n g v.o m 13. D c z e m b e r, 1 U b r. Am Tische des Bundesraths von Boetticher. v. S ch e l l i n g, v. P u t t k a m e r., Zur ersten Berathung steht die von, Abg. R e r ch e n s- V e r g e r beantragte(gegen das sogenannte amerikanische Duell gerichtete) Ergänzung des Strafgesetzbuchs in Verbindung mit einer gegen das Duellwcsen überhaupt gerichteten Resolution, Die Resolution lautet:„Der Reichstag wolle de- schlichen, die Erwartung auszusprechen, das; die verbündeten Regierunaen dem immer weiter um sich greifenden Duellunwesen mit entsprechendem Nachdruck sowohl auf autoritativem Wege als durch disziplinare und strafgerichtliche Repression entgegen- wirken werden."_,, r,. Sodann soll hinter§ 210 des Strafgesetzbuches der fol- gende neue§ 210» eingestellt werden:„Wenn zwei oder meh- rcre Personen übereingekommen sind, daß ein im Voraus de- stimmter Zufall darüber zu entscheiden habe, welcher von ihnen sich selbst tödten soll, so find dieselben mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren oder mit Gcfängnih bis zu drei Jahren zu de- stra'en. fcot sich in Folge eines solchen Uebereinkommens ein Theil selbst getödtet, so tritt Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren oder G.fängnißstrafe bis zu fünf Jahren ein. Die Auffor- decung zu einem solchen Uebcreinkommen ist als Versuch zu be- strafen. Die Theilnehmer unterliegen den Bestimmungen der §§ 48 und 49 des Strafgesetzbuchs." Abg. Reichensperger(Zentr.): Die große Mehrheit der Nation siebt dem überhandnehmenden Ducllunwesen mit Un- willen gegenüber und erwartet Abhilfe. Selbst aus der Mitte derer, welche das Duell nicht grundsätzlich verwerfen, ist wieder- holt laut geklagt worden über die vielfachen starken Auswüchse und das Ilebtrhandnehmen der Duelle. Es vergeht kaum eine Woche, in welcher nicht berichtet wird über Duelle zwischen Studenten, Offizieren, Referendaren, Journalisten und anderen Gebildete». Ich will hierbei kein Wort verlieren über die in der letzten Zeit wiederholt vorgekommenen Herausforderungen von Selbstverwaltunasbeanrten seitens einzelner Landräthe we- gen der amtlichen Wirksamkeit der erstercn. Diese Sache richtet sich von selbst. Es handelt sich hier nicht blos um einen wider- christlichen, moralischen Schaden, sondern auch um eine soziale Frage im eminentesten Sinne des Wortes, für uns als poli- irsche Körperscbaft aber noch um die systematische Verletzung von Gesetzen, die der Reichstag als gerechte und nothwendige mitgegeben und deren Beobachtung er mit zu überwachen hat. Im vorigen Jahre beschäftigte die Petitionskommisfion auch eine Petition gegen das Ducllunwesen. Von den grundsätzlichen Gegnern der Ueberweisung an das Plenum wurde darauf hingewiesen, daß der eigentliche Sitz des Nebels aus unseren Universitäten und in den jüngeren Ofsizierkrcisen zu suchen sei. Das ist vollkommen richtig. An sich ist es sicherlich keine erfreuliche Erscheinung, wenn gerade junge Männer, auf denen die Zukunft des Vater- landes berrcht, die zukünftigen Repräsentanten des Rechts, des Gesetzes, der Regierungsgcwalt, in den Jahren der Universität über bestehende Gesetze sich glauben hinwegsetzen zu dürren. diese vorbereitenden Lebenskreise kann nun aber die Autorität und der Wille unserer Staatsgewalten einen erheb- lichen und entscheidenden Einfluß ausüben Ich will keine �lumenlesc tiaurigcr Tbatsachen vorführen, es sei nur erwähnt, baß in einer rheinischen Universitätsstadt wegen einer Vcrwechse- lung der Mützen und der sich daran knüpfenden Redensarten An Pistolenduell zwischen zwei Offizieren stattfand, wobei 27 Kugeln abgegeben worden sind(Heiterkeit). Entweder der bessere Wille der Betreffenden, oder die schlechte Qualifikation ber Schützen hat ein böses Ende abgewendet. Gewiß erwartet auch die Mehrheit dieses Nauses eine Abhilfe, wenigstens die Ueberwindung der Auswüchse des Tuellunwesens. Sage man nicht, daß Schritte, wie der meinige, doch nichrs helfen und Man warten müffe, bis die Duelle an ihrem widerspruchevollen Unwesen ein natürliches Ende finden. In England war das Ducllunwesen bis in die vierziger Jahre hinein verbreiteter als in irgend einem anderen Lande ber Welt. Da hat ein edler deutscher Fürstensohn, im Ber ein mit dem berühmtesten Kriegsmnnn Englands, bas Uebel ausgerottet. Der Prinz-Gemahl von England hatte sich davon überzeugt, daß die Hilfe zunächst in der Armee gesucht werden müsse, und er suchte den Höchstkommandrrenten, Herzog von Wellington, zu einem Schritt gegen das Duell- Unwesen in der Armee zu bestimmen. Dieser beugte sich schließlich vor den Gründen des Prinzen und brachte in Ge- Meinschaft mit der Regierung einen Zusatz zu dem Gesetz über me Kriegsartikel ein. worin es kurz und dündrg heißt, daß es btm Charakter von Ehrenmännern angemessen sei, wegen ver- "bten Unrechts und Beleidigungen sich zu entschuldigen und das Unrecht wieder gut zu machen. Durch diese einfache Be- mmmung und die Autorität ihrer Autoren ist das Duell in der englischen Armee ausgerottet worden, und wenn sonst noch Quelle vorkommen, so wird in der Gerichtsprans beitodtlichem Ausgange des Duells einfach auf die Strafe des Mordes er- rannt. Es ist in England auch nicht entfernt das Vertrauen bes Landes an die Ehrmhastigkeit und den Muth der Offiziere ju Schaden gekommen, ebensowenig wie im duellwüthigcn Nordamerika das Ansehen des Generals Grant gelitten bat, ber jedes Duell grundsätzlich verworfen hat. Sollte meses Beispiel nickt die Nachahmung unserer Kriegs- Verwaltung verdienen? Gewiß war es bei den germanischen Bolksstämmcn von Anfang an Sitte, die persönliche Integrität M>r durch Zweikämpfe zu wahren. Diese Sitte, an sich schon berechtigt in jener halbbarbarischen, gesetzlosen Zeit, beruhte aber auf dem kindlichen Glauben, daß Gott schon hiemeden das wirkliche Recht schützen werde und schützen muffe. Diese Idee Mägt sich aus in dem Institut der Ordalien. Ww kennen aus Wer Zeit ein beherzigcnswerthes Faktum. Marius, von emem <-eutonenfürsten zum Zweikampfe herausflefo��, antwortete. *r schulde als Feldherr sein Leben und sein Talent dem Vater- wnde, wolle aber der Teutone sich durchaus schlagen, so sei er Sern bereit, ihm einen Gladiatoren zu schicken, dessen Leben re'nen anderen Werth habe, als im Zweikampf genommen zu werden. Will die Armeeverwaltung fick nicht zum Aeußersten Aufschließen, so muß sie wenigstens von folgenden Einnchtun gen Mand nehmen. Es ist Thatsacke, daß Ofsizrere aus dem �lsizicrstande ausgestoßen werden, wenn sie eine ihnen zugegangene Herausforderung ablehnen. Man soll sogar einmal L>stz>eie, {Jenen noch gar keine Duellforderung entgegen getreten war, Darauf inquinrt haben, ob sie eine künftig ihnen vielleicht zu- Sehende Tucllforderung annehmen oder ablehnen würden, und sie bei erfolgter korrekter Verneinung entlassen haben. Junge eute, welche als Studenten Duelle abgelehnt haben, sollen vom Reserveoffizierstande ausgeschlossen sein. Sollte serner' ...„.vivvvvviiiKii�iuiivt UUOHI-Iaumien IClll.•--7" Armeeverwaltung mit einer derartigen Praxis mckt ein« eJJn.ben sein, dann müßte sie eine Aenderung' herbeiführen; "mtc fix aber diese Praxis für richtig halten, so wäre das eine direkte Bankerottcrklärung der Logik. Denn die Logik muß doch dagegen vrotestiren, daß die Gewißheit künftiger Gesetzes- Verletzungen die Bedingung sein soll für den Eintritt in den Osfizierstand, der den Beruf hat, nicht blos den äußeren, sondern auch den inneren Rechtsschutz darzustellen. Ich wende mich zu dm Schlägermensuren, nach meiner Ansicht nichts weiter als Schlägerducllen, an unseren Universitäten. Für diese Studentenduelle wird ja durchweg mit besonderer Vor- liebe das ganze Register der Mildeiungs- und Beschönigungs- gründe vorgeführt; es handle sich doch um ein herkömmliches Institut und um eine ritterliche Uebung. Dann wird auch be- stritten, daß überhaupt Schlägermensuren strafbar seien. Diese Ansicht widerlegt ein Erkenntniß des Reichsgerichts, wonach die Schläger in der That tödtliche Waffen sind. Das Reichs- gerickt hat aber auch die Mitglieder eines Ehrengerichts, welche für die Vornahme des Duells gestimmt haben, wegen Theil- nähme an dem später erfolgten Duell für strafbar und ver- antwortlich erklärt. Mit Recht, weil eben in diesen Kreisen der Beschluß des Ehrmgerichts als moralischer Zwang zur Vor- nähme des Duells angesehen wird. Ick möchte hier einen ein- schlagenden Fall anführen. In einem Schlägerduell erhielt ein Student eine Hochquart über Kopf und Stim, die Rose trat hinzu und es erfolgte der Tod. Im Ueder- maß des Schmerzes schrieb der Vater des Getödteten dem Gegner einen Brief, in welchem er denselben den Mörder seines Sohnes nannte. Das hat den anderen jungen Mann so affizirt, daß er in Vcrfolgungswahnsinn fiel. Was die ritter- ticken Ucbungen betrifft, so gebe ich dock zu erwägen, ob hier nicht eine Verwechselung des berechtigten Fechtbodens mit dem unberechtigten Duelldoden vorliegt. Unsere Soldaten werden doch auch im Fechten geübt, aber unblutiger Weise, und diese unsere Soldaten haben bewiesen, daß sie die ihnen beigebrachte Theorie doch recht fühlbar in die Praxis zu übersetzen im Stande sind. Es handelt sich hier wirklich nur um eine unbe« rcchtigte, anachronistische Eigenthümlichkeit, denn es existiren auf unfern Universitäten zahlreiche Studentenverbindungen, welche die Duelle verwerfen und sich Moral und Recht unter- werken. Und was beweist die Verbreitung der Ansicht von der Zuläisigkeit der Duelle? Haben nicht etwa jene nihilistischen, sozialistischen Anschauungen unter uns eine weit größere Verbreitung als diejenige von der Erlaubtheit der Duelle unter den Studirenden? Fürchtet man aber beim Fortfall der Studentenduelle den Prügelkomment auf den UniverWten, so erwartet man wahrlich sehr wenig von dem vielgcrühmten erziehlichen Werth unserer Gyninasialbildung. Geholfen kann nur werden durch Einsetzung von Ehrengerichten auf den Universitäten, welche den Beruf haben, im Sinne des englischen Zusatzes zu den Kricgsartikeln die Vermittelung und Versöhnung herbeizuführen, und Rem- tentcn, die sich diesem Spruch nicht unterwerfen, aus jeder Studentenverbindung auszuschließen. Man spricht so viel vom Ehrenpunkt. Kommt dieser etwa auch in Frage bei den Massen- duellen, wo ein Student den andern gar nicht kennt? Das ist nichts weiter als eine Rauferei. Wenn ein Staatsanwalt in in einem Duellprozeß gesagt hat, es sei Pflicht jedes ehrenhaften Mannes, sich dem Duell zu unterziehen, aber auch den Mutb zu haben, die Folgen zu tragen, so ist dies das absoluteste Ver- kennen des ethisch verpflichtenden Charakters des Strafgesetzes. Wir stehen vor einem kategorischen Entweder, oder: entweder wir müssen die bestehenden Duellstrafen kasflren im bürgerlichen, wie im militärischen Strafgesetz oder diese Strafen ernstlich ausführen. In diesem Sinne empfehle ich Ihnen meine Resolution. Was schließlich das sogenannte amerikanische Duell betrifft, so wissen Sie, daß bei Erlaß des Reicksstrafgesetzes davon keine Rede war. Von einem wirklichen Duell ist hier keine Rede, denn es ist kein Kampf zweier Gegner nach feststehenden Kampfregeln, wo Einer sich selbst tödret. Dieses frevelhafte Spiel wird von jedem ehrenhaften Mann verabscheut, nichtsdestoweniger kann es strafrechtlich nicht verfolgt werden.