Kr. 154. Freitag, de« 5. 3uli 1SS9. 6. Jahrg. UerlinerDolb Krgan für die Interessen der Ardeiter. Das„Berliner Bolksblatt" erscheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. AbonnnnentSpreiS für Berlin frei in's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Ervedition Zimmerstraße 44 1 Mark pro Monat. Postabonnemein 4 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der Postzeitungsvreisliste für 1889 unter Nr. 86ß.) FLr da» Ausland: Täglich uuter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat. Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Vcrsammlungs- Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Zimmcrstraße 44. sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3— 7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. Fernsprecher: Amt Nr. 4106. Vevakkion: VeuthsttrsHe Ä.— Expedition: Mmmeritentze 44. i Wiltx. HetsenoleVev. Wilhelm Hasenclever weilt nicht mehr unter den Lebenden. Ein sanfter Tod hat am Mittwoch Abend um Uhr dem physischen Leben dieses braven Mannes ein Ende bereitet, nachdem sein geistiges Leben schon seit länger als 1% Jahren erloschen war. Mit Hasenclever wird einer der Veteranen der deutschen Arbeiterbewegung in die Gruft gelegt. Nach Liebknecht der älteste unter den bekannteren, in Deutschland lebenden Führern der deutschen Sozialdemokratie, schloß er sich schon kurz nach Beginn der Lasialle'schen Agitation dem Allgemeinen deutschen Arbeiterverein an, zu desien Sekretär er unter dem Präsidium Tölke bereits am 29. März 1866 ernannt wurde. Kassirer des Vereins war er von 1868—1870, um welche Zeit er vorübergehend wieder Sekretär wurde, um dann, als er vom Feldzug heim- gekehrt war, am 1. Juli 1871 an Stelle des Herrn von Schweizer das Präsidium des Vereins zu übernehmen. Diese Stelle bekleidete er dann bis zu der in der letzten Maiwoche des Jahres 1875 stattfindenden Verschmelzung der beiden sozialistischen Gruppen, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins. Hasenclever, der Sohn wohlhabender Eltern, ist am 19. April 1837 zu Arnsberg in Westfalen geboren. Nach- dem er das dortige Gymnasium besucht, trat er bei seinem Vater als Lohgerber in die Lehre, um dann später als fröh- licher Handwerksbursche sein Ränzel durch ganz Deutschland, den größeren Theil Oesterreichs und Norditaliens zu tragen. Ein geschickter und fleißiger Arbeiter mit einem Maß von Bildung ausgerüstet wie sie einem Arbeiter nur selten zu Theil wird, von Haus die Manieren eines gut erzogenen Bürgersohnes mitbringend und nicht ohne die nöthigen Muttergroschen, um den hie und da etwas schmalen Lohn zu ergänzen, wie konnte es da anders sein, als daß der junge, kerngesunde, voller Ideale steckende Lohgerbergeselle ein überall willkommener Gast war! Als schneidiger Turner hat Hasenclever in jungen Jahren frisch und frei, wenn auch nicht fromm manche Tnrnerfahrt und Turnerfest mitgemacht, und bei diesen Ge- lcgcnheiten endeckte er zuerst den Redner in sich. Mit Beginn der sechziger Jahre wandte sich H. der Journalistik und damit dem politischen Leben ausschließlich zu, gleich von Anfang an seinen Platz auf der„äußersten Linken" in den Reihen der rheinisch-westfälischen Demokratie und nach Gründung des Allgemeinen deutschen Arbeiterver- eins, in diesem nehmend. 