P» 154. Mittwoch, den 4. Juli 1888. 5. Zotzl, dinerlolfeslilttlL Brgan für die Intereffen der Arbeiter. Da»„Berliner Bolksblatt" erscheint täglich Morgen« außer nach Sonn- und Festtagen. AbonnementSprei« für Berlin frei in'« Hau« vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Man, wöchentlich 35 Pf. Postabonnement 4 Marl. Einzelne Rummer 5 Pf. SonntagS-Nummer mit dem„SonntagS-Blatt" 10 Pf. (Eingetragen in der PostzeitungSpreiSliste für 1888 unter Nr. 849.) JnsertionSaebühr beträgt für die 4gesvaltete Petitzcilc oder deren Raum 25 Pf. Arbcitsmarkt 10 Pf. Bei größeren Aufträgen hoher Rabatt nach Uebereinkunft. Inserate werden diS 4 Uhr Nachmittag« m der Expedition, Berlin SW, Zimmerstraße 41, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung de« Preise«, angenommen. KedaKtio«: Keuthstraße Ä.— Grpeditio«: Zimmerstraße 44. Erledigte Mandate. Der seit der Verabschiedung de« Herrn v. Puttkamer mit der Führung der Geschäfte de« Ministerium« de« Zn- nern betraute Herr Staatssekretär Herrfurth, der nun Mi- nister de« Innern geworden ist, scheint sich da« berühmt gewordene„sofort" seine« Vorgänger« nicht angeeignet zu haben. Mit anzuerkennender Promvtheit hat er für die er- ledigten Mandate im preußischen Avgeordnetenhause Neu- wählen angeordnet, obgleich die au« der Wahl hervorgehen- den Volksvertreter kaum ihre kurulischen Sessel einnehmen und die 15 Mark Diäten pro Tag einstreichen werden, weil die laufende Legislaturperiode beendet ist und im Herbst Neuwahlen für diepreußische Volksvertretung stattfinden müssen. Wir kennen die Gründe, au« denen diese Wahlen jetzt noch vorgenommen werden sollen, nicht; zerbrechen un« darüber auch nicht den Kopf, weil die durch un« vertretene Partei nicht da« geringste Znteresie an den Wahlen zum preußischen Landtage hat. Die Theilnahme an„dem elendesten aller Wahlsysteme"— wie es der Reich«- kanzler einst gekennzeichnet hat,— ist der sozialdemokratischen Partei dadurch unmöglich, weil dieselbe ihre eigenen Kan- didaten niemals durchsetzen würde und jeder Kompromiß oder Alliance mit anderen Parteien grundsätzlich von ihr verworfen wird. So stehen wir also den Vorbereitungen sowohl als dem Ausfall dieser Klassenwahlen sehr kühl gegenüber; un« interessirt hierbei nur der Gegensatz, der sich bei der Behandlung erledigter Reichstags- und Landtag«- wählen zeigt. Während man sich überaus beeilt die Lücken im Ab- geordnetenhause auszufüllen, obgleich die Mandate thatsäch- lich nicht mehr ausgeübt werden können, und demnach die «entstehenden nicht unerheblichen Wahlkosten eigentlich recht unnütz verausgabt werden, scheint man die Lücken im Reichstag nicht so schmerzlich zu empfinden. Der zum Minister der königlichen Hause« ernannte Präsident de« Reichstages hat vor wenig Tagen dem Hause verkündet, daß da« ReichstagSmandat de« 6. Berliner ReichstagSwahlkreise« durch Nieoerlegung frei geworden sei, und daß der Reichskanzler sofort nach Bekanntwerden der MandatSniederlegung um Anordnung der Neuwahl ange- gangen wäre. Diese Aufforderung muß nach unserem Dafürhalten fschon längere Zeit in den Händen de« Herrn Reichskanzler« sein, jedenfalls glauben wir, wußte man im Reichskanzler- amt früher von der Entmündigung und der dadurch bedingten MandatSniederlegung Hasenclever'S, als man z. B. im Ministerium des Innern von der eklatanten Genugthuung erfuhr, welche da« Abgeordnetenhaus, der schwer und grob- Mit-t«] Ieuilleton. Ihre Tochter. [26 Kriminal-Roma»«ach dem Französische» voa K. D e tri» g Da« Eine schloß allerdings daS Andere nicht au«, und d-m Major lag hauptsächlich daran, die Fährte nicht zu verlieren. „DaS kommt darauf an," erwiderte er.„Setz' mir erst auseinander, was Du vorhast, und dann werde ich ja sehen, ob sich der Versuch der Mühe lohnt. Mir ist ja nichts lieber, als zu arbeiten; aber ich will auch nicht dabei gefaßt werden, und wenn die Sache zu gefährlich ist, bin ich nicht mit dabei." „Die Gefahr ist nicht arg," erwiderte Pelikan:„wenn die Geschichte aber glückt, dann hängt etwas Anständiges dabei heraus. Es handelt sich um folgende«. Nicht weit von hier liegt ein Hau«, das ein reicher Kerl bewohnt. Er -ist ein Original, hat nur einen Diener und bringt alle Nächte in den Klubs beim Spiele zu." „Woher weißt Du denn das so genau?" „Sein Diener hat es mir erzählt, den ich oft bei einem Weinhändler am Kai de la Tournelle treffe. Er ist alle Abende da und betrinkt sich. Ich habe ihn ausgehorcht, und ich weiß, wo die Banknoten und das Gold liegen... Genug ist da... der Herr hat immer so seine hundert- tausend Frank« im Sekretär." „Schön! Aber hineinzukommen wird nicht bequem sein!" „Im Gegentheil, ganz leicht, wenn Niemand da ist. Das Hau« hat einen Garten, dessen Mauer nur vier Meter hoch ist. Mein Seil habe ich da und auch mem„Schränk- zeug"') Zch kam aus den Einfall, als wir an der Straße vorüber gingen, in der das HauS liegt. Zch satzte mw, daß heute der geeignete Moment wäre. Der Herr ist im Klub, ■der Kammerdiener in der Schenke. Ueber die Mauer will ') Werkzeuge zum Erbrechen von Schlöffern. lichst verletzten giltigkeitSerklärung I ob an > der uns unbekannt; aber i kein Schritt geBerliner Wahlkreis in eiheit durch die einstimmige Un- der Wahlen in Elbing-Marienburg be- reitete. Wo nun die Anordnung für eine Neuwahl in Berlin ecken geblieben ist, können wir nicht sagen; ob der all im Reichskanzleramt noch nicht spruchreif ist, der frühere Minister des Innern in Preußen, welchen die Aufforderung de« Reichskanzlers kommen muß, die Erledigung der Verfügung aus Wilhelmstraße vergessen hat und sie im Ministerium deS Znnern liegen geblieben ist, das ist eigenthümlich erscheint es unS, daß noch schehen ist, um die Neuwahl im 6. Berli die Wege zu leiten. Wir sollten doch meinen, waS dem preußischen Abge- ordnetenhause recht ist, muß dem Reichstage billig sein, und wir glauben, daß die Wählerschaft eine« der größten Wahl- kreise deS Reiches verlangen kann, nicht länger, als nach Lage der Sache unvermeidlich ist, im Reichstage unvertreten zu sein. In vorliegendem Falle scheint daS„sofort" deS Herrn von Puttkamer noch die alte Kraft zu haben; aber es ist durchaus wünfchenSwerth, daß der neue Herr Minister deS Innern sich dieser Erbschaft entledigt und daß endlich ein- mal die Ersatzwahl für Hasenclever anberaumt wird. Die Parteigenossen im sechsten Wahlkreis werden die Ehre haben, zuerst unter der„neuen Aera", welche von den reaktionären Blättern aller Schattirungen triumphirend angekündigt wird, eine Wahlschlacht zu schlagen. Wir wissen, daß sie sich dieses Vorzuges würdig erweisen und zeigen werden, daß die Sozialdemokratie unter allen Verhältnissen ihre Pflicht erfüllt. Je schwerer der Kampf, desto rühm- voller der Sieg; unter dieser Devise werden unsere Genossen in die Wahl eintreten und unbekümmert um die krampfhaften Anstrengungen der Gegner wer- den sie in energischer, planvoller und zielbewußter Agitation das ihnen gehörende Mandat des sechsten Berliner Wahlbezirkes glänzend vertheidigen. Aber nicht nur der unzweifelhaft erfolgende Sieg ist im jetzigen Mo- ment von Bedeutung; nein, es muß auch durch die Ver- mehrung der Stimmen bekundet werden, daß die sozial- demokratischen Ueberzeuaungen immer mehr Köpfe und Herzen erobern und daß, wie auch die Politik des Augen- blicks sein mag, die Partei ruhig und sicher ihre Bahn schreitet. DieS ist Ausgabe und Ziel bei der bevorstehenden ReichStagSwahl in Berlin. Um diese Aufgabe zu erfüllen, um das gesteckte Ziel zu erreichen, bedarf es der unermüd- lichen Arbeit deshalb fei unser Ruf: Frisch an'S Werk! ich schon kommen, das Geld holen und auf demselben Wege wieder zurück klettern. Wir theilen dann." „Das ist ja sehr anständig von Deiner Seite, mein Zunge, um so anständiger, als Du mich bei der ganzen Geschichte gar nicht brauchst." „O doch! Du mußt Schmiere stehen'), während ich drinnen arbeite. Ich will doch nicht den„Blauen" in die Hände laufen, wenn ich herauskomme. Wir werden ein Zeichen verabreden, das Du giebst, wen» die Gegend un- sicher wird. Du bist mir also sehr nothwendig. Weil ich immer allein arbeitete, konnte ich die Sache auch bisher nicht machen. Zch hätte schon einen Gehilfen gefun- den, aber an den ersten besten wollte ich mich auch nicht wenden." �. „Nun wendest Du Dich an mich, den Du kaum seü einer Stunde kennst?" „Davon hängt da« Vertrauen mcht ab. Ich weiß, daß Du mich nicht verrathen wirst." „Ich kann Dich auch gar nicht verrathen, ohne mich selber zu verrathen. Wenn Du aber einmal im Hause bist, kannst Du mir ja durchbrennen, alter Knabe, und ich stände wie ein Esel auf dem Trottvir und wartete." „Kann ich nicht. Du mußt mich herauskommen sehen. DaS HauS hat nur eine Thür. Wenn Du mir übrigens nicht traust, können wir die Rolle« wechseln. Du steigst ein und ich„stehe Schmiere". Ich werde Dir schon sagen, wo Du alles findest und Dir meine Werkzeuge geben." Der Stoß saß und der Major fühlte fich gefangen. Mit welcher Lust hätte er den Burschen für seine» unver- schämten Vorschlag durchgeprügelt, aber er durfte seinen Aerger nicht einmal zeigen. Nur ablehnen konnte er. ES handelte sich darum, der Weigerung eine« guten Anstrich zu ��"'.Du bist sehr liebenswürdig," erwiderte er,„aber v bin zu schwer, um gut kletter» zu können. Und dann i eS auch nicht meine Spezialität. Zch kann wohl die Volte schlagen, aber auf« Einbrechen verstehe ich mich nicht recht. Uebung gehört zu allem." *) Aufpaffen. Hag den Mresteric&ten der Sg[. kgcrifcflcn laWinfpeHoren für das Mc 1881 si Der Fabrikinsvektor für Mittel- und Oberftanken thellt be- züglick der Arbeiterinnen mit, daß er in Mittelfranlen in 56 pCt., in Oberfranken in 49 pCt. der von ihm besuchten Betriebe weibliche Ardeiter traf; in Oberfranken nehmen zu- meist die Tertil- und Porzellanfabriken die weiblichen Arb kräfte in Anspruch. Das Verhältntß der Gesammtzahl weib- licher Arbeiter zu jener der männlichen betrug in Mittelfranken 29,7: 70,3, in Oberfranken 30,9: 69,1. In der oberfränkischen Textilindustrie werden„zahlreiche Maschinen ausnahmslos durch Frauenzimmer dedient, so daß das Verhältniß der Zahl meid- sicher Arbeiter zu jener der männlichen Arbeiter fich aus 49: 51 erhebt" In einer Schreinerei waren die mit dem Abtragen der Holzabfälle beauftragten Arbeiterinnen gleichzeitig mit dem Zer- schneiden derselben auf der Kreissäge betraut; im andern Falle de- sorgte die Ehefrau eines Hammerschmiedes in regelmäßiger Wesse die Steuerung des vorhandenen Dampfhammers. Eine Neue» rung hinfichtlich Regelung der Arbeitszeit für die weiblichen Ardeiter wurde im abgelaufenen Fahre nicht beobachtet. „In der Porzellanfabrikation Oberftankens haben schon seit Fahren weibliche Arbeitskräfte nicht blos als Gehllfinnen der Geschirrdreher, sondern auch zum selbstständigen Formen an der Drehscheibe oder Gießen Eingang gefunden, und es ist nicht unmöglich, daß mit dem fortschreitenden Ersätze der Manipu- lation des sogenannten Aufdrehens der Geschirre durch das Uederformen auf mechanisch bewegten Drehscheiben und unter dem in dieser Jndustriebranche henschenden scharfen Preisdrucke die Zahl dieser selbstständigen Formerinnen noch wachsen wird." Natürlich sinken dann die Löhne in der ganzen Branche, die Arbeitsverhältnisse verschlechtern fich, Männer werden über- flüsfig und dieselbe Litanei beginnt wie in anderen Industrie« zweigen. „Die Dauer der Arbeitszeit ist in Oberfranken in der Mehr- zahl der Betriebe eine längere als in Mittelfranken; über 16stündige Arbeitszeit fand sich nur in Holzsägen und Glas« schleifen, 13-, 14- bis 16stündigc Arbeitszeit in Bierbrauereien, Ziegeleien, Malzfabriken, Hefenfabriken und Glasschleifen, 12stündige Arbeitszeit in fast sämmllichen Betrieben der Tertil- industrie. Ucberstunden, extra bezahlt, ließen sich in einer Menge von Betrieben beobachten, und zwar von 1—3 pro Tag, welche entweder zum gewöhnlichen oder auch in manchen Fällen zu einem höheren Arbeitspreise vergütet werden; ohne Extra- dezahluug bleibt der Nachtdienst in den Getreidemühlen, in welchen die Arbeiter entweder mit der halben oder ganzen Nacht- fchicht abwechseln." Ueber die Arbeitszeit giebt Herr Kopf folgende Daten. Er fand: „Zch verstehe. Du hast Furcht, Dir die Hände schmutzig zu machen." „Geh doch! Ich habe Furcht, daß ich die Geschichte verderben könnte. Zch will mich ja gerne ihrer an- nehmen, aber die schwere Arbeit kann ich nicht leisten." Guntram sagte sich: Zweierlei ist möglich. Entweder will mir der Bursche nur ausrücken, oder er denkt wirklich an einen Einbruch. In jedem Falle steigt er ein und ich bleibe draußen. Zst er drin, so brauche ich ihn nur verhaften zu lassen. DaS wird sogar daS Beste sein. Denn wenn ich so fortfahre, wie ich begonnen habe, so giebt er mir noch manche Nuß zu knacken, und ich kann ihm doch nicht fortwährend zur Seite bleibe». Zn der Nacht geht es ja noch, aber am Tage, da danke ich schön dafür!... Und in der jetzigen Jahreszeit wird e« zeitig Tag." „Geh' nur auf meinen ersten Plan ein," nahm Pelikan das Wort;„da» ist schon das beste. Und wenn Du ein- verstanden bist, so brechen wir auf. Der Diener kommt spät nach Hause, aber er kommt doch nach Hause. Und mir liegt nicht« daran, ihn zu treffen." „Erst mußt Du mir aber die Kanne leeren helfen, be- vor wir gehen." „Nein, ich habe genug getrunken." „Der Durst ist Dir rasch vergangen. Zch hielt Dil für kräftiger. Wenn ich da« vorher gewußt hätte, hätte Zuckerwasier bestellt. Aber jeder nach seinem Geschmack! Zch will Dich nicht zwingen, und da ich allein nicht trinken mag, so können wir aufbrechen. Wo liegt den« da« HauS?" Der Major hoffte nicht mehr, seinen Mann betrunken machen zu können, und wollte zum Ende kommen. „Zn der Rue du Cardinal-Lemoine, zwei Schritt von hier," erwiderte Pelikan. „Dann vorwärts!" Pelikan hatte fich schon erhoben. Ihr Fortgehen ver- lief ohne Zwischenfall. Die Säufer warfen ihnen kaum einen Blick nach. Guntram war entschlossen, das Abenteuer, in welche« er sich etwa« leichtsinnig eingelassen hatte, zu Ende zu in Mittelsranken: 17 16 12-16 13 12t 12 | 10V 10% 10 9 6— 8 in Oberfranken: 18 Stunden in 4 Betrieben= 1 2 17 4 2 41 8 2 19 5 1 24 1 1 pCt. - F : iiM : i|': : n— 0,7„ Wenn nun Herr Kopf sagt:„Die Anwendung des Truck- fystems bei Ablohnuna der Arbeiter innerhalb der oberfränlischen Zkorbwaarenindustrie ist so ziemlich erloschen", so ist das etwas — diplomatisch gegenüber Dr. E. Sax' authentischen Fest- stellungen in seiner Schrift über die obcrfränkische Korb- «aarenindustrie. Thatsächlich besteht der Truck noch, sowohl der verboten«, als der Dank Stumm und Genossen er- fcudte, der die Hausmdustriellen zwingt, theuerer ihr Roh- Material vom Verleger zu nehmen, als sie es an der Quelle laufen würden. Interessant ist es, zu erfahren, daß„durch die jetzt gegebene Möglichkeit, die Ardeitgeber auf die finanziellen Folgen ihres Widerstandes gegen angesonnene Verbesserungen durch höhere Einschänung seitens der Berufsgenossenschaftcn hinzuweisen, deren Willfährigkeit zweifellos erheblich gestiegen ist; wenn erst einmal sämmtliche Bemfsgenoffenschaften Unfallverhütungsvor« schriften erlassen haben, so wird in kurzer Zeit bezüglich Unfall- Verhütung der denkbar günstigste Zustand eintreten." Freier Wille, Vereinbarung, Humanität nützen nichts, der Zwang der Gesetzgebung ist förderlich für den Arbeiterschutz. Da haben wir's wieder schwarz auf weiß. Ueber die Zustände in den Fürther Queckfilber- delegen beziehungsweise über die Lerstungen des söge- nannten, Glasbelegerhilfsvereins" äußert fich Herr Kopf sehr optimistisch. Seine Berechnungen find sehr gut gemeint, aber berefts im Jahre 1887 hat eine Autorität, die Herr Kopf wohl anerkennen wird» der k. Bezirksgerichtsarzt Dr. Wollncr in Fürth, die Unstichhaltigkeit der Kops'schen Berechnungsweise in einer Abhandlung nachgewiesen, die in der„Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege erschienen ist. Referent hat in seinem Buch über die Fürther Queckfilberbelegen die Wollncr'sche Kritik reproduzirt; es ist nicht unangebracht, darauf kurz zurück- «Kommen. Herr Kopf freut sich über die schernbare Abnahme der Merkurialcrkrankungen. Dr. Wollner sagt in seiner Abhandlung(S. 434—436, S. 440):„Die Besserung des Gesundheitszustandes ist eine so erfreuliche und vor Allem eine so rasch fortschreitende, daß es wohl kaum denkbar ist, in kürzerer Zeit bessere Resultate zu erzielen... Würde dies in gleicher Weise fortgehen, so würde ja der Merkurialismus bald verschwinden. Es ist deshalb ficher lohnend, zu untersuchen, welcher Ursache diese auffallende Besserung der Verhältnisse zu Grunde liegt. Ich will ja nicht leugnen, daß die getroffenen Maßregeln und Vorschriften mit Mir Besserung beigetragen haben, aber so viel ist ficher, daß dies nur zu einem sehr kleinen Theil der Fall war. Der Grund dieser, um es offen zu sagen, scheinbaren Besserung liegt ««fach darin, daß mir(dem Bezirksgerichtsarzt) das Recht ein- geräumt wurde, einmal erkrankte Arbeiter von der Arbeit auszu- schließen, so lange, als ich es für nothwendig hielt. Der Beweis hierfür ist mir außerordentlich leicht zu führen. Im 1. Semester (Halbjahr) Erkrankre wurden nicht mehr zugelassen, der Prozent- führen, aber etwas beunruhigte ihn. Er fragte sich, ob er Peter Fournis wiederfinden würde; er brauchte ihn und seinen Wagen, um den Plan auszuführen, den die Vor- schlage Pelikans in ihm wachgerufen hatten. Als sie über den Boulevard St. Germain schritten, sah er die Wagenlaternen in der Ferne leuchten. Der kluge Kutscher hatte seinen Platz nicht verlassen. Der Major beeilte sich, das gegenüberliegende Trottoir zu gewinnen, um nicht zu nahe am Wagen vorbeizukommen, aber diesmal beachtete Pelikan den Wagen gar nicht oder that wenigstens so. Er schien eS sehr eilig zu haben, denn er machte lange Schritte. Bald hatten sie die Rue des BernardinS, die Rue de Poutv'se und die Rue de Poissy pafsirt und ge- langten an die Ecke der Rue du Cardinal-Lemoine. Pelikan deutete mit dem Finger auf ein hübsches Häuschen und sagte: „Da ist es. Und rechts von der Thür ist die Mauer. Kein Licht im ganzen Haufe, auch nicht in der Mansarde! Der Diener ist also noch nicht zurück. AlleS still— kein Mensch in der Nähe. Also rasch, ich will Dir zeigen, wie ich mein Knotenseil gebrauche." „Erst muß ich mich orientiren. Wir wollen doch nicht abgefaßt werden. Bi» wohin erstreckt sich der Garten?" „Bis zur ChantierS- Gasse, dre zwanzig Schritt von hier anfängt." „Gut. Zch will alles sehen, bevor wir beginnen. Geh' voran und zeig' mir den Weg." Pelikan erhob keinen Widerspruch, und sie machten sich auf den Weg, um die Gegend auszukundschaften. Das HauS war neu und das hohe Erdgeschoß mit ein- geschlossen nur zwei Etage« hoch. DaS Mansardendach sah recht geschmackvoll aus. Das HauS schien von einem Manne bewohnt zu werden, der auf schönen Baustyl etwas gab. Der angrenzende Garten war nicht groß und seine Umfassungsmauer bog im rechten Winkel in ein kurzes Täßchen ein, das zur Rue des FossseS- St. Bernard führte. Guntram überzeugte sich, daß diese Mauer keine Thür satz fällt im 2. Semester rasch'; Ende