Kr. 298. Dienstag. dtA 21. Dezember 1886. S. Jahrg. SMnVslksblM Brgan skr die Interessen der Arbeiter. 4 Das„Berliner Volksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementsvreis für Berlin frei tn's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Marl, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1686 unter Nr. 769.) Jnsertionsaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachniittagö m der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Äureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. RedaKLurn: Dsuthstraste 2.— Expedition: Zimmerstrahe 44. Aborniemelits-Emladlmg. Zum bevorstehenden Quartalswechscl erlauben wir uns, zum Abonnement auf das „Kerliner Uolksblatt'' nebst der wöchentlich erscheinenden Gratisbeilage „IUustrirtes Sonntagsblatt" ��Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechtes. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Berather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klassengegen- säge ist das„Herlinrr Potlisblatt'' ein entschiedener Gegner jeder Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon bevorzugter Gesellschaftsklassen findet. Das, KeHiner Nolbsblatt' sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung unserer städtischen Angelegenheiten. In unscrm täglichen Feuilleton werden wir bereits vom ersten Weihnachtsfeiertage an mit der Verössent- llichung des berühmten sozialpolitischen Romans von Aisraeli, der für unsere Leser von Natalie Mebkaecht übersetzt worden ist, beginnen. „Wäre Disraeli nie in das englische Parlament gekommen," sagt Wilhelm Liebknecht,„so würde er fich durch seine Romane einen dauernden Namen gemacht haben." Daß Disraeli in allen Klassen und Ständen den Menschen zu finden wußte, das hat er namentlich durch seine„Sybil" gezeigt, welche die englische Arbeiterbewegung zu Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre behandelt. Er giedt von der Lage der Fabrikarbeiter in den großen Industriezentren und von den Bestrebungen der Gewerkschaften und der Chartisten die treueste und doch glänzendste Schilderung, welche die Lite- Thue nun Jedermann, der fich mit unseren Zielen in Ueder- einstimmung befindet, an seinem Platze seine Schuldigkeit. Das ..Hrrliurr ÜolhsW*#" muß in immer weiteren Kreisen Eingang finden, für das werkthätige Volk darf in Berlin kein anderes Organ existiren. Der Abounementsprei« beträgt für daS ganze Viertel- fahr 4 M.. monatlich 1,35 M. wöchentlich 3o Pf. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungsspediteuren, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmerstrasse 44, entgegengenommen.~ m Für außerhalb nehmen sammtliche poftanstalteu Be- stellungen an. � �.... Die Redaktion und Expedition des„Kerliner Kolksblatt". Waqdrua Ieuill'eton. [14 Die DerfAhrerin. Novelle von D. C o l o n i u s. XII. ES war an einem Nachmittage. Die Baronesse von Da» »ow hatte einen jener sinnberauschten, krankhaft nervösen Romane auS der modernen französischen Fabriksliteratur vor sich liegen, und mochte eben mit großem Behagen einen be- sonders interessanten Abschnitt auS dem Leben einer Kock- scheu Figur gelesen haben, als Marie mit der Meldung ein- trat, daß Herr Moritz da sei. „Laß ihn kommen," erwiderte die Baronesse, indem sie rhr Buch zuschlug und auS den Händen legte. Einen Augenblick nachher trat der Ungar, dessen Bekanntschaft wir auf der Redoute in Wien zu machen Ge- 'sgenheit hatten, ein und führte mit der läppischen Manier rines echten in Wien ausgebildeten Frauenlieblings die Hand ver Baronesie an seine Lippen. „Welche Neuigkeiten bringt mir mein flatternder Ver- ehrer V fragte die Baronin, indem sie anmuthig ihr Haupt etwas zurückboq und den vollen Blick ihres glänzend schönen, dunkelbraunen AugeS auf den Ungar heftete. „Ich weiß nicht, welche Nachrichten Sie von mir er- warten, gnädige Frau, ob mich oder Sie betreffende?" „Warum wollen Sie eine so scharfe Grenze zwischen Arem Interesse und dem meinigen ziehn? Zch freue mich über alles, was Ihnen Freude macht, ja selbst, wenn Sie urir von einer neuen Eroberung erzählen würden, wäre es wir nicht unangenehm." „Ein Znteresie der Art Ihrerseits ist eben nicht sehr fisergnet, mich stolz zu machen; es beweist mir nur, daß jShnen bei weitem mehr an meiner Mittheiluna. als an mir selbst liegt." Schimpfereien. Selten ist ein Antrag im Reichstage, der von der Sozialdemokratie eingebracht worden, im Allgemeinen so günstig aufgenommen worden, wie der Antrag auf Sicher- stellung der Koalitionsfreiheit, der am letzten Mittwoch zur Verhandlung stand und vom Abgeordneten Kayser empfohlen wurde. Mit voller Ruhe und unter vollständiger Beherrschung des Gegenstandes vertrat er den Standpunkt der Arbeiter- Partei, der das Recht der Vereinigung der Arbeiter im All- gemeinen und im Besonderen zur Erringung besierer Ar- beitsbedingungen verlangt. Daß der genannte Redner sich ereiferte gegen diejenigen Unternehmer und Fabrikanten, welche ihre Macht mißbrauchen, um die Koalitionsfreiheit illusorisch zu machen, ist doch wohl selbstverständlich, und jedem muß das Recht bestritten weroen, gegen einen solchen berechtigten Eifer aufmucken zu wollen. Daß in der Rede auch das vielfach ungeschickte und unberechtigte Eingreifen der Polizei in die Koalitionsfteiheit der Arbeiter einer scharfen Kritik unterzogen, daß mancher Richterspruch in seiner Schärfe durch den Redner angegriffen wurde, ist gleichfalls ganz natürlich. Trotz des herben Stoffes, den Redner zu bewältigen hatte, erhielt er vom Präsidenten des Reichstags nur einen Ordnungsruf. Alle Redner der anderen Parteien, mit Ausnahme dei konservativen Redners Herrn Ackermann, standen der Sache selbst sympathisch gegenüber, selbst der nationalliberale Abg. Struckmann, der allerdings meinte, daß der betreffende Paragraph der Gewerbeordnung genügend sei zum Schutze der Koalitionsfreiheit; den Uebergriffcn der Polizei und der Unternehmer aber könne auf dieser TesetzeSgrundlage schon entgegengetreten werden. Daß der Gesetzentwurf mit großer Majorität an eine besondere Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen wurde, ist der beste Beweis, daß die in dem Entwurf enthaltenen Idee als eine vollständig berechtigte und daß auch die Begründung durch den sozial- demokratischen Redner als eine verständige anerkannt wurde. Dies die Thatsache. Was thut nun die offiziöse Presse? Weil der Regierung und den heuchlerisch-arbeiterfreund- lichen konservattven Parteien gerade dieser Antrag unbe- quem ist, da er sich in erster Linie gegen die bis jetzt ge- übte Polizeipraxis richtet, fällt sie über den sozialdemokra- tischen Redner in schamlosester und pöpelhaftester Weise her. Voran die„Kölnische Zeitung". Dieselbe nennt den Ausdruck des Abg. Kayser, daß von dem Richterstand das, was die Polizei ihm vorwerfe, meist apportirt werde,„hundsgemein". Ferner erklärt das genannte offiziöse Blatt die gemachte Aeußerung für ei« „Sie erwarten am Ende gar wohl, daß ich eifersüchtig aufZhre Eroberungen sein soll?" warf die Baronesse mit schalk- haftein Lächeln ein.„Wüßte ich nicht, daß Sie ein Mann von gutem Tone sind, ich würde nach diesem Verlangen ein ganz anderes Urtheil fällen." „Ich möchte Ihre Eifersucht nicht provoziren, gnädige Frau, ob zwar sie mir weit angenehmer wäre, als die Gleich- giltigkeit, mit der Sie mich beauftragen, da» Herz eine» andern Mädchens zu erobern." „Beauftragen? Pfui! Wie können Sie die» Wort ge- brauchen; vielleicht will ich mich nur überzeugen, ob Sie Andern gegenüber auch die Gewalt anzuwenden wissen, die Ihnen bei unserm Begegnen gleich mein Vertrauen ge- wann." Der Ungar, welcher bisher etwa» Unzufnedene», fast Gedrücktes in seinem Wesen hatte, erwiderte, durch diese Schmeichelei gefangen: „Aber vergesien Sie nicht, daß da« eigene Gefühl vor allem Andern behilflich sein muß; man kann nicht gefallen, wo man nicht Gefallen findet. Es ward mir um so Viele« leichter, Sie für mich zn gewinnen, da ich schon bei unserm ersten'Begegnen in den Zauberkreis Ihrer Reize ge- bannt war.",, m „Und das Sie unfähig macht, einer böhmischen Bauern- dirne zu gefallen; ich liebe e«, den Zauberkreis meiner Reize sehr zu erweitern und würde mich sehr glücklich fühlen, wenn die ganze Männerwelt nichts Wünschenswerthe» an mir fände, weil ich im Herzen das Bild eines einzigen Bevorzugten trage; ich will, daß der Mann, der mir gefällt auch andern gefalle, ich will eifersüchtig sein können, und ob ich es auch auf Sie sein kann, will ich jetzt erfahren." „Geben Sie mir jede« andere Frauenherz zu erobern und ich will es im Vertrauen auf meine Erfahrung und auf die Schwächen des schönen Geschlechts mit glücklichem Erfolg versuchen;..Persönlichkeit, Schmeichelei, Geld und „Maulheldenstück", und diese Schimpfereien des rhei- nischen Schwesterblattes werden von dem Berliner offiziösen Blatte, der„Nordd. Allg. Ztg.", mit dem höchsten Wohlde- Hagen nachgedruckt und noch verstärkt durch Redewendungen, wie:„Man kann von den Vertretern der Sozialdemokratie andere Formen des Auftretens, auch im Parlament, jeweilig nicht erwarten, als ihrer Vergangenheit und ihrem Bildungs- stände entsprechen".—— So, so!„Hundsgemein"—„Maulheldenstück"— diese Ausdrücke zeugen von einem ungemein hohen Bildungsstand — nun, nun! Wie nannte ein hoher Herr diese Sorte von Menschen, die ihre Ueberzeugung verkaufen und wie auf Kommando dazu schimpfen müssen? Er nannte sie:„Sauhirten!" Treffliches Wort, äußerst bezeichnend für die Bildung dieser Herren, dieser löblichen Männer einer entarteten Presse, welche einen Reichs- tagsabgeordneten in ekelhafter Weise mit puren Schimpfworten traktirt. Während sie angeblich die Gerichte durch solche pöbelhaften Angriffe zu schützen vor- geben, entschlüpfen sie nur deshalb selbst dem Strafrichter, weil der beleidigte demokratische Abgeordnete zu nobel ist, um Strafantrag zu stellen. Wenn aber m der That die„Kölnische Zeitung" sowohl als die„Nordd. Allg. Ztg." durch ihr— wir wollen jetzt die Sprache dieser Blätter auf sie selbst anwenden— „hundsgemeines" Gebelfer glauben, die Redefreiheit im Reichstage zu beschränken oder zu vernichten, so befinden sie sich in einem recht eigenthümlichen Zrrthum. Kein Parlament wird sich selbst kastriren— und sei es auch der Deutsche Reichstag. Am wenigsten aber wird man auf Preßstimmen etwas geben, welche von„rhetorischen Schmutz eime r n" im Reichstage sprechen, die nach Abwesenden zielten. Jeder anständige Reichstagsabgeordnete wird sich von solchen Sudeleien abwenden mit dem festen Gedanken, den offiziösen Vorschlägen kein Gehör zu schenken. Und glücklicherweise ist die Zahl der anständigen Ab- geordneten im Reichstage eine viel größere, als der un- anständigen, also derjenigen, die nach dem Geschmack der offiziösen Presse sind. Da»„Maulheldenthum" der„Kölnischen" und der „Nordd. Allg. Ztg." wird deshalb ohne den gewünschten Erfolg bleiben. Das Schimpfen aber ziert den offiziösen Mann! Politische Uederficht. Um die Verbreitung sozialistischer Schriften einzu- dämmen, hat der Minister des Innern eine Zirkularverfügung an die Behörden erlassen, in welcher auf die Bedeutung des ii-it-jr».... Erschwerung sozialistischer Propaganda Zirkularverfüaung ist uns noch nicht . ihr Inhalt dürfte fich aber im wesent« ichen mit folgendem Waschzettel decken, der augenblicklich die Gelegenheit sind die Mittel, die selten fehlschlagen, wenn sie richtig angewandt werde», aber dieser böhmischen Bauern- dirne ist nicht beizukommen; man könnte sie für die rafsinir- teste Kokette halten, wenn nicht jeder, der sie sieht, auf den ersten Blick überzeugt sein müßte, daß sie die reinste Unschuld ist; diesem Mädchen gegenüber vermag ich nicht»."— Die Baronesse konnte ihren aufsteigenden Ingrimm kaum mehr bemeistern, und mit erzwungenem Lächeln, hinter welchem trotz aller Mühe eine bittere Wuth hindurchschaute, sagte sie: „In der That, wir Frauen aus der guten Gesellschaft sind wenig zu beneiden, wenn wir in der Ertheilung unserer Gunstbezcugungen hinter einem solchen Geschöpf zurück- bleiben; aber Sie sprechen ja gar mit einer Art Belehrung von diesem Mädchen, welches vielleicht einem niedrigen Knechte gegenüber schwach wird, während sie Ihnen unan- tastbar ist." „Vielleicht wäre sie es nicht' ich habe aber nicht Lust, ohne weitere Veranlassung, als Ihre Laune, mich vor mir selbst lächerlich zu machen, indem ich meine Bewerbung bis auf die Spitze treibe." „Es ist nicht Laune von mir, e» ist mein Wille",— sagte die Baronesse sich wild erhebend—„es ist Bedingung für meine"— doch sich schnell mäßigend, verbesserte sie sich, wieder lächelnd:—„Es war ursprünglich wirklich nur Laune, ich hatte keinen andern Beweggrund, als Ihre Liebens- Würdigkeit zu prüfen, aber, wenn Sie das Frauenherz kennen, müssen Sie wissen, daß solch' eine unbefriedigte Laune sehr quälend werden kann; ich bitte Sie darum, Ihre Bewerbung um dieses Mädchen auf die Spitze zu treiben, hören Sie, ich bitte Sie darum!"' „Und wenn es mir dennoch nicht gelingt?" „Dann werde ich- nichtsdestoweniger Ihre Freundin bleiben", sagte Frau von Danow wieder mit bezaubernder Grazie—„aber Sie haben unter den Mitteln, die Sie Runiie durch die vffiziSse Presse macht. Er lautet:„Der Ver- dreitung verbotener DrwJschrifteu ist durch das Reichsgerichts- erkenntniß im sogenannten Freiberger Prozeß eine heilsame schranke gezogen worden. Bekanntlich find durch ein von dem Reichsgericht bestätigtes Urtheil des Freiberger Landgerichts neun Führer der sozialdemokratischen Partei verurthellt worden, weil sie an einer Verbindung theilgenommen haben, zu deren Zwecken oder Beschäftigungen es gehört, Maßregeln der Ver- waltung oder die Vollziehung von Gesetzen durch ungesetzliche Mittel zu vechinderu oder zu entkräften(§ 129 des Strafgesetzbuchs). In dem Urtheil ist thatsächlich festgestellt,„daß 1. seit Fahren, und zwar schon vor der im Fahre 1880 erfolgten Abhaltung des Wqdcner sozialdemokratischen Kongresses, bis jetzt im Deutschen Reiche eine Verbindung besteht, zu deren Zwecken nnd Beschäftigungen gehört, die Vollziehung des Reichsgesetzes oom 21. Oktober 1878 und Maßregeln der Verwaltung durch verbotswidrige Verbreitung des Züricher„Sozial- d e m o k r a t" im Deutschen Reich zu verhindern und zu ent- kräften, und daß 2. die Angeklagten theils durch ihre Theil- nähme am Wydener Kongreß und ihre dabei über den„Sozial- demokrat" gepflogenen Berathungen und gefaßten Beschlüsse und die danach von ihnen angeordnete Bekanntmachung dieser Beschlüsse in Deutschland durch den„Sozialdemokrat, theilS durch ihre Theilnahme an dem im Jahre 1883 abgehaltenen Kongresse zu Kopenhagen, die von ihnen dabei ge- pflogenen, den„Sozialdemokrat" betreffenden Berathnngcn und die danach von ihnen mitangeordnetc Publikation des Kopenhagener Kongreßprotokolls in jenem Blatte, zu erkennen gegeben und erklärt haben, daß fie der zu 1 gedachten Verbindung sich als Mitglieder anschließen, in den Organismus dieser Verbindung uird in diese selbst auf Tauer als Glieder ein- treten und ihren Willen dem Gcsammtwillen der Verbindung auf die Tauer ihrer Mitgliedschaft unterordnen." DicS Urtheil — fährt der Waschzettel fort— ist von großer Tragweite, da es die Möglichkeit gewähtt, den Versuchen zu Verbreitung verbotener sozialdemokratischer Druckschrif- ten auf demBodendes gemeinen Rechts weit wirksamer entgegen zu treten, als an der Hand des Z 19 des Sozialistengesetzes, dessen Strafen wesentlich niedriger sind. Von Wich- tigkeit ist namentlich hierbei, daß es nicht des förmlichen Bei- tritts zu einer Verbindung bedarf, um die Theilnahme an der- selben festzustellen, sondern daß hierzu— wie das Reichsgericht entschieden— auch konkludente Handlungen genügen, sowie ferner, daß die Strafandrohung der§§ 128 und 129 nickt nur auf den Akt des Beitritts selbst, sondern auch auf die Wirkung desselben, die in dem Zustande der Mitgliedschaft besteht, An- wendung findet. Daß die Voraussetzung, von welcher die Erkennt- nisse im Uebrigcn ausgehen, nämlich das Vorhandensein einer Verbindung zum Zweck des Vertriebes verbotener Druck- schritten, vielerorts vorhanden ist, läßt sich nicht bezweifeln: schon die Verbreitung deS �Sozialdemokrat und anderer verbotener Druckschriften in größeren Städten und Jnd u stri e g e gend en spricht hierfür; thatsächlich ist auch das Vorhandensein solcher Verbindungen in neuester Zeit an mehreren Orten fest- gestellt worden; auch der jüngst dem Reichstag vorgelegte Rechenschaftsbericht des Hamburger Senates zur Ausführung des Sozialistengesetzes erwähnt solcher. Wie vorhin angedeutet, wird somit das Vorgehen gegen die Verbreiter sozialdemokrati- scher Druckschriften künftighin wesentlich erleichtert."— Dieser Waschzettel besagt also kurz folgendes: Ter§ 19 des Sozialistengesetzes ist für die modernen Gesellschaftsretter nicht mehr schneidig genug; fie schlagen also vor, auf das alte erprobte Strafgesetz zurückzugreifen(was übrigens den geistigen Urhebern des Sozialistengesetzes wenig Ehre macht). Um das zu er- möglichen, sollen die Behölden allerorts eine„Organisation" zur Verbreitung verbotener Schriften, besonders des„Sozial- denwlrat", aufzudecken suchen, um dann auf, Grund der§§ 128 und 129 die Verbreiter mit mindestens mehrnwnatlicher Freiheitsstrafe zu beglücken. Wer also im Sozialistengesetz den Gipfel aller Bekämpfung des Sozialismus sieht, hat sich ge- täuscht, es wird noch ganz anders kommen. Eine Ausdehnung des Frankfurter Belagerungs« zustnndes auf Hessen-darmstädtisches Gebiet hält die„Franks. Ztg." schon für die nächste Zeit für möglich. Die lange de- wahrte Geheimhaltung der Absichten der preußischen Regierung führt das Blatt darauf zurück, daß die preußische Regierung der hessischen Gelegenheit geben wollte, gleichzeitig mit einem auf jene Gebiete berechneten identischen Antrage hervorzutreten. „Bis jetzt ist die hessische Regierung nicht nnt einem solchen Antrag hervorgetreten, aber es scheint uns zweifellos, daß sie dies über kurz oder lang thun wird, zumttl wenn die aus Frankfurt, Hanau und Höchst Ausgewiesenen ihren Wohnsitz auf hessischem Gebiete nehmen werden." Räumlich ist der Be- zirk, der von der neuesten Verordnung bettoffen wird, ausge- dehnter als alle, die bisher in den Ausnahmezustand versetzt worden sind; er umfaßt das ganze preußische Gebiet, das mit Frankfurt in wirthschaftlich enger Beziehung steht, drei Reichstagswahlkreise, von denen einer zur Zeit im Besitz der Sozialdemokratie ist, der zweite es in der vorigen vorhin nannten, eins vergessen, welches Sie der Ge- fahr überhebt, in Ihren eigenen Augen lächerlich zu werden." „Und dies heißt?" „Gewalt!" (Schluß folgt.) Aus Kunst und Leben. Die Premiere der nächsten Novität des Wallner-Theaters, „Einer vom alten Schlag", Volksstück mit Gesang von Karl- weis und Chiavgcki, Musik von S. Brandl, war für Donnerstag, den 23. d. M., geplant. Um aber mit der Premiere des „Deutschen Theaters" am genannten Tage nicht zu kollidiren, hat die Direktion des Wallnertheaters„Einer vom alten Schlag" schon für Mittwoch, den 22. d. M., angesetzt, ist aber demzu- folge gezwungen, um die festgesetzten Proben einhalten zu können, die„Dienstagsvorstcllung" ausfallen zu lassen, den da- durch freigewordenen Abend zur Generalprobe der Mittwochs- Novität verwerthend. Die Shakers. Das sektenreiche England wird um eine Sekte ärmer werden. Mrs. Girling, die Mutter und Gründerin der Gemeinde„Shakers", ist am 18. September beim Torfe Hordle gestorben und mit ihrem Tode ist der erste und hauptsächlichste Glaubenssatz dieser harmlosen Fanatiker widerlegt. Mrs. Girling behauptete nämlich, daß fit eine Inkarnation(Verkörperung) der Gottheit sei, an ihrem Körper die Spuren der Kreuzigung ttage und nie sterben werde. Allen ihren Sckülern und Jüngern, welche genau nach ihren Vor- schritten lebten, versprach sie ebenfalls die Unsterblichkeit. Die Geschichte dieser merkwürdigen Sekte, welcke mit den Shakers in Amerika einiges gemein hat, ist voller Wechselfälle gewesen. Sit wurde von Mrs. Girling, der Frau eines Arbeitsmanncs in den östlichen Grafschaften, gegründet. Vor 17 Jahren ließen sich die Shakers, die 15 Mitglieder zählten, beim New Forest im Hampshire nieder. Die Männer und Weiter lebten und wohnten getrennt. Gütergemeinschaft und Zölibat lEhelofig- teil) waren strengstens beobachtete Artikel ihres Glaubens- bekenntnisses. Erst wurden sie wenig beachtet; im Laufe der steit jedoch wuchs die Zahl der Gläubigen, so daß t ÄÄrÄ Ä-tÄ% Legislaturperiode war und der dritte, der zuletzt durch sozial- demokratische Hilfe dem Fortschritt erhalten blieb, es leicht bei der nächsten Wahl werden kann. Die Ausbreitung der Sozial- demokratie ist in Stadt und Land eine gleichmäßige, da die in den Städten beschäftigten Arbeiter zum großen Theil in den Dörfern wohnen und dort fruchtbaren Boden für ihre Propa- ganda gefunden haben. Z« den Frankfurter Sozialistenverhaftungen schreibt man heute verschiedenen Blättern:„Die vom Landgenchtsrath Dr. Fabricius geführte Untersuchung gegen die verhafteten Sozialdemokraten wird mit größter Umsicht betrieben. Dieselbe hat schon so viel Belastungsmaterial ergeben, daß auch außer- halb Frankfurts Verhaftungen vorgenommen wurden. Man will in Frankfurt einer geschlossenen und in sich gegliederten Organisation der Sozialdemokratie auf die Spur gekommen sein— einer Organisation, die mit den Vorständen ähnlicher Verbindungen an anderen Orten in enge Fühlung getreten war."