Nr. 297. Sonntag» den 19. Dezember 1886. 8 Iahrg jBrrliucrlolbtilnll Drgsn für die Interessen der Arbeiter. 4 AbonnemcntS'EinladllNg. Zum bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir uns, zum Abonnement auf daS ..berliner Uolksblatt" nebst der wöchmtlich erscheinenden Gratisbeilage „Allustrirtes Sonntagsblatt" ��Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechtes. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Berather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klassengcgen« sätze ist das„Berliner Nolbsblatr' ein entschiedener Gegner jeder Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon bevorzugter Gesellschaftsklassen findet. DaS».Berliner KolKsblatt'' sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragcn zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung unserer städtischen Angelegenheiten. In unserm täglichen Feuilleton werden wir bereits vom ersten Weihnachtsfeicrtage an mit der Veröffent- lichung des berühmten sozialpolitischen Romans U von Aisreeli, „Sybic der für unsere Leser von Natalie Kibliknecht übersetzt worden ist, beginnen. »Wäre Disracli nie in das englische Parlament gekommen," sagt Wilhelm Liebknecht,„so würde er sich durch seine Romane einen dauernden Namen gemacht haben." Daß Disraeli in allen Klassen und Ständen den Menschen zu finden wußte, das hat er namentlich durch seine„Sybil" gezeigt, welche die englische Arbeiterbewegung zu Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre dehandelt. Er gredt von der Klage der Fabrikarbeiter in den großen Industriezentren und von den Bestrebungen der Gewerkschaften und der Chartisten die treueste und doch glänzendste Schilderung, welche die Lite- �Thue nun Jedermann, der sich mit unseren Zielen in Ueber- einstimmung befindet, an seinem Platze seine Schuldigkeit. Das »Berliner v-lksblatt" muß in immer weiteren Kreisen Eingang finden, für das werkthätige Volk darf in Berlin kern anderes Organ existiren. Der Abonnementoprei« beträgt für das ganze Viertel. jähr 4 M.» monatlich 1,35 M.. wöchentlich 35 Pf. Bestellungen werden von sammtlichm Zcitungsspedltcurcn, sowie von der Expedition unseres Blattes, Iimmerstraffe 44. nt�Für�� außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Be- Üellungen an..... �.... Die Redaktw» und Cepeditiou "des„Berliner P-lKoblatt". M*4t>ruil MxtotaL] IenMeton. [13 Die Uerfnhrerw. Novelle von D. E o l o n i u S. Rosarka erfuhr durch ihre mütterliche Freundin, daß die Baronin von der Frau Thomas die Wohnung gemielhet habe, die diese bis dahin mit ihrer Familie inne gehabt, daß diese ihr auch nicht nur nähere Auskunft über die Baronin geben, sondern sogar später ihr manches mittheilcn könne, was ihr(Rosarka) zu wissen noth thue. Frau Friedrich konnte indeß nicht umhin, ihre große Verwunderung darüber auszusprechen, daß diese fremde Frau, von welcher Frau Thomas mit solcher Begeisterung gesprochen, einen so schlechten Charakter haben könne, und versprach Rosarka, bei nächster Gelegenheit mit der kranken Frau Thomas darüber zu sprechen. Nur d,e dnngende «itte Rosarka'S hielt sie davon zurück; um so anaeleaent- licker aber beschäftigte sich diese seitdem mit der kranken Frau und wich fast nicht von ihrem Bette. Eine, TageS— Rosarka war ganz allein bei Frau Thomas und hatte ihr eben eine Arznei dargereicht— hob diese den Kopf auS den Kissen empor und sah lange und verwundert um sich. Sie war aus einem Fieber erwacht, das sie zwei Tage lang in bewußtlosem Zustande gehalten hatte. Ihr Auge, matt und unstät, al, müsse es sich erst wieder an daS Tageslicht gewöhnen, irrte von den bekannten Gegenständen, die ihr fremd geworden zu sein schienen, auf das Wesen, daS ihr in der That ftemd war, auf Ro- sarka, und kehrte, so oft eS sich auch abwandte, doch immer wieder zu ihr zurück. Es war, als müsse sie das Gewöhn- "che und waS ihr sonst so geläufia war, erst aufs neue wiedevfiiideii, auch die Sprache, und erst nach einer ziemlich laugen Pause, während welcher Rosarka ihr daS Bettkissen Die schweiierilche Arbeiter- fchntzgefetzgebmtg. Bei der unlängst stattgehabten demokratischen Dezember- feier im Kanton Zürich warf Herr Professor V ö g e l i n in seiner Festrede einen Rückblick auf die schweizerische Ar- beitergesetzgebung und deren Wirkungen. Er denkt über diese Sache genau so wie wir; die Resultate sind nicht übermäßig groß. Wir haben immer betont, daß das schweizerische Fabrikgesetz nicht weit genug geht und daß deshalb seine Wirkungen auch nur beschränkte sein können. In Oesterreich geht eS ebenso. Die segensreichen Wirkungen eines NonnalarbeitStage, werden erst dann ganz und allgc- mein zu verspüren sein, wenn derselbe auf a ch t Stunden täglich fixirt ist. Vorher schwerlich, wenn auch sicher ist, daß bei einem höheren Maximalarbeitstag auch schon ganz wesentliche Erleichterungen für die Arbeiter zu Tage treten werden. Wenn wir sonach auf der einen Seite uns von Ueber- schätzung des NormalarbeitStags ftei fühlen, so war es anderer- feits für unS d*ch von höchster Wicktigkeit, daß zwei Staaten die Bcr.chtigung der Forderung des Normalarbeits- tages anerkannten und ibn im Prinzip dekretiren ließen, wenn auch der Umfang vieses MaximalarbeitStages noch zu weit gespamrt ist. Herr Vögelin meinte, daS Gesetz sei von beschränkter Wirkung, weil durch dasselbe nur ein Theil der Arbeiter ge- schützt sei. Das mag an sich richtig sein; allein es stünde genau genommen nichts im Wege, das Gesetz auf weitere Arbeiterkategorien auszudehnen. WaS uns daS Gesetz unwirksam zu machen scheint, ist die mangelnde Strenge in seiner Ausführung. Der schönste Normalarbeitstag, der auf dem Papier steht, ist ganz und gar unnütz, wenn er nicht strenge und(gewissenhaft ausgeführt, wenn nicht alle Be- triebe mit peinlicher Sorgfalt kontrolirt werden. Die Man- chestermänner werden nicht verfehlen, wo eine solche Kon- trole eingeführt wird, über„Polizeistaat" zu schreien. Da- durch kann man sich nicht irre machen lassen. Energische Aufsichtsbehörden zur Durchführung der Fabrikgesetz- gebung mögen manchem Unternehmer unangenehm sein, niemals aber können sie dem Arbeiter etwas schaden, sie können ihm nur nützen. Man denke an die englischen Fabriken-Jnspektoren der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre. Diese Männer hatten den ganzen Haß jener Unternehmer auf sich geladen, die lieber ihre fämmtlichen politischen Grundsätze nachlassen, als eine halbe Stunde Arbeitszeit. Man nannte die In- spektoren Schnüffler, Schleicher und Aufhctzer, welch letzterer Titel leicht einem Jeden zu Theil wird, der sich um die Ge- hcimnisse der Fabriken bekümmert. Aber die englischen Fa- briken-Jnspekioren ließen sich nicht einschüchtern und ent- hüllten der oftmals schaudernden Welt die Zustände unter zurecht schob, erhob sie sich wieder und fragte:„Wer bist Du, Mädchen, und was willst Du?" Rosarka wollte antworten, aber Frau Thomas fuhr mit steigender Bewegung fort:„Gewiß, gewiß, Dich hat auch die fremde Dame geschickt— o die fremde Dame!" Bei diesen Worteii begann sie laut zu schluchzen, und ehe noch Rosarka Zeit hatte, sie zu fragen oder zu trösten, war sie schon unter heftig strömmenden Thränen wieder in'S Kissen zurückgesunken. Rosarka fühlte, daß sie der kranken Frau nichts zu sagen hatte, was sie beruhigen könne. Sie schwieg. Bald darauf aber erhob sich Frau Thomas wieder, und in- dem sie mit dem feuchten Auge zu Rosarka emporsah, er- griff sie die auf der Bettlehne ruhenden Hände des Mäd- ihens und küßte sie. Sie ahnte, was dies Mädchen für sie gethan habe. Dann sagte sie lächelnd:„Nein, nein. Dich hat die fremde Dame nicht geschickt! Du siehst zu gut au« und zu sanft. O, sie war auch gut gegen mich— so her- zensgut;— aber ach! sie ist an meinem Unglück schuld, sie ist schuld daran, daß ich so elend und so trostlos bin, sie hat mein Kind qetövtet?" Das arme Weib fing von Neuem an heftig zu schluchzen. Rosarka wußte sie sanft zu trösten. DaS Trostreiche lag mehr in dem weichen, herzgewinnenden Klang ihrer Stimme, als in dem Sinne ihrer Worte. Sie wußte ja gar nicht um welche Schuld die Kranke jammerte!— Dankbar sah diese das unbekannte Mädchen an und sagte: „Nein, Dich hat der Himmel geschickt! Du kannst nicht unglücklich, Du kannst nur glücklich machen. Wie heißt Du denn?" „Rosarka," erwiderte die Geftagte. „Rosarka?" wiederholte die Frau im Tone des Nachdenkens.„Diesen Namen habe ich nie von ihr gehört," sagte sie für sich und fuhr dann laut fort:„O, Rosarka, hätte ich Dich früher kennen gelernt, so wäre da» Unglück gewiß nicht geschehn! Sieh, daß mein Kind nicht geweint und das Licht nicht gesehn, daß e» seine Auge« dem englischen Fabrikproletariat. Daß die schweizerische Fa- bnkgesetzgebung in diesem Geiste gehandhabt wird, scheint uns so wenig der Fall zu sein, wie in Oesterreich. ES ist eine Schwäche der Fabrikgesetzgebung unserer Zeit, daß sie die HauS- und Akkordarbeit nicht zu treffen vermag. Die dort herrschenden Uebelstände können nur durch daS einmüthige Zusammenstehen der Arbeiter beseitigt resp. gemildert werden, und in vielen Arbeiterkreisen ist das dazu erforderliche klare Verständniß noch keineswegs vor- Händen. Herr Vögelin hat auch Recht, wenn er meint, die Ar-- beiterschutzgesetzgebung könne nur dann recht wirksam werden, wenn sie einen internationalen Charakter trägt. Der Ver- such der schweizerischen Bundesregierung, auf diplomatischem Wege eine internationale Fabrikgesetzgebung herbeizuführen, ist mißlungen, und Herr Dr. Vögelin meinte, die schweize- rische Arbeiterschaft müsse durch energische Propaganda das herbeizuführen suchen, was die Bundesregierung nicht er- reichen konnte. Dies ist in der That eine Aufgabe der Arbeiterschaft nicht nur der Schweiz, sondern aller Kulturstaaten. Einer internationalen Fabrikgesetzgebung gegenüber können die Manchestermänner nicht den Einwurf erheben, daß sie kon- kurrenzunfähig mache. Daß die Regierungen ungerne an diese Materie heran treten, ist augenscheinlich. Viel lieber beschäftigen sie sich mti internationalen Auslieferungsverträgen bezüglich der Ver- schwörer und Anarchisten. Sie wollen es nicht mit den Unternehmern verderben, die eine zahlreiche und mächtige Klasse bilden und, wenn in die Opposition gedrängt, nament- lich in den konstitutionellen Staaten den Regierungen leicht unbequem und gefährlich werden können. So sind die Aussichten vorläufig noch gering, aber das darf nicht entmuthigen. Die Arbeiter müssen sich doch leicht darüber verständigen können, in allen Kultur- und Industrie- staaten gleichzeitig eine wirksame Propaganda für inter- nationale Arbeitergesetzgebung zu unternehmen. Es ist bezeichnend genug, daß in dieser Frage unter den Staaten die kleine Schweiz an der Spitze marschirt. Wenn eine Großmacht sich entschließen könnte, ihr beizu- stehen, so würde sich die Sache schon ganz anders nehmen. Aber nicht einmal Frankreich hat sich gerührt und doch be- steht dort der Normalarbeitstag schon seit 1848— auf dem Papier, allerdings der zwölfstündige. An den Arbeitern selbst wird es liegen, dafür zu sorgen daß die große Strömung, welche auf eine neue Sozialgesetz-' Sebung gerichtet ist und welche eine der interessantesten Er- heinungen unserer Zeit darstellt, nicht wieder erlahmt und stehen bleibt. Der Verwirklichung und Lebendigmachung neuer Gedanken geht immer erst eine große Diskussion voraus. So auch bei der neuen Arbeitergesetzgebung. Der Normalarbeitstag ist noch nicht da, aber er kommt; er kommt bald, und eines Tages, wenn die Verwüstungen nicht einmal ausgeschlagen, nicht einmal nach mir, nach seiner Mutter verlangt hat— daß es todt zur Welt ge- kommen ist, das ist die Strafe des Himmels. Ich will Dir's gestehn, Rosarka, denn Du bist gut und darum wirst Du mir vergeben. Ich hatte es verkauft, noch ehe es am Leben war, und darum ist es gestorben, ehe es gelebt hat. Ich hatte es an die fremde Frau verkauft."— Rosarka sah nicht, wie Frau Thomas erschöpft und fast bewußtlos ihr Haupt gegen das Kissen zurückgelehnt hatte; denn diese arme, diese unbekannte Person hatte ein Wort ausgesprochen, das wie ein Blitz in die tiefe Seelennacht des böhmischen Mädchens gefahren war. Mit einem Worte war nun alles hell geworden, was noch vor Minuten in so grausem Dunkel gelegen hatte, die Gegenwart— und die Zukunft, die Zukunft! jubelte es laut in dem entzückten Herzen Rosarka'S. Als Frau Thomas die Augen öffnete, sah sie Rosarka, welche sich vor Hast zitternd über sie ge- neigt hatte. „Zittre nicht mehr für mich, gutes Mädchen", sagte sie mit leiser Stimme;„Du hast mir vergeben— ja Du hast! Und nun glaube ich, daß auch die Menschen und der Himmel mir verziehen haben, und darum bin ich glücklich und still in mir, wie ich seit vielen, vielen Tagen nicht gewesen." Rosarka lächelte. Sie schien ruhig, oder vielmehr sie wollte es scheinen, um die Kranke nicht aufzuregen. Aber in ihr wogte eine Fülle von Hoffnung und Sehnsucht. Sie setzte mehrere Male an, um Gleichgiltiges oder für den Augen- blick Paffendes zu sprechen. Endlich aber mußte es doch heraus, und plötzlich fragte sie:„War die Baronesse— ich wollte sagen, die fremde Dame— nicht auch in der Hoff- nung, Mutter zu werden?" Sie war zu sehr bewegt, um auf d,ese Wendung klug hmüberleiten zu können. Frau Thomas erwiderte:„Nein, sonst hätte sie ja mein Kind nicht verlangt." Die Antwort klang so unverdächtig und war so Harmlot gemeint, daß sich Frau Thomas nicht wenig über den Em-- 'V3 modernen ZndustrialiSmus ihren Höhepunkt erreicht haben, rverden die Regierungen froh sein, daß dieser Gedanke vor- handen ist._ Vom Juncker$c�foffer(}reit und feinen frojelfen. ii. Der Chef der Polizeikommandos, Polizeihauvtmann Fischer, degleitete den angeführten Ukas mit folgenden„Erläuterungen": „An die betr. Verfügung der hohen Polizeidirektion knüpfe ich die Aufforderung, unverzüglich jedes demonstrative Vorgehen mährend Ihres Streiks, sei es durch Blokiren der Werkstätten, sei es durch Verfolgung der einzelnen Arbeiter auf dem Wege von und nach der Arbeit, sei es endlich durch irgendwelche moralische Nöthigung oder Bedrohung von Fachgenossen, welche die" Arbeit wieder aufgenommen haben, zum Zwecke, die Arbeitenden von der Arbeit abzuhalten, um dadurch von den Arbeitern Zugeständnisse zu erhalten, zu unterlassen und verbinde damit die An- drohung, daß Zuwiderhandelnde unnachsichtlich festge- nommen und dem Strafrichter überwiesen Man steht, das Päpstlein Fischer ist päpstlicher als der Papst Spiller. Während der letztere in der Strafandrohung etwas vorstchtiger ist, zieht Fischer in diesem Punkte andere Saiten auf. Dagegen ist Spiller rückstchtsloser in der Moti- vinmg seines