«*♦ 4. Donnerstag, den 3. Januar 1888. 5 Jahrg. trliinMMl. Krgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Bolksblatt" ch Sonn- und Festtagen. Abonnenientspreis für Berlin frei nwnatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement Einzelne Nunimer 5 Pf. Sonntags-Nnmmer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. (Eingetragerr in der Postzeitungspreisliste für 1888 unter Nr. 849.) Jnsertionsaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 25 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraßc 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenonnnen. Redaktion: Keuthstraße Ä.— Grpedition: Zimmerstraste 44. Zur ländlichen Arbeiterfrage. Zn einem unlängst veröffentlichten Bericht über die in Deutschland bestehenden 16 Arbeiterkolonien war der Bestand der Jnsaffen dieser Anstalten bis zum Oktober verflossenen Zahres angeführt. Danach befanden sich in den Arbeitcrkolonien während dieses Monats, was die Be- rufsarten betrifft, Tagelöhner 208, Btaurer 38, Kauf- lcute 28, Schuhmacher 26, Weber 25, Schlosser 23, Bücker 18 ic. Je. Das Kontingent, welches die Tagelöhner an Arbeits- losen stellen, ist sonach im Verhältniß zu den übrigen Be- rufen ein außerordentlich großes. Man sollte eine solche Erscheinung kaum für möglich halten, wenn man öfters die Großgrundbesitzer sich beschweren hört, daß sie keine Arbeits- kräfte bekommen können. Das Räthscl von dem Mangel an solchen Arbeitskräften ist indessen unschwer zu lösen. Vor einiger Zeit beschwerte sich ein Rittergutsbesitzer darüber, die öandmädchen gingen lieber in den Wäldern Beeren und Pilze sammeln, als daß sie auf seinem Gute eine Arbeit annähmen. Darauf wurde ihm mit Recht er- widert, der Ertrag der gesammelten Beeren und Pilze sei ein so kümmerlicher, daß man den Mädchen kaum zutrauen könne, sie unterzögen sich dieser Beschäftigung des Gewinnes wegen. Man müsse aber schließen, daß der Verdienst auf den, Rittergut noch elender sei, als der Ertrag aus den Pilzen und Beeren, sonst würden sich die Mädchen wohl lieber eutschließen, im Taaelohn zu arbeiten. Und schließlich gab man dem Rittergutsbesitzer den guten Rath, seine Ar- beiter und Arbeiterinnen ordentlich zu bezahlen; alsdann werde es ihm stets leicht sein, solche in genügender Anzahl zu erhalten. So ist es in der That, und wir kommen dabei immer wieder auf die von unS schon des öfteren betonte Forderung zurück, man möge doch einmal die ländlichen respektive landwirthschaftlichen Arbeiterverhältnisse von Seiten der Regierung einer eingehenden Untersuchung unter- ziehen. Und wie den Arbeiterinnen, so geht es auch den Ar- bcitcrn; es scheint, daß viele von ihnen den gewiß nicht angenehmen Aufenthalt in der Arbeiterkolonie der Be- schäftigung auf dem Rittergute vorziehen. Von Trägheit kann man nicht sprechen, da ja bekanntlich in der Ar- beiterkolonie verhältnißmäßig hart gearbeitet werden muß. Man weiß, daß die konservativen Herren Großgrund- und Rittergutsbesitzer gewöhnlich sehr eifrige Anhänger der „Sozialreform" sind; aber nur, soweit sich dieselbe auf die eigentlichen Industriellen und städtischen Arbeiter erstreckt. Die Landwirthschaft in die Sozialreform hineinziehen wollen sie um keinen Preis, und sie wissen wohl warum; sie IeuMeton. flU«»-cht« Mctctaltcn.) [2 Der Crbe. (Nachdruck verboten.) Roman von F e d r ir ich G e r st ä ck e r. Schuhmachermeister Heßberger war in der That ein wunderlicher Bursche und hatte seine Eigenthümlichkeiten. Von kleiner, untersetzter Gestalt, machte er bei seinein ersten Erscheinen fast stets den Eindruck, als ob ihm der Kopf, den er trug, gar nicht gehöre und er ihn nur aus Versehen heute Morgen aufgesetzt habe. Der Körper war dünn und schmächtig, das Gesicht aber, mit einem tüchtigen Unterlinn daran sah fett und glänzend aus, mit breitem Mund und etrvas' aufgestülpter Rase. Das Haar trug er glatt ange- kämmt& la Napoleon I., nur daß es feuerroth war, und in den Ohren kleine goldene Ringe. Die kaum sichtbaren Augenbrauen waren immer in die Höhe gezogen, und kein Mensch hatte ihn außerdem im Leben lachen sehen. Tie Mundwinkel gingen ihm stets nach unten, und er machte permanent ein Gesicht, als ob er auf der Erde innig betrübt wäre und nur zum Trost gen Himmel und iiack� oben blicke. Er stand auch in der That im„Gerüche der Frömmigkeit" und würde nie an einem Sonn- oder Feiertage die Kirche versäumt haben, wo er sich dann jedesmal durch seine gellende Stimme auszeichnete. Er arbeitete übrigens schon seit längeren Jahren für Witte's Familie, und der Staatsanwalt war eigentlich nicht besonders mit ihm zufrieden und würde schon lange einen andern Schuhmacher angenommen haben; Ottilie bat aber immer für ihn, denn sie amüsirte sich so vortrefflich über sein komisches Wesen und seine geschraubten Redensarten. „Entschuldigen Sie, Herr Geheimer Staatsanwalt," sagte auch der Mann jetzt, indem er mit der ernsthaftesten Miene und einer Verbeugung einen Schritt vortrat,„daß ich Ihnen im Neklischeh treffe; aber Sie haben mich rufen lassen, und ich wünschte jetzt den Grund meines Daseins zu wissen." 'wissen, daß bei einer genauen Untersuchung der länd- lichen Arbciterverhältnisse sehr bedenkliche Dinge zu Tage treten würden. Die Arbeitslosigkeit unter den ländlichen Arbeitern ent- steht zum größten' Theil aus der Heranziehung fremder billiger Arbeitskräfte. Namentlich in Norddeutschland, in Mecklenburg, Schleswig-Holstein und den an die Ostsee angrenzenden Ländern befindet sich eine Menge von Agenten, welche billige Arbeitskräfte aus Schwe- den und Gott weiß noch woher„liefern". Schon die Form, in welcher diese Agenten ihren Menschenhandel anzeigen, ist empörend in einem Jahrhundert, in dem so viel von Men- schenwürde gesprochen wird. Die Ausländer aber sind es nicht allein, die den deutschen Landarbeitern Konkurrenz machen. Zuweilen wird auch Militär zu sehr billigen Löhnen— man kann von „Lohn" kaum mehr sprechen— an die Gutsbesitzer ab- gegeben. So kommt es denn auch, daß die Tagelöhner sich entschließen müssen, zu sehr ungünstigen Bedingungen zu arbeiten. Wenn die Gutsbesitzer sich oft über Mangel an Arbeitskräften beklagen, so kommt dieser Mangel nicht etwa daber, weil solche Arbeitskräfte überhaupt nicht vorhanden sino, sondern weil zu den Bedingungen, welche die Gutsbesitzer stellen, sich Niemand hergeben will. Und man kann unsere Tagelöhner wahrhaftig nicht zu den ver- wöhnten Leuten rechnen. Die Herren Agrarier pflegen sich, wenn von Ausdehnung der Sozialgesetzgebung auf das Land gesprochen wird, gern darauf zu berufen, daß auf dem Lande vielfach noch„das schöne patriarchalische Verhältniß" zwischen dem Arbeitgeber und dem Arbeiter bestehe, namentlich zwischen dem Gutsherrn und dem Gesinde. Nun, wir wollen nicht bezweifeln, daß es noch einzelne Güter giebt, wo das„patriarchalische" Verhältniß zwischen Herr und Diener seine angenehmen Seiten für den letzteren hat. Aber einmal sind diese Fälle sehr selten und dann paßt die Art der Bevormundung, wie sie das„patriarchalische" Wesen mit sich bringt, überhaupt nicht mehr in unsere Zeit hinein. Der Mensch mag nun städtischer Industriearbeiter oder ländlicher Tagelöhner sein— es liegt einmal im Zug der Zeit, daß er nach Selbstständigkeit strebt, und diese wird ihm das patriarchalische Verhältniß niemals gewähren. Aber man möge doch einmal nachforschen und ausfindig machen, wie die Löhne der Tagelöhner sind und wie ihre Arbeitszeit sich dazu verhält; man mag einmal nachsehen, wie das Gesinde bezahlt und genährt wird und vor allen Dingen, wie es wohnt. In letzterer Beziehung wird man auf Zustünde stoßen, die aller Zivilisation widersprechen. Ab und zu dringen aus abgelegenen Gegenden in Ober- schlesien, Pommern oder Ostpreußen Nachrichten in die „Ich habe Sie rufen lassen?" „Ich war's, Papa,"j lachte Ottilie;„Herr Heßberger sollte mir ein Paar starke Schuhe anmessen, und da er mir die letzten ein wenig zu eng gemacht, wollte ich gern, daß er noch einmal Maß nähme." „Mit Plesir, mein Fräulein," sagte Meister Heßberger, indem er in die Tasche griff und sein hölzernes Maß heraus- holte; wenn Sie sich nur gefälligst blasiren wollen, werde ich Ihnen das gleich besorgen." „Aber nicht wieder über den Spann so eng, Meister," sagte das junge Mädchen, indem es ihm den kleinen Fuß hinhielt;„die letzten Schuhe haben mir hierherüber wirklich Streifen gedrückt." „Soll nicht wieder vorfallen,� meine Gnädigste, soll ae- wiß nicht wieder vorfallen," versicherte Heßberger.„Also dicke Schuhe wollen Sie haben. Vielleicht mit guten Perlschesohlen?" „Wie Sie es machen wollen. Aber ich fürchte, die Guttaperchasohlen lösen sich ab." „Können sie nicht— können sie bosetief nicht; denn sie werden an den Rändern so hermöglichst verschlossen, daß gar keine Luft zudringen darf." „Dann nehmen Sie aber nur besseres Oberleder," sagte die Frau Staatsanwalt,„als zu den letzten Stiefeln meines Mannes; denn schon nach den ersten vierzehn Tagen ging das entzwei, und eigentlich sollte es doch länger halten, als die Sohlen." „Bei mir nicht, Frau Geheiine Staatsanwalt, bei mir nicht," sagte Heßberger;„denn ich arbeite meine Sohlen so, daß sie gar nicht zerreißen können." „Sie sind unverbesserlich, Heßberger," lachte Witte. „Danke ergebenst," sagte der Meister, indem er wieder aufstand und das Maß in die Tasche schob.„Und wünschen Sie vielleicht Frangsemangs oben drum herum?" Nein, Meister, ganz einfach, und oben um den Knöchel auch nicht zu weit; ich glaube, das haben Sie noch gar nicht �„öthig, das sagt mir schon der Instinkt, mit Respekt zu melden; aber was ich noch fragen wollte; Oeffentlichkeit, aus denen hervorgeht, daß sich manche Guts- besitzer gerade wie mittelalterliche Feudalherren gebcrden, indem sie die Unwissenheit und Machtlosigkeit ihres Gesindes ausnutzen. Wir nehmen aus allen diesen Gründen die gleißnerische Arbeiterfteundlichkeit der Herren Agrarier nicht ernst. Sie können uns nicht darüber täuschen, daß die Arbeiter- schaft auf dem Lande einer einschneidenden Sozialgesetz- aebung nicht minder dringend bedarf, wie in den Städten. Der Herr Reichskanzler hat vor Jahren einmal in einer Rede auf das traurige Loos des ländlichen Tagelöhners hingewiesen. Allein die Sozialgesetzgebung hat sich kaum mit der ländlichen Bevölkerung beschäftigt— die fakultative Ausdehnung der Unfallversicherung auf die land- und forst- wirthschaftlichen Arbeiter ausgenommen— und eine„Sozial- reform", wie die gegenwärtige, die für die städtische Be- völkerung durchaus ungenügend ist, muß es für die länd- liche selbstverständlich auch sein. Die Herren Agrarier freilich reden genug von dem Nothstand auf dem Lande. Damit denken sie aber nicht an den Tagelöhner; sie sagen damit nur, daß sie mit ihrer Grundrente manchmal nicht„standesgemäß" auskommen können. Im Uebrigen scheeren sie sich um Tage- löhner und Gesinde sehr wenig. Die Sucht ver Industrie, möglichst billige Arbeitskräfte zu haben, findet sich in gleicher Stärke in der Landwirthschaft vor. Man wird auf keiner Seite einen Vortheil davon haben. Triginak-Korrelponämzen. Zürich, 2. Januar. Die in der Schweiz aufgedeckten Spitzeleien haben nunmehr ihren Weg auch in die französische Presse gefunden und es ist wohl nur ganz natürlich, daß jene unsauberen Geschichten von derselben nach Möglichkeit aus- genutzt werden. Ist doch die französische Republik durch die wiederholten, in Leipzig verhandelten tiandesverrathsprozesse in ein Licht gestellt worden, als ob sie in Deutschland systematische Spionage unterhielte. Und wcim nur die in der Schweiz entdeckten Spitzel im französischen Solde gestanden hätten, wie würde die deutsche Presse in moralischer Enrüstung auf das„verkommene" Frank- reich hinweisen, das sich solcher verwerflicher Mittel bediente. Uebcr den„Agenten" Haupt in Genf erfahre ich Nachtrag- lich, daß derselbe eine Soda wasserfabrik betrieb und bei Zusammenkünften von Sozialdemokraten öfters auch Votträge hielt, jedoch nickt in spitzelmäßig radikaler Weise, sondem mit unverdächtiger Mäßigung. Ueber die Ergebnisse der noch an- hängigen Untersuchung dringt nichts in dre Oeffentlichkeit. Ueber die Zustände in der schwcizenschen Haus- i n d u st r i e, die bekanntlich nicht unter dem Fabrikgesetze steht, liefern mehrere Blätter folgende charaktettstischc Illustration die Schnürbändcr doch wieder horizontikulär über den Fuß weg?" „Ganz wie die vorigen." „Sehr schön. Und der Herr Geheime Staatsanwalt haben nichts auf dem Herzen?" „Nichts weiter, Heßberger, als daß Sie den Unsinn mit„Geheimer" lassen. Wenn ich geheimer Staatsanwalt wäre, könnten Sie es doch nicht wissen." „Bitte um Esküse, Herr Geh—, Herr Staatsanwalt," sagte Heßberger.„Wie der Herr Rath Blumfeder, der bei mir im Hause unten wohnt, geheimer wurde, ließ er es den Augenblick in die Zeitungen setzen." Der Staatsanwalt lachte. „Also Sie befehlen nichts weiter?" „Für heute nichts; und vergessen Sie nicht, wie- der die quittirte Rechnung beizulegen, wenn Sie die Stiefeln schicken. Sie wissen, daß ich keine Schulden haben will." „Sollen bedient werden, Herr Geheimer Staatsan- walt, sollen pünktlich bedient werden. Habe indessen die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen!" Und damit drückte er sich wieder mit einem tiefen Bückling zur Thür hinaus. „Das ist ein komischer Kauz," lachte Ottilie, als er die Thür geschlossen hatte;„und er braucht immer so drol- lige Ausdrücke. Wenn man nur Alles behalten könnte, was er sagt." „Ein ganz durchtriebener Halunke ist er, darauf möchte ich meinen Hals verwetten," sagte der Vater;„und faustdick hat er es hinter den Ohren." „Ich würde ihn eher für dumm, als durchtrieben halten, meinte Frau Witte. „Den verkaufe nur nicht für dumm," nickte ihr Mann; „umsonst liegt der nicht jeden Sonntag in der Kirche." „Aber daraus willst Du ihm doch keinen Vcrwurf machen? Es wäre besser für Dich, wenn Du häufiger gingest." „Ich kann die Heuchler nicht leiden," sagte der Staats- anwalt,„und daß sich der Schuhmacher nur fromm stellt, davon bin ich fest überzeugt." bte Kartcllpolitik als eine konservatio-nationale, nicht als eine konservativ-liberale bezeichnete. Hiergegen bemerkt die»Kreuz- zeitung":„Wenn die Regierung flch nicht auch vom Liberalis- mus losgesagt hätte, wie wäre es dann zu erklären, daß die verbündeten Regierungen dem Reichstage Vorlagen zugehen lassen, deren Annahme nur dem konservativen Standpunkte möglich scheint. Ein„Sport" soll damit doch wohl nicht ge- trieben werden; um die ernsthaftesten Tinge von der Welt handelt es sich vielmehr und hierzu wird auf die Unterstützung der Nationalliberalen gerechnet, weil man ihnen noch immer zu- gettaut, daß sie sich nicht an ihre alten Fachmeinungen gebun- den halten, sondem den prattischen Erfordernissen der Lage Rechnung tragen werden. Tos aber heißt konservative Politik treiben, nicht liberale." Humane Menschentödtung. In Amerika soll nun jetzt mit der e l e k t r i s ch e n.H ssn r i ch t u n g, oder der Hinrichtung durch Elektrizität, Ernst gemacht werden. Eine mit Auffindung der„humansten Art" der Menschcntödtung beauftragte Kom- Mission der Legislatur des Staates N c w- N o r k hat sich, nach Prüfung eines zur Einführung vorgeschlagenen elektrischen Appa» rates, einstimmig für diese Hinrichtungsmethode erklärt Daß der Strick, an welchem die englischen und amerikanischen Hänge- Philanthropen bisher, als an der sichersten und schmerzlosestea Tödtungsatt festgehalten hatten, weder sicher noch schmerzlos ist, hat durch die C h i k a g o e r Hinrichtungen beiläufig eine neue und furchtbare Bestätigung gefunden. Wie die ärztliche Unter- suchung der Leichen ergab, ist nur bei einem der vier Hingerichteten der Halswirbel(das Genick) gebrochen und der Tod sofort erfolgt. Die drei anderen haben mehrere Minuten lang, Spieß sogar eine volle Viertel- stunde lang in schrecklichen Zuckungen mit dem Tode gerun- gen. Wird darum die Hinrichtung durch Elektrizität„humaner" sein? Als ob es nicht schon ein schreiender Widerspruch, ja Widersinn wäre, Humanität und Todesstrafe überhaupt in Ver- bindung mit einander zu bringen? Doch freilich— wir haben ja sogar eine„Humanität" in den kriegerischen Zerstörungs- und Mordwaffen! Beiläufig sei hier erwähnt, daß die Guillotine, deren„Humanität" sicherlich nicht mehr ge- priesen wird, seinerzeit als ein Triumph der„Humanität" gefeiert wurde. Mancher der Enthusiasten, welche dem Dottor Gmllotm ob seiner der Menschheit geleisteten Dienste die Hand drückten, hatte später Gelegenheit, diese sehr bedenkliche Huma- mtät an seinem eigenen Hals zu erproben. Der Zusammenhang der Körsenmanöoer mit de» Srirgvgerüchten wird wieder einmal drastisch durch eine Notiz illustrirt, welche die„Magdeburger Zeitung" sich von ihrem Wiener Korrespondenten senden läßt. Derselbe schreibt unterm 2. Januar; Das kleine Wörtchen„nicht" war heute die Ursache ungeheurer. Aufregung, umfangreicher materieller Ver- luste, allgemeiner Entrüstung. Der ungarische Ministerpräsident Koloman T i s z a hatte gestern in der vor aller Welt mit Span- nung erwarteten Neujahrsrede ausdrücklich erklärt, daß er sich nicht Jenen anschließe, welche die Gefahr des Krieges als be- vorstehend betrachten, und auf dem Wege von Budapest nach Wien kam auf bisher unerklärte Weise das Wort„nicht" in Verlust, so daß die beruhigende Versichening des SNinisters in eine im höchsten Grade beunruhigende geändert wurde. Die Morgenblätter erschienen mit der falschen Wiedergabe der be- treffenden Stelle der Neujahrsrede, die auf der Börse auflie- genden offiziellen Telegramme gleichfalls, und die Panik war da. Allen sank der Muth, die Kurse