N» 71. Freitag, de« 23. Marz 1888. S. Jahrg. SerlmrWksM. Krgan für die Interessen der Arbeiter. Da«„Berliner Volksblatt" «scheint täglich Morgen? außer nach Sonn« und Festtagen. Abonnementsprei» für Berlin frei tn's Hau? vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Man, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mint. Einzelne Numm« 5 Pf. Sonntags-Nummer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungsvreisliste für 1888 unter Nr. 849.) Jnsertionsaebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile od« d«en Raum 25 Pf. Arbeitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate w«den biS 4 Uhr Nachmittag« rn der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung deS Preises, angenommen. Redaktion: Keuthstraße 2.— Erpedition: Zimmerstraße 44. Die Ktadwerordnetenmahlen. 3« den Blättern aller Parteischattirungen wird die Resolution, die kürzlich in ein« Kommunalwähler-Versamm- lung m„Sanssouci" gefaßt wurde, und in welcher man sich gegen eine Betheiliqung bei den Kommunalwahlen aussprach, auf das lebhafteste besprochen, und es werden na türlich weitgehende politische Erörterungen an dieselbe ge- knüpft. Es kann selbstverständlich nicht unsere Aufgabe sein, uns im Einzelnen mit allen jenen Auslassungen zu befassen, wir wollen hier vorläufig nur die Thatsache konstatiren, daß die in jener Versammlung gefaßte Resolution und d« darau- erfolgte Austritt zwei« sozialdemokratischer Stadtverordneten aus der städtischen Vertretung den Ultra-Reaktionären Veranlassung gegeben hat, energisch weitere Maßregelungen und neue Bedrückungen der Arbeiterpartei zu fordern. Wir wissen sehr wohl, daß ein Theil der Berliner Parteigenossen von der Hoffnung beseelt ist, daß, je schärf« und schroffer die Unterdrückung der Arbeiter als Klasse aus- geübt wird, um so eher auf eine entschlossene Erhebung deS Proletariats zu rechnen ist. Jede neue Maßregelung, die von Seiten d« besitzenden Klassen zur Niederhaltung der arbeitenden Bevölkerung erdacht und ausgestihrt wird, trägt indirekt zum Durchbruch eines gewaltsamen Äufstandes bei, weil durch Maßregelungen naturgemäß in den unterdrückten Massen ein Gefühl tiefer Erbitterung, welches in seiner letzten Instanz zu gewaltsamem Ausbruch drängt, erzeugt wird. Wäre die Sozialdemokratie eine revolutionäre Partei in dem Sinne, daß es ihr lediglich darauf ankäme, die „Revolution" nur möglichst schleunig und unter allen Umständen herbeizuführen, so könnte man im Großen und Ganzen vielleicht mit jener Ansicht einverstanden sein. Es kann aber keinem Sozialdemokraten«nstlich einfallen in der großen Masse die Absicht des„Alles muß Ruinirt w«denS" großzuziehen; nicht durch Erbitterung, nicht durch blinde Wuth und Haß werden wir zum Ziele ge- langen, sondern einzig und allein durch Aufklärung, Belehrung und Bildung. Nicht die erregten Volksmassen find es, die im Taumel deS Augenblicks sich vielleicht zu einem heldenhaften Ansturm gegen ihre Unterdrücker auf- raffen, um mit blutigen Köpfen in den Staub geworfen zu werden, welche von der modernen kapitalistischen Gesell- schaft gefürchtet weiden; nein, die heutige Gesellschaft zittert nur vor den ruhigen, gebildeten, felsenfest überzeugten und deshalb unversöhnlichen Arbeitern. Und sich solche heran» zubilden, die Vorhandenen um ihr Banner zu schaaren, das ist, unter welchen Verhältnissen immer, heute und für die nächsten Zeiten die vornehmste Aufgabe der wahrhaft zielbewußten Sozialdemokratie. Man würde sich die eigenen Lebensadern unterbinden AeuMetcm. Der Crve. [69 («•«ktrf MtotaD Roman vo» Friedrich Gerstäcker. Der Staatsanwalt richtete sich empor; er war in dem Moment der Aufregung todtenbleich geworden. „Dem alten Salomon!— Also wirklich?" „Ich habe sie selber in seinem Laden gesehen." „Verwahren Sie den Menschen gut!" rief Witte, aus dem Loch herausspringend.„Lassen Sie ihn um Himmel« willen nicht fort!" „Dn ist gut genug verwahrt," sagte der Kommissar, „und keine Gefahr, daß« uns entspringt." „Und die Frau?" „Auf die w«den wir noch besonders Acht geben. Haben Sie keine Angst; das Pärchen ist sicher." „Schön," sagte Witte;„dann haben S,e die Güte und schicken die beiden Leute vor allen Dingen in Gewahr- sam, damit sie Ihnen hi« nicht mehr im Wege sind, und packen dann den Waarenvorrath zusammen und lassen ihn auf da« Kriminalamt schaffen, damit er dort geordnet und registrirt wird. Haben Sie Leute genug?" „Ich denke, wir werden mit der Gesellschaft fertig ««den," sagte der Kommissar.„He« Staatsanwalt ich glaube, wir haben heut Abend einen guten Fang gemacht." „Ich denke es auch. He« Kommissar; aber kommt da nicht Jemand?",.,.. „ES fiel, allem Anschein nach, irgend wer d,e etwas dunkle Treppe herauf, denn es polterte furchtbar, und man hörte ein paar halbverbissene Flüche; dann wurden wieder Schritte hörbar, und zuletzt zeigte sich m dem Lichte der von dem einen Polizeidiener emporgehaltenen Laterne erne Menschliche Gestalt....... Halt! Werda?" rief sie d« Mann militärisch an. "Gut Freund— ich bin's," antwortete eine fremde Stimme Ist He« Staatsanwalt Witte hier?" wenn man auf irgend eine Gelegenheit verzichten würde, wo man unter den heutigen Verhältnissen für die sozia listische Idee Propaganda machen kann. Die Reaktion, die auf politischem Gebiet in der letzten Zeit ungeahnte Triumphe gefeiert hat, erblickt darin, daß sie von dem„wahlmüden" Volk sorgsam die Auftegungen der Wahlkämpfe fernhält, daß sie also v«hindert, daß Uebelstände in der weitesten Oeffentlichkeit besprochen werden, sogar eine ihrer Haupt- stützen, eines ihr« ausgezeichnetsten Machtmittel— sie ver- längerte die Legislaturperioden von drei auf fünf Jahre—, und die Sozialdemokratie, gegen welche sich jen« Schlag doch hauptsächlich richten soll, will freiwillig ein Recht preis- geben, welches, wie beschränkt und untergeordnet eS bei oberflächlicher Prüfung auch«scheinen mag, bei richtig« Handhabung ein schätzcnswerther Faktor auch in unserem politischen öeben sein und noch mehr werden kann? Wir glauben kaum, daß man die Konsequenzen, die sich aus dieser Anregung fast von selbst ergeben, genau durch- dacht hatte, als man in der SanSsouci-Bersammlung gegen Betheiligung an den Kommunalwahlen resolvirte. Es ist bedauerlich, daß an den klaren Beschlüssen des St. Gallen« Parteitages in jeder Weise herumged-mtelt wird; am Wenigsten konnte man annehmen, daß die Be- schlüsse schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit in ihr direktes Gegentheil verwandelt würden. Es ist ein sehr ge- fährlicheS Spiel, die Politik der Resignation, d. h. die Po- litik der Entsagung. Das Bedürfniß, sich am politischen Leben zu betheiligen, ist in den Massen entschieden vor- Händen; lenkt man dasselbe künstlich ab, verstopft man die Quellen, aus denen das Leben strömt, so verliert man all- zuleicht die Fühlung mit dem Volke, und eS kann passiren, daß man bei anderen Gelegenheiten, wo man auf eine Massenbetheiligung rechnen muß, zu seiner Uebenaschung isolirt dasteht. Außerdem ab« kann durch diese falsche Taktik ein Konventikrl- und V«schwör«wesen gezüchtet wer- den, welches das natürliche Hindrängen zur sozialistischen Umformung der Gesellschaft für unabsehbare Zeiten in der schwersten Weise schädigen muß. Es wäre eine Thorheit, wollte man fich der tiefgehenden Verstimmung, die heute gerade unt« oen besten, über- zeugtesten und treuesten Anhängern der Sozialdemokratie he«scht, irgendwie verschließen. Der Pessimismus hat seine verstänlichen Ursachen in unseren widernatürlichen Zuständen, er darf jedoch nicht soweit gehen, daß man sich zu Akten der Verzweiflung hinreißen läßt. Gewiß, wer die sozial politische Entwickelung d« letzten Jahre mit einigermaßen geübtem und aufmerksamem Auge betrachtet hat, dem w«den sich nur wenige Lichtpunkte zeigen, aber g«ade deswegen werden es auch weite Kreise der sozialdemokratischen Be- völkerung für eine That der Verzweiflung hal- „Hier bin ich. Wer ist da?" „Mein lieber Staatsanwalt," sagte Rath Frühbach— denn als solcher stellte sich d« späte Besuch heraus—, in- dem er die letzten Stufen emporklomm,„nehmen Sie mir das nicht übel; ich habe Ihnen die Betreibung der Angelegen- heit überlassen, aber doch nicht zu dem Zweck, um mich in Teufels Küche zu bringen. Ich protcstire gegen jedes weitere Verfahren, insofern es die brave Heßberger'sche Familie be- trifft, und überlasse Ihnen alle und jede Verantwortung für das Geschehene." „Ab« bester Rath!" lachte Witte. „Bitte," sagte Rath Frühbach,„das ist kein Spaß; ich lag schon im Bett und im ersten Schweiß, als meine Frau nach Haufe kam und mir mittheilte, daß Sie hier im Heßberger'schen Familienkreise auf meine Veranlassung mit Polizei wirthschafteten und Haussuchung hielten. Ich sage Ihnen, wie ich war, fuhr ich aus dem Bette und in meine Kleid«, und ich kann den Tod davon haben, denn nichts auf der Welt ist schlimmer als eine unter- brochene Transpiration..." „Und Sie protestiren wirklich. He« Rath?" „Allerdings, soweit es den Ihnen gegebenen Auftrag brtrifft. Ich ziehe meine Klage vollständig zurück." „Dann bedauere ich, daß Sie zu spät kommen," lachte Witte,„denn wir haben das ganze Nest schon aus- gehoben und einen wahren Schatz von gestohlenen Sachen gefunden." „Von gestohlenen Sachen?" rief Frühbach erstaunt. „Ueberzeugen Sie sich selber— genug Silber, um eine fürstliche Tafel auszustatten." „Nun, sehen Sie wohl, daß ich Recht hatte?" bemerkte Rath Frühbach, indem er auf die oberste Stufe trat und das T«rain mit seinen Blicken üb«flog(der gebundene Hchberger stand dicht neben ihm).„Habe ich es Ihnen nicht immer gesagt, daß derHeßberger ein ganz durchtriebe- ner Bursche ist? Aber Sie wollten eS mir nie glauben! Und was wird jetzt?" „Jetzt schaffen wir die Gefangenen auf die Polizei," agte der Konimissar,„und morgen ftüh«suche ich Sie, mit Ihr« Frau Gemahlin auf das Amt zu kommen, um- fiihne d« Reaktion das Sozialdemokratie einge- ten, wenn heute vor d« wehenden stolze und unbefleckte Banuer der zogen wird. Mit der Resolution gegen die Betheiligung bei de» Kommunalwahlen hat die Berlin« Partei— das ist unsere unumstößliche Ueberzeugung— den ersten Schritt auf eine sehr abschüssigen Bahn gethan. Wir wissen nicht und wollen eS nicht wissen, auf welche Einflüsse in letzter Linie d« unselige Beschluß zurückzuführen ist, aber wir hoffen der Allgemeinheit einen Dienst zu erweisen, wenn wir auf ein gewisses dunkles Getriebe hinweisen. Als wir vor unge-- fähr einem halben Jahre die Behauptung aufstellten, daß von Seiten der chriftlich-sozialen Partei christlich-soziale Ar- beiter bei den sozialdemokratischen eingeschmuggelt wären, die den Auftrag hatten, die B«liner Sozialdemokratie zu gewissen Schritten zu v«leiten, da schloß uns das Sozialistengesetz den Mund; He« Stöcker schimpfte in seinen Parteiversammlungen weidlich auf unS und nannte unsere Ausführungen dumm und geistlos, die von uns aufgestellte Behauptung erwähnte er jedoch niit keinem Worte und widersprach derselben natürlich auch nicht. Der Rücktritt der beiden sozialdemokratischen Stadt- verordneten wird nun in dem Leitartikel der Nr. 69 der „Kreuz-Zeitung" vom 21. März ausschließlich auf das Be- treiben der„inneren Organisation" der Berliner Sozial- demokratie zurückgeführt, und im Anschluß daran fordert das Organ der Herren von Hammerstein und Stöcker ehr behördliches rigoroses Vorgehen gegen die„innere Organisation". Wir meinen nun, daß die einfache Darstellung dieser thatsächlichen Verhältnisse genügen wird, um einen Blick hinter die Koulissen werfen zu lassen. Natürlich und selbst- redend trifft die Arbeiter selbst nicht die geringste Schuld, wir unsererseits halten es jedoch für uns«e unabweis- bare Pflicht, ohne Rücksicht auf irgend welche An- feindunaen die Sachen so wied«zugeben, wie sie sich wirk- lich verhalten. „Die Berliner Arbeiter," sagten wir,„haben den ersten Schritt auf eine sehr abschüssige Bahn gethan"— wir hätten sagen sollen, sie sind auf eine sehr abschüssige Bahn geleitet worden. Gleichviel— was wird man aber meinen, wenn sich dasselbe Spiel bei den nächsten Reichstagswahlen wiederholt? Hi« ist die Resolution aus der Kommunal- wähler-Versammlung noch einmal: „In Erwägung, daß bei einer Bettzeiligung an den Kommunalwahlen der Aufwand an intellektuellen und mat«iellen Kräften zu den möglicherweise er- wachsenen Vortheilen in keinem VerhälMiß steht, in ferner« Erwägung, daß durch die Erfahrung hin- länglich erwiesen ist, daß die Eroberung einig« Sitze die aufgefundenen Gegenstände in Augenschein zu nehme« und zu erklären, ob etwas darunter Ihr Eigenthum ist. Auf Ihre Veranlassung wurde die Haussuchung vorgenom- men, und es versteht sich von selbst, daß Sie zuerst über die Gegenstände, die wir Ihnen vorlegen müssen, ver- nommen werden." „Und haben Sie das Hosenzeug gefunden?" „Das allerdings noch nicht, aber es kann noch Manches in dem untern sehr geschickt angebrachten Versteck liegen. Also versäumen Sie Ihre Zeit nicht— morgen etwa zwischen zehn und elf Uhr, wenn ich bitten darf." Das Verhör. Das Versteck der gestohlenen Sachen war wirklich auß«ordentlich schlau angelegt und die Klappe so genau gearbeitet, daß sie, noch dazu mit dem Kohlenstaub über- zogen, nur bei einer vollkommen gründlichen Untersuchung entdeckt werden konnte. Selbst das Blitzen des Eisens im Lichte schien Heßberger vorgesehen und abgewendet zu haben, denn dasselbe war mit schwarzer Farbe überstrichen, diese ab« durch den mehrfachen Gebrauch des zum Heben benutzten HakenS an einigen Stellen abgescheuert worden, waS denn-einzig und allein zur Entdeckung führte. „Heßberger, der zuerst einen verzweifelten Versuch ge- macht hatte, zu entkommen, saß jetzt wie völlig ineinander gebrochen am Boden; er hatte nicht mehr Kraft genug in den Knieen, um aufrecht zu stehen. Seine Frau dagegen behauptete nach wie vor ihre starre Ruhe und Unschuld. Finster blickte sie auf die vor ihr ausgebreiteten Maaren und Kostbarkeiten, die nach und nach aus dem Gefach her- ausgearbeitet wurden und von denen einzelne Stücke schon sehr lange dort unten gelegen haben mußten, denn sie waren mit einer Staubkruste überzogen; aber sie leugnete, auch nur das Geringste davon zu wissen. Sie sei, wie sie behauptete, eine ehrliche Frau, die sich mit ihrer„Kunst", mit ihrer Arbeit nähre, aber noch nie daran gedacht habe, zu einem unehrlichen Erwerb zu greifen. Sei das wirklich von ihrem Manne geschehen, so wisse sie nichts davon, oder e hätte es nie geduldet; er müsse es heimlich gethan in der Stadtverordneten- Versammlung die auf- steigende Entwickelung der Arbeiterpartei in keiner Weise gefördert hat, dagegen durch sich breit machendes Streberthum und Autoritäts- Geschrei die Partei korrumpirt wird, beschließt die Versammlung, die Bctheiligung an den Kommunal- wählen abzulehnen." Man setze in diese Resolution statt Kommunalwahlen Reichstagswahlen, statt Stadtverordnete ReichstagSabgeord- nete, und— die Stöckerschen haben uns da, wo sie uns tiben wollen. Und sind die Arbeiter erst so weit gebracht, aß sie in ihrem allerdings nie versagenden, aber häusig unangebrachten Idealismus ihre letzten kümmerlichen Rechte preisgeben, dann wird man mit ihnen umspringen, daß ihnen die heutigen Zustände noch als paradiesische erscheinen werden. Man soll sich nur nicht einbilden, daß sich die Bourgeoisie oder sonst wer vor einem Paar eingeworfener Fensterscheiben oder einem großen Krawall besonders fürchtet, bei dem die Arbeiter die Zeche nicht nur mit ihren ? gesunden Gliedmaßen, sondern mit langwierigen Gefänaniß- trafen bezahlen; im Geaentheil, so wie die Sachen heute liegen, lechzt man förmlich nach einem Zusammenstoß, und wir brauchen zur Begründung dieser Behauptung wohl nur auf die vielfachen Provokationen bei Gelegenheit sozialisti- scher Landpartien hinzuweisen, wo durch die Besonnenheit der Arbeiter allein größeres Unheil verhütet wurde. Wir wollen uns nun keineswegs in spitzfindige Streitig- leiten darüber einlassen, ob die Versammlung in Sans- souci überhaupt dazu berechtigt war, einen für Berlin oder die Gesammtpartei bindenden Beschluß zu fassen. Es ge- nügt uns zu wissen, daß in Berlin eine starke, sogar eine majorisireude Strömung gegen die Kommunalwahlen vor- banden ist. Dieser Umstand darf uns jedoch in keinem Falle hindern, noch im letzten Augenblick unsere warnende und abrathende Stimme zu erheben. Der ganze Widerwille der Berliner Arbeiter gegen eine Vertretung im rothe» Hause ist in der obigen