Wesens. Er zeigt fich offener als Anwalt der Arbeitgeber und will dieselben gegen die Streikenden schützen. Fischer dagegen ist vorstchtiger; er will nur die in der Arbeit verbliebenen Schlosser„schützen" und geht in seinem Feuereifer für dieselben soweit, daß er sogar die moralische Nöthi« gung strafrechtlich zu verfolgen droht. Beide Erlasse haben, nach dem, was wir über die Nöthigung und den Aufenthalt auf der Straße ausgeführt, das miteinander gemein, daß fie gesetzwidrig sind. Weder Spiller noch Fischer finden irgend einen Paragraphen zur Motivirung ihres Vorgehens. Sie schufen ein ganz neues, sonst nur nach Verfügung des Belage- rungszustandes übliches Verbrechen, das des Stehens und Patrouillirens auf den Straßen. Mit der Androhung der so- fortiaen Verhaftung setzten sie sich in Widerspruch mrt Art. 7 der Züricher Staatsverfassung. Derselbe lautet:„Die persönliche Freiheit ist gewährleistet. Niemand darf verhaftet werden außer in den vom Gesetz bezeichneten Fällen und unter den im Gesetz vorgeschriebenen Formen." Eine Verhaftung darf nur vorge- nommen werden(§ 765 u. ff. der Rechtspflege), wegen Ver- brechen oder Vergehen, die durch das Strafgesetz verfolgt werden, auch wegen Polizeiübertretung, aber nur dann, wenn der Betreffende direkt betreten wird, sich über seine Person nicht ausweisen oder für Buße und Kosten keine Kaution leisten kann(§ 1047). Heber diese Verfassungs- und Gesetzesbe- stimmungen setzten fich die Herren Spiller und Fischer mit kühnem Saltoinortale hiniveg, überzeugt, daß den Arbeitern gegenüber auch in der Republik alles erlaubt sei. Die Arbeiter machtm fich nach den Erlassen eines Verbrechens schon dann schuldig, wenn sie einfach vor den Werkstätten standen. Sie konnten verhaftet werden und wurden es auch, ohne daß ein Polizist ihnm das Fortgehen anbefahl. Wie singen jetzt die Berliner„demokratischen" Blätter, die fich so absprechend über den Streik und die sieben verurtheilten Arbeiter geäußert haben. Ob eine solche Rechtsbeugung nicht ganz dazu angethan war, die Milch der allerfrömmsten oürger- lichen Denkungsart in gährend Drachenaift zu verwandeln und die Arbeiter zu erbittern? Ein solches Ausnahmsverfahren, das fich von demjenigen anderer Staaten dadurch unterscheidet, daß es schamlos austritt und auf daS Feigenblatt der gesetzlichen Form verzichtet, ist ganz dazu angethan, zum Widerspruch auf« zureizen. In seiner späteren Rechtfertigung vor dem Kantonsrath vertrat Herr Spiller die Anficht, daß ein Polizeiverbot noch nicht ungesetzlich sei, wenn es sich auf kein Gesetz stützen könne. Es werde erst denn ungesetzlich, wenn ihm eine gesetzliche Bo stimmung direkt widerspreche. Was das Gesetz nicht ausdrück- lich verbiete und was von bestimmten Verhältnissen gefordert werde, das dürfe Gegenstand eines polizellichen Erlasses sein. Diese kluge Argumentation ist natürlich absolut haltlos. Denn wenn das Gesetz auch oft nur allgemeine Grundsätze aufstellt, weil es nicht alle im Leben vorkommenden bestimmten Fälle voranssehen oder gar aufnehmen kann, so muß doch solch ein bestimmter Fall immer unter den allgemeinen Gesichtspunkt des Gesetzes fallen, wenn ein Polizeiverbot zulässig sein soll. § 1 des Strafgesetzes läßt darüber keinen Zweifel. Er lautet: „Eine Handlung kann nur dann mit Strafe belegt werden, wenn diese Strafe gesetzlich bestimmt war, bevor diese Handlung begangen wurde." Gesetz und Verfassung waren verletzt worden. Vielleicht rväre trotzdem seitens der Arbeiter der gesetzliche Weg niemals verlassen worden, wenn die Polizei nicht durch ihren Feuereifer für die Sache der Meister dem Fasse der Geduld den Boden ausgeschlagen hätte. Sie nahm auf die schonungsloseste Weise druck verwunderte, welchen sie auf das Mädchen übte. Denn länger konnte sich Rosarka nicht mehr halten; mit gerötheten Wangen und heftigem Athemzuge sagte sie:„Frau Thomas, ich muß einen nothwcndigen Gang machen— ich werde wiederkommen, sobald ich kann.— Leben Sie wohl!" Sie eilte nach der Thür, und indem sie die Klinke ergriff, kehrte sie sich noch einmal um und sagte in einem weichen Tone, als bereue sie die Hast, mit der sie die Kranke verlassen:„Gute Frau, ich werde bald wieder bei Zhnen sein!" Es war bereits tiefe Dämmerung, als Rosarka über die Straße nach ihrem Hause schritt. Sie hörte, sie sah nichts, sie eilte die Treppe hinauf, sie eilte über den Gang, ihrem Zimmer zu. Da trat ihr ein Mann entgegen— o kein Zweifel, sie fühlte es am Schlage ihres Herzens, sie hörte es am Klange seiner Stimme. Mit dem Freuden- schrei:„mein Tonda!" sank sie dem Manne in die Arme. „Ich bin es," sagte er.„Aber ich bin nicht gekom- men," fuhr er fort, indem er sich von dem Mädchen los- machte, das ihn leidenschaftlich umfangen hielt,„ich bin nicht gekommen, um in Deiner Nähe ein Glück zu genießen, für das ich die Empfindung verloren habe." Rosarka lachte und weinte, aber sprechen konnte sie nicht. _„Zch bin gekommen," sprach Antonio weiter,„um Dich ernst und dringend zu bitten, heimzukehren zu Deinem Vater, der schmerzlich um Dich trauert. Zch komme von Bechlin; Dein Vater hat mir Alles anvertraut, auch, daß er bitter, bitter Deinetwegen leidet und daß er keinen Wunsch mehr hat, als Dich wieder zu haben. Mein Loos heißt: ich bin unglücklich; aber soll es Dein Vater auch werden?" „Aber so höre mich doch, mein Tonda, Höremich doch!" sagte Rosarka, die endlich die Sprache wiedergefunden hatte. Und sie sagte das mit einem so weichen und doch zugleich so unwiderstehlichen und strengen Ton, daß Antonio ihr in das Zimmer folgte, wo sie rasch Licht machte. „Erst muß ich Dich sehen, Tonda!" jubelte sie,„sonst glaube ich gar nicht an das Glück, Dich wieder zu haben, Dich zu sehen und zu küssen!" Verhaftungen vor, tranSportirte verhaftete Arbeiter geschlossen durch die Stadt inS Gefänyniß und provozirte durch ihr Auf- treten förmlich die späteren Tumulte. ES floß bei dem Handel auch einmal Ärbeiterdlut. Die Polizei tranSportirte nämlich zu einer Zeit, als die Arbeiter aus den Fabriken heimkehrten, den Schreiner Müller, der fich irgendwie bemerkbar gemacht hatte, geschlossen nach dem Gefängniß. Die heimkehrenden Arbeiter, durch diesm Transport auf daS Tiefste erregt, machten einen Versuch, den Gefangenen zu befteien. Tie Polizei schoß mit ihren Revolvern. Sie verwundete mehrere Personen, darunter schwer Parketbodenleger Richard Fischer.— Diese Affäre bildete den Gegenstand deS vor dem Ooergcricht verhandelten Straf« Prozesses. Letzterer wurde am 6. Oktober vor dem Bezirksgericht verhandelt und sprach dieses über 9 Arbeiter das folgende Urtheil: 1. Müller, Schreiner, Ungehorsam gegen eine amtliche Ver- fügung(Spiller'schcr Erlaß), 3 Wochen Gefängniß, 20 Fr. Buße. 2. Wüstenfeld, Schlosser, Widersetzung gegen eine amt- liche Verfügung und Versuch von Körperverletzung, 2 Monat Gefängniß, 6 Jahre Landesverweisung. 3. Pfenninger, Agent, Reizung zur Widersetzung gegen die amtliche Verfügung, 4 Wochen Gefängniß, 20 Fr. Buße. 4. Eichenbcrger, Svcngler, Widersetzung gegen eine amt- liche Verfügung, sechs Monate Arbeitshaus. 5. Weidmann, Tapezirer, Widersetzung gegen amtliche Verfügungen und Versuch von Körperverletzung, 6 Wochen Gefängniß. 6. Saida, Versuch von Körperverletzung, 3 Wochen Gefängniß. 7. Rühmer, Versuch von Körperverletzung, 4 Wochen Ge- fängniß, 6 Jahre Landesverweisung. 8. Haußer, Kupferschmied, Versuch der Befreiung eines Verhafteten, 6 Wochen Gefängniß. 9. Fischer, Ausreizung zum Aufruhr, 2 Monat Gt- fängniß. Erläuternd sei hier bemerkt, daß der Angeklagte mehrere Monate im Spital zugebracht und daß eS nur der sorgfältigsten Behandlung und Pflege gelang, ihn am Leben zu erhalten. Eichenberger hatte Steine in sein Schnupftuch gethan und da- mit mehrere Schläge gegen einen Polizisten geführt, war da- für jedoch von der Polizei schwer mißhandelt worden. Er ist sonst als ein durchaus friedlicher und stiller Mann bekannt. Die andern Angeklagten haben entweder Steine geworfen oder in der Tasche gehabt oder Drohungen ausaestoßm. Einzelne hatten nichts weiter gethan, als daß fie fich in dem großen Haufen befanden, der damals dem Transporte Müllers folgte. Zeuge in diesem Prozesse war die Polizei selbst nebst einigen ihrer Helfer. Das Obergericht hat diesen„drakonischen" Spruch, wie ihn treffend der Vertheidiger N. Hanhart charakterifirte, trotz dessen dringender Mahnung, kein Klassenurtheil zu fällen, aufrecht er- halten, für Eichenbcrger auch die seckS Monate Arbeitshaus fest- gehalten, obwohl der Vertheidiger betonte, daß doch kein ge- meines Verbrechen von ihm verübt worden sei. Ter Polizei ist durch diesen Prozeß Genugthuung geworden, die einzige überhaupt, die sie in der ganzen Affäre erzielt. Ter liberal-konservative Große Rath hat in seiner Majorität die Handlungsweise Epillcr's gebilligt, auch die Regierung hat er unterstützen zu müssen geglaubt, waS ihm rechtlich aber keines- wegs gelungen ist. Im Großen Rathe, sowie in öffentlicher Volksversammlung und in der demokratischen Presse haben da- gegen die hauptsächlichsten Führer der Radikalen entschieden gegen den Rechts- und Verfassungsprozeß Stellung genommen und die Sache der Arbeiter zur Sache deS Volkes gemacht. Ein Versuch der Liberal-Konservativen, auf dem Wege der Zu- stimniungsadreffe eine Volködemonstration für Spiller und die Polizei zu Stanve zu bringen, scheiterte am Rechtsbewußtsein des Volke«; die Unterschriften liefen so spärlich ein, daß die leitenden Kreise den Adressensturm desavouiren mußten. Tie Berichte hielten sich sonst im Allgemeinen gut. So viele Arbeiter die Polizei auch der Untersuchungsbehörde zuführte, um fie wegen Nöthigung u. s. w. in Anklagezustand zu ver- setzen, so wenig Untersuchungm wurden eingeleitet. Ein Nöthi- aungsvrozcß, der ans LberlandeSgericht gelangte, endigte mit Freisprechung, da das Gericht fich der Auffassung Spiller'S und der Polizei nicht anzuschließen vermochte. Hat vre Polizei auch eine Genugthuung in dem Prozeß gegen Müller und Konsorten erhalten, so hat ihr Auftreten vei Gericht doch zu einer mora- lischen Niederlage geführt, da die ganze Sprller-Fischcr'sche Rechtsbafis dabei in die Brüche ging. Die Arbeiter werden fich mit diesem moralischen Erfolge zufrieden geben müssen. Zu einem Prozesse wegen Amtsmiß- brauch, Verfassungsverletzung u. s. w. ist es nicht gekommen und wird es auch nicht mehr kommen. TheilS find die Jnter- essenten an einem solchen Prozeß nicht mehr da, theils befinden fie fich in Arbeitsverhältnissen, welche einen Prozeß gegen die Polizei als nicht sehr wünschenswerth erscheinen lassen. Auf keinen Fall hat die demokratische Presse Anlaß, auf die Streikenden oder die jetzt verurtheilten Arbeiter Steine zu werfen und über fie den Stab zu brechen. Das hieße zum Un- recht noch den Hohn hinzufügen. Antonio wußte nicht, wie ihm geschah. So hatte er da« Mädchen noch nie gesehen, noch nie gehört. Er ließ Alle« mit sich machen. „Und nun mußt Du hören," sagte sie, als Antonio sich an ihrer Seite niedergesetzt hatte, und in kurzen, leben- digen Worten theilte sie dem erstaunten Geliebten mit, was wir dem Leser schon in dem Vorhergehenden erzählt haben. Antonio hatte ein Gefühl, wie man es hat, wenn sich nach schwülem Traume endlich der Alpdruck von der Brust gelöst yat und daS verwirrte Auge in das freundliche Mor- genlicht sieht, welches durch die Fenstrr scheint. Sein Auge war von einem seltenen Glänze erhellt. „Dann bist Du wieder mein— mein— mein— meine Rosarka!" sagte er mit unaussprechlicher Seligkeit und drückte einen langen, heißen Kuß auf die Lippen des vor Freude weinenden Mädchens.„Nun aber fort, auf der Stelle fort! Die Geliebte ist mir gerettet!— Aber ich habe auch einen Freund, den sie mir tödten wollte. Ich will sehen, ob ich auch den noch retten kann. Rosarka, Du siehst mich bald wieder!" (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Leben. Projektirte« Repertoir der königlichen Schauspiele vom 19. bis 26. Dezember. Im Opernhause. Sonntag, den 19.: Fra Diavolo; Montag, den 20.: Die Verlobung bei der Laterne, Deutsche Märsche; Dienstag, den 21.: Der Borbier von Sevilla(Frau Sembrich als letzte Gastrolle, Herr Ehrke als Gast); Mittwoch, den 22.: Lohengrin; Donnerstag, den 23.: Symvhonie-Soiree der königl. Kapelle; Sonnabend, den 25.: Die Hugenotten; Sonntag, den 26.: Matinee, Carmen.— Im Schauspielhaus c. Sonntag, den 19.: Bürgerlich und romantisch; Montag, dm 20.: Die Geier-Wally; DimS- tag, den 21.: Tartüffe, Castor und Pollux; Mittwoch, dm 22.: Der Kaufmann von Vmedia; Donnerstag, dm 23.: Nriel Acosta; Sonnabend, dm 25.: Die Braut von Mesfina; Sonntag, dm 26.; Ein Wintermärchen. volitische Zleberficht. Die �nlrüstungvkomödiauren find eifrig an der Arbeit» die Beschlüsse der Militärkommisfion für ihre Zwecke auizu« nutzen. DaS„Deutsche Tagebl." steht„in dem Vorgehen des Herrn Windthorst einen Akt, der eine Verleugnung von echtem deutschen Nationalgefühl und von wahrem Patriotismus in fich schließt, die ganz unverkennbar ist, auch wenn sie noch so ae- wandt bemäntelt und noch so spitzfindig als daS ausgegeben wird, waS fie nicht ist." Daß diese Herren mit dem mangelhaften Deutsch fich immer noch einbilden, die„deutsche Gesinnung" in Erbpacht genommen zu haben! Weiter spricht das „D. Tagebl." von„Konfliktsmomenten" und die nationalliberal- offiziöse„National-Ztg." von„etwaigen Neuwahlen". Auch ein sogmannter Freisinniger, der sächsische Landtagsabgeordnete Schreck, der eine Zeit lang als Mitglied der Fortschritts- partei dem Norddeutschen Reichstage angehörte, kann nicht um- hin, in der Komödie mitzuspielen. Seme Achterklärung gegen die freifinnige Parteileitung sucht er— als Anhänger des be- schränkten Unterthanenverstandes— darauf zurückzuführen, daß die politische Situation klar sei, nachdem Graf Moltke sich für die Militärvorlage erklärt und die Verantwortlichkeit damit übernommen habe. Die„Freist Ztg." bemerkt hierzu:„Die Vorstellung, daß Jemand glaubt, seine Verantwortlichkeit als Reichstagsabgeordneter bei der Uebemahme großer neuer Lasten durch die Berufung auf den Grafen Moltke decken zu können, ist allerdings eine unglaublich naive. Graf Moltke ist stets für alle Militärvorlagen eingetreten, seiner Zeit selbst für da« Aeternat, von welchem nicht einmal die Nationalliberalen damals etwas wissen wollten." Ganz unberührt von dem ganzen Sturm ist und bleibt nur die Arbeiterpattest Der Belagerungszustand ist für Frankfurt schon wiederholt in Sicht gewesen.