Kr. SW. Konnabend, de« 18- Dezemder 1886. 3. Jahr» StlimerVslksblM Krgan snr die Interessen der Arbeiter. 4 Keinen Mann nnd keinen Tag können wir von den Militarforderunaen, die wir beim Reichs- tage gestellt haben, ablassen— so soll Fürst Bismarck er- klärt haben. Ob diese von Reichstagsabgeordneten im Foyer deS ReichstagsgebäudeS kolportirte Nachricht wirklich auf Wahrheit beruht oder nicht, ist gleichgiltig. DaS eine steht fest, daß der Sinn obigen Ausspruchs vom Kriegsminister in der Militärkommission mehrfach bestätigt worden ist. Wieder- !loIt erklärte Herr Bronsart von Schellendorff, daß sämmt- iche Anträge, welche auf Herabminderuna der geforderten Präsenzziffer oder auf Beschränkung der Zeitdauer hinaus- Uesen, für die Regierung unannehmbar seien. Nun sind aber bei der ersten Lesung in der Vorlage Abstriche an den geforderten Mannschaften and auch an der geforderten Zeitdauer in der Kommission gemacht worden. Für diese von Zentrum und Fortschritt verein- barten Abstriche stimmten außer den genannten Parteien auch die Sozialdemokraten und der Pole. So hat sich in der ersten Lesung die Vorlage als eine für die Regierung unannehmbare gestaltet. Eine Auflösung müßte nun seitens der Regierung die Antwort fein, wenn — ja wenn es keine zweite Lesung in der Kommission und wenn es kein Plenum gäbe. Möglich ist es ja, daß wäh- rend der zweiten Lesung schon in der Kommission selbst ein „Umfall" bei dem Zentrum oder den Deutschfreisinnigen zu verzeichnen ist, doch wahrscheinlich ist dies nicht, weil sich im Plenum eine viel bessere Gelegenheit zum„Umfallen" finden wird. Nehmen wir also an, die zweite Lesung des Gesetzes würde genau so ausfallen, wie die erste Lesung. Die Präsenzziffer in§ 1 des Gesetzes würde um zirka 16 000 Mann herabgesetzt und anstatt der ge- forderten siebenjährigen Gesetzesdauer träte eine solche von 3 Jahren und für einen Theil der bewilligten Aus- gaben von 1 Zahre ein. Wenn nun der also etwas, aber auch nur etwas gemilderte Gesetzentwurf bei der Gesammt- abstimmung in der Kommission angenommen würde, so diente derselbe zur Grundlage der Verhandlungen im Plenum; würde er aber abgelehnt, so würde die Regierungsvorlage die Grundlage bei den ReichStagSverhandlungen bilden. Bei dieser Frage, die ja für eine prinzipiell ablehnende Partei von nur äußerst geringer Bedeutung ist, haben die Sozialdemokraten in der Kommission die Entscheidung in der Hand._ c � rr Stimmen sie gegen den Gesammtantrag der Deutsch- freisinnigen und de« Zentrums, so wird derselbe mit 14 gegen 14 Stimmen abgelehnt und sie schaffen so im Verein mit den Konservativen und Nationalliberalen die Regierungsvorlage als Grundlage der Plenarverhandlungen. Wie gesagt, ist das für die (fetinul oer&.ten,] JeuiK'eton. [12 Die Derfuhrrri«. Novelle von D. ColoniuS. „Mein armer Freund!" sagte die Baronesse mit leiser, ptternd bewegter Stimme, mehr zu sich ol« zu Rudolph, „warum mußte da# Schicksal Dich so grausam und höhnisch gerade mir und warum erst jetzt zuführen! Ich vm nicht gut genug für Deine Liebe— o wäre ich eß! lind mit plötzlich verändertem, etwa» ernsterem Tone fügte sie hinzu: „Gehen Sie, mein Freund! ich will und darf nicht schwach «erden, ich habe Pflichten gegen mich und ihn, der mit herz- loser Kälte mein Herz zerriß, da» ihm ganz gehört, �ch will nicht auf Rechnung seine« Gewissens das meinige be- lasten, ich will mir nicht selbst den Vorwurf Machen, auch nur einen Augenblick in meiner Gesinnung wankend gemacht worden zu sein.— Gehen S,e, mein Freund, und wenn Sie wieder nnmal lnit Antonio zusammenkommen, erzählen Sie ihm, daß ich uicht stark genug war, dem Manne, der mw durch seine Freunvschaft nahe gebracht worden, meine Theilnahme zu versagen, und nicht schwach genug, eine Liebe anzunehmen, die mir zwar ein Beweis meine» Werthe» sein mußte, die ich aber nicht zu erwidem vermag." „Ich kann nicht von Dir lassen, Adele. hauchte Rudolph auf« Tieffte erschüttert.„Tobte mich mit Deiner Liebe; aber mach' mich nicht zu Ei» erstarren durch Dem Pflichtgefühl, da» sich zwischen mich und Dich stellt. O, «ie verabscheue ich ihn, den Mann, den ich Freund nannte, «ie verabscheue ich ihn Deinetwegen. Vergiß ihn, der Dich nicht zu erkennen, nicht zu würdigen wußte! Gehöre mir an, mir ganz allein mit Deiner Vergangenheit und Deinem Bergehen. Ich liebe Dich, Adele!" Die Baronesse machte Miene, sich zu erheben und war lchon, sich halb vergessend, im Begriffe, mit einer raschen Bewegung daS Sopha zu verlassen; doch mochte sie sich «ohl besinnen, daß dies nicht geschehen könne, ohne die Sozialdemokratie im Prinzip recht gleichgiltig, aber die Kom missionsmitglieder aus der sozialdemokratischen Fraktion haben doch keine Lust, mit Konservativen und Nationalliberalen vereint, den Regierungsforderungen bei den Plenarberathungen eine bessere Grundlage zu geben— deshalb werden sie nicht gegen das vom Zentrum und Freisinn abgeänderte Gesetz in der Kommission stimmen. Aber sie werden auch nicht dafür stimmen, da dies leicht den Verdacht erwecken könnte, daß sie überhaupt im Ernste für irgend eine neue Militärforde rung sich erklären könnten. Die beiden in dieser Frage Ausschlag gebenden sozial- demokratischen Mitglieder der Kommission werden, wie wir gehört haben, somit, sollte zuerst über die Regierungsvorlage abgestimmt werden, gegen dieselbe stimmen. Bei der Abstimmung aber über die vom Zentrum und Fortschritt amendirte, also etwas abgemilderte Vorlage sich der Abstimmung enthalten. Die Kommissionsvorlage würde dann, wie gesagt, die Grundlage für die Plenarberathungen bilden. Diese aber finden vor den Weihnachtsferien nicht statt, auch die Kommissionsberathungen werden wohl vor den Ferien nicht zu Ende geführt werden. Deutschfreisinnige und Zentrumsmitglieder haben dann Zeit genug, sich für den„Umfall" im Plenum einzuüben. „Mancher Abgeordnete, der vor Weihnachten ein tapferes Nein gesprochen hat, sprach nach den Ferien ein ebenso tapferes Za in derselben Sache; das habe die Erfahrung oft genug gelehrt"— so erklärte bekanntlich in der Kommission der Abg. Hasenclever. Und so wird es auch hier kommen. Wenn Zentrum und Fortschritt in der Kommission ihre Abstriche auch aufrecht erhalten, trotzderUngnadedeS FürstenBismarck, bei den Verhandlungen im Reichstage selbst werden wir nach den Ferien von beiden Parteien„Umfalle" erleben, welche die Regierungsvorlage wieder herstellen und zum siegreichen Ausgange bringen. Die Furcht vor der Auflösung, das strenge Festhalten der Regierung an jedem Titelchen der Vorlage, daS Stirnrunzeln des Fürsten Bismarck— Alles das ist geeignet, die Reihen des Zentrums und des Fort schritts zu durchbrechen und aus Neinsagern Jasager zu machen. Keinen Mann und keinen Tag läßt sich die Regierung abhandeln. Und sie hat recht diesem Reichstag gegen- über. Ja, hätte ste noch mehr gefordert, so hätte sie auch noch mehr erhalten. Nur die deutsche Arbeiterpartei ist im Reichstage in gleich günstiger Lage wie die Regierung— sie setzt dem Ausspruch derselben einen anderen, ebenso entschiedenen entgegen: Keinen Mann und keinen Tag wird sie in dieser Vorlage bewilligen. Draperie ihres viel zu weiten Gewandes zu ordnen, des- halb auch zog sie es vor, gleichsam vor Aufregung zurück- zusinken, unv that dies mit so vielem Geschick, daß eine routinirte Schauspielerin sie um ihr Erblassen beneidet hätte. „Vergessen Sie nicht, Herr Schwarz," sagte sie mit gesteigertem Ernst und imponirender Schwäche,„daß meine Treue für Antonio der erste Beweggrund war, der Sie veranlaßte, mich näher kennen zu lernen. Ich habe Sie, der sich zu meinem Aufpasser herabwürdigte, in Ihren eigenen Augen gehoben, indem ich Sie einlud, mich kennen zu lernen. Sie wissen den Grund meines Verborgenhalten» hier, Sie kennen meine Verhältnisse, Sie kennen die Festig- keit meiner Gefühle, und ich hätte m der That von„chnen am allerwenigsten erwartet, daß Sie da« Vertrauen, welche« mir Ihr Biedersinn, Ihr reine» Gemüth abgewann, so sehr mißbrauchen würden, mich vor mir selbst erröthen zu machen. Ich gewähre meinem Freunde Alle», meinem zudringlichen Liebhaber nichts." In diesem Augenblicke trat Marie ein und gab der Baronesse mit einem bedeutungsvollen Winke zu erkennen, daß sie von der Frau Thomas eine gute Nachricht mitge- bracht habe. In Folge dessen fühlte sich die Baronesse plötzlich unwohl und deutete Rudolph durch eine Handbewegung an, sich zu entfernen, was er auch allso- gleich that. Hinzufügen wollen wir nur, daß Rudolph seit jener Stunde die Baronesse nicht wieder zu Gesicht bekam, daß er täglich vorkam und sich nach ihrem Befinden erkundigte, aber von Marie nicht über die Thürschwelle gelassen wurde, und nachdem er die Mittheilungen dieser entgegengenommen hatte, sich schweigend und gesenkten Hauptes entfernte. An Antonio schrieb Rudolph, drei Tage nach seiner letzten Unterredung mit der Baronesse, folgenden Brief: „Nicht in Ihrem Interesse— dies könnte mir niemals mehr Veranlassung auch zur geringsten Handbewegung sein — sondern im Interesse der Frau, die Sie so schmachvoll hintergingen und zu Grunde richteten, schreibe ich Ihnen noch diesmal. Sie sind klug, klüger als ich; ich habe daher nicht nöthig, Ihnen Dinge zu sagen, die Sie leicht errathen Jlu8 der HiPiiärliommiflion. Die Sitzung der Militärkommission des Reichs- tags begann gestern um 1(% Uhr.— Zunächst sei hier der Wottlaut des§ 1 mitgelheilt, wie derselbe sich nach der gestngen Abstimmung gestaltet hat: „In Ausführung der Artikel 57, 59 und 60 der Reichs« Verfassung wird die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Mann- schatten für die Zeit vom 1. April 1887 bis zum 31. März 1890 auf 441 200 Mann festgestellt. Für die Zeit vom 1. April 1887 bis zum 31. März 1888 kann eine Erhöhung der Präsenzstärke bis auf 450000 Mann eintreten. Die Ein- jährig- Freiwilligen kommen auf die Friedens- Präsenzstärke nicht in Anrechnung. Vom 1. April 1887 ab werden die Infanterie in 518 83a» tarllone, die Kavallerie in 465 Cskadrons, die Feldattillerie in 364 Batterien, die Fußartillene in 31, die Pioniere in 19 und der Train in 18 Bataillone formitt. Außerdem können vom gleichen Tage an bis zum 1. April 1888 16 Bataillone Infanterie formirt werden." Zu§ 3 der Vorlage, welche die den Neueinrichtungen ent- gegenstehenden früheren gesetzlichen Bestimmungen außer Kraft stellt, ergreift Niemand da« Wort. Der Paragraph wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Abg. Huene(Zentrum) beantragt die Einschaltung de» folgenden§ 3«: „Dem§ 10 des Gesetzes vom 6. Mai 1880, betreffend Ergänzungen und Aenderungen des Reichs- Militärgesetzes vom 2. Mai 1874 wird als zweiter Absatz eingefügt: „Diejenigen Wehrpflichtigen, welche sich dem Studium der Theologie einer mit Korporationsrechten innerhalb des Gebiete«. des Deutschen Reiches destehenden Kirche oder Religionsgesell- schaft widmen, werden während der Dauer dieses Studiums bis zum 1. April des Kalenderjahres, in welchem ste das 26. Lebensjahr vollenden, von der Einstellung in den Militär- dienst vorläufig zurückgestellt. Haben dieselben bis zu der vor- bezeichneten Zeit auf Grund bestandener Prüfung die A,-f- nähme unter die Zahl der zum geistlichen Amt berechtigten Kandidaten erlangt, deziehungswerse die Subdiakonatsweihe empfangen, so find sie gänzlich von der Militärdienstpflicht befreit."" Abg. v. Huene vertheidigt mit einigen Worten den Antrags dem der Kriegsmiuister nicht feindlich gegenüber steht Letzterer meint, daß der Zweck des Antrages schon längst durch die Gnade des Kriegsherrn erfüllt werde.— Abg. v. Benda will mit seinen Freunden für den Antrag stimmen.— Abg. v. Stauffen- berg sympathifirt mit dem Antrage, bat aber Ein- Wendungen gegen die Form. Im bayerischen Gesetz von 1867 befindet sich ein Paragraph, nach welchem stch eine ähnliche Bestimmung auch auf die Schullehrer aus- dehnt Er gebe dies zur Erwägung.— Abg. v. Maltzahn- Gültz erklärt, daß in seiner Partei über diese Frage verschie- dene Anschauungen herrschen. Da der betreffende Antrag sich auf alle Konfessionen beziehe, so bemerke er, daß die Ansichten in Bezug auf die Stellung der Geistlichkeit bei den Katholiken haben; besäßen Sie so viel Ehrlichkeit und Rechtsgefühl wie Sie Menschenkenntniß besitzen, dann hätten Sie mich nicht in die Versuchung geführt, welcher ich unterliegen mußte. Aber Sie haben sich dennoch getäuscht; Sie glaubten zu sehr an meine Blindheit, an mein unbedingtes Vertrauen zu Ihnen und vergaßen, daß ich ein Herz besitze, welches bi« zum letztem Athemzuge feine Empfänglichkeit für da« Gute nicht verlieren wird; Sie vergaßen, daß das rein menschliche Gefühl in mir einer thörichten, aufopfernden Freund- schaft die Spitze bieten könne. Das Weib, dem Sie alle Lasteraufbürdeten, die Sie selbst besitzen, ist eine Perle, die durch Ihre unreine Berührung nicht befleckt werden konnte. Ihre unver- brüchliche Treue, ihr unantastbare« Pflichtgefühl für Sie, der ihrer Lrebe so unwürdig, ihre Opferfähigkeit, ihr ganzes Leben hat mir zuerst Achtung eingeflößt, jetzt aber liebe ich sie um ihrer selbst willen, und der beste Beweis meines hohen Gefühl« für Adele möge Ihnen der Umstand sein, daß ich auf Unkosten meines eigenen zerrissenen Herzens selbst ihre Liebe, obgleich sie einem Menschen wie Sie gehört. heilig halte. Adele kann nach dem, wa« zwischen ihr und Jhneu vorgefallen, keinen Schritt thun, um Ihnen entgegenzukommen Sie ist Mutter, Mutter Ihres Kindes. Ich erkläre Ihnen daß ich Sie für einen gewissenlosen Bösewicht halte; aber auch em solcher anerkennt die einzige Pflicht, welche die Natur jvr Grundlage im Leben aller Wesen gemacht. Wenn Sie ich auch von dieser Pflicht lossagen, dann— werde ich Sie tödten; ich werde Sie tödten, um mich selbst zu strafen um mich von dem ewigen Vorwurf zu befreien, einst einen Mann geliebt zu haben, der.. Rudolph vollendete den Brief nicht; die Feder entsank einer zitternden Hand. Leichenblaß und unbeweglich einer Statue gleich, stand ein Mann neben ihm, der unbemerkt eingetreten war und mit wehmüthig trauerndem Blick die Zeilen las, die der unglückliche Jüngling eben hingeschrirbeir hatte— es war Antonio. XI. Die beiden alten Eheleute, bei denen Rosarka wohnt gehören mit zu den wohlbabendsten in diesem Theile der Vor-. stadt St. Georg; das Häuschen auf der Langenreihe ist ihr und Evangelischen sehr verschieden seien, so daß es fich am Ende| empfehle, aus dem Antrag zwei für ie eine Konfession zu machen. Er ftimme gegen den Antrag, doch sei dessen Annahme für ihn fein Grund, das ganze Gefeß zu verwerfen. Abg. Marquardsen ist im Grunde für den Antrag, wünscht aber eine andere Formulirung.- Abg. Nichter bekämpft den Antrag. Da eine allgemeine Mehrbelastung des Volkes in Aus ficht stehe, wolle er feine Entlastung eines bestimmten Standes. Abg. Windthorst konstatirt den allgemeinen Wunsch aus seiner wesentlich protestantischen Heimath, daß diefer Paragraph angenommen werde. Es mache einen eigenthümlichen Eindruck, wenn ein Korporal in die Lage fäme, einen Geistlichen ,, anzu ranzen". Abg. Graf Behr ist für den Antrag, aber gegen seine Ausdehnung auf die Lehrer. Die Abstimmung ergab 20 Stimmen für, 8 Stimmen( 4 freifinnige, 2 konservative, 2 sozialdemokratische) gegen den Antrag. § 4 der Vorlage, welcher von dem Inkrafttreten des Gefetes für Bayern und Württemberg handelt, wurde debattelos angenommen. Hierauf folgte die Berathung der nachstehenden beiden, vom Abg. Huene eingebrachten Resolutionen: 11 Den Reichskanzler zu ersuchen, zu veranlassen, daß dem Reichstage baldmöglichst ein Nachtrag zum Etat pro 1887 88 vorgelegt werde, in welchem: a) unter den fortdauernden Ausgaben" diejenigen Forde rungen eingestellt find, welche als dauernde Ausgaben zur Bildung von: ado 5 Regimentern Infanterie, 24 Batterien Feldartillerie, 9 Kompagnien Eisenbahntruppen, 1 Kompagnie Pioniere, 14 Kompagnien Train, sowie den mit diesen Neuformationen in Verbindung stehenden Stäben erforderlich find, b) unter den einmaligen Ausgaben" außer den durch die unter a aufgeführten Formationen benöthigten einmaligen Ausgaben noch eine Pauschalsumme eingestellt ist, zu temporären Formationen bis zur Höhe von 16 Bataillonen, sowie zur Etatsverstärkung bereits vorhandener Truppentheile, falls solche Formationen beziehungsweise Etatsthe verstärkungen in Anbetracht der Gestaltung der politischen Verhältnisse unabweisbar erscheinen sollten." Abg. v. Huene führt aus, daß der Antrag nur die Er zielung einer Vecständigung bezwecke.- Abg. von Benda erklärt, daß er im Wesentlichen gegen die Resolution ſei. Der Kriegsminister erklärt, daß er nicht an der Debatte über die Nesolution Theil nehmen könne, de die Grundlage des§ 1 ganz verändert worden sei. Abg. Nichter hält das Detailliren der einzelnen Punkte für noth wendig, da das Bewilligen eines Pauschquantums immer zu einer gewiffen Verwirrung im Etat führe. Der Kriegsminister betonte, daß die Militärverwaltung, ob mit oder ohne Pausch quantum, immer innerhalb des Rahmens, des Etats mit Um ficht und Sparsamkeit gearbeitet habe. Die Resolution wurde darauf mit 15 gegen 13 Stimmen angenommen. in hisla Die zweite Resolution lautet:„ Die Erwartung auszusprechen, daß bei den vorzunehmenden Formationen und Etatsverstärkungen die Einberufung von Dispositionsurlaubern soweit wie möglich eingeschränkt und auch für die Zukunft auf eine möglichste Erleichterung der militärpflichtigen Mannschaften durch Einschränkung der thatsächlichen Dienstzeit Bedacht genommen werde." Der Kriegsminifter erklärte, daß er bereits zugesagt habe, möglichste Erleichterung in der erwähnten Beziehung eintreten zu lassen. Jede billige Rücksicht solle genommen werden. In Bezug auf die Einschränkung der thatsächlichen Dienstzeit tönne er sich auf seine früher abgegebenen Erklärungen berufen. Doch wenn der Mi litärverwaltung die Feststellung der Möglichkeit überlaffen bleibe, so habe er nichts dagegen, daß hier der Wunsch danach ausgesprochen werde. Abg. v. Malzahn( tons.) wünscht in glüden; an dem Widerstand der betheiligten Behörden scheiterte damals der Versuch. Nach den letzten zahlreichen Sozialistenverhaftungen mußte er aussichtsvoller erscheinen. Der Spieße bürger ist geängstigt, außerdem geniren ihn die Beschränkungen des Sozialistengefeßes sehr wenig, die paar bürgerlichen Demo fraten, welche anfangs etwas räsonniren werden, fallen nicht ins Gewicht warum sollte die Regierung also darauf verzichten, fich auch in Frankfurt die ungemessene Machtfülle an zueignen, die file in anderen Städten schon befigt? Wundern fann man sich nur, daß Frankfurt a. Main noch von der Be stimmung, welche die vorherige Genehmigung Versammlungen betrifft, betrifft, verschont geblieben ist. Viel leicht holt man das Versäumte noch nach. Auf den Rechenschaftsbericht an den Reichstag würden wir gespannt sein, wenn der Reichstag nicht die löbliche Gewohn heit angenommen hätte, fich mit den nichtssagendsten Redensarten zu begnügen. Die Bekanntmachung im Reichsanzeiger" lassen wir ihrem vollen Wortlaute nach folgen: Bekanntmachungen " von auf Grund des Reichsgefeßes vom 21. Oktober 1878. Auf Grund des§ 28 des Gefeßes gegen die gemeine gefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Dftbr. 1878( Reichs- Gesegblatt Seite 351) wird mit Bustimmung des Bundesraths für die Dauer eines Jahres angeordnet, was folgt: sails: 800 u dan§ 1. Personen, von denen eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung zu besorgen ist, fann der Aufenthalt in dem Stadt- und Landkreise Frankfurt a. M., dem Stadt und Landkreiseanau, demkreise Höchst und dem Ober- Taunuskreise von der Landes- Polizeibehörde versagt werden. § 2. Benda beharrt auf seinem Ausspruche. Abg. b. Helldorff v. I will feine Vertagung, aber Abg. v. Huene hält fie für noth wendig, ba sonst feine rechte Verständigung erzielt werden fönne. Der Kriegsminister theilt mit, daß er kurz vor der Sizung eine Nachricht erhalten habe, welche eine Beschleunigung der Vorlage noch wünschenswerth erscheinen lasse.