Ur. 13S. Mittwoch, den 3. Juli 1889. 6. Jahrg. KerlmerVlllksblM. Krgan für die Inleressen der Arbeiter. Das..Berliner Volksblatt" crfcheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. Abonnementspreis für Berlin frei ms Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Rummer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Erpedition Zimmerstraße 44 1 Mark pro Monat. Poftabonncmem 4 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der Postzeitungsvreisliste für 1889 unter Nr. 866.) gnt da« Ausland: Täglich uuter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat. I n s e r t i o n s g e b ü h r beträgt für die 4 gespaltene Petitxeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annonccn-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3—7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. -* Fernsprecher: Amt VI. Mr. 4l(lv.«-*~- Nedaktion: VeuthfiraHe S.— Expedition: Äimmeriten�e 44. OffiziöTes IL Als Nachtrag zu unserem gestrigen Artikel und um das dort aufgerollte Bild zu vervollständigen, sei»och daran er- innert, daß der Leiter der Expedition des„Sozialdemokrat", jener„rothe Postmeister", dem es— nach Puttkamer— immer und immer gelungen ist, und augenblicklich sogar noch zu gelingen scheint— die vom Pesthauch der Revolution getränkten Brandschriften in Deutschland einzuschmuggeln, rein anderer ist, als jener Julius Motteler, der als Reichs- tagsabgeordneter 1874 zum ersten Male die Erklärung abgab, daß er und seine Partei die Thatsache der Gründung des Reiches ohne Rückhalt anerkenne und daß er deshalb den Vorwurf der Reichsfeindschaft auf das Entschiedenste zurück- weifen müsse. Für die Art und Weise, w i e„Reichsfeinde" gezogen werden, ist es ja gewiß nicht ohne Bedeutung, daß der Gründer des„Sozialdemokrat" und der Leiter der Expedition desselben Höchberg und Motteler heißen. Doch nun wieder zur, Nordd." und ihren Angaben. Was dort bezüglich des I n h a l t e s der in der Schweiz hergestellten Druckschriften und speziell des„Sozialdemokrat" gesagt ist, können wir übergehen unter Hinweis auf das, was wir bereits in unserem gestrigen Artikel über die Folgen schrieben, welche es hat— und notabene zu allen Zeiten gehabt hat— wenn man eine starke Partei im eigenen Lande mundtodt macht. Ist es weiter wirklich wahr, daß die gefährlichen Schriften bis heute noch in taufenden und abertausenden von Exemplaren über die Grenze geschmuggelt werden, wofür als Beweis angeführt wird, daß im Jahre 1882 13 000 Exemplare des I. Quartals des„Sozialdemokrat" polizeilich beschlagnahmt wurden, was beweist dies anders, als daß bei den heutigen Verkehrsmitteln es einfach eine Unmöglichkeit ist, die Grenzen so abzuschließen, daß die Masseneinschmuggelung verbotener Druckschriften nicht mehr möglich ist? Ist es doch vom„Sozialdemokrat" selbst wie auch von sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichs- tag oft genug betont worden, daß die R e i ch s p o st der beste und verläßlichste Verbreiter der verbotenen Waare sei. Eine Thatsache, die Angesichts der Millionen von Palleten, Briefen und sonstigen Sendungen, welche die Post täglich und wöchentlich zu besorgen hat, übrigens gar nichts Ueber- raschendes bietet. Wir haben zwar das Wort des Reichs- Postmeisters von der Bibelsicherheit bei der Post nie allzu wörtlich genommen, aber daß bei dem kolossalen Umfang des Postverkehrs die Möglichkeit, die Sendungen auf ihren Inhalt zu prüfen, einfach ausgeschlossen ist, dieser Versiche- rung des Herrn von Stephan haben wir vollen Glauben geschenkt. Und in dieser Unmöglichkeit der Kontrole, selbst wenn sie versucht würde— was wir nicht behaupten— liegt eben die relative Sicherheit für die Verbreitung der ver- botenen Drucksachen. 12 Feuilleton. IRaAbnul ntrbotfn.)_ ©in(Baltunenftf** Roman von Maurus Jükai. Auf jedem Schiffe sitzt ein amtliches Organ, der„Rei- niger". Eme schreckliche Person, deren Pflicht es ist, auf Jeder- mann ein wachsames Auge zu haben, was er angreifk, womit er in Berührung kommt; und wenn ein Passagier am türkisch- serbischen Ufer ein fremdes Individuum oder einen aus Haar, Wolle oder Hanf verfertigten Gegenstand(denn jene Stoffe pflanzen die Pest fort), wäre es auch nur mit dem Saum seines Mantels gestreift hat, muß er ihn auf der Stelle für pestverdächtia erklären und ihn, sobald Orsova erreicht ist, aus den Armen seiner Familie reißen und der Ouarantaine übergeben. Deshalb nennt man ihn den„Reiniger". Und wehe ihm, wenn er einen solchen Fall verheimlicht. Auf die geringste Versäumniß sind fünfzchn Jahre Festungs- strafe gesetzt. Den Schmugglern aber, scheint es, kann die Pest nichts Anhaben, denn sie führen keinen Reiniger mit sich, und wenn hundertmal in Bruffa die Pest ausbricht, verkehren sie bei un�r Nacht zwischen den beiden Ufern. Wir wollen nicht unbemerkt lassen, daß der heilige Prokop ihr Schutz- patron ist. Nur die Bora pflegt ihr Detailgeschäft zu stören; ?? d-- Strömung zwischen dem Eisernen Thore » mit-'l{u�ern gelenkten Schiffe ans südliche Ufer. Ulladings kann auch auf Zugschiffen Schmuggel getrieben werden, allein das gehört zum Lvgros-Geschäft, kostet zudem mehr, als gut kameradschaftliches Einvernehmen und ist da- "'chts für arme Leute. Dann ist's auch nicht mehr Salz, sondern Tabak und Kaffee, was geschmuggelt wird. Das„infernalische" Geschick, von dem Herr von Putt- kamer sprach, das bei der Einschmuggelung der verbotenen Schriften angeblich in Anwendung komme» soll, braucht deshalb wirklich gar nicht so groß zu sein. Schmuggler, die den Teufel in eigener Person über die Grenze tragen, wenn es nur gut bezahlt wird, hat es zu allen Zeiten und überall gegeben. Ist aber die verbotene Waare erst im Lande, nun — das übrige wird wohl die Post besorgen. Doch die„Rordd." konstatirt nicht nur den massenhaften Schmuggel verbotener Schriften— und zwar aus der Schweiz'— sie spricht auch die„Vermuthung" aus, daß der „Druck des„Sozialdemokrat" auch jetzt noch in der Schweiz besorgt wird!" Diese„Vermuthung" des offiziösen Blattes veranlaßt uns zu der Frage:„Für was werden denn ans den Steuer- groschen der deutschen Bürger alljährlich unkontrolirte Hunderttausende von Mark für die politische Polizei und deren offizielle und nichtoffizielle Agenten im In- wie Aus- lande ausgegeben, wenn dieses, in des Wortes wört- lichster Bedeutung so k o st b a r e Institut nicht einmal im Stande ist, festzustellen, ob eine Zeitung, die wöchentlich in einer Auflage von vielen Tausenden erscheint, wirklich an dem Orte gedruckt wird, den sie angiebt, oder ob diese Angabe eine Lüge ist? Wir machen uns an- heischig, jede Wette einzugehe», daß jeder Setzerjunge, den die„Rordd." aus ihrer Druckerei auswählen und nach Lon- don senden will, innerhalb 14 Tagen feststellen wird, ob der „Sozialdemokrat" dort gedncckt wird oder nicht. Und der so trefflich oraanisirten, politischen Polizei Deutschlands sollte diese Festelmng noch nicht gelungen sein, obwohl der So- zialdemokrat" nun schon seit Monaten unter Angabe seines Drucklokales und genau so öffentlich wir früher in der Schweiz, in London erscheint?— Run etwas besser denken wir von dem durch die Herren Krüger und von Haacke geleiteten Institute doch. Wenn es aber wahr ist, daß der„Sozialdemokrat" auch jetzt noch in der Schweiz gedruckt wird, warum dann nur„Vernruthung"? Ist es aber nicht wahr— wie nennt man denn eine Kampfesart, die mit unbewiesenen Ver- dächtigungen operirt? Und wie stimmt eine solche Kampfesart zu der Auf- gäbe, in deren Dienst ja sicherlich die Artikel der„Nordd." nur geschrieben sind, Moral, Sitte und staatliche Ordnung vor deu kulturfeindlichen Bestrebungen der sozialrevolutio- nären Umsturzpartei zu beschützen? Stehen der„Nordd." zur Vertheidigung ihrer Ideale keine anderen Waffen zur Verfügung, als wie die Lüge? Wenn aber ja, warum lügt sie dann in ihrer Nr. 295, daß „in dem hinsichtlich der Beziehungen zu Deutschland wichtigen Kanton Zürich sich die Leitung der Polizei in den Händen eines ausgesprochenen Sozialdemokraten, des Polizeihauptmanns Fischer," befindet? Daß diese Angabe nicht wahr ist, das mußte man in Die Bora hat die Donau ordentlich rein gefegt von Schiffen und hat dadurch die öffentliche Moral und den Gehorsam gegen die Staatsgesetze seit drei oder vier Tagen so gehoben, daß kein Anlaß geboten ist zur Sündenvergebung. Die Schiffe haben sich beeilt, einen sicheren Port zu ge- winnen oder m der Mitte der Donau Anker geworfen, und die Grenzwächter können ruhig schlafen, solange dieser Wind das Gefüge ihrer Holzbaracken knarren macht. Jetzt fährt kein Schifl. Dem Korporal der Ogradinaer Grenzstation will es dennoch bedünken, als ließen sich seit Tagesanbruch mitten durch das Sausen des Windes und das Rauschen der Wogen wiederholt jene eigenthümlichen Signaltöne vernehmen, die das Schifferhorn auf zwei Meilen weit sendet und die selbst von der Stimme des Donners nicht überschrieen wer- den, jenes unheimliche, wehklagende Getute aus einem langen hölzernen Rohr. Kommt ein Schiff und zeigt es deshalb seine Annähe- rung an, damit nicht ein anderes Schiff bei solchem Wetter im Kanal des Eisernen Thores ihm entgegenfahre? Oder schwebt es in Gefahr und ruft um Hilfe? Dies Schiff„kommt". Es ist ein zehn- bis zwölftausend Metzen fassendes Schiff aus Eichenholz; voll beladen, wie es scheint, denn die Wellen schlagen auf beiden Seiten über die Ränder seiner Schiffswände. Das massive Fahrzeug ist schwarz angestrichen, nur der Vordertheil ist silberfarbig und endet in einem hoch hinauf- reichenden, oben schneckenartig gewundenen Schiffsschnabel, der mit glänzendem Blech beschlagen ist. Das Ver- deck hat die Form eines HausdacheS, mit zu bei- den Seiten hinanlaufenden schmalen Treppen und einem flachen Steg oben, der von einem Ruder zum andern führt. Der oberhalb des Schiffsschnabels gelegene Theil des Verdecks endigt in eine Doppelkabine, welche aus zwei Kam- mern besteht, mit Thüren rechts und links. Die dritte der Redaktion der„Nordd." wissen; denn Fischer'S politische Stellung ist gelegentlich der Affäre Haupt-Schröder so viel erörtert worden, daß Niemand, der diese Dinge nur halbwegs verfolgt hat, über die Parteizugehörigkeit des Züricher Polizeihauptmannes im Zweifel sein kann. Herr Fischer ist nie Sozialdemokrat gewesen, er war auch keiner, als er aus Interesse, welches die Sache für die schweizerischen Behörden in Bezug auf das provokatorische Treiben der unter Anklage stehenden Personen hat, den Ab- geordneten Bebel und Singer auf deren Wunsch die B e- st ä t i g u n g über das ruchlose Gebahren der Polizeispitzel Schröder und Haupt zustellte, und er ist auch heute keiner. Fischer zählt, was schon 100 Mal konstatirt, hier zum 101. Male wiederholt sein mag, zur bürgerlichen Demokratie und von dieser ist er auch aus seinen Posten gewählt.'! Wahr dagegen ist die Angabe der„Nordd.", daß der Züricher Adjunkt Lang Sozialdemokrat ist. Irren wir nicht, so gehört dieser ebenso talentvolle wie begeisterte An- Hänger der Sozialdemokratie zum Landesausschuß der schwei- zerischen sozialdemokratischen Partei. Mit den polizeilichen Angelegenheiten des Kantons Zürich aber hat— wie es nach der gewiß nicht unabsichtlichen Zusammenstellnnq der „Nordd." wohl scheinen möchte— Lang unseres Wissens gar nichts zu thun. Nun begreifen wir zwar das Grauen der„Nordd." davor, daß ein angestellter Beamter sich öffentlich als Sozialdemokrat bekennen darf, sehr wohl. Aber das kommt eben davon, daß die Schweizer es als selbstverständlich be- trachten, daß Grundsätze, die in der Staatsversaffung auf- gestellt sind, auch durchgeführt und praktisch geübt werden. Nun aber lautet Art. 4 der Schweizer Bundesverfassung vom 29. Mai 1874: „Alle Schweizer sind vor dem Gesetze gleich. Es giebt in der Schweiz keine Unterthanen-Verhältnisse, keine Vor- rechte des Orts, der Geburt, der Fa- milien oder Personen." Auf Grund dieses Artikels nun können in der Schweiz auch Sozialdemokraten staatliche Beamtenstellen einnehmen, vorausgesetzt, wie Res eben bei Adjunkt Lang der Fall ist, 7'__.'_ ä h l t werden. daß sie von ihren Mitbürgern zu den Posten g e w ä h I Eine fatale Geschichte das, wollen's gerne zugeben. Aber ohne�— Annexion wird sich dagegen wohl schwerlich etwas machen lassen. Also auf, Herr Pindter! Vielleicht ist an dem langen Spieße, mit dem ja weiland die sieben Schwaben schon gegen das„Ungeheuer am Bodensee" ausgezogen sind, noch ein Plätzchen frei! Sollte aber der Herr Kommissionsrath an seinen krie- gerischen Lorbeeren aus der Zeit des polnischen Aufstandcs genug haben und nicht nach neuen geizen, so soll uns das auch recht sein. Wand der Kabine zeigt zwei kleine Fenster mit grün ange- strichenen Jalousien, und in dem Räume zwischen' den beiden Fenstern ist auf Goldrand die jungfräuliche Gestalt der den Märtyrertod gestorbenen heiligen Barbara abgemalt, in rosa- farbenem Gewand, in einem hellblauen Mantel, rothem Kopf- tuch, eine weiße Lilie in der Hand. Auf dem kleinen Räume zwischen der Kabine und den auf dem Schiffsschnabel befindlichen dicken Seilgcwinden steht eine zwei Fuß breite und fünf Fuß lange grün an- gestrichene Brettertruhe voll schwarzer Erde, in welcher die schönsten gefüllten Nelken und Levkojen gepflanzt sind. Den kleinen Garten umschließt ein drei Fuß hohes Eisengitter, dessen Stäbe dicht behängt sind mit Kränzen aus Feld- blumen; in der Mitte aber brennt in einer rothen Glas- kugel eine Lampe, daneben steckt ein Büschel von Ros- marin und geweihten Weidenkätzchen. Auf dem Vordertheile des Schiffes ist der Mastbaum aufgerichtet, an dessen Mittelhaken das Zugseil gespannt ist, ein drei Zoll dickes Schiffstau, an welchem auj dem Ufer zweiunddreißig Pferde das schwere Fahrzeug stromaufwärts zu ziehen bemüht sind. Zu einer anderen Zeit hätten hier auch sechszehn Pferde genügt und auf der oberen Donau wären selbst zwölf Pferde genügend gewesen; hier aber und gegen den Wind ist es nöthig, auch die zweiunddreißig scharf anzutreiben. Jene Hornsignale gelten dem Führer der Pferde- treiber. Die menschliche Stimme hätte hier vergebliche An- strengungen gemacht. Wenn auch der Ruf vom Schiff bis zum Ufer gedrungen wäre, so hätte ihn in dem Wirrwarr von Echos kein Mensch verstanden. Die Sprache des Hornes versteht dagegen selbst das Pferd; aus seinem bald gedehnten, balo abgerissenen, warnen- den oder ennuthigenden Tönen erkennen Mensch und Vieh, wann sie ihren Gang zu beschleunigen oder zu mähigen, oder wann sie still zu stehen haben. Für diesen Fall aber und um sein über die Zustände in der„wilden" Schweiz in Wallung gerathenes Blut zu beruhigen, wollen wir dem Herrn im Vertrauen mittheilen, daß es auch in Deutschland schon schlimme Zeiten gegeben hat. Von dem„fortschrittlichen Kreisrichter" in der Kon- fliktsperiode wird ja der Herr Kommissionsrath schon gehört haben. Aber wir haben sogar auch schon fortschriftliche Revierlieutenants gekannt und— wer sollte das denken!— Schutzleute, die ihren Stimmzettel für F. W. Fritzsche und Wilhelm Hasenclever abgaben!— Haben Sie sich von Ihrem Schreck erholt, Herr Kom- missionsrath? Nun, dann trösten Sie sich mit der Magdeburger Loosung von 1884:„Lieber zehn Sozialdemokraten, als einen Deutschfreisinnigen!" Der Prozeß gegen die„Glelchhett". (Schluß.) Auf die Aeußerungen des Staatsanwaltes, mit welchen derselbe die von dem Vertheidiger beantragten Vorladungen von Zeugen bekämpft hatte, nahm nochmals der Angeklagte Dr. Adler das Wort. Der Staatsanwalt habe bemerkt, daß der Antrag auf Vernehmung des Polizeipräsidenten als Zeugen kein glücklicher sei, da.der Polizeipräsident erst jüngst Anlaß gefunden habe, das Erscheinen der„Gleichheit" einzustellen. Allein dieses Blatt sei jedoch dein Dekrete der Polizeidirektion zufolge- nicht etwa unterdrückt worden, weil es anarchistischen Tendenzen huldige, sondern nur im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung. Er sei überzeugt, daß wenn der Polizei- Präsident hier vernommen ivürde, er sagen müßte, die„Gleich- heit" sei kein anarchistisches Blatt. Daß die„Gleichheit" auf Grund der Ausnahmsverfllaungen eingestellt wurde, beweise nichts. Mit demselben Recht konnte auch ein anderes Blatt, z. B. die„Neue Freie Presse" eingestellt werden, wenn sie der Polizei unbequeni würde, und die„Neue Freie Presse" sei doch gewiß kein anarchistisches Blatt. Es folgt hierauf die Ablehnung der Anträge des Ver- theidiaers durch den Gerichtshof. Der Präsident bringt sodann nebst anderen Aktenstücken auch die polizeilichen Leumundsnoten zur Verlesung. Eine Stelle derselben, wonach aus dem Umstände, daß Dr. Adler Eigen- thümer und Herausgeber der„Gleichheit" sei, sich schließen lasse, er sei seiner Gesinnung nach Sozialdemokrat, ruft Heiterkeit im Publikum hervor. Jni übrigen giebt die Note eine Biographie des Angeklagten und bespricht in scharfer Weise seine agitato- rische Wirksamkeit. Auch den zweiten Angeklagten nennt die Note einen sozialdemokratischen Agitator. Staatsanwalt v. Soos nimmt nunmehr zu seinem Schluß- antrage folgendermaßen das Wort: Nachdem ich annehmen muß, daß die geehrte Vertheidignng sich in ihren Auseinander- setzungen an den Ausspruch ihres Klienten Dr. Adler halten werde, so muß ich die Kompetenzfrage des Ausnahmsgerichts- Hofes in Erörterung ziehen, welche der Angeklagte so ausführlich behandelt hat, nnd kann nur annehmen, daß kein anderes Thema wichtigerer Art Gegenstand ihrer Darlegung sein wird. Denn Dr. Adler hat sich in das Meritorische nicht eingelassen. Die Darlegung, die der Angeklagte Dr. Adler anstatt eines Verhörs hier bot, beschränkte sich darauf, daß er eine Auseinander- setzung zwischen Anarchismus und Sozialdemokratie gegeben hat. Beide Angeklagte haben zu wiederholte» Malen während des Beweisverfahrens Hervorgehoben, daß ich den Unterschied zwischen diesen Parteirichlungen verstehe. Gerade deshalb und weil ich bei dem Prozeßmalerial genügende Anhaltspunkte habe, erkläre ich jetzt, um von vornherein diesem einen Jrrthume vor- zubeugen, daß es mir heute ebensowenig wie früher eingefallen ist, den Privatmann Dr. Viktor Adler und den verantwort- lichen Redakteur der„Gleichheit", Ludwig Bretschneidcr, für das zu halten, was man Anarchisten nennt. Ich habe aber dies gar nicht nachzuweisen, sondeni nur dafür den Nachweis zu führen, daß es sich im gegenwärtigen Falle um eine straf- bare Handlung handelt, welcher anarchistische, auf den gemalt- samen Umsturz der bestchenven Staats- und Gesellschaftsord- nung gerichtete Bestrebungen zu Grunde liegen. Solche Be- strebungen kann auch derieniae haben, welcher bis zur Anklage von dem Vorwurfe des Anarchismus frei war. Er begeht dieses Vergehen durch die That. Gerade ich zähle zu jenen Person- lichkeiten, welche den Unterschied zwischen Sozialdemokratie und Anarchismus auf das Aengstlichste beobachten. Es fällt mir auch heute nicht ein, die Bestrebungen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, ja selbst der radikalen, mit dem Schlagworte Anarchismus zu bezeichnen. Ich selbst stimme der Behauptung