„Zuerst, so schreibt die„Franks. Ztg.", nach den Entdeckungen anarchistischer Umtttebe, die Polizeirath Rumpff mit des wackeren Zeugen Horsch Hilfe ge- macht hatte, dann nach der Ennordung Rumpff's durch Lieste, und zuletzt nach der Fnedhofsattake der Polizei, die mit der Begnadigung des Polizeikommissars Meyer einen Abschluß ge- funden hat, der nach Anficht der„Kreuzztg." der Polizei die Freudigkeit und Schneidigkeit im Berufe erhalten wird. In allen diesen Fällen ist man ernstlich darüber zu Rathe gegangen, ob nicht der Ausnahmezustand zu verhängen sei; das Resultat war aber stets ein negatives. Sehr erklärlich, denn die Breuder und Genossen hatten keine Verbindung mit den Sozialdemo« kraten gehabt, LieSke'S Frevelthat war ein anarchisttscher Racheakt gewesen und am 22. Juli 1885 war die öffentliche Ruhe und Ordnung, wie die Gerichtsverhandlungen dargethan haben, weniger durch die Sozialdemokraten als durch die Polizei ge- fährdet worden. Das Ereigniß der jüngsten Zeit, mit dem man die Maßregel in Verbindung zu bttngen Veranlassung hat, ist die Verhaftung zahlreicher Sozialdemokraten bei Abhaltung einer vettraulichen Berathung im Hause des Gastwirths Prinz, eines der hervorragenden Führers der Partei. Die Untersuchung schwebt noch darüber, wahrscheinlich handelt es fich um eine „geheime Verbindung". Ohne Zweifel wird die Behörde un- verzüglich mit Ausweisungen vorgehen, denn fie allein können ja der Zweck der Maßregel auf Grund des Att. 28 deS Sozia- listengesetzcs sein, und wie man sagt, ist die Liste der Personen, denen man den Aufenthalt hier versagen will, nicht erst aufzu- stellen. Und sonst? Es bleibt Alles beim Alten, wenigstens bis zum nächsten Jahre, bis zu den ReichStagswahlen. Dann aber werden sich die Konservativen und Nationalliberalen nicht mehr wie Anno 1884 zu bemühen brauchen, einem Sozialdemo- kraten gegen einen Demokraten zum Siege zu verhelfen. Die Sozialdemokratie wird das schon allein besorgen und durch ibre Stimmenzahl zum Ausdruck bringen, was fie dem kleinen Bc- lagerungszustand zu danken bat."— Stimmt, die Verhängung de« Belagerungszustandes bedeutet mindestens einen Stimmen- Zuwachs von zehn Prozent für die Sozialisten. Zum Autrag Kayser schreibt die„Pos. Ztg.": Tie Att und Weise, wie durch Herrn v. Puttkamer das Sozialistengesetz angewandt wird, macht die gesetzlich garantitte KoalitionSfrerheit der Arbeiter vollkommen illusottsch. Bekämpft wurde der An- trag hauptsächlich von dem Vettreter der Konservativen, dem bekannten sächsischen Hofrath Ackermann, der in einer per- sönlichen Bemerkung am Schluß der Debatte ausdrücklich er- klätte, daß er im Auftrage seiner Partei gesprochen habe. Der sächsische Herr Hofrath will die soziale Frage mit Innungen, Berufsgenossenschaften und Arbeitsbüchern lösen, und wo diese Mittel nicht ausreichen, stellt er den Arbeitern im Interesse seiner Partei den lieben Gott entgegen; sein denkwürdigster Ausspruch ist der„Die Arbeiter müssen mit dem ihnen vom lieben Gott zugewiesenen Lohn zufrieden sein." So wöttlich nach dem ausführlichsten und von den Blättern verschiedener Parteien benutzten Parla- mentsbericht. Was Herr Ackermann in dem stenographischen Bettcht aus diesem weisen Ausspruche machen wird, mögen vor- läufig die Götter allein wissen. Wenn die Arbeiter nach dem offiziell beauftragten Sprecher der konservativen Partei, den Lohn von Gott zugewiesen bekommen haben und fich dagegen mem durch Anspannung der eigenen Kraft auflehnen sollen, so darf man sich füglich wundern, daß die Konservativen den Im Deutschen Theater findet heute, Sonntag, die ersto Auffuhrung von Shalespeare's„Macbeth" in neuer Ueder- setzung von Otto Giidemeister statt. Morgen, Montag, nnrv „Der schwarze Schleier", Dienstag„TerKönigslieutenantt und Mittwoch„Macbeth" gegeben. Am nächsten Donnerstag, den 23. d. M., geht das vierattige Lustspiel„Goldfische" von Franl von Schönthan und Gustav Kadclburg zum ersten Mal m Szene. Freitag, am Weihnachtsabend, bleibt das Theater Oft schloffen. Für die Weihnachtsfeiettage ist Sonnabend, 25' „Goldfische", Sonntag, 26.,„Macbeth", und Montag, „Doktor KlauS" angesetzt. Die Weihnacht«- Nußstellung mit den interessanten Sehenswürdiirkeiten Palästinas und den wunderbar mchtn™ erscheinenden Tableaux im Kaiscrpanorama übt auch in dielet" Jahre wiedn eine große Anziehungskraft auf Jung und» aus, viele Schulen haben in letzter Zeit dieselben bcjichM' Da diese Sehenswürdigkeiten nur bis zum komnrenden Fre� ausgestellt bleiben, machen wir hierauf noch besonders am merksam. Neben der Reise durch Süddeutschland gelangt l diese Woche eine Montblancbesteigung zur Ausstellung. s rt Eine totale Sonnensinsternisr gehört bekanntlich zu jL. erhabensten Schauspielen, welche uns die Natur bietet, v nächsten Jahre, und zwar am 19. August 1887, nürd e.. totale Sonncnfinsterniß stattfinden, welche auch in einem 4 d von Deutschland fichtbar ist, am günstigsten in Eydtkuhi. einer kleinen Eisenbahnstatton an der russischm Grenze.- in diesem Jahre(am 29. August) bat ein solch schönes Na schauspiel stattgefunden, welches leider nicht bei uns fia>» war. Ein Seemann, der Gelegenheit hatte, diese Sorw finsterniß während einer Seereise zu beobachten, schreibt darr_ Am Morgen das 29. August war der Himmel fast gaM gf{ nur einige Cirruswölkchcn zogen langsam südwätts, vre war vollkommen nihig. Noch strahlte die Sonne rn% vollsten Glänze; durch ein Fernrohr dieselbe beobachtend,! � wir, daß um 9 Uhr der Schatten des Monde t Sonne zu verfinstern begann. Mit bloßem Aug hiervon anfänglich nichts wahrzunehmen, nachdem � reichlich die Hälfte der Sonnenscheibe vcsdunlelt konnte man bereits eine Abnahme des Taaeslrchtes" � Die Luft erhielt ein dunstiges, graues Aussehen. In jüte herrschte schon statte Dämmerung. Jmmn inrev die Dunkelheit zu, so daß wir uns genötbiat sahen, ,��and beim Kompasse anzuzünden. Um 10 Uhr 40 Mmutenv n »lötzlich der letzte Lichtsttahl der Sonne: der«nbl'ck oeo- Tieben Gott nur als Echutzwehr gegen den Tedrauch der eigenen Kraft der Arbeiter aufrichten. Wenn der liebe Gott den Lohn für die Arbeiter angeordnet hat, so wird er doch auch die Preise der von den Groß- grundbesitzern erzeugten Produkte angeordnet haben oder jeweilig regeln. Die Arbeiter beanspruchen nur die Freiheit, die Pereinigung der eigenen Kräfte zur Erreichung besserer Arbeitsbedingungen benutzen zu dürfen. Soll ihnen das be- schränkt werden, so müßte ja den spirituserzeugenden Großgrundbesitzern z. B. auch verboten werden, sich zu Verbänden zu'ammenzuthun, um einen weiteren Preisfall des Spiritus zu verhindern, womöglich eine Preissteigerung desselben zu erzielen, wozu ihnen die Berechtigung noch von keiner Partei bestritten worden ist. Die Konservativen benutzen aber nicht nur dieses Recht, welches sie den Arbeitern verweigern wollen, sondern sie haben auch den Staat in den Dienst ihrer Privatinteressen ge- stellt, indem sie darauf hingewirkt haben, daß derselbe durch seine Zollgewalt den Preis der besonders von den Großgrund- defitzern erzeugten Produkte auf Kosten der Konsumenten hinauf- schraubt, also auf Kosten meistens ärmerer Leute. Die Stellung der Staatsgewalt in den Dienst der Privatinteressen der Groß- gcunddesitzer soll erlaubt und den Arbeitern selbst die Zusammen- lassung der eigenen Kräfte verboten sein. Da erkennt man an einem Beispiel so recht den Sinn der �konservativen Politik, sieht auch, daß die Konservativen den lieben Gott als Vogel- scheuche benutzen möchten, um die von ihnen geschädigten Be- rufsklassen von der Benutzung der eigenen Kräfte abzuhalten, während sie selber durch die von ihnen den andern gepredigte Gottesfurcht sich nicht im mindesten abschrecken lassen, neben ihren eigenen Kräften noch die des Staates in den Dienst ihrer Eonderinteressen zu stellen. Roch eine Erinnerung an den General Plehwe ver- öff entlieht ein Leser der„Danziger Zeitung." Der vierte zu dem Bunde„Plehwe, Peters, Lindenberg", welche während der Reaktionszeit das Köniasberger Bürgerthum terrorisirten, war danach der Sackträger Boywaß. Dieser körperlich riesenstarke, aber geistig wenig bedeutende Mensch war ein Werkzeug Plehwe's und wurde dazu benutzt, mit seinen Sackträger-Ba- taillonen freisinnige Versammlungen zu sprengen, überhaupt gegen das liberale Bürgerthum einen Terrorismus auszuüben. Natürlich hatte v. Plehwe, wie seine ganze Umgebung, so auch diesen Boywaß„angepumpt". Als letzterem einmal von Jemand bemerklich gemacht wurde, seine Forderung an den General v. Plehwe stehe nicht sicher, erwiderte er schmunzelnd:„Mein Geld werde ich schon kriegen." Am anderen Tage ging nun Boywaß in das damals exklusivste Kasino Königsbergs in der Königshalle, wo er v. Plehwe traf und sich ihm gegenüber setzte. Plötzlich fragte Boywaß den General, wie es denn mit seiner Forderung stehe. Die Mahnung, Geduld- zu haben, überhörte Boywaß, schlug vielmehr mit der Faust aus den Tisch und ries dem General mit Donnerstimme zu:„Habe ich bis morgen nickt mein Geld, dann hole ich es mir mit meinen Leuten!" Den Herrn General überlief ein Gruseln und er zahlte. Unseren Zünftlern halten wir einen Spiegel vor, indem wir die folgende Korrespondenz der„Schlcfischen Zeitung" aus Wien vollinhaltlich zum Wdruck bringen:„Der durch die Gewerbegesetznovelle vom Jahre 1883, welche den Befähigungsnachweis und eine zünftlerische Ab- grenzung der Gewerbercchte einführte, heraufbeschworene Kampf um den Umfang dieser letzteren dauert ungeschwächt sott. Eine Gewerbegenossenschaft will der anderen gewisse Be- sugniffe entzogen und sich gesichett wissen, und es nehmen in Folge dessen die Klagen wegen„Gewerbsüberschreitung" kein Ende. Die Früchte, welche diese monopolistischen Bestrebungen gezeitigt haben, sind meist traurigster Natur. Ter Brotneid zeigt sich in seinen häßlichsten Auswüchsen, eine erschreckende Denunziationssucht macht sich breit, und die Be- Ziehungen der einzelnen Gewerbeklassen zu einander nehmen einen derart feindlichen Charakter an, daß man schon von einer moralischen Verwilderung sprechen kann. Zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Zeit haben über diese Zustände einen Aufschluß ertbeilt, der ernste Bedenken hervorrufen muß. Eigenthümlicherweise betrachtet man den bereits zu einem Kampfe aller gegen alle gewordenen Gewerbektieg noch immer mit Porliebe von seiner heiteren Seite. Als eine der„ergötz- lichsten" Episoden desselben wird insbesondere der zwischen Zuckerbäckern und Bäckern entbrannte Kampf um den „Faschingskrapfcn" geschildett. Derselbe ist dieser Tage in letzter Instanz zum Austrag gebracht worden, nachdem er schon im vorigen Winter zu einem langwierigen Aktenwechsel zwischen verschiedenen Behörden Anlaß gegeben. Beide Theile, die Zuckerbäcker wie die Bäcker, verfechten ihren Standpunkt mit einem Aufwand von Scharfsinn und Zähigkeit, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre. Nachdem sich schließlich die um ein Gutachten angegangene Handels- und Gewerbekammer unter Berufung auf eine vor grauen Jahrhunderten giltig gewesene Hebung im Sinne der Bäcker dahin ausgesprochen, daß weder die Erzeugung noch der Verschleiß von Faschingskrapfcn durch die Bäcker den Thatbestand einer„Gewerbestörung" begründe, brachte die Zuckerbäckerpattei dieser Tage in letzter Instanz noch einmal eine Reihe von nach ihrer Anficht schwerwiegenden n>els war jetzt ein über alle Begriffe erhabener. Wo noch kurz zuvor das leuchtende Tagesgestim in Hellem Glänze strahlte, war jetzt nur ein dunkler runder Kreis zu sehen, umgeben von einer matt leuchtenden Korona, deren Licht stark von dem des umgebenden Himmels abstach. Schwache Lichtstrahlen, welche durch dunkle Streifen getrennt waren, wurden nach jeder Rick« tung hin geworfen. Die Farbe der Korona, welckeunmittelbar die dunkle Sonnenscheibe umgab, war mattweiß. Wahrend noch unser Auge bewundernd dieses Schauspiel betrachtete, wurde es vlötzlich durch eine andere Erscheinung gefesselt. Die Planeten Benus und Jupiter, ersterer nahe am Meridian, letzterer am Mor« flenhiinmel, sowie noch einige andere Sterne erster Größe funkelten wunderbarer Schönheit auf uns hernieder. Der Himmel hatte während der Verfinsterung im Zenith eine dunkelblaue, liegen den Horizont hin eine gelblich graue Farbe. Die Dunkelheit zur Zeit der totalen Finsterniß war nicht mit derjenigen der Nacht zu vergleichen, sondern ähnlich wie bei einer Mondnacht, mg auch jetzt ein gelblich graues Licht über dem Wasser ausgebreitet. Tiefe Stille herrschte ringsum, schlaff hingen die Segel an den Raaen. Ein eigenthümliches Gefühl beschlich uns alle, �nd lautlos waren wir in die Bewunderung dieses erhabenen Schauspiels versunken. Eine auffällige Erscheinung darf ich jUerbei nicht unerwähnt lassen. Der Anblick der Gesichter ver- lchredener Personen machte den Eindruck, als wenn sie mit der Magischen Todtenlampe beleuchtet wären. Die totale Finstermß d?uette etwa 5 Minuten, dann brach plötzlich wieder ein Heller ?.uhtsttahl aus der dunklen Sonnenscheibe hervor. Venus und ilupitet verschwanden nach wenigen Minuten. Immer weiter glitt der Mondesschatten über die Sonnenscheibe hinweg, und m demselben Verhältniß nahm die Helligkeit schnell zu, 1° daß, während nur die Hälfte der Sonne versinstett war, uns fcttits Tageshclle umgab. Um 12 Uhr 15 Min. endete die mnsterniß. .-Kunstwerk oder Fälschung? Aus Newyork wird be- Met: Dem Solicitor des Finanzministeriums war eine wteressante Angelegenheit zur Entscheidung unterbreitet wor- W. Vor Kurzem hatten die Geheimpolizisten des Finanz- Mnistnuims das Bild einer Fünfdollarsnote auf den Grund nut Beschlag belegt, daß dasselbe eine Verletzung der auf 'Mischung Bezug habenden Gesetze involvire. Das Bild war emem Holzblock so täuschend ausgefühtt, daß man bei erster jpjicatbtung glauben konnte, auf dem Block liege eine Fünf- des Chefs der geheimen Polizei wüte das Bild zerstört werden, doch protestitte der Zeichnerda- Gründen vor, um ihrer Anschauung zum Siege zu verhelfen. So berief sie sich auf die süße Füllung der Krapfen mit der Behauptung, die Bäcker müßten alles, was Obst sei oder vom Obst stamme, den Zuckerbäckern überlassen. Die Bäckerpmtei machte diese Behauptung durch den Hinweis darauf unwirksam, daß den Bäckern ja auch dir Erzeugung der„Mohnkipfel" er- laubt sei, daß Mohn aber doch gewissermaßen als eine Obstsorte bezeichnet werden könne. Einen weiteren Angriff stützten die Zuckerbäcker auf das Schmalz, in dem die Kravien gebacken werden; aber auch dieser Angriff wurde von den Bäckern durch den Einwand abgeschlagen, daß in diesem Fall das Schmalz nur als Hilfsmittel zur Vollendung, nicht aber als ein Haupt- bestandtheil des herzustellenden Gebäckes zu betrachten sei. So wurden denn schließlich die Zuckerbäcker mit ihren monopolistischen Gelüsten abgewiesen und den Bäckern das Recht zur Erzeugung der„Faschingskrapfen" endgillig zuerkannt. Damit wäre nun der vor Aufwerfung dieser Streitfrage herrschende Zustand wieder hergestellt, nachdem dir nutzlose Fehde zahlreiche gewerbliche Behörden zwei Jahre lang in Athem erhalten hat."