»r. Wl. Dienstag» den S. Oktober 1888* 5. K-Krg. SnlimWdsdlÄ. Brgan für die Interessen der Arbeiter. Wirren in Frankreich. WaS Frankreich am meisten fehlt, ist eine freiheitliche und ausgleichende Umgestaltung der sozialökonomi- schen Zustände dieses unter einem demokratischen Regiment stehenden Landes. Aber man kommt gerade nach dieser Seite hin sehr langsam vorwärts, wie wir jüngst an dem Stande der französischen Fabrikgesetzgebung erwiesen haben. Um so üppiger gedeiht der Parteihader, der nachgerade für die Republik lebensgefährlich wird. Man weiß zwar immer noch nicht, ob man den„Prä- tendenten" Boulanger, dessen Wagen von den vereinigten Reaktionären vorwärts geschoben wird, ernst nehmen soll oder nicht. Aber gerade die Prätendenten, bei denen man dies nicht recht weiß, sind oft die gefährlichsten. Die Republik krankt immer noch an der Erbschaft, die ihr Gambetta hinterlassen hat. Wir haben das Genie dieses Staatsmannes, das namentlich in der Krisis von 1870—71 so eminent hervortrat, niemals bestritten. Aber dieser Mann schien nur groß im Kampfe zu sein. Er stürzte Mac Mohorn und stürzte eine Reihe von Regierungen. Dagegen waren seine positiven Schöpfungen meistens schwach, und gerade der Gedanke, welcher bei ihm zur fixen Idee geworden war, hat sehr viel dazu beigetragen, die normale Fortentwicklung der Republik zu stören. Wir meinen die unglückselige Frage der Listenwahl. Wir begreifen sehr wohl, daß man die Listen- wähl dem System, welches auf Wahlkreise oder Arrondisse- mentS gegründet ist, vorziehen kann, denn bei dem Wahl- kreissystem kann es fich, wie wir in Deutschland sehen, so gestalte», daß eine Partei im Parlament dominirt, die gar nicht bei den Wählern die Majorität hat. Aber die Listen» wähl setzt feste, geordnete Zustände voraus und nicht ein unaufhörliches Schwanken, wie es in Frankreich schon seit fahren zu sehen ist. Ohnedies hatte Gambetta das Listen- ftratinium auf seine persönliche Interessen zugeschnitten; er steuerte offenbar dahin, als„ G r o ß w ä h l e r" an der Spitze der Listen zu stehen und so durch das Ansehen semeS RamenS seiner Partei die erdrückende Majorität in der Volks« Vertretung zu schaffen. Indem Gambetta, eigensinnig und hartnäckig diesem Traumbild von politischer Macht nachjagte, brachte er Frankreich in mehrere tief eingreifende Krisen und zog fich selbst einige Riederlagen zu, die seinem Ansehen nicht ivcnig Abbruch thaten. ÄlS er noch in der Vollkraft seines ManneSalterS unerwartet starb, hätte die Demokratie sehr wohl daran getba», die Zdee de« ListenskrutiviumS fallen zu lasse«. Allem man hielt zäh daran fest und brachte sie endlich auch zur Verwirklichung. Der Erfolg war— eine ungeheure Verstärkung der reaktionären Parteien in der Volksvertretung, so daß man bei der praktischen Erprobung der Listenwahl im ersten Schreck meinte, die Staatsform sei '5!-ich druck«Tlstaa.] Jeuill'eton. [4 Die Kitter der Arbeit. Aus dem Amerikanischen de« Z o r. Uedersetzt von Natalie Liebknecht. Kapitel III. D a S Haupt quartier der Arbeit. Zwei schmale, aber gut erhaltene, Treppen am äußersten Ende eineS Geschäftshauses, und wenige Schritte von der Pensylvania Avenue und mehrere Blocks') von dem Capttol entfernt, führe« zu der den Eingeweihten unter diesem Namen bekannten„Halle der Ritter der Ar- b e i t". Einige Spekulanten argwöhnen, daß hier ein Rendrzvoui-Platz für unzufriedene Arbeiter fei. Aber da« große Publikum der Pcnfylvania-Avenue entlang, selbst die riesigen Staatsmänner unsere« eisernen Zeitalters mitein» geschlossen, lassen sich nicht träumen, daß das Gemurmel der Stimmen, da« gelegentlich durch die Fenster des dritte« Stocks bis zur Straße herunterdringt, von den treuen Vor- kämpfern der großen Arbeiterbewegung herrührt, welche die Weisheit und Geschicklichkeit der nationalen Gesetzgeber, die r>or Jahren den Arbeitern schöne Versprechungen gemacht und de« Kapitalisten eine gute Gesetzgebung ge- geben haben, einer scharfen Kritik unterwerfen. Hier find sie an diesem herrlichen Sonntag Nachmittag, und in den Schränken deS Vorzimmers und der Halle selbst konnte man die Freibriefe(Chartere) von sieben bis acht„Versammlungen", welche seit den ersten Kämvfe» der„Versammlung Rr. 1644" ertheilt worden sind, finden. Maurer, Zimmerer. Maler, Blechschmiede, Metallar« heiter, Ziegelbrcvner, Steinmetzen u. s. w hatten sich ver- ') Häuserquadrate. Die amerikanischen Städte sind meistens Dameadrcttartig gebaut.— Die Quadrate werden durch gerade Straßen getrennt, und die einzelnen Quadrate heißen Blocks. abermals in Frage gestellt. Dem war allerdings nicht so; aber die Demokratie sah sich nun in die drangvolle Lage gebracht, sich den Gefahren der Listenwahl aus« zusetzen oder die Wahl nach ArondissementS wieder einzu- führen. Darüber ist ein heftiger Streit ausgebrochen, denn F l o q u e t ist für Abschaffung der Listenwahl, während Clemenceau sie beibehalten will. Die Folge wird wahrscheinlich der Sturz deS Ministerums Floquet sei«. Aber noch ein anderer Streitpunkt hat den Zwist bei den Radikalen vertieft; e« ist die Frage der Revision der Verfassung. Floquet will die Revision ver- schieben, Clemenceau will sie vorgenommen wisse«. Wir sympathisiren weder mit Floquet noch mit Clemenceau, allein wir müssen gestehen, daß unS die Ansicht von Floquet die richtige zu sein scheint. Denn die Revision der Verfassung ist ja gerade die Hauptforderung des Generals Bum, des Prätendenten Boulanger, ver damit keinea anderen Zweck verfolgt, al« Frankreich in Verwirrung zu stürzen, damit die Reaktionäre im Trüben fischen können. Boulanger in dieser Forderung unterstützen heißt leichtfertig die Re» publik gefährden, denn kein Moment im Staatsleben kann schlechter zur Revision einer Verfassung gewählt sein, als der Moment, in dem es sich darum handelt, ob ein der Verfassung feindlicher Prätendent ernst zu nehmen ist oder nicht. Aber Clemenceau und Genossen denken vielleicht dem BoulangiSmuS die Spitze abzubrechen, indem sie seine Hauptforderung bewilligen. Das ginge schon an, wenn man eine Garantie dafür hätte, wie die Revision autfalle» wird. Aber diese Garantie ist eben nicht da und die Ge- fahr für die Republik besteht darin, daß man nicht weiß, was herauskommen wird, wenn man einmal an'S Revidiren geht. Denn eine Bürgschaft für eine Revision in demo- kratischem Sinn können die Republikaner nicht geben, da sie bei ihrer Zerrissenheit oft die reaktionären Machinationen fördern. Diese Situation ist eine durchaus traurige; sie zeigt unS eben wiederum, daß in Frankreich eine Menge von Staatsmännern(den Parteihader mit den Interessen der Republik verwechseln. Dabei wird dem Lande nur ab und zu ein nothdürftiger Brocken von dem gewährt, dessen es am dringendsten bedarf, an sozialen resp. sozialökonomischen Reformen. Der BoulangiSmuS würde sicherlich in sich selbst zusammen- schrumpfen, wenn die demokratischen Parteien sich entschließen könnten. daS öde Parteigezänke aufzugeben und ernsthaft an die Beseitigung der schreiendsten Mißstände zu gehen. Aber die Streber und die Ehrgeizigen, die sich in die öffentlichen Gewalten eindrängen, wollen den Interessen de« gesammtea Volkes eben keine Konzessionen machen. einigt und ein Jeder betrachtete die Zurückweisung des dem Anderen zugefügte« Unrechts als gemeinsame Pflicht. ES ist keine förmliche Zusammenkunft; die Halle ist an Sonntagen den Rittern der Arbeit ein Klubzimmer; Mit- glieder stellen sich ein, plaudern einige Minuten und gehe« wieder; aber in diesen schwierige« Zeiten findet man mit der Regelmäßigkeit des Sonntags eine Anzahl von Män- nern aus den verschiedenen Gewerken, die früh kommen und spät gehen. Dort ist Myron LeSboh, einer der ersten von Nr. 1644. Er ist überlegt, hat einen länglichen Kopf und ist niemals entmuthigt; er spricht wenig, denkt aber immer und bringt eS fertig, aus jeder Niederlage einen greifbare« Gewinn zu ziehen; kurz und gut, ein Philosoph. Seine „Versammlung" hat die erste Schlacht geschlagen und de» ersten Sieg für die Arbeit gewonnen. Statt möglicher zwei Dollar« den Tag bis herunter bis zu einem reinen nicht« wurde ein Lohnsatz von zwei und ein halb Dollart für jeden ordentlichen Maurer der Stadt verlangt und durch- Jack Nolar, der erste Boycotter de« Distrikt«, redet mit LeSboh. Er ist von jedem Mitglied deS Ordens und wohl auch sonst von Jedermann gekannt. Sei» silberweiße« Haar widerspricht seiner jugendlichen Lebenskraft. Noch kein junger Mann ist eingeweiht worden, der früher auf. stehen, länger ausbleiben und ftir'S allgemeine Beste, für eine andere Gewerkschaft oder für einen leidenden Bruder mehr thun könnte, als dieser kräftige Patriarch„der Ritter der Arbeit". Er war in der alten Heimath') zuerst im Geiste des Gewerkschaftswesens erzogen worden. Er war bei der Geburt und dem Begräbniß mancher Arbeiter- organisation, und sein Glaube an Agitation. Organisation und E z r e h u n g hat nremal« gewankt. Seine Erfahrung lehrte ihn, daß eine Verschmelzung aller Arbeiter unwiderstehlich sein würde und obglerch sem Ge- werbe schon eine unabhängige Orgamsatwn besaß ruhte er doch nicht bis sie ein Theil der Ritter der Arbert war. i) Die alte Heimath— tbe old hörne— ist in der Sprache der Amerikaner England. Was aus alledem werden kann und werden wird, läßt sich nicht absehen. Gewiß ist nur, daß, wenn die ftan- zösische Demokratte unfähig ist, diese inneren Krisen zu be- stehen, und wenn sie Frankreich in die Hände des Präten» denten fallen läßt— daß dann ein demokrattsches Frank» reich auf lange hinaus eine Unmöglichkett sein wird. Drigitmk-Korrespouimzeu. Dresden, 30. September. Die Dresdener Polizei hat abermals ein Verbot einer Versammlung auf§ 9 des Sozialisten» gesetzeS ausgesprochen und zwar erfolgte dieselbe wegen des Re- serentm, des Abg. Singer, der nächsten Freitag in einer Volks» Versammlung über die Alters- und Invalidenversicherung sprechen wollte. Der Grund soll sein, daß Singer, als er vor zwei AaHren hier in einer Versammlung sprach und dabei von dem Polizeibeamten wegen seiner Kritik des Bundesraths unter» brachen wurde, erklätte,„keine Macht der Erde werde ihn ad- hallen, zu sagen, was er für Wahrheit halte." Damals wurde auf Grund dieses Ausspruchs Singer das Wort entzogen und räch zwei Jahren dient er aufs Neue als Begründung, eine Ver» sammluna auf Grund des§ 9 des Sozialistengesetzes zu ver» bieten. Dieser Singer'sche Ausspruch war also bei der Dresdener Polizei von wahrhast erschütternder Wirkung. Gegen das Ver- bot wird Beschwerde erhoben werden. Aber dasselbe bat auch eine humoristische Selle. Als der Anmelder der Versammlung dm Beamten frug, ob denn der Abg. Bebel sprechen dürfe, er- hiell er die Antwort: Dem stände nichts entgegen. In Berlin darf, wie Herr v. Puttkamer im Reichstage erklärte» Bebel nicht sprechen, weil er zu gefährlich sei und in Dresden ist man anderer Meinung und erklärt ihn für den Harmlosen und Singer für den Gefährlichen. Und da sage man noch, daß ein Gesetz, das eine so verschiedene Auslegung zuläßt, nicht ein vortreffliches Gcs.tz sei. Es ist die reine Zwickmühle, ganz für die behördliche Willkür geschaffm. Politische Uekerstcht. Ihr habt so gewollt!„Die Einfuhr fremder Dienst» botm— denn treffender läßt fich der Handel, der mit den Dienstdotm aus Polen und Schlesten nach dem diesseitigen Herzogthum betrieben wird, nicht nennen— ist für die hier zu Lande bestehenden gesellschaftlichm Verhältnisse durchaus zum Schaden."— Also zu lesen in einem Organ, welches, wmn es galt, die„aufrührerischen, unzufriedenen" Arbeiter zu ver- drängen, stets darauf dedacht war.„zufriedene" Ardeiter aus dem Auslande„heranzulootsen". Es ist das„Leipziger Tage» blatt", welchem diese nationalliderale Pfiffigkeit aus Altenburg geschrieben wird.— Um dieses Urtheil zu begründen, folgt dann die Erzählung eines abscheulichen Exzesses, den importirte pol- nische Arbeller zu Meuselwitz verübt haben. Die ftemden „Dimstdotm" haben fich also plötzlich in„Arbeiter" verwandelt. Und vermuthlich waren es auch von vornherein Arbeiter, welche aus leicht errathdarm Gründen an der Spitze der Korrrspon» denz in„Dimstdotm" verwandelt worden waren, so daß also Jack hatte die Prinzipien deS neuen Ordens aufmerksam studirt und alle in sich aufgenommen, selbst die Abneigung gegen die Streik«, an deren Stelle Schiedsgerichte treten solltm. Er war schon in viele Streik« verwickelt gewesen und hatte dabei mehr gelitten al« die Meister. Bei seiner Bekanntschaft mit den Vorkommnissm seines Geburtslandes war ihm die Angelegenheit des Kaprtän Boycott und der F a r m e r von I r l a n d nicht mt» gangen. Er sah sofort, wie dieselbe Waffe bei gutem Zu» sammenwirken für die A r b e i t e r gebraucht werden könnte. Die Ritter der Arbeit, welche alle Arbeiter ohne Rücksicht auf ihr Gewerbe organifirten, sorgten für das nöthige Zu» sammenwirken und Jack Nolar fand bald Gelegenheit, seine» „kleinen Schiedsgerichtsmahner"') zu erproben. Ein Tuchhändler und Konfektionsschneider hatte feint Angestellte« schlecht behandelt. Jack Nolar stellte in einer Versammlung de» Antrag, sie sollten den Boycott in aller Form erklärm. Die Leute wollten jedoch den Nutzen nicht einsehe«. Man hatte sie gelehrt, daß ein Stteik das einzige Mittel gegen solche Prakttken sei, aber der alte vielerfahrene Knabe setzte ihnen auseinander, daß sie zu den Rittern der Arbeit gehörten und daß das einem einzelnen zugefügte Unrecht dir gemeinseme Sache Aller fei, daß die Arbeiter des Distrikts Kleider brauchten und daß sie durch ihre Kundschaft de» Tuchhändler und KonfektionSschneider unterstützten. Ein ge» meinsame« Vorgehen würde dieser Unterstützung ein Endemache» u»d dem Geldbeutel deS Sünders— wohl der empfindlichste Theil seiner Person— würde unendlich mehr darunter leiden, alt wenn er seinen Arbeitern da« gewährte, was sie da« Recht hätten zu beanspruchen. Nachdem er seine eigne„Versammlung" gewonnen hatte, besuchte Jack mit einem Komitee die Schwesterversammlung, befürwortete da« neue Evangelium des BoycottS, bis" er Alle dazu brachte, diese Waffe auch wirklich anzuwenden. Jack'S ')„Uirtls erbitration pemader"— ein kleiner Schiedsgerichtsmahner, eigentlich: Ueberzeuger von der Nothwendiakeit der Schiedsgerichte— so wird der B o y c o t t von amerikant» schen Arbeitern genannt. «igentlich nur eine Rückoerwandlung vorliegt. Die leicht errath» baren Gründe des„Tageblatts" find, daß es auf die sächfischen und insbesondere Die Leipziger InnungSmeister und sonstige Leute dieser Art, welche den Import fremder Ardeiter systematisch betreiben. Rückficht zu nehmen hat. Das dikchen Ardeiterimport in A-tenburg ist nämlich nichts, verglichen mit dem schwungvollen Geschäft, welches die sächfischen Jnnungsmcister und Konsorten in Dreier Richtung betreiben.„Der Schutz der nationalen Arbeit", den fie auf ihre Fahnen geschrieben baden, bedmtet: Import des denkbar dilligsten ausländischen Arbeitermaterials. Auf moralische Qualifikation, auf Tüchtigkeit kommt es nicht an— wenn der Importartikel nur dillig ist und stch deHandeln läßt wie ein Hund. Ob's Polen find, oder Italiener oder Chinesen— das ist diesen patriotischen Biedermännern, die den «Schutz der nationalen Arbeit" auf ihre Fahnen geschrieben haben Sanz und gar einerlei— wenn die Waare nur billig ist. Die aefitteteren Deutschen Arbeiter, die nicht wie Hunde behandelt sein wollen, sondern fich als Menschen fühlen und eine menschenwürdige Stellung verlangen— fie find„Umstürzler", «staatsge'ä'rrltche Sozialdemokraten" und mögen außer Landes gehen. Nun— die guten Ardeiter gehen auch zum großen Theil außer Landes— in Staaten, wo man den Werth eines intelligenten Arbeiters besser zu schätzen weiß, und die importirte billige„Ardeitswaare" führt fich gelegentlich so auf, wie es in der Korrespondenz des„Leipziger Tageblatt" geschildert ist. Haben die vraven Beschützer und Pfl ger der„nationalen Arbeit" dann ibr Ziel erreicht— find die intelligenten deutschen Ar- deiter glücklich nach Amerika und in die Dienste der welterobern- den amerikanischen Kapitalisten gejagt— und wird den pfiffigen deutschen„Arbeitgebern", welche die Leistungen der billigen aus- ländischen und nicht„nationalen" Ardeitswaare vorziehen, der Weltmarkt entrissen, was unfehlbar die Folge sein wird, so können wir den Herren nur das Moliöre'sche Wort zu- rufen: Tu l'as voulu, Georges Dandin— Ihr habt es so gewollt!.... Zur Mohlbeeiuflnsfang. Anläßlich des kürzlich auch von uns erwähnten Kreisschreibens des randraths von Versen, betreffenv die konservative Wahlpflicht der Schullcbrer wird uns aus Sachsen geschrieben: Aehnliche Kreis- schreiben wie dieses, nur allgemeineren, umfassenderen Inhalts, dagegen vorsichtiger in der Form, wurden bei der letzten R.ichstagswahl offenbar nach gemeinsamem Plan in ganz Deutschland versandt, namentlich auch in Sachsen. Nur daß die Personen, welche diese Krcisschreiben erlreßen, höherer Weisung zufolge Alles vermieden, was ihrer Aktion formell den Schein amtlichen Charakters verlerhen konnte. Die Schreiben waren ä u ß e r l i ch-rein privater Natur over gingen von Wahlkomitees aus, waren aber so gehalten, daß keiner der Empfänger daran zweifeln konnte, das Schreiben drücke nicht blos die Meinung, sondern sogar den Willen, ja den Befehl der B e« Hörden, und zwar der obersten Behörden aus. Die Aufforderung war so dringend, daß die Empfänger glauben in u ß t e n, fich hohes und höchstes Mi ßfallen zuzuziehen