Nr. 294. Doimerftas, de» 16. Dezember 1886. StllimVÄMI Brgan für die Interessen der Arbeiter. 4 Das„Berliner VolkSblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Marl, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1886 unter Nr. 769.) Erhöhung des Preises, angenommen. Redaktion: Kenthstraße A.— Expedition: Zimmerstraße 44. Uom stolzen Albion. Die Männer, welche gegenwäriig in London das Steuer des großen britischen Reiches in der Hand halten, scheinen nichts gelernt und nichts vergessen zu haben. Sie müßten sonst einsehen, daß eS in England denn doch auch an der Zeit ist, den neuen Zeitströmungen nachzugeben und nicht hartnäckig an den alten und ererbten Vorurtheilen fest- zuhalten. Aber das letztere ist es ja eigentlich, was man konservativ nennt, und England hat eine konservative Re- gierung. Zn den Arbeitcrmassen der Hauptstadt herrscht eine dumpfe Gährung und bei öffentlichen Aufzügen wird das Elend sichtbar, das sich an dem Sammelplatze von vier Millionen Menschen angehäuft hat. Die Negierung macht sich keine Sorgen darum, wie etwa gegen dieses Elend an- zukämpfen sei; sie läßt ihre Polizei in Schlachtordnung aus- rücken. Zn Zrland ist noch dieselbe Bewegung wie bisher und die Regierung bleibt so gleichgiltig wie früher gegen das Elend der Jrländer— sie hat nur den einzigen Wunsch, den Widerstand der Zrländer zu brechen. So steht die englische Regierung feindlichen Gewalten gegenüber in einem Moment, da die Situation des ganzen Reiches immerhin eine relativ unsichere ist. Denn in Asien dereitet sich der große Kampf zwischen Russen und Eng- ländern vor, der nur eine Frage der Zeit ist und der schon aus Anlaß der Balkanwirren ausbrechen kann. Von diesem Krieg ist ein großer Aufstand in Ostindien unzertrennlich. Man wird gestehen müssen, daß eine Regierung, die vor der Möglichkeit solcher Katastrophen steht, nicht weise handelt, wenn sie die Zahl ihrer inneren Feinde ver- mehrt. Noch zittern im politischen Leben Englands die Wellen- schlüge jener großen Bewegung nach, welche der alte Glad- stone durch seine Anträge bezüglich der Lösung der irischen Frage hervorgerufen hatte. Er wollte damit seinem Lande einen Dienst leisten und die Heilung jener brennenden und offenen Wunde, irische Frage gc- nannt, vorbereiten. Was freisinnig und verständig war, jauchzte diesem Versuche zu, allein der Einfluß der Groß- grundbesitzer, der Reaktionäre und der versteinerten Konser- vativen überwog; man verschob die Lösung der irischen Frage abermals auf eine ungewisse Zukunft. Lord S a l i s b u r p, der englische Ministerpräsident/ hat unlängst in einer Klubrede sein irisches Programm ent- wickelt. Er hat nichts neues gesagt. Dieser starre Junker will auch nicht um einen Fußbreit nachgeben; mit der ganzen Brutalität jener Lords, welche einst sich nicht scheuten, die Jrländer zu Tausenden von HauS und Hof zu vertrei- ben, wirft er allen den Fehdehandschuh hin, welche sich ein selbftständiges Irland unter freien Verwaltungssystemen »»chdruck verboten.) IeuiU'eton. [10 Die Verführerin. Novelle von D. C o l o n i u S. „Nimmst mich auch mit, Rosarka?" fragte scherzhaft der alte Marrschalek, der daS Treiben der jungen Leute mit ansah. „Ihr könntet Euch erkälten, Pantato(Herr Vater); Und dann müßt Ihr ja auch bei der Jagdverpachtung zu- gegen sein." Zehn Minuten nachher flog ein leichter, von zwei kräf- ligen Pferden gezogener Schlitten die Bechliner Anhöhe auf dem Wege gen Raubnitz dahin. „Dir ist kalt, Tonda," sagte das Mädchen, dessen Wangen von Glück und Freude hochgeröthet waren,„der Frost hat Dir Thränen aus den Augen gepreßt." Dabei zog sie ihre mit einem weißen Tuche bewaffnete Hand aus dem warmen Pelze hervor und wischte die kalten Tropfen von den Wangen Tonda'S weg. „Thränen, die der Frost erpreßt," sagte Tonda mit einem dankenden Blick auf seine Nachbarin,„gleichen den"falschen Diamanten, sie glänzen und sehen auch gerade so auS wie die echten- aber sie kommen nicht aus der Tiefe der Seele, wes- halb sie auch gar nicht Thränen genannt zu werden ver- dienen." „Du nimmst da die echten Thränen so in Schutz, als wenn es ein Genuß wäre zu weinen." „Für jeden nicht; aber für mich sind Thränen wirklich vin Zeichen eines nie empfundenen Glückes." „Oder nie empfundenen tiefen Schmerzes," fügte Ro- larka seufzend hinzu. „Ich kann nie vor Schmerz weinen," meinte Tonda, „aber wenn ich vor Freude weine, so machen mir diese thränen doch immer einen gewissen Schmerz." „Nenne mir einen Fall, Tonda. wo Du Freudenthränea vergossen hast." denken. Durch„eine strenge Handhabung des Gesetzes" will er Irlands Bevölkerung von der Täuschung befreien, in der sich seiner Meinung nach dieselbe befindet. Wenn er sich nur nicht selbst täuscht!„Strenge Handhabung des Gesetzes" heißt soviel, daß der Polizei- und Militärapparat, der bisher in Irland gewüthet hat, dort weiter wüthen wird. Mit welchem Erfolg, das läßt sich heute schon sagen, nämlich mit gar keinem. Man kann Vieles nicht billigen, was von Seiten der Jrländer geschieht, aber man kann begreifen, was sie thun. Aus ihrem einst so schönen und blühenden Lande ist ein Land des Elends unter der Herrschaft des Branntweins ge- macht worden; die Bevölkerung nimmt ab und wandert zu Tausenden aus; die Aussichten in die Zunkunft sind die denkbar trübsten. Woher kommt dies Alles? Nun, weil man diesem Lande die Pflicht auferlegt hat, die Speisekammer für eine Anzahl englischer Lords zu sein. Denn seit Jahrhunderten war man bestrebt, die irischen Güter den Lords in die Hände zu spielen; Man belohnte damit ihre Anhänglichkeit an die regierenden Dynastien. Die Jrländer wurden aus Grundeigenthümern Pächter oder Tagelöhner. Der Ertrag der Güter, der stets mit unerbittlicher Strenge eingetrieben worden ist, floß nach England in die Hände der Lords. Die irische Grundrente brachte ihnen ihre kolossalen Einnahmen, und während sie dieselben vergeudeten, traten nationalökonomische Schriftsteller auf und versuchten den Beweis, daß es über Haupt keine Grundrente gäbe! Das System, welches Irland rumirt, ist dasselbe, welches das alte Italien ruinirt hat; es muß zum Unheil führen, weil es einem Lande seinen natürlichen Reichthum vorenthält. Wie einst die römischen Provinzen von der Stadt Rom ausgesogen wurden, so Irland durch die LordS in London. Die Lords wollen dies für sie so bequeme Verhältniß nicht aufgeben und willigen auch nicht in die geringste Veränderung zu Gunsten der Jrländer. Die letzteren haben denn auch begriffen, daß sie von England, solange die Konservativen dort dominiren, gar nichts zu erwarten haben. Deshalb stehen sie den Engländern unversöhnlich gegenüber und verlangen heute mit doppelter Heftigkeit, was schon O'Connel verlangte: die Selbstständigkeit ihres Vaterlandes. Äan hofft, wenn Irland ein eigenes Parlament und eine selbstständige Verwaltung hat. Zustände zu schaffen, unter denen es den Jrländern möglich wird, als Menschen zu bestehen, was jetzt unmöglich scheint. Da aber die Eng- länder sich dagegen mit aller Macht wehren, so wird einst- weilen Alles in einem hartnäckigen Kampfe aufgehen, der von beiden Seiten viele Ausschreitungen mit sich bringt. „Ich bin für die Kälte vollkommen unempfindlich," war Tonda's halblaute Antwort. Rosarka glaubte schlecht gehört zu haben und sah ihren Jugendfreund zweifelhaft an; als sie aber wieder ein paar helle Tropfen auf seinen Wangen bemerkte, fing sie an zu verstehen, was Tonda mit seiner Uncmpfindlichteit gegen die Kälte gemeint habe. Sie schmiegte sich inniger an ihn an und fand es unbegreiflich, daß Tonda nicht den Pferden die Zügel über den Hals warf und sie fest in seine Arme schloß. Diese Gedanken aber sprach sie nicht aus, und sagte nur nach einer Weile:„Warum eilst Du so, lieber Tonda? Wir kommen noch früh genug zurück und die frische Luft thut mir wohl. Du mußt die Pferde ein wenig einhalten; wenn Du ihnen ihren freien Willen lassest, gehen sie am Ende mit uns durch. UeberdieS fällt mir eben ein, daß, da ich Dich in Raudnitz doch unmöglich allein beim Schlitten zurücklassen kann, während ich meine Einkäufe mache, dies eben so gut durch den Knecht besorgt werden kann. Wenn Du also nicht gerade Lust hättest, nach Raudnitz zu fahren, so könnten wir eben so gut hinüber nach Krabschütz, und dann auf der Straße über Lipkowitz zurückkehren. Was meinst Du?" Tonda war plötzlich ernst geworden. Auf Rosarka's Frage nickte er nur zustimmend mit dem Kopf und lenkte die Pferde einen gen Krabschitz führenden, ziemlich steilen Weg hinan. Rosarka war unwillkürlich auf Tonda's Stimmung ein- gegangen; auch sie blieb eine Zeit lang ernst und schweig- sam, und es hätte einem unbefangenen Beobachter nicht entgehen können, daß beide, von gleichen Gefühlen bewegt, nur auf einen Anfang warteten, um sich dieselben gegen- seitig mitzutheilen. Rosarka unterbrach endlich daS lange, für beide gleich drückende Schweigen mit der Frage:„Ist das Mädchen, welches Du in der Fremde liebtest, schön und gut?" „Schön?—- Ja; aber nicht einnehmend, sondern furchtbar schön, schön wie die Nacht mit ihrem Gefolge von Räthseln und Nebelgestalten; schön wie die Frost- blumen am Fenster, die hinschmelzen, wenn der erste warme LebenShauch sie berührt. Gut?— Vielleicht auch; aber Der alte Gladstone hatte eingesehen, daß man gegen den einmüthigen Willen eines Volkes nichts ausrichten kann. Deshalb wollte er nachgeben. Die Konservativen wollen e& nicht und vertrauen auf die Polizei. So wird Irland gänzlich ruinirt werden, wenn man sich nicht auf die Gladstone'schen Vorschläge einläßt. Und solch' ein Schauspiel bietet sich im 19. Jahrhundert in einem Reiche, wo man so viel von Humanität, Freiheit und Kon- stitutionalismuS spricht! VoUttsche Urbrrstcht. AuS dem Reichstag. Vor sehr leerem Hause, wie dies fast immer der Fall ist, wenn es sich„nur" um Arbeiter» angelegenheiten handelt, begann heute die Berathung des Antrages K a y s e r und Genoffen, welcher bezweckt: den Schutz, rcsp. die rechtliche Sicher st ellung der Ar» b e i t e r v e r e i n e, die sich zur Erreichung besserer Arbeit-- bedingungen gebildet haben(Fach- und Genossenschaftsvereine), und die Erweiterung des§ 153 der Gewerbeordnung dahin, daß Unternehmer und deren Vereine, welche die Ardeiter durch Ehrverletzung, Kautionshintcrlegung, Androhung von Geldstrafen, schwarze Listen-c. an der Erlangung besserer Löhne u- f. w. zu hindern versuchen, bestraft werden sollen. Als erster Redner erhielt der Antrag- steller Kayser das Wort, welcher in 1'/«stündiger, vorzüglich durchdachter, schneidiger Rede die heute auf dem erwähnten Gebiete existirenden Zustände einer vernichtenden Kritik unter- zog. Nachdem Kayser darauf hingewiesen, daß die so sehr ge- pricsene„soziale Gesetzgebung" der letzten Zeit mit ihrer dürf» tigen Regelung eines Theils des Versicherungswesens dem Ar- beitcr doch nur im äußersten Nothfalle einen kleinen VortheU gewähre, auf die normalen Verhältnisse, auf den Erwerb und eine bessere Lebenshaltung des Ärbeiterftandes im Allgemeinen aber ohne jeglichen Einfluß bleibe, betonte er, daß unter diesen Umständen nur die Benützung des in Deutschland noch sehr jungen sogenannten Koalitionsrechtcs übrig bleche, um eine Besserung der Arbcitcrlage zu erringen oder auch nur das mühsam errungene Niveau zu erhalten. An diesen durch die Herrschaft des„freien Arbeitsvertrags" bc- dingten Bestrebungen würde aber der Arbeiter heutzutage durch die verschiedensten Umstände verhindert. Man bezeichne ein- fach jeden Versuch einer wirthschaftlickcn Besserstellung als politische Thätigkcit, durch die verschiedenen deutschen Vcrcinsgesetze aber ist es Vereinen, die sich mit„politischen" (oder öffentlichen) Angelegenheiten betasten, verboten, mit einan- der in Verbindung zu treten, wodurch die ganze gewerkschaft- liche Bewegung der Arbeiter lahm gelegt werde, während aus der andern Seite den Unternehmerverbän» den: Fabrikantenvereincn, Innungen u. f. w., Mrs Sestattet wird: dieselben können Politik treiben so viel c wollen, Niemand bindert sie daran, kein Staats- anwalt findet ihre Verbindung strafbar. Gegen die Harm- losesten Arbeitervereine finde sich immer die Polizei als An- klägerin, finden sich immer Richter, welche eine Verurtheilung sicher nur aus innerem Drang, nicht aus Ueberzeugung. So ist auch die Löwin gut, die ein Lamm zerfleischt und es ihren Jungen heimbringt. Uebrigens ist es kein Mädchen, sondern eine Frau, die ich nicht einen Augenblick geliebt oder auch nur zu lieben vermeint habe." „Und was könnte Dich sonst an eine Frau binden, wenn nicht—" „Nichts bindet mich an sie," unterbrach Antonio die Fragerin,„als das Bewußtsein meiner Schuld; aber eben dieses Bewußtsein stellt sich jeder erwachenden Regung meines Herzens drohend entgegen. Nicht das Verhältniß selbst, sondern die Folgen desselben sind eS, die mich un- „Du weichst hier vom rechten Wege ab, Du mußt Dich mehr links halten, Tonda," sagte das Mädchen, sei es, um die Aufmerksamkeit ihres Geliebten auf einen anderen Gegenstand zu lenken, oder nur um ihn zu unterbrechen. Nach einer Weile fragte sie wieder:„Wo lebt diese Frau jetzt?" „In Hamburg." „Du stehst also noch immer mit ihr im Verkehr?" fragte das Mädchen zitternd vor Angst. '„Nein." „Ich weiß aber, daß Du Briese von dorther be- kommst." „Sie sind von meinem Freunde Rudolph Schwarz, den ich ihr nachschickte, um sie beobachten zu lassen." „Beobachten?" „Ja, weil ich Gewißheit über ihren Zustand haben wollte." „Wie heißt diese Frau?" fragte Rosarka weiter, schein- bar ganz nachlässig. „Baronesse von Danow." „Und kannst Du Dich auf diesen Rudolph Schwarz verlassen?" „Ich glaube eS, er ist gut und ist mir Dank schuldig." „Ich würde niemals eine Gefälligkeit von einem Men- schen verlangen, der mir Dank schuldig ist," bemerkte Rosarka wieder abweichend,„ich glaube, man schenkt mit ganzem Herzen, aber zahlt nur mit halbem." aussprechen. Redner schildert dann in eindringlicher Weise die Leidensgeschichte der Berliner Arbeitcrinnenvereine, die man so lange bestehen ließ, als man noch glaubte, fie ins Stöcker'sche Lager?u ziehen, aber sofort auflöste und deren Vor« stände bestrafie, als die konservative Liebesmüh' sich als vergeblich erwies. Als weitere Beweise für die Ungerechtigkeit und UnHaltbarkeit der auf diesem Felde zur Zeit Herr- schcnden Zustände führte Käufer ferner das Vor« gehen gegen den Unterstützungeverein der deutschen Tabak- und Zigarrenarbciter, gegen die Maurerfachvereine rc. an. Ein gcwiffes Aufsehen entstand und es bildeten fich sofort Gruppen üm den„Tisch des Hauses", als Kanser auf denselben die de- rüchtigte schwarze Liste der Dresdener Baugewerksmcister niederlegen ließ. Riebt minderes Erstaunen erregte die vom Redner vorgetragene Statistik der in den letzten Jahren er- folgten Verurlheilungen von Ardeitern wegen angeb« licher„Ungesetzlichkeiten" in Lohnbewegungen. Der Schluß der vortrefflichen Rede Käufers gipfelte in einen Appell an das einfachste Gefühl der Gerechtigkeit, den Arbeitern endlich das gleiche Recht wie den anderen Gesellschaftsklassen einzuräumen, um in ihnen nicht Hoffnungslofigkeit und Verzweiflung aufkam- mcn zu lassen. Nach einem nachträglichen Ordnungsruf für Kayscr wegen einer„ordnungswidrigen" Acußcrung gegen den Richter- stand, erhielt der sächsische Bundesrathsbevollmächtigte Geheim- rath v o n H c l d das Wort. Derselbe suchte mit allerlei juristischen Spitzfindigkeiten die Weigerung der Dresdener Staatsanwaltschaft, gegen die Urheber der„schwarzen Liste" auf Grund des§ 153 der G-O. einzuschreiten, zu beschönigen, fand aber hierfür bei keiner Seite des Hauses Gegenliebe. Nun kam der be— rühmte„Handwerkerfrcund", Wechseladvokat und Hofrath Ackermann an die Reihe, welcher in einer unendlich langweiligen, durch und durch reaktionären und denunziatorischen Rede die sattsam bekannten Be- sckuldigungkn gegen die Fachvereine vorbrachte, die blos Manöverirfclder der Revolutionäre seien u. s. w.— Dieser Herr nannte die Gewerkschaftsführer„gewissenlos und versid", gab den Arbeitern den Rath, nicht trotzig zu sein, d. h. sich hübsch zu ducken, dann werde man ihnen gern die £>and reichen, und was dergleichen Redensarten mehr find.— Der Deutschfreisinnige Schräder, der, was bei nicht vielen seiner Parteigenossen der Fall, von Arbeiterfragen etwas ver- steht, erklärte sich mit dem sozialdemokratischen Antrag ma« teriell einverstanden. Redaktionell allerdings müsse derselbe in der Kommission etwas geändert werden. Äckermann habe zwar gesagt, die Frau gehöre in's Haus und nicht in Versammlun- gen, und damit sei auch er einverstanden; aber d i e Frau, welche von der modernen Produktion in Dienst genommen werde, müsse auch das Recht haben, von der Koalitionsfreiheit Gebrauch zu machen und ihre Interessen durch Vereinigung zu wahren. Dem Eindruck der gar nicht üblen Rede des Herrn Schräder that es auch keinen wesentlichen Abbruch, daß er zum Schluß für die verhirschten Gewerkvereine eine Lanze brach. — Der nächstfolgende Redner war ein Nationallibe' raler, Herr Oberbürgermeister Struck mann von Hildes- heim. Derselbe sprach— nationalliberal. Damit ist eigentlich alles gesagt.„Ter Kern des Antrages ist gut, aber, aber und noch einmal aber." Herr Struckmann zweifelt an der Aufrichtig- lest der Sozialvemokraten, mit diesem Antrag wirklich nur ge- werkliche Verbindungen sckützen zu wollen, sondern wittert hinter demselben, fast ganz& 1» Ackermann, die Absicht, einen Freibrief für allen möglichen Unfug unter fachgewerklichem Deckmantel zu erlangen. Da Herr Struckmann Freihändler ist, so ist er für die wirthschaftliche Freiheit; da er aber zugleich nationalliberal ist, so schwärmt er für polizeiliche Oberhoheit für die Fachvcreine, damit „kein Unglück nicht geschicht". Er meint auch, die heutigen gesetzlichen Bestimmungen seien schon klar genug und enthielten all das, was die Antragsteller bezwecken wollen; die Dresdener Bauspekulanten-Praxis mit der schwarzen Liste nennt er„sehr inhuman und unschön".— Der Zentrumsmann Dr. Lieber ist zwar auch der Meinung, daß die unzweifelhaft vorhandenen Mißstände weniger an der vorhandenen Gesetzgebung als an der Handhahung derselben liegen; es müsse aber, da nun einmal diese Uedelstände vorhanden, dafür gesorgt werden, daß ein klarer, unzweideutiger Wortlaut des Gesetzes geschaffen werde, der keine polizeiliche und gerichtliche Mißdeutung mehr zulasse. Der Reichstag habe die Pflicht, die Koali- tionsfreiheit zu wahren und gegen die seitherige Auslegung und Behandlung derselben Front zu machen. Herr von Puttkamcr war leider nicht mehr da, um diese recht verständliche Kritik seines berühniten Streikerlasses mit anzuhören. Auch dem Herrn Ackermann, mit dem Herr Lieber sonst vielfach in Gewcrbcordnungsfragcn zusammen- acht, ertheilte Herr Lieber einige aar nicht mißzuvcrstehende Zurechtweisungen.