N». 74. Di-ttstag. de« 27. Marz 1888. S. Katze«. SMerVAsblatt. Drgsn für die Interessen der Arbeiter. Da«„Berliner Volköblatt- erscheint täglich Morgen« außer nach Sonn, und Festtaaen. AbonnementSprei« für Berlin frei in'S Hau« vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Mark. Einzelne Nummer 5 Pf. SonntagS-Nuinnier mit dem„SonntagS-Blatt" 10 Pf. (Eingetragen in der Postzeitungsvreisliste für 1888 unter Nr. 849.) Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltete Petitzeile oder deren Raum 25 Pf. ArbeitZmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden biS 4 IT m der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-! Erhöhung des Preises, angenommen. Nachmittag« ureaux, ohne Kedaktio«: Keuttzstraße 2.— Erpeditw«: Zimmerstraße 44. Adsouemkufs-Etuladaag. um bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir U! onnenent auf das „KerUner UolKsblatt" nebst dem wöchentlich erscheinenden Konntagsblatt cinzu« laden. Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechts. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen LedenS ist seine einzige Aufgabe. Als Keuer Beratber und Stretter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klassen- gcgensätze ist daS„Kerliner Uolksblatt" ein entschiedener Gegner jeder Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon mehr berechtigter Gesellschaftsklassen findet. Das„Kerline» Uolkvblatt" sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung unserer städtischm Angelegenheiten. Der Jll>-tnw«e«t»vr»t» beträgt frei in» Hau« für das gan« Vierteljahr 4 Ward, monatlich 1 Mark 35 Pf., wöchentlich 85 Pf. Bei Selbstabholung aus der Expedition, Zimmerstraße 44, 1 Mark pro Monat. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungsspediteuren, sowie von der Expedition unseres Blattes, Zimmersttaße 44, entgegengenommen. Für außerhalb nehmen sämmtliche Postanstalten Be» stellungen an. Die Dedaktio««nd Grpeditio« des„Berliner Uolkoblatt". Auf falschen Wegen. Man macht den Sozialdemokraten hauptsächlich zum Vorwurf, daß sie Klaffenhaß predigen, und dadurch die friedliche Entwickelung gewaltsam zu stören suchen. Wie weit dieser Vorwurf ein berechtigter oder nicht ist, wollen wir hier nicht untersuchen, wohl aber möchten wir uns er- laude«, darauf aufmerksam zu machen, daß gerade die- jenigen, welche am lautesten über das Treiben der Sozial- demokraten zetern, am häufigsten in den Fehler verfallen, dasjenige zu thuu, wegen was sie die Sozialdemokraten so schwer glauben tadeln zu müssen. Oder ist es etwas anderes, al« Klassenhaß schüren, wenn jetzt in einer ganzen Reihe von konservativen und liberalen Blättern förmliche Lobhymnen darauf gesungen werden, daß seitens des Kriegsministeriums den Lieferanten von Militäreffekten wieder eingeschärft wurde, keine im Ge- AeuMeton. -[72 ** nnttumj(FMkwl MrtoMi> Der Erbe. Roman von Friedrich SerstScker. !st das wahr, Herr Baron?" fragte das junge m noch einmal und schlug den Blick jetzt scheu zu kein, Kathinka," sagte Bruno herzlich,„das ist nicht Fritz Baumann ist allerdings durch zufällige Um- in den Verdacht gekommen, bei jener dunklen That gt gewesen zu sein, aber der wirkliche Mörder ist jetzt , und wie ich noch heute Morgen hörte, so bat er leS Geständniß über feine That abgelegt, nach dem nn entweder schon fteigelassen ist oder jedenfalls in �nächsten Zeit freigelassen wird. Er hat mit der nicht allein nichts zu thun gehabt, sondern sogar, Wahrscheinlichkeit nach, durch sein plötzliches Erscheinen eb verjagt und verhindert, den alten Mann nöllig mgen." öott sei Dank!" flüsterte Kathinka leise.„Es würde jt weh gethan haben, so Böses von ihm zu glauben i Ihnen dank' ich für das gute Wort!" uno wollte noch etwas erwidern, aber der Tante Stimme rief sie fort, und wie ein gescheuchtes Reh über den Hof hinüber nach dem Schlosse zu. uno stieg seufzend in den Sattel und ritt langsam or hinaus. Wozu nur das ewige Schelten und — wozu der ewige, unausgesetzte Unfrieoe daheim, m das HauS zu einer Hölle machte? cht vor dem Thor, und noch mit seinen trüben Ge- beschäftigt, begegnete er dem Staatsanwalt Witte, » in das Schloß wollte. Der Staatsanwalt fuhr in Einspänner und ließ halten, so daß Bruno sab, er ihn zu sprechen. Er zügelte deshalb fein Pferd ein ; an das kleine Fuhrwerk heran. ch, lieber Baron," sagte Witte nach der ersten Be- ruche des Sozialismus stehende Arbeiter zu beschäftigen, und daß in den Verttägen, welche die preußische Regierung mit den Unternehmern an den Rord-Ostsee-Kanalbauten ab- schließt, sich die gleiche Bestimmung befindet. Das Vorgehen der Regierungsorgane in dieser Rich- tung ist nicht neu; es ist zum ersten Male berettS 1878 in Szene gesetzt worden. Damals unter dem Eindruck der Attentate, wo ja in der allgemeinen Aufregung allerhand geschehen ist, was bei ruhigerer Ueberlegung sich al« über- flüssig herausstellte und von den Arrangeuren später wohl selbst als Dummheit erkannt wurde, da kam man auch auf die Zdee, die sozialdemokratisch denkenden Arbeiter durch Aushungerung auf den Aussterbeetat zu setzen. Die Unter» nehmer ganzer Jndusttiegruppen traten zusammen und unter- schrieben und veröffentlichten Erklärungen, wonach sie sich verpflichteten, keinen Arbeiter mehr zu beschäftigen, der sich zu sozialdemokratischen Ideen bekenne, einem sozialdemokra» tischen Verein angehöre, eine Arbeiterzeitung lese oder bei Wahlen einem Sozialdemokraten seine Stimme gebe. Die gutgesinnte Presse strotzte damals von solchen Er- klärungen, und für einen Unternehmer gehörte schon ein ge- wisser Much dazu, wenn er sich weigerte, der Anwendung dieser Gewissensfolter gegenüber den Arbeitern sich anzu- schließen. Daß eS trotzdem eine ganz respektable Anzahl solcher Unternehmer gab, sei hier gerne kon- statirt, wie ebenfall« nicht zu vergessen ist, daß es besonders diejenigen industriellen Unternehmungen, welche während der Zeit des sogenannten wirthschaftlichen Aufschwungs zu den blutigsten Gründungen benutzt wurden, waren, welche bei der Exkommuniziruna der Arbeiter sich am lautesten hervorthaten. Der auf diese Weise zur Schau gestellte„Patriotismus" war ein billiges Mittel, sich in der öffentlichen Meinung wieder zu rehabilitiren. Wie die Arbeiter sich damals gegen diesen Gewissen»- zwang— denn ein solcher und nichts weiter war es, wenn man von ihnen unter Androhung der sofortigen Entlassung aus der Arbeit verlangte, Absage- Erklärungen gegen die Arbeiterpartei zu unterschreiben— zu helfen suchten, ist bekannt. Sie fügten sich äußerlich dem Zwange und blieben innerlich ihrer Ueberzeugung, wie das Wahlrcsultat 1878 zeigte, um so getreuer. Arbeiterblätter hatten damals ihren Lesern den Rathschlag gegeben, alle« zu unterschreiben, was man von ihnen unter Androhung des Verluste« der Existenz zu unterschreiben verlangt, an der Wahlurne aber auf diese» Terrorismus die gebührende Antwort zu geben. Dieser Rath hat seinerzeit der gutgesi»nten Presse Anlaß zu einem Aufgebot der ganzen sittlichen Entrüstung, deren dieselbe ja gelegentlich fähig ist und die ihr so schön steht, gegeben, gegen die„Unsittlichkeit und Unmoralität", die in dem Rathe stecken sollte. Natürlich that auch ein grüßung, und eS kam Bruno fast vor, als ob der sonst so ruhige und seiner Sache stets sichere Mann in einer Art von Verlegenheit sei—„ist Ihr Herr Vater wohl zu Hause und könnte ich ihn sprechen?" „Mein Vater ist allerding« zu Hause," seufzte Bruno, dessen Gedanken rasch wieder abgeleitet wurden,„aber ich glaube kaum, daß Sie ihn sprechen, wenigstens keinesfalls etwas mit ihm besprechen können, wenn Sie zu dem Zweck herausgekommen sind." „Ist er krank?" „Nein; er befindet sich körperlich wohl, aber geistig so niedergedrückt, daß er an nichts Antheil nimmt uno bcsou- derS auf keine Frage antwortet. Ich fürchte, der Tod meines Bruders hat ihn so angegriffen, und er wird einer langen Zeit der Ruhe bedürfen, bis er sich wieder vollständig er- holt. Ich würde Sie jedenfalls dringend bitten, nicht über Geschäfte mit ihm zu reden." „Hm, daS thut mir ja herzlich leid— Gemüthsbewegung also," sagte Witte sinnend—„aber Ihre Fräulein Tante ist zu sprechen?" „Wenn sie erledigen kann, was Sie abzumache» habe» — gewiß. Sie ist daheim; sie verläßt da« Schloß selten oder nie." „Doch nicht auch etwa von Gemüthsbewegung affizirt?" ftagte Witte, denn der Charakter der Dame war in Alburg gut genug bekannt. Bruno lächelte.„Von keiner wenigstens, die sie un- tauglich zu Geschäften machte. Sehen Sie, wie Sie mit ihr fertig werden—* propo»! haben Sie etwas Näheres über Fritz Baumann'S Freilassung gehört?" „Ich komme gerade daher; sie ist eben erfolgt. Der alte Solomon hat selber so dringend für ihn gebeten und so entschieden verneint, daß auch nur die Möglichkeit eines Einverständnisses mit seinem Onkel sei, daß, nach Heßberger's vollem Geständniß, das Gericht ihn wohl frei- geben mußte." „Das freut mich— dann bitte, sagen Sie eS doch Kathinka, dem jungen Mädchen, das Sie im Hause finden — meines verstorbenen Bruders Krankenpflegerin. Sie kennen sie ja wohl— es wird sie fteuen." Theil der fortschrittlichen Presse bei diesem Entrüstung«. rummel mit, darunter nicht wenige Organe, welche im vorigen Jahre, als Herr Meyer(Halle) gelegentlich seiner Wahl den Arbettern einen ganz auf dasselbe hinaus kom- menocn Rath gab, das ganz in der Ordnung fanden. Die Roth der Zeit hat den Herren vom Fortschritt auch über manche? die Augen geöffnet, was sie, als sie noch mit zu den„staatSerhaltenven" Parteien zählten, absolut nicht sehen wollte«. Die Folge de« brutalen Gewissenszwanges, zu dem man sich in der Auftegung der Attentatshetze gegen Sie Arbeiter hinreißen ließ, war also nur, daß man diese zwang, zu einem Mittel ihre Zuflucht zu nehmen, das nur in der Zwangslage, i» welche man die Arbeiter versetzte, seine Entschuldigung findet. Jeder aber, der will, daß Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit bei unserem Volke nicht zu einem leeren Wahne werde, der muß verlangen, daß«in Zwang, wie er 1878 gegen den wirthschaftlich schwache« Tbeil unsere« Volkes ausgeübt wurde, nicht wieder zur Anwenvung komme. Deshalb können wir es nur auf daS lebhafteste be* dauern, daß jetzt wieder zu dem Mittel zurückgegriffen wird, das seine korrumpirende Wirkung im Jahre 1878 in so drastischer Weise zeigte, daS aber auch nur in dieser Richtung und in sonst gar keiner überhaupt eine Wirkung hatte. Den« darüber kann auch nicht der leiseste Zweifel obwalten, daß der Zweck, welcher mit den Bestimmungen, wie sie jetzt wieder in Erinnerung gebracht werden, wonach ozialistische Arbeiter nicht bei Staatsarbeiten zur Verwendung ömmen sollen, absolut nicht erreicht wird. Es steht glück« icherweise keinem Arbeiter auf der Stirne geschrieben, welche Ge« innung er hegt, und die Zahl der in der einen oder andern Weise ür die Arveitersache thätigen Personen ist so groß, daß auch daS umfassenste Gedächwiß, unterstützt von der schärfsten Kontrole, nicht im Stande ist, aus einer Arbeiterzahl, wie sie zum Beispiel beim Nord-Ostseekanal nothwendig ist, alle rm polizeilichen Sinne„anrüchigen" Elemente auszuschließen. Dazu kommt, daß auch der Staat in seiner Eigenschaft al« Arbeitgeber es genau so hält wie die Privatunternehmer, d. h. auch lieber die Eier nimmt, als die Henne, die sie legt, zu tödten. Wenn der Wunsch deö Herrn Kriegs- mmisters wirklich in Erfüllung ginge und eS möglich wäre, alle sozialistisch angehauchten Arbeiter von der Herstellung der Militäreffekten auszuschließen, wir glauben, die Liefe. rungstermine müßten sehr weit hinausgeschoben werden. Dasselbe gilt für alle anderen ArbeitSzweige, ob sie nun Privat- oder Staatsunternehmungen sind. Der Zweck, die Sozialdemokraten auszuhungern, wird also nicht erreicht, kann gar nicht erreicht werden, wohl aber erregt man durch solche Maßnahmen Erbitterung und Haß. Der Staat „Allerdings; ich werde eS ausrichten." Und dem jungen Mann freundlich zunickend, gab er seinem Pferd die Peitsche und fuhr in das Schloß hinein, wo er aber eine Zeit lang warten und knallen mußte, bis Jemand kam, der ihn der Sorge für das Thier enthob. „Zieht da« Pferd einen Augenblick in den Stall, lieber Freund," sagte er zu dem Mann,„ich habe etwas mit dem Snädige» Fräulein zu reden. Was ist denn das für cm »rchtvarer Skandal da oben?" „Was wird's sei»," sagte der Mann mürrisch,„da« tägliche Elend— sie hat's wieder mit dem armen Ding, der Mamsell. Vorhin war sie um den Finger zu wickeln, sie ftaß ordentlich au« der Hand— jetzt, nun der Baron fort ist. scheint der Teufel wieder los zu gehen!" „Mit wem hat sie'«?" „Mit der Fräulein Kathinka, die ihr thut, was sie ihr an de» Auge» absehe» kann— nun wird's aber bald ein Ende habe», sie hat ihr eben angekündigt, daß sie heute über acht Tage da» Schloß verlassen soll— das arme junge Blut I Nu» muß sie zu ftemden Menschen dienen gehe», den» sie hat»icht», al« was sie auf dem Leibe trägt — aber immeü,»och lieber bei fremden Menschen als bei dem Drache»!" Der Staatsanwalt hatte den geschwätzigen Mann ruhig rede» lasse» und nur dabei nach dem Schloß hinüber ge- horcht, von dem noch immer die keifende Stimme der Alte» herübertönte.„Und sollte es denn gar nicht möglich sei», den Drache« zahm zu machen?" sagte er nach einer Weile, indeß der Man» da» Pferd noch ausschirrte.„WaS meint Ihr?" „Den?" rief der Mann und sah den Staatsanwalt verwundert an.„Und wenn der Teufel selber aus der Hölle käme und eine ganze Kompagnie kleiner Teufel mit- brächte, von der müßt' er die Finger lassen und machen, daß er wieder in seinen Pfuhl käme! Die zeigt'S ihm!" „Na, versuchen kann man'S ja immer," lachte Witte, „den Hals wird sie einem doch nicht gleich umdrehen." „Hören Sie," sagte der Mann ernsthaft,„wenn Sie auf so einen Versuch aus sind, dann möchte ich das Pferd lieber gleich wieder einschirren und den Wagen umdrehen. verlangt von allen seinen Angehörigen, daß sie zu den öffentlichen Lasten beitragen. Zeder waffen- sähige Mann ist verpflichtet, für das Vaterland im Augenblick der Gefahr sein höchstes, sein Leben einzusetzen. Diese Verpflichtung hat auch die Sozialdemokratie bei allen und jeden Gelegenheiten anerkannt. Mit welchem Recht will man aber deshalb sozialdemokratische Arbeiter von Staats- arbeiten ausschließen, die doch auch mit ihren und ihrer Gesinnungsgenossen Steuergroschen bezahlt werden? Eine solche Maßnahme könnte nur ihre freilich auch nur scheinbare Rechtfertigung finden, wenn man sich auf den Standpunkt Ludwig XIV. stellt, der da meinte:„Der Staat bin ich!" Im streng absolutistischen Staat, wo der Herrscher Herr nicht nur über seine„Unterthanen", sondern auch über deren Vermögen ist, da mag man es begreiflich gefunden haben, wenn Dinge passirten, wie sie sich äugen- blicklich wieder bei uns abspielen. Zn einem modernen Rechtsstaat aber sollte solches einfach ausgeschlossen sein. Würden wir Pessimisten sein, so könnten wir uns über die modernen Exkommunikationen der Arbeiter freuen, denn es wird damit eine Drachensaat ausgesät, deren Gift- zähne sicher aufgehen werden. Wir sind aber keine Pessi- misten und deshalb bedauern wir Maßregeln, deren einzige Wirksamkeit sich nur darin zeigen wird, den Haß und Un- frieden zu fördern. Tnginak-�orresponämzeu. Kremen» 26. März. Die letzte Korrespondenz scheint nicht ohne Wirkung geblieben zu sein, wenigstens gewinnt eS den Anschein, als wenn durch diese den hiefizen Staats- und Ge- sckäftsmatadoren von kompetenter und einflußreicher Seite ein Wink mit dem Zaunpfahl gegeben worden wäre. Man kann sich wohl zu der Annahme veranlaßt fühlen, wenn ein Mann, wie der Herr Papendiek es ist, in der letzten Bürgerschastsfitzuna einen Dringlichkeitsantrag stellte, welcher bezweckte, den Staat zu veranlassen, dem gemeinnützigen Bauverein ein Grundstück auf die Dauer von drei Jahren zu überlassen, damit dieser zur Linderung der Wohnungsnoth auf demselben 50 Barackenwohnungen erbauen könne. Die für einen Dringlichkeitsantrag erforderliche Unterstützung von 76 Stimmen war vorhanden und wurde nun sofort über den Antrag verhandelt. Papendiek führte zur Begründung seines Antrages aus: Am Nachmittage dieses Tages war der Fabrikinspektor bei mir, um mich auf die außerordentliche Wohnungsnoth aufmerksam zu machen und mich zu bewegen, etwas dagegen zu unternehmen. Ich derief sofort eme Vorstandsfitzung des gemeinnützigen Bau- Vereins. In dieser wurde, unter Berücksichtigung des Umstandes, daß wir 25 000 M. für den in Rede stehenden Zweck geschenkt bekommen würden, beschlossen, den Bau von Baracken, in denen 50 Familien ein Unterkommen finden, in die Hand zu nehmen, wenn der Staat uns ein Grundstück kostenfrei überlassen würde und auch die sonstigen polizeilichen Vor- schriften für diesen Bau in Wegfall kämen. Der ganze Bau wird auf 40000 M. kommen. Wir haben mithin, da wir 25 000 M. geschenkt bekommen haben, noch für 15 000 M. das Risiko zu übernehmen. Der Miethspreis für eine der ge- dachten Wohnungen wird auf 40 Thaler zu stehen kommen. Wir werden mit unserem Unternehmen die Wohnungsnoth nicht vollends beseitigen können und müssen der Armendehörde jene Familien überlassen, wo der Ernährer dem Trünke ergeben ist, wir können nur solche Familien berücksichtigen, die nach- weislich obne ihre Schuld wohnungslos geworden find.— Papendieks Antrag wurde widerspruchslos angenommen. Es muß doch im höchsten Grade verwundern, wenn ein Großkammann unv gewiegter Geschäftsmann, wie Herr Papen- diek es ist, in letzter Stunde an die Bürgerschaft mit einem Dringlichkeitsantrag herantritt, um die Wohnungsnoth zu mildem. Mußte er erst durch den Fabröinspektor auf die Wohnungsnotb aufmerksam gemacht werden? Er mußte doch längst wissen, daß die Wohnungsnoth eine noth- wendige Folge des Freihafenbaues sein würde. Am Nachmittage war der Fabrikrnspektor bei ihm, des Abends um 6 Uhr war er schon in der Bürgerschaftssitzung. In der kurzen Zwischenzeit war es dem Herrn Papendiek mög- lich, mit dem Fabrikinspektor zu konferiren; eme Borstands- sitzung von dem Gemeinnützigen Bauvcrein einzubemfen und abzudaltcn und Jemand zu finden, der für den fraglichen Zweck 25000M. schenkte: ferner ernenZimmermcister zu veranlassen, einen detailirten Plan nebst Kostenanschlag für den Aufbau von 50 Baracken wohnungen auszuarbeiten.— Man sieht unsere Bremer Großkaufleute können Wunder verrichten. Jedenfalls wäre es angezeigt gewesen, die Dringlichkeit des Papendick'ichen Antrages abzulehnen. Es hätten sich dann bei kühlerer Erwögung die Beweg- gründe des Antrages leichter erkennen und etwas besseres für die Wohnungslosen thun lassen.