- Abg. Richter ist aus taktischen Gründen für die Vertagung, da durch die felbe die Vorlage nur um 1, höchstens 2 Tage verzögert werde. Es sei höchst merfwürdig, wenn man hierbei von einer Schwächung des Vaterlandes dem Auslande gegenüber spreche. Die Konservativen und Nationalliberalen wollten eine vollständige Negative herbeiführen, damit sie dann die Opposition vor dem Volle herabseßen tönnten. Auch Abg. Windthorst Auch Abg. Windthorst spricht für die Vertagung und wendet sich gegen den Abg. von Benda. Niemand habe im Lande irgendwie daran gedacht, in der Vertagung eine Gefahr fürs Vaterland zu erblicken, wenn Herr v. Benda irgendwie davon gesprochen hätte. Im Uebrigen werde ja Alles bewilligt, außer der Zeitdauer, und wenn die Herren von der Rechten und die National liberalen hier nicht zustimmten, dann brächten fie die Vorlage zu Fall und trügen Schuld an der Nothlage des Vaterlands. Im Falle einer Auflösung des Reichstags sei er nicht bange; er werde dann dafür sorgen, daß im ganzen Lande die genaue Sachlage bekannt werde. Abg. v. Stauffenberg tritt Herrn v. Benda mit großer Entschiedenheit entgegen. Er warnt die Kommission, die Vorlage zu überhaften, da sonst der Streit im Hause entbrennen werde, was dem Auslande gegenüber erst recht für das Vaterland schädlich sei.- Abg. Buhl spricht gegen die Vertagung und wünscht Kommissions berathungen noch für Sonnabend und Montag, damit auf Grund der Beschlüsse zweiter Lesung die Regierung in die Lage gesezt werde, jezt schon anderweitige Vorkehrungen zu treffen. Abg. v. Helldorff schließt sich diesen Ausführungen an. Abg. v. Huene ist der Ueberzeugung, daß die Regierung mit ihren etwaigen Vorbereitungen gar nicht auf die Bes schlüsse der Kommission warte. Der Kriegsminister replizirt Der Kriegsminister replizirt auf eine Aeußerung Richters, daß der Boulangersche Gesetzentwurf im abgekürzten Verfahren in der französischen Kammer zur Verhandlung gelange, weil die Moltke'sche Rede darauf eingewirkt habe. Er könne das nicht beurtheilen, aber das in Paris beliebte abgefürzte Verfahren müsse auch die Kommission veranlaffen, den Gesezentwurf rasch fertig zu stellen. Das Gesetz sei in der gestern angenommenen Fassung für die Regie rung unannehmbar.- Abg. Richter meint, daß es nach solcher Erklärung sehr schwer halte, die Schwierigkeiten auszugleichen. Er stelle fich aber nicht auf den Standpunkt des weiteren Pattirens. Bei dem Zentrum sei dies anders. Eine Basis der Verständigung sei bei der ersten Lesung nicht erzielt; ob die zweite eine andere Bafis bringe, wisse er nicht, eine Üeberhaftung könne dieselbe aber nicht fördern. Die Kommission habe 3) für Personen, welche sich im Befiz eines Jagdscheines das sehr fleißig gearbeitet; entscheidende Material sei befinden, in Betreff der zur Ausübung der Jagd dienenden Waffen; ihm erst in der fünften Sigung zugegangen. Abg. Buhl er klärte, daß die Nationalliberalen durch ihre gestrigen Ab- 4) für Personen, welche einen für fie ausgestellten Waffenstimmungen durchaus nicht die Abficht gehabt hätten, die Vorschein bei sich führen, in Betreff der in demselben bezeichneten bitale d lage in den Brunnen fallen zu laffen. Ihre Abstimmungen Waffen. 393 waren das naturgemäße Resultat der ganzen Stellung, welche Ueber die Ertheilung des Waffenscheines befindet die Landespolizeibehörde. Er wird von derselben kosten und ſeine Partei der Vorlage gegenüber im Allgemeinen einnehme. Die ganze heutige Debatte über die Vertagung würde Stempelfrei ausgestellt und kann zu jeder Zeit wieder entzogen werden. bald die richtige Beleuchtung erhalten. Der KriegsEnstit § 3. minifter erklärt, daß die Regierung seiner Zeit auf das Septennat eingegangen eingegangen sei des inneren Frie Vorstehende Anordnungen treten mit dem 18. Des dens wegen, und deshalb beharre sie darauf. Die zember d. J. in Kraft. Berlin, den 16. Dezember 1886. og 16 dr Verfassung habe damals das Septennat zugelassen und sie stebe demselben auch heute nicht entgegen. Abg. v. Helldorff Das Staatsministerium.id" Hajm, v. Buttkamer. Maybach. Lucius. Friedberg. v. Boetticherbeklagte die Bundesgenossenschaft des Zentrums und der Deutschfreifinnigen. Abg. Richter bestreitet diese Bundes v. Goßler. v. Scholz. Bronsart v. Schellendorff. genossenschaft, die weiteren Verhandlungen würden lehren, daß das Zentrum der Regierung viel mehr entgegenzukommen bereit fei, als die Deutschfreifinnigen. Es folgte noch eine Ausein anderſegung über das Budgetrecht des Reichstags. Abg. Richter der Resolution die Worte von und auch" bis Bedacht gefegte auseinander, daß, wenn die Vorlage gänzlich abgelehnt gommen" zu streichen. Abg. v. Benda( natlib.) hat keine Bedenken gegen die Resolution; darauf wird dieselbe ange nommen. werde, selbstverständlich die ein jährige Berathung über die Friedenspräsenzstärke verfassungsmäßig wieder in Kraft trete. Die Geschäftsordnungsdebatte" wurde darauf geschlossen. Der Antrag v. Helldorff, die nächste Sigung morgen, Sonnabend, abzuhalten, wurde sodann mit 16 gegen 12 Stimmen abgelehnt, dagegen der Vorschlag des Vorsitzenden, Graf Balestrem, ihm die Fesisegung der nächsten Sigung zu überlassen, mit 16 gegen 12 Stimmen angenommen. Das heißt, die Kommission vertagte die zweite Lesung der Vorlage bis nach Neujahr. Bum Referenten wurde Abg. v. Huene Die erste Lesung der Vorlage ist damit beendet. Präsident Graf Ballestrem schlägt darauf vor, die Kom miffion bis nach Neujahr zu vertagen. Der Kriegsminister spricht dagegen den Wunsch aus, daß die Kommission noch heute in die zweite Lesung eintrete. Er habe einige Mittheilungen zu machen, welche den Beweis für die Dringlichkeit und Nothwendigkeit der Vorlage noch verstärken würden. Wenn auch das Plenum fich heute vertage, so könne die Kommission doch noch weiter arbeiten. Jeder Beschluß des Reichstags, welcher nicht absolut ablehnendusi stad of d sei, müsse rasch erfolgen, damit die Regierung zur Vorlage weitere Stellung nehmen tönne. Abg. v. Benda ſtellt sich auf den Standpunkt des Kriegsministers und sieht in der Vertagung eine Schwächung des Vaterlandes dem Auslande gegenüber. Der Vorsitzende verwahrt sich gegen diese Auffaffung, da er den Vertagungsantrag gestellt habe. Die Ver tagung sei lediglich eine Förderung der Vorlage.- Abg. v. Eigenthum. Der alte Mann hatte sich während seines vierzigjährigen treuen Dienstes im S- rischen Hause, einem der angesehensten und reichsten in der Stadt, ein hübsches Sümmchen erworben und bezieht überdies von seinem biederen ehemaligen Brotherrn eine beträchtliche Pension, die ihm nicht allein für seine Lebenszeit ein forgenfreies Austommen sichert, sondern es ihm auch möglich macht, seinen minder gut gestellten, oft dürftigen Nachbarn aus der Noth zu helfen. Die braven finderlosen Eheleute genießen sicherlich in ihrem Kreise eine nicht minder hohe Achtung, als der Mann, dem sie ihre besseren Verhältnisse verbanken, in der faufmännischen Welt. bestellt. mitaa 910 Politische Uebersicht. adan dan Die Berhängung des Belagerungszustandes über Frankfurt a. M., welche gestern vom Bundesrath beschloffen wurde, kann faum überraschend kommen. Schon nach dem Tode des Polizeirathes Rumpff hat man sich eifrigst bemüht, die ehemalige freie Reichsstadt mit dem Kleinen" zu be lieb und sprachen so vertraut mit ihr, als wäre sie Monate lang im Hause gewesen, und das Kind, mit dem sie scherzte, spielte und betete, wollte nicht mehr von ihrem Halse lassen. Durch das Kind sowohl wie durch Frau Friedrich wurde Rosarka mit den Verhältnissen der Thomas bekannt, welche im anstoßenden Hause wohnte und deren Zustand mittler weile ein sehr bedenklicher geworden war. Rofarta vergaß, wie alle guten Menschen, ihr eigenes Leid beim Anblicke eines fremden, half mit großer Bereitwilligkeit so viel sie konnte und erwarb sich dadurch die Liebe der Frau Friedrich in so hohem Grade, daß diese sie Traurigkeit und des Kummers, der sie brüde, zu nennen. mit freundlicher Budringlichkeit bat, ihr den Grund ihrer Frau Friedrich erbot sich zu jedem freundschaftlichen Rath, zu jeder Hilfeleistung und wiederholte ihr Anerbieten so oft zu jeder Hilfeleistung und wiederholte ihr Anerbieten so oft und so eindringlich, daß Rosarka ihr endlich das ganze Ge heimniß ihres Lebens erzählte. Sogar den Namen und den Charakter der Baronin wußte Frau Friedrich, halb von Neugierde, noch mehr aber von einer wahrhaften ungeheuchelten Theilnahme getrieben, dem Mädchen zu entlocken, und gerade dieser Umstand war es, welcher so wichtig auf die Wendung der Verhältnisse einwirkte. it daud ( Fortsetzung folgt.) Das Bimmerdhen, welches sie an Rofarka vermiethet hatten, stand bis dahin leer, auch hatten sie das Mädchen nicht etwa der geringen Miethe halber aufgenommen, sondern weil sie ein junges Wesen um sich haben wollten, das sich hin und wieder mit dem Rinde beschäftigen konnte, welches die Alten zu sich genommen hatten. Dieses Kind, ein Mädchen von etwa sechs Jahren, gehörte der Frau Thomas. Friedrich so wollen wir den Alten nennensann schon seit mehreren Wochen über ein Mittel nach, auf wenig tostspielige Weise ein ordentliches, allein stehendes Mädchen, etwa eine Näherin oder Stickerin, zu sich zu nehmen, damit das Kind nicht lediglich auf den Umgang der Alten beschränkt sei; doch da ihm kein Mädchen der Art bekannt war, verfiel er auf den Gedanken, sein Simmerchen zu vermiethen und lockte durch einen Aushänge zettel des Inhalts:„ Hier ist ein reinliches möblirtes Zimmer Das Programm des Eden- Theaters ist am Donners zu vermiethen," eine Menge Miethlustige herbei, von wel chen jedoch keine dem ehrlichen Alten so recht zufagte. Der tag um einige bochinteressante Novitäten, deren jede für sich eine reizvolle Sehenswürdigkeit bildet, vermehrt worden. Bufall führte Rosaria, welche absichtlich die entlegenen Außer dem Ballet produzirt fich jest allabendlich, unter Theile St. Georgs aufsuchte, an Friedrich's Aushängezettel Leitung des Herrn Direktors Lüttgens, die fehr renommirte, vorbei, und nachdem sie das nöthige Examen über ihre Per- aus 12 jungen reizenden Damen bestehende Gesellschaft sönlichkeit bestanden hatte, fand sie die freundlichste Auf- Excelfior in der Darstellung lebender Bilder. Die ungemein nahme. Rosarka verrieth dem Alten zwar nicht den Grundfarbenreichen Gruppen bringen einen geradezu berauschenden Eindruck hervor. ihrer Anwesenheit in Hamburg; aber ihr Aussehen allein war genügende Bürgschaft für ihren Lebenswandel, eben so fehr wie ihr einfaches, natürliches, herzgewinnendes Wesen jede weitere Empfehlung überflüssig machte. Am dritten Tage schon hatten die beiden Alten sie so Aus Kunst und Leben. Eine wahre Zugkraft dürfte die andere Novität werden, Frl. Magarethe, im vollsten Sinne des Wortes ein wunderschönes medizinisches Räthsel", das sogenannte Bewegungen ausführt, aber mit einer Grazie, wie sie an Schlangenmenschen bisher noch nie wahrgenonimen find. Die drifte Novität ist eine Produktion der Indianer Mr. und In dem Stadt- und Landkreise Frankfurt a. M., dem Stadt und Landkreise Hanau, dem Kreise Höchst und dem Ober- Tanusfreise sind das Tragen von Stoßs, Sieb oder Schußwaffen, sowie der Befit, das Tragen, die Einführung und der Verkauf von Sprenggeschossen, soweit es fich nicht um Munition des Reichsheeres und der Kaiserlichen Marine handelt, verboten. Ho dod stop spot 230 Von legterem Verbote werden Gewehrpatronen nicht bes troffen. glof Ausnahmen von dem Verbote des Waffentragens finden statt: 1) für Personen, welche fraft thres Amts oder Berufs zur Führung von Waffen berechtigt sind, in Betreff der legteren; 1100 2) für die Mitglieder von Vereinen, welchen die Fe fugniß, Waffen zu tragen, beiwohnt, in dem Umfange dieser Befugniß; sid Zur Berurtheilung des Landtagsabgeordneten Ulrich. Der Chemnizer Staatsanwalt, Herr Schwabe, hat den Abge maligen Drohung mit„ persönlicher Vorführung" auch feinen ordneten Ulrich nicht verhaftet und troß seiner zwei Steckbrief gegen denselben erlassen. Statt deffen eröffnete er dem Verurtheilten, daß er deffen Erklärung als Einwendung gegen die Strafvollstreckung im Sinne des§ 490 der St.-P. D. ansche und die Entscheidung des Chemnizer Ge richts anrufe. Die dritte Straffammer des Chemnizer Landgerichts hat denn auch Veranlassung genommen, den Abge ordneten Ulrich gemäß§ 494 der St.-P.D. zu einer Er tlärung aufzufordern. Diese Erklärung hat Ulrich mit folgen § 490 der St.-P.-D. Einwendungen gegen die Strafvoll dem Schreiben beantwortet: Ich habe nicht im Sinne des streckung erhoben und thue dies auch heute nicht. Ich habe nur gegen die angedrohte Verhaftung Verwahrung einge legt, weil dieselbe nach Art. 84 der hessischen Verfaffung ohne Beschluß der zweiten Rammer bei Mitgliedern derselben unzus lässig ist und somit verfassungswidrig geschehen müßte, falls fie ausgeführt würde. Offenbach, 10. Dezember 1886. C. Ulrich Hierauf ist bis jetzt noch feine Antwort erfolgt. Man darf umſomehr einiges Intereffe an dem Verlauf der Affäre haben, als auch die hessische Regierung den Abgeordneten Ulrich auf Mome. Bugbarat im Mefferwerfen, das eigentlich nicht nur mit Messern, sondern auch mit Pfeilen, Fackeln und schweren Beilen ausgeführt wird. Diese Nummer sowie die Produftionen der übrigen Darsteller finden stets den lebhafteften Beifall. Jm Wallner- Theater find die Proben zu der nächsten Novität Einer vom alten Schlag", Volksstück mit Gefang von C. Karlweis und V. Chiavacci, in welchem sämmtliche Rollen mit den ersten Kräften des Wallnertheater- Ensembles besett find in vollem Gange. Die Hauptrollen spielen Felir Schweighofer und Elise Bach, welche noch von dem Gastspiel der Münchener her in beſter Erinnerung bei uns ſteht und welche auf besonderen Wunsch der Verfaſſer für Die genannte Novität engagirt wurde. Der Hungerschwindel in Paris wird jezt selbst der N. Fr. Br.", welche sonst große Vorliebe für das Sensationelle zeigt, entschieden zu toll. Sie schreibt über den Hungerfünstler Merlatti: Dennoch wäre es die höchste Zeit, dem grausamen Versuch es ist nun der zweiundvierzigste Tag vorüberein Ende zu bereiten. Wenn im Zirtus ein Reiter mehreremal vom Pierde gefallen und er hartnäckig darauf besteht, sein Aufhören!" Kunststück dennoch durchzuführen, ruft das Publifum: Genug! Aufhören!" Auch die öffentliche Stimme von Paris, von Mitleid erfaßt, ruft bereits ihr alt! Allein Merkatti will fie nicht hören. Und doch ist die Röthe seiner Wangen, die fich so zäh erhielt, nun einem gelblichen Teint gewichen, blicken die sonst so glänzenden Augen wie übernächtig aus, tritt die Nase spig aus dem abgemagerten Geficht hervor. Der Körper ift auf das Maß des Möglichen zusammengeschrumpft, Hände und Füße erscheinen ungewöhnlich lang. Die Augenbrauen und Das Kopfbaar, glaubt man, find von abnormer Stärke. Aus dem Munde entströmt ein Geruch, wie ihn wilde Thiere in Menagerien verbreiten. Merlatti raucht nicht mehr. Eneraielos ist liegt er auf dem auf einer Estrade stehenden Divan, mit Decken und Eiderdaunen vor dem Luftzuge geschützt. Denn er ift gegen die frische Luft über die Maßen empfindlich, in fühler Strömung zittert er wie eine zittert er wie eine funge englische Dogge Durch cine aus Iangen Tischen gebildete Schranke er vom Publikum getrennt. Ueber ihm ficht man einen Maueranschlag, welcher die Anwesenden ersucht, mit dem Hungernden möglichst wenig zu sprechen, weil ihn dies ermüde. Dafür schreibt er feinen Namen auf Photographiene was das Entree von zwei Franks vergrößern hilft. Am vies zigsten Tage wurde er von Neuem photogravbirt. Die alten Photographien waren bereits alle erschöpft. Vielleicht fann er gefordert hatte, sich auf§ 490 der St.-A-O. zu berufen, was aber, wie obiaes Schreiben zeigt, abgelehnt wurde. Der Abg. Wasserburg hat bereits eine längere Denkschrift über diese Materie vorbereitet, durch welche der hessischen Regierung da» tethan wird, daß sie unbedingt den Abgeordneten Ulrich vor Verhaftungsbefehlen des sächsischen Staatsanwalts schützen und dementsprechend die hessischen Exckutivdcamten instruiren müsse. Vom alte« Becker schreibt das„Neue Wiener Tagdl. noch: Ein Telegramm aus Genf meldete neulich kurz, daß die »Entfaltung der rothcn Fahne am Grabe des Revolutionärs Becker verboten und daß dafür dessen Sarg in ein rothes Tuch eingehüllt wurde". So haben sie ihn wenigstens mit den ihm gebührenden Ehren bestattet, diesen letzten der achtundvierziger Unversöhnlichen, mit jenem Symbol seiner politischen und sozialen Ideale; denn tausend und tausendmal röthcr als der „roihc Becker" von Köln war der eben verstorbene fünfund- siebzigjährige Johann Philipp Becker aus der Pfalz. Seit den Tagen, wo er als Mitglied des revolutionären Ausschuffes die badischen und pfälzischen Freischaaren in's Treffen führte, hatte sich I. PH. Becker nicht einmal äußerlich verändert; sein lang h.rabwallender, allmälig schneeweiß gewordener Batt, die düster und unheimlich blitzenden Augen, die stets nach einem Reakionär oder nach einem Spitzel auszulugen schienen, der breitkrämvipe Kalabreser, dem er bis an sein Lebensende treu blieb, Alles kennzeichnete den Achtundvierziger, wie er im Buche steht. Als der damalige Prinz von Preußen die Freischärler auseinander- gesprengt hatte, entkam I. Ph. Becker mit knapper Roth der standrechtlichen Behandlung und langte als Flüchtling in dem von dem demokratischen Diktator James Fazy regierten Genf an. Er fand dort eine zahlreiche Gesellschaft ebenfalls geächteter Lcidensgcnossen, von welchen der harmloseste zu fünfzehnjähriger Festungshaft mindestens verdammt war. Mit Becker zugleich waren der Reichsregent und Gelehrte Karl Vogt und ein Herr Arnold Reinach aus Frankfurt am Main angekomnien, ein exaltirter, überspannter Kopf, der sich ebenfalls bei dem pfälzi- schen Aufstand ein Pulver- und Bleiutthcil geholt hatte— der leibliche Onkel des späteren Sekretärs Gambctta's H. Josef Reinach. Becker hielt sich von diesen und anderen ferne; sie waren in seinen Augen nickt gefinnungstüchtig genug. Er steckte immer ein wenig in Verschwörungen, war aber im Privatleben ein durch und durch ehrlicher Mensch mit spartanischen Gewohn« bciten. Seine einzige Zerstteuung war, Abends in der Stamm- kneipe bei Bier und Tabak zu sitzen und etliche Schnurren im pfälzischen Dialett zu erzählen. Am meisten Stoff boten seine Freischärler-Erlebnisse.