Reso- lution niedergelegt, und zwar in einer Weise, die, wie wir gerne zugeben, gar keine Mißdeutung zuläßt. Trotzdem erscheinen uns die angegebenen Gründe nicht ganz zu- treffend. Man darf nämlich nicht vergessen, daß die Berliner Stadtverordneten-Versammlung wie überhaupt jede Gemeinde- Vertretung eine gesetzgebende Körperschaft gar nicht ist, son- dem daß sie eine Verwaltungsbehörde darstellt, die selbst- verständlich nach gewissen Gesetzen funktioniren muß, wenn man nicht will, daß der ganze komplizirte Apparat ins Stocken gerathen soll. Wir gestehen freimüthig ein, daß wir es für einen überzeugten Sozialdemokraten häufig für eine starke Zumuthung hielten, sich in gewisse Dinge zu fügen, die nun aber einmal von„der Würde des Amtes" unzertrennlich sind. Wir nehmen femerhin gar keinen An- stand, zu erklären, daß ein Berliner Stadtverordneter sich im Interesse einer geordneten Verwaltung der städtischen Mittel um Sachen kümmern muß, die mit dem politischen Programm der sozialdemokratischen Partei nicht in der ent- ferntesten Beziehung stehen— aber kommen diese kleinen Aeußerlichkeiten auch nur annähemd in Betracht, wenn es sich um die wirklichen kommunalen Interessen der Berliner Arbeiterbevölkerung handelt? Man wird doch nicht etwa einwenden wollen, daß es dergleichen Interessen nicht gäbe oder daß die sozialdemokratische Partei als solche sich um diese Interessen nicht zu kümmern habe?! Im Jahre 1883 wurde in der stärksten, begeistertsten Weise für die Kommunalwahlen agitirt. Man sprach damals von einer Reform der Miethssteuer, von der Ucbernahme der gemeinnützigen Anstalten durch die städtische Verwaltung, von Sanitäiswachen, Krankenpflege, Badeanstalten, Schul- wesen, Beleuchtungswesen und dergleichen. Hat die Arbeiter- schaft an all' diesen Dingen kein Interesse mehr oder ist in dieser Beziehung irgendwie Wandel geschaffen? So viel wir wissen, nicht; aber der Begeisterungssturm von 1883 ist verraucht— nachdem einzelne derjenigen Stadwerordneten, welche von den Arbeitern bisher in die Stadtvertretung entsandt waren, nicht den Anforderungen genügten, die man an sie stellen zu können glaubte, will man die Hände muthloS in den Schooß legen und dasjenige, was bisher errungen wurde, nach allen Opfern, die dafür gebracht wurden, ohne Kampf wieder fahren lassen? Wahrlich, ein solches Beginnen würde nationalliberalen Männern an- stehen, sozialdemokratischen wahrhaftig nicht. Die Berliner haben, wie er die Gegenstände ja auch, ihr selbst verborgen, heimlich versteckt und weggebracht habe. Dem Polizei-Kommissar lag übrigens gar nichts daran, hier ein langes Verhör anzustellen, und wie sie das Fach ordentlich ausgeräumt und AlleS, selbst das Letzte, herauf- befördert hatten, ertheilte er Befehl, das gestohlene Gut fortzuschaffen und die beiden Eheleute ebenfalls in sichern Gewahrsam zu bringen. Er schärfte aber den Polizeidienern ganz besonders ein, sie getrennt zu halten und unter keiner Bedingung zu gestatten, daß sie auch nur ein Wort mit einander wechselten. Unten im Hause war es indessen auch unruhig ge- worden, denn eS konnte den tiefer wohnenden Miethsleuten kein Geheimniß bleiben, daß in der obern Etage etwas AußerorventlicheS vorgehe. Schon der Kampf des Schuh- machers an der Treppe, als er seinen Durchgang erzwingen wollte, hatte sie alarmirts und auf den Flur gelockt; aller- dings staunten sie nicht wenig, als sie den kleinen„from- wen" Schuhmacher in solcher Begleitung die Treppe herabsteigen sahen. Heßberger selber beeilte sich aber, ihnen aus dem Weg zu kommen, und wenige Stunden später lag das Quartier da oben, da man die beiden Lehrjungen für die Nacht wo anders unterbrachte und die Thüren versiegelte, dunkel und verlassen. Witte indessen, mit dem gehabten Erfolg, der allerdinSS über Erwarten reich und wichtig ausgefallen war, sebr zu- frieden, schritt seiner eigenen Wohnung zu. Dabei überkam ihn aber doch ein etwas unbehagliches Gefühl, denn eS war ihm entsetzlich fatal, seine eigene Frau in der Gesellschaft überrascht zu haben. Und was die Frau Staatsanwalt nun wohl dazu sagen würde?— Sie sagte aber heut Abend aar nichts, denn sie ließ sich vor ihrem Mann nicht mehr blicken und er selber unterstützte sie darin. Morgen, bei kaltem Blute, besprach sich die Sache weit besser, oder sie wurde auch vielleicht total ignorirt; er wenigstens war fest entschlossen, nicht wieder davon anzufangen. UebrigenS sah er sich an dem Tag auch so beschäftigt— oder machte sich vielleicht absichtlich so viel zu thun—, daß er selbst zum Mittagessen nicht nach Hause kam und Partei ist die Elite der Sozialdemokratie aller Länder, wird sie auS einer Position, die sie in heißem Gefecht genommen hat, verdrängt, so bedeutet das eine traurige Niederlage für die ganze sozialistische Bewegung, es ist ein Zeichen der Schwäche und des Wankelmuths— gleichviel, ob man fteiwillig oder gezwungen auf erworbene Rechte verzichtet. Und sollen nun die hunderte oder tausende von Ar- beitern, die direkt und indirekt die Kommune als ihre Ar- beitgeberin betrachten, sich sagen müssen, die Sozialdemo- kratie, die für alle Arbeiter eintritt, läßt uns hier im Stich, wo sie die beste Gelegenheit hat, für unsere Interessen zu wirken! Es war eine der Hauptaufgaben der Arbeiter- Stadtverordneten, für die Aufbesserung der Löhne, für Ver- kürzung der Arbeitszeit der städtischen Arbeiter zu wirken — und jetzt? Es steht uns nicht zu, darüber zu urtheilen, woher die persönliche Mißstimmung gegen mehrere der bisherigen Stadtverordneten gekommen ist, eS wäre auch nutzlos, darüber noch nachträglich Ermittelungen anzustellen. Das aber ist ganz sicher, daß die Arbeiter an diejenigen Personen, denen sie ihr Vertrauen schenken, die denkbar höchsten Anforde- rungen stellen, und das mit vollem Recht. Man würde aber viel zu weit gehen, würde man jene Personen mit der Sache, die sie vertreten sollten, identifiziren. Berlin hat bei der letzten ReichStagSwahl weit über neunzigtausend sozia- listische Stimmen aufgebracht— und unter dieser gran- diosen Zahl sollten sich nicht die wenigen Leute finden, die wir nöthig haben und die im Stande sind, ein Mandat als sozialdemokratischer Stadtverordneter übernehmen und ausfüllen zu können? Das glaubt gewiß Niemand. Auf die positive Thätigkeit der sozialdemokratische» Stadtverordneten werden wir in nächster Zeit mit einer Serie von Artikeln zurückkommen. Wir sind am Schluß unserer heutigen Ausführungen. Wir können nur noch einmal kurz dahin resumiren, daß wir eine Betheiligung unserer Prinzipien überall da für geboten erachten, wo sich Gelegenheit dazu bietet. Ein schwächliches Zurückweichen, wo man auf Widerstand stößt, ist unserer Partei unwürdig' nur durch unausgesetzten, hartnäckigen Kampf, nur durch stetige, unaufhörliche Belehrung und Auf- klärung werden wir diejenigen Ziele erreichen, für die wir AlleS zu opfern jeder Zeit bereit sind. Politische Ueberstcht. Mißbrauch der VffiziersteUuug. Am vorigen Sonntag berief Premierlieutenant der Landwehr von Albert eine Ver- sammlung des Kriegervereins in Horka in Niederschlefien und nahm sich heraus, vor demselben zu erklären, er komme in Uniform auf Befehl des Bezirkskommandos Muskau in seiner Eigenschaft als Äezirksoffizier der 3. Kompagnie. Das Bezirkskommando sei durch A�erhöchste Kabinetsordre und Erlaß des Kriegsministeriums aufgefordert worden: Kriegcrvereine, welche bei den letzten Wahlen regierungsfeindlich gestimmt hätten, unter direkte Aufficht ihrer Bczirksoffiziere zu stellen!! Es seien ihm nun speziell die Vereine Horka und Seifersdorf zur politi- sehen Bearbeitung unterstellt worden, welche beide in vorbe- dachtem üblem Rufe ständen. Weiter..befiehlt" Herr Premier- licutenant Albert dem Vorsteher des Militärvereins, demnächst eine Versammlung anzuberaumen und den Kameraden„mit möglichster Schärfe" zu eröffnen, daß tu keinem alten Soldaten und Mitgliede eines Kriegervereins, welche unter dem Protektorat des Kaisers ständen, gestattet sei, gegen die Regierung und somit gegen den obersten Kriegsherrn zu stimmen. Wem die Person des Regierungs- Kandidaten nicht genehm sei, der solle lieber zu Hause bleiben. Wer diesen Verpflichtungen nicht nachkommen wolle, veranlaßt werden, aus dem Verein auszutreten.(Da werden denn die Herren bald ganz unter fich sein!)„Lassen Sie daher," sagte eben der Herr v. Albett weiter,„das Kokettiren mit dem„Neuen Görlitzer Anzeiger" und wenden Sie sich voll und ganz der Regierung Sr. Majestät des Kaisers zu." Was dann eintreten würde, so fähtt Herr v. Albert fort, wenn der Verein diesen Verpflichtungen nicht nachkäme, könne er vorher nicht bestimmen. Auf die Verwahrung des Vorstehers, daß Niemand bestimmt sagen könne, daß der Verein oder Mitglieder desselben freisinnig gestimmt hätten, und daß es ferner dem Vereine statutenmäßig nicht gestattet sei, Politik zu treiben, entgegnete Herr v. Albert heftig:„Wenn Sie in diesem Sinne für die Regierung wirken, treiben Sie nicht Politik, aber wenn Sie einem freisinnigen Kandidaten Ihre Stimme geben, dann treiben Sie Politik." Er schlug schließlich vor, Herrn Landrath Lücke um die Annahme des Präsidiums des Vereins zu bitten, weil dadurch die dem Verein vom Herrn Premierlieutnant zugewiesene Aufgabe bedeutend er- absagen ließ, und während seiner Geschäftsstunden störte ihn die Frau schon überdies nicht oder suchte ihn auf. Am Morgen, zur bestimmten Zeit, kam aber der alte Baumann zu ihm, und mit diesem hatte er eine lange und ernste Unterredung. Baumann nämlich wollte gleich hinauf auf'« Gericht und selber Anzeige von dem Betrug seiner Frau machen. Den Vorfall bei Heßberaer's wußte er auch schon und er erklärte bestimmt, mit der ganzen Familie fortan zu brechen. Witte hatte die größte Mühe, ihm das auszureden, und es gelang ihm wirklich nur dadurch, daß er den Schlossermeister darauf aufmerksam machte, die Ver- Haftung seiner Frau würde durch den Stadtklatsch nicht etwa mit einer andern Angelegenheit, sondern augenblicklich mit dem Diebstahl in Verbindung gebracht werden und das mußten sie jetzt zu vermeiden suchen. „Also wollen Sie mich zum Hehler einer solchen Sünde machen?" „Nein, lieber Baumann," erwiderte Witte,„ich weiß, daß Sie ein rechtlicher Mann sind und Sie trauen mir hoffentlich das Nämliche zu. Ich würde Ihnen also zu nichts rathen, was nicht Sie, was nicht ich vor meinem Gewissen verantworten könnte; Sie sind von jeder Verant- wortung frei. Ihre Frau sowohl als Sie jetzt haben mir, dem Staatsanwalt, die Erklärung abgegeben und mich auf- gefordert, die Rechte des wirklichen Erben vor Gericht zu vertreten; überlassen Sie mir also auch, den Zeitpunkt zu wählen, den ich dazu für den richtigen halte. Außerdem haben wir jetzt die beiden Leute, deren Zeugniß allein den Ausschlag geben kann, ganz unerwarteter Weise hinter Schloß und Riegel bekommen, und die Sache ist uns da- durch um ein Wesentliches erleichtert worden. Aher beant- worten Sie mir eine Frage: hat Ihr Fritz je mit seinem vermeintlichen Onkel, dem Schuhmacher Heßberger, einen näheren Verkehr gehalten?" „Nie," sagte der alte Mann;„sie konnten sich gegen- seitig nicht leiden und ich glaube sogar nicht, daß sie seit Jahren ein Wort mit einander gesprochen haben." „Das dachte ich mir. Aber wissen Sie, daß unter den gestern bei Heßberger gefundenen Sachen werthvolle Gegen« stände aus Salomon's Laden sind?" leichtert würde. Wenn fich vorstehendes, bemerkt die„Freist Ztg.", so verhält, wie es der„Neue Görlitzer Anzeiger, dem wir diese Darstellung entnehmen, schildert, so ist unseres Er- achtens ein scharfes Einschreiten der Behörde gegen Herrn von Albert geboten. Es steht keinem Reserve- oder Landwehroffizier zu, in seiner Eigenschaft als Landwehrbczirksoffizier irgend eine Zensur einem Kriegcrvereine zu erthcilen oder in dieser Eigen- schaft auf die Haltung eines Kriegervereines einzuwirken. So- weit überhaupt die Kriegcrvereine einer behördlichen Aufficht unterstellt find, gebührt diese einzig und allein den Zivil- behörden. Die Behauptung des Herrn von Albett, daß ein Erlaß des Kttegsministettums das Bezirkskommando aufgefordert habe, Kttegervercine, welche bei den letzten Wablcn regierungS- feindlich gestimmt hätten, unter direkte Aufsicht ihrer Bezirks« offiziere zu stellen, halten wir außerdem für eine grobe Unwahr- heit. Es ist ganz unmöglich, daß das Krieasministenum eine derattige, allen Gesetzen widerstreitende Verfügung erlassen haben kann. Herr v. Albert hat sich außerdem auch gegen das Vereinsgesetz vergangen, indem er eine Einwirkung aus öffent- liche Angelegenbeiten versuchte in einem Verein, der fich als nichtpolitischer Verein den Bestimmungen des Vereinsgesetzes nicht unterstellt hat. Vom polittschen Standpunkt über das Gebahre» des Herrn v. Albett zu urtheilen, lohnt nicht. Dem» selbei, find offenbar die einfachsten Begttffe von Staatsbürger- recht und Staatsbürgerpflicht dermaßen unklar, daß mit chw darüber nicht zu rechten ist. Bewundem kann man nur die rücksichtslose Dreistigkeit, mit der hier wieder einmal un« gescheut das Bestreden hewortritt, die Kriege, vereine derart herabzuwürdigen zu Handlangerdiensten für konservative Wahlen. Z« Gunsten deo Fürsten Kismarck druckt die„Köln. Zeitung" allerhand Stellen aus Artikeln der russischen Presse ab, um zu beweisen, daß Fürst Bismarck im Amte bleiben müsse. Unseres Erachtens müßte jedes deutsche Blatt so viel Selbstachtung befitzen, daß es Aeußerungcn russischer Blätter über deutsche Ministerfragen, mögen fie nun für oder gegen den Minister lauten, völlig unbeachtet läßt. In inneren polittschen Fragen habm mssische Organe überhaupt nicht mitzureden. Die „Köln. Ztg." aber druckt sogar einen Artikel eines russischen Blattes ab, wottn Bismarck als ein deutscher Halbgott bezeichnet wird. Die Beseitigung Bismarcks, so heißt es dott, wäre„eine Beleidigung von hundetttausenden von Deutschen, die zu diesem Halbgott beten." Die„Köln. Ztg." hält es nicht für nöthig, dieser hündischen Blasphemie, welcher fie eine weitere Ver- breitung gicbt, auch nur mit einer einzigen Silbe entgegenzu- treten. Die„Köln. Ztg." verdiente freilich selbst in Rußland zu erscheinen, für den freien deutschen Rhein ist dieses Blatt eine Schmach und eine Schande. Dasjenige, was selbst die serollsten Berliner Blätter abzudrucken sich schämen würden, findet Auf- nähme in der cloaea in&xima der Rdeinprovinz. Zn« parlamentarischen System hat fich auf einmal die„Konservative Korrespondenz" bckehtt, indem fie in einem Artikel für den Verbleib des Fürsten Bismarck im Amte ein- tritt mit der Berufung darauf, daß Fürst Bismarck„von dem unbedingten Vertrauen der Mehrheitspatteien der deutschen und der preußischen Volksvettretung getragen wird". Wir quittiren über diese Keyerei, möchten aber wünschen, daß die„Konservative Korrespondenz" ihre Bekehrung zum parlamentarischen System auch dahin vervollständigen möge, daß die Wahlen frei sein müssen und nickt durch die Rcgicrnngsgewalt beeinflußt werden dürfen. Denn ohnedem fühtt das parlamentarische System nur zum Scheinkonstitutionalismus und zu Lug und Trug. Das Gesetz vom 1. Mai 1851, betr. die Klasse»- «nd blasstfizirte Ginkommensteuer vom 1. März 1851, bestimmt im§ 36, daß Ab- und Zugänge am Einkommen wäh- rend des Jahres, für welches die Veranlagung erfolgt ist, an der einmal veranlagten Steuer nichts ändern; nur wenn nach- gewiesen wird, daß durch den Verlust einzelner Einnahmequellen i das veranlagte Gesammteinkommen eines Steuerpflichtigen um mehr als den vietten Theil vermindett worden, darf eine vcr- hältnißmäßige Ermäßigung der Steuer gefordert werden. Da für die praktische Anwendung dieser Vorschrift das Oberverwaltungsgericht den Recktssatz ausgesprochen hat, daß Anträge auf Ermäßigung der Steuer wegen Verlustes einzelner Ein- nahmequellen nach Ablauf des Jahres, für welches die Vera»- lagung erfolgt ist, überhaupt nicht mehr berücksichtigt werde« dürfen, so müssen die betreffenden Steuerpflichtigen noch vol dem 1. April d. I. die Zurückerstattung der zu viel erhobene« Beträge für das laufende Steuerjahr fordern. Dabei ist zu be- achten, daß der Finanzminister in einem Reskript vom 3. August v. I. verschiedenen unrichtigen Ansichten hinsichtlich der Klaffen' stcucrerlasse entgegengetreten ist. So war z. B. der Steuererlaß für einen nach der Veranlagung in Konkurs gerathenen klaffen- steuerpflichtigen Gewerbetreibenden beanstandet worden, rvea derselbe noch vor Ablauf des Steuerjahres einen anderen Gc- wcrbebettteb begonnen hatte. Ebenso war dem Besitzer eintt Hauses, welcher dasselbe nach stattgehabter Veranlagung wege« Äaufälligkeit abzubrechen gezwungen wurde die entsprechen� Steuerermäßigung versagt worden, weil demnächst noch Laufe des Steuerjahres der Wiederaufbau ettolgte. Diese« Auffassungen ist der Finanzminister nicht beigetreten, weil da- „Großer Gott, sollte denn der schuftige Schuhmacher auch das auf dem Gewissen haben?". „Aller Wahrscheinlichkeit nach; aber das wollen bald herausbekommen, denn Solomon, obgleich er den Na#« des Diebes nicht weiß, kennt ihn von Angesicht gut genuS- und wenn er..." „Aber der alte Solomon ist ja todt!" „Denkt gar nicht daran," lachte Witte—„wieder ft# und gesund, nur noch ein bischen schwach auf den Füß*-«' Wir glaubten durch das Gerüch seines Todes den Mord sicher zu machen; aher Heßberger, wenn er es wirklich i wesen, war uns zu schlau, und hätte ihn nicht der wun# lichste Zufall dem Gericht in die Hände gespielt, so n# kein Mensch geahnt haben, daß er mit dem Verbreche« Verbindung stände." � „Aber werden sie jetzt nicht erst recht glauben, daß% Fritz mit seinem Onkel und einer Decke gesteckt habe, müssen wir deshalb nicht gerade beweisen, daß er gar««* sein Onkel ist?" „DaS erste habe ich auch gefürchtet, das aber kein Beweis für ihn, denn er konnte bis jetzt>- e. davon wissen. Nein, überlassen Sie mir getrost die SifL Baumann, und Sie können sich versichert halten, daß nicht allein kein Vorwurf trifft und treffen kann, der» daß ich auch so rasch als irgend möglich dam» schreite.". Baumann war aufgestanden; aber er zögette, er allem Anschein nach noch etwas auf dem Herzen. „Drückt Sie noch etwas, Baumann?" „Ja, Herr Staatsanwalt; eine Bitte..." „Und was ist eS?" „Ich wollte Sie ersuchen," sagte der Man«, Scheidungsklage mit meiner Frau einzuletten. Ich daß Sie das zu besorgen haben." «Baumann!" � »Wir haben sechsundzwanzig Jahre glücklich#*.