(Redner zitirt eine Reihe von Aussprüchen deutscher Rechtslehrer über d»e eventuelle Strafbarkeit der ame- rikanischcn Duelle.) Ich glaube, daß die Gerichte nach fakul- tativem Ermessen die amerikanischen Duelle ebenso wie die übrigen unter Strafe stellen müssen. Ich bitte Sie, meinem Antrage zuzustimmen, der vielleicht in einer Kommission geprüft werden könnte. Abg. Dr. M»ller(dfr.): Der Antagstellcr hat das Ver- dienst, einen sehr wunden Fleck unseres öffentlichen Lebens blos- gelegt und zur öffentlichen Besprechung gebracht zu haben, was ja doch immer der erste Schritt zu einer möglichen Heilung des Uebels ist. Mir scheint, daß dabei die bei Weitem betrübendste Erscheinung in dem Ucberhandnchmen der Duellwuth in unserem Ofsizierkorps mit Einschluß der Reserveoffiziere zu suchen ist. Fast jede Zeitung berichtet von einem solchen Vorkommniß mit mehr oder minder blutigem, sehr oft tödtlickem Ausgang und nachgerade mit einer Offenheit unter Hinzufügung der Namen und aller Einzelheiten, als handle es sich garnicht mehr um ein schweres mit Strafe bedrohtes Verbrechen gegen das Leben, sondern um eine vollbeiechtigte Institution. Nur die allgemeinen sittlichen Folgen dieses Unwesens hat der Antrag- stellcr nicht mit genügender Schärfe hervorgehoben. Sie auf der Rechten klagen ja so gern über die Verrohung unserer Volkesitten: wie wäre es, wenn Sie bei dieser Gelegenheit ein- mal mit gutem Beispiel vorangingen, wenn Sie sich dieser rohen Unsitte annehmen möchten, da Sie doch den Ofsizierskreisen am nächsten stehen; wenn Sie die bessernde Hand anlegen wollten zur Ueberwindung des unglückseligen altmodischen StandeSvorurtheils, unter dessen Schutz sich tag- täglich die gröbsten Verletzungen des Gesetzes, des bürger- lichen wie des moralischen, an die Oeffentlickkeit wagen, ohne genügende Sühne zu finden. Und in hohem Grade veiwirrend und verwildernd muß es auf oie sittlichen Anschauungen in weiteren Kreisen unseres Volkes wirken, wenn die Leute sehen, wie es nach einem derartigen Duell zugeht. Der Offizier, der einen Kameraden oder seinen Gegner aus dem Zivil kaltblütig und mit Absicht niederge« schössen hat, kommt zunächst vor das Ehrengericht, und wenn das befindet, das Duell sei unvermeidlich und der Offizier in seinem Reckt gewesen, so ist Alles abgemacht. Kommt er vor das Militärgericht, so wird er zu einigen Monaten Festung vemrtheilt und nach Ablauf der Hälfte der Strafzeit degnnvigt, und derselbe Mann, der kurz zuvor vielleicht aus einer nichtigen Ursache, wegen einer eingebildeten oder gering'ügigen Beleivi- gung einem seiner Mitbürger das Leben genommen hat, geht wieder frank und frei mher und bleibt in seiner dienstlichen Stellung, als sei nichts vorgefallen. Können wir uns über die Einwirkung solcher und noch dazu gehäufter Vorfälle auf die sittlichen Anschauungen und das Rechtsbewußtsein der Massen, über das Schwinden der Achtung vor dem Leben des Mit- bürgers, über die zunehmenden Fälle von Mord und Todtscklag wundern? Der Ungebildete unterscheidet nicht so scharf zwischen dem Zweikampf, der nach allen Regeln ausgefcchten wird und zwischen einem Messerstich in der Rauferei oder einem Uebcriall aus Rache. Ihm leuchtet einzig und allein die Thatsache ein, daß gerade Mitglieder des Standes, der vor allen anderen zurrr Schutz seiner Mitbürger berufen ist, sich am allerhäusigsten. an dem Leben der Mitbürger vergreisen.(Sehr wahr! links.) Und doch wird der rohe Mensch, wenn er seiner Leidenschaft: den Zügel schießen läßt, mit schweren entehrenden Strafen be- legt, indessen seine vornehmen Vorbilder fast straflos ausgehen. Friedrich Wilhelm NI, der wie nur irgend ein Monarch wohl gewußt hat, was der Ehre des Ofsizierkorps gebührt, erließ in den 20er Jahren, als sich die Duelle im Ofsizierkorps vermehr- ten, jene berühmte Kabinetsordrc vom 13. Juni 1323 an den Kriegsminister, die damals in der Militärgesetzsammlung publi-- zirt und, wie ick glaube, noch nie widerrufen worden ist, also noch in voller Wirksamkeit und Kraft besteht. Ich meine, es würde lediglich in der Hand des Herrn Kriegsministers liegen, sie einmal zu republiziren. Aber freilich mit dem bloßen Ab- druck ist nichts gethan, wenn man ihr nicht die gehörige Nach- acktung verschaffen kann; denn die besten Gesetze können nichts wirken, wenn sie nicht durch die Sitte unterstützt werden; sie werden dann immer mehr oder weniger ein todter Buchstabe bleiben. Schon deshalb kann ich es nicht für angezeigt halten, das Strafgesetz gegen die Duelle zu verschärfen oder neue Para- graphen in dasselbe aufzunehmen. Unsere dcrmaligen Gesetze gegen das Duell würden genügen, wenn sie nur angewendet würden. Ter vorgeschlagene Zusatz betrifft nicht recht eigentlich eine Form des Duells, denn das sogenannte amerikanische ist kein Zweikampf. Daher auch der Kommentar zum Strafgesetz- buch von dem amerikanischen Duell nicht handelt. Auch würde die wohlgemeinte Absicht des Antragstellers schon nach dem be- kannten Nürnberger Recht vereitelt werden und von einer der- artigen Verabredung die Behörde schwerlich jemals rechtzeitig oder überhaupt Kognition erhalten; denn wo kein Kläger, ist kein Richter. Doch habe ich nichts gegen die Verweisung des Antrags an eine Kommission von 14 Mitgliedern.(Beifall links.) Abg. Klemm: Der Zweikampf ist unzweifelhaft ein straf» bares Vergehen. Es kann mir daher auch gar nicht einfallen, der Absicht des Antrags entgegen zu treten. Aber jede Aende- rung der Gesetzgebung muß vor Allem auf dem festen Boden der Thatsachen stehen. Ist nun das immer weitere Umsich- greifen des Tuellunwesens, womit der Antrag motivirt ist, er- wiesen? Die amtlichen statistischen Zahlen zeigen, daß unter allen Vergehen gegen das Strafgesetzbuch der Zweikampf eine sehr geringe Ziffer hat. Auch in dem Vcrhältniß zur Bevölke- rungszahl ist keine Steigerung der Zahl eingetreten. Die sen- sationsbcdürftige Presse bringt natürlich jede Nachricht von einem Duell, und wir erfahren deshalb jetzt mehr von Duellen als früher. Auch sollte man aus einzelnen Wahrnebmungen trau- riger Art keinen Schluß ziehen, daß das Duellunwesen im Ganzen einen schlimmeren und beunruhigenderen Charakter angenommen habe. Die Resolution geht zu weit, insofern sie eine Admonition an die Regierung enthält; denn die Regierung hat wie bei jedem Verbrechen, so auch bei den Duellen die Ver- pflichtung, durch ihre Organe dahin zu wirken, daß sie unter- bleiben; und auch der Reichstag brauchte dies als seine Mei» nung nicht erst noch ausdrücklich zu erklären. Anderer- seits geht mir die Resolution nicht weit genug. Will man nämlich die Gesetzgebung bezüglich des Zwei- kampfs reformiren, so müßte man einen Gesetzentwurf, nicht blos eine Resolution vorlegen. Die Entstehung der betreffen- den Strafgcsetzparagraphen, welche sich an dre früheren Be- stimmungen des preußischen Strafgesetzbuches anschließen, zeigt die eminenten Schwierigkeiten einer zeitgemäßen Reform dieser Gesetzgebung. Die Unsitte des Duellwcsens beruht auf einer verkehrten Anschauung von der Ehre, denn niedrige, verwerf- liche Denkungsweise ist ja dem Duellanten ganz fern. Des- wegen ist es schwer, den richtigen Rahmen für die Strafthat zu finden, sie ist nicht zu schwer und nicht zu leicht zu be- urtbeilen. Diese Schwierigkeit ist auch von dem Abgeordneten Rcichenspergcr selbst anerkannt, einmal dadurch, daß er in Be- zug auf das amerikanische Duell einen ganz eigenen Vorschlag gemacht hat, und andererseits durch seine Bezugnahme auf den Bericht der vorjährigen Petitionskommisston, weicher, mit großer Sachkenntniß und Ausführlichkeit gearbeitet, die Schwierigkeit einer Reform gleichfalls sehr bedeutend gefunden hat. Ich möchte deshalb anheimgeben, ob es nicht für den Reichstag zweckmäßiger sei, selber mit einem Gesetzentwurf vorzugehen. Gegenübor dem Abg. Möller, welcher meinte, der Offizier nehme in dieser Frage eine privilegirte Stellung ein, möchte ich auf eine preußische Kabinetsordre vom 2. Mai 1804, welche später auch an die Marine erlassen worden ist, hinweisen, wo- nach der Offizier, der sich eines DuellvergehcnS schuldig macht, wie jeder Andere dem Strafrichtcr verfällt und ebenso bestraft wird und obenein noch die ehrengerichtliche Aburthcilung über sich ergehen lassen muß. Nicht berechtigt ist auch die Klage, daß gerade die Jugend diesen Mangel an Gesetzlichkeit zeige. Ja, wenn man es mit lauter älteren Herren zu thun hätte, so wäre gewiß leichter Einfluß zu gewinnen. Was das ameri- kanische Duell betrifft, so hätten wir es, wenn es wirklich vor- komnrt, init der traurigsten Zierirrung des menschlichen Ver« standes und Gefühls zu thun und müßten das schärfste Ver» dammungsurtheil über diese Menschen aussprechen. Mir ist aber noch kein einziger bewiesener Fall davon vorgekommen. (Sehr richtig!) In der Tagespresse ist zuweilen ein Selbst- mord, dessen Motive nicht klar waren, als amerikanisches Duell ausgegeben worden, während sich später zeigte, daß ganz andere Beweggründe vorlagen. Da aber die Antragsteller und andere Juristen, wie z. B. der frühere österreichische Justizminister Dr. Glaser der Meinung find, daß die Sttasgesctzgebung auf diesen Punkt auszudehnen sei, so beantrage ich, den Antrag Reichensperger an eine Kommission zu verweisen und empfehle denselben auch meinerseits dem Wohlwollen des Hauses.(Bei- fall rechts.) Abg. Dirichlet(dtfchfr.): Die Frage, ob und in wie viel Fällen von dem amerikanischen Duell Gebrauch gemacht wor- den ist, hat statistisch nicht festgestellt werden können, weil es bisher in unserem Strafgesetzbuch nicht berücksichtigt ist und Fälle davon also nicht zur Kenntniß der Behörde kommen. In der Tendenz der Resolution erkenne ich nicht blos eine wohlwollende, son- dem eine heilsame Absicht, die in unserer aller Interesse lieat Wir meinen, daß die Regierung ihrer Pflicht, den Duell- vergehen entgegenzuarbeiten, nicht genügend nachgekommen ist' sie steht in dieser Frage nicht ganz korrekt und streng auf dem Standpunkt des Gesetzgebers, der dem Gesetze unter allen Um- ständen rücksichtslos Geltung verschaffen muß, sondern ficht es sehr gem, wenn, wo es formell nur irgend gestattet ist. von Verstößen gegen diesen Theil d-s Strafgesetzbuches keine Notiz genommen wird. Daß die Zahl der Duelle im Vcrhältniß zur Zahl der übrigen Vergehen gegen das Strafgesetzbuch sehr ge- ring ist, ist natürlich, denn auch die Gesellschaftsklassen, in denen das Duell vorkommt, sind beschränkt. Der Abg. Klemm, welcher meinte, es sc, nicht nachgewiesen, daß die Duelle stärker zugenommen hätten, als die betreffenden Gesellschaftsklassen, scheint einen gewissen eisernen Bestand von Duellen, etwa 1 Prozent, als normalen�. Zustand unserer Kultur bezeichnen ju raollen.(Heiterkeit.) Dem Buckistaben des Gesetzes nach könnte man vielleicht mit dem Wa. Klemm die Sonder» stellung der Offiziere als ein priTilegmm odiosum bezeichnen. Aber wenn eine Gesetzgebung so anomal geartet ist, daß durch Gesetz festgesetzt wird, unter welchen Verhältnissen es Jemand zur Pflicht gemacht wird, gegen das Gesetz zu ver- stoßen, dann folgt von selbst, daß die Strafe für den Verstoß eine sehr gelinde sein muß. Es ist nur eine formelle Strafe, welche die Mitglieder der bewaffneten Macht erleiden, sofern ffe die ehrengerichtlichen Vorschriften einhalten, während eine materielle Strafe die dem bürgerlichen Stande Angehörigen trifft, wenn fie die Gesetzgebung gegen das Duell verletzen. Es ist das eine Notorietät. Ich habe auch kein Vcrständniß dafür, wie man der Verrohung der Sitten in gewissen Kreisen dadurch entgegenwirken will, daß man eine bestimmte Art der Rohhcit, das Duell zuläßt. Gewiffe Kategorien von Verstößen, gegen das Strafgesetzbuch kommen eben vorzugsweise in be- stimmten Gesellschaftsklassen und Berufsarten vor. Wie das Duell bei den Offizieren und den sog. Studirten, so kommen gewisse Vergehen gegen die Konkurs ordnung, die Stempel gesetzgebung, natürlich in den Kreisen vor, die überhaupt mit diesen Dingen ebenso Vergehen gegen das Leben sich gewerbsmäßig mit der Tödtung von fassen, L>ol Diebstähle bei der ärmeren in der Nähe von Waldungen. Diese Kreise auch in Bezug auf ihre Vorurtheile eine besondere b7i der Kaufleute thun haben; Leuten, die Tbieren be- Bevölkerung nehmen Stellung ein. Genau in demselben Sinne und mit demselben Reckt, wie diejenigen Kreise, in denen das Duell zu den Stand esvor- urtheilen gehört, wird in den Klassen der ärmeren Bevölkerung über den Holzdiebstahl gedacht.