— Uebrigens tragen wir zu unseren, gesttigcn Leitartikel berichtigend nach, daß nicht der alte Becker, sondern der bekannte Bernhard Becker der Testamentsvollstrecker Lassalle's war. Wieder einmal konfiszirt wurde die„Thür. Waldpost". Man schreibt darüber der„Fränk. T." aus München, 15. Dezember: Heute erschien die Polizei in dem Verlagsgcschäft von L. Viereck und konfiszitte die dort benndlichen Exemplare der Nummern 58 und 59 der„Thüringer Waldpost", welche in Sonneberg erscheint, aber in München gedruckt wird. Es wurde sofort Protest wegen Unzuständigkeit der Münchener Polizei eingelegt, daß laut Preßgcsetz eine Zeitung nur am Orte ihres Erscheinens verfolgbar ist. Einen Zuschuß au? dem Reptilienfonds soll seit einiger Zeit die nationalliberale„hessische Morgenzeitung" erhalten nach einer Darstellung, welche ein früherer Redakteur des Blattes in einer unlängst in Leipzig bei F. W. v. Biedermann er- schiencnen Pseudonymen Broschüre„Im Dienst der liberalen Presse" veröffentlicht hat. Warum auch nickt? Die national» liberale Presse, welche den reaktionärsten Besttebungen immer noch ein liberales Mäntelchen umhängt, leistet der Regierung weit bessere Dienste als konservative Blätter, welche durch die Unverhülltheit ihrer Absichten viele vor den Kopf stoßen. Uebrigens werden auch die angeschensten nationalliberalen Blätter von der Regierung, wenn nicht durch Geld, so doch durch literarische Msttheiluugen unterstützt. Namen brauchen wir nicht zu nennen. „Niemand darf seinem gesetzlichen Richter entzogen werden," bestimmt die preußische Verfassung, und dieser Grund- satz, den alle Kulturstaaten kennen, hat in den neuen Justiz- gesctzen reichsrechtlichc Anerkennung gefunden. Es ist das setbstverständliche Grundrecht eines jeden Bürgers, daß ihn kein Gericht zur Verantwortung ziehen darf, welches nach dem Be- lieben der jeweiligen Machthaber aus Hilfsrichtern zu- sammengesetzt wird. Auf der andern Seite ist jede Reattion bemüht, diese Garantien gegen Vergewaltigung der Staats« bürger aus dem Wege zu schaffen. Es genügt, auf die Schmach und Schande hinzuweisen, die sich in den fünfziger und sech- zigcr Jahren an da« Institut der„preußischen Hilfsrichter" ge- heftet hat: unter dem Anstürme der öffentlichen Empörung ist dieses Institut gefallen. In der jetzigen Zeit hat das deutsche Volk dringende Veranlassung zu nehmen, daß die Herren Hilfs» lichter nicht durch ein Schlupfloch auf's Neue in die Gerichte gelangen. Wir machen, schreibt die„Franks. Z t g.", auf das nachfolgende Vorkommniß aufmerksam, nicht, weil wir meinen, eS sei dabei auf eine solche Umgehung der Verfassung sich mit einem Gewinne von einigen tausend Franks zurückziehen. Er wird sie brauchen können. Wer weiß, ob nicht ewige Folgen von diesem Experimente zurückbleiben." Denn das Gehirn des Hungerers ist scharf angegriffen. Die Aerzte wissen nicht, was sie lhun sollen; ihn weiter hungern lassm, hieße ihn vielleicht einem baldigen Tode aussetzen, ihm die Einnahmsquelle unter- brechen aber, ihn veruriheilen, Hungers zu sterben, wenn er zu fasten aufgehört. So lassen sie ihn sich weiter quälen. Knurrt ihm der Magen sehr, trinkt er große Lluantitalen Wassers. Reue« Mittel gegen den«atzeujammep. Im„Med. Chron." bringt der englische Arzt Wathon Ennth einen Gericht über die in den Staaten Zentralamerikas und WcftafnkaS unter den, Namen Kola- oder Gurunüsse bekannten Nüsse eines dort einheimischen Baumes, ivelcher der„trinkenden Menschheit eine Wohlthat verheißt. Die Kolanuß, so schreibt der Herr Doktor, sieht in ihrer Hcimath nicht nur in dem Rufe, schlechtes Waffcr trinkbar und verdorbene Speisen genießbar zu machen, sondern sie soll ein vorzügliches Mittel gegen eines der größten Leiden der Sterblichen, den Katzenjammer, sein. Eine Paste aus Kola- Nüssen macht binnen einer Halden Stunde den schwersten Kopf wieder leicht und klar. In einzelnen Garnisonstädten sitzen an den Wegen Verkäufer, welche den vorbeipasfirenden Soldatm, die allzureichlich den Spirituosen zugesprochen, Kolanüsse ver- kaufm, und wenn die Soldatm die Kaserne erreichen, ist der Raiisch vollständig verflogm.(?) Die Araber. �welche im Tnn- ken bedeutend mehr leisten können, als die Eingeborenen, ver- mögen dies nur deshalb, weil sie währmd des Trinkens Kola- vaste kauen und so den üblen Wirkungen des Alkohols vorbeugen. Aber noch mehr: es wird auch behauptet, daß der Trinler sich während der nächsten Tage nach dem Gmusse der Kola semcm Lieblingsgetränk nicht ohne ein Gefühl des Ekels wieder zu- wenden könne.— Somit hätte man es bei dm Kolanussm auch Mit einem moralisirend wirkenden Katcrmittel zu thun, das selbst auch von Vegctarianern als Ersatz für dm ihnen so verhaßten Hering akzeptirt werden könnte. Uebcr künstliche Herstellung von Lebensmitteln smach Dr. Werner Siemen» in der letzten Sitzung des elcklro techn»- scken Vereins zu Berlin. Herr Siemens hatte in emenr im Januarhefte der„Elektrotechnischen Zeisschrift" von 1880 ver« vffentlichten Aufsätze geäußert, daß, wenn einst die Steinkohle, »nser Hauptbrennmatcrial, zu Ende ginge, es durch dieClcttro- Technik, im Bunde mit der Chemie, möglich sein werde, die in •-r Natur vorhandenen Elemcntarkräfte zur Darstellung ttans- portablen Brennmaterials zu dcnutzm, ja auch der wettere abgesehen, sondem weil für künftige Fälle die hier unbcabfich- tigte Wirkung planmäßig zu gebrauchen, und für jede reaktionäre Laune das geeignete Werkzeug sein wird, unabhängige und mißliebige Richter trotz Gesetzes von einer wichtigen Ver« Handlung zu entfernen. Es wird noch in Erinnerung sein, in welchem eigenartigen Verhältnisse der bekannte Staats- anwalt Mener in Prcnzlau zu dem Redatteur Lemme von der freisinnigen„Eberswalder Zeitung" steht. Be- ianntlich wurde diesem Staatsanwälte in öffentlicher Sitzung nachgewiesm, daß er vor Erhebung einer Anklage mit dem nicht minder bekannten schuyzöllnerischen Kommerzienrath Schreiber verhandelt und von letzterem die Mittheilung erhalten hatte: „es komme ihm darauf an, den Lemme todt zu machm!" und daß er nach dieser eigenmtigcn Erklärung„im öffentlichen In- teresse" Lemme wegen Beleidigung deS Schreiber angeklagt hatte. Es geschah damals, daß unter allgemeiner Bewegung Rechtsanwalt Dr. Flatau Herrn Meyer zurief, er werde ihn wegen Befangenheit ablehnen, wenn nicht das Reichsgericht schon entschieden hätte, daß ein Staatsanwalt nicht unparteiisch zu sein brauche, und befangen sein dürfe. Inzwischen haben sich trotz der damals erfolgten Freisprechung die Anklagen gegen Herrn Lemme fortgesetzt, bis kürzlich in einer Sache wegen Be- leidigung des konservativen Direktors und der Lehrer des Gym- nastums in Ebcrswalde der Termin vertagt werden mußte, als Rechtsanwalt Meyer Beweis dafür angeboten hatte,„daß eine Blinddarmentzündung des beleidigten Direktor Klein mit auf den Aerger über einen Artikel des Redakteurs Lemme zurückzu- führen sei."(!) Nun ist unter den Mitgliedern der Strafkammer in Eberswalde der ehemalige freisinnige Reichstagsabge- ordnete Echrötter und als Vorsitzender fungirt der durch Unab- hängigkeitsliebc und Unantastbarkeit weit und breit verehrte Ämtsgerichtsrath Ractzell. Nachdem jetzt in der obigen Sache ein neuer Termin angesetzt ist, hat sich etwas Erstaunliches er- eignet: es erhielten nämlich diese beiden Richter von dem Staatsanwalt Meyer direkt Vorladungen als Zeugen vor ihr eigenes Gericht. Die Vorladungen sind nicht etwa auf Beschluß der Strafkammer erfolgt, sondern sclbstständig von Staatsanwall Meyer angeordnet, wozu ihm das neue Justizgcsetz das Recht giebt. Die vom Staatsanwall Meyer gewiß selbst bedauerte Wirkung ist die, daß zwei erkennende Richter von Gesetzeswegen ausscheiden, da Niemand Zeuge und Richter sein darf! An deren Stelle müssen von der Landes- justizverwaltung, also von dem Minister, Hilfsrichter in das Kollegium abgeschickt werden, eine um so erwünschtere Folge, als zufällig gerade zwei Stimmen zu einer Freisprechung ge- nügen. Es ist freilich weder für Juristen noch für Laien zu crratheu, worüber die beiden von der Urtheilsfällung aus« scheidenden Richter Zeugniß abgeben sollen, da es sich um die zugcständliche Veröffentlichung von Artikeln handelt. Indessen bleibt einmal die. Strafkammer in ihrer abweichenden Zu- sammcnsetzung und es wird der Angeklagte von Hilfs- r i ch t e r n abgeurtheilt. Klar ist, daß künftig jedes Ministe- rium und jeder Staatsanwalt es in der Hand haben wird, jedeS Gericht seiner gesetzlichen Zusammen- setzung zu berauben, indem einfach der Staatsanwalt die mißliebigen oder„unzuverlässigen" Richter als Zeugen vor- ladet und zuverlässige Hilfsrichter von der Landesjusttzverwal- tung abdeputirt werden. Penstonsfähigkeit der Volksschullehrer. Der Kultus- minister hat sich in einer Verfügung dahin ausgesprochen, daß bei der Berechnung der penstonLfähigen Dienstzeit eines Volks« schullehrers auch diejenige Zeit in Anrechnung zu bringen ist, während welcher ein mit einem neu erworbenen Landestheile übernommener Lehrer in einem anderen Theile des Landes, welchem seine Heimath vor der Vereinigung mit Preußen an- gehört hat, im öffentlichen Schuldienste oder unmittelbaren Dienste der damaligen Landesherrschaft sich befunden hat. Schweiz. Als erste reife Frucht aus der gegenwärtigen Session der Bundesversammlung veröffentlicht der Bundesrath soeben das Bundesgesetz, betreffend den Landsturm, welches am 1. De« zember vom Nationalrath und am 4. Dezember vom Stände- rath endgiltig durchbcrathen und angenommen worden war. Die Referendumsfrist dauert bis 1 1. März; wenn diese Frist, waS als sicher anzunehmen ist, unbenutzt verstreicht, wird der Bundesrath das Gesetz voraussichtlich sofort in Wirksamkeit treten lassen, denn auch die Schweiz will nicht zögern, Alles aufzubieten, um ihre Wehrkraft zu stärken. Welche Wichtigkeit dem vorliegenden Gesetze beizumessen ist, geht schon daraus hervor, daß durch dasselbe die organifirte Wehrkraft der Schweiz von 200 000 auf 400 000 Mann gebracht wird, wo- bei allerdings zu bemerken ist, daß vom Landsturm nur etwa ein Drittel mit Schußwaffen versehen werden wird. R«ßla»»d. Wie aus Brüssel gemeldet wird, machen russische Offiziere und Agenten auf belgischen Pfcrdcmärkten bedeutende Pferde- ankaufe für die russische Armee. Kelgie«. Am ersten Weihnachtstage wird in Brüssel die nach dem Beschluß des letzten Arbeitcrkongresses neugegründete„Coope- Schritt von der Darstellung von Brennmaterial zu der von Nährstoffen sei durchaus nicht undenkbar. Tie flüchtige Wieder« holung der Möglichkeit, daß künftig Lebensmittel aus ihren überall vorhandenen Elementen dargestellt werden könnten, aus- gesprochen auf der letzten Naturforschcr-Versammlung in Berlin, hat manchen nalional-ökonomischen Parteien nicht gefallen und Herrn Siemens den Vorwurf eines Phantasten eingettagen. In der Abwehr dieses Vorwurfs führte Redner aus, daß die Lebensmittel im Wesentlichen auch Brennmaterial seien. Wir verbrennen die Substanz der Lebensmittel durch verschiedene chemische Aktionen, die in unserem Körper stattfinden, und er- zeugen dadurch die Wärme, die unser Leben erhält. Wir müssen aber auch die Stickstoffverbindungen unseres Körpers erzeugen oder erneuern. Dazu ist es nöthig, daß die Lebens» mittel Stickstoffverbindungen enthalten. Da der Stick- stoff aber nur schwer mit anderen Substanzen in Ver- bindung tritt, so muß man, um Lebensmittel machen zu können, über Mittel gebieten, welche die Verbindungs- Trägheit des Stickstoffs überwinden. Den Weg hierzu hat Redner schon vor 30 Jahren gefunden und mit der Besckrei- bung eines Apparats veröffentlicht, durch den Ozon erzeugt wird, eine Modifikation des Sauerstoffs, die den sogenannten aktiven Zustand desselben darstellt, in welchem er sich beim Entstehen mit dcm Stickstoff der Luft direkt verbindet. Der Schwefel- geruch, der bei jedem Blitzschlage auftritt, stammt von einer Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff, welche durch den die Luft durchlaufenden Blitz entsteht. Daß der elektrische Sttom die Eigenschaft hat, diese Stoffe mit einander zu verbinden, ist also eine altbekannte Thatsache, und in dem Ozonapparate ist ein mechanisches Hilfsmittel zur Herstellung dieser Verbindungen gegeben. Derselbe ist eine offenstehende Eingangspforte in eine Zukunft, in der wir mll Hilfe mechanisch erzeugter Elettrizität gewerbsmäßig Stickstoff-Verbindungen herstellen können, und die Erreichung dieses Zieles durch die Chemie im Bunde mit der Elettxotechnik ist also durchaus eine Sache des gervöhnlichen wissenschaftlich- technischen Fortschritts. Freilich liegt es noch im Sckoße der Zukunft, ob die Elektrochemie die Aufgabe lösen wird, die für die Ernährung nöthigen Substanzen auch so zu« sammen zu setzen, daß der thierische Körper sie verträgt und als Nahrungsmittel vcrwerthen kann, jedenfalls aber ist der Aus« spruch über künstliche Erzeugung von Lcbcnsmttteln keine Phon- tafie, sondern eine Behauptung, die auf einer streng wiffenschaft« liehen Grundlage ruht.(?) rativ-Genossenschaft� für Konsumtion, die den Namen„Maiscn du Peuple"(Haus des Volkes) führen wird, festlich eingeweihl werden. Dieselbe ist nach dem Muster des Genter„Vooruit" eingerichtet und hat zum gemeinsamen Verkaufs-, Produktions- und Vereinigunaslokal das Gebäude der früheren Synagoge auf der Place Baviere im Zentrum der Stadt erwählt. Da« Gebäude ist zu diesem Zweck im Innern vollständig um- gestaltet und auf« Praktischeste eingerichtet worden. Gleich- »ettig wird in den Weihnachtstagen ein Arbeiterkongreu stattfinden. Fr aitli reich. Wie sich die Londoner„Times" schon bei der ganzen Ministerkrisis in sehr eigmthiimlicher Weise geäußert hat, so macht sie sich über den endlich„erfundenen" Minister des Acußern besonders lustig. Sie schreibt:„Herr Flourens ist ein Beamter, welcher der diplomatischen Welt ungefähr ebenso be- könnt ist, wie der Mann im Mond. Er soll einige Fähigkeiten befitzen, in dem Sinne, wie eine Menge Departementschess sie besitzen. In einem Parlament hat er nie gesessen. Aber er ist „Direktor des Kultus" gewesen und in letzter Zeit Vizepräsident des Etaatsraths. Wahrscheinlich wird er die in diesen beiden Stellungen erworbenen Gewohnheiten auf seinem neuen Posten beibehalten, und wenn er es thut, so mag das ja für nihige Zeiten genügen. Der neue Minister wird jedoch kein leichtes Stück Arbeit haben. Vor Allem wird er Deutschland, welches durch die Rüstungen des Generals Boulangcr in fieberhafte Aufregung versetzt worden ist, zu beruhigen haben. Wahlschein- lich wird er fortfahren, England die Räumung Egyptens zu empfehlen, die Lösung der Madagaskarfrage versuchen, sich ein- gehend mit Tunis und Tongking befassen. Biserta zu einem größeren Hafen als Marseilles machen, und endlich auch mtt dir chinesischen Regierung einige Unterhandlungen anknüpfen. Wahrlich, für einen Neuling, wie Herrn FlourenS, wird es an Arbeit nicht fehlen!" Die Zahl der Arbeitslosen in Paris ist noch sehr groß, wenn auch die Zahl von 120 000, welche gewisse Blätter geben, vielleicht übertrieben ist. Die Ziffer der Arbeiter, welche nur bei abgekürztem Tagewerk beschäftigt sind, wird auf 100 000 angegeben! Trotzdem will man eine Besserung der Wirthschaftsverhältnisse erkennen. Zwar hat die Zinsensteuer (auf den Ertrag der Werthvapiere) während der elf ersten Monate ein Mehr von 1 428000 Frks. ergeben. Aber die in- diretten Steuern find, bei 2026 329 400 Frks. Einnahme, um 62 207 125 Frks. im Rückstände. Davon entfallen freilich 25773000 Frks. auf die Herabsetzung der Zuckersteuer. Die Zölle haben 7 507 000 Frks. weniger ergeben, trotz der 15 Millionen, welche die neuen Getreidezölle einbrachten. Bei den direkten Steuern haben sich die Beitreibekosten erhöht. Dagegen weisen alle Eisendahnen seit einigen Wochen eine Steige- rung der Einnahmen auf. Großbritannien. Die Nachricht, daß Oberst Turner Nachfolger des Generals Buller im Kreise Kerry werden soll, ist nach der„Dublin Mail" wahrscheinlich nicht begründet.„Oberst Turner", schreibt das Blatt,„ist auf alle Fälle ein ausgesprochener Homeruler, und die Nationalisten Irlands würden in seiner Ernennung nur ein unedles Verlangen der Regierung sehen, eine Partei zu versöhnen, welche sie bekämpft. Nack einer Mittheilung der „Liverpooler Post" wurde Oberst Turner bei der letzten Wahl vielfach als Homerule-Kandidat für einen schottischen Wahlkreis genannt. Mehr als 1000 Arbeiter in den Schmelzöfen der Moß Bay- Eisenwerke in West-Cumberland, und der Eisen- und Stahlwerke in Workington, eröffneten einen Streik. Tie Leute hatten eine Lohnerhöhung von 15 pCt. verlangt und die Arbeitgeber gaben zu verstehen, daß sie die Sache in Erwägung ziehen würden. In Erwartung einer Antwort stellten die?ir- better ihre Thätigkeit ein. Es soll eine Besprechung von Vor» tretern beider Seiten stattfinden. Itolte«. Der italienische Botschafter, General Graf Menabrea, überreichte der französischen Regierung die Kündigung de» französisch. italienischen Handelsvertrages. Da dieser Vertrag erst mit dcm 1. Januar 1888 abläuft, so ließ die italienische Regierung gleichzeitig mittheilen, daß sie berett sei, im kommenden Jahre in Verhandlungen einzuttetcn, um wegen eines neuen modus virendi zu einer Verständigung mit der französischen Regierung zu gelangen. Kalko« la«der. Die„Voss. Ztg." schreibt: Man glaubt, daß Deutschland» Rußland und Oesterreich eine Verständigung über einen ernst« hasten Thronkandidaten getroffen haben. Es soll da« aber weder Alexander von Oldenburg, noch Ferdinand von Sachsen-Koburg sein. Tie Regentschaft ist bereit, Rußlands Wunsch zu erfüllen, dm Kandidaten der Sobranje zu empfehlen und nach erfolgter Wahl abzudanken. Zu einer gewissm Reserve gegenüber den seither verbreiteten Meldungen über die Aussichten der koburger Kandidatur mahnt auch folgende Mit- theilung aus Wien: Die„Pol. Korr." kann zur Lage ttn- stariren, daß die Kandidatur des Prinzen von K o b u r g voll« ständig und ausschließlich aus dem Entschluß der bulgarische« Deputation hervorgegangen sei, die keiner maßgebenden Wiener Persönlichkeit von ihrem Vorhaben irgendwie Mittheilung gr- macht habe. Od die Deputation hierzu von der Sobranje oder der bulgarischen Regierung ein Mandat erhalten, ist bisher nicht aufgeklärt. Diesem Sachverhalt aegenübcr konnte der Prinz von Koburg dem ihm gemachten Anerbieten, wenngleich er sich nicht direkt ablehnend verhielt, doch nur mit großer Re- serve mtgegenkommen. Emen weiteren Grund dazu mußte der Prinz in dem Umstände erblicken, daß die vom nisfistfen Kabinet vorgeschlagene, durch die Türkei den üdrigm Mächten offiziell bekannt gegebene Kandidatur des Fürsten von Mingre- lien bis zur Stunde nicht formell zurückgezogm erscheint. Ans London wird offiziös gemeldet, daß die Eventualität einer Kandidatur des Prinzen von Koburg in englischen Re- gierungskreism eine durchaus wohlwollende Aufnahme findet. Es wird betont, daß dieser Kandidatur von Seiten des englischen Kabincts jede Förderung gesichert sei und daß sie wohl auch bei der Mehrzahl der kontinentalen Ka- binete auf sympathische Aufnahme zurechnen habe. Gleichwohl dürste man sich, was die Aussichten auf Genehmigung seitens des russischen Kabinets bettifft, vorläufig keinen besonderm Hoff» nunam hingebm, da das Petersburger Kabinet bisher durch nichts angedeutet habe, daß es die Kandidatur des Fürfim von Mingrelim habe fallen lassen, und somit zu besorgen stehe, daß es jeder neuen Anregung gegenüber aus diese von ihm dm Mächtm notifizirte Kandidatur als die seinige hinweisen werde. Dr. Drumow, das Haupt der Zankow'schen Agitationk« partei, welcher in Bukarest eine Verschwörung gegen die bul« garische Regierung organifirt hatte und am 11. d. mit fünf ehemaligen bulgarischen Offizieren im Geheimen nach Sofia zu gelangen versuchte, ist dem„N. W. Tgbl." zufolge in Sistowa verhaftet und auf Befehl der Sofiaer Regierung nach dem rumänischen Ufer, nach Eimnitza, zurückgebracht worden. Die Offiziere in seiner Begleitung flüchteten sich nach Rumänien zurück. Amstralie«. Die Regierung von N e u s ü d w a l e s beabsichtigt, dem Parlament einen Vorschlag zu unterbreiten für die Abhaltung nner i n t e r k o l o n i a! e n A u s st e l l u n g, welche einen Theil dm im Januar 1858 stattfindenden Feier des hundert- lähngm Bestehens der Kolonie bilden soll. Es ist im Plan. das Mutterland, sowie sämmtliche Kolonien und Tependenzicn des Reiches zur Betherligung der Ausstellung zuzulassen. Kleine Mittheilungen. Krah bei Effen, 14. Dezember. In vergangener Nacht stürzte in dem Nebenstollen einer hiesigen Grube eine Kohlens schicht herab und begrub mehrere in der Nachtschicht beschäftigte Bergleute. Drei derselben sind schwer verletzt, doch hofft man, zwei davon dem Leben zu erhalten. Gumbinnen, 16. Dezember. Gestern Nachmittag wurde bei einer Felddienstübung ein Soldat der 11. Kompagnie er schoffen. Der nebenan marschirende Lieutenant ist vermuthlich das Ziel gewesen. Die Untersuchung ist eingeleitet. Amsterdam, 15. Dezbr. Noch immer tommen Unglüds. nachrichten über die Verheerungen der letzten Stürme. Nach den Aussagen der Mannschaft eines in Vlieffingen eingelaufenen Schiffes sah man in der Nordsee einen Dampfer finfen. Die Masten lagen über Bord und weder von der Mannschaft noch von der Flagge war etwas zu entdecken. Die Mannschaft des Dampfers Anna", der am 10. Dezember vor Delfzyl fant, ist an legterm Orte eingebracht worden; fie hatte 48 Stunden in den Masten zugebracht. Das deutsche Schiff Neptun", das man auf der See verlassen antraf, ist hier per Schleppboot ein gebracht worden. Der deutsche Dampfer ,, Annette", mit Kohlen von Newcastle nach Plymouth bestimmt, ist am 12. Dezember nördlich vom Nieuwen Waterweg gestrandet. Ein Mann wurde über Bord gespült und ertrant; die übrige Bemannung wurde gerettet, doch ist auch ein Mann von dem rettenden Boote er frunten. Das Schiff soll verloren sein. In Scheveningen wurden viele Schiffstheile an den Strand getrieben; fie rühren jedenfalls von einem untergegangenen Dampfer her. Brüssel, 15. Dezember. Die von den Postdieben am 27. November gestohlenen Briefschaften find hier auf der Blanchifferiestraße in einem Abzugskanal entdeckt worden, im ganzen 280 Briefe, sämmtlich aus Amerika und meist nach Rußland bestimmt. Sie waren theils durchnäßt, theils be schmußt und wieder getrocknet und geordnet. Nur ein einziger 6. Theater. Sonnabend, den 18. Dezember. Opernhaus. Prolog. Hierauf: Preciosa. Schauspielhaus. Prolog. Hierauf: Der Freis schütz. Deutsches Theater. Doktor Klaus. Kroll's Theater. Der Mikado. Friedrich- Wilhelmstädtisches Theater. Der Vizeadmiral. Wallner- Theater. Die Sternschnuppe.ils Bittoria- Theater. Viviana. Oftend- Theater. Das neue Gebot. Refidenz- Theater. Georgette. Zentral- Theater. Der Waldteufel. Bellealliance- Theater. Die Kindsfrau. Balhalla- Theater. Der Vagabund. Königstädtisches Theater. So find fie Alle. Concordia Theater. Spezialitäten Bor ftellung. Kaufmann's Varietee. Spezialitäten- Vorftellung. Reichshallen Theater. Spezialitäten- Vorftellung. Stadt- Theater. Wallnertheaterstr. 