— Als der Freihafenbau in und vor's Thor fahren, damit Sie nachher gleich hinein- springen und auskneifen können. Sie ist heute gerade in der Laune." „Nun, es muß nicht gleich sein," lächelte Witte;„aber wunderlichere Dinge sind schon in der Welt passirt. Gebt nur unterdessen dem Pferd ein Maul voll Heu, sonst beißt es Euch die Krippe zu Schanden; es hat sich das so an- gewöhnt." Und damit legte er seine Peitsche in den Wagen und ging langsam dem Portal des Schlosses zu, wo er noch immer die zankende Stimme des gnädigen oder vielmehr sehr ungnädigen Fräuleins hörte. Er ließ sich aber nicht dadurch abschrecken, und während ihm der Knecht ganz verwundert nachschaute— denn von ihnen kam ihr bei solcher Gelegen- heit Niemand freiwillig in die Nähe—, betrat er daS Schloß selber und stieg die Treppe hinauf. Auf der halben Treppe kam aber Kathinka schon dem Staatsanwalt bleich und mit rothgeweinten Augen entgegen und erschrak sichtlich, als sie einen Fremden erblickte. Sie schämte sich jedenfalls, so von ihm gesehen zu werden, und stand einen Moment unschlüssig, als wenn sie nicht wisse, ob sie an ihm vorbeieilen oder die Treppe wieder hinauf- flüchten solle. Witte ließ ihr aber keine Zeit, weder das eine noch daS andere auszuführen. „Mein liebes Fräulein," sagte er,„laufen Sie nicht vor mir davon— ich bin ein alter Mann und kenne die Verhältnisse hier im Hause gut genug— wo kann ich denn wohl Fräulein von Wendelsheim antreffen, denn ich höre merkwürdiger Weise ihre Stimme nicht mehr oben?" „Sie wird in ihrer Stube sein," sagte Kathinka, sich scheu und hastig die Thränen trocknend.„Sie entschuldigen mich wohl...',, r., „Den Augenblick— nur noch einen Auftrag habe ich an Sie auszurichten." „An mich?" „Der junge Baron gab ihn mir draußen; er erfuhr von mir, daß der Mechanikus Baumann freigesprochen und seiner Hast entlassen ist, und bat mich, Zhnen das zu *a0en«3<$ danke Zhnen," flüsterte Kathinka, ließ sich aber Angriff genommen werden sollte, stellten die Arbeiter Anträge, welche darauf hinausliefen, ein geregeltes Arbeitsverhältniß für die beim Freihafenbau beschäftigten Arbeiter zu erzielen. Der kon- servative Staatsminister von Bötticker machte seiner Zeit in der Kommission für den Bau des Nord-Lstseekanals dem sozialdemo- kratischen Mitglied dieser Körperschaft hinsichtlich der bei dem Bau zu beschäftigenden Arbeitern einige Zusagen— während der Großkaufmann Papendiek in der Bremer Bürgerschaft alle auf den Freihafenbau Bezug habende Anträge der Arbeiter mit den Worten ablehnte: Ich halte diese Anträge gar nicht für diskutabel.— Das ist gewiß für unsere Kaufmannsrepublik sehr bezeichnend. Der gemeinnützige Bauverein, an dessen Spitze Herr Papen- diek steht, übt Gemeinnützigkeit, soweit die Zahl seiner Mit- glieder reicht. Das erhellt am besten aus der Miethsbedingung, welche beim Bezieher einer Barackenwohnung in Anwendung kommt. Es heißt da: die Miethe deträgt wöchentlich 2,40 M., welche im voraus zu entrichten ist; nur solcher Miether kann einziehen, welcher nachweist, daß er bisher seine Miethe pünkt- lich bezahlte und in solchen Erwerbsverhältnissen sich befindet, daß er auch fernerhin zahlungsfähig bleibt; außerdem findet 14tägiae Kündigung statt. Es geht doch nichts über die Ge- meinnützigkeit des gemeinnützigen Bauoereins! Wöchentlich 2,40 M. Miethe macht jährlich rund 125 M. Die 50 Wohnungen würden mithin in den in Ausficht genommenen 3 Jahren die Summe von 18 750 M. aufbringen. Rechnen wir das Anlagekapital(15000 M.) von dieser Summe ab, so bleibt ein Reingewinn von 3750 M. oder mit anderen Worten das Anlagekapital hat sich mit 3V» pCt. pro Anno verzinst! Kunststück! Die Unterhaltungskosten dürften den Umständen nach nur sehr geringfügige sein und um so mehr, als polizeiliche Vor- schriften für diese Wohnungen nicht in Betracht kommen. Bei dem vorsichtigen Vorgehen der Unternehmer können wohl kaum Verluste einireten und machen sich solche bemerkbar, so werden sie vollauf gedeckt aus dem Erlös, welcher aus dem in 3 Jahren zu erwartenden Abbruch der Wohnungen hervorgehen wird. Man will den Wohnungslosen helfen, aber wenn sie doppelt in Noth find, wenn sie weder Obdach noch festen Er« werb haben, dann kümmert man sich nicht um diese Leute. Geholfen wird dem Wobnungslosen, wenn er durchaus zahlungsfähig ist und seine Wohlthäter hübsch hohe Prozente an ihm verdienen. Vor dem Freihafcnbau konnte der Arbeiter für 125 M. eine reelle Wohnung bekommen und jetzt soll er denselben Miethspreis für eine hölzerne Bude geben und dieses noch als Wohltat betrachten!? Erst machen unsere Kaufleute durch ihren Frcihafenbau den Arbeiter obdachlos; hat er kein Obdach mehr, wird sein Zustand unter Zuhilfenahme von Staatsmitteln ausgebeutet, 8', pCt. wird für das angewandte Kapital eingenommen— und dabei spielt man sich noch als großer Wohlthäter auf. Wenn ein konservativer Krautjunker sich den Wamms mit Getteidezöllen füllt, so ist dieses zu beklagen und nicht genug zu bekämpfen. Wenn aber ein sogenannter Liberaler die Roth der obdachlos gemachten Arbeiter rücksichtslos in seinem Kapitals- interesse ausbeutet, so ist das etwas, wofür man wohl schwerlich eine Bezeichnung finden� kann. Zürich, 24. März. Nach Meldungen aus B e r n soll heute die Bundesversammlung wieder geschlossen werden. Die Haupt- thätigkeit dieser 14tägigcn parlamentarischen Session beschränkte sich auf die p o l i t i s ch e P o l i z e i.(Siehe den Artikel in unserer Beilage.) Die vom Äundesrathe zu deren besserer Aus- gestaltung(es soll jetzt wahrscheinlich auch schweizerische Jhring- Mahlow's geben) geforderten 20000 Fr. wurden von beiden Röthen(Nationalrath und Ständerath) sozusagen einstimmig genehmigt. Der Berichterstatter der bezüglichen Kommission des Ständerathes, Herr H o f f m a n n, gab sich in seinem Referate sehr energisch und nach seinen Ausführungen könnte man zu der Annahme gelangen, daß nicht Schröder, Haupt rc., sondern die deutschen Sozialisten in der Schweiz Verbrecher seien, mit denen man aufräumen müsse. Wir wissen den republikanischen Patriotismus des schweizer Volkes zu würdigen und verstehen denselben, aber er ist nicht iderstisch mit der ostentativ zur Schau getragenen künstlichen Entrüstung des genannten Referenten über die Sozialdemokraten, welche die schwei- zerischen Gesetze so genau beachten, daß noch keiner von ihnen mit denselben in Konflitt gerieth. Herr Hoffmann scheint nur bemüht gewesen zu sein, den Beweis zu liefern, daß es auch in der Schweiz Leute giebt, die alles thun, um der Freundschaft der benachbatten deutschen Reattion würdig zu sein. Dem schweizerischen Volke von größerem Nutzen als die Stärkung der polizeilichen Gewalt der Exekutive wäre die Ein- führung des Notenmonopols gewesen. Es unterlag aber der Neigung der Föderalisten gegen die Zentralisation. Aus dem gleichen Grunde wurde die angeregte Vereinseitlichung des Strafrechts abgelehnt. Eine sehr auffallende Thatsache hat sich in den letzten Tagen ereignet. Herr Wilhelm Liebknecht war von schweizeri- rischen und deutschen Sozialisten in mehreren Städten ersucht jetzt nicht länger halten, sondern eilte, so rasch sie konnte, die Treppe hinab. Witte sah ihr kopfschüttelnd nach; aber andere Dinge gingen ihm im Kopf herum, und die Treppe hinaussteigend, traf er oben ein Dimstmädchen, das die Fenster putzte. „Können Sie mir sagen, liebes Kind, wo ich daS gnädige FräuleinFvon Wendelsheim treffe?" fragte er dieses. „Zawoll," sagte das Mädchen,„gleich da drin ist sie." „Schön," erwiderte Witte, indem er seine Brieftasche vorholte und eine Karte herausnahm, die er dem Mädchen hinhielt.„Möchten Sie dann wohl so gut sein und diese Karte zu dem gnädigen Fräulein hineintragen und ihr sagen, der Herr, dessen Name darauf stehe, sei hier draußen und wünsche mit ihr zu sprechen?" „Zawoll," entgegnete das Mädchen wieder, aber ohne die Hand nach der Karte auszustrecken,„das möchten Sie woll, nicht wahr? Ne, einmal gemacht und nicht wie- der. Wenn Sie mit ihr sprechen wollen, gehn Sie selber hinein— ich aber nich." Witte lachte.„Das gnädige Fräulein," sagte er,„scheint sich hier sehr in Respekt gesetzt zu haben— beißt sie?" „Nee, aber sie kratzt," sagte die Magd. „Zn der That? Nun, dann werd' ich mein Glück auf eigene Hand versuchen!" Und damit schob er Karte und Brieftasche wieder zurück, ging dann auf die bezeichnete Thür zu und klopfte herzhaft an. Ein scharfes, zorniges„Herein!" wurde fast augenblicklich gerufen, und der Staatsanwalt, der nur noch sah, daß das Mädchen ihr Fensterputzen unterbrochen hatte und neu- gierig hinübersah, um wahrscheinlich Zeuge deS Empfanges zu sein, ttat auf die Schwelle und sagte: „Mein gnädiges Fräulein, ich konnte Niemanden finden, der mich anmelden wollte— Sie entschuldigen, daß ich Sie störe..." „Was wollen Sie?" lautete die kurze, barsche Gegen- frage. „Nur Sie sprechen— ich bin der Staatsanwalt Witte," sagte dieser, indem er die Thür wieder hinter sich zuzog. „Und was wollen Sie von mir?" worden, Vorträge über die Bestrebungen der Sozialdemokratie und die achtundvierziger Volksbewegung zu halten. Ucber ersteres Thema sollte er verflossenen Dienstag in Bern rcfenren. Aus allen Kreisen der Bevölkerung, Mitglieder der Bundes« Versammlung, Gelehrte und Arbeiter strömten schaarenweise herbei, um den berühmten deutschen Volksmann zu hören. Da wird die Versammlung eröffnet und mitgetheilt, daß Lieb- knecht nicht sprechen werde in Rücksicht auf die politische Situation. Liebknecht war aber zu derselben Zeit in Bern. Heute erklärt nun die„Arbeiterstimme", daß Liedknecht einen Wink mit dem Zaunpfahl von„Oben" erhalten habe,„daß man sein Auftreten in der gegenwättigen Zeit nicht gern sehe. Hoffentlich ist dadurch das freundschaftliche Einvernehmen zwischen der Schweiz und Deutschland aufs Neue defesttgt worden. Der„St. Galler Stadtanzeiger" schreibt zu demselben Gegenstand: „Freies Wort. Der deutsche sozialdemokratische Rcichstagsabgeordnete Liebknecht ist zu dem auf letzten Dienstag Abend in Bern angeordneten Vortrag nicht er- schienen, wie er schrieb, well er mit seinen Freunden übereingekommen, vorläufig nicht in der Schweiz zu sprechen. Das war gewiß sehr taktvoll von Herrn Liebknecht. Wir wollen aber hoffen, daß wir ihn später doch wieder hören. Derselbe hat im verflossenen Oktober an« läßlich des Sozialistenkongresses auch im gedrängt vollen Saale zu Schönenwegen bei St. Gallen einen Vortrag t ehalten und durch sein mhiges, von edler Wärme und iegeisterung getragenes Wort auf die den verschiedensten Gesellschaftsschichten angehörenden Zuhörer den besten Eindruck gemacht. Jedermann hatte das Gefühl: Männer, die so reden, wollen nur was recht ist; sie find Märtyrer einer guten, gerechten Sache. Wir werden aber doch die Wahrheit, auch wenn sie ein deutscher Sozialdemokrat sagt, in der freien Schweiz noch hören dürfen; zu einer Kriecherei, die selbst das nicht mehr wagte, find wir nicht geboren. Gegen Ausschreitungen haben wir ja Gesetze und die zenlralifirte Fremden- polizei." Der hiesige deutsche Arbeiterverein„Eintracht" hat sich diese Woche ein eigenes Heim erworben, indem er ein Haus um den Preis von 130 000 Fr. angekauft hat. Der Verein zählt über 600 Mitglieder und unterhält eine Speiseanstalt, die durchschnittlich von 120 Kostgängern frequentirt wird. Potttische Ueberstcht. Im„Krichsanzeiger" wird die zweijähnge Verlängerung des Sozialistengesetzes und das Gesetz über die Verlängerung der Legislaturperioden von drei auf fünf Jahre publizirt. Nachklänge. Auf politischem Gebiete, so rekapitulirt die „Franks. Ztg.", hat die abgelaufene Session des Reichstags gute Früchte nicht gezeitigt, es ist ein recht schlimmer Gleichklang, wenn man von der Verlängerung des Sozialistengesetzes, von der Ausdehnung der Wahlperioden und von dem Gesetz über die nichtöffentlichen Gerichtsverhandlungen redet. Bei allen diesen Werken fand sich die Kartellmehrheit beisammen, daS zweite war sogar ihrer Initiative, die sonst so zurückhaltend ist, zu danken; was Wunder, wenn diese Arbeiten den Stempel des Geistes tragen, welcher durch das Bündniß seine Weihe erhalten hat. Würde die Regierung nur die Verlängerung des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie auf weitere zwei Jahre begehrt haben, so hätte sie leichtes Spiel gehabt, dafür stand ihr eine Mehrheit»ans vbraso zur Verfügung. Sie wollte aber mehr eneichen, freie Hand gleich auf fünf Jahre und Verschär- fung des Gesetzes durch erhöhte Strafen und durch die Mög« lichkeit, die sozialdemokratische Bewegung mit der Reichsacht an Häuptern und Gliedern treffen zu können. Das uneingestandene Motiv dieser Forderung war die durch Erfahrung gezeitigte Er« kenntniß, daß keine Waffe so schnell stumpf wird, wie die Aus« nahmegesetzgebung, und daß man, um sie wirksam zu erhalten, genöthigt ist, ihr von Zeit zu Zeit eine schärfere Schneide zu geben. Die unterdrückte Partei hatte ei verslanden, sich trotz des Gesetzes nicht nur zu bo- haupten, sondern auch zu größerer Macht zu gelangen, ihre Intelligenz versuchte sie mit Glück auf Schleichwegen, und da nun einmal die List der Verfolgten stets größer ist, als diejenige der Verfolger, so versapten mehr oder weniger die Schlingen des Gesetzes. In den Motiven stand davon nichts zu lesen, sie waren so unzulänglich, daß selbst die treuestcn Anhänger de« Regierung stutzig wurden. Vergebens warf sich die„Kreuz- zeituna" m die Brust mit der Phrase, jetzt würde dies Kartell seine Probe zu besiehen haben, der Nationalliberalismus erklärte mit vereinzelten Ausnahmen, der Regierungsent vurf sei unan« nchmbar, er rücke das zu ersttebende Ziel, die Beseitigung bei Ausnahmezustandes, in eine weite Ferne. Wenn die Regierung weiter nichts zu sagen habe, als was in den Motiven stehe, so dürfe sie vollauf zufrieden sein, wenn das Gesetz unverändert auf zwei Jahre verlängert werde und zwar-um letzten Male. Die Regierung glaubte allerdings, sie habe noch Manches zu „Um Zhnen das zu sagen, bin ich ganz besonders von Alburg herausgekommen," erwiderte der Staatsanwalt, stellte seinen Hut auf die nächste Kommode und zog sich die Hand« schuhe aus, die er hineinwarf. „Aber woher wissen Sie," fragte Fräulein von Wen« delsheim, empört über die Freiheit, die sich der Fremd« nahm,„daß ich überhaupt jetzt Zeit und Lust habe, Ei« anzuhören?" „Mein gnädiges Fräulein," sagte aber Witte trocken, „die Sache ist viel zu wichtig, um lange vorher mit Worten um eine Form zu streiten. Ihres eigenen Selbst wegen müssen Sie mich anhören, um sich einen Weg vor das Ge« richt zu ersparen." ,„Mir?" rief die Dame empört.„Habe ich etwa? mit den Gerichten zu thun?" „Bitte, nehmen Sie Platz," erwiderte Witte, der fest entschlossen schien, sich nicht einschüchtern zu lassen, indem er sich selber einen Stuhl zum Tisch rückte.„Wir werden nicht sogleich fertig sein; ich komme in der ErbschaftS-An« gelegenheit— oder vielmehr in der Sache der Erbfolge." „Und weshalb gehen Sie da nicht zu meinem Bruder?" „Ihr Herr Bruder ist, wie mir der junge Baron vor« hin sagte, geistig so abgespannt, daß er mir augenblicklich nichts helfen kann, denn was ich jetzt mit Ihnen zu reden habe, erfordert einen klaren und ungetrübten Verstand. Wir können doch nicht behorcht werden?" Fräulein von Wendelshcim sah ihn staunend an; der Mann trat aber so entschieden und bestimmt auf und machte so entsetzlich wenig Umstände mit ihr— er mußt« einen wichtigen Grund dafür haben, oder er war einer de« unverschämtesten Menschen, die ihr im ganzen Leben vorge- kommen. „Nein," sagte sie, ihn staunend betrachtend,„rechts und links sind unbewohnte Zimmer." „DaS Mädchen auf dem Vorsaal wird horchen." „Das wagt Keine von meinen Dienstboten- aber ich wüßte auch nicht, welches Geheimniß wir beide mit einander zu besprechen hätten." „Haben Sie gar kein Geheimniß, mein gnädiges Fräu- I sagen, es war von überraschendem Material die Rede, daS sie dem Reichstage vorlegen, durch das sie für ihre Vorschläge eine Mchrbeit zusammenbringen werde. Dieser Plan wurde durch die Sozialdemokratie in gründ- l'ckister Weise zu Schanden gemacht. Die Rollen waren vertauscht, als die Debatten begannen, die Regierung erschien mit leeren Hemden, die Sozialdemokratie aber mit der Fülle eines Materials, dem gegenüber selbst Herr v. Puttkamcr aus allen seinen Posen fiel. Die Anklage, die aus den Singcr'schen und Bebel'schen Eirthüllungen über das Lockspitzelthum hervorging, richtete ihre ■Spitze weniger gegen Personen, als gegen das System, sie ent- hüllte die Konsequenzen der Ausnahmegesetzgcbung in einer für dieselbe� vernichtenden Weise. Alle Versuche, die akrenmäßig zur Kenntniß der Welt gebrachten Thatsachen zu bemängeln, waren erfolglos, auch der letzte und stärkste Trumpf des Herrn v. Putt» kamer, den Züricher Polizeichef, der jene schlimmen Dinge als aktenkundige bezeugt hatte, als„unglaubwürdiges Subjekt" hin- zustellen, machte keinen Stich. Jener Beamte erhielt zwar eine Rüge, aber seiner Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit wurde eine glänzende Rechtfertigung zu Theil in dem Bericht, den die schweizerische Regierung dem Nationalrath über die anarchistischen Umtriebe erstattet hat. Es heißt darin:„Der schweizerische Bundesrath war in der Lage, bei der Regierung des Deutschen Reiches Beschwerde zu führen über die bezahlten agenta provo- i ateurs. Diese Agenten find ein e wirkliche Gefahr für den Frieden und die Ruhe unseres Landes. Als eine eigenthümliche Erscheinung kann hervorgehoben werden, daß die extremsten, lautesten und rührigsten Anarchisten fich sehr häufig als agents provocatenra entpuppten, daß sogar der bekannte Kaufmann, der Berather und Berather Stellmacher's, im Dienste der deutschen Polizei stand. Das macht mißtrauisch, läßt befürchten, daß dieListe der Agenten noch nicht vollständig sei und daß weitere Ueberraschungen ein- treten könnten. Da indeß nach einer von Herrn von Puttkamer im Deutschen Reichstag abgegebenen Erklärung die deutsche Regierung von dem provokatorischen Treiben der Polizeiagenten keine Kenntniß hatte, so steht denn doch zu er- warten, daß Abhilfe geschafft werde." Im Reichstage gab die Regierung nach den sozialdemokratischen Enthüllungen ihre Sache sofort verloren; jetzt konnte auch nicht mehr die Rede davon sein, Fürst Bismarck werde Herrn v. Puttkamer beispringen. Der Herr Reichskanzler ist der Mann nicht, den Kampf für eine un- r.tibare Vorlage aufzunehmen; ohne Zweifel hatte er derselben zugestimmt, als Herr v. Puttkamer erklärte, fie in starker Weise vertreten zu können; als er nun aber sah, daß dieser Minister fich schwer getäuscht hatte, ließ er ihn stecken; nicht einmal dem Appell desselben an das auswärtige Amt gab er Folge. Damit war die Niederlage Puttkamer's befiegelt, die Nationalliberalen waren jetzt ficher, daß fie es ohne Gefahr wagen konnten, zu sämmtlichen neuen Fmdemngen der Regierung Nein zu sagen. Das Ende vom Lied war die Verlängerung des Gesetzes auf zwei Jahre, ein Verlegenheitsbeschluß der Rathlofigkeit, denn man gestand offen ein, daß das Gesetz in der öffentlichen Meinung gerichtet sei und nur der Korrur vacui ihm noch einmal zur Hilfe komme. Damit find zwei Jahre Frist gewonnen für die klugen Thebaner, die da meinen, man könne die Ausnahmegesetzgebung in ihren vauptzügen in das gemeine Rrcht hineinflicken; fie werden am Ende dieser Zeit ebenso rathlos vor dieser unmöglichen Aufgabe Uehen wie seither und— es auf eine neue Verlängerung an» kommen lassen, denn zur Beseitigung des Gesetzes fehlt ihnen iroy der Erkenntniß seiner unheilvollen Wirkungen der Wille wie der Muth. Ob aber eine anders gestaltete Mehrheit reinen Tisch machen würde, diese Frage wagen wir nicht zu bejahen; der 10. Mai 1884 mahnt uns zur Vorficht. Gfftziäs mird geschrieben: Die Gefahren, welche durch Eisgang und Hochwasser den Anwohnen, unserer größeren Flüsse drohen, find der Gegenstand eingehender Fürsorge seitens der Staatsregierung. Schon in einer der letzten Berathungen d.s Staatsministeriums ist eine völlige Verständigung zwischen , den betheiligten Refforts der Staatsverwaltung dahin herbei- geführt, daß ohne Verzug alle verfügbaren Hilfsmittel und ins- desonvere auch militärische Kräfte in Thätigkeit gesetzt werden können, um drohenden Gefabren vorzubeugen und Leben und Eigenthum der betreffenden Staatsangehöngen, so weit dies in menschlichen Kräften liegt, zu stchern und zu schützen. Man wird ferner in der Annahme nicht fehl gehen, daß die de« Ureiligten Behörden angewiesen find, ohne Verzug mit den be- reiten Mitteln des Staates zur Linderung akuter Nothstände einzugreifen und im übrigen ihre volle Aufmerksamkeit der -frage zuzuwenden, was von Staatswegen eventuell zu geschehen oaben wurde, um die von den Waffcrkalamitäten betroffenen >andesstriche in wirthschaftlichcn Stücken zu erhalten. Daß, so- wrn dies wider Verhoffen sich als nöthig erweisen sollte, die Mitwirkung der Landesvertretung zur Beseitigung vorhandener Mißstände in Anspruch genommen werden wird, bedarf de- Anderer Versicherung nicht.