„1 der gelebt," fuhr der Schlossermeister fort,„io 0'« setzte er leise hinzu,„daß ich bis jetzt glaubte, nur b könne und werde uns auseinander nehmen. Da« ist ip Nach dem, was sie mir angethan, daß sie mein, daß> -»».K g* K ,.bi« habe de: �urch die Zuläsfigkeit des Klassensteuererlasscs mehr eingeschränkt werde, als es die gesetzliche Vorschrift erfordere. In beiden Fällen sei die Bewilligung eines entsprechenden Stcuercrlaffes gerechtfertigt, während für die Bemessung der Höhe des letzteren allerdings der Wiederbeginn eines Gewerbes bezw. der Ge« täudenutzung vor Ablauf des Steuerjahres in Betracht komme. Außerdem hat der Finanzminister eine Bestimmung über Klassen- steuercrlasse wegen verminderten jährlichen Arbeitsverdienstes dahin erweitert, daß die Bewilligung des Steuererlasses auch «mn zuläsfig bleibe, wenn ein Klassensteuerpflichtiger durch Krankheit oder unfreiwilligen Verlust seiner bisherigen Stellung nach geschehener Veranlagung in seinem Nahrungszustande »urückgesetzt sei, wenngleich die Krankheit bezw. der Verlust der Erwerbsgelcgenheit nicht bis zum Schlüsse des Steuerjahres andauern. Analog der regelmäßig wiederkehrenden Revisto« der Genossenschaftsverhältnisse, welche im neuen Genosscnschafts Gesetzentwurfe vorgesehen ist, empfehlen jetzt die Sparkassenver bände aus eigenem Antriebe den zu ihnen gehörenden Spar lassen eine Einrichtung, bei welcher dieselben ihre Geschäftssüh Ving einer durch einen technischen gebildeten und von den ein- ielnen Kassen unabhängigen Verbandsbeamten vorgenommenen Revisflon unterwerfen. Man hofft, der fremde Revisor werde nickt nur Fehler und Falsa leichter entdecken, als die mit der Kasse mehr oder weniger in Verbindung stehenden einheimischen Revisoren, sondem er könne auch die geeignetste Mittelsperson darstellen, um empfeblenswcrthe Svarrassenreformen von der einen Kasse auf die andere zu übertragen. Staßfurt.(Großer Sozialistenprozeß. 35 Angeklagte.) Am 6. Dezember v. F. hat hier der frühere Rcichstagsabge ordnete Heine aus Halbcrstadt, welcher in Geschäften anwesend war, in gcnrüthiicher Gesellschaft an einer öffentlichen Wirths- rafel fich mit den Anwesenden etwas erzählt, bis die Gäste durch etwa 8 Polizisten, Gendarmen und Nachtwächter darüber belehrt wurden, daß sie„eine geheime sozialistische Versammlung" bildeten. Nunmehr haben sämmtliche Gäste Anklage erhalten, «Heils wegen Iledertrctung des preußischen VereinsgesetzeS, theils wegen Ucbertretung des Sozialistengesetzes. Die Anklage lautet »wider Heine und Genoffen. Oesterreich-zlngar«. Heiteres aus dem österreichischen Parlament. Unser Ab- fteorduclcnhaus beschäftigte sich heute ausschließlich mit der »crson des.Herrn von Schönerer. Gegen den genannten Ab- geordneten lagen zwei gerichtliche Ausliefemngsbegehren vor. Das Strafgericht verlangte die Auslieferung wegen des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit und Erpressung, be» gangen durch den bekannten Ueberfall der Redaftion des„N. W. Tgbl.". das Bezirksgericht hingegen forderte die Ausliefemng wegen Beleidigung einer Amtsperson und Einmengung in eine Amtshandlung anläßlich der Auflösung eines Kommerses der Zither unterdrückten Burschenschaft„Teutonia". In beiden Fällen wurde dem gerichtlichen Begehren Folge gegeben, und die Zwischenfälle während der Siyung zeigten, daß das ganze Haus Herrn von Schönerer fallen läßt und endlich die Eni- schlossenheit bekundet, auch das scinige zur Einengung «er antisemitischen Bewegung beizutragen. Vor dem Hause hatten fich die nationalen Antisemiten massenhaft eingefunden, aber nur die wenigsten erbielten Eintrittskarten. Im Hause stldst herrschte eine gewisse Erregung, denn man wußte, daß schönerer und alle übrigen Antisemiten sprechen wollten, was gemeiniglich zu Skandalen führt. Schönerer nahm als Erster in eigener Sache das Wort, aber es wollte ihm nicht gelingen, seine Handlungsweise zu entschuldigen, wie er denn überhaupt, wenn er aus aphoristischen Bemerkungen heraustteten will, als Redner banal, seicht und ohne Schwung spricht. Mit Trodherten allein bezwingt man die Zuhörer nicht. Schönerer verlangt zunächst vom Präsidenten, daß er den Zeitungsbericht- v-siattcrn, welche notorische Fälscher seien, den Zutritt in's vaus verwehre. Smolka ruft ihn deshalb zur Ordnung, indem 1 demerkt, daß die Journalisten„ebenfalls Menschen" und Aitbare Personen wären. Schönerer erzählt hierauf, daß das «igcordnetenhaus jedesmal eine„Riesenblamage" erlebte, wenn G ihn auslieferte, und daß es auch diesmal so sein werde, denn bie Richter ließen sich nicht beeinflussen und gingen auf der» artige tendenziöse Anfeindungen nicht ein. Was er und seine Freunde in der Redaktion des„Tageblatt" gethan, sei nichts als eine„freie Meinungsäußerung" tschallendes Gelächter) ge- Wesen. Er sei in der Redaftion erschienen, um die Redakteure Zur Redezu stellen, weil sie die falsche Nachricht über den Tod Kaiser Äilhelm's verbreitet hatten. Man hätte die Vlätter wegen dieser falschen und beunruhigenden Nach- ttcht mit Beschlag belegen und auflagen sollen, aber es Geschah nichts dergleichen. Die„Preßbestien" könnten thun, was sie nur immer thun wollten. Er habe den gesetzlichen �-oden nicht verlassen! hätte er diese Praxis üben wollen, so wurde er bis an's Ende seiner Tage im Kerker fitzen müssen, Perl er dann die„Judcnbuben",«diese Kerle", mit der Peitsche «.handelt hätte. Er wollte eine Interpellation eindringen, auf ?uß die Regierung gegen die Blätter einschreite, welche die wische Nachricht von dem Tode des Kaiser Wilhelm verbreite- eigenes Kind verkaufte, es muß sein!" kann ich nicht länger mit ihr leben •(V.».. "Überlegen Sie sich die Sache noch, Baumann," sagte . he�lich,„das hat Zeit- übereilen Sie nichts~' g, � f„ VWV«VJV»,——----— ° letzt im ersten Schmerz und Zorn." �.„Es ist nichts mehr zu überlegen, Herr Staatsan- Kor!., beharrte der alte Mann:„was ich gesagt habe, der nefi gvsaat, und dabei bleibt es. Kein Mensch in inst. � wird mich davon abbringen können, wenn ich ww selber erst einmal im Reinen bin, daß es geschehen Kar. Ihre Frau ist sonst so brav und gut— Sie en nie eine Klage wider sie gehabt!" dös«"«n6'" der Mann feierlich,„nie ist selbst nur ein du,.■' zwischen uns gefallen, und man mag ihr, das kan vecht von Herzen, den Fehltritt vergeben— ich Glicht! Grund genug ist doch zu einer Scheidungs- i«,» �'t Vor» Gr. öffentliche Nersammlnng der Kackirer am Freitag, den 23. März, Abends 8 Uhr, in Jordan'« Fokal, Neue Grünstr. 28. Tagesordnung: Die Lage unserer Streikbewegung und Verschiedenes.[613 Die Meister find hierzu eingeladen. Spezialitäten- Bartinaa- Stadt- Theater tvallnertheaterstraße 15. PHUippine Weiser. Vaterländisches Schauspiel in 5 Allen von O. v. Redwitz. vor und nach der Vorstellung im Tunnel: Kroww Konzert von Theodor Anfang der Vorstellung ranke. t Uhr. LoNiseuitadtisches Theater. vrÄdenerstr. 72. Direktion: Adolph Ernst. 184 Zum Male: „Schutzenlis�". igspoffe in 4 Allen von Leon Tr NL'"" von G. Görß. und Franz Roth. Lisi: Berta Felda Treptow. Musik von G. Steffens Uerein z. Wahrung d. Interessen der Tischler. Uerfammlung am S o n n t a g, den 25. März, Voimittags 10 Uhr, Michaclkirchstr. 39. T. O.: Vereinsangelegenheiten und Aufnahme neuer Mitglieder. Billets zu dem am 1. Ostcrfeiertag in den Festsälcn, Beuthftr, 20—21, stattfindenden Konfert und Kranichen sind in der Vcr> samnuuna, Meinen werthen Kunden und Freunden zur Nachricht, daß sich meine Glaserei, Spiegel' und Biiderclnrahmung vom 3. April ab MraNgelstr. 32, vorn Patt, befindet 593] Karl Scholz, Eisenbahnstr. 36 b> ardiRen-Il�abrik Emil Eekevre, Kerlin S., verkaust jetzt auch an Private, fedoch nur in ganzen Stücken, ea. 200 Muster stets vorräthig! 392 Oranienssraßelö� Echt mgl. Tüll GardiZ»� St. von 22 Mtr. 12 Matt. Damast- IwirngardW� das ganze Stück 10# Musterbücher gratis«. franko. Nersavdt gegen Nachnahme lmlung, sowie bei folgenden Mitgliedern zu haben: L a ck u r, Admiralstr. 26, Stier, Gm» ArSeiter-Wotizkalmder pro 1888 Prsls 80 Mg. Stürkere Ausgab« 70 Mg. SUoOwarrkänf»** Hohne Uodott. }« beziehea durch die Grpeditio», Zimmersiratze 44. bandnä vabmsn Ar nauerstt. 16, Claus, Solmsstr. 38, lenzer, Fürstenstr. 19, Pschichholz, Pallisadensk. 16, Lerche, Fruchtstr. 52, W ersch ke, Adalbert- straße 16.[614 Nolitnr-Spiritns, Krenn Spiritus Ä™01 38 1 Rum. W D' dtenst 1 Serbien �vchschi k Nic -iheinla! 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Sämmtlich« Kons und passe-part-at-, gleichviel welchen Datums, find gtltig. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonntag: Uachmittags-Ktndervorstellung. Robinson Crusoe. 1. Parquct 25 Pf. Loge und Fauteuill 50 Pf. KSnigl. Preuß. l78.Klass.-Lott. ßiehnng I. Kl. 3.«nd 4. April er. Griginalloose auf Depoticheine Vi M. 60, M.«5, V« M. 12'/, Antkeit»'/'« 1/»« loos« M. 6,<5 3,25 1,75 1 Ecßeitec- tftconife Gleicher Preis für alle Klassen. Planmäßige Gewinn- Auszahlung ohne 604] Abzug. DI ckmam.Bm Borllii ♦" A? tHv■" J Spandauerbrücke 16. Prospekte gratis. WeiSbier ohne jeden Wasserzusatz, die große Weiße 20 Pf., die kl. 10 Pf. außer dem Hause, giebt's nur im Restaurant Franks. Allee 74, im Hause der Ostcnd-Apotheke bei Emil BShl. Von 2 Mark an frei ins Haus.[21 Mochenblatt für die Interesse« des arbeitenden Volkes» Redaktion: Carl Grillenderger, erscheint ab 1. April ds. Js. regelmäßig im unterzeichneten Verlag. Inhalt: Politische und sozialpolitische Original-Leitartikel, Politische Uebett sscht, O r i g i n a l korresponendenzen über Ardeiterverhältnisse aus ganz Deutschland. Vermischte und belehrende Notizen. Spannende Feuilletons. Eingetragen im Bayettschen Post-Zeitunaskotalog unter Nr. 109a. preis 30 pf. monatlich, dirett per Kreuzband in Einzelexemplaren 40 Pf. Filiale« werden überall errichtet. Probenummern stehen gratis zur Verfügung. Zur Mitarbeiterschaft als Korrespondenten werden alle Leser eingeladen. Alle Bestellungen und sonstigen Zuschriften find zu ttchten an Passage 1 Tr. 9 M.- 10 A. Kslsor-PanoriUttA. Zweite Reise Gber- Italien. pillaZirio. Kaiser Friedrich III. Anfbahrnng Kaiser Mtthrlm I. Neu! Zum ersten Male: n. Wanderung durch die Türkei. Sin« Reise 20 Pf., Kinder nur 10 Pf. Abonn. fti�ans-JLusütthnuf. 2. Weinbergs-Weg 2. dicht am Rosenthaler Thor. Laut Beschluß der Generalversammlung vom 2. d. 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Hinsichtlich des Lohnes der Akkordarbeiterinnen wird mitgetheilt, daß derselbe sich in der Wäschefadrikalion für eine Tagesarbeit(„von Tagesanbruch bis Abends 9 oder 10 Uhr in eigener Häuslichkeit") auf 2 bis 450 M., in dem Konfektionsgeschäft bei 10 stündiger effettiver Arbeitszeit auf 1,50 M. durchschnittlich beläuft. Der Bericht wricht von der„Geringfügigkeit des Arbeitsverdienstes". Erfurt.„Als Resultat der gepflogenen Erhebungen ttgicbt sich, daß der tägliche Verdienst der in der Wäsche- und "onfektronsbranche beschäftigten Arbeiterinnen auch hier un Allgemeinen ein durchaus unzulänglicher ist. Ein wichtiger Unterschied besteht nur insofern, als die Wäschefabrikation in «incm Thefl des Jahres ganz stockt, während die Konfektions- vbeiterinnen fast ausnahmslos vor dem jedesmaligen Beginn ber Arbeiten zur Sommer- und Wintersaison längere Zeit, meist �wa je 4 Wochen, ohne Beschäftigung und Verdienst find." '>n Erfurt wird, wie bereits erwähnt, fast nur durch Vermitte- lang der Meister produzirt.„Der Wochenlohn einer Stepperin schwankt zwischen 6 und 9 Ä. und mag sich im Durchschnitt wf 7 M. belaufen, d. i.(bei 11- bis 12 stündigem Arbeitstag) 10 Pfennig für die Arbeitsstunde. Die Mehrzahl findet jähr- «ch im Durchschnitt sechs Wochen lang keine Beschäftigung.,. Der Stücklohn der in der Konfektion beschäftigten Näherinnen uchtct sich nach den zwischen der Handelsfirma und den für ?ese arbeitenden Meistern oder Meisterinnen gcttoffencn Ver- �ndarungen... .«Im Allgemeinen steht fest, daß der Wochenlohn einer vMrdnäherin bei zwölfstündiger Tagesarbeit nur ganz aus- Uabms weise, bei besonders tüchtigen Leistungen über ?, N., dann allerdings, namentlich bei tzinzunahme von Überstunden, bis gegen 10 M. steigt. Er sinkt bei minder Mutigen Arbeiterinnen bis auf 2\ M., vereinzelt auch noch medriger. Manche Lehrmädchen arbeiten das erste Jahr unent- Mlich. Wird die arbeitslose Zeit eingerechnet, kann der Ver- Mist der Jahreswoche im Durchschnitt etwa auf 4t M. ge- Mvt werden. Bleibt diese Periode außer Ansatz, mag der Mdienst der Handnäherinnen sich für die Woche vielleicht auf durchschnittlich 5 M. belaufen." Nicht besser als in Thüringen steht's in Westfalen und den Aheinlanden. Wir eilen darüber hinweg, um durch die Mono- drne des Elends nicht zu ermüden. Nur einige Mittheilungen M dem Süden noch, damit man nicht glaube, dieser sei besser Man als der Norden. In Bayern„schwankt der Lohn zwischen 60 Pfennig und %%; als durchschnittlicher Tagesverdienst kann böchstens der Abag von 1 Marl 50 Pf. angenommen werden.... .'r Erwerbsverhältniffe find im Durchschnitt nicht besonders Mtige und der Tagesverdienst reicht in manchen Fällen kaum K> zur Befriedigung auch der bescheidensten Lcbensansprüchc. ge materielle Lage der fraglichen Arbeiterinnen hat sich namcnt- "ch in den letzten Jahren verschlechtert. , In Wütttemberg haben die Tagelohnarbciterinnen in Kon- Monsgeschäften zwischen 50 Pfennig und 2,50 M., in der j�nkotbranche unter 1 M. Akkordarbeiterinnen in der Fabrik jfcben einen Tagesverdienst zwischen 55 Pf. und 2 M. In Hausindustrie schwanken die Tagesverdienste zwischen 20 Pf. 2,)0 M. In Stuttgart sollen nach handelskammcrlichcn Maden Arbeiterinnen in Damenkrnfektionsgeschästen und Oberinnen 1,26 M., Schneiderinnen 1,22 M. verdienen. 3n Sachsen herrschen ähnliche Verhältnisse. �PrackT DOn Unä mitgetheilten Ziffern sprechen eine sehr beredte steht es mit der Arbeitszeit in der Wäschefadri- und ver Konfektionsbranche? Von vornherein ist fest- en, daß der Arbeitstag im Klein- und Zwergbetrieb nicht lirbar ist, und daß die Hausindustrie, auf Akkordverdienst Saknlarfeier eines Zasters. IL. Das stille Verdienst kommt selten zu Ehren. Wir ver- I galten wohl an den Zubeltagen der Geistesheroen, die 0 0* ok»1 0*, 0 wohl an den Zubeltagen ver Geriresyeroen, vre h!