des Dr. Adler zu, daß zwischen den Bestrebungen der Anarchisten und Sozialisten ein bedeutender, ja sogar ein Himmel- weiter Unterschied besteht. Es handelt sich bei den inkriminirtcn Artikeln jedoch darum, ob bei den gegenwärtigen Zeitläuften, Denn in diesem Felsenkanal ist das Loos des Fahrzeuges ein wechselndes: es hat hier zu kämpfen mit den Windstößen des entfesselten Sturmes, der räthselhaften Strömung, der eigenen Last, und den Felsen und den Studeln, denen es auszuweichen hat. Sein Ge- schick liegt in den Händen zweier Menschen. Der eine ist der Pilot, der das Steuerruder lenkt; der andere der Schiffs- kommissär, der mitten unter dem Dosen der Elemente dem Schiffszug mit dem Schall des Hornes seine Aufgabe ffgnalisirt. Wird das Signal schlecht verstanden, dann rennt das Schiff entweder an einen Felsen an, oder gleitet in dem Wirbel hinab, oder wird an das südliche Ufer verschlagen, oder fährt auf einer neu entstandenen Sandbank auf und geht>u Grunde mit Mann und Maus. Den Physiognomien dieser beiden Männer sieht man aber nicht an, daß Furcht ein ihnen bekanntes Ding ist. Der Steuermann ist ein klafterhoher abgehärteter Schiffer, mit stark geröthetem Gesicht, deffen Jncarnat auf beiden Wangen aus einem Geflecht feiner Aederchen gebildet wird, von dem auch das Weiße im Auge durchsetzt ist. Er ist beständig heiser und seine Stimme kennt nur zwei Varia- tionen, entweder ein starkes Brüllen oder ein heiseres Brummen. Wahrscheinlich ist dies die Ursache, welche ihn nöthigt, für seine Kehle doppelte Sorge zu tragen: eine vorbeugende, mittelst eines rothen Shawts, der dicht um seinen"Hals geschlungen ist, und eine nachträgliche, mittelst einer Schnapsflasche, die in seiner Manteltasche ihren per- manenten Sitz hat. Der Schiffskommiffär ist ein Mann in den Dreißigen, mit blondem Haar, schwärmerischen blauen Augen und langem Schnurrbart, während das übrige Gesicht glatt rasirt ist. Er ist von mittlerer Größe, und auf den ersten Blick scheint es, als sei er von zarter Konstitution; damit steht auch der Ton seiner Stimme in Einklang, die, wenn er leise spricht, fast wie eine Weiberstimme sich anhört. Der Steuermann heißt Johann Fabula; der Name des Schiffskommiffärs ist Michael Timar. Der amtliche„Purifikator" sitzt am Rande der Steuer- bank; er hat eine Kapuze über den Kopf gezogen, so daß man nur Nase und Schnurrbart sieht; beide sind roth. abgesehen von der früheren Haltung des Blattes, Umstände dafür zu jachen sind und gefunden werde» können, daß diese Auflatze auf anarchistischen, d. h. auf gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staatsordnung gerichtet sind. Es giebt aber solche an der Hand der Artikel und an den Thaüsachen. Die Angeklagten sagen: Wir weisen an der Hand des Blattes nach, dag wir nun und nimmermehr irgend welche anarchistische Be- strebungen haben, sondeni uns lediglich im Rahmen der Sozial- demokratie bewegen; Dr. Adler behauptet sogar, daß er ein Antagonist des Anarchismus sei. Ich sage aber, es kommt nur auf den Standpunkt an. Jeder denkende Mensch weiß, was für Zwecke, er weiß, welche Mittel er anwenden muß, um seinen Zweck zu erreichen, er weiß, welche Erfolge geivisse Mittel haben können. Wenn ich nun den Zweck der Artikel ins Auge fasse, so frage ich: Kann Dr. Adler auch nur einen Moment im Zweifel darüber sein, daß der Verlauf der sozialdemokratischen Aktion inner- halb des Rahmens der gesellschaftlichen Ordnung durch diesen eingeschlagenen Weg möglich sei? Wenn er das geglaubt hat, so würde er gerade in dem letzten Momente eines Besseren belehrt werden. Er hat die Erfahrung machen können, welche Früchte es trägt, wenn in einem Blatte soziales Elend, Unglück, Roth, die Art der Unterdrückung in den düstersten Farben geinalt werden.(Mit erhobener Stimme): Wer an einem gefährlichen Orte immer mit der Brandfackel umgeht, der kann nicht sagen:„Ich habe kein Feuer anzünden wollen. Ich kann nichts dafür, wenn die Fackel mit dem Zündstoff in Be- rührung gekommen ist. Ich bin ganz unschuldig!" Sehen Sic, hoher Gerichtshof, in diesem Kontakte, welchen die„Gleichheit" mit den in der letzten Zeit zu Tage getretenen Thatsachen hat, liegt die Nolhwcndigkeil zu dem Schlüsse: „Mußte der Angeklagte glauben, duß diese Artikel zu einer friedlichen Läsung führen können oder mußte er mit dem Faktor rechnen, daß, wenn in dem Blatte immer geschrieben und agitirt wird, die Dinge einen anderen Verlauf nehmen müssen? 3)a mllß ich sagen: Das letztere ist mir zweifellos. Dr. Adler mußte wissen, daß durch solche agilatorijchc Artikel dem Volke ein Zündstoff geliefert werde, daß es zu einer gewaltsamen Eruption kommen muß, die einen verheerende» Brand erzeugt. Nun, Dr. Adler hat sogar Ansichtspunkte gegeben, daß er mit diesem Faktor rechnete. Denn er läßt folgendes durch- leuchten:„Wenn wir die Gewalt hätten, dann weiß ich nicht, was da geschehen würde." Allein er vergißt, daß es nicht nur eine sozialdemokratische Partei, sondern daß es auch andere Faktoren giebt, welche nicht geneigt sind, ihren Besitz ohne wei- tereö herzugeben. Dr. Adler muß wissen, daß hier Gewaltakte eintreten müssen. Der Staatsanwalt zitirt noch eine andere Stelle aus der „Gleichheit" und kommt zu dem Resultate, daß dieses Blatt mit solchen Worten dasjenige Feld betreten, von dem es be- hauptet, daß es dasselbe sorgfältig meidet. Artikel, die geeignet sind, die Leser zu erregen, sind nichts anderes als ein Aaita- tionSmittcl zu gewaltsamem Umstürze der bestehenden Orb- nung. Es handelt sich hier um Delikte gegen oic öffentliche Ruhe und Ordnung. In dem Momente, wo die ersten Steine fliegen, der erste Tramwaywagerr umgestrirzt wird, die Fenster der Häuser eingeschlagen werden und, wir in Stenr und Kladno, der Besitz und die Sicherheit gefährdet sind, da hört sich, wie der Wiener sagt, das Gemüthliche auf, ba giebt es keine akademische Auseinandersetzung, sondem der Staat bat die Verpflichtung, alle« jenen Elementen entgegenzutreten, die mitwirken, daß dergleichen Dinge geschehen können. Der Staatsanwalt erörtert hierauf die Exzesse von Steyr und Kladno und sagt: Den Zusammenhang der Artikel der „Gleichheit" mit diesen Vorgängen habe ich hier nicht zu be- weisen, da, wenn die Mitschuld als enveisbar dargestellt würde, die dortigen Behörden amtlich einzugreifen haben. Es giebt aber eine andere Art von Mitschuld, nämlich eine indirekte Mitschuld. Es ist nicht nothwendig, daß man direkt aufleizt. Wenn man aber, wie z. B. in Steyr, eine Fabrik als„Schinder- bude" bezeichnet und Zustände in der Weise schildert, in der cS hier geschehen, so ist dies ein Anlaß zu Krawallen. Auch ich habe es nicht nothwendig, in das Meritorische näher einzugehen, denn die Artikel liegen dem hohen Gerichtshofe zur Beurthei- lung vor. Der Staatsanwalt bittet schließlich, Dr. Adler als den ge- ständigen Verfasser der Artikel im Sinne der Anklage zu ver- urtheilen und hieran zugleich einen Kautionsverlust zu knüpfen. Was den zweiten Angeklagten Bretschneidcr betrifft, so werde der Gerichtshof entscheiden, ob es sich hier um ein Ver- gehen oder, weil er behauptet, die Artikel nicht gelesen zu haben, um eine Ucbertretung der pflichtmäßigen Obsorge handelt. Der Vertheidiger Dr. Eppingcr sagt: Ich kann in dem heutigen Prozesse nur einen unerhörten und durch nichts ge- rechtfertigten Versuch erblicken, ein wichtiges Recht des Staats- bürgers zu konsisziren und die gesetzliche Grundlage der Justizpflege anzugreifen. Nicht von dem Standpunkte einer Partei, sondern von einer viel höheren Warte muß diese Anklage auf- gefaßt werden. Denn das verfassungsmäßig gewährleistete Recht, wonach Niemand seinem ordentlichen Richter entzogen Seinen Namen hat die Geschichte nicht aufgezeichnet. Gegen- wärtig kaut er Tabak. An das schwere Eichenschiff ist das Boot angehängt; darin sitzen sechs Ruderknechte, welche im Takt rudern- mit Einem Schlag springen Alle von ihren Sitzen auf, laufen ein, zwei Schritte ein podiumartiges Gerüst hinan, ergreifen die Ruderstange, drücken das Ruder hinab und werfen sich dann rücklings auf ihre Sitze zurück; nebst dem Schiffszug bringt auch dies das Schiff vorwärts, wo der Gegendruck des Wassers ein stärkerer ist. Ein an das Boot angehängter Kahn schwimmt hinten nach. In der Thür der Doppel-Kabine steht ein Mann, der das Aussehen eines Fünfzigers hat. Er raucht aus einem Tschibuk türkischen Tabak. Seine Züge sind orientalisch, haben jedoch mehr einen türkischen als gnechischen Typus; sein Anzug mit dem verbrämten Kaftan und dem rothen runden Käppchen läßt eher auf einen Griechen oder Serven schließen. Einem aufmerksamen Beobachter wird es nicht entgehen, daß der rastrte Theil seines Gesichtes im Gegensatz zu dem anderen eine viel hellere Farbe zeigt, wie dies bei solchen der Fall ist, welche sich erst vor Kurzem ihren dichten Bart haben abnehmen lassen. Dieser Herr ist Euthym Trikaliß, unter welchem Namen er in das Schiffsbuch eingetragen ist. Er ist der Eigenthümer der Schiffsladung; das Schiff selbst gehört dem Komorner Kaufmann Athanas Brazovics. Aus dem einen der Kabinenfenster guckt das Gesicht eines jungen Mädchens heraus und wird dadurch zur Nach- barin der heiligen Barbara. Man könnte glauben, ein zweites Heiligenbild vor sich zu sehen. Dies Gesicht ist nicht blaß, aber weiß; es ist die dem Marmor, dem Krystall von Natur innewohnende Weiße; wie der Abyssinierin die schwarze, der Malayin die gelbe Farbe, ist die weiße dem Mädchen angeboren. Keine fremde Farbenbeimischung stört dies Weiß. Auf diesem Antlitz ruft weder der Hauch des Windes noch der Blick des Mannes eine Röthe hervor. Allerdings ist sie erst ein Kind, kaum älter als dreizehn Jahre; aber ihre Gestalt ist hoch und schlank, ihr Antlitz werden darf, soll hier durch ein Versahren vor dem AuSnahmS- gericht vernichtet werden. Der Staatsanwalt habe in seinen Berichten an den Justiz- mlnlster von der„Gleichheit" gesagt, daß sie kein anarchistisches Blatt sin, und heute unterschiebe er ihr gleichwohl eine an- archlststche Tendenz. Entweder habe er damals nicht die Wahr- heil gesagt oder heute nicht. Selbstverständlich meine er dies nur in objektiver Hinsicht, denn daß der Staatsanwalt subjek- tiv, möge er sich noch so off widersprechen, nur die Absicht habe, die Wahrheit zu sagen, daran zweifle er nicht. Der Staatsanwalt lmbe aus Die Zukunft hingewiesen, welche Gewaltmaßregeln bringen könnte. Allein was in einer fernen Zukunft geschehen könnte, sei nicht unsere Sache. Jeder Angeklagte habe das Recht, nach dem beurtheilt zu werden, was er wirklich ausgesprochen, was er wirklich erstrebt hat. Der Vertheidiger weist jeden Zusammenhang der Artikel der„Gleichheit" mit den Exzessen in Kladno und Steyr zunick und sagt: Wenn ich heute Staatsanwalt wäre, und wenn mir egenüber nur ein Vertheidiger und nicht die geschätzte Person es Vertreters der Anklage stünde, so würde ich vielleicht er- klaren, daß die erwähnten Artikel und die vorgefallenen Exzesse in keinem ursächlichen, sondern nur in einem zeitlichen" Zu- sammenhange standen, daß nicht die geringste Beeinflussung jener Vorgänge stattgefunden und daß nur Tratsch und Ver- dachtigung diese Austassung hervorgerufen haben.(Worte der Staatsanwaltschaft in einer Verhandlung über den Tramway- Streik.) Da ich aber nur der Vertheidiger bin, begnüge ich mich, zu sagen, daß nicht die geringste Spur irgend eines Be- weises für den Einfluß der Artikel auf diese Unruhen vorliegt. In der Kalkulation des Staatsanwalts, mit welcher er zwar die Angeklagten nicht als Anarchisten, aber ihre Darlegungen, mit welchen sie die sozialen Schäden beleuchteten, als Unter- stützung anarchistischer Tendenzen bezeichnete, liege offenbar ein Trugschluß. Nach dieser These wäre nicht der Dieb strafbar, sondern derjenige, der die Anzeige macht, daß gestohlen würde, und der Arzt, der die Krankheit klarlegt, wäre der Krankheits- erreger. Es sei nicht möglich, daß der Gerichtshof, daß irgend ein Gericht eine solche Verwechslung akzeptire. Es könne nun allerdings sein, daß ein Gerichtshof zu einer irrigen Feststellung thatsächlicher Umstände gelangt. Wenn aber dieser Jnthum darin besteht, daß sozialistische Bestrebungen als anarchistische festgestellt werden, dann dürfe man nicht vergelten, daß Hunderte und Tausende genau wissen, was Sozialismus und was Anarchismus ist. Durch eine solche Feststellung würde die Autorität derjenigen, welche der Wahrheit ins Gesicht schlagen, für jetzt und für alle künftigen Zeiten leiden. Der Redner hebt hervor, daß die Regierung bei der zweiten Lesung der Ausnahmsvcrordnung feierlich erklärte, sie werde dieselbe nur gegen anarchistische Umtriebe anwenden. Diese Anklage sei also den Intentionen der Regierung selbst entgegen, denn wenn er annehmen würde, daß die Regierung dabei die Meinung gehabt hätte, daß sie gleichwohl nicht blos anarchistische, sondern auch sozialistische Tendenzen vor dem Ausnahmsgerichte verfolgen wolle, so niüßte er zu einem Resultate kommen, zu dem er nicht kommen dürfe, nämlich der Regierung der Irreführung des Parlaments und der Doppelzüngigkeit zu be- schuldigen. Nach einer Erörterung des Unterschiedes zwischen Sozialismus und Anarchismus sagt Dr. Eppinger: Ein weiterer kräftiger Beweis, daß die Sozialdemokraten keinen Umsturz der Staats- und Gesellschaftsordnung anstreben, sei die außerordentliche Parteinahme der Sozialdemokraten für die S ch u l e. Der Protest, den sie in einer Volksversammlung gegen das Attentat aus die Schule erhoben, ist schärfer als der aller änderet: Parteien. In dieserHaltung gegenüber derSchule liege aber auch einBerührungs- mittel mit den anderen Parteien der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung, weil sie das Bildungsniveau nicht herab- drücken wollen. Jeder Versuch zum gewaltsamen Umstürze der Gesellschaft bringt nach unserer Ueberzeugung den Sozialdemokraten Schaden, der bestehenden Gesellschaft aber neue Kräftigung. Der Ver- theidiger schließt mit den Worten: Wenn man dahin kommen würde, hier in Oesterreich die Sozialdemokratie für Anarchismus zu erklären und speziell für Oesterreich und Wien solchergestalt ernen eigenen Begriff für Anarchismus zu konstruiren, dann muß ich sagen, daß man hier auch etwas anderes unter Recht und Gesetz verstehen wird, als was in der ganzen Welt nach den Forderungen der Vernunft darunter verstanden wird. Ich erkläre, daß ich über die Kompetenzfrage nicht heraustreten werde. Ich halte es für pflichtwidrig, vor einem Gerichtshöfe, dessen Kompetenz unzweifelhaft nicht gegeben ist, in merito z« plädiren. Ich will nicht der Erste sein, der zur Schaffung eines Präjudiz mithilft, daß anständige Leute ihrem oroent- sichen Richter entzogen werden. Denn es giebt Fälle, wo etwas höher steht, als das Interesse des Klienten. Ich werde mich in das Meritorische nicht einlassen, auch wenn mein Klient zehnmal härter bestraft wird— ich bin überzeugt, daß mein Klient es mir verzeihen wird. Die schuldige Achtung vor diesem Gerichtshofe kann sich nicht besser kundgeben, als, indem jch den Gerichtshof bitte, das Ansehen der Justiz dadurch zu ernst, wie aus Marmor gehauen, mit streng antiken Linien, als hätte ihre Mutter sich einst an der Statue der Venus von Milo verschaut. Ihr dichtes, schwarzes Haar besitzt einen Metallglanz, wie das Gefleder des schwarzen Schwans. Ihre Augen aber sind dunkelblau. Die langen, zart gezeichneten Augenbrauen stoßen auf der Stirne beinahe zusammen, was ihrem Gesicht einen eigenthümlichen Zauber verleiht. Es ist, als bildeten diese zusammenlaufenden zarten Brauen eine schwarze Aureole auf der Stirn eines Heiligenbildes. Das Mädchen heißt Timea. Dies sind die Passagiere der„heiligen Barbara". Wenn der Schiffskommissär das Horn aus der Hand gelegt und mit dem Senkblei untersucht hat, in wie viel Fuß Wassertiese das Schiff fährt, nimmt er sich Zeit, gegen das Eisengitter des Heiligenbildes gewendet, mit dem' Mädchen zu plaudern. Timea versteht nur Neugriechisch, was auch der Koni- miffär geläufig spricht. Er erklärt dem Mädchen die Schönheiten der Land- schaft, ihre düsteren, grausigen Schönheitm. Das weiße Antlitz, die dunkelblauen Äugen bleiben unbeweglich, doch lauscht das Mädchen mit gespannter Aufmerksamkeit seiner Rede. Den Kommissär will es dennoch bedünken, als richteten diese Augen ihre Aufmerksamkeit nicht so sehr auf ihn, als auf jene Levkojen, welche zu den Füßen der heiligen Barbara duften. Er bricht eine davon ab und reicht sie dem Kinde, damit es aus der Nähe höre, was sich die Blumen erzählen. Der Steuermann sieht das, dort von der Steuerbank, und es mißfällt ihm.„Sie thäten Keffer"— brummte er mit einer Stimme, die wie das Raspeln einer Feile klingt— „statt die Blumen vor der Heiligen abzureißen und jenem Kinde dort zu schenken, ein geweihtes Weidenkätzchen an der Lampe anzuzünden; denn wenn der Herr Jesus unS an seinen Steingötzen treibt, wird auch der Herr Christus uns nicht mehr retten. Hilf Jesus!" Diesen Segenswunsch würde Johann Fabula, auch wenn er allein gewesen wäre, vor sich hin gesprochen haben; da wahren, daß er das einzig richtige Erkenntniß fällt, indem er sich für inkompetent erklärt. � Es ergreift schließlich der Angeklagte Dr. Adler das Wort, um, wie er sagt, die verschwommenen Behauptungen des Staats- anwaltes in sein geliebtes Deutsch zu übertragen. Nach einer Polemik gegen den Staatsanwalt sagt er:„Wir erheben die Fackel uno beleuchten diese Zustände, und wenn es wahr ist, daß einmal ein Funke in das Pulverfaß fliegen kann, so ist nicht die Fackel daran schuld. Man schasse das Pulver weg, wenn man Erplosionen verhüten ivill. Wir zeigen ja eben mit der Fackel darauf hin. Andere Faktoren sind es, welche die friedliche Lösung nicht wollen. Statt daß die Besitzenden der gewaltsamen Aufrechterhaltung der bestehen- den Verhältnisse angeklagt werden, klagt man uns an. Wie es denn sei, wir wollen als Sozialdemokraten, aber nicht unter einem falschen Namen vcrurthcilt werden.(Lebhafter Beifall und Händeklatschen.), Der Präsident, welcher sich bereits mit dem Gerichts- hose zur Urtheilsberathung zurückziehen wollte, verfügte infolge dessen die sofortige Räumung des Saales, wovon er jedoch die Jounialistenbank und das Barreau ausnahm. In dem Publi- kum erscholl hierauf neuerlich demonstrativer Beifall.