— Hoffentlich! � Da«„Aordd. Wochenblatt" veröffentlicht an seiner spitze folgendes: Zur Beachtung. Unsere gechtten Leser be- nachrlchtigen wir hierdurch, daß die Nr. 26 des �„Jllustrirten Unterhaltungsblattes", unsere heute fällige Sonntagsbetlage, '"kgen eines in derselben enthaltenen Gedichts:»Der Bauer Und die Tauben" auf Requifition der Hamburger Polizeibehörde der Staatsanwalt und sah sie dabei starr an. »Bitte, besinnen Sie sich." »Und wenn ich es hätte," sagte finster die Dame,„wer 3hnen das Recht, danach zu fragen?" W£®ut'" fuhr Witte ruhig fort,„dann setzen Sie einmal Fall, daß ich Mitwisser desselben geworden wäre." (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Kebe«. Wallnertheater findet Ende dieser Woche die ß,_ des 4 ästigen Schwankes:„Die Amazone" von aJ Moser und E. Thun statt. Die genannte Novität hatte ein! J der Probeaufführung am Stadttheater in Görlitz a!t/n bedeutenden Heist rkeitserfolg, daß dieselbe fast von 'MZsiößeren Bühnen zur Aufführung angenommen wurde. n,.,.«»cht interessant ist der folgende Kriefmechfel, ein! � ,m siebzehnten Jahrhundert zwei nordische Könige mit Jlnw£1 batten. Im Jahre 16)1 nämlich forderte König >., 1 X. von Schweden den König Chrislan ,,!■'cher und christlicher König gehandelt. Du hast den di.�iner Frieden gebrochen, Blutvergießen veranlaßt und Kalmar kein Berrätherei eingenommen, Gott wird Dick strafen. Da n'llf andere Mittel helfen, so biete ich Dir einen Zweikampf an »rin as f1 alten Gothen löblichem Brauch. Du kannst zwei Tie t ncm Adel mitnehmen, rittermäßige Leute. Ich will l�,'.°hue Küraß und Harnisch begegnen, blos mit der Sturm- »,,, L,auf dem Kopfe und dem Degen in der Hand. Wenn für-* nicht auf dem Platze einfindest, so halte ich Dich nicht "nen ehrlich. ii König, noch für einen Kriegsmann. RiSby, den 11. August 1611. Karl." •Die Antwort auf diesen Brief lautet folgendermaßen: ej»«Dein leichtfertiger und unbescheidener Brief ist uns durch 3v? Trompeter geworden. Wir merken, daß die Hundstage in ®chtm wirren. Was Du sagst, daß wir den Stettiner fimÜss gebrochen, das lügst Du wie ein machtloser Hund, der Bellen wehren will. Du sollst einmal vor Gott Rechen- „geben, sowohl für diesen Krieg, als für alles unschuldig eS�ffene Blut, und für die Tyrannei, die Du an Deinen voÄUntettbanen verübt hast. Daß wir Kalmar, wie Du tah? m't Verrätherei genommen, ist auch nicht wahr. Wir � es als ein ehrlicher Kriegsmann genommen. Du mußt auf der Post mit Beschlag belegt worden ist, weshalb wir leider außer Stande find, unfern Lesern die fragliche Sonntagsbeilage zu liefern. Verlag deS„Nordd. Wochenblatt". H. Oehme. Der„Köln. Ztg." wird zur Frage der Sonntagsruhe von hier gemeldet: Der Bundesrath hat bekanntlich den vom Reichs- tage angenommenen Anttag über die Sonntagsarbeit an seine Ausschüsse verwiesen und damit seinerseits wenigstens für die Sache gethan, was er thun konnte, indessen ist schon jetzt zu sagen, daß der Antrag ohne jede Folge bleiben wird. Man hatte seitens der Reichsregierung durch Anstellung der Unter- suchung über die SonntaAsfeier vollständig den aus dem Reichs- tage hervorgettctenen Wünschen Rechnung gettagen. Die Unter suchung war nicht nur überaus umfassend und eingehend, som dern die Regiemng hatte dabei auch weder Mühe noch Kosten gespart. Sie war indessen gerade auf diesem Wege zu der Ucberzeugung gekommen, daß eine Erweiterung der bestehenden landesgesetzlichen Bestimmungen durch die Reichsgesetze auf dem Gebiete der Sonntagsruhe nickt erforderlich sei; fie hatte denn auch dafür Sorge getragen, daß denjenigen Kreisen, welche ent- schloffen find, die Bewegung bezüglich der Sonntagsfrage fort- zusetzen, diese ihre Anficht nicht verborgen blieb und damit die Hoffnung verbunden, daß weitere Bewegungen unterbleiben würden. Umsomehr hat man bedauett, daß dies vergeblich war, und man ist daher auch entschlossen, kurzer Hand den neuen Antrag abzuweisen.— Etwas Anderes war nach der bisherigen Haltung der Reichsregicmng auch nicht zu erwarten. Der Reichstag hat keinen weiteren Trost, als daß er seine Schuldigkeit gethan hat. A«« der Dorderpfal), 23. März. Unsere Tabakpflanzer find mit dem Erlös ihrer 1387er Ernte sehr unzufrieden, und man kann es ihnen auch nicht verübeln; Preise von 10 M. pro Zentner gehören nicht zu den Seltenheiten, ja es mußte öfters noch billiger abgegeben werden. Für sehr gute Qualitäten wur- den kaum 20 M. bezahlt. Die Witterung des letzten Herbstes und Vorwinters war für die Behandlung des Tabaks sehr un- günsttg. Wie mancher Tabaksbauer, der rechnet und zu rechnen versteht, muß fich sagen, daß er die mühsame Arbeit des Tw baksbaues ganz umsonst verrichtet und dabei die lästigen Maß regeln, welche die Kontrole der Steuerbehörde nun einmal natumothwendia mit fich bringt, noch mit in den Kauf ge- nommen hat. In vielen Gemeinden, u. a. auch in dem Haupt- tabakbauort Haßloch, hat man fich denn auch entschloffen, den Tabakbau einzuschränken und andere Handelsgewächse, z. B. Zuckerrüben, soweit die Beschaffenheit des Bodens dies zuläßt, anzubauen. Viel wird gestagt über Makler und andere Zwi- schenhändler, es mögen diese Klagen zum Theil auch berechtigt sein, allein der Hauptgrund des Niederganges unseres pfäb zischen Tabakbaues liegt unbestreitbar in der Bcsteue rung, die für den pfälzischen Tabak wenigstens entschieden zu hoch ist. In der„freien" Reichsstadt Hambnrg verbietet die Polizeibehörde gez. Dr. Hachmann auf Grund des Sozialisten- gesetzes die im Verlage von H. Dietz in Stuttgatt erscheinende periodische Druckschrist:„Jllustrirtes Unterhaltunasblatt für das Volk". Unsere Leser kennen diese überaus harmlose, rein belletristische Zeitungsbcilage. An anderer Stelle haben wir bereits eine Nachricht aus dem„Nordd. Wochenblatt", diese Beilage detreffend, abgedruckt. Was in derselben auf den Um- stürz der bestehenden u. f. w. abzielte oder zu denselben bei. trug, das mag wohl nur der Hamburger Polizeibehörde be< kannt sein. KchW-i?. Die Liebe läßt fich nicht erzwingen, wie das Sprichwort sagt; und der Zwang, welcher zur Herbeiführung der Liebe an- wandt wird, bringt niemals Liebe, wohl aber sehr häufig das Gegentheil. Gewisse Leute in Deutschland scheinen von diesem einfachen psychologischen Erfahrungssatz keine Ahnung zu haben. Sonst würden sich die notonschen Presfionsversuche, welche deutscherseits seit Wochen in Bern gemacht werden, nicht er- klären. Die natürliche Folge ist, daß die Stimmung gegen die Veranstalter oder Urheber dieser Presfionsversuche von Tag zu Tag verbitterter wird und daß die Sympathien für das Deutsche Reich fortwährend abnehmen— eine Wirkung, die von den Urhebem und Veranstaltern der Prcsfions- versuche sicherlich nicht beabsichtigt wird. Einer der Gründer des Deutschen Reiches sagte einmal, Deutschland— soll heißen das Deutsche Reich— verstünde nicht, fich Liebe im Auslande zu erwerben. Es ist das leider ein sehr wahres Wort, dessen Wahrheit auch der hartnäckigste Zweifler sofort einsehen lernt, wenn er mit offenen Augen sich ein paar Tage im Aus- land aufhält und an geeigneter Stelle seine Studien macht. Namentlich die Schweiz scheint für unsere militärisch- burcaukratische Diplomatie ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch zu sein. Man lese nur einmal die schweizer Zeitungen und man wird die Früchte dieses mangelnden Verständnisses massenhaft wie Brombeeren finden.(Vergl. auch unsere heutige Onginal-Korrespondenz.) Frankreich. Die Seifenblase des„Boulangismus" ist bereits geplatzt. Herr Granier, der fich von dem Dorf Cassagnac, wo sein be> Dich schämen, daß Du es Dir vor der Nase hast wegnehmen lassen. Was den Zweikampf anbetrifft, so bist Du schon von Gott geschlagen. Ein warmer Ofen wäre Dir dienlicher, und ein Arzt, der Dir den Kopf in Ordnung setzen könnte. Du solltest Dich schämen, Du alter Geck, einen ehrlichen Menschen so anzugreifen, was Du gewiß von alten Weibern gelernt hast, die fich mit dem Munde vertheidigen. Kalmar, den 14. August 1611. Christian." Es scheint, als habe sich der König von Schweden bei diesem Bescheide seines„Herrn Bruders" bemhigt, denn die Geschichte hat von einem zwischen cen genannten Königen in Person aus- gefochtenen Zweikampfe nichts zu melden. Rrber/chWemmungrn in China. Man schreibt aus Tientfin, Ende Januar: Die Ueberschwemmungen des letzten Jahres, über deren Umfang und Verlauf in der europäischen Presse genugsam berichtet worden ist, stellen fich als eine Heim- suchung dar, wie fie die Geschichte der Menschheit zum Glück nur ganz selten verzeichnet. Man kann ohne Uebettreibung sagen, daß China, das endlose Millionenrcich, infolge dieses Ereignisses ein ganz verändettes Aussehen aufweist; wo einst fruchtbare Gefilde blühten, dehnen fich jetzt schier unermeßliche Wasserwüsten aus. Nördlich des Gelben Flusses stehen ganze Bezirke unter Waffer, und es ist leider alle Aussicht vorhanden, daß die Fluthen erst nach Jahren sich zurückziehen werden. Man nimmt an, daß der dritte Theil der Bevölkerung Nord- chinchs mehr oder weniger Roth leidet, und schon diese ober- flächliche Schätzung zeigt, daß Millionen von Menschen trübster Zukunft entgegensehen. Andere Gegenden, wie die Provinzen sschihli. Schantung und Honan, find zwar in günstiger Lage, da die Fluthen fich bereits zurückgezogen und einen für die Aussaat empfänglichen Boden zurückgelassen haben. Leider aber fehlt es der Bevölkerung an dem nothwendigsten, da die lieber- schwemmung alles zerstött hat. Vielfach Hütt man die Meinung aussprechen, daß die nach Millionen zählenden Nothleidenden expatnirt und nach dünnbevölketten Landstrichen, z. B. nach der Mandschurei, gebracht werden sollten. Gin Korerdenkmal. Bei Kildare in Irland wurde einem irischen Boxer welcher vor 73 Jahren einen Engländer desselben „Berufes" im Boxerkampf befiegte, ein öffentliches Denkmal er- richtet. Dasselbe trägt die Inschrift: An dieser Stelle hieb und schlug Donelly den Engländer Cooper am 13. Dezember 1815. Er hatte schon zuvor Tom Hall und Tom Olliver besiegt. Geboren zu Dublin in 1786, gestorben als Champion in 1820." Das Denkmal ist von einem eisemen Gitter umgeben, welches der ehemaligen Kampfstätte räumlich angepaßt ist. rüchtigter Papa einen baufälligen Hühnerstall besaß, den Adels- titel„von Cassagnac" in nicht industrientterlicher Weise zuge- legt hat, that in bekannter Liebe zur Republik sein Bestes, um aus der Seifenblase eine mächtige Lawine zu machen, von wel- cher die Republik erdrückt werden sollte, allein das Wunder überstieg doch seine Kräfte und Herr Boulanger ist letzt einfach Boulanger— d. h. ein ehrgeiziger Mann, den Mangel an Takt und eine kindische Selbstüberschätzung zu Fall gebracht haben. Er ist Deroulsde Nr. 2 geworden und wird, wie sein Vorbild, von dem er ins Schlepptau genommen worden ist, unfehlbar den Tod der Lächerlichkeit sterben— eine Todesart, die eine der wetthvollsten franzöfischen Spezialitäten ist und- fich leider noch nicht auf deutschen Boden verpflanzen ließ. GroßKrUditttU«. Das Verhalten der Regiemng in der Frage der irischen Pachtrückstände ist schwer verständlich, Pamell kündigt ein Pacht» rückstandsgesetz an, dessen wesentlicher Kempunkt der ist, daß die jetzt bereits den Agraraerichtshöfen verliehene Befugniß, eine Bezahlung der Pachtrückstände in Abschlagszahlungen anzuordnen, dahin zu erweitern sei, daß dem Pächter, der nachweisen kann, daß er ohne eigenes Verschulden in Rückstand gekommen ist, die Gesammtsumme der rückständigen Zinsen auf ein geringeres Maß herabgesetzt werden kann. Der Unionist Russell, der selbst eine ähnliche Maßregel entworfen hat, schließt sich mit einigen Ge» sinnungsgenossen diesem Vorschlag an. Andere Unionisten, an- scheinend die Mehrzahl der Anhänger Hattington's und Cham» derlain's, halten es für besser, daß mit dieser Maßregel eine andere verknüpft wird, welche auch die sonstigen Schulden der Pächter begleicht oder doch ermäßigt. Es verbreitet sich sofort das Gerücht, daß die Regiemng diesen Chamberlain'schen Gedanken zur Gmndlage eines von ihr selbst einzubringenden Gesetzentwurfs machen werde. Diesem Gerücht wird seitens der Regiemng nicht widersprochen. In der Mittmochsitzuna begründet zunächst Parnell seinen sehr gemäßigten Anttag. Williams, der Freund Ehamberlain's, bekämpft ihn durch ein sogenanntes Amendement folgenden Wortlauts:„Daß kein Gesetzentwurf zur Begleichung der Pachttückstände in Irland für dieses Haus befriedigend und für die Abhilfe der Pächterbeschwerden ausreichend sein wird, welches nicht gleichzeitig die Schulden der Pächter gegenüber anderen Gläubigern außer den Grundbesitzern berückfichtigt." Nun liegt es doch auf der Hand, daß, wer dieser Resolution zu» stimmt, dadurch bekundet, daß er erstens das Vorhandensein eines der Abhilfe bedürftigen Nothstandes unter den irischen Pächtern anerkennt, und zweitens, daß er zu dieser Abhilfe den Erlaß eines Gesetzes für nothwendig hält. In den Reden der Regiemngsvettreter trat indeß so wenig die Ucbereinstimmung mit dem Williams'schen Antrage, für den sie der Form nach das Wort nahmen, zu Tage, daß gegen Schluß der Diskusston der Jrländer Healy seiner Verwunderung Ausdruck verlieh, daß der Minister für Irland kein Won in Vertheidigung des Williams'schen Antrages gesagt habe. Dieser Vorwurf brachte sofort den Minister auf die Beine, und Healy unterbrechend, sagte er: die Regierung hatte fest an ihrer im Vorjahre ausgesprochenen Ansicht von der Nothwendig- kcit, den Pächtern alle ihre Schulden zu erleichtem.„Wohl," erwidette Healy,„aber was das Haus zu wissen wünscht, ist, ob die Regiemng Mr. Williams Antrag annimmt." Sofort rief Mr. Balfour ausdrücklich:„Gewiß." Damit schien volle Klarheit in die Lage gebracht und die liberalen Unionisten mit Ausnahme von Ruffel und seinen sechs Freunden stimmten für die Regiemng. Welche Uebcrraschung, als gestern Abend auf die Anfrage des Mäßigkeitsapostels Lawson, ob die Regiemng beabsichtige, einen Gesetzentwurf im Sinne der Tags zuvor an- genommenen Resolution noch in dieser Session einzubringen, der Führer des Hauses, Smith, trocken erklätte:„Die Regiemng hat keinerlei derartige Abficht." Welche Folgen dieses zerfahrene Verhalten des Ministeriums haben wird, ist unberechenbar. Halten die Unionisten auch aus Parteirücksichten im Parlament noch länger zusammen, so muß doch auch im Lande der übelste Eindmck zurückbleiben, denn nichts vemichtet das Ansehen einer Regiemng gründlicher, als ein solch unbegründeter Wtdermf dessen, was fie gestern noch selbst versprochen hat. Rußland. Eine neue sozialistische Partei hat fich in Rußland gebildet. Es haben fich eine Anzahl Männer zusammengethan, um ganz offen und mit gesetzlichen Mitteln sozialdemokratische Ziere zu verfolgen. Zu diesem Zweck ist ein seit Dezember 1887 erscheinendes Blatt„Selbsttegiemng" gegründet worden. Das Programm, welches die Zeitung veröffentlicht, läßt sich etwa in. folgcnde Sätze zusammenfassen: Es wird zugestanden, daß die Verhältnisse der Gegenwatt auf den Ersatz der kapitalistischew Produktion durch die sozialistische hindrängen, auf den Ersatz der politischen Macht einer pttvilcgirtcn Mmontät durch die Macht des ganzen Volkes. Es wird weiter auf die wachsende Verarmung der Massen in Rußland, auf die Entwickelung des kapitalisttschen Systems— welche zum Theil natürlich, zum Theil aber das Resultat der von der Regiemng eingeschlagenen Schutzzollpolitik sei— hingewiesen; ferner aus die daraus fol» gendc wachsende Ausbeutung der Arbeiter und die fottschreitende Vemichtung der alten russischen„Gemeinde". Daraus wird dann der Schluß gezogen, daß Rußland ebenso gut wie das westliche Europa auf einen sozialpolitischen Zustand sich hinbe- wege. Rußland habe aber nicht nöthig, alle Perioden der kapitalistischen Entwickelung durchzumachen, weil es aus den in Europa bisher gemachten Erfahmngen lemen und seinen Weg abkürzen könne. Jetzt befinde fich Rußland noch am Anfang dieses Weges, und da es nöthig sei, die Gemüther auf den neuen Zustand der Dinge vorzubereiten, so glauben dre msssschen Sozialisten, folgende Reformen verlangen zu können, deren Verwirklichung möglich und nothwendig sei: A. 1) eine allgemeine nationale Volksvettretung mit voll» stem Gesetzgebungsrecht in allen allgemeinen Staatsangelegenheiten; 2) volle Gemeindeselbstverwaltung zur Befriedigung lokaler Bedürfnisse; 3) allgemeines Stimmrecht; 4) volle Freiheit der Rede, der Religion, der Presse, unbeschränktes Vereins- und Versammlungsrecht. b. 1) Nationalisation des Bodens; 2) eine Reihe von Maßregeln, um die Werkstätten und Fabriken in den Besitz der Arbeiter oder des Staates zu bringen; 3) Eltheilung von Kredit an die Produzenten; 4) Organisation des Austausches auf den Grundlagen der sozialen Wissenschaft, um den überflüssigen Zwischenhandel zu unterdrücken. Um dieses zu erreichen, empfiehlt das neue Programm eine mit den Gesetzen vereinbarte Agitation in der Presse, in den Provinzial-Räthen u. s. w. Der theoretische Unterschied zwischen diesem neuen Pro- gramm und dem der„Narodnaja Wolja" tritt schon bei dieser kurzen Skizzimng deutlich vor Augen; während die letztere die ganze Entwickelung der kapitalistischen Produltion vemeinen zu können glaubt und in der alten mssischen wirthschaftlich-politi- schen Gemeindeoerfassung die Gmndlage des künftigen sozialisti- schen Staates erkennen will, fußt das neue Programm auf den kapitalistischen Umwälzungen und besagt ausdrücklich, daß die Zerstörung der msfischen„Gemeinde" nicht zu beklagen sei, daß nicht die Rückkehr zu untergegangenen und untergehenden Ein- ttchtungen, sondem nur Fortschtttt und kluge Ausnutzung aller kapitalisttschen Ermngenschaften dem Volke seine Befreiung bringen könne. Theater. Dienstag, den 27. Miez. «p.'Tufcnw. Geschlossen. Kchn�ptelha»». Geschlossen. De« tftl»«« Theater. Der Probepfeil. zvalt»«»- Theater. Seine junge Frau. $««trat-Theater. Die Himmelsleiter. mt***• Mili,el«»ädtitch» Theater. Die Hochzeit des Reservisten. Oiktarta-Theater. Die Reise um die Welt in 80 Tagen. OA»»>»Theater. Unsere braven Jungen in der Kaiserstadt. Ztsst»»»z�Uhe«ter. Francillon. ■ f»&»eüU«*«- 1: h rater. Pariser Leben. Wathaila-Theater. Almenrausch und Edel- weiß. �»»»teaa-Thrater. Spezialitäten-Vorstellung. UnriSt«. Spezialitäten- Bor- stellung. K-ak-rdia- Theater. Spezialitäten- Vor- stellung. Thnatn»»er Keichshatte«. Spezialitäten- Vorstellung. 