15. Die war geöffnet, weil er eine Photographie enthielt. Eine Frau Reel, welche gesehen hatte, daß zwei Männer fich an Der Ranalöffnung zu schaffen machten, hat dieselben genau be schrieben. Tomst. 14. Dezember. Hier wurde vor einigen Tagen die Familie des hiesigen Insaffen Kahn ermordet. Wir ent nehmen hierüber dem Most. List." die folgenden haarsträubenden Einzelheiten: Rahn's Familie zählte fieben Personen, außerdem befand sich bei derselben eine Kindermagd. Kahn betrieb ein Ladengeschäft und befaßte fich auch mit dem Eins tauf gestohlener Gegenstände. Am Morgen des Tages, an welchem die Mordthat verübt wurde, öffnete Rahn wie gewöhn lich den Laden und nahm sodann mit seiner Familie den Thee ein. Unterdeffen scheinen nun die Mörder, über deren Persön lichkeiten bis jetzt alle Anhaltspunkte fehlen, in den Laden getommen zu sein. Kahn, welcher fich wahrscheinlich nach den Wünschen der Anfömmlinge erfundigen wollte, wurde durch einen einzigen Hieb mit einer Eisenstange zu Boden gestreckt. Sodann drangen die Mörder in die Wohnung Kahn's, woselbst vier Kinder desselben am Tische saßen, von denen eines nach dem andern mit demselben Mordinstrument, der Brech stange, erschlagen wurde. Die Mutter der Kinder, welche fich in hochschwangerem Bustande befand, wurde in der Küche, wo fie gerade beschäftigt war, ermordet, auch fiel hier die Kindermagd, die sich hatte flüchten wollen, unter den Streichen der Mörder. Nachdem die Mörder ihre blutige Arbeit beendet, gingen fie in das Schlafzimmer der K.'schen Wohnung, suchten die Gelder R.'s zusammen und entfernten fich unbemerkt vor dem Schauplatz des Verbrechens. Gegen 8 Uhr Morgens fand sich in dem K.'schen Laden ein Mädchen ein, um irgend etwas zu kaufen und fand Kahn in seinem Blute schwimmend am Boden liegen. Das Mädchen eilte zurück Blute schwimmend am Boden liegen. Das Mädchen eilte zurück und die Polizei erhielt Meldung von der Entdeckung. Bei ihrem Eintreffen in der R.'schen Wohnung fand die Polizei ein fünfjähriges Mädchen noch am Leben, doch ist keine Aussicht Oranienstrasse 159 vis- à- vis d. Ludauerstraße. Das 13 0 0 2 called auf Wiederherstellung desselben vorhanden. Der älteste Sohn entging dem traurigen Ende seiner Angehörigen dadurch, daß er im Augenblicke des Mordes fich nicht zu Hause befand. Die Mörder dürften ihre That aus Rache verübt haben, da R. feineswegs im Befize großer Reichthümer sein konnte; auch vers muthet man, daß die Mörder zu den Bekannten R.'s zählen, da aus den näheren Umständen bei Verübung des Mordes er hellt, daß sie ganz guten Bescheid mit den Gewohnheiten K.'s sowie in der Wohnung desselben wußten. Bremen, 16. Dezember. Der Norddeutsche Lloyddampfer Hannover", Kapitän Gathemann, rettete auf seiner legten Reise von Brafilien nach Antwerpen die Mannschaft eines englischen Dampfers, worüber der Kapitän aus Vigo die nachstehenden Einzelheiten meldet: Am 10. Dezember, nachdem wir in den lezten Tagen sehr schweres Wetter und sehr hohe See gehabt, saben wir den englischen Dampfer ,, Ethel Wolf", welcher unsere Hilfe verlangte, es gelang uns jedoch nicht, ein Schlepptau an Bord zu bringen, da die dünnen Leinen, wodurch wir die Verbindung hergestellt hatten, mehrere Male zerrissen. Bis 3 Uhr Nachmittags war der Dampfer aber schon so nahe der Bran dung, daß wir unserer eigenen Sicherheit wegen nicht länger in seiner Nähe verbleiben fonnten, forderten deshalb die Mannschaft auf, das Schiff zu verlassen, was dieselbe auch that. Die Mannschaft, bestehend aus 13 Mann, haben wir mit nach hier ( Vigo) gebracht, doch wird uns nicht erlaubt, dieselbe hier zu landen und nehmen wir fie mit nach Antwerpen." Wesel, 15. Dezember. Am Sonntag Abend ist der um 9 Uhr 13 Minuten von hier in der Richtung nach Münster fahrende Personenzug nur zur Noth einer großen Gefahr entronnen. Auf der Strecke zwischen den Stationen Wesel und Beddenberg waren von boshafter Hand Schienenlaschen quer über die Geleise gelegt worden. Das Hinderniß wurde erst bemerkt, als die Maschine schon über einige der Laschen hinweg gerollt war, dann aber der Zug sogleich zum Halten gebracht. Nach dem Thäter wird eifrig geforscht. Oranienstrasse 159 Herrengarderobe- Magazin, von Gegründet Siegfried 1870. 1870.pdf tbil shilic noo vis- à- vis d.Luckauerstraße. Simon Gegründet empfiehlt zur Herbst- und Winter- Saison sein reichhaltiges Lager von 1870. 4 al achtsar 50 Anzügen, Paletots, Schlafröcken etc. in den neuesten Stoffen und Façons zu soliden Preisen. 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Vortrag des Rollegen Gottheimer über Rechtsschuß. 2. Innere Vereinsangelegenheiten. 3. Verschiedenes und Fragelaften. Wir bitten unsere Kollegen, sich recht zahlreich einzufinden, und machen gleichzeitig aufmerksam, daß außer bei den Komitee- und Vorstandsmit gliedern auch in der Versammlung Billets zur Weihnachtsfeier im City- Hotel zum Preise von 25 Pf. pro Person zu haben find. [ 1292 Der Vorstand. Vereinigung deutscher Stellmacher. ( Mitgliedschaft Berlin.) Versammlung Montag, den 20. Dezbr., Abends 8 Uhr, in Grife's Lokal. Lichtenbergerstr. 21. Tagesordnung Vortrag über Organisation. [ 1250 Vereinsangelegenheiten und Fragelasten.[ 1294 C. A. Vierow, Kirschner, C. Scholz, Nr. 36 b. Alte Schönhauserstraße 31.[ 1267 Leihhaus Ausverkauf Schönhauser Allee 182. Omnibus- Haltestelle am Schönhauser Thor. [ 790] Ein wenig getr. Winterüberzieher Umstände halber zu vert. Blumenstr. 6, H. r. 1 Tr. b. Pabft. 14000 eleg. Herbst- u. 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Namentlich für den Winter hat fie hinter jede Annehmlichkeit auch gleich die Sorge gestellt, die ihre gespenstigen Arme drohend ausstreckt, sobald fick das lcbens- lustige Menschenlind einmal einen Uebergriff erlaubt._ Cft genug auch wartet die Natur nicht erst die Ueber- griffe ab; sie lckickt dann plötzlich und unvernmkhet die Sorge ins Haus, die sich da einnistet, wächst und immer größer wird, je schwächer die Strahlen der Sonne werden, je mehr die raue Jahreszeit fortschreitet. Dann erscheinen vor den Augen der Hausfrau die Gespenster jener gefährlichen Hausfeinde, welche, mitunter epidemisch auftretend, besonders die Jugend manchmal über Nacht überfallen:„Keuchhusten, Scharlach, Kroup, Diphtherie, Typhus— böse Hebel, gegen welche sich die Kunst des Arztes häufig recht ohnmächtig erweist. Es ist schwer, diese heimtückischen Feinde zu bannen, wenn sie einmal von einem Hause Besitz ergriffen haben. Schließt man ihnen aber vorsichtig den Eingang zu, so fällt es um so leichter, fie möglichst lang und vielleicht ganz fem zu halten, oder mindestens ihre Kraft zu schwächen, wenn sie sich den Ein- tritt erzwungen haben. Das ist eine Aufgabe, welche fast aus- schließlich der Hausfrau zufällt, die durch Aufmerksamkeit und Energie mehr als alle Äerzte befähigt und berufen ist, das Wohl der Familie zu wahren und sie vor Unfall zu schützen. Und ein einfaches, scheinbar nichtssagendes und selbstver- ständliches Mittel ist es, das für diesen Schutz den Ausschlag giebt: Die Reinlichkeit! Eine gute Hausfrau, die kein Stäub- chen in ihrer Wohnung duldet, wird über dieses Wort lächeln, und doch müssen wir ihr sagen, daß all' ihr Scheuern, Wischen und Putzen für diesen Zweck, nämlich zum Schutze vor Krank- hellen, nicht hinreicht. Was wir hier unter Reinlichkeit ver- stehen, erfordert eine andere als die sonst gewohnte Handhabung und auch etwas andere als die gebräuchlichen Mittel. Unsere schönen Leserinnen werden uns gewiß sogleich ver- stehen» wenn wir daran erinnern, was wir vor kurzem von Den„Feinden der Menschheit" erzählt haben, von jenen gefährlichen Pilzen oder Bakterien, die überall in der Lust sich vorfindend, die schlimmsten Krankheiten hervorrufen. Diese Pilze und ihre Kcinie dringen in die fftahrungsmittel ein rnd führen Fäulniß und Verwesung herbei, sie setzen sich fest auf den Wänden, auf den Möbeln, in den Kleidungsstücken und Teppichen und dringen von allen Seiten in das Innere des menschlichen Körpers ein, sich dort entwickelnd und die schlimmsten Uebel erregend. Äasem, Scharlach, Diphthcritis, Typhus find vorwiegend die Krankheiten, welche durch das Eingreifen der Batterien entstehen. An die Hausfrau tritt nun die Pflicht heran, diese Feinde vom Hause fern zu halten und fie dort, wo sie Eingang gefunden haben zu zerstören. Das geschieht durch strenge Reinlichkeit, deren Wirkung vor Allem eine desinsizirende sein muß. Es handelt sich ja dabei zunächst darum, den„Nährboden", auf welchem sich die Pilze und ihre Keime am günstigsten entwickeln, zu vernichten, ein Werk, zu welchem die sonst in der Wirtschaft verwendeten Reinigungsmittel nicht ausreichen. So genügt eS nicht, die Fußböden einfach„auszuwaschen" und die Möbel trocken ab- zuwischen, vielmehr müssen Böden und Möbel öfters mit einer Lösung von 15-30 Gramm grüner, schmienger Kaliseife, die sehr gut dcsinfizirt, abgewaschen werden. Die größte und strengste Aufmerksamkeit muß besonders der Küche gelten, jenem Orte in der Wohnung, in dem sich die Bakterien am stärksten anhäufen. Koch- und Eßgeschirre, Abfall- und Kohlenkisten find, ehe man sich's versteht, voller gefährlicher Pilze, deren wühlende Arbeit nur durch die penibelste Desinfektion un- schädlich gemacht wird. Da auch die Betten, Wäsche und » Kleidungsstücke günstige Nährböden für Baktenen find und nicht so leicht desinsizirt werden können, so sollten sie täglich in der Wohnung einem scharfen Windzug ausgesetzt werden, welcher die Pilze in Bewegung bringt und sie in die Luft entfühtt. Während der Zug durch das Zimmer stteicht, kann dieses verlassen werden, um der Gefahr einer Erkältung vor- zubeugen.�j � durchaus nicht schwer, die Wohnung, das Haus vor den Feinden zu schützen, von den Fußböden, Wän- den und Gebrauchsgegenständen find sie leicht zu entfernen; schwerer aber wird es dem Menschen, sich selbst ihrer ener- gisck zu erwehren. Der gesunde Mensch freilich besitzt unter normalen Verhältnissen natürlicher Schutzmittel genug, um dem Angriff der Batterien zu widerstehen. Trotzdem diese Pilze von allen Seiten auf ihn einstürmen, sich.auf der. Haut, noch stärker in den Haaren und am meisten in den inneren Organen festsetzen, bleiben sie unschädlich, weil das mensch- liche Blut in gesundem Zustande die Eigenschaft besitzt, diese tarafiten aufzuzehren und so ihre Wirkunfl lahm zu legen. efährlicher werden sie aber, wenn sie statt durch die röhren oder den Darm direkt in die Vlutbahn. etwa, durch eine Hautwunde eindringen. Wie nachhaltig ihre Wirkung dann sein kann, ficht man am auffälligsten bei manchen schweren Eiterungsprozessen, welche ausschließlich durch Para- fiten hervorgerufen wurden, die sich nie eingestellt hatten, wenn die Wunden rein erhalten worden wären. Wenn Cpi- demicn herrschen, find deshalb leichte Schnittwunden sehr oft die unmittelbaren Erreger der epidemischen Krankheiten. Und ganz dasselbe ist der Fall, wenn die inneren Organe, besonders die Schleimhäute asfizirt sind. Im nonnalcn Zustande bieten die Schleimhäute einen energischen Widerstand gegen den Angriff der Parafiten; stellt sich jedoch eme leichte Eni- Zündung, ein Schnupfen, ein Katarrh der Luftrohren oder des Darmes ein. so wird der Widerstand sofort reduz'tt und die Gefahr der Empfänglichkeit für die herrschende Krankheit er- höht. Wie nun in der Wohnung die Küche einen Stave ort für Parasiten bildet, so ist es beim Menschen die Mundhohle, welche mit den darin zurückbleibenden Speiseresten est, vor- züglicher„Nährboden" ist. von wo aus die Krankheit? erreger uberall hindringen. Hier ist also ein energisches und gleich- »eitig unschädliches Desinfektionsmittel recht nothwendig. nicht nur für den unpäßlichen, erkrankten, sondern auch für den ge- sunden Menschen, dem das bunte Konglomerat von Pilzen schwerlich zum Vortheile gereichen kann. Das beste Desinfek- tionsmittel ist hier eine Lösung von einem Theeloffcl fern vulverifirtcm Borax in einem Halden Liter Wasser, mit welcher wan Mund und Rachenhöhle mindestens täglich emmal ausspülen sollte, und ganz besonders müßten Kinder dazu angehalten werden, täglich mit diesem Mittel einmal zu gurgeln. Damit jedoch nichts halb gethan werde, würde es sich empfehlen, noch ein Mittel anzuwenden, das eigentlich als bekannter Gradmesser der Kultur kaum erst der Empfeh- lung bedarf, nämlich öftere Bäder oder häufige Waschungen ganzen Körpers und besonders der Haangen Stellen mit Sonnabend, den 18. Dezember 1886. — Waffer und guter Seife. Nicht nur, daß solche öfteren Waschungen an sich das Wohlbefinden und die Gesundheit fördem, sse befreien auch die Haut von allen fremdem Keimen und schützen den Körper vor vielen Ansteckungen und Ge« fahren. Und was in dieser Hinsicht für die Erwachsenen gilt, ist in weit erhöhtem Maße auf das Kind anwendbar. Jede Mutter wird sehr bald die Erfahrung machen, daß Kinder, die für jede Ansteckung enipfänglich, für jede geringe Erkältung zu- gänglich find, diese hohe Empfindlichkeit rasch verlieren, wenn sie täglich kühl und gründlich gewaschen und sonst im Munde und in der Kleidung rein gehalten werden. Diese Thatsachc allein ist der schlagendste Beweis für die Notwendigkeit dieser hygienischen Maßregeln. Meldet sich aber beim Kinde ein unbedeutender Schnupfen, eine leise Heiserkeit, oder eine geringere Magenindispofition an, so sind sofort alle Anstalten zu treffen, durch Wärme, Ruhe, Schonung und reine Zimmerluft das Unwohlsein zu beseitigen. Das Kind ist weit empfindlicher und empfänglicher als der Erwachsene, ein leichtes Uebel wächst, vernachlässigt, sich schnell zu einer schweren Krankheit aus. Deshalb ist Nachlässigkeit und Sorglosigkeit bei der Erziehung der Kinder ein selbstver- schuldetcs Unglück, ein strafwürdiges Verbrechen. Nur weise Vorsicht und streng durchgeführte Reinlichkeit des Körpers und der Umgebung bieten Schutz gegen Krankheiten und die Ge- fahren ihrer kleinen unsichtbaren Verbreiter. Parlamentsvenchte. Deutscher Reichstag. 12. Sitzung vom 17. Dezember, 2 Uhr. Am Tische des Bundesraths von Boetticher und Kommissmien. Die Aufnahme der Albuminpapierfabriken in das Verzeichniß der besonderer Genehmigung bedürftigen Anlagen wird in dritter Berathung genehmigt und darauf die Spezialberathung des Etats des Reichsamtes des Innern fort« gesetzt. Abg. Witte refenrt über die der Budgetkommission über- wiesenen Kapitel dieses Etats. In Tit. 9 werden 30000 M., 10 000 M. mehr als im v. I., zur Unterstützung des Deutschen Fischerei- Vereins zur Förderung der künstlichen Fisch- zuckt gefordert. Schon im v. I. überwies der Reichstag eine in diesem Sinne abgefaßte Petition des Vereins den verbün- deten Regierungen zur Kenntnißnahme. Abg. Rickert: In der Werthschätzung der Vorstands- Mitglieder des Vereins, dem ich selbst angehöre, und in der Anerkennung der Wichtigkeit der Vermehrung der Fischnahrung für das Volk stehe ich keinem der Herren nach, welche diese Position bewilligen wollen, ich lehne es aber ab, mit Reichs« Mitteln für eine private Thätigkeit einzutreten. Der Reichstag hat sich durch seinen Beschluß, die Petition betteffend, im vorigen Jahre keineswegs für die Erhöhung der Subvention engagirt, und die Budgetkommission hat sie bis; jetzt nur mit 13 gegen 12 Stimmen zu bewilligen deanttagt. In den meisten Ländern werden die Privaten in einer viel stärkeren Weise für diesen Zweck herangezogen, und wenn Sie diese Subvention bewilligen, welche Gründe haben Sie dann, andere ebenso nützliche Besttebungen nicht in derselben Weise zu subven- tioniren? Unsere Finanzlage fordert auch bei kleinen Summen zur Sparsamkeit auf. Staatssekretär v. Boetticher: Allerdings hat sich der Reichstag im vorigen Jahre in dieser Frage nicht engagirt. Allein die Wünsche auf Erhöhung der Subvention wurden da- mals so laut und übereinstimmeno ausgesprochen, daß die ver- bündeten Regierungen gar nicht im Zweifel darüber sein konnten, in der That den Absichten des Reichstages zu entsvrcchen, wenn fie diese Position um 10000 Mark erhöhten. Die Uederweisung der vorjährigen Peti- tion an die Regierung entsprang nur dem konsti- tutionellen Bedenken, auf einen Antrag aus der Mitte des Hauses eine Mehrforderung gegenüber der von den verbündeten Regierungen geforderten Summe zu bewilligen, und der Erwägung, daß vom Bundeörathstische aus erklärt wurde, man würde geneigt sein, die Zulässigkeit einer Mchrbe- willigung für das nächste Jahr wohlwollend zu prüfen. Wir glaubten von Neuem und energischer von diesem Hause gemahnt zu werden, wenn wir diese Position nicht erhöhten. Sie können dieselbe ruhig bewilligen. Der Grund, daß man hier mit dem- selben Recht für jeden guten Zweck im Lande mit Reichsmitteln eintreten könne, spielt gar keine Rolle. Es handelt sich hier um einen Zweck, dessen Unterstützungswürdigkeit Sie seit Jahren durch Bewilligung von Subvention anstandslos anerkannt haben; die Nützlichkeit einer Mchrbewilligung aber ist für mich außer Frage. Wir wissen Alle, daß die Leitung deS Vereins in sehr guten, sachverständigen Händen liegt, daß er schon ganz außerordentliche Erfolge erreicht hat und seine Ziele mit so schwachen Mitteln, wie sie ihm zur Disposition stehen, nicht erreichen kann. Wenn der Vorredner an unsere Finanzlage erinnert, so erwidere ich: es handelt sich hier um einen eminent produktiven Zweck im Interesse einer Aufbesserung unserer witthschaftlichen Verhältnisse. Bei reicheren Mitteln würden die Erfolge des Vereins nicht nur größere sein, wir werden auch wirklich mehr und vor allen Dingen billigere Fische bekommen und damit dem Ziele, ein billiges Volksnahrungsmittel herzustellen, auf diesem Wege näher kommen.