des 2. Semesters ließ ich eine Reihe der Arbeiter meist nur au- deschräntte Zeit zur Arbeit wieder zu; am Anfang dieses Jahres steigt die Zahl der Er« krankten, meist Recidive(Rückfällige), außerordentlich rasch. Es ist mir daher sehr leicht möglich» die Zahl der Erkrankungen voll- kommen willkürlich steigen und fallen zu machen, je nachdem ich ein« oder mehrmals er- krankte Arbeiter wieder arbeiten lasse oder nicht. Niemand wird behaupten wollen, daß durch die Ab- nähme von Erkrankungen, welche hierdurch bedingt wird, irgend ein Beweis für die Wohlthätigkeit der getroffenen Einrichtungen erbracht wird, ja daß überhaupt etwas für die Gesundheit der Arbeiter geschehen, oder daß das Auftreten des Merkurialismus (der Queckfilbervergiftung) beschräntt ist... Wenn ich jeden einmal Erkrankten ausschließe und immer neues Menschen« Material den Belegen zuführe, so ist doch wohl sehr begreiflich, daß die Zahl der Erkrankten sehr bedeutend herabgehen muß, aber damit ist doch nicht verhütet, daß die Ardeiter merkurial- krank find." Wer spricht so? Der könibliche Bezirksgerichtsarzt Dr. Wcllner, ein Mann, der von Amtswegen die Zustände in den Belegen lontrolirt, studirt, kritifirt. Herr Kopf kennt offenbar die Abhandlung Wollner's, er kennt den wahren Sachverhatt nicht; denn sonst würde er nicht so triumphiren über die Besserung— auf dem Papier. Die Arbeitslöhne find, nach Herrn Kopf, dieselben geblieben, nur wenn schlechter Geschäftsgang war, wurde über zum Theil „sehr empfindlichen Lohnentgang" geklagt. Ueber Miethspreise von Ärbeiterwohnungen erfahren wir folgendes: „Mittelftanken für eine Wohnung aus 1 Zimmer mit 1 Kammer und Küche bestehend: Spardorf 32 M., Eltersdorf 32 M-, Landorte in der Umgebung von Schwabach und Roth 40 M, Lehrberg 44 M., Umgebung von An- dach 40 M., Roth 44 M. ohne Küche, Schnaittach 44—56 M., Reichelsdorf 50—60 M., Kutzwang 53 M., St. Jobst 67 M., Schwabach 36 bis 64 M., Ansbach 48—60 M., 80 M. mit Kammer mehr; Neunkirchen 50-60 M. ohne Küche, Weißenburg 60—80 M., Mözeldorf 72 M., Landgegend um Wendelstein 32—50 Mark mit Stall, Hersbruck 80 M.» Erlangen 100—120 M., Fürth 120— 360 M. je nach Lage und Beschaffenheit, Nür, derg 120 bis 280 M. je nach Lage und Größe, Umgebung von Nürnberg 80—152 M.; in Oberfranken für eine Wohnung, aus 1 Zimmer mit 1 Kammer ohne Küche bestehend, in Thierberg 24 Mark, Moschendorf 25 M.. Altenkunstadt 32 M.. Selditz 32- 40 M., Martinlamiy 50 M., Seidenhof 40 M., für Schauberg 40—50 Mark, Ludwigstadt 40—45 Mark. Oberkotzau 42—48 Mark, ein eigenes Häuschen, Leineck 42 bis 43 Mark, Schwarzenbach 52 Mark, Kirchenlamitz 41 bis 50 Mail, Marftredwitz 40—50 Mark, Bischofsgrün 36 bis 50 M., Plösberg 24—50 M., Schnett 40—60 M., Helmbrechts 50—60 M., Geroldsgrün 50 M., Lichtenberg 60 M, Schönwald 42-60 M, Munchberg 58-10 M. Tettau 60- 90 M., Selb und Hohenberg 60—100 M., Lichtenfels 60—90 M., Bayreuth 50—82 M., Stockheim 80—100 M., Kulmbach 80 bis 110 M., Hof 88—140 M., in 4—1 Stunde Entfernung von Hof 24—40 M., Bamberg 104—180 M. Für einen ledigen Arbeiter kostet die Schlafstelle in der Regel 1—1,20 M. pro Woche, nur in Erlangen müssen 2—3 M. bezahlt werden; für Kost und Wohnung werden meist 7—8 M. gezahlt. Auf denjenigen Ziegeleien, welche mit regelmäßig im Frühjahr zureisen- den Arbeitern aus Italien oder Lippe-Detmold bedient werden, wird denselben seitens des Arbeitgebers freie Schlafstelle geboten; das gleiche ist der Fall bei der Glasschleifen. Ein bestimmter Vorfall bot mir Veranlassung, der Be- schaffenheit dieser Schlafstellen nähere Aufmerksamkeit zu- zuwenden, um thatsächlich hie und da vorhandene un- würdige Zustände unter Beihilfe der Polizeibehörden abzu- stellen; es wird dies auch künftig im Auge behalten werden." Damit nehmen wir für diesmal Abschied von Herrn Kopf. Hoffen wir, daß das nächste Mal sein Bericht so ausfällt, wie der diesjährige es erwarten läßt. Dann wird er gewiß der Arbeitersache gute Dienste leisten. PoUtische KUberstcht. Der neu» Minister de« Innern. Die angeblich auf Monate hinaus in Schwebezustand gesetzte F age der Neu- desetzung des Ministeriums des Innern hat plötzlich eine über- raschende Lösung gefunden. Der„Staatsanz." bringt die Mel- dung, daß der U nterstaat ssekret ä r H errfurth zum Minister des Innern ernannt sei.— Die„Voss. Ztg." demertt zu dieser Ernennung:„Da der bisherige Unterstaatssekretär der erste Gehllfe des entlassenen Ministers war, so konnte man schließen, daß dessen System fortbestehen solle. Indessen scheint es voreilig, die Thätigkeit eines Ministers nach derjenigen des Unterstaatesekretärs zu beurthellen. In letzterer Stellung war Herr Herrfurth nicht unabhängig; er hatte nicht seine eigenen Gedanken zu bethätigen, sondern diejenigen seines Vorgesetzten und daß der Garten auf der anderen Seite durch die fenster- lose Brandmauer eines Gebäudes begrenzt wurde, das seine Front nach dem ChantierS- Gäßchen zuwandte und einem Weinspeicher gegenüber lag. „Gut," sagte er sich.„Da» HauS ist ja die reine Mausefalle. Wenn mein Mann einmal drin ist, soll er ohne meinen Willen nicht mehr heraus." „Du siehst, Niemand ist da," sprach Pelikan.„Die Gelegenheit ist günsttg." „Scheint mir auch so. Von wo willst Du denn ein« steigen?" „DaS ist gleich. Von dem ChantierS-Gäßchen aus, da wir einmal hier sind." „Gut. Ich werde mich am Eingang der Gasse so auf- stellen, daß ich beide Seiten übersehen kann. Aber ich möchte gern wissen, wie Du mit Hilfe Deine» Seile» hineinkommen willst?" �. „DaS ist sehr einfach. DaS Seil endet an der einen Seite in einen Haken, an der andern in einen Ring. Sieh Dir einmal die Piken an, die auf der Mauer aufgepflanzt sind. Der Dummkopf, der sie anbringen ließ, um Diebe abzuhalten, hat nicht geahnt, daß ich mich gerade ihrer be- diene» würde. Sie sind oben gerade so gekrümmt, daß sie meinen Ring festhalten, wenn mein Gewicht das Seil spannt. E» handelt sich nur darum, den Ring so zu schleudern, daß er an einer dieser Piken hängen bleibt. Und geschickt bin ich." Pelikan prahlte nicht, denn beim dritten Versuch gelang ihm seine Kunst. Der Ring hing fest. Guntram vermuihete jetzt, daß er eS wirklich mit einem gewerbsmäßigen Diebe zu thun habe. „Jetzt kann'S losgehen," sagte er.„Ich werde mich an der Ecke der Gartenmauer aufstellen. Wenn jemand kommt, pfeift ich. Eine Pfeife habe ich in der Tasche. Wieviel Zeit brauchst Du, um den Sekretär aufzubrechen und mit dem Gelde zurückzukommen?" „Zwanzig Minuten... höchstens eine halbe Stunde. Ich komme auf demselben Wege zurück. Du kannst also hier warten." „Willst Du das Seil an der Mauer hängen lassen?" auszuführen. Er konnte mit dem Oberst Wrangel im„Walle» stein" sagen:„Ich Hab' hier ein Amt und kerne Meinung k Als Minister dagegen ist Herr Herrfurth der verantwortlich Leiter der inneren Verwaltung; er hat die Gelegenheit, fich jq als Staatsmann zu erweisen. Politisch ist Herr Henfurth dich nicht wesentlich hervorgefteten; er zeiate fich stets mehr w Beamter, denn als Parteimann. Welcher politischen Ueb« zeugung der neue Minister folgt, kann man mit Sicherhett kao sägen. Insofern ist seine Wahl geeignet, das Mißtrauen d Parteien abzuschwächen. Jedenfalls dürfte das persönliche All treten des neuen Ministers nicht so herausfordernd sein, n dasjenige seines Vorgängers nur zu oft erschien. Im übrig wird man gut thun, die Amtswirksamkett des neuen Ministe abzuwarten, um fich ein Urthal zu bilden. Die äußert Rechte schmeichelte fich mit der Hoffnung, daß über kurz od lang Herr v. Puttkamer zurückkehren werde. Die Zukunft wir zeigen, ob fich Herr Herrfutth nur als Platzhalter ff seinen ehemaligen Chef betrachtet. Ebenso wird fich bald zeigt müssen, wie der neue Minister über die von Kaiser Friedrit- gefordrrte Wahlfreiheit denkt. Wenn fich Herr Herrfurt nur einigermaßen bemüht, mit allen Parteim in Eintracht; leben, so wird er diesen Zweck leicht erreichen. Denn ihm diel Herr v. Puttkamer zur Folie. Ebenso findet Herr Herrfmt auf dem Gebiete der Polizei, namentlii der geheimen, ein dankbares Feld für zeit gemäße und volksthümliche Reformen. Auf da Gebiete der Selbstverwallung kann der neue Minister sehr bal beweisen, wcß Geistes Kind er ist; nicht minder in der Hand habung des Sozialistengesetzes. Herr Herrfurt hat keine politische Vergangenheit. Um so gespannter darf m» auf die Zukunft sein. Herr v. Puttkamer hat von fich behauptl er wolle„kein großer und selbstständiger Staatsmann" sein,< auch Herrn Herrfurth's Ehrgeiz in dem Amte, welches ei» Stein bekleidet hat, so bescheiden ist, wird man bald erfahren — Erwähnt sei, daß Herr Herrfutth-Vorsitzender der Prüfung! kommisfion für höhere Verwaltungsbeamte und der Reichskoa misfion für Beschwerden gegen das Sozialistengesetz ist. D Entwurf der Landtags-Thronrede soll von ihm Herruhren. Liberal Blätter rühmen dem neuen Minister übereinstimmend verbint liche Formen nach. Also»in dauernde« Spezialgesetz gegen demokratie— das ist der Stein der Weisen, den die, liberale Korrespondenz" entdeckt hat. Wie dieses Spezialgesetz" beschaffen sein soll, das wird vom Tageblatt", diesem drei Mal in der Wolle gefärbtm Organ sächfischen Kartell- und Radaubrüderschaft, mit dankenswert� Offenheit verrathen, indem das fragliche Blatt zu dem V« schlag der„Nationalliberalen Komspondenz" schreibt:„— 22» können unser Einverständniß erklären, sobald das in Dorschlä gebrachte dauernde Spezialgesetz der staatlichen Autorität die selben Garantien und Befugnisse gegen die Umsturzbesttebung« gewährt, die in dem gegenwättigen Sozialistengesetz entbalw sind." Zu diesen„Garantien und Befugnissen" gehött V« Aufhebung des Vereins- und Versammlungsrechts und de Preßfreiheit für die Sozialdemokraten, der„kleine Belagemngt zustand" und die Ausweisung. Indem das„Le pzia« Tageblatt" diese„Garantien und Befugnisse" erhaW wissen will, befürwortet es also das Sozialistengesetz in Pcrli» nenz. Und darauf wird ja auch, wie wir gestern schon zu dä Vorschlage der„Nat.-Llib. Korr." bemerkten, die famose„Ar! Hebung des Sozialistengesetzes", welche vorigen Winter von dd Herren Miquel und Komp. so pomphaft angekündigt ward, W auslaufen. Nun— wir können dem„Leipr. Tgdl" auch etsä verrathen, was ihm Spaß machen wird. Das„Erpatriation? gesctz" soll wieder auferstehen, mtt sammt der Temper'sck? Wahlrechtsentziehung, und beides soll in das„dauernde Spezi»! gesetz" hineingebracht werden, und zwar dergestalt, daß, wie v» jetzt schon mtt der Ausweisung auf Grund des„kleinen M lagerungszustandes" der Fall ist, auch andere rcichs- und staatj feindliche Fischlein in den Maschen des„dauernden Spezi» gesetzes" gefangen weiden können. Ob der Plan in seW ganzen Ausdehnung verwirklicht werden wird, können � natürlich nicht wissen— daß aber der Plan in sehr, sehr/ flußreichen Kreisen besteht, das wissen wir. Die Stellung der Uationallideralen zum Sozialist«« gesetz wird von der„Kreuzztg." verspottet. Sie möchten ihr refo.mativen Umgestaltungen nur auf die Form in Anwen dung zu bringen versuchen, so höhnt das Blatt, das inneo Wesen der Sache dürfte auch nach zwei Jahren einer Aenderu»! wenig bedürftig sein.—„Als völlig mißgluckt aber müssen den Versuch bezeichnen, die auch diesmal getäuschten Envoe hingen der Herren Miquel und v. Bennigsen auf deren angeb liche Abneigung gegen das Sozialistengesetz zurückzuführen." Die Attentatogerüchte werden von der„Post" als vo» ständig auf Erfindung beruhend dezeichnet. Im Anschluß hier» schreibt die„Magdeb. Ztg." gegen die gewerbsmäßigen Per breiter derartiger Nachrichten, die desondeis in dem Stöck.isih» „Reichsboten" ihr Wesen trieben, folgendes:„Das Publilu» und vielleicht auch noch andere Kreise sind tagelang in unnütz!* nichtsnutziger Weise in Unruhe versetzt worden. Um so lcd hafter drängt fich die Frage nach dem Zwecke auf, der n> „Natürlich. Sonst kann ich ja nicht heraus. SobaÜ ich draußen bin, hake ich e» mit meinem Zollstock lok Wenn dann morgen der Polizeikommissar geholt wird, u» den Einbruch zu konstatiren, wird er niemals errathen, der Dieb hineingekommen ist.... Sind wir soweit..■ Ja... so klettere ich hoch. Auf baldiges Wiedersehet Wenn Du Dich beim Watten langweilen solltest, so kanri Du Dir eine Pfeife auzünden. Der Tabaksrauch statt nM nicht, und soviel Zeit wirst Du schon haben, um eine aick zurauchen." Nach diesen ironischen Abschiedsworten faßte Pclika« der sein Felleisen über die Schulter gehangen hatte, i» beiden Fäusten das knotige Seil und klimmte an ihm in* überraschender Gewandtheit empor, so daß er in wenige* Augenblicken die Mauerfirst erreicht hatte. Einmal dort, hockte Pelikan nieder, denn setze konnte er sich wegen der spitzen Verzierungen ai Eisen nicht, die sich auf der Mauer befand» Aber er konnte sie überschreiten, denn sie war» nicht hoch. Er faßte eine Eisenstange mit der linken Ha»' und ohne das Gleichgewicht zu verlieren, zog er mit d� rechten Hand geschickt das Seil empor, ließ den Ring si? um seinen Zapfen drehen und warf das Seil über»** andere Seite der Mauer, so daß eS nun in den Gatt» hinabhing. Nachdem er Guntram noch einmal zugenickt hatte, d» ihm von unten zusah, begann er auf der inneren Seite d» Mauer herabzuklettern und bald war er verschwunden. (Fortsetzung folgt.) Au« Kunst und Leben. u (ßlii Wettschmieden fand kürzlich, wie amerikanisa! Blätter berichten, in Detroit, der Hauptstadt des Nordamerika»- schen Staates Michigan, statt. Der Wettstreit kam zum% trage zwischen dem 38jährigen Martin Dunn von Oxford E taate New-Bork und dem 40jährizen John Campbell von 4° ronto, Kanada, also gewissermaßen zwischen England»»? Amerika. Als Arena war vie Bühne des Theaters in Detr»" diesen Nachrichten verfolgt wird. Eine Wamuna konnten und sollten sie nickt sein, denn Warnungen dieser Art pflegt man nickt auszuposaunen, wenn ste wirkungsvoll sein sollen. Weite Kreise neigen zu der Annahme hin, daß die Alarmnachrichtcn einen politischen Hintergrund haben. Ohne Weiteres ist diese Annahme nicht zurückzuweisen, wenn man fich erinnert, daß in gewissen Kreisen in der letzten Zeit eine Politik der Ein- schüchterung und Drohung in Aufnahme gekommen zu sein scheint. Man braucht fich nur gewisser Artikel zu er- innern, die vor der Ankunft der Königin von England in Berlm zur Veröffentlichung gelangt find."......., Die NationaUiberale«. so schreckt vre natron allckerale „Berliner Börsenzeitung", wissen nichts von einer Verpflichtung, zwischen Konservativen und Freikonservativen der der Landtags« wähl zu unterscheiden. Sie kennen kein Gebot, den Befiystand der Stöckerei und der gutsherrlichen Reaktion zu respektiren, geschweige denn direkt zu stützen. Sie halten es vielmehr mit dem Reichskanzler, der das Brauchbare nimmt, wo er es findet: Unbrauchbares und Abgewirthschaftetes aber dort liegen läßt, wo es zu Fall gekommen ist. An den Lanzenreitem von der Kreuzzertungsgruppe können wir keine schreckhafte Seite ent- decken.— Anton wird dm Degen wohl in Bälde wieder bei- stecken. Kartellbrüderlichr Heuchelei. Währmd das sächfische Volk an Bildung und Humanität von den Einwohnern keines Thefles von Deutschland übertroffen wird, gehören die sächfischcn Kartellbrüder zu den schlimmstm ihrer Art. Herr Stöcker kann als der allgemein anerkannte Führer der sächfiscken Kartellbrüder bezeichnet werdm. Selbst in dem vornehmsten Organ der säch- fischen Kartellisten, in der„Leipziger Zeitung", poltert der Geist des„neuen Luther", und die Bierey's der„Dresdener Nach- richten", welche die sächfische Provinzialpceffe(die fast ausschiieß- lich Amtspresse ist) mit„geistiger Nahrung" versehen, find den preußischen Hetzblättern noch„über". Der Antisemitismus hat, da ihm die Berliner Lust doch mcht recht paßt, in Sachsen sein Hauptquartier errichtet, und zwar in der guten Seestadt Leipzig, dem„Zwinguri aller reichsfeindlichen Parteien", wo er bis in die höchsten Beamtenkreise seinen Anhang hat und fich absoluter Immunität erfreut, so daß der Herr Stöcker neuerdings dazu gekommen ist, seine heftigsten Reden in Leipzig bei Friisch drucken zu lassen. In jüngster Zeit fruttifiziren die sächfischen Kartell- brüder mit Vorliebe den Singer'schen Prozeß und reiten auf den jüdischen„Hungerlöhnen" von 12 M. die Woche herum. Daß fle das thun, ist beiläufig ein Beweis für die bodenlose Gedankcnlofigkeit dieser Gesellschaft. Denn die säch- fischen Fabrikanten, die fast allcsammt brave Judmhetzer und Kartellbrüder vor dem Herrn find, bezahlen durchschnittlich, wie amllich-statistisch feststeht, kaum mehr als die Hälfte dieses Hun�erlohnes. Und jedenfalls giebt es nm sehr wenige, die überhaupt höhere Löhne be- zahlen, und ganz gewiß keinen, der mehr für weibliche Arbeit bezahlt. Wenn aber 12 M. ein Hungerlohn ist, was ist dann der Lohn, welchm die chrisllich-germaniscken, patriotischen, reichstteuen und antisemitischm Fabrikanten Sachsens bezahlm? Der himmelblaue Buttermann, der ja auch sächfischer Fabrikant ist, wird uns in seiner nächsten Reichstagsrede vielleicht den richtigen Namen sagen. Wir aber werden die sächfischen und sonstigen Kattelldrüder mit ihren Löhnen stcherlich nicht aus dem Schraubstock herauslassen. Dt» Anafchüfl« de» Kundearatha, welche mit der Vor- berathung, betreffend die Alters- unv Jnvalidenver- sicherung der Arbeiter, betraut sind, haben ihre Ar- besten soweit beendet, daß morgen die Schlußsitzung stattfinden kann, in welcher die endgiltige Fassung des Gesetzentwurfs in Paragraphen festgestellt werden wird. Wie bereits anderweitig bekannt geworden, haben die Ausschüsse wesentliche Aende- rungen des ursprünglich in seinen Grundzügen bekannt ge« wordenen Entwurfs vorgenommen, insbesondere ist die berufs- genoffensch ftliche Organisation für die Alters- und Invaliden- veificherung nicht aufrecht erhalten, sondern die territoriale Ab- grcnzung sur die einzeln zu errichtenden Versicherungsanstalten angenommen worden. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daß die Organisation in ähnlicher Weise gedacht ist, wie die für die landwirthschaftliche Unfallversicherung. Die territoriale Abgrenzung ermöglicht, wie offiziös betont wird, naturgemäß die Einrichtung einer geringeren Anzahl von Ver- ficherunasanstalten, als dieselben bei der derufsgenossenschaft- lichen Organisation nothwendig gewesen wären. Ebenso soll sich damit eine Vereinfachung des Markensystems und auch die Einführung gewisser Abstufungen, etwa nach Gefahrenklassen, für die zu erhebenden Beiträge ermög- lichen lassen. Der Gesetzentwurf soll, wie schon vre Grundzüge es thaten, die sämmtlichen Arbeiter und Arbesterinnen Deutschlands umfassen, wenn auch der in Ausstcht genommene Gesetzentwurf, welcher den noch nicht berufsgenossenschafllich organifirten Rest des arbeitenden Theiles der Bevölkerung an die Unfallverstcherung anzuschließen bestimmt ist, vorerst noch nicht fertiggestellt werden würde. Es wird behauptet, daß in Preußen vre Organisation für die Alters« und Jnvalidenver- sicherung fich an die Kommunalverbände angliedern ließe, somit vielleicht für je eine Provinz, mitunter auch vielleicht fr» zwei gewählt, welche in eine großartige Feldschmiede verwandelt war. Dazu entsprechende Dekorationen— nicht feuergefährliche selbstredend— es war alles höchst stimmungsvoll und die Haupt- sache, das Haus war ausverkauft. Der Gedanke war eigenartig und zündete. Ganz Detroit sprach tagelang von nichts ande- rem, als von dem Hufbeschlagwettstrest. Um 8 Uhr 21 Min. begann das feuersprühende Spiel und um 10 Uhr war es be- endet. Amerika ging als Sieger aus dem eisernen Match her- vor. Dunn hatte sein hundertstes Hufeisen fettig, während Campdell etft sein vierundneunzigstes in ordnungsmäßigen Zu- stand gebracht hatte. Dunn wurde mit Jubel als Sieger de- grüßt und von allen Seiten beglückwünscht. Seine Freunde brachten ihm eine enthustastische Kundgebung, als er zu dcr Or- chesterloge hinadgrüßte, in der seine Frau und Kinder und seine Mutter saßen._ Gin geographische» Mißverständnis. Bei Bleicherode in der Provinz Sachsen liegt eine Gastwitthschaft mit dem Namen Japan, welcher vor Zeiten dieser Gastwitthschaft von den Gästen als Beiname gegeben und im Laufe der Zeit volks- thumlich geworden und betbehalten ist. Wie das Postarchio "unwütheilt. wurde vor einiger Zest in Stargard in Pommem etn Brref an den Besitzer der genannten Gastwitthschaft zur Post gegeben. Der Brief trug auf der Adresse außer dem Namen des Empfängers nur die kurze Bezeichnung: Bleiche- rode, Japan, weshalb er denn nach Japan expedirt wurde und ettt, als er dort nicht bestellt werden konnte, gelangte er über Nokohama und Hongkong wieder zurück nach Deutschland und in die Hände des Adressaten, des Besitzers der Gastwirthschaft Japan bei Bleicherode. Der Brief zeigt die Poststempel der »Einschiffungshäfen Neapel, Hongkong und Äokohama und einen handschttftlichen Vermerk auf der Vorderseite, daß Bleicherode in Japan nicht aufzufinden sei. Di» Korkwälder von Tun»». Einen bedeutenden Theil der Oberfläche von Tunrs bedecken seine Korkwälder, welche vor der französischen Okkupatwn lerner Beaufsichtigung unterworfen waren und bis zum Eintritte derselben unier vielen Uebelstänven zu leiden hatten. Die Franzosen, welche die Wichtigkeit erkannten, die mit der Erhaltung dieser rn Staats- eigenthum übergegangenen Wälder verbunden war, stellten die- selben 1888 unter die Verwaltung eines eigenen Amtes, welches sorgfältig ihre Ausdehnung erforschte und überzeugend nachwies, daß fie einen wesentlichen Bestandtheil des natronalen Reich- thums bilden. Die Wälder befinden fich in einem Landstttche mit spärlicher, auf 12000 Seelen geschätzter Bevölkerung, die in rohen aus Zweigen hergestellten Hütten wohnt. Man legte eine Verficherungsan statt zu errichten wäre. Für die größeren Bundesstaaten wird wohl je eine Verstchemngsanstalt, für vre kleineren, wie vielleicht die thüringischen Staaten zusammenge- nommen, je eine zu erttchten sein. Was die Rente betrrfft, so soll dieselbe dem Vernehmen nach mit 120 M. nach erner Karenzzeit von fünf Jahren beginnen und bis zu 250 M. ansteigen. Die Nachricht. daß der von den Ausschüssen festgestellte Gesetzentwurf jetzt schon vor das Plenum des Bundesraths gelangen soll, wird als nicht zutreffend be- zeichnet; das letztere soll erst im Herbst in die Berathung des Entwutts eintreten. Inzwischen soll der Entwurf, sobald die Redaktion endgiltig festgestellt ist. pudlizitt und so der offent- lichen Begutachtung übergeben werden.— Wir schieben unsere Kritik des verändetten Gesetzentwurfes bis dahin auf. Di» Ued»rfchw»«m««ge« d»» v»rgang»»»» Friih- jahre» mtt ihren verwüstenden, auch jetzt noch lange nicht über- wundenen Wirkungen beschworen alsbald die Frage einer um- fassenden staatlichenWasserwirthsch aft wieder herauf. Die Presse diskutitte die Vorbedingungen und Anforderungen einer geordneten Strompflege, ihren weittragenden Nutzen für Volkswirthschaft und Finanzen außerordentlich eingehend, und es verlautete wirklich von Eiörterungen, welche zwecks Herbei- führung einer mehr der Neuzeit entsprechenden Organisation dieses wichtigen Verwaltungszweiges in den betheiligten Ressotts gepsiogen wurden. Nicht blos ein gut funttionirender Nach- richtendienst, der von der Quelle der Flüsse bis zu ihrer Mün- dung reicht und die bedrohten Anwohner der unteren Gegen- den rechtzeitig vor dem Anwachsen des Stromes warnt, sondern auch die Inangriffnahme einer großartigen Reaulirungsarbeit. die fich vor allem auf den oberen und mittleren Lauf, nicht blos den unteren erstreckt, und welche mit Hinblick auf die allge- meine Landeskultur, nicht lediglich im Interesse der Schifffahtt durchzuführen ist, wurden allseitig als nothwendig bezeichnet. Die Theotte ist hier der Praxis längst weit vorausgeeilt. Jetzt verlautet nun offiziös, daß jene„Erörterungen zu einem gewissen Abschluß gekommen seien". Und was haben fie ergeben? Die an den meisten deutschen Strömen mit den Oberpräfidien für die betr. Provinz verbundenen Strombauverwaltungen sollen eine größere„Einheitlichkeit, Rechtzeitigkeit und Energie der Attion" — doch nur gegen bereits vorhandene oder unmittelbar drohende Ueberschwemmungen— herbeiführen und mtt den erforderlichen Trains, Fahrzeugen und sonstigen Hilfsmitteln ausgestattet werden, wo dies nothwendig. Für die Elbe will man fich fogar noch zur Beschaffung eigener Eisbrechdampfer aufschwingen, da dieselben bis jetzt nur vereinzelt, insbesondere an der Weichsel vorhanden gewesen seien. Waren hierzu so weitschichtige Er- ötterungen nothwendig? Von einer großorganifirten Waffer- wirthschaft unter staamcher Aufficht kein Wort mehr, nur noch von kleinlichen Palliativmittcln ist die Rede. Auch jetzt, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, will man den letzteren noch nicht zudecken. Wie viele Male werden fich dann die schrecklichen Szenen in den unteren Stromgebieten unseres Vaterlandes wiederholen, wie oft wird noch ein Theil unseres National- Wohlstandes vernichtet werden, wie viel Wasser wird nach wie vor von Berg zu Thal lausen, ohne wirthschaftlich nutzbringend für Forst und Feld ausgenutzt zu werden? Es wäre sehr zu bedauern, wenn die von mächtigen Elementarereigniffen veran- laßte Reformbeweaung dieses Frühjahrs so kläglrch im Sande verliefe. Vielleicht rst doch noch eine Nachricht von der Inangriffnahme weiter reichender Organisationsreformen seitens der betheiligten und schwer verantworllrchen Verwaltungen zu ermatten. Gi» Zeitungstödter. Der„Frank. Tgp." wird aus Bamberg vom 1. Juli geschrieben:„Es giebt Leute, die da meinen, fie hätten Recht, von„ihren" Arbeitern nicht blos die höchstmögliche körperliche Arbeitsleistung, sondem auch das voll- ständige Aufgeben einer seldstständigen politischen Meinung zu verlangen, sobald ste diese Arbeiter in„ihren Dienst" genommen. Und es giebt unter diesen Leuten, die meist einen großen Geld- beute! befitzen, solche, die fich wirklich ganz ernsthaft entrüsten können, wenn man ihnen sagt, daß ste rein Recht haben, den- jenigen ihrer Mitbürger, welche genöthigt find, ihre Arbeits« traft an ste zu verkaufen, derartige Zumuthungen zu stellen. Mit besondeler Vorliebe stürzen sich solche ae- waltthätiae Charaktere auf Zeitungen, welche ihnen nicht paffen. Wie der Reiher schnurgerade aus luftiger Höhe in das Wasser stößt, um das Fischlein zu ergattern, so stürzt sich so ein Zeitungstödter, wenn er in den Händen„seiner" Arbeiter ein ihm unbequemes Blatt erblickt, auf dasselbe und möchte es am liebsten auffressen. Die Arbeiterblätter aller Orten wissen davon zu erzählen. Hier haben wir einen reichen Kunstmühl- besiyer, Herrn Kresser, welcher seinen Leuten verboten hat, die „Fränkische Tagespost" zu lesen! Es ist bei unfern hiesigen Kapitalherren schwer, deren politische Richtung festzustellen, denn es ist zwischen„liberal" und ulttamontan nur ein ganz geringer Unterschied! bei den Gemeinvewahlen und ähnlichen Gelegen- heften gehen fie sogar zusammen. Wir find daher auch nicht in der Lage, den„Standpunkt"— wenn er überhaupt einen hat — des Herrn Kresser zu definiren. Nur so viel steht fest, daß er ein Feind jeglicher Arbeiterbewegung ist und daß er bei der Wahl als Äagisttatsrathskandidat durchgefallen ist. Vielleicht Straßen durch die Wälder an, sparte breite Alleen in be- stimmten Zwischenräumen aus, um ein Ausbreiten der oft vor- kommenden Brände zu verhindern, und vor allem schttlt man vor zum Schälen der Korlbäume, einer Operation, welche darin besteht, daß man die Außenrinde der Stämme bis zur Höhe von 5 bis 6 Fuß vom Boden entfernt. Diese erste Außenttnde ist ohne Werth, und erst zehn Jahre nach ihrer Entfernung ist die innere Rinde für Handelszwecke verwendbar. In Jnter- vollen von 10 Jahren geben die Bäume eine neue Ernte. Die Kossen für diese Arbeiten werden durch die Summen gedeckt, welche aus den brreits gefällten Bäumen und der zum Gerben gebrauchten ersten Rinde gelöst wurden. Die nachfolgende Schätzung der Ausgaben und Einnahmen für drei Penoden von je zehn Jahren wurde von der Direktton dieses Amtes entworfen. Ausgaben: 1884-1894 80000 Pfund Sterl. 1894-1904 200 000„ 1904-1914 270000„„„ Demnach betragen in 16 Jahren, d. i. zu Anfang der dritten Periode, die jährlichen Ausgaben 27 000 Pfd. Sterl.. die Einnahmen 96 000 Pfd. Sterl., mtt einem Gewinne von 69i00 Pfund Sterling. Gl« tollkühne» Unternehme«. Kapitän Wm. A. Andrews in Cambridge, Mass., welcher bekanntlich vor zehn Jahren in einem Segelboote, genannt„Nautilus", die Reise von Boston nach England in 46 Tagen machte, beabsichtigt wiederum, den Ozean in einem Boote zu kreuzen. Das betreffende Boot, welches den Namen„The Dark Secret" fühtt, ist noch kleiner als der„Nautilus", nämlich nur 15 Fuß lang, 5 Fuß breit und 2 Fuß tief. Das kleine Fahrzeug ist aus Cedernholz gebaut. Kapitän Andrews wird anfangs nächster Woche seine tollkühne Fahtt von Boston aus antreten und fich für einen Zeitraum von 75 Tagen verproviantiren, obwohl er der Anficht ist, Queenstown m 50 Tagen erreichen zu lönnen. Nächtlich» Zählung der Kevölkernng St. Petersburg. In der Nacht vom 26. auf den 27. Zuni fand in ganz St. P-tersburg die allgemeine Volkszählung statt. Die msstsche Regierung oerfügte eine nächtliche Volkszählung, weil es für die Hausbesitzer und Hausbesorger in der Nacht leichter sei, zu er- mittel», wie viele Menschen in ihren Häusern wohnen, als am Tage. Einnahmen: 140000 Pfund Sterl. 480 000„ 960 000 will er fich durch diese Graßthat des Zeitungsverbietens einen solchen Namen bei seinen Gleichgefinnten machen, daß fie ihn das nächste Mal sicher wählen. Denn ein solcher„Ordnungs- freund" gehött in's Bamberger Magisttatskollegium." Wa« der Polizei all»« pafstre« Kann. Der Werk- meister der Firma C. A. Ursprung, Herr Julius Süther jun., in Barmen, veröffentlicht folgendes:„Um Gerüchte zu wider- legen, welche in Folge meiner vor einigen Monaten erfolgten Verhaftung entstanden find, gleichzeitig auch, um zu zeigen, wie leicht es selbst dem Unschuldigsten geschehen kann, durch einen Jrtthum der Polizei verhaftet und damit auf's Empfindlichste getroffen zu werden, gestatte ich mir, das Folgende zu veröffent- lichen: Am 3. April, Vormittags, wurde auf den Verdacht hin, daß ich einer geheimen sozialistischen Verbindung angehöre, Haussuchung in meiner Wohnung gehatten. Dieselbe war selbst» verständlich durchaus erfolglos, da ich mich nie um die Sozial- demokratie oder deren Bestrebungen gekümmett, nie eine sozial- demokratische Schrift gehalten oder einen Beittag für derartige Zwecke gegeben habe. Trotzdem wurde ich am Abend desselben Tages verhaftet und mußte die beiden darauf folgenden Nächte, sowie den dazwischen liegenden Tag im Gefänaniß verbttngen, aus dem ich erst am dtttten Tage infolge der von meinem Pttnzipale eingeleiteten Schritte wenigstens vorläufig entlassen wurde. Meine Bemühungen waren seitdem dahin ge- richtet, Erklärungen über die Sache zu erhalten. Von der Staatsanwaltschaft in Elberfeld wurde mir auf eine bezügliche Eingabe hin nach Wochen der kurze Bescheid, meine Beschwerde erledige fich durch die inzwischen erfolgte Rückgabe der Kaution! Daraufhin wandte ich mich an Se. Exzellenz den Herrn Justiz- minister und erhielt vor einigen Tagen von Köln aus die fol- aende, vom 18. Juni datirte und von dem Präfidenten des Oberlandesgerichts, Herrn Dr. Struckmann, sowie dem Ober- Staatsanwalt Herrn Hamm unterzeichnete Zustellung:„Auf Ihr Gesuch an den königlichen Herrn Justizminister vom '.5. Mai d. I., welches von dem Herrn Minister uns zur Brü- fung und weiteren Veranlassung zugefettigt worden ist, eröffnen wir Ihnen nach vorgenommener Prüfung, daß Sie bei dem dottigen königlichen Landgettchte auf Grund polizeilicher Er- Mittelungen als des Vergehens gegen§ 128 Str.-G.-B. dringend verdächtig zur gettchtlichen Untersuchung und Haft gezogen worden find, daß fich aber hinterher diese Ermittelungen als durchaus irttg und auf einer bedauerlichen Verwechs- lung Ihrer Person mit einer anderen Person gleichen Namens beruhend ergeben haben."— Gin..Attentäter". In Salzburg starb dieser Tage der 76jLhttae frühere Pfarrer Hauthaler von Walchsee bei Kufstein, seiner Zeit nach dem Kisfinger Attentat viel genannt. Derselhe war in den fränkischen Badeott gereist, um dm von ihm sehr he- wundetten Fürsten Bismarck zu sehen, wurde am 13. Juli 1874 für einen Miturheber des Kullmann'schen Attentats gehalten, malträtitt und festgenommen, auch zuerst als der Hauptthäter telegraphisch genannt, bis fich seine volle Schuldlofigkeit heraus- stellt� Damals schob man die Attentate den Ultramontanen in die schuhe, jetzt helfen diese, die Sozialdemokraten zu Atten» tätern zu stempeln. Der«en» Minister de» Inner» erläßt noch in seiner Eigmschaft als Präses der Reichskommisston folgende Bekannt- machung: Das von dem Großherzoglich hessischen Kreisamt zu Darmstadt unter dem 31. März 1888 erlassene Verbot der Nummer 1 und des ferneren Erscheinens der periodischen Druck- Anst:„Hessischer Volksfreund. Organ für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung" ist durch Entscheidung der Reichskommisfion vom heutigen Tage aufgehoben worden. Großbritattttie«. Trotz aller Bemühungen der Gladstonianer und Pamelltten, den Tories ihre alte Feste im Südosten Englands, Thanet, wegzuschnappen, haben die Konservativen daselbst fich doch be- hauptet. Bei der Ersatzwahl erhielt, wie bereits telegraphisch be- richtet, der konservative Kandidat James Lowther 3k 47 Stimmen, während fich auf den Liberalen Huguessen 2889 Stimmen vereinigten. Die Majotttät des Regiemngs- fondidaten beträgt demnach 658 Stimmen. Die sog. Insel Thanet, dir durch den Fluß Stour und das Meeer gebildet w.rd und �gentlrch kaum mehr auf diesen Namen Anspruch hat, zählt ungefähr 50 000 Einwohner und besitzt neun Wahlstationen. ie drei in Ramsgate und Margate und je eine in Broadstairs, Mmster und Sandwich. Das Abstimmungsgebiet ist ungewöhn- lich groß; daher die Nothwendigkeit zahlreicher Wagen, die von London zu Hunderten angelangt und den Wählern frei zur Verfugung gestellt waren. Frankreich. Die Republikaner haben in ihrer immer wachsenden Zer- fahrenheit und Uneinigkeit wenigstens den Trost, daß es rhren F c i„de nvonderRechten nicht besser geht. So besprrcht der„Tcmps" den Zerfall der früheren„Konservativen Union", welche fich. den veränderten Verhältnissen Rechnung tragend, unter dem Namen„ligue de U conaultanon nationa e" rekonstituirt und„Auflösung, Revision und Wahl einer Konstituante" auf ihre Fahne geschrieben hat. Die Einig. kell ist aber heute, saqt der«Tcmps", geradeso weit wie früher. Ettt.ns cxistire das Dflemma Karserreich oder legitime Monarchie ebenso wie früher; dann die Verschiedenheit der Temperamente, die einen sturmisch, die anderen vorsichtig; so würden immer zwei Parteien bleiben und in jeder von beiden feindliche Gruppen. Der„Temps" weist auf die Wahl in der Dordogne hm- Es wird nämlich gemeldet, daß der(monarchistische) reoistonistlsche-vlebrszrtare Kongreß der Dordogne die Kandidatur des Generals du Baratt(eines Anhängers des Pttnzen Victor) für die Abgeordnetenwahl vom 22. Juli abgelehnt und da- für diejenige des Herrn Thitton- Montauban. früheren bonapattistischen Abgeordneten der Dordogne und Schwieger- söhn des ehemaligen Finanzministcrs Magne, aufgestellt hat. Der„Temps" schließt:„Es ist also nichts geändert in der respektive» Lage der Parteien und die Liga der Berufung an das Volk wird auf ihrem Wege all den Schwierigkeiten begegnen, welche früher die konservative Union hemmten. Die einzige neue Thatsache ist, daß die Liga eine Parole hat. Man weiß, wem fie dieselbe verdantt. Herr Fer« dinand Duval hat daraus in einer Versammlung des konser- vativen Komitees der Seine kein Geheimniß gemacht. Er hat ungefähr gesagt, daß, nachdem die Frage der Revision einmal durch die Radikalen gestellt worden, die Gegner der Republik nicht anders konnten, als fich dieser Formel zu bemächtigen. Wir denken unsererseits, daß die Radikalen es hätten unterlassen können, der Rechten eine neue Waffe zu liefern, und daß ste mit dem Verlangen der Revision gegen die Republik arbeiten. Aber wir denken auch, daß das Rögime, welches den Platz der gegen« wältigen Institutionen einnehmen wird, noch nicht nahe daran ist, geboren;u werden; und was uns in diesem Glauben be- stärkt, ist die wieder einmal lonstatirte Unmögl chkeit einer vollständigen und wirksamm Verständigung zwischen ihren Feinden." Mit dem Vorfall, welcher im Senat Anlaß zum Konflikt mit dem Justi, minister gab, hat es folgende Bewandtniß: Der radikale Matte Jourdanne von Carcassonne hatte fich bei den letzten Gemeindewahlen Fälschungen zu Schulden kom- men lassen, die ihm eine Vcrurlh.ilung zu einem Monat Ge- fängniß und 50 Franken Strafe eintrugen. Nachdem dieses Urtheil vom Appellhofe bestätigt worden war, schien es selbst. verständlich, daß Jourdanne seines Amtes als Maire ents yt wurde. Dies geschah denn auch, aber der Gemeinderath, der zu ihm hielt, nahm nun ebenfalls seine Entlassung, was bedeuten sollte, daß er fich mit ihm für solidansch erklärte. Nach der Auslösung des Gemeinderaths mußte eine provisorische Ver- waltungs-Kommission eingesetzt werden, bei welcher Gelegenheit der Präfekt dem verurlhellten Matte einen Beweis seiner Sympathie gab, indem er drei seiner Freunde ernannte, die sich oon ihm lenken lieben. Nach den neuen Gemeindewahlen wurde Jourdanne wieder auf seinen früheren Posten demfen, obwohl er seine Strafe noch nicht abgesessen hatte. Nach mehreren ver- geblichen Mahnungen crtheilte die Staatsanwaltschaft den Be» fehl, ihn zu verhaften. Jourdanne kam um seine Begnadigung ein und hoffte durch diese neue Verzögerung den 14. Juli zu erreichen, um dann im schlimmsten Falle der Massen- Amnestie theilhaflig zu werden. Sein Gesuch wurde aber abgelchnl, und als der Staatsanwalts- Substitut de Crozals ihn aufforderte, endlich die Haft anzu- treten, wurde ihm der Bescheid, der Maire hätte ein zweites Gesuch abgehen lassen. Nun wandte er sich an den General- v okurator, der ihm einen gewaltigen Wischer erthcilte und zur Eile rieth. Als Antwort auf einen freundlichen Brief de Cro- zals', der in Jourdanne drang, daß er fich nicht der Unannehm lichkeit aussetzen möchte, von der Gendarmerie verhaftet