»r 301. Freitag» de« 24. Dezemder 1886. S. Jahrg. Miurlollislilall Brgiin für die Interessen der Arbeiter. 4 AlionnemenIg'Einladlliig. Zum bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir uns, mm Abonnement auf das „Drrlwer Uolksblatt" nebst der wöchentlich erscheinenden Gratisbeilage „Illukrirtes Sonntagsblatt" einzuladen. Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechtes. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Berather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klasseimegen- sähe ist das„Berliner Voiksblatt� ein entschiedener Gegner jeder Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon bevorzugter Gesellschaftsklassen findet. Das..Berliner Uolksblatt" sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagcsfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung unserer städtischen Angelegenheiten. In unserm täglichen Feuilleton werden wir bereits vom ersten Weihnachtsfeiertage an mit der Beröffent- Uchung des berühmten sozialpolitischen Romans v°n Aisraeli, der für unsere Leser von Natalie Liebknecht übersetzt worden ist, beginnen. �Wäre Disraeli nie in das englische Parlament gekommen," sagt W i l h e l m L i e b k n e ch t,„so würde er fich durch seine Romane einen dauernden Namen gemacht haben." Daß Disraeli fich immer für die tieferen Strömungen im Volke einen klaren Blick dewahrt hatte, das hat er namentlich durch seine„Sydil" gezeigt, welche die englische Arbeiter- bewegung zu Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre behandelt. Er giedt von der Lage der Fabrikarbeiter in den großen Industriezentren und von den Bestrebungen der Ge- werkschaften und der Chartisten die treueste und doch glänzendste Schilderung, welche die Literatur kennt. Thue nun Jedermann, der fick mit unseren Zielen in Ueder- einstimmung befindet, an seinem Platze seine Schuldigkeit. Das „Berliner Uolksblatt" muß in immer weiteren Kreisen Eingang finden, für das werkthätige Volk darf in Berlin kein anderes Organ existiren. Der Abonnementaprei« beträgt für das ganze Viertel« jähr 4 M.. monatlich 1,35 M.. wöchentlich 35 Pf. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungsspediteuren, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmerstraße 44, entgegengenommen. Für außerhalb nehmen sämmtliche U-ftaustaltr« Be- stellungm an...._ Die Redaktion und Expedition des„Kerliuer Uolksblatt". iMMPnut Mrtcttn.] Ieuilleton. Uor dem Altar. Aus dem Dänischen. Von G. B a n g. (Schluß.) Der Geistliche beginnt nunmehr die übliche Eheformel abzulesen und es kommt Bewegung unter die Anwesenden vor dem Altar. Für die Herren ist die Verlesung der Formel ein Zeichen, daß die langweilige Feierlichkeit bald beendet ist, die Damen sehen darin einen Wink, sich all- mälig zum Aufbruch zu rüsten. Sie fühlen, ob die Frisur noch gut sitzt, stecken eine Blume fester oder ordnen eine Falte des Kleides. Ganz hinten, in der dritten Reihe, sitzt weinend eine alte Tante; während der Geistliche liest, hört man ihr langweiliges Schluchzen. „So frage ich Dich, Adolf Zuliu« Boeck, ob Du unter Anrufung des Segens des Allerhöchsten, dem Triebe Deines Herzen» folgend, und nach reiflicher Ueberlegung mit Ver- wandten und Freunden, entschlossen bist, diese Jungfrau «eben Dir zu Deiner Gattin zu nehmen V" Za!"— Er denkt an daS erste Mal, als seine Mutter mit ihm über diese Verbindung sprach. Es war spät in der Nacht, nach Beendigung eines Balles, und er hatte sich er- innert, wie sanft das Mädchen während des Tanzes in seinen Armen geruht. Er hatte seiner Mutter geantwortet, daß er sich gelegentlich darum bekümmern wolle— und nun wurde er gefragt, ob er unter Anrufung des göttlichen Segen» seine Wahl getroffen habe! „Ob Du von dieser Stunde an, sowohl in Glück al» in Unglück und in welchen Umständen Du Dich auch immer befinden mögest, so mit ihr zusammen leben willst, wie es einem ehrlichen Manne geziemt, mit seiner Gattin zu leben?" „Ja!"— Er muß sich Mühe geben, um nicht zu Eine Keichseinkommenstetter. Bekanntlich hat der deutschfreifinnige Abg. Rickert in der Militärkommission den Gedanken angeregt, zur Bestrei- tung der geforderten Mehrerhöhungen für die Armee eine Reichseinkommensteuer einzuführen. Diese soll sich erstrecken auf die Einkommen, welche mehr als 6000 M. jährlich betragen. Würde man diese Steuer noch dazu progressiv ge- stalten, so unterliegt es keinem Zweifel, daß die Mehrfor- derungen für das Militär anstandslos und ohne daß der geringste Druck für die Wohlhabenden entstände, gedeckt werden könnten. Wenngleich ein solcher Gedanke noch weit entfernt ist von der Forderung der deutschen Arbeiterpartei, eiue einzige progressive Einkommensteuer für das Deutsche Reich ein- zuführen und sämmtliche indirekte Steuern aufzuheben, so heimelt derselbe uns doch etwas an, weil die Ausführung desselben das heutige, die Arbeiter besonders be- lastendende Steuersystem wenigstens im Prinzip durchbrechen würde. Wo aber der Anfang gemacht wird, da folgt auch das Ende nach. Zwar könnte man darüber recht nachdenklich werden, ob man diesem Prinzip zufolge dann für die neue Militär- vorläge stimmen könnte. Ein großes Bedenken thürmt sich schon deshalb dagegen auf, da die Arbeiterpartei im Prinzip Gegnerin des Militarismus ist. So stände also Prinzip gegen Prinzip. Doch Niemand braucht ängstlich zu sein, daß er in der Praxis vor diese Frage gestellt wird. Wir glauben viel- mehr, daß der deutschfreisinnige Abgeordnete nur einen recht unzeitgemäßen Scherz gemacht hat. Am allerwenigsten wird seine Partei ernstlich eine solche Forderung erheben, da die Anhänger derselben zu einem großen Theile von den Folgen dieser Forderung mitgetroffen würden. Wir erinnern daran, daß in der Session 1882,83 im preußischen Abgeordnetenhause der konservative Abg. v. Hammer- stein den Antrag stellte, die vier untersten Steuerstufen von ver Klassensteuer zu befreien, die weiteren vier(von 5—8) auf dem jetzigen Standpunkte zu belassen und dann folgende Maßnahmen einzuführen: „Vom 1. April 1883 ab wird bis auf weitere» zu dem Steuersatze der 9.— 14. Einkommensteuerstufe ein Zu- schlag von 15 pCt., zu dem Steuersatze ver 15.— 22. Ein- kommensteuerstufe ein Zuschlag von 20 pCt., zu dem Steuer- satze der 23. und höheren Einkommensteuerstufen ein Zu- schlag von 25 pCt. erhoben." Auf den ersten Blick ersieht man, daß durch diesen Vorschlag allerdings keine richtig und bestimmt gegliederte progressive Einkommensteuer eingeführt werden soll, daß aber eine Steuerreform versucht worden ist, die nur günstig auf die Staatsentwickelung einwirken kann, da sie die unteren Volksschichten entlastet, den höheren Volksschichten aber die von den Schultern der unteren genommenen Lasten lächeln— wie es einem ehrlichen Manne geziemt, mit seiner Gattin zu leben!— und er wendet den Kopf, um seinem Freund Friedrich Brasen, der hinter ihm sitzt, flüchtig einen Blick zuzuwerfen. „Ob Du Dich selbst- frei weißt, keiner anderen noch lebenden Frau die Ehe versprochen zu haben, wodurch Dein jetziges Gelöbniß hinfällig werden würde?" „Ja!"— Dies kann er schon zusichern— das andere war ja nur Scherz gewesen. Man sagt so etwas mal im Fall der Roth. Das thut ja jeder, und er hat doch stet» gut für sie und das Kind gesorgt. Als die Kleine gestorben war, ist er eines Vormittags zum Kirchhof gegangen und hat von dem Todtengräber einen Rosenstrauch auf das Grab pflanzen lassen. Nein, er braucht sich wirklich nichts vorzu- werfen. Zwar hat jeder dieselben Fragen des Geistlichen schon so oft gehört, aber man giebt sich doch Mühe, sie wieder zu vernehmen. Man spitzt die Ohren, um da« leise ausgesprochene„Ja" aufzufangen, man will e» eben hören. „Ebenso ftage ich Dich, Agne« Mathilde Löwen- felt—" Der Kammerherr richtet sich jetzt, da sein Name ge- nannt wird, noch höher als gewöhnlich empor. „Ob Du unter Anrufung des Segen» de» Aller- höchsten, dem Triebe Deines Herzen» folgend, und nach reislicher Ueberlegung mit Verwanvten und Freunden, ent- schloffen bist, diesen jungen Mann neben Dir zu Deinem Gatten zu nehmen?" „Ja!"— Bis jetzt war e» ihr noch immer gewesen, als habe die ganze Zeremonie einer andern und nicht ihr selbst gegolten. Aber jetzt— nun wird es ernst— sie kann nicht mehr zurück. Sie fühlt auf einmal, daß diese» leise ausgesprochene„Ja" sie fest, so schrecklich fest kettet. Sie läßt den Kopf sinken, ihre Gestalt zittert unter der glänzend weißen Seide— sie muß sich am Gitter de« Altar» festhalten. aufbürdet, somit also eine gerechtere Vertheilung der Steuern anstrebt. Und wie wurde dieser Vorschlag von den Parteien aufgenommen? Der Finanzminister wandte sich gegen den Antrag, weil er eine solche Entwickelung der Steuerreform für keine normale halte. Die Liberalen aber aller Schattirungen verschanzten sich hinter diese ministerielle Ausflucht, redeten von„Kommunismus", vom „gesunden Menschenverstand" und von dem bekannten „warmen Herzen", welches auch sie für die Arbeiter hätten. Run fragen wir, konnte man denn damals nicht von Seiten des Liberalismus mit dem„warmen Herzen", wenn ihm diese Entwickelung der Steuerreform nicht normal erschien, einen Antrag auf einheitliche progressive Einkommensteuer stellen und die Zuschläge fallen lassen? Dann hatte man eine normale und zugleich gesunde Entwickelung der Steuerreform. Aber man lehnte einfach den Antrag von Hammerstein ab und legte die Hände be- haglich in den Bourgeoisschoß.—-- So ist auch jetzt der Vorschlag des Abgeordneten Rickert keine Sekunde lang ernst zu nehmen. Es war nur eins der bekannten Schlagworte der Herren Freisinnigen, um die Arbeiter zu ködern. Tritt die Frage an sie ernst heran, so knöpfen sie, wie die übrigen Parteien, die eigenen Taschen jju und lassen das arbeitende Volk die schwere Steuerbürde in der Hauptsache weiter tragen. Es kann nun nicht in unserer Absicht liegen, die Kon- servativen zu Ungunsten des Liberalismus hier heraus- streichen zu wollen— wir hab'n nur einer einfachen historischen Thaisache bei Besprechung des Rickert'schen Vor- schlags deshalb Erwähnung gethan, um zu beweisen, daß der Vorschlag nur ein anmuthiger Scherz war. Im Uebrigen wissen wir, daß die Konservativen ebenso sehr den Knopf aus den Beutel halten wie die Liberalen und daß erstere ihren agrarischen Interessen zu Liebe dem Volke gar das Brot und den Speck vertheuern.—-- In Bezug auf die Militärfrage selbst hat der Rickert'sche Vorschlag gar keine Bedeutung— er soll ja nur für die Deutschfteisinnigen dazu dienen, daß er sie vor ihren zweifelhaften Anhängern schützt:„Wir Deutschfreisinnigen wollen ja gern Alles bewilligen, aber wir möchten dabei das Volk schonen." Das heißt nach dem alten Sprüchwort:„Wasch' ihm den Pelz und mach ihn nicht naß." Der Liberalismus ist aber schon zu tief in den Mili- tariSmus hineingerathen, er befindet sich durch die alljähr- liche Bewilligung des Reichshaushaltsetats schon dermaßen auf der schiefen Ebene, daß er nicht mehr ernsthaft in Militärsachen Opposition machen kann:„Der Bien' muß!"—— So werden wir nach den Ferien einen so großen„Um- fall" bei den Deutschfreisinnigen(Abwesenheit ist auch Der Geistliche fährt fort mit den Fragen und jede Frage dünkt ihr eine Schaufel Erde auf die Träume ihrer Jugcno. Ihr Kopf glüht, ihre Lippen sind trocken und heiß. Eines Abends, als sie in der Dämmerung am Klavier saß, war ihr Vater bleich und außer sich zu ihr gekommen, um ihr zu sagen, daß sein jjuter Name verloren sei, wenn sie ihn nicht rette durch eine Verbindung mit dem reichen Boeck— und sie wüßte wohl, daß ein Löwenfelt den Ver- lust seiner Ehre nicht überleben könne. „Ob Du Dich selbst frei weißt, daß Du keinem andern noch lebenden Manne die Ehe versprochen hast, wodurch Dein jetziges Gelöbniß hinfällig würde!" Sie hört nichts mehr— sie weiß, daß sie verkauft ist. Aber Tante Life hat ihr ja gesagt, daß die Liebg nur eine Gewohnheit sei, sie wird also schon lernen, ihn zu lieben— denn sie hat doch noch keinen andern geliebt. Nein, nein, das war nur ein Traum, weiter nichts. Jener Sommer war gewiß der glücklichste ihres Lebens gewesen, gerade wie ein Traum... Aber nun durfte sie vielleicht nicht mehr denken — vielleicht, nein ganz bestimmt nicht— es würde jedoch nicht so leicht sein, den ganz zu vergessen.— Adolf hat sich halb ihr zugewendet, so daß er sie ansehen kann; sein Blick haftet unverwandt auf ihrem Ge- ficht, auf ihrem wogenden Busen, wo die Diamanten funkeln und glänzen.' „Gebt Euch die rechte Hand." Agnes streckt mechanisch die Hand nach der seinigen aus, er faßt sie mit einem kaum merklichen Druck, aber das Pochen seines Pulses ist bis in den Fingerspitzen fühlbar, sie sieht ihn an, und es liegt etwas in seinem Auge, etwas... da» sie erröthen macht und ihren Blick zum Bildniß de» Erlösers drängt. Wie immer steht der Heiland dort, mit ausgebreiteten Armen, voll Mitgefühl und bereit, Trost zu spenden, aber für sie ist dort keine Hilfe. Sie fühlt den Blick ihre» Gatten noch immer auf sich geheftet und es ist, als ob ein „Umfall") und ihren Verbündeten, dem Zentrum, haben, daß die Regierungsvorlage glatt durchgeht. Die einzige Partei, welche geschlossen gegen die Vor- läge stimmen wird, ist selbstverständlich die Arbeiterpartei. Politische Uebrrstcht. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung" muß um fach« l che Gründe gegen die Militörkommisfion recht verlegen sein. f>eute versteigt sie sich in ihren künstlich erzeugten Wahnvor- stellungen bis zu der Behauptung, dcrschlechteGcschäfts» gang sei auf das langsame Tempo der Kommisfionsberathungen zurückzuführen! Es heißt da an leitender Stelle:„Dadurch, daß die Oppositionsparteien des Reichstags es verstanden haben, hinsichtlich der Militärvorlage die Entscheidung länger, als nöthig und wünschenswerth gewesen, hinauszuschieben, ist ein gewisser Zustand des Schwankens eingetreten, welcher auf die wirthschastlichen Verhältnisse unmöglich günstig einwirken konnte. Die Wirkungen dieses Schwankens haben sich in Handel und Wandel bereits dadurch deutlich bemerkbar gemocht, daß jene Anzeichen einer kleinen Besserung, die in der Lage der In- dustrie fichtbar geworden war, in die entgegengesetzte Ten- denz umgeschlagen find, und daß die Nachrichten von diesem Gebiete schon jetzt ohne erkennbaren anderen Grund un- günstiger lauten, als noch vor kurzem. Wenn man aber die« jcnigen Verluste, welche ein derartiger Rückschlag für das ge- sauimte Erwerbsleben im Gefolge hat, zusammen addiren und ziffernmäßig zur Tarstellung bringen könnte, so würde sich un« zweifelhast ergeben, daß der Betrag derselben weit hinausreicht über dasjenige, was die durch die Heeresvorlage geforderten neuen Aufwendungen gekostet haben würden." Auf diese Ent- deckung sollte sich das Kanzlcrblatt wirklich ein Patent geben lassen! Daß der Industrie durch die Ausficht auf neue Steuer- belastungen und durch dunkle Kricgsgerüchte, wie sie von den Offiziösen beliebt wurden, zu krärtigcm Aufschwung verholfcn wird, und daß die Männer, welche dem Militärmoloch weniger eifrig opfern und welche das Volk vor neuem Steuerdruck de- wahren wollen, dem geschäftlichen Ausschwung das Grab graben, das ist wahrlich eine Behauptung, die an Unver— gleich« lichkeit alles übertrifft, was wir bisher von den Offiziösen ge- wöhnt waren. Für das„Christlich- soziale Korrespondenzblatt" muß selbst das unglückliche Schicksal des allen Berliner Arbeitern wohlbekannten Herrn Hofstetten zu verlogenen Angriffen gegen die Berliner Sozialdemokratie dienen. Alle anständigen Men- schen waren bisher einig in dem Gefühl der Trauer, daß der Geist eines Mannes plötzlich rettungslos umdüstert wurde, der noch wenige Wochen vorher, in seinem Alter und seiner Roth, jüngere Leute durch seinen hoffnungsfreudigen Idealismus de- schämen konnte. Die christlich- sozialen Fischweibcr allein wären xä, die auch bei dieser Gelegenheit nur zu keifen und zu lügen wußten. Wir haben keine Veranlassung, den Leuten, die solch' ein trauriges Handwerk treiben, ihre Entstellungen der Wahrheit des Einzelnen nachzuweisen. Nur dagegen protestiren wir, daß H. ein„Opfer der Sozialdemokratie" geworden sei. H. lebte bis zu den Maierlaffen des Ministers Puttkamcr als Vereinsberichterstatter,— bescheiden, aber doch erträglich; mit der gewerkschaftlichen Bewegung bestens vertraut, hat er ihr außerdem in uneigennützigster Weise mancherlei Dienste ge- leistet, Dienste, die ihm zugleich die einzige innere Befriedigung gewährten, welche ihm in seinem Alter noch deschieden war. Die Urrterdrückuug der Fachvereinc und der Fachvereins- Versammlungen verschloß dem Schwergeprüften den letzten Wirkungskreis und die letzte Nahiungsquelle— und wenn er als ein„Opfer" gefallen ist, dann gewiß nicht als Opfer der Sozialdemokratie, sondern als ein Opfer des Sozialisten- grsetzes! Krieg oder Frieden? Das ist jetzt die Frage, die überall selbst am Familientisch verhandelt wird. Die Rede des Grafen Mottle im Reichstage stimmte die Friedenshoffnungen im Volke sehr herab, aber förderte die Kriegshossnungen des Offizierskorps. Die Anwesenheit desselben Herrn auf dem so- genannten Empfangsabende des franzöflschen Botschafters und die verschiedenen Ansprachen des letzteren an die Gäste erwecken wieder Friedenshoffnungen und dazwischen triselt die neue Militärvorlage. Schon daraus erficht man, daß dieselbe gar nicht auf cwen sofortigen Krieg berechnet ist, daß fic erne dauernde Militärinstitution sein soll, welche dein deutschen Volke weitere Lasten auflegt. Von diesem Gesichtspunkt aus detrachtet, ist das arge Drängen nach Erledigung des neuen Mitilärgcsetzes kaum verständlich, wenn man nickt annimmt, daß durch das hastige Verlangen das Gefühl der Kriegsgefahr erweckt werden und die Bewilligung ganz flott und glatt vor sich gehen soll. Bedenkt man das alles, so hat es noch niemals eine albemerc Entrüstungskomödie gegeben, wie sie jetzt von nationalliberaler und konservativer Seite gegen die sogenannte Opposition in Szene gesetzt wird. Wir sagen„sogenannte" Opposition, um dadurch den„Schlag ins Wasser", den die rationalliberalen und konservativen Klowns mit ihrer papiernen Keule jetzt führen, noch schärfer zu kennzeichnen. Ängstschrei in ihrer Kehle zurückgeprcßt wird, um dort auf immer stecken zu bleiben. „Was Gott zusammenfügt, kann der Mensch nicht trennen.. Der Mensch nicht trennen— aber es besteht doch eine Ehescheidung? Sie kann doch..... sie würde doch... Der Geistliche liest noch aus dem alten Testament die Geschichte von der Erschaffung des WeibeS vor, und es ist, als ob von der orientalischen Gluth jener Worte stch den Anwesenden ein Hauch mittheilt: „Und zum Weibe sprach er: Ich will Dir viele Schmerzen schaffen, und Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und Dein Wille soll Deinem Manne unterworfen sein und er soll Dein Herr sein." Laut tönen diese Worte durch das hohe Gewölbe— endlich erstirbt der letzte Klang. Agnes fühlt sich so ängstlich zu Muthe... Es ist ihr, als höre sie in der Ferne etwas Drohendes, wie das Rollen eines sich nähernden Gewitters, das über ihr Leben los- brechen soll. Der Blick ihres Gatten ruht fortwährend auf ihr; schon vor dem Altare beginnt er von seiner jungen Frau Besitz zu nehmen. Das Christusbild steht rein und erhaben, in Marmor gemeißelt. Die zitternden Lichter zaubern jetzt ein mitleid- volles Lächeln in die Mundwinkel und es ist, als ob den «inen Lippen ganz leise ein Seufzer entschlüpft. '-Während die Gemeinde den Schlußgesang anhebt, kehrt die junge Frau auf ihren Platz