Ar. 303. Dstmerftaa. de« 30. Dezember 1880. 3 K«tz?O ßtrlintrUollistilnll. Drgan für die Interessen der Arbeiter. DaS„Berliner Volksblatt" «scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei w's Haus vierteljährlich 4 Marl, monatlich 1,36 Man, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Marl. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit der illustrirten Beilage 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungsprcisliste für 1886 unter Nr. 769.) JnsertionSaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 40 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebercinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraßc 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Aedaktum: Keuthstrasze 2.— Erpedition: Zlmmerstraße 44. y Abgiinemtnts-Eillladiillg. Zum bevorstehenden Quartalswcchsel erlauben wir uns, MM Abonnement auf das „Kerliner volksblatt" »ebst der wöchentlich erscheinenden Gratisbeilage „Illustrirtes Sonntagsblott" einzuladen. Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. ES steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechtes. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Bcrather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klaffengegen- sähe ist das„Kerltner UoiKvblatr' ein entschiedener Gegner iedcr Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, tzeute schon bevorzugter Gescllschaftsllaffen findet. Das, Berliner Uolkvblatt' sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung «nserer städtischen Angelegenheiten. In unscrm täglichen FeniUeto» haben wir mit der Ver« Iffentlichung des berühmten sozialpolitischen Romans „Syöiü" v°n Disraeli, der für unsere Leser von Uataltr Kebkttecht übersetzt worden ist, bereits begonnen. Neu hinzutretenden Abonnenten wird der Anfang dieseS überaus spannenden und lehrreichen Romans gratis nach- geliefert. Der Abonnementsprei» beträgt für das ganze Viertel- jähr 4 Kl., monatlich 1.35 M. wöchentlich 35 Vf. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungsspeditcuren, sowie von der Expedition unseres Blattes, Ilmmerstrake 44, entgegengenommen. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Be- stellunge Redaktion Nttd Erpedition des„Berliner polksblatt". Die„Entrüsteten�. Zn den nächsten Tagen werden wir in konservativen, »attonalliberalen und freiwillig wie unfreiwillig gouverne- mentalen Blättern die Behauptung finden, das deutsche Volk sei von einem„Entrüstungssturm" ergriffen über die Hal- tung des Reichstages in der Militärfrage. Wir werden diese Behauptung sehr kühl aufnehmen, denn wir wissen sehr wohl, daß dieser„Entrüstungsstunn" nicht von dem deutschen Volke, sondern von einer Anzahl konservativer Junker und z»«q»r>>«»«rfetai.] Ieuill'eton. Stzbil. [4 Sozialpolitischer Roman von DiSraeli. Uebetsetzt von N a t a l i e L i e b k n e ch t. Drittes Kapitel. „Es ist nicht so sehr das Feuer, Sir," sagte Herr iingley von dem Abteigut zu Egremont,„was mich be- n ruhigt, als die Stimmung der Leute. Wissen Sie, Sir, z waren drei oder vier Dutzend von ihnen hier zur Stelle, ber mit Ausnahme meiner Gutsknechte wollte kein einziger i« Hand anlegen, um die Flammen zu löschen; obgleich as Wasser so nahe ist und sie von großem Nutzen hätten ™ �Erzählten Sie das auch Lord Marney, meinem ! rüder?" „Ah, ich habe die Ehre mit Herrn Charles zu sprechen. Seien Sie herzlich willkommen. Ich bin froh, Sie wieder i dieser Gegend zu sehen. Es ist lange her, daß wir nicht a« Vergnügen hatten, Sir. Sie reisten in fremden Ländern, >ie ich sagen hörte?",.,,... „Ja, so etwas; ich bin aber froh, wieder zu Hanse zu .m, Herr Bingley, obgleich es sehr unangenehm ist, einen rennenden Kornschuppen des Abteiguts zum Willkommen- ruß zu haben." „Nun, Herr Charles, unter uns gesagt und Herr iingley sprach leiser und sah sich um—„hier geht es sehr hlecht. Ich für meinen Theil kann mir nicht erklären, was ni dem Lande geworden ist. DaS ist nicht mehr das and, das es war, als Sie, mein Lord, zu uns kamen, um zf dem Moore zu jagen. Gewiß, Sie erinnern sich dessen och, Herr Charles?" „So angenehmen Sport vergißt man nicht leicht, Herr iingley. Mit Ihrer Erlaubniß will ich mein Pferd auf ne halbe Stunde hier unterstellen. Ich habe Lust, einmal zch den Ruinen zu wandern." nationalliberaler Professoren ausgeht, die das Bedürfniß haben, der Regierung auf diesem Wege ihre Ergebenheit zu versichern. Man weiß auch, daß durch das„Entrüstungs"- geschrei sich kein Mensch mehr imponiren läßt. Was hat denn den Anlaß zu der großen„Entrüstung" gegeben? Der Kriegsminister stellte an den Reichstag das Verlangen, die Militärvorlage noch vor Weihnachten zu erledigen. Die Kommission konnte das nicht und nun der Lärm der Nationalliberalen und Konservativen! Man hat noch nie ge- hört, daß diese Herren einmal Lärm gemacht hätten, wenn die Regierung einem Wunsche des Reichstages nicht nachgekom- men ist. Dazu kommt noch, daß nach der neuesten Gestal- tung der Dinge in Frankreich eine Kriegsgefahr im Westen augenblicklich nicht besteht. Nach dieser Richtung hin hätten also die Herren ihre„Entrüstung" sparen können. Wir sind weder Verehrer noch Bewunderer des Reichs- tags und wissen die Fehler, die dieser Korperschaft anhän- qeß, wohl zu würdigen. Ueberhaupt schwärmen wir nicht für den modernen Parlamentarismus. Trotzdem kann uns die widerwärtige Art und Weise, wie sich die nationalliberale und konservative Presse in Schmähungen und faden Witzeleien gegen den Reichstag ergeht, nur mit Ekel er- füllen. Allen zuvor thut es in diesen Dingen die„K ö l- nische Zeit un g", die seit Jahren gewohnt ist, den Reichstag zu verlästern, sobald dessen Majorität eine auch nur annähernd oppositionelle Stellung einnimmt. Die An- griffe gegen das Parlament, soweit sie aus Berlin in daS rheinische Blatt kommen, besorgt der Dr. Gumbinner, dessen journalistische und sonstige Oualifikation hinreichend bekannt ist. In den jüngsten Tagen hat daS rheinische Blatt wieder eine jener gehässigen, humoristisch sein sollenden Notizen gebracht, die von allen Amts- uno Kreisblättern nachgedruckt zu wer- den pflegen und die den Zweck haben, den Reichstag bei den Volksmassen in ein schlechtes Licht zu setzen und sein Ansehen au untergraben. ES wird in jener Notiz aus- geführt, daß der Reichstag vor Neujahr nur 13 Sitzungen gehalten habe, daß er mehrfach beschlußunfähig gewesen sei und daß seine positiven Leistungen gering seien. Man könnte ja sagen, daß, wenn diese Beschuldi- gunaen zutreffen, auch die nationalliberale Partei davon be- trofftn wird. Allein diese Herren haben die eigenthümliche Gewohnheit, mit Vergnügen in ihrem eigenen Fleische zu wühlen, gerade wie sich die Japaner mit Vergnügen den Bauch aufschlitzen, sobald sie nur den Befehl dazu erhalten. Der Reichstag und alles, was mit ihm zusammenhängt an Institutionen und legislatorischen Einflüssen, galt doch sonst stets für eine der liberalen Errungenschaften. Daß er so wenig Macht hat, ist wesentlich ein Werk der National- liberalen, die seinerzeit jene Verfassungsbestimmungen bewilligten, die dem Reichstag eine eigentliche parlamentarische Machtstellung unmöglich machen. Sie hätten also nichts „Sie werden sie nicht sehr verändert finden," sagte der Pächter lächclno.„Diese Mauern haben seit ihrem Entstehen gar Mancherlei gesehen, gar manchen Wechsel erlebt. Aber Sie werden doch unser Ale kosten, Herr Charles?" „Wenn ich zurückkomme." Aber der gastfreundliche Bingley nahm keine abschlägige Antwort an und da Egremont darauf verzichten mußte, vaS HauS zu betreten, weil die Sonue sich schon neigte, rief der Farmer einem seiner Arbeiter und hieß ihn Egremont'S Pferd nehmen, während er selbst an das Haus eilte, um einen Becher mit dem schäumenden Labetrunk zu füllen. „Und was denken Sie von dem Feuer?" sagte Egremont zu dem Knecht. „Ich denke, es ist eine schwere Zeit für die Armen, Sir." „Aber Kornschober verbrennen wird die Zeit nicht leichter machen, mein guter Mann." Der Mann antwortete nicht und führte, ohne ein Wort zu sagen, jedoch mit verbissener Miene, das Pferd in den Stall. ** $ Ungefähr eine halbe englische Meile von Marney verengerte sich das Thal und der Fluß nahm einen ge- wundenen Lauf. Er schlängelt sich durch üppige Wiesen, zu beiden Seiten von dichten Wäldern eingefaßt, in denen hier und da Steinbrüche versteckt waren. Gute Bausteine, reich- licheS Bauholz und gesundes, fließendes Wasser, eine schöne Umgebung, geschützt vor jedem scharfen, schneidenden Wind, war dies ganz der Ort, wie ihn die Kirche in alten Zeiten mit Vorliebe für ihre dauerhaften Prachtbauten auszusuchen liebte. Egremont war so recht eigentlich im Schatten dieser Henrichen Ruinen geboren, sie waren mit seinem ersten und fr-schesten Träumen verwachsen, jeder Weg und Steg, jeder Schritt und jeder Fußbreit Lands war ihm so bekannt, als wenn er einer der alten Mönche gewesen wäre, und doch konnte er nie ohne innere Bewegung die unvergleich- lichen Ueberreste einer der größten Kirchenbauten von Nord- england betrachten. weiter zu thun, als sich selbst anzuklagen, wenn der Reichs- tag nicht ist, was er sein sollte. Es ist eine Art von politischer Selbstentmannung, die diese Partei an sich vollzieht, wenn sie die von ihr selbst geschaffenen und einst von ihr so hoch gepriesenen In- stitutionen schwächt und beschimpft, nur weil sie glaubt, ge- wissen Kreisen damit gefällig zu sein. Noch schmählicher ist es, wenn die nationalliberale Presse, wie es die„Kölnische Zeitung" thut, den Reichstag der Trägheit beschuldigt. Bei einem diätenlosen Parlament sollte man mit einer solchen Anschuldigung überhaupt sehr vorsichtig sein. Man bedenke, daß die vorige Session sich über acht Monate erstreckte und daß im Herbst noch eine, wenn auch kurze, außerordentliche Session statt- gefunden hat. Wenn es sonach Leute giebt, die parlamentSmüde werden', so kann man sich darüber nicht wundern und die Nationalliberalen haben dazu um so weniger Ursache, als sich auch unter den Ihrigen nicht wenig Parlamentsmüdigkcit geltend gemacht hat. Statt die Be- strebungen, die auf Erzielung von Diäten gerichtet sind, zu unterstützen, haben diese Nationalliberalen nur ihren blöden Spott, der Jeden anwidern muß, der in der Nähe beobachten kann, wie diese Partei ihren zudringlichen Servilismus bei jeder Gelegenheit der Regierung anbietet, in der eitlen und albernen Hoffnung, wieder„regierungsfähig" zu werden. Nun, der Staatsmann, der die Nationalliberalen„an die Wand gedrückt" hat, wird sich am meisten hüten, sie zur Regierung heranzuziehen, denn er hat ja selbst gesehen, wie wenig Einsicht und Verständniß diese Leute haben. Wenn sonach diese Leute durch Sprachrohre ä, 1* Gumbinner die Welt glauben machen wollen, sie seien das deutsche Volk und dieses deutsche Volk sei„entrüstet", so kann ihnen das nur bei Solchen gelingen, deren politisches Verständniß gleich Null ist. Und da dies bei ihnen der Fall, so glauben auch sie selbst an die„Entrüstung", die sie Andern vorspiegeln. Sie halten sich immer noch für die wichtigste und aussichtsreichste Partei, während sie nur die eine ZukunstSaufgabe haben, in den Konservativen und Reaktionären aufzugehen. Wir bleiben sehr gelassen gegenüber dem Geschrei der Nationalliberalen. Das deutsche Volk— das wissen wir— findet es ganz in der Ordnung, wenn die Volksvertretung mit den Geldern sparsam und vorsichtig umgeht. Daran wird das Geschrei einiger Junker und Professoren nichts ändern._ Die JieAeinliommen(leuer. i. § Das deutschfreifinnige Projekt einer Reichseinkommen- steuer zur Deckung der bevorstehenden dauernden Mehrausgabe Ueber eine Fläche von zehn Acker breiteten sich die Trümmer der großen Abtei, die sämmtlich von der ver- ganaenen Größe und Herrlichkeit zeugten. Da standen noch die Grundmauern der Wohnung des Abts, und neben moos- bewachsenen Grab- und Denksteinen war das geräumige Hospital noch in seinen Umrissen zu erkennen. Der Name Hospital bezeichnete damals nicht die Wohnung von Krank- besten und Armuth, sondern jene Stätte, wo alle Pflichten der Gastfreundschaft ausgeübt wurden,— wo der Reisende, vom Baron bis zum armen Pilger, Schutz und Hilfe nie umsonst suchte, und wo an dem Thor, genannt das Portal der Armen, die Bauern des Abteiguts, wenn sie es nöthig hatten, jeden Morgen und Abend sich Kleidung und Nahrung' zu holen berechtigt waren. Aber inmitten dieser Masse von Ruinen, und eine Fläche von mehr als zwei Acker bedeckend, von einer Festigkeit, die der Zeit getrotzt, und von einer Schönheit, welche der Zer- störungSwuth der Menschen Halt geboten hatte, erhob sich, wenn auch nicht mehr vollständig, so doch in bewundernS- werther Form, eines der edelsten Werke geistlicher Baukunst — die Abtei. Des Himmels Wölbung war jetzt ihr einziges Dach und alles, was von ihren herrlichen Fenstern übrig geblieben, war die symetrische Größe ihrer Wölbung, die noch nicht ganz verwischte Feinheit der kunstvollen Bildhauer- arbeit. Von dem Westfenster, daS auf die mit Marmor- und Alabasterpfeilern geschmückte Kapelle der heiligen Jungfrau blickte, wanderte das Auge durch daS Schiff der Kirche zu dem großen Ostfenster; ungefähr dreihundert Fuß weit durch eine wundervolle Allee von unerschütterten Mauern und Säulen, die zum Himmel emporstrebten. An beiden Seiten der Marienkapelle erhob sich ein Thurm; der eine sehr alt und in dem sogenannten norniännischen Styl erbaut, niedrig, sehr massiv, und viereckig erhob er sich nicht viel über die Höhe der westlichen Front; der andere Thurm hatte einen sehr verschiedenen Charakter. Er war schmal und leicht, im reinsten, anmuthiosten gothischen Styl. Die Steine, aus denen er gebaut, waren von lebhafter, ja glänzender Farbe und sahen aus, als wenn ste erst gestern gehauen worden für das Militär hat in der Presse weitere Kreise gezogen, alS -mm nach dem ersten Auftauchen des Planes in der Militär- fommissicm annehmen konnte. Eme aenaue Fassung des Vor- schlages ist zur Stunde zwar noch nicht der Oeffentlickkeit über- geben worden; sie dürfte auch in eingeweihteren Kreisen kaum vorhanden sein, da man erst von einer Freilassung aller Einkommen unter 6000 M. sprach und später diese Grenze sehr rasch aus zehn- und zwöl'tausend Mark hinaufrückte. Aber der Grundgedanke des freisinnig ultramontanen Schachzuges liegt genügend klar zu Tage, und ganz zweifellos sicher ist es, daß eS leicht möglich wäre, auf dem bezcich- netcn Wege einige zwanzig Millionen herbei, uschaffen. Eine Berechnung des Eugen Richter'schen Blattes begründet dies in folgender Weise r»Nach den Ergebnissen der Ver- anlagung der klassisizirten Einkommensteuer in Preufen find in Preußen 17 560 Personen mit einem Einkommen von 12000 M. aufwärts veranlagt Bei einem Prozentsatz von 2�—3 pCt. vom Einkommen bringen diese 17 560 Personen 15 038 100 M. Steuern auf. Man darf annehmen, daß die aus dieselbe Klasse gelegte Reichseinkommensteuor eine Summe aufbringen würde, welche dem Verhältniß der Beoölkening des Gleiches zur Bevölkerung Preußens(5: 3) entspricht, zumal eine Reichseinkommcnsteuer zahlreiche stcuerkrärfige Personen in Mamburg, Dresden, Leipzig, München, Stuttgart, Bremen, Straßburg, Nürnberg, Chemnitz, Braunschweig, Augsburg, München, Mannheim, Karlsruhe und so weiter erfassen würde. Demgemäß würde also eine Reichseinkommensteuer von 12000 M. aufwärts in Höhe von 2.� bis 3 pCt. vorn Einkommen etwa 29 265 Personen eine Gesammtsteuer von 26 Millionen Mark auferlegen. Ein solcher Betrag würde die Deckung der laufenden Mehrausgaben aus der Militär- vorläge in Höhe von 23 Millionen Mark reichlich ge- statten." Wir kommen später daraus zu sprechen, warum eine der- artige Deckung des Mehrbedarfes für das Militär die weilausgreifenden steuerpolitischen Pläne der Regiening in un- liedsamster Weise durchkreuzen würde. Aus solchen Be- fürchtungen ist es wohl auch zu erklären, daß die mittelpartei- lichen Kommerzienrathsblätter und die konservativen Schnaps- brennerorgane anfangs jede Diskussion des Planes zu ver- hindern suchten— weil er der Reichs Verfassung zuwiderlaufe. Hier sahen sich die Schwärmer für solche Steuern, welche andere Leute zahlen, sehr bald gründlich abgeführt. Der ursprüngliche Ver- fassungseutwurf der Regierungen überwies allerdings nur indirekte" Steuern dem Reiche, man strich aber absichtlich das Wort„indirekt", um die Einführung direkter Steuern zu er- möglichen und gerade Nationalliberale wir Bennigsen, Falk, Fries, Meier- Bremen, Miguel, Graf Schwerin, Simson und Wachler traten für die Aenderung ein. Artikel 70 der Reichsverfassung spricht denn auch davon, daß„zur Bestreitung aller gemeinschaftlichen Ausgaben zunächst die stölle und Veibraucks- steuern" zu dienen baden, und daß die Matrikularumlagen nur als letztes Ausgleich.smiltel eintreten,„solange Reichssteuern nicht eingef hrt find." Hier sind also Reichssteuern, die nicht indirekte find, ausdrücklich in Aussicht genommen. Früher galt das auch als ausgemacht und als sich 1874 in München eine„Reichseinkommenstenerliga" bildete, fehlten selbst die Konservativen unter ihren Mitgliedern nicht. Als dann im Oktober desselben Jahres in Eisenach eine Berathung über die Frage stattfand, verfochten Minnigerode, der bekannte Heißsporn, und Professor Wagner, das nicht minder bekannte ovksnt tsiridl der konservativen Wirtb- schaftspolitiker, die Einführung einer Reichseinkommensteuer. Unter der Einladung zu der Konferenz find-n wir auch eine Menge nationalliberalcr Größen— unbescholtenster Art, sie find unterdcß längst bei der Heidelbergerei angelangt. Kein anderer als Herr Schmiß war Vorfitzender, als man in einer Resolution„als nächstes Ziel der Steuerreform im Deutschen Reiche" eine„allgemeine Einkomn-cn- oder Ernurbsteuer" be- zeichnete. Wenn einen eine solche Vergange-bell drückt, so kann man sich doch cbrenbalber nicht gut über Ver assungsverletzung seitens der„Reichsfeinde" entrüsten. Zu dieser Einficht kamen die konservative Blätter denn auch rascher, als man es sonst von ihnen gewöhnt ist; die Eut- rüstung mußte sich also auf einen andein Angriffspunkt werfen. Nunmehr bildeten die Klagen über die„llugeiecktigleii" cii-cr Steuer, welche nur Reiche trifft, das Leiten oliv lür die nächsten Zornesergüffe. Gehört schon ein trauriger Muth dam, zu verlangen, daß solche Bedenken ernst genommen werden sollen, nachdem nia» sich bisher doch den Teufel darum gekümmert bat, ob Zölle wie diejenigen auf Schmalz und aiverikanisches Fleisch lediglich Arme treffen— so setzt es eine noch traurigere llnwiffenheit voraus, den Freisinnigen einen Doiwurf dm ans zu machen, daß sie für ihre geplante Einkommensteuer eine Grenze vorschlugen, welche kein geringerer als- Fürst Bis- marck früher empfohlen hat. Die offiziöse„Leipziger Zeitung" spricht heute von„Demagogenstücken der Firma Richter" und von„Berufsdcmagogenthum", und das alles bloß, weil nach ihren Berechnungen— bei einer Untergrenze von 6000 Mark —„von der neuen Richter'schen Steuer nur 1,38 pEt. aller wären. Zuerst glaubte man, die Spitze sei beschädigt, aber in Wahrheit war sie unvollendet geblieben, denn die Arbeiter hauten gerade an diesem Thurm, als der alte Balduin Grey- mount im Auftrage des Königs ankam, m die Verwaltung des Klosters zu untersuchen. Die Aebte liebte» es, ihre Amtszeit durch irgend ein öffentliches Werk zu verewigen, welches die Schönheit ihrer Bauten und das Wohlbefinden ihrer Unterthanen vermehren sollte. Und der letzte der geist- lichen Herren von Marney, ein Mann von feinem Geschmack, ein Kunstkenner und vorzüglicher Architekt, erbaute gerade für seinen Bruder diesen neuen Glockenthurm, als das strenge Gesetz erlassen wurde, daß die Glocken nicht mehr läuten sollten. Und der Lobgesang aufdie Zungfrau Maria sollte nicht mehr in der Kapelle ertönen, die Weihkerzen auf dem Hochaltar nicht mehr angezündet, das Thor der Armen für immer geschloffen werden unv der Wanderer keine Heimstätte mehr finden.