und materielle Nachtheile zu erleiden, wenn fie nicht Folge leisteten und stch nicht an der Agitation für die Kartellkandidoten betheiltgten. Diese m a s k i r t e Art der Wahlbeeinfluffung wirD aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei den nächsten Wahlen eine Rolle spielen— jedenfalls ist der bekannte Erlaß des preußischen Ministers des Innern kaum geeignet, fie zu verhindern. Di- nächst- R-ichstagss-fsto«. Für den Beginn der niuen Reichstagssesfion ist, so schreibt die„Magd. Ztg.", ein Tag in der zweiten Hälfte des November in Ausficht gcnom- wen. Es wird, wie man annimmt, möglich sein, bis dahin nicht nur den Reichshaus halt, sondern auch die Altersverficherungs- vorläge fertig»u stellen, so daß es dem Reichstag für die erste Zeit richt an Beschäftigung fehlen wird. Die Vorlegung des Äliersv.rficherunosentwurfs gleich am Anfang der Sesston ist fast unerläßliche Vorbedingung des Zustandekommens des Ge- setzes. Dasselbe wird jedenfalls in eine Kommisfion verwiesen werden und hier sehr langwierigen Verhandlungen unterliegen, da eine Reche der wichtigsten Bestimmungen auf lebhafte Meinunpsvcrschiedmhesten stoßen werden. Im allgemeinen wird man einer rudigen, sachlichen und wohl auch nicht allzu ausge- dehnten Seifion entgegensehen dürfen. D-r Geschäftsbericht d-r deutsch- ostafrikauische» G-srUschaft, welcher in der am Frertag Adenv stattgehabten Generalversammlung zur Verthcilung gelangte, enthält an kolo- nialpolitischen Miuhcilungen weder neues noch interessantes. lieber das Abkommen der Gesellschaft mit dem Sultan von Sanfibar wegen Uebernahme der Verwaltung der Küste macht Der Bericht nachstehende Angaben:„Das Abkommen mit dem Sultan, welcher unserer Gesellschaft die gesammte Verwaltung des Küstenstreifens der deutschen Inter.ssensphäre auf 50 Jahre übertragen hat, geht In finanzieller Htnficht dahin, daß unsere Geselllchaft im ersten Jahre gegen eine Geschäftsgebühr von L pCt. des Gesammtertrages für Rechnung des Sultans arbeitet, indem die Vervaltungekosten bis zu 250 000 M. zu seinen Lasten find, und daß nach Erfahrung dieses Probejahres die Höhe der späteren Jahresadfindung an den Sultan bestimmt wird, wobei Prophezeiung traf em. Der erste Boycott war ein glän- zender Erfolg und eS dauerte nur wenige Wochen, bis der Tuchhändler und KonfektionSfchneider sich einem SchiedSge- richt unterwarf. Seitdem hat er die Kundschaft der Ar- heiter wieder und sie ist so einträglich, daß er sich bereits den schönsten kaufmännischen Palast der ganzen Stadt er- bauen konnte.._ Hier ist ferner Alexander Tenacrt. Man sieht ihn zwar nicht so häusig bei den Zusammenkünften, er ist aber ein wunderbar zäher und zuverlässiger Bursche, seine höchste Sorge ist immer da« Wohl seiner„Versammlung". Er ist oft geprüft worden und hat die Probe stets trefflich Gestanden. Wie soll ich E r n e st C o n st a n c e beschreiben? Ein Mann, der 10 Stunden täglich in seinem Gewerbe arbeitet, der nur den denkbar geringsten Theil seiner „freien" Zeit für sich zum Effen und Schlafen beansprucht und den Rest der Arbeitersache widmet. Er spricht nur selten und dann nur, wenn er über die Ergebnisse feiner Thätigkeit zu berichten hat. Man hört ihm aber stets mit der größten Aufmerksamkeit zu. Die G. schichte eines Zinn- arbeiter- Komitees, das einem Brauer- Millionär seine Auf- Wartung machte und ein Schiedsgericht anbot, aber hoch- müthig behandelt und verächtlich abgewiesen ward— diese Geschichte, von ihm in einfachen Worten erzählt, die den Stempel der Wahrheit trugen, rief einen solchen Sturm der Entrüstung unter den vereinigten Arbeitern hervor, daß das furchibare Schwert des BoycottS fast von selbst auS der Scheide sprang. Wie er diesem anmaßenden Brauer ent- gegentrat, wie er ihn in einer Versammlung von Leuten seines eigenen Geschäftszweigs in einer Rede von 3 Minuten zu Boden schmetterte,— wie dieser Brauer auf Gnade und Ungnade sich ergeben mußte,— alles das wird lange im Gedächtniß der Freunde bleiben, denen Bruder Constance so lange und so treu gedient hat. Joseph Farwell ist auch ein Muglied dieser Gruppe, ein junger Mann, der die ihm gewordene Aufgabe völlig beherrscht. Er brauchte nur von den Prinzipien und Zielen der ArbeitSritter unterrichtet zu werden, um ihr be- geiftertster Fürsprecher zu werden. Seine Gewerke waren indessen unsere Gesellschaft alle drei Jabre eine andere Fest- setzung der Pachtsumme anzuregen befugt ist. Wir haben damit gleichzeitig die gesammte Landesverwaltung in polizeilicher, lichter- licher und jeder anderenHinficht übernommen und werden diese Rechte im Namen des Sultans vorwiegend vermittelst unserer im Zolldienste Angestellten wahrnehmen." Aus dieser in ziemlich unverständlicher F.ssung gehaltenen Mittheilung geht hervor, daß die deutsch-ostafrikanische Gesell- schaft in dem ersten Jahre der Verwaltung dem Sultan noch keine Pachtsumme zablt, sondern für die von ihr geführte Verwaltung 5 pCt. des G-sammtbetrages vom Sultan erhält, und der Sultan auch die Verwaltungskosten bis zur Höhe von 250 000 Mark trägt. Auf Grund der sich im ersten Jahre ergebenden finanziellen Resul ate wird alsdann die von der deutsch- ostafrikanischen Gesellschaft zu zahlende Pachtsumme de- messen. Seltsam klingt es, wenn die Gesellschaft anführt, daß fie auch die gesammte Landesverwaltung in polizeilicher rc. Hinsicht übernommen habe. Wie wenig die Gesellschaft in der Lage ist, diese Vervflichtung zu erfüllen, beweisen die neuesten Vorgänge bei dem Aufstande der Eingeborenen an der Küste. Von diesem Aufstande selbst wird übrigens von der deutsch- ostafrikanischen Gesellschaft noch immer nichts berichtet. Die in Kilwa ermor- deten Beamten der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft sollen, die Namen Krüger und Heller führen. J« Krzug auf dt- M-hrLb-rschLfl- d-r Ktaat«» bahn-« im laufenden Etatsjadre wird offiziös geschrieben, daß die gesetzmäßige Tilgung der Eiscnbahnschuld einen ungleich höheren Betrag erfordert, als nach den Mehreinnahmen der Bahnm Mehrüderschuß zu erwarten ist.— Unter„gesetzmäßiger Tilgung der Schuld" ist bekanntlich keine Verbindlichkeit zur Schuldentilgung gegenüber den Staatsaläudigern zu verstehen, sondern nur jene Schablone über die Verwendung von Ueber- schüffen, welche bei der Verstaatlichung der Eisendahnen aufge- stellt wurde. Dieses Gesetz kann jeder Zell durch den Staats- baushaltsetat unwirksam gemacht werden. Auch dieser offiziöse Korrespondent unterläßt es. anzugeben, wie hoch fich in dem bereits abgelaufenen Etatsjahr 1887/88 der Mehrüderschuß der Staatebahnen und des Staatshaushalis belaufen hat. Gerade dieser Uederschuß geht aber noch weit hinaus über dasjenige, was zur„gesetzmäßigen Tilgung der Schuld" erforderlich ist. Im übrigen schließt der Artikel mit folgender allgemeinen Ver- ficherung, unter der fich jeder denken kann, was er will:„Jnso- weit die Gestaltung der Reichsfinanzen und der eigenen E n- nahmen Preußens aber die Möglichkeit bieten, weitere Steuer- erleichterungen vorzunehmen, so würden dafür ohne Frage in der nächsten Session des Landtags, wie dies der Finanzminister bei der Berathung des Schullastengesetzcs bereits ausgeführt hat, die nothwendigen Vorlagen gemacht werden."— Die Vorlage, von der der Finanzminister bei der Beratbung des Schullasten- gesetzes gesprochen hat, betrifft nur eine Erhöhung der Summe für die Entlastung der Schulgemeinden von 20 auf 30 Millionen, also nur den niedrigen Betrag von 10 Millionen Mark. Di- Ist-innahme« d-r R-ich»kasT- betragen für die Zeit vom l. April abzüglich der Ausfuhrvergütungen und Ver- waltungskosten bei den nachbezeichneten Einnahmen bis Ende August 1388: Zölle 96 415 685 M.(- 635 206 M), Tabaksteuer 2 325 209 M.(-206 242 M.), Zuck.rsternr 15460 986 Mark(->- 1711741 M.). Salzsteuer 14 781 941 Mark.(+ 283 849 Mark), Maischbottich- und Branntweinmaterialsteucr 5 015 237 M-,(— 11 386091 M), Verdrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 26 765 297 Mark(+ 26 765 297 M.), Nachsteuer für Branntwein 9 278 312 Mark (+ 9 278 312 Mark), Brausteuer und Uebergangsabgade von Bier 8 875 102 Mark(+ 443 188 Marks; Summa 179 427 749 M.(+ 27 667 340 Mark).- Spielkartenstempel 437 093 M.(+14055 M). Zur Anschreibung gelangt find einschließlich der kreditirten Beträge: Zölle III 402 962 Mark (+ 5 851 592 Mark), Tabaksteuer 3 215708 Man!(+31607 Markt, Zuckerstewr- 89 654 087 M.(+ 20960603 Mark), Salzsteuer 14 392 398 M.(+ 219 393 M.), Maischbottich. und Branntweinmaterialsteucr— 918 700(— 13 138 097 M.), Verbrauchsebgade von Branntwein und Zuschlag zu der- selben 42079 626 Mark(+ 42079 626 M.). Nachsteuer für Branntwein 5160 M.(+ 5160 M.). Brausteuer 9 393 043 M. (+ 401 394 M.), Uebergangsabgabe von Bier 1 061 748 Mark (+ 116 474 M.); Summe 90 977 359 M(+ 56 527 757 M. - Spielkaitenstemvel 369 368 M. f+ 15844 M). Wechsel- stempelsteuer 2 786 932 Mark(-4- 24 222 Mark). Stempelsteuer iür a) Wertbpapiere 2 954744 Mark(-+• 944 465 Mark), b) Kauf- und sonstige Anschaffungszeschäste 4 552 165 Mark (+ 1 659 966 M),!c) Loose zu Piivailottericn 193042 Mark (- 53 090 M.>. Staatslolterien 2 377 459 M.(+ 60 513 M I, Post- und Tele graphenvcrwaltung 78 690 106 M.(+ 4553 492 Mark), Reichs- Eisenbahn- Verwaltung 21 172 500 Mark(+ 610500 M.). Graf Wilhelm v. Kismarck, Landrath zu Hanau, soll nunmehr, wie die„Kreuzzeitung" meldet, zum Regicrungsprä- fidenten in Hannover befördert werden, nach dem bevorstehenden Rücktritt des Herrn v. Kranach daselbst.— Ob dies Herm v. Bennigsen wohl sehr angenehm sein dürfte? schon organisirt, und er brachte seine„Union"(TradeS-Union) als ganze Körperschaft in die Organisation deS Ordens. Joe') steht mit seinen hier erwähnten Brüdern auf jener Höhe des Klassenbewußtseins, welche jedes Zusam- mengehen mit irgend einer deraltenpo- litischen Parteien ausschließt. Er arbeitete unaufhörlich, seitdem er dem Orden sich angeschlossen, und ist mit den höchsten Vertrauensstellen belohnt worden. Er gehört für sein ganzes Leben der Parter— und erwartet bestimmt, daß er lange genug leben wird, um noch Sieg! rufen zu können. Als einen der Ersten, wenn auch zuletzt, nennen wir noch jenen festen, unermüdlichen, niemals sich ergebenden Kämpfer L u c i e n D e n m a r, der in der vordersten Reihe stand, als die Bewegung begann, der jetzt noch in der vor- bersten Reihe steht und in ihr stehen wird, so lange sein Leben währt. Er ist kein Redner, aber was für ein Ar- bester! Ein Organisator, der niemals müssig ist. Seine Freunde, deren Namen Legion ist, wünschen, daß er reich genug wäre, um seine ganze Zeit dem großen Werke weihen zu können. Er vermuthet, daß auch mehrere Bosse ihm die Seligkeit des Paradieses gönnten, wenn er nur auswandern wollte! Außer den Genannten giebt eS auch noch andere, die ebenso gut sind, aber der Raum ist zu beschränkt und ich muß auf daS Vergnügen, sie zu erwähnen, hier verzichten. Alle diese Männer gehören zu den geschicktesten Arbeitern ihres GewerkeS und sind stets beschäftigt. Doch nein, noch Einer ist da, an dem wir ein beson- dercS Interesse nehmen, obgleich er bis jetzt als Ritter der Arbeit kaum bekannt ist. Mr. HarrnWallace, der Freund und Studiengenoffe von Miß Maud Simpson, hat sich vor kurzem dem Orden angeschloffen und be- nutzt jede Gelegenheit, sich mit den Prinzipien und Zielen der Bewegung vertraut zu machen. Seit seiner frühesten Jugend war er eifrig bemüht, alle geistige Nahrung, die sich ihm nur irgend darbot, aufzunehmen und zu verdauen. Von einer praktischen Vereinigung von ') Joe(sprich dschoh) ist Abkürzung für Joseph. Di- Lb-r all- B-schr-ibnng-»ts.tzlichk» Leide» d-« Abgeordn-t-n Kracker hat die Kunst der Aerzte immer noch weder zu beben, noch im geringsten zu lindern vermocht, trotzdem aller mögliche Eifer seitens der beiden ihn behandelnden Aerzte und die denkbar beste Pflege settens der Familie des Unglück- lichen aufgewandt wird. Heute, so schreiben die„Schles. Nachr.", am 28. d. M., ist die so lange hinausgeschobene gefahrvolle Operation icdoch ueabwendbare Notbwendigkeit geworden und gelangte im Allerheiligenhospital zur Ausführung. Ob fie dem übermäßig Duldenden Hllfe bringen wird, läßt fich leider keines- wegs mrt Sicherheit voraussagen. Kamburg, 30. September. Wegen Verdachts, das Tage- buch des Kronprinzen an die„Deutsche Rundschau" eingesandt zu haben, ist Geheimrath Prof. Geffckm, welcher Sonnabend Abend 10% Ubr aus Helgoland zmückkebrte, am Bahnhofe in Untersuchungshaft genommen worden. Professor Geffcken hatte fich selbst den Gerichten gestellt. An Zöllen und g-m-infchaftlicke» D-rdrancholt-n-r« sowre anderen Einnahmen find im Reich für die Zeit vom 1. April 1688 bis zum Schluß des Monats August 1888, ein- 5 Ä Mark(+ 31607 M.). Zuckersteuer- 89 654 087 M. (+ 20 930608 M), Salzsteuer 14 392 398 M.(+21 9 393 M), Malschbottich- und Branntweinmaterialstcuer— 918 700 M. (— 13133 097 M.), Verdrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 42 079 626 M.(+ 42079 626 M.). Nach, steuer für Branntwein 5160 M..(+ 5160 M.), Brausteuer 9 393 430 M.,(+ 401 394 3NJv Uebergangsabgabe von Bier 1061748 M.(+ 116 474 M.); Summe 90 977859 M. (+ 56 527 757 Ä.). Spnlkartenstempel 369 368 M(+ 15 844 M.). Wechselftcmvelstcuer 2 786 932 M.(+ 24 222 M), St mpel- steuer für a. Werthpopiere 2 954 744 M.(+ 944 465 HI), b. Kauf- und sonstige Anschaffungsgeschäfte 4 552166 M. (+ 1 659 966 M), c. Loose zu Pnoatlotterien 193042 M. (- 53 090 M.). Staatslo'terien 2 377 459 M. 1+ 60 5)3 MI. Post- und Telegraphen- Verwaltung 78 690 106 M.(4553 492 Mark), Reichs- Eisenbahn Verwaltung 21 172500 M(+610500 Ma:k>.— Die zur Reichskaffe gelangte Ist Einnahme, abzüglich der Ausfuhroergütungen und Verwaltungskosten, beträgt bei dm nachbezeichr.cten Einnahmen bis Ende August 1888: Zölle 96 415 665 M.(- 635 206 M.). Tabaksteuer 2 825 209 M. (+ 206 242 3)1.), Zuckersteucr 15 461 936 M.(- 1711741 M). Salzsteuer 14 781941 M.(+ 283859 311.), Maischbottich- und Branntweinmaterialsteuer 5 025 237 M.(— 10 386 091 MI, V.-rbrauchsabaabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 26 765 297 M.(+ 26 765 297 M),?kachsteucr für Branntwein 9 287 312 M.(+ 9 287 312 M.), Brau steuer und Uebcrgangs- abgäbe von Bier 8 875 102 M.(+ 443 186 M); Summe 179 427 749 M.(+ 27 667 340 M.) Spielkartenstempel 437093 M.(+ 14 055 M.) Schwrix. Unter den Postulaten, weiche in den letzten Jahren von demokratischen und Ardeitervereim n aufzestelt worden find, bat fich eines binnen Kurzem auch bei anderen Parteien eine be» deutende Popularität errungen. Es ist die Forderung, daß in den Schulen die Lehrmittel, worunter man die Schulbücher und die Schreibmaterialien oder eines von beiden zu verstehen pflegt, unentgeltlich an die Schüler abgegeben werden sollen; die Gemeinden(oder Kantone) sollen die Kosten dafür selbst tragen. Die schweizerische Bundesverfassung fordert, daß der Unterricht in den Volksschulen unentgeltlich sei, versteht darunter aber nur die Ertheilung des Unterrichts durch den Lehrer, nicht auch die Verabreichung der Lehrmittel, Für letztere ist nun hauptsächlich im Kanton Zürich von vielen Gemeinden und zwar sowohl auf den Primär- als auf der Sekundär- Schulstufe(6.— 12. und 12. bis 15. Altersjahr) die Unentgeltlichkeit eingeführt worden. So- eben komme ich in den Befitz bezüglicher statistiicher'Nachweise, welche fich auf die G.meinben beziehen, welche im Weichdilbe der Stadt Zürich und deren Nachbarschaft liegen— Nachweise, die mir auch für ein weitcus Publikum Interesse zu haben scheinen. Denn offenbar wird das hier geoebene Beispiel wie in der Schweiz so auch in anderen Staaten Nachahmung finden, vorausgesetzt, daß es dort, was ich nickt weiß, nicht schon fiühkr gegeben wurde. Von den 11 Gemeinden, die unsere Statistik aufführt, find es 8, welche die Lehrbücher und Schreibmaterialien gratis verabreichen. Die dafür bezahlten Summen b. trugen im Jahr 1886 für folgende Gemeinden: Enge 3156 Fc. FIunterr. 1020, Hirslanden 1479, Hottingen 2919, Oberstraß 1471, Riesbach7087, Unter« streß 999, Wiedikon 2395 und Wipkingen 474. Zusammen wurden ausgegeben 21 981 Fr., etwas mehr als 1885, da die Totalsumme 20 752 Fr. betrug. In den Schulen der Stadt- gemeinde Zürich(alte Stadt) werden Schreibmaterialien und Arbeitsmatcrial kollettiv angeschafft und zu Taxen, die dem Selbstkostenpreis entsprechen, den Schülern abgegeben An eine größere Anzahl Schüler werden zudem verschiedene Lehrmittel Sratis verabreicht und die Taxen für bezogene Schreib- und eichenmaterialien erlassen. In Außensihl, das meist von Ar- bestem bewohnt wird, und wo fie freilich besondcis Roth thäte, hat man die Unentgeltlichkcst noch nicht durchzuführen vermocht, Männern zur Verbesserung ihrer Lage wußte er nicht» weiter, als was er durch dai Studium von C h a r l e» R e a d e' S berühmten Roman„Pat Yourself in bis place!"