� Nach einstündiger Berathuna verkündete dxr Präsident das Urthcil. Dr. Victor Adler wurde durch dasselbe von der An- klage im Sinne des§ 302 freigesprochen, dagegen des Ver- gehens der§§ 300, 3o5 und 49 l schuldig erkannt und daher zu vier Monaten strengen Arrests venutheilt und über die „Gleichheit" ein Kauiionsverlust von 100 fl. verhängt. Ludwig Bretschneider wurde von der gegen ihn erhobenen An- klage freigesprochen, dagegen wegen Uebertretung der pflichtgemäßen Obsorge zu einer Geldstrafe von 30 fl. verurtheilt. In der Urlheilsbegründung heißt es: Der Gerichtshof mußte vor Allem die Frage in Erwägung ziehen, ob er die Kompetenz des Ausuahmsgerichtes zu prüfen habe. Der Gerichtshof ging von der Erwägung aus, daß es gleichgiltia sei, als welcher Partei angehörig der Angeklagte sich bezeichnet und ob das Blatt früher eine anar- chistische Tendenz gezeigt habe oder nicht, sondern daß es hauptsäch- (ich darauf ankomme, ob gerade die inknminirten Artikel an sich und mit Rücksicht auf die Zeit ihres Erscheinens solche auf Umsturz ge- richtete Bestrebungen zum AuSdruckebringenodcrnicht. Dafür ist in erster Linie der Artikel„Glossen" maßgebend, welcher zu einer Zeit erschienen ist, während noch die große Masse im zehnten Bezirk und anderwärts sich in heftiger Erregung bcfano und an den Krawallen sich betheiligte. Da der Angeklagte voraus- sehen mußte, daß dieser Artikel die Leidenschaften noch mehr steigen« werde, so muß man annehmen, daß es dem Verfasser nur um auf sozialistischer Grundlage beruhende Stönlngen zu thun war, welche Annahme durch die anderen Artikel unter- stützt wird. Von der Anklage nach§ 302 mußte Dr. Adler freigesprochen werden, weil der zweite Artikel(den Tramway- Streik betreffend) zwar gegen den Besitz, aber auch nur gegen einen bestimmten Kreis von Besitzenden gerichtet ist, nachdem mau eine Aktien- Gesellschaft nicht einen Stand nennen kann. Die übrigen Punkte der Anklage wurden für begründet gefunden. Der Vertheidiger meldete die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung für Dr. Adler an und behielt sich für Bret- schucider Bedenkzeit vor. Voltkislfte Aeberstchi. Die uiichsteDPtrnarsthung de» Dundesrathe», die aber wohl voraussichtlich die letzte vor der Sommervertaaung sein möchte, soll nach offiziöser Meldung am Donnerstag statt- finden. Der Wiederbeginn der Thäsigkeit des Bundesraths wird sich nach derselben Quelle kaum zu einem viel früheren Zeitpunkt erwarten lassen, wie in früheren Jahren, und somit etwa in der ersten Oktobenvoche erfolgen. Inzwischen beginnen in ordnungsmäßiger Weise, wie alljährlich, die Arbeiten für den Reichshaushaltsetat, welcher dem Reichstage als erste Vor- läge zugehen soll. Seine Gestaltung ist aus den angeordneten bezw. schwebenden Vorarbeiten noch nicht erkennbar. Mehr hat es für sich, wenn hier und da behauptet wird, es ständen neue und nicht unerhebliche Forderungen für kolonialpolitische Zwecke bevor. Der Offiziosus erwähnt hierbei, daß vielfach angenommen wird, die Kolonialpolitik würde in der nächsten Session einen breiteren Spielraum bcansizruchen; indessen waren ähnliche Angaben auch vor der letzten Session verbreitet, ohne daß sie sich vestätiat hätten. Dje Novelle zum Krankenkassen- gesetz dürfte trotz der vorangegangenen und abgeschlossenen Be- rathungen doch noch einmal zu umfassenden Verhandlungen im Bundesrathe führen, da dem Vernehmen nach emeute Wünsche wegen Abstellung einzelner bisher hervorgetretener Schwierig- leiten geäußert worden sind. Indessen darf man nach wie vor mit Bestimmtheit annehmen, daß der Entwurf zu den ersten Arbeiten gehören wird, welche dem Reichstage vorgelegt werden sollen. Die Angriffe der deutschen Reptilien auf die Schwel? haben im ganzen Ausland den denkbar ungünstigsten Eindruck aber der Purisikator gerade neben ihm saß, so entstand daraus folgendes Zwiegespräch: „Warum aber müssen die Herrschaften gerade bei so großem Sturm das Eiserne Thor passiren?" „Warum?"— antwortete Johann Fabula, der auch jetzt seine löbliche Gezvohnheit nicht vergaß, sich zur Sammlung seiner Gedanken vorher durch einen Schluck aus der stroh- umsponnenen Branntweinflasche zu stärken—„warum? aus keinem anderen Grunde, als weil wir Eile haben. Zehn- tausend Bietzen Weizen sind auf unserem Schiff. Im Banat »st nichts gewachsen; in der Walachei hatten wir eine gute Ernte. Heut ist Micheli, wenn wir uns nicht sputen, ereilt uns der November und wir frieren ein." „Und weshalb glauben Sie, daß schon im November die Donau zufrieren wird?" „Ich glaube es nicht, sondern ich weiß es. Der Ko- morner Kalender sagt es. Sehen Sie nur in meinem Zimmer nach; dort hängt er über meinem Bett."(Forts, folgt.) Wlus Hunjl und Oeden. Petersburg. Eine verhinderte Trauung hat hier kürzlich ungewöhnliches Anflehen erregt. Die Braut war ein munterer sechszehnjähriger Backsisch, eines armen Beamten goldblondes Töchterlein, der Bräutigam— ein venvittweter Holzhändler von sehr ehrwürdigem Aller. Letzterer besaß außer temem autgehenden Geschäft in einer der Vorstädte Petersburgs �.Großes, schuldenfreies Haus, zu dessen Miethern schon seit icihUe*1-Wch der gleichfalls verwittwetc Vater unserer Heldin ü, �ie Kleine weinte zwar, als sie von der bevorstehenden �luhr und wollte von dem dicken, alten ftnH ,,„K" r?ri r? Achter forderte. Die Verlobung fand aniJt l4'lQl das frühzeitig aus allen seinen Trätlmen emporgeschreckte Madchen den verhängnißvollen Freitag, den htÄ'«nmer naher nicken. Der schicksalsschwere Tag kam, «e Gaste waren schon in der Kirche versammelt, die junge Braut gemacht, und daS Schlimmste dabei ist, daß die deutsche Re- gierung allgemein für die Urheberin dieser Angriffe gilt. Es fft in der Thal Zeit, daß der Reichstag sich ernsthaft mit diesem Reptilunsttg beschäftigt, der Deutschland in der ganzen Welt in Verruf bringt. Denn betrachtet man im Ausland die Reptilien als die Agenten der Reichsregierung, so identifizirt man auch das Deutsche Reich mit der Reichsregieruna: und daß das deutsche Volk nicht immer vom Reich und dessen Regierung getrennt wird, das kann sich Jeder an den fünf Fingen« abzählen. Am schärfsten ist in ihren« Urtheil die englische Presse, deren Auslassungen sich in Deutschland gar nicht wiedergeben lassen — dagegen legt die französische Presse, aus leicht ersichtlichen Gründe«« sich eine große Zurückhaltung auf. Der(* Metz zum Krichstagsabgeordneten gewählte Gemeinderath L a n i q u e hat die Wahl nicht angenommen und zur Motivirung dieses Entschlusses folgenden offenen Brief an seine Wähler gerichtet:„An die Wähler des Stadt- und Landkreises Metz. Ich danke allen Denen, welche mir ihre Stimme gegeben haben, ebenso wie Denjenigen, die mich dei der soeben stattaestlndenen Wahl unterstützt haben; allein die große Gleichgiltigkeit, die bei der Abstimmung geherrscht hat, erlaubt es mir nicht, anzunehmen, der Vertreter des Landes zu sein. Ich glaube in der That nicht mit einer genügenden Machtvollkommenheit in den schtvierigei« Verhältnissen, ii« denen wir uns befinden, ausgerüstet zu sein. H. Lanique." Da» Arbeitsbuch, welches durch die neue Gewerbe- ordnung für die deutschen Arbeiter im Allgemeinen abgeschafft worden ist, besteht fortwährend für die Bergarbeiter. Nach dem sächsischen Berggesetz vom 16. Juni 1868 sind Arbeits- bücher und„Arbeilszeugmsse" obligatorisch. Der§ 76 des Berggesetzes lautet: „Jedem in zulässiger Weise abgesandten oder ent- lassencn Bergarbeiter«st von dem Bergwerksbesitzer oder dessen Bctriebsbeamten ein Zcugniß in sein Arbeitsbuch mit Angabe der Zeit«md der Eigenschaft, in welcher er in Arbeit gestanden, seines Verhaltens und der Ursache seines Abganges auszustellen. Wer«vahrheitSwidrige Zeugnisse ausstellt, haftet für den Schaden, der daraus einem Anderen erwächst, und ist von der Ortsverwaltungs- Behörde mit einer Strafe bis zu 19 Thalem oder verhältnißmäßigem Geföngnisse zu belegen." Eine ähnliche Bestimmung enthält das preußische Berg- gesetz. Da die Gegner der Arbeiter jetzt mit aller Kraft dafür wirken, das Arbeitsbuch, welches als etivas ganz Harmloses hingestellt wird, wieder einzuführen und da der Embryo desselben«tun auch bereits glücklich in das Alters- und Jnvaliden-Versichenlngs-Gesetz eingeschmuggelt worden ist, so halten wir es für ziveckmäßig festzustellen, daß das Arbeitsbuch bei den Bergarbeilen« im vollsten Maße alle diejenigen schlechten Eigenschaften bethätigt, welche zur Zeit, da die Reaktion sich noch nicht offen hervorwagen konnte, zu seiner Abschaffuiig geführt haben. Es ist ein Mittel der Unterdrückuiig, wie es nicht schlimmer gedacht werden kann. Wehe de«n Berg- arbeiter, der sich durch Befünvortung der Arbeiterinteressen den Haß der Arbeitgeber oder der Bcrgbeainten zugezogen hat— das Arbeitsbuch«vird ihm zum Kainszeichen, zum Uriasbrief, zur Achterkläning: sobald er es vorzeigt,— und vorzeigen muß er es— ist sein Schicksal besiegelt. Der Verband dee sächsischen Bergarbeiter, hat deshalb jetzt eine Agitation fiir die Abschaffiiung des Arbeitsbuchs und dieser Ärbeitszeugnisse begonnen und bereitet eine Position an den Landtag vor. Und es wäre gut,«venu die preußischen Bergarbeiter in gleicher Weise vorgingen. Mie man in Deutschland in'« Nrfängnist komme« kann. Seit Pfingsten sitzt in Magdeburg ein Arbeiter, welcher zu einem Feste des dortigen„Vereins zur Förderung des Volksivohls und volksthümlichen Wahlen" Lieder verbreitet hatte, von denen eins dazu mahnt, den Arn«„bis zum Sturz des Tyrannen" zu„stählen", und hierauf„die Freiheit, die 'Einheit, das Recht" hochleben läßt. Der„Tyrann" soll nach Auffassung der Staatsanwaltschaft der Monarch sein und der „Stiwz" einen hochverrätherischen Beigeschmack haben— obgleich der ganze Tertzusammenhang ieoe derartige Bedeutung ausschließt, und„der Tyrann" jedenfalls etwas höchst Unper- sönliches ist, nämlich das kapitalistische System und die poli- tische Reaktion. Sehnsucht der KLrgermeister nach einer Uniform. Eine Anzahl Bürgermeister möchte sich bei festlichen Gelegen- heiten gern in einer besonderen Uniform präsentiren. Dieselben haben sich deshalb petionirend an de» Minister des Innern gewandt. Der im September d. I. in Eberöwalde zusammen- tretende Städtetag der Provinz Brandenburg hat deshalb, wie die„Berliner Zeitung" berichtet, die Frage:„Wie stellt sich der Städtetag bezüglich der Petitionen einzelner Bürgermeister um Verleihung einer Uniform?" auf die Tagesordnung gesetzt. Die Grtheilung von Abschriften au« den Ulahler- listen hat das Oberverwaltungsgericht für zulässig anerkannt. Bei den letzten Reichstagswahlen, so«vird der„Köuigsberger Hart. Ztg." aus Gumbinnen gcschricbci«, waren bekanntlich Ab- in Weiß gehüllt, mit Blumen in den Haaren und rothgeweinten Augen, erschien am Arm ihres Vaters, nur der Bräutigam läßt immer noch auf sich warten. Statt feiner erschien endlich ein junger KommiS aus dem Holzgeschäft und überreicht dem Vater ei» ziemlich uinfangrciches Packet nebst einem Brief, in dem ungefähr folgendes stand:„In die Nothwendigkcit versetzt, Ihnen eine schwere Beleidigung zufügen zu müssen, bitte ich Sie, auch«neiue Gründe anhören zu«vollen. Mit dem Gedanken an die bevorstehende Trauung schlief ich gestern fest ein, als ich von einem wüsten Traum jäh aus meinem Schlummer gerissen wurde. Im Traum erschien mir meine selige Argafeiia Wassiliewna, im Hiinmcl throne ihre Seele, und mit zorniger Stimme rief sie:„Wie! Du alter Sünder willst ein kleines Mädchen heirathen, dessen Großvater Du sein könntest?" Sprach es und verschwand, nachdem' sie mich vorher, wie sie es bei ihren Lebtagen zu thun pflegte, mehrere Male herzhaft gezwickt hatte. Halb todt erwachte ich aus meinem Schlafe, spuckte, den Zauber zu bannen, dreimal aus und schlief wieder ein. Kaum aber habe ich die Augen ge- schlössen, als meine Selige schon wieder an meinem Bette stand .... Noch nie habe ich sie so wüthend gesehen....„Höre, Makar Trosimitsch!" donnerte sie mir zu,„«venu Du das kleine Mädchen heirathest, so werde ich Dich in drei Monaten zu mir holen.. Du«veißt, ich spaße nicht!.." Jetzt spuckte ich nicht mehr aus, sondern bekreuzigte mich dreimal und blieb mit schwerem Kopfe bis zum nächsten Morgen wach. Ich ging entstlich mit mir zu Rathc und fand, daß meine Selige auch im Grabe recht hat. Ihre Tochter ist mir in der That zu jung und dann— fürchte ich mich vor meiner Frau z>l sehr!... Im Packete finden Sie nebst einer Quittung über bezahlte dreihundert Rubel noch tausend Rubel baar als Mitgift für Ihre schöne, von mir beleidigte Tochter."— Letztere war iudcß keineswegs beleidigt. Ihre bräutliche Würde ganz vergessend, war sie mit einem Satz aus der Kirche und«n den draußen harrenden Galawagen gesprungen, der glückliche Vater eilte seinem Töchterlein freudig nach, die versammelten Gäste mit verdutzten Gesichtern in der Kirche zurücklassend. Um einem barocken Hebnrfniste der pariser und in der Folge wohl der Modedamen aller europäischen Städte zu dienen, wird seit einiger Zeit im südlichen Frankreich eine Rohheit verübt, welche durch die indirekte Mitschuld des schönen und zarten Geschlechts nur noch abscheulicher wird; wir meinen die Schwalbcnmetzelei zu Gunsten der Schwalbenhüte der Damen. Da ziehen sie aus, die bezahlten Schergen der Rohheit, und warten an den Gestaden des Mittelmeers auf die Rückkunft schritten von Wählerlisten trotz eines Verbotes des RcgierungS- Präsidenten an die verschiedenen Parteien gelangt. Daraushin ertheilte der Regierungspräsident dem Bürgermeister M. einen Verweis, weil er seine Amtspflicht verletzt habe. Die dagegen beim Oberpräsidenten erhobene Beschiverde wurde als ünbe- gründet zurückgewiesen. Nunmehr hat das OberverwaltungS- gericht die Beschwerde als begründet anerkannt und verfugt. daß der angefochtene Bescheid des Oberpräfidenten, sowie die Strasverfügung des Regierungspräsidenten aufzuheben sei. ?Urlef»lb. In einer am 29. Juni in der Konzert-Halle altcnen Volksversammlung wurde der Schneider R. Ziviener von hier als Delegirter für Bielefeld zum internatio- nalen Arbeiterkongreß in Paris geivählt. Au» Dortmund, den 30. Juni, wird uns geschrieben: Der heiitige Delegirtentag der Bergleute von Rheintand und Westfalen wurde von Herrn Ludwig Schröder eröffnet und geleitet. Derselbe theilte der Versammlung mit, daß Herr Bunte krank darniederliege und deshalb nicht erscheinen könnte. So- dann ermahnte Herr Schröder die Deputirtcn, bei Beschiverden vorsichtig zu sein und nur das zu sagen, was beivicscn«verden könnte. Sämmtliche Redner beschwerten sich über die von der Rcgiening veranlaßte Untersuchung, bei der man nicht die Deputirten der einzelnen Zechen ver- nahm, sondern meistentheils die Günstlinge der Grubenver- waltuug, die gewöhnlich eine» sehr hohen Schichtlohn bezögen und monatlich viele Ueberschichten machten. Daß diese Leute keine Vertrauensleute der Bergleute seien, wurde allfeitig an- erkannt. Ferner«vurde gesagt, auch die Knappfchastsältesten seien keine Vertrauensleute der Bergleute, weil diese Männer vom Knappschaftsvorstand abhängig seien und in diefem«vieder die Gnibenverwaltungen vertrete» seien. Rur die Deputirten seien die richtigen Vertrauensleute, und sollten mehrere Devu- tirte da sein, so müßte man diese ftaaen, wer von ihnen oen Bericht an die Kommission zu übernehmen hat: denn auf den meisten Gruben haben die Deputirten die Beschwerden auf- notirt, da sie aber nicht vernommen werden, so«var der Liebe Mühe umsonst, und die Deputirten sagen einfach: Es«vär so schön gewesen, es hat nicht sollen sein. Zum Schlüsse«vurde folgende Resolution angenommen: Die heutige, von 36 Zechen besuchte Delegirtenversammlung beschließt, an geeigneter Stelle dahin zu wirken, daß der Mindest-Nettolohu für'verheirathcte Bergleute bezw. Hauer nicht unter 3,50 M., für Unverhcirathete «md Schlepper nicht untcr 2,50 M. betragen darf. Von denjenigen Zechen, auf welchen eine Untersuchung der Beschwerden noch nicht stattgeftlnden hat, soll die Einführung von gcivcrblichen Schiedsgerichten angestrebt werden: da aber die Vernehmung schon stattgefunden hat, soll diese Forderung als Haupsachc (nachträglich zu Protokoll der UntersuchungSkommifsion) erklärt «verden. Diese Schiedsgerichte sollen zur Hälfte rniS Arbeitgebern, zur anderen Hälfte aus Arbeitern, die voi« den Beleg- schaftcn mittels Stimmzettel gewählt werde», bestehen. Den Vorsitz ftihrt ein staatlicher Kommissar. Vertreten waren fol- gende Zechen: Gottesfegen, Fürst Hardenberg, Gneisenau, Dorstfeld, Viktor, Erin, Schwerin, Kaiserstuhl, Wcstfalia, Tremonia, Clerget, Schacht l und IT, Neu-Jserlohu, I und Hl, Karl Glüß, Zollen«, Heinlich Gustav, Bikefeld, Hamb«lrg. Ringeltaube, Schacht I und II, Glückauf, Tiesbau Schacht l und IT, Holthausen, Monopol, Wiendalsbank, Braue, Freiberg, Gennania I und N Freie Vogel, Friedrich Wilhelm Rhurbauk, Minister Stein, SchleSwig-Holstein und Borussia.— Viele Delegirte tbeilten mit, daß die alten Uebelstände noch jetzt exiltirten, daß eine Lohnerhöhung fast nirgends eingetreten sei und die Zechenbeamten nach dem Ausstand««och viel rücksichts- loser aufträten als vorher. An« dem Saarerviee, 30. Juni, wird der„Frkf. Z>g." geschrieben: Es geht immer bunter zwischen der königlichen Grubenvcrwaltung und den Arbeiten« auf den staatlichen Bcrgiverken unseres Bezirkes zu. Nach Beilegung des Streiks ist nicht bloS Mitgliedern des Streikkomitees in aller Fonn gekündigt(Inspektion Fricdrichsthal) und sonstigen Arbeiten« das Vereins- und Versammlungsrecht durch Drohung mit Ent- laffung einfach genommen worden(Inspektion Heinitz),«vie Ihnen schon früher gemeldet wurde, die Verwaltung hat jetzt noch eine neue Maßregelung der Bergleute aus gesonnen. Diesmal handelt es sich um die Jnspektioi« Sulzbach, auf welcher Direktor Leybold gebietet, au dessci« Versetzung man«vährend des Ausstandes«vegen der beinahe verbitterten Stimmung der Leute am ehesten geglaubt hatte. Diese Verbitterung wird jetzt nachträglich durch folgendes Vorkommniß einigermaßen erklärt. Zu den am meisten gepriesenen WohlfahrtSeinrichtungcn der staatlichen Gruben ge- hören die Bauzuschüsse der Verwaltung an die Arbeiter zur Erwerbung eines eigenen Heims. Alliährlich wird eine kleine Zahl solcher Prämien ausgeschrieben und die viele«« Bewerbe« loosei« um dieselben. Bisher blieb es nun stets dabei, daß die glücklichen Zicher den Zuschuß ausgezahlt erhielten, und die Inspektion machte selten oder nie Gebrauch von ihrem Rechte, die Zustimmung zur Auszahlung zu versagen. Die Wohlthat wllrde ja ohnedies durch die schlcaiten Lohnverhältnisse der Leute annullirt. Denn die meiste«« müssen ihr Bcsitzthum an den Material- und sonstigen Händler hypothekarisch verschreibe!« der zarten Thierchen. Bald zappeln diese in den Netze», bald hängen sie, von einem Köder angelockt, an einer Angel, bald erliegen sie den elektrischen Schlägen. Die letztere Art des Schwalbenfangcns besteht darin, daß Eisendrähte an Stangen oder an Felsen isolirt befestigt werden. Ennüdet von der langen Seereise, lassen sich die Thierchen auf den Drahten nieder. Dee verborgene Jäger verbindet nun den Draht mit einer Batterie, und«vie von, Blitze ge- troffen stürzen die Vögelchen herunter. Tausende solcher Opfer einer Modelaune liegen in den Körben herum, in welchen sie verfaulen, weil es unmöglich ist, alle zu präpariren, ehe sie verwesen.