(Unruhe rechts.) Es ist genau dasselbe Vorurtheil einem Gesetze gegenüber. Weder die Gesetz- gcdung, noch die Handhabung derselben darf sich nach den Standesvorurtheilen richten. Wenn man von der Romantik des Duells spricht, so könnte man ebenso gut von der Romantik des Schmuggels reden, der von denen, die das Handwerk be- treiben, als etwas Berechtigtes angesehen wird. Man kann dem Unwesen gegenüber zwei Methoden einschlagen. In Eng- land ist das Duell als solches in das Strafgesetzbuch nicht aufgenommen, sondem den Richtem überlassen, die einzelnen Fälle fo zu beurtheilen, wie sie sich nach anderen strafgeseylichcn Be- stimmungen darstellen, als Mord, Todtschlag, Körperverletzung oder Nöthigung. Man kann aber auch, wie in unserer Strafgesetzgebung, mit Rücksicht auf die Standcsvorurtheile einen milderen Weg wählen, indem man das Duell als solches beurthcilt und bestraft. Beide Wege mögen berechtigt sein; unhaltbar ist das bei uns eingeschlagene Verfahren, durch Ver- waltungsmaximen das Gesetz illusorisch zu machen. Die Zu- nähme der Duelle steht in engem Zusammenhange mit dem Ueberhandnehmcn des Militarismus. Der Zustand des in Waffen starrenden Europa ist wohl geeignet, in gewissen bür- gerlichen Kreisen das Gefühl der Verpflichtung den bürgerlichen Gesetzen gegenüber zurücktreten zu lassen hinter ihre Verpflich- tung gegen die militärischen Anschauungen. Andererseits übt auch ein großer und erfolgreicher Krieg seinm Einfluß auf die Bevölkerung. Wie nach dem Kriege über Zunahme der Körperverletzungen in den unteren Klassen zu klagen war, ebenso ist eine Aeußerung des militärisches Geistes in der Zu- nähme der Duelle in den höheren Klassen zu erkennen. Wie weit diese Anschauung in unsere Verhältnisse hineingedrungcn ist, dafür möchte ich einen Vorgang anführen, der auch in einem Theil schon zw Erörterung gekommen ist. Die betreffen- den Personen sind mir zum Theil persönlich bekannt, so daß ich über ihre Glaubwürdigkeit ein Urtheil habe. In einer Selbstverwaltunasbehörde eines Kreises der Provinz Ostpreußen entstand eine Meinungsverschiedenheit zwischen einem Mitglied des Kollegiums und dem Vorsitzenden, zunächst über die Aus- legung eines Paragraphen der Kreisordnung, welcher davon handelt, daß es Pflicht des Kreisausschusscs ist, die Vorlage für den Kreistag vorzubereiten. Der Vorsitzende bemerkte, daß er die Vorlage selbstständig gemacht habe und den Ausschußmit- gliedern überlassen bleibe, wie sie sich dabei bcthciligen wollten. Die Debatte wurde etwas lebhaft und eines der Mitglieder des Kreisausschusses sagte: Aber schließlich ist die Proposition doch so unvollkommen, daß die Annahme dem Kreistage nicht zuge- muthet werden kann. Das betrachtete der Vorsitzende als eme so scharfe Kritik, daß er unter unparlamentarischen Ausdrücken aufsprang, das Zimmer verließ und dem stellvertretenden Vor- sitzenden überließ, die Sitzung zu Ende zu führen. Da ein so lautes Verlassen der Versammlung in den betreffenden Kreisen nichts Ungewöhnliches ist, so hielt man die Sache damit für abgethan. Ter Herr Landrath glaubte nun aber die Sache auf den Weg des Duells bringen zu müssen. Es ist jedenfalls originell, die Erledigung von Streitigkeiten über die Kreisordnung auf der Mensur stattfinden zu lassen. Besagter Landrath ist, wie sich das ja bei jüngeren Landräthen von selbst versteht, Osfizier des Beurlaubtcnstandcs, wenn ich nicht irre bei der Kavallerie, was sich auch von selbst versteht. Nach seinem ganzen Beneh- inen ist er, glaube ich, erst Offizier und dann Landrath. Das älteste Mitglied des betr. Kreistages war über diese Angelegen- beit so empört, daß er sich beschwerdeführend an die königliche Staatsanwaltschaft wandte. Er unterzeichnete dabei als Kreis« deputirter, welches Amt er seit langen Jahren versah. Er bekam die nach Lage der Gesetzgebung durchaus berechtigte Antwort, vaß die Herausforderung zum Duell, da fie von einem Offizier des Bcurlaubtenstandes ausgehe, nicht der Aburthcilung durch die bürgerlichen Gerichte unterliege. Merkwürdiger Weise ist, obwohl viele Monate seitdem vergangen sind, von Seiten der Militärgerichtsbarkeit kein Schritt gegen den Landrath gethan. Dagegen hat sich der königliche Staatsanwalt den Scherz erlaubt, den ehemaligen Kreisdeputirten wegen Annahme eines unbefugten Titels anzu- klagen, weil das Mandat schon einige Tage erloschen war. Das ivar übrigens auch dem Landrath entgangen, der sonst schon vor Monaten eine Neuwahl hätte anordnen müssen. Es ist dies ein Beispiel dafür, wie die Staatsanwaltschaft die Auto- rität des Gesetzes in heiterer Weise zu wahren weiß. Ich glaube, es wird dringend nothwcndig,§ 6 der Militärgerichts- ordnung zu ändern. Nr. 5 dieses Paragraphen, welche bestimmt, daß die Herausforderung zum Zweikampf seitens beurlaubter Landwehroffiziere nicht der bürgerlichen Gerichtsbarkeit unter- liege, bildet jelbst in diesem Paragraphen eine Anomalie. Alle übrigen Nummern handeln von rein militärischen Vergeben der Insubordination, während hier ein bürgerliches Vergehen in Frage kommt. Es ist dies ein Punkt, der bei der großen Verbreitung der Doppelstcllung von Ofsizier und Beamten zu großen Konflikten führen muß. Auf bürgerlichem Wege ist, wenigstens bisher, Abhflfe nicht zu erzielen gewesen. So ein Beamter wird höchstens auf ein paar Mo- nate in das fidele Gefängniß der Festung geschickt und kehrt mit besonderer Ehre zurück. Wenn irgendwo sonst ein Beamter gegen einen Paragraphen des Strafgesetzbuchs ver- stößt, so folgt fast mit mathematischer Sicherheit der betreffen- den Verurtheilung durch die Gerichte ein Disziplinarverfahren auf dem Fuß, während bei Verstößen gegen das Duellgcsetz, soweit mcrne Kcnntniß der Dinge reicht, die Behörde als Disziplinarbehörde auf beiden Obren taub ist. Zwischen der Pflicht der Regierung und der Ausfühning der Pflicht ist hier eben ein erheblicher Unterschied. Es ist dringend nothwcndig, theils auf dem Wege der Selbsthilfe den Standesvorurtheilen der betreffenden Gesellschaftsklassen entgegenzutreten, theils durch die Regicrungsorgane einem schweren Ucbclstande, der in der Zunahme begriffen ist, entgegen zu wirken. Da es bei Rcso- lulüncn nicht blos darauf ankommt, ob sie materiell berechtigt sind, sondem daß sie auch zur paffenden Zeit eingebracht wer- den, so spreche ich mich mit vollster Ucberzeugung für diese Resolution aus und bitte die Mitglieder der Kommission, ihr die allerwohlwollendste Prüfung angedeihen zu lassen.(Beifall links.) Staatsminister v. Puttkamer: Ich habe nicht die Ab- ficht, auf den Gegenstand selbst einzugehen, schon aus dem Grunde nicht, weil die verbündeten Regierungen sich mit der Frage noch nicht beschäftigt haben und weil darum Aeußcrungen meinerseits nur als eine Privatmeinung aufgefaßt werden müßten. Wenn Sie diese allerdings hören wollen, so muß ich sagen, daß ich in beiden Theilen des Antrags Reichensperger nichts weiter erblicken kann, als einen wohlgemeinten, aber vor- aussichtlich erfolglosen Versuch, ein Problem zu lösen, an dessen Lösung sich schon Jahrhunderte versucht haben. Denken Sie doch an die berühmten Duellmandate in Frankreich, die ledig- lich den Erfolg hatten, daß die Duelle rasch zunahmen, und Sie werden dann erkennen, daß man auch mit einem wohl- gemeinten Versuche auf recht falsche Wege gerathcn kann. Aber es kann meine Aufgabe nicht sein, auf eine Be- trachtung des Gegenstandes selbst einzugehen. Was mich vielmehr veranlaßt hat, das Wort zu ergreifen, war die Rede des Herrn Abg. Dirichlet in ihrem zweiten Theile. Er hat uns zur Illustration des von ihm entwickelten Standpunktes einen Vorgang aus seiner Heimath vorgetragen, um die Roth- wcndigkcit schärferer disziplinarischer Maßregeln gegen Heraus- forderungen seitens Beamter darzuthun. Nach meiner Meinung steht der Vorfall in gar keinem Zusammenhang mit dem vor- liegenden Gegenstand. Aus der von ihm erzählten Thatsache folgert er, daß ein Generalmandat an die Landräthc erlassen werden müsse, weder selbst herauszufordern noch eine Heraus- fordemng anzunehmen. Ich könnte mir von einer solchen Maßregel nur einen sehr zweifelhaften Erfolg versprechen. Wenn es sich hier aber nur darum handeln soll, auf Grund seiner Erzählung ein Urtheil darüber zu fällen, ob ein be- stimmter Beamter in einem bestimmten Falle ein richtiges Be- nehmen an den Tag gelegt hat, so behaupte ich, daß dann diese Angelegenheit nicht vor das Forum dieses Hauses gehört; ja ich weiß nickt, ob ich mich in dem anderen Hause auf eine Verhandlung über dieselbe einlassen würde. Es ist immer mißlich, derartige Fragen zum Gegenstand parlamentarischer Erörterungen zu machen. Deshalb würde ich jede Auslassung hier verweigern, wenn nickt mein Schweigen so gedeutet wer- den könnte, als ob ich nichts einzuwenden hätte gegen die Aus- sührungen des Vorredners. Dadurch würde die Autorität des Beamtenstandcs schwer geschädigt werden. Ich will deshalb auf die erwähnten Vorgänge eingehen, soweit es meine Stellung zuläßt. Da muß ich nun sagen, daß die von ihm gegebene Tarstellung unrichtig ist. Daß in den östlichen Landcsiheilen an manchen Orten schwierige Verhältnisse bestehen, ist leider eine notorische Thatsache. Herr Dirichlet bat aber die Sache so dargestellt, als ob alle Schuld an dieser Erscheinung auf Seiten der Regierung liege. Ich selbst bin eine Zeit laug Ver- waltungsbcamter in dem von Herrn Dirichlet erwähnten Bezirk gewesen; ich kenne auch die speziellen Verhältnisse desselben und glaube dieselben mit einiger Sachkcnntniß beurtheilen zu können, da kann ich nur sagen, so schwer wird den Beamten die pflichtgemäße Ausführung der ihnen gewordenen Aufträge in keinem Theil der Monarchie gemacht, als dort. Ter Widerstand geht nicht aus von der großen Masse der Be- völkerung, die durchaus loyal ist, sondern von kleinen Koterien, die mit Nadelstichen die Beamten so lange quälen, bis ihnen auch einmal die Galle überläuft. Auch aus Herrn Neichens- perger's Bemerkung über Herausforderungen von Selbst- vcrwaltungsbeamten habe ich erfahren, wie eine falsche Dar- stellung auf sein Ilrthell eingewirkt hat. Tic Sachlage selbst ist folgende: der erwähnte Landrath steht zu einem Theil der kreiscingescffencn Bevölkerung allerdings nicht in dem besten Verhältnisse. Wen die Schuld dafür trifft, können Sie viel- leicht aus einem Fall entnehmen, den Herr Dirichlet nicht zu kennen scheint. Er würde ihn sonst sicher angeführt haben, um den angegriffenen Landrath zu entlasten.