zurück, sie weiß eigentlich selbst nicht, wie sie ihn erreichte, halb mechanisch ließ sie sich führen. Sie hört wohl das Singen, die Töne umschweben sie, aber keiner dringt bis in ihre Seele. Der Gesang verstummt, und sofort beginnt die Unter- Haltung in ihrer Umgebung, und zwar eine recht lebhafte Unterhaltung, gerade wie bei Kindern, die zu lange haben schweigen müssen. Die Damen lächeln, als ihnen die Herren der Ann bieten und Schmeicheleien über die geschmackvolle Toilette oder die liebliche Erscheinung sagen. Bon allen Seiten umringt man sie mit Glückwünschen, und unter allen Eindrücken bemerkte sie doch, wie lächerlich Wirren in Ostafrika. Wenn man angenommen bat, daß die Verständiaung der„betheiligten Mächte" über die Ab- arenzung der Suahcliküste(die Afrikaner selbst wurden natür- lich dabei nicht gefragt!) den Streitigkeiten in Ost-Afrika selbst ein Ende machen werde, so hat man sich offenbar in einer Täuschung befunden. Der Sultan von Sansibar de- kümmert sich nicht um das, was in London beschlossen wurde. Seine Angriffe erstrecken fich immer wieder auf Witu, welches von jeher von den Arabem aus Maskat beansprucht wurde. Zunächst respektirt Said Bargasch die als Südgrenze für Witu festgesetzte Linie des Ofi-Flusses nicht, er hat den Fluß durch seine Leute überschreiten lassen und möchte das linke(deutsche) Ufer besetzen. Dann aber ist sein Augenmerk auf die nord- wärts von Lamu vor Teutsch-Witu gelegenen Inseln Manda und Patta gerichtet, welche nach den Lodoner Vereinbarungen zu Witu gehören sollen. Dieses Bestteden ist bemerkenSwetth, da der von den genannten Inseln eingeschtossene Hafen von Reisenden, die ihn besucht haben, verglichen wird mit dem Hafen von New-Dork an Größe, Tiefe und Sicherheit. Blieben diese Inseln in den Händen der Araber, so wäre der schöne und große Hafen, das wetthvollste Stück der den Deutschen zugesprochenen Küste, geradezu unzugänglich gemacht. Es ist daher besonders bemerkenswetth, daß der Sultan gerade hierauf seine Aufmerksamkeit richtet. Die Anwesenheit des ostafiatischen deutschen Geschwaders vor Sansibar wird vielfach mit dem Ernst der Lage degründet. Dagegen schreiben die„B- P. N.";„Die Anwesenheit des deutschen Geschwaders vor Zanzibar wirb verschiedentlich dahin gedeutet, als habe dasselbe die Aufgabe, irgend welche Kon- Zessionen vom Sultan Said Bargasch zu erzwingen oder ihn zu bedrohen. In Wirklichkeit bedarf es keinerlei Pression, denn derSultan hat die von derinternationalenGrenzkommission gefaßten Beschlüsse akzeptitt und das deutsche Geschwader hat eben die Aufgabe, die Besetzung der Witu-Küste, welche die Leute deS Sultans gemäß jenem Abkommen der internationalen Kom- Mission zu räumen haben, deutscherseits durchzuführen. Auch handelt es sich für unser Geschwader darum, die Angelegen- heilen von Kismaju in Ordnung zu bringen. Sobald diese Doppelaufgabe gelöst ist, weiden die deutschen Kriegsschiffe die Gewässer von Sansibar verlassen. Im übrigen verlautet, daß der Sultan Said Bargasch sich bereit gezeigt habe, die Kongo« Akte anzuerkennen." Wir hoffen auch, daß man friedlich aus- einanderkommt, denn Menschenleben scheint uns die ganje Kolonialpolitik nach ihren bisherigen Erfolgen nicht wetth. Ueber Mc selbsi verständlich fortgesetzt Gegenstand der eifrigsten Unter- suchung, über deren Verlauf nur durch hie und da entlassene Arrestanten und durch Zeugen etwas in die Oeffentlichkeit dringt. Zunächst hat die Untersuchung nach außen hin unaus- hörlich Haussuchungen zur Folge, die bis heute aber ein ncnnens- werthes Resultat nicht ergeben haben, wenn man von der Be- schlagnahme eines Säckchens mit Gips, in dem andere Sachen vermuthct wurden, bei der Durchsuchung des Füllgrabe'schen Geschäfts absehen will. Ueber die heute noch im Polizcigefäng- niß fitzenden Untersuchungsgefangcnen ist sammt und sonders die Äriefsperre verhängt, so daß keine Mittheilung in ihre Hände gelangt, welche nicht durch die Untersuchungsrichter vor« her gelesen worden wäre. Kürzlich langte ein Brief an, der denjenigen schmähte, der ihn außer dem Adressaten öffnete und inwendig standen eine Reihe von„Majestät- beleidigungen" und „Gotteslästerungen", welche aber für den Absender nicht gefähr- lich werden können, weil er in Amerika weilt. Die Unter- suchung wild von Dr. jur. Fabricius geführt- Vielfach wurden die Frauen und die nächsten Anverwandten der Verhafteten geladen, um Zeugniß abzulegen, welches indessen fast von allen auf Grund des§ 51 der Strafprozeßordnung verweigert wor« den ist, ein Umstand, welcher Herrn Dr. Fabricius zu der Bemerkung veranlaßte, daß er wieder beweise, wie gut die Partei ihre Angehörigen zu instruiren pflege; gleichzeitig äußerte er sich dahin, daß vor Mitte Januar 1887 an eine Beendigung des Vorverfahrens kaum zu denken sei. In sozialistischen Kreisen wird mit großer Bestimmtheit auf eine Massen- ausweisung gerechnet und die Maßnahmen für dieselbe bereits in Erwägung gezogen. Mehrere Personen, darunter solche, welche seiner Zeit in den ersten HochverrathSprozeß ver- wickelt gewesen waren und die mit der sozialistischen Partei nichts zu thun haben, erhielten Vorladungen vor das Polizei- Präsidium, das ein Vorgehen gegen fic zu beabsichtigen scheint. Einer der im Polizeigefängnisse sitzenden Sozialisten, seines eichens ein Echneidermeistcr, ist außer des Vergehens gegen die§§ 128 und 129 des Strafgesetzbuches noch auf Grund der Denunziation eines gewissen Bickel, der Fahrbursche fern soll, wegen Beleidigung des Reichskanzlers Fürsten Bismarck in Untersuchung gezogen worden. Was nun die Msttherlung be« trifft, die Verhafteten würden wegen Hoch- oder Landesverrath an das Reichsgericht verwiesen werden, so ist dieselbe, wie uns aufs bestimmteste versichert wird, nicht nur undenkbar, sondern auch unmöglich, da der Behörde hierzu jedes Material mangelt. Eine Verweisung vor das Reichsgericht sei übrigens_ auch gar nicht beabsichtigt. Das Vorgehen der Verhafteten gehört, wenn Frankfurter Sozialistenverhaftungen wird Massenverhaftung hiesiger Sozialdemokraten ist die Tante Life mit dem verweinten Gesicht aussieht. Nun wendet man sich dem Ausgange zu. Die Orgeltöne rauschen. Eine unabsehbare Reihe neugieriger, untersuchender, neidischer Gesichter, an welchen sie vorüberschreitcn muß. Die ganze Kirche ist ein einziges spähendes Auge geworden. Ze nach- dem der Hochzeitszug weiter vorrückt, folgt die summende Menge, hier und oa noch ein Laut der Bewunderung und verstohlenes Kichern. Nun erreicht man endlich die Thüre. Er flüstert ihr etwas zu, beugt sich über sie und küßt ihr die Stirn. Sie fühlt, daß seine Lippen sehr heiß sind. Dann fährt dre Hochzeitskutsche vor. Er legt den Arm um ihre Hüfte und hilft ihr beim Einsteigen... Sie ordnet die Schleppe des Kleides, lehnt sich in die Kiffen zurück und starrt mit abwesendem Blick zum Wagenfenster hinaus... Der Kirchendiener schließt mit geheimnißvoller Miene das Portal des Gotteshauses. Ans Knnft und Zeben. Im Wallner-Theater ging vorgestern Ilbend ein Wiener Volksstück„Einer vom alten Scklag" in Szene. Man bat, wie uns scheint, nicht gerade besonderes Glück damit gehabt, ein Stück Wien nach Berlin zu verpflanzen. Der Berliner ist nicht so harmlos wie"der Wiener— abgesehen von den Zählkellnern, die auch hier genugsani bekannt find—. Der Berliner, der vorwiegend nüchterner und plastischer Natur ist, kann sich wohl nur schwer für die witths- und kaffeehausduseligen Gestalten, die uns von den Wiener Autoren vorgeführt werden, begeistem. Das Stück leidet an einer unendlichen Rührseligkcit, an wenig Handlung und noch weniger Humor. Es ist überhaupt immer ein mißliches Unternehmen, eine den natürlichen Verhältnissen entgegenstehende Sache auf die Bühne zu dringen. In dem Volksstück hat man_ darzustellen versucht, wie ein leichtfinniger, eigenwilliger Vater von seinem Sohne wieder zum„ordentlichm Menschen" gemacht wird. Für gewöhnlich ist das Umgekehrte der Fall. Wenn wir auf die Wiedergabe des Inhalts verzichten, so müssen wir doch noch auf das Spiel der mitwirkenden Künstler zurück kommen. Ein wahres Prachtstück von fein durchgeistigtem Humor lieferte Herr e0t �s Fc>rum der Strafkammer. Schließlich sei noch erwähnt, daß das Amtsgericht abgelehnt bat, gegm den Kommissar Meyer vorzugehen, weil die Klage der ber der Fttedhofsaffäre beschädigten Mitglieder der sozialdemokratischen Partei auf Entschädigung für die erlittene Unbrll zur Kompetenz des Landgerichts(Zivilkammer) gehöre, und außerdem scr noch angeführt, daß der Staatsanwalt gegen den Beschluß der zweiten Strafkammer, welcher den Redasterir des mittlerwelle aufgehobenen Sozialistenblattes, der„Pionier", Herrn Ulexander Kapp auf freien Fuß setzte, beim Oberlandes« gerrcht anmeldete, welches indeß zur Verwerfung derselben ge- langte, da fich eine Jnhastirung Kapp's, welcher lediglich de- schuldigt wird, dem aus dem Fenster gesprungenen Sozialisten Schäfer einen Nachruf in Gestalt einer Todesanzeige gewidmet zu haben, nicht rechtfertigen lasse." Die„Thüringer Waldpost"(dem Reichstagsabgeordneten Viereck gehörig) ist auf Grund des Sozialistengesetzes seitens der Regierung für Oberbaycm definitiv verboten worden. Die Beschlagnahme einer Nunimer war bekanntlich schon vor Wochen erfolgt, doch gelang es dem Verleger, durch Gerichtsbeschluß die Freigabe zu erwirken. Immerhin konnte man das polizelliche Vorgehen als das erste Anzeichen dafür betrachten, daß man das Blatt verbieten wollte. Somit kam es für den aufmerk« samen Beobachter nicht überraschend, als vorige Woche von neuem die Konfiskation zweier Nummern gemeldet wurde, der nunmehr das Verbot auf dem Fuße gefolgt ist. Herr Viereck ist augenblicklich im Gefängniß, so daß die geschäftliche Störung für fernen Verlag gerade jetzt um so empfindlicher sein dürfte. Flunkerei. Der„Rheinische Courier" schreibt:„Sozialdemokratische Redner rechnen es fich häufig als besonderes Verdienst ihrer Partei an, zu der sozialpolitischen Reformgesetz- gebung, wie sie in den Unfall- und Krankenverficherungsgesetzen vorliegt, den Anstoß gegeben zu haben. DaS mag insofern richtig sein, als ohne die sozialistische Bewegung, welche die allgemeinste Aufmerksamkeit auf die Lage des Arbeiterstandes lenkte, vielleicht bei den maßgebenden Fastoren der Entschluß zu einer großen sozialreformatorischen Gesetzgebung nicht so rasch gereift und zur Ausführung gebracht worden wäre. Ber dem Zustandebringen des Werkes, bei der Hinwegräumung der unendlrchen Schwierigkeiten, bei der Aufsindung der richtigen Mittel und Wege aber haben die sozialdemokratischen Abgc- ordneten nicht das Mindeste gethan, wie sie auch schließlich gegen dre sozialpolitischen Gesetze gestimmt haben. Dann haben die Agitatoren dieser Parter ihre Aufgabe darin erblickt, dre Wirksamkeit der in Rede stehenden Gesetze möglichst zu durchkreuzen und zu erschweren, den Arbeitern einzureden, daß o>e Reform werthlos sei, un, das Gefühl der Befriedigung ber denselben nicht aufkommen zu lassen. Wenn die Parteiführer dann dock von Zeit zu Zeit das Bedürtniß fühlen, sich ein ge- wrffes Verdienst um das Zustandekommen dieser Gesetzgebuna zuzuschreiben, so beweist das aufs Schlagendste, daß der Werth der Reform doch auch in Arbeiterkreisen mehr und mehr zur Anerkennung kommt."- Niemals hat ein Abgeordneter der Arbeiterpartei im Reichstage es als ein besonderes Verdienst seiner Partei bezeichnet, dm Anstoß zu der sozialpolitischen Gesetzgebung, wie sie in den Krankenkassen- und Unfallverfiche- nrngsgesetzen fich ausdrückt, gegeben zu haben. Bei solchm Aeußerungen handelt es sich immer nur darum, daß es ein Verdienst der Sozialdemokratie sei, überhaupt dre so« ziale Frage vor dasForum der Gesetzgebung gezogen zu haben. Dadurch werden alle die übrigen an eine falsche Voraussetzung geschlossenen Dedustionen des „Rheinischen Courier" hinfällig. Aus den Reichslanden. Wegen Heraushängms von französischen Fahnen wurden in Metz am vorigen Dienstag zwer Arbeiter aus Ars mit Gefängniß bestraft. Als die Arser Musik- gesellschaft„Union" von einem landwirthscbaftlichen Fest in E-ZWWZMZ SS22SM?» tikel über die großen Polizeivollmachterl, welche dre Gesetzgeber gewährten, und klagt insbesondere über die Pollzeistunde auf dem platten Lande, Abends um 9 Uhr.„Es geht nichts über eine gute Gesetzgebung! Namentlich wmn der Gesetzgeber im Kasino so lange fitzen kann, als es ihm seine Börse, sein Vragm und seine Frau gestatten, ist es recht löblich, den Bauem draußen auf dem Lande um 9 Uhr Feierabend zu gebieten." verboten auf Grund des Sozialistengesetzes wurde 1. das in Form eines Flugblatts gedruckte, aus 5 Strophen bestehende Gedicht:„Weihnachtslied des Verfolgten" mit der Schlußbemerkung:„Der Ueberschuß ist als Werynacktsfreude für die Familien der aus Berlin Ausgewiesenm bestimmt— 20 Pf", ohne Angabe des Verfassers, des Druckers und Vec« Tmrn-«.— 2. Die 80 Seiten umfassende nichtpenodische legers.— 2. Tie 80 Seiten umfassende..... Druckschrift:„Acht Jahre hinter Sckloß und Riegel, SNzzm aus dem Leben Johann Most's. Von Anonymus Veritas. New-Dork, 1886." Felix Schweighofcr. dem es überhaupt zu dankm sein wird, wenn sich das Stück längere Zeit hält. Er verstand es, den alten, zähen, jähzornigen Fabrikanten, dem jede Neuerung in seinem Geschäftsbetriebe ein Greuel ist, rn durchaus charak- teristischer Weise wiederzugeben. Gleiches Lob verdient Fräulein Bach, die überaus finnig und freundlich spielte und aussah. Von den übrigen Kunstlern seien noch die Herren Wander als Kellner Scham und Bank als Florian, der leider im letzten Aste etwas zu stark auftrug, erwähnt. Die Ausstattung war eine ganz prächtige. GewitterbeobachtungS- Stationen will das preußische meteorologische Institut demnächst in größerer Anzahl errichten. ES find dazu, wie aus Freicnwalde a. O. berichtet wird, folgende Ortschaften bestimmt: Biesenthal. Strausberg, Wer- neuchen, Wriezen, Trampe, Falkcnberg, Kothen, Dannenberg, Brunow, Trefensee, Stcrndeck und Beerbaum. Desgleichen find im Kreise Königsberg L d. N.-M. folgende Ortschaften dazu ausersehcn. Königsberg. Bärwalde, Fürstenfelde. Mohrin, Neu- dämm. Schonfließ Zehden, Gabore, Neu-Tornorv, Alt- Sackend, Zellin. Alt-Wustrow. Bell.nchen und Königlich Wartenberg ausersehen. Für den Kreis Lubbm find .»-m geschrieben:„un ujutui»—......-, meser Stadt sei das Gradmal eines Zapoteca-Königs entdeckt worden. Die vorgefundenen Uebcrreste des Königs, bestehend aus einem Schädel und anderen Knochen, lassen darauf schließen, daß der Verstorbene ein Mann von riesigen Körper- dimenfionm gewesen ist. In dem Grabgewölbe wurden ferner verschiedene aus Achat hergestellte Statuetten sowie ein fünfzig Pfund wiegendes Götzenbild aus reinem Golde gefunden.— Auch von einem anderen, noch wichtigeren Pfunde ist hier viel die Rede: In der Nachbarschaft der Stadt Passage in Ecuador sollen reichhaltige Lager von Gold und Silber enthaltendem Erz entdeckt worden sein; in Guayaquil hat fich eine Gesell- schalt zur Ausbeutung der Lager gebildet. Ein Schrecken im anatomischen Präparirsaale. Em drastischer Vorgang, der sich im Jahre 1858 ,n dem Präparrr« saale der Anatomie in Erlangen zutrug und einem jetzt rn Frankfurt a. M. thätigen, in seiner Vaterstadt wohl renommrr- tcn Arzte zugestoßen ist, wird in der„Franks. Ztg." wie folgt geschildert:„Die anatomischen Gebäude aus der damaligen Zeit waren nicht von solcher Pracht und mit solchem. Komfort ausgestattet, wie die heutigen Restdenzpaläste der Wissenschaft Rußland. Die„Mösl. Wied.* des Herrn Katkow widmete jüngst einen Leitartikel dm Eisenbahnen in Polen und namcnt- Ich der im Fall eines Krieges mit Deutschland wich- tigen Weichsel- und Warschau-Bromberger Bahn. Die wich« tigstm Stellen des Artikels lauten:„Auf ersterer wichtigeren Linie besteht das gesammte Dienstpersonal aus Polen und Deutschen, die sowohl untereinander, als auch im dienstlichm Verkehr sich nur einer dieser beidm Sprachen de- dienm. Im Falle eines Krieges würde man keine geheimen Transporte machm könnm, da dieselben unter Kontrole von Leuten stehen, die gegen Rußland gewiß keine freundschaftlichen Gesinnungen hegen. Es müßte daher die wichtige Strecke von Warschau nach der Festung Nowogeorgiewsk unter rein mili- tärischc Verwaltung und ein aus den Eisenbahnbataillonen ge- bildctes Dienstpersonal gestellt werden. Das allein würde je- doch noch nicht genügen. Auf der gogen Strecke zwischen Mlawa und Ciechanow wohnen eine Masse Ausländer, die viele der Fabrikindustie dienende Gebäude errichteten. Einige dieser Gebäude haben ganz das Aussehen von Redoutcn. Im Falle eines Krieges braucht man nur Erde autzuschütten, die Dächer abzunehmen und ein Vertheidigungspunkt ist fertig! Es läge auch darin keine Gefahr, wenn nicht bekanntlich in dm Fabriken preußische Landwehrsoldaten als Arbeiter besckäf- tigt wärm, während die ihnen vorgesetzten Techniker und Ver- waltungsbeamtm meistens preußische Reserve- oder Landwehr- Ofsiziere sind. Man brauche nur Schießwaffen zu ver- thcilcn und die Festung mit der Besatzung sei fertig! Es sei ja auch kein Geheimniß, daß längs der Grenze in Entfernungen von 50—90 Werst zahlreiche russische Kavallerie-Regimenter stehm, derm Bedeutung nicht unklar sein kann. Es dürfen daher an der Grenze derartige„Sperr- forts" nicht geduldet werden, die unsere Kavallerie beim Ueber- schreitm der Grenze aufhalten könnten." Die„Mösl. Wied." degleitet alle diese Wamungsrufe mit der Mittheilung, daß die maßgebenden Kreise auf diesen hochwichtigen Gegenstand bereits ihre Aufmerksamkeit richten und nammtlich die Angelegenheit des dmtsch-polnischm Dienstpersonals auf der Warschau-Bromberger und Wcichselbahn in kurzem im Schöße des Minister- raths zur Berathung kommen wird. Thatsächlich hat der Ar- tikel des Katkow'scheu Organs bereits Früchte getragen und die Regierung zu einem Schritt veranlaßt, welcher dem jetzigen Zustande ein Ende bereiten wird. Das Finanzministerium hat nämlich einen größcrm Posten Weichselbahnaltien angekauft und ihre daraus entspringenden Rechte bei der jüngsten Generalversammlung der Bahn zur Geltung gebracht. Wie bereits gemeldet, erlangte die Regierung mit Hilfe des Finanziers Bloch und der russischen Bank für auswärtigen Handel die Majorität, so daß die Demission des jetzigen Präsidenten und des Bahndirektors— beide find Polen— unvermeidlich ist. Nunmehr wird der Posten des Verwaltungsraths-Präsidenten, sowie alle höheren Beamtenstcllm durch geborene Russen besetzt werden, welche ihrerseits das ihnen untergebene Bahnxcrsonal reinigen sollen, um es nach und nach durch russische Elcniente zu ersetzm. Kelgie«. Der Generalrath der belgischen Arbeiterpartei hat für den 26. Dezember einen großen sozialistischen Kongreß nach Brüssel einberufen. Letzterer, welchem der Generalrath zunächst Bericht über die moralische und finanzielle Lage der Arbeiterpartei erstatten wird, soll sich demnächst mit dem An- schlusse der belgischen Arbeitervereine an die amerikanischen „Ritter der Arbeit" sowie mit den praktischen Mitteln behufs Organisirüng einer allgemeinen Arbeitseinstellung beschäftigen. Auck soll über die Art und Weise berathcn werden, wie in der Armee sowie in der Miliz Propaganda gemacht werden kann. Da am Sonntag auch das neue sozialistische Lokal in Brüssel eröffnet werden soll, wird aus diesem Anlasse eine große Kundgebung angekündigt. Sämmtliche Arbeitergesell- schatten der belgischen Hauptstadt werden, ebenso wie die Delegirten des Sozialistenkongresses, an dieser Demonstration bei der Einweihung der„Maison du Veuple"(des„HauseL des Volkes") theilnehmen. Frankreich. Die Pariser Arbeiter haben in einer großen Versamm- lung gegen die blutigen Stierkämpfe protestirt, die man für die Wasserbeschädigten in Süd-Frankrcich aufführen wollte. In der Einladung zu dem Besuch der Versammlung konnte man lesen:„Das Blut wird, roth und dampfend, in der Arena fließen, um einen Haufen der Kokotten(Lustdirnen) und Welt- dainen, der geckenhaften jungen Leute und der blasirtcn Bour- geois zu ergötzen. Den katholischen und monarchischen Spa- niern will man die verruchten Spiele der römischen Dekadenz entlehnen. An Euch, Pariser Sozialisten, ist es, eine Lektion der Menschlichkeit denen zu ettheilen, welche sie vergessen." Schon war Dr. Castelnau zum Präsidenten ernannt, als Felix Ppat in den Saal trat und der Vorsitzende ihm ehrerbietig Platz machte.