1869 schickte der Wahlkreis Duisburg H. als seinen Vertreter in den Nordd. Reichstag, wo der Ällg. deutsche Arbeiterverein außerdem noch durch v. Schweizer und Fritzsche und die Eisenacher Richtung durch Bebel, Liebknecht und Feuilleton. IRachdruck»«botcu.I 1» Gin Goldmonfzh. Roman von Maurus Jükai. Zweites Kapitel. Die weiße Katze. Die fünf Ruderknechte berathschlagten im Kahn was zu thun sei. Der Eine rieth, mit dem Beil eine Wand der Mühle unter dem Wasserspiegel einzuschlagen, damit sie untersinke. Das wäre keine Rettung. Die rasche Strömung würde demungeachtet die versenkte Mühle an das Lastschiff treiben. Ein Zweiter meinte, man solle mit Haken die Mühle entern und ihr dann vom Kahn aus mit dem Steuer eine solche Richtung geben, daß sie in den Wirbel hineingeräth. Auch dieser Rathschlag ist zu verwerfen, denn der Wirbel würde dann auch den Kahn mit sich fortreißen. Timar gab dem steuernden Ruderknecht den Befehl, sich in der Richtung gegen die Spitze der Perigrada-Jnsel zu halten, auf der sich der„Felsen der Liebenden" erhebt. Als sie in die Nähe des Katarakts gelangten, hob er den zentnerschweren' Anker auf und schleuderte ihn ins Wasser, ohne daß der Kahn eine Erschütterung erlitt. Da zeigte es sich, welche Muskelkraft diesem zartgebauten Körper inne wohnte. Der Anker zog ein großes Taugewinde nach; so tief ist dort das Wasser. Dann befahl Timar dem Steuermann, so schnell als möglich der Mühle entgegen zu fahren.„Setzt erriethen sie seine Absicht. Er will mit dem Anker die Mühle zum Stehen bringen. Ein schlechter Ein- fall, sagten die Schiffer; die Mühle wird sich dann quer über das Fahrwasser des Kanals legen und dem Schiff Schraps vertreten waren. Auch Fritz Mende war damals als �Sozialist im Reichstag. Der Gegensatz der beiden Fraktionen kam 1870 gelegentlich der ersten Kriegs- anlcihe schroff zum Ausdruck. Während Hasenclever und Fritzsche unter Führung von Schweizer für die Anleihe votirten, gab Bebel für sich und seine Freunde die Erklänmg ab, daß sie sich der Abstimmung enthalten würden, da sie den Krieg als nur im monarchischen Interesse liegend betrachten müssen, sie aber andererseits durch ein ab- lehnendes Votum auch nicht den Verdacht aufkommen lassen wollten, als verurtheilten sie die napoleonische Kriegserklärung nicht gleichfalls auf das Entschiedenste. Diese Erklärung rief im Reichstag einen Sturm hervor, wie er vor und nachher in dieser Körperschaft wohl nicht mehr erlebt worden ist. Gegen die zweite Anleihe zur Fort- setzung des Krieges nach der Schlacht von Sedan und gegen die neugegründete französische Republik stimmten indeß auch Hasenclever, Schweizer und Fritzsche. Das geschah Ende November. Wenige Tage später, am 19. Dezember, mußte der Reichstagsabgeordnete Hasenclcver seiner Pflicht als Landwehrmann nachkommen. Was er als Soldat erlebt und besonders auch seine Erfahrungen in Frankreich, wo er am aktiven Krieg indeß nirgenvs theilnahm, chat er in einer Reihe interessant und lebendig geschriebener Skizzen:„Aus meinem Soldatenleben. Neue Welt. Jahrgang 1877" er- zählt. Kurz nach seiner Rückkehr aus dem Feldzug wurde Hasenclever durch das Vertrauen seiner Parteigenossen zum Präsidenten des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins gewählt. Am 1. Juli 1871 übernahm er die Leitung des Vereins und zugleich gründete er, einen Generalversamm- lungsbcschluß ausführend, an diesem Tage den„Neuen Sozialdemokrat", nachdem aus Mangel an Mitteln am 1. Mai vorher die letzte Nummer des„Sozialdemokrat" er- schienen war. Als Hasenclever die Leitung der Lasialle'schen Organi- sation übernahm, zählte der Verein auf der Berliner General- Versammlung 5300 Mitglieder, war ohne Organ und ohne jeden Einfluß. Die Machinationen Schweizer's hatten das Vertrauen der Mitglieder tief erschüttert, und es bedurfte eines Mannes von Energie, Geschick und lauterstem Cha- rakter, um die zersprengten Bataillone wieder zu sanimeln. Wilhelm Hasenclever war dieser Mann! Mündlich und schriftlich unermüdlich agitatorisch thätig, verstand er es zugleich auch, dem Verein>unge Kräfte zu gewinnen, die sich mit Begeisterung der Agitation und Pro- paganda für die Lehren Lassalle's widmeten. Diese zu ver- breiten und zu verwirklichen, war aber der ausschließliche Zweck des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins. Auf der Generalversammlung 1872 zählte der Verein bereits über 8000 Mitglieder, das Vereinsorgan war gesichert, die Kassenverhältnisse vollständig geordnet. 