— Vom Grafen Behr war inzwischen Schluß der Diskussion beantragt. Derselbe wurde mit schwacher Mehr- heit angenommen, wodurch dem von sozialdemokratischer Seite noch gemeldeten Abg. Bock, sowie dem Herrn Staatsanwalt »artmann, der seinen Dresdener Kollegen verthcidigen wollte und dem nationalliberalen Musterfavrikanten Fritz Kalle das Wort abgeschnitten wurde. In einem kurzen „Ich lasse dies von leichtsinnigen, oder vielmehr von unpraktischen Menschen gelten," erwiderte Tonda, sichtbar froh, dem Gespräche eine andere Wendung geben zu können- „vernünftige Leute aber zahlen, wenn nicht lieber, doch mindestens eben so gerne ihre Schulden, als sie Geschenke machen." „Tonda, bist Du so vernünftig?" fragte Rosarka wieder mit vollkommener Unbefangenheit. „Ich glaube ja." „Wenn ich wollte, könnte ich Dich Lügen strafen und Dir beweisen, daß Du etwas verschenkt hast, womit Du eigentlich eine Schuld hättest bezahlen sollen; aber ich will nichts beweisen und Dir nur sagen, daß ich mich selbst auch für so unvernünftig halte; neulich erst in Leitmeritz— ja, weil ich mich an Lestmeritz erinnere, da fällt es mir ein, daß ich in einigen Tagen abreisen werde, nicht auf lange Zeit,"— fuhr sie sich ergänzend fort, als Tonda in seiner ersten Ueberraschung die Zügel stramm anzog, so daß die gehorsamen Pferde plötzlich stehen blieben,„vielleicht nur für einige Wochen oder auch nicht einmal so lange; aber Du mußt mir versprechen, daß Du Bechlin nicht verlassen willst, auch wenn sich meine Rückkehr etwas länger ver- zögern sollte." „Warum soll ich Dir dies versprechen, Bechlin ist mir ohne Dich eine Einöde; darf ich Dich denn nicht be- gleiten?" „Nein. Nicht einmal besuchen." „Dann laß mich meiner Wege gehen." „Das sollst Du nicht; aber wenn Du mein Freund wärst, würdest Du Dich nicht so hartnäckig meinem Wunsche entgegenstellen. Ich werde jetzt sehen, ob Du so vernünftig tzist, wie Du denjenigen nennst, der seine Schulden zahlt; Du bist schuldig, meinen Wunsch zu erfüllen, weil ich noch nicht einen einzigen Deiner Wünsche unerfüllt gelassen habe." „Ich habe aber jetzt auch einen Wuusch." „Und der heißt?" „Bleib' hier!" „Siehst Du, mein lieber Tonda, Du bist doch nicht so vernünftig, wie Du es selbst glaubst." „Du hast Recht, Rosarka, geh'! ich werde bleiben." Schlußwort wies hierauf der Anttagsteller K a p s e r die von verschiedenen Seiten gegen seine Partei erhobenen Vorwürfe zurück und geißelte namentlich ganz ausgezeichnet die Haltung des Reaktions-UrvaterS Ackermann. Hierauf wurde die Vor- läge an eine Kommission zur Epezialberathung verwiesen. *.* Bei der AbschiedSfeier in Brooklyn sprach der Ab- geordnete Liebknecht zu den überaus zahlreich hcrbeige- strömten Arbeitern:„Meine Freunde! Sie können heute Abend gewiß keine lange Rede von mir erwarten. Nicht weil ich sehr erschöpft bin, sondern weil ich in der Zeit, die ich hier in Amerika verweilt habe, genug geredet habe. Seit dem 2. Oktober habe ich 36 Vorträge gehalten, thcils unter großen Schwierigkeiten. Diese Reise gehört zu den beschwerlichsten, die ich je gemacht habe, und doch habe ich auch wieder die erfreu- lichsten Resultate zu verzeichnen. Erstens wurden meine sowie meiner Freunde Erwartungen sehr übertroffen, und zweitens habe ich hier sehr viele Freunde angetroffen. Hier in New- Bork, New-England-Staaten, überall dieselben Ideen, dieselben Gedanken. Am Niagara, in Milwaukee, am Mississippi, ferner in Pennsylvania, nur dieselben Gefühle! Ties zeigt die Gc- walt des Sozialismus. Wenn ein deutscher National- liberaler oder Forts ch ri ttl er hierherkäme, so würde man fragen, was seine Ideen eigentlich bedeuten. Käme Windthorst hierher, man würde ihn nicht verstehen. Unsere Partei jedoch bat die größte Ausdehnung von allen. Sozialis- mus entsteht überall. Wo zwei dcnkenoe Arbeiter zusammen find, entsteht der Sozialismus. Er ist der Messias, der Geist, der das Volk in die neue Welt führt, der Erlöser. Ich hahe niemals gedacht, daß unsere Partei hier so mächtig ist. Diese Reise war nützlich für unsere Bewegung. Sie wäre unmöglich gewesen, wenn wir hier keine Organisation gehabt hätten. Unsere Landsleute, die Deutschen, haben als Pioniere der neuen Welt ihre Netze über die Vereinigten Staaten ausge- breitet. Sie sind die Pioniere, die englisch Redenden müssen nachgezogen werden. Der Schwerpunkt liegt für uns darin, die Amerikaner zu gewinnen. Wohin ich kam, drückte ich Hunderten die Hand, die drüben schon mitgewirtt hatten. Aber nothwendig ist es, daß diese Idee in die amerikanischen Kreise übertragen werde. Diese Reise erscheint mir manchmal wie ein Traum und manchmal komme ich mir wie in einer Zauberwclt vor. Ich habe Eindrücke empfunden, Lehren empfangen und werde diese als Waffen drüben benutzen. Diese Reise war sehr mühevoll, aber ich bin jetzt eigentlich kräftiger als ich bei meiner Ankunft war. Dafür, daß Sie mir diese Gelegenheit gegeben haben, sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank. Morgen gehe ich hinüber, drüben ruft mich der Feind. Thun Sie hier Ihre Schuldigkeit, wir werden drüben die unsere thun." Daß das Branntweinmonopol von der Regierung festgehalten wird» hat Minister v. Scholz im Reichstage er- klärt. Nach den weiteren Darlegungen des Finanzministers kann es auch gar keine Frage sein, daß das T a b a k m o n o- pol in Reserve gehalten wird. Die„K r e u z z e i t u n g" scheint den Aeußerungen des Ministers noch ihren besonderen publizistischen Beglaubiaungsstempcl aufdrücken zu wollen, denn fie bringt in einem„Zur Steuerreform im Deutschen Reiche" betitelten Leitartikel eine warme Vertheidigung des Tabak- Monopols. Der Artikel ist von der„Kmizztg." mit folgenden Worten eingeleitet:„Die leidenschaftlichen und tendenziösen Versuche, den Finanzminister v. Scholz wegen seiner Acußc- rungen über das Tabakmonopol gleichsam vor dem deutschen Volke an den Pranger zu stellen, finden in der folgenden, aus den Kreisen kleiner und mittlerer Tabakfabrikanten uns zugehenden Erörterung eine sehr beachtenswerthe Illustration...." Nach dieser Einleitung hätte man fast eine Erörterung darüber er- wartet, daß an ein Tabakmonopol aar nicht zu denken und es ein„tendenziöser Versuch" sei, die Regierung der Monopolpläne zu bejchulvigen. Aber der Artikel bringt, wie gesagt, eine warme Vertheidigung des Tabakmonopols, weil die Verhältnisse der Tabakindustrie jetzt andere geworden seien. Der Inhalt der Darlegung ist in keiner Weise brennend, deshalb ignoriren wir ihn. Wcrthvoll ist aber die Tendenz des Artikels in der „Kreuzztg", weil fie der Regierung zeigt, wo die Parteien zu finden find, welche Lust haben, sich für das Tabakmonopol zu ruinircn, während andererseits auch das Volk es hört, was eS zu erwarten hat, wenn es nicht rege bleibt. Die beabsichtigte Erhöhung der Präsenzstärke für das preußische Kontingeut um 31 875 Mann vertheilt sich wie folgt: 4 Jnfanterieregimentcr 8096 Mann, 15 neue vierte Bataillone 8587 Mann. Dazu Etatsverstärkungcn für 57 Ba- taillone 2496 Mann, für 312 Bataillone um je 23 Mann 7181 Mann, Etatsverstärkungen der Jäger 14 Mann, Verstärkung der Landwebrbezirkskommandosk 60� Mann, 16 Äbthci« lungsstäbe und 17 Feldbattcrien 1804 Mann, Etatsverstärkungen für 228 Feldbatterien zusammen 459 Mann, EtatSvcrstärkungen für 4 Bataillone Fußartillerie und eine Vcrsuchskompagnie der Artillcrieprüfungskommisston 513 Mann, eine Pionierkompagnie, Ij Eisenbahnbataillone, eine Luftschifferabtheilung 896 Mann, Etatsverstärkungen für 15 Pionierbataillone III Mann, 12 neue Trainkompagnien 1011 Mann, 35 Halbinvalid cn, 612 Lekono« „Aber Du wirst mir doch schreiben?" „Ja, wenn Du mir antworten willst." „DaS werde ich; aber Du mußt mir Deine Briefe durch meinen Vater zukommen lassen, er wird Dir auch meine Antworten übergeben." „Glaubst Du vielleicht, daß ich Dich mit meinem Besuche überraschen werde, wenn ich Deine Adresse weiß?" „Ja, ich glaube es, weil ich Dich nicht für so ver- nünftig halte, als Du zu sein glaubst." . Die Unterhaltung hatte eine heitere Wendung be» kommen, und als die Liebenden wieder indem heimathlichen Dorfe ankamen, schienen beide herzlich froh zu sein' wenn man sie aber genauer betrachtete, mußte man bemerken, daß dieser Frohsinn dem heitern Lachen eines KindeS glich, welches, in seiner Wiege spielend, von dem reißenden Strome vielleicht einer baldigen Rettung, vielleicht auch einem baldigen Tode entgegengetrieben wird. Kaum war Rosarka nach Hause gekommen, als sie ihren Vater bei Seite nahm und ihn mit den Worten anredete: „Mein Vater, ick habe eine Bitte an Euch, die Ihr mir unter keiner Bedingung abschlagen dürft, weil das Glück meines Lebens von ihr abhängt." „Was hast Du, mein Kind?" fragte der alte Richter fast ängstlich über den Ton, in dem Rosarka jene Worte ge- sprechen hatte. „Ihr müßt mir dazu verhelfen, daß ich in einigen Tagen nach Hamburg reisen kann!" „Aber, Rosarka, bedenke!" „Später werde ich Euch alles erklären; Ihr wißt, ich handele nicht unüberlegt, und ich bin gewiß, daß Ihr mein Vorhaben billigen würdet, wenn ich Euch den Grund mit- theilen könnte." „Gut, mein Kind, geh' in Gottes Namen," sprach der ehrliche Mann mit vor Rührung erstickter Stimme,„aber ich darf doch wohl mit Dir reisen?" „Auch das nicht; Ihr könntet mir nicht helfen; das würde überdies auch Aufsehen machen; kein Mensch, auch Tonda nicht, darf wissen, wo ich bin; wenn er oder ein anderer es erfährt, ist mein ganzer Plan vereitelt.— Ich miearbeiter. Im Ganzen verthcilen sich die 31 375 Mann mit 20 906 Mann auf Neuformationen, der Rest auf Etatsverstär- kungen vorhandener Formationen. Amtsgerichtsrath Francke, der„Versetzte", ist in der Berufungsinstanz als zu strenger Polizeirichter befunden worden. Francke, welcher den bekannten Brief an den Führer der Sozialisten unter falschem Namen schrieb, hatte als Polizei- richter in Rayeburg drei Klempner mit Geldstrafe belegt, weil fie am Sonntag Stimmzettel vertheilt und damit die Sonntagsruhe gestört(!) hätten. In der Berufungsinstanz er- kannte der Gerichtshof auf Freisprechung, weil das Herum- tragen der Zettel(welches übrigens auch seitens der konser- vativen Pattei stattgefunden hatte, hier aber natürlich nicht als „störend" empfunden worden war) eine Störung des Gottes- dienstes nicht darstelle. Die zweite Nase für den übereifrigen Herrn Francke. Herr Regner, der eigentliche Redatteur des sog. ertrem- ulttamontanen„Fränk. Volksblatt" in Würzburg, ein Steier- märker von Gebutt, ist aus Bayern ausgewiesen worden. Wir bedauern jede Ausweisungsmaßregel, schreibt die Pfälzer„Freie Presse", können aber nicht umhin, in Bezug auf Herrn Regner eine außerordentliche Zögerung der Regierung zu konstatiren im Vergleich zu der„Fixigkeit", mit welcher zum Beispiel als Sozialdemokraten verdächtigte Arbeiter nach dem Jen- seits der blau-weißen Pfähle befördert werden. Hätte die kath. Presse Bayerns mehr Rückficht aufs Prinzip als aufs Geschäft, so hätte fie Herrn Regner schon längst selbst ausgewiesen, denn ein österreichisches Preßreptil eignet fich doch schlecht zum Leiter eines Patteiblattes. Herr Regner gab nämlich in Würzburg auf Rechnung des Ministeriums Taaffe eine„Oesterreichische Korrespondenz" heraus, die deutschen Zeitungen gratis zugestellt wurde. Zollunion nrit Oesterreich. Eine Deputation österreichi- scher Müller überreichte dem Handelsminister in Wien eine Petition, in welcher um die Herstellung einer Zollunion mit Deutschland oder wenigstens um einen Zollvettrag auf der Basis gegenseitiger Zollfreiheit für Getreide und Mühlenprodukte gebeten wird. Der Handelsminister versprach, in der anstehenden Angelegenheit nach Kräften zu wirken.— Leicht wird es ihm bei dem Einfluß unserer agrarischen Schutzzöllner nicht werden.— Soeben hat wieder die in Zeitz abgehaltene Generalversammlung der Bauernvereine der thüringischen Staaten und der an- grenzenden Landcstheilc den Beschluß gefaßt, an den Reichs- kanzler eine Petition um Verdoppelung derGetreide- z ö l l e zu richten. „Pest russisch und Ofen preußisch!"„Bismarck's poli- tisches Testament",„Der geheime preußisch-msfische Vertrag' � „Höchst interessante Enthüllungen aus den hinterlaffenen Papieren eines Verstorbenen"— wäre jeder einzelne dieser Titel nicht genug, um einer politischen Broschüre heutzutage Käufer oder wenigstens Leser zu verschaffen? Nun Herr E. Faldre, der durch einen Zufall in den Besitz dieser inter- essanten Enthüllungen gelangt ist, hat sich mit den letzten drei dieser Titel begnügt, da er sich anschickte, den geheimen preu- ßisch-rusfischcn Vertrag, den jener Verstorbene als Ohrenzeuge erlauscht, kalten Blutes der Oeffentlichkeit zu übergeben, einen Vettrag, dessen Ungeheuerlichkeit wir nach dem„Pcster Lloyd" genugsam charakterisirt haben, indem wir andeuten, daß im Sinne desselben Pest russisch, Ofen aber preußisch werden soll. Nun ist der Leser gewiß aus Details neugierig; wir wollen ihm dieselben auch nicht vorenthalten. Artikel i> des erwähnten Vertrages lautet nämlich wörtlich wie folgt:„Die Grenze zon* schen dem großpreußischcn und p a n s l a v i st i s ck e n Kaiserreiche bleibt da unverändett, wo heute die Grenze zwischen Deutschland und Rußland hinläuft. In südlicher Richtung davon fallen Böhmen und Mähren an Preußen- Galizien und Siebenbürgen an Rußland. Für die Erledigung der ungarischen Frage gab die Erwägung den Ausschlag, da 8 die nicht zu unterschätzende Widerstandskraft der snertiaren Ungarn am nachhaltigsten dadurch werde lahmgelegt werden können, wenn man dieses Land(wie einst Polen) mitten hindurch theile. Rußland sollte östlich der genau be- stimmten Linie und Preußen westlich derselben völlig freie Han» für Tenitoiial-Erwerbungen auf dem europäischen Kontmcm garantirt sein. Das skandinavische Reich sowie Dänemark falllen als neutrale Staaten erhalten bleiben, letzteres sollte aber vn jütländische Halbinsel an Preußen abtreten müssen, dagegen die großen Inseln, welche Bismarck zuerst auch oerlangte, behalten dürfen. Als kleinere selbstständige Untemehmungen der beiden Großmächte auf dem europäischen Kontinent werden betrachte� Vergrößerung von Montenegro und von Griechenland, aber m Stellung unter russische Suzeränität. Annexion der N'* verlande und der Schweiz durch Preußen, we ches den südlich des Gotthard gelegenen Thcil der letztere' sowie Nizza und Savoyen an Italien abtritt gegen Heeresfoig. Jtajiens in den Kriegen Preußens.— Dieses Phantasiestuck> übrigens im Züricher Verlaasmagazin(I. Schabelitz) erschiene- Was nicht alles gedruckt wrrd. Tie von den ungarischen Auswanderern her drohett Choleragefahr ist nunmehr auf das geringste Maß�zun� denke, Vater, Ihr könntet noch heute nach Melnik gehe"- um meinen Paß ausstellen zu lassen." „Ich werde gehen, mein Kind." (Fortsetzung folgt.) Aus Knust und Leben. Allerlei Nasen. Es giebt allerlei Nasen auf der% wirkliche und figürliche, und zu den letzteren zählt jcdenM die Nase, welche instanzenweise von oben nach unten g�n wird und mit verblüffender Treffsicherheit denjenigen trifft, o fie zugedacht ist. Es giebt aber auch andere gemachte unv bei dennoch wirkliche Nasen, welche zu den schönsten Errurm � schatten der rhinoplastischen Overationslehre gehören. Dw JP roth'sche Klinik in Wien feiette kürzlich einen wabrhal Triumph mit einer solchen neuen Nase. Ein junges MM«, erschien auf der Klinik, welchem zur Schönheit oeS nichts anderes fehlte, als eine wohlorganisirte— Nase: in n einer angeborenen Krankheit fehlte nämlich dem Gesiwr svrung des Mädchens die knöcheme und knorpelige Scheidewand. Um diesen Defett wett zu machen, mußte+ f fessor Billroth aus der Stirnhant des Mädchen» em«.-n)> Nase konstruiren, deren Gelingen nicht wenig von bem lerischen Formensinn des Operateurs abhängt. DaS AM welches keine Nase mehr hatte, erhielt nun eine wohlg"» wa — es wird nicht gemeldet, ob sie römisch gebogen oder 0" � abgestumpft ist— aus Billroth's geschickten Händen, �stub, teressanten Operation wohnten der gesammte Affiimv sowie Operationszöglinge des Professors bei. Die W währte nur kurze Zeit. Als dieselbe zu Ende war, ließ u sah, Mädchen einen Spiegel reichen; als sie ihre neu« wurde sie roth vor freudigem Schreck und dontte unters dem Schöpfer ihrer wiedergewonnenen Schönheit für dezahlbare Geschenk.. ßef# Ein neues Bleichverfahren. Der 5fca?)?&st. empfiehlt ein neues Bleichverfahren mittelst Elekinz zu bleichenden Stoffe werden in eine Chlormagnefium � �itel- gebracht, worauf man einen kräftigen Strom durch d'eie � selN Es vollzieht fich alsdann der Binchprozeß sehr rasck jin' vollkommen, ohne daß die Gewebe angegriffen uno jjjzspii» gedungen durch Chlordämpfe belästigt werden- � kann unmer wieder von Neuem benutzt werden- gegangen, und zwar wesentlich durch Vorkehrungen von öfter« reich-ungarischer Seite. Sämmtlichcn Billetcrveditionen der Kaiser FerdinandS-Nordbahn und der Kaschau-Odeidcrger Bahn ist in letzter Zeit von ihren Direktionen eine Verfügung des österreichischen Ministeriums des Innern zugegangen, nach welcher, so lange die Cholera in Ungarn nicht als gänzlich er« loschen zu betrachten ist, an Personen, die im Verdachte der Auswanderung nach Amerika stehen, Fahrbillets nicht verkauft werden dürfen, mögen diese Personen unbemittelt oder bemittelt sein. Diese Maßregel und höhere Verordnungen der ungarischen Regierung haben die Auswanderung so eingeschränkt, daß in der letztvergangenen Woche täglich im Durchschnitt höchstens sechs solcher Personen über Oderberg nach Deutschland weiter gereist find. Diese wenigen Leute besaßen fast sämmtlich Ver- wandte in Amerika und hatten von diesen Schiffskarten für die Fahrt von Hamburg, Bremen oder Rotterdam nach den Ver« einigten Staaten zugesandt erhalten. Bei den Oderbcrger Aus- Wanderungsagenten wurden nur sehr wenige Schiffskartcn ge- löst. Wie die ungarische so ist auch die österreichische Regierung mit großer Strenge gegen die Agenten der Tampfschifffahrts- Gesellschaften und deren Unterhänoler vorgegangen. Die meisten Auswanderer fahren von Lderberg aus mit Billets nach Ra« tibor, Breslau oder Berlin weiter und leugnen mit Hartnäckig- keit die Absicht, nach Amerika zu reisen, unr der pekuniären Re- vifion in Ratibor zu entgehen. Das gelingt jedoch nicht allen, es kommen vielmehr öfters zurückgewiesene Paupers in Oder- berg wieder an. Der preußische Arzt Dr. Stein ist noch in Lderberg stationirt; irgend welche verdächtige Erkrankungen von Reisenden sind in der letzten Woche nicht vorgekommen. Tie Desinfektionen mit dem Karbolsäure-Sprengapparat werden im Bahnhofe Lderberg jetzt nicht mehr wie früher täglich aus- geführt, dagegen werden die zur Beförderung der Auswanderer dienenden österreichischen Eisendahnwagen täglich desinfizirt. Von neuen Cholerafällen im nördlichen Ungarn ist in letzter Zeit nichts bekannt geworden. Die Bevölkerung der Rcichslande nach der Volkszählung vom l. Dezember 1885. Damach hat das ganze Reichsland 1564 355 Einwohner und davon kommen auf Unterelsaß 612 077, auf Oberelsaß 462 549 und auf Lothringen 489729 Einwohner. An Städten über 20000 Einwohner sind nur vier vorhanden, nämlich Straßburg mit 111 979, Mülhausen mit 69 759, Metz mit 54 072 und Kolmar mit 26537 ortsanwesen» den Zivilpersonen. Die Zunahme beträgt für Straßburg 7516, für Mülhausen 6130, für Metz 941 und für Kolmar 431. Die weitaus größte Zunahme(9£ vCt.) zeigt also Mül- hausen, was entschieden seinen Grund in der besseren Ge« schäftslage der Baumwollenindustrie gegen 1880 haben dürfte, da die Fabriken zur Zell der letzten Zählung bedeutend mehr Arbeiter beschäftigten als 1880. Eigen« thünrlich ist das Vcrhältniß der männlichen Bcvölke» rung'zu der weiblichen. Während im Elsaß die letztere um 23 645, also reichlich 2j pCt., überwiegt, bleibt dieselbe merkwürdigerweise in Lothringen um 6851(zirka 1*5 pCt.) zurück. Dieser Umstand erklärt sich einmal daraus, daß die elsässische männliche Jugend mehr nach Frankreich auswandert als die lothringische— die Liste der zurückkehrenden Optanten beweisen dasselbe— und dann, daß die deutsche männliche Einwanderung in Lothringen bedeutend größer ist. Ein an« derer Umstand ist der, daß die Lothringerinnen, die im Ganzen nicht gem Landarbeiten verrichten, massenhaft nach französischen Städten auSwandem. Während z. B. in Straßburg der größte Theil des gesammten Dienstpersonals sich aus Baden und der Pfalz rckrutirt, soll es in Paris und Nancy von Metzerinnen förmlich wimmeln. In Metz allein sind 7318 männliche„Seelen" mehr gezählt als weidliche, wobei selbstverständlich die 22 000 Mann Soldaten nicht mit- gezählt