— Das Innere der Kirche war an vielen Theilen miffGe- strüpp überwachsen und überall wucherte Unkraut. Es war ein schwüler Tag gewesen, die Gluth der Sommersonne erhitzte noch die Luft. Einige Kühe, mehr die Kühlung suchend als Nahrung, waren durch Mauerlücken hereingekommen und lagerten im Schatten des Kirchenschiffs. Diese Entweihung eines Ortes, der einst heilig gewesen und immer noch so schön und weihevoll war, verletzte Egremont's Gefühl. Er wendete sich weg und folgte einem Pfad, der ihn nach wenigen Schritten in den Klostergarten führte. Von allen Herrlichkeiten des Gartens war nur eine einsame Eeder noch übrig, die in der Mitte des mächtigen Viereckes stand und augenscheinlich von hohem Alter;— einer Ueberlieferung zu Folge war sie viel älter, als die ältesten Mauern der Abtei. Um das Gartcnviercck herum befand sich das Refektorium, die Küche und die Bibliothek und dar- über die Zellen und die Schlafzimmer der Mönche. Eine verfallene Treppe, nicht ohne Gefahr zu ersteigen, führte zu diesen dachlosen Zimmern. Egremont, vertraut mit den Ocrtlichkeiten, trug kein Bedenken, die Treppe hinauf zu steigen, so daß er bald einen Punkt erreicht hatte, von wo aus er den Garten überblicken konnte, während weiter vorn sich das Kloster der Mönche Steuerpflichtigen" betroffen würden.„Neunundneunzig Pro- zent wurden von dieser Steuer versckonr bleiben. Dazu allge- meines Wahlreckt!" Die verehrte Leipzigerin hätte dieselben Worte gegen den Fürsten Bismarck gebrauchen können. Denn Fürst Bismarck war es, der in seinem bekannten Dezemberschreiben vom Jahre 1878 6000 Mark ausdrücklich als Grenze der Einkommensteuer empfahl und der in seiner Reichstagsrede vom 2. Mai 1879 auf denselben Vorschlag zurück- kam. Ist es kein Temagogcnthum, bei 6000 Mark die Ein- kommensteuerpflicht überhaupt erst beginnen zu lassen, so wird es auch nicht gefährlich sein, bei 6000 Mark mit einem Zuschlag speziell für Militärzwccke zu beginnen. Um so weniger, als — von der ganzen sonstigen Eteuerbelastung abgesehen— die Vermehrung der Fricdenspräsenzstärke lediglich die ärmeren Klassen und den Mittelstand trifft, da die Zahl der Einjährig- Freiwilligen in die Friedenspräsenzstärke nicht eingerechnet ist und somit unverändert bleibt. UolMsche Aeberstcht. Unsere gestrige Notiz über die GntrüstungSkund- gebung auf Tivoli wird von dem„Deutschen Tagebl." in ge- wohnter Weise dahin ausgelegt, daß wir eine Sprengung der Versammlung angerathen hätten. Damach scheint das antisemitische Blatt keine andere Art des Ausdrucks der Eni- rüstung zu kennen, als durch Schreien und Toben. Die Berliner Sozialisten dürften hierüber anders denken. Da die Tivolivcrsammlung sich als eine„öffentliche" ankündigte, so war es unsere Pflicht, auf sie aufmerksam zu machen. Und da auch die Angehörigen der bürgerlichen Opposition auf Tivoli vertreten sein werden, so wird Herr Peters kaum der Stimmung begegnen, die er erwartete. Zu einer Sprengung haben die Berliner Arbeiter aber gar keinen Anlaß. Sie würden damit nur ihren Gegnern nützen. Die Militärkommission deS Reichstages wird, wie bereits gemeldet, am 5. Januar ihre Berathungen wieder auf- nehmen. Für das Plenum des Reichstages ist die erste Sitzung im neuen Jahre auf den 4. Januar anberaumt. An diesem Tage aber kann die Militärkommisffon ihre Arbeiten noch nicht beginnen, da das Zentrum sich vorbehalten hat, über seine weitere Haltung vorher Stellung zu nehmen. Auf den 4. Januar haben die Fraktionen der Deutschkonservativen und des Zentrums Sitzungen anberaumt. Sollte dieses Zusammen- treffen nur ein zufälliges sein? Reichstagsabgeordneter Kayser erläßt im„Sächs. Wochenbl." folgende Aufforderung: Hierdurch richte ich an alle Fachvereine, Lohnkommisfionen, wie einzelne Arbeiter das dringende Ersuchen, mir Gerichtserkenntnisse, insbesondere solche des Reichsgerichts, welche sich mit der Auslegung des§ 152 und 153 der G.-O. befassen, im Original zuzusenden. Auch bitte ich, mir alles sonstige Material dieser Art, wie schwarze Listen, cvent. staatsanwaltliche jc. Bescheive möglichst schnell zur Vervollständigung meines Materirls zuzusenden, da ich für die Rcichstegskommission nickt genug Material haben kann. Auf Verlangen wird alles Zugesandte zurückgesandt. Max Kayser, Reichstaasabgeordneter. Adresse: Berlin: Reichstag, Leipzigerstr. 4, GW. Zu dem Rechenschaftsbericht über die Verhängung des Ausnahmezustandes in Frankfurt a. M. schreibt die „Köln. Volkoztg.":„Die Offiziösen hatten„überraschende Auf- schlüssc" angekündigt; aber die Denkschrift bringt nur Bekanntes und unterscheidet sich fast in nichts von den Berichten, mit denen der„Kleine" über Berlin, Hamburg- Altona, Leipzig und Sprem- borg gerechtfertigt zu weiden pflegt. Wenn gesagt wird, daß die Sozialdemokratie die„gewerkschaftliche Organisation und die Nnlerstützungskasscn" für ihre Parteizwecke auszunutzen suche, so dürfte dies für das ganze Reichsgebiet zutreffen, und was die neueren Verhaftungen von Sozialdemokraten in Frankfurt a. M betrifft, bei welchen man einer weit verzweigten geheimen Verbindung auf die Spur gekommen sei, so ist ja die eingeleitete Untersuchung gegen die Verhafteten noch gar nicht beendet. Es könnte scheinen, als ob die Regierung annehme, es werde durch die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über Frank- fmt dort nun die planmäßige geheime Organisation beseitigt; aber in dem ans Hamburg-Altona bezüglichen Rcchenschafts- bericht wüd im Gegenthcil konstatirt, daß trotz des Belagerunas- zustandes dort eine dcrmtige Organisation entstanden sei. Wie s. II man sich diesen Widerspruch lösen? Vielleicht wird die Maßregel aber im Reiche tage durch Herrn v. Puttkamer noch näher erläutert. Nach unfirem Dafürhalten kann man mit den für Fransturl a. M. angeführten Gründen die Verhängung des kleinen Belagerungszustandes über ganz Teutschland rechtfertigen. Und wenn u. A. auch das Tragen rother Blumen je. von Sozialdemokraten einen Grund abgeben soll, so ist es damit ini Königreich Sachsen, dem Haupthcrd der Sozialdemokratie, noch viel schlimmer, da dort, wie vor Gericht konstatirt worden, die Sozialdemokraten sogar rothc Regenschirme und rothe Strümpfe zu tragen vflegcn." Der Rechenschaftsbericht wird den Reichstag gleich in den ersten Sitzungen beschäftigen. Die Fabrikation des neuen Repetirgewehres ist nun- mehr soweit gediehen, daß die Ausrüstung der gefammten ausbreitete, an welches ein mit dem Klostergarten zusammen- hängender Kirchhof sich anschloß. Es war einer jener Sommertage, die so still sind, daß man glaubt, es sei ein Feiertag der Natur. Der träge Wind schlief in irgend einer lauschigen Grotte, und die Sonnenstrahlen ruhten aus auf den warmen Hügeln. Der Fluß wälzte langsam seine träumerischen Fluthen; es war Urne Bewegung im Gras, kein Rauschen in den Zweigen, kein Lüftchen, das sich regte. Ein so tiefes Schweigen inmitten dieser feierlichen Ruinen mußte das Gefühl vollkommenster Einsamkeit geben, und Egremont war in der Stimmung für diese Einsamkeit. Die wenigen Worte, welche er mit dem Farmer und dem Ackerknecht gewechselt, hatten ihn nachdenkend gemacht. Warum war England nicht mehr das Land, welche« ei in seiner leichtherzigen Jugend gewesen war? Warumwaren jetzt schlechte Zeiten für die Armen? Er stand über den Ruinen, die, wie der Farmer gesagt, manchen Wechsel er» lebt hatten,— Wechsel des Glauben«, Wechsel der Herr- schast, Wechsel der Gesetze und der Sitten. Neue Be- schäftigungen, neue Berufe, neue Klaffen von Menschen waren im Lande erwachsen, neue Quellen des Reichthums hatten sich eröffnet, neue Ansprüche der Macht, zu welcher nothwendiger Weise der Reichthum führte, hatten sich heraus- gebildet. Sein eigenes Haus, sein eigener Rang war empor- gewuchert auf den Trümmern der alten Gesellschaft, deren einstige Pracht und Stärke ihm in seiner nächsten Um- gebung entgegentrat. Und jetzt war sein eigener Stand be- droht. Und dem Volke, den Millionen der Arbeit, auf deren unbewußter Kraft während dieser wechselvollen Jahr« hunderte alles beruht, welchen Wechsel, welche Veränderung hatten diese Jahrhunderte ihnen gebracht? Waren sie in gleichem Maße vorgeschritten wie ihre Herrscher, die, ob- gleich nur wenig zahlreich, doch die Reichthümer der Welt angesammelt hatten und sich rühmten, sie seien die erste der Nationen, die mächtigste, die feinste, die aufgeklärteste, die sittlichste und die frömmste? Gab es zu den Zeiten der Abteiherren auch Leute, welche die Kornschober ansteckten? Und wenn nicht, warum nicht? Und warum wurden die deutschen Linien-Jnfanterie auf voller Kriegsstärke fast ganz beendet ist und die Ausgabe der Gewehre in wenigen Tagen erfolgt sein wird. Das deutsche Heer hat dadurch vor den übrigen europäischen Heeren einen Vorsprung gewonnen, der erst in einer Reihe von Jahren wieder einzuholen ist, denn noch keines dieser anderen Heere ist über das Versucht stadium hinausgekommen. Das neue Jnfanteriegewebr führt die Be- Zeichnung M. 71 84, um anzudeuten, daß das Gewehr im Prin- zip das alte Modell 71 geblieben ist, das durch die im Jahre 1884 festgestellte Abänderung eine Magazinvorrichtung und einzelne sonstige daS Wesen der Waffe jedoch nicht tangirende Veränderungen erfahren hat. Ein.besonderer Erfinder kann für das neue System nicht genannt werden; es ist ein Produkt vereinter Thätigkeit der Schießschule und der Gewehrfabrik. Eine offizielle Verordnung, welche die reglementarischen Korn- mandos und Formen für die Ehargirung mit dem neuen Ge» wehr vorschreibt, ist noch nicht erschienen, und das Einüben §eschieht bisher nur nach den auf der Schießschule üblichen iormen; es steht jedoch zu erwarten, daß diesbezügliche Vor- schriften m kurzer Zeit zur Ausgabe gelangen werden. Nun sage man noch nicht, daß Deutschland wirklich an der Spitze der Zivilisation marschirt! Für den bulgarischen Thron werden fast täglich Kan- didaten präsentirt, so neucstens ein Prinz von Hessen und Pnnz Albert von Sachsen- Altenburg, russischer General außer Dienst.— Die Herren Prinzen find doch sehr—„international". Des Kanzlers Wille geschehe. Die preußischen Staats» behörden beeilen sich nachdem der Kanzler die lateinischen Buchstaben in den Bann aethan, diejenigen Druckschriften, weiche bisher in lateinischen Buchstaben gedruckt wurden, nun- mehr in deutschen Lettern erscheinen zu lassen. Ten Ansang macht damit das königliche statistische Bureau, in welchem die stailstische Korrespondenz und die nichtpenodische Zeit- schritt, welche bisher mit lateinischem Drucke erschienen, vom 1. Januar 1887 mit deutschen Buchstaben zur Ausgabe ge- langen sollen. In dem katholischen Breslauer Arbeitervereine des Kanonikus Dr. Franz besteht eine„Redncrschule", welche die Aufgabe hat,„christliche Arbeiter, die das nöthige Interesse de- fitzen, zur öffentlichen Verttetung der Vereinsidern vorzubereiten, und fähig zu machen, die Wünsche und berechtigten Forderungen des Arberterstandes wiederzugeben." Die„Post" nennt diese Einrichtung eine Agitatorenschule in bester Form und meint, unter der Leitung eines Agitators, wie Dr. Franz, könne es der Schule am Gedeihen und an den Erfolgen nicht fehlen. Die Partei der„Post" bedarf solcher„Redncrschulen" allerdings nicht,_ ihre geborenen Zweckredner sind die Herren Landräthe. Im übrigen sind auch wir, offen gestanden, etwas neugierig, den ersten Demosthenes ans der Schule des Herrn Kanonikus debütiren zu sehen. Den Ultramontanen kommt es auaenblick- lich zu gute, daß anderen Arbeiterelemcntan die össciilliche Wirksamkeit vcn'chloffen ist. Trotz aller„Redncrschulen" wird es aber nicht gelingen, die Arbeiter im Banne der ultramon- tauen Politik zu erhalten. Dazu haben fic bereits zu viel ge- lernt und dazu kehren die arbeiterfreundlichen Geistlichen auch zu offen ihre Absichten heraus. Sozialdemokratisches. Ein Frcunv unseres Blattes schreibt uns: In der„Nordd. Allg. Ztg." lesen wir eine „Originalnotiz", die man übrigens vorher schon in anderen Blättern gesehen hatte. Sie lautet:„Merseburg, 26. Tczmdr. Dieser Tage find hier abermals sozialdcniokratische Druck- schritten vertheilt worden."— Würde das genannte Blatt jede Verbreitung sozialdemokratischer Druckschriften, die in Deutsch« land geschieht, registriren, so würde manchmal der Raum der »Nordd. Allg. Ztg." nicht ausreichen. Aber was sollen solche Mitthcilungen bedeuten? Sollen sie zeigen, daß überall die Sozialdemokraten mit ihrer gesetzlichen Agitation auf dem Platze sind? Wir sind's zufrieden. Die Vertheilung sozial» demokratischer Druckschriften ist weder verboten noch strafbar. Strafbar ist nur die Verbreitung verbotener Schriften überhaupt; ob dieselben sozialdemokratischen Inhalts sind oder nicht, das ist ganz gleichgiltig. Wir glauben deshalb, da dieser Unterschied im Publikum wenig bekannt ist, daß es der sozia- listentödterischen Presse nur darauf ankommt, die Verbreiter .sozialdemokratischer Druckschrittcn als gesetzlose und verbreche- rische Menschen den arglosen Lesern zu denunziren, trotzdem die Verbreiter fich völlig im Rahmen des Gesetzes bewegen. Ob das ein nobles Verfahren ist, danach fragt die konservativ- nationalliberale Presse nicht. Aus Süddcutschland. Aus München schreibt man der „Frank. Tagesp.": Wohl 300 Sozialdemokraten verbreiteten in ganz München und seinen Vorstädten, sowie in Schwabing angeblich 60 000 Flugblätter, betitelt:„Glückauf! Reujahrsgruß den Wählern der Reichstaaswahlkrcise München/ gewidmet von Ehrlich Gradaus". In dreser Schnft werden hauptsächlich die Ultramontanen bekämpft. Das„Frcmdenblatt" schreibt hierüber: Die Flugschrift ist bereits eine Wahlstreitschrift. Nachdem die riesige Entwickelung der Schulden des Deutschen Reiches er- wähnt, geht es über die„Ulttamontanen" her, welche das Bs- dürfniß einer Gettänkstcuer bereits prinzipiell anzuerkennen an- Kornschober der Grafen von Marney zerstört und die der Abteiherren von Marney geschont?-- Während er über diese Fragen nachdachte, vernahm er plötzlich Stimmen, und, sich umsehend, gewahrte er auf dem Kirchhof zwei Männer; einer stand vor einem Grabmal, welches der andere genau zu besichtigen schien. Der erste war von hoher Gestalt, einfach, doch nicht ärmlich gekleidet. Sein Aeußeres ließ nicht auf seine Lebens- stellung schließen; er konnte ein Gutsherr und er konnte ebensogut ein Wildhüter sein. Er trug einen dunklen Sammetanzug und lederne Gamaschen. Im Moment, wo Egremont ihn erblickte, warf er seinen breitkrämpigen Hut auf die Erve und zeigte ein offenes, männliches Rntlitz. Die Gesichtsfarbe mochte in der Jugend die Rothe der Ge- sundheit besessen haben, allein die Zeit und was sie mit sich bringt: Denken, Sorgen und Leiden- schaft, hatten die Wangen gebleicht; das kastanienbraune Haar, dünn geworden, aber nicht grau, lockte sich noch über einer edlen Etirne; die Züge waren regelmäßig und schön; die Nase wohlgeformt, der Mund energisch, mit weißen Zähnen, die Augen hell und grau, zu der ganzen Erscheinung passend. Sein kräftiges Mannesalter,— denn er war den Vierzigern näher al« den Fünfzigern— war besser im Einklang mit seiner athletischen Gestalt, al« die weichere und anmuthigere Zeit der Jugend es gewesen wäre. Er reckte seine kräftigen Arme empor, mit einem Aus- rufe, der Müdigkeit bekundete, und der das Schweige,: unter- krochen hatte, und sagte seinem Gefährten, daß er sich im Schatten der Eeder des anliegenden Gartens ausruhen wolle; und nachdem er seinen Freund noch eingeladen, ihm zu folgen, hob er den hingeworfenen Hut auf und ent- fernte sich. Es war etwas in der Erscheinung des Manne«, das Egremont fesselte; er wartete, bis sich derselbe auf seinem Ruheplatz niedergelassen hatte, und stieg dann in den Klostergarten hinunter, entschloffen, den Fremden an- zureden. Die Sinnahmen der ReichSpost- und Telegraphen- Verwaltung für die Zeit vom Beginn des Etatsjahres bis zum Schluß ves November d. I. haben betragen 116 457 984 M., 4463961 M. mehr als in demselben Zeitraum des Etats- jahres 1885 86, die der Reichseiscnbahn-Berwaltung 31 484 000 Mark(- 240200 M.). Verboten auf Grund des Sozialistengesetzes wurden die vom 4. und 18. Dezember 1886 datirtcn Nummern 3 und 4 der in London erscheinenden periodischen Druckschrist:„Die Autonomie. Anarchistisch- kommunistisches Organ". Gedruckt und herausgegeben von R. Gunderson, 96 Wardour Street, Soho Square, London W. Oesterreich Ungar«. Auf die Tschechen scheint der Austritt der Deutschen aus dem böhmischen Landtage keine besänftigende Wirkung zu äußern. Dr. Gregr hielt bei dem Parteitage seiner Frastion eine Rede gegen die deutsche Kultur und die alttschechischen Führer, namentlich gegen Rieger und dessen Rathschlägc zur Erlernung der deutschen Sprache, die in maßlosen Ausfällen das Aeußerste leistete. Er sagte u. a., früher hätten„die Deutschen unter dem Zeichen des Kreuzes gebrandschatzt und gemordet, später suchten fie unter dem Vorwande der Kultur- Verbreitung den Tschechen auch ihr Helligstes, die Muttersprache zu rauben. Die Tschechen hätten schon, als die Deutschen noch auf ihren Bärenhäuten lagen und Eicheln fraßen, die Felder debaut und Kolatschen gebacken."„Tie Tschechen, fuhr Gregr fort,„versuchen fich selbst zu germanistren.(Rufe: Schande!) Jeder Pflastertteter auf dem Graben spricht deutsch, in den größten hiesigen Hotels, in allen Geschäften wird leider deutsch gesprochen, ohne daß bedacht wird, daß Böhmen doch eher slawisch als germanisch ist. Prag liegt wohl auf dem Wege von Berlin nach Wien. Dies spricht dafür, daß man deutsch nicht lernen soll, denn in Berlin hat man ohnehin Lust, ein- mal nach Wien zu marschiren, und nur, wenn Böhmen die. Scheidewand zwischen beiden Reichen bildet, wird dies ver- hütet werden. Hat einer der besten böhntischen Könige, Georg von Podiebrad, ohne Kenntniß der deutschen Sprache regieren können, warum sollte es nicht ein Jeder von uus im Stande sein, fich ohne Kenntniß der deutschen Sprache fortzuhelfen? (Beifall.) Beruft man sich darauf, daß die tschechische Literatur noch aus anderen Ouellen schöpfen muß, so nehme man zur französischen und englischen Geistesarbeit seine Zuflucht und weiche nur immer den Deutschen aus. Aus Deutschland kann der Segen für die Tscheche« nicht kommen, den darf man nur im Osten b ei den slawischen Brüdern in Ruß- (and suchen." Die Versammlung sparte nicht mit Beifalls- äußcrungen; dagegen erregt die Auslassnng des jungtschechischen Führers, der mit keinen Zweifel lassender Offenheit die letzten Tendenzen der Tschechen enthüllte, doch seihst bei den Offi- ziösen Kopfschütteln, zumal auch zwei andere tschechische Ab- geordnete, Herold und Tilscher, sich in ähnlicher Weise äußerten. In dem Prozesse gegen drei Silberarbeiter wegen Her- stellung von falschen Münzen zu anarchistischen(?) Zwecken wurden die Angeklagten zu 5 bezw. 3 Jahren Kerker verurtheilt. Danemark. Als AuegleichSbedrngungcn im Verfassungskon- f l i k t stellt die Regierungspartei, wie der Hauptwottführer derselben, Pros. Malzen, dieser Tage öffentlich erklärte, die Forderung, daß die zweite Kammer sämmtliche gegen die Preß- und Redefreiheit gerichteten provisorischen Sttafbestimniungcn annimmt, die verhaßte Gcndarmerieinstitution sanktionirt und nachträglich die für Kncgsrüstungen ohne Bewilligung veraus- gabten Sunimcn genehmigt und sich ferner zur Bewilligung aller für Heer, Flotte, uno Befestigungen nach dem Plane der Regierung erforderlichen Mittel verpflichtet. So lange die Opposition fich nicht hierzu bereit erkläre, hatten alle Aner- bietungcn von ihrer Seite keinen Werth, uud die Rechte werde ihr die Schuld beimessen, wenn kein Budget zu Stande käme. Deutlicher konnte die Rechte in der That ihren verfassungs- widrigen Standpunkt nicht kennzeichnen! Bisher behauptete sie immer, sie wolle in ihrem Kampfe nur die Prärogative des Königs schützen und die Gleichberechtigung der ersten Kammer wahren. Nachdem die Erklärungen des redegewandten Grafen Holstein die absolute 5)insäUigkeit solcher Kampfmotive nachge- wiesen, da niemand in der Opposition die im Grundgesetze ge- währten Rechte des Königs und des Herrenhauses beeinträchtigen wolle, hat die Rechte endlich Farbe bekennen und als Kampfziel die Vernichtung der verfassungsmäßigen Befugnisse der Volks- Vertretung proklamiren müssen. Wo die Absicht eines Ver- fassungsbruchs vorliegt, kann doch wohl jetzt keinem mehr ver- borgen sein. Schweix. Wie man der„Zür. Pen" mittheilt, ist die Abonnenten- zahl des„Grütlianer", des schweizerischen A.beitcrgewerkschasts- Organs, auf 9800 angestiegen. Knßlnnd. Aus Rußland werden nihilistische Bewegungen ge- meldet. Man schreibt den„Daily News" aus Petersburg, es sei der Polizei gelungen, eine weitverzweigte Verbindung nililistischer Natur unter den Ardeitem in den Provinzen Petersburg, Moskau