(„Setze Dich auf seinen Platz!")') hätte lernen können. Natürlich waren seine Ansichten über die TradeS-UnionS nicht sehr günstig. In der That dachte er nur wenig oder gar nicht an solche Vereinigungen, bis Miß Simpson ihn bestimmte, Erkundigungen einzuziehen. Es dauerte nicht� lange, so erfuhr er, daß die besten Männer in seinem Gewerke Mitglieder des neuen Order.» waren, und folgerichtig schloß er, daß diese Männer nicht in einer Organisation bleiben würden, die nichts tauge. Er erfuhr gleichfalls, daß SchnapSverkäuser, Spieler und Leute von gleich verwerflichem Charakter von der Mitgliedschaft streng ausgeschlossen waren. Das war vielversprechend und verdiente nähere Untersuchung; und so trat er in den Orden ein, fest entschlossen, die Arbesterfrage vollständig bis auf den Grund zu erforschen, und zwar von dem Stand- punkte derer, die dabei am meisten interesfirt sind, nämlich der Arbeiter selb st! (Fortsetzung folgt.) An» Kunst und z-be«. Don d-r Nachmittag-ausfahrt der-gqpttfch-n Haremvdame«, dem täglichen, mit Freude begrüßten Ereigmß, das in ihrem einförmigen Leben fast die einzige Abwechlelung bietet, entwirft R. Eichler in der„Deutschen Romanztg." folgendes Bild: Ungefähr um vier Uhr fahren niedliche kleine Kutschen, von langschwänzigcn russischen Pferden gezogen, vor das Thor deS Harems und erwarten hier die Ankunft der Damen. In der Regel fahren immer zwei zusammen, je eine „legitime" Frau mit einer Freundin oder Sklavin. Beim Be» steigen der Wagen werden fie mit einer Vorsicht vor jedem Sonnenstrahl behütet, als ob fie von Schnee wären. Die Aengstlicheren— diese find aber in der Minderzahl— halten sogar ihren Sonnenschirm zwischen den Kutscher und ihren Gefichtern. Die meisten bemühen fich, so viel als möglich ') Charles Reade ist ein bekannter englischer Novellist; der erwähnte Roman spielt zum Thell in Arbesterkreisen. dagegen ist die Schuldehörde außer Stande, sich für die adge» gebenen Lebrmitlcl durcbwegs bezahlt zu machen; 1885 hatte fie einen Ausfall von 2200, 1886 einen solchen von 1856 SJrr., welche Abschreibungen fie einer Schenkung gleich erachtet. Von den Gemeinden Wiedikon und Wivkingen wird bemerkt, daß jene für die weidliche Ardeiteschule das Robmaterial gratis ver- abiolgt, diese zu der Matcrialanschaffung einen Beitrag leistet. ftüt die Sekundärschule haben seit 1887 zwei Schulgemeinden, Enge und Neumünster, letztere aus Riesbach, Hottingen und Hirslanden bestehend, die Uaentgelllichkeit der Lehrmittel einge- führt und es setzte Neumünster dafür einen Betrag von 5400 Franks ins Budget, hofft aber, nach den ersten Anschaffungen mit ungefähr der Hälfte auszukommen.— Die anderen Ge- weinden verabreichen die Lehrmittel unentgeltlich an bedürftige Schüler oder vertheilen an solche Stipendien. Letzteres tbut Neumünster über die llnentgeltlichkeit hinaus. Im Jahre 1886 wurden von den 11 Gemeinden für Stipendien 1834, für Lehrmittel 3811 Fr. ausgegeben. Der Entwurf eines neuen Schulgesetzes für den Kanton Zürich nimmt, wie ich schließlich beifügen will, die Unentgeltlichkeit für die Volks- und für die Sekundärschulen des ganzen Kantons in Ausficht; doch ist zu sagen, daß die Anhänger der letzterm nicht in gleichem Maße zahlreich find, wie diejenigen der ersterm. Kelgie«. Einem soeben vom Bergwerksingenieur Jottrand veröffent« lichtm Bericht über die Kohlenindustrie des Hennegaues im Jahre 1887 entnehmen wir folgende statistische Daten und sonstige Mittheilungen: Der durchschnittliche Gesammtlohn des Arbeiters betrug in genanntem Jahre 7d6 Frks.. d. i. 26 Frks. oder% pCt. mebr, als im vorausgegangenen Jahre. Im allge- meinen befferte fich das Loos gegen Ende des Betrtebsjahres, und zwar lediglich infolge der regelmäßigen Wiederaufnahme der Kohlenförderung; im Anfang des Jahres waren die meisten Zechen genöihigt gewesen, die Förderung einen oder 2 Tage ver Woche einzustellen. Der durchschnittliche Gesammtlohn ist übrigens seit 1878 nach anfänglichem Steigen beinahe fort- während gesunken; er betrug im Jahre 1878: 836 Frks., 1379: 805 Frks.. 1880: 917 Frks., 1881: 926 Frks., 1882; 963 Fils.. 1883: 1007 Frks., 1884: 911 Frks., 1885: 796 F.ks., 1886: 761 Fr».. 1887: 787 Frks. Die Zahl der in den Kohlengruben des Hennegaucs beschäftigten Ardeiter be- trug 75 322 Personen. Die Verwendung von Frauen zu den Arbeiten im Innern der Gruben nimmt seit Einführung des Reglements von 1884, das die Arbeit der Mädchen unter 14 Jahren untersagt, von Jabr zu Jahr ab. 1886 wurden im Inneren der Gruben 3285 Frauen und 1092 Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren beschäftigt; diese Ziffern sanken 1837 auf 3018, beziehungsweise 1010, das beißt die Verminderung betrug bei den Frauen 267, bei den Mädchen 82. Das Vcrhältniß der Zahl der in der Tiefe bcschäfttgten Frauen zu der Gesammtzahl der Arbeiter der Schachte ist heute nur noch 5.4 pCt., das der Mädchen 1.8»Ct., während dasselbe 1883, d. h. vor Anwendung des Reglements, noch 7 pCt. bei den Frauen, 4.4 pEt. bei den Mädchen betrug. Die Gesammtzahl der Kohlengruben des Hennegaucs beträgt 122. Die tiefsten in Betrieb b>sindlichen Schachte find die folgenden: Schacht Nr. 3 der Vereinigten Kohlengruben de l'Agrappe(863 Meter); die Schachte du Vierncy der Zechen von Carniöres Süden und Viernoy(658 Meter): der Lüftungs» Schacht hat eine Tiefe von 1007 Meter. Der Schacht Saint- Andrs der Zeche du Poirier ferner ist 970 Meter tief. Die Zahl der vorgekommenen Unfälle betrug für das Becken von Möns 50 mir 208 Opfern, wovon 189 Getövtete und 19 Verwundete. Für das Kohlendecken des Centre belief fich die Ge- sammtzabl der Unfälle auf 43, wobei 34 Arbeiter den Tod fanden, 9 verwundet wurden; für das Becken von Charlcroi auf 47 Unfälle, die den Tod von 36 und Verletzungen von 13 Arbeitern verursachten. Das Verbältniß der Zahl der Ge- tödtetcn auf je 1000 Ardeiter betrug in den genannten drei Kohlenrevieren; Möns 7.08, Centre 1.45, C Harleroi 1.42. Das Jahr 1687 ist, was Unfälle betrifft, seit lange eines der mörde- rischsten gewesen; es zählt insgesammt 259 Todte und 41 Verwundete, wäbrend das Ungiücksjahr 1379, im Laufe dessen schlagende Wetter in der Zeche de l'Agravpe eine große Kata- strophe herdeifühtten, 258 Todte und 56 Verwundete aufweist. H-Nand. Nach Privatderichten aus dem östlichen Thelle von Java, die bis zum 19. August reichen, hat unter der europäischen Bc- völkerung verschiedene Tage lang Angst und Schrecken geherrscht. Man befürchtete nämlich einen allgemeinen Aufstand der inlän- dischen Bevölkerung, der durch Hodschis hervorgerufen werden sollte. In Soerabaya hatte die Bürgerwehe Befehl erhalten, auf das erste Alarmfignal, drei Kanonenschläge aus dem Fort, sorott unter die Waffen zu treten; die Europäer, die außerhalb der Garnisonplätze wohnten, haben alsbald fich und ihre Fa- Milien dahin in Sicherheit gebracht, die Gefängniß wachen wur- den überall verstärkt und die Läden, in welchen Waffen feilge- boten wurden, waren im Nu ausverkauft. Es fielen zwar nirgends Ruhestörungen vor, aber die eben geschilderte Panik beweist doch, daß die Europäer ihr bisher unerschüttettes Ver- gesehen zu wcrdcn, und wenn fie fich überzeugt haben, daß das Spiegelglas der Kutschenfenster gut abgestäubt ist, daß die Z!garetten und Zündhölzchen auf ihrem Platze find, daß die Chokoladen- Creme oder Nugat frisch vom Konditor und der Blumenstrauß wohlriechend und schön ist, dann machen fie es fich in dm schwellendm Seidenkiffen bequem, entwinden fich rhrer„Habarah" und setzen fich zurecht, um möglichst bequem angegafft zu werden. Der dünnste der„Naschmals" bedeckt die rothesten der Lippen, und die schwarz ummalten Augen erwidem mit keckem Leuchten die Grüße der Vorübergehenden. Die Tradfahrten der Schudra- und der Gezire- Avenue find für Kairo das, was für Rom der Korso ist, und alle jungen Beys und Paschas tummeln fich hier, im höchsten Wichs naturlich, auf ihren bäumenden Arabern umher oder fahren gar im Zuge der Haremsdamen mit. Möchte eine Dame Blumen, Billets oder Zigaretten austauschen, oder gar eine Unterhaltung anknüpfen, so, ist von dem schwarzen Wächter auf dem Bock kaum ein Äinderniß zu erwarten. Doch muß eine Unterhaltung durchaus heimlich geschehen, und für Alles, was über ein hinüberfliegen- des Kompliment hinausgeht, muß ein Seitenweg oder sonst ein abgeschlossener Ott ausgesucht werden. Dir Abrntrurr dr» Aegrr» Farraght. Ein junger Neger im Alter von 19 Jahren, Farraght, der mit einem Misfionar in Afnka aus seiner Gefangenschaft defreit worden, bat dem Sekretär des Antisllavenvereins in Brüssel in nach- folgender Weise seine Erlebnisse während seiner Gefangenschaft geschildert:„Eines Tages." sagt Farraght,„begab fich meine Mutter mit meiner Schwester, mir und einigen anderen Be- «ohnern unseres Stammes in ein benachbattes Dorf von «affruan, als wir uns plötzlich von Sklavenhändlern umgeben die uns durch das Zücken ihrer Dolche Schrecken ein- tagten. Ein Neger, der fich bei uns befand und um Hilfe schne, wurde sofott zu Boden geworfen und getödtet. Ein w"ni. iu verthttdigen wagte und einen Pfeil, den er Lk, 48eBen die Sklaven bändler absandte, erregte die Wu'h der etzteren in solchem Grade, daß fie seinem Leben Mittelst Dolchstichen rin Ende machten. Endlich wurden wir alle von diesen Sklavenhändlern, welche diejenigen, welche Hilferufe ausgestoßen, maffaktttt hatten, nach dem Stamme der Bambas obgefuhrt. Die Araber kauften diejenigen von uns, welche fie für die Stärksten hrelten. Meine Mutter, die ihnen für sehr brauchbar erschien, wurde sofott in dm Dienst geschickt. Ein «raber enlttß uns unsere arme Mutter, ohne daß wir von ihr Abschied nehmen konnten. Ich blieb allein mit meiner kleinen Schwester, die vier Jahre alt war, zwtt Jahre älter als ich. trauen auf die Treue der inländischen Bevölkerung verloren haben. Daß die Belü-chtungen derselben nicht grundlos waren, scheint nach den spärlichen Veröffentlichungen der Regierung über eine auf Mittel- und Ostjava geplante Verschwörung ziemlich ficher festzustehen. In der Restdentschast Surakaita fanden an verschiedenen Plätzen gehttme nächtliche Versammlungm statt und es gelang der Regierung, sich einiger der Haupträdelsführer zu verfichern, welche denn auch offen dekannten, ihr Ziel sei die Stiftung eines neuen javanischen Reiches gewesen; in andern Refidentschaften, wie Kediri, Madiun, Pasuruan, hatte man die Leiter der Verschwörung ebenfalls zeitig genug hinter Schloß und Riegel gebracht, im Klatenschen(Vorstmlanden) wurden die Verschwörer bei einer ihrer nächtlichen Zusammmkünste von der Polizei überrascdt. Es gelang, zwölf derselben gefangen zu nehmen, und bei einer Haussuchung fand man bereits das fettige Staats- fiegel von„llangku Negoro IV", wie der Herrscher des neuen jevanischen Reich, s fich nennen sollte. In Bantam, wo neulich der Aufstand wüthete, ist ein Krondrätendent aufgetreten, der fich für einen Angehörigen der' frühern Sultansfamilie ausgab und als Pseudo-Hadschi einm großen Anhang fand. GrotzvrHattitU«. Zur Untersuchung des gegenwärtigen Zustandes des Volksschulwesens in England war auf Antrag der Regierung ein parlamentattscher Ausschuß niedergesetzt worden, der zu Schlüssen und Empfehlungen gelangte, die darauf hinzielen, den kirchlichen Einfluß auf die englischen Schulm neuerdings zu stärken. Gegen diese der Herausbildung eines konfesstons- losen Schulwesens feindliche Strömung haben beretts verschiedene liberale Politiker und Körperschaften Stellung gmommen. Auch die Disfidenten verschiedenster Färbung, die stets gegen die Uebergriffe der Hochkirche auf ihrer Hut find und deshalb eine werthvolle Bundesgenoffenschaft der liberalm Pattei bilden, haben ihre Unzufriedenheit mit den reaktionärm Plänen der Torypattei im Schulwesen kundgethan, so daß der„Kampf um die Schule" vorausfichtlich eine wesentliche Rolle in der nächsten Wahldewegung spielen wird. Der gegenwärtige Zu- stand deS englischen Schulwesens deruht auf dem Kom- promiß von 1870. das in dem Forster'schm Gesetze zum Ausdruck gelangte. Bis zu jener Zett war der Unterricht der Kinder der weniger bemittelten Klassen ausschließlich pttoater Fürsorge überlaffen geblieben. Die Folge war, daß kaum die Hälfte aller Kinder ordentlich Schul- Unterricht genoß, und diese Hälfte fast ausschließlich in den von der Geistlichkeit der Hochkirche geleiteten Kirchspielschulm ihre recht mangelhafte Elementarbildung empfing. Das neue Gesetz brach keineswegs völlig mit diesem alten System. Es ermög- lichte nur durch die Schaffung der Schulämter(oeboo! boards), welche innerhalb der Gemeinden und- größerer Verbände aus Wahl, der Gemeindesteuerzahler hervorgingen, die Begründung von konkesstonslosen Schulen. Diese nach den fie leitenden Be« Hörden Amtsschulen(board srboo's) genannten Anstalten werden nur zum geringen Theil durch ein Schulgeld, hauptsächlich durch die von den Schulbehörden ausgeschriebenen Schulsteuern erhalten. Alle Volksschulen aber, sowohl die Amtsschulen, wie die Kirchspielschulen und Pttvatschulen jedweder Att, haben je nach ihrer Leistun-efähigkeit Anspruch auf einen Zuschuß aus Staatsmitteln. Die überall im Lande, besonders in den grö« ßeren Städten entstandenen Schulämter haben im Laufe der 18 Jahre ihres Bestehens so segensreich gewirkt, daß jetzt unter« ttchtslose Kinder in England zu den Ausnahmen gehören. Es haben sich bei ihren Anstatten allerdings auch erhebliche Mängel herausgestellt, als deren schlimmster neuerdings die sche« matisch auf die Erzielung günstiger Prüfungsergebnisse hinarbeitende Unterrichtsmethode erkannt ist. Diese Mängel find indcß keineswegs Folgen der Konfesfionslostgkeit der Amts- schulen; sie halten den Unterttchtsanstalten der Geistlichkeit eben so wohl an. Trotzdem hat die torystische Mehrheit der parla- mentarischen Kommisflon es für gut erachtet, die günstige Ge- legenheit ,ur Förderung der Kirchenschulen auszunutzen, indem fie cmpfieh t, daß die Ottsbehörden(Gemttndevettretungen und Krttsvertretungm) ermächtigt werden sollten, den Kirchenschulen Zuschüsse bis zu 10 Shilling(10 Mark) jährlich für jedes schul- desuchende Kind zufließen zu lassen. Die reaftlonäre Bedeutung einer solchen Maßregel liegt auf der Hand. Während bisher langsam aber ficher die Amisschulen der Geistlichkeit das Volks- schulwesen abrangen, würde dieser natürliche und für den kon- fesstonellen Frieden sowohl wie für die Volksbildung heilsame Prozeß gehemmt, wenn nicht gar in vielen Fällen auf dem platten Lande rückgängig gemacht werden. Obendrein würde die Verwirrung anstiftende VielgestMgkeit des englischen Volks- schulwcsens noch vermehrt und konfesfioneller Hader in die Ge- mcindevcttrctungen hineingetragen werden, da nur die überall vertretene Hochlirche von jener Bestimmung Nutzen zu ziehen versuchen könnte. Bis eine solche Maßregel Gesetz werden könnte, ist es zwar noch weit hin, aber daß fie überhaupt in Anregung gebracht wurde, zeigt, mit welchen Hoffnungen die Tottes fich tragen. Afrika. Aus Sanstbar find jetzt freilich aus englischer Quelle, ge« nauere Mittheilungen über den Ursprung des Konfl.kts zwischen Von meiner Mutter habe ich nie wieder etwas gehött. Nach- dem der Handel abgeschloffen, setzte sich die Karawane mitten krnrch die Wüste in Bewegung, unsere Herren saßen auf den Rücken der Kameele, während wir mühsam den Weg zu Fuß zurücklegen mußten. Die Sklav.uhändler machten sehr selten auf dem Marsche Hatt, wenn fie es thaten, so verzehtten fie einen Hammel oder eine Ziege ihrer Heerde; uns warfen fie die Knochen zu, und glücklich waren auch diejenigen, die fie erwischen konnten. Nach Verlauf von zwei Tagen fiel meine Schwester, welche die Sttapazen des Marsches nicht ertragen konnte, erschöpft zu Boden; ich blieb an ihrer Sette, während die Karawane ihren Marsch fottsetzte. Als aber einer von den Sklavenhändlern uns be« merkte, kam er auf uns zu und schlug uns unbarmherzig mit z einer Peitsche, um uns vorwätts zu treiben. Meine Schwester brach in heftiges Schluchzen aus, Venn fie konnte nicht weiter gehen. Da nun der Händler sah, daß er keinen Votthttl von dieser vier Jahre alten Sklavin ziehen konnte, so schlug er fie vor meinen Augen todt; ich sah meine arme Schwester, die mein einziger Trost hier auf Erden war, sterben; hiernach drohte man mir mit dem Tode, wenn ich nicht die Karawane wieder einholte, und ich wurde so lange mit der Peitsche geschlagen, bis ich wieder in die Reihen meiner Sklavengefährten einge« treten war. Nach einigen Tagen erreichte die Karawane ihr Reiseziel; die Händler führten uns zum König der Bambas. Dieser kaufte ungefähr 100 Neger. 