(Heiterkeit.) Der Landrath hatte für die Großgrundbesitzer einen Termin zur Ab- Haltung der Wahlen für den Kreistag anberaumt. Er forderte die Herren auf, ihm durch Handschlag an Eidcsstatt zu ver- sichern, ihren Pflichten gewissenhaft nachkommen zu wollen. Alle kamen dieser Aufforderung nach, nur einer weigerte sich— Herr Dirichlet wird ihn gennß kennen— indem er sagte, er stände mit dem Landrath nicht so, daß er ihm die Hand geben könne. (Ruf rechts: Hört! hört!) Daß unter solchen Umständen eine chronische Verstimmung zwischen dem Landrath und einem Theil der Kreiseingescffenen entstand, werden Sic begreiflich finden. Herr Dirichlet hat dann weiter angeführt, daß in einer Sitzung des Kreisausschusses eine lebhafte Erörterung stattfand. Das ist richtig, dieselbe endete mit der Bemerkung des Kreis- deputitten: Aus Ihrer Propofition, Herr Landrath, kann doch kein Mensch klug werden! Eine höfliche Phrase war das ge- miß nicht. Aber der Landrath hat nicht sofort, nachdem die- selbe gefallen war, das Sitzungslokal verlassen. Es hat sich vielmehr ein Wortwechsel anjene Aeußerung geknüpft, in welchem es zu groben Jnvcktivcn gegen den Landrath gekommen ist. Der bett. Krcisdeputirte sagte: Herr, das ist eine Unaehörigkeit, das ist keine Art, den Vorsitz zu führen!(Ruf: Weiter nichts?) Weiter hat er allerdings nichts gesagt. Ich sollte aber meinen, derartige Bemerkungen sagten schon genug.(Sehr wahr! rechts.) Freilich, es find das Imponderabilien, die Jeder nach seinem eigenen Gefühl aufzunehmen pflegt. Ich habe Ihnen somit vorgetragen, daß der Vorgang ganz inkorrekt dargestellt worden ist. Ich hatte mir selbst einen Bericht ein- Sefordcrt, um zu sehen, ob der Landrath auch korrekt gehandelt abe. Aber über den Abschluß der Verhandlungen, über das, was beschlossen ist, kann ich in diesem Hause kerne Mittheilung machen. Das muß in dem Rahmen bleiben, in welchem eS verhandelt ist. Die Beamten haben sich dem Urtheil ihrer Vor- gesetzten zu unterwerfen. Aber ich kann mir auch einen Zustand denken, wo ein Untergebener selbst dem Befehl seines Vor- gesetzten Widerstand entgegensetzt.(Abg. Windthorst: Na! Na!) Ueber sein Gewissen kann er Niemand zu Gericht fitzen lassen. (Widerspruch links.) Das mag manchem Ohr hart klingen, aber das alte preußische Beamtenthunr wird das verstehen. (Sehr wahr! rechts.) Abg. Roßhirt(auf der Tribüne schwer verständlich) tritt für den Anttag Reichensperger ein. Man habe gegen die For- derung von Sttafbestimmungen gegen das amerikanische Duell eingewendet, daß der Beweis noch nicht erbracht sei, daß ame- rikanische Duelle überhaupt stattfänden. Er habe nicht achött, daß ein besonderer Beweis verlangt sei, als man den Kanzel- Paragraphen einführte. Abg. v. Reinbaben(kons.): Nachdem Herr Dirichlet des trockenen Tones satt uns einen Vorfall auS seiner engeren Heimath vorgeführt hat, wird es mir schwer, auf den Gegen- stand wieder zurückzukommen. Ich möchte Sie deshalb um besondere Nachficht bitten. Aus dem ersten Theile deS An- trags habe ich entnommen, daß der Antragsteller nicht eine Verschärfung der Sttafbestimmungen gegen das Duell will. In der That hat die Erfahrung gelehrt, daß eine solche Ver- schärfung erfolglos bleibt. Ich brauche Sic nur auf das Land« recht mit seinen harten Strafen gegen das Duell zu verweisen. Es ist unfinnig, das Duell auf eine Stufe mit Mord, Todt- schlag oder Körperverletzung zu stellen. Wer das thut, verkennt den Eharalter des Duells vollständig. Ich habe mich über- zeugt, daß die Duelle niemals verschwinden werden und daß das nicht einmal wünschcnswerth ist. Die ideale Auffassung, welche in Teutschland von dem Wesen der Ehre besteht, ist es, welche das Duell bedingt, und cS ist nicht wünschen?- wcrth, daß diese Auffassung verschwindet. Der Deutsche schätzt die Ehre höher als das Leben.(Lachen und Unruhe links.) Sie lachen, wo ich ein tief eingewurzeltes Ge- fühl nenne. Wenn durch eine Beschimpfung die moralische Existenz gefährdet, wenn ein Gatte oder Bruder durch die Ver- führung der Gattin oder Schwester beschimpft ist, so wird er in dem Duell die alleinige Sühne für die ihm angethane Sckmach erblicken. Das Duell ist nach deutscher Auffassung die ultima ratio des ehrlichen Mannes gegen den Angreifer seiner Ehre. Es ist ein schwerer Eingriff in die allgemeine Rechts- ordnung. Aber wenn meine moralische Eristenz auf dem Spiele steht, so kann ich Niemand anders als Richter anerkennen, als mich selbst. Diese ideale Auffassung vom Duell ist Gemeingut des deutschen Volks. Das Duell ist nichts als eine in be« stimmte Bahnen gelenkte Prozedur, durch welche die angegriffene Ehre wiederhergestellt wird. Wenn Sie das Duell urmöglickr machen wollen, zu welchen Zuständen würden wir dann gelangen? Vielleicht zu Zuständen wie wir sie in Italien haben. Es ist gut, daß das Duell in gewiffe Formen gebannt ist; ober es beruht auf einer sittlichen, tiefernsten Auffassung, und wir sollten sorgen, daß es diesen Charakter behält. Wenn aller- dings es Sitte werden sollte, daß schon wegen Meinungsäuße« rungen hier im Parlament oder anderwärts Herausforderungen stattfinden, so würde auch ich das Duellunwesen anerkennen, gegen das einzuschreiten ist. Der Herr Antragsteller setzt beim Duell ein Unwesen voraus, doch einen Beweis für dies Un- wesen hat er nicht beigebracht, wenn schon ich zugeben will, daß Mißbräuche mit dem Duell vorgekommen sind. Man hat viel vom Offizicrstand geredet. Natürlich wird derselbe hier häufig genannt, weil von ihm das Ehrgefühl am feinsten aus- gebildet ist; es ist natürlich, daß diejenigen, welchen die Ver- theidigung von Thron und Vaterland obliegt, nicht den gering- sten Flecken auf ihrer Ehre dulden wollen und können. Es ist auch die Rede von Mensuren gewesen, diese fallen nickt unter das Tuellwcsen. Sie sollen nur das Selbstbewußtsein und den Muth stählen. Wir wissen ja Alle, wie feig der Mensch von Natur ist. Sollte mit den Mensuren ein Mißbrauch ge- trieben worden sein, so könnte man sich ja an die Unrvcrsilätsbe- Hörden wenden. Ich verspreche mir also von dem ersten Theile keinen Erfolg, weil er zu allgemein gefaßt ist. Sttafbestimmungen aber gegen das anrerikanische Duell zu erlassen, halte ich für nicht erforderlich, weil nicht konstatirt ist, daß amerikanische Duelle stattgefunden haben; kommen sie aber vor, so werden wir mit Sttasbestimmuungen auch nichts ausrichten. Ich halte es überhaupt nicht mit der Würde des Gesetzes vereinbar, gegen solchen Wahnwitz einzuschreiten. Trotzdem werden wir uns einer Bcrathung des Antrages in der Kommission nicht ent- ziehen. Abg. Dirichlet(dtschfr.): Herr v. Reinbaben ist mit Kom- misfionsberathung des Antrags Reichensperger einverstanden; die logische Konsequenz seiner Ausführungen hätte aber offenbar einAntrag auf Aufhebung der das Duell und die Herausforderung bcsttafenden§§ 201 u. ff. des Rcichssttafgcsetzbuchs sein müssen. Denn wenn Duell und Herausforderung so nothwendim so dem Ehrgefühl entsprechend sind zur Woh- rung von Sitte und Moral, dann kann man sie doch nicht unter Sttafc stellen. Ferner hat Herr v. Reinbaben das große Wort gelassen ausgesprochen— ick weiß nicht, ob er im Neben- beruf Offizier ist—, das Ehrgefühl des Offiziers sei natürlich feiner als das anderer Stände. Ich bin nrcincrscits in der Bescheidung dem Offizierstand gegenüber noch nicht soweit ge- kommen, daß ich diesem ein feineres zuzusprechen oder mir ein mindestens ebenso feines abzusprechen in der Lage wäre. Aber das Ehrgefühl der Offiziere soll feiner sein, weil sie Tbron und Vaterland zu schützen hätten! Ja, wenn der Offiziersland der uns die Schlachten allein auszukämpfen hätte, dann brauchten wir uns hier mit der Militärvorlage nicht so ZU quälen(lebhafte Zustimmung links); ich glaubte bisher, es sei der Beruf des Volks in Waffen, der sämmtlichcn wehr« Pflichtigen Bevölkerung Deutschlands, Thron und Vater- land zu schützen. Es war das auch eine jener Rede« Wendungen, die sich rechtzeitig einstellen, wenn Begriffe fehlen.(Sehr gut! links.) Wenn Herr v. Reinbaben mich nnt der Anschuldigung, ich hätte die Lsfizierduelle mit dem Holz- diebstahl idcntisizirt, zu widerlegen geglaubt hat und dann hinzufügt, jeder machts, so gut er kann, so heißt das n-ckts anderes als den andern widerlegen, indem man die Gedanken des andern verwirrt. Ich gestehe Herrn v. Reinbaben d)e Priorität in der Fähigkeit zu, sich zu duellircn, habe au*/" Bezug auf Holzdiebstahl keine besonderen Erfahrungen; aver wenn Herr v. Reinbaben leugnen will, daß man ,n den Kreiserr, welche das Duell für eine berechtigte Einrichtung halten, dre Strafvorschriften gegen dasselbe etwa ebenso wenig versteht' wie die am Walde wohnenden Leute die Bestimmungen gegen den Holzdiedstahl, so kennt er eben die Zustände nicht.— Gegen Herrn v. Puttkamer bemerke ich zunächst, daß, wenn es now eines Beweises bedürfte, daß meine Erzählung aufs aller- engste mit dem Gegenstand der Tagesordnung zusammen- hängt, der Herr Minister diesen Beweis geliefert hat. E»nk schlimmere Kritik der Disziplin des preußischen BeamtcnthumS» wie fie in den Motten des Herrn Ministers von der General- Verfügung an seine Landräthe und dem eventuellen Erfolge derselben liegt, ist mir sobald nicht vorgekommen. Mit dinreN Worten hat der Herr Minister folgendes zugestanden: Wen» ich meinen Beamten einschütten würde, das Gesetz zu befolge»- so würde ich wenig Erfolg damit haben.(Minister v. Pul? kamer: Das habe ich leider nicht gesagt!) Den Motten nack allerdings nicht! Im Sttafgesetzbuch wird das Duell bcsttafl' und die Herausforderung auch. Wenn Sie nun eine Ver- fügung erlassen würden, diese Sttafgesetzbuchs-Paragraphen ä?' beachten, und selbst erklären, Sie wurden wenig Ettolg dam» haben, so heißt das nichts anderes, als was ich vorhin aus- sprach. Der höheren Logik des Herrn Ministers muß cS überlassen, die Sachloge anders darzustellen. Ick L'I Ihnen vollständig zu, daß in den vettchiedcnen Vcrhältnrffo» Momente eintreten können, wo persönliche Ueberzeugu»» von Recht und Unrecht sich nicht deckt mit der gesetzlubf' Formulirung voir Recht und Unrecht. Wenn aber ein so»®-: Mann gegen das Gesetz verstößt, muß er es mit dem voller Bewußtsein der dadurch für ihn entstehenden Folgen thrn» (Sehr richtig! rechts.) Aber dattiber klagen wir ja eben, M hier die Gcsetzanwendung der Strafgesctzesparagraphen n>® diejenige rigorose ist, welche in anderen Fällen cinzutreic' pflegt. Jener Ausspruch des Herrn Ministers von PnttkaM� wird den Landräthen einfach nahe legen, daß es dem Mrn»» ... TV vuMuuj Iiuyc ICHCU, uu� rv � nrcht sehr unangenehm ist, wenn sie selbst mit Umgehung»U gesetzlichen Vorschriften ähnlich verfahren. Ter Minister 9' dann mcrne Darstellung des Falles in Angerburg bur% '"korrekt genannt. Nun, die Sache hat sich zwischen Landrathe und vier oder fünf Krcisausschußmrtgl'ed� zuge ragen, vor der Oeffentlichkeit allerdings nur insoweit. der Lankiratb in dem Disput so laut seine Stimnie erhob. der Mitglieder die zum Zimmer der Unterbe� eins führende Thür zu schließen sich veranlaßt sah. Ter MW «st auf den Bericht des Landraths, wie ich auf den von°- Krclsausschußmitalicdcm angewiesen. Ich zweifle keinesA die GlaubwurRgkcrt des Landraths v.Kanncwurff, den»- den ick Zu kennen die Ehre habe(Unterbrechung)...«... � DC. nicht dre Ehre habe, im mindesten an, aber von Jeman?'