'ooiltllkädtillhks Theater. Oresdenerstr. 72. Direktion: Adolph Ernst. Zum 18 8« Male: „SchuhenUs'l". Gesangsposse in 4 Akten von Leon Treptow. Kouplets von G. Görtz. Mustk von G. Steffens und Franz Roth. Lisi: Berta Fetdau. Hedwig: Olga Oarorak. Asta: Clara Helmer. Liese: Rosa Lid. Felix: Hugo Hasskerl. Kratz. »d. IX. Franzi: Adolph Kratz. UJiax; Barthold. Stöpsel: Dir. Adolph Ernst. Im 4. Att: Francillon-Parodie, vorgetragen von Wert» Felda« und Dir. Träft. _ Anfang 7i Uhr. aar Telephon- Anschluß Amt Nr. 9)8%. im Berliner Ktadt Theater �allnertheaterstratze 15. Der Charwoche wegen bleibt das Theater bis inbl. 31. März geschlossen. MiiWischs Th-rler. Nlexander-Stratze 40— Kurze Straße 6. Gastspiel des Frl. lda Müller. Halbe Kassenpreise. Zum vorletzten Wale: Gerechtigkeit oder: U« schuldig verurtheilt. Schauspiel in 5 Akten von W. Fricdenstein. Morgen: Letzte Vorstellung vor den.Feier- tagen. Z. l. M.: verechtigkeit. Sonntag, den 1. April: Zum 1. M.: Di« Wildente. Schauspiel in 5 Akten von Henrik Ibsen, aus dem Norwegischen übertragen Ke? und Schmitt. von Passa«- 1«r. 9 M.- 10 A. Kaiser-Panorama. Neu! Zum ersten Male: Zweite Wanderung durch Kam. Dilta Iirio. Kaiser Friedrich III. Aufdahruua Kaiser Wilhelm I. Neu! Zum ersten Male: E. Wanderung durch die TLrtzei. Eine Reise 20 Pf., Kinder nur 10 Pf. Abonn. UeTOlTerliqueur in originellen Revolverflaschen incl. 60 Pf. Iagderliquenr hochfein, a FI. excl. 90„ Getreid-Nnmmei, übertr. Gilka, do. 90„ Alter Dordhause» do. 75 ,, Dum do. 100„ Drennspiriws, geruchlos, do. 50„ empfiehlt die Grotz-Destillation von[365 Lettan& Keil,S&% KSnigl. Breuß. l78.Klaff.-Lott. Ziehung I. Kl. 3 und 4 April er. Griginalloose ans Depotscheine M. 50, M. 25,'/« M. AnttzeU- V»__ loose M. 6,<5 3,25 1.75 1 Gleicher Preis für alle Klassen. Planmäßige Gewinn- Auszahlung ohne 604] Abzug. DI fffesasSn Berlin P., ♦■"•SBBiiaj Spandauerbrücke 16. ■EBB Prospekte gratis. 12', Vu Zz [627 i e h u n g I. Kinase Königl. Preuss. Staats-Lotterie BB 3. bis 4. April» empfehle; Antheii-Loon Loosen» Vm M. 1.— M. 1,50.— Vi« M. 3.- Ve M. 6,25.-% M. 12,50. ■arienburger Loose ä U.B. 11 Stü k 30 U.-% M 1,50. 11- tü k 15 U. Rothe t Loose k M. 1. 11 Stück 10 M. R. Schumacher Lotterie- Fffefcten-Geschäft Berlin C., KOnigstr. 14a. I Keine getragenen Sachen mehr nöthis! 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K. 1 Dergoldergehilfe, Versilberer, Admiralstt. 7. Drechslerlehrling verl. sttaße 91. t. prause ... LadenM dillig Krnnnrnstratz« 28,».�t- «nd perkauf nvr Kot. � Theilzahlung nach Ubere>nk-w Verantwortlicher Redakteur: K.«ronheim in Berlin. Druck und Verlag von Mo» Kotzing in Berlin SW.. Beuthstraße 2. Hier,« eine Beilage zum Berliner Bolksblatt. P«. 74 gicuSn«, den 27. Marx 1888. a. b. ümificSer ficricfit des fcfiipeijzenfchm JäundcsraiRcs «n die Bundesversammlung betreffend das Gesuch um ein e n Na ch trags k red it zu m Z w e ck c einer besseren Organisation der politischen Polizei. (Vom 12. März 1888.) Tit. Art. 102 der Bundesverfassung schreibt in Ziffer 8 und 10 vor, waS folgt: „Er(der Bundesrath) wahrt die Interessen der Eidge- nossenschaft nach Außen, wie namentlich die völkerrechUichen Beziehungen, und besorgt die auswärtigen Angelegenheiten überhaupt." „Er sorgt für die innere Sicherheit der Eidgenossenschaft, für Handhabung von Ruhe und Ordnung." Art. 70 der Bundesverfassung gewährt dem Bunde„das Recht, Fremde, welche die innere oder äußere Sicherheit der Eidgenossenschaft gefährden, aus dem schweizerischen Gebiete wegzuweisen". ssieben diesen Verfassungsoorschnftcn müssen wir auch den Art. 12 des Bundesgesetzes über die Bundesstrafrechtspflege zitiren, dahin lautend: „Die gerichtliche Polizei wird unter der Aufficht und Leitung des Bundcsrathes und zunächst des Departementes der Justiz und Polizei ausgeübt: von der Anwaltschaft des Bundes und der Kantone: von den Beamten und Angestellten der Polizei des Bun des und der Kantone; c. von den Beamten und Angestellten der Bundes- und Kantonsverwaltungen; von jedem in seinem Wirkungs- kreise." Endlich müssen wir auch der Art. 38 und 44 des Bundes strafrechts erwähnen, welche Handlungen gegen das Völkerrecht mit Strafe bedrohen. Der Bundesrath ist jedoch nicht im Stande, die wichtigen Aufgaben, welche ihm durch die soeben erwähnten Vorschriften der Bundesverfassung übertragen sind, in gehöriger Weise zu erfüllen, wenn ihm nicht gleichzeitig die nötbigen polizeilichen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden. Bis jetzt ist die politische Polizei durch die Kantone ausgeübt worden, welche hicbei im Allgemeinen den besten Willen bctbätigt haben, aber, wie fie selbst anerkennen, einer genügenden Organisation ent- kehren, um den Ansprüchen der immer schwieriger werdenden Situation gerecht werden zu können. Im Jahre 1885 hat Herr Nationalrath Müller, welchem wir bei Eröffnung der Unter- suchung über das Verhalten der anarchistischen Partei die Funktionen des Generalprokurators anvertrauten, einen Be- richt vorgelegt, in welchem er folgende Schlußbemcrkungen machte: „Es ist in diesem Berichte wiederholt betont worden, daß Personenkenntniß und Kenntniß der persönlichen Beziehungen der Anarchisten unter fich in dieser ganzen Angelegenheit die Haupsache ist. So lange unsere Kantone unter stch nicht in Be- zichung stehen und keiner weiß, was im andern geht, so lange werden alle Anstrengungen der kantonalen Behörden nur man- gelhafte Resultate zu Tage fördern. Eine erfolgreiche Verfol- gung der anarchistischen Bewegung ist erst dann möglich, wenn allseitig eine einheitliche Orientirung stattfindet. Diese herzu- stellen find die Kantone als solche nicht im Stande, es muß da- zu die Vermittlung durch den Bund in Anspruch genommen werden. Zu dem Zwecke hätte der Bund eine Zentralstelle zu errichten, welcher sämmtliche Kantone periodisch Bericht zu er- statten, Domizilveränderungen, neuen Zuzug, neue Erschei nungen, welche mit Bezug auf die anarchistische Bewegung be obachtet wurden, u. s. w. zu melden, in besonders wichtigen Fällen auch sofort Anzeige zu machen hätten. Die Zentralstelle würde dann das eingegangene Material fichten und wiederum an die Kantone dasjenige mittheilen, was für jeden einzelnen von Bedeutung sein könnte. Ueberdies könnte diese Zentralstelle «a, wo es nöthig erscheinen sollte, Aufschlüsse geben über den Stand der Bewegung, über Organisation und Tattik der Partei, über Mittel und Wege, dem geheimen Treiben derselben auf die Spur zu kommen, u. dergl. m. Auf diese Weise dürfte wan jederzeit über den Stand der Partei genau unterrichtet Win und nöthigenfalls im gegebenen Momente auch mit Sicherheit operiren können. Auch dürften gegen eine solche Ordnung der Dinge die oben erwähnten Bedenken kaum emstlich «hoben werden.", Seit der Vorlage dieses Berichts ist die von Herrn Muller angeregte Frage nicht weiter behandelt worden. Infolge der im Jahre 1885 vom Bundesrath getroffenen Maßnahmen schien me anarchistische Propaganda auf dem schweizerischen Gebiete beinahe verschwunden zu sein. Aber die Vorgänge, welche m letzter Zeit fich ereignet haben, obschon fie nur thcilweise auf die anarchistischen Bestrebungen fich beziehen, geben der von Herrn -lltuller gemachten Anregung einen neuen, dnnglicheren Charakter und nöthigcn uns, nicht länger zu zögem, einen Entscheid her- beizulühren...„„ �. Wir glauben, dieser Vorgänge aus jüngster Zeit kurz er- Zahnen zu sollen., Letztes Jahr, in der Fastnachtzeit, ist in Zürich ein fliegendes Blatt erschienen, betitelt„Ter rothe Teufel", welches arge Be- Aimpfungen der kaiserlichen Familie und der Regierung des putschen Reiches enihielt. Die Polizeidirettion des Kantons �"rich eröffnete eine Untersuchung, um die Urheber zu ermitteln. Nachdem festgestellt war, daß-enes Flugblatt der gleichen Offizin hervorging, in welcher der -'Sozialdemokrat" gedruckt wird, verlangten w.r em- läßlichen Bericht über die Organisation dieses Unter- nehmens, das. wie man weiß, eine Schöpfung der deutschen sozialistisch»� in Tii, Untcrsuckuna konnte bisher die QlgMg* CbilUblV*»/ W p--- w--- D0n nur eine einzige Nummer erschienen ist, ohne ihr Wissen »... einzelnen ihrer Arbeiter gedruckt worden sei, und daß fie den%%en ihrer Arbeiter georum wuivu*--------... l>en�--m�hhen, als mtt ihren Interessen und ihren Ten- Äas ss.ssm Widerspruch stehend, des Bestimmtesten dcsavouiren. cn hpff Oraanlsation des„Sozialdemokrat" betrifft, so behaup- Ü l!hefs, daß seine Gründung aus einer Spaltung im NdemVr deutschen sozialistischen Partei hervorgegangen sei, >eit" anarchistisch-revolutionäre Fraktion, welche die„Frei- Hottt»? Vl als Organ hatte, nicht mehr harmonirte mit der die i~?er Schule", welche den„Sozialdemokrat" publizirt. >en Fraktion erklärt, daß sie nur mit gesetzlichen Mitteln 'and» �'bror Ideen erreichen wolle und daß fie die Propa- die Thitt, den Gebrauch von Dynamit rc., zurückweise. emetÄ«*. welche wir vor Augen hatten, bestätigen im All- kremn, kiese Thesen. Man sagt, daß in Deutschend andere üicfcpn inj°ber Publikationen verbreitet würden, welche den Ursprung hätten, aber eine ganz andere Sprache führten. Uebrigens ist dieses eine Vermuthung, über welche uns bis jetzt keinerlei Aufklärung zugekommen ist. Wir fügen nur noch bei, daß die Zentralleitung des„Sozialdemokrat" in der Hand des Parteioorstandes und der Parteisekretäre(?) von zusammen zehn Personen liegt, welche sämmtlich Angehörige des Deutschen Reiches find. Der„Sozialdemokrat" erscheint einmal in der Woche; er hat beinahe keine Abonnenten in der Schweiz und ist einzig mit Rücksicht auf Deutschland geschrieben, wo er heimlich eingeführt und vertheilt wird, wie man behauptet in einer Auflage von 10—12000 Exemplaren. Seine Sprache, im Allgemeinen heftig und oft beleidigend, wenn auch vielleicht nicht in dem Grave wie bisweilen diejenige französischer und selbst schweizerischer Blätter, welche in dieser Beziehung jedes Maß überschreiten, hat dazu geführt, die deutschen Behörden auf's Tiefste zu verstimmen. Aus verschiedenen Gründen hat die Untersuchung, welche zur Zeit noch nicht abgeschlossen ist, sehr viel Zeit erfordert. Mittlerweile find Zwischenfälle eingetreten, welche die Aufmerk- samkeit unseres Justiz- und Polizeidepartements auf sich zogen und, wenn auch nicht durchweg von gleicher Wichtigkeit, dennoch die Nothwendigkeit beweisen, daß unsere Ueberwachung keinen Moment ruhen darf. Vom 2. bis 6. Oktober 1887 ist in Bmggen bei St. Gallen der sogenannte„Parteitag der deutschen Sozialdemokratie" abge> halten worden, angeblich um das Programm der Partei fest zusetzen und über deren Stellungnahme für die Zukunft Beschluß zu fassen. Die bezüglichen Verhandlungen fanden im Saale der Bier- brauerei„Schönenwegen statt; die Zahl der Theilnehmer be- tmg etwa 70 Personen. Darüber, was alles im Schooße des Parteitages zur Sprache gekommen, enthalten die offiziellen Berichte, die unserem Justiz und Polizeidepartemente über den Kongreß erstattet wurden, nur wenig bemerkenswerthes Detail. Sie konstatiren ledig- lich, daß die Versammlung eine geschlossene war und daß die- selbe in keiner Richtung Anlaß zu polizeilichem Einschretten gegeben. Dagegen haben die St. Galler Tagesblätter über die Be rathungen des Kongresses einläßlichere Referate gebracht, was zu der Annahme berechtigt, daß Vertreter dieser Presse Zutritt zu den Verhandlungen gefunden haben. Am 6. Oktober Abends wurde der Kongreß geschlossen. Tags darauf, am 7. Okt., tagte indem nämlichen Lokale, in welchem der Parteitag seine Sitzungen abgehalten hatte, eine öffent liche, zahlreich besuchte Volksversammlung, die von der Arbeiter� Union von St. Gallen einberufen worden war. Als Redner traten auf die früheren deutschen Reichstagsabgeordneten Lieb knccht und Auer. Der crstere beleuchtete in kurzen Zügen das Program der Sozialdemokratie, betonte, daß die Bestrebungen dieser Partei in direktem Gegensatze zum Anarchismus stehen, und schilderte in düstern Farben die ökonomische Lage der Ar beiter in Deutschland, während er den Bemühungen der schwer zerischcn Behörden zur Anbahnung einer internationnlen Ar> beiterschutzgesetzgebung Anerkennung zollte. Die Ausführungen des zweiten Redners, Auer, gipfelten in einer Kritik der in Deutschland den deutschen Sozialdemokraten gegenüber zur Aus führung gelangten Ausnahmegesetzgebung. Die erwähnte Volksversammlung nahm zum Schlüsse mit Beifall zwei Resolutionen an, die eine auf den Antrag von Re dakteur Th. Wirth in ist. Gallen, dahin gehend: die Behaup tung, daß der Kongreß der Sozialdemokraten im Geheimen getagt habe, beruhe auf Unwahrheit, die andere, von Fürsprech Scherrer, des Inhalts: der Patteitag sei innerhalb der Grenzen des schweizerischen Rechtes abgehalten worden. (Fortsetzung folgt.) Kommunale». Die für da« Kteuerjahr vom 1. April 1888 bi» dahin 1889 festgestellten Klastrnstener- Köllen werden zur Einsicht der«steuerpflichtigen in der Zeit vom 23. März er. bis zum 1. April er. einschließlich täglich Vormittags von 9 Uhr bis Nachmittags 1 Uhr offengelegt werden, und zwar: 1) die Rollen des Königl. Schlosses und der Standesamts- bezirke Nr. 1 und 2, umfassend die Stadtbezirke Nr. 1 bis 14 und 15 bis 30, im Rathhause, parterre, Zimmer 2) die Rollen des Standesamtsbezirks Nr. 3, umfassend die Stadtbezirke Nr. 31 bis 49, in der Steuer« Ann ahm e- stelle An der Apostelkirche Nr. 74, 3) die Rollen des Standesamtsbezirks Nr. 4, umfassend die Stadtbezirke Nr. 50 bis 73, in der Steuer-Annahme- stelle Gneisenaustraße Nr. 4, 4) die Rollen der Standesamtsbezirke Nr. 5a und 5b, umfassend die Stadtbezirke Nr. 79 bis 113, in der Steuer- Annahmestelle Wrangelstraße Nr. 133, 5) die Rollen des Standesamtsbezirks Nr. 6, umfassend die Stadtbezirke 114 bis 144, in der Steuer-Annahmestelle S t a l l s ch r e i b e r st r a ß e Nr. 54, 6) die Rollen der Standesamtsbezirke Nr. 7a und 7b, umfassend die Stadtbezirke Nr. 145 bis 131, in der Steuer« A n n a h m e st e l l e K r a u t st r a ß e Nr. 49, 7) die Rollen des Stadcsamtsbezirks Nr. 8, umfassend die Stadtbezirke Nr. 182 bis 201, in der Steuer-Annahmestelle Kleine Frankfurter st raße Nr. 6, 8) die Rollen des Standesamtsbezirks Nr. 9., umfassend die Stadtbezirke Nr. 202 bis 217, in der Steuer- Annahmestelle A r t i l l e r i e st r. Nr. 8, 9) die Rollen der Standesamtsbezirke Nr. 10a und 10b, umfassend die Stadtbezirke No. 218 bis 254, in der Steuer-Annahmestelle Templiner st r. Nr. 12, 10) die Rollen des StandesamtsbezirkS Nr. 11, umfassend die Stadtbezirke Nr. 255 bis 278, in der Steuer-Annahmestelle Gartenplatz Nr. 4|5, 11) die Rollen des Standesamtsbezirks Nr. 12, umfassend die Stadtbezirke Nr. 279 bis 304, in der Steuer-Annahme Albrechtstraße Nr.21, 12) die Rollen des Standesamtsdezirks Nr. 13, umfassend die Stadtbezirke Nr. 305 bis 326, in der Steuer-Annahmestelle Reinickendorfer st r. Ztr. 48. Jedem Steuerpflichtigen wird außerdem ein Auszug aus der Klassensteuer-Rolle, welcher den ihm zugetheilten Slufensatz ergiebt. zugestellt werden. Reklamationen gegen die Steuer- Veranlagung sind, gehörig begründet und mit den erforderlichen Beweismitteln versehen, binnen der gesetzlichen zweimonatlichen Präklufivfrist vom 2. April er. bis 1. Juni er. einschließlich bei der Steuer- und Einquartimngs-Dcputation des Magistrats, Abtheilung II, einzureichen. Die für die Klassensteuer fest- escytcn Steuerstufen dienen nach dem Hierotts geltenben gemeinde- Einkommensteuer- Regulativ zugleich für die Äer- anlagunz der Gemeinde-Einkommensteuer als Grundlage. Stadtverordnet««- Versammlung. An Stelle der ordentlichen Sitzung, welch- in dieser Woche des Grünen Donnerstags wegen ausfällt, findet am Mittwoch, den 28. März, Nachmittags 5 Uhr, eine außerordentliche Sitzung der Stadt- verordneten-Versammlung statt. Tagesordnung: Lorschläge des Ausschuffes für die Wahlen von unbesoldeten Gemeindebeamten — Fortsetzung der Bettchterstattung des Etatsausschuffes, und zwar: über Kapitel V J. Abtheilung 4(Einrichtungen für die Gesundheitspflege), Kapitel IX.(Park- und Gattenverivaltung), Kapitel XI. Abtheilung 1, 2 und 3(Verwaltungskosten); über die Etats für die Gasanstalten, die Verwaltung der Waffer- wette, die Kanalisationswette und die Verwaltung der Riesel- felder, den Zentral-Viehmartt, den Zentral-Schlachthof und die Fleischschau, die Untersuchung des von auswätts eingefühtten frischen Fleisches, die Hauvtkasse der städtischen Werke und die Verwaltung der Markthallen; über die Vorlage, betr. die Be- willigung der beim Markthallen-Etat pro 1887/38 erforderlichen Mehrbedürfnisse; über Kapitel III.(Steuerverwallung), Kapitel lV.(Kapital- und Schuldenverwaltung), Kapitel XIV.(verschiedene Einnahmen und Ausgaben).— Feststellung des Stadt- haushaltsetats pro 1. April 1888 89.— Berichterstattung des Etatsausschuffes über die Etats der Sublevationskaffe und der Vorspannoerwaltung pro 1888 89 und über den Antrag von Mitgliedern der Versammlung, betreffend die An- legung größerer Tumplätze für vre hiesige Schuljugend— Vorlage, betteffend den Verkauf des städtischen Grund- stücks Georgenstr. 23.— Desgl., betr. den Vettauf städtischer Bauparzellen am Weidenwege.— Desgl., betr. die Revision des Penfionsreglements für das Erekutiv-Pettonal der Feuer- wehr.— Eine Leaatensache.— Eine Unterstützungssache. Außerdem wird um 6 Uhr von dem Herrn Oberbürgermeister Dr. von Forckendeck die Einführung des zum unbesoldeten Stadtrath gewählten Herrn Fabrikbefitzers Dr. M. Weiaett bewirft werden. Da» Pensto«»rrgl»m»»t für da» Grrkativperfoval der Levermehr vom Jahre 1882, für welches eine Revifion nach Verlauf von 5 Jahren vorbehalten ist, wird eine wesent- liche Aenderung dadurch erhalten, daß die in dem alten Regle- ment vorgesehene Bestimmung, nach welcher die bei der Berliner Feuerwehr zurückgelegte Dienstzett doppelt gerechnet wird, in Fottfall kommt; die bereits bewilligten Penfionen sollen hier- durch jedoch nicht berührt werden. Die städtischen Behörden behalten fich femer das Recht vor, das Reglement nicht mehr wie früher alle 5 Jahre, sondern zu jeder Zeit zu ändern. Mach Mittheilnng de« Statistischen Amt« de» Stadt Kerlin find bei den hiesigen Standesämtem in der Woche vom 11. März bis inkl. 17. März zur Anmeldung ge- kommen: 247 Eheschließungen, 393 Lebendgedorene, 39 Todt- gedorene, 520 Sterbefälle. Kokale». Z» unserem Artikel über die Stadtverordneten- Wahle« wird uns mitgetheilt, daß es verschiedene Arbeiter unan- genehm berühtt hat, daß man aus dem Attikel herauslesen könnte, die Majorität gegen die Kommunalwahlen ließe stch irgendwie von der Arbeitersackc feindlichen Elementen zu unüberlegten Schritten hinreißen.