stürzten. Um das Unheil voll zu machen, wurde gleichzeitig die offiziell ausgegebene Nach- richt von der Einberufung der Reservisten der mit dem Repetir- aewehr bethcilten Truppenkörper bekannt.'Natürlich verkaufte Jeder auf der Börse, was er an Werthpapieren besaß, und mit Blitzesschnelle trug der Telegraph Verkaufordres in alle Welt- theilc. Auf dem Telegraphenamte Herrschee ein Andrang, wie er sonst selten wahrgenommen wird. Da, gegen die Mittag- stunde änderte sich die Sache. Plötzlich wurde bekannt, daß der offizielle Telegraph sich geirrt habe. Die Aufregung zu schildern, welche infolge dieser Nachricht auf der Börse entstand, ist schlechterdings unmöglich. Nur wenige Glückliche gab es, welche durch private Nachrichten über die Rede Tisza's richtig informirt waren, die große Mehrzahl der Börsenbesucher hatte große Ver- luste erlitten. Die Aufregung war so groß, daß der Börsen- verkehr einige Zeit gänzlich stockte; nach und nach wurde es ruhiger, mit stiller Wemuth gedachten die meisten ihrer Ver- luste; die Kurse„erholten" sich, den meisten Börseanern wird dies nicht schnell möglich werden. Daß auch im großen Publi- tum, sowie in den Zeitungsredaktioncn infolge des„Jrrthums" des Telegraphen-Korrespondenz-Burcaus große Aufregung ent- stand, ist begreiflich. Da die Journale erst gegen Mittag die berichtigende Erklärung des Korrespondenz-Bureaus erhielten, erschienen einige Abendblätter, welche frühzeitig ausgegeben worden, mit düsteren Betrachtungen über die Tisza'sche Rede, und erklärten ech m einem„Nachtrage", daß aus Tisza's Rede freundlichere Schlüsse zu ziehen seien. Allseitig wird gefordert, daß eine strenge Untersuchung der Angelegenheit eingeleitet werde. Diesem Wunsche wird jedenfalls entsprochen werden, und es wird sich dann zeigen, wer an dem verhängnißvollen Jrrthum die Schuld trägt. aus dem Erickthale im Kanton Aargau. Es heißt da:„Im Erickthale florirt die Seidenindustrie, welche von Basel aus be- trieben wird, diesen Winter nach Wunsch. In vielen Dörfern sind 60—100 Posamentierstühle in Thätigkeit, die einen großen Theil der Bevölkerung beschäftigen und einen lohnenden Gewinn(Ignoranz oder Unverschämtheit? Den erbärm- lichsten Arbeitslohn nennen die Handlanger des Kapitals „lohnenden Gewinn") bringen. Allerdings find die Posamenter ein sehr fleißiges und unermüdliches Völkchen. Da geht der Webstuhl, das Seiden- und das Spinnrad von Morgens 6 oder 7 Uhr fast ohne Unterbruch bis gegen Mitternacht. Es find die demokratifchen»Basler Nachrichten", die fo rührendes Lob dm armen Arbeitern der Hausindustrie spenden. Daß diese Aermsten 17 Stunden täglich in dumpfen und in der Regel als Wohn- und Schlafräume dienenden Lokali- täten arbeiten und dann Wochen oder Monate lang wenig oder gar keine Beschäftigung haben, für diese vielgepriesenen „Segnungen" der Hausmdustne hat das genannte Blatt kein Wort. Man höre aber nur, was über denselben Gegenstand die ,£i- Z. Ztg." sagt:„In manchem Hause kommt es vor, daß der t(S?tuhl selbst zur Essenszeit nicht stehen bleibt, indem die Haus- cnossen einander ablösen. Das Erickthalcr Volk ist den taslerSeidenherren sehr dankbar und wünscht ihnen recht von Herzen gute Geschäft e." Nun haben wir endlich den I d e a l a r b e i t e r der Bourgeoisie in natura vor uns. Auffallend ist nur, daß keines dieser Blätter mittheilt, wie viel der brave Erickthaler Arbeiter verdient. 'Jedenfalls kann für ihren Verdienst als Maßstab gelten, daß in demfelben„glücklichen" Erickthal die bei der Rädle- flechterei beschäftigten Arbeiter in 17stündiger täglicher Ar- beit 30 Centimes verdienen. Es ist charatteristisch, daß die- selben Blätter kürzlich auch diese'Nachricht brachten. Uolttische Ueverstcht. Aochmalo dir gefälschten Depesche«. Wer die vom „Reichsanzeiger" veröstentlichten Schriftstücke durchgelesen hat, wird mit uns sicherlich darin übereinstimmen, daß dieselben an sich unmöglich den Eindruck der Echtheit machen konnten— außer wenn entweder die Originale in unzweifelhafter Authen- tizität zur Hand waren, oder der Uebersetzer, Ueberbringer, Ver- mittler eine unbedingt vertrauenswürdige Persönlichkeit war. Wir haben aber weder die Originale, noch auch nur die Be- hauptung, daß die Originale dem russischen Kaiser vorgelegen haben. Und wir kennen ferner nicht die Person oder die Per- fönen, durch welche der Zar in den Besitz dieser cigenthümlichen Schriftstücke gekommen ist. Kann man überhaupt auf die Schriftstücke— wohl gemerkt: wir sagen nicht: Akten- stücke—, welche der„Reichsanzeiger" veröffentlichte, im strengen Sinne des Wortes den Ausdruck„gefälscht" anwenden? Von einer eigentlichen„Fälschung" kann weder bei einer Uebersetzuna, noch bei einer Inhaltsangabe,(einem Rcsum-) die Rede sein— außer höchstens in Bezug auf die Person dessen, der die Uebersetzung oder Jnhaltsan- gäbe gemacht hat. Fälschung und falsche Darstellung oder falsche Angabe sind zwei sehr verschiedene Dinge. Daß der Inhalt eines Aktenstückes falsch angegeben, irgend ein fremdsprachiges Buch oder Schriftwerk falsch ubersetzt wird, kommt jeden Augen- blick vor, ist sogar weit gewöhnlicher als das Gegcnthcll; das find jedoch keine Fälschungen. Wie hundertmal kommt es vor, daß z B. unsere Regieiungsblätter, und ins besondere auch die- ' jcnigcn Zeitungen, die am lautesten über die„gefälschten De- pcschcn" randalirt haben, über die Beziehungen Deutschlands zum Ausland ganz falsche Nachrichten verbreiten. Waren es nicht gerade diese Zeitungen, welche vorigen Sommer die Hätz gegen die bisher von der deutschen Regierung begünstigten russischen Staatspapiere unternahmen und dadurch in den weitesten Kreisen den Glauben erweckten, die deutsche Regierung stehe mit der russischen auf sehr gespanntem Fuße und habe einstweilen schon den „Finanzkrieg" begonnen? Und hat die„Kölnische Ztg.", von der die„gefälschten Depeschen" aufs Tapet gebracht wur- den, nicht erst noch vor kaum vierzehn Tagen eine Reihe an- gcbtich authentischer Artikel über und gegen den bulgarischen Koburger veröffentlicht, von denen jetzt bekannt ist, daß siezwar keine„Fälschung", aber ein Lügengewebe waren und eine grobe Täuschung des Publikums im— russischen Interesse bezweckten? Es will uns sogar bedünken, als walte zwischen jenen Artikeln der„Kölnischen Zeitung" und den vom„Reichsanzeiger" ver- öffentlichten Schriftstücken eine unverkennbare Aehnlichkeit ob. Auffallend wäre das aar nicht. Denn die Zahl der diploma- tisirenden Jndustrieritter, die mit ihren Staatsgeheimnissen renommiren und die in irgend einem Preßbureau oder Staats- manns- Vorzimmer aufgelesene Neuigkeitsbrocken journalistisch oder diplomatisch zu verwerthen suchen, und dabei, gleich anderen Prostituirten, einer jeden Regierung zu Diensten sind und oft gleichzeitig mit verschiedenen zarte Beziehungen unterhalten. — Die Zahl dieser politisch-joumalistischcn Abenteurer ist Legion, und von einem solchen rühren offenbar die Depeschen des „Und was sollte er dabei haben?" „Wer weiß es. Seine Frau betreibt hier ein sehr ein- trägliches Geschäft mit Kartenlegen, Krankheiten- Besprechen und anderem Unsinn— wer kann sagen, wie er sie dabei unterstützt? Die Polizei hat dem würdigen Paare nur noch nicht beikommen können; aber aus den Augen werden sie nicht gelassen." „Und Ihr thut ihm gewiß Unrecht. Er ist so komisch, und wenn er sagt: Herr Geheimer Staatsanwalt..." „Das ist eine ganz gemeine Schmeichelei," erwiderte ärgerlich der Vater,„wie eS überhaupt eine Menge von Men- schen an sich haben, Leuten, mit denen sie verkehren, und be- sonders solchen, von denen sie etwas erhoffen, einen höheren Titel beizulegen, als sie wirklich besitzen. Und doch giebt eS Schwachköpfe, die sich dadurch geehrt fühlen."• „Du bist wirklich zu hart mit dem armen Heßberger, Papa." „Glaube aber nicht, daß ich ihm Unrecht thue— hol' ihn der Henker! Zch, für meinen Theil, würde dem Burschen nie über den Weg trauen. Aber weshalb ich eigentlich herüberkam: Ihr kennt doch Alle den Schlosser Baumann, unfern früheren Nachbar? Du hast ja als kleines Mädchen auch immer mit den Baumann'schen Kindern ge- spielt, und sein ältester Sohn kommt manchmal hier in's Haus." „Ja, gewiß, Vater," sagte Ottilie;„er ist Werkführer beim Mechanikus Obrich drüben." „Wie viel Kinder hat der Baumann?" „Zch weiß es nicht, Vater, ich glaube aber vier." „Keine Tochter?"# „Doch, eine Tochter und, wenn ich nicht irre, drei Söhne." „Und wie alt ist die Tochter?" „Sie kann kaum über fünf oder sechs Jahre alt fein." „Also keine ältere Tochter?" „Zch weiß es nicht. Weshalb, Papa?" „Ach, eS war nur so eine Frage; aber schicke doch ein- mal nachher die Jette hinüber und laß ihn bitten, zu mir zukommen. Zch möchte mir einen neuen Schlüssel zu meinem „Reichsanzeiger" her. Das Räthselhafte ist blos: wie der Zar annehmen konnte, die betr. Schriftstück seien echt? Und wie konnte er, auch falls ihm die Echtheit möglich erschien, sich mit einer bloßen Uebersetzung begnügen, ohne nach dem Original zu verlangen? Das ist einfach unbegreiflich, und, wie wir gestern schon sagten, die Dunkelheit ist durch die Enthüllungen des„Reichsanzeiger" nur noch dunkler gemacht. Es scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen, daß durch die Enthüllungen des„Reichsanzeiger" sehr vieles verhüllt wird. Und hier wollen wir auf ein bemcrkenswerthes Moment aufmerksam machen. Die„gefälschten" Schriftstücke, deren erstes und ältestes das Datum des 27. August 1887 trägt, sind späteren Datums als die Hätz der offiziösen deutschen Presse gegen die russischen Werth- papiere. Das ist festzuhalten. Diese Hätz kann also nicht Repressalie gegen eine durch die„gefälschten" Schriftstücke her- vorgerufene Feindseligkeit des Zaren oder der russischen Regie- mng gewesen sein. Entweder bestand diese Feindseligkeit schon vor den„gefälschten" Schriftstücken, oder die Hätz gegen die russischen Wcrthpapiere war nicht durch irgend eine russische Feindseligkeit provozirt, sondem irgend ein selbstständiger poli- tischer Schachzug. Jedenfalls aber wird kein Unbefangener in Abrede stellen können, daß die Hay gegen die russischen Werthpapiere viel geeigneter war, den Zom des Zaren zu erregen, als die einige Monate später verfertigten„gefälschten" Schrift- stücke. Mit anderen Worten: die„gefälschten Akten- stücke", die gar keine„Akten st ücke" waren, können keine Spannung zwischen verdeutschen und der russischen Regierung erzeugt haben. Wenn es in den Beziehungen der deutschen Regierung zur russischen dunkle Partien gegeben hat, so find diese durch die Veröffentlichung des„Reichsanzeiger" nicht aufgeklärt. Und unsere ursprüngliche Vermuthung, daß das Intermezzo der„ge- fälschten Aktenstücke" keinen anderen Zweck habe, als die Aus- lieserung Bulgariens an Rußland zu mas- kiren, ist durch die„Enthüllungen" des„Rcichsanzeiger" und durch die grobe Rücksichtslosigkeit, mit der er den armen bulgarischen Fürsten traktirt, zur Gewißheit erhoben worden. Lassen Sie stch doch nicht verbiLsse«, soll der Reichs- kanzler nach der ,'Nationalztg." etwas ungeduldig einem Unter- nchmer in Friedrichsruh, der der Friedenszuversicht gegenüber sich auf die Alarmnachrichten bezog, bemerkt haben.— Leider lassen sich noch immer zu viele verblüffen, insbesondere durch die Alarmnachrichtcn, wie sie in der offiziösen Presse verbreitet werden.— Diese Notiz könnte den offiziösen„Kriegsinfichtlern" ins Album geschrieben werden. Allgemeines deutsches bürgerliche» Gesetzbuch. Die Kommission für Ausarbeitung des deutschen bürgerlichen Gesetz- buchs hat vor den Weihnachtsfeiertagen ihre Arbeit vollendet und zum neuen Jahr den Entwurf an das Reichskanzleramt abgegeben. Vom Reichskanzler wird derselbe dem Bundesrath zugehen, worauf zunächst seine Veröffentlichung erfolgt. Wenn die Arbeit etwa ein Jahr lang der öffentlichen Krikik vorgelegen hat, soll unter Berücksichtigung der von den Einzelregierungen abgegebenen Aeußemngen und der Stimme der Kritik die letzte Hand an den Entwurf gelegt und die Redaktion endgiltig fest- gestellt werden, in welcher derselbe an den Reichstag gekangt. Es ist dann die Aussicht vorhanden, daß am Anbruch des kommenden Jahrzehnts das neue Gesetzbuch Gesetzeskraft erhält und endlich ganz Deutschtand unter die Herrschaft eines cinheit- lichen Privatrechtes gestellt wird. Die Verhaftung de» preußischen Agenten Haupt in Zürich wird mehrfach bestätigt. Nach den Mittheilungen, welche das„Genfer Journal" erhallen, erfolgte die Verhaftung .Haupt's unier folgenden Umständen: Haupt besitzt in der Insel- gaffe zu Genf eine Mineralwasserfabrik und und hat schon mehr- mals aber vergebens das schweizerische Bürgerrecht zu erwerben gesucht. Seit einiger Zeit nun beschuldigten die deutschen S o z i a l i st e n Haupt, er sei ein von der preußischen Regie- rung besoldeter Agent provo ateur. Haupt wollte flch vor feinen sozialistischen Genossen rechtfertigen und willigte ein, mit ihnen nach Zürich zu gehen, wo er sich rein waschen wollte. In Bern fuchte Haupt seinen Begleitem zu entfliehen, was ihm aber nicht gelang. Kaum in Zürich angelangt, wurde er ver- haftet. Die Genfer„Tribüne" mckdet über den Fall, daß auf das Gesuch des Redakteurs Fischer vom„Sozialdemokrat" am 15. Dezember eine Sozialistenversammlung in Genf einberufen wurde. Der anwesende Haupt habe nicht einmal versucht, die gegen ihn erhobene Anklage zu leugnen, und nachdem er der Spionage überwiesen worden, habe er selbst erzählt, was er alles im Auftrage Krüger's von Berlin gethan habe. Die Reise nach Zürich zur Rechtfertigung und die dort erfolgte Verhaf- tung bestätigt die„Tribüne" gleichfalls. Die Verhaftung Haupt's in Zürich und die in Genf in dessen Wohnung vorgenommene Haussuchung, welche kompromittirende Schriften u. s. w. zu Tage gefördert haben soll, soll auf Veranlassung eines Züricher Pokizeihauptmannes erfolgt sein. Eine edle Freundschaft. Von Tag zu Tag übermüthi- ger wird die nationalliberale Partei und besonders die„Ratio- nalzeitung" von der„Kreuzzeitung" behandelt. Insbesondere hat es die Nationalliberalen verdrossen, daß die„Kreuzzeitung" Schreibtisch machen lassen, denn den alten muß ich verkramt haben; ich kann ihn nirgends mehr finden." „Za, und ein anderes Schloß an unfern Vorsaal auch, Dietrich ," sagte die Frau;„denn seit mir der Schlüssel damals weggekommen ist, fehlt mir alle Augenblicke etwas. Denke Dir nur, zwei von unseren schweren Eßlöffeln sind fort— ich wollte Dir eigentlich gar nichts davon sagen." „Ach, die werden sich schon wiederfinden; gestohlen können sie doch nicht gut sein." „Aber ich weiß nicht, wo; alle Kisten und Kästen habe ich schon umgedreht, alle Winkel und Ecken durchsucht." „Nun gut, schicke nur einmal hinüber zu dem Meister und kaß ihm sagen, es wäre mir angenehm, wenn er selber kommen könnte; ich hätte etwas für ihn zu thun." „Aber unser Schlosser ist eigentlich Weller nebenan." „Baumann soll sehr geschickt sein, und mein Schloß ist etwas komplizirt. Wie alt kann sein Sohn, der Mechanikus, etwa sein?" „Zch weiß es nicht, Papa; vielleicht fünf- oder sechs- undzwanzig Jahre. Er trägt einen vollen Bart, da kann man es nie so genau sehen." „Hm," sagte der Vater und nickte still und nachdenkend vor sich hin,„das ist doch ein recht ordentlicher Mensch und der alte Baumann ein braver und durchaus rechtlicher Mann." „Zch habe wenigstens noch nie das Gegentheil gehört," sagte Frau Witte;„aber er ist entsetzlich roh. Doch paßt das wohl zu seinem Geschäft, und so weit wir mit den Leuten in Berührung kommen, läßt man es sich schon ge- fallen. Höchstens daß sein Sohn einmal eine Arbeit her- überbringt." „Zch denke, unser Schlosser ist Weller?" „Nein, vom Mechanikus drüben." „Und was habt Ihr für Arbeiten beim Mechanikus?" „Du lieber Himmel, Papa," sagte Ottilie ernsthast,„in einer Wirthschaft fällt immerZ allerlei vor. Bald ist ein- mal eine Lorgnette zerbrochen oder ein Opernglas muß nach- gesehen werden; neulich war erst das Thermometer schadhaft geworden. Und der junge Baumann ist darin wirklich außer- ordentlich aufmerksam und so gefällig; man kann es sich gar nicht bequemer wünschen." „So?" sagte der Vater, dem jedenfalls andere Dinge im Kopf herumgingen.„Aber ich habe zu thun, und wen» ich Euch rathen soll, so macht Ihr auch Eure Toilette; den» es ist spät geworden und könnten doch einige Ballbesuche kommen, mit denen ich wenigstens verschont bleiben möchte. Vergiß nur nicht, nach dem Schlosser zu schicken." Der Vater ging in sein Zimmer hinüber, und die Mutter hatte sich noch behaglich in die Sophaecke gedrückt, um vorher in aller Ruhe das Morgenblatt zu lesen. Otttlie schickte, dem Auftrage des Vaters folgend, das Mädchen fort und schritt dann eben über den Vorplatz hinüber ihrem eigene» Zimmer zu, als es klingelte. Sie öffnete selber, denn em Besuch konnte es nicht sein. „Ah, Herr Baumann," sagte sie, halb erröthend, als sie den Außenstehenden erkannte und wußte, daß sie eben erst über ihn gesprochen. „Fräulein Witte," erwiderte der junge Mann, der i» seiner Arbeitstracht an der Treppe stand,„ich habe mir tu laubt, Ihnen das Lorgnon selber herüber zu tragen, da ich glaubte, daß Sie es vielleicht brauchen würden. Ich Höffes es soll jetzt besser halten als früher; ich habe es selber reparirt. Das Thermometer werde ich Ihnen auch bald bringen." „Zch danke Ihnen sehr, Herr Baumann," sagte Ottilie und wurde noch verlegener, denn der junge Mann sah sie mit einem so cigenthümlichen Blick an.