— Eigentlich sollte ich nicht annehmen, entgegnete dieser, denn ich habe jede Präsidentschaft stets als einen alten Ueberrest des Königthums angesehen; aber ich kann mich Eurem an den deutschen Univerfitätm. In Erlangen, woselbst der Universität im vorigen Fahrhundert von oem Markgrafen Friedrich von Bayreuth das mitten in der Stadt auf dem Marktplätze gelegene fürstliche Schloß zugewiesen war, diente als Anatomie ein großes altes, im Rokoklostyl gebautes Treib- Haus, dessen Mittelbau, welchen man mittels eines einzigen eisernen Oefchens zu heizen suchte, als Seziersaal diente. Noch bis Ende der semSziger Fahre unseres Jahrhundefts waren die Studenten der Medizin gezwungen, bei eisiger Kälte auf dm Steinplatten dieses schauerlichen Gcwölbebaues stundenlang ihre Präpaftrstudien an menschlichen Leichen— nach eingetretener Dunkelheit oft ber Talglicht— vorzunehmen. Die Zahl der Medizin Studumden war daher auch eine äußerst geftnge. Manchmal arbeitete e,n einziger Jünger der Wissenschaft in jenen schrecklichen Hallen, auch deS Abends— wenn er nämlich vor dem Examen stand. Eines Tages wurde die Leiche eines baumlangm Sträflings aus einem bmachbaften Zuchthause vor dem leichenduftigen Laboratorium abgeladen und im Saale auf einen hohen Klapptisch gelegt, um alsbald zur geistigen Erleuchtung unseres Aeskulapjungers zu dienen. Letzterer machte sich denn auch, bekleidet mit dicken Filzstiefeln und Pelzhandschuhen, die Studentenmühe auf dem Haupte, in ge- wohnten« Eifer alsbald daran, die innerm Geheimnisse des gcwesmen Räubers zu erschließen. Zum Ardeitm lageftc er sich kunstgerecht den Kadaver und schob dessen feuchtkalte Hände, die Arme ihm kreuzend, unters Todtenhaupt. Eiftig beugte er sich über die breite Brust des Todten und smkte sein Skalpell forschend in dessen magere Haut. Da rauschte etwas, es erhob sich der Todtc und gab mit der flachen Hand dem erblaßten Doktoranden eine schallende Ohrfeige. Mit starrem Auge und erhobenem Oberkörper blieb die Leiche fitzen, während der Herr Studiosus erschreckt zurücktaumelte, das Skalpell fahren ließ, gleichzeitig das große tböneme neben ihm stehende Waschgefäß auf den Steinboden schleudernd. Bald war das Lebendig- werden des Riesm aufgekläft! der seldstthätige Klapptisch hatte durch Herunterfallen seiner vorderen Hälfte dem hierdurch emporschnellendm Todten mechanische Kraft und vernieintliches Leben auf einen Augenblick gespendet!" Neue Kuppelung für Eisenbahnwagen. Auf der Midlandeisenbahn wurde dieser Tage in Gegenwaft einer An- zahl Sachverständiger die neue Sicherheitskuppelkette, eine Er- findung Gedge's, erprobt, deren Zweck dann besteht, den Weichenstellern die Kuppelung und Entkuppelung der Wagen von der äußeren Schienenseite zu erinöglichen, ohne sie zu nöthigen, zwischen die Wagen zu treten und dadurch ihr Leben Wunsche fügen, da meine Präsidentschaft nicht fiebm Jahre, wie die des Herrn Grevy, währen und Euch Nicht 1 600 000 Frks. jährlich kosten wird. Schließlich nahm man einmüthig die von Felix Pyat beantragte Tagesordnung an:„Die Sozialisten von Belleville fordern die Regierung auf, die Stier- rennen zu verbieten." Der Paftser Gemeinderath hat schon eine ähnliche Aufforderung an den Polizeipräfetten ergehen lassen. Großkrita«»!-«. In Irland brodelt es wie in einem Hexenkessel. Die englische Regierung will Nachrichten erhalten haben, daß insche Aynamitarden von Amerika nach England abgereift seien. So viel steht jedenfalls fest, daß unter den Eftremen der Jftsch- Anierikaner in der letzten Zeit erhöhte Thätigkeit herrscht.— Auf einer in Knockmonlea bei Uonghal abgehaltenen Pächter- Versammlung erklärte der Parlamentsabgeordnete Laue, die Re- giemng könne nur alle inschen Mitglieder des Parlaments ein- sperren lassen. Die Pftester würden dann an ihre Stelle treten und den„Feldzugsplan" siegreich durchführen.— Nachdem mehrere Gerichtsvollzieher in der King's Grafschaft An- griffe von den Pächtern zu erleiden hätten, streiften am Sonnabend in Tullamore sämmtliche Gerichtsvollzieher und haben somit ihren gefährlichen Beruf aufgegeben.— Auch in Coachford, im Kreise Coft, wurde eine Volksoersammlung abgehalten. Von den aufttetenden Rednern prophezeite das Parlamentsmit- glied Dr. Tanner, daß die Tory- Regierung in drei Monaten gestürzt sein würde, während der Stadtrath Hooper, gleichfalls Mitglied des Parlaments, die Ansicht aussprach, daß es der Regierung nur darum zu thun sei, 20 oder 30 Stimmen im Parlament zu beseitigen. Die Regierung wandelt einstweilen auf den Wegen ihrer brutalen Zwangspolitik ohne desondere Skrupel weiter. Ein am Sonnabend Abend erschienenes„Extrablatt der Dudliner Awtszeitung" enthält nachstehmde schon kurz erwähnte Pro- klamation:„Da gewisse Personen seit einiger Zeit zur För- dcrung eines sogenannten Feldzugsplaires sich vereinigt und verschworen haben, um die Unrerthanen der Königin in der freien Ausübung ihrer gesetzlichen Rechte(der freien Pächter- ausbeutung nämlich! D. R) zu beeinträchtigen und insbesondere die Beziehungen zwischen Grundbesitzern und Pächtern zu lontroliren, und da die vorerwähnten Personen versucht haben, ihren Zweck zu erreichen, indem sie die Pächter dazu aufwiegelten, die Zahlung des Pachtzinses, zu welchem die Gutsherren berechtigt find, zu verweigern und denselben an Fremde und Andere, die keinen Anspruch darauf besitzen, ad- zuführen, warnen wir jetzt hierdurch alle Peftonen, daß die genannte Bewegung, unter welchem Namen dieselbe auch be- rannt sein mag, oder durch welche Mittel sie auch ausgefühft werden mag, eme ungesetzliche und verbrecherische Verschwörung ist. Jedermann, der dieselbe fördert und sich daran betheiligt, wird sich der genchtlichen Verfolgung aussetzen, und alle Gelder, Ouittungen, Bücher und Dokumente, die für den Zweck der genannten Verschwörung verabfolgt oder empfangen werden, find der Beschlagnahme, und die Peftonen, die im Besitz derselben betroffen werden, der Verhaftung und Pro- zessirung ausgesetzt. Gegeben in der Dubliner Burg, am 18. Dezember 1886. M E. Hicks-Beach. Lord Churchill, vielleicht das geistig bedeutendste Mitglied des Torykabincts, zugleich bekannt durch seine Jnkognitoreise nach Berlin und Wien, hat sein Amt als Schatzkanzler nieder- gelegt! Als Grund des Rücktrittes wird angeführt, daß Churchill theils mit den vom Kriegsdepaftement und der Admiralität für das Budget gemachten Voranschlägen, theils mit den für die innere Verwaltung einzubringenden Gesetzent- wüften nicht einvefttanden sei. Die insche Frage dürfte auch ihren Antheil an dem Rücktritt haben. KtuHe«. Die Polizei in Rom verbot die Abhaltung des sozialisttschen Kongresses im Teatto Rossini, sowie die anberaumte Gedenk- feier anläßlich des Todestages Obcrdank's seitens des Arbetter- Vereins„OioTentn Operos«." Kalkan ISnder. Der„Pcster Lloyd" faßt die Lage der bulganschen Regent- schaft folgendermaßen zusammen:„Die der russischen Behauptung zu Grunde liegende Auffassung, daß das Recht der Ernennung des Füftten prinzipiell den Großmächten zustehe, findet im Berliner Vertrage ihre Rechtfeftigung nicht; sie steht vielmehr im direkten Wideftpmche mit dem Berlinee Verttage, welcher im Artikel II bezüglich der Destgnirung des Fürsten von Bulgarien drei Erforderiiisse aufstellt, und zwar in folgen- der Rangordnung: zuerst die freie Wahl durch die Bevölkerung, dann die Bestätigung der Pfofte und in dritter Reihe die Zu- stimmung der Mächte. Die Bemühungen der Bulgaren, einen ihnen genehmen Fürsten ausfindig zu machen, halten sich sonach ganz im Rahmen der Vefträge und werden durch die Geringschätzung und dm Spott der Petersburger Kreise nicht ernstlich getroffen. Allerdings ist eS ftchtig, daß diese Bc- mühungen aussichtslos dleibm werden, so lange Rußland auf seinem Standpunftc der Negation verharrt. Wir sagen Stand- punft der Negation, weil es Jedermann einleuchtet, daß die aufs Spiel zu setzen. Die Probe entsprach allen Erwartungen, denn ein Zug von 20 Wagm ward von einem einzigen Weichen- steller innerhalb 1 Min. 20 Sek. entkuppelt und darauf in 1 Min. 16 Sek. wieder zusammengekuppelt, und dies ausschließ- lich vernrittelst eines 5 Fuß langen Stangenhakens, mit welchem er am Zuge vorbeigehend arbeitete. Im Bremer Freihafengcbiet hat man am Freitag Pettoleum gefunden, und zwar auf einer Länge von ca. 50 Metern in der südlichen Baugrube, gegenüber der Korff'schen Petroleum- raffinefte. Beim Nachgraben wurde konstatirt, daß der ganze Untergrund mit Pettoleum durchtränkt ist. Die Bremer Blätter machen indeß die Hoffnung, daß man eine Petroleumquelle ent- deckt habe, deren Ertrag die Anlagekostm des Freihafengebietes deckm würde, vollständig zunichte. Petroleum, schreiben die- selbm, ist allerdings gcfundm, aber dasselbe stammt von einem Brande bei Korff her, bei welchem vor einigen Jahren 500 bis 600 Barrels Petroleum ausgelaufen und in den Sand gefickeft sind. Nachdem nun im Freihafen der Wasserspiegel in der Ausschachtung auf—3,5 vis— 3,8 gesenkt, während in der Weser das Wasser bis auf+ 0.80 gestiegen war, ist durch den äußeren Wasserdruck von der Weser in der Richtung nach der Baugrube das spezifisch leicbtere Pettoleum auf dem nach letzterer zu geneigten Grundwasserspiegel nach dieser hingedrängt worden und dort zu Tage getteten. Es find in der Baugrube sofoft Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um eine Entzündung des Petroleums zu verhindern, welche die Rammen und den Pfahttestpgefährden würde. Das Pettoleum wird jetzt in einem offenen Graben gesammelt und von Arbeitem der Korff'schen Fabftk ausgeschöpft. Eine seltsame Sitte, welche an die Urzeit europäischer Gesittung eftnneft, haben, wie in den„Stroits Times" von Eingapore mitgetheilt wird, die in der Nähe des Bromo- Vulkans auf Java lebenden Eingeborenen. Diese bedienen sich keines Feuers, das nicht mittelbar oder unmittelhar von ihrem gewaltigm Nachbar, dem genannten feuerspeienden Berg, her- rührte. Sie entzünden, sobald ein Ausbruch eftolgt, an der geschmolzenen Lava Späne, um damit ihr Herdfeuer anzu- machen, und lassen dasselbe Jahre lang nicht ausgehen. Sollte dies doch einmal zufällig geschehen, so holen sie sich beim Nachbar Feuer, das einst auch in d« beschriebenen Weise gewonnen worden. Das Herdfeuer, das jetzt doft brennt, stammt sämmtlich von dem Ausbruch des Bromo-Vukans im Jahre 1832. Kandidatur des Mingreliers nicht sowohl um ihrer selbst willen, als vielmehr deswegen mit solcher Zähigkeit behauptet wird, um jeder anderen Kandidatur von vornherein den Boden zu ent- ziehen. So lange Rußland in dieser Position verharft, dürste auch keine andere Macht den Beruf fühlen, mit positiven Vor- schlägen hervorzutreten, und die Wahrscheinlichkeit liegt nahe genug, daß die bulgarische Deputation ohne jedes faßbare Rc- sultat von ihrer europäischen Rundreise heimkehren werde. Wenn dann die Bulgaren etwa, des langen Suchens und Harrens müde, dazu gelangen sollten, auf eigene Faust die ihnen von Europa verweigefte Lösung der Kftse zu suchen, so wird man ein solches Vorgehen vom Standpunftc der Vefträge gewiß nicht billigen können, vom Standpunkte des europäischen Friedensbedüftnisses sogar lebhaft bedauern müssen, man wird aber nicht umhin können, mindestens eine Reihe wichtiger Ent« schuldigungsgründe für ein solches Verhalten anzuerkennen und gelten zu lassen." Eine großaftige Wühlerei unter der mohamedanischen Be- völkerung sowohl in Bulgarien als in Ostrumelien soll gegen- wältig die Türkei betreiben, hauptsächlich zu dem Zwecke, daß diese der im Zuge befindlichen Rekrutirung Widefttand leiste. Von den jetzt auszuhebenden 16 063 Rekruten entfallen etwa 20 pCt. auf die mohamedanische Bevölkerung. Es soll nun die Losung ausgegeben worden sein, die Aushebung in den mohamedanischen Bezirken gewaltsam zu verhindern. Meistens aus diesem Grunde hat die dulgaftsche Regierung nach Ruft- schul und Sistowo Verstärkungen geschickt und namentlich die Aftillerie vermehft. Die„Times" beftchten aus Philippopel: Die Türkei kon- zenttift enorme Truppenmaffen in Makedonien, am 13. Dezember standen dort 113 Bataillone Infanterie, 5 Regimenter Kavallerie und 32 Batteften. Gerichts-Ieitung. Karlsruh«. Es ist ein trauftges Bild menschlicher Ver- irrung, das sich dieser Tage vor den Schranken des Schwur- geftchts in Karlsruhe dem Publikum zeigte. Auf der einen Seite ein alter Mann in ergrautem Haar, der seit einer Reihe von Jahren an einer der obersten Staatsstellen einen Ver- trauensposten ersten Ranges einnahm, auf der anderen Seite ein Weib, das sich nach einer Jugendverirrung an dm Mann anheftete und ihn in die Arme des Verbrechens tfteb, für das er sich jetzt verantworten mußte. Es war vor über zwanzig Jahren, als Weniger als Bahnverwalter nach Mühlacker versetzt wurde. Dort lernte er die Elise Lang im Hause ihres Stift- vaters kennen. Aus welchen Gründen der Angeklagte die Lang nicht zum Altare fühfte, blieb unaufgeklärt; ste schenfte einem Knaben das Leben, der zur Zeit in Berlin auf der Universität sich befindet. Von jener Zeit an scheint sich der Angeklagte auf den Pfad des Verbrechens begeben zu haben, auf dem er erst zu einer Zeit entdeckt wurde, als die veruntreuten Summen sich bereits auf mehr denn 200 000 M. beliefen. Der Angeklagte, der bereits 62 Jahre alt ist, ist sftt 1871 Angestellter an der Hauptkasse der Generaldirektion in Karlsruhe, wo er ein Gehalt von 4000 M. bezog. Weniger gesteht, daß er seit 1882 Gelder auS der Kasse entnommen habe; vom Jahre 1866 bis 1882 habe er all' sein Vermögen der Lang gegebeil. Bei Jahresabschlüssen und Kassenstürzen hat Weniger sich mit Papiergeld, das er noch nicht gebucht, oder mit falschen Gcldrollen gcholfm, welche er ganz zu unterst legte. Und wurde einmal eine Rolle zur Pftifung herausgezogen, so wurde, wie der Angeklagte angiedt, doch nichts entdeckt, da ihm der Zufall immer günstig gewesen. Ueber den Verbleib der unterschlagenen Gelder befragt, erklärte Weniger, daß er dieselben und noch einen großen Theil seines Gehaltes der Lang gegeben habe, die auchacwußt, woher er das Geld habe. Diese Person trat in Äünchrn als reiche Dame, Wittwe eines Fabftkanten auf, als welche ste große Summen verpraßte. Sie kaufte sich ein Haus in ver Gaftensttaße und gab sehr viel Geld aus für Kleider und Wagen. Im Winter gab sie Bälle und Gesellschaften und ließ auch die Schäffler tanzen. Nach dem Bade Teinach ließ sich die Lang innerhalb zweier Monate allein 4000 M. von Weniger schicken. Die Angeklagte giebt zu, von Weniger über 200000 M, empfangen zu haben, auf die meisten an sie ge- stellten Fragm weiß sie keine Antwort zu gebm. Nur giebt sie an, daß sie mit dem Gclde, das ihr nach Teinach geschickt wurde, ihre früheren Schulden bezahlt und daß sie in München ein Haus gekauft habe, um daselbst ein Penstonat(!) einzu- ftchten. Für sich selbst hat Weniger, ein dedürfnißloser Jung« geselle, noch lange nicht seine Besoldung aufgebraucht, alles veftchlang seine Geliebte. Bekanntlich hat diese kolossale Unter» schlagung noch die disziplinare Penfionirung zweier höherer Beamten wegen gewisser, nicht strafbarer Mängel der rechnerischen Ucberwachung zur Folge gehabt, sowie außerdem die Einführung des sogenannten alljährlichen Zwangsurlaubs bei den Kassirern bedeutender Kassen. Gerade der damit ver« bundene Kassensturz gilt— und gewiß mit vollem Recht— als das sicherste Mittel zur Aufdeckung aller künstlich verhüllten Eingriffe. Das Urtheil lautete für Weniger auf sieben Jahre Zuchthaus, für die Lang auf fünf Jahre Gefängniß. Koziales und Arbeiterbewegung. Zur Unfallversicherung. Das Reichsversicherungsamt hat neuerdings Entscheidungen über die Verficherungspflicht der Angehörigen mehrerer Bettiebszweige und die Zutheilung der letzteren zu Berufsgenosscnschaften gefällt, welche für die Be- thftligten von großer Bedeutung stnd. Die Pflasterer sollen dm Steinhauem bezw. Maurern zugerechnet, also dm Baugcwerks-Berufsgenossenschaften überwiesen werden, während bezüglich der Steinklopfer oder Steinschläger, welche für die Beschotterung der Chausseen Steine zerkleinern, angmommen wird, daß dieselben,„abgesehen von den üdftgms wohl kaum vorkommendm Fällen der Verwendung von Motoren oder der regelmäßigen Beschäftigung von mindestens zehn Ar- bestem in einer Beriebsanlage", nicht versicherungspflichtig seien, weil„es sich hier nicht um Steinhauercibetriebe, sondern nur um das Zerttummern von Steinen bis auf gewisse Größen handelt." Die Verficherungspflicht der Pflasterer wird dagegm damit begründet, daß, auch„wenn fertig zugerichtete Steine verwendet werden, das Pflastem, z. B. Hein, Anschluß an die Bordsteine der Ettaßendämme oder der Trottoirs, an Pferde« dahngelftse u. s. w., ohne ein Behauen einzelner Steine nicht zu bewerkstelligen ist, und daß solche Bettiebc namentlich im Hinblick auf die Härte des zu dear« bettenden bezw. nachzuhauenden Materials alle Gefahren des Steinhauergewerbes mst sich biingen." Diese Ent- scheidung ist zwar nach einer Berathung mst dem Vorsitzmden der Baugewerks'Bemfsgenossenschaftm getroffen worden, der Unterschied, der zwischen Pflasterern und Steinklopfern gemacht wird, erscheint aber doch gar zu künstlich. Die Gefahr von Unfällen bei der Bearbeittmg des Materials, welches sich durchaus nicht in dem angenommenen Maße durch die Häfte von einander unteftchcidct, ist bei beiden Berufsaften gleich groß oder, wenn man will, gleich gering. Wir nehmen übrigens an, daß bei der in Ausficht gestellten Ausdehnung der Unfall- Versicherung auf alle bei Bauten beschäftigten Personen, auch auf Erdarbeiter, die Steinklopfer nickt übergangen werden düften.— Baggerbetriebe, welche ausschließlich auf die Gewinnung von Kies und Sand geftchtet sind, sollen der Steinbruchs- Genossenschaft, solche, welche ausschließlich dem Zwecke der Veftiefung des Fahrwassers und dergleichen dienen, den Binnenschifffahfts-Berufsgmoffenschaftm, und solche, welche nach beiden Richtungm bctneben werden, dem Hauptbctftebe entsprechend jener oder dieser zugewiesen werden.