zu wer- den. sandte dieser ein ärztliches Zeugnib, demzufolge er an der Halsbräune krank darniedcrliege. Zwei andere Aerzte, welche den Maire auf Befehl der Staatsanwalts Substituten besuchten, versicherten aber, das Urbel wäre nicht gefährlich, Jourdanne hätte bei einem festlichen Anlasse zu viel getrunken und leide an einer ganz unbedeutenden Halsentzündung. Als eine neue Auf- forderung, sich zu stellen, nichts half, schickte de Crozals Gendarmen, die ihn nach dem tzaftlokale bringen sollten. Sie fanden aber geschlossene Thürcn, es mußte Verstärkung Herdeigerufen werden, und als man endlich den„Kranken" in seinem Bette antraf, weigerte er fich, in einem Wagen nach dem Gefängnisse geschafft zu werden, und verlangte eine Tragbahre. Im Ge- fängniß wies man ihm ein eigenes Zimmer an, wo die halbe Stadt ihn besuchte, der Präfekt nicht ausgenommen, welcher ihm eine Zigarette anbot. Sie wurde angenommen und geraucht, was hinlänglich bewies, daß es mit der Halsbräune nicht so arg war. Der Maire wurde bald der Haft entlassen und der Staats- anwalts-Sudstitut— versetzt! K-lgi-n. Nach nunmehr erfolgter Zusammenstellung haben bei den letzten Kummerwahlen von 62 000 Wahlberechtigten 57 000 Wähler ihr Stimmrecht ausgeübt und über 6 Millionen Em- wohn er die Entscheidung getroffen. Auf die Klerikalen fielen 33 500 Stimmen, auf die Liberalm 23 500 Stimmen, die ersteren erlangten 66 klerikale Teputirte, die letzteren 3 De- putirte. Die Unkosten der Biüffeler Wahl waren wieder un- geheuerliche; sie überstiegen 250 000 Franks. Die Klerikalen haben 150000 Franks dafür verwendet; der neu gewählte Senator Alland hat ein Drittel davon bezahlt, die übrigen kle- rikalen Kandidaten je 5000 Franks. Die Liberalen und Ra- dikalen haben über 100 000 Franks ausgegeben. Und trotz aller dieser unwürdigen Vorgänge, wie sie fich bei jeder Wahl ab- spielen, wie des Verlangens weiter Kreise auf Gewährung des Stimmrechtes, ist keine Ausficht zu einer Umgestaltung des Wahlsystems vorhanden. Hierzu ist eine Verfassungsänderung nothwendig, aber die Klerikalen find einmüthig entschlossm, eine solche Verfaffungsreviston nicht zuzulassen. Dagegen wollen fie die Rechte der Fähigkeitswähler einschränken uno durch eine neue Steuerndercchnung die Zahl der ländlichen Wähler im P rteiintereffe vermehren. Es wird sehr ernster Umwälzungen bedürfen, bevor die herrschenden Klaffen zu einer Umgestaltung des veralteten Wahlsystems zu bewegen find. Hat doch schon das Ministerium die Vorlegung eines neuen, die klerikalen Parteiwünsche erfüllenden Wahlgesetzes zugesagt. Das Verlangen der weiten Volksklaffen auf Einfuhrung des allgemeinen Stimm- rechtes findet bei keiner der jetzigen Parteien Belgiens Unter- stützung. Die Organe der Arbeiterpartei erklären einmüthig, daß vre Lösung der sozialen Fragen nach belgischem liberalen oder klerikalen Rezepte die Partei nicht ködern, sondern fie in ihrem Entschlüsse bestärken wird, fich keiner Partei anzuschließen und ihr Ziel— das allgemeine Stimmrecht— mit Energie zu verfolgen. Hslland. Der sozialdemokratijche Abgeordnete Nieuwenhuis kündigte bekanntlich bei Begründung seiner neulichen Jnter- pellation über die Lage der Torfarberter— am 14. Mai d I — einen Gesetzesvorschlag bezweckend die Abschaffung des Truck- systems an, und die Minister erklärten damals, fie würden einen derartigen Gesetzesvorschlag ohne Vorurtheil in Betracht ziehen. In der letzten Sonnabendfitzung der zweiten Kammer der Ge- neralstaaten hat Nieuwenhuis nun sein Versprechen eingelöst. Der Gesetzentwurf, welchen er einreichte, bestimmt, vaß die Arbeitslöhne künftighin nur in landesüblicher vollgiltiger Münze ausgezahlt werden dürfen; daß die Zahlung der Löhne nicht an Orten, wo geistige Getränke verschenkt werden, erfolgen darf; daß kein Arbeitgeber das Recht hat, den Arbeitern in Bezug auf den Verkauf von Maaren irgend welche Vorschriften zu machen oder Rathschläge zu ertheilen; und daß die Forderungen solcher Geschäftsinhaber die mit Arbeitgebern in irgend welcher geschäftlichen Verbindung stehen, ungiltig find. Die Bcstim- muag, daß die Löhne nicht an Orten gezahlt werden dürfen, wo geistige Getränke verschenkt werden, findet fich bereits im englischen Gesetze. Sie ist nach langer Agitation von den Tradcs Unions durchgebracht worden. In Holland ist eine derartige Bestimmung ebenso nothwendig, wie in England— ja noch nothwendiger, denn ein sehr großer Theil der Wirthshäuser ge- hört den Arbeitgebern, die ein großes Interesse daran haben, die Ardeiter einen möglichst großen Theil ihres Lohns vertrinken zu lassen. Die Spirituosen werden auch dort mit einem Profit von ziemlich 100 pCt. verkauft. Es ist nun abzuwarten, wie die holländische Regierung fich zu dem Nieuwenhuis'schen An- trage verhalten wird. In der Thronrede, mit welcher vor einigen Wochen d« holländischen Kammern eröffnet wurden, kündigte die Regierunt an, daß fie versuchen würde, eine friedliche Lösung der Atjehfrage zu finden. Der erste Schritt in dieser Richtung ist nun gethan worden. Der Kolonialminister Keuchenius hat den stellvertretenden Residenten Van Assen aus Atjeh nach de» Haag beordert, damit derselbe dem Minister genau über die wirkliche politische Lage in Atjeh Aufschluß gebe. Nicht ohn« Grund schreibt man dem Kolonialminister die Abficht zu, das er nicht abgeneigt sei, die jetzt noch eingenommene, aber bereiti öfter beschranfte Militärlinie ganz zu räumen. In diesem Falle müßte sogar die Hauptbefestigung der Holländer und die Haupt« stadt des ehemaligen Sultanats, Kolta Nadja, veilaffen werden, und die Holländer hätten fich dann auf die Besetzung mehrerer defestigten Posten zu beschränken. Wie einer Amsterdamer Korre« spvndenz zufolge aus guter Quelle verlautet, ist der Sultan Toeankoe Davev, welcher fich augenblicklich in Kemala aufhält, geneigt, nur auf Grund dieser Bedingungen einen Frieden mit Holland abzuschließen. Der frühere Generalaouvemeur Van Rees war sehr entschieden gegen einen solchen Ruckzug und fand da- bei die Zustimmung der indischen Presse, welche einen solche« Frieden als sehr nachthellig für das Ansehen der Holländer im Archipel erachtete. Der neue Kolonialminister und der neue Generalgouverneur werden sich nun vielleicht mit der Räumung der Postenlinie und dem Abschluß des Friedens einverstande« erklären, zumal die noch immer herrschende Beri-beri-Seuche dir jetzige Stellung der holländischen Truppen in Atjeh aus di« Dauer unhaltbar macht. Soziales«nd Arbeiterbewegung. Zum Ii«mererstreik in Krevlan theilen die„Schles Nachr." mit, daß die Zahl der streikenden Zimmerer über 1200 betrage. Nur auf einem Bau, wo die Forderungen der Gehilfe« dewilligt worden find, wird fortgearbeitet. Außerdem haben ftö 12 Bauunternehmer, welche nicht Jnnungsmitglieder find, nach zugeben bereit erklärt. Die Jnnungsmeister dagegen scheinen f entschiedenem Widerstande entschlossen. Der Geist der streik* den Ardeiter ist ein vorzüglicher; ihre Forderung ist sehr gett* und überaus bescheiden,— fie fordern Erhöhung des Stunde» lohnS von 30 auf 35 Pf.— daher ist ihnen baldiger Erfoh recht sehr zu wünschen. Theater. Mittwoch, den 4. Juli. G»«v»han«. Geschlossen. Geschlossen. Friedeich- Wilhrlmstadtisches Theater. jariser Leben. '» Theater. La Traviata. Wietaria Theater. Die Kinder des Kapitan O,»eailia«r-- Theater. Sie ist wahnfinnig. Eine Partie Piquet. Teatral-Theater. Die Himmelsleiter. Vstea»- Theater. Die Löwenbändigerin von Paris. Maafata««'» Uarittt. Spezialitäten- Vor- Taaeardia- Theater. Spezialitäten- Vorstellung. , Passage 1 T-. S M.- 10 A. KaU«r-P«noram», PrachtschloßKönigLudwizs Herrenchiemsee mit Sehens- Würdigkeiten.— Der ganze Trauerzug u.Auf- m-nrn. ßeidki'i Klei»« Diilk�adfii Gesundbrunnen 60 Kad Strasse 60. Jeden Sonntag: dr. Militiir Koyttt »er», mit Kchlachtmusth. N«W I„.„•Ä'S.T»;"™. Näw! epochem. Neuheit auf aeronaut. Gebiete. Auftreten der Mailänder ■ Th i er- K a pe 1 1 e.■ Am Kaal:«rosser Kall. SC Jeden Montag, Mittwoch und Donnerstag: Grosses Frei-Konzert. Eintritt an Wochentagen frei, Sonntags 15 Pf. Die Kaffeeküchc ist von 2—6 Uhr geöffnet. Ausnahmsweise billig- f-rtig- Knaben- KazSge. 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März von den Werften in Clydebank abgelaufene„City of Nero»?)oi!" die Qualität als größter Privatdampfer der ge» sammtcn Handelsmarinen aller Staaten beanspruchen können. Bei der Konstruktion des 10500 Tonnen verdrängenden Schiffes hat man fich, wie bei den Neubauten der„Hamburg- Amerikanischen Packetfahrt-Gesellschaft", von dem Grundsatze leiten lassen, von der äußersten Ausnutzung des Dcplazemcnts zur praktischen Verwerthuna für Transportzwecke abzusehen und einen Theil desselben für Einrichtungen zu opfern, welche die Sicherheit der Passagiere und die Unfinkbarkeit des Schiffes selbst gewährleisten sollen. Zu diesem Behuf? ist der Rumpf mit einem doppelten Boden versehen und der Raum zwischen Innen- und Außenhaut in zahlreiche dichte Zellen gethcilt, die, wenn sie alle vollliefen, 1600 Tonnen Wasser aufnehmen würden, also zu Gunsten der Schwimmfähigkeit ebenso viel verdrängen, so lange sie intakt find. Wenn selbst eine Anzahl derselben durch Zusammenstoß mit einem anderen Schiffe oder durch Auflaufen auf den Grund undicht geworden sein sollten, so wird doch der überwiegend größere Theil intakt geblieben sein und dazu beitragen, den Dampfer über Wasser zu halten. Der Abstand der beiden Böden von einander beträgt übrigens mitt- schiffs 1,22 Meter, so daß wohl nur bei ganz außergewöhnlich heftigem Zusammenstoße auch der innere Rumpf noch strecken- weise lädirt werden, also das Waffer in das eigentliche Schiffs- innere strömen würde. Dieses selbst aber ist wiederum in scch- zehn größere dichte Abtheilungen geschieden, von welchen die größte nur 10,66 Meter Länge aufweist, so daß diese letztere, wenn fie bis zur Schwimmlinie vollläuft, nur 1250 Tonnen Wasser, wenn fie fich bis zum Hauptdcck füllt, deren 2250 aufnimmt. Man nimmt an, daß selbst drei der größeren Abthei- hingen Waffer einnehmen könnten, ohne daß der Dampfer finken würde. Bei einem einfachen Aufstoßen auf den Grund ist nicht anzunehmen, daß der Innen rümpf verletzt wird. Da bei Handels- dampfern ein Zusammenstoß nie, wie bei Kriegsschiffen, ein beabfichtigter sein kann(Rammen), wird in den meisten Fällen iwnier alles geschehen, um seine Kraft möglichst abzuschwächen (Koniredamvf, Umlegen des Ruders zur Verringerung des Stoß- Winkels). Es wird daher wohl nur bei solchen Kollisionen zu einem Durchstoßen des inneren Bodens kommen, bei welchem der Zusammenstoß ganz überraschend und unvorhergesehen statt- gefunden hat. Der schlimmste Fall wäre der, daß der Stoß ge- rade in der Gegend der Maschinenräume erfolgte, wodurch ein Theil derselben außer Benutzung treten könnte. Die fortdauernde Schmimmfähigkeit käme aber hierdurch, wie aus dem vorher Ge- sagten fich ergicbt, nicht in Frage, auch nicht einmal die Be- wegungsfähigkcit, da die„City of New Nor!" ein Zweischrauben- dampfer sein und die Steuerbordmaschine denselben immer noch vorwärts treiben wird, wenn z. B. die Backdorvmaschine durch Ueberfluthung außer Betrieb gekonimen sein sollte, und umge- kehrt. Maschinen und Kessel find in zwei, bezw. drei vollständig wasserdichten von einander getrennten Räumen aufgestellt. Daß alle gleichzeitig durch Wafferzutriltt außer Funktion gesetzt werden, ist kaum denkbar. Wenn beide Tripel- Er.panflotismaschinen in Thätigkeit sind, können 19 Knoten Fahrt geleistet werde; kann nur eine allein noch arbeiten, so find immer noch deren 16 zu erzielen. Ueberdies gestatten ein Raaenmast und zwei Schoonermasten die Benutzung von Segeln. Die fünf Decke, deren Mittclabstand 2,44 Meter beträgt, und der innere Sckifföbodcn weisen eine nutzbare Oberfläche von 13 935 Quadratmetern auf. Die Decklänge des neuen Dampfers beträgt 170,70 Meter, die Länge in der Schwimmlinie 160 Meter, die größte Breite 19,28 Meter. Das Verhältniß der letzteren zur Länge deträgt daher fast 1:9. Die„City of New-Norl" ist, wie die„Krcuz-Zeitung" bemerkt, also wesentlich länger als das größte Kriegsschiff, welches eristirt, vre im Gehalt freilich um 3398 Tonnen größere„Jtalia". Das 23 Quadratmeter Obeifläche aufweisende Ruder wird dui ch zwei sehr starke hydrau- lischc Maschinen bewegt, wie auch die zahlreichen Krahne zum Einnehmen von Lasten durch solche und nicht durch Dampf in Thätigkeit gesetzt werden. Die Einrichtungen zu schildern, welche dem Luxus und der Bequemlichkeit dienen sollen, überschreitet den Zweck dieser Zeilen, welche im Wcscnt- llchen auf die nachahmenswerthe Thatsache hinweisen wollten, daß mit der„City of New Nork" und einem Schwesterschiff derselben nunmehr der vierte große Passagierdampfer gebaut wird, bei deffen Konstruktion, im Gegensatze zu den bisherigen Bauun, besonderer Bedacht auf die Sicherheit der Paffagiere und die Abwendung von Katastrophen genommen ist, wie fie Inda schon so oft infolge von Havarien oder Kollisionen ein- getreten sind und so viele und beklagcnswcrthe Opfer schon ge- fordert haben. Ztoch sei nur ermähnt, daß auch die Sorgfalt für vre Einnchtungen des Komforts so weit getrieben ist, daß für die Jnbetncbsetzung der etwa 1000 elektrischen Jnkandeszenz- Lampen zwei Dynamomaschinen vorhanden sind, von welchen e ne als Reservcmaschme einzutreten hat. sobald die gewöhnlich furktionirende außer Thangleit gerathen sollte, wodurch eben sonst die elektrische Beleuchtung für den Rest der Reise außer Funktion gerathen müßte Die„Jnman St. S. Kompagnie" welche die„City of New-Vorl" bauen läßt, hofft dieselbe schon im kommenden Juli von Liverpool nach New-Dork m Fahrt setzen zu können. Von besonderem Jntereffe dürfte es dann sein, nach den ersten Reisen zu erfahren, wie fich die in diesem Schiffe angelegten Wasser- kammern zur Mäßigung der Rolldcwegungen bewahrt haben. Auf einigen Kriegsschiffen, auf welchen solche Wollkämmern früher schon zur Anwendung kamen, entsprach das Resultat nickt den Erwartungen. Es waren dies eben die ersten Ver- suche, welche man in der Äbstcht unternommen hatte, selbst der bewegter See die Decks stabiler zu erhalten und hierdurch einen wiiksameren Gebrauch der Artillerie zu ermöglichen. Indessen gelangte man bei einem der amerikanischen Paffagier- dampfer später durch Verbesserungen schon dahin, die Pende- hingen um 60 pCt. zu verringern. Bei dem hier be- sprochenen Dampfer und seinem von der gleichen Kompagnie bestellten Schwesterschiffe, der„City of Prris", haben die Rollkammern nun eine noch vollkommenere Form bekommen, von welcher man noch höhere Leistungen erwartet. An der Form derselben, welche bei den Kriegsschiffen einen rechteckigen Querschnitt hatte, soll es nämlich wesentlich liegen, ob das in den Kammern enthaltene Wasser sein Trägheits- Moment erfolgreich der das Rollen verursachenden Bewegung der Wellen entgegensitzcn kann, oder nicht. Die verwendete Form wird bei den beiden neuen Schiffen noch geheim gehalten, doch scheint ihr Querschnitt ein runder, vielleicht der einer Elipse oder geschloffenen Kurve zu sein.— Soweit entstammen diese Mittheilungen franzöfischen Quellen. Lord Braffey, der gewiß, da diese Schiffe in England gebaut werden, gut über dieselben informirt ist, hat in der neuen Ausgabe seines„Naval Annual" noch nachstehende weitere Angaben gemacht. Nur drei der wasserdichten Schotten haben Oeffnungcn, welche 3,35 m über der Wasserlinie liegen; kein einziger tiefer liegender Zu- gang in die verschiedenen Abtheilungen ist vorhanden; alle übrigen liegen noch höher. Die Sicherheit des Schiffes, die volle Ausnutzung der wasserdichten Abtheilungen ist also nicht davon abhängig, ob in der Verwirrung einer plötzlich eingetretenen Ge« fahr wasserdicht abschließende T hüren, welche für gewöhnlich offen stehen, rechtzeitig gesperrt werden, oder nicht. Die Salons für die 650 Passagiere erster und zweiter Klaffe find aus unoxydirdaren Stahlblechen als elegante Decksaufbauten in leichter, aber doch sehr starker Konstruktion hergestellt. Um die Dampfer als Kreuzer event. verwenden zu können, ist das„Promenadendeck" so stark konstiuirt, daß es mittelschwere Geschütze tragen kann. Lord Brasscy hält es für wahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten fich die Benutzung derselben für den Kriegsfall durch Subven- tionirung und theilweise Stellung der Bemannung sichern wer- den, da deren Besitzer hauptsächlich Amerikaner find. z-lrnl»-. Der Inli soll, wie der vorangegangene Juni dem De- zcmbcr, so in der Witterung dem Januar entsprechen.