„Und was— wa» habe ich Ihnen dafür zu zahlen?" Wie Purpur zuckte eS über das offene Gesicht de» jungen Handwerkers und er zögerte mit der Antwort. „Ich hoffe," sagte er enolich,„Sie werden die Kleinq» keit nicht erwähnen; es war eine Feierabendarbeit." „Aber das kann ich nicht annehmen," stotterte Ottilie; „bitte, sagen Sie mir, was ich schuldig bin." „Nun denn, wenn Sie es nicht anders wollen— eine» Groschen." „Einen Groschen? Die ganze Schale war zerbrochen!" „Mein Fräulein, ich muß selber am besten wissen, wa» Mi« ein glückliche« Idyll inmitten des waffenstarren- den„öddengcsanfls" von der Militärlast der großen Staaten lesen sich die Darlegungen über die luxemburgische Militärmacht, welche der Staatsminister Thilges in der Kammerfitzung vom 9. Dezember abgegeben hat. Dort heißt es. wörtlich: Gleich nach dem Votum des Gesetzes von 1885 habe ich den Bestand der Gendarmerie um 10 Mann vermehrt. Von den sechs be- willigten Pferden habe ich bis jetzt nur zwei angeschafft; für die vier anderen erst das Sattelzeug. Nöthigenfalls sind ja vier Pferde bei irgend einem Pferdehändler schnell gekauft. Man hat von Maßregeln gesprochen, welche im Kriegsfall u. s. w. zu treffen wären. Unser 300 Mann starkes Korps genügt allen Anforderungen. Die bewaffnete Macht befitzt ausgezeichnete Waffen, mittelst deren unsere 300 Mann in einer Minute bis an die 2000 Schüsse abgeben. Bei solchen Umständen wäre auch eine Abtheilung von nur 25 Mann gegen eine große Ueber- zahl Meuterer stark genug. Dazu besitzen unsere Gendarmen noch ihre Revolver. Eine große Truppenvcrstärkung wird also nicht nöthig sein, obschon uns das Gesetz diese um 50 bis 80 Mann erlaubt. Eine Verstärkung von 30 bis 40 Mann hatte übrigens während der Wirren in Belgien stattgefunden. Den ZentrumsUnten in» Stammbuch. In der Stadt Culm, welche im schönen großen Deutschen Reiche liegt, wurde dem katholischen Kirchenorganisten von der Hochwohllöblichen aufgetragen, jede Probe zum Kirchengesang 24 Stunden vorher anzuzeigen. Reulich vergaß er die Anzeige zweier Gesangs- proben zur Papstfeier und wurde deshalb mit 10 M. bestraft und erhielt die Androhung, daß man die Theilnehmcr an einer nicht angemeldeten Uebung mit Gewalt entfernen werde.— Für gewisse Zentrumsherren ist es ganz gesund, wenn sie mit polizeilichen Maßregeln beglückt werden. Mn modernes Antodaft. In Hamburg werden dieser Tage etliche dreißig Zentner sozialdemokratischer Schriften, die seinerzeit im Rademachergang konsiszirt wurden, unter dem Kessel der Zentralheizung des Äerichtsgcbäudes verbrannt. W«r ein Reicksfeind ist, darüber aiebt uns ein jüngst erfolgtes Gerichtsurthcil eine interessante Aufklärung.„Reichs- feind" darf genannt werden, wer Wahlzettel für einen ultra- montanen Reichstagskandidaten vertheilt. Das ist jetzt durch die Instanzen festgestellt. Kaufmann Lünhörster aus Schalke bei Gelsenkirchen hatte für die Kandidaten des Zentrums, den Re- dakteur des„Wests. Volksbl.", Fusangel, agitirt und Wahl- zettel vetthent. Der Oberst des Kriegervereins zu Schalke, Moniberg, sandte daraufhin an Lünhörster, angeblich im Auf- trage des Kricaervereins, dessen Mitglied L. war, einen Brief, in dem es hieß:„Wegen Ihrer reichsfeindlichen Handlungen, bestehend in der Agitation für einen Kandidaten, der mit den Wünschen Sr. Majestät notorisch in Widerspruch steht, können Sie nicht mehr Mitglied des Kriegervereins sein." Das Schöffengericht zu Gelsenkirchen, welches Herr Lünhörster an- rief, äußerte:„Der Vereins-Oberst Lombcrg hat in seiner Eigenschaft als Oberst des Kriegcrvcrcins recht gehandelt." Die Strafkainmer zu Essen bestätigte dieses in erster und das Oder- landesgericht zu.Hamm in zweiter Instanz. Auf die Kefchmerde der Mitglieder der Jentral- Krankrn- und Sterbekasse der Tischler etr. zu 5)., daß ihnen polizeilich die Erlaubniß zu einer Tanzlustbarkeit versagt worden sei, hat der Minister des Innem unterm 8. November vor. Js. entschieden, daß die Veranstaltung einer Tanzlustbarkeit völlig außerhalb der den eingeschriebenen Hilfs- lassen und insbesondere den örtlichen Verwaltungsstellen der- selben(§§ 19b, 19o des Reichsgesetzes vom 7. April 1876 I.Juni 1884) vorgezeichneten Zwecke liege. Mitglieder einer örtlichen Verwaltungsstelle könnten daher hinsichtlich einer von ihnen zu veranstaltenden Tanzlustbarkeit als eine bestehende Gesellschaft nicht angesehen werden; sie träten vielmehr erst zu diesem Zweck zu einer Gesellschaft zusammen und bedürften daher zur Aus- führung ihres Vorhabens nach Maßgabe der Bezirks- Polizei- Verordnung vom 26. Mai 1871 und der erläuternden Bekannt- machung vom 2. Februar 1872 der polizeilichen Erlaubniß, falls die Tanzlustbarkeit als eine öffentliche anzusehen sei. Letzteres habe in dem vorliegenden Falle zugetroffen, da die Thellnahme an der Tanzlustbarkeit nicht auf einen durch persönliche Be- Ziehungen zu einander verbundenen Personenkrcis beschränkt ge- w.'sen sei. Die Versagung der Erlaubniß aber sei mit Rückficht auf das zu häufige Vorkommen derartiger Tanzlustbarkeiten in H. für begründet zu erachten. Zum Softalistenproseff in Freiburg i. K. wird unter dem 30. Dezember den„Offcnburgcr Nachrichten" geschrieben: „Bei dem heutigen Sozialistenprozeß gegen Haug und Genossen erregte ein Zwischenfall nicht geringes Aufsehen. An die Adresse Haug's wurde ein anonymes Schreiben abgegeben, das zur Ver- lesung kam. Tarin wird dem Angeklagten Glück zur Verhand- lung gewünscht und auf den Fall Pyhrr angespielt. Der Be- sttzer des Cafss zum Kopf dahier, welcher eines schweren Sitt- lichkeitsvcrbrechens angeklagt war, ist kürzlich mit der sehr gelinden Strafe von 14 Tagen Gefängniß(abgehend 3 Tage Unter- stichungshaft) davongekommen. Ein gleich mildes Strafmaß wünscht der Briefschreiber dem Angeklagten Haug und begründet seinen Wunsch mit der Meinung, daß man dem Publikum nicht Anlaß geben möge, das' volksthümliche Sprüchwort zu zitiren: meine Arbeit werth ist. Ich habe nicht mehr verdient und kann also auch nicht mehr dafür nehmen." „Aber ich kann doch nicht wagen, Ihnen einen Groschen...." „Sie wollten mich ja absolut bezahlen, Fräulein; ich bitte deshalb um einen Groschen." Ottilie war jetzt noch viel verlegener geworden, als vorher, aber sie konnte nun auch nicht mehr zurück. Sie wußte /wenigstens im Augenblick nicht, wie sie sich helfen sollte, griff deshalb in die Tasche und gab dem jungen Mann den Groschen, den er lächelnd und mit leisem Danke nahm." „Den werde ich mir zum Andenken aufheben, Fräulein Ottilie," sagte er dabei, drehte sich ab und sprang die Treppe wieder hinunter. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst nnd Leben. Der letzte päpstliche p-lfteiminister. der Kardinal Lorenz» Randi. ist, wie bereits kurz derichtet wurde, unbemerft und unbeachtet von den Römem und der jungen Generation am 22. Dezember 1887 in Rom gestorben. Randi war em Mann, vor dem einst die Stadt Rom und die päpstlichen Lande zitterten. Der furchtbare Chef der furchtbarsten Polizei, der scmals ,m Dienste der Politik gestanden, der Kardinul Lorenzo Randi, der bis zum Ende seiner Tage in Rom lebte, konnte als sprechendes Exempel der italienischen Großmuth und Versöhn- Iichkeit gelten, d.e sechst den blutigsten Feinden nach dem Siege verzieh und ihr Sündenregister vergaß. Die„Thätigkeit Randi s umfaßte fünf RnW ihm-, niekem Kelt- Randl's umfaßte fünf Jahre. 1865 bis 1870. In diesem Zeit- räum ließ Randi kein Mittel unversucht, um den Typus eines Metternich im Klemen zu erreichen. In der Theaterzensur un- crbittlich und lacherlich(fem Fiasko gelegentlich der Aufführung der von ihm verballhornifirten Lucrczia Borgia inachte chn bekannt), hielt er sich in allen streng politischen Fragen an das Vorbild der spanischen Inquisition. Em Beispiel von Randi s Praxis ist folgende Episode, o»e sich an die schon erwähnte Aufführung der Luerezia Borgia anschloß. Ein Sänger, dessen Rolle hauptsächlich von dem -vonzeiminister modifizirt worden war, wagte es, unter dem I rmischrn Beifall des Publikums, den übngen harmlosen Text „Die kleinen-- hängt man jc."— Noch sei darauf auf- merksam gemacht, daß die Anrede„W erther G c n o ff e', welche in Privatbriefcn an Haug gebraucht wurde, der Anklage als Beweisstück für die Zugehörigkeit zu einer unerlaubten Verbindung dienen mußte!! So unrichtig diese Beweisführung ist, so ist es doch rathsam, solche Anreden in Zukunft in Bnefen wegzulassen." Oekerreich-Ungi nd Hugo Ger n g r o ß, ar«. Afred und Hugo Ger n g r o ß, Chefs der großen Konfettionsfirma A. Gerngroß in Wien, wurden verhaftet. Zu gleicher Zeit fand eine umfassende Haussuchung statt. Das Waarenlager der Firma wird auf 3& Millionen Gulden geschätzt. Die Maßnahme erfolgte auf eine Anzeige, daß die beiden Gerngroß und ihr Schwager, Privatier Bmckner, Papiere und Bücher hinweggeschafft hätten, durch welche ihre Theil- nähme an den großartigen Unterschleifen im Hauptzollamte kund geworden wäre. Der Staat ist hierbei um mehr als eine Million Gulden geschädigt. i_ Der Adresse der russischen Studenten»n Zürich an die Studenten Moskaus haben sich nun auch die in Wien studirenden Russen angeschlossen. In der Adreffe sprechen die Absender ihre Bewunderung über den heldenhaften Widerstand der russischen Studirenden gegen die Regierung aus und ermuthigen die Kameraden im Vaterlande, den einmüthigen Kampf für die akademische Würde und Frei- heit fortzusetzen. Gerne würden die fernen Brüder den Be- drohten mit Wort unv That beistehen, jedenfalls aber senden sie den Ausdruck vollster Bewunderung und Sympathie. Kchttteiz. Die schweizerischen Kantone sind damit beschäftigt, ihre Gesetzgebung dem Artikel 6 des neuen Bundcsgcsetzes über Haftpflicht aus Fabrikbetrieb anzupassen. Dieser Artikel fordert nämlich, daß bedürftigen Personen, welche in den Fall kommen, Ansprüche aus diesem Gesetze zu erheben, unent- aelllicher Rechtsbeistand gewährt und Kautionen, Expertenkosten, Gerichtsgebühren und Stempcltaxen erlassen, daß überhaupt Streitigkeiten dieser Art durch einen möglichst raschen Prozeß- weg erledigt werden. In weitaus den meisten Fällen wird eine ausgiebigere Anwendung der Prozeßbestimmungen über das Ärmenrecht genügen, welche in allen Kantonen und beim Bundcsgericht gelten. Den bestehenden Staatsverträgen cnt- sprechend, kommt diese Wohlthat auch denjenigen Arbeitern zu Gute, welche nicht Schweizer sind. In den Fällen, wo em Strafverfahren eintritt, wird ohnedies die Klage von Staats- wegen eingeleitet und die Untersuchung durchgeführt bis zum rechtskräftigen Urtheil. Daß den Polizeibehörden sämmtliche Unglücksfälle in den Fabriken zur Kenntniß gelangen, dafür sorgen sehr strenge Bestimmungen. Eine weitere sehr beachtens- werthe Vervollständigung des Gesetzes hat der Bundesrath so- eben publizirt, das Verzeichniß derjenigen Gewerbe, welche er- wiesenermaßen und ausschließlich bestimmte gefährliche Krank- heiten erzeugen, und in welchen folgende Stoffe verwendet wer- den oder entstehen, bezw. vorkommen: Blei, seine Verbindungen und Legirungen, Quecksilber und seine Verbindungen, Arsen und seine Verbindungen, Phosphor, irrespirable Gase, giftige Gase, Cyan und seine Verbindungen, Benzin, Anilin, Nitro- glyzerin, Pocken-, Milzbrand- und Rotzgift. Alle diese Ge- werbe werden dedingslos der Haftpflicht unterstellt. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Fortschritte der Industrie einen Abschluß ein für alle Mal nicht gestatten; daher die Bestimmung, daß das Verzeichniß jederzeit revidirt und ergänzt werden kann. Rußland. Podedonoszew setzt im„Regierungsboten" nach einer langen Pause seine Berichte über das russische Kultuswesen fort. Gegenwärtig spricht er von den russischen Settirem und versucht deren Zahl festzustellen. Er zählt im ganzen russischen Reiche gegen 850 000 Sektircr zusammen, sagt aber freilich selbst, daß es sehr schwer, fast unmöglich ist, genau die Zahl derselben festzustellen, weil die Settirer im Verbergen ihres Abfalls von der russischen offiziellen Kirche außerordentlich geschickt sind. Es ist denn mich in der That jene Zahl mindestens auf das Zehn- fache zu schätzen; es giebt mindestens 8 Millionen Sektirer verschiedener Richtung in Rußland, gegen welche die Staats- kirche, ausgerüstet mit allen Mitteln der Gendarmerie und des Strafgesetzbuches, vergebens ankämpft. In jedem Jahresberichte Pobcdonoszews wird freilich immer eine Anzahl der russischen Staatskirche aus' der Macht des Dissidententhums geretteter Seelen aufgeführt, aber die Zahl der von dieser Kirche abge- fallenen, die sich gar nicht feststellen läßt, wird natürlich nicht mit angeführt. Podedonoszew findet immer noch, daß die Re- giemng zu milde gegen sie verfährt, indem er es hauptsächlich auf das Gesetz vom 3. Mai 1883 abgesehen hat, welches den Schein einer religiösen Duldung besitzt. Dieses böse Gesetz habe nämlich unter den Sektirern die Ueberzeugung genährt, daß die Regierung die Berechtigung des Raskol(des russischen Disfi- dententhums) einzusehen beginne, und ihn als gleichberechtigt mit der russischen Staatskirche anzuerkennen beabsichtige, und wenn dies noch nicht geschähe, so käme es daher, daß die Geist- lichkeit der Staatskirche sich dagegen sperre! Dadurch wären die des perpöntcn Originals zu fingen, weshalb die Polizei den armen Tenor zu 15 Tagen Gefängniß und 50 Skudi Strafe vcrurtheilte. Der Bankier Marignoli nun, der heutigen Tages Senator ist, bot dem Sänger die 50 Skudi an und wurde, als Randi dies erfuhr, augenblicklich und„auf Lebenszeit" aus Rom und dem Kirchenstaate ausgewiesen. Die Verfolgung der Liberalen betrieb der Polizeiminister natürlich mit weit mehr Eifer, als die der Mörder, Diebe jc., deren Zahl damals in Rom Legion war, und die stets mit der Regierung auf mehr oder weniger verttautcm Fuße standen. In einem einzigen Monat konnten damals in der Stadt Rom allein nicht weniger als 116 Fälle von Raub und Mord registrirt werden. Diebe und Banditen hatten freie Hand, während die famosen päpstlichen„Sbirren", deren Ursprung oft genug an irgend einen Bagno oder eine Räuberhöhle zurückreichte, fortwährend auf der Jagd nach Liberalen waren. Nach dem Abzüge der Franzosen legte Randi dem Papste einen Plan vor, um die öffentliche Ruhe in Rom aufrecht zu erhalten. Nach diesem Plan des„würdigen" Prälaten sollten auf einen Schlag 1500 Verdächtige verhaftet werden; und als Pius IX. den Zweifel äußerte, ob in den Gefängnissen Roms noch für neue 1500 Ge- fangene Raum sei, erwiderte Randi mit zynischer Kälte— und diese Antwort charakteristrt den Mann mehr als alles Andere— „Eure Helligkeit möge bedenken, daß es in Rom noch viele leere— Gräber giebt". Die wirksamste Pe- riodc der Randi'schen Amtsthätigkeit fiel in das Jahr 1867, als die Schaaren Garibaldis auf Rom zurückten. Randi ließ damals auf der Piazza de! Popolo und auf der Piazza Colonna Artillerie auffahren, um den Korso bestteichen und gegebenen Falles augenblicklich von„Rebellen" säubern zu können. Randi war ferner die Seele der päpstlichen Spionage einer-, der Spionenriecherei andererseits. Alle in Rom an- kommenden Personen in Priestergewand wurden in Monte- citorio— dort war das Hauptquartier des Polizeiministers— peinlichst untersucht, da man sonderbarer Weise glaubte, das geistliche Gewand sei zun, Handwerk des Spions ganz besonders geeignet. Eine der„schönsten" Thaten des kleinen Torquemada «&.?"».