„La Nature" wenoet sich mit der dringenden Bitte namentlich an ihren weiblichen Leserkreis, nach Kräfteii diesem heillosen Unfug entgegenzuwirken. Die Schwalbe, welche täglich das dreifache Gewicht ihres Körpers an schädliche» In- sekten verzehrt, hat nicht nur einen hohen»virthschaftlichen Werth, sondern sie ist der Vogel unseres Herzens, der Liebling der Kinder und der Großen. Wenn diese Dezimirung, sagt ein ftanzösischer Berichterstalter, noch einige Jahre andauert, so wird man in Frankreich in einem Dezennium die Schwalbe nur mehr in den Sammlungen zeigen können. Di» pastenr'sche Heilmetynk» in Italirn. Die Methode Pasteurs hat in Italien zahlreiche Gegner, welche das von dem Spanier Ferra» empfohlene System der Bekämpfung der Hundswuth vorziehen. In den zu den Universitäten ge- hörigen Instituten wird die Pasteur'sche Methode angewandt, «vährend in de» verschiedenen Privatanstalte««»ach Ferra» ver- fahre»«vird. In Turin hatte, wie von dort geschrieben wird, seit einiger Zeit ein Dr. Bareggi, übrigens ein Schüler Pasteurs, ein solches eingerichtet, in dem er die Heilmethode seines Meisters gleichfalls nicht anwandte. Dr. Bareggi ope- rirte jedoch mit großem Mißgeschick, das in den letzten Tagen fehr bedeutende Dimensionen annahm, indem er kurz hintereinander fünf Todesfälle zu beklagen hatte. Die Sache sprach sich herum und Dr. Bareggi gab dag feste Versprechen, die Fenan'schc Methode, deren Un Zweckmäßigkeit er nun erkannt, in Zukunft aufzugeben und zu der Lehre seines Meisters zurück- zukehren. Aber die Behörde fand, daß ein Arzt, der dergestalt se»ne Patienten als Versuchsobjekte mißbrauche und ihr Leben aufs Spiel setze, keine vertrauenswürdige Person sei, der die Leitung eines Heilinstituts überlassen weroen dürfe, und ordnete die sofortige Schließung desselben an. Außerdem beabsichtigen die Angehörigen der Opfer seiner Kuren den Strafrichter geacir ihn anzurufen. Der Vorfall wird natürlich der Paste»« scheu Heilmethode in Italien sehr zu statten kommen. lassen. Nun hat die Inspektion Sulzbach es gegenwärtig an der Zeit gehalten, wie die„St.jJoh. Ztg." meldet, einigen glück- lichen Loosziehern ihres Bezirkes die Genehmigung zur Auszah- lung der Prämien vorzuenthalten. Da die Leute in ihrer bei- nahe kindlichen Vertrauensseligkeit so etwas auf staatlichen Grn- den nicht für möglich gehalten hatten, schlössen sie gleich nach Gewinnung des Baulooses und vor Mittheilung der Versagung desselben fröhlich ihre kleinen Grunderwerbsverträae in der festen Erwartung des Zuschusses zur Bezahlung und stehen jetzt vor der drohenden Frage: wie bezahlen? In der Verfügung des Direktor Leybold an sie heißt es aber wörtlich:„Im Austrage der Kgl. Äergwerksdirektion zu Saarbrücken eröffnen wir Ihnen, daß in diesem Jahre Baudarlehen und Prämien an Bergleute, welche sich an dein jüngsten Ausstände bctheiligt und die Ar- bei! niedergelegt haben, nicht gewährt werden und daß Ihnen dicserhalb— obwohl sie in der am tv. Mai d. I. stattgehabten Verloosung einen Treffer gezogen haben— Darlehen und Prämie von der Königl. Bergwerksdirektion nicht zugesagt werden wird." Die„St. Joh. Ztg.", welcher das Schriftstück im Originale vorlag, bezeugt ausdrücklich, daß die Betroffenen nicht etwa agitatorisch sich am Ausstand betheiligten, sondern einfach mit vielen Änderen die Arbeit niederlegten. Der fricd- liebende Bürger unserer Gegend aber fragt sich mit Bcsorgniß, ob wir durch solche Dinge nicht belgischen Zuständen und Gährungen im Volke zusteuern. Die Keschlaguahme einer Nummer des„Südwestdtsch. Volksbl." ist durch den Landeskommissar Siegel in Freiburg wieder aufgehoben worden. Oesterreich-Ungar«. Brünn, 1. Juli. Der A r b e i t e r a u s st a n d in der Textilindustrie gestaltet sich allgeinein. Morgens ver- sammelten sich 6000 Arbeiter, um den Bericht des Obmannes des Arbeiterkomitees entgegen zu nehmen; da die Fabrikanten eine Lohnerhöhung abgelehnt haben, beschlossen die Arbeiter, die Arbeit nicht aufzunehmen. Eine Arbeiterdeputation verfiigte sich zum Statthalter und zum Genreinderathe und erklärte, den gesetzlichen Boden nicht zw verlassen und beim Ministerium schritte zu thun, damit die Bestrebungen der Arbeiter erfüllt werden. Der Statthalter ermahnte die Arbeiter eindringlich, sich aller Ausschreitungen zu enthalten, und diejenigen, welche fortarbeiten wollen, nicht zu hindern. Das Arbeiterkomitee fordert die Ausständischen auf, in Brünn zu bleiben, wo für sie gesorgt werde. Die Behörde treffen umfassende Vorsichts- maßregeln, Infanterie und Dragoner halten die Arbeiterviertel besetzt und durchziehen die Vorstädte. Die Fabriken sind ge- schloffen.— Auch die Bäckergehilfen haben die Arbeit eingestellt. Unter den Bergarbeitern des Rositzcr Kohlenreviers ist gleich- falls eine Ausftandsbcwegung ausgebrochen. Näheres ist unbekannt. Großbritannien. Oberhaus. Der Premier Lord Salisbury er- klärt, die Regierung sandte, um jeder Zufälligkeit vorzubeugen, 8 Kriegsschiffe nach der Delagoa-Bay, welche stark genug seien, um jeder Schwierigkeit zu begegnen. Die Handlung Portugals sei anmaßend und seines Erachtcns ungerecht. Die englische Regierung werde sicherlich auf Verantwortlichkeit der portugiesi- scheu Regierung für die Verluste der britischen Kapitalisten(!) bestehen. Er könne weitere Erklärungen erst dann abgeben, wenn alle Beweise vorlägen. Unterhaus. Der Unterfftaatssekretär Fergusson erklärt, die portugiesische Regierung sei benachrichtigt worden, daß dieselbe für alle Verluste, die den britischen Unterthanen aus der Annullirung der Konzession der Delagoa-Eisenbahn envachfen, verantwortlich werde gehalten werden. Die aus der neuesten Aktion der portugiesischen Regierung entstände- neu rechtlichen Fragen seien jetzt unter Erwägung. Die für die Sicherheit der britischen Bewohner für alle Eventualitäten erforderlichen Maßregeln seien getroffen, jedoch gäben die neuesten Nachrichten zu der Hoffnung Anlaß, daß eine Jnter- vention zum Schutze der britischen Unterthanen nicht nolh- wendig sei.____ Die Erbitterung, welche die lljt t er o r ü cku n g s m a ß- regeln deren g l i.sch en Regie run g in Irland bei der irischen Bevölkerung erzeugt haben, führt jetzt beständig zu Zu- sffMmen stößen zwischen der gleich der deutschen Gendarmerie «ilitärifch organisirten irischen Konstablerei und dem Volke, so ist es wiederum zu einem Krawall in Irland gekommen, über dessen Verlauf der„Voss. Ztg." telearaphrrt wird: Der Abgeordnete William O'Brien wurde in Cork verhaftet wegen Bctheiligung an einem verbotenen Pächtermeeting in Clona- kilty unweit Cork. Er widersetzte sich der Verhaftung, worauf die Polizei mit Knütteln dreinschlug, wodurch viele Personen verletzt wurden, darunter der Abgeordnete Patrick O'Brien. Abenos wurde O'Brien unter starker Militäreskorte nach dem Bahnhof gebracht, um nach Clonnel ins Gefängniß geführt zu werden. Auf der Reise dahin versuchte auf der Station Char- leyville eine große Volksmenge, die sich auf dem Perron eiirge- sunden hatte, O'Brien gewaltsam zu befreien. Die den Ge- sanaencn begleitenden Gendarmen feuerten, wodurch zwei Personen verwundet wurden. Patrick O'Brien ist jener heiß- spornige irische Abgeordnete, dem im Gefängniß, weil er keine Sträflrngstracht anlegen wollte, die roheste Behandlung ange- ihan worden war. Jetzt hat ihn sein Mißgeschick abennals zum Märtyrer der Volkssache gemacht. Frankreich. Deputirtenkammer. Am Schlüsse der Sitzung kam es zu einer sehr erregten Auseinandersetzung anläßlich der in mehreren boulangistischen Journalen gegen T i r a r d und Rouvier gerichteten Angriffe. Ersterer stellte die ihm zur Last gelegten Thatsachen entschieden in Abrede. Die Kammer nahm schließlich mit 349 gegen 16 Stimmen eine Tagesordnung mr, in welcher das System verleumderischer Angriffe gegen die Regierung der Republik entschieden verurtheilt wird. Das französische Handelsmini st erium hat unlängst eine Statistik über die in Frankreich binnen der elf Jahr 1874-1885 stattgehabten Streiks veröffentlicht. Die Statistik, welche ziemliche Lücken aufweist, scheidet die Ausstände nach verschiedenen Gesichtspunkten: ihrer Vertheilung aus die Monate, die Departements, nach ihren Ursachen, der Zahl der Arbeiter, welche an ihnen betheiligt waren. Die vorliegenden Taten geben feiner Auskunft über die Zahl der verlorengegangenen Arbeitstage, die Art der Industrien in roelchcn gestreikt ward, und über den Einfluß, welchen die Streiks auf die Arbeitsbedingungen ausgeübt haben. Von 1874—1885 haben in Frankreich 804 Streiks stattgefunden, die sich der Mehrzahl nach auf die industriellen De- partements vertheilen. Im Allgemeinen entfielen mehr Auslände auf die ersten, als auf die letzten Monate eines � � In den meisten Fällen war eine beabsichtigte Herabsetzung des Arbeitslohnes seitens der Arbeitgeber oder eine geforderte Erhöhung desselben seitens der Arbeiter Ursache der Streiks. Wegen verweigerter Lohnsteigerung brachen 44 pCt. aller Streiks aus, die Drückung der Löhne bewirkte 22 pCt. der Arbeitseinstellmigen, 11 pCt. der Ausstände wurden ins Werk gesetzt, um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen überhaupt zu aj(er stattgehabten Streis dauerten weniger als »wanzig Tage; der längste Streik war dersemge der Pariser Sattler von 1877, welcher fünfzehn Monate lang dauerte. Die Durchschnittszahl der Streikenden betrug pro Aus- stand 323; während der größten Streiks, denen d� Tischler von Paris 1882 waren 40000 Arbeiter ausstand#, m den Kohlenwerken von Anzin stellten 1884 10 150 Kohlengraber die Arbeit ein._ Die Textilindustrie hat die meisten Streiks, 39 pCt., zu verzeichnen, die metallurgische Industrie 17 pCt., Bau- und Möbelindustrie 15 pCt. Von den 804 Streiks ist nur für 753 der Ausgang be- kannt, davon sind 106 von den Arbeitern gewonnen worden, 120 haben mit einem Vergleich abgeschlossen und 427, also 57 pEt. wurden von den Arbeiten! verloren. Schweix. Der Landesa usschiiß der deutschen Sozia- listen in der Schweiz erläßt in mehreren Blättern einen Aufruf an die sozialistischen Partei- und Gesinnungsgenossen und an die Bevölkerung der Schweiz, worin er an die be- kannten Vorgänge mit dem deutschen Polizeikommissär Wohl- gemulh erinnert, die deutscherseits sich daran knüpfenden Forde- rungen bespricht, die Anklagen, welche die deutsche Regierung gegen die Handhabung des Asylrechts in der Schweiz erhebt, als völlig grundlos bezeichnet und jede, auch die geringste Be- ziehung Oer Sozialdemokraten zu den Anarchisten, insbesondere zu Stellmacher, Kämmerer, Kumitzsch, Kenne!, Ettcr u. a., des Entschiedensten in Abrede stellt. Besonders eingehend werden die Treibereien und Wühlereien der Lockspitzel, eines Schröder, Haupt, Kaufmann, Pcuckert und Konsorten, verfolgt und unter scharfer Beleuchtung aufgedeckt, wogegen die dcutsch-sozialdemo- kratische Partei gegen die Anschuldigungen, daß sie hoch- oder landesverrätherische Pläne gegen Deutschland schmiede, in Schutz genommen wird. Zu solch ein Verrath zeige sich bei der Partei weder Neigung noch Fähigkeit und wie immer die Haltung des früher in Zürich, nun in London erscheinenden „Sozialdemokrat" beurthcilt werden möae, zu hoch- und landcs- verrätherischen Unternehmungen, zu Attentaten auf gekrönte Häupter und mächtige Personen in Deutschland habe Oerselbe nie, weder direkt noch indirekt, aufgefordert, im Gegentheil die Most'sche„Freiheit", und andere anarchistische Organe bekämpft. Der Aufruf schließt, indem er auf die Endziele der deutschen Politik hinsichtlich der Schweiz hinweist und die Parteigenossen auffordert, nichts zu thun, was Deutschland oder Italien eine Handhabe bieten könnte, ihre Absichten gegen die Schweiz zu verwirklichen. Kalkanlander. Einen interessanten Einblick in den Zilsammenhang zwi- scheu Armenischem Räuberwcsen undEnglitcher Frömmigkeit gewährt ein Bericht, welcher der„Köln. Z." aus Konstantinopel zugeht. Der Gouverneur der Provinz Wan, Halil Pascha, meldet an der Pforte, daß bei Verfolgung von acht Räubern zwei derselben getödtet worden seien, und bei diesen habe man Schriftstücke gesunden, welche eine Ver- bindung der Räuber oder Revolutionäre mit englischen oder in England wohnenden armenischen Propagandisten darthun sollen. Zur Erläuterung bringt der Berichterstatter der„Köln. Ztg." nachfolgendes bei:„Mir wird hier von hervorragender Seite gesagt, daß das Haupt der Armenischen Propaganda ein in London ansässiger anncnier, Namens Haaopian, sei. Der- selbe ist jedoch weit davon entfernt, das Getchäft aus natio- naler, politischer oder religiöser Ueberzeugung zu betreiben, sondern lediglich des Wohllevens wegen. Es gicbt in England eine Reihe sehr reicher Mitglieder der Staatskirche, die von der Ueberzengung ausgehen, daß zwischen der anglikanischen und der armenischen Kirche ein innerer Zusammenhang bestehe, und die fromm genug sind, ihrer Ueberzeugung und den daraus für sie selbst sich ergebenden Schlußfolgerungen alljährlich etliche tausend Pfund zu opfern." Wenn Hagopian einen großen Theil dieser Pfunde auch für sicb verbraucht und anderes für die Traklätchen, welche die Annäherung der gläubigen Armenier an die Englische Staatskirche befördern sollen, so kommt nach der Andeutung Eingeweihter doch wenigstens ein Theil des frommen englischen Geldes der„Befreiung" der christlichen Brüder in Armenien zu gute, welche in landesüblicher Weise durch Orgauisatiun von Räuhcrbanden eingeleitet wird. Un- möglich ist die Sache nicht. Amerika. Chicago, 28. Juni. Die Polizei vonWinnipcg hat bei dem dort im Gefängniß sitzenden Burke einen Schlüssel zu einem Handkoffer gesunde», welcher ganz so wie der Schlüssel ist, welche die Handkoffer in dem Laben haben, wo Simonds einen kaufte. Die Polizei glaubt nun, daß Cronin's Kleider, welche niemals aufgefunden worden sind, in diesen Handkoffer gethan wurden, um sie nach England zu schicken und mit ihnen eine entstellte Leiche zu bekleiden, die dann in die Themse ge- warfen worden wäre. Die Verschwörer hätten auf diese Weise sagen können, daß Cronin»ach England gereist sei, um als ?euge vor der Panicll-Untersuchungskommission aufzutreten und aß er dort als Spion ermordet worden wäre. Mittlerweile machen die Nachforschungen gute Fortschritte. Frau Carlsen hat in der Photographie Cooney's einen der Brüder Williams er- kannt, welche ihr Häuschen mietheten. Die Polizei kennt schon die Namen der sieben Leute, welche das Schwurgericht des Clan-na-Gaels gegen Dr. Cronin bildeten. Der Leiter des Lagers Nr. 20, John F. Beggs, ist gefänglich eingezogen worden. Die Mitglieder des Lagers stellen sich beim Verhör anfangs entsetzlich dumm, rücken aber allmälig mit der Sprache heraus, wenn ihnen gesagt wird. Jemand habe die ganze Sache ver- rathen. Essen, 28. Juni. In der heutigen Sitzung des Schwur- gerichts bildeten die am Abend des 4. Mai d. I. in Gelsen- kirchen zur Einleitung des BergarbeiterauSstandes vorgckom- menen Unruhen den Gegenstand der Verhandlungen. Ange- klagt waren die Bergleute Ad. Kaspareck, 26 Jahre alt, Joh. Wippich, 23 Jahre alt, M. Hodcrlein, 20 Jahre alt, H. Scholz, 25 Jahre alt, A. Noivozin, 20 Jahre alt, M. Konibta, 24 Jahre alt, und Aug. Rasch, 20 Jahre alt, sämmtlich aus Gelsenkirchen. Nach der auf Grund der§§ 113, 115, 125, 130 3C. des Strafgesetzbuches erhobenen Anklage sollten die Beschuldigten an einer öffentlichen Zusammenrottung theilaenommen und den einschrei- I enden Polizeibeamten in der rechtmäßigen Ausübung ihres Amtes Widerstand geleistet haben. Die Geschworenen bejahten die Schuldsragen nur mit Bezug auf Wippich und Rasch und billigten dem letzteren mildernde Umstände zu. Der Gerichts- Hof verurtheilte den Wippich wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt zu 6 Monaten Gefängniß und den Angeklagten Rasch wegen Landfricdensbruch und schwerem Aufruhr zu 9 Monaten Gefängniß. tiousmnmlmnxott. Die Maurer waren gestern Vormittag wieder sehr zahl- reich in den Bürgcrsälen, Dresdenerstr. 96, versammelt zur Besprechung von Streikangelegenheilen. Das Bureau zur Leitung der Versammlung bildeten die Herren Grothmann, Fiedler und Silberschmidt. Herr Grothmann gab Eingangs seiner Ausführungen seiner Vennuthung Ausdruck, daß nach der gestrigen Versammlung verschiedene Kollegen die Arbeit aufgenommen haben in der fälschlichen Meinung, daß es mit dem Streik vorbei sei. Dies sei durchaus nicht Oer Fall. Die Verhältnisse seien den Maurern durchaus günstige. Während für 20 000 Maurer Arbeit vorhanden sei, arbeiten noch nicht 4000. Am günstigsten seien die Stadttheile Süden und Westen. Im Süden arbeiten auf 70 Bauten nur 130 Maurer zehn Stunden täglich. Der Westen sei noch günstiger gestellt. Weniger günstig stehe dagegen der Norden und Osten da. Dieser Umstand in Verbindung mit der Thatsche, daß selbst das„Berliner Volksblatt" einen durchaus entstellten Bericht veröffentlicht habe, würde dahin führen, daß der Generalstreik nochmals verlängert werden müsse. Es sei uns hier gestattet, eine kleine Einschaltung zu machen. Was hier von einem„entstellten Bericht" gesprochen wird, soll wahrscheinlich Beziig haben auf die in der Versamm- lung gestellte und gefaßte Relolution, die allerdings so mibe- stimmt, ja geradezu zweideutig gefaßt war, daß sie entschieden dazu beitrug, die Leute irre zu führen. Die Resolution hatte, damit jeder noch einmal über dieselbe urtheilen kann, folgenden Wortlaut: „Die heute tagende Versammlung der Maurer- Berlins und Umgegend erklärt, am Mittwoch auf den Bauten die Arbeit aufzunehmen, wo die gestellten For- derungen betvilligt werden; sämmtliche Arbeitgeber, die geneigt sind, die Forderungen zu bewilligen, werden ersucht, bis zum Mittwoch dem Zentralbureau, Dres- denerstr. 116 Nachricht zu geben. Sollten eine nicht ge- nügende Zahl Meister bewilligen, so wird der General- streik weiter geführt; sämmtliche Blätter werden um Auf- nähme dieses ersucht." Der Wortlaut dieser Resolution ist nach unserer Meinung gerade nicht dazu angethan, den Muth der Streikenden beson- ders zu beseelen, und wir können für die Zukunft nur auf das Entschiedenste anrathen, Kundgebungen, die für die Oeffent» lichkeit bestimmt sind, mit größerer Präzision zu redigiren. Unser Berichterstatter verwahrt sich übrigens dagegen, den Be- richt irgendwie„entstellt" zu haben. Wir fahren in unserem Bericht fort. Der am Montag gefaßte Beschluß ging nicht dahin, daß der Generalstreik autgehoben sei. Die Arbeitgeber, welche die Forderungen zu bewilligen geneigt sind, wurden nur verpflichtet, dies bis heute, Mittwoch, dem Zentralbureau kundzuthun mit der Maßgabe, daß die Zahl der Gesellen, welche einzustellen sind, mit angegeben werden solle. Die heute, Mittwoch, Nach- mittag 2 Uhr in den Bürgersälen, Dresdenerstr. 96, stattfindende Versammlung habe sodann das Weitere zu beschließen. Herr Grothmann schloß seine Rede mit der Versicherung, daß die Maurer nicht unterliegen werden, daß vielmehr eine Zeit kommen werde, wo die Maurer für die jetzigen Entbehrungen entschädigt werden würden.(Beifall.) Es sprachen sodann noch die Herren Wernau und Fiedler, letzterer hob kbesonderS hervor, daß durch die Annahme der gestrigen Resolution die Bewegung in keiner Weise geschädigt worden sei. Als ein Beispiel dafür, in welcher schamlosen Weise die auswärtige Presse zum Verhetzen und Verketzern, zum Verleumden und Denunziren der hiesigen Maurcrbewegung benutzt werde, diente ein von Herrn Fiedler verlesener Artikel der„Königsb. Ztg.". Und dennoch klagten die Herren Unternehmer darüber, daß die Presse nur die Arbeiterinteressen wahrnehme! Die Fracht- losigkeit aller dieser Bemühungen werde verursacht durch die Energie der Maurer, welche Alles übenvinde, auch noch eine längere Dauer des Streiks.