/ berühmt gemacht haben, imposante Gedenkfeiern. >t.s®�errlichen die weltgeschichtlichen Ereignisse, welche U Macht und unser Ansehen im Völkerrathe vermehrt KT- WÖ glänzenden Kundgebungen in Schrift und Wort. bmfl n Gedenktagen stiller Wohlthäter, welche unsere in- er.' en Lebevsbenebunaen. unsere glücklichsten, stillsten s»fle re■"�schönem helfen, opfern wir selten eine weihe- liti* �>nnnerungsstunde. Zn diesem Jahr, in diesem Früh- "A1 im begriff, eine solche Unterlassungssünde zu helfen Unsere schwachen Worte sollen dies verhüten ehlxz'...Die Säkularfeier eines eminenten Kulturfaktors, �itt,'"Ben Laster«, einer vielgeschmähten, hochgepriesenen Wen,'« diesmal nicht klanglos vorübergehen, soweit es in "läften steht. Zn diesen Tagen feiert der edle, �bstä Gebrauch des— Rauchens das dreihundertjährige S(, 1 seines glorreichen Einzuges in Europa. Was nur vorher kosten durften, ward von da ab kulturelles ß Ä" der ganzen Welt. Gerade vor 300 Jahren, Anno 1588, publizirte N(fn r1 sselahrte Leibmedikus Seiner Mvjestät Jakob I. erbrei� ein lateinisches Kräutcrbüchlein, welches weite yng fand und von Zeitgenossen des Oefteren zitirt st qL verstaubten Winkeln deutscher Bibliotheken dürfte Hin, �7..da und dort zu finden sein. In diesem Opus- Min.�iahlt der Autor u. a.:„Die Schiffsleute, so aus "(ine>'m!nen. tragen Tabakblätter bei sich, bringen dazu Jcr»„k oder Hörner mit von Palmenlaub, Thon Heg°.erem Stoffe, in denen sie besagtes Kraut stecken � lnss.�'sden dies an, machen einen Rauch davon, welchen fi. w s>ch gehen, sich damit wiederum zu erquicken, i erst! der Arbeit matt worden sein." So lautet o der»."'rrarische Schilderung europäischer Raucher. Und �ssahwt., überreichte der Kapitän eines großen englischen Sttheischiffes, des„Duke of Hainilton", im selben angewiesen, stets und überall berüchtigt ist durch die Ausdeh- nung des Arbeitstages bis zur Naturgrenze, bis zur völligen Erschöpfung der phnstschen Kraft. Aus Berlin wird gemeldet: „Die Dauer der Arbeit in der Fabrik beläuft sich fast durch- gängig auf 9 Stunden täglich, hat aber eine Arbeiterin zu Hause eine Nähmaschine, so pflegt sie sich noch Arbeit mit in die Wohnung nehmen und Familienangehörige oder andere Personen zur Mithilfe heranzuziehen." In Stettin beträgt in den Werkstuben die Arbeitszeit lOj Stunden, in Breslau in den Wäschefabriken, Konfcttionsgeschäften, Strohhutfabriken 9 bis 14, im Durchschnitt 12 Stunden, außerhalb der Fabrik 14 bis 15 Stunden, in Erfurt 11 bis 12 Stunden. In Bielefeld, Herford w. find die im Akkord arbeitenden Hausarbeiter 11 bis 16 Stunden, im Durchschnitt 13� Stunden, die Werkstubenarbeiterinnen 10 Stunden ausschließlich der Pausen beschäftigt. In Elberfeld zc. herrscht in den Werkstuben 11— 12stündige Arbeitszeit, die Hausindustriearbeiterinnen schaffen bedeutend länger. Dazu kommt, daß sie mit dem„Liefem" jedesmal mindestens drei Morgenstunden verlieren, so daß sie wenigstens 78 Stunden per Woche ins Joch gespannt sind. In Düsseldorf sind die Arbeiterinnen bis in Vre Nacht beschäftigt, oft von 5 Uhr Mor- gens bis 10 Uhr Abends, von 6 Uhr früh bis 8, auch bis 12 Uhr Nachts. In Frankfurt a. M. beträgt die durchschnitt- liche Arbeitszeit für Werkstubennäherinnen 10 bis 11 Stunden. „Da die meisten Akkordarbeiterinnen in ihren Wohnungen arbeiten, so ist eine Feststellung kaum möglich, die Leute wissen selbst nicht genau, um wieviel Uhr sie Mor- gens beginnen und wann sie Abends aufhören. Es steht die Dauer der täglichen Arbeitszett in enger Beziehung zu Quantität und Dringlichkeit der vorhandenen Arbeit." Nicht besser lauten die Berichte aus anderen Gegenden Deutsch- lands. Ueber die Sonntagsarbeit in der Jndustriegruppe: Verfertigung von fertigen Kleidern und Wäsche, unterrichten uns die„Ergebnisse der Erhebungen über die Beschäftigung gewerb« licher Arbeiter an Sonn- und Festtagen". Darnach ist in den Regierungsbezirken Königsberg, Potsdam, Breslau, Osnabrück, Hannover, Arnsberg und Wiesbaden die Sonntagsarbeit in allen Betrieben, nach allen übrigen Erhebungen in ernem Theil der Betriebe üblich. Nach den Berichten aus Minden kommt sie in der Fabrikatton von Kleidungsstücken in den meisten, in dcr Wäschefabrikation nur in einzelnen Betrieden vor. Betont wird, daß der Umfang der Sonntagsarbeit in der Haus- industrie nicht zu fixiren ist. So wird aus Worms gc- meldet, daß die Schneiderin zu Hause arbeitet,„wenn und so lange es derselben beliebt". Im Königreich Sachsen wird die Sonntagsarbeit in der Damenkonfektion als„üblich" bezeichnet. Während der Saison wird regelmäßig am Sonntag gearbeitet. Aus Berlin wird bezüglich der Fabrikation von Damcnmänteln angegeben, daß für die Saison von Januar bis März, im Juli und August Sonntags gearbeitet werde. In Wiesbaden wird für die Herrenkonfektion regelmäßig Sonntags gearbeitet. In Breslau wird für den Großbetrieb die Periode, in der Sonntage- arbeit vorkommt, auf 6 bis 9 Monate, für den Kleinbetrieb in Sachsen auf 10 Monate berechnet. Die größeren Kleider- fabrikanten in Bayern lassen das ganze Jahr hindurch am Sonntag arbeiten. Die Sonntaasarbeit erstreckt sich in vielen Fällen auf den ganzen Betrieb. Zuschneiden, Nähen, An- prodiren, Fertigmachen, Waschen, Plätten, Ausbessern, Expcdircn, Verkauf und die Komptoirarbeit finden statt. Nach zahlreichen Angaben wird am Sonntag die gesammte Arbeiterschaft beschäftigt. Nur nach wenigen Angaben findet ein Wechsel der Arbeiter statt. Ein Arbeiter aus Sachsen äußert sich folgendermaßen:„Auf die Arbeiter wird noch etwas Rück- ficht genommen, die Mädchen aber haben darauf nicht zu rechnen. „Sie müssen!" herrscht der Arbeitgeber oder die Arbeitaeberin sie an,„es giebt erst Lohn, wenn ich Feierabend gebe." In der die ß Fabrik oder Werkstude tagsüber beschäftigtes Weib ist nur zu oft gezwungen, um einige Pfennige Mehrverdienst zu machen, nach Schluß des Geschäfts zu Hause bis in die tiefe Nacht hinein sich abzuplacken. Die Krönung des Gebäudes ist die Sonntags- arbeit. Wahrlich, das sind Zustände, die am besten sich selbst kriti- sircn, Zustände, geschildert durch die höchste Rcichsdchörde, ge- schildert auf Grund der von den Einzelregierungen angestellten Erhebungen. Jahre 1588 an der Spitze einer Deputation, welche aus einem Theile seiner Besatzung bestand, dem englischen König in feierlicher Audienz eine Pfeife von Thon, wie sie die Wilden von Virginien gebrauchten, nebst einem Packetchen auserlesenen Tabaks. Seine Majestät nahm das seltsame Präsent gnädig und huldvollst an und muß sich alsbald mit seinem Hofe sehr gründlich in das neue Studium vertieft haben. Denn von da ab dattrt die allgemeine Ausbreitung des„lasterhaften" Rauchens, wie es unsere schöneren Hälften so oft mit lästernder Zunge nennen. Als der Könitz fteilich später gewahrte, daß die neue Leidenschaft in fernem Lande um sich griff, belastete er das narkotische Kraut mit schweren Steuern und suchte den Anbau desselben in Virginien einzuschränken. Man geht aber wohl kaum fehl, wenn man annimmt, daß Seine Majestät hier nach der bekannten Methode handelte, öffcnt- lich Wasser zu predigen und heimlich Wein zu trinken. Es half auch alles Verbieten nichts. Das Uebel war einmal im Laufe. Englische Studenten verpflanzten eS nach Holland, weil sie vielfach die Universität Leiben besuchten. Englische Hilfstruppen, welche dem König von Böhmen zu Anfang des 30 jährigen Krieges gesandt wurden, lehrten die Kunst des Schmauchens ihren deutschen Kameraden und und säetcn damit die Keime für die später so weit verbreitete Sitte. Nicht unwesentlich arbeitete ferner dem Schmauchen die Ausbreitung des Kaffcetrinkens vor, wie denn ein persisches Sprichwort sagt:„Kaffee ohne Tabak ist eine Speise ohne Salz". Heutzutage muß sich fteilich das arme Bier die Nachrede gefallen lassen, baß es zum Rauchen reize... In Deutschland wollte sich, dies sei zur Ehre der Wahr- heit bekannt, zuerst der neue Gebrauch nicht so schnell ein- bürgern. Ein eigenthümlicher Umstand trat hindernd in den Weg. Man kannte das Tabakkraut bis dato nur als— Medikament, und eS war nur zu natürlich, daß die Be- wobner des klassischen Landes der Quacksalberei, eben Deutsch- lanbs, den größten Widerwillen dagegen empfanden, mit dem Munde ein Kraut zu genießen, welches sie bis dato zur Heilung mannigfacher Gebrechen des kranken Körpers ange- Iii. Aus welchen sozialen Schichten sich Ardeiterinnen rekrutircn. Ihre Lebens« Haltung. Die Prostitution. Der von der preußischen Regierung ausgegebene Fragebogen enthielt auch die Rubrik: Welchen Volksllassen gehören die Ar- beiterinncn hauptsächlich an'? Die breite Masse dcr in der Wäschefadrikation und der Konfeftionsbranchc beschäftigten Arbeiterinnen entstammt der Arbeiterttasse, gehört kraft ihrer Thätigleit und Lebensführung zur Arbeiterklasse, ist einer der wichttgeren Zweige des wcib« lichen Jndustrieproletariats. Aber die wirthschafllichc Zersetzung unserer Zeit offenbart sich recht deutlich darin, daß die beiden genannten Branchen zugleich zum Reservoir überschüsfigcr Ar- beitskräfte aus der Kleinbourgeoifie geworden find. Die Frauen und Töchter von Handwerkem, kleinen Kaufleuten, Subaltern- deamten drängen sich schaarenweise zu den Konfektionsgeschäften und Wäschefabriken und treten in gefährlichen Wert- bewerb mit den proletarischen Elementen dieser In- dustrien. Da fie nicht derselben sozialen Misere aus- Sesetzt sind, wie die Frauen unb Mädchen der Ardeiterklasse, da e nicht unmittelbar auf den Broterwerb angewiesen find, so drücken sie aufs allerschlimmste die Lohn- und Lebensverhält- nisse ihrer schlechter sttuirten Konkurrentinnen. Es gilt nicht als „fein", wenn ein Mädchen aus der petita bourgeoisie in einer Fabrik fich ihr Brot verdienen sollte, wo sie mit Männern zu- sammeirarbeiten müßte; Putzmacherei, Konfektionsbranche, Wäsche- fabrikation find für das kleinbürgerliche Gehirn noch von einem gewissen„noblen" Schimmer verklärt. Sind die Mädchen tbat- sächlich durch die Verhältnisse deklasfirt worden, find fie Prole- tarierinnen und suchen ihr Brot fich zu verdienen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Aber dieselben Weider, die hochmüthig an der Arbeiterin vorübergehen, welche für einen Jammerlohn arbeiten muß, konkurriren mit dieser Arbeiterin, um Toiletten, die der schmale Gehalt des Gatten oder Vaters nicht schaffen kann, aus dem Nebenverdienst sich zu verschaffen. Ledig der Sorge für des Lebens Ziothdurft, füllen sie ihre freie Zeit, die oft genug den ganzen Tag umfaßt, durch Arbeit für Wäsche- fabriken»c., aus. Der Kapitalist hearüßt selbstverständlich mit Freuden dieses Angebot allerwohlfeilster Arbeitskräfte, das ihm erlaubt, den erbärmlich gelohnten eigentlichen Arbeiterinnen mit absolutistischer Willkür Gesetze zu diktiren und sie nach Belieben durch Lohnreduktionen zc. zu drücken. Doch hören wir den amtlichen Bericht selbst! Posen:„In der Konfektionsbranche kommt die Beschäftigung in nicht unbedeutendem Maße auch als Nebenarbeit der weiblichen Angehörigen von Familien vor, welche nicht zum Arbeiterstande zählen und zwar weniger zur Befriedigung der für den Lebensunterhalt erforderlichen Be» dürfniffe, als vielmehr zur Deckung von Luxusbedürfnissen." Breslau:„Die Hauptmasse der Arbeiterinnen gehört den untersten Volksklassen an, besonders diejenigen, welche in Fabriken arbeiten und daselbst rein mechanische, leicht zu erlernende Arbeiten im Tagelohn ausführen. Sobald Arbeiten vorliegen, welche Sorgfalt, Sauberkeit, Geschmack, selbst Kunst und vor allem selbstständigcs Denken und Handeln ver- langen, find es meist Wittwen und Waisen des unteren Be- amtenstandes. Zu diesen treten als dritte Kategorie Frauen und Töchter noch lebender Beamten, bei denen der Gehalt wohl jür die nothwendigen Lebensbedürfnisse ausreicht, für Vergnügen und bessere Kleidung der Töchter aber nickt mehr genügt."— Elberfeld:„Wenn man absieht von den Arbeiterinnen der Kor- sctts- und Arbciterhemden- und Arbeiterhosenfabriken, unter welchen die Töchter und Frauen aus dem Arbeiterstande der Zahl nach vorwiegen, darf man als sicher annehmen, daß die große Mehrzahl der Arbeiterinnen nicht dem Arbeiterstande ent- stammt. Vielmehr find es Angehörige der Familien kleiner Gewerbetreibender(in Düffeldorf auch der Maler) und der kleinen Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten, welche das größte Kontingent stellen. Namentlich glaube ich die Aufmerksamkeit darauf hinlenken zu sollen, daß die Töchter von Post- und Eisenbahnbeamten besonders zahlreich dabei vertreten find, und daß in vielen, ja in der Mehrzahl der Fälle diese Beamterr durch die Roth gezwungen find, ihre Töchter diesen, immerhin sehr gefährlichen Erwcrbszweigen zuzuweisen. Wird schon durch den Wettbewerb dieser Bearntentöchter um Arbeit der Verdienst der arbeitenden Klasse und armen Wittiven erheblich beeinträch» tigt, so geschieht dies doch noch in weit höherem Maße dadurch, daß seit den letzten Jahren die weiblichen Angehörigen von Familien aus dem besser sttuirten Mittelstände nicht nur— wie es vielfach vorgegeben wird— um des Erlcrnens der Arbeiten und um des Erlangcns der für die zukünftige Hausfrau erfor« wendet hatten. In der That spielte das Tabakkraut in dcr mittelalterlichen Medizin eine große Rolle und war als Medikament, aber auch nur als solches, schon vor der Ein- führung de« Rauchens bekannt. Ein spanischer Mönch führte es kaum ein Jahr nach der Entdeckung Amerikas bei der wissenschaftlichen Welt seines Heimathlandcs ein. Man baute die neue Pflanze zuerst in den königlichen Gärten zn Lissabon und weiterhin in den spanischen Landschaften wie in anderen europäischen Ländern. Das Verdienst der Ein- führung in unser Vaterland gebührt einem Süddeutschen, dem hochehrbaren Stadtphysikus AdolfuS Occo in Augs- bürg, welcher sich die ersten Pflanzen aus Frankreich ver- schrieb. Gar bald nahmen dann die Aerzte das Kraut in ihr Medikamentenregister auf, und es ist gar ergötzlich, in vielen besonderen Schriften und Traktätchen jener Zeit zu lesen, wie hoch seine Heilkräfte mit mannigfachen Ueber- treibungen gepriesen werden. Unter dem Schlagwort„Mund"- oder„RelrgionS"- oder„Wunderkraut"(Herda sano saucla, Herda santta crncin) kann man feine Wirkungen verzeichnet finden, wie es denn noch in einem Kräuterbuche von 1656 heißt:„Dieses Kraut reinigt Gaumen und Haupt; vertreibt die Schmerzen und Müdigkeit; stillet das Zahnweh und Mutteraufsteigen; behütet den Menschen vor Pest; verjaget die Läuse; heilet den Grind, Brand, alte Geschwüre, Schaden und Wunden." Mehr kann man keinesfalls von einem Medikament verlangen! Mit dieser Gewohnheit, den Tabak als Heilmittel zu betrachten, ist, wie gesagt, jedenfalls auch ein Theil des besonderen Widerstandes zu erklären, auf den das Rauchen in Deutschland stieß. Die hohe und niedere Geistlichkeit donnerte überdies von allen Kanzeln gegen die„Unsitte", ohne eine Vorahnung davon zu haben, daß die lange Pfeife einst unumgänglicher Bestandtheil des Bildes eines gemüthlichen Landpfarrers bilden würde. Als die Unsitte überhand nahm, sogar in den Kirchen zu rauchen, erließen Jnnocenz VIII. und Urban VIII. Bullen gegen Rauchen und Schnupfen. So sprach Moscherosch vom„höllischen Rauche", und der bekannte Volksschriftsteller Philander von Sittewald aus der Pfalz macht seiner Enttüstung über das derlichcn Geschicklichkeit willen, sondern des Erwerbes und der Beschäftigung wegen sich zur Ucbernahme von Arbeit herandrängen. Der Erwerb solcher„Damen" dient nicht zur Befriedigung nothwendiger Bedürfnisse, sondern zur Be- frievigung ihres oder ihrer Angehörigen persönlichen kZochmuths; er wird vergeudet in Luxusartikeln, namentlich der Toilette, so daß die Arbeitgeber der„Damen" durchweg mir erklärten, fie seien oft nicht im Stande, die„Damen" auf der Straße, in Konzerten und auf Bällen wieder zu erkennen." Der Mann, der diesen Damen, welche hungernden Arbeiterinnen aus Putzsucht Konkurrenz machen, so gründlich den Text liest, ist der wackere rheinische Fabrikinspektor Dr. Wolff, ein Mann, der unstreitig der tüchtigste deutsche Fabrikinspcktor ist. Er berichtet aus Neutz, daß die Löbne der 5)alsbinden- und Kravattcnmacherinncn in den letzten Jahren um 20 bis 80 Prozent gefallen find und fügt hinzu:„Dies wird wesentlich dem Umstand zugeschrieben, daß in der neueren Zeit die weiblichen Angehörigen gut fituirter t amilien den auf den Erwerb Angewiesenen in höherem Maße onkurrenz machen, als es vordem geschah." Diese Daten werden genügen. Wir sehen, wie die prole- tarischen Arbeiterinnen durch den Druck des Unternchmerthums und den Wettbewerb der kleinen und mittleren Bourgcoifie zu- gleich bedrängt und verelendet werden. (Schluß folgt.) Kommunales. Stadtverordneten- Ersatzwahlen. Bei der am Mitt- woch im 13. Kommunal-Wahlbezirk Hl. Abtheilung vollzogenen Wahl erschienen von 3675 eingeschriebenen Wählern 408. Wie nach dem Beschluß der am 12. d. M. im Konzerthause„Sans- souci" abgehaltenen Versammlung vorauszusehen war, wurve der durch mehrere Streiks in seiner Fabrik bekannt gewordene Kistcnfabrikant Erdmann gewählt. Von den 408 abgegebenen Stimmen erhielten Erdmann(dfr.) 406, Görcki(Soz.) 1 und Saatz(kons.) ebenfalls 1 Stimme.