sind. G-sterreich-Uttgar«. Im östeneichischen ReichSrath kündigte am Dienstag Schönerer einen Antrag gegen die Einwanderung der Juden an. Im böhmischen Landtage beantragte Plener, die Sprachenordnung von 1880 und den jüngsten Justiz- erlaß aufzuheben. KUßland. Wenn es nach dem einflußreichen„Berk. Tagebl." geht, bekommt Rußland eine Verfassung. Das Blatt schreibt nämlich: Der Zar fand kürzlich auf seinem Arbeitstische einen Brief, welcher, von einem N i h i l i st e n geschrieben, auf uner« Ilärlichc Weise dotthin gelegt wurde. Der Schreiber dieses Briefes sagt, daß sowohl Rußland als auch die sogenannten Nihilisten, die nur Freunde des russischen Volkes und nicht Nihilisten dem Worte nach seim, jetzt ihre Geduld verloren haben und nicht länger auf die Befreiung des Volkes aus den Fesseln der Knechtschaft warten wollen. Das Schreiben fordert den Zaren auf, Rußland zu geben, was schon sein Vater seinem Volke geben wollte. Der Zar ordnete darauf die Einberu« fung des StaatsratheS und die Vorlage eines den .Verhältnissen des Reiches angemessenen Verfassunas« Projektes an. Die Einbcrufungsordre schrieb er cigenhän» dig an den Rand des geheimnißvollcn Briefes. Dieser aber Die Beschaffenheit der Waldluft hat Prof. Ebcnnayer in München zum Gegenstand sehr eingehender Untersuchungen gemacht, welche zu folgenden interessanten Resultaten gefuhrt Halen: Was zunächst den Kohlcnsäurcgehalt der Waldluft be« trifft, so sollte man denken, daß derselbe relatw gcnng fem müsse, da die Laubgewächse bekanntlich Kohlensäure aus der Luft aufnehmen und dafür Sauerstoff ausgcbem Es hat sich aber gezeigt, daß weder bezüglich des Kohlensaure- noch des Sauerstoffgchalts der Luft innerhalb und außerhalb des Waldes wesentliche Unterschiede wahmehmbar find, und zwar erklart sich diese auf den ersten Blick überraschende Erscheinung dadurch, daß die Ausgleichung und Vermischung der Bestandthcile der Waldluft mit der freien Atmosphäre in Folge der Luftbewegung außerordentlich schnell vor sich geht. Wenn nun auch— so ungefähr äußert sich Professor Ebermayer— von emen, irgend wie ins Gewicht fallenden gerinaerm Kohlensäuregchalte oder größeren Sauerstoffreichthum der Waldluft keine Rede sein kann, w besitzt die Land- und besonders die Waldluft doch im Ver- gleiche zur Stadtluft so wesentliche Vorzüge, als welche vor allen, ihre Armuth an Staub- und Kohletheilchen, ferner an Mikroorganismen und übelriechenden Zersetzungs« und Fäulniß- gasen zu erwähnen sind, daß derselben nach w,e vor eine hohe hygienische Bedeutung zugesprochen werden muß. Vcrgegen- wärtigt man sich, daß die Waldluft in der wärmeren Jahreszeit erheblich kühler, feuchter, und ozonreicher ist, als die freie Atmosphäre, ferner daß der Wald Schutz bi�et gegen starke und rauhe Winde, daß der würzige Dust der Blatter, Bluthen und des terpentinreichen Harzes der Nadelbaume überaus ange« nehm empfundm wird, endlich, daß em Ausenthalt im Walde die verschiedensten ästhetischen Genüsse darbietet und m Folge dessen auf das Geniüth und das geschädigte Nervensystem des modemen Kultunnenschen dm günstigen Einfluß äußert, s°„ hat man alle Ursache, den santtarm Werth des Waldes möglichst hoch zu schätzen und seine Luft ,n tiefen Athemzugen su genießen._, 0.. Die Flora der norddeutschen Moore, jmn Znt, als mächtige Eismassm ganz Europa bedeckten, und die klmiati« schen Verschiedenheiten zwischen Nord und Süd, znnschm hoch und tief so gut wie verwischt waren, konnte an den wenigen Stellen, die der kurze Sommer von Eis und Echnec befreite, nur eine deschränste Anzahl von Pflanzen zur Entwicklung kommen, welche sich mit einem Mindcstbctrag von Wänue zu begnügen im Stande warm. Als später die Gletscher schmolzen, kand eine Pflanzm-Einwanderung von Osten her statt, während vle Eiszcitflora verschwand und den schmelzenden Gletschem war plötzlich, ehe er noch seiner Bestimmung zugeführt wurde, auf unerklärliche Art und Weise wieder vom Pulte des Zaren verschwunden. Gleichwohl ist der Staatsrath einberufen und Pobedonoszew soll demselben das Projest einer Rußland zu verleihenden Verfassung vorgelegt haben, deren wichtigster Pa- ragraph bestimmt, daß jedes Jahr in Moskau ein Reichstag zusammentreten soll.— Man dürfte dem„Verl. Tgbl." wieder einmal eine Brillanttaube aufgebunden haben. Kelgiett. Nach zuverlässigen Berechnungen nimmt Belgien die dritte Stelle sowohl unter den Branntwein als den B i e r ver- zehrenden Ländern ein, ein doppelter Vorzug, den kein anderes Land beanspruchen kann. Der Branntweinverzehr beträgt z. B. in Belgien 6jLiter reinen Alkohols auf den Kopf und das Jahr, im Deutschen Reich nur 4i Liter; im Bierttinken ist nur der Durchschnittsbayer mit 210, der Württemberger mit 187 Liter dem Durchschnittsdelgicr voran, der 166 Ltter Bier braucht, während jene aber kaum 2 Liter Alkohol als Branntwein ver- zehren. In Belgien giebt es 144 000 Schankstellen, eine Zahl, welche im Verhältniß zur Bevölkerung in keinem anderen Lande erreicht wird. Frankreich. Am 12. Nachmittags fand in Paris im Saale Rivoli eine Versammlung beschäftigungsloser Arbeiter statt, zu welcher ungefähr 500 Personen� erschienen waren. Die Redner ergingen sich in heftigen Angriffen auf die Regierung, das Ministerium, ja sogar auf den„Cri du Peuple", dessen Mäßigung verdächtig geworden sei. Großbritannien. In der Phönirhalle zu Clerlenwell(London) wurde am Sonnabend ein Meeting von Sekretären und Delegirten der Londoner Zweigvereine der sozialdemokratischen Föderation abgehalten und zwar im Zusammenhange mit der von dieser Körverschaft seit einiger Zeit in Fluß gebrachten Agitation zu Gunsten der beschäftigungslosen Ar« b e i t e r. Die von achtzehn Zweigvereinen erstatteten Berichte schildern in der That traurige Zustände, und die eingehensten, in den Arbeiterdistrikten angestellten Rccheichen ergaben, daß resp. 34, 38, 40, 42, ja 60 pCt. der erwachsenen männlichen Arbeiterbevölkerung ohne Be- schäftigung sind. Die von dem Meeting schließlich an- genommene Resolution stellte an die Regierung das neuerdings ost wiederholte Verlangen, unverzüglich nützliche Arbeit zu ge- rechten Lohnsätzen zu beschaffen. Das am 14. d. vom Dubliner Gerichtshofe im Prozeß Dillon gefällte Urtheil erklärt den Plan der Pächter, eine Organisation zu bilden zum Zwecke, die Zahlung des Pacht« Zinses ganz von ihrem Belieben abhängig zu machen, für un- gesetzlich und die Reden Dillon's als geeignet, eine Verletzung der Verträge und öffentliche Unordnung herbeizuführen. Dillon wird aufgegeben, für sich selbst eine Kaution von 1000 Pfd. Sterl.(20000 Mark) zu leisten und innerhalb 12 Tagen zwei andere Bürgen zu stellen, welche ein Jeder 1000 Pfd. Sterl. als Garantie für Dillon's künftiges gutes Verhalten zu leisten hätten. Würden diese Garantien nicht gegeben, so verfiele Dillon in eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Der andere von der Regierung in Anklagezustand versetzte irische Abgeordnete O' Ä r i e n sucht mittlerweile seiner„Pflicht" der Renteneinsammlung dadurch eine gewisse Abwechselung zu verleihen, daß er den Pächtern es ans Herz legt, unter Uno- ständen vom passiven zum thätigcn Widerstand überzugehen. Dem gegenwärtigen Schatzkanzler ist er für ein passendes Schlag- wort für diesen Rath zu Dank verpflichtet. Wie Lord Randolph Churchill gesagt hat:„Ulster wird kämpfen und Ulster wird im Recht sein", so räth O'Brien den Männern von Connaught, mit dem Schwert ihre Rechte zu verthcidigen. Thatsächlich wird das in Irland geltende englische Recht vom Volke gar nicht geachtet und geradezu verlacht. Zur Besserung dieses Zustandcs wird schließlich doch nichts anderes übrig bleiben, als Gladstone's Rath zu befolgen, daß Irland durch Jrländer nach irischen Ideen regiert werde. Kalka» länder. Der vielgenannte türkische Kommissar GadbanVascha tritt in Sofia immer kecker auf und versucht es seit Neuestem, den Regenten gegenüber die Rolle eines Turban-Kaulbars zu spielen. Gadban hat sich wiederholt bemüht, den Regenten mittels dringender Vorstellungen, Drohungen und zuletzt sogar wüster Schimpfereien den Mingrelier als Kanoida« tcn aufzudrängen. Selbstverständlich sind Etambuloff und seine Freunde auf diesen Vorschlag nicht eingegangen, sondern wiesen dem unangenehmen Patton kurzweg die Thür. Der bulgarische Minister des Aeußern brach in der That jeden Verkehr mit dem Pascha ab, der allem Anscheine nach russi- s ch e s Gold erhalten hat. Gadban gedenkt nun abzu- reisen, und die Bulgaren werden ihm ein Gott besohlen! nach« rufen. Afrika. Wie es heißt, beabsichtigt die englische Regierung, die ständige egyptische Armee auf 10 000 Mann und die einerseits nach dem hohen Norden, andererseits nach den Gipfeln der Alpen hin folgte, wo die Bedingungen, unter denen diese f stanzen bisher gelebt hatten, einigermaßen dieselben blieben. wischenein aber findet man— so führt Dr. R- Hilbert in der „Naturwissenschaftlichen Rundschau" aus— noch heute Kolonien von Ur- oder Eiszeitpflanzen, welche sich an solchen Orten er« halten yaben, an welchen ein kalter und feuchter Boden im Winter von großen Echneemassen, im Frühling von eisigem Wasser bedecktIist. Diese Orte find die norddeutschen Moore. Hier findet man die interessantesten Kinder unserer ältesten Flora, die sich eben dadurch als solche zu erkennen aebm, daß sie noch außerdem im hohen Norden unv auf den Gipfeln der Alpen heimisch find. Durch eine Verglcichuna dieser Moorflora mit den Floren arktischer Länder und des Alpengediets zeigt Dr. Hilbert, daß 85 pCt. unserer Moorflora der Eiszett ent- stammen, denn von den 125 norddeuffchen Moorpflanzen kommen nicht weniger als 106 auch noch in Lappland, Island, auf der Nordküste Sibiriens und auf den Alpen vor. In einer Philippika, die vor 200 Jahren ein Dr. Menge« ring gegen die Bierbrarer und Schankwirthe gehalten, sagt er: „Die Bierbrauer und Schankwitthe lassen Kofent oder frisch Brunnenwasser in die Fässer mit einspringen und wenn es in die Keller kommet, wird noch einmal geplautzschert und das Bier verderbet, daß es in denen Körpern fitzen bleibet. Und wenn das Bier sommerenzend und sauer wird, wissen sie n.it Kreide und anderen Dingen demselben einen lieblichen Ge« schmack zu geben. Sie nehmen Trebreich mit unter das Malz oder hängen Kukuks-Körner ins Faß, daß die Köpfe desto eher wüste und dumm werden. Schlechte Biere und Gauche heben sie auf, bis Feiertage oder Gelage sind, wo das Volk zuläuft: da wird Alles getrunken."— Ist's heute besser ge- Spät entdeckt. Mülheim a. d. Ruhr. Ueber die merk« würdige Entdeckung eines Mörders berichtet man der„Rh.-W. Ztg." von hier unter dem 7. d. M.: Gestern ist ein Mann dem hiesigen Amtsgerichte zugeführt worden, welcher identisch mit dem zu sein scheint, der Ostern 1879 bei der Monning (Duisburg) in später Abendstunde einen Arbeiter iin Verlauf einer Schlägerei erstochen hat. In jener Schreckensszene, die um 7 Uhr, nach anderer Version um 11 Uhr Abends sich ab« gespielt haben soll, ging ein junges Mädchen von hier nach Duisburg des Weges gerade an der Stelle vorbei, wo der Mann sein Opfer hingesttcckt hatte, der dann der Dienstmaad entgegengelaufm kam, mit einem Taschcntuche seine Hände reibend. Das Mädchen war von Duisburg nach Kalk gekom- dortige englische Okkupationsarmee auf 5000 Mann herabzusetzen. Australien. Die Engländer scheinen sich durchaus nicht beeilen zu wollen, die neuerworbenen Besitzungen in Neu» Guinea auszunutzen. Wie bereits erwähnt wurde, hat das Kolonial- amt— welches bekanntlich von„patriotischen" und„kraftvollen" Konservativen gelenkt wird— am 3. Dezember an die australischen Kolonien ein Telegramm gerichtet, m welchem ausgeführt wird, daß die Herstellung der Souveränetät über das britische Neu-Guinea„schwere Ausgaben mit Ausficht auf kleine Ein- nahmen dedingt und nicht nöthig ist zur Vettheidigung Äustta, liens gegen fremde Angriffe". Dieser Zweck sei genügend durch das Protektorat gesichert. Besonders der Finanzpunkt schreckt die Engländer ab. Die Kolonien wollen nämlich nur für die ersten fünf Jahre einen kleinen Beittag zahlen, worauf Eng- land alle Lasten allein zu tragen haben würde. Das Kolonial- amt meint nun, das Umgekehrte wäre das Richtige. Da man außerhalb Englands häufig auf den praktischen Sinn der Engländer in Betreff der Behandlung von Kolonien hinzu- weisen pflegt, so werden die Ausführungen des englischen Kolonialamtes vielleicht auch anderswo nicht unberücksichtigt bleiben. Amerika. Auch die Central Labor Union(die Zentral- Arbeiter-Ver- einigung) von N e w- N o r k hat einen Aufruf zu Gunsten eines neuen Prozesses— nicht für Begnadigung— der Chikagoer Verurtheilten erlassen. Sie be- gründet ihr Begehren mit folgender Motivirung:„Nicht als Anarchisten oder Sozialisten erlassen wir diese Petition, son- dem im Namen aller ehrlicher Männer, im Namen Aller, die Gerechtigkeit hochschätzen, versuchen wir den dunklen Punkt in der Geschichte, der dadurch entstand, daß diese Männer ihres öffentlichen Meinungsausdrucks wegen verurtheilt wurden, zu entfemen. Wir appelliren an Sie, weil die Umstände der Ver- urtheilung folgende Behauptungen rechtfertigen: 1. Daß ein gerechter und unparteiischer Prozeß unter den Umständen un- möglich war. 2. Daß bei dem Prozeß dieser Leute kein Beweis dafür erbracht wurde, daß irgend einer derselben sich des Werfens der Bombe schuldig gemacht oder daß einer derselben direkt oder indirekt mit dem Werfen der Bombe in Verbindung stand. 3. Daß die Verurtheilung der Leute nicht in Ueberein- stimmung mit einer gerechten und unparteiischen Ausführung der Gesetze war, sondern in Uebereinstimmung mit dem Ver- langen einer unfinnigen und von Vorurtheilen geleiteten öffentlichen Meinung, hervorgerufen durch die kapitalistische Presse." Die Petition ist bereits in Umlauf gesetzt.- Die Küfer« Assembly in Chika go verschickt ebenfalls ähnliche Petitionen an alle Assemblies der Arbeitsritter im Lande. Die Central Labor Union von C i n c i n n a t i hat in ihrer letzten Sitzung Protestbeschlüsse gegen das Urtheil gefaßt. Die Legislatur von Minnesota, welche im Januar zusammenttitt, hat einen ausgesprochenen S o z i a l i st en zum Mitgliede. Es ist dies Mr. Lucas in Minneapolrs, ein Zimmerer. Es werden bald mehr dort ihre Sitze nehmen. Gerichts-Zeitung. ... beständiger Furcht und Angst schwebten unlängst dre Bewohner zahlreicher Dörfer des Kreises Ost-Havelland. Während des vergangenen Sommers schon hatten vereinzelte, in jenen Dörfern auf unerklärliche Art entstandene Brände die Befürchtung wachgerufen, daß eine unheimliche Mordbrenner- bände ihr Unwesen tteibe, welche anscheinend auf das dürftige Bcsttzthum des ärmeren, noch unter Strohdächern wohnenden TheilS der Bevölkerung ihr Augenmerk gerichtet hatte; all- mälig beruhigten sich jedoch die aufgeregten Gemüther, bis Ende September abermals ein neues Ereigniß Schrecken verbreitete und Jedermann sich der Befürchtung hingab, daß ihm über Nacht das Haus über den Kopf in Brand gesetzt werden würde. Auf dem Gehöft des Äauerngutsbesivers Schulz in Hoppenrade fand an einem Septembertage ein Knabe Namens Nikolai einen Drohbrief: der Inhalt desselben enthielt, ge- schrieben von ungeübter Hand, die fürchterliche Drohung, daß demnächst verschiedene Häuser in den Dörfem Äuchow-Carpzom, Glienicke, Hoppenrade, Mackau, Mackee, Marquard, Wernitz und Wustermark in Brand gesetzt werden sollen; das mit Strohdächern zum Theile versehene Schulz'sche GeHöst in L>oppenrade war als dasjenige bezeichnet, bei welchem der Ansang gemacht werden soll,„denn— so heißt es unverblümt wörtlich— zunächst soll es in den Stroh« dächern brennen!" und der Schluß des Schriftstücks lautete: „Bitte Herrn Schulz, zu lesen und diesen Brief aufzuheben; kriegen thut uns doch Keiner!" Als der Fund des Knaben bekannt geworden war, mehrte sich, mit Rücksicht auf die früher stattgehabten Brände, die Aufregung der Insassen jener Dörfer und unausgesetzt bestürmten die um ihr Hab und Gut be« sorgten Leute den in Wustermark stationitten Gendarm Kosanke mit Fragen in Bezug auf die Entdeckung der Brandstifter dczw. Drohbricfschrciber. Diese letzteren wurden denn auch bald er- mittest und zwar in den Personen des Kleinknechts Wilhelm men, und mit ihr die einzige Zeugin jener Schrcckensthat ver- schwunden. Es wurden seiner Zeit wegen dieser Mordthat einige Personen in Haft genommen, die aber wegen Mangel an Beweisen wieder aus der Haft haben entlassen werden müssen, und nachher fing über die Geschichte an Gras zu wachsen. Vor einigen Tagen, nach acht Jahren also, fügte es der Zufall, daß das Mädchen hier einen Dienst bekam. Sie ging neulich über die Straße, und ihr entgegen kam jener Mann, dessen Physiognomie das Mädchen seither nicht hat aus dem Gedächtnisse verlieren können. Sie erkannte ihn und sprach ihn an; es entwickelte sich ein näheres Gespräch, in dessen Verlaufe der Mann das Mädchen zu überreden suchte, mit ihm nach Belgien zu reisen. Als die Magd daraus nicht einging, verleumdete er sie bei ihrer Herrschaft, und aus Rache über diese Verleumdung denunzirte sie ihn bei der Polizei- bchörde. Ein frecher Betrüger. Die„Saarbr. Ztg." schreibt: Kürzlich betrat ein Fremder eine Seifensiederei und kautte sich für 50 und etliche Pfennige Seife, die er dann in 100 und noch mehr kleine und gleichmäßige Stücke zerkleinerte und jedes Stück verpackte er sorgfästig in Seidenpapier. Der Fremde gab dabei die Erklärung: Diese Seife ist, wie Sie sehen, die schlechteste Sorte, die rch aber in den Dörfern als Fleckseife das Stückchen zu 25 Pf. verkaufe und bis heute Abend habe ich wenigstens 20 M. dafür gelöst.„Die Welt," meinte dieser Gauner, der auch schon in Amerika Gesckäste dieser Art ge- macht zu haben behauptete,„will und muß beschwindelt sein." Auch in einem Nachbarhause des Seifensieders habe er. so sprach der Schwindler weiter, der Hausfrau einige Stückchen verkauft. Ein weidlicher Deserteur. Am 18. Februar 1865 wurde im Dorfe Pulvslarie(Correze) ein Mädchen Namens Franziska Negrevergne geboren, aber aus Jrrthum auf dem Standesamt unter dem Namen Franz eingeschrieben und als Knabe be- zeichnet. Infolge dieses Umstandes wurde Franziska auf die diesjährige Reknitenliste gesetzt und sie war eben im Begriff, nach Algier abzureisen, wohin sie sich als Dienstmädchen ver- düngen hatte, als thi der Gendarm ihren Gestellungsbefehl überreichte. Sie wandte sich an den Bürgermeister, damit der Jrrthum berichtigt werde, allein derselbe gab die merkwürdige Antwort,„es sei zu spät und die Sache sei jetzt nicht mehr zu ?.nderm" Inzwischen hat sich Franziska nicht gestellt, sondern m nach Algler abgereist und will abwarten, ob man sie wegen Fahnenflucht unter Anklage stellen wird. Ayborq und des Kuhfütterers Vielicke. Die beiden kaum 18jähriften Burschen, welche im Dorfe Hoppenrade dienten hatten sich in der Oede des eintönigen Landlebens offenbar mi: jenem Drohbrief nur einen Ulk machen wollen, denn die Nach« forschungen der Behörden ergaben keinen festen Anhaltspunkt dafür, daß ihnen die vorher stattgehabten Brände im m eilen weiten Umkreise der Ortschaften zur Last zu legen seien. Durch die Androhung eines gemeingefährlichen Verbrechens(der Brandstiftung) hatten die beiden Schlingel sich jedoch der Störung des öffentlichen Friedens schuldig gemacht, eines Verbrechens, welches nach§ 127 R.»St.'G.-B. mit Gefängniß bis zu einem Jahre bestraft werden kann.