(Lebhafter Beifall.) Redner war überzeugt, daß Viele wieder zurückkehren werden in die Reihen der Streikenden, indem thatsächlich Viele nur arbeiten, um der allergrößten Roth zu begegnen.— Herr Lehmann wies mit Recht darauf hin, daß die Berliner Hauswirthe bereits die Micthen in unverantwortlicher Weise gesteigert hätten— weil die Maurer mehr Lohn verlangen. Sie müßten also schon mehr bezahlen, ohne daß sie mehr erhalten. Deshalb sei an ein„Zurück" jetzt unter keinen Umständen zu denken. Die Forderungen müßten zur Durchführung gebracht werden und würden es auch. Nach einigen theoretischen Ausführungen der Herren Karl Schmidt und Wernau nahm Herr Grothmann das Schlußwort, die allgemeinen Arbcitcrvcrhältnisse und die wirth- schaftliche Lage unter dem lebhaften Beifall der Versammlung ein- gehend erörtenid und beleuchtend. Hiermit war der erste Punkt der Tagesordnung erledigt. Es knüpfte sich hieran eine lebhafte Besprechung der Preßverhältnisse und wurde große Klage darüber geführt, daß nicht wahrheitsgetreue Berichte veröffent- licht werocn und beschloß die Versammlung, in Zukunft nur einem bewährten Berichterstatter den Zutritt zu den Versamm- lungen zu gestatten. Des weiteren machte Herr Karl Schmidt das Zentralbureau für den gestrigen Versammlungsbeschluß, die Neilbeschaffung von Strcikkarten betreffend, verantwortlich und entspann sich anknüpfend hieran eine längere interne De- batle. Herr Kar! Schmidt legte freiwillig sein Amt als Vor- sicher der Filiale 2(Osten) nieder und stellte es der Versamm- lung anheim, an Stelle seiner Person einen anderen zu tvähleit, stieß aber mit diesem Ansinnen in der Versammlung auf euer- gischen Widerspruch und wurde Herr Karl Schmidt weiter als Vorsteher der Filiale 2 von der Versammlung bestätigt. Mit der Mahnung, nicht von den gestellten Forderungen� abzugehen und mit einem dreifachen Hoch auf die gerechte Sache Ichloß Herr Grothmann die Versammlung.- Eine große öffentliche Uerlammlung der Klempner f erlin s und Umgegend tagte am Freitag, den 28. Juni, im önigstadt- Kasino, Holzmarktstr. 72. Aus der Tagesordnung stand: 1. Berichterstattung der Statutenbernthungskommission. 2. Einzeichnung der Mitglieder. 3. Wahl eines provisorischen Vorstandes. 4. Verschiedenes. Nachdem das Bureau, bestehend aus P. Selchow als erstem, Köhler als zweitem Vorsitzenden, R. Lemm als Schriftführer, gewählt war, machte der Vorsitzende der Versammlung die traurige Mittheilung, daß der Kollege Robert Wolf infolge eines Unfalls in seinem Beruf verstorben ist. Derselbe war ein zielbewußter Arbeiter und einer von den- jenigen, die diesen Verein ins Leben gerufen haben. Die Ver- sammlung ehrte den Verstorbenen durch.Erheben von den Plätzen. Hierauf trat die Versammlung in den ersten Punkt der Tagesordnung: Berichterstattung der Statutenberathunas- Kommission, ein. Der Schriftführer verlas das Statut, welches nach einer kurzen Diskussion von der Versammlung«n bioc angenommen wurde. Der Vorsitzende sowohl wie Kollege Schulz forderten darnach die Kollegen auf, energisch einzutreten für das Zustandekommen und Gedeihen des Vereins; beide sprachen sich dahin aus, daß der Verein der Klempner vor Allem den Zweck habe, seine Mitglieder zu bilden und zu dem Bewußtsein ihrer traurigen Lgge zu bringen, und ersuchten die Kollegen, sich recht zahlreich in die Mitgliederlisten eintragen zu lassen, zu welchem Zweck die Versammlung auf 20 Minuten vertagt wurde. Das Re- su!tat war denn auch ein überraschendes. Es ließen sich ca. 300 Klempner aufnehmen. Es wurde dann zur Wahl eines provisorischen Vorstandes geschritten. Aus dieser Wahl gingen folgende Kollegen hervor: G. Schulz, erster Vorsitzender; W. Neumann, zweiter Vorsitzender: R. Lemm, erster Schriftführer: Kliche, zweiter Schriftführer: L. Förster, erster Kassirer: Pitschmann, zweiter Kassirer; M.Schmidt, F. Schnei- der und O. Prasse als Revisoren. Beim 4. Punkt der Tagesord- nung entspann sich eine lebhafte Debatte über# das Verha ten einzelner Mitglieder des Metallarbeiter-Vereins, welche ver- suchen, das Zustandekommen des Vereins der Klempner zu ver- hindern. Die Versammlung protestirte entschieden gegen ein solches Vorgehen. Ein Antrag, zum Schluß eine Tellersamm- lung zu Gunsten der streikenden Klempner Münchens zu ver- anstalten, wurde vom Überwachenden Beamten nicht gestattet. Dagegen fand eine von Kollege Schulz beantragte Tellersamm- lung zur Deckung der Unkosten statt, welche 19,70 M. ergab. Zum Schluß forderte der Vorsitzende die Versammlung noch auf, eifrig auf das„Berliner Volksblatt" zu abonniren und nicht Kapitalistenblätter zu unterstützen. Nur einzig und allein das„Berliner Volksblatt" wahre die Interessen der Arbeiter, und ist es deshalb Pflicht eines jeden Arbeiters, auf dieses Blatt zu abonniren. Um 112 Uhr schloß der Vorsitzende mit einem dreimaligen Hoch auf das Gedeihen des Vereins die imposante Versammlung. in Berlin SW.. Beuthstraße 2. Hierzu eine KeUage. Verantwortlicher Redakteur: K. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kliding Beilage zum Berliner BolNlaü. Nr. ISA. Mittwoch» den 3. Juli 1889. 6. Jahrg. Gin Virkiilhes KallsMel. In den weitesten Kreisen hat sich heute die Ueberzeugung Bahn gebrochen, dafj es zur Erhaltung der Gesundheit nicht so sehr darauf ankomme, Krankheiten zu heilen, als vielmehr dem Entstehen von Krankheiten vorzubeugen� In der Prophylare vermag mci>t leder verständige Laie durch die einfachsten Mittel mehr zu leisten, als nach dem Aus- bruch einer Krankheit Arzt und Apotheker zusaimnengenommen. Unter den vorbeugenden Maßregeln spielen vernünftige Haus- mittel eine außerordentlich wichtige Rolle;— dies ist schon so sehr anerkannt, das Karbolwasser und Wundwatte— die wich- ligsten Hausmittel— in vielen Familien den Rang einnehmen, dcii früher die alte« Hausmittel einnahmen, deren Rezepte sich von Generation zu Generation forterbten und deren Rameii glücklicherweise von der gegenwärtigen Generation schon voll- kommen vergessen sind.,, � Ueber Karbolsäure und Wundwatte noch e,n Wort zu ver- licren, hieße Eulen nach Athen trage», die Wirkungsweise und Anwendung derselben sind überall wohlbekannt. Wir wollen jedoch heute von einem anderen einfachen und wirksamen Miltel sprechen, das wegen seiner vielseitigeil Anwendbarkeit in keiner Familie fehlen sollte. Es ist ein wirklicher kleiner Schutz- gcist, der über der Gesundheit der Familie wacht, wenn es zweckentsprechend verwandt wird. Ehe wir jedoch dieses bewährte Hausmittel— das über- mangansaure Kali— näher besprechen, wollen wir einen Augenblick auf die Ursachen eingehen, welche in den allenneisten Fällen Krankheiten, und zwar gerade die allerschwersten, hervor- �Es ist heute ziemlich allgemein bekannt, daß die gefähr- lichstcn Feinde der Gesundheit jene mikroskopisch kleinen Pilze sind, die je nach ihrer Gestalt oder ihren Lebcnsäußcrungen Bazillen, Bakterien, Kokken u. s. w. genannt werden. Diese er- wähnten Mikroorganismen bauen ihr eigenes Leben aus den Stoffen desjenigen Organismus auf, in oder an dem sie die Bedingungen für ihr Gedeihen finden. Zu Tausenden, zu Millionen finden sich in der Luft, im Wasser, im irdischen Staube, auf allen Gegenständen des täg- licheil Gebrauchs— auf Möbeln, Kleideril, Teppichen u. s. w. — jene unheimlichen Gäste, oder vielmehr ihre Sporen— wie man diejenigen Gebilde nennt, welche ihre Fortpflanzling ein- leiten—, die den größeren oder geringeren Zerfall des Or- ganismus herbeiführen, wenn sie in denselben erst einmal zur Wucherung gelangen. Typhus, Cholera, Lungenschwindsucht, Diphteritis, Milz- brand, Rinderpest u. s. w. sind die Namen jener schrecklichen Seuchen, die von den mörderischen kleinen Pilzen erzeugt, Thier- nnd Menschenleben dahinraffen. Aber auch jeder Verwesungsvorgang nicht mehr lebender organischer Thiere, wie des Fleffches geschlachteter Thicre, der Milch, der Eier, der Speisereste u. s. w., wird durch Bakterien hervorgerufen. Haben dieselben erst einmal in einem Orga- nismus Fuß gefaßt, so ist es schwer und häufig ganz un- möglich, sie aus dcinsclben wieder zu vertreiben. Wollen wir daher das organische Gebilde frisch und gesund erhalten, so muß unser Augenmerk hauptsächlich darauf gerichtet sein, ein- mal außerhalb der organischen Gebilde die Erscheinung und Fortpflanzung der erwähnte» Parasiten nach Möglichkeit ein- zuschränken und zu verhindern, und zweitens, wenn dieselben in unseren OrganiSmws eingedrungen sind, ihre Weiterentwicke- kung zu verhindern. Auf dieses Vorgehen ist ganz besonderes Gewicht zu legen, denn durch dasselbe hat die heutige medizinische Witienschaft ihre schönstcu Erfolge— wie zum Beispiel die anliseptische Wundbehand ung, die Vermeidung des so mörderischen Kindbettfiebers u. s. w.— zu verzeichnen. Auch die Industrie und Technik haben davon Profit gezogen, man pars nur daran denken, mit welcher Leichtigkeit heut frisches Fleisch viele Hunderte von Meilen versandt wird, ein linrernchmen, das vor 15 Jahren noch abso ut unausführbar gewesen ist. Wir können nicht auf all die zahlreichen Mittel eingehen, die dem gleichen Zwecke dienen, sondern beschränken uns heute ans ein einziges, das übermangansaure Kali. Das übermangansaure Kali, das für ein paar Pfennige in jeder Apotheke und jeder Droguerie erhaltlich ist, stellt ein aus kleinen, violett-metallisch schimmernde» Krystallen bestehen- des Pulver dar, das sich in Wasser leicht löst und zwar je nach der Menge mit hcllrosa-rother bis dunkel-violetter Farbe. Diese Lösung kommt bei der Benutzung ausschließlich zur An- ��"�Me�Wirkung des übermangansauren Kalis beruht auf einer eigenthümlichen Eigenschaft. desselben, die in seiner chemischen Zusammensetzung ihren Grund hat. Das übermangansaure Kal, giebt nämlich ,n Berührung mit organischen Körpern, z. B. mit der menschlichen Haut oder Schleimhaut, mit ovaanischem Staub, mit Pflanzen und— last i.ast— in Berührung mit den erwähnten parasitären Organismen, einen Theil des ihm chemisch gebundenen Sauer- «offes ab; und zwar wird dieser Sauerstoff in einer Fonn frei, die man wegen ihres Geruches.Ozon" nennt. Dieses Ozon hat nun die ausgezeichnete Eigenschaft, sich mit einer großen Zahl von anderen chemischen Stoffen leicht zu verbinden. Bei organischen Verbindungen geschieht dies meist dadurch, daß das Ozon zu dem Wasserstoff derselbe» tfast alle organischen Körper enthalten Wasserstoff als Bestandtheil) hinzutritt und sich mit dem- selben zu Wasser verbindet, wobei natürlich der organische Körper mehr oder weniger zerstört wird.(So beruht, beiläufig bemerkt, die bleibende Wirkung des Ozons darauf, daß dasselbe den ge- färbten organischen Stoffen, deren Farbstoff ebenfalls immer Wasserstoff enthält, einen Theil dieses Wasserstoffes entzieht, den Farbstoff also zerstört.)._ � Auf dieser»erstörenden Wirkung des Ozons beruht die Anwendung des übermangansauren Kalis als Hausmittel, denn gerade eine große Zahl der Bakterien u. s. w. sind außer- ordentlich empfindlich gegen die Einwirkung von Ozon und werden durch dasselbe getödtet....... Vor allem erweist iich das übermangansaure Kali als em arger Feind der FLulnißbakterien, also der Parasiten, die das Verderben und Ungenießbanverden von Fleisch, Butter, Kase u. dgl. hervorrufen Jede Hansfrau weiß es, wie unangenehm es ist, wenn ein «tück Fleisch, das am Tag vorher noch ganz frisch gewesen, wii nächsten Morgen schon einen mephistischen Duft verbreitet und vollkommen ungenießbar ist; und doch vermag in vielen rfalun eine kleine Dosis von übermangansaurem Kali das wieder genießbar zu machen.— In einem solchen Falle � aJi wun.wnfach folgendermaßen: Man stellt sich eine dunkelrothe Lösung von ubermangan- 'aurem Kal, m Wasser dar, inden, man etwa 1—2 Messer- witzcn der genannten Substanz in einem Liter Wasser auflöst; in diese Lösung bringe man das Fleisch, d. h. wenn es nur erst an der Oberfläche verdorben ist, hinein und wasche es so lange gut aus, bis keine Spur eines üblen Geruches mehr zu merken ist; im Falle sich die Lösung während des Gebrauches etwa stark entfärbt haben sollte, füge man noch einige Körnchen übermangansaures Kali hinzu. Nach dem Waschen nimmt das Fleisch allerdings einen eigenthümlichen Geruch an— den Geruch des Ozons— derselbe verschwindit aber beim Braten, besonders wenn man etwas mehr Gewürze hinzufügt, vollständig, so daß kaum etwas zu merke» ist. In derselben Weise wie hier kann auch in anderen, weniger ästhetischen Fällen das übermangansaure Kali dazu dienen, die Fäulnißbakterien zu zerstören und den mit der Fäulniß immer verbundenen üblen Geruch zu vernichten. Gewisse Geschirre und auch die Ausgußsteine haben immer die Neigung, üblen Geruch zu verbreiten; schwenkt man die- selben jedoch mit einer dunkelvioletten Lösung aus, so ver- schwindet der üble Geruch sofort und man hat die Beruhigung, mit diesem üblen Geruch auch die Fäulnißbakterien und auch andere gefährlichere Feinde des menschlichen Organismus ver- nichtct zu haben. Wegen dieser beiden Eigenschaften allein schon verdiente das übermangansaure Kali, Hausrecht in jeder Familte zu ge- nießen, aber es hat noch weitere vorzügliche Eigenschaften, die es vor allem bei Epidemien als ausgezeichnetes Hausmittel er- scheinen lassen. Es ist bekannt, daß die Cholera- und Typhusbazillen hauptsächlich durch das Trinkwasser dem Organismus zuge- führt werden. Wenn es nun auch freilich am gerathensten ist, in der Zeit solcher Epidemieen nur gekochtes Wasser— etwa in der Form von schwachem Thee— zu genießen, so läßt sich doch auch frisches Trinkivasser von einem großen Theil der ge- sährlichsten Feinde befieien, wenn man demselben einige wenige kleine Körnchen übermangansaures Kali zufügt, so daß das Wasser gerade noch gefärbt erscheint. Es bekommt dadurch aller dings einen kleinen Beigeschmack, den man aber gern in den Kauf nimmt, wenn man dadurch die Garantie erhält, ein völlig unschädliches Wasser zu genießen, während man sich andernfalls durch dasselbe den Tod trinken könnte. Ob in einem Wasser überhaupt organische Stoffe, gleich- giltig welcher Art, enthalten sind, läßt sich übrigens mit Hilse des übermangansauren Kali's leicht nachweisen, denn je nach der Menge der vorhandenen organischen Bestandtheile wird eine dunklere oder hellere Lösung oes genannten Stoffes völlig entfärbt. Die ausgezeichneten Wirkungen des übermangansauren Kalis sind übrigens durch die bereits aufgezählten Anwen- dungsarten noch gar nicht erschöpft. Wir müssen noch einer Verwendung Erwähnung thun. Eine dunkle, rosenrothe Auf- lösung ist nämljch d«s beste Mundwasser, was man sich denken kann. Dasselbe vertreibt nämlich sofort und auf das Wirk- samste jeden üblen Geruch, der aus hohlen Zähnen stammt, es vertilgt den übelriechenden Athem, der die Folge von Käse- gcnuß oder Zigarrenrauch und dergleichen mehr ist. Aber, und dies ist die Hauptsache, es vernichtet auch die Cariespilze, welche des Schadhaftwerdens der Zähne sind. die Ursache des Schadhaftwerdens der Zähne sind. Wer längere Zeit eine Auflösung von übermangansaurem Kali als Mundwasser benutzt, kann sicher sein, niemals wieder von Zahn- schmerzen gequält zu werden, besonders wenn er nach einer Mahlzeit sofort den Mund damit ausspült. Allerdinas hat dieses Mundwasser die unangenehme Eigenschaft, die Zähne all- mälig braun zu färben; wendet man ledoch nach dem Aus- spülen des Mundes noch die Zahnbürste unter Zuhilfenahme eines Zahnpulvers an, so fällt auch dieser Uebelstand voll- ständig weg. Nach all' dem Gesagten darf man wohl anerkennen, daß das übermangansaure Kali in der That ein wirkliches Haus- mittel ist; wer es erst einmal versucht hat, wird es sicher- Iich nie wieder in seinem Haushalt ausgehen lassen, sondern dasselbe in all' den Fällen zur Anwendung bringen, wo es sich darum handelt, leichtere Vc»mcsungScrscheiiiungen zum Schwinden zu bringen und durch diese einfache prophylaktische Maßregel folgenschweren, nachtheiligen Wirkungen vorzubeugen. LrckctleS. Der gestrige($uitrtttt»tt>echrel hatte nur einen schwachen Umzug auszuweisen und der riesige Möbeltransportvcrkchr, welcher soifft den Schluß des OuartalS kennzeichnet, fehlte diesmal gänzlich. In den Stadttheilen des Westens nnd dem Zentnim der Stadt fand fast gar kein Umzug statt und nur in den im Norden und Osten belegenen Arbeiterquartieren waren Wohnungsveränderungen zu bemerken. Dagegen haben die Hanspaschas zum großen Theil den 1. Juli nicht vorübergehen lassen, ohne erhebliche Micthssteigerungen vorzunehmen und zwar sind es die kleinen Wohnungen bis 600 M., welche im Preise wieder einmal wesentlich erhöht worden sind, während größere Wohnungen nur selten einen Preisauffchlag zu verzeichnen hatten. Mir viel verschiedene KiUet-Arten werden auf den Stadlbahnhöfcn mit Erieni-Vcrkchr verkauft? Die Beant- wortung dieser Frage war— so schreibt eine hiesige Korre- spondenz— der Gegenstand einer Wette, welche vor einigen Tagen von mehreren Studirenden der Technischen Hochschule eingegangen worden war. Nack dem Vorschlage eines speziell dein Eisenbahnfach sich widmenden Studenten sollte derienige gewonnen haben, welcher der richtigen Zahl um 1000 am nächsten käme. Schon diese Bedingung rief in dem Kreise der Wettenden allgemeine Verwunderung hervor. Um tausend am nächsten? Um wie viel Arten konnte es sich denn überhaupt handeln! Acht Tage Bedenkzeit war den Herren gelassen, um an der Hand der Fahrpläne sich einen ungefähren Uebcrschlag zu machen, wie viele Billetsorten, d. h. Billcts nach den Ort- schaften des In- und Auslandes, eS eigentlich geben mag. Nach dieser Zeit rückte jeder mit seiner wohl durchdachten Ta- belle an. Die Herren waren bei ihrer Arbeit selbst nicht wenig überrascht, als sie wahrnahmen, wie die Zahlen schier ins Un- endliche wuchsen, dennoch erregte es allgemeine Heiterkeit, als jemand 18 000 verschiedene Billetsorten für die Stadtbahnhöse mit Externverkehr herausgerechnet hatte. Rur einer der Herren blieb ernst. Es war derjenige, welcher im Auftrage der Wettenden an maßgebendec Stelle nach der richtigen Zahl sich erkundigt hatte.„In der That, meine Herren," begann er, „darf die Zahl 18 000 Ihre Heiterkeit erregen, denn diese Zahl ist lächerlich— klein!"„Noch zu klein?" schallte es dem Wissenden entgegen.„Freilich, meine Herren!" entgegnete dieser.