%% minister wollte das öffentliche Geleite durch die Freunde und Anhänger des Todten erst kategorisch verboten wissen, bis der Papst selbst endlich unwillig zu Randi sagte:„Hören Settirer so üppig geworden, daß sie ohne Scheu Bethäuser ein- richten und die Verantwortung für die Propaganda ihrer Lehre nicht mehr fürchten! Jedenfalls ist aus dem Bericht ersichtlich, daß der Stand der Sache der frühere ist, und daß die Staats» kirche bei den Settirern an Boden nicht gewonnen hat. KalkaitlSitd-r. lieber d i e serbische Ministerkrise und die Vorgänge in der letzten Sitzung der Skupschtina vor der Ver- tagung, in der das Anleihegesetz mit 120 gegen 6 Stimmen angenommen wurde, wird berichtet: Liberale Abgeordnete sprachen und stimmten gegen das Anleihcgesetz. Herrn Ristic wird dies allgemein sehr verübelt, well bekannt geworden, daß er viele Mitglieder der liberalen Partei in seinem Hause ver- sammelt und sie zur Opposition gegen die Vorlage bestimmt hat, gegen dieselbe Vorlage, welche sie selbst noch vor wenigen Tagen als dringlich bezeichnet hatten. Dieses unpatriotische Vorgehen Risttc's hat sogar in liberalen Kreisen Entrüstung hervorgerufen und wird wahrscheinlich zur Auflösung der Partei führen, zumal die vom Könige ernannten liberalen Abgeordneten aus der Skupschtina auszutreten beabsichtigen, um dem Könige freie Hand zur Ernennung von Abgeordneten nach eigener Wahl zu lassen. Premierminister Gruic entwickelte in der Sitzung das Regiemngsprogramm, aus dem folgendes hervor- zuheben wäre: Gruic will mit allen jenen Mächten freund- schaftliche Beziehungen anstreben, welche die Selbstständigkeit der Balkanvölker und die Interessen Serbiens unterstützen. Er kündigte Vorlagen an bezüglich der Ausdehnung der Selbstver- waltung der Gemeinden, der Erweiterung der politischen Rechte der Staatsbürger, Verbesserung der Gesetze bezüglich der Presse und des Vereins- und Versammlungsrechts in freiheitlichem Sinne, Sanirung der Finanzlage und Hebung des Staats- kredits, ein neues Wahlgesetz und Vorlagen über die Ver« fassungsrevifion und Reorganisation der Armee ohne Schmäle- rung der Wehrkraft. Amerika. Die Leichen der vier am 11. November hin- gerichteten Anarchisten und des fünften, welcher vor der Hinrichtung Selbstmord beging, und die provisorisch bei- gesetzt worden waren, wurden am verwichcnen Sonntag im „Äaldheim-Cimetry" beerdigt. Etwa 1000 Personen hatten sich zu der Beerdigung eingestellt. Die Särge, mit rothen Tüchern, Blumen und rothen Schleife» bedeckt, wurden in ein ausgemauertes gemeinsames Grab versenkt. Der Hauptvcr» theidigcr der Anarchistenführer hielt die erste Rede. Nach ihm sprachen zwei andere, welche mit aufgehobenen Händen der menschlichen Gesellschaft Rache schwuren. Während der Reden waren die Särge geöffnet. Gegen Ende der ersten Rede er- schien die Wittwe des Anarchistenführers Parsons am Grabe;. als sie die Züge ihres Gatten erblickte, stieß sie einen mark- erschütternden Schrei aus, der die meisten Anwesenden tief be- wegte. Dreimal versuchte sie zu sprechen, aber die Stimme ver- sagte ihr und dann fiel sie ohnmächtig zusammen. Auch Nina Van Zandt wurde ohnmächtig und schließlich auch Gretchen Spieß. Als die Todtengräber im Begriffe waren, das Grab mit einem Granitsteine, der mittelst eines Hedeapparates in die Höhe gehoben war, zu verschließen, wurden noch zwei Kränze in das Grab geworfen, Geschenke des Personals der Most'schen „Freiheit" m New-Bork. Dann ward das Grab geschlossen und die Theilnehmcr am Begräbnisse fuhren ruhig nach Hause.. Gerichts-Zeitung. Eine für Gaftwirthe sowohl, wie deren Gäste sehr wichtige Frage ist die, ob und von welcher Zeitdauer nach Eintritt der resp. Polizeistunde ein Aufenthalt von Gästen in dem betreffenden Lokale gestattet ist? Eine Frage, die dem» nächst weitere Kreise beschäftigen wird, da in letzter Zeit wieder- holt Gaftwirthe bezüglich dieser Frage zu Unrecht in Strafe ge- nommen worden sind. Durch Polizeiverordnung vom 9. März 1866 ist die Polizeistunde für Berlin auf 11 Uhr Abend festgesetzt worden. Der damalige Polizeipräsident v. Wurmb war jedoch, wie von wohlunterrichteter Seite berichtet wird, sehr ent- gegenkommend und gewährte solchen Gastwirthen, welche durch gute Geschäftsführung gewissermaßen eine Garantie boten, daß die öffentliche Ordnung und Sittlichkeit dadurch nicht leiden mürben, bereitwilligst eine Verlängerung der Polizeistunde ohne Rucksicht darauf, ob die betreffenden Lokale männliche oder weib- liche Bedienung hielten. Besondere Berücksichtigung erfuhren die Besitzer von Balllokalen, welchen vcrstattet wurde, öffent- liche Tanzlustbarkeiten bis 3 Uhr Nachts auszudehnen. Am 3. Mai 1879 jedoch wurde die vor etwa einem halben Jahre zum größten Theile wieder aufgehobene Polizeiverordnung für die Inhaber von Tanzlokalen, welche bestimmte, daß öffent- liche Tanzlokale um 12 Uhr Nachts zu schließen seien, und wenige Wochen später die heute noch in voller Kraft bestehende weitere Verordnung erlassen, nach welcher Schankwitthe, welche weibliches Personal zur Bedienung ihrer Gäste halten, um 11 Uhr Abends ihre Lokale schließen müssen. Alle seitens der Gaftwirthe unternommenen, auf die Aufhebung dieser sie sehr Haft betreffenden Verordnung hinzielenden Schritte blieben eifrigen Monflgnore ein ganzes Heer von Gendarmen und Po- lizisten. Rand» lebte nach dem verhängnißvollen 20. September 1870, der seiner Herrlichkeit für immer ein Ende machte, als Kardinal von seinen„Ersparnissen", die eine enorme Höhe er- reichten. Der größte Schmerz für Lorenzo Randi war es, daß die einsttge Stätte seiner Thätigkeit, der Palazzo Monteciterio, seinerzeit das Heim des italienischen Parlaments werden sollte, das sich alle Mühe gegeben hat, jede Erinnerung an die un- würdige Vergangenheit zu tilgen. Auswanderung In Italien. Eine jüngst veröffentlichte Statistik der italienischen Auswanderung ergiebt bei einem Ver- gleich der Ziffern des ersten Halbjahres 1887 mit dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres sehr große Fortschritte der Aus» Wanderung, sowohl für die Dauer, wie für kürzere Zeit- räume. Die Auswanderung für immer stieg von 33 398 im 1. Halbjahr 1886 auf 55 208 im entsprechenden Zeiträume von 1887, die vorübergehende Auswanderung von 54533 auf 53 773. Im Ganzen wandetten demnach im 1. Halbjahr 1887 aus: 113 981 Personen, während im ganzen Jahr 1886 166 829 auswanderten. Die größten Ziffern für die völlige Äuswande- rung wiesen auf die Provinzen Campobaflo, Polcnza, Salerno, Treviso, Coscnza, Bcnevento, Caranzora: die geringsten Ziffern die Provinzen Vicenza, Aquila, Aleffandria, Mailand, Palermo und Belluno. Für die zeitweilige Auswanderung stellten das Hauptkontingcnt die Provinzen Udine, Belluno, Como, Bergamo, Vicenza; das geringste die Provinzen Brescia und Genua. Von den oben angefühtten 113 981 Auswanderern des 1. Halbjahres 1887 gingen 58261 nach europäischen Ländern: 13 995 nach Frankreich, 25 722 nach Oesterreich, 6267 nach Ungarn, 4828 nach der Schweiz, 3891 nach Deutschland. Sehr gestiegen ist die nach den außereuropäischen Ländern gerichtete Auswanderung: am meisten kommen als Emigrationsziele in Betracht die Argentinische Republik, Brasilien und die Vereinigten Staaten. Die Gimoanderung in Uew-Uork ist im laufenden Jahre nicht so bedeutend gewesen, wie man im Sommer er- wartet hatte. Man hatte die Zahl der Einwanderer damals auf 800 000 Köpfe für das ganze Jahr geschätzt, während bis zum 30. November erst 486 660 Personen gelandet worden waren, gegen 365 453 Personen in den ersten 11 Monaten des Vorjahres. Aus Großbritannien kamen etwa 171 000, aus Deutschland 106000, aus Schweden, Norwegen und Däne- mark 76 000, aus Italien 42 200 und aus Rußland 24000 Personen. ivlrd) ohne Erfolg. Im verflossenen Jahre war auch der Verein der Berliner Rcstaurateure diescrhald, wiewohl ebenfalls vergeblich, beim Polizeiprästdium vorstellig geworden. In dem der» Vcreinsvorslandc zugegangenen ablehnenden Bescheide des Polizeipräsidiums ist von besonderer Wichtigkeit ein Passus, der wörtlich wie folgt lautet: «Bei ordnungsmäßiger Geschäftsführung rind gutem Verkehr in den bezüglichen Lokalen wird das Polizei- Präsidium keine Bedenken tragen, eine Verlängerung der Polizeistunde eintreten zu lassen, wobei übrigens noch de- rncrkt wird, wie es schon seit längerer Zeit nachgelassen ist, daß den Gästen nach der festgesetzten Polizeistunde eine Viertelstunde Zeit zur Entfernung belassen bleibt." Im Widerspruche mit dieser selbsteigenen Verstattung einer Ent'crnungsfrist standen nun eine Reihe von polizeilichen Straf- Mandaten, welche gegen Gastwirihe erlassen worden ivaren, welche wenige Minuten nach der festgesetzten Polizeistunde noch Gäste in ihren Lokalen geduldet hatten. Es konnte nicht ausbleibe», daß dieser Widerspruch schließlich einmal zu Tage trat und daß infolge hiervon die sämmtlichen Polizeireviere Berlins von der Zentralstelle aus Jnslrultionen erhielten dahingehend, daß in Zukunft die Anordnung des Jöcrrn Polizeipräsidenten, daß den Gästen nach der festgesetzten Polizeistunde eine Viertelstunde Zeit zur Entfernung belassen bleibe, besser de- folgt werden solle. Aichto dcstowcnigcr sind in jüngster Zeit wiederum gegen eine Anzahl hiesiger Gastwirthe Strafverfügunacn erlassen, weil sie 5 rcsp. 10 Minuten nach der festgesetzten Po- lizeislunde noch Gäste bei sich geduldet haben. Die hiervon be- troffencn Gastwirthe haben selbstverständlich gegen die erlassenen Strasbcfchle Einspruch erhoben und auf richterliche Entscheidung angetragen, mußten aber zu ihrem Befremden erfahren, daß die Vorsitzenden der betreffenden Schöffengerichte von der erwähnten Verfügung des Polizeipräsidenten keine Kenntniß hatten, aus welchem Grunde die Beklagten mit ihrem auf diese Verfügung fußenden Einwände abgewiesen und verurtheilt wurden. Nur in einem Falle gelang es einem in gleicher Weise angeklagten Gastwirthe, seine Freisprechung zu erzielen, nachdem das Schöffengericht vorher beim Polizeipräsidium wegen der bcrcgtcn Verordnung angefragt hatte. Die meisten der unschuldig ver- urthcilten Gastwirthe haben die über sie verhängte Geldstrafe und die nicht unbedeutenden Gcrichtskostcn ohne weiteres be- zahlt; andere dagegen haben Berufung eingelegt und die weitere Verfolgung der Sache den Berliner Gastwirths-Vcreinen, denen sie als Mitglieder angehören, überlassen. Daß«wn es mit dem Eide genau nehmen muh. mußten gestern die Wittwe WilHelmine Goldbcrg geb. Müller, Frau Minna Löckert geb. Goldberg und der.ilcllncr Karl Gold- berg vor der II. Strafkammer am Landgericht> erfahren. Es handelt sich hier um eine Erbschastsangelcgcnheit. Ter Nestau- rateur Goldberg zu Weißensee war gestorben, und die nächsten Verwandten sowie die Ehefrau des Verblichenen, die drei An- geklagten, kamen wegen der Tcstamentscröffnrmg zu einem Ter- min zusammen. Es wurde ihnen nun die Frage vorgelegt, ob sie die einzigen Erben seien, oder ob nicht noch mehr oder nähere Verwandte existirten. Tiefe Frage wurde dahin beant wortet, daß es nur noch einen Verwandten gäbe, der allerdings verschollen sei. Für diesen Erbberechtigten wurde nun der Rechtsanwalt Uhlc als gerichtlicher Pfleger bestellt, und dieser ermittelte sehr bald, daß der angeblich Verschollene sich in Havelberg aufhalte. Gleichzeitig wurde auch festgestellt, daß noch drei andere Verwandte existirten. Da die Angeklagten eidesstattlich versichert hatten, daß sie und der angeblich Verschollene die einzigen Erben seien, wurden sie unter Anklage gestellt. Ter damalige Termin ivar sehr er- regt geführt worden, denn die beiden letzten Angeklagten be- schuldigten die Ehefrau des Verstorbenen, daß sie nicht die ganze Erbschaft angegeben habe. Tie so Angegriffene wies natürlich diese Beschuldigung energisch zurück und verzichtete ganz auf die Erbschaft. Sic mußte auch, ehe sie das cnt- sprechende Protokoll unterschrieben hatte, entfernt werden, und der Amtsrichter, der die damalige Verhandlung geleitet hatte, konnte beute— die Verhandlung hatte am 25. September 1885 stattgefunden— nicht mehr bekunden, ob diese Angeklagte über- Haupt eine Versicherung abgegeben hatte, jedenfalls war sie aber nach ihrer Verzichtleistung überhaupt nicht mehr bei der Sache interessirt. Tie anderen Angeklagten wollten von der Existenz der Venvandtcn keine Kenntniß gehabt haben; es konnte ihnen auch das Gegcnthcil nicht nachgewiesen werden; immerhin hatten sie sich dadurch, daß sie sich�vor der Eidesleistung nicht genügend informirt hatten, einer Fahrlässigkeit schuldig ge- macht. Sie wurden mit je einer Woche Gefängniß bestraft. Kaflrl, 3. Januar. Ein Ilrtbeil von nicht zu unterschätzen- der Tragweite hat das hiesige Schöffengericht in seiner heutigen Sitzung gefällt. Angeklagt ivar der Schuhmacher P., am 7. November v. I. eine Versammlung abgehalten zu haben, in weW „öffentliche Angelegenheiten" erörtert seien, ohne daß die vor geschriebene polizeiliche Anmeldung bewirkt worden sei. Die Bs wcisaufnahme ergab folgendes. Am 7. November fand rtt schon seit mehreren Jahren allmontäglich eine Verfammlrm« da hiesigen Filiale des Unterstützungsvcreins deutscher SchuhmachS statt, ohne daß dieselbe wie seither polizeilich angemeldet wurde, auch ohne daß von der hiesigen Polizeibehörde an einem der' artigen Verfahren Anstoß genommen wäre. Auf der Tages« ordnung stand: Neuwahl des Vorsitzenden. Nach vollzöge«» Wahl las der Angeklagte noch einiges aus dem in Gotha rv scheinenden Schuhmachcr-Fachblatt vor. In diesem Vorlese» er' blickt die Anklage nun die Erörterung„öffentlicher Angelrge» beiten". Zur Begründung der erhobenen Anklage wußte der«p Zeuge geladene Schutzmann sonst nichts anzugeben, als daß? dem Zeitungsartikel von Amerika und von Streik«» Rede gewesen sei und daß die Erläuterung der i? dem Artikel vorgekommenen Fremdwörter gegeben fr- Tie Vcrtheidigung machte nun geltend, daß sie eveutudl in der Berufungsinstanz den Beweis erbringen werde, daß« dem verlesenen Artikel das Wort Streik überhaupt nicht komme. Aber selbst zugegeben, dem wäre so, so könnte ei« Verurtheilung unmöglich erfolgen. Das Gesetz verlange n« eine polizeiliche Anmeldung solcher Versammlungen, bei denc» von vornherein feststehe, daß in denselben Öffentliche Angelegen' Helten erörtert werden sollen. Alle Versammlungen, wo d>6 nicht der Zweck der Einberufung sei, bedürfen keiner polizeü lichcn Anmeldung. Wolle man das Gcgentheil annehme», käme man zu ganz unhaltbaren Zuständen. Zuin Beispiel. 8 bis 10 Personen finden sich am Biertisch oder sonst wo gc sellig zusammen. Von einer harmlosen Unterhaltung geht>na» zu einer Besprechung der neuesten dem Reichstag zugegange«» Vorlage über. Tie Erörterung müsse dann nothgedrungev � Kreis der Freunde zu einer Versammlung, in der osscnBWjj Angelegenheiten erörtert werden, stempeln, und das schieße dort doch über das Ziel hinaus. So und nicht anders Hobe in jener Versammlung der Angeklagte gehandelt. Der Hof schloß sich in allen wesentlichen Punkten der Vcrthe! an und sprach den Angeklagten kostenlos frei. Theater. Donnerstag, den 5. Januar. Morgano. Kchsalpiethaus. Der Seester». Zum Schluß: Mania's Auge». T<«rschr» Theater. Die guten Freunde. MaNaer-Theater. Ein toller Einfall. Der Mizekado. Friedrich» Milhelmstädtische» Theater. Die 7 Schwaben. Giatoria-Theater. Die Reise um die Welt in 80 Tagen. Dftend-Uheater. Licht und Schatten. Ueftdeaz-Theater. Francillon. Oroü'» Theater. Patience. Oeiteatliaare-Thratrr. Der lustige Krieg. Walhalla-Theater. Alle Neune. a>«tval-Theater. Höhere Töchter. Köaigstädtische» Theater. Don Earlos. A«rrieaa Theater. Spezialitäten-Vorstellung. «»ucorbia- Theater. Spezialitäten- Vor- stcllung. Theater der ReichshaUe».«Spezialitäten- Vorstellung. Kaafmaaa» MariStS. Spezialitäten- Vor- ffellung. zollislnUdtischcs Theater. Dvesdenerftr. 72. Direktion; Adolph Ernst. Uta»iohudirt a. mit neue» Konplet«. Zum 181. Male: Die schöne Ungarin. Gesangsposse in 4 Akten von W. Aiannstädt. Kouplets v. G. Görß. Musik von G. Steffens. Die uiuctt Konplet« find vom Kanrllmstr. Herrn Frans Roth lromponiet. Irma:* Isra Reimer. Lilli: Olga Dwo- raK. Fritze: Grete Gallus. Häppchen: Clara BOchler. Micscbeck: Direktor Ad. Ernst. Schröder: Aug. Kurs. Triller: Paul Barthold. Walzebock: Gustav GBrss. Alfred: Wilhelm Ruft ®e'er H n Ankchlnß: Amt III|le. 80-42. Kasseneröffnung 6j Uhr. Anfang der Vorstellung 7z Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Tage 1 Er. 9 M.- 10 A. talseroPanorama Kchlöfier König Kndmig II. Herrenchiemsee mit Sehensw. Neu! Zum ersten Male: Kierte Kris' d. d. maler. Alpen. «eise Kr. Was. Schiff Hertha. Eine Reise 20 Pf., Kinder nur 10 Pf. Abonn. Bsrlinsr Stadt Theater Wallnertheaterstraße 15, fr. Alhambra- Theater. Großer Erfolg! Morpheus auf der Oberwelt. Phantastische Posse mit Gesang in 3 Akten von E. Jacobson. Ermassigte Preise: Kperrsth l M. 1 varqn t 75 Pfg. parqnet 60 pfg. Jeder Besucher der Sonntags- rcsp. Montags- Vorstellung erhält ein Frcibillct für Freitag oder Sonnabend. Bons-Jnhaber zahlen Wochentags ermäßigte Preise. Derdand deutscher Zimmerleute. Wiener Maskenball arrangirt von unterzeichneten Verbandsmitgliedcrn der Lokalverbände Berlin Ost und Süd,: Besten verunglückter und hilfsbedürftiger Kameraden, am 10. Januar 1888, Abend» Of in den prachtsäldn der Kerliner Neffonrce, Kommandantenstraße 57, wozu wir freund einladen. Billets für Herren 50 Pf., Damen 25 Pf. find zu haben beim unterzeichneten Ko sowie bei Ulrich, Schinkestr. 1, H. p.; Kirschke, Arndtstr. 25; Gorgas, Rüdersdorfcrsli Lwcitsch, Eisenbahnsll. 20; Vogel, Grunewaldstr. 14; Schäfer, Reinickendorferstr. 26«; feld, Ackcrslr. 133, 3. Hof, U; Pöschmann, Christinenstr. 40; Schulz, Lübeckersir. G; Schmidstr. 14, v. Keller; Bandlow, Langestr. 13; Schilling, Schlegelstr. Gustav vietrich. Joseph Schmidt. Fran; Jürgens» Zossencrstraße 31. H. Hl. Laufitzersrraße 3, v. Iii. Landsbergerstraße 85, H. CircaB A. Krembser Friedrich Karl-Ufer. Ecke Karlstraße. lDer Circus ist gut gebeizt.) Heute, Donnerstag, den 5. Januar 1888, Abends 7 Uhr: Grosse txtra-Vorstellung Große Konkurrenz zwischen dem als einer der stärksten Leute Berlins bekannten Herrn Hermann Ro�sow, Steinsetzer(aus dem Athletenklub„Atlas"), und dem preisgekrönten Athleten und Preisring- kämpfcr Herrn Ab«. 5)crr Uossom will sämmtlichc Produktionen des Herrn Abs in jeder Weise nachmachen, um den ausgesetzten Preis von 1000 Mark zu erringen. In Herrn Rossow scheint endlich der Mann erstanden zu sein, welcher Aussicht hat, Herrn Abs die > Meistcrschast streitig machen zu können. Zum 3. Male: Wu lvsttye SchmtkstkrmMr. große Pantomime mit Hallet, ausgeführt von 80 Personen und dem Corps de Ballet. Auftreten der vorzüglichsten Rritkünstler und NeitbLnstlerionen Vorführen und Reiten der bestdresfirten Schul- und Freihcitspferde. A. K rembser, Direktor. Gardinen fn den btuigNen fabrihureireo offerirt die Gardinen• Fabrik von M. 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Siering, Geld od. Geldes- werth auf meinen Namen zu borgen, da ich für nichts aufkomme. 62 Ferdinand Kolsteia, Friedrichsberg." Achtang. Wöbet aaf Tiieilwhlmr,-.-t Kellermann, Arbeiter-MotizKalmder pro 1888 iß«schienen. Preis BO Pfg. Stärkere Ausgabe 70 Pffg. Wied»»»»rkSnf»m hoher pabatt. Du beziehen d«rch die Grpebttio», Zi««erfiraße 44. Einc große öffentliche Versammlung der Stockarbeiter Berlins finbet am Freitag, den 6. d. M., Abends 8& Uhr. m HeigmutUr'. Saal. Alte Jalobsttaßc 48a, Itatt. 60 Das Komitee. w. Masken�aiderobe Fritz Panknin WV Oramenstr.l78GcfeAbalbcrtttr. cmpf. stch den Vereinen, sowie Pv\ öen Lesern ds. Bl. aufs beste. *■... ÄÄ'iJ!1 Masken-Garderobe Reichste Auswahl, billigste Preise 1 F. Stenzel,[1547 Dresdenerstrafie 21«Ecke Luifpm.fnri 3 Pf. pro Mk.«. Monat, über 30 5? nur 1 Pf. Zinsen berechnet � Pfandleihe Alexandrinenstt. 55- J Gebrauchte nnd inriickgesehte den, Sophas, �" l w. sof. sehr bi ibel, Spiegel Thcilzahlung ß dar. 