— Andere Blätter reden gar schon von Hoch- verrath. Magdeburg, 13. Dezember. Gestem wurden hier, der „Saale-Zeitung" zufolge, zwei Zigarrenarbeiter wegen Ver- oreitung der Morschen„Freiheit" verhaftet. Verboten auf Grund des Sotialistengesetze» wurde die nichtperiodische Druckschrift:„Sozialdemokratisches Liederbuch. Neunte Auflage. Hottingen- Zürich. Verlag der Volksbuchhandlung 1886. Schweizerische Genossenschafts- buchdruckerci tzottingen-Hürich", sammt dem Anhange„Dekla- mationen". Aus dem Reichstage. Bei der Konstituirung der 8. Kommission des Reichstages zur Vorberathung des Antrages der Abgg. Kapser u. Genossen betreffend das K o a l i- t i o n s r c ch t der Arbeiter sind Abg. Struckmann(natl.) zum Vorsitzenden, Schräder(dfr.) zum Stellvertteter des Vorfitzen- den, Gehlert(Reichsp.) und Dr. Hartmann(dschkonkerv.) zu Schriftführern bestellt worden.— Die Beschlüsse der T(. Kommission in erster Lesung zu dem Entwune eines Gesetzes betr. die Frieden spräsenzstärke des deutschen Hee- reS stellen wir zur Orientiruna der Leser nochmals in ihrem Wortlaut zusammen:§ 1. In Ausführung der Art. 57, 59 und 60 der ReichSveriassung wird die Friedenspräsenzstärke des Heeres an Mannschaften für die Zeit vom 1. April 1887 bis zum 31. März 1890 auf 441 200 Mann festgestellt. Für die Zeit vom 1. April 1887 bis zum 31. März 1888 kann eine Erhöhung der Präsenzstärke bis auf 450 000 Mann eintreten. Die Einjährig-Freiwilligen kommen auf die Friedenspräsenzstärke nicht in Anrechnung. Vom 1. April 1887 ab werden die In- fanteric in 518 Bataillone, die Kavallerie in 465 Eskadrons, die Feldartillerie in 364 Batterien, die Fußartillerie in 31, die Pioniere in 19 und der Train in 18 Bataillone formirt. Außerdem können von dem gleichen Tage an bis zum 1. April 1886 16 Bataillone Infanterie formirt werden.§ 2. Der Artikel'§ 1 und 2 des Gesetzes vom 6. Mai 1880, betreffend Ergänzungen und Aendcrungen des Reichsmilitärgesetzes vom 2. Mai 1874 und die noch in Geltung befindlichen, auf die Zahl der Truppentheile Bezug habenden Bestimmungen deS§ 2 des ReichSmilitärgesetzcs vom 2. Äai 1874 treten mit dem 31. März 1887 außer Kraft.§ 3. Dem§ 10 des Gesetzes vom 6. Mai 1880, betreffend Ergänzungen und Aendcrungen des Reichsmilitärgel etzes vom 2. Mar 1874 wird als zweiter Absatz eingefügt:„Diejenigen Wehrpflichtigen, welche sich dem Studium der Theolegie einer mit Korpora- tionSrechten innerhalb des Gebiets des Deutschen Reiches be- stehenden Kirche oder Religionsgescllschaft widmen, werden während der Dauer dieses Studiums bis zum 1. April des Kalenderjahres, in welchem sie das 26. Lebensjahr vollenden, von der Einstellung in den Militärdienst vorläufig zurückge- stellt. Haben dieselben bis zu der vordezeichneten Zeit auf Grund bestandener Prüfung die Aufnahme unter die Zahl der zum geistlichen Amt berechtigten Kandidaten erlangt, be« ziehungsweife die Eubdiakonatsweihe empfangen, so find sie gänzlich von der Militärdienstpflicht befreit."§ 4. Gegenwärtiges Gesetz kommt in Bayern nach näherer Be- stimmung des Bündnißvcrttages vom 23. November 1870 unter in.§ 5, in Württemberg nach näherer Bestimmung der Militär konvention vom 21. 25. November 1870 zur Anwendung. Resolutionen. I. Den Reichskanzler zu ersuchen zu veranlassen, daß dem Reichstage baldmöglichst ein Nachtrag zum Etat pro 1887/88 vorgelegt werde, in welchem:») unter den„Fortdauern- den Ausgaben" diejenigen Forderungen eingestellt find, welche als dauernde Ausgaben zur Bildung von 5 Regimentern Infanterie, 24 Batterien Feldartillerie, 9 Kompagnien Eisenbahntruppen, 1 Kompagnie Pioniere, 14 Kompagnien Train, sowie den mit diesen Neuformationen in Verbin- dung stehenden Stäben erforderlich sind; b) unter den»Ein- maligen Ausgaben" außer den durch die unter& aufgeführten Formationen benöthigten einmaligen Ausgaben noch eine Pauschalsumme eingeslellt ist, zu temporären Formationen bis zur Höhe von 16 Bataillonen, sowie zur EtatSverstärkung bereits nehmen konnten. Sie bezahlten dafür 2650 Pfund. Eine Hypolhek von 1000 Pfd. Sterling blieben fie schuldig. Um diese Zeit zählte die Gemeinde 160 Mitglieder. Das Aufsehen, das ihre scltfame Lebenswerse erregte, zog ihnen jedoch eine bittere Anfeindung seitens ihrer Nachbarn zu. Jeden Sonntag wurden sie von Gästen belästigt. Ihre Hecken wurden nieder- gerissen, ihre Felder geplündert, ihre eingeheimsten Vorräthe ge- stöhlen, ihr Vreh mißhandelt, und allen Beleidigungen konnten sie nur eine stoische Glcichgiltigkeit entgegensetzen, welche ihr Glaube ihnen vorschrieb. Diese Verfolgungen ertrugen fie acht Jahre: endlich befanden fie steh außer Stande, die Zinsen ihrer Hupothek zu bezahlen, wurden von ihrer Farm vertrieben, ihr Erpenthum kam unter den Hammer und der Ueberschuß (100 Pfd. Eterl.) vom Erlös der Versteigerung wurde vom Sheriss auf der Sttaße niedergelegt, da die Shakers, denen jeder Handel ein Greuel ist, vas Geld nicht berühren wollten. Was auS dem Gelde geworden ist, weiß Niemand. Fünf Wochen lang kampirte die gänzlich verarmte Gemeinde auf offener Sttaße; schließlich pachteten fie, auf die Hälfte ihrer Zahl heradgeschmolzen, ein Feld und siedelten vor acht Jahren nach Hordle über, wo fie zwei AkreS Ackerland bebauen. Der Pachtzins dafür ist 9 Pfund per Jahr. Sieben Holzhütten mit Dächern von Leinwand bilden das Lager. Eine ist ihr Wohnhaus; je zwei Hütten dienen als Schlafgcmächer, für Männer und Frauen getrennt; eine in daS „Gotteshaus", und in einer Hütte refidirte Mi. Girling, die bis zum Anfang ihrer letzten Krankheit die Geschäfte der Ge- meindc mit großer Umficht und anerkanntem Geschick leitete.— DaS Mobiliar ist äußerst einfach. Die Leute leben von dem Erttag ihrer zwei Felder, Kartoffeln find ihre Hauptnahrung und seit fünf Jahren ist ihrer Armuth wegen kein Fleisch auf den Tisch gekommen. Sie find Vegetarianer und Tcmperenz- ler aus Nothwendigkrit, nicht ans Ueberzeugung geworden. Ihre Kleidung, die sich von der anderer Leute nicht unterschei- dct, wird im Lager selbst von den ShakerS angefertigt. Da fie nicht kauften oder verkauften, waren fie seit geraumer Zeit von den Almosen wohlmeinender Freunde zu ihrem Lebensunterhalt abhängig. Mehrere Mitglieder der Lette find gestorben, andere sind in die Welt zurückgekehrt, und zur Stunde besteht die Gemeinde nur noch aus 20 Mitgliedern, 12 Weibern und 8 Männern, die sich voraussichtlich ebenfalls zerstteuen werden, da ihre„Mutter", zu der fie als zu einer unsterblichen Gottheit aufzuschauen pflegten, das Zeitliche gesegnet hat.— So zerstiebt wiederum eine Ge- meinde in alle Winde, die es gewagt hat, sich von dem allge« vorhandener Truppentheile, falls solche Formationen beziehungs- weise Etatsverstärkungen in Anbetracht der Gestaltung der politischen Verhältnisse unabweislich erscheinen sollten. I. Die Erwartung auszusprechen, daß bei dm vorzunehmenden Formationen und Etatsverstärkungcn die Einberufung von DiS- pofitwnsurlaubern soweit wie möglich eingeschränkt und auch für die Zukunft auf eine möglichste Erleichterung der Militär- Pflichtigen Mannschaften durch Einschränkung der thatsächlichm Dienstzeit Bedacht genommen werde. Die Bearbeitung der Enquete über die Tonntagsruhe im Reichsamt des Innern ist, wie man berichtet, ihrem Ab» schluß nahe. Dem Bundesrath und Reichstag wird eine Hebe»- sicht der Ergebnisse zugehen. Die Äevöltenmg PreutzenS. In einer Exttanummer der„Etat. Korr." wird das endgiltige Ergebniß der Volks- Zählung vom 1. Dezember 1885 mrtgctheilt. Da dasselbe von dem im Frühjahr bekannt gewordenen vorläufigen Resultat zum Theil nicht unwesentlich abweicht, seien die Hauptzahlcn hier aufgeführt: Die ortsanwesende Bevölkerung Preußens betrug 28 318 458 Personen, worunter 13 893599 männlichen und 14424 859 weiblichen Geschlechts waren. Der Staatsange- Hörigkeit nach befanden sich unter den Einwohnem des König- reichs 27 841 137 Preußen, 319 192 andere Deutsche und 156 969 Reichsausländer. Bei 1160 Personen war die Staatsangehörigkeit unbekannt. Tie Einwohnerzahl der einzelnen Provinzen war folgende: Rheinland 4 344 527, Schlesien 4 112 219, Sachsen 2 428 367, Brandenburg 2342 411, Westfalen 2204580, Hannover 2 172690, Ostpreußen 1959 475, Posm 1 715 618, Hessen-Nassau 1 592 454, Pommern 1 505 575, Westpreußen 1408 229, Stadttreis Berlin 1 315 287, Schleswig-Holstein 1 150 306 und Hohenzollern 66 720. Aktive Militärpersonen befanden sich unter der gesammten Bevölkerung Preußens 271 581, darunter in Berlin 20565 und im Reg.°Bez. Potsdam 23 212. Von den 36 Regierungsbezirken hatten 12 eine Einwohnerzahl von mehr als 1 Million. Die bevölkertstcn Regierungsbezirke waren Düsseldorf(1 753 952), Breslau(1 579 248) und Oppeln (1497 595). Von den 517 Kreisen bezw. Oderämtern des Staates hatten 29 eine Einwohnerzahl von mehr als 100000, darunter befanden sich jedoch 11 Stadtkreise. Der größte länd- liche Kreis war Teltow mit 163 107 Einwohner, dann folgte Mülheim a. Ruhr mit 151 335 und Niederbarnim mit 144 716 Einwohner. Städte mit mehr als 5000 Einwohner giebt es im Staate 398. Davon haben 12 über 100 000, 14 50—100000, 28 25—50000 und 141 10—25000 Einwohner. Die Reihenfolge der Städte mit über 50 000 Einwohner ist folgende: Berlin 1 315 287, Breslau 299640, Köln 161401, Frankfutt a. M. 154 513, Königsberg i. Pr. 151 151, Magdeburg 143 471, Hannover 139 731, Düsseldorf 115190, Danzig 114 805, Elberfeld 106 499, Altona 104 717, Barmen 103 068, Stettin 99 543, Aachen 95725, Krefeld 90236, Halle a. S 81 982, Dortmund 78 435, Posen 68 3)5, Essen 65 064, Kassel 64 083, Erfurt 58 386, Görlitz 55 702, Wiesbaden 55 454, Frankfurt a. O. 54 085, Kiel 51706 und Potsdam 50877 Einwohner. Die bulgarische Deputation ist bestrebt, in Berlin die äußerste Reserve zu bewahren. Wie berichtet wird, hätte die- selbe bereits mit einer Reihe diplomatischer Persönlichkeiten Be- fpreckungen gehabt. Tie„Nordd. Allg. Ztg." giebt in hoch- offiziöser Schrift über den Verkehr der deutschen Regierung mit der Abordnung die folgende, keineswegs besonders ermuthigende Äittheilung:„Eine Anzahl hiesiger Blätter hat in den letzten Tagen Mittheilungen aus Wien gebracht, welche den Empfang der bulgarischen Deputation durch den Prinzen Reuß mit vielen Einzelheiten schildern. Wir find in der Lage, zu erklären, daß über jenen Empfang ein authentischer Bericht überhaupt nicht vorliegt, und daß alles, was in dieser Beziehung veröffentlicht worden, apokryph ist und auf Erfindung beruht.— Auch die in Umlauf gesetzten Nachrichten über den Empfang, welcher der Abordnung hier zu Theil werden würde, sind falsch; die Deputation wird als solche in Berlin überhaupt nicht empfangen werden, weder amtlich noch privatim; nur dürsten die einzelnen Mitglieder derselben als Privat« Personen dem einen oder andern Beamten des Auswärtigen Amtes einen Besuch abstatten, ohne daß letzterer jedoch in einem solchen Falle das Auswärtige Amt vertreten würde." Oesterreich-Ungarn. In der Landtagösitzung zu Graz degründete Morre den Antrag betreffs der Altersversorgung der land- wirthschaftlichen Arbeiter, betonend, es sei die ernste Pflicht der menschlichen Gesellschaft, den Mitmenschen, welche ihr ganzes Leben der Arbeit widmeten, ihre Kräfte im Dienste Aller verloren haben, für die letzten Lebenstage ein menschen- würdiges Dasein zu verschaffen, danrit nicht alte abgerackcrte Arbeiter von Haus zu Haus oder gar von Stall zu Stall warr« dern müssen, weil sie für das Krankenhaus zu gesund und für die Arbeit zu elend sind. Sein Antrag richte sich gegen das Einlegerwesen, welches der Menschenwürde und dem Humanitäts- prinzip widerspricht. Der Antrag Morre's wird einem beson- deren Neuner-Ausschusse zugewiesen.— Die deutschen Agrarier find da bockbeiniger. Annehmen wird der Grazer Landtag aller- dingS auch kaum etwas. meinen Kulturleben loszulösen, die eine Welt für sich bilden wollte. Nur selten gelingt es solchen Schöpfungen deS Egoismus, des frommen Wahns oder mißverstandener fozialer Ideen, sich zu behaupten gegenüber der Kulturwelt, die ihre Arme immer weiter und weiter erstreckt und auf ihrem Sieges- laufe schonungslos zertritt, was sich ihr in dm Weg stellt. Nicht von unklaren Schwärmern gehen jene weltbewegenden Jdem aus, die dereinst eine andere Kultur schaffen werden, sondern aus den sozialen Verhältnissen wachsen fie heraus, mit ihnen breiten fie sich aus und durch fie erlangm diese Ideen den mdlichen Sieg. Politisches Kuriosum. Das Dezemberheft der„Deutsche? Schachjcitung'( enthult folgende amüsante Bemerkung, die w» unseren zürrftigm Diplomaten zur Behnzigung anempfehlen möchten:„Ter in jüngster Zeit oft genannte britische Staats- mann Lord Randolph Churchill ist auch ein eifriger Scha-b- freund. Noch im Jahre 1885 war er Vizepräsident der British Cheß Assoziation. Wie wäre es, wenn alle die gegenwärtigen und zukunftigen Streitigkeiten zwischen Frankreich, England um- Rußland auf den 64„Tchlagfeldern" des Schachbrettes crnsgt� macht würden? Als Kämpfer stellt Frankreich den Präsidenten Grsvy in höchfleigmer Person, England Lord Randolph, Ruf' land Eabouroff! Rußland könnte außerdem den in Panv domizilirenden Fürstm Dadian von Mingrelim, von dem h** Btral gio" manche hübsche Partie enthält, nach Bulgarien rochiren lassen. Als geeigneter Kampfplatz aber empfiehlt ff™ vielleicht das Cafe Stefan in Sofia, wo fleißig geschacht wird- Reerschaum. In der„Tgl. Rdsch." lesm wir: W" kennt fie nicht die hübschen Meeischaumspitzen in allen wog- liehen und unmöglichen Formen? Aber weiß auch jeder Raucker, der fie benutzt, den Ursprung des Namen:? Zum Besten Derer, die es nicht wissen, sei es hier mitgetheilt. So unwahrscheinlich«er Name etwaS mit dem Meerschaum zu thun hat, so spielt do« letzterer eine Rolle bei der Entstehung des Namens. Der erste Erzeuger dieser Waaren war ein Kaufmann E. Cumer in Nürn- berg, dessen Erzeugnisse auch bald in Frankreich beliebt wurden unter dem Namen mwclimndiwe de E. Cnmer. Die franM' sche Aussprache deS Namens anlautend an temme(SetjouiiO Kttßlaud. r v Heber den®eiftesju)ianö des Zaren flehen der Wimer„Deutschen Zeitung" auS einer„durchaus verläßlichen Quelle folgende Mittheilungen zu:„Immer bedenklicher ent- wickelt sich der Krankheitsstoff in dem Gemüthe des russischen Hertschers. Man kann den Zaren nicht als vollständig geistes- krank bezeichnen, denn seine geistigm Fähigkeiten arbeiten oft ganz regelmäßig. Der Fall ähnelt vielfach dem Unglücke, von welchem König Ludwig von Bayern betroffen wurde. Dazwischen aber kommen — in Folge von Verfolgungsvorstellungen— Zeiten einer tiefen geistigen Devresfion, welche mit unzähmbaren Wuthaus- källen abwechseln. ES ist jetzt sichergestellt, daß er seinen Adju- t niten, v. Reutern, wirklich erschossen hat; ja, vor einiger Zeit richtete sich einer seiner Angriffe gegen seine Gemahlin, welche er in einem Anfalle von Wuth am Halse würgte. Daher der Wunsch der Zarewna, nach Nizza zu reisen; daher die sich widersprechmden Meldungen von ihrer Reise und von ihrem Verbleiben in Gatschina. Herr v. Giers wird oft wochenlang nicht empfangen; es kommt deshalb vor, daß die russische Politik in ganz widerspruchsvollem Sinne geleitet wird. Man ersieht das auch aus den Meldungen der„Politischen Corresp." Der Petersburger Korrespondent derselben erhält seine Jnsor- mationen direkt von der Regierung und er meldet einmal, Kaulbars sei frostig empfangen worden; am nächsten Tage aber war— offenbar auf höheren Auftrag— zu lesen, er habe am Vortage irrig berichtet, da Kaulbars von dem Zarm warm de- grüßt wurde. Die Verwirrung steigt immer höher und es ist in jedem Augenblicke eine Katastrophe zu fürchten. Denn einerseits ist möglich, daß, wenn der Zar weiter regiert, er bei seinem unberechenbaren Zustand das Furchtbarste, selbst einen finnlosen Krieg, unternimmt: anderer- seits aber ist ein Thronwechsel im Bereiche der Möglichkeit, und dann steht man— mitten in einer inneren Krise des Zarenreiches— vor etwas Unberechenbarem, Ungewissem. Die europäische Lage an sich ist nicht berunuhigend; aber sie ist ver- worren, weil ein gemüthskranker Herrscher die traurigsten Stö. rungen hervorrufen kann." Holland. Der M a r i n e m i n i st e r hat seine Demission gegeben, nachdem die zweite Kammer mit 30 gegen 26 Stimmen auf Antrag eines liberalen Deputirten den Kredit für Erbauung dreier Torpedoboote verworfen hat. Großbritannie«. Die Sozialisten in England planen eine neue Demon» stration. Es werden sich nämlick unter ihren Auspizien mehrere Tausend Arbeitslose mit ihren Frauen und Kindern am Neu- jahrstage nach den verschievenen Armenhäusern der Metropole begeben und dort Aufnahme verlangen. Die Sozialisten glauben, dieser Schritt werde zeigen, welcher Nothstand im Lande herrsche, er werde ferner die Erhöhung der Armensteuer zur Folge haben, und in dieser Weise darthun, daß die Sozialisten nicht über- trieben. Ob die Kundgebung erlaubt werden wird, ist frellich noch sehr die Frage. Die Handelskammer von Cardiff beschloß, die Regierung aufzufordern, unverzüglich die geeigneten Schritte zur Gründung von Nothhäfen zu thun. Lei dem letzten Sturme seien allein im Kanal von Bristol 300 Menschen umgekommen, und sollte deshalb sofort eine Kommission eingesetzt werden, um den für einen Nothhasen geeignetsten Punkt ausfindig zu machen. Die Vorsteher des Armenhauses von New Ross in Jr- l a n d, welche für ausgewiesene Pächter eine„Ehrenabtheilung" eingerichtet haben, sollen nun wirklich abgesetzt werden.