N«. 7Z Mittwoch, de« 28. Marz 1888. 5 Ilchrs. Jl Krgsn für die Interessen der Arbeiter. Abomlmtats-Eillladmg. um bevorstehenden Quartalswechsel erlauben wir ui ... le-nent auf das „HerUner Uolksblatt" -"" r r i- r w...___«.l.xx »u-bft dem wöchentlich erscheinenden Kornrtagsblatt einzu- lade». Der Standpunkt unseres Blattes ist bekannt. Es steht auf dem Boden des unbeugsamen Rechts. Die Erforschung und Darlegung der Wahrheit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens ist seine einzige Aufgabe. Als treuer Berather und Streiter für die Aufhebung und Ausgleichung der Klassen- ocgensätze ist das„Kerliuer Uolksblatt" ein entschiedener Gegner jeder Politik, die ihre Endziele in der Bevorzugung einzelner, heute schon mehr berechtigter Gesellschaftsklassen findet. Das ,.KerU«rr UolKsblatt" sucht seine Aufgabe durch sachliche Behandlung der politischen als auch der Tagesfragen zu erfüllen. Die gleichen Grundsätze leiten uns bei Besprechung unserer städtischen Angelegenheiten. Der Abomw«e««t»vr-i» beträgt frei in» Hau» für das ganze Vierteljahr 4 Mark, monatlich i Mark 35 Pf., wöchentlich 3» Pf. Bei Selbstabholung aus der Expedition, Znnmerskaße 44, 1 Mark pro Monat. Bestellungen werden von sämmtlichen Zeitungsspediteuren, s»wie von der Expedition unseres Blattes, Zimmcrsttaße 44, entgegengenommen. Mr außerhalb nehmen sämmtlichc Postanstalten Be- stellungen an. Die Redaktion und Gepeditio« des„Krrliner Nolksklatt". Kartellbrüderliche Leistungen. Die„Kölnische Zeitung" meinte dieser Tage, die nationalliberale Partei könne„mit ganz beson- derer Befriedigung" auf die verflossene Reichs- tagsscssion zurückblicken, denn„man habe die nationale Wehrkraft gegen alle Stürme wetterfest gemacht". Nun, es mag sein, daß ein nationalliberales Gemüth eine besondere Genugthuung empfindet über die Dinge, die hinter uns liegen. Die Herren Nationalliberalen glauben bewiesen zu haben, daß sie„regierungsfähig" sind, und des- halb schwillt ihren Staatsmännchen der Kamm. Aber doch «Ohl umsonst. Daß Deutschland eine starke Wehrkraft habe, das ist wohl Jedermanns Wunsch. Die Meinungsverschiedenheiten in dieser Frage beziffern sich nur auf die Art der Heeres- einrichtungen, und da sind wir�eben der Anschauung, daß sich dieselben auch mit weniger Kosten herstellen ließen, ohne daß die Kriegstüchtigkeit darunter zu leiden hätte. Seit dem Jahre 1877 sind für Militärzwecke 894Mill. Mark vom Reiche durch Anleihen aufgebracht worden. Nicht lange mehr und die Schulden des Reichs, die ihm aus Militärzwccken erwachsen, werden sich auf eine Milliarde belaufen. Dazu möglichst viel beigetragen zu haben gereicht unseren Nationalliberalen zu hoher Befriedigung. Man bedenke, was das heißt, wenn in zehn Jahren sich eine solche Schuldenlast aufhäuft, trotzdem wir schon einen so gewaltigen HeercSetat haben. Man sinnt auf neue Steuern und sucht sich alle nur denkbaren Einnahme- quellen zu erschließen. Das alles reicht aber nicht aus und man wird immer weiter gehm müffen. Wenn sich die Rüstungen weiter so steigern, so ist gar kein Ende abzu- sehen. Und sie werden sich steigern, gleichviel ob wir Frieden oder Krieg haben werden. Im Frieden bewaffnet man sich, denn die heute allgemein befolgte Maxime lautet I.. orh—---- C t rnr r'- ja: Wer Frieden haben will, muß zum Kriege gerüstet sein! Wenn aber ein Krieg ausbrechen sollte, so fragt es sich, wer Sieger bleibt. Der Unterliegende muß dann die Kosten für den Sieger bezahlen. Es kann aber auch leicht sein, daß der Sieger so zugerichtet ist, daß es ihm dabei geht, wie so manchem Bauern es schon gegangen fft, den ein gewonnener Prozeß ruinirt hat. Wir haben schon öfter ausgeführt, daß man für den unbe- haglichen und verderblichen Zustand, in welchen der be- waffnete Friede Europa versetzt hat,' weder eine Regierung noch einen Staat noch eine Person verantwortlich machen kann. Der Militarismus und die immerwährende Kriegs- bereitschaft sind nur die logische Konsequenz der historischen Entwicklung Europas. Man zwang seinerzeit die französische Revolution, die sich von ganz Europa angegriffen sah, eine Maffenbewaffnuna anzuordnen, wie man sie bis- her nie gesehen hatte. Der siebenjährige Krieg war be- kanntlich noch mit geworbenen Truppen geführt worden. In den Revolutionskriegen sah man mit Erstaunen, welche Massen man auf die Beine bringen könne, wenn man ein ganzes Volk in die Waffen rufe. Die Regierungen machten sich zu Nutzen, was sie in den Re- volutionskriegen gesehen. Sie verschmolzen die Einrichtung des stehenden Heeres mit der Wehrpflicht, wodurch man nach und nach zu dem heutigen System kam. Die moderne Bewaffnung ocschleunigte die Durchführung dieses Systems, seit der französischen Revolution nie mehr eigentlich abgerüstet worden ist. Der Umfang, den die Rüstungen angenommen haben, hat sich aber dermaßen gesteigert und wird sich noch steigern, daß dem Zuschauer dabei unheimlich zu Muthe werden kann. Wir würden eS verstehen, wenn ein Politiker sagen würde:„Ich bin mir über die Gefährlichkeit eines Systems das uns so schnell eine so große Schuldenlast gebracht hat, klar, aber ich bewillige, weil ich keinen anderen Ausweg sehe!"— Aber über die Thatsache, daß wir unsere Schulden nun wieder bedeutend vermehrt haben, noch eine besondere Befriedigung zu empfinden, das kann nur ein national-» liberales Molluskengemüth fertig bringen. Wer diesen Standpunkt der Herren' Nationalliberalen nicht theilt, der wird vielleicht dahin kommen, von ihncw des Mangels an Patriotismus beschuldigt zu werden. Nun, man kann das insofern ertragen, als mau den Nationalliberalen ja nicht das Vorrecht zuzugesteheu braucht, zu bestimmen, was Patriotismus ist. Leider lebcu wir in einer so verdrehten Welt, daß kassubische, wendische und obotritische Junker und JunkergenossenZ uns darüber belehren zu müssen glauben, was deutsches Vaterland ist. Wir verstehen unter Patriotismus nicht, wie die National- liberalen, die blinde Unterordnung unter die jeweilige Re- gierung, sondern das warme Interesse für die Wohlfahrt des Landes, dem man angehört. Und da sagen wir uns, daß die Steuerkraft unseres Volkes geschont werden muß, weil wir wissen, wie schlecht es mit den ökonomischen Verhält- nissen und der Lebenshaltung der Massen aussieht. Aber die Herren Kartellbrüder haben sich den Patriotin mus nach ihrer Art zurecht gemacht. Die Schnaps- und Zuckerbarone geben es ja auch für Patriotismus aus, wenn sie die Preise ihrer Produkte durch die Gesetzgebung in die Höhe treiben. Auch die Kornzölle haben unsere Agrarier nur aus Patriotismus hinaufgeschraubt. Und eS giebt Leute, die das glauben! denn der moderne Krieg läßt die Entscheidung des Kampfes nicht mehr von dem Muth und der Tüchtigkeit Einzelner abhängen. Heute gilt es, schnell große Massen zu konzen- triren und durch Uebermacht den Gegner zu erdrücken. DieS r:x a-l-----»» fuhrt die sich steigernde Konkurrenz unter den Militärstaaten herbei. Man kann sagen, daß Politische Urberstcht. Di« blasse Furcht vor Ueuwahleu zum Reichstag, s» triumphiren begreiflicher Weise jetzt die freifinnigen Zeitungen, scheint angesichts des Ergebnisses in Greifenbcra-Kammin in lon- servativen Kreisen noch weit größer zu sein, als man bisher auf freisinniger Seite angenommen hat. Bekanntlich ist das Land- rathsamt für den Kreis Demmin erledigt, und es sollte durch den Kreistag, wie die„Kreuzztg." vor einigen Wochen mittheilte, der Reichstagsabgeordnete des Kreises, Freiherr von Maltzahn- Gültz als Landrath präsentirt werden. Durch die Ernennung zum Landrath würde aber das Reichstagsmandat des Genannten erloschen sein und hätte eine Neuwahl stattfinden müssen. Eine solche Neuwahl erscheint aber den dottigen Konservativen unter IsuUreton. ><«• mt&t trsu&ümj [73 (»■«fcnS«HlotaB.) Der Erbe. Roma» vo« Friedrich G e r st ä ck e r. Q Fräulein von Wendelsheim faßte fast krampfhaft die �chne des Stuhls, neben dem sie stand, und Witte täuschte nck wohl nicht, wenn er zu bemerken glaubte, daß sie er- Deichte, als ihr Blick dem fest auf sie gehcftenten Auge des Juristen begegnete. Aber Fräulein von Wendelsheim 9atte keine schwachen Nerven, und während schon im Ochsten Moment ein trotziges, verächtliches Lächeln um tzre Lippen spielte, sagte sie scharf:„Sie haben eine Merkwürdige Art und Weise, sich bei einer Dame ein- Muhren; da sie aber einmal da sind und mein Bruder in That nicht wohl ist, so reden Sie. Doch muß ich Sie Oft, sich kurz zu fassen, denn ich habe weder ist tz)u einer langen Unterredung. Also was c. Witte machte eine leise Verbeugung, und während sie selbst auf das ihm gegenüber stehende Sopha setzte, ffle er:„Ich werde mich sehr kurz fassen. Die Sache be- fi,rr auch keiner wetteren Vorrede. Sie wissen, daß beute cr vierzehn Tage die Erbschaft für den männlichen Leibes- »Mi der Familie Wendelsheim fällig ist und an dem mit den zu dem Kapital geschlagenen Zinsen, einige dedeutende Verwaltungskosten abgerechnet, ausgezahlt �den wird." t»Sind Sie deshalb gekommen, um mir das zu sagen?" Ate das gnädige Fräulein kalt. .»Ich sage, Sie wissen das," fuhr Witte ruhig fort; »in �er eigenthümliche Fall besteht dabei, daß Sie nicht «ssen, wer der wirkliche Erbe des Wendelsheim'schen Ver- llenz ist.« »Mein Herr!" fuhr die Dame von ihrem Sitz empor. W"Aute, behalten Sie Platz, mein gnädiaes Fräulein," »le Witte trocken;„ich bin noch lange nicht fertig, und Sie mögen Ihr Erstaunen für einen späteren Punkt meiner Relation aufsparen." „Wenn ich erstaunt bin," sagte Fräulein von Mendels. heim mit einer Stimnie, die genau so klang, wie der grollende Donner vor Ausbruch eines Sturmes,„so war eS nur über Ihre Unverschämtheit!" „Bitte, mein gnädiges Fräulein," sagte Witte,„soll ich Sie vielleicht daran erinnern, daß das Kind der Baronin von Wendelsheim unmittelbar nach der Geburt mit einem andern vertauscht wurde?" Die Dame stand dem Staatsanwalt gegenüber; ihre ganze Gestalt zitterte, ob vor Aufregung und Schreck, oder verhaltener Wuth, ließ sich freilich kaum bestimmen; aber gewaltsam faßte sie sich— sie mußte erst hören, was der Mann noch zu sagen hatte— und nur mit vor Zorn beben- der Stimme zischte sie:„Das faule Märchen, das damals im Mund des Volks war, aber als erbärmliche Lüge ver- stummen mußte!" „Man hatte keine Beweise," sagte Witte,„und die Sache schlief die langen Jahre. Das Wunderbare aber dabei ist, daß selbst Sie den wahren Thatbestand nicht kannten. Ja, mein gnädiges Fräulein, wenn Sie auch noch so höhnisch lächeln, ich bestehe doch auf meiner Behauptung. Sie glaubten nämlich damals, daß die Baronin von Wendelsheim eine Tochter geboren habe, die wenige Tage oder wenige Wochen später gestorben sei; die Thatsache aber ist, daß sie einen Sohn geboren hat, der bis zu dieser Stunde noch lebt und wohl und gesund ist, und jenes nichtswürdige Weib, die Heßberger, nur den Tausch voll- brachte und Ihnen einen anderen Knaben unterschob, um sich den reichen, in Aussicht gestellten Gewinn nicht entgehen zu lassen." Die Wirkung, welche diese Worte auf das Fräulein von Wendelsheini machten, war merkwürdig. Ihr Gesicht nahm eine fast erdfahle Färbung an, die Augen traten ihr aus den Höhlen, ihre Lippen öffneten sich, und den magern rechten Arm, der wie in Fieberftost hin und wieder flog, vorstreckend, stand sie so für einen Augenblick dem Staats- anwalt gegenüber. Endlich stammelte sie:„Eine Lüge— eine schändliche— teuflisch erfundene Lüge!" „Mein gnädiges Fräulein," sagte Witte,„ich bin nicht besonders empfindlich und verzeihe Ihnen in der jetzigen CVT—--—* r)---... v w«QV*�V Iii vtv Aufregung gern ein hartes Wort, aber Sie werden auch einsehen, daß Sie dadurch Ihre Sache nur verschlechtern, nie verbessern können. Erlauben Sie mir deshalb, Ihnen einfach zu sagen, weshalb ich hergekommen bin, und seien Sie versichert, daß ich Ihnen nichts mittheile, was ich nicht durch lebende Zeugen beweisen kann. Ich verlange von Ihnen vor der Hand kein Eingeständniß des Geschehenen, und bitte Sie nur, die Thatsache im Gedächtnisse zu be- halten, daß der Familie Wendelsheim ein wirklicher, leib- licher Erbe lebt und der bisherige Baron, Bruno von Wendelsheim genannt, ein untergeschobenes Kind ist. Ich kenne Sie als Fran von klarem, ruhigem und sehr scharsein Verstand, und bin einzig und allein deshalb hier heraus- gefahren, um mit dem Baron und Ihnen— oder unter den jetzigen Umständen mit Ihnen allein— zu überlegen, wie und auf welche Art der wirkliche Erbe am besten wieder in seine Rechte einzusetzen und der vermeintliche auf irgend eine zu arrangirende Art zu entschädigen sei, ohne dabei Ihren Namen zu kompromittiren. Ich muß Ihnen dabei gestehen, daß ich selber um einen Ausweg verlegen bin; aber ich möchte, wenn es irgend möglicher Weise umginge, den Eklat von ihrem Hause abwenden. Sie sehen dar- aus, daß ich nicht als Feind, sondern als Freund zu ihnen komme." er zre mir ven nach einander aufgehäuften Thatsachen jeden- falls zerschmettern und augenblicklich zu einem Äekenntniß ihrer Schuld bringen würde, wenn er sie eben um gar nichts frage, sondern ihr im Gegentheil zeige, daß er schon AlleS wisse. An wen Anders konnte sie sich dann nachher um icht I Hilfe anklammern, wenn er selber ihr die Hand dazu bot? ihr| Aber er hatte in seiner Berechnuna einen Kaktar»ir K-l«»'» �--r-.....—» jv»vvv v ic wwv yOX J Aber er hatte in seiner Berechnung einen Faktor zur Geltünz ier in dem Nervensystem des gnädigen Fräuleins rtfHyfß* S/tÄ �------- r'' und darum stimmte das gebracht, der...... � gar nicht existirte: das Gewissen Fazit nicht. In den Zügen des FräuleinS war schon, während er noch sprach, eine auffallende Veränderung vorgegangen; das erst den obwaltenden Verhältnissen überaus gefährlich, obwohl ftrei* Herr von Maltzahn im vorigen Jahre bei der Reichstagswahl mit 8117 gegen 3702 Stimmen gewählt wurde. Am 23. März fand deshalb in Demmin eine Vorversammlung der beim Kreistage detheiligten Konservativen statt, in welcher jedenfalls die Sache besprochen und zum Beschluß gebracht worden ist, welche am 24. sich zur Ueberraschung der nichtkonservativen Kreistagsmitglieder im Kreistage abspielte. Auf der Tagesordnung stand die Land» mthswahl. Vor Eintritt in diese erklärte Herr von Rialtzahn-Gültz, daß er früher eine Erklärung abgegeben habe, nach welcher er ge« neigt sei, eine Wahl zum Landrath anzunehmen. Nach nochmaliger reiflicher Ueberlegung müsse er diesen Entschluß aber zurückziehen, da für den Fall seiner Wahl er das Reichstagsmandat nieder- legen müsse. Da die Liberalen jetzt schon anscheinend fich auf die Wahl vorbereiteten, so könne man bedeutende Wahlunruhen erwarten, und diese müßten um so mehr vermieden werden, als ja im Herbst die Wahlen zum Landtag bevorständen. Unter diesen Umständen müsse er für heute eine auf ihn fallende Wahl zum Landrath ablehnen. Eine Diskusfion fand nach dieser Er- klärung nicht statt, sondern es wurde die Landrathswahl einfach von der Tagesordnung abgesetzt, und Herr v. Maltzahn-Gültz wird nach wie vor als Kreisdeputirter das Landrathsamt weiter kommissarisch verwalten.— Wir notiren dabei, daß in dem Wahlkreise Änklam-Demmin, für welchen Herr v. Maltzahn-Gültz »bedeutende Wahlunruhen" befürchtet, seit 1871 Freiherr von Maltzahn-Güly bei allen Wahlen stets im ersten Wahlgang mit großer Mehrheit gewählt worden war. Bisherhat auch bekannt» lich die zarte Rücksicht vor„den Wahlunruhen" das Avanzement konservativer Abgeordneten niemals beeinträchtigt. Ganz beson- ders hat, wie uns mitgetheilt wird, unter den Konservativen es Eindruck in Demmin gemacht, daß sich nach Berliner Nachrichten das freifinnige Zentralwahlkomitce schon für die dortige Wahl interessire und Abgesandte in die Provinz geschickt habe. Beides ist nicht einmal wahr. Das freifinnige Wahlkomitee hatte mit der Ersatzwahl in Anklam-Demmin sich überhaupt noch gar nicht beschäftigt. Dir Grhaltsvrrhältnisse der Lehrer an öffentlichen Volksschulen in Preußen 1886. Die Volksschulstatistik vom Jahre 1886 gicbt u. A. auch über das Tiensteintommen der öffentlichen Volksschullehrer sehr genauen Aufschluß. Die 64 750 vollbeschäftigten Lehrer, einschließlich der 6848 Lehrerinnen, bezogen neben freier Wohnung und Feuerung ein Stellenein« kommen von 65 686 715 M., einschließlich des 6182102 M. be» tragenden Stelleneinkommens der Lehrerinnen. Der ortsübliche Werth der freien Wohnung und Feuerung bezifferte fich auf 13 449 996 M. oder auf durchschnittlich 208 M. für die Stelle. Die femerweit aus Staatsmitteln fließenden persönlichen und Dienstalterszulagen, die an 22657 Lehrer und 530 Lehrerinnen gewährt wurden, erreichten den Betrag von 3 487 587 M. Das gesammte Diensteinkommen der vollbeschäftigten Lehrkräfte betrug also 82 524 298 M. oder im Durchschnitte 1274% M. Die Lehrkräfte in den Städten(22 419) bezogen durchschnittlich 1559'/, M., die Landlehrer(42 331) dagegen 1123', M. Jene haben ein Stelleneinkommen von 28 126 836 M., welchem Werth der freien Wohnung und Feuerung mit 6 278 569 M.