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In der Generalversammlung des Vereins„Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin" wurde der Gedanke angeregt, eine Aus- stellung zu veranstalten, welche zunächst Apparate und Ein- richtungen veranschaulichen sollte, die geeignet erscheinen, eine Verringerung der in der Brauerei-Industrie zahlreich auftretenden Betriebsunfälle herbeizuführen. Der genannte Verein hat sich darauf mit dem Vorstande der Berliner Sektion der Brauerei- und Mälzerei-Berussgenossenschaft, welche den größten Theil der Norddeutschen Brauereien umfaßt, in Verbindung gesetzt, um mit letzterer gemeinschaftlich die für die Ausstellung er- forderlichen finanziellen Garantien zu beschaffen. Unter Vorsitz des Herrn Rösicke, stellvertretendes, nicht ständiges Mitglied des Reichs-Versicheningsamtcs, Vorsitzender des Vereins„Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin" und Direktor der Schultheiß-Brauerei, Berlin, ist ein Äusstellungskomitce zu- sammengetrcten. Bei Förderung und weiterer Erwägung der Angelegenheit, insbesondere durch den Umstand bewogen, daß die Apparate und Einrichtungen für Unfallverhütung in dem einen Gewerbe auch gleichen Zwecken in anderen Gewerben dienen, und infolge der Anregung anderer Industrieller hat das Komitee beschlossen, die geplante Ausstellung auf alle Industrie- eeige des Deutschen Reiches auszudehnen. Die Ausstellung l voraussichtlich in den Monaten Mai, Juni und Juli des hres 1889 in den Räumen des Landes-Ausstellungsgebäudes in Berlin stattfinden und soll außer anderen Apparaten und Einrichtungen zur Verhütung von Unfällen besonders alle Vor- richtungen umfassen, die zur Sicherung der Arbeiter an Motoren, Transmissionen, Fahrstühlen und Aufzügen, Arbeitsmaschinen, Fahrzeugen-c., beim Auf- und Abladen u. s. w. dienen. Mieder ist eine Frage, welche Kerlin, Charlotten- »nrg«nd die ganze Umgegend lebhaft beschäftigt hat und seit einem Menschenalter zu schweren Klagen Veranlassung gab, in befriedigendem Sinne erledigt worden: der schwarze Graben ist verurtheilt worden, den Weg des Königsgrabens, des Festungsgrabens, des grünen Grabens, und wie die von früheren Jahrhunderten künstlich gezüchteten Schmutzpfützen alle heißen mögen, zu gehen. Unsere Leser kennen die Leidensge- schichte der Anwohner. Viele von ihnen hat er oft zur Ver- zweiflung getrieben. Sie sind auch mit dem Gange der Ver- Handlungen einigermaßen vertraut. Sie wissen, daß die schwar- zen, schwerfälligen Schlammassen sich durch verschiedene Ge- meinden und Ortschaften wälzten, bis sie hinter der Flora die Spree erreichten! es ist ihnen bekannt, daß ein gemeinsames Vorgehen der betherligtcn Ortschaften nicht zu erzielen war, daß der erste Theil des Grabens, wo er den Kurfürstendamm schneidet, kanalifirt und überbaut worden ist, während andere Gemeinden, vornehmlich Charlottenburg die Regierung und die Gerichte darüber beriefen, ob sie oder die Adjazcnten die Kosten dieser Verbesserung zu tragen hätten. Es ist viel dämm prozessirt worden und es ist viel kostbare Zeit verloren ge- gangen. Der Magistrat von Charlottenburg ist jetzt endgiltig vemrthcilt worden, die Kanalisimng und Ueberbrückung vor- zunehmen. Das Obemerwaltungsgericht hat in diesem Sinne das letzte Wort gesprochen, nachdem in demselben Sinne die Polizeidircktion in Charlottenburg, die vorgesetzte Behörde, das Berliner Polizeipräsidium, und der Oberpräsident der Provinz Brandenburg nach einander entschieden hatten. Gegen diese Entscheidung giebt es keine weitere Bemfung. Es hieße in- dessen, so schreibt die„Ztat. Ztg.", dem Magistrat von Char- lottenburg ein Unrecht zufügen, wenn man nicht anerkennen wollte, daß sein Widerstand mehr durch taktische, als durch fach- liehe Gründe hervorgerufen ward. Nicht die Frage, wer die Kosten zu tragen habe, war allein bestimmend für seine ablehnende Haltung. Er hoffte vielinehr, die Regulimng des schwarzen Grabens in Zusammenhang mit der Kanalisation Charlottenburgs überhaupt vornehmen zu können und hier stieß er auf Schwierigkeiten. Das Urtheil des Oberverwaltungsgerichts wird demnächst rechtskräftig sein. Der Ausführung des Befehls stellen sich allerdings im Momente Schwierigkeiten entgegen, die der Him- mel bereitet. Aber der Frost wird weichen, lindere Lüfte wer- den wieder wehen, der Frühling wird ebenso über Nacht kom- men, wie der Winter eben gekommen war, und wenn dann der ebenfalls aus langem Winterschlaf erwachte Graben sich an- (Nachdruck verboten.) Di- „vier Pfähle" de» alten Iakob. Ein Lebensbild von Julius Freund. Weit hinter dem Dorfe am Waldsaume lag ein kleines, unscheinbares Häuschen, dort war der alte Vater Jakob zur Welt gekommen. Ms diesem Häuschen war er als lockiger, klaräugiger Jüngling hinausgezogen auf die Wanderschaft— in die weite Welt hinein— hierher war er zurückgekehrt, als ihn der sterbende Vater an sein Lager rief, und dort in dem Lehnstuhle mit den großen Ohren und wackligen Beinen, in denen der Holzwurm pickte, hatte er dem guten alten Manne die müden Augen zugedrückt. Durch die große eichene Thür mit dem wuchtigen Thür- klopfer aus blankem Messing hatte er später sein junges, prächtiges Weib in die Wirthschaft geführt und mit einem wahrhaft patriarchalischen Stolze, als beträte er die glän- zende Stammburg seines Hauses, gesagt:„Da, Dörthe— das ist mein Haus, das sind unsere vier Pfähle— hier hat kein anderer zu befehlen, als wir beide— Du und ich!" — Dann folgten die Jahre der Arbeit und Plage, aber der Jakob kam rüstig vorwärts, er hatte sein Handwerk wofcl erlernt und alle Tischlerarbeit des Dorfes flog ihm «t die Hände. Und endlich— eines Abends als er müde vom Tage- werk heimkehrte— brachte man ihm eine kleine, herzige Wickelpuppe entgegen, die vom Schreien am ganzen Körper zinnoberroth war— da schlug der Jakob vor Seligkeit «inen Purzelbaum und konnte nicht Worte genug finden für sein Glück und seine Wonne. Dasselbe Glück geschah ihm noch einmal im Laufe der Jahre, die sonst recht gleichförmig und eintönig verflossen, wie das nun einmal im Bauernleben nicht zu ändern ist. Als der Jakob merkte, daß die Augen trüber wurden und die Hände zu zittern begannen, gab er die Tischlerei auf und widmete sich ganz seiner Lieblingsbeschäftigung— Sosttt zu züchten. Er konnte das ja thun, da er sich ein kleines Sümmchen schicken will, seine duftige Visitenkarte in der Umgegend abzu- geben, dann wird man ihm die Thüre vor der Rase— jawohl, vor der Nase!— zuschlagen und wird ihm in einem ge- flügclten Berliner Volksworte lustig zurufen:„Was Sie denken, is nich!" Welche Veränderungen die Zuschüttung oder Kananalisimna dieses scheußlichen Grabens in Charlottenburg hervorrufen wird, das läßt sich mehr ahnen als behaupten. Er fließt eine ganze Strecke neben dem Viadukte der Stadtbahn in unmittelbarster Nähe der Stadtbahnstation Charlottenburg. Für den Lokalverkehr cristirte diese Stadtbahnstation so gut wie gar nicht. Nur für Ausflügler hatte sie Werth als Außenbahnhof des Fernverkehrs. Wer hätte auch den Muth haben sollen, sich hier anzusiedeln, in einer Gegend, die alle Vorbedingungen eines Pestherdes trug. Das wird nun alles anders werden. Wie an die Bahnhöfe Bellevue, Lehrter und Thiergartenhof sich ganze Stadtviertel.anschließen, die auf wenige Jahre des Bestehens zurückblicken und sich noch immer vergrößern, so wird auch der Stadtbahnhof Charlottenburg auf- hören, so zu sagen auf freiem Felde zu stehen. Die Große Berliner Pferdebahn hat, in kluger Voraussicht des baldigen Endes des schwarzen Grabens und in Erwartung großer Bau- thätigkeit übrigens dem Verkehre vorauseilend, bereits eine Bahn hier herausgeführt. Eben ist sie fertig geworden. Es ist die Strecke, die vom Kriminalgericht in Moabit kommend die Spree überschreitend vom Charlottenburger Knie die Berliner Straße, die Scharrnstraße und die Wilmersdorferstraßc zum Bahnhof Charlottenburg führt- Das Urtheil des Oberverwaltungsgcrichts ist am 2. Januar gefällt worden. In der Todtenstille des Jahres 1888 wird es den ersten und— eine seltene Ausnahme — einen hochwillkommenen Platz einnehmen. Um den vielfachen Einflüssen, welche die Keschäs- tignng schulpflichtiger Kinder bei Theater- und san- ftigen össentlichen Uorstellungen auf die Erziehung und Ausbildung solcher Kinder zumeist ausgeübt hat, wirksam zu de- gegnen, hatte das Polizeipräsidium eine mit festen, einschränken- den Bedingungen verknüpfte Verordnung erlassen, welche am 1. September v. I. in Kraft war. Danach ist eine zustimmende Erklärung des Kreisschulinspektors die Vorbedingung der nach- zusuchenden Erlaubniß. Von Seiten des Provinzial-Schul- kollegiums sind alle Schritte geschehen, um die strenge Durch- führung dieser polizeilichen Vorschnften zu ermöglichen. An- Meldungen derartiger Kinder müssen jetzt bei dem Rektor geschehen, welcher zunächst wieder den Lehrer des Kindes hört und die Anmeldung dann mit einer gutachtlichen Aeußerung dem Kreisschulinspektor einreicht. In allen Fällen, wo die ge- stattete Beschäftigung der Schulkinder zu Störungen des reael- mäßigen Schulbesuchs Veranlassung giebt, oder nach dem Ur- theile des Rektors und der Lehrer zu Unzuträglichkeiten für die Anstalt oder die Kinder führt, erfolgt unweigerlich die Zurück- nähme der zustimmenden Erklärung des Kreisschulinspektors. Den Theaterdirektionen gegenüber kann die Befolgung dieser Vorschriften durch die Polizei zwangsweise durchgeführt werden, eine fortgesetzte Nichtbeachtung aber kann die Schließung des Theaters nach sich ziehen. Zu solchen Zwangsinaßrcgeln hat, wie jetzt bekannt wird, das eine Jahr der Wirksamkeit dieser neuen Vorschriften eine Veranlassung nicht gegeben, dagegen lag mehrfach Grund vor, die Erlaubniß zur Bethciligung solcher Kinder an den Vorstellungen zu versagen. Uerrohung der modernen Ktndenten. Je mehr der studentische Nachwuchs sich idealen Zielen entfremdet, desto mehr wächst bei ihm die Neigung zur Brutalität und zur Anmaßung. Die studentische Verflachung führte ja auch in früheren Zeiten stets zur„Renommisterei". Allerhand rohe Streiche werden da unter dem freundlicheren Namen„Ulk" entschuldigt. So be- richtet das„Deutsche Tageblatt" über folgenden„Ulk" in der Sylvesternacht: Kommt da ein vornehmer Herr die Leipziger- straße daher. Er balanzirt auf seinem Haupte einen prächtigen, nagelneuen Zylinder. An der Ecke der Charlottenstraße begegnet er einem Trupp Studenten, welche bereits schwer geladen hatten. „Ah, meine.Herren," ruft unser erster Nachtschwärmer den Musensöhnen zu,„Sie wollen mir gewiß meinen neuen Zylinder ein- treiben! Sprichts und überreicht mit einer artigen Verbeugung den Studenten seine blinkende Kopfbedeckung. Und diese fassen die ihnen gestellte Aufgabe mit höchstem„Biereifer" auf und treiben den Hut nach allen Regeln der Kunst ein. Mit hoch- befriedigter Miene empfängt der Herr seinen Hut zurück.„Ich erspart hatte, welches ihm und seiner Dörthe ein sorgenfteies Alter sicherte. Und die Beiden wurden älter und älter und hatten das traurige Geschick, all' ihre Kinder, Verwandten und Freunde zu überleben. Andere Bauern im Dorfe— andere Gesetze im Lande. An der Landstraße wurden seltsame Stangen errichtet, die man durch Drähte verband— und der Jakob wollte nicht glauben, daß man verstünde, den Blitz einzusaugen, und längs dieser Drähte wie einen gehorsamen Diener über Land zu schicken. Anders als mit dem Knotenstock und Ledertasche konnte er sich nun einmal solch' einen Boten nicht vorstellen. Dann wieder zogen eines Tages die Bauern in hellen Haufen zur nächsten Stadt und luden den Jakob ein, mit- zukommen, daß er sich das große, eiserne, dampfspeiende Thier ansähe, welches die Menschen windschnell von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf trüge— aber der Jakob wies sie kurz und bestimmt ab: er wolle mit Höllenwerk und Teufelskünsten nichts zu thun haben— Punktum! Alles war anders geworden— alles war fortgeschritten, nur das einsame Häuschen ragte wie ein heiliges Wahrzeichen aus vergangenen Tagen in die neue Zeit hinein. Es war umgeben von einem kleinen duftigen Kärtchen, in dem der Vater Jakob seine Rosen züchtete. Rosen.... Rosen.... nichts als Rosen. Rosen von allen Sorten und Farben— so voll, so dicht, daß sie den guten Alten oft völlig verdeckten, wenn er mit seiner Gartenscheere zwischen den zarten Stämmchen einher- ging. Nach vollendeter Früharbeit, wenn die Mittagssonne heiß herniederbrannte, setzte er sich in den alten Lehnstuhl mit den großen Ohren, den die Dörthe erst vor fünfzig Jahren mit großblümigem Kattun überzogen hatte und hielt ein gesundes Mittagsschläfchen. Indessen kochte die Dörthe den Kaffee, der Jakob ver- sicherte jedesmal, daß Jfcin Mensch auf der Welt einen besseren zu kochen im Stande sei und beide ließen sich die Cichorie schmecken, als wär's Mokka.—— Vor der Hausthür unter dem Lindenbaum stand eine alte Holzbank. danke, meine Herren!" spricht er und mit artiger Verbeugung vor den Studenten zieht er stolz von dannen. Der vor- nehme Herr hatte jedenfalls durch seine Geistesgegenwart verhütet, daß ihm der Hut auf dem Kopfe zerschlagen wurde." So sieht es in Berlin aus, in den Kleinstädten scheint die studen- tische Anmaßung noch toller. Einen bemerkcnswerthen Ausspruch that dieser �.aqc der Präsident des Lübecker Landgenchts, Ge- richtsdirektor Claußen. Wegen nächtlichen Unfugs, Ruhestönmg und Sachbeschädigung waren drei Studenten, und zwar je einer von den Universitäten Kiel, Greifswald und Leipzig, welche im September bezw. Oftober in ihrer Vaterstadt Eutin die Ferien verbrachten, zu Gefängnißstrafcn von 3 Wochen bezw. 14 Tagen sowie 3 Tagen Haft verurtheilt worden. Das Eutiner Schöffen- gericht hatte auf Gefängniß erkannt, weil es annahm, daß Geld- strafen weniger die Studenten selbst als vielmehr deren Eltern treffen, und weil zwei der Veruttheilten schon wegen Unfugs vorbesttaft waren, gegen den dritten jedoch'noch eine Unter- suchung wegen Beamtenbeleidigung schwebte. DasLübecker Land- gericht, bei welchem die Veruttheilten Äerufungseingelegt hatten, hob dieses Urtheil auf und erkannte auf Geldstrafen von bezw. 110, 80 und 30 M. oder entsprechende Gefängnißstrafen, und zwar unter der Begründung, daß leider in deutschen Universitäten die Unsitte eingettssen sei, daß Studenten sich mehr an„Ulk" er- lauben dürften, als ein anderer Sterblicher. Die„Philister" nähmen den studentischen„Ulk" nicht so genau, weil ihre Stadt aus dem Studentenleben mancherlei Vortheil zöge. Da die Studenten dies als allgemeinen Brauch betrachteten, so dürfe man ihnen ihre Vergehen nicht so streng anrechnen, daß sie fürs ganze Leben dadurch entehtt würden. Ueber den Ueujahrs-Kleiguss schreibt das„Kl. Journ": „Zum Beginn eines neuen Jahres spielt das Blcigicßen trotz der Aufklärung und Intelligenz des neunzehnten Jnhrhundetts in gewissen Kreisen der Bevölkerung eine große Rolle. Die Wahrsagettnnen treten in Aktion und finden reichlich Zuspruch aus den Kreisen derjenigen Personen, von denen ein altes Sprich- wott sagt, daß sie nicht alle werden. Und wie gut die Wahr- sagettnncn und Blcigußdeutettnncn ihr Publikum kennen, das bewiesen uns zwei Inserate, die kurz vor Neujahr in den Jn- scratenspalten hiesiger Blätter auftauchten und die, wie wir uns überzeugten, ein sehr verständnißinniges Publikum fanden. I» den beiden Inseraten war zu lesen, daß eine verwittwete Oekonomie-Jnspeftor W. in der Wilhelmstraße Neujahrsbleiguß deute, und daß eine Frau Br. in der Jerusalcmerstraße sogar diese Blcigußdeuterei& la Lenormand, also nach dem Vorbild der berühmten und berüchtigten französischen Wahr- sagettn, betreibe. Diese beiden geheininißvollen Ankündigungen nahmen auch unser Gemüth mächtig gefangen, und wir gefellten uns deshalb unter die Gläubigen, die in der Sylvestcrnacht mit bangem Herzen ihr Stückchen Bsii schmolzen, das flüssige Metall in kaltes Wasser gössen und mit den so gewonnenen Bleigcbilden zu den Wahrsagettnnen wallfahrteten. Wir hatten uns zwei Bleigüsse von zwei recht friedlich lebenden, hübschen jungen Mädchen machen lassen, verpackten dieselben sorgsam in eine Schachtel und begaben uns zunächst in die Wilhelmsttaße zu der Frau Oekonomie-Jnspcktor W. Auf unser Klingeln öffnete uns ein ziemlich bcjahttes Dienstmädchen und fordette uns, nachdem sie unser Begehr erfahren, auf, ein wenig zu matten, Frau M. wäre noch nicht empfangsfähig. Nach wenigen Minuten erschien dieselbe an der Thür und lud uns ein:„in das gute Zimmer zu treten." Wir folgten ihrer Einladung, nahmen in der mehr als bescheidenen„guten Stube" tlatz, dieweil Frau W. sich noch für wenige uaenblicke entfernte. Wir hatten nun Zeit, aus der Schachtel einen Bleiguß zu nehmen und stellten denselben auf ein Spiegeltischchen, in der Voraussetzung, daß Frau W. nun bald erscheinen werde, um uns aus dem Bleigebilde, welches ungefähr einen Felsabttß darstellte, weissagen zu lassen. Wir hatten uns aber in der Annahme, daß die Frau Wahrsagettn m. der guten Stube„arbeiten" werde, gründlich getäuscht. Frau W. öffnete nämlich die Thür zu einem sehr engen Alkoven, der nur geringes Licht von der„guten Stube" empfing und deshalb durch ein kleines Lämpchen magisch erleuchtet wurde. Frau W. nahm, indem sie uns durch eine galante Bewegung zum Sitzen einlud, Platz. Die geheimnißvolle Wahrsagerin, ungefähr eine Frau in den vierziger Jahren, mit halblangem. herabfallendem, blondem Haar, im Gesichte nur noch geringe Dort saßen die guten Leute iminer, wenn die Abend- schatten herniedersanken, jedes mit einem großen Strick- strumpf, und sprachen von ihren Kindern, die vor ihnen gestorben waren, oder fteuten sich über ihre„vier Pfähle", wie am Hochzeitstage. Oder sie überlegten wohl auch miteinander, wie alt ein jedes von ihnen sei, was mitunter zu einem erregten, hochergötzlichen Streite führte, weil beide die Zeitrechnung ganz und gar verloren hatten. Dabei ließ die Dörthe jedesmal die Maschen fallen und der Jakob mußte sie wieder aufnehmen, weil er nämlich die bessern Augen hatte. Wenn dann die Dorfuhr drüben am Kirchthurm neun Uhr schlug, begaben sie sich sammt dem hochbejahrten, weißen Kater, der ihr steter Begleiter war, in ihre„vier Pfähle" und legten sich glücklich und zuftieden in die alten Betten, die irgend ein berühmter Dorftünstler vor wer weiß wie viel Jahren mit schönen bunten Arabesken bemalt hatte. Gott sei Dank, daß alte Leute nicht fchwer sind— denn die schönen Betten krachten gar bedenklich in ihren Fugen, wenn sich die Guten zur Ruhe streckten.