— Bei der am 11. Dezem- her 1883 stattgefundenen Nachwahl wurde Görcki(Soz.) mit 773 Stimmen gewählt, während Biebendt(dfr.) 310, Saatz (kons.) 112 Stimmen erhielt. Bei den allgemeinen Wahlen am 18. Oktober 1883 wurde Tutzauer(Soz.) mit 792 Stimmen gewählt, während auf Schiegnitz(dfr.) 406(also genau so viel Stimmen als diesmal auf Herrn Erdmann) und auf Saatz(k.) 279 Stimmen fielen. Im 5. Kommunal-Wahlbezirk II. Abtheilung erschienen am Mittwoch von 1571 eingeschriebenen Wählern 399 im Wahllokal. Es erhielten Selle(dfr.) 283, Luckhardt(kons.) 116 St. Gewählt ist sonach Solle. Stadtverordnete«- Uerjammluns, Die zu heute, Freitag, beabsichtigte außerordentliche Sitzung, ebenso die ordent- liche Sitzung am Donnerstag, den 29. März er., fällt aus. Dafür finvet am Mittwoch, den 28. März, Nachmittags 5 Uhr, eine außerordentliche Sitzung statt. Kokales. Infolge der UerKehrsstörnngen durch den fortgesetzten Schneefall macht sich in Berlin ein gewisser Manael an Lebens- Mitteln fühlbar. Auf dem Bahnhof Rummclsburg, wo sonst die großen Viehtransporte, namentlich Schweine, von außerhalb zur Verproviantirung der Reichshauptstadt täglich einzutreffen pflegen, warteten die Viehhändler am Mittwoch vergehlich auf die Einfuhr. Nicht ein einziger Waggon traf ein. Auf dem Heumarlt am Oranienplatz wurden die wenigen Bauernwagen, die stch mit ihrem Heu und Stroh glücklich durch den Schnee hindurchgearbeitet hatten, wie im Sturm genommen. Die Preise stiegen in wenigen Minuten ausnehmend hoch, da die Käufer doch Futter für ihre Thiere haben mußten. Hafer ist ebenfalls während der Schneestürme beträchlich im Preise gestiegen, denn auch die Güterzüge, mit denen diese Produkte zu Markte zu kommen pflegen, sind sämmtlich ausgeblieben. Auch in den Markthallen ist der Mangel an frischer Zufuhr zu spüren. Kartoffeln find für ärmere Leute kaum noch zu bezahlen, der Preis für 5 Liter ist in den letzen Tagen von 35 Pf. bis auf 60 Pf. gestiegen. Die verschiedenen Gemüsearten, namentlich Kohlsorten, find nur sehr schwach vertreten. Frische Eier, die sonst um diese Zeit die Mandel höchstens 1 M. bezahlt wurden, kosten heute 1,50 M. Es fehlte auch an denjenigen Fleisch- und Geflügelsorten, die aus dem Norden eingeführt werden. Hoffent- l-.ch schafft das Thauwetter bald Wandel. Krftitigte Verkehrsstörungen. Die kgl. Eisenbahn- direktion machte gestern folgendes bekannt: Die Rügenbahn wird, entgegen der gesttigen Mittheilung, erst heute Nachmittag wieder fahrbar, hiermit sind sämmtliche infolge von Schnee- verwehungcn im Direktionsbezirk Berlin bestandene Verkehrs- störungen wieder beseitigt.— Das tgl. Eisenbahn-Betriebsamt theilt mit: Die Strecke Königsberg-Eydtkuhnen-Jnsterburg-Tilfit und Johannsburg-Lyck-Marggrabowa find am 2l. d. M. Nachmittags wieder fahrbar geworden, ebenso die Bahnstrecken Allenstein Korschen und Allenslein-Hohenstein. Gin Fall der denkbar schärfsten Anwendung de« Uetentionsrechtes ereignete fich dieser Tage im Hause Weiden- weg Nr. 76. Der Eigenthümer desselben, Tischlermeister K., exmittirte den verheiralheten Weber M. wegen einer Mieths- schuld von 48,50 M. Soviel betrug die Schuld noch, nachdem K. während des Schwebens der Klage eine Zahlung von 1 3,50 M. in Empfang genommen hatte. Weder auf Theilzahlungen gegen in Deutschland einziehende Rauchlaster in seinem siebenten Gesicht mit folgenden Worten Luft:„Zn währendem Handel sah ich unter der Versammlung einen Teufel, wel- cher einen ewigen Rauch zur Nase und dem Schnabel aus- blasete. Was ist diesem Teufel? fragte ich, und mir ward gesagt, es wäre der Tabakteufel, dessen ich mich nicht wenig verwunderte. Zwar hatte ich mir von diesem eingebildet, es möchte irgend ein Teufel sein, der die Leute zum Tabak- saufen(!) also triebe; aber nimmermehr hätte ich es doch so glauben können, als ich jetzt gesehen." Die Klimax in diesem denkwürdigen Ausspruche ist übrigens charakteristisch genug für die Anschauungsweise, welche der biedere Pfälzer über ein anderes Nationallaster der Deutschen hat. Eher will er noch das Tabak—„saufen" passiren lassen, als die neue Unsitte des Rauchens. Anderswo ging man noch weit handgreiflicher gegen die Adepten der neuen Lei- denschaft vor. In der Schweiz wurde eine eigene Art In- quisinonsgericht, eine charnbre du tabac, gegen das umsich- greifende Uebel niedergesetzt. Zn der Türkei wurden den ersten Rauchern die Pfeifen durch die Nasen gestochen und in Ruß- land noch Anfangs des 17. Jahrhunderts die Nasen abac- schnitten. Man kennt aber die verkehrte Wirkung solcher Re- presfiomaßregeln, wenn sie sich gegen ein tieferes Bedürfniß, sei es des Geistes oder des Körpers richten. Es zeigte sich auch hier, daß die verbotenen Früchte gerade am besten schmecken. AlleS predigen, donnern und strafen war also vergeblich. Ein wirthschaftlichcr Faktor wirkte vor allem mächtiger als die gutgemeinten Warnungen. Die anregende Wirkung des Tabaksgenusses, welche jeder Raucher noch heut zu Tage nach Stunden oder Tagen der Anstrengung oder Niedergeschlagenheit verspürt, wurde entscheidend für den g der neuen Sitte. Der dreißigjährige Krieg hatte in atschland Tausende von Existenzen ruinirt, die Gemüther tiq ebeugt, und mit dem wirthschaftlichen Niedergang ging theilweise Freigabe der retinirten Sachen ließ fich Herr K. ein, noch reichte ihm die von einem zahlungsfähigen Manne ange- botene Bürgschaft aus: er verlangte die ganze Schuldsumme in baar. Er behielt auch das.Handwerkszeug zurück, den Webe- stuhl des Miethcrs, sowie ca. 20 Pfd. Ketten und 20 Pfd. Schuß-Arbeitsmaterial, das dem Fabrikanten gehörte, für wel- chen M. arbeitete. K. erklärte auch, die retinirten Sachen nicht selbst in Verwahrung behalten zu wollen, sondern drohte, fie in der Pfandkammer auf Kosten des M. aufbewahren zu lassen. M., der jetzt infolge Zumckbcbaltung seines Webestuhles ver- dienstlos ist, hat, wenn diese Drohung ausgeführt wird, keine Hoffnung mehr, den Webestuhl jemals wieder sein eigen zu nennen. Herr Magnan, Frankfurter Allee 128, hat der cx- mittirtm Familie einstweilen Unterkunft gegeben. Gin Aeichen der Zeit. In Nr. 10 der„Thierbörse" findet fich folgende Anzeige:„Herzliche Bitte! Ein junger, armer, noch unverheirath., ganz verlassener, sonst aber sehr ehrlicher und strebsamer, von Jedermann sehr gechtter und geachteter Mann, welcher nur armer, aber ehrlicher und braver Eltern Kind ist, und die Leinengewebe-Wcdcrci, weil von Kind an stets bis heut dabei thätig gewesen, genau kennen gelernt, und um seine be- deutende Fachkenntnisse vollständig auszunützen, aber kein Ver- mögen besitzt, und deshalb edeldenkendc mit Glücksgütern ge- segnete Familien oder Fräulein herzlichst bittet, um einige Dar- lehne von je 100 oder 50 M. oder mehr,(zur Errichtung eines Leinengewebefabrikations- und Versandtgeschäfts an einem sehr gelegenen dazu sehr bequemen Postorte(1 Stunde von hier), wo nur Leineweber zu finden, und die dazu nöthigcn Fach- kenntnisse vollständig genügend vorhanden, und diese Fabrikate der Mode nicht unterworfen, in jeder Familie nöthig, mithin sehr gangbar und gewinnbringend find. Betriebskapital 5000— 6000 Mark zum Anfang nöthig auf einige Jahre, auf Ehre, Treu und Glauben gegen Schuldschein und 6 bis 8 pCt. Zinsen. Für Damen ist eine passende Gelegenheit zur Verheirathung hierdurch geboten. Jedermann erhält, wer 100 M. geborgt, dafür(auf Bestellung) stets Waaren ohne Nachnahme, oder in Kommission zugesandt, Bezahlung erst nach Empfang derselben, es werden nur Waaren bester, dauerhafter Qualität angefertigt, also beste Kapitalsanlage und vortheilhafte Bezugsquelle für Jedermann. Genauere Auskunft ertheilt und Offerten bitte zu senden u. G. W. F. an Gemeindevorsteher Herr L. Hänke in Rothenzechau, Post Schreibendorf im Riesen- aebirge. Beglaubigt durch obigen Gemeindevorsteher. Es wird höflich gebeten, diese Annonze nickt unbeachtet bei Seite zu legen, da selbige sehr theuer rst." Jedenfalls wird der junge, ganz verlassene Mann selbst am besten wissen, warum er seinen Nothschrei gerade durch die Thierbörse ertönen läßt. Infolge eine» Elbdeichbrnch« ist am Mittwoch Abend eine kombinirte Kompagnie des Garde-Pionier-Bataillons mit zehn Ponton-Hackels nach Lenzen an der Elbe(Priegnitz) ab- gerückt. Der gestrige Votizeibericht rrnröhnt an seiner Spitze den folgenden Unglücksfall:„Am 19. d. M. Abends fiel vom Dacke des Hauses Koppenstr. 35 eine größere Masse Schnee herab und einem zehn Jahre alten Knaben auf den Kopf. Derselbe erlitt dadurch so schwere Verletzungen, daß er nach dem Krankenhause Bethanien gebracht werden mußte." Aehnliche Unfälle, wenn auch nicht ganz so schmerer Ztatur, dürften fich, wie der„Börs. Cour." bemerkt, in diesen Tagen zahlreich ereignet haben und werden stch noch weiter ereignen, wenn man nicht bei Zeiten Vorkehrungen dagegen trifft. Wir selbst haben es gestern Mittag in der Jerusalemerstraße mit an- gesehen, wie ein Herr fich nur durch einen kühnen Seitensprung vor einer kleinen vom Dach hernicdersausenden Lawine in Sicherheit bringen konnte. Bei abgesperrtem Trottoir sollten die Wirthe eine gründliche Reinigung der Dächer ihrer Häuser ausführen lassen. Am besten könnte dies wohl in den frühen Morgenstunden geschehen. Hierbei sei noch erwähnt, daß man vor einigen königlichen Gebäuden eine merkwürdige Jgnorirung der polizeilichen Vorschriften beobachten kann. So war z B. in den letzten Tagen das Trottoir vor der Kommandatur in einem trostlosen Zustande. Zur Fenertzestattung. Die internationale Gcdächtniß- tafel der„Reuen Flamme" verzeichnet aus den letzten Monaten wieder 25 Namen. Unter diesen befindet sich auch der jüngst verstorbene Maler Adalbert Begas, dessen sterbliche Hülle am 25. Januar zu Mailand dem Feuer überliefert wurde.—, Der Bau der Berliner Urnenhalle soll im Laufe dieses Jahres be- gönnen werden. Bis jetzt sind dafür 707,10 M. eingegangen. Weitere Beiträge nimmt das Bureau für Feuerbestattung, Breitestt. 6, entgegen. Die Namen der Geber werden in der Urnenhalle auf erner Gedenktafel verewigt.— Ein Vcrbren- nungsofen ist neuerdings auch in Turin eröffnet worden; die Einweihungsfeier findet erst im Frühjahr statt. Ei» Inbiläum der Photographie. Vor fünfzig Jahren wurde in Berlin der erste Grund zur Ausübung der heute so großartig entwickelten Photographie gelegt. Im Jahre 1838 fettigte der Mechaniker Törffel Unter den Linden das ett'te Licht- bild, nach dem Erfinder Daguerre„Dagucriotyv" genannt, an. Es war ein Bild des Geländers der damals noch„neuen" Schloßbrücke. Ein Zeitgenosse jener epochemachenden Erfindung, Professor Felix Eberty. schreibt darüber in seinen„Jugend- erinneningen eines alten Berliners":„Die Silderplatle, auf welcher die Aufnahme erfolgte, war blitzblau und mußte nach allen Seiten gedreht und gewendet werden, bis man etwas unterscheiden konnte!!" Die nächsten Bilder waren schon besser. eine allgemeine Muthlosigkeit Hand in Hand. Eine Be- völkerung in solchem Zustande mußte für den neuen, narko- tischen Reiz doppelt empfänglich und dankbar sein. Aus den Reihen der Soldaten heraus verpflanzte sich daher gerade gegen Ende des Krieges die Gewohnheit des Rauchens ziemlich schnell in die bürgerlichen Kreise. Und als einmal das Zentrum Europa's vom Rauchteufel, um mit dem guten Philander zu sprechen, okkupirt war, erstreckte derselbe seine Herrschast bald über alle übrigen Kulturländer, so daß ein Säkulum später, am Ende des 18. Jahrhunderts, das Schmauchen bereits allgemeines Bedürfniß„zivilisirter" Men- schen geworden war. Immer sind aber neben dem Heimath- lande der duftigen Pflanze, neben Amerika auch Deutsch- land und Oesterreich die Länder der stärksten Raucher ge- blieben. Man hat annähernd berechnet, daß gegenwärtig in der Schweiz etwa 2,8, in Amerika etwa 2, in Oester- reich-Ungarn 1,7, in Deutschland 1,7, in Rußland und Frankreich etwa 0,9, in England und Italien endlich etwa 0,6 Kilo Tabak auf den Kopf der Bevölkerung jährlich ver- braucht werden. Und welchen Anstoß zu gewerblicher, ja zu künstlerischer Thätigkeit hat die nunmehr dreihundertjährige Sitte des Rauchens in Europa gegeben! Heutzutage vermöchte sich Niemand die zahlreichen Industrien und Kunstfertigkeit wegzudenken, welchen die allgemeine Sitte des Tabakgenusses zum Dasein verholfen hat. Bei Gelegenheit einer 300- jährigen Säkularfeier ziemt es sich wohl einmal für uns, einen Blick auf die Unsummen von Arbeit zu werfen, welche aufgewendet werden müssen, damit uns der Genuß möglich werde, den wir täglich als selbstverständlich hinnehmen. Alle Tabak bauenden Länder zusammen erzeugen jährlich etwa 762 Millionen Kilogramm Tabak der verschiedensten Sorten, wovon drei Viertel auf die außereuropäische Pro- duktion fallen. Unter den transatlantischen Produktionsgebieten steht Amerika, unter den europäischen Oesterreich- Die Aufnahme dauettc damals noch eine Viertelstunde, so daß nur leblose Gegenstünde dargestellt werden konnten. Kopf- schüttelnd fragte man fich, ob es wohl jemals gelingen würde, auf diesem Wege ein Porträt zu erzeugen. Man ließ Versuchs- weise ein Bauernmädchen eine Viertelstunde lang still sitzen, und in der That hielt die junge Person eine solche Tortur so tapfer aus, daß ein vortreffliches Bild entstand, welches später in Berlin bei dem Kunsthändler Sachse gezeigt wurde. Die promovlrnng eines einfachen Handmerkrr« znm Doktor der Medizin von Seite» einer dentfchen Fakultät erregt gegenwärtig in wissenschaftlichen Kreisen das lebhafteste Aufsehen. Das arztliche Vereinsblatt vom Februar d. I. berichtete aus dem Bezirksverein Heilbronn, daß„im ver« gangenen Jahre einem Karl Umbach aus Bietigheim von der Universität Heidelberg auf Grund einer Dissettation die Würde eines Dr. rned.get chir. ettheilt ist. Der neue Doktor ist Färber seines Zeichens und hat nie ein Gymnasium oder eine Realschule, sondern nur die Volksschule besucht. Ein Staatsexamen hat er nie gemacht. Hierzu erläßt jetzt der Dekan der medizinischen Fakultät in Heidelberg, Prof. Dr. Czerni, in den Fachschriften folgende Erklärung:„Karl Umbach wurde nach der bestehenden Promotionsordnung auf Grund einer Differtation, welche sowohl vom Referenten, Geh. Rath Dr. Kühne, als auch von Herrn Prof. Dr. Naucki in Bern, in dessen Laboratottum die Arbeit ausgefühtt ist, sehr günstig beurthcilt wurde, zum mündlichen Examen zugelassen. Die Dissettation (über den Einfluß des Antipyrins auf die Stickstoffausscheidung) ist in Stuttgatt 1887 gedruckt. Das mündliche Examen, welches von 6 Mitgliedern der Fakultät abgenommen wurde, hat Herr Umbach so gut bestanden, daß ihm die Doktorwürde zuerkannt werden mußte. Die medizinische Fakultät zu Heidelberg hat also von dem allen Fakultäten Teutschlands zustehenden Rechte Gebrauch gemacht, auf Grundlage wissenschaftlicher Leistungen, an welche gerade in Heidelberg recht hohe Anforderungen ge- stellt werden, zu promoviren, ohne Rücksicht darauf, ob der Kandidat durch das Staatsexamen die venia piacticandi erlangt hat oder nicht." Dns benachbarte Meißenfee soll eigene Gas- und Wasserleitung erhalten. In der letzten Versammlung der Ge- meindeoertretung wurde der Amte- und Gemeindevorsteher Feldmann ermächtigt, mit einem Unternehmer wegen Erttchtung einer Gasanstalt einen Vettrag abzuschließen und dem Kaufmann Adolf Mattini wurde die Erlaubniß ettheilt, im Otte Wasser- werke zu errichten. Gin in den Kanal gestürzte« FuHrnterK. Die Berliner Feuerwehrleute hatten gestern Nachmittag eine sehr schwierige Aufgabe zu lösen, welche aber gleichwohl mit gewohn- ter Präzision ausgefühtt wurde, d.m Maybach- Ufer, an dem dort befindlichen Stcinstätteplatz, war ein Fuhrwerk des Fuhr- Herrn Schöneberg— Kutscher, Wagen und zwei Pferde- in den Kanal gefallen, während es dem zweiten Kutscher, der mit zwei Pferden Vorspann leistete, gelang, stch und seine beiden Pferde durch Zerschneiden der Stränge vor dem kalten Bade zu schützen. Dem ins Waffer gefallenen Kutscher gelang es gleich- falls, fich durch Schwimmen auf einen Steinkahn zu retten, und so blieb der sofort alaimitten Feuerwehr nur die Aufgabe, die Pferde und den Wagen herauszufischen. Ties war aber, da die mit Stein eingefaßten Ufer des Kanals abgeschrägt find, selbst für die Feuerwehr eine sehr schwiettge Arbeit, welche die ganze Energie und Geschicklichkeit der Mannschaften heraus- forderte. Mit Hilfe von starken Leitern, Baumstämmen und Balken wurden nach unsäglicher Mühe die halbtodlen Thiere aus dem nassen Elemente herausgefischt, dagegen mußte der Wagen, zu dessen Herausschaffung erst ein vollständiges Fahr- gerüst hergestellt werden muß, bis auf weite! es stecken bleiben. Er konnte nur durch ein Balkengerüst vor dem gänzlichen Unter- sinken geschützt werden. Ei» paudanfnU dnrch einen Watznstnniaen an«- geführt. Vorgestern Nachmittag erschien in einem Geschäft in der Karlstraße der Musiker Scherwenka, welcher erst am 14. Januar d. I. als gebessert aus der Irrenanstalt entlassen worden war, und verlangte für 30 Pf. Butter. Nachdem Sch. die Butter bezahlt, zog er plötzlich einen Schraubenzieher aus der Tasche und ging auf den allein im Laden anwesenden Kommis mit den Motten los:„Entweder geben Sie niir Geld, oder Sic lassen Ihr Leben!" Erschreckt lief der Kommis davon, doch Scherwenka verfolgte ihn auf die Straße� Dann, als der Kommis mit Laufen gar nicht aufhörte, kehtte Sch in den Laden zurück und entnahm in aller Gemüthsruhe der Ladcnkasse 172 M> Als fich ihm ein zweiter Kommis entgenstellte, verscheuchte er denselben ebenfalls durch einen nicht mißzuverstchcnden Wink mit dem Schraubenschlüssel. Dann suchte Sch. rubig seine in demselben Hause belegene Wohnung auf, wo er auch verhaftet und nach Dalldorf zurück transpottirt wurde. In der Untersnchnngssachr betreffend den Mord des ZlachtMächtrrs Kraun ist es von besonderer Wichtigkeit, einenMann zu ermitteln, welcher am Morgen des 27. September gegen 4 Uhr, als er vom Nachtdienste in seiner Arbeitsslelle kam und durch die Elisabcthkirchsttaße ging, gesehen haben will, wie einige Männer über das Gitter, welches den Elisabethkirchpark umschließt, in diesen hineinstiegen. Es hat fich eine Frau ge- meldet, welcher jener Mann seine Wahrnehmung mitgethcilt hat, dieselbe hat es aber verabsäumt, fich nach dem'Namen des iW völlig unbekannten Mannes zu erkundigen. Dieser Zeuge wird nun gebeten, fich schriftlich zu den Untersuchungsaklen Uk.!