1873 hatte sich die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt, sie war über 19 000 den Weg versperren; das Tau aber ist so lang und dünn, daß das schwere Fahrzeug es mit Leichtigkeit zer- reißen wird. Als Euthym Trikaliß vom Schiff aus diese Absicht Timars bemerkte, schleuderte er seinen Tschibuk bestürzt aus der Hand, lief das Verdeck entlang und schrie dem Steuer- mann zu, er möge das Tau des Schiffes abhauen und das Schiff den Strom hinablassen. Der Steuermann verstand nicht griechich; doch errieth er aus den Gesten des Alten, was dieser von ihm ver- langte. Mit großer Ruhe antwortete er, an die Ruderstange gelehnt:„Da ist nichts zu murren; Timar weiß, was er zu thun hat." Mit der Wuth des Schreckens zog Trikaliß den Hand- schar aus seinem Gürtel, um selber das Seil durchzuhauen; allein der Steuermann zeigte nach rückwärts und was Euthym Trikaliß dort sah, änderte sein Vorhaben. Von der untern Donau kam mitten im Strom ein Fahrzeug heraufgefahren. Auf Meilenweite kann ein ge- übtes Auge es entdecken. Es hat einen Mast, dessen Segel jetzt eingerefft sind, ein hohes Hintertheil und vierundzwanzig Ruderer. Das Fahrzeug ist eine türkische Brigantine. Sowie er derselben ansichtig wurde, steckte Euthym Trikaliß seine Handschar wieder in den Gürtel. Wenn beim Anblick dessen, was sich vor dem Schiffsschnabel gezeigt, sein Gesicht sich roth gefärbt hatte, wurde es jetzt fahl. Er eilte zu Timea hin. Diese betrachtete sich durch das Fernrohr die Felsenspitze Perigrada. „Gieb das Fernrohr her," rief Euthym mit vor Schreck heiserer Stimme. „Ach, wie das lieb ist!" sagte Timea, indem sie das Fernrohr hinreichte. „Was denn?" gestiegen, die Gesamniteinnahmen beliefen sich auf 24 334 Thlr. und das Organ zählte über 1 1 000 Abonnenten. 1 1 Redner gingen von der Generalversammlung, welche in Frankfurt am Main tagte, in die verschiedensten Gaue Deutschlands, um dort für den Verein Propaganda zu machen. Gewiß hat das allgemeine politische Aufleben, welches nach dem Kriege 1870— 71 in ganz Deutschland stattfand, den Hauptanlaß zu der großartigen Entwickelung des Ver- eins gegeben. Aber Hasenclevers Organisationstalent ver- stand es, die Blasien zu verbinden und zusammen zu halten und so zur politischen Aktion fähig zu machen. Zu einer solchen entscheidenden Aktion wurden denn auch die deut- schen Wähler am 10. Januar 1874 berufen, an welchem Tage eigentlich zum ersten Male seit dem Kriege— die Wahlen des Jahres 1871 fanden thatsächlich noch unter dem Eindrucke des Krieges statt— wieder Reichstagswahlen stattfanden. Hasenclever wurde mit bedeutender Majorität in Altona gewählt und kam im 6. Berliner Wahlkreis mit Schulze- Delitzsch zur Stichwahl. Der arme Schulze, der seinen Ruhm allzu lange überleben mußte, war von diesem Aus- gang so betroffen, daß er das ihm schließlich zufallende Ber- liner Mandat niederlegte und in Berlin später nicht wieder kandidirte. Der Ausfall der 1874er Wahlen hatte gezeigt, daß die beiden sozialistischen Parteigruppen fast gleich stark waren, und die Mitglieder wie die Führer der Partei kann- ten sich der Erkenntniß nicht mehr länger verschließen, daß der alte Hader begraben werden müsse. Im Herbst 1874 regte Tölke, der alte Freund Hasenclevers, die Vereinigung an, und unter dem 10. Januar 1875 veröffentlichte