50 von ihnen wurden dazu be- stimmt, lebendig verbrannt zu werden, um den„bösen Geist" zu besänftigen, welcher dem Fürsten ein Fieber zugefügt. Ich wurde mit anderen für ein Pferd verkauft und wurde Sklave des Königs der Bambas. Nachdem ich sechs Monate bei den Bam- das zugebracht, wurde ich an die Araber verkauft, deren Kara- wane ich folgte. In derselben waren die Sllaven in Banden von 40-50 Neger eingetheilt von jedem Alter und jedem Stamm aus dem Zentrum Afttkas. Da mehrere Sklaven Fluchtversuche machten, so band man um den Hals eines Skia- ven einen statten eisernen Ring, an welchen man eine lange Kette befestigte, die alle Neger an einander band und deren Bewegungen beherrschte, um jedweden Fluchtversuch zu verhin- dern. Da die Zeit drängte, so trattitte man uns mit Peitschen- hieben und Ochsenziemern. Entsetzliche Szenen spielten fich auf diesem Marsche ab. Als einer der armen Negersklaven seine Kräfte verloren und nicht mehr weiter marschiren konnte, haute man immer von neuem auf ihn ein, die Sklaventreiber konnten in wenigen Minuten die Kette loslösen, an welche der arme Sklave gebunden, aber die Minuten wurden ihm zu Stunden. den Deutschen und den Eingeborenen eingegangen. Die for» melle Einführung der Agenten der Deutsch Ostafrikanischen Gesellschaft in die Verwattung der Küste fand am 16. August statt. Am Abend vorher hatte der Vertreter Englands dem Direktor und den Agenten der Gesellschaft ein Bankett gegeben, auf welchem viel schöne Worte über gemeinsame Arbeit ge- sprochen wurden. Gleich darauf ging der Streit an. Der Wall von Bagamoyo meldete, daß die Deutschen ihm befohlen hätten, die Flagge des Suttans niederzuholen, was fich der Wali zu thun weigette, weil er keine disdezüglichen Instruktionen besaß und die Eingeborenen der Umgebung gedroht hätten, die Stadt niederzubrennen, falls des Sultans Flagge niedergeholt werde. In der Konzesfionsurkunde soll außerdem ausdrücklich stehen, daß die Geschäfte der Gesellschaft unter des Sultans Flagge gefübtt werden müssen. Bald darauf traf die deutsche Korvette„Äöwe" ein und landete 50 Mann, welche des Sultans Flagge nieder- holten und diejenige der Gesellschaft hißten, nach einigem Zögern jedoch auch die Flagge des Sultans. Die Deutschen behaupten, daß fie bei ihrer Ankunft zwei Flaggen nebenein- ander wehend vorgefunden und um kein Mißverständniß über die wahre Autorität im Lande aufkommen zu lassen, verlangt hatten, daß die Flagge am Hause des Mali entfernt, dann aber gleichzeitig mit ihrer eigenen aufgezogen werde. Nicht fie, sondern der Mali selbst habe auf ihr Ersuchen die Flagge nieder- geholt und ihnen übergeben, wobei die Soldaten von der „Möwe" präsentitten. Die Verzögerung im Hissen der Flagge des Sultans s.i nur dadurch veranlaßt worden, daß die Fahnen- stanze verfault war. In Pangani landete die Korvette„Carola" 100 Mann, welche die Truppen des Sultans entwaffnet haben und in so energischer Weise vorgegangen sein sollen, daß der erschreckte Wali ins Gebüsch entflob. Es scheint demnech, als od die Agenten der Deutsch- Ostafrikanischen Gesellschaft es an der nöthigen Klughett haben fehlen lassen. Pereine«ud Nersammlumte»- Derrin für naturgemäße Gesundheitspflege«nd arzueilos« Heilkunde Dienstag, 2. Oktober, 8% Uhr, Kom- mandantenstr. 72. Herr Lehrer Schumann, Chemnitz,„Hä- morrboidalteiden und deren naturgemäße Behandlung." Gesang-, Turn-«nd gesellig» vereine am Dienstag. Gesangverein„Gutenberg" Abends 8; Uhr im Restaurant Quandt, Stralauerstraße 43.— Gesangverein„Alpenglühen" Abends 9 Uhr im Restaurant Hildebrandt, Pttnzensttaße 97.— Schäfer'scher„Gesangverein der Elfer". Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger, Skalitzerstraße 126, Gesang.— Männergesangverein„Gattenlaube" Abends 9 Uhr im Restaurant Fitt, Kottbusersttahe 22.— Männergesangverein„Steinnelke" Abends 9 Uhr im Restaurant Schulz, Stettinerstraße 56 57. — Gesangverein„Harmonie" Abends 8 Uhr in Neukam'S Bierhaus, Große Frankfutterstraße 49.— Männergesangvereia „Echo tt" Abends 9 Uhr im Restaurant„Zum Flügel", Loch« rinaerstraße 60.— Gesangverein„Sängerhain" Abends 9 Uhr im Rest. Kaiser Franz Grenadierpl. 7.— Gesangverein„Hoffnung Moabit" Abends 3t Uhr Wilsnackcrstraße 63, im Restaurant Jlges.— Gesangverein„Felicitas" Abends 9 Uhr im Restaurant Neoclin, Langestt. 108— Gesangverein„Liederlust" Abends 9 Uhr im Restaurant Lehmann, Naunynstr. 44.— Männergesangverein „Äecordia" Abends 9 Uhr bei Brademann. Äarkusstr. 7.— Zitherklub„Ämphion" Abends 9 Uhr in Triebel's Restaurant, Hoher Steinweg 15.—Turnverein„Froh und Frei"(Minner- abtheilung) Abends 3t Uhr Bergstraße Nr. 57.— Berliner Turngenoffenschaft(V. Männerabtheilung) Abend- 8t Uhr in der städtischen Turnhalle, Wassetthor- straße Nr. 31.— Turnverein„Hasenhaide"(Männer- Abtheilung) Abends 8 Uhr Dieffenbachstt. Nr. 60 61.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschule Abs. 9 Uhr im Rest. Kinner, Köpnickerstr. 68.— Verein ehemaliger Schüler der 44. Gemeindeschule Abd. 9 Uhr im Restaurant„Älbrechtsgatten". Wilhelmsttaße 105.— Arends'scher Stenographenverein„Apollobund" Abends 8% Uhr Brunnenstraße 129 a.— Äread'scher Stenographenverein Abends 3 t Uhr im Restaurant„Zum eisernen Kreuz, Ltndenstraße 71.— Deutscher Verein Arends'scher Stenographen Abends 3t Uhr in Randel's Restaurant, Brunnen» straße 129 a.— Verein„Rose" Abends 3j Uhr im Restaurant Eltze, Alerandrinenstr. 99.— Unterhaltungsverein„Harmonie" Abends 8 Uhr Wrangelstr. 136, im Restaurant Schimpke.— Vorgnügungsverein„Mollig" Abends 9 Uhr im Restaurant Reinicke, Gipsstraße 3, jeden Dienstag nach dem 1. und 15. — Zitherklub„Amphion" Abends 9 Uhr im„Münchener Hof", Spandauerstr. 11—12.— Rauchklub„Zum Wrangel" Abends 8 Uhr bei Herschleb, Adalbettstraße 4.— Rauchklub„Deutsche Flagge" Abends 3 Uhr im Restaurant Händler, Wrangelstr. 11. — Rauchklub„Friedrichshain" Abends 9 Uhr im Restaurant Kipping, Landsdergerstr. 116a.— Rauchklub„Lustige Brüder" Abends 8t Uhr bei Grothc, Fürstenbergerstraße 2.— Vergnügungsverein„Fröhlichkeit", Grüner Weg 29. Große Gesellschaftsstunde, verbunden mit Votträgen. Gäste willkommen. Enttee fttt. Und was geschah? Man schnitt dem Sklaven ganz einfach den Kopf ab und nun konnte die Bande unbehindert weiter marschiren. Die Arlgoländer. In einer Feuilletonplauderei der „Frkf. Ztg." lesen wir: Vor einigen Jahren erregte eine öfter- reichische Aristokratin durch ihre tollkühnen Segelmhiten die Aufmerksamkeit nicht nur der Fremden, sondern auch der Schiffer. Sie ging beim stärksten Sturm hinaus und wußte die Schiffer durch reiche Bezahlung zur Begleitung zu veranlassen. Endttch ttß den Leuten die Geduld und fie beschlossen, die Gnädige zu kuriren. Sie fühttm fie bei stürmischem Wetter in die Wellen hinein und ließen fie gottsjämmerlich zusammenschütteln und so ausgiebig durchnässen, daß fie Jlmlb todt, aber völlig geheilt den Strand betrat. Derattige Beispiele von Gerieben- heit und Verschmitztheit findet man bei den Helgoländern über- aus häufig, und derjenige, der diese„Naturmenschen" für naio kauft, wird bald den Schaden beseheu. Man braucht nur zu beobachten, wie fie fich im Fährdoot über die Fremden delustigen: zum Glücke ist die friefische Mundart, deren fie fich bedienen, für uns nahezu unverständlich, wir würden sonst gar oft wenig schmeichelhafte Urtheile über uns vernehmen. Uederhaupt ist Mißtrauen und Zurückhaltung dem Fremden gegenüber vor Herr- schend, zumal wenn der Helgoländer ficht, daß er es mtt müßt- ger Neugierde zu thun hat. Andererseits habe ich gefunden, daß er redselig und mittheilsam wird, wenn man ihm näher Kitt und Veiständniß für sein Leben und Schaffen zeigt. Drollig find zuweilen die kurz angebundenen Antworten, die er für müßige Fragen hat. Eine Dame, erinnere ich mich, hatte in dieser Beziehung besonderes Unglück. Als fie eines Tages bei unserem Steuermann über verschiedene innere Angelegenhettcn der Schifffahrt fich Raths erholte, antwortete dieser anfangs auch durchaus höflich, schließlich aber drehte er fich kurz um und bemerkte glcichmüthig:„Weiber brauchen nicht alles zu wissen." Ein andermal fragte fie bei einem Spaziergange auf dem Ober- land, wo einige Hundert häßliche Schafe angepflöckt find, um das magere Gras fich einzuverleiben, einen biederen Inselbewohner, warum denn diese Thiers so jämmerlich blökten. Der sah.fie mißtrauisch an und sagte:„Ja, Fräulein, wahrscheinlich. well fie es nicht besser gelernt haben." Ich ttchtete eines Tages an unseren getreuen Steuermann die Anfrage, ob denn nicht das Boot eigentlich zwtt Schwetter haben müsse, da ja eims doch wohl einmal brechm könnte. Worauf mir die Antwoit wurde:„Bisher ist bei Helgoland noch keines gebrochen." Gegen diesen Empittsmus läßt fich nichts einwenden. Den« auf ihm deruht die ganze Kunst und Weishett des tapfere« Völkchens! Theater. D i e n st a a g, den 2. Oktober. «perah«»». Lohcngrw. Schnnspielha««(im Mollne»- Theater)! Keine Vorstellung. Kesstng-TH-oter. Freund Fritz. Denisch«» Theater. Faust. Frt»>»,ch- Wilhelmstadtische» Die neben Schwaben. Neftdenz-Theater. Decorirt. Kidtoria-Eheater. Die Kinder des Kapitän Theater. �rlleatliance- Theater. Drei Paar Schuhe. Zentral- Theater. Die Schmetterlinge. Adols-Grnst-Theater. Die drei Grazien. Aansman«'» MaeicktS. Spezialttäten-Vor» stellung. «»»cordia» Theater. Spezialttäten» Vor- Theater"der Keich»halle» t Spezialitäten- Borstellung. | American Theater. Wremer, a.«etss... *«lli»®rthe«t«ratra»�e Hr. Ist. Dienstag» d. 2. Ottoder: Zum 26. Male: Die Weisheit Salomoifsky's. Berliner Lokalpoffen-Pantomime von R. Anger. Mufik arrangirt von R. Thiele. 1. Bild: Die Renommirstunde bei Haase. 2. Bild: In der Academy of mnslc. 3. Blld: Bei Mutter Pignatelli im Cour- saal. 4. Bild: Berlin um Mitternacht. 5. Bild: Vor'm Schöffengericht. 9ieu einstudirt: Tausend und eine Nacht Operette von W. Köhler. Mustl von R. Thiele. Auftreten der drei Geschwister Delöpierre, des Jnstrumentalisten Herrn Krüger, des Mimikers Rivoli und des Herm Martin Bendix. Anfang 7i Ubr. Enttee 50 Pf., I Berliner Theater. Dienstag, den 2. Ottoder: CarceS Drama in 1 Akt von F. Sander, de- arbeitet v. H. Förster. Maienaommep,(L'et6 de St Martin), Lustspiel in 1 Akt von Meilhac und Halevy, deard. von Julius Walter. Der 30. Hovambar, Original-Lustspiel in 1 Akt von Feldmann. Eine Partie Piquet, Lustspiel in I Alt von Fournier u. Meyer.(Friedr. Haase.) Mittwoch, den 3. Oktober: Die Braut von Meaalna, Trauerspiel mit Chören in 4Atten von Friedrich v. Schiller. Donnerstag, den 4. Ottober: Demetriua, Tragödie in 6 Akten von Friedrich von Schiller und Heinrich Laude. Volks-Theater. (Früher Ostend-Theaten) Direktion F. Witte. Wild. wenn»«, d-n 2. Yttoder: Cirkus ü. Schumann. Friedrich- Karl- Ufer. Ecke Karlstcaße. (Im früheren ZirkuS K r e m b s e r.) Dienstag, den 2. Ottoder, Abends 7% Uhr: Kroße Krillant Vorstellung. Aus dem reichhaltigen Programm find hervor- z'chedm: 2. Gastsvtel der Sisters Margellise auf dem Tanzsell und Piedestal. 4 Ravphengste, »orgef. von Herrn Max Schumann. Schul- Quadrille, geritten von den Geschw. Schumann. Auftr. der Reilkünstlerinnen Miß Amy und Terzy, des Jongleurs?u Pferde Mr Jos Holmini, des Sattomortal-Reittrs Mr. Dickson, 4 Gedr. Hozzini, der Restkünstlerin Miß Julia Marcarthy Springfahrschule, geritten von Frl. Adele k. Mittwoch, den 3. Ottober, Abends 7i Uhr: Wrat« Vorstellung. yaf,a«o IT». 9 M.- 10 A. �nisar-Fwtaraat» Schlöffer König Ludwigs: Hohenschwangau, Neuschwanstein. Zum ersten Male: Potsdam u. d. Trauerzug WM" Kaiser Feiedrich»."#0 Entree t StjcL 20 Pf., Kind nur 10#. Äbonn. M Trauerspiel in 5 Akten von Michael Beer. Musik von Giacomo Meyerbeer. Kasseu-Eröfsuung Ahr. Ausoug Zlhr. In Vorbereitung: Der Volksfreund. Novität. Volksstück in 4 Atten von Oskar Walther.l Preise der Plätze: 1. Parquet 1,50 Mark, 2. Parquet 1,25, Seitenparquet 0,75, 1. Rang 1,25, 2. Rang 0,75, Balkon 0,50, 1. Rang. ata 1. Parquet 15 M., 12 Billets 2 Parquet 12 M. 12 BilletS 1. Rang 12 M.[697 Königstädtisches Theater. Aleranderstt. 40— Kürzeste. 6. Stadt« und Pferdebahnverbindungen nach allen Richtungen der Stadt. Dienstag und folgende Tage: Zum 3. Male: Die Kornblumen des Kaisers. Original-Volksstück mit Gesang in 6 Bildern. Kaffencröffnung 6% Uhr, Anfang 7t Uhr. Bons haben Giltigkest. Alles Nähere die Anschlagsäulen. Mittwoch u. folgende Tage: Dieselbe Vorstellung Uru. Neu. Zum 1. Wal iu Berliu. Dienstag, den 2. Ottober er. Königs-Tunnel im«raub Ootel Zilerauderploh. Täglich großes Konzett der berühmten Ungattschen National-Kapelle Pate» Bartalon auS Liptd.Szent-MiklüZ in Original- Cstkos Costumcs. Großattige Solo-Vorträge auf Violine, Cymdel und Clarinettt. NU. Die Kapelle spiest sämmtliche Piceen ohne Noten. Enttee an der Kaffe 50 Pf. Im Uoroerkaus 40 Ps. im Zigarrcngeschäft von Herm Wa»», Astxanderplatz im Grand Hotel Programm an der Kaffe Anfang 7 Uhr. Guatav Kunze. Soeben erschien: Di» fvauzöstfch« Revolution. Von#. Blee. Heft 5. Preis»0 Pf«. Zu deziehm durch die«»pedition de»„Kerl. D-lksblatt", Ilmmerstraß« 44. Internationale Bibliothek» Fortsetzung: Di» sranköstsch» Revolution, sowie sämmtl. wiffensch. Werke u. Zestschr. rc. liefert frei inS -l7Z K. Kohlhardt, ,_j8 nach all. Gegenden d. Stadt Buchhandlung und Buchbinderei, Brandmdurgsttaße 56, Hof II. SSnigl. Prenss. Klassen-Lotterie. Ziehung 1. Klaffe am». und 8. Oktober 1888. «riaiual» gegen Dspütschein V, 60, Vi Ä5, V« 156,60 Warst. Kuthril.:% 6,565, 3,»6, 1.76.'/M 1 Warst. eMpsiehlt die«l»ist»stoll»stt» von „ÄU. M. Meyer, 575 Möbel» Spiegel und Polsterwaaren (eigene Tischleret) °°n U. Otta«. W. Klotawa, Bremer#trasse 67(«ahe der Thurmstraße). mar Reell- Arbeit. 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Brandenburgstr. 7, Hof Qug. 1 Tr.. b. giers». 1752 Tischler ____ auf geschweifte Arbeit oetL Au»all, Wallstr.% Druck und Verlag von Wa» Dobia« in Berlin SW.t Beuthstraßr 2.#le*i« eime Deila«'- Beilage zum Berliner Bolksblatt. Mr. S3U Dienstag, de« 2. Oktober 1888 S. JakrW. EeDge?teÄrc� liefen in üufcll vnä fflafi Es find doch wunderbare Werke, mit welchen uns Mutter Natur in ihrem Haushalt rings umgiedt. Wer eben„weiter denkt, als seine Nase reicht"— wer zu schauen versteht, wird auf Schritt und Tritt eine reiche Fülle des Bewutidernswathen finden, einen Anschauungsunterricht in hohem Sinne. Tie Bau- werke unserer Vogelwelt aber nehmen in der Reihe des Be- achtcnswcrthm einen bevorzugten Platz in Anspruch. Die schwierigen technischen Probleme der Belastung und der Art ihrer Stutzpunkte, die Lehre von der Ausladung und Wölbung, von der Verankerung und dem harmonischen In- einandcrfügcn heterogenen Matenals löst der geflügelte Architekt mir ebenso lühner Konzeption als erstaunlicher Geschicklichkeit, welche um so höher anzuschlagen ist, da seine Fundamente nicht in festem Grunde, sondern zumeist im schwanken Geäste bafirm. Mühelos können wir zunächst unter dem heimischen Dach ein solches Bauwerk— das Haus der Hausschwalde bewundern, welche im Ausmauern ihrer Kinderstube Muster- gittigcs leistet. Wenn im nahen Gehölz der Buchfink jubelt und Du lauschend sachte näher schleichst, dann findest Du in einem mit Uederlegung gewählten Gabelast das Bauwerk dieses sangcssrohen Architekten und seiner züchtigen Gattin, welches nicht nur an Zierlichkeit, sondern auch an Haltbarkeit und innerem Konfort wahrlich seines Gleichen sucht. Das Material, aus zarten, grünen Moospflanzcn, aus grauen Fleckten und Flaumfederchen bestehend, ist mittelst Wild- und Roßhaaren zwischen und um dos Geäste gewoben und im Innern weich und warm mit Wollflocken und weichem Haar austapeziert. Kühner noch im Entwurf der Grundlinien seines heimischen Herdes erweist fich ein anderer geflügelter Baukünstler: die zierliche Beutelmeise. Auf schwankem, über dem Wafferspiegel geneigten Gezweige befestigt der kleine Architekt zunächst einige Bastfäden und webt dann mittelst derselben und der weichen filberweißen Blüthenwolle des Pappelbaums sein freischwedendcs, birnförmiges Haus, welches der Tcxtil- indufirie füglich als Muster gellen kann. Dos Flugloch dieses lunstrollen Nestgedäudes, welches Thür und Fenster zugleich ist, verlegt der kluge Hausvater stets nach Ost, wohl wlfiend, daß die Morgensonne für die Wohn- und Kinderstube sehr zuträg- lich ist, während sein Weibchen ihr zierliches Gelege sorgsam in Pappclblütbenwolle einspinnt, damit dasselbe, wenn fie es für eine kurze Welle verlassen muß, nicht verkühle. Ein höchst origineller Baukünstler ist der leuchtend gelbe, sckwarzgeflügelte Goldpirol, der Sommergast unserer Gärten. Weniger zierlich, wohl aber klug und haltbar webt er sein Nest in einem Wipfelast an jener Stelle, wo derselbe in mehrere Zweige aue laust, und verankert dasselbe mit langen Baststreifen so fest, daß es keiner der zu gewärtigendcn Gewitterstürme aus seiner Einbettung zu rütteln vermag. In Bezug auf das Baumaterial ist er nicht wählerisch und flicht Rohuispen, Riedgräser und Halme mlltelst schmaler Bast- streifen zu wetterfesten Wandungen. Sein Nest vermag, da es weit hinaus in das schwankende Gezweig gebettet ist. keiner der vierfüßigen Räuder zu beschleichen, und er versteht dasselbe auch noch mit einem festgewobenen eingekerbten Bord, damit die Jungen ihre Kinderstube nicht verlassen können, bevor fie flügge werden. Nrcht minder geschickt und haltbar, zugleich aber mit mehr Geschmack baut der Droffel-Rohrsänger seine Behausung. Sein Baugrund— drei bis vier dichtstehende Rohrstengel— ist wohl schwankend im vollsten Sinne, und doch versteht es der gefie- derte Ingenieur, die schwanken Theile durch zielbewußte Der- dindungen zu einem haltbaren Fundament für sein aus Ried- giäjern. Rohrrispen und Wasserpflanzen verschiedener Art gewo- derns Nest zu schaffen. Auch er versteht seine Kinderstube mit ernem nach innen gebogenen Bordrar.ve. Als Hydrotcchniler dedütirt bei der Anlage ihres Ziestbaues die Wafferamsel. Im Bereich des WildbachbetteS, an überhän- xenden und unterwaschenen Stellen desselben, über welchen das schäumende Waffer in einer Kurve hinwegfließt, wählt und adoptirt fie einen geeigneten Spall als Kinderstube. Um zu derselben zu gelangen, muß das Elternpaar durch die stäubenden Wasser- tdeilchen des schäumenden Wassergefälls durchfliegen. Die Sau» tünstlerin hat es deshalb auch unterlassen, die bei Bauführungen übliche Warnungstafel mll dem Veto:„Fremden ist der Zutritt i rckt gestattet", anzubringen.