und Wladimir, wo die größten russischen Fabriken zu finden sind, zu entdecken. Emste Ruhestörungen, welche vor einigen Tagen in drei Fabriken unweit Petersburg stattfanden und das Einschreiten von Militär nothwendig machten, sollen auf die Thätigkcit jener Verbindung zurückzuführen sein. Zahlreiche Arbeiter seien verhaftet worden, aber keine Rädels- führer, von denen die bedeutendsten im Auslände zu wohnen scheinen. Auch unter den Studenten seien viele Verhaftungen vorgenommen worden. Großbritannien. Nach einem Londoner Telegramm vom Montag Abend beabsichtigt Lord Salisbury gutem Vernehmen nach, falls die Verhandlungen mit Hartington wegen dessen Eintritt in das K ab inet scheitern sollten, der Königin die Auflösung d e K Parlaments anzurathen. Kalkanlander. Große Schwierigkeiten hat der bulgarischen Regierung ihre Geldnoth bereitet. Nach einer Mittheilung der„Polit. Korr." hat fich aber die Finanzlage Bulgariens in der letzten Zeit günstiger gestaltet, da es der Regierung gelungen ist, die direkten Steuem für das zweite Halbjahr 1886, sowie 1 200000 Frks., welche aus dem ersten Halbjahr rückständig geblieben waren. ohne Anwendung außerordentlicher Mittel einzutreiben. A sie». lieber die russisch-chinesische Annäherung wird der»Köln. Ztg." aus Tientfin vom 28. Oktober geschrieben, abgesehen von der ernsten Aufforderung Chinas an die Engländer, Pott Hamilton zu verlassen, und der Verbind- lichkeit Chinas Rußfand gegenüber, in Koreas Angelegenheiten ohne gegenseitige Zustimmung sich nicht zu mischen, sei noch als ein großer Erfolg für die Russen zu verzeichnen, daß der Einfluß der Engländer fast vernichtet und em anscheinend so- gar sehr aufttchtiges Einvernehmen zwischen den beiden Kolossen erhielt worden sei. Sicherlich werde schon das kommende Jahr zeigen, von welch' großem Wetthc dieses Einverständniß für beide Länder werden wird, da schon jetzt Eröffnung von Verkehrs« straßen, Telegraphen it. über die bisher beiderseits sorglich ge» hütete Grenze geplant werden. Gmchts-Ieitnng. t Vier„Leichenfledderer", Namens Jakobi, Schultz, Möller und Rodlank, standen gestem vor der dritten Straf» kammer des hiesigen Landgettchts' unter der Anklage des wie» derholten Diebstahls. Die vier Personen bildeten nicht eine zu gemeinschaftlichen Thaten verbundene Gesellschaft, sondern übten ihre Kunst auf eigene Faust aus. Einen besonders glücklichen Griff hatte der erste der Angeklagten Jakobi. Es gelang ihm eines Abends, einem betrunkenen Herrn, der auf einer Bank „Unter den Linden" seinen Weinrausch verschlief, die schwere goldene Uhr und Kette unbemerkt abzunehmen. Raffinittcr ging Roblank zu Werke: er erschien in der Sprechstunde, die ein menschenfreundlichen: Arzt für Unbemittelte ein- genchtet hatte, gab an schwer krank zu sein, ließ fich untersuchen und stahl beim Hinausgehen aus dem Korttdor einen werthvollcn Winterüberzieher. Nur diese beiden Fälle boten, etwas Bcmerkenswetthcs; die übrigen waren unbedeutender Natur. Das Uttheil wurde gegen die Vier nach ihren Vorsttafen und der Anzahl der Diebstähle, deren fie entweder durch eigenes Gcständniß oder durch die Beweisaufnahme überführt waren, bemessen und lautete gegen Schultz auf ein Jahr, gegen Roblank ans neun Monate, gegen Jakobi auf sechs Monate und gegen Möller auf vier Monate Gcfängniß. t Gegen den Bankier Richard Reif, Oranienstraße 55, ist wegen Veruntreuungen ihm übcrgedener oder anvertrauter Gelder und Wetthpapiere die gerichtliche Untersuchung einge- leitet worden; er selbst ist verhaftet. Im Laufe der Vor- Untersuchung find bis jetzt 34 Fälle solcher Veruntreuungen er- mittelt worden; es find aber sicherlich noch mehr Geschädigte vorhanden. Alle Personen, die fich von Reiff geschädigt glauben, werden ersucht, fich bei dem Untersuchungsnchter Landgerichtsrath Hollmann, Justizgedäude in Moabit, zweiter Stock, Zimmer 137, in der Zeit von 11—12 Uhr Vormittags einzufinden. Es darf Niemand seinem ordentlichen Richter ent- zogen werden. Unter dieser Spitzmarke wurde vor zirka 14 Tagen in der Presse ein Vorgang mitgetheilt und besprochen, der die allgemeinste Sensation hervorgerufen hat. In der Sttassache gegen den Redatteur Lemmc in Eberswalde wegen Beleidigung ves Gymnafialdirektors Klein und des Lehrer« kollegiums war der vor zirka 6 Wochen anberaumt gewesene Termin auf die Anregung des ersten Staatsanwalts Meyer deHufs Vernehmung von Zeugen aufgehoben worden. Der neue Termin vor der Ettafkammer zu Eberswalde ist zum 5. Januar k. I. anberaumt worden. Zu diesem bat der ge- nannte Staatsanwalt ohne Angade eines Beweisthemas u. a. Personen zwei Mitglieder des Gettchtshofes, die Amts- gettchtsräthe Rätzell und Echröttcr, als Zeftgen gefangen und zu weiteren Konzessionen bereit sein werden, wenn von der Rcgterung der Herrschsucht der Geistlichkeit noch wei- tere Zugeständnisse gemacht sein werden".— Am Sonntag vor acht Tagen Vormittags 11 Uhr wurde seitens des kgl. Bezirks- amts?! ü r n b e r g das dott ausgegebene Flugblatt, welches die Reichstagsrede Grillenbergers gegen die Militär vorläge enthält, provisottsch beschlagnahmt, nachdem ca. 24 000 Exemplare genannter Druckschrift während der frühen Morgenstunden in Sturm tmd Schneegestöber verbreitet worden waren. Nach etwa zehn Tagen wurden nun durch ein Polizeiorgan vier konsiszirt gewesene Exemplare nebst einer an das hiesige Bezirksamt gerichteten Verfügung der kgl. Regierung von Mittelfranken mit folgendem Wortlaut dem Verleger übermittelt:„Die Beilagen des Berichts vom 20. d. M. folgen anrubend mit dem Eröffnen zurück, daß die Voraussetzungen des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Be- strebungen der Sozialdemokratie vom 21. Oktober 1878 nicht vollständig gegeben erscheinen, daß daher hiermit der Beschluß des kgl. Bezirksamts Nürnberg vom 19. d außer Kraft gesetzt und die Wiederaufhebung der Beschlagnabme ange- ordnet wird. v. Hermann, kgl. Regierungspräsident." Die Abneigutt'g des Sultan von Sansibar gegen die Deutschen ist groß. Er bat zwei deutsche Kapitäne entlassen, die als Führer zweier seiner Dampfschiffe in seinen Diensten standen. Sie find durch Engländer ersetzt worden. Unsere Kolonisation in Afrika macht somit rüstig— den Krebsschritt. • Die Schee« ist ihm ausgerutscht I Wem? Dem Redakteur der„Hallischen Zeitung"! Wir brachten unter der Politischen Ueberficht" der Nummer vom letzten Dienstag eine Notiz:„Eine konservative Stimme", in welcher nachgewiesen wurde, daß das oben genannte Blatt sich vollständig auf die Seite der Gegner des Sozialistengeseyes stelle. Dies war natürlich um so erfreulicher, weil man es mit einer seither sozialistenfeindlichen(nicht sozialistenfriedlichen, wie es in unserer Dienstagsnotiz in Folge eines Druckfehlers hieß) zu thun hatte. Jetzt ettlätt die Rcdattion der„Hallischen Zeitung", daß ihr ein Versehen pasfirt sei und daß fie die Nothwendigkeit des Sozialistengesetzes nicht bestreitet. Das Vaterland ist nun zwar wieder einmal gerettet. Aber wie ist das Versehen entstanden? Der Redakteur des Blattes nahm sein Hauptwerkzcug, die Sckeere, in die Hand, nachdem der verführerische, reaktionäre Anfang der Notiz ihm gefallen und schnitt die für sein Blatt so ungemein paffende Notiz aus. Dabei pasfirtc ihm das Malheur, daß das sonst in seiner Hand so bewährte Instrument ihm ausrutschte und mit der reationären Notiz auch die boshafte Schlußbemerkung, die einem oppositionellen Blatte entstammt, ausschnitt. Das wäre nun nicht so schlimm gewesen, wenn wie der Redatteur auch der Setzer„gesinnungs- tüchtig" war. Derselbe hätte dann den Schcerenschnitt des Redakteurs bemerkt— aber die böse Sozialdemokratie soll selbst bei den Setzern der Provinzialpresse Eingang gehalten haben. Der Korrektor aber ist nur eine Maschine, die Fehler aus- bessert und sie dachte in ihrer Bescheidenheit, daß das Auf- hören des Sozialistengeseves eigentlich doch kein Fehler sei.— So hat das sonst so bewährte Redaktionswerkzeug, die Scheere, dem Redakteur der„Hallischen Zeitung" einen aller- dings üblen Streich gespielt. Er soll im ersten Eifer das Instrument weggeworfen und zur Feder gegriffen haben— doch am nächsten Tage war die Feder wieder mit der Scheere vettauscht, nur soll der Redakteur den heiligen Schwur gethan haben, bei einem gewerbsmäßigen Zuschneider noch einmal einen Uebungskuttus durchzumachen. Den Ruhm, das größte Entennest zu se n, macht neuerdings das„Deuttche Tag." mit Ettolg dem„Berl. Tag." streitig. Natürlich giebt es da viel Feindschaft unter den Rivalen und so lesen wir heute im Moffe'schen Organ:„Das „Deutsche Tageblatt" brachte am Tage der Abreise der bul- ganschen Deputation von Berlin einen sehr prätenziös gehaltenen Bericht über eine angebliche Unterredung mit Herrn Kaltscheff. Wir waren in denLage, dieses„Interview" am nämlichen Tage als grobe Erfindung zu brandmarken. Darauf erklärte das „Deutsche Tageblatt" im Brusttone der Entrüstung mit feier- lichcn Worten, der Bracht über das Interview sei authentisch, und versicherte pathetisch die Echtheit deffelden. Jetzt ist das Blatt gezwungen worden, folgende Erklärung Kaltscheffs zu veröffentlichen:„In?ir. 406 Ihres geschätzten Blattes vom 21. Dezember veröffentlichen Sic den Bericht eines Ihrer Korrespondenten über eine Unterhaltung, welche derselbe mit mir gehabt haben will. Ich kann nur annehmen, daß Sie mit diesem Berichte mystifizirt worden sind. Ich habe während nieines Aufenthaltes in Berlin keinen Korrespondenten Ihres Blattes emptanzen, und die mir in den Mund gelegten Aeußerungen, welche mit meiner Auffassung der bulgarischen Verhältnisse und mit meiner Verehrung zu dem Fürsten Alexander im schärfsten Widerspruch stehen, habe ich niemals gethan. Ich darf w. w. Hochachtungsvoll C. Kaltscheff," Wir find begierig— frägt Herr Messe an— ob das„Deutsche Tageblatt" auch jetzt noch die Keckheit befitzen wird, zu behaupten, daß die erdichtete Unter- redung seines Gewährsmannes mit Kaltscheff ttotzdcm wirklich stattgefunden habe."— Wenn eS das„D. T" wie Herr Messe in der Brillanttaubenaffäre macht: ja. Viertes Kapitel. „Sie lehnen sich an einen alten Baumstamm", sagte Egremont, ungezwungen auf den Fremden zugehend, der ohne ein Zeichen der Ueberraschung zu ihm aussah und dann erwiderte:„Man sagt, es sei der Stamm, unter dessen Zweigen sich die Mönche zuerst niedergelassen, als sie kamen, um diesen Bau zu erachten. Er war so lange ihr Haus, bis sie aus dem Holz und den Steinen um sie herum durch ihre Arbeit und schöne Kunst die Abtei auf- bauten! Und dann wurden sie daraus vertrieben und es ist so geworden. Die armen Leute! Die armen Leute!" „Sie würden kaum ihren Ruheplatz verloren haben, hätten sie verdient, ihn zu behalten," sagte Egremont. „Sie waren reich. Ich dachte, die Armuth sei ein Verbrechen," erwiderte ruhig der Fremde. „Aber fie hatten andere Verbrechen begangen." „Es mag so sein, wir Menschen sind unvollkommen und schwach; aber die Geschichte dieser Mönche wurde von ihren Feinden geschrieben: sie wurden, ohne gehört zu sein, verurtheilt; das Volk hat sich oft zu ihren Gunsten er- hoben; und ihr Eigenthum wurde unter Diejenigen ver- theilt, auf deren Berichte hin e» verwirkt und weggenommen worden." „Unter allen Umständen war es eine Veränderung, die Leben in das Gemeinwesen brachte,— das Land ist in dem Besitz thätiger Menschen und nicht in dem von Drohnen." „Wer nicht arbeitet, ist eine Drohne," sagte der Fremde, „ob er eine Kutte oder eine Adelskrone trägt, für mich ist das gleich! Irgend Jemandem, denke ich, muß das Land gehören, obgleich ich sagen hörte, dieser persönliche Besitz sei keine Nothwendigkeit. Wie das auch sein mag, ich bin Keiner, der den Grundherrn(Landlord) verwerfen würde, vorausgesetzt, daß er ein anständiger ist. Alle stimmen darin überein, daß die Klosterbrüder gute Landlords waren; der Pachtzins war gering und sie gewährten Pachtverträge auf lange Zeitdauer. Die Pächter konnten ihre Verträge erneuern, noch ehe die Zeit abgelaufen war, sie waren also selbstständig und wohlhabend. Sie waren freie Männer; das Land war nicht in zwei Klasse, gespalten: in Herren und Sklaven. Es gab eine Mitte, einen Nuhepunkt zwischen Ucberfluß und Armuth. Behaglicher Komfort(Wohlbefinden, Bequemlichkeit) war damals noch eine englische Sitte, nicht bloß ein englisches Wort." „Und glauben Sie wirklich, daß sie bessere Herren waren, als die jetzigen?" fragte Egremont. „Die menschliche Natur würde uns das sagen, wenn die Geschichte es nicht benchtete. Die Mönche konnten kein Privateigenthum besitzen, sie konnten kein Geld sparen, sie konnten nichts vererben. Sie lebten für die Allgemeinheit, und für die Allgemeinheit nahmen sie ein und gaben fie aus. Das Kloster selbst gehörte einem Eigenthümer, der niemals starb und niemals verschwendete. Die Pächter hatten dadurch einen unsterblichen Gutsherrn, keinen harten Vormund, keinen quälenden, Mark aussaugenden Hypotheken- gläubiger, keinen bei Eigenthumsstreitigkeiten endlos zaudern- den Kanzleihos"). Alles war sicher und fest, der Inhaber atte keinen Wechsel des Herrn zu fürchten und die Eichen rauchten nickt zu zittern vor der Axt des üppigen Erben. Wie stolz sinv wir jetzt noch auf eine alte Familie, obgleich — der Himmel weiß es— man jetzt selten eine steht. Das Volk sagt gern,„wir hatten die Pacht unter" ihm, und unter seinem Vater und Großvater"; es weiß, daß so ein sicherer Landbesitz ein Segen ist: Der Abt war stets derselbe. Die Mönche waren, um es kurz zu sagen, eine Zuflucht für alle, die Hilfe, Rath und Schutz brauchten, eine Körperschaft von Plännern, die, weil sie keine Sorgen hatten, mit Weisheit den Unerfahrenen leiteten, mit ihrem Reichthum die Bedürftigen unterstützten und oft mit ihrer Macht den Gedrückten beschützten." „Sie führen die Sache der Mönche mit warmem Herzen," sagte Egremont theilnahmsvoll. „Es ist meine eigene Sache, sie waren Söhne des Volkes, wie ich selber." „Ich hätte eher geglaubt, diese Klöster seien de» Zu- fluchtsort für die jüngeren Söhne der Aristokratie gewesen," meinte Egremont. *) Court of Chancery— dieser Gerichtshof ist aus den Romanen von Dickens bekannt. „Anstatt der Pensionsliste, die sie heute versorgt," er- widerte sein Gefährte lächelnd aber nicht mit Bitterkeit. „Gut, wenn wir eine Aristokratte haben müssen, dann wollte ich lieber, daß die jüngeren Zweige Mönche und Nonnen würden, statt Oberste ohne Regiment oder Verwalterinnen königlicher Paläste, die nur dem Namen nach bestehen. Und außerdem, welcher Vortheil wäre es für einen Minister, wenn der besitzlose Theil des Adels jetzt so versorgt wäre! Er brauchte nicht, wie ein heutiger Minister, die Führung öffentlicher Angelegenheiten Personen anzuvertrauen, die erwiesener Maßen unfähig sind; er müßte nicht zu Befehls- habern von Expeditionen Generale ernennen, die niemals ein Schlachtfeld sahen, zu Beherrschern von Kolonien Leute, die niemals sich selbst beherrschen konnten, oder zu Gesandten bankerutte Stutzer oder verkrachte Günstlinge. Es ist wahr, dgß viele Nonnen und Mönche von vornehmer Geburt waren, warum hätten sie es nicht sein sollen?— Der Adel hatte seinen Anthetl,— nicht mehr. Wie alle anderen Klassen, hatte er Nutzen durch die Klöster, die Liste der Aebte zeigt aber, daß die große Mehrheit dem Volle entstammte." (Forts eyung folgt.) Aus Kunst und Keben. Theaterbrand. Herzog's Opera House in Washington ist total abgebrannt, so daß nur die kahlen Mauern übrig geblieben find. In der fünften Morgenstunde des 15. Dezembers brach der Brand unterhalb des Bühnenraumes aus und verzehrte in wenigen Stunden das ganze Gebäude. Mehrere in der Nähe belegene Fabriken wurden nur dadurck gerettet, daß die ganze Nackt hindurch ein heftiger Schneefall an- dauerte und die Bemühungen der Lösckmannfchaftm unterstützte. verunglückte valleteusen. Im Petersburger Manen- Theater stürzten vor einigen Tagen, wie der„Peterb. Lift" berichtet, die Tänzerinnen Michailowa und Löwenson am Schlüsse des dritten Aktes im Ballet„Die Tochter Pharao's" infolge Reißens eines Seiles an der Hebemaschine aus einer Höhe von zwei Faden mit markdurchdringendem Schrei auf den Fußboden der Szene herab und ttuaen nicht unerhebliche Beschädigungen am Körper davon. Der Porhang mußte sofort heruntergelassen werden. Dieser Unglücksfall wirkte geradezu betäubend auf das anwesende Publikum. laden. Hierdurch würden diese Richter als Mitglieder deö erkennenden Gerichtshofes ausscheiden und durch Hilfsrichter ersetzt werden müssen. Der Vertheidiger des Angeklagten Rechtsanwalt Dr. Flatau in Berlin richtete nun an den ersten Staatsanwalt Meyer in Prenzlau die Anfrage, worüber denn die beiden Herren Amtsgcrichtsräthe vernommen werden sollen, und erhielt den Bescheid, daß dieselben ein in der Sitzung vom 6. Januar 1886 vor ihnen von dem Ange- klagten abgegebenes Zugeständniß, nach welchem dessen Freunde eine ihm auferlegte Geldstrafe von 200 Mark gesammelt und erlegt haben, bekunden sollen. Ucber die Thatsache selbst find aber gleichzeitig fünf andere Zeugen geladen worden. Rechtsanwalt Tr. Flatau reichte nun an den Herrn Justizminister Dr. Friedberg eine Vorstellung ein, in welcher derselbe ersucht wurde, bin ersten Staatsanwalt Äcyer anzuweisen, von der Ladung der beiden Richter vor ihr eigenes Forum Abstand zu nehmen. In dem qu. Schriftstück heißt es, daß der Antrag nicht allein aus dem begreiflichen Interesse des Angeklagten an der Zusammensetzung des Gerichtshofs, sondern auch aus Rücksicht für die Intention des Gesetzes, nach der Niemand ohne absolut zwingenden Grund seinem ordentlichen Richter entzogen werden solle, hervorgerufen sei. Beide richterlichen Zeugen seien über ein Zugeständniß des Angeklagten in der Sitzung vom 6. Januar d. I. angerufen worden. Nun habe aber sein Klient an diesem Tage gar keine Termine gehabt, sondern in einer Verhandlung am 8. April er. unumwunden eingeräumt, daß die eine Strafe von seinen Freunden bezahlt worden sei. Dasselbe haben damals auch diese Freunde eidlich bekundet. In der Sitzung vom 8. April er. habe aber Amts- gerichtsrath Schrötter gar nickt mitgewirkt. Bei dieser Sach« läge sei ein Beweis über ein Zugeständniß umso- weniger am Platze, als durch deren Erhebung die Zusammensetzung des Richterkollegiums geändert werden müsse und durch die Einberufung zweier Hilfsrichter aus anderen Städten dem Staate unnöthige Kosten aufgebürdet werden. Endlich habe die Ladung der richterlichen Mitglieder zu Miß- deutungen und zu einer Besprechung in der Presse Veranlassung gegeben. Auf diese Vorstellung ist zwar ein Bescheid noch nicht «gangen! doch ist die Anschauung des Herrn Justizministers bereits zum Ausdruck gelangt, indem der erste Staatsanwalt Meyer auf Anweisung desselhen die besprochene Ladung der beiden Amt-gerichtsräthe Rätzell und Schrötter zurückgenommen hat.— Dieser Erfolg dürfte nicht zum geringsten Theile der Thätigkeit der Presse zuzuschreiben sein. Soziales und Arbeiterbewegung. Der Papst kann den Sozialismus ebensowenig er- tragen wie eine weltliche Regierung, wie sich aus folgender Korrespondenz der„V. St. Ztg." aus New-Bork ergiebt: „Großes Aufsehen erregte hier die Nachricht, PaterEdward M c Glynn von der St. Stcphanskirche sei in Folge seiner Haltung während der letzten Wahlkampagne vor die Propa- ganda in Rom berufen worden, um sich dort bezüglich seines Eintr eten s t ür H enrn G e or g e und dessen Lehre zu verantworten. Schon im Monat September erhielt Erzbischof Corrigan ein Schreiben der Propaganda in Rom, in welchem man sich über die Richtung beschweite, welche Pater McGlynn eingeschlagen habe. Diesem Briefe folgte bald ein anderer und schließlich kam ein im direkten Auftrag deS heiligen DaterS ver- faßtes Schreiben an, in welchem erklärt wurde, daß die An- sichten, welche der genannte Pater vertrete, mit den Lehren der Kirche im Widerspruche ständen. Der Erzbischof setzte sich darauf sowohl mit Pater McGlynn als auch mit Herrn Henry George in Verbindung und verbot schließ- lich dem ersteren, einen weiteren aktiven Antheil an der Kampagne im Interesse von Henry George zu nehmen. Trotzdem behante Pater McGlynn auf dem von ihm einge- geschlagenen Wege und hielt in der im Interesse Henry Georges am 1. Ottober d. I. in Chickering Hall abgehaltenen Massen- Versammlung eine cinstündige Rede, in welcher er Henry George den größten Mann des Landes nannte und erklärte, daß derselbe nicht nur fähig sei, das Amt eines Mayors, son- dern auch dasjenige eines Präsidenten der Vereinigten Staaten zu bekleiden. Pater McGlynn behante während der ganzen Wahlkampagne auf dem von ihm eingenommenen Etandpuntt, und am Wahltage fuhr er in einer offenen Kutsche mit!?errn George, Powderly und Reo. I. H. Krämer von einem Stimm- platz zum anderen.