• 126. 1888 oder mündlich Vormittags zwischen 11 und 1 Uhr Ungarn oben an, welchem Deutschland an zweiter Stelle folgt. Dieses ungeheure Millionengewicht wird uoß Dampf- und Segelschiffen über den Ozean getragen, vos den Eisenbahnen in die Lande vertheilt, um schließlich aus- zugehen in— duftigen Rauch. Es ist eigentlich verwundet- lich, daß ein findiger Meteorologe noch nicht den Einfloß dieser ungeheuren Rauchwolke, welche aus jenen Meng� jährlich zum Himmel steigen muß, auf die Witterung s" berechnen gesucht hat... Die Gesammtzahl der in Europa bei der Tabalfabrikation beschäftigten Menschen ist mit eins' halben Million nicht zu hoch angeschlagen... Bleiben n>" aber zur Erzielung größerer Anschaulichkeit mit unsere Zahlenskizze im engeren Vaterlande. Wenn man im Deu� schen Reiche die Accker, welche im JaHresdurchschn'� mit unserer Jubiläumspflanze bebaut werden, zusa'"' menlegen wollte, so würde sich ein Riesenrittergut vo 22 000 Hektar ergeben. Diese ideale Riesenplantage trw) durchschnittlich 33 Millionen Kilogramm Tabak im Jmll' an denen wir aber noch lange nicht genug 43 Millionen Kilogramm des Lasterkrautes führen wir ng? vom Auslande ein, und die alte Hansestadt Bremen" nach wie vor der größte Umschlagplatz Europas für% riesigen Mengen eines Genußmittels, das man vor 3 Jahren überhaupt noch nicht kannte. Doch Zahlen la>'� weilen! Schließen wir ihre Reihe damit ab, daß' die Ziffern der deutschen Tabaksfabrikation und des m. schen Tabakhandels aufmarschiren laffen: unser Valeria besitzt an die 16 000 Tabakfabriken mit etwa 140 000 beitern; etwa 14 000 überfleißige Menschen schaffen'" Li* eigenen, engen Heimstätten als Hausindustrielle Tabotfa � kate, um unseren Gaumen zu ergötzen. 7898 Geschäfte. � etwa 16 155 Personen besorgen speziell und nicht wen als 366 789 Klein Handlungen nebenbei den Verschlew modernen Genußmittels. (Schluß folgt.) Alt-Moabit 11/12, Zimmer 137, bei dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrath Hollmann zu melden. Sturz vom Dache. Der mit der Dachreinigung des Hauses Holzmarklstr. 9 betraute Klempner K., Grüner Weg wohnhaft, glitt gestern Vormittag bei dieser Arbeit aus und stürzte über die Dackrinne hinweg, wobei er sich durch den An- prall an das Dackgestms eine Kopfwunde zuzog. Zum Glück hatte fick der Verunglückte ein Seil um den Leib geschlungen und dieses an einem Dachbalken befestigt. Das Seil war der Retter aus der Roth, es hielt den Verunglückten so lange, bis der in der zweiten Etage des Hauses wohnende Kaufmann F. den Klempner aus seiner gefährlichen Lage befreien konnte. Die Kopfverletzung des K. soll keine gefährliche sein. Wieder ist durch herabstürzende Schneemasten ein großes Unglück angerichtet. Der Zljährige Schuhmachermeister Günther, welcher in der Fürbringerstraße 30, Ecke der Zossener- s-raße, die Portierstelle versteht, war gestern Vormittag mit der Reinigung des Bürgersteiges vor dem Hause beschäftigt. Hierbei wurde er von Scbneemassen, die vom Dache Herabstelen, so heftig getroffen, daß er schwer verletzt zusammensank. Haus- bcwohner trugen ihn nach seiner Wohnung und riefen schleunigst einen Arzt herbei, der mehrere Rippcnbrüche konstatittc. Wegen der Schwere der Verletzung wird die Ueberführung des Patienten nach einem Krankenhause nothwendig werden. Uebrrfahrrn wurde gestern Nachmittag in der Lmscn- straße von einem im schnellsten Tempo dahinsausenden Schlitten ein Paffant, der zwischen ein anderes Fuhrwerk und den dicht an demselben vorüber eilenden Schlitten eingeklemmt wurde und zu Falle kam. Die Augenzeugen verlangten das Halten des Schlittens, dessen Kutscher aber nun sein Pferd zu noch schnelle- rem Lauf anspornte. Er entkam auch glücklich, ohne daß es ge- lungen wäre, seine Person feststellen zu können. Der Ueber- fahrene konnte fich mit Noth und Mühe nach seiner Wohnung Geburt«- und SterbUchKeitsverhältnist'e der Stadt SrrUn im Jahre 1887.— Nach einer vorläufigen Zusammenstellung des städtischen Statistischen Amts sind in Berlin im verflossenen Jahre überhaupt 48 903 Kinder geboren worden, darunter 47 142 lebend- und 1761 oder 3,6 pCt. todtaeborene, 42 555 eheliche und 6348 oder 13,0 pCt. uneheliche. Von den Lebendqeborenen, welche eine Geburtenhäufigkeit von 34,00 auf 1000 Köpfe der mittleren Bevölkerung(1 386 532 Einwohner) ergaben, gehörten 24066 dem männlichen und 23 076 oder 49,0 pCt. dem weiblichen Geschlechte an. Die Zahl der Sterbe- fälle ohne Todtgeborene belief sich auf 30 325, darunter 16 201 Personen männlichen und 14 124 oder 46,6 pCt. weiblichen Geschlechts. Von den Gestorbenen standen 11 594 oder 38,2 Prozent aller im ersten Lebensjahre, 4181 oder 13,8 pCt. waren über 1 bis 5 Jahre alt; mithin machten die Kinder bis zu 5 Jahren zusammen 52,0 pCt. aller Gestorbenen aus, während andererseits 635 Personen oder 2,09 pCt. bei ihrem Tode über 80 Jahre alt gewesen waren. Nach den Todesursachen ver- theilten sich die Sterbcfälle wie folgt; üWwl Mosern....... 223 0,74 Scharlach...... 2o7 0,8j Diphtherie...... 1305 4,30 Bräune(Kroup).... 99 0,33 Kindbettfieber..... 122 0,40 Unterleibstyphus jc.... 193 0,64 Keuchhusten..... 535 1,76 Andere Jnfektions- Krankheiten...... 291 0,95 Schlagfluß...... 922 3,04 Lungenschwindsucht... 4129 13,62 Lungen- und Brustfell-Entzündung..... 2067 6,82 Kehlkopf- und Luftröhren- Entzündung.... 625 2,06 Darm- und Magen- und Darmkatarrh.... 1807 5,96 Brechdurchfall..... 2570 8,48 Alle anderen Krankheiten. 15180 50,05 Unter den anderen Infektionskrankheiten find noch 3 Todes- fälle an Pocken, 98 an Rose, 62 an Eitervergiftung, 25 an Ruhr, 2 an Wechselfieber, 73 an Syphilis bemerkenswert); von anderen vorherrschenden Krankbciten rafften akuter Gelenkrhcu- »utismuS 43, akute Bronchitis 70 Menschen hinweg. Eines gewaltsamen Todes starben 749 Menschen, und zwar 369 durch Verunglückung oder nicht näher konstatirte äußere Einwirkung, 370 durch Selbstmord und 10 durch Tödtung resp. Todtscklag. Die von ihnen gewählten TodeSatten waren in 73 Fällen Ver- »iftung(3 thierische und pflanzliche, 64 mineralische Gifte und 6 Kohlen- und Leuchtgasvergiftung), in 36 Fällen Brandwunden, in je 6 Fällen Erfrieren und Sonnenstrch, in 57 Schuß- wunden, in 28 Ersticken, in 151 Erhängen, in 102 Ertrinken; an sonstigen Verletzungen starben 290 Personen. Auf das Jahr und 1000 Einwohner im Mittel des Jahres kamen 21,87 poliieibericht. Am 20. d. M. Mittags wurde ein Mädchen in seiner Wohnung in der Velfottcrstraße in bewußtlosem Zu- stände vorgefunden und, nachdem es durch ärttliche Hilfe zum Bewußtsein zurückgebracht worden, nach dem Krankmhause im FriedrichSdain gebracht. Nach einem vorgefundenen Schratt stucke hat sich dasselbe zu vergiften ver) ucht.- Arn 21. d. M. Msttags wurde eine F.-au in ihrer Wohnung in der Judenstraße todt rm Bett liegend vorgefunden. Na» ärztlicher Annahme hat sie sich wahrscheinlich durch Genuß von Gift ums Leben gebracht. Die Leiche wurde nach dem Leichcnschauhause geschafft.- Als an demselben Tage Nachmittags der Dachdeckcrmcistcr Wottschach damit beschäftigt war. den Schnee vom Dache des.Hauses Am dreasstr. 19 zu entfernen, glitt er dabei aus und stürzte, da auch der Strick, an welchem er angebunden war, zerriß, infolge dessen vom Dach auf die Straße hinab. Er starb bald darauf an den Folgen der erlittenen Verletzungen.- Um dieselbe Zeit fiel vom Dache des Hauses Gm enstraße 16 cm Stein, wahrscheinlich infolge von W.t erungse.nflussen. w. den Hof herab und traf ein Mädchen derartig am Kopf, daß ■■ 'Nuerwehr nicht erst nothwendig machten. Gerichts-Iritnug. Ausdruck gab. Der Angeklagte will darauf einige ihm als Muster aus dem Auslande zugegangene Exemplare aus dem Nebenzimmer geholt, sie dem Fremden gezeigt, aber dabei aus- drücklich bemerkt haben, daß sie nicht verkäuflich seien. Als er auf Befragen erwidert habe, daß die Bilder ihm selbst 1,40 M. pro Stück kosteten, habe der Fremde trotz aller seiner Vor- Haltungen, daß er die Bilder nicht abgeben dürfe, das Geld auf den Tisch gelegt und die Bilder in die Tasche gesteckt. Mit Gewalt habe er ihn nicht zurückhalten können. Demgegenüber behauptete der Kriminalbeamte, daß der Angeklagte sehr bereit gewesen, ihm die Bilder zu überlassen, erst als er sich zum Gehen wandte, habe der Angeklagte Verdacht geschöpft und um Rück- gäbe der Bilder gebeten. Der Staatsanwalt schenkte dem Zeugen und nicht dem Angeklagten Glauben, er beantragte daher gegen den letzteren eine Geldstrafe von 100 M. Der Vertheidiger Justizrath Gerth führte aus, daß der Beamte seine Befugnisse überschritt, als er seine Recherchen, die sich seinem Auftrage ge- mäß nur auf die Druckschriften erstrecken sollten, auch auf die Bilder ausdehnte. Es stände hier Aussage gegen Aussage und müsse, wenn nicht schon aus diesem Grunde, so doch deswegen die Freisprechung erfolgen, weil in dem Uebergeben der Bilder in die Hände eines Kriminalbeamten eine Verbreitung nicht er- blickt werden könne. Der Gerichtshof trat dieser Auffassung aber nicht bei, sondern erkannte auf eine Geldsttafe von 40 M. Gin eigenartiger Fall von Verletzung feuerpolizeilicher Anordnungen beschäftigte die 94. Abtheilung des Berliner Schössengerichts in der Strafsache gegen den Tischler- meister Emicke. Nach der Feuerordnung vom Jahre 1727 ist das Lagern feuergefährlicher Gegenstände in einem Räume, in dem fich eine Feuerstelle befindet, verboten. Der Angeklagte hat am 21. Januar er. aus seinem Keller ein Bund Stroh nach seiner Werkstatt heraufgeholt, um damit eine Anzahl zur Ver- sendung zu bringender Möbel zu verpacken. Noch bevor er mit der Verpackung beginnen konnte, wurde er auf kurze Zeit ab- bemfen, und in dieser erschien der Revierlieutenant in seiner Werkstatt behufs Revision derselben. Derselbe fand nun dort das erwähnte Stroh vor und erstattete Anzeige. Auf diese er- ließ das Polizeipräsidium gegen Emicke ein Strafmandat in Höhe von 15 Ä. event. 3 Tagen Haft. Hiergegen erhob der Betroffene Widerspruch infolge dessen das Schöffengericht mit der Prüfung und Beuttheilung der qu. Angelegenheit befaßt wurde. Der Angeklagte bestritt, daß in dem Niederlegen des Bundes Stroh auf wenige Minuten ein Lagern im Sinne der Feuerordnung gefunden werden könne. Auch sei es für ihn ganz unmöglich gewesen, die Verpackung seiner Möbel anders zu bewirken. Amtsanwalt Heise führte dahingegen aus, daß in dem Nieder- legen leicht Feuer fangender Gegenstände in die Nähe einer brennenden Feuerstätte auf einige Zeit auch ein Lagern zu finden sei, welches der Angeklagte unter allen Uniständen hätte ver- meiden müssen. Eventuell müsse er zum Verpacken seiner Möbel andere Räume mietben, in denen fich keine Feuerstätte befinde. Er beanttage 15 M. event. 3 Tage Haft. Der Gerichtshof trat den Ausführungen des Amtsanwalts bei und vcruttheilte den Angeklagten zu 10 M. Folgen der Umgehung de« Gemerdegericht«. Ein in einem hiefigen Fuhrgcschäft beschäftigt gewesener Kutscher hatte gegen seinen früheren Dienstherrn beim königlichen Amts- gcrichts> Klage wegen 13,70 M. rückständigen Lohnes erhoben. Diese Klage wurde auf Antrag des Beklagten abgewiesen und wurde die hiergegen eingelegte Berufung ebenfalls zurückgewiesen. Das erstrichterliche Erkenntmß führt begründend aus:„Beklagter erhebt prinzipaliter den Einwand der Unzuständigkeit des Ge- richts und begründet denselben dadurch, daß er— was gegen- scits nicht bestritten wird— Unternehmer von Lohnfuhrcn sei, damit selbstständig ein stehendes Gewerbe treibe und Kläger in diesem Gewerbe, als Kutscher, sein Gewerbegehilfe gewesen sei. Der Rechtsstreit gehöre deshalb nickt vor das ordentliche, sondern vor das Gewcrbegericht. Der Kläger hält dagegen den Einwand der Inkompetenz des ordentlichen Gerichts für unbegründet. Der Ein- wand des Beklagten der Unzuständigkeit des Gerichts muß für durchgreifend erachtet werden. Unbestritten betteibt der Beklagte ein stehendes Gewerbe als Fuhrunternehmer selbstständig; der Kläger war darin sein Kutscher, also sein Gewerbcgehilfc. Streitigkeiten unter Gewerbetreibenden und deren Gehilfen über deren gegenseitige Leistungen gehören aber nicht vor die ordent- lichen, sondern zunächst vor die Gcwerbegerichte(§ 137 R.-G.-O.) Demnach ist das königliche Amtsgericht zur Zeit, da das Ge- wcrbegericht noch nicht angegangen, unzuständig."