(durchschnittlich 280 M.) und die persönlichen und Dienstalterszulagen in Höhe von 553 503 M. hinzutreten! bei diesen stellen sich die entsprechenden Be- träge auf 37 459 879+ 7171427(durchschnittlich 169)+ 2 934084 M. Es ergab sich im Jahre 1878 für 57 144 öffentliche Volksschullehrer ein Gesammtdiensteinkommen von 71 668 300 oder durchschnittlich 1254t M., für 18 278 städtische Lehrer ein solches von 28 013 600 oder durchschnittlich 1532% M. und für 38 886 Landlehrer ein solches von 43 654 700 oder durchschnittlich 1123% M. Das Durchschnittseinkommen hat sich sonach seit 1878 im Ganzen zwar etwas, merklich indessen nur in den Städten, fastaar nicht dagegen auf dem Lande gehoben. Die S irksamsten Maßnahmen zurVerbesserung des Lehrereinkommens llen eben in die erste Hälfte der stebenziger Jahre. Seit dem Jahre 1874, wo schon mit der Gehaltsaufbesserung der Lehrer, namentlich auch unter Zuhilfenahme von Staatsmitteln, begonnen war, bis zum Jabre 1886 hat sich das durchschnittliche Stellen- cinkommen, mit Einschluß der persönlichen und Dienstalters- zulagen, aber mit Ausschlußder freien Wohnung und Feuerung, in den Städten von 1148 M. auf 1279 M., auf dem Lande von 834 M. auf 954 M. und im Ganzen von 936 auf 1067 M. gehoben. Im Jahre 1874 bezogen noch 14,2 pCt. aller Lehrer ein Stellencinkommen, mit Ausschluß der Wohnung und Feuerung, jedoch mit Einschluß der persönlichen und Dienstalterszulagen, 600 M. und weniger, 1886 aber nur noch 5,43 pCt.; von en 601 bis 900 M. hatten 1874; 42,04 pCt., 1886 35,79 pC.; 901 bis 1200 M. hatten 1874: 26,01 pCt., 1 dagegen 33,26 pCt. u. s. w. Zwischen den einzelnen Landes« theilen bestehen nicht unbeträchtliche Verschiedenheiten im Durch- schnittseinkommen der Volksschullehrer. Mit Weglassung des Werthes der freien Wohnuni und Feuerung betrug dasselbe 1886 in den Städten 1279 M. Der höchste Durchschnittssatz entfällt mit 1675 M. auf Berlin; diesem am nächsten stehen Hessen-Naffau mit 1373 M., Rheinland mit 1365 M. und Schleswig-Holstein mit 1321 M. In den Städten der übrigen Provinzen wird der Staatsdurchschnitt nicht erreicht. Am niedrigsten ist das Einkommen der städtischen Lehrer in West- vor Schreck und Ueberraschung weitgeöffnete Auge hatte sich wieder zusammengezogen, der Mund geschloffen; aber die rechte Hand blieb noch wie krampfhaft geballt, und erst als er geendet, sagte sie, aber jetzt mit ruhiger, wie spöttischer Stimme:„Und war das alles, waS mir der Herr Staats- anwalt mitzutheilen hatte?" Witte erschrak; er glaubte schon Grund gefaßt zu haben, und fühlte jetzt, daß ihm der Boden wieder unter den Füßen wegging.„Nein, mein gnädiges Fräulein," sagte er rasch, „denn Sie scheinen noch immer an meinen Worten zu zweifeln- aber Sie wissen vielleicht nicht, daß das Heß- berger'sche Ehepaar hinter Schloß und Riegel sitzt und.. „Wollen Sie etwa behaupten," fuhr die Dame auf, „daß jenes Weib etwas gegen mich aussagt? Aber," setzte sie plötzlich kalt und höhnisch hinzu,„wie ich eben so gut weiß, daß das unmöglich ist, so sehe ich auch an Ihrem Gesicht, daß es nicht geschehen ist! Sie selber spielen dabei jedoch eine klägliche Rolle, Herr Staatsanwalt, wie Sie wohl einsehen werden, und fallen mit Ihrem Versuche, einer Familie ein Geheimniß aufdrängen zu wollen,� in der gar keins besteht, sehr traurig ab— ich glaube, Zhr Ge- schüft ist jetzt hier erledigt." � t_ „Und verlangen Sie nicht einmal den Namen des recht- mäßigen Erben, Ihres eigenen Neffen, zu wiffen?" sagte Witte, wirklich ganz durch diese starre Ruhe außer Fassung aebracht. � „Es wird sich gleich bleiben," erwiderte Fräulein von Wendelsheim, selbst nicht einmal die Schwäche der Neugierde verrathend,„ob Sie beabsichtigten, uns einen Schuster oder Schneider unterzuschieben. Ich will nichts weiter von der Sache hören und ersuche Sie jetzt ganz ernstlich, mich zu verlaffen. � hinausgeworfen für meinen guten Willen — versteht sich!" lachte Witte bitter vor sich hin, in- dem er von seinem Stuhl aufftand und seinen Hut nahm. „Aber, mein gnädiges Fräulein, Sie haben sich jetzt auch die Folgen selber zuzuschreiben— ich hatte gehofft, die „Da mich Zhre Hoffnungen nicht im mindesten interessiren, preußen mit nur 990 M., dann folgen Posen mit 1027 M. Ostpreußen mit 1063 M. und Hohmzollern mit 1096 M.— Auf dem Lande ist der Staatsdurchschnitt 954 M.; darüber hinaus geht das durchschnittliche Lehrereinkommen in Schleswig- Holstein mit 1107 M., in Sachsen mit 1054 M., in Rheinland mit 1049 M., in Westfalen mit 1044 M. und in Brandenburg mit 992 M.; in allen übrigen Provinzen bleibt dasselbe unter dem Gesammtdurckschnitte, am meisten wieder in Westpreußen mit 606 M., in Ostpreußen mit 837 M-, in Hohenzollern mit 845 M., in Posen mit 850 M. und in Pommem mit 883 Ä. Ueber die Einrichtung des hydrographische« Dienste» in p reu Heu berichtet das„Zentralblatt der Bau- Verwaltung": Nachdem die Organisation der Arbeiten zur Auf- stellung einer Hydrographie für den preußischen Staat bereits fett längerer Zeit vorbereitet war, konnten im Jahre 1836 die- jenigen Einrichtungen getroffen werden, welche eine planmäßige Bearbeitung der gestellten Aufgabe ermöglichen. Letztere besteht zuvörderst in der Beobachtung der in den Flüssen vorkommen- den Wasserstände, Messung der hierbei zum Abfluß gelangenden Wassermengen und Feststellung des thatsächlichen Verlaufes der Hochwafferwellen. Unter Zugrundelegung des so gesammelten Materials werden sodann Untersuchungen über das Verhältniß der Niederschlagsmengen zu den Abflußmcngcn angestellt und Beschreibungen der einzelnen Flüsse ausgearbeitet, in welchen der Umfang und die Beschaffenheit des Niederschlagsgebietes, das Gefälle und die Geschiebeführung der einzelnen Flußsttecken, die Anzahl und Höhe der vorhandenen Stauwerke, die Aus- bildung des Flußbettes und der Ufer desselben, die Gestaltung und Höhenlage des Thales, sowie die Anlagen zum Schutze Segen Hochwasser näher dargelegt werden. Bei dem großen Imfang der Monarchie war es erforderlich, für jede einzelne Provinz ein hydrographisches Amt einzurichten, von welchen aus die vorbezeichneten Erhebungen und Arbeiten unter Leitung des dem Oberpräfidenten unmittelbar unterstellten Meliorations- Baurathes bewirft werden. Das in den einzelnen Provinzen gesammelte Material wird sodann am Jahresschlüsse an das Ministerium für Landwitthschaft, Domänen und Forsten, als die Zentralstelle, eingeliefert und hier zur demnächstigen Nutzbarmachung einer weiteren Sichtung und Bearbeitung unterworfen. Für diejenigen Ktenerpstichtige», welche fich durch die Veranlagung zur Klaffen- und klasfifizirten Einkommensteuer pro 1888—89 beschwert fühlen und reklamiren wollen, ist es von Wichtigkeit, daß sie die Reklamationsfrist innehalten. Während die Reklamationsfrist für die Klaffmsteuer zwei Monate nach der be- endeten öffentlichen Auslegung der Steuerrolle, in Berlin am 1. Juni, aufhört, hat die Reklamationsfrist für die Einkommen- steucr zwei Monate nach Zustellung der Einschätzungsbekannt- machung ihre Endschast erreicht. Wer reklamirt, muß den Nach- weis führen, daß das Einkommen, welches der veranschlagten Steuer entspricht, nicht vorhanden ist. Dabei muß das Ein- kommen, wenn es in Gehalt, Salair, Lohn sc. besteht, durch ein Attest der Behörde, des Prinzipals oder Arbeitgebers nach- gewiesen werden. Als Verhältnisse des Steuerpflichtigen, welche die Leistungsfähigkeit schmälern, finden Berücksichtigung: eine große Anzahl von Kindem, die Verpflichtung zur Unterhaltung armer Angehörigen, dauernde Krankheit, Verschuldung und außergewöhnliche Unglücksfälle. Dauernde Krankheit des Familienhauptcs oder eines Familiengliedes muß durch ärzt- Attest, Schulden oder sonstige Lasten müssen durch die letzten Quittungen über gezahlte Zinsen und Lasten nachgewiesen wer- den. Wer bei erhobener Reklamation wissentlich einen Theil seines Einkommens verschwiegen oder zu gering angegeben hat, verfällt in eine Strafe zur Höhe des vierfachen Jahresbetrages der Steuer, um welche der Staat verkürzt ist oder verkürzt werden sollte, und nach einer Entscheidung des Reichsgerichts vom 24. Mai 1886 findet der§ 156 des Str.-G.-B.(mit Ge- fängniß von einem Monat bis zu drei Jahren wird bestraft, wer vor einer zur Abnahme einer Versicheruirg an Eidesstatt zuständigen Behörde eine solche Versicherung wissentlich falsch abgiebt) selbst dann Anwendung, wenn ein Steuerreklament, ohne dazu aufgefordert zu sein, also z. B. in der Reklamations- schrift, eine wissentlich falsche Angabe über seine Vermögensver- hältniffe macht und zugleich eidesstattlich als richtig versichert, um eine niedrigere Einschätzung herbeizuführen. Die gesetzliche Bestimmung, daß die Steuerzahlung durch die angebrachte Re- klamation nicht aufgehalten wird, vielmehr mit Vorbehalt der späteren Erstattung des etwa zu viel bezahlten Betrages zu den bestimmten Terminen erfolgen muß, schließt keineswegs, wie vielfach angenommen wird, die Befugniß der Verwallung aus, in geeigneten Fällen solchen Steuerpflichtigen, welche gegen die veranlagte Steucr reklamirt, dezw. rekurrirt haben, eme gänz- liche oder thcilweise Stundung der Klassenstcuer zu bewilligen. Eine dahingehende Ermächtigung ist den Landräthen sc. durch Erlaß des Finanzministers vom 28. November 1878 ausdrücklich ertheilt worden, wenn der Reklament nicht im Stande ist, die Steuer bis zur Entscheidung über die Reklamation fortzu- entrichten, ohne in seinem Nahrungs- bezw. Vermögensstande geschädigt zu werden. Die Stundung erfolgt aber nur auf Antrag. Zu wünschen wäre es, wenn, wie es neuerdings in einzelnen größeren Städten, z. Ä. Dortmund, angeordnet wor- Herr Staatsanwalt," sagte die Dame,„so ersuche ich Sie, das Gespräch jetzt draußen fortzusetzen— ich habe Zhr Ge» schwätz jetzt satt." „Sehr schön, mein gnädiges Fräulein!" rief Witte, dem das denn doch zu arg wurde, indem er sich aber vorsichtiger Weife nach der Thür zurückzog, denn der in diesem weib- lichen Unhold schlummernde Drache schien sich zu regen. „Von meinem Geschwätz sollen Sie nicht länger belästigt werden, aber vielleicht gefällt Ihnen dann eine Vorladung vor Gericht besser, die..." Die Dame fuhr mit so zornsprüyenden Augen auf ihn ein, daß er eS für das Beste hielt, das Zimmer zu verlassen; denn er hielt sie in ihrem jetzigen Zustand, gereizt und zum Aeußersten getrieben, auch zu Allem fähig. Er mochte aber dabei die Thür wohl etwas rascher auf- und wieder zuge- macht haben, als das in der gewöhnlichen gesellschaftlichen Form die Sitte erheischt, und als er draußen aufblickte, sah er durch den einen Fensterflügel durch, den sie in der Hand hielt und gerade abputzte, in das vergnügt grinsende Gesicht der Magd, die etwas Anderes gar nicht erwartet zu haben schien. „Na, war's hübsch!" flüsterte das boshafte Geschöpf auch noch, als er, ohne sie weiter zu beachten, an ihr vor- überschreiten wollte; aber er hielt es natürlich nicht der Mühe werth, ihr eine Antwort zu geben, und eilte so rasch er konnte die Treppe hinunter und auf den Stall zu. wo er sich augenblicklich sein Pferd einschirren ließ. Der Knecht schien sich gern in ein Gespräch mit ihm einlassen zu wollen, um zu erfahren, wie es oben abgelaufen. Witte fühlte sich aber nicht in der Stimmung, drückte ihm ein gutes Trink- geld in die Hand, setzte sich auf und fuhr in einem scharfen Trab zum Thor hinaus. Er war dabei sehr unzufrieden mit sich selber, denn er hatte bei dem ganzen verunglückten Versuch, die Sache durch einen entscheidenden Schritt zu erledigen, nicht allein nichts erreicht, sondern vielleicht eher Schaden angerichtet, und gar nicht zu seiner besonderen Er- bauung fiel ihm in dem nächsten Augenblick der Major und Rath Frühbach ein, die etwa in ähnlicher Weise von Vollmers abgezogen waren. Jene handelten fteilich nur auf einen Verdacht, er selber aber auf die Gewißheit der den, überall Klassensteuerreklamationen für alle, die es wünschen, von einem eigens dazu beorderten Gemcindebeamten unentgelt- lich angefertigt würden. Ueber Arbriterschntzgej'ehgebnng. Nach der„Na- tionalliberalen Korrespondenz" hat, wie man aus Bundesraths-- kreisen hört, der vom Reichstag beschlossene Gesetzentwurf üb« die Sonntagsarbeit wenig Ausficht, die Zustimmung der ver« kündeten Regiemngen zu finden. Dagegen soll im Bundesrath die Geneigtheit herrschen, der ganzen Frage eines erweiterten Arbesterschutzes auf Grund der Reichstagsbcschlüsse der jüngsten und der vorigen Session(Kinder- und Frauenarbeit) näher zu treten und dem Reichstag eigene Anttäge auf diesem Gebiet zu unterbreiten. Wenn sich dies bestätigt, so hätten die wiederhosten Anregungen des Reichstags die beabsichtigte Wir« kung gehabt. Ueber den Hanptmann a. D. Ehrenberg lesen wir in einem„Eingesandt" der„Züricher Post", daß der jetzt in der Schweiz lebende frühere ostpreußische Rittergutsbesitzer Reiten« bach-Plicken(aus der Konfliktszeit her als Stcuerverweigerer de» kannt) in dem„Festungsplanprozeß" auch als Zeuge vernommen worden ist und dabei ausgesagt hat, Ehrenberg habe ihm selbst erzählt, daß der Plan der Festung Wesel von ihm an Frankreich verkauft worden sei. Eine Anklage wegen Uebertretnng de«§ 100« der Gewerbeordnung— Lehrlingsprivilegium der Innungen— wurde vorgestern, als der erste Fall dieser Art, vor -dem Kammergericht verhandelt. Ueber den Thatbestand wird uns folgendes berichtet: Mr den Umfang der Gemeinde St. Tönis(Regierungsbezirk Düsseldorf) war verordnet worden, daß vom 1. August 1886 ab Seidenweber, welche der dortigen Innung nicht angehören, aber doch aufnahmefähig find, Lehr- linge nicht mehr annehmen dürfen. Nun hatten aber die Seidenweber Lickes und Weinden ihre etwa 15 Jahre alten Söhne nach der Entlassung aus der Elementarschule das Weberhandwerk gelehrt und seit der Zeit in ihrem Hause auf dem Webestuhl beschäftigt. Festgestellt ist femer, daß die Ange- klagten, obwohl sie aufnahmefähig find, der dortigen Innung nicht angehören. Indem zunächst das Schöffengericht gegen beide auf 3 M. Geldstrafe erkannte, führte es begründend aus: Die Angeklagten wenden zwar ein, daß die Verordnung nicht auf den vorliegenden Fall anwendbar sei, nämlich da, wo Väter ihre eigenen Kinder zu deren Gewerbe ausbilden. Die Ge» werbeordnung setze nämlich für den Begriff„Lehrling" ein Ver» tragsverhältniß voraus, derart, daß ohne einen Vertrag nicht im Sinne des Gesetzes von einem Lehrling gesprochen werden könne. Durch dieses Gesetz soll aber eben den auf Grund des Gesetzes vom 18. Juni 1881 gebildeten Innungen zu den ihnen bereits auf dem Gebiet des Lehrlingswesens verliehenen Rechten ein neues, sehr viel weiter gehendes Recht gewährt werden, näm- lich, von einem bestimmten Zeitpunkt an die Nichtinnungs- meister von dem Lehrlingswesen ganz auszuschließen. Es ist dabei eine Unterscheidung von Meisterskindem und solchen, die auf Grund eines Vertrags als Lehrling angenommen werden, unbegründet.— Die von den Angeklagten eingelegte Bemfung wurde von der Strafkammer zu Cleve in Uebereinstimmuna mit den Ausführungen des Vorderrichters zurückgewiesen Eocnso wies auch das Kammergericht die Revision zurück, indem es die Feststellung des Vorderrichtcrs nicht fürZ rechtsirrthümlich und ferner auch dafür erachtete, daß zur Feststellung des Lehrlings» Verhältnisses ein schriftlicher Verttag nicht durchaus erforderlich sei, daß sodann auch das väterliche Verhältniß nicht in Betracht komme, zumal ja die Lehrlinge ohnehin der väterlichen Zucht des Lehrherrn gesetzlich unterworfen seien. Im übrigen unter« liege die Frage, od ein Lehrlingsverbästniß vorhanden, in jedem einzelnen Falle der richterlichen Prüfung. M» stecken die Zwanzigpfennigstncke in Dickel, s» ziemt es sich, einmal nachzufragen aus Anlaß des kürzlich er- laffenen Verbots ausländischer Scheidemünzen. Bei der Be» rathung der Sache im Reichstage wurde von dem Abgeordneten Dr. Bambcrger hervorgehoben, daß über die Richtigkeit und Nützlichkeit der beabsichtigten Ausprägung einer solchen Scheide- münze nur das Urtheil des Verkehrs entscheiden könne. In- zwischen sind die Münzen ausgeprägt worden, aber im Verkehr steten sie nur als Rarität auf; dieselbe Beobachtung ist sowohl in den verschiedensten Arten des Kleinverkehrs wie in den ver- schicdensten Gegenden Deutschlands zn machen. Wenn man mit dieser Erfahrung die weite und intensive Verbreitung ver- gleicht, welche das allerdings wesentlich handlichere 20-Zentimes- stück von Nickel oder Bronze in Belgien, in der Schweiz und in Frankreich gefunden hat, so ist die Frage kaum abzuweisen, ob das Zwanzigpfennigstück in Nickel den Bedürfnissen des Ver» kehrs wegen seiner Größe vielleicht nicht entspricht, ebenso wie denselben früher das Zwanzigpfennig in Silber wegen seiner Kleinheit nicht entsprochen hat, oder ob man aus anderen, bisher nicht bekannt gewordenen Gründen davon abgesehen hat, diese Münzen in größeren Mengen auszuprägen resp. in den Verkehr zu dringen. In Wnrzbnrg wurden dieser Tage drei'Reservisten ab« geurthcilt, die sich— offenbar in nicht ganz nüchternem Zu- stände— an einem Landwehrscrgeantcn vergriffen hatten. Da die betr. Reservisten dies Vergehen begangen hatten am Abend Thatsachen hin; doch was halfen ihm die, so lange eS ihm an Beweisen dafür fehlte, und mit denen sah er sich voll» ständig auf den Sand gesetzt. Heßberger, total gebrochen und eingeschüchtert, hatte allerdings Alles, was man von ihm wollte, gestanden, die Heßberger selber aber, bei welcher er dann, aber auch noch ganz privatim, den Versuch gemacht, um eine Zustimmung von ihr zu erhalten, kalt und höhnisch erwidert, sie wisse von nichts, und als er ihr endlich das Zeugniß ihres ManneS vorhielt, geantwortet, dann erledige sich die Sache von selber. Möglich, daß die verstorbene Frau Baronin die Absicht gehabt habe, einen solchen Tausch zu machen, falls ihr eine Tochter geboren würde— sie könne es nicht sage« und die Frau auch nicht mehr fragen, denn sie wäre todt; dann hätte sich das aber auch natürlich durch die Geburt eincS Sohnes unnöthig gezeigt und jede Mutter ihr eigenes Kind erzogen. Dabei blieb sie, und dagegen würde selbst Heßberger's Zeugniß nichts geholfen haben. Durch diesen konnte aller» dings der Versuch eines Betrugs konstatirt werden, aber nrt die Ausführung desselben und der wirkliche Tausch. D't Kinoer waren ihm im Dunkeln überliefert worden, und& selber hätte nie im Leben beschwören können, ob er daffelbt Kind oder ein anderes dafür zurückgetragen. Aber jetzt half es nichts mehr; er war schon zu weit gegangen, um noch zurück zu können. Auf der einen Seit« drängte ihn der alte Baumann selber, die Sache zum Abschlu? zu bringen, auf der andern war er jetzt der Gefahr ausg� setzt, daß dieses entsetzliche Fräulein von Wendelsheim sog� eine ähnliche Klage gegen ihn richte, wie die Frau Mülls* gegen den Major. Bis zu diesem Augenblick hatte er alle» allein auf eigene Faust und im Stillen betrieben, nun gwö das nicht länger; er mußte selber die Anzeige beim®er'c?