Nr. 151. Dienstag, den I. Juli 1889. 6. Jahrg. IdintrstoMIntl. Mgan für die Intcrcfscn der Arbeiter. Das..Berliner Volksblatt" ericheint täglich Mörsens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonneinentspreis für Berlin frei in's Haus vierteljädrlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit dem„Sonntags-Blatt� 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Erpedition Zimmerstraße 44 1 Mark pro Monat. Postabonnemen, 4 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der PoftzcitungSvreiSliste für 1889 unter Nr. 866.) Für da» Austand: Täglich uuter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat. Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Verfammlungs- Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedltion, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Tie Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3—7 Uhr Nachmittag«, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. -• Fernsprecher: Amt VI. Ztr. 1100.*-*- Aevttktwn: Veukhpkrstze S.— Expedition: ÄimnreepkrnUe 44. Ofstziöf-s kNntcrinl. I. Das Aufsehen und immer ernster werdende Kopfschüt- teln, welches die Angriffe unserer Offiziösen auf das„wilde" Land, die Schweiz, im Zn- wie Auslande ganz allgemein hervorgerufen haben, scheint an einflußreicher Stelle das Bedürfniß nahe gelegt zu haben, der öffentlichen Meinung eine Art Rechtfertigung für die Aktion gegen die Schweiz zu geben. Dieses Bedürfniß mochte um so dringender em- Pfunden werden, als die beiden Schützlinge der„Kceuzztg." und der„Nordd. Allg." die„ehrlichen Sozialdemokraten", wie fix sich gegenüber der„Züricher Post" nannten, und „unbescholtenen Reichsbürqer", als welche sie sich in ihrer Eingabe an den deutschen Gesandten vorstellten, Maack und Mollack sich späten als sehr zweifelhafte Herren heraus- stellten, von denen der eine sogar noch eine kleine Rechnung wegen Betruges jc. vor dem Strafrichter in Gera zu be- gleichen hat und zu diesem Behuse erst vor einigen Tagen per Schub nach dort transportirt worden ist, nicht ohne baß vorher ihn auch der Züricher Strafrichter noch wegen diverser Schwindeleien abgewandelt hätte. Aber nicht nur der mit Maack und Mollack versuchte Beweis mißglückte, daß die Schweiz zu den„wilden" Ländern gehöre, und zwar für die sozialistisch-anarchistischen Verbrecher- banden ein„sicherer Schlupfwinkel" sei, in der aber die loyalen deutschen Reichsbürger„voaelsrei" sind und des Schutzes der Behörden entbehrten, llkoch schlimmer war der Reinfall mit dem Polizei-Jnspektor Wohlgemuth und seinem Auftrag an den Schneider Lutz, nur„lustig darauf los zu wühlen". Diese Schlappen auszuwetzen und der Welt zu zeigen, daß die Schweiz wirklich nichts iveiter sei, als der Hort und Schlupfwinkel der internationalen sozialrevolutionären Ver- brecherwelt, und daß dort die Kugeln gegossen und vergiftet werden, mit denen die Schüsse auf die Träger der sozialen und politischen Ordnung im monarchischen Europa ausge- führt werden sollen, diesen Beweis zu führen, das hat nun Herr Kommissionsrath Pindter unternommen und in den Spalten seines Organs bereits eine Reihe von Artikeln darüber gebracht. Diese Veröffentlichungen haben nun zweifellos einen Oberoffiziosus zum Verfasser, was sich schon daraus ergiebt, baß ihr Hauptinhalt regelmäßig durch die offiziösen Tele- graphenbureaus in das Land getragen wird. Dann aber gehen wir wohl auch nicht in der Annahme fehl, daß der Inhalt, soweit er sich auf thatsächliche und persönliche An- gaben stützt, wesentlich unter Zuhilfenahme von Jnforma- tionen seitens der politischen Polizei fertiggestellt worden ist. Diese Herkunft und die Bedeutung, welche diesen Aus- lassungen in einem großen Theil der Presse beigemessen werden, veranlassen uns, demselben näher zu treten und den darin enthaltenen positiven Angaben in Bezug auf ihre Feuilleton. INadidriick McbolmJ_ Ein Gnlvnrsnfiv. Roman von Maurus Jükai. Erst«» K«ch. Dt» heilige Karbara. Erstes Kapitel. Das eiserne Thor. Eine Gebirgskette, mitten durchbrochen, vom Gipfel bis zum Fuß, auf eine Strecke von vier Meilen; die beiden Seiten bilden hohe, gerade Felswände, die zu einer Höhe von sechshundert bis zu dreitausend Fuß aufsteigen, dazwischen der Riesenstrom der alten Welt: der Zster, die Donau. Hat die angedrängte Wassermasse sich dies Thor selbst ausgebrochen, oder hat das unterirdische Feuer die Bergkette gesprengt? schufen Neptun oder Vulkan, oder beide zusammen dies Götterwerk, wie es selbst die stählerne Hand des Menschen unseres mit den Werken der Götter wetteifernden Jahrhunderts nicht zu schaffen vermöchte? Von dem Walten des einen Gottes zeigen sich Spuren °nf dem Berggipfel der„Fruska Gora" in den zerstreuten Erstem erten Seemuscheln und in der„Veterani-Höhle" mit >°sstlen Ueberresten meerbewohnender Saurier; von dem �otte erzählen die Basalte der„Piatra Detonata". ""ertteu, den Menschen mit der stählernen Hand, ver- „f"«x ff"1 ben Felsen eingehauenen langen Ufergalerien, eine Chaussee, die zugleich überwölbt ist, die Pfeilertrümmer emer riesigen Steinbrticke, die in die Felswand basreliefartig eingemeißelte Denktafel und ein mitten im Strombett aus- getiefter, zweihundert Fuß breiter Kanal, durch welchen auch größere Schiffe fahren können. Das eiserne Thor hat eine zweitausendjährige Geschichte Wahrhaftigkeit etwas auf den Zahn zu fühlen. Wir halten uns dazu um so mehr für verpflichtet, als wir in der Lage zu sein glauben manche Unebenheit, die in der Darstellung ver„Nordd. Allg. Ztg." mit unterlaufen ist, gerade rücken zu können, und weil wir außerdem der Meinung sind, daß es zur Klärung der Sache wirklich nur von Nutzen sein kann, wenn auch die Kehrseite des Bildes in die richtige Beleuchtung gerückt wird. Außerdem wird auch der Menge die Beurtheilung des Falles dadurch wesentlich erleichtert, wenn sie nach altdeutschem Grundsatz:„eines Mannes Red' in die Lage versetzt ist, beide Theile zu hören. Zur Aufklärung für das Publikum sind ja aber die Ver- öffentlichungen in der„Nordd. Allg. Ztg." doch wohl in erster Linie bestimmt? Also sehen wir uns die in denselben enthaltenen An gaben etwas näher an! Der Offiziosus leitet seine Arbeit, ganz in Uebereinstimmung mit dem Schema, das für die „großen" Geheimbundsprozesse in Chemnitz- Freiburg und jetzt auch in Elberfeld zur Anwendung kam, mit dem Hinweis varauf cin,daßdiesozialdemokratischen Führer nach Erlaß des Sozialistengesetzes 1878 den„Schwerpunkt ihrer aufrührerischen Thätigkeit nach der Schweiz" verlegt haben. Weiter behauptet er, daß die sozialrevolutionäre Propaganda von dort aus in zwei Richtungen thätig war: erstens durch Verbreitung des„Sozialdemokrat" und anderer sozialrevolutionärer Druckschriften, und zweitens durch F ö r- derung der Verbreitung durch Lokalbe- Hörden. An diesen Angaben ist nun wahr, daß der„Sozial- demokrat" und andere verbotene, d. h. nur in Deutsch- land verbotene, sozialdemokratische Druckschriften in schweizer Druckereien längere Jahre hindurch hergestellt wurden. Die Herstellung dieser Schriften geschah in der Schweiz aber öffentlich und ohne gegen die dortigen Gesetze zu ver- stoßen und sie waren dort und sind auch heute noch sowohl durch den Buchhandel wie durch die Kolportage je. zu be- ziehen. Daß dem so ist, daran sind zwei Dinge schuld: 1. daß die Schweiz kein Sozialistengesetz, wie überhaupt kein Ausnahmegesetz gegen irgend eine politische Partei oder soziale Klasse kennt, und 2. daß in der Schweiz volle Preß- und Redefreiheit herrscht. Das mögen in den Augen gewisser Leute schwere Mängel sein, und sind es bei den Informatoren der „Norvd. Allg." ganz gewiß. Aber die„zurückgebliebenen" Republikaner, die jenseits des Bodensees hausen, haben eben in diesem Punkte noch andere Anschauungen. Und so lange der ja jetzt bereits öffentlich aufgetauchte Vorschlag der T h e i l u n g der Schweiz, von den„Friedensmächten" noch nlcht ausgeführt ist, haben die Schweizer Bürger eben das Recht, ihre öffentlichen Angelegenheiten so zu ordnen, und vier Nationen— die Römer, die Türken, die Ru- mänen und die Ungarn— haben ihm eine vierfache Be- nennung gegeben. Es ist, als näherten wir uns einem von Riesen erbauten Tempel mit Pfeilern, welche aus Felsen bestehen, mit thurmhohen Säulen, mit wunderbaren Kolossen auf den himmelhohen Friesen, in welchen die Phantasie Heiligen- Statuen zu erblicken glaubt; und diese Tempelhalle vertieft ich in eine vier Meilen lange Perspektive, macht Wen- düngen, zeigt neue Dome mit anderen Mauerngruppirungen, anderen Wundergebilden; die eine Wand ist glatt, wie ge- meißelter Granit, rothe und weiße Avern durchziehen sie m Zickzack, wie Buchstaben einer geheimnißvollen Götterschrift; an einer anderen Stelle ist die ganze Berglehne rostbraun, als wäre sie aus gediegenem Eisen; hie und da zeigen die schräg liegenden Granitschichten die kühne Bauart der Titanen; und bei emer neuen Wendung kommt uns sogar das Portal eines gothischen Domes entgegen, mit seinen spitzigen Thurm- giebeln, seinen aneinander gedrängten Basaltpfeilern; und aus der russigen Wand leuchtet hin und wieder ein gold- gelber Flecken hervor, wie eine Seitenfläche der Bundeslade: dort blüht der Schwefel. Es ist eine Erzblume. Aber auch mit lebenden Blumen prangen die Wände- aus den Rissen der Gesimse hängen grüne Festons herab. Es sind dies riesige Laub- und Navelbäume, deren dunkle Masse von rothen und gelben Guirlanden reifverbrannter Gebüsche bunt durchsetzt wird. Dann und wann unterbricht die Pforte einer ausmün- denden Thalmulde die endlose, schwindelnde Doppelmauer und gewährt uns einen Einblick in ein verborgenes, von Menschen unbewohntes Paradies. Hier zwischen den beiden Felsenwänden ist ein düsterer Schatten gelagert, und in dies Tagesdunkel lächelt, wie eine �eenwelt, das Bild eines sonnigen ThaleS hinein, mit einem Said wilder Reben, deren röthliche kleine Trauben den Bäumen ihren Farbenschmuck leihen und deren buntes wie es ihnen beliebt. Das mag schlimm, aber ohne Anexion schwer zu ändern sein. Uebrigens sei bei der Gelegenheit wiederholt daran erinnert, daß gerade von den Gegnern des Sozialistengesetzes als nothwendige Folge desselben und als gewichtigen Grund, gegen den Erlaß eines solchen Ausnahmegesetzes, darauf hin- gewiesen wurde, daß die verpönte schriftliche Propaganda dann vom Auslande aus betrieben werde, und daß damit sicher nur Beelzebub gegen den Teufel eingetauscht werde. Wenn diese Voraussage eingetroffen ist— und nach den Darlegungen der„Nordd. Allg." ist das ja der Fall— dann beweist das doch nur, welch' bittere Früchte das So- zialistenaesetz seinen Vätern selbst einträgt, und wie wenig der Geist wahrer Staatsmännlichkeit bei dem Erlaß desselben Gevatter gestanden ist. Außerdem aber noch Eins! Der„Sozialdemokrat" ist nicht sofort nach Erlaß des Sozialistengesetzes gegründet worden. Das Gesetz trat am 21. Oktober 1878 in Kraft und erst am 28. September nächsten Jahres, also volle 11 Monate später, erschien die erste Nummer des„Sozialdemokrat". Was aber wurde in dieser Probenummer als Grund für das Erscheinen des Blattes angegeben? Wir wissen nicht, ob Herr Pindter auf das Blatt abonnirt ist, sollte das nicht der Fall fein, dann ist man am Molkenmarkt, wo ja inehrere Vollexemplare sauber gebunden vorhanden sind, gewiß gern erbötig, ihm einen Einblick in die Probenummer zu gestatten. Und da wird sich der geehrte Herr überzeugen können, daß als Grund für das Erscheinen des Blattes der Umstand als maßgebend und entscheidend angegeben ist, daß trotz der Er- klärung des Grafen Eulenburg, wonach es den Herren Liebknecht und Most unbenommen bleiben sollte, auch unter dem Ausnahmegesetz Blätter herauszugeben, nur müßten daraus die verpönten, umstürzlerischen Bestrebungen fort bleiben, die gesammte Arbeiterpresse verboten und neugegrün- dete Blätter unterdrückt wurden. Gleichgiltig was sie für einenJnhalt hatten, nur weil Herausgeber oder Redakteure„notorisch" Sozialdemokraten waren. Diese polizeilich geübte Praxis fand auch keineKorrektur beider Reiche» kommission, wofür Beweise eventuell gern zur Verfügung stehen. Das also war der Anlaß für die Gründung des „Sozialdemokrat". Wäre diese Praxis nicht geübt worden und wäre dcr w-undsatz, daß ein Verbot nur gerechtfertigt sei, wenn in der Druckschrift BestrebuMen zu Tage treten, welche auf den Umsturz u. s. w. gerichtet sind, auch m den ersten Jahren nach Er- laß des Äusnahmegesetzes beachtet worden, wie er ja in den letzten Jahren hier und da thatsächlich zur Anerkennung ge- langt ist und auch zu einer Reihe von Verbotsaufhebungen geführt hat, wer weiß, ob das so aufrichtig gehaßte Blatt je ins Leben gerufen worden wäre. Druck erzeugt eben Gegendruck, und wie schwer der Druck des Ausnahmegesetzes m den ersten Jahren nach Er- Weinlaub einen Teppich um sie webt. Keine mensch- liche Wohnung ist im Thale zu schauen, ein klares Bächlein schlängelt sich hindurch; Hirsche löschen furchtlos ihren Durst daraus; das Bächlein stürzt dann wie ein Silberband über das Felsenufer hinab. Tausende und Tausende fahren an diesem Thal vorüber und Jeder denkt bei sich: Wer mag wohl darin hausen? Das Thal bleibt zurück und wiederum folgt das Bild eines anderen Tempels, noch großartiger und schauerlicher als die vorigen; die beiden Wände sind einander schon auf bundertvierzig Klafter näher gerückt und ragen dreitausend Fuß hoch in den Himmel hinein. Jener weit vorstehende Felsen auf der Spitze ist die„Gropa lui Petro", das Grab Sankt Petri; die beiden gigantischen Steingebilde auf beiden Seiten sind seine beiden Apostel-Gefährten. Jener Stein- riefe ihm gegenüber ist der„Babili" und der die Aussicht verschließende ist der„Golumbaczka Mali", der große Taubenfels; jener aber, dessen graue Zinne ihn überragt, ist der weithin sichtbare„Rasbojnik Beliki", der hohe Räuberberg. Und zwischen diesen beiden Wänden fließt unten in ihrem Felsenbett die Donau. Der große herrliche Ur-Strom, der gewohnt ist, weiter oben, auf der ungarischen Ebene, in einem tausend Klafter breiten Bett mit majestätischer Ruhe an seinen Ufern vorüberzu- ziehen, mit den in seine Fluthen herabhängenden Weidenbäumen zu kosen, in die schönen blühenden Felder hinauszublicken, und mit den leise klappernden Mühlen zu plaudern, sieht sich hier eingezwängt in einen nur hundertvierzig Klafter breiten Felsenpaß. Ha, mit welchem Zorn er hindurchbricht! Wer ihn bis- her auf seiner Wanderung begleitet, erkennt ihn nicht wie- der.— Der greise Riese verjüngt sich zum unbändigen Helden- jüngling; seme Wellen hüpfen über das Felsenbett hinwecj, aus dem hie und da eine riesige Steinmasse hervorragt, wie ein gespenstischer Altar! der riesige„Babagay", der gekrönte laß desielben auf der in Deutschland erscheinenden— oder richtiger verbotenen— Arbeiterpresse lastete, dafür spricht wohl am besten der Umstand, daß nicht die in Deutschland lebenden Führer, wie die„Nordd." schreibt, sondern der jeder Gewaltthätigkeit abholde, nur von den humansten Ge- sinnungen beseelte, dabei aufrichtig national gesinnte Hoch- berg die eigentliche Seele und der Veranlasser der Grün- dung des„Sozialdemokrat" war. Dieser„Reichsfeind", der sogar an der Bismarck'schen Sozialreform einiges— allerdings nur sehr weniges— zu leben fand, das war also der eigentliche Gründer des„Sozialdemokrat" und sonach der Schaffer jenes„Heerdes der sozialrevolutionären Pro- paganda, deren Kampfesmittel neben dem durch Dynamit und Dolch ausgeführten Meuchelmord jene Brandschriften sind, in denen alles, was die Menschheit Heiliges und Ver- ehrungswürdiges kennt, mit Schmutz beworfen und in den Koth gezogen wird." (Siehe Näheres darüber in Herrn v. Puttkamers Reichs- tagSreden.) Norvespondeuzim. Uew-Uork, 15. Juni. Die Mordgeschichte in Chicago läßt immer mehr erkennen, daß sich in der irisch-nationalen Bewegung in Amerika eine Bande Verbrecher herangebildet hat, welche die Opferwilligkeit ihrer Landsleute für die nationale Befreiung benutzen, um die eigenen Taschen zu füllen, und die hierbei vor keinem Verbrechen zurückschrecken, um ihre Position anstecht zu erhalten und ihre Manipulationen zu verdecken.— Schon nach dem Verschwinden Dr. Cronin's wurden Stimmen laut, daß der„Advokat" A. Sullivan dahinter stecke, welcher mit demselben auf dem„Kriegs fuße" stand. Er wurde aber erst verhaftet, als die Grand Jury aus den Ge- ständnissen Woodruffs und sonstigen Umständen genügende Verdachtsmomente gewonnen, um ihn in Anklagezustano zu setzen.