Hasenclever von Bremen aus, da in Preußen mittlenveile der Allge- meine Deutsche Arbeiterverein verboten worden war, eine Erklärung, worin er sich für die Vereinigung aussprach und konstatirte, daß mit geringen Ausnahmen alle Lassalleaner so dächten, wie er. Wenige Monate später tagte in Gotha der Vereinigungskongreß, wo Hasenclever neben Geib prä- sidirte, und die Vereinigung endgiltig und für alle Zeiten beschlossen wurde. Wer die Stellung, die der Präsident im Allgemeinen deutschen Arbeiter-Verein einnahm, kennt, der wird das persönliche Opfer zu würdigen wissen, das Hasenclever der Arbeiterbewegung brachte, als er freudig und ohne Rück- halt sich der Vereinigung anschloß und sich in die Neu- organisation einrangirte. Zunächst ging er nach Hamburg, wo er im Parteivor- stand und später am dortigen„Volksblatt" thätig war. Ein Jahr später übernahm er mit Liebknecht die Redaktion des „Vorwärts" in Leipzig. Nach dem Verbot dieses Blattes 1878 begann auch für den Verstorbenen eine lange Zeit banger Sorgen und Kämpfe, und seine 1881 erfolgende Ausweisung aus Leipzig hat dieselben noch reichlich ve» mehrt. Trotz aller Widerwärtigkeiten und Kämpfe aber verlor „Auf dem Felsen dort wohnen kleine Murmelthiere, die spielen mit einander wie Aeffchen." Euthym richtete das Fernrohr auf das von unten kom- mende Fahrzeug und seine Augenbrauen zogen sich noch fester zusammen; sein Gesicht wurde leichenblaß. Timea nahm ihm das Fernrohr aus der Hand und suchte wieder die auf dem Felsen hausenden Murmelthiere auf. Euthym hielt mit seiner Rechten ihren Leib um- schlungen. „Nein! wie sie springen and tanzen! eins überholt das andere. Wie herzig!" Und Timea war nahe daran, von dem Arm, der sie umschlungen hielt, in die Höhe gehoben und über die Schiffsbrüstung hinabgeschleudert zu werden in die unten schäumende Fluth. Was jedoch Euthym jetzt auf der andern Seite erblickte, gab seinem Antlitz wieder die Lebensfarbe zurück, die davon geschwunden war. Als sich Timar der Mühle bis auf Wurfweite genähert hatte, nahm er ein großes Gewinde des Ankerseils in die rechte Hand. Am Tau-Ende war ein Haken befestigt. Die steuerlose Mühle kam rasch näher und näher, wie ein auf den Wogen einhertreibendes vorsündfluthliches Seeungethüm. Der blinde Zufall regierte sie. Ihr Schaufelrad drehte sich rasch im Wogenschwall und unter dem leeren Aufschütte- kästen arbeitete der Mühlstein über dem Mehlbeutel, als hätte er vollauf zu thun. In dem dem sichern Untergang geweihten Bau befand sich kein lebendes Wesen außer einer weißen Katze, die auf dem roth angestrichenen Schindeldach saß und kläglich miaute. Als er die Mühle erreicht hatte, schwang Timar plötz- lich das Seilende mit dem Enterhaken über seinem Haupte und schleuderte es gegen das Schaufelrad. Sowie der Haken sich in eines der Schaufelräder ver- bissen hatte, fing das vom Wasser getriebene Rad das Anker- tau hübsch aufzuwickeln an, und gab dadurch der Mühle Hasenclever weder je seinen Frohmuth, noch verließ ihn seine freudige Luft am Schaffen und Wirken für die Sache der Arbeiter, der Sozialdemokratie. 1877 in Altona und Berlin in den Reichstag gewählt, nahm er für Berlin VI an, 1879, 1881 und 1884 schickte ihn Breslau(Ost) in den Reichstag, bei der letzten Wahl wurde er aber wieder für Berlin\ I gewählt, welches Mandat er bereits auch 1884 infolge Doppelwahl niederlegen mußte. Zn welcher Weise Hasenclever im Reichstag thätig war, ist unseren Lesern bekannt. Schriftstellerisch war er unge- mein produktiv und einer der gewandtesten Journalisten der Partei. Ein Bändchen Gedichte:„Liebe, Leben, Kampf," 1874 in Hamburg erschienen, zeigen Hasenclever auch als formgewandten und gemüthreichen