< machen. Ueberdies war auch der Termin der Erbschaft- Auszahlung so nahe herangerückt, daß er sich hätte die größ Verantwortung zuziehen können, wenn er eine derartige'«m gemachte Anzeige über denselben hinaus verheimlichte. � durfte eben nicht länger zögern und das Ganze auf die eige», Schultern nehmen, und mit dem Entschluß wurde er aw* des Tages, an welchem sie zur Reserve entlassen waren, so wur- den sie vom Militärbezirksgericht abgeurtheilt: denn am Tage der Entlassung standen sie noch unter dem Militärgesetz. Jw folge dessen mußten sie ihr Vergehen mit 6, bezw. 51/, und 5 Jahren büßen— eine außerordentlich harte Strafe. Die „Franks. Ztg." bemerkt zu dem geradezu barbarischen Urtheil Trotzdem ist es widerfinnig und das Rechtsgefühl verletzend� daß die Wirkung der Militärgerichtsbarkeit über die Dienst cntlaffung hinaus dauern soll, wie es ebenso widersinnig ist, daß die Mannschaften des Beurlaubtenstandes am ganzen Tage der Kontrole unter dem Militärgerichte stehen. Das militärische Interesse kommt weder in dem einen noch in dem andern Falle in Betracht; es wird ihm vollauf Genüge gethan, wenn der Soldat bis zur letzten Stunde seiner Dienstzeit den besonderen militärischen Gesetzen unterworfen bleibt. Was aber hat das .Heer für Interesse daran, daß eine nach der Entlassung zur Re- serve bezw. nach Beendigung der Kontrole begangene Verfehlung als militärisches Vergehen aufgefaßt werde? Die exorbitant hohe Strafe, welche den Würzburger Reservisten zu Theil wurde, ist geeignet, ebenso die Aufmerksamkeit aller Kreise auf gewisse Erscheinungen des Militarismus zu lenken, wie der de» kannte traurige Fall Prem-Röaelein.— Wir unsererseits wüßten etwas anderes über die ganze Art und Weise der Militärjustiz zu sagen. Hamburg, 25. März. Der am Sonntag, den 18. d., von den Sozialdemokraten mit großer Schnelle verbreitete Aufruf „an das Volk" hat denselben vielfache Verhaftungen eingebracht, die zu einem umfangreichen Prozesse führen dürften. Einer der Verhafteten hat sich im Gefängniß erhängt und soll vorher ein- gehende Geständnisse über die bestehenden geheimen Verbin- düngen gemacht haben, so daß man aufs neue wieder In haftirungen vornehmen konnte. Au» Sachsen, 25. März. Die zweite Kammer des säch fischen Landtages beschloß in ihrer gestrigen Sitzung mit allen gegen 11 Stimmen, die Petition des Dresdener Feuerbestattungs- Vereins„Urne", betreffend die fakultative Einführung der Feuer- destattung in Sachsen, auf sich beruhen zu lassen. Zu Gunsten der Petenten ergriffen die Abgeordneten Dr. med. Minckwitz, Kirbach und v. Vellmar das Wort, und zwar führte der frei- sinnige Abgeordnete Kirbach u. a. aus, daß man es als einen Akt der Unduldsamkeit bezeichnen müsse, wenn man den Menschen nicht einmal die Freiheit lasse, über ihren Körper nach dem Tode frei zu verfügen. Namens der Konservativen erklärte der Abg. v. Carlowitz, daß dieselben gegen die Petition stimmen würden, weil sich alle religiösen und fittlich-ethischen Gefühle gegen die Feuerbestattung auflehnen müßten. Oesterreich-U«gar«. Prag, 24. Riärz. In der gesttigen Sitzung des Prager Stadtrathes sprach Bürgermeister Dr. Scholz das Bedauem über die stürmischen Szenen aus, welche bei der letzten Sitzung des Stadtverordnetenkolleaiums anläßlich der Abstimmung über den Antrag des Stadtrathes, betteffend die Lei Liechtenstein, sich auf der Galerie abspielten, und beantragte, gegen den Rädels führer, der in der Person des junaczechischen Fuhrwerkhalters Keßler ermittelt worden sei, die Polizetanzeige zu erstatten. Die Mitglieder des Stadtrathes, Advokat Dr. Freund und Naprstek, bekämpften entschieden den Antrag, indem sie hervor- hoben, daß solche Repressalien mit der Würde der Prager Stadtvertretung unverträglich seien. Auch im Landtage und Reichsrathe seien mitunter so stürmische Szenen vorgekommen, ohne daß die Leiter solcher Sitzungen um polizeiliches Ein- schreiten nachgesucht hätten. Der Bürgermeister erklärte, falls der Stadtrath seinen Antrag nicht annehmen sollte, werde er präfidialiter die Anzeige erstatten. Schließlich wurde sein An trag mit allen gegen 6 Stimmen angenommen. Frankreich. Das Ergedniß der gestrigen Wahlen in Frankreich ist ein sehr widerspruchsvolles, soweit es sich auf den General Boulanger dezieht. Der General hat nämlich in Marseille keine tausend, im Departement Aisne dagegen 45 000 Stimmen erhalten; in letzterem Kreise ist ihm beim zweiten Wahlgang der Sieg sicher, wenn sich Radikale und Opportunisten nicht einigen. Dieser Erfolg wird der Wahlagitation für Boulanger neue Nahrung geben, er wird aber auch die Wählbarmachung des Generals darch dessen völlige Absetzung beschleunigen. Man weiß jetzt, was man von den Versicherungen des Protcstkomitees zu halten bat. Dasselbe hat bekanntlich in einem Manifest erklärt, daß es alle Kandidaturen des Generals zurückziehe, aber es steht jetzt fest, daß in der Aisne wie in den Rhoncmündungcn nach wie vor um Stimmen für den General geworben wurde, ja, daß die Zeitungen, deren Herausgeber dem Protestkomitee angehören, die Kandidatur, die angeblich zurückgezogen sein sollte, mit größtem Eifer befürworteten. Der Abgeordnete Laur war unermüdlich in den Rhonemündungen für Boulanacr's Wahl thätig und während das„nationale Protestkomitce" in einer feierlichen Erklärung die Kandidatur zurückzog, wurden oOO 000 Boulanger- Stimmzettel nach Marseille geschickt. Der Erfolg blieb hier freilich aus, denn der Revolutionär Felix Phat bot dm Marseillern bessere Bürgschaften als der General. Bezeichnend für das Verhalten der Radikalen ist, daß sie füx der ruhiger und selbstzufriedener. Sein Pferd fühlte Peitsche, und der leichte Wagen rollte rasch der Stadt Zegen. (Fortsetzung folgt.) Aus Kunst und Keden. Die MirKtittge« des Golfstroms. Schon wieder ist Wissenschaft damit beschäftigt, einen bisher ganz allgemein loubten Lehrsatz niederzureißen. Dem Golfstrom wird in geographischen Lehrbüchem und in volksthümlichen AbHand- im in Hinsicht auf unfern Erdtheil eine außerordentliche rkung zugeschrieben. Er soll diesem die Vottheile eines lbhauses schenken, das durch warme Waffer gebeizt wird; sollen ihm die Eislosigkeit der skandinavischen Westküsten, Überhaupt das milde Klima Europas, somit die überaus c Kulturfähigkeit dieses Kontinents verdanken, und er wäre Mach als einer der bedeutungsvollsten Faktoren unter den sikalischen Einflüssen zu betrachten, welche die Geschichte des nschengeschlechtes bestimmt haben. Eine wesentlich geringere i.1- weisen dem Golfstrome die neuesten Forschungen zu, welche Anschluß an die Challenger-Expedstion angestellt worden - Im Jahre 1886 machte Herr I. Thoulet auf der franzö- cu Fregatte„Clorinde" eine Reihe von Beobachtungen ' den Strom auf einer Fahrt von Frankreich nach sundland und zurück, deren Resultate jüngst der Pariser vemie der Wisicnschaften vorgelegt wurden. Die aus Bassins- Bai kommende östliche Polarströmung umläuft Nm- vland und endet damit, daß sie den Golfstrom unter rechtem ucl trifft. Im Gegensatz zu dem, was man erwarten sollte, ihre Gewässer zwar kälter, aber nach Thoulet etwas leichter, oaß sie, anstatt unter dem wärmeren Wasser des Golf- vs hinzulaufen, sich mit demselben vermischen und dessen Hwindigkett fast gänzlich aufheben. Nach diesem Zusammen- m existirt der Golfstrom so zu sagen gar nicht mehr, seine 'uhlten Gewässer breiten sich aus, obwohl sie eine allge- nordöstliche Richtung beibehalten, und er ist alsdann, wie ulet schließt, in der besten Lage, das Klima des Nordwest- n Europa zu mäßigen, aber er hat keine Individualität � Ansichten gelangen die Pyat stimmten. Die Deputitten von Marseille, die Peytral und Genossen, fitzen nur mit Hilfe der Marseiller Opportunisten in der Kammer, und es wäre jetzt an ihnen gewesen, den Dienst zu vergelten und für den opportunistischen Kandidaten zu stim- men. Das geschah aber nicht. Bei der ersten Wahl, als noch kein opportunistischer Kandidat aufgetreten war, riethen die Marseiller Deputirtm ihren Wählern ab, für Pyat zu stimmen, dessen Wahl die gewaltthätige Revolution und den Untergang der Republik bedeute; als aber zur zweiten Wahl ein opportu- nistischer Kandidat auftrat, wurden die Marseiller Radikalen angewiesen, für Pyat zu stimmen,„als Zeichen ihrer Anhäng- lichkett an die Republik. Der Anarchist war ihnen lieber als der gemäßigte Republikaner. Das charakterisirt die Kon- zentrationsdestrebungen nicht minder wie die Radikalen. Noch etwas anderes ist von den Radikalen zu ver- zeichnen. Sie sehen den Einfluß des Boulangismus auf die Wähler wachsen und wollen ihren Profit davon haben: sie möchten Frieden mit dem General schließen. Einige radikale Blätter, die voraussehen, daß der militärische Unter- suchungsrath den General Boulanger einer schweren Verletzung der Mannszucht für schuldig erkennen werde, sprechen die Hoff- nung aus, der Kriegsminister werde von seinem Rechte Gebrauch machen und die Sache auf sich beruhen lassen. Boulanger sei durch die Entziehung seines Kommandos schon schwer genug bestrast; man solle ,hn für die Zukunft verwarnen, indem man die Entscheidung des Kriegsraths in sein Dienstbuch eintrage, aber man sollte sich hüten, ihn durch Versetzung in den Ruhe- stand zu einem Mättyrer zu machen und das Heer eines Offiziers, der noch gute Dienste leisten könne, berauben. Auch Herr Cle- menceau soll in diesem Falle seinem Namen Ehre machen wollen und Milde empfehlen, unter der Voraussetzung, daß Boulanger dem Präfidenten der Republik und dem Kriegsminister einen Besuch abstatte und Alles, was für seine Wahl gethan worden ist, zu verleugnen. Der Radikalismus will mit dem Bou- langismus.Halbpart machen und das wird die Verwirrung, die jetzt schon vorhanden ist, um einen namhaften Grad steigern. Rußland. Aus Südwestrußland laufen Klagen ein über deutsche Bettler, die daselbst die Gegend unsicher machen sollen. Die- selben zögen, auf dem Rücken einen Sack und in der Hand einen tüchtigen Knüttel, von Dorf zu Dorf und von Haus zu Haus, stellen sich als arme Reisende vor und erpreßten durch Bitten und Drohungen Almosen. Scharfblickende russische Zei- tungcn haben nun herausbekommen, daß diese„Söhne Bis- marcks" nichts anders als deutsche Spione seien, welche auf diese Weise ihr unsauberes Geschäft betrieben, und verlangen ein energisches Eingreifen seitens der Regierung.— Wir Deutschen wissen besser, woher diese„Söhne Bismarcks" kommen. Auch unsere Landstraßen find mit ihnen devölkett. Kva«i-«. Seit Eröffnung des Zollkrieges zwischen Frankreich und Italien find die italienischen Weinproduzenten bestrebt, ihre Weine über Spanien nach Frankreich zu bringen. Große Quan- titätcn find bereits in den Mittelmeerhäfen angekommen. Die spanischen Weinproduzenten haben jedoch Lärtn geschlagen und die Regierung hat verfügt, daß allen Weinen, die aus Spanien nach Frankreich gehen, Ursprungszeugnisse beigegeben werden müssen. Nur spanische Weine, die als solche von den Heimath behörden beglaubigt find, genießen also die Vottheile des spa- nisch-französtschen Handelsvertrages, und der Versuch der Jta- licner ist mißglückt. K«l Kau lätt der. Prinz Ferdinand von Koburg denst nicht daran, das schöne Land Bulgarien zu verlassen, und die Russen werden daher wohl, wenn sie die Enifemung desselben durchsetzen wollen, kräftigere Mittel, als Noten der Pforte, anwenden müssen. Wie aus der letzten telegraphischen Äitthcilung aus! Konstantinopel hervor geht, scheint man auf der Pforte einigermaßen beunruhigt zu sein über angebliche Rüstungen Rußlands am Schwarzen Meere. Von amtlicher Seite in Petersburg wird zwar entschieden ge- leugnet, daß Truppen in der Krim zusammengezogen würden, allein dieses Dementi bezieht sich nicht auch auf die Vorkehrun- gen der Admiralität. Uebrigens brauchen auch letztere nicht als besonders beunruhigende Anzeichen etwaiger rusfischer Angriffs- pläne gegen Vulgatten angesehen zu werden, da Rußland sich eben auf alle Fälle vorbereitet und am Schwarzen Meere ebenso wie an der Westgrenze des Reiches seine Streitkräfte vermehrt. Die Abreise der Prinzessin Clementine von Koburg aus Sofia ist von der bulgattschen Regierung dazu benutzt worden, um eine Demonstration gegen Rußland in Szene zu setzen. Militär bildete in den Straßen Spalier und auf dem Bahnhofe hatten fich alle Minister, höheren Offiziere und Würdenträger, Dcpu- tationcn von Vereinen und ein zahlreiches Publikum einge- fundcn. Der Fürst und die Minister Stambulow und Natschovits begleiteten die Prinzesstn bis zur Grenze. In einem an Stambulow gettchteten Handschreiben dankt der Fürst dem Ministerpräsidenten und dessen Kollegen, sowie der Bevölkerung für den seiner Mutter bereiteten herz- lichen Empfang und sagt:„Wir wollen ihr nicht„Adieu!, dem er nachweist, daß der Golfstrom thatsächlich in der Rühe von Neufundland aufhöre, und daß das milde Klima des westlichen Europa von ganz anderen Ursachen herrühre. Glne Klostergrschichte. Vor einigen Tagen verhaftete die Polizei von Lemberg ein junges Mädchen, das mit einer Schürze voll Steinen die Fenster des dottigen Jesuitenllosters einzuwerfen bemüht war. Die Menge sammelte fich rasch um die sonderbare Attcntätettn, die, während ste von den Häschern abgeführt wurde, mit lauter Stimme erzählte, was fic zu dieser That gettieben. Vor einigen Jahren hätte sie als Büßerin in dem Kloster„Trost" gesucht, den ibr ein junger Jesuitenpater Ramens Lalenski in so ausgiebigem Maße zu Theil werden ließ, daß dabei ibre Ehre zu Schaden geneth. Als die Folgen des unerlaubten Verhältnisses sich bemerklich machten, verschwand der Pater aus dem Kloster und ließ fie in Roth und Elend zurück. Als fie nun vor einigen Tagen erfuhr, daß ihr Verführer wieder in das Kloster zurückgekehrt sei, versuchte fie, zu ihm zu dttnaen, wurde aber zur Thür hinausgcwotten. In ihrer Verzweiflung hätte fie zu dem Schritte gegriffen, der sie in die Hände der Polizei lieferte. Das Interessanteste an der Affäre ist jedoch, wie die„Jndep. Belg." berichtet, daß der„galante" � esuitenpater in der Fastenzeit als Bußprediger von Stadt zu itadt reiste und namentlich von der Frauenwelt stark besuchte „Erbauungsstunden" abhielt. Gin Salto mortale. Aus Palermo wird beuchtet: „Am 18. Mär» ereignete fich in unserem„Amfit.eatro Reinach", woselbst eine Kunstreitettruppe Vorstellungen giebt, eine auf- regende Szene. Der neunjährige Knabe Auguste dcl Consolo hatte soeben unter allgemeinem Beifall seine schwierigen Pro- duktionen auf dem Trapez ausgeführt und sollte seine Nummer mit dem„Plongeur"-Spmnge von der Decke des Theaters in das aufgespannte Rettungsney beendigen. Der Knabe ließ sich, wie gewohnt, in das Netz fallen, allein letzteres scheint nicht gut befestigt gewesen zu sein; der unglückliche Knabe fiel mit dem Kopf auf einen unter dem Netz befindlichen Tisch und blieb blutüberströmt liegen. Das Publikum verließ panikartig das Theater; in der furchtbaren Verwirrung kamen zahllose Quet- schungen und leichtere Verwundungen vor. Der Zustand des unglücklichen Knaben ist ein verzweifetter; er hat furchtbare äußere Verletzungen erlitten und wird auch eine Gehirnerschütte- rung befürchter." Die KanmwoUe war bereit« der alte,» Melt unter dem Mamen Gosftpion bekannt. Die leichten Zeuge der Alten waren vornehmlich Baumwolle, welche auf der Insel Kos sondern„Auf Wiedersehen!" zurufen, denn fie verreist nur auf kurze Zeit, wird zu einer günstigeren Saison zurückkehren und das gute schöne Land bereisen, welches mein geworden ist, welchem von nun an die tiefsten Gefühle meines Herzens gc- hören und welches Gott erhalten und beschützen möge." Wenn es der Prinzesstn nun noch gelingen sollte, den Bulgaren die lange ersehnte Anleihe zu verschaffen, dann dürfte es den Russen noch schwerer werden als bisher, das jetzige Regiment in Bul- gatten von Innen heraus zu stürzen.— Von anderer Seite wird gemeldet: In Bulgarien entwickeln fich die Dinge mit landesüblicher Natürlichkeit. Pttnz Ferdinand hat sich eben einen Herrn Jvantschow, Mitarbeiter des neuen Oppofitions- dlattes„Volksrecht", das Radoslawow gegründet hat, kommen lassen und ihn aufgefordert, lieber ins Ministerium zu treten, als gegen das Ministerium zu schreiben. Jvantschow erwidette, er könne das nicht, so lange das Voll gegen das Ministerium sei.