„United Jreland" schreibt darüber:„Der rechtsmäßig erwählte Armen- vorstand wird diese fürchterliche Unverschämtheit nicht mit Hand- schuhen zurückweisen, und der Beifall des Landes ist ihm gewiß. Er wird den Abgesandten deS Lokalregierungsamtes einfach den Einttitt in sein Armenhaus verweigem. Ein Armenhaus ist eine herrliche Festung, und bezahlte Schergen werden mit Ar- tillerie das Hauptthor sprengen müssen, ehe sie Besitz von dem Eigenthum der Steuerzahler, welches von deren Vertretern ver- waltet wird, ergreifen können. Sind dann bezahlte Armen- pflegcr mit Hilfe von Roß und Reisigen eingesetzt, so wer« den sie jedenfalls in der Nähe eine Nothjtation errichten müssen, um etwas für sich und ihr Armenhaus zu essen zu haben." Kalkan länder. Ein Pester Journal meldet, die Kandidatur des Prinzen von Koburg für den bulgarischen Thron sei eine Er- sindung Andraffy's. DaS ist aber kaum glaublich, da Andrassy mit der bulgarischen Deputation in keinen Kontrakt getreten ist. Unter allen Umständen aber ist eS sicher, daß diese Kandidatur weder vom österreichischen Hofe, noch von der Regierung angc- regt worden. Letztere hat sich in dieser Sache von Anfang an äußerst reservirt gehalten. Nach neueren Mitthcilungen wäre die Kandidatur des Koburgcrs als vollständig aussichtslos zu betrachten. Attt-rtk*. An der New-DorkerBörse ist auf die S p e k u l a t i o n s« Orgien über Stacht ein schlimmer Katzenjammer gefolgt. Besonders die Eisenbahnspekulation stand dort in vollster Bluthe. Vor vierzehn Tagen trat der Höhepunkt dieser Bewegung ein. Am letzten November wurden an der Effektenbörse mcht weniger nls 908 350 Aktien umgesetzt, und da gleichzeitig an der Vetroleumbörse 284 370 TitreS gekauft und veräußert worden si".d, so crqiebt sich ein. Gesammlumsatz an diesem einen � a g e von ungefähr Millionen T r t r es. Die Reading-Eisenbahnaktien stiegen in werngen Minuten um 14 pEt. im Preise, und die Bewegung umfaßte nahezu alle Ey'enbahnwerke. Die Bankiers wurden mit Auftragen des Publikums überschüttet. Charakteristisch für die ganze Be- megung ist der Umstand, daß gerade die Aktien der Reading- Eisenbahn diesen Enthusiasmus hervorriefe», während der Ge- sSäftsbericht für da« Jahr 1885 bei dieser Gesellschaft ein Defizit(!) von nicht weniger als 4,5 Millionen Dollars kon- Uatitt und das Defizit für das Jahr 1886 auf 3,7 Millionen Dollars geschätzt wird! Die Aktien der Richmond- Eisenbahn Wurden im August laufenden Jahres mit 29 pEt. notirt, und "er Preis erhöhte sich Ende November bis auf 76 pCt. In Oer gleichen Zeit hob sich der Kurs der Richmond- und Tunville-Eisenbahn von 140 auf 200 pCt. Die Uebcr- soekulation in den Vereinigten Staaten war so groß, daß ein Rückschlag eintreten mußte. Derselbe wurde befördert durch geradezu wahnsinnige Agiotage, die in San Franzisko und Pittsburg stattgefunden hat. Das Geld vertheucrte sich und Oer Zinsfuß stellte sich im Laufe dieser Woche auf nicht weniger ols 25 Prozent. Um einen zu starken Geldabfluß nach Anierlka ?u verhüten, müssen natürlich auch die europäischen Banicn mren Zinsfuß erhöhen, so daß auch der europäischen Geschaits- Welt die Krifis jenseits de« Ozeans fühlbar wird. Uns kann eo ja am Ende gleichailtig sein, wie sich die besitzenden Klassen unter einander das Einkommen wieder abjagen, das sie erst 0en Arbeitern entzogen haben— aber lehrreich ist und bleibt oa| Börsentreiben, besonders für diejenigen, welche glauben, oaß man nur durch saure Arbeit etwas verdienen könne. Bonn find die New-Norker Spekulanten die angesttengtesten Geschöpfe von dieser Welt. Gerickts-Zelwng. Zie Borstand-dameu de««ebeiterinncnvereiils für de» worden Berlin« wegen Verletzung de« Pereins-Gesetze« vor vencht. Zweiter Tag der Verhandlung. LandgerichtSdirektor Lüty eröffnet gegen 9% Uhr ft ,CJwiüafl« wiederum die Sitzung und ettheilt das Wort zur -«enherdigung der Angeklagten Cantius: Hoher Gerichtshof! Ich schließe mich vollständig dm Ausführungm unserer Herrm Vertheidiger an. Ich war mtfernt, in dem Verein Politik zu treiben, im Gegentheil, ich bin stets bemüht gewesen, jede poli- tische Diskussion zu verhüten. Wir haben den Verein blos ge- gründet, um unseren Mitschwestem zu helfen, um dieselben auf einen höheren geistigen Standpunkt zu.bringen und es ihnen durch gemeinsames Vorgehen zu ermöglichen, eine Besserung ihrer materiellen Lage zu erzielen. Wir haben lediglich soziale Mißstände, ganz besonders die Prostitution bekämpfm wollen. Ich bitte deshalb um unsere Freisprechung und im Namen der vielen Tausende von nothleidenden Arbeiterfrauen um Frei- gäbe des Vereins. Die Angeklagtm Grothmann, Steinecke, Blechschmidt und Walter schließen sich der Angeklagten Cantius an. Sie seien lediglich besttebt gewesen, die Löhne der Arbeiterinnm aufzubessern. Frau Steinecke bemerkt: Sie könne es nicht begreifen, daß sie strafbar sein solle, weil sie sich in einem gesetzlich er- laiwten Vereine als Schriftführerin habe wählen lassen. Frau Walter bittet ganz besonders um Freigabe des Ver- eiijs, da in der jetzigen traurigm Zeit die Arbeiterinnm um so dringender einer Vcreinigang bedürfm. Angekl. Pötting: Hoher Gerichtshof: Unsere Herren Ver- theidiger haben wohl in eingehender Weise den§ 8 des Vcr- einsgesetzes beleuchtet, ich gehe jedoch noch etwas weiter, indem ich behaupte, der§ 8 des Vereinsgesetzes kann auf Frauenver- eine gar keine Anwendung finden. Der§ 8 des Vereinsge- sctzes, der uns Frauen eigenthümlicher Weise mit Schulbuben auf eine Stufe stellt, spricht nur von Männer-, nicht aber von Fraumvereinen. Der Gesetzgeber hat bei Abfassung dieses Pa- ragravhm jedenfalls nicht bedacht, daß wir Frauen die Schul- buben erziehen und zunächst bemfen find, für deren geistiges und leibliches Wohl Sorge zu ttagen. Andererseits kann der Gesetzgeber abernur Männervereine bei Abfassungdes§ 8 im Auge gehabt haben. Dafür spricht doch die Fassung:„Wenn auf Auffor« vemdes beaufsichtigenden Polizeibeamten Frauenspersonen, Schüler und Lehrlinge nicht entfernt werden, so ist der Polizeibeamte berechtigt, die Versammlung aufzulösen." Diese Fassung kann sich doch blos auf Männervcreine beziehen; der Gesetzgeber kann doch nicht verlangen, daß in Frauenvereinm alle anwesenden Frauen, einschließlich der Vorsitzenden, mtfernt werben. Andererseits ist den Frauen nirgends verboten, Politik zu ttei- ben. Daß wir in unseren Vereinsoersammlungen Politik ge- trieben haben, ist in keiner Weise bewiesen worden. Welches Verbrechen haben wir also begangen? Wir sind bemüht gewesen, uns und unseren Mitschwestem eine menschen- würdigere Existenz zu verschaffen, dafür zu sorgen, daß wir und unsere Kinder auskömmlichere Löhne erhalten. Einer der Herren Belastungszeugen hat allerdings bekundet, unsere Vereins- und öffentlichen Versammlungen seien idmtisch gewesen, den näheren Nachweis hierfür ist er aber schuldig geblieben. Unsere Vereins- Versammlungen waren gewöhnlich von nur 150, unsere öffentlichen Versammlungen dagegen von 600— 800 Personen besucht. Während die Vereinsversammlun gm stets mhig verliefen, waren unsere öffentlichen Versammlungen häufig so stürmisch, daß sie der beaufsichtigende Polizeibeamte aussöscn wollte. Daß man in den öffentlichen Versammlungen vielfach dieselben Ge- fichter sah, wie in den Vereinsversariimlungen, kann doch nickt die Identität beweisen. Der Herr Staatsanwalt ist ebenfalls einen näheren Nachweis hierfür schuldig geblieben. Für den Aufruf der Frau Cantius bin ich nicht verantwottlich. Der Herr Staatsanwalt sagte: ich wäre höher zu besttafm, als die anderen Angeklagten, da ich ein klar denkender Kopf bin, Wenn mir der Herr Staatsanwall ein solches Kompliment macht, dann muß er mir auch zutrauen, daß ich im Stande bin, öffentliche und Vereinsversammlungen auseinander zu halten. Die Entlastungszeugen haben bekundet, daß ich gerade bemüht war, alle Politik von unseren Versammlungen fernzu- halten. Wenn der Herr Staatsanwalt ttotzdem gegen mich eine höhere Strafe für nothwendig hält, so muß ich sagen: O erkläre mir, Graf Oerindur. nicht diesen Zwiespalt der Natur, sondern den Zwiespalt der Worte des Herrn Staatsanwalts. Ich überlasse es nun dem hohen Gerichtshof, zu erwägen, ob wir strafbar gehandelt haben. Ich bitte, den hohen Gerichts« Hof zu berücksichtigen, daß die Schließung des Vereins tausende von Arbeiterfrauen schwer schädigen würde und daß der Puttkamer'schc Erlaß eine hinreichende Garantie giebt, daß wir das uns gewährte Versammlungsrecht nicht mißbrauchen. Ich bitte deshalb um unsere Freisprechung und um Freigabe des Vereins.— Der Gerichtshof zieht sich alsdann zur Berathung zurück. Nach etwa Ij stündiger Berathung verkündet der Präsident, Landgcrichtsdirektor Lüty, folgendes Erkenntniß: Es wäre dem Gerichtshof sehr erwünscht gewesen, wenn er in Folge der Be- weisaufnahme zu der Ueberzeugung gelangt wäre, daß die hier angeklagten Vorstandsmitglieder des Berliner Arbeiterinnen- Vereins streng ihre Statuten innegehalten haben. Der Gerichts- Hof ist jedoch leider zu der Ueberzeugung gelangt, daß die An- geklagten nicht einmal die Abficht gehabt haben, den Wortlaut dieses Statuts innezuhalten. Der Gerichtshof ist zunächst der Meinung, daß die Behauptung der Angeklagten Pötting: sie sei die Verfasserin des sogenannten Bebel'schen Programms, eine bedingte Unwahrheit ist. Die ganze Fassung des Programms spricht unzweifelhaft dafür, daß hinter demselben eine erfahrene, gewandte männliche Hand gestanden hat. Es ist ja sehr er- klärlich, daß von dieser männlichen Seite der Hebel an einer Stelle angesetzt wurde, wo er sich am wirksamsten erweist, denn es ist bekannt, daß die Frauen nicht blos den größten Einfluß auf die Männer, sondern auch auf die heranwachsende Jugend haben. Der Gerichtshof ist nun der Ueberzeugung, daß die öffentlichen mit den Vereinsvcrsammlungen identisch waren. Dafür spricht 1) eine Anmeldung der Angeklagten Walter, in welcher dieselbe der Polizei anzeigt, daß eine öffentliche Ver- sammlung des Berliner Arbeiterinnenvereins stattfinden werde, 2) der mehrfach erwähnte Aufruf der Angeklagten Cantius, in welchem allmonatlich 4 Versammlungen, 2 Vereins- und 2 öyentliche Versammlungen angekündigt werden. Der Einwand der Angeklagten Pötting, sie habe gegen diese beiden Schrift- stücke Einspruch erhoben, kann nur als scheinbar angesehen werden. Der Pötting war bckannt�daß dadurch das Vereins- gesetz verletzt werden könnte, deshalb erhob sie diesen schein- baren Einwand. Allein durch noch mehrere andere Dinge hat der Gerichtshof die Ueberzeugung gewonnen, daß die öffentlichen mit den Vereinsversammlungen ioeirtisch waren. Der Gerichtshof sieht von den äußeren Eindrücken ah, da derartige Eindrücke immer etwas mißlich find. Dagegen spricht 1) die Thatsache dafür, daß in den öffentlichen Versammlungen fast aus- nahmslos die Vorstandsmitglieder des Vereins ins Bureau gewählt wurden und 2) daß die in den öffentlichen Versamm- lungen vorgenommenen Tellcrsammlungen stets in die Kaffe des Vereins flössen. Wenn die Pötting einwendet, sie habe in den Vereinsversammlungen über diese Tellersammlungen blos deshalb Rechenschast abgelegt, da sie wegen der Verwendung dieser Gelder zur Rede gestellt worden sei, so ist doch zu er- widern, daß diese Rechtfertigung vor die öffentliche Versamm- lung gehört hätte, in der die Gelder geflossen find, aber nicht vor die Vereinsversammlung, die angeblich mit den öffentlichen Versammlungen nichts zu thun gehabt hat. Auch daß die Pötting die öffentlichen Versammlungen als private Unter- nehme«« einberufen hat, war nur eine scheinbare Handlung. Ist sonach erwiesen, daß die öffentlichen Versammlungen mit den Vereln«»ersammlungen identisch waren, so ist zweifellos festgestellt, daß der Verein bezweckt, politische Gegenstände in seinen Versammlungen zu erörtern und auch erörtert hat. Ich gebe dem einen Heim Vertheidiger zu, daß man mit einer dialettischen Gewandtheit jedes Thema als politisches bezeichnen kann, allein der Gerichtshof ist doch der Meinung, daß Politik alles das ist, was die Organisation des Staates betrifft, fic betrifft oder alterirt. Mit anderen Worten: der Gerichshof ist der Meinung, Politik ist, wenn bezweckt wird, Einrichtungen und Gesetze des Staates oder der Staatsverwaltung abzuändern oder zu beseitigen. In den öffentlichen Versammlungen, zum Theil aber auch in den Vereinsversammlungen, ist über den Normalarbcitstag diskutift worden, es hat eine Petition an den Reichstag zu Gunsten des sozialdemokratischm Arbeiterschutz- gesetz-Entwurfs ausgelegen, das erwähnte Bebcl'sche Programm ist erörtert worden, es ist die Forderung aufgestellt worden, den Frauen das politische attive und passive Wahrecht zu verleihen und eine Anzahl politischer Gegenstände mehr, und wenn man erwägt, daß diese Erörtemng geschah unter der Aegide bekannter sozialdemokratischer Schnftsteller und Agitatoren, so wird der Geritshof nicht fehl gehen, wenn er der Anficht ist, daß bezweckt wurde, politische Gegenstände in den Vereinsver- sammlungen zu erörtern. Es könnte zunächst paradox erscheinen, daß man Frauen deshalb für strafbar erachtet, weil sie als Vorstandsmitglieder eines Frauenvereins welcher bezweckte, politische Gegenstände in seinen Versamm« lungen zu erörtern, Frauen als Mitglieder aufgenommen haben. Allein dieser scheinbare juristische Nonsens schwindet, wenn man den§ 8 des Vereinsgesctzes näher in's Auge faßt. Es ist zweifellos, daß der Gesetzgeber damit bezweckt hat, Frauen überhaupt von politischen Versammlungen auszuschließen und ihnen die Bildung solcher Vereine zu verbieten. Die Reichs» Gewerbeordnung steht dieser Bestimmung des preußischen Vereinsgesetzrs nicht entgegen. Wenn beide nur in den gehört- gen Schranken gehalten werden, so können sehr wohl beide neben einander bestehen. Was nun das Strafmaß anlangt, so hat der Gerichtshof die Pötting als die Seele des Ganzen angesehen, in zweiter Linie kommt die Cantius in Betracht, während die anderen Angeklagten nur eine untergeordnete Thätigkeit ent« falteten. Bezügliche der Blechschmidt ist der Gerichtshof zu einem Hon liqvet gelangt. Was nun die Schließung des Vereins anlangt, so war einmal der tumultuarische Charakter der meisten öffentlichen Versammlungen, wo« durch die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährdet war, zu berücksichtigen, femer war zu erwägen, daß die Vorstands- Mitglieder das Bestreben hatten, die Aufsichtsbehörde über ihre wahren Bestrebungen zu täuschen und daß in einer Stadt wie Berlin die Sicherheitsorgane in nützlicherer Weise verwendet werden können, als zur Ueberwachunfi tumultuarischer Versamm« lungen. Wenn einer der Herren Vertheidiger anfühfte, mit Rückficht auf das bevorstehende Weihnachtsfest solle von der Schließung des Vereins Abstand genommen werden, so ist der Gerichtshof der Meinung, daß den Berliner Arbeiterfrauen besser gedient ist, wenn sie zum Weihnachtsfest der Ruhe und dem Frieden wiedergegeben werden. Auf Grund all dieser Erwägungen hat der Gerichtshof für Recht erkannt, daß mit Ausnahme der Blechschmidt, die kostenlos freizusprechen war, die 5 anderen Angeklagten sich der Verletzung des Vereinsge- setzes schuldig gemacht haben und daß deshalb unter Zurlast- leguna des Verfahrens zu bestrafen seien: die Pötting mit 30 Ä., die Cantius mit 25 M., die Grothmann und Walter mit je 20 M, die Steinccke mit 15 M. Geldstrafe und daß im Unvermögensfalle für je 5 M. 1 Tag Gefänaniß zu substi« tuiren ist. Außerdem hat der Gerichtshof auf Schließung des Vereins erkannt._ Soziales«nd Arbeiterbewegang. Die Kinderarbeit in Frankreich bringt der in einer Nummer des„Moniteur Officiel du Commerce" veröffentlichte Bericht für 1885 einer in Frankreich mit der Ueberwachung der Kinderarbeit betrauten Kommission reichhaltiges Material. Nach ihm find im Berichtsjahre nicht weniger als 240 778 Kinder von 10 ms 15 Jahren, sowie minder» jährige Frauen(gegen 200 375 im Vorjahre) in 60 810 französischen Fabriken beschäftigt gewesen. Diese Zunahme läßt sich nur zum Theil mit der seit 1884 vollzogenen Verbesserung der Aufsicht erklären, denn der letzteren entgehen auch jetzt noch die geistlichen(!) Fabriken und die Hausindustrie. Ueberdies werden neuerdings viele Kinder von den Eltern statt in der Industrie, in Hotels, bei der Post und den Telegraphen, in großen Magazinen u. s. w. untergebracht, und hier fehlt wiederum die staatliche Ueberwachung. Was will es da be- deuten, wenn der für Kinder ungebührlich lange Arbeitstag von zwölf Stunden wirklich„nur selten" überschritten worden wäre, wie der Bericht meint. Wurden doch, namentlich in Glashütten, 10 bis 12 Jahre alte Kinder von früh halb 5 Uhr bis Abends 5 Uhr arbeitend gefunden! Für die Sonntags- und Nachtarbeit der armen Kleinen bei Fischhändlern, Bäckern und anderen Untemchmem der Lebensmittelbranche legt die Kommisston ordentlich ein gutes Wort ein! Hebet die Kinderarbeit in den Bergwerken kann sie nur die unbestimmte Vermuthung aussprechen, daß da nicht alles richtig zugehe. Von den 89 119 Kindern zwischen 12 und 15 Jahren der Berichtsperiode besaßen infolge dessen nur 56 634 ein regelrechtes Schulzeugniß, also nur 63 Prozent— ganze 27 Prozent ermangelten des Unterrichtes. Das ist noch nicht Alles— die Anzahl der Unglücksfälle, welche beschäftigte Kinder treffen, ist so groß, daß die Kommisston die im Berichtsjahre gemeldete Zahl(182) selbst für viel zu klein erkläft. Die geschilderten Zustände erscheinen den Berichterstattern so unhaltbar, daß sie eine Revision der Gesetzes- bestimmungen in Aussicht stellen, und ein bezüglicher Entwurf ist denn auch wirklich letzter Tage vom Handelsminister hei der Kammer eingebracht worden. Wir erwähnten ihn schon kurz. Derselbe faßt die Bestimmungen des Gesetzes vom 9. September 1848 über die Arbeitsdauer und die des Gesetzes vom 19. Mai 1874 über den Schutz der im Gewerbe verwendeten Kinder und Mädchen zu einem einheitlichen Gesetze zusammen und verbessert sie etwas. Insbesondere wird der Schutz auch auf solche ge- werbliche Anlagen ausgedehnt, welche die Form von Fach- oder Jndustticschulen oder Vcrsorgungs-, Rettungs- oder sonst Wohl- thätigkeitsanstalten haben und bisher der Aufficht entzogen waren. Das Alter der Zuläsfigkcit der Kinder in Werkstätten, welche im Gesetze von 1874 auf 12 Jahre bestimmt und für gewisse Industrien bei bloö sechsstündiger Arbeit sogar auf 10 Jahre ermäßigt wurde, ist in der neuen Vorlage gleichförmig auf 13 Jahre festgesetzt. Die Nachtarbeit ist nicht blos für Kinder und minderjährige Mädchen, wie im Gesetze von 1874, sondern für Frauenspersonen jeden Alter« untersagt, unter Vorbehalt der Gestattung für Nothfälle durch eine Ministerverfügung. Die Arbeitszeit ist für Arbeiterinnen jeden Alters auf 11 Stunden täglich begrenzt. Endlich bezweckt eine Reihe neuer Bestimmungen die Sicherung von Leben und Gesundheit in den Werkstätten aller Art. Weiße Sklave». Das rapide Wachsthum der Reichs» Hauptstadt hat in den letzten Jahren die Verkehrsmittel-Soekt!