(Entsetzlich!) Die Angelegenheit erregt in katholischen wie in protestantischen Kreisen um so größeres Auf- sehen, als Pater McGlynn bei verschiedenen öffentlichen Gelegenheiten in hervorragender Weise Stellung ge- nommen hat, und einzelne seiner Bekannten gehen sogar so weit, zu behaupten, daß McGlynn schwerlich nach Rom reisen, sondern vielmehr aus der Kirche ausscheiden und sich der Arbeiterbewegung anschließen werde. Vor einer Woche bereits hat er die Ordre, nach Rom abzu- reisen, erhalten und noch immer hat er keine Anstalten gemacht, den ihm gewordenen Befehlen nachzukommen. Manche seiner Bekannten sind der Ansicht, das er sich entweder schriftlich oder mittelst Kabel an die Propaganda gewandt und eine Frist er- langt habe, innerhalb welcher er m Rom erscheinen werde. Uebrigens bade schon vor ihm Bischof McNulty von Meath dieselben Thcorieen, wie McGlynn, verfochten und sei Bischof geblieben, und was ein Bischof thun dürfe, könne einem ein- fachen Priester nicht verboten werden. Rev. James O'Connor von der katholischen reformitten Kirchengemeinde sprach nun in der Masonic Temple Hall über die von Erzbischof Corrigan gegen den Pater Edward McGlynn wegen der Betheiligung an der Henry George- Kampagne beim Papste erhobenen Anklagen seine Meinung aus und sagte dabei unter Anderem:„Pater McGlynns liberale Anschauungen find Allen bekannt und dieser- halb ist er von einer Anzahl Römisch-Katholischer getadelt worden. Er(Redner) hege indeß die Hoffnung, daß Pater McGlynn sich nicht etwaigen Strafurtheilen der Kirche fügen, sondern an das Volk um seinen Beistand appelliren werde." Koalition amerikanischer Mühlenbesttzer. Die Mühlen- befitzer in Minneapolis, Minn., gehen mit der Abficht um, ihre sämmtlichen Geschäfte zu konsolidiren und ein Direktorium mit der Verwaltung der Äahlmüblm in der Stadt zu bettauen. Wenn dieser Plan verwirklicht werden sollte, würde die Kom- bination in ihrer Art ebenso mächtig werden, wie es die „Standard OiMo." gegenwärtig ist, und sie würde in der That im Stande sein, den Weizen- und Mehlmartt des Landes zu konttolircn.— Das nennt man dann freie Konkurrenz! Knappschaftswesen in Westfalen. In der Gencralver« sammlung des Vereins für bergbauliche Interessen im Oberberg- amtsbezirk Dortmund wurden am 22. Dezember Resolutionen angenommen, welche die Trennung der Krankenkassen von den Invaliden- beziehungsweise Penfionskassen befürworteten, fowie die Bildung von Werkskrankenkassen. Ferner sollen die fämmt- lichen Knappschaftskassen des westfälischen Jndustricbezirks zu einem einzigen großen Pcnfions- und Alterversorgungsinstitut zusammengefaßt werden. ?ta»ko des JnnungswesenS. Posen, 25. Dezember. ennbarer Verstimmung spricht sich der Jahresbericht un- seres Magistrats über den Stand der Innungen in Posen auS. Es bestehen hier zur Zeit deren 20, neu hinzugekommen find gegen das Vorjahr nur 1; die Verhandlungen über die Errich- tung einer Uhrmacherinnung schweben noch. Interessant ist die Thatsache, daß die Regierung sich geweigert hat, der Barbier- und Friseurinnung die Anwendung des bekannten§ 100« zu gestatten. Im Ganzen— bemerkt der Bericht— ist wenig Erfreuliches aus dem Jnnungslcben zu berichten. Die meisten Innungen beschränken sich darauf, von Zeit zu Zeit Zusammen- künfte abzuhalten, dabei Jnnungs- und Stcrbekassendeiträge zu erheben, Lehrlinge aus- und einzuschreiben und neue Mitglieder aufzunehmen. Bezüglich des Lehrlings-, Gesellen- und Her- bergswesens sei alles beim Alten gewesen. Da wird nun frei- lich Herr Ackermann bald Rath schaffen müssen. Vielleicht entschließt er sich dazu, hierorts einen Vortrag über die Normal- innung zu halten. Der Vorstand des in Leipzig domizilirenden deutschen Xylographenverbandes stellt bei seinen Mitgliedern den An- trag: den Verband aufzulösen. Als Begründung dieses Antrages wird gesagt, daß die Leipziger Polizei dem Vereins. vorstand eröffnet habe, daß der Leipziger Verein mit seinen Zweigvereinen nicht in Verbindung bleiben dürfe, da dies gegen das sächsische Vereinsgesetz verstoße. Zur Kellnerpetition. Dem Reichstage sind mehrere mit zahlreichen Unterschriften versehene Petitionen von Kellnern zu- gegangen, in welchen gebeten wird, Sorge dafür ttagen zu wollen, daß die Kellner in Zukunft überall als Gewerbe- gehilfen anerkannt werden. Die Petenten beschweren sich darüber, daß Polizei- und Ottsbehörden die Kellner sehr häufig nicht als Gewerbegehilfen, sondern als Dienstboten betrachten und auch die Genchte nicht selten ihnen nur die Eigenschaft als Dienstboten zugestehen. Bei Stteitigkeiten von Dienstboten und ihrem Arbeitsverhältniß sind bekanntlich zunächst die Orts- Polizeibehörden zuständig, welche Zwangsmaßregeln anwenden können, die Gewerbegehilfen gegenüber nicht zulässig sind. Stteitigkeiten der letzteren mit ihren Arbeitgebern werden da- gegen von den gewerblichen Schiedsgerichten bezw. von den Ottsdehörden in erster Instanz entschieden. Das Verlangen der Kellner erscheint wohl gerechtfettigt, da das Verhältniß der- selben zu ihren Arbeitgebern, abgesehen �vielleicht von gewissen ländlichen Bezirken, sich in den letzten Jahren sehr gcändett hat, ferner aber auch die Ausbildung wenigstens eines großen Theiles der Kellner eine bessere geworden ist. Noch besser wäre es freilich, man könnte die mittelalterlichen Gefindeordnungen ganz und gar beseitigen, so daß niemand mehr darunter zu leiden hätte. Wattenscheid. Auf der Zeche„Fröhliche Morgensonne" geht man, der„Wests. Volksztg." zufolge, mit dem Plane um, zum 1. Januar die Förderung so einzuschränken, daß 100 Arbeitern gekündigt werden soll. Theater. Donnerstag, den 30. Dezember. Opernhaus. Die Willys, oder: Gisela. Vor- her: Des Löwen Erwachen. Schauspiettiaus. Graf Waldemar. Deutsches Theater. Der schwarze Schleier. Frtedrich-Wilhetmstädttsches Theater. Der Zigeuncrbaron. Wallner-Iheater. Die Sternschnuppe. Viktoria- Theater. Viviana. Ostend-Theater. Das neue Gebot. Nestdenz- Theater. Georgette. «entrai-Theater. Spottoöael. ZialhalZa-Theater. Der Vagabund. Königstädlisches Theater. Luftschlösser. Aeichshallen- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Aaufman«'» Vckrietee. Spezialitäten- Vor- stellung. Toucordia» Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Vellealltanee-Theater. Die Kreuzelschreiber. American-T heater. Spezialitäten-Vorstellung. Soeben ist erschienen: H 3»« MeueWelt Kalender: � für 1887. Aus dem reichen Inhalt heben wir hervor: Reichshanshalts-Etat des Deut- scheu Reichs.— Zerbrochene Selten. Erzählung von Rod. Echweichel.— Bär- tige Frauen uu» Haarmenschen.— Et» Proletarierttud. Erzählungv.E. Langer. — Der«ampf, wische» Feuer u. Wasser i» der Welt. Von P. OSw. Köhler.— Wie mau ei»» Million verdit»t.— Flie- gende Blätter(humoristisch). Ztts Gratis Krilage«: L Lucia. 3. Mutter, ltck. 2. Blanche. 4. Die beide» Alte». Et» Waudkaleudcr. —= preis 60 pf.=— Soeben erschien Heft 4 ller Internationalen Bibliothek. Karl ittarx's ökonomische Kehre». preis pro Krft 60 Pf. Zu beziehen durch die Expedition des>zKerl. Zimmerstraße 44, Einbanddecken zu Heft I bis 3 ä 30 Pf. Miederverkäufer« Rabatt."ME Passage 1 Tr. 9 M.- 10 A. Halwer-Panoroina. Die maler. Kiichstfche Kchweiz. Amerika-Kaliforn. Mond. Hoch- interessante M ontblanc-Besteigung. Hertha-� Reise. Karolinen-Jnseln. Eine Reife 20 Pfennig. Kinder nur 10 Pf. Die Buchdruckerei von Max Bading Berlin SW., Beuth-Strasse 2 empfiehlt sich zur Anfertigung von Druck-Arbeiten jeden Genres bei prompter und solider Bedienung. Kosten- Anschläge and Muster werden auf Wunsch gern bbersandt. Q HANSA. Briefumschläge für | dl0Pfg.u.3Pfg. (weiß, kleines Format) NEUJAHR in allen Hansa Knnahmestelle» und in den Hausa-Kemter«. 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Ncbm der gewöhnlichm Ausgabe ist auch wieder eine stärkere veranstaltet, welche mehr Schreibpapier mthält und ttäftigm Leinwandeinband mit Deckel nach Bnef- taschmatt und Gummiband bat. Auch bei der gewöhnlichm Sötte find diesmal die Ecken abgerundet. Inhalt des Kalenders: Kalmdarium mit nm revidittem Ge- schichtskalendcr; postalische Bestimmungen; Telegrammtanf; das ganze Unfallversiche- rungsgcsetz mit Anhang vom 28. Mai 1885; Gesetz über die eingeschriebenen Hilfskassm mit der Novelle vom 1. Juni 1884; das Reichstags- Wahlgesetz mit Reglement; AuSzug auS dem Reichs- Patmtgesetz; Gew,ndeschncldetabelle für Metallarbeiter; Schreibpapier mit Datumsangabe für Tagesnotizm, leeres Schreibpapier, Bnef- taschchen. De ganze Kalender ist vierzehn Bogm stark.� Preis der einfachen Ausgabe 50 Pf. „„ stärkeren„ 70 Pf. Wiederverstäufer erhalte» lohnenden Pabatt. Soebm erschien Zir. 36 des .Wahre« Jakob i4 rif Zu beziehen durch die Expedition deS„Kerl. Dolksblatt", Zimmersttaße 44. AthtUNA l Kotttn»serstrasie�4�H�dt. Kein Ladm, nur eigene Fabrikation. 25 Zi- garrm 1 Mark. Garantie rein amerikanischer Tabak. 2 Pfd. Rippen 70 Pf. siZig Rohtabak Größte Auswahl sämmtlicher in- und auS« ländischer Sotten fgzg !» dilligße« Preise». Drnnnrnstraßr 141143. Heinrich Frank. »eranlwortttch für dm polllischm Theil und Soziales Riax Echippel, für Vereine und Versammlungen%. Tutzauer, für dm übttgm Theil d« Zeitung R. Trouheim, sämmtlich in Berlin, i Druck und Verlag von»tax Babing in Berlin SW., Leuthsttaße 2., Hierin eine Beilage. Vellage zum Berliner Volksblatt. »r. 305. Donnerstag, de« 30. Dezember 1880. 3. gdr# in Jlrf>eilcr(lrei� in Jet guten alten Seit. n. Fünf Jahre später(26 Mär, 1711) wurde in ähnlicher Weise der M a x i m a l- T a fl l o h n für Maurer durch Gesetz mit 24 Kreuzer für einen Gesellen und 15 Kreuzer für einen Handlanger bestimmt. In der Motioirung finden wir hiernach den Zusatz, daß„der Wein in so wohlfeilem Werth, als er bald uiemalen gewesen ist." Im Januar 1723 fand wieder, nachdem man einige Zeit „stillschweigend der Steiqemng nachgesehen," eine gesetzliche verabsctzung des MaximallohneS statt, weil„die Umstände Gottlob dahin glückselig sich geändert, daß nunmehr das liebe Getreide, Schmalz und andere Kuchel-Nothwendig- kellen un> einen viel wohlfeilcrn Preis zu bekommen scynd..." damit„der Bauherr gegenwärtige gesegnete Zeiten in etwas genießen nicht weniger der Arbeiter nill dem ihm zugelegten Kau- und Taglohu nothdürlliglich(!) auskommen möge." Die Arbeiter scheinen sich aber mit dem„notdürftigen Auskommen" nicht begnügt zu haben, und es kam daher bald zu Unruhen der Maurer und Zimmerleute, so daß dagegen schon im April eine sehr scharfe Proklamation erlassen wurde. Solche Gcsellenauflehnungen waren zu jener Zeit um so bedenklicher für die Meister, als die Gesellen noch häufig Waffen trugen. Heutzutage steht es dem Meister und Arbciigeber frei, so viel Lohn zu zahlen als er will, dagegen würde er es kaum dulden, daß der Geselle mit den, Degen an der Seite zu ihm käme. Vor zwei Jahr- Hunderten war, wie wir gesehen haben, das Bezahlen eines höheren als des vom Staate festgesetzten Lohnes, ja sogar die Verabreichung eines Imbisses oder einer Jause an die Ar- bester streng verboten, dagegen war es noch nicht gelungen, den Handwerksgesellen das Dcaentragen abzugewöhnen. Schon im Jahre 1666 hatte Kaiser Leopold den Gc- sellen und Lehrjungen das Deqcntragen streng verboten, aber das Verbot scheint, wie so viele andere, nicht beachtet wor- den zu sein. Es wurde im Jahre 1718 und dann wieder 1722 erneuert. Als dieser Erlaß der Statthalterei in Prag zur Danach- richtung mitgctheilt wurde, stellte fie die An'rage, ob sich das Verbot auch auf dir„Künstler erstrecke, zu welchem sie„Chinirgi, Bader, Maler, Bildhauer, Kupferstecher, Uhr- undPcrrückenm acher" rechnete. Wir wissen nicht, wie die Antwort ausge'allen ist. Doch— Respekt vor dcn Schustcrgesellcn oder„Schuhknechten", wie man sie damals nannte! Haben sie doch einen zehnjährigen Kampf mit der Regierung geführt und beinahe zehn Jahre in einem über mehrere Provinzen ausgedehnten Streik ausgchant. Es waren aber nicht die Lohnverhältnisse, welche diesen Streik und die ihn begleitenden Tumulte vcranlaßten, sondern eine von der Regierung eingeführte neue„Ordnung", der sich die Kollegen von Jakob Böhme und Hans Sachs nicht fügen wollten. Freilich war diese im November 1712 eingeführte neue Ordnung oder„Univcrsal-Pragmatik" nur erlassen worden„zur Einführung und Erhaltung besserer Mannszucht und Hinter- legung der zwischen den Schuhmachermeistcrn und deren Knechte bisher gesckwcbtcn Streitigkeiten und Irrungen"; aber diese Streitigkeiten scheinen nicht wegen des Lohnes entstanden zu sein, da die Regierung nicht zum beliebten Auskunftsmittel der Festsetzung eines Maximallohnes griff. Sic begnügte sich, eine Art Arbeitsbücher einzuführen, in welche der Meister bei Entlassung eines Gesellen einzuschreiben hatte, ob er sich, wäh- rend er in der Arbeit gestanden, ehrlich und redlich verhalten hat,„wie es einem ehrlichen Schuhknecht�ustcht." Die Gesellen weigerten sich nun, diese Arbeitsbücher oder Zeugnisse anzunehmen, stellten die Arbeit in Wien ein und setzten sich mit ihren Kollegen in Prag, Linz, Graz und anderen Städten in Ver- bindung, um auch dort die Arbeit einzustellen. In Folge dessen wurden im Juni 1713 drei Gesellen, welche man für die Rädelsführer hielt,„gegen geschworene Uhr- phed" auf ewig des Landes verwiesen und für unchr- lich und zur Arbeit untüchtig erklärt, ihre Namen am Galgen angeschlagen; andere wurden zu Arrest und Leibesstrafen ver- Artheilt. Allein die nothdürftig hergestellte Ruhe dauerte nicht lange, und schon im Juli desselben Jahres erschien eine Reihe kaiser- licher Patente und Regierungsverordnungen, aus denen wir «fahren, daß die meisten Gesellen in ihrer„Halsstarrigkeit" verblieben. Sic hielten in den Vorstädten Wiens„gefährliche Zusammenkünfte und verbotene Konventikel", zwangen die Ge- sellen, welche arbeiten wollten, dcn Streik mitzumachen, über« fielen die Werkstätten, schlugen die Meister und nahmen ihnen Leder, Werkzeuge und fertige Arbeiten weg, so„daß kein Meister bald ohne Wache mehr des sichern Nacherhauseganges sich getrauen darf." Nicht nur den widerspenstigen Gesellen wurden die streng« stm Strafen angedroht, sondern auch Alle, die ihnen Unter- kunft gewähren würden, sollten im Betretungsfalle„ohne For- mirung eines wcitcrn Prozesses gestalter Dinge nach von dem Leben zum Tod verurthcilt und hingerichtet werden.(!)" Hatte diese Verordnung gewirkt oder war es die Pest, welche in jenem Jahre in Wien ivüthete und in den Monaten Juli bis Oktober ihren Höhepunkt erreichte, welche die störri« schcn Echuhknechte zur„Ruhe" brachte? Wir wissen das nicht, aber im ganzen Jahre 1714 hören wir nichts von ihnen. Doch schon am 15. Februar 1715 erfahren wir aus «ner kaiserlichen Proklamation, daß die Schuhkncckte„sich boshaft unterstehen, wiederum aus der Arbeit auszustehen, sich zahlreich zu rottiren, gefährliche Zusammenkünfte zu halten, in Müsfiggang herumzuziehen und nicht allein wrder dre Merster. son- dern auch gegen die Gesellen, welche in der Arbeit blieben, höchst strafbare Thätigkeiten verüben und andere, so ihnen nicht anhängen wollen, zu sich locken und so lange mit Prügeln trak« i binnen drei Tagen die Arbeit wieder auf- unebmen, allen Wirthen und Gastgebern �ei schwerer Strafe verboten, ihnen Herberge oder Unterkommen zu gewähren. Gesellen, welche nach Ablauf der drei Tage müsstggehend betroffen würden, sollten sogleich arretirt, ihnen der Prozeß gemacht und fie zu schweren Leibesstrafen, nach Beschaffenheit der Umstände auch zum Tode verurtheilt werden. Wieder hören wir einige Jahre nichts von den Schuh- knechten. Es scheint äußerlich Rube geherrscht zu haben, und die Regierung war zu viel mit dem Türkenkrieg und mit dem von Kardinal Alberoni angefachten Kriege beschäftigt, um an die Schuhmacher zu denken. Aber im Jahre 1722 ward die Sache Sraer als je zuvor. Wieder hören wir von„freventlichen Widersetzlichkeiten der Gesellen, Zusammenrottungen, Verhinderung der Gehorsamen an der Arbeit" und dergleichen. Den sUeikenden und tumulwirendm Gesellen, sowie den Wirthen, welche ihnen Unterkunft, Speise und Trank geben oder„zur Aus- führung ihres sträflichen Unternehmens die benöthigten Geld- mittel vorstrecken," wird in einer kaiserlichen Verordnung vom 20. Juli 1722„Arrest in Band und Ehen, öffentliche Arbeit in Belgrad oder andern Grenzhäuser», nach Beschaffenheit der Umstände ewige Landesverweisung, Galeeren, Leib- und Ledens- strafe" angedroht! Wie man steht, unterscheidet sich dieser Streik von den modernen dadurch, daß die Arbeiter nicht von ihren Ge- finnungsgenossen in anderen Orten, sondern von den Gast- wirthen unterstützt wurden. Auch ist in dieser Verordnung nicht von den Schustem speziell, sondem von Handwerks- burichen im Allgemeinen die Rede. Es scheint dieß aber nur ein Versehen gewesen zu sein; denn in den späteren Ver- ordnungen vom Oktober und November 1722, sowie vom März 1723 ist wieder nur von Schuhknechten die Rede. Nur ini April 1723 wurde, wie bereits erwähnt, auch gegen Maurer und Zimmergesellen eingeschritten._ Tie strengste Verordnung war aber die, welche am 27. Ok- tober 1722 gegen die Schuhinachergesellen erlassen wurde, und welche wir daher hier wörtlich wiedergeben. Es heißt darin nach dem üblichen Eingang: >.„Diejenigen Sckuh-Knechte, welche von Publizirung dieses unseres Patents allhier und in denen Vorstädten zu zehn Personen oder mehrens sich, unter was immer ersinnenden» Vorwand es sein möchte, zusammenschlagen und einige Zu- sammenkünfte oder Berathschlagung halten werden, sollen also- gleich mit Arrest beleget, ihnen ein Standrecht gehalten und ohne Ilntersucbung eines weitem Verbrechens, als Verächter und freventliche Uedertretcr unseres Landsfürstlichen Gcdott und Zerstörer des gemeinsamen Ruhestandes an Leib und Leben ohne Anstand gestrafter" l'.„Diejenigen Wirthshaus-Jnhaber, welche den Schuh- knechten zur Haltung derlei höchst sträflichen Zusammenrottungen einigen Unterschleif geben oder, wo die Echuhknechte mit Ge- walt in ihre Zimmer zu Haltung derlei Zusammenkünften ein- gedrungen wären, dieselbe ohne Verzug unserer N. Oestr. Regierung nicht anzeigen, nach abgeschworener Urfehd und ewiger Landvcrwcisung auf die Galeeren zur Ruderbank ver- schaft." »1.„Ein jeder Grund-Richter, welcher solche höchst verbotene Zusammenkünfte nickt alsogleich unserer N. O. Regierung zurHandfestmachunftdercn Uebcrtretern anzeigen oder Möglichstens auszurotten sich nicht befleißen würde, zur wohlverdienten Strafe seines Richtcramtcs entsetzt, in Band und Eisen ge- schloffen, sodann im allhiesigcn Stadtgraben auf eine gemessene Zeit zur öffentlichen Arbeit angehalten werden solle." Dieser Kundmachung ließ inan auch unmittelbar die That folgen. Eine Anzahl Gesellen wurde arretirt, die sieben „Rädelsführer" wurden zum Tode verurtheilt und zwei schon am 31. Oktober hingerichtet. Den fünf Anderen wurde das Leben geschenkt. Sie mußten aber„zu ihrer und ihresgleichen Erspiegclunq" bei der Hinrichtung ihrer Genossen die Zuschauer abgeben. Einer von ihnen wurde nach Neapel abgeführt, um dort seine sechsjährige Galeerenstrafe abzubüßen, die Anderen wurden wahrscheinlich zu schwerer Arbeit nach Belgrad ge- sendet. Es scheint, als ob man die„Uebelthäter" innerhalb der alten Erblande nicht dulden wollte. Eine Kundmachung vom 6. Plärz 1723, mittelst welcher „einige noch ungehorsam erzeigende Echuhknechte" aufgefordert wurden, sich persönlich zu stellen und dem gebührenden Gehör- sam zu unterwerfen,„widrigenfalls man mit ihnen bei deren Erhaschung gerichtlicher Weise verfahren wird," bildet den Schlußakt dieses seltsamen zehnjährigen Krieges zwischen Re- gierung und Schustcrgescllen. *.* Soweit der lehrreiche Aufsatz der Münch.