„Denn die Zahl der verschiedenen auf den Stationen Schlesischcr Bahnhof, Äleranderplatz, Friedrichstraße und Char- lottenburg zum Verkauf gelangenden Billetsorten beträgt— 27 000!" Zu stark gegähnt. In die kgl. chirurgische Poliklinik in der Zicgclstraße kam, wie man uns schreibt, vor einigen Tagen ein junges Mädchen, dem ein seltenes Unglück zugestoßen war. In das Mitleid, das Acrzte für ihre Patienten habe», mischte sich in diesem Fall ein etwas spöttisches Lache». Das Mädchen hatte nämlich— ein gewiß verzeihliches Verbrechen— das Bedürfniß zum Gähnen verspürt und diesem Naturverlangen in so kräftiger Weise Ausdruck gegeben, daß sie sich dabei den Unterkiefer verrenkte. Sie hatte nicht erst nöthig, zu erzählen, was ihr zugestoßen, man erkannte das kleine Unglück an dem Offenstehen des Mundes, den das junge Mädchen beim besten Willen nicht schließen konnte. Bei der Seltenheit des Falles — es pflegen zwar viele Menschen recht ausgiebig zu gähnen, aber glücklicher Weise selten mit so fatalem Erfolg— wurde das Mädchen in den klinischen Hörsaal geführt, wo gerade Dr. Bramann in Abwesenheit des Geheimraths v. Bergmann die Operationen vor dem studentischen Auditorium machte. Einer der Jünger des Aeskulap' mußte sich daran versuchen, die Krankheit des jungen Mädchens zu viagnostiziren, was ihm auch nicht schwer werden sollte. Um das Unglück wieder gut »u machen, faßte Dr. Bramann mit einem vorgeschriebenen Griff den Unterkiefer, es gab einen Ruck, einen Schrei und unter all- gemeiner Heiterkeit verließ die Wiedergenesene den Hörsaal. Hier ereignete es sich auch vor einiger Zeit, daß sich jemanb das gleiche kleine Unglück zuzog, als er der an ihn gerichteten Aufforderung, den Mund zu öffnen, in einer etwas zu encrgi- scheu Weise nachkam. Joseph Kyrtl, der berühmte Wiener Anatom, erzählt in seinem Lehrbuch von einer Frau, die sich den Unterkiefer ausrenkte, weil sie eine etwas groß gerathcne Birne durchaus im Ganzen in den Mund stecken wollte. Eine drollige Rückgrsthichte wird uns vom Montag auö den: Nordoste» der Stadt berichtet. Der Vizeivirth eines Hauses der Schönhauser Allee bemerkte am Montag früh gegen 5 Uhr, daß in dem im Souterrain belegenen Viktualienkeller eine unheimliche Geschäftigkeit herrschte. Das Rücken, Hin- und Herschleppen der Möbel verkündete dein Hausverwalter, daß seine zahlungsunfähigen Miether einen Riickversuch zu unter- nehmen beabsichtigten. Um diesc" ., dieselben dabei plötzlich- zu überraschen, stieg der Vizewirth die vom Hofe in die Kellerwohnung führende Treppe hinab, drückte leise auf das Schloß und trat nun als„deus ex machina" unter die Rücker, welche bei seinem Anblick entsetzt aus der ziemlich leeren Kammer, welche den Be- wohnern zur Schlafstube gedient, entflohen. Während noch der Vizewirth entsetzt das Feylen sämmtlicher werthvollen Mobilien betrachtete, schnappte es zweimal im Schloß, der Zugang nach dem Hofe und nach dem vordere» Gemache wurde deutlich ver- schloffen, so daß der Hausvenvalter gefangen war. Dann luden in aller Seelenruhe die Rückenden Alles, was nicht niet- und nagelfest im Laden war, auf den inzwischen vorge- fahrenen Möbelwagen, während welcher Zeit der Vizewirth vergeblich nm Hilfe rief, bis nach über einer Viertelstunde»n- heimliche Stille eintrat. Es dauerte ziemlich lange, bis Miether erschienen, welche das Tobendes Vizewirthes gehört und den Geprellten aus seiner Gefangenschaft befreiten.' Natürlich war der rückende Viktualienhändlcr schon längst über alle Berge. Der„dritte Mann". In dem Frühzuge der Görlitzcr Bahn von Kottbus saßen neulich in einem Kupee zwei Herren, welche genr einen Skat geklopft hätten. Aber ver oritte Mann fehlte. Sie kamen nun auf die ingeniöse Idee, ein Plakat an das Koupeefenster zu hängen: Dritter Mann gesucht. In Adlershof hatten sie bereits das ganze Kupee voll„dritter Männer".— Das ist die Folge der Skatseuche! Der„Ditrioleur" Kioonr, seines Zeichens Buchbinder, welcher vor etwa zwei Monaten wegen eines Olcumattentates, durch welches er das Kind einer Frau in der Dresdcnerstraße beschädigte, angeklagt, mangelnden Beweises halber aber frei- gesprochen wurde, ist dieser Tage von Neuem verhastet und der Staatsanwaltschaft beim Landgericht I vorgeführt worden, weil er im Verdachte steht, die von uns seinerzeit gemeldeten Attentate gegen zwei Damen, denen ein Unbekannter auf Bahnhof „Friedrichstraße" hinterrücks die Kleider zerschnitt, verübt zu haben. Da sich derartige Attentate, bei denen bald eine ätzende Flüssigkeit, bald ein scharfes Jnstnunent zur Anwendung gelangte, in letzter Zeit mehrten und alle Anzeichen auf ein und denselben Thäter hindeuteten, so lenkte sich der Verdacht wiederum auf Bivonr, dessen Aufenthalt die Kriminalpolizei aber längere Zeit nicht zu ermitteln vermochte. Dieser Tage erst gelang es, ihn auf- zufinden und zur Haft zu bringe». Von den beiden auf Bahn- hos Friedrichstraße geschädigten Damen vennochte die eine den Bivour mit aller Bestimmtheit als denjenigen zu rckognosziren, welcher sich, gleich nachdem sie einen Ruck auf den, Rücken ver- spürt hatte, in verdächtiger Weise aus ihrer Nähe stahl, während die andere sich die Züge des Patrons weniger genau eingeprägt hat, es immerhin aber als wahrscheinlich bezeichnet, daß Bivonr der Thäter gewesen ist. Zmri Mitalirder einer in England organistrte» Nerbrecherbandr werden soeben von Mainz her signalisirt. Man vennuthci, daß dieselben, nachdem sie in Frankreich, und zwar in Dicppc, einen Einbruch verübt und sich in den Besitz einer kolossalen Summe, bestehend aus Werthpapiercn der ver- schiedensten Länder, gebracht, ihren Weg nach Deutschland ge- nommen haben, um dort die größeren Städte, vielleicht auch Berlin, durch ihren Besuch zu beglücken. Der Verdacht richtet sich vorzugsweise gegen ein Individuum, das wie folgt be- schrieben wird: ungefähr 25 Jahre alt, 1,58 Meter groß, braune Haare, kleiner brauner Schnurrbart, bleicher Teint, krankhaftes Aussehen, vornübergebeugt, hustet häufig, sehr magere Hände, bekleidet mit schwarzem punktirten Anzug, weichem schwarzen Hut, Lacksticfeln, spricht Französisch ohne Accent; in seiner Begleitung befindet sich ein anderes Individuum von großer Ge- stalt, starker Korpulenz, gebräunten, Teint und vortheilhafter Erscheinung. Beide führen 2 graue Reisetascheu bei sich, die eine sehr schwer, anscheinend das Diebeswerkzeug enthaltend, die andere leicht. Die entwendeten Werthe sind besonders die folgenden: 1400 Pfund 3 pCt. Portugieser; 17 Zentralgas- akticn; 4000 Gulden Oesterreichische Goldrcnte 4 pCt., in Stücken von 1000 Gulden; ferner Lombarden-Obligationcn, Russische Obligationen, ein Viertel der Pariser Stadtschuld 1886; zwei Algerische Bons; fünf Obligationc» Saragossa-Mittelmecr. Es ist nun wohl möglich, daß die Diebe diese Werthe bei deutschen Bankiers in baares Geld umzusetzen versuchen werden. Das eingangs erwähnte Amt ersucht um Nachfrage»ach den bezeichneten Papieren, sowie um Herbeiführung der Festnahme jedes verdächtigen Inhabers derselben. Eine ganze Familie mahnstnnig gemorsten. Vor Kurzem ging durch die Blätter die Notiz, im Asyl für Obdach- "WWW# V lose habe eine Familie genächligt, von welcher es sich heraus- gestellt, daß deren sämmtliche Mitglieder wahnsinnig gewesen wären. Ein ähnlicher schrecklicher Fall ist am Sonntag fcstge- stellt worden. In der fünften Nachmittagsstunde wurde der am Mariannenplatz stalionirte Schutzmann aus einen Menschen aufmerksam gemacht, welcher sich in den Anlagen un, hertrieb. Das ganze Gebahren des etwa fiinfzigjähriacn, ei» wenig rcduzirt aussehenden Mannes war das eines Trunkenen, und so wollte ihn der Polizeibeamte zur nächsten Wache sistiren. Aber wie er mit ihm eine Strecke Weges gegangen - i 1 1> Toar, erkannte er, daß der Mann ganncht betrunken und er brachte ihn statt ans das Revier nach der Sanitätswache am Görlitzer Bahnhof, wo der Arzt auch konstatirtc, daß der Ein- gelieferte irrsinnig sei. Aus Schriftstücken, welche er bei sich tnlg, ging Name und Wohnung des Unglücklichen hervor und dorthin eilte der Polizist, um die Seinigen zu benachrichtigen. In der dürftig ausgestatteten Wohnmig tritt ihm ein etwa achtzehnjähriger Mensch, der Sohn des Eingelieferten entgegen, dessen Blick und Sprache dem Schutzmann sogleich verräth, daß er es hier gleichfalls mit einem Irrsinnigen zu thuir habe. Er fragt nach der Mutter und die Haus- hälterin führt ihm eine Frau von einer so hochgradigen Ncr- vosität zu, daß der Polizist jede weitere Unterredung mit der Frau aobricht und sich nach der Wache und seinem Revier auf- macht, Bericht zu erstatten. Daraufhin sind noch an demselben Tage Vater und Sohn nach eincin Krankenhause gebracht worden, während man hofft, die von ihrer irrsinnigen Umgebung befreite Frau in der Behausung wieder herzustellen. In welchem Zu- stände auch diese Unglückliche sich befindet, geht am besten dar- aus hervor, daß sie an einem Tage zweimal den Versuch ge- macht hat, sich in ihrer vier Treppen hoch belegenen Wohnung aus dem Fenster zu stürzen, ein Versuch, besten Ausführung jedesmal nur mit größter Mühe verhindert werden konnte. Die Ursache dieser geistigen Umnachtung einer ganzen Familie sind Schicksalsschläge, welche binnen kurzer Zeit die einst vermögen- den Leute an den Bettelstab gebracht haben. Der Mann war in Berlin ein Maurermeister, dem aber verfehlte Bauspeku- lationen Alles raubten und welcher den Niedergang seiner Ver- hältnisse sich so zu Herzen nahm, daß er und die Seinigen darob den Verstand verloren. Gin entsetzlicher KootsunfaU, welchem zwei blühende Menschenleben zum Opfer gefallen sind, wird von Treptoiv- Stralau berichtet. Eine hiesige Kaufmannsfamilie machte am Sonntag Nachmittag einen Ausflug nach Treptow, an welchen sich auch die drei Söhne derselben im Alter von 22, 24 und 25 Jahren betheiligten. Während die Elten: im Sperl ver- weilten, mietheten gegen 4 Uhr Nachmittags die drei jungen Leute bei einem Kahnverleiher ein Boot, mit welchem sie die Spree stromabwärts befuhrcn. In der Nähe der Verbindungs- bahn-Brücke beabsichtigten die beiden älteren Briider die Platze zu wechseln, und beim Erheben von den Sitzen gericth das Boot ins Schwanken, schlug um, und die Insassen deffelben stürzten ins Wasser. Ein Entsetzensschrei erhob sich seitens der vielen Hunderte von Zuschauern, und eine Anzahl von Ruder- und Segelbooten, welche sich in der Nähe befanden, eilten rasch nach der Unglücksstelle, um sich an dem Rettungswerk zu bc- theiligen. Leider gelang dieses nur unvollständig, denn nur der älteste von den mit den Wellen kämpfenden Brüdern wurde von einem Segelboot aufgenommen, während die beiden jüngeren nicht wieder zum Vorschein kamen. Der Schmerz und die Verzweistung der Eltern, welchen der gerettete Sohn die Trauer- botschaft persönlich brachte, war unbeschreiblich. Erst gestern Nachmittag gelang es, die Leichen der beiden jungen Leute aufzufinden, welche in der Nähe des Rudcrklubgebäudes„Hellas" von den Wellen ans Land getrieben wurden. Infolge eine» Anfalle« van Delirium tremens verließ Sonntag in ganz früher Morgenstunde ein Restaurateur seine unweit des botanischen Gartens belegene Wohnung und eilte, nur mit einem Nachthemde bekleidet, die Potsdamer Straße in der Richtung des Potsdamer Platzes entlang. Ein Schutzmann und der Reviernachtwächter machten sich sofort an seine Verfolgung und wurde derselbe auch binnen kurzem er- griffen und nach seiner Wohnung gebracht, daselbst wurde er angekleidet und der nächst gelegenen Sanitätswache übergeben, von wo ans seine Ueberführung nach einem Krankenhaus— mnthmaßlich Charitee— erfolgte. Einem schweren sonderbaren Unfall ist an, gestrigen Tage die in der Reichenbergerstraße wohnende Frau des Töpfers I. zum Opfer gefallen.— Die Eheleute besitzen zwei Kinder im Älter von 5 und 3 Jahren, welchen zum Spiel- genossen ein großer Bernhardiner Hund dient.— Auch gestern Nachmittag spielten die Kleinen in der Wohnstube mit dem willigen Thicre und jagten dasselbe umher, bis dasselbe schließ- lich gegen die nach der Küche führende Thür rannte und zwar in demselben Augenblick, als Frau I. dieselbe öffnete. Der Hund prallte gegen die Frau, welche ein schweres Gefäß trug, an und dieselbe schlug so unglücklich zu Boden, daß sie mit einer klaffenden Kopfwunde liegen blieb. Während die unver- ständigen Kinder, glaubend, daß die Mutter nur scherze, ruhig weiter spielten, bellte der Hund so laut und anhaltend, daß Hausbewohner hierdurch oufmerksam gemacht, hinzueilten und der Blutüberströmten die erste Hilfe leisteten. Auf Anordnung der herbeigerufenen Arztes wurde die Unglückliche, welche außer der schweren Kopfwunde auch noch eine Gehirnerschütterung er- litten, nach einem Krankenhause gebracht. Gin Komert im Irrentzanfe. In der Nervcnheil- anstalt und Anstalt für Geisteskranke von Stadtrath Dr. Edel gu Charlottenburg fand dieser Tage wieder eine Musikauffüh- rung statt, an der die der Anstalt anvertrauten Patienten, so- weit sie noch im Stande sind, irgend welche Eindrücke aufzu- fassen, das Publikum bildeten. Die Herren Rothmühl, Heinrich Grünfeld und Liebling hatten sich der Anstaltsverwaltung zur Verfügung gestellt, die in ihrer Fürsorge für ihre Pflege- befohlenen keine Gelegenheit vorübergehe» läßt, herbeizuschaffen, was irgend' vom Reiz des Daseins die Hilflosen noch trösten, oie Hoffenden noch aufrichten, die Genesenden noch stärken, die Verlorenen noch mit einen, letzten Schimmer des ver- lorencn Glücks umgeben kann. Nicht ohne ein gewisses Bangen, von einer ängstlichen Scheu nicht ganz verschont, traten die Künstler an ihre Aufgabe— um so freier und gehobener konnten sie sich ihr später widmen, als sie erst merkten, wie be- glückend und begeisternd die Gaben, die Kunst auf die armen Opfer unserer Zeit wirkten. Die Verunglückten und Invaliden der Geistesarbeit zeigten für die schönen Gaben der Musik„och offenen Sinn. Der Veranstaltung, die ihnen eine seltene und erwünschte Abwechslung im Dunkel ihres Daseins, die ihnen eine schöne Erinnerung an vergangene Zeiten brachte, jubelten sie dopppelt freudig zu und waren doppelt dankbar für jede einzelne Gabe. Den Liedern von Rothmühl folgten begeisterte Beifalls-Ausbrüche, Grünfeld's Vorträge fanden andächtiges Gehör und stürmischen Beifall, nach den Vorträgen von Liebling brachte einer der Patienten dem„Liebling der Welt" gar ein Hoch aus. Nach beendetem Konzert verweilten die Künstler noch eine Weile harmlos plaudernd inmitten der zutraulich gewordenen, mittheilsamen Patienten. Da verrieth es der Eine, daß er eigentlich der Verfasser der„Wilddiebe" sei, ein Anderer bekannte sich zu einem Vermögen von etlichen Milliarden, ein Dritter wieder stellte sich als eine Art Mifchung von Engel und Elephanten vor— wie ist das in fo eigenartigem Sinne der Humor, der unter Thränen lächelt. Wie viel reiche Bildung geht hier unter im mächtigen Kopfe des Mannes, der nur in schwunghaften Alliterationen spricht, und der im raschen Dahintraben der flüssigen Stabreime oft auch manches geistreiche Wort hervor- stößt. Wie tief ergreift uns das Geschick jener Dame, die sich immer noch die Braut von Nachtigal und mit ihm auf Reisen wähnt. Welch' selige Illusion leuchtet hier aus den Augen eines Geisteskranken, der in seinem Wehe sich glücklich dünkt, welch' ein erschütterndes Geschick mag hier eine so unendliche Melancholie über die stumme, schlanke junge Dame gegossen haben! Aber cS sind nur die den Weltgewohnheiten noch nicht ganz entfremdeten, ruhigen Kranken, die der Konzert- faal vereint, diejenigen nur, die den Eindrücken der Kunst eben noch zugängig sind. Wenn wir uns zum Beispiel nach der unglücklichen Heroine des Schauspielhauses, Johanna Schwarz, erkundigen, hören wir, daß sie noch immer in Tobsuchts- anfällen lebt, noch iinmer ihre Kleider zerreißt, nock immer vom Bewußtsein ihrer selbst und ihrer Lage weit entfernt ist. Aber gerade, was so verzweifelt klingt, birgt einen Schimmer von Hoffnung. Die Tobtüchtiaen haben auf Heilung verhältniß- mäßig größere Aussicht. Dem Konzert folgte ein kleines Souper, an welchem einige derjenigen Kraiuen, deren Nerven mehr oder minder zerrüttet sind, ohne daß die Geisteskräfte irgendwie an- gegriffen wären, einige Opfer des Morphiums,' theilnahmen. Einer von ihnen brachte sogar einen Toast aus. Spät und tief ergriffen verließen die Künstler das Haus, überzeugt, ihr diesmaliges Konzerl habe tiefer gewirkt, wiirde den Hörern länger im Gedächtniß bleiben, als sonst irgend eine musikalische Veranstaltung. Polisetberickit. Am 1. d. M., Mittags, fiel der Arbeiter Dobroczeivski, als er vor dem Hause Kronprinzen-Ufer 28 einen Sack mit Getreide vom Kahn nach dem Ufer trug, infolge eines Fehltritts ins Wasser und erlitt dabei eine nicht unbedeutende Verletzung des rechten Fußes, so daß er nach der königl. Klinik ebracht werden mußte.— Nachmittags fiel der Arbeiter Hoppe inter dem Grundstück Triftstraße 45 von seinem in der Fahrt cfindlichen, mit Schutt beladenen Wagen und wurde über den Kopf gefahren, so daß er bald darauf verstarb.— Zu derselben Zeit wurde ein Tapezirer in seiner Wohnung in der Leipziger- straße erhängt vorgefunden.— Im Christlichen Hospiz, Mohren- straße 27/28, wurde zu derselben Zeit eine unbekannte, etwa 40 Jahre alte Frauensperson in ihrem Zimmer auf dem Bette liegend bewußtlos vorgefunden. Dieselbe hatte verniuthltch in- folge einer Geistesstörung Gift genommen und ivurdc nach er- solgreichen Wiederbelebungs-Versuchen nach der Charitee gc- bracht.— Als die 15jähriae Anna Groth Abends im Erdgeschoß des Hauses Neue Friedrichstr. 