— Kläger behauptet nun aber, daß er die Klage beim Gewerbcgcricht habe anhängig machen wollen, jedoch abgewiesen und an das ordent- liche Gericht verwiesen worden sei. Es ist demnach nur zu rathen, solche Klagen schrifttich beim Gewerbegericht des Ma- gistrats einzureichen. Werden die Klagen zurückgewiesen, so muß dies durch schriftlichen Bescheid geschehen und man kann dann jederzeit den Nachweis der Abweisung führen. Eine Ehefrau, welche die Ehe gebrochen, hat, nach einem Urthcil des Reichsgerichts, IV. Zivilsenats, vom 5. Dezember vorigen Jahres, im Geltungsbereich des preußischen Allgemeinen Landrcchts kein Klagerecht auf Ehescheidung auf Grund eines vom Ehemann begangenen Ehebruchs. Klagt der ehebrecherische Ehemann gegen die mau auf Scheidung wegen Ehebruchs, so steht ihr weder ein Einwand noch eine Widerklage aus dem Ehebruch des Mannes zu. Sie ist auf die Scheidungsklage des Ehemannes kostenpflichtig zu verurtheilen, und das Eheverbot aus Att. 33 des Reichs-Personenstandsgesetzes kann nicht gegen den ehebrecherischen Ehemann, sondern nur gegen die wegen Ehebruchs geschiedene Ehefrau zur Anwendung kommen; der tbatsächlichc Ehebruch des Mannes findet in diesem Fall nur hinsichtlich der Schuldfrage Berückstchtigung. Gin Nachspiel zur Merfebnrger Nrichstago-Grsatz- Wahl fand am 21. Marz vor dem Landgericht zu Naumburg a. S. statt. In einer Wahlrede hatte Herr Schriftsteller Arnold Perls Berlin in Bezug auf die kassitte Wahl vom Februar 1887 gesagt:„Das konservative Loos entschied konservativ"(für Neu- derth gegen Pause). Der Gemeindevorsteher Hartwig zu Goseck denunzirte Herrn Perls, hierdurch den Wahlkommiffar, den quer- furter Landrath, beleidigt zu haben. Das Landgericht Naumburg lehnte die Eröffnung des Verfahrens ab, wurde aber durch Beschluß des Obcrlandcsgerichts dazu angehalten. In der Haugtverhandlung, in der Herr Justizrath Rebe- Naumburg den Angeklagten vertrat, wurde Herr Perle freigesprochen, der Staats- anmalt hatte einen Monat Gefängniß beantragt. Dresden, 18. März. Vor dem hiesigen Amtsgericht ge- langte gestern die Beleidigungsklage, welche der konservative Reichetageadgeordnete Ackermann, der Vorsteher des Dresdener Stadtvcrordtneten- Kollegiums, sowie der konservative Vtadlver- ordnete Weigandt wider den ehemaligen antisemitisch-konscrva- tivcn Reichstagsabgeordneten und Stadtverordneten Baumeister Hartwig sowie den Redakteur Zimmermann von der„Deutschen Wacht" angestrengt hatten, zur Verhandlung. Jnkriminirt waren verschiedene Artikel dieser Organs der Dresdener„Re- former", als deren Verfasser Herr Hartwig bettachtet wird. In einem dieser Artikel ist u. a. gegen Herrn Ackermann der Vorwurf erhoben worden, daß derselbe seine Pflichten als Stadtverordneten- Vorsteher nicht erfüllt und die Gründer eines Straßendurchbruchprojektes begünstigt habe. Der Angeklagte Hartwig, dessen Vertheidigung der bekannte Leipziger Rechts- anmalt Freytag II übernommen hatte, war zur Ver- Handlung nicht erschienen, und der Redatteur Zimmermann verweigerte jede Aussage über den Verfasser des Ar- tikels. Das beschlagnahmte Manuskript ist vermuthlich von einer Dame geschrieben worden; die darin vorgenommenen Korrekturen rubren aber nach der Ueberzeugung des sachvcr- ständigen Schriftenvergleichers von der Hand Hartwig's her. Der Gerichtshof erachtete trotzdem den Schuldbeweis gegenüber Hartwig als nicht vollständig erbracht und erkannte deshalb auf Freisprechung, während der Redalteur Zimmermann zu 250 M. Geldstrafe und zur Tragung der Prozeßkosten verurtheilt wurde. — Der Redakteur der„Dresdner Gerichtsztg.", M. Spendet, der ebenfalls verschiedene Gerüchte über die Entstehung des Durchbmchs der König Johannstraße in einem Artikel besprochen hatte, wurde wegen Beleidigung des Stadtraths, des Stadt- verordnetenvorstehers Ackermann und des Kommerzienraths Bankier Günther zu 4 Wochen Gefängniß verurtheilt. Gegen die Kläger war in diesem Falle der Vorwurf einer schamlosen Günstlingswirthschaft erhoben worden, weshalb der Gerichtshof eine Gefängnißstrafe für angemessen erachtete. Soziales mh Arbeiterbewegung. An die Lackirer Kerlins und Umgegend. Kollegen, Ihr wißt, daß am 15. März diejenigen Kollegen, welchen von den Meistern die Unterschrift zu dem von der Lohnkommission ausgearbeiteten Tarif verweigert wurde, die Arbeit niedergelegt haben. Die Meister der Innung haben nun beschlossen, jeden Jnnungsmeister, welcher seine Unterschrift zu dem Tarif geben würde, mit 100 M. Konventionalstrafe zu belegen. Die Herren haben einen Aufschlag der Preise um 20 pCt. beabsichtigt, was uns ja weiter nichts angehen würde, wenn sie fich dazu bequemt hätten, den Tarif durch Unterschrift anzuerkennen. So aber zeigt es sich recht drastisch, daß die Meister eine Lohnbewegung der Gehilfen früher nur darum gewünscht haben, um die Preise in die Höhe zu treiben, welche infolge der gegenseitigen Konkurrenz auf einem Niveau angelangt sind, so daß ein noch tieferes Sinken absolut ausgeschlossen ist, wenn nicht die Gehilfen allein die Kosten dieser von den Meistern verschuldeten Sünden tragen sollen. Die Jnnungsmeister sind nicht gesonnen, die gerechten und humanen Forderungen der Arbeiter zu berücksichtigen. An Versprechungen haben es die Herren früher nie fehlen lassen, jetzt aber, wo es heißt, das Versprechen zu halten und unsere Forderungen durch Unterschrift anzuerkennen, zeigt es sich, daß die Meister mit den schönen Versprechungen für ihre Gehilfen nur ihren persönlichen Vortheil im Auge gehabt haben. Sie wollten sich die Kastanien von den Gelnlfen aus dem Feuer holen lassen. Im Versprechen waren die Meister groß, jetzt aber. wo es heißt, sich durch Unterschrift des Tarifs zu verpflichten, denselben zu halten, da erfolgte die Weigerung untt Festsetzung der Konventionalstra e. Es zeigt dies deut- lich, daß die Jnnungsmeister überhaupt nicht gesonnen waren, die Forderungen, welche der Tarif enthält, zu verwirklichen. Kollegen! Jetzt heißt es, doppelt auf der Hut zu sein und konsequent an dem �ordern der Unterschrift der Meister festzu- halten. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß sich verschiedene NichtinnutigSmeister an den Beschluß der Innung absolut nicht gekehrt und ihre Unterschriften erheilt haben. Jedenfalls werden die anderen Herren dadurch gezwungen werden, ihre Untcrschrift ebenfalls zu geben. Kollegen! Vor allen Dingen ist es noth» wendig, um einen Sieg zu erringen, fest zusammenzuhalten und einmüthig unsere Forderungen zu vertreten. Wir avpelliren an das Solidaritätsaefühl der in den Fabriken und Staatswcrkstätten arbeitenden Kollegen, für welche diese Forderungen, für welche wir jetzt kämpfen, schon erfüllt sind. Wrr fordern dieselben auf, die streikenden Kollegen nach Kräften zu unterstützen und da- durch unseren gerechten und billigen Forderungen zum Siege zu verhelfen. Zuschriften und Sendungen werden entgegengenommen von H. Rautenhaus, Gitschinerstraße 87a Ii, und G. Wallsdorf, Kommandantenstraße 21 III. Die Lohnkommission, welche eben- falls Zuschriften entgegennimmt, tagt Breslauerstraße 27 imr Lokale. Die Lohnkommission der Lackirer Berlins. Im Austräger G. Wallsdorf. An die Schneider Deutschland«! Wir sehen uns ver» anlaßt, nochmals an Euch heranzutreten, um Euch mitzutheilen, daß unser Kampf mit der Firma L. Weihe noch nicht beendet ist, sondern größere Dimensionen anzunehmen droht, indem durch gegenseitiges Versprechen der hiesigen Arbeitgeber, keinen von uns Ausgesperrten in Arbeit zu nehmen, unsere übrigen Kollegen dadurch gezwungen werden, ebenfalls zur Arbeitsein- stellung zu greifen. Wir richten deshalb die dringende Bitte an Euch, da auch ein Einiaungsversuch gescheitert ist, uns kräftig zu unterstützen und den Zuzug streng fernzuhalten. Alle Sen» düngen sind an F. Heinrich, Kanncngießcrstr. 34, zu richten. Braunschweig, 20. März 1838. Die ausgesperrten Arbeiter der Firma L. Weihe. An die Arbeiter aller Grte«nd Kernfe! Als die Leipziger Steinmetzen im Januar d. I. sich vor die Forderung der Jnnungsmeister:„Austritt aus dem Fachverein" gestellt sahen, wiesen sie dieselbe einmüthig mit Entrüstung zurück und nahmen lieber die Arbeitsentlaffung, als eine solche Knechtung der Gesinnung auf sich. Sie handelten im Bewußtsein ihres guten Rechts und im Vertrauen auf die Hilfe aller deutschen Arbeiter. Mit Ausdauer und großen Opfern haben 170 Familienväter den aufgedrungenen Kampf bisher erfolgreich geführt; denn noch ist es den Meistern nicht gelungen, Ersatz zu finden, trotz aller Reklame und Versprechungen. Die ungünstige Witterung verzögert die Entscheidung und verhindert die Bemfsgcnossen, ihre Hilfe in ausgiebigster Weise den Leipziger Kollegen zuzu» wenden. An Euch, deutsche Arbeiter, die Ihr niit uns für Besserung unserer Lage kämp't, ergeht hiermit die Bitte, den Leipziger Steinmetzen bis zum baldigen sicheren Erfolg ihre Nothlage zu erleichtern und die Solidarität unserer Interessen aufs Neue glänzend zu bewähren. Etwaige Sendungen sind zrr adressiren an F. Kitzing, Leipzig, Restaurant Bellevue, Kreuz- ftraße. Die streikenden Steinmetzen Leipzigs. Im Auftrage: F. Kitzina. In Preußen belief sich im Jahre 1886 der Durchschnitt der g r o ß e n Einkommen(20 000—100 000 M.) auf 37 900 M., der Durchschnitt der Einkommen über 100 000 M. auf 305700 M., für den Kopf der Bevölkerung betrug das durchschnittliche Jahres- cinkommen aber 314 M. Die Zahl der Z e n s i t e n, die ein Einkommen bis 525 M. hatten, betrug im Jahre 1886 in Preußen, die Angehörigen mitgerechnet, 8 339 887. Das G e- sammteinkominen der preußischen Bevölkerung ist von 1876-1887 nur um 13»Et., nämlich von 7857,2 auf 8884,2 Mrll. M. gestiegen, die Einkommen von 20 000-100 000 M. dagegen find von 285,7 auf 383,2 Millionen, d. h. um 33 pCt. gestiegen. Und bei den sehr großen Einkommen über 100 000 M. haben wrr ein Wachsthum von 113,1 auf 151,6 Millionen, d. h. um 34 pCt. Wir glauben, daß selbst der kühnste Optiniist solchen Daten gegenüber stutzig werden muß. Diese Daten de- weisen die Richtigkeit des Satzes, daß der bürgerlichen Pro» duktionswcise die Tendenz innewohnt, auf der einen Seite Riesenkapitalicn in wenigen Händen aufzuhäufen, auf der an- deren Seite aber das arbeitende Volk in immer tieferes Elend zu stürzen und die Proletansirung der breiten Masse durchzu- führen. Urber die pariser Wonopolgrsellschaft, welche die Preistreiberei von Zrnn und Kupfer so erfolg- reich unter Führung des Hauses Rothschild betreibt, haben wir bereits berichtet. Aber es stehen auf den verschiedensten Gebieten der Produttion noch andere seelenverwandte Aufkaufs- Assoziationen zu ermatten. So bat fich ein i t a l i e n i s ch e s Syndikat gebildet- Syndikat ist Börsenjargon für Preis- steigcrungs- Spelulantenklique—, das die Seiden Märkte durch Aufkauf der Scidcnvorräthe beherrschen will; ferner ein Magdeburger Syndikat für Zucker. Auch die nord» amerikanischen Raffinerien find zusammengetreten, um, rote es tn einem vor Freude über diese spekulativen Köpfe ganz aus dem Häuschen gerathenen Börsenblatte heißt,„eine Verkaufsverernrgung zur Hebung des Zuckerpreises herbeizuführen". Aehnlrche Tendenzen zeigen sich im P c t r o l e u m geschäst, kurz, Orten suchen die Kapitalisten fich gegen die tückischen Wechselfalle des Kapitalismus durch Kartelle, Konventionen, Syndikate zu schützen, überall suchen sie durch machtvolle Ver- eimgung großer Kapitalien die Sahne von der Milch zu schöpfen. Die Zeche zahlen die A r b e i t e r der betreffenden Industrien und die breite Masse der Konsumenten. Jndeß das thut nichts, solche Praktiken sind das trefflichste Mittel zur Züchtung von Millionären. Auch die Strohpapierfabrikanten wollen ein Kartell schließen, um die Produktion in ihrem Interesse zu regeln und die Preise in die twhe zu treiben, wo für die Arbeiter natürlich rein aar nichts abfällt. Die Herren wollen eine einzige V e r k a u f s st e l l e für sämmtliche Strohpapicrfabriken Deutsch- lands einrichten und berufen sich dabei auf das analoge Vor- gehen der westfälischen Kalkindustrie, der Draht-, der Tafelglas-, der Drahtstift-, der Pulverindustrie, der schwedischen Zündholz- fadriken in Holland u. s. w. Man sieht, wie die ge- waltige Entfaltung der Großproduktion die Kapitalisten zur Zentralisation treibt, zur gemeinsamen Thätigkeit; der Einzel kapitalist verschwindet hinter dem a s s o z i i r t e n Kapitalisten, in Form einer Aktiengesellschaft, einer Konvention, eines Syndikats. So ebnet der Kapitalismus selbst den Weg zur genossenschaftlichen Gütercrzcugung. Kleine Mittheilungen. Stettin, 21. März. Die Strecken Belgard-Colberg, Köslin- Schüdben- Zanow und Neustadt- Kilau find wieder frei, so daß nur noch die Strecke Stolp-Neustettin unfahrbar ist. Hromberg, 21. März. Von den Hauvtbahnstrecken sind zur Zeit fahrbar gemeldet: Bcrlin-Sckneidemübl(mit Umsteigen in Küstrin), Schneidemühl-Brombcrg-Dirschau-Danzig, Dirschau- Marienburg, Brombcra-Thorn, Thom-Alexandrowo, Blomberg- Fnowrazlaw, Posen-Thorn-Allenstcin-Jnilerburg, Jnsterburg- Eydtkuhnen, Stargard i. P.-Stolp und Belgard-Colberg. Die meisten Nebenbahnen sind noch gesperrt. Danzig, 22. März. Das hiesige Eisenbahnbetriebsamt macht bekannt: Mit dem heutigen Tage ist der Betrieb auf der Strecke Danzig— Dirschau— Neufahrwasser wieder eröffnet worden. Nen-Strelitz, 21. März. Der Babnzug, welcher am Sonn- tag von Rostock abgegangen, traf heute Nachmittag hier ein. Die Bahnstrecke ist voraussichllich bis Freitag gesperrt. Es ist wieder heftiger Schneefall. Münster i. Wests., 22. März. Die Strecke Leer— Emden und die ganze ostfriesische Küstenbahn find seit dem 21. März wieder fahrbar. Hamburg, 22. März. Der Postdampfer„Rugia" der Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt- Aktiengesellschaft ist, von New-Nork kommend, heute früh auf der Elbe eingetroffen. Siege«, 20. Äärz.(Verunglückte Arbeiters Auf den Geleisen einer Gmbe bei Niederschelden verunglückten gestern zwei Arbeiter dadurch, daß ein Wagen aus den Schienen lief. Ein Arbeiter erlitt durch einen Pufferstoß eine gefährliche Brust- quetschung, dem anderen wurden beide Beine abgefahren. Delitzsch, 20. Äärz.(Beim Schneeschippen überfahren.) Beim Wegräumen der gewaltigen Schncemassen, welche uns die letzten Tage gebracht, verunglückten hicrselbst in der vergangenen Nacht zwei Männer. Dieselben waren auf dem Gleise nahe der hiesigen Eisenbahnstation mit einer Anzahl anderer Arbeiter mit Schneeschippen deschäfligt und wurden bei dieser Arbeit von dem nach 3 Uhr hier eintressendcn Zug von Berlin nach Leipzig er- faßt, überfahren und sofort getödtet. Magdeburg, 21. März.(Hochwasser.) Von den Oft- schasten an der Elbe unterhalb Magdeburgs treffen Nachrichten von wachsender Wassergefahr ein. In Tangcrmünde wurden schon Sonnabend Deichwachcn ausgestellt und Sonntag an der Erhöhung der Deiche gearbeitet. Von Außig wurde am Mon- tag so starker Schneefall telegraphirt, das das Beladen der Fahr- zeuge nur mit Blühe vor sich gehen konnte. Kresia«, 21. März.(Schneestürme und Ueberschwcm- inungen.) Der um 6 Uhr 24 Minuten Morgens fällige Kou- rerzug von Berlin resp. Dresden ist ausgeblieben. Infolge des Niedcrganzs gewaltiger Schneemassen, welche die Eisenbahn- gleise unfahrbar machten, entgleiste der Kourierzug beute Nacht kurz vor Frankfurt a. O. bei Bude 76. Beide Gleise nach Berlin find gcsperft. Ob ein größerer Schaden angeftchtet wor- den ist, ist zur Zeit hier noch nicht bekannt. Um 12 Uhr 35 Minuten wurde von Frankfuft a. O. ein Extrazug abge- lassen, der an allen Stationen hielt und Breslau um 8 Uhr 40 Minuten Morgens erreichte.— Bei Bricg bleibt die Oder im Steigen; sie ist von Dienstag früh um 8 Uhr bis Mittwoch früh zu derselben Stunde von 5,52 Meter(Ober- pcgel) und 3.84 Meter(Unterpegcl) auf 5,80 Meter und 4,32 Meter gestiegen und hatte mit letzterem Stande die Brieger Ausuferungshohe um 37 Zentimeter über- schritten.— Bei Steinau scheint das Wasser wieder wachsen zu wollen, nachdem es von gestern früh um 7 Ubr bis heute zu derselben Stunde von 3,37 Bieter auf 3,16 Meter, nur noch 34 Zentimeter über Stcinauer Ausuferungshöhe, zurückgegangen war.— In Glogau hält das Fallen des Wassers noch an, wo- bei natürlich die unterhalb der Stadt entstandene Eisversetzung unverändert bestehen bleibt; während gestern früh um 8 Uhr am Glogauer Pegel noch ein Wasserstand von 4,06 Meter abgelesen wurde, ergab sich heute früh um 8 Uhr nur noch ein solcher von 3,70 Meter, d. i. 82 Zentimeter über Glogauer Ausuferungshöhe.— Wie aus Glogau weiter gemeldet wird, stürzten in Hanimer bei Saabor mehrere Gehöfte durch das Hochwasser ein. Menschen und Vieh aus den eingestürzten Ge- bäuden hatten sich vorher retten können. Auf der rechten Oder- seite hat bei Kleinitzein Dammbruch stattgefunden. Küstrin, 20. März.(Hochwasser.) Von der Reparatur der Brücke hat man wegen des Hochwassers einstweilen Abstand ge- nommen. Feuerwehr, Infanterie und Aftillerie find zur Sicherung der Dämme aufgeboten. Infolge der Ueberschwcm- mung wurden die Geschütze aus den Wagenhäusern entfernt. Das Wasser dringt in die Schießaften und füllt die Kasematten. Die Fabriken haben den Betned eingestellt. Kamburg, 20. März. Aus Gothenburg wird berichtet, daß der Hafenkapitän mit dem Eisbrecher eine Tour in See ge- macht hat, um etwa im Eise fitzenden Schiffen zu Hilfe zu kommen. Derselbe berichtet: Das ganze Kattcgat scheint zuge- froren zu sein. An der dänischen Küste ist das Eis so stark, daß es nicht einmal vom Eisbrecher zu pasfiren war. Bei Chtistianssand, Arendal und Kragerö ist das Eis so stark, daß die Küstenfahft gestöft ist und mehrere Dampfer umkehren- mußten. Aus Christtania wird telcgraphift: Die Kälte nimmt zu und versperft die Fjordpaffage, die Dampfer flüchten nach Arendal. Von Horten bis zur Färder- insel hat sich ein undurchdringlicher Eisgürtel gebildet. Aus Helsinaör wir telcgraphift: Nach Süden gesperft. Das Eis in den Kanälen bei Kopenhagen wird zu Fuß pasfirt. Auf der doftigen Rhede nimmt das Eis stetig zu. Den Eisbrechern ist die Arbeit unmöglich. Die Posten fehlen doft seit drei Tagen. Fünf Dampfer oersuchten vorgestern Abend das Eis bei Helsingör zu durchbrechen; ihre Arbeit war jedoch vergebens und die Schiffe mußten nach Helsingör zuftickkehren. Der Dampfer „Stockholm" hält die Verbindung zwischen Helfingborg und Helsingör noch aufrecht. Im Hafen zu Helsingör liegen viele mit Baumwolle und Kohlen nach den Ostseehäfen bestimmte Dampfer, darunter eine Anzahl deutscher Schiffe. MU«, 19. März.