« lation mächtig in die Höhe schnellen lassen. Von den verschic- denen Unternehmungen dieser Art nennen wir nur vier: die �Allgemeine Berliner Omnibus-Attiengesellschaft", die„Grefe Berliner Pferdeeisenbahn-Altiengesellschaft", die„Neue Berlin tr Pferdebahn-Gesellschaft" und die„Omnibus- und Packetbeför« derungS- Gesellschaft". Eine jede von ihnen steht auf fesicn Füßen; die Dividende» fallen alljährlich überreich aus. AUr» Grund genug, um annehmen zu können, daß die„seinen" Gesellschaften auch ihre Angestellten entsprechend denglein« zenden Einnahmeresultaten entlohnen. Aber weit gefehlt. Ge- ring besoldet, vom Morgengrauen bis in die Nackt t tätig und allen Unbilden ausgesetzt, ist die Lage dieser„niederen" Be« amten in der That nichts weniger als beneidenswerth Die Gründe liegen ja nahe. Wie das ganze Beamtenproletariat, find auch die„Bediensteten" der Verlehrsanstalten unorganifirt und den Direkttoncn gegenüber vollkommen hilflos. Der Arbeiteistand ist sich seiner Macht und Zukunft bewußt; das nothleidende Beamtenthum ist davon noch weit entfernt. Ncleuchtcn wir nun die Praxis der„Allgemeinen Berliner Omnibus-Aktiengesellschast, die im Kourszettel mit 11 pCt. Di> nidende verzeichnet ist, etwas näher, zunächst das Loos ihrer Kondukteure und das der Kutscher. Wer eine solche Anstellung erhält, hat als Minimum 75 M- Kaution zu hinterlegen. Sie verfällt, wenn die Tirektion meint, der Arbeitnehmer irgend eine Unredlichkeit begangen. Das steigende Elend unserer Tage, die immer mehr und mehr überflüssig werdenden Kräfte in anderen Zweigen und Branchen der Erwerdsthätigkcit sorgen schon, daß für die alten, verbrauchten Kräfte, stets neue ins Feld rücken und auf die drückendsten Bedingungen eingehen. Die zum Theil aus höheren Lsfizieren und Regicrunpsbeamten a. D. zusammen- gesetzte Direktion hat sich in dieser Beziehung ein System zu- rechtgelegt, das allen gleichverwandten Geistern empfohlen sein mag, so ausgeklügelt ist es. Eine Daumschraube ist der große Reservestamm, der es ermöglicht, im Rothsalle hundert Mann in die Bresche springen zu lassen. Die Leute werden ähnlich wie die Militärcrsatzmann- schaften ausgebildet, einige Zeit beschäftigt und vorläufig„zur Disposition gestellt. Will ein Kondukteur nach wochenlangem Dienst sich einen Ruhetag gönnen, so vertritt ihn auf seine Kosten einer der schon Wartenden. Im ersten Halbjahr gicbts pro Tag 2,40 M.; nach dessen Ablauf 2,60 M. Von Trinkgeldern ist eigentlich gar nicht zu sprechen. Sie bringen den Tagelohn immerhin auf etwas über 3 M. Von diesem Kolossal- Verdienste hat der Kondukteur Tag um Tag an den Kutscher 50 Pf. und an den Stallmann 15 Pf. zu zahlen. Ebenso werden dem Kondukteur defekt gewordene Glasscheiben, Laternen, Zylinder u. a. m. ihrem vollen Werthe nach ange- rechnet. Daß er fehlende Gelder ersetzen muß, ist selbstver- ständlich. Um 6 Uhr früh beginnt der Dienst, welcher ab- wechselnd Abends um lOjg und III Uhr endet. Pausen liegen nicht dazwischen; die Mahlzeiten werden während der Fahrt und den 8—9 Minuten des„AnHaltens" eingenommen. Die erste Thätigkeit am Morgen ist das Reinigen der Wagen, was im Nu und doch mit Exaktheit geschehen sein soll. So ist es nicht zu verwundem, wenn der Kondukteur, erhitzt und erschöpft wie er nach dieser Parforcearbeit ist, sich während der Fahrt in der eisigen Winterlukt Krankheit und Siechthuiv zuzieht. Es wäre sehr lehrreich, besäße man eine Statistik darüber. Die Konduk- teure der neuen Gesellschaften sind wenigstens einigermaßen gegen die Wittemngseinflüssc geschützt; die der„Allgemeinen Berliner Omnibus- Akiicngeschaft" stehen auf schmalem Tritt- drett in Schnee und Unwetter. Tritt der Arme rim Milter- nacht den Heimweg an, dann ist er müde uud matt. Wochen hindurch bleibt er seinen Kindem unsichtbar. Im Dienste der Direktion, oder besser der Aktionäre, giebt er Kraft und Gesund- heit hin. Man glaubt, lesen wir gewisse Blätter, daß die Ge- sellschaft hin und wieder doch Großmuthsanwandlungcn hat. Da verlautet z. B. von der vierteljährlichen Prämienverheilung. O, gleißncrisches Thun! Wie wenige unter den Hunderten empfangen die lockenden 18 M. Findet der revidirende Be- amte in den Kleidern des Kondukteurs einen— F ck, liefert er sieben Mal im Quartal die wenigste Kasse ab, bricht zufällig ein Rad oder tritt irgend etwaS ein, woran der Kondukteur noch so unschuldig sein mag» werden die 18 M. pro Vierteljahr nicht geleistet. Aber kommen wir davon ab. Steht der Gesellschaft das Recht zu, ihre Angestellten plötzlich und ohne Angabe des Grundes zu entlassen, so haben diese ihre Stellung 14 Tage vorher zu kündigen. Was jedem freien Manne zusteht, ist das Stimmrecht. Anderer Meinung scheint die„Allgemeine Berliner Omnibus- Aktiengesellschaft zu sein. Von jenem Rechte zur Reichstags- oder Landtagswahl Gebrauch zu mackien, giebt sie weder den Kondukteuren, noch den Kutschern den nöthigcn Urlaub. So sieht das Berliner Musterinstitut im Innern aus! Die Ziegelarbeiter in den zahlreichen Ziegeleien an der Unterhavel treffen in jedem Frühjahr von Lippe ein. Der Landrath des Osthavclländischcn Kreises hat nun eine Polizciverordnung erlassen, daß bei jeder Ziegelei vorschrifts- mäßige Wohn- und Schlafräume für die Arbeiter hergestellt werden müssen, die auf jede Person mindestens 2 Quadrat- mcter Bodenraum und 7,5 Kubikmeter Luftraum enthalten. Jede Ziegelei muß auch wenigstens ein Krankenzimmer haben, welches zu anderweiten Zwecken nicht benutzt werden darf. Die Zustände in den Ziegeleien sind gewöhnlich geradezu scheuß- lich, sodaß die landräthliche Verordnung unbedingt nölhig war. Theater. Dienstag, den 21. Dezember. Otervhaus. Der Barbier von Sevilla. Uthimspielhaus. Durch's Ohr. Zum Schluß: Castor und Pollux. Deatsches Theater. Der Königslieutcnant. Kroll's Theater. Der Mikado. Artedrich-Wilhelmstädtisches Theater. Der Zigeunerbaron. Walluer-Theater. Geschlossen. Viktoria-Theater. Viviana. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Biesidenz-Theater. Georgette. Zeatral-Theater. Der Waldteufel. Vellealliauce-Theater. Die Kindsfrau. Walhalla-Theater. Der Vagabund. Königstädtisches Theater. So sind sie Alle. BteichShallen- Theater. Spezialitäten- Vor« stellung. Kaafmanu'S Varietee. Spezialitäten- Vorstellung. Toneordia- Theater. Spezialitäten- Vor« stellung. JEden-Tlaeiater* «Jrüher Louisenst. Theater.) Drcsdenerstr. 72/73. Direktor Iran Luttgens mit 12 Damen, Darstellung plastischer Gruppen nach alten Meistern. Krothera Forest, Musikal-Clowns. Mr.«nd Mdme. Kngharat, indianische Messerwerfer. Heben eines iebendenz 1200 Pfund schweren llfpfhr«« von Milhelm Kleiner. P s rrvr» fcem stärkst. Mann Sachs. frl. Margarets, medizinisches Räthsel. 'lr. Nizarras, Kraftprodustionen an den in- dischen Ringen. Paula und Ludw. Tellheim. Eugen Zocher. Kaffmöffnung 6& Uhr. Anfang 7j Uhr. Stadt-Theater. Wallnertheaterstr. 15. Wegen Vorbereitung und Proben von„Arm und reich'' dleiht das Theater bis inkl. Freitag geschlossen._ Sonnabend, den 25. Dezember, z. 1. Male: Arm und reich. Weihnachtsposse mit Gesang in 8 Bildern von Dr. Ed. 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Den Mitgliedern obiger Kasse wird hicrdmlb bekannt gemacht, daß wegen des bevorstehenden Weihnachts- und Neujahrsfestes die Beiträge aul den Zahlstellen sümmtlicher grrmiUtn**'' stellen Kerlin« am Freitag, den 24.(W'l, abend), und Freitag, den 31. Dezember(Vw tieftet), von 8 bis 10 Uhr durch die Beitrag sammlet entgegengenommm werden. , Di» Grtsverwaltnnge«-. NB. Durch wiederholte Bekanntmachung vc» Vorilandes in Hamburg wird darauf aufmem°? gemacht, daß sämmtlichc in diesem Jahre Belttagc vor dem 1. Januar bezahlt sein muffen- a« 1 Äffirr- ««antwottlich für den politischen Theil und Soziales Max Schippe!, für Vereine und Vcrfammkmgm K. Tutzaner. für den übrigen Theil der Zettung«. Tr»«hetm. fammtlich in Druck und Verlag von Max vadwg m Berlin sw., Beuthftraße 2. Hietzn ein« Beilage- Beilage zum Berliner Bolksblatt. Pr. S98. Dienstag,»e« 3L Dezember 3. ZahrW Ueöer äie Eiste in unstrer Akdung und in unferen JüoHnräumcn veröffentlicht Hermann Krätzer in der„Leipz. Ztg." folgenden Wir meinen mit diesen Giften jene Giftstoffe, welche in und an unseren Kleidungsstücken, an den Möbeln, an den Zimmcrwänden vorkommen und wollen wir uns nicht befassen mit gesunder oder schädlicher Kleidung an und für fich, auch nicht mit den Krankheitskeimen, die durch Kleidung, Betten ic. von einem Menschen auf den andern übertragen werden; «bcnso wenig sei hier über gesunde oder ungesunde Wohnungen die Rede, da dies den Rahmen unseres Attikels wert über- st"S Ein��großer Feind, der in den verschiedensten Gestalten unS auflauert, ist in erster Linie das Arsenik, das rn Form des„weißen Arsens"(arsenige Säure, auch Rattenpulver, Grft- rnehl genannt) als Mittel»ur Vertilgung der Ratten und Mäuse benutzt wird und als gefahrliches Erst wohl allgemein betannMtm � 21. in Form feinen Staubes oder als unstchtbares Gas von den Zimmcrwänden, von den Fenster- rouleaux, von den Fenstervorsstzern, von Ballkleidem, von den Schweißledern der Hüte zc. in den menschlichen Organismus; es sammelt sich in letzterem langsam, aber stetig an, bis es so stark geworden ist, daß es seine giftigen Wirkungen rn„chronr- scher Vergiftung" geltend macht.— Bei Arbeitern, welche viel mit Arsenik in Berührung kommen, bildet sich z. B. eine chroni- sche Vergiftung aus, die unter Verzehrung zum Tode führt. Stets ist also dort eine beständige große Gefahr für den menschlichen Organismus vorhanden, wo Arsenik in Kleidung oder Wohnräumen austritt. Wo haben wir denn Arsen»! vor Allem zu suchen?" d»es möchte wohl die erste Frage sein. Die Antwort lautet: In der schönsten grünen Kupfersarbc, dem Schweinfuftergrün, welche eine Verbindung von essigsaurem Kupferozyd mit arseniksaurem Kupferoxyd ist und 58,65 pCt. arsenige Säure enthält. Dieses Echweinfutter Grün findet entweder an und für sich Verwen- düng, oder es wird durch Beimischiing weißer und gelber Pulver mannigfach nuanzirt und führt dann im.Handel die verschiedensten Ramm, wie„Englischgrun",„Kaiscrgrün", „Kasselergrün",„Königsgrün",„Mitisgrün",„Reuwiedergrün", „Papagcigrün",„Pansergrün",„Patentgrün"-c. Diese schönste grüne Farbe, unter welchen» Namen sie auch vorkommm möge, ist für die menschliche Gesundheit ein schleichen- des, höchst gefährliches Gift, das, wie viele andere schädlichm Substanzen, drirck das„Gesetz, betreffend den Verkehr mit Nahrungs- und Gcnußmitteln und Gebrauchsgegenständen" verhoten ist, denn§ 12(2) dieses Gesetzes hat den Wortlaut: Mit Gefängniß, neben welchem aus Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden kann, wird besttaft: wer vorsätzlich Bekleidungsgegenstände, Spielwaaren, Tapeten,(Eß-, Trink- oder Kochgeschirr oder Pettolcum) derart herstellt, daß der be- stimmungsmäßige oder vorauszusehende Gebrauch dieser Gegen- stände die menschliche Gesundheit zu schädigen geeignet ist, in- gleichen wer wissentlich solche Gcaenstände verkauft, feilhält oder sonst in Verkehr bringt Der Versuch ist strafbar. Ist durch die Handlung eine schwere Körperverletzung oder der Tod eines Menschen verursacht worden, so tritt Zuchthausstrafe bis zu fünf �°�Frühcr bedienten sich die„Tapeten- und Papierdrucker", die„Färber und Zeugdrucker", die„Maler",„Spielwaaren- fabrikantcn",„Kcrzcnfadrikanten" und„Wachszieher" des Schweinfurter Grüns und für„Anstriche von Ziminerwandcn" liebte man diese prächtig sattgrüne Farbe ungemein, so daß alte Zimmeranstriche noch hier und da Arsenik aufweism. In der„Tapetendruckerci" wird bei neuen Tapeten Schwein- futtergrün gegenwättig vermieden, jedoch hin und wieder trifft man, besonders auf dem Lande, Kommodcnkasten, Glas- schränke, Kleiderkasten, mit grünen arsenhaltigen Tapeten aus- geschlagen� an.„Fenster�ouleau� mit destechend grüner Farbe ist zu warnen, zumal derartige Rouleaux, je länger sie im Gc- brauche sind, mehr und mehr gefährlich werden, indem dieselben allmälig Knitter und Riffe erhalten und dann beim Aufziehen oder Herablassen der Rouleaux der höchst schädliche arsen- haltige Farbstoff abstäubt. Die„Buntpapierfabriken" haben oft Schweinfuttergnin zum Färben des Papicres benutzt, und wie inanche Gefahr hat Jung und Alt gedroht durch d,e grünen Lampenschirme, Enveloppen für Konditorwaaren. Schachtelüberzüge, Zigarrendüten u s. w. Em Gluck ist es »u nennen. daß unsere„Spielwaarcnfabnkantcn" nicht mehr, wie früher, die billigen Spielgegenstände, att Holzpuppen. «äumchcn und Fußdrettchen der hölzernen Th'ere rc.,_ mit schweinfuttergnin anstrichen und so den zatten Organismus unserer Kleinen zum Sicchtbum, wenn nicht gar den»indem iu frühem Tode verholfen haben. Die„Zeugdruckercien" und„Färbereirn" können heutzutage ohne Echweinftirtergrün arbeiten, denn schönere Farben als letztere stellt man gegenwättig für diese Jndusttie. und Gewerbe- zweige dar; auch bezüglich der„Steannkerzenfabriken und «Wachszieher" ist zu bemerken, daß sich dieselben zum Farben der grünen Steann-, Ozokenit- und Wachskerzen, namentlich der beliebten bunten Wcihnachtskerzen, nicht mehr des Schwein- futtergrüns bedienen.„ Das in dem Schweinfuttergmn enthaltene Arsenik(arsemge Säure) also, sei es in Tapeten, Rouleaux, Anstrichen. Kleidern-c. anwesend, thcilt sich stets in Form von Staub oder als färb- loseö Gas(wahrscheinlich Arsenwasserstoff) der atmosphärischen Luft, die wir einathmen. mit und gelangt so, um es nochmals zu betonen, ohne daß man es merkt, rn unserm Arsenhaltige Tapeten oder Wände zu(iberkleben�oder zu übettünchen, bietet absolut keinrn Schutz vor Verglftungsgefahr, da nur einzig und allein die vollständige Beseitigung des g»st- Leschwängertcn Stoffes Abhilfe bringt. Arsenik findet fich a rßer in Schweinfuftergrün auch in ver- schiedenen Anilinfarbestoffen, die nicht gnrn färben, und zwar kuhft dann ein Gehalt dieses Giftes von dem Vereitungs- oerfahrrn der betteffrnden Anilinfarben her.) Schweißleder für Hüte, Stmmpfwaarcn, die mit violetten oder rothen� und anderen arsenhaltigen Anilinfarben gefärbt, folglich schädlich waren, darüber ist-vereinzelt in Fachdlättem die Rede gewesen. Außer dem Schweinfutterarün sind aber auch noch andere »Anstrichfarben" giftig, wie z. B.„Bleiweiß(kohlensaures Bleioxyd),„Neapelgclb"(anttmonsaures Bleioxyd),„Chrom- *) An fich find die Anilinfarben nicht giftig, wenn nicht die Säure, an welche die Base gebunden ist, giftig ist, wie L B. die Pikrinsäure; durch Verunreinigungen mit gütigen Stoffen jedoch, die zu ihrer Darstellung benutzt wurden(Arsen, Llueckfilberchlorid«.), wirken sie giftig. D. V.> gelb"(chromsaures Bleioxyd), die, beim Reiben oder Malen staubförmig eingeathmet, Bleilähmung, Bleikolik herbeiführen. Werden solche Farben jedoch mit Leinöl zusammengerieben und gefirnißt, so können derartige Bleianstriche für Zimmer- wände, Thüren, Fenster rc. auf den menschlichen Organismus keinen schädlichen Einfluß ausüben, indem das in den betr. Farben enthaltene Bler nicht— wie Arsmwaffcrstoff— flüchtig ist; wohl aber wirkt Blei in Anstrichen dann giftig, wenn es in irgend einer Verbindung gelegentlich in den Magen gelangt, wie dies bei„Kinderspielwaaren" der Fall ist. Mit Recht betont Dr. G. Ambühl in seinem Werke„Die Lebrnsmittelpolizei", daß es mit dem Verbote des Afteniks allein noch lange nicht gethan sei, und schlägt er vor, daß für alle Spielwaaren, die für das erste Kindesalter— bis zum sechsten Jahre— bestimmt sind, die Verwendung jeder An- strichsarbe, welche Arsenik, Blei, Antimon, Kupfer, Chrom, Quecksilber, Zinn oder Zink enthält, verboten sein sollte. Daß bei uns in Deutschland das„Gesetz betreffend den Verkehr mit Nahrungs- und Genußmitteln und Gebrauchsgegenständen" auch nach dieser Richtung hin ein großer Segen ist, wer wollte dies bezweifeln? Kommunales. * Markthalle im Osten Berlins. Der von der Stadt- verordnctcn-Versammlung niedergesetzte Ausschuß zur Vorbe- rathung des Magisttatsantrages betreffend den Ankauf der Grundstücke Andreasslraße 56, Krautstraße 48» und Grüner Weg 95 behufs Erbauung einer Markthalle im Osten der Stadt hat unter Vorfitz des Stadtverordneten Rittberger beschlossen, der Stadtverordneten-Versammlung den Antrag des Magistrats mit den Aenderungen zur Annahme zu empfehlen, daß der ge- fordefte Preis für das Grundstück Andreasstraße 56 von 590 000 M. auf 500 000 M. und der geforderte Preis für das Grundstück Krautstraße 48» von 180 000 M. auf 150 000 M. herabgesetzt werden. Die Beschlußfassung über den Ankauf des Grundstücks Grüner Weg 95, für welches 180 000 M. gefordert werden, wurde ausgesetzt. Die zu gleichem Zweck angebotenen Grundstücke, Große Frankfufterstraße 3(.b— 31, Fürstenwalder- straße 18 und eine Parzelle des Grundstücks Große Frank- furtersttaße 27—28 an der verlängerten Andreasstraße hat der Ausschuß abzulehnen beschlossen, weil die Erwerbskosten mit Hinzurechnung des von dem Grundstücke Große Frankfurtcrstt. 27—28 behufs Herstellung eines Zugangs von dieser Sttnße aus zu erwerdendeu Terrains und das gleich- falls anzukaufende Grundstück Pallisadenstr. 33 ca. 900 000 M. betrage, also höher zu stehen kommen würde, als die nach dem Antrage des Magistrats anzukaufeiidcn Grundstücke. Das Kuratorium der Stiftung der Berliner Gewerbe- Ausstellung im Jahre 1879 macht bekannt, daß Bewerbungen um Zulassung zum Genuß der im Jahre 1881 gegründeten Stiftung durch Gewährung von Beihilfen an die der Industrie und dem Gewerbe fich widmende Jugend behufs Aneignung einer gediegenen, gewerbetechnischer oder kunstgewerblichen Aus- bildung für ihren Beruf in der Zeit vom 1. Januar bis zum 1. Februar und vom 1. Juli bis zum 10. August jeden Jahres an das Kuratonum der genannten Stiftung— Köllnisches Rathhaus, Breitest». 20», Zimmer 1.