(Lebhafter Beifall). Abg. v. Massow: Das Interesse des Herrn Rickert für den Verein ist doch wirklich nur ein sehr platonisches, und ich hoffe, daß seine Freunde, die zum Theil selbst dem Vor- stände angehören, ihn desavouiren und für die Position stimmen Abg. v. Etauffenberg: Diese Frage hat mit dem Patteistandpunkt absolut nichts zu thun. Ich für meine Person werde für die Bewilligung der 30000 M. stimmen Ueber die Nützlichkeit der Verwendung dieser Position kann ja nur eine Stimme fein. Die Summe, welche wir dem Verein gewähren, ist dazu destimmt, unsere zum großen Theil leider sehr entvölkerten Flüsse mit neuer Fischbrut zu besetzen. Wir in Süddeutschland wissen ganz genau, was wir dem In- stitut in dieser Beziehung bereits zu verdauken haben. Ein großer Theil unserer früher sehr fischreichen, aber in neuerer Zeit sehr zurückgegangenen Gewässer ist gerade durch den Deutschen Fischereiverem in sehr nachhaltiger Weise wieder neu bevölkert worden. Ich hahe schon früher Zuschnften und Ein- gaben, unter anderen vom oberpfälzischen Fischereiverein be- kommen, welche aufs Wärmste eine Vermehrung der Mittel im bayerischen Interesse befürworteten. In Bezug auf die Zu- fühiung neuer Fische für die Donau ist ja bereits sehr viel ge« leistet worden, es ist aber zweifellos, daß in dieser Beziehung außerordentlich viel mehr noch geleistet werden muß. Es han- delt sich hier um ein wesentliches Reichsinteresse. Ein preußi- 3. Jahre« scher Fischereiverein könnte eene Masse von Dingen leisten, welche ein bayerischer, wütttcmbergischcr und badischer nicht leisten kann. Die Beschaffung der ausländischen Fischbrut geht über die Mittel eines kleinen Landes absolut hinaus und kann nur von einem großen Verein mit ausreichenden Mitteln geleistet werden. Am wenigsten reicht die Privatthätigkeit aus. Bei der Besetzung eines Jagdreviers geht die Sache sehr einfach, der Fisch hat aber die üble Ge- wohnheit, an dem Orte, wo er ausgesetzt wird, nickt zu bleiben. Die ausgesetzten Fische kommen nicht dem Einzelnen, sondern Tausenden_ von Menschen zu Gute, flußauf- oder abwärts. Die Sache ist mithin eine gemeinnützige und von großer wirth- schaftlicher Bedeutung. Ich bitte Sie, die Position anzunehmen. (Beifall.) Abg. v. Heereman: Auch ich möchte Ihnen die Bewilli- gung warm empfehlen. Wenn sich auch der Reichstag im vorigen Jahre nicht gebunden hat, so hat er sich dock so günstig über die Mehrbewilligung ausgesprochen, daß der Verein ver- muthen konnte, den Zuschuß zu bekommen und wohl damit ge- rechnet hat. Bei einem Minimum von 10000 M. kann man doch kaum von Sparsamkeit reden. Abg. Rickert: Ich habe für den deutschen Fischereivercin mindestens dasselbe Interesse wie der Abg. von Massow. Ich hätte nur ein platonisches Interesse? Es ift ja sehr leicht, hoch- herzig zu sein auf Anderer Kosten, wenn ich die Mittel den Taschen meiner Mitbürger entnehme. Privatim für den Verein etwas zu thun, bin ich stets dereit gewesen. Abg. Kalle: Es handelt sich hier um ein relativ unendlich kleines Opfer, durch welches große Vortheile für die Gesammt- beit erreicht werden. Ich werde mit meinen Freunden für die Position stimmen. Die Position wird hierauf bewilligt. Für dieselbe stimmt auch ein Theil der deutschfrcisinnigen Partei. Zur Förderung der Hochseefischerei sind im Etat 200 000 M. ausgeworfen(im vorigen Elat 100000 M.). Die Kommission schlägt vor, auch diesmal nur 100 000 M. zu bewilligen. Referent Witte: Ein dringendes Bedürfniß für die Er- höhung der Summe sei nicht nachgewiesen. Die bisherige Verwendung des Fonds habe in verschiedener Beziehung zu schweren Bedenken Veranlassung gegeben; auch die erzielten Resultate seien nicht derartig, daß man unbedenklich zu einer Erhöhung schreiten könne. Angesichts dieser Thatsachen unserer mißlichen Finanzlage empfehle die Kommission, nur 100 000 M. zu bewilligen. Abg. Gamst: Im vorigen Jahre ist die Nützlichkeit der Forderung an sich nicht in Fra ze gestellt. Der einzige Einwand der Linken war, daß die 100 000 M. nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sein und uns dem erwünschten Ziel nicht näher bringen würden. Diese Prophezeiung hat sich nicht ganz erfüllt. Die Unterstützung der Hochseefischerei hat schon gute Ergebnisse gebracht, allerdings hat sich zugleich ein dringendes Bedürfniß nach einer Erhöhung der Summe herausgestellt. Nach der warmen Fürsprache des Abg. v. Stauff.nberg nehme ich an, daß er und seine Freunde dasselbe Wohlwollen auch hier bekunden werden, um so mehr als die Bedeutung der Hochseefischerei doch eine ungleich höhere ist, als die der künst- lichen Fischzucht. Die Hochseefischerei führt gerade den ärmeren Volksklassen ein wohlfeiles Nahrungsmittel zu. Bisher war dieselbe nicht in der Lage, den Bedarf Deutschlands an Fischen auch nur annähernd zu decken. Auch vom militärischen Ge- fichtspunkt empfiehlt sich eine Erhöhung dieser Position. Aus der Denkschnft der Marineverwaltung ergiebt sich, ein wie hohes Interesse dieielbe daran hat, eine größere Anzahl see- männisch vorgebildeter Mannschaften zu erhalien. Die weitere Entwickelung der Hochseefi'chcrei würde wesentlich dazu bei» tragen, eine Vermehrung dieses Personals zu fördern. Es soll eine Unterstützung gewährt werden den Fischereigenossen- schatten zu Prämien für den Bau seetüchtiger Schifferfahrzeuge und für die Anlage von Räuchcranstalten, endlich soll die Emdener Henngssischerei eine Subvention erhalten. In Folge solcher Unterstützung seitens des Staates wird sich auch das binnenländische Kapital diesen Unternehmungen mehr zuwenden und dies wird jedenfalls vortheilhafter sein, als wenn dasselbe in ausländischen, z. B. argentinischen fest. gelegt wird. Abg. Gebhard: Referent berichtet, daß die Budgetkom- Mission sich zur Ablehnung der Erhöhung durch die schlechte finanzielle Lage des Staates und einzelne Verwendungsartcn des Geldes habe bestimmen lassen. Endlich soll auch das Er- aebniß nicht ein derattiges gewesen sein, daß wir in diesem Jahre eine größere Summe für diesen Zweck auswerfen könnten als im vorigen Jahre. Wenn die Verwendungsart mangelhaft gewesen ist, so könnte das nur ein Grund sein, den ganzen Posten, nicht aber die Erhöhung abzulehnen. Erkennt man den ganzen Posten an, so billigt man damit das Prinzip, auf Grund dessen die Erhöhung gefordert wird. Die Motivinrng für die Erhöhung sei nicht genügend. Man hat angeführt, um wie viel die Forderungen sich gesteigert haben, aber keinen Aufschluß gegeben, od dieselben begründet sind und für welchen Zweck fie gefordert werden. Gegenwärtig bestehen an der Nordsee nur einige wenige Versicheru-igskassen, aber es ist ein thatsächliches Bedürfniß nach Vermehrung derselben vorhanden, und diesem wird abgeholfen werden in dem Augen- blicke, wo der Reichstag größere Mittel bewilligt haben wird. Ich habe erst heute Mittheilungen in dieser Richtung erhalten, daß man weiter gehen wolle auf diesem Wege, wenn nur die Regierung größere Mittel für diesen Zweck bewilligen wollte, so daß Gelder für einen Garantiefonds hinterlegt werden könnten. Was das Genossenschaftswesen bettifft, so könnte ich eine weitere Entwickelung dieser Organisationen befürworten. Die Fischereigenossenschaften nehmen bisher eine unklare Stellung ein. Sie sind zum Theil auf Grund des Genoffcnschaftsgesetzes gegründet, theils Vereine auf Grund gemeinrechtlicher Bestimmungen. Das Bestreben, Ge- nossenschasten zu bilden, wächst, es handelt sich nur dämm, die ersten Sicherheitsfonds für dieselben zu beschaffen durch Gewährung von Darlehen. Dabei müßte das Haupt- augenmerk darauf gerichtet werden, die Darlehen in einer Form zu gewähren, daß von denselben nicht nur die gegenwättiae Generation, sondem auch der Nachwuctrs Vortheile zieht Die Gewährung von Bauprämien ist gleichfalls zu billigen, aber nicht m der Form von Subventionen; ebenso ist die Anlage von Bergungs. und Nothhäfen wünschenswerth; die Nordsee- fischer wären sehr vergnügt, auf Norderney einen solchen Hafen zu besitzen. Zu beklagen ist. daß für die Bewilligung der Unter. stutzunaen aus diesem Fonds keine einhestlicke B.Hörde einge- führt ist, von der dte leitenden Grundsätze für die Verteilung anfgestellt und die Verwendung der Gelder überwacht werden könnte. Abg. Schräder: Herr Gamp hat so gesprochen, als ob es sich darum handelte, diesen Posten zum ersten Mal zu bewilli. sien, während es doch allein auf die Frage ankommt, ob die im Vorjahr ausgeworfene Summe noch erhöht werden soll ober nicht. Mit Recht hat Abg. Gebhard hervorgehoben, daß rin festes Prinzip für die Bewilligung der Gelder aus diesem Fonds nicht vorhanden ist; ohne ein solches Prinzip laufen wir aber Gefahr, das angestrebte Biel nicht zu erreichen, unser Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Die Untlarheit der Verwendung ist mir besonders bei der Emdener Heringsfischerei entgegengetreten. Bei der Hochseefischerei steht die Regierung lauter einzelnen Personen gegenüber, so daß recht oft das Unrechte getroffen werden kann. Es wäre wünschenswerth, wenn eine Form gefunden werden könnte, durch welche die Verantwort lichkeit für die Verwendung der Gelder von der Regierung abgelenkt werden könnte. Die Hochseefischerei wird dabei sicher nicht zu Schaden kommen. Staatssekretär von Boetticher: Mit der Ueberweisung dieses Fonds zu diskretionärer Verwendung haben Sie uns eine außerordentliche Verantwortung auferlegt; denn es ist schwer, den an uns gestellten Ansprüchen gegenübee immer burchaus gerecht zu verfahren. Eine so große Summe einem Privatverein in die Hand zu geben, würde der Reichstag aber auch faum geneigt sein. Den Abg. Schrader frage ich, was er unter einem festen Prinzip für die Vertheilung der Gelder versteht und welches Prinzip er angenommen zu sehen wünscht. Die Aufgabe, welche der Regierung mit der Bewilligung des Fonds im vorigen Jahre zugefallen war, die Hochseefischerei zu heben, hat sie erfüllt, indem fie Unternehmungen, welche nach bem Urtheil der Uferstaaten Berücksichtigung verdienten, unterftügt hat. Die Forderungen, die an uns gestellt sind, haben ben zur Unterſtüßung stehenden Betrag um mehr als das Dreifache überſtiegen. Wir konnten deshalb nur die dringendsten in ihren Folgen verheißungsvolleren Unternehmungen unterstüßen. Ausschließlich die Versicherungsverbände, oder solche Fischer, die fich neue Fahrzeuge bauen wollten, oder lediglich die Emdener Fischereigesellschaft zu unterstüßen, waren wir nicht in Der Lage. Die Emdener Fischereigesellschaft mußten wir unterstüßen, weil fie, wenn ihr nicht eine außerordentliche und wirts same Unterſtügung zu Theil geworden wäre, vielleicht vollständig zu Grunde gegangen wäre. Ein Unternehmen, welches bereits im Befit einer Reihe von Fischerfahrzeugen und von geschulten Fischern ist, mußte eher unterstützt werden als irgend ein neues Unternehmen. Die Gesellschaft giebt über 200 Schiffern Lohn und dauernde Erwerbsthätigkeit. Die Konkurrenz Holländer und Schotten war eine so perniziöse, daß die Em dener Gesellschaft ohne Unterstüßung nicht hätte fortbestehen Tönnen. Wollen Sie den Zweck, den Sie im vorigen Jahre alle für nüglich und erstrebenswerth erklärt haben, wirksam weiter fördern, dann müssen Sie für die Erhöhung stimmen. Es war von vornherein klar, daß die Bewilligung von 100 000 Mart nur der Anfang zu größeren Forderungen sein werde. Mit der Mehrbewilligung erleichtern Sie uns das Geschäft und vermindern die Opposition, welche sich aus denen zusammenseßt, die nichts bekommen haben. der Abg. Kruse: Die erhöhte Subvention der Hochseefischerei würde auch der schwer nothleidenden kleinen Segelschifffahrt zu Gute kommen; dieses Gewerbe ist jetzt sehr wenig lohnend, nnd damit leidet gleichzeitig der Schiffbau und alle andern das mit zusammenhängenden Gewerbe. Die Leute, die hierbei ihr Fortkommen nicht mehr finden, würden dann bei der Hochseefischerei ihren Unterhalt erwerben können. Die Unterstüßung der Emdener Gesellschaft ist keineswegs als eine einseitige Begünstigung zu betrachten, denn die Erfahrungen, welche dieser Verein auf dem ausgedehnten Gebiete seiner Thätigkeit zu Sammeln in der Lage ist, kommen Allen, die Hochseefischerei treiben, zu Gute. Jetzt schon für die Verwendung der Gelder feste Normen zu firiren, ist wohl nicht ange zeigt, dazu ist die ganze Sache noch zu sehr im Werden. Bur befferen Kontrole der Verwendung empfiehlt es sich vielleicht, ähnlich dem Institut der Fabrikinspektoren Fischereiin spektoren anzustellen. Fischer find im Allgemeinen Neuerungen Schwer zugänglich, und es möchte deshalb auch in dieser Be ziehung von der Einwirkung derartiger autoritativer Persön lichkeiten mancher Fortschritt zu erhoffen sein. Jede Unter stügung eines Gewerbes hat ja eine gewisse Verbesserung des Betriebes zur Folge; aus demselben Grunde würde es sich da her auch empfehlen, für die Erlernung der Fischerei aus diesem Fonds Prämien auszuseßen. Abg. Schrader: Die verschiedenen Redner haben bei ihrer Befürchtung der Pofition auf verschiedene Ziele, die mit dem Gelde zu verfolgen seien, hingewiefen. Das zeigt deutlich, daß die vollste Untlarheit über den Plan und die Bwecke der Verwendung herrscht. Einen solchen Plan vorzulegen, ist Aufgabe der Regierung und nicht des einzelnen Abge ordneten oder des Reichstags. Durch neue Bewilligungen würde die Reichsregierung nur auf neue Ziele hingelenkt wer den, und dazu würden wieder die Mittel nicht ausreichen. Ich bitte deshalb um Annahme des Beschlusses der Budgettommission. Staatssekretär v. Boetticher: Die Zwecke, welche die Regierung verfolgt, sind in dem Plane, der Ihnen vorliegt, be zeichnet. Ist ein Abgeordneter damit nicht zufrieden, so ist es seine Aufgabe, zu sagen, wie er es besser gemacht zu sehen wünscht. Hierüber hat aber der Abg. Schrader keine Auskunft gegeben. Abg. Dr. Sattler: Das Hauptmotiv für die Ablehnung der Erhöhung der Position durch die Mehrheit Der Kommission sind nicht, wie der Abg. Dr. Schrader es dar gestellt hat, die Bedenken gegen die Art der Verwendung des Fonds gewesen. Geh. Ober- Regierungsrath Wehmann: Die Verwendung des Fonds ist im Einverständniß mit dem Reichstag in der Dentschrift festgestellt worden, die bei der ersten Einstellung der Bosition in den Etat vorgelegt und von keiner Seite des Hauses bemängelt worden ist. Die Debatte wird hierauf geschloffen. Bei der Abstimmung ergiebt sich die Beschlußunfähigkeit des Hauses: von 175 anwesenden Mitgliedern stimmen 98 mit Ja, 77 mit Nein. Die Sigung wird daher abgebrochen; der Präsident segt aus eigener Machtvollkommenheit die nächste Sigung auf Sonnabend 1 Uhr an. Einer Meldung des Abg. Windthor st zur Geschäftsordnung giebt der Präsident feine Folge, da bei konstatirter Beschlußunfähigkeit eine Debatte nicht mehr üblich ist. Schluß 4 Uhr. Nächste Sigung Sonnabend 1 Uhr. Fortseßung der Etatsberathung). Lokales. Der Hoffnungsstern der Beschäftigungslosen ist in der Weihnachtszeit die Reichspost. Um den starken Weihnachtsver Tehr bewältigen zu können, ist die Reichspost genöthigt, alljähr lich ein ganz bedeutendes Weihnachts- Hilfspersonal anzustellen und hat fich auch in diesem Jahre dieser Nothwendigkeit nicht entziehen tönnen, denn, wie verlautet, find allein bei der Packet fabrpost 600 Hilfsarbeiter angenommen worden. Auch die Privatpost Hansa"( Hahn, Achilles u. Co.) hat, wie fie fundgiebt, ihr Personal bedeutend vermehrt, um den erhöhten Anforderungen der Weihnachtszeit gewachsen zu sein. Troßdem auch auf noch manchem anderen Gebiete eine Erhöhung der Arbeitskräfte erforderlich ist und trotzdem auch der milde Winter einer großen Bahl sonst um diese Zeit Beschäftigungsloser Beschäftigung giebt, ist die Arbeitslosigkeit in Berlin gegen wärtig doch eine ganz bedeutende, da auf anderen Gebieten wieder eine Beschränkung der Arbeitskräfte oder ein gänzlicher Stillstand eingetreten ist. Den besten Beweis liefern die Arbeitss und Stellen- Nachweisebureaus. Den Arbeitsuchenden wird immer die wenig troftlofe Antwort: Ja, vor Weihnachten ist es schlecht! Vielleicht nach Weihnachten!" Die Lefeballen find überfüllt und ist hier besonders start das weibliche Geschlecht fuchen, da die gegenwärtige Musterzeit die meisten von ihnen suchen, da die gegenwärtige Musterzeit die meisten von ihnen brotlos gemacht hat. Auch ihr Suchen ist meist vergeblich, denn in ihrer Branche um die jeßige Beit Arbeit zu finden und namentlich durch die Zeitungen, dürfte wohl etwas noch nicht dage: wesenes sein. Auch sie werden bis nach Weihnachten vertröstet. So wird das tommende Weihnachtsfest auch von den Arbeitslosen freudig begrüßt, wenn auch nur in der Erwartung, daß bald nach ihm eine bessere Zeit anbrechen werde, eine Zeit der Arbeit und des Erwerbes. Das Weihnachtsgeschäft steht in seiner Blüthe und wenn wir nach dem äußeren Sinne zu urtheilen hätten, müßte es überall reiche Früchte tragen, denn emfige Thätigkeit ist allent halben bemerkbar. Auf dem Weihnachtsmarkt" herrscht sogar an manchen Tagen, besonders in den Nachmittags und Abend stunden, ein solches Menschengewoge, wie seit Jahren nicht, nur beklagt man fich allgemein darüber, unter den Gewerbetreiben den des Weihnachtsmarktes, wie unter den Befizern der größten und reich ausgestatteten Läden, daß der Verkauf sich nur auf sogenannte fleine, billige Gegenstände beschränkt, während die großen, theueren unverkauft bleiben. Jegt um die Weihnachtszeit, wo die Geschäftsleute miteinander wetteifern, ihre Ver taufsgegenstände ins hellste Licht zu sezen, wo Alles gethan wird, um Käufer anzuziehen und auf die ausgestellten Gegen stände aufmerksam zu machen, tritt die Ausschmückung der Schaufenster unserer großen und fleinen Magazine um so mehr her vor. Der Geschmad, welcher nicht nur bei dieser Gelegenheit, sondern im Allgemeinen auf die Ausschmückung der Schaufenster verwandt wird, erregt aber nicht allein die Aufmerksamteit des Einheimischen, sondern mehr noch diejenige des Frem den. Wurde doch noch erst vor Kurzem in einer der gelesensten New- Yorker Zeitungen darauf hingewiesen, daß weder in Paris, noch in London, noch sonst in irgend einer Stadt des Festlandes in der Ausstattung und Ausstellung von Waaren in den Schaufenstern so viel Geschmack entwickelt werde, wie in Berlin. Besonders wurde betont, daß die Aufmerksamkeit des Beschauers nicht durch marktschreierische Anpreisungen, son-. dern durch vornehme Einfachheit, durch passende Zusammen stellungen, nicht durch Massenvorführung der gleichen Gegenstände, wie in anderen großen Städten, sondern durch geschickte Gruppirung, durch farbenreiche Wirkungen, zu erzielen gesucht wird. In der That kann sich von der Wahrheit dieser Be hauptungen Jeder überzeugen, der sich jetzt die Mühe giebt, unsere Straßen Abends, und zwar nicht allein im bevorzugten Westen, sondern ebenso im Norden und Often, zu durchwan dern. An Stelle der einfachen Glasscheiben, welche in früheren Jahren genügten, find große Spiegelscheiben getreten, die vers schwenderische Anwendung von Gaslicht genügt heute nicht mehr; in den Hauptstraßen verbreiten die elektrischen Bogenlampen, welche an den Schaufenstern angebracht sind, Tageshelle. Das Erdgeschoß wird durch Verbindung desselben mit dem oberen Geschäftsraum mittelst großer Spiegelscheiben ebenfalls als Schaufenster nugbar gemacht. Es ist keineswegs leicht, ein solches Fenster geschmackvoll und passend auszustatten. Personen, welche dies Geschäft verstehen, werden theuer bezahlt; iegt um die Weihnachtszeit sind sie die gesuchtesten Sachvers ständigen. Große Geschäfte unterhalten zu diesem Zwecke ihre eigenen Leute. Ueber eine neue foftbare Bereicherung Berlins wird zur Zeit berathen. Es handelt sich darum, dem Namen eines der deutschesten und freiesten Männer in der Reichshauptstadt ein Wahrzeichen dankbarer Erinnerung zu weihen. Es handelt fich um das Denkmal für Lessing, welches im Thiergarten an der Lennestraße errichtet werden soll. Von den deutschen Geistesheroen giebt es wohl keinen, dessen Eigenart sich mehr mit dem Inbegriff dessen decken könnte, was als geistige Blüthe Berlins in die Erscheinung tritt, als gerade Leffing. Der scharfe kritische