— Dies erhalb hatten fich Kyborg und Bielicke am Dienstag vor der Strafkammer deS Landgerichts Ii zu verantworten. Kyborg gab die Thatsache zu, daß er den geständigermaßen von Bielicke geschriebenen Drohbrief in Gemeinschaft mit seinem Mitangeklagten Genossen verfaßt habe; dagegen aber erhob er den Einwand, daß das Schriftstück ihm bei einem gelegentlichen Besuch auf dem Schulz- schen Gehöft daselbst aus der Tasche gefallen sei. Diese Ausrede erachtete der Gerichtshof als nicht stichhaltig, denn, so lautete der richterliche Ausspruch, es wäre doch ein merkwürdiges Zu sammentreffen, daß Kyborg den Drohbrief gerade auf dem Ge Höft des in demselben erwähnten Schulz verloren hätte. Der Staatsanwalt hatte nur 1 Woche bezw. 1 Tag Gefängniß beantragt, dahingegen erachtete der Gerichtshof eine strengere Strafe am Platze und demgemäß wurde Kyborg zu 14 Tagen Gefängniß und Bielicke wegen Beihilfe zu 1 Woche Gefängniß verurtheilt. Ein Untcrbeamter der Reichspost, der frühere Hilfs- postbote Schirschin, stand am Dienstag vor der Strafkammer des Landsgerichts Ii unter der Anklage, ihm amtlich anvertraute Briefe und eine Postkarte unterdrückt bezw. nicht den Em- pfängern behändigt zu haben; ferner hatte fich Schirschin wegen begangener Unterschlagungen zu verantworten. Schirschin war vordem bei der Postanstalt zu Friedrichsfelde angestellt; er hatte eines Tages die Bestellung der obenbezeichneten Briefschaften versäumt und dies kam zur Kenntniß des Vorstehers des qu. Postamtes. Demnächst waren die qu. Briefschaften Tags darauf bei einer von dem Postinspettor Schönhals in der Wohnung des Schirschin vorgenommenen Haussuchung vorgefunden und nachträglich befördert worden. Nach dieser Richtung hin nahm die Sache im Audienztermin einen für den Angeklagten gün- stigen Verlauf; denn auf Grund der stattgehabten Beweis- aufnähme erachtete der Gerichtshof den Angeklagten der Unter- drückung amtlich anvertrauter Briefschaften für mchtschuldig und diesbezüglich ward auf Freisprechung erkannt. Der Angeklagte hatte jedoch, allerdings in nicht amtlicher Eigenschaft, von ver- schiedenen ehemaligen Bekannten seines VaterS, eines früheren Gerichtsvollziehers, Geldbeträge in Empfang ae- nommen mit dem Auftrage, dieselben mit der Post an be- stimmte Empfänger zu übermitteln; diese Aufträge hatte der Angeklagte nicht vollzogen, vielmehr die Geldbeträge bei seinen Bcstellgängen unterwegs verkneipt. Der Gerichtshof bewilligte jedoch dem bisher unbescholtenen Angeklagten mildernde Um- stände zu; das Urtheil lautete demgemäß auf nur 3 Monate Gefängniß. Der Staatsanwalt hatte 5 Monate Gefängniß beantragt. Reichsgerichts- Entscheidung.(Nachdruck verboten.) Leipzig, 14. Dezember. Die jugendliche Raubmörderin Marie Schneider in Berlin, welche vom dortigen Landgericht l am 1. Oktoher zu 8 Jahren Gefängniß verurtheilt worden ist, hatte fich bei dem Erkenntniß beruhigt, dagegen hatte ihr Vormund, der Weber Schneider, die Revifion verfolgt, welche heute vor dem II. Strafsenat des Reichsgerichts zur Verhandlung kam. Wie dm Lesern noch bekannt sein wird, hatte die erst wenig über 12 Jahre alte Angeklagte am 7. Juli d. I. einem Zjjährigen Äädchm die goldenen Ohrringe unter Drohungen fortgenommen und dann das Kind, damit es den Raub nicht verrathe, aus dem Flurfmster des zweiten Obergeschosses ge- worfm, sodaß es auf der Stelle verstarb. In der Haupt- Verhandlung gab die Schneider zu, daß fie nach vorheriger Ueberlegung und mit Vorsatz das Kind getödtet habe und fie gab im übrigen auf alle an fie gerichteten Fragen so präzise und scharfsinnige Antworten, daß der Gerichtshof die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit bejahte und daher die Ver- urtheilung eintreten ließ. Tie Gutachten der medizinischen Sachverständigen, welche diese Frage verneinten, hattm die Richter nicht zu überzeugm vermocht. Unter anderem hatte der Gefängnißarzt Dr. Lewin fich dahin ausgesprochen, die Ange- klagte besitze keine Einsicht für moralische Dinge; fie habe zwar Logik und Kombinationsgabe, aber fie sei eine moralische Idiotin und könne nicht unterscheiden, was gut und döse ist. Das Gericht war jedoch der Meinung, daß dieser psychische Mangel für die Frage der Zurechnungsfähigkeit nicht in Äe- ttacht komme, denn das Benehmen der Angeklagten biete gar keinen Anhalt dafür, daß fie sich etwa über die kriminelle Strafbarkeit ihres Thuns nicht klar gewesen sei. Eigenthümlich, so heißt es im Uttheile weiter, war allerdings die reuelose Kälte, mit der die Angeklagte den ganzen Vorfall vortrug. Ein solcher Mangel jeglicher Gewissms- regung und Reue wird zwar in der Theorie als Symptom des moralischen Irreseins(«oral insavity) angeschen, dennoch muß das Vorhandensein des letzteren hier bejaht werden, weil ein Mangel des Intellekts bei der Angeklagten nicht vorhanden ist. Die Revifionsschrift nun, vom Vertheidiger Dr. Friedmann verfaßt, rügte irrige Auffassung der Bestimmungen über die Zurechnungsfähigkeit. Die Ausbildung des sittlichen Bewußt- seins bei der Angeklagtm sei gar nicht in Bettacht gezogen, obwohl dasselbe doch emm Theil der Zurechnungsfähigkeit bilde. Die Erklärung, die das Urtheil füp die Reuelofigkeit der An- geklagten gebe, sei nicht stichhaltig. Ein sittliches Bewußtsein sei nicht dann schon vorhanden, wmn Jemand die Begriffe gut und böse auseinander zu halten versteht, sondern erst dann, wenn diese Fähigkeit zu dem das Wollen bestimmenden Triebe fich in Beziehung gesetzt hat, sodaß sie im Stande ist, auf die Entschließung der betreffenden Person Einfluß zu üben. Tie bloße Kenntniß der fittlichm Grundsätze mache nicht daS fitt- lichc Bewußtsein aus. Der Reichsanwalt erachtete die Revifion nicht für begründet, indem er zunächst der Meinung war, daß der Gerichtshof,'indem er abweichend von den Sachverstän« digen das Nichtvorhandensein einer kraukhaften Störung der Geistesthätigkeit annahm, fich keines Rechtsirtthums schuldig gemacht habe. Was aber die Erkenntniß der kriminellen Sttaf- darkeit betreffe, so habe damit das sittliche Pflichtbewußtsein gar nichts zu thun. Das Reichsgericht schloß fich den Ausführungen des Reichsanwaltes an und verwarf die Revifion. In den Gründen wurde gesagt, daß es nach dem jetzigen Stande der Gesetzgebung für die Frage der Zurechnungsfähigkeit auf die moralische Bildung nicht ankomme. Koziales«nd Arbeiterbewegung. Harmonie zwischen Kapital und Arbeit. Nach dem Bericht des Arbeitsstatistikers von N e w- N o r k gah es in diesem Staate in dem am 30. Ottoder abschließenden Jahr nicht wem- ger als 1800 Streiks gegen 300 im Vorjahr. Tie„Har- monie zwischen Kapital und Arbeit" kann nicht besser illustritt werdm, als durch diese Zahlen. Elend und Arbeitslosigkeit unter den Arbeiterinnen New-Uorks. In einer der fashionabelsten Kirchen New-Norks, der Fifth Avenue Ehurch, sagte der Prediger Eaton kürzlich unter Anderem:„Es giebt in dieser Stadt 125000 alleinstehende Arbeiterinnen, die ganz und gar auf ihrer Hände Arbeit angewiesen sind. Davon find 32 500 beschäftigungslos, 30000 darben und 20000 gehen jedes Jahr zu Grunde, weil sie darben. Sie müssen jeden Lohn annehmen, der ihnen geboten wird. Es giebt geübte Näherinnen, die Westen für 2& Cts.(1 Cent etwa— 4 Pf.) das Stück machen. Von einer Frau weiß ick, daß fie bei 19 Stunden Arbeit nur 25 Cents täglich verdienen konnre. Aehnliche Mitthcilungen kommen aus anderen Städten. Frauen machen Beinkleider für 12�—25 Cents das Paar, Hem- den für 6|—12Jr Cents das Stück und verdienen von Ij bis Dollars per Woche." lieber den Börsentaumel in London schreibt die Wiener „N. Fr. Pr":„Goldminen und Diamantengruben, neue Unter- nehmungen„im Monde", die abenteuerlichsten Pläne und Pro- jekte finden wieder Liebhaber, sowie Abnehmer; Alles rennt, kaust und will so schnell wie nur möglich Geld, viel Geld ver- dienen. Der Schwindel der Umwandlung von Privatgeschäften in Attiengesellschasten trieb selten noch so zahlreiche Blüthen, wie im gegenwärtigen Augenblicke; Mexikaner, amerikanische Eisenbahnaktien der unmöglichsten Gattung schnellen in die Höhe, als ob niemals noch eine Krifis in diesen Wctthen statt- gefunden hätte. Dock für alle diese Gefahren hat man hier kaum ein Wort der Warnung, dagegen werden Spalten mit der Vorhcrsagung des Staatsbankerottes in Rußland und mit dem Krach in Berlin gefüllt. Wie auf vielen anderen Gcbie- ten, so sieht auch auf diesem Felde die englische Presse den Splitter im fremden Auge weit rascher und deutlicher als den Balken im eigenen Auge. Die Spekulation in einigen ameri- kanischen Eisenbahnen ist kaum anders denn als der rein st e Schwindel zu nennen; so gingen die Aktien einer Gesell- schaft von weniger als 10 Tollars auf 27 Dollars in die Höhe, ohne deck die Lage der Bahn fich im mindesten gebessert hätte; ja die Einnahmen verringerten sich sogar im Laufe des jetzigen Jahres. Aehnlich verhält es fich mit mexikanischen Bonds, und Honduras oder Costa-Rica sollten doch nach den Ersah- rungen von 1875 kaum mehr zu den entwicklungsfähigen Werth- papieren zählen."— Ein recht charakteristisches Seitenstück zu diesem Freudentaumel der Börsenjobber bildet die unerträgliche Arbeitslosigkeit in den unteren Schichten(vergl.„Großbritan- nien). Sie tanzen auf einem Vulkan„möchte" man auch an- gesichts solcher Zustände ausrufen. Zum Fabrikinspettorat. Bisher war im Gebiete der Stavt Lübeck von der Anstellung eines besonderen Beamten zur Beaufsichtigung des Fabrikwesens abgesehen worden. Wie der Lübecker Senat jetzt dem Bundesrath mitgetbcilt hat, ist es in Folge der Ausdehnung der Fabritthätigkeit für nothwendig erachtet worden, mit dem 1. Januar k. I. zur Aufsicht über die Ausführung der im Gesetze vom 17. Juli 1878 gegebenen Bestimmungen einen besonderen Beamten(Fabrikinspektor) anzu- stellen. Als höchst erfreulich bezeichnet das„Dresdener Journal" die Thatsache, daß im sächsischen Erzgebirge seit Jahren in der dostigen Hauptindustriebranche, der Strumpsweberei und Etrumpfmaschinenfabrikation, nickt eine so lebhafte Thätigkcit geherrscht hat, wie in der letzten Zeit. So hat z. B. die große Woller'sche Strumpffabnk in Stollberg, welche an 1200 Arbeiter beschäftigt, ihre Ar b eits z e it um 1 Stunde bis Abends 8 Uhr verlängert, während fie noch vor kurzem zeitweilig nur bis 7 Uhr des Abends arbeiten ließ. Nicht minder lebhaft wird in den beiden größten Strumpfstuhlmaschinenfabriken von Stahlknecht und Tränkner gearbeitet, welche ebenfalls ihre Arbeiter länger, als sonst beschäftigen.— Das ist also höchst erfreulich. Wir finden dies durckaus nickt. Eben hebt fich ein Industriezweig etwas, sofort regt fich die erhöhte Spekulation bei den Fabrikanten, welche in der verlängesten Arbeitszeit zum Ausdruck gelangt. Tiefe Verlängerung der Arbeitszeit fühst bald schon zur Uebcrproduktion, welche Lohnvermindcrung und Arbeiterentlassungen zur Folge hat. Klagen wegen mangelnden Exportes liest man jetzt wieder vielfach in den den wirthschaftlichen Interessen gewid- meten Theilen der herrschenden Bourgeoisvresse. Besonders ungünstig lauten die Nachrichten aus Brasilien, wohin der deutsche Expost fich ungemein langsam vermehrt, da die eng- tische Konkurrenz dost den Markt deherrsche. Das Gesammt- quantum des englischen Exposts nach Brasilien sei derart groß, daß dagegen der deutsche Expost gar nicht in Betracht komme- Und wie oft hat man die Kolonialschwärmer hören können, daß die deutschen Handelsverhältnisse in Brasilien so große seien, daß fich dosthin deutsche Auswanderung sehr empfehle- Nun entpuppt sick das auch als Humdug, den sich einige deutsche, Großhändler mit den Arbeitern erlaubt haben,»in erst Konsumenten für deutsche Waaren in Brasilien fich zu schaffen. I Es ist nur gut, daß die meisten Arbeiter in Deutschland zu klug find, um auf solchen kapitalistischen Leim zu gehen. Theater. Donnerstag, den 16. Dezember. OpertthauS. Donna Diana. Schauspielhaus. Graf Waldemar. Deutsches Theater. Der schwarze Schleier. Kroll's Theater. Der Mikado. Krtedrich-Wilhelmstädttsches Theater. Der Vizeadmiral. «alluer-Theater. Die Sternschnuppe. Viktoria-Theater. Viviana. Osteud-Theater. Das neue Gebot. «efideuz-Theater. Georgette. Zrntral-Theater. Der Waldteufel. Bellealliauce-Theater. Die Kindsfrau. Walhalla-Thearer. Der Vagabund. Köuigstädttsches Theater. So find fie Alle. Toueordia- Theater. Spezialitäten- Vor- Kansmauu't Varietee. Spezialttäten- Vor- ttOF' Soeben erschien I Heft3 (fec Internationalen Bibliothek. stellung. Reichshalle«- stellung. Theater. Spezialitäten- Vor- Stadt-Theater. Wallner�eaterstt. 15. Gtbietnillvim St. Trapez. Schauspiel in 5 Atten nach Anicet und Dennery von P. L. Regie: Herr E. Czaschke. Dirigent: Herr Kapellmeister Theodor Franke. Vor der Vorstellung: HM' Großes Concert.'MH auSgefühst von der Hauskapelle unter Leitung des Kapellmeisters Hrn. Theodor Franke. Anfang des Concests: Wochentags 7 Uhr, Sonntags 6 Uhr. Anfang der Vorstellung: Wochentags 7'/, Uhr, Sonntags 7y, Uhr. DaS Theater ist mit elekttischer Beleuchtung »ersehen._ Passage 1 Tr. 9 M— 10 A. Kalaer-Panoram». In dieser Woche: Wanderung d. Süddeutschland, Heidelberg, Constanz, Wiesbaden ic. Eine bequeme Rheinreise. 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Morgenröcke aus kräftigem, rein wollenem Lama, glatt, gestreift und karirt, Taille und Aermrt mit Flanell warm gefüttert, hübsch mit echtem Sammet gar- nirt.ohne Pliffel5M., mit Pfiffe 18-20 M Elegante türkische Morgenröcke, Taille u. Aermel mit Flanell gefüttert 25 M., durchweg m. Flanell gefüttert 30-35 M. Sielmann& Rosenberg, Kerlin SW., Kommandantenstraste. Eck» Flndeustrastr. Leihhaus-Ausverkaul 2/«» Jügerstrasse AA • � 1. Abtheilnng.•** Jäir�rstrasse II. Abtheilnng. I 12000 Snb0-»»« Sliatrr=JWst»f' 1 8000 compl. Rock- u. Jaq.-Anzü� " streng modern ff. Stoffe v. 10-30 5000 Damen- und Mädchen-Mantel' 2000 ff. Schlafröcke von 8 Mark a"' 3000 hoch clea. Burschen- u. KnabewAnZ-' sollen� spottbillig ausverk. werden, tag auch Sonntags, von 8-8. Auf Polizell. conc. Die Direktion. » d-"«■* e"M"*•' IM SSÄ � ä'to" Beilage zum Berliner Bolksblatt. Nr. 294 Donnerstag, de» 16. Dezember 1886. 3. Jahrg. Aug der Äifiiätlommif(ion. Die Reichstagskommission zur Berathuna der Militär Vorlage trat gestern in der Fortsetzung der S v e z i a l d i s- kussion in die Beralhung der Position„I n f a n t e r i e" ein. Nachdem der bayerische Bundesbevollmächtigte General v. Tylander einige Aufklärungen über die bayerische Heeres- formation gegeben, nahm Abg. Richter das Wort. Derselbe zergliederte zunächst die Position in ihre einzelnen Theile und war der Ansicht, daß die einzustellenden Bataillone einen mehr oder weniger provisorischen Charakter trügen und sich dem ge- sammten Heeresgesüge nicht scharf anpaßten. Dies habe auch den Kriegsminister zu der Bemerkung veranlaßt, daß später eine Bermehrung dieser Bataillone und Zusammenfügung in Regi- mentsverbände, oder auch eine Reduzirung stattfinden würde. Redner berührte sodann das Verhältniß der Regiments- m u s i k zu den Mannschaften der einzelnen Bataillone, die an dieselbe abzugeben seien. Durch verschiedene Verordnungen seien die Regrmentsmustker auf eine Höhe von 44 Mann ge- bracht worden und wenn der Reichstag in die Lage käme, diese Frage etatsmäßig zu prüfen, so wurde Abhilfe zu schaffen sein. Es sei eine Uederproduktion an Musikern vorhanden durch die große Zahl der Leute, welche bei den Regimentsmufikern ausgebildet würden. In den großen Städten sei förmlich ein Mustkerproletariat vorhanden. Redner erwähnte die große Kon- kurrenz, welche die Militärkapellen den Zivilmufikern machen und erklärte sich schließlich für eine verfassungsmäßige zwei- j ä h r i g e D i e n st z e i t für die Infanterie. Wenn man sich aber auf diesen Standpunkt nicht stellen wolle, so sei man um so mehr verpflichtet, Verkürzungen der Dienstzeit innerhalb des Rahmens der dreijährigen Dienstzeit herbeizuführen. Schon im Jahre 1862 habe bei der Frage der Militärreorganisation Kriegsminister v. Roon erklärt, daß die Forderung der drei- jährigen Dienstzeit kein integrirender Theil der neuen Organi- sation sei. Die Kriegsgefahr aber sei jetzt keine größere als sie mehrfach in den letzten Jahrzehnten zu Tage getreten sei. Redner kam sodann auf die Einjährig-Freiwilligen, welche nicht in den Etat eingerechnet würden, so daß das System der Ein- stellung nach einem Prozent der Bevölkerung dadurch durch- löchert würde, weshalb man auch bei der Einstellung neuer Positionen nicht so peinlich auf diesem System zu beharren brauche. Redner schloß mit der nochmaligen For- derung der Verkürzung der Dienstzeit auf die eine oder die andere Art, damit wenigstens denjenigen Leuten, die vorzugsweise durch die jetzige Vorlage getroffen würden, ein gewisses Aequivalent geboten werde. Kriegsminister v. Bronsart erklärte, daß die Vorlage Haupt- sächlich durch die Vergleiche der einzelnen Truppentheile mit den Truppentheilen anderer Länder zu Stande gekommen sei. Er hält eine Abkürzung der Dienstzeit für unmöglich, weil da- durch gerade der Hauptzweck der Vorlage vereitelt würde. Der Reichstag könne seiner Meinung nach nicht an den einzelnen Positionen ein großes Interesse haben, ihn würde jedenfalls die Frage der Gesammterhöhung mehr interessiren. Und diese hatte er ein für allemal für absolut nothwendig. Der Herr Minister ging sodann auf einige Spezialfragen ein. Er be« tonte, daß eine Vermehrung der sächsischen Armee ganz be- sonders nothwendig sei. Den provisorischen Charakter der ge- forderten Bataillone erkannte er nochmals an, man habe die Regiincntsftäbe sparen wollen. Eine Rückbildung sei durchaus nicht ausgeschlossen, je nach Lage der Verhältnisse. Bei einer Mobilmachung aber seien die geforderten Bataillonsverbände ungemein zweckmäßig, um gerede die Regimenter zu verstärken, welche augenblicklichen Bedarf nöthig hätten. Durch die neuen Forderungen für die Infanterie würden die Landwehrorgani- sationen nicht berührt. Nach dieser Richtung hin würde keine Heeresvermehrung geplant, diese Organisationen sollen genau be- stehen bleiben, wie sie jetzt bestehen. In Bezug auf das Transport- Wesen im Falle einer Mobilmachung müsse er erklären, daß die Heeresverwaltung mit der Tnippenausrüstung immer noch etwas früher fertig sei, so daß eine Stockung des Truppenverkehrs aus Mangel an ausgerüsteten Truppen nicht vorkommen könne. Bezüglich der Regimentsmusiker müsse er dem Abg. Richter widersprechen. Jedes Regiment müsse sein Musikkorps haben, diese trügen besonders auch bei Manövern u. s. w. zur Erleich- terung des Dienstes der Mannschaften bei. Tie Spielleute Minister! auch meint er, daß durch zeitweilige Beurlaubungen und dadurch entstehende Veränderungen das Ziel, eine zwei- jährige Dienstzeit herbeizuführen, nicht erreicht werden könne. Durch solche Maßnahmen würde vre Qualität der Soldaten geschädigt. Das dritte Jahr sei zur Ausbildung der Soldaten unerläßlich. Die spätere Ausbildung der Rekruten aber würde ganz besonders die soldatische Ausbildung schädigen, also könne er sich auch dafür nicht erklären. Er wisse wohl, daß eine finanzielle Erleichterung dadurch ent- stehen würde, jedoch wäre der Schaden für das deutsche Heer so eminent groß, daß im Hinblick auf die Armeen der anderen Staaten die finanziellen Bedenken nicht ins Gewicht fallen dürften. Würden die Einjährig-Freiwilligen in die Etatsstarke Angerechnet, so würde sich die Berechnung vollständig verschieben, sodaß andererseits höhere Forderungen gestellt werden mußten. wenn wir hinter den Nachbarstaaten nicht um die Höhe der Freiwilligenstärke zurückstehen wollen. Wo bleibt denn das -'berühmte" eine Prozent der Bevölkerung? Im Verhaltmß ZU Frankreich sei dasselbe zu niedrig gegriffen; wenn er an demselben festhalte, so müsse er die Einjähng-Frerwilllgen davon �öschließett. _ Nach einer kurzen Erläuterung der Forderung für die säch- Mc Infanterie seitens des Major v. Schl'eben nahm Abg. Sickert das Wort. Er habe heute zum ersten Male vom «riegsminister genaue Auskunft über d,e Grundlage der e,n. »elnen Positionen erhatten. Deutschland ser aber auf die Dauer wcht im Stande, die finanziellen Lasten ,u tragen, welche die Bataillone gleichmäßig um einige Mann vermehre, K Kriet . B0l"-uiiw""v orvyuiv"'»»»— rr /»"• Batmllonsverstürkungen feststellen. Für die Kriegsstarke willige er gern, aber nicht für die Friedensstärke, wo es über- Lussig erscheine. Wo solle die fottwährende Erhöhung des Militärs hinaus, die das Land immer mehr belaste? Er könne m der That eine solche Forderung für die große Vermehrung der Infanterie nicht akzeptiren. Der Hinweis auf die Rekruten- ousbildung in Frankreich sei nicht glücklich, da unser Klima ach besser zur Ausbildung eigne als das französische und wir Deshalb mit einer zweimonatlichen Rekmtenausbildung weiter wmmen als die Franzosen mit einer dreimonatlichen. Er Vaube, daß auch mit der jetzigen Hceresstärke ein Krieg mu Frankreich glücklich zu Ende geführt werden könne.