(Geiverbebureau)— schriftlich einzureichen sind. Die nicht zu diesem Termin ein- gehenden Gesuche können erst mit denjenigen, welche innerhalb der nächstfolgenden Meldefrist eingehen, durch das Kuratorium in Erwägung gezogen werden. * Auf dem Platze neben der alten Börse, im Lustgar- ten, dem frühern Markte der Obsthändler aus Werder, find in letzter Zeit ohne Zustimmung des Magistrats verschiedene feste Verkaufsstände eingerichtet worden. Der Magistrat hat be- schloffen, das Polizeipräsidium hierüder um Auskunft zu er- suchen, da derartige Budcnbauten auf öffentlichen Plätzen nicht mehr gestattet werden sollen. * Der langjährig herrschende Uebelstaud auf dem noch nicht reguliftem Platze A. Abtheilung n des Bebauungsplanes, welcher von der Lachmann-, Bopp- und Dieffcnbachslraße be- grenzt wird, haben zu wiederholten Malen zu Klagen und Pe- titioncn an die städtische Verwaltung Anlaß gegeben. Die städtische Parkdeputation hat nunmehr als erste Rate für die im nächsten Jahre auszuführenden Gaftenanlagen auf dem ge- nannten Platze 10 000 M. in den Etat eingestellt. Gleichzeitig hat die Parkdeputation beim Magisttat in Anregung gebracht, daß dem Platze ein paffender Name gegeben werde. ♦ Der Petitionsausschuß der Stadtverordneten- Ver- sammlung hat in seiner letzten Sitzung u. A. beschloffen, der Versammlung zu empfehlen, die derselben zugegangene Petition wegen Verlegung der im Weichbilde Berlins belegenen Sttecke der Berlin-Stettrner Eisenbahn dem Magistrat zur Berücksichti- gung und mit dem Ersuchen zu übersenden, der Versammlung thunlichst bald eine Mittheilung über den Stand dieser Ange- legenheit zugehen zu lassen. Das Gut Schenkendorf, in der Nähe des städtischen Rieselgutcs Großbecren belegen, soll zu Rieselzwecken angekauft werden. Der Magistrat wud der Stadtverordneten-Versamm- lung eine Vorlage machen. Einschließlich 68 Morgen Nuthe- wiesen und 750 Morgen Schenkendorfer Abfindung ist der Gesammtflächeninhalt 2395 Morgen, wovon 1500 Morgen Acker, 265 Morgen Wiesen, 630 Morgen Schonung, Wald rc.; der Feueftassenwefth der Gebäude ist 99 600 M., der Kaufpreis beträgt 240000 M.. so daß fich der Preis einschließlich der Gebäude für den Morgen auf 100 M. stellt. Das Inventar ist in den Kauf nicht mit einbegriffen. * Das in der Prenzlauer Allee errichtete städtische Asyl für Obdachlose soll zum Unterschiede von ähnlichen Anstalten privater Natur die Bezeichnung„Städtisches Obdach" führen._ Lokales. Wohlthun und Großthun find zwei Begriffe, die ihrem Wesen nach zwar grundverschieden sind, die aber dennoch häufig mit einander verwechselt werden. Auch die berühmte Berliner Wohlthätigkeit, welche besonders hervorragend zu Weihnachten in die Erscheinung tritt, hat einen starken Beigeschmack von dem letzteren. Wir hatten schon im vorigen Jahre Gelegen- heit genommen, bezüglich der Weihnachtsbescheerungen armer Kinder, wie sie alljährlich von Vereinen veranstaltet werden, darauf hinzuweisen, daß es dem an sich ja recht lobenswefthen Zwecke, armen Kindern eine Weihnachtsfreude zu bereiten, durch- aus widerspreche, daß diese Bescheerung öffentlich stattfinde. Es ist dies eine Unsitte, die nicht oft genug gerügt werden kann und die das beabsichtigte Wohlthun entschieden als Grohthun erscheinen läßt. Die ftchtigste Art des Wohlthuns ist entschieden diejenige, die am wenigsten verletzt. Dies ist in den vorge- dachten Fällen sehr leicht dadurch zu erreichen, daß die resp. für die armen Kinder bestimmten Weihnachtsgeschenke den betr. Eltern verabfolgt werden, welche nun im häuslichen Familien- kreise ungenirt die Bescheemng vollziehen könnm. Der Dank für solche Wohlthaten wird keinesfalls ausbleiben. Anderer- seits ist aber auch dagegen nichts einzuwenden, wenn Kinder und Eltern in gemeinsamer Feier das Weihnachtsfest begehen, obgleich sich auch hier schon das erkältende Gefühl des Wohlthatempfangens nicht bannen läßt, da solche Weihnachtsfeiern nie an dem eigentlichen Weihnachtsabrnde, sondern entweder früher oder später stattfinden. Unerläßlich aber ist hierbei der strengste Ausschluß aller Oeffentlichleit. Diese Erkenntniß, welche bisher nur in sehr vereinzelten Fällen praktisch bethätiat wurde, scheint sich, wenn auch langsam, doch endlich Bahn brechen zu wollen. Jedenfalls ist es als ein in dieser Beziehung eftreulickes Zeichen zu begrüßen, daß ein hiesiger Wohlthätigkeitsverein diesmal ausdrücklich bekannt macht, daß seine Weihnachtsbescheerung„nicht öffentlich" stattfindtt. Ganz hat sich der Verein indessen noch nicht von dem süßen Wohl- thätigkcitsnimbus zu cmanzipircn vermocht, indem er, um dem so lange angebeteten Götzen den schuldigen Tribut nicht zu eitt- ziehen, eine öffentliche Ausstellung der Weihnachtsgeschenke veranstaltet. Eine solche Ausstellung von Liebesgaben charakterifitt die Wohlthätigkeit noch deutlicher, als sonst die öffentliche Be- scheerung. Außerdem findet im Anschluß hieran eine Weihnachtsfeier statt für Vereinsmitglieder und Freunde und Gönner des Vereins unter Ausschluß der zu bescheerenden Kinder und deren Eltern. Der Zweck auch dieser Zusammenkunft ist nicht schwer zu errathcn. Dieses eine Beispiel aber ist sckion hin- reichend, den Unterschied zu veranschaulichen zwischen Wohlthun und Großtbun. Die für unsere Krankenkassen und für unsere Aerzte gleich wichtige Frage, ob auch nicht approbirte Aerzte, als bei- spielsweise Heilgehilfen und andere Privatpersonen, zur Leistung der im Krankenkaffengesctz vorgesehenen ärztlichen.Hilfe defugt und die Kaffcnvorstände berechtigt seien, solchen Peisonen für ihre Hil'elcistungen Entschädigungen aus den Mitteln der Krankenkasse zu zahlen, scheint nun in Folge der lebhaften Agitation, welche ärztlicherseits aus Anlaß diefer Frage ins Leben gerufen ist, zu Grinsten der Aerzte entschieden zu wer- den, oder ftchtiger sich selber zu entscheiden. Da aus den hier- gegen interessirten Kreisen und namentlich von den Kassenvor- ständen Einwendungen nicht geltend gemacht werden, so dürfte der kürzlich vom Landesmedizmal-Kollegium auf Antrag des ärztlichen Bczirksvereine der Stadt Leipzig angenommene An- trag bald allgemeine Anerkennung finden, wonach die im Krankenkassengesetz gebrauchten Ausdrücke„Aerzte" und„ärzt- liche Behandlung" dahin intervrctift werden, daß dieselben sich ausschließlich auf„approbitte Aerzte" beziehen und demgemäß die Krankenkassen nicht befugt sein sollen, von kurirenden Laien ausgestellte Krankheitsatteste und geltend gemachte Honorar- forderungm und sonstige durch die Behandlung au'laufendeKosten anzuerkennen, beziehentlich zu bezahlen. Es ist nun zwar schwer einzusehen, weshalb eine nöthig gewordene schnelle Hilfe von Laien, die sachgemäß geleistet wurde, nicht von der Kran- kenkasse bezahlt weiden soll, aber wenn man den approbitten Aerzten auch das Monopol auf dem Gebiete, welches durch die Krankcngesetzgebung geschaffen ist, einräumt, so wird doch diese geeignete Gelegenheit nickt vorübergehen dürfen, ohne daß den Krankenkassenärzten die Wünsche ihrer Kassenpatienten ernstlich zu Gemüthe gefühtt werden. Es ist nachgerade bei allen Kassenärzten Sitte, oder richtiger Unsitte geivorden, die mit Kassenbüchern anwesenden Patienten summaftsch und möglichst schnell abzufertigen, so daß der Kranke sich gewöhnlich von der Gttindlichkeit und Zweckmäßigkeit der ihm wideftahrmen Behandlung durchaus nicht überzeugen kann und sich mit seinm Kassengenossen wie eine abgesonderte Schaar von Patienten zweiter Klasse erscheint; und doch wird kein Arzt bezweifeln, daß der Patient zu ihm Vertrauen haben muß, wenn die Be- Handlung Erfolg haben soll. Viele Kranke von den Kassenmtt- gliedern wollen auch in den Umgangsformen des Arztes ihnen gegenüber eine auffällige Kürze und Gleickgiltigkeit bemettt haben, die der Arzt anderen Personen keineswegs bewies. Die Herren Aerzte würden durch Beseitigung der Ursachen für solche Klage die große Zahl der Kasscnmitalieder auf ihre Seite ziehen, wenn es sich um die Entscheidung ähnlicher Fragen wie der vor- liegenden handelt, denen heute die Mehrzahl der Kassenmtt- glicder ziemlich gleichgiltig gegenübersteht. Zur Praxis der gerichtlichen Chemie. In der Haupt- Versammlung der Polytechnischen Gesellschaft vom Donnerstag machte Dr. Paul Jeserich Mittheilung von einer Aeußerung, welche für die gerichtliche Chemie von Bedeutung werden dürfte. Gutachten, welche auf Grund mikroskopischer Beobachtungen ab- gegeben werden, leiden darunter, daß eine Kontrole nahezu aus- geschlossen ist, da die Untelsuchungsobjekte, Blut u. dgl., sich nur selten bis zur mündlichen Verhandlung aufbewahren lassen. Schon seit 1881 hat daher Dr. Jeserich versucht, die Mikro- Photographie in den Dienst der forensischen Chemie treten zu lassen. Zur Herstellung der vergrößerten Bilder war jedoch bis- her ungemein starkes Sonnenlicht erforderlich. Dr. Jeserich hat nun künstliche Beleuchtung erprobt und damit befriedigende Resultate erreicht. Es wird somit jetzt möglich sein, den Rich- tcrn ein getreues Bild des Befundes der mikroskopischen Unter- suchuna vorlegen zu können, Dr. Jeserich theilte sodann noch eine Beobachtung mit, die vielleicht zur Klärung des bekannten Vergiftungsfallcs beittagen kann. Er hat nämlich auch in Leichen Nichtvergifteter Arsen gefunden und zwar vor Allem in der Leber, in der Milz und in den Nieren, also in Organrn, in denen man sehr oft auch Antimon und Kupfer resorditt findet. Der„Boss. Ztg." wird geschrieben:„Nach einer Mit- theilung, die ich in einer Zeitung finde, hat es den Anschein, daß die alten Eisenbahnwagen dritter Klasse, welche nur in den Thürrn mtt Fensterscheiben versehen find, aber keine Settm- fenster daneben haben, auch in der neuen Staats bahnzeit noch weiter gebaut werden sollen. Schreiber dieses, der als ent- fernterer Vorortbewohner die Eisenbahn täglich mehrmals zu benutzen bat, kann das zwar nicht recht glauben, weil die meisten neueren Wagen dritter Klasse auch an den Sitzen Seitenfenster haben. Sollte die ersterwähnte Annahme aber doch richtig sein so ist die Mittheilung persönlicher Erfahrungen und eine' Warnung in dieser Hinsicht vielleicht nicht unangebracht. Wer als Vorortbewohncr, aber geschäfllicher Berliner gezwungen ist, jeden Tag zu wiederholten Malm ein halbes Stündchen auf der Eisenbahn zu verbringen, der pflegt die Fahrzeit zu kleinen, fich täglich wiederholenden Arbeiten, als Zeitungslesen, kurzen schritt- lichen Aufzeichnungen und dergleichen möglichst nützlich zu ver- werthrn. Mancher spielt hier auch seinen Skat, was ja ebenfalls sehr nützlich fem kann, wenn dadurch eine Stunde am Wirths- Hausbesuch erspart wird. Für die Skatspieler liefert nun das einsame Wagenfenster ,n der Thür allenfalls genügendes Licht. weil das Spielen meistens in der Mitte des Wagens auf den als Sv, eltisch dienenden vereinigten Knien der Skatmänner »i1. W Öffet- �emiemgm aber, der lesen oder fich sonstwie schnftlich beschäftigen will, genügt das Tageslicht nur bei beller Luft. Tie kaum beginnende Dämmerung oder ttübe W'ntertage lassen nrckt so viel Licht in das Innere fallen, daß der auf fernem Eitz Zurückgelehnte die Buchstaben in Augen- Ti5$e ohne Anstrengung erkennen kann. Ich meide diese Wagen, die wegen ihres ewigen Dämmerlichts ohnehin einen nngemüthlichen und Höhlcnartigen Eindruck machen, nach Mög- Zichkeit, hauptsächlich aus dem genannten Grunde der Zeit- crsparniß: bei großer Ueberfüllung der Züge bleibt einem indeß häufig keine Wahl und man nimmt dann ergeben auch in dem drinklen Käfig Platz, Trost in dem Gedanken findend, daß man zum möglichst baldigen Verschleiß der alten Kasten nun auch das Seinige beiträgt. Diese Anficht, daß die alten Wagen lediglich aufgebraucht werden müssen, wird übrigens, wie jeder Berliner Draußenbewohner bestätigen wird, allgemein gctheilt. Sollte die Ansicht in der That irrig sein, was ich, wie gesagt, nicht glauben kann, und sollten die Bahnvcrwaltungcn noch weiterhin derartige dunkle Höhlenwagen bauen wollen, so möchte ich davor doch im Interesse des Augenlichts aller Fahrgäste dritter Klasse dringend warnen und im Verein mit meinen sämmtlichen Rcisegcnossen allen Wagcnbauleuten und Wagen- fabrikanten, die es angeht, zurufen: Laßt ab von Eurem drmkelcn Beginnen!"— Wie steht es aber mit den Waggons vierter Klasse? In diesen fahren doch auch Menschen! Hier- iiber scheint man sich jedoch kein Kopfzerbrechen zu machen. Alte Gewohnheiten lassen sich durch neue Einrichtungen keineswegs so leicht unterdrücken und selbst in dem schnell- strömenden Leben der Großstadt ist die in der Bevölkerung wurzelnde Gewohnheit mächtiger als die umstürzenden Neue- rungen. Ter Gänscmarlt auf dem Dönhofsplatz ist ver« schwunden. Von der langen Reihe der ländlichen Planwagen, die früher dort aufestellt waren, fehlt jede Spur, und in den angrenzenden Straßen trägt nicht mehr, wie früher, die Mehr« zahl der Vorübergehenden die Weihnachtsgans im Arme. Was die neuen Markthallen an Stelle des alten Gänscmarktcs bieten, entspricht nicht den Anforderungen der Berliner, die er an das wichtige Geschäft eines weihnachtlichen Gänse- Einkaufs stellt. Kein Wunder, daß das allgemeine Bedürfniß einen Ausweg suchte und fand. Wer jetzt, und namentlich des Sonntags Vormittags, einen Spaziergang nach Rummelsburg unternimmt, dem bietet sich ein eigenartiges Bild. Hunderte von Berlinern kehren von dort zurück, jeder mit einer lebenden Gans beladen. Ein glücklicher Familienvater, der fich in Begleitung seines etwa achtjährigen Sprößlings befindet, hat zwei dieser schmack- haften Vögel gekauft und da ihm das Tragen derselben zu beschwerlich ist, so kommt der geistreiche Sohn auf die Idee, die beiden Gänse mit einer Schnur unter den Flügeln zusammen- zubinden, so daß sie bequem neben einander laufen können; dann befestigt er seine Pfcrdcspielleine in der bequemsten Weise an den Thieren, der Vater bricht eine Ruthe vom nächsten Baum und im Dauerlauf geht das lustige Gespann, die Gänse laut schreiend, den Weg nach Berlin. Rur einmal noch wird am Etralauer Wege Halt gemacht; ein dort wohnender Fischer zeigt mit großer Kreideschrift an dem Zaune seines Grundstücks an, daß heute hier der Fischvcrkauf stattfinde. Es sind meist kleine Weißfische, Hechte und Barsche, die der Mann in der Gegend von Stralau gefangen hat; aber der Berliner liebt alle Ztaturprodukte seiner Heimatb; ein kleines Gericht Fische wird gekauft, mag sich Mutter zu Hause auch über das„Grätenzeug" ärgern. Weiter geht der Zug nach Haus; voran der Junge mrt dem Gänsegcspann, der Nachmittags seinen Spiclkanieradcn seine Fahrt mit den unvermeidlichen Ausschmückungen der lind- lichen Phantasie schildert. Und wenn aus dem Jungen einst ein alter Mann geworden ist, dann wird er noch oft still lächelnd zurückdenken an die Freuden des Gänsckaufens in Rummclsvurg. Das war vorgestern ei»„goldener Sonntag", wie er sein mußte: schönes, trockenes Wetter und eine gute Kauflust. War schon am Tage der Verkehr auf den Straßen ein unge- wöhnlich starker, so schwoll er in den Abendstunden in einer Weise an, welche eine regelmäßige Zirkulation der Passanten stellenweis unmöglich machte. In einzelnen Geschäften der Friedrichstadt, insbesondere denjenigen, welche billigere Gegen- stände zum Verkauf stellen, standen die Käufer bis zur Thür, fo daß man weder hinein noch hinaus konnte. Der größte Trubel herrschte auf dem Weihnachtsmarkt und in den zu ihm führenden Strnßen. In den Budenrcihm wogte es hin und her, die Passanten wurden geschoben und gehoben und wenn wirklich Käufer sich darunter befanden, welche sich von dem Strom ablösen wollten, um an eine der Buden zu treten— sie wurden mit fortgerissen. Aber trotzdem wurde flott gekauft und die Marktlcute machten anscheinend ein gutes Geschäft. Radau herrschte auch diesmal, aber nirgends kam es zu jenen rohen Ausfällen, welche ein Einschreiten der Sicherhcitsmannschaften erforoerte, wie dies in früheren Jahren häusig der Fall war. Es herrschte jene gehobene Stimm mg, welche bei allem lieber- muth die Grenzen kennt, welche anständige Leute zu beobachten wissen. Der Schneefall, welcher gegen 2 Uhr Nachts eintrat, brachte Verlin das echte Weihnachtsgepräge. Schon eine Viertelstunde darauf stellten fich alle großen und kleinen Leiden ein; die schlecht beschlagenen Troschkenpferde konnten sich nur mit Mühe auf den Beinen halten oder stürzten, und als gegen 7 Uhr die ersten Pferdebahnwagen in Altion traten, mußte Vorspann geleistet werden. Allem Anschein nach wird fich der Schnee nicht lange halten und so steht uns denn ein großer „Matkch" in Aussicht. Das Polizeipräsidium weist die Behörden darauf hin, daß zur Erleichterung der Lergleichung von Photographien mit den im viesjährigen Verbrecheralbum befindlichen fich eine Gleichmäßigkeit in der Aufnahme und Behandlung des Bildes empfiehlt und zwar die Au'naümc eines Brustbildes dreiviertel im Profil, so daß das linke Lhr in seinen Formen deutlich erkennbar wird. Wenn fich im Laufe der Jahre die Gesichts- züge völlig verändert haben, so hat das Lhr seine Form bei- behalten, auch giebt es kaum zwei Personen mit gleich- geformten Lhren. Von jeder Retouchirung, welche wohl daS Aussehen des Bildes verschönt, die Deutlichkeit der Züge aber beeinträchtigt, sei entschieden abzurathcn. Warnung vor den Hamburger Biicheranzeigcn. Berühmteste Prachtwcrke! Werth das Fünffache! Spottbillig! so beginnen meist die Bücherangebote, die von Hamburger Anti- quariatsbuchhandlungcn ausgehen und wenn man nur den Titel der Bücher betrachtet, allerdings verlockend sind. Den Titel Antiquariatsbuchhandlung meidet man, weil daS den Umsatz bindern könnte und der Titel Exporthandlung viel besser klingt. Der„Export" der Bücher geht aber fast ausschließlich nach Deutschland, oder wenn er an im Auslande lebende Deutsche «cht, so werden unsere Landsleute durch den Bezug der Bücher rn unangenehmster Weise an daS Vaterland erinnert. Die �Exporteurs" vertreiben zumeist alte Auflagen, die bei gcogra- vhischen oder Gcschichtswerkcn fast gar keinen Werth haben, bei anderen Büchern lange durch verbesserte Ausgaben ersetzt find. Ader auch vor direktem Humbug scheuen sie nicht zurück. „Schrller's Werke, die so ausgezeichnete Ausgabe in 12 Bän- den" in„Prachtbände gebunden", heißt es im Prospekt, dagegen erhält man eine ganz gewöhnliche Ausgabe in 3 Bünde ge- Hunden. Um die alten Sachen besser an den Mann zu bringen, erhallen fie häufig neue Umschläge; aus einer alten Zeitschrist wlld durch einen Umschlag„das neueste Buch der Welt" ge- macht. Könnte der Käufer die Bücher vorher sehen, so würde er fich hüten, fie zu kaufen. In.Hamburg selbst machen jene Händler gar keine Geschäfte, deshalb der Name„Erporthändler", im ungesehenen Verkaufe liegt das Geheimniß. Vor derartigen Auswüchsen muß man den deutschen Buchhandel schützen. Zu der Leihbibliothek. Wie gut die bewährtesten Agenten der Leihbibliothek: die Winterabende, ihre Sachen machen, das dmeist am besten ein Viertelstündchcn in einer unserer Markt- Hullen des Geistes. Am allerbäufigstcn erklingt wohl der Wunsch:„Ich bitte um etwas Pikantes." Ter bücherspendende Jüngling meint, mit bösem Blick auf die Leserin mit der Schul- u.appe:„Den Zola haben Sie schon gehabt, vielleicht ein Belot gefällig— mir war der auch pikant genug!" Ein langhaariger Gelehrter nimmt indeß ein kleines Augenbad in Kommentaren, endlich hat er eine vergilbte alte Ausgabe mit verblaßten Lettern entdeckt und meint entzückt:„Ich bitte, mein Abonnement gleich auf zwei Monate zu erstrecken, ich werde lange über diesem kostbaren Bücke fiycn."„Guten Morgen, Fräulein Anna. Sie wünschen?" Die Angesprochene holt bedächtig die Bücher aus dem Einkaufskord und legt fie schnell auf einen großen Stoß.„Hier sthlt ja der letzte Band."„Ich bringe ihn morgen nach, ick habe ihn ncch nicht ausgelesen und die Gnädige war so rücksichtslos, es früher zurückzuschicken. Freilich sie kann den ganzen Tag lesen, ich aber muß mir die Zeit für die Bildung stehlen. Heute bitte ich um irgend eine gräfliche oder fürstliche Geschichte, ich bewege mich gerne in feinen Kreisen."—„Habe die Ehre, Herr Doktor, wieder ein politischer Roman gefällig?"„Natürlich, die langweilen meine Frau, da liest sie nicht mit und geht ihrer Wirthschaft nach."— „Guten Tag, gnädige Frau, schön, daß Sic uns wieder bc- ehren."„Hat die Marlitt was Neues?"„Nein, fie schreibt jetzt wenig."„Da traue ich mich gar nicht zu meinen Töchtern heim, geben Sre mir zu ihrer Beruhigung ausnahmsweise etwas Französtsches, aber solid!"—„Junger Herr, Sie wünschen?" „Sie, ich habe heute wegen ausgegangenen Taschengeldes meinen Tacitus zuin Antiquar getragen. Die Mutter hat so zwei Abonnements, leihen Sie mir ihn als Aufgabe, der Alte steht so nur herum."„Meinetwegen, die Nachfrage ist allerdings nicht groß, aber schonen— junger Herr."„Danke, aber schöne Leute kommen zu Ihnen, das muß man sagen!" Ter letztere ironische Ausruf gilt einer indiskret niagercn Miß, die achtzehn Bände Walter Scott zurückbringt und wieder eine„Kleiniakcit" von diesem thcuren Meister verlangt.