Dichter. Im politischen Kampf schneidig und entschieden, war der Verschiedene im Privatumgang und im Verkehr mit Be- kannten der treuherzigste Westfale, dessen Urbane Formen Zedermann gewannen und in dessen Herzen kein Falsch war. Seiner Familie war er ein zärtlicher Gatte uno Vater, seinen Freunden ein alle Zeit getreuer und braver Kamerad. Mit Hasenclever geht ein Stück Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu Grabe. Er, der letzte Präsident des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, war wohl berufen, die Geschichte desselben zu schreiben. Ein tragisches Ge- schick, das�seinen Geist umnachtete und ihn in der Voll- kraft des Schaffens aus unserer Mitte nahm, hat ihn au der Ausführung dieser Aufgabe verhindert. Wer wird sein Erbe übernehmen? Mit Hasenclever ist wohl der letzte typische Vertreter der alten Lassalleaner aus der Reihe der im Vordertreffen . stehenden Männer der deutschen Sozialdemokraten aus dem Leben geschieden. Eine andere Generation ist mittlerweile heran gewachsen, der Gesichtskreis ist heute ein weiterer, der . Kampf ein viel erbitterterer geworden, als er es zu jener Zeit war, als der Allg. deutsche Arbeiterverein in seiner höchsten Blüthe stand und Hasenclever noch Präsident war. Der Verstorbene blieb zwar auch in den Stürmen seit 1878 unbeugsam, wie die Eichen seiner Heimath. Aber bitter hat es der im besten Sinne des Wortes kerndeutsch denkende und fühlende Mann doch immer empfunden, daß auch ihm, der in drei Kriegen mit der Waffe in der Hand an des Landes Grenze stand, der elende �Vorwurf der Reichsfeind- schaff und Vaterlandslosigkeit nicht erspart blieb. IEin braver deutscher Mann, der aber über dem Deutschthum das Menschenthum nicht vergaß, der über dem Vaterland nicht die Menschheit aus dem Auge verlor, sondern in ihrem Dienste und zwar besonders ihres armen und enterbten Theiles stritt, kämpfte und litt, das war Wilhelm Hasenclever. Im Andenken aber für Wahrheit und Gerechtigkeit be- aeisterter Männer, vor allem aber im Gedächtniß des kämpfenden und vorwärts strebenden Proletariats wird Wilhelm Hasenclever's Name unauslöschlich eingegraben bleiben. Der TW m das goldene Kalb. Kürzlich hat der ffanzösische Gelehrte M. C. de Varigny in der„«evue des Deux Mondes" statistische Untersuchungen veröffentlicht, in welchen höchst interessante, namentlich in sozialer und kulturgeschichtlicher Beziehung, lehrreiche Entdeckungen ge- macht werden. Das Werk führt den Titel Les grandes fortunes aux Etats Unis et ä l'Angleterre. Es fehlen demnach die großen Vermögen Deutschlands und Oesterreich- Ungarns, Frankreichs und Italiens.,_.. ,, � Schon der enorme Betrag der großen Vermögen, ihre Ge- winnung, Zusammensetzung, namentlich die Art des modernen börsengauncrischen Erwerbs, wie der übertriebene Luxus dieser Emporkömmlinge und ihrer Familien, sind charakteristisch für unsere Zeit. Die meisten dieser Vermögen sind von Leuten irischer Herkunft erworben worden.._ ,, Der reichste Mann augenblicklich tst der sogenannte Gold- und Eisenbahnkönig Jay Gould in New-York. Die meisten Arbeiter verdienen mit ehrlicher harter Arbeit mcht so viel im Jahre, als dieser Borlcniobder m der Minute, ja, sagen wir in der Sekunde. Er besitzt mehr als ein und eine halbe Milliarde Mark, das sind über 200 000 M. per Tag. Seine Goldeinkäufe der letzten Zeil sind bekannt und zogen oen Ruin der größten Banken nach sich, und wie vieler Menschen Existenzen bei einer Bank mit ihrem Vermögen betheiligt sind und bei der Gelegenheit mit zu Grunde gingen, davon waren alle Zeitungen voll. Es war himmelschreiend, so daß die Re- nach der Perigrada-Jnsel hin sachte ablenkende Richtung; mit ihrem eigenen