— Dieser Sullivan— nicht zu verwechseln mit dem kurz nach Auffindung der Leiche Cronin's verhafteten Eishändler gleichen Namens— ist seit Jahren der Hauptfllhrer der irisch- nationalen Partei . in Chikago, so eine Art O'Donnavan Rossa. Er hat eine„be- wegte Vergangenheit" hinter sich, in welcher zwei Verbrechen figuriren. In Amerika(Staat Maine) 1847 geboren, wohnte er mit seinen Eltern in verschiedenen Städten der Union und Kanada. In Detroit(Michigan) fungirte er als Clerk und er- öffnete, nachdem sein Prinzipal Bankerott gemacht, 1868 einen Schuhladen. In demselben brach bald darauf Feuer aus, und alle Umstände wiesen darauf hin, daß Brandstiftung vorlag und S. der Thäter war. Er wurde verhaftet und vor Gericht gestellt, entging aber der Vemrtheilung durch die Aussage eines Fräulein Buchanan, welche beschwor, daß der Angeklagte am Abend des Brandes ilnunterbrochen in ihrer Gesellschaft gewesen sei. Es gelang ihni infolgedessen sogar, die Auszah- lung der Versicherungssumme zu erzwingen. Und dieses Fräulein Buchanan wurde lange Jahre später(1876) seine Frau. Schon um jene Zeit muß S. stark in Politik „gemacht" haben, denn er wurde vom Präsidenten Graut—. unzweifelhaft für geleistete„Dienste"— zum Jnlandsteuerein- uehmer in Santa F0 liegt schon barin eine gewisse Garantie gegen eine baldige Enreuerung der Streiks. Einer dauernden Organisation der Bergleute gegen- über werden die Bergwerksbesitzer sich nicht so leicht der Gefahr eines Streiks aussetzen." Recht eigenartige bewegliche Klagen stimmt der letzte Jahresbericht der Gewerbekammer für Schles- w i g- H o l st e i n an. Er konstatirt, daß die wirthschaftliche Lage des kleinen Handwerkerstandes sich mehr verschlechtert als gebessert habe. Für sehr viele stelle der allgemeine Druck durch die Großindustrie, welche die Preise der Waare immer mehr herabsetzt, die sclbstständige Existenz in Frage. Dazu komme die unausgesetzte Lohnerhöhung bei den Gesellen und die Kürzung der Arbeitszeit. Man möchte also am liebsten, daß die Arbeiter im Kleinbetriebe länger arbeiteten als im Großbetriebe und mit noch kärglicherem Lohn sich abspeisen lassen als dort, blas um das Kleina ewerbcFH das über kurz oder lang doch der Industrie zum Opfer fällt, noch ein paar Jahre zu halten.— Dann klagt der Bericht darüber, daß die Leute lKleiiimcister) mißmuthia werden, ihre Selbstständig- keit aufgeben! lieber für Lohn im Großbetriebe arbeiten und sich gar, horrinile dictu! den Fachverbänden anschlössen und sich der Sozialdemokratie zugesellten. Wörtlich heißt es dann weiter: „Fum Ueberfluß kommt noch hinzu, daß im letzten Jahre die Miethen für kleine und mittlere Wohnungen im Durchschnitte �aiiz bedeutend erhöht sind; ebenfalls hat der Anschluß Altonas an das Zollvereinsgebiet eine erhebliche Bertheuerung durch den Zoll auf alle Lebensbedürfnisse und so auch im Haushalt zur Folge gehabt. Dafür ist dem kleinen Handwerker kein Aequi- valent geboten, um sich zu entschädigen."' So mischt sich Ein- ficht und Voreingenommenheit in diesem Bericht.— Derselbe fährt fort:„Die Fortschritte im Jnnungswesen gehen sehr langsam. Die Innung kann bis jetzt dem jungen und neuen Meister zu wenig Vortheil bieten, die ihn reizen könnten, der- selben beizutreten, im Gegensatz zu seinen Lasten und Pflichten, welche er übernehmen muß, wenn er der Innung angehört, trotz aller Mühe der Vorstände der Innungen und des Gewerbevereins. Das Lehrlingswesen ist in denselben stabilen Verhältnissen ge- blieben, wie im Vorjahre; besondere Fortschritte sind nicht be- merkbar, obgleich sehr viel Mühe darauf verwandt wird, Fach- und Fortbildungsschulen einzurichten, wodurch den In- nungen große Opfer auferlegt werden. Arbeitseinstellungen haben mehrfach stattgefunden, und auch die Arbeitssperre ist vielfach über die Werkstätten von den Fachvereinen verhängt. So- viel bekannt, sind die Lohgerbergesellen ohne Erfolg geblieben, wohingegen die Stell- und Radcmachergesellen die schon seit 3 Jahren eifrig angestrebte Lohnerhöhung und Arbeits�eitkürzung u. s. w. durchsetzten, so daß sich die Meister genöthlgt gesehen haben, vor eiingcr Zeit bekannt zu machen, daß sie ihre Preise für gelieferte Waare um 25 pCt. erhöhen müßten infolge des Streiks ihrer Gesellen. So geht es immer fort, ohne das Ende abzusehen. Für das Jahr 1889 sind schon mehrere neue Aus- stände angekündigt. Das Genossenschastswesen für das Handwerk ist schon recht oft und allgemein behandelt, zuletzt bei den Jnnungssachen— darüber ist sedoch wenig Nutzen und Vor- theil zu melden. Das FachvereinSwesen hat sich im letzten Jahr immer mehr und fast zur denkbar höchsten Blüthe ent- faltet. Diese Institution muß als der schlimmste Feind dem Handwerker gegenüber hingestellt werden. Wenn_ demgegenüber kein Halt von der Gesetzgebung gesprochen wird, so wird durch denselben bald das kleine Handwerk überflügelt sein, und letzteres sich möglicher Weise stimmt und FonderS der Sozialdemokratie angeschlossen haben." So weit der uns hier interessirende Theil des Berichtes. Wir haben oben schon angedeutet, daß sich in ihm Einsicht mit Vorein- genommcnhcit' paart. Die Einsicht, die zu Tage tritt, bedarf übrigens keines tieferen Blickes, denn die angeführten That- fachen liegen so klar auf der Hand, daß sie jedes Kind einsehen muß. Dagegen sind die Voreingenommenheiten berghoch. Man kann nicht einsehen, daß der Kleinbetrieb einer vergangenen 'Geschichtsepoche angehört, und daß er nur noch wie die Ruine einer alten Ritterburg in die Jetztzeit hineinragt. Und weil man das nicht einsieht, aber doch eine Erklärung sür die ange- führten Thatsachcn haben muß, so findet man sie in den Vor- würfen gegen die Fachvereine. Ein solches Verfahren ist un- gemein leicht; es ist ein gedankenloses Nachbeten alter Vorwürfe ohne einen Schatten von Berechtigung. Wenn nun sich gar der Bericht zu einer Denunziation des Fachvereinswesens ver- könne. Denn jede Berührung mit einem fremden Volke hat uns mit irgend einer neuen Seuche beschenkt. Aus China «hielten wir den Scharlach, von den Sarazenen die Blattern,' von den Russen die Grippe, von den Südamerikanern das gelbe Fieber und von den Hindus die Cholera;— von den Türken aber die Pest. Daher dürfen das ganze Ufer entlang die gegenüber Wohnenden nur unter Beobachtung strenger Präventivvorschriften mit einander verkehren, was ihnen das Leben sehr angenehm und interesiant machen muß. Und diese Vorschriften sind höchst streng. Wenn in Brussa die Pest ausbricht, wird sogleich jeder Gegenstand, ob lebend oder nicht, amtlich für verpestet erklärt, und wer init ihm in Berührung kommt, der ist„insizirt" und man- dert auf zehn, zwanzig Tage in die Ouarantame. Wenn das Seil eines linksufrigen Schiffszuges mit dem Seile «ines rechtsufrigen Schiffes sich berührt, ist die ganze Schiffsmannschaft„insizirt" und muß zehn Tage lang ,n der Mitte des Stromes liegen bleiben; denn von dem einen Schiffsseil konnte sich die Pest auf das andere Schiff rnd von da auf die ganze Schiffsmannschaft fortpflanzen. Und über all dies wird streng gewacht. (Fortsetzung folgt.) äus Munst und Leden. ... yar liebliche Ki-lle findet sich in einem Artikel r w von Wiesinger im Wiener„Vaterland'". r? roie folgt:„Ein unsagbares Gefühl ergriff I"-'o.,, r, ctn!Jal auf meiner Wanderung nach Einsiedeln diese Insel sah. Da starb der Mann, dessen„ritterlicher" Wahl- spruch lautete:„Ich hab's gewagt"(i»c«- alea esto!) Jawohl, i)cr Mann konnte leicht Alles wagen, denn er hatte nichts, gar Nichts; als er gestorben war, hatte er nichts, als die elenden Rlcider, die er an seinem Leibe trug. Kein Buch und kein Pfennig blieb von seiner Habe zurück. Es war das Ende eines steigt und in der Unterdrückung desselben die Rettung des Kleingewerbes vor der Sozialdemokratie erblickt, so legen wir die Jeder nieder und den Bericht bei Seite; denn dann hat er sich unter Hinweis auf den volksthümlichen Ausspruch, daß ein Denunziant nicht der Beste im Lande sei, sein Urtheil selbst gesprochen. Opfer de» Sozialistengesetze». In Amerika(New- Pork) endete am 19. Mai durch Selbstmord Peter Krebs, Ausgewiesener aus Leipzig. Das erneute Ausweisungs- dekret, welches sofort nach Verlängerung des BelagerungS- zustandes in höchster Hast an ihn, wie an die übrigen Aus- gewiesenen versandt wurde, hat ihm nicht einmal mehr ins Grab mitgegeben werden können. Krebs, der zu dem ersten „Schub" der Leipziger Ausgewiesenen gehörte, war in Deutsch- land in guten Verhältnissen gewesen; trotz eisernen Fleißes vermochte er sich in die fremoen amerikanischen Verhaltnisse nicht zu finden, und nun ist's— wieder Einer.— Jetzt ein anberes Bild: Wir geben nicht Ort, nicht Name. Ein be- kannter Genosse, der leit dem Anfang der Arbeiterbewegung in Deutschland hervorragend thätig ist, wird bei einer Razzia in der Aera der Geheimbundsprozesse plötzlich verhaftet— den Schreck der Frau, die nun allein für das Geschäft und die Familie zu sorgen hat, kann man sich denken; doch sie erholt sich allmälig, weil sie weiß, daß ihr Mann nie einem Geheimbund angehört hat. Sie wartet, wartet Umsonst. Monat um Monat verstreicht. Der Gram des armen Weibes wird dadurch etwas gemildert, daß sie den Mann, der in derselben Stadt eingesperrt ist, von Zeit zu Zeit besuchen kann. Eines schönen Tages, als sie den Gang ins Gcfängniß gemacht, erfährt sie, daß ihr Mann in das weit entfernte Zen- tralstaatsgesängniß, nahe der Residenz, abgeführt ist. Natürlich weit er ein ganz besonders schwerer Verbrecher ist. Das Weib ist wie niedergeschmettert; sie wird halb tiefsinnig.— Und nun kommt der Prozeß. Der Mann war einmal in einer polizeilich nicht angemeldeten Versammlung— ein Spitzel verkündet eine Schauergeschichte von Verschwöning. Ihm wird geglaubt— die Richter sprechen das schuldig. Nach diesem neuen Schlag wurde das Weib ganz still; sie verrichtete ihre Arbeiten nur noch mechanisch. Sie wartet, wartet, wartet. Endlich ist der ersehnte Tag da. Der Mann kommt heim— gesund, gllick- strahlend. Das Weib empfängt ihn jubelnd, die Freude hat ihr Kraft gegeben. Allein nicht die verlorene Gesundheit. Wenige Tagenachher erkrankte sie, nach einem Monat ist sie todt. Die älteste Tochter, ein blühendes Mädchen von 19 Jahren, holt sich am Krankenbett der Mutter den Todeskcim. Nach anderthalb Monate, und auch sie ist todt. Der Mann besucht jetzt jeden Tag zwei Gräber. Er ist gebrochen. Und so hat das Sozia- listengesetz mit einem Schlag drei glückliche Menschen gefallt. Men« man den Propheten an» den Reihen der f chntzzöllner glauben darf, so geht England infolge der ähigkeit, mit welcher es an dem Freihandelsprinzip festhält, mit Riesenschritten dem Bankerott entgegen und sein Export muß, da ein Land nach dem andern seinen nationalen Markt gegen den Fremdling verschließt, von Jahr zu Jahr geringer werden. Merkwürdiger Weise will aber die Statistik von solchem Rückgang nichts wissen. So haben sich z. B. die Depositen- und Spareinlagen in den letzten Jahren jährlich um ca. 3, Mill. Pfb. Sterl.(70 Millionen Mark) vermehrt; die Einnahmen der Eisenbahnen sind aus dem Personenverkehr im Jahre 1888 um V» pCt., aus dem Verkehr in Kohlen und Erzen um 2'/« Prozent und aus dem Waarenverkehr um 4% pCt. gestiegen. Ebenso hat die Zahl der Bankerotte im Jahre 1888 gegen 1887 um 3 pCt. abgenommen. Das sind keine Zeichen der Ver- armung; am Beachtenswerthesten ist aber die Zunahme des Exports. Während in Deutschland im vorigen Jahre der Werth des Exports nur um 1 pCt. gestiegen ist, ist er in Eng- land in der gleichen Zeit um 5,4 pCt. gestiegen und stellt sich die Steigerung bei den ganz oder thcilweise fabrizirten Gegen- ständen auf 5 pCt. Ganz auffallend ist die Zunahme im Export lebender Thiere, dieser Werth ist von 936 045 Pfd. im Jähre 1887 auf 1043 807 Pfd. im Jahre 1888, also um 41,7 Prozent gestiegen, wobei es sich, wie wir besonders bemerken, nicht uni Durchfuhr, sondern nur um Thiere britischen Ur- spnmgS handelt. Es ist nach den angeführten Zahlen anzu- nehmen, daß der wirthschaftliche Zusammenbruch Englands, trotz der Aufrcchtcrhaltung des Freihandels, noch einige Zeit wird auf sich warten lassen. � � Nicht» Jlrne» unter der Sonne, auch der Wohl- gemuth-Handel nicht. In einem Schweizer Blatte finden wir folgende Reminiszenzen:„Mehrere Blätter haben eine Parallele gezogen zwischen dem Fall Schnäbele's und demjenigen Wohl- gemuths. Wir haben aber in unserer neueren Geschichte einen ähnlicheren Fall, den sogenannten„Konscil-Handel". Es war im Jahre 1836 und zwar im Juli: der französische Gesandte Montebello forderte, daß der„Flüchtling" August Konseil ver- haftet und weggcwiesen werde. Die Zudringlichkeit, das pro- vozirende Wesen dieses Jndividiuums hatte ihn bei den italienischen Flüchtlingen verdächtig gemacht und vcranlaßten sie, ihn scharf zu beobachten. Es gelang denselben(Migliari und Bertola) Konseil zu entlarven, seine Papiere abzu- nehmen und ihn in die Gewalt der Benicr Polizei zu liesem, welche den Kerl hinter Schloß und Riegel brachte. Vagabunden: oder sagen wir cS richtig deutsch; aber leider hat die deutsche Sprache nur ein einziges Wort, welches hier den richtigen Ausdruck geben kann, und wenn dieses Wort auch rauh klingt, so bleibt nichts AnbereS übrig, als es auszusprechen, wie es klingt. Es lautet:„Er starb als echter Lump." Nicht einmal„Verzeihen Sie das harte Wort!" sagt der stamme Wippchen des genannten klerikalen Blattes! So bemerken die „Deutschen Wespen". Ueber den von dem Kantenmlnlster Uvro Guyot aufgestellten Plan einer Stadtbahn in Paris, den dieser nach seiner Erklärung in der Kammer erst in der nächsten Le- gislatur einzubringen gedenkt, weiß der„TempS" folgendes zu berichten. Die geplante Strecke umfaßt eine Ringvahn, die fast ausschließlich auf dem rechten Ufer liegt und zwei vom Nordbahnhof ausgehende Qucrlinien. Die Ringbahn, welche eine Länge von 11 Kilometern, 7 unterirdisch und 4 auf Via- dickten, haben soll, würde an der Madeleine beginnen, sich über die großen Boulevards nach den Bahnhöfen der Vincennes- und Lyon-Bahn erstrecken, bann die Seine übersetzen und von der Spitze der Insel Saint-Louis auf das rechte Ufer zurück- kehren, um über die Ruc de Rivoli nach dem Zentralbahnhof zu gelangen. Die Oucrlinicn gingen vom Nordbahnhof nach den Hallen und nach der Großen Oper'. Eine Gesellschaft, die weber Subvention noch Garantie verlangt, ist bereit, die Ring- bahn, die 61 Millionen kosten soll, und die Nordbahngeseu- schaft die beiden Ouerlinien aus eigenen Mitteln zu erbauen. Den Gesammtbetrieb übernimmt die Nordbahn zum Kosten- preise. In der neueste» Nummer de»„Gstastattschen Lloyd" finden wir folgende Mittheilungen über eßbare Vogel- nester: China ist im Orient, wie Frankreich im Occident, das Land der Köche par Excellence. Uebcrall in den Straßen der Stäbtc kann man, von Tagesanbruch an bis spät nach Mitter- nacht, den herumreisenden Koch, der seine Küche und seinen Vorrath von Speisen auf einem Bambus über seinen Schultern trägt, antreffen und dessen Waare wird sowohl von der in den Straßen lungernden Volksmenge, wie von den Insassen eines Hausstandes stets lebhaft begehrt. Was in den Augen des europäischen Feinschmeckers eine Straßburger Gänseleberpastete oder Schildkrötensuppe vorstellt, das ist nach der Ansicht des mongolischen GoUrmands ein Gericht eßbarer Vogelnester. Kein fashionables Gastmahl findet statt, ohne daß„Yen- Aus dem Verhör ergab es sich, daß er als Agent der ge- Heimen Polizei nach der Schweiz geschickt worden und zu diesem BeHufe im Besitz verschiedener Pässe war. In dem einen führte er den Namen Chcli Napoleon, in einem anderen hieß er Pierre Corelli; in Bern erhielt er von der franz. Botschaft einen dritten Paß unter den Namen Franz Her- mann, während sein wahrer Namen Pierre Conseil war. Die Tagsatzung bestellte eine Kommission von drei Mitgliedern(Dr. Keller, Monnard und K. Burckhardt), um die Sache zu unter- suchen und Anträge zu stellen. In der Tagsatzung überwog die Ansicht, daß man dem Schweizervolke die vollständigste Oeffentlichkeit schuldig sei. Es sei gut, daß man die Diplo- matie auf ihren unsauberen Wegen ertappt und ihr Benehmen gegen die Schweiz durch eine solche Thatsache illustrircn könne. Doch zeigte sich bald die Zaghaftigkeit und Zerfahrenheit bei den Gesandten der alten Tagsatzuna. Auch hier drehte Frank- reich den Spieß um und gab sich als beleidigt und schob die Schuld nicht der Schweiz, sondern der(liberalen) Partei zur Last, welche sich anmaße, dieselbe zu beherrschen. Auch hier wollte Frankreich ein hinterlistiges, verabredetes Manöver er- blicken gegen den französischen Gesandten und die stanzösifche Regierung und verlangte Genugthuung!! Thiers war ts, welcher als damaliger Minister die ganze Perfidie an den Tag legte, welcher er fähig war. Die Taasatzung in ihrer Ohnmacht und Zerfahrenheit gab theilweise nach." Ehrliche» Eingeständnitz. Das nationalliberale „Rheinisch-Westfälische Tageblatt", welches in Bochum erscheint, schreibt wörtlich, es lasse sich Angesichts der letzten Vorkomm- nisse bei dem Streik der Bergleute nicht leugnen,„daß der ge- mäßigte Liberalismus in unfcrem westphälisch-niederrheinischen Jndustriebezirke immer mehr zum Handlanger einer Interessen- gruppe herabsinkt und ein Zerrbild dessen' geivährt, was der gemäßigte Liberalismus thatsächlich sein soll und gottlob im großen und ganzen auch heute noch ist."