—--- Ja!— Ja!— Es sah überhaupt bei Lichte be- trachtet mit den ganzen wundervollen„vier Pfählen" schon recht bedenklich aus, und man darf ja nicht glauben, daß die drei Menschenalter spurlos an dem Häuschen vorübergezogen wären. Auf dem alten Schindeldache, das hier und da schon gefährlich angefault war, wuchs feuchtes, dunkelgrünes Moos, und wenn es einmal gar zu lange regnete,'sickerte die Nässe durch, daß dem alten Vater Jakob Nachts die Tropfen auf die Nase fielen, und durch die Risse und Spalten in der Mauer rieselte das Wasser in den Keller hinunter—— es hätte kein Mensch mehr einen Pfifferling für die„vier Pfähle" gegeben. Der alte Jakob aber liebte sein Häuschen mit einer närrischen Liebe, wie wir ein herziges, unartiges, einzige» Kind, das uns ärgert und kränkt, immer wieder mit zärt- lichen Armen umfangen.. Der Aerger verfliegt— ohne auch nur ein Quentchen von der alten, treuen Liebe mitzunehmen. Eines sonnigen Mittags nun, als der alte Jakob sein Schläfchen hielt und die vorsorgliche Dörthe mit der Fliegen- klappe vergeblich auf eine freche Brummfliege Jagd machte, Spuren einstiger Schönheit, nabin den Bleiguß aus unserer Hand, betrachtete erst uns, dann das Blei mit aufmerksamein Blicke und begann alsdann in einem eigenthümlich singenden Tone ungefähr 15 Minuten lang aus unserer Vergangenheit und unserer Zu- kunft zu erzählen. Wir mußten dabei ruhig und ziemlich de- wegungslos dasitzen und unverwandten Blickes auf den Blei- klumpen, mit dem sie allerlei Bewegungen ausführte, sehen. Was uns Frau W. Sensationelles, Verlockendes und Betrüben- des aus unserem Leben mit Hilfe des Bleiguffes gesagt hat, würde unser unschuldsvollcs Gemüth vielleicht befangen haben, wenn wir selbst das Blei gegossen hätten; so aber deutete Frau W., die uns erklärte, daß alles, was sie sage, eine höhere Ein- gebung sei, aus dem Bleiguß eines jungen Mädchens die Zu- kunft eines auf Abenteuer ausgehenden Zeitungsschreibers. Auf unsere Frage nach dem Honorar erklärte Frau W., daß sie das- selbe bei so„feiner Kundschaft stets in das Belieben der Kun- den stelle. Wir erleichterten uns um 1,50 M., wickelten unseren Blciguß wieder ein und eilten nach vielen Verbeugungen und Bücklingen seitens der„erleuchteten" Frau ins Freie, um unsstehen- den Fußes zur geheimnißvollen Wahrsagerin a la Lenonnand in die Jerusalcmerstraße zu begeben. Hier mußten wir eine steile finstere Treppe erklimmen. Endlich standen wir vor einem Schild, auf dem mit großen Lettern zu lesen war:„Bitte hier zu klingeln." Wir thatcn es, ein alter Mann öffnete und führte uns durch eine finstere Küche in ein noch finsteres Hinterstübchen. Frau Br., alias Lenormand, war noch nicht anwesend; wir nahmen auf dem Sopha Platz. Vor demselben stand ein wacke- ligeS Tischchen, auf das der alte Mann eine Lampe setzte. Jetzt vermochten wir einige Gegenstände zu erkennen. Auf dem Tisch stand ein großes Marzipanschwein, dessen Bedeutung wir uns nicht klar machen konnten: dann lag daneben ein gedruckter Zettel mit der Bemerkung, daß jede Konsultation 1 Mark koste. Bald erschien aus dem Dunkel des Nebenraumcs eine Hühnen- gestalt von Weib, mit einem Manncsgesicht und Händen, daß wir ein Gefühl der Furcht nicht zu unterdrücken vermochten. Ohne viel Aufhebens zu machen, nahm sie aus unserer Hand den Äleiguß, befahl uns, still zu sein, sie nicht zu stören, stellte sich init dem Gesicht gen Osten, machte mit der Hand einige Zeichen in der Luft und begann ziemlich dieselbe Litanei, wie ihre Kollegin in der Wilhelmstraße. Fast alles stimmte genau mit dem, was die vcrwittwete Oekonomicinspektor sagte, über- ein. Nur mit Bezug auf unsere ehelichen Verhältnisse täuschte sich Frau Lenormand; die Anzahl der Kinder, die wir die un- seren nennen, stimmte nicht, ob diejenige richtig ist, die uns nach Ansicht der Wahrsagerinnen noch bcschieden sein soll, wagen wir nicht zu bestreiten. Frau Lenormand war zu Ende. Wir erhoben uns, drückten mit großer Vorsicht in die uns dargc- botcne Hand eine Mark und empfahlen uns. Da erblickten wir auf dem Tisch ein zweites Bleistückchen. Als ob Frau Lenor- wand unsere Gedanken errathcn hätte, nahm sie das Stückchen Blei und sagte:„Sehen Sie, mein Herr, das ist ein Bleiguß, den eben ein Offizier mit seinem Burschen zu mir geschickt. Dieser Guß hat eine tiefe Bedeutung; es ist ein zerschossener Helm: Es giebt also bestimmt— Krieg!" Wir veröffentlichen den Ausspruch der Wahrsagerin, damit die Welt weiß, woran sie ist." Nachdem auf den zahlreichen, künstlich hergestellten Eisbahnen unserer Stadt bereits seit Wochen klirrend der Schlittschuh einhersaust,' sind nun auch die natürlichen Bahnen den, kräftigenden, uralten Sport freigegeben. Ja, uralt ist der Eislauf. Zwar ist, wie Klopstock in seiner berühmten Ode richtig sagt, der Name dessen,„der dem Fuß Flügel erfand", nicht auf uns gekonimen, aber daß die Kunst des Schlittschuhlaufens schon in der vorgeschichtlichen Zeit geübt worden, beweist die nord- germanische Mythe, welche die Erfindung des„Flügelschuhcs" einem Gotte zuschreibt. Die ersten Schlittschuhe waren aller- dings keine Gebäude aus Holz und Eisen oder blos aus Metall, sondern aus jenem einfachen Material gefertigt, das unfern ältesten Vorvordern zu mancherlei Werkzeugen dienen mußte, nämlich aus Knochen, die glatt geschliffen und mit Löchern zum Befestigen der Riemen versehen waren. Solche prähistorischen beinernen Schlittschuhe sind in Schweden und auch in der Nähe von Bern gefunden worden, und zwar hier zusammen mit Resten von Pfahlbauten, so daß man annimmt, schon die Pfahlbaumenschcn hätten die Kunst des Eislaufes verstanden. Allerdings hat es Forscher gegeben, welche den durchlöcherten Knochen die Be� stimmung als Schlittschuhe bestritten, aber diese Zweifel wurden glänzend widerlegt durch eine aus dem siebzehnten Jahrhundert stammende Beschreibung von London, deren Verfasser, Fritz Stephen, berichtet, daß im Winter die Knaben zur Ueberschrei- tung des gefrorenen Moores im Norden von London sich Knochen unter die Füße banden. Aehnliche primitive Schlitt- schuhe hat man gewiß auch in Deutschland gekannt, und viel- leicht stammt von ihrem Gebrauche die Redensart„bis auf die Knochen frieren". Nicht immer stand der Eislauf so in Ehren wie in alter Zeit und wie heute wieder. Noch bis in die vierziger Jahre war der Schlittschuh, abgesehen von den skandinavischen Ländern und Holland, ein ausschließliches Vor- die jedoch viel geschickter und jedenfalls auch ungleich jünger war, als sie—— klopfte es an die Thüre und ein paar städtische Herren traten ein, so vornehm und adlig, wie sie wohl noch nie diese Schwelle überschritten hatten. Hinter ihnen stand mit der Mütze in der Hand der Dorfschulze, der den Herren unterthänigst den Weg gezeigt hatte. Die Herren nahmen lächelnd auf den dargebotenen Holz- stühlen Platz und bedeuteten den Alten, der erstaunt auf- gestanden war, höchst leutselig:„Er möge nur ja sitzen bleiben und sich in seiner Bequemlichkeit nicht stören lassen — sie hätten eine wichtige Botschaft für ihn." Da wurde der Zakob immer erstaunter und die Dörthe ließ vor Auftegung die Fliegenklatsche aus der Hand fallen und merkte es nicht einmal.-- Nun zog der eine der beiden Herren eine Anzahl Papiere und Pläne aus der Tasche und hielt eine lange Rede, von der der Jakob nicht sonderlich viel verstand, da sie in viel zu gebildetem Tone gehalten war und eine Menge fremoer, unverständlicher Wörter darin vorkam aber der helle Angstschweiß perlte ihm von der Stirn, als er merkte, daß sein liebes, unscheinbares Heim, um das sich bis jetzt nie ein fremder Mensch gekümmert hatte, dabei eine bedeutende Rolle spielte. Die vornehmen Herren sahen an der verlegenen Miene des Alten, daß er sie nicht ganz begriffen habe und baten den Schulzen lachend, ihnen doch mit seiner ländlichen Sprachkenntniß ein wenig beizuspringen und der machte nun nach tausend demüthigen Bücklingen dem Jakob auf gut Bäuerisch klar:„daß der Staat eine Zweigbahn durch die Gegend baue, daß er dazu das Fleckchen Erde, aus dem Jakobs Häuschen stand, unumgänglich nothwendig brauche und daher dem guten Alten sein Besitzthum um ein schön Stück Geld abkaufen wolle." „Seid ftoh"— setzte der Schulze mit einem mit- leidigen Blicke auf die zerfallenen Dielen und rissigen Wände hinzu:„Seid froh, daß Ihr die Baracke los werdet. Auf der ganzen weiten Welt würdet Ihr sonst keinen Käufer dafür finden." Dem Alten stieg vor Zorn und Aerger das Blut ins recht der Männee. Allerdings berichtete schon die„Voss. Ztg." in einer Londoner Korrespondenz vom 5. Januar 1787, daß die Damen in London ansingen, Schlittschuh zu laufen; man habe einige zwanzig sich auf den Gewässern des Hydeparkes tummeln sehen. Aber auf dem Kontinent fand dieses Beispiel erst viel später Nachahmung. Ende Ottober vorigen Jahres be- richteten Berliner Blätter, die ersten Eislaufvcrsuche seitens Berliner Damen seien Anfang der fünfziger Jahre gemacht worden und zwar auf dem Svrecarme bei den Zelten. Doch nur die lokale Angabc ist richtig, während das Wunder schlittschuhlaufender Damen bereits im Januar 1845 in Berlin gesehen wurde. Davon melden freilich die Tagesblätter jener Zeit nichts, wohl aber die periodischen Zeitschriften, von denen ein Theil es auch nicht unterläßt, seinen tiefen Abscheu über das unweibliche Beginnen auszudrücken. So schreibt der„Frei- müthige":„In meinem ganzen Leben habe ich noch nichts Un- graziöseres gesehen, als eine Dame, die Schlittschuh läuft. Der Körper verliert alle Weichheit der Formen, und das vor Kälte ziegelrothe Gesicht giebt die Vollendung. Dazu gehört nun noch die Zigarre im Munde, die diesen recht breitspurig und die Augen durch den Rauch triefend macht." Nun, das schöne Ge- schlecht hat sich durch diese griesgrämliche Kritik nicht beirren lassen. Wer möchte heute die jugendliche Frauenwelt auf der Eisbahn missen und wer möchte sich daher nicht freuen, daß hier Gelegenheit, meist aber leider nicht hinlängliche Zeit zu einer gesunden und kräftigenden Lcibcsübung geboten wird. Aus den ungeschickt einherstolpcmden Anfängerinnen, wie sie das Jahr* 1845 vielleicht gesehen, sind gar gewandte Eis- läuferinnen geworden, die auf dem stählernen Wasselkothurn sich nicht minder anmuthig bewegen, wie im schmiegsamen Tanz- schuh. Mährend der letzte« Frosttage herrschten in den Eisen- bahnwagen unserer Stadt- und Ringbahn geradezu unetträg- liche Zustände, infolge einer völlig ungenügenden Heizung der- selben. Ab und zu hatte man Gelegenheit, einem leidlich ge- heizten Zuge zu begegnen, aber die große Mehrzahl derselben ließ von einer vorher gegangenen Heizung überhaupt nichts ver- spüren; eine entsetzliche Kälte herrschte in den Koupees; die an einzelnen Stellen verschobenen und zusammengerollten Fußdecken waren in dieser Form festgefroren und die Fenster dick mit Eis bedeckt. Die Sache wurde so arg, daß die Betriebs- instmktion für den Stadt- und Ringbahnverkehr geändert wer- den mutzte und auf allen Stationen das Ausrufen der Station bei den einfahrenden Zügen erfolgte, was dringend nöthig war, da von den Koupeefenstern aus von den Stationen nicht das Geringste zu sehen war. Diese Zustände sind unerträgliche und es muß mit allem Nachdruck auf ihre Beseitigung hingewirtt werden, vor allen Dingen in der Presse, denn jeder Einzelne glaubt bei der kurzen Dauer einer solchen Eisenbahnfahrt keine genügende Veranlassung zu haben, in derüblichen WeiseBefchwerde zu führen, und so könnte sich die Behörde mit dem bequemen Einwände abfinden, daß die hier angedeuteten Uebelstände amtlich gar nicht zu ihrer Kenntniß gekoinmcn seien. Im vorigen Jahre war während der Zeit der strengen Kälte die Heizung unserer Stadtbahn- und Vorortzüge eine bedeutend bessere und diese Heizung ist auch dringend nöthig. In kurzen Zwischenräumen von wenigen Minuten halten diese Züge und die Koupeethüren werden geöffnet, wobei die Kälte einströmt. Snd da die Heizapparate nicht so mit dem nöthigen Wärmevorrath versehen, daß sie die Temperatur möglichst gleichmäßig erhalten, so wird natürlich die Kälte in solchem Koupec bald überhand nehmen. Will man sich aber ein Bild von den Gefahren machen, die durch ein solches ausgckältetcS Koupee herbeigeführt werden können, so fahre man einmal mit einem der Abendzüge des Nordrings um die Zeit, wo die Arbeiter, von den Arbeitsstätten heimkehrend, diese Züge zu benutzen pflegen. Auf jeder Station sieht nian noch einige ini Dauerlauf herbeieilen, um den Zug rechtzeitig zu erreichen. In der dicken Winterlleidung in Schweiß aerathcn, müssen sie nun in solch ein Koupec ein- steigen und gewöhnlich lange genug darin aushalten, um sich eine lebensgefährliche Erkältung zuzuziehen.— Diese Verhältnisse sind unerträglich. Sie sind auch leicht zu ändern, wenn nämlich für die Heizung der Wagen einige Arbeitskräfte mehr verwendet werden. Eine gründliche Heizung der Wagen dürfte reichlich für eine Stunde den nöthigen Wärmevorrath liefern und nach diesem Zeitraum findet sich für den betreffenden Wagentrain sicherlich die nöthige Pause, um eine neue Heizung vorzunehmen. Fast möchte man annehmen, daß eine übertriebene Sparsamkeit an diesen Verhältnissen die Schuld trägt. Soviel steht fest, daß wir beständig über den Stadtbahn- und Vororts- verkehr zu klagen haben; im Sommer ist es die Unzulänglich- keit der Züge und die infolge dessen cinttetende Ueberfüllung der Koupees; im Winter fehlt die letztere, namentlich beim Stadt- und Ringbahnverkehr auch nicht, dazu kommt aber noch die schauerliche Kälte in den Wagen beim Frostwetter. Man sollte doch glauben, daß sich die vielgerühmten Vorzüge der staatlichen Bahnveiwaltung vor der privaten in einer für das Publikum angenehmeren Weise äußern könnten. Gin dichter Uebel, wie er in unseren Gegenden zu den Gesicht, als er in so verächtlicher Weise von seinem geliebten Stammsitz reden hörte. „Und wer sagt Euch denn, daß ich je einen gesucht habe!" ließ er den Schulzen hart an und zu seinen Be- suchern gewendet fuhr er fort:„Nein, meine werthen Herren, meine„vier Pfähle" sind mir nicht feil und wenn man mir eine Million dafür böte. Hier bin ich geboren, hier will ich sterben, und wenn ich Eurer Zweigbahn im Wege bin, so mag sie bei meinem Häuschen immer einen hübschen Bogen machen.— Das ist die verkehrte Welt, wo das Haus der Kutsche aus dem Wege geht, Punktum!" Er war bei den letzten Worten ganz unwirsch gewor- den— der gute Alte, und als man nun begann, ihn von allen Seiten mit Vorstellungen und Ermahnungen zu be- stürmen, richtete er sich kräftig auf und sprach:„Nichts für ungut, werthe Herren! Ich schwör's Euch zu— ein für alle Mal— daß ich dies Haus nicht eher ver- laffe, als bis mich die schwarzen Männer in die neue Wohnung drüben hinter der Dorfkirche tragen und daß man kein Stämmchen aus meinem Rosengarten reißen soll, ehe sie mir's oder der Dörthe auf's Grab pflanzen — Punktum! Nichts für ungut!" Da steckten die vornehmen Herren auf einmal eine un- gemein wichtige Amtsmiene auf und der eine sagte mit ernster Stimme:„Seid gescheit, Jakob, seid gescheit, und thut gutwillig, wozu man Euch sonst zwingen wird!" Da stand nun der alte Mann und die mühsam be- meisterte Erregung kam gewaltig zum Durchbruch. Die ein- gefallene Brust wogte auf und nieder wie kaum je in jungen Jahren und die Hand mit dem Krückstock zitterte und bebte so, daß die Dörthe ganz erschrocken herantrat, um ihren Mann zu stützen. Sie hatte still weinend in der Fenster- nische gesessen und mahnte jetzt mit leiser, thränenerstickter Stimme:„Jakob, Jakob— gieb nach— sonst giebt's ein Unglück." Der Alte richtete sich mühsam empor und sagte:„Sei ruhig, gutes Weib, und fürcht' Dich nicht,'s ist ja nicht Möglich und kann ja nicht sein, daß unschuldigen Menschen so bitteres Unrecht geschieht. Gieb mir den Sonntagsrock und dürft' mir den Hut aus. Ich will hinüber auf's Schloß zum Freiherrn— dort bring ich dem jungen Fräu- größten Seltenheiten gehört, lagerte gestem Morgen über Berlin. Zwar waren wir auf einen Witterungswechsel gefaßt, nachdem die Prognose vom vorgestrigen Abend für gestern „wärmeres Wetter" vorausgesagt halte, aber ein so jäher Um- schlag, von 8 Grad unter bis 1 Grad über Null, kam doch un- erwartet. Leute, welche früh aufwachen, waren allerdings einiger- maßen vorbereitet, denn die Spatzen, welche in den letzten kalten Tagen kläglich verstummt waren, vollführten heute Morgen einen wahren Frühlingslärm. Wer nun, neugierig gemacht, den Fenstervorhang aufzog, fuhr wohl erschrocken zurück, da ihm ein dichtes, undurchdringliches Nebclmeer entgegen wallte. Erst um die Mittagsstunde lüftete sich der verhüllende Schleier ein wenig. In den Geschäftsräumen und Bureaus war man ge- nöthigt, Licht anzuzünden, und es gewährte einen eigenthüm- lichen Eindruck, am sogenannten„hellen" Tage überall die Gas- und elektrischen Flammen brennen zu sehen. Am Morgen hätte selbst Straßenbeleuchtung nicht schaden können; ver- mochte man doch selbst gegen Mittag nicht, deutlich von einer Straßenecke zur andern zu sehen. Natürlich war dieser unge- wöhnliche Nebel für den Wagenverkehr sehr hemmend und hat zu verschiedenen Unfällen Anlaß gegeben. Eine förmliche Wagenburg häufte sich gegen 8 Uhr früh an der Ecke der Garten- und Elsasscrstraße auf. Daselbst waren mehrere Droschken und Arbeitswagen in- und aneinander gefahren, zwei Pferdebahnwagen kamen von entgegengesetzten Seiten dazu und es währte geraume Zeit, ehe der unentwirrbar scheinende Knäuel wieder gelöst war und die Fuhrwerke in Bewegung gebracht werden konnten. Schlimmen Schaden dürften von dem Witterungswechsel die Eispächter haben. Gestern erst waren im Thier- garten die Eisbahnen eröffnet worden; hält aber das gelinde Wetter nur wenige Tage an, so droht ihnen ein schnelles Ende. Die Pächter müssen, wie bekannt, die ansehnliche Pacht cnt- richten, sobald überhaupt nur die Eisbahnen zur öffentlichen Be- Nutzung übergeben worden sind. No« den Kretter«, welche dleMelt bedeuten. Wir lesen im„B. C.": Die neugeschlossenen„mehrjährigen"Engagements- vertrüge" derBühnennntgliedcr bilden seltene und vomRcchtsstand- punkt der Billigkeit aüs sehr bedauerliche Kuriosa. In jedem anderen Berufszweiae bieten die Anstellungs- oder Arbeitsverträge bezüglich der Kontrattsdauer beiden Theilen gleiche Rechte und Pflichten, in vielen Berufszweigen ist der Arbeiter, als der schwächere Theil, vor dem Arbeitgeber sogar bevorzugt.