„Wie der Juli war— Wird der Januar', sagt das darauf Bezug nehmende Merkverslein unserer Altvordern. Im allgemeinen pflegt er jedoch mit Regen zu beginnen, besonders steht der zweite Tag dieses Monats, auf welchen nach dem katholischen Kalender das Fest der Heimsuchung Mariä fällt, in diesem Rufe. Am Rhein nennt man es im Volksmunde darum auch„Marien- trief", in Köln„Malienstes". Für recht nachtheilig yält man Regen am 13. Juli, dem Tage der heiligen Margarethe, denn „An Margarethen Regen— bringt den Nüssen keinen Segen." Noch mehr fürchtet man der Nässe wegen den 22. Juli, den Magdalenentag, an dem übrigens, wie die Volksbeobachtung herausgefunden haben will, beinahe niemals die Sonne scheint. „Maria Magdalena weint um ihren Herrn— D'rum regnet's an diesem Tage so gern," erklätt die Volksanschauung diese Erscheinung recht poetisch auf dem bekannten biblischen Hintergrunde. Wichtig ist auch der 29. Juli, der Jakobstag, von dem der Rheinländer behauptet, daß er „das Salz in die Birnen trage" und die Böhmen in Bezug auf den Wein, daß das,„was bis Jakobi Mittag abblüht, bis Galli(16. Oktober) reifen muß." Sonst soll dieser Tag prophetisch das Wetter des Weihnachtsfestes beeinflussen:„So wann Jakobi, so kalt Weihnachten." oder:„Ist Jakobi klar und rein— wird das Christfest frostig sein." Wenn am Jakobitag weiße Wölkchen bei Sonnenschein am Himmel stehm, die söge- nannten„Schäfchen", sagt der Deutsche poetisch-finnig:„Der Schnee blüht." Regnet es an Jakobi oder drei Tage vorher, so gerathen die Eicheln nicht. Regen und Sonnenschein am Jakobstage abwechselnd soll, wie man in der Pfalz glaubt, auf reiche Kornernte im künftigen Jahre deuten und„Ist's schön auf St. Jakobitag— Viel Frucht man fich versprechen mag", aber „ist's zu St. Jakob dürr— Geht der Winter in's Geschirr". Am 26. Juli, dem Annatage, erwünscht man fich im allgcmMien Regen: in katholischen Gegenden nennt man ihn darum auch mit Rückficht auf die Fruchtbarkeit, welche er herbeizuführen pflegt,„Die Mitgift der heiligen Anna." Allerdinas pflegt er dann nicht mehr so schnell aufzuhören, denn„Regnet's am St. Annatag— Regnet's einen Monat und eine Woche dar- nach." Am 29. Juli, dem Tage der heiligen Martha, beginnen die fleißigen deutschen Frauen bereits wieder mit der Abend- arbeit, daher das Sprichwort:„An St. Martha sollst Du das Licht unter den Rauchfang hängen!" Ueber die Drrkehrsoerhältnist'e Kerlina dringt die »Nation" einen recht lesinswerthen Artikel von W. Saegert. Wir entnehmen demselben zunächst einige Vorschläge zu Neu- anlagen von Straßen im Interesse dcS Verkehrs. Der Verfasser betont zunächst die Wichtigkeit der demnächst bevorstehen- den Vcrlängeiung der Zimmerstraße nach der Königgrätzerstraße. Wenn dadurch aber, so fährt er fort, der Zweck einer wirksamen Entlastung der Leipzigerstraße erreicht werden soll, so gehört dazu auch eine weitere Verlängerung der Zimmersttaße über die Lindenstraße(welche zugleich in gerader Linie bis zum Spittel- markt zu führen wäre) hinaus, wenigstens bis zur Komman- danten- und Alten Jakobstraßen Ecke, besser noch bis zur Ecke der Annen- und Prinzenstraße. Als ferner wichtige und wünschenswetthe Verbindungen, von denen manche aller- dings wohl nur frommer Wunsch bleiben werden, wären etwa zu nennen: eine weitere Durchbrechung der Potsdamer und Anhalter Bahn durch Verlängerung der Kurfürstenstraße bis zur Teltowerstraße, eine Ver- bindung der Mauerstraße über die Friedrich- und Eharlottenstraße bis zur Junker« und Ritterstraße; ferner im Norden zur Entlastung der Rosenthalerstraße eine Durchlegung der Großen.Hamdurgerstraße bis zur Burgsttaße, sowie ein direkter Anschluß der Kleinen Hamburgerstraße an die Große Hamburgerftraße. Wie sehr die Beseitigung des Mühlendammes nothwendig war, hat fich erst jetzt wieder gezeigt, als bei der Tage lang andauernden Absperrung des Schloßplatzes und Lustgartens der größte Theil des Verkehres zwischen dem Nord- osten und Südwesten der Stadt seinen Weg über den Molken- markt nehmen mußte. Die städtischen Behörden geben fich gegenwärtig Mühe, Straßen und Plätze mit Bäumen und gärt- nerischen Anlagen zu versehen. Aber nach dieser Richtung hin könnte es in Berlin besser stehen, wenn, wie Saegert hervor« hebt, von den in nicht übermäßiger Zahl und Größe vorhan- denen Parks und Gärten nicht größere Theile zur Bebauung verwendet worden wären, wie z. B. Theile des Invaliden- paikes, des Friedrichshaines für Krankenhäuser, des Thierarznei- schulgartens für Univerfitätszwecke. Und dabei läßt man die Gelegenheit vorübergehen, durch Erhaltung eingegangener Kirchhöfe Raum für gärtnerische Anlagen u. s. w. zu gewinnen, wie z. B. jetzt an der Chausseestraße; Plätze, welche jahrelang unbebaut gelegen hatten und zur rechten Zeit mit geringen Opfern als solche hätten erhatten werden können, hat man de- bauen lassen, wie den Platz an der Ecke der Karlstraße und Friedrichstraße, sowie den Platz am Werderschen Markt. Zu- treffend ist der Hinweis des Verfassers auf die Wichtigkeit der Benennung der Verkehrswege. In älterer Zeit gab es neben der Straße auch noch die Gasse, letztere Bezeichnung ist mehr und mehr verschwunden, damit aber auch ein Untcrscheidungs- mittel für die Wichtigkeit der Verbindungslinien. Während in anderen großen Städten Bezeichnungen wie Avenue, Allee, Straße, Gasse ic. in der Regel den Passanten schon darüber belehren, ob er es mit einer mehr oder minder wichtigen Ver- kehrslinie zu thun hat, heißt bei uns alles ohne Unterschied Straße, kaum daß die an den Wasselläufen belegenen durch die Bezeichnung Ufer charakterifirt werden. Die Regulirungoarbeitr» am Kottbuser Damm find nunmehr beendet und es ist damit die vielbeklagte Rixdorfer Seite dieser Straße einigermaßen in Einklang gesetzt mit der gegenüberliegenden Berliner Seite; freilich nur am Tage, denn Abends brennen auf der Rixdorfer Seite im Sommer die auf- gestellten Gaslaternen noch nicht. Dagegen hat man fich Mühe gegeben, den Bürgersteig auf der Rixdorfer Seite noch reichlicher auszustatten, als dies früher auf der Berliner Seite geschehen ist; während hier der Straßendamm mit einer Reihe junger Bäume hinter den Bordschwellen bestanden ist, haben die Mx» dorfer eine Doppelreihe solcher Bäume eingepflanzt, so daß, wenn dieselben gepflegt und erhalten bleiben, hier in wenigen Jahren eine schattige Allee entlang führen wird, deren Wetth von allen denen richtig gewürdigt werden wird, die gegenwärtig einmal Gelegenheit haben, den Kottbuser Damm in der Mittaaszett zu pasfiren, wo er auf weite Strecken nichts von kühlendem Schatten bietet. Auf der Berliner Seite aber ist am Hermannsplatz jene merkwürdige Hausmine verschwunden, die seit Jahren mit vernagelten Thüren und Fenstern unbe- wohnt stand, weil der Eigenthümer den Befitz aufgegeben hatte. Das tz>aus war alt und baufällig und bedurfte des Umbaues� der Besitzer aber hätte nach dem neuen Baufluchtengesetz ein so bedeutendes Stück seines Terrains abtreten müssen, daß dadurch sein Befitzthum wesentlich verkleinert worden wäre. Er gab deshalb den Befitz auf und überließ es den Hypothekengläubigern» fich mit der Behörde zu arrangircn. Es scheint auch, als ob diese einigen Erfolg mit ihren Bemühungen gehabt hätten, denn heute springt die Front des Neubaues, das an jener Stelle errichtet wird, bedeutend gegen die Baufluchtlinie des Kottbuser Dammes bis zur Dieffcnbachstraße vor, so daß der alte Eng- paß bestehen bleibt, welcher hier nur die Lcgung eines Pferdebahngeleises zuließ. Man rechnet augenscheinlich auf eine spätere Verbreiterung des Straßendammes durch Erwerbung des noch unbebauten Terrains auf der Rixdorfer Seite. Das Kri.fgeheimniss und«« Korrespondenzkarten. Die lungst von der„Deutschen Verkehrs-Ztg." angeregte Frage. od es fich nicht für die Postverwaltung empfehle, alle bei ihr eingelieferten Korrespondenzkarten ohne Rückficht auf ihren— vielleicht beleidigenden— Inhalt zu befördern, verdient in der That eine sorgsame und wohlwollende Prüfung seitens der obersten Postbehörde. Aber wohl nicht allein aus den von dem Fachblatte angeführten Zweckmäßigkeitsgründen, sondern mehr noch aus wichtigen prinzipiellen Erwägungen. So richtig es ist, daß es nicht Obliegenheit eines Postbeamten von vielleicht sehr anfechtbarer Urtheilsfähigkeit sein könne, dem Urtheil der ordent- lichen Richters darüber vorzugreifen, ob der Inhalt einer Post- karte beleidigend sei oder nickt; und so treffend auch der Hin- weis darauf ist, daß es dm Postbeamten ja doch nicht möglich sei, sämmtliche durch ihre Finger aehenden Postkarim zu lesen, so ist doch damit den Kern der Frage nicht getroffen. Im G egentheil, derselbe wird durch solch aus schließ- liehe Betonung rein prattischer Bedenken nur noch mehr ver- schleiert, indem es den Anschein gewinnt, als dürfe es überhaupt als Aufgabe des Postbeamten gelten, die Korrespondenzlartm auf ihren Inhalt hin zu studiren, soweit die ihm gebotene Eike bei Ausübung seines Hauptberufs, der Briefbeförderung, ihm das erlaubt. In Wirklichkeit kann nun aber nicht nur nvcht die Rede davon sein, daß den Postbeamten, wie die„Volks-Ztg." bemerkt, eine derartige Aufgabe gestellt ist, sondern die Pflicht % doch eher genau entgegengesetzter Natur. Artikel 33 der Verfassung und§ 5 des Reichsgesetzes vom 20. Dezember 1875 erklären freilich nur das„Brief"geheimniß für unverletzlich, obgleich bei Erlaß letztgenannten Gesetzes die Korrespondenzkatte schon seit fünf Jahren in Deutschland in Gebrauch war. Das Geheimniß auch des Inhalts der Post- karten zu schützen, bezw. den Beamten das Lesen derselbm zu verbieten, hat das Gesetz unterlassen. Aber im wesentlichen doch gewiß nur deshalb, weil man die Jnnehaltung eines solchen Verbotes für unkontrolirbar hielt, femer weil die Beamten ohnehin zur Geheimhaltung dessen, was fie vermöge ihres Amtes erfahren, verpflichtet find, und— weil man stillschweigend voraussetzte, ein gleichsam gewerbsmäßigen Lesen der Postkarten verbiete fich ohnehin schon durch den Zeit- Mangel der Beamten. Keinesfalls wurde, als man sich auf die Unverletzlichkeit des„Biief"gehcimnisses beschräntte, beabsichtigt, die Postkarten-Korrespondenz unter beamtliche Kontrole zu stellen. Wenngleich man ab und zu über eine unschädliche?ieu- gier des einen oder des anderen Beamten Erfahrungen sammelt, so beruht doch in der Hauptsache der Postkartenverkehr auf der Voraussetzung, daß dte Beamten die Postkarten nicht lesen. Und wenn auch diese Voraussetzung vielleicht nur eine Fiktton wäre, die fich das Publikum macht, so ist es doch richtiger, nicht an ihr zu rütteln, statt fie umzustoßen. Und letzteres geschieht, wenn man der Postverwaltung ein Zensurrecht an dem Inhalt der Postkarten zugesteht und die Beförderung der Karten von dem Inhalt derselben abhängig macht. Dieser prinzipielle Gefichtspunkt scheint uns mehr als alle Zweckmäßigkeitsgründe dafür zu sprechen, daß die Postverwaltung fortan alle Korre- spondenzkarten ohne Ausname, ohne Untersuchung des Inhalts befördere. Hofrath Nothnagel, ein bekannter Wiener Arzt, äußert fich über das Tabakrauchen, gelegentlich eines Krankheitsfalles, in welchem Herzschwäche mit all ihren schweren Folgen vor- handen war und die Krankengeschichte nichts BcmerkenswertheS darbot, als den Umstand, daß der Patient— ein sehr kräftiger Mann in den Vierziger Jahren— ein leidenschaftlicher Raucher sei, der von 4 Uhr Früh bis 10 Uhr Abends die Pfeife nicht aus dem Munde ließ, in folgender Weise: Die Folgen des in mäßigem Grade genossenen Tabakrauchens find keine nach« theiligen und können bei sonst gesundem Organismus bis ans Lebensende ertragen werden. Es ist bemerkenswerth, wie sehr fich der Organkmus.an das Nikotin, ein so gekährliches Gift, allmälig gewöhnt; nur hie und da treten die Wirkungen auf. wenn man eine stärkere Zigarre raucht, als man sonst gewöhnt ist. Hofrath'Nothnagel bemerkte ferner, es wurde an ihn häufig die Frage gerichtet:„Wann kann Jemand anfangen zu rauchen?" Seine Antwort darauf sei:„Wenn man fich die Zigarren schon selbst verdienen kann." Es ist ein Luxusgenuß und diesen soll man fich selbst aus eigenem Vermögen verschaffen können. Je ftüber freilich. desto schlimmer, desto schädlicher für das'Nervensystem und für die ganze Entwicklung, abgesehen davon, daß junge. unerfahrene Individuen fich kein Maß auflegen können. Der Tabal wirkt anregend auf das Nervensystem und setzt in eine behagliche Stimmung. Viele Raucher sind ungenießbar, wenn fie noch keine Zigarre geraucht haben, es leidet ihr Humor da- runter. Die deletäre Wirkung des Nikotins auf das Nervensystem ist nickt so groß, wie man gemeinhin annimmt, und es ist in dieser Beziehung unter allen in diesen Bereich fallenden Giften, als Coffein, Thein(im Kaffee und Thee) und unter den alkoholischen Getränken das unschädlichste. Welche schäd- liche Wirkungen hat bei gesunden Individuen das Tabakrauchen? Der ganze Verdauungsapparat leidet in größerem oder gerin- aerem Maße. Raucher haben stets Rachen- und Mundkatarrh; selten findet man einen Raucher mit einer ganz reinen Zunge. Der Katarrh kann hinuntersteigen, einen Kehlkopfkatarrh erzeugen und die Verdauung schädigen; bei starken Rauchern liegt stets der Appetit danieder, und es ist bekannt, daß man den Appetit durch Rauchen vertreiben kann. Noch schädlicher wirkt das Tadakrauchen auf das Herz ein, und von dieser Seite können die schwersten Störungen er- folgen. Man bemerkt da Herzklopfen, Unregelmäßigkeiten im Pulse; es entwickelt fich später ein Zustand der Herzschwäche und Herzmuskel. Insuffizienz mit all' den schweren Folgenerscheinungen, welche Hofrath Nothnagel an dem vorliegenden Krankheitsfalle nachwies( t chwellung, Wasserbauch, leichter Lungenkatarrh, ver- größerte Leder und Niere...), und die zuweilen zum Tode führen können. Auch Kurzathmigkeit und asthmatische Anfälle kommen vor. Ferner entwickelt fich bei Rauchern Gefichts- schwäche, und in vielen Fällen hat man eine komplete Blind- heit bemerkt, die e-st verschwand, nachdem das Rauchen auf- gegeben wurde. Tuberkulöse dürfen nicht rauchen, wenn fie fich aber dos Rauchen nickt abgewöhnen können, dann nur im Freien, keineswegs im Zimmer. Relativ am unschädlichsten ist das Pfeifenrauchen, zumal aus einer langen und sauberen Pfeife, allein die Pfcifenraucher find die hartnäckigsten Raucher, und es bietet die Pfeife den Nachtbeil, daß man die brenzlichen Produkte mit hinunterschluckt. Das Rauchen der Zigarrcttcn hat den großen Nachtheil, daß der Rauch dabei hinuntergeschluckt wird: es kommen da die häufigsten Verdauungsstörungen und Rachenkatarrhe vor, welch letztere gefördert werden durch die Manie, den Rauch durch die Nase zu blasen. Unter den Zigarren find die Havana ent- schieden die schädlichsten. Hofrath Nothnagel kannte einen Amerikaner, der 14 bis 15 der schwersten Havana-Zigarren täglich rauchte, bei dem fich schwere Herzsymptome einstellten, und da er hinter dem Rücken des Arztes fich doch Ziganen zu verschaffen wußte, büßte er diese Leidenschaft mit dem Tode. Das Maßhalten ist das oberste Gesetz hier wie überall, das Maß- halten ist die erste Aufgabe, um einen echten Genuß zu haben. Wenn stch schädliche Symptome einstellen, muß man das Rauchen einschränken. Man muß fich ferner hüten, die Zigarre mit den Zähnen zu halten, weil man durch das Zerbeißen der Zigarre viel mehr örenzliche Produkte hinunterschluckt, als bei einer trockenen Zigarre; es empfiehlt fich daher, durch eine Spitze zu rauchen. Ob man eine Havana oder eine gewöhnliche Zigarre rauchen soll, hängt freilich von anderen als sanitären Rückfichtcn ab, jedenfalls soll man nicht die schweren vorziehen, obwohl „manche unserer gewöhnlichen Zigarren aufs fürchterlichste wirken. Man hat vorgeschlagen, dem Tabak das Nikotin zu entziehen, aber das wäre gleich einem Wasser, wenn Wein verlangt wird; gerade das, was wir im Tabak suchen, das betäubende Agens, wäre uns damit genommen. In unseren sozialen Fragen nimmt das Rauchen eine wichtige Rolle ein, und es muß der Arzt da, wo möglich, prophylaktisch einwirken. Schuldner und Verichtsvollzieher auf dem Dreirad. Der Gerichtsvollzieher Lehmann bekam jüngst den Auftrag, bei dem Stadtreisenden Heinemann eine augeklagte Forderung aus- zupfänden. Der erfahrene Beamte erkannte gar bald, daß dies ein schwieliger Auftrag sei, da Herr H. angeblich nichts Pfänd- bares befitze. Schließlich aber bekam es der Mann des Rechtes mit Hllfe des Gläubigers heraus, daß Herr H. ein schönes dop- pelfitziges Dreirad sein eigen nenne, auf dem er in Gesellschaft einer feschen Dame allabendlich in den Straßen auf und abfuhr. Der Gläubiger verschaffte fich nun eine„offene Ordre" gegen H., übergab fie dem Gerichtsvollzieher und dieser versprach nun, dem Stahlroßreiter beizukommen. Als am Freitag gegen 6 Uhr Abends der sportlustige H. mit seiner Dame und dem Dreirad vor dem Laden des Gläubigers in der Jnvalidenstraße 156 erschien, wurde er plötzlich von dem Gerichtsvollzieher„gestellt" und mußte nolens volens in einen benachbarten Hausflur„ein- biegen". Nack einem kleinen Viertelstündchen war ein Zwangs- vergleich zu Stande gekommen: Das Dreirad erschien wieder auf der Bildfläche, aber auf ihm saß der Schuldner mit bleicher Miene, in Gesellschaft des— Gerichtsvollziehers; der letztere hatte diefes Mal die„Führung" übernommen. Die sehr be- dächtige Fahrt ging bis vor das Haus der Linienstraße 244, wo fich dre Wohnung des H. befindet. Nachdem H. dort den Pfandschilling nebst Kosten erlegt, wurde ihm sein stählernes Rößlein zurückgegeben. Die fesche Dame war verschwunden.— Wenn es nicht wahr ist, so ist es wenigstens recht zeitgemäß er- funden. Gin Nüpei von Meister. Der Vergolder Richard Krüger, Pücklerstraße 32 wohnhaft, stand bei den Vergolder- meistern Krüger und Günther, Andreasstraße 10, in Arbeit. Die Werkstatt wird uns von einem Unparteiischen als eine wahre„Zuchthauswerkstatt" geschildert, in der es von Herrn Günther Ohrfeigen für die Unzahl von Lehrlingen und gemeine Redensarten für die dort beschäftigten Mädchen regnet.— Am Sonnabend Vormittag wollte der obenerwähnte Richard Krüger, nachdem er bereits die Arbeit niedergelegt hatte, sein Werkzeug aus der Werkstatt holen. In der Werkstatt waren zufällig zwei Mädchen anwesend, mit denen Herr Krüger einige Worte wechselte. Der Meister Günther, der dazu trat, verbot dem Arbeiter das Sprechen mit den Mädchen. Als dieser erwiderte, daß er mit den Mädchen sehr anständig spreche und fich leine gemeinen Späße wie gewiffe andere Leute erlaube, wurde er von Herrn Günther gepackt und mit einem stumpfen Instrument — anscheinend einem Schlüssel— in einer derartig rohen Weise gemihhandelt, daß Hm Kruger die Brutalität seines Meisters mit einer Arbeitsunfähigkeit von acht Tagen zu büßen hat. Das gerichtliche Nachspiel wird das Weitere ergeben. fie Uusttte, Schirme und Spazierstöcke wagereckt unter rm zu tragen, hat abermals einen Unfall im Gefolge gehabt. Eine Dame pasfitte am vorgestrigen Nachmittage mit einem 5jährigen Knaben an der Hand die Ecke der Ferusa« lemer- und Markarafenstraße. Ein unmittelbar vor Beiden gehender junger Elegant schob nun plötzlich seinen Spazierstock unter den linken Arm und stieß dem Kinde, welches unmittel- bar hinter ihm herkam, die Spitze des Stockes ins Gefleht. Mit lautem Aufschrei taumelte der Knabe rückwärts; die Stockspitze hatte ihm unmittelbar neben dem linken Auge eine Verwundung vecursacht. Während fich die Mutter mit ihrem Kinde zu thun machte, war der Mann im Gedränge verschwunden. Die Gdifon'sche Mohrenkrankheit. Ein äußerst sei- tener KranlbettSfall wurde heute in der medizinischen Klinik von Prof. Gerhardt vorgestellt. Der Patient, ein 36jähriger Seifcnarbeiter, war in die Ehvritee gelommetr, well er über Reißen in den Füßen und große Körperschwäche klagte. Hier wurde er zuerst, weil seine Haut schmutzig braun aussah, in ein Seifenbad gebracht. Es zeigte sich aber alsbald, daß die braune Färbung der Haut kein Kunstprodukt war, sondern als eine Ab- lagerung von Farbstoff im Hautgewede fich darstellte. Der Mann leidet an der Evison'schen Mohrenkrankheit, die mit großer Blutarmuth und E.krankung der Nebenniere einher geht. In Würzburg wurde ein von dieser eigenthümlichcn Krankheits- form befallener Mann so braun wie ein Neger, so daß die Kin- Oer auf der Straße ihm nachliefen. Von einem anderen der- artigen Patienten wird berichtet, daß er seines Aussehens halber mit dem Namen eines Turko belegt wurde. Das Märchen. Bertha Rother, das bekannte Modell, bat mit der Kunstfabrt nach dem Süden Glück gehabt. Als Sängerin erwarb fie fich in Pest und Wien ein ziemlich ansehn- liches Vermögen, und jetzt befindet fich im Treppenflur des Char- lottendurger Standesamts folgender Aushang: Es wird zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß 1) Der Gutsbefitzer Josef Johann Benedikt Karl Edler von Schroll, wohnhaft zu Wien, Sohn des zu Stradnau lebenden Fabrikanten Josef Eoler v. Schroll und dessen Ehefrau, geborenen v. Limbeck, und 2) Die Bertha Franziska Clara Rother, Sängerin, wohnhaft zu Charloltenburg, Tochter des zu Berlin lebenden Töpfers Karl Rother und dessen Ehefrau Auguste Jahnke, die Ehe mit einander eingehen wollen. Charlottenburg, 20. Juni 1888. Der Standesbeamte Andouard. Herr von Schroll ist der Sohn eines der reichsten Groß- industriellen Oesterreichs. Da« Liebrsdrama im Grnnemald, von dem wir be- richteten, hat seinen Abschluß gefunden; auch der junge Tischler- geselle Robert Haase, welcher fich durch Revolvcrschüsse in den Unterleib und am Kopfe schwer verletzt hatte, ist am Sonn- abend Mittag seinen Wunden erlegen. Die von der Charlotten- burger Behörde eingeleitete