— Das„gottlob" ist uberflüssig, weil unrichtig. Der Fachverein der Töpfer in Dresden, dereine der besten und stärksten Arbeiterorganisationen Dresdens bildete, ist— wie bereits in letzter Nummer kurz mitgetheilt wurde— durch die Polizeidircktion aufgelöst worden. Derselbe soll gegen das sächsische Vercinsgesetz verstoßen haben, indem er mit anderen politischen Vereinen in Verbindung getreten sei. Interessant sind die Beweise, welche die Behörvc für das „Verschulden" des Töpferfachvercins beibringt. Die Haupt- sächlichsten theilt das„Sächf. Wchbl." wie folgt mit:„Der Verein habe an das Komitee der streikenden Töpfer in Vellen, welches einen politischen Verein bilde(!), UntcrstützungSgelder gesandt. Sodann habe ein Herr Thienic aus Berlin, der zur dortigen„politischen" Töpferorganisation gehöre, im Dresdner Fachverein einen Vortrag gehalten. Ferner seien gelegentlich des vom Verein veranstalteten Stiftungsfestes von anderen politischen Töpfer- Fachvcreinen Glückivunschtelcgramme ein- gelaufen. Endlich wird als Grund angeführt, daß fünf Mitglieder des Chemnitzer Töpfer-Fachvereins zum Stiftungs- fest der Dresdner erschienen seien. Alle diese Argumente werden uns als hinfällig bezeichnet. An die streikenden Töpfer in Velten ist allerdings Geld gesandt worden, aber nicht vom hiesigen Fachverein, sondern von einer im allgemeinen zur Be- sorgung der Unterstützungsgeschäfte beauftragten Person. DaS Streikkomitee in Velten war außerdem kein politischer Verein. Herr Thicme aus Berlin erschien nicht als VcreinSmitglied zum Vortrag, sondern als Freund und Kollege. Der Vorstand des Dresdner Fachvereins konnte zudem nicht wissen, daß Thieme in Berlin zur Töpferorganisation gehöre. Die zum Stiftungs- fest eingelaufenen Telegramme sind nicht von den Fachvereincn, sondern von bekannten Kollegen, die stüher in Dresden arbeiteten, abgesandt worden. Keine Depesche trägt die Unterschrist eines Vereins. Was die Anwesenheit einiger Chemnitzer Töpfer während der Stiftungsfeier des hiesigen Fachvereins anlangt, so muß betont werden, daß die be- treffenden Kollegen aus Chemnitz überhaupt nicht zum Chemnitzer Fachverein gehören, vielmehr nur zum Fest kamen, weil sie stüher in Dresden wohnten.— Damit fallen in der That alle Beweise, welche die Polizei für die strafbare Verbindung des Töpfersachvereins mit an denen politischen Ver- rinen herbeigeschafft hat. Wie kommt übrigens die Dresdner Polizeidirektion dazu, alle auswärtigen Vereine, mit denen der ausgeloste Fachverein in Verbindung getreten sein soll, für politische Vereine zu erklären? Es stagt sich, wie die Kreis- hauptmannschast über die erhobene Beschwerde urthcilen und ob sie die vorstehenden Einwendungen beachten wird.— Neuer- dings sind eine ganze Anzahl von Arbeitervereinen in Dresden aufgelöst worden. Es scheint also ein großer Feldzug gegen die gesammten Organisationen der Arbeiter im Gange zu sein. Möglicherweise zerstörte man den Fachverein der Töpfer arrch nur deshalb, weil man fürchtete, er könne für die Unternehmer, welche alle Ofensetzer ausgesperrt haben, unbequem werden." Königshirtte, 24. Juni. Auch hier ist wie in Walden- bürg das Gefängniß überfüllt und besonders sind junge Berg- leute darin, welche an den Arbeitseinstellungen betheiligt waren. Da wo sonst höchstens 50 Gefangene untergebracht werden sollen, sind nun fast 90 zusammengepfercht und in jcoer Einzel- Huet" d. h. Vogelnester, in die Speisenkarte miteingeschlossen sind. Wie allgemein bekannt, sind die Nester das Pro- bukt einer Absondemna dieser Vögel, die man in einigen Inseln des ostindischen Archipels, hauptsächlich aber in einer Inselgruppe, welche unweit der Küste von Änam liegt, an- trifft. Die nach China importirten Nester kommen zum größten Theil von diesen Inseln und der hohe Werth, den dieselben auf dem Markte besitzen, geht aus dem Jahresberichte der chinesi- scheu Seezölle hervor. Danach betrug die Einfuhr im Jahre 1888, 845 Picul(— rund 112 500 Pfund), im Werthe von. Hk. Tls. 492 250(--- 2 461 250 M.), mithin per Pfund 22 M. Im Jahre 1887 betrug die Gesammteinfuhr nach China 840 Picul, im Werthe von Hk. Taels 533 640, woraus also erhellt, daß die Schwankung in dem Import dieses Artikels während genannter Periode ganz unbedeutend gewesen sei. Was nun den Handelswerth ver Nester anbetrifft, so sind dieselbe» in drei Sorten eingetheilt. Die geschätzteste, und mithin Iheucrste, ist die, welche einen gewissen Theil des Blutes der Vögel enthält. Die leuchtenden Nachtwolke» sind, einer Mitthcilu'ng von D. I. Rowan in der englischen Zeitschrift„Nature" zu- folge, in der Nacht vom 7. zum 8. Juni zum ersten Ma e in diesem Jahre in Dundrum m Irland erscheinen. Sie swaren zwischen 10 Uhr Abends und Mitternacht sichtbar und hatten eine Bewegung von W nach O, entgegen der Richtung eines leichten lokalen Windes. Seit dem 20. Juni sind die leuchten- den Nachtwolken auch in Berlin beobachtet worden. Besonders ' ö'n haben sie sich, wie man der„Naturwissenschaftlichen 23. Juni, Morgens um 2 Uhr Wochenschrift" mittheilt, am etwa, gezeigt, und zwar im NW und NNW.' Bei dem außerordentlichen Interesse, welches diese Wolken erregen, bittet das genannte Fachblatt seine Lestr uni gefällige Mittheilung ihrer diesbezüglichen Beobachtungen. Auch die scheinbar unbedeutend- sten Bemerkungen können möglicherweise bei der Aufklärung des räthselhaften Phänomens, zu dessen Beobachtung in diesem Jahre, dank den Bemühungen des Astronomen Jesse, bessere Vorbereitungen getroffen worden sind, von Werth werden. zelle, die für einen Menschen selbstredend schon sehr klein ist, stecken jetzt Z Menschen. Daß das gesundhcitsgefährlich und eine sehr harte Strafe ist, die aller etwaiger Verurtheilung vor- angeschickt wird, gleichviel ob es sich um Schuldige oder Un- schulige handelt, steht jedermann ein.— Und da hält sich der Wohlgemuth über schweizerische Gefängnisse auf! A« Mttttchr« sind von der dortigen Polizei zwei Ar- beiterversammlungcn, in denen der internationale Arbeiter- konjjreß in Paris die Tagesordnung bilden sollte, von vorn- herein verboten worden.— Der Breslauer Polizeipräsident verbietet Sammlungen zum Zweck der Beschickung des Kon- gresses. Oehsache«. 5" Aleeanderstr. 39, II. Berbaud deutscher Mechauiter «. verw. Berufskesoffe«. Zahlstelle Berlin. Mittwoch, den 3. Juli, Abends 81 Uhr, bei H änscl, Atarkgrafenstr. 83: General-Versammlung Tagesordnung: 1. Kassenbericht für das 2. Quartal. 2. Bericht der Revisoren. 3. Bericht d. Vorstandes u. der Kommissionen. 4. Verschiedenes und Fragekasten. Aufnahme neuer Mitglieder. Mitgliedsbuch legitimirt. Um zahlreiches und pünktliches Er- leinen ersucht Der Dorstanb. Große öffentliche Versammlung der im Bergolderoewerbe beschäftigte« Arbetterwne« Donnerstag, den 4. Juli, Abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn S ch e f f e r, Jnselstr. 10. Tagesordnung: 1. Vortrag der Frau Ihrer aus Velten. 2. Diskussion. 3. Gründung eines Vereins. 4. Verschiedenes. Männer haben als Gäste Zutritt. 562 Der<&inbtmfev. Gr Versammlung des Wnhlverelns für den fünften Miner ReilhstngswnhMets am Mittwoch, den 3. Juli, Abends 8 Uhr, im Salon Teutonia, Belforterstr. 15. Tagesordnung: 1. Handwerker- und Arbeiter- Bestrebungen. Referent: Max B a g i n z k i. Diskussion. 2. Verschiedenes und Fragekasten. Neue Mitglieder werden aufgenommen. Um zahlreiches Erscheinen wird ersucht. 557 Der Dorstand. Jurist, �ath� tust allen Prozestfache«. 550 Alhln» NM! Da nun festgestellt, daß der Töpfermeister Schmädike m Steglitz für die Magdeburger Bau- und Kreditbank durch Zwischenunternehmer Arbeiten fertig stellen läßt, und in Magdeburg die Kollegen im Streik liegen, bleibt die Sperre über die Bauten des Herrn Schmädike bestehen. Arbeitsmardt. Geübte Schlosser auf getnedene A Lehrling w. verl. Wasserthorstr. 9, em etriebene Arbeit und 560 Schlossergcsellen verlangt 559 Plattner A Lippelt, Britzerstr. 7. Verantwortlicher Redakteur: K. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kadi«g in Berlin SW.. Beuthstraße 2. Kiers««i«e Keilage. Beilage zum Berliner BoMlatt. Nr. 151. Dienstag» htn Z. Juli 1889. sc Der Drgzeß gegen die„Gleichheir', (Fortsetzung.) In Betreff des Inhaltes der inkriminirten Artikel, so weit sie die anarchistische Tendenz nachweisen sollen, sagt der Ange- klagte Adler: Ein jeder ist in irgend einer Weise ein Lohnlklave oder Sklave überhaupt. So lange stch dieser Einzelne inner- halb der Grenzen seiner Funktion bewegt, greifen wir ihn mcht an. Wenn aber irgend Einer darüber hinaus geht, wenn es sich bei ihm um Streberei handelt und er deshalb das Mast überschreitet, dann darf man sich nicht wundern, daß wir auf- ieregt werden. Wenn der Artikel„Die Tapferkeit der Dragoner" ,o aufgefaßt wird, wie es der Herr Staatsanwalt thut, dann gehören wir eigentlich vor das Militärgericht, und zwar wegen Verbrechens der Verleitung zum Treubruch. Polizeirath Frankl faßte einen ähnlichen Fall als demonstrative Mißachtung der Regierung auf und verurtheilte mich zu 50 fl. Geldstrafe. Das aber, was in dem Artikel enthalten ist, anarchistisch zu finden, ist geradezu lächerlich. Ich komme nun zu der Tramway- geschichte. Der Streik, ebenso wie die Exzesse in Steyr sind Dinge, die überall mit und ohne„Gleichheit" vorkommen. Ich konstatire ausdrücklich, daß nach Kladno merkwürdiger- weise— und ich bedaure dies sogar— nicht ein einziges Eremplar der„Gleichheit" hinkommt, weil die Bevölkerung eme '' ische ist, und es hat doch dort Unruhe gegeben. Ein E erzeig, daß es nicht unsere, vom Herrn Staatsanwälte in aublicher Weise überschätzte Wirksamkeit ist, die eine solche Bewegung erzeugt, sondern daß es andere Gründe hierfür giebt. Daß diese Vorfälle keine anarchistischen sind, ist eine That- fache, iveil das Anstreben eines gewaltsamen Umsturzes einfach ein Unsinn ist. Etwas Anderes rst eS aber, wie man sich zu diesen Um- ständen verhält, wenn man sieht, wie die Arbeiter durch jähre- lange übermäßige Ausnützung, sowie dadurch gereizt sind, daß sie m der ganzen Welt nirgends Hilfe finden und daß alle jene Faktoren, welche berufen wären, zu helfen, diese Pflicht verab- säumen. Wenn die Arbeiter unter diesen Umständen Unruhen veranlasse,», dann kann man von uns nicht verlangen, daß wir sie verurtheilen. Wir haben in den Artikeln über den Tram- wa,, streik angedeutet, worin die Ursache dieser Bewegung liegt, und haben durch Sammlungen Hilfe geleistet. Ich spreche mein Bedauern aus, daß mir nicht mehr Hilfe leisten konnten. Wenn damals die Polizei das gethan hätte, wegen dessen wir heute angeklagt sind, wenn die Behörden das gethan hätten, was wir verlangen und was von dem Staatsanwalt anarchistisch genannt wird, dann wäre es nie zu Skandalen gekommen, und dann hätte man auch kein Militär gebraucht. Freilich werden die Arbeiter anders behandelt. Polizeirath Brcitenfcld hat gesagt:„Ich gebe mein Ehrenwort, wer sich rührt, den lasse ich sofort abjchieben, binnen einer Woche bleibt mir keiner in Wien." Diese Rede hat er zu Reitzes nicht gehalten.(Heiterkeit.) Der Staatsanwalt sagt, daß die anarchistische Tendenz des Blattes aus den in der „Gleichheit" enthaltenen Angriffen gegen die Polizei hervorgehl. Was die Angriffe gegen die Polize, betrifft, so konstatire ich, daß der Staatsamvalt und die Praxis, die hier ausgeiibt wird, daran schuld sind. Wir haben jede ungesetzliche Handlung Mtens der Polizei gerügt. Ich frage: Ist das anarchistisch? je soll denn die Gesellschaftsordnung gehalten werden? Ich glaube nur dadurch, daß es der arbeitenden Bevölkerung mög- lich ist, zu existiren. Der Arbeiter beansprucht, daß das gleiche Recht für Alle auch auf ihn Anwendung habe, und heute hat die österreichische Arbeiterschaft das Bewußtsein, daß es von Fall zu Fall gerade das Gegentheil ist. Aus unserer agi- tatorischcn Thätigkeit schließt die Anklage, daß wir innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung eine Rich- tung vertreten, die nicht sozialdemokratisch ist. Ist dies so zu verstehen, daß wir nicht im Rahmen unserer Partei stehen, dann müssen wir aus der Partei ausgeschlossen werden, denn in der sozialistischen Partei hat die anarchistische keinen Platz. Wir haben agitatorisch gewirkt, weil wir nicht nur die Ueber- zeugimg haben, Sozialdemokraten zu sein, sondern weil wir auch das zu bethätigen haben. Aber wenn auch der Sozial- demokrat und Anarchist sich an und für sich nicht decken, so sagt doch die Behörde:„Als Sozialdemokraten haben wir nichts gegen Euch." Sobald sie sich aber rühren, werden sie flugs zu Anarchisten und man stellt sie vor das Ausnahme- gencht. Ich bedauere, daß der Bezirkshauptmann von Lilien- feld, Graf Auersperg, nicht unserem Antrage gemäß vorgeladen wurde. Er hat die Verhandlungen des Hainfelder Parteitages mit Aufinerksamkeit verfolgt und wird bezeugen, daß auf diesem Parteitage mit großer Majorität jenes Programm befchlosten wurde, welches heute die Grundlage der sozialdemokratischen Partei bildet, mit dem Anarchismus daher nichts gemein hat. Die Sozialdemokratie ist aber auch eine politische Partei, und der Herr Staatsanwalt weiß, daß die Haltung der„Gleichheit" darauf gerichtet war, diesen Begriff der Sozialdemokratie rein- lich heraiiSjuschälen. Der Staatsanwalt glaubt, daß der AnarchiS- muS eine Art komprimirtcr Sozialdemokratie sei. Die Anklage, die genau weiß, was die„Gleichhcil", und genan weiß, was Anarchisten und Sozialdemokratie ist, bringt wenigstens eine solche Den- tung. ES wird auch über den Ton der„Gleichheit" gebrochen. „Wenn also der Inhalt nicht anarchistisch ist, so ist es doch der Ton." Nun, ich bringe den Groll, die Unzufiiedenheit, die Erbitterung zu möglichst getreuen, Ausdruck, weil ich das Organ dieses Grolles war. Ich bin fertig. Was ich gesagt habe, war einfach darauf gerichtet, daß wir nicht vor dem Gerichtshofe stehen, vor welchem wir stehen sollten. Und der Anklage möchte ich sagen, sie möchte den Muth haben, uns vor dieses Gericht zu stellen. Wenn die öffentliche Anklage meint, daß die beanstandeten Artikel wirklich gefährlich sind, so bin ich überzeugt, daß eine geschickte Behandlung des Gegenstandes auch vor den Geschwo- renen dasselbe Resultat herbeigeführt hätte. Wir wollen aber nicht Pseudonym verurtheilt werden. Also nicht um das Straf- ausmaß handelt es sich, aber wir haben die Verpflichtung, zu protestiren gegen den Rechtsbruch, daß wir nicht vor jenes Gericht gestellt wurden, vor welches wir gehören. Der zweite Angeklagte, Ludwig Bretschneider, erklart sich gleichfalls fiir nichtfchuldig. Er sagt: Ich bedaure, daß ich nicht alle inkriminirten Stellen gelesen habe, es war mir aber Nicht möglich, weil die Artikel noch in derselben Nacht zum Bruchs befördert wurden. Jedoch unterschreibe ich diese Artikel von A big Z. Staatsanwalt: Ist es an diesem Tage zufälligerweise gejchehen, daß Sie die Artikel nicht gelesen haben?— An- $ ri ,le sind bei Nacht verfaßt und so dringlich in die Druckerei befördert worden, daß zum Lesen keine Zeit mehr vorhanden war. Außerdem möchte ich erwähnen, daß es ge- wisse Thalsachen giebt, die unter allen Umständen ausgesprochen werden müssen. Der Staatsanwalt hat unser Wirken seit län- gerer Zeit verfolgt, und schon daraus wird er wissen, daß wir keine Anarchisten sind. Ich habe das Gefühl, daß ich von dem Rechte nicht gewichen bin. Da ich infolge eines PreßvergehcnS nur vor den Geschwornen mich zu verantworten habe, so werde ich mich nur dort vertheidigen, hier nicht. Ich erwarte von meinem Vertheidiger, daß er diesbezügliche Anträge stelle. Nach einigen Konstatirungen des Präsidenten übergiebt der Staatsanwalt einige Nummern der„Gleichheit" behufs Ver- lesung von ihm roth angestrichener Stellen, aus welchen hervorgeht, daß in der„Gleichheit" eine gewaltsame Lösung der fozialen Frage doch in Betracht gezogen war: andere Stellen sähen Drohungen mit Gewalt so ähnlich wie ein Ei dem andern. Endlich verweist der Staatsanwalt auf einen Artikel über die Teufelmayer'sche Fabrik in Steyr. Der Vertheidiger erklärt, keine Einwendung hiergegen zu erheben, behält sich jedoch eine Erläuterung hierüber vor und bittet um Konstatirung, ob und welche dieser Nummern konfiszirt worden seien.