„Nehmen Sie fich in Acht," rief darauf der Prinz und stürzte hinaus, worauf sofottige Anklage mit Anttag auf zwei Jahre Einsperrung erfolgt. Kleine Mittheilungen« Hamm, 25. März. Ein schwerer Eisenbahnunfall ereignete gestern Nachmittag um 1 Uhr 29 Minuten auf dem hiesigen lahnhofe. Der um diese Zeit von Münster eintreffende Per« sonenzug lief mit voller Wucht auf dm hier zur Adfahtt nach Unna bereitstehenden gemischten Zug. Es folgte eine Szene unbeschreiblicher Verwirrung. Die vier letzten, mit Vieh de« ladenen Wagen des stillstehenden Zuges wurden völlig zettrüm- mett; in das Krachen des Holz- und Eismgefüges mischte fich das entsetzliche Todesgeschrei der Thierc, von denen keins un« vcrscbtt blieb.' Der nächste Wagen war der Postwagen, der ebenfalls arg beschädigt wurde. Mehrere Postbeamte erlitten erhebliche Verletzungen. Das Schicksal des eingelaufenen Zuges war verhältnißmäßig besser, nur die Lokomotive ging völlig in Trümmer. Einige Reisende trugen Beulen und Quetschungen davon; erheblich verletzt wurde Niemand. Heber die Ursache des Zusammenstoßes verlautet, daß die Karpenterbremse des ein- gelaufenen Zuges im entscheidenden Augenblicke versagt habe. Der Lokomotivführer erklärt, schon auf der Lipp brücke� etliche hundert Meter vor der Station, Konttedampf gegeben zu Haben, ohne den Zug kalten zu können. Danzig, 25. März. Die Lage wird immer bedrohlicher, namentlich an der Nogat, da der Koll-Jungfersche Damm kaum noch zu halten ist, obgleich den ganzen Tag über mit Sand- säcken, von denen täglich 2000 Stück von Marienburg an die gefährdete Stelle gesandt werden, gestopft wird. Der Damm senkt fich bedeutend, bei weiterm Steigen des Wassers ist ein Durchbruch unvermeidlich und die Ueberfluthung der Tiegenhöfer Niederung bedingt. In der Ortschaft Wolfsdorf find einzelne Gehöfte bis über die Fenster im Wasser und oberhalb des Koll beinahe bis Jungfer, also fast eine Meile, steht das Wasser bis zur Dammkrone. Die Danziger Meeresbucht ist heute schon fast eisfrei. Aus Jungfer berichtet die„Elbinger Zeitung": Der diesjährige Eisgang ist mit einer ungeahnten Plötzlichkeit bis in die untern, bei strengstem Frost noch in völliger Winterlage be- findlichen Stromgebiete vorgedrungen. Mehrfach drohte der Jungfer-Kolliche Damm zu uberfluthen, das Wasser stieg bis nahe an die Dammkrone und das Eis thürmte sich bis zu fünf Fuß über demselben auf. Am Dienstag drangen Hilferufe aus einem dem Eigenthümer Schierling in Kertelau gehörigen, im Ueberschwemmungsgcbiete gelegenen Gehöfte. Es wurden von Jungfer aus Anstalten zur Rettung getroffen. Drei be- herzte Männer drangen gegen Abend, mit einer Anzahl langer Bretter ausgerüstet, vom Damm aus über das zum Stehen ge- kommene Packeis nach dem etwa 1 Kilometer entfernten Gehöfte vor. Ergreifend waren die immer dringender werdenden Rufe: „Hilfe! Menschen, helft!", die der inzwischen auf das Dach hinausgelletterte Schierling ausstieß. Endlich nach andetthald- stündiger heißer Arbeit hatten die braven Männer unter äußerster Lebensgefahr um 7 Uhr Abends das Gehöft, von dem nur die Dächer aus dem Eise hervorragten, erreicht. Es war bereits dunkel geworden. Eine halbe Stunde später traten sie mit sämmtlichen Insassen— Eigenthümer Schierling, dessen Frau, deren bejahrte Mutter und sechs kleine Kinder— unter dem Schein einer Laterne den nun noch viel gefahrvolleren Rückweg an, wobei je ein Mann zwei Kinder in den Armen tragen und, so oft die Bretter weiter geschoben wurden, wieder auf die Eis- schollen niedersetzen mußte. Um 9 Uhr endlich hatten Retter und Gerettete den Damm erreicht. Danzig, 26. März. Das hiefige Eiscnbahnbcttiebsamt macht bekannt: Auf der Strecke Simonsdorf bis Ticgendorf ist der Verkehr gestern Abend mit Zug 776 wieder aufge« nommen. Clbing, 27. März. In der Stadt steht das Wasser höher als bei den großen Uebcrschwemmungen 1855 und 1876. Die Häuser in den Vorstädten stehen bis zum zweiten Stock unter Wasser. An der Dammbruchstelle bei Jonasdorf find drei große Gehöfte völlig weggerissen. In Mariendurg sind mehrere Häuser eingestürzt, Verlust an Menschenleben ist jedoch nicht zu be- klagen. gebaut und gewirkt wurde, und sowohl unter den Griechen als unter den Römern kleidete fich das weibliche Geschlecht darein. Männer, die fich in Baumwolle kleideten, galten als weichliche Menschen. Eine Beschreibung von Malereien auf Baumwoll- zeugen, die unseren Kattunen ähnlich waren, giebt Claudian im Eutrop I. Auch im„Corpus juris" wird die Baumwolle er- wähnt, wenigstens wird der Ausdruck laua lignea von derselben hergeleitet. Vom neunten Jahrhundett an bis zum vier- zehnten ist Baumwollenpapier viel in Gebrauch, besonders bei den Arabern, und seit dem zehnten Jahrhundert wurde auch in Deutschland hie und da Baumwolle gesponnen. Daß schon im sechszehnten Jahrhundett die Baumwolle einen Gegenstand des deutschen und französischen Handelsverkehrs mit Amerika ausgemacht hat, ergiebt fich aus Crusius' Schwä- bischer Chronik, wo es heißt:„Die teutsche und fran- Höfische Kauff Leute bereichern sich sehr von den Amerikanern, indem fie ihnen Messer, Aexte, Spiegel, Kämme und Schceren geben, und von ihnen Brastlien- holz, Baumwollen, Pfeffer, Papageien, Affen, Meerkatzen»c. empfangen."— In demselben Jahrhundert verbanden sich in Bologna die Maler mit den Baumwollarbeitern, die also damals schon eine eigene Genossenschaft gebildet haben. Auf dem Schwarzwalde wurde das Baumwollspinnen zu Anfang der 1730er Jahre durch Spinner, die der Kaufmann Hunziger aus Arau dabin schickte, cingefühtt. Die Engländer lernten erst 1765 die Baumwolle als einen Handelsgegenstand kennen und einige Jahre nachher erhielt Arckwright ein Patent, um fie mit- seist Maschinen zu verarbeiten. Welche Fortschritte die Baum- wollenpflanzungcn zu Anfang unseres Jahrhundetts in Italien machten, ergiebt sich aus einem Werke über Frankreichs Handels- gesetzgebung aus jener Zeit, wonach allein ein Fabrikant Richard in Paris, der alle Arten von Perkalen und Äazins verfertigte, von seinen noch jungen Pflanzungen im Neapolitanischen jährlich 25 Milliers oder 250 Zentner Baumwolle bezog. Heut- zutage ist bekanntlich Amerika das Land der„Baumwollen- könige". Marmor i« Kirbenbiirgen. In Siebenbürgen ist von einem dort befindlichen Arzte ein Marmorberg entdeck worden, der nach dem Gutachten der geologischen Reichsanstalt an Rein- heit und blendender Weiße, sowie an Feinheit des Komes nur mit dem Carraramarmor zu vergleichen ist. Theater. Mittwoch, den 28. März. ##«**%«##, Geschlossen. Geschlossen. König und Bauer. Seine junge Frau. Die Himmelsleiter. - WiU»el«aSdtisch»» Theater. Die Hochzeit des Reservisten. HArtaria-Theater. Die Reise um die Welt tn 80 Tagen. »ßemd-Theater. Unsere braven Jungen in der Kaiserstadt. HeZtHeat-Theatrr. Francillon. »Keakiaace-Theater. Drei Paar Schuhe.I «ttzaUa-Theater. Almenrausch und Edel- weiß. Theater. Spezialitäten-Vorsiellung. PariSt«. Spezialitäten- Vor« Spezialitäten« Oaakards«- Theater. Spezialitäten« Vor- stelluna. Theater»er Zteichahatle«. Vorstellung. Kliiizstiiiilijches Thkuler. xander-Straße 40— Kurze Straße 6. )aMiel des Frl. Jda Müller. Letzt« Marstellaag vor den Feiertage». Halde Kassenpreise. 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Während dieser Verhandlung wurde aus der Menge eine Dpnamitbombe dicht vor die zur Aufrechtbaltung der Ord- nung anwesende Polizeimannschaft geworfen. Es wurden stehen Polizisten und mehrere Privatpersonen getödtet und außerdem noch Viele verwundet. Am 20. August 1886 erklärte die Jury acht Individuen des Mordes und der Aufreizung für schuldig; sieben derselben wurden zum Tode durch den Strang und eines zu 15 Jahren Zuchthaus verurthcilt. Dieses Urtheil erregte unter den näher und ferner stehen- den Anhängern des Anarchismus in der ganzen Welt großes Aufsehen. Sie protestirten gegen die Vollziehung desselben in zahlreichen Schriftstücken, Pamphleten und Proklamationen und m verschiedenen Versammlungen. Zwei derselben fanden in der Schweiz statt, die eine in Bern, die andere in Zürich Die Versammlung in Bern wurde am 15. Oktober im Caf�„Rütli" abgehalten. Sie war von annähernd dreihundert Personen besucht, worunter einige russische Studentinnen fich befanden. Die maßgebenden Persönlichkeiten waren zum größten Theile Ausländer. Tagcsprästdcnt war der erst kürzlich nach Bern gekommene Buchbinder Christian Johann Michelsen aus Mecklenbura-Schwerin. Als Hauptteferent figurirte der erst seit letztem Frühjahr zu Bern in Arbeit stehende Schriftsetzer Franz Martin aus Luxemburg. Als Redner folgte ihm der auch nur seit Mai 1887 in Bern wohnende Schneider Karl Friedrich August Jdlcr aus Preußen und der Schwcizerbürger Schriftsetzer Kachelhofer. Jdler ist aus Berlin und Umgebung ausgewiesen worden und soll sich auch in Dresden durch revo- lutionäre Reden bemerkbar gemacht haben. Die Versammlung in Zürich wurde am 30. Oktober im „Schützenhaus" abgehalten. Das Referat hatte der schweizer Buchdrucker Conzett übernommen. Um den Charakter seiner Rede zu kennzeichnen, genügt es, folgendes daraus zu entheben: „Wenn diese sieben Männer wirklich gehängt werden sollen, so ist es Pflicht jedes Genossen, dieselben zu rächen. Es dürfte dann hier und da einer der Mörder(Gericht und Polizei) einen Laternenpfahl zieren." In ähnlicher Weise sprach ferner der bekannte Agitator Richard Fischer aus Bayern, während ein angeblicher Amerikaner über die in der öffentlichen Verwaltung der Vereinigten Staaten herrschende Korruption sich hören ließ. Eine Volksoersammlung, welche schon am 8. Oktober Abends, ebenfalls im„Schützcnhaus" in Zürich, veranstaltet worden war und in welcher der oben genannte Schriftsetzer R. Fischer über den Parteitag in Brüggen referitte, berühren wir hier nicht weiter. Wir erwähnen nur, daß bei diesem Anlaß auch ein zweiundzwanzigjähriger Italiener, Namens Gaetano Minunni au? Brindisi, Student der Chemie in Zürich, fich gedrängt fühlte, seine theoretischen Ansichten über Kommunismus und Anarchismus vorzuttagen. In mehreren Eingaben hat uns während des verflossenen Jahres der Schuhfabrikant Jordan in Wintetthur gewisse Aus- ländcr bezeichnet, deren agitatorische Thätigkeit geeignet erscheine, den Frieden in den Arbciterkreiscn Wintetthurs zu beeinträchtigen. Das eidg. Justiz- und Polizeidcpattcment glaubte, auch über diese Verhältnisse fich näher orientiren zu sollen. Allein die durch die kantonalen Behörden während zwei Monaten geführte Untersuchung hat in keiner Richtung erschöpfendes Material zu Tage gefördert. Ein weiteres Einschreiten unsererseits war auch nicht geboten, indem vorzugsweise Privatslreitigkeiten in Frage lagen, die bereits bei den zürcherischen Gerichten anhängig waren und dott ihren gesetzlichen Abschluß finden mußten. Fast ununterbrochen hat eine Anzahl in Zürich wohnender Ausländer in der Presse und dann vor den zürcherischen Ge- richten sich herumgestrittcn und durch die Beimischung politischer Fragen die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich gezogen. Aus den gegenseitigen injuriöscn Anschuldigungen find mebr und mehr die Charakterzüge der einzelnen und deren Ante- »edenttcn, sowie auch deren Thätigkeit in neuester Zeit hervor« getreten. Die Mittheilungcn, welche über mehrere dieser Frem- den unserem Polizeidepartement zugekommen sind, haben längst dessen Aufmerksamkeit auf einzelne derselben hingelentt. Doch erst gegegen Ende des Jahres waren festere Anhaltspunkte ge- funden, welche das Departement veranlassen konnten, durch die zürcherische Polizeidireftion eine nähere Untersuchung anzu- ordnen. , Es kann sich an dieser Stelle nicht darum handeln, über die von den zürcherischen Behörden geführte Untersuchung Angehendere Mittheilungen zu machen. Wir beschränken uns darauf, die Thätigkeit einzelner, auch in der Presse speziell ge- nannter Persönlichkeiten zu besprechen. . Zunächst tritt uns Alfred v. Ehrenberg, preußischer General- stabs-Hauptmann a. D., geboren 16. September 1846, entgegen. ?iach seinem Dienstaustritt publritte er eine polemische Schrift über den preußischen Militarismus, ein Vorgehen, das ihm eine dreimonatliche Festungshaft in Wesel zuzog. Nach Erstehung drrser Sttafe widmete er sich industriellen Unternehmungen, ver- hör aber hiedci sein Vermögen. Oekonomisch ruinirt und mit den bestehenden Verbältniffen unzufrieden, warf er sich dem Sozialismus in die Arme. Um in Deutschland einer Unter- Buchung wegen politischer Umtriebe zu entgehen, fluchtete er sich Anfangs 1383 nach Zürich. �,.... Sofort knüpfte er mit den Führern der so, laldcmorrat, sehen jkrtei in Zürich Beziehungen an, als ehrgeiziger Charafter offenbar von der Absicht geleitet, in dieser Partei eine hervor- Zagende Rolle zu spielen. Er gerieth jedoch bald mit seinen Genossen in Konflikt. Ohne Zögern schloß.er sich den rcvolu- uonären Elementen an, welche zu jener Zeit von der sozial- akratischen Partei sich loslösten und als„internationale Arbeiterassoziation"— die spätere Anarchrstengruppe Zürich- jjne besondere Vereinigung bildeten unter der Leitung von Kaufmann und Stellmacher. Die Prinzipien dieser Gruppe find genügend bekannt geworden. Es ist zwar aller- bmgg nicht erwiesen, daß Hauptmann v. Ehrenberg die Thaten M?« Ä. XÄfX" ÄT srst ÄÄÄ leiten in dieser Gruppe ausgeübt hat. Mit einem anderen her> vorragend, n Mitgliede der genannten anarchistischen Vereinigung, Jgnaz Meister, von Aschbach(Bayern), stand er in sehr in« limem Verkehr. Was speziell die anarchistische Thätigkeit des Hauptmanns v. Ehrenbrrg betrifft, so ist er höchst wahrscheinlich Verfasser der seinerzeit in Most's„Freiheit" unter dem Pseudonym „Tantalus erschienenen Artikel! ebenso sollen die während des Schlosserstrciks in Zünch verbreiteten aufregenden Flugblätter aus seiner Feder stammen. Erwiesen ist dagegen, daß die kurz vor diesem Streik in der„Arbeiterstimmc" veröffentlichten, mit„Vereingetorix" unterzeichneten Artikel über die„Selbst- ständige Verwendung des Landsturmes zum Straßenkampfe in den von Feinden besetzten Städten" Ehrenberg's Machwerk find. Endlich kennzeichnet er sich als Anarchist in dem Entwurf zu einem Aufruf:„Die gefährlichsten Feinde der so zialistischen Bewegung in Deutschland." als welche er d i e so zialdemokratischen Abgeordneten hinstellt. Ehrenberg hatte mit den theoretischen Sozialisten vollstän dig gebrochen. Sein Haupttrachten ging dahin, mit Gewalt eine soziale Revolution vorzubereiten. In dieser Richtung ver- folgte er großartige Pläne. Er dachte an die Ver- wirklichung einer„Weltrepublik" und �wählte fich als geeignetes Versuchsfeld das Deutsche Reich aus. Sein nächstes Thun und Treiben war, wie die Untersuchung auch festgestellt hat, darauf gerichtet, für den Fall des Ausdruckes eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich in seiner Hcimath hinter dem Rücken der Armee eineJnsurrektionzu organisirenund die hiefür nöthigen Vorbereitungen zu treffen. Er schrieb zu diesem Zwecke neben dem schon oben erwähnten Aufruf noch ein ähnliches Flug hlatt:„Aufruf an alle muthigen Männer, welche etn besseres Loos der ausgebeuteten klaffen herbeiführen wollen", untcrzciebnet:„Das Jnsurreftionskomitee". Daneben hegte er den Plan, über ganz Deutschland ein Netz von Ver schworenen auszubreiten. Um die zur Realifirung dieses Planes erforderlichen Rekognitionen richtig vornehmen zu lassen, verfaßte er eine„Instruktion", zufolge welcher die Stärke der einzelnen Garnisonen in den deutschen Städten ermittelt und zweckdien- liche Notizen über Zeughäuser, Munitions- und Vorrathsdepots, Strafanstalten und öffentliche Kassen gesammelt, sowie auch die Gesinnungen der verschiedenen Vereine ausgekundschaftet werden sollten u. s. w. Diese Jnsttuttion ist aber nicht blos auf das Papier, sondern in Wirklichkeit auch zur praftischen Verwerthung gekommen. Ehrenberg hat nämlich in der Person des Emil Schapen aus Rheinbayem, damals Student der Medizin in Bern, einen Emissär nach Deutschland geschickt, welcher genau nach der Jnstrultion Erhebungen veran- staltet und hernach über seine Mission Bericht erstattet hat. Endlich heben wir noch als höchst bemerkenswerthe Thatsache hervor, daß unter den Papieren Ehrenbergs ein von seiner Hand entworfener Plan der Zitadelle von Wesel sich vorgefunden hat, sowie ein ebenfalls von ihm herrührendes Manuskript, betitelt: „Ueber die Möglichkeit der Ausführung eines Ueberfalles der Zitadelle in Wesel". Es ist in dieser Schrift ein Ueberfall durch französische Truppen vorgesehen. Zum Schlüsse erwähnen wir noch, daß die Frage, ob von Ebrenbcrg in letzter Zeit im Dienste einer ausländischen Polizei- behörde gestanden, auf Grund der Untersuchung nicht mit absoluter Sicherheit bejaht werden kann. Ehrenberg ist am 31. Ottober 1887 in Haft gesetzt worden. Gegen Ende der Untersuchung bat er bekanntlich einen ibm gewährten kurzen Aufenthalt in seiner Privatwohnung miß braucht, um sich zu flüchten. Für einstweilen ist eine weitere ge richtliche Verfolgung dieser Persönlichkeit überflüssig geworden, da sie nicht mehr in der Schweiz sich befindet. Näch während die Untersuchung gegen Ehrenberg im Gange war, wurden in Zürich zwei andere Individuen in Folge Denunziation ihrer eigenen Genossen zur Haft gebracht, welche, durch ihr Verhalten als Anarchisten überwiesen, nun als wirk- liche Spione entlarvt wurden. Der eine dieser Beiden, Karl Schröder, Mödekpolier, ge- bürtig aus Teutschland, naturaliflrter