— Der Verfasser des Attiiels betont ausdrücklich, daß ihm jede Absicht, den Gegnern der Kommunalwahlen etwas Kränkendes oder Verletzendes zu sagen, gänzlich fern ge- legen hat. Der erst- Früblinga-Sonntag hatte viele Tausende in die fteie Natur gelockt, namentlich war der Weg nach Treptow von den Wanderlustigen stark frcquentitt. Die herrliche Früh« lingsluft kontrastitte freilich seltsam mit den ungeheuren Schnee- maffen, welche ringsum die Erde noch bedecken. Hier und dott wird die blendende Fläche durch schwarze Streifen unterbrochen, es find dies die etwas höher gelegenen und daher den Sonnen- strahlen mehr ausgesetzten Stellen der Felder. Auch die Böschungen des Bahndammes find theilwerse schon schneefrei, während in Wald und Gebüsch der Rasen noch tief unter der winterlichen Decke eingehüllt liegt. Trotzdem ist es in den Wipfeln der Bäume und Büsche bereits recht lebendig; die ge- fieberte Welt empfindet die Wonne des stcgenden Lenzes und giebt ihrer Freude in den verschiedensten 23 eisen Ausdruck. In die langgezogenen, klagenden Töne der Goldamsel mischt fich das helle Zwitschern des Buchfinken, welches wiederum von der tiefen, melodischen Flöte der Amsel unterbrochen wird. Noch einige warme Tage und die Natur wird überall aus dem Winterschlafe erwachen, um fich verjüngt neu zu entfalten und die Zeit zu beginnen, welche von allen Dichtem stets als die herrlichste gepriesen wurde. Megen der Grünaner Affäre soll, soweit unsere in den betheiligten Kreisen eingezogenen Erkundigungen reichen, von der Staatsanwaltschaft des hiesigen Landgerichts II nunmehr die Anklage gegen mehrere Personen erhoben sein, deren Anzahl wir etwa auf ein Dutzend beziffem möchten; unter diesen sollen stch auch zwei Frauen befinden, die der Beleidigung von Be- amten und des Widerstandes gegen die Staatsgewalt angeklagt find. Die Angeklagten, soweit fie uns bekannt geworden find, stehen im Alter von etwa 25 bis 35 Jahren. In dem stattge- habten sehr umfangreichen Ermittelungsverfahren hat man sich namentlich bemüht, den sozialdemokratischen Charafter der Grünauer Zusammenkunft zu etuiren. Aufgefundene rothe Plakate, rothe Pinee-nez< Schnüre, rothe Federn am Hute und eire im Walde angebrachte rothe Fahne dürften, nachdem was in den bisher stattgehabten Vernehmungen den Gegenstand be- sonders peinlicher Erörterungen bildete, als die thatsächlichen unterlagen für die Beuttheilung des politischen Eharatters der Grünauer Zusammenkunft gelten. Weiche Schlüsse das Gericht namentlich für die einzelnen Angeklagten aus diesen Vorkomm- nissen ziehen wird, vorausgesetzt, daß diese Behauptungen über- Haupt als richtig sich erwiesen, bleibt abzuwarten. Nach dem, was aus der Untersuchung bisher an die Oeffentlichkeit gekommen ist, find sämmtliche Angeklagte zunächst beschuldigt der Theilnahme an einer auf Grund des Sozialisten- gesetzes verbotenen Landpartie. Hier dürfte zunächst die juristische Kritik einzusetzen und zwar sowohl die Rechrsgiltigkeit des Land- pattieoerbots zu prüfen, wie auch den rechtlichen Begriff der „Landpattie" und deren Zugehörigkeit zu den vom Sozialisten- gcsetz umfaßten Zusammenkünften festzustellen haben. Außer- dem sollen die Anschuldigungen erhoben sein wegen Wider- standes gegen die Staatsgewalt, wegen Aufforderung zur Ge- sangenenbefreiung und wegen Beleidigung. Wir find allerdings nur auf die Darstellung von bethciligter Seite angewiesen; allein abgesehen davon, daß diese den Eindruck der Glaubwür- digkeit machen, greifen auch die einzelnen Mittheilungen, die uns geworden sind, derart ineinander, daß wir keinen Verstoß gegen unsere dem Publikum gegenüber zu beobachtende publi- zistische Pflicht zu begehen glauben, wenn wir schon beute im Interesse einer Beruhigung erregter Gemüthcr unsere Meinung dahin aussprechen, daß die Sache anfangs schlimmer aussah, als fie in ihrem weiteren Verlauf zu werden verspricht. Am schwersten bestraft düttten bereits diejenigen sein, welche bei jener„Landpartie" das Schicksal der Sistirung erfuhren. Eine angebliche Aufforderung zum Widerstande und zur Begehung strafbarer Handlungen, die aber erfolglos geblieben ist, dürfte das schwerste Verbrechen sein, das fich bei jener Landpartie ereignet hat. Es wird näm lid), wie man uns mittheilt, dies Vergehen dem Arbeiter Böhm zur Last gelegt, nach dessen Namen auch die Untersuchung ge- nannt wird. Von den übrigen Angeklagten find, soweit bc- kannt, zwei beschuldigt des thätlichen Widerstandes gegen die Beamten, fünf oder sechs andere des Auflaufs, weil fie fich nach dreimaliger Aufforderung nicht entfernten und alle übrigen wegen öffentlicher Beleidigung der Beamten. Inwieweit Miß- Verständnisse und Jrrthümer seitens der Zeugen hierbei unter- laufen find, das aufzuklären wird Sache der weiteren Unter- suchung sein. Bisher hat einseitig die Anklagebehörde ihres Amtes gewaltet; voraussichtlich wird nunmehr auch die Ver- theidigung in Funktion treten und von ihrem Standpunkte aus die Vorgänge in Grünau beleuchten. Ausdrücklich muß noch hervorgehoben werden, daß, soweit unsere Erkundigungen reichen, trotz der großen Volksansammlung am Orte der That, doch grobe thätliche Ausschreitungen seitens des anwesenden Publikums nicht vorgekommen find. Die beiden Fälle thätlichen Widerstandes sollen darauf zurückzuführen sein, daß einer der Anwesenden versucht haben soll, das Pferd eines Gendarmen zu schlagen. Daß er das Pferd geschlagen habe, soll selbst der Gendarm nicht haben behaupten können; der zweite Fall thatsächlichen Wider- standes ist von einer Frau verübt worden, welche fich ihrer Sistiruna durch Festhalten an einem eisemen Gartenzaun wider- setzte. Diesen Vorkommnissen gegenüber wird nun abzuwarten sein, in welchem Lichte das Verhalten der Beamten bei jener Gelegenheit erscheint. Die Feststellungen hierüber werden der weiteren Untersuchung vorbehalten bleiben müssen. Festgestellt soll übrigens bereits sein, daß in vertheilten Plakaten, welche bei Thcilnehmern der Landpartie fich fanden, die Aufforderung enthalten war, für Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu korg�n� haben strh mehrere Firmen unter Berufung auf das Tumult- Gesetz(Gesetz, betreffend die Ver- pflichtung der Gemeinden zum Ersatz des bei öffentlichm Auf- laufen verursachten Schadens, vom 11. März 1860) mit der Forderung gewendet, ihnen für den Schaden Ersatz zu leisten, welcher ihnen infolge der eigenthümlichen, vielbesprochenen Sperrungsmaßregeln der Polizei erwachsen sein soll. So ist beim Zurückdrängen der Menge vor dem sogenannten Rothen Schloß, An der Stechbahn 3h. 2, den Ikuhncrt'schen Erben ge- hörig, die eiserne Brustwehr an der QuaaS'schen Kunsthandlung fortgerissen worden, wodurch ein Schaden von ca. 40 M. ent- standen ist. Viel bedeutender ist der Schaden an einem benach- darten Schaufenster. Der Befitzcr hat sein Geschäft wegen der Menschenanstauungen mehrere Tage geschlossen halten müssen. Beim Wiederöffncn des Ladens stellte fich die unangenehme Ueberraschung heraus, daß die zurückweichende Volksmaffe die Rolljalousic m die dicke Fensterscheibe gedrückt, daß die GlaS- scheiden die Gegenstände im Schaufenster zerschlagen hatten. In diesen wie in allen ähnlichen Fällen hat der Magistrat dem „B. T" zufolge die Ersatzpflicht, so sehr die Beschädigten zu beNagen sein mögen, nach dem Worttaut des Gesetzes ganz ent- schieden abzulehnen beschloffen. Der Fleischverbranch in de« beiden Machen in Berlin war diesmal ein weit größerer als im Vorjahre. In der Woche vom 5. bis 10. März find auf dem Zenttalschlachthof 2392 Rinder gegen 2237 des Vorjahres und 7898 Schweine gegen 6546 des Vorjahres geschlachtet worden. Weit erheblicher aber waren die Mebrschlachtungen in der Woche voin 12. bis 17. März, der Woche, in der die Beisetzungsfeicrlichkeiten zahl- reiche Fremde nach Berlin geführt hatten. Es wurden 2434 Rinder und 8808 Schweine geschlachtet, das bedeutet 157 Rinder und 2262 Schweine mehr als in der entsprechenden Woche des Vorjahres. Auch soll die Fleischeinfuhr von auswärts erheblich größer gewesen sein als im vorigen Jahre. Da» Projekt der Anodehnnng der Kerliner Polizeigewalt auf die Pororte Kerlin» wird namentlich in erster Linie auf die zunehmende Unsicherheit in den Vor- orten gestützt, welcher die Sicherheitsorgane der kleinen Städte und ländlichen Ortschaften nicht gewachsen sein sollten. Dem- gegenüber ist nun die ei�enthümliche Thatsache zu konstatircn, daß im letzten Halbjahre eine erhebliche Verminderung von Vergehen und Verbrechen in den Vororten eingetreten ist und zwar m solchem Umfange, daß bei den beiden Strafkammern des zuständigen Landgerichts Ii ein Arbeitsmangel eingetreten ist. Be- sonders wird die zweite Strafkammer von demselben betroffen. Obwohl dieselbe nur an zwei Tagen in der Woche Sitzungen abhielt, stehen doch schon seit Monaten in jeder Sitzung höchstens vier kleine Sachen an. Am Freitag waren es nur drei, von denen die eine obendrein aufgehoben werden mußte, so daß die Sitzung schon um zl2 Uhr Vormittags zu Ende war. Die erste Strafkammer, die dreimal in der Woche tagt, hat zwar etwas mehr Arbeit, aber auch nur Bagatellsachen. Seit Beginn des Jahres 1879, also seit 9 Jahren, find beim Landgericht 11 überhaupt nur zwei Prozesse zur Verhandlung gekommen, welche mit dem Verbrecherthum der Hauptstadt in solchen Beziehungen standen, daß daraus die Nothwendigkeit der Unterstellung der Vororte unter die Berliner Kriminalpolizei gefolgert werden könnte, nämlich die Prozesse wider die Gauner bezw. Taschen- diebcsdandcn Pusmentirer(Nathan Weiß und Genossen) in Rixdorf und Marowska in Friedrichsbcrg. Was nun die Sittenkontrole anbetrifft, so werden, wie sich nachweisen läßt, die Sicherheitsorgane der Vororte viel leichter mit den„Damen" fertig, als die Berliner Sittenpolizei.— Wir entnehmen diese Ausführungen einem hiefigen freifinnigen Blatte. Merkwürdig ist es, daß auch die freifinnigen Organe die immer weitere Aus- brcituna der Polizei so schön finden und daß sie nicht auf den Gedanken kommen, daß es besser wäre, durch wahrhafte soziale Reformen die allgemeine Lage zu heben. Dann brauchten wir weniger Polizei und die Verbrechen würden von selbst ab- " �Militärarbeit. Wie wirklich„liberal" unsere Bourgeoifie über den Arbeiter und seine Erwcrbsverhältnisse denkt, geht aus folgendem hervor. Tausende von Arbeitern gehen jetzt bekannt- lich beschäftigungslos in Berlin herum, ohne daß es ihnen mög- lich ist, auch nur wenige Groschen zu verdienen. Man sollte meinen, daß die Leute, die sonst immer von Humanität förmlich liiefcn, in jeder Beziehung dem arbeitenden Volke zu Hilfe kämen. Doch weit gefehlt— statt vorkommenden Falles Arbeiter zu beschäftigen, holt man sich— Soldaten aus den Ka- fernen, die find ja billiger, denn der Arbeiter quätt fich ja auch dafür, daß fie gekleidet sind und auch ihr Essen und Traktament erhalten. So denkt wenigstens die Firma Gebr. Bachten, Kom- misfionslager für Baumwollenwaaren, Kaiser Wilhelmstraße 41. Diese Firma beschäftigt beim Umzüge nur Militär. Als ein Arbetter, der in höflicher und bescheidener Weise um Arbeit bat, den Chef der Firma auf das Ungerechte solcher Handlungs- weise aufmerksam machte, sagte dieser stolz und wegwerfend: „Das geht Sic nichts an, ich kann thun und lassen was rch will!" Das kann der Herr freilich— aber schön und mensch- lich ist es trotz allen Geschreis von der individuellen Freiheit noch lange nicht._._ Christliche» au« der christlichen Herberge. Man schreibt uns: Am Sonnabend, den 24. d. M. Morgens, war ich mit einem Freunde in der christlichen Herberge in der Oranien- straße. Hierselbst waren an 50—80 arbeitslose Malergehilfcn versammelt, da fich dortselbst der Arbeitsnachweis der Maler- innung befindet. Es wurden drei Anstteicher verlangt; da nun ein jeder Arbeit nehmen wollte, so stürzt- alles nach dem Zimmer der Meister. Der Herbergswirth oder sein Stellvertr.ter trat nun dazwischen und nahm den ersten Besten, der ihm unter die Finger kam— einen alten Mann in den 50er Jahren mit weißem Haar— und warf ihn derart zwischen die Stühle, daß er fast besinnungslos zusammenbrach. Da fich nun die Versammelten hierüber empörten und an die„Humanität der chrijt. sichen Herberge" appellirten. war der Herr Wuth derarttg auf- gebracht, daß er den Anwesenden, mit Ausnahme der Zagereisten. sein Lokal verbot.— Es muß doch eine saubere Bande scrn, die in den„christlichen" Herbergen„christliche Liebe und Milde" übt. Da» Opfer eine» freche« Känbers ist ein in der Paulssttaße wohnender Mann geworden. Derselbe hatte am 17. d., Abends um*7 Uhr die Charlottenburger Pferdebahn an der Siegesallee verlassen, um fich über den Königsplatz nach seiner Wohnung zu begeben. Von einem Schwindel befallen, so erzähtt der Betreffende, habe er fich auf eine Bank in der Zelten- Allee gesetzt; nach einiger Zeit sei ein Strolch an ihn herangetreten, habe ihm einen Schlag auf den Kopf versetzt und das Portemonnaie mit einem Inhalt von 18 Mark entrissen. Er verlor die Besinnung, und als er erwachte, fühlte er fich so angegriffen, daß er sich nicht zu erheben vermochte. Endlich kam ein Eismbahnbeamter hinzu, der eine Droschke holte und ihn nach seiner Wohnung brachte. Er befindet fich noch jetzt in ärztlicher Pflege und wird voraussichtlich noch längere Zeit nicht seinen Geschäften nachgehen können. Es wäre sehr erwünscht, wenn der gedachte Eisenbahnbeamte, dessen Persönlichkeit nicht bekannt ist. fich auf der Polizei melden wollte, um über den Vorfall nähere Mittheilungen zu machen. Ein grauenhafte» Familiendrama, das fich am Freitag in dem Vororte Lichtenberg abgespielt, hat die dortige Bevölke- rung in nicht geringe Aufregung versetzt. Der dort wohnhafte „Arbeiter" Mysterfeld lebte mit seiner Familie, die aus der Frau und einem 23jährigen Sohne bestand, schon seit langer Zeit in heftiger Fehde, welche wiederholt zu sehr erregten Szenen geführt hatte. M., der dem Trünke sehr ergeben war, soll schon früher die Aeußemng gethan haben, seine Frau oder sein Sohn würden doch noch„daran glauben müssen". Während am Freitag die Frau des M. fich außer dem Hause befand und der Sohn, der das Schuhmacherhandwcrk betreibt, bei der Arbeit saß, stürzte der Vater sich plötzlich auf diesen und stieß ihm ein kanges Messer dicht hinter dem Ohr in den Kopf. Der Ver- wundete besaß nur noch Kraft genug, die Thüre der Wohnung aufzureißen und hinauszustürmen. Auf dem Hofe brach er unter Hilferufen zusammen. Der sofort herbeigerufene Arzt konstatirte eine lebensgefährliche Verletzung, welche die Ucber- führung nach dem Krankenhause nothwendig machte. Auf dem Transport dorthin ist der Verletzte gestorben. Der Mörder, welcher sofort nach der That geflohen war, wurde in der Nähe des städtischen Viehhofs eingeholt und dingfest gemacht. Seine Ueberführuiig nach dem Untersuchungsgefängnisse in Moabit ist bereits am Sonnabend erfolgt. Ein trauriger Anblick bot fich vorgestem während des ganzen Vormittags den Passanten der Potsdamcrslraße. Des Morgens in der achten Stunde war vor dem Hause Nr. 6 das Pferd eines Milchhändlers gestürzt und hatte beim Fallen an- scheinend einen Doppelbruch des linken.Hinterbeins davon- getragen. Das arme Thier lag in einer tiefen Pfütze von Eis- wasser, am ganzen Leibe vor Schmerzen zitternd, von Hundeiten von mitleidigen Menschen umstanden, von denen Niemand helfen konnte, länger als sechs Stunden, bevor der Abdecker mit seinem Wagen erschien und dem armen Thier den erlösen- den Todesstoß versetzte.— Sollte fich nicht im Interesse der leidenden Thier- eine schnellere Beendigung ihrer Oualen er- möglichen laffcn? Mordnersnch und- Selbstmord. Ein Bursche von 19 Jahren hat den Revolver auf seinen eigenen Vater abgefeuert und fich dann selbst durch einen Schuß in die Brust tödtlich verletzt. Dem Vorfall liegt, wie das„Kl. I." berichtet, der folgende traurige Sachverhalt zu Grunde: Mar Richter ist der Sohn des Restaurateuis Richter in Stettin. Er ist ein leicht- finniger Mensch, der schon im Elternhause seinen Angehörigen großen Kummer bereitete. Er lief seinen Eltern zu verschiede- nen Malen davon, trieb fich mit lüderlichem Gesindel herum und führte einen unmoralischen Lebenswandel. Schließlich gab der bekümmerte Vater seinen ungcrathenen Sohn nach Bertin in die Lehre zu einem Kaufmann, wo er ihn unter strenger Aufficht wähnte. Aber der junge Richter änderte sein Leben in keiner Weise. Er suchte die schlechteste Gesellschaft auf, trieb fich mit lüderlichen Dirnen herum, machte Schulden und ver- ließ das Geschäft seines Lehrhcrrn. Er hatte damals ein möblirtes Zimmer in der Wohnung des Roßschlächtcrs Lange in der Jnvalidenstraße 150 inne. Der Vater ent- schloß sich, seinen Sohnes wieder nach Stettin zurück zu nehmen; er selbst holte ihn am 18. dieses Monats dahin zurück. Schon am 22. rückte aber der junge Richter wieder aus und fuhr unter Mitnahme einer kleinen Summe und eines. seinem Vater gehörigen Revolvers wieder nach Berlin zurück. Der Vater reiste ihm am 24. d. M. wiederum nach. In der Voraussetzung, ihn in der früheren Wohnung anzutreffen, begab er sich Abends zwischen 7 und 8 Uhr dorthin. Aber schon auf dem Wege sah er seinen Sohn die Jnvalidenstraße entlang gehen. Er trat an ihn heran, klopfte ihn auf die Schulter und sprach ihn mit den Worten:„Na, Bürschchen, da bist Du ja", an. Der Sohn wich einige Schritte zurück, und zog aus der Tasche den Rcvolvor, den er seine mVater entwendet hatte. Im nächsten Augenblick legte er die Mordwaffe auf seinen eigenen Vater an und feuerte einen Schuß ab. Glücklicherweise ging der Schuß fehl. Nun aber richtete der Bursche den Revolver gegen fich selbst und feuerte zwei Schüsse schnell hintereinander auf sich ab. Der erste traf ihn nur leicht am Finger der linken Hand, der zweite aber mitten in die Brust, so daß er lautlos zu Boden sank. Bald hatte sich eine große Anzahl Passanten um den jungen Selbstmörder gesammelt, verzweifelt rang der Vater die Hände, ohne helfen zu können. Mit Hilfe der Umstehenden hob er seinen auf den Tod verletzten Sohn in eine Droschke und brachte ihn in das Lazarus- Kranken haus. Hier liegt der junge Richter hoffnungslos darnieder. pottzeikrricht. Am 24. d. M. früh wurde auf dem Flur des.Hauses Wrangelstraße 7 die Leiche eines wenige Tage alten unbekleideten Knaben vorgefunden. Offenbar ist das Kind ausgesetzt worden und erfroren.