— Präs.: Ich glaube, es sind gar keine konfiszirt. (Heiterkeit im Auditorium.) Der Präsident verliest nun diese Stellen, unter welchen sich, wie der Staatsanwalt hervorhebt, ein Appell an die Finanz- wache befindet, daß auch für sie die Stunde der Freiheit komme. Der Artikel über die Teufelmayer'sche Fabrik in Steyr be- ginnt mit den Worten:„Wir sind verpflichtet, auf diese Schinderbudc die öffentliche Aufmerksamkeit zu lenken, in welcher eine niederträchtige Ausbeutung der Arbeitskräfte stattfindet." Es werde von 7 Ubr Morgens bis 10 Uhr Abends gearbeitet. Der Gewerbeinspektor möge nur bei der Nachbarschaft Erkun- digungcn einziehen. So nicksichtslos seien die Bourgeois alle; jetzt haben sie goldene Zeiten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, der Verdienst sei etwas besser als früher, aber die Lebens- mittel seien jetzt theurer. Auf Antrag des Vertheidigers wird noch ein Artikel aus der„Gleichheit" verlesen. Dr. Eppinger nimmt sodann das Wort zu mehreren An- trägen. Um den Intentionen meiner Klienten Rechnung zu tragen, sowie jm Interesse der Vereinfachung und meines eigenen Rechtsstandpunktes bitte ich, die Verfügung zu treffen, nachdem bisher ausschließlich die Frage der Kompetenz behandelt und die mcritorischen Umstände nur insofcrne in Betracht gezogen wurden, als sie mit der Kompetenz im Zusammenhange stehen, daß auch vorerst jedes meritorische Verfahren bei Seite gelassen werde und der hohe Gerichtshof zunächst nur die Parteienver- träge über die Kompetenz annehme. In Betreff der Beurthei- lung der Kompetenz beantrage ich die Verlesung der Beschlüsse des Hainfelder Parteitages, da meinen Klienten die Propagi- rung dieser Beschlüsse zum Vonvurfe gemacht wird, was auch in der Leumundsnote geschieht. Ich stelle ferner den Antrag auf Vernehmung des Polizeipräsidenten Freiherrn v. Kraub und des Bezirkshauptmannes von Lilienfeld, Grafen Auers- perg. Nachdem die Polizcinote unter Verantwortung des Herrn Polizeipräsidenten erlassen worden ist, beantrage ich, daß derselbe als Zeuge nicht über feine darin niedergelegte Meinungsäußerung, sondern über Thatsachen Auskunft gebe; darüber nämlich, ob die von den Angeklagten entwickelte Thätigkeit nach seinen Wahrnehmungen eine sozialdemokratische oder eine anarchistische war. Man kann nicht sagen, daß es sich hier um ein Amtsgeheimniß handle, da diese Behörde hiemit bereits in die Außenwelt■ getreten ist; überdies stünde es ja dem Hern, Polizeipräsidenten frei, sich von seinem Vorgesetzten von der Wahrung des Amtsgeheimnisses entbinden zu lassen. Der Herr Bezirkshauptmann von Lilienfeld, Graf Auers- perg, welcher auf dem Hainfelder Parteitage durch zwei Tage als Gast anwesend war, wird gleichfalls in der Lage sein, eine Zeugenaussage abzulegen, ob die Thätigkeit der beiden Ange- klagten, insbesondere bei diesen. Anlasse eine andere als eme emment demokratische und anti-anarchistrsche war. Der Vertheidiger beantragt ferner die Vernehmung der Zeugen Karl Kautski, Heinrich Gehrke und Julius Popp. Herr Kautski als nationalökonomischer Schriftsteller vermag aleichfalls Ausschluß zu geben über die Art der Wirksamkeit der Angeklagten nach dieser Richtung. Die Herren Gehrke und Popp sind seit vielen Jahren an der Arbeiterbewegung praktisch thätig und vermögen anzugeben, ob die Angeklagten sich in ihrer Thätigkeit innerhalb des sozialdemokratischen Programms gehalten haben. „Ein weiterer Antrag," so fährt der Vertheidiger fort,„ist mir einigennaßen unangenehm, weil, wenn ihm stattgegeben weichen sollte, ich auf die Anwesenheit meines sehr geehrten Herrn Gegners verzichten müßte; es ist mir dies um so bedauerlicher, als ich nicht verkenne, daß durch die Funktion dieses Herrn Vertreters der Anklage die Verhandlung eine» höheren Styl erhält. Herr Dr. Adler hat in seiner Auseinandersetzung an- geführt, daß der Herr Staatsanwalt v. Soos seine Thätigkeit wider besseres Wissen als eine anarchistische bezeichnet hat, und ist dafür von dem Herrn Präsidenten zur Rede gestellt worden. Eine solche Behauptung ohne Erörterung und Widerlegung zu lassen, könnte zu einem Mißton Anlaß geben. In einer Verhandlung des Abgeordnetenhauses hat der Regierungsvertreter Ministerialrath Dr. v. Kral aus dem Be- richte der Wiener Staatsanwaltschaft— von der er bei diesem Anlasse sagt, daß sie eine Behörde mit offenem Blicke für solche Vorgänge sei— konstatirt, daß die rückläufige Bewegung des Anarchismus in erster Linie auf den Abscheu und das Entsetzen der Arbeiter vor den anarchistischen Handlungen zurückzuführen ist. Dazu kommt, daß ich von glaubwürdiger Seite zur Keirntniß des Umstandes gekommen bin, daß die Wiener Staatsanwaltschaft selbst in ihrem Berichte an das Justizministcrium erklärt hat, daß die„Gleichheit" kein anarchistisches Blatt ist. Man kann einwenden, daß dieser Bericht in den Bereich des Amtsgeheimnisses gehöre, aber es ist ohne Zweifel von Wichtig- keit, ob die Haltung einer Behörde mit ihren Berichten an ihre Vorgesetzten in Einklang gebracht werden kann. Ich bin über- zeugt, daß der hohe Chef des Herrn Staatsanwalts v. Soos, dessen Vernehmung als Zeuge ich hiermit beantrage, viel zu loyal ist, um dem Herrn Staatsanwalt nicht in diesem Falle von der Wahrung des Amtsgeheimnisses zu entbinden. Sollte jedoch der Herr Staatsanwalt nicht in der Lage sein, diese Auskunft zu erthcilen, so beantrage ich, daß der yohe Gerichts- Hof den Hern, Justizminister Graferr Schönbon, vorlade, da- mit er darüber aussage, ob in den Berichten der Staatsanwalt- schaff die„Gleichheit" ein nichtanarchistisches Blatt genannt werbe. Präsident erklärt, daß er die gewünschte Theilung der Verhandlung nicht vornehmen werde, weil in dem Gesetze wohl die Trennung der Schulb- und Straffiage, nicht aber die der Kompetenz- und Schuldfrage vorgesehen sei. Die Verlesung werde er vornehmen, in betreff der Vorladungen erwarte er den Antrag der Staatsanwaltschaft. Staatsanwalt: Obgleich ich mich in einer gewissen Zwangslage befunden, da die Vorladung meiner Person als Zeuge beantragt wurde, glaube ich doch, da ich weder als Pri- vatpcrson noch als Zeuge, sondern als Staatsanwalt hier stehe, mich hierüber äußern zu können. Der hohe Gerichtshof wird schon darum mich nicht vernehmen können, weil ich über emen Gegenstand meiner Amtswirssamkeil keine Aussage machen kann, nachdem das Gesetz mir dies nicht gestaltet. Aber auch Se. Excellenz der Herr Justizminister wird nicht im Stande sein, hierüber Mittheilungen zu machen, aus demselben Grunde, aus welchem ich schweigen muß. Der Staatsanwalt spricht sich auch gegen die Vernehmung der anderen vorgeladene» Zeugen aus, weil dies nur Sach- verständige wären, Sachverständige aber über Stimmungen, subjektive Gefühlsmomeiite und Ansichten keine Auskunft geben könnten. Der Gerichtshof beschloß, die Anträge der Vertheidigung zurückzuweisen, und zwar mit der Motiviruna, daß es sich dem Gerichtshofe nur um die Bestätiaung von Thatsachen und nicht um Meinungen und Gutachten handelt, weil weiters der Ge- richtshof nicht die frühere Haltung der„Gleichheit" zu be- urtheilen, sondern nur die Aufgabe hat, aus den inkriminirten Stellen sich die Ueberzeugung zu verschaffen, ob gegen das Straf- gefetz verstoßen wurde oder nicht. (Schluß folgt.) Folgende Schriftstücke, welche die Hausdiener der kom- merzienräthlichen Pfaff'schen Fabrik an die Gcschäftsleitung ge- richtet hatten, werden uns zur Verfügung gestellt: Hochgeehrter Herr! Durch die Verhältnisse gezwungen, uns an Sie zu wenden, bitten wir um gütige Verzeihung Ihrerseits.— Da unter allen Ihren Arbeitern die Bteinung besteht, der Herr Kommerzienrath sei auch für den geringsten Arbeiter zu sprechen, so haben auch wir es gewagt, uns mit nachfolgender Bitte an Sie zu wenden, und ersuchen um gütiges Gehör. Die sämmt- lichen Hausdiener Ihrer Fabrik wendeten sich am Freitag, den 21. Juni an die Leitung der Fabrik, mit der Bitte um Lobn- erhöhuiig, und hatten wir unsere Bitten durch nachstehendes Schriftstück dem Hern, Geschäftsführer Lorenz überreicht.— Eigenhändig unterzeichnete Hausdiener der Möbelfabrik des Herrn Kommerzienraths Pfass bitten hiermit den Hern, Ge- schäftsfiihrer, den bisherigen Wochenlohn von 16,50 Mark auf 18 Mark zu erhöhen, und die Sonntags geleistete Arbeit nach Stunden zu vcrgütigen. Wir wenden uns bittend au die Leitung der Fabrik in der sicheren Hoffnung, die Herren werden unsere bescheidene Forden, na prüfen und sicher zu der Ansicht gelangen, daß selbst bei der größten Sparsamkeit der jetzige Lohn nicht ausreicht, um auch nur einigermaßen als Mensch zu existiren. Deshalb bitten wir dringend den Herrn Geschäfts- fuhrcr um Bewilligung unserer bescheidenen Fordenmg. Andernfalls bitten wir Sie, dem Herrn Kommerzienrath unser Ersuchen zu unterbreiten.— Sämmtliche Hausdiener haben dies Schriftstück unter- zeichnet. Auf Gnind dieser Bitte sind wir sämmtlich entlassen ivor- den, ohne daß auch nur mit Einem von uns die geringste Rück- spräche genommen ist. Wir bitten den Herrn Rath zu beachten, daß unserseits nicht gesagt worden ist, daß wir bei Nichtbewilli- gung unserer Bitten die Arbeit niederlegen, wir bitten den Henu Rath weiter, sich bei unfern direkten Vorgesetzten, den Meisten,, nach unseren Leistungen und sonstigem Be- tragen zu erkundigen. Wir sind der sicheren Hoff- nung, der Herr Rath wird unsere Sache prüfen, und uns gütige Antwort zu erthcilen. Mit norzüglicher Hochachtung die Hausdiener der Fabrik.(Folgen die Unter- schriften.) Die Antwort auf diese de- und wehmüthigen Schriftstücke war, daß sämmtliche Hausdiener der Fabrik von dem Herrn Kommerzienrath mit der Molivinmg entlassen wurden, daß er (der Kommerzienrath) die Hausdiener für»»zufriedene Leute halte, und unzufriedene Leute könne er nicht gebrauchen. Das ist eine echt kommerzienräthliche Theorie. Die Arbeiissrit der Apothekeraehilfen. Vor kurzem ging durch die Presse die Nachricht, daß auch die Apotheker- gehrlfcn„in die Lohnbewegung" eingetreten feien und auf der am 22. v. M. gewesenen Dclegirtenversammlung ein die Lohn- erhöhung der Apothekergehilfcn verlangender Antrag eingebracht worden ist. Auch die Apothekergehilfen forden, eine Herab- setzuna der Arbeitszeit, die in keinem Fache so groß ist, wie in dem ihrigen. Aus dem Berichte des Herrn Küster über die Deleairtenversammlung geht nun hervor, daß der Dienst der Apothekergehilfen meist 14—15 Stunden dauere, wozu noch durchschnittlich 2 Stunden Nachtdienst kommen, ohne daß irgend welche besondere Entschädigung dafür gezahlt werde. Das sei entschiede» zu viel von der Leistungsfähigkeit eines Menschen verlangt Die Dienststunden sollten nicht länger als von 8 Uhr Vormittags bis 9 Uhr Abends dauern mit einer Mittagspause von 2 Stunden. In der sich über die auf Ver- Minderung der Arbeitszeit hinzielenden Debatte hat Herr Küster darauf hingewiesen, wie wohl es selbst in dem kleinsten Orte jeder Lehrling wisse, daß er Sonntags und Wochentags Post- marken nur bis zu bestimmten Stunden bekommen könne. Anders in den Apotheken. In diesen werde auf den Menschen keine Rücksicht genommen. Die Leute kämen zu den Apotheken, holten Haaröl und dergleichen zu einer Stunde, wo jeder Mensch, selbst das Vieh, zur Ruhe komme. Welcher Mißbrauch mit dem Nachtdienst getrieben werde, wisse das gebildete Publikum meist nicht. Komme Einer vom Balle nach HauS, so klingle er den Apotheker heraus, um eine Flasche Selterswasser zu bekommen, oder es falle Einem mitten in der Nacht ein, einen sogenannten ApothekerfchnapS zu trinken; er beraube da»»» den Avolheker seiner Nachtruhe mit nihigem Blute, weil er wisse, oer Apotheker muß zur Stelle sein, und weil er sich hinter die billige Ausrede verschanzen könne, er sei unwohl. Werde der erschöpfte Apotheker einmal unwillig, so gehe ein solcher Ouälgeift auch noch hin und beschwere sich bei der vor- Sesetzten Behörde. Man wisse, der Apotheker müsse den Wim- hen willfahren, und darauf werde gesündigt. Ein Redner konnte die überraschende Mittheilung machen, daß er von %7 Uhr früh bis*11 Uhr Abends Dienst habe und daß er Kollegen kenne, die durch das Kopiren her Rezepte sogar bis 2 Uhr Nachts arbeiten müßten. In Ergänzung dieser Debatte wird nun auL Fachkreisen noch mitgetheilt, daß die hier be- leuchteten Zustände durchaus nicht zu den extremen Fällen ge- hören: Ich kann— so schreibt man dem„Kl. I."— Ihnen die Versichenmg geben, daß ich noch ärgere Verhältnisse durch- gemacht habe, daß ich oft 50 Stunden Dienst habe, was sich ,n den meisten Apotheken in jeder Woche bei jedem Kollegen einmal wiederholt. Wenn man die Verantwortung bedenkt, die wir zu tragen haben und die wir stets uns ins Gedächtniß rufen, wenn uns die Ermüdung übennannt, so wird man wohl schwerlich unsere durchaus begründeten und ernsten Fordeningen zurückweisen können._., Sorgfältig durchdacht ist die Kuavadl und pla«. mäHig angeordnet find die Arten in der zur Zeit in unserem Zoologischen Garten zusammengestellten Sammlung von Nage- thieren, die wir in der durch teste Fundamentirung und neue Einrichtung ihrem Zweck auf das Beste angepaßte Murmelthier- grotte unweit des großen Raubthierhauses finden. Von euro- päischen Nagern sind da jetzt vertreten die Gattungen der Ziesel und der Murmelthiere, jene zierliche, behende Geschöpfe, dieses mehr gemüthliche, etwas schwerfällige Burschen, die jedoch eine bedeutende Gewandtheit zu entwickeln im Stande sind, wenn >'es gilt den eigenen Balg in Sicherheit zu bringen. Den Munnelthieren steht der ourch fünf Exemplare hier vertretene Prairiehund am nächsten, ein in seiner Heimath, Nordamerika, in großen Ansiedlungen gesellig lebender Nager mit eigenthüm- lich bellender Stiinme, welche ihm seinen Namen verschafft hat. Gemeines Zieses und Perlziescl, sowie Alpen- und Steppen- murmelthier und Prairiehund sind Erdgräber, welche fich auch hier in der Gefangenschaft ihre unterirdischen Wohnungen an- gelegt haben, ganz im Gegensatz zu den beiden die benachbarte« Abtheilungen bewohnenden Sud-Amerikanern, von denen die furchtsame Mara oder der Pampashase bei uns gar nicht gräbt, während die unverschämten, bissigen Viscachas, von den be- rittenen Hirten des Pampas bitter gehaßt, wegen ihrer für Roß und Reiter so gefährlichen unterirdischen Gänge nur Furchen aufwühlen, aber nicht wirklich unterirdische Bauten fertig bringen. Gerechtfertigte Maßregelung eine» Rechtsanwalt». Der hier domizilirende Rechtsanivalt Dr. Max S., welcher den hiesigen Ehrenrath der AmvaltSkammer schon wiederholt zum disziplinarischen Einschreiten veranlaßte, hatte unlängst einem seiner Mandanten statt einer für ihn erstrittenen größeren Summe einen Schuldschein ihn Zahlung gegeben. Der Ehren- rath der hiesigen Änwaltskammcr hat daraufhin den genannten Rechtsanwalt zur höchsten Geldbuße und mit einem Verweise verurtheilt. Gegen dieses Urtheil hat indessen die Staatsanwalt- schaft bei der höheren Instanz in Leipzig Berufung eingelegt, und diese hat durch Erkenntniß vom 26. Juni er. dem Dr. Mar S. die fernere ÄuSlibung des anwaltlichen Berufes inner- halb des Deutschen Reiches untersagt. In hiesigen Rechts- anwaltkreisen ist dieser Beschluß mit großer Befriedigung auf- genommen worden. Der I«ttu»thurm bei Hpanda« ist für die Geschichts- forscher ein intereffanter Gegenstand, denn nach dem„Anz. für das Havell.� weiß man weder, wie alt er ist, wer ihn erbaute, noch von wem er erbaut wurde. Die»um Bau verwandten Steine stimmen in der Größe vollständig mit denen in der alten Stadtmauer überein. Man könnte hieraus schließen, daß der JuliuSthunn zugleich mit der Stadtmauer, also um das Jahr 132V entstanden sei. Jm Uebrigcn macht er ganz den Ein- druck eines Bauwerks aus der Zeit Kaiser Karl IV. Um 1400 soll der Ausdruck„einen mit dem Julius bestrafen" bereits sehr gebräuchlich gewesewsein. Vielleicht hat der Thurm später davon seinen Namen erhalten. Besonders zur Zeit der Ouitzow's ist das Burgverließ zu Spandau adeligen und nichtadeligcn Wege- lagerern oft ein unbequemer Aufenthalt gewesen. Auch Dietrich v. Ouitzow selbst hat eine 14tägige Haft darin abgebüßt. In einem Kriege, den er im Jahre 1402 gegen den Bischof Johann v. Lebus führte, wurde er von den spafidauer Bürgern am 10. November in der Nähe von Kremmen angegriffen. In einem heißen Gefecht wurde er besiegt und gefangen genommen. Im Triumph führten ihn die Spanoauer' als Gefangenen mtt sich in die Stadt.- Allgemeiner Jubel empfing die heimkehren- den Krieger, großes Lob ward ihrer Heldenthat gespendet. Alles war auf den Beinen, um den verhaßten Raubritter zum Schlosse zu geleiten, wo er im Verließe des Juliusthurmes ge- fangen gehalten wurde. Am 2. November kam Markgraf Jost nach Spandau, um mit Dietrich v. Ouitzow zu unterhandeln. Gegen ein Lösegeld von 1000 Schock böhmischer Groschen wurde er sofort aus der Haft entlassen. Der Dorwurf der Feigheit hat am Donnerstag einen jungen Handwerker zu einem Selbsfinordversuch getrieben. Der in der Großen Frankfiirterstraße in einer Werkstatt arbeitende Schlosser H. hatte am Abend genannten Tages mit seiner Braut einen Tanzsaal besucht, und das junge Mädchen, eine Näherin, war von einem Unbekannten mehrfach zum Tanz aufgefordert worden, was die Eifersucht des H. in so hohem Maße erregte, daß er seine Braut zwang, mit ihm das Lokal zu verlasjen. Auf dem Nachhausewege kam es zwischen dem Pärchen zu einer heftigen Auseinandersetzung und H., tief gekränkt und erbittert, erklärte der Geliebten, daß er sich ihretwegen noch das Leben nehmen werde.„Dazu bist Du viel zu feig 1" versetzte das Mädchen höhnisch und mit diesen Worten drehte sie dem Brau- ligam den Rücken, während H. nun gleichfalls nach seinem in der Andreasstraße belegenen Logis ging. Gegen 1 Uhr Nachts hörte die Wirthin des jungen Handwerkers ein zaminerliches Stöhnen in der Schlafkammer desselben und, nichts Gutes ahnend, öffnete sie die Thür derselben und fand ihren Ehambre- garnisten erhängt am Fensterkreuz vor. Der bereits Bewußt- lose wurde von den alarmirten Nachbarsleuten abgeschnitten und einem herbeigeholten Arzt gelang cS, H. wieder ms Leben zurückzurufen. Die erste Handlung desselben war nun, seine Wirthin zu bitten, sie möge doch seiner Braut brieflich mit- Iheilen, daß er sich aufgehängt habe! Die dumnie Kiese. Ein hiesiger Lokalberichterstatter meldet: Ein Monstreprozeß wird in den nächsten Tagen die Einwohner mehrerer Häuser der B.