Untersuchung hat ein überraschendes Resultat zu Tage gefördert. Nicht doppelter Selbstmord war es, sondern Mord und Selbstmord, wodurch dem Leben zweier jungen Menschen ein Ziel gesetzt worden ist. Aus zaghaften Andeutu'gen des bald nach seiner Einlieferung ins Charlotten- burger städtische Krankenhaus vernehmungsunfähig gewordenen Robett Haase mußte man zu der Uebrrzcugung gelangen, daß er es gewesen, welcher seine Braut, die zweiundzwanzigjährige Helene Steller, erschossen, nicht daß diese selbst Hand an fich gelegt hat. Auch aus der Lage, in welcher die Leiche des jungen Mädchens gefunden worden ist, mußte man schließen, daß sie es nicht gewesen, welche die tödtliche Waffe gegen sich gerichtet hat. Indessen sprechen alle Umstände dafür, daß die beiden jungen Leute im Einverständniß mit einander den Tod gesucht haben. Bei Haase wurde eine Photographie gefunden, auf der er und seine Braut abgenommen waren. Hinten befand fich die Aufschrift: „Ich für fie und fie für mich." Von Personen, welche das junge Paar kannten, wird veisichert, daß Beide fich sehr zuge- than waren und daß noch am letzten Tage Beide in einträg- lichster Weise den Spaziergang in den Grunewald machten. Das Motiv zur That muß daher in der Hoffnungslosigkeit ihrer Liebe gesucht werden; der kaum neunzehnjähnege Haase, der häufig ohne Arbeit war, fand keine Aussicht, die um mehrere Jahre ältere Braut heimzuführen. Diese stammte aus einem kleinen Orte in Pommern, wo gegenwärtig ihre Eltern noch leben. Der plähliche Wechsel des Wetters hat wieder das ganze Heer von Krankheiten hervorgerufen, das für gewöhnlich fich erst einige Monate später einzustellen pflegt und namentlich Kinder in den ersten Lebensjahren heimsucht. Keuchhusten, Bräune, und andere Erkrankungen der Schleimhäute und der inneren Organe treten zahlreich und gemeinschaftlich mit Schar- lach und Masern auf. Von den Aerzten wird dabei ledhaft Klage gefühtt, daß die Eltern fich in zahlreichen Fällen zu spät zur Heranziehung eines Arztes entschließen, der meist erst her- bcigcrufen wird, wenn der kleine Patient stch einige Tage mit der entkräftenden Krankheit herumgequält hat und infolge dessen einen Kräfteverlust erleidet, der später für ihn verhängnißvoll werden kann. Als letzte Zuflucht gilt dann den Eltern oft das Krankenhaus; hier find in den letzten Tagen besonders viel Kinder aufgenommen worden, darunter zahlreiche mit der kost- losen Aussicht:„zu fpät!" Gemäß den Veröffentlichungen de« Kaiserliche« Gesnndkett«- Amt» find in der Zeit vom 17. bis 23. Juni er. von je 1000 Bewohnern, auf den Jahres- durchschnitt berechnet, als gestorben gemeldet: in Berlin 20,1, in Breslau 27,7, in Königsberg 23,6, in Köln 20,2, in Frankfurt a. M. 19,4, in Wiesbaden 17,0, in Hannover 17,5, in Kassel 12,4, in Magdeburg 21,0, in Stettin 22,6, in Altona 21,9, in Straßburg—, in Metz 27,6, in München 34,7, in Nürnberg 27,5, in Augsburg 17,5, in Dresden 20,1, in Lerpzig 16,1, in Stuttgart 14,1, in Karlsruhe 20,9, in Braunschweig 16,1, in Hamburg 26,9, in Wien 25,4, in Pest 31,6, in Prag 38,8, in Trieft 22,7, in Krakau 30,8, in Amsterdam—, in Brüssel 20,7, in Paris 19,2, in Basel—, in London 14,5, in Glasgow 22,8, in Liverpool 16,0, in Dublin 20,7, in Edinburg 11,9, in Kopenhagen 21,1, in Stockholm 19,2, in Christiama 25,7, in St. Petersburg 35,2, in Warschau 23,3, in Odessa—, in Rom 20,5, in Turin 21,8, in Venedig 25,9, in Alexandria 28,4. Femer in der Zeit vom 26. Mai bis 2. Juni d. Js.: in New-Dork 24,5, in Philadelphia 17,2, in Baltimore 15,5, in Kalkutta 26,8, in Bombay 26,4, in Madras—. In der Berichtswcche hat die Sterblichkeit in den meisten europäischen Großstädten wieder etwas zugenommen und wurden namentlich aus den größeren deutschen Orten höhere Sterblich- keitsziffem mitgetheill. Einer sehr geringen Sterblichkeit(bis 15,0 pro Mille und Jahr berechnet) erfreuten sick Kassel, M.- Gladbach, Essen, Stuttgatt, Plauen, London und Evindurg. Günstig(bis 20,0 pro Mille und Jahr) blieb auch die Sterblich- keit in Leipzig, Hannover, Augsburg, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Bremen, Elberfeld, Aachen, Braunschweig, Patts, Liverpool, Stockholm. Mäßig hoch(etwas über 20,0 pro Mille und Jahr) war die Sterblichkeit auch in Berlin. Köln, Düffel- dorf, Magdeburg, Dresden, Karlsruhe, Mainz, Brüssel, Dublin u. a. Hohe Sterblichkcitszahlen(über 35,0 pro Melle) wurden aus deutschen Städten nicht gemeldet.— Unter den Todesursachen kamen Darmkatarrhe und Brechdurchfälle der Kinder rn gesteigerter Zahl zum Vorschein und fühtten besonders in Berlin, Breslau, Hamburg, München, Königs- berg, Wien, Pest, St. Petersburg u. a. viele Sterbefälle herbei. Die Theilnahme des Säuglingsalters an der Sterblich- keit war deshalb auch eine gesteigerte. Von je 10000 Lebenden starben, aufs Jahr berechnet, in Berlin 84, in München 125 Säuglinge. Akute Entzündungen der Athmungsorgane waren nicht selten, zeigten aber gegen die Vorwoche eine Abnahme der durch fie bedingten Sterbefälle.— Von den Infektionskrankheiten wurden Sterbefälle an Masem Diphthctte, Keuchhusten und Pocken etwas seltener, an Scharlach, Unterleidstyphus etwas häufiger gemeldet.— So haben Todesfälle an Masem in Hamburg, London, Wien und seinen Vororten, sowie in Patts abgenommen, während fie in Prag, Krakau und besonders in St. Petersburg zahlreicher wurden. Erkrankungen kamen jedoch vielfach, so aus Berlin, Hamburg, den Regierungsbc- zirken Düsseldorf, Schleswig, Wiesbaden, ferner aus Wien, Pest, Evindurg, St. Petersburg in großer Zahl zum Vorschein.— Das Scharlachfieber forderte in Berlin, Hamburg, Danzig, Wien, Kopenhagen, St. Petersburg mehr Opfer, dagegen hat ihre Zahl in Pest, London und Warschau abgenommen. Neue Erkrankungen zeigten fich in Berlin, Ham- bürg. Wien, Kopenhagen nicht selten.— Die Sterblichkeit an Diphtherie und Kroup war in Hamburg, Breslau, London, Paris, Kopenhagen, St. Petersburg, Warschau eine kleinere, dagegen in Berlin, Dresden, München, Frankfurt a. M., Wien, Pest eine etwas größere, als in der Vorwoche. Erkrankunzen wurden in Breslau. Hamburg, Kopenhagen seltener, in Berlin, Wien, Stockholm, Ckristiania und St. Petersburg ein wenig häufiger als in der Vorwoche zur Anzeige gebracht.— Sterbefälle an Unterleibstyphus kamen aus Königsberg, London, Patts, St. Petersburg etwas häufiger zur Mitlheilung. Aus Wien wird 1 Todesfall, aus St. Petersburg 7 Erkrankungen an Fecktyphus bettchtet.— An epidemischer Genickstarre kamen aus Metz und Kopenhagen je 1 Todesfall, aus letzterem Ort auch 2 Erkrankungen zur Anzeige.- Dem Keuchhusten erläge» in Berlin weniger, in Patts, London, Stockholm fast die gleiche! Zahl von Kindern wie in der Vorwoche.— Rosenattige Ent- zündungen des Zellgewebes der Haut baden in Kopenhagen weniger Erkrankungen hervorgemfen.- An Pocken kamen aus St. Petersburg und Rom je 1, aus Wien, Warschau, Trieft je 4, aus Paris 6, aus Prag 24 Sterbefälle zur Anzeige. Er- krankungen wurden aus Breslau und aus dem Regierung» beznk Aachen je 1, aus Hannover 2, aus Berlin, Wien und Budapest je 4. aus St. Petersburg 6 Erkrankungen mitgetbeilt. — Der Gesundheitszustand in Berlin war auch in dieser Be> ttchtswcche ein günstiger, und die Sterblichkeit eine mäßig bohe, wenn auch eine etwas�weniger günstige als in der Vorwoche. T hf»r sifil.....—--. Infolge der höheren Temperatur der Luft, die in der Berichts- woche vorherrschte(das Thermometer stieg am 23. Juni bis 27,0 Gr. C.) kamen Darmkatarrhe und Brechdurchfälle der Kinder in ansehn- stch gesteigetter Zahl zum Vorschein und fordetten auch erheblich mehr Opfer. Der Antheil des Säuglings alters an der Gesammt- VMrtr«vif rJ-** S____ L..1�__ t..Cf! J—* sterblrchkert war infolge dessen auch ein erheblich gesteigerter. Auch akute Entzündungen der Athmungsorgane waren häufiger von tödtlichen Ausgängen begleitet.— Das Vorkommen der Infektionskrankheiten zeigte meist eine kleine, nur bei Maser« eine erhebliche Steigerung der gemeldeten Erkrankungen. Typhöse Fieber blieben beschränkt, an Scharlach und Kindbett- fieber kamen etwas weniger Erkrankungen als in der Vorwoche zur Anzeige. Erkrankungen an Diphtherie waren besonders i» Stralauer Viettel häufiger. Erkrankungen an Masern gewänne« m der diessertigcn Luisenstadt und im Stralauer Viertel größer« Verbreitung. Weitere Erkrankungen an Pocken gelangten viel zur Meldung Erkrankungen an Keuchhusten waren häufig, die Zahl der Sterbefälle etwas vermindett. Rosenattige Ent« zündungen des Zellgewebes der Haut wurden, gleichwie rheumatische Beschwerden aller Att, seltener zur Beobachiunj gebracht. Vottzribericht. Am 2. d. M. Vormittags fiel ein?!» beiter vor dem Hause Lothttngerstraße 14 infolge eigener Uw vorfichtigkeit von dem von ihm gefühtten Müllwagen, wurde überfahren und erlitt anscheinend einen Bruch des linken Unter» schenkels. Der Verletzte wurde nach dem Krankenhause i» Fttedrichshain gebracht.— Zu derselben Zett wurde ein 10 Iah» alter Knabe an der rrcke der Andreas- und Breslauerstraße, all er den Fahrdamm überschreiten wollte, von einem Postwag» überfahren und erlitt eine bedeutende Quetschung des rech# Unterschenkels, so daß er nach dem Krankenhause Bethanien i» bracht werden mußte.— Als Nachmittags der Kutscher Sieb» in der Jnvalidenstraße fich von seinem in der Fahrt befindlich» Arbcitswagen herabbog, um die entfallene Peitsche aufzuhtbe«, fiel er vom Wagen auf den Fahrdamm herab, erlitt hierbei eine» Bruch des linken Oberarmes und mußte nach dem Lazarus» Krankenhause gebracht werden. Gerichts-Zeitung. Der Verbreitung verbotener Druckschriften ange» klagt, erschien gestern der Tischler Böttcher vor der zweite« Strafkammer des Landgerichts I. Beim Angeklagten find K» legentlich einer Haussuchung sechs Exemplare verschiedener NwP mern des„Sozialdemokrat", sowie mehrere Sammellisten ß die Familien Ausgewiesener und den kranken Abgeordnete« Hasenclever gefunden worden. Auf Befragen erklätt derselbe nicht auf den„Sozialdemokrat" abonnirt und überhaupt kei» Geld dafür gezahlt zu haben. Die Listen besitze er schon seh lange, doch habe er niemals Beiträge darauf gesammelt. Dre Exemplare der genannten Zeitung wurden ihm von unbekannte« Personen zugestellt, die anderen drei habe seine Frau wäbre«« seiner Abwesenheit von Jemanden in ein Stück Papier einaerolb empfangen. Anderen Personen habe er das Blatt nicht aeaebe» Der Staatsanwalt wünscht die Vernehmung der Beamte» welche die Haussuchung vorgenommen haben, und ferner df Herbeischaffung des Protokolls über das Resultat dettelben, u« den Platz genau festzustellen, wo die gefundenen Gegenständ lagen, weil der Angeklagte behaupte, von der Aufbewah:/ eines Theils der Druckschriften nichts gewußt zu habcn.% Veitheidiger Rechtsanwalt Mcschelsohn hält die Frage für u» erheblich. Der Gerichtshof beschließt nach längern Beratbun« einen neuen Termin anzuberaumen und die vom Ltaatsanwal verlangten Zeugen vorzuladen. Fünf Kognak» bildeten den Grund zu einer Anklaß wegen Freiheitsberaubung und Mißhandlung mittelst eines ist fährlichcn Werkzeuges gegen den Schankwirth Watzel, welck gestern vor der IV. Strafkammer des Landgettckts 1 verHand«« wurde. Nack der Anklage soll M. den Bauwächter Sttak>' ein kleines Nebenzimmer seines Lokals gestoßen, dann d» Zimmer verschlossen und den Eingespertten schwer gemißhando haben. Der Angeklagte bestreitet die ihm zur Last gelegt» Vergehen und stellt den Hergang folgendermaßen dar: A* Abend des 26. Februar kam der Stiak etwas angetrunken» mein Lokal und bestellte fich einige Getränke, die ihm auch v» abfolgt wurden. Nun waren zur Zeit noch mehrere GS? anwesend, welche mit Stiak schließlich eine Unterhaltung a« knüpften und ihn veranlaßten, für sie fünf Kognaks zu bestell«« Als ich später von Stiak den Betrag von 1,50 Mark f? die Zeche verlangte, weigette er fich zu zahlen, weil er den M ttag zu hoch fand, und da ich mit Bestimmtheit Zahlung v» langte, erklärte er mir, er habe kein Geld. Kurz vorher bat> er aber noch damit renommirt, daß er Gildßhabe und zur N krästigung seiner Behauptung den Gästen sein volles Por» monnaie gezeigt. Da ich nun mein Geld haben wollte, versuc» ich ihm den Ueberzieher abzunehmen, um so ein Pfand zu st fitzen. Stiak wollte fich das nicht gefallen lassen und bemü? fich, durch ein kleines Zimmer aus dem Lokale zu gelang» Als ich ihn da packte, warf er fich nieder und tobte, bei welcst Gelegenheit ihm sein Pottcmonnaie entfiel. Ich hob letzte» auf und nahm mir in Gegenwatt von Zeugen einen Thaler v« dem Inhalt, auf welchen rch 1.50 Mark wieder herausgab. D Thüre des genannten kleinen Zimmers war nicht geschlossen, st Ausgang aus dem Lokal mithin frei. Mißhandlungen hat ich mir nicht zu Schulden kommen lassen. Der Vertheidig« Hm Rechtsanwalt M e s ch e l s o h n überreicht dem Gettchtsh« eine Skizze der betreffenden Räumlichkeiten, zum Beweis, st der Hm Stiak serner Freiheit nicht beraubt worden sei. Zeuge Stiak bekundet: Ich war an dem Abend durchs nicht betrunken. Bei Matzel ließ ich mir eine Weiße und z» Schnäp'e geben. Spärcr kamen mein Sohn und meine Wirt schakterin, Frau Schewe hinzu, für diese ließ ich dann noch t. Glas Warmes kommen. Meine Zeche betrug nur 80 Pf., dfl erklärte ich mich bereit, auf Verlangen 1 M. zu zahlen. P fraglichen 5 Kognak hatte ich nicht bestellt und da Herr M. dt' selben von mir durchaus bezahlt haben wollte, so sagte ich{ ihm: ick werde morgen bezahlen. Darauf packle er m>s in Gegenwart meines Sohnes unv meiner Wirthschafterin# warf mich mit solcher Gewalt in das kleine Nebenzimmer, d« ich momentan die� Besinnung verlor. Dann hat er mich% meinem eigenen Stock geschlagen.(Zeuge überreicht dem#&? !.)— Präsident: Sie waren d»« denken einen Rohrstock.)................. ohne Befinnung, woher wissen Sie denn, daß Sie von W Angeklagten geschlagen wurden?~ Z e u g e: Bei den Prüg» kam ich wieder zur Besinnung.— Präsident: Sie Hab«' dann geschrien?— Zeuge: Ja, ich habe tüchtig geschrien-' Präsident: War die Stube verschlossen?— Zeugs Das weiß ich nickt genau! Meine Witthschaftettn � mein Junge, welche vom Angeklagten inzwischen" iikiii vvii»««iiutiiuuitii anlaßt worden waren, das Lokal zu verlassen, machten drauE einen solchen Lärm, daß er sie wieder herein lassen mußte. 3 hatte mich schon aufgerappell und hielt mich am Ladentisch/� Matzel hatte mein Portemonnaie in der Hand, nahm«!/» Thaler heraus und gab 1,50 M. zurück, welche meine schafterin, Frau Schewe, an fich nahm. Hierauf verließen s das Lokal. Als ich zu Haase mein Geld zählle, fehlten mir zwei 10 Markstücke, die ich bis heute noch nicht wieder erlangt habe.— Der Präsivent verliest ein ärztliches Attest, nach welchem der Zeuge Stiak erheblich verletzt ist.— Zeugin S ch e w e bestätigt die Angaben Stiak's in allen Punkten.— Präs.: Woher wissen Sie, daß Stiak mit seinem eigenen Stock geschlagen worden ist? — Zeugin: Ich hatte bange, daß es zum Keilen kommen wüide und darum habe ich den Stock auf den Ladentisch ge< legt.— Präsident: Sie haben auch gesehen, wie Stiak vom Angeklagten in die Stube geworfen wurde?— Zeugin: Ja, Matzel nahm ihn beim Kanthaken und schleuderte ihn hinein.— Präs i d e n t: Und dann find Sie mit dem Sohn Stiak s hinausgegangen?— Zeugin: Ja, Matzel sagte zu mir: Mathilde gehen Sie nur mrt dem Jungen hinaus!— Zeugin behauptet weiter, daß die Ein- gangsthür zum Lokal während der Mißhandlung geschlossen war; bezüglich der Thür zu dem kleinen Zimmer kann sie das nicht mit Gewißheit sagen.— Zeuge Schlächter- meister Anders sagt ebenfalls im Sinne der Anklage aus.— Präsident: War Stiak an dem Abend betrunken?— Zeuge: Nein.— Präsident: Vom Angeklagten wird behauptet, daß Stiak als aufgeregter Mensch bekannt sei und schon öfter Händel gehabt habe.— Zeuge: Nun, wenn der Mensch einen getrunken hat, so ist er bischen quakig.— Präsident: Haben Sie ihn schon öfter anderswo aufgeregt gesehen?— Zeuge: Nein.— Die folgenden Zeugen rönnen nichts Wesentliches bekunden. Von der Vereidigung der Frau Matzel wild Abstand genommen. Der Staatsanwalt beantragte 14 Tage Gefängniß. Die warmen Worte des Ver- thcidigers, Herrn Rechtsanwalt Meschelsohn, mußten angesichts der Zeugenaussagen auf unfruchtbaren Boden fallen. Der Ge- richtshof erkannte auf Schuldig wegen Körperverletzung mittelst eines gefährlichen Werkzeugs und verurtheilte den Angeklagten zu 14 Tagen Gefängniß; bezüglich der Freiheitsberaubung lautete das Urtheil auf Freisprechung. Gin Prozeß«»ege« versuchten Morde» wurde gestern gegen den Kommis Georg Eugen Jantzcn vor dem Schwurge- richt am Landgericht> verhandelt. Den Vorfitz führte Land- lichter Denso, die öffentliche Anklage war durch Herrn Staatsanwalt Müller, die Vertheidigung durch Herrn Rechtsanwalt Wronker vertreten. Kanyen ist am 30. Juni 1866 in Danzig geboren als der Sohn eines Tischlermeisters. Bis zum vier- zehnten Jahre besuchte er die Schule und trat dann in seiner Vaterstadt als Lehrling in ein Kaufmannsgcschäft, ward nach dreijähriger Lehrzeit Handlungskommis und kam im Mai 1837 nach Berlin, wo er bei dem Kaufmann Sebert in der Bmnnenstraße 63 Stellung fand.