. in der Sache Partei ist, und von einer Partei. Vre Temperament nach nicht in der Lage ist. immer die LbicW°>� zu bewahren, kann man keinen objektiven Bericht ermatten- halte dre Glaudwürdiakeit meiner Gewährsmänner uunCf'=. eben so hoch, wie der Minister diejenige seines BrnchW� qu« Wer tragt denn nun die Schuld an den unerfreulichen standen rm Kreise Anacrburg? Nicht der Landrath 1 V Petton, wohl aber der Umstand, daß der Mm#W, früheren Landrath, einen aus den angesessenen Gew-M» %%%%# i länglich, das steht fest; erst nachdem der Landrath sich die Art der daran geübten Kritik ausdrücklich verbat, sagte das betr. Ausschußmitglied, Herr Wegmann: Das ist keine Art, die Ge- schäfte zu führen, das ist eine Ungehörigkeit! Derartige Szenen haben schon öfter stattgehabt und nur ihr Ende nicht im Duell gefunden, das ist der svezifische Unterschied, der mich die Sacke hier zur Sprache bringen ließ; es handelt sich darum, ob es erlaubt ist, daß Vorgänge dieser Art mit der Waffe in der Hand zum Austragkgcbracht werden dürfen. Minister V. Puttkamer: Ich bin im vorliegenden Falle in der Lage, für die Glaubwürdigkeit des mir er- statteteten Berichts auf Zeugniß eines völlig Unbetheiligten, des als Hilfsbeamter fungirenden Referendars, der der ganzen Ver- Handlung beigewohnt hat, der vom Regierungspräsidenten als Zeuge vernommen worden ist und der die Vorgänge in der von mir angegebenen Art bekundet hat, einzutreten. Herr Abg. Dirichlet muß sich daher bescheiden, daß ich Ihnen objektiv richtiges vorgeführt habe. Allerdings kommt es darauf an, ob es erlaubt ist, aus amtlichen Differenzen oder aus persönlichen Konsequenzen einer amtlichen Differenz jene Nothwendigkeit, die Sache mit der Waffe in der Hand zum Austrag zu bringen, zu konstruiren. Gewiß dürfen nicht bloße amtliche Meinungs- Verschiedenheiten in dieser Weise ausgetragen werden, aber wenn grobe persönliche Beleidigungen an eine amtliche Differenz sich anschließen, dann liegt die Sache anders. Das fflso ist die Frage, ob eine solche grobe persönliche Beleidigung stattgesunden hat. Ich habe ja ausdrücklich erklärt, daß ich in der Prüfung des Verhaltens des Landraths be- griffen sei, und habe nur abgelehnt, nach außen hin über ein solches Jnternum der Verwaltung zwischen Borge- sevten unv Untergebenen eine Aeußerung abzugeben. Herr Dirichlet kann ganz unbesorgt sein über die Folgen meiner Aeußerung bezüglich eines Generalmandats gegen die Duelle innerhalb des preußischen Beamtenstandes. In diesem die Disziplin aufrechtzuerhalten ist mir bisher noch immer gelungen. Die Zustände in Angerburg— es handelt sich nicht um ganz Ostpreußen, auch nicht um große Theile des Bezirks Gum- binnen, sondern gerade um Angerburg— hat Herr Dirichlet auch als unerfreulich bezeichnet. Warum gerade hier diese Friktionen? Die Beamten wechseln; es muß also doch wohl an den ständigen Elementen liegen, und in der That stören sie notorisch den Frie- den. Den zweiten Vorgänger des jetzigen Landraths hat jene Partei geradem zu Tode gehetzt(Unruhe links), ihn so lange mit Nadelstichen malträtirt, bis er in eine schwere Krankheit verfiel, von der er sich nicht wieder erholte. Im Uebrigen glaube ich auf die Angelegenheit hier nicht weiter eingehen zu sollen. Abg. Langwerth von Simmern(kons.): Ich stehe im entschiedensten Gegensatz zu den Anschauungen des Antrag- stellcrs. Wir können die Duelle einmal nicht entbehren. Ich vcrurtheile auch die amerikanischen Duelle, möchte aber nicht, daß man die Einzelgesetzgebung auf immer weiteren Kreise ausdehnt. Aus demselben Grunde habe ich mich auch s. Z. gegen den Kanzel- Paragraphen erklärt. Ich will mich einer Kommisfionsbcrathung nicht widersetzen, erkläre aber, daß ich irgend einer gesetzlichen Normirung nicht würde zustimmen können, wenn die studentischen Duelle nicht gelinder bestraft werden als heute. Das war früher nicht so. Im Gegensatz zu dem Reichsgericht halte ich die Schlägcrmensuren einem Duell mit tödtlichen Waffen nickt für gleich. Jede Prügelei mit Stöcken kann einen tödtlichen Ausgang haben. In meiner Praxis ist mir kein Fall vorgekommen, wo unter nicht erschwerenden Umständen der Tod die Folge gewesen ist. Gerade die Schlägermensurcn haben die Pistolenvuelle und den Prügelkomment zurück- gedrängt. Die Bestimmungsmensuren haben den sehr wohlberechtigten Hintergrund, daß eine Verbindung der anderen zu Hilfe kommt,'.sie gefährden auch äußerst selten das Leben und haben viel mehr Gefahr für die Zuschauer als wie für die Theilnchmcr, sie üben die Männlichkeit und geben Charakter.(Heiterkeit). Unterdrücken Sie die Duelle, so räumen Sie ein gutes Stück korporativen Lebens mit aus. Tie Verbindungen sind die Pflanzstätte deutscher Kraft, Männlichkeit und Treue.(Heiterkeit.) Es flhut mir leid, daß ich gerade dem verehrten Abgeordneten Reichensverger gegenüberstehe, aber sein Bruder August würde, wenn er hier wäre, mir zugeben, daß meine Vertheidigung der Korps und ihrer Rechte dieselbe Wurzel hat, wie die Ver- theidigung der Korporationen überhaupt. Das Schlußwort erhält der Abg. Reichensverger: Der Vorredner muß meinen Hinweis auf England übersehen haben, den ich aus dem Martin'schen Buche über Königin Viktoria entnommen habe. Daraus geht hervor, daß eine zivilisirte Gesellschaft sehr wohl ohne Duelle existiren kann. Wenn der Vorredner mit besonderem Pathos sich auf altdeutsche Rechte beruft, warum nicht auch auf andere Rechte des sogen, deut- schen Mannes, darunter auch das Recht der Wegelagemng? (Heiterkeit.) Wir haben eS hier nnt Anachronismen zu thun. Der Antrag Reickensperger wird hierauf einer Kommission von 14 Mitgliedern überwiesen. Schluß 5 Uhr. Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr(Antrag Kayser, betr. das Koalitionsrecht, Antrag Blas wegen Abände- rung des Art. 31 der Verfassung.) Lokales. Für Schüler und deren Eltern. Nachdem die Bestim- vmng vieler städtischer Lehrer und Rektoren, Schreck-, Rechen- und Zeichenhefte von bestimmtem Acußcrn oder besonderen Lieferanten zu benutzen, durch die nachfolgende Verfügung aus dem Wege geräumt ist, dürfte es sehr wünschenswcrth fern zu erfahren, daß nunmehr alle Schulhefte in sämmtlichen Berlmer städtischen Schulen zulässig find,„sofem dieselben nur gutes Papier enthalten und für den betreffenden Untemchtsgegenstand verwendbar sind." Sache der intercssirten Eltern rst es, nun- wehr darauf zu achten, daß die Verfügung der Schuldeputation strikte befolgt wird. Die Verfügung der städtrschen Schul- dcputation lautet: Berlin, 29. Oktober 1886. Das Streben Nach zweckmäßigen Schreib' und Zeichenheften hat vielfach zu beengenden Bestimmungen über die Zahl und Weite der Lmien, Farbe der Deckel u. s. w. geführt, und oft ist mehr die Gleich- Mäßigkeit, als die Zweckmäßigkeit ins Auge gefaßt. Hierdurch erwachsen den Eltern Schwierigkeiten und Kosten. Andererseits geht den Kindern bei der Beschränkung ihrer� Wahl auchjZie Gelege �..-genheit verloren, ihren Sinn für das Schickliche und An gemessene zu üben und zu bethätigcn. Wir veranlassen Sie daher, darauf zu halten, daß in der Schule Schreib-, Rechnen- und Zeichenhefte von bestimmter Lmienzahl, Deckelfarbe u. s. w. nickt vorgeschrieben werden. Insbesondere stnd für die eigentlichen Schrcibstunden nicht sogenannte Echreibschulen einzuführen, vielmehr alle Hefte zuzulassen, welche genügendes Papier und Liniaturcn haben, die nicht geradezu zweckwidrig find. Für die Zeichenhefte der Unteisstuse genügen Hefte mit quadratischem Liniennetz, wenn die Lmren mindestens sechs Millimeter Abstand haben und deutlich erkennbar sind. An der vierten Klaffe können Punktbcfte Verwendung finden, deren Abstand mindestens 15 Millimeter betragt. Für die delten sind die Hefte in bunter Mannigfaltigkeit zuzulassen, sofern sie ordentlich gehalten und nicht ganz ungeeignet sind. Dem pädagogischen Takte der Lehrer und Lehrennnen ,st es Überlassen, den Kindern de» erforderlichen Rath zu ertheilen, sie Illt Sauberkeit anzuhalten, wirklich ungehörige Hefte zurück- % uuauvuiicii, unuticj) ungeyoriur o—— zuweisen, aber auch ihnen die Fieiheit der Bewegung zu er- Valien und den Schein der Bevorzugung bestimmter Lieferanten *li(TO««* Kim« ftJ-t.- f.'i Virtfl 111 w meiden. Ww ermnem ber dieser Gelegenheit daran, daß in -fr Schule aus keinerlei Gründen Lehrbücher, Hefte oder andere �chuckedürfniffe verkauft werden dürfen, und daß diese noth- l wendige Porschrift auch nickt zu dem Zwecke übertreten werden darf, um den Kindern die Vortheile der Massenpreise zu ver- schaffen. Städtische Schuldeputation. Schreiner. Zn den kurzen, trüben Dezembertagen wird wieder eine Gefahr stärker an unsere Kinder herantreten, die schon manches junge Leben in seiner Erwerbsfähigkeit und seinem Lebensgenüsse beschränkt hat. Es ist die Schädigung des Auges durch Lesen, Schrecken und Handarbeiten bei ungenügen- der Beleuchtnng. Wer die vielen kurz- und schwachsichtigen Kinder nach der Ursache ihrer Augenkrankheit fragt, bekommt nicht selten die Antwort, sie habe sich im Älter von 9 Jahren und darüber allmälig eingefunden. Es ist das bie Zeit, in der das Kind privatim zu lesen anfängt und stärker mit häuslichen Schularbeiten bedacht wird. Die Mädchen beschäftigen sich da- zu schon vielfach eifrig mit Hausarbeiten, die eine bedeutende Anstrengung des Auges erfordern. Die Jugend kennt hierbei keine Vorficht; sie kümmert sich nicht um das Hereinbrechen der Dämmerung, sondern arbeitet fleißig weiter, bis endlich die völlige Dunkelheit ihnen Halt bietet. Die regsamsten, be- gabtesten Kinder thun das am häufigsten. Sie find also am meisten der Gefahr des Augenverderbens ausgesetzt, wodurch das Uebel in nationalökonomischer.Hinficht noch eine schlimmere Bedeutung erhält. Es giebt wohl kaum ein Uebel, dem die Kinder trotz vielfacher Warnung so ahnungslos entgegengehen, wie diesem. Das Kindesauge befitzt fast durchgehends eine außerordentliche Leistungskraft. In ihrem Eifer merken die Kleinen meist nichts davon, da das Auge überangestrengt wird. Plötzlich wird das Geficht schwächer und ist nun in der Regel nicht mehr völlig wiederherzustellen. Darum gebt Acht, ihr Eltern, besonders in dieser Zeit, wo m vielen Wohnzimmern oft schon um 3 Uhr die Dämmerung anbricht. Auch ein Geburtstagsgeschenk. Ueber die ersten Lenze unmuthsvoller Jugend war Fräulein Agnes I. hinweg. Doch das Herz war jung geblieben und als sie auf einer Landpartie in zwei Augen geschaut hatte, da war es um dies.herz ge- schehen. Es schlug in glühender Liebe dem Besitzer jener Augen, einem hübschen jungen Manne entgegen, der mit ihr in einem Alter stehend, sich als ein früherer Sergeant und nun- mehliger Zivilanwärter Albert W. vorgestellt hatte. Selige Tage begannen; besonders seitdem Ackert erfahren hatte, daß seine Agnes im Besitze eines Sparkassenbuches sei, auf das be- reits 100 M- eingetragen wären, war er von einer bezaubern- den Liebenswürdigkeit. Und wie oft er an ihr Sparkassenbuch dachte! Es war rührend und zugleich erhebend. Wenn er mit ihr ausging und sie hatten zwei Seidel getrunken und der Kellner gab nach Abzug des Trinkgeldes auf eine Mark 65 Pf. heraus, dann nahm Albert nicht etwa diese 65 Pf. Nein! ihr schob er sie zu, mit liebenswürdigem Lächeln sprechend: ,/Für Dein Sparkassenbuch!" So kam der Tag heran, da sie wieder ein Jahr älter wurde. Ein Tag, der von beglückenden Ge- fühlen diesmal nur begleitet sein konnte. Albert erbat sich zwei Tage zuvor mit schelmischer Miene das— Sparkassenbuch. Darinnen wollte er ihr sein Gcburtstagsge- schenk zu Füßen legen. Agnes übergab ihm nach einigem Sträuben, wie es„uneigennützige" Liebe nun einmal vorschrieb, das Buch. Der Tag kam. Jnr Stillen hatte sie immer nachgedacht, wie viel Albert wohl auf dem Altar der Liebe opfern würde.