„Allg. Ztg." Unsere Leser werden aus ihm ersehen haben, daß auch die alten „landesväterlichen" Regierungen es vortrefflich verstanden, die Äcbrwcrthsancignung der besitzenden Klaffen zu fördern. Freilich thaten ste es auf ihre Art: indem sie durck Gesetz dcn Lohn herabsetzten, die Arbeitszeit verlängerten und mit dem ganzen Apparat von Galgen und Galeere, Brandmarkung und Ein- kerkerung ihren Gesetzen Nachdruck gaben. Später, als die industrielle Reservearmee, die Armee der Arbeitslosen genügend angeschwollen war, kam man von dieser Praxis ab; die ver- zweifelte Konkurrenz der Arbeiter selber drückte den Lohn zur Genüge und trieb den Arbeitstag bis an die Grenzen des Menschenmöglichen. Die Unternehmer brauchten also die Unter- stützung dcr Regierung nickt, um ihre Zweck zu eerreichen. Seitdem ist jedoch abermals eine Wandlung eingetreten. Die Arbeiter haben ihre gemeinsamen Interessen erkannt, sie haben gelernt, sich zu organisiren und dem Lohndruck und der übermäßigen Arbeitszeitverlängerung zu widerstehen. Damit trat auch seitens der Regierungen ein anderes Verfahren ein. Um das Interesse des Kapitals zu wahren, durften sie nicht länger mit ver- schräntten Armen dem sich täglich mehr zuspitzenden Lohnkampf zusehen, fie mußten neue Gesetze schaffen und zwar gegen die Organisationen, die Vereine, die Gewerkschaften, die Streik- und Unterstützungskassen der Arbeiter. Wie fie das gethan haben, das haben unsere Leser zum großen Thcil ja an sich selbst er- fahren; und eine Äenderung wird hier auch nicht eher ein- treten, als bis die Ardeiter sich größeren Einfluß auf die Ge- sctzgebung gesichert haben. Lokales. Ein Rückblick auf die Wirksamkeit des Sozialisten- gesetze« im Bereiche des Berliner kleinen Belagerungs- zustandes dürtte zum Jahresschlüsse nicht ohne Interesse sein, sind auch die Bilder, die an unserem geistigen Auge vorüber- ziehen, keineswegs erfreulicher Natur. Bekanntlich stand im Frühjahr dieses Jahres die Verlängerung des Sozialisten- gesetzes im Reichstage zur Bcrathung. Während vordem dieses Gesetz lange Zeit nur in vereinzelten Fällen in Wirksamkeit trat, machte sich, nachdem Mitte April d. I. durch die Majorität die seitens der verbündeten Regierungen beantragte Verlängerung des genannten Ausnahmegesetzes auf weitere 2 Jahre beschlossen worden war, sofort eine strengere Hand- haduna des Sozialistengesetzes bemerkbar und zwar zunächst auf dem Gebiete der polizeilichen Versammlungsverbote und Auf- lösungen. Es wurden in der zweiten Hälfte des Monat April d. I. 3 Versammlungen polizeilich verboten und 15 Versammlungen polizeilich aufgelöst, und zwar wurden ver« boten 2 Volksversammlungen und eine Arbeiter-Bczirksvcreins« Versammlung, aufgelöst dagegen 2 Volksversammlungen, 4 Ar- bciter-BezirkSvcreins. Versammlungen, 3 gewerkschaftliche Ver- sammlungcn und 2 Versammlungen der Eiscnbahn-Ardeiter. Da zu dieser Zeit auch die Arbeiterinnen noch in der Bewegung standen, so wurden auch diese Versammlungen mehrfach von dem Schicksal der polizeilichen Auflösung betroffen, indem drei allgemeine Arbeite, innenversammlungen und eine Versammlung der Mäntelnäherinnen der polizeilichen Auflösung verfielen. Am 11. Mai d. I. erfolgte der Erlaß des Staatsministeriums, nach welchem die Abhaltung von Versammlungen von der ein- zuholenden Genehmigung seitens der Polizeibehörden abhängig gemacht wurde, welchem der sogenannte„Puttkamer'sche Streik- erlaß" voraufgegangen war. Die Wiikung dieses Er- lasses war eine augenfällige, denn es wurden im Monat Mai 47 Versammlungen verboten respektive denselben die nachgesuchte polizeiliche Genehmigung zur Abhaltung versagt und zwar wurden von dieser Maßregel betrosten 30 gewerkschaftliche Versammlungen, 11 Arbeiter» Bezirksvereins-Versammlungen, 5 Arbeiterinnen Versammlungen und eine Versammlung der Obst-, Gemüse-, Milch und Kohlen- Händler; 11 Versammlungen verfielen dem Schicksale der polizci- lichen Auflösung. Ferner eifolgte im Monat Mai die polizeiliche Schließung des Fachvereins der Maurer, der Preß-Kommission des„Bauhandwerker", des Vereins zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen, des Vereins der Arbeiterinnen Berlins(Nordverein), sowie des Fachvercins der Mäntelnähcrinncn. Hiermit hatte die Berliner Arbeiterinnen- bewegung thatsächlich ihr Ende erreicht, wenn auch die Schließung der Arbeiterinncn-Vereine nur eine„vorläufige" war und die gerichtliche Schließung der beiden erstgenannten Vereine erst im Monat November resp. Dezember d. I. erfolgte. Doch auch in der Arbeiterbewegung war ein sehr bemerkbarer Still- stand eingetreten, da vrclc Vereine jc. des wiederholten vergeblichen Nachsuchens der polizeilichen Genehmigung zur Ab- Haltung von Versammlungen müde, es vorzogen, keine Ver- sammlungen mehr einzuberufen. Diese Verminderung der an- gemeldeten Versammlungen hatte naturgemäß auch eine Ver- Minderung der Zahl der polizeilichen Verbote zur Folge und betrug dieselbe im Monat Juni 22 und zwar wurden verboten 5 Arbeiter Bczirksvcreins-Versammlungen, 16 gewerkschaftliche Versammlungen und eine Versammlung des Berliner Arbeiter- Vereins. Polizeilich autgelöst würben 3 gewerkschaftliche Versammlungen, eine Versammlung des Vereins für Rechtsschutz und Justizreform und eine Versammlung des demokratischen Vereins. Ferner wurden polizeilich geschlossen der Verein zur Wahrung der Interessen der Tapezirer Berlins, die Preßkommission der„Tapezirer- Zeitung, die Zentral- Reiscunterstützungskasse für wandernde Töpfer Deutsch- lands, die damit verbundene Kontrolkomniission und der Fachvercin der Töpfer Berlins lind Unigegend. Außerdem wurden_ im Monat Juni 8 Ausweisungen auf Grund des Sozialistengesetzes verfügt und zwar wurden ausgewiesen die Maurer Bchrend und Wilke, der Buchbinder Michelsen, der Töpfer Przytulski, der Regierungshaumeister Keßler, die Restaurateure Wcsenack und Jakoby, sowie der Reichstagsabgeordnete Paul Singer. Zu erwähnen ist ferner noch das Verbot der auch hier vertriebenen von Frau Guillaume- Schock herausgegebenen Frauenzeilung„Die Staatsbürgerin". Im Monat Juli begann die Arbeiterbewegung sich wieder zu heben, d. h. die Zahl der gewerkschaftlichen Versammlungen nahm wieder zu, doch waren dieselben nur von sehr bedingtem öffentlichcnJnteresse, indem dieselben zumeist n urVereinsan gelegen- heiten Erledigten. Dennoch wurden 6 gewerkschaftliche Versamin- lunaen und zwei Arbeiter-Bezirksveins-Versamnilungcn polizeilich verboten, sowie 2 gewerkschaftliche Versammlungen und eine Ver- sammlung des akademisch- liberalen Vereins polizeilich aufgelöst. Auch erfolgte die polizeiliche Schließung des Ärdeiter-Bezirks- Vereins für den Osten Berlins und des Arbeitcr-Bezirlsvereins „Unverzagt" im 5. Reichstagswahlkreise, sowie die Ausiveisung des Drechslermeister Tabert und des Schriftsteller Chiistensen. Im Monat August wurden polizeilich vei boten eine Volksvcr- sammlung, 3 gewerkschaftliche Versammlungen, sowie ein Som- werfest des Fachvereins der Tischler. Polizeilich ausgelöst wur- den 4 gewerlschaftliche Versammlungen, darunter auch eine Ver- sammlung der Buchdruckcrgchil'en. Außerdem erfolgte die poli- zeiliche Schließung der Arbciter-Bezirksvereine„Südost",„Vor- wätts",„der Oranienburger Vorstadt und des Wedding", „der Rosenthaler Vorstadt" und„der Schönhauser Vorstadt". Im Monat September wurden wiederum 4 gcwerkschaft- liche Versammlungen polizeilich verboten und 2 gcwerk- schaftliche Versammlungen polizeilich aufgelöst. Außerdeni erfolgte die polizeiliche Schließung des Beziiksvcreins der arbeitenden Bevölkerung des Südwestens Berlins, indessen sich der letzte Arbeiter-Bezirksverein, der des Westens, selber auflöste. Sonnt hatten auch die Arbeitcr-Bezirsvcrcine zu existiren aufgehört, da die polizeiliche Schließung der Vereine rechtskräftig wurde und die Liquidation derselben erfolgte. Im Monat Oktober nahmen mit der Zunahme der während des Somniers wenig stattgehabten Arbciterversammlungen auch die Versainmlungsverbote wi-der zu und wurden in diesem Monat 8 gewerkschaftliche Versammlungen volizeilich verboten und eine gewerkschaftliche sowie eine Volksversammlung polizeilich auf- gelöst. Im Monat November war das Sozialistengesetz wieder rn voller Wirksamkeit. In diesem Monat wurden 7 gewcrk- schaftliche Vcrsainiiilungen, sowie eine Versammlung der Offen- bacher Frauenkrankcnkasse volizeilich verboten. Ein gleiches Schicksal hatte eine Matir.se des Fachvereins der Steinträger, die allerdings später freigegeben wurde. Polizeilich aufgelöst wurden eine gewerkschaftliche und eine sozialdemokratische Reichstagswähler- Versammlung. Auch erfolgten im Monat November wiederum verschiedene Auswetfnngen und zwar wurden ausgewiesen der Schlosser und Metallschleifer Karl Schultze(Vorsitzender des Fachvercins der Metallschleifcr und Berufsgenossen), der Scklosser Hermann Bennewitz und der Kratzenmacher Ahmann. Im Monat Dezember wurden polizei- lich verboten 3 gewerkschaftliche und 2 sozialdemokratische Reichstagswähler- Versammlungen. Ausgewiesen wurde der Klempner Weiß.— Hieran reihen sich noch verschiedene Ver- böte von Flugblättern, Schriften, gerichtliche Verurthcilungen wegegen Verbreitung verbotener Druckschriften, Hanssuchungen u. s. w.— Zn bemerken ist noch, daß die Zusammenstellung vorstehender Taten erfolgte, soweit sich dieselben öffentlich ver- folgen ließen, daß demnach anzunehmen ist. daß dieselben noch hinter der thatsächlichen Wirksamkeit des Sozialistengesetzes zurückbleiben. Die Berliner Feuerwehr hat fich mit Recht in der ge- sammten Bürgerschaft einen ausgezeichneten Ruf erworben. Man niuß die kernigen, kraftvollen und elastischen Männer ein- mal bei ihrer gefährlichen Arbeit gesehen haben, um bcurtheilen zu können, welch ungeheurer Opfermuth dazu gehört, sich zur Rettung seines Nebenmenschen oder dessen Eigenthum in Qualm und Flammen zu stürzen. Wenn die helle Glocke der Feuer- wehr in den Straßen ertönt, bleibt wohl Jeder einen Augen- blick stehen, um den rasselnden Wagen mit den feungen Pferden nachzuschauen. Auf die Verminderung der Feuers- gefahr richtet man übrigens überall sein Augenmerk. So macht der deutschen Botschaft in Paris Wasscrbauinspektor Peschcck über die Feuerwchreinrichtungen in Paris in der neuesten Aus» tobe des„Ctrdl. v. Bauw." einige lesenswcrthe Mittheilungen. demnach ist die Feuerwehr mit Rückficht auf die Verkehrs- schwicrigkeiten für Wagen in den alten schmalen Sttaßen, so wie in dm von Fuhrwerk überfüllten neuen Hauptverkehrsadern in zahllosen Wachposten über die panze Stadt vertheilt worden. Ein solcher Posten, aus einem Unteroffizier und drei Mann bestehend, hat einen Bezirk von 100 Hektar zu bewachen, inner- halb defien die größte Entfemung 600 Meter beträgt. Auf der Grenzfläche zwischen diesen Bezirken find weitere Posten er- richtet, die mit den Feuerwehrkascrncn und dem Kommando telegraphisch verbunden sind. Jeder Untcroffizierpostcn ist mit einer Spritze versehen, mit welcher die Mannschaft im Laufschritt 200 Meter in der Minute zurücklegt. Von der Brandstelle aus roird sofort ein Mann mit der Meldung von der Größe des Feuers zum Telegraphen gesandt. Nach einer von dem Obersten der Feuerwehr 1881 herausgegebenen Zusammenstellung bat sich diese Einrichtung vorzüglich bewährt, indem in Folge des außerordentlich schnellen Eingreifens der Mannschaften in 39 Fällen unter 40 die Thätiakeit des Unter- osfiziervostens allein genügt hat, des Feuers Herr zu werden. Die Brandstatistik von Paris wies 1884(außer 1671 Schornsteinbränden) im Ganzen 629 Kleinfeuer auf, 225 Mittelfeuer und nur 15 Großfeuer(2 pCt) Außer den erwähnten Posten find noch 10 Dampfspritzcnposten von je einem Unteroffizier und sieben Mann vorhanden.— Im Anschluß hieran mag auch gleich folgende Mittheilung Platz finden. Eine anscheinend wichtige Verbesserung im Feuerlöschwesen hat Reg.-Baumcister R. Moormann durch eine Vonichtung ausfindig gemacht, ver- möge welcher die Schläuche auf einer die Feucrhähne um- gebenden Trommel selbst fest angebracht werden. Dadurch ist jeder Laie in den Stand gesetzt, in wenigen Sekunden durch Umdrehung des Ventils Wasser zu erzielen und überaus schnell mit dem Mundstück des Schlauches an der gefährdeten Stelle zu erscheinen. Die Bedeutung der Anordnung beruht darauf, daß es in sehr vielen Fällen möglich sein wird, in Schulen, Fabrikräumen, Arbeitssälen, Lagern w. ein Feuer im Entstehen zu löschen, dessen auch nur kurzes Fortbrennen die bedenklichsten Gefahren herbeiführen könnte. Bauinspektor Hilgers in Wies- baden empfiehlt die dem Regierungsbaumeister Moormann pa- tentirte Einrichtung überall da, wo ein geschultes Löschpersonal nicht schnell zur Stelle sein kann. Die Handhabung des Hahns mit Schlauchtrommel ist im Ganzen sehr einfach. Das Druckwasser tritt nach Leftnung des Ventils in eine drehbar aufgeschliffcne Hülse, welche die Schlauchtrommel trögt und auf der sich eine Verschraubung befindet, welche zur Anbringung des Schlauches dient.— Wenn sich diese neue Erfindung dewährt, so wäre es wenigstens Pflicht eines jeden Fabrikbesitzers, sich dieselbe zu Nutze zu machen. Schließlich find es ja doch immer die Arbeiter, welche am meisten der Gefahr ausgesetzt sind, und in ihrem Interesse ist die größt- möglichste Vorficht geboten. Wir brauchen wohl nur an jenen gräßlichen Unglücksfall zu erinnern, den wir vor einigen Tagen aus Dresden zu melden die traurige Pflicht hatten. Derartige Katastrophen könnten in den meisten Fällen vermieden werden, wenn der Unternehmer zur richtigen Zeit die erforderlichen Vor- fichtsmaßregeln treffen würde. Gewöhnlich werden aber die geringen Anlagekosten gescheut� oder der Brunnen wird zuge- deckt, nachdem das Kind hineingefallen ist. Seit einer Reihe von Jahren hat sich die Aufmerksam- keit der Aerzte ganz vorwiegend denr Studium des Grund« wassers zugewendet, weil man in ihm eine der häufigsten und wichtigsten Ursachen für Krankheiten, namentlich für solche epidennscher Art zu finden glaubt. In Berlin giebt es zahl- reiche Gegenden, wo das Grundwasser bis zu einer Tiefe von fast 1 Meter unter die Oberfläche herantritt. Die anhaltende Feuchtigkeit des Bodens theilt steh den Fundamenten und Mauern mit, sie verdirbt die Luft der Kellerwohnungen und der niedrigen Geschosse, und sie wirkt hier nicht nur auf die Gesundheit der Bewohner, sondern nicht minder auf die Ver- derbniß der Nahrungsmittel, der Kleider, der Geräthe rc. Die Untersuchungen, welche nun eine von der Kommune eingesetzte Kommission in Bezug auf den Grundwasserstand und die Bo- dentemparatur Berlins ausführt, werden durch besondere eiserne Stand, öhren von 20 cm lichtem Durchmesser vorgenommen, welche nian zu diesem Zwecke in den Erdboden einsenkt. An den meisten fremden Orten sind die Untersuchun- gen über das Grundwasser entweder ausschließlich oder doch ganz vorwiegend an Brunnen ausgeführt werden. Man ging davon aus, daß der Stand des Brunnenwassers ein genügendes Merkmal für den Stand des Grundwassers abgebe, da das elftere aus dem letzteren hervorgehe. In dieser Weise ist nian in München verfahren, wo Herr von Pettenkofcr seit Jahren diese Beobachtungen leitete, in dieser Weise sind auch die Beobachtungen in Berlin abstellt worden, welche in den Jahren>866 bis 1868 durch Beamte der Feuerwehr unter Lei- tung des Geheimen Raths Seabell ausgeführt wurden. Allein gerade diese Untersuchungen haben auch das Bedenkliche einer solchen Methode dargcthan, da die wechselnde Größe der täg« lichcn Wasserentnahme auf manche Brunnen einen entscheiden- den Einfluß hat. Man entschied sich daher hier, wie bemerkt, für be- sondere eiserne Standröhren, deren es in Berlin gegenwärtig 31 aiedt. Angestellte Beobachtungen über die Bodentemperatur in Berlin haben U.A. ergeben, daß, da bei den Schwankungendes Grundwassers höhere Bodenschichten bald von demselben erreicht, bald wieder verlassen werden, zu gewissen Zeiten, je nach dem Grade der Verunreinigung, eine sehr starke Zersetzung in den höheren Bodenschichten eintreten wird. Aus solchen Zerseyungs- Prozessen haben verschiedene Autoren eine Erklärung für die Verbreitung und den Verlauf der Cholera abzuleiten versucht und find geneigt, einen Theil der Bodenkultur als ein lokales Produkt gesieigerter Zcrsetzungsprozesse anzusehen. So sollen mich rege Fäulnißvorgänge im Boden eine Erhöhung der Bodentemveratur um 3 Gr. C. in 1 Meter Tiefe bedingt haben. Auch in dieser Richtung hat man hier in Berlin neue Er- Mittelungen angeordnet und zwar an 14 verschiedenen Stellen durch Einsenkung von Thermometern in 0,5, 1 und 3 Metern Tiefe. Eine Sargverwechselung hat bei einer Beerdigung, welche vorgestern Nachnnttag auf den. Neuen Louisenstädtischen Kirch- Hof bei Britz stattfand, eine überaus peinliche Szene verursacht. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wurde, wie das„Verl. Tagebl." meldet, die Leiche des am heiligen Abend verstoibenen 14jäh- rigen Sohnes des Steindruckereibesitzers Emil Kornick nach der Leichenhalle des Thomaskirchhofs, welche auch von der Louisen- städtischen Gemeinde benützt wird, in einem gelben Sarg mit schwarzem Behang überführt. Tie Beerdigung sollte am nächsten Tage, also vorgestern, Nachmittags um 1 uhr, von der auf dem Neuen Louiscnstädtischen Kirchhofe befindlichen Kapelle aus stattfinden. Zur festgesetzten Zeit fanden sich die Trauer- gaste, unter denen sich der Rektor, der Lehrer und mehrere Schüler der Schule, welche der verstorbene Knabe besucht hatte, in der Kapelle ein. Hier stand bereits vor dem Altare ein vorher aus der benachbarten Leichenhalle des Thomaskirchhofs von dem Personal hcrübergetragencr Sarg. Die zur Beerdigung erschienenen Frauen hatten auf den vor dem Sarge aufgestellten Stühlen Platz genommen und der Prediger schickte sich eben an, vor den Altar zu treten, um die Trauerrede zu beginnen, da fragte eine Dame, deren Sohn seinem Heimgegangenen Mitschüler einen prachtvollen Kranz gewidmet hatte:„Wo ist denn unser Kranz?" Nun fiel der Versammlung die Schmucklosigkeit des Sarges erst auf. Es warem im Laufe des Tages von den Be- kannten der trauernden Familie nach der Leichenhalle etwa 40 Kränze geschickt worden, von denen sich merkwürdiger Weise kein einziger auf oder neben dem Sarge befand.— Frau Kornick, die Mutter des Verstorbenen, sprach jetzt die Beforgniß aus, daß sich in diesem Sarge gar nicht die Leiche ihres Kindes befinde. Die Größe des Sarges ließ auch vcrmuthen, daß in demselben die Leiche eines Erwachsenen liegen müsse.„Dann müssen wir den Sarg öffnen," bemerkte nunmehr einer der Leidtragenden. Der Prediger wies daraus hin, daß sich an dem Sarge ein Zettel mit den Worten:„Felix Kornick, Annen« straße 28, befände, es könne daher kerne Verwechselung vor- liegen und überdies sei eine Ocffnung des Sarge? ohne Genehmigung und Zuziehung der Polizei nicht gestattet. Die Leidtragenden beruhigten sich aber nicht dabei, lösten die Schrauben des Sarges, hoben den Deckel ab und es zeigte sich in der That die Leiche eines einige 40 Jahre alten, kahlköpfhen Mannes mit starkem Vollbart. Der Sarg wurde nun wieder geschlossen, von mehreren Leidtragenden aufgehoben und nach der Leichenhalle zurückgetragen. Hier fand man in einer Ecke einen kleineren Sarg, auf welchem sich drei Kränze befanden.„Das dürfte wohl der richtige Sarg sein," bemerkte ein Leidtragender, und man öffnete den Sarg, in dem thatsächlich die Leiche des Knaben lag, worauf der rich- tige Sarg von einigen Friedhofsarbeitern nach der Kapelle des Louisenkirchhofs getragen wurde. Nach der hierauf stattgefun- denen Trauerfeier wurde die Leiche ohne weiteren Zwischenfall beerdigt. Die Schuld an dieser Verwechselung der Särge trägt, wie hier ausdrücklich bemerkt sei, nicht das Personal des Neuen Louisenstädtischcn Kirchhofs, sondern das des benachbarten Be- gräbnißplatzes, der Thomasgemeinde, wo, wie schon erwähnt, die beiden Friedhöfen gemeinsame Leichenhalle steht. Der Fall zeigt recht deutlich, wie vorsichtig man bei den Beerdigungen zu Werke gehen muß. Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, welche derartige Nachlässigkeiten für die Hinterblieben nach sich ziehen, kann hierbei eventuell auch ein kriminalistisches Moment in Betracht kommen. Man denke nur an den Fall, daß die Exhumirung und Untersuchung einer Leiche nöthig wäre und man eine ganz andere Leiche vorfände, als diejenige, welche man in dem betreffenden Grabe gesucht hat! Der Blick in die Zukunft! Gegen Mitte des Monats Dezember ds. Js. kam zu einem in der Albrechtstraße wohn- haften Dienstmädchen, der unverehelichten St., eine unbekannte Frauensperson, welche sich Wittwe Becker nannte und als Wahr- sagerin vorstellte. Nachdem die Unbekannte der St. die Karten gelegt hatte, erklärte sie derselben noch, daß sie durch ihre Kunst im Stande sei, den untreu gewordenen Bräutigam der St. zu der letzteren zurückzuführen. Zu diesem Zweck forderte die Wahrsagerin der St. baares Geld, Goldsachen, Kleidungsstücke und Betten im Gesammtwerthe von 190 M. unter der Vorspiegelung ad, daß sie die Gegenstände zu ihren Experimenten, insbesondere zu den erforderlichen Gebeten in der Kirche ae- brauche. Das leichtgläubige Mädchen hat die ihr abgeforderten Betten, die es nicht besaß, der Herrschaft entwendet. Die Un- bekannte, welche auch ein zweites Dienstmädchen auf dieselbe Weise beschwindelt haben soll, ist etwa 40—45 Jahre alt, hat dunkle Haare und Augen, längliches, blasses Gesicht, schlanke Gestalt und war mit schwarzem wollenen Kopftuch und Um» schlagetuch bekleidet. Die sonst ruhige Fürstenstraste bot in der Nacht zum Dienstag den Schauplatz eines großen Exzesses, welcher zur Sistirung von ca. 14 Personen nach der Polizeiwache führte. Mehrere Handwerker waren in einer Restauration in der Fürstenstraßc in Streit gerathen, welcher den Wirth veranlaßte, .ihnen das Lokal zu verweisen. Der Streit wurde auf der Straße fortgesetzt und die Schlägerei, welche sich entspann, nahm ganz gewaltige Dimensionen an, als einer der Streitenden einen stumpfen Gegenstand hervorholte und damit auf seine Gegner einHieb. Das Blut floß sozusagen in Strömen. Namentlich wurden zwei der Theilnchmer so übel zugerichtet, daß sie im Geficht und auf dem Kopf mit Wunden bedeckt waren und die Hilfe der Sanitätswache in der Adalbcrtstraße in Anspruch nehmen mußten. Ein neuer Erwerbszweig. Am 28. d. M. wurden zwei Knaben, der 11jährige Sohn eines Schornsteintegergehilfen und ein 14 jähriger Laufbursche, von einem Schornsteinfeger« gehilfen in der Lrndenstraße abgefaßt, als sie in der Wohnung eines Kaufmanns dem Dienstmädchen eine Gratulationskarte mit der üblichen Ansprache überreichten. Der 11 jährige Knabe gestand ein, daß er von seinem Vater zum Gratuliren in die Häuser geschickt werde, daß der Laufbursche von seinem Vater zu demselben Zweck angenommen worden sei und hierfür 2M. und Beköstigung pro Tag erhalte. Von dem unglücklichen Schicksal des Direktors Thomas vom Königstädtischen Thcaker haben wir gestern bereits kurz Mittheilung gemacht. Genannter Herr richtet nun zur Auf- klärung des Sachverhaltes folgendes Schreiben an verschiedene Zeitungen:„Sehr verehrter Herr Redakteur! Ich bin in der unangenehmen Lage, Ihnen mittheilm zu müssen, daß ich mit heutigen Taae von der technischen Leitung des hiesigen König- städtischen Theaters zurückgetreten bin. Vom Tage der Er- öffnung an durch das freundliche Wohlwollen und die Nach- ficht des Publikums und der Presse getragen, habe ich mich schweren Herzens zu diesem letzten äußersten Schritt erst ent- schlössen, nachdem alle physischen und großen pekuniären Opfer, die ich gebracht, sich nutzlos erwiesen gegen Differenzen, die, immer häufiger wiederkehrend, jetzt chronisch zu werden begannen. Da der Besitzer und Direktor des Theaters nie und in keiner Weise seinen Verpflichtungen nachgekommen ist, konnte ich mich nunmehr ander tcchnischcnLeitung nicht längerbetheiligen, nachdem dem Geschäfte die genügend zufließenden Eubsistenzmittel größtcntheils zur Deckung von Verbindlichkeiten entzogen wur« den, die gedachter Herr vor Eröffnung des Theaters und ohne Zusammenhang mit demselben kontrahirt hatte. Nicht weil meinen Interessen bis heute in keiner Weise Rechnung getragen ist, nicht weil ich statt zu erhalten zugesetzt habe— letzteres that ich aus Antheilnahme für die Mitglieder gern und ohne jedwede Verpflichtung—, sondern weil ick mit erschreckender Klarheit eingesehen habe, daß die geschäftliche Position des Theaters eine unhaltbare wurde.— Ich habe die ganze Ange- legenbeit dem königl. Staatsanwalt zur Entscheidung unter- breitet und so wird der Abschluß der Geschäfte mit Ouarg und Konsorten sich wohl in Moabit vor dem Strafrichter abspielen. — Ich bitte Sie, verehrter Redakteur, Kcnntniß zu nehmen und zu geben und mir Ihr Wohlwollen zu er« halten. Ihr ganz ergebener Emil Thomas." Demnach haben also nicht etwa schlechter Geschäftsgang, sondern die älteren Schulden des Herrn Ouarg und der— Herrn Direktor Thomas bei Kontraktsabschluß unbekannt gebliebene— Umstand, daß Haus- und Bühnenräume aar nicht Herrn Quarg gehörten, die im Interesse der Mitglieder tief zu beklagende Krisis mitten in der Saison herbeigeführt. Die einen gewissen Betrag übersteigenden Einnahmen wurden vom Hauptgläubiger des Herrn Ouarg abgeholt, auf die Gagcnzahlrmg und die sonstigen Verpflichtungen wurde dabei keine Rücksicht genom- wen. Herr Thomas, selbst nur engagirter technischer Direktor und rechtlich zu Zahlungen nickt verpflichtet, verzichtete nicht blos auf seine eigene Gage, sondern trat mit seinem Kapital und Kredit ein, um nur ein Unternehmen nicht untergehen zu lassen, mit dem sein Name immerhin verknüpft ist. Als von dem Gläubiger auch die Feiertagseinnabmen abgeholt wurden, obwohl für die am 1. Januar fälligen Gagen kein Fonds vor- banden war, erklärte Herr Direktor Thomas, vor Deckung der Gagen nichts mehr hergeben zu lassen, und so wurde das Theater durch die Gläubiger des Herrn Ouarg geschloffen. Bei der Festsetzung von Unfallcntschädigungen ist neuerdings ein prinzipiell wichtiger Fall zur Entscheidung des Reichsveisickerungsamtes gekommen. Ein taubstummer, in einer hiesigen Schneidemühle beschäftigter Müller war bei der Beschäftigung an der Kreissäge nur wenig erheblich am Mittel- fingcr der reckten Hand verletzt worden. Entgegen den Anord- nungen des Arztes vernachlässigte der Verletzte den Verband und die Pflege des kranken Fingers nach der Ansicht des Arztes auf das Gröblichste, so daß in Folge der Vernachläsfi- gung die Amputation des verletzten Fingers nothwendig wurde. Die Sachverständigen begutachteten eine hierdurch herbeigeführte Erwerbsverminderung des Verletzten um 15 xCt. Die Genossenschaft verweigerte aber die Auszahlung der gesetzlichen Rente, weil sie der Meinung war, daß die grobe Fahrlässigkeit des Verletzten dem Vorsatz gleich zu achten sei und das Gesetz die Entschädigung vorsätzlich herbeigeführter Unfälle ausschließt. Das im Wege des Rekurses angemfene Reichsverficherungsamt ordnete jedoch die Zahlung der gesetzlichen Rente an. Bei dem taubstummen Verletzten sei immerhin, so wird in den Entsckei- dungsgründen des Reichsverstcherungsamtes ausgeführt, die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß derselbe in Folge mißver- ständlicher Ausfassung die Pflege des verletzten Fingers ver« nachläsfigte. In keinem Falle sei erwiesen, daß der Beschädigte vorsätzlich den Unfall herbeigeführt, denn es sei nicht anzuneh- men, daß ihm die Tragweite der Vernachlässigung des kranken Gliedes bekannt gewesen sei. Unter diesen Umständen könne es dahingestellt bleiben, ob die Vernachlässigung der Pflege eines verletzten Gliedes überhaupt den Vertust der gesetzlichen Entschädigung zur Folge haben kann; diese tritt nach§ 5 Absatz 7 des Unfeillversicherungsgesetzes nur dann ein, wenn der Verletzte den Bcttiebsunfall vorsätzlich herbeigeführt hat. Die Weihnachtsrose! Wenn der kalte Nordwind durch die Straßen fegt und jedermann veranlaßt, lhunlichst bald ein wärmendes, oder doch schützendes Obdach auszusuchen, wird den wenigsten wohl der Gedanke kommen, daß eine auch bei uns beimathlichc, hübsche Blume sich gerade diese unwirthliche Zeit zur Entfaltung ihrer„Blüthcnpracht" erwählt hat. Und doch ist dies der Fall!— Dem bekannten Märchen, daß in der„heiligen Nacht mitten im Schnee eine wunderbare Blume ihre zaubcr- kräftigen Bluthcn entfalte, liegt etwas Wahres zu Grunde. Einer abschalteten Pflanze verursacht in der That der rauhe Winter durchaus keine Unbequemlichkeiten. Sie ist in Wirk- lichkeit„unser erster Frühlingsbote". Gerade um die Weih- nachtszeit pflegt sie sich in ihrer ganzen Pracht zu piäsentiren und heißt deshalb auch mit vollem Recht im Volksmundc: „Weihnachtsrose, Ehrist- oder Schneeblume"(nicht zu verwechseln mit dem viel später erscheinenden, allgemein bekannten„Scbnee- glöckchen"). Sie wird von den Botanikern Eellebom: niger, schwarze Nießwurz, benannt, hat dunkelgrüne Blätter, zwischen welchen an schlanken Stielen, die der wilden Rose ähnlichen, fünfblättrigen, großen, glockenförmigen Blumen hängen, deren Farbe ansangs weiß ist, später aber ins Röthliche übergeht. Ihre eigentliche Heimalh find die Gebirgswaldungen Süddeutsch- lands, doch wird sie auch bei uns zuweilen in Gärten angepflanzt. Von einem beklagcnswerthcn Unfall ist zu den Weih- nachtsfeicrtagen die Ehefrau und damit die Familie eines in der Mariannenstraße wohnhaften Fabrikarbeiters betroffen wor« den. Beim Reinigen von Fischen, unter denen sich ein größere» Barsch befand, verletzte sich am Tage vor dem Feste die Frau an den Flossen des Barsches die Hand. Ter bald sich ein- stellende empfindliche Schmerz veranlaßte die Frau, den Arzt aufzusuchen und dieser, die Gefahr der Blutvergiftung eikeii- ncnd, wollte wenigstens den Versuch machen, die erkrankte Hand zu retten, weshalb er oberhalb derselben eine Schnur anlegte, welche die Blutzirkulation aus der Hand in den Arm verhin- dern sollte. Diese Vorrichtung war, wie erklärlich, der Frau sehr lästig, dieselbe entfernte die Schnur und spülte die kranke Hand, welche sich hochgradig entzündet zeigte, mit kaltem Wasser. Bald aber schwoll nun auch der Arm an; die Frau eilte noch« mals zum Arzt und dieser odnete die schleunige Ausnahme der Frau in Bethanien an, wo am ersten Weihnachtsfeiertage der erkrankte Arm im Schultergelenk amputirt werden mußte. Auch heute noch ist der Zustand der Frau sehr beforgniß- erregend. Statistik der Kriminalabtheilung des Volizeipräst- diums, des Land- und Amtsgerichts Berlin I Von den bei der Kriminalabtheilung des Polizeipräsidiums zu Berlin im Jahre 1885 sistiiten Personen kamen zur Jsolirbaft 4403 Personen und zwar 3658 Männer, 734 Wecker. 11 Kinder, die setzten wegen Diebstahls. Diebstahl bei 1648 Männern, 497 Weibern, vehlerei bei 84 Männern, 30 Weibern; Beleidigung von Beamten, Widerstand gegen die Staatsgewalt bei 311 Männern, 25 Weibern; Körperverletzung bei 152 Männern, 3 Weibern; Unterschlagung bei 337 Männern, 47 Weibern; Betrug bei 195 Männern, 36 Weibern; Hausrechtverletzung bei 68 Männern, 1 Weibe; Verbrechen und Vergehen gegen die Sittlichkeit bei 121 Männern, 3 Weibern; Vermögens« desckädigung bei 66 Männern, 1 Weibe; Raub bei 20 Männern, 2 Weibern; Urkundenfälschung bei 95 Männern, 15 Weibem; Hazardspiel bei 12 Männern; B freiung von Gefangenen bei 24 Männern; betrügerischer Bankerott bei 10 Männern; Erpressung bei 36 Männern; Nothzucht bei 1 Mann; Brandstiftung bei 4 Männern, 1 Weibe; Mord, Mordversuch bei 9 Männern, 5 Weibern; Majestätsbeleidigung bei 17 Männern; Drohung bei 31 Männern, Meineid bei 7 Männern, 3 Weibern. Münzverbrechen bei 27 Männern, 3 Weibem; Verbrechen wider das keimende Leben resp. Beihilfe 1 Mann, 12 Weibern, die übrigen wegen vereinzetter Ursachen. Zum Polizeigewahrsam wurden gebracht: 20361 Männer, darunter wegen Obdachlosigkeit 7058, Bettelns 9392, Straßenunfuzs 1897, Trunkenheit 76; als Durchtransport 212, Geistesstörung 4, unerlaubten Handelns 163, wegen verschiedener Ursachen 1559. Frauen wurden eingebracht 9465, von diesen 8238 wegen Un- fittlichkeit, 463 wegen Obdachlosigkeit, 67 wegen Straßen« unfugs, 39 wegen Trunkenheit, 264 wegen Bettelns, 78 als Durchtransport, 25 wegen unerlaubten Handelns, 2 wegen Geistesstörung, 289 wegen verschiedener Ursachen. Kinder wurden 75 zum Polizeigewahrsam gebracht, darunter 33 wegen Obdachlosigkeit, 16 wegen Bettelns, 5 wegen unerlaubten Handelns, 21 wegen verschiedener Ursachen. Unter Polizeiaufsicht standen 1377 Personen, wegen Bettelns wurden 21 984 Personen sistert. In 1064 Fällen von Selbstmord, Todtschlag und Unglücksfällen mit tödtlichem Ausgang wurde ein Einschreiten veranlaßt. Darunter waren Fälle von Erhängen 161, Ertrinken 100, Erschießen 57, Kohlen. oxiidvergiftung und Erstickung 24; Vergiftung 65; Schädelbruch 36; Sturz aus dem Fenster 53; Ueberfahren 20; Erfrieren 3; Mord 2; Verbrühung 6; Verletzungen 26; Schlagfluß 25 sc.; außerdem wurden 30 neugeborene Kinder todt ausgefunden. Beim hiesigen Landgericht i waren im Jabre l88S anhängig: Zivilsachen: 5756 gewöhnliche Prozesse; 141 Ur- kundenvrozcffe; 938 Arreste und einstweilige Verfügungen; 1019 Ehesachen; 6 Entmündigungssachen; vor den Kammem für Handelssachen 3073 gewöhnliche Prozesse; 5575 Urkunden.(Wechsel) Prozesse, 223 Arreste u. s. w.; in der Berufungsinstanz: 2218 gewöhnliche Prozesse, 30 Urkundenprozesse. Strafsachen: 21 887 Vorverfahren, 119 Hauptverfahren in l. Instanz vor dem Schwurgericht, 1575 vor den Strafkammern wegen Verbrechen, 2238 wegen Vergehen. Berufungen vor dm Straf kam m ern: 444 Privatklagm, 2059 Vergehen und Uebertrelungen. Beim Amtsgericht l Hierselbst waren im Jahre 1685 anhängig: Zivilsachen: 1425 Sühne« sachen, 50 518 Mahnsachen, 73 190 gewöhnliche Prozesse, 14 635 Urkunden-(darunter 14 472 Wechsel«) Prozesse, 166 Entmündigungssachen, 493 Aufgebotsverfahren, 2357 Arreste sc.; 1871 Anträge außerhalb eines anhängigen Rechtsstreites, 175 Vertheilungsverfahren, 253 Zwangsversteigerungen, 350 Zwangsverwaltungen, 16 616 andere Anträge betr. Zwangsvollstreckung, 105 371 mündliche Verhandlungen. Strafsachen: 4186 Privatklagesachcn, 8558 Anträge auf Erlaß von Sttafbe« fehlen, 9708 Anklagesachen wegen Vergehen, 31 539 Anklagesachen wegen Uebcrtretungen, 43 617 Hauptverhandlungen. Die Kriminalpolizei hat gestern Vormittag, wie der �Börs.-Cour." mitiheilt, ein gefährliches Nest in der Keller- Restauration von C. in der Hirtenstraße ausgenommen. Nicht weniger als zwanzig Zuhälter und zwei Dimm fiekm in die Hände der Polizei. Zu den kleinen grauen Möven an der Fricdrichsbrücke hat sich jetzt auch die große weiße Möve gesellt. Die Schaar der eleganten Wasservögel hat sich bis gegen hundert vermehrt. Sie schwimmen behmd auf dem Flusse, dalanziren auf den Stangen der Fischkästm, rühm sich in Schaaren auf den Eis« schollen und schießen aus der Luft nach Beute auf die Ober- fläche des Waffers hinab. Das Echauspiel feffclt beständig zahlreiche Zuschauer. Einen größeren Brand gab es gestern Morgen von 6% Uhr ab auf dem Grundstück Stralauerstraße 41 zu bekämpfen; es stand hier in der Feldmann'schen Färberei, welche das zweistöckige rechte Seitengebäude einnimmt, der stch über das oberste Stockwerk in seiner ganzen Frontausdehnung von 14 Fenstern erstreckende Trockenboden in lichten Flammen, auch war durch Zerstörung eines Theiis der Decke das Feuer in das Dachgeschoß gelangt und hatte von hier, nach Inbrandsetzung der daselbst lagernden Wollabfälle, seinen Weg in die Dach- konstruktion genommen. Die im Trockenraum vorhandenen beträchtlichen Borräthe an Wolle und die vielfachen Holzstellagen entfachten das Feuer zu versengender Gluth, und diese sowohl wie der stch entwickelnde Liualm machten den Löschmann- schaften schwer zu schaffen. Ter Angriff wurde mit der Gas» und Dampfspritze unter Assistenz einer großen Handdruckspritze aufgenommen und durchgeführt. Die Vertreibung der Flammen vom Dache ging äußerst schnell von statten, so daß dasselbe nur an wenigen Stellen wesentlich beschädigt worden ist, dagegen währte es fast zwei Stunden, bis nran des Feuers in seinem ursprünglichen Herde Herr werden konnte. Das Erdgeschoß, die eigentliche Färberei enthaltend, ist unversehrt geblieben, und so viel stch übersehen läßt, dürfte deshalb auch der Geschäftsbetrieb eine wesentliche Unterbrechung nicht erfahren. Die Entstehungs- Ursache scheint durch die Selbstentzündung von Wolle hervor- gerufen zu sein. Den Mobiliarschaden hat die Vaterländische Feucrverstchcrungs-Gescllschaft in Elberfeld zu tragen.— Abends vorher, zwischen 7 und 8 Uhr, wurde aus dem Hängeboden über einem Badezimmer im Hause Bärwaldstraße 62 ein größeres Quantum Wäsche durch einen Brand zerstört; dieselbe war unvorfichtiger Weise dicht unter das eiserne Rauchrohr des Badeofens gepackt, so daß ihre Inbrandsetzung bei einer Be- Nutzung des letzteren unausbleiblich erfolgen mußte. Ein in unseren Mceresgewässern äußerst seltener Raubfisch, der sogenannte Seeteufel ist in der Nacht zum 19. Dezember von den Fischern Köhler und Brcmster an der schleswig-holsteinischen Küste bei Kiel gefangen und nach Berlin tebracht worden, nachdem das Thier von einem Zoologen mit Lickersheimerffcher Flüssigkeit vrävarirt worden war. Die Heimath des Seeteufels(Lophiuia piBcatorins) ist das Mittel- ntecr, nur ganz vereinzelt ist er auch im westlichen Theile der Ostsee vorgekommen. Das sehenswerthe Exemplar, welches die Fischer in der Brüderstraße'M ausgestellt haben, zeigte eine Reihe merkwürdiger Eigenthümlichkeiten. Das Sonderbarste an diesem gefährlichen Fische ist, daß er neben seinen Flossen auch— Füße hat, die rhm übrigens auch den Namen„Pedicn- latorins" gegeben haben. Er hat mit den Flossen eine Breite von vier Fuß. Besonders auffallend ist die Gestaltung des mächtigen plattgedrückten Kopfes mit den großen grünlich leuchtenden Äugen und dem von spitzen Fang- zähnen starrenden Rachen, der zu einer Weite von 38 Zentimetern sich öffnet. Der Kopf bildet die Hälfte des ganzen breiten Körpers, der nur unten zu einer fischartigen schmaleren Form stch zuspitzt. Seine Gefräßigkeit kennt keine Grenze; nach Angabe des Prof. Möbius-Kicl nimmt der Seeteufel tüg« lich ca. 60 Pfund Nahrung zu sich. Dafür hat das Thier auch einige hunderte von Zähnen, die am Unterkiefer nach innen be- weglich sind; selbst weiter unten im Schlünde sind eine Reihe von Zähnen vorhanden. Rachen, Kinnenhöhle und Magen bil- den einen einzigen ungeheuren Raum, welcher auch Fische von beträchtlicher Größe aufzunehmen vermag. Tie Athmungs- organe des Thieres, das zur Zeit des Fanges nicht weniger als 137 Pfund wog, gehen vom Oberkiefer aus und enden an den Seitenflossen. Am Kopfe bis zum Rücken, der wie Nähte aussehende Zeichnungen ausweist, befinden sich 5 lange Fühlhörner und rings um den Leib ein Kranz von Saugern. Der Seeteufel, der übrigens im Aquarium nicht vorhanden ist, lebt dem Krokodil gleich im Schlamme, wo er seine Beute er- wartet. Auf die Tagesordnung der heutigen Sitzung der Stadtverordneten-Bersammlung ist nachträglich noch die Befchlußfaffung über die Miethung von Räumen für die Bureaus der 3. Abtheilung des königl. Polizeipräsidiums ge- setzt worden. Mit dem Abbruch der Häuser des Mühlen« dammes 5—10 wird bereits im Januar begonnen. Aber auch die baldigste Räumung der Häuser 1—4 muß in Betracht ge- zogen werden, in denen sich die Räume der 3. Abtheilung des königlichen Polizeipräsidiums befinden. Bis zur Vollendung des neuen Polizcigebäudcs am Alcxanderplatz muß daher für ein Unterkommen dieser Abthcilung gesorgt werden, und der Magistrat schlägt iu Uebereinstimmung mit dem Polizeipräsidium vor, zu diesem Zwecke.vom 1. April 1887 bis 1. April 1890 die zweite Etage in dem auf dem Hofe des Grundstücks König- straße 7 befindlichen Neubau für den jährlichen Preis von 6500 Mark zu miethen. Gemäß den Veröffentlichungen des Kaiserlichen Ge» sundheitsamts sind in der Zeit vom 12. bis 18. Dezember er. von je 1000 Einwohnern, auf den Jahresdurchschnitt berechnet, als gestorben gemeldete in Berlin 22,3, in Breslau 29,8, in Königsberg 23,7, in Köln 26,1, in Frankfurt a. M. 16,8, in Wiesbaden 17,8, in Hannover 19,4, in Kassel 16,2, in Magdeburg—, in Stettin 27,2, in Altona 31,8, in Etraßburg 25,5, in Metz 27,9, in München 24,8, in Nürnberg 30,3, in Äugsburg 23,7, in Dresden 19,4, in Leipzig 16,8, in Stuttgart 15,5, in Karlsruhe 11,1, in Braunschweig 19,5, in Hamburg 37,7, in Wien 25,7, in Pest 36,8, in Prag 27,2, in Trieft 33,6, in Krakau 20,3, in Basel 14,7, in Amsterdam—, in Brüssel 24,7, in Paris 24,5, in London 18,8, in Glasgow 27,0, in Liverpool 27,6, in Dublin 29,6, in Edivburg 18,2, in Kopenhagen 21,4, in Stockholm 22,2, in Ehristiania 19,5, in St. Petersburg 24,0, in Warschau 27,6, in Odessa 29,0, in Rom 26,1, in Turin—, in Venedig 22,5, in Alcxandria 38,1. Ferner in der Zeit vom 22. bis 27, Dezember er.: in New-Uork 26,1, in Philadelphia 22,2, in Baltimore 16,9, in Kalkutta 32,7, in Bombay 22,4, in Madras 34,0. Die veränderliche naßkalte, in der Bcrichtswochc vorHerr- schende Witterung übte auf die Gcsundheits- und Sterblichkeits- verhältniffe der meisten Großstädte Europas keinen günstigen Einfluß aus, obwohl eine größere Zahl, besonders von deutschen Städten, wie Berlin, München, Dresden, Leipzig, Frankfurt a. M-, Wiesbaden, Bremen, Stuttgart, Aachen, Braunschweig, Mainz, Kassel, Karlsruhe, Mannheim, von außcrdeutscken Orten Basel, Krakau, London, Ehristiania, Edinburg, Venedig u. a. .leinere Sterblichkeitszablen mittheilten. Insbesondere traten katarrhalische und akute Entzündungen der Athmungsorgane in fast noch gegen die Vorwoche gesteigerter Zahl zu Tage und riefen vielfach noch mehr Sterbefälle hervor als in der voran- gegangenen Woche.