— Kupfer- sch m i c d e- Bettiebe, in welchen die Arbeiten überwiegmd Hidjt in der Werkstatt, sondern außerhalb derselben, in Fabriken u. s. w., verrichtet werden, find ohne Rückficht auf die Zahl der Urbeiter vrrficherungspflichtig. DreSden, 19. Dezember. Am 7. d. M. ereignete fich in der Fabrik des Hoflieferanten Herrn Ed. Pachmann ein an fich nicht schwerer, aber durch die Folgen um so schrecklicherer Un- glücksfall, wobei 2 Personen den�Tod, 3 schwere Verletzungen davontrugen. Zwei Arbeiter waren mit dem Abfüllen von Benzin aus einem Ballon beschäftigt, wobei der eine den Ballon kippte, um die Abfüllung beffcr bewerkstelligen zu können. Hier- bei mögen nun einige Spritzer von der mit Macht berausstürzen- den Flüssigkeit an die Lampe(Sicherheitslampe?) gekommen sein, was eine Exploston des Benzinballons und eines daneben- lagernden Petroleumfasses zur Folge hatte; der eine Arbeiter erlitt schwere Brandwunden, während der andere mit dem Schrecken davon kam. Zu derselben Zeit befanden fich aber m einem weiter hinten liegenden Verschlage des Kellers zwei Lehrlinge, mit dem Ausschütten von Papierspähnen beschäftigt. Diesen Lehrlingen war ein schrecklicher Tod beschieden. Jeden- falls haben fie, vom Llualm detäubt, in der Dunkelheit den Ausgang nicht finden können, und mußten so ersticken. Ihre verkohlten Leichname wurden nach dem Eintreffen der Feuerwehr hervorgeholt. Außerdem erlitt der Buchbinder Schlege durch Hinausspringen aus einem Fenster der ersten Etage so schwere innere Verletzungen, daß er nach dem Krankenhausc überführt werden mußte. Mehrere Personen wurden mittelst Sprungtuch gerettet, da es unmöglich war, durch den Qualm hindurch die Treppe hinab zu laufen und man allgemein an einen Brand glaubte. Ueber das Benehmen des Herrn„Hoflieferanten" während und nach dieser so überaus schrecklichen Katastrophe müssen wir— so schreiben uns einige Bctheiligte - noch folgendes mitthcilen. Kaum waren wir mit genauer Roth der Lebensgefahr entgangen, kaum waren die Arbeits- säle vom dichtesten Qualm befreit, während noch eine athem- beschwerende Luft alles erfüllte, so forderte uns schon der Herr Ehef mit einer Stimme, die durchaus nicht auf einen so traurigen Unfall schließen ließ, auf, ein jeder an seinen Platz zu gehen und denselben sofort zu säubern. Wir zogen nun naturlich die frische Luft einer solchen Arbeit vor, in der gewiß sehr richtigen Meinung, daß nach einer solchen Katastrophe wohl die Ar« deit behufs Ausdünstung der Fabrik einen halben Tag ruhen kann. Pünttlich aber um 1 Uhr ertönte wieder die Dampfpfeife, welche jeden Arbeiter an seinen Platz rief. Auch jetzt noch war die Atmosphäre eine äußerst schlechte. Trotzdem verlangte der Herr Hoflieferant, daß die Arbeit wie gewöhnlich bis 10 Uhr Abends(Rormalarbeitstag?) fortgesetzt werde. Einigen Ar- beitcm, die wegen Unwohlsein die Arbeit schon um 6 Uhr nieder- legten, wurde dieses Vergehen sehr verdacht. Nachdem fich die erste Aufregung einigermaßen gelegt, kamen die Begräb- nisse der beiden unglücklrchen Opfer zur Sprache. Wir setzten eine Sammelliste in Umlauf, in der ein jeder Kollege zur Unt»r- stützung der Hinterbliebenen Mutter des einen Lehrlings, die in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt, wie zur Spendung von zwei Kränzen nach Kräften einen Beittag zeichnete. Daß wir ge- schloffen dem Leichenkondutt folgen würden, galt für selbstvcr- ständlich, umsomehr, da doch jeder von uns das Schicksal der beiden bedauernswerthen Opfer hätte theilcn können. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Herrn Hoflieferanten gemocht. Als unser Vorhaben zu Ohren dieses loyalen Herrn kam, wurde uns erklärt: Der Chef will, daß nur eine Deputation von sechs Kollegen(von 80—90) dem Begräbnisse beiwohnen solle, da die Arbeit jetzt vor Weihnachten doch nicht einen ganzen Tag ruhen kann. Wir hatten aber doch eine andere Ansicht über Menschcnpflicht und Pietät, und so kam es, daß ttotz der Anordnung des Herrn Hof- liefcranten etwas über die Hälfte der Kollegen folgte. Nun kommt aber das Interessante bei der Sache. Am Donnerstag Abends wird uns noch gesagt, die Arbeit könne unmöglich einen ganzen Tag ausgesetzt werden, am Sonnabend, also nach dem Begräbniß, wurde mehreren gekündigt, einigen anderen wieder bedeutet, daß die Arbeit nicht mehr so presfire, in Folge dessen brauchten fie keine Ucbcrstunden zu machen. Wie müssen nicht die bedauernswerthen vom Begräbnisse fern gebliebenen Arbeiter gearbeitet haben, um in einem Tage die ganzen eiligen Kommissionen zu erledigen? Nun wird sich aber jeder Leser fragen: Wie konnte solch Unglück geschehen? wer ist der Schuldige? Da wird in hiesigen Zeitungen natürlich die Schuld auf die beiden betteffenden Arbeiter geschoben, da fie, wie den„Dresdener Nachrichten" von„berechtigter" Seite geschrieben wird, es unterlassen haben, laut Vorschnft, Jemand vom Komtoirpersonal zu dieser Handlung hinzuzuziehen. Ich glaube aber, wenn diese Vorschrift stets betont worden wäre, so hätten die betreffenden Arbeiter fie auch diesesmal befolgt; aber wer bürgt denn dafür, daß in diesem Falle das Unglück nicht geschehen wäre? Hätte der Komtoirist nicht vielleicht auch „fahrläsfig" sein können? Man denke fich einen Keller, ange- füllt mit Kohlen, Papierspähnen, Benzin, Petroleum, Oel rc., diese Materialien von einander nur durch Lattenvcrschläge ge- trennt, ohne Tageslicht, nur mit Lampe zu betteten, und man wird sich wundern, daß nicht schon längst ein Unglück geschehen ist. Wäre es nicht vorschriftsmäßiger, wenn leicht entzündbare Stoffe, wie Pettoleum, Oel und speziell Benzin, an einem Orte aufbewahrt würden, bei dessen Betreten man keines Lampen- lichts bedarf? Nun, hoffentlich wird die Untersuchung„Licht" in diese Sache dringen! Vom Lübecker Töpferstreik. Kollegen und Arbeiter! Da sich die Töpfergesellen Lübecks durch ihren Lohnkampf, welcher ihnen von Seiten einiger Meister der Töpferinnung auf- gedrängt worden ist, in sehr bedrängten Verhältnissen befinden, welche fich dadurch noch verschärft haben, daß einer dieser Herren seine Werkstubenarbciter mit auf's Straßenpflaster gesetzt hat, weil diese Kollegen tteu zu unserer Sache standen und uns thatkräftig unterstützten, sehen wir uns veranlaßt, Euch noch- mals um Eure Hilfe anzurufen. Wir bitten Euch, uns nicht zu verlassen, sondern uns nach besten Kräften zu unterstützen. Der Geist unter den Kollegen ist ein sehr guter, denn unsere Organisation ist eine feste Burg, an welcher die Pläne der Jnnungsmeister zu Schanden werden müssen. Wir find fest entschlossen, den Kampf zu unserem Vorthell durchzurühren, möge es kommen, wie es wolle. Daher bitten wir Euch, Kollegen, nochmals, uns nicht zu verlassen, denn schnelle Hilfe ist die beste Hilfe. Bedenkt, es ist dieses ein Nothruf, den die Kollegen an Euch ergehen lassen. Etwaige Sendungen bitten wrr an unseren Kollegen Karl Wustrow, Töpfer, Böttcherstraße 33, senden zu wollen. Mit kollegialischem Gruß: Das Strerklomrtee der Töpfer Lübecks. Theater. Am Freitag, den 24. Dezember, bleiben sämmtliche Bühnen geschlossen. Stadt-Theater. Wallnertheaterstt. 15. Sonnabend, den 25. Dezember, z. I.Male: Arm und rr»ch. Weihnachtsposse mit Gesang in 8 Bildern von Dr. Ed. Jacobson und Otto Gimdt. Sonntag(am 2. Feiertage), den 2(5. Dezbr., Vormittags 11—1 Uhr: Grosse Matine zum Besten der Unterstützungskasse hilfsbedürf« ttger Bühnenangehöriger. Sonntag, Abends 7j Uhr:„Arm und reich". Zage 1 Tr. 9 M.- 10 A. islner-Panonuna. Nur bis Freitag, d. 24. d. M.: Weihnacht» Ansstellung. Das Leben Jesu. Palästina. Reise durch Süddeutschland. Eine interessante Montblancbesteigung. Sine Reise 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. |ii den Feiertagen! Einem geehrten p. t. Publikum und insbeson« dere meiner geschätzten Nachbarschaft theilc ich ergebenst mit, daß ich meine gegenwärtigen Lo- lalitäten um ein Uerei«»- und ein Ktllard- Zimmer vergrößert Hab« und empfehle selbe zur gefälligen Benutzung. Für gute, reelle Kpeifen und Getränk« werde ich stets Sorge tragen. Hochachtungsvollst josef Urban, 1317] Kchankwirth, Forstrrstraße 56. Restaurant zur Dezimalwaage, Memeleratrasse 82.[1323 Allen Freunden und Bekannten zur Nachricht, daß ich in den Weihnachtsfeiertagen eine »orznglich« UnU-Weiße zum Ausschank bringe. Mr sonstige Speisen und Gettänte ist bestens gesorgt. Es ladet ergebenst ein W. Haugk. Allen Freunden und Bekannten empfehle mein K-stanrant«nd Stehbierhalle. Am ersten Feiertag Ausschank von echtem bayerischen Bier IKömenbrä«),& Glas 15 Pf. Reichhaltiger Frühstück-, Mittag- u. Adendtisch bill. u. kräftig. Kreoiz, Kottbuserplatz(Alte Linde). W issenachaf tlicher Vortrag des Schriftstellers Herrn Kldwig Ichlveiltlhageli über: Cöthe's Faust am 1. Weihnachtstage, Vormittags 10& Uhr, Beuthatraaae 8, eine Treppe. Zutritt für Herren und Damen. Enttee 15 Pf. Karten find vorher zu haben in der Cigarren- Handlung des Herrn Ochs, Lindenstt. 59.[1332 lltotofenngiormti iur Hschbinder. Am 2. Feiertag, Abends 6 Uhr, bei Grat- «U, Kommandantensttaße 77—79(im unteren 5aoI); Kindrrbeschrerung, nachdem gemiith- ich« Abrndunterhaltung, wozu Freunde und fiefinnungsgenossen freundlichst eingeladen wer- en. Billets, für Herren 50 Pf., Damen 25 Pf., nd noch zu haben bei Paul Schneider, Blumen« raße 29, Kerkhoff, Ritterstt. 122, und Freuden- :ich, Stallschreiberstt. 24.[1325 A« die Mitglieder de» Lokalverbandes deutscher Zimmerlente z« Kerlin. Am «flen Feiertag, Nachmittags 3 Uhr, wird das Mitglied August Dubberstel« von der Leichen- Halle des Neum Jakobikttch Hofes in Britz aus beerdigt. Um recht rege Betheiligung bitten Gustav Dietrich, 1324] P Kirschke. ■1" Kolbe Kreuz-Geld-Lolterie. Ziehung bestimmt am 28. und 29. Dezember.[1330 Hauptgew.; M. 150 000, 75,000, 30,000, 20,000 etc. Originalloose ä 5 M. Antheile 1- M. 2,70,% M 1,50. (Porto u. Liste 30 Pf.) n■ aussm Berlin C., empfiehlt MJm fc-kS Uli Uly Spandauer brücke A« die Tischler Derliu»! Die Kommission der Tischler zur Sammlung der Gelder für die Kongrcßdclegirten macht be- kannt, daß die freiwilligen Beiträge nur noch beim Kasfirer der Kommrsston, Frist Haseloph, Skalitzerstraße 127, Hof 4 Tr., gegen Quittung angenommen werden. 16. s Skaliberstraste 137. Albert Schwarzer, jÄtJlÄ. Papier Handlung, Contobücher- und Couvert-Fabrik. Empfehle mein großes Lager in Photographic-AIbums, Cigarren- und Brieftaschen, Portemonnaies, Mufik- und Schreibmappen, Visitentaschen, Poesie-, Briefmarken- und Oblaten-Albums. 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Unter den nachgelassenen Papieren Darwins fand fich eine nicht von ibm selbst herrührende handschriftliche Notiz, welche lautet:„Wamm fliegen Motten und Mücken in die Licht- flamme, nicht aber auf den Mond zu, wenn derselbe am Horizonte steht? Allerdings bemerkte ick längst, daß sie beim Monchchein weniger häufig in die Lichtflamme fliegen. So- bald aber eine Wolke darüber hinzieht, werden fie alsbald wieder vom Lichte angezogen." Diese Beobachtung will sagen, daß der 5�elligkeitskontrast eine wichtige Rolle bei dieser Erscheinung spielt. So lange der von Wolken unbe- deckte Mond rings umher eine starke Helligkeit verbreitet, wirkt das Licht weniger anziehend auf die Insekten. Im Uedrigen scheint es auch Darwin nicht gelungen zu sein, eme befne- digende Erklärung des seltsamen Instinktes zu finden, wenig- stens bat er, so viel mir bekannt, nirgends etwas darüber vcr- »ffenflicht.�a�e � eben Instinkt genannt, und für einen solchen muß man fie wohl halten, wenn man sich er- innert, wie massenhaft und scheinbar unwiderstehlich die In- sektm von einem hellen Scheine angezogen werden. Nach der neueren Weltanschauung vermögen wir uns aber nur die Ent- stehung solcher Instinkte zu erklären, die dem Geschlechte von irgend welchem Nutzen find. Es fragt sich demnach, ob es in der Natur Lichterscheinungen giebt, deren Aufsuchung für das Leben und Gedeihen der Insekten eine gewisse allgemeine Bedeutung habe. Da fallen uns zunächst die leuchtenden Pilze, das faule Holz, die Johanniskäfer und andere Leuchtinsekten ein, deren Erscheinung noch am ersten mit der eines brennen- den Lichtes Aehnlichkeit haben könnte. Die Japaner, welche sich, wie es scheint, ebenso vergeh- lich, wie die Europäer, bemüht haben, irgend einen triftigen Grund für die Lichtfreundlichkeit der Insekten aufzu- finden, haben ein allerliebstes Märchen ersonnen, um ihren Kindern eine Antwort auf die Frage zu geben, was denn die Motten eigentlich in der Lampe zu suchen haben. .In dem aufsprießenden Geäst einer Lotospflanze", erzählt die javanische Märchentante,„saß die Tochter einer Fcuerfliege als unscheinbarer kleiner Wurm. Niemand beachtete fie, und so verbrachte sie einsam ihre Tage, indessen machte sie sich nichts daraus, denn sie dachte bei sich, wenn die Zeit gekommen wäre, wo sie erwachsen sei, müßte sich ihr Loos wenden, und während fie setzt allein in ihrem Blüthenkelche ruhte, würde sie später Gesellschaft und Unterhaltung genug bekommen. Diese Hoffnung erfüllte sich auch richtig, denn eines Abends erstrahlte cht Körper in so zauberischem Lichte, daß Alles nngs umher davon geblendet wurde, und die schmale, glänze�e Mondsichel am Himmel zog fich vor lauter Neid hinter eme Wolke zurück. Von dem magischen Lichte angezogen, kamen aber Tausende von Insel- len und brachten dem glänzenden Glühwurm ihre Huldigung dar. Der graue Nachtfalter umflatterte den Kelch der Lotosblume, in welchem sie wohnte, ohne Unterlaß, große und kleine Käfer schwirrten unaufhörlich in der Luft oder setzten sich der Leuchtenden zu Füßen, und zahllose buntfarbige Thierchen stimmten ihr zu Ehren ein Konzert an, das weithin ertönte. Aber allen diesen Huldigungen setzte das Glühwürmchen kalte Verachtung ent- gegen. Es rührte fich kaum in seinem duftenden Blumenbette, und eS that, als ob es von alle dem Gewirre rings umher nichts vernähme. Als sich jedoch Abend für Abend dieselbe Srene abspielte, da erhob sich die Schöne endlich und trat her- vor.„Laßt mich in Ruhe!" rief sie,„Keiner von Euch gefällt mir: ich werde nur den erhören, der mir ein Licht bringt, wie ich selbst es habe." Betroffen hörten alle ihre Bewunderer diesen Ausspruch, allein kaum waren ihre Worte verklungen, so ssoa Alles von bannen, um Licht zu holen, damit der Wunsch des leuchtenden Wesens erfüllt werde. Eitel Bemühen! Alle diese zahllosen Insekten stürzten sich tapfer und ohne je sich zu besinnen in die Flamme jeder Lampe, jeder Kerze, die ihnen in den Weg kam, und dennoch haftete kein Strahl davon auf ihren Flügeln oder ihrem Leibe, nein, kläglich mußten fie für ihr Wagniß büßen. Die spröde Prinzessin Glühwurm blieb nun verschont und allein, und sie hätte lange auf einen Freier warten können, wenn nicht plötzlich der Leuchtkäfer gekommen wäre- Dieser glänzte genau so hell, wie der Glühwurm, und als sich beide erblickten, da waren fie gegenseitig von ihrer Schönheit so bezaubert, daß sie allsogleich beschlossen, einander zu Heirathen. Die armen Insekten aber, welche die Prinzessin mit so hinterlistigen Worten fortgeschrckt hatte, müben fich bis zum heutigen Tage vergebens ad, sobald sie ein Licht sehen, etwas davon zu erhaschen; fie verbrennen sich dabei Flügel oder Füße oder gar den ganzen Leib und gehen elendiglich zu ��Dttses Märchen würde noch mehr Lebenswahrheit ein- schließen, wenn es richtig wäre, daß die Leuchtkäfer fitzend und fliegend von anderen Insekten umschwärmt würden. Allein die Leuchtinsckten find im Gegentheil gemiedene Thiere, und man hat sich durch Versuche überzeugt, daß sie— wahrscheinlich eines üblen Geschmacks wegen— von anderen Thieren nicht gefressen werden und somit aus ihrem Leuchten den Nutzen ziehen, daß fix den Eulen, Nacht- schwalben, Fledermäusen und anderen auf nächtlichen Raub ausgehenden Insektenfressern schon von weitem sagen: hier befindet sich ein ungenießbarer Bissen! und so als ihre eigene Warnungslaterne dienen. Auch das Leuchten faulender Gegen- stände kann mit der Erscheinung nichts zu thun haben. Wenn die Insekten gem ihre Eier in leuchtfaulcs Holz oder Fleisch legen, so würden wn ihre Vorliebe für leuchtende Gegenstände davon ableiten können, allem in diesen m,t Pilzfäden durch- wucherten organischen Resten findet man niemals Insektenbrut. Wir können also nur sagen, daß wir Fälle eines bestimmten Nutzens, den die Aussuchung leuchtender Gegenstände für die Insekten brächte, nicht kennen, dagegen viele Falle, in denen dieser Instinkt sür sie verhängnißvoll oder direkt tödtlich wurde, und zwar nicht bloß, wenn sie ins Feuer, sondern auch indem fie in glitzerndes Wasser hineinfallen. In letzterer Beziehung erzählt I. S. Garderer, daß er bei einem Besuche der großen Hufeisenfälle von Skalfandafljor auf Island beobachtet habe, wie sich Motte auf Motte freiwillig in das glitzernde Wasser deS Katarakis stürzte und darin verschwand. Manche, die er aus einiger Entfernung herankommen sah, flatterten zuerst eine Weile unschlüssig hin und her, bis fie dem Wasser näher kamen und geraden Weges hineinflogen. Die glitzernden Fälle, setzt der Beobachter hinzu, schienen eben so anziehend für fie zu sein, wie künstliches Licht., Gleichwohl muß eme allgemeine und wichtige Ursache vor- handen sein, welche mehr oder weniger alle Insekten ttcibt, einer intensiven Lichtquelle zumstreben, selbst solche, die als vollkommene Insekten nur Nachts fliegen, also niemals an Helles Licht, den Mondschein ausgenommen, gewöhnt wurden, oder welche, wie die Eintagsfliegen, des Abends die Puppenhülle verlassen und nach wenigen Stunden sterben. Da ein solcher Trieb ihnen durch irrthümliche Anwendung desselben so oft Schaden bringt, so muß er von außerordentlichem Nutzen für sie sein, da er sonst wahrscheinlich Einschränkungen erfahren würde. Denn wir können uns nach Darwinschen Grundsätzen nicht vorstellen, daß ein ausschließlich schädlicher Instinkt bei irgend einem Thiere bestehen kann, und wir sehen auch, daß der uisprüngliche Zug der Insekten zu hclllcuchtenden Objekten bei Küchenschaben und Heimchen vollkommen vernichtet worden ist. Wenn man Nachts mit einem brennenden Lichte einen Raum betritt, der von Küchenschaben oder Heimchen heimgesucht wird, so steht man fie eiligst in ihre Verstecke fliehen, weil ihnen dieser Umstand sehr häufig verderblich geworden ist, während brennendes Feuer in der freien Natur zu selten ist, um den eingeborenen Trieb der Insekten zum Lichte verhängnißvoll zu machen. Als ich bis zu diesem Punkte der Analyse gelangt war, ging mir das Licht der Erkenntniß auf, denn ich sah, daß in der That gerade für die Insekten— und namentlich für diejenigen mit vollkommener Verwandlung— dieser angeborene Zug zum Lichte von unermeßlicher Bedeutung ist, sofem sich alle aus einer dunklen Puppenhülle, oftmals aus dichten Kokons und manchmal aus tiefen, windungsreichen Höhlen, im Erdinnern, in Bäumen, Gallen und sonstigen' dunklen Gefängnissen zum Lichte hervorringen müssen. Das hervorsttahleude Licht, das durch die oft mit großer Mühe er- arbeitete Oeffnung plötzlich in ihren finsteren Aufenthalt herein- bricht, ist für ste das Licht der Freiheit, das Signal zum Ver- lassen der engen, ihnen bis dahin gezogenen Schranken, und dieser Zug zum Licht muß für fie ein elementarer Drang ge- worden sein, den man kaum mehr als bloßen Instinkt bezeichnen kann. In diesen einfachen Erwägungen scheint mir der Schlüssel zum Verständniß ihrer bisher völlig dunkel und räthselhaft ge- bliebenen Lichtfreundschaft gefunden zu sein. Wenn nun am Abend ein ähnlicher intensiver Schein, wie ihn das Insekt nur von seiner Gefängnißpfotte her kennt, irgendwo aufblitzt, so mag sich in ihm, obwohl es sich in der Freiheit be- findet, das angeborene Gefühl geltend machen, dort, wo die hellen Strahlen herkommen, sei die helle Ausgangsöffnung eines dunklen Behälters, in dem ste fich gefangen wähnen, und sie stürzen darum haufenweise auf jenes vermemtliche Lichtloch los und finden dabei ein jämmerliches Ende. Damm stnd vor Allem solche Thiere, die am Tage in dunklen Höhlen wohnen, wie die Krebse, manche Fische und