„Zwanzig Mark doch wenigstens!" hatte sie sich immer dann allein geantwortet. Aber zu Ende ging der Geburtstag (es war dies Ende November), der erste Tag des Dezencker hatte ebenfalls seinen Lauf beendet, ohne daß von Ackert eine Spur zu sehen war. Da faßt ein namenloses Sehnen ihr Herz. Sie eilt nach dem Sparkaffenamt und erfährt dort, daß— die ganze Summe erhoben worden sei! Nun eilt sie nach der Wohnung ihres Albert. Tort wo er gesagt hatte, daß er wohne, hatte nie ein Ackert W. gewohnt. Darum hatte er auch stets„postlagernd" an sich schreiben lassen. Wie sie voller Verzweiflung nach Hause kommt, kommt ihr die Wirthin mit einem Brief entgegen. Er zeigt außen eine russische Freinrarke und drinnen steht oben Kronstadt und unten Ackert und in der Mitte eine herzzerreißende Entschuldigung. Er habe eine Stelle als Schiffsaufwärter nach dort bereits in Berlm angenommen und habe 100 M. noch zu seiner Ausrüstung bedurft, er hoffe aber, am nächsten Geburtstag Alles wieder gut zu machen. Was sollte Agnes anderes thun, als ihm glauben. Jedenfalls wird er sie nicht zum zweiten Male überraschen können mit einem derartigen Geburtstagsgeschenk. Es ist für Jeden ergötzlich zu schauen, wonach die Anderen schauen. Man sehe sich einmal auf der Gaffe die Leute darauf an, nach was sie ausblicken und was aus ihnen herausschaut. Nach dem Ausblick der Leute sehen, heißt das „Gedankenlesen" versuchen; freilich kommt Mancher daher, dem man nur die Gedankenlosigkeit aus dem Gesichte lesen kann. Die Gaffer find nicht immer ohne Gedanken; so wie diese sich zum Schauen fügen, wird das Gaffen ein Betrachten. Der Fremde läßt seine Blicke überall hinschwcifen, und sie drücken bald Bewunderung, bald leichten Hohn aus. Die Leute vor den Herrlichkeiten der Kaufleute haben immer was Verlangen- des im Blicke; das Verlangende wird zum Begehrlichen in weiblichen Augen vor einem Putz- und Modeschaufenster. Solche weibliche Augen haben aber stets auch etwaS Aufleuchtendes, einen Strahl des Vergnügens— denn die Frauen, wenn sie etwas Schönes, Begehrenswerthes sehen, denken sich dasselbe immer am eigenen Leibe, sei es Schmuck oder Ge- wand. Mit ganz anderen Augen sehen sie denselben Gegen- stand an, wenn sie ihn am fremden Leibe erblicken; dann mengt sich in den Blick ein kleiner Strahlen- bündel von Scheelsucht. Ueberhaupt ist auffällig, wie sehr sich das schöne Geschlecht auf der Straße gegenseitig auf's Korn nimmt— zum Unterschied von den Männern, die zumeist achtlos an einander vorübergehen. Ein Geck muß sehr auffällig sein, wenn ihm seine Geschlechtsaenossen Aufmerksam- keit erweisen sollen. Bei dem anderen Geschlechte kann man sehr oft die lustige Bemerkung machen, daß, wenn Zwei an einander vorüber geflattert sind, sich beide zugleich umkehren, um sich nachzusehen. Wie drollig sind sie dann beide, wenn sie sich gegenseitig auf demselben Gedanken ertappt haben— schwupps haben sie abermals Kehrt gemacht. Die Männer haben wohl nur darum gegenseitig so wenig Anziehung, weil sie desto mehr sich wit dem ewig Weiblichen beschäftigen. Ein Mädchen, eine Frau lenkt ungleich nrehr, lenkt mindestens doppelt so viel Blicke auf sich, als eiir Mann, er sei alt oder jung; sie wird von Ihresgleichen und von der Männerwelt beachtet, nicht selten gemessen, gar häufig durch und durch geschaut. Es gießt Männer, welche alles Weibliche so„stechend" ansehen, daß man förmlich ihre Blicke auf der„anderen Seite" wieder heraus- kommen sieht. Ein Buch ließe sich darüber schrecken, auf welche Art die Männer auf der Straße die Frauen anschauen, angaffen, angcktzen, bcäugeln mit den Blicken überfliegen oder verschlingen. Und jeder dieser Blicke sagt etwas— was man nicht immer wiedergeben kann. Der scheue Blick des Jünglings, der sich das Vergnügen noch nicht zu gestehen wagte, welches ihm ein holdes Antlitz gewährt; das verstohlene Blinzeln des grau- haarigen Schelmes; der franke Blick des Liebhabers von Fonn und Farbe oder des Künstlers, dessen Augen zum pbotogra- vhiscken Apparat werden, um Schönes oder Anregendes der Retzbaut um so schärfer einzuprägen! das Blinzeln und Zwinkem des Blöden, der sich trotzdem des Eindruckes und seiner Em- psindungen bewußt ist; das gemeine Hinstieren des Rohen, das freche Auslugen dcö Gecken, der drei Augen braucht, um herabzuwürdigen, was sein Blick trifft— das Alles blitzt und schwirrt unablässig durcheinander. Wäre jeder Blick ein Pfeil, sie würden die Sonne verdunkeln und die GaSlatcrnen zer- trümmern und die Flammen auslöschen. Es wäre aber doch weit gefehlt, zu glauben, daß das Weibliche nicht auch auf das Männliche hinüberschießt. Dock hat es eine andere Art; es streift mehr. Trifft aber einmal eine volle Ladung, dann ist das um so ausgiebiger. Die schöne Sitte verlangt Zurückhal- tung vom Weibe; aber der Vorhang des weiblichen Auges rollt doch zuweilen auf und läßt Gefallen oder Mißfallen erkennen. Die Gelassenheit verwandelt sich oft erst an der Thür in An- theilnahme und blitzt dann zurück durch den sich schließenden Spalt, als Gegensatz zu dem berühmten„Knotenstock" ein— Rosenstöcklein im Blicke. Im kaiserlichen Palais wurde am Sonntag Nachmittag eine Fensterscheibe eingeworfen. Der amtliche Polizeibericht meldet darüber folgendes: Am Sonntag, Nachmittags%3 Uhr, schleuderte ein Mann einen faustgroßen Stein in das Eckfenster des kaiserlichen Palais. Ein Schutzmann hatte bemerkt, wie der Mensch, der vom Brandenburger Thor herkam, bei der Rampe des kaiserlichen Palais anlangend, den Arm zum Wurfe erhob, konnte aber den letzteren nicht mehr verhindern und mußte sich begnügen, den Mann nach der That zu verhaften. Der Betreffende ist der obdachlose Schlosser Wilhelm Börnicke, 31 Jahr alt, aus Salzfurth, Kreis Bitterfeld, verheirathet, mehrmals wegen Vettelns, zuletzt im Juni d. I. mit 14 Tagen Gefängniß bestraft; er will von Magdeburg zu Fuß über Steglitz nach Berlin gekommen sein, hat angeblich wegen Krank- hell nicht arbeiten können und die That verübt, um die Auf- merksamkeit des Kaisers auf sich zu ziehen und ein Unterkom- men zu erhalten. Den Stein will er bereits bei Steglitz zu sich gesteckt haben. Ein Kayen-Jdtzll mitten im Zentrum Berlins— das ist in dem aufgeregten Hasten und Trecken der Weltstadt, in der sonst Niemand idyllische Ruhe finden kann, doch gewiß etwas Seltenes. Aber freilich hat die Oberwasserstraße noch fast gänzlich altberlinischen Charakter und diese Straße ist es denn auch, in der jenes Idyll freilich zum Leidwesen der Hausbe- wohner sich abspielt. Der Besitzer eines Hauses jener Straße, ein Dr. B., der nicht Weib und Kind sein eigen nennt, hält, wie die„Allg. Flschr.-Ztg." wissen will, ca. vierzig Kasten in seinem Hause. Zwanzig trecken auf den Treppen und dem Hofe ihr Wesen, zwanzig andere aber, seine Lieblingskatzen, wohnen in seinen Zimmem und essen mit ihm an seiner Tafel. Ist der Beherrscher dieser Katzengesellschaft im Sommer aber verreist, so darf der Diener das Katzenzimmer nicht betreten, sondem muß den feisten geschwänzten Lieblingen das Futter durch das Fenster zuwerfen. Diese Katzenkolonie mag dem thierfreundlichen Besitzer ja gewiß viel Freude bereiten, den Mitbewohnern des Hauses allerdings erheblich weniger. Nicht jeder ist von dem- Geruch von vierzig Katzen entzückt, auch der Larm durste Manchen verdrießen, wenn, wie in der Licht- wer'schen Fabel Jetzo tanzen alle Katzen, Poltern, lärmen, daß es kracht, Zischen, heulen, sprudeln, kratzen.... Vor Allem aber durfte die sanitäre Frage ins Auge zu fassen sem und da will es uns scheinen, daß wohl nicht geduldet werden durfte, daß zu Gunsten von vierzig behaglich lebenden Katzen daS Wohckefinden der Bewohner des Hauses gefährdet wird, die allerdings nur Menschen sind. Der Postbeamte, der s. Z. sustematisch Briefe unterschlug, welche an Insassen des Garnison-Lazareths in Tempelhof ge- i'tffifßf trifirtm fnTT V\tu llu+ayffTtT/« ,***«« ,*,%«*%«««. QCiftißCr richtet waren, soll die Unterschlagungen im Zustande Gestörtheit" begangen haben. Der Gipfel der Reklame. Hiesige Blätter schreiben: Eine lustige Konkurrenz hat die Berliner Wochenschrift„Das Echo, wie folgt, eröffnet. Preisscherzfrage: Ein stark ver- schuldetet: junger Mann genießt bei seinen Gläubigern nur des. hack noch weiteren Kredit, weil seine Braut nach der Hochzeit die Schulden aus ihrer Mitgift bezahlen will. Das Paar fällt kurz vor der Hochzeit ins Wasser. Ein geiziger Hauptgläubiger kommt gerade vorüber, springt hinein und rettet: wen zuerst und warum? Wer bis zum 20. Januar 1887 die kürzeste und witziaste Antwort auf vorstehende Scherzfrage giebt, erhält von der Redaktion des oben genannten Blattes ein Preishonorar von 20 M. Die prämiirte Antwort wird veröffentlicht. Zur Naturgeschichte der„Anreißer". Wer kennt nicht jene bekannten zweifelhaften Gestalten, welche mit einem ver- traulichen Lächeln und der stereotypen Frage:„Alte Kleider?" ' en Ecken belebter Straßen an unsere Thür pochen oder auch an den I stehend den Vorübergehenden das zärtliche Geständniß zu- flüstern, daß sie die höchsten Preise für„Abgetragenes" zahlen. Diese„Vertrauensmänner der Friedrichstraße", wie sie der Volksmund nennt, stnd lediglich die Agenten der auf der Neuen Friedrichstraße, Rosenstraßc und früher auch auf dem Mühlen- dämm heimischen modemen„Troglodyten", die am Eingang ihrer Höhle gewöhnlich ausgediente Uniformstücke, Livreen und wohl auch Waffen, zu denen sie, eckst nur scheu emporsehen. ausgehängt haben. Diesen bringen die Agenten die am Tage zu Schleuderpreisen zusamniengekaufte Waare, welche sie mit einem geringen Nutzen den Ladeninhabern überlassen. Doch giebt es auch für diejenigen, welche ihre Beute nicht los wer- den können, sogenannte„Kleiderbörsen", die in Restaurations- lokalen auf der Klosterstraße abgehalten werden. Was aus den Läden nicht wieder direkt an das Publikum zurückverkauft wird — und dies geschieht oft erst, nachdem eine gründliche Reini» gungs- und Ausbefferungsprozedur vorgenommen worden ist,— das wrrd an Hamburger und Petersburger Kommissionäre im Auftrage von Exportfirmen aufgekauft und geht nach Rußland und in den letzten Jahren auch nach Afrika, nach Kamerun, nach Angra-Pequena! Da stolzirt denn mancher Häuptling in einem abgelegten Frack und karrirtcn Beinkleidern umher, die sich von ihrem wechselvollm Schicksal hier in Berlin nichts haben träumen lassen. Ob auch in dem dunklen Erdtheil sich bereits Käufer für abgetragene Kleidungsstücke gefunden, dar- über haben weder Schweinfurth noch Junker in ihren Berichten etwas laut werden lassen. Polizeibcricht. In der Nacht vom 10. zum 11. d. M. wurde eine Frau vor einem Hause des Grünen Weges liegend vorgefunden. Da sie anscheinend innerlich krank war, wurde sie mittelst Droschke nach dem Krankenhause im Friedrichshain gebracht.