— Dagegen wurden Darmkatarrhe und Brechdurchfälle der Kinder seltener Todesursachen, auch war die Thrilnahme des Säuglingsaltcrs an der Gesammtsterblichkeit im Allgemeinen eine kleinere als in der Vorwoche. Von 10000 Lebenden starben auf das Jahr berechnet: in Berlin 69, in München 87 Säuglinge.— Von den Infektionskrankheiten zeigten Masern und Scharlach im allgemeinen ein etwas selteneres, Dipbtherie, typböse Fieber, Keuchhusten rind Pocken ein etwas häufigeres Vorkommen.— So wurden Sterdesälle an Masern aus Hamburg, Bremen, Paris, London, Liverpool, St. Petersburg in kleinerer, aus Berlin, Breslau und Prag in gleicher, aus Barmen, Mülhausen i. E. in größerer Zahl als in der Vorwoche gemeldet. In den genannten Städten waren aber auch, sowie in den Regierungsbezirken Aachen, Aurick, Düsseldorf, Königsberg. Marienwerder, Schles- wig, Erkrankungen an Masern noch lehr zahlreich.— Todesfälle an Scharlach wurden aus München, Hamburg, Köln, Hannover, Chemnitz, Wien, Pest, Odessa in geringerer, aus Berlin, London, Liverpool, St. Petersburg, Warschau in ge- steigerter Zahl mitgetheilt: auch in Edinburg und Ehristiania waren Erkrankungen an Scharlach nicht selten.— Die Sterblichkeit an Diphtherie und Kroup war in Berlin, Hamburg, Leipzig, Königsberg, Frankfurt a. M., Nürnberg, Altona. Wien, London, Kopenhagen, St. Petersburg, Warschau, Odessa eine gesteigerte, in Breslau, Stettin, Hannover die gleiche, in München, Dresden, Danzig, Stuttgart, Braunschweig, Prag, Paris, Kopenhagen, Ehristiania, St. Petersburg, Warschau eine verminderte.— Typhöse Fieber wurden besonders in Hamburg, Paris, St. Petersburg häufig Todesveranlassung, in Berlin und London zeigten sie sich in beschränkter Zahl. Neue Erkrankungen wurden aus Hamburg etwas weniger als in der Vorwoche ge- meldet. Einzelne Todesfälle an Flecktyphus kamen aus Krakau, London, St. Petersburg und Odessa, aus St. Petersburg auch 2 Erkrankungen zur Mittheilung, femer wurden aus Berlin 1, aus St. Petersburg 8 Erkrankungen an Rückfallsfieber gemeldet. Aus dem Regierungsbezirk Marienwerder wird 1 Erkrankung an epidemischer Genickstarre berichtet.— Dem Kindbettfieber erlagen in London 9 Frauen. Rosenartige Entzündungen des Zellgewebes der Haut kamen im Ganzen seltener, in Berlin etwas häufiger zur Kcnntniß.— Todesfälle an Pocken wurden aus London 1, aus Königsberg(Stadt) und Venedig je 2, aus Paris 3, aus Warschau 6, aus St. Petersburg 8, aus Wien 9, aus Rom 14, aus Pest 62 gemeldet; Erkrankungen an Pocken aus Berlin 1, aus Breslau 4, aas Hamburg und den Regie- rungsbezirken Königsberg und Schleswig je 5, aus St. Petersburg 8, aus Wien 11, aus Pest 164. In Pest ist die Eholera als erloschen anzusehen, dagegen kamen in verschiedenen Orten Ober-Ungarns in der ersten Dezemberwoche noch vielfach neue Erkrankungen vor. Aus Slavonien(Esseg) werden von der Mitte Dezember noch mehrfache Cholerafälle mitgetheilt. Polizei-Bericht. Am 28. d. M- früh wurde tn der Ger- traudtenstraße ein etwa 60 Jahre alter Mann, anscheinend Ar- bester, aus einer Kopfwunde blutend und anscheinend schwer krank, auf der Straße liegend vorgefunden und mittelst Krankenwagens nach der Eharitee gebracht.— Am Vormittag verstarb plötzlich im Flur des Hauses Stcinstr. 11 eine unbekannte, etwa 40 Jahre alte Frauensperson, welche, über Un- Wohlsein klagend, denselben kurz vorher betreten hatte. Die Leiche wurde nach dem Leichenschauhause gebracht.— Um dieselbe Zeit wurde in der Rüdersdorferstraße das einem Bäcker- meister gehörige, vor einen Schlitten gespannte Pferd scheu und ging durch, wobei der Eigenthümer desselben und drei in seiner Begleitung befindliche Knaben auf die Straße geschleudert, anscheinend jedoch nicht bedeutend verletzt wurden.— Am 29. d. M- früh entstand in der Feldtmann'schen Färberei, Stra- lauerstr. 41, Feuer, welches den Trockenboden völlig vernichtete und die Thätigkeit der Feuerwehr mehrere Stunden hindurch in Anspruch nahm._ Gerichts-Ieitung. f Der ehemalige Besitzer des CasS Viktoria in der Besselstraße, Langhans, hatte sich gestern vor der 92. Abthcilung des hiesigen Schöffengerichts gegen die Anklage des Betruges zu verantworten. Er hatte von seinem Vorgänger die Neu- filberwaaren übernommen, die jenem von der Firma Alex Kabsch gegen Miethsvertrag geliefert worden waren. Langhans leistete aber an die Firma Kabsch sowenig Abschlagszahlungen, als an die Firma Möhring, von der er die Beleuchtungs- cinrichtung ebenfalls gegen Miethsvettrag erhalten hatte. Ja er that noch mehr: er verkaufte sein Geschäft und ließ sich die stieufilbeigegenstände und die Beleuchtungseinrichtung des Ge- schäfts bezahlen, als wenn fie nicht fremdes, sondern sein Eigenthum wären. Der Käufer, ein Herr Busse, zahlte an ihn 2700 Mark, von denen die Firma Kabsch nicht einen Pfennig erhielt; fie versuchte zwar im Wege des Zivilprozcsses ihre Forderung, zirka 150 Ml-, zu erstreiten, allein die Zwangs- Vollstreckung, die fie auf Grund des obflegenden Erkeirntniffes gegen LanghanS vollstrecken ließ, fiel fruchtlos aus. Möhring war vorsichtiger gewesen: er hatte von dem beabsichtigten Verkaufe Wind bekommen und rettete aus dem Schiffbruch noch soviel, daß sein Verlust sich nur auf zirka 30 Mk. beläuft. Der Änge- klagte suchte sein Manöver dadurch zu entschuldigen, daß er die Schuld auf die anderen Gläubiger schob, die ihm den Hals zugeschnürt und ihn so gedrängt hätten, daß er auf irgend eine Weise fie habe zu befriedigen suchen müssen. Außerdem sei das Cafe nicht gegangen, da das Polizeipräsidium ihm die Nachtkonzesfion verweigert und ihm nur den Ausschank von Wein und Bier nicht aber den von Liqueuren erlaubt habe. Erst seinem Nachfolger sei es gelungen, diese Hindernisse zu beseitigen und die volle Genehmigung zu erhalten. Das Ur- theil lautete auf vier Wochen Gefängniß gegen Langhans, der Staatsanwalt hatte drei Monate beanttagi. Wegen Uebertretung des bekannten ministeriellen Erlasses in Bezug auf die Anmeldepflicht hatten sich am Mittwoch vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Ii die Vorstandsmitglieder des Ottsvereins der Fabrik- und Handar- bester zu Britz zu verantwotten. In einer der regelmäßig stattfindenden Sitzungen stand auf der Tagesordnung: Be- rathung über Statutenänderungen und Besprechungen über zu zahlende Krankenkassenbcittäge; der Verlauf dieser Sitzung ließ an zuständiger Stelle den qu. Ortsvercin als einen politischen erscheinen und demzufolge war das Strafverfahren gegen sechs zum derzeitigen Vorstand gehörende Personen eingelestet war- den. Die Strafkammer des Landgerichts hielt jedoch nach stattgehabter Zeugenvernehmung den Beweis dafür nicht er- bracht, daß der Verein als ein politischer bezw. unter dem Banne jenes Erlasses stehender anzusehen sei. Demgemäß er- folgte Freisprechung sämmtlicher Angeklagten. In Wohlgefallen— der Weihnachtsfeststimmung entsprechend— löste sich eine am 4. Weihnachtsfeier tage vor der Strafkammer des Landgerichts Ii verhandelte Änklagesache auf. Vor den Schranken des genannten Gerichtshofes erschien wegen Diebstahls und Hausfriedensbruches angeklagt der Gärtner Wilhelm Kiekebusch aus Tiefwerder bei Spandau; der Vater desselben, Gärtner Karl Kiekebusch, hatte gegen den leiblichen Sohn den Strafanttag wegen dieser Delikte gestellt und war demgemäß als Belastungszeuge zum Audienztcrmin vorgeladen. Eine heftige Zornesaufwallung hatte den bejahrten Mann zu dieser harten Maßregel getneben; mst dem Angeklagten, welcher großjährig und ebenfalls verheirathet ist, traf Kiekcbusch s. Z. ein Abkommen dahin, daß beide gemeinschaftlich verschiedene von Kiekedusch senior gepachtete Gatten- Ländereien in der Niederung bei Tiefwerder in der Folge bewitth- schafteten, während die Frau des Angeklagten an Stelle der schwer erkrankten Schwiegermutter, Frau Kiekcbusch senior, dem Haushalt vorstand. Zwischen Vater und Sohn entstanden jedoch Differenzen, denn der erstcrc beschuldigte seinen Sohn Wilhelm, daß er ihn durch widerrechtliche Beiseiteschaffung von Erntcetträgen und Witthschaftsgegerrständen übervottheilte. Die Folge hiervon waren unliebsame Auftritte zivischen Vater und Sohn; zuletzt verbot der Vater diesem das Betreten der Pacht- ländereien, obwohl er ein Recht hierzn nicht besaß, denn der Sohn hatte seiner eingegangenen Verpflichtung gemäß die Pachtsumme, wie verabredet, stets entrichtet. Der Alte wollte aber dem Sohn gegenüber nichts nachgeben und so ging er hin und denunzitte denselben wegen Diebstahls und Hausfrie- densbruches. Der Zufall wollte es, daß gerade am Tage nach dem Weihnachtsfeste der Hauptvcrhandlungstermin stattfand und die Erinnerungen an die fröhlichen Kiudcrjahre seines Sohnes verfehlten in der nachklingenden Festslimmung ihre Wirkung auf den sonst hatten Alten nicht; Verselbe hatte vor- her schon in einer schriftlichen Eingabe an das Gericht seine Reue über den gegen sein eigen Fleisch und Blut unternommenm Schritt dargethan, dem innern Mahner nachgebend erklärte er nun im Audienztermin, daß er seinen Strafantrag zurücknehmen wolle. In die Verhandlung der Sache war der Gerichtshof bereits eingetreten und der Staatsanwalt beantragte Einstellung des Verfahrens wegen des Diebstahls, bezw. Freisprechung nach Lage der Sache wegen Hausfttedensbruches. Der Gerichtshof erkannte demgemäß; glücklich ausgesöhnt und wieder veremt verließen Vater und Sohn das Kriminalgenchtsaebäude. Königsberg i. Pr. Im November machte in verschiedenen politischen Zeitungen und auch Gewerkschaftsblättern eine Notiz, veranlaßt durch einen entstellten Beucht der„Lstpreußischen Zeitung", die Runde. Es hieß daselbst, daß der sozialdemo- kratische Agitator Slomke wegen Unterschlagung von 100 oder einigen hundert Mark Arbeitergroschen(Eigenthum der Königs- berger Tischler) verhaftet und bereits geständlich sei ze. Am 13. Dezember stand nun in dieser Sache Termin zur Haupt- Verhandlung an. Bevor wir jedoch auf die Sache selbst ein- gehen, diene folgendes zur besseren Information. In Königs- borg bestand seit August 1885 nach Beendigung des Tischler- streiks eine„Kommission der Tischler Königsbergs", deren Vor- sitzender Slomke und deren Kassirer Krebs war. Im August 1886 wurde nun diese Kommission nebst der durch sie ge- schaffenen Verbindung der Werkstätten vom Regierungspräfi- denten auf Grund des Ausnahmegesetzes verboten und erhielten die Kriminalkommissarien Böttcher und Gabel den Auftrag, dies dem Vorfitzenden mitzutheilen und das Vermögen der Kom- Mission, sowie sämmtliche auf diese selbst bezüg- lichen Sachen zu beschlagnahmen, was auch geschah. Der Kassirer Krebs jedoch verleugnete, um das Geld zu retten, ein Spattassenbuch im Betrage von 550 M. und mußten sich die.Herren mit einem vorgefundenen Baarbestande von 101 M. 50 Pf. begnügen. Diese Beamten wurden auch bald darauf zu Liquidatoren der Kommission ernannt und setzten nun ihre Forschungen nach dem Gelde fort, erließen auch eine Bekannt» machung, ihnen das Geld freiwillig herauszugeben; durch eine unter den Papieren vorgefundene Abrechnung hatten fie über die Kasse Aufschluß erhalten. Einige Revisoren und Kom- misfionsmitglieder ließen sich auch von den Herren die Köpfe verdrehen und gaben die Existenz des Buches zu. Sie gaben auch den Namen an, auf welchen das Buch lautete. Jetzt gingen die Liquidatoren am 15. November zum Kassirer Krebs, um ihn zu verhaften, wenn er nicht das Buch herausgebe; wohl oder übel mußte sich derselbe unter solchen Umständen dazu entschließen. Slomke war während dieser Zeit gar nicht in Königsberg. Nach der polizeilichen Schlie« ßung der Kommission, in der Zwischenzeit von Ende August bis Ottober, waren nun mit Wissen der Kom- misstonsmrtglieder 150 M. vom Buche abgehoben und zu Zwecken der Tischler Königsbergs verwandt, wie Prozeßkosten, Unter- stützungen u. s. w., und waren auch der Vorfitzende und der Kassirer im Stande, die entsprechenden Beläge vorzulegen und den Nachweis zu führen, daß der abgehobene Bettag nicht zu ihrem persönlichen Vottheil verwendet worden war. Trotzdem wurde der Vorfitzende Slomke am 20. November verhaftet und tegen ihn sowie auch den Kassirer Krebs Strafanttag wegen lettugs oder Unterschlagung gestellt.— In der Hauptvcrhand- lung am 13. Dezember machten die Liquidatoren geltend, daß; nachdem die Kommission ausgelöst, der Vorsitzende und Kassirer verpflichtet waren, die Gelder herauszugeben, und da dies nicht geschehen, vielmehr noch nachträglich von dem Gelde Ausgaben gemacht worden sind, fie sich(Slomke und Krebs) der Unterfchla- gung schuldig gemacht haben, um so mehr, da dieselben das Geld für ihre eigenen persönlichen Zwecke verwendet hätten. Der Rechtsanwalt, Herr Neumann, der die Vettheidigung der An- geklagten übernommen hatte und sich seiner Ausgabe mit großem Geschick und Eifer entledigte, führte nun folgendes aus: Die abgehobenen 160 M. konnten den Liquidatoren schon deshalb nicht unterschlagen werden, weil sie dieselben niemals in ihrem Besitze hatten; ferner, daß die Angeklagten Miteigenthümer des Geldes warenJrmd daß sie in ihrer Eigenschaft als Vorsitzender und Kassirer das Recht hatten, Geld auszugeben, wenn sie den anderen Kommisstonsmitgliedern Rechnung legten und daß sie das Geld nicht zu ihrem persönlichen Vortheil ausgegeben haben. Die Beweisaufnahme habe das übrigens auch ergeben. Er bestritt ferner den Liquidatoren das Recht, als sie von Krebs die 101 M. 50 Pf. haar erhalten hatten, noch weitere Nachforschungen über den Verbleib der Gelder anzustellen, und da der Kommission und der durch sie geschaffenen Vereinigung der Tischler jedes Statut fehle, es also ein Personenverein der nacktesten Form war, so treten die allgemeinen landrechtlichen Bestimmungen, und zwar die über das Genossenschaftswesen in Kraft. Hiernach kann das Geld resp. Vermögen nie in den Besitz des Staats übergehen, es muß vielmehr Eigenthum der Tischler bleiben und zu deren Zwecken verwendet werden, also auch das bereits dcscblagnahmte Geld müßte Herausaegeben werden. Der Gerichtshof trat in allen Punkten den Ausführungen des Rechtsanwalts bei und wurden die Angeklagten freigesprochen; der Staatsanwalt hatte für Slomke 3 Monate und für Krebs 2 Monate beantragt. Slomke wurde hierauf, nachdem er beinahe 4 Wochen rn Untersuchungshaft zugebracht hatte, sofort aus derselben ent- lassen. Bcuthen, 27. September.(Todesuttheil.) Die Wittwe Weber in Domb und ihre 23 jährige Tochter hatten sich vor dem hiesigen Schwurgettchte wegen Kindesmordes und An- stiftung zum Morde zu verantworten. Wie die Verhandlungen ergaben, hat die Wittwe Weber ihre Tochter mit 16 Jahren der Schande preisgegeben, und zu orci verschiedenen Malen die von dieser geborenen Kinder getödtet und im Keller ihrer Woh- nung vergraben, wo die Skelette von dem Gendarmen aufae- funden sind, das eine mit einem Nagel im Schädel. Die Mutter ist zum Tode, die Tochter, die für schuldig in einem Falle erklärt wurde, zu vier Jahren Gefängniß vermtheilt. Görlitz. 27. Dezember. Die hiesige Strafkammer hatte am Donnerstage über die Frage zu entscheiden, ob verbotene Schriften zu konfisziren sind auch ohne das Vorhandensein einer strafbaren Handlung. Es handelte sich um die Einziehung einer Anzahl bei einem Görlitzcr Gewerbetreibenden beschlagnahmter sozialistischer Druckschriften, ferner um eine auf der Post beschlagnahmte, für ihn bestimmte Sendung von Exem- plaren des„Sozialdemokrat". Die Staatsanwaltschaft bean- tragte die Einziehung sämmtlicher beschlagnahmter Druckschriften, da eine— wenn auch nicht strafbare— Theilnahmc bei einer strafbaren Verbreitung der Schriften auch bei demjenigen vor- läge, an welchen die verbotene Schrift verbreitet wird. Der Verthcidiger des Betteffenden beantragte, da das Allein- Abonnement auf verbotene Schnften gestattet sei, auch die Aus- lieferung derselben. Das Gericht beschloß, die Einziehung der in der Wohnung des Gewerbetreibenden beschlagnahmten Schuften abzulehnen und nur die auf der Post beschlagnahmte Sendung, weil noch nicht in den Besitz des Betteffenden über« gegonaen, einzuziehen. Mainz, 24. Dezember.(Eine Freisprechung wegen„zu großer Dummhert".) Die Wittwe Ävan, Höflich aus Ca�tel hatte auf den Namen ihres minderjährigen Stiefsohnes ein Haus für 27 500 Mark, bei 500 Mark Anzahlung, gekauft. 20 000 M. sollten als erste Hypothek stehen bleiben und 7000 M. durch eine zweite Hypothek gedeckt werden. Zur Durchführung dieser Operationen bedurfte sie der Einwilligung des Vormundes ihres minderjährigen Stiefsohnes, aber aus triftigen Gründen scheute sie den Gang nach Gundersheim, wo dieser Vormund, der Landwirth Georg Spohr, seinen Wohnfitz hatte. Sie sann daher auf einen andern Ausweg, und er war auch bald ge« funden. Eines schönen Morgens nahm fie ihren Hausburschen, den 28jährigcn Jakob Machemer, mit nach Mainz zum Noter Br., bei welchem sie ihn als den Vormund ihres Stiefsohnes einführte. Mit gravitättschem Ernst unterzeichnete auch der Hausknecht den notariellen Akt, durch welchen dem Minder- jährigen die nöthigen Vollmachten ertheilt wurden. Das Ende vom Siebe war eine strafrechtliche Untersuchung gegen die beiden Urheber des Betruges, beziehungsweise der qualifizirten Ur- kunbeniälschung. Die Wittwe Höflich wurde nun dieser Tage vom hiefigen Schwurgericht zu vier Monaten Gefängniß ver- nrtheilt, wahrend ihr Mitschuldiger wegen„zu großer Dumm» heit" freigesprochen wurde. Die Richter hatten nicht die Ueder- zeugung gewinnen können, daß er bei seinen beschränkten geistigen Fähigkeiten die zur Strafbarkeit seiner Handlung nöthige Einficht besessen habe. Wien, 28. Dezember. Die erste Gruppe jener Personen, welche im September anläßlich der anarchistischen Komplotte verhaftet wurden, erschien heute vor dem Ausnahmsgerichte unter der Anklage der Münzverfälschung und des Dievstahls und zwar die Silberardeiter Otto Steidl, Johann Ondriczek und Johann Schwarz. Steidl gestand, daß der durch falsche Münzung zu erzielende Gewinn zur Förderung anarchistischer Zwecke verwendet werden sollte. Der Zeuge, Graveur Bachzelt, deponirt, der Angeklagte Steidl habe ihm erzählt, daß das falsche Geld in großer Masse hergestellt und die Mittel dazu bieten sollte, um die Ringstraße in die Luft sprengenzu können. Ferner habe ihm Steidl gesagt, daß später deutsche Münzen zur Berwendung derselben im Deutschen Reiche hergestellt werden sollen. Das Gericht verurtheilte Steidl zu 5 Jahren, Ondriczek und Schwarz zu 3 Jahren schweren Kerkers und Stellung unter Polizeiausficht... Reichsgerichts- Entscheidungen.