— Das Bild, welches diese Darstellung von den österreichischen Verhältnissen entrollt, würde ein sprechen- des Pendant bei uns finden, wenn es nach den Wünschen der Zünftler ginge. Die Hissung der deutschen Flagge auf der westlichen Solomonsgruppe durch ein deutsches Kriegsschiff wird jetzt offiziös mitgetheilt. Eine Muckerverfügnng. In Reichenbach i. 58. ist kürzlich seitens der dottigen kirchlichen Behörden das Spielen des Chopin'schen Trauermarsches bei Begräbnissen untersagt worden. Bei militärischen Begräbnissen wird derselbe sehr viel gespielt, was haben die kirchlichen Behörden gegen ihn? Oesterreich-N«gar«. Zwei Tage bevor der russische„Regierungsanzeiger" den vielbesprochenen, für Teutsckland freundlichen Artikel brachte, erging sich die„Nov. Wr." in heftigen Angriffen gegen Oesterreich. Das Blatt, dessen Beziehungen zu Regierungskreisen notonsch sind, sprach es offen aus, daß Oesterreich der einzige Störenfried zwischen Rußland und Deutschland sei. Dies ausführend sagt„Now Wr.:„Ueberall aus seinen Positionen verdrängt, yabe die Habsburgische Monarchie gern es übernommen, eine neue Rolle zu spielen, die eines ftavischen Staates, obschon dem Wesen nach ihr ganzer innerer Organismus nach wie vor ein dem Slaventhum seind- liehet deutsch-magyarischer ist. Diese Rolle führte sie auf die Balkanhalbinsel, wo es dann sofott zu Tage trat, daß ihre Interessen den russischen durchaus feindliche-find; Oesterreich oder Rußland hieß es dort jetzt. In der ersten Zeit gelang es der Politik Bismarck's; diesen von ihr selbst geschaffenen Ab- grund zwischen Rußland und Oesterreich einigermaßen zu verdecken und in dem problematischen Rahmen des Dreikaiserbun- des schien eine modus riTendi für die Nachbarstaaten gefunden worden zu sein. Aber das dauerte nur so lange, als bis die honigsüße Reden führenden Diplomaten von den Watten zur That übergingen. Das offiziell für einen Bundesgenossen Ruß- lands geltende Oesterreich zögerte nickt, sich in Bezug auf die russischen Interessen auf der Ballanhalbinsel als ein Räuber zu entpuppen und somit sich auck als engsten Bundesgenossen einer andern Räubermacht, Englands, zu zeigen, das aus seiner russenfeindlichen Gesinnung ja nicht einmal ein Hehl macht." R«ßla«d. In der zu Alexandrowsk(in der Nähe von Petersburg) befindlichen Baumwollspinnerei von Hubbard haben 3000 Arbeiter gestreikt und die Lage war dem„Standard" zu- folge am Dienstag so drohend, daß der Polizeimeister Gresser sich mit 250 Kosaken nach der Fabrik begab. Es wurden Fenster eingeworfen und der Theilhaber der Firma, C. W. Parish, sowie seine englischen Untergebenen mit Ziegelsteinen beworfen, doch wurde Niemand verletzt. Nachdem einige 50 Personen verhaftet worden waren, ist die Arbeit wieder aufae- nommen worden. Der Streik soll durch unverständige Belästi« gungen während einer Revision des Regierungsinspektors ort» ursacht worden sein. Frankreich. In Ronbaix(Nord) haben die Arbeiter zweier Webereien die Arbeit eingestellt Die der einen Fabrik verlangen eine Lohnerhöhung; die der andern erklären bei Herstellung ge- mustert er Stoffe sei es zu anstrengend, zwei Webstühle zugleich zu führen. Der Pariser Gcmeinderath bewilligte die Herleihung eines 87 Ha. umfassenden Theils des Gehölzes von Vincennes für eine im nächsten Jahre abzuhaltende Feier des 50 jähren Be- stehens von Eisenbahnen in Frankreich und für eine Ausstellung des Eisenbahnwesens. Großbrita««i-«. Auch in England verstärkt die allgemeine Absatzstockung die Gelüste nach Absperrung von der ausländischen Konkurrenz. Lord Stanley of Vreston, der Präsident des Handelsamtes, empfing eine Deputation der Londoner Uhrmacher, welche erschien, um die Regierung zu ersuchen, durch eine gesetzliche Bestimmung zu verhindern, daß schweizer Uhren in Eng- gegen auf den Grund hin, daß das Bild ein Kunstwerk sei und einen Wctth von 500 Doll. repräsentitte. Der Solicitor hat entschieden, daß das betreffende.„Kunstwerk" nickt konfiszitt zu werden brauche. Verbranntes Papiergeld. Der Postverwalter in Schle« dusch räumte dieser Tage im summarischen Verfahren sein Bureau so gründlich auf, daß er in seinem Eifer auch ein Geld« kouvett in den Osen steckte, welches in Reichskassenscheinen 2100 Mark enthielt. Während dieses wetthvolle Heizungsmate- ttal hoch aufloderte, suchte der Beamte nach dem Gelbe, welches kurz vorher eingegangen war, und erhielt zu seinem Schrecken die Gewißheit, daß er dasselbe verbrannt. Mit großer Ge- schwindigkeit riß er die Asche aus dem Ofen und kühlte die- selbe ab: jedoch vom Gelde war nichts mehr zu finden. Den Betrag ersetzte er sofort aus eigenen Mitteln und berichtete seiner vorgesetzten Behörde den Vorfall. Nachdem durch ge« naue Untersuchung des Aschenrückstandes festgestellt worden, daß thatsächlich verbranntes Papiergeld vorhanden, sich auch er« geben, daß der genannte Brief an demselben Morgen einge- gangen, hat sich das Direktorium der Reichsbank mit Rücksicht auf die gute Fühnrng und die geordneten Verhältnisse desB»- aniten, welche eine Veruntreuung ausgeschlossen, bereit erklärt, den ganzen Betrag von 2100 Mark zu ersetzen. lieber das Zusammenschweißen von Vtetallen mittelst Elektrizität, worüber wir bereits in Nr. 295 dieses Blattes kurz berichteten, wird folgendes geschrieben: Der bekannte amerikanische Elektriker Professor Thomson hat in New-vork vor der Gesellschaft der Künste eine neue Anwendung der Elektrizi« tät gezeigt. Wenn Metallstücke, Ende an Ende, unter enormen Druck gebracht werden und ein elektrischer Strom durch dieselben läuft, wird ein vollständiges Zusammenschweißen erzielt, und zwar selbst bei Metallen, die unter anderen Umständen nicht zusammengeschweißt werden können oder bei verschiedenen Metallen. Um Stahl von Zoll im Durchmesser zu schweißen, war ein Ettom von 6000 Amptren, der eine elektromotorische Kraft von einer halben Volta hatte, nothwendig. Es wurde konstatitt, daß die Anwendung von 35 Pferdekraft, eine Minute lang, Stahl von der obigen Dicke ohne einen Hammer« schlag oder die Anwendung von Wärme zusammenschweißt. Auch kann in dieser Weise Stahl an Messing geschweißt werden. Ein neuer Ealomon. Aus San Franziska vom 24. Nov. schreibt man dem„Nürnb. Anz.": Ein neuer Fnedensnchter da- hier hat vor Kurzem in einer Bagatellverhandlung folgende Ansprache an die Geschworenen gerichtet ehe diese sich zur Be- land mit der englischen Hall-Mark, mithin als Uhren englischen Fabrikats verkauft werden. Die Wortführer der Deputation hoben hervor» daß das Darniederliegen der englischen Uhren« industtie hauptsächlich dem Umstände zuzuschreiben sei, daß in England jährlich tausende von Uhren als englikche verkaust werden, deren Werke oder Gehäuse ausländische Fabrikate, vev« sehen mit der englischen Hall-Mark, seien. Entweder würde« ausländische Werke in englische Gehäuse gesteckt oder auslän« dische Gehäuse mit der englischen Hall- Mark versehen. Der Minister versprach, das Anliegen der Deputation in reifliche Erwägung zu ziehen und alles zu thun, was in den angedeu» teten Richtungen gethan werden könne. Die große Blech- und Eisenfabrik in Pott Talbot und Aberavon(Wales) wurde geschlossen, weil die Arbeiter, etwa 1500 an Zahl, eine Lohnherabsetzung von 10 pCt. beanbeten. OerichtsZeitmtg. Reichsgerichts- Entscheidung.(Nachdruck verboten.) Leipzig, den 16. Dezember.(Die Versicherung von Arbeitern gegen Unfälle.) Der Mühlenbefitzer Johann Heller von Günthers- thal in Bayern hatte seine Knappen und Buttchen bei der Allgemeinen Verfichenmgs-Attiengesellschast in Magdeburg versichert und\ der Kosten selbst getragen, während das andere Drittel den Arbeitern vom Lohne abgezogen wurde. Im Ok- tober 1880 kam der Mühlenbuttcke Georg Schlenk, welcher zu den Verfichetten gehörte, auf geheimnißvolle und unerklätt ge» hliebene Weise in der Mühle Heller's zu Tode: man fand ihn zwischen dem Mahlwerke vollständig zerquetscht vor. Ebenso verlor im Januar 1883 der Mühlbursche Johann Georg Ziegler in jener Mühle sein Leben, indem er zwischen dem Rädergetriebe in der Pegnitz ettrank. Für den crsteren erhielt Heller von der Verficheiungsgesellschaft 1200 M-, für letzteren 800 M-, welche Gelder er in seinem Nutzen verwandte. Alles dies nun ttef dm Verdacht hervor, daß Heller die jungen Leute absichtlich habe„verunglücken" lassen, um sich dadurch in dm Besitz der Versicherungssumme zu setzen. Bestättt wurde der Verdacht noch dadurch, daß die Vermögensverhältnisse Hellers nicht die besten waren. Eine Untettuchung wegen Mordes wurde auch thatsächlich vom Landgerichte gegen ihn eingeleitet, doch mußte das Verfahren eingestellt werden, weil das Beweismaterial zu gering war. Indessen, das Gettcht hatte sich der Sache von emem anderen Gesichtspunkte aus an« genommen. Die Angehöttgm der verunglückten Mühlburschm hatten nämlich von Heller die Auszahlung der Verficherungs- summe verlangt, waren aber von ihm zurückgewiesm worden. Erst als der Dater des Ecklenk mit einer Anzeige drohte, ließ Heller sich herbei, 600 M. herauszuzahlm. Bezüglich des Ziegler ließ er es bis zur Klage kommen und zahlte dann erst 850 M. und einen Zentner Backmehl an die Eltern, in welchem Bettage die Auslagm der letzteren einbegriffen waren. Nachdem nun so die Sache in ihren Einzelheiten zur Kenntniß des Gerichts gekommen war, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage wegen Betruges, verübt an den Hmterbliebmm der verunglüeftm Arbeiter. Das Landgericht Nürnberg sprach denn auch am 13. Oktober die Vcruttheilung Hellers wegen Betruges in zwei Fällen zu 1 Monat 15 Tagen Gefängniß aus. Das Gericht ließ die Frage uneröttett, ob der zwischen Heller und der Ge» sellschaft abgeschlossene Vcrsicherungsverttag ein Vertrag zu Gunsten dritter war und bezeichnete es als unbestreitbar, daß. dm Arbeitern resp. deren Hinterbliebenen ein eigenes Klagerecht gegenüber der Gesellschaft nicht zustand, sondern nur dem Angeklagten. Gleichwohl, so fühtte das Gericht weiter aus, hat die von Schlmk aus eigenen Mitteln mitbezahlte Prämiensumme(X) außerhalb des Haftpflichtgesetzes nicht die Bedeutung, daß der Versicherungsnehmer(Heller) nur befugt sein solle, die Summe für sich zu erheben und zu benutzen; dies würde gegen die guten Sitten verstoßen. Die Betrags- bestimmungm m der Polize weisen auch darauf hin, daß die Versicherungssumme dem verunglückten Arbeiter bezw. dessen Hinterbliebenen zufließen soll und zwar durch Vermittelung der Arbeitgeber. Hat er die Zahlung angmommm, dann ist er auch zur Erfüllung des Zweckes verpflichtet und die Hinter- bliebenen erhalten ein Forderungsrecht gegenüber dem Ver- ficherungsnehmer. Das Thatbestandmoment der Täuschung werde darin erblickt, daß die Angehörigen darüber im Jrtthum erhalten warm, daß die Verunglückten selbst einen Theil des Verfichcrungsgeldes bezahlt hatten. Bei Ausmessung der Strafe werbe berücksichtigt, daß schmutziger Eigennutz das Motiv der That war.— Die Revision des Angeklagten gegen dieses Ur- theil, welche am 16. Dezember vor dem l. Strafsenat des Reichsgerichts zur Verhandlung kam, suchte nachzuweisen, daß die Hinterbliebmen, da sie am Verflcherungsvettrage nicht betheiligt warm, auch kein Anrecht auf die Versicherungssumme hatten; eventuell wurde für versuchten Betrug anstatt des vollendeten gesprochen. Der Reichsanwalt erachtete jedoch das Anrecht der Hinterbliebenen an den Versicherungssummen durch dm Umstand für genügend nachgewiesen, daß die Verunglückten selbst Beiträge zu dm Prämien gezahlt hatten und fand auch in anderer Beziehung das Uttheil durchaus bedenkenfrei. Das Reichsgericht trat dieser Anschauung bei und verwarf des- halb die Revision. rathung zurückzogen:„Meine Herren! Sie haben gehött, was der öffentliche Ankläger zu sagen hatte, wenn Sic ihm glauben, mussm S,e den Angeklagten unbedingt schuldig finden. Sie haben aber auch vemommm, was der Vettbeidiger des Angenagten vorgebracht; glauben Sie diesem, so wird Ihnen nichts anderes ubng bleiben, als ein Nichtschuldig auszusprechen. Wenn Sie aber, meine Herren Geschworenen, wie ich es thue, allen Beiden nicht glauben, nun. dann verdamm mich Gott, wenn ,ch weiß, was Sie mit dem Gefangenen thun sollen." Die Geschworenen haben dann auch nach der Jnsttuktion des wei en Richters gehandelt und brachten folgendes salomonisches Uttheil zu Etande:„Wir finden den Angeklagten nicht schuldig, warnm ihn aber, daß er sich in Zukunft nichts mehr zu Sckut- dmkommm läßt, sonst müßten wir ihn ins Staatsgefängniß >.- Kungettkünstler Merlatti hat am Mittwoch Abend das Ziel seiner Magiaen Fastenzeit glücklich erreicht und nahm Abends an dem Bankett im Grand-Hotel, für welches auf dm Boulevards eine nefige Reklame gemacht wurde, Theil. Tie Aerzte flößten ,hm zuerst Bouillon ein, er konnte sie ober nicht behalten und erbrach sich. Sein Magen vertrug nur einen eigen« zuberettetm Wem. welcher die Aufnahme anderer Nah. rungsmittel vorbereiten soll. «we magnetisch gemachte Nähnadel fanden der Hand der Tockttr des mglischm Elektrotechnikers Preeee ein mit anderen Mitteln absolut nicht auffindbares Stückchen einer ab- gebrochenen Nadel Die magnetische Nähnadel wurde von Preeee mittelst eines emfachm CoeonfadmS an einem leicktm Arm w emem bugelförmig gebogenen Papierstreifen aufgehängt wm letzteren auch mit unter den Hammer gebracht hat, wird nicht gemeldet. Produktiv- und Kohstoff-Geno sten schast der Schneider zu Kerlin(E. G.) (von Mitgliedern des Fachvereins der Schneider gegründet), I. Geschäft: Zimmerstr. 30, 2. Geschäft: Lothringerstr. 51(Ecke Weinbergsweg), empfiehlt ihr Lager fertiger Herren-Garderobe, sowie ein reichhaltiges Lager in- und ausländischer Stoff», ebenfalls Kutter, Körte und Knöpfe.[731 Serren-Garderoben werden nach Maatz angefertigt. Solide Preise. Der Vorstand und Verwaltungsrath. 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Die Leihhaus-Vcrwaltnng. mm Hi lisillilli- rrf|| ssl||sf|| &=i � ? y's s| i 'Kai'5' jS.ftS-B O!C■» m I s SS1 N M TS* * 5 SSV- tl> B. ''Ss�3' rsg b i a a-_" 3 1____ d« 16dl U.NZZ"•" Beilage zum Berliner Bolksblatt. Ur. 297. Sonntag. Ken 19. Dezember 3. Jahrg. V arlamentsberichte. Deutscher NeichStag. 