„Ah, Ihr Diener, Fräu- lein Ida, befehlen?"„Ich komme, die Herren nur schön bitten, sie sollen es dem Papa nicht sagen, daß wir diesmal kein Pfand gegeben; wir haben das Geld anderweitig ver- braucht."„Aber natürlich, das kommt öfter vor; vielleicht heute zur Abwechslung etwas Klassisches gefällig?"„Meinetwegen, in den dummen Schulausgaben ist so immer das Schönste ge- strichen."—„Fräulein, wünschen?"„Sie, in dem Band fehlen drei Blätter; auf 144 gestattet fie ihm den ersten Handkuß und auf 151 schaukelt sie bereits ein. Kind auf den Knien."„Es ist natürlich, daß Sie da den Zusammenhang nicht verlieren wollen. Bitte, hier ist ein vollständiges Exemplar."—„Aber, Madame, Sie haben ja schon wieder einige Bücherccken abgeschlagen?" „Kann schon sein! Tie Kinder haben gestern damit Ball ge- spielt."—„Bitte um Reiscbcschreibnngen," piepst ein Schul- bube,„aber mit vielen unglücklichen Reisenden, die dann von den Kannibalen gegessen werden."— Ein livrirter Diener ver- langt„ruhige Märchen" für die kleine Gräfin,„nur nichts Schauerliches, sonst fürchtet sie sich". Ter Mann am Bücher- tische versieht ihn zerstreut mit einer schaurigen Gespenstergeschichte; dann erblickt er den Zeitungsausträger, entreißt ihm das Abend- dlatt und überreicht es sich selbst mit den Worten:„So, da hast du das Neueste!" Ein musikalisches Gutachten hat die Abtheilung für schleunige Sachen des hiefigen Landgerichts> darüber von dem gerichtlichen Sachverständigen eingefordert, ob in der Privat- wohnung eine Musikaufführung mit Klavier und Komet& Piston als ruhcftörender Lärm zu bettachten ist. Ein Hausbesitzer in der Reichenbergcrstraße hat diese Mufikauffühmug eines seiner Miether als Exmisfionsgrund betrachtet und die schleunige Klage auf Räumung der Wohnung gegen den Miether angestrengt, da die Mufikauffühmngen mehrere Male wöchentlich stattfanden, bis spät in die Nacht währten und den Mitbewohnern des Hauses zu Klagen Veranlassung gaben. Der musikalische Miether will sich dagegen in seinem Kunstgenuß nicht stören lassen und behauptet, daß der ihn beim Klavicrspiel begleitende Kometbläser nur leise und nicht mit ganzer Kraft blase, so daß von unge- wöhnlichem Lärm keine Rede sein könne. Vielleicht wird der Kometbläscr zu noch leiserem Blasen vmirtheilt. Zu dem bereits gemeldeten Einbruchsdiebstahl in der Po st st raste veröffentlicht der Polizeipräfivent an den Anschlag- säulen nächstehende Bekanntmachung: 300 Mark Belohnung. In der Nacht vom 16. zum 17. d. M. haben Diebe bei einer in der Voßstraße wohnhaften Dame einen Einbruch ausgeführt, wobei fie von dem Schwiegersohn derselben überrascht wurden. Während einer der Diebe, welcher nicht näher beschrieben werden kann, mit verschiedenen B. D. gezeichneten Silbersachen entkommen ist, hat der andere längere Zeit mit dem gedachten Herrn gerungen, und sind ihm hierbei von dem letzteren mit einem Schlagring verschiedene Verletzungen am Kopfe beigebracht worden. Trotzdem ist der Dieb, nachdem er in der Voßstraße auf seinen Verfolger geschossen und diesen hierdurch an der Hand verlevt hatte, durch die Königgrätzer- und Leirnestraße nach dem Thiergarten entkommen. Er wird wie folgt be- schrieben: Mittelfigur, schwarzes, wahrscheinlich lockiges Haar, Gesicht mit unreinem Teint, vielleicht Pockennarben. Obige Be- lohnung wird demjenigen zugesichert, welcher die vorbeschriebene Person so nachweist, daß ihre gerichtliche Bestrafung erfolgen kann. Bemerkt wird, daß die Diebe am Ort der Tbat 2 Paar Zugstiefel, einen schwarzen Kalabrescrhut mit weißem Futter, sowie einen kleinen ninden Filzhut mit blauem Futter, zurück- gelassen, also in Strümpfen und ohne Kopfbedeckung fich ge- flüchtet haben. Die Karpfen sind zum Feste etwas billiger geworden; der gegenwärtige Preis im Großhandel beträgt nach dem amt- lichen Marktbericht nur 35—40 Pf. für das Pfund. In der Burgstraße werden jetzt täglich zahllose Fässer niit goldbraunen Karpfen abgeladen, die dort in den Trebeln bis Weihnachten und Neujahr aufbewahrt werden. Auch der Preis der Schell- fische ist in Folge der reichen Zufuhr auf ca. 20 Pf. zurückgegangen. Allein bei dem eingetretenen Sturmwcttcr ist eine Steigerung des Preises bald wieder zu erwarten. Die schwe- dischen Heringe, welche jetzt in der Zentralmarkthalle versteigert werden, kamen dagegen zu spottbilligen Preisen, die nicht ein- mal die Fracht deckten, in die Hände der Käufer. Ein theilweiser Einsturz eines Neubaues erfolgte gestern Mittag auf einem Grundstück in der Perlcbcrgersttaße. Das Vorderhaus ist bereits fertiggestellt und die Arbeiter waren mit dem Aufbau des Hintergebäudes bczw. der Aufführung des Gerüstes in Höhe des fünften Stockes beschäftigt. Die kolossale Höhe desselben und der Umstand, daß das Hinterhaus das Vorderhaus unr eine Etage überragte, waren daran Schuld, daß durch den heftigen Sturm, der gestern Vormittag im Norden der Stadt herrschte, das ganze Gerüst einstürzte und einen Theil deS Borderdaues, die Schornsteine und Ecklhürme mit fortbrach. Glücklicherweise ist Niemand verunglückt, da die Arbeiter fich rechtzeitig zu schützen wußten. Da der Rohbau des Vorderhauses durch den Einsturz des Gerüstes arg gelitten hat, soll der Weiterbau bezw. Ausbau polizeilich rnhibirt worden sein. Der in Arbeiterkreisen sehr bekannte Berichterstatter von Hofstetten ist vor einigen Tagen bedenklich geistig erkrankt in die Eharitee aufgenommen worden. Die„Voss. Ztg." sagt über Herrn v. Hofstetten folgendes:„Herr v. Hofstetten war der Sekundant Laffalle's. Früher bayerischer Offizier, ging Herr v. Hofstetten in daS sozialistische Lager über und schloß fich später eng an Herrn v. Schweitzer an, mit dem er in der Hälfte der sechziger Jahre hier den„Sozialdemokrat" herausgab. Als der Rest des Vermögens deS Herrn v. Hofstetten im„Sozialdemokrat" daraufgegangen war, verfeindeten sich Hofstetten und Schweitzer; Hofstetten glaubte fich von Herrn v. Schweitzer übervortheilt und schrieb eine Bro- schüre gegen diesen. Hofstetten war in erster Ehe verheirathet mit einer Gräfin Strachwitz, die fich später von ihren. Manne trennte und, wenn wir unS recht erinnern, in Paris in vor- nehmcm Hause als Erzieherin ein Unterkommen fand.'Nach erfolgter Scheidung heirathete Hosstetten eine arme Nähterin. Kammer und Roth mögen die ohnehin nicht starke Gesundheit des ManneS untergraben und sein Schicksal ihn schließlich in die Arme des Vcrfolgungswahnsinns geführt haben." Her? v. Hofstetten war nicht der Sekundant Laffalles, sondern er fungirte bei jenem Duell als Unparteiischer. Das Liquidationsverfahrcn über den auf Grund de? Sozialistengesetzes geschlossenen Arbeiterbezirksvercin ,, Unverzagt" ist laut einer Bekanntmachung im gestrigen„Rerchsanzeiger" unter den üblichen Formalien eröffnet worden. In der Danksagung, welche sich im Jnseratcntheil unserer Sonntagsnummer befand, sind einige Unrichtigkeiten enthalten. Die Matinee ist keineswegs von Mitgliedern der„hiesigen Gültlerinnung" veranstaltet worden, sondern ging ausschließlich von den Arbeitern der Brüning'sckcn Fabrik aus. Die Inhaber der Fabrik haben fich an der Festlichkeit nur durch Ankauf von 12 Billets betheiligt. Anreister existiren nicht nur an den Straßenecken, sondern auch vor den Schaufenstern größerer Geschäfte. Es ist ein ganz eigenartiger Erwerbszweig, dem fich diese Art von Leuten widmet, und im großen Publikum dürfte man wohl kaum eine Ahnung von der Existenz derselben haben. Es wird uns näm- lich berichtet, daß vor den Schaufenstern der Firma Sielmann und Rosenberg, Ecke Linden- und Kommandantcnstraße, schon seit mehreren Jahren vier Frauenspersonen ein recht einträgliches Geschäft damit treiben, daß sie Leuten, welche die Auslagen bettachten und die Absicht haben, in dem Geschäft ihre Einkäufe zu besorgen, hiervon abrathen und diese Leute anderen Ge- schäften zuführen, wo dann den„Anreißcrinnen" für die Zu- fuhrung der neuen Kundschaft eine entsprechende Proviston gezahlt wird. Es ist der Firma gestern eine Posikarle zuge- gangen, in welcher diese Zustände aufgedeckt werden und auch zugleich zwei dieser Schleppcrinncn geschildert werden. Tie eine trägt einen braunen anschließenden Plüschmantel mit hell- brauner Plüschrclle garnirt, runden braunen Hut mit braunem Band, ist schmal von Gesicht. Die andere hat einen Regen- mantcl mit Pelerine, einen schwarzen Kapothut und trägt eine braune Bisammusse. Versuchter Mord. Am 18. d. M. Abends gegen 9 Uhr versuchte der 2öjährige, bisher unbeschostene Scklächtergeselle Lorenz Eichorn, aus Sclp in Bayern gebürtig, die im Hause Thiergartenstt. 14 in Dienst stehende 27jährige unverehelichte Emilie B. mittelst eines Revolvers zu erschießen. Eickcm hatte früher ein Liedesverhältniß mit der B. und will dieselbe, trotz« dem er sich vor etwa Jahren mit einem anderen Mädchen verheirathet hat, immer noch gern gehabt haben. In Folge häuslicher Zerwürfnisse hatte Eichorn in den letzten Tagen viel getrunken. Am 18. d. M. Nachmittags versetzte derselbe ein Bett und kaufte von dem Erlös einen Revolver von sehr kleinem Kaliber nebst 50 Patronen. Kurz vor 8 Uhr engagirte er eine Droschke>. Klasse, besuchte zuerst einige Schanklokale und fuhr dann vor dem Hause Thiergattenstr. 14 vor, woselbst er durch die Tochter des Portiers unter Beilegung eines falschen Namens die B. herunterholen ließ. Letztere lehnte die Zumuthung, das frühere Verhältniß mit dem Eichorn, nach« dem dieser sich verheirathet habe, wredcr anzuknüpfen, ah. Hier« auf holte E. den bisher verborgen gehaltenen Revolver hervor und feuerte auf die sich flüchtende B. vier Schüsse ab, von denen drei fehl gingen, während der vierte die B. leicht ver» letzte. Dann stieg er wieder in die Droschke und nöthigte mit vorgehaltenem Revolver den Kutscher, welcher Zeuge dcs Attcn« tats gewesen war, in schnellster Gangart ihn nach seiner Woh- nung in der Solmssttaße zurückzufahren. Hier schloß E., nachdem er Frau und Kind entfernt hatte, fich ein, drohte Jeden niederzuschießen, der die Thür öffnen würde, und feuerte meb- rerc Schüsse im Zimmer ab. Die Kriminalpolizei bewachte die Wohnung so lange, bis E. sich beruhigt hatte, selbst öffnete und sich, ohne Widerstand zu leisten, verhaften ließ. Der TensationSprozest gegen den Konsul, welcher vor längerer Zeit verhaftet wurde, weil er 1 800 000 M. unterschlagen und in Ii Jahren durckgcbracht hatte, kommt im Januar zur Verhandlung, v Ganz bei gesunden Sinnen scheint der Mann nicht gewesen zu sein, wenn man hört, daß er fich eine Zigarre mit einem Tausendmarkschein anzündete, seiner Geliebten ein Fußbad von Champagner bereiten ließ und der« gleichen mehr. WohlthätigkeitS- Matinee. Am Sonnabend, den 25. Dezember,(am 1. Weihnachtsfeiertag) findet im Konzert- Haus„Sanssouci" für den seit langer Zeit kranken Metall- schleifer Carl Alberts eine Wohlthäligkcits» MatinSe statt. Entree an der Kasse 40 Pf., vorher 30 Pf. Bewegung der Bevölkerung Berltiis nach den Ver« öffentlichungen des statistischen Amts der Stadt. Die fortge- schriebcne Bevölkerungszahl betrug am 27. November inkl. der nachttäglichcn An- und Abmeldungen 1 361 403, hat sich demnach gegen die Woche vorher um 1265 Seelen vermehrt- In der Woche vom 28. Nov. bis 4. Dezbr. wurden polizeilich gc' meldet 2217 zugezogene, 1758 fortgezogene Personen; stände?- amtlich wurden 254 Ehen geschlossm. Geboren wurden 863 Kinder, und zwar lebend: 438 männliche, 390 weibliche zusammen 828< darunter 84 außereheliche), todt 16 männliche, 19 weibliche, zusammen 35(darunter 8 außereheliche) Kinder. Die Lebendgeborenen, aufs Jahr berechnet- bilden 31,7, die Todtgeborenen 1,3 pro Mille der W- völkeruna, die außerehelich Geborenen 10,68 pCt. aller in der Woche Geborenen, davon die bei den Lebendgeborencn 10, l� die bei den Todtgeborenen 22,86 pCt. In der kgl. Charit« lin» Entbindungs-Anstalt wurden 34 Kinder geboren. Gestorben . (ohne Todtgeborene) sind 545, nämlich 271 männliche, 274 weibliche Personen. Von diesen waren unter 1 Jahr alt 151(im) 21 außereheliche), 1 bis 5 Jahre 95(inkl. 4 außerheliche'- 5 bis 10 Jahre 21, 10 bis 15 Jahre 7, 15 bis 20 Jahre»' 20 bis 30 Jahre 28, 30 bis 40 Jahre 50, 40 bis 60 Jahre A- 60 bis 80 Jahre 86, über 80 Jahre 6. Die Sterbefov beim Alter von 0 bis 5 Jahren machen 45,14 pCt. sännm- lich« in dieser Woche Gestorbenen aus. Von den Alter unter 1 Jahr gestorbenen Kindern starben 56 im erste'" 15 im zweiten, 13 im dritten, 13 im vierten, 3 im fünftem 8 inr sechsten, 43 im siebenten bis zwölften Lebensmonaie- von denselben waren ernährt 36 mit Muttermilch, 1% Ammenmilch, 60 mit Thiermilch, 3 mit Milchsurrogaten. mit gemischter Nahrung, von 24 war es unbekannt. Tom* Ursachen waren bei den in dieser Woche Gestorben� namentlich: Lungenschwindsucht(81) Lungenentzündrw» (52), Bronchialkatarrh(16), Kehlkopfentzündung(. J Krampte(28), Gehirnschlag(20), Gehini- und@4% Hautentzündung(21), Krebs(12), Altersschwäche% Lcbensschwäche(33), Abzehrung(15), Masern U Scharlach(4), Diphtherie(27), Typhus(4), Diarrhöe Brechdurchfall(11), an andern Krankheiten starben 168.'' durch Selbstmord 5, davon durch Vergiftung 2, du™" schießen 2, durch Erhängen 1. Die Sterblichkeit,� Woche, auf das Jahr berechnet, kommen durcksam,„ lich auf_ 1000 Bewohner in Berlin 20,9, in Br«. ..I Paris 23,3. in London in Liverpool 22,4. In der Woche wurden dem Pol')™ � dium gemeldet als erkrankt an Typhus 15. an Masern ly-„ Scharlach 66, an Diphtherie 154. an Pocken 3. In den 9 ü'oEf Krankenhärsern wurden in der Berichtswoche 856 Kranke aufg�V men.davcn litten an Masern 6, an Scharlach 3. an DivW�L': an Typhus 11, an Rose 12. Es starben 109 Personen° 20,0 pCt. all« ,n d« Woche Gestorbenen; als Bestand blieben in den Krankenhäusern 3784 Kranke. ftc< sund?Ämt-"si�nVN"vrm 28.NoPn,ch«% 9* äRrK-KCS* 25,5, in Bremen 15,4, in Frankfurt a. M. 16,2, in Köln in Dresden 21,6 in 16,9, in Wien 26,0, in 16,2, in Wiesbaden 15,0, in Hannover 20,8, in Kassel 28,4, in Magdeburg 24,3, in Stettin 19,9, in Altona 29,8, in Straßburg 31,6, in Metz 21,5, in München 28,0, in Nürnberg 24,9, in Augsburg 19,7, in Dresden 21,6, in Leipzig 14,7, in Stuttgart 16,9, in Karlsruhe 22,1, in Braunschweig 20,8, in Hamburg 34,4, in Wien 26,0, in Pest 40,9, in Prag 31,2, in Trieft 32,1, in Krakau 27,5, in Basel 18,4, in Amsterdam—, in Brüssel 23,5, in Paris 23,3, in London 20,3, in Glasgow 27,4, in Liverpool 22,5, in Dublin 28,1, in Edinburg 21,3, in Kopenhagen 15,3, in Stockholm 14,8, in Christiania 17,1, in St. Petersburg 25,5, in Warschau 24,5, in Odessa 30,4, in Rom 23,4, in Turin—, in Venedig 22,5, in Alexandria 37,9. Femer in der Zeit vom 7. November bis 13. November er.: in New-Nork 26,1, in Philadelphia 19,8, in Baltimore 16,6, in San Franziska—, in Calkutta 38,4, in Bombay 24,2, in Madras 34,5. Polizeibericht. Am 18. d. M. Vormittags fiel ein Mann in der Schwedterstraße plötzlich nieder und starb auf der Stelle, wie ärztlich festgestellt wurde, in Folge eines Herzschlages.— Am Mittag wurde das auf dem Neubau Perlebergerstraße 7 aufgestellte, fünf Stock hohe Baugerüst durch den Sturm um- geworfen. Menschen sind nicht beschädigt worden.— Nachmittags wurde in der Borsigstraße ein Knabe durch eine Equi- vage überfahren und am Unterleib derartig verletzt, daß er mittelst Droschke nach der elterlichen Wohnung gebracht werden mußte;— serner wurde in der Frankfurter Allee, an der Ecke der Thaerstraßc, ein Ki'.abe durch einen von dem Kutscher Kühr, Frankfurter Allee 64 wohnhast, geführten, übermäßig schnell fabrenden Viehwagen überfahren und so schwer verlegt, daß er nach dem Krankcnhause im Friedrichshain gebracht werden mußte.— An demselben Tage Abends feuerte der Schlächter- geselle Eichhorn in die Einfahrt zum Grundstück Thiergarten- straßc 14 aus ein Dienstmädchen, anscheinend aus Eifersucht, vier Schüsse aus einem Revolver ab, von deren einem dasselbe an der Schulter gestreift, jedoch nur unerheblich verletzt wurde. Eichham bestieg sodann die Droschke wieder, in der er bis vor das Haus gefahren war, zwang den Kutscher unter der Drohung, ihn sonst niederzuschießen, ihn nach seiner Wohnung, Solmsstr. 39, zu fahren, wo er sich einschloß und jeden, der einzudringen versuchen sollte, zu erschießen drohte. Später zur Haft gebracht, ist er der That geständig, will die- selbe jedoch in der Tninkenheit und aus Eifersucht begangen haben.— An demselben Tage Nachmittags fand in einer Küche des Grundstücks Zimmerstr. 39 ein unbedeutender Brand statt. — Am 19. d. M. Vormittags wurde der Arbeiter Bärensprung bewußtlos und aus einer Kopswunde blutend in der Marien- burgerstraße auf dem Bürgerstcige liegend aufgefunden und nach dem Krankenhause im Friedrichehain gebracht.— Am 19. und 20. d. M. fanden mehrere kleine Brände statt, und zwar brannte Nachmittags in dem Mäntclgeschäft von Weißbarth, Oranienstr. 140, der Inhalt des Schaufensters, femcr Abends in einem Schornstein des Grundstücks Dorotheenstr. 49 angc- sommelter Ruß und in der Leimküche einer Tischlerwerkstatt in der Gr. Frankfurterstr. 122 der Fußboden— und am 20. d. M. früh Kömgstr. 63 Papier in einem Keller. Gerichts-Ieitttng. Herr Dr. Lütgenau sendet uns folgendes gehamischte Schreiben:„Die Redaktion des„Berliner Volksblatt" ersuche ich auf Grund des Preßgesetzes vom 7. Mai 1874, in der nächsten Nummer folgende thatsächliche Berichtigung—„ohne Einschaltungen oder Weglassungen"— abzudrucken, welche das Referat über den Arbciterinncnprozcß betrifft, insoweit dasselbe meine Aussage berührt. Es wird daselbst behauptet, daß ich bekundet hätte: 1. Frau Pötting habe mich mehrfach ersucht, nicht das politische Gebiet in den Versammlungen zu erörtern; 2.„selbst" der Rcichstagsabgeordnete Singer habe„solchen Standpunkt" der Frau Pötting„kleinlich" genannt und es„sehr eigcnthümlich gefunden, daß sie auf solch kleinlichem Standpunkte" stelle; 3. Frau Pötting hätte sich an Singer's und meine Vor- Haltungen jedoch nicht gekehrt. Diese— nur in dem Referate des„Berliner Volksblatt" enthaltene— Behauptung ist in allen Theilen erfunden. Ich habe nichts derartiges ausgesagt. Berlin, Rüdersdorferstr. 12, den 19. Dez. 1886. Dr. F. Lütgenau."