— Der Kriegsminister stützt sich auf den ziffernmäßigen Vergleich der verschiedenen Armeen Europas und meint, daß er bei seinen Zahlen genau die Verhältnisse zu Frankreich im Auge gehabt und nach dieser Aufstellung die neuen Forderungen nicht zu hoch gegriffen habe. Die dreijährige Dienstzeit und die dreimonatliche Ausbildung der Rekruten müsse durchaus beibehalten werden. Der Ausspruch des Grafen Roon im Jahre 1862 könne durch aus nicht als eine Empfehlung der zweijährigen Dienstzeit an- gesehen werden. Der Kriegsminister stteifte die Verfassungs frage. So lange die dreijährige Dienstzeit gesetzmäßig bestehe, werde der Reichstag auf dem Etatswege dieselbe nicht beseitigen können. Sollte der Reichstag im Etat dies doch thun, so stände man vor einer Machttrage: doch glaube er, daß die selbe leicht umgangen würde durch gegenseitiges Ueberein kommen. Abg. Nichter meinte, daß der Reichstag bei der jährlichen Etatsberathung die Relrutenvakanz feststellen könne.— Der Kriegsminister stellte die Sache so dar, daß die Regierungen fest auf den früheren Abmachungen mit dem Reichstage bestehen, bis andere Abmachungen stattgefunden haben.— Abg. Richter rcplizirt, daß Abmachungen beim Etat immer nur auf ein Jahr gelten; nach Ablauf dieses Jahres oder einer anderen gesetzlich festgestellten Frist könne jeder Vereinbarende zurücktteten und Vorschläge zu anderweiter Regelung machen.— Der Kriegsminister erklärt, er habe nicht gesagt, daß er die Feststellung der Rekrutenvakanz der ordentlichen Etatsberathung überlassen wolle. Aber er erkläre, daß die Regierungen selbstverständlich in Bezug auf die Etatsderathungen den streng gesetzlichen Weg innehalten werden.— Abg. v. Huene stellt fest, daß die letzte Erklärung des Kriegsminifters befriedige, während bei seiner ersten Erklärung Mißverständnisse nicht ausgeschlossen gewesen wären. Auf eine Anfrage des Abg. Rickert, ob die Regierung die Formationen in Bezug auf die Rekrutencinstellun- gen gewählt habe wie frühen, erklärte der Kriegs- minister, daß dieselben so gewählt seien, wie im Jahre 1881 und daß man sich vor allen Dmaen zur Aufgabe gestellt habe, am 1. April 1887 die Wirkungen der Vorlage in den wesentlichen Theilen schon zur Geltung ge- langen zu lassen.— Die Angaben des Kriegsministers wer- den von dem Major Haberling noch detaillirt und er- läutert. Abg. Hobrecht stellt in Bezug auf die D i s p o s i t o n s- Urlauber die Frage, ob bei denselben keine größere Schonung angewendet werden könne, da für dieselben, die zum zweiten Male aus ihrem Zivilverhältniß gerissen würden, der Druck schwerfflempsindlich sei. Er schlage eine staffelweise Einziehung derselben vor. Der KriegSminister findet die angeregte Frage der Beachtung werth. Darüber ließe fich verhandeln und die Regierung wäre nicht abgeneigt, in diesem Punkte nachzugeben und von der gefoidetten Einziehung der Dispositionsurlauber abzusehen. Im llebrigen glaube er, daß Niemand ein Unrecht durch diese Einziehungen geschehe. Eine Vereinbarung darüber bleibe jedoch wie gesagt nicht ausgeschlossen. Auf eine Anfrage des Abg. Nichter, ob eine erhöhte Ein- zichung der Reserve Unteroffiziere die Folge der Vorlage sein würde, erklärte der Herr Minister, daß dies nicht der Fall sei. Bezüglich der Dispositionsurlauber meint Abg. Richter, daß er das Entgegenkommen des Ministers dem Abg. Hobrecht gegenüber anerkenne, aber in der Praxis laufe das vorgeschlagene Verfahren unter Erleichterung der ein- zelncn thatsächlich auf eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke hinaus. Minister Bronsart von Schellendorff hebt her- vor, daß er Gründen der Billigkeit in dieser Frage sein Ohr nicht verschließen werde. Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Buhl erklärt der Minister, daß am 1. April alle drei Jahrgänge immer in ziemlich gleicher Stärke ausgebildet vorhanden seien, das würde eine Folge der Vorlage sein. Abg. Richter glaubt aber, daß das nicht zutteffe, daß diese Formationen am 1. April schon Einfluß auf die Kriegsstärke und Kriegstüchtigkeit der Armee habe.— Hierauf wurde um 1% Uhr, der beginnenden Plenarsitzung, wegen, die Fortsetzung der Debatte auf Donners- tag Vormittag vertagt. Morgen soll über§ 2 abgestimmt werden._ Parlamentsberichte. Deutscher Reichstag. 11. Sitzung vom 15. Dezember, 1 Uhr. Am Tische des Bundesraths von Boetticher, v. Schelling, v. Puttkamer, Geh. Rath L o h m a n n. An Stelle des bayerischen stellvertretenden Mitgliedes des Bundesrnthes Geh. Rath Schmidtkonz ist Ministerialrath Schneider berufen worden. Zur ersten Berathung steht folgender vom Abg. K a y s e r und der sozialdemokratischen Frattion eingebrachte Gesetzentwurf zur Abänderung der Gewerbeordnung: Art. l. Dem§ 152 ist als Absatz 2 einzufügen:„Vereine, welche fich zum Zweck der Erreichung besserer Arbeitsbedingun- gen gebildet haben, können fich mit einander verbinden, jeden gewerblichen Arbeiter, gleichviel welchen Alters, aufnehmen und sind den Vereinsgesetzen nur insoweit unterworfen, als es sich um Anmeldung von Versammlungen handelt. Für allgemeine, die Arbeitsbedingungen berathende Versammlungen gelten die gleichen Vorschriften. Alle entgegenstehenden reichs» und landes« gesetzlichen Bestimmungen sind aufgehoben."(Der§ 152 der Gewerbeordnung lautet im ersten Absatz:„Alle Ver- böte und Sttafbestimmungen gegen Gewerbetreibende, gewerbliche Gehilfen, Gesellen oder Fabrikarbeiter wegen Verabredungen und Vereinigungen zum BeHufe der Erlangung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingungen, insbesondere mittelst Einstellung der Arbeit oder Entlassung der Arbeiter werden aufgehoben." Der zweite Absatz lautet jetzt:„Jedem Theilnehmer steht der Rücktritt von solchen Ver- einigungen und Verabredungen frei und es findet aus letzteren weder Klage noch Einrede statt.") Art. Ii. An Stelle des§ 153 der Gewerbeordnung treten folgende Bestimmungen: § 153.„Wer Andere durch Anwendung korperttchen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehrverletzung, durch hinterlegte Kautionen, Androhung von Geldstrafen und d e r g I e i ch e n oder durch Verrufser- klärung bestimmt oder zu bestimmen versucht, an solchen Ver- abredungcn(§ 152) Theil zu nehmen, oder ihnen Folge zu leisten, oder Andere durch gleiche Mittel hindert oder zu hin- dem versucht, von solchen Verabredungen zurückzutreten, wird mit Gefängniß bis zu drei Monaten bestraft, sofem nach dem allgemeinen Strafgesetz nicht eine härtere Strafe einttitt. Einer Verrufserklärung ist es gleich zu achten, wenn Vorstände oder Mitglieder von Ve-'r bänden aller Art Listen(sogen, schwarze) ausgeben, um sich zu verpflichten, bestimm- ten Personen den Eintritt in die Arbeit zu verweigern oder deren Austritt aus der Är-u beit zu veranlassen." (Die gesperrten Motte im ersten und zweiten Absatz stehen jetzt nicht im§ 153.) Abg. K a y s e r: Die Lebenslage der Arbeiter kann ent- weder durch die staatliche Gesetzgebung oder auf dem Wege der gesellschaftlichen Entwickelung, des.freien Arbeitsvettrags, ver- bessett werden. Der Staar hat sich bis jetzt nur mit der Ver- sicherungsgesetzgebung beschäftigt, die doch nur eine Ver- sichemng gegen den Nothtall ist; das normale Leben des Arbeiters wird dadurch nicht beeinflußt; dafür sind die Höhe des Lohns, der Arbeitszeit und die Unabhängigkeit des Arbeiters bestimmend, und auf diesem Gebiete hat sich die staatliche Gesetzgebung vollkommen un- fruchtbar erwiesen. Die Arbeiterschutzgesetzgebung ist in den Stillstand gerathen, nicht einmal das bischen Sonntagsruhe ist bewilligt worden. Ja die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung", ein Regierungsorgan, beschmutzt die Personen, die für die Sonntagsruhe eintreten, in der schmählichsten Weise; ich gehe auf diese Angriffe aber nickt weiter ein, da ich diese Zeitung nur für ein literarisches Rieselfeld halten kann.(Heitettett.) Dem Arbeiterstand bleibt also nur der Weg des freien Arbeits- Vertrags übrig, den wir nicht an sich billigen; wir sind durch- aus nrcht Anhänger der freien Konkurrenz, aber wir müssen mrt dem thatsächlichen Rechtszustand rechnen. Ein angemessener J'rcis für die Arbeitskraft des Arbeiters, welcher zur rhaltung seines Lebens ausreicht, kann nun, da auch hier der Preis sich nach Angebot und Nachfrage regelt, nur erzielt werden, wenn er sich mit anderen vereinigt; sonst. wird der Preis unter das berechtigte Niveau herabgedrückt werden, denn der einzelne Arbeiter ist dem Kapitalismus gegen- über wehrlos. Dieses Recht, auf Grund des freien Arbeits- vettrages bessere Lohnbevingungen zu gewinnen, das sog. Koalitronsrecht ist neu, wir haben es seit 1869, und die Linke- wie die Rechte haben sich damals gegen alle Verbotsbestim- mungen ausgesprochen. Mit der Annahme des§ 152 der Gewerbeordnung wurden nun zwar alle Verbote und Stta'en gegen die Koalitionsfreiheit aufgehoben, es bestanden aber sämmtliche Gesetze, welche sich auf die Bildung und Bethätigung von Vereinen beziehen, sott, und daraus hat sich im Laute der Zett ein arger Nothstand entwickelt. Es weiß Niemand mehr, was Recht ist, und auch der größte Jurist vermöchte nicht mit Bestimmtheit zu sagen, in welchen Fällen Arbeiter sich mit gewissen Gegenständen beschästigen, mit anderen Vereinen verbinden dürfen u. f. w. In Preußen ist die Polizei so weit gegangen, Kommissionen, welche fich mit der Vorbereitung von Vereinen und Versammlungen be- schäftigen, ebenfalls als politische Vereine anzusehen und even- tuell aufzuheben. Ja, wenn in Württemberg oder Baden solche Vereine sich an preußische oder sächsische Vereine wandten, so haben fich die Richter auch schon im gegebenen Falle nachher zur Auflösung derselben verstanden. Es wird hier eben voll- kommen nach Willkür verfahren, und in den verschiedenen Bun- desstaaten nicht blos, sondern auch in den verschiedenen Orten deficlbcn Landes bei gleicher Gesetzgebung und Verwaltung das verschiedenste Recht geübt. Man läßt außerdem manche Vereine Jahre lang bestehen, und wenn es dann einmal der Polizei paßt, löst sie dieselben auf und denunzirt Mitglieder und Vorstand, und wie die Dinge heute liegen, apportiren die Ricbter ein- fach, was die Polizei ihnen vorwirft. Kein Vereins- gesetz enthält eine Bestimmung darüber, was man unter „öffentlichen Angelegenheiten" zu verstehen hat. Man kann den Begriff weit und eng fassen; man sollte aber nur das als Politik ansehen, was eine direkte Einwirkung auf die Staatsleitung und Verwaltung bezweckt. Heute, wo die gewerblichen Fragen leicht einen sozialpolitischen Charakter annehmen, werden die Arbeiter, auf die die Poliz i natürlich ein besonderes Augenmerk richtet, leicht den Verdacht erregen, daß sie fich mit Politik beschäftigen. Jede Zusammenkunst von Arbeitem ist ihr bedenklich, außer wenn ein christlich sozialer Pttester dabei ist. Die Behörde muß doch ein schlechtes Ge- wissen haben, wenn sie beständig glaubt, daß die Arbeiter etwas Böses im Schilde führen. Bei einem Tischlerstreik in Dresden haben die Arbeiter in Konsequenz davon große Blätter verbreitet, auf denen stand: Mehr wie ein Mann datt nicht zusammenstehen, sonst wird die Zusammenkunft aufgelöst. Es kommt der Polizei nicht auf den Inhalt der Bestrebungen, sondern auf den Stand derer, die den Verein bilden, an. Der Berliner Arbciterinnenvcrein bestand ein Jahr lang, und die Polizei hatte von den Vorgängen in demselben die genaueste Kenntniß; aber eine Zeit lang dauette die Liebeswerbung der konservativen Partei um ihn, und erst als sie sich erfolglos erwies, wurde die Polizei zornig und schritt gegen den Verein ein, und es fanden sich auch Richter, welche den Vorstand ver- uttheilten. Der Vorsitzender des Gerichtshofes, Landrichter. Brausewctter, führte übrigens in der Begründung des UrtheilS aus, daß an politischen Vereinen sich nur Personen betheiligen dürften, welche wahlberechtigt seien. Er wußte nickt einmal, daß nur Frauen, Schüler und Lehrlinge ausgeschlossen sind; ein solcher Mann verdiente Reichsgerichtsrath zu werden. Em anderer Arbeiterverein wurde, weil er nickt nur die materielle, sondern auch die geisttge Hebung seiner Mitglieder nach den Statuten zur Aufgabe hatte, wegen Beschäftigung mit politischen Angelegenheiten aufgelöst. Der Tabakarbcitervcrein in Han- nover hatte ein ähnliches Schicksal, weil er nach einem, noch aus der welfischen Zeit vom Jahre 1847 herrührenden Gesetz eine Versicherungsgesellschaft sei und der Zustimmung des Ministers bedürfe; in dritter Instanz wurde der Staats- anwalt allerdings abgewiesen, weil der Verein ein Unter- stützungsverein sei und die alte Verordnung von 1847 nicht zutreffe. Ziehen aber die verschiedenen Vereinsgesetze nichts dann giebt es als letztes Mittel das Sozialistengesetz; mit der. brutalen Faust dieses Gesetzes wird jede Organisation der Ar beiter vernichtet. Ganz besonders wendet man sich gegen die Verbindung von Vereinen an verschiedenen Orten. In den dreißiger, vierziger Jahren mag eine solche Vorschrift zulässig gewesen sein, heute widerspttckt sie der ganzen Lage der In- dusttte. Meistervcrbände, landwirthschafiliche, Hausbesitzer- vereine freilich können sich in Deutschland mit Allem beschätti- gen; sie können beim Reichstag petitioniren, sich bei Stadt- vcrordnetenwahlen betheiligen, zum Besuch konservativer Ver- eine auffordern, für Getreidezölle und BimetallismuS agitiren, da merkt man nichts von der Polizei. Wenn aber Arbeiter für Begrenzung der Arbeitszeil oder die Einrichtung eines staatlichen Arbeitsnachweises thätig sind, dann kommt die Polizei und hält Haussuchung. Besonders traurig ist der Eingriff in die Organisation der Arbeiterinnen. Wenn man den Frauen den gewerblichen Schutz, den wir für sie erstreben, nicht geben will, so müßte man ihnen doch wenigstens die Möglichkeit geben, auf dem Gebiet des freien Arbeitsvertrages den Kampf aufzunehmen. Die Konsumtionsfähigkeit, die Kaufkraft der Massen, die man haben zu wollen immer vorgiebt, wird am ehesten dann erhöht, wenn die Löhne fich erhöhen. Dazu aber ist zum mindesten nothwendig, daß der freie Arbeitsvettrags nicht nur formell, sondern auch thatsäcklich herrsche.— Den §153 der Gewerbeordnuna möchte man am liebsten streichen. Man soll kein besonderes Strafrccht für die Arbeiter schaffen; für grobe Ausschreitungen genügt das allgemeine Strafrecht. Da aber die Streichung nicht zu erzielen ist, so verlangen wir, daß die Arbeitgeber wenigstens in derselben Weise betroffen werden wie die Arbeiter, wenn sie dasselbe thun. Die Zahl der Verurtheilungen von Arbeitern auf Grund dieses Paragraphen betrug 1882: 5, 1883: 19, 1884: 54, 1885; 50, während von Verurtheilungen von Arbeitgebern nichts bekannt ist. In Görlitz wurde wegen Aufreizung ein Maurer zu 3 Wochen Ge- fängniß verurthcilt, weil er bei einem Streik zu einem Ka- uieraden sagte:„Schämst Du Dich nicht, wieder in Arbeit zu treten?" In dem Verein der Dresdener Bauunternehmer wurde beschlossen, eine sog.„Schwarze Liste" aufzustellen, welche die Arbeiter enthalten sollte, die sich irgendwie vergangen haben und bei einer Geldstrafe nicht mehr in Arbeit genommen wer« den dürfen. In dem sächsischen Wochenblatt kam die Liste nnt allen Statutenbestimniungcn des Bauunternehmcrvereins zur Veröffentlichung, und nun wurde der Redakteur von dem Staatsanwalt vorgeladen, weil darin eine Aufreizung liege. Das schließliche Resultat war ein Bescheid der Staatsanwalt- schaft, daß die Statuten zum Schutz gegen Streiks dienen, und in der Androhung einer Geldstrafe keine Nöthigung zu erkennen sei, sondern nur ein moralischer Zwang. Dann hätte man aber auch bei dem Maurer in Görlitz nur von einem moralischen Zwange reden dürfen. Das Vorgehen der Polizei und der Gerichte gegen die Arbeitervereinigungen sucht man damit zu rechtfertigen, daß sonst die Streiks zunehmen und eine öffentliche Gefahr werden könnten. Das heißt, die Waffe der Koalition nur geben, um, wenn die Arbeiter davon Gebrauch machen wollen, sie ihnen wieder zu nehmen. Die Streiks sind nichts anderes als eine Rothwehr gegen den Kapitalismus. Die gesetzlichen Organisationen, die wir zum Schutze der Ar- beiter verlangten, wie Ärbeitskammcrn, Minimalarbeitslohn)C., haben Sie ja abgelehnt. Bei jedem Streik, sagt man, sei die Gefahr der Anarchie und Gewaltthat vorhanden. Jeder Ein- sichtige aber, der sich um die sozialpolitische Entwickelung der Verhäitnisse gekümmert hat, weiß, daß diese Gefahr bei den unorganistrten und nicht bei den organisirten Arbeitern vorliegt. In den schlcsischcn Zuckersiedereien, wohin man die polnischen Arbeiter wie Viehmassen holt und sie ebenso wieder abschickt, da kommen Gcwaltthaten vor; Arbeiter, die organifirt sind, kennen den Mechanismus der Gesellschaft und wissen, daß sie nur in ihren Formen etwas durchsetzen können, und in dieses Gewebe sollten die groben Polizeifinger um deshalb nicht eingreifen. Nur die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit areift zur Gewalt; die Hoffnung arbeitet mühselig nach Verbesserung und Vervollkomnmung. Einen deutlichen Beweis hiervon haben die letzten Vorgänge in Amerika gegeben. Die verzweifelten Anarchisten werfen Bomben, die organisirten Arbeiter in New-Dork betheiligen sich bei der Bürger- mcisterwahl und wollen auf diesem Wege oas Recht der Mitbe- stimmung erlangen. Ich glaube deshalb, daß auch diejenigen, die auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsordnung stehen, die freie Vereinigung der Arbeiter nicht hindem sollten. In dieser Frage stehen nicht blos die sozialistischen Arbeiter, son- dern auch alle diejenigen, die sich noch nicht zur sozialistischen Anschauung bekannt haben, hinter uns.[Ich möchte das Zentrum bitten, doch nicht blos immer ihren großen Sozial- Politiker, den Herrn v. Hertling, sondern auch einmal den Abg. Stötzel, den einzigen Arbcitervertrcter in ihren Reihen, zu Rothe zu ziehen. Staat und Gesellschaft fahren am besten, wenn man den Annen und Elenden, die ohnehin schon die Lasten des LcbenS schwer zu tragen haben, die freie Ver- cinigung zur Besserung ihrer Lage gestattet.»Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen er- zittre nicht!" Präsident: Ich hatte verstanden, der Abg. Kayser habe gesagt, daß die Richter das, was die Polizei ihnen vorwirft, einfach approbiren, und in biescr Aeußerung keine Veranlassung zum Einschreiten finden können. Nach dem stenographischen Be- richte bemerkte aber der Abg. Käufer, daß die Richter das, was die Polizei ihnen vorwirft, einfach apportiren. Diese Aeußerung muß ich als eine ordnungswidrige erachten und rufe deshalb den Redner zur Ordnung. General- Staatsanwalt Held(Bevollmächtigter für Sachsen): Der Abg. Karsser hat einen Fall aus Dresden vorgetragen, wo ein Baugewerkverein seine Mitglieder unter Androhung von Geldstrafe verpflichtete, Arbeiter, welche an Streiks u) ei Ige- nommen, nicht zu beschäftigen. Hierüder erschien im„Sächst- schen Wochenblatt" ein Artikel, welcher eine Beschuldigung der Zuwiderhandlung gegen§ 153 der Gewerbeordnung seitens der Arbeitgeber enthielt und die Staatsanwaltschaft zum Ein- schreiten provozicte. Der General Staatsanwalt ersuchte in Folge dessen die Staatsanwaltschaft in Dresden zu veranlassen, daß der Redakteur dieses Blattes zu einer Begründung seiner Beschuldigung angehalten werde. Die Abficht des General- Staatsanwalts war keine andere als die, mit gleichem Maße zu messen, und wenn eine Beschuldigung gegen vic Arbeitgeber begründet gewesen wäre, rücksichtslos gegen dieselben cmzu- schreiten. Der Erfolg des Vorgehens war der, welchen der Vorredner geschildert hat. Er befand sich aber im Jrrthum, wenn er das Motiv des Vorgehens der Staatsanwaltschaft in deren Annahme erblickte, der betr. Artikel unter der Spitzmarke: „Schwarze Listen" enthalte eine Aufreizung. Es hat sich her- ausgestellt, daß keinerlei Zwang durch irgend Jemand verübt worden war, der dem§ 153 der Gewerbeordnung hätte unter- stellt werden können. Es scheint mir ein schwerer Rechtsirrthum in Arbeiterkreisen zu sein, den ich auch in der Vorlage ausge- Ärückl finde, als sei die Verrufserkläruna an sich im§ 153 der Gewerbeordnung mit Strafe bedroht. Rein, sie ist mit Strafe bedroht lediglich als Nöthigungsmittcl zu dem unter Strafe ge- stellten widerrechtlichen Zwecke. Der Verabredung der Bauspeku- lauten, um welche es sich hier handelt, hatten sich sämmtlichc Be- theiligtcn freiwillig unterworfen. Ich lasse dahingestellt, ob überhaupt in einer solchen Verabredung und in der eventuellen Vcrrufserkärung ein Zwang gegen die Arbeiter im Sinne des 6 153 gefunden werden könnte. Allein selbst für solchen Fall kam hier in Betracht, daß die schwarzen Listen ein Jntcmum der Vereinigung der Bauspekulanten und Bauunternehmer waren(hört, hört! links) und daß ihre Veröffentlichung nur -einer Indiskretion zu verdanken war.(Heiterkeit links.) Wäre es Absicht der Bauunternehmer gewesen, die Listen zur Kennt- niß der Arbeiter zu bringen, dann hätte ja die Frage ent« stehen können, ob darin ein Zwangsvorgehen gegen die Arbeiter zu finden wäre. So aber lag nach der gegenwärtigen Gesetz« gebung kein Grund zum Einschreiten vor. Eine Aenderung derselben wäre vielleicht diskutabel und akzeptabel. Der Vor- schlag der Antragsteller aber, unannehmbar in redaktioneller Beziehung, könnte doch sachlich akzeptirt werden, ohne daß an der bestehenden Gesetzgebung irgend etwas verändert wurde. Was nützt es Ihnen, wenn Sie die Vernikserklärung defi- niren und bestimmen wollen, daß auch die schwarzen Listen darunter fallen, wenn Sie nicht den Begriff des Delikts ändern? Und dann: Sie wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit gleichem Maße messen(Zustimmung links) und kehren doch die Spitze ihres Antrages lediglich gegen die Arbeitgeber. Es müßten doch auch die Arbcitneymer in ähnlicher Weise getroffen werdcir. Abg. Ackermann: Es ist wiederholt behauptet worden, daß die in dein§ 153 den Arbeitern eingeräumte Koalitions- freiheit, von welcher sie bis in die neueste Zeit zur Erzwingung Höherer Lohnsätze, Aenderung der Arbeitszeit u. s. w. Gebrauch gemacht haben, gemeingefährlich sei und danrm wieder aufge- hoben oder wesentlich beschränkt werden müsse. Man hat an- geführt, daß die Arbeitseinstellungen in den meisten Fällen doch�zu einer Niederlage der Arbeiter führten, daß die Arbeiter in Noth und Elend geriethen, daß auch die Arbeitgeber, wenn sie auch die mit den Streik verbundenen Opfer länger er- tragen könnten, als die Arbeiter, doch in Mitleiden- schaft gezogen würden, da ihr Geschäft lahm gelegt werde u. s. w. Alle diese Einwendungen haben mehr oder weniger eine gewisse Berechtigung, sie können unS aber nicht bestimmen, zu empfehlen, daß an dem natürlichen Recht der freien Selbstbestimmung für Arbeiter, das ihnen ge- setzlich garantirt ist, irgend etwasgcändert wird, man würde sonst die Lebensbedingungen von Millionen von Menschen illu- sorisch machen und das wäre sittlich verwerflich. Eine andere Frage ist, ob die Arbeiter gut thun, so häusig von dem zwei- fchneidigeir Schwert der Arbciteinstcllungen Gebranch zu machen. Die Streiks enden meist zum Nachtheil der Arbeiter. Es werden dabei die Arbeiter auch oft ungerechtfertigter Weise geneigt gemacht für die Pläne der Umsturzparteien, sie werden unzufrieden gemacht mit dem ihnen von Gott erwiesenen Loose und geneigt gemacht zur Empörung und Revolution. Ich bin weit entfernt, in der eigentlichen Arbeiterbewegung nur ein wüstes, unberechtigtes und destruktives Wesen zu erblicken. Ich möchte nur mit meinen Freunden den gewissenlosen Vertüh- rungen, welche angebliche Wortführer der Arbeiter versucht haben, auf allen Gebieten entschieden entgegentreten. Der vor- liegende Antrag will zunächst den Vereinen das Recht geben, sich zu verbinden. Abgesehen davon nun, daß diese Vereine unter die Bestimmungen der Vereinsgesetze des deutschen Staates fallen, scheint es mir nicht nöthig, eine solche Be- stimmung im Interesse der Arbeiter zu erlassen. Durch die Einwirkung der Arbeitervereine wird der eigentliche Zweck der Streiks, daß ein Zuzug in den Ort, wo ein Arbeitermangcl vorhanden ist, nicht stattfindet, unmöglich gemacht. Ebenso un- gerechtfertigt ist das Verlangen, daß Lehrlinge und Frauen Mitglieder von Fachvereinen werden sollen. Junge Leute, die noch nicht das Recht haben, über Person und Eigenthum zu verfügen, sollen in die Schule gehen und lernen. Verheirathete Frauen dagegen haben den Beruf, für ihre Familie zu sorgen, und gehören daher ins Haus. Ihr Vertreter ist der Mann. Der Hauptzweck der Antragsteller ist der, in den Fachvereinen, welche einen politischen Charakter haben, Manövrirkadres für die Sozialdemokratie zu erhalten. Mit großem Geschick hat man eine große Anzahl von Fachvereinen in Deutschland zu'griinden gewußt. Sie treiben Politik, und weil sie als solche nicht in Verbindung treten' dürfen, will man ihnen das Recht geben, sich vereinigen zu dürfen. Nun wollen sie diese Fachvercine zu Nationalvcrbändcn, vielleicht zu inter- nationalen machen und eingestandenermaßen die den Behörden durch das Gesetz gegebenen Waffen stumpf machen. Die Ar- beiter mögen doch die Metbode des Hasses, die ihnen von der Sozialdemokratie eingeimpft wird, ablegen und von ihrer trotzigen und feindseligen Haltung ablassen, vielmehr sich aufrichten in Liebe zum Vaterlande, in diesem Einigungspunkt aller Stände und Berufsklassen, und die Liebe zu Fürst und Vaterland durch die Einflüsterungen der Sozialdemokraten sich nicht entreißen lassen. Eine solche Liebe aber wird nicht be- zeugt durch Verbindung auf dem Gebiete des Materialismus, Irreligiosität und Freigeisterei. Wenn sie das thun, dürfen sie auf unsere Sympathien rechnen und wir werden sie in be- rechtigten Forderungen unterstützen. Die Antragstcllee wünschen eine Acndenrng des§ 153 der G. O. Dieser hat die ur- sprüngliche Tendenz gehabt, die Arbeiter gegen die Ein- Wirkungen der Agitatoren zu unterstützen. Nun bringen Sie in diesen Paragraphen ein paar Worte hinein, um die Arbeiter gegen verwerfliche Mittel der Arbeit- g c b e r zu schützen. Wollen Sie dies, dann müssen Sie die ganze Sache besonders behandeln, schon des- halb, weil durch Ihre Aenderung der Paragraph an Klarheit verliert. Was wollen Sie mit der Einschaltung der schwarzen Listen. Ich habe mich, als ich den Antrag zuerst laS, mit einer gewissen Gcnugth rung erinnert des vielfach angefeindeten An- träges auf Eintühning obligatorischer Arbeitsbücher. Hätte der Arbeiter ein Arbeitsbuch in der Hand, so könnte er sich aus- weisen über die Erfüllung seiner Pflichten, und da brauchte man keine schwarzen Listen.(Lachen links.) Jetzt haben Sie die schw rzen Listen. Ich glaube, die Aufnahme einer beson- deren Bestimmung hierüber ist überflüssig, denn wo die schwarzen Listen mit einer Vcrmfserklämng identisch sind, sind sie schon jetzt strafbar. Nach meiner Meinung liegt der Grund, weshalb bisher Arbeiter und Arbeitgeber in den meisten Fällen nicht zu einem Ausgleich gekommen, in dem Mangel eines Organs, das zur rechten Zeit bei in Szene gesetzten Arbeitseinstellungen vermittelnd, versöhnend und unter Umständen auch entscheidend eingreift. Ein solches Organ, in dem natürlich Arbeiter und Arbeitgeber gleichmäßig vertreten sein müßten, wäre vielleicht zu schaffen durch die Berufsgcnosscnschaften, durch die Innungen. Könnte man sie zu Arbeits- nachweisen heranziehen, dann wäre viel gewonnen. Damit würde nicht nur den zunächst Bethciligten, sondern auch Staat und Gemeinden ein guter Dienst erwiesen werden. Aber An- träge, wie sie Abg. Kayser und Genossen einbringen, find für uns völlig unbrauchbar. Wir haben für sie nur das eine Wort: Nein und niemals!(Beifall rechts.) Abg. Schräder: Niemand hat erwartet, daß von jener Seite(rechts) diesem Antrage besondere Sympathie entgegen- gebracht werden würde. Denn die Arbeitcrfrcundlichkcit des Herrn Ackermann und seiner Freunde ist eine andere, als sie von dieser Seite vertreten wird. Ihnen liegt nur daran, die Zwangsgewalt des Staates und die Macht der Arbeitgeber möglichst zu stärken. Wenn Herr Ackermann die Schaffung von Schiedsgerichten verlangt, so hätte er zunächst eine lebhafte Re« monstration an die verbündeten Regierungen richten sollen, welche ihrerseits den Beschluß des Reichstages auf Einführung obligatorischer Schiedsgerichte, die übrigens zur Lösung der Frage auch nicht genügend beitragen würden, ab- gelehnt haben- So lange wir auf dem Boden der jetzigen Gesellschaft stehen, halten wir die Koalitionsfreiheit für nothwendig. So lange der Arbeitgeber und Arbeiter von einander getrennt sind, werden sie verschiedene Interessen haben. Der Arbeiter ist gegenüber dem Arbeitgeber entschieden der Schwächere, und daraus folgt mit Nothwendigkeit, daß die Arheiter sich vereinigen müssen. Eine Vereinigung für den ein- zelnen Streikfall genügt nicht. Zur Sicherung der Interessen der Arbeiter bedarf es vielmehr eurer festen Vereinigung unter einander. Das liegt auch im Interesse der Ardeitgeber. Denn rrur mit organisirten Vereinigungen, an deren Spitze Führer stehen, welche durch lange Geschäftsführung das wirkliche Ver- trauen der Arbeiter genießen und nicht durch agitatorische Reden im einzelnen Fall, kann mit Erfolg verhandelt werden. Die lange Dauer und die Ausschreitungen der letzten Streiks find großen Theils auf den Mangel solcher umfassenden Arbeiter« Vereinigungen zurückzuführen.(Zustinunung links.) Auch die Gesellschaft hat ein Interesse an einer solchen Ordnung. Nichts ist schädlicher als die häufige Wiederkehr und lange Dauer von Streiks. In England ist man darüber längst außer Zweifel. Es sind dort die Verhältnisse erheblich besser als früher, nachdem sich die Gewerkvercine zu festen, dauernden Verbänden zusammengeschlossen und unter Führern stehen, welche das vollste Vertrauen nicht nur der Arbeiter, sonvem auch der Arbeitgeber genießen. Sind doch hervorragende Per- sonen aus den Kreisen der Gewerkvereine zu hohen Staats- ämtem sowohl von konservativem wie liberalem Regiment bemfen. Erst in letzter Zeit find Aenderunacn eingetreten, wo man fand, daß auch Fachvercine politische Vereine sind. TaS entspricht nicht den gesetzlichen Bestimmungen wie sie liegen. Diese Bestimmungen haben allerdings verschiedene Auslegung gefunden von Seiten der Behörden den Arbeitern gegenüber, so daß es Zeit ist, diese Frage hier zu besprechen, und dann, wenn möglich, auf gesetzlichem Wege Wandel zu schaffen. Diese Auslegung erstreckt sich nun aber keineswegs auf Vereine, die keine Arbeiter zu Mitgliedern haben, wohl aber vielleicht eher als politische Vereine betrachtet werden könnten als die Fachvereine. Dieser frappanten Ungleichheit in der Anwendung der Gesetze müssen wir umsomehr entgegentreten, als es sich um Arbeiter handelt, die heutzutage weniger im Stande find, ihr Recht zr wahren, als wir. Ich möchte sodann noch auf eine Schwierigkeit hinweisen, auf welche weder vom Antragsteller noch vom Abg. Ackermann hingewiesen ist. Es wäre sehr wohl denkbar, daß auch nach der Annahme dieses Antrages das Ver- einsgcsetz in der jetzigen Weise angewendet werden würde. DaS Mißliche ist nämlich, daß nicht genauer bezeichnet ist, in welchen Fällen ein Verein nach dem Vereinsgesey oder nach den Be- slimmungen der Gewerbeordnung zu behandeln ist. Es wäre deshalb vrellcicht zweckmäßiger gewesen, wenn wir in eine gründ- liche Aenderung der Vereinsgesetzgebung eingetreten wären. Da ein Antrag in dieser Richtung indessen kaum Ausficht auf Er- folg hat, da sich wenigstens ein Ergebniß herausstellen würde bei der jetzigen Zusammensetzung des Reichstags, das uns in eine noch schlimmere Lage bringen würde, so verzichten wir auf einen solchen Antrag. Hinzufügen will ich noch, daß es eine dringende Nothwendigkeit ist, die Theilnahme der Frau an Vereinen und Versammlungen zur Aufbesserung der Lohnverbältnisse nicht zu beschränken. Herr Ackermann meint, die Frau gehöre ins Haus. Ader die, welche sich in den Fabriken befinden, die sollen dasselbe Recht besitzen, wie die männlichen Arbeiter. Schaffen Sie uns Zu- stände, in welchen die Frau nicht mitzuarbeiten braucht in der Fabrik, dann wird die Beteiligung derselben an Vereinen schon von selbst aufhören. Wenn in letzter Zeit speziell Ar- bciterinnenvereinc aufgehoben find, so halte ich ein solcbes Vor- gehen für noch unberechtigter, als das Verbot von Arbeiterver- einen; denn bei den weiblichen Arbeitern besteht ein schwererer Nothstand, als bei den männlichen. Was den zweiten Theil des Antrags betrifft, so will ich nicht verkennen, daß der Vor- schlag hier in vielen Beziehungen zu wünschen übrig läßt. Aber die Tendenz desselben, alles das zu entfernen, was die Koalitionsfreiheit beeinträchtigen könnte, ist richtig. Bisher hat wohl Niemand daran gedacht, daß dem§ 153 der G-O. eine solche Auslegung gegeben werden könnte, wie das heute vom Bundesrathsbevollmächtigten Held geschehen ist. In der That bildet die uns vorgelegte schwarze Liste ein scharfes Mittel der Nöthigung. Aufgabe der Kommission muß es sein, diesen Punkt genauer zu prüfen. Denn auch wir haben keine Veranlassung, erne Bestimmung zu treffen, die ihre Spitze etwa gegen die Arbeit- gcbcr allein kehren könnte. Ich schlage eine Kommission von 21 Mitgliedern vor und wünsche, daß sie ihre Aufgabe ernstlich auffasse und möglichst schnell m Ende führe. Es handelt sich hier um eine große Klasse von Personen, welche durch Schließung der Vereine schwer beeinträchtigt find. Das ist ein Mißstand, der weit hinausrcicht über die Reihen der Sozialdemokraten. Gerade die nichtsozialdemokratischcn Arbeiter werden durch die gegenwärtige Handhabung des Vcreinsrechts den Führern der Sozialdemokratie in die Arme getrieben. Das möchten wir verhinvern. Das Maß an Freiheit, das den Arbeitern durch das Koalitionsrccht eingeräumt wird, ist nicht ein derartiges, daß die Entwickelung der Gesellschaft dadurch gefährdet wird, daß wir die Arbeiter gewöhnen, in Vereinen für ihre Interessen einzutreten. Ich wünsche auch im Interesse der Gewerkvercine eine sorgfältige Prüfung des Antrags, die von allen Seiten ange» feindet doch vorwärts gekommen sind und die jetzt neuen Angriffen ausgesetzt werden sollen. Auch den Fachvcrcinen sollte man das Leben erleichtern, und sie so in die Lage setzen, die Be- strebungen zu fördern, welche sie sich in ihren Statuten vorge- schrieben haben.(Beifall links.) Abg. Struckmann: Herr Schräder hat mit großer An- erkennung über die Bestrebungen der Arbeiter, sich in Vereinen zusamnrcnzuthun, gesprochen. Aber ich bin doch im Zweifel ob auf Grund dieses Gesetzes das erstrebte Ziel zu erreichen ist. Er hat ganz richtig den Punkt hervorgehoben, wo die Schwrerrgkcrt liegt und daß wirthschaftliche Bestrebungen in den Vereinen vermischt werden mit Bestrebungen anderer Art. Ich war zuerst im Zweifel, wie sich der Antragsteller in Art.> die Sache gedacht hat. Herr Schräder hat gesagt, daß derselbe sich nur beziehen könne auf Vereine, welche sich zum Zwecke der Erreichung besserer Arbeitsbedingungen gebildet. Was heißt das? Sollen hier nur Vereine in Betracht kommen, welche sich lediglich mit dieser Aufgabe befassen? Herr Schräder hat das angenommen. Ich bin nach der Rede des Herrn Kayser doch zweifelhaft geworden, ob er in der That diese Abficht gehabt hat. Ist aber Herrn Schräders Auffassung die richtige, so behaupte ich, daß ein großer Theil dessen, was der Antrag erstrebt, auf Grund der bestehenden Gesetzgebung bereits vorhanden ist. Wird dieselbe falsch gehandhabt, so mag man hiergegen zunächst ein Mittil ergreifen. Herr Kayser legt ein Hauptgewicht darauf, daß die Vereine behufs Erzielung besserer Arbeitsbedingen mit einan- der in Verbindung treten können. Aber das steht den Vereinen frei, wie§ 152 der G-O. ergiebt. Wenn in Preußen Be- stimmungen gegolten haben, welche diesem Paragraph ent- gegenstehen, so find dieselben durch das Reichsgesetz aufgc- hoben. Ich sage aber, auch die preußische Gesetzgebung kannte ein solches Verbot nicht. Dasselbe bezog sich nur auf politische Vereine. Des Weiteren war auch der Theilnahme jugendlicher Arbeiter und der Frauen an Vereinen zur Erzielung besserer Arbeitsbedingungen kein Verbot entgegengestellt. Was den zweiten Theil des Antrags betrifft, so hat Herr Schräder nicht Recht, wenn er die Interpretation, welche Herr Kommissar Held dem§ 153 der Gewerbeordnung gegeben, eine eigenthümliche genannt hat. Ich habe diesen Paragraphen niemals anders aufgefaßt, und zwar aus rein juristischen Gründen. Eine Auslegung, wie der Antragsteller und auch Herr Schräder sie dem Paragraphen gegeben, dürfte sich als em äußerst zweischneidiges Schwert er- weisen. Wenn es den Arbeitgebern verboten fern soll, Verabredungen gegen die Aufnahme bestimmter Arbeiter zu treffen, so muß es auch den Arbeitern verboten werden, sich dahin zu verabreden, bei einem bestimmten Arbeitgeber Arbeit annehmen zu wollen. Das würde einen schweren Eingriff in das Koali- tionsrccht bedeuten. Gegen eine kommissarische Berathung des Antrages haben wir nichts einzuwenden. Die nationalliberale Partei, die 1869 in hervorragender Weise an der Umgestaltung unserer Gewerbeordnung theilgenommen hat, wird immer da am Platze sein, wo es gilt zu sorgen, daß die Bestimmungen derselben richtig gehandhabt werden. Abg. Dr. Lieber: Die letzte Erklärung hat mich sym- pathisch berührt. Wir freuen uns, auch die nationnlliderale Partei zum Bundesgenossen zu haben, wenn es gilt, die Koa- litionsfreiheit zu schützen. Etwas anderes will weder der An- tragsteller noch der Abg. Schräder. Ich gehe auf die juristi- schen Zweifelsgründe des Vorredners nicht ein. Man kann Gesetze abändern, wenn sie eine Lücke aufweisen, oder wenn sie so gehandhabt werden, daß die Erwägung nahe tritt, ob wir denselben nicht eine andere Fassung geben sollen. In einer solchen Lage befinden wir uns hier. Ich habe nur das Wort ergriffen, um zu erklären, daß ein dringendes Bedürt- niß vorhanden ist, die Koalitionsfreiheit zu schützen, und wir können dem Herrn Antragsteller nur danken, daß s- Anstoß gegeben bat zu einer Arbeit, an der auch w>r uns betheiligcn wollen. Auf einzelnes will ich nicht eingehen- Ein Theil der Bedenken, die Herr Ackermann vorgetragen, halte auch ich für berechtigt, so wenn er sich gegen die Tm"� nähme von minderjährigen Arbeitern an Vereinen erklärt Hot- Wenn man minderjährigen Arbeitgebern versagt, in ihrer crg«* nen Angelegenheit Dispositionen zu treffen, so muß man ar« minderjährigen Arbeitern die Theilnahme an derartigen Vereinen verbieten. Aber ich möchte Herrn Ackermann fragen, ov es wohl gut gethan war, so oft von dem zweischneidigen Schwell zu sprechen; mit derartigen Ermahnungen wird den Arbeitern v�cht geholfen. Sie wissen an> besten, wo der Schuh drückt Und ob fie gut thun, einen Streik in Szene zu setzen. Herr Ackermann hat dann angedeutet, in den Fach- «cremen deabsschtige der Antragsteller Manövrirkadres für sozialdemokratische Ideen zu errichten. Ich be- fürchte, wenn wir uns gegen die Fachvereine erklären, so werden wir die nicht sozialdemokratischen Arbeiter den Sozialdemokraten in die Arme treiben. Wenn auch die Fachvereine hie und da gemißbraucht werden, so sollten wir die Bildung derselben nicht erschweren; was ist nicht schon Alles �gemißbraucht worden! Die Debatte wird geschlossen. Das Schlußwort erhält der Antragsteller Abg. Kahser: Ich habe keineswegs die sächsische Staats« miwaltschast zum Gegenstände besonderer Angriffe gemacht, sondern umgerehrt hervorgehoben, daß sie noch am loyalsten von allen verfahren sei. Wir haben durch die Fassung des Antrags ausdrücklich uns auf das Nothwendigstc und Dringlichste beschränkt, um Ihnen die Zustimmung zu unseren Wün- scheu zu ermöglichen, es liegt uns daran, auf diesem Gebiete zur Abhilfe der allgemeinen Klagen der deutschen Arbeiter wirklich etwas zu erreichen. Freilich sehen wir Herrn Ackermann auch hier gegen uns; wir wundern uns keineswegs darüber, denn in seiner Person finden alle gegen die Arbeiter- Bestrebungen gerichteten Anschauungen ihren prägnantesten Aus- druck. Wenn ein Redner sagen kann, wir störten die Zusric- denheit der Arbeiter mit dem voir Gott ihnen angewiesenen Lose, da hört's auf; da muß auch wohl der Lohnsatz etwas non Gott Angeordnetes sein, da wird Herr Ackermann näch- stens wohl kommen und sagen: 30 Pfennige Lohn pro Stunde sind voir Gott angeordnet, 35 dürfen die Maurer nicht bc- kommen!