13. Sitzung vom 18. Dezember, l Uhr. Am Tische des Bundesrats von B o e t t i ch e r. Eingegangen Und zwei Gesevcntwürfe, betreffend die Für sorge für die Wittwen und Waisen der Angehörigen des Rerchshceres und der Marine, und betreffend den Verkehr mit Kunstbutter. Präsident v. Wedell-Piesdorf: Es ist von vielen Seiten die Bitte an mich gerichtet worden, schon beim Beginn der heutigen Sitzung meine Absichten bezüglich der Weihnachtspause zu verkündigen. Ich habe die Absicht, dem Hause vorzuschlagen, die nächste Sitzung nach Weihnachten am 7. Januar und heute die letzte Sitzunq vor den Ferien zu halten. Abg. v. Koller(zur Geschä'tsordnung): Es ist verständlich, daß der Wunsch überall laut und rege geworden ist, die Weih- nachtskerien zu beginnen. Auch meine politischen Freunde und ich haben das Verlangen, nach dem ersten angestrengten Theil der Session, sobald die Verhältniffe es erlauben, in die Ferien zu gehen. Wenn ich trotzdem den Herrn Präsidenten bitten möchte, die nächste Sitzung nicht erst nach den Ferien, sondern am nächsten Montag anzuberaumen, so bedarf diese Bitte nur einer ganz kurzen Motivirung. Die Reichstagsverhandlungen haben uns in ihrem ersten Thcile eine für das Vaterland und die allgemeinen Jntereffen so wichtige und schwerwiegende Vorlage gebracht, daß wir gehofft hatten, sie vor Eintritt in die Ferren zum Abschluß zu bringen. Wenn nun dre Militärkommrssion gestern beschlossen hat, die Sitzungen abzubrechen wesentlich unter der Motivirung, weil keine Plenarsitzungen mehr statt- sinden und die Vertreter der verschiedenen Parteien in Folge dessen nicht in der Lage seien, mit ihren Freunden genügend zu berathen, so würde, wenn es gelänge, für Montag noch eine Plenarsitzung anzuberaumen, in dem Umstände für die Militärkommisfion mir ein genügender Grund vorzuliegen scheinen, noch die zweite Lesung ihrer Beschlüsse, welche m einer Lesung sich wird bewerkstelligen lassen, vorzunehmen. Präsident: Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Kom- misfionsfitzunqen stattfinden, während Plenarsitzungen nicht ab« gehalten werden. Abg. Richter: Die Ausführungen des Abg. v. Köller können nach außen nur bei solchen Eindruck machen, die sich in völliger Unkenntniß über die wirkliche Lage der Dinge de- finden. Die Militärkommisston ist bei ihrer Vettagung von der Voraussetzung ausgegangen, daß der Präsident nicht be- absichtige, über Freitag Sitzungen abzuhalten. Die heutige Er- klärung des Präsidenten hat bestätigt, daß sie sich in dieser Vor- aussetzung nicht getäuscht hat, jeder, der auch nur eine ent- fcrnte Vorstellung von Kommissionsberathungen hat, wie ich sie auch bei Herrn von Köller voraussetzen muß, weiß, daß zum Abschluß der Arbeiten nicht blos die Abstimmung, sondern auch die Feststellung eines Berichtes gehört; und Jedermann, der die Bedeutung der Vorlage würdigen kann, weiß, daß es an- gemessen ist, bei den Gegensätzen, die in der Kommission her- vorgetreten sind, einen schnftlichen Bericht zu erstatten. Ein , Referent kann aber, wenn er nicht so ein militärisches Talent wie Herr v. Köller ist, bis Montag einen Bericht über diese Vorlage nicht erstatten. Tie Bemerkungen des Abg. v. Köller waren also überflüssig und durch nichts gerechtfertigt; sie können nach außen nur bei denen Einfluß ausüben, die nicht das mindeste Verständniß für parlamentarischen Geschäftsgang haben. (Lebhafter Beifall links.) Abg. Windthorst: Sie(rechts) wünschen dre Fortsetzung der Kommissionsberathunaen, weil Sie fürchten, daß Ihre offiziösen Blätter noch nicht genügend Material haben, um den Reichstag und seine Kommission anzugreifen. Die ganze Tendenz in diesen Blättem ist doch keine andere, als den Reichstag und seine Kommisston so hinzustellen, daß das Volk glaube, daß dasjenige nicht geschehen sei, was hätte geschehen können und sollen, und daß dazu Wahlvorbereitungen gehören. Das Verstcck- spielen muß endlich aufhören. Der Reichstag ist über die aus- wattige Lage wenig unterttchtet; wir sind auf die bloße Ver- sicherung der Regierung angewiesen, und diese hat uns genügt, um zu sagen: Haltet Ihr wirkich die Gefahr für so groß, dann stellen wir Euch die ganze Sache zur Disposition. Die Herren (rechts) haben anscheinend Lungenübungcn nöthig(Heiterkeit), wenn sie dieser Sachlage gegenüber sich in großen Reden er- gehen. Ich will Ihnen nachweisen, daß alles dewilligt worden Kerlmer Sonntagsplauderei. R. C. Wovon soll man heute anders sprechen, als vom Weihnachtsfest? Selbst wenn man nicht wollte— man muß, denn die Knarre knarrt es Einem zu und der Wald- teufel brummt eS im Kontrabaß, und beiden wohltönenden Und nervenanregenden Znstrumenten kommt zu guterletzt noch die menschliche Stimme zu Hilfe. Zn wenigen Tagen also wird der Weihnachtsbaum„im Palast und in der Hütte" erstrahlen, und eitel Fttede und Freude wird auf Erden herrschen. Das ist so natürlich und selbstverständlich, daß Man darüber kaum noch ein Wott zu verlieren braucht, denn von Alters her ist das schon immer behauptet worden. Man sollte daher die schönen Zllusionen eigentlich nicht zerstören, denn es nützt Niemandem etwas, wenn man sagt, daß im Großen und Ganzen das Weihnachtsfest doch nur eine ver- fehlte Einrichtung ist, daß es ebenso gut wie alles Andere im besten Falle nur ein Fest ist, welches den oberen Zehn- tausend zu Gute kommt. Trotzdem macht das geschäftige Treiben auf den Straßen, daS eilende Gedränge kauf- und schaulustiger Menschen einen ganz eigenattigen Eindruck, und der Weihnachtsmarkt übt immer noch seine alte Anziehungs- kraft aus. Zum ttchtigen Weihnachtsmarkt gehött nun aller- dings Schnee, und es ist wittlich nicht einzusehen, weshalb der Himmel noch kein Einsehen gehabt und die alte Erde mit dem weißen Unschuldskleide angethan hat. Wahrschein- lich will der Magistrat die Abfuhttosten, die ein tüchtiges Schneegestöber ja immer mit steh bringt, sparen, und es ge- winnt fast den Anschein, als ob einer von den Vielen, die aus der städtischen Verwaltung in letzter Zeit dieses irdische Zammetthal mit dem unbekannten Jenseits vettauscht haben, einen Pakt zu Gunsten der Stadthaupttasse mit Herrn Petms oder irgend einem anderen Wetterinacher abgeschlossen habe, um gerade zur Weihnachtszeit dem Magistrat erhöhte Aus- gaben zu ersparen. Es wäre auch unerhört, wenn gerade i« Weihnachten Löhne an Arbeitslose gezahlt werden müßten, Man braucht im Sommer das Geld viel nöthiger zur An- mge von Asphaltstraßen und anderen ähnlichen nützlichen (Sinttchtungen. Ueberhaupt läßt sich nicht vettennen, daß man dem Er- ist. Fünf Regimenter Infanten« definitiv für das Ordinarium, genau wie die Regierung verlangt hat; nur die Bewilligung auf 3 Jahre weicht von dem Vorschlag der Regierung ab. (Unruhe rechts.) Der Präsident unterbricht den Redner mit dem Hinweis, daß diese Ausführung über das Bereich einer Bemerkung zur Geschäftsordnung hinausgehe. Abg. Windthorst: Die Ausführungen des Abgeordneten von Köller geben ganz bestimmt zu allen meinen Bemerkungen Anlaß. Der Präsident will dem Abg. Windthorst, soweit zur Widerlegung der Vorredner nothwendig, das Wott lassen, bittet ihn aber, nicht eine sachliche Debatte über die Militär vorläge hervorzurufen. Abg. Windthorst: Die Unterbrechungen und Zwischen- rufe der Gegner, ihre nicht artikulitten Reden find für mich so wichtig wie die anderen, und ich muß deshalb weiter darlegen, was in der Kommission verhandelt worden ist. Es md weiter die Bataillone vollzählig bewilligt worden. muß erwähnt werden, damit wir ebenso wie Herr von Köller sagen können: wir haben die Unge> duld befriedigt, soweit es möglich ist nnd soweil die Gründl lichkeit es gestattet. Sie scheinen jetzt heidenmäßig viel Geld zu haben; wenn Sie aber Zölle auf Getreide haben wollen, dann ist Armuth im Lande. Wir hätten die Kommission� berathungen fortgesetzt, wenn es uns möglich gewesen wäre, die nöthige Rücksprache mit unseren Fraktionsgcnoffen zu nehmen. Auf den Plan des Präsidenten, die Geschäfte einzurichten, haben sich aber die Herren verlassen, sind in die Heimath gegangen und können jetzt nicht so rasch wiedettehren. Wir müssen gründlich prüfen; wir fahren eben nicht im Kabttolet, wir fahren gründlich im Frachtwagen.(Heiterkeit.) Wenn nun die Sache so liegt, so können wir die Vorwürfe der Verzögerung, die man uns macht, gut ettragen. Man wird im Lande begreifen, daß sie lediglich dadurch entstanden ist, daß die Regierung uns so spät berufen hat und wir nothwendig haben, nach allen Seiten zu prüfen, ehe man so enorme Lasten dem Lande auslegt. Wenn Sie glauben, hieraus irgend welchen Nutzen für Ihren Fanatismus für Auflösung ziehen zu können, so thun Sie es. Ich bin bereit, die Auflösung hinzunehmen. Der Wahlaufruf ist bereits fettig und ich bin überzeugt, daß er alle Ihre Pläne durchkreuzt(Beifall links). Staatssekretär v. Bo-tticher: Meine Herren, ich habe zu- nächst das Bedürfniß, hm Hrrn Abgeordneten zu sagen, daß die Regieningen und Se. Majestät der Kaiser, denen allein das Recht zusteht, den Reichstag aufzulösen, sich zu diesem ihren Entschluß von keiner Seite drängen lassen(Beifall rechts), daß sie diesen Entschluß fassen werden nach eigener Initiative und nach Maßgabe der Umstände. Zweitens habe ich auf einen Widerspruch aufmerksam zu machen, der in den Aus- führungen des Herrn Vorredners bezüglich der Militärvorlage erkennbar wurde. Er sagt: wir werden in der zweiten Lesung die Finanzfrage einer sorgfältigen Eröttcrung unterziehen. Er will also noch von der Prüfung der Finanzlage seine Bewilligung abhängig machen. (Hött! hött! rechts.) Dieser Widerspruch ist uncr- klärt. Dann, meine Herren, habe ich aber— und ich spreche dies im Namen der verbündeten Regierungen— dem lebhaftesten Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß die wichtige Vorlage, welche der Militärkommission überwiesen ist, nicht zu dem Zeitpunkte zum Abschluß gefördett worden ist, welcher, wie Ihnen wiederholt und dringend versichett worden ist, innegehalten werden muß, wenn die geplante Verstättung der Armee mit dem Beginn des neuen Etatsjahres ins Leben treten soll.(Beifall rechts.) Ich habe dem lebhaftesten Be- dauern darüber Ausdrück zu geben, daß die im Namen Sr. Majestät deS Kaisers bei der Eröffnung deS Reichstags ausgesprochene Zuversicht, daß die Vertreter des Volkes mit voller Entschiedenheit die Nothwendigkeit dieser im Interesse der allge- meinen Sicherheit des Vaterlandes unerläßlichen Maß- regel anerkennen würden, sich nicht erfüllt hat.(Hött! hött! rechts). Abg. v. Köller: Auf die Details des Herrn Richter gehe ich nicht ein; sie find nur dazu bestimmt, den Eindruck meines Wunsches im Lande zu verwischen, was aber Herm Richtern nicht gelingen wird. Woher kommen denn die Herren Richter und Windthorst zu ihrer gereizten Etim« mung? Aus dem Gefühl, daß sie in dieser Frage eine schiefe werbe gerade jetzt zur Weihnachtszeit möglichst wenig Schmie- rigkeiten in den Wig legt. Ein paar Zungen handeln mit Schäfchen, sie werden bei diesem Handel später mindestens Bleichröders, wenn nicht gar Rothschilds werden,— man sieht das schon daraus, daß sie keinen Gewerbeschein lösen. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich eben bei Zeiten. Ist es nicht wittlich eine Forderung der allerhöchsten Ge- rechttgkeit. wenn gegen solche Burschen in durchaus euer- gischer Weise vorgegangen wird? Welche Unsummen mögen dem armen FiskuS nicht schon durch ähnliche kleine Defrau- danten entzogen sein, wie soll Staat und Gesellschaft ihren schweren Pflichten nachkommen können, wenn sie in so doloser Weise über die hochgeschätzten Ohren gehauen werden? Der Schutzmann, der die gewerbcscheinlosen Zungen verhaftete, hat uns von einem schweren Alp befreit, jeder mag ruhig schlafen,.es werden keine Schäfchen mehr ohne Gewerbe- schein verkauft, und wer den klassischen VerS; Schaf und Lamm Zusamm' Zehn Pfennig— hött, weiß nunmehr, daß Alles in Ordnung ist. Außer diesem schönen und wahrscheinlich auch neuen Verse hat der Weihnachtsmattt, soweit es uns vergönnt war, ihn in Augenschein zu nehmen, nicht viel OttginelleS pro- duzitt. Die Knoblauchwürste ttechen noch genau so wie vor einem Zahre, Hunde ergriffen, vielleicht aus verwandtschaftlichen Rücksichten, vor ihnen die Flucht, und daß man den General KaulbarS auf den Berliner Weihnachtsmarkt brachte, la r so nahe, daß man von der Zdee nicht viel Aufhebens zu machen braucht. Man soll dem Berliner nicht nachsagen, daß er unga- lant oder gar unpoetisch wäre. Bis letzt sagte man den alten Griechen und Römern nach, daß sie die Erscheinungen der Natur in dichterisch verklärter Weise zu personifiziren verstanden. Für jeden Bach, für jeden Baum hatten sie ihre Gottheit,— aber wir Berliner sind ihnen über, wir haben auch für daS, was der Sattler oder Tapezirer k>er- stellt, eine Personifikation gefunden. Galant ist es nicht, was wir sahen, aber hübsch. Man hat den GeniuS der Tournüre plastisch dargestellt und zwar in Gestalt eines Ko- sind. Wir wollen gern auch in der nächsten- Zeigen auch Sie Emst in der Sache und ver-- nicht hinter Kleinigkeiten und Formalitäten. Bahn gegangen Woche arbeiten. stecken Sie sich (Beifall.) Abg. Marquardsen: Ich sehe gar nicht ein, wie dieser für uns ebenso wichtigen Angelegenheit wie für die Regierung gedrent sein soll durch irgend eine Plenarsitzung am Montag. (Zustimmung links.) Meine Freunde werden deshalb gegen den Antrag Köller stimmen. .. Abg. v. Helldorff: Es ist doch geradezu eine Unterstellung des Abg. Wrndthorst, daß wir lediglich Material für die offi» zröse Presse schaffen wollen, oder auf eine Auflösung hinar- betten, Lungenübungen anstellen wollten u. dergl. Es ist uns emfach Ernst um die Sache. Die Kommission hat irgendwelche Schwierigkeiten gar nicht mehr vor sich. Eine Hinausschiebung der zweiten Lesung rn der Kommission bis nach dem Fest bedeutet eine Verzögerung um Tage, ja Wochen. Um dies vor dem Lande klarzustellen, haben wir diesen Antrag gestellt.(Beifall rechts.) Abg. Richter: Eine gereizte Stimmung war bei mir gar nicht vorhanden. Ich sprach etwas lauter, weil ich von der Rechten, welche heute etwas schwerhöriger zu sein scheint, dazu aufgefordert wurde. Ich bin Ihnen im Gegentheil für Ihre Anregung dankbar, Sie haben uns dadurch ermöglicht, das große Lügengewebe der Reptilicnpresse durch das Licht der Oeffentlichkeit vollständig zu zerstören.(Rufe rechts: Au!) Zu einer Kritik der Köller'schcn Rede halte ich mich allerdings für berechtigt, denn ich bin der Meinung, schon aus Höflichkeit, daß man Alles kritisiren soll, was man nicht unter der Kritik findet.(Heiterkeit links.) Niemand würde mehr in Ver- legenhcit kommen, als die konservativen Herren selbst, wenn wir ihnen den Willen thäten und am Montag Sitzung hielten. Sie haben ja Alle Ihre Koffer längst gepackt,.. Ihre.Reisedispositionen längst gettoffen. Für uns Berliner wäre das gar nicht schlimm, am Montag hier- her zu kommen. Sie haben Ihren Antrag gestellt in der sicheren Hoffnung, daß er nicht angenommen werde.