„Sollen es nachmachen", denll fie fich wohl, wenn fie kühn und geschickt dicht unter dem tosenden Wasserstrahl einschwenkt zur geborgenen Wiege ihrer Nach- kommenschaft. Hoch und kühn, ganz ihrem Naturell angemessen, bauen die geflügellen Räubrr ihre Horste in die Wipfel von Baumriesen des Hochwaldes Dort mangelt die Zierlichkeit wohl, mit welcher der erbarmungslose Mörder Habicht, der diebische Milan, der (ZUchdrutt»»erbot»».) Die Auktion. Von M. Zsay. Vom blaue«, wolkenlose» Himmel herab gstüht die Sonne. Die Straßen der Stadt sind verödet. Wen nicht zwingende Gründe hinaustreiben, der bleibt daheim im kühlen Schatten der Behausung. Draußen jedoch, an einem schmucken Häuschen der Vor- stadt, haben sich Menschen angesammelt. Sie erfüllen das Vorgärtchen, bevölkern das Höfchen und drängen sich bis hinein in die Straße. Zn dichten Gruppen stehen sie, mit ernster, wichttger Miene. Die Sonnengluth hat ihre Ge- sichter acröihet. Der Schweiß perlt in Tropfen von chrer S.irn herab. Sie aber harren still und ergeben des Augen- blicks, da die Thür des HäuSchenS sich öffnen wird. Das starke Geschlecht ist schwach vertreten. Meist sind eS Frauen, die hier eine Art Fegefeuer erdulden, um dann geläutert in die Pforten des Paradiese» einzuziehen. Da» Paradies heißt Auktion. Ei« amtliches ZeiwngS- inferat hatte e» den harrenden Gläubigen verkündet. Wer zu lesen weiß zwischen den Zeilen des trockenen AmtSstylS, der kann daraus eine ganze Leidensgeschichte entziffern, ein schrcckensvolleS Trauerspiel bürgerlicher Verarmung. Und gleich einer Shakespeare'schen Tragödie mit ihren komischen Figuren, gleich einem Grabstein, den wilde Rosen keck um- klettern, so war das traurige Inserat eingerahmt von An- nonce» gar ftöhlichen Inhalts. Operetten, Konzerte, Affentheater umgaukelten es zur Linken; Tanzvergnügen, Gondelfahrte», Schützenfestlichkeiten lockten zu seiner Rechten. Obenüber war es gekrönt von frischer Leberwurst. Den Sockel bespüllen Fluthen delikate« kühne Edclkalke eben nickt rechnet, dafür aber fundamirt der Bau- Herr scwe Burg auch nickt mll zartem Bast, sondern mll derben, knonigen Piügeln und Kloben, die er mit zielbewußtem Geschick in das gabelnde Astwerk in schwindelnder Höhe eingefügt. Starr und trotzig ragen die knonigen Enden des Unterbaues und wiezur Ab- wehr über die Peripherie des kreisförmigen Horstes. Das Weidchen fütteit wohl den Bcu mit Halmen, Flechten und Wildhaar nothdürftig aus, immerhin aber ist dos Lager für die Jungen lein wohlig schwellendes zu nennen. Die junge Brut soll eben gleich von Anfang an hart gewöhnt werden, auf daß fie fich sehnig— nicht üppig und weichlich gestalle.... Der schwarze Milan macht es bei Vollendung seines Horstes dem Goldpirol nach und schmückt seine Diebeshöhle mll aller- Hand Kram, den er fich aneignet, wo er ihn findet. Das Frag- ment eincS Weiberhemdcs oder eines alten Hutes dünkt ihm ein finniges Beiwerk zur Ausschmückung des Jnnenraumes. Der bekannte Präparator E. Hodek fand einst in einem Milan- borst ein Geldkouvert mit seiner eigenen Adresse. Der Brief sammt Inhalt war ihm dos Jahr vorher auf räthsel.afte Weise abhanden gekommen; wie war er nun erstaunt, als er das des Inhalts beraubte Kouvert mit fünf Siegeln ziemlich wohler- halten im Gefüge des Horstes entdeckte. Ohne Zweifel war es ein zweideiniger Marder, welcher den Inhalt behalten und die Hülle im Walde weggeworfen hatte. Dem Milan gefielen wohl die rothen Siegel und er benutzte das Kouvett als originelle Tapete für seine Kinderstube. Maffia und mächtig wie sein Erbauer ist der Horst deS Adlers. Das Adlerpaar baut nicht alljährlich einen neuen Horst, es bessert denselben nur aus und vertheidigt ihn tapfer und hart- näckig gegen Usurpatoren seiner Sippe. Durch die jährlich wiederholten Erneuerungen gestallet fich solch ein Horst zu einem wahren Monstrum von mehr als einem Meter vertikalen Durch- messers, unter dessen kolossaler Last das starke knorrige Geäste der Eiche ächzt und knarrt. Er gestaltet fich zu einer trotzig auf der Höhe thronenden königlichen Zwingburg, welcher auch— als Attribut— die Vasallen nicht fehlen, denn zwischen dem knorrigen Astwerk der Wandungen des Horstes nistet, eine Schaar von-- Sperlingen. Einen solchen Horst mit mehr als zwanzig eingebauten Spatzennestern lieferte der vor- genannte Präparator und Ornithologe aus der Umgegend von Semlin an das kaiserliche naturhlstorische Hofmuseum nach Wien. Dieser Horst des Seeadlers hat das kolossale Gewicht von 600 Kilo! Noch interessanter erweist fich im Vergleich zu den Werken unserer heimischen Baukünstler der Nestbau einiger Vogelarten der Tropen. Der Hirtenvogel z. B. schmückt den Umkreis seines Nestes mit einem zierlichen Kranze farbiger Muscheln und glitzernder Steinchen, und noch Erstaunlicheres leistet eine Spezies des Wcbcrvogels. Dieser fängt einen Leucht- käfer und benutzt denselben als Ampel für sein kunstvoll ge- bautes Haus. Es ist dies erwiesene Wahrheit— keine Fabel. Schmucklos und schlicht baut die Lerche ihr Ziestchen auf dem Erdboden und die Hühnervögel desgleichen. Einen Schmuck edelster A>t hat selbst das kunstloseste Nest aufzuweisen: die Arbell und Sorge des Vater- Thieres, welche die kleine Heimath geschaffen, und die treue, selbstlose, todesmuthige Mutterliebe, die in derselben waltet. Zokales. Gl««»»«» Wohnung hat stets allerhand Verdrießlich- leiten im Gefolge, die nicht so leicht in den Kauf zu nehmen Snd, wie es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. rei davon ist eigentlich nur derjenige Mrether, welcher in ein funkelnagelneues Haus zieht oder in Räume, welche vollkommen neu hergerichtet worden find. Solche Wohnung werden wir schon aus dem Grunde vorziehen, weil fie leer steht und wir somit Gelegenheit haben, den Wechsel ohne jene nervöse Hast vorzunehmen, welche das Gepräge eines modernen Umzugs ist. Muß bleibt immer ein Uebel, bei welchem wir allein den„llasfi- sehen" Trost haben, daß uns sehr viele Schicksalsgenossen darin beschieden find. Schon die Ungemüthlichkeit, welche in einer eben bezogenen Wohnung ihr Heim aufgeschlagen hat, wirkt ad- schreckend auf einen Jeden, welcher Sinn für die Behaglich- leiten des irdischen Daseins verspürt. An den Fenstern fehlen die Vorhänge, in den Zimmern stehen die Möbel wirr durch- einander. Die erste Ziacht schläft man womöglich in einem Chacs von Gegenständen, wobei selbst die Sauberkell, dieses vielleicht beste Attribut des modernen Kulturmenschen, nicht im- mer mit der wünschenswerthen Peinlichkeit gewahrt werden kann. Schon die nächsten Tage steuern diesem Uebel freilich mit aller Gründlichkeit, indem der Ordnungs- finn der Hausfrau schnell übersteht, wohin fie diesen oder jenen Gegenstand zu stellen hat. Dazu gesellen fich aber nun fernere Apfelweins. Inmitten all diese» Jubel» nahm sich das Inserat auS wie ein Mene Tekel. „Donnerstag Vormittag findet die Versteigerung der zur Konkursmasse B. gehörigen Mobilargegenstände statt." Die wenigen Druckzeilen hatten die vielen Menschen hinauSgelockt in das entlegene Häuschen, wie der Leichen- drodem den Schakal der Wüste. Da standen sie im Schweiße ihre» angesichts und lechzten nach den Gegen- ständen, die von Thränen genetzt, von Seufzer« umhaucht waren. Die Uhr der nahen Kirche schlug zehn. Da» HauS blieb noch immer verschloffen. Eine gewisse Erregung be- mächtigte sich der bisher so geduldig harrenden Menge. „ES ist himmelschreiend," sagte mit dünner Simme ein mageres, altes Fräulein,„die Leute so warten zu laffen! WaS man nicht alles erdulden muß!" „Die Auktionen werden mir geradezu verleidet," klagte eine behäbige Matrone, indem sie sich den Schweiß von der Stirne wischte. „Zu Hause liegt mein Kind krank," rief eine Frau. „Ich habe mir die Zeit förmlich gestohlen und werde nun so aufgehalten." „Wer auf Auktionen geht, muß sich mit Geduld wappnen," sagte ein alter, beweglicher Man«, offenbar ein Trödler. Derselben Ansicht ist ein junges Pärchen, da» weder Ungeduld, noch Langeweile empfindet. Hand in Hand stehen sie da, der ehrsame Droguist und seine Braut, die Putzmacherin. Sie haben da» Herz auf der Zunge. Bald kennt die ganze Umgebung ihren Lebens- und Liebeslauf. Er ist so einfach. Sie sahen sich, sie liebten sich und sie verlobten sich. Zum Beweis dessen geben sie sich vor aller Welt einen herzhaften Kuß. „Solch ein Benehmen verstößt doch gegen jede Moral," Mißlichkeiten, welche keineswegs so leicht zu heben find. Nebe«" her laufen aber noch viele andere Angelegenheiten, welche»evi dirt werden müssen. In der früheren Wodnung wußte die Hausfrau ganz genau, wo fie in der Ztähe am besten und dilligsten einkaufen konnte. Das soll fie nunmehr wieder von neuem mit langer Praxis ergründen. Wenn schulpflichtige Kinder vorhanden find, mehren fich die Leiden. Entweder müssen fich die Kleinen, und das ist bei zartem Alter in einer so großen Stadt keineswegs gering anzuschlagen, erst an den neuen Weg gewöhnen, oder die Entfernung ist sogar so groß, daß fie erst in einer andern näheren Schule untergebracht wer» den müssen. Mann und Frau haben die gleiche Noth in solcher Lage; Wochen vergehen, bis die Schwierigkellen sämmtlich de« hoben find. Z« gleich deutlich«« Ausdruck gelangen die heiteren wie die düsteren Seiten Berlins an den Anschlagsäulen. Da reihen fich in buntem Kranz die Theateranzeigen aneinander» welche dem Leser künstlerischen Genuß oder doch fröhliche Unter« Haltung versprechen, und in gleicher Abstufung gesellen fich hierzu die Ankündigungen von Konzerten, vom wirklich vornehmen, das ein andachtsvolles Publikum verlangt, bis zu jenen Aufführungen, bei denen die»ehnle Muse ihr zwar lustiges, aber doch recht leichtfertiges Wesen treibt. Daneben erblicken wir die Anzeigen der öffentlichen Balllokale, womit wir allerdings von den heiteren Seiten der Weltstadt schon in die Nachtseiten derselben gerathen. Denn so prunkvoll die Säle ausgestattet find, so hell ihre gold« blitzenden Pfeiler und Decken im Strahle des elettrischen LrchteS erglänzen, und so ausgelassen das Lachen und Gläserllirren er» tönt, welch' tiefes Elend ist unter dieser schimmernden Außen» seile verborgen! Die Gesichter strahlen vor Uebermuth, aber welch' furchtbare Oede gähnt im Innern, wie bittere Verzweiflung klingt manchmal durch das schrille Lachen hindurch, und im Herzen manches der jungen Leute, die fich geberden, als ob die Welt ihnen gehöre, als ob für ihr leichtfinnig verstteutes Geld Alles feil sei, nagen heimlich die Gewiffensqualen, wächst höher und höher die Furcht empor, die fich nicht mehr will hin» wegschwemmen lassen durch die immer vermehrten Trankopfer. In viel innigerem Zusammenbange, als die meisten ahnen, stehen oft diese prunkenden Ballanzeigen, die immer neue Lockungen erfinnen, mit jenen kleinen unscheinbaren Anschlag» zetteln, in denen es heißt:„Kehre zurück! Alles soll vergeben und vergessen sein!" Welche Tragödie ist oft von so wenigen Worten umschloffen! Wir sehen ein Elternpaar in verzehrendem Kummer. Ihr Sohn, der Stolz ihrer Herzen, von dem fie große Dinge und eine fichere Stütze für ihre alten Tage er» warteten, er ist auf adschüsstge Wege gelangt, auf denen kaum noch ein Hallen ist. Aber das Eitemderz ist von unendlicher Güte und weiß zu verzeihen auch dort, wo das unerbittliche Gesetz nur harte Strafe kennt.„Uederfahrt von Bremen und Hamburg nach New- Kork" lautet neben jenem Zettel ein Riesen» plakat, und das ist der Weg, den fie den Verirrten schicken werden, wenn ihn Scham und Reue zurücktreiben in das Elternhaus, wenn er nicht bereits gänzlich verloren ist. Gleichziltig blicken Hunderte und aber Hunderte über solchen Angstruf hinweg, um mit desto lebhafterem Interesse das Auge auf dem benachbarten Zettel hasten zu lassen, der ein paar hundert oder gar tausend Mark Be- lohnung demjenigen verheißt, der zur Wiederentdeckung wertbvoller gestohlener Güter verhilft. So Mancher mit knurrendem Magen und abgetragenem Rock kann fich nicht trennen von der Anzeige, mit derem Preise, wie er meint, ihm für immer geholfen wäre. Man beobachte einmal solchen armen Teufel: mit leisem Seufzer reißt er sich endlich los von dem verlockenden Anblick, um weiter zu schlendern, aber schon bei der nächsten Anschlagsäule bleibt er wieder stehen, um abermals den Zettel zu studiren. Tausend Mark, ja, wer die hätte! und argwöhnisch mustert sein Auxe die Umstehenden, ob nicht auf einen derselben das Signalement der muthmaßlichen Thäter paffe. Manchmal fteilich kann man nur mit Schaudern diese Zettel betrachten, in dem Falle, wo fie von furchtbaren Verbrechen wider das Leben melden. Da drängen fich immer erneute dichte Haufen um die Säule hin und wieder übernimmt wohl einer das Amt des Vorlesers, damit auch die ferner Stehenden schnell von dem Ungeheuren erfahren, und mit jenem Gemisch von Neugier und Grauen, das in der Seele vieler Menschen leicht erweckt ist, lauschen Alle dem schlichten und doch so furchtbar deutlich redenden Berichte. D»r vom Gnellenfinder de» Admiralsgartenbade» neu entdeckten Soolquelle auf dem Hofe des Hauses Alexander« platz 3 dürfte nach einer Reportermeldung bald eine zweite auf demselben Grundstücke folgen. Bohrversuche werden etwa 20 Fuß weit von der ersten Stelle gemacht und es soll mit Sicherhcll anzunehmen sein, daß auch hier Soole gesundem werden wird. Das Waffer der ersten Quelle wird vom Bohr- loch aus mittelst Röhren herausgeleitet und läuft in der Stärke eines Mannsarms in den Kanaltsationsschacht ab, bis der Bau hört man die dünne Stimme des alte«, mageren Fräulein» entrüstet rufen. „Nicht neidisch sein!" brummt der Trödler.„Wir waren doch Alle einmal jung." Diese Bemerkung scheint das alte Fräulein sehr zu ver- drießen, welches zweifellos annimmt, daß es nicht nur juvK war, sondern auch noch jung ist. Plötzlich geht eine Bewegung durch die Menge. Die Thür des Hause» wird geöffnet. Alles drängt dahin. Durch einen hübschen, breiten Flur geht'S in ein große» Vorderzimmer mit prächttgen Tapeten und reich verzierter Stuckdecke. Das Zimmer ist vollständig ausgeräumt. Nur einige rohe Bänke und Stühle sind in Reihen für da» Publikum aufgestellt. Eine große Flügelthür führt nach der Nebenstube. Diese gleicht einem Möbelmagazrn. Die Gegenstände, welche veräußert werden solle», sind zum größten Theil darin untergebracht. Die Stube schien bisher als Speisesaal gedient zu haben. Ein großes Büffet deutet darauf hin. Zn der auSgehobenen Flügelthür ist der Länge nach ein Tisch aufgestellt. An diesem Tisch soll die Auktion vor fich gehen. Der ausgeräumte Salon ist bald vom Publikum ange» füllt. Vornan nehmen die Personen Platz, die sich bereit» draußen bemerkbar gemacht haben. In der Nebenstube sieht man den Gerichtsvollzieher und de« Ausrufer hin- und hergehen. Zuweilen bleiben sie in einer Ecke hinter dem Büffet stehen, von wo au» man unterdrücktes Schluchzen vernimmt. Wer zur Seite sitzt, jener Ecke gegenüber, der kann die Personen erblicken. mit denen die Gerichtsdiener fich unterhalten. Ein Mann ist es und ein Weib, beide jung, beide schön. Der Mann sieht tiefbekümmert vor sich hin. Seine edlen Züge sind matt und abgehärmt. Mit einer gewissen Apathie be- antwortet er die Fragen des Gerichtsvollziehers. Das Weib des auf dem Hofe dieses Grundstückes zu errichtenden Bades, deffen Mauern bereits über den ersten Stock hinausgediehen, »ollendet ist. Es soll acht Monate langwieriger und mühevoller Arbeit bedurft haben, um die Quelle zu fördern. Bis zur Tiefe »on 244 Meter mußte mittelst Diamantbohrers gebohrt werden, ehe ein Erfolg festgestellt werden konnte. Die goldene Kundeetsrh« macht nicht nur bei Ge- schast. leuten Schule, sondern akademisch gebildete Personen, welche sich berufen fühlen, das Volk durch Zeiwngslettüre zu belehren, folgen ihrem Beispiel, wie folgendes Inserat, welches wir einem Äuchdruckerfachdlatt entnehmen, deweist. Daffelbe lautet: „Redakteur sucht e. Stelle: Dr. pbil., der einst studiert Volks wirtsch. u. neu're Sprachen, der mit Schwung d. Feder führt(Leitartikel, Plaudereien); der als Knad' Korrettor schon, der d. Winkelhaken schwinget(eines Druckherrn jüng'rer Sohn): unter all' d. Federvieh ein Universal- Genie!