— Gegen Mittag wurde eine Frau in ihrer Wohnung in der Chorinerstraße erhängt vorge- funden.— Nachmittags gcrieth ein Monteur, als er in der Chauffeestraße von einem Pferdebahnwagen während der Fahrt absprang, mit dem linken Fuße unter ein Rad, erlitt eine schwere Verletzung des Ballens und wurde nach der Cbaritee gebracht. — Abends wurde cin Posthilfsbote durch eine Masse vom Dach des Hauses Chauffeestraße 4 herabfallenden Schnees derartig am Halse getroffen, daß er bewußtlos zusammenbrach und nach dem katholitcken Krankenhause gebracht werden mußte.— Um die- selbe Zeit schoß der 21 Jahre alte Kaufmann Mar Richter, Jnvalrdenstraße 44 wohnhaft, als er wegen seines leichtfinnigen Lebenswandels von seinem Vater, dem Äestaurateur Albert Richter aus Stettin, aufgesucht wurde, um ihn nach Hauic zurückzunehmen, in der Nähe seiner Wohnung mit einem Revolver auf seinen Vater, ohne ihnjcdoch zu verletzen, da derselbe die Waffe zur Seile schlug. Max Richter schoß darauf noch zwei Schuffe auf sich selbst ab, durch deren einen er sich eine anscheinend schwere Verletzung an der Brust beibrachte, so daß er nach dem Lazarus. Krankenhause gebracht werden mußte.- An demselben Tage brannten in dem Neubau Krausenstraße 41 Verschläge und Kisten,- Motz- str-be 61 unter ernem Ofen- und in der Nacht zum 25. d. M. Lehrtcrstraße 16117 die Holzbelle, dung des Trocken-Apparats in einer Pappfabnk.- Am 25. d. M., Mittags, wurde ein che- maliger Kaufmann ,n ernem Garten ver Schwedenstraße in einem klemcn Wassergraben todt vorgefunden. Wahrscheinlich ist de.selbe, welcher stark an Epilepsie litt, beim Wasserholen in den Graben gefturzt und so ertrunken, obgleich das Wasser in WWWWE imb erlitt durch den ,raU außer mehrfachen Knochenbrüchen auch schwere innere Verletzungen. Sie wurde auf ärzt- lrche Veranlassung nach dem st. Hedwigs-Krankenhause gebracht. — Gegen Abend wurde ein Glasermeistcr durch ein vom Balkon im 2. Stock des Hauses Kurfürstenstraße 165 herabfallendes, 12 Pfd. schweres Stück Putz am Kopf getroffen und anscheinend nicht unbedeutend verletzt.— An demselben Tage fand in dem Quergebäude des Grundstücks Ritterstraße 49 Feuer statt, durch welches die Balkenlagen des ersten und zwerten Stocks, sowie ein Zwischenboden über der Durchfahrt und verschiedene Waaren und Werkzeuge vernichtet wurden. Die Feuerwehr war längere Zeit in Thätigkeit.— Außerdem fanden Louisen-Ufer Nr. 40 und Bellevucstraße Nr. 21|22 unbedeutende Feuer statt. Gerichts-Zeitung. Gebrannter Kaffee gehört nicht zu denjenigen Lebens« Mitteln, welche Gegenstand des Wochenmarktverkebrs sein können — so lautet eine am Montag anläßlich eines konkreten Falles erfolgte Entscheidung des Kammergerichts. Ein im Besitze des Wandcrgewerbcscheins befindlicher Kaufmann Z., welcher hauptsächlich mit Südfrüchten, Kaffee u. s. w. bandelte, hatte seinen nicht im Besitze eines Gewerbescheins befindlichen Gehilfen B. beauftragt, auf dem Wochenmarkte in Königshütte frisch ge« brannten Kaffee zu verkaufen, worauf Beide wegen Uebeftretung des Gesetzes vom 3 Juli 1873 angeklagt, aber vom Schöffen« gericht freigesprochen wurden, indem letzteres dafür erachtete, daß der Verkauf von Lebensmitteln auf einem Wochenmarkte nicht gegen das Gesetz verstoße. Die Strafkammer zu Beuthcn verurtheilte aber Beide auf die Berufung des Amtsanwalts wegen Uebeftretung des qu. Gesetzes zu je 96 M. Strafe, weil fie der Ansicht war, daß gebrannter Kaffee von dem Wochen« marktverkehr ausgeschlossen sei.— Die hiergegen eingelegte Re« Vision wurde vom Kammergeftcht zunickgewiesen. Es mag dahin gestellt bleiben— so wurde begründend ausgeführt— ob Kaffee überhaupt zu den Lebensmitteln und nicht vielmehr zu den Ge« nußmitteln gehört, jedenfalls aber fällt gebrannter Kaffee nicht unter die Kategorie der dem Wochenmarktverkehr vordehaltenen „frischen Lebensmittel aller Aft". Mir Jemand z« einer Stempelstrafe kommt, welcher die Befolgung der Vorschriften des Stempelgesetzes auf das Gewissenhaftelte beobachtet, lehfte eine Verhandlung, welche gegen den Hauseigenthümer Rentier B. vor der 94. Abtheilung des Berliner Schöffengerichts stattfand. Der Angeklagte hatte seinem Miether Schuhmachermeister Balthaftar im Dezember 1886 Laden und Wohnung gekündigt und beide Räume an einen anderen auf 5 Jahre vermiethet. Für den mit dem letzteren abgeschlossenen Miethsvertrag war ein Stempel in Höhe von 33 M. entrichtet. Gleich nach Neujahr 1887 erhob der alte Miether gegen die erfolgte schriftliche Kündigung Widerspruch, da fie n'cht, wie der Kontrakt vorschreibe, mittelst eines„einge- schriebencn" Briefes ihm zugegangen war. Die verlangte hohe Abstandssumme für freiwillige Räumung des Ladens und der Wohnung billigte Rentier B. um so weniger zu, als ihm sein Rechtsanwalt versicherte, das Balthasar auch ohne jede Entschä« digang am 1. April 1887 räumen müsse. Es kam zwischen Beiden zum Prozeß, welcher der Ansicht des Berathcrs entgegen in beiden Instanzen zum Nachtheil des Hauseigenthümcrs ent« schieden worden ist. In diesem Prozesse hatte der Kläger zum Nahwcise, daß der Beklagte, dem bei der Prolongation des Vertrages dessen Stempelung obg> legen hatte, diese unterlassen, darnach also die Kündigung anerkannt hat, seinen Oftginalvertrag überreicht und wurde nun von der Steuerbehörde als Produzent desselben in eine SIcmvclstrafe von 18 M. genommen. Sein Widerspruch dagegen und sein Einwand, daß er der Steuer« behörde für die fraglichen Räume anstatt des Stempelbctrages von 4,50 M. sogar 33 M. zugewendet habe, vermochten ihn von der festgesetzten Stempelslrafe nicht zu befreien. Wegen Vergehen» gegen da» Softalistengeseh hattr sich am Freitag vor der Strafkammer des Landgerichts zu Potsdam der Zigarrenarbeiter Ernst Friedrich Hesse aus Berlin- fiüher in Potsdam, zu verantworten. Die Angelegenheit iß/ seiner Zeit in der gesammten Presse lebhaft eröftert, weil fie dir erste war, bei welcher das Reichsgericht den Grundsatz aufstellte- daß schon die bloße Bestellung einer verbotenen Druckschrift den Thatbestand der Anstiftung zur Verbreitung verbotener Druck' schriften involvift. Bei einer Haussuchung, welche bei Hesse ab' gehalten wurde, fand mannämlich eine Anzahl Nummerndes Zürilbtt Sozialdemokrat, einige Hefte der sozialdemokratischen Bibliottp u. s. w., welche Hesse geständlichermaßen im Auslande bestell hatte, weil er der Ansicht war, daß der Besitz eines Exemplars von den qu. Schriften nicht strafbar sei. Jetzt erhebt Hesse dtt> Einwand, er habe bei der Bestellung nicht gewußt, daß Truckschnften verboten wären. Die Staatsanwallschaft schentt« diesem Einwand, gegenüber dem früheren Geständniß, kcim'v Glauben und beantragte, in Gemäßheit der oben erwähnt�'» Reichsgenchtsentschcivung den Angeklagten aus§ 19 des zialistengeseyes zu bestrafen, mit Rückficht darauf aber, daß do-'s Entscheidung seiner Zeit noch unbekannt gewesen sei, nur uUI eine Geldstiafe von 20 M cvent. 2 Tage Gefängniß zu kennen. Der Gerichtshof veruftheilte Hesse dem Antrage be» Staatsanwaltschaft gemäß. Da» höchtt grmcingefährtiche Treiben einer au» den„besseren" Stände« beschäftigte am Sonnaben» die erste Strafkammer des Landgerichts in längerer Sitzung Aus der Untersucdungshaft wurde die verwittwete Kreisgcricble räthin Bertba öttcher, geb. Schiller, vorgefühft, welche im Laui der letzten Jahre eine wahre Geißel für die Berliner Gcsch"� weit gewesen ist. ES wurden ihr nicht weniger als 53 Betrug. fälle zur Last gelegt, jedoch erwähnte der Staats an wall, nach dem Bekanntwerden der Verhaftung der Angeklagten dm« die Presse noch so viele Anzeigen gegen dieselbe eingelaufen sft»' daß voraussichtlich noch eine Nachtragsanklage wird erhoben u'- den müssen. Die Beschuldigte, wegen Unterschlagung u Urkundenfälschung vorbestraft, hat um deshalb noch eine befo ders schwere Verantwortung auf fich geladen, weil sie ihre bis«. unbescholtene Tochter, die Klavicrlehrerin Susanne Böttcher,>. ins Verderben gezogen hat, denn diese sollte ihier Mutter acht Fällen Beihilfe geleistet haben und hatte deshalb ebeufa auf der AnNagebank Platz zu nehmen. Die erste Angellaa Fcau Böttcher, scheint von einer unfinnigen Verschwendung sucht beseel: gewesen zu sein, und hat, um sich in den Bejttz dazu erforderlichen Mittel zu setzen, den Kredit, den m U unter falschen Vorspiegelungen und auf Grund ihres Titewg, verschaffen gewußt, in der ausgiebigsten Weise auszunutzen � standen. Zu den Beschädigten gehören in erster Linie elf, tiner P ianofoftefabrikanten, denn in einem Zeiträume vone> Jahre hat die Angeklagte nicht weniger als elf Pianinos � kauft, wofür die Lieferanten außer einer genügen Anzau � nichts erhalten haben, denn sowie die Instrumente in dem% siye der Frau Böttcher waren, hatte diese nichts Eilig creg, thun, als fie zu versetzen oder für jeden Preis weiter äußern. Auch die Möbelhandlungen wurden von der e» klagten in arger Weise gebrandschatzt zc. Der von ihr ang tete Schaden beziffeft fich nach einer Berechnung der.W1 wiii behörde aber immerhin auf ca. 12000 M., und das Jahre! Der Gerichtshof erkannte gegen Frau auf fünf Jahre Gefängniß und fünf Jahre Ehrverlust, �„fier deren Tochter, die unter dem verderblichen Einflüsse der � gestanden, mit sechs Monaten Gefängniß davon kam.. Der Wirbrraufnahme-prozeß des Malers J-* Wentel befchästigte am Btontag die 1. Strafkammer d>s, M gerichts<1. Am 26. März 1886 war Wenyel vor dem H Gerichtshof wegen Beamtenbeleidigung zu 1 Monat®C' aaw verurtbeüt worden auf Grund folgender Veranlassung-,. fiS reiche Mitglieder verschiedener Arbeiter-Bezirksvereine ba zu einer im Tivoli-E-adlissement am 1. Osterfcieftag de» 1885 einberufenen Volksversammlung begeben, insom Wj polizeilichen Verbots fand diese Volksversammlung v jjjp? und die Besucher derselben mußten ohne Unlerfchle politischen Bekenntnisses an der Pfofte des Tiooli-Etadlm Kehrt machen. Einer gegebenen Anregung folgend, bc- gaben fich nun einige hundert Mann nach dem benach- karten Tempelhof; hier aber wurde die Wander- Versammlung von den Gendarmen Tänzer, Höhne und Mar- quardt empfangen und aufgelöst mit dem Bedeuten, unverzüg- lich nach Berlin zurückzukehren. Die Spaziergänger fügten fich in ruhiger Haltung; einige Gruppen beabsichtigten indessen, den Weg quer über das �empelhofer Feld zu nehmen; hieran wurden fie durch die Gendarmen verhindert. Bei dieser Ge- legenheit fiel aus der Menge ein Ruf, eine anzügliche vulgäre Redensart, welche ihrer wörtlichen Bedeutung nach eigentlich Niemand gelten kann, von dem Gendarm Marquard aber als ihm geltend aufgefaßt wurde. Marquard schritt nun zur Verhaftung des Wentzel, den er fich mitten aus der Menschenmenge holte, weü er wahrgenommen, daß Wentzel in demselben Augenblick, als der Ruf erscholl, fich beim Vorwättsgehen umgedreht und eine Lippenbewcgung gemacht. Trotzdem Wentzel sofott fich dagegen verwahrte, der Rufer gewesen zu sein und an Ort und Stelle eine Anzahl Leute ihm zuriefen:„Das ist nicht der Richtige" beharrte der Beamte bei seinem Vorhaben. Auch vor der ätfraf- kammer war Marquardt schon damals der einzige Zeuge, welcher im Sinne der Anklage den Wentzel belastete, und da der Ge- richtshof diese Aussage als allein glaubhaft erachtete, so ward ferner der Alibi-Beweis, den Wentzel damals ange- treten, als mißglückt erachtet und es erging das obige Urtbeil.— Nachdem Wentzel im Herbst 1886 bereits 21 Tage von der gegen ihn erkannten Strafe verbüßt hatte, wurde ihm von dem bekannten Kürschner Ferkau eines Tages im Strafgefängniß ,u Plötzensee mitgelhcilt, daß ein Maler Namens Hayat den Namen desjenigen wisse, der jenen Ruf ausgestoßen, und der eigentliche Thäter sei ein Tischler Thomas, welcher s. Z. dem inzwischen aufgelösten Arbeiter- Bezirksverein„Vorwätts" angehöre. Diesem stattete Wentzel in dessen Wohnung in der Fürstenstraße einen Besuch ab und mahnte ihn, seine Schuld einzugestehen, um solcheratt einen Unschuldigen zu defreien. Thomas bekannte fich schuldig. Bald darauf war er aus Berlin verschwunden; er hatte fich beim Abzüge zum Schein nach seiner Hcimath abmelden lassen, jedoch vorher ferner Witthin, einer Frau Bactin, erklätt, und zwar am Tage, nach- dem W. ihn besucht, er sei bei jener Pattie nach Tempclhof am Lsterfeiettage gewesen, man wolle ihm zu Halse, er will indessen mit dem Gericht nichts zu thun haben und gehe der Geschichte wegen Tivoli aus dem Wege. Diese und andere Wahrnch- mungen veranlaßten W., den Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens zu stellen; auf Anordnung der höheren Instanz gab die Strafkammer diesem Anstaue statt. Nach wieder- Kolter, wegen Ausbleibens einiger-Zeugen stattgehabter Vertagung kam die Sache vor dem genannten Gettchtshof endlich zum Abschluß; es waren zur Verhandlung nicht weniger al» 20 Zeugen geladen. Als einziger Bclastungs- zeuge trat wiederum zuerst Gendarm Marquard auf. Dieser ver- blieb bei seiner früheren Aussage, wonach er den Angeklagten als jenen Rufer bezeichnete. Er sei seitwätts hinter W. und zwar 2—3 Schtttt entfernt gegangen, als dieser fich umgedreht und jenes Wott ausgerufen! darauf habe er fich ihn„gelangt." — Der Angeklagte hatte dagegen eingewendet und durch Zeugen den Beweis dafür angeboten, daß er zur kritischen Zeil mit dem Drechsler Zimmermann Schulter an Schulter inmitten eines dichten Menschcnknäuels marschitte und fich mit Z. von Arbeitsanaclegenheiten unterhalten; plötzlich habe ihn Marquardt beim Kragen gepackt und ihm auf seine Frage:„Was wollen Sie denn geantwortet:„Einen muß ich mir„langen", der muß büßen!" Den Ruf ausgestoßen zu haben bestritt W. und führte des Weiteren an, daß, nachdem seine Vcrurtheiluna durch die Zeitungen bekannt geworden war, sich verschiedene Zeugen bei ihm gemeldet, die thells in un- mittelbarer Nähe des eigentlichen �Hüters Thomas dessen Ruf gehört haben, theils fich mit ihm unterhalten haben und bekun- den können, daß er nicht der richtige Thäter sei.— Der Zeuge Trechslermeister Malzan hat der Unterredung des W. mit Thomas beigewohnt und bekundete, daß erstercr dem Thomas sagte, er solle doch die Wahrheit sagen und ihn nicht unschuldig sitzen lassen; Thomas habe fich hierzu bereit erklärt; derselbe Zeuge hat ferner gesehen, daß Marquard den Wentzel„langte", in demselben Augenblick aber hatten andere den Thomas, welcher entfliehen wollte, aufgehalten und zur Rede gestellt. Andere Zeugen, welche von einem Rufe aus dem Munde des Ange- klagten ebenfalls troy unmittelbarer Nähe nichts wahr- genommen haben, bekundeten, daß Thomas auf der Stelle, als man ihn anhielt, fich für schuldig bekannt habe. Ueber die Ent- femung des Schauplatzes dieser beiden Szenen geben die Zeugen indessen verschiedene Angaben kund. Der Angeklagte hatte be- bauptet, 18 Schritt von Marquard entfernt gewesen zu sein; Marquard bekundet, daß dies nur 2 bis 3 Schtttt waren, und od jene Szene mit Th. fich in näherer oder gettngcrer Ent- fernung ereignete vermochten die Augenzeugen nicht bestrmmt aufzuklären. Der Gendarm Tänzer hatte gehött, daß aller- Vings einige Leute dem Marquard zugerufen,„das ist nicht der Richtige!" Diese Leute wären aber in so weiter Entfernung gewesen, daß fie eben so wenrg, da fie vorn an der Spitze gingen, gehött haben können als er. wer gerufen. Der Zeuge Zimmermann, welcher neben W. geklangen. vermochte trotzdem über die Oertlickkeit der Szene eben- sowenig zu bekunden; er bestätigt, daß W. den au. Ruf nicht aufgestoßen; von welcher Seite der Gendarm Marquard aber gekommen, als erW. arrctirtc. ob von der Seite, von vorn odn hinter'ni Rücken, das konnte er nicht sagen; er erklatt kcins der inkriminirten Worte aus dem Munde des W. geHort zu haben. Auch über den Wottlaut der lnknminitten Ng.gingen Acuße- Auch uver vc»......... nUstien die Bekundungen widerspruchsvoll auseinander. bi°?t �'ublick auf das Gesammtergebniß der Beweisaufnahme r Staatsanwalt dafür, daß von zwei verschiedenen Per- 1"Cn Zur kritischen Zeit an demselben Orte Strafthaten be- fiangen seien. Hinfichtlich der Thälerfchatt des W. sei das nirffF"'8 des Gendarm Marquard ausschlaggebend. Der bisher ermittelte Thomas würde allerdings, wenn die Staatsan- nw* � ihn ermittelt hätte, ebenfalls unter Anklage gestellt en sein. Von diesem Standpunkte erscheine es geboten, fall» dem aufgehobenen Uttheil entsprechende Entscheidung zu ap'eir. Rechtsanwalt Frcudenthal führte aus, er gebe zu, daß b/lÜftUord der einzige sei, welcher den Ängekl. durch seine Aussage ftp-tÄ lostzustellen sei aber, daß mehrere Zeugen bekundet haben, e wußten ganz genau, daß von Thomas die Äeußemng geschah. ■ MS- /K moi'f''" I �urde wiederum als schuldig erawtet; oas m«, nFurquardt sei in leiner Weise erschüttert, dagegen seien die g#""'------•"iwfiinirbsuoil. Das erste Pä-'hhnganz genau, daß von �.yomav �-----„.. DI meni v'l iu diesem Ergebniß das weitere psychologüchc Mo- gl'; daß der Angeklagte, nachdem er bereits einen Theil der T.'n.a,.�sesseu, Wiederaufnahme des Verfahrens beantragte. 90'"iragc auf Freisprechung gab der Gerichtshof nicht statt, m nfs schuldig erachtet; das Zeugniß des -.!— s:. en der Entlastungszeugen etl ward der Entscheidung widerspruchsvoll. der Strafkammer zu der Vorentscheidung und des erlassenen Bescheides dem Kläger eine Rente mit folgender Begründung hu: Die beklagte Berufsgenossenschaft gebt von einer irtthümlichen Voraussetzung aus. Die Thätigkeit eines Fuhrmanns, welcher Waaren zum Trans- pott an das Geschäftshaus übernommen hat, beschränk fich nicht immer auf das Abladen derselben bei dem Empfänger; in vielen Geschäften ist die Thätigkeit erst dann beendet, wenn die Waaren an den für fie destimmten Play im Hause geschafft find. Diese Arbeit ist eine Nebenarbeit des Fuhrwerksbetttebcs und somit müssen die Berufsgenosscnschaften für Unfälle, welche hierbei sich ereignen, ebenfalls aufkommen. — In der städtischen Gasanstalt zu Remscheid hatte der Gas- Heizer Z. bei dem Bctttebe das linke Bein gebrochen. Die Be- rufsgenossenschast der Gas- und Wasserwerke weigerte fich durch Bescheid, dem Verunglückten auf die Dauer eine Rente zu gewähren, weshalb derselbe die Entscheidung des Schiedsgerichts anttef. Von diesem abgewiesen, ging er weiter mit dem Rechts- mittel des Rekurses das Reichsvcrfichemngsamt an. Vor dem selben machte der Vertreter der Berufsgenossenschaft geltend, daß der Beinbruch vollkommen gehellt sei und der Kläger in der gleichen Weise wie vor dem Unfall arbeiten könne. Allerdings habe das verletzte Bein eine gewisse Krümmung erhalten, die Berufsgenoffenschaften hätten indessen nur für solche„Schön- heilsfehler" eine Rente zu zahlen, welche die Erwerbsfähigkeit nach der Richtung hin beeinflußten, daß fie das Auffinden einer Arbeitsgelegenheit erschwerten. Es würde aber kein Arbeitgeber bei einem Gasheizer an der Krümmung des Beins Anstoß nehmen und deswegen von seiner Beschäfttgunz absehen. Das Reichsvcrficherungsamt erkannte hierauf auf Zurückweisung des Rekurses. Gin gerechte» Zlrtheil. In Odessa wurde am 13. September vottgen Jahres an einer Uebergangsstelle ein Herr Dietttchs vor einer Lokomotive der dortigen Trambahn mit«einem Fuhrwerk überfahren, wobei sein Sohn getödtet, er selbst aber derart verwundet wurde, daß ihm ein Bein unter- halb des Knies abgenommen werden mußte. Er verlangte des- halb von der Trambahngesellschaft, da man bei betreffender Ueberfahrtsstelle zur Zeit des Vottalles keine Sicherheitsmaß- regeln ergttffen hatte, einen Schadenersatz von 75 000 Rubel. Die Gesellschaft weigerte fich, mehr als 20 000 Rubel zu zahlen, und es kam zum Prozeß, der einen für die Gesellschaft ganz unerwarteten Ausgang nahm. Da nämlich durch Zeugen fest- gestellt wurde, daß der Wächter bei der Uebettahrtsstelle so vielerlei anderweitige Obliegenheiten hatte, daß er nicht die Möglichkeit besaß, beständig aus feinem Wachtposten zu bleiben, so vcrurtheilte der Gettchtshof die beiden Direftoren der Ge fellschaft zu je drei Monaten Gefängniß, weil fie nicht genug Bedienstete angestellt hatten, damit jeder seiner Dienstpflicht in jeder Hinfichl hätte nachkommen können, und weil fie nicht die nöthigen Vorsichtsmaßregeln gettoffen hatten, um bei der Kreuzung der Trambahnlinie mit der'Fahttttaße einem Unglück- lichen Zusammenstoße vorzubeugen. Außerdem hat die Tram- bahngesellschaft dem Kläger eine Entschädigung von 60 000 Rubel auszuzahlen. Uereiue und Versammlungen. Die vereinigten Berliner Dagelschmiede waren am 22. März Lichtenbergerstt. 