Nachtvögel, geneigt, derselben Täuschung anheim- zufallen, wie die Insekten, während die Tagthiere durch ihr nächtliches Ruhebedürfniß davor bewahrt bleiben. Und femer können wir aus derselben Erklämng verstehen, wamm Sonne und Mond nicht ebenfalls für offene Gefängnißpforten gehalten werden, denn mit der allgemeinen Helligkeit, die sie verbreiten, vernichten ste jene Täuschung, die nur eine aus allgemeiner Dunkelheit hervorstrahlende Lichtquelle erzeugen kann. Höchst wahrscheinlich kommt eine starke Blendung der Nachtinsekten hinzu, um sie auch in nächster Nähe unfähig zu machen, ihren ver- dcrdlichen Jrrthum zu erkennen, und so fliegen sie denn unauf- haltsam und schaarenweise in den Tod. Kommunales. Etadtverordneten-Verfammlung. Oeffentliche Sitzung vom 23. Dezember. Der Stadtverordneten- Vorsteher Herr Dr. Stryck er- öffnet die Sitzung nach 5i Uhr mit einer Reihe geschäftlicher Nittheilungen. Die Abtheilungen sind zusammengetreten und haben die Wahl von 10 Mitgtiedern für den Ausschuß zur Vorbereitung der Vorlage, betreffend die Aufnahme einer neuen Straße zwischen der Straße Siegmundhof und der Kuxhafener- straßc auf der nördlichen Seite der Stadtbahn in den Be- bauungsplan, vollzogen. In die gemischte Deputation, welche die Frage eines Gewerbeschiedsgerichts vorbereiten soll, war der Stadtv. Langenbucher an Stelle des Stadto. Singer getteten, als der letztere, wie der Vorsteher es nennt,„auf Reisen geschickt wurde". Nunmehr tritt der Stadtv. Langen- bucher dem Stadtv. Singer seinen Sitz in der Deputation wieder ab. Nach Eintritt in die Tagesordnung kommen eine Anzahl Naturalisations-, Penstonirungs-, Aufnahme- und Anstellungs- gesuche zur geschäftsordnungsmäßigen Erledigung. Die Aufgabe des Wiederkaufsrechts der Stadtgemeinde an einer in der Möckernstraße belegenen Parzelle des Grundstücks des königlichen Eisenbahnfiskus und die Ab- tretung von Straßenland zum Halleschen Ufer sowie die Regu- lirung dieses Ufers zwischen Möckern- und Schönebergerbrücke, als Ufer- und Ladestraße war vom Magistrat beantragt worden. Der zur Prüfung dieser Vorlage eingesetzte Ausschuß empfiehlt durch seinen Berichterstatter, Stadtv. Dr. Friedemann, folgende Beschlußfassung: „Die Versammlung genehmigt den Abschluß eines Vertrages mit dem königl. Fiskus, wonach dieser gegen Verzicht der Stadt- gemeinde auf die ortsstatutarischen Beiträge zu den Kosten der Regulirung des Halleschen Ufers zwischen der Schöneberger- und Möckernstraße und ferneren Verzicht auf das Wieder- kaufsrecht bezüglich des Band 27 Nr. 1 708 des im Grundbuche von den Umgebungen eingettagenen Grundstücks den zur Regulirung des Halleschen Ufers auf der vorbezeichneten Strecke erforderlichen Theil des eisenbahnfiskalischen Terrains ohne weiteres Entgelt an die Stadtgemeinde abtritt. Die Versammlung erklärt sich ferner damit einverstanden, daß im nächsten Etatsjahre 1887—88 mit der Anlage einer Ufer- und Ladesttaße am Halleschen Ufer auf der Strecke zwischen der Möckern- und der Scköneberger Brücke begonnen werde unter der Voraussetzung, daß die schwebenden Verhand- lungen über den Erwerb des zu dieser Anlage notbwendigen Terrains vor oder innerhalb des Etatsjahres 1887—88 zu Ende geführt werden. Die Versammlung stimmt debattelos dem Ausschuß« anttaae zu. Es folgt die Berichterstattung über die Vorlage, betreffend den Ankauf der Grundstücke Andreasstraße 56, Krautstraße 48» und Grüner Weg 95 zur Erbauung einer Markthalle für den Osten der Stadt. Der Ausschuß hat den vom Magistrat beantragten Kaufpreis für die beiden erst- genannten Grundstücke von 590000 M. resp. 180 000 M. auf 500 000 M. resp. 150 000 M herabgesetzt. Dem Ankaufe des letzten Grundstückes, für welches der Magistrat 180000 M. zahlen wollte, hat der Ausschuß nicht zustimmen können, sich aber für den Ankauf dcS Grundstücks Grüner Weg 96 zum Preise von 147 000 M entschlossen. Indem der Referent des Ausschusses, Stadtv. Na ms lau, den Ankauf dieser Grundstücke zu dem festgesetzten Preise empfiehlt, sucht er nach- zuweisen, daß alle übrigen der Stadt in jener Gegend ange- botenen Grundstücke zu theuer seien. Er theilt ferner noch mit, daß Herr Hermann sich mit dem vom Ausschüsse für das Grundstück Krautstr. 48» festgesetzten Preise von 150000 M. nicht einverstanden erklärt, und daß der Besitzer des Hauses Andreasstr, 56, Kühne, von seiner Forderung(590000 M.) nur 50000 M. ablassen wolle. Stadtv. Meyer> beanttagt die Ablehnung der Magistrats- vorläge wie der Ausschußanträge und die Vorlage eines neuen Projekts. Sladtv. Gchrt sucht nacbzuweisen, daß besonders das erste der angebotenen Grundstücke, Andreasstr. 56, durch Agiotage vertheuert worden sei. Wieder sei ein System organifitt worden, uni der Stadt die Grundstücke, welche ste erwerben wolle, zu verthcuem. Das Grum stück Andreasstr 56 sei früher für 495 000 M. der Stadt angeboten worden, einem Privat- manne sogar für 420 000 M. Um die Konkurrenz der anderen Häuscragcnten zu Verbindern, sei einem derselben von einem anderen 10 000 M. als Entschädigung angeboten worden, wenn er ihm den Abschluß des Verkaufes an die Stadt allein über- lassen wolle. Wenn der Besitzer jetzt auch 50 000 M. ablassen wolle, so wisse man, daß doch noch genug„Blutegel" an dem Grundstücke sitzen. Die Ablehnung aller Verhandlungen nach solchen Vorkommnissen sei moralische Pflicbt. Stadtv. Gersten b er g empfiehlt den Ausschußanttag; der Preis sei vom Ausschuß reduzitt und die Grundstücke eigneten fich gut für eine Markthalle. Stadtv. S p i n o l a empfiehlt die Ablehnung des Ankaufes aus Gründen der öffentlichen Moral. Es sei an der Zeit, hier ein Excmpel zu statuiren, wo die„Schlicke der Kommissionäre" endlich einmal aufgedeckt worden seien, die aus dem Fleisch der Steuerzahler fich Riemen schneiden wollten. Ein Grundstück, das für 420 000 M. zu haben gewesen, sei dem Magistrat für 590 000 M. angeboten worden, und der Magistrat habe geglaubt, den Ankauf empfehlen zu können. Stadtsyndikus Eberty hebt hervor, daß dem Magistrat überhaupt nicht bekannt geworden sei, daß das Grundstück einmal für 420000 M. zu haben gewesen sei. Der Redner giebt sodann eine Darstellung der Verhandlungen, bei denen die Kommisflonäre Hermann Salo- mon, Plewc, Schweder und Trenk bcthciligt waren. Nichts liege dem Magistrat femer, als eine künstliche Preissteigerung zu fördern.(Zuruf: Dulden!) Es fehle ihm an einem parla- mentarischen Ausdrucke, um solche Verdächtigungen zu bezeichnen. Es müsse lcidenschastslos erwogen werden, welchen Werth die Grundstücke für die Stadt hätten. Das sei das Wesentliche. Stadtv. Talke: Vom moralischen Standpuntte aus seien solche Vorgänge, wie fie bekannt geworden seien, zu verwerfen. Die Gmndstücks- Spekulation werde aber niemals beseitigt werden können. Nur darauf sei zu sehen, ob das Gmndstück das beste und das billigste sei, das für Markthallenzwecke zu haben sei. Herr Gehrt habe in seinem„ästhetischen Moral- gefühl"(!?) gegen Windmühlenflügel gekämpft. Man werde auf das vom Ausschuß., vorgeschlagene Projekt immer wieder zurückkomnien müssen. Stadtv. Meyer i: Der Stellung der Versammlung sei es nicht angemessen, auf solche Verhandlungen sich noch weiter einzulassen. Die Vorlage sei abzulehnen. Feinfühligen Nahiren würde es genügen, wenn solches Gebahren öffentlich gerügt werden. Die Herren, um die es sich hier bandle, seien so fein- fühlig nicht, ste müßten dadurch belehrt werden, daß man sie „hineinfallen" lasse. Den Besitzern aber müsse gesagt werden: Laßt euch mit dieser Gesellschaft nicht ein; bietet uns die Grundstücke direkt an! Stadtrath B l a nfl e n st e i n bittet, den Ausschußantrag anzunehmen. Werde derselbe abgelehnt, so sei es sicher, daß der Osten wenigstens um ein Jahr später eine Markthalle er- halten werde. Stadtsyndikus Eberty: Der Magisttat vertrete die öffentliche Moral ebensogut wie die Versammlung. Als die Vorgänge dem Magistrat bekannt geworden seien, habe derselbe sich gefragt, ob er die Vorlage nicht zurückziehen solle; man habe sich aber entschlossen, der Versammlung die Entscheidung über die ganze Angelegenheit zu überlassen. Stadtv. H o ffm annn>l will die Versammlung nicht zu einer„Handelsbude" werden lassen und den Stadtsäckel vor den Spekulationen gewissenloser Agenten schützen. Die Vorlage sei abzulehnen. Ein Schlußantrag wird mit großer Majorität ange- nommen. Stadtv. Singer konstatirt zur Geschäftsordnung, daß durch den Schluß der Debatte ihm das Wort in dieser Ange- legenheit abgeschnitten worden sei. Bei der Abstimmung, die namentlich ist, stimmen folgende Stadtverordnete(59) gegen die Anträge hes Ausschusses: Bellcrmann, Bergmann, Degmeier, Dopp, Estnann, Friederici, Gehrke, Gerold, Gchrt, G ö r ck i, Häger, Häsicke,.Haß, Heller, Hensch, Hoffmann l, Hoffmann>>. Heilmann, Jakobs, Inner, Kalisch, Karsten, Kramp, Kreitling, Dr. Leo Limprecht, Luce, Meyer>, Meyer>l, Äielenz, Mießner, Mörschel, Paetel, Pest, Reichenow, Richter, Roesselcr, Salge, Samm, Schaefer, Schmeißer, Schreiber, Schwalbe, Seiffcrt, Sicbmann, Singer, Solf, Spinola, Stryck, T ritz a u e r, Vitt, Vorth- mann, Weiß I, Wieck, Weinstruck, Winklcr, Wohlaemuth, Ziethen. Mit Ja stimmen 45 Stadtverordnete. Die Anträge des Ausschusses sind somit abgelehnt, ebenso die Magisttats- vorläge. Der Ankauf d es R itter g utes Schenkendorf im Teltower Kreise zur Verwendung als Rieselfeld(Kaufpreis: 2390 Morgen für 240 000 M.) wird beschlossen. Zur Regulirung der Ostscite des Neuen Marktes schlägt der Ausschuß vor, die Grundstücke Neuer Markt Nr. 3 und Nr. 4 5 zu dem Preise von 122 125 M. und 220000 M. und die Grundstücke Neuer Markt 6 und 7 im Wege der Enteignung zu erwerben. Stadtv. Reichenow erklärt sich gegen diesen Anttag. weil es dringendere Bedürfnisse für die Stadt, als der Ankauf dieser Grundstücke gebe. Nach längerer Diskussion werden die Anträge des Aus- schusses abaelehnt. Der Ankauf des Grundstücks Albrechtstr. 16 zu Gemeindeschulzwecken wird debattelos genehmigt. Ein Antrag, die noch nicht erledigten Gegenstände abzu- setzen, wird angenommen. Schluß 9 Uhr. Es folgt eine nicht öffentliche Sitzung. Kokales. Mangel an Patriotismus dem Gegner vorwerfen, sich selbst dessen zu rühmen, scheint so zur Mode zu werden, daß es der Mühe lohnt, zu untersuchen, was Patriotismus war und was er heute ist. Zunächst muß es auffallen, daß man trotz allem Fremdwötterhasse in der deutschen Sprache für diese ge- suchteste und bclohnteste Tugend bisher noch kein passendes Wort finden konnte, denn die Uebersetzungen: Vaterlandsliebe für Pattiotisnms und Vaterlandsfreunv für Patriot drücken heute weniger als je den Begriff aus, welchen wir mit den beiden Fremdwöttern verbinden. Bei den Alten galt der Patriotismus von allen Formen menschlichen Heldenmutes sür die uneigennützigste. Ohne Aussicht auf persönliche Unsterb- Vidjleit als Lohn, ging der Spartaner und Römer aus Liebe zu seinem Vatcrlandc in den Tod. Der Patriotismus war eine der höchsten sittlichen Pflichten. Wesentlich anders war die Auffassung des Christenthums. Es war das Bekenntniß und zugleich der Ruhm der Christen, dah keine Interessen ihnen gleichgiltiger seien, als die ihres Paterlandes. Ihre beimath lag in einer anderen Welt; sie bestritten die Rechtmäßigkeit des Krieges, und sie gestanden offen, daß es ihnen glcichgiltig sei, unter was für einer Herrschaft sie lebten, vorausgesetzt, daß sie in ihrem Gottesdienst unbehelligt blieben, ja sie bildeten die äußerste und vollkommendste Verleugnung des Patriotismus derartig zu einem Ideal aus, daß sogar der Venath des Vater- landes ihnen geboten erschien, sobald die Kirche davon Nutzen hatte. Vor der Kirche trat also die Liebe zum Vaterlande, der Patriotismus zurück. Der moderne Patriotismus setzt an Stelle der Kirche den jeweiligen Regenten und dessen Organe, er hat also nicht mehr etwas Stabiles, sondern paßt sich den Verhältnissen an, d. h. seine Loyalität äußert sich in der hingehendsten Unterthanen- treue und richtet sich nach Außen wie nach Innen gegen Alles, was die Machtstellung des Vaterlandes bezw. des Regenten zu beeinträchtigen im Stande ist oder schädigen zu wollen im Verdachte steht. Es ist dabei nickt durchaus erfor- derlich, daß die Motive selbstlose sind. Der Patriotismus zeigt sich besonders bei Kriegen und bei Allem was mit der Kriegs- dereitschaft in Verbindung steht, so daß ein Volksvertreter schon Gefahr läuft des mangelnden Patriotismus, wenn nicht gar der offenen Reichsfeindschaft beschuldigt zu werden, sobald er den Militäretat nicht hlindlings bewilligt. Es ist fraglich, ob es überhaupt einen Patriotismus geben würde, wenn es keine Kriege mehr gäbe, was doch vom Standpunkte der Humanisten „ein Ziel aufs innigste zu wünschen" wäre. Es ist anderer- seits leider ebenso gewiß, daß angeblich recht patriotische Volks- veitrewngen durch ihre Beschlüsse eine große Zahl Söhne des Vaterlandes rechtlos und vaterlandslos machen, welche bis da- hin im Vatcrlandc die Garantien ihrer theuerstcn Rechte und den Inbegriff ihrer höchsten Geister gewahrt zu sehen glaubten. Während nicht selten Lumpen dem Arm der Justiz sich durch Berufung auf ihren Patriotismus entziehen, ziehen die Ausge- rvicsenen von Ort zu Ort, im eigenen Vatcrlandc vergeblich um Aufenthalts-Erlaubniß bettelnd. Da entwickelt sich denn natur- gemäß eine kosmopolitische Liebe zu jenem Vaterlande, dessen Grenzen der Dichter darnach bemißt,„soweit die deutsche Zunge klingt," und man gönnt den Lokalpatriotismus und Servilis- mus gern dem chamäleonartigen politischen Strcberthum, auf welches Lcsstng's Wort mit einer geringen Aenderung paßt: Man ist verdammt wenig, wenn man nichts ist als solch ein Patriot. Unsere Rdressirung der Briefe. Man schreibt der „Franks. Ztg.": Wer Gelegenheit gehabt hat, öfter mit Postbeamten zusammen zu kommen, wird sich der Wahrnehmung nicht haben verschließen können, daß unter den vielfachen Bc- rufsklagen, die diese Jünger des Verkehrs vorbringen, eine der ersten und häufigsten die ist, welche sich mit der Unleserlichkeit der Adressen und der Kleinheit und Zierlichkeit der in ihnen angewandten Buchstaben beschäftigt. Wie der Postbeamte unter diesen beiden Sünden des Publikums zu leiden hat, wird jedem ersichtlich, wenn er nur einen Blick in die Verwaltung thut und die Briessäcke, die cineni einzelnen Beamten zum Ordnen und Sichten in relativ kurzer Frist übergeben werden, auf ihren Inhalt und die Zahl der darin verborgenen„Stücke" prüft. Es ist nun aber klar, daß gegen die erste der beiden Sünden schwer anzukämpfen ist. Es ist nicht jedem eine dcut- liche, klare Handschrift gegeben, er muß so schreiben, wie„die Feder es mit sich bringt" und wird sich von Natur schon die möglichste Mühe geben, da er ja andernfalls eine Nichtz Expedition seiner Briefe sc. befürchten muß. Die zweite Sünde aber, die sich namentlich auf die Schultern des schönen Geschlechts abwälzt, ist, einigen guten Willen beim Publikum vorausgesetzt, bequem aus der Welt zu schaffen. Es bedarf dazu vor allem einer Aenderung in der Adressirung unserer Postsachen. Die bis heute ge- bräuchliche Methode, den Namen des Empfängers den ganzen mittleren Raum des Kuverts einnehmen zu lassen, ist zwar sehr höflich— hat hieraus auch vielleicht ihren Ursprung genommen —, aber nichts weniger als praktisch und logisch. Nicht logisch, weil für die Beförderung an dm Bestimmungsort doch der Name des Adressatm den letzten Platz einnimmt, das Un- wesentliche ist, dem erst der austragende Postbote, wenn er in dem betreffenden Hause auf der betreffenden Treppe angelangt ist, Rechnung zu tragen hat— währeird er auf dem Kouvert den vomehmsten und am besten sichtbaren Platz inne hat. Nicht praktisch, weil durch ein derartiges Arrangement die Namen des Bestimmungsortes, der nächsten Post- oder Eisen- bahnstation, des Kreises oder der Provinz, wie es ja auch heute Stttc ist, in die rechte untere Ecke gedrängt werden, d. h. an dm am wenigstens dazu geeigneten Ort. Ein Jeder wird mit mir selbst die Erfahrung gemacht haben, daß man sich oft, recht oft in Betreff des verfügbaren Raumes täuscht, daß man daher aezwungen ist, die wichtigsten Angaben der Adresse, die weiteren Bestimmungen des angegebenen Ortes in kleiner ziniperlicher Schrift beizufügen, weil man mit dem Raum vorher zu ver- fchwenderisch verfahren hat. So kommt es, daß die cxpediren- den Beamten bei unzähligen Briefen erst„studiren" müssen, am liebsten— wenn sie eine solche zur Hand hätten— unter Anwendung einer Lupe und dergl. Der Postbote dagegen hat es gut, ihm leuchten schon von Ferne die großen Schriftzüge entgegen, in denen der Rame der Adressaten niedergelegt ist; er würde fleh, selbst wenn er schwache Augm hätte, nicht einer Brille zu bedienen brauchen. Man wird mir vielleicht zugeben, öaß dies doch verkebrte Welt spielen heißt. Und doch' könnte diese verkehrte so schnell in die richtige, vernunftsgcmäße Welt übergeführt werden, wmn man sich nur entschlösse, mit der alten von den Großeltern überlieferten Gewohnheit zu brechen, und die moderne, so„vernünftige" Welt auch auf den Brief- kouverts zum Ausdruck zu bringen. Da meine ich denn, daß man die Adressirung in konzentrischen Kreisen von außen nach innm fortschreitend vornehme; wie z. B.: Bayern Kreis Unterfranken Angabe der Post- oder Eisenbahnstation Angabe des Bestimmungsortes Herrn N. N. oder Berlin, N, 54 Lothringerstraße 129, II Herrn N. N. Bei allgemein bekannten Städtenamen wird man natürlich die ersten Kreise fortlassen können. Bei einem derartigen Ver- fahren werden, dies ist ersichtlich, die wichtigen Bezeichnungen, auf denen im Laufe der Beförderung vielleicht zehn und mehr Beamtcnaugen ruhen, in die Mitte des Kouvcrts gerückt, d. h. an den bevorzugten Platz und dort von Natur schon, um die Buchstaben bei der Menge des weißen Raumes nicht untergehen zu lassen, mit großen und deutlichen Zeichen ausgestattet werden. Damit wäre dann die zweite Sünde in die Rumpelkaninier ge- worten.