(?) Im Theaterlebcn allein verleiht der Vertrag dem Direktor einseitig das Recht, nach Ablauf eines Jahres das Engagements für abgelaufen oder für verlängert zu erklären, ein entsprechen- des gleiches Recht steht dem Bühnenkünstler aber nicht zu. Er hat einfach in Dcmuth und Geduld bis zum letzten Augenblick auf die Entschließung des Direttors zuwarten, in voller Ungewiß- heit über seinSchicksal. Und wenn inzwischen anderwärts das blanke Gluck sich ihm bietet,— er darf es nicht ergreifen, weil es seinem Di- rektor möglicherweise gefallen könnte, ihn weiter zu behalten. Und wenn er sieht, daß der Direktor sich nach einem Ersatz für ihn bereits umsieht, daß er seinen Nachfolger bereits gastiren läßt, er darf sich nicht einmal nach einer anderen Versorgung umsehen, es darf ein Theaterleiter, welcher dem Bühnenvel- band- angehört, gar nicht mit ihm verhandeln— sein Direktor könnte ihn ja vielleicht doch noch behalten wollen. In vollster Ungewißhett über sein Schicksal, ja selbst in der vollsten eigenen Gewißheit, daß er auf eine längere Dauer seines Engagements nicht zu hoffen bade, darf der Bühnenkünstler nichts zur Sicherung seiner Zukunft thun. Diese Einrichtung ist darum nicht minder inhuman, weil sie nur die kleinen Bühnenexistenzen, das solide, aber leicht ersetzbare Mittelgut trifft. Künstler von großem Ruf sind immer gesucht, sie lassen sich derlei drückende Bedingungen auch gar nicht gefallen,— wie sie es im Gegentheil ihrerseits verstehen, den Direktoren Be- dingungen zu diktiren. Die Direktoren freilich können ihrerseits auf einen Künstler, der unannehmbare Bedingungen stellt, ein- fach verzichten, aber der kleinere Schauspieler kann nicht auf Engagement verzichten. Er muß leben, und die Kunst ist sein einziger Erwerbszweig. Die tolle, grausame Härte jenes einseitig den Direttoren allein zustehenden Entlassungs- oder Kontrakt- Verlängerungsrcchtcs wird erst klar, wenn man bedenkt, daß ein einzelner Künstler von mittlerer Bedeutung nicht das ganze Schicksal des Direttors ausmacht, während die Existenz, daS ganze Schicksal des Künstlers in der Hand des Direktors ruht. Verträge, die derlei wichtige Rechte einseitig nur einem der kontrahircnden Theile zugestehen und zwar nur dem naturgemäß stärkeren Theile, zu Ungunsten des Schwächeren, sind in vielen Staaten ungiltig. Bei uns gelangen sie gar nicht zur Kenntniß des Richters, weil das Präsidium des Bühnenvereins, in eigener Sache richtend, in Verttagsstreitigkeiten entscheidet. Im Stillen macht sich in der Theaterwelt jetzt eine Bewegung gegen diese ungleiche Vettheilung der Rechte geltend.— Es herrscht also überall die gleiche bmtale Ausbeutung: derjenige, der das Geld hat, hat die Macht, über einen anderen willkürlich zu verfügen. lieber das neue Induftrirgebäude in der Kentß- ftraße bringt die„Deutsche Bauztg." einen längeren Aufsatz, lein einen Busch Rosen und bitt' den gütigen Herrn uud Rath und Hilfe. Er hat's immer gut mit mir gemeint nm wird mich auch heute nicht im Stiche lassen. Leb' wohl, Dörthe— auf den Abend bin ich zurück."—— Der Abend kam und als es drüben auf der Dorfuhr acht schlug, trat der Jakob über die Schwelle seines Häuschens. Er war bleich wie eine Leiche und hatte die blutlose« Lippen zusammengekniffen, als verbisse er einen bitten» Schinerz. Die Dörtche sah bebend, wie er wortlos den Rock aus- zog und den Hut ablegte und von Zeit zu Zeit mit einem ivehmüthigen, auf sie gerichteten Blicke stehen blieb, als er- warte er ein Wort, eine Frage aus ihrem Munde. Als sie aber in ihrem ängstlichen Schweigen beharrte, legte er die Hand auf ihre Schulter und sagte dumpf r „Nicht wahr, Dörthe, Du siehst mir's an, ohne daß ich zu reden brauch', was für eine Botschaft ich bring'? Die vor- nehmen Herren haben Recht gehabt— man will uns von Haus und Hof treiben, als ob man eine Schandthat an uns ahnden wollte.—'S ist hart,'s ist hart!" Eine lange unheimliche Pause folgte den wenigen Worten. Nur das Tiktak der alten Wanduhr hallte durch die Stille. Die Dörthe schaute schüchtern und zweifelnd zu ihrem Gatten empor.„Und Du giebst nach, Jakob?" „Ich?— Nachgeben?— Nimmermehr!— Ich Hab' mein Lebtag dem Unrecht nicht nachgegeben und thu's auch jetzt nicht, wo man mir's unter dem Namen„Gesetz" gegenüberstellt. Auf dem Heimweg Hab' ich einen heiligen Schwur gethan, daß ich nicht wanken und weichen und meinem lieben Häuschen, das der Stolz meines Lebens, die Er- quickung meines Alters gewesen ist— nicht mit Undank lohnen will. Mag's kommen— wie's will— ich weiche nur der Gewalt!— Dabei bleibt's— Punktum! Wider- sprich mir nicht, Dörthe!"——„So weit können fie'S ja nicht treiben," tröstete eine leise Stimme in seinem In- ncrn und seine Mienen erhellten sich. „Wenn sie's aber doch so weit treiben?" fragten die angstvollen Züge der Dörthe und es überlief ihn eiskalt, daß er meinte, er hätte das Fieber.--— Und sie trieben's so weit— die Regierung machte I welchem wir folgende Zeilen entnehmen: Nicht die am wenig- sten intcrssante Seite des Baues ist die künstlerische, welche in der von uns mitgetheilten Fassade an der BeuthsKassc gipfelt. Es kommt bei dieser, in den Formen italienischer Renaissanze gegliederten und in Postelwitzer bezw. Cottaer Sandstein aus- geführten Fassade in wahrhaft überzeugender Weise zum Aus- druck, wie dankbar die Aufgabe eines großstädtischen Geschäfts- Hauses ist und welcher monumentale architektonische Eindruck sich dabei erzielen läßt, wenn nicht die künstlerisch unvereinbartcn Anforderungen des Wohn- und Geschäftshauses gleichzeitig er- füllt werden sollen. In seiner klaren Gliederung, in seinen ge- fälligen Verhältnissen und in der edlen Durchbildung der auf eine kräftige Schattenwirkung berechneten Einzelheiten gehört das Haus ohne Frage zu den besten und vornehmsten bau- lichcn Schöpfungen, die neuerdings in Berlin überhaupt cnt- standen find. Konfiskation. Gestern wurde auf Antrag eines aus- wärtigcn Gerichtshofes in den hiesigen Buchhandlungen Dr. Soltaus Ueberseyung des Dekamcron von Boccaccio konsiszitt. Eine gleiche Maßregel war gegen das Buch vor 4 Jahren bereits ausgeführt worden, doch wurde damals die Ucbersetzung in 3 Tagen wieder freigegeben. Macht einen Kogen! Zahlreiche Augenerkrankungen werden durch Verletzungen veranlaßt, welche man sich durch eigene Unvorsichtigkeit zugezogen hat. Wenn man nämlich dicht an Arbeitern, welche mit Eis- oder Steineklopfen beschäftigt find, vonibergeht, so läuft man Gefahr, daß scharfe Splitter in den Augapfel fliegen, Entzündungen hervorrufen oder sogar das Sehvermögen zerstören können. Erst kürzlich ist hier in Berlin eine junge Dame auf diese Weise plötzlich um das Licht des einen Auges gekommen. Gerade jetzt zur frostigen Winters- zeit, wo beim Abklopfen des Eises die spitzen Eissplitter nach allen Richtungen fliegen, ist die Gefahr, sich Augenverletzungen oder Blendungen zuzuziehen, eine um so größere, und mit vollem Rechte hat daher unser berühmter Augenarzt, Professor Schweiggcr, den einfachen und leicht zu befolgenden Rath ge- geben, m der Nähe von Stein- und Eisklopfern„einen Bogen zu machen", um der geschilderten Gefahr aus dem Wege zu gehen, denn„eine edle tzimmelsgabe ist das Licht des Auges..."— So lesen wir in der„Bett. Ztg." Was die Arbeiter machen sollen, die mit derartigen Arbeiten beschäftigt werden, kümmctt das freisinnige Blatt nicht. Unschuldig verurtheilt. Wir reproduzitten dieser Tage nach der„Staatsbürger-Ztg." einen Attikel, welcher sich mit der am 5. Mai 1885 durch die zweite Sttafkammer des Land- gerichts l erfolgten Verurtheilung des Schneidermstt. Rud. Diemke, Langestr. 17 wohnhaft, beschäftigte. In dem Attikel wurde angegeben, daß die Verurtheilung erfolgt war auf die Aussagen eines einzigen Belastungszeugen, des Kürschners Wolff, gegen welchen gegenwättig Anklage wegen wissentlichen Meineides schwebt. Herr Uhrmacher Carl Götzmann, Dresdenerstraße 7, theilt der„Bett. Ztg." nun mit, daß die Vemttheilung Diemke's seiner Zeit nicht nur auf Grund der Aussage des Wolff erfolgt sei, sondern daß gegen Diemke noch mehrere andere Fälle von Urkundenfälschungen vorgelegen haben. So habe derfelbe von Götzmnnn zwei Wechsel erhalten, dieselben diskontirt und das Geld im eigenen Nutzen verwendet. Auf die Anzeige Götz- mann's hin sei die Untersuchung gegen Diemke eingeleitet und erst in deren Verlauf seien die übttgen Anklagepunkte eruirt worden.— Eine völlige Klarlegung des Sachverhalts wird sicher bei der Verhandlung gegen den derzeitigen Zeugen Wolff, welche vor das Schwurgericht verwiesen ist, erfolgen, bis dahin erscheint eine weitere Diskussion über die Angelegenheit nicht opportun. Unvcrkofite« Glück. Am 30. v. M. hatte der lang- jährige Kassenbote eines hiesigen Bankgeschäftes eine Tasche mit 8080 M. verloren' alles Suchen und Nachfragen war vergeblich. Schon hatte der Bote, um den Verlust des ihn: anvertrauten Geldes zu decken, sein eigenes Vermögen angegriffen, als er am NeujahrSmorgen eine Karte erhielt, rn welcher ihm mitgetheilt wurde, daß die Frau des Restaurateurs tz. in der Grenadier- straßc am 30. Abends ein Portefeuille mit obigem Inhalt gesunden und aus Visitenkatten, die sich darin befanden, in H. den Besitzer des Geldes vcrmuthete. Freudig eilte der durch solchen'Neujahrsgruß auf das Freudigste überraschte Bote nach dem H.'schen Lokale, woselbst ihm das Verlorene eingehändigt wurde. Als er nun den gesetzlichen Findcrlohn auszahlen wollte, lehnte die brave Frau die Annahme desselben ab, weil er durch die ausgestandene Angst schon genug für seine Unauf- merksamkcit gestraft sei. K,i dem Juwelier K. in der Friedrickstrasse er- schienen gestern zwei Herren und wählten einen Brillantring im Wetthe von 230 Mark. Die Bezahlung und also auch die Aushändigung des Ringes unterblieb, weil beide Herren ihr Geldzu Hause„vergessen" hatten. Doch sollte der Betrag in der Wohnung entrichtet werden, wenn der gekaufte Gegenstand dort überreicht würde. Der Juwelier schickte seinen.Hausdiener mit dem Ringe dahin, schärfte demselben aber ein, den Ring nur gegen sofottige Baarzahlung auszuhändigen. Die jungen Ernst! Daran war nach wenigen Wochen nicht mehr zu zweifeln. Die Tage des Häuschens waren gezählt und der Augenblick nahte, wo es ein stilles, harmloses Glück unter seinen Trümmern begraben sollte. Glück?— Davon wußten die„vier Pfähle" längst kein Sterbenswörtchen mehr zu erzählen. Traurig senkten die Rosen ihre Köpfchen und auf der schattigen Bank vor der Hausthür lag dicker alter Staub, es hatte schon lange Niemand mehr dott gesessen und sich des würzigen Sommerabends gefreut. Drinnen lag die Dörthe bleich und hager auf dem Kissen. Sie zählte nach dem Picken des Holzwurms, wie viel Stunden sie wohl noch zu leben habe und der Zakob saß verstört an ihrem Lager und rieb ihr zärtlich die er- storbenen Hände. Die treue Alte hatte es nicht mit ansehen können, wie der Gram und Kummer den guten, braven Mann durch- wühlten und zerstötten— da war sie selbst auf's Kranken- bett gesunken— und mit 70 Jahren verwindet man's nicht so leicht wie mit 20.———— Keines sprach ein Wott— es war unheimlich still im 3inuwct——— Jtf— töf— ixt— Icif— tif——— schnapp stand die Uhr still, weil der Jakob in seiner Sorge das Aufziehen vergessen hatte. Die Dötthe aber ergriff «ofe. s"ne Hand und sagte:„Hörst Du's Jakob?— Nächstens um die Zeit!— Das gilt mir!" »Dder dem Häuschen," antwortete der Jakob erschüttett «n1 t?0n neuem in tiefes Nachdenken. Wozu hätte er erst viel reden und trösten sollen!—— Und am nächsten Tage, da kam die Unglücksbotschaft, daß man den Jakob im Namen des Gesetzes zwingen werde, sein Häuschen zu verlassen, wenn er es binnen acht Tagen nicht gutwillig thäte. Die Zeit verging— in der Nacht vom siebente» zum achten Tage schlich sich der Jakob zum ersten Mal seit langem wieder in sein Gärtchen, schnitt mit zitternden Händen und thränenden Augen alle— alle Rosen ab, warf seine Lieblinge in den Strom, daß sie keine rohe unwürdige Hand bräche und erwartete düster gefaßt den Tag und sein Verhängniß. Die Häscher kamen und mit ihnen ein Bote des Schloß- Herrn, der dem Jakob einen versiegelten Brief brachte. Er öffnete und las der Dörthe, die in namenlosen Herren, die sich in ihrer Wohnung in weiblicher Gesellschaft befanden, wußten den Ring an sich zu bttngen, indem sie dem Hausdiener einen Wechsel übergaben und dabei den Glauben erweckten, als ob derselbe ebenso wctthvoll sei, wie Papiergeld; da die Tratte auf 300 Mark lautete, so sollte der Hausdiener noch 70 Mark zurückbringen. Der Juwelier machte der Polizei sofort Anzeige. Bei einer Haussuchung fanden sich im Besitze der beiden jungen Leute außer dem Ringe zusammen— 5 Pf. Die Schwindler wurden auf der Stelle verhaftet. ©in beschäftigungsloser Arbeiter, den die Roth zu diesem Schtttte zwang, begab sich gestern in das evangelische Missionshaus am Fttcdeichshain, um sich dott ein Mittagessen zu verschaffen. Er wurde nach der Kirche gewiesen und als er dott bescheiden sein Anliegen vorbrachte, warf ihm eine in der Kirche anwesende„feine Dame" die Thür vor der Nase zu. Der Hunger des Arbeiters wurde durch diese fromme Behand- lung nicht gestillt. Das geheimniffvoUe Verschwinden emes kleinen Knaben beschäftigt augenblicklich unsere Kttminalpolizei. Im September v. I. wurde eine Frau B. in der Charitee von ... ihrem dreizehnten unehelichen Kinde entbunden. Als die B. mit ihrem Kinde das Krankenhaus verließ, begegnete ihr eine Frau, die vorgab, Schröder zu heißen und der Mutter den Vorschlag machte, ihr das Kind in Pflege zu geben. Die B. bestellte die Frau Schröder nach ihrer Wohnung und übergab dort der Schröder im Beisein ihrer Dienstherrschaft das Kind. Die Schröder gab an, sie werde das Kind zu einer reichen Familie, Namens E., nach Chattottenburg bttngen; es handele sich um eine Erbschaft. Zufälliger Weise kannte die Dienst- Herrschaft diese Familie E. sehr genau und unterzog deshalb zunächst die Schröder einem Examen. Die Angaben der Schröder stimmten, wie die„Post" konstatitt, mit den der Herr- schaft der B. bekannten Daten genau überein, weshalb die B. keinen Anstand nahm, der Frau Schröder das Kind zu über- geben. Wie erstaunte aber die Herrschaft der B., als sie gewahr wurde, daß die Familie E. von der ganzen Geschichte nichts wußte und es sich herausstellte, daß Frau Schröder und das Kind verschwunden sind. Die Kriminalpolizei ist nunmehr eifrig bemüht, die mystettöse Frau Schröder aussindig zu machen. Vergifiung durch Heringsrogen wurde, wie die »Deutsche Med.-Ztg." berichtet, von Dr. Gaucher an einem Manne beobachtet, der drei Rogenhettnae vcrzehtt hatte. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in Angstgefühl, Erbrechen, Brennen in der Speiseröhre und im Magen und heftigen Unter- leibsschmcrzen und dauerten ungefähr 48 Stunden an. Sorg- fältige Untettuchung ergab, daß nur durch die Heringe das Uebelbefinden verursacht worden sein konnte. In Rußland kommen Vergiftungen durch Kaviar, durch Eier von Hecht, Barbe-c. öfter vor. Ein russischer Arzt, Dr. Goertz, dehandelte drei Vergiftungsfälle dieser Art in einer Familie; diejenigen Mitglieder, welche vom Rogenfisch gegessen hatten, erkrankten; die anderen, welche Milchnerfisch vcrzehtt hatten, verspürten nichts Nachtheiliges. Auch durch Barbenrogen wurden Vcr- gifwngsfälle erzeugt, welche von sehr starken Krankheitseffchei- nungcn begleitet, mit Eis, Spium und Saffran behandelt wurden. Unter den zahlreichen aus Rußland bekannt gewor- denen Fällen von Fischvergiftung handelt es sich nur in einem einzigen um.Heringsrogen. Nach Husemann sind derartige Er- krankungen nach Genuß gettngwerthigen Kaviars bei den ärmeren Klassen Rußlands häufig und enden bisweilen mit dem Tode. Worin der Giftstoff eigentlich besteht, ist noch unaufgeklätt. Um seinem Leben ein Ende zu machen» trank gestern Abend ein in der Linienstraße wohnender Ballettänzer Guftav T. ein halbes Wasserglas voll Petroleum herunter. Der ekelhafte Geschmack des Beleuchtungsstoffes mußte dem Lebensmüden je- doch neue Lebenslust eingeflößt haben, denn er zog es vor, den Rest im Glase zu lassen und Hilfe bei seinen'Nachharn zu suchen. Dieselben holten Beistand beim 18. Polizeirevier, welches die Ucbettührung des T. in die Charitee veranlaßte. Krrliner Asylvrrrin für Gbbachlosr. Im verflossenen Monat Dezember nächtigten im Männcrasnl 8875 Personen, davon badeten 992 Personen, im Frauenasyl 1440 Personen, davon badeten 112 Pettonen. Urber den Mertfi nnb dir Krdrutnng der In» schnridrknnft für Herren- und Damengarderobe, soweit die- selbe durch theoretschen Unterricht erlernbar, ist in Fachorganen sowohl als in der Tagespresse vielfach besprochen worden. Von den vielen Instituten und Akademien, wie solche in den Haupt- städtcn bereits existiren, glauben wir die Aufmerksamkeit unserer Leser und Leserinnen besonders auf ein Institut hinlenken zu müssen, welches nach dem uns vorliegenden Prospektus einer besonderen Beachtung wetth erscheint. Es ist dies die„Hirsch'sehe Schneider-Akademie, deren Uebcrsiedelung von der alten Stätte in der Ritterstt. 