Schweizer und Bürger der Gemeinde Neftenbach, Kts. Zürich, wohnhaft in Zürich, wurde am 18. Dezember 1887 verhaftet. Die Haussuchung bei ihm förderte 5 1) eine Anzahl Kouvcrts von Briefen aus Berlin, dem Aussehen nach von einer Behörde kommend. Mehrere dieser Kouverts sind halb zernichtet, indem Schröder, als die Polizei zu ihm kam, damit beschäftigt war, die ihn kompiomiltirenden Papiere zu verbrennen. Die Agenten konnten gleichwohl noch einige Kouverts und einen unversehrten Brief dem Feuer entreißen; 2) ein Kistchen mit Dynamit, welches ursprünglich 8Kil. enthalten haben muß, aber nur noch 6 Kil. und 300 Gr. enthielt. In der Untersuchung gestand Schröder rundweg, daß er seit 1884 Agent der deutschen Polizei sei: anfänglich habe er einen monatlichen Gebalt von 200 M. gehabt, seit Ii Jahren beziehe er 250 Mark per Monat. Der Dynamit sei ohne sein Wissen von den als Anarchisten bekannten Etter und Wübbeler bei ihm untergebracht worden. Einzelne Anhaltspunkte sprechen dafür, daß der Dynamit früher in St. Gallen war und daß der Inhalt des Kistchcns Schröder nicht unbekannt sein konnte. Schon seit längerer Zeit gehörte Schröder der anarchistischen Richtung an. Es hielt nicht schwer, festzustellen, daß er fich mit Kaufmann, Stellmacher, Neve und Genossen von den „Hottinger Sozialisten" getrennt und der Richtung der„Frei- hcit" von Most angeschlossen hatte. Im Jahre 1882 vereinbarte er namens eines siebenglicdrigen Komitees, womntcr Kaufmann und Stellmacher, mit dem Buchdrucker Bührcr die Herausgabe der„Freiheit", welche damals während kurzer Zell in Zürich er- schien. In einer Versammlung der Sozialisten machte er dem Hauptrcdatteur des„Sozialdcinokrat", Bernstein den tadelnden Vorwurf:„Er sei nicht radikal genug", und als seine Freunde Kaufmann, Neve und Hauser ausgewiesen wurden, fand er es angemessen, in den Dienst der deutschen Polizei einzutreten. Er tlaubt, daß er der deutschen Polizei durch den bekannten lnarchisten Kaufmann, der, wie es scheint, auch ein Spion war, cmpfol.len worden sei. Seither ist Schröder bei allen Streiks und politischen Ver- sammlungcn aufgetreten und hat zu revolutionärer Thätigkeit angespornt. Es sind in dieser Zeit bekanntlich in St. Gallen, Lausanne und Bern Arbeitseinstellungen vorgekommen. Nach Aussagen der in der Untersuchung vemommenen Arbeiter hätte Schröder bei allen diesen Vorgängen die Rolle des Anstifters gespielt. Wenn wir auch nicht außer Acht lassen wollen, daß der Haß gegen den Spion leicht Uebcrtrcibungen hervonuft, so bleibt immerhin so viel festgestellt, daß Schröder eine hervorragende Rolle als Aufwiegler ge- spielt hat, während er gleichzeitig der Berichterstatter der deut schcn Polizei war.(Fortsetzung folgt.) Lokales. De» diesjalzrig» ApHl-Ummg. der heute bereits seine Schatten in das Straßenleben Berlins wirft, ollziebt fich urner den denkbar schwierigsten Witterungsverhältnissen. Die Möbel- wagen, die sonst hart om Trottorr halten, ttennt jetzt davon eine dicke Schncemauer; die Möbel machen, bevor sie aufae- laden werden, die Bekanntschait mit dem in der Auflösung de- griffenen schmutzigen Schnee oder erhalten einen letzten Scheide- grüß von den Dächern ibrcs bisherigen Heims nachgesandt— Abschiedsthränen, welche die alte Behausung ihnen nachweint. Glücklich derjenige, der nicht zu ziehen braucht, doppelt glück- lich, wer unter den obwaltenden Witterungsumständen davon verschont ist. Inr Warnung erläßt der Polizeipräsident folgende Be-. kanntmachung: Wie die Erfahrung auch in neuester Zeit wieder mehrfach erwiesen hat, beherzigt das Publikum die Thatsache immer noch nicht genügend, drß selbst dann, wenn eine gut or- ganifirte und zuverlässige Fleischschau am Wohnort für alle ge» schlachteten Schweine besteht, doch theils aus Orten, in welchen die Fleischschau zwar eingefühlt, aber nicht für alle geschlachteten Schweine vorgeschrieben ist, theils aus Orten ohne jede Fleisch- schau, theils endlich mit Umgehung der bestehenden Be» stimmungen, gar nicht oder mangelhaft untersuchtes Schweine- fleisch in den Verkehr gelangen und große Gefahren für Leben und Gesundheit der Konsumenten herbeiführen kann. Es wird daher vor dem Genuß jeglichen rohen Schweinefleisches emstlich gewamt und femer darauf hingewiesen, daß lediglich ein voll- kommcnes Garkochen(Durchbraten) der Fleischstücke wie sämmt- licher Zubereitnngen aus Schweinefleisch(Fleisch-, Blut-, Leber» würste, Klöße, Sülze u. s. w.) im Stande ist, die etwa vorhandenen Trichinen zu tödten und dadurch jede Gefahr einer Gesundheitsschädigung auszuschließen. Um das Gar- kochen, Durchbraten größerer, dickerer Stücke(Schinken, Genick- braten rc.) zu ermöglichen, ist es nothwendig, tiefe, etwa acht Zentimeter von einander entfernte Einschnitte in die betreffenden Stücke zu machen, damit auf diesem Wege die Siedhitze auch auf die tiefst gelegenen Fleischschichten hinreichend einzu- wirken vermag. Ardeiterl»»»! Wir lesen in der„Staatsbürger-Zeitung": „Fünfzig Jahre mühevollen Schaffens als Bürstenmacher legt rn den ersten Tagen des künftigen Monats der Bürstenmacher- geselle Neumann in der Fabrik der Hoflieferanten Engeler und Sohn, Behrcnstraße 36, zurück. Derselbe ist ein Greis von 72 Jahren; unverdrossen steht er seit 40 Jahren, emsig schaffend in der genannten Fabrik am Werktische. Dem braven Alten ist es ttotz alledem nicht vergönnt, ohne Sorgen den letzten Tagen seines Lebens entgegen zu sehen. In jüngeren Jahren ver- brauchte seine Familie den Verdienst, jetzt vermag der greise Geselle im günstigsten Falle nur 9 M. zu erwerben, da derselbe nicht„auf Lohn", sondern„auf Stück" beschäftigt ist. Leider find auch die Kinder des Arbeitcr-Vetcrans nicht in der Lage, ihrem Vater einen sorgenlosm Lebensabend zu bereiten."— Von einem Blatte wie die„Staatsbrgr.-Ztg." läßt sich ein besseres Verständniß für die Arbeitersache nicht erwarten; das Blatt hat wenigstens k in Wort der Mißbilligung für eine derartige AuS- bcutung eines Greises. Aber sollte die 50jährige Thätigkeit des ergrauten Gesellen die Herren.Hoflieferanten, die wahrscheinlich ein gutes Stück„Entbehrungslohn" während des Halden Jahr- Hunderts in die Tasche gesteckt haben, nicht veranlassen, wenig- stens von einer öffentlichen Bettelei, auf die der obige Artitel doch abzielt, Abstand zu nehmen? Für den abgearbeiteten Grus sollten sie doch ein paar Thalcr übrig haben. Mao kostete vor 60 Jahren die Besorgung eine« Knchev ans der königliche Kibliothrk?u Kerltn bis nach Thüringen? Jahn gicbt uns in einem Brief darauf Ant» wort. 1) Brief mit Nachfrage nach irgend einem Buch(nach Berlin) 0,50 Ä.: 2) Antwort mit Ja oder Nein 0,50 M.: 3) Gesuch beim Ministerium mit Stempel 1 M.; 41 Antwort vom Ministerium, wenn kein Stempel von 1 M. beliebt wurde, 0,50 M.; 5) Schreiben an irgend einen Geschäftsträger, sich das Buch geben zu lassen und es abzusenden 0,50 M.; 6) das Buch nach Freiberg von Berlin 1 M.; 7) Zarucksendung i sn>.>—--- t........ , ,,, v. S« J ,7Ö.•» i ouiuuicnuuna nach Berlin 1 M.; damit msgesammt mindestens 5 M.!„Also" dieser Berechnung hinzu,„sind die Bibliotheken nur «fMffte) v w» a k„CT,»*(U 1 �__ R.r fugt Jahn„...q.., v«. für reiche Leute, arme thun besser, Bücher zu kaufen. Gewährt die Ktaatseifenbah»- Uerwaltung Entschädigungen i Angesichts der bedeutenden Betriebsstörungen, welche gegenwärtig auf den Strecken deutscher Eisenbahnen ein- getreten sind, dürfte es im Interesse des Publikums am Platze sein, auf einige wichtige Bestimmungen betreffs eventueller Ent- schädigungcn der verspätet angekommenen Reisenden hinzu- weisen. Nach dem Betriebs- Reglement für die Eisenbahnen Deutschlands begründen verspätete Abfahrt oder Ankunft keinen Anspruch gegen die Eisendahnverwaltung. Eine ausgefallene oder unterbrochene Fahrt berechtigt nur zur Rückforderung des für die nicht durchfahren? Strecke gezahlten Fahrgeldes. Wird infolge einer nicht durch höhere Gewalt herbeigeführten Ver- spätung der Ankunft eines Zuges der Anschluß an einen an- deren versäumt, so ist den mit durchgehenden Billets ver- sehenen Reisenden nach erbrachtem Nachroeise, daß sie mit dem nächsten zurückführenden Zuge bis zur Abgangsstatioll zurückgekehrt sind, der bezahlle Preis für die Hinreise sowie der Preis der Rückreise zurück zu erstatten. Der Reisende ist verpflichtet, seinen Anspruch unter Vorlegung seines Fabrdillets sogleich nach Ankunft des verspäteten Zuges dem Stationsvorsteher anzumelden. Letzterer hat hierüber, der Stationsvotsteber der Abgangsstation über die Zeit der Rück- kunft eine Bescheinigung zu erthcilen. Wenn Elementar« ereignisse oder andere Hindernisse die Fahrt aus einer Strecke unzulässig machen, so muß für die Weiterbeförderung bis zur fahrbaren Strecke mittelst anderer Fahrgelegenheiten nach Thun- lichkeit so lange gesorgt werden, bis für jeden einzelnen Fall eine besondere Anordnung getroffen sein wird. Die Reisenden können jedoch nicht verlangen, daß die Weiterbeförderung mittelst anderer Fahrgelegenheiten um die für die Fahrt auf der Eisen- bahn erlegten Gebühren von letzterer besorgt werde. Nach diesen Bestimmungen können also diejenigen Reisenden, welche bei Unterbrechung der eingetretenen Fahrt durck Schneefall oder sonstige Naturereignisse die beabsichtigte Reise nicht fortsetzen wollen, nur die Rückgabe des gezahltcnn Fahrgeldes für die eventuell noch zu durchfahren gewesene Strecke, nicht aber auch Anspruch auf Ersatz der durch die Betriebsstörungen etwa ent- standenen Geldverluste erheben. Ein Uothschrri au» dem Norde«. Eine eigenartige Uebenaschung wurde gestern den Bewohnern der Nebenstraßen des Nordens zu Theil. Nachdem man fich nun schon wochenlang durch den Schnee hindurchgearbeitet hatte und vor den Häusern durch die fußhohen Schneebcrge Ucbergänge gemacht waren, da man schon an der Wegschaffunq des Schnees verzweifelt hatte, wurden gestern Morgen zum Erstaunen Aller die Schneemassen wieder auseinander gestreut und auf den Fahrdamm geschüttet, so daß nun Jeder, der den Fahrdamm überschreiten wollte, durch den fußhohen Schnee waten mußte. Daß dieses Verfahren unt.r den Bewohnern großes Mißfallen erregt, ist wohl ganz gerecht' fertigt; zahlen sie doch dieselben Steuern, wie die Bewohner de- vorzugtcr Gegenden. Die armen Pferde. Der Schaden, welchen der anhal- tende Schneefall während der letzten Zeit und die hiervon her- rührende schlechte Beschaffenheit der Fahrstraßen dem Pferde- bestand der Verkebrsinstitute sowie aller anderen Pferdebesttzer zugefügt hat, beläuft sich auf eine ganz enorme Summe. Mancher kleine Fuhrunternehmer ist beinahe ruinirt. Die Krankerställe der Pferdebahn- und Omnibus-Gesellschaften find mit maroden und hu'- oder bcinkranken Pferden überfüllt; der Andrang zur Thierarzneischule ist nicht zu bewältigen,«selbst die kaiserliche Post hat eine starke Beschädigung ihres Materials zu verzeichnen, obgleich dieselbe zahlreiche Privatgespanne zur Aushilfe angenommen hatte. Unsere Droschkenkutscher find am schwersten heimgesucht worden, wenn schon theilweise der Be- trieb eingestellt worden war. Dasselbe gilt vom Arbeitsfuhrwerk. Mehrere Hundert Pferde haben den Roßschlächtern zugefühtt «erden müssen. Die„Kerl. Ztg." schreibt t„Verhaftungen wegen Ver- breitung anarchistischer Druckschriften. Es ist der hiesigen Polizei gelungen, mehrere Verbreiter der auf Grund des Sozialistengesetzes verbotenen Wochenschrift„Die Autonomie" abzufassen. Das Blatt, welches in Berlin neuerdings ziemlich eifrig ver- breitet wird, erscheint in London und bekämpft die herrschende Gesellschaft, fast nicht minder heftig aber auch den Sozialismus. Schon der Titel bringt den anarchistischen Standpuntt zum Ausdruck. Die Abgefaßten find zur Haft gebracht worden; bekannt ist unter ihnen wohl nur der Agitator Stark."— Wir müssen demgenannten Blatt die Verantwortung für die Rich- kigkeit der Meldung überlassen. Die beide« Nilpferde de« Zoologische« Garten«, welche in dem alten Elephantenhause mit einander groß ge- morden, die aber, um allen Zwistigkciten vorzubeugen, durch ein eisernes Gitter von einander getrennt gehalten wurden, haben sich zum Bunde für das Leben vereinigt, unmittelbar nachdem sie, nach cgyptischen Begriffen, das Alter der Großjährigkeit erreicht. Schon seit geraumer Zeit hatte die Gartendirektion bei dem Hippopolamus-Jüngling Anzeichen bemerkt, welche auf eine mehr denn freundschaftliche Zuneigung zu seiner Lands- männin deuteten; und da ihr eine eheliche Vereinigung dieser m.rthvollen Repräsentanten einer aussterbenden Rasse nebenbei auch vom geschäftlichen Standpunkte oppottun erschien, so be- schloß man, dem jungen Paar vor allen Dingen eine„ange- nehme Häuslichkeit" vorzubereiten. Man begann mit dem Bau eines Nilpferdhauscs. In der Zwischenzeit veränderte sich auch das Wesen der jugendlichen Nilschönen. Zeichen tiefer Melancholie machten sich auf ihrem Antlitz bemerkbar; nur noch mie geistesabwesend verschlang sie die ihr servitten Heubündel; eine heftige Liebe griff mehr und mehr Play bei den Beiden, die sich so nah und durch das hemmende Gitter doch so fern; der Nilpferdjüngling gcricth ab und zu in eine gelinde Raserei, die dann mit elementarer Gewalt an den Gitterstäben sich entlud. Kaum war der neue Bau fertig, so begann man mit der Ucbcrführung der Liebenden. Zwar tobte der entführte Jüngling, als er fick allein sah,— bekanntlich wurde das Weibchen einige Tage später in das neue Heim ge- schafft; die Maid wollte sich in ihrer Pietät nicht trennen von der Stätte, die ihre erste Liebe keimen gesehen,— aber schnell glätteten sich die Wogen ihres Zornes, und als der Wärter, die Stelle des Standesbeamten vertretend, das trennende Gitter entfernte, da stürzten sich die Liebenden in das hochaufbrausende Wafferbasfin, da zeigten sich urwüchsige Liebkosungen. Mtt ihren Hauern bearbeiteten sich die Zärtlichen, daß oftmals das Blut floß. Anfänglich fürchteten die Wäiter, die jungen Gatten wür- den sich vor Liebe auffressen,— aber bald legte sich die erste Erregung; auch ein Nilpferd verliert die erste Hitze, und bald herrschte ein sanft» rer Ton im Verlehr des jungen Paares. Der Gemahl begann sich seiner Wichtigkeit inne zu werden, und auch das Weibchen fühlte sich bald ruhiger in dem Bewußtsein, daß niemand ihr den geliebten Gatten abwendig zu machen im Stande sei. Die beiden jungen Gatten leben nun in benei- denswerther Einttacht und wenn auch ab und zu etwas derbe Zärtlichkeitsergüsse an die Flitterwochen erinnern, so darf man schon jetzt behaupten, daß diese Ehe eine mustergiltige bleiben wird. Das junge Paar bietet in seinem traulichen Heim eine interessante Studie für jeden Besuch. D»r poetische Maler» dessen wir vor einigen Tagen Er- wähnung thaten, hat sich durch unsere Notiz veranlaßt gesehen, wieder seinen Pegasus zu besteigen und uns zu schreiben:„Mein Herr, was beute Sie von mir— In Ihrer Zeitung aufgesetzt— Hat mich, ich sag es ohne Zier— Etwas genirt, tbeils auch er- göyt— Besonders ist mir fremd geblieben— Weshalb Sie grad' die Numro sieben— Als Dichterwohnung suchten aus— Da deutlich steht die fünf am Haus— Mein Schild trägt, daß man's nicht vergesse— Zudem die richtige Adresse— Entfernen Sie, ich bitte sehr— Die böse sieben vom Poeten— Sonst glaube ich an Glück nicht mehr— Wie's mir und allen ist von Nöthen. Hochachtungsvoll Rauter, Maler, Zimmer- straße 5, IL Die Zahl der beim pferdebahufahre« Derunglück- te« ist erheblich größer, als man im allgemeinen annimmt. So find allein bei der Großen Berliner Pferdebahn im letzten Jahre 892 Personen von Unfällen dettoffen worden, darunter waren 43 schwere und 5 tödtliche Verletzungen. Selbst verschuldet hrben 786 Personen ihren Unfall. Am häusigsten(558) verunglückten die Passagiere durch das Absteigen während der Fahrt, doch auch beim Aufsteigen sind 152 Unfälle vorgekommen. Diese Zahlen sind für das Publikum eine dringende Mahnung, größere Vorsicht beim Auf- und Absteigen zu üben. Die Unschuld von» Lande. Am 25. d. Ms. kam eine Frauensperson in ein Modewaarengeschäft in der Königgräyer- straße, ließ sich verschiedene Maaren vorlegen und kaufte mehrere Gegenstände im Werthe von 78 Mark. Als es zum Bezahlen kam, legte sie einen Schein vor, den der als Verkäufer thätige Kommis sofort als eine„Blüthe" erkannte, welche auf der Rück> feite eine Geschästsreklame für einen hiesigen Restaurateur ent- hielt. Von dem Kommis darauf aufmerksam gemacht, erklärte das Frauenzimmer ohne die mindeste Verlegenhett, sie habe den Schein soeben auf der Sparkasse erhalten; übrigens habe das nichts zu bedeuten, da ihre Tante, eine in der Friedrichstraße wohnende Frau Thieme, die gekauften Waaren mit dem größten Vergnügen bezahlen werde. Der Geschäftsinhaber schickte nun seinen Kommis mit der Käufenn mit, um das Geld von Frau Thieme zu holen, behielt jedoch die Waaren vorsichtshalber bei fich zurück. Sein Mißtrauen erwies sich auch als vollberechtigt, denn eine Frau Thieme war nirgends auffindbar. Dem Kommis war es nun zweifellos, daß er es mit einer Schwindlerin zu thun habe. Während er jedoch nach einem Schutzmann Umschau hielt, gelang es dem Frauenzimmer, zu entkommen. Die Be- trügcrin wird von dem Kommis als eine untersetzte, etwa 20 Jahre alte Person mit vollen rothen Wangen geschildert, die den Eindruck einer Landbewohnerin macht. In der That hatte fie angegeben, sie heiße Auguste Schulz und sei eben erst aus Buckow nach Berlin gekomme». Da