Getriebe vollbrachte sie so das selbstmör- derische Werk, das sie an die Klippen warf. „Hab' ich nicht gesagt, daß Timar weiß, was er thut?" brummte Johann Fabula, während Euthym ,n freudiger Extase in die Worte ausbrach-„Bravo, mein Sohn!" und Timea's Hand so heftig drückte, daß diese erschrak und auch die Murmelthiere vergaß. „Da sieh' Jetzt gewahrte auch Timea die Mühle. Sie bedurfte dazu keines Fernrohrs, denn Mühle und Schiff waren einander schon so nahe gekommen, daß in dem nur fünfzig Klafter breiten Kanal beide kaum durch eine Entfernung von zehn Klaftern von einander getrennt waren. Gerade genug, das Schiff an der Höllenmaschine vor- über zu laffen. Timea sah weder die Gefahr, noch die Rettung, nur die sich selbst überlassene weiße Katze. Als das arme Thier die von Menschen bewohnte schwimmende Behausung sich so nahe erblickte, war es auf- gesprungen und begann winselnd und miauend auf dem Dachfirst hin- und herzulaufen und mit den Augen die Distanz zwischen der Mühle und dem Schiff zu meffen, ob es den Sprung wagen dürfe. „Ah, das arme Kätzchen!" rief Timea angstlich.„Wenn es uns nur so nahe käme, um zu uns herüber zu können." Vor diesem Mißgeschick betvahrte jedoch das Schiff deffen Schutzpatronin, die heilige Barbara— und jenes Ankertau, welches, vom Schaufelrad aufgehaspelt, immer kürzer wurde und die Mühle näher an die Felseninsel und weiter ab vom Schiffe zog. „O, das arme, schöne, weiße Kätzchen!" „Mach Dir darum keine Sorge/ tröstete sie Euthym: wenn die Mühle an dem Felsen anfährt, wird die Katze aufs Ufer springen, und da es Murmelthiere dort giebt, wird sie dort herrlich und in Freuden leben können." Nur daß leider die weiße Katze aufs der dieffeitigen Dachlehne herumlaufend, von der jenseits der Mühle ge- legenen Insel nichts sehen wollte. Als das Schiff schon glücklich an der verzauberten gienma der Bereinigten Staaten Hilfteich eingreifen mußte. Einer der Börsenmakler Goulds wurde an der Börse von einem gänzlich ruinirien Börsianer erschossen. Nächst diesem Krösus kommt wieder ein Amerikaner irischer Abkunft, I. W. Mackay, welcher mit seiner halbvcrrückten Frau gewöhnlich in Europa umherreist, und über 1200 Millionen Mark besitzt, welches auch jährlich 70 Millionen Zinsen einbringt. Wir wollen diesem Schclmcngelichter nicht die Ehre anthun und Zeit und Dinte verschwenden, um nachzuspüren, auf welchen unsauberen Wegen und durch welche gemeine Machenschaften sie zu diesen Massen Goldes und Silbers gelangt sind. Mackay soll Besitzer der Silberberge von Nevada lein. Von Vandcrbilt, dem drittreichsten Mann, erzählt man sich die Legende, er jammere, daß die Last seines großen Ver- mögens für ihn erdrückend sei, er könne sie nicht länger tragen. Wir glauben nicht an solche Fabeln, denn von der Last und Bürde seiner jährlichen Rente von 30- 40 Millionen Mark könnte er sich doch leicht durch manichfache Schenkungen befteien und erleichtern. Er soll auch gesagt haben:„In welcher Hinsicht bin ich glücklicher als mein Nachbar, der nur eine halbe Million Einkünfte hat? Sein Haus ist eben so eingerichtet, wie das Meinige. Er ist viel gesünder als ich und ißt mit mehr Appetit leine Mahlzeiten. Er hat auch nicht so viele Sorgen als ick, wird also länger leben. Und namentlich hat er viel bessere und zuverlässigere freunde als ich." Dies mag nun wahr oder nicht sein, so viel steht fest, zur echten Glückseligkeit sind solche kolossalen Reichthümer, namentlich in den Händen solcher gewöhnlich sehr ungebildeten Menschen, nicht erforder- tich. Wie man sie anwendet, darauf kommt es an. Wie sauer und mit Lebensgefabr verknüpft, erringt sich der Kohlenberg- mann seine 20 M. die Woche, der würde sich