(Sehr gut! links.) Herr v. Boetticher hat die Sache so dargestellt, als ob eine feierliche Aufforderung an uns gerichtet worden wäre, bis Neujahr diese Vorlage zum Abschluß zu bttngen.. Mrr rst von solchen Aufforderungen bisher nicht das Mindeste bekannt geworden. Diese Auffassung steht sogar im direkten Widerspruch mit den Worten des Kriegsministers in der Kom- Mission, daß es vollständig genüge für eine Vorbereitung zur Auistellung der 41 000 Mann, wenn eine Entscheidung um Neujahr herum gettoffen würde. Der Kriegsminister und Graf Moltke haben hier ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sehr gründliche Mittheilungen über die statistischen Verhältnisse der Wehrkraft in den Nachbarstaaten in der Kommission würden gegeben werden. Allein die Mittheilungen der Regierung haben nahezu', der ganzen Zeit in Kommission eingenommen. Die Vorbereitungen im Kttcgsministcriunr waren gar nicht soweit gediehen, um der Kommisston eine klare Ucberficht über die Verwendung der 41 000 Mann zu ermöglichen. Diese Statistik von Seiten der preußischen Verwaltung ist uns ettt am Dienstag mitgetbeilt, von der sächsischen und württembergi- schen erst gestern und von der bayerischen überhaupt noch nicht. (Hört, hört! links.) D>e Vorlage kann nicht früher an das Haus gelangen, als bis der schrrftliche Bcttcht festgestellt ist. Nur das eine Tröstliche entnehme ich aus der scharfen Rede des Herrn v. Boetticher, daß die auswättigen Verhältnisse in diesem Augenblick fttcdlicher sein müssen, als Viele sich vor- stellen. Staatssekretär v. Boetticher: Ich lehne den Vorwurf ab, als ob durch meine Bemerkungen irgend eine Aeußerung abgegeben sein sollte, welche sich auf die Beziehungen Deutsch. lands zum Auslande richtet. Das hat mir durchaus fern gelegen. Ich bin auch nickt dazu ernrächtigt, mich über auswärtige Politik zu verbreiten. Wie gesagt, ich kann es nur auf das Aeußerste beklagen und ich wiederhole es, im Namen der ve bündeten Regierungen beklagen, daß die in der Eröffnungsrede zum Ausdruck gelangte Zuversicht Sr. Majestät des Kaisers, des eifttgsten und berufensten Wahrers der Sicherheit des Vater- landes, bisher nicht in Erfüllung gegangen ist.(Lebhafter Verfall rechts.) Abg. Rickert: Es ist ohne Beispiel in der parlamentari- schen Geschrchte, daß man uns hier kritisitt wie die Schulkinder. (Sehr richtig! links.) Herr v. Boetticher muß den Kommissions. boldS, der mit einem Orang-Utang verzweifelte Aehnlichkett hat. Wir brauchen uns nicht auf technische Erötterungen einzulassen, viele unserer Leser und Leserinnen werden den. Mechanismus bereits gesehen haben, der an den Kehrseiten kleiner geputzter Puppen angebracht ist, und der sich durch einen Druck öffnet. Der Kobold, der da hinten heraus- spttngt, fordert unwillkürlich zu �Vergleichen heraus, wir sind ledoch nicht grausam genug, denselben hier Raum zu geben. Zn vielen anderen Beziehungen wirft das Weihnachts- fest seine Schatten voraus. Es ist eben aus Freude und Enttäuschungen zusammengesetzt. Wir sprechen natürlich nicht davon, daß die Militättommission der Regierung ihre Soldaten, die leider nicht von Blei sind, erst nach Weih- nachten schenken wird, sondern von anderen Sachen. Dem gewöhnlichen Sterblichen ist es beispielsweise heute kaum möglich, eine Pferdebahn zuAienützen, er ist unter Packet«, und Schachteln der mitfahrenden Damen vergraben daß kaum seine Nasenspitze freibleibt. Man muß es doch dazu haben, sonst würde man nicht so viel einkaufen. Allerdings sind eS auch hier wieder ausschließlich die Vertretettnneu der sogenannten„besseren Stände", die im Stande sind, ihren Ehegatten das zu Weihnachten so überaus erforderliche Herzeleid zu verursachen. Zn anderen Kreisen geht es anders zu; man kauft das durchaus Nothwen- dige, und damit ist man fertig. Von einer besonderen Festfreude ist da wenig zu spüren, aber man ist wenigstens davor geschützt, daß man nicht unnütze Sachen kauft für die man fast niemals Verwendung hat. Es ist nämlich im Grunde genommen doch ganz glcichgiltig, ob der Familien- vater sich den Rock, den er schon längst gebraucht hätte, zu Weihnachten zulegt, oder ob er denselben schon vor vier Wochen gekauft hätte, oder ob der Zunge die Stiefel, die er nöthig hatte, als Weihnachtspräsent erhält— das kommt auf eins heraus. Man will jedoch Weihnachten feiern, und wem wollte man das verdenken, und so feiert man es eben in dieser Weise. Die Hauptsache ist und bleibt, daß man, wie die weisen Leute sagen, sich nach seiner Decke streckt, den Mund hält und sich andere Leute amüsiren läßt.— Atzungen nicht beigewohnt haben, sonst hätte er nicht so halt« lose und unbegründete Vorwürfe gegen die KommisfionSmcho« r-.tät ausgesprochen. Ich frage Herrn v. Boetticher: wenn Sie solche Eile hatten, warum haben Sie uns erst am 25. November berufen? Glauben Sie, daß es uns mit der Wehrkraft des Landes nicht ebenso Ernst ist wie Ihnen?(Rufe rechts: Ja! Große Unruhe links; Rufe: Pfui!) Das ist eine unerhörte Verleumdung und Ueberhebung. Präsident v. Wedell-Piesdorf: Die eben gebrauchte Wendung ist unparlamentarisch, und ich würde den Redner zur Ordnung rufen, wenn sie gegen eine bestimmte Person gerichtet gewesen wäre. Abg. Rickert(fortfahrend): Ich bitte um Entschuldigung, aber meine Worte sind verzeihlich, wenn einem Manne hier vorgeworfen wird, daß ihm nicht soviel an der Wehrkraft des Lsaterlandes liegt wie Anderen... Präsident v. Wedell-Piesdorf: Hätte ich diesen Vor- wurf von Jemandem gehört, so würde ich den Betreffenden zur Ordnung gerufen haben.(Rufe links: mehrere!) Abg. Richert(fortfahrend): Es ist in der That kein er« hebendes Beffpiel nach außen, daß in dieser Weise Vertreter der Majorität des deutschen Volkes dehandelt werden. Wenn Sic unseren Patriotismus zu bezweifeln wagen und unseren Ernst die Wehrhaftigkeit des Vaterlandes zu befördern, so ist das die beste Kritik, die Sic sich selbst damit ausstellen. Jeden Mann und Groschen konnten Sie haben, wenn Sie nur dem Antrage Windthorst zustimmten, allerdings für ein Jahr(oh! rechts). Genügt Ihnen das nicht? (Rufe rechts: nein!) Die konservative Partei erklärte sich allerdings gegen den Antrag, noch ehe der Kriegsminister auf- stand. Wir können es nicht übers Herz dringen, einer solchen dauernden Forderung eins, zwei mit einem einfachen Hurrah zuzustimmen.(Beifall links.) Abg. Windthorst: Ich habe die Ueberzeugung, daß wir die Berathungen der Kommisston aufs rascheste zum Abschluß bringen werden, und wenn hier angedeutet ist, daß wir noch eher als am 7. Januar wieder zusammen treten könnten, so habe ich da« gegen nichts einzuwenden. Ich macheSie ober darauf aufmerksam, daß der Berichterstatter nicht vor dem I.Januar fertig sein kann. Herrn v. Boetticher gegenüber hebe ich dann noch hervor, daß wir es nicht sind, welche zur Auflösung drängen. Wir erwarten sie aber mit der Ruhe und Sicherheit des Sieges. Keine Partei sollte die Prätention erheben, patriotischer zu sein alZ die andere. Wir stehen alle auf gleichem Boden, find Söhne desselben Vaterlandes und bereit, für dasselbe das Aeußerste zu thun, aber mit Bedacht. Mit ruhigem Schritte haben unsere Bataillone ihre Siege erfochten.(Beifall im Zentrum und links.) Abg. v. Helldorff: Ich habe keiner Partei den Vorwurf gemacht, weniger patriotisch zu sein; wenn Herr Windthorst aber meint, wir müßten ruhig vorwärts gehen, so ist das ge- wissermaßen ein Vorwurf, als ob wir die Sache übereilt hätten. Der Abg. Richter hat sich ein großes Verdienst da- durch erworben, daß er durch seine Details in der Kommission eine klare Einsicht dem Lande darüber verschafft hat, daß eine so sachverständige Kritik nicht im mindesten den Erfolg gehabt hat, das Vertrauen zu der gründ- lichen Arbeit der Heeresleitung zu erschüttern; sie hat es viel« nichr im höchsten Maße befestigt. Abg. Dr. Haarmann: Es ist vorhin vom Redner der nationalliberalen Partei gesagt, alle meine Freunde würden gegen den Antrag v. Köller stimmen. Nun wird aber Hassent- iich Herr Dr. Marquardsen mich auch ferner noch zu seinen Politischen Freunden zählen, auch wenn ich für den Antrag von Köller stimme._(Bravo! rechts.) Ob der Antrag v. Köller die Sache beschleunigen wird, weiß ich nicht(Lachen links), aber trotzdem stimme ich dafür, auch wenn er nurstdie Bedeutung einer Demonstration hat(hört! links.— Aha!). Abg. Richter: Solche Nationalliberalen wie Herrn Haar- mann müßten wir wählen, wenn sie nicht schon da wären. (Heiterkeit.) Endlich ist es vor dem Lande heraus, es ist eine Demonstration! Wir akzcptiren das, wir haben es längst er- kannt und nun find Sie naiv genug, das vor aller Welt zu sagen!(Sehr gut! links.) Das Land wird daraus erkennen, wie zweifelhaft die Sache an sich ist und wre wenig sie sich darum dazu eignet, als Fundament für Demonstrationen zu dienen. Wenn gesprochen ist von der Hoffnung des Monarchen auf die Haltung der Abgeordneten(Unruhe rechts), so kann ich dem nur gegenüberstellen, daß ich selbstständig verantwortlich bin für diese Vorlage, und kein Hinweis aus einen noch so hochstehenden Faktor unseres Staatslebens kann mich dieser Verantwortlichkeit überheben. Wir würden pflichtwidrig handeln, wenn wir uns irgendwie bestimmen ließen, eine größere Beschleunigung ein- treten zu lassen als die Sache erfordert und unsere gewissen- hafte Prüfung zuläßt.(Beifall links.) Abg. Windthorst: Einer Behauptung deS Abg. v. Hcll- dorsf muß ich entgegentreten, damit nicht daraus Kapital gegen uns geschlagen wird. Er behauptet, daß wir die Bewilligung von Bataillonen auf ein Jahr nur darum vorschlagen, um mehr parlamentarische Rechte für uns zu gewinnen. Das bestreite ich entschieden. Meinen Freunden und mir hat ein solcher Ge- danke bbsolut fern gelegen. Abg. Buhl: Gestern sind meine Freunde in der Kommission dafür einqzrreren, daß die Arbeitern derselben vor der Vertagung zum Abschluß kämen. Wir waren und sind der Ansicht, daß durch eine derartige Förderung die ganze Erledigung des Gesetz- entwurfs eine frühere hätte sein können; nachdem wir aber mit diesen Bemühungen unterlegen find, kann ich nicht glauben, durch den Weg, den Herr v. Köller vorschlägt, die Sache beschleunigt wird. Abg. v. Köller: Herr Richter sagt, ich hätte mit meinem Antrag nur eine Demonstration gewollt. Dieser Acußerung gegenüber will ich nochmals erklären, daß meine Freunde und ich bereit find, unter Äufgebung unserer Weihnachtspause hier zu bleiben und in der Kommission zu arbeiten. Nun reden Sie nichts mehr von Demonstrationen!(Lachen links.) Abg. v. Helldorff: Der Abg. Windthorst sagt, er habe keine Erweiterung der parlamentarischen Rechte gewollt. Ich habe diese Acußerung gcthan auf Grund einer Aeußerung des Abg. Windthorst in der Kommission, daß selbst eine dreijährige Periode nur ein Uedergang sein könne zur jährlichen normalen Bewilligung. Abg. Richter: Herr v. Köller sagt mit einer gewissen Emphase: Wir sind bereit, die Wcihnachtsfeiertage hier zu bleiben. Warum find denn so viele von Ihnen schon abgereist? (Heiterkeit.) Provozircn Sie doch keine Feststellung, daß mehr als die Hälfte von Ihnen bereits abgereist ist. Ob wir am 3. -oder 7. Januar zusammenkommen, ist mir gleichgiltig, eine Vcr- schieppung bedeutet das nicht. Abg. Windthorst: Ich bestreite, daß unsere Anträge Ine Verfassung verletzen oder ändern. Es handelt sich lediglich mm die Zweckmäßigkeitsfrage, worüber wir nächstens verhandeln rverSvn. Llbg. v. Stauffenberg: Seit 20 Jahren gehöre ich dem -Lmuse an, aber eine derartige Debatte ist noch nickt da gewesen. Die V.r tagung der Kommission ist nicht im Sinne einer Verzögerung enelgt, sondern gerade um eine Verständigung zu erzielen. Unser R richtcrstatter hat sich bereit erklärt, den Bericht während der Feiien so weit als möglich fertig zu stellen. In der Mehrheit der Kommission, welche wesentlich bestand aus Konservativen, N.tionalliberalen und Zentrum, ist ganz zweifellos gewesen, daß, w.t Herr Windthorst sagte, jeder Mann und jeder Groschen bewilligt werden sollte; ein Zwrifel war nur wegen der Zeitdauer der Bewilligung. Die Vertagung der Kommission erschwert aber eine Verständigung nicht, verzögert sie auch nicht, iondern ist für deren Anbahnung nur förderlich. Präsident v. Wedell-Piesdorf: Ich glaube, es wird nütz- Iich sein, wenn ich wiederum erinnere, um waS es sich bandelt. (Heiterkeit.) Ich glaube daran festhalten zu müssen, daß es zur Förderung der Geschäfte nichts nützen würde, wenn wir Montag noch eine Sitzung haben. Ich werde daher bei dem Vorschlage bleiben, heute die Vertagung eintreten zu lassen. Dagegen ist von vielen Seiten die Bereitwilligkeit ausgesprochen worden, schon früher nach Neujahr wieder zusammenzutreten. Der Abg. Buhl hat den 3. Januar vorgeschlagen. Wegen der vorangehenden katholischen Feiertage möchte ich den 4. vor« schlagen. Abg. Windthorst: Man kann kaum annehmen, daß am 4. Januar das Haus beschlußfähig sein wird. Präsident v. Wedell- Pietdorf: Ucder diese Frage werden wir unS am Schlüsse der Sitzung schlüssig zu machen haben. Damit erreicht diese Geschäftsordnungsdebatte ihren Ab- schluß und das Haus tritt in die Erledigung der TageS- ordnung ein. Zunächst muß die gestern unerledigt gebliebene Abstimmung über die Mehrfordemng von 100000 M. für die Förderung der Hochseefischerei wiederholt werden. Mit schwacher Mehrheit, die sich aus den Deutschkonservativen, der Reichspartei, den Nationalliberalen und Sozialdemokraten zusammengesetzt, wird die höhere Summe entgegen dem Kommisfionsbcschluß heute bewilligt. Nachdem noch der Referent Abg. Witte über die in den Kapiteln„Statistisches Amt" und„Gesundheitsamt" enthaltenen Mehrforderungcn berichtet und die Genehmigung empfohlen hat, wird ein vom Abg. Dirichlet gestellter Vertagungsantrag angenommen. Abg. v. Köller(zur Geschäftsordnung): Ich glaube nicht, daß das Haus noch in der Lage ist, einen Beschluß zu fassen. (Unruhe.) Ich bezweifle hiermit die Beschlußfähigkeit und bitte den Herrn Präfidenten, das Nöthige zu veranlassen. Präsident: Ich werde den Namensaufruf vornehmen lassen, wenn sich die Nothwendigkeit einer Abstimmung herausstellt. Abg. Windthorst: Ich bin erstaunt, daß jetzt die Be- schlußfähigkcit beweifelt wird, nachdem wichtige Abstimmungen vorgenommen find.