— Es ist klar, daß mit einer jahrelangen Gewöhnung nicht im Nu gebrochen werden wird. Der Zweck dieser Zeilen wäre auch schon erreicht, wenn dieselbe nur einige Proselyten jn schaffen im Stande wären. Im Uebrigen kommt es vor Allem darauf an, wie sich die leitenden Postkreise zu dem im Borstehenden ausgesprochenen Gedanken stellen. Der Begriff„thuulichst", der in der neueren Verwgltungs« gesetzgebung wiederholt zur Anwendung gekommen ist, hat vor kurzem, und zwar bei der letztinstanzlichen Entscheidung der bekannten Berliner Treppenbelcuchtungsfrage, eine für das Publikum sehr bcachtenewerthe Auslegung erhalten. Der de- treffende Eigenthümer hatte nämlich seine Revision beim Ober- oerwallungsgericht mit dem Hinweise auf den§ 132 des Zu- ständigkeilSgesetzes begründet, wonach die Polizeibehörde, soweit es tbunlich ist, die zu erzwingende Handlung durch einen Dritten ausführen zu lassen hat, zu diesem Zwecke zunächst einen Kosten- Vorschuß einziehen soll und erst, wenn dies nickt möglich ist, Ordnungsstrafen androhen und festsetzen soll. Es wurde nun darauf hingewiesen, daß die Treppenbeleuchtung sehr wohl durch einen Dritten hätte ausgeführt werden können und die Ein- ziehung eines Kostenvorschusses in dem vorliegenden Falle keineswegs resultatlos gewesen sein würde. Das Ober- verwaltunzsgericht aber verwarf bekanntlich die Revision und bemerkte in Widerlegung dieses Einwandes: Es hängt von der Beschaffenheit des einzelnen Falles ab, ob es thunlich war, die Handlung durch einen Tritten ausführen zu lasse». Das Gesetz hat hierbei nicht lediglich den Fall der völligen Unmöglichkeit im Auge, sondern mit dem Ausdruck „thunlich" nur darauf hinweisen wollen, daß im gegebenen Falle auch auf die Angemessenheit der Ausführung durch einen Dritten Rücksicht genommen werden soll. Der Gesetzgeber will den Behörden emcn freieren Spielraum im Interesse des Publikums gewähren, weil die Ausführung der Handlung durch einen Dritten für das Publikum sehr beengend werden kann. — Was in dem Falle der Treppenbeleuchtung über die„thun- liche Ausführung der Handlung durch einen Dritten" festgestellt ist, das gilt natürlich auch von allen anderen von der Polizei zu erzwingenden Handlungen. Dem Publikum steht also eine Berufung auf die thunlichc Ausführung durch einen Dritten nicht zu. Der schwarze Graben, jenes Wässerlein im Westen, an welchem ganze Berliner Generationen ihren Witz im Schimpfen übten, wird bekanntlich gegenwärtig beseitigt. Am Dienstag Nachmittags besichtigte eine größere Anzahl von Interessenten und Vertretern öffentlicher Behörden den gegenwärtigen Stand der Kanalisalionsarbeiten, die an Stelle des Grünen Grabins treten. Ein festlich geschmückter Wagen der Dampftrambahn führte die Gesellschaft vom Zoologischen Garten bis zur ehe- mäligen Brücke über den schwarzen Graben. Wo die Arbeiten vorgenommen werden, loderten von mächtigen Holzflößen die Flammen, den doppelten Zweck zu erfüllen, zu erleuchten und zu erwärmen. Baumeister Wemekinck gab einen tteberblick über das Geschehene, der sehr lehrreich war. Wieviel Berliner, die ihr redlich Theil über den schwarzen Graben mitgesckimpst haben, wußten es, daß er im Grunewald entspringt, treffliches Trinkwasser liefert und erst von seiner jungfräulichen Reine ver« liert, wenn er mit Friedenau und hinterher gar mit Schöne- berg in Berührung kommt? Seine ganze zu kanalifirende Länge beträgt 41 Kilonieter. Daran hat sich eine halbe Gene- ration mürbe gearbeitet, bis es endlich gelungen. Gegenwärtig sind die Arbeiten so weit gediehen, daß der Graben in kürzester Frist bis zum Charlottenburger Gebiet beseitigt sein wird. Der großartigen EntWickelung, welche das Turnwcsen in Berlin genommen hat, entspricht auch die ansehnliche Zahl der jetzt hier in Berlin befindlichen Turnanstalten, welche gegen- wärtig 83 deträgt. Die Mehrzahl derselben, etwa zwei Drittel, bestehen aus einer Turnhalle und einem freien mit Bäumen bepflanzten Platze; die Minderzahl enthält nur eine Turnhalle. Von jener Anzahl sind 74 Anstalten Kommunaleigenthum, nämlich 11 Turnhallen für höhere Lehranstalten des männ- lichcn Geschlechts, 3 für höhere Mädchenschulen, 59 für Gemeindeschulen und 1 Turnhalle der Waisenanstalt zu Rummelsburg. Von den städtischen Turnhallen ist vie älteste die im herbst 1864 dem Betriebe übcr- gebcne Zentral-Turnhalle in der Prinzenstraße, deren Turnsaal der größte in ganz Deutschland ist. Sämmtliche übrigen städti- schen Turnhallen find in den Jahren von 1864 bis jetzt errichtet worden. Außer den städtischen Turnhallen bestehen in Berlin 9 fiskalische Turnanstalten, ferner der im Besitz des Fiskus befindliche Turnplatz in der Hascnhaide. Was das Vereinsturnen betrifft, welchem die städtischen Turnhallen gleichfalls dienstbar gemacht werden, so ist die„Berliner Turngemeinde" der älteste Turnverein Berlins; derselbe umfaßt 6 Männer- und 3 Lchrlingsadtheilungen und etwa 600 Vereinsangehörige. Als Koiporation besteht ferner die„Berliner Turnerschaft", welche 8 Männer- und 17 Jugend- Abtheilungen enthält und über 3300 Angehörige hat. Die dritte größere Gruppe besteht aus 27 kleineren Turnvereinen mit zusammen etwa 3500 Angehörigen, die sich unter dem„Berliner Turnrath" als Ge- sammtleitung vereinigt haben. Die DiphtheritiS, dieser schreckliche Würgeengel unserer Kinder, ist um so gefährlicher, als sie sich unter ganz unschein- barer Maske einzunisten versteht und heimtückisch ihre verderben- bringende Wirksani keit entfaltet, bis endlich der todtbringende Feind erkannt wird, menschliche Hilfe aber dann meistens zu spät kommt. Es ist daher von höchster Wichtigkeit, die ersten Symptome der Diphtheritis genau zu kennen, um ihr erfolareich begegnen zu können und dürften daher nachstehende Ausfuhrun- gen das weiteste Interesse beanspruchen, welche über den Be- ginn und Verlauf der Krankheit von berufener Seite im„Hamb. Korr." gemacht werden, woselbst es a. A. heißt. Das Kind S'Ä WÄÄ SÄ S S Ä sich auffallend heiß an. Das heftige Fieber laßt bald nach, meist schon nach einer Nacht und die Eltern glauben, das Kind habe nur ein Schnupfenfieber durchgemacht, oder sich den Magen verdorben, unterlassen demnach, dem Kinde den hals zu unter- suchen. Nimmt man nun einen breiten Löffelstiel zur Hand und drückt daniit die Zungenwurzel herab, so daß die tieferen Halspartien sichtbar sind, so sieht man nach dem Fieberanfalle auf den Mandeln(den Haselnuß- großen Wülsten links und rechts vom Zäpfchen, hinter dem Gaumenbogen) weiße, unregelmäßige Flecken. Jetzt kann der Arzt helfen. Wird diese Besichtigung nicht vorgenommen und die Krankheit nicht erkannt, so zeigt das Kind nach dem Fieder- anfall sich scheinbar wieder wohl, fängt an zu essen und zu spielen. Der diphtheritische Prozeß nimmt aber nun ungestört seinen Fortgang. Derselbe geht meist auf den Kehlkopf und die Lymphdrüsen, seltener auf die Nase über und nach 2 oder 8 Tagen treten die schweren augenfälligen Krankheitssymptoine aus, weiche endlich die Herbeiholung eines Arztes veranlassen. Jetzt ist es aber gewöhnlich schon zu spät. Der Arzt giebt sich zwar die erdenklichste Mühe, das Kind zu retten; zuweilen gelingt dies auch noch, meist ist aber alles vergeblich. Den Eltern ist also dies an's Herz zu legen, nach jedem Fieber« anfall den Hals zu untersuchen und wenn dieselben sich kein Urtheil zutrauen, ven Arzt rufen zu lassen. Wird so verfahren, so ist fast jedes Kind zu retten, welches an Diphtheritis er- krankt ist. Berliner Hausbesitzer. Der Berliner Hauswirth ist be- reits im allgemeinen eine typische Figur geworden, welche weit über die Berliner Weichbiidgrenze hinaus eines gewissen Re- nommees sich zu erfreuen hat. Ter treffende und ttcffliche Berliner Volkowitz hat shnr den Titel„Hauspascha" beigelegt, eine Bezeichnung, wie sie zutreffender kaum gedacht werden kann. Ihre Lebensaufgabe besteht darin, an allen Ouattals- oder Monatsersten ein möglichst rundes Sümmchen einzustrei- chen. Steigern! steigern! ist ihr Losungswort und womit suchen sie ihre Steigerung zu begründen? Mit ihren Schuldm! In der letzten Versammlung des Hausbefitzervereins im Norden Berlins wurde statistisch nachgewiesen, daß der Berliner Grund- besitz eine hyvothekenlast von über 4 Milliarden Mark zu tragen hohe, welche 200 Millionen Mark Zinsen erfordern. Die Mielhcn brächten aber nur 192 Millionen Mark ein, die Berliner Jpaus- bcsitzer hätten demzufolge das Vergnügen, 8 Millionen Mark aus ihrer Tasche zuzulegen. Um dieses Tefi'it zu decke», mußte gestergeit werden. Wenn die Verhältnisse that, achlich so liegen,>o ist dies nur als eine Folge der modernen Häuser- spclulation zu betrachten. Häuser werden beute gebaut und gekauft ohne einen Pfennig eigenes Geld. Daß hierdurch un- gesunde Verhältnisse Platz greifen, ist natürlich. Ein sonder- bares Verlangen ist es aber, daß die Miether die Schuldender Herren Hausbesitzer bezahlen sollen. Während anderen Sterte lichen die Wohnungsmiethen unerträglich hoch erscheinen, sind dieselben den hauswitthen noch immer zu niedrig, warum? Weil sie eine große Schuldenlast zu verzinsen haben. Nun, wer kein Geld hat, soll eben auf das Vergnügen,„Hausbesitzer" zu sein, verzichten, um so mehr, als es den.Hausbesitzern als ein sehr zweifelhaftes Vergnügen erscheint, Hausbesitzer zu sein, sie sich vielmehr laut darüber beklagen,„Exekutoren des Staates", Lakaien der Po-> lizei" u. vgl. m. zu sein. Wenn auch den Hausbesitzern mancherlei Lasten aufgebürdet sind, so sind ihnen doch dafür mancherlei Privilegien verliehen, wie sie keinen anderen Sterb- lichcn zu Theil geworden find. Wie naiv übrigens manche Hausbesitzer sind, zeigt der Umstand, daß in derselben Ver- sammlung darauf hingewiesen wurde, daß im Norden die Wohnungsmiethen in den letzten 10 Jahren zurückgegangen sind, während im Zentrum, im Westen rc. die Miethen ge» stiegen sind, und daß dieser Umstand lediglich auf die Lässig- keit der„nordischen" Witthe zurückgefühtt wurde. Daß hier andere Faktoren maßgebend find, als die willkürliche Steige- rungslust der hauswirthe, wird außer diesen jedem einleuchten. hier aber heißt es einfach, wenn in der Friedrichstraße hohe Miethen gezahlt werden, können auch im Norden Höher« Miethen gezahlt werden, deshalb muß gesteigert werden. Wie wenig die Hausbesitzer mit thatsüchlichen Verhältnissen rechnen» beweist die Klage derselben, daß Maurer, Zimmcrleute, die im Soinmer 30 M. pr. Woche verdienen, Wohnungen zu 70 Thaler sich nehmen und obendrein noch Schlafburschen halten. Als wenn die betr. Handwerker das Geld verjubelten oder auf die Sparkasse trügen! Auf welchem Standpunkte die Hausbesitzer stehen, ist ferner recht klar ersichtlich aus der Ant- wort, welche der Vorsitzende des„Vereins Berliner Grundbc- fitzer" auf eine an ihn ergangene Interpellation crthcilte, da- hingehend, ob die Abschaffung der Micthssteucr für die Haus- besitzer von Nutzen sein würde. Natürlich, war die Antwott» denn dann können die Miethen wesentlich gesteigert werden! Woher die Menschen die Deckung der Miethen nehmen sollen, danach wird nicht gefragt; wer nicht zahlt, wird epnittitt, wozu haben wir denn Asyle für Obdachlose? Und dennoch Klagen, nichts als Klagen. Arme Berliner Hausbesitzer! Die von uns mehrfach wegen ihrer„Wahrheitsliebe" gekennzeichnete„Staatsbürger- Ztg." leistet sich in ihrer gestrigen Nummer das Folgende:„Zun, Kapitel der„Arbeiter» frcundlichkeit" gewisser Geschäftsleute wird uns folgender Bei- trag geliefert: Eine hiesige aus der Mäntelnäberinnen- Vewe- gung bekannte Arbeiterin nahm bei zwei hiesigen Schneider- meistern Arbeit an. Als sie sich mit ihren Probearbeitm bei denselben meldete, bemerkte der eine der Freu, daß die Arbeit sehr sauber und eigen sei und sie wohl init den Preisen, welche er ihr dafür zu zahlen im Stande wäre, nicht zufrieden sein würde; doch nahm die Frau in Ermangelung eines besseren die Arbeit dennoch an. Nach einiger Zeit bemerkten ihr beide Meister, daß sie ihr keine Beschäftigung mehr geben dürften, da die Firmen Gebr. Singer und Szafrantzki, für die sie thätig seien, ihnen die Beschäftigung der Frau bei Vermeidung der Entziehung der Arbeit untersagt hätten. So tteibens diese jüdischen„Arbeiterfreunde", aber trotzdem wollen die Arbeiter, wie ein solcher nach einer Rede des Abg. Singer in Dresdm erklärte,„die Juden mit ihren Leibern" decken. Woher wohl angesichts derartiger Thatsachcn bei gewissen Agitatoren solche Begeisterung für die Juden kommen mag?"— Sowert von diefem Erguß die Firma Gebr. Singer betroffen wird, sind rote durchaus in der Lage, erklären zu können, daß die Msttherlung SM« fortgelassen und jetzt nachträglich zugesetzt tst.. gez. Wolfs- gramm." Die„Versehen" waren aber allgemem und kamen, wie der„Fuhrhalter" mittheilt, in jüngster Zest nnederholt in amtlichen Schriftstücken vor. die von der Polrzei zu Potsdam an dortige Furherren gerichtet waren. DaS Eis, welches die Gewässer Berlins und Umgegend deckt, ist in Folge des mit dem Wiederbeginn des Frostes ein- getretenen und anhaltenden Schneefalles von sehr schlechter Qualität. Es hat sich sogenanntes Schneeeis gebildet, welches weder für die Schlittschuhläufer, noch für die Eiswcrke einen Werth besitzt. Unter den öffentlichen Uhren scheint in Folge des Witterungswechsels ein förmlicher Streik ausgebrochen zu secn. Gestern Abend versagte die Normaluhr auf dem Spittelmarkt um 9 Uhr 25 Minuten den Dienst und die Uhr an der Jerusalemer Kirche rührt sich ebenfalls nicht von der Stelle. Gleiche Störungen werden auch noch von anderen Kirchen ge- meldet. Es ist das ein Beweis, daß die Uhren nicht genügen» vor den Einflüssen der Witterung geschützt find. Die Reparaturen find meistcntheils sehr störend und kost- spielig und daher müßte man bei Anbringung derselben sur einen möglichst guten Verschluß Sorge tragen. Käuflicher AdelStitel. Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" öffnet unter der Uebcrschrift„Adoption" folgender Anzeige ihre Spalten.„Einer der ältesten, vornehmsten Fre�- her.ntitel Deutschlands von historischer Bedeutung kann durcy Adoption erblich erworben werden. Unerläßliche Bedingung. Makellose Vergangenheit, achtungswerthc Herkunft, chnstucher Konfession, bedeutendes Vermögen. Unter beiderseitiger Au?- reckterbaltung der allerstrengsten Diskretion können die ersten Präliminarien fchriftlich geführt werden— dann ist aber persönliche Vorstellung des zu Ädoptirenden nothwendig. 0 Drei Damen erschienen an einem der letzten Abende einem bekannten Restaurant der Oranicnsttaße, jede der D von einem herm begleitet. Kurze Zeit saßen die sc« � einem bereits für sie reservitten Tische. Dann W tische drei Herren sich erheben und an einem"" Platz nehmen und dort den gcistteichen An- in Skat fn6,-■...... absolviren. Da ■■ Die Operettensängerin Fräulein S., welche am ver- flossenen Sonntag, wie bereits berichtet, vor dem russischen Botschaftspalais Unter den Linden von Krämpfen befallen und dann in die Charitee geschafft wurde, ist daselbst, nachdem sie sich erholt hatte, gleich wieder entlassen worden. Gestern jedoch wurde die S. wieder in das genannte Krankenhaus vom 86. Polizeirevier aus eingeliefert behufs Observation ihres Geisteszustandes. Das Uttheil der Aerzte lautete nach ein- gehender Beobachtung auf Wahnsinn in der ausgeprägtesten Form. Die Unglückliche leidet an Verfolgungswahn, der in den letzten Tagen einen hoben Grad angenommen und sich so gemeingefährlich gestaltet hat, daß ihre Wirthsleute polizeiliche Hilfe in Anspruch zu nehmen sich genöthigt sahen. Die S-, beiläufig bemerkt eine junge Dame von hervorragender Schön- heit, zertrümmette gestern die Fensterscheiben ihres Zimmers, janimette, daß sie ihr Kind ermordet habe(obgleich sie ein solches gar nicht gehabt) und benahm sich überhaupt derattig, daß ihre Ueberführung in die Charitee zur unbedingten Voth- wendigkeit wurde. Nur um den Kindern den Weihnachtstisch zu decken, sieht man jetzt ärmere Leute nach den Leihhäusern wandern, um vielleicht die letzten Wetthsachen zu verpfänden. So voll, wie jetzt die Leihämter find, waren sie seit langer Zeit nicht. Vor dem Preußischen Leihhause in der Bcuthstraße spielte sich gestern eine Szene ab, welche geradezu herzzerreißend war. Ein altes Mütterchen hatte einige Kleidungsstücke verpfändet und dafür wenige Mark erhalten. Es wollte mit dem Erlöse seinem ganz verwaisten Enkelkinde eine Freude bereiten. Doch kaum auf die Straße getreten, siel sie in Folge des Schneefalles zu Boden, wobei ihr das Geld, welches sie noch in der Hand hatte, entfiel. Als man dasselbe trotz allen Euchens nicht fand, begann die Alte bitterlich an zu weinen. Der Berliner kann aber keine Thränen sehen— die Passanten hätten die Klagen der Unglücklichen und bald hatte eine freiwillige Kollekte den Verlust gedeckt. Wohl selten haben gute Menschen mit Ge- ringcm eine so große Weihnachtsfreude bereitet wie hier. Mit warmen Dankeswotten ging die Alte von bannen, jedem ein fröhliches und gesundes Weihnachtsfest wünschend. Die Freude der Alten beim Einkauf des Weihnachtsgeschenkes wird jetzt eine doppelt große sein. Einem alten Verbrecher wurde am 18. d. M. Morgens in der Linienstcaße ein noch ziemlich guter schwarzer Mantel aus Regenrockstoss mit braunem Sammetkragcn abgenommen, den derselbe von einem Unbekannten erhalten haben will, und von dem angenommen werden nmß, daß derselbe durch eine strafbare Handlung erlangt ist. Der etwaige Eigenthümer kann sich auf dem Kriminalkommissattat, Molkenmarkt 1, Zimmer 73 melden. Die armen Hunde haben zur Zeit entsetzlich zu leiden und besonders auf den Strecken, wo die Pferdebahn die Ge- leise mit dem scharfen Salz bestreut hat, sieht man die be- dauernswetthen Vierfüßler mit Widerstreben gehen, weil die wenig feste Homhaui des Fußballens durchgefressen wird und so dem Thiere große Schmerzen verursacht. Wie scharf das gestreute Salz ist, beweisen die alten Klagen wegen Zerstörung des Leders an den Stiefeln. Auch die Hufe der Pferde leiden arg unter den schädigenden Einflüssen des Falzes, so daß die Pferde zur Heilung der Hufe Lehmumschläge erhalten müssen. Bei Hunden müßte eine sorgfältige Reinigung der Pfoten vor- genommen werden. �, Polizeiliche Sistirung. Am Sonntag, den 19. Dezbr., Vormittags gegen 10 Uhr, wurde der Tischlergeselle Kasemrr Schukalsli am Grünen Weg von mehreren Kriminalbeamten auf das 24. Polizeibureau in der Kleinen Andreasstraße sistirt. Auf der Polizeiwache angelangt, mußte sich Sch. bis auf das Hemd entkleiden. Alles wurde genau durchsucht, sogar Stiefel, Strümpfe, Unterhosen, Hemde, Kragen und Shlips. Es wurde nach polnisch-sozialrevolutionären Schriften gesucht; allerdings ohne Erfolg. Hierauf wurde der Sistirte entlassen. Um die- sselbe Zeit wurde bei dem Tischlergcsellen Adam Braciszewski, Grüner Weg 105, gehauosucht, hier freilich nicht ohne Erfolg. Es wurden mehrere polnische Druckschnften in Beschlag ge- nommen. Schukalski wurde später noch einmal sistitt. Es wurde während des ganzen Sonntags gesucht, doch nichts ge- funden. Am andern Tage bemerkte Schukalski vor seiner Thür, Weberstr. 1—2, zwei ihn wahrscheinlich erwartende Beamte. Es gelang ihm jedoch zu entkommen. Den Beamten, die vor der Thür geblieben waren, dauette das Warten jedenfalls zu lange, sie forschten schließlich in der Wohnung nach und er- fuhren hier, daß der Gesuchte schon längst ausgegangen sei. Die Beamten begaben sich darauf nach der Werkstatt, wo Sch. beschäftigt war, und von hier aus wurde er nach dem Molken- markt sistitt, von wo er erst nach mehreren Stunden entlassen wurde. Die Zahl der in Berlin sich anfhaltenden Ausländer war nach der„Etat. Korr." bei der Volkszählung viel erheb- sicher, als bei früheren Zählungen. Es wurden nämlich unter der ottsanwcscnden Bevölkerung am 1. Dezember v. I. gezählt 156 966 Reichsausländer gegen 98 958 im Jahre 1880, 120 993 im Jahre 1875, 87 804 im Jahre 1871 und 75 589 im Jahre 1867. Die Zunahme in den letzten 14 Jahren beträgt also 69 665 ober 79,8 pCt. Unter den Rcichsausländern befanden sich im Jahre 1885 48 883(1871 16 292) Oesterreicher und Ungarn, 30326(13 520) Dänen, 25 146(20 043) Holländer, 21 217(10 178) Russen. 6663(5070) Briten. 5768(5867) Schweden, 5687(30 313) Schweizer, 4472(3713) Belgier. 2732 (1034) Italiener, 1895(2544) Franzosen, 1229(712) Luxemburger, 1518(1162) andere Europäer, 5055(3516) Angehörige der Vereinigten Staaten und 1178(540) andere Nichteuropäer. Abgenommen hat also seit 1871 nur die Zahl der in Deutsch- land anwesenden Franzosen(um 25,5 pEt.) und Schweden (um 1,7 pEt,), wogegen am beträchtlichsten zugenommen hat die Zahl der Daum(um 124.3 pCt.), der Italiener(um 164,2 pCt.) und der Ocstcrreicher und Ungarn(um 169,4 pCt.). An- aehörige anderer Bundesstaaten waren in Preußen vorhanden im Jahre 1885 319 192, 1880 163 390.(die Zählung von 1880 erscheint hier rote der den Reichsausländern in Folge Mangel- hatten Zählformulars unvollständig, 1875 184 709, 1871 151272 und 1867 109 657). Polizeibericht. Am 22. d. M. Vormittags wurde an der Bmgsttaße dtc Lerche eines Mädchens aus der Spree ge- zogen.