(Nachdruck verboten.) Leipzig, 27. Dezember. Ueber das Sozialistengesetz fällte der l. Straffend des Reichsgerichts am 23. Dezember eine inter- essante Entscheidung. Der Schneider Franz Troppmann von Floß war vom Landgerichte Frankfurt a. M. auf Grund des § 19 des Sozialistengesetzes(Verbreitung verbotener Druck- schriften) unter Anklage gestellt, weil er einer Anzahl von Per- sonen aus einer verbotenen Druckschrift etwas vorgelesen hatte. Das Landgericht erachtete aber hiermit den Thatbestand des § 19 nicht erfüllt und erkannte auf Freisprechung. Die Re- vision des Staatsanwaltes wurde vom Reichsgerichte unter folgender Begründung verworfen: Der§ 19 straft blas die Verbreitung verbotener Druckschriften, nicht auch des Inhaltes, hat also nur das gedruckte, nicht das gesprochene Wort zum Gegenstande. Es erscheint unstattdaft, über den Wortlaut hinaus, der dem Willen des Gesetzgebers hier ent- spricht, den Begriff„Verbreitung" auch auf den Fall auszu- dehnen, wo der Inhalt nur durch Vorlesen mitgetbeilt ist. — Wegen Meuterei hatten sich am 12. Oktober vor dem Landgerichte Halle fünf Frauenspersonen namens Häuser, Hammer, Neumann, Hengstmann und Fischer zu verantwotten. Das Gericht erachtete jedoch den Thatbestand der Meuterei nicht für erwiesen und venittheilte nur die Häuser, die Hammer und Hengstmann wegen Sachbeschädigung zu 8 bezw. 4 und 1 Woche Gefängniß, während die beiden anderen freigesprochen wurden. Sämmtliche Angeklagte waren im Arbeitshause in Halle unter- gebracht und fühlten sich dort nicht recht behaglich. Auf An- regung der Häuser und Hammer faßten sie am 1. Juli den Entschluß, gemeinschaftlich zu entfliehen. In Ermangelung einer Leine, an der sie sich aus dem Fenster herablassen wollten, zer« schnitten die Angeklagten außer der Fischer ihre Betttücher. Die Häuser ließ sich dann von der Fischer, die jedoch den Zweck nicht kannte, eine eiserne Stange in ihre Kammer bringen und erbrach damit den Fensterladen. Sie, die Neumann und die Hengstmann stiegen dann aus dem Fenster auf doS nächste Dack, doch mißglückte dieser Fluchtversuch. Während desselben hatte die Fischer schlafend in ihrem Bette gelegen. Zu bemerken ist dabei, daß die Angeklagten den Vorsatz auszubrechen nicht auf- gegeben hatten.— Der Staatsanwalt führte in seiner Revision gegen dieses Urtheil aus, die Bestimmungen des Gesetzes seien unrichtig angewendet. Es sei durchaus nicht nöthig, daß jeder selbstständig an der Meuterei thätig sei, sondern es genüge, wenn bei dem einen das Bewußtsein vorhanden sei, daß die anderen mitthun. Hier liege ein gemeinschaftlich gewollter Ausbruch vor, bei welchem jede der eingeklagten thätig war.— Der Reichsanwalt demertte dazu, das unternehmen sei bereits Ver- such. Fistgestellt sei, daß die Angeklagten sich über einen ge- waltsamen Ausbruch verständigt und Vorbereitungen p demselben getroffen haben, daß endlich die eine mit Zustimmung ihrer Genossinnen einen Laden ausgebrochen hatte. Wenn das kein Anfang der Ausführung, d. h. ein Versuch sein solle, so wisse er nicht, wie ein solcher beschaffen sein solle und er be- greife nicht, wie das Gericht habe sagen können, die Angeklagten hätten es nicht gemeinschattlich unternommen, mit Gewalt auszubrechen.— Das Reichsgericht hob darauf hin vas Uttheil gegen die Häuser, Hammer, Neumann und Hengstmann auf und verwies die Sache an das Landgericht zurück. Vereine und Versammlungen. Eine Versammlung der in Berlin in Arbeit stehen- den Schuhmachergesellen war zum Montag, den 27. d. M., Vormittags, nach dem Schuhmacher-Jnnungshause, Fischerstr. 25, vom Gescllenvorsteber und dem Obermeister Herrn Beutel einberufen. Hier sollte eine Jnnungs-Gesellenschaft gegründet und ferner die Wahl des Gesellen-Äusschußes und Altgesellen vor- genommen werben. Der Gesellenvorsteher Herr Kcwsti eröffnete die von ea. 150 Personen besuchte Versammlung und theilte zum 1. Punkt der Tages-Ordnung ungefähr folgendes mit: „Die Schuhmacher find in sehr gedrückter Lage, die Gesellen nicht zum wenigsten; darum müssen Meister und Gesellen Hand in Hand gehen, um ihre Lage zu verbessern. Die Regierung hat den Handwerkein ihren Beistand versprochen, nun müssen sich dieselben, soweit sie Gesellen, nichtin Vereinen, sondem in Jnnungs- Gesellenschaften zusammen thun und mit den Innungen gemeinsame Fordeningen an die Regierung und Gesetzgebung stellen. Ein von ihm(Redner) entworfenes Statut könne eingentlich ohne Diskussion von der Versammlung ange- nommen werden.(Laute Oho's und Rufe: Diskussion! änderten bald seine Meinung.) Regelung der Arbeitszeit und bessere Be- zahlung der Arbeit wollen die Innungen ja auch. Die Ge- sellen sollen die guten Sitten in die Meisterschaft(!) tragen, auch müsse man mit dem Zeitgeist fottschreiten." Ob die Innung für diese Aufrichtigkeiten dem Redner wird Dank wissen?— Zur Diskussion führte Herr Klinger folgendes aus:„In Berlin besteht schon eine Vereinigung der Gesellen; der Unterstützun gsverein deutscher Schuhmacher biete allen Schuhmachern die Hand zur Verbesserung ihrer Lage, hier find dieselben außerdem von jeder Bevormundung frei; man möge in den Innungen und auf deren Kongressen erst aufhören, die Fachvereine zu denunziren. bevor man die Gesellen zu einem „Hand in Hand gehen" auffordert."— Herr Ruroer;„Es ist verkehrt, wenn wir zur Handarbeit wieder zurückkehren sollten; die große Ausnutzung der Maschinen wird zum Segen der Menschheit, wenn sie in derem Interesse geschieht."— Solche Ausführungen mußten dem Herrn Obermeister Beutel wohl zu Kopf gestiegen sein. Er übernahm kurzer Hand den Vorsitz (hiergegen wurde heftige Opposition gemacht) und erklärte, daß er hier Polizei sei.„Meine Herren!" sagte er,„Sie zu be- lehren, gebe ich auf; Sie können uns aber auch nicht belehren, dazu find Sie zu jung. Mit Ihnen ist nichts anzufangen, die Situation ist mir klar. Ich schließe die Versammlung." Jeden- falls hat Herr Obermeister Beutel durch sein unqualifizirbares Benehmen verhütet, daß den Herren der Staar noch gründlicher und zwar in ihrem eigenen Hause gestochen wurde. Der Fachverein der Steinträger Berlin'S veranstaltet am Sonntag, den 2. Januar in der Tonhalle, Friedrichstr. 112, zum Besten der Wittwen und Waisen der im letzten Jahre verstorbenen Kollegen eine große Matinee unter Mitwirkung des Gesangvereins„Kornblume". Humoristische Vorttäge von Herrn Müller. Konzert der 30 Mann starken Kapelle des Musikmeisters Herrn Nölte.— Ke.ssenöffnung 10J Uhr. Anfang 11 Uhr Vormittag. Entr6e& Person 30 Pf. Kinder frei. Fachverein der Mechaniker, Optiker, Uhrmacher, chirurgischer und anderer Jnstrumentenmacher. Mittwoch, den 5. Januar 1887, Abends 8� Uhr, im Lokale des Herrn Niest, Kommandantenstr. 71—72, Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Kassenbericht vom 4. Ouartal. 2. Jahresbericht über die Thätigkeit des Vereins. 3. Wahl des Gesammtvor- standes, Wahl der Revisoren, Wahl der Arbeitsnachweis- kommisfion. 4. Wie stellt sich der Verein zum Verband. 5. Verschiedenes. 6. Fragekasten. Mitgliedsbuch legitimirt. Gesang-, Tnrn- und gesellige Vereine rc. am Donners- tag. Männergesangvererein„Lätttia" Abends 9 Uhr inVettin's Restaurant, Vcteranenstr. 19.— Männergesangverein„Jugend- lust" Abends 9', 11 hr bei Bester, Große Hamburgersttaße 4. — Männergesangverein„Firmitas". Abends 8£ Uhr im Restaurant Klose, Mariannenstraße 31—32, Gesang und Musik.— Schäfer'scher..Gesangverein der Elfer". Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger, Stalitzersttaße 126, Gesang.— Turnverein zHasenhaide"(Lehrlings- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffen- Hochstraße 60—61.—„Berliner Turngenoffenschaft"(7. Lehr- lings-Abtheilung) Abends 8 Uhr in der städtischen Turnhalle, Britzerstr. 17— 18.—„Verein ehemaliger Dr. Döbbelin'scher Schüler", Abends 9 Uhr im Restaurant„Zum Anhaltiner", Tempelhofer-Ufer, Ecke der Möckernstr.— Musik-Dilettantenverein „Glocke" Abends 8t Uhr Friedrichsbergerstr. 10.— Roller'scher Stenographenverein„Alt-Cölln" Abends 9 Uhr Wallstt. 20 bei Leonhardt."— Verein Ziehlke'scher Tanzschüler„Tirolienne" Abends 9t Uhr im Restaurant Poppe, Lindenstraße 106.— Rauchklub„Kernspitze" Abends 81 Uhr im Restaurant Holzmarftstr. 44. Rauchklub„Äreona" Abends 9 Uhr bei Brandt, Forster straße, Ecke der Reichenbergersttaße.— Rauchklub„Dezimalwaage" Abends 8t Uhr im Restaurant Meinelerstt. 82. Kleine Mittheilungen. Stettin, 29. Dezember. Der dritte große Reichspostdampfer ist heute Mittag 12 Uhr auf der Werft des„Vulkan" glücklich von Stapel gelassen worden. Der Dampfer erhielt den Namcn „Sachsen". Käthen, 28. Dezember. In der Nackt vom 24. zum 25. d. wurde in Drosa die 56 Jahre alte Wittwe Thiele in ihrer Wohnung ermordet. Hirschberg, 27. Dezember. Noch immer kein Ende der Scknee- Kalamität! In Folge eines schon seit mehreren Stunden anhaltenden orkanartigen Sturmes sind auf der Strecke in der Richtung nach Breslau wieder so bedeutende Schneeverwehungen hervorgetreten, daß ein Güterzug in der Nähe von Eichberg stecken geblieben ist. Es wurden ihm 5 Maschinen vorgelegt und eine größere Anzahl Arbeiter zu ihm geschickt. In Folge dieser Sperre der Strecke hatte der Breslauer Zug nicht unbe« deutende Verspätung. Breslau, 27. Dezember.(Am Weibnachtstage erfroren.) Am 25. d. M., Morgens in der fünften Stunde, wurde durch einen Wachtmann der obdachlose Arbeiter Karl Starosti von Frost völlig erstarrt und bewußtlos auf einem Schneehaufen in der Nähe des Grundstücks Hintergasse 10b aufgefunden. Der Unglückliche verschied bereits auf dem Transport nach dem Allerheiligen-Hospital. Sein Tod ist durch Erfrieren herbei- geführt worden. Braunschweig, 27. Dezember. Ein aufregender Vorfall ereignete sich am ersten Weihnacktsfeiertage in der Nähe unserer Stadt. Rechtsanwalt Wolff von hier machte mit seinen drei Kindern eine Ausfahrt. Abends 9 Uhr pasfirte der Wagen dm Bahnübergang bei Rüningen. Der Kutscher fährt trotz des Herannahms eines Zuges und des Rufens der Bahnwärter in vollem Trabe gegen die verschlossene Barriere, weiche dem An- pralle nicht widersteht, so daß der Wagen auf die Geleise zu stehen kommt. Herrn W. mit Familie gelang es noch eben, den Wagen zu verlassen, da brauste der Zug gegm das Gefährte und riß beide Pferde in Stücke. Der Kutscher, der den Bock nicht verlassen hatte, blieb auch unverletzt. Köln, 28. Dezbr. Die erste englische Post vom 27. d., Morgens, ist ausgeblieben. Grund: Schiff ist in Ostende wegen Unwetters im Kanal nicht herangekommm. Dresden, 28. Dezember. In Folge neuer Schneeverwehungen find wieder vielfache Verkehrsstörungen eingetreten. Auf der Linie Leipzig- Magdeburg existirt noch kein Schnell- zugsverkehr; auch verkehren noch keine Durchgangswagen nach Frankfurt, Köln und Hamburg. Hamburg, 28. Dezbr. Fast erstarrt wurde gestern Abend unweit des Bahnhofes m Bergedorf ein Bierbrauergehilfe aus Hamburg aufgefunden. Derselbe wollte, da er keine Fahr- gelegen heit hatte, zu Fuß nach Neuengamme gehen, doch blieb er unterwegs im tiefen Schnee stecken, und zwar so tief, daß es ihm unmöglich war, sich allein wieder heraus zu arbeiten. Zum Glück kam ein mit Fourage beladener Wagen des Weges, dessen Führer den laut um Hilfe Schreienden aus seiner gefahrvollm Lage befreite und ihn in Stroh gebettet weiter beförderte. Heute wurde der Verunglückte dem Allgemeinen Krankenhause zur Pflege übergeben. Leipzig, 27. Dezember. Seit gestern ist nun auch das zweite Geleis der Berlin-Anhalter Eisenbahn frei geworden und die Züge zwischen hier und Berlin verkehren wieder regel- mäßig; auf den übrigen hier einmündenden Bahnen dagegen finden noch mehr oder minder erhebliche Zugsverspätungen statt, was zumeist darin seinen Grund hat, daß noch nicht überall die zweiten Geleise freigeworden sind. Leider sind in der ver- gangenen Nacht in Folge des in den sächsischen Gedirgs- Segenden herrschenden Schneesturmes wieder einige Linien ver- hneit worden, doch find davon meist Bahnen von unter- geordneter Beveutung bettoffen worden. Fortwährend treffen noch Hiobsposten aus verschiedenen Orten Sachsens ein, wonach Leute Opfer der schrecklichen Schneestürme geworden find.— Hier trugen sich in den letzten beiden Tagen Unglücksfälle da- durch zu, daß Dachdecker, welche mit dem Reinigen der Dächer von Schnee beschäftigt waren, herabstürzten; in einigen Fällen lief die Sache noch glücklich ab, dagegen erlitt bei einem der- artigen Unfall am heutigen Tage der Unglückliche schwere Ver- letzungen, die das Schlimmste defürchten lassen. Kitzingen, 24. Dezember. Auf dem Wege zwischen Buch- brunn und Repperndorf wurde eine Frau im Schnee todt auf- gefunden, welche, um schneller nach Hause zu kommen, einen Seitenpfad einschlug, auf welchem sie ausgleitete, in eine mit Schnee angefüllte Vertiefung fiel und auf diese Weise ihren Tod fand-— Nach Privattelegrammen liegt der Schnee in den Haßbergen über 20 Fuß hoch und bei Ermershausen und Maroldsweisach über 12 Fuß hoch. Der Postverkehr ist überall 9 � Zürich, 28. Dezember. Der starke Schneefall der letzten Tage brachte in den Eisenbahnbetrieb eine bedeutende Störung. Die Züge aus Deutschland kamen entweder gar nicht oder dann stets verspätet an. Daß auch der Gotthard einen guten Theil Schnee erhielt, dürste nicht ganz wundem, besonders aber wurde der südliche Theil von Airolo bei Biasea stark bedacht, was mehrere größere Lawinenstürze zur Folge hatte. Der erste Sturz eine sogenannte Grundlawine, riß zwischen Rodi Fiesso und Ambri.Piotta ein Stück Waldung von mehr als einer Juchart(1 Juchart= 40000 Quadratfuß) mit fich fort und lagerte den Hauptheil am rechten Ufer des Tesfin ab. Mehrere größere und kleinere Lawinen find auf dem Terrain von Arrolo zu sehen: die größte, ebenfalls eine Grundlawine, liegt ganz in der Nähe des Platzes, wo das Festungswerk erbaut werden foll. Hier glaubt man sich in die Wüste versetzt, denn mehrere Jucharten Waldung mit Tausenden von Baumstämmen, Stei- nen, Gesträuch liegt alles durch und untereinander. Nebstdem wurden 8—10 Stallungen sammt Heuvorräthen schonungslos mitgerissen. Der Verlust von Menschenleben aber ist glücklicher- weife nicht zu beklagen. Man befürchtet jedoch nicht ohne Grund den Sturz weiterer Lawinen, denn der Schnee, der in Massen aufliegt, ist sehr weich, weil der Föhn Einkehr hielt. Für die Gotthardbahn liegt indessen absolut keine Gefahr vor, Dank der vorsichtigen Anlage und Verbauung der gefährlichen Stellen. Budapest, 27. Dezember.(Hochwasser.) In Folge der heftigen Regengüsse sind die Theiß, die Talador, Taraez und Nagyag stark angeschwollen und an mehreren Stellen ausge» treten. Die Taraez soll einen großen Theil der Dämme der Taraez- Tereseler schmalspurigen Bahn weggerissen haben. In der Marmaros ist noch keine Spur vom Winter; in Folge des milden Wetters ist auch der Schnee auf den hohen Bergkuppen gsschmolzen. Wien, 28. Dezember.(Verunglückt.) Der Zugsrevisor der Südbahn, Franz Sterba, stürzte gestern Mittags von einem Waggon eines auf der Verbindungsbahn von Meidling nach dem Hauptzollamte verkehrenden Zuges in dem Steudel-Tunnel nächst der Station Favoriten auf den Bahn» körper herab, wurde vom Zuge überfahren und sofort getödtet. Der verunglückte Revisor war 59 Jahre alt. Lyon, 26. Dezember.(Ein nichtswürdiger Bubenstteich.) Bei der Weihnachts Mittemachtsmesse in der'Kirche St.-Nizier zu Lyon ist eine furchtbare Katastrophe vermieden worden. Ein Unbekannter hatte eine Bombe mit brennendem Zünder am Eingang in der Nähe des Weihkeffels niedergelegt. Glücklicher- weise bemerkte ein Polizeidiener dieselbe, trug sie rasch entschlossen aus der Kirche und löschte die glimmende Zündschnur in einem Rinnstein aus. Sie wurde ins Stadthaus getragen und dort am folgenden Morgen von dem Chemiker Ferrand untersucht, welcher lonstatirte, daß ihr Platzen jedenfalls eine furchtbare Detonation veranlaßt hätte. Man soll dem Misse- ihäter bereits auf der Spur sein. Paris, Dienstag, 28. Dezember. Dem„Matin" zufolge ist der Berliner Kounerzug in Folge einer Entgleisung mit vier- stündiger Verspätung gestern Abend 11 Uhr hier emgettoffen. Der Zugführer sei ziemlich schwer, von den Passagieren und dem übrigen Zugpersonal sei Niemand verletzt. Jerusalem, 10. Dezember. Vor einigen Tagen wurde der hier ansässige österreichische Staatsangehörige I. Eppstein bei einem Spazierritte vor den Mauern der Stadt von Beduinen überfallen und niedergemetzelt. Derselbe hatte vor einigen Wochen von seinem in Wien verstorbmen Bruder 15000 fl. geerbt._ Vermischtes. Ein pfiffiger ZeitungSverleger. Der Herausgeber erneS kleinen Blättchens in München ist auf den pfiffigen_ Einfall gekommen, sein zwei Tage altes Unternehmen durch ein Bier- versprechen zugkräftig zu gestalten. Der Schlauberger verspricht nämlich in seiner Abonnements-Einladung„10 Fässer ausgezeichnetes Pschorrbräubier" in folgender Weise. Am 22. Ja« nuar 1887 wird in den Text des neuen Blättchens in zehn Exemplaren der Satz hineingedruckt werden:„Inhaber dieses Blattes bekommt ein Faß Bier." Diese zehn Exemplare werden unter die anderen hineingemischt und wer dann ein solches Blatt erhält, braucht dasselbe blos an die Redaktion einzu» senden und er bekommt dann sofort ein Faß Bier zugeschickt. Thatfache! Näuberunwesen auf Sardinien. Aus der Provinz Tagliari kommen entsetzliche Berichte über die Sicherbeitszu» stände auf der Insel Sardinien. Eine bewaffnete Räuber- bände von etwa 40 Mitgliedern, darunter die Hälfte zu Pferde» tteibt sich in den Bergen zwischen Ardus und Guspini herum. In de' Nähe dieser beiden Orte giebt es Blei- und Silber» minen und man fürchtet, die Bande habe es auf dieselben ab- gesehen. Der Sindaeo von Albus hat im Verein mit dem Karabinieri-Kommando eine Kompagnie von etwa 100 Mann gebildet, die fich auf die Suche nach den Räubern begeben. Die Kompagnie besteht aus ausgedienten Soldaten und tüchtigen Jägem. Mit Hinterladern gut ausgerüstet, vertheilt sie fich auf vier Posten. Aber auch die Bewohner von Arbus und Guspini, Ali und Jung, Mann und Frau, haben fich aus Furcht vor einem Uebersall mit Waffen versehen. Ueber den Gernchsinn haben in neuester Zeit die beiden nordamerikanischen Physiologen Nichols und Bailey interessante Unlersuchungen angestellt, die zu unerwarteten Ergebnissen fühtten. Die beiden Gelehrten füllten Fläschchen mit ver- fchiedengradigen, genau bestimmten Lösungen starkriechender Substanzen, Oel aus Nelkengewürz, Knoblauchertrakt. Blau- säure und dergl., und ließen nun eine Anzahl von Personen den betreffenden Geruch bestimmen. Dabei zeigte sich vor allem eine außerordentlich große Verschiedenartigkeit in dem Geruchsvermögen der einzelnen, während z. B. noch drei Männer Blausäure in einer Mischung rochen, bei welcher auf ein Gramm Blausäure 2000 Kilogramm Waffer kamen, war für andere der Geruch bei einer um das Hundertfache stärkern Mischung noch nicht wahrnehmbar. Das überraschendste Ergebniß zeigte aber der Vergleich der Empfänglichkeit der Männer und der Frauen für Gerüche; es wurden daraufhin 44 Männer und 39 Frauen untersucht, und es zeigte fich, daß die Männer einen bedeutend feineren Geruch- sinn haben als die Frauen. Keine der Frauen nahm Blau- säuregeruch mehr wahr in Mischungen von 1: 20 000 Gewichts» theilen Wasser, während die Mehrzahl der Männer denselben noch in Verdünnungen von 1: 100000 erkannte. Zitronengeruch rochen die Männer noch bei einer Mischung in einem 250 000 fachen Wasservolumen, während die Frauen eine doppelt so starke Mischung brauchten, um ihn wahrzunehmen; gleiches ergab sich bei den Versuchen mit Knoblauch- und andern Gerüchen. Dieses Ergebniß steht in geradem Wider- spruch mit der gewöhnlichen Annahme, daß Fraum empfäng- licher für Gerüche seien als Männer, einer Ansicht, die sich wohl darauf stützt, daß Frauen die ParfümS mehr lieben, als es die Männer thun. Doch beruht dies� wahrscheinlich darauf, daß ihre Nerven von den Gerüchen weniger angegriffen werden als die der Männer, und fie daher von zu aufdringlichen Gerüchen im Verhältniß auch weniger belästigt werden. Ein Wintergewitter. Zu den Schneestürmen in Deutsch, land und zu einer von einem Sturm begleiteten Springfluth in der Adria gesellt sich eine dritte, in dieser Jahreszeit seltene Naturerscheinung— ein Gewitter. Wie aus Windsschgräz in Steiermark geschrieben wird, entlud sich in der dortigen Gegend am Mttlwoch um 3 Uhr Nachmittags ein Gewitter von solcher Heftigkeit, wie es selbst im Hochsommer selten vorkommt. Blitz auf Blitz folgten einander unter furchtbaren Donnerschlägen und mehrere der Blitze haben in der Gegend eingeschlagen. Kriefkasten der Redaktion. Vei Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht ertheilt. S. S. 126. 1. Die Abhandlung über die Dmwin'sche Theorie schließt in der„Internationalen Bibliothek" mit Heft 3 ab. 2. Gewiß kann ein Gemeindeoertteter zum Schiedsrichter ernannt werden. t C. K. Posen. Auf das„Berliner Volksblatt" können Sie bei allen Postämtern adonniren. Bruno, Ctallschreiberstrafie. Verklagen Sie Ihren bis- herigen Arbeitgeber wegen Entlassung ohne vorherige 14 tagige Kündigung bei der Gewerbedeputation des Magisttats, Köllnisches Rathhaus, Äreitestt. 20». ?! er antwortlich für den polttischcn Theil und Soziales Max Schippet, für Vereine und Versammlungen%. Tutzaner, für den übrigen Theil der Zeitung IL Grönheim, sämmtlich in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin SW„ Leuthstraße 2.