(Heirerkeit links.) Wer auf solchem Standpunkt steht, dem fehlt jede Einficht in die geschichtliche Entwickelung, jedes Verständniß für die heutige Lage der Arbeiter- «erhältnissc, der sollte doch auch nicht mehr davon reden, daß er im Interesse der Arbeiter spreche. Ilcbrigcns sollte Herr Ackermann auch nicht immer Gott in seine Aus- führungen hineinziehen, gleich als ob seine Reden hier ganz Monders Gottes Beistand hätten. Gegen Herrn Struckniann ist schon bemerkt worden, daß es eben darauf ankommt, uns gegen eine falsche Interpretation und Handhabung der be- flehenden Gesetzgebung durch deren Abänderung zu schützen. Hat doch seinerzeit das Reichsgericht entschieden, daß die Per- breitung von Stimmzetteln auf Grund des Sozialistengesetzes «erboten werden könnte, und ist nicht vom Reichstage auf Initiative des Abg. Wülfel ein Gesetz angenommen worden, welches diese Auslegung beseitigte? So müssen wir auch jetzt vcr- fahren, und ich hoffe noch immer, daß auch ein Tbcil der Kou- servativen, der nicht mit Herrn Äckermann übereinstimmt, son- dem noch ein bischen von dem sozialen StandMnkt der Waaencr, Rodberhis, Meyer u. s. w. in Erinnerung hat, unseren, Änttag geneigt ist. lieber junstische Zwirnsfäden können Sie freilich auch hier stolpern, aber dein läßt fich abhelfen, wir find in dieser Hinsicht zum größten Entgegenkommen bereit. Herr Ackermann sagt einfach: Die Frau darf keinem Verein anae- hören, fie gehört ins Haus. Seine juristische Thätigkcit bat ihm offenbar nicht Zeit gelassen, die Berichte der sächsischen Fabrikinspcktorcn einzusehen, dort hätte er fich über die Zunahme der Frauenarbeit unterrichten können. Sein Standpunkt ist immer der Polizcistandpunkt, überall ficht er böse Sozialdemokraten, Revolution, Umsturz. Die jungen Männer will er ebenfalls von der Theilnahmc aus- schließen; ja, sind die jungen Arbeiter für das Vereinswesen unreif, so verbieten Sie auch die deutschen Studentenvercinc. Herr Ackermann will Mittel und Wege, die Streiks zu bannen; wir wollten dafür Arbciterkammcrn und Minimallohn; Herr Ackermann war aber dagegen, er kennt nur einen Wunsch: Zwangsinnungcn. Bei allen Parteien, selbst bei den National- liberalen, hat unser Antrag heute Entgegenkommen gefunden, nur Herr Ackermann sagte Nein und wieder Nein! Wahr- scheinlich hat er das Nein so oft wiederholt, weil er, der sonst immer Ja sagt, sonst nicht gehört zu werden fürchtete.(Heiter- keit links.) Abg. Ackermann(persönlich): Der Abg. Kayser hat fich nach seiner süßen Gewohnheit wieder einmal mit meiner Person beschäftigt, diesmal im Schlußwort, so daß mir die Gelegenheit zur sachlichen Erwiderung fehlt. Ich werde aber Mittel und Wege finden, bei anderer Gelegenheit die Antwort zu geben. Wenn ich gesagt habe:„Wenn man in Form von Streiks die Arbeiter mit ihrem von Gott ihnen angewiesenen Loose un- Zufrieden machen und sie dadurch geneigt machen will zum Los- schlagen, so muß ein solcher Streik für die Arbeiter ein schlechtes �nde nehmen", so halte ich diese in hypothetischer Form auf- gestellte Behauptung aufrecht. Bon meiner Franion habe ich übrigens den Aufttag erhalten, ihren Standpunkt hier zu Zertreten, nachdem meine ihr vorgetragenen Gedanken über den Antrag ihre vollständige Billigung gesunden haben. Abg. Käufer(persönlich): Bon„Losschlagen" habe ich in Ihrer ersten Rede nichts gehört; es ist mir unverständlich, was damit gesagt sein soll._ _ Der Antrag wird darauf gegen die Stimmen der beiden Jwrteicn der Rechten einer Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen._ , Schluß 5 Uhr. Nächste Sitzung Freitag 2 Uhr.(Fort- setzung der Etatsberathung: Reichsanrt des Innern.) Lokales. K Diejenigen Eltern, welche ihre Kinder jetzt auf dem Weihnachtsmarkt und auf den Straßen Berlms nirt allerler kleinen Verkaufsartikeln handeln lassen, machen wir darauf auf- werksam. daß die Schutzleute befugt find, diese kleinen Händler Kur Polizeiwache zu fistiren, wenn sie nicht einen Gewerbe- dezw. einen Erlaubnißschein zum Handel besitzen. Erst gestern Wurden zwei kleine Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, von �innn Schutzmann unter lautem Wehklagen der Kleinen und Uesolgt von einer großen Menge abgeführt. Die Polizcistrafe, Welche für eine derartige Steuerhinterziehung zu bezahlen rst, !'* oft höher, als der Verdienst einer ganzen Woche dieser kleinen Händler ausmacht. Da es jetzt in Berlin hunderte und %ohl auch tausende dieser kleinen Händler gicbt, welche Er- wubniß scheine zum Handeln nicht besitzen, so glauben wir diese Warnung nicht unterlassen zu dürfen. In Sachen der Anlage von 12 Loh- und 34 Wech- Zerbereien auf dem Viehhof in der Brunncnstraße stand am Alontag vor den, Kommissar des Stadtausschusses der erste Verhandlungstermin an. Neben dem Unternehme Faeobsohn Z-aren zahlreiche Proteslirende erschienen. Unter denselben M fanden sich Vertreter des Polizeipräsidiums und der Park- Deputation des Magistrats. Für den Hausbesitzcrverein des Nordens waren die Vorstandsmitglieder Kaufmann Krause und Schiedsmann Guttmann, als Bevollmächtigter einer Bank VS/xlllUlUllil; III»/ D—._, tsanwalt Dr. E. Friedemann erschrenen. Das Post, ev ->.dium erhebt, wie die„Etaatsb.-Ztg." mittherlt, aus samtarcn runden Einwand gegen die Errichtung der Gerbereien, indem ren Krause und Guttmann wurde ein Gutachten > gerichtlichen Chemikers Dr. C. Bischoff vorgelegt, nach lchem gerade die vorgesehenen Ventilationseinrichtuiigen die M Dünste nur auS den Gerbereien in die Nachbarschaft drs-; teil, dieselbe also gefährden. Als der Unternehmer Jacob- j n aus dem Verlaus der Verhandlungeii die Wahrnehmung s chte. daß er wohl schwerlich Aussiebt' auf Geiickmigung der' lektttten Anlagen haben dün'te, erklärte er, sein Unternehmen' „die Anlage von vier Weiß- und zwei Lohgerbereien be-) anken zu wollen. Herr Guttmann und die übrigen Herren- traten dem ebenfalls entgegen und bemerktest, daß ihr Protest sich überhaupt gegen die Errichttmg auch nur einer Gerberei erstrecke. Nach allseitiger Zustimmung wurde beschlossen, das Verfahren aus 14 Tage auszusetzen und dem Unternehmer Gelegenheit zu geben, neue Anträge einzubnngen. Als Ver- trcter der Protestirendcn wurden Rechtsanwalt E. Friedemann und Maurermeister Straßmann erwählt. In hiesigen Schlächtcrkreisen. ist der Gedanke angeregt worden, das altchrwürdige Gewerkshaus, Neue Grünsttaße 28, nunmehr auch den Anforderungen der Gegenwart zu opfern und einen zeitgemäßen Neubau zu errichten. In der letzten Monatsversammlung der Schlächterinnung bildete diese An- gelegenheit den Gegenstand der Bcrathungen und es wurde schließlich eine Kommission mit der Ausarbeitung einer Vor- läge beaustragt:„ob es fich empfiehlt, das Grundstück Neue Griinstraße 28 um- oder vollständig neu zu bauen oder das- selbe zu verkaufen und anderwärts ein Grundstück zu erwerben." Das alte Gewerkshaus ist im Jahre 1852 durch die Innung für 25 000 Thalcr angekauft worden. Von einem Fachmanne wird folgendes mitgetheilt: Es hat wohl Jeder, der zur Weihnachtszeit der Post ein Packet zur Beförderung übergiebt, den Wunsch, daß dasselbe rechtzeitig in die Hände des Empfängers gelangt. Aber leider lagert in den Packkammcrn der Anmeldestellen zur Weihnachtszeit eine so beträchtliche Zahl von Packcten, welche während der Beför- dcrung die Aufsckrift verloren haben, daß die damit beschäf- tigten Beamten eine Riesenarbeit zu bewältigen haben, um aus deni Inhalte der Packete die Empfänger zu ermitteln. 5zaupt- sächlich sind diese herrenlosen Packete mit einer Umhüllung aus grobem Leinen verschen, auf welche die Aufschrift auf einem Stück Papier mittelst Gummi oder Mehlkleister geklebt war. Diese Art der Befestigung ist mangelhaft; man schreibe des- halb die Adresse entweder unmittelbar auf die Leinenumhüllung oder nähe ein weißes Stück Leinen darauf und schreibe auf letzteres die Adresse. Eine Haussuchung, welche am 9. d. Ms. bei Herrn Alexander Sikorski, Eisevbahnstraße Nr. 32, nach verbotenen Schriften stattfand, war erfolglos. „Erkläre mir, Graf Oriitdur....." Auf der kgl. Ostbahn kostet ein Retourbillet dritter Klasse vom Bahnhof Friedrichstraße nach Rüdersdorf 2,70 M. Theilt man dagegen die Fahrt, so kostet ein Retourbillet Friedrichstraße-Fredersdorf 1,70 M. und ein Retourbillet Fredersdorf- Rüdersdorf 50 Pf. Seit wann ist denn 1,70+ 0,50— 2,70? U. A. w. g. Eine aufregende Szene spielte sich vorgestern Nachmittag in dem Hause Müllerstr. 29 ab. Dort wohnt bei seiner Schwester ein Schornsteinfegcrgcselle Ferdinand P. Bei letzterem zeigten fich schon seit geraumer Zeit Zeichen von Irrsinn, die gestern in ein so hochgradiges Stadium übergingen, daß der förmlich Tobsüchtige zuvörderst seine Schwester überfiel, ihr mehrere zum Glück leichte Messerstiche beibrachte, sich dann ent- kleidete und auf die Straße hinausstürmte. Hier wurde er durch einen Schutzmann �festgenommen und nach der Wache des 69. Polizeireviers geschafft. Der Bezirksphysikus ordnete seine Ueberführnng nach der neuen Charitee an. Ein zweiter Geistes- kranker wurde fast um dieselbe Zeit mittelst Lück'schcn Kranken- wagens in die Charitee eingeliefert. Derselbe, ein Mann in den mittleren Jahren, war in der Landsbergerstraßc in Tob- sucht verfallen und hatte Passanten in gefahrdrohender Weise belästigt. Einen unerwarteten Ausgang nahm eine Karambolage- Billardpattie, welche vorgestern Abend in einem Restaurant der Rcichmbergerstraße gespielt wurde. Der Schneidermeister Hoff- mann spielte daselbst mit einem Gaste eine Karambolazepattie, als deren Preis zwei Glas Bier ausgesetzt waren. Der Gast war der Verlierer und es entstand ein heftiger Wottwechsel, in dessen Verlauf er ein Weißbierglas ergriff und auf den H. einhieb. tz. parirte den Schlag mit dem Arm, das Glas zer- brach und die Scherben schnitten dem H. so tief ins Fleisch, daß eine klaffende, stark blutende Wunde entstand und die sämnitlichen Sehnen und Venen durchschnitten wurden. Von Blutverlust überwältigt, fiel der Aermste wiederholt in Ohn- macht und wurde in diesem Zustande nach der Sanitätswache in der Adalbertsttaße und von hier nach Anlegung eines Ver- bandes nach seiner Wohnung geschafft. Die königl. Eiseubahn-Dircktion beabsichtigt, die Unter- führung der Liesenstraße unter die Geleise der Stettiner Eisen- Hahn zur Ausführung zu bringen und hat hierzu, sowie zur Anlage eines dtttten und vierten Gelerscs zwischen Lands- hcrger Allee und Gesundbrunnen die landespolizeiliche Gench- nrigung nachgesucht. Zur Borsicht beim Gebrauch von Petroleumlampen wird angesichts der zahlreichen Unfälle nunmehr auch von den Behörden ermahnt. Die Dresdener Polizeidirektion hat von dein technischen Ausschuß des dottigen Gewerbcvercins die noth- wendig bei der Behandlung der Pettoleumlampen zu be- obachtenden Regeln aufstellen und zur öffentlichen Kenntniß bringen lassen. Danach soll Pettoleum möglichst an kühlen Orten aufhcwahtt werden, da Explosionen bei der Entwickelung von Gasen stattfinden und diese bereits bei einer Temperatur von 20 Grad Rcaumur entstehen. Das Füllen der Lampen soll thuvlichst am Tage und keinenfalls in der Nähe einer offenen Flamme oder eines Feuers geschehen; das Nachgießen von Petroleum auf die brennende Lampe ist unbedingt unstatt- Haft. Der Lampendocht muß gut passen; zu dünner Docht er- hitzt den Brenner und das Oel, zu dicker Docht saugt schlecht. Feuchten Docht trocknet man am besten durch Ueberstreichen mit einem heißen Plätteisen. Docht und Brenner müssen täglich von kohligen Resten gesäubett werden; einer besonders gründlichen Reinigung bedürfen Lampen, die längere Zeit nicht in Gebrauch waren. Auch die Luftzüge des Brenners müssen stets rein gehalten werden, da diese eine beständige Abkühlung des Brenners bewirken; schadhafte Brenner soll man sofott durch neue ersetzen. Das Oel im Behälter dach nie vollständig ausbrennen, auch muß der Docht stets in dasselbe ein- getaucht sein, weil bei trockenem Docht die Flamme in den Brenner hinab brennt, diesen und das Oel erhitzt und Explosion herbeiführen kann. Ter Oel enthaltende Behälter muß vor jeder Erwärmung bewahtt bleiben, namentlich soll man die gefüllte Lampe nicht auf den geheizten Ofen oder eine brennende Lampe nicht unter eine Hänge- lampe setzen. Tie Petroleumlampe soll nicht im zurückgc- drehten Zustande gebrannt werden; das Niedcrdrehen des Dochtes erzielt keinerlei Ersparniß, es erhitzt aber den Brenner und erzeugt übelriechende, gesundheitsschädliche Gase. Das Auslöschen der Lampe ist durch leichtes Ucderblascn des Zylinders nach vorherigem geringen Niederdrehen des Dochtes zu bewirken. Das Ausdrehen sowie das Blasen in den Zylinder kann unbemerktes Fottbrennen oder Zurückschlagen der Flamme bewirken. Endlich empfiehlt eS fich überhaupt, namentlich aber in Kinderstuben und Familienräumen, wenn irgend thunlich, nur Hängelampen zu verwenden.— An der Zweckmäßigkeit aller dieser Vorschläge ist nicht zu zweifeln, ebenso wenig aber auch daran, daß, wenn sie alle pünktlich befolgt werden sollen, jeder Haushalt, in dem mehr als etwa zwei Lampen gebrannt werden, eine besondere Person für den Lampendicnst angestellt werden müßte. � � Verhaftung eines Schwindlers. In dem Geschäfts« lokal des Uhrmachers H. in der Mohrenstraße erschien am 30. v. Mts. ein unbekannter Herr und wünschte eine goldene Damenuhr zu kaufen. Nachdem ihm»ettchicdcne Uhren vor- gelegt waren, wählte derselbe eine vierzehnkarätigc goldene Damcn-Zylindcr-Remontoir-Uhr im Wctthe von 85 Mark aus, welche die Nummer 36 566 trug. Nach Abschluß des Geschäfts bemerkte der Käufer, welcher sich als Inspektor L. von der Lebensversicherungs- Gesellschaft Equitable bezeichnete, auch eine auf diesen Namen lautende Ausfertiaung in englischer Sprache vorlegte und erst kürzlich aus Ncw-Nork zurückgekommen sein wollte, um äm Ersten seine Stellung anjüiretett, daß er die Uhr sofott haben wolle, aber nicht gleich bezahlen könne. Nack» dem H. festgestellt hatte, daß der angebliche L. in dem von ihm genannten Hotel angemeldet war, nahm er keinen Anstand, dem letzteren die Uhr ohne Bezahlung auszuhändigen. Als der Käufer sich nicht wieder blicken ließ, begab sich tz. zur Lebens- vcrficherungs- Gesellschaft Equitable und erfuhr, daß ein In- spenor L. dort nicht bekannt sei. Aus dem Hotel war L. seit dem 2. d. M. unbekannt verzogen. Seitdem hat die Kriminal- polizei täglich Anzeigen von hiesigen Gewerbetreibenden erhallen, welche in ähnlicher Weise von L. beschwindelt worden find. Vorgestern gelang es endlich, denselben in einem Hotel in der Landsbergerstraßc, wo er sich unter falschem Namen mit einer Dame, die er fälschlich für seine Frau ausgegeben, einlogitt hatte, zu ermitteln und zu verhaften. In seinem Besitze wurden verschiedene Pfandscheine über die von ihm erschwiv- Velten Gegenstände, insbesondere Uhren, Schirme, Operngläser w. vorgefunden. Ein Selbstmord, den die Frau Ingenieur W. in der Flcnsburgersttaße in der Nacht zum Mittwoch durch Vergiftung größte hat, erregt weit über die Nachbarschaft hinaus das peinlichste Aufseben. Die Verstorbene hat sich mit ihrem zurück- gebliebenen Gatten vor noch nicht 3 Jahren verhcirathet. Wegen Kinderlosigkeit dieser Ehe find zwischen den jungen Eheleuten vielfach Differenzen entstanden und befand sich die etwas exzentrische junge Frau in dem ungerechtfertigten Glauben, daß ihr Gatte sie nicht mehr liebe. Am Dienstag Abend war Frau W. mit einer befreundeten Familie zu emeni Souper eingeladen und kam von demselben gegen 2 Uhr Nachts in der vergnügtesten Stimmung nach Hause. Dott traf sie ihren Gatten, welcher seine Bethciligung an der beregten Festlichkeit abgelehnt hatte, schlafend an. Derselbe versagte ihr die Bitte. fie zu küssen, mit den Motten:„Ach, Du bist ja benebelt!" Diese nicht übel gemeinte Zurückweisung nahm der jungen Frau die frohe Laune und schloß sie sich in ihrem Zimmer ein, aus dem fie etwa 10 Minuten darauf mit der Mitthcilung heraus- stürzte, daß fie fich soeben vergiftet habe. Der Ehemann ließ sofott einen in der Nähe wohnhaften Arzt herbeiholen, auf dessen Anordnung die bereits in Krämpfen befindliche Frau nach dem städtischen Krankenhause zu Moabit gebracht wurde. Wenige Minuten nach ihrem Eintreffen dortselbst hauchte die Selbstmörderin auch schon ihren Geist aus. Dieselbe befand fich in den günstigsten Vermögensverhältnissen. Ein bedauerlicher Unglücksfall ereignete sich vorgestern Abend in der städtischen Turnanstalt in der Prinzenstraße. Der 13 Jahre alte Eleve des Louisenstädtischen Realgymno- fiums, Buggenhagen, turnte an einem Reck und als er den Ausschwung machte, siel er so unglücklich und mit voller Wucht auf den Fußboden, daß er mit beiden gebrochenen Handge- lenken liegen blieb. Polizeibericht. Am 13. d. M., Vormittags verschluckte ein acht Monate alter Knabe beim Spielen eine Marmorkugcl und starb trotz sofott angewendeter ärztlicher Hilfe an Erstickung. — In der Nacht zum 14. d. M. erschoß sich ein junger Mann in der elterlichen Wohnung in der Teltowersttaße.— Am 14. d. M, früh, wurde im Wcinbcrgsweg ein etwa 35 Jahre aller Mann fichtlich schwer krank auf dem Bürgersteige liegend vor- gefunden. Er mußte mittelst Krankenwagens nach dem städtischen Krankenhause im Friedrichshain gebracht werden.— An demselben Tage Vormittags wurde im Humboldthain ein etwa 35 Jahre alter Mann, anscheinend Arbeiter, erhängt vor- gefunden. Die bei ihm vorgefundenen Papiere lauten auf den Namen Karl Blume.— Um dieselbe Zeit brachte ein Mann in einem Anfall von Tobsucht seiner Schwester in der gemeinschaftlichen Wohnung in der Mctzerstraßc mit einem Messer mehrere schwere, nach ärzt» lichem Ausspruch aber nicht lebensgefährliche Verletzungen am Halse und an der linken Seite bei. Er wurde nach der Charit«- gebracht.— Ebenfalls am Vormittag wurde auf dem Flur des Hauses Mauerstr. 