- Als um dieselbe Zeit der Arbeiter Heinttch mit einem vundefuhrwerk aus der Papensttaße in die Rosenstraße ein- biegen wollte, gcrieth er zwischen zwei sich entgegenkommende Pferdcbahnwagen und erlitt dabei derattige Ouctsckungen an der linken Hand und dem rechten Oberschenkel, daß er sich nach dem katholischen Krankenhause begeben mußte.— Abends wurde in dem Hause Königgrätzersttaße 140 ein etwa 50 Jahre alter Mann krank vorgesunden und sollte nach dem Elisabeth-Kran- kenhausc gebracht werden, starb jedoch schon auf dem Wege dotthin.— In Folge der durch den Schneefall entstandenen Glätte stürzten viele Personen auf der Sttaße, dabei erlitten, soweit bekannt, am 21. d. M. Abends ein 60 Jahre alter Mann in der Rüdersdorferstraße, ferner am 22. d. M. eine Frau in der Wilhelmsstraße und ein Mann in der Fttedrichs- straße leichte Verletzungen bezw. Gclenkverstauchungen. Außer- dem wurde in der Potsdamerstraße ein Bäckerlehrling, welcher dicht vor einem Omnibus ausgeglitten und niedergefallen war, von demselben überfahren, wodurch er einen schweren Bruch des Oberschenkels erlitt.— Am 22. d. M. fanden Brunnen- straße 80, Oranienstraße 66 und Kurstraße 39 unbedeutende Brände statt._ Gerichts-Zeitung. Der vom preußischen Justizminister Dr. Friedbcrg gethane Ausspruch, daß ein Wechsel der Richter in den Straf- abiheilungen für die Förderung einer guten Strafrechtspflege sich besonders empfehle, hat bei der Beschäftigungseintheilung der Richter des hiesigen Landgerichts t und Amtsgettchts l für das Jahr 1887 keine Beachtung gefunden. Denn in der Be- setzung der sieben Strafkammern und sechzehn Schöffengerichtsabtheilungen sind nur Äenderungcn ganz nebensächlicher Natur eingetreten. Die durch die Vermehrung der Kammern noth- wendig gewordenen Richterstellen sind durchweg mit Hilfs- richtern desetzt, welche aus der Zahl der Amtsrichter entnommen sind, während deren Stellen mit unbesoldeten Gerichts assessoren besetzt sind. Den Schösscnabtheilungen 94, 98 und 100 stehen Assessoren vor. Deren Verwendung als Hilfsrichter bei den Strafkammern, in denen nur zwei als Stellvertreter beurlaubter Landrichter sungiren, bei der 5. und 6a. Strafkammer die Assessoren Simonsohn und Fuchs, ist ausgeschlossen. Vermuth- lich wird der Etat ver Richter bei den beiden genannten Ge- richten mit dem am 1. Aprik k. I. deginnenden neuen Etats- jähre um die manquirendcn Stellen erhöht werden und von diesem Zeitpunkt ab den genannten drei Schöffenabthcilungen Richter zugetheilt werden. t Den unangenehmsten Eindruck von allen VerHand- lungen vor Gericht rufen die Privatbelcidigungsprozesse hervor, die vor den dazu bestimmten Abtheilungen des Schöffengerichts ausgefochten werden. Man erschrickt, wenn man Tag für Tag mehrere Gerichtsböfe mit derattigen Klagen beschäftigt sieht und die langen Terminszettel betrachtet, in denen Pattei neben Pattei mit ihren Anwälten aufgeführt sind. Allein die Rechts- anwaltgebühren, die in solchen Prozessen in unsinnigster Weise verschleudert werden, mögen in einer Stadt wie Berlin jährlich zusammen eine recht bedeutende Summe ausmachen, die wahrlich zu besseren Zwecken zu verwenden wäre. Denn um was für Dinge handelt es sich bei solchen Pnoatbeleidigungsklagen? Die lächerlichsten Nichtigkeiten des Lebens, ein unterlassener Gruß, ein schiefer Blick, einige zufällig gefallene Bemer- kungen entzünden Streitigkeiten, die mit einer Heftigkeit und Erbitterung ohne Gleichen ausgefochten werden. Und dabei giebt ein Prozeß stets Anlaß zu einem neuen; das Nebel pflanzt sich wie eine Seuche fott. Die eine Pattei hat einen Privat- beleidigungsprozeß angestrengt, flugs wird ihr von der anderen Seite eine Gegenklage an den Hals gehängt; sofott sammelt sie neues Matena!, formulitt eine zweite Klage, die Gegen- pattei thut natürlich dasselbe, und so bilden sich wahre Ratten- könige von Prozessen, die selbst dem gut geschulten Richter es schwer machen, durchzukommen. So werden diese Verhandlungen zu einer der schlimmsten Belästigungen für das Gericht; andererseits bieten sie jedem, der die zeitgenössischen Sitten kennen lernen will, die beste Gelegenheit, sein Wissen zu ver- vollkomnmen und seine eingepflanzten Anschauungen zu bench- tigen. Es ist soviel die Rede von den Fortschritten, welche die Zivilisation in diesem Jahrhundett gemacht haben soll; wer aber aufmerksam diese Belcidiaungsprozesse verfolgt, erstaunt über die abgrundtiefe Bosheit des Menschen, die sie oft genug enthüllen.„Kübel von Gemeinheiten" werden täglich in diesen Verhandlungen vor Gericht entleett. Und meistens sind es Angehörige ver„gebildeten Stände", die sich hier vor Gericht entgegenstehen. Nicht, daß wir meinen, im„Volke" gebe es nicht auch Menschen mit nichtswürdiger Gesinnung, aber so ab- gefcimt, so rassinirt, so ausgeklügelt treten dott die Verleumdung, die Niedertracht und alle übrigen häßlichen Instinkte nicht auf, es geht naturwüchsiger zu, und wenn wir auch durchaus nicht der rohen Gewalt das Wort reden wollen, so müssen wir doch gestehen, daß eine Rauferei, die mit ehrlichen Faustschlägen zwischen zwei Gegnern ausgefochten wird, auf uns einen besseren Eindruck macht, als die in alle Formen der Sitte ge- kleidete heimtückische Hinterlist, welche Nngchöttge der„vornehmen" Klaffen gegen einander anwenden. Uebttgens ist das ,ün alle Formen der Sitte gekleidete" nicht immer zu finden. Was soll man z. B. von der„Bildung" und der„Sitte" der trau eines wohlhabenden Kaufmanns sagen, der durch eine nzahl von Zeugen der Gegenpattei nachgewiesen wurde, daß sie stinkenden Unrath höchsteigenhändig der Nachbarfamilie, mit der sie verfeindet war, in das Enttee geworfen, und daß sie ihre Kinder dazu abgerichtet, den Mitgliedern jener Familie von hinten auf die Kleider zu spucken? Die„Dame" war in prachtvoller Toilette und mit Geschmeiden behängt erschienen. Oder verdient jener pensionirte Beanite, der eben- falls gestern zu erscheinen hatte, größere Achtung, der, wie sich herausstellte, ohne jede Veranlassung sich überall gerühmt hatte, er habe eine verheirathete Frau zum Ehebruch verleitet? Der Herr trug Handschuhe und verfügte über ein würdiges Gesicht und eine gewählte Ausdrucksweise.— Wir wollen die Beispiele nicht häufen, um nicht monoton zu werden, wollen die Schimpfwotte nicht angeben, welche die Prozeßakten füllen, die bösen Nachreden, Verleumdungen, Ehrabschneidereien nicht erwähnen, die in solchen Verhandlungen festgestellt und bestraft werden. Das einzig Erfreuliche in solchen Prozessen ist, wenn es dem Richter gelingt, einen Ausgleich zwischen beiden Par- teien zu Stande zu bttngen; manche Menschen scheinen in der That erst vernünftig und versöhnlich zu werden, wenn sie vor dem grünen Tische stehen. Um so abscheulicher aber ist die Hartnäckigkeit und Unversöhnlichkeit gewisser Prozcßführender, die ohne von eigener Schuld frei zu sein mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache würdig wäre, auf die möglichst hatte Bestrafung des Gegners dringen. Sie find schlimmer als der- jenige, dessen Verurtheilung sie schließlich herbeiführen, denn von ihnen gilt das Wort: In einen Fehler zu verfallen, ist nichts, aber in einem Fehler zu beharren, das ist Sünde! Ragnit, 21. Dezember. Ein kürzlich beim Reichsgettcht beendeter Prozeß macht augenblicklich viel von sich reden. Vor zirka fünf Jahren wurde einem Knaben, der bei dem Witth K. in K. diente, vurch eine Dreschmaschine der Fuß derartig be- schädigt, daß derselbe Hierselbst amputirt werden mußte. Nach geschehenem Unglück verlangte der Vater des Verletzten von dem Arbeitgeber lebenslängliche Verpflegung des Knaben oder eine cinmailge Entschädigung von 900 M. Da jener beides ver- weigerte, ging der Prozeß durch alle Instanzen, bis K., wie die „K. H. Ztg." meldet, endgiltig vom Reichsgettcht zur Zahlung von einer einmaligen Unterstützung von 200 M. und einer lebenslänglichen von 6 M. monatlich sowie in die Kosten ver- uttheilt wurde. Das Verbrennen lästiger Leute scheint in Frankreich seit einiger Zeit zur Gewohnheit werden zu wollen. So stand dieser Tage vor den Geschworenen des Eure-et Loirdepatte- ments ein gewisser Julien Panais unter der Anklage, seine Frau mit einem Schlage betäubt, auf ein Lager von Reiswellcn gelegt, mit Pettoleum übergössen und angezündet zu haben. Um die Nachbarn zu täuschen, schrie er mitten in der Nacht; „Hilfe! Hilfe! Feuer! Feuer!", aber als man herbeieilte, war vas Haus noch unversehrt und vor dem Kamin der Kammer lag die todte Frau mit entsetzlichen Brandwunden und starkem Pettoleumgemch. Panais hatte seiner Frau im Rausche oft gedroht, er würde sie mit seinem Hause verbrennen, und er stand im Rufe, auch seine erste Gattin zu Tode mißhandelt;u haben. Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe; allein da der Angeklagte hattnäckig darauf bestand, seine Frau wäre ins Kaminfeuer gefallen, so ließen die Geschworenen mildernde Umstände zu und statt zum Tode wurde er zu lebenslänglicher Zwangsarbett veruttheilt. In acht Tagen der zweite derattige Vereine und Versamminngell. Vereinigung deutscher Stellmacher. In der letzten Versammlung, welche am Mittwoch Abend in 5)eise s Lokal, Lichtenbergett'tt. 21, tagte, hielt der Vorsitzende Herr Menzel einen Vorttag über den Werth der gewerkschaftlichen Orgam- sation, wobei er das heutige Jnnungswesen scharf ttitisitte und zum Anschluß an die Vereinigung deutscher Stellmacher auf- forderte. An der Diskussion bctheiligten sich mehrere Redner im Sinne des Referenten. Hierauf beschloß die Versammlung, am 5. Februar k. I. in demselben Lokale einen Ball abzuhalten. Die nächste Versammlung soll ebenfalls und zwar am 10. Januar in dem genannten Lokale abgehalten werden. Nach Erledigung einiger gestellter Fragen wurde die Versammlung geschlossen. Der Fachverein der Böttcher Berlins hielt am 19. d. M. in Heise's Lokal, Lichtenbergerstraße 21, eine Versammlung ab, in welcher der Vorsitzende mitlheilte, daß alle Vcrcinsmitglieder von Neujahr ab das Blatt„Der Gewerkschafter" gratis erhalten. Es wurde beschlossen, daß jedes Mitglied 10 Pf. zu zahlen hat, wofür jedem das Blatt ins Haus gebracht wird. Hierauf wurde den Mitgliedern der Arbeitsnachweis des Vereins warm empfohlen und auf die Mißstände, welche das„Umschauen" im Gefolge hat, hingewiesen. Zur besseren Kontrole ward alsdann eine aus 8 Personen bestehende Kontrolkommission gewählt. Ein Mit- glied stellte den Antrag, von jedem Mitgliede wöchentlich 10 Pf. extra zu erheben zur Begründung eines Fonds, aus welchem arbeitslose Kollegen unterstützt werden sollen, wenn ihre Arbeits- losigkeit länger als eine Woche dauert. Die Versammlung be» schloß, über diesen Antrag in einer späteren Versammlung Be- schluß zu fassen und bewilligte hierauf zwei hilfsbedürftigen Kollegen eine Unterstützung von je 20 M. Schließlich wurde beschlossen, gegen Herrn Brandner, welcher seinen Verpflich- tungen gegen den Verein nicht nachgekommen ist, energisch vor- zugehen. Der Fachverein der Tischler veranstaltet am ersten Weihnachtsfeiettage in der„Berliner Ressource", Komman- dantensttaße 57, eine Festlichkeit, destehend aus Konzett, Gesangs- und deklamatorischen Votträgen, Theatervorstellung und Ball. Anfang des Konzetts Nachmittags 4& Uhr, des Balles nach 12 Uhr. Billets sind nur vorher zu haben bei den Mitgliedern Böhm, Johannitersttaße 10, Hof III; Gmenwaldt, Prinzenstraße 8, III, bei Konrad; Glocke, Lausitzerplatz 2, Hof patt.; Äeinz, Äanteuffelstt. 93, Iii links; Haase, Rheinsberger- straßeI13, I; Apelt, Belle-Alliancestt. 61, Hof rechts V; Thierbach, Neue Königstt. 72; Bcsold, Bergmannstt. 96; Fest, Hollmann- sttaße la, I; Palme, Andreasstt. 17, Hof Ii; Schulz, Btttzer- straße 42; Witte, Möckemstt. 95; Jakob, Ackerstt. 71 und Bielstein, Gattcnstt. 3, iv(bei Biedermann). An der Kasse des Lokals werden leine Billets ausgegeben.— Der Zentral- Arbeitsnachweis des Vereins(Blumcnstr. 56) ist am 24., 25., 26. und 31. Dezember, sowie am 1. Januar für Arbeitsuchende geschlossen; jedoch können schriftliche Gesuche der Arbeitgeber um Zuschickung von Gesellen auch an diesen Tagen in den am Eingang zum Arbeitsnachweis befindlichen Briefkasten ge- legt werden.— Die Zahlstellen des Vereins sind am 25. Dezember und 1. Januar ebenfalls geschlossen. Zentral-Kranken- und Sterbekasse der Tischler K- Den Mit glied em obiger Kasse wird hierdurch bekannt gemacht, daß wegen des bevorstehenden Weihnachts- und Neujahrsfestes die Beiträge auf den Zahlstellen sämmtlicher Verwaltungsstellen Berlins am Freitag, den 24.(Heiligabend), und Freitag, den 31. Dezember(Sylvester), von 8 his 10 Uhr durch die Bei- ttagsammler entgegengenommen werden. Durch wiederholte Bekanntmachung des Vorstandes in Hamburg wird darauf auf- mcrksam gemacht, daß sämmtliche in diesem Jahre fälligen Bei- träge vor dem 1. Januar bezahlt sein müssen. Fachverein der Metallschleifer und verwandten Berufs- genossen. Am 27. Dezember, Vormittags 10 Uhr, findet in Ktteger's Salon, Wassetthorsttaße 68, eine Versammlung statt. T.-O.: 1. Vortrag des Herrn Dr. Stahn über das Wesen der Kometen und Sternschnupven. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. 4. Fragekasten. Gäste willkommen. Der Verein znr Wahrung der Interessen der Tischler arrangirt am ersten Weihnachtsfeiertag ein Vergnügen in Klein's Salon, Oranienstraße 180, bestehend m Konzert und komischen Vorträgen, sowie Auftreten des Zauberkünstlers Herrn Bcrndt. Anfang 6 Uhr. Billets find zu haben bei den Herren Lackur, Ädmiralstt. 26 II, Frank, Reichenbergerstt. 46, Lerche, Fruchtstraße 52, Stiegelmeier, Gitschinerstr. 93, Werschke, Adalbert» straße 16, Pschickholz, Straußbergerstr. 43. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Freitag. Gesangverein„Nord-Jubal" Abends 9 Uhr Veteranenstt. 19. „Liedertafel der Maler Berlins". Abends 5� Uhr Gesangstunde in Neu-Tivoli, Oranienstraße 52.— Turnverein„Hasenhaide" (Männcrabtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenbachstraße 60 61.— Zitherklub„Alpenveilchen" Abends 8t Uhr im„Anhaltincr", Tempelhofer Ufer, Ecke der Möckemstraße.— Rauchklub„Westend" Abends 9 Uhr im Hohenzollerngatten, Steglitzerstt. 27.— „Steno-tachygraphische Gesellschaft Abends 8 Uhr im Restaurant Stein, Roscnthalerstr. 38. Kleine Mitteilungen. Prenzlau, 20. Dezember. In der Tomower Feldmark wurden vor einiger Zeit beim Auskarren eines Pfuhls 30 steinerne Kanonenkugeln gefunden, die anscheinend aus der Zeit nach der Schlacht von Fehrbcllin herrühren, um welche die Schweden auf ihrem Rückzüge durch jene Gegend marschirtcn. Sprottau, 22. Dezember. Seit vorgestern herrscht hier starker Schneefall und heftiges Schneetreiben. Heute Nacht ist ein Eisenbahnzug bei Quaritz und ein zweiter bei Gcbirgsdorf im Schnee stecken geblieben. Hirschberg, 22. Dezember. Die Bahnlinien in der Rich- tung auf Kohlsurt und Görlitz sind von Lauban aus gcsvertt; dagegen find die Bahnen in der Richtung auf Breslau und Schiniedeberg wieder frei; auf der ersteren haben die Züge aber noch bedeutende Verspätung. Breslau, 22. Dezember. Der Eisenbahnverkehr auf den Strecken Liegnitz-Kohlfutt und Liegnitz-Sommerfeld-Sagan ist durch Schneeverwehungen gänzlich unterbrochen. Dresden, 22. Dezember. Die in Folge der Schneever- wehunacn eingetretenen Betriebsstörungen dauern heute fott. Alle Bahnlinien, auch über Tetschen hinaus und nach Breslau, sind gespcirt. Mit Leipzig ist ein Postdienst auf Schlitten ein- gerichtet. In Riesa werden die Poststücke ausgewechselt. Chemnitz, 22. Dezember. Seit gestern Abend ist kein Eisenbahnzug hier eingetroffen und von hier abgegangen. Auch im Innern der Stadt ist der Verkehr gehemmt. Der Pferdebahnbettteb ist seit gestern gänzlich eingestellt. Der Droschken- und Schlittenverkchr ist bedeutend beschränkt, da die Behörde die Pferde zum Fortschaffen der Schnccmassen re- quitttt hat. Graz, 20. Dezember. Ein Raubmord ist gestem in St. Veit ob Andritz an dem 61jährigen Kaufmanne Franz Koth- aaßner verübt worden. Als dessen Gattin aus der Kirche nach Hause kam, fand sie ihren Mann mit eingeschlagener Hirnschale hinter dem Verkaufstische liegen. Er lebte noch, gab aber nach wenigen Minuten den Geist auf. Der Mörder hatte die Brief« tascke des Ermordeten mit sich genommen und die Geldlade aufgesprengt und entleett. Die geraubte Summe dürfte aber im Ganzen nur 50 fl. betragen. Das Haus Kothgaßner's welcher auch Tabakttasikant war, liegt in einer belebten Haupt- straße. Der Mord wurde zwischen 6 und 7 Uhr früh verübt. Der Mörder dürfte das Verbrechen mit einem mitgebrachten schattkantigen Werkzeuge verübt haben, welches jedoch nicht vorgefunden wurde. In Andritz und den umliegenden Ge« meinden werden von der Gendarmerie eifttge Nachforschungen nach dem Thäter gehalten, bis jetzt vergeblich. Im vorigen Winter wurde bei Kothgaßner wiederholt eingebrochen. Budapest, 22. Dezember.(Dreifache Hinttchtung.) Am Dienstag, 14. d., Vormittags um 11 Uhr, wurden die drei Raubmörder Jufan Malekies, Salih Eitakovics und Jusuf Rupics, welche im Apttl d. I. den Popen Gavrics sammt dessen Gemahlin in Valuf, Bezirk Brcka, ausgeraubt und dann ermordet hatten, durch den Sarajevoer Scharfrichter Seyfried hingerichtet. Die Hinrichtung fand nächst dem Orte Celics, dem Geburtsorte der Räuber, an der Fahrstraße nach Brcka, unge- fähr 100 Schritte vom Wcichbilde des Dorfes entfernt statt. Dre Todesstrafe wurde zuerst an Jufan Malekics, dann an Salih Citakovics und zuletzt an Jusuf Rupics vollzogen. Alle Drei waren ruhig und verschlossen bis zum letzten Augenblick. Die vier anderen Genossen der Räuber wurden zu 20jähriger schwerer Kerkerstrafe begnadigt. Lemberg, 21. Dezember. Die Bezirksstadt Dolina ist nahezu ganz eingeäschert. Der Brand entstand durch Unvor- fichtigkeit und griff bei herrschendem Sturmwinde rasch um sich. 360 Häuser, darunter auch das Gerichtsgrbäude mit allen Akten, wurden ein Raub der Flammen; die Bezirkshauptmannschaft, die Post, das Telegraphenamt und die Porschußkasse blieben unversehrt. Ein Verlust an Menschenleben ist glücklicherweise nicht zu beklagen. Paris, 22. Dezember. Im nördlichen und östlichen Frank« reich herrschen Schneestürme, in Folge deren der Eisenbahn- verkehr stockt. In den Departements Vogesen, Meurthe und Nonne find mehrere Bahnzüge im Schnee stecken geblieben. An mehreren Stellen der Route nach Belfort liegt der Schnee zwei Meter tief. Vermischtes. Vom Hauslehrer zum Botschafter. In der„W. Allg. Ztg." finden wir die folgende Schilderung des Lebenslaufes eines Diplomaten:„Er war in recht dürftigen Verhältnissen aufgewachsen; im Lyzeum war er ein braver Vorzugsschüler, allein seine Schulzeugnisse bildeten seinen ganzen Reichthum. Dann kam er auf die Universität, wo sich die Genies und Talente aus aller Herren Ländern Rendezvous gaben. Er studirte Jas; in einer armseligen Dachstube fristete er sein akademisches Leben dahin und hatte mit Henri Murger's„Zigeuner" nur die Armuth gemein, nicht aber auch den leichten Lebensstnn. Die„Mimis", welche in das Zigeunerleben der akademischen Bummler so viel Unterhaltung brachten, kannte er nicht. Denn er studirte und hatte keine Zeit und Lust zum Tändeln und wurde, dank seinem Fleiß und seiner Ausdauer— Advokat. Nun stieg er vom „Olymp" eines Vorstadthauses ins Parterre herab. Wer zu ebener Erde hatte er ebenso wenig Glück, wie in der Hochgele- genen Dachkammer. Die Klienten kamen nicht, lasen auch die kleine Aushängtafel nicht und wußten überhaupt nichts von seiner Existenz. Phlegmatisch dachte er: warten hilft nichts und kehrte zu seinen— Lektionen zurück. Der Advokat wurde Hauslehrer. Mit einer guten Empfehlung verschen, stellte er sich einer jungen Wittwe vor, welche einen Lehrer für ihre Kinder suchte. Er gefiel und wurde Hauslehrer. Er kam pünktlich zur Stunde, gab den Kindern Unterricht und ging. Die Mutter war sehr zufrieden, die Kinder brachten gute Schul- Zeugnisse heim und waren brav. Aber Madame war auch sehr reich, sie brauchte Jemanden, der ihr Vermögen verwaltete. Der ernste Hauslehrer schien ihr die geeignetste Person zu einer solchen Vertrauensstellung, war er ja doch auch Advokat und hatte gründliche Gesetzeskenntniß. So avanzirte er zum Ver- walter; mit der Zeit lernten Gebieterin und Vermögens- vermalter einander lieben. Der junge, klientenlose Advokat wurde der Gatte der reichen Frau. Nun war er auf der Ööhe der Situation; bald regnete es förmlich Klienten, sein Name wurde bekannt, seine Landsleute schickten ihm ein Deputirten- mandat und er gewann in kurzem großen Einfluß. Er zeigte auch großes Verständniß für internationale Politik und avanzirte zum Vertreter seiner Nation im Auslande. Vor wenigen Tagen noch wurde ihm sogar das Portefeuille des Aeußern von seiner Heimath angetragen, allein er lehnte ab. Er hat sich nun mit Weib und Kind auf seinem neuen Posten installirt und führt ein musterhaftes Familien- leben. Der Mann, dessen Lebenslauf hier geschildert wurde, ist der Botschafter der französischen Republik am Wiener Hofe— Herr Decrais. Der Unfinn wird epidemisch. Ein neuer Hungerkünstlcr hat sich gemeldet, nämlich der Lastträger in Pilippeville(AI- gerien), Salvator Martabelli, ein englischer Matrose, von Malta gebürtig, welcher 72 Tage lang nichts essen und am 73. einen Sack mit 160 Liter Gerste auf seinen Rücken laden und tragen will. Er litt, so erzählt Martabelli, mit dem„Duke of Cumber- land" im Sund Schiffbruch und wurde, während die ganze übrige Mannschaft ertrank, auf ein Sandinselchen verschlagen, wo er 72 mal 24 Stunden ohne Nahrung ausharrte, bis die französische Bria„Molare" ihn erlöste. Er erbot sich der Redaktion des Blattes ,,Zeranna", dasselbe nochmals zu thun, wenn man ihm, statt fernes Tagelohnes von 4 Frks., 20 Frks. Säbe. und das Blatt nahm an. Letzten Mittwoch wurde die irobe nach einer reichlichen Mahlzeit begonnen. Ueber den großen Eisenbahndiebstahl wird der„Nat.