Geist, die herbe Energie und die Arbeitsfreudigkeit eines Leffing sind geistige Eigenschaften, die in den besten Aeuße= rungen des Berliner Lebens hervorstechend zu Tage treten, und so erhält Leffing, der ja auch sonst aus dem Berliner Boden so mannigfache Anregungen gesogen hat, in Berlin das Denkmal an einer Stätte, die seiner am würdigsten ist. Sechsundzwanzig deutsche Kunstler haben sich, so schreibt die Freis. Stg.", zum Wett bewerb eingefunden; 26 Lessingmodelle sind in den Sälen der Akademie aufgestellt, leider aber entspricht die Güte nicht der Menge. Es ist viel Schönes unter den ausgestellten Modellen, welche von der Jury und der öffentlichen Meinung gegenwärtig geprüft werden, aber bedauernd vermißt man das Einfach. Große, das wir nun einmal mit Leffings Charakter verbinden. Fast scheint es, als sei unseren Künstlern der Bug zur monumen talen Behandlung verloren gegangen. Den ausgestellten Modellen gemeinsam ist es, daß dem symbolifirenden Beiwert eine zu große Aufmerksamkeit geschenkt wurde, indeß die Hauptsache, Lessings ausdrucksvoller Kopf, vernachläffigt wurde. Hierbei wollen wir von manchen Verirrungen ganz absehen. Man stelle sich beispielsweise einen Lessing vor, in schwärmerisch- theatralischer Haltung, die eine Hand weit von sich gestreckt, die andere pathetisch an die Brust gedrückt! Lessing, dessen flarer Geist in jedem Wort, welches er niederschrieb, dem Gemachten, dem bohlen Schein feind war! Von den hervorragendsten der ausgestellten Modelle sind es vornehmlich drei, welche die allge meine Aufmerksamkeit erregen werden, die Entwürfe Otto Leffings, eines Urenfels Gotthold Ephraims, Eberleins und Hilgers. Otto Lessings Modell kommt dem Charakter des wirklichen Lessing noch am nächsten. Einfachheit und Klarheit ist der Grundzug in seiner Komposition. Der Kopf ist unter allen Modellen verhältnismäßig am ausdruckvollsten auss gearbeitet. In den Gefichtszügen sind selbstbewußte Ueberlegenheit und Verstandesschärfe ausgeprägt. Postament ist beinahe nüchtern ausgeführt und zeigt auf der Stirnseite, vom Lorbeerkranz umrahmt, die Widmungs schrift oder den Namen. In den drei anderen Seiten find runde Nischen vertieft mit den Büsten der drei Freunde Leffings, Mendelssohn's, Nitelais, v. Kleists. Verzichtet Otto Leffing auf jede Symbolifirung, so ist Eberleins Entwurf um so reicher an fymbolischen Gruppen. Leider ist Leffing bei Eberlein zu iugendlich aufgefaßt. Nicht der Jüngling Leffing ist es, der mit unserer Erinnerung unzertrennlich verbunden ist, sondern vielmehr der Mann Leffing. Eberleins Lessing will uns zu sehr als jugendlicher Feuergeist erscheinen. Das Postament ist mit schönen Statuengruppen und geistvoll erfundenen Reliefs ges schmückt. Manches freilich erscheint erflügelt; so die Symbolis firung Lessings als Erneuerer der deutschen Sprache. Eine große Maste mit offenem Mund ist zu sehen, zu deren Seiten zwei Gnomentnaben lauschen, als wollten fie ihre Offenbarungen ihr vom Munde ablesen. Hilgers Entwurf schließt sich an Eins fachheit dem Otto Leffings an. Das Die Zufuhr von Weihnachtsbäumen, besonders auf dem Anhalter und Potsdamer Bahnhof, hat in diesem Jahre so überaus große Dimensionen angenommen, daß der Bedarf bei Weitem überschritten ist. Auf dem Potsdamer Bahnhof harren noch mehrere Waggonladungen der Abnahme durch die hiefigen Händler. Vermuthlich werden die Preise für Weih nachtsbäume in diesem Jahre daher ziemlich niedrige sein, wenn die Händler auch vorläufig noch hoch und fest notiren. Man fieht übrigens wahre Prachteremplare von Bäumen ausgestellt. In verschiedenen Zeitungen wird jept mit einer gewissen Genugthuung davon gesprochen, daß auf den Bauten Tag und Nacht gearbeitet wird. Leider wird hierbei der Umstand außer Nacht gearbeitet wird. Leider wird hierbei der Umstand außer Acht gelassen, daß sich während der Nachtzeit die Gefahr für den Bauhandwerker in ganz foloffaler Weise vermehrt. Auf dem Bau Friedrichstraße 237 ist man jetzt auch Tag und Nacht beschäftigt, Brunnen zu senken. Bei dieser überaus gefährlichen und anstrengenden Arbeit- ein Brunnen wird mit 700 Bentnern belastet verunglückten gestern ein Polier und ein Arbeiter, als fie die Arbeit revidiren wollten. Nachdem die Verlegten wegeschafft waren, erschienen Vertreter der Baupolizei auf dem vertreten. Es sind die Mäntelnäherinnen, welche nach Arbeit Bauplatz, leider zeigte man diesen Herren die wirklich gefahr drohenden Stellen aber nicht. Es fehlen auf dem Bau, wie uns mitgetheilt wird, alle Schußvorrichtungen. Wann endlich wird man auf Leben und Gesundheit der Arbeiter die ges nügende Sorgfalt verwenden!? Der Abbruch des Mühlendammes wird zum mindesten ein volles Jahr in Anspruch nehmen. Die Hälfte der rechten Seite bis zur Fischerbrücke ist schon fast völlig niedergeriffen bis auf das Eckhaus 12 13, mit dessen Abriß man innehalten mußte, weil ein Zusammenstürzen des Nachbarhauses, Fischerstraße 43, zu befürchten war. Dieses morsche Bauwerk, in dem fich übrigens auch ein Bostamt befindet, ist einstweilen durch Balfen gestützt worden und wird nach dem 1. April 1887 zu= gleich mit dem Edhause des Mühlendammes fallen. Gegenwärtig hat man auf der rechten Seite schon mit dem Abbruch von Häusern jenseits der Brücke begonnen; es find das Nr. 25, 27 und 28; in dem dazwischen liegenden Gebäude, Nr. 26, befindet sich noch ein Hamburger Laden" und eine Fünf Pfennig- Barbierstube; die Befißer können fich wahrscheinlich von dem lieb gewordenen Mühlendamme nicht trennen. Nach dem 1. Januar wird der Abriß auch auf die linke Seite der Straße ausgedehnt werden; zunächst ist daselbst die nach dem Köllnischen Fischmarkt zu gelegene Hälfte der Häuserreihe für den Abriß bestimmt, außer dem Gebäude Nr. 11, welches erst nach dem 1. Oktober niedergelegt wird. Nachdem dann Bresche hier geschlagen ist, soll an den Mühlen ein provisorisches Heim für die Polizeibureaus geschaffen und dann erst die zweite Hälfte der linken Seite abgebrochen werden, in deren erstem Stockwerk jene Bureaus sich zur Zeit befinden. Der Kunstreiter- Keller, über deffen baldiges Eingehen in Folge bevorstehenden Abbruchs des Hauses Friedrichstraße Nr. 100 mir unlängst berichteten, durchlebt noch vor seinem Ende eine wahre Glanzperiode. Die seltene Thatsache, daß Berlin augenblicklich zwei Zirkus befigt, übt in erster Linie ihren Einfluß auf den Keller des Vater Scheidig". Stehen fich die beiden konkurrirenden Unternehmen sonst auch fübl gegenüber, bei Scheidig gleicht fich Alles aus; dort kennt das internationale Artistenthum teine Unterschiede. Afrobaten, Klowns, bare- back und Panneau- Reiter, Meister der hohen Schule, Geschäftsführer und Jongleurs, Reiterinnen und Balletteusen, fte alle finden sich dort zusammen, um ihre Ideen auszutauschen und sich an der prächtigen Küche von Muttern" gut zu thun. Ein größeres Gemisch der verschiedenartigsten Sprachen und Nationalitäten dürfte in der Residenz kaum zu finden sein, wie in dem engen, niedrigen Hinterraum des Kunste reiterkellers, in dem Scheidig, der lebendige genealogische Ka lender für alle Zirkus- Korpphäen und ihre Verwandtschaft, das Regiment führt. " Ein reges Bild baulicher Thätigkeit wird im kommen den Frühjahr der Theil der Friedrichstraße, welcher zwischen Weidendamm und Stadtbahn liegt, bieten. Das Projekt der Verbreiterung geht nun doch seiner Verwirklichung entgegen, es müssen daher sämmtliche zwischen Weidendamm und Stadtbahn gelegenen Häuser um soviel zurückrücken, daß ihre neue Front mit dem Joch der Stadtbahnbrücke abschneidet. Das Haus Ede Kupfergraben wird zuerst abgerissen werden und es ist den Miethern deffelben bereits zum 1. April 1887 gekündigt. Auch das gegenüber dicht an der Weidendammerbrüde liegende Haus und die dahinter an der Spree stehenden Lagerhäuser sehen im Frühjahr ihrer Niederlegung entgegen, um Raum zu geben für eine Uferstraße, welche den Namen Reichstagsufer führen wird. Ueber ein hochtragisches Ereigniß, das sich vor einigen Tagen in Berlin zugetragen hat, weiß ein hiesiger Gerichtsreferent folgendes zu berichten: Ein sonst wohl angesehener Bürger nennen wir ihn A. hatte einen anderen, den wir mit B. bezeichnen wollen, beim Schöffengericht wegen Be leidigung verklagt, weil B. ihm, dem A., vorgeworfen hatte, ein bestrafter Mensch zu sein. Der Verklagte B. nahm fich einen tüchtigen Vertheidiger an, bereitete den Wahrheitsbeweis vor und ließ in der vom Anwalt abgefaßten Klagebeants woltung eine Menge Vorstrafen aufzählen, darunter auch Bucht hausstrafen, die A. erlitten baben sollte. Als die Klagebeant woatung wie üblich dem Kläger zugestellt wurde, war A. nicht zu Hause, seine Frau nahm das Schriftstück in Empfang, öffnete daffelbe, und sie, die bisher geglaubt hatte, die Frau eines unbescholtenen Mannes zu sein, mußte jezt die entsess liche Erfahrung mechen, daß ihr Gatte nichts weniger als ein Ehrenmann sein sollte. In wahnsinnigem Schmerze faufte fich die Frau einen Revolver und versuchte, fich zu erschießen. Sie ist zwar noch nicht todt, doch so schwer verwundet, daß an ihrem Auffommen gezweifelt wird. Aus naheliegenden Gründen wird die Sache sehr sekret behandelt. Durch den Hufschlag eines Pferdes wurde der im Pferdebahndepot in der Stromstraße als Pferdepfleger stationirte Knecht Johann Bl. in dem Stall des genannten Depots gestern Abend am Unterleib so schwer verlegt, daß er bewußtlos zu fammenbrach. Der Verunglückte wurde zur königlichen Charitee gebracht. Mittels Chantali wollte sich die in der Wasserthorstraße wohnende Wittwe K. gestern Abend das Leben nehmen. Sie wurde bei ihrem unfeligen Vorhaben überrascht und auf Ver anlaffung des 41. Polizeireviers durch den Lücke'schen Kranken Transportwagen der fönigl. Charitee zugeführt, woselbst die bestehende Lebensgefahr durch fräftige Gegenmittel rasch beseitigt wurde. Nahrungsforgen und Familienzwist sollen die 52jährige Frau zu der That getrieben haben. Ein Unglücksfall ereignete sich gestern Nachmittag gegen 4 Uhr auf dem Abbruch des Hauses Reinickendorferstraße 3 am Wedding. Während einige Maurer mit dem Abbrechen von Mauersteinen beschäftigt waren, arbeiteten die Tagelöhner Friedrich S. und Heinrich St. zu ebener Erde am Wegräumen des Schuttes. Plöglich stürzte ein Fensterpfeiler von oben herunter und traf die beiden genannten Tagelöhner; dem ersteren wurde der rechte Fuß zerquetscht und erhielt er auch bedeutende Verlegungen am Kopf; der zweite trug starte Verlegungen Bauherrn wurden die Schwerverwundeten sofort nach der Charitee geschafft. Als gemeingefährlich geisteskrant wurde gestern Mittag um 12 Uhr der Kutscher Friedrich Schl. aus der Wallstraße durch das 40. Polizeirevier nach der Jrrenstation der Königl. Charitee eingeliefert. Nachdem Schl. am vergangenen Tage und in vergangener Nacht in seiner Wohnung gerast und ges tobt, auch seine Familie arg bedroht hatte, erfaßte ihn heute Vormittag plößlich wieder die Raserei, als er auf dem Hof des Grundstückes Wallstr. 3/4 mit dem Reinigen eines Wagens beschäftigt war. Er fing an zu schimpfen und zu toben und schlug zuletzt mit dem Reinigungsbesen Alles nieder, was ihm in den Weg kam. Auf Requisition des Dienstherrn wurde Schl. zur Polizeiwache gebracht, woselbst der herbeizitirte Bea feine Ueberführung nach der fönigl. Charitee anordnete. Schl. Sein Zustand ist um so gefährlicher, als Schl. ein großer, hertulisch gebauter leidet an Verfolgungswahnsinn. Mensch ist. Ueber einen schweren Einbruch und Raubmordversuch wird uns folgendes berichtet: In der verflossenen Nacht ist in dem Hause Voßstraße Nr. 14 ein Einbruch unter erschwerenden Hauses wohnt Frau Rentiere Dotti, bei welcher fich außer ihrer Gesellschafterin z. 3. besuchsweise ihr Sohn und ihr Schwiegersohn, der Gutsbefizer W. aufhalten. Heute Morgen gegen 3 Uhr wurde die Gesellschafterin durch ein aus dem anstoßen den Speisezimmer dringendes Geräusch erweckt und hierdurch veranlaßt, die Frau Dotti und Herrn W. zu weden. Lepterer bewaffnete fich mit einem Schlagring, trat in das Speiſezimmer und fand hier 2 Menschen vor, die Laternen trugen und damit die Flucht, den andern faßte W. und führte mittelst fernes Schlagringes mehrere heftige Schläge auf den Kopf desselben, so daß das Blut umherspritzte. Dem Einbrecher gelang es in- deß, sich loszureißen und auf den Treppenflur zu flüchten. Hier wurde er von dem verfolgenden W- abermals ergriffen. Beide rangen mit einander, der Dieb stürzte die Treppe hinunter und lief durch die offen stehende Hausthür auf die Straße, während W. laut um Beistand rufend hinter ihm herlief. Die Passanten schenkten dem Vorgange keine Bedeutung. In der Nähe der Königgrätzerstraße blieb der Flüchtling auf den: Straßendamm stehen. Als W- in der Mernung, daß derselbe durch den Blutverlust erschöpft sei, an ihn herantrat, holte der Verfolgte unter seinem Ueberzieher eine Pistole oder einen Re- volver hervor und feuerte aus unmittelbarer Nähe einen Schuß auf den W- ab, der von dem Körper des letzteren abprallend durch die linke 5? and drang. Trotz der erheblichen Verwundung warf W. fich wiederum auf den Einbrecher, der abermals in den Thiergarten entfloh und entkam. Beide Diebe hatten fich ihrer Hüte und Stiefel entledigt, die am Orte der That auf- gefunden worden find. Der verwundete Dieb, dessen Kopf- Verletzungen ziemlich bedeutend sein müssen, hatte dunkles lockiges Haar, einen unreinen Teint und keinen Bart. Gestohlen find einige filberne Messer, Gabeln und vergoldete, mit den Buch- staben E. D. gezeichnete Suppenlöffel im Gesammtwerthe von 300 M." Diese Darstellung ist in vielen Beziehungen so wunderbar, daß man gerechtfertigte Zweifel an der Wahrheit kaum unterdrücken kann. Polizeibericht. Am 16. d. M. Nachmittags wurde am Mariannen-Ufer die Leiche eines neugeborenen Kindes aus dem Kanal gezogen und nach dem Leichcnschauhause gebracht.— Als um dieselbe Zeit der beim Abbruch des Hauses Reinicken- dorferstraße 3 beschäftigte Arbeiter Linnig unbefugter Weise ein Stück der noch stehenden Umfassungsmauer niederzulegen ver- suchte, fiel dieselbe plötzlich um und wurde der in der Nähe beschäftigte Arbeiter Steffen durch die Trümmer so schwer ver- letzt, daß er mitteist Droschke nach derCharitee gebracht werden mußte, während Linnig einige anscheinend nicht erhebliche Quetschungen erlitt.— Gegen Abend erfaßte in der Wohnung des Silberpolirers Licbenow eine Frau aus Versehen anstatt einer Esfigflasche eine mit Zyankali gefüllte Flasche und kostete von dem Inhalte derselben. Sie wurde nach sofortiger Anwen» düng von Gegenmitteln noch lebend nach der Charitee gebracht. — Um dieselbe Zeit verstarb auf der Wache des 52. Polizei- Reviers ein im stark trunkenen Zustande dorthin gebrachter un- bekannter Mann, wie ärztlich festgestellt ist, am Herzschlag. Die Leicke wurde nach dem Leichenschauhause gebracht.— Am 17. d. M. früh stürzte fich eine 61 Jahre alte Frau aus dem Fenster ihrer in der Äranseerstraße zwei Treppen hoch belegenen Wohnung auf den Bürgersteig hinab und starb auf der Stelle. — Am 16. d. M. fanden Lolhringcrstraße 47, Leipzigerstr. 14 und Prinzessinnenstr. 15 unbedeutende Brände statt. Gmchts-Intung. f Die Führer der Berliner msenbahnarbeiterbewegung standen gestern vor der zweiten Strafkammer des hiefigen Land- gerichts I unter der Anklage, die königlich preußische Staats- eisenbahnverwaltuna, bezw. die hiesige königliche Eisenbahn- direktion öffentlich beleidigt und m Bezug auf dieselben wider besseres Wissen unwahre Thatsachen behauptet zu haben, welche dieselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet sind. Angeklagt und erschienen waren: 1. der Schuhmacher Georg Kördel, 2. der Tapezier Friedrich Krüger und 3. der Zimmermann Julius Schwarz; alle drei Angeklagte waren Arbeiter in dem Betriebe der königlich preußischen Staatseisenbahnverwaltung gewesen und durch ihre Entlassung ihrem ursprünglichen Berufe wieder zugeführt worden. Als Vorsitzender der Strafkammer fungirte Landaerichtsrath Brausewetter, die Anklage vertrat Staatsanwalt Müller, die Vertheidiguna ruhte in den Händen des Rechtsanwalts Freuden- thal. Das Material für die Anklage hatten drei Eisenbahn- arbeitcr-Versanimlungen gegeben, die am 15. Februar, 23. März und 5. April d. I. stattgefunden und in denen die Angeklagten als Referenten oder als Redner in der Diskusston aufgetreten waren. Bekanntlich verfolgten diese Versammlungen den Zweck, die Lage der Eisenbahnarbeiter unter der Staatsverwaltung klar zu legen, Material für eine Petition dieser Ar- beiter an das preußische Abgeordnetenhaus zu sammeln und Mittel und Wege zu berathcn, wie unter Benutzung des Koalitionsrcchtes günstigere Arbeitsbedingungen für die Eisen- bahnarbeiter zu erzielen seien. Die Regierung legte dieser Be- wcgung, woran hier erinnett sein mag, eine„ganz besondere Bedeutung" bei, welche, wie es in dem Rechenschaftsbericht über die vom preußischen Staatsministerium am 13. Mai d. I. ver« fügte Beschränkung des Versammlungsrechts für Berlin, Potsdam und Umgebung heißt,„... in neuester Zeit im Bereich der öffentlichen Vcrkchrsanstalten entstanden und in schnellem Wachs- thum begriffen sei". Weiter heißt es:„Es liegen ganz be- stiinmte Anzeichen dafür vor, daß die unter den bei diesem Ver- waltungszweige beschäftigten Arbciterbevölkerungen neuerdings bemerkbar gewordene Bewegung unter fortgesetzter sozialdemo- kratischer Aufreizung eine Intensität und einen Umfang anzu- nehmen im Stande ist, als deren Konsequenz unter Umständen unübersehbare verhängnißvolle Folgen für die öffentliche Sicher- beit und Ordnung, und für die Erhaltung der gesammten Verkehrsverbindungen nach und von der Rerchshauptstadt eintreten können.�— Bei dieser Sachlage verdiente dieser Prozeß wegen verleumderischer Beleidigung ein hohes Interesse; man konnte gespannt sein, wie viel von dem Inhalt der Anklage, die init großem Elfer eine bedeutende Anzahl von Beleidigungen, die wider besseres Wissen von den Angeklagten öffentlich ausgestoßen sein sollten, vom Gencht als erwiesen angenommen werden würde. Die Angeklagten selber hatten den Beweis ider Wahrheit für ihre Behauptungen an- getreten; da der Schriftsatz der Vcrthcidigung aber erst vor einem Tage in die Hände des Vorsitzenden des Genchtshofes gelangt war, so war von den vorgeschlagenen zirka 40 Entlastungszeugen keiner geladen worden und es stellte sich im Verlaufe der Verhandlung als nothwendig heraus, einen Theil der Anklage auszuscheiden und in dieser Beziehung Vertagung eintreten zu lassen. Was übrig blieb, war trotzdem noch so .imiangreich, daß wir uns auf die Mittbcilung der hauptsächlichsten Thatsachen beschränken niüffen. In der Versammlung vom 15. Februar d. I., die im„Louisenstädtischen Konzert« Hause" stattfand, hielt der— eben so wie ferne Mitangeklagten noch nicht vorbestrafte— Angeklagte Kördel eme Rede, in wel- cker nach der Anklage u. A. folgende Acußerungen vorkamen: 1.„Bei den Privatbahnen standen fich die Arbeiter bedeutend besser, denn jetzt werden keine Ueberstundcn mehr bezahlt, ob- schon fast täglich Ueberstunden gemacht werden müssen, und wer die Aibeit nicht machen will, der kann gehen. Das ist das vielgepriesene Wohlwollen für die Arbeiter." In diesem letzten Satze'sicht die Anklage eine verleumderische Beleidigung der Eisenbahnverwaltung. Der Angeklagte Kördel erklärt sich bereit, den Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung anzutreten. Ebenso hält er die Aeußerung aufrecht, welche die Anklage ihm zum Vorwurf macht:„Die Bahnarbeiter find�die bedrücktesten Ar- beiter von allen." Dagegen verzichtet er, den Beweis für seine weitere Behauptung zu liefern, daß ein Bodenmeister namens Zieb die Getreidchändler bevorzugt habe und daß damit die Ersparung von 25 000 Thaler desselben während seiner Dienst- zeit in Zusammenhang stehe. Der Angeklagte will mit dieser Aeußerung ein allgemeines Gespräch der Eiscnbahnarbeiter der Görlitzer Bahn wiedergegeben haben. In derselben Versamm- lung äußerte der Angeschuldigte Krüger, daß auf den Staatseisen- bahnen gegen die Arbeiter ein„rekrutionelles" Verfahren herrsche; dieselben dürsten fich mißliebigen Parteim nicht anschließen, sie sollten eben verdummen.