77 die Gasflamme anzündete, explodirte das ans der geöffneten Leitung ausgeströmte Gas und erlitt die 2C. Groth dadurch schwere Brandwunden. Sic wurde nach der Charitee gebracht. Geriihks�ettung. Gin eiornartiger Schwindel beschäftigte gestern die sechste Strafkammer Berliner Landgerichts I in der Berufungsinstanz. Der wegen Eigenthumsvergehen mehrfach vorbestrafte Buchdruckereibcsitzer I o s k e gab im vorigen Jahr ein Preß- organ unter dem hochtönenden Titel„Deutsches Dame n- Journal" heraus. Nach einer vom Polizeipräsidium einge- holten Auskunft sind seit dem Oktober v. I. Pflichteremplare von diesem Blatte nicht mehr eingereicht worden. Im Februar d. I. hatte eine Frau K u b e sich in einem täglich erscheinenden Blatte als Wahrsagerin empfohlen, und dieser stellte sich I o s k e mit dem Anerbieten vor, das Wahrsagerinneninserat doch seinem in Damenkreisen viel gelesenen Organ zuzuwenden. Da er für 9malige Aufnahme der Annonze nur 3 M. forderte, ertheilte ihm Frau Kübe den Auftrag zur Insertion und bezahlte auch den vereinbarten Betrag dafür. Die ge- wünschten Belagsblätter wurden nun aber begreiflicherweise der Frau Kube nicht vorgelegt. Dieselbe erstattete Anzeige, und wurde Joske daraufhin vor dem Schöffengericht angeklagt und wegen Betruges zu 20 M. eventuell 4 Tagen Gefangniß verurtheilt. Hiergegen legte der Angeklagte Berufung ein in der Hoffnung, der Strafkammer ein X, für ein U machen zu können, um seine Freisprechung zu erschwindeln. Er überreichte nämlich dem Gerichtshof die Nummern 7, 8 und 9 des„Deutschen Damen-Journals" vom Februar ünd'.März d. I., in welche» das Kube'sche Inserat abgedruckt war. Der Vorsitzende stellte aber fest, daß alle drei Nummern den gleichen Inhalt hatten und offenbar nachträglich herge- st e l l t worden sind. Es blieb daher bei dem ersten Urtheil. Um zehn Pfennig,. Am 1. Mai hielt der Billet- Kontroleur auf dem Stadtbahnhofe Bellcvue zwei Personen, einen Herrn und eine Dame, an, weil der Erster? ihm zwei Billcts einhändigte, welche nach der Durchlochung schon einmal benutzt sein mußten. Um den Beamte» die Uebenvachung leicht zu machen, ist nämlich von der Verwaltung die Einführung ae- troffen worden, daß jeden Tag mit der Durchlochung gewechselt wird, wurde gestern beispielsiveise ein dreieckiges Loch hinein- gepreßt, so folgt heute entweder ein rundes oder viereckiges. Bei Beginn des Tagesdienstes wird den betr. Beamten angc- zeigt, welche Art der Koupirzangen für den laufenden Tag zur Verwendung gelangt. Das angehaltene Paar wurde in erne sofort zu erlegende Ordnungsstrafe von 12 Mark genom- men, die der Herr, ein Kaufmann Lindemann, auch anstandslos bezahlte. Er wurde aber außerdem zur Anzeige gebracht und hatte sich daraufhin gestern wegen Betruges vor dem Schöffengerichte zu verantworten. Der Angeklagte bestritt jede betrügerische Absicht. Er pflege sich häufig mit einer Dame auf dem Bahnhofe„Börse" zu treffen und mit derselben die Stadtbahn bis zur Station Bellevue zu benutzen. Er pflege sich daher gleich ein halbes Dutzend Fahrkarten für diese Strecke zu kaufen. Am Tage zuvor, am 30. April, habe er vcrseheiit- lich zwei noch unkoupirte Billcts abgegeben und dies erst be- merkt, als er festgehalten wurde, weil er am folgenden Tage dafür zwei bereits zu einer Fahrt benutzte Billcts abgab. Um sich mit der erwähnten Dame auf dem Bahnhofe„Börse" zu treffen, mußten sie beide, von verschiedenen Richtungen kommeird, die Stadtbahn benutzend, und da er sich stets Billets vorräthig zu halten pflege, so erübrige es, erst die Kontrole zu passiren, wie es diejenigen müssen, welche von draußen kommen. Der Staatsanwalt hielt diese Geschichte für schlau erfunden und den Angeklagten des versuchten Betruges für schuldig. Derselbe sei Tags zuvor wahrscheinlich beim Verlassen des Bahnhofes Bellevue im Gedränge mit durchgeschlüpft, ohne die brnutzten Billets abzugeben, er habe die Maßregel von der täglich sich ändernden Durchlochung nicht gekannt und deshalb geglaubt, dieselben Billets noch einmal benutzen zu können. Er beantragte gegen den Angeklagten eine Geld- strafe von 30 Mark. Der Gerichtshof schenkte da- gegen dem bisher unbescholtenen Angeklagten Glauben und erkannte auf Freisprechung. Gi« Mensch von großer Gemeingefährlichkett, der Photograph Eduard Otto Bauer wurde gestern durch Urtheil der zweiten Strafkammer des Landgerichts l für längere Zeit unschädlich gemacht. Der Eingeklagte, der schon vielfach vorbe- straft ist, gehört zu den verwegensten und gewandtesten Schlaf- stellendieben. Es sind 28 Fälle zur Kenntniß der Behörde ge- langt und alle aiebt der Angeklagte zu. Die erste sich ihm in der neugemietheten Stube darbietende Gelegenheit be- nutzte er, um mit den Werthsachen der Vermiether, soweit er sie unbemerkt fortschaffen konnte, zu ver- schwinden. In einem Falle nahm er sogar das Bett und in einem anderen die Gardinen mit. In vier Fällen wußte er sich von seinen Wirthsleuten kleinere Summen zu erschwin- deln unter dem Vorwande, daß er seinen auf dem Bahnhofe liegenden Koffer einlösen müsse. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Zuchthausstrafe von 3!j Jahren, der Gerichtshof ging aber über diesen Antrag hinaus, indem er auf4JahreZuchlhaus und die üblichen Ncbenstrafen erkannte. Da« höchst- Strafmast wegen Sachbeschädigung— zwei Jahre Gefangniß— beantragte gestern der Staatsanwalt gegen den Hanbschuhmacher Friedrich R a t h k e, welcher, lediglich um ein Unterkommen zu finden, in der Klosterstraße ein Schau- senster zum Werthe von 400 M. zertrümmert hatte. Die vierte Strafkammer des Landgerichts I belegte den Angeklagten mit iJahrOMonatenGefängniß. D-r Handlangskommi» Siegfried Lev y, welcher gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts l stand, hat sich mit Erfolg auf dem Gebiete der Paletot- marderei versucht. Innerhalb kurzer Zeit gelang es ihm, nicht weniger als 18 Paletots zu stehlen und besuchte er mit Vorliebe die feinsteil Restaurants und Caf-S. Seine Stellung hatte der Angeklagte verloren, weil er seinen Prin- zipal in der unver, chämtesten Weise bestohlen hatte. Das Ge- richt'egte ihm wegen sämmtlicher Strafthaten eine G e- f a n g n> tz st r a f e von vier Jahre» auf. Soziale Aelterstzhk. von S-tt-n d-r str-ik-»d-n Ma«r-r wird folgender Aufruf veröffentlicht: Arbeiter Berlins? Mit Stolz und Zu- friedenheit können wir auf die diesjährige Maurerbewcgunq zurückblicken. Die Haltung, welche unsere Kollegen während des Streiks beobachtet hatten, war bewundernswerth, sie ver- dient die vollste Anerkennung. Noch hoffen wir Alle mit froher Zuversicht, daß wir unlere Forderungen voll und ganz durchsetzen: mehr als je erfüllt uns gerade jetzt begeisterter Much: wir werden dem Unternehmerthum zeigen, daß wir Männer sind, die ihre Pflichten kennen, die wissen, was sie der Gesammtheit schuldig sind. Arbeiter Deutschlands, die Ihr so oft in edler Hochherzigkeit Euren kämpfenden Brüdern bei- gesprungen seid— nur noch eine kurze Spanne Zeit, und der Sieg ist unser. Mag uns die Bourgeois- Presse verhöhnen, mag sie in giftiger Weise unsere Bestrebungen verdächtigen— uns soll das glcichgiltig sein; wir marschiren stramm vonvarts; wir sehen nicht nach rechts und links; wir wisse», daß die zielbewußten Arbeiter hinter uns stehen— noch ein einziger kräftiger Angriff und das wankende Unter- nehmerthum ist besiegt. Freunde und Arbeitsgcnossen! Trotz der schweren Roth uich trotz aller Entbehrungen hat man uns nicht zu beugen vermocht, zeigt Ihr jetzt noch einmal, daß wir alle Brüder sind, daß unser Kampf Euer Kampf, daß schließ- lich unser Sieg Euer Sieg sein wird. Jetzt heißt es wirklich: „Doppelt giebt, wer schnell giebt!" Geldsendungen richte man an Wilhelm Kersten, Berlin, Dresdcnerstr. 110 bei Wendt. Alle Arbeiterblätter ersuchen wir um Abdruck. I. Ä.: Julius Wernau, Zionskirchplatz 2, 3 Tr. AU-n Kist-nmach-rn zur Nachricht, daß in der Kisten- sabrik von W. Gauert, Blumenstr. 32, sämmtliche Arbeiter die Arbeit infolge der Nebelstände, die dort herrschen, eingestellt haben. Die Arbeiter fühlen sich nicht veranlaßt, unentgeltlich Arbeiten zu verrichten, welche in der Stückarbeit nicht einbe- griffen sind. So wird z. B. den Arbeiten! zugemuthet, das Holz vom Hof vier Treppen hoch umsonst cmporzutragen. Da eine gütliche Vereinbarung von der Kommission mit dem Fabri- kanten nicht zu erzielen war, haben alle Arbeiter die Arbeit im Vertrauen auf das Solidaritätsgefühl sämmtlicher Kistenmacher Beilins niedergelegt. Zuzug ist fernzuhalten. Di- Putlom-t-r-Injrktvr- und Mast-vm-st-rtzau-r der Firma Neuhaus u. Co. in Luckenwalde haben die Arbeit wegen Lohndifferenzen niedergelegt. Vor Zuzug wird gewarnt. Di- schwarz- List- im Töpf-rg-w-rk. In der Nr. 20 der„Thonwaren- Industrie", des in Bunzlau erscheinenden Fabrikantenorgans, lesen wir: „Die Lohnbewegung im Töpfereigewerbe. Dresden. Nachstehendes Rundschreiben wird hiermit veröffentlicht: Dresden, den 18. Juni 1889. Beigehend senden wir Ihnen ein Verzeichniß uns bekannter streikender Ofensetzer unter gleichzeitiger Angabe derjenigen, welche zwar zur Zeit noch arbeiten, deren Arbeitseinstellung jedoch eben- falls bevor st cht(Sehr gut! Red.), beziehentlich derer, welche laut Vereinsbeschluß jetzt innerhalb des Vereins bezirkes anderweit nicht eingestellt werden dürfen. Wir bitten um gegen- seitigen Schutz durch Nichteinstellung der betreffenden Setzer und empfehlen noch recht genaue Durchsicht der Legitimations- papiere vor Einstellung von Setzern, da selbige jetzt mehrfach unter falschen Namen reisen.(??? Red.) Hochachtungsvoll Der Verein von Arbeitgebcm des Töpsereigeiverbcs in der KsteiShanptmannschaft Dresden. Emil Knieling, Schriftführer. Fr. Eisenach, Vorsitzender. Hieran schließt sich ein„Verzeichniß zur Zeit nicht e i n zu st e l l e n d e r Ofensetzer", das nicht weniger als 586 Arbeiter namhaft macht. Das Ganze stellt sich somit als eine Verrufserklärung schlimmster Art dar. Wenn es nach dem Willen der Meister ginge, würde von allen genannten Arbeitern nicht einer mehr Arbeit in Deutschland finden. Zum Glück aber ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Gerade die in Verruf erklärten Arbeiter smd durchschnittlich die besten und zuverlässigsten Arbeiter ihres Ge- werkes. In Zeiten guten Geschäftsganges reißen sich die Meister nach solchen Kräften und fragen viel darnach, ob der Name des Arbeiters auf der Liste gestanden hat, oder nicht. In diesen Zeiten werden aber auch die Arbeiter gedenken, was ihnen die Meister gethan haben und die Hauptschreier unter denselben mit ihrer Kllnst hübsch allein lassen. Uebcrdies ist es noch eine offene Frage, ob die„schwarze Liste" nicht eine nach der Gewerbe- Ordnung st r a f b a r e Verrufserklärung darstellt, und unter den 586 Bopkottirten»erden sich gewiß viele finden, die im Wege des Einzelprozesses festzustellen suchen werden, ob das Gesetz nur gegen die Arbeiter und niemals für die Arbester vor- handen ist. Jedenfalls sind die 586„verrufenen" Töpfer der thatkräftigsten Sympathie ihrer Kameraden sicher, und das „Branbmal", das ihnen die Meister aufzudrücken gedenke», wird in den Augen ihrer Kollegen das schönste Ehren- zeichen sein. Daß gerade die Töpfenneister in der letzten Zeit gegen die Gesellen äußerst dreist vorgehen, beweist nicht nur oie oben mit- gethcilte„schwarze Liste", die allerdings bei iveitem das stärkste Srück ist. Noch über einen anderen Fall, der auch in Sachsen spielt, berichtet das„Freiberger Tageblatt". Es liegt ihm fol- gendes Zeugniß vor, welches ein Freiberger Töpfermeister am 23. Juni einem der bei ihm beschäftigten Gehilfen ausgestellt hat:„Der Töpfer J.K. hat vom 16. August 1688 bis 23. Juni 1889 gearbeitet und dann die Arbeit freiwillig niedergelegt, weil er den Vertrag des Vereines von Ärbeitgebeni der kal. Kreishauptmannschaft Dresden unterschreiben tollte."— Am Sonnabend wurde dem betreffenden Gehilfen der Vertrag, wonach er nach dem alten Lohntaris weiter arbeiten sollte, zur Unter- schrift vorgelegt. Derselbe ging jedoch auf dies Ansinnen nicht ein und wurde deshalb entlasse». Durch den Wortlaut des Zeng- nisses ist eS ihm selbstverständlich unmöglich gemacht, ander- wärts Arbeit zu finden. Abgesehen davon, daß der von dem Verein auf die Meister ausgeübte Zwang uns auch hier gegen § 153 der Gewerbeordnung zu verstoßen scheint, entspricht auch das Zeugniß keineswegs den Ansprüchen, welche der Arbeiter nach Recht und Gesetz an ein solches zu stellen befugt ist. Der Satz,„hat die Arbeit freiwillig niedergelegt, weil er den Ver- trag u. s. w. unterschreiben sollte" enthält zudem in sich bereits dci, Widerspruch. Von einer freiwilligen Arbeitsniederlegung kann doch nicht die Rede fein, wenn der Arbeitgeber bei Strafe der Entlassung aus dem Arbeitsverhältniß eine bestimmte Unter- schrift fordert.— Eins hat das„Tageblatt" nur vergessen zu erwähnen, daß nämlich der Arbeiter das Recht hat, solches Zeugniß dem Aussteller zerrissen vor die Füße zu werfen und ein anderes zu verlangen, welches dem§ 113 der Gewerbe- Ordnung entspricht, welcher lautet:„Beim Abgänge können die Arbeiter ein Zeugniß über die Art und Dauer ihrer Be- schäftigung fordern. Dieses Zeugniß ist ans V e rf- langen der Arbeiter auch auf ihre Führung aus- zudehnen."— Also nur auf ausdrückliches Verlangen darf sich der Ärbeitsherr erlauben, etwas auf die Führung bezügliches in das Zeugniß zu schreiben. Dies ist wohl zu beachten. Vevstttttttilungen. DirD<>egirte«-Versamml«ng der Tischlev-Kranken- Kasse setzte am Dienstag in 5. Sitzung ihre Berathungen fort mit der gestern abgebrochenen Debatte über die Statuten- und Firmen-Aenderung der Kasse. Besonders eingehend wurde die von mehreren Seile beantragte V e r l e g u n ab e s Sitzes der Kasse von Hamburg erörtert. Die Debatte hierüber nahm einen bedeutenden Umfang an: im Wesentlichen wurden nur die gestern bereits angedeuteten Argumente für und gegen die Verlegung durch weitere Einzelheiten unterstützt. P f a n n- k u ch- Kastel trat nachdrücklich gegen die Verlegung der Kasse auf. Als aber von der Versammlung beschlossen wurde, nur noch den Rednern das Wort zu gestatten, die sich für die Verlegung auszusprechen beabsichtigten, wurde die Rednerliste sehr schnell erschöpft.— In seinem Schluß-Resumee gab Gramm- Hamburg noch einmal eine Ucbersicht über die gegen die Verlegung sprechenden Gründe und wies namentlich darauf hin, daß die Verlegung der Tabakarbeiter-Kasse nöthig würde wegen der zahlreichen in derselben versicherten Ar- beiteriunen, also hier nicht als Beispiel dienen könne.— Nach kurzer Spezialberathuna wurde der Antrag auf Namens- Aenderung der Kasse mit allen gegen 4 Stimmen a b g e- lehnt.— Sodann erklärten sämmtliche Antragsteller, welche die iV e r l e g u n g des Kassensitzes unterstützt hatten, daß sie nach den: Ergebniß der Berathunaen ihren Antrag -nicht aufrecht zu erhalten vermögen und denselben des- halb zurückziehen. Bei der Abstimmung wurde der Antrag auf Verlegung des Kassensttzcs mit 69 gegen 4 Stimmen Streik festhalten. Selbst unter seinen Aus- gelernten befinde sich solch' ein„Lümmel" und„Schlingel". Als der Vorsitzende den Redner bittet, sich etwas zu mäßigen, antwortet die Versammlung mit Gelächter, Oho und Rufcns: „Das wäre ja noch schöner."(!) Obige Proben genügen zur Kennzeichnung des Bildungsgrades der Meister vollkommen. Aufruf! An die Maler und verwandten Be- rufsgenossen Berlins! Kollegen, Berufsgenossen! Bereits am 5. Juni tagte in Mund's Salon eine öffentliche Versammlung der Maler und Berufsgenossen, ivelche sich mit dem internationalen Arbeiterkongreß beschäftigte. Es wurde eine Kommission von drei Mann gewählt, welche das weitere hierzu zu veranlassen halte. Einer hiervon ist bereits durch die Ärbeitsniederlegung gezwungen worden, Berlin zu verlassen, und die Sache ruht jetzt somit in den Händen zweier Personen. Aber trotz des Streiks, trotz der schlechten Lage, in der wir uns befinden, halten wir es für unsere Pflicht, die Sache trotz alledem und alledem in gebührender Weise zum Austrag zubringe». Es findet daher am Freitag, den 5. Juli, Abends 85; Uhr, in der Scbastianstr. 39, bei Orjchel, eine öffentliche Versammlung statt, welche den Delegirten zu wählen hat u. s. w. Wir ersuchen, diese Mittheilung in unseren Kreisen bekannt zu machen, da die Versammlung der Kosten halber nicht durch Säulenanschlag bekannt gemacht wird. Die Kommission. I. Ä.: Rctzerau, Grimmstr. 2. * «trotz» VtrConttttittna des Maltw«r»in» für den fünft»»#»»- Un»r K»ich»t»g» Wichtkr»i» am Mittwoch, den 3. Juli. Abends 8 Ulir, im Salon Teutonia. SBflrorlerjtr. 15. Tagesordmina: 1. Handwcifei-. und Arbeiter Besttebunac». Rescrent: Mar BaginSki. Diskussion. 2. Verschiedenes und Fragelasten. Neue Mitglieder werden ausgenommen. Um zahlreiches ist- Icheinen wird ersucht. |)aturj)(Ui>»rfin«esundheit. Mittwoch, den 3. Juli, Ab endS 8X Uhr wird im blauen Saale des Grand Hotel am Aleranderplah(Eingang Nene Königstrahe) ein Vortrag über die in dieser Jahreszeit und ganz besonders in diesem Jahre am hiiustgste» austretenden Krankheiten, als Brechdurchsall, Keuch. husten ic., von Herrn M. Eanih gehalten werden, wozu die Mitglieder stimmt. licher Zweigoereine, sowie Gäste(Damen und Herren) hierdurch sreundlichst eingeladen werden. Da der Vortrag sehr intereisant werden wird und auch die am 7. Juli stattsindende Landpartie erörtert wird, wäre eine recht rege Be- theiligung erwünscht. P«r«in für Technik und«»n>»rb». Am Mittwoch, den 3. Juli. Abends 9 Uhr. Mittelstrabe 85, Vortrag des Herrn Emil Bohncnstengcl, In. genieur aus Bremerhaoen. Ehrenmitglied des Vereins sür Technik u. Gewerde, über.Die elektrische Schisssbeleuchtung-. Gäste willkommen! «rotz» öffentlich» Versammlung lämmtlicher in Buchbindereien und verwandten B»tri»b«n beschäftigten Arbeiter am Mittwoch, den 3 Juli. Abends 9 Uhr. in Feuerstein s Salon, Alle Jakobstrahe 75(oberer Saal). Tagesordnung: I. Vortrag über MarlmalarbeitStag. Reserent Herr Dr. Bruno Wille. 2. Wie stellen sich die in Buchbindereien und verwandten Betrieben beschästigten Arbeiter zu dem Beschluh deS VcrbandStageS. die Ver- kürzung der Arbeitszeit betreffend. 3. Verschiedenes. Zur Deckung der Kosten findet eine Tellersammlung statt. � «effentlich» Versammlung der Topfer Berlin« und zlmgegend am Mittwoch, den 3, Juli. AdendS 7 Uhr, im Königstadt-Kasino. Holzmarki- strahe 72. Tagesordnung: I Unsere gewerkschastliche Lage.(DiSknsston.) 2. Bericht deS Vertrauensmannes. Zur Deckung der Unkosten findet eine Teller- sammlung statt. «rotz» öffentlich» Nersammlung der Tischler und gesammten Holzarbeiter, wie Bildhauer. Böttcher. Stellmacher ic. am Mittwoch, den 3. Juli, Abends 8% Uhr. in der.Tonhalle'. Friedrichstr. 112. Tagesordnung; I. Wie stellen sich dte Tischler und gesammten Holzarbeiter Berlins zur Beschickung des internationalen Arbeiterkongreffcs in Paris? 2. Diskussion. 3. Eventuelle Wahl von Delegirten und einer Konnnisston zur Ausbringung der Reisekosten. Perband deutscher Mechaniker und verwandter Beruf»- genolfen(Zahlstelle Berlin) Mittwoch, den 3. Juli. AbendS 8% Uhr. bei Hinsel, Markgrasenstr. 83: Mitgliederversammlung. Tagesordnung; 1, Kassenbericht sür das 2. Quartai. 2. Bericht der Revisoren. 3. Bericht deS Vorstandes und der Kommisstonen. 4 Verschiedenes und zragekaste». Ausnahme neuer Mitglieder. Mitgliedsbuch lcgitimirt. Um zahlreiches Erscheine» wird «rotz» öffentlich» Persammlung der im Pergoldergewerb» beschäftigten Arbeiterinnen am Donnerstag, den 4. Juli, AbendS 8 Uhr. im Lokale des Herr» Schcsser. Jnselftr. 10. Tagesordnung r 1. Vortrag der Frau Ihrer auS Velten. 2. Diskussion. 3. Gründung eines Vereins. 4. Ver- ichiedeneS. Männer haben als Gäste Zutritt. Pen Mitgliedern de» Perein« ,«r Malfrung der Antereffen der jllavierarbeiter und verwandten Berussgenossen zur Nachricht, dah vorn 1 Juli biS 1. September d. J. die Bibliothek mit««»nähme der Tage. an welchen die Vorstandssihungen stattfinden, gelchloffen ist Mwaige noth- wendige Austräge bittet der Vorstand persönlich beim Bibliothekar. Kollege Sparseld, Soraucrstrahe Nr. 27. anzubringen. «»sang-, Turn- und gesellig» Perein» am Mittwoch: Männer gelangverei».Jngendlust' Abends 8% Uhr im Restaurant Paffod. Garten- IG? 7 Männergesangvereiil.Cacilia' Abends 9 Uhr im Restaurant. Köpnickerstrahc 127m- Gelangverei».Männerchor Linde' Abends 8% Uhr in, Restaurant Haller. Naunimstrahe 70.- Männergesangverein.Sangessreunde' Abends 9 Uhr im Restaurant Musehold. LandSbergerstrahc 31.-.Frena'. Gesangverein der Freireligiösen Gemeinde, AbendS 8% Uhr im Restaurant Benecke Grohe Hamburgerstrahe 16.- Huppert sche Sängervcreinigung ledeu Mittwoch nach dem ersten im Monat. Abends 9 Uhr im Restaurant Heise. Lichtenbergerstrahe 21.—.Seeger scher Gesangverein'-AbendS 9 Uhr im Neitauram Schulz. Prenzlauerstrahe 41.- Gesangverein.Schwungrad' Abend» 8% Uhr nn Restaurant Sahm. Anncnstrahc 18.