-straße auf dein Gesund- drunnen nach dem Jnstizpalast in Moabit führen. Der Prozeß, welcher nicht weniger als 53 Angeklagten wegen„Beleidigung und Verleumdung" zählt und 27 Angeklagte und einige 90 Zeugen vor den Richter zitiren wird, verspricht um so»nter- essanter zu werden, als die geladenen Zeugen ein lebendiges Beweismittel nach dem Justizpalast zu bringen gedenken, wel- ches jedenfalls als ein Kuriosum in der Prozeßführung be- zeichnet werden dürfte, und zwar einen— Ziegenbock, welcher oen Namen„Liese" führt, und um dessentwillen sich der Monstre- prozeß angesponnen hat. Besagter Wiederkäuer befand sich vor einigen Wochen auf dem Hofe eines Hauses, und nicht weit davon stand die Frau des Hausbesitzers, welche der Ziegenbock bedrohte. Die Besitzerin des Thieres scheuchte dasselbe mit den Worten hinweg:„Mach', daß du fortkommst, dumme Liese!" ein Ausruf, welchen die Hausbesitzersfrau auf sich bezog und sich in spitzen Worten verbat. Die andere blieb ihr die Ant- wort nicht schuldig, Bewohner dieses Hauses sowie daranstoßcn- der Hofgebäude kamen hinzu und betheiligten sich, für und wider Partei nehmend, an dem Streit, und das Ende dieser Ziegenbock-Affäre ist jener Rattenkönig von Prozessen, welcher 15 Rechtsanwälten Gelegenheit zur Entfaltung ihres oratorischen Talentes geben wird. Und das Alles um eine einzige„dumme Horglose Ktrstandlung geringfügiger FAßwunden tat wiederum ein blühendes Menschenleben gefährdet und den jetreffenden Zeitlebens zum Krüppel gemacht. Vor 10 Tagen zog sich der in der Grünthalerstraßc wohnende Arbeiter K. eine leichte Verletzung an der großen Zehe des linken Fußes da- durch zu, daß er sich den Nagel abriß, was nur eine schwache Blutung verursachte. Trotz mehrfacher Wanningen seitens Be- kannter und trotzdem der Fuß nach einigen Tagen ganz be- denklich anschwoll, ließ K. die Wunde unbeachtet, bis er am Sonnabend durch entsetzliche Schmerzen gezwungen wurde, arztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, jedoch leider zu spät. Im Moabiter Krankenhaute, wohin K. gebracht wurde, mußte aesteni zur Amputation des Beines bis zum Knie geschritten werden, und es ist trotzdem fraglich, ob es gelingen wird, den Schwerverletzten am Leben zu erhalten. «ermifft wird der m Wusterhausen a. d. D. wohnhafte Schonrstcinfcrmcister Kühne. Derselbe hat am Dienstag, den 18. d. M., im Arbeitsanzuge und ausgerüstet mit Kugel, Herne und Besen die Stadt verlassen, um in der Umgegend derselben seinen Berufsarbeiten nachzugehen und ist zuletzt am Donners- tag auf dem Wege von Bantikow nach Wusterhausen, welcher von Wald begreift wird, gesehen worden: er soll hier von einem Unwohlsein befallen worden sein. Feldhüter und andere Per- sonen haben den Verschwundenen vergeblich gesucht, es fehlen auch Kugel, Leine und Besen. Grfchreckrnde Dimenst-ne« hat der Brechdurchfall bei Kindern in unserer Stadl angenommen, was aus der Todes- stalistik der letzten Wochen deutlich hervorgeht. Die Zahl der Sterbefälle übersteigt diejenigen der Geburtsfälle wesentlich. Die amtliche Statistik der Woche vom 9. bis 15. Juni weist 898 Neugeburten auf, denen 1224 Todesfälle gegenüberstehen, so daß also 326 Personen mehr starben als geboren wurden; unter den Verstorbenen befanden sich 823 Kinder im Alter von noch nicht einem Jahre.— Infektionskrankheiten mit tödtlichcm Ausgang kamen für die jetzige dazu neigende Jahreszeit nur wenig vor, im Ganzen etwa 70. Dagegen wurde der Tod von Kindern an Brechdurchfall in 457 uno an Darmkatarrh in 192 Fällen konstaiirt. Zwei Meufchen ertrunken. Gesten, Nachmittag mietheten sich drei junge Leute von dem Bootsverleiher Schmidt zu Treptow ein Boot, um eine Wasserfahrt zu unternehmen. Nicht weit vom Ufer entfernt, auf der Slralauer Seite, ver- gnügten sich die Insassen des Bootes, mit demselben zu tchaukeln, als gerade ein Dampfer vorüber gefahren war: das Boot schlug um, und alle drei sielen ins Wasser. Dem Be- sitzer eines auf die Hilferufe der Verunglückten herbeigeeilten Seegelbootes— der Agent Herr Menzel und dem in seiner Begleitung befindlichen Mechaniker Herrn BroSke— gelang es, einen der mit den Wellen Kämpfenden durch Zuwerfen eines Rettungsringes an Bord zu ziehen, die beiocn anderen aber Singen, ehe ihnen Hilfe gebracht werden konnte, unter. Die inglücksstelle wurde erfolglos nach den Leichen der Verun- glückten abgesucht. Bewegung d«» Ontiilturuxg drr 5toM#rrlin. In der Wockic vorn 9. bis 15. Zum 1888 fanden 205 Ebefchiießungt» statt. Lebend geboren wurden 898 Kinder, darunter 117 außerebetich. todtgeborcn waren 32 mit 5 außtrebelichtn. Die Lebendgeborenen stnd 31,4, die Todtgeborenen 1,1 pro Milte der Bevölkerung, die außerehelich Geborene» sind bei den Ledcndgtborcne» 13,0, bei den Todtgeborenen 15,3 pCt, Die Zahl der gemeldeten Sterdestlllc be- trug 1224, die sich auf die Wochentage wie folgt ocrtheiten■ Tonntag 204, Montag 205, Dienstag 173, Mittwoch 158, Donnerstag 145,«rritnq 141, Sonnabend 198. Bon den Gestorbenen erlagen an Blasern 9, i-rbarlach 4, Diphtherie 18, Briinne 1, Keuchhusten 10, Äindbcttsieber 1, TppbuS 8, Ruhr 1, Svphilis 1, Altersschwache 17, Gehirnschlag 11, Lungenentzündung 28, Lungenschwindsucht 84, Diarrhoe 143, Brechdurchfall 457, Magcndarmkatarrh 49, Durch Bergistung kam 1 Perlon um«durch«lkoholvtrgismng. Delirium trememO. EincS gewaltsame» Todes starben 17 Personen, und zwar durch Verbrennung oder Verbrühung 1, Ertrinken 6, Erhangen 6, Ucbersahren 2, Stur, oder Schlag 1, Schußwunde I, Hierunter sind 11 Todessilllc durch Selbstmord her- beigesührt. Dem Aster nach sind die Gestorbenen: Unter 1 Jahr alt 823 (87,2 vEt, der Gcsammtfterbltchkcits. 1—5 Jahre 145, 5-15 Jahre 20, 15 bis 20 Jahre 8, 20-30 Jahre 36, 30-40 Jahre 49, 40- 80 Jahre 76, 80-80 Jahre 68, über 80 Jahre 9 Personen, In hlesiaen Krankenhäusern starben 117, einschließlich 11 Auswärtige, welche zur Behandlung hierher gebracht waren, Aus die Standesämter vertheilcn sich die Todesfalle folgendermaßen: Berti». Kölln-Dorotheenftadt(I.) 23, Friedrichstadt(II.) 22, Friedrich- und Schöne- berger Vorstadt(III) 40, Friedrich, und Tcmpelhofcr Vorstadt(IV.) 91, Louisen. statt lcnscit, westlich(Va.) 77. Luisenstadt jenseit, östiichlick(Vd.) 73, Luisenstadt diesicit und Neu-Kösin(VI.) 63, Stralauer Viertel, westlich(Vlla.) 82, Stralauer Viertel, östlich(VUd) 68,.Königstadt IVIII.) 82, Spandauer Viertel (II) 38, Rosenthaler Vorstadt, südlich(Xa.) 114, Rosenthaler Vorstadt, nördlich (Ib.) 97, Oranienburger Vorstadt(XI.) 130, Friedrlch-Wjlhelmstadl und Moabit (XII.) 92, Wedding(XIII.) 132. Die SterbestUle sind 42,8 pro Mille der sort- geschriebenen Bevölkerungszahl(1490 839). Die SterblichkeitSzisser in folgenden Stödten des Deutschen Reiches mit mehr als hunderttausend Einwohnern be- trug in Aachen 22,2, Altona 23,2, Barmin 20,2, Bremen 24,6, Breslau 42,1, Chemnlß 35,8, Dan, ig 31,0, Dresden 22,0, Düsseldorf 28,1, Elberfeld 29,0, Frankfurt a. Bi. 19,9, Hamburg mit Vororten 21,5, Hannover 21,6, Köln 33,9, Königsberg 51,2, Krefeld 19,4, Leipzig 24,4, Magdeburg 41,8, München 33,4, Nürnberg 28,8, Stettin 46,5, Straßburg i, E. 22,8, Stuttgart 21,8 aus Tausend, In andere» Großstödten Europas init mehr als dreihunderttauscnd Einwohnern betrug die SlerblichkciiSzisscr in Amsterdam 27,0, Budapest(Vorwoche) 29,8, Dublin 22,2, Liverpool 18,2, London 15,0, Paris 20,3, Petersburg(Vorwoche) 25,6, Warschau(Vorwoche) 33,2, Wien(Vorwoche) 27,0 aus Tausend. Es wur- den 2228 Jugezogene, 2287 Weggezogene gemeldest so daß sich die Bevölkerung mit Einrechnung der nachtröglich gemeldeten Geborenen n»d deS Zuschlages, der den Weggezogenen ersahrungSmößig zugerechnet werden muß. um 562 vermindert hat, die Einwohnerzahl betrögt sonach am Schlüsse der BerichtSwoche 1 490 287. In der Woche vom 18. bis 22. Juni kamen zur Meldung In- sektionS-ErkrankungSsölle an TgphuS 11. Pocken 1, Masern 23, Scharlach 46, Diphtherie 71, Ktndbcttficbcr 1. polizcibcrichi. Am 29. v. M. war ein Kellner wegen Deliriums nach der Wache des 68. Polizei-RevierS, Straß- burgerstr. 24, gebracht worden, wurde dort von Krämpfen be- fallen und verstarb auf der Stelle infolge Herzlähmung.— An demselben Tage Mittags wurde vor dem Hause Nr. 1. An der Span dauerbrücke ein Mädchen von einer Droschke über- fahren und am rechten Fuße und am rechten Ann nicht mibe- deutend verletzt.— Nachmittags wurde vor dem Hause Alt- Moabit Nr. 128 ein Mann von einem Schlaganfall getroffen und mittelst Droschke nach dem Krankenhause Moabit gebracht. — Zu derselben Zeit stürzte auf dem Neubau des Gnuidstücks Gneisenaustraße 12 der Maurerlehrling Kieselack, als er scherz- weise aus dem Fenster des zweiten Stock einige Mitarbeiter mit Kalk zu beiverfen versuchte, auf den Hof hinab und zog sich einen Bruch des rechten Oberschenkels zu. Er wurde nach dem Krankenhause Bethanien gebracht.— Am 30. ds. MtS. früh hatte sich auf dem Grundstück Wilhelms ftraße 50 der Kistenmacher Schultz? auf das Fenster des zweiten Stocks gesetzt und war eingelchlafen. Er stürzte infolge dessen aus dem Fenster auf den Hof hinab und erlitt anscheinend inner- liche Verletzungen und einen Bnich des linken Oberschenkels, so daß er mitelst Krankenwagens nach der Charitee gebracht werden mußte.— Mittaas vergiftete sich eine Frau in der Sorauer- straße mittelst Zuckersäure. Die Leiche wurde nach dem Schau- Hause geschafft.— Nachmittags wurde an der Ecke der Neuen Hoch- und Linienstraße ein zibölfjähriger Knabe von einem Brauerwagen Überfahren und erlitt einen Bruch des linken Oberschenkels und eine Quetschung des rechten Fußes.— Als am Abend desselben Tages ein Mädchen die vor dem Schank- geschäst Grenadierstr. 29 angebrachte Laterne anzünden wollte und zu dem Zweck einen auf den Kellerhals gestellten Stuhl bestiegen hatte, stürzte es auf den Bürgersteig hinab und erlitt einen Bruch des rechten Schlüsselbeins, sowie eine Verletzung am Hinterkopfe, so daß es nach dem Krankenhause im Friedrichs- Hain gebracht werden mußte. tlievirlitr.' pleitniirx. Prozeß gegen die Militairlieferanten MoUanck«nd Kjagemann. Sech st er Sitzungstag. Nachdem Landaerichtsdirektor Schmidt die Sitzuiia um 10 Uhr eröffnet, ergreift Staatsanwalt Elnger zu seinem Plaidoyer das Wort. Die gerichtlichen Untersuchungen, welche innerhalb vier Jahre vorgenommen.worden seien und nunmehr zum Abschluß ge- langen sollten, hätten begreiflicher Weise in allen Schichten der Bevölkerung ein großes Aussehen erregt, denn es wurde da- durch festgestellt, daß eine große Reihe preußischer Beamten als bestechlich und ungetreu zu bezeichnen seien und da- durch einen Schimpf auf den gesammten Beam- tenstand häuften, dessen Wiederholung nunmehr durch Bestrafung und Entlassung der Schuldigen hoffent- lich für alle Zeiten vorgebeugt sei. Es handelte sich in der vorliegenden Verhandlung nur noch um die beiden Männer, ivelche als Militärlieferanten dem Unfuge durch Anerbieten von Geschenken Vorschub leisteten. Es sei vorweg die Frage zu erledigen, ob die Zahlmeister als Beamte im Sinne des Ge- setzes anzusehen seien oder nicht, und ersteres sei wohl keinem Zweifel unterworfen. Ferner habe die Beweisaufnahme zwar ergeben, daß die Zahlmeister bei der Vergebung der Lieferungen eine Stimme nicht hätten, aber ebenso zweifellos sei es, daß die Zahlmeister als Rath gebende Faktoren einen nicht geringen Einfluß auszuüben vermochten. Wenn nun die Zahl- meister ihren Rath wider besseres Wissen und wider bessere Ueberzeugung zu Gunsten der Angeklagten ertheilen, so be- gingen sie eine strafbare Pflichlwidngkeit, die einer Bestechung leichkäme. Man habe nun zu erwägen, ob die Angeklagten ie verbrecherische Absicht hatten, die Zahlmeister durch Ge- schenke zu Pflichtverletzungen zu bewegen. Es sei dies zwar ein innerer Vorgang in der Seele des Angeklagten, aber eine Menge Thatsachen sprächen zu Ungunsten der Beschuldigten. Da sei in erster Linie die zwischen Wollgnck und Hagemann geführte Korrespondenz zu berücksichtigen. Als Wollank sich über die großen Ausgaben seines Geschäftstheilhabers be- schwerte, aniwortete dieser, daß es nur einmal zu bringende Opfer seien, welche aufhörten, soivie der Zweck er- reicht sei. Ein anderes Mal schreibe Hagemann, er werde mit Hilfe der Zahlmeister, noch günstigere Resultate erzielen. Wollanck schreibe in einem anderen Briese an Hagemann, er solle zusehen, einen höheren Preis zu erzielen, für jeden Pfennig pro Ration, welcher mehr bewilligt werde, wolle er dem betr. Zahlmeister gerne 15 M. zahlen. Schwer belastend sei ferner der Brief, den Hagemann an den Zahlmeister Barth richtete. Er forderte darin den Adressaten auf, mit den Lieferungen der derzeitigen Lieferanten Unzufriedenheit zu erregen, damit den letzteren die Lieferungen entzogen würden und er sich fiir die Firma Wollanck verwenden könne. Man müsse aus diesen Thal- sachen den Schluß ziehen, daß die Angeklagten sich ihrer strat- baren Handlung wohl bewußt gewesen und daß die Entschuldi- gung des Angeklagten Wollanck, er habe nur einem erlaubten Gebrauch gehuldigt, als stichhaltig nicht angesehen werden könne. Der Staatsanwalt geht sodann zu den einzelnen Fällen über. Er führt aus, wie der Angeklagte Hagemann, der für die verschiedenen Zahlmeister bedeutende Aufwendungen machte. sie in Restaurationen und Vergnügungslokalen freihielt und den Frauen Geschenke zukommen ließ, dadurch nur die Be- treffenden günstig für sich stimmen wollte und war dies erreicht, sodann mit schwererem Geschütz in Gestalt von mit Geld be- schwcrten Kouverls und sonstigen baaren Zuwendungen vorging. Der Staatsanwalt gelangt zu dem Resultat, daß der Angeklagte Wollanck in 5 und der Angeklagte Hage- mann in 24 Fällen der Beamtenbestechung schuldig und deshalb zu bestrafen seien. Bei Abmessung der Strafe sei zu be- rücksichligen, daß beide Angeklagte geradezu gewerbsmäßig ge- handelt haben und sich der Tragweite und Folgen ihrer Handlungen voll und ganz bewußt waren. Die Verwerflichkeit der Thal sei auch dem Angeklagten Wollanck klar gewesen, er habe die Bestechungen aber als ein nothwendiges Uebel ge- halten. Eine Reihe von Beamten, die sich in geachteter Stel- kung befanden, seien durch die Handlungen der Angeklagten um Ehre, Brot und Amt gekommen und schon aus diesem Gninde müßten mildernde Umstände von vorne herein ausgeschlossen werden. Die Angeklagten seien aber verschieden zu beurtheilen. In Wollanck hätten von vorne herein verbrecherische Triebe nicht geivohnt, sie seien erst durch Hagemann und im Laufe der Geschäfte erzeugt worden. Anders sei es mit Hagemann, dessen Vergangenheit schon schwer gegen ihn spreche. Dieser Mann, der mit einem Ber- mögen von über 300 000 M. aus dem Feldzuge zurückkehrte, der aber einer unrechtmäßigeii Aneignung nicht überfiihrt werden konnte, dagegen aus dem Offizierstand und des eisernen Kreuzes verlustig erklärt wurde, dieser Mann habe in gewinnsüchtiger Absicht die Zahlmeister bestochen, obgleich er genau wußte, daß sie dadurch ihre Pflicht verletze». Die moralische Beurtheilung der That sei von der größten Bedeutung und dieser Gesichtspunkt veranlasse ihn, gegen Hagcmann die Aberkennung der bürger- lschen Ehrenrechte zu beantragen. Er beantrage, gegen Hage- mann für jeden Fall eine Gefängnißstrafe von sechs Monaten zu erkennen, das würde insgesammt 12 Jahre Gefängniß ausmachen. Diese Strafe beantrage er auf sechs Jahre Ge- f ä n g n i ß zusammenzuziehen und außerdem auf fünf Jahre Ehrverlust zu erkennen. Gegen Wollanck beantrage er eine Gesammtstrafe von zwei Jahren Gefängniß, ihm aber die Ehrenrechte zu belassen, da derselbe im Lause der Verhandlung gezeigt habe, daß er einer solchen Ver- günstigung würdig sei. Da die Angeklagten lange in Untersuchungshaft ge essen, sei es billig, einen Theil der zu erkennenden Strafe für verbüßt zu erachten, die Höhe stelle er dem Gerichtshof anhcim. Rechtsanwalt Dr. Friedmann beginnt seine Vcrtheidi- gungSrede mit der Erklärung, daß es nicht Aufgabe der Ver- theivigung sein könne, mit einem Worte auf die einzelnen zur Anklage stehenden Fälle zurückzukommen. Er wolle von vorne- herein zugeben, daß die Handlungsweise seines Klienten Hage- mann als hochgradig unmoralisch zu bezeichnen sei. Aber, so unangenehm eS ihm sei, einen ganzen Stand in dieser Weise zu beleuchten, er müsse doch behaupten, daß die Zahlmeisterkategorie kein reines Blatt gewesen sei, bevor die Angeklagten zu ihr in Beziehung traten. Es sei schon lange die wurmstichige Stelle zur Kenntniß der höheren Be- Hörde gelangt, es habe sich nur kein Ankläger gefunden, bis der Geheimrath Kreide! sich benife» fühlte, den icit lange be- stehenden Schaden aufzudecken. Daß