sie die„Blüthe" mitge- nommen, läßt sich annehmen, daß fi» versuchen wird, das Manöver an einer anderen Stelle zu wiederholen. Gin Unaliichsfall ereignete sich am Sonnabend auf dem Bahnhof der Militär-Eisenbahn. Der dottige Maschinenschuppen hat so schmale Ein- und Ausfahrtsthore, daß daS Maschinen- personal beim Passtrcn desselben die größte Vorficht anwenden muß, um nicht neben der Maschine zwischen diese und den Thor- pfeiler zu gerathen. Ein zum Lokomotivdienst als Heizer kom- mandirter Pionier des Eisenbahnregiments hatte die in dem Schuppen stehende Lokomotive zu bedienen und dieselbe ge- schmiert, als der Führer das Abfahrtssignal gab. Der Heizer, in der Meinung, er könne noch etwas an der Maschine nach- sehen und habe noch Zeit, hinaufzuspringen, gerieth, auf dem Tritt der Maschine stehend, zwischen den Thorpfeiler und die Bkaschine und wurde in gräßlicher Weise zerquetscht. Er t-ug einen Bruch beider Arme und mehrerer Rippen davon. Bei alledem behielt der� Unglückliche noch die Geistesgegenwart, daß er außerhalb des Schuppens in einen Schneehaufen sprang, wo er besinnungslos liegen blieb. Er wurde sofort in das Garnison- lazareth nach Tempelhof geschafft, wo sehr schwere Verletzungen konstatitt wurden. Kenteg»«g der Kevöilrerung Kerlin« nach den Ver- öffentlichungen des statistischen Amts der Stadt. Die fottge- schriebene Bevölkerungszahl betrug am 10. März einschließlich der nachttäglichen An- und Abmeldungen 1 421 197, hat sich demnach gegen die Woche vorher um 475 Seelen ver- mehrt. In der Woche vom 4. bis 10. März wurden poli- zeilich gemeldet 2892 zugezogene, 2593 fortgczoaene Personen; standesamtlich wurden 226 Ehen geschlossen. Geboren wurden 965 Kinder, und zwar lebend; 488 männliche, 449 weibliche, zusammen 937(darunter 107 außereheliche), todt 13 männliche, 15 weibliche, zusammen 28(darunter 5 außereheliche) Kinder. Die Lebendgeborcncn, aufs Jahr be-« rechnet, bilden 34,8, die Todtgeborcnen 1,0 pro Mille der Be« völkening, die außerehelich Geborenen 11,61 pCt. aller in der Woche Geborenen, davon die bei den Lebendgeborenen 11,42, die bei den Todtgeborcnen 17,86 pCt. In der Chantee und Entbindungsanstatt wurden— Kinder geboren. Gestorben (ohne Todlgeborene) find 524, nämlich 261 männliche, 263 weibliche Personen. Von diesen waren unter 1 Jahr alt 170 (inkl. 37 außereheliche), 1 bis 5 Jahre 73(inkl. 11 außereheliche), 5 bis 10 Jahre 20, 10 bis 15 Jahre 7, 15 bis 20 Jahre 5, 20 bis 30 Jahre 27, 30 bis 40 Jahre 36, 40 bis 60 Jahre 87, 60 bis 80 Jahre 74, über 80 Jahre 20. Die Sterbefälle beim Alter von 0 bis 5 Jahren machen 47,33 ptC. sämmt- licher in der Woche Gestorbenen aus. Von den im Alter unter 1 Jahr gestorbenen Kindern starben 40 im ersten, 18 im zweiten, 11 im dritten, 21 im vierten, 15 im fünften, 14 im sechsten, 51 im siebenten bis zwölften Lebensmonate; von den- selben waren ernährt 29 mit Muttermilch, 1 mit Ammenmilch, 102 mit Thiermilch, 2 mit Milchsurrogaten, 6 mit gemischter Nahrung, von 30 war es unbekannt. Todesursache war bei den in dieser Woche Gestorbenen namentlich; Lungenschwind- sucht(79), Lungenentzündung(49), Bronchialkatarrh(17), Kehlkopfentzündung(13), Krämpfe(39), Gehirnschlag(20), Gehirn- und Gehirnhautentzündung(19), Krebs(19), Altersschwäche(17), Lebensschwäche(31), Abzehrung(13), Masern(1), Scharlach(5), Diphtherie(29), Typhus(3), Diarrhöe(9), Brechdurchfall(4), an anderen Krankheiten starben 152 und durch Selbstmord 5, davon durch Erhängen 2, durch Ertrinken 2, durch Erstechen 1. Woche, auf das Jahr berechnet, kommen durchschnitt- lich auf 1000 Bewohner in Berlin 19,5, in Breslau 24,6, in Bremen 15,8, in Frankfurt a. M. 26,4, in Köln 27,2, in Dresden 25,1, in München 32,1, in Stuttgart 19,0, in Wien 26,9, in Paris 21,7, in London 23,0, in Liverpool 27,1. In der Woche wurden dem Polizeipräsidium gemeldet als erkrankt an Typhus 8, an Masern 54, an Scharlach 34, an Diphtherie 76, an Scharlach-Diphterre 3, an Pocken 0, an Kinddettfieber 8. In den 9 größeren Krankenhäusern wurden in der Berichtswoche 883 Kranke ausgenommen, davon litten an Masern 1, an Scharlach 6, an Diphtherie 25, an Typhus 3, an Rose 5. Es starben 112 Personen oder 21,4 pCt. aller in der Woche Ge- storbenen; als Bestand verblieben in den Krankenhäusern 4133 Kranke. Polizei iiericht. Am 26. d. M. wurde Vormittags auf der Kreuzung der Invaliden- und Chausseestraße ein Schlächter durch eine übermäßig schnell fahrende Droschke,— Nachmittags auf der Kreuzung der Leipziger- und Friednchslraße ein Lehrer durch einen Kutschwagen überfahren— und in der Friedrichs- sttaße eine Frau infolge eigener Unvorsichtigkeit durch einen Rollwagen erfaßt und niedergestoßen, sämmtlich jedoch an- scheinend nur unbedeutend verletzt.— An demselben Tage Vormittags fiel in ver Zentral-Marlthalle ein Schlächtergcselle in- folge Ausgleitens und verletzte sich dabei durch ein Schlächter- messer, welches er in der Hand hatte, nicht unbedeutend am rechten Oberschenkel. Er wurde nach Anlegung eines Nothver- handes nach dem Krankenhause gebracht.— Nachmittags wurde in der Prenzlauerstraße ein obdachloser Steinmetz schwer be- trunken und aus einer Wunde an der Stirn blutend aufgesun- den und nach dem Krankenhause im Fnedrichshain gebracht— und Abends an der Ecke der Göben- und Steinmetzstraße ein etwa 35 Jahre alter Mann, anscheinend'Arbeiter, bewußtlos auf der Erde liegend vorgefunden und nach der Charitee ge- bracht.— In der Nacht zum 27. d. M. entstand in der Dampf- mühle für Farbehölzer von Lcers, Köpnickerstr. 3—5, wahrscheinlich durch Heißlausen einer Welle, Feuer, welches nicht un- bedeutenden Schaden anrichtete und die Thätigkeit der Feuer- wehr längere Zeit in Anspruch nahm. Gerichts-Zeiwng. Sozlalisteuprozess. Ein kleiner Sozialistenprozeß, dessen Verlauf nicht verfehlen dürfte, ein gewisses Aufsehen zu erregen, beschäftigte gestern die 88. Abtheilung des Schöffengerichts am Amtsgericht Berlin I. Die Verhandlung gewinnt auch noch da- durch an Interesse, daß der bekannte Kriminalschutzmann Naporra als Zeuge erschien. Im Monat November v. I. wurde bekannt- lich die deutsche Rcrchshauptstadt, ganz besonders der Osten Berlins, von einem in der Genoffenschatts-Luchdruckerei, Hottingen- Zünch, gedruckten Flugblatt überschwemmt. Das Flugblatt wandte sich an die Handwerker, Arbeiter und Parteigenossen und schloß mit den Motten;„Hoch lebe die revolutionäre Sozialdemokratie". Dies Flugblatt bildete gewissermaßen eine Antwort auf ein kurz vorher von der chttstlich-sozialen Partei verbreitetes Flugblatt, in dem ganz besonders der Abgeordnete Singer ange- griffen wurde. Das sozialdemokratische Flugblatt wandte sich hauptsächlich gegen die christlich-soziale Partei und den Hofprediger Stöckcr. Am Abende des 10. November v. I. gelang es dem Kriminalschutzmann Naporra, den Schuhmachergesellen Franke in einem Hause der Oppelnerstraße mit einer großen Zahl dieser Flugblätter abzufassen. Franke gestand sogleich, daß er diese Flugblätter von Haus zu Haus vetthellt habe und zwar dergestalt, daß er dieselben theils auf den Treppenflur gelegt, tbeils, nachdem er an den Wohnungen geklingelt, den Ocffnendcn je ein Exemplar überreicht habe Franke ge- stand ferner, daß er diese Flugblätter in der Wohnung des Arbeiters Dietz empfangen und daß Dietz und der Böttcher Schneider die Flugblätter vettheilt haben. Die Be- Hörde vcranlaßle die sofottige S'stinmg des Dietz und durch dessen Geständniß, sowie durch weitere'Nachforschungen wurde festgestellt, daß höchstwahrscheinlich der Arbeiter Knobel die Flug- blätter in die Wohnung des Dietz gebracht und daß sich an der Flugblattverbreitung außer Frank noch die Ardeiter Hermuth, Rauhut und Schwarz betheiligt haben. Das Flugblatt war am 10. November der Behörde noch unbekannt, es war infolge dessen zur Zeit noch nicht auf Grund des Sozialistengesetzes verboten, das Verbot erfolgte vielmehr erst am 11. November. Anlaßlich dessen konnte nur eine Anklage wegen Verletzung des Ministerial- Erlasses vom 27. September 1887 erfolgen. Dieser Erlaß de- stimmt bekanntlich, daß Flugblätter u. s. w. im Weichbilde Berlins nur mit Genehmigung des Polizeipräsidiums auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen verbreitet werden dürfen. Die t-nannten 7 Personen hatten fich deshalb bereits vor einigen Lochen vor demselben Gettchtshofe zu verantwotten. Der Termin wurde jedoch damals vertagt, da der Gerichtshof die Verlesung des betreffenden Ministettalerlasses für nothwendig erachtete, derselbe aber augenblicklich nicht zu beschaffen war. Zu dem gestttgen vermin war, außer dem Kttminalschutzman'Naporra, noch der Kttminalkommissar Gras v. Stillfttcd als Zeuge ge- laden. Letzterer dezeichnete die Angeklagten Dietz und Knobel als hervorragende sozialdemokratische Agitatoren. Knobel sei sogar Führer einer Gruppe. Er(Zeuge) habe, als die Sache zu seiner Kenntniß gelangte, sofott die Ueberzeugung gehabt, daß er es mit der„Gruppe Knobel" zu thun habe. Die anderen Angeklagten seien nur Handlanger von Dietz und Knobel.— Knobel bestritt, mit der Flugblatt- Verbreitung irgend etwas zu thun gehabt zu haben. Auch Dietz, Schwarz und Schneider stellten die gegen sie erhobenen Beschuldigungen in Abrede. Schwarz gab wohl zu, eine Anzahl Flugblätter, deren Inhalt ihm nicht weiter bekannt ivar, an sich genommen zu haben, er habe die- selben aber nicht verbreitet, sondern fie einfach in einen Haus- flur gewotten. Dietz bemerttc; Er habe sich um die Flugblätter gar nicht weiter bekümmett und nur dem Grafen v. Stillftted ein Geständniß abgelegt, da er befürchtete, andernfalls verhaftet zu werden. Diese Verhaftung hätte idn aber um so schwerer getroffen, da zur Zeit seine Frau im Wochenbett sehr krank dar- nieder lag. Ter Vertreter der Staatsanwaltschaft hielt die Schuld sämmtlicher Angeklagten für erwiesen und beantragte gegen Franke, Hermuth und Rauhhut je 20 M. Gcldstrase ev. je 4 Tage Gefängniß, gegen die anderen Angeklagten je 4 Wochen Gefängniß. Der Vettheidiger, Rechtsanwalt Dr. Flatow, führte aus: Die Verbreitung charalterifire sich nicht als eine öffentliche im Sinne des Erlaffes. Deshalb seien sowohl die Verbreiter als auch die Anstifter freizusprechen. Aber selbst wenn man an- nehmen wolle, daß ein Hausflur zu den öffentlichen Wegen ge- höre, so seien die Anstifter auch freizusprechen, da schwarz jedenfalls nicht seinem Auftrage gemäß gehandelt habe. Die Anstifter scien in solchem Falle ebensowenig verantwottlich zu machen, wie eine Polizeibehörde, die einen Beamten mit der geheimen Ueberwachung der sozialdemokratischen Bewegung be» auftrage, ihm anbefehle, fich vollständig objektiv zu verhalten, der Beamte sich jedoch trotzdem bei der Vertheilung verbotener sozialdemokratischer Schttften detheilige und die Arbeiter zu Ge- walttbätigkeiten gegen die Polizeibeamten provozire.— Kriminalkommissar Graf v. Stillfried bemerft hierauf: Der Vettheidiger habe augenscheinlich auf einen Vorgang im Poscner Sozialisten- prozcß angespielt. Er(Zeuge) könne erklären, daß Krimi- nalschutzmann Naporra sich an der Flugblatt- Vertheilung bet heiligt habe, nachdem er die Genehmigung seiner vorgesetzten Behörde er- kalten habe. Provokatorisch sei der Kttminalschutzmann Naporra niemals aufgetreten.— Nach langer Beralhung ver- kündete der Vorfitzende, Amtsrichter Dr. Dickel: Der Gerichts- Hof hat die Ueberzeugung von ver Schuld aller Angeklagten gewonnen und ist nicht der Meinung, daß das Geständniß des Angeklagten Dietz irgendwie erpreßt war. Der Gerichtshof ist aber auch der Meinung, daß die Vertheilung eine öffentliche war. Wenn auch in dem Ministerialerlaß nur von öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen die Rede ist, so steht in einer ähnlichen Bestimmung des Sozialistengesetzes und auch im preußischen Preßgesetz:„an öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen und anderen öffentlichen Orten". Unter„öffentlichen Orten" find Tbeater, Restaurants, Konzettlokale u. s. w., d. h. alle diejenigen Otte zu verstehen, zu denen dem Publikum nur bedingungsweise der Zuttttt zusteht. Derattigen öffentlichen Orten find aber zweifellos Haus- und Treppenflure gleich zu achten. wenn die bettenenden Häuser keine verschlossenen find, bei denen der Portier erst zu prüfen hat, ob er den Einlaßbegehrenden Zutritt gewähren darf. Ein solcher Fall ist vorliegend ausge- schloffen. Auch die Verbreitung in den Wohnungen ist eine öffentliche. Der Gerichtshof hat deshalb gegen Franke, Rau» Hut und Hermuth, die nur als Verführte zu erachten sind und ein offenes Geständniß abgelegt haben, auf nur je 10 Mark, eventuell je zwei Tage Gefängniß er- kannt. Gegen Schneider und Schwarz ist mit Rückficht auf deren hartnäckiges Leugnen auf je 14 Tage Gefängniß erkannt worden. Eine bedeutend schärfere Strafe mußte gegen die Angeklagten Dietz und Knobel ausgesprochen werden. Beide haben geleugnet und Beide find hervorragende sozialdemo- kratische Agitatoren. Das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie will ganz besonders die sozialdemokratischen Agitatoren treffen. Der Genchtshof Hot deshalb gegen die Angeklagten Dietz und Knobel auf je drei Monate Gefängniß erkannt, und da bei diesen beiden Angeklagten eine Kollusionsgefahr vorliegt, die sofottige Verhaftung beschloffen.— Der Vertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Flatau erbat fich nun nochmals das Wort und be- merkte; Es scheine ihm, als haben die Herren Schöffen bei dem Verhaftungsbeschluß nicht mitgewirkt, da dieser Beschluß aber vollständig der Begründung entbehre, denn eine Kollusionsgefahr, d. h. eure Gefahr der Verdunkelung des That- bestandes sei in keiner Weise vorhanden, so beantrage er, daß das gesammte Kollegium sich schlüssig mache, ehe die Verhaftung zweier vollständig unbescholtener Familienväter erfolge. Wie wenig die Kollusionsgefahr begründet sei, erhelle aus dem Um- stände, daß der Staatsanwalt nicht einmal einen diesbezüglichen Antrag gestellt habe. Wenn die Verhaftung erfolge, so würde den Angeklagten das Recht der Berufung illusorisch gemacht werden.— Staatsanwalt: Nachdem auf 3 Monate Gefängniß erkannt worden ist. widerspreche ich der Haftentlassung.— Der Angeklagte Knobel bat, ibn zu entlassen, da er jetzt umziehen müsse.— Nach langer Berathung verkündete der Vorsivendc, Amtsrichter Dr. Dickel: Ter Ge- ttchtsbof hat dem Gesuch des Angeklagten Knobel entsprechen zu sollen geglaubt und auf dessen Haftentlassung erkannt. In solchem Falle konnte aber auch der Haftbeschlußjjegen Dietz nicht auirecht erhalten werden, zumal der Herr Staatsanwalt eine Kollusionsgefahr nicht für vorliegend erachtet, ein Flucht- verdacht aber auch nicht begründet ist. In den„Tempeln der K«nst" geht es manchmal reckt seltsam zu, wie eine gestern vor dem hiesigen Schöffengericht ver« handelle Anklage bewies. Seitdem die Tingeltangelcien wieder in Mode gekommen find, bilden diese Stätten der Kunst den bevorzugten Sammelpunkt aller derjenigen jungen Leute, welche sich zu den gebildeten rechnen und ihren schönsten Genuj� während ihrer abendlichen Mußestunden in den lärmenden Späßen mit den Chanteusen suchen. Wer jemals diese tabakgeschwän- gelten Lokale betreten hat, auf deren glanzvollen„Bühnen" eine Reihe„Damen" in phantastischem Aufputz mit klangloser Stimme ihr tägliches Brot crfingen, der weiß auch, daß der Hauptzauder derartiger Lokale in dem„Radau" desteht, der von den jungen Herren mit den„Schmissen" auf Stirn und Wange mtt Vorliebe zu den Füßen der holden Sänge- rinnen verübt wird. Auch das Kunstinstitut des Herrn Breckerr* felder in der Ziegelstraße macht dann keine Ausnahme. Au« diese„Bühne" zeigte allabendlich eine Musterkarte weiblicher Schönheiten, welche neben den wunderbarsten sentimentalen Ge- sängen besonders den edlen Gassenhauer kultivircn und dain» eine lebhafte Anziehungskraft auf die Vettreter der„gebildeten Jugend ausüben. An den altgewohnten Scherzen fehlt es dott natürlich auch nicht. Am 12. November pilgerte eine Anza« von Studenten zu diesem Tempel der leichtgeschürzten Muse rmu da e- Sonnabend Abend war, war es begreiflich, daß ihr Ge» müth fich unempfindlich gegen die Macht der Musik zeig»- Sic fanden vielmehr Vergnügen daran, die Kraft ihrer eigenen kehle an passenden und unpassenden Stellen zum Ausdruck 5» bnnzen. Der Witth hatte schon mehrfach Ruhe geboten. Lust jrnn Radau bekam bei den Musensöhnen neue NahruNH als drc Primadonna„in Licbesweh über den See gondelte und die Brünetie immer wieder versicherte, daß Liebe Studium erfordert". Dem Witth ttß schließ�? der Geduldsfaden und in erregtem Tone fragte er Rst Jünger der Wissenschaft,„ob denn Renz seine Klowns etw hergeschickt habe?" Prompt und unzweideutig erfolgte vo Tische der Studenten die Antwott:„Wir sehen nur ein Aujust und der scheinen Sie zu sein!" Ein Beherrsch� jL Musen kann fich solche Vergleiche natürlich nicht gefall lassen und Herr B. konnte nicht oft genug die Riahgll wiederholen, fich mhig zu verhalten, oder das Lokal zu � lassen. Die Studenten hielten diesen„Biereifer" für übel an- gebracht, setzten fich die Kneifer auf und und verfolgten die Be» wegungen des Wirths mit komischer Andacht, bis dieser ihnen Plötzlich seine Zunge in ihrer ganzen Länge zeigte. Das Gaudium erreichte damit seinen Höhepunkt. Man versicherte dem Wirth, daß er eine„famose Lecke" habe, dieser aber ver- stand nun den Spaß schlecht und der Abschied aus der sanges- frohen Stätte wurde den Studenten dermaßen beschleunigt, Laß einer von ihnen noch eine Scheibe der Eingangsthür in Trümmer rannte. Der geärgerte Wirth sah sich auch noch veranlaßt� einen der Störensrieve wegen Hausfriedensbruchs und Sachbe- schädigung zu belangen. Einen tragischen Abschluß hat dieses Tingeltangcl-Abenteuer für den Betreffenden nicht gehabt. Die vernommenen Zeugen behaupteten, daß der Wirth die Anklage nur erhoben habe, um seinerseits Unannehmlichkeiten wegen der Behandlung der Studenten zu entgehen. Herr B. dagegen ver- ficherte, daß die jungen Herren sich skandalös benommen und der Kassirer erklärte, daß dieselben nur„moralisch hinausgegrault" werden sollten. Der Gerichtshof hielt weder den Hausfriedens- druck» noch die Sachbeschädigung für erwiesen, sah aber anderer- feits keine Veranlassung, dem Wunsche des Vertheidigers Rechts- «mwalt Lindenberg zu entsprechen und dem Wirthe die Kosten aufzuerlegen. Entscheidungen des Reichsgericht«.