- Er blieb in der- selben bis zum 8. August desselben Jahres. Nach kurzem Suchen fand er wieder eine andere Stellung, welche er aber mit Ende des Jahres abermals ver- lor. Nim fand er beinahe ein ganzes Vierteljahr lang keine Beschäftigung. Er war von dem Kaufmann Sebert in Unfrieden geschieden und hatte gehört, daß derselbe zu dem Kauf- mann und Stcllenvermittlcr Holtz gesagt haben sollte, wenn Holtz dem Jantzen zur Beschaffung einer Stellung behilflich sei, so werde Sebert die Verbindung mit Holtz ein für alle Mal ab- brechen. Wie Jantzen zu dieser Aeußeiung gekommen, wurde nicht aufgeklärt, Sebert hat fie nie gethan. Nachdem Jantzen dann nochmals einige Wochen seit dem 23. März in Beschäftig Sing gewesen, war er Anfangs Mai wieder ohne Stellung, die m von seinen Prinzipalen— Sebert hatte ihm kein Zcugnih ausgestellt, sondern nur seinen Stempel in sein Buch gedrückt — mitgegebenen Atteste waren nicht günstig. In den ersten Tagen des Monats Mai fand Jantzen in der„Vosstschen Zeitung" ein Inserat, durch welches der Kaufmann Rengert einen Kommis suchte. Er meldete fich bei ihm; um jedoch eine 'Nachfrage Rengerts bei dem Kaufmann Sebert unmöglich zu machen, fälschte Jantzcn das ihm von dem Kaufmann Stennelt in Danzig mitgegebene Zeugniß insoweit, als er das Datum der Entlassung, welches als der 1. Mai 1887 bezeichnet war, in den 1. August änderte. Rcngert hatte aber doch erfahren, daß Jantzen bei Sebert mehrere Monate beschäftigt gewesen war, und erklärte Jantzen daher, als dieser fich in Betreff seiner Dienstführung erkundigen wollte, Rengert werde fich zunächst bei Sebert über seine Dienstfübrung erkundigen. Nun wußte JanKen, daß er die gewünschte Stellung niemals erlangen wurde. In der festen Ueberzeugung, daß Sebert nicht allein daran Schuld sein werde, hier abgewiesen zu werden, sondern daß er es auch überall nur kurze Zeit beschäftigt gewesen Jantzen, fich an diesem Manne zu rächen. hatte er Rengert verlassen, dann ging er„ machte darauf in der Stadt Kreuz- und Querzüge. Uhr Nachmittags kaufte er einen Revolver für 3 M. veranlaßt habe, zu sein, beschloß . Am Vormittage zum Mittagessen, Gegen 4 und sechs ui< Patronen, ging nach der Auguststraße in eine Destillation und wollte fich dann nach dem Thiergarten begeben. Auf dem Wege dahin machte er in dem Bahnhof Börse Halt, wo er die Patronen in den Revolver steckte. Jantzen ärdeite nun seinen Vorsatz wieder, ging nicht nach dem Thiergarten, sondern nochmals nach der Stadt zurück, von der Mauelsttaße aus begab er fich dann nach der Brunnenstraße. Es mochte gegen%l0 Uhr sein, als er bei dem Hause des Kaufmanns Sebert ankam. Er stellte sich hinter einer Thür auf, um sein Opfer, welches des Abends über den Hos zu gehen pflegte, zu erwarten. Jantzen sagte hierüber selbst:„Ich bekenne mich schuldig, die Absicht gehabt zu haben, den Kaufmann Sebert umzu- bringen, jedoch beging ich die That ohne Ueberlegunz. Ich wollte erst Sebert, dann mich erschießen. Um crsteres aus- zuführen, stellte ich mich in eine ganz dunkle Ecke hinter einer Thür, von der aus ich den Hof nicht allein übersehen konnte, sondern auch dem Weg, den Sebert nehmen mußte, sehr nahe war. Als ich ihn kommen sah, hielt ich die Hand mit dem schußbereiten Revolver gerade vor mich hingestreckt, so daß die abgefeuerte Kugel in seine Brust dringen mußte, doch bei jedem Schrttt, den er that, sank mir mehr und mehr der Äuth, mein Arm erschlaffte und der Revolver entfiel meiner Hand; da entlud er sich und zwei Schüsse krachten, ganz ohne mein Ver- schulden, denn ich hatte nicht abgedrückt, wußte auch nicht, welche Wirkung fie gethan. Sebert drehte fich um, faßte mich und rief, worauf noch Andere hinzukamen, mich festnahmen und nach der Polizeiwache führten, wo ich verhaftet w..Der Prästdent machte Jantzen darauf aufmerksam, �tuher nichts davon gesagt habe, daß er fich selbst er- °uch nicht, daß die Schüsse ohne sein Zuthun keren, aber Jantzen versicherte, er könne nicht anders 2 bezüglich der Bedeutung seiner Aeußerung, er habe Sebert vmisatzlich, jedoch ohne Ueberlegung erschießen wollen, vermochte er eine genügende Auskunft nicht zu geben, nur so viel �schien ihm bekannt zu sein, daß eine vorsätzliche Todtung mit Ueberlegung in dem Reichsstrafgcsetzbuch als Mord, ohne Ueberlegung als Todtschlag dezeichnet und jener schwerer besttaft wird. Jantzcn, ein kleiner, bartloser Mensch, mit vollem blonden Haupthaar und eurem ziemlich gewöhnlichen, nichts- sagenden Geficht, brach bei seinem Geständniß, welches so leise abgegeben wurde, daß er mehrfach zum Lauter- sprechen angehalten werden mußte, oft in Thränen aus. Trotz dieses äußeren Zeichens der Reue beharrte er aber bei der seinen früheren Angaben widersprechenden Aussage. Bei seinen ersten Vernehmungen hatte er offen zugegeben, daß er den Re volver gekauft bade und nach Seberts Geschäft gegangen sei, um diesen aus Rache zu erschießen, da er ihm die Mißerfolge in seiner Laufbahn zuschrieb. Der Kaufmann Sebert bekundete als Zeuge, anfänglich sei er mit Jantzen zufrieden gewesen, bald habe fich dieser aber im Geschäft nachlässtg und widerspenstig gezeigt. Am 8. August v. I. sei es zwischen dem Zeugen und Jantzen zum offenen Bruch gekommen. Sebert habe diesen beauftragt, dafür zu sorgen, daß ein halber Zentner Eis ange schafft werde, das aber habe Jantzen trotz wiederholter Erinne rung verabsäumt, da habe Sebert verlangt, daß Jantzen das Eis mittelst eines Handwagens holen solle. Das jedoch hielt der Kommis unter seiner Würde und weigerte sich entschieden, den Auftrag auszuführen. Da erklärte ihm Sebert, wenn er nicht gehorchen wolle, dann könne er gehen, wozu Jantzen fich augenblicklich bereit erklärte. Der Prinzipal zahlte den bis zu dem Tage fälligen Lohn auf, verlangte aber zugleich, daß Jantzen, wenn er das Geld an sich nehme, einen Revers unteischreibe, durch welchen er bestätige, daß er an Sebert keine Ansprüche weiter habe. Dcffen weigerte fich aber Jantzen und nun verlangte sein Prinzipal, daß er bleibe. Jener aber kum- werte sich hierum nicht, sondern entfernte sich, verlangte trotzdem aber, daß Sebert ihm das Gebalt bis zum Oktober auszahle. Na- türlich weigerte fich S., dies zu thun. und nun verklagte ihn J., wurde jedoch, da er selbst aus dem Dienst freiwillig geschieden, mit seiner Klage abgewiesen. Seitdem hat Sebert von Jantzen weder etwas gehört noch gesehen, fich auch nicht um ihn ge- kümmert, bis zum 17. Mai. An dem Abend dieses Tages sei er vom Hof gekommen, da fiel ein Schuß. Zeuge glaubte, jemand habe aus Muthwillen gehandelt, da erkannte er Jantzen, den Revolver auf ihn richtend, gleich fällt ein zweiter Schuß; nun merkte Sebert, daß er ihm gegolten habe. Zeuge faßte dar- auf Jantzcn und hielt ihn bis andere, durch die Schüsse herbei- gelockt, herzukamen. Die weitere Beweisaufnahme ergab, daß die Schüsse nicht aus dem auf den Boden ge- fallenen Revolver abgefeuert sein konnten, denn die Kugel war in Brusthöhe an Sebert vorbeigesaust, die andere wurde 51 Zentimeter über dem Boden, in einer Holztrcppe steckend, aufgefunden. Ferner trug Jantzen bei seiner Fort- führung den Revolver in der Rocktasche. Daß Jantzen fich bei der Festnahme sehr aufgeregt zeigte, konnte kaum auffallen. Zwei Prinzipale, bei denen Jantzen kurze Zeit in Stellung ge- wesen war, bekundeten über denselben keineswegs günstig, der eine von ihnen warf ihm sogar Unredlichkeit vor.'Nachdem die Beweisaufnahme damit beendet war, ergriff Staatsanwalt Müller das Wort. Er führte aus, daß nach der eigenen Be- kundung des Angeklagten, wie derjenigen der Zeugen, es keinem Zweifel unterliegen könne, daß Jantzen den Angriff auf den Kaufmann Sebert planmäßig ausgeführt habe; dem- nach könne die Frage, ob der Angeklagte die That mit Ueder- legung ausgeführt habe, nicht wohl verneint werden. Die Ver- tbeidigung des Rcchtsanwal s Wronker suchte besonders Milderungsgründe hervorzuheben, da die That nicht in Abrede zu stellen war. Die Geschworenen fällten ihren Wahrspruch dahin, daß Jantzen versucht habe, Sebert zu tödten, daß die That aber nicht mit Ueberlegung begangen sei. Der Staats� anmalt beantragte hiernach eine Zuchthausstrafe von sechs Jahren. Der Gerichtshof erkannte auf eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren und sechs Jahren Ehrverlust. Konderbare Vorgänge find es nicht selten, welche den zahlreich verhandelten Anklagen wegen groben Unfugs zu Grunde liegen. Der Drechslermeister August Kurth befand sich mit einem guten Bekannten in einem rn der Schönhauserstraße be- legenen Restaurationslokal und gerieth dort mit dem Wirth in Differenzen. Infolge deffen weigerte fich derselbe, den beiden Gästen etwas einzuschenken, was diese in eine begreifliche Er- regung versetzte. Die von der Maßregel betroffenen Herren machten sich jetzt auf den Nachhauseweg und soll nun der Wirth nach der Behauptung des Kurth die Aeußerung gethan haben: „Es ist gut, daß die Judenlümmcl das Lokal verlassen, sonst hätte ich sie hinausgeworfen." Wegen dieses Schimpfes will Kurth ganz außer fich geralhen sein und he- schloffen haben, den Beleidiger wegen Uebertretung der Polizeistunde zu denunziren, zu welchem Zweck er sich noch in der späten Nacht nach dem Polizciburcau begab und dort heftig die Glocke zog. Der dienstthuende Schutzmann, welcher gerade 7 Arrestanten zu bewachen hatte, mußte erst einen schlafenden Kollegen wecken, um nach dem Begehr des ungestümen Ein- dringlings zu fragen. Dieser antwortete auf die Frage des Beamten, was er wolle:„Das können Sie mir ja doch nicht sagen, ich muß den Wachtmeister sprechen." Auf der Wache nun rückte er mit der Frage heraus, wie lange der qu. Wirth das Schanklokal geöffnet halten dürfe. In dieser grundlosen Alarmirung der Polizeibeamten erblickte mit dem Amtsanwalt die 95. Abtheilung des Schöffengerichts einen groben Unfug und vemrtheilte den Störenfried zu 3 M. event. 1 Tag Haft, wobei deffen angebliche Unkenntniß mit den Verhältniffen mU- dernd in Betracht kam. Prozeß wege« Verbreitung eine» Flugblatte». Köln, 28. Juni. Ein Flugblatt der Sozialdemokraten war vor einiger Zeit in der Stadt Köln verthcilt worden und einige der Vertheiler waren bei dieser Gelegenheit von Schutzleuten festge- nommen und verhaftet worden. Die drei Verhafteten wurden drei bis fünf Tage in Untersuchung gehalten, und als am 2. Juni die Sache zur Verhandlung kam, stützte fich die Anklage auf das alte Prcßgcsctz vom Jahre 1852, aus welchem einige Paragraphen noch in Giltigkeit find. Hiernach ist verboten, ohne polizeiliche Genehmigung Druckerzeugnisse politischer Art öffentlich zu ver- theilen. Auf Grund dieser Bestimmung verurtheilte das Schöffengericht die drei Angeklagten zu je acht Tagen Haft. Tie Staatsanwaltschaft legte hiergegen Berufung ein und heute wurde die Angelegenheit nochmals verhandelt. Ein Antrag des Staatsanwaltes auf Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde vom Gerichtshof abgelehnt. Die Fragen des Prä- fidenten gipfelten in der Pointe: Sind Sie Sozial- demokrat? Die Angeklagten verneinten es. Ob erster Ange- klagter in Lokalen verkehre, in welche öfters Sozialdemokra en hinkommen?— Das wußte er nicht, ob die Gäste Sozialdemo- kraten seien.— Woher die Angeklagten die Flugblätter er- halten?— Ein Angeklagter gab an, auf dem Wege zur Arbeit fie früh Morgens von einem Unbekannten bekommen zu haben. Gegen 50 Pf. habe er die Vertheilung übernommen. Da über dem Zettel„Extrablatt" stand, war er in dem Glauben, sie handelten vom Ka'ser, über dessen Gesundheitszustand sehr oft damals Extrablätter vettheilt wurden. Ein anderer Angeklagter gestand zu, drei Mark, der letzte, eine Mark Vergütung für die Verbreitung erhalten zu haben. Der Angeklagte R. führte noch aus, daß er öfters ohne Arbeit und darum sehr frol) gewesen, eine Mark verdienen zu können. Angeklagter S. erzählte, daß er früh um 5 Uhr einen Spaziergang gemacht habe und bei dieser Gelegenheit einen Unbekannten gettoffen, der ihm erst eine Mark für Vertheilung der Zettel anbot. Als S. auf dem Preise von drei Mark stehen blieb, erhielt er aach das Geld. In Betreff der Haussuchung, welche bei S. damals gehalten wurde, stellte der Vorsitzende fest, daß bei ihm noch 80 Flugblätter vorgefunden wurden. Die Aussagen der Ange- klagten hielt der Vertreter der Staatsanwaltschaft für unglaub- würdig; er nahm an, daß die Angeklagten mit der sozialistischen Partei in Verbindung ständen. In Anbetracht der Gefährlich- k-it solcher Ftugblätter deantrage er vier Wochen Haft.— Der Vertheidiger der Angeklagten hob die straflose Vergangenheit seiner Kienten hervor; besonders betonte er, daß keiner derselben eine Ahnung von der Existenz dieses Gesetzes besessen habe, er, ein Rechtsanwalt, habe sogar geglaubt, es sei außer Kraft und es gelte nur das neue Preßgesetz. Die Angc klagten haben ehr- licher Weise Geld verdienen wollen.— Der Gerichtshof ver- warf die Berufung und setzte die Strafen auf 8 Tage � Landesverratha-Prozeß. Leipzig, 2. Juli. Erster Tag der Verhandlung.(Forisetzung.) Präß: Sie geben also zu, mit den hier vorgelegten Schlüsseln die Schranke in dem Bureau der Generaldirektion der rcichsländischen Eisenbahnen geöffnet und Aktenstücke aus denselben entwendet zu haben?— Angekl.: Jawohl.- Präs.: Diese Aktenstücke haben Sie sämmtlich an die französische Regierung verkauft?— Angell.: Jawohl.— Präs.: Welchen Inhalt diese Aktenstücke hatten, werden wir später eröitern. Haben Sie die Aktenstücke im Original oder in Abschrift eingesandt?— Angekl.: In Abschrift.— Präs, Sie bekennen sich allo dem Inhalte der Anklage nach für schuldig?— Angekl.; Jawohl.— Präs.: Angeklagter, Sie find geborener Deutscher, haben Sie fich nicht klar gemacht, welch' furchtbares Verbrechen Sie gegen Ihr Vaterland begehen? Sie haben der französischen Regierung Dinge verrathen, die das Deutsche Reich in Hohem Grade gefährden konnten. Sie haben dem Deutschen Reiche einen Schaden zugefügt, der gar nicht mehr zu repariren ist. Regt fich nicht Ihr Schamgefühl?— Angekl.: (mit weinender Stimme): Herr Präsident, wenn ich gewußt hätte, was ich seit der Verhaftung des Cadannes werde durch» machen müssen, dann würden meine Kinder nicht einen Zucht- Häusler, sondern einen Selbstmörder zu beklagen haben.— Das Verhör dieses Angeklagten ist damit beendet. Frau Dietz bemerkt auf Befragen des Präfidenten: Ich bin unschuldig; ich wußte nicht, daß mein Mann Landesverrath begeht. Es ging uns sehr schlecht, so daß ich mich entschloß, in Paris eine Stellung anzunehmen. Ich reiste deshalb im Juli 1883 nach Paris. Mein Mann ersuchte mich, in das Bureau des renseignernents zu gehen und dort zu fragen: ob er Abschriften schicken solle. Ich ging dorthin, wurde von einem älteren Herrn in Empfang genommen und in eine ganz leere Stube geführt. Der Herr fragte mich, od ich Frau Dietz sei. Als ich ihm dies bejahte, sagte der Herr: Er hoffe, daß ich verschwiegen sein werde. Mein Mann solle die angebotenen Abschriften nur schicken. Die Preise dafür werden in Paris je nach dem Werthe gezahlt. Ich überbrachte diese Antwort meinem Manne.— Präs.; Ihr Mann bestreitet, daß er zunächst an den Obersten Vincent geschrieben hat.— Angekl.: Mein Mann leidet etwas an Gevächtniß- schwäche.— Präs.: Ihr Mann sandte nun Abschriften nach Frankreich?— Angekl.: Jawohl.— Präs.; Wie viel Sendungen waren das?— Angekl.: Ich glaube, es waren drei.— Präs.: Die dritte haben Sie auf der Post in Jgny-Avricoutt aufgegeben?— Angekl.: Ich sollte dies thun, ich habe die Sendung aber auf dem Bahnhof in Straßhurg zur Post ge- geben.— Präs.: Sie wußten, daß das, was gesendet wurde, Abschriften von amtlichen Aktenstücken waren und daß dieselbe». an das franzöfische Kriegsministerium geschickt wurden?— Angekl.: Das wußte ich nicht. Ich hielt den„Cordonnier" für den Chef des„Bureau des renseignernents", wußte aber nicht, daß letzteres zum franzöfischen Knegsministerium gehörte. Ich wußte wohl, daß das, was mein Mann that, nicht ganz recht war; ich machte mir jedoch keine wei- tcren Bedenken, ich freute mich blos, daß fich uns eine neue Geldquelle erschloß und unsere Noth ein Ende hatte. Die An- geklagte schildert im weiteren den Verkehr, den ihr Mann mit Cabannes unterhalten habe. Sie sei wohl dabei gewesen, wenn Cabannes ihrem Manne Geld brachte, wisse auch, daß ihr Mann unter dem Namen„Dietrich" quittirt habe, fie habe die Ab- schriften zu Cabannes gebracht, daß aber ihr Mann dadurch Landesverrath begehe, habe fie nicht gewußt.— Der Angeklagte Dietz bestätigt die Aussagen seiner Frau; er erinnere fich nun, daß er zunächst, ehe seine Frau nach Paris fuhr, dem Oberst Vincent seine Dienste angeboten habe. Es wird nunmehr zur Vernehmung des Appel geschritten. Dieser ist infolge seines Straßburger Dialekts und durch den Umstand, daß er dem Berichterstattertisch den Rücken dreht, sehr schwer verständlich. Ter Angeklagte verfichert, daß er unschuldig sei. Auf Befragen bemerkt der Angeklagte: Er habe im Jahre 1859 60 den italienischen Feldzug in einer franzöfischen Fremden» legion mitgemacht. Soldat sei er nicht gewesen, er war wohl ausgehoben, habe sich aber ausgeloost. Während der B.lagerung von Sttaßburg im Jahre 1870'7I sei er Sergeant der Mobil» garde bei der Kompagnie„Branche" gewesen. Sein Bruder sei Profeffo: an der Sorbonne in Paris, ein Schwager von ihm sei Kapellmeister in der franzöfischen Armee. Auch seine Mutter wohne in Paris. Im Jahre 1877 habe er das väterliche Ge» schäft übernommen. Er sei mit Cabannes wohl bekannt gewesen, habe mehrfach im Gasthof„Zur Stadt Basel" mit demselben verkehrt und als er verhaftet war, auch die Frau Cabannes mit Geldmitteln unterstützt. Er habe in Gemeinschaft mit einem Abfuhruntemehmer,'Namens Wagner, der Frau Cabannes im Ganzen 500 Franks gegeben. Er bestreite aber vollständig, dem Cadannes bei deffen landesoerrätherischem Treiben Hilfe geleistet sÄ?r,«s ää Cabannes und der französischen Regierung den Vermittler ge» spielt, indem von der franzöfischen Regierung an Sie die Gelder für Cabannes. aber auch für Dietz eingingen und daß Sie die» selben dem Cadannes einhändigten. Die Anklage behauptet femer, daß Sie die Briefe von Cabannes und Dietz an die franzöfische Regiemng beförderten?— Angekl.: Das ist alles erlogen, kein Wort davon ist wahr.— Piäs.: Als Sie der Frau Cabannes die Gelder gaben, ließen Sie sich von derselben eine Quittung ausstellen. Diese Quittungen brauchte Frau Cabannes mit Ihrem Namen nicht zu unterschreiben?— Angekl.: Jawohl.— Präs.: Weshalb geschah dies?— Angekl.: Ich wollte gern eine Quittung haben, befürchtete aber, wenn jimand eine Quittung mit dem Namen„Cadannes" bei mir sehen würde, dies mir Unannehmlichkeiten bereiten könnte.— Präs.: Die Anklage behauptet, Sie haben Frau Cabannes unterstünt, weil Cabannes während der ganzen Untersuchung thren Namen nicht genannt hat?— Angekl.: Das behauptet abanncs.— Präs.: Das behauptet jetzt die Anklage.— An- gell.: Ich kann nur wiederholen, daß alles, was Cabannes de» hauptet, Lüge ist.— Präs: Angeklagter, das ist doch nicht glaubhaft. Es ist doch sehr eigenthümlich, daß alles, was Cadannes bezüglich der Dictz'schen Eheleute bekundet, bis in die kleinste Einzelheit fast vollständig Bestätigung gefunden hat. Cabannes hat nun betreff- Ihrer ebenfalls eine ganze Reihe von Einzelheiten angegeben. Daß Cabannes dies erfunden hat, ist umso weniger anzunehmen, als es ja ein hoher Grad von Ver- worfenheit wäre, gerade Sie derartig anzuschuldigen, der Sie aus reinem Menschlichkeitsgefühl seine Frau unterstützt haben. Es kommt hinzu, daß auch Frau Cabannes Sie arg belastet hat. Sie baden fich einmal bei dem Herrn Untersuchungsrichter Munzinger melden lassen und diesem zu Protokoll gegeben: Sie seien einmal in den Vogesen spazieren gegangen und haben dort eine militärische Entdeckung gemacht, deren Kenntniß für das Deutsche Reich von unendlicher Wichtigkeit wäre. Sie seien bereit, diese Entdeckung einem Generalstabsoffizier mitzu- theilen, wenn die Untersuchung gegen Sie niedergeschlagen werde oder wenn Sie wenigstens aus 15 Tage in Freiheit ge- setzt werden, da fie genöthigt seien, fich noch einmal in die Vogesen zu begeben. Sie verfickerten auf Ehrenwort, daß Sie Ihre Freiheit nicht mißbrauchen, sondern nach Ablauf der 15 Tage fich wieder zum Antritt Ihrer Untersuchungshaft melden werden?— Angekl.: Ich tbat das, weil ick meine Vertheidi- gung vorbereiten wollte.— Präs.: Wurde Ihnen denn Ihre Vertheidigung in Ihrer Untersuchungshaft irgendwie beschränkt? — Angekl.: Besser kann man doch nach Vertheidigungsmttteln suchen, wenn man in Freiheit ist.— Präs.: Sie haben sich später noch einmal zu Protokoll vernehmen lassen und dabei bekundet:„Neun Zehntel von dem, was Cabannes gesagt, ist erlogen, etwas ist aber wahr." Was ist denn nun wahr? — Angekl.: Ich weiß nicht, was ich damals habe sagen wollen, seitdem ich am Wechselfieber leide, weiß ich bisweilen nicht, was ich thue. Ich bin manchmal ganz geistes» abwesend.