21, bei Heise, vettammelt. Die Lohn- kommisston der vereinigten Meister war zu der Vettammlung eingeladen, jedoch nicht ettchienen. Ein Schreiben vom Vor- fitzenden derselben wurde nach Eröffnung der Versammlung ver- lesen. In demselben war ausgeführt, daß der Vorstand des Vereins Berliner Nagelschmiede nicht befugt sei, eine Versamm- lung anzuberaumen, sondern fich an die Lohnkommisfion der Meister zu wenden habe, welche dann Zeit und Ort einer Ver- sammlung bestimmen würde. Dies Schreiben rief allgemeinen Unwillen hervor. In der Debatte wurde der famose Schreibe- brief gebührend kritisirt. Ein Antrag, lautend:„Die heutige Versammlung der Berliner Ziaqelschmiede acht über das Schrei- ben der Lohnkommisfion der Meister zur Tagesordnung über", wurde einstimmig angenommen. Hierauf wurde der Lohntattf cntgiltig festgestellt. Zunächst wurde ausgeführt, wie die Lohn- kommisston der Gesellen mit großer Mühe m verschiedenen Sitzungen einen einheitlichen Tattf ausgearbeitet und diesen den am 20. Februar versammelten Meistern vorgelegt habe. Die Meister hätten es als eine„besondere Gunstbezeigung" derGesellen gestattet, " sten Meistern vorzulegen und zu begründen. Die Lohn- Grunde «eleat � cinnmeroun»------------- und die erster kannte Strafe für angemessen erächtet. 6% dem Reich« Uerstchrrnngsamt. Zwei Fässer Untern?� Kaufmann zu Wiesbaden der bei einem Fuhr- die. bttchäfttgte Kutscher I. zuzuführen. Als derselbe >Ni fleii-l t:Ln J,cm Empfänger an den für fie bestimmten Platz -.schallen wollte, erlitt er einen seine Erwerbsfähigkeit ---"----.V MSK S« der............. D börx% nicht bei dem Betriebe ereignet habe. Iis ge- I�derun�.?>. �'rpflichtungen des Fuhrmanns nur, die zur Be- babe si� cv �nommenen Güter bei dem Empfänger abzuladen; u<;tun3fr,j?" darüber hinaus bemühen wollen und sei hierbei f' 10 könne dafür die Berufsgenossenschaft nicht in ---— Rescheid ergriff H. ericht ürs. b(e ßmmen werden. Gegen ein...., ju FrQnr,-"fl und erhob, nachdem dieselbe vom Schiedsgei Dag si?«*.n0,-r*- verworfen worden war, weiter den R.ku�. "chv-Versicherungsamt erkannte darauf unter Aufhebung ihren Tattf den �_. kommisston der Meister habe darauf in einer einzigen kurzen Sitzung einen wesentlich schlechteren Tattf ausgearbeitet, welcher den Gesellen dann zugesandt wurde. Da die letzteren sich zum ersten Male in einer organifirten Lohnbewegung befinden und die Lohnsätze für denselben Artikel in den verschiedenen Werk- stätten um 30—40 Prozent differiren, so schlug die Lohnkom- misston der Gesellen vor, den Tattf der Meister als Grundlage u denutzen, damit vorläufig wenigstens ein einheitlicher Tattf gergestellt würde, welcher fich ungefähr mit dem Tarif der Meister deckt und darum wohl baldigst angenommen werden könnte. Bei der nun folgenden Verlesung und Abstimmung rief der Artikel„runde Krammen" eine längere Debatte hervor. Im Verlauf derselben führte ein Redner aus, daß ein guter Arbeiter, wenn er nicht als erster in der Werkstatt steht, doch nur den Lohn eines gewöhnlichen Tageardeiters„verdienen" könnte, bei diesem Artikel aber bei dem von den Meistern gebotenen Preife noch nicht auf den Lohn eines Laufbuttchen kommen würde. Dafür hätten also die Gesellm ihre 3— bjähttge Lehrzeit durch- gemacht. Den Artikel„Nägel" betreffend hatten die Meister keinen Tattf aufgestellt, sondern das große„liberale" Wort„freie Vereinbarung" dafür hingesetzt. Ueberbaupt spielt die sogenannte„freie Vereinbarung" eine große Rolle in dem Tattf der Meister. Es kam hierüber zu einer längeren Debatte, in welcher mehrere Redner fich dafür aussprachen, keinen Tarif über Nägel festzustellen, aber auch keine Nägel mehr anzufertigen. Andere Redner führten aus, daß es lächerlich sei. wenn Nagel- schmiede keine Nägel mehr anfertigen wollten. Gerade weil es in diesem Artikel so jämmerlich aussteht, sei es nöthig, auch hier Hand anzulegen. Die alten Leute, welche hauptsächlich die kleinen Sorten Nägel anfertigen, verdienen dabei nicht selten „Akkordlöhne" von 5 M. pro Woche, weshalb auch die meisten von ihnen Almosenempfänger wären. Höher als auf 10—11 M. könne auch ein jüngerer Ardeiter selten kommen, trotz 11—12- stündiger Arbeitszeit. Es sei Pflicht, den alten Leuten auch zu Hilfe zu kommen. Die Nägel hätten einen so miserablen Ver- kaufspreis, daß der zuerst entworfene Tarif fich so ungefähr damit deckte, was gegen die gegenwärtig gezahlten Löhne ein Aufschlag von 60 bis 100 Prozent beträgt. Da keine Einigung erzielt wurde, wurde die Lohnkommisfion beaustragt, für Nägel einen neuen Tattf auszuarbeiten, welcher ungefähr mit den besten der jetzt gezahlten Preise übereinstimmt. Schließlich wurde der ganze Tarif, wie ihn die Kommission be- antragte angenommen. Der Stundenlohn wurde mit 30 Pf. für den schwächsten Arbeiter bei lOstündiger Arbeitszeit normirt. Die Lohnkommisston wurde ferner beauftragt, dm Tattf drucken zu lassen und den Fachgenossen zuzusenden. Dies soll möglichst beschleunigt werden, damit der Tattf Anfang April vorgelegt werden kann. Es wurde ausdrücklich hervorgehoben, daß dieser neue Tattf nur ein Provisorium sei, um wenim'tens einen ein- heitlichen Satz zu erlangen, auf Grund deffm später weiter ge- arbeitet werden könne. Jedem Kollegen wurde es zur Pflicht gemacht, nach Ucberreichung des Tarifs nicht mehr billiger zu arbeiten, sondern lieber die Arbeit nieder zu legen. Diejenigen Gesellen, welche bereits einm höheren Lohn erzielen, sollen den- selben zu erhalten suchen.— Schließlich wurden noch einige interne Vereinsangelegenheiten berathen. Eine öffentliche Nersammlung de» Stellmacher Kerlin« tagte am 19. d. M. in Feu's Salon, Brunnenstraße Nr. 140, unter Vorfitz des Herrn Singert mit der Tagcsord- nung: 1. Zweck des Jnnungsgesellenausschusses. 2. Gewerk. schaftlichcs. Mehrere Redner führten aus, daß die Innung so- wohl wie der Gcsellenausschuß derselben bis jetzt nicht bewiesen hätten, daß fie gewillt sind, das Gewerbe zu heben und deshalb könne man mit Reckt sagen, der Ausschuß habe keinen Zweck. Zwar habe derselbe laut Jnnungsstatut nur wenig Rechte, aber selbst diese wenigen Rechte würden von ihm wenig ausgenutzt. — Zum zweiten Gegenstand der Tagesordnung wurde ausge» führt, daß die Lage der Stellmacher eine durch- aus ungünstige sei. Alles, was bei dem letzten Streik von den Meistern bewilligt wurde, sei wieder verloren gegangen. Jedoch sei die größte Schuld hieran den Gesellen zuzuschreiben. Die letzte Militärarbttt, welche von der Innung übernommen wurde, habe bewiesen, wie leicht fich die Gesellen verleiten lassen, länger zu arbeiten. Die Organisation der Ge- sellen sei so gesunken, daß es diesen nicht möglich sei, die durch- geführte Forderung aufrecht zu erhalten. Das größte Unheil im Stellmachergcwerk sei, daß der Arbeitsnachweis fich in den Händen der Meister befindet; um denselben wieder zu erlangen» sei es Pflicht eines jeden Stellmachergcsellen, fich der „Vereinigung deutscher Stellmacher" anzuschließen, denn nur durch eine feste Organisation sei es möglich, die Lage der Ge- sellen zu verbessern und die herrschenden Mißstände zu beseitigen. Hierauf wurde eine aus den Herren Helypert, Menzel, Geel- haar, Höltzke, Schuster, Thonstorf und Näkel bestehende Kommission gewählt, welche sich mit dem Ausschuß in Verbindung setzen soll, um öffentliche Versammlungen einzuberufen, welche zur Hebung des Gewcrks zweckmäßig sind. Alsdann wurde folgende Resolution angenommen:„Die heutige Versammlung akzeptirt die Ausführungen sämmtlicher Redner und verpflichten fich die Anwesenden, insgesammt fich der Vereinigung anzu- schließen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln dahin zu wstken, daß sämmtliche im Gewerk herrschenden Mißstände beseitigt werden. Eine zahlreich besuchte Nersammlung Berliner Droschkenbesther wurde nächtlicherweile am 23. d. Mts. im Stoßen Saale des Handwerkervcreins, Sophienstraße 15, abgeästen zur Besprechung verschiedener das Fuhrgewerbe tief de- rührenden Jntereffenfragcn. Die erste Angelegenheit, über welche Herr Streu 11 refettrte, war die Frage:„Wie verhalten sich die Berliner Troschkenbefitzcr zu der Beschränkung der Freizügigkeit und der dadurch hervorgerufenen Wohnungsnoth. und welche Schritte find hiergegen zu thun?" In dieser Angelegenheit sind die Berliner Droschken- besitzer schon einmal, jedoch erfolglos beim Polizeipräsidium vorstellig geworden. Das Resultat der Verhandlungen war die einstimmige Annahme folgender Resolution:„In Erwägung, daß die Berliner Droschkenbefltzer durch die Beschränkung der Freizügigkeit im§ 1& des Droschken- Polizeiregelements vom 31. Juli 1880 in erheblichster Weise geschädigt werden, indem dieselben dadurch vollständig den Berliner Hauswirthen ein Monopol geben und der Willkür der Hauswirthe preisgegeben find, so daß fie von denselben von Jahr zu Jahr in der Miethe gesteigert werden, über» dies ein thatsächlicher Mangel namentlich an Stallungen da- durch entstanden ist; in weiterer Erwägung, daß alle biShettgen Petitionen an die Behörden in dieser Hinficht abschlägig deschie- den worden find, die Droschcnbefitzer aber nach§ 1 des Gesetzes über die Freizügigkeit und§ 15 des Gesetzes über die Polizei» Verwaltung ein gesetzliches Recht auf Aufhebung dieser Verordnung zu haben glauben, so beschließt die heutige Versammlung der Berliner Droichkenbefitzcr, den instanzmäßigen Beschwerde- weg an das Ministerium des Innern um Aufhebung dieser Ver- ordnung zu beschreiten."— Im Anschluß hieran fand eine Be- sprechung über die§§ 21, 24 und 40 des Droschken-Polizei- Reglements statt,(Referent Herr Kulnig), von denen§ 24 das Verhalten der Droschkenführer den Fahrgästen gegenüber regelt, § 40 die Leistungen und Gegenleistungen von Kutscher und Fahr- gast bestimmt und§ 21 von den Strafbestimmungen handelt, bezüglich deren folgende Resolution einstimmige Annahme fand: „In Erwägung, daß die Paragraphen 24 und 40 des Droschkcn- Polizeireglements von den Fahrgästen in gewissenloser, verwerf- lieber Weise gemißbraucht werden, da thatsächlich festgestellt ist, daß von denselben Beschwerden gegen die Führer öffentlicher Fuhrwerke wegen Vergehen gegen die§§ 24 und 40 einlaufen, welche jeder Begründung entbehren und welche in den meisten Fällen nur darauf zurück zu führen find, daß die Führer öffentlicher Fuhrwerke für ihre reglementsmäßigen Rechte eingetreten find; in fernerer Erwägung, daß dadurch die Geiahr nahe gerückt erscheint, daß die Führer öffentlicher Fuhrwerke fortwährend unschuldig zur Bestrafung gezogen werden und sogar sehr oft dem Paragraphen 21 des Droschken- Polizeireglements(Entziehung des Fahrscheins) zum Opfer fallen, ihren Fahrschein einbüßen und dem gänzlichen wirthschaftlichen Ruin überliefert werden; in fernerer Erwägung, daß hierdurch nicht allein das ganze öffentliche Fuhrgewerbe leidet, sondcrrr auch die Autorität der Behörden gefährdet wird und das Droschkcn-Polizeireglement in einer nicht beabfichtigten Weise die Führer öffentlicher Fuhrwerke schädigt, spricht die heutige öffentliche Versammlung der Droschkenbcsttzer die Erwartung aus, daß die Behörden diesen Punkt in Erwägung ziehen und Bestimmungen in das neue Droschken-Polizei-Reale- ment aufnehmen werden, wodurch diesem naheliegenden Miß- brauche der Fahrgäste Einhalt gethan wird." Diese Resolution soll der zuständigen Behörde unterbreitet werden. Der dritte Punkt der Tagesordnung, das Asphaltpflaster und dessen Behandlung, worüber Herr Göbel refettrte, ttef die leb- haftesten Debatten hervor und gelangte in dieser An- gelegenheit folgende Resolution zur Annahme:„In Erwä- as Asphaltpflaster den Pferden nicht die genügende _:bt, wie das Steinpflaster; auch bei Witterungsverän- derungcn, hauptsächlich im Winter, die Passage eine geradezu lebensgefährliche ist, auch die Behandlung des AsphaltpflastcrS durch Sandstrcuen sehr vernachlässigt wird, erklärt fich die heutige Versammlung der Droschkenbefitzcr ganz entschieden gegen jede Vermehrung des Asphaltpflasters, betrachtet dasselbe als ein Unglück für das ganze-euhrgewerbe und erklärt fich gan» entschieden gegen die Ausführungen der Stadtverordneten Dr. Langerhans und Gerth, welche in der Sitzung vom 26. Januar d. I. für Asphaltpflaster gesprochen haben." Femer wurden Petitionen beschlossen gegen das Radfahren und gegen "----- Zustand der Pferdebahn- Schienen in den erkrankter Mitglieder Dlenstag. den 27. ds. Mts., den schlechten Straßen. Verein zur Unterstützung der Maurer Berlin». Heute, findet keine Versammlung statt. Die nächste ordentliche Ver- sammlung wird am Dienstag, den 10. April, Avenvs 8 Uhr, im Louisknstädtischen Konzerthause, Alte Jakobstraße 37, abge- halten. Vauverein Berliner Bildhauer. Annenstraße 16. Heute, Dienstag, Bidliothekabend. Verband deutscher Zimmerleute(Lokalverband„Berlin Zentrum"). Generalversammlung heute, Dienstag, Abends 8 Uhr, Kommandantenstr. 72, im„Neuen Klubhaus". Tagesordnung: w-3— ge. er»*--■ Mllg-ecw#« rv* und des Schriftführers. Ver- Wahl des ersten Vorfitzen'den schiedenes und Fragekasten. Gpsang-, Turn- und gesellige Vereine am Dienstag, Gesangverein„Gutenberg" Abends 8% Uhr im Restaurant Quandt, Stralauerstraßc 43.- Gesangverein„Alpenglühen" Abends 9 Uhr im Restaurant Hildebrandt, Sckäfer'scher„Gesangverein der Elfer"./ Wolf und Krüger. Skaliyetttraße 126, Gesang.— - Prinzenstraße 97. Abends 9 Ubr bei Männer- mmmms tm 9 verein„Schwungrad" Abends 8% Uhr Anncnstraßc 16.... Restaurant Sabin.— Gesangverein„Sängerhain" Abends 9 Uhr im Rest. Kaiser Franz Grenadierpl. 7.— Gesangverein �Hoffnung Moabit" Abends 8; Uhr Wilsnackerstraße 63, im Restaurant Jlges.— Gesangverein„Felicitas" Abends 9 Uhr im Restaurant Ncbclin, Langeslr. 108.— Männergesangverein„Accordia" Abends 9 Uhr bei Brademann, Markusstraße 7.— Zitherklub „Amphion" Abends 9 Uhr in Triebel's Restaurant, Hoher «irteinweg 15.— Turnverein„Froh und Frei"(Männer- abtheilung) Abends 8; Uhr Bergstraße Nr. 57.— Berliner Turngenossenschaft(V. Männcrabtheilung) Abends 8t; Uhr in der städtischen Turnhalle, Wafferthor- straße Nr. 31.— Turnverein„tzasenhaide"(Männer- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenbachstraße Nr._ 60 61. — Rauchklub„Deutsche Flagge" Abends 8 Uhr im Restaurant Händler, Wrangelstr. 11.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschule Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Köpnickerstraße 68.— Verein ehemaliger Schüler der 44. Ge> mcindeschule Abends 9 Uhr im Restaurant„Albrechtsgarten", Wilhelmstraße 105.— Arends'scher Stcnographenverein„Apollobund" Abends 8% Uhr Brunnenstraße 129 a.— Are»dsscher Stenographenverein Abends 8% Uhr im Restaurant„Zum eisernen Kreuz", Lindenstraße 71.— Deutscher Verein Arends'scher Stenographen Abends 6ti Uhr in Randel's Restaurant, Bmnnen- straße 129 a.— Verein„Rose" Abends 8$ Uhr im Restaurant Eltze, Alexandrinenstraße 99.— Vergnügungsverein„Mollig" Abends 9 Uhr im Restaurant Reinicke, Gipsstraße 3, jeden Dienstag nach dem 1. und 15.— Rauchklub„Zum Wrangel" Abends 8 Uhr bei Blocksdorf, Wrangelstraße 32. Kleine Wittheilungen. Kom Ueberfchwemmungsgebiet an der branden» bnrg-mecklenbnrgische« Grenze liegen folgende Nachrichten vor. Der Magristrat zu Dömitz hat dem mecklenburgischen Ministerium folgende Depesche gesandt: „Ncth sehr groß: alle Bewohner hier auf zwei Straßen zusammengeflüchtet. Kein Entweichen möglich; Leben aller in Ge- fahr, wenn Waffer noch steigt. Häuser schon mehrfach eingestürzt. Thorbrücke in Gefahr. Hilfe in jeder Beziehung von aus- wärts dringend nothwendig, namentlich Herstellung einer Ver- binduna nach Malliß."— Das Ministerium hatte nach den„M. Nachr." schon vor Eingang dieser Depesche die Hilfe der Pioniere aus Rendsburg erbeten und ein Kom- mando von 2 Offfzieren und 60 Mann ist Freitag Morgen in Ludwigslust eingetroffen, um von dort durch Vorspann weiter befördert zu werden. Es sind sodann die Städte Ludwigslust und Grabow, das Amt Grabow und der Ortsvorstand zu Malliß telegraphisch aufgefordert worden, Alles aufzubieten, um eine Verbindung mit Dömitz herzustellen. Der Oberbaudirektor Mensch ist seit dem 21. ds. Mts. in Dömitz und außerdem ein Ministerialrath beauftragt worden, an Ort und Stelle wirksam zu werden. Durch das Hochwasser find zugleich mehrere um Dömitz belegene Dominialortschaften in die äußerste Roth versetzt worden.— Dömitz, 23. März. Das Elend der Uebcrfchwemmuna wird immer größer. Neun Dörfer stehen ebenfalls unter Waffer; mehrere Häuser find eingestürzt, auch Menschen umgekommen. Von den Bewohnem des Dorfes Klein- Schmölen fehlt jede Nachricht.