durch eine Ver- Koppelung seines Lohnes glücklich fühlen. Der reiche Vander- bilt, mit Schröder in Hamburg verivandt, will in diesem Jahre auf einer Reise um die Welt mit seiner Dampfyacht auch in die Elbe einlaufen, um sich die Ausstellung anzusehen. Astor, ein Pankee von deutscher Abkunft, soll auch an 750 Millionen M. besitzen und Jones über 500 Millionen. Von der Familie Rothschild wollen wir einmal in Zukunft im Besonderen verhandeln. Diese, vom alten Amsel R. iu Frank- ftirt a. M. abstammend, besitzen wohl das größte Vermögen der Welt, obwohl sie von jeher, um sich der richtigen Besteuerung ihrer Gemeinde sowohl, als auch des Staates zu entziehen, einen dichten, bis jetzt noch nicht gelüfteten Schleier über ihre Liegenschaften und Bestände gebreitet haben. Jedenfalls werden sid? bie 5 Milliarden der französischen Schätzung längst in ihren eisernen Kellern versammelt haben. Wir wünschen ihnen eine fröhliche, gesegnete Auferstehung dermaleinst. Nun kommt die englische große Land- Aristokratie, deren Güter den ehemaligen Eachsengutsbesitzern von Wilhelm dem Eroberer geraubt wurden. Es sind ungefähr folgende: Mr. Rüssel Sage 12000000 Pfd. St., der Herzog von Sutherland 6 000 000 Pfd. St., der Herzog von Northumberland 6 000 000 Pfb. St., der Marquis von Bute 4 000000 Pfd. St., dann die Amerikaner James Gordon Benuett 6 000000 Pfd. Sterl., her Herausgeber des New-Pork Herald, von Geburt ein Schotte, war ursprünglich Korrektor. Er gab Stanley das Geld, um Livingstone in Afrika aufzusuchen, ferner der reiche A.Belmont mit 4 000000 Pfd. St., R. Garrett mit 4000000 Pfd. St., P. Morgan mit 3600 000 Pfund Sterl., Sydney Dillon mit 2 000 000 Pfd. St. und Cyrus Field mit 2 000000 Pfd. St. Diese Liste, von einem Franzosen zusammengestellt, ist noch höchst unvollständig, denn sie übersieht den reichen Herzog von Portland, welchem das Hochzeitskleid seiner Braut allein, das Jahreseinkommen sehr vieler, gutgestellter Beamten ge- kostet: auch die vielfache Millionärin, die Baronin Burdett- Coutts. Herr de Varigny erzählt uns, daß es auf der Erde ungefähr 700 Personen giebt, welche ein Einkommen von 20 Millionen Mark besitzen. Davon sollen in England 200, in Deutschland und Oesterreick 150, in den Vereinigten Staaten über 100 und in Frankreich 75 Personen leben. Das Vorstehende lehrt uns, daß unsere sozialen Verhält- nisse in einem Entwickelungsgange begriffen ist, der auf der einen Seite zur Anhäufung ganz unsinniger Riesenvermögen unb auf der anden, zur Entstehung unerhört, verelendeter Ar- bcitcrmassen führt. Daß solche wahnsinnige Besitzunterschiede im grellsten Kontraste mit den Anschaunngen unserer Zeit stehen, die jedem Menschen gleiches Recht zugestehen, bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung. Irgend ein Ausgleich, ein beftie- digender, wird also jedenfalls einmal erfolgen müssen. Je früher und je gründlicher die Regierungen aller Staaten selber bie unerläßlichen, sozialen Reformen in die Hand nehmen, desto leichter und gefahrloser wird sich dieser Prozeß abspielen, welcher schon in so bedeutsamer Weise seine Schalten auf die Gegen- wart vorauswirft.(Die Streiks.) Es ist nicht anzunehmen, daß die Naturgesetze der Gerechtigkeit in der Vernunft ursprüng- lich nach einem solchen unvernünftigen Ziele sollten gestrebt haben: daß ein Mensch sich im wahren Sinne des Wortes im Geldc wälzt und nach seinem Belieben auf Banknoten tanzt, hingegen Millionen seiner Mitmenschen nicht einmal die nöthig- Mühle vorüber war, schwenkte Timea ihr Sacktuch nach dem Kätzchen und rief ihm bald griechisch, bald in Allerwelts- Katzensprache zu:„Geschwind schau Dich um! spring ans Ufer! Zitz, Zitz! rette Dich!" aber