(Vom Blitzzug überfahren.) Aus .Krummnußbaum wird geschrieben: Am 14. d., um 8 Uhr Abends, wollte der Stattonsbeamte Pilafka ein Telegramm in der vom Bahnhof Krummnußbaum etwa 10 Minuten entfemten Fabrik abgeben. Er fand dieselbe geschloffen, begab sich in das nahegelegene Gasthaus des I. Haberl, schaffte sich daselbst das Abendessen an und begab sich init einer entliehenen Laterne auf den Rückweg. Neben dem Schranken stehend, ließ er den Wiener Lastzug vorbeifahren. Nur auf diesen achthabend, de- merkte er nicht, daß der Blitzzug von cntgegcnge etzter Richtung einfuhr. Als er nun jedenfalls nach dem letzten Waggon des Lastzuges daS Geleise übersetzen wollte, wurde er von der Loko- motive deS Blitzzuaes eftaßt und war im nächsten Augenblicke eine verstümmelte Leiche. Momentan blieb das Unglück un- bemerkt. Ter Bahnwächter hatte wohl eine Person mit einer Lateme stehen gesehen, glaubte aber, es habe jemand nur der Durchfahrt der Züge zusehen wollen. Eine halbe Stunde später fand ein Fabrikarbeiter einen Finger mit goldenem Ringe und brachte ihn ins Gasthaus. Die jetzt angestellten Nach- foftchun�en fühften zur Entdeckung des Leichnams, welcher einst- weilen in die Kapelle von Krummnußbaum gebracht wurde. Pilafka war ein junger Beamter, der seit zirka einem Jahre in Kmmmnußbaum angestellt war. Pest, 21. März. Ueber die Verheerungen, welche die Ueberscdwemmungen in Ungarn angerichtet haben, wird der „Voss. Ztg." telcgraphift: Aus allen Theilen Ungarns, namcnt- lich von den Ufern der Theiß und Donau laufen besorgniß- erregende Mittheilungen über steigende Hochfluth ein. Die Gefahr ist nicht so groß wie 1879, gelegentlich des Falles von Szegevin, schwere Katastrophen find nicht zu befürchten, gleich- wohl alleroften ansehnlicher Schaden. Das Städtchen Szatmar ist theilweise verwüstet, in anderen Städten an den Ufem der Theiß kämpft man mit großer Energie gegen die Elemente. Von überall liegen sehr bewegte Beftchte vor. Aus Bekes-Csaba ist gestern telcgraphift: Die Gefahr für unsere Stadt vernngcrt sich einigermaßen, da der Wasserstand in Abnahme begriffen; es scheint das unmittelbare Eindnngen der Hochfluth in die Stadt nicht mehr zu befürchten, in der Umgebung find aber ca. 9000 Joch überschwemmt. Zwischen Gyula und Bekes ist ein 35 000 Joch umfassender Landstrich unter Wasser gesetzt. Der Stadtheil Bogarhaza in Csaba bietet das Bild totaler Vernichtung. Die Häuser, darunter zahlreiche massive Stein- bauten und Villen, stürzen eines nach dem anderen zusammen. Die Schutz- und Rcttungsarbeiten werden Tag und Nacht mit fieberhafter Hast und großer Ansttengung betrieben, des Nachts wird bei Fackelschein gearbeitet. Auf den Dämmen arbeiten mehrere Tausend Personen, Genie-Soldaten leisten ausgezeichnete Dienste. Die Festigkeit der Dämme ist unverläßlich, an vielen Stellen sickert Wasser durch dieselben. Im Laufe der ver- flossenen Nacht hat das Wasser an mehreren Stellen Schleusen durchbrochen; hier waren es Genie-Soldaten, welche die weitere Aushreitung der Fluth verhindeften. Beim Durckbruch der Schleusen, welcher unter großem Getöse cftolgte, entstand eine Panik unter der Bevölkerung. Die Genie-Mannschast machte sich sofort an die Verstopfung der Breschen, die Leute wateten bis an den Gürtel in der schlammigen Fluth, und es gelang ihnen nach hafter Arbeit, die Bresche zu vefttopfen. Den mächtigen Oftan, welcher gestern tobte, haben die Schutzbauten glücklich übefttanden. Die Stadt ist, wenn in der Situation keine schlimme Wendung einKitt, gegen eine neue Hochfluth geschützt. Infolge des Orkans kippte ein Floß um, auf welchem sich drei Peftoncn befanden, alle drei eftranken. Die Einwohner flüchten aus den zusammenstürzenden Häusern in die Kirchen, sämmtliche Kirchen sind üdeftttllt, nicht nur mit Flüchtlingen, sondern auch mit Möbelstücken und Getreide. Die obdachlosen Ucdeftchwcmmten wohnen wie zur Kftcgszeit in den Kirchen, in der Stadt stteifen Patrouillen mit aufgepflanztem Bajonnet.— Aus Bekes wird brachtet: Die Arbeiter auf den Dämmen find vollständig erschöpft.' Während des gesttigen Orkans war die Situation furchtbar, klalterhohe Wellen schlugen über die Dämme, eine Riesenwelle spülte einen Husaren, der zu Pferde war, sammt seinem Rosse vom Damme. Rufe: „das Wasser kommt!" veftetzten die Einwohneftckaft in sunbe- schreiblichen Schrecken, alles war blas auf Rettung bedacht, man wußte aßer nicht wohin, da niemand sagen konnte, woher die Fluth komme. In der Stadt giebt es Getümmel der veftchiedcnstcn Fahrzeuge. Die Gefahr wird durch den Um- stand erhöht, daß die Dämme gerade dort, wo sie dle Fluth trifft, am schwächsten konsttuift find; es find zumeist alte, morsche, vernachlässigte Scdutzdauten. Morgen wird die Stadt voraussichtlich mit Ausnahme der Eisenbahnlinie ganz vom Wasser umnngt sein, welches zwar nicht mit totaler Venrichtung der Stadt droht, doch unendlichen Schaden verursachen kann. Auf den Dämmen arbeiten gegenwäftig dreitausend Menschen. Eine Kompagnie Geniesoldaten arbeitet mit Unermüdlichkelt auf den Dämmen, mtt großaftiger Raschhett erbauten sie den zum Schutz gegen die Körös dienenden Damm. Gegenwäftig wer- den Soldaten und Bewohner mittelst Kähnen aus ihrer getähr- lichen Lage gerettet. Die Städte Bekes, Gyula und Csaba nehmen sich, von den Kirchthürmen gesehen, wie drei Inseln in- mitten eines unabsehbaren Meeres aus. Pest, 20. März.(Spät entdeckter Mord.) In Nr. 70 des„Verl. Volksbl." benchteten wir aus Tftest über die Eni- dcckung eines in einem Koffer veftteckten Leichnams. Die Nach- forschungen waren bekanntlich auf Grund des Geständnisses eines in Budapest wegen eines kleinen Diebstahls verhafteten Kaufmanns, Simic, eingeleitet worden. Dieses Geständniß lautete folgendermaßen:„Ich hatte in Tftest— so begann Simic— mit zwei Bekannten ein Südfrüchten- Exportgeschäft erachtet, zu welchem meine Kompagnons das Geld hergaben. Das Geschäft— es war ein sogenanntes 5 Kilogramm-Versandtgeschäft— ging schlecht und so kam eS, daß ich mir von den Geschäftscinnahmen 150 fl. unrechtmäßig aneignete. Als meine Kompagnons dies erfuhren, drohten sie mir, mich einsperren zu lassen. Um der Schande aus dem Wege zu gehen, sann ich nach einem Auswege. Einige Tage später erhielt ich durch Zufall Kenntniß davon, daß ein Praktikant der mir dekannten Tftester Firma Giacomo Eisner in einem Bank- institute einen größeren Geldbettaa zu beheben habe. Ich lauerte dem jungen Manne auf der Straße auf und sagte ihm, er möge sich einen Bftef, der für seinen Chef bestimmt ist, aus meiner Wohnung abholen und seinem Chef übergeben. Der Prattikant folgte mir bereitwillig in meine Via Valdirivio Nr. 15 befindliche Wohnung. Kaum hatte er mein Zimmer detreten, als ich ihn überfiel und ihm mit meinem schaften Taschenmesser mehrere Sticke in den Hals und in die Brust veftctzte. Wohl setzte sich der Ucbeftallene zur Wehre und zog auch sein Messer, mit dem er nach mir stach, allein es nützte ihm nichts, ich schnitt ihm, als er bewußtlos zu Boden gefallen war, den Hals ab und raubte ihm das in dem Portefeuille befindliche, bei der Bank behobene Geld, sowie eine goldene und zwei silberne Uhren."— Im weiteren Verlaufe seines Verhörs gab Simic an, er habe gleich nach Verübung des Verbrechens den Leichnam in seinem Kleider» schrank und später in einem Koffer verborgen, den er aus dem geraubten Gelde gekauft hatte. Einen ganzen Monat hindurch schlief Simic in seinem Bette, das sich neben dem den Leich« nam bergenden Koffer befand. Um den Leichengeruch zu entfernen, beschüttete er den Leichnam täglich mit Karbolsäure. Die außerordentliche Ruhe, mit welcher Simic all' diese Einzelheiten zu Protokoll gab, ließen die Vermuthung aufkommen, man habe es mit einem Irrsinnigen zu thun. Troydem also die ganze Geschichte sehr unwahrscheinlich klang, wurden sofort die nöthigcn Erhebungen eingeleitet, um der Sache auf den Grund zu kommen— man weiß, daß alles bestätigt wurde. Nach Ein- langen der Depesche der Tftester Polizei wurde Simic einem neuen Verhör unterzogen. Er gab an, in Neusatz gebüftig, 28 Jahre alt und in Belgrad wegen Defraudation schon bestraft gewesen zu sein. In Ergänzung seines Geständnisses theilte er noch mit, daß er einen Monat nach der That sein Zimmer ver- sperfte und den Schlüssel mit sich genommen habe, wogegen seine Zimmeftrau keine Einwendung gemacht habe, weil er die Mietbe bis 1. Mai ausbezahlt hatte. Von Tftest begab er sich nach Fiume, wo er den größten Theil des geraubten Geldes ausgab, worauf er am 22. Februar, schon bar aller Btittel, nach Budapest kam. �_ Krustel. 18. März. Die Befürchtung, daß die letzten Stürme schweres Schiffsunheil herbeiführen würden, hat sich verwirklicht. Von den nach Antwerpen bestimmten Schiffen find, der„Voss. Ztg." zufolge, nach den daselbst bis jetzt cingegange- nen Nachftchten 7 Schiffe gescheitert. Der aus dem Antwerpencr Hafen nach'Norwegen abgegangene Dreimaster„Jenny" ist an der Sandbank de Calloot in der Scheide gescheiteft. DaS Schiff wurde zertrümmert und ist verloren.— Infolge der Waffersnoth in der Provinz Lüttich erleiden die Schiffer große Verluste und beladene Schiffe liegen seit Wochen fest. Von 15 aus Antwerpen am 17. Januar nach Lüttich abgegangenen be-> ladenen Schiffen ist bis heute ein einziges angekommen. Acht von Riga kommende, mit 2 Millionen Kilo Hafer beladene Schiffe, die nach Straßburg, Nancy, Toul und Spinal bestimmt sind, liegen vor Huy fest und müssen den Normalwasserstand abwaften. In Coronmcuse liegen seit zwei Monaten zwei nach Sedan bestimmte Schiffe fest. Auch die die Maas hinabfahren- den Schiffe brauchen Monate, um an ihr Ziel zu gelangen. Kurz, die ganze Schifffahft ist gestöft und das Elend der Schiffer und ihrer Familien wird immer größer. Lissabo», 21. März.(Theaterbrand) Nach weiteren Mit» theilungcn über den Theaterbrand in Oporto stürzten sich viele Zuschauer, da sie das Freie nicht gewinnen konnten, aus den Fenstern auf die Straße; mehrere Personen erstickten, andere wurden bei dem Ausgange erdrückt. Die Mehrzahl der Ver- unglückten waren Zuschauer in den Logen dritten Ranges und den Galerien. Ganze Familien sind umgekommen. Die Zahl der Todten wird nunmehr auf 80 geschätzt. New-Nork, 19. März.(Sprung aus dem Fenster.) In einem Zimmer im oberen Stockwerke eines Hauses hierseldst brach heute Feuer aus. In dem Wahne, daß alle anderen Rettungsmittel abgeschnitten seien, sprangen die Insassen deS Gemaches aus dem Fenster auf die Sttaße herab. Einer derselben wurde getödtet und sieben andere trugen Verletzungen davon. Nrw-Uork, 16. März. Der Schneesturm, welcher kürzlich den Osten der Vereinigten Staaten heimsuchte, hat einen Schaden von 20 000 000 Doll. angerichtet. In der Chcsapeake Bai gingen über 30, in der Delaware Bai 28 und im Delaware Brcalwoter über 80 Schiffe unter. Von den Ozeandampfern fuhr heute die „Lahn" vom'Norddeutschen Lloyd ab, aber ohne volle Ladung und mit nur 40 Passagieren. Alle anderen Ozeandampfer» welche sonst am Mittwoch segeln, haben ihre Abreise verschoben, da sie weder Ladung nocd Passagiere bekommen konnten. Uew-Nork, 18. März.(Eisenbahnunglück.) Ein von New-x)ork nach Florida gehender Schnellzug entgleiste gestern» wie der„Voss. Ztg." telegraphirt wird, unweit Savannah auf einer den Fluß Hurftcane überspannenden, 46 Fuß hohen Brücke, welche unter der Wucht des Zuges einstürzte. Alle mit Touristen stark besetzten Wagen stürzten in die Tiefe und zer- schmetteftcn, indem sie gleichzeitig in Brand geftcthen. Die Lokomotive, welche bereits über die Brücke gelangt war, blieb stehen. 25 Peftonen wurden sofoft getödtet, 40 schwer verletzt; sechs der Verletzten sind seitdem gestorben. Unter den Getöotetcn befindet sich der Sohn des Präfidenten der Lehiab-Valley-Eisen- bahn, unter den Verletzten der Sohn und die Schwiegeftochter Jay Gould's. Die Entgleisung des Zuges wurde durch einen Äxenbruch verursacht.— Ein anderer schwerer Eisendahnunfall hatte sich zwei Tage vorher auf der Delaware-Lackawanna- Bahn ereignet. Auch doft entgleiste ein Zug und stürzte einen 40 Fuß hoben Tamm hinunter, wobei die Wagen durch die Oefen in Brand geftetben. 27 Personen trugen Verletzungen davon, die in einigen Fällen einen tödtlichen Ausgang haben dürften._ Literarisches. DolK»- Sibliothrk des gesummt»« meuschliche» Wissens, herausgegeben von Wilhelm Liebknecht. Kommissionsverlag von R. Schnabel in Dresden(Bar- tholomäistraße 3). Erscheint in Wochenheften zu 10 Pf.— Die soeben zur Ausgabe gelangten Hefte 29 und 30 entHallen: 29. Astronomie, Astrophysik und Kosmogonie, bearbellet von K. Steinmetz(Fortsetzung). 30. Neueste Geschichte, fortgeführt von Bruno Geiser(Fori- seyung). Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Kolpofteure. Telegraphische Depeschen. (Wolst'S Telegravben-Bureau.) Kerlin, Donnerstag, 22. Äärz. In der am 21. d. M. abgehaltenen Plenarsitzung legte der Staats minister, Staats- sekrelär des Innern, von Boetticher, welcher kraft Substitution des Reichskanzlers den Vorfitz führte, dem Bundcsrath mehrere Schreiben des Präfidenten des Reichstags, betreffend Beschlüsse des Reichstags, vor. Im Anschluß an diese Schreiben wurde beschlossen, den Geseyentwüften wegen Feststellung des Reichs« Haushaltsetats für 1888 89 und wegen Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Reichs Heeres sc. in den vom Reichstage angenommenen Fassungen die Zustimmung zu er» theilen. Bezüglich der vom Reichstage angenommenen Gcsetzent- würfe wegen Abänderung und Ergänzung der Gewerbeordnung und betreffend die Entschädigung für unschuldig erlittene Strafe, sowie bezüglich der Uedefticht der Reichsausgabcn und Einnahmen für das Etatsjahr 1886—87 und der vom Reichs» tage übermittelten Petitionen, die Branntweinsteuer betreffend» und wegen Erhöhung des Zolles für Tabak eftolgte Ufter» Weisung an die zuständigen Ausschüsse zur Vorberathung. Der vom Reichstage genehmigte internationale Veftrag zur Unter- drückung des Branntweinhandels unter den Nordseesischern auf Hoher See wird zur Allerhöchsten Vollziehung vorgelegt wer- den. Von dem Beschluß des Reichstags, nach welchem die Rechnung der Kasse der Ober- Rechnungskammer für daS Etatsiahr 1885—86 bezüglich desjenigen Theils, welcher die Reichsverwaltung dettifft, entlastet wird, nahm d«e Veftammlung Kenntniß. Die Petitionen wegen Ergänzung des§ 503 der Strafprozeßordnung und Maßnahmen gegen den Wucher im Saargebiete betreffend, wurden dem Vorsitzenden des Äundesraths überwiesen. Von neuen Vorlagen wurde die Zusammenstellung ver Bestimmung über die Militärverhäll- nisse der seemännischen Bevölkerung den Ausschüssen für das Seewesen, für das Landheer und die Festungen und für Han- del und Verkehr übergeben. Sodann wurde über den dem Kaiser wegen Wiedcrdeseyung der erledigten Stelle des Präsidenten des Kaiserlichen Patentamts zu unterbreitenden Vorschlag über die Zollbehandlung verschiedener Gegenstände undüberdie Erhöhung der Besoldungssätze fürZollbeamte in Wmr- temberg und Reuß jüngere Linie Beschluß gefaßt. Einer von mehre« ren Uhren-Großhändlern an den Bundesrath gerichteten Eingabe» betteffmd Ausfübrungsbestimmungen zu dem Gesetz über de» Feingehalt der Gold- und Silberwaaren, beschloß derselbe keine Folge zu geben. Endlich wurde noch dem Entwuft eines®e- setzes für Elsaß-Lothringen über die Strafsachen der Enregsttre- ments-Verwaltung und dem Geseyentwuft wegen Feststellung des Landeshaushalts-Etats für 1888 89, letzterem Entwurf»r» den vom LandeSausschuffe von Elsaß-Lothringen beschlossenen Abänderungen, die Zustimmung eftkellt.„ Kromberg, Donnerstag, 22. Äärz. Die Eisenbahnstrecre Laskowiy-Tuchel ist wieder im Betriebe._, Dauzig, Tonnefttag, 22. März. Mit dem heutigen Tag- ist auch der Betrieb auf der Strecke Diftchau-Königsberg nnedc eröffnet... Pari», Donnerstag, 22. März. Das nationale Pro«�. komitee für die Wahl Boulanger's hat die Kandidatur des letzt� zurückgezogen und seine Wahlthätigkeit eingestellt, um der N'. gierung jeden Vorwand zu einem Vorgehen gegen Boulane zu nehmen.-m pari», Donnerstag, 22. März. Das UntersuchungsgenA für die Angelegenheit Boulanger hat sich unter dem Vorfitze Generals Fsoftcr konstruirt und Boulanger aufgefordeft, mors vor dem Gerichte zu eftcheinen.____ Verantwortlicher Redakteur: P.«roukeiue in Berlin. Druck und Verlag von Mar Oaftiu« in Berlin 8W„ Beuthstraße 2.