— In gleicher Weise wurde am 11. d. M. Abends em Arberter in bewußtlosem Zustande vor dem Hause Lützow- sttaße 82 gesunden und von dort nach dem Elisabeth-Kranken- Hause gebracht. Gerichts-Ieitung. t Unter der Anklage der fahrläsfigen Körperverletzung stand gestern der Monteur Alexander Ferdinand Hermann Scheiwe vor der vierten Strafkammer des hiesigen Land- gerichts>. In der Brauerei„Friedrichshöhe"(früher Patzen- hofer) befindet sich ein Fahrstuhl, der den Zweck hat, volle Tonnen aus dem Keller auf die Höhe des Hofes zu befördern. Der Aufzug, der im Jahre 1873 eingerichtet worden, war mit der Zeit fast unbrauchbar geworden und drohte Gefahr. So fehlte vor allem die sog. Verriegelung, eine Schutzvorrichtung, die verhindert, daß der Fahrstuhl in die Tiefe saust, während er beladen wird, wenn in seinem oberen Mechanismus sich eine Schraube löst oder ein Reifen springt. Die Direktion entschloß sich daher, einen neuen Fahrstuhl anbringen zu lassen, um aber den alten für d,e Zeit, bis er ersetzt worden war. nicht außer Thatlpkert zu stellen, sollte er reparrrt werden. Die Reparatur sollte sich darauf beschränken, das Zahnrad durch ein Reserve- zahnrad zu ersetzen. Mit der Ausführung dieser Arbeit wurde der Angeklagte beauftragt und er verrichtete sie am 1. Juni d. I. Er fand, daß das Reservezahnrad, welches er einsetzen sollte, bereits emmal gesprungen sei und durch einen schmiede- eisernen Reifen zusammengehalten werde, arch war die Welle, welche rn die Nabe des Rades einzuführen und so mit ihm zu verbinden war, daß die Eigenbewegung der Welle ausgeschloffen, ein wenig zu klein für die Oeffnung. Der Monteur war jedoch der Ansicht, daß dre beiden Keile, mit der er sie befestigte, für cmige Zeit halten wurden, wenn der Fahrstuhl nicht zu sehr be- astet werde. Er machte daher den Braumeister aufmerksam, daß die Tragfähigkeit des Fahrstuhls jetzt noch höchstens 15 Zentner betrage. Am folgenden Tage erhielten die Arbeiter Gnädig und Beutel den Auftrag, leere halbe Biertonnen mittelst des Fahrstuhls in den Keller zu befördern. Um die Tonnen auf der Bühne des Fahrstuhls aufzustellen, betrat Beutel die Plattform. Von der Wamung des Monteurs wußte er nichts. Eben war die 32. halbe Tonne aufgesetzt und so der Fahrstuhl mit zirka 19 Zentner belastet worden, wozu noch das Gewicht Beutel kam, als er sich plötzlich von selbst in Bewegung setzte und in die Tiefe fuhr. Beutel ver- suchte noch rasch aus dem Fahrstuhl herauszukommen und hatte bereits einen Fuß draußen, als er von dem Dache des finkenden Fahrstuhls auf den Kopf getroffen und umgeworfen wurde. Acht Meter tief sauste der Fahrstuhl hinab und zerschellte unten. Als die be« stürzten Arbeiter hinzueiltcn, fanden ste Bcutel besinnungslos. Er wurde sofort ins Hospital gebracht und dort wurde fest- gestellt, daß er einen Rippenbruch und eine geringe Gehirn- erschütterung erlitten habe. Noch ist er nicht vollständig her- gestellt. Die Vernehmung der Sachverständigen und Zeugen ergab den oben mitgetheilten Sachverhalt. Das Unglück war dadurch entstanden, daß die zu starke Belastung des Fahrstuhls die Keile gelockert hatte, so daß sich die Welle, welche die Seile trug, in dem gehemmten Zahnrad drehen konnte. Das Unglück wäre nicht eingetreten, wenn die nothwendige Verriegelung vorhanden gewesen wäre. Unter diesen Umständen war der Staatsanwalt nicht in der Lage, die Arbeit des Angeklagten, der besonders vor übergroßer Belastung des Fahrstuhls gewarnt hatte, fahrlässig zu finden. Er beantragte daher seine Frei- sprechung, die der Gerichtsof aussprach. t Der Tag des„Stralauer Fischzug" sollte in diesem Jahre für den Musiklehrer Hermann T. kein angenehmes Ende nehmen; er hat das Glück, an diesem Tage den Geburtstag seiner angebeteten Gattin zu feiern und also eineMGrund mehr, das hübsche Dörfchen an der Spree zu besuchen und die vom Staub trocken gewordene Kehle häufig anzufeuchten. Spät am Abend wurde an die Heimkehr gedacht; auf dem Rummels- burger Bahnhof war ein großes Gedränge und mit Mühe ar- bettete sich der Mufiklehrer durch. Die gelösten Billets vertheilte er an die Angehörigen seiner Familie. Als er dann im Waggon saß und der Schaffner die Fahrscheine revioirte, stellte es sich heraus, daß er und seine Frau falsche Billets in Händen hatten, die vom ver- gangenen Tage stammten und auf Berlin— Köpenick lauteten. T. hatte ste am Tage vorher zu einer Fahrt, die er mit seiner Frau nach Köpenick unternommen, gelöst und sie waren ihm nicht abgenommen worden, so daß er ste in der Seitentasche seines Rockes behalten hatte. Er behauptete nun dem Schaffner und später in Berlin auf dem Schlefischen Bahnhos einem Assistenten gegenüber, die Verwechselung nicht mit Willen herbei- geführt, sondern die richtigen Billets gelöst und im Gedränge ver- loren zu haben. Da er sich weigerte, 6 M. Strafe zu zahlen, so wurde sein Name festgestellt und er hatte sich gestern vor der 93. Abtheilung des Schöffengerichts gegen die Anklage zu verantworten, den Eisenbahn-Fiskus um 20 Pf. zu betrügen versucht zu haben. Zu einer Entscheidung kam der Gerichtshof nicht, da er die Vernehmung des nicht vorgeladenen Billeteurs für nöthig hielt. So wurde der Termin vettagt. Wien, 11. Dezember.(Mordprozeß Kreitter.) Nach ein- stündiger Berathung der Geschworenen verkündigte gestern Abend 9% Uhr der Obmann derselben das Verditt. Die Frage wegen versuchten meuchlerischen Raubmordes am Schneider- meister Fenzl wird verneint, sämmtliche andere Fragen: wegen schwerer körperlicher Verletzung mit räuberischer Absicht an Fenzl, wegen gefährlicher Drohung gegen den Wachmann Höfling und wegen Meuchelmordes an Schloßderg werden einstimmig be- jaht.— Der Staatsanwalt beantragt Anwendung des Gesetzes, der Vcrtheidiger Dr. Schneeberger macht Mildcnmgsgründe geltend, insbesondere mit Rückficht auf die vernachlässigte Er- ziehung des Angeklagten und auf die Roth desselben im Mo- mente der That. Der Jähzorn dürfte auch den Ausschlag in dem Momente gegeben haben, als ihm Schloßberg vielleicht ein Almosen verweigerte und den Stock erhob. Der Vcrtheidiger bittet, wenn auch das Gesetz in vollster Strenge angewendet werden muß, dem Angeklagten dm letzten Schimmer jener Hoffnung zu lassm, welche ihm das Leben retten kann. Kreitter hält während der Verdiktsverkündigung die Augm geschloffen. Der Gerichtshof verkündet hierauf das Urtheil, daß Gerhard Kreitter wegen Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit, des Raubes und des Meuchelmordes zum Tode durch den Strang verurtheilt wird.— Präs.: Angeklagter, haben Sie das Urtheil verstanden?— Angekl.: Ja, ich bitte um Bedenkzeit. — Wie mit Bestimmtheit verlautet, hat der Gerichtshof in der gestern Nachts stattgehabten Sitzung heschloffen, die Akten des Prozesses Kreitter ohne Begnadigungsgesuch an höherer Stelle vorzulegm. Diese Vorlage wird übrigms eine Verzögerung erfahren, da der Vettheidiger Dr. Schneeberger nach Einver- nehmung des Verurtheiltm die Nichtigkeits-Bcschwerde ange- meldet hat._ Soziales und Arbeiterbewegung. Die Maurergesellen von Dresden und Umgegend rüstm sich zu einem Streik im Frühjahr 1887. Die Lohn- kommisfion derselben bringt jetzt zur Kenntniß aller Baumeister und Bauunternehmer Dresdens, daß in einer am 3. Dezember abgehaltmen öpentlichen Maurerversammluna einstimmig be- schloffen worden ist:„Wir Maurer fordem emen Minimallohn von 38 Pf. pro Stunde und zehnstündige Arbeit für das Jahr 1887." Alle Baumeister und Bauunternehmer Dresdens werden gleichzeitig kategorisch aufgefordert, sich hiemach zu richtm und vei Voranschlägen und Abschlüssen für das kommende Jahr obige Forderungen in Rechnung zu stellen. In jener Maurerversammlung war man darüber einig, daß ein Etteik in Szene zu setzen sei, wenn die Forderungen der Gesellen von den Arbeitgebern nicht erfüllt werden sollten. Streik. Lübeck, dm 10. Dezember. Die beim hiefigm neuen Krankenhause beschäftigten Ofensetzer(11 an der Zahl) legten am 7. d. M. die Arbeit nieder. Dm Grund der Arbertseinstellung bilden Lohnstreitigkeiten. Nach dem in diesem Sommer vereindartm Tarif hätten die Gesellm 36 Mark für jeden Ofen zu beanspruchen. Die Meister erklärten, nicht mehr als 26 Mark geben zu könnm. Im Laufe der Verhandlung bewilligten dieselben noch 2 Mark, welches Anerbieten settms der Gesellm abgelehnt wurde; dieselben erblickten in dieser Handlungsweise eine Durchbrechung des Lohntarifs und er- klärten in einer eigms dazu einbemfmen Versammlung, nicht eher die Arbeit aufzunehmm, bis daß die Meister unserer recht- mäßig anerkanntm Forderung nachkommen würden. Wir bitten deshalb die Kollegm allerorts, uns in diesem Kampf nach bcstm Kräften beizustehen, ebenso auch dm Zuzug fem zu halten. Das Streik-Komitce: F. W. Bormann, Schriftführer des Fachvereins der Töpfer zu Lübeck. Uereine und Uersammlungen. * Verein zur Wahrung der materiellen Interessen der Fabrik- und Handarbeiter. Heute Äbmd 8 Öhr, Ändreas- straße 26, bei Mahlitz, Versammlung. Tagesordnung: 1. Monatsbericht. 2. Vierteljahrsbericht. 3. Vortrag des Herrn Metzner über Vergangenheit und Zukunft. 4. Diskussion. 5. Verschiedenes und Fragekasten.— Gäste habm Zutritt. Freie Vereinigung aller in der chirurgischen Branche beschäftigtm Benifsgcnossm. Mittwoch, den 15. Dezember, Abends 8� Uhr, im Saale des Herrn Ackermann, Linienstr. 44. Tagesordnung: 1. Die Fabrikordnungen der verschiedenen Werkstellm. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes und Fragekasten. — Zahlreiches Erscheinen der Bemfsgenoffm ist nothwendig. Gäste find willkommen. Gauverein Berliner Bildhauer. Annenstraße 16, Dienstag, dm 14. Dezember, Abends 9 Uhr, Versammlung. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2. Referat des Herrn Dupont über„Arbeitslosm-Unterstützung". 3. Verschiedenes. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Dienstag. Schäfer'scher„Gesangverein der Eller". Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger, Sralitzerstt. 126, Gesang.— Gesangverein „Bmderbund" Abends 9 Uhr Adalbertstt. 4, im Restaurant. —„Gesangchor des Gauvereins der Maler Berlins" Abends 8 Uhr hei Sodtke, Ritterstr. 123.— Turnverein, Hasenhaide" (Männer- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenhachstr. 60 61.— Rauchklub»Deutsche Flagge" Äbmds 8 Uhr im Restaurant Händler, Wrangclstt. 11.— Rauchklub„Zum Wrangel" Abends 8V, Uhr im Restaurant, Wrangclstt. 32.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschule, Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Köpnickerstt. 68. Kleine Wittheilungen. Mülhausen, 10. Dezember. In Kaysersberg-hat man einen 18 jährigen Burschen verhaftet, der einm rechtschaffenen Arbeiter im Zom niedergestochen hat. Ter Getödtete war Vater von 7 kleinen Kindem und erst 36 Jabre alt. Er wollte den frechen Burschen davon abhalten, einen Fuhrmann zu be- lästigen, und als Antwort auf seine abmahnende Worte erhielt der Arbeiter 7 Messerstiche in die Brust, von denen 3 das Herz trafen. Mainz, 10. Dezember. Der heftige Sturmwind, welcher von gestern Abend ab in der ganzen Rheingegend tobte, for- derte auch von dem Personal der Rheinischen Bahn ein Opfer. Bei dem Personenzug Nr. 15, welcher gestern Mittag um 12 Uhr von Köln nach Aachm- Herbesthal abgelassen wurde, wurde ein dimstthuender Schaffner durch einen Windstoß vom Trittbrett geschleudert, kam zwischen die Räder zu liegm und fand durch Ueberfahren einen sofortigen Tod. Freienwalde a. O., 9. Dezember. Am 16. v. M. lief ein großer Schleppdampfer bei Küstrinchen mit fünf beladenen Oderkähnen und selbst mit einer Ladung von 4000 Tonnen Heringen und Wein auf den Sand. Als der Dampfer Gegen- dampf gab, explodirte ein Dampfrohr und riß ein Loch in die Seitenwand, durch welches das Waffer einsttömte. Zwei Schiff- baumeister haben es übemommen, gegen eine Entschädigung von 3000 Mark den Dampfer zu heben. Derselbe hat sich aber mit dem Hinterthcil gesenkt und derartig festgesogen, daß vorläufig an Hebung nicht zu denken ist. Herbesthal, 11. Dezember. In der Nacht vom 9. zum 10. Dezember stürzte auf der Eisenbahnlinie Lüttich- Namur- Paris bei Station Huy(Belgien) ein Tunnel zu einem großen Theil ein. Der Personenverkehr wie die Güter wurden von Huy aus über Landen geleitet, um von dort nach Lüttich zu gelangen. Die Personenzüge nach und von Paris erleiden m Folge dessen größere Verspätungen. Stolberg im Harz, 10. Dezember.