— Präs.: In dem Futter eines Rockes, den Sie eine Zeitlang während der Untersuchungshaft trugen, haben sich ver» schiedene Zettel gefunden. Auf einem steht:„Cadannes ist wohl ein großer Lügner, etwas von dem, was er gesagt, ist aber wahr. Ich habe nun Alles mögliche gethan, um meine Freiheit wieder zu erlangen, ich habe vorgegeben, daß ich eine wichtige militärische Entdeckung gemacht habe, man hat mir jedoch nicht geglaubt. Es ist mir nun unmöglich, meine Freiheit wieder zu erlangen." Die Entdeckung, die Sie machen wollten, war also nur ei» Vorwand, um dadurch die Freiheit zu erlangen?— Angekl.; Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu gekommen bin; ich miede» Hole, ich bin manchmal ganz geistesabwesend.— Präs.: Auf einem weiteren Zettel stand:„Deutschland braucht wieder ein- mal einen Skandalprozeh und deshalb beschuldigt mich dieser Elende, ihm Beihilfe geleistet zu haben. Es ist schändlich, daß ein Elsässer einen anderen denunzirt."— Angekl.: Ich be- Haupte, Cabannes brauchte Jemanden, den er der Beihilfe be- schuldigte, und dazu war ich ihm eine sehr willkommene Per- sönlichkeit.— Präs.: Dann hätte er sich doch aber auch eine andere Persönlichkeit aussuchen können.— Angekl.: Ich bin ihm vielleicht, da er mich, meine Verhältnifie und meine Familie genau kannte, am willkommensten gewesen.— Es tritt hierauf eine kurze Pause ein. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wird zunächst der > Eisenbahnbetriebsdirektor Büttner(Straßburg l E.) vernommen. Dieser bekundet: Tietz wurde mir als sehr ordentlicher Mensch empfohlen und da er schön und richtig schrieb, außerdem sehr zurückhaltend war, so schenkte ich ihm mein volles Vertrauen. Ich gab ihm Aktenstücke zum Abschreiben, die streng sekreter Natur waren. Diese Aktenstücke trugen allerdings nur theilwcise die Bezeichnung„setret". es verstand sich aber von selbst, daß fie sekreter Natur waren. Die reichsländische General- Eisenbahn- Direktion erhält von den Linienkommisstonen zu Kassel, Karls- ruhe, Köln, Hannov.r, Würzburg, Dresden rc. oftmals Mobil- machunaspläne. Dieselben werden begutachtet und, soweit fie von blerbendem Werth find, aufbewahrt, die anderen werden an die Linienkommisstonen zurückgesandt. Einmal haben fünf Fahrpläne, obwohl ich dieselben in meinem eisernen Geldschrank eingeschloffen hatte, gefehlt.— Kanzleirath Laads und die Be- triebssckretäre Brocke, Ortlepp, Ortlieb und Feffenmryer bekunden ebenfalls, daß Dietz ein sehr tüchtiger Arbeiter war, der das volle Vertrauen aller seiner Vorgesetzten hatte.— Dienstmädchen Bischoff, das bei Cabannes von l 881— 83 gedient hat, bekundet: Eines Tages sei der Angellagte Appel zu Cabannes gekommen und habe mit diesem französisch gesprochen. Sie(Zeugin) habe nichts davon verstanden. Nach einiger Zeit sei Cabannes mit Appel fortgegangen. Hier wird gegen 2% Uhr Noch mittags die Sitzung auf Dienstag Vormittag 9 Uhr vertagt. Zweiter Tag der Verhandlung. Gegen 9 Uhr Vormittags eröffnet Präfident Drenkmann wiederum die Sitzung. Es erscheint zunächst als Zeuge, aus dem Zuchthause vorgeführt, der ehemalige Kanzlist beim Straß- bürget Bezirks-Peäfidium Paul Cabannes. Derselbe steht, seit- dem er sich im Zuchthause befindet, furchtbar herabgekommen aus. Der Zeuge tritt dicht vor den Tisch des Präsidenten, kehrt dem Berichterstattertisch den Rücken zu und spricht so leise und undeuüich, daß man nur mit vieler Mühe von seiner Aussage etwas verstehen kann. Der Zeuge bekundet etwa: Ostern 1883 war ich in Paris bei dem Oberst Vincent. Letzterer fragte mich, ob ich Appel kenne. Ich erwiderte: Ich kenne ihn wohl, ver- kehre aber nicht mit ihm.„Bestellen Sie ihm einen Gruß von mir," sagte Vincent. Noch meiner Rückkunft traf ich den Appel in Straßburg im Gasthof zur Stadt Basel. Ich bestellte diesem den Gruß von Vincent.„Merci," erwiderte mir dieser. Einige Zeit darauf brachte mir Appel Geld; ich glaube, es waren 400 Franks. Appel sagte mir, das Geld komme von dem Obersten Vincent. Dieser laffe mir sagen, daß ich jetzt alle Sachen durch ihn(Appel) schicken solle. Ich that dies auch und erhielt alsdann die Gelder aus Paris von Appel. Bisweilen sandte ich allerdings die Sachen direkt, wenn ich eine andere Gelegenheit fand. Als Appel dav n erfuhr, stellte er mich in heftiger Weise zur Rede, mit dem Bemerken: Sie wissen doch, daß Sie nur durch mich schicken sollen. Auf Be- fragen des Präfidenten erzählt der Zeuge noch: Ein Jugendfreund von ihm, Namens Lettinger in Paris, schrieb mir mehr- fach, ich solle nach Paris kommen. Ostern 1383 kam eines Tages der mir bis dahin nicht näher bekannte Appel zu mir und for- derte mich auf, mit ihm nach der„Stadt Basel" zu kommen. Ich leistete der Aufforderung Folge. Dort gab mir Appel eine Summe Geldes, ich glaube, es waren 400 Frks. mit dem Be- merken; das Geld sei aus Paris gekommen und zwar als Reisegeld. Ich reiste infolge dessen nach Paris und besuchte Lettinger. Dort stellte mir Lettinger einen Mann vor, der fich Müller nannte und sich als Chef-Redakteur des„Figaro" vorstellte. Letzterer forderte mich auf, ihm gegen Honorar Korre- spondenzen zu schicken. Lettinger sagte mir später: der „Müller" ist nicht Chef-Redakteur des„Figaro", sondern der Oberst Vincent vom franzöfischen Kricgsministerium. Appel wußte zweifellos, was für Sachen ich ihm gegeben hatte, ich habe ihm auch biswellen gesagt, was es für Sachen seien. Weihnachten 1383 oder Ostem 1884 erhielt ich einen Brief, in dem 20 Franks enthalten waren. In dem Briefe wurde ich auf- gefordert, nach Luneville zu kommen. Wo der Brief zur Post gegeben war, weiß ich nicht mehr. Ich fuhr nach Luneville und traf dort auf dem Bahnhof den Oberst Vincent. Dieser fragte mich: ob ich einen Eisenbahvbeamten Namens Dietz kenne. Dieser habe ihm ein sehr wichtiges Aktenstück, aber im Original gesandt. Ich solle zu Dietz gehen und ihm sagen: er solle nur Abschriften schicken, Originale könne er nicht gebrauchen. Das Original soll er fich in Luneville von einem gewissen Matin abholen. Ferner soll ich dem Dietz sagen: die Sachen sollen nur auf einem franzöfischen Postamt, nicht aber in Elsaß Loth- ringen zur Post gegeben werden. An demselben Abend, als ich von Luneville zurückkam, begab ich mich in den Gasthof zur Stadt Basel. Dort traf ich den Appel. Dieser fragte mich in ganz gleicher Weise wie Vmcent; ob ich den Eisenbahnbeamten Dietz kenne u. s. w. Appel übergab mir 1500 Frks. mit dem Bemerken; das Geld sei aus Paris; 400 Frks. seien für mich und 1000 Frks. für Dietz. Infolge dessen begab ich mich zu Dietz und brachte ihm das Geld mit dem Bemerken, daß dasselbe aus Paris sei. Frau Dietz sagte:„Das Geld haben wir schon lange erwartet." Ich berichtete dem Dietz, was mir Vincent ausgetrogen. Frau Dietz bemerkte darauf, bei dem wenigen Geld könne man nicht noch Reisen nach Frankreich machen. Dietz gab mir über die 1000 Frks. eine Quittung, die ich dem Appel einhändigte. Ich sagte schließlich zu den Dietz'schen Eheleuten, wenn fie nicht nach Frankreich reisen wollten, so sollen fie mir die Sachen zur Beförderung nach Paris übergeben. Dietz war damit einverstanden und übergab mir seme Sachen. Ich habe dieselben theils persönlich befördert, zumeist aber dem Appel zur Besördemng übergeben..„ � Ich erhielt von Appel noch 200 Fr., einige Zeit darauf 400 und später 500 Fr., mit dem Ersuchen: das Geld dem Dietz zu geben. Dietz quittlrte mir stets über diese Gelder; diese Quittungen übergab ich dem Appel.— Präs.: Wußte Appel, welche Sachen von Dietz und welche von Ihnen warm?— Zeuge: Jawohl, die Sachen waren ja genau bezeichnet.— Präs.: Wußte Appel, was in den Dietz'schen Sachen enthalten sei?— Zeuge: Das nehme ich an.— Präs.: Woraus schließen Sie das?— Zeuge: Ich habe dem Appel einmal gesagt, die Dietz'schen Sachen bestehen zumeist aus Zeichnungen. Appel sagte einmal:„Was mag blas dieser Mann schicken, der soviel bezahlt bekommt." Einige Zeit darauf sagte mir Appel:„Er befördere die Sachen durch den Apotheker Girard in Schirmcck, ich solle diesem die Sachen direkt schicken, da er jetzt keine Zeit mehr habe." Ich übergab infolge dessen die Sachen an Girard; thells brachte ich fie dem Girard persönlich, theils sandte ich fie durch einen Boten, Namms Gabriel. Eines Tages sagte mir Appel: ich solle die Sachen wieder ihm und nicht mehr dem Girard geben. Letzterer habe fich an einer deutsch-feindlichen Dcmon- stration bethelligt und werde infolge dessen von der Polizei observirt. Ich gab die Sachen wiederum dem Appel. Da ich aber das ganze Jahr 1686 fast gar kein Geld erhielt, so fuhr ich Neujahr 1887 nach Paris, dort sagte mir Vincent: er sei wohl nicht mehr Chef des Bureau's, sondern ein Herr Santaer. Diesen stellte mir Vincent vor. Trotzdem— so bemerkte Vincent— leite er vorläufig noch die Geschäfte des Bureaus, bis sein Nachfolger jvollstän- dig in allen Dingen informilt sein werde. Vincent sagte mir, daß er mehrfache Korrespondenzen von mir erhalten habe und ließ durch- blicken, daß er an mich Gelder geschickt und dieselben unterschlagen worden seien. Vincent gab mir 600 Frks. und sagte mir: Dietz ist ein unersättlicher Mensch, seine Sachen find goldes- werth, aber der Mann ist furchtbar unvorfichtia, er schickt mir alle Sachen durch die deutsche Post. Sagen Sie dem Dietz: daß ich die Sachen, die auf der deutschen Post ausgegeben werden, nicht bezahle. Ich überbrachte dem Dietz diese Mittheilung. Im Febmar 1887 theilte mir Appel mit, daß er nach Paris reise; wenn ich etwas an Vincent mitzugeben habe,; so solle ich mich beeilen. Ich that dies denn auch. Als Appel nach Straßburg zurück- kehrte, brachte er mir noch 600 Franks mit dem Bemerken, ich sollte etwas mehr Eifer zeigen. Es war damals gerade der Kriegslärm. Erst von diesem Zeitpunkte an— so fährt Cabannes mit weinender Stinime fort— fühlte ich mich veranlaßt, den unglücklichen Klaufinger zu bitten, mir sekrete Sachen zu geben. Bis dahin fiel es mir nicht ein, sekrete Dinge zu ver> langen. Ich glaubte bis dahin nicht Landesvenath zu begehen, ich verstand unter Landesverrath nur militärische Tinge. Ich weiß, daß ich schlecht gehandelt habe, allein ich habe nicht lediglich aus Geldintercffe, sondem zumeist aus Liebe zu meinem früheren Vaterlande Frankreich gehandett. Ich habe ja auch, ohne daß ich Geld bekommen habe, Sachen an Vincent geschickt. Der Zeuge bekundet im Weiteren, daß er später noch einige hundert Franken von Appel bekommen habe. Appel habe auch Brieftauben gehabt.— Präs.: Nun, Cabannes, weshalb haben Sie das, was Sie heute bekundet, nicht schon früher gesagt?— Zeuge: Herr Präfident, ich dachte an meine Frau und Kinder, denn ich wnßte, daß, wenn ich die anderen verrathe, meine Frau von Niemandem unterstützt werde.— Präs.: Und weshalb sagen Sie es jetzt?— Zeuge: Der Herr Anstaltsdirek- tor sagte mir: meine Familie müsse mir näher stehen, als meine Freunde. Wenn ich Geständnisse mache, dann werde die deutsche Regierung ein Einschen haben und meine schwere Strafe mildern.(Forts, folgt.) Mereine und Nersammwttges. Eine Kommunalmählervrrfammlung der Arbeiter, die vorgestern Abend im Lokale Große Frankfurt, rstraße 30 für den 24. Kommunal-Wahibezirk stattfand, wurde aufgelöst, als der Referent Herr Stadtverordneter Fritz Kunert auf die Haltung der städtischen Verwallung in Bezug auf kirchliche Ver- bältnisse zu sprechen kam. Die Arbeiter gingen in begeisterter Stimmung unter dem Gesang der Arbeitermarseilleise und Hochrufen auf die Sozialdemokratie auseinander. Ermähnt sei, daß auf Anordnung des Polizc.licutenants die Auflösung der Versammlung fich auch auf das Gartenlokal erstreckte, wo einige Versammlungsbcst ch-r nrch ein Glos Bier trinken wollten. Die polizeiliche Genehmigung wurde zu einer�Ver- muma' sammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der Schuh- machet und verwandten B.rufsgenoffen zu Montag, den 2. Juli, versagt. Die Tagesordnung lautete:„Alte und neue Welt- anschouung". Referent: Herr Dr. Huber. Hierauf wurde zu demselben Abend eine solche mit der Tagesordnung:„Zweck und Ziele des Vereins" angemeldet. Hierzu wurde die Gench- migung ertheilt.— Diese Versammlung wurde nach kurzer Dauer aufgelöst und zwar, als gesagt wurde:„Zweck des Ver- eins sei, wissenschaftliche Vorträge halten zu lassen, da hierzu aber die Genehmigung nicht ertheilt werde, könne man den Schluß ziehen, daß dir Arbeiter dumm bleiben soLten." Lnchverrin jammtlicher an Holzbearbeitnnge- Maschinen beschäftigter Arbeiter. Ger.eralv,» sammlung am Montag, d. 9. Juli er., Abends 81 llbr, im Lokale des Herrn Saegcr, Grüner Wea 29 Tages-Ordnung: 1. Viertel« johres-Bericht. 2. Innere Vereinsangelegenheiten. 3. Verschie- denes. 4. Fragekasten. Gäste willkommen. Neue Mitglieder werden ausgenommen. Um zahlreichen Besuch wird gebeten. Drrbaub bentschrr Mechaniker«ad verm. Krruf«- genossen(IalMelle K rlin). Versammlung am 4. Juli, Abends 8& Uyr, bei Lammcr's, Kommandantenstr. 71—72. Tagesordnung: 1. Kassenbericht vom 2. Quartal 1888 und Bericht der Revisoren. 2. Vortrag des Elektrikers E. Raub über „Thermoiäule". 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. 5. Fragekasten. Gäste willkommen. Um recht zahlreichen Besuch wird gebeten. Verband dentscher Jimmerlente.(Lokalverband Berlin Nord.) Mittwoch, den 4. Juli, Abends 3; Uhr, im Lokale von Zimmermann, Köslinerstraße 17: Geneialoersammlung. Tages- orvnung: 1. Die Verschmelzung der örtlichen Lokalverbände. 2. Abrechnung. 3. Jahresbericht. 4. Neuwahl des Vorstandes. 5. Verschiedenes und Fragekasten. Alle Mitglieder werden er- sucht, pünktlich zu erscheinen. Gessentliche Versammlung der Töpfer Berlins und Umgegend am Mittwoch, den 4. Juli, Abends Gl Uhr, im Königstadt-Kafino, Holzmarktstraße 72, Ecke Alexanderstraße. Tagesordnung: Unser Lohntaris. Zur Deckung der Unkosten Entree nach Belieben. Verein zur Wahrung der Interessen der Miether de« Norden Kerlin». Versammlung am Mittwoch, den 4. Juti, Abends 8 Uhr, im Restaurant Pohl, Müllerstr. 7a. Vortrag des Herrn Huder über die Freuden und Leiden der Berliner Wohnungsmicther. Um zahlreiches Erscheinen wird �Gesang-, Turn- und gesellige Vereine am Mittwoch. Männergesangverein„Jugendlust" Abends 8j Uhr im Restarant Passod, Gartenstr. 162.— Männergesangverein„Cäcllia" Abends n iVr' cn.n______ i. nx__ 1 07«_ 9 Uhr im Restaurant, Köpnikerstraße 127a.— Gesangverein „Männerchor Linde" Abends 3'. Ubr im Restaurant Haller, §taunynstraße 70.— Männergesangverein„Sangesfreunde" Abends 9 Uhr im Restaurant Musehold, Landsbergerstr. 31.— Huppert'sche Sängervereinigung jeden Mittwoch nach dem ersten im Monat, Abds. 9 Uhr, im Restaurant Heise, Lichtenbergerstr. 21. —„Seeger'scher Gesangverein" Abends 9 Uhr im Restaurant Schulz, Prenzlauerstr. 41.— Gesangverein„Schwungrad" Abends 8t Uhr im Restaurant Sahm, Annenstraße 16.— Männergesangverein„Lorbeerkranz" Abends 9 Uhr im Restaurant Kaisch, Dranienstr. 190.— Gesangverein„Nord Jubal" Abends 9 Uhr in Vettin's Bierhaus, Veteranenstr. 19.— Männergesangverein„Schneeglöckchen" Abends 9 Uhr im Restaurant Doberstein, Mariannenstraße 31—32.— Lübeck'scher Turnverein(1. Lehrlingsabtheilung) Abends 8 Uhr Elisabethstraße 57—58.— Turnverein„Wedding", Pankstraße 9. Männer-Äbthellung von 8), bis 10% Uhr Abends; desgleichen 1. Lehrlings- Abthcilung von 8 bis 10 Uhr Abends.— Schlefischer Verein„Holtet" Abends 9 Uhr im Re- staurant Henke, Hollmannstr. 33.— Vergnügungsverein,, Fröhlichkeit" Abends 9 Uhr im Restaurant Säger, Grüner Weg 29. — Wissenschaftlicher Verein für Roller'sche Stenographie. Abends 8t Uhr im Restaurant Beese, Alte Schönhauser- sttaße 42, Unterricht und Uebungsstundc.— Roller'scher Stcnographenverein„Süd« Berlin". Abends 81 Uhr im Restaurant Prinzenstraße 97 Sitzung und Uebungsstundc. — Arends'scher Stenographenverein„Amicitia" Abends 8t Uhr im Restaurant Behrends, Schöncbergerstraße 6.— Arends'scher Stenographenverein„Philia" Abends 9 Uhr im Restaurant „Wilhelmsgarten", Kochstraße 7.— Verein ehemaliger Schüler der 22. Gemeindeschule Abends 9 Uhr im Restaurant Lehmann, Kurfürstensttaße 31.— Berliner Rauchklub„Wrangel" Abends 9 Uhr im Restaurant Foge, Köpenickersttaße 191.— Rauch- klub„Havanna SO" Abends 8t Uhr im Restaurant Paetzoldt, Reichenbergersttaße 16.— Rauchklub„Gemüthlichkeit" Abends 9 Uhr im Restaurant Achsel, Köpenickersttaße 161.— Rauchklub„Columbia" Abends 8Z( Uhr im Restaurant Beyer, Prinzenstr. 96.— Rauchklub„Frisch �ewnqt" Abends 81 Uhr im Restaurant Tempel, Bresläüerstt. 27.— Vergnügungsverein „Fröhlichkeit" Abends 9 Uhr. Grüner Weg 29. Kleine Mittheiwngett. Prag, 28. Juni.(Auf der Eisenbahn verunglückt.) Aei der Strecke Kaaden- Komotau der Buschtiehradir Bahn stürzii gestern eine Dame aus der Thür des Jnterkommunikationi- waggons des nach Prag verkehrenden Kourierzuges auf dei Bahngeleise. Die Unglückliche wurde vollständig von da Rädern zermalmt; ihre Identität konnte nicht festgestellt werdet. Kronstadt(Ungarn). 28. Juni.(Blutiger Zusammenstoß! In der Gemeinde Toeldvar wurde anläßlich einer gerichtlich« Grundregelungs-Vcrhandlung die Gerichtskommisfion von M aus verschiedenen Gemeinden zusammengerotteten Menge, welch etwa 1600 Personen zählte, mit Steinwürfen empfangen. D« Oberstuhlrichter wurde leicht, der Notar schwer verwundet Di> Gendarmerie schritt mit der Waffe ein, wobei eine Person ae tödtet und viele verwundet wurden. Die Mitglieder der Gf richtskommisston konnten sich nur mit Mühe retten. Karcrlona, 26. Juni.(Brand in der Wellausstellung! Die sommerllche Ruhe unserer Ausstellung wurde gestern Stach mittags durch Feuerlärm gestört. Die Kommission beabfichiigtt die elektrische Installation des Jndustriepalastcs am Johannis- tag, welcher hier als hoher Feiertag gilt, dem Publikum vorzu- fuhren. Die Jnstallattonen waren soweit gediehen, daß di> elektrischen Ströme probeweise eingeleitet werden konnten. S gefellei Backbutter 55-65 M. pr. Ztr. Auktion täglich um 11 Ub>°„ Vormittags. Eier 1,70—2,10—2,20 M. netto ohne Abzug p. Schck- �«en Kalkeier- M. pr. Schock. und w' Käse. Jmportirter Emmenthaler la 84—87, Inländisch� verhaß Schweizer 54— 65, Quadrat-Backstein 6—10—19, Lim' tuet er burger 16—18—30, Rheinischer Holländer Käse 55—60—63 J" tvabter pr. Ztr., Edamer 58—68, Harzer—2,65 M. pr. KW im Sc Dtsche. Camembert— M. pr. Dtz. Neufchatel— M. t/ o:. Stück. Steinbuschkäse(ff. Sahnenfettkäse) vr. Kiste, 40©tu«'™t0 ä Ii Pfd. schwer. 32 M. Probekisten 24 M. a Segen Fleisch. Rindfleisch 28-35-53, Kalbfleisch 25-35-1?'„® Hammel 35—45—50, Schweinefleisch 28—48 Pf. vro Pfunk- Polizei Lebendes Vieh wird zum Schlachten und zum Verkauf des* aber d Fleisches angenommen. Schinken geräuchert mtt Knochen � um sei bis 80, Speck ttf. 45—55 Pf pr. Pfund. nt8 an, Obst und Gemüse. Neue weißfleischige Speisekartoffeln 1. A b» 13,00 U. 8,00-10,00 M., Zwiebeln 4,00-6,50 P Gurken 25-50 M. pr. 100 Stck. Erdbeeren 250-400 M-„ Ztr., Kirschen 8- 12,50 M., Johannisbeeren 20-30 M StaeW'%" beeren 20-25 M. pr. Ztr._ M b Feldfrüchte in Wagenladungen. Gutkochende, H— L-'Nazor weißfleischige Speisekartoffeln la. 300-320, Ha. 250-300%«enn< Hafer 1200-1400 M. Erbsen 1700 bis 3000 M., Gerste I sZ'pm k, bis 1800 Tl., Richtstroh 450-550 M., Heu 600 bis 860 P- ver 10000 Kilo._ «erantwortlicher Redakteur:».«vnuferi» in Berlin. Druck und Verlag von«U» in Berlin IW««euthstroße 1