die Zahlmeister manch' räudiges Schaf in ihrer Mitte bargen, das beweise schon die Thatsachc, daß ein Theil derselben wegen weit schwererer Ver- brechen und Vergehen verurtheilt worden sind. Das Gericht habe nicht zu entscheiden, ob die Angeklagten unmoralisch ge- handelt hätten, sondern nur, ob dieselben vom juridischen Ge- sichtspunkte aus zu bestrafen sind. Es sein ein gefahrvoller Boden, auf dem die Judikatur bei Beurtheilung der Bestechung zu arbeiten habe. Wie verschiedenartig würde ein derartiges Vergehen von den verschiedenen Gerichten beurtheilt! Das Strafmaß bewege sich Zwilchen Gefängnis von einigen Wochen und zwischen Zuchthaus. Hagcmann kannte die eigenthümlichc Stellung, welche die Zahlmeister einnehmen. Er ivußte, daß derselbe nach oben und unten hin Beziehungen hat, aber nicht immer amtliche, sondern gesellschaftliche Beziehungen. DersZahl- meister kann nach oben und nach unten hin gefährlich und nach- theilig wirken,und diese Gefahr hat Hagemann beseitigen und nach- hteilig wirken, und diese Gefahr hat Hagemann beseitigen wollen. Aus diesem Grunde hat er sich mit diesen Beamten auf einen guten Fuß gestellt, wenn er auch ein unmoralisches Mittel dazu benutzte. Aber keineswegs sei erwiesen, daß die den Zahlmeistern gemachten Zuwendungen dieselben zu irgend einer, für die Angeklagten günstigen Ämtshandlungen bestimmen sollten. Ebensowenig sei erwiesen, daß die Ange- klagten unrechtmäßige Vortheile erstrebten. Nun hahe die Judi- katur schon in früheren Fällen entschieden, daß eine Pflicht- ividrigkeit schon angenommen werden könne, wenn ein Beamter Bedenken, die er hege, nicht äußere. Auch nach dieser Richtung hin sei während der ganzen Verhandlung nicht das Geringste erbracht worden, woraus zu schließen sei, daß ein solches Ansinnen an die Zahlmeister gestellt worden ist. Der Vertheidiger führt sodann eingehend aus, daß die Zahlmeister die Geschenke nicht in amtlicher Eigenschaft annahmen und daß es überhaupt un- möglich war, daß dieselben innerhalb der Menagelieseriingm amtshandelnd eingreifen konnten. Und konnten die Zahl- meister dies in einzelnen Fällen thun, so müsse den Ange- klagten doch nachgewiesen werden, daß siie dies wußten. Der Vertheidiger kommt am Schlüsse seiner Rede zu der Ansicht, daß vom rechtlichen Standpunkte aus eine Vcrurtheiluna der Angeklagten nicht angängig ist und beantragt deshalb deren � jstam halbstündiger Pause macht der erste Vertheidiger Wollancks, Rechtsanwalt Dr. Staub folgende Ausführungen: Als im Herbste 1885 der Brief von Hagemann an den Zahl- meister Bartsch in Magdeburg ausgefangen wurde, da glaubte man, einer großen Bestechungsgeschichte auf die Spur gekommen zu sein. Bald glaubte man, Wollanck habe den Zahlmeister bestochen, um sich auf Kosten der Truppen Vennögensvortheile zu verschaffen. Die Annahme envies sich bald als haltlos, und es blieb nur der Vorwurf übrig, daß Wollanck durch die Gewährung von Geschenken sich einen Vortheil hatte ver- schaffen wollen. Ich gehe nun nicht so weit wie mein Kollege Friedmann, ich bin der Ansicht, daß der Zahlmeister Soldat ist, und wenn auch nicht in amtlicher, so doch in dienstlicher Eiaenschaft handelt, wenn er irgend wie bei der Vergebung von Lieferungen beschäftigt ist. Aber mit Entschiedenheit bestreite ich, daß Wollank die Zahlmeister durch die Geschenke zu pflichtwidrigen Handlungen hat bewegen wollen. Wollank reichte Offerten ein, die an entscheidender Stelle ohne Zuthun der Zahlmeister für gut befunden wurden und er ge- währte den Zahlmeistern nur Geschenke, damit diese die für gut befundenen Offerten nicht vermöge ihres Einflusses rn den Augen der Vorgesetzten herabsetzte. Alle vorge- fundenen Briefe sprechen dafür, daß seitens der Angeklagten weiter nichts geschehen ist. Eigentlich haben die Zahlmeister nur ihre Pflicht gethan, wenn sie die Lieferanten, die erwiesenermaßen ihrer eingegangenen Verpflichtung..auf's Gewissenhafteste erfüllten, durch ihre Fürsprache unterstützte». Der Vertheidiger führt sodann des Weiteren �aus, daß man dein Angeklagten Wollank in keinem einzigen Falle habe nach- weisen können, daß die Zahlmeister zu einer Pflichtwidrigkeit verleitet werden sollten und hieran knüpfte er zum Schlüsse die Bitte um Freisprechung. Rechtsanwalt Dr. S e l l o, Wollank's zweiter Verthei- diger,.hebt zunächst hervor, daß sämmtliche Angaben des An- geklagten sich als wahr erwiesen hätten und hierdurch habe derselbe der Vertheidigung ihre Aufgabe um ein Bedeutendes erleichtert. Der Vertheidiger giebt zu, daß Wollank Geschenke gegeden hat, aber er will versuchen auszuführen, daß es dem- selben vollständig ferne lag, die Zahlmeister zu einer pflicht- widrigen Handlung zu verleiten und gelinge ihm dies, so falle hiermit die Anklage zusammen. Der gewahrte Vortheil müsse nach dem Gesetze der dafür zu leistenden Pflichtwidrigkeit voran- gehen. Pflichtwidrigkeit und Geldannahme seien zwei geson- oerte Handlungen. Die dienstlichen Funktionen der Zahlmeister seien so schwer zu unterscheiden, daß man von dem Draußen- stehenden unmöglich erwarten könne, er wisse die Grenze zwischen amtlich und nichtamtlich genau zu bezeichnen. Der Zahlmeister könne diesen feinen, subtilen Unterschied zu machen wissen, aber von einem Laien sei dies nicht zu verlangen. Es sei aber durch die Beweisaufnahme auch nicht der geringste An- halt geboten worden, daß der Angeklagte Wollank irgend welche unerlaubte Vortheile erstrebt oder ihm durch schlechte Lieferung drohende Nachtheile vorgebeugt habe. Er habe sich durch die Geschenke lediglich das Wohlwollen jener Beamten, welche außerordentlich viel schädigen und aildererseits auch nutzen konnten, erwerben und erhalten wollen, aber einen anderen Zweck verfolgte er nicht. Der Schurke, welcher sich kein Ge- wissen daraus macht, seinen Eid zu brechen und gegen Ge- Währung von Geschenken seine Dienstpflicht zu verletzen, läßt sich diese Verletzung hoch bezahlen, er läßt sich nicht durch einige Glas Bier oder durch eine Flasche Wein kaufen. Wer im praktischen Leben stehe, der wisse, daß man nicht immer auf dem starren Boden des Rechts stehen bleiben könne, son- dern man fei manchmal in der Lage, Geschenke machen zu müssen, um sich das Wohlwollen gewisser Personen zu erringen. Man möge aber über die Geldgeschenke denken wie man wolle, ein endgiltiges Urtheil könne man doch erst fällen, wenn man den Zweck dieser Geschenke kenne. Schon lange ging das Ge- nicht, daß es bei den Zahlmeistern nicht reinlich zugehe, cS war ein öffentliches Geheimniß, daß bei diesen Beamten eine Hand die andere wasche. Es war keine Legende, jetzt sind überaus traurige Verhältnisse an's Tageslicht ge- zogen worden. Wollanck kannte diese Verhältnisse und kannte er sie nicht, so wurde er durch Hagemann davon unterrichtet. Die Zahlmeister verlangten ihre Prozente und erhielten sie dieselben nicht, dann drohten sie und sogar in so zynischer Weise, wie der Zahlmeister aus Münster seinem Kollegen gegenüber. Derselbe meinte, er werde einfach Uuzu- friedenheil über die Lieferungen des Angeklagten erwecken. Daraus erklärt sich auch der Umstand, daß Wollank die Geld- fendungeu fortlaufend gewährte, er war dazu gezivungen, um nicht der Konkurrenz zu erliegen. Das eine Verdienst könne man dem Angeklagten Hagemann nicht absprechen, daß er durch seine Aufzeichnmwen es möglich gemacht hat, den Finger an eine alte Wunde zu legen und einen großen Theil dieser pflichtvergessenen Beamten zur Verantwortung zu ziehen. Der Vertheidiger weist darauf hin, daß Wollaun sich nur mit Widerwillen m die bestehenden Verhältnisse fügte, er mußte sich durch Geschenke der Konkurrenz gegenüber sichern, wie man sich auch gegen Feuersgefahr versichert. Der Ver- theidiger schloß mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß das letzte Wort, welches in diesem Prozesse gesprochen werden würde, ein freisprechendes Erkenntniß des Gerichtshofes sein werde. Nachdem der Staatsanwalt noch einmal das Wort er- griffen, um einzelne Punkte der Vertheidigung zu widerlegen, ichloß der Präsident die Sitzung um 4 Uhr mit der Erklärung, daß die Urtheilsverkündigung Mittwoch Mittag um 12 U h r -erfolgen werde. Soitale ItcliciTirflt. Erwiderung der Lohnk-mmisston der Mohrleger auf da? I n n u n g s- Z i r k u l a r vom 27. Mai. Die Lohn- kommission der Rohrleger und Bcrufsgenossen Berlins fühlt sich veranlaßt, auf Grund des Rundschreibens des Jnnungs- Obermeisters G. Seelmeier Folgendes dem gesammten Publikum zur Beurtheilung zu unterbreiten. Am Eingange des Schreibens heißt es: Auf Grund des den hiesigen Fabrikanten von Gas-, Wasser- und Heizungs-Anlagen von einer angeblichen Lohnkommission zugegangenen Zirkulars, theilen wir den Mitgliedern unserer Innung, als auch den nicht zur Innung gehörenden Herren Fabrikanten hierdurch mit, daß die unterzeichnete Innung in ihrer am 27. Mai ab- gehaltenen Jnnungs-Versammlung beschlossen hat, sich den in dein erwähnten Zirkular aufgestellten Forderungen gegenüber ablehnend zu verhalten. Es gebt nun aus den verächtlichen Worten angebliche Lohnkommission schon hervor, daß der Jnnungs-Obernieister mit der Wahl und Beschlußfassung der Rohrleger vom S. Mai in Gratweil's Bierhallcn sich nicht im Einklänge befindet. Im_ Satz 1 seines Hirtenbriefes stellt der Herr die Beschäftigung als eine sehr gesunde dar. Wir wollen nicht erst lange die Arbeiten in Klosetgrubcn, verstopften Abflußröhren und sonstigen ekelhaften Aborten dctailliren, sondern überlassen diese Beurtheilung den Arbeitgebern, welche früher selbst in der Lage waren, derartige Arbeiten auszuführen, fowie jeden Laien. Wir suchen nun noch die gesunde Beschäftigung der Rohrleger und zwar, auf den Bauten im Mauerstaub, beim Einstemmen der Rohrkanale oder Durchstemmeii der Fundamente, sowie in den feuchten Keller- räumen heim Dnickrohrlegen, unter Grundivasser oder>n tiefe Baugruben, auf zerdrechlichen Leitern und auf hoheii Rüstungen, bei dem täglichen Umgange mit Bleiröhren, Mennige und Blei- weißkilt, und finden dabei die von Herrn Seelmeier gepriesene Annehmlichkeit nicht heraus, sondern sind der Anficht, enle voll- ftandig ungesunde und mit Lebensgefahr verbundene Betchaftl- gu»g zu haben. Zu Satz II envideni wir, daß Herr Seelmeier einen Stundenlohn von 50 Pf. für einen tüchtigen Rohrleger nrcht zu hoch hält. Nun fragen wir, warum zahlt denil der Herr Obermeister seinen Rohrlegen,, welche schon so lange Jahre bei ihm m Arbeit stehen, und doch tüchtige Rohrleger sein müssen, nicht diese 50 Pf.? Ferner sagt der Her: «Was die Ueberstunden anbetrifft, haben wir seit Jahren ver- sucht, dieselben abzuschaffen, aber die Rohrleger machen mehr Ueberstunden als nothwcndig sind." Diesem Passus wider- sprechen wir vollständig. Wenn der Herr Jnnungs-Obcnneister seinen Rohrlegern, welche in seiner Fabrik arbeiten, einen anderen Lohn zahlen würde, als zur Zeit im Betrage von 18— 19,50 M. u. s. w., so würden dieselben nicht auf Ueber- stunden angewiesen sein, um dadurch einen höheren Verdienst zu erzielen, um sich wenigstens ehrlich ernähren zu können. Zu Punkt 3 findet der Herr Obermeister keine Gninde, auf welchen die Forderung von 35 Pf. basirt für einen Helfer. Wir bemerken hierzu, daß die Helfer ebenso Menschen sind, wie der Herr Obermeister, von Fleisch und Bei», und 35 Pf. für einen tüchtigen Helfer nicht zu viel ist. Was Punkt 4 an- belangt, betreffs des Feierabends, bemerken wir hierzu, daß die- jenigen, welche des Sonnabends zuletzt nach Geld kommen, oder des Abends die Werkstatt zuletzt verlassen, die ange- sehensten sind, indem die Herren Arbeitgeber die Ansicht haben, daß der zuletzt gekommene am längsten gearbeitet hat. In An- betracht dieser Meinung will niemand der erste in der Eabrik sein und kommt es vor, daß die Arbeiter att um 5 erst um 6 Uhr ihren Lohn erhalten. Punkt V behandelt die Akkordarbeit. Es ist nun Thatsache, daß durch die niedrigen, miserablen Akkordpreise der Arbeiter gezwungen ist zu pfiychen, um seine Rechnung zu finden, und seinen Körper nicht derartig zu strapaziren, daß er nach einigen Jahren mit den Folgen davon zu kämpfen hat. Punkt VI ist sehr leicht zu widerlege». Es heißt:«Wir müssen die Zulage für Montage nach Außerhalb nicht so hoch bemessen, damit es dem Auftraggeber nicht zu theuer wird." Das Publikum, welches sich von Berlin aus Einrichtungen herstellen läßt, ist stets derartig situirt, um diese Ausführungen entsprechend zu bezahle». Außerdem ist uns Rohrlegern der Zuschlag für Ar- besten nach Außerhalb sehr wohl bekannt, denn man hat oft Gelegenheit, mit dem Bauherrn in Privatgespräch zu kommen, um daraus zu erfahren, welchen winzigen Antheil der Arbeiter am Gesammtgewinn hat. Was nun aber der folgende Satz bringt, wird manchem Unternehmer wie Rohrleger, sowie dem ganzen Publikum ein Kopfschüsteln und Lächeln abnöthigen. Der Satz lautet wörtlich: ,,Jm Grunde genommen sind unsere sämmtlichen Einrichtungen Lurus und entbehrlicher Art, geben sogar in vielen Fällen durch schlechte Ausführung der Arbeiten seitens der Rohrleger und Monteure mehr Ver- anlassung zu Aerger und Verdruß als zur Freude." Also Licht, Wasser und Wärme betrachtet Herr Jnnungs-Ober- meister Seelmeier als„Lurus und entbehrlich". Wir Rohr- leger betrachten Licht, Wasser und Wärme als höchst noth- wendige Bedürfnisse der gesammten Menschheit, daß aber der Herr Obermeister der Innung eine derartige Ansicht ausspricht, wundert uns sehr und sind wir neugierig zu erfahren, was die Herren Untenrehmer, ob in der Innung oder nicht, dazu sagen. Unserer Ansicht nach ist dieser Ausspruch eine Herabsetzung des ganzen Gas-, Wasser- und Heizungsfaches. Was den Aerger und Verdruß über schlecht ausgeführte Arbeit anbetrifft, mögen einzelne der Arbeitgeber sich selbst die Schuld geben, da dieselben einem Arbeitsmann, welchen sie vier Wochen beschäftigt haben, schon zumuthen, Reparaturen auszuführen, und dadurch den Keim legen, woraus sich später der sogenannte 0 Thaler-Rohr- leger entpuppt. Auf die darauf folgende Begründung wollen wir nicht weiter eingehen, sondern nur über den ersten Satz einige Worte anführen. Der Satz lautet:„Vor allen Dingen können wir_ die als Lohnkommission angeführten Herren als Vertreter unserer Gehilfenschaft nicht anerkenne», da solche, so- viel uns bekannt, nicht nur aus der Zahl der Rohrlegergehilfen sondern gleichzeitig aus der Zahl der Mctallardeitcr hervor- gegangen ist." Wir fragen nun den Herrn Obermeister der Innung, ob er er einen gelernten Schlosser, Klempner, Gürtler, Kupferschmied, welcher das Rohrlegcrfach betreibt, oder einen Rohrlegcrgchilfen,welchcr von seinem 20.— 25. Lebensjahre in einer tüchtigen, geachteten Firma das Rohrlegerfach erlenst hat, und seit 20 bis 25 Jahren bei den tüchtigsten Firmen arbeitet und seine Existenz behauptet, als Rohrleger anerkennt? Herr Seelmeier übergeht diese Thatsache» und erklärt alle im Fach beschäftigten für Metallarbeiter und spricht ihnen die Vertretung der Rohr- legerschaft ab. Uns ist es unbekannt, wie die Reihen der Rohr- leger, welche absterben, ergänzt werden solle». Vielleicht denkt Herr Seelmeier die Reihen zu ergänzen durch diejenigen, welchen er das Rohrleger-Privilegium zuspricht. Wir sind wirklich neu- gierig, aus was für Material der Herr Ober-Jnnungsmeister die zukünftigen Rohrleger schnitzen wird. Auch die Behauptung, daß keine Rohrleger mehr aus den 60er Jahren existiren, welche nicht selbstständig oder Werkführer i» größeren Fabriken wären, beruht auf Unwahrheit. Es müssen noch heute verschiedene von ihnen als Rohrleger arbeiten. Wollten wir nun bei der Moti- virung über die Entstehung einzelner der heutigen Arbeitgeber Betrachtungen anstellen, so würden wir große Blumenlese halten können. Wir wollen aber vorläufig davon noch abstehen, denn wir würden bei denjenigen anfangen, welche bei uns noch mit der Picke und Schippe thätig waren und würden mit dem bankerotten Kaufmann schließen. Alle diejenigen, welchen der Inhalt des Jnnungs-Zirkulars vom 27. Mai bekannt ist, werden daraus ersehen haben, was für Jnnungsfreundlichkeit uns ent- gegenleuchtet. Die Lohn-Kommission." Schraubendreher Kerlin«, Achtung I Die Kollegen der Firma Angermanu u. Schulz, Krautsstr. 4/5, habe wegen Nichtbcwilligung des Lohntarifs die Arbeit niedergelegt. Vor Zuzug wird gewarnt. Vevremnnlmtgeu. Die Generalversammlung der Zentral-KranKen- Kasse der Tischler setzte am Montag Vormittag ihre Be- rathungen fort. Hauptkassirer Gramm erstattete seinen Be- richt. Aus demselben ist zu entnehmen, daß die Gesammtein- »ahme der Kasse im Jahre 1888 1 597 103 M. 51 Pf. betrug, während 1 377 233 M. 34 Pf. ausgegeben wurden. Die Kasse zählt 71678 Mitglieder. Seit dem Bestehen der Kasse(1879) sind 7 368 743 M. 41 Pf. eingenommen und 6 649 595 M. 63 Pf. ausgegeben, so daß sich bei einem Kassenvermägen von 726 298 M. 4 Pf. für jedes Kassenmitglied ein Antheil am Kassen- vermögen von 10 M. 13 Pf. ergiebt. Dieser Vermögensantheil giebt ein Bild von dem allmäligen Aufschwünge der Kasse. Der Ver- mögensantheil des einzelnen Mitgliedes betrug 1879: 2,51 M., 1880: 3,34 M., 1881: 2,13 M., 1882: 2,40 M., 1883: 2,48 M., 1884: 2,22 M., 1885: 3,72 M., 1886: 5,20 M., 1887: 7 M., 1888: 10,13 M. In der Debatte über diesen Bericht kam R ö s k e- Kiel auf die Erscheinung zu sprechen, daß die Lokal- Verwaltungen in Norddeutschland durchschnittlich höhere Ueber- schüsse aufzuweisen haben, als die süddeutschen.