— Verslein, mache mir Rellame! Eduard Müller ist mein Name, und Nordhausen j.tzt mein Wohnort, 23 Petersderg dort." Wir wiffen nicht, was höhere Bewunderung verdimt, daS �Universalgenie" oder die Zeitung, welche fich deffelben Colchicum autumnale L., die auf feuchte« Miefe« Kud- und Mittel- Deutschlands häusig, in Nord- deulschland seltener wild wachsende Herbstzeitlose ist eine unserer «efährllchsten Giftpflanzen, wie der Botaniker eines Berliner Gymnastams vor wenigen Tagen hat erfahren muffen, als er nach dem Aufritzen der Kelchröhre durch den Daumnagcl— wahrscheinlich um die Werkzeuge der Befruchtung zu zeigen— sein Butterbrot aß und eine volle stunde ohnmächtig im Kon- ferenzzimmer liegen blieb; die geistige Tdätigkeit war für den ganzen übrigen Tag, trotz ärztlicher Pflege, aufgehoben. Da noch immer einzelne blühende Pflanzen auf unseren Wiesen vorkommen, glauben wir, dieselben ein wenig genauer beschreiben zu sollen. Sie gehören zu den Lilienblüthigen(Li'iaeflor»1;- Uelanthaceae oder Colchi aceae), sind also Zwiebelpflanzen mit trichtcrlöcmigem farbigem Kelch(Perigon), fleischrothen oder hellpurpurfardigen, auch einfach und gefüllt weißen und gefüllt purpuirothen Blüthen krönen(in den Gärten) und sehr langer Kelchröhre. Die Blätter erscheinen erst im Frühjahr und find spitz, briit- lanzettlich. Die Zwiebel enthält dos Alkoloid Col- chicin und dring: gekaut durch ihre ätzende Schärfe Brennen im Schlünde und reichlichen Speichelfluß hervor. Das Kraut muh bei der Heuernte ausgesucht werden, denn daffelbe ist dem Rindvieh sehr schädlich und die mit Futtergräsern adgcmäbten Fruchlstcngel und Blätter haben schon mancher Kuh den Tod gebracht. Die von Südveutschland in Norddeutschland in ganzen Wagenladungen eingeführten Zwiebeln wurden s. Z. viel zur Bierverdreitung verbraucht. Die Zeitlose war schon den Alten bekannt und wurde auch Ephemer on(vergänglich, nur einen Tag da ernd) genannt, well man überzeugt war, daß derjenige, weicher eine Zwiebel effe, an demselben Tage sterben müffe. ■Colchi« a veneria der Alten habe von dieser Pflanze den Namen. Zwiebel und Samen(Radii et semina colchini) gehören seit langer Zeit zu den schärfsten Heflmitteln gegen Gicht und Waffelsucht; daß aber auch die Kelch-(Perigon-) Röhre mit Fruchlboden, Griffel und Staubgefäßen so stark wirken können, wie oben berichtet wurde, dürfte noch ziemlich unbe- kannt sein. „Der Kirnt verdirbt de« Charakter", sagt eine Brochure, welche im Reiche der vier Wenzel eine ungeheure Erregung hervorrufen würde— wenn die Skatbrüder überhaupt lesen wollten. Aber ste lesen eben nicht, sondern spielen nur und vergeuden ihre Zeit, und das ist es, was ihnen die Brochüre von„Frau Anna und Dr. Heinrich Fränkel" zum Vorwurf macht, indem fic einfach, wie das„Kl. I." bemerk», registrirt:„fliach unseren in allen Thcilen Dcurschlands gesammetten Erfahmngen wird gegenwärtig vom deutschen Volk in seiner Gcsammtheit mehr Zeit auf's Kartenspielen als auf's Lesen von Büchern ver- wandt" Wir nehmen zur Ebre des deutschen Volkes an, daß Herr Dr. Fränkel und Frau Anna fich„verzählt" haben, was ja bei einer so großen Zahl, wie es die der Einwohnerzahl Deutschlands ist, sehr leicht möglich ist. Wir halten auch die Beiü'chiung des Autor-Ehepaars für übertrieben, daß„der Skat den Charakter verdirbt." Es ist dieses Angstwort dem von der Poliirk, die ebenfalls„den Cbaiatter verderben" soll, zu sehr nach- gedtlder, um noch Effekt zu erzielen. Was soll nicht noch Alles den„Charakter verderben!" Die Poliük, der Skat, das echte Bier, daS Kegelspiel und wer weiß was sonst. Nein, so weit braucht man nicht zu gehen. Aber unbestreitbar scheint uns in der Tbat, daß der Skat die Mußestunden eines großen Thclls der„Ge- k> lveten" in einem dem Kartenspiel niemals einzuräumenden Grade, in einem bedrohlichen Maße ausfüllt, bedrohlich darum, weil das Kattenspiel jedes Jntcreffe an geistiger Ausfüllung der Mußezeil, an Pflege der Geselligkeit, Veredelung des Ledens im Hause zastöien kann. Das Aulorpaar leitet seine geharnischten Angriffe gegen das Kartenspiel mit folgender wirksamer Kenn- zeichnung der„Skatfexe" ein:„In Dresden fand vor cintgm Monaien der dritte deutsche Skatkongreß statt. Zur Feier des Tages machten die Theilnebmcr u. a. nach acthaner„Arbeit", d. h. nachdem man viele Stunden lang Skat gespielt, eine Rundfahrt durch den„Großen Garten"— mit Staunen sahen die Dresdener, wie die eifrigsten der Spieler während des Fah- rens Skat spielten, ohne rechts oder links zu blicken. Am Abend fand im Restvcnz Theater zu Ehren der Skatbrüder eine Fest« vorstellur g statt— die Ehrengäste aber saßen im Foyer und spielten Skat." Die Feinde des übermäßigen Kartenspiels können hat einen Ausdruck des Stolze» in dem schönen Antlitz. Von Zeit zu Zeit preßt sie ein Taschentuch vor die Augen und ein konvulsivisches Beben zuckt durch die hohe, üppige Gestalt. „Ella, ich flehe Dich an, schone Dich!" ruft ihr der Gatte schmerzvoll zu.„Bedenke Deinen Zustand! Komm' hinauf, nach oben!" „Nein," schluchzt sie,„ich will Abschied nehmen von all den lieben Gegenständen, die meine Freude bildeten. Ich will sehen, in wesien Hände sie gerathen." „Sie werden Dir verbleiben, Ella. Dein Bruder wird eben jetzt mit dem Zug gekommen sein. Er wird alles für uns-- für Dich zurückkaufen. Deshalb martere Dich nicht umsonst! Denke an Deinen Zustand! Denke an ,.O unser Kind!" seufzt sie.„ES wird als Bettler in die Welt eintrete«. Möchte doch die Stunde seiner Geburt mir den Tod bringen!" „Ella!" Er stieß eS bebend hervor. DaS Wort enthielt Schmerz, bittere Klage, Selbstvorwürfe, wilde Verzweiflung. Sie wurde von Mitleid ergriffen und reichte ihm die Hand. -„Arthur, verzeih' mir! Ich bin so unglücklich! Ich weiß nicht mehr, was ich rede. Aber eines weiß ich. daß Du mich liebst und daß alles, waS Du gethan hast, aus Liebe zu mir geschah." „Ella!" DuseS Mal drückte eS Zärtlichkeit und Dank aus. Die Thränen der beiden Gatten fließen. Ach, welche Zeit lag hinter ihnen!— Die Liebe hatte sie zusammengeführt. Ihr HochzeitS- fest war emeS der schönsten und glänzendsten gewesen, welche je in der Stadt gefeiert wurden. Die Ausstattung ihrer Häuslichkeit entsprach dem Feste. Sie war reich und ge- aus solchen Vorgängen sehr leicht das Uttheil fällen, daß die Skatfanatiker wirklich jeden Sinn für Natur- und Kunst- frcudcn verloren haben, abgesehen davon, daß die Veranstaltung von Skatkongreffen wie eine Verhöhnung des Kongrcßgedankens sich darsteM. Zuli tzt werden wir noch„Kongresse von Mühlen- intcreffenten" fich breit machen sehen, d. h. nicht von kundigen Müllern etwa, sondern von solchen Leuten, welche„Mühle ziehen". Erstaunlich ist es nun und beschämend zugleich, daß wirklich ernsthafte Berufsmer.schen fich zu solchem Unstnn, wie es ein„Skatkongreß" ist, dereit finden. Der Zufall selbst hat ja diesen Unfinn dadurch ironifirt, daß der preisgekrönte Skat« meister ein— Gimpel war. Unser größter Dichter und Denker hat das Spiel als Sclbstzeugniß der Geistesarmuth dezeichnet. Dem entgegen steht zwar das Beispiel Kant's, der auch Karten spielte und ttäs Kartenspiel anderen empfahl, aber quod licet Jovi non licet bovi, oder in diesem Falle, was bei einem Geist wie Kant ein Ausruhen des Geistes dedeutet und für weitere Arbeiten tüchtig macht, das nimmt den Geist eines mittel- mäßigen Menschen ganz in Anspruch und spannt ihn ab, so daß ein solcher oft an seine Berufsarbetten mit zerfahrenem Sinn, mit Unlust geht. Für alle diejenigen überhaupt, welche fich am Tage geistig beschäftigen, mag ein Stündchen, beim Karten« spiel zugebracht, als Erholung bettachtet werden, für alle dagegen, welche prattischen Berusszweigen angehören(und darin geben wir der erwähnten Brochüre Recht), für alle Kaufleute, Gewerbetreibende, die große Mehrzahl der Beamten rc. giebt es angemessenere Abwechskung zur Erholung in den Mußestunden, als das unaufhörliche Kartenspiel, welches bis in die Nacht- stunden hinein währt.— Jene Broschüre dezeichnet die Skat- sucht als, Kartenpest" und behauptet, daß alle Kreise von ihr befallen find. Einem Nicht- Skatspieler muß es allerdings de- fremdltch erscheinen, daß beinahe überall, wohin er geräth, die Frage an ihn gerichtet wird, sobald es fich darum handelt, ein Abendstündchen zu verbringen:„Sie können doch Skat spielen?" Als gehöre es durchaus zur Bildung der Zeit, die Skatgeheim- niffe zu kennen. Die vier Wenzel find die vier Elemente der Geselligkeit geworden. Eine andere kennt man in gewissen Kreisen nicht mehr. Die„ästhetischen Thees", die mufikalisch- deklamatorischen Abcnduntcrhaltungcn kennt man nicht mehr. Dafür lädt man schon ganz direkt zum„Skat" ein. Es giebt „Bier-Skat",„Thee-Skat",„Kaffee-Skat"; wir find nicht mehr weit davon enfem», daß die Konfirmanden und Konsir- mandinnen fich zur Feier des Tages einen Skat leisten. Was ist aber auch unter solchen Umständen aus einer„Abendgesellschaft" von heute geworden! Kaum ist die obligate„Abfütterung"(wie ganz im Geheimen die Erweisung der Gastfreundschaft genannt wird) zu Ende, so zichm fich die Herren zum Skat zurück. Die Damen müssen die Zeit nach dem Effen, bis es den Herren gefällig ist, das Kattenspiel zu lassen und fich von den„Reizen" des Spielteufels loszumachen, mit den banalsten Gesprächen zubringen. Die Broschüre sagt nicht mit Unrecht:„Wenn wir die sogenannte„Geselligkeit" unserer heutigen„Gesellschaft" ansehen, dann möchten wir doch unsere Großettcrn um die vieloerspotttten„ästhetischen Thees" ein wenig beneiden. Unser ganzes Leben ist rercher und wetter geworden.... Die Eisenbahnen und Dampfschiffe haben uns die ganze Welt erschlossen und weite Reisen zur Gewohnheit aller nur einigermaßen Bemittelten gemacht, aber das alles hat unsere Geselligkeit nicht bereichert, weil in derselben Zeit das Karlenspiel seinen ficgreichen Einzug in die„Gesellschaft" ge- hatten und die Genoffenschaft der Skatbrüder, die weder nach Gatten-, noch nach Vater-, noch nach Unterhaltungspflichten fragen, zum henschenven Element in derselben gemacht hat." Diese Streitschttst enthält, wie man steht, vieles Beherzigens- werthe, aus dem derjenige, der noch höhere Pflichten der Ge- sclligkeit, als Kartenspielen kennt, die Nothwendiakcit bestätigt findet, daß der Skat— entthront werden muß. Aber es wirv wahrscheinlich nicht viel nützen, wenn die Skatbrüder so mächtig geworden. Afrika«ud die Zivilisation. Unfern Kolonialschwär- mern könnte man folgende Skizze ins Stammbuch schreiben: Ein großer starker Mann, in eine Uniform gekleidet und bis zu den Zähnen bewaffnet, klopft an die Thür einer Hütte an der Küste von Attila. „Wer bist du und was willst du, Mann?" fragt eine Stimme aus dem Innern der Hütte. „Im Namen der Ziottisalion öffne die Thüre deiner Hütte, sonst stoße ich ste ein und jage dir Blei in die Ein- gewcide." „Ader was willst du denn hier?" „Mein Name ist europäische Zivilisation. Rede darum nicht wie ein Narr, du schwarzes Weh; was glaubst du, wofür ich hier bin und was ich verlange? Was sonst, als dich zu zivilifiren und ein vernünftiges menschliches Wesen aus dir zu machen, wenn so etwas möglich ist." „Was willst du thun?" „Zuerst mußt du dich wie ein Weißer kleiden. Es rst eine Sünd' und Schand', so herumzulaufen, wie du, thust. Von jetzt an mußt du Unterkleider tragen, ein Paar Hosen, eine Weste, Zylinderhut— was man eine„Angströhre" nennt— und ein Paar gelbe Handschuhe. Ich werde dir dieselben zu mäßigen Preisen liefern." „Was soll ich damit thun?" „Sie trägen, selbstverständlich; du glaubst doch nicht, daß du fic essen sollst? Oder? Der erste Schritt in der Zivilisation ist, paffende Kleider zu tragen." „Ader es ist hier zu heiß, solche Kleidung zu tragen. Ich schmackvoll. Aber daS Vermögen entsprach der Ausstattung nicht. Die Einkünfte reichten kaum hin, um Ella'« Toilette zu bestreiten. Da hatte denn Arthur, der dem geliebten Weibe keinen Wunsch versagen mochte, sich in Spekulationen � ES war da« alte Lied. Zuerst lächelte ihm da« Glück. Infolge deffen hielt er sich für unfehlbar und erweiterte seine Wagnisse ins Unberechenbare. Da trat der Umschwung ein. Verlust folgte auf Verlust, bis eine« Tages das Un- abwendliche über ihm zusammenschlug, wie die Wellen über dem Ertrinkenden. Ella hatte keine Ahnung von den Kämpfen, welche er bestand. Als etwas Selbstverständliches hatte sie die tausend Aufmerksamkeiten hingenommen, mit denen er sie über- schüttete. Ihr leichter Sinn hatte nie nach dem Woher ge- fragt. Um so grausamer empfand sie den Schlag, al« sie der Entbehrung, der Armuth, der Roth ins mitleidlose Ant- litz schauen sollte. Die häßlichen Formalitäten des Elends flößten ihr Entsetzen ein. Als die Gerichtsdiener die Siegel anlegten, war sie in Ohnmacht gefallen. Und warum mußte sie das alle« erdulden? Weil sie die Gattin dieses leichtsinnigen Mannes war, dieses Mannes, der ihr die Wahrheit verheimlicht, der sie getäuscht hatte. Ein Gefühl dcS Hasse« gegen ihn war in ihr emporgestiegen. Doch bald erwachte die Liebe wieder, als sie ihn leiden sah, leiden um ihretwillen. Und nun suchte sie mit verdoppelter Zärtlichkeit wieder gut zu machen, waS sie ihn zuvor hatte büßen lassen. Heute aber, als das Schrecklichste ihr bevor- stand, als die einzelnen Bestandtheile ihre« Heim» zerpflückt werden sollten, wie die Blätter einer Blume, al« selbst die Kinderausstattung, die sie vorsorglich für da« noch Unge- borene hergestellt, wildftemden Menschen in die gierigen Hände fallen sollte-- heute war die mühsam errungene Fassung wieder verschwunden und sie gab sich von neuem dem Schmerze, der Verzweiflung hin. bin daran Nicht gewöhnt. Ich werde durch die Hitze zu Grunde gehen. Willst du mich denn tödten?" , n,mn bu stirbst, wirst du die Genugthmmg haben, ein Märtyrer der Zivilisation zu sein." „Du bist sehr freundlich." „Erwähne deffen nicht. Sag, womtt gewinnst du deinen Ledensunl erhall?" _„W.nn ich hungrig bin, effe ich eine Banane. Ich esse, trinke oder schlafe, jult wie es mein Bedürfniß erheischt. „Welch' schreckliche Barbarei!" „Warum das?" „Du mußt dich zu einem Geschäfte bequemen, mein Freund. Wenn nicht, dann muß ich dich als Vagabunden einsperren." „Wenn ich ein Geschäft betreiben muß, so werde ich ein Kaffeehaus eröffnen. Ich defitze eine große Quantität Kaffee und Zucker." r„O, du hast? Hast wirklich? Ei, da bist du ja kein so hoffnungsloser Gesell, wie ich dachte. Vorerst hast du mir 50 Dollars zu zahlen." „Wofür?" „Als Eigenthumssteuer, du unverständiger Heide. Glaubst du vielleicht, daß du all' die Segnungen der Zivilisation umsonst bekommst?" „Ader ich habe kein Geld." „Das macht keinen Unterschied. Ich nehme es heraus in Kaffee und Zucker. Wenn du nicht bezahlst, so stecke ich dich in's Gefängniß." „Was ist Gefängniß?" „Gefängniß oder Zuchthaus ist ein Fottschrtttswort. Du mußt bereit sein, der Zivilisation einige Opfer zu dringen. Ver- stehst du?" „Wejch' große Sache ist doch die Zivilisation!" „Du kannst unmöglich ihre Wohlthaten begreifen, du wirst es aber, noch ehe ich mit dir fettig bin." Der unglückliche Eingeborene floh in die Wälder, und man hat seitdem nichts mehr von ihm gehött. Herr Heinrich ysnikorp beschäftigt fich jetzt wieder mit großen Plänen. Er deabficktigt, in Spandau nicht nur einen umfangreichen Komplex von Wohngedäuden zu erttchten, sondern er will auch ein Waffcrwcrk und eine Straßenbahn in Spandau „gründen". Für l.-tztere Unternehmen habe er, so ließ er dieser Tage oerbreiten, vom Magistrat eine Konzesfion zur Vornahme von Vorarbeiten erhalten. Herr Bürgermeister Koelye bezeichnete diese Behauptung in der letzten Stadtverordnetenversammlung als falsch. Von einer Konzesfion, so erklärte er, könne gar keine Rede sein. Herr Quistorp bade zwar eine Anftage betreffs der erwähnten Projekte an den Magistrat gerichtet, es sei ibm jedoch erwidert worden, er solle vorerst Anschläge einreichen. Die Aus- führung von Vorarbeiten könne na ürlich Herrn Quistorp nicht verwehrt werden. Um de« Zugmiderstand htv Pferdeeilenbahn- «ragen, der besonders beim Anziehen der Pferde fich geltend macht und zur schnelleren Abnutzung derselben beiträgt, festzustellen, find neuerdings von den Ingenieuren der Großen Bor« liner Pjerdeeisenbahngesellschaft eingebende Versuche angestellt worden. Es wurde dazu in der Werkstatt des Gesundbrun- nens über einen Normalschtenenstrang ein festes Bockierüst er« ttchtet, das in der Milte eine Sellrolle von 100 Millimeter Durchmesser trug. Die Auflage derselben entsprach der durch» schnittlichen Höye der Geschirrlage an der Brust des Pferdes, und wurde dies Hanfsell in paffender Weise an dem Wagen befestigt, so daß dieser bei den Zugversuchen jedesmal an- nähernd unter demselben Winkel gezogen wurde, unter welchem die Bespannung in Wirllichkeit den Wagen in Bewegung zu setzen hat. Von den so angewandten Wagen haben die Deck« fiywagen ein Gewicht von 3120 Kilogr., die anderen Zwei« spännerwagen(Mettopolitan) von 2590 und die Einspänner« wagen von 1780 kg. Die bisherigen Versuche stellten»mar noch schwankende Ergebnisse heraus, berechtigten aber zu der An« nähme, daß bei vollständiger Belastung die Wagen erster Klasse eine Zugkraft von mindestens 136 kg, die der zweiten Klasse von 72 und die der dritten Klaffe von 53 kg beanspruchen. Vergleichsweise nimmt der Zugwidetttand in geradem Verhätt- niß zu dem Gewicht der Wagen ab und steigt selbstverständlich die von den Pferden aufzuwendende Kraft, um den Wagen von der Ruhe in Bewegung zu setzen, je nach der Schienenlage. so« wie in hohem Grade auch bei den Hindernissen, die Nässe, Schnee und Eis dem Anziehen der Pferde entgegensetzen. Wie die„Nat. Ztz." noch hört, ist auf einzelnen Linien der Pferde« eisendahngesellschast eine neu konstruttte Avtiiebsoorttchtung in Betrieb gesetzt worden, die zur Erleichterung des Anziehens der Pferde überraschende Resultate aufweist. Es besteht dieselbe in einem mit den Achsen dertzRäder verbundenen eisernen Apparat mit beweglicher Zugstange. Di» vtrlcvtnt Tournnre. Dieser Tage schritt ein junges Mädchen, stolz wie ein Spanier, die T.-Sttaße entlang. Eine mächtige Toumure„ziette" ihren Hinteren Menschen, der dadurch fast das Aussehm eines Kameelhöckers hatte. Den Spuren der jungen Dame folgte ein Herr, jedoch nicht er« rölhend, sondern aus vollem Halse lachend. Und was war's, was seine Hitterlett so erregte? Besagter künstlicher Höcker, welcher anscheinend mit Sägemehl gefüllt war, mußte einen Riß bekommen haben, denn wie Sand einer Sanduhr aus einem Glas in das andere, so riesette aus ihm sein Inhalt hervor, den Weg des Mädchens bezeichnend. Doch nicht genug damit; plötzlich verschwand auch der Höcker, um gleich darauf als „kunstvoll" fabrizirte Tournüre auf dem Trottoir zu erscheinen. Jetzt stand sie da, für einen Augenblick die Wirklichkeit vergessend. Der Gerichtsvollzieher machte ein gelangweiltes Geficht, während der Ausrufer ihm spöttisch zunickte. „Fangen wir an!" sagte der erstere. Bei diesen Motten fuhren die Gatten auf. Die grau« same Wirklichkeit trat wieder in ihre Rechte. „Ich bitte, Herr Gerichtsvollzieher," rief Atthur mit flehendem Tone,„warten Sie nur noch eine Viertelstunde! Der Bruder meiner Frau hat un« seine Herreise angezeigt. Der Zug muß schon eingetroffen sein." „Nun wohl," war die Antwott,„auf eine Viettelstunde soll eS mir nicht ankommen, obgleich da« Publikum bereit« ungeduldig wird." In der That, die Bietlustigen begannen zu murren. Einige schwangen sich sogar zu der Drohung empor, sofott daS HauS zu verlassen, wenn man sie noch länger an der Nase herumführen wolle. Die Viettelstunde verstrich. Der Bruder Ella'S er« schien nicht. „Ich kann nicht länger matten," sprach der Gericht?