(Nachdruck ver« boten.) Leipzig, 26. Mär?. Wegen fahrläffiger Körperverletzung ist ein gewisser Thomas Stumpf von Taufkirchen durch das Landgericht München 11 zu 2 Monaten Gefängniß verurtheilt worden. Ter Fall ist um deswillen bemcrkcnswerth, weil die Fahrlässigkeit hier stark an Vorsätzlichkeit streift und weil der Angeklagte nach den Worten des Urtheils eine große Rohheit und Hartherzigkeit zur Schau getragen hat. Der Angeklagte fuhr am 1. Oktober v. I. das Gespann seines Vaters auf der Landstraße. Gegen 5 Uhr Nachmittags, als es bereits dunkelte ersucht ihn ein ästerer Mann, ihn mitzunehmen und trat, in der Erwartung, daß seine Bitte erfüllt werde, auf das Trittbrett. Stumpf hatte aber keine Lust, den Mann aufzunehmen, sondern suchte sich desselben zu entledigen, indem er die eine Hand desselben wegschob und ihm so das Festhalten am Wagen unmöglich machte. Aber nicht genug damit» er trieb auch die Pferde zum schnellen Laufe an. Die Folge war natür- lich, daß der alte Mann zu Boden fiel und daß er, da er bei der schnellen Fahrt nicht bei Seite springen konnte, überfahren wurde. Er trug schwere Verletzungen davon, welche von dauernden Rachtheilcn begleitet sein werden.— In der Revision, die der Berurtheilte eingelegt hatte, wurde zunächst geltend gemacht, daß die vorgenommenen Handlungen an sich gerechtfertigt und nicht strafbar gcrpesen seien. Ferner werde das Beivußtscin der Rechtswidripkeit bestritten und bezweifelt, daß die Feststellung, wonach die Körperverletzung durch Vernachlässigung einer Be- rufspflicht herbeigeführt sei, genügend sei.— Der Reichsanwalt bemerkte dazu, daß der Angeklagte eigentlich noch sehr gut weg- gekommen sei, denn das Gericht hätte ohne Rcchtsirrthum statt der Fahrlässigkeit Vorsätzlichkeit annehmen können. Nach o-, ri„ r r_____ s:„• ji, iviuuii«-- vtULtf den Feststellungen bestehe die Fahrlässigkeit nicht darin, daß der Angeklagte den Verletzten habe hindern wollen, auf den Wagen zu steigen, sondern darin, daß er ihn trotz seiner Bitten, ihn wieder hinunterzulassen, daran verhindert habe, den Wagen sicher zu verlassen. Hier könne von einem Rechte des Angeklagten keine Rede mehr sein und müsse daher die Revision für verfehlt gelten.— Das Reichsgericht verwarf denn auch die Revision als unbegründet. — Ter vom Schwurgericht Konstarz wegen Mordes zum Tode verurl heilte Johann Mattin Batto hatte Revision einge- legt, dieselbe ist jedoch kürzlich vom ersten Strafsenat des Reichs- genchts verworfen worden. Soziales mtd Arbeiterbewegung. Streikunterstützung wurde am Montag an die streikenden Lackirer ausbezahlt, welche Anspruch auf solche niachten. Von den etwa 90 Streikenden war es bei 63 der Fall, von denen die Verbeiratheten pro Person 8 M.. die Unverheirathctcn 6 M. für die laufende Woche ethielten. Jnsgcsammt wurden 428 M. «n Unterstützung ausgegeben. Bei einem Meister, der seine «nter den Tarif gegebene Unterschrift infolge des Jnnungs- beschlusses durch eingeschriebenen Brief an die Gehilfenkommission zurückgezogen hat, ist es dämm zur Arbeitsniederlegung gekommen, troyvcm seine drei Gehilfen resp. 15, 8 und 2 Jahre bei ihm arbeiteten. Au» Dicdrichsdorf bei Kiel gebt uns folgendes zur Veröffentlichung zu: Werthe Kollegen! Immer schroffer wird der Gegensatz zwischen uns und unseren bisherigen Arbeitgebern, obwohl von unserer Seite nichts unversucht bleibt, die Gegen- sätzc zu mildern. Wir haben wieder von einem neuen Schlag, der heute von ihnen gegen uns gefühtt wurde, zu berichten und augenscheinlich dazu dienen sollte, uns zur Kapitulation zu Zwingen. Es wurde nämlich gestern am Werftthor ein Plakat Meschlagcn, wonach von den Werftarbeitern sich bis heute Morgen 50 Mann freiwillig melden sollten, um die Arbeit in der Kesselschmiede fettig zu stellen. Als sich aber bis heute nur 4 Mann gemeldet hatten, wurde zur Kommandirung der Fehlenden geschritten. Als nun mehrere Arbeiter, darunter Achiffszimmerleute mit ihren Helfern, Nieter und Bohrer, einen diesbezüglichen Auftrag von dem betteffenden Meister erhielten, weigerten sich diese, die Arbett auszuführen, worauf ihnen be- deutet wurde, daß sie in diesem Falle entlassen werden würden, was denn schließlich auch geschah, va der Meister auf seinem An- stnnen bestand. Tasselbe Schicksal hatten fast alle Schiffs- schmiede, so daß sich hierdurch die Zahl der Streikenden resp. d% Ausgesperrten um ca. 28 Mann vermehrt hat. Was auch wvunen mag, Kollegen, wir find entschlossen, den uns aufge- ?ungcnen Kampf mit allen gesetzlichen Mitteln zum guten kstbe zu führen und vertrauen dabei unentwegt auf Euer �olidaritätsgefühl. Große Opfer wird dieser Strnk kosten; aber der Erfolg, der nicht nur für uns, sondern auch für Euch, Kollegen, alle von Bedeutung sein wird, ist sicher großer Opfer Werth. Das anhaltende strenge Frostwetter spiell uns allerdings °uch hart mit, doch auch das wird sich ja ändern und kann uns *wch keineswegs abhalten, vorwärts zu gehen. Ein Rückwärts Oebl es für uns nicht mehr. Mit kollegialischem Gruß das .,.|»»»■ Uli»»1' 'treikkomitee. I. A.: H. Lensch. Nereine und Nersammiungeu. �.»«verein der Maler hielt am 21. d. M. seine Vtn->! Vereinsversammlung ab. Nachdem der Kassenbericht diesig- ar erstattet und von der Fachschulkommission über den Mar*u?5n Winterkursus ein kurzer Ucbciblick gegeben worden dem ,�'�HerrWenther mit, daß die hiesigen Lackirer sich seit nM- l0- Marz im Streik befänden. Redner ersuchte die An- Wflw»n' 1°"i?1 in ihren Kräften steht, dazu beizutragen, daß ffeben qT Berufsgenossen siegreich aus dem Sttcik hervor- Und oj l'n derselben Weise sprachen noch die Herren Schweitzer b«>T„f Lrsterer führte ungefähr folgendes aus: Es wäre KQDi)„r v ir"f wieder einmal so recht der Konttast zwischen sich Und Arbeit bemerkbar. Die Herren Prinzipale brüsteten Und den„Wohlthaten", die sie den Gehilfen erwiesen Di?- f.?"?en nachzuweisen, wie gut die Gehilfen es jetzt hätten. zeiaen fL�?� nur alles Wind, denn sobald cs zur That kommt, wo Nf/ w i�le Herren in ihrer wahren Gestalt, so z. B. jetzt, verlang �s�llrhilfen doch nur eine zehnstündige Arbeitszeit Nur fehl lIS? einen Stundenlohn von 33 Pf., was doch gewiß wieder 4.' �idcne Forderungen seien. Aber gerade waren es Äermnr>� Herren Jnnungsmeistcr in erster Linie, welche Gehilfe» schrien über die„unverschämte Forderung" der bis iflt l T, Herr Liny führte aus, daß die Jnnungsmeistcr jej,i(ien iedem Streik, gleichviel in welcher Branche, die- waren, welche die Forderungen der Arbeiter nie be- willigt haben. So auch hier bei den Lackirem. Nachdem de- reits verschiedene Meister am ersten Tage den Lohntarif durch ihre Namensunterschrist bewilligt hätten, haben die Jnnungs- meister bis heute noch nicht ihre Unterschrift gegeben. Auch die Herren Malermeister der Innung hätten kürzlich eine Versamm- lung abgehalten und beschlossen, einen Gehilfenausschuß wählen zu lassen. Zu dieser Versammlung hätten die Meister auch einige Gehilfen eingeladen, natürlich nur solche, die bei Jnnungsmeistern arbeiten; aber selbst von diesen waren nur wenige erschienen. Der Herr Obermeister beabsichtige nun, in nächster Zeit wieder eine solche Verttauensversammlung einzu- berufen und dann gleich den Ausschuß wählen zu lassen. Ein jeder Gehilfe solle auf dem Posten sein und versuchen, daß er zu dieser Versammlung Einlaß bekäme, um seine Meinung zu äußern. Er(Redner) sei gegen jeden Zwang, den die Meister aus die Gehilfen aueüben. Nur eine öffentliche, kombinirte Versammlung von Meistern und Gehilfen halte er für maß- gebend. Da aber die Jnnungsmeistcr das Resultat einer solchen Versammlung voraussehen, so greifen sie zu jedem nur denk- baren Mittel, um ihre„Jnnungswünscke" zu Befriedigen. Für die Gehilfen könne es nur eine Organisation geben und das sei der Gauverein der Maler.(Bravo.) Hierauf schloß der Vor- sitzende die Versammlung. Eine öffentliche Uerfammlung der Lackirer fand am 23. d. M. in Jordans Saal, Neue Grünstraße 28, unter Vorfitz des Herrn Rautenhaus statt. Herr Wallsdorf referirte über„die Lage des Lackirerstreiks in Berlin." Der Redner theilte mit, daß die„Kommission der Innung für die Lohn- frage", von deren Wirken bisher nichts zu verspüren gewesen sei, auf die an den Jnnungsvorstand zum Besuch der Versamm- lung ergangene Einladung ablehnend geantwortet habe. Die Innung, so bemerkte der Redner weiter, habe angezeigt, daß die Jnnungsmeistcr eine Erhöhung ihrer Preise von 20 pCt. eintreten lassen. Die Arbeiter müßten jedoch verlangen, daß die Arbeirsverhältnisse bei den Jnnungsmeistern auf die Höhe wie in den andern Werkstätten gebracht werden. Die gestellten For- derungen, wegen deren Anerkennung gestreitt werde, entsprächen kaum einer Lohnerhöhung von 20 pCt. in den Werk- stätten der Kleinmeister. Wenn diese nun ihre Preise um 20 pCt. erhöhten, so verschafften sie sich, wenn sie die For- derungen der Arbeiter bewilligen, immerhin noch einen Vortheil, denn bei den von ihnen gezahlten Preisen kommen nicht nur der Arbeitslohn, sondern auch die Miethe, der„Meisterverdienst" u. s' w. in Betracht, was von den Meistern alles um 20 pCt. erhöht werde, zu ihrem Vortheil. Trotzdem aber hätte die In- nung die Preise der fertigen Arbeiten erhöht, hätte sie be- schloffen, die Forderungen der Arbeiter nicht zu erfüllen, und ihre Mitglieder verpflichtet, bei 100 M. Konventionalstrafe den Tarif der Gehilfen, mit seinen anerkannt bescheidenen Forde- rungen, nicht zu unterschreiben. Diesem Verhalten gegenüber, welches beweise, daß die Innung nur die Vortheile der Meister durch Schädigung der Arbeiter, aber nicht eine Hebung des Gewerbes in seiner Gesammtheit ins Auge fasse, müßten die Kollegen fest zusammenstehen, um ihre Forderungen durchzusetzen. In demselben Sinne sprachen noch die Herren Rautcnhaus, Müller und die übrigen Redner. Herr Winter(Tischler) versprach die Unterstützung der Streikenden seitens seiner Kollegen und fand, daß die von den Lackirern gestellten Forderungen sehr bescheidene seien. Der Vorsitzende und der Referent erwiderten ihm, daß mit Rücksicht auf die vorhandenen großen Mißstände weitergehende Forderungen nicht gestel t werden dürsten. Einstimmig wurde hierauf folgende Resolution angenommen:„Die Versammlung erklärt, auf den gestellten Forderungen zu beharren und die Arbeit nickt eher wieder aufzunehmen, bis die Meister den Tarif durch ihre Unter- schrift anerkannt haben."— Unter„Verschiedenes" wurde darauf hingewiesen, daß die Jnnungsmeistcr durch ihr Verhalten die durch den Eintritt der besseren Wit- terung nöthige Arbeit verlieren würden, denn diese müsse schnell gefertigt werden, und in allen Werk- i stätten, wo die Forderungen der Gehilfen anerkannt seien, weide gearbeitet. 13 Meister hätten den Tarif schon unter- schrieben, die der Innung nicht angehörten; die andern Meister würden aber bald nachkommen, wenn sie erst ihren Schaden besehen würden. Mit den Anweisungen für die Auszahlung der Streikunterstützung schloß die Versammlung unter Hochrufen auf die gerechte Sache. Der Derband deutscher Mechaniker und verw. Be- rufsgenossen(Zahlstelle Berlin) hielt am 21. d. M. bei Lam- mcrs, Kommandantenstraße 71—72, eine Versammlung ab, in welcher Herr Ingenieur Beschctznik einen Vortrag hielt über: Chromolithographie und Buntdruck.— Dieser Industriezweig, so meinte der Redner, habe namentlich in Deutschland einen hohen Grad der Ausbildung erreicht. Ein großartiger Export fände z. B. nach England statt. Schon in der deutschen Fa- brik würde den Arbeiten der englische Stempel aufgedrückt. Die Waarcn würden fertig nach England geschickt und gingen von dort als englisches Fabrikat in alle Welt und nicht zum gering- sten Theil wieder nach Deutschland zurück. Redner gab nun eine Schilderung der vorzunehmenden Manipulationen, ehe die jedermann bekannten bunten Bilder und Bildchen fix und fertig die Fabrik verlassen können. Dos vom Redner zur An- ficht ausgelegte Material machte diesen Vortrag zu einem leicht verständlichen. Derselbe fand den regsten Beifall der Versamm- lung. Der hiesige Vorstand hat den Bamberger Kollegen, der Dringlichkeit der Sache wegen, ohne erst den Versammlungsbe- schluß abzuwarten, 50 M. Unterstützung geschickt. Nach längerer Diskussion hierüber wurde dem Vorstand einstimmig Dccharge ertheilt. Diejenigen Kollegen, welche noch berufsstatistische Fragebogen in Händen haben, werden ersucht, dieselben sobald wie möglich gewissenhaft ausgefüllt einzusenden. Zum Schluß wurde festgesetzt, daß die nächste Versammlung, welche am 4. April d. I. stattfinden müßte, der Feiertage wegen ausfallen soll. Auf Grund de«§ 9 de« Sozialistengesetze» wurde die am 24. März 1888 abgehaltene Versammlung des Fach- vereins der Buchbinder und verwandten Berufsgenossen aufge- löst. Nachdem der erste Punkt der Tagesordnung und noch einige kleine Angelegenheiten unter Verschiedenes erledigt waren, stellte der Vorsitzende ein Gesuch der streikenden Lackirer um Unterstützung derselben zur Diskusston. Stach Klarlegung der Sachlage, welche der Delegirte der Lackirer auf Anfrage aus der Versammlung gegeben, erklärten sich einige Redner gegen die Unterstützung des Streiks. Als darauf ein Redner ausführte, daß die Behörde dem Kampfe der Schwächeren gegen die Stärkeren mit verschränkten Armen zusehe, erhob fich der über- wachende Beamte und löste die Versammlung auk Grund des oben angegebenen Gesetzesparagraphen auf. Der Vorstand des Vereins hat beschloffen, gegen die Auflösung der Versammlung Beschwerde einzureichen. Kanität»ver«iu für Arbeit«* beiderlei Geschlecht«. Eine öffentliche Versammlung des Vereins fand am 18. d. M., in.Habcl's Brauerei, in der Bergmannsttaßc, statt. Herr Dr. Bernstein referirte über„Verhütung von Krankheiten". Um Krankheiten soviel als möglich zu verhüten, sei die Kanalisation ein sehr wirksames Mittel, weil dieselbe die Ausströmung der schädlichen Gase wesentlich verhindere. Um speziell bei Arbeitern Krankheiten zu verhüten, sei es sehr nothwendig, Volksbäder in genügender Anzahl zu errichten und dieselben den Arbeitern für einen niedrigen Preis zur Verfügung zu stellen; bekanntlich sei ja die Reinlichkeit die beste Medizin. Ganz besonders sollte auf Abschaffung der Kellerwohnungen hingestrcbt werden, da sich in diesen die meisten Krunkheitcn entwickeln, also die Brutstätte derselben sind. Schließlich empfahl der Vortragende, wollene Unterkleider. System Jäger, zu tragen, und zwar im Sommer leichtere, im Winter schwerere. Zur„Verhütung der Trunksucht", meinte Redner, gäbe es wohl kein anderes Mittel, als Enthalt- samkeit resp. Selbstbeherrschung.— Hierauf referirte Herr Hundt über den Sanitätsverein und die eingeschriebenen Hilfs- lassen. Redner schildert die Vorzüge des qu. Verreins und führt aus, wie leicht und mit wie wenig Mitteln die Mitgliedschaft errungen werden könne. Ein erwachsenes Mitglied zahle monatlich 25 Pf., ein Kind 15 resp. 10 Pf. Beitrag und erhalte hierfür freien Arzt, den sich das erkrankte Mitglied selbst wählen könne. Außerdem werden den Mitgliedern auch die Medikamente 25 pCt. billiger geliefert. Daß für Aerzte bestens gesorgt sei, deweist folgende Statistik: der Sanitätsverein habe bei 2000 Mitgliedern 30 Aerzte, die Ortstaffen bei 211000 Mitgliedern nur 90 Aerzte. Betreffs der freien Hilfskassen betonte Redner, daß fich gerade in der letzten Zeit ein sehr reger Beitritt zu den- selben bemerkbar mache und wäre es zu wünschen, daß derselbe täglich wachse. Die den eingeschriebenen Hilfskassen neu hinzu- getretenen Mitglieder wären zufrieden, daß sie fich nicht mehr bevormunden lassen brauchen.— Es wurde hierauf beschlossen» in allen Stadtvierteln Versammlungen abzuhalten, und werden dieselben im„Berliner Volksblatt", sowie durch Säulenanschlag bekannt gemacht werden. DI« Freie Vereinigung aller in der chirurgische« Branche beschäftigten Kerufvgenoffen hielt am 20. März eine Versammlung in den Armin hallen ab. Auf der Tages- Ordnung stand: Besprechung der Statistik, worüber eine lebhafte Diskussion stattfand. Unter„Verschiedenes" theilte der erste Vorsitzende der Versammlung mit, daß er sein Amt niederlegt. Herr Sebode legte gleichfalls sein Amt als erster Kassirer nieder. Nachdem der Fragekasten erledigt, wurde die Versammlung ge- schloffen. Vereinigung der deutschen Schmiede. Große Ver- sammlung heute, Mittwoch, Abends 8 Uhr, Rosenthalerstr. 33. Tagesordnung: 1. Der Untergang des Klein- Handwerks. 2. Wahl des Ausschusses. 