— Zum Beweise dieser Behauptung weist die Vertheidiguna auf die„Gütcrbodcnarbeiter-Ordnung" der Berlin- Anhalter Bahn hin, welche folgenden Passus ent- hält: Wer den Bestrebungen der Sozialdemokratie huldigt u. s. w., wird sofort entlassen; noch bestimmter spricht der§ 23 der„Arbeiterordnung für die Werkstätten der preußischen Staatseisendahnen":„Die Betheiligung an sozialdemokratischen Vereinen, jede Unterstützung sozialdemokratischer Bestrebungen und Agitationen, insbesondere durch Geldbeiträge, Halten von Zeitschriften, Theilnabme an sozialdemokratischen Versammlun- gen und Besuch von Lokalen, in welchen der Austausch sozial- demokratischer Gesinnung stattfindet, ist den Arbeitern bei Strafe sofortiger Entlassung verboten." Der Angeschuldigte Krüger bemerkt hierzu, daß derartige Bestimmungen, wie sie der Eisenbahnfiskus den Arbeitern auferlege, von keinem ande- ren Privatunternehmer einseitig gettoffen würden. Derartige Bestimmungen verhinderten nach seiner Meinung die Aufklärung und mehr habe er nicht sagen wollen.— Seiner obigen Aeußerung fugte Krüger noch hinzu:„So wird es dem Staats« bürger und Arbeiter staatlich erseits erschwert, sein Brot zu ver- dienen.... Lassen Sie sich nicht verdummen und versumpfen. In der Versammlung vom 23. März d. I. sprach der Anae- klagte Krüger von den„Uebergriffen" der einzelnen Eisenbahn- Verwaltungen. Wie er die Sache darlegt, gab er eine Anzahl Fälle von plötzlichen Entlassungen, Lohnherabsetzungen zc. an und zog dann den Schluß, mdem er aufforderte, fich gegen „derartige" Ucbergriffe ernstlich zu wahren. Als„Uebergriff" bezeichnete er ferner, daß den betteffenden Arbeitern verboten sei, Massenpetitionen zu veranstalten. Nach der Anklage führte Krüger in derselben Versammlung noch an, daß den Beamten alle vierzehn Tage Sonntagsruhe eingeräumt sei, während ihre Arbeit von Arbeitern verrichtet würde, die für die Beamten „bluten" müßten. Diese Aeußerung giebt der Angeklagte zu, behauptet aber, daß die Arbeiter für diese Ersatzleistung nicht wie die von ihnen vertretenen Beamten besoldet würden, son« dern für diesen verantwortlichen Dienst nur ihren Tagelohn, 2 M. bis 2,50 M. erhielten.— Des weiteren macht die An- klage Krüger folgende Bemerkung zum Vorwurf, die er eben- salls in der Versammlung vom 23. März d. I. fallen ließ: „Wenn die im Kopplerdienst Beschäftigten(die Arbeiter, welche beim Rangiren die Waggons an- und abkoppeln) tollkühn sind und verunglücken, so find allerhand Hinterthüren geöffnet und man verfährt willkürlich mit den Arbeitern." Hierzu macht der Angeklagte die Bemerkung, daß die theore- tischen Instruktionen sich mit der Praxis nicht verttügen und daß, wenn ein Koppler verunglücke, die Verwaltung ihre Ent- schädigungspflicht dadurch abzuwälzen suche, daß der Kuppler sich nicht nach den— überhaupt nicht_ einhaltbaren— Vorschriften gerichtet habe.— Noch findet die Anklage eine ver- leumderische Beleidigung der Verwallung darin, daß Krüger in derselben Versammlung behauptet habe, daß Arbeiter über 30 Jahre nicht angenommen würden. Der Angeklagte beruft sich hierfür auf eine Bestinimung der Güterbodenordnung der „Berlin.Hamburger Eisenbahn" und hebt hervor, daß er aus« drücklich hinzugefügt:„und ich glaube, die preußische Regie- rung und die höheren Verwaltungsstellen haben hiervon sicher keine Kcnntniß."— Auch die sog. ,Jleberstundcn" der Eisen- bahnarbeiter hat Krüger in derselben Rede besprochen und nach der Anklage die Thatsachen entstellt. Wie er angiebt, werden die Arbeiter in Tag- und Nachtkolonnen formirt. Die Arbeits- zeit der letzteren Abtheilung beginne um 1 Uhr Mittags und solle um 11 Uhr Nachts endigen; es werde aber häufig 12, 1 auch 2 Uhr Nachts.— Eine weitene Bemerkung Krüaer's in seiner Rede geht dahin, daß Schaffncraspirantcn und Bremser an der Berlin-Potsdamer Bahn fünf Jahre lang Tag- und Nachtdienst gcthan, ehe sie zum Examen zugelassen würden; alle, die mißliebig seien, fielen dann durch, bez. wür- den für farbenblind erklärt. Des Weiteren sei ein Arbeiter, wegen Verdachtes, ein anonymes Schreiben abgefaßt zu haben, welches die unmoralischen Handlungen eines Vorgesetzten betras, ohne weiteres entlassen worden. Für die letztere Behauptung tritt der Angeklagte den Beweis der Wahrheit an unter Bc- rufung auf die Aussage des betr. Arbeiters Friedrich Göse.— Tie Verhandlung des TheilS der Anklage, welche den Zimmerer Schwarz betrifft, wird vertagt. Derselbe sollte in der Ver- sammlung vom 23. März d. I. gesagt haben:„Die Unterschrift der Eisenbahnarbeiter unter der Adresse des Fürsten Bis- niarck sei erfolgt, ohne daß die Einzelnen den Inhalt der Adresse kannten" und weiter:„Die Gelder zum Bismarck-Jubiläum seien qua» zwangsweise beigetrieben." Ebenfalls vertagt wird die Verhandlung über eine Aeußerung Krügers, wonach der Inspektor der Stettiner Bahn Hennecke seine Arbeiter habe an- treten und sie im Kreise habe hcrumschwenken lassen, um ihnen dann anzurathen, den Konservativen Jrmer zu wählen. Nach dieser sehr unifangrcichen Vernehmung der Angeklagten wird zur Vermehrung der Zeugen geschritten, die verhältnrßmäßia wenig Zeit in Anspruch ninimt, da der Genchtshof nur in den von der Verhandtung ausgeschiedenen Fällen den Wahrheitsbeweis der Angeklagten für erheblich hält. Der erste Zeuge ist der Güterexpeditions-Vorstcher Bertling. Derselbe muß zugebrn, bei der Entlassung des Arbeiters Göse zu demselben gesagt zu haben, da er ihn für den Bricfschreiber des anonymen Briefes gehalten, der sich mit seiner Person beschäftigte:„Bringen Sie mir den Mann, der das anonyme Schreiben abgefaßt hat und Sie werden wieder eingestellt werden."— Ter Zeuge Göse bekundet, der anonyme Briefschreiber nicht zu sein und denselben auch nicht zu kennen. Bertlina habe ihn in Verdacht gehabt, der Anonymus zu sein und habe ihm gedroht:»Bei der nächsten Gelegenheit gehen Sie über den Jordan. Sie haben das Schreiben gemacht;— Auf eine solche Aeußerung kann sich Bertling nicht besinnen.— Ein anderer Zeuge, der Schmied Wenczek bekundet: Er habe gewünscht, wegen einer Angelegenheit von dem Inspektor Fournier zu Protokoll genommen zu werden. Derselbe habe erwidert: Euch(oder Ihnen) sollte man das Erotokoll mit dem Knüppel geben! Ich habe einen hinter dem sen stehen. Der Zeuge fügt hinzu, daß er das dem Herrn nicht so sehr verdenke, er habe den Kopf wohl mit anderen Dingen voll.— Zeuge Inspektor Fournier kann sich auf einen solchen Vorfall nicht besinnen.— Zeuge Bodenmeister Zieb be- kündet, daß er von den Getteidehänvlem keinen pekuniären Vortheil gezogen habe.— Nachdem noch ein Polizeilieutenant über eine Äeußemng des Angeklagten Schwarz vernommen, wird die Bcwersaufnahme geschlossen. Der Staatsanwalt be« anttagt, ohne auf die Einzelheiten der Anklage einzugehen, eine Geldstrafe von 150 M. gegen jeden der beiden ersten Ange- klagten und die Vertagung des Termins in Betreff des Falles Schwarz.— Der Vertheidiger Rechtsanwalt Freudenthal de- spricht ausführlich jeden einzelnen Punkt der Anklage gegen seine Klienten. Ein großer Theil derj unter Anklage gestellten Aeußerungen seien nur allgemeine Phrasen, die gegen keine bestimmte Person gerichtet und straflos seien. Wenn der Eisenbahnfiskus den Arbeitern das Recht der Massen- petttionen nehmen wolle, so verletze er damit den§ 152 der Gewerbeordnung, der alle Verbotsbestimmungen gegen Koa- litionen zuin Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen aufhebe. Man dürfe nicht jedes einzelne Wort der Angeklagten auf die Goldwage legen, in Volksversammlungen sei eine derbe Ausdruckswcise am Platze. Dm Angeklagten stände unzweifel- Haft der Schutz des§ 193(Wahrung berechtigter Interessen) zur Seite; nur in der Form sei in einigen Fällm vielleicht eine Beleidigung zu finden. Er bitte, auf eine niedrige Geldstrafe zu erkennen. Das Urtheil des Gerichtshofes ging dahin, daß die beiden ersten Angeklagten, Kördel und Krüger, wohl der öffentlichm Beleidigung, aber nicht der Beleidigung wider besseres Wissen in einer Anzghl von Fällen schuldig und des« halb mit einer Geldstrafe von je 100 M. zu bestrafen seien. Den Beleidigten wurde die Publikationsbefugniß crthcilt. Die Verhandlung gegm Schwarz und gegen Krüger in Betreff seiner Behauptung über die„Wahlbecinflussung" wurde, wie bereits erwähnt, vertagt. Ein interessanter Kompetenzkonflikt, der auf eine Lücke bezw. Unklarheit im Krankenverficherungsgesetz zurückzuführen ist, schwebt gegenwärtig zwischen den Gerichten und der Ver- waltungsbehörve. Das Gesetz, betr. die Krankenversicherung der Arbeiter, bestimmt in§ 50, daß Arbeitgeber, welche ihrer Anmeldepflicht nicht genügt haben, gehalten sind, alle Aufwen- düngen zu erstatten, die eine Ortskrankenkasse zur Unterstützung einer vor der Anmeldung erkrankten Person gemacht hat. Ab- gesehen von dieser Ersatzpflicht können solche säumigen Arbeit- geber noch nachträglich zur Zahlung der statutenmäßigen Bei« träge herangezogen werben. Da die betr. Arbeitgeber fich nur selten gutwillig zur Zahlung der häufig sehr bedeutenden Kosten verstehen werden, so bedarf es in den meisten Fällen eines Er- kenntnisses der zuständigen Behörde. Diese ist hinsichtlich, der nachttäglich zu zahlenden Beiträge nach§ 58 des Gesetzes die Aufsichtsbehörde. Anders liegt die Sache hinsichtlich der Er- stattungspflicht der Arbeitgeber für die seitens der Kasse gc- machten Aufwendungen. Nach dem Wortlaut des§ 58 des Gesetzes unterliegen nur diejenigen Streitigkeiten, welche zwischen versicherungspflichtigen Personen oder deren Arbeit- aebern einerseits und den Krankenkassen andererseits über die Verpflichtung zur Leistung oder Einzahlung von Bei- trägen oder über Unterstützungsansprüche entstehen, der Entscheidung der Aufsichtsbehörde. Da nun die oben bezeichneten Regreßforderungen der Kassen an die Arbeit- geber streng genommen unter keinen der in§ 58 namhaft gemachten Fälle zu subsumiren sind, so wurde, mangels einer anderweitigen ausdrücklichen Bestimmung über diesen Punkt, von den betheiligten Behörden bisher übereinstimmend ange- nommen, daß über derartige Ansprüche und Streitigkeiten aus § 50 sofort im ordentlichen Rechtswege durch die Gerichte zu entscheiden sei. Dieser Auffassung hatten sich auch die lichter- lichen Jnstanzm im Allgemeinen angeschlossen, insbesondere auch hier in Berlin, wo sich die Aufsichtsbehörde (die Gcwcrbedeputation des Magestrats) in Fällen dieser Art ein für alle Mal für unzuständig erklärt hat. Vor Kurzem hat jedoch eine Abtheilung des hiesigen Amtsgerichts in Widerspruch mit der herrschenden Auffassung in einem Falle dieser Art die Unzulüssigkeit des Rechtsweges ausgesprochen und eine Zivilkammer des Landgerichts hat sich auf ergangene Berufung dieser Auffassung angeschlossen. In den Erkenntniß- gründen wird ausgeführt, daß die Ablehnung der Aufsichts- behörde, derartige Streitfälle zu entscheiden, nicht als degründet angesehen werden könne und es der intercssirten Ortskranken- lasse überlassen bleiben müsse, diesen Widerstand der Aufsichts- behörde im Wege der Beschwerde an die höhere Verwaltungs- behörde zu brechen. Da die betteffende Ortskrankenkasse ihren materiell degründeten Anspruch nicht fallen lassen wollte und konnte, so blieb ihr nichts übrig, als diesen Beschwerdeweg an die höhere Verwaltungsbehörde, also zunächst an das Ober- Präsidium einzuschlagen. Die Entscheidung desselben ist vor Kurzem erfolgt und hat in voller Uebereinstimmung mit dem Standpunkt der Aufsichtsbehörde die Unzuständigkeit der letzteren ausgesprochen und ihre Weigerung für rechtlich begründet er« achtet. Wenn, wie zu erwarten steht, die nunmehr angerufene Ministerialinstanz dieser Auffassung beipflichtet, so würde, falls auch das Gericht bei seinem ablehnenden Standpunkt beharrt, in letzter Linie der in§ 21 der Verordnung vom 1. Aug. 1829 für derartige Fälle vorgesehene Gerichtshof für Kompetenz- konflikte sich mit der Sache zu befassen haben. Dortmund, 16. Dezember. In der gestrigen Sitzung der hiesigen Strafkammer ist der frühere zweite Vorsitzende des demokratischen Vereins in Dortmund, Kaufmann Siegmund Sahlderg, der jetzt in Elberfeld seinen Wohnsitz hat, wegen Majestätsbeleidigung mit vier Monaten Gesängniß bestraft worden. Chemnitz. Der am 5. Februar 1860 hier geborene, noch unbestrafte Feilenhauergehilfe Oskar Hermann Äerthold wurde wegen Verbreitung des„Sozialdemokrat" auf Grund§ 19 des Rerchsgesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratre vom 21. Oktober 1878 zu zwei Wochen G?- fängnißsttafe, wovon 1 Woche als durch die erlittene Unter- suchungshast verbüßt zu erachten, verurtheilt. Koziales und Arveiterbewegung. Zum Krankenkassenwesen. Da sich herausgestellt hat, daß die st a t i st i s ch e n U e b e r s i ch t e n u n d R e ch n u n g s- a b s ch l ü s s e, welche von den Gemeinde«, und Krankenkassen nach den durch Lundcsrathsbeschluß vom 9. Oktober 1884 festgestellten Formularen einzuliefern sind, an zahlreichen Unvoll- ständigkeiten und Unrichtigkeiten leiden, ist der Ausschuß des Bundesraths für Handel und Verkehr darüber in Berathung getreten, in welcher Weise, vorbehaltlich einer späteren Aenderung ver Formulare für diese Nachweisungen, zunächst wenigstens auf Beseitigung derjenigen Mängel hinzuwirken sei, welche a"s Mißverständnissen der Formulare und der dazu gegebenen Anweisungen hervorgegangen sind. Auf Grund des Ergebnisses dieser Berathung hat nun. nach der„Magd. Ztg.", der Aus- schuß beantragt: 1) die Erläuterungen zu den festgestellten Formularen tn Form einer vom Ausschuß vorgeschlagenen Anleitung zu ergänzen und zu ändern: 2) daß diese Anleitung den Aufsichtsbehörden und Kassenvorständen so zeitig zur Kcnntniß gebracht werde, daß sie schon bei den Nachwcisungen für das Jahr 1886 beachtet werden könne, daß die Nachwcisungen von dem Vertreter der Kasse zu unterzeichnen und vor Einsendung an das statistische Amt durch die Aufsichtsbehörden oder durch die höheren Verwaltungs- bchörden auf ihre vorschriftsmäßige Aufstellung geprüft und, so weit erforderlich, vervollständigt und berichtigt werden, daß ferner bei jeder Sendung an das statistische Amt die geschehene Prüfung, die Zahl der Kassen und die Vollständigkeit des Materials für den betteffenden Bezirk bestätigt werde und daß endlich auf jeder Uebersicht, welche von einer eingeschriebenen Hilfskasse oder von einer auf landesrechtlichcr Vorschrift be- ruhenden Hilfskassc eingeliefert ist, vermerkt werde, ob dieselbe den Anforderungen des§ 75 des Krankenversicherungsgesetzes entspricht, und daß in diesem Falle, sofem sich der Kassenbezirk über den Bezirk der höheren Verwaltungsbehörde hinaus er- streckt, der Bezirk der Kasse bezeichnet werde; 3. die in dem eingangs erwähnten Bundesrathsbeschlusse enthaltene Frist- bestrmmung dahin abzuändern, daß die Einsendung so bald als möglich nach erfolgter Prüfung, spätestens aber bis zum 1. Juli jeden Jahres zu erfolgen habe. Aus den Fachvereincn. Der Magistrat zu Liegnitz hatte, wie wir schon berichteten, gegen den dortigen Fachverein der T i s ch l e r die Erhebung der Anklage wegen Verstoßcs gegen das Vercinsgesetz beantragt. Die Hauptvcrhandlung gegen die Vorstandsmitglieder hat nun in diesen Tagen vor dem Schöffengericht zu Liegnitz stattgefunden. Da sich jedoch die Voraussetzung dieser Anklage, daß im Fachverein der Tisch- ler Politik getrieben werde, nicht erweisen ließ, erkannte d.r Gerichtshof auf kostenlose Freisprechung der Angeklagten. Mit diesem Urtheil ist dem Verein seine Existenz wieder gesichert. Die Sittenfeld' sche Buchdruckerei hat sich nunmehr an das Amtsgericht gewendet, um von 43 Setzern, Druckern und Maschienenmeiftern, welche am 8. November die Arbeit nieder- legten, 2250 Mark Schadenersatz zu erlangen. Der vertretende Rechtsanwalt begründet dies damit, daß die Streikenden sich zu vierzehntägigcr Kündigung verpflichtet hätten, ferner dgzu, daß die Kündigung immer nur Sonnabends, am Zahltage, ge- schehen könne. Berechtigt zur sofortigen Arbeitsniederlegung wären nur dre 40 mitstreikenden, nicht auf Kündigung stehen« den Setzer gewesen. Die Klägerin habe, um ihre Lieferungen einhalten zu können, 130 Setzer und Drucker für dieselben Arbeiten einstellen müssen, zu denen sie, wenn ihr die alten, nur geschulten Kräfte zur Verfügung gestanden hätten, nur 100 gebraucht haben würde. Auch mit diesen 130 Mann habe man noch immer Nachtstunden arbeiten müssen. Der Schaden beziffere fich demnach für die Klägerin auf 10-15000 Mart, fie verlange aber wie gnädig! einen Schadenersatz in der Höhe des jenigen, was fie für drei Wochen an Mehrlohn zu zahlen bätte."( 2250 Mart), nebst 5 pCt. Binsen seit der Klagezu stellung und Erstattung der Kosten. Wir werden nun abwarten, wie das Gericht entscheidet. Wenn aber der klagende Rechtsanwalt unsere Unterstüßung des Sittenfeld'schen Bersonals mit gemeinsamen politischen Anschauungen" in Verbin bung bringt, so müssen wir ihm doch erklären, daß er sehr schief gewidelt ist. Gewiß vertreten wir einen ganz bestimmten polis tischen Standpunkt und mögen uns die Gegner dafür noch so sehr verdächtigen wir machen uns eine Ehre daraus, ihn zu vertreten. Aber was die Sittenfeld'schen Seger anbelangt, so müssen wir zu unserer Beschämung gestehen, daß wir auch nicht von einem unter ihnen seine politische Stellung kennen und daß wir uns auch gar nicht bemüht haben, fie kennen zu lernen. Wir sind ein Arbeiterblatt und darum jederzeit bereit, gedrückte Arbeiter in ihrem Rampfe um beffere Arbeits- und Lohnbedingungen zu unterstüßen. Wir ftiften teine Streits an und rathen stets, alle noch so beengenden Schranken des Rechtes zu respektiren. Aber wenn der Kampf einmal entbrannt ist, dann stehen wir immer auf Seite der Arbeiter. Das Verfahren der Sittenfeld'schen Druckerei ist für uns dadurch gerichtet, daß fie für Vereinsmitglieder geschloffen werden mußte. Ohne zwingende Gründe würde das nicht geschehen sein! Bom Wilhelmshavener Maurerstreit. Wilhelmshaven, 14. Dezember. Die Nachwirkungen der Hartköpfigkeit verſchiebener Innungsmeister bei Gelegenheit des diesjährigen Maurerstreits kommen jetzt in einer für die Betroffenen recht unangenehmen Weise zu Tage. Bekanntlich machten bei dem im Frühjahr d. J. stattfindenden Streit verschiedene hiesige Meister große Anstrengungen, um die Bewilligung der Forderungen der hiefien Maurer zu verhindern und ist denselben ja auch durch Versprechungen u. s. w. die Sache zum Theil gelungen. Der polnische Arbeiter hat sich dazu mißbrauchen lassen, bem hiesigen verheiratheten Maurer durch seine Bedürfnißlosigkeit Konkurrenz zu machen, und so ist derselbe mit einem Theil anderer Maurer auch hier der Hemmschuh gewesen, welcher den Streit der hiesigen Maurer der hiesigen Maurer resultatlos machte. Diesen polnischen Maurern ist natürlich von vornherein alles Mögliche versprochen worden, auch Reisegeld zur Rückreise, wenn dieselben bis zum Oktober aushalten würden. War man im Allgemeinen auch von Seiten der Meister über die Leistungsfähigkeit der Polen nicht erbaut, so half es eben nichts die Geister, die man rief, man mußte sie behalten und so theilte man sich unter einander in die Gäste; denn es mußte in den fauren Apfel gebissen werden, und mußte fich nun Jeder helfen, wie es ging. Erhielt nun der polnische Arbeiter auch nicht den versprochenen Lohn, so erhielt er doch noch immer mehr, als er verdiente, und so blieb er denn auch, bis jezt nun der Winter zur Heimreise mahnt. Denn jetzt kann er nicht mehr sparen und dann ergreift ihn das Heimweh, und außerdem lockte ja doch auch das versprochene Reisegeld zur Deimreise. Aber hier hatte er fich gründlich geirrt die Meister wollten von dem Versprechen nichts mehr wissen und wenn nicht die Sache schwarz auf weiß gestanden hätte, so würde es wohl auch sein Bewenden dabei gehabt haben. Aber ein Theil der Herbeigelockten hatte sich die Briefe des Herrn B. aufgehoben und als nun die andern Meister nichts davon wiffen wollten, so verklagten die Geister denjenigen, der fie rief, und nun fann er, der geglaubt hatte, sich mindestens den Obermeister Titel durch seinen Eifer bei dem Streit im Inter effe seiner Kollegen zu holen, die Beche bezahlen. Denn was man schwarz auf weiß befigt, fann man getrost nach Hause tragen," so dachten die Polen, und so entschied auch das Amtsgericht zu Wilhelmshaven; Herr B. hat das Reisegeld bezahlen müssen und die Herren Maurermeister werden es sich wahr scheinlich zwei Mal überlegen, ehe fie im nächsten Frühjahr wreder fremde Arbeiter hierher kommen lassen. Vereine und Versammlungen. Der Verein zur Wahrung der materiellen Interessen der Fabrik- und Handarbeiter hielt am 14. Dezember Andreasstr. 