(Rufe: Mehrausgabe von 100 000 M.!) Abg. v. Köller: Nach allem, waS ich in diesem hohen Hause schon erlebt habe, bin ich über nichts mehr erstaunt. (Unruhe.) Abg. V. Helldorff: Herrn Windthorst möchte ich bemerken, daß ww geradezu zur Auszählung gezwungen find durch Richter's Hinweis auf die leeren Plätze rechts. Abg. Kahser: Wenn wir solche Anträge stellen, behauptet Herr von Köller und seine Freunde, wir stören die Geschäfte des Hauses. Abg. v. Köller: DaS ist auch ganz etwas anderes. (Stürmrsche Heiterkeit) Abg. Kahser: Diese Aeußerung ergänzt jene erste, daß man sich im Reichstage über nichts mehr wundern dürfe. (Heiterkeit.) Um dem Zweifel des Abg. v. Köller bezüglich der Be- schlußfähigkcit gerecht zu werden, läßt der Präsident den Namensaufruf vollziehen, der die Anwesenheit von nur 163 Mitgliedern ergiebt. Das Haus ist also nicht bcschlrchfäkig und der Präsident beraumt nunmehr aus eigener Macht- Vollkommenheit die nächste Sitzung auf Dienstag, den 4. Januar 1887, Nachmittags 2 Uhr, an. Togesordung: Fort« setzung der Etatsberathung. Schluß 3j Uhr. Zokales. Der Handel mit Neujahrskarten ist zur Zeit im vollsten Gange. Die eigenartige Neujahrskarten-Industrie hat sich in Deutschland sehr gehoben; während früher die feineren Muster aus Paris bezogen wurden, haben jetzt namentlich Berlin und München einen starken Export von Neujahrskarten, besonders nach England. München pflegt vorzugsweise das komische Genre, das wieder ganz besonders in Berlin viele Abnehmer findet. Der Witz auf diesen Karten ist häusig recht platter Natur, gc- rade aber solche Karten finden die mcrsten Käufer. So werden in Berlin, wie ein Fachmann berichtet, jährlich viele tausende von Karten mit der Inschrift:„Eintrittskarte in die Gummi« zelle nach Dalldorf" umgesetzt.— Da mag man denn freilich mit Goethes Faust ausrufen:„Wie sich die platten Bursche freu'n!" Ein eigenartiger Weihnachtsverkaufsartikel find die zu kleinen Bündeln vereinigten kahlen Birkcnruthen, die wäh- rcnd der Weihnachtszeit auf den Märkten feilgeboten werden und deren Androhung, sowie nöthigenfalls schwungvolle An- wendung vielen Hausfrauen gerade in der Zeit vor Weihnachten sehr nöthig scheinen muß, denn zahlreich verschwinden die kleinen Ruthenbündel in den Einkaufkörbcn zwischen Aepfel und Nüssen, um zu Hause die kleinen Sünder für die Gaben des Weih> nachtsmannes würdig vorzubereiten.„Ohne Ruthe geht's bei mir nicht," seufzt die Hausfrau in Erinnerung an ihren zahl- reichen Nachwuchs. Nun, wenn die Ruthe nur keinen Schaden anrichtet! Denunziation. Vorgestern Morgen 4 Uhr wurde die Wittwe E., Grenadierstraße 3 pari, wohnhaft, durch heftiges Klingeln der Glocke aus dem Schlafe geweckt. Tieselbe hatte auf die Empfehlung eines Bekannten eine aus Ungarn kommende Familie, bestehend aus Mann, Frau und zwei Kindern, welche nach Amerika auswandern wollten, bei sich aufgenommen. Zu obcnbesagter Stunde erschienen nun zwei Schutzleute und holten die betreffende Familie auS den Betten, um die Erschrockenen nach der Wache(16. Revier) zu führen; hier warteten sie angst- erfüllt bis 8 Uhr früh, um dann im grünen Wagen nach dem Molkenmarkte gebracht zu werden. Nach längerem Harren und nach Prüfung ihrer„richtigen" Papiere, wurden die Ungarn alsdann entlassen. Auf Grund einer Denunziation, vermuthlich eines Hausbewohners, ist Frau C. diese Unannehmlichkeit widerfahren. Gestern Nachmittag mußte Frau C., welche zum Jahrmarkt nach Nauen, wo sie ihren Verkaufsstand schon be- �ahlt hatte, fahren wollte, nach dem Polizeirevier kommen, um rn obiger Angelegenheit vernommen zu werden. Die Ungarn aber haben sofort Berlin verlassen und find nach Bremen ab- gereist. Wegen einer groben Verunreinigung der Spree ist gegen den Schiffer Wilhelm Göbel das öffentliche Etrafver- fahren eingeleitet worden. Dem p. G. wird zur Last gelegt, am 8. Oktober d. I. Nachts zwischen 11 und 12 Uhr am rechten Ufer der Spree, oberhalb Rummelsburg, dem Eierhäuschen gegenüber, eine halbe, aus einer Gasanstalt herstammende, Kahnladung Schutt über Bord in die Spree geworfen resp. werfen lassen, und dadurch die Spree bedeutend verunreinigt zu haben(Ucbertretung gegen§§ 25 und 30 der Schifffahrts- polizeiverorvnung vom 11. Mai 1852.) Derartige unerhörte Handlungen müßten mit der größten Schärfe geahndet werden. Im Moabiter Uutersuchungsgefänaniß befinden sich, dem„Berl. Tagebl." zufolge, seit einigen Tagen drei Schaffner der Hamburger Eisenbahn, die dringend verdächtig find, Unter- schleife mit sogenannten RundreisebilletS verübt zu haben. Diese Unterschleifc müssen in großem Maßstabe vorgekommen sein, denn die Verdächtigen find in Untersuchungshaft ge- nomnren worden, um einer Verdunkelung der Sache vorzu« beugen. Ein entsetzlicher Bahnunfall, der den sofortigen Tod eines Menschen zur Folge hatte, ereignete sich, wie eine Lokal- korrespondenz meldet, gestem früh 5 Uhr 10 Minuten auf der Station Lichtenberg der Niederschlestsch- Märkischen Eisenbahn. Als der nach dem Schlesischen Bahnhof abgehende Lokalzug sich um die genannte Zeit in Bewegung setzte, versuchte der Rangirmeister Kuhnert, das Geleise unmittelbar hinter dem Zuge zu überschreiten. In demselben Moment drückte die Ma» schine den Zug rückwärts, K. wurde zu Boden gestoßen, worauf ihm die Räder des letzten Wagens über die Brust gingen. Der Tod trat sofort ein. Der Verstorbene, ein Mann von etwa 40 Jahren, ist verhcirathct und Vater von vier Kindern� während die Geburt eines fünften Kindes nahe bevorsteht. Bei seinen Kollegen erfreute sich K. größter Beliebtheit. Die Leiche wurde zunächst nach dem Rangirschuppen geschafft und dann die Staatsanwaltschaft von dem Unglücksfall in Kenntniß gesetzt._ Gerickts-Zeitung. Die Vorstandsdamen des Arbeiterinnenverein» für de» Norden Berlins wegen Verletzung des Vereins-Gesetze» vor Gericht. Vor dem Forum der zweiten Strafkammer dcS königlichen Landgerichts Berlin i hatten sich gestern wiederum einige Führerinnen der Berliner Arbeiterinncnbcwegung wegen Ver- lctzung des Vereinsgesetzes zu verantworten. Es find dies: 1. die Posamenticrwaarenhändlerin und Näherin verehelichte Florentine Cantius, geb. Lange, am 16. August 1848 zu Hammer bei Landsberg a. W. geboren, Tisfidentin und bestraft: am 21. Februar 1879 wegen öffentlicher, mittelst einer in einer Ver- sammlung gehaltenenen Rede begangenen Beleidigung mit 6 Wochen Gefängniß, 2. die verehelichte Alma Grothmann,. geb. Sobicchowski, am 18. Oktober 1859 zu Schwetz geboren, evangelischer Konfession, 3. die verehelichte Margarethe Blech- schmidt, geb. Meyer, am 16. Mai 1854 zu Schwarzenbach in Bayem geboren, evangelischer Konfession, 4 die verehelichte ZigarrenmacherÄntcnieSteinecke, geb. Arndt, am 20.März 1854 zu Derschau bei Landeberg a. W. geboren, evangelischer Konfession, 5. die verwittwetc Schneiderin Marie Walter, geborene Walter, am 11. März 1846 zu Himmelstädt, Kreis Landsberg a. W., geboren, evangelischer Konfession und 6. die verehelichte Schneiderin Anna Pötting, geb. Pölling, am 7. Juni 1855 zu Flothow, Kreis Minden, geboren, evangelischer Konfession. Die 5 letzten Angeklagten find sämmtlich unbestraft. Nachdem der »Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen Berlins", der sogenannte Muttervercin, dessen Vorstandsmit- glieder sich vor 8 Tagen wegen Verletzung deS Vereinsgesetzes zu verantworten hatten, etwa ein halbes Jahr bestand, machte sich das Bedürfniß gellend, auch im Norden Berlins einen Ar- beiterinnenverein zu konstituiren. Am 7. September 1685 wurde dieser Gedanke in einer im Salon„zum deutschen Kaiser" lLothringerstraße 37) stattgehabten Arbeiterinnen-Versammlung zur Ausführung gebracht. Es wurde, vollständig unabhängig von dem sogenannten Mutterverein, ein„Verein der Arbeiterinnen Berlins" begründet, der laut Etatuten bezwecken sollte:»)„die Hebung der geistigen und materiellen Interessen der Arbeiterinnen» b) die Gleichstellung der Frau mit dem Manne in wirthschaft- licher Beziehung." Am 28. Mai d. I. wurde dieser Verein auf Grund des§ 8 des Vereinsgesetzes polizeilich geschlossen, da die Behörde der Meinung war, der Verein habe sich nicht streng an seine Statuten gehalten, sondern in seinen Versamm- lungen politische und zwar speziell sozialdemokratische Agitation betrieben. Anläßlich dessen sind die Eingangs bezeichneten Vorstandsmitglieder dieses Vereins angeklagt,„als Vorsteher zc. eines Vereins, welcher bezweckt, politische Gegenstände in Ver» sammlungen zu erörtern, Frauenspersonen als Mitglieder auf« genommen zu haben". Den Gerichtshof bilden: Landgerichtsdirektor Lüty(Präfi« dent) und die Landgerichtsräthe Markstein, v. Makomaski, Landrichter Graf v. Strachwitz und Amtsrichter Dr. Fritzschen (Beifitzende). Die königl. Staatsanwaltschaft vertritt Staatsanwalt Wagner, die Vertheidigung führen die Rechtsanwälte Munckel, Wreschner und Arthur Stadthagen. Das königliche Polizeipräsidium hat den Polizeisekretär Lührs behufs stenogra- phischer Niederschrift der Verhandlungen entsandt. Das Audi- torium, in dem man die bekannten Führerinnen der Berliner Arbeiterinnenbewegung, Frau Dr. Hoffmann und Frau Stäge- mann bemerkt, ist überfüllt. Unter den Entlastungszeugen be- finden sich: Professor Dr. Adolf Wagner, Missions-Superin- tendent Mercnsky, Abg. Singer, Fräulein Osiander u. Ä. m. Auf Befragen des Präsidenten bemerst die Anaekl. Cantius: Sie liege mit ihrem Manne in Scheidung.— Frau Pötting bemerkt: Sie sei nicht eine geborene Pötting, sondem eine ge- borene Toßler, ihr Mann sei aus Berlin ausgewiesen, befinde sich aber augenblicklich auf Urlaub in Berlin. Frau Cantius bemerkt hierauf auf Befragen des Präsi- denten: Der Verein habe lediglich dezweckt, dre geistige und wirthschaftliche Lage der Frauen zu heben, es seien deshalb über die verfchicdensten Gegenstände Vorträge gehalten worden, es habe jedoch dem Verein fern gelegen, irgendwie Politik zu treiben- Die öffentlichen Versammlungen seien nicht von ihr, sondem von einzelnen Vereinsmitgliedem privatim einberufen worden. Präs.: In den öffentlichen Versammlungen find aber poli- tische Gegenstände erörtert worden?— Cantius: Das ist mir nicht bekannt, wenn die Politik einmal gestreift wurde, dann geschah dies blas zur Belehrung. Präs.: Nun, es sollen in Ihren Versammlungen verschiedene Vorträge politischen Inhalts gehalten worden sein. Gleich in der ersten Versammlung soll ein Redner geäußert haben:„Der Verein muß sich auf den Boden der sozialdemokratischen Partei stellen". Diese Bemerkung wurde mit großem Beifall aufgenommen. Ein anderer Redner bemerkte: Die Frauen müssen die Erlangung deS Wahlrechts erstteben. Das heißt man doch Politik treiben?— Cantius: Für die Aeußerungen- eines jeden Redners können wir nicht einstehen. Frau Grothmann schließt sich im Wesentlichen der Frau Cantius an. Auch Frau Blechschmidt tritt den Auslassungen der Frau Cantius bei. Sic sei eigentlich in Ihrer Eigenschaft als Bei- siyerin niemals in Funktion getteten; sie sei am 12. Januar dieses Jahres gewählt worden, einige Monate darauf sei der Verein polizeilich geschlossen worden. Präs.: Was ist denn Ihr Mann?— Angekl.: Zigarren- arbeiter. Präs.: Arbeiten Sie auch, oder find sie blos in der Wirthschaft thätig?— Angekl.: Ich bin nur in der Wirthschaft thätig. Präs.: Wäre es alsdann nicht besser, wenn Sie sich um Ihre Häuslichkeit kümmerten, anstatt Versammlungen zu besuchen?— Angekl.; Wenn ich des Abends in Ver- sammlungen gehe, dann vernachlässige ich meine Häuslichkeit nickt- Präs.: Sie find doch aber keine eigentliche Arbeiterin, die Lage der Arbeiterinnen gebt Sie daher nichts an?— Angekl.: Doch, ich kann ja jeden Tag in die Lage kommen, betten zu müssen._,. Dre Angeklagten Eteinecke und Walter schließen sich eben- falls im Wesentlichen den Auslassungen der CantiuS an,'w Uebrigen seien sie auch als Vorstandsmitglieder fast gar nrcht m Funktion getreten. m,___ Frau Pötting: Ich behaupte ebenfalls, daß in Verernsve� sammlungen keine Politik vorgekommen ist, die öffentlrchen Versammlungen sind stets von privater Seite einberufen worden.. Präs.: Sie führten aber in all' diesen Versammlungen den Vorfitz?— Pötting: Ich wurde eben in allen Versammlungen zur Vorfitzenden gewählt, da ich das Verttaucn der Arberterm Ißraf.: lieber die in den öffentlichen Versammlungen g«' sammelten Gelder legten Sie in den VereinSversammlunge Rechenschaft?- Pötting: Das that ich blos ein einzlges Mai. da ich von Frau Reichardt bezüglich der Verwendung v'ei Gelder angegriffen wurde. Präs.: Aber auch in den Vereinsversammlungen wurde über Politik gesprochen?— Pölling: Nein. Präs.: Gleich in der ersten Versammlung sagte ein Buch- biuder Hoffmann: Der Verein muffe sich auf den sozialdemo- kratischen Standpunkt stellen?— Pölling: Ich muß bemerken, daß Hoffmann an jenem Abende stark angetrunken war, er redete die Versammlung auch stets mit„meine Herren" anstatt mit„meine Damen" an, jedenfalls glaubte er, daß er sich in einer Versammlung von Männern befinde. Präs.: In einer Versammlung wurde das Bebel'sche Pro- gramm erörtert?— Pölling: Das war nicht das Bebel'sche, sondern mein Programm. Präs.: Wie ist das zu verstehen?— Angckl.: Ich habe das Programm ausgearbeitet. Präs.: Weshalb wurde es das Bebel'sche Programm ge- mannt?— Pölling: Ich habe einmal mit Herrn Bebel, der bekanntlich auf dem Gebiete der Arbeiterinnen-Bewcgung eine Autorität ist, konferirt. Präs.: Sind Sie mit Bebel bekannt?— Pölling: Ja. Präs.: Wo konferirten Sie mit Bebel?— Pölling: Ich besuchte ihn hier im Reichstage. Präs.: Die Schöpferin des sogenannten Bebel'schen Pro- gramms find Sie gewesen?— Pölling: Ja. Präs.: Welche Schule haben Sie denn besucht?— Pölling: Ich besuchte in Minden die Elementarschule. Präs.: Aus welcher Klaffe find Sie abgegangen?— Pölling: Aus der ersten Klasse, nachdem ich drei Jahre in derselben gesessen hatte. Präs.: Dann find Sie wohl sehr jung in die erste Klasse gekommen?— Angell.: Jawohl, ich kam in die erste Klasse, als ich 11 Jabre alt war. Präs.: Wie alt warm Sie, als Sie sich verheiratheten? — Angekl.: 19 Jahre. Es wird hierauf das sogenannte Bebel'sche Programm verlesen. In diesem heißt es u. a.:„Die Frau ist benrfen, an den Kulturauf- gaben der Gegenwart theilzunehmen. Die Gleichstellung der Frau mit dem Manne ist das letzte Ziel der Arbciterinnen-Bewegung. Nächste Ziele find: die Abschaffung der Sonntagsarbeit, das Verbot der Kinderarbeit, bessere Einrichtungen in sanitärer und sittlicher Beziehung in Fabriken und Werkstätten für Arbeite- rinnen u. s. w." Im Weiteren wurde ein von Frau Canttus verfaßter Aufruf verlesen, in welchem es u. A. heißt:„Der Verein hält öffentliche und Vereinsversamn-lungen ab."