3. Fragekasten.— Am 1. April er. (1. Osterfeiertag) findet bei Mündt, Köpnickerstr. 100, ein Konzert, verbunden mit Tanzkränzchen, arrangirt vom Gesangverein der„Berliner Schmiede", statt. Billets a 30 Pf. Anfang Abends 7 Uhr. Verband deutscher Zimmerlente. Lokalverband„Berlin Oft". Heute, Mittwoch, Abends 8 Uhr, Versammlung in Horst» mann's Lokal, Frankfurter Allee 127. Tagesordnung: 1. Antwort des Hauptvorstandes in Betreff Friedrichshagens. 2. Ver- schiedenes und Fragckasten. Neue Mitglieder werden aufge- nommen. Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Mittwoch. Männergesangverein„Jugendlust" Abends 8t Uhr im Restarant Passod, Gartcnstt. 162.— Männergesangverein„Cacilia" Abends 9 Ufer im -,----,---——_. �---- ff------- V»w IU.'3 9 Uhr im Restaurant, Köpnikersttaße 127a.— Gesangverein �Männerchor Linde" Abends 8'/, Ubr im Restaurant Haller, Naunynstraße 70.— Männergesangverein„Sangesfreunde" Abends 9 Uhr im Restaurant Musehold, Landsbergersiraße 31. —„Seeger'scher Gesangverein" Abends 9 Uhr im Restaurant Schulz, Prenzlauerstt. 4l.— Lübeck'scher Turnverein(1. Lehrlingsabtheilung) Abends 8 Uhr Elisabethstt. 57 58.— Turnverein „Wedding"» Pankstraße 9. Männer-Abtheilung von 8% bis 10s, Uhr Abends; desgleichen 1. Lehrlings-Abtheilung von 6 bis 10 Uhr Abends.— Schleffscher Verein„.Holter" Abends 9 Uhr im Restaurant Henke, Hollmannstt. 33.— Wissenschaftlicher Ver- ein für Roller'sche Stenographie. Abends 8t Uhr im Restaurant Beese, Alte Schönhauserstraße 42, Unterricht und Uebungsstunde. — Äoller'scher Stenographenverein„Süd-Berlin". Abends 8t Uhr im Restaurant Prinzenstt. 97 Sitzung und Uebungsstunde. — Arends'scher Stcnographenverein„Amicrtia" Abends 3- Uhr im Restaurant Behrcnds, Schöncbergersttaße 6.— Arends'scher Stenographenverein„Philia" Abends 9 Uhr im Restaurant „Wilhelmsgartcn", Kochsttaße 7.— Verein ehemaliger Schüler der 22. Gemeindeschule Abends 9 Uhr im Restaurani Lehmann» Kurfürstenstraße 31.— Berliner Rauchklub„Wrangel" Abends 9 Uhr im Restaurant Foge, Köpenickcrstraße 191.— Rauchklub„Havanna 80" Abends 81 Uhr im Restaurant Paetzoldl, Reichenbergersttaße 16.— Rauchklub„Gemüthlichkeit" Abends 9 Uhr im Restaurant Achsel, jiöper;-,~ri— r klub„Columbia" Abends 8% Uhr Prinzenstt. 96.— Rauchklub„Frisch ge im Restaurant Tempel, Breslauerstt. 27. >c 161.— Rauch- Icstaurant Beyer. Abends 8 t Uhr Kleine Mittheilnngen. Vom Ueberschmemmungogebiet�jan derZbranden- burg-mecktenburgischen Grenze liegen folgende Stachrichten vor. Das„Jntelligenzblatt" für Wittenberge schreibt:„Schauer- lich klingen die Nachrichten aus Kietz, woselbst die Besitzung der .Herren Gebr. Borchert derart von Wasser überrumpelt wurde, daß sämmtliches Vieh, 100 Kühe und mehrere hundert Schafe, in den Fluiden umkommen mußte. Der jüngere der Herren Gebrüder Borchert wirs bis zur Stunde vermißt. Die nahegelegenen» vom Waffer verschonten Dörfer find vollständig mit den ge- retteten Leuten und deren Vieh besetzt, und alle, die noch keine andere Unterkunft gefunden, lagern ohne Obdach und oftmals ohne Siahrung auf dem Elbdeiche, der so von Menschen und Vieh dicht besetzt einem Jahrmartt ähnelt. Die Pioniere find eifrig beschäftigt, so weit als möglich zu retten und zu bergen, und der Erfolg ist schon bedeutend; ist von ihnen zu all der Mühsal leider aber uu» umtu zu au oer Mühsal noch ein schweres Opfer gefordert, indem ein Kamerad bei den Rettungs- arbeiten verunglückte und todt vom Platze getragen werden mußte. Hoffentlich baden die Hiobsposten bald ein Ende." "„v„ 04 SN-.. ra.S. _____----»»- TT»V va-f V|* VI» VUC...— Lüneburg, 24. März. Gestern Nachmittag 2 Uhr hat des Wehringen, einem am reckten Elbufer, Landsatz gegenüber, im ehemaligen Amte Neuhaus gelegenen Dorfe, ein fernerer Deich- druck stattgefunden. Von Vlinh-»— V Desselben Tages ein.......,........ Pionieren bestehendes Detachement, welches 4 Kähne mit am-----* � ..........- joune, ein fernerer Deich, druck stattgefunden. Von Minden kommend langte am Abend desselben Tages ein aus 1 Offizier, 5 Unteroffizieren und 50 Pionieren bestehendes Detachement, welches 4 Kühne mit sich führte, an. Die Mannschaft ward Stachts hier einquartiert. Heute Morgen ist die Abtheilung nach Hitzacker weiter gefahren.— Von Hoopte wird gemeldet, daß die Hamburger Eisbrecher sich von dort gegen Lauenburg gewandt und ihre Thätigkeit begonnen hätten. Hoffentlich aelinat es iline» ni- wi~.------ _______________ uno lyre»i,yalrgleit begonnen Hätz Hoffentlich gelingt es ihnen, die dortige Eissperre zu beseitigen. Minden, 25. März. Da die bei der Ueberschwemmung der Elbe zu den Rettungsarbeiten herangezogenen militäriscyen Hilfskräfte nicht ausreichen, ist heute von hier abermals eine starke Abtheilung des 10. Pionierbataillons dorthin abgegangen. — Schwerin, 24. März. Die Lage in Dömitz ist offenbar noch immer sehr traurig, und sie muß für die Bewohner be- sonders angstvoll gewesen sein, so lange dieselben alle in zwei Straßen zusammengedrängt der Hilfe von außen harrten, es aber zweifelhast war, ob diese Hilfe rechtzeitig eintreffen werde. Diese Sorge ist indes; nunmehr gehoben. Die Verbindung mit der vom Waffer völlig eingeschlossenen Stadt ist hergestellt, und Lebensmittel aller Art find so reichlich eingettoffen, daß der ersten Roth gewehrt sein wird; wenn auch auf der Hand liegt, daß die Eitt» dehrungen von zwei oder drei Tagen bei Kindern, Alten und Kranken schon viele nachtheilige Wirkungen geübt haben können. Von Schwerin haben fich gestern Abend gegen 10 Uhr sämmt- liche Fischer des hiesigen Fischereipächters Warncke, ausgerüstet mit zwei Kähnen und mehreren Zentnern Lichtern, zu Wagen nach Wallis begeben, um die bedrängten Menschen aus ihrer Lebensgefahr zu retten. Mit dem Zuge Stachts 12 Uhr begaben sich werter nach Malliß: Der Äootsbesitzer Jantzen von hier mit zwei Booten, denen heute Morgen mit dem 9) Ubr von hier nach Ludwigslust abgehenden Zuge noch einige Herrn Jantzen und dem Kaufmann Gädcke gehörigen Boot« fnlrttcn Äskwaw f�r�rr-""' JB.,,..—, oiuuiinunn rvavne gehörigen Boote folgten. Ihnen schloffen sich zwölf Herren vom Ruderklub „Obottit" an. Es liegt in ihrer brndung zwischen Bf Absicht, eine Ver- .........= o—i-zv» fumty uno Mattrß herzustellen. Mit dem Transport dieser Nacht find auch eine Ladung wollener Decken und 2000 Brote abgegangen, welche zum Theil von der Militär- bäckerei geliefert wurden.■"c'c—' .........uutucn. Wie wir erfahren, hat ein vollstän- diger Auszug aus vielen Dörfern der Niederung stattgefunden. Die flüchtigen Bewohner haben ihr Vieh fortgetrieben und chC S>abe auf Wagen gepackt, um sie landaufwärts zubringen. Urb glücklich die, die es rechtzeitig gethan. Allzulangsame haben oft nur Geringes von ihrer Habe bergen können, oder auch in Hast und Eile Alles im Stich lasicn müssen. Manche, die es versäumt hatten, ihre umspülten Hauser zu ver- lassen, find nur mit Booten gerettet, nachdem sie längere oder kürzere Zeit auf Böden und Dachsirsten kampirt.— Dömitz, 24. März. Gegen 400 Pioniere aus Berlin, Magde- bürg und Rendsburg suchten gestern an den eigentlichen Herd der Ueberfluthung, Dömitz selbst, vergebens zu gelangen, well man nicht blos mit Wasser und Eisschollen zu kämpfen hat, sondcm auch mit dem Schnee, welcher in der vorletzten Nacht, wo Frost eingetreten war, eine fingerdicke Eiskruste auf die Oberfläche gelegt hat. So war es weder mit Wagen noch mit Booten möglich, weit zu kommen— ein vergeblicher Kriegszug des Menschen gegen die unerbittliche Natur. Was ist inzwischen aus jenen Unglücklichen geworden, die seit 3 Tagen durch Waffer von der Außenwelt abgeschnitten find, die sich auf die Dächer der Häuser, auf die Bäume des Waldes geflüchtet haben? Sind sie verhungert? Sind sie ertrunken, nachdem die Fluthen und Eisschollen die Bäume zu Fall gebracht? Oder ist es den Pionieren und anderen Rettungsmannschaften gelungen, sie noch lebend zu treffen? Leider steht zu befürchten, daß auf der Niederung am rechtsseitigen Ufer der Elbe, also bei Dömitz herum, manches Menschenleben zu Grunde gegangen ist. Bestimmter läßt sich heute noch nichts sagen, da der gestern unter- brochene telegraphische Bericht mit Dömitz heute nur zum Theil wieder aufgenommen worden ist. Der Tclegrapbenbeamte in Dömitz war der letzte, der von der Städte seiner Bemfsthätig- kcit wich, nachdem er stundenlang, im Waffer watend, den Telegraphendienst versehen hatte. Heute ist der Mann mit seinen Apparaten in ein höher gelegenes Zimmer geflüchtet. Meilenweit ist die ganze Gegend ven Dömitz überschwemmt und nicht blos diese Stadt, sondern auch die hannoversche Stadt Sjitzacker und die brandenburgische Stadt Lenzen; außerdem spricht man von 30-40 Dörfern, welche unter Waffer stehen sollen. Ein Augenzeuge erzählt in einem von vorgestern datirten Bericht: Wir trafen bei Heiddorf 21 Personen, welche auf einer Holzmiete hockten und laut um Hilfe riefen, hungernd und vor Frost zitternd. Glücklicher- weise find diese Unglücklichen gestern durch die Rendsburger Pioniere gerettet worden. Viele haben sich nach Malliß, einer Telegraphcnstation, geflüchtet. Hier ging gestern Nach. mittag das Brot aus.— D ö m i tz, 2S. März, 8 Uhr 2o Min. Abends. Die Stadt ist, außer einer Sttaße, theilweise bis zwei Meter hoch überschwemmt; meilenweit stehen die umliegenden Dörfer bis an die Dächer im Waffer- Brücken und Bahnkörper sind zerstört, der Deich durchbrochen; Häuser find eingestürtt und viele Einstürze find noch zu befürchten. Menschen find, so viel bis jetzt bekannt, nicht umgekommen, aber viel Vieh ist ertrunken. An Werthsachen, Vorräthen und Mobilien ist wenig gerettet. Die Notb ist allgemein und die Folgen des Unglücks unabsehbar. Unsere sämmtlichen Schiffer find mit eigner Lebensgefahr auf- opfernd thätig. Das Wasser ist beute durch die stattgefundenen Teichbrüche etwas gefallen; die Gefahr ist noch nicht vorüber, da noch verschiedene Eisstopfungen vorhanden. Der Verkehr ist gänzlich abgeschnitten: heute wurde eine Kahnpost nach Malliß eingerichtet.— Aus Lauen bürg wird vom 26., Nachmittags 5 Uhr, telegraphirt: Untere Eisoersetzung durchbrochen, oberhalb noch Eis. Wasserstand 5,00 m(gegen 5,43 m am Morgen des 26. und 5,45 m am Morgen des 25. März). Darmstadt, 18. März.(Entmenschte Eltern.) Die Straf- kammer deS hiesigen Landgerichts verhandelte in ihrer gestrigen Sitzung gegen die Johann Grimmschen Eheleute von Main- flingen wegen geradezu entsetzlicher Mißhandlung ihres leidlichen achtjährigen Knaben. Das entmenschte Elternpaar begnügte sich nicht damit, das Kind durch Schlagen mit den verschiedensten Instrumenten fortgesetzt derart zu mißhandeln, daß der arme Junge stets am ganzen Körper mit Wunden bedeckt war, son- dem der Vater fesselst! ihn in den Jahren 1886 und 1837 häufig derart, daß er ihm eine Kette um das Fußgelenk legte, diese mit einem Vorhängeschloß zusammenschloß und das andere Ende an der Kammetthür befestigte. Der arme Knabe, der neben diesen empörenden Mißhandlungen auch noch den bittersten Hunger zu leiden hatte, mußte so öfters fünf Tage und Nächte an der Kette liegen. Die Rabeneltern, die bei der Gerichts- Verhandlung zu ihrer Entschuldigung nichts Stichhaltiges vor- zubringen wußten, wurden des Vergehens der Köperverleyung und Freiheitsberaubung für schuldig erkannt und der Vater zu 6 Monaten, die Mutter zu 4V Monaten Gefängniß veruttheilt. Gsterburg, 24. März. Bei Ausübung seines Berufes wurde ein hiesiger Schmiedegeselle von einem schrecklichen Un- glücksfall betroffen. Ein glühendes Stück Eisen flog ihm ins Auge, was den sofottigen Verlust des Auges zur Folge hatte. Woatar a. Harz, 24. März. Ein gräßlicher Unglücksfall fand vorgestern in der am Südmerberge belegenen Pinsular- wühle statt Dortselbst kam des Besitzers Schwiegersohn, ein Mann von 35 Jahren, zwischen das Räderwerk und konnte nur als Leiche hervorgezogen werden. Auf welche Weise der Unglückliche in das Getriebe gekommen ist, ist unaufgeklätt ge- blieben. KaarstrLcken, 25. März. Das jüngste Grubenunglück, welches 42 Bergleuten das Leben kostete, hat 40 Frauen und 161 Kinder der Ernährer deraubt. Drei der verunglückten Männer hatten zusammen 80 Kinder. Telegraphische Depeschen. (Wolff's Telegraphen-Bureau.) Halle a. K.» Dienstag, 27. März. Auf der Anschlußbahn Finsterwalde- Zschipkau der Sarau- Gubener Eisendahn ent- gleiste gestern ein Personenzug infolge einer Dammmtschung: wie es heißt, sind 4 Personen getödtet, 5 schwer und viele leicht verwundet. Etbing, Dienstag, 27. März. Die Ueberschwemmung in- folge des Nogat-DamnibnicheS hat bedeutende Dimensionen an- genommen. Fast 8 Quadratmeilen mit vielen Dorfschaften, so- wie der westliche Theil von Elbing mit den Fabriken find über- schwemmt. Von Danzig, Königsberg und Thorn sind Pioniere mit 100 Pontons zur Hilfe gemfen, welche mit Ertrazüzen hierher befördert werden. Da die Bahn zwischen Marienburg und Elbing seit heute friih 6 Uhr unter Waffer steht, so gehen die Transpotte von Danzig und Thom über Allenstein und Gül- denboden. Das Waffer steigt noch fortwährend. Dresden, Dienstag. 27. März. Der Wasserstand der Elbe ist 115 Zentimeter über Null, ein noch weiterer Wasscrzuwachs von 1 Meter wird erwartet. Kukarest, Dienstag, 27. März. Anläßlich eines hier gestem abgehaltenen ovpofitionellen Meetings fanden tumultarische Szenen statt. Die Menge versuchte, den von den Gendarmen um das königliche Palais gezogenen Kordon zu durchbrechen, wobei einige Verwundungen vorkamen. Pari», Dienstag, 27. März. Der Präsident Carnoi hat auf den Antrag des Kriegsministers und nach vorgängiger Bcrathung des Ministerrathes das Dekret unterzeichnet� durch welches General Boulanger entsprechend dem überein» stimmenden und mit Stimmeneinhclligkeit gefaßten Gutachten des militärischen Untersuchungsraths von Amtswegen mit Pension in den Ruhestand versetzt wird. London, Montag, 26. März, Abends. Unterhaus. Bei der Berathuna des Budgets, das eine im Ganzen günstige Auf» nähme und Besprechung fand, wurde der beantrage neue Wein» zoll angenommen. Die Debatte wurde darauf vertagt. Hrieskasten der Kedaktio«. Sprechstunden der Redaktion «nr von IS— 1 Zlhr Mittag» nnd 7—8 Zlhr Adend«. v«t anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung bet,nMgen. BtiefQS« Antwort wird nicht ertheilt. A. N> Z. Die Adresse des Abgeordneten Singer ist vorn 1. April ab: Dresden. Struwestr. 28, 11. ©. M. 8 a. Sie haben Recht. Beim 5. Armeekorps finden in diesem Jahre keine Uebungen statt. 0. W-» Kritzerstr. 44, Wenn Ihr Vater bei einem Gewerbetreibenden beschäftigt war, dessen Gewerbebetrieb sich auf die Ausführung von Maurerarbeiten erstreckte, so hat er Anspruch auf die Unfallsrentc und möge beim Polizeipräsidium seine Ansprüche anmelden. War er aber nickt in einem solchen Betriebe angestellt, sondern blos von einem Bauunternehmer als Aufseher bestellt, so kann er leider keine Ansprüche an die Beruisgcnosscnschast stellen, da das Unfall ocrficherungsgesetz, bctteffend die bei Bauten beschäftigten Personen, erst am 1. Ja» nuar d. I. in Kraft getreten ist. Zu näherer mündlicher Aus» kunst sind wir bereit. Fr. M. 1. Sie find mit der Uhr schon hereingefallen und würden mit dem beabsichtigten Prozeß dasselbe Schicksal haben. 2. Für den gegenwärtigen Reichstag gilt noch die drei» jährige Legislaturperiode, erst der nächste wird auf 5 Jahre gewählt werden. 3. Fragen Sie bei Herrn B. selbst an. Scharnweberstr. 113. Ob Ihre Entlassung aus dem von Ihnen angegebenen Grunde zulässig ist, können wir ohne Kenntniß Ihres schriftlichen Arbeitskontraktes resp. des Statuten» buches nicht beurtheilen, ein gesetzlicher Enllassungsgrund ist mißliebige politische Gesinnung natürlich nicht. Jedenfalls er» suchen Sie den Kassenarzt wiederholt um genaue Untersuchung, damit Ihre Krankheit bei einer etwaigen Entlassung schon der Kasse gegenüber festgestellt ist. Zi. M. 10. Bereits beantwortet. I Wasserstand der Spree in der Woche 17. März 1888.•(Angabe in Metern.) vom 11. März biS Kgl. Prents. 178. Klassen-Lotterie. Die ZiehnNff I CIas«e beginnt am 8. April; hierin empfehle Antheile:>, 55 M., Vi 27j M,'/. 13,75 M,>/ä 7 M., Vio 6 M., Vi. 3.75 M., Vw 3 V« 2 M,,'/«„ 1,60 M., V*4 1,10 M. Amtliche Listen für alle 4 Classen 1 M. Bei Vorausiahlung für alle 4 Classen kosten Anth.>, 220 M., j 110 M., V« 56 M,>, 27 j M., l/io 24 M.,'/i. 16 M., Vjo 12 M.,'/« 7,50 M.,'Uo 6 M.,>/,« 4M.— Bei d. Itit Zhg. wurden die Hauptgew. v. 100 000 IM., sowie I ä 30 000 M., 2 ä 5000 M. etc. bei mir geiog. Marienbnrger Loose Zhg. 17.4c. ä3M, 11 L. 30 M., Halbe 1,50 M, 11 Halbe 15M. Krems-Loose a 1 M, 11 L, 10M., BarlettalOOLire-L, Zhg. 20/5ä93&LPoi to u. Liste 30 Pf. 350 WMWMMWI Ferner empfehle mich zum■■■&■■■ An- M Vcriaif yon WcrtnpapiGren zn den Coursen der Berliner Börse. Provitoou'lio Prozent. Dlsconto- und Cheque-Verkehr. Wechsel- Domicilirung. AUGPST FPHSE. BaptWlMl, Beriili ff, Telegramm- Adresse: Fuhsehank Berlin. Ii Erste Klasse [600 Königl. Preus. 178. Staatslotterie. Ziehung 3. u. 4. April er. Hierzu empfehlen Anth.(klassenweise derselbe Betrag zu zahlen): V, V> V« Vg'/*'l'O Vji'lai M. 50. 25. 12*. 10. 6%. 5. 2*. 1*. 0,75. 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UVV£11. i 1�3.Dresdn�str�--Mödk!'Uaqastn��VMIi� li 51 rU»Dresdnerstr.1A� MWehSPiegel un» Wolsterwaanneillkiirr falitili BerantwmÄiwer Redakteur: XL«ronhein» in Berlin. Druck und Berlaa nen IBt-nr«ahiua in Berlin Beutbüraße 2