— Unser Berichterstatter hält hiergegen die Angaben seines Berichtes aufreckt. Es wäre überhaupt der Ocffentlichkeit entschieden ein besserer Dienst geleistet worden, wenn.Herr Dr. Lütgenau uns geschrieben hätte, was er denn eigentlich gelagt hat. Wir haben das vorstehende Schreiben übrigens nur der Kuriosität wegen wörtlich abgednickt, das Prcßgcsctz vcr- pflichtete uns in keiner Weise dazu. tßine mysteriöse Geschichte, die für das Städtchen Strausberg zu einer cause ctläbre geworden ist, beschäftigte gestern die zweite Strafkamnier am Landgericht». Auf der Anklagebank saßen der Rentier Karl Rudolf Otto aus Straus- berg und dessen Schwägeiin, das unvcrehrlichte Fräulein Emma Auguste Marie Heinzel, letztere der verleumderischen Beleidi- gung, ersterer der Beihilfe dazu angeklagt. Der Thatbestand, soweit derselbe aufgeklärt worden— über die Hauptsache ist ein Schleier gebreitet, der voraussichtlich in Ewigkeit nie gc- lüftet werden wird-, ist folgender: Anfang Novcnibcr 1885 ging beim kgl. Kammeraericht in Berlin ein anonymes Schreiben ein. in welchem die Subaltcmbeanitcn des Strausberger Amts- gerichts, Gerichtssekretär Alisch und Aktuar Zahn, eines schlechten und wüsten Lebenswandels bezichtigt wurden. Es wurde den- selben vorgeworfen, daß sie sich in Kneipen bezechten, allerlei Allottia trieben und niit der niedrigsten Gesellschaft verkehrten. Das Schreiben wurde an den Dirigenten des Strausbergcr Aintsgerichts. Herm Anitsrichler Kieslich, mit dem Auftrage gegeben, den in dem Schreiben gerügten Thatsacken nachzu- forschen und zweitens den Schreiber des Briefes zu ermitteln. Was die Thatsachen anbetraf, so wußte der Amtsrichter aus eigener Wahrnehmung, daß dieselben erdichtet maren; denn es war ihm bekannt, daß die Beschuldigten in dem besten Lokale der Stadt verkehrten, in welchem sich die sämmtlichen Hono- raliorcn einzufinden pflegten. Die trotz dieser eigenen Wissen- sckaft vom Amtsrichter angestellten Recherchen ergaben kein anderes Resultat. Nunmehr handelte es sich um Ermittelung des anonymen Briefsckreibcrs. Die Adresse auf dem Kouvert rührte augenscheinlich von einer kraftigen Mannerhand her, der Brief selbst aber zeigte eine zierliche Tamenhandschnst. Der Amtsrichier ließ sich in der Voraussetzung, daß der Brief von einer ziemlich gebildeten Dame geschrieben sei, den Schreiblehrer der höheren Töchterschule am Orte, Herrn Schmidt, ru en, legte diesem das Schreiben vor, und dieser äußerte seine Memung dahin, daß der Brief von dem Fräulein öamzel geschrieben sei, vielleicht auch von deren Schwester, der Frau des Rentie� König. Dieses Gutachten führte nun zunächst dazu, daß d,e Manner-- Handschrift auf dem Kouveft mrt der Handschrift des Rentiers »äs ffts und der Aufschrift des Kouverts ergab. Zur Klarstellung der Jache gehörte aber zunächst die Erforschung c»ncs TloUtä. Sekretär Alisch erklärte, mit Rentier König oif bestem Fuße äu stehen, sodaß Rachsucht und Bosheit von dieser Seite aus- geichlrssen schienen; Aktuar Zahn dagegen bekundete, daß ihn Rentier König allem Anschein nach zum Schwager gewünscht bade und darin getäuscht worden sei. Fn dem Aerger über diesen Fehlschlag hätte vielleicht das Motiv gesunden werden können. Es wurde nunmehr eine Handschriftenvergleichung durch den gerichtlichen Schreibsachverständigen, Aanzleiralh Icegel, angeordnet. Ehe es zur Ausführung derselben kam, war das Kouvert des Briefes aus den Akten verschwunden, und konnte daher eine Begutachtung der Aufschrist nicht erfolgen. Was die Schrift des Briefes anbettaf, so kam der Schreib- sachverständige zu der Behauptung, daß der betreffende Brief von Frl. Heinzel geschrieben sein müsse, wofür eine Menge auch jedem Laien verständlicher charakteristischer Merk- male spräche. Auf Grund dieses Gutachtens wurde die An- klage gegen Fräulein Heinzel und Herrn König erhoben; aber plötzlich war auch das inkriminifte Schreiben aus den Akten verschwunden. Vergeblich wurden alle Beamte der Staats« anwaltschaft zeugeneidlich und verantwortlich vernommen, über den Verbleib des Briefes war nichts ermitteln. So war das Hauptbclastungsmaterial der richterlichen Augenscheinnahme entzogen, nur Indizienbeweise lagen noch vor. Amtsrichter Kies- lich bekundete als Zeuge, daß Frl. Heinzel schon bei dem Diktat des Amtsrichters, das zur Feststellung ihrer Handschrift er- folgte, allerlei Ausflüchte machte; daß Rentier König aber während der Zeit der Untersuchung sehr aufgeregt war, doch plötz- lich ruhig, ja höhnisch wurde, als er erfahren hatte, daß der Brief sammt dem Kouveft verschwunden sei. Kanzleirath Seegel hielt sein ursprüngliches Gutachten aufrecht und behauptete, daß ivreiul. Heinzel den inkriminiften Brief geschrieben hätte; das Kouveft hatte er nicht zu Gesicht bekommen. Der Staats- anwalt beantragte, den Sachverständigen wegen des Vorhanden- scins des Briefes zur Zeit der Begutachtung auch als Zeugen zu vereidigen, und— da der Gerichtshof diesen Antrag ab- lehnte— diese Ablehnung im Protokoll zu verzeichnen. Im Uebrigen aber beantragte er für Fräul. Heinzel 6 Monate, für Herrn König 2 Monate Gefängniß. Ter Gerichtshof sprach beide Angeklagte frei, das Uftheil damit begründend, daß, weil weder Brief noch Kouveft vorliege, jede objektive Grundlage mangele, durch welche der Gerichtshof eine eigene Ueberzcuyung begründen könne, und ohne eine eigene Ueberzeugung sei die Verurtbeilung unmöglich. Chemnitz. Ein aus Rothenkirchen bei Auerbach gebür« tigcr Fabrikarbeiter, Franz Rodert Möckcl, hatte zu Gefreiten des hiesigen Jnfanteiieregiments, die er an den Spielwaaren- buden während des Jahrmarktes am 1. November getroffen, von einer in nicht allzuferner Zeit bevorstehenden gewaltsamen Erhebung der Sozialdemokraten gesprochen und die Soldaten aufgefordeft, sie sollten, wenn die Kaserne genommen und de- setzt werde, nur in die Luft schießen. Er wurde, weil er somit Personen des deutschen Heeres aufgefordert hatte, dem Befehle der Oberen nicht Gehorsam zu leisten, von der i->. Strafkam- mer des hiesigen Landgerichts zu 9 Monaten Gefängniß ver- urthcilt. Vorbestraft war der 25 jährige Angeklagte wegen Sonntagsentheiligung und groben Unfugs. Unfallversicherung und Brautkindcr. Das Reichsver- fichernngsanit hat folaenden interessanten Fall verhandelt. Die Braut eines in der Provinz Hessen-Naffau ums Leben gekom- menen Maurers verlangte von der zuständigen Berufsgenossen- schaft eine Rente für ihre mit dem Verstorbenen erzeugten Kin» der. Die Genossenschaft lebnte den Anspruch ab, weil das Ge« setz nur ehelichen Kindern Ansprüche gewähre. Auf die Klage der Braut, in welcher geltend gemacht wurde, daß nach dem rn Betracht kommenden Paftikularrechte Brautkinder den ehelichen gleichständen, erkannte das Schiedsgericht in diesem Sinne. Das Reichsversichcrungsamt vermochte sich zu einer sofortigen endgiltigen Entscheidung nicht zu entschließen, sondern gab der Klägerin auf, in ordentlichem Gerichtsverfahren gegen die Erben des Verstorbenen und die Berufsgenosscnschaft eine Feststellung darüber, ob ihren Kindern die Rechte von ehelichen zustehm, herbeizuführen und zu diesem Zwecke binnen drei Monaten Klage zu erheben. Uereine mtfc Nersammwngen. Im Verein Berliner Hausdiener wurde in der letzten gutbesuchten Versammlung eine Tellcrsammlung für den Kollegen Emil Weidler, Taubenstr. 45 wohnhaft(Nichtmitglied des Vereins!, veranstaltet, welche die Summe von 17,65 M. er- gab. Der Genannte vernnglückte durch einen Sturz vor einem Pferdcbahnwagen derart, daß ihm ein Bein aniputirt werden mußte. Den Mitgliedern, welche dem Verunglückten eine weitere Unterstützung zukommen lassen wollen, zur Nachricht, daß Listen zur Einzeichnung freiwilliger Beittäge auslicgen bei Kucke, Oranienstr. 177, Hof*•'.; Meier, Jerusnlcmcrstr. 22 und im Lokale der Hausdiener-Krankenkaffe, Alte Leivzigerstr. 1. Der Vorsitzende ersuchte alle Mitglieder, sich des verunglückten Kollegen nach Kräften anzunehnien, da hier Hilfe dringend nothwendig sei. Aber auch darauf soll man hinwirken, daß alle Berufsgenossen sich dem Verein als Mitglieder anschließen. Am 1. Weihnachtsfeicftage veranstaltet der Verein bei Gratwcil eine Festlichkeit. Die nächste Vereinsversammlung findet am 10. Januar 1887 statt. Der Verein zur Wahrung der Interessen der Klavier- arbeiter hielt am Sonnabend, den 18. Dezember, seine letzte diesjährige Mitgliederversammlung ab. Herr Sparfeld, Mit- glied des Vereins, hielt einen beifällig aufgenommenen Vor- trag über die nordische Mythologie und die Frithjofsagc. Der Voftragcnde wies zunächst nach, daß die christlichen Feste, so auch das bevorstehende Weihnachtsfest, nicht willkürliche, von der christlichen Kirche eingesetzte Feste find, sondern daß sie ihren Ursprung in der heidnischen, so bei uns in der nordischen Mythologie hätten. Hierauf verbreitete der Vortragende sich in längerer Ausführung über die verschiedenen Götter der alten Germanen und feierte Grimnl und Simrock als die bedeutendsten Forscher der nordischen Mythologie. Hierauf ging der Vortragende zu dem von dem norwegischen Dichter Tegner verfaßten Gedicht„die Frithjofsage" über, welches in vorzüglicher Weise die Gewohnheiten, Sitten und Gebräuche der Alten schildert und zeigt, wie sie ihre Götter verehften und welche Vorstellung sie sich von dem Leben nach dein Tode machten. Die vorzüg- lichsten Stellen aus dem Gedichte las der Vortragende vor. Nachdem noch einige Krankcnuiitcrstützungcn bewilligt waren, widmete der Vorsitzende der Thätigkeit des Vereins im ver- flosscncn Jahre noch eine kurze Betrachtung. Er führte aus, unter welch ungünstigen Verhältnissen der Verein in diesem Jahre zu kämpfen hatte und wünschte, daß das kommende Jahr in dieser Beziehung einige Erleichterungen bringen möge. Er schloß diese letzte Sitzung mit einem dreimaligen Hoch auf das Gedeihen des Vereins. Der Fachverein der Steindrucker und Lithographen hielt am IG. d. M. bei Gratweil, Kommandantenstraße, eine Versammlung ab. Der Vorsitzende theilte mit, daß das Mit- 'glied Otto Scholz beim Abspringen von einem Wagen der Pfcrdeeisenbahn verunglückte und nach 5tägigcm Krankenlager verstorben ist. Die Anwesenden ehrten das Andenken des Ver- storbenen durch Erheben von den Plätzen. Der Verein spendete einen Kranz. Es wurde beschlossen, für die Familie des vcr- storbenen Kollegen eine Matinee zu veranstalten und wird der Vorstand das Weitere veranlassen. Hierauf wurden verschiedene Mittheilungcn über den Arbeitsnachweis gemacht. Unter anderen! wurde es getadelt, daß viele Mitglieder, die sich beim Arbeitsnachweis gemeldet, nicht rechtzeitig genug anzeigen,� wann sie wieder in Arbeit getreten sind. Dadurch entständen für den Stellenvermittlcr oft große Schwierigkeiten. Die Mitglieder seien ferner verpflichtet, sobald sie aus Arbeit treten, dieses sofoft bei Splcttstößer, Wcinbergsweg 15b, zu melden, ebenso anzuzeigen, wann sie wieder in Arbeit treten. Im allgemeinen wurde der Arbeitsnachweis seitens der Arbeitgeber rege benutzt. Es wurde aufgefordert, daß ssch auch die Arbeiter recht rege daran bctheiligen.— Ein Unterstützungsgesuch wurde dem Vor- stand zur Prüfung überwiesen. Ferner wurde ein Veranügungs- komitee von 7 Personen zur Veranstaltung eines Winterfestes gewühlt. Nachdem entspann sich noch eine heftige Debatte über Zirkulare, welche in den Druckereien zirkuliren, einen Herrn Wetzel betreffend, weicher sich, wie hervorgehoben wurde, mißliebig gemacht haben soll. Tie nächste Versammlung findet am 20. Januar 1887 in demselben Lokale statt. Eine öffentliche Versammlung der Metallarbeiter tagte am 17. o. M. in Wohlhaupt's Salon, Manteuffelstr. 9. Die Tagesordnung lautete: Berichterstattung über den Streik der Granatenarbeiter der Jachmann'schen Fabrik, Köpnicker- straße 99. Der Dreher Herr Weber theilte mit, daß Herr Jach- mann sich geweigert habe, die in der letzten Versammlnng ge- wählte Kommisston, welche eine Verständigung mit ihm herbei- zuführen suchen sollte, zu empfangen. Die Kommission habe in Folge dieser Weigerung einen eingeschriebenen Brief an Herrn Jachmann gesandt, worin die Ursachen der Arbeitseinstellung fachlich erörtert und Herr Jachmann zu einer mündlichen Vcr- Handlung mit den Kommissionsinitgliedern aufgefordeft wurde. Herr I. erkläfte auch hierauf wieder, mit Niemand in Unter« Handlung treten zu wollen. Der Streik sei für ihn abgethan, da er schon Ersatz für die Streikenden habe.— Der Vorsitzende der Kommission, 5)errJacobs, berichtete hierauf über die Zustände in der Jachmann'schen Fabrik. Es sei, so führte Redner aus, wohk noch nie ein Streik berechtigter gewesen, als der in Rede stehende. Es sei undenkbar, daß Familienväter so kurz vordem Weihnachtsfest, wo doch jeder seinen Kindern gern eine Freude bereiten möchte, aus nichtigen Gründen die Arbeit einstellen sollten. Nur die zwingendste Nothwendigkeit habe die Arbeiter zu diesem Schritt veranlaßt. Bei einer Arbeitszeit von 75 Stunden pro Woche sei es selbst den günstigst gestellten Arbeitern nur gelungen, einen Verdienst von 18 bis 20 M. wöchentlich zu erzielen. Das wären also pro Stunde durch- schnittlich 26 Pfennig oder bei einer regelmäßigen 10 stündigen Arbeitszeit noch nicht 16 M. die Woche. Doch seien dies, wie schon gesagt, nur die bestgestellten Arbeiter; andere Hütte noch viel weniger verdient. Dabei erfordere die Arbeit große physische Kräfte und große Akkuratesse, da alles genau nach Normnllehren gearbeitet werden müsse. Ferner sei die Arbeit auch sehr ge- sundheitsschädlich, da sich vrel Staub und Schmutz beim Drehen von Gußeisen entwickelt, was für die Lungen der Arbeiter von großem Nachtheil sei. Es sei zu bedauern, führte der Redner weiter aus, daß bei Arbeiten, welche von der Regierung so gut bezahlt würden, der Arbeiter vom Fabrikanten einen so niedrigen Lohn bezieht, daß er kaum die nothwendigsten Lebensbedürfniffe davon bestreiten könne. Schließlich stellle der Redner den A-n trag, die Versammlung möge die gewählte Kommission beauftragen, Herrn Jachmann noch einmal um eine Unterredung zu ersuchen; im Falle einer abermaligen Ablehnung seitens des Herrn Jachmann aber die Kommisston zu berechtigen, die Auge- lcgenheit selbstständig weiter zu verfolgen.— Herr Hirsch empfahl diesen Anttag und sprach die Hoffnung aus, daß in diesem Falle die Regierung die Arbeiter gegen- über dem Fabrikanten in Schutz nehmen würde. Redner meint; es ser ausgerechnet worden, daß dem Fabrikanten, ivcnir er die Forderung der Arbeiter bewilligen würde, eine Granate 20 Pf. kosten würde, während er ca. 1 M. dafür bekommen soll. Herr Bergmann als früherer Meister bestätiate die Rick- tigkeft der Ausführungen der Vorredner in allen Theilen.— Herr Weber wollte wissen, daß sogar der Offizier, welcher als Revisor' in der Fabrik thätig ist. Herrn Jachmann Vorstellungen über dre niedrigen Preise, welche er den Arbeitern zahle, aemackt haben soll.— Nachdem die Versammlung den von Hrn.'Jacobs gestellten Anttag einstimniig angenonimen, schloß der Vorsitzende mrt der Mahnung, die Streikenden zu unterstützen, die Ver- sammlung. �Zachvttein der Schlosser und Berufsgenossen. Am 2. Weihnachtsfeieftag, Abends 6 Uhr, bei Gratweil's, Kom- mandantenstraße 77,79, Weihnachtsvergnügen. Gäste, durch Mitglieder cingefühft, haben Zutritt. Programm: Ver- schiedcne Uedcrraschungcn und Tanz, Eintrittskarten sind zu haben bei sämmtlichen Vorstandsmitgliedern sowie bei den Herren Neumann, Nostitzstr. 46, Hof i; Matthias, Mantcusfel- straße 49, bei Pohl; Sachs, Fruchtstr. 84, iV, bei Stephan. tSauverein der Maler Berlins. Versammlung am Dienstag, den 21. Dezember, Abends 8 Uhr, in Gratweils Bierhallen, Kommandantenstr. 77 79. 1. Kassenbericht. 2. Bericht des Verbandsvorsiyenden aus Hamburg. 3. Die Refonnirung des Verbandes. 4. Verschiedenes und Fragekastcn. Gauverein Berliner Bildhauer. Annenstraße 16 heute Äwttolhelavenv. Aranken-Nnterstützungsbund der Schneider, Kürschner, Posament, ere und Berufsgenossen. Sonntag, den 26. Dezem. der(2. Weihnachtsfeieftag): Großes Konzert und Ball. BiNets sind zu haben Krausensttaße 11 im Lokal; in beiden Geschäften der Genossenschaft, Zimmerstr. 30 und Lothringerstr. 51; in beiden Zahlstellen Grenadierstt. 33, im Restaurant und Annenstraße 9, un Restaurant Zilrn; Waldemm straße Nr. 19, H. i- Heinrich. Kominandantenstt. 41, v. IV; Lubas, Sebastianstr 41 v. u; Killer, Grüner Weg v. IV; Boche, Annenstr. 11, v. und rn den mit Plakaten belegten Handlungen. Gäste will- kommen. �-�Verband deutscher Zimmerleute, Lokalverband„Berlin Sud". Mittwoch, den 22. Dezember, Abends 8 Uhr, Versammlung ,m Lokale Mariannenstr. 31— 32. Tagesordnung: Vortrag, Veftchiedenes und Fragckasten. Gäste haben Zutritt. - Der Lokalverband„Berlin Nord" hält am Mittwoch, Abends 8% Uhr, in dem Lokale Hochstr. 32a eine außerordentliche Gcnc, ralvcrsammlung ab, zu welcher neue Mitglieder und solche, die es werden wollen, Zutritt haben. Tagesordnung: 1. Wahl eines Vorsitzenden. 2. Verschiedenes. 8. Fragekasten. -„Gcsangchot des Gauvercins der Maler Berlins" Abends Rauchklub„Deutsche Flagge" Abends 8 Uhr i.» Restaurant ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschiile, Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Köpnickcrstt. 68.— Vergnügungs verein der säsi«WijjBÄÄwt-»'■-» Kleine Mittheilnngen. Spremberg, 16. Dezember. Die wegen der hiesigen Exzesse Veruftheiltm, die sich noch auf freiem Fuße befinden haben am 24. d. M. ihre Strafe anzutreten.— Ein hübsches Weihnachtsgeschenk! Metz, 19. Dezember. Das Hochwasser dor Mosel hat einen sehr hohen Stand erreicht, zwischen NorSant und Sierck sind weite Thalstrecken übeifluthct. Auch von der französischen Grcn,e wird fortdauerndes Steigen des Flusses gemeldet. Madrid, 18. Dezember.(Der Mörder des Bischofs von wsr w llhctl; doch hält man eine Strafumwandlnng für wahr- schemnch. Ä Vf«Wt MfUS£ fältfftn, nememfom ,u ftwtm Zürnet jagte der©eliebtm Äft" fflÖÄ".STÄ'ÄfcSS noch lebt. Brüssel, 18. Dezember. 180 Briefe, welche von dem aus» geraubten Postwagen herrühren, wurden abermals, diesmal im Lesezimmer des Grand Hotel in Brüssel gefunden. Die Polizei konstatirte, daß dieselben von drei Deutschen daselbst hinterlegt wurden, welche auch den Versuch gemacht hatten, ungeschliffene Diamanten zu veräußern. Nach diesen Deutschen, welche Mit- schuldige der englischen Postdiebe sein müssen, wird eifrig ge- fahndet.— Der„N. Fr. Pr" wird telcgraphirt: Heute Morgens fielen zwei von den drei verfolgten Dieben, darunter Eberhardt, der Polizei in die Hände. Obgleich dieselben elend gekleidet waren, wurde doch die dedeutende Summe von 10 000 Franks in deutscher und englischer Münze bei ihnen gc- fundcn. Man glaubt jedoch nicht, daß Ebcrhardt und sein Genosse irgendwie an dem großen Eisenbahndiedstahle betheiligt waren. Wien, 16. Dezember.