das in Verzweiflung ge- rathene Thier verstand nichts davon. In dem Augenblicke dann, wo das Hintertheil des Schiffes die Mühle passirt hatte, wurde diese von der Strö- mung plötzlich umgedreht, wobei das um das Schaufelrad gewickelte Tau riß und die also freigewordene Mühle in der Uferströmung pfeilschnell dahinschoß. Die weiße Katze sprang in keuchender Angst den Dachfirst hinan. „Ah!" Die Mühle aber rannte in ihr Verderben. Hinter der Insel ist der Wirbel. Es ist einer der merkwürdigsten Strudel welche von Flußriesen gebildet werden. Man findet ihn auf jeder Schiffkarte durch zwei im Winkel gegen einander gerichtete Pfeile bezeichnet. Wehe dem Fahrzeug, welches in die Rich- tung eines dieser Pfeile hineingeräth! Um den riesigen Wafsertrichter wallt und schäumt es, wie in einem Sudkeffel, und in der Mitte des Kreiswirbels gähnt klaftertief der nasse Abgrund. Dieser Strudel hat ein 120 Fuß tiefes Loch im Fessengrund ausgewaschen und was er in dies tiefe Grab mit sich hinabreißt, holt kein Mensch mehr hervor; ist's aber selber ein Mensch, dann mag er zusehen, wie er mit der Auferstehung zurecht kommt: Die Strömung trug nun die losgerissene Mühle in diesen Strudel. Bis sie dahin gelangte, bekam sie einen Leck im Boden und legte sich halb um; das Schaufelrad mit dem Well- bäum stand gerade gen Himmel empor; die weiße Katze lief den Wellbaum bis an die Spitze hinan und stand dort, einen Katzenbuckel machend; der Wirbel erfaßte den Bretterbau und trieb ihn in weitem Kreise herum, vier-, fünfmal drehte sich die Mühle um sich selbst herum, in allen Fugen ächzend und krachend, dann verschwand sie unter dem Wasser. Mit ihr auch die weiße Katze. Timea zuckte zusammen und verhüllte sich das Antlitz mit ihrem Shawl. sten Lebensbedürfnisse mit lebensgefährlicher-Arbeit erhaschen können. Es giebt heute viele Wege, Reich thum zu erwerben, allein der gewöhnlichste ist die direkte Beraubung seiner Mitmenschen. Dies scheint ein hartes Wort zu fein, allein ich finde kein pastenderes für die gewöhnliche Börsenjobberei und Auftauf- ringe. Wie ist es möglich, mit aller Arbeit und Energie wäh- rend der kurzen Spanne Lebensfrist, die uns gegeben ist, auf ehrliche, arbeitsame Weise so große Reichthümer zu erwerben? Einfach unmöglich ist es. Aber da kommt der Spekulant und tritt zwischen den Konsumenten und Produzenten. Sechszia Millionen in der Hand eines solchen harten, ge- wisscnlosen Menschen, wie z. B. Jay Gould, der alle heutigen Gesetzesparagraphen für sich hat und alle die künstlichen Er- findungen von Zinsen, Interessen, Steuern, Abgaben und die doppelläufige Büchse Hausse und Baisse dem unglückliche» Mitbürger auf die Brust setzt. Als ein armer Mann begann er, aber stets suchte er alle nöthigen Lebensbedürfnisse aufzu- kaufen. Er hatte die richtige Witterung wie ein Raubthier, er trieb stets Getreide- oder Geld-„Wricher" mit anderen Lebens-| bedllrfnissen. Wenn die Roth am größten war, daun ver- f kaufte er von seinem aufgespeicherten Hort.— Und ist der s Unterschied zwischen ihm und dem Land straßenräuber, der deine Börse verlangt, ein so großer? Wir finden das durchaus. nicht, obwohl die Usancen der Börsenmänner alles dies bil- ligen. Die Handelswelt sieht dies in einem total verschiedenen Lichte an. Jan Gould würde ja im gewöhnlichen Leben Niemand einen Pfennig aus seinem Portemonnaies nehmen. Nein so etwas thut er nicht. Er formirt und organisirt nur Getreide-, oder Papier-, oder Salz-, Kupfer- u. dergl. Ringe, und wenn Roth am Mann ist, dann tritt er hervor und ent- reißt dem Publikum feine eigenmächtig aufgelegte Steuer wie cin.Straßeuräuber, und Gesetz und Sitte der heutigen Handels- weit schützt ihn) Die alten