(Verunglückter Hand- wcrksbursche.) Am Auerberge(Joscphshöhe) fand am 8. d. M. ein Holzhändler in einer verlaffencn Köhlerhütte einen Leich- nam. In den Felleisen des Todtm hat man Schnciderwerk- zeuge und im Notizbuch eine Anzahl Adressen von Taub- stummenanstalten und schriftlich gefiibrte Gespräche gefunden, so daß der Verstorbene ein(etwa 25 jähriger) taubstummer Schneidcrgeselle gewesen sein wird, der auf der Wanderschaft durch den Harz ermüdet in der Hütte Nachtherberge genommen und im Schlafe erfroren ist. Kronstadt, 6. Dezember. Ein orkanartiger Sturm brach am Sonnabend Abend über Kronstadt los. Fast die ganze Nacht ununterbrochen durchbrauste er die Sttaßen der Stadt. Um Mitternacht erreichte er seinen Höhepunkt, so daß Viele der Schlaf floh und mit Bangen in die stürmische Nacht hinaus- blickten. Wie Projektile schlugen von den Dächern herabfallende Ziegel auf das Straßenpflaster auf und dem Gcwchrknattem ähnlich war auch das Geräusch, welches das fortwährende Herunterprasseln von Ziegelstücken verursachte. Ganze Dächer wurden durch die Gewalt des Sturmes von den Häusern heruntergerissen, diese vollständig demolitt, sechs schöne dicke Bäume auf der unterm Promenade entwurzelt, die meisten Sttaßenlaternen verlöscht, so daß um diese Zeit eine unheim- liche Finstemiß auf der Stadt lagette, und fast unübersehbar ist der Schaden, den der Sturm sonst auf Pttvatgründen angerichtet hat. Eine Menge berabgcschleudetter Firmentafeln wurde in dem Hofe der Polizeibehörde aufgespeichett, woselbst eine Feuermauer dem Anpralle des Sturmes nicht zu wider- stehen vermochte. Altona, 8. Dezember. Der jugendliche Raubmörder Friedttch Vickus, welcher den Schiffer Seebcck auf der Elbe er- schlagen und beraubt hat, ist gestern Morgen 53« Uhr von Köln, wo seine Verhaftung erfolgte, nach Stade ins Untcrsuchungs« gefängniß gebracht. Wilster, 9. Dezember. Die Befitzettn der hiesigen Dampf- Weberei, Frau Eggers, verwittwete Brandt, hat vorgestern Morgen 6? Uhr sich und ihre drei Kinder, die im Alter von 7, 9 und 14 Jahren standen, erhängt. Die Tochter, welche konfir- mitt werden sollte, scheint mit der Mutter einverstanden ge- wesen zu sein, denn bei der letzteren fand man einen Zettel, worauf geschttebcn stand:„Mit Einwilligung meiner Tochter Bettha rhue ich diesen Schritt." Als die erwachsene Stief« tochtcr der Frau Eggers derselben den Kaffee dringen wollte, fand sie die Leichen am Ofen herum hängen. Familienzwistig- keiten scheinen die Ursache der unseligen That gewesen zu sein. Die Kindcsmörderin war seit Kurzem wieder mit einem Mann, der ebenfalls mehrere Kinder hatte, verheirathet, und mit dem- selben noch vor einigen Tagen auf einem sog. Kaffeeball ge- wesen, wo sie sich erzürnt haben sollen. Die Stiefkinder hatte die EggerS vor der That fottgeschickt; danach hat die unnatür- liche Mutter also ihre eigenen Kinder ermordet. Brüssel, 10. Dezember. Die Diebe, die am 27. November dm Eismbahnpostzug zwischen Ostmde und Brüssel bestohl'en und eine große Masse von Diamanten mtfühtt haben, sind von der mglisckm Polizei in Scotland Kard(London) ermittelt wordm. Es find drei gefährliche Verbrecher, die schon seit dem Apttl im Verdacht standen, den Postdiebstahl von damals ver- übt zu haben. Auch ihre zwei Mitschuldige find der Polizei bereits bekannt. Da aber alle fünf Engländer find, können sie nicht festgmommen werden, weil das englische Gesetz ein von Engländern im Auslande begangenes Verbrechm nicht ahndet. Die Diebe gehen frei in Lonoon umher und suchen ungeschliffene Diamanlm zu verkaufen. Ihre hierher gesandten Photographien find von den Bahnbeamten sofort erkannt worden. London, 9. Dezember. In dem Tunnel der Londoner untettrdischen Eisenbahn, zwischen King's-croß und Farringdon- Skeet, stießen gestern Abmd, kurz nach 7 Uhr, zwei Eisenbahn- züge zusammen, indem ein Zug der Great Northern Eismbahn in einen Güterzug hineinfuhr. Die letzten Wagen des Güter- zuges wurden in Stücke zermalmt und vic Trümmer deffelben bedeckten die beiden Geleise. In diesem Augenblicke kam ein Zug der Midland Eisenbahn dabergebraust und unzweifelhaft wäre ein furchtbares Unglück entstanden, wenn der Maschinist des herankommenden Zuges nicht das gegebene Warnungs- fignal gehött und rechtzeitig gehalten hätte. London, 9. Dezember. London und fast ganz England wurden gestern von einem ungewöhnlich heftigen, von Regen, Hagelschlag und Gewitter begleiteten Sturme heimgesucht, der zu Lande wie an der Küste, so weitBettchte darüber vorliegen, nicht unbedeutenden Schaden angerichtet zu habm scheint. Häuser wurden entdacht, Bäume entwurzelt, Schornsteine und Telegraphenpfosten umgeweht, in vielen Straßen der Vorstädte Londons stand das Wasser 4 bis 5 Zoll hoch; Kcllerräume wurden überschwemmt, während der Hagel mit solcher Gewalt hcrniedcrfiel, daß der Schaden an zerschmcttetten Fcnsterscheibm kein unbeträchtlicher sein dürfte. In der Vorstadt Lambeth schlug der Blitz in eine Kirche ein. In Brighton und anderen Küstenplätzen trat hoher Wogengang ein, und die Brandung ergoß sich mit furchtbarer Gewalt über das Gestade und über- schwemmte die benachbarten Sttaßen. Von der Küste werden zahlreiche Schiffsunfälle gemeldet. Melbourne, 9. Dezember. Auf der Höbe der Küste von Ouemsland hat zwischen den Dampfern„Keilawarra" und „Helen Nicholl" eine Kollision stattgefunden, in Folge dessen ersteres Schiff sank und letzteres bettächtliche Beschädigungen erlitt. Es ertranken hei dem Unglück 42 Personen, darunter der Kapitän des„Keilawarra" und 6 Matrosen der„Helen Nicholl". Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vermittler, Berlin, den 13. Dezember 1886. Wild. Preise ziemlich fest. Die Jagdbeute der letzten königlichm Hofjagd im Grunewald, in Dammwild bestehend, kommt im Bogen 4 sukzessive zur Versteigerung. Hasen ausgeworfen, ohne besondere Verpackung, aus Stangen von 10 Stück 3,60—3,90 vr. Stück, Kaninchen, ausgeweidet 50—55—60 Pf. per Stück. Rehe ausgeweidet a 64—76 Pf., Ha(sehr starke und sehr fehlerhaft zerschossene) 55 bis 65 Pf. pr. Pfund. Rothhirsche, a 38—44, I a 35—40, Dammwild 1 45 bis 70, I a 84 bis 45 Pf. per Pfund. Wild« schwein 40 bis 56, kleine 55 bis 75 Pf. pr. Pfund. Rebhühner, junge 1,30—1,60, alte 90—110 Pf., Fasanen« Hennen 3,00 bis 3,50, Fasanenhähne 4,00 bis 4,50 M., Krametsvögel 32—36 Pf. per Stück. Schnepfen 1,90—2,50, italienische 1,29—1,90, Bekassinen 40—75 Pf. pr. Stuck. Die Wildauttionen werden täglich im Bogm 4 um 6 Uhr Nach- mittags abgehalten. Geflügel. Größere Zufuhren nur von fettem Geflügel sehr erwünscht. Gänse, 8—10 Pfd. schwere, 47—54 Pf., über 10-15 Psd. 55-62 Pf., Fettgänse über 15 Pfd. f schwer sehr rar und gut bezahlt 63 Ps. und mehr per Pfd. �unge Enten 1,50—2,50, fette Enten 50—65 Pf. per fund, über 10 Pfund schwere fette Puten 70—80 Pf. per fd., Hühner 0,55 bis 0,80 und 1,20—1,70 M., Tauben 30 bis 40 Pf., Poularden 4,50—8 M. Mageres Geflügel schwer verkäuflich. Lebmde Gänse zum Mästen 2,00—3,00 M-, lebende Enten 0,90—1,50 M. Auktion täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Um gute Preise zu erzielen, sollen Gänse unter dem Halse geschnitten, vollständig gerupft, Flügel und Füße auf den Rücken gebunden, nicht gebrüht und nicht gesengt sein. Enten, Puten und Hühner sollen am Halse geschnitten sein; der Kopf,(die Flügel und Schwanzfedern werden nicht abgenommen. Fleisch. Nach Errichtung der Fleischschau in der Markt« halle wird es möglich, den Verkauf von geschlachtetem Vieh hier zu vermitteln. Den Interessenten gebe ich gern jede nähere Auskunft. Der Flcischkommisfionshandel in unserer Markthalle dürste für viele Landwirthe und Schlächter von weitttagender Bedeutung sein. Vorläussg find unverlangte Fleischsendungen nicht anzurathen. Geräuchette und marinitte Fische. Engros-Auktion täglich um 5 Uhr Nachmittags im Bogen 4. Regelmäßige Zufuhren erwünscht. Es kamen plötzlich so. große Zufuhren, daß die Preise zurückgingen. Bratheringe per Faß 1,25—1,50, größere 2,50 M. Russische Sardinen 1,50—1,60 M. Rheinlachs 2,50—2,90, Weser- und Ostseelachs 1,20—1,60, Flundern, kleine 2,50—5,00 M-, mittel 7,50—16 M., große 18—27 M.Bücklinge 1,80-4,00 M. per 100 Stück. Sprotten 55-75 Pf. per Kiste. Rauchaal mittel 0,80—1 M. per Pfd. Fische. Hechte 30—40 M. per Ztr. Karpfen 35— 64 er 55—75 M. per Ztr. Obst und Gemüse. Größere Zufuhren sehr erwünscht. Die Preise steigend. Birnen 10—20 M-, feinste Sotten 20-40 M.. Aepfel 6,00-9,00 M.. Tafeläpfel 10-20 M-, feinste Sorten 20—36 M-, Wallnüffe 20—30 M., geringe 12—15 M. pr. Ztr. Apfelsinen, Valencia 25—28 NL Lissabon 15—16 M., Zitronen, Malaga 24—25 M. Böhmische Back- flaumen 10—13 M. Weißflcischige Spcisckattoffeln 3,00—3,60, rothe 2,80—3,00, blaue 2,80—3,20 per 100 Ko., groß Sellerie 7—10 M., klein 3-7 M., Mecrrcttia 7-12 M., Zwiebeln 4,50-6-8 M. Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück, Kohlrüben 1,50-2,00 M. per Zentner. Pflanzen. Roscn-Öochstämme 35—55, niedrig-veredclte 15-20 M. pr. 100 Stück. Eier 3,20 M. pr. Schock. Butter. a. Butter wenig zugeführt. IIa. Oualrtat in größeren Posten vorhanden. Frische feinste Tafelbutter sc. 120-125, feine Tafelbutter I. 110-118, II. 95-108 M-, Ul. fehlerhafte 85 bis 90. Landbutter I. 90-96, II. 80 bis 85 M. Galizische und andere geringste Sotten 55—72 M- pr. 50 Ko. Käse. Emmenthaler 70—75, Schweizer I. 56—63, II. 50—55, III 42-48, Quadrat-Backstein>. fett 20-25, n. 12-18 M-, Limburger I. 28—32,». 18—22, Rheinischer Holländer Käse 45—58 M., echter Holländer 60—65 M-, Edamer I. 60—70, II. 56-58 M Kriefkaste« der Redaktion. »et Infragen bitten wir die ilbonnementi-Ouittung beizuftigen. L riesliche »ntwort wirb nicht ertheiit. E. I. Rixdorf bei Berlin hatte bei der letzten Volks- Zählung(1885) 23 173 Einwohner.— Langenbielau in Schlesien hatte(1880) 13 177 und Lindenau bei Leipzig(1880) 12166 Einwohner.— Die Stadt Frankfurt a. O. zählte im Jahre 1880 51 147 Einwohner. Carl A. 1. Sie brauchen keine Alimente zu zahlen, wenn die Mutter des Kindes schon früher von einem Anderen außer- ehelich geboren hat. 2. Uns ist ein gesetzliches Verbot, in einem Aufzuge eine schwarz-roth- gelbe Fahne zu tragen, zwar nicht bekannt, es könnte darin aber möglicherweise grober Unfug ge- sehen werden. M. Sch. Referendar beim Kammergericht. M. 8, Das konnten wir nicht rarnttcln. C. G. 1. Der offizielle Titel des Kaisers ist:„Deutscher Kaiser, König von Preußen". Also nicht:„Kaiser von Deutsch- land und König von Preußen". 2. Auf den in Preußen ac* prägten 10- und 20-Markslücken ist der Titel selbstverständlich richtig angegeben.,. H. ft. Der Unternehmer einer öffentlichen Versammlung braucht nicht an dem Otte wohnhaft zu sein, wo dieselbe statt« findet; er kann fich auch in der Versammlung durch einen Änderen auf Grund schttftlicher Vollmacht vettretcn lassen, so- fern nur die Identität dieser Versammlung mit der angemcl- Veten keinem Zweifel unterliegt. Außerhalb des Gebietes des kleinen Belagerungszustandes bedarf es für eine öffentlnbe gewerkliche Versammlung nur der polizeilichen Anmeldung 24 Stunden vorher. Die Polizeibehörde in Provinzialstäbtcn heißt Polizeidirestion. Die Genehmigung zu dem von Jhnon bezeichneten Vergnügen wird voraussichtlich crtheilt werden. H. K. Körnerstraste. Sie müssen die irtthümlich W niedrig angesetzte Miethssteuer nachträglich bezahlen, � natürlich nur an die Behörde, wenn diese es verlangt; W bisheriger Witth hat gar kein Recht darauf. � Lerantwottlich für den politischen Theil und Soziales Max Schippet, für Vereine und Versammlungen K. Zutzauer, für den übrigen Theil der Zeitung R. Cronheim, sämmttich in Berlin- Druck und Verlag von Max Badwg in Berlin sw.. Beuthstraße 2.