— Beyer- Frankfurt und Volk- Kassel wollen diesen Unterschied zwischen Nord- und Süddeutschland nicht gelten lassen. Der Unterschied in den BetriebSera ebnissen sei wohl nur ein zufälliger.— Leutert- Apolda glaubt, daß der Unterschied in den Betriebsergebnissen in der schlechteren Lebenshaltung der süddeutschen Kasscnmitglieder und in der dadurch bedingten größeren Anzahl von Krankheitsfällen zu suchen sei.— Martienssen- Altona ist der Ueberzeugung, daß die süddeutschen Lokalverwaltungen nicht ganz ohne Schuld an dem ungünstigen Kassenausfall sind. Im Auftrage der Altonaer Lokalverwaltung hat er zu rügen, daß man in den Bureaus der Kasse Plakate angebracht hat, die auf den Ver- mögensstand der Kasse Bezug hatten. Eine solche Re- klame habe die Kasse nicht nöthig und sei zu mißbilligen. — Roth- Karlsruhe bittet bei den Vorwürfen gegen die süddeutschen Lokalverwaltungen zu berücksichtigen, daß nicht selten lungenkranke Mitglieder aus Norddeutschland sich des milderen KlimaS wegen nach Süddeutschland wenden, dort er- kranken und unterstützt werden müssen.— Der Vertreter des Vorstandes, Gramm- Hamburg, macht auf eine neuerdings mehrfach zu Tage getretene Erscheinung aufmerksam; es kommt oft vor, datz erkrankte Mitglieder sich zu Venvandten aufs Land begeben und dort aegen das Attest des Dorfarztes das Krankengeld beziehen. Solche Atteste werden manchmal sehr leicht ausgestellt, weshalb es sich empfiehlt, in solchen eine scharfe Kontrole eintreten zu lassen, um die Kasse vor Schaden zu bewahren.- Die Kassen- vrüfuugskommission hat Anstände nicht gefunden und beantragt die Rechnungen zu dechargiren, was ohne Widerspruch ge- schieht.— Damit schließt bie Vormittagsfitzuug. In der Nachmittags sitz ung am Montag wurde die Generaldebatte über die für die Statutenänderung vorliegenden Antrage begonnen. Vom Vorstande der Kasse ist der Antrag gestellt: die Generalversammlung wolle im Prinzip beschließen, daß die Kasse ferner, und zwar nach dem Jnkraft- treten der in Aussicht stebenden Krankenkassennovellc und der dadurch zweifellos nothwenbig werdenden Aenderung des Statuts, den Titel: Zentral-Kranken- und Sterbekasse aller gewerblichen Arbeiter Deutschlands führe.— Ferner beantragt der Vorstand, bezüglich des Sitzes der K a s s e n- V e r w a l t u n g fol- gende Fassung in das Statut aufzunehmen: „Der Sitz, sowie der ausschließliche Gerichtsstand der Kasse ist in Hamburg. Dieselbe kann deshalb nur vor den zuständigen Genchten am Sitze der Kasse verklagt werden, wie überhaupt alle auf die Kasse bezüglichen Klagen gegen die Mitglieder vor diesen Gerichten ge- führt werden." Begründet wird dieser Autrag damit, daß, obgleich das Hilfskassengesetz bestimmt, daß der ordentliche Gerichtsstano der Kasse bei dem Gerichte ist, in dessen Bezirk sie ihren Sitz hat, sich einige Gerichte, namentlich die sächsischen, dennoch für zu- ständig erklärt haben, und zwar die letzteren auf Grund der sächsischen Vollzugsverordnung. Diese Gerichte erklären, der Erfiillungsort der Kasse sei nicht am Sitz der Kasse, sondern am Wohnort desjenigen, welcher die Kasse verklage. Die Auf- fassung läßt sich nur dadurch ändern, wenn die statutarische Aenderung, wie beantragt, angenommen wird, denn darin sind die Gerichte sich einig, daß, wenn durch Statut der Gerichtsstand gewählt wird, dieser dann auch nicht umgangen werden kann, da das Statut ein gegenseitiger Vertrag sei. Der Vorstand und Allsschuß wünschen deswegen die obige Fassung, um Klagen nach auswärts zu vermeiden, weil diese sehr umständliche Arbeit und hohe Kosten verursachen. D e r b e- Hannover widerspricht beiden Anträgen. Er will die Verlegung des Sitzes der Kasse nach einem Orte, wo der Durchschnittstagelohn unter 3 M. beträgt. Unter der Firma„Tischlerkasse" sei das Institut groß geworden, diese Firma soll man beibchalten.— Müller- Offenbach wünscht in irgend einer Form die Bezeichnung als„Tischler- fasse" beizubehalten und den Sitz in Hamburg zu belassen, wo die Kasse sich zu ihrem gegenwärtigen guten Stande entwickelt hat.— Oppermann- Hatberstadt will auch die Bezeichnung„gewerbliche" Arbeiter für die Kassenmitgliedcr falle»! lassen; auf viele Kasscnmitgliedcrn passe die Bezeich- nung nicht mehr. Gegen die Verlegung der Kasse hat er kein Bedenken. Martienssen- Altona warnt dringend davor, den Sitz der Kasse von Haniburg wegzunehmen. Das wäre ein Rlickwärtskonzentriren. Macht der Hamburger Senat den freien Kassen Schwierigkeiten, daß er jetzt den ortsüblichen Tagelohn in Hamburg auf 3 M. festsetzt, und damit vielleicht die Roth- wendigkeit einer Erhöhung der Beiträge für die Tischlerkasse herbeiführt, so werden die Behörden au anderen Orten andere und vielleicht größere Schwierigkeiten bereiten; auch die Kran- kenkassen-Novelle dürfte für die freie» Kassen manche unliebsame Ueberraschung bringen. Vielleicht entwickeln sich die Dinge nach dem Vorgange in Dresden, wo man die Mitglieder der freien Kasse in die Ortskasse gezwungen hat und heute froh wäre. wenil man sie dort wieder los wäre. Sollte uns Äehnliches vassiren, so wird es unsere Aufgabe sein, mit den Herren in den Ortskassen unS über soziale Reformen zu unterhalten. R a u s ch n i n g- Königsberg ist namentlich aus dem Grunde für Belassung des Sitzes in Hamburg, weil man von dort aus noch verhältuißmäßig am besten sich gegen ein zu tiefes Eingreifen der Behörde in die Angelegenheiten der Kassenverwal- tung wehren kann.— Die Debatte soll morgen(Dienstag) fort- gesetzt werden. Di« Zentral-Kravk««- und Kterbekalse der Tischler und anderer gewerblicher Arbeiter hat ihre diesjährige(elfte) ordentliche General-Versammlung zum 30. Juni d. I. nach Berlin berufen. Der Wirkungskreis der Kasse erstreckt sich über ganz Deutschland und es waren die verschiedenen Lokal- venvaltungen, eingetheilt in 64 Wahlbezirke, durch 74 Abgeordnete vertreten. Die k o n st i t u i r c n d e V e r s a m m- l u n g fand am Sonntag früh 8 Uhr im Königstädtischen Kasino unter dem Vorsitze des Herrn G. B l u in e- Hamburg statt, dem als Vertreter des Kassenvorstandcs die Leitung der Verhandlungen obliegt. Es wurden in dieser Versammlung niedergesetzt eine Mandatspr-üfungs- und eine Geschäfts- Ordnungs-Kommission.— In der sodann am Sonntag Nach- mittag 3 Uhr abgehaltenen zweiten Sitzung wurden, dem Antrage der Mandatsprüfungs-Kommission gemäß, welche in der Zwischenzeit ihre Arbeiten erledigt hatte, sämmtliche Mau- date fiir giltig erklärt. Ferner wurde die von der Geschäfts- Ordnungs-Kommission vorgeschlagene Geschäftsordnung ge- nehmigt. Aus den Bestimmungen derselben ist hervor- zuheben, daß die Sitzungen der Generalversammlung täglich 9 Stunden dauern sollen, und zwar von 8 Uhr früh bis 7 Uhr Abends mit U Mittags- und i stündiger Frühstücks- Pause. Zur Assistenz des als Vorsitzender fungirendcn Vor- standsvertrcters der Kasse G. B l u m e- Hamburg wurden die Herren Ritter- Berlin und P f a n n k u ch- Kassel gewählt. Her Akklamation wurden 12 Schriftführer und vier Mitglieder zur Führung der Rednerliste erwählt. Eine besondere K o m Mission zur Redaktion der nach den späteren Be- schlüssen zu ändernden Statuten wurde niedergesetzt, da diese Aenderungen voraussichtlich sehr umfangreich sein iverden. Eine Kommission zur Vorprüfung der gegen einzelne Lokalverwaltungen eingegangenen Beschwerden wirb mit der Maßgabe eingesetzt, daß nur solche Mitglieder in die Kommission gewählt werden dürfen, gegen deren üokalverwaltung Beschwerden nicht vorliegen.— Es folgt die Berichterstattung des Ausschusses und des ersten Kassenvorsitzenden. Aus dem Berichte des letz- tcren ist namentlich zu entnehmen, daß die Kasse im Wege des Zivilprosses mit der Ortskasse in M.-Gladbach die Anerkennung erhalten hat, als freie Hilfskasse im Sinne des§75 des Krankenversichcrungsgesetzes zu gelten, wodurch ihre Mitglieder von der staatlichen Zwangsversicherung befreit sind.— Ferner hat der Umstand zu weiteren Erörterungen Anlaß ge- gegeben, daß für die von den Behörden vorgenommenen Kassenrevisionen Sporteln für die Beamten der betreffenden staatlichen Aufsichtsbehörden gefordert werden und zwar in Höhe von 4 und 8,50 M. Die Versammlung soll iiber die Angelegenheit Beschluß fassen. Eine interessante Beleuchtung erfuhr die sächsische Rechtssprechung gegenüber der Kasse. In Sachsen ist es einem Mitgliede der Kasse gelungen, in kurzer §eit über 2000 M. Unterstützungen aus der Kasse zu erlangen. ine Statutenänderung soll diese Möglichkeit für die Zukunft beseitigen. Damit wird die Sonntagssitzung geschlossen. Die Maler und Kastreicher' hielten gestern Vormittag auf Tivoli wieder eine Maffenversammlung ab, um zu bcrathen, ob der Generalstreik aufrecht erhalten oder in den vartiellen Streik eingetreten werden soll. Nach dem Referat des Vor- sitzenden, Maler Hohlwegler, welcher betonte, daß die besten Arbeitskräfte, 12— 1500 an der Zahl, Berlin verlassen hätten, und nach längerer Diskussion wurde gegen 1 Stimme die Aufrechterhaltung des Generalstreiks bis zur nächsten Ver- sammlung beschlossen. Ferner wurde nach ausgebreiteter De- hatte noch folgender Antrag Killer gegen 2 Stimmen ange- nommen: Sollten die Meister und Arbeitgeber weiter bei ihrer Weigerung beharren, so soll in der nächsteir Versammlung eine Kommission gewählt werden behufs Gründung einer Assoziation der Maler und Anstreicher Berlins, da verschiedene Meister, welche die Forderungen der Gehilfen bewilligen, der Assoziation beitreten werden. Dem Streikkomitee ertheilte die Versammlung ein Vertrauensvotum. Die streikenden Maurer waren zum Montag Vor- mittag nach den Bürgersälen, Dresden erstrahe behufs Erledi- nung der Frage:„Ist der Streik in der bisherigen Weise weiter- zuführen ooer sind andere Maßnahmen zu treffen?" zusammenberufen worden und hatten der Einladung in bedeutendem Maße Folge gegeben; es waren ca. 3000 Mann erschienen. Nach Wahl des Bureaus aus den Herren Grothmann, Fiedler, und Langich gab estercr einen kurzen Ueberblick über die Lage des Streiks. So betonte er, daß derselbe nicht genau sei, weil die aufgenommene Statistik noch nicht zusammengestellt sei. So viel er die Sachlage übersehen könne, sei die Zahl der Streiken- den wiederum gestiegen.' Doch könne man sich nicht verhehlen, daß fortwährend Maurer von außerhalb zuzögen, die aufzu- klären und zu überzeugen, sehr schwer halte. Dies müsse man in Betracht ziehen bei Erörterung der vorliegenden Frage, was weiter zu thun sei. Zurrick könne man nicht mehr, die Forderungen müßten bestehen bleiben. Dies sei man den auswärtigen Kollegen schuldig. Was weiter geschehen solle darüber wolle er augenblicklich mchts sagen, die Masse �möge sprechen. Doch glaube er, daß auch durch den partiellen Streik etwas zu erreichen wäre. Es hätten schon zwei bedeutende Ge- schäfte, Held u. Franke, und Braun alles bervilligt. Der Sieg sei so gut wie errungen. Die Debatte hierüber war eine äußerst lebhafte und lange. Nur wenige Redner traten für partiellen Streik ein. Herr Karl Schmidt spricht seine Freude über die gute Haltung der Streikenden aus, die Maurer hätten als ehrliche Kämpfer der Arbeitersache gekämpft, sie mögen auch fernerhin noch aushalten. Ein partieller Streik liege vom An- fang an im Wasser; außerdem koste er bedeutend mehr als ein Generalstreik. Derselben Ansicht ist Herr Kerstan. Der Genera'- streit habe bis jetzt 30 000 M. verschlungen, beim partiellen Streik würde jede Woche mindestens 36 000 M. kosten. Es wurde hierauf eine Resolution verlesen, welche Aufnahme der Arbeit am Mitt- woch bei den Meistern wünscht, welche bewilligt haben. Herr Franz Benidt ist gegen dieselbe, weil mit Unterschriften viel Unfug getrieben werde. Dagegen befürwortet Herr Fiedler dieselbe. Im weiteren betont er, daß es sehr spaßhaft wäre, daß die Meister stch die Arbeitskräfte schon theilen, die sie noch heranziehen wollten. Herr Weise hält die Situation für sehr gut; es sei kein Grund nachzugeben, wenn auch 4000 arbeiteten; diese Zahl komme nicht in Betracht, da 20 000 gebraucht würden. Schließlich wurde folgende Resolution angenommen: „Die heute tagende Versammlung der Maurer Berlins und Umgegend erklärt, am Mittwoch aus den Bauten die Arbeit auf- zunehmen, wo die gestellten Forderungen bewilligt werden; sämmt- liche Arbeitgeber, die geneigt sind, die Forderungen zu bewilligen, werden ersucht, his zum Mittwoch dem Zentralbureau, Dresdener- ftraße 116 Nachricht zu geben. Sollten eine nicht genügende Zahl Meister bewilligen, so wird der Generalstreik weiter ge- fuhrt; sämmtlich Blätter werden um Aufnahme dieses ersucht." Es wurde noch mitgetheilt, daß vom Donnerstag 3 M. mehr Unterstützung gezahlt wird, sowie daß 200 Maurer in Dresden, 40 in Magdeburg und 60 in Stettin und Kottbus verlangt werden. Es sollen jetzt neue Streikkarten gedruckt werden. Die Versammlung schloß mit einem donnernden Hoch auf die Arbeiterbewegung.— Nächste Versammlung Dienstag, 10 Uhr, in den Biirgcrsälen, Dresdenerstr. 96. Polizeilich aufgelöst ward auch die am Sonnabend Abend in Scheffers Salon, Jnselstr. 10, tagende und diesen Saal füllende öffentliche Versammlung der Bau- Arbeitsleute Berlins und Umgegend. Die Tagesordnung dieser Versammlung, der ersten dieser Korporation, welche der Auflösung verfiel, war beinahe er- schöpft. Sie lautete:„Bericht der Kommission über den Streik.— Diskussion.— Verschiedenes." Das Bureau bildeten die Kameraden K n a a k, M a t t h i es und Rülshe. Ueber den ersten Punkt der Tagesordnung referirte zunächst Kamerad Kühne. Er theilte über die Zahl der Arbeitslosen mit, daß dieselbe sich auf insgesammt 276 belaufe, gebildet aus den durch den Streik arbeitslos Gewordenen, durch den Maurer- streik die Beschäftigung Einbüßenden und durch den partiellen Streik im Ausstand Befindlichen,_ davon sind 120 der Organisation angehörig. 17 Akkordträger nahmen im Laufe der vergangenen Woche die Arbeit wieder auf und zwar 25 und 15 Pf. unter dem Akkordprels vom Jahre 1886. Ter Durchschnittsverdienst der Akkordtrager be- trage gegenwärtig 3 M. 25 Pf. Es seien nur emige wemge Bauten hicrselbst, auf denen der Tanf von 1886 voll und ganz bewilligt und gezahlt würde. Den Stundenlohn betreffend, seien auf den meisten Bauten pro Stunde 5 Pf. mehr bewil- ligt worden.— An Unterstützungen seien auf drei AuSzahl- stellen insgesammt 1300 M. verausgabt worden. Diese Mittel seien hauptsächlich durch auswärtige Bauarbeiter, sowie durch hiesige andere Korporationen aufgebracht worden. ES ständen Hierselbst im Ganzen an 2000 Bau- Arbeitsleute in Arbeit, aber nur ein kleiner Bruch- theil derselben sei es, der auch daran denke, die im Ausstand befindlichen, der Roth und Entbehrung anHeim fallenden Käme- raden nach Kräften zu unterstützen. Dies sei nur lebhaft zu bedauern und immer und immer wieder zu tadeln. Den Generalstreik zu proklamiren, sei man gegenwärtig unter diesen Umständen noch lange nicht reif genug. Die Kommission sei der Ansicht, daß in Betreff der Akkordarbeit noch eine fernere und präzisere Regelung eintreten müsse und werde schon in nächster Zeit eine Versammlung deswegen stattfinden, zu der ausschließlich nur Akkordarbeiter geladen werden sollen, eine Remcdur in den Akkordpreisen zu schaffen. Im Ganzen sei die Lage des Streiks noch dieselbe wie vor acht Tagen. Erst wenn die Maurer irgend welche entscheidenden Schritte gethan haben, würde auch bei den Arbcitsleuten eine Aende- rung eintreten.— In der sich an diesen mit lautem Beifall von der Versammlung aufgenommenen Bericht anschließenden Diskussion sprachen die Kameraden Aaßmann und W a l l e n t h i n. Als der Letztere ausführte, daß die Technik des modernen Maschinenwesens viele Handwerksleute um die Lehrzeit gebracht und den Arbeitsleuten zugeführt habe, löste der überwachende Polizeibeamte die Ver- s ammlung aus, die völlig ruhig auseinander ging. ' -ÄärcÄ sr5r.a«, r« e«u.»«»»MiiiiiiMfefc-t. vmarJneam 1. Vortrag über.Die ärteivcrdiÜMisse tu Deulschlanb' und die nächsten ' 2. Diskussion 3. Verschiedene» und Frage- Wahlen.' Vesercnt M. Schippet. 2 Diskussion. 3. Verschiedene» und Frage- tasten. Gäste willkommen. Mitglieder werdcil dort ausgenommen und Beiräge " K.rUn„#»«*''.»m Dienstag, den zSTÄKSWSUMfiS kästen. Äufnahmc neuer Mitglieder. PsUcht jeden MitgUede» ist e», zu er» jchcinen�� AUs»<»rtr«it»r. Dienstag, den 2. Juli, Abend» 8X nhr, in Ren, Salon. Naunvnstr. 27, Versammlung. Tagesordnung: 1 Grobbetrieb und Grobvertrieb.(Referent-. Herr Pirch. 2. DlSkusnon. 3. Be- 1.� SÄ'UÄÄ.....«»■ aar- Ät a s.«ää äsää wir der DUekiion unsere Beschlüsse, ohne dab unsere Kollegen gcmafjrcgcll werden. 