- Ztg." aus Brüssel folgendes geschrieben:„Von allem Anfang an war man bei der Verfolgung des Millionendiebstahls von der Gewißheit ausgegangen, daß die verdächtigten und später entdeckten' fünf Engländer nicht allein an dem Äillionenpostdieb- stahl betheiligt sein können. Sie waren wohl die unmittelbaren Thäter, allein ohne zahlreiche Mitschuldige, welche auf die Existenz einer ganzen, wohl organifirtcn Bande schließen lassen, hätten sie den Raub unmöglich in Sicher- heit bringen können. Neben den Diamantenpacketen haben die Diebe mehrere Säcke mit Briefen mitgenommen, von denen sie, wenn sie nicht sofort in die Hände der Polizei fallen wollten, einen Theil in Brüssel zurücklassen mußten. In der bel- gischen Hauptstadt also mußten die Komplizen der englischen Postdicbe gesucht und gefunden werden. In dieser Annahme wurden die Behörden schon vor einigen Tagen durch einen eigenthümlichen Fund bestärkt. In den Kanälen verschiedener Straßen wurden nämlich zahlreiche, dem ausgeraubten Postwagen entstammende Briefe, alle eröffnet, gefunden. Da die Kanäle tagtäglich untersucht werden, in den ersten Tagen nach der Entdeckung des Postdiebstahls aber nichts gefunden wurde, so Snd jene Briefe offenbar von den in Brüssel weilenden Atgliedern der Bande in die Kanäle geworfen worden. Gestern nun wurde im Lesesaale des„Grand Hotel", unter einem Teppich versteckt, ein Packet gefunden, welches 128 Briefe, 11 Postkarten und eine Anweisung auf 400 M. enthielt. Sämmtliche Briefe und Karten trugen den Poststempel amerikanischer Orte und waren nach Rußland und Polen adresfirt. Die Anweisung auf 400 M. lautete auf einen Bankier in Leipzig und wurde nicht behoben. Nach den Aus- sagen der Bediensteten des„Grand Hotel" kann dieses Packet erst in der letzten Zeit im Lesesaale, welcher täglich gereinigt wird, hinterlegt worden sein, was darauf schließen läßt, daß die Komplizen der englischen Diebe, während nach den letzteren in England gefahndet wurde, in Brüssel verblieben, wo sie sich thatsächlich einer großen Sicherheit erfre"ten. Seit dem Postdiebstahl nun überwachte die hiesige Post sehr sorgfältig alle aus England kommenden Korrespondenzm. Es siel nun auf, daß ein Deutscher Namens Eberhard seit ungefähr 20. November poste restante zahlreiche Briefe theils aus England, theils aus Deutschland erhielt. Die Allürm dieses Fremden, welcher sich gewöhnlich in Begleitung zweier anderen Deutschen befand, waren um so verdächtiger, als die ihn de- wachmden Detektives konstatirten, daß der unter dem Namen Eberhard Eingetragene in Wirklichkeit Karl Müller hieß. Vor- gestern erhielt dieser Mann ein aus Leipzig datirtes Telegramm poste restante ohne jede Unterschrift mit dem Inhalt �.Verkaufet Steine". Der Inhalt dieser Depesche, sowie der Mangel der Unterschrift war aufgefallen, und der Postdirestor begehrte von Eberhard die VorzeigungeinesPaffes. Eberhard zeigte einen solchen, der sich aber als gefälscht erwies. Leider war die hiesige Polizei so unvorsichtig, nicht sofort zur Verhaftung dieses Individuums zu schreiten. Sie glaubte, durch dessen fernere Beobachtung sichere Indizien erhalten zu können. Der Gauner hatte aber gemerkt, daß er sich in Brüssel nicht mehr sicher fühlen könne. Er wußte die ihn dewachenden Detettivs zu täuschen und flüchtete sammt seinen beiden Genossen nach Teutschland. Wie lonstatirt wurde, haben die drei Gauner Mittwoch Nachts den Schnell- zug nach Düsseldorf benutzt. Aus den mittlerweile aufgefangenen Briefen an den falschen Eberhard geht mit Gewißheit hervor, daß er und seine beiden Genossen der internationalen Bande angehören, welche den Postdiebstahl verübte. Das Signalement derselben wurde den deutschen Behörden telegraphisch über- mittelt. Bei Durchsuchung der Wohnung Eberharde wurden die Kouverts mehrerer dem ausgeraubten Postwagen entstammen- der Gcldbriefe gefunden, so daß jeder Zweifel an der Mit- schuld Eberhard's ausgeschloffen ist." Zur Medizinalstatistik. Tie Zahl der gesammten im Deutschen Reiche vorhandenen Aerzte beträgt gegenwärtig 16 292 nebst 478 Zahnärzten. Von dieser Zahl entfallen auf Preußen 9347 Aerzte und 231 Zahnärzte. Die Vcrtheilung der- selben im Verhältniß zur Einwohnerzahl und zur räumlichen Ausdehnung der einzelnen Distrikte ist derartig, daß entlang der Ostgrenze dieselben am spärlichsten ansässig find, während die westlichen Provinzen und Süddeutschland bedeutend höhere Zahlen aufweisen. Die reichlichste Zusammenhäufung findet aus mancherlei Gründen natürlich in den Universitätsstädten statt. Auf 10 000 Einwohner kommen in Deutschland im Durchschnitt 3,38 Aerzte; die ungünstigsten Zahlenverhältnisse weisen die folgenden Regierungsbezirke auf: Gumbinnen 1,37; Köslin 1,62; Oppeln 1,71; Marienwerder 1,77: die höchsten Zahlen Baden, Hamburg und Heidelberg mit 6, Berlin mit 9. Nach der räumlichen Ausdehnung kommen auf je 100 Quadrat- Kilometer an Aerzten im Reg.-Bez. Köslin 0,65; Reg.- Bez. Gum- binnen 0,68; Reg.-Bez. Marienwerder 0,84; Reg.-Bez. Breslau 4,04; Liegnitz 2,22; Oppeln 1,93, während die höchsten Sätze sich finden in Wiesbaden mit 8, Köln und Dresden 9, Düffel- dorf und Leipzig 10, Lübeck 11, Mannheim 12, Bremen 30, Hamburg 78. Die höchste absolute Aerztczahl hat Berlin mit 1193 aufzuweisen. Die Stadt Breslau hat 272 Aerzte, 5 Wundärzte und 11 Zahnärzte. Die Ausbildung im ärztlichen Studium erfolgt an 10 deutschen Universitäten, welche zur Zeit 8261 Studirende in der medizinischen Fakultät aufzuweisen haben, wozu noch 2 speziell militärärztliche Bildungsinstitute in Berlin kommen. An den 9 preußischen Universitäten erlangten im letzten Prüfungsjahre 434 Kandidaten die ärztliche Approbation. Die Zahl der aktiven Militärärzte in Preußen beträgt zur Zeit 997, und zwar nach der Charge: 1 Generalstabsarzt mit dem Range eines Generallieutenants, 13 Generalärzte erster Klasse mit dem Range eines Obersten, 13 Generalärzte zweiter Klasse mit dem Range eines Oberst- lieutenants, 132 Oberstabsärzte erster Klasse mit Majorsrang, 128 Oberstabsärzte zweiter Klasse mit Hauptmannsrang, 383 Stabsärzte mit Hauptmannsrang, 173 Assistenzärzte erster, 2150 Assistenzärzte zweiter Klasse mit dem Range als Premier- resp. Sekondelieutenant.— Von dieser Zahl gehören 66 der Marine an, die in den beiden Äarincstationen der Ostsee und der Nord- see gleichmäßig vertheilt find. Apotheken giebt es in Deutsch» land 4638, zirka eine auf je 10 000 Einwohner. Preußen befitzt 2526. Das ungünstigste Verhältniß zur Einwohnerzahl besteht im Reg.-Bezirl Oppeln, wo auf 10000 Einwohner 0,53 Apotheken kommen, demnächst kommt Gumbinnen mit 0,55, während am günstigsten Waldeck mit 1,94 dasteht. Im letzten Prüfungsjahre bestanden 175 Pharmazeuten die Apothekerprüfung. Die Zahl der Heilanstalten beträgt in Deutschland 2670 mit 130207 Betten, wovon auf Preußen 1436 mit 73 724 Betten entfallen. Die Ueberreste der Expedition Porro. Aus Rom wird geschrieben: Von den Leitem der italienischen Expedition zur Auffindung der Ueberreste des Grafen Porro und seiner Be- gleitet, Lieutenant Marquis Benzoni und del Volle, ist ein Schreiben angelangt, in welchem die Art und Weise der Auf- findrng erzählt wird. Nach unzähligen Gefahren und Ent- dehrungen aller Art gelangten dre Italiener in die Nähe der Stelle, wo sie die Gebeine der Dahingeschlachteten vermutheten, als plötzlich eine Rotte berittener Eingebomer— nach der Behauptung der Führer dieselben, welche Porro getödtet hatten Lanzen und Bogen mit vergifteten Pfeilm schwingend, auf die t:emdlinge eindrangen.—„Wir mußten, um nicht das Schicksal orro's zu theilen," erzählt Lieutenant Benzoni,„auf die wil- den, heimtückischen Neger schießen. Als zwei derselben sich in ihrem Blute wälzten, erkannten die Uebrigen, daß wir mrt uns nicht spaßen ließen und sprengten davon. Allein nun weigerten sich die eingeborenen Somali- Führer, uns weiter zu begleiten, da die Rotte nur um Sukkurs zu holen davongeeilt wäre. Wir waren durch Porro's Schicksal gcwamt; uns nutzlos zu opfem, hätte ja auch unsem Plan nickt gefördert und somit kehrten wir nach Zeilah zurück. Hier erfuhren wrr durch einen arabischen Piloten. Namens Kalem, folgende Einzel- heilen, die unsere bisherigen Pläne vollkommen um- warfen. Gleich nach der Niedermetzclung der Porro schen Expedition- so erzählte Kalem- habe der englische Gou- verncur einen mit der Gegend vertrauten Soldaten m Beglei- tung eines bewährten Somali-Diners an die Mordstatte ge- schickt, um die Ueberreste der Ermordeten zu begraben. In der That fanden die Boten in der Ebene von Artum das Ge- suchte: vier Skelette, nebst einer Menge verstteuter Knochen— was die wilden Thiere eben übrig gelassen hatten. Die Boten gruben zwischen zwei Bäumm eine tiefe Grube, worin sie die Gebeine legten; die Stelle sei überdies durch einen Kranz großer hemmgelegter Steine erkenntlich. Benzoni und del Balle belohnten den Araber und begaben sich sofort in dessen Beglei- tung zum englischen Gouvemeur. der diese Angaben nach eini- gem Hin- und Herreden bestätigte. Er ricth jedoch den Rei- senden von dem Betteten der Unglücksstclle dringend ab und stellte ihnen denselben Soldaten, der die Gebeine degrabm hatte, zur Verfügung. Um jeden Verdacht der in Zeilah an- säsfigen Somali zu zerstteuen, reisten die Italiener nach Aden ab. Der Soldat wiederholte hierauf sein Wagestück; er fand die primttive Grabstätte wieder und entführte mit Hilfe seines Somalibegleiters die Ueberreste der Ermordeten. Nach tele- graphischer Meldung aus Adm habm die Reisenden die Ueber- teste ihrer unglücklichen Genossen in Empfang genommen. Ueber den gewaltigen vulkanischen Ausbruch auf der Insel Niua Föon in der Südsee berichtet die„Voss. Ztg." folgende Einzelheiten:„In einiger Entfemuna von den Freundschaftsinseln gelegen und unter deren Botmäßigkeit stehend, enthält die Insel eine Bevölkcmng von 1200 Eingeborenen und auch drei europäischen Händlern. Obwohl vulkanischen Ursprungs, befindet sich Niua Föon schon über 30 Jahre in Ruhe. Der letzte Ausbmch hatte im Jabre 1853 stattgefunden und furchtbare Verheemngen angerichtet. Ende August d. I. machten sich die ersten Anzeichen eines bevorstehenden Ausbmchs demerkbar, und 24 Stunden vor dem Eintritt des- selben dauerten heftiger Donner, Blitze und starkes Erdbeben fast ununterbrochen an. Am 31. August gab plötzlich nach einer mächtigen Erschüttemng der Erde die Bodenkruste nach und eine ungeheure Feuersäule erhob sich bis zu einer Höhe von 2000 Fuß. Sturzbäche kochenden Wassers, heiße Steine und brennende Asche begleiteten das seltene Naturspiel und ergossen sich in dichten Massen über den größeren Theil der Insel, den sie bis zu einer Tiefe von 20 bis 30 Fuß verschütteten. Die ganze Vegetation war ver- nichtet nnd die zuvor grünen Felder waren in unwirthliche Steppen verwandelt. Sämmtliche Dörfer mit Ausnahme zweier wurden zerstört and ungefähr 12 Fuß unter der jetzigen Ober- fläche vergraben. Die Ausbrüche hielten zehn Tage an, aber erst am 20. September hörten die Erderschüttemngm gänzlich auf. Glücklicherweise war der Verlust an Menschenleben nur gering. So weit wie bekannt ist, wurde kein Einziger beim Ausbmch selbst getödtet, obwohl mehrere vermißt werden und fünf Greise später an den Folgen des Schrecks starben. Zwei oder drei Fahrzeuge sind von den Behörden Tongas mit Lebensmitteln befrachtet den unglücklichen Bewohncm der heimgesuchten Insel zur Hilfe gesandt werden. Während die Insel jetzt wieder vollkommen in Ruhe ist, wird ein Ausbruch auf der Nachbarinsel gemeldet." Kriefkalien der|UdaKtum. Bei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. Alter Abonnent. Die im Jahre 1885 anerkannte For- dcmng verjährt frühstens am 31. Dezember 1887. Die Dauer der Verjährungsfrist hängt davon ab, aus welchem Rechts- gründe die Fordemng entstanden ist. S. u. M. Der Mann haftet nicht für die vorehelichen Schulden der Frau. C. A. Mädchen bedürfen vom zurückgelegten 24. Lebens- jähre ab nicht mehr der väterlichen Einwilligung zur Ehe- schließung. Älter Abonnent. Die Honorarforderung des Arztes ist noch nicht verjährt. Nach der Medizinaltaxe kann er aber nur 5 M. verlangen, 3 M. für den ersten und 2 M. für den zweiten Besuch. Erheben Sie gegen den Zahlungsbefehl wegen einer Mark und der Kosten Widerspruch. M. 1881. Ob Sie der Vater jenes Kindes find, können wir nicht wissen. Fragen Sie beim hiesigen Einwohnermelde- amt nach, ob ein solches Kind geboren ist. Die Fordemng von 300 M. ist jedenfalls zu hoch. Ter Anspmch auf Tauf- und Entbindungskosten ist verjährt. An ruckständigen Ali- menten find höchstens 12 M. pro Monat zu zahlen. W. P. G. 69. Es können keine Alimente gefordert wer- den. Doch muß der Verklagte im Termin den Einwand machen, die Mutter des Kindes habe schon früher außerehelich geboren. Der Richter kann das nicht von selbst berücksichtigen. C. 100. Sie können höchstens eine Strafanzeige wegen ruhestörenden Lärms an die Staatsanwaltschaft richrcn. Eine Zivilklage haben Sie nicht. �...... Spremberg C. 1. Eine Verpfändung von Mobilien hat nur Rechtsgiltigkeit, wenn der Pfandgläubiger im Besitze der gepfändeten Sachen ist; auch in diesem Falle kann der Konkursverwalter die Verpfändung anfechten, wenn der Pfand- gläubiger dabei Kenntniß von einer etwaigen Zahlungseinstellung hatte oder von der Absicht des Schuldners, die übrigen Gläu- biger zu benachtheiligen. 2. Auch ein derartiges Geschäft kann von dem Konkursverwalter oder außerhalb des Konkurses von einem mit vollstteckbarem Titel versehenen Gläubiger als Schein- geschäft angefochten werden. Es soll eben verhindert werden, daß durch derartige Manipulationen ein Gläubiger auf Kosten der übrigen befriedigt oder gesichert wird. Markthallen-Bertcht von I. Sandmann, städtischem Verkaufs-Vermittler, Berlin, den 23. Dezember 1886. Wild. Wir haben ttotz großer Zufuhr steigende Preise zu erwarten. Hasen, ausgeworfen, ohne besondere Ver- Packung, auf Stangen von 10 Stück 3,65 bis 4,05 pr. Stück, Kaninchen, ausgeweidet 55 bis 60 Pf. per Stück. Rehe ausgeweidet la(junge, feiste, gut ge- schossene) 60—72 Pf., Ha(sehr starke und sehr fehlerhaft zerschossene) 50—60 Pf. pr. Pfd. Rothhirsche,>* 40— 55,1» 32-40, Dammwild> 50-70, 1 a 38-50 Pf. per Pfund. Wild- schwein 30 bis 50, kleine 50 bis 65 Pf. pr. Pfund. MMMkW 1k%tSdS1lüvvs&&is verkäuflich. Lebende Gänse zum Mästen 2,00—3,00 M, lebende Enten 0,90—1,50 M. Auttion täglick im Bogen 4 um 6 Uhr Nachmittags. Um gute Preise zu erzielen, sollen Gänse unter dem Halse geschnitten, vollständig gerupft, Flügel und Füße auf den Rücken gebunden, nicht gebrüht und nicht gesengt sein. Enten, Puten und Hühner sollen am Halse geschnitten sein; der Kopf, die Flügel und Schwanzfedem werden nicht ab« genommen. Fleisch. Nach Errichtung der Fleischschau in der Markt- halle wird es möglich, mit Beginn des nächsten Jahres den Verkauf von geschlachtetem Vieh hier zu vermitteln. Den Interessenten gebe ich gem jede nähere Auskunft. Der Fleischkommisfionshandel in unserer Markthalle dürfte für viele Landwirthc und Schlächter von weittragender Bedeutung stiN. Vorläufig sind unverlangte Fleischsendungen nicht anzurathen, da die Fleisch- und Viebpreise hier niedrig und durch die Zu- fuhr von Wild und Geflügel sehr gedrückt werden. Geräucherte und marinirtc Fische. Auch heute drückten die bedeutenden Zufuhren schwedischer Bücklinge dm Prc« für bessere Waare herab. Der Ersparniß wegen find nur Frachtgutsendungen rathsam. Cngros-Auktion täglich um 5 Uhr kleine 2, 50-5, 00 M, mittel 7,50-16 M. große' 18-27 M, Heringsbücklinge 0,80—1,50, Bücklinge l. 1,20—2,00 M- Per 100 Stück. Sprotten 45-80 Pf. per Kiste. Kieler Sprotten 15-20 Pf. pr. Pfd. Rauchaal 0,80-1 M. per Pfd. Nur bei andauernd regelmäßigen Smdungm ist den Absendern der Berliner Markt von Nutzen, weil die guten Preise in knapper Zeit die gegenwärtigen schlechten Preise wieder ausgleichen. Fische- Hechte 30-40 M per Ztr. Karpfen 35-64« 55—75 M, Bleie 20-21 M. per Ztr. El« 3,20 M. pr. Schock. butt« I. 90-96, D. 70-85, Galizische und andere geringste Sorten 55-72 M. pr. 50 Ko. Käse. Emmcnthaler 70—75, Schweiz« I. 56—63, N. 50—55, m. 42-48, Quadrat-Backstein I. fett 20-25, II. 12-18 M, Limburg« l. 28—32, it. 18—22, Rheinisch« Holländer Kase 45-58 M, echt« Holland« 60—65 M, Edamer L 60—70, II. 56-58 M.. Obst und Gemüse. Größne Zufuhren sehr erwünscht. Bimm 10-20 M., feinste Sorten 20-40 M, Aepfel 6,00-9,00 M.. Tafelävfel 10-20 M.. feinste Sorten 20-36 M, Wallnüffc 20-30 M, geringe 12-15 M W- Zetnn«. Apfelsinen, Valencia 12—20 M., Feigen 20— 40 M pr. Zentner. Zitronen, Malaga 20—25 M. Böhmische Back« flaumen 10—13 M.,„nn Weißfleischige Speiselartoffeln 3,00—3,60, rothe 2,80—3,00, blaue 2,80—3,20 per 100 Ko., groß Sellerie 7—10 M-, klein 3-7 M., Meerrettig 7-12 M, Zwiebeln 4,50— 6-8 M- Blumenkohl 30-40 M. pr. 100 Stück, Kohlrüben 1,50—2,00 M. p« Zentn«._ verantwortlich für dm politischen Theil und Soziales Max Echippel, für V«eine und Versammlungm K. Tvtzaver, für dm übrigm Theil der Zeitung Cronheim, sämmtlich in B«lin. Druck und Verlag von Max Badwg in Berlin SW„ Beuthftraße 2.