— Männergesangverein.Lor- beerkranz Abends 9 Uhr im Restaurant Karsch. Oranienslrahe 190.- Gesang- verein.Nord-Jubal' Abends 9 Uhr in Vettin S BierbauS. Vkteranenstrahe 19— Männcrgelangverein.Schneeglöckchen' Abends 9 Uhr im Restaurant Dober- stein, Mariannenstrahc 31-32.— Gesangverein.Sängerrnnde' Abends 8XUHr Buckowcrstrahe 9.— Verein.Sangestreuc' im Restaurant Henckel, Brüder- strahe 26. I llebungsstunde von 8% bis 11 Uhr AbendS.- Gesangverein Bruderbund' AbendS 9 Uhr bei Päholdt. Reichenbergerstrahc 16,- Lübeck scher Turnverein<4 LehrlingSabtheilung) Abends 8 Uhr Elisabcthstrahe 57-58.- Turnverein.Wedding'. Pankstrahe 9. Männerabtheilung von 8% biS 10% Uhr AbcndSr desgleichen I. LehrlingSabtbellnna von 8-10 Uhr Abends.—.Mehr Licht. Verem für Scher, u. Ernst. Abends 8% Uhr im Rest. Heid. Fruchtsir. 36».- Schlestschcr Verein.Hollei Abends 9 Uhr im Restaurant Henke. Hollmann- strahe 33- Vergnügungsverein.Fröhlichkeit" Abends 9 Uhr im Restaurant Säger, Grüner Weg 29.- Wissenschaftlicher Verein für Roller-sche Steno- graphie AbendS 8% Uhr im Restaurant Beese. Alte Schönhauserstrahe 42. Unterricht und UebungSstunde.- Roller scher Stenographenverein Tüd-Berliir Abends 8% Uhr im Restaurant Pkinzenstrahe 97, Sitzung und llebung«. stunde.- ArendS scher Stenographen-Verein.Amicitia' AbendS 8% Uhr im Restaurant Behrend«, Schöncbergerstrahe Nr, 6,-«rends scher Steno- graphcnverem.Plulia' AbendS 9 Uhr im Restaurant.WilhelinSgarten'. Kochstrahe 7.- Stenographische Gesellschaft ArendS im Restaurant Bürger. garten. Lindenstr. 105. Unentgeltlicher Unterricht und Uebung.- Verein ehe- maliger Schüler der 22. Gemeindeschule Abend» 9 Uhr im Restaurant Leh. mann, Kursürstenftrahe 31.- Berliner Rauchklub.Wrangel' Abend» 9 Uhr im Restaurant Fvge. Köpnickerstrahc 191.- Rauchklnb.Havanna SO' Abend« 8% Ubr im Restaurant Paetzoldt. Reichenbergerstrahe 16.— Rauchklub.Ge. Millhlichkeit Abends 9 Uhr im Restaurant Achsel,«öpnickerstrahe 161.— Rauchklub.Evlumbia' Abend« 8! Uhr Im Restaurant Bener. Prinzcnstrahe 96. - Rauchklub.Frisch gewagt' Abends 8% Ubr im Restaurant Tempel. Bres- lauerstrahe 27.- Ranchklub.Vulkan' AbendS 9 Uhr im Restaurant Schul,. Gräfestrahe 82.- VergnügungSvcrein.Fröhlichkeit', gegründet 1880, Abend» 9 Ubr Grüner Weg 29.-.Pollack-CIud-Eintracht'. jeden Mittwoch. Abend« 8% Uhr bei G. Thiel. Wienerstrohe 68.— Gesangverein der Tapezirer Berlin«. jeden Mittwoch Restaurant Seodelslrahc 30, von 9-11 Uhr Abend»- .Tambourverei» Gut Heil', 8 Ubr Langestr 101. Geschäftliche Sitzung. Gäfte keinen Zutritt.— UnterhaltungSverein.Harmonie". Sitzung Abend« 0 Ubr DreSdcnerstr. 116 bei Wendt, Vermisthkes. Daß die Kapazttäteu der medizinifchrn Miffenfchaft ein sehr wachsames Äuge auch auf die Fortschritte der Technik haben und bemüht sind, den behandelnde» Äerzten die durch diese gebotenen Verbesserungen der Mittel und Wege zur Be- kämpfung der Volkskrankheiten zu zeigen, wurde der„Post" zufolge wieder durch einen in der letzten Sitzung des ärzt- lichen Vereins zu München von dem Herrn Dr. Ad. Schmidt- Reichenhall gehaltenen Vortrag dargethan. Herr Dr. Schmidt berichtete in diesem Vortrage. daß ihm während des verflossenen Winters in den Kliniken der Herren Professoren Geh. Rath v. Ziemssen und Baner in München Gelegenheit gegeben worden sei, mehrere der neuen Jnhalatiousapparate auf deren Brauchbarkeit hin zu untersuchen, so auch einen, der unter der stolzen Ankündigung:„Heilung der bazillären Lungenschwindsucht" angepriesen wird, welchen er aber bei dem s etzigen Stande der Kenntnisse weit entsei-nt sei, zu therapeutischen Zwecken zu empfehlen. Dagegen theilte derselbe über einen anderen, von dem Sekretär beim kaiser- lichen Gesundheitsamte, Herrn Jahr, sehr sinnreich und doch einfach konstruirten Apparat mit, daß mittels desselben sowohl flüssige Zerstäubungen, als auch flüchtige Medikamente, ebenso nach Belieben warme feuchte oder trockene heiße und auch kalte Luft in der zweckmäßigsten Weise iiihalirt werden können. Nachdem der Vortragende den Apparat demonstrirt hatte, sagte er:„Es sei inzweifelhaft, daß der Jahr'sche Jnhalationsapparat durch seine Vorrichtungen eine thatsächliche Verbesserung des JnhalationsverfahrenS erreiche uiid in der That sehr geeignet erscheine, bei allen Erkrankungen Anwendung zu finden, bei denen erfahrungsgemäß Inhalationen mit Vortheil angewandt werden. Die akuten und chronischen Erkrankungen des Kehlkopfes, der Luftröhre und der Lunge würden, wie vielfache Versuche ergeben hätten, durch Inhalationen mittels dieses Apparates sehr günstig beeinflußt. Auch für die putride Bronchitis, für Broncheetasien sei diese verbesserte Inhalation von großem Werthe, vielleicht auch zur Bekämpfung der fibrinösen Bronchitis, gegen welche bisher die Therapie so machtlos ist.— Leider hätten bezüglich der letzteren Krankheit noch keine Versuche gemacht iverden könne», da während des verflossenen Winters im Münchener Krankenhause Fälle dieser Art nicht zur Beobachtung gekommen wären. Auch wurden in den genannten Kliniken Versuche vorge» nommen, mittels des durch den Jahr'schen Apparat ermöglichten verbesserten Juhalationsverfahrens die Lungenschwindsucht zu beeinflussen. Indem der Herr Vortragende nun die verschiedenen zur Verwendung gekommenen Mittel näher besprach, theilte er mit, daß in denjenigen Fällen, die als beginnende Lungen- schwindsucht zu bezeichnen waren,— leichte Dämpfung der Lungenspitzen, Kartarrhe, geringe Erhöhung der Körper- temperatur, vereinzelte Bazillen im Auswurf— die Inhalationen in der That gute Dienste zu thun schienen. Die Patienten ver- loren die Katarrhe, das Körpergewicht hob sich, und der Ein- druck des Gesammtbefindens war ein günstiger. Da der Aus- wurf bei diesen Patienten meist ganz aufhörte, konnte am Schlüsse der Versuchsreihe eine Untersuchung auf Bazillen nicht mehr vorgenommen werden. Eine Ausstellung von Alphabeten wird in nächster- Zeit im Londoner British Museum stattfinden, die den Ur- sprung und allmälige Entwickelung der verschiedenen Schreib- fp steine nachiveisen soll. In einem großen Kasten sind in drei übereinander liegenden Abtheilungen chronologisch die Alpha- bete geordnet. Zuerst die verschiedenen egyptischen Schreib- weisen, die Hieroglyvhische, die priesterliche und die volkSthüm- liche, diesen folgen die egyptisch-phönizischen, welche beweisen, wie von Egypten über Phönizien das Alphabet nach Griechen- land gelangte; dann kommen chaldäifche und assyrische, die Keilschrift der Perser und die verschiedenen Schrcibsonnen der Chinesen. In einer der letzteren ist. eine Inschrift vor- Händen, die 1400 v. Chr. entstanden ist. Nun folgen der Alpha- bete der Sprache», die aus dem Chinesischen hergeleitet sind, wie annamitisch, japanesisch lt. s. w. ri Eines derselben, unter der Bezeichnung Niuchi bekannt, ist äußerst eigen- thllmlich und verdankt einem der Vorfahren der Manch»- Dynastie, die jetzt in China herrscht, sein Entstehen, ist jedoch ganz ausgestorben. Alphabete verschiedener semitischer Sprachen find dann zu sehen, die umfassende Klasse indischer Handschrif- ten, darunter die von Holländisch-Ostindien, attische Systeme,. einschließlich einer altgriechischen Inschrift, die aus dem Jahre 600 v. Chr. stammt. Lateinische Schriftformen, unter denen sich der Ravenna-Papyrus und andere alte Schriftproben be- finden, runische und schließlich koptische: alle diese füllen die obersten beiden Abtheilungen des Kastens. In der untersten befinden sich berühmte Beispiele für die verschiedenen Systeme, wie eine Wiedergabe des großen egyptischen Ritual„Das Buch der Tobten", ein wahres„o-uvre de luxe", das vor Kurzem in einem egyptischen Grabe gefunden wurde; eine Abschrift von dem Rosetta-Stein, der älteste» bekannten chaldäischen Hand- schrift; Inschriften von Sennaherib und Nebukadnezar in der priesterlichen Schreibweise und viele andere. G« mar gerade kein naheliegender Gedanke, die Wirtung der Elektrizität auf die lebenden Wesen zu studiren, welche, nur dem bewaffneten Auge sichtbar, ihr Dasein in den engen Grenzen eines Wassertropfens veronngeii. Et» Naturforscher hatte aber doch diesen eiaenthumlichen Einfall, welchem wir eine äußerst merkwürdige Entdeckung verdanken. Läßt man durch einen Wassertropfen, der soviel I n f u s o r i c u. rnihält, das; er ganz trübe erscheint, einen konstanten elektrischen Strom fließen, und sieht man nun durch das Mikroskop, so bc- merkt man, daß im Moment der Stromschließung sich sämmtliche Infusorien, die in dem Tropfen nach allen Richtungen wild durch- einander schwammen wie aus Kommando mit dem vorderen Kör- perende nach dein negativen Pol(Kolhobe) drehen, und der ganze Haufe mit gleichmäßiger Geschwindigkeit darauf zuschwimmt. So lange der Strom geschlossen bleibt, ist der positive Pol voll- kommen frei von Infusorien, die alle in dichtem Gedränge an der Kathode versammelt sind. Wird der Strom geöffnet, so drehen sich die Thierchen sofort wieder mit ihrem vorderen Körpercnde gegen den positiven Pol, schwimmen darauf zu, sammeln sich zu einem Haufen und ver- Zheilen sich wieder in der Flüsigkeit. Dies ist aber noch nicht alles. Derselbe Forscher, Max Verwoni, fand, daß das bekannte Gesetz der elektrischen Erregung auf diesen niederen Stufen des Levens keine Geltung mehr besitzt. Nach dem Gesetze geht die Erregung, welche ein elektrischer Strom in einem Körper auslöst, bei der Stromschlicßung, von dem negativen Pole, bei Stromöffnung vom positiven Pole a»S. Die Studien an den Infusorien ergaben geradezu eine Um- kehrung dieses Gesetzes, so daß zu erwarten ist, daß bei Fort- setzung der interessanten und �wichtigen Untersuchungen das letztere noch weitere Einschränkungen erfahren wird. Da»«Aerr Söhnchen". Die Wiesbadener Kurliste führt unter den Angekommenen anch den Grafen Guido Henckel von Donnersmark mit Gemahlin und dem„Herrn Söhnchen" auf. DaS»Herr Söhnchen" ist ein Jahr alt. Meuesto Nachdem stch die irische Frage eine Zeitlang fast nur in akademischen Erörterungen bewegt hat, deren Kosten vor Allem Gladstone auf seiner politischen Agitationsreise in Com- wall trug, beginnt jetzt der Kampf um Homerule wieder in seinen schärfsten Formen zu entbrennen. Den Anstoß haben die neuesten Pächteraustreibungen gegeben, welche auf irischer weite Kundgebungen hervorrufen, denen die Regiemna mit einer Strenge entgegentritt, die sich weit von den richtigen Grenzen entfernt und daher den Widerstand der Gegenseite nur verstärkt. Am letzten Sonntag veranstalteten die radikalen Vereine Londons eine großartige Kundgebung, welche sich gegen die im Zusammenhang mit den jüngsten Pächterausweisungen in der Grafschaft Donegal erfolgte Ver- urtheilung des irischen Abgeordneten Conybcare richtete. Conybeare hielt eine Rede, worin er u. A. bemerkte, die Re- giemng bereite dem Schah, der ein Tyrann sei, einen großartigen Empfang, während sie ihn(Conybeare) zu brei Monaten Ge- fängniß vemrtheilen ließ, weil er arme hungemde Pächter mit Brot unterstützte. Conybeare forderte die radikalen Arbeiter Londons auf, ihrer Mißstimmung darüber bei der Ankunft des Schahs in London Äusdmck zu geben. Auf zwölf„Plat- forms" wurde fast einstimmig eine Resolution folgenden Inhalts angenommen:„Diese Versammlung betrachtet die ge- richtliche Verfolgung des Parlamentsmitgliedes Conybeare wegen der„Vergehen", hungemden irischen Pächtem Brot ge- geben und ein Hoch auf den„Feldzugsplan" ausgebracht zu haben, als eine Travestie der Gerechtigkeit und eine Aus- schreitung gegen die Humanität." Der„Krawall" in Irland ist sofort im Unterhause zur Sprache gekommen, wobei die Re- gierung die Schuld an dem blutigen Zusammenstoß von der Polizei abzuivälzen suchte. Der„Voss. Ztg." wird darüber gemeldet: London, 2. Juli. Sexton brachte gestern im Unterhause die im Zusammenhang mit O'Brien's Verhaftung stehenden Vorgänge zur Sprache und rügte das Verhalten der irischen Behörden in den schärfsten Ausdrücken. Der Generalfiskal für Irland erklärte, die Polizei habe in Charlevillc erst gefeuert, nachdem aus dem Volke auf sie geschossen worden sei. O'Brien, der inzwischen gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt ist, sei verhaftet worden, weil er die Pächter der Ponsonby'schen Güter aufgewiegelt habe, am Feld- zugsplan theilzunehmen. Aus demselben Grunde wurde gestern auch Lane, Abgeordneter für Ost- Cork, verhaftet. Sexton's Antrag auf Vertagung des Hauses wurde mit 212 gegen 128 Stimmen verworfen." I« Pari» ereignete sich am Montag eine heftige Szene in der Kammer. Lafont fragte, was es mit einem Artikel der boulangistischen„Presse" für eine Bewandtniß habe, welcher Tirard beschuldigt, einen gewissen Sourbe im Jahre 1881 seines Erfinderpatentes beraubt zu haben. Tirard wies nach, daß er mit der Angelegenheit Sourbe nichts zu thun habe und der Artikel der„Presse" böswillige Verleumdung sei. Andrieux fragte darauf, ob nicht etwa Rouvier mit Sourbe zu schaffen gehabt, ob der Wilson-Unterstützungsausschuß hierüber nicht allerlei Urkunden gesammelt habe und weshalb der Bericht dieses Ausschusses, der feit Monaten fertig sei, nicht vcrthcilt werde. Rouvier erklärte erregt, ein Mensch, der früher sein Schwager gewesen, habe allerdings mit Sourbe einen unbilligen Ver- trag geschlossen, doch habe er selbst nichts mit der Sache zu thun und Andrieux sei ein Verleumder. Andrieux sprang auf Minister R o u v i er mit erhobenen Fäusten los, Saaldiener hielteir ihn zurück und verhinderten Thätlichkeiten. Die Kammer- Mehrheit brandmarkte hierauf das Vorgehen der Verleumder i«t einer Tagesordnung, die mit 349 Stimmen angenommen. wurde. Detzresthen. (Molff'a Telegraphrn-Knreau.) Dortmund. Dienstag, 2. Juli. In dem zweitägigen Schwurgerichtsvrozesse gegen die Haupturheber des Bergarbeiter- krawalls auf der Zeche„Schleswig" ist heute das Urtheil ge- fällt worden: Bernhard Trautmanu wurde zu 5 Jahren, Pfahl und Schwiel je zu 4t Jahren, Otto Trautmann und WowrieS je zu 4 Jahren Zuchthaus, Doringhoff zu 3 Jahren, Generotzky und Schnatmeyer je zu U Jahren und Krietenbrink zu 2% Jahren Gefängniß vcrurtheilt. Pari«, Dienstag 2. Juli. In der Fabrik'von Feuer-- werkSkölpernIin Aubcrvilliers fand heute eine Explosion statt. Bei derselben wurden 7 Personen getödtet. Chriftiauia, 2. Juli. Das Ministerium Sverdrup hat heute demissionirt. Das Storthing hat deswegen den Vor- schlag des Advokaten Stange, seinen Antrag nicht zu behandeln, einstimmig angenommen. London, 2. Juli. Der Streik der Pferdebahnkutscher in Cardiff ist beendet, da den Forderungen der Kutscher stattge- geben ist. VriefLtQsten. Bei Antragen bitien wir die AbonnemenlS-Ouiltung beizuMgcn. Brieslichr Antwort wird nicht ertheilt. I. P. Friedrichsfelder ftr. Ein Kind kann die Aus- sage in einer Anklagesache gegen seine Mutter verweigern. E. G. Wstratze. Das uns überreichte Gedicht verräth. unstreitig Begabung. Nur die Form ist noch etwas mibe- Holsen, ein Fehler, ver sich sicherlich bei weiteren Uebungen ver- lieren wird. Bei Herrn Gottfr. Schulz, Admiralstr. 40a, gingen für die streikenden Bergleute ferner ein: Liste Nr. 254 8,40 M., Nr. 2558,15 M., Nr. 180 1,803»., Nr. 263 50 Pf., Nr. 116 1,70 M., Nr. 117 6,20 M., Nr. 5& 5,95 M., Nr. 8 5,50 M. Durch Herrn Franzke 2 M. Theater. Mittwoch, den 3. Juli. Friedrich- Milhelmstiidtifche» Theater. Fledermaus. NIKtorla-Theatrr. Die Kinder des Kapitän Grant. PeUeallianre-Theater. Gefährliche Mädchen KroU'» Theater. Der Troubadour. «stemd-Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Passage 1 Tr. 9 M.— 10 A. Kaiser-Panorama. Eine höchstintcressante Reise durch Amerika, Californie«. Seepartien; preisgekrönte astronom. Aufnahmen.' Ae«! Pariser Weltausstellung 1889. Keife Kr. Maj. Schiff Hertha.. Line Reise 20 Pf., Kind nur 10 Pf. Abonn. ETImaSsssm Landsberger Allee 40, BLiySIUIWl Ecke Petersburgerstraße. Mittwoch, den 3. Juli 1889: DWel-GMel-Mugdmps. Hinderfreudenfett.— Bai cliamp£tre. Unserm Freunde Carl Schneider zu seinem heutigen Wiegenfeste ein donnerndes Hoch. Die elf Luftige« vom Kode«. Unserm fideleir Otto alias Pique Bauer zum heutigen Wiegenfeste ein donnerndes Hoch. (Otto vergeß den Kuchen«ich. 558 IWöhBl, eigen. Fabrik. SpieEßl o. PoisterwaareD' Gr Lager, bill. Preise! Emil Heyn, Brunnenstr. 28. Hof part. Theilz. nach Uebereiokunft, Nur I Mark. Klagen, Eingaben. Kriefe, Kittgefuche, Inrift. Kath in allen Prozeftfachen. 550 Poilah, Aleranderftr. 39, II. Am Königsthor. TSM: Theater- und §peciaRläL-DorjW. Fratelli Possenti, Familie Andersen, Geschw. Mohrmann, Geschw. Macon, Wilberg, Willms k. MltlmH: MersmAifch. Volks- u. Kinderbelust. all. A., im Saale Ball. Entree 30 Pf.» Monatskarten 1 M., 1 Monat giltig. Sommerkart., a 3 M., Sommersaison giltig. Alles Nähere die Anschlagsäulen. AA-änsMmg des cMfolfec-öeniecöcs unter dem Protektorat Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, veranstaltet von der Schlosser-, Sporer-, Küchfen- und Mindenmacher-Innnng z« Serlin, bis 15. Juli 1889. Im Exerzierhause des 2. Garde- Regiments zu Fuss, Karlstrasse 12. Geöffnet von Morgens 9 bis Abends 8 Uhr. Gntree an der Kasse 30 Pf. Im Vorverkauf in den mit Plakaten versehenen Cigarrcngeschäften k. 30 Pf. Catalog 30 Pf. Jeden yonnerkag Nachmittag: Militär- Concert. Verein zur Erziekung oolkstitümkicüee Marken im 4. Ucrf. Keic�sto gswaWrei�e. Heute, Mittwoch, Abends 8V Uhr, Der sammlung Renz' Salon, Naunynstrasse No. 27. in Tages-Ordnun 1. Die Verdrängung einheimischer Arbeitskräfte durch 2. Vcreinsangelegcnheiten. 3. Verschiedenes und Fragekastcn. Gäste willkommen! ne Einführung der Kulis. Oer Vorstand. Grosse öffentliche Versammlung der Kau-Arbeiter Kerlins und Umgegend. Morgen, Donnerstag, den 4. d. Mts., Abends 8 Uhr, im Königstädt. Kasino, Holzmarktstrasse 72. Tages-Ordnung: Bericht der Kommission über die Lage des Streiks. Diskussion und Verschiedenes. Um das Erscheinen sämmtlicher Bau-Arbeitcr, ob Ihr Arbeit habt oder nicht, ersucht Der Glnbernfer: _ Karl Wallenthin, Liebenwalderstraße 51. Soeben erschien: Mittwoch: Neue Welt. Großes Kinder-, Andel-«nd Freudenfest. Puppentheater. Stangen kletter«. Konbonregrn. Mettlanfen. Fest-«. Fackelzug. Gratis-Veiloosung m"Ä S'L*% Großiö Corccrt und Komiker-Voistellung Entree für Erwachsene 15 Pf. Kinder 10 Pf. N-rlänfige Anzeige! Morgen, Donnerstag: Massen- und Kunst-Feuerwerk. Entree 75 Ft., nachher 60 Pf. Conc.-Anfang 5 Uhr, Fenermerk 10—11 Uhr. Weimann's Volks-Garten. 1. Eingang: Badstraße 56. Gesundbrunnen. 2. Eingang: Pankstraße 25. Ä*: Cr. Mersteiimst» nnii®t. lim# üotjttao. Anftreten d. Kanonenkönigin Mlle. Dorina. Signor Rigol! und Sohn. Große komische Uorstellung de« Pferde-, Assen-«nd Knnde-Theater»; Miss und Mr. Walton. 569 Extra-Militär-Concert. Grat.-Verloos. Kinder- u. Familien-Ball. Anfang 4 Uhr. Entree 20 Pf., Kinder 10 Pf. Mar Meimann. Hest 1, 2, 3 und 4 Die Keschichte der Krde. MSd»I von einfachsten Mtluu, bis elegantesten, ThelWlW, Orlinlenflr. 131, f). n. M. feraent Verantwortlicher Redakteur: U. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Fading in Berlin SW., Beuthstraße 2.