— Vötting: Ich muß bemerken, daß ich und noch mehrere andere Vorstandsmitglieder gegen das Wort„öffmtliche" protestirten und dafür„Branchen- Versammlungen" setzen wollten. Wir sagten sogar der Frau Eantius, wenn fie den Aufruf nach dieser Richtung nicht ändern wolle, dann könne sie dm Druck des Aufrufs selbst bezahlen. Es wird alsdann zur Zeugenvemehmung geschritten. Der erste Zeuge ist der Poliznlieutenant Koch. Dieser hat eine am 8. September 1885 und eine zweite im Januar d. I. stattgehabte öffentlche Verereinsversammlung überwacht. Auf ibn(Zeugm) habe es den Eindruck gemacht, als wärm die öffentlichen und Vereinsversammlungen identisch gewesen. In der ersten Versammlung habe ein Schriftsetzer namens Kunkel zum Anschluß an das sozialdemokratische Programm aufge- fordert, in der zweiten habe ein Schriftsetzer Schulz über den Maximalarbcitstag gesprochen. In der ersten Versammlung bade Frau Eantius außerdeni die Arbeiterinnen zu engem Zu- sammenschluß aufgefordert, um so eventuell durch Stteiks bessere Löhne zu erzielen. Die zweite Versammlung habe er(Zeuge) aufgelöst, da ein Redner über polizeiliche Knechtschaft sprach. Verthcidigcr Rechtsanwalt Munckel macht darauf aufmerk- sam, daß der Verein erst am 17. September 1885 gegründet wurde, daß also die erste, am 8. September stattgehabte Versammlung doch wohl nicht als Vcreins-Versammlung angesehen werden könne. Polizeilicutenant Schreiber weiß keine besonderen Momente anzugeben, die für die Identität des Vereins mit den öffent- lichen Versammlungen sprechen. Polizeilieutenant Bernhardt: Auf ihn habe es den Ein- druck gemacht, als wären die öffentlichen mit den Vcreinsvcr- sammlungen identisch gewesen. In einer Versammlung hielt der Abgeordnete Heine einen Vortrag. Er beleuchtete die Stellung der Frauen bei den verschiedenen Völkern und be- tonte die Nothwendigkeit, den Frauen das aktive und passive Wahlrecht für alle Körperschaften, Reichstag, Stadtverordneten- Versammlung u. s. w. zu gewähren. Polizcisteutcnant Holz hielt ebenfalls die Vereinsvcrsamm- lungen mit den öffentlichen Versammlungen für identisch. In einer Versammlung habe zunächst Frau Eantius die Nothwen- digkeit betont, daß der Verein sich über ganz Deutschland aus- breite. Alsdann sprach ein gewisser Bursche, der sich Schnft- stcllcr nannte. Er sprach über die verschiedenen Religionen und bemerkte:„Nicht Gott hat die Menschen, sondem die Menschen haben Gott erschaffen." Da er(Zeuge) der Äeinungwar, daß durch eine solckic Aeußerung eine Einrichtung unserer Staats- und Ge- sellschaftsordnung untergraben werde, so habe er die Versamm- lung aufgelöst. In einer zweiten Versammlung habe ein Schriftsteller Namens Vaake gesprochen. Die Frauen äußerten alsdann ihr Bedauern, daß Baake auf dem Standpunkte der Frau Guillaume-Schack stehe. Ein Schriftsetzer Kunkel de- merkte: Herr Baake stehe nicht auf sozialdemokratischen, Stand- punkte. � Polizcilieutenant Zieske bekundet u. A.: In einer Per- sammlung wurde beschlossen, eine Petition an den Reichstag behufs Einführung des Normalarbeitstages zu richten.— An- aekl. Pölling: Der Herr Zeuge wird sich erinnern, daß rch mich gegen die Petition ausgesprochen habe? Zeuge: Soweit ick mich erinnere, hat sich Frau Pölling gegen die Resolution erklärt, da, wie fie bemerkte, die Petition nur den Papierkorb des Reichstages bereichern würde. Polizeilicutenant Schmidt II, der ebenfalls wie der Vor- zeuge die öffentlichen Versammlungen mit den Vcrcinsversamm- lungen für identisch hält, ohne jedoch besondere Anhaltspunkte dafür anzugeben, deponirt, daß in verschiedenen Versammlungen die vollständige Gleichstellung der Frau mit dem Manne bc- tont wurde. Polizeilieutenant Koppe: Auf ihn haben die öffent- lichen Versammlungen den Eindruck von Vereinsversamm- lungen gemacht. Der ihm(Zeugen) als sozialdemokratischer Agitator bekannte Schriftsetzer Kunkel habe in fast allen Ver« sammlungen gesprochen. Polizeilieutenant Dombrowsky: In einer Versammlung habe ein Schriftsteller Baake über die Eheverhältnisse bei den verschiedenen Völkerschaften gesprochen. Diese Rede war ziem- lich schlüpsiigen Inhalts. Der Redner sprach über die Blut« verwandtschaftsehe, die Genossenschaftsehe und die Parula-Ehe und bemerkte zum Schluß: Die heutige Ehe begünstige die Prostitution. Die heutige Ehe könne aber nicht eher eine Äcnde- rung erfahren, ehe nicht die gesammten Verhältniffe insofern anders werden, daß die Frau mit dem Mann vollständig gleich- gestellt werde. Polizeilieutenant v. Schaumiurg: Frau Pötting habe in einer im Weddingpark stattgehabten Versammlung gesagt: Der Arbeiterinnenverein müsse sich über alle Kulturländer verbreiten, denn die Arbeiterinnenfrage sei eine inten, ationale. In derselben Veisammlung habe Frau Eantius über Bildung gesprochen und dabei geäußert: Die Kinder der Reichen find nur automatische Puppen, die Kinder der Armen müssen dagegen geistig und körperlich verkümmern. Der letzte Belastungszeuge, Polizeilieutenant Heinrich be- kündet nichts wesentliches. Alsdann erscheint als Zeuge Schriftsteller Baake: Er könne sich auf Einzelheiten nicht mehr erinnern, er wisse nur, daß Frau Pötting zu zwei verschiedenen Malen, als die Verleihung des allgemeinen Wahlrechts für die Frauen verlangt wurde, be- merkte: diese Forderung sei noch nicht zeitgemäß. Tischler Boy: Er habe mehreren Versammlungen beige- wohnt und niemals wahrgenommen, daß politische Gegen- stände erörtert wurden. Wenn ein Redner oder Rednerin auf das politische Gebiet abschweifte, so habe die Vorsitzende den Redner sofort unterbrochen. Frau Kaspar: Es sei richtig, daß Frau Pötting und andere Vorstandsmitglieder gegen die Bezeichnung„öffentliche Versammlnngen" in dem Cantius'schen Aufrufe protestirt haben. Präs.: Sie waren auch Vorstandsmitglied des Vereins? Zeugln: Ja, ich war Kasfirerin. Präs.: Was geschah nun mit der Kasse, als der Verein von der Polizei geschloffen wurde?— Zeugin: Es war nichts mehr in der Kasse.(Heiterkeit im Auditorium). Frau Mitzet schließt sich der Bekundung der Vorzeugin an. Die Zeugin bemerkt noch: Herr Vaake sei einmal von Frau Pötting unterbrochen worden, weshalb wisse sie(Zeugin) nicht mehr. Schriftsteller Dr. Lütgenau: Frau Pötting habe ihn mehr- fach ersucht, nicht das politische Gebiet in den Versammlungen zu erörtern. Präs.: Herr Zeuge, Sie scheinen sich aber an diese Ermahnugcn sehr wenig gekehrt zu haben?— Zeuge: Das gebe ich zu, da ich die Meinung der Frau Pöttingjncht theilte. Selbst der Herr Abgeordnete Singer hat diesen Standpunkt nicht getheilt, sondern zu Frau Pötting einmal gesagt, er finde es sehr eigenthümlich, daß die Frau eines so eifrigen Genossen auf solch kleinlichem Standpunkte stehe. Frau Pötting kehrte sich aber nickt an unsere Vorhat- tungen. Präs.: Sie sollen einmal über das allgemeine Wahlrecht gesprochen und dabei gesagt haben: Wenn auch, wie behauptet wird, durch die Verleihung des Wahlrechts an die Frauen blos die Zentrums- und konservative Partei gestärkt würde, so dürfe diese Forderung dennoch nicht aufgegeben werden. Staatsanwalt Wagner: Durch die Beweisaufnahme ist zweifellos dargethan worden, daß der Verein sich mit politischen Gegenständen beschäftigt hat. Wenn auch die Angeklagten vielleicht bemüht gewesen sind, die Er- örterung politischer Gegenstände aus den Versammlungen fern zu halten, so ändert dies an der Sache nichts. Zweifellos sind die öffentlichen Versammlungen mit den Vereinsversammlungen identisch. Ich gebe ja zu, daß die Mitglieder bestrebt waren, lediglich wirthschaftliche Gegenstände in den Versammlungen zu erörtern, sie konnten dies aber nicht thun, ohne das politische Gebiet zu berühren. Ich beantrage gegen die Angeklagten Pötting und Eantius, die als d,e e, gentlichen Fllhrerinnen anzusehen find, eine Geldstrafe von je 50 M, event. 5 Tage Gefängniß, gegen die Grothmann 40 M. Geldstrafe, event. 4 Tage Gefängniß, gegen die Stcinecke, Blechschmidt und Walter je 30 M. Geldstrafe, event. je 3 Tage Gefängniß. Außerdem beantrage ich die Schließung des Vereins. Vertheidiger Rechtsanwalt Wrcschner: Ich kann der Auf- fassung des Herrn Staatsanwalts nicht beipflichten. Wenn die Auffassung des Herrn Staatsanwalts richtig wäre, dann wäre es den Frauen ein für alle mal verboten, fick zu versammeln, um über wirthschaftlicheZFragen z r diskutiren. Politische Gegen- stände find nach einem Erkenntniß des Obertribunals alle die- jenigcn Fragen, die sich auf Verfassunas- und Verwaltungs- angelegcnherten des Staates beziehen. Wenn in den Versamm- lungen in der Thät über das allgemeine Wahlrecht gesprochen wurde, so ist dies allerdings Politik. Allein es ist nicht fest« gestellt, daß eine derartige Frage in den Vereinsversammlungen erörtert worden ist. Dafür, daß die Vereinsversammlungen mit den öffentlichen Versammlungen identisch find, ist ein direkter Bc- weis nicht erbracht. Jedenfalls hat aber den Angeklagten das Bewußtsein der Strafbarkeit gefehlt. Es kann nicht angenommen werden, daß die Angeklagten in jedem einzelnen Falle gewußt haben, was Politik ist. Jedenfalls rechtfertigt sich nicht die Schließung des Vereins. Der Umstand, daß zum großen Theile sozialdemokratische Redner in den Versamm« lungen aufgetreten find, kann hier nicht in Be- ttacht kommen. Es handett sich nicht um Verletzung des Sozialistengesetzes, sondern um Verletzung des Vereins- gcsetzes. Verth. Rechtsanw. Arthur Stadthagen sucht in längerer Rede nachzuweisen, daß sozialpolitische Fragen nicht politische Fragen im Sinne des Gesetzes seien und fährt alsdann fort: Es bestehen in Berlin eine ganze Reihe von Frauenvereinen, die ähnliche Be- strebungen wie der hier zur Anklage stehende hat, ohne daß man daran denkt, gegen dieselben einzuschreiten. Jedenfalls, m. H. Richter, sollten Sie zu einem Schuldig kommen, dann bitte ich Sie, von der Schließung des Vereins Abstand zu neh- men. Erwägen Sie, m. H. Richter, daß in wenigen Tagen das Weihnachtsfest stattfindet. Sie werden nicht verhindern wollen, weil in einigen Versammlungen über Politik gesprochen wurde, daß deshalb Hunderten von armen Leuten eine Weih» nachtsbescheerung, die der Verein stets veranstaltet hat, zu Theil werde. Vettheidiger Rechtsanwalt Munckel: Als das Vereinsgcsetz erlassen wurde, da hat man den Männern verbieten wollen, Frauen in politische Vereine als Mitglieder aufzunehmen. Wir haben es aber nicht mit einem Männer-, sondern mit einem Frauenverein zu thun. Man macht nun den Frauen den Vorwurf, daß fie Frauen als Mitglieder aufgenommen haben. Ja, ich kann mir einen Frauenverein ohne Frauen nicht denken. Der eine Herr Polizeilieutenant handelte logischer, indem er es rügte, daß in den Frauenversammlungen mehr Vkänner als Frauen anwesend waren. Nun sagt man: der Verein hat den Fehler gemacht, daß er sich mit Politik beschäftigte. Was heißt nicht alles Politik. Es giebt Sozialpolitik, Realpolitik, Ideal- Politik, Wirthschaftspolitik, ich glaube, es giebt auch eine Krimi- nalpolitik und seit neuerer Zeit sogar eine Bahnpolitik. Ja, ich muß dekennen, man kann in jeder Sache Politik finden. Das, was aber Politik im Sinne des Vereinsgesetzes ist, Haidas Obertribunal 4 Mal, das Reichsgericht 2 Mal, das kal. Kammer- gericht einmal entschieden und je einmal meine beiden Herren Mit« vertheidiger besprochen, so daß ich glaube nicht nöthig zu haben, mich auch darüber auszulassen. Jedenfalls ist nicht festgestellt, daß politische Gegenstände in den Versammlungen erörtert worden sind und nur die Erörterung ist verboten. Wenn einmal ein politisches Wort in den Versammlungen gefallen ist, so ist dies noch keineswegs eine Erörterung politischer Gegenstände. Weshalb man nun gar den Verein schließen will, dessen Auf- gäbe eine edle war, vermag ich nicht einzusehen. Das Koalitions- recht giebt den Frauen dasselbe Recht, wie den Männern, sich behufs Erörterung ihrer wirthschaftlichen Lage zu verbinden. Selbstverständlich ist ihnen auch dann das Recht gegeben, Fraucn als Mitglieder aufzunehmen. Ich kann mir daher nicht denken» daß eine Verurtheilung ausgesprochen werden kann. Jedenfalls halte ich aber den Sttafantrag, angesichts der Vermögenslage der Angeklagten, für viel zu hoch. Der Präsident vertagt hierauf gegen 5 Uhr Nachmittags die Sitzung auf Montag, den 20. ds., Vormittags 9i Uhr. Vereine nnv Versammlungen. Vereinigung deutscher Stellmacher(Mitgliedschaft Berlin). Montag, den 20. Dezember, Abends 8| Uhr, Versammlung in Hetse's Salon, Lichtenbcrgerstraßc 21. Tagesordnung: 1. Vorttag über den Werth der Organisation. 2. Ver- einsangelegenheiten. 3. Fragekasten. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Fachvereiu der Stuckateure Berlins. Montag, den 20. Dezember, Abends 7 Uhr, in Nieft's Salon, Komman- dantenstraße 71—72, Vereinsversammlung. Tagesordnung: 1. Vorttag des Herrn Gottheimer über Rechtsschutz. 2. Innere Vercinsangelegen heilen. 3. Verschiedenes und Fragekasten.— Billets zur Weihnachtsfeier im Eity-Hotel& 25 Pf. sind in der Versammlung sowie bei den Vorstands- und Komitecmit- gliedern zu haben. Fachverein sämmtlicher im Drechslergewerk beschäf- tigten Arbeiter Berlins. Der Kasfirer C. Buchmann, Naunyn- sttaße 4 wohnhaft, ist Sonntags Vormittags von 10 Uhr an zur Entgegennahme von Beiträgen und Aufnahme neuer Mit« glieder im Lokale Naunynstraße 78 zugegen. Der Unterrichts- kursus im Englischen wird ebenfalls im Lokale des Herrn Winzer, Naunynstraße 78, Montags Abends von 8—9 Uhr, und Donnerstag Abends von 9—10 Uhr, abgehalten. Honorar pro Monat 1 M. Die Theilnehmer werden ersucht, pünktlich zu erscheinen.__ Kriefkasten der Redaktion. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. A. 100. Mit der Aufnahme des Protestes kann bis zum dritten Tage nach der Fälligkeit gewartet werden. Es ist demnach guter Wille, wenn ein Wechselinhaber 48 Stunden mattet. A. Kuhntk. Bitte, senden Sie die Benchte künftig etwas früher ein. Theater. Sonntag, den 19. Dezember. Ozzernhaut. Fra Diavolo, oder: Das Gast- Haus zu Terracina. Montag: Deutsche Märsche. Vorher: Die Verlobung bei der Laterne. Lckansvielhau«. Bürgerlich und romantisch. Montag: Tie Geicr-Wally. Terische« Theater. Maobeth. Montag: Der schwarze Schleier. Kroll'» Theater. Der Mikado. Montag: Dieselbe Vorstellung. �rtthrich.WUHelmstüdtischeS Theater. Der Zigeuncrbaron. Montag: Dieselbe Vorstellung. Oallner-Theatcr. Die Etemschnuppe. Montag: Dieselbe Vorstellung. Vtlrotta» Theater. Viviana. Montag: Dieselbe Vorstellung. Ostend-Tyeater. Das neue Gebot. Montag; Dieselbe Vorstellung. K-stdenz-Theater. Georgette. Montag: Dieselbe Vorstellung. Jener« l-Theatcr. Der Waldteufel. Montag: Dieselbe Vorstellung. «elleallianee-Theater. Die Kindssrau. Montag: Dieselbe Vorstellung. ««tdalla-Theater. Der Vagabund. KöniqstSdttscke» Theater. So find sie Alle. Montag: Dieselbe Vorstellung. Keichshalle«» Theater. Epezialttäten« Vor- _ stellung. Kaufmaun'ß Varietee. Spezialitäten« Vorstellung. JEden-Theater« (Früher Louisenst. Theater.) Dresdenerftr. 72/73. Direkt»? 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