(Kindesmord.) Die 24jährige Aoscpha Knizek legte heute beim Polizeikommissariate in der Leopoldstadt das Gestci..dniß ab, daß fie ihr zehn Monate altes Söhnchcn Anton in einer Ziegelhütte in der Nähe eines Dorfes, angeblich Habting, erwürgt und die Leiche dann weg- gelegt habe. Josepha Knizek ist eine wegen Diebstahls schon bestrafte Person und wurde nach Abbüßung ihrer letzten Strafe in der Dauer von vier Jahren aus Wien und Nicderösterreich für beständig abgeschafft. Trotz des Verbotes kehrte fie in den ersten Tagen des vorigen Monats nach Wien zurück, wurde aber bald aufgegriffen und wegen Revcrfion zu einer cinmonat- lichen Arreststrafe verurtheilt. Am 7. d. M. war die Strafzeit zu Ende und Josepha Knizek wurde in ihre Heimath nach Groß-Karlowitz abgeschoben. Heute Nachmittags traf fie aber wieder in Wien ein, wurde in der Taboistraße von einem Detektive erkannt und wegen verbotener Rückkehr arretirt. Auf das Polizeikommissariat in der Leopolvstadt gebracht, gestand fie, ihren zehn Monate alten Sohn am 12. d. M. ermordet zu haben. Josepha Knizek will das Verbrechen wegen drückender Nothlage verübt haben. Unmittelbar darauf sei fie zu Fuß nach Wien gegangen. Sie wurde dem Landesgerichte eingeliefert. Budapest, 15. Dezember. Der vom Tisza-EsUarcr Prozesse bekannte Pandurenkommissar Andreas Recski(„Recski Bandi"), welcher bekanntlich die Zeugen gefoltert hatte, veran- laßte heute Abend im Restaurant Szikszay einen argen Exzeß, lärmte und zerschlug die Gläser, weshalb er von den Kellnern auf die Straße befördert wurde. Dort lärmte er noch mehr und beschimpfte die Polizei: er wurde auf die Polizeizentrale gebracht und von dort ins Rochusspital, wo der Ausbruch von Tobsucht bei ihm konstatirt wurde; Recski wurde in die Irren- anstatt überführt. Budapest, 16. Dezember. In der Gemeinde Kolin (Bacskacr Komitat) stieß die Gcndarmenpatrouille auf eine ihr Unwesen bereits seit längerer Zeit treibende Räuberbande. Die Gendarmen umzingelten das Haus, in welchem sich die Räuher defanden. Diese, es waren ihrer acht, vertheidigten sich auf Leben und Top, bis es den Angreifern schließlich gelang, die Mitglieder der Räuberbande thcils niederzuschießen, theils fest- zunehmen. Drei blieben todt auf dem Platze, einer wurde lebensgefährlich, einer leichter verwundet, drei wurden gefangen. Von den Gendarmen fiel einer, zwei wurden schwer verwundet. Die Bande bestand beinahe ganz aus flüchtig gewordenen Sträf- lingen. Die Sicherheitszustände in der Bacska sollen überhaupt trostlos sein, an vielen Orten spielten behördliche Organe mit den Räudern unter einer Decke und dies sei auch in Kolin der Fall gewesen, so daß das Gendarmerie- Kommando gegen die Vorstehung eine Anzeige beim Ministerium erstattet habe. Die Einwohnerschaft nahm für die Räuber Partei gegen den Orts- lichter. Trieft, 16. Dezember. Ueber das Schicksal des Dampfers ,, China" der Navigazione Generale Jtaliana, welcher von Bombay nach Hongkong abgegangen und seit sieben Tagen in letzterem Hafen ermattet wurde, herrscht, da alle Nachrichten vollkommen fehlen, große Unruhe. Ein italienisches Kriegsschiff hat sich, telegraphisch angewiesen, von Shanghai aus auf die Suche gemacht. Auf der„China" war eine größere Anzahl von Passagieren eingeschifft. Utrecht, 15. Dezember. Ein großer Brand hat heute die Waarenlager, Werkstätten und Burcaulokalitäten des hiesigen Zentralbahnhofs zerstött. Der Schaden ist enorm. Ein Mann wurde todt unter den Trümmern hervorgezogen und zwei andere wurden schwer verwundet. Marseille, 16. Dezember. Heute früh getttth der mit Petroleum geladene Dampfer„Pythsas" bei der Ausfahrt aus dem Marsciller Hafen in Brand und mußte wieder umkehren. Am Pharo landete die Bemannung. Trotz der Löscharbeit brannte das Schiff heute den ganzen Tag unter fottwährendem Platzen von Fässern. Paris, 17. Dezember. Ein Ingenieur Namens Buisson, der sich seit längerer Zett damit beschäftigt, Sprengstoffe zum Treiben von Schrauben zu verwctthen, wollte gestern gemein- sam mit Ciurceu, dem früheren Herausgeber der„Jnd�pendance Romaine", auf dessen Dampfkahn gegenüber Asniöres seine Versuche wiederholen. Leider entzündete sich die flüssige Spreng- masse beim Füllen des Kessels und der Kahn sank sofort. Ciurceu, obwohl im Geficht schwer verbrannt, rettete sich durch Schwimmen; Buisson wurde noch lebend aus dem Wasser ge- zogen, war aber fürchterlich am Leibe verwundet und starb als- bald; der Körper eines Burschen endlich, der mit an Bord gewesen war, konnte noch nicht aufgefunden werden. Buisson hatte gehofft, seine Erfindung für die Luftschifffahtt nutzbar zu machen. London, 14. Dezember. Der fürchterliche Orkan in der vorigen Woche hat nach dm bis jetzt vorliegendm Meldungen 128 Schiffbrüche verursacht, bei denen 61 Schiffe auf der Höhe der btttischen Inseln sanken. Ter Lebensverlust war zum Glück nicht so zahlreich, als man bei der Gcsammtzahl der Unfälle hätte erwarten können; denn während auf der Höhe der bri- tischen Inseln 28 Menschmleben verloren gingen, ertranken an fremden Küsten 66 Personen. Die Gcsammtzahl der Schiff- brüche für das laufende Jahr stellt sich bis jetzt auf 1490.— Heute Morgen in aller Frühe explodirte in einer Matena!- waarenhandlung in Sutton bei London ein Pettoleumfaß und setzte das Haus in Brand, wobei eine Frau und drei Kinder in den Flammen umkamm. Halifax, 15. Dezember. Ter gestern von Liverpool angekommene kanadische D ampfer„Sarnia" meldet, daß er auf der ganzm Reise schreckliches Unwetter gehabt habe. Der Kapitän erklätt, daß nach seiner 30jähttgen Erfahrung diese letzte Fahrt seine stürmischste war. Der Dampfer verlor ein Boot und erlitt auch andere Beschädigungen, währmd sämmtliche Passagiere vier Tage unter Deck gehalten wurden. New-Aork, 16. Dezember. Der Norddeutsche Lloyd- Dampfer„Eider", welcher gestern von hier abfuhr, nahm 225 Säcke Briefe und 560 Säcke Zeitungen an Bord. Es soll die stärkste Post, gewesen sein, welche jemals von New-Bork nach Europa befördert worden ist. Vermischtes. Zur Zeitungsstatiftik. Die„Preisliste der durch das kaiserliche Postzeitungsamt in Berlin und die kaiserlichen Post- anstatten des Deutschen Reichs-Postgebicts im Jahre 1887 zu beziehenden Zeitungen, Zeitschriften u. s. w." zerfällt, wie die früheren Jahrgänge, in zwei Abthcilungen: vre 1. Abtheilung enthält die in deutscher Sprache erscheinenden Blätter— 6416, die 2. Abtheilung die in 31 srcmdm Sprachen herausgegebenm — 3159. Es hat sich somit feit der Ausgabe der Preisliste für 1886 die Zahl der in deutscher Sprache erscheinenvm Blätter um 269 und die der in fremden Sprachen heraus- gegebenen um 157 vermehrt. Von den 6416 deutschen Blättern entfällt die bei weitem größte Zahl auf das Deutsche Reich, darunter auf Berlin 506, Dresden 96, Leipzig 276, München 124, Stuttgart 100, Hamburg 82 u. s.w., auf Elsaß-Lothringen 40 sc., die nächstgrößte auf Oesterreich-Ungarn(darunter auf Wien 244, Prag 18, Pest 12), sodann auf die Schweiz, außer- dem auf Amerika(76), auf Rußland 15(davon 7 auf St. Petersburg, 3 auf Moskau), auf Luxenburg 14, auf England 3 (London), ferner auf Italien(Rom), auf die Niederlande (Rotterdam), Frankreich(Paris) je 2, endlich auf Rumänien 1 (Bukarest).— Uebrigens find diese 6416 deutschen Blätter keineswegs sämmtlich eigentliche Zeitungen, ein großer Thcil derselben bezieht fich vielmehr auf Gegenstände der verschieden- sten Art und ist des mannigfaltigsten Inhalts. Was die in 31 verschiedenen fremden Sprachen veröffentlichten Blätter an- langt, so erscheint die größte Zahl derselben in französischer Sprache— 1132(davon in Paris 660, in Elsaß-Lothringen 16, in Berlin 5, in Leipzig 3), die nächstgrößte in eng- lischer— 952(davon 558 in London, 118 in New-Bork, 3 in Berlin). Für die übrigen fremden Sprachen ergiebt sich fol- gende Reihenfolge: die dänische(178, davon 79 in Kopenhagen, 13 in Schleswig-Holstein), die italienische(175), die holländische(161), die schwedische(137), die polnische 97, davon 26 in Bosen, 6 in Oberschlesien, 2 in Breslau, 1 in Königsberg i. Pr. u. s. w.), die norwegische(72), die russische(53), die spanische(48), die rumänische(31), die ungarische(27), die czcchische(18), die griechische(11), die portugiesische und flä- mische(je 10), die litthauische(7, davon 2 in Königsberg i. Pr.), die wendische(6), die finnische(6), die rutheniscbe und die slovenische(je 4), die hebräische, persische, romanische, serbische und türkische(je 3), die kroatische(2), die armenische, bulgarische, lateinische und slovakische(je 1). Ein bestialischer Racheakt. Englische Blätter bringen folgendes amerikanische Telegramm:„Der Pächter Poe in Ken- tucky hatte erfahren, daß die Frau feines Nachbars, Worms, einen unsittlichen Lebenswandel führe. In Folge dessen unter- sagte er feiner Familie, mit den Worms zu verkehren. Diese warteten eines Morgens den Moment ab, in welchem Poe bald nach Tagesanbruch sich in seine Ställe begab, dann stürmte Worms mit seiner Frau und seinem zehnjährigen Sohne in die Behausung Poe s und schnitt der Ärs. Poe, ihren fünf Kindern und zwei jungen Mädchen, die bei ihnen zu Besuch weilten, mit Rasirmcssern die Hälse durch. Hierauf legte er all' die Köpfe mit Hilfe seiner Frau in das Bett des Poe und die Leiber pflanzte er nebeneinander auf der Erde auf. Der zehn- jährige Knabe des Worms, der die That mit ansah, erstattete gegen seine Eltern die Anzeige bei Gericht." Eine neue Flüssigkeit zum Löthen. Neuerdings wird von Amerika aus eine neue Löthflüssigkeit empfohlen, welche weder zerstörende, noch der Gesundheit nachtheilige Eigenschaften besitzen soll. Sie besteht aus einer Lösung von 1 Thcil Milch- fäure und 1 Thcil Glyzerin in 8 Theilen Wasser. Eine heirathslustige junge Dame in Sachsenhausen unterhielt mit einem jungen Mann ein Liebesverhältniß und hatte die Abficht, sich zu verheirathen. Der Vater war ent- schieden gegen die Verbindung der jungen Leutchen, so daß das heirathslustige Töchterchen gegen ihn als Klägerin auftrat. Sie erzählte vor. Gericht, daß sie wöchentlich 10 Mark verdiene und mit ihrem Auserwählten glücklich zu werden hoffe. Das Gericht ertheilte ihr den Ehekonsens. Paris, 15. Dezember. Die Geschworenen des Arische- Departements erkannten Jean und Rosine Faure, welche ge- ständig waren, ihren Bruder und Schwager Claude Faure er- schlagen, die Leiche zerhackt, die Stücke derselben gesotten und das Fleisch den Schweinen vorgeworfen zu haben, des vorsätz- lichen Mordes schuldig, nahmen aber mildernde Umstände an und erwirkten dadurch, daß die Beiden, statt zum Tode, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt wurden. Gegen den Biß von giftigen Schlangen hat ein Herr Farini ein angeblich untrügliches Mittel nach England mitge- bracht; da indessen das englische Antivivisektionsgesctz die An- stcllung von Versuchen zur Prüfung des Mittels verbietet, so gedenkt er es in Deutschland oder Frankreich erproben zu lassen. Er beschreibt in seinem soeben bei Brockhaus erschienenen Werke: „Durch die Kalahari-Wüste", die Art und Weise, wie er in den Besitz dieses Gegengiftes gelangte: Drei meiner Ochsen, berichtet er, wurden von Schlangen gebissen. Ein Buschmann übernahm die Kur und machte zu dem Ende mit dem Messer einige Em- schnitte um die Bißstelle, die an der Geschwulst leicht zu er- kennen war, und rieb die Schnittwunde mit dem trockenen Giftpulver einer anderen Schlange ein. Nach wenigen Stunden ließ die Geschwulst völlig nach und das Thier war bald so wohlauf, wie sein halb verhungerter Zustand es ihm im Ucbrigen er- laubte. Ich gestattete mir einige Zweifel, ob diese„Kur" auch bei giftigen Schlangen ausreichen würde, aber der Buschmann bestätigte dies auch und sagte, er fürchte sich nicht, von irgend einer Schlange im Lande gebissen zu werden, so lange sein Gittbeutel noch mit dem Gift anderer Schlangen als Gegen- aift gefüllt sei. Am nächsten Tage schon konnte ich ihn beim Wort nehmen. Während wir vor den Wagen plauderten, sah ich eine vollständig ausgewachsene„Capella" oder„Svung- Slang"(Äspis, deren Gutzähne und Giftdrüsen fast dieselbe Größe wie der Puffotter haben) unter einer Bank liegen und rief dem Buschmann zu:„Fange diese Schlange lebendig. Du fürchtest Dich nicht, nicht wahr?"—„Nein, Baas," erwiverte er,„ick fürchte mich nicht, ich fange sie für eine Rolle Tabak." Um nicht etwa an seinem Tode betheiligt zu sein, weigerte ich mich, ihn zu bestechen, und holte die Fuhrmannspeitsche, um die Schlange da- mit zu erschlagen. Kaum war ich zurück, so stieß er fie mit seinem nackten Fuß, worauf das fürchterliche Reptil ihn biß. In aller Kaltblütigkeit zog er seinen Giftbeutel her- vor, zerrieb etwas vom Inhalt zu Pulver, stach in der Nähe des Bisses mehrfach in seinen Fuß, und rieb dann das Gift- pulver gerade wie bei dem Ochsen ein. Während ick aber der Schlange vermittelst meines Peitschenstieles die Gelegenheit benahm, jemals wieder zu beißen, nahm der Buschmann, nach- dem er der Schlange die Giftzähne ausgebrochen hatte, einen Tropfen von dem Gift aus dem Gifttack zu sich, worauf er in einen mehrstündigen Schlaf verfiel. Anfangs nahm die Gc- schwulst an der Wunde sehr stark zu, nach einiger Zeit ließ sie aber nach und am andern Morgen impfte er sich nochmals ein. Am Abend verschwand die Geschwulst völlig, und nach vier Tagen war er wieder so wohlauf wie je." Eine kleine Eidechse, welche die Eingebormen N'aubu nennen, wird für sehr giftig gehalten, aber zugleich als Gegengift gegen Schlangengift hoch- geschätzt. Herr Farini sah während seiner südafrikanischen Reise niemals ein lebendes Exemplar, kaufte aber während seines Aufenthaltes in Mier ein Stück dieses Thieres, das er zu Ver- suchen benutzen wird. Die Welt will betrogen sein. Von einem angesehenen Brcslauer Bürger geht der„Schles. Ztg." das Zirkular einer durch zwei Äusstellungsmedaillm dekorirten„Champagner- kelleret, also offenbar eines größeren Weingeschäfts der Rhein- pfalz zu, welches es nickt verschmäht, in seiner Weinofferte fol- gendes anzuführen:„Die Ausstattung der Flaschm kann ent- weder mit meinem Firma-Etikett erfolgen oder mit finairt französischen Etiketten. Dieselben tragen Namen„nicht existrrender" Finnen. Eine Auswahl dieser Etiketten steht gern zu Diensten. Korkbrand wird dem entsprechend geliefert." Allem Anschenre nach soll diese Bemerkung zur Empfehlung der Weinmarken jener Firma dienen. Sollte dieselbe aber nicht— abgesehen von dem sich hier in eklatanter Weise offenbarenden Mangel an Ehrgefühl— gerade das Gegentheil von dem bead- fichtigten Zwecke erreichen? Und erhalten denn etwa die ge- lieferten Weine dadurch, daß fie mit ausländischen Etiketten beklebt find, einen feineren Geschmack? Der Spott der Fran- zosen über die Auslandssucht unserer Kaufleute erscheint bei derartigen— leider nicht vereinzelt dastehenden— Vorkommnissen nur allzu berechtigt. Kriefkaste« der Redaktion- Lei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quitiung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. I. H. Finsterwalde. 1. Wenden fie sich an den Ge- sandten des Deuschen Reichs in Washington. 2. Sie thun am besten, wenn Sie an die Redaktion des betreffenden Blattes schreiben. 3. Ein gewöhnlicher Brief von Wien nach F. kostet 5 Kreuzer--- 10 Pf. H. G. 3. Ihr Wirth ist nur dann verpflichtet, Ihnen den durch seine Schweine angerichteten Schaden zu ersetzen, wenn er in der Beaufsichtigung derselben fahrlässig gewesen ist, also z. B. die Stallthür unverschlossen gehabt hat. Besorgen Sic jedenfalls die Reparatur des deschädigten Fasses und ver- langen Sie event. Ersatz der Kosten. R. A. Ihr Nachbar fcheint im Recht zu sein. Tauben, die frei umherfliegen, unterliegen in der Regel dem Aneig- nungsrechte desjenigen, der fie einfängt. F. H., Lichtenberg. Der Arbeitgeber ist nur dann ver- pflichtet, für die drei ersten Tage der Arbeitsunfähigkeit Lohn zu zahlen, wenn ihn oder seine Leute eine Schuld an dem Unglück trifft. F, L. 101. Einige hundert Male haben wir an dieser Stelle schon ausgeführt, daß das Vermögen der Frau für irgendwelche Schulden des Mannes nicht haftet; werden wegen einer solchen Schuld Sachen der Frau gepfändet, so kann fie die Jnterventionsklage ansttenaen. W. Sch., Kulmstr. Sie können auf Rückzahlung des Arbeitslohnes klagen; vielleicht hilft schon ein Zahlungsbefehl. Müllerstr. 7. Beide zusammen 8 M. 40 Pf. P. S. 1. Die genannte Kasse nimmt auch Nichtfachleute auf. 2. Nein. Alter Abonnent. ,17. September 1832. Markthallen-Bericht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vermittler, Berlin, den 20. Dezember 1886. Wild. Das schlechte Wetter, große Zufuhr und geringer Bedarf übten am Sonnabend besonders auf Rehe einen außer- ordentlichen Preisdruck aus, jetzt dürsten die Preise des Festes wegen erheblich steigen. Fasanen sehr begehrt. Hasen, ausgeworfen, ohne besondere Verpackung, auf Stangen von 10 Stück 3,50 bis 4,00 pr. Stück, Kaninchen, ausgeweidet 50 bis 55—60 Pf. per Stück. Rehe ausgeweidet 1»(junge, feiste, gnt geschossene) 52—70 Pf., Ii»(sehr starke und sehr fehlerhaft zerschossene) 40—50 Pf. pr. Pfd. Rothhirsche,>» 45—60, I» 32—�5, Dammwild! 40—65, 1» 31—45 Pf. per Pfund. Wildschwein 40 bis 56, kleine 55 bis 75 Pf. pr. Pfund. Fasanenhennen 3,00—3,50, Fasanenhähne 4,25—5,00 M-, Krametsvögel 28—36 Pf. per Stück. Die Wildauttionen wer« den täglich im Bogen 4 um 6 lihr Nachmittags abgehalten. Geflügel. Die Preise dürften in nächster Woche sich noch höher gestalten. Größere Zufuhren von fettem Geflügel sehr erwünscht. Gänse, 8—10 Pfd. schwere, 44—54 Pf., über 10-15 Pfd. 52-62 Pf.. Fcttgänse über 15 Pfd. schwer sehr rar und gut bezahlt 60 Pf. und mehr per Pfd. Junge Enten 1,50—2,50, fette Enten 55—65 Pf. per Pfund, über 10 Pfund schwere fette Puten 70—80 Pf. per Pfd., Hühner 0,55 bis 0,80 und 1,20-1,70 M.. Tauben 30 bis 40 Pf., Poularden 4,50—8 M. Mageres Geflügel schwer verkäuflich. Lebende Gänse zum Mästen 2,00—3,00 M, lebende Enten 0,90—1,50 M. Auktion täglich im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Um gute Preise zu erzielen, sollen Gänse unter dem Halse geschnitten, vollständig gerupft, Flügel und Füße auf den Rücken gebunden, nicht gebrüht und nicht gesengt sein. Enten, Puten und Hühner sollen am Halse geschnitten sein; der Kopf, die Flügel und Schwanzfedern werden nicht ad- genommen. Fleisch. Nach Errichtung der Fleischschau in der Markt- halle wird es möglich, mit Beginn des nächsten Jahres den Verkauf von geschlachtetem Vieh hier zu vermitteln. Den Interessenten gebe ich gern jede nähere Auskunft. Der tleischkommisfionsbandcl in unserer Markthalle dürste für viele andwirthe und Schlächter von weittragende: Bedeutung sein- Vorläufig sind unverlangte Fleischsendungen nicht anzurathen, da die Fleisch- und Viehpreise hier niedrig und durch die Zu- fuhr von Wild und Geflügel sehr gedrückt werden. Geräucherte und marinirte Fische. Engros-Auktion täglich um 5 Uhr Nachmittags im Bogen 4. Größere regelmäßige Zufuhren erwünscht, bringen steigend Preise. Bratheringe per Faßt, 25—1,50» größere 2,50 M. Russische Sardinen 1,50-1,60 M. Rheinlachs 2,50—2,90, Weser- und Oslseelachs 1,20-1,60, Flundern. kleine 2,50—5,00 M.. mittel 7,50-16 M.. große 18-27 M» Bücklinge 1,80—4,00 M-, schwedische Heringsbücklinge 1,00 bis 1,20 per 100 Stück. Sprotten 60-90 Pf. gier Kiste. Kieler Sprotten 20—25 Pf. pr. Pfd. Rauchaal 0,80—1 M. per Pri- Fische. Hechte 30—40 M- per Ztr. Karpfen 35— 64er 55-75 M. ver ZK.„ Obst und Gemüse. Größere Zufuhren sehr erwünscht» Die Preise steigend. Bimm 10—20 M., feinste Sorten 20-40 M., Aepfcl 6,00-9,00 M., Tafeläpfel 10-20 M» feinste Sorten 20-36 M-, Wallnüsse 20-30 M., genug« 12-15 M. pr. ZK. Apfelsinen, Valencia 20-28 M., Lissabon 12-16 M., Zitronen, Malaga 20-25 M. Böhmische 330*' flaumen 10—13 M- Weißfleischige Spcisekartoffeln 3,00-3,60, rothe 2,80-3,00» blaue 2,80-3,20 per 100 Ko., groß Sellerie 7-10 3JI, 3-7 M.. Meerrcttia 7-12 M.. Zwiebeln 4,50-6-8 Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück, Kohlrüben 1,50-2.00 Piper Zentner. Pflanzen. Rosen-Hochstämme 35—55, niedrig-veredev« 15-20 M. pr. 100 Stück. Eier 3,20 M. pr. Schock._ Butter. Ter Konsum ist auch für geringe Qualität« steigend. Frische feinste Tafelbutter jc. 120—125, feine Ta" butter l. 110-118, II. 96-106 III. fehlerhafte 80-90, L-nv- butter I. 90-96, Ii. 70-85, Galizische und andere genngF Sorten 55—72 M pr. 50 Ko. Käse. Emmcnthaler 70—75, Schweizer I. 56—63, N. 50—5» M. 42-48, Quadrat-Backstein>. fett 20-25, II. 12-18 Limburger L 28-32, tl. 18-22, Rheinischer Holländer 45-58 M., echter Holländer 60-65 M., Edamer 1. 60-™ Wasserstand der Spree in der Woche vom 5. bis zember 1886.(Angabe in Metern.) Am Oberbaum Dammmühle, Oberwasser. Dammmühle, Unterwasser. verantwortlich für dm politischen TheU und Soziales Max Schippet, für Vereine und Versammlungen%. Tutzauer, für dm Druck und Verlag von Max Babing in Berlin SV/., Beuthstraße übrigen TheU der ZeUungt«. vronhetm, sämmtlich in Berlin-