91 die Leiche eines neugeborenen Kindes auf- gefunden und nach dem Lcichenschauhause gebracht.— Gegen Mittag wurde in einem Fremdenzimmer eines Hotels im Zentrum ein Herr erhängt vorgefunden.— Nachmittags fand auf dem Molkenmartt in Folge falscher Weichenstellung ein Zusammen- stoß zweier Pferdebahnwagen statt. Dabei wurde eine in einem derselben fitzende Frau durch die Scherben des zerbrochenen Fensters an Stirn und Mund leicht verletzt.— Um dieselbe Zeit brach auf dem Neubau Wötthechr. 60 der Maurer Fleischer das linke Fußgelenk, als er, anstatt die Leiter zum .Herabsteigen zu benutzen, auf der gemauerten Wölbung der Treppe herabrutschte.— Ebenfalls am Nachmittag wurde auf dem Oranienplatz ein 8 Jahre altes Mädchen durch einen im schatten Trabe fahrenden, vom Bäcker Schönau, Prinzcssinnenstr. 24 wohn- Haft, geführten Geschäftswagen überfahren und an beiden Händen und dem linken Schulterblatt nicht unerheblich verletzt.— Gegen Abend wurde im Flur des Hauses Landsbergerstt. 71 ein unbekannter Mann bewußtlos vorgefunden und mittelst Krankenwagens nach dem Krankenhause im Friedrichshain gc- bracht.— Um diese Zeit wurde auf dem Oranienplatz eine 64 Jahr alte Frau durch ein von dem Kutscher Klaus, Zosscnerstr, 41 wohnhaft, geführtes Fuhrwerk erfaßt und über- fahren Sie erlitt eine tiefe Verletzung an der Stirn und mußte die Hilfe der Eanitätswacke in Anspruch nehmen.— In der Nacht zum 15. d. M. vergiftete fich eine Frau in ihrer Wohnung in der Flensburgetttraße mittelst Cyankali.— Am 14. d. M. fanden Fttedrichsstraße 10SS, Landsberger- vlatz 1, Gertraudtenstraßc 4, Strelitzerstraße 68, und in der Nacht zum 15. d. M. Anklamerstraße 50 unbedeutend: Brände statt._ Gerichts-Ieitnng. t lieber die Thaten dreier halberwachsener Knaben. dre über die Hausdächer geklettert waren, um einen Taubenstock zu plündem, haben wir vor kurzem bettchtct. Gestern waren es wieder drei Knaben, die vor dem Forum der dritten Strafkammer des hiesigen Landgcnchts> unter der Anklage des Einbruchsdiebstahls standen. Es ist ein betrübender Anblick, vollkommen verwahrloste Kinder zu sehen, die mit Tollkühnheit gefährliche Expeditionen unternehmen, vor denen ein Mann zurückschrecken würde, und die Anklage, die sie unbewußt gegen die sozialen Zustände der Gegenwart erheben, die ihre Ver» wildenmg verschulden, die ihnen Vater und Mutter genommen, um sie in die Fabttk zu wetten, wiegt schwerer als diejenige, gegen welche fie fich selber zu verantworten hatten. Der drei» zehnjährige Josef Sekulla, der zwölfjährige Kunibett Fleck und der gleichaltettge Gustav Becker waren Spiellameraden; der Schauplatz ihrer Streiche find die Häuser Gitschinerstraße 79 und 80. Nach der Erzählung des Sekulla machte ihn Becker darauf aufmerksam, daß der Boden dcS Hauses 80 offen stände, daß man von da aus leicht auf die Dächer und in die Böden der Nachbarhäuser gelangen könne Am 5. Oktober Vormittags wurde die erste Parti« unternommen. Die Jungen stiegen auf das Dach und krochen in den Bodenraum des Hauses 81 ein. Hier machte Becker Halt; weiter, wollte er sich nicht betheiligen. Der ettahrene Sekulla ergrm em Hackebeil, das er vorfand, und schlug die Krampe emcs Schlosses ab, so daß die Thür eines VcttchlageS aufsprang. Dann stahl er em Mannesheinde und trat allein den Rückweg an; Becker hatte sich schon vorher, von Furcht gc- trüben, entfernt. Da die Unternehmung so glücklich abgelaufen war, so wrederholte fie Sekulla des Nachmittags noch einmal und diesmal leistete ihm Fleck Beistand. Beide Knaben ge- langten wieder tn den Bodenraum des Hauses 81, schlugen von der Thür eines anderen Verschlages die Krampen los und packten einen Haufen Kinderwäsche zusammen. Da fie aber nicht ficbcr waren, diese Gegenstände verkaufen zu können, so ließen sie den Haufen liegen und begnügten fich, eine Tabaks». pfeife, eine Zigarrenkiste und ein Lottospiel mitzunehmen. Mit dieser Beute nicht zufrieden, kletterten sie von dem Dache des Hauses 81 nach dem des Hauses 79, drangen in einen Bodenvcrschlag ein und nahmen einen Topf mit Scnfgurken weg. Da störte sie ein Geräusch und sie ergriffen die Flucht. Trotzdem sie den Topf auf dem Dache stehen ließen, um bei der Flucht nicht gehindert zu sein, wurden sie erwischt und festgenommen.— Das Gericht sprach den Becker frei, da er nur ourch die Aussage seines Genossen belastet wurde; die beiden anderen, die wegen des Diebstahls bereits vorbestraft waren, verurtheilte er nach dem Antrage des Staats- anwalts: Selulla zu einem Jahre, Fleck zu neun Monaten Ge- fängniß.— Der Vorsitzende des Gerichtshofes sprach die Hoff- nung aus, daß die Länge der Strafe einen besonders heilsamen und bessernden Einfluß auf die Knaben ausüben werde. Die Erfahrung bestätigt diese Erwartung nicht gerade. t Eine günstige Gelegenheit verführte den Kellner Karl August Weppner, seine Hand nach fremdem Eigenthum aus- zustrecken, trotzdem er durch mannigfache Vorstrafen bereits darauf aufmerksam gemacht worden sein konnte, wie hart das Gesetz solche Thaten bestraft. Er lag an einem Fußlciden krank in der Charitee und wurde von einem Unterarzte, einem Dr. Lorenz, behandelt. Eines Tages sollte der Verband erneuert werden und hierbei leistete ein junger Mann, Namens Wawre- neck, dem Arzt Hilfe. Bei der Operation hörte derselbe plötzlich etwas herunterfallen, aber er achtete nicht weiter darauf. Die Operation wurde deendet und der Arzt begab sich in einen an- deren Krankensaal. Nach einer Viertelstunde vermißte er sein Portemonnaie und er stellte fest, daß ihm dasselbe nur vorher aus der Tasche gefallen sein konnte. Damit stimmte auch die Beobachtung überein, die Wawreneck gemacht hatte. Da Weppner leugnete, das Portemonnaie gefunden zu haben, so wurde er vifitirt und man fand thatsächlich den Inhalt der Geldtasche, 50 M., bei ihm vor, während das Portemonnaie selber im Aborte entdeckt wurde. Nun versuchte Weppner den Vorfall so darzustellen, als habe er das Portemonnaie im Klosetranm gefunden und auch die Abficht gehabt, das Geld abzuliefern. Dadurch, daß man ihm auf den Kopf zugesagt habe, er sei der Dieb, sei er in solche Bestürzung gcrathen, daß er in der Angst geleugnet habe, überhaupt etwas zu wissen. Weppner stand gestern vor dem hiesigen Schöffengericht. Der 8anzen Sachlage nach erschien diese auch in der gestrigen Ver- andlung vorgebrachte Erzählung dem Gerichtshof ein Märchen zu sein; er fand den Angeklagten schuldig und verurtheilte ihn zu 6 Monaten Gefängniß. Der Staatsanwalt hatte 3 Monate beantragt._ Uerewe und Versammlungen. Der Fachverein der Gas-, Wasser- und Heizung«- Rohrleger und Berufsgenosscn Berlins tagte am Sonntag, den 12. d. M., in Niest s Salon, Kommandantenstraße 71/72. Der Vorsitzende Herr Becker theilte der Versammlung zunächst mit, daß der Kollege August Lehmann, Barnimstraße 45, am 3. d. M. gestorben und ersuchte die Anwesenden, sich zu Ehren des Verstorbenen von den Plätzen zu erheben. Nachdem dies geschehen, hielt Herr Dr. Äaumgart einen Vortrag über das Badewcsen vom Alterthum bis zur Neuzeit. Dieser Vortrag wurde von der Versammlung mit großem Beifall aufgenommen. Ter Vortragende wies geschichtlich nach, wie großartig und zahl- reich im Orient und im alten Rom die öffentlichen Bäder waren und wie winzig dagegen unsere heutigen Badeanstalten sind. — Nachdem noch Herr Schuster die Abrechnung vom stattge- habten Wintervergnügen verlesen, welches einen Uederschuß von 23,05 M. ergab, wurde die Versammlung geschlossen. Der Fachverein der Böttcher Berlins hielt am 12. d. M. in Heise'« Saal, Lichtenbergerstr. 21, eine Versammlung ab. Der Vorsitzende theilte mit, daß das Mandat des jetzigen Jnnungs- Gesellenausschusses mit Ablauf dieses Jahres erlischt und daß er(der Vorsitzende) nicht Lust habe, länger als Aus- schußmitglied zu fungiren. Er wolle fleh daher an den Ober- meister der Innung wenden und diesen ersuchen, behufs Wahl eines neuen Gesellenausschusses eine Versammlung einzuberufen. Mehrere andere Mitglieder sprachen sich in ähnlicher Weise aus. Es wurde gerügt, daß viele Meister nur solche Gesellen ein- stellen, welche ihnen durch den Arbeitsnachweis des Meister Dom zugeschickt würden. Wenn die betteffenden Arbeitgeber auch mitunter andere einstellen, so pflegen sie dieselben doch in der Regel bald wieder zu entlassen. Auch auf das in letzter Zeit wieder sehr in Anwendung gekommene»Umschauen" wurde hingewiesen und davon abgerathen. Der Vorfitzende ersuchte die Anwesenden hierauf, der arbeitslosen Kollegen zu gedenken und schilderte die Lage der Münchener Bemfsgenossen in kurzen Motten. Alsdann wurde mitgetheilt, daß das Statut des „Reiseunterstützungsvereins" der Behörde eingereicht worden, ein Bescheid jedoch noch nicht ettheilt worden sei. Herr Winter sprach über dm Nutzen, welchen der genannte Verein bttngen würde und erläutette die auf der Generalversammlung zu Gera gefaßten Beschlüsse. Nach Beantwottung einiger Fragen er- folgte der Schluß der Versammlung.— In der nächsten Ver- sammlung, am Sonntag, den 19. d. M, wird Herr Bergmann Elemar einen Vottrag haltm. Oeffentliche Versammlung der Metallarbeiter und Berufsaenossen Berlins Freitag, den 17. d. M., Abends 8 Uhr, Manteuffelstr. 9, bei Wohlhaupt. Tagesordnung: Berichterstattung über die Arbeitseinstellung der Granatenarbeiter bei Herrn Otto Jachmann, Köpnickerstr. 99. Kachverein der Steindrucker und Lithographen. Donnerstag, den 16. Dezember, Abends 8% Uhr, Versammlung in Gratweil's Bierhallen, Kommandantmstr. 77 79. Tagesordnung: 1. Wichtige Vereinsangelegenheiten. 2. Verschiedenes und Fragekasten. Neue Mitglieder werden aufgenommen.— Der Arbeitsnachweis des Vereins befindet sich bei Splettstößer, Weinbergsweg 15b. Kachverein der Stuckateure Berlins. Dm Mitaliedcm zur Nachricht, daß der Untettcht in der Fachschule am Freitag, oen 17. d. M., ausfällt.— Der Unterncht wird erst nach Neu« jähr weiter ettheilt. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine rc. am Donners« tag. Männergesangvererein„Lätitia" Admds 9 Uhr in Vettin's Restaurant, Veteranenstr. 19.— Männergesangverein„Jugend- lust" Abends 9'/, Uhr bei Bester, Große Hamburgerstraße 4. — Schäfer'scher„Gesangverein der Elser. Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger, Skalitzcrstraße 126, Gesang.— Turnverein „tzasenhaide"(Lehrlings- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffm- bachstraße 60—61.—„Berliner Turngmossenschast"(7. Lchr- lingS-Abtheilung) Abends 8 Uhr in der städtischen Tumhalle, Bntzerstr. 17— 18.—„Verein ehemaliger Dr. Döbbelin scher Schüler", Abends 9 Uhr im Restaurant ,Lum Anhaltiner", Tempelhofer-Ufer, Ecke der Möckemstr.— Muflk-Dilcttantenverein „Glocke" Abends 8i Uhr Friedrichsbergerstr. 10.— Roller'scher Stmographmverein„Alt-Cölln" Abmds 9 Uhr Wallstt. 20 bei Leonhardt."— Verein Ziehlke'scher Tanzschüler„Tirolienne" Abends 9t Uhr im Restaurant Poppe, Lindmstraße 106.— Rauchklub ,�kernspike" Abends 84 Uhr im Restaurant Holzmarltstt. 44. Rauchklub„Arcona" Abends 9 Uhr bei Brandt, Forsterstraße, Ecke der Reichenbergerstraße. Nürnberg, 13. Dezember. Eine gut besuchte öffentliche Versammlung, welche gestern Vormittag im Caf- Merk statt- fand, gestaltete sich zu einer Vettrauenskundgebung für den Abgeordneten des Nürnberger Wahlkreises, Herrn Grillenbcrger. Derselbe sprach über die Militärvorlage und belmchtete sowohl diese als auch die Behandlung, welche ihr im Reichstage und in der Presse von den vettchiedenen Patteim zu Thell wurde, dabei namentlich seinen Standpunkt resp. den der sozial- demokratischen Pattei darlegend. Die Versammlung nahm die Ausführungen des Redners mit lauten Beifallsbezeugungen mtgegen. Folgende Resolution wurde einstimmig angenommen: „Die Versammlung erklärt sich sowohl mit den heutigen Aus- führungen des Referenten Herrn Grillenberger, als auch mit dessen Darlegungen über die Militärvorlage in der Sitzung des Deutschen Reichstages vom 4. d. M. ausdrücklich und nach allen Richtungen hin vollständig einverstanden. Sie erachtet es als eine der hervorragendsten Pflichten eines wirklich auf das Interesse des Volks bedachten Abgeordneten, für Herabminde- rung der drückenden Militärlasten einzutreten und spricht daher dem Abgeordneten für Nürnberg ihre Anerkennung dafür aus, daß er in Konsequenz dieser Pflicht eines Volksvertreters auch der projektitten, nach ihrer Ueberzcugung durch nichts gerecht- fertigten Mehrbelastung des Volkes energisch entgegen getreten ist. Die Versammlung rechnet es ihm außerdem als besonderes Verdienst an, daß er den Standpunkt der reaktionären Parteien, dem Volke kcineMittheilungen aus denKommissionsverhandlungen machen, sondern mit den von der Regierung allenfalls ins Feld zu führenden Gründen Geheimnißkrämerei tteiben zu wollen, nicht theilt, sondern bestrebt ist, den Wählern volle Klarheit über die politische Lage zu verschaffen. Die in der hiesigen Presse sowohl von fortschttttlicher als von national- liberaler Seite erhobenen Beschuldigungen nnd verübten Ver« dächtigungen bestärken die Anwesenden nur um so mehr in ihrem Vertrauen zu dem Abgeordneten Gnllendcrger und sie verpflichten sich, die von ihm vertretenen Grundsätze durch eifrige Agitation in immer weitere Kreise zu ttagcn, ihn zu- gleich ertuchend, durch die ihm widerfahrenen Verunglimpfungen sich in seinen Bestrebungen nicht beirren zu lassen, sondern unentwegt denselben im gesetzgebenden Körper Ausdruck zu geben." Nach Annahme der Resolution sprach noch Herr Dr. Schön- lank, worauf der Vorfitzende die Versammlung schloß, die ersichtlich auf alle Theilnehmer einen erhebenden Eindruck machte. Kriefltasten der Redaktion. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. G. Nr. 37. Vielleicht bringt ein in Tilsit erscheinendes Blatt über diese Gerichtsverhandlung einen Bericht. Die be- ttegende Nummer müßten Sie sich eventuell schicken lassen. H. C. Wenn der Arbeitgeber für die bei ihm beschäf- tigten'Arbeiter ein Drittel der Beittäge zur Ortskrankenkasse zahlt, so ist er in der Generalversammlung der Kasse stimm« berechtigt gleichviel ob die betreffenden Arbeiter großjährig find oder nicht. Namenlos. 1. Die Bestimmung des Statuts, daß die Krankenkasse Wöchnerinnen Krankengeld für 3 Wochen gewährt, muß innegehalten werden; Ihre Frau kann daher das Kranken- geld noch für eine halbe Woche beanspruchen, wenn sie nicht etwa schon 2)i Woche nach der Entbindung gearbeitet und den früheren Lohn verdient hat. 2. Das Abonnement auf genanntes Blatt ist nicht strafbar. 2. Ziehung d. 3. Klasse 175. Königl. Preuß. Lotterie. Zithung vom 15. Decemb-r 1886,»ormiti.g«. Nur die Gewinne über 155 War! find den betreffenden Nummern in Parenthese beigefügt. (Ohne Gewähr.) 43 69 140 66 G55 729 95 1 010 196 224 415 508 620 937«046 61 156 98 232 305 62(200) 80 400 524 98 631 87 766 808 47 979 3287 611[60 000] 48 761 860 901 16 4014 80 203 7 638 743 62 808 72 905 16 88 5031 133 344 94 416 22 27[2001 558 866 71 94 6337 468 541 98 709 31 889 7006 193 209 368 462 78 575 770 8009 217 54 80 357 689(2001 854 57 63 967»146 329 50 432 502 6 770 95 891 915 10122 63 369 456 600 731 835 978 1 1210 22[2001.397 405 �2001 J 602 608 17 19 25 63 820 45 89 1 2009 100 320 25 468[200] 610.. 824 93 962 1 8024 71 258 316 61 85 668 905 8 59 1 4026 142 278 342 417 931 15015 128 206 30 48 386 576 838 940 70 1 6112 20 231 370 93 573 669 86 982 1 7016 103 76[200) 233 95 331 501 16 622 848 909 63 1 8075 206 52 424 606[200] 709 63 855 1 9133 222 44 322 423 68 761 923 80 «6043 71 336 584 616 18 805 64 911 76 2 1 050 312 798 869 938 45 «2408 36 569 649[200) 85 739 872 916 97«3003 5 27 56 128 207 317 415[200] 17 575 871 939 72 2 4012 334 686 778 85 823 49 935 51 85 25255 310 410 25[500) 506 60 711 55 62 831 65 2 6001 76 230 360 78 458 667 68 709 840 44 940 2 7001 152 201 306 403 524 629 750(200) 94 848 69 2 8020 281 87 398 467 502 43 631 740 81 29035 46 203 44 68 420 662 707 90 80168 440 85 568 614[30001 19 712 24 26 35 58 816 3 1 022 82 301 464 74 587 684 720 924 45 8 2016 1938 219 32 368 436 646 930 8 3023 278 467 541 750[5000] 972 8 4004 85 128 370 437 614 17 42 52 771 903 85134 237 76 85 86 346 62 405 18 505 32 41 98 714 48 63 905 77 92 88002 209 474 509 94 625 740 871 78 993 8 7071 75 117 234 79 348 428 36 38 626 759 87 854 998 99 8 8084 317 52 57 408 520 81 678 784 840 86 92 988 39154 251 81 351 663 828 988 95 49210 13 32 36 363 506 38 636 742 4 1 002 29 88[200] 150 51 262 406 51 709 836 951 86 4-4250 54 307 69[200] 457 708 38 81 94 4 3023 75 88 99 176 294 479 622 712 885 4 4286 390 859 920 77 45103 534 719 64 840 58 78 919 20 74 4 8331 78 404 25 534 52 70 754 884 912 97 47164 210 16 61 449 513 73 657 69 724 823 80 4 8031 165 351 62 83 447 709 992 49190 248 410 63 95 533 71 632 888 946 59124 45 266 450 542 66 711 6 1 042 66 97 148 233 71 309 408 95 602 17 716 974 82 99 6«129 67 277 82[200] 357 410 564 699 777[200] 883 5 3278 312 23 28 71 75 720 807[200] 94 6 4348 75 418 531 81 92 [300] 733 71 76 886 903 55121 210 395 594 607 70 755 802 14 5 9246 402 77 565 605 803 23 40 958 5 7025 30 34 239 85 352 616 626 765 807 75 78 5 8212 34 348[200] 436 619 29[300] 59302 97 425 65 693 739 98 821 36 906 65 99036 93 129 381 457 68 762 8981920 6 1078 107 16 242 352 418 30 543 49 60 97 872 920 6 2031 192 321 593 602 75 714 871 917 60 68114 31 38 269 473 549 54 75 94 717 77 64172 94 234 427 30 513 61 614 22 96 739 47 85 803 4 921 65022 67 232 90 302 7 430 520 752 833 939 41 50 66140 289 315 62 79 456 65 500 694 710 34 919 76 67073 155 362 86 526[200] 31 89(3001 618 88 701 8[300] 12 16 947 68 681118 74[500] 215 438 75 84 523 664 856 979[200] 90 69005 27 150 249 393 469 513 24 91 640 87 747 88 803 919[200] 79000 46(200] 155 322 519 48 618 826 60 906 64 7 1045 15178 210 692 628 46 91 718 90 7«024 113 515 726 833 62 979 7 3083 122 50 271 86 302[200] 11 52 424 668 76 87 626 40 7 4067 135 43 60 215 28 29 482 640 741 824 87 942 76 7 5057 87 133 66 252 376 500 50 657 741 849 74 7 6031 80 103 65 378 409 65 68 513 732 835 54 903 U 22 7 7047 128 407 13 84 698 881 78105 369 432[3001 51 533 92 93 901 79020 30 [500] 123[200] 91 332 454 594 710 17 903 26 27 89047 48 147 86[500] 206 90 333 433 6tl 841 943 81062 178 230 303[300] 547 674[200] 82341 43 54 491 580 782 828 35 930 51 83120 71 275 317 24 74 92 447 506 44 81 769 84330 41 87 474 76 683 749 820 968_ 85163 336 413 58 92 551 772 830 928 8 6015 57 163 75 210 360 437 57 545 83 675 95 825 35 59 901 75 8 7098 185 235 48 838 913 88301 2 11 60 415 80 96 99 731 909 42 60 89050 103 221[300] 59 376 79 436 55 687 97 873 903 12 30 32 99148 495 97 609 797 879 92 901 6»1046 168 583 462[200] 635 L Ziehung d. 3. Klasse 175. Königl. Preuß. Lotterie. Ziehung vom 15, December 188C, R<>ch»>i«t»g». Nur die«ewinae über 1 55 Mar! sind den bctuffcnden Nummern in Parenthese beigefügt. •(Ohne Gewähr) 265 516 623 36 54 726 939 1 056 92 178 89 204 61 87 449 551 788 808 30«128 80 591 899 928 59 8072 183 293 363[200] 41241 621[200] 35 700 76 816 51 58 4008 119 292 413 63 790 5061 90 347[200] 420 93 696«231 304 41 413 619 744 886 87 961 71 7234 64 363 479 525 670 847[200] 982 8004 319 47 483 502 96 1200) 757[500] 80 82 88 93 821 71 916 96 9017 26 52 97 178[300] 341 62 461 704 10095 129 46 408 44 567 630 809 11028 136 53 61 235 76 329 46 64 674[200] 717 61 81 806 39 937 1 8039 93 288 632 762 879 922 51 65 1 3014 228 397 418 605 753 81 846 73[200] 14312 501 35 664 15007 181 2U 35 308 448 647 620 727 919 91 10176 81 212 40 80 327 73 467 74 515 871 91 977 1 7047 63 216 649 749 90 1 8097 105 406 610[200] 20 32 41 827 70 929 51 19288 367 447 79 522 24[200] 54 58 608 20002 23 190 305 490[500] 553 650 62 702 41 853 944 68 95«1075 167 250 385 480 637 629 7o4 90 834 900 16 63 22114 27 66 253 77 78 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