— Dömitz, 24. März. Rendsburgcr Pionieren gelang es, auf Pontons in die bisher von allem Verkehr abgeschlossene Stadt zu gelangen. Hier ist die Lebensgefahr und Fouragenoth beseitigt, die Umgegend dagegen ist noch hart bedrängt. Bei Lenzen verunglückten der„Mecklenb. Ztg." zufolge 15 Pioniere beim Eissprengen. Stolp, 25. März. Die Eisenbahnstrecken Stolp-Stolp- münde und Zollbrück-Bütow find wieder fahrbar. Danzig, 24. März. Das hiestge Eisenbahn-Betriebsamt macht bekannt: Von heute Nachmittag ab ist auch die Strecke von Mehrungen bis Allenstein wieder in Betried genommen. Danzig» 26. März. Bevor gestern Nachmittag der Damm- bnrch bei Jonasdorf an der Nogat eintrat, fand eine bedeutende Eisstopfung bei Halbstadt statt. Infolge dessen staute sich das Waffer der Weichsel derartig, daß ein großer Thcil der Stadt Maricnburg überschwemmt wurde. Das Post- und das Gcrichtsgebäude stehen unter Wasser; in Lebens- gefahr gerathene Menschen, insbesondere auch die Insassen des Gefängnisses, wurden durch die Feuerwehr gerettet. An der Nogatmündung stehen acht Dörfer unter Wasser; mehrere Häuser find bereits eingestürzt und viel Vieh ist ertrunken. Die Eisstopfung, welche fich in der Danzigcr Weichsel gebildet hatte, ist durch Pioniere gesprengt, zum Theil auch vom Hochwasser selbst beseitigt worden. Hier nimmt der Eisgang bis jetzt glatten Verlauf. Marienburg, 25. März. Die Eisenbahn-Betriebs-Direktion macht bekannt: Infolge Tmchbruchs des rechten Nogat- deiches bei Jonasdorf ist das kleine Werder unter Wasser gesetzt und die Strecke Marienburg bis Elbing wahrscheinlich auf kärgere Zeit unfahrbar. Glbittg, 26. März. Infolge des gestern Nachmittag stattgehabten Dammbruches ergießt fich das Wasser der Nogat in die tieflicgcnve Niederung, die auf zwei Meilen hin schon überschwemmt ist. Die Bewohner retten fich mit ihrer Habe nach Elbing, dessen Vorstädte auch bereits unter Wasser stehen. Kromberg» 24. März. Das hiesige Eisenbahn-Betriebsamt mackt bekannt: Die Strecke Könitz bis Tuchel ist wieder im Belttebe. (ßupett, 21. März.(Ein Unbekannter.) Vor zwei Monaten brachte die belgische Behörde einen jungen Deutschen wegen „Landstreicherei" über die Grenze. Dem Landrathe unseres Kreises vorgeführt, gab derselbe an, er besitze keinerlei Papiere; soviel er wisse, heiße er Johann Kuse, sei wahrscheinlich aus Bromberg gebürtig, könne aber über seine Familie keine Aus- kunft geben, da er weder Vater noch Mutter gekannt habe. Auch über seine Jugendjahre wisse er nichts zu berichten, als daß er auf verschiedenen Dörfern in der Umgegend von Bromberg ge- lebt habe. Unterricht sei ihm nie zu Theil geworden, er könne weder lesen noch schreiben. Später sei er Erdarbeiter geworden, sei als solcher im Schleswigs Holsteinischen am Schanzenbau de- schäftigt gewesen und später nach Belgien gewandert. Der junge Mensch wurde in das hiesige Gefängniß abgeführt nnd behufs Fest- stellung seiner Personalien von der Behörde Wochen hindurch Erkundigungen eingezogen. Weder in Brombcrg. noch in dessen Umgebung war ein Johann Kuse bekannt, auch aus den von dem jungen Mann angegebenen spätem Aufenthaltsotten liefen keine seine Angaben bestätigenden Antwotten ein. Da der Ge- fangene anscheinend im militärpflichtigen Alter stand, so richtete das hiestge Landrathsamt nunmehr an die Ober-Ersaykommisfion in Köln das Ersuchen, beim Kriegsministerium vorstellig zu werden, daß der Unbekannte als Soldat eingestellt werde; es trat jedoch die Antwort ein, die Militärbehörde könne keinen Mann brauchen, dessen Personalien nickt festgestellt seien. Da der Verhaftete fortwährend darauf bestand, Genaueres über seine Person nicht zu wissen, so wurde derselbe gestern nach achtwöchentlichcr Haft durch den Landrath auf freien Fuß ge- s yt, um„als Unbekannter" von neuem sein Glück in der Well zu versuchen. Kopenhagen» 17. März.(Zu Fuß über den Sund.) Fischer aus dem benachbarten Torfe Faarbak gingen gestern über das Eis zu Fuß nach dem U Meilen von der dänischen Küste eingefrorenen Dampfer Arelhuus behufs etwaiger Hilfe» leistung und trafen dort schwedische Hilfsmannschaften, welche zu Fuß von Landskrona gekommen waren. Es lag also die Möglichkeit vor, zu Fuß über den Sund von Dänemarl nach Schweden zu gelangen. Vom Eisgänge der Weichsel liegen folgende Nach- richten vor: Warschau, 20. März. Der Gouverneur bringt zur Kerntniß, daß der größere Thcil der Bevölkerung rechtzeitig die Wci'nungcn verlassen habe. Dagegen wurden die Bewohner des Dorsts Tarchoniin am rechten Weichselufer von dem Hoch- wasser überrascht und 16 Personen nebst einer Menge Vieh und 'Getrcidevorrärhen versanken in den Fluthen. Trotz dieser amtlichen Mittheilung unterliegt es keinem Zweifel, daß die Zahl der Ver- unglückten größer ist. Es werden noch ganze Kolonistenfamilien vermißt. Erst gestern fiel das Wasser derattig, daß man 30 Bewohnern des bei Warschau belegenen Vergnügungsottes Saska Kepa zu Hilfe eilen konnte; dieselben hatten sechs Tage auf dem Boden eines Hauses unter unsäglichen Ovalen ver- bracht. In Wloclawek riß das Hochwasser mehrere Dampfschiffe und 18 große Kähne mit fich.— Aus Elbing wird geschrieben: Der von Thorn hcrabkommende Eisgang hat fich ganz in die Nogat ergossen, deren Mündungen fast in der Winterlage liegen. Die Folgen find nicht ausgeblieben; wenn die Deiche auck noch halten, so find die rn der sogenannten Einlage befindlichen Ottschaften und Gehöfte doch bereits unter Wasser. In dem unmittelbar an der Nogat liegenden Dorfe Zeyer liegt nur das Pfarrhaus noch trocken, in allen üdttgen Häusern wogt die trübe, graue Fluth, in manchen bis über die Dachböden. Möbel und Hausgeräth schwimmt in den Zimmern, das Vieh aus den Ställen hat schwimmend auf die Dammkrone des Flusses gebracht werden müssen. Von hier und aus den noch nicht überschwemmten Gebieten der Niederung werden den Unglücklichen Lebensmittel sc. zugeführt. Etwa hundert Personen aus Zeyer, welche hierher geflüchtet find, haben in der städti- schen Turnhalle Aufnahme gefunden. Diese Leute haben alles verloren.— Aehnliche Berichte giebt die„Danziger Zeitung" vom 21. d. Mts. An der unteren Nogat hat fich das Eis aufaestopft. In Einlage ist bereits ein Haus umge- ttffen. Das Unheil bei Zeyer wurde dadurch herbeigeführt, daß sich die Stromenge der Nogat vollständig verstopfte, während sich unterhalb die Nogat und auch das HaffeiS noch in der Winterlage befand. Aus Altfelde bettchtet eine Depesche: Von Zeyer aufwärts setzt sich das Eis fest. Wasserstand 6,50 m. Gefahr nicht verringett. Die heute eingelaufenen Depeschen von der Nogat melden Mittags kein weiteres Steigen des Wasserstandes. In Mattenburg war Nachts der Strom eisftei. Die Danziger Weichsel ist wie bisher verstopft, ungetheilte Weichsel und der Pieckler Kanal hat Eistreiben. Bei Picckel selbst ist ein Sommer- wall gebrochen und dott wie in der Gr. Falkenauel Niederung einige Ortschaften inunditt. Bei Ziegellack und Mewischfelde überstieg die Hochflutb den Damm. Das Vieh war jedoch schon vorher auf den Hauptdamm gerettet worden. In der Danziger Weichsel, die infolge der Verstopfung bisher weder Hochwasser noch Eisgang bekommen hat, find die Verhältnisse zur Zeit ge- fahrlos. Eissprengunaen werden bewirkt durch die Danziger Pioniere. Aber aus Polen kommen schon wieder bedrohliche Nachttchten. Von der Eldinger Weichsel wird gemeldet, daß auf diesem Stromarme noch eine mächtige Wintereisdccke festliegt. Pest, 23. März. In Csaba ist die Uebettchwemmungs)- gefahr vorüber, dagegen ist Oedenburg durch die Raab bedroht; viele Gemeinden find überfluthet. Durch die Theiß steht die Stadt Balarhel und scchzigtausend Joch Land unter Wasser. KrLstel, 21. März. Die gestern hier eingegangene Kongo« post hat abermals keine Kunde über Stanley und über die von ihin in Uambuya am Aruhuimi zurückgelassenen Europäer über- bracht. Dagegen meldet sie Näheres über die beiden jüngst am Kongo gestorbenen Offiziere. Lieutenant Wailomont war einer Mission wegen in das Innere des Landes gesandt worden, kehtte aber Nachts leidend in einer von Schwarzen getragenen Hänge- matte nach Boma heim. Andern Morgen machte er, um sich zu erfrischen, unbedeckten Hauptes einen Spaziergang; Abends 6 Uhr speiste er mit allen Konaobeamten; als er fich erheben wollte, sank er um; Warlomonr war todt. Der Blutandrang zum Gehirn infolge des Sonnenstiches hatte ihn getödtet. Mit der Post ist auch der letzte Bttef, welchen Kapitän Vandevelde am 23. Januar aus Leopoldville am StanUypool an seine Eltern in Gent gerichtet hat, eingetroffen. Noch war er voll Vertrauen und hegte große Pläne für seine Misfion; kein Wort ließ eine Erkrankung ahnen. Bevor er nach den Stanleyfällen abging und damit auf 9 Monate jede Verbindung mit der Heunalh verlor, wollte er noch diesen letzten Bttef absenden. Ein am 1. Febmar vom Stationschef Licbrechts aus Leopold- ville abgesandter, hier gleichzeitig jetzt eingegangener Bttef meldet, daß Vandevelde schwer am Fieber erkrankt sei. Wenige Tage darauf starb er, unv an seinem unerwarteten Tode scheiterte die Expedition, an welche man so viele Hoffnungen geknüpft hatte. Lissiabott, 21. März. Uebcr den schrecklichen Theaterbrand in Oporto liegen noch folgende Berichte vor: Man gab eine portugiesische Operette und als Einlage ein spanisches Ballet zum Benefiz eines beliebten Künstlers, dessen einzige Tochter an diesem Abend ihr Debüt feierte. Das Thea er, ein älteres Ge- häude, war übervoll, die Galerien dicht gefüllt. Das Publikum war in heiterster Stimmung. Da geräth ein Seil, welches ein Maschinist auf dem Schnurboden hält, in Brand, der Mann verlor die Geistesgegenwart und anstatt zu löschen, schnitt er das brennende Stück ab und dasselbe fiel unglückseligcrweise auf die Bühne und zwar hart an die Koulisse, die im nächsten Momente in Flammen stand. Was jetzt geschah, spottet jeder Beschreibung. Als die Flammen aufzischten, stürzte der Benefiziant auf die Bühne, auf der fich eben die Tochter befand, ergriff sein Kind und es mit mächtigem Arme in die Höbe hebend, schrie er: „Rette sich, wer kann! Alles ist verloren!" Dichter Rauch qualmte in den Zuschauerraum, das Publikum war von wahnfinniger Ver- zweiflung erfaßt, es wurden Schlachten der schrecklichsten Art geschlagen, um zum Ausgange zu gelangen. Die Menschen er- drosselten sich einander angesichts des Feuers. Und da die Menge von den Galerien herabstürzte und fich m den engen Gängen staute, konnten die Logeninsassen die Thüren nicht öffnen, eine ledende Barttkade stellte fich ihnen entgegen, die Logenbefitzer waren da- mit sämintlich verloren. Ein wildes Geschrei erfüllte den Raum, es schien manchesmal, als ob wilde Thier? in dem Gebäude eingeschloffen wären, das alsbald in einen mächtigen Feuer- mantel gehüllt war. Die bei den Thüren Angekommenen konnten jedoch nicht ins Freie gelangen, denn es stellte fich heraus, daß alle Ausgänge verschlossen waren. Nun erschienen Leute an den Fenstern, die Feuerwehr besaß keinerlei Rettungsopparate und es ereignete fich das Entsetzlichste, was man fich denken kann. Von der Straße sah man es deutlich, wie an den durch helle Loben erleuchteten Fenstern Leute kämpften, um nur herab- spimgen zu können von der schwindelnden Höhe, um den Tod durch den Sturz vorziehen zu können dem Tode durch Ver- brennung. Ein Wchgeschrei erhob fich stets unter den Taufen- den. welche den Platz erfüllten, so oft ein Körper herab- fiel, und fürchterlich war es anzusehen, da ein brennen- des Mädchen, eine ledende Fackel, herabfiel. Ein Körper fiel auf den andern und erst die letzten fanden in den früher Herabgespmngenen eine Unterlage, die fie vor dem sofortigen Tode schützte. Die Schauspieler find zum größten Theil zu Grunde gegangen. Einige Ehottsten stürzten halbnackt auf die Straße und fielen dott zusammen. Vater und Kind, der Benefiziant und die Debutintin, wurden innig umschlungen erstickt als Leichen aus dem Hause geschafft. Es war anfangs unmöglich, die beiden Körper zu kennen. In einer Loge crftickten ein Gatte, die Gattin, die Tochter, deren Bräutigam und ein kleiner Knabe von 12 Jahren, in einer Nebenloge fanden vier Personen ihren Tod. Die Leichen, die bisher zu Tage gefördett worden, find zumeist solche von er- stickten Peftonen, man fand jedoch auch schon verkohlte Körper- reste. Man dachte gar nicht an die Rettung des Gebäudes oder des Inventars, das Hauptaugenwett ttchtcte sich aus die Rettung von Personen, die jedoch bei der Unzulänglichkeit der Apparate nicht bewerkstelligt werden konnte. Die Zahl der bis- her zu Tage gcfördetten Leichen beträgt schon 140. Es find viele zertretene Peftonen darunter und Menschen, die am Halse tiefe Strangulirungswunden tragen. Die Einsätze der Finger- »ägel find deutlich wahrnehmbar. Diese Personen wurden bei dem Kampfe an den veftchlosscnen Thüren erdrossett. Telegraphische Depesche«. (Wolff's Telegraphen-Bureau.) Thor«, Montag, 26. März. Das hiestge Eisendahn-Be- tttebsamt macht bekannt: Im viesseitigen Bezirk find sämmtliche Strecken, auch Gamsee-Lessen, wieder fahrbar. Dauztg. Montag, 26. März. Auch die Drausensee- Niederung ist überschwemmt, zehn Ouadratmeilen stehen unter Wasser. Da«zig, Montag, 26. März. Heute Nacht gehen noch die beiden letzten Kompagnien des hiesigen Pionierbataillons mit dem gesammten Pontonmatettal des Bataillons nach Elbing ab, da daselbst noch viele Menschenleben durch die Hochfluth ge- fährdet find. Zao», Montag, 26. März. Bei der gestttgen Deputitten- wähl im Depattement Aisne erhielt Boulanger 45 089, der Radikale Doumer 26 808, der Konersvative Jacquemard 24 670 Stimmen. Es ist Stichwahl zwischen Boulanger und Doumer eftorderlich. Haag. Montag, 26. März. Das Ministettum hat seine Demission eingereicht. Paris, Montag, 26. März. Das Unteftuchungsaericht vernahm heute Mittag den General Boulanger. Das Verhör desselben dauette nur 10 Minuten. Die Entscheidung des Ge- ttchts wird eftt bekannt gegeben werden, nachdem dieselbe dem Präfidenten Earnot mitgetheilt sein wird. Paris, Montag. 26. März. Einzelne der heute er- schienen Zeitungen betrachten die Deputütenwahl im Depattc- ment Aisne, wo Boulanger zur Stichwahl steht, als eine der Kammer und der Regierung ettheilte Warnung; die Mehrzahl der Blätter äußer fich noch nickt über das Wahlresultai. Dem Vernehmen nach wird der Deputitte Loguerrc die Regierung heute darüber interpelliren, daß in Marseille Wahlzettel für Boulanger von der Polizei mit Beschlag belegt wurden, weil fie nicht mit dem Namen des Druckers versehen waren. Pari», Montag, 26. März. Wie die„Agence Havas" aus parlamentattschen Kreisen gerüchtweise meldet, soll das Untersuchungsgerücht einstimmig ein dem General Boulanger ungünstiges Uttheil gefällt haben. Der Ministerrath würde morgen über diese Angelegenheit berathen. Pari», Montag, 26. März, Nachm. In dem Prozesse Segen Wilson wegen des Ordenshandels hat der Appellhof das lrtheil des Zuchtpolizeigerichts aufgehoben und ein Wilson frei- sprechendes Erkenntniß gefällt. In demselben wird die Hand- lungsweise Wilson's, sowie der anderen Mitbeschuldigten auf das schärfste getavclt, jedoch gleichzeitig hervorgehoben, daß die Freisprechung eftolge, weil auf die betreffenden Vergehm keine Bestimmung des Strafgesetzbuchs Anwendung finde. Pom, Montag, 26. März. Wie die Blätter melden, gab der Finanzminister Magliani infolge des vorgestrigen Votums des Senats, detreffend die Revision der Gebäudesteuer, seine Entlassung und nahm an dem gestrigen Ministerratbe nicht mehr Thnl. Der„Tttbuna" zufolge bestehe indeß Minister- Präsident Erispi auf Zurückziehung der Demission und hätte Magliani nach einem Beschlüsse des Ministerratbes, die De- misston nicht annehmen zu wollen, dieselbe in der That zurück- gezogen._ Kriefkasten der Redaktion. Kprechstunde« der Redaktio» »ur vo» 18—1 Uhr Mittags«ad 7—8 Uhr Kbead» Vit Anfragen bitten wir die Zibonnementb-Quittung beizufügen, vttefltch» Antwort wirb nicht ertheilt. A. K. 107. Wenn Sie nachweisen, daß das Mädchen schon ein uneheliches Kind von einem Ändern hat, so find Sie rechtlich zur Alimentcnzahlung nicht verpflichtet, Ihre moralische Verpflichtung besteht aber trotzdem. Auch ver zweite von Ihnen angedeutete Einwand, den Sie durch Eideszuschiedung beweisen könnten, ist rechtlich durchgreifend. G. G. 20. Verklagen Sie Ihren sauberen Hauswirth auf Zahlung der 17 Mark. Nähere mündliche Äuskunft zu er- thellen sind wir bereit. m K. f. 99. Urabstimmung ist ein bei indirekten Wahlen gebräuchlicher Ausdruck und bedeutet die Abstimmung settens der Wähler selbst, im Gegensatze zu der Abstimmung seitens der von eftteren gewährten Wahlmänner. In einem Vcreinist also eineUrab- stimmung gleichbedeutend mit einer Wahl, welche von allen Vereinsmitgliedern vorgenommen wird. K. I. 300. 1. Für Dienstmädchen ist diesmal der Zieh- tag am 31. d. Ä., Abends. 2. Unseres Erachtens ist ein Dienstmädchen nicht verpflichtet, regelmäßig bis 11 oder 12 Ubr Abcnos zu arbeiten, wohl aber kann fie in besonderen Fällen dazu angehallen werden. I. G. 1. Ein derartiges außergerichtliches Testament würde keine Giltigkeit haben. Wenn Sie Ihrer Frau des ganze Vermögen bis zu deren Tode belassen wollen, so müssen Sie dies in einem bei Gettcht zu deponirenden Testamente de- stimmen, müssen in diesem Testamente Ihre Kinder auf das einsetzen, was nach dem Tode Ihrer Frau von dem Nachlasse noch übrig ist, und müssen außerdem, damit das Testament nicht ohne weiteres von den Kindern angefochten werden kann, ver- ordnen, daß dasjenige Kind, welches Ihre letztwillige Bestim- mung nicht unbedingt anerkennt, nur den gesetzlichen Pflichttheil erhalten soll. 2. Wenn kein Testament errichtet ist, so kann Ihre Ehefrau die Hälfte derjenigen Masse bean- spruchen, die fich durch Zusammenlegung Ihres Nachlasses und des etwaigen eigenen Vermögens Ihrer Frau ergiebt. Die andere Hälfte erben vie Kinder zu glcichen Theilen. 3. Jedoch muß ein Kind, das zu Ihren Lebzeiten eine Ausstattung er- hallen hat, sich deren Werth au: sein Erbtheil anrechnen lassen. Es macht hierbei überall keinen Unterschied, ob das Kinv minorenn oder majorenn ist. H. R. Muhleuliejiher. 1. Es scheint nach Ihrer An- gäbe, als hätten Sie das Recht zur Benutzung des Weges als Grundgercchtigkeit erhalten; doch kann diese Frage ohne nähere Prüfung aller Details nicht präzis beantwotter werden; wenden Sie sich mündlich an einen dortigen Rechtsanwalt. 2. Der da- mals angegebene Fall der Gewcrdcsteuer-Freiheit bezieht fick nur auf Handwerker. Sie find aber kein solcher. K. W. K, 10. Ihre Anfrage läßt die Hauptsache, was nämlich mit dem Wirthe ausgemacht worden ist, als der Laden bezogen wurde, offen. Wir können Ihnen daher für jetzt nur die Auskunft geben, daß Sie fich durch Fottbettteb des Ge- schästes in jenem Laden nicht strafbar machen; ob Sie aber zivilrechtlich dazu befugt find und ob Sie nicht eine gegen Sie angestrengte Exmissionsklage verlieren würden, können wir nickt deuttbeilen. 1000. 1. Der Gerichtsvollzieher muß bei der Pfändung mindestens einen verschließbaren Gegenstand zurücklassen- 2. Eine Nähmaschine, welche der Frau gehött, kann diese duick Jnteroentionsklage gege n die Pfändung resp. den Verkauf schützen, auch wenn bei Vornahme oer Pfändung ntan wideftprochen wurde. 3. Tie für Schlafburschen bestimmten Betten unterliegen de r Pfändung, bei Fcdermatratzen kommt cS darauf an, ob das Bett außerdem noch genügende Zuthatcn, z. B. Sprungfedern hat. 4. Wenn die Siegel nachweisbar durch Zufall oder bloße Unvorfichtigkeit abgegangen find, so>>' niemand strafbar. Da dies aber gewöhnlich schwer zu bewersen ist, erscheint es rathsam, sofort dem Gettchtsvollzieher Nachnail zu geben. 100. K. Auch solche Frauen können als Hebeammen kon- zesfionirt werden und müssen fich zu diesem Zwecke bei der Polizei melden..., K. F. 54. Tie Adresse des Reichskanzlers rst hu-'r- Wilhelmstr. 77, angeredet wird er mit„Durchlaucht"._______. Verantwortlicher Redakteur; R. in Bettin. Druck und Verlag v«n Jttar O«di«g in Berlin 8W„ Beutbirraße 2.