4 Verschiedene». Oenolttn Fi! lung IN Heise S Salon. Llchtenbergerstr. 21. Tagesordnung- I. Vierteljahr» iaffenberlcht. 2 Wahl, eine» stellvertretenden Kassirer». 3 Filialangelegenbeiten 4. Verschiedene» 9»r z«ch»»r»in fc»r Arbeiterinnen in der V-pierbranche und verwandter BcrusSaenosseii hält am Dienstag, den 2. Juli. Abend» 8 Uhr, in Zordan» Lokat. Neue Grünstr. 28, seine erste Versammlung ab. Aus der aagesordnung steht: 1. Statutenberatbung 2. Wahl de»' dcstnitivcn Vorstandes. 3) Vortrag der Schristftellcrin Frau Clara Muchcüber. Frauen- b-ru.sund Fraucnerwerb'. 4. Verschiedenes und Fragckaften.- Die Mitglieder werden ersucht, pünktlich ,u erscheinen. Ausnahme von Mitgliedern am Eingang. Einschrcibcgeld beträgt 20 Ps. Der„veiwöchentlichc Beitrag richten�' habe» Zutritt und haben ein sreiwiliige» Entgeld zu em- Naturstrilvrrrin«»fu»dl,»it. Mittwoch, de» 3. Juli. Abend» 8!� Nhr wird n» blauen Saale de» Grand Hotel am Aleranderplad(Eingang Neue Köiiigstraße, ein Vortrag über die in dieser Jahreszeit und ganz besonder» in dieicin Jahre am häuftgstc» aufttctcndcn Krankheiten, al» Brechdurchsall, Keuch- husten k., von Herrn M. Eani» gehalten werden, wozu die Mitglieder sämint- licher Zwelgvcreinc. sowie Gälte(Damen und Herren, hierdurch sreundlichst eingeladen werden. Da der Vortrag sehr interessant werden wird und auch die am 7. Juli stattfindende Landpartie erörtert wird, wäre eine recht rege Bc- thcillgung erwünscht. «roftt iifis»ntUch« Persammlung sämmtlicher in Buchbindereien und vrrmandtrn Getrieben beschäftigten Arbeiter am Mittwoch, den 8. Juli. Abend» 9 Uhr. in Feuerstein» Salon. Alte Jakobstrabe 75(oberer Saal,. Tagesordnung 1. Vortrag über MarimaiarbeitStag.(Referent Herr Dr. Bruno Wille 2. Wie stellen sich die in Buchbindereien und verwandten Betrieben bcschüftiglcn Arbeiter zu dem Bcschlub de» VcrbandStage». die Ver- kürzung der Arbeitszeit betreffend 3. Verschiedene». Zur Deckung der Kosten findet eine Tellersammlung statt. «rffrntlich» Prrsanenelung d»r«öpfrr Orrltn» und Zluegrgrnd am Mittwoch, den 3. Juli, Abend» 7 Uhr. im Königstadt-Kasino. Holzmarkt- strabe 72. Tagesordnung: 1. Unsere gcwcrkschastlichc Lage.(Diskusfion., 2. Bericht des VertrauenSinanneS. Zur Deckung der Unkosten findet eine Teller- sammlung statt. vroß« bsfentliche Uvrsammtun» d»r Tischler und gesammten Holzarbeiter, wie Bildhauer. Böttcher, Stellmacher-c. am Mittwoch, den 3. luii. Abend» 8% Uhr. in der.Tonhalle', Fricdrichstr. 112. Tagesordnung: 1. Wie stellen sich die Tischler und gesammten Holzarbeiter Berlin» zur Beschickung de» internationalen Ardeiterkongreffe» in Pari»? 2 Diskussion. 3. Eventuelle Wahl von Delegirten und einer Kommission zur Ausbrinaung der Reisekosten. Krank»»- und Sf»rb»kalf» d»r Kerlinrr Kau»>i»n«r(E. H. 81). 3. ordentliche Geiieraloersanunlung Donnerstag, den 18. Juli, Abend» 9 Ubr. Kommandantenstr. 77-79. Tagesordnung: 1. Mittbeilungen. 2. Viertel- iahrsbericht. 3. Verschiedene». 4. Auslage und Fragekaste». QuittungSbuch legitimirt Krank»«- und Kigräbnitzkass, d»r Kau- und Fabrikarb»U«r Berlin» iE. H. 13,. Geueraiverlamiiilung der Mitglieder am Sonntag, den 7. Juli, Vormittags 10% Uhr. im Lokale de» Herrn Sacqer, Grüner Weg 29 Tagesordnung-. Kaffcnbericht. Innere Kaflenangelegenheilen. Vertchiedene» Da» Kassenbuch legitimirt. Da» Erscheinen aller Mitglieder ist notbwendig. «»sang-. Turn- und g»s»Uig« N-r»inr am Dienstag Gelangvcrci» .Gutenberg' Abend» 8% Uhr im Restaurant Ouandt, Stralauerstrabe 43- Gesangverein.Alpenglüden' Abends 9 Uhr im Reltaurant Hildedrandt. Prinzen- strabe 97.— Schäfer scher.Gesangverein der Elser' Abend» 9 Ubr bei Wois und Krüger. Skaiiberitrabe 126. Gesang.- Männergesangverein.Gartenlaube' Abends 9 Uhr im(Restaurant Firk, Kottbuserstrabe 22.- Gesangverein .Bouvardia'(Männerchor) Abend» 8% Ubr im Restaurant.Teutonia'. Btl- sortcrstrabe 15.— Manncraesangverein.Steinnelkc' Abend» 9 Uhr im Restaurant Schulz. Stettinerstrabc 56-87.— Gesangverein.Harmonie' Abends 8 Uhr in Neukam'» Bierhau», Grobe Franksurterftrabe 49.— Mannergesang- verein.Echo IT Abend» 9 Uhr im Restaurant Drillhose. Rosenthalerstrabe Nr. 11-12.— Gesangverein.Sänger Hai»' Abend» 9 Uhr im Restaurant Kaiser Franz Grenadicrplah 7.— Gesangverein.Bruderherz' Ucbungsstunde Abend» von 9%-11% Uhr Ausnahme neuer Mitglieder.- Gesangverein.Hoffnung Moabit' Abend» 8% Uhr WilSnackerstrabe 63 im Restaurant Jlge».- Gesangverein.Felicitas' Abend» 9 Udr im Restaurant Rebeli». Langeslräbe 108. - Männergesangverein.Llpmpia' Abends 9 Udr im Restaurant Gcrth. Prinzen- strabe 106.— Gesangverein.Liederlust' Abend» 9 Ubr im Restaurant Lehmann, Raunmistrabe 44— Männergesangverein.Accordia' Abend» 9 Ubr bei Wcick. Aleranderstrabe 31— Gesangverein Ludwig scher Männerchor Abend» 9 Uhr Lindenstrabe 106 bei Poppe. UebungSstunde. Gäste sind willkommen.- .Deutsche Liederlasel' Abend» 9 Uhr Oranienstrabe 190.— Ztthcrklub.Amphion' Abends 9 Uhr in Triebcl'S Restaurant, Hober Steinweg 15— Turnverein .Froh und Frei'(MännerabtdeUnng, Abend» 8% Udr. Bergstrabc 67.- Berliner Tnrngenossenschast(Künste Männerabthelluiig, Abend» 8% Uhr in der städtischen Turnballe. Wafferthorsir. 31- Turnverein.Hasen- Haide'(Männcr-Abtheilung, Abend» 8 Uhr, Dieffenbachstr. 60-81— Verein cbcmaligcr Schüler der 37. Gcmcindcschule Abend» 9 Uhr im Restaurant Kinncr, Köpnickerstr. 68.— Arciids'schcr Stcnograpdenvcrcin.Apollobund' Abend» 8% Uhr Brunnenstrabe 129*.— Arendt'icher Stenographcnvcreiii Abends 8% Uhr im Reltaurant.Zum eisernen Kreuz', Lindenstr. 71.— Deutscher Verein Arend»- scher Stenographen Abend» 8% Uhr in Ran bei» Restaurant Brunnenstr. 129*. - Verein.Roe' Adend» 8% Udr im Sicslaurant Elbe. Alerandrinenstr. 99— UnterbaltungSverein.Harmonie' Abend» 8 Uhr Eisenbahnstr 36b, im Restaurant von Siebe.— Vergnügungsvcrcin.Mollig' Abend» 9 Udr im Restaurant Reinicke. Gipsstrabe 3. jeden Dienstag nach dem 1 und 15- Zithcrklub .Amphion' Abend» 9 Uhr im.Münchener Hos' Spandauerslr. 11-12.— Rauchklub.Zum Wrangcl' Abends 8 Uhr bei Hcrschled.«dalberlstr. 4.— Ranchklub.Deutsche Flagge' Abend» 8 Uhr im Restaurant Händler. Wrangel- strabe 11.- Rauchklub.FricdrichShain' Adend» 9 Uhr im Restaurant Kipping. LandSdcrgerstr. 116*.— Rauchklub.Lustige Brüder' Abends 8% Uhr bei Grothe. Fürsleiibcrgcrstr. 2- VergnügungSvcreiii.Fröhlichkeit'. Grüner Weg 29. Grobe Gesellschastsstunde, verbunden mit Vorträgen. Gäste will- kommen. Entree frei.- Tambouroertin.Einigkeit macht stark', gegründet 1888. Dirigent Will» Koch. Abend» 9 Uhr Sitzung Im Restaurant Hahn, Elsasserstr. 57. Ausnahme»euer Mitglieder.- Tambourvcrein.Sedan' Sitzung Abend» 8% Uhr, Grüner Weg 9-10. VermtNlhkes. Pari«, 1. Juli. In dcr neuen Bastille nahe der Aus- stellung ereignete sich gestern ein Unfall, indem ein Ballon, dessen Ankertau riß, gegen das Gerüst geschleudert wurde. Die Gondel zerschellte und die in derselben befindlichen 3 Personen, darunter der Luftschiffer Mayer, stürzten aus einer Höhe von 20 Metern herab. Der Zustand des Letzteren ist sehr bedenk- [ich, die anderen sind leicht verletzt. Kondo«, 30. Juni. Dcr von der afrikanischen Westküste in Liverpool eingelaufene Dampfer Kinsembo brachte Nach- richten über Stanley mit. Am 14. Mai war der Dampfer in Banama, fand dort Herbert Ward mit 17 Mann, als Rest von 200 Mann dcr Arridregarde Stanleys in furchtbarem, durch Hunaer und Strapazen herabgekommenem Zustande. Herbert Ward erzählte, Stanley sei in Fetzen gekleidet und ohne Schuh- werk. Er habe abermals entsetzliche Entbehrungen gelitten und von 600 Mann 400 Mann verloren. Die Leute sanken haufenweise am Wege nieder und starben vor Hunger und Erschöpfiing. Stanleys Haar sei weiß geworden wie Schnee, er sei aber wie- der zu Emin Pascha gestoßen, dcr mit 9000 Mann und mit großen Elfenbeinvorräthen nach der Ostküste aufgebrochen sei. Indianische Megevanknnst. Von der Jronton-Bucht des Oberen Sees, an der Mündung des Montrealflusses, welcher dort die Grenze zwischen den amerikanischen Staaten Wiskonsin und Michigan bebildct,zog sich früherund zieht vielleicht jetzt noch ein Pfad, ein sogenannter lu-iisn trail bis nach Wausau in Wiskonsin. Das ist eine Entfernung von etwa 130 englischen Meilen in gerader Richtung. Dieser Pfad bildete denVcrbindungs- undHandelswegzwischen denJndianerstämmen im Norden und jenen im Süden. Wann er angelegt wurde, weiß man nicht, Erkundigungen bei den Chippewa-Jndianern, welche im Norden heute noch Hausen, ergaben die Antivort, daß dieser Pfad stets dagewesen und immer benlltzt worden sei. Der- selbe muß also in urvordenklichen Zeiten angelegt und von den nachfolgenden Geschlechtern beibehalten worden sein. Das ganze Gebiet, welches dieser Pfad durch- schneidet, ist Wald. Fast durchweg Laubwald mit ein- gesprengten Schierlingtannen und mehr oder weniger aus- gedehnten Beständen von Weymouthskiefern. Es ist eine wellenförmig gestaltete Hochebene mit zahlreichen Sümpfen und Seen. Der Ausbau des Bahnnetzes in jenem Theile des Landes und die Entwicklung des Bergbaues auf Eisenerze hat jedenfalls veranlaßt, daß der Pfad jetzt nicht mehr so benlltzt, wie in früherer Zeit, da man im Walde nur auf die Kraft und Schnelligkeit der eigenen Füße angewiesen war. Auch ziehen es die Indianer von heut zu Taae vor, sich bei ihren Ausflügen der Bahn zu bedienen, anstatt ihre Weiber als Lastthiere zu benützen und selbst gemächlich nebenher zu marschiren. Besagter Pfad war das Sonderbarste, was man sich unter einer öffentlichen Einrichtung dieser Art vorstellen kann. Wer nicht lange Zeit im Busche zu Hause war, solchem war es immöglich, auch nur die Spur eines Weges zu entdecken, und doch war er zu fühlen und auch für das geübte Auae zu erkennen. Zu fühlen, weil man härter auf ihm ging, als auf dem weichen Waldboden daneben; er war infolge des jähr- hundertelangen Gebrauches unter der ihn dem Auge ent- ziehenden Decke dichten dürren Laubes festgetreten, zu sehen, weil man von Zeit zu Zeit Blößen an Bäumen bemerkte, welche die Richtung angaben. Aber diese Blößen waren stets nahe dem Boden, nicht in Mannshöhe, wo sie der Weiße mit der Art an dem Baume macht, ivelcher ihm als Wegiveiser dienen soll. Ein die beiden verschiedenen Menschenarten ganz kennzeichnendes Verfahren: Der Indianer sagt sich, daß er beim schreiten im Walde die Augen in kurzem Umkreis auf den Boden richten müsse, um beim Tragen einer Last üch vor dem Falle zu sichern, und daß er deshalb die Merkzeichen der Richtung seines Weges an einer ihm bequemen Stelle, also_ unten am Boden, anbringen müsse, damit ihm dieselben sicher nicht entgehen. Der Weiße bringt seine Merkzeichen hoch an, weil er gewohnt ist, selbst beim Gehen in der Wildniß sich den freien Umblick zu wahren. Der besprochene Pfad muß einmal, so sollte man wenig- stens glauben, möglichst in gerader Linie gewesen sein. Seine ganz unberechtigten kurzen Krümmungen erregten aber erst den Spott, dann den Unwillen und schließlich den Aerger aller Jener, welche ihm folgen mußten, denn er bildete in jener Gegend die einzige Verbindung vom Gestade des Oberen Sees über die Penokee-Eisenberge nach dem Süden. Und war der Umweg auch groß, so war es doch ein betretener Weg, ivas an und für sich schon eine große Erleichterung bildete. Auch brauchte man nicht nach dem Kompaß zu gehen, was stets zeitraubend und unbequem ist. Manch Einer hat sich darüber.vergeblich den Kopf zer- brachen, so auch ich lange Zeit, weshalb der Pfad, welchen ich oftmals bcnützte, so schreckliche Krümmungen machte und selbst in ebenen Gebieten, wo man eigentlich gar keinen Grund zu einer Abweichung von der geraden südlichen Richtung er- kennen konnte. Aber es hieß etwa 100 oder 150 Schritte südöstlich gehen, dan» kurz im rechten Winkel zu wenden und die- selbe Enlfeniung südwestlich zu marschiren und so in Einem fort. Manchmal gab es kurze Bogen, manchmal lange, ein ander Mal schien es gar, als müßte man wieder zurück. Doch man hatte steis festen Boden unter den Füßen und wußte so- mit, daß man den indianischen Vertretern folgte. Da ging mir plötzlich ein großes Licht auf. Die hier und da vom Stunne über den Pfad geworfenen Bäume zwangen die Indianer, die Hindernisse zu umgehen. Ehe sie sich dazu verstanden, das Hinderniß zu beseitigen, umgingen sie es und behielten dann die nun einmal festgetretene neue Richtung bei, selbst als der gestürzte Baum längst verfault, keine Spur mehr von ihm zu sehe» war. Der Umstand, daß der ganze Pfad, vom Anfange an bis zu seinem Ende, sich in Krümmungen abwickelte, keine einzige gerade Stelle von auch nur 200 Schritten aufwies, läßt die Annahme zu, daß der Weg Tausende von Jahren alt war. Denn Urwaldbäume fallen nicht so häufig, und sie mußten auch nicht jedesmal den Weg versperren, wenn sie fielen. Der Pfad zeigte noch andere merkwürdige Eigenthüm- lichkeiten. An mehreren Stellen waren lange zum Theil abgeschälte Stangen schräg in den Boden gesteckt, nach einer bestimmten Stelle weisend. Ein geringelter Span in die Spitze desselben geklemmt, bedeutete, daß dort Trinkwasser, also eine Quelle zu finden sei. Stäbe mit besonders gestalteten Einschnitten bedeuteten das Vorkommen besonderer Wild- arten oder die Anwesenheit eines Indianers in der Nähe zum Zivcckc des Fischcns oder Jagens u. s. w. So erklärten mir dies die mich begleitenden Indianer, welche diese Zeichen sehr gut zu deuten und zu benützen wußten. Hier und da sah man die Ueberreste von Jndianerlagern, verfallene Wiaivams, zerbrochene Schneeschuhe, alles Ueber- bleibsel einer Romantik, welcher das Eindringen der Weißen im letzten Jahrzehnt ein Ende gemacht hat. Während die Heilkunde seit den ältesten Zeiten die Entdeckung neuer Arzneimittel fast ausschließlich dem glücklichen Zufall verdankt, hat die chemische Industrie es jetzt dahin ge- bracht, nach Belieben durch Berechnung neue Arzneistosse zu- sammensetzen und herstellen zu können. Naturgemäß erweisen sich nur wenige dieser so gewonnenen Stoffe als praktisch ver- wcrthbar. Das neueste ficoerwidrige und schmerzstillende Mittel, dem bereits von verschiedenen ärztlichen Seiten gute Erfolge nachgerühmt werden, ist das H y d r a c e t i n. Es ist der„Post" zufolge eine Verbindung, welche ihrer chemischen Zusammen- setzung nach reines Acetylphenylhydracin darstellt. Dieselbe war Ende vorigen Jahres unter dem Namen Pyrodin bekannt ge- worden, es hat sich jedoch neuerdings herausgestellt, daß Pyrodin kein reines Präparat, sondern ein Gemisch verschie-- den er Substanzen ist, in welchem das Acetylphenylhydracin der wirksame Stoff ist. Das reine Präparat wirkt vielmehr stärker als Pyrodin, es stellt ein weißes krystallinisches, geruchloses und fast geschmackloses Pulver dar, das in Wasser schwer, in Wein- g eist leicht löslich ist. Die Versuche, weiche Dr. Guttmann unlängst im städtischen Krankenhause in Moabit an zahlreichen Kranken angestellt hat, haben ergeben, daß das Hydracetin schon in Dosen von zehn Centigramm, die man zu zwei gleichen Theilen in einem Zwischenraum von einer Stunde giebt, stark ficberherabsetzend wirkt. Das Sinken dcr Temperatur beginnt alsbald nach der Darreichung des Mittels, und sie erreicht nach zwei bis drei Stunden ihr Minimum, das um zwei bis drei Grad unter der früheren Höhe liegt. Gleichzeitig mit dem Sinken der Körperwärme erfolgt auch eine Abnahme der Pulszahl und der beschleunigten Athmung. In mehreren Fällen von Gelenkrheumatismus hat das Hydracetin eben so sicher auf Stunden hinaus die heftigsten Schmerzen gestillt. Zu große Dosen des Mittels wirken leicht giftig, es ist deshaw nur nach den genauen An- iveisungen des Arztes zu gebrauchen. Metteste M�theichten. Mieder ist einem Mahlverein das Lebenslicht aus- geblasen worden. Der„R.-A." giebt bekannt, daß der„Verein für volksthümliche Wahlen für Pforzheim und Umgegend" auf Grund des Sozialistengesetzes verboten worden ist. Depcsckicn. (WoilT# Telegraphen-Hnreau.) London, 1. Juli. Nach einem Telegramm aus Capetown vom Heuligen Tage hätten zwei englische Kanonenboote Ordre erhalten nach Delaaoa-Bay zu gehen. Nach einer Meldung des„Reuter'schen Bureaus" aus Wady Halfa von heute wäre Wad el Äjumi, der Chef der Derwische mit 1000 Mann Infanterie, 200 Mann Kavallerie und 6 Geschützen gestern Abend von Mataka nach dem Norden aufgebrochen. Das egyptische Fort Fudli beschoß die Der- wische, als sie am gegenüberliegenden Nilufer entlangzogen. Die unter Colonel Wodchouse stehende Militärmacht ist nach Ätlbe aufgebrochen, um den Beivegungen des Feindes zuvorzukommen. London, Montag, 1. Juli. Der in Cardiff ausgebrochene Streik der Pferdebahnkutscher nimmt eine bedrohliche Aus- dehnung an. Heilte Morgen zerbrachen� die Streikenben die Fenster der Pferdebahmvagen und griffen die Insassen mit Steinen an. In AdamStown, einer Vorstadt von Cardiff, ver- suchten die Streikenden die Pferdebahnwaaen zur Entgleisung zu bringen. In der Stadt herrscht große Aufregung. Verantwortlicher Redakteur: ZL Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kadittg in Berlin SW., Beuthstraße 2.