« Vollzieher. Arthur schwieg. In dumpfer Ergebung saß er da. Der Ausrufer nahm verschiedene kleine Gegenstände zur Hand. „Bitte, beginnen Sie doch lieber mit dem Kaffeeservice!" rief das magere alte Fräulein. „Wir sind keine Kaffeeschwestern, die mit Kaffee an« fangen und aufhören." witzelte der Ausrufer. Dann pries er dem Publikum die Gegenstände an, welche er in der Hand hftzlt. Es waren die« ein Handschuhkasten aus rothem Sammet, ein Arbeitstäschchen von gesticktem Maroquinleder und eine Bonbonniere auS rosa AtlaS. (Schluß folgt.) In demselben Augenblicke verschwand auch daS junge Mädchen hinter einer Hausthür- Da schellte es an derselben und als ge< öffnet wurde, stand jener Herr dort, einen Gegenstand in der Hand haltend. Mit züchtigen, verschämten Wangen sah er die Jungfrau vor sich stehen und überreichte ihr mit verbindlichstem Lächeln das verlorene„Verschönerungsstück". Ein �Aufschrei seltens des Mädchens und dann flog die Thür heftig äns Schloß. Der Tournurenfinder aber schritt lachend seines Weges. Mäthf-t können mit der Zell unrathbar werden, well die Gegenstände, auf welche fie fich beziehen, im Lande außer Ge« brauch kommen. Mir fiel dieser läge, schreibt ein Mitarbeller der„Nat.- Ztg.", ein altes Zellungsblatt in der Hand, in dem ein Liebhaber und Sammler von volksthümlicher Spruchpoefie u. a. auch eine Anzahl von Räthseln mittheilt, die er unter mecklenburgischem Landvolk gesammelt hat. Davon lautet eines:. � „Sie schinden mich, fie schaben mich, Sie schneiden mir den Kopf ad, Sie geben mir was zu saufen, r Und lassen mich wieder laufen." Ein anderes heißt: „Des Tages Hab' ich nichts zu thun, Man läßt mich in dem Winkel ruh'n; Des Abends, bricht die Nacht herein» Dann schluck' ich Feuer und Flammen ein." Unsere Kinder können beide Räthsel nicht mehr errathen. Wir Aelteren, wenn wir uns auf unsere Jugend zurück- befinnen, kommen noch dahinter, daß bei dem einen die Auf» lösung lautet:„Die Gänskpose, bei dem anderen:„Die Licht- putzschccre." Di» austrckeude Augenkrankheit, du ch welche, wie wir berichteten, die Schüler eines Berliner Gymnastums heim- gesucht wurden, ist auch in anderen Städten aufgetreten. So meldet die„Weserzellung" aus Itzehoe vom 27. September: „Das Auftreten der eghptischen Augenkrankheit in verschiedenen Klassen der städtischen und privaten Schulen in Itzehoe hat deren Schließung zur Folge gehabt. Dieselbe Krankheit ist auch unter den Schülern des Meldorfer Gymnastums ausgebrochen. In den vier unteren Klaffen ist bereils über die Hälfte der Kinder von dieser Krankheit befallen." Wah'.scheinlich wird es fich auch dort wohl nicht um die eigentliche„egyptische Augenkrankheit" bandeln, sondern um dieselbe endemische Augenentwndung, wie bei den Schülern des Berliner Joachimthalsä-en Gymnastums. Die«uthmafftiche« Thäter eine» Ginbmchsdieb- ftahl», welcher am letzten Freitag in dem Hause G-üner Weg Nr. 70 begangen wurde, find in den Personen zweier vorde- strafter„Arbeiter" verhaftet worden, desgleichen eine der Hehlerei beschuldigte in der Pallisadenstraße wohnende Frau S. Ter Einbruch war in der Wohnung des Mchihändlers Hensel de- gangen worden; die Diebe hatten zwei goldene Ketten, eine goldene Uhr, ein goldenes Arinband, eine Granatspange, eine Elfenstein brocke und andere Wetthsachen, sowie eine Summe daaren Geldes erdeutet. In Krbenvgefahr schwebten Sonntag Nachmittag drei Personen aus dem Zeuthener See bei Hankel's Ablage. Der Inhaber eines Segelbootes war mit einer Dame und einem Herrn auf einer Fahrt begriffen, als sich gegen 3 Uhr ein ungünstiger Wind erhob. Das Fahrzeug befand fich gerade in der Mitle des Sees und flog in der Richtung mit dem Winde pfellschncll dabin. Plötzlich wurde es in andere Linie gedrängt, legte stch zur Seite und wurde so schnell mit Wasser gefüllt, daß es augenblicklich zu finken begann. Die drei Insassen hielten stch mit aller Kraftanstrenaung über Masser: die Dame hatte soviel Gelstcsgegenwatt, fich an der aus dem Waffer ragenden Mastspitze festzuklammern, während fich die beiden Herren durch Schwimmen retteten. Ihr Hilferuf machte sofort einige Boote vom Ufer aus flott; die mitverunglücklen Herren bestiegen selbst ein Boot und eilten zur Rettung ihrer Leidens? gefährtin herbei, sodaß diese glücklich ans Land gebracht werden konnte. Die Hebung des Segelbootes dauerte bis zum Abend. Wie der durchgegangene Hausdiener Letta er- wischt wurde, lesen wir im„Oscherelebener Kreis blalt" in einer Korrespondenz aus Haderslcben, 22. September:„Bor einigen Tagen lief die Nachricht durch die Zeitungen, der Hausdiener Fetta aus Berlin sei mit 5000 M., die ihm sein Herr zum Umwechseln übergeben, durchgegangen und in der Richtung nach Magdeburg entwichen. Fetta muß von dort aus den Weg nach Hadersleben, wo er vor längerer Zeit zwei Jahre lang gearbeitet hat. eingeschlagen haben; denn am Donnerstage der vergangenen Woche kam er zu einem Aufseher der hiefigen Zuckerfabrik und bat um Aufnahme als Arbeiter. Kurz darauf fiel dem betreffenden Aufseher ein Zeitungsblatt in die Hände mit der Eingangs erwähnten Notiz. Er benachrichtigte natürlich sofort den Amtsvorsteher. Dieser begab fich mit dem Amtsdiener zur hiefigen Verpflegungsstation und erhielt dort zur Antwort, der Fetta sei allerdings hier in Verpflegung, bade sich aber gerade dem Leichenzuge des hinter Potsdam verunglückten und zur Be- erdigung hierher übergeführten Schaffners L. von hier angc- schloffen. Fetta ging neben den Angehörigen, trug tiefe Trauer zur Schau, soll sogar am Grabe um den Verstorbenen wie um einen guten Freund geweint und fleißig beim Zuwerfen des Grades geholfen habm. All' dies Gedahren errettete ihn nicht vor dem drohenden Verhängniß. Er wurde gleich darauf im H.'schen Gallhause bierseldst verhaftet. Bei der Untersuchung fand man nur 35 M. bei ihm vor. Auf Befragen, wo er das andere Geld habe, gab er an, in Berlin beraubt zu sein. Es sei, als er die 5000 M. zum Wechsler trug, ein ihm der Person, aber nicht dem Namen nach bekaw-ter Mann an ihn herange- treten und habe ihm nach kurzem Gespräch eine Prise angeboten, wodurch F. in Betäubung versetzt sei. Als er wieder zu fich selbst gekommen, habe er das Geld sogleich vermißt. Die erste Novität de» Dolkstheater», Oskar Walthers V o l k s f r e u n d, ist von der Zensur mit geringen Aenderungen zur Aufführung genehmigt und geht am Donnerstag, den 4. d.M. in Szene; in demselben wird ein Theil des Lulispiel- und Poffenpersonals in's Treffen aefühtt werden.— Die gestrige Sonntags-Aufsührung von S t r u e n s e e fand wieder vor vollständig ausoerkauftem Hause statt. Hewrgung der K»völKer«ng der Ktadt Kerlin. In der Woche vom 9. bis 15. September d. I. fanden 199 Eheschließungen statt. Ledendgcboren wurden 846 Kinder, darunter 99 außerehelich, todtgeboren waren 39 mit 6 außerehelichen. Die Ledendgeborenen find 30,6, die Todtgeborenen-,4 pro Mille der Bevölkerung, die außerehelich Geborenen find bei den Ledendgeborenen 11,7, bei den Todtgeborenen 15,4 pCt. Die Zahl der gemeldeten Sterbefälle betrug 598, die fich auf die Wochentage wie folgt verthellen: Sonntag 97, Montag 78, Dienstag 93, Mittwoch 83, Donnerstag 82, Freitag 75, Sonnabend 90. Von den Gestorbenen erlagen an Ma- fern 2, Scharlach 3. Rose 1, Diphtberrtis 13, Bräune 3, Keuchhusten 6, Kindbettfieber 2, Typhus 3, Ruhr l, SyvblliS—, Altersschwäche 22. Gehirnschlag 12, Lungenentzündung 37, Lungenschwindsucht 65, Diarrhöe 43, Brechdurchfall 112, �saaendarmkatarrh 24. Eines gewallsamen Todes starben )». Personen, und zwar durch Erhängen 2. Ersticken 1, lieber« Mren 3, Sturz oder Schlag 6. Hierunter find 3 Todesfälle durch Selbstmord herbeigefühtt. Dem Alter nach find die Gestorbenen: unter 1 Jahr alt 318(52,2 pCt. der Ge- A« K «0 Jahre 65, 60-80 Jahre 48, über 80 Jahre 12 Personen. hlestgen Krankenhäusern starben 89, einschließlich 12 Aus- waritge, welche zur Behandlung hierher gebracht waren. Auf die Standesämter vertheilen sich die Todesfälle folgendermaßen: Berlin-Köln- Dorotheenstadt(1) 20, Friedrichstadt(II) 10, Friedrich- und Schönederger Vorstadt('!>) 37, Friedrich- und Tempelhofer Vorstadt(IV) 48, Louisenstadt jenseits, westlich (Va) 42, Louisenstadt jenseits, östlich(vb) 39. Louisenstadt dies- seits und Neu-Köln(VI) 36, Stralauer Viertel, westlich(Vlla) 35, Stralauer Viertel, östlich(Vlld) 46, Königstadt(VI») 38, Spandauer Viertel(IX) 24, Rosenthaler Vorstadt, südlich(Xa) 45, Rosenthaler Vorstadt, nördlich(Xd) 33, Oranienburger Vorstadt(XI) 47, Friedrich- Wilhelmstadt und Moabit(XU) 47, Wedding(XU1) 51. Die Sterdefälle find 21,7 pro Mille der fortgeschriebenen Bevölkerungszahl (1 442 780).— Die Sterdlichkeitsziffer in folgenden Städten des Deutschen Reiches mit mehr als 100 000 Einwohnern betrug in Aachen 23,2, Attona 16 7, Barmen 17,5, Bremen 19,3, Breslau 26,2, Chemnitz 36,3, Damig 31,3, Dresden 20,5, Düsseldorf 28,2, Elberfeld 18,8, Frankfurt a. M. 14,3, Hamburg mtt Vororten 21.9, Hannover 24,5, Köln 26,3, Königsberg 33,2, Leipzig 17,8, Magdeburg 26,7, München 27,6, Nürnberg 23,3, Stettin 24,1, Straßdurg i. E. 19,3, Stuttgart 14,1 pro Mille. In anderen Großstädten Europas mit mehr als 300 000 Einwohnern betrug die Sterdlichkeitsziffer in Amsterdam 19,6, Budapest(Vorwoche) 29,4, Dublin 19,4, Liverpool'19,9, London 16,2, Paris 19,7, Petersburg(Vorwoche) 23,5, Warschau(Vorwoche) 35,1, Wien(Vorwoche) 20,3 pro Mille.— Es wurden 2996 Zugezogene, 1845 Weggezogene gemeldet, so daß fich die Bevölkerung mit Einrechnung der nachträglich gemeldeten Ge- borenm und des Zuschlages, der den Weggezogenen erfahmngs- mäßig zugerechnet werden muß, um 1251 vermehrt bat: die Einwohnerzahl bettägt sonach am Schlüsse der Berichtswoche 1 444 031.— In der Woche' vom 16. bis 22. September kamen zur Meldung Jnfettions- Erkrankungsfälle an Typhus 26, Masern 73. Scharlach 66, Diphthentis 93, Kindbctt- fieber 1. polis«it»ericht. In der Nacht vom 28. zum 29. v. M. wurde ein Schlächtergeselle einige Hundert Schritte vor der Halle des Potsdamer Bahnhofes mit adgefahrmen Armen auf dem Geleise liegend vorgefunden. Vermuthlich hat der Verun- glückte, der noch lebte und nach dem Elisabeth-Krankenhause ge« bracht wurde, auf den schon in der Fahrt befindlichen Zug springen wollen, um als blinder Passagier mitzufahren, und ist von dem Zuge und von einer demselben unmittelbar folgenden Rangirmaschine überfabrcn worden.— Am 29. v. M. Vormittags wurde ein Mädchen auf dem Kreuzungspuntt der Ritter, und Alten Jakobsstraße von einem Pferde, welches von der Reitbahn nach dem Stall der Garde-Kürasfierkaserne geführt wurde, gegen den Unterleid geschlagen und anscheinend inner- lich schwer verletzt. Es fand in dem St. tzedwigskrankenhause Aufnahme.— Nachmittags wurde der Kutscher Baumcr vor dem Grundstück Schöneberger Ufer 48 beim Anfahren von Kies, indem er von seinem in der Fahrt befindlichen Wagen sprang und dabei fiel, übcrfahrm und an beiden Füßen so verletzt, daß er nach der Charitee gebracht werden mußte.— Ferner wurde eine 80 Jahre alte Frau beim Uederschreiten des Fahrvammes vor dem Hause Straußdergerstraße 11 überfahren und erlitt eine Verrenkung des rechten Oberarms und einen Bruch des Ellenbogens. Sie wurde nach dem�Krankenhause im Fnedrickshain gebracht.— Ferner wurde ein Schutzmann in der Nauvynslraße durch einen Kohlenwagen überfahren und an der Brust und den Beinen erheblich verletzt, als er den be- treffenden Kutscher wegen einer Uebeitrctung fistiren wollte und da dieser, um zu entkommen, auf die Pferde einschlug, den Pferden in die Zügel fiel, von ihnen aber umgerissen wurde. — Am 30. v. M. Vormittags wurde vor dem Grundstück May- bachuter 3 die Leiche eines 12 Jahre alten Mädchens aus dem Landwehlkanal gezogen.— Um dieselbe Zeit wurde ein Kauf« mann in seinem Laden in der Landsberger straße erlangt aufgefunden. Die Leiche wurde noch dem Le-chenschauhause gebracht. — An demselben Tage Nachmittags wurde eine alte Frau beim Uederschreiten des Fahrdammes in der Neuen Promenade vor dem Stadtdahnhof Börse und ein Mädchen vor dem Hause Hackescher Markt 5 durch Droschken überfahren. Beide erlitten nicht unerhebliche Verletzungen und wurden nach dem St. Hed- wigskrankenhause gebracht. Gerichts-Zeitung. * Gin» Amazonen Landpartie mit Hindernissen. Es war eine recht nette Gesellschatt, welche sich am 5. Juni im Mcyer'schen Lokale in Saatwinkel zusammengefunden hatte. Eine ganze Schaar jener holden Damen, die mit Vorliebe unt.r dem schützenden Dunkel der Nacht ihre Promenaden in den Straßen Berlins zu machen pflegen, hatte fich zu einem Aus- flug nach dem genannten Orte vereint, wo fie in Männer- kletdung, bewaffnet mit Spazierstöcken und Monokle umher« stolzirten. Als die Gesellschaft im besten Zuge war, wurde fie plötzlich von mehreren Personen, welche soeben in das Lokal ge- kommen waren, im Vergnügen gestört, und bevor fich die Thellnehmer recht darüber klar werden konnten, was eigentlich los war, lag eine der Amazonen, die unverehelichte Stendel, am Boden und auf ihr hockre ein anderes weibliches Wesen, welches fich das Vergnügen leistete, der Niedergeschlagenen die Zähne loszuklopfen. Dieser Liebenswürdigkeit folgte eine allgc« meine Keilerei, bei welcher die Damen in Hosen den Kürzeren zogen. Gestern hatte fich die Schöffenabtheilung des Land- gerichts 11 mit dieser Affäre zu beschäftigen. Auf der Anklage« bank mußten folgende drei Personen: der Steinträger Emanuel Schmidt, der Musiker Gustav Pohl und Frau Marie Bär— der gemeinschaftlichen Kölperverletzung be> schuldigt— Platz nehmen. Die Angeklagten hatten an dem beregten Tage ebenfalls eine Landpattie mit Damen nach Saatwinkel verabredet, wo dann die Frau Bär zwei alte Feindinnen, Frau Zwiebel und„Fräulein" Stendel erblickte. Frau Bär ist nämlich vor kurzem mit 3 Wochen Gefängniß wegen Kuppelei bestiaft worden und fie glaubt diese Strafe wesentlich dem Zeugniß der zuletzt genannten Vettreterinnen der Weiblichkeit zuschreiben zu muffen. Man kann fich daher ihren Zorn denken, als fie hier, entfernt vom Gewühl des städtischen Getriebes ihre Gegnerinnen gewahrte. Es wähtte auch nicht lange, so war der Kampf zwischen den Damen der ersten und zweiten Partei entbrannt, den die letztere am erfolgreichsten führen konnte, well fie dabei von den beiden Männern unter- stützt wurde. Die Bär wartete, bis die Stendel am Boden lag, um derselben eine erheblichere Lektion ettheilen zu können, was dann auch recht gründlich ausführte.„Das ist für die drei Wochen!" rief fie der Geprügellen zu und triumphirend verließ fie den Schauplatz ihrer Tbätigleit. Gestern wendete fich das Blättchen: denn der Gettchtehof fand die Angeklagten auf Grund der Beweisaufnahme in gleichem Maße der gemein- schattlichen Körperverletzung schuldig und diltitte denselben je 2 Monate Gefängniß zu. Sichtlich befttedigt durch diese Sentenz verließen die zahl eich anwesenden Freundinnen der Zeugin Stendel geräuschvoll den Zuschauerraum, während Frau Bär erklätte, gegen das Uttheil Berufung einlegen zu wollen. Wieder ei«„Krok«-Nr-zeff". Die bekannte Privat- klage des Medaillems Oskar Krohm gegen den Redatteur der „Volks- Tribüne" Max Schippe! gelangte am Sonnabend wiederum vor der 100. Adtheiluna des Berliner Schöffengerichts zur Verhandlung. Im vorigen Termin war beschlossen worden, den Polizeidirektor Krüger, den Kttminalkommiffar Grafen Stillftted und den Kriminalwachtmeister Sommer zum Beweise der in dem inkriminirten Artikel aufgestellten Behauptung, daß der Pttvatkiäger dirett oder indirett mit der politischen Ab« theilung des Berliner Polizeipräfidiums in Verbindung stehe, zu dem neuen Termin als Zeugen zu laden. Der Polizei- präfident hat aber nochmals den ihm untergebenen Beamten die Genehmigung versagt, fich als Zeugen vernehmen zu laffen, da deren Aussagen dem Reiche Nachtheil zu bereiten geeignet find. Die geladenen Zeugen waren daher zum Termine auch nicht er- schienen, was der Vettreter des Beklagten, Herr Rechtsanwatt Dr. Reiche, rügte. Derselbe hob hervor, daß der Herr Polizei- präfident gar nicht wiffen könne, welche Fragen den Zeugen vorgelegt werden. Die Entscheidung, od durch deren Be- antworrung eine Gefahr für die Reichsintereffen entstehen könne, gebühre dem Gericht, und die Beamten seien von ihrem Vor- gesetzten lediglich zu instruiren. Uebrigens soll Sommer auch bekunden, daß er außeramtlich mit dem Kläger einen freund- schaftlichen Verkehr unterhalten habe. Der Vertheidiger be- anttagte deshalb Vettagung der Sache, gegen welche Krohm protestirte. Der Gerichtshof beschloß, unter Uedersendung der Allen an den Polizeipräfidenten diesen um die Genehmigung der Zeugenaussage der drei Beamten anzugehen. Eine trotz ihrrrfIugrud höchst gemeingefährliche Diebin stand gestern in der Person der 18jährigen unverehelichten Marie Johanne Böttcher vor der 87. Abthellung des Schöffengerichts. Die Angellagte erlttt im vottgen Jahre eine empfindliche Ge» fängnißstrafe, weil fie die Vorräume der Schulzimmer in de» Gemeindcschulen unficher gemacht hatte. Sie hatte in vielen Fällen Mäntel und andere Kleidungsstücke der Schülettnnen gestohlen. Jetzt hatte fie stch ein anderes ganz eigenartiges Feld für ihre verbrecherische Thätigkett gesucht, fie suchte in den Haus» fluren und auf den Treppen innerhalb der Häuser nach unbe» auffichtigt spielenden kleinen Kindern, zog ihnen die Schuhe aus und entfernte stch mit dieser Beute. Innerhalb weniger Tage liefen fünf Anzeigen solcher Diebstähle bei der Polizei ein. Die Angellagte wollte nur dm letzten Fall, bei dem fie ergttffen wurde, zugeben, der Gerichtshof schtteb( ihr aber in allm zur Kenntniß gelangten Fällen die Thäterschaft zu. Der Staats- anwalt stellte der Angeklagten das Zuchthaus in Ausstcht und beantragte wegen der an Raub grenzenden Diebstähle ein Jahr Gefängniß. Der Gettchtshof erkannte mit Rückficht auf die Jugend der Angekagten auf eine Gefängnißstrafe von sechs Monaten. Me«» ma« el«e» Rausch hat, pasfiren einem mitunter recht unangenehme Dinge. Auch der Bäckergeselle Kühne hat bei einer Bierreise, welche er am 26. Auaust unternahm, ein un- bequemes Abenteuer gehabt. Der junge Mann war gegen Abend in eine Restauratwn in der Auguststtaße gerathen, hatte dott die Bekanntschaft eines fremdm Mannes gemacht, welcher fich außer- ordentlich liebenswürdig erwies und mit ihm und den Kellnennnen noch mehrere Gläser Bier verzehtte. Das allzu- reichliche Opfer, welches er dem Gölte Gambttnus dargebracht hatte übte aber schließlich seine Wirkung: er setzte fich auf das Sopha und schlief ein. Sein neuer Freund schien außerordentlich um sein Wohl besorgt, denn er setzte fich recht dicht an seine Seite und schien ärgst» lich darüber zu wachm, daß die Ruhe des Schläfers nicht gestört würde. Den Kellnettnnen fiel es schließlich auf, daß der Fremde fottgesetzt so nahe an den Eingeschlummerten heranmachte, fich und fie argwöhnten, daß derselbe nichts Gutes im Schilde führe. So war es auch in der That: Kühne hatte durch Einwechselung eines größeren Geldscheines verrathen, daß er ziemlich viel G.-ld bei sich hatte, und sein neuer Freund biell das Stadium der Berauschth.it offenbar für außerordentlich geeignet, um seine eigenen Finanzen zu verbessern. Als er plötzlich Hut und Stock ergttff, um fich zu empfehlen, weckte man den Schläfer und dieser stellte sofo.t fest, daß ihm von der Geldsumme, die er mtt fich fühlte, ein Betrag von 40 M. fehlte. Man war ohne wetteres einig, daß diese Summe nur von dem verdächti» gen Fremden eskamotitt sein konnte, setzte demselben nach und es gelang auch, denselben festzunehmen— freilich war von dem fehlenden Gekde nicht die Spur zu entdecken. Da der Ei» griffene fich als ein schon 5 Mal vorbestrafter Agent Paul Schramm entpuppte, so wurde der Verdacht fast zur Gewiß» heit. Auch die III. Strafkammer, vor welcher fich Schramm gestern wegen Diebstahls zu verantworten hatte, war der Ueber- zeugung, daß niemand anders als der Angeklagte der Dieb ge- wesen. und mit Rückflcht auf den groben Vertrauensbruch und die Gefährlichkeit solcher Leichenfleddereien in Bierhäuseen ver- uttheitte er den Angeklagten zu 1 Jahr 6 Monaten Zuchthaus, 2 Jahren Ehrverlust und Stellung unter Polizeiaufstcht. „Drt wäre ja«e fa«z«ele K ackeret, wenn ick als 'ne alleinstehende Wittwe, die ihre drei hungrigen Kinder mit ihrer Hände Arbett un sauren Schweiß ernähren muß, wenn ick nich mal das Recht haben sollte, in anständijer Weise um die paar Jroschen Lohn zu mahnen," meinte die Wittwe B., eine große Person, die fich wegen Hausfriedensbruchs, Mißhandlung und wegen Bedrohung auf der Anklagedank befand.— Vors.: Ja, wenn Sie anständig geblieben wären, dann wären Sie nicht hier. Die Verletzte, die Schauspielettn Frau S. giedt aber eine ganz gefährliche Darstellung von der Sache.— Angekl.: Det jloooe ick, det wird fie woll verstehen, det jehört ja mit zu ihr Jeschäfl!; wenn die anfängt, da bleibt natierlich keen Ooge drocken. Aber fie sollte man so zwölf jeschlagene Stunden vor die Balje stehen un in Seefe un Soda un sonst noch allerlei rumklauen un denn Hinterher keen Jeld kriejen, wenn man drei hungttge Kinder bat un denn den janzen Nachmittag bei'ne bar- füßige Schmalzstulle un nich mal det Abends en Jlas Bier. wo fie eenen det Mittags schon mit Kohlrüben un Katoffeln abjefuttert haben, indem fie bei'ne Waschfrau det Fleesch nlerschtendeels als Kompot ansehen, wat fie nich braucht un denn— ja, wat ick sagen wollte— wo war ick denn jleich bei, ick bin von abjekommen.— Vors.: Ja, Sie sprechen»u viel und zu schnell, es ist besser, wenn Sie einfach meine Fragen beantworten. Sie hatten bei der Frau L. gewaschen und wie lange?— Angekl.: Eenen Dag, von früh um sechst bis Abends um fieben.— Vors.: Weshalb geriethen Sie denn mit ihr in Streit?— Angekl.: Wejen'ne Pulle Bier, die ick nich kriegte. Jloben Sie man, Herr Jerichtshof,'ne Waschfrau mit drei hungrige Kinder danzt nich uff Rosen un man muß stch für die eene Mark fufzig ehrlich quälen. Ick hatte mir schon den janzen Dag über die elendste Kost jeärjett, zum Frühstuck'ne Schmalzstulle un kalten Katoffel» salat, wo fie eenen denn eenen Kaffee zu vorsetzen» den dle Herrschaft schon det Mörlens abjedrüht hat, det Mittags een Teller Jnvalidenbrühe.— Vors.: Verschonen Sie uns mit dem ganzen Speisezettel. Sie baten sich also Abends eine Flasche Bier aus, ein ganz gerechtfertigtes Verlangen, was geschah denn nun?— Angell.: Nu, fie zog die Nase so lang wie'ne Jräfin un sagte keenen Ton nich un jing raus. Sie hat mtt denn oock'ne Flasche runterjeschickt, aber wie ick fie uffmache, is et jewöhnlichet Braunbier. Ick ärjette mir mächtig un den andern Dag befinne ick mir det erst ordentlich un denke so bei mir: Ach wat. Du jehst jar nich wieder hin. for die mag waschen, wer will. Ick schicke denn mein kleenet Mächen so in die zehnte Stunde hin un lasse mir den Lohn für'n vorigten Dag aus- bitten. Aber fie läßt mir sagen, ick sollte ihr erft die Wäsche fettig machen, dann wollte fie bezahlen. Ick denn nu'ne reene Schürze vorjebunden un selber hin bei ihr.— Vors.: Sie sollen da so stark die Klingel ge» zogen haben, daß es im ganzen Hause zu hören war.— Angell.: Det sagt sie, aber da werden Sie wohl nich ville uff jeben. Die is det Klingeln un Bimmeln bei't Theater doch jewiß jewöhnt. Also fie macht uff. Ick sage, wollen Sie mal so freundlich find un mir hier uf die Stelle mein Jettx veradfosten? Sonst werde ick Ihnen mal Motttzen lernen; jloben Sie vielleicht, det meine Kinder keenen Appetit haben, wmn fie hungtta find?— Vors.: Und das nennen Sie an- ständig mahnen? Weiter.— Angekl.: Sie sagte, ick sollte ihr erst die Wäsche fettig machen, dann würde fie hinterher bezahlen. Ick sagte aber: nich in sämmtliche Hände: bei so'n Traltement wasche ick Ihnen nich mehr, da lebt en Soldat ja wie'n Fürst jejen! Un denn, sage ick weiter, jeden Sie mich mal vor allen Dingm meinen Keffel raus, den ick Ihnen jestern jeliehen habe! So'ne Sötte hält mehr uf Nippsachen, als uf'n ehrlichen kuppernen Waschkessel. Herr Jettchtshof!„Hier in der Eck steht er, meent fie, den Keffel können Sie mitnehmen, ad« Geld JltM et nldj." Natie�vch kann mir sowat nich scknuppe find, wir jerathen in een Worljem.nge, wobei sie mir natierlich teder tS un ick stebe io, in der eenen Hand den Kessel und in der andern die Thürllinke un warte bis fie fertig is; det ick denn rausjehen kann.— Vors.:?!ch denke. Frau S. hat fie ver- schiedentltch aufgefordert, ihre Wohnung zu verlassen, warum gingen Sie denn nicht?— A n g e k l.: Sie ließ mir ja nich zu Worte kommen, det ick ihr sagen konnte, wie ick sowat finde- Ick mußte ihr doch sagen, det ick ihr verklagen wollte.— Vors.: Sie sollen arge Schimpfworte gebraucht haben. Wie war eS denn nun mit dem Keffel, Sie sollen ihr das schwere Ding ja gegen die Füße geworfen haben.— A n g e k l.: Det is nur die rcene Verstellung, aber so eene nimmt immer jleich den Mund un beede Backen voll; wenn fie den Keffel uf die Füße jekriegt hätte, denn hätte fie dcnselbichtcn Abend je« miß nich„uftreten" können un det hat fie jedhan, indem ick selber in't Theater jewesen bin. Warum soll unser eener nich ooch mal in't Theater jehn? Die spielt insoweit ja ooch nich un« übel, aber for ihr waschen? Nie wieder! Durch die Beweisaufnahme wurden nur der Haus« friedensbruch und die Beleidigun g erwiesen, wofür der Staatsanwalt eine Woche Gefängniß beantragt. Der Gerichtsbof trägt aber der gereizten Slimmung der Ange« klagten Rechnung und erkennt nur auf 15 Mark ev. 3 Tage Gefängniß._ Aereine»nd Mersammwuse». Mit polizeilicher Auflösung endete die Versammlung des Unterftützungsvereins der Maurer Berlins, welche am Diens« tag, den 25. September, in Scheffer's Lokal, Jnselslr. 10, tagte. Herr Heinze referirte über das Thema:„Sind die Bestrebungen der Arbeiter in ihren Zielen gerecht und durchführbar durch Ver« emigung?" Redner führte etwa folgendes aus: Die Frage, od die Bestrebungen der Arbeiter gereckt wären, müßte eben von jedem Menschen vomrthcilsfrei geprüft werden, denn Niemand sollte fich Bestrebungen anschließen, welche auf Sonderintereffen ihren Ausgang fänden, und doch lehre uns die Geschichte, daß der Kampf ums Dasein lediglich den Sonder« intereffen zuzuschreiben sei, denn schon seit den kleinsten Anfängen der Kultur wird derselbe zwischen Befitzenden und Besitzlosen geführt. Lediglich waren es die defitzenden Klaffen, welche fich die Ausdeutung des Menschen durch den Menschen zum Ziele gesteckt hatten. Wohl ringe und kämpfe die arbeitende Klaffe schon Jahrhunderte lang um eine deffere Gestaltung ihrer traurigen Lage, dock suche man dieselbe immer wieder durch Gesetze und andere Maßregelungen zu entkräften. Wmn einer der giößten Arbeiteragitatoren fich sagen konnte, mit der ganzen Wiffenschaft des neunzehnten Jahrhunderts ausgerüstet zu sein «nd man deffen Lehre und Ziele den jetzigen Reformwerken der befitzcnden Klaffen gegenüber stellt, so hätte der Ai bester allen Grund, derartigen Klickkram jetzt zurückzuweisen. Redner bedauerte, daß nur so wenige Arbeiter zu der Erkenntniß kämen, daß auch fie einen Antheil, sogar einen großen Antheil daran, haben, von den Schätzen, die fie durch ihrer Hände Arbeit auf den Weltmarkt bringen, auch für fich Genuß zu verschaffen, denn überall, wo irgend Staatsintercffen in Ge- rahr find, sucht man den Bruder Arbeiter auf, um vereint die Gefahr zu beseitigen. Staatsintereffen find aber auch da in Ge- fahr, wo der Ardeiter bei seiner Arbeit hintergangcn wird, wo er um seinen Antheil detrogen wird, denn jeder suche aus den Arbeitern Kapitalien herauszuschlagen, und dieses System nannte Redner ein verfaultes. Hierauf erhob fich der überwachende Bolizeideamte und erklärte die Versammlung auf Grund des 8 9 des Sozialistengesetzes für aufgelöst; er forderte die An- wesenden auf, sofort den Saal zu verlaffen, was auch ruhig vor fich ging. Die nächste Versammlung soll am Dienstag, dm 9. Oktober, in demselben Lokal stattfinden. Zentral Kranken»«nd Sterbe Kasse de» Dentfche« Kenefelder- Kunde«(E. H.) V rwattungsstelle Berlin. Heute Abend 8 Uhr im Restaurant Weick, Alexanderstr. 31, Mitglieder- und Verwaltungs- Versammlung. Gauverein Kerliner Kildhaner, Annenstraße 16. Heute, Dienstag, Versammlung. Tagesordnung: 1. Geschäftliches. 2. Vortrag des Herrn Dr. Bernstein über:„Die erste Hilfe bei Unglücksfällen". 3. Verschiedenes. Verband deutscher Iimmerlrnte, Lokalverdand Berlin Zentrum. Versammlung am Dienstag, den 2. Oktober, Abends 8t Uhr, im Neuen Klubhaus, Kommandantenstiaßc 72. Tagesordnung: 1. Vortrag über: Produktionslehre und ibre Anwen- dung in der Praxis. 2. Wahl cincs Vergnüaungskomsteemit- gliedes. 3. Verschiedenes und Fragekasten. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Um zahlreiches Erscheinen wird ersucht. Versammlung der Maler«nd»erwandte« Krrnf«» genassen der Kiliale Ul(Ost) am Dienstag, den 2. Oktober, Abends 8t Uhr, Lichtenbergerstr. 21, bei Heise. Tagesordnung: 1. Grenzregelung. 2. Vortrag. 3. Ergänzungswahl und Verschiedenes. Gäste haben Zutritt. Kleine Mittheilnngen. Pari«, 27. September. Ein junger Advokat, Dr. Rodin, der zwar keine Praxis, dafür aber Schulden hatte, bewarb fich vor kurzem um die Tochter eines enorm reichen Getreide- Lieferanten. Als besten Rückhalt gab der junge Advokat einen gleichfalls sehr reichen, in Lille wohnenden Onkel an, als deffen Erde er fich gerirte. Der Schwiegervater in spe zog über das Vermögen d.s Onkels Erkundigungen ein, und diese fielen zur vollsten Befriedigung aus, das aber genügte ihm nicht und er verlangte, der Onkel solle selbst nach Paris kommen und ihm verfichern, daß er das Vermögen seinem Neffen Hinterlaffen werde. Wenige Tage später erschien ein ältlicher Herr in seinem Bureau, er stellte fich als Robins Onkel vor. sprach in den begeistettsten Worten von dem jungen Neffen und sagte, daß er recht spare, um dem lieben Jungen nur viel Geld hinterlassen zu können. Solche Liebe bezwang auch den Getreivelieferanten; vor einigen Tagen fand die Hoch- zest statt, bei welcher der Onkel aus Lille den Ehrenplatz ein- nahm. Doch als die Zeremonie vorüber war und der Schwieget- söhn das Geld in Empfang genommen hatte, verschwand der Onkel plötzlich und der junge Mann sagte heiter dem Schwieger- vatkr, er möge rntschuldigen, daß er ihn getäuscht habe, der Onkel sei seit Jahren verfeindet mst seiner Familie, er habe sein ganzes Vermögen den Wohltdätigkeits vereinen verschrieben, und der alte Mann, der so liebenswürdig gewesen, den guten Onkel zu spielen, wäre ein alter Bedienter, dem er dafür erne Kleinig« kcit gezahlt. London, 27. September. Nunmehr ist auch die von dem Leichenbeschauer für Südost- M ddlessex geführte Untersuchung über die mst der Ermordung der Annie Chapman am 8. September verknüpften Umstände zum Abschluß gebracht worden. Einige Bemerkungen in der Ansprache des Leichenbeschauers an die Jury werfen ein ganz neues und eigenthümliches L'ckt auf das mögliche Motiv der sensationellen und grauenvollen Mord- thcit, sowie über die Persönlichkeit des Mörders. Der Leichrn- deschauer hob hervor, daß zwi Dinge vermißt weiden, nämlich die an fich wetthlosen Fingerringe der Ermordeten und ein gewisses Organ ihres Körpers. Dann fuhr er fort:„Der Körper ist nicht sezirt worden, allein die Verletzungen wurden von Jemand verübt, der dettächtliche anatomische Geschicklichkest und Kenntnisse besaß. Das Organ wurde von Jemanden ent- wendet, welcher wußte, wo es zu finden ist, auf welche Schwierigkeiten er zu stoßen haben würde und wie er sein Messer gebrauchen müsse, um das Organ herauszuschnerden, ohne es zu verletzen. Keine ungeschickte Person konnte gewußt haben, wo das Organ zu finden sei oder es erkannt haben als, rs gefunden worden. Ein bloßer Metzger hatte z. B. die Operation nicht ausgeführt haben können. Es muß Jemand ge- Von dem Tbäter fehlt hochgradige Aufregung. find jede Die Die Behörden des Brstischen wesen sein, der im ObduktionSsaal bekannt ist. Die Folgerung, daß der Wunsch vorhanden war, das vermißte Unterleids« orzan zu besitzen, scheint überwältigend zu sein. Wenn der Zweck Raub war, hatten die Verletzungen der Eingeweide keinen Sinn, denn der Tod war vorher durch den Blutoerlust am Halse eingetteten. Od der Mörder, wie vielseitig angenom« mm worden, ein Jrrfinniaer war, muß dahingestellt bleiben, allein es ist klar, daß es einrn Markt für das vermißte Organ giebt. Wenige Stunden nach der Veröfferstlichung des ärzt- lichen Gutachtens über den Mord benachrichtigte mich der Unterkurator des Pathologischen Museums, daß ihn vor etlichen Monaten ein Amerikaner ersucht hätte, ihm eine Anzahl von Exemplaren des Organs, welches in dem Körper der ermordeten Frau fehlt, zu verschaffen. Er erklärte fich de- rett» 20 Pfd. Sterling für jedes Exemplar zu zahlen. Obwohl ihm gesagt wurde, daß die Erfüllung seines Gesuches unmöglich sei, bestand er doch darauf. Ec wollte fie nicht in Spirstus, sondern in Glyzerin präservirt haben, um fie in schlappem Zu« stand zu lassen und er wollte fie direkt nach Amerika senden. Es ist bekannt, daß er dieses Gesuch bei einem ähnlichen In- stitut wiederbolle. Ist eS nun nicht möglich, daß die Kenntniß von diesem Verlangen iraend ein verworfenes Geschöpf bewogen haben mag, fich in den Befitz eines Exemplars zusetzen? Unsere Kriminalannalen deweisen, daß jedes Verbrechen möglich ist." Schließlich betonte der Leichenbeschauer Mr. Bcxter, daß das Motiv des Mörders klar zu Tage liege. Seine anatomischrn Kenntnisse stellten ihn über die Kategorie der gewöhnl'chen Ver- brecher, denn diese Kenntnisse könnten nur erlangt werden durch Betheiligung an Obduktionen. Nach einem Telegramm des„N. W. Tgbl." ist der Mörder der Annie Chapman endlich entdeckt und festgenommen; er heißt John Fitzg-rald; er hat den Mord an der Chapman auch schon gestanden. Ob er auch der Thäter der anderen Morde in Whiteckopel ist, wird wohl bald klar werden. London, 1. Ottober. An zwei von einander entlegenen tunkten des Londoner Ostrndes wurden in der Natt vom onnadrnd zum Sonntag abermals zwei Frauen in gräflicher Weise ermordet, allem Anscheine nach von derselben Person, welche die früherrn Morde in diesem Stadttheile verübt dat. Die eine Leiche war furchtbar verstümmelt. Die Opfer wieder Frauen schlechten Rufs. Spur. In Whitechapel herrscht Polizei ist völlig rathlos. London. 26. September. Museums und die Kuratoren des South>Kmfinzton