26 bei Möwis eine Versammlung ab, welche zunächst den Monats- sowie den Vierteljahrsbericht ohne Debatte entgegennahm. Hierauf hielt Herr Megner einen Vortrag über das Thema:„ Die Vergangenheit und die Zukunft vom wirthschaftlichen Standpunkte aus betrachtet". Der Vortragende schilderte die Arbeitsverhältnisse bei den Griechen und Römern, bei denen sämmtliche Arbeiten von Sklaven verrichtet wurden. Später sei an Stelle der Sklaverei die Leibeigenschaft getreten. Mit der Entwickelung des Handwerks bildeten sich die Innungen, welche nach strengen Gesezen verfuhren. Wer ein Handwerk erlernt hatte, durfte auch nur dieses betreiben. Als dann später die Dampfmaschinen erfunden wurden, konnte dieser eng be grenzte Kreis unmöglich aufrecht erhalten werden. Das Fabrikwesen war die nothwendige Folge; aus den Handwerkern wurden Fabrikarbeiter. Früher, so führte der Redner: weiter aus, habe der Sklavenbefizer ein Intereffe daran gehabt, seine Sllaven gut zu verpflegen und dieselben nicht übermäßig anzus strengen, da er sie für Geld kaufen mußte; später sei an Stelle dieser Kaufsumme der Arbeitslohn getreten. Durch das große Angebot von Arbeitern werde derfelbe jegt immermehr herabgedrückt, ohne Rücksicht, ob der Arbeiter dabei bestehen fann oder nicht. Der Lohn für Fabrikarbeiter betrage heute nicht selten nur 12 M. pro Woche. Das Bestreben der Arbeiter muß daher dahin gehen, den fortgesetten Lohnreduktionen entschieden entgegenzutreten. Ihre heiligste Pflicht sollte es sein, sich zu organisiren und den Fachvereinen beizutreten, um ibre materiellen Intereffen zu wahren und zu fördern. In der fich an den Vortrag anschließenden Diskussion bestätigte Herr Beyer zunächst, daß sich die Löhne nicht höher als 12-13,50 m. pro Woche belaufen. Die große Maffe der Arbeiter wisse aber noch gar nicht, daß fie auch berechtigt sei, ein menschenwürdiges Dajein zu führen. Er ersuchte daher die Mitglieder, ihre ArbeitsTollegen soviel wie möglich dem Vereine als Mitglieder zuzuführen. Herr Paulitat berechnet, daß eine Arbeiterfamilie mit 3 Kindern nothwendig 1200 M. jährlich zum Lebensunterhalt brauche. Die wenigsten Arbeiter verdienen aber soviel, in Folge deffen müsse die Frau den Tag über mitarbeiten. Dadurch werde aber die Wirthschaft vernachlässigt und von richtiger Erziehung der Kinder sei keine Rede. Redner empfiehlt deshalb, bahin zu wirken, daß ein Minimallohn, der dem Arbeiter sein Austommen ermöglicht, festgesetzt werde und Niemand darunter arbeiten dürfe. Nachdem die im Fragelasten befindlichen Fragen erledigt waren, forderte der Vorsißende die Mitglieder auf, fich am zweiten Weihnachtsfeiertage Markusstr. 6, bei Spiedermann, zu einem gemüthlichen Zusammensein recht zahlreich einzufinden. Die nächste Versammlung findet am Dienstag, den 18. Januar 1887, statt. Der Verein zur Wahrung der Interessen sämmtlicher Ladirer aller Branchen Berlins und Umgegend hielt am 13. Dezember in Nieft's Salon, Kommandantenstr. 72, eine Mitgliederversammlung unter Vorfiz des Herrn Jacob ab. Der Borfitende forderte die Kollegen auf, fest an den Arbeitsnachweis des Vereins zu halten. Wenn auch augenblicklich die Arbeit nicht so gut geht, so würde sich doch das Geschäft bald wieder heben. Herr Müller ersuchte die Kollegen, nicht nach bem Nachweis der Meister zu gehen, sondern den Arbeitsnachweis des Vereins hochzuhalten. Durch festes Zusammenhalten Tönnten auch beffere Lohnsäge erzielt werden. Herr Lewit be zweckte, daß eine 10stündige Arbeitszeit genügend wäre. Sonntags- und Ueberstundenarbeit halte er nicht für nöthig. Nachdem noch die Herren Saar und Müller ihre Ansicht über die Innehaltung der 10 stündiaen Arbeitszeit geäußert wurde über die Fragebogen" diskutirt und mitgetheilt, daß die ausgefüllten Fragebogen an die Kommiffion oder an den Vorfißenden Herrn Jacob, Cuvrystraße 61, zu senden find. Dann wurde die betreffende Kommisfion, aus 9 Mitgliedern bestehend, gewählt. Die Wahl fiel auf die Herren Umland, Tiekstr. 30-31; Schüßler, Thaerstr. 17; Büchler, Waßmannstr. 33; Müller, Mödernſtr. 82; Schulz, Blumenthalftr. 3 in Friedrichsberg; Pilz, Lichtenberstr. 18; Arndt, Weißenburgerstr. 71; Lewit, Mödernstr. 104 und Rautenhaus, Oranienstr. 183. Die nächste Versammlung findet am Montag, den 10. Januar t. J. statt. Der Versammlung soll fich eine gesellige Zusammenkunft mit Familien anschließen. Mit einem Hoch auf das fernere Gedeihen des Vereins wurde die Versammlung geschlossen. Die Freie Vereinigung aller in der chirurgischen Branche beschäftigten Berufsgenoffen hielt am 15. Dezember eine Versammlung bei Ackermann, Linienstr. 44 ab, welche über die in vielen Fabriken üblichen Strafgelder debattirte. Nach lebhafter Diskussion wurde folgende Resolution angenommen: Die heutige Versammlung erklärt sich mit den in vielen Fa briken bestehenden Strafbestimmungen nicht einverstanden und beschließt, den Vorstand zu ermächtigen, die nöthigen Schritte zu thun, um in den Fabriken, wo Strafen für Zuspätkommen zur Arbeit 2c. bestehen, dieselben auf einen Mlarimalſatz von 10 Bf. zurückzuführen bei einer Verspätung von 15 Minuten. Bu gleicher Zeit beschließt die Versammlung, dahin zu wirken, daß die hierfür eingehenden Gelder zum Nußen kranker, in den betreffenden Fabriken beschäftigter Arbeiter verwendet werden. Auch die Verwaltung der Gelder muß den betreffeuden Arbeitern überlaffen bleiben." Der letzte Paffus wird durch das Verhalten eines Fabrikanten begründet, welcher sich nicht veranlaßt fühlte, die Strafgelder den Arbeitern zu Gute kommen zu lassen, sondern dieselben in seinem Interesse verwendete. Die Billets zu dem am 12. Februar in den„ Bürgerfälen" stattfindenden Stiftungsfeste gelangen schon jetzt zur Ausgabe. Der Fachverein der Steinträger Berlins hielt am 12. d. M. in Scheffer's Salon, Inselfir. 10, eine Mitglieder versammlung ab. Bum Raffirer für den Generalfonds wurde an Stelle des Herrn Wirges, welcher sein Amt niedergelegt hat, Herr Albert Kroll gewählt. Alsdann wurde einstimmig beschloffen, zum Besten der Wittwen und Waisen der im vergangenen Jahre verstorbenen Vereinsmitglieder eine Matinee zu veranstalten. Nachdem hierauf ein Vergnügungskomitee von 7 Mitgliedern gewählt worden war, wurde beschlossen, die nächste Wanderversammlung in der Dennewigstr. 13 in Altermann's Salon abzuhalten. Herr Knaat sprach sein Bedauern darüber aus, daß auf vielen Bauten die im Tarif festgesezte Arbeitszeit nicht eingehalten wird und forderte die Kollegen auf, fich streng an die Vereinsbeschlüsse sowie an den Tarif zu halten. Der Vorsitzende ermahnte die Anwesendn, sich recht rege am Zahlen der Beiträge zum Unterstüßungsfonds zu be theiligen. Nachdem der Fragetasten erledigt war, wurde bes fannt gemacht, daß die nächste Versammlung am 9. Januar 1887 in Scheffer's Salon, Inselstr. 10, stattfindet. Hierauf wurde die Versammlung mit einem dreimaligen Hoch auf das Gedeihen des Vereins geschlossen. " * Fachverein der Tischler. Sonnabend, den 18. Dezbr., Abends 8 Uhr, in Jordan's Salon, Neue Grünstraße 28, Mitgliederversammlung. Tages- Ordnung: 1. Bericht über die statistischen Erhebungen in hiesigen Tischlerwerkstellen. 2. Der Arbeitsnachweis in Berlin. 3. Bericht über die Arbeitsverhältnisse in einer hiesigen Werkstatt. 4. Anfrage, betr. Unter stügung arbeitsloser Mitglieder. 5. Antrag der Arbeitsvermitte lungs- Rommiffion. 6. Fragetasten.- Quittungsbuch legitimirt. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Am ersten Weihnachtsfeiertage feiert der Verein sein diesjähriges Weihnachtsfest in der Berliner Ressource", Rommandantenstr. 57. Die Feier besteht aus: Konzert, Gesangsvorträgen, Theatervorstellung und Ball. Billets find nur vorher in der Versammlung, heute Abend auf den Zahlstellen des Vereins, sowie bei den Mitgliedern Böhm, Johanniterstr. 10, Hof III; Gruenwaldt, Prinzen ftraße 8, III, bei Ronrad; Glode, Laufiperplat 2, of part.; Meinz, Manteuffelstr. 93, III links; Haase, Rheinsbergerstr. 13, 1; Apelt, Belle- Alliancestraße 61, of rechts V; Thierbach, Neue Königstr. 72; Befold, Bergmannstr. 96; Fest, Hollmannstr. 1a, I; Balme, Andreasftr. 17, of II; Schulz, Brizerstr. 42; Witte, Möckernstr. 95; Jakob, Ackerstr. 71 und Bielstein, Gartenstr. 3, IV( bei Biedermann) zu haben. Zentral- Kranten- und Sterbetasse der Drechsler und anderer gewerblicher Arbeiter Deutschlands( E.. 48), Verwaltungsstelle Berlin A". Die Zahlstellen der Verwaltungsstelle sind am Sonnabend, den 25. Dezember( 1. Weihnachtsfeiertag), und Sonnabend, den 1. Januar 1887( Neujahrstag), geschlossen und werden dafür Beiträge am Sonntag, den 26. Dezember und Sonntag, den 2. Januar, Vormittags von 10 Uhr an entgegengenommen. Die Auszahlung der Krankenunterstügungen findet Sonntags, Vormittags 11-1 Uhr, im unterstügungen findet Sonntags, Vormittags 11-1 Uhr, im Lokale des Herrn Winzer, Naunynstr. 78, statt. Kranken- und Medizinscheine stellt aus für den Often Herr Gerlach, Kl. Andreasstr. 4 of 3 Tr.; für den Südosten Herr Köppen, Manteuffelstr. 27 of 2 Tr. in der Zeit von 7-9 Uhr Abends. Die Quartalsversammlung des Bezirks findet am Sonntag, den 16. Januar 1887, Vormittags 10 Uhr, im Lokale des Herrn Säger, Grüner Weg 29, statt. Der Bevollmächtigte Schrader, wohnt jezt Wrangelstr. 49 vorn 4 Tr.; der Kassirer Mönch, Adalbertstr. 26 vorn 4 Tr.; bei letzterem finden Aufnahmen zu jeder Zeit statt. Zentral- Kranken- und Sterbekasse der Drechsler und anderer gewerblicher Arbeiter Deutschlands( E. H. Nr. 48, Hamburg), örtliche Verwaltungsstelle Berlin B. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß statt Sonnabend, den 25. Dezember, die Beiträge am Freitag, den 24. Dezember, und die ersten Bei träge im neuen Jahre am Sonnabend, den 8. Januar 1887, zur bekannten Zeit entgegen genommen werden. Die nächste Mitglieder- Versammlung findet am Sonntag, den 23. Januar 1887, Mariannenstr. 31-32 statt. * Verein zur Wahrung der Interessen der Klavierarbeiter. Sonnabend, den 18. Dezember, Abends 8% Uhr, Mitgliederversammlung in Gratweil's Bierhallen, Romman dantenstraße 77-79( unterer Saal). Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Sparfeldt über:„ Die nordische Mythologie und die Frithjofs- Sage". 2. Vereinsangelegenheiten. * Tischlerverein. Generalversammlung der KrankenUnterstüßungstaffe heute Abend 9 Uhr Rottbuserstr. 4a( großer Saal). Tagesordnung: Wahl des Vorstandes. Quittungsbuch legitimirt. * Zentral- Kranten- und Sterbefasse der Tischler u. s. w. Den Mitgliedern wird bekannt gemacht, daß wegen des bevor stehenden Weihnachts- und Neujahrfestes die Beiträge auf den Bahlstellen sämmtlicher Verwaltungsstellen Berlins am Freitag, den 24.( Heiligabend), und Freitag, den 31. Dezember( Sylvester), von 8 bis 10 Uhr durch die Beitragssammler entgegen genommen werden. Durch wiederholte Bekanntmachung des Vorstandes in Hamburg wird darauf aufmerksam gemacht, daß sämmtliche in diesem Jahre fälligen Beiträge vor dem 1. Januar bezahlt sein müssen. Verein der Einseher( Tischler). Sonntag, den 19. b. Mts., Vormittage 10 Uhr, Neue Friedrichstraße 44, Generalversammlung. Tagesordnung: Wahl des gesamm ten Vorstandes, Verschiedenes und Fragekasten. Das 3. Stif tungsfest findet Sonnabend, den 1. Januar 1887, im„ Königstadt- Kasino" statt. * Die Kommission der Tischlergesellen Berlins, welche in der Versammlung am 22. v. Mts. gewählt wurde, um die freiwilligen Beiträge für die Delegirten des Gothaer Tischler tongresses in Empfang zu nehmen, macht bekannt, daß jeden Sonnabend, Abends von 8-10 Uhr, in den nachstehend vers zeichneten Lokalen durch die Kommissionsmitglieder freiwillige Beiträge in Empfang genommen werden: Belleallianceplay 6 bei Hilscher; Blumenstraße 56 in der Tischlerherberge; Staliger straße 107 bei Kunstmann; Zionskirchplatz 11 bei Hohn; Prinzenstr. 96 bei Beier; Stalizerstr. 18 bei Stramm. Der Verein zur Wahrung der Interessen der Tischler arrangirt am 1. Weihnachtsfeiertag in Klein's Salon, Dranien straße 180, eine Festlichkeit, bestehend aus Konzert, komischen Vorträgen und Vorstellung des Bauberkünstlers Herrn Berdt. Anfang Abends 6 Uhr. Nach dem Konzert Tanzfránzchen. Billets find zu haben beim Kassirer Herrn Lackur, Admiral straße 26, 1. und bei den Herren Lerche, Fruchtstraße 52, I.; Stiegelmeier, Gitschinerstraße 93, I.; Frant, Reichenberger straße 46, IV.; Bichichholz, Straußbergerstraße 43 und Werschke, Adalbertstraße 16. Alter Louisenftädtischer Handwerkerverein. Adalbert straße 21, Otto's Restaurant, Versammlung am Sonnabend, den 18. Dezember, Abends 8 Uhr. Tagesordnung: Vortrag des Herrn Kaufmann Coß. * Gauverein der Maler. Versammlung am Dienstag, den 21. d. M., Abends 8 Uhr, in Gratweils Bierhallen, Kom mandantenstr. 77 79. Tagesordnung: 1. Kaffenbericht. 2. Bes richt des Verbandsvorsißenden aus Hamburg. 3. Die Refor mirung des Verbandes. 4. Verschiedenes und Fragefasten. Das Vergnügen des Vereins findet am 1. Weihnachtstage in Neu Tivoli, Oranienstr. 52, statt. Allgemeine Kranken- und Sterbekasse der Metallarbeiter( E. H. 29, Hamburg) Filiale 5. Versammlung Sonnabend, den 18. Dezember, Abends 8 Uhr, bei Ackermann, Lothringerstraße 81. Tagesordnung: Neuwahl der Ver waltung. Allgemeine Kranken- und Sterbefasse der Metall arbeiter( E.. 29 Hamburg) Filiale Berlin 6. Die Zahl stellen find am Sonnabend, den 25. d. M.( 1. Weihnachtsfeiertag) und am 1. Januar( Neujahr) gefchloffen. Dagegen werden am Montag, den 27. d. M.( 3. Weihnachtstag), Abends von 8 bis 10 Uhr Beiträge daselbst entgegen ges nommen. Gesang- und gesellige Vereine am Sonnabend: Ges sangverein Harmonia" Abends 8 Uhr im Restaurant, Alte Jakobftr. 38. Gesangverein Sängerlust" Pallisadenstr. 9, Abends 9 Uhr. Verein der Taubenfreunde Abends 8, Uhr im Restaurant Klemann, Laufiberstr. 41. Dänischer Verein " Freya" Abends 9 Uhr Rosenthalerstr. 39. Dänische Blätter find vorhanden. Verein der Württemberger Abends 8 Uhr bei Vaihinger, Dorotheenstr. 84.- Rauchklub, Qualm" Abends 9 Uhr im Restaurant Tamm, Schönhauser Allee 28. Kleine Mittheilungen. Worms, 14. Dezember. In Folge der heftigen und lang andauernden Regengüsse steigt das Waffer des Rheines ganz bedenklich, so daß bei der Fortdauer der Niederschläge Hochs waffer zu befürchten steht. Bei der hiesigen Bürgermeisterei find folgende Depeschen über die Wasserstandsnachrichten einge troffen: Kehl Rheinstand gestern 2,44 heute 3,17 steigend, Marau Rheinstand gestern 3,36 heute 4,28 stark steigend, Mannheim Rheinstand gestern 3,62 heute 4,20 steigend, Obers rhein starkes Waffer. Wimpfen Neckarhöhe 3,49, langsam steigend. Köln, 15. Dezember. Der Rhein ist hier fortwährend im Wachsen begriffen und hat bereits den Pegelstand von 5 Mtr. überschritten. In Koblenz zeigte heute Mittag 12 Uhr der Rheinpegel 4,25 Meter, steigend. Von der Lahn, Mofel und Sieg wird ebenfalls startes Steigen gemeldet. Bei Windeck riß die hochgeschwollene Sieg ein am Ufer spielendes 8jähriges Kind mit sich fort; ehe man demselben zu Hilfe kommen fonnte, hatte es bereits seinen Tod in den Wellen gefunden. Da der Regen anhält, so befürchtet man am Rhein und seinen Neben flüffen Hochwasser. Tirschtiegel, 13. Dezember. Vorgestern Nachmittags 3 Uhr ereignete fich hierselbst ein recht trauriger Unglüdsfall. Die Tagelöhnerwittwe Juliane Simsch zu Eschenwalde, Mutter von 4 Kindern, schickte ihren ältesten 12jährigen Sohn Karl nebst einer 10jährigen Tochter in die Stadt, um Einfäufe zu machen. Auf dem Wege hierher mußten die Kinder an der ungefähr 200 Schritte von der Chauffee entfernt stehenden Pötschke'schen Windmühle vorübergehen. Bei dieser Gelegen heit fam dem Knaben der Gedanke, fich die im Gang befind liche Mühle einmal etwas genauer anzusehen. Er ging vom Wege ab und direkt auf die Mühle zu. Dabei gerieth er so nahe an dieselbe, daß er von einem Flügel an die Schläfe ge troffen, sofort bewußtlos zu Boden sant. Der zu Hilfe gerufene Müller trug den Verunglückten unverzüglich in das nahe Johanniter- Krankenhaus, wo der Knabe gleich nach seiner An funft den Geist aufgab. New- York, 14. Dezember.( Ein verbranntes Schiff.) Das große Pensionat in Vicksburg, in dem die Kinder der reichsten amerikanischen Familien untergebracht sind, wurde in Folge der dort graffirenden Masernepidemie geschlossen, und da die Weih nachtszeit nicht mehr fern ist, sollten die gesunden Kinder, etwa 40 an der Bahl, nach New- Orleans gebracht werden, um sich von hier zu den Eltern zu begeben. Der Dampfer White wurde von der Direktion des Penfionats gemiethet," um die Kinder und zehn Begleiterinnen derselben nach New- Orleans zu bringen. Auf der Fahrt entstand durch unvorsichtige Hantis rung mit dem Feuer ein Brand, das Holzschiff stand im näch ften Augenblick in Flammen und sämmtliche Passagiere, die vierzig Kinder und ihre zehn Begleiterinnen, kamen um. Von der Mannschaft find auch mehrere Personen getödtet worden. New- York, 12. Dezember. Telegraphisch wird berichtet: Ein ernſtes Unglück ereignete fich in dem Etablissement der Metallwaarentaufleute Shapleigh u. Fantwell in St. Louis, Das Haus stürzte plößlich ein, worauf Feuer ausbrach, welches das ganze Gebäude zerstörte. Der angerichtete Schaden wird Leben. Briefkasten der Redaktion. Ur. zum nebf einz dem Da Leb Str fäße jede heu fach zu e unf eri lich der übe fag Ro zu gez Dre Don un Die rat ein Et and jab fon ent ftel UR die ha die gel wo ihr Ve Fr ge De Fr B lid un ΤΗ Bei Anfragen bitten wir die Abonnements- Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. J. L., Großbeerenstraße. 1. Sie brauchen dem Stan desbeamten( Kleinbeerenstr. 2) nur die beiden Geburtsscheine vorzulegen und die Bewirkung des Aufgebots zu beantragen Wenn das Aufgebot 2 Wochen lang im Nathhaus ausgehangen hat, so kann die Ehe geschlossen werden. 2. Ihre Braut tann mit Rücksicht auf die bevorstehende Eheschließung noch jetzt den Dienst zum 1. Januar auffündigen; diese Kündigung muß aber erfolgen. F. St. 17. Ein solches Recht besteht nicht. Sch. Brunnenstr. Ihr Wirth ist leider im Recht; Sie haben den großen Fehler begangen, den Kontraft zu unters zeichnen und auf die mündliche Versicherung des Wirthes zu bauen. Diese mündliche Nebenabrede steht aber nach Shrer eigenen Angabe im Widerspruch mit dem Inhalte des schrift lichen Kontraktes und hat daher keine Giltigkeit. A. W. 43. Selbstverständlich können Sie von dem Arbeitgeber das Reisegeld vergütet verlangen, da er deffen Er stattung auf jener Postkarte versprochen hat. Berantwortlich für den politischen Theil und Soziales Max Echippel, für Vereine und Versammlungen F. Lugauer, für den übrigen Theil der Beitung R. Gronheim, sämmtlich in Berlin Drud und Verlag von Mar Bading in Berlin SW., Beuthftraße 2. die De da ha mi கு au ja 10 lid mi La