57 ins Rothe Schloß(Stechbahn 2) durch die rege Zunahme von Schülem nothwendig wurde und deren gegenwärtiger Leiter Direktor Rod. Hirsch den Traditionen ihres Begründers folgend, unter Assistenz bewähtter Lehrer und Lehrerinnen, das Institut auf eine sehr respektable Höhe zu Schmerzen ihr Haupt in den Kiffen barg, die wenigen Worte vor:„Guter Jakob!" „Euren Lebensabend soll keine bittere Sorge trüben— im Hause meines Verwalters sind Eure Zimmer bereit— also denkt an Euer armes, krankes Weib und geht gutwillig." „Ja Dörthe," setzte der alte Mann bebend hinzu,„ich denk' an Dich und gehe gutwillig. Sagt Eurem Herrn meinen Dank, guter Bote, und sorgt dafür, daß man mir mein schwaches Weib vorsichtig und behutsam nachschaffe.— Kommt Leute!" Er wankte mit unsicheren Schritten der Thür zu und warf, an den Pfosten gelehnt, einen letzten, thränenschweren Blick auf sein trautes Heim. Da war's ihm, als wäre sein Herz mit unzähligen einzelnen Fäden an die kleinsten Gegenstände gefesselt, als blute und spränge es schon bei dem Versuche, sich loszu- reißen— als bäte jedes einzelne:„Bleib' bei uns, Jakob — bleib bei uns"— als erzähle ihm jedes seine eigene trauliche Geschichte und die alten Erinnerungen überkamen ihn mit mächtiger Gewalt. Es wirbelte ihm vor den Ohren, schwamm ihn vor den Augen und mit den markerschütternden, wahnsinnigen Motten:„Nein, nein, nein! Ich kann ja nicht,— ich kann ja nicht!" sank er bewußtlos zusammen. „Jakob! Jakob!" stöhnte es aus den Kissen des alten Bettes und die Häscher trugen den leblosen Mann aus der Thüre seines Häuschens. Als der Jakob nach langer Zeit wieder erwachte, da wußte er nicht, daß er eine lange, böse Krankheit überwun- den, daß man inzwischen sein Haus niedergerissen und feine Dörthe— begraben habe.-- Er fragte auch nicht, wo er sei,-r wo sein Weib sei — die Hände über den Knien gefaltet saß er von Morgen bis Abend auf einem Flecke und starrte mit gläsernen Augen in's Leere—— das arme, gequälte Hirn hatte ihm den Dienst gekündigt. Nur von Zeit zu Zeit schweiften seine irren Blicke über die fremden, modernen Möbel des Zimmers— dann schüttelte er enttäuscht das schneeweiße Haupt und murmelte immer und immer wieder dieselben Worte vor sich hin:„Meine vier Pfähle! Meine vier Pfähle!" Diese Worte riefen ihm auch die Gassenbuben nach, bttngen vetttand. Es wird, uns u. A. m. als eine Thatsache verbürgt, daß nach einem bestimmten System der Hirsch'fchen Schneioer-Akademie in den größten Geschäften des In- und Auslandes gearbeitet wird. Die Zahl der hier ausgebildeten Schüler erreicht bis zum 31. Dezember 1887 5106. In der Hirsch'fchen Schneider-Akademie beginnen neue Kurse am 1. und 15. jeden Monats. Polizetvericht. Am 3. d. M. Vormittags wurde ein Herr von außerhalb in dem Zimmer eines.Hotels, wo er abgestiegen war, angekleidet, todt auf dem Bette liegend vorgefunden.'Nach ärztlichem Gutachten ist der Tod infolge.Herzschlags eingettcten. — Um dieselbe Zeit ettchoß sich in einem Hotel in der Jnva- lidenstraße ein Herr, wie aus einem hinterlassenen Schreiben hervorgeht, infolge zerrütteter Vermögcnsverhältniffe.— Gegen Mittag wurde an der Ecke der Friedttch- und Kronenstraße ein Bierfahrer plötzlich vom Blutsturz befallen.— Gegen Abend wurde auf dem Futterboden des Grundstücks Pappel-Allee Nr. 28—29 ein bei einem dort wohnenden Droschkenbesitzer im Dienst stehender Stallmann erhängt vorgefunden.— Abends wurde auf dem Flur des Hauses Alte Jakobsttaße 34 ein etwa 2 Monate altes Mädchen ausgesetzt vorgefunden und nach dem Waisenhausc gebracht.— Um dieselbe Zeit machte ein junger Mann in seiner Wohnung in der Linienstraße den Versuch sich zu tödten, indem er Petroleum trank. Er wurde mittelst Krankenwagen nach der Chatttcc gebracht.— Femer wurde Abends ein pensionittcr Beamter in seiner Wohnung in der Memelerstraße todt im Bette liegend vorgefunden. Da im Ofen Preßkohlen glimmten, ist die Möglichkeit, daß er infolge Ein- athmens von Kohlendunst erftickt ist, nicht ausgeschlossen. Wie- dcrbelebunasvettuche waren erfolglos.— An demselben Tage brannten Brcitesttaße 6 Fußboden, Balkenlage und Decke in einem Lagerraum,— Kurstraße 41 die Strohverpackung eines hydraulischen Fahrstuhls, welche der.Hausdiener zum Zweck des Aufthauens der eingefrorenen Röhren angezündet hatte,— Waßmannstraße 9 der Inhalt eines Müllkastens im Keller, Mittenwalderstraße 22 aus einer umgeworfenen Lampe ausge- flossenes Petroleum,— Schulstraße 22 die Vettleidung einer Thür in der Nähe des Schornsteins,— ferner in der Nacht zum 4. d. M. Gollnowstraße 19 Spähne und Holzabfälle im Keller. Gerichts-Zeitung. „Feine Herren". Eine blutige Affäre beschäftigte gestern in zweiter Instanz die sechste Strafkammer am Landgericht I. Im Architektenhause waren mehrere Herren zum Abschlüsse eines Bauvertrages zusammengekommen. In das Gespräch mischten sich auch der Techniker Hermann und der Kaufmann Johann Karl Fttednch Hartmann, beides sehr erregte.Herren. Eine Be- merkung die der letztere über den Lieferanten der Bausteine machte/ welchen man in dem Abschlüsse gewählt hatte, reizte den Hermann zu einer beleidigenden Aeußerung, welche den Anlaß zu einem Wottstrcit zwischen den beiden Angeklagten gab. Der- selbe wurde auf beiden Seiten so heftig, daß sich Hartmann veranlaßt fühlte, seinem Gegner einen Hieb mit einem Bier- seidel zu versetzen. Hierdurch wurde dem Gettoffenen die Ober- lippe gespalten, so daß er blutüberströmt zurück kaumelte. Das Schöffengettcht verurtheiltc den Hattmann zu drei Wochen Ge- fängniß. Da er gegen dieses Urtheil Bemfung einlegte, ge- langte die Sache gestern zur nochmaliger Verhandlung. Das Resultat der Beweisaufnahme blieb dasselbe, aber der Gerichts- Hof verwandelte die erfterkannte Strafe in eine Gelvbuße von 500 M., der im Unvermögensfallc 3 Wochen Gefängniß zu substituiren seien. Posen, 3. Januar.(Sozialistenprozeß. Zweiter VerHand- lungstag.) Am heutigen Tage wurde mit der Vernehmung der Angeklagten fottgefahren. Sie behaupteten durchgehends, Sozial- demokratcn zu sein, destritten jedoch, einer Verbindung anzugc- hören; im Uebttgen verweigern sie weitere Erklärungen, solche wollen sie nach Vemehmung der Zeugen erst abgeben. Die Zielonacka bestreitet, Sozialdemokratin zu sein, sie sei vie Brauk des'Angeklagten Wladislaus Kurowski. Sie habe sich bei ihrem Schwager Wichrzycki aufgehalten, dort habe sie den Kurowski kennen gelernt, zwei Monate lang hätte dott auch Mattin Kasprzak, welcher wegen Vergehens gegen die öffentliche Ord- nung zu zwei Jahren Gefängniß veruttheilt wurde und dem- nächst aus dem hiesigen Gettchtsgefängnisse entsprang,. gewohnt, auch die Angeklagten Janiszewski und Sla- winski habe sie dort kennen gelernt, den Slawinskr allerdings unter dem Namen Stephan Jankowski. Diese vier Personen hätten sich unterhalten, sie hätte aber nie etwas von Sozialdemokratie gehört. Es wurden bei ihr ver- schicdene Bttcfe beschlagnahmt, unter denen sich einige von einem Stephan Hellwig und Leon Bogucki aus Genf bezw. Zürich befanden. Insbesondere der von Bogucki beginnt: „Liebe Michalina" und schließt mit den Motten„Dein Dich liebender Leon". Darauf aufmerksam gemacht, daß sie, obwohl damals schon Braut des Kurowski, doch noch Liebesbriefe em- pfing, erwidette sie, sie habe den Brief des Bogucki nur des- als man seinen halbverständlichen Bitten, er wolle in sein Haus, in seine„vier Pfähle" zum Schein nachgegeben und ihn zu seiner Beruhigung in's Freie geführt hatte. Die rohen Gesellen machten srch einen Narren aus ihm, höhnten ihn und bewarfen ihn aus der Entfernung mit kleinen Steinen. Da führte man den armen Alten in sein Zimmer zurück und der Freiherr befahl strenge, ihn nie mehr aus dem Be- reiche der Schloßhöfe hinaus zu lassen. Der alte Jakob aber hatte mit der bekannten Zähigkeit und Schlauheit, mit welcher Wahnsinnige so oft ihren fixen Ideen nachgehen, monatelang auf einen unbewachten Moment gelauert und war eines Abends glücklich und unbemerkt entschlüpft, nachdem er sich in einem der Ställe eine kleine Blendlaterne angeeignet hatte. Er schlich auf dem bekannten Wege zu dem Orte, wa sein Häuschen gestanden hatte und leuchtete erschrocken mit der Laterne umher--- kein Haus— keine Linde— keine Bank— keine Rosen. Er fuhr sich entsetzt mit der Hand über die brennende Stirn. Durch die Ebene zog sich ein hoher, grasbewachsener Damm grab' über sein Grundstück hinweg und auf dem Damme liefen im Mondschein blitzend zwei endlos lange eiserne Schlangen. Aus der �erne tönte ein dumpfes Rollen und Poltern — es kam näher, immer näher, aus der Nacht tauchte ein funkensprühendes Ungethüm mit riesigen feurigen Augen auf — mit Windeseile brauste es heran und nach einer kurzen Minute stampfte und donnerte der Eilzug an dem bebenden Alten vorüber in die Berge hinein. Der starrte wie abwesend der entsetzlichen Erscheinung nach. Als aber die Laterne des letzten Wagens hinter den Felsen verschwunden war, da faßte ihn ein unnennbarer Schmerz, als ob die Räder über sein Herz gegangen wären und all sein Glück zerttümmett und zermalmt hätten. „Meine vier Pfähle— meine vier Pfähle!" schrie er mit den Tönen des herzzerreißendsten Jammers und warf sich wie sinnlos in das seuchte Gras des Bahndammes, mit den knöchernen Händen die Erde durchwühlend.--- Am andern Tage fand man eine Leiche. Der alte Jakob hatte ausgelitten— im Bezirke seiner „vier Pfähle". halb ausgehoben, weil er dessen Adresse enthielt und sie sich solche Vertraulichkeiten in dem zu schreibenden Briefe verbitten wollte. Der letzte der Angeklagten Joseph Witkowski bestreitet auch, Sozialdemokrat zu sein. Sein Bruder, der Angeklagte Felix Witkowski, sei allerdings Weihnachten 1886 hier gewesen, er habe auch mit ihm die Pincus'sche Destillation besucht, er habe aber nicht aeschen, daß derselbe dort Flugblätter verbreitet habe. Auf die Vorhaltung, daß in dem einen der beschlagnahniten Briefe stände, er solle den beiliegenden Brief an seine Adresse abgeben, aber über diese Angelegenheit mit niemandem sprechen, erwiderte er, daß der Brief an eine Wittive Koerner odresstrt war; was der Nachsatz bedeuten solle, wisse er nicht. Hierauf erklärte der Herr Vorfitzende die Vernehmung der An- geklagten für geschlossen. Herr Rechtsanwalt Dr. v. Tziem- owski stellte den Antrag, den Professor Lindner als Sachver- ständigen darüber zu laden, daß einige polnische Worte, welche in deutscher Uebersetzung in der Anklage ständen, thatsächlich diese Bezeichnungen nicht haben. Der Gerichtshof beschloß, den Herrn Lindncr zum 7. d. M. zu laden. Demnächst wurde der Polizeiinspektor Glascmann als Zeuge vernommen. Derselbe bekundete, daß der Bruder des Johann Konopinski Anfang Februar v. I. wegen eines Verglhens verhaftet wurde und der dieser Gelegenheit den Johann Konopinski als einen argen Sozialdemokraten bezeichnet hätte, der Briefe aus Paris, Genf und Zürich bekäme. Ilm 3 Uhr'Nachmittags wurde die Vcr- nchmung abgebrochen und die Verhandlung bis morgen früh S Uhr vertagt. Ciuer Anklage wegen fahrlässtger Körperver- letznng mit Uebertretung der Gcwcrbspflicht, welche gestern vor der zweiten Strafkammer Berliner Landgerichts 1 verhandelt wurde, lag eine Gasexplosion zu Grunde, die am 1. Oktober v. I. in einer Wohnung des Hauses Behrenstr. 60 stattfand und bei welcher drei Personen mehr oder weniger erheblich ver- letzt worden sind. Der Angeklagte ist der Rohrleger Georg Goff, welcher einige Tage vor dem Unfall mit dem Legen der Gasrohre in jener zur Zeit leerstehenden Wohnung beauftragt war. Der Einzug der neuen Miether sollte am 2. Oktober v. I. erfolgen, er geschah aber unerwarteter Weise bereits am 1. Oktober. Da Frau B. in der Küche das Gas anzuzünden beab- fichtigte, öffnete sieden Haupthahn, und nur kurze Zeit darauf machte fich schon in dem einen Zimmer ein äußerst starker Gasge- ruch bemerkbar. Der Arbeiter Müller stieg auf eine Leiter, um der Ursache des Geruchs jnachzuspüren und beging dabei die Unvorsichligkeit, ein Streichholz zu entzünden, um besser sehen zu können. In diesem Äugenblick erfolgte auch die Explosion, welche glücklicher Weise nicht allzu heftig war, da Frau B. schon vorher den Haupthahn wieder geschlossen hatte. Immerhin geriethen diese beiden Personen und das im Zimmer anwesende Dienstmädchen in Brand, und Müller stürzte außer- dem vor Schreck noch die Leiter hinab. Es gelang, das Feuer zu dämpfen, che die Brandverletzungen eine größere Aus- debnung genommen hatten. Bei Besichtigung der Leitung stellte fich heraus, daß der Angeklagte ein Rohr unvcrstopft gelassen hat. Mit Rücksicht auf die Gröblichkeit dieser Unterlassung, andererseits aber auf die nicht vorhergesehene frühere Jngcbrauch- nähme der Leitung venirtheilte der Gerichtshof den Angeklagten nur zu 60 Mark ev. 12 Tagen Gefängniß. Aereine und Nersammlungen. Kassel, den 3. Januar. Gestern und heute tagte hier eine außerordentliche Generalversammlung des Zentral-Reise- und Unterstützungsvereins deutscher Böttcher. Dieselbe war zwecks Statutenänderung deshalb nothwendig geworden, weil die preußischen Polizeibehörden den Verein als eine konzesfions- Pflichtige Versicherungsanstalt betrachteten und demzufolge die einzelnen Filialen dem Schicksal der Auflösung verfielen. Durch die Neufassung des§2 der Statuten glaubt man, der Kalamität für die Zukunft aus dem Wege gegangen zu sein. Der Para- graph lautet jetzt folgendermaßen:„Zweck des Vereins ist: Wahrung und Förderung der Interessen seiner Mitglieder in gewerblicher und geistiger Beziehung. Der Zweck soll erreicht werden a) durch Erzielung möglichst günstiger Arbeitsbedingungen; b. durch freiwillige Unterstützung an reisende und bedürftige Kollegen; e. durch Regelung des Herbergsivesens und des Arbeitsnachweises;'" Deutschen Reich 634,1 Mill.: in Frankreich 29 708 Mill.; Grck britannien 15 296 Mill.; Italien 8874,6 Mill.; NiederlaiH 1798,9 Mill.; Oesterreich- Ungarn 8410 Mill.; Preußen 40?- Mill.; Rußland 14 625 Mill.; Schweden-Norwegen 400,2 Mill.« Schweiz 42,6 Mill.: Serbien 221,3 Mill.; Spanien 5148,» Mill.; Türkei 3180 Mill. und in den Vereinigten Staaten vo» 'Nordamerika 7198,8 Millionen Mark. Markthallen- Bericht von I. Sandmann, städtisch� Verkaufsvermittler. Berlin, den 3. Januar 1888. Temperatur in der Halle 3 Grad Rcaumur. Wetter: Frost. Butter.(Reine Naturbutter.) 1. Feinste haltbare SÄ' rahm-Tafelbutter(bekannte Marken) 110—115 M., 2. reii» schmeckende Tafelbutter 105—110 M., 3. Tischbuttcr 95 b8 105 M., 4. fehlerhafte Tischbutter 80—95 M., 5. Koch- uN? Backbutter 70—90 M. pr. Ztr. Auktion täglich um 11 lll> Vormittags. Honig, deutscher, 40—60. IIa 30—40 M. pr. Ztr. Pflaumenmuß 15—17 M. pr. Ztr. Eier 2,50—3,10—3,20 netto ohne Abzug p. Schck., Kall' eier 2,80 M. p. Schck. Käse. Jmportirtcr Emmenthaler—87, Inländische Schweizer 35—50—65, Quadrat-Backstein 12—16—26, Lifljf burgcr 20—30—35, Rheinischer Holländer Käse 58—60—68 V- pr. Ztr., Edamer 58—68, Harzer 2,30—3,00 M. pr. Kist» Dtsche. Camembert— M. pr. Dtz. Neufchatel— M. P* Stück. Wild. Rehwild 65-75-85 Pf., Dammwild 40-70 Pf- Rothwild 30-40-50 Pf. Schwarzwild 25-60 Pf.. Rennthtz 50— 60 p. Pfd., Kaninchen 40— 50 Pf. per Stück, Hasen 2,30 b» 2,60 M., Fasanenhähne 3,00 bis 4,50 M., Fasanenhenn� 2,00 bis 3,00 M., Wildenten 0,60-1, 00-1, 50 M., Birkwi» 1,50—2,25 pro Stück, Haselwild 0,90—1,10 M. pr Stüa Schneehühner 0,90—1,10. Wildauktion täglich um 10 Uhr Vol» mittags und 6 Uhr Nachmittags.„ Fleisch. Rindfleisch 37-44-55, Kalbfleisch im Fell 38 bll 50—62, Hammel 35—45—50, Schweinefleisch 40—45 Pf. pr» Pfund, Schinken geräuchert mit Knochen 60—80 Pf., Speck g»*" 55—60 Pf. pr. Pfund.. Geflügel, fett, geschlachtet. Fette Gänse 45—50—65 P>' Fette Enten 40—60 Pf. pr. Pfd., Puten 45—70 Pf.«* Pfd., Tauben 38—50 Pst, Hühner 0,60—1,00—1,50 pr. Stj* Geflügel, lebend. Gänse la 4,00—5,50, IIa 2,00—3,50 Enten 0,8o— 1,50— 2,25 M., junge Hühner 0,60—0,90, Hühner 1,00-1,50, Tauben 30-45 Pf. pr. Stück. Pul� 2,50—3,50 M.— Auktion täglich um 9 Uhr Vormittags uw 6 Uhr Nachmittags.... Obst und Gemüse. Weißfleischige Speisekartoffeln 4,00 b>» 5,00, Zwiebeln 8,00— 16,00 M. pro 100 Kilo, Blumenkohl NK 27 M. pro 100 Kopf, Birnen 6-10-13-18, Aepfel 6 bis � bis 15-20, Wallnüsse la. 10-20 M. pro Zentner. Avfelfinc» Jaffa 12—12,5, Valenzia 420er 13—26 M. pro Kiste. CilroN»» 10—25 M. per Kiste.. Feldfrüchte in Wagenladungen, Kartoffeln, weißfleisdM Spcisekartoffeln 40—50 M. per 1000 Kilo, Hafer 105—130% Erbsen 120-200 M., Futtererbsen 115-120 M.. Gerste W bis 180 M., Richtstroh 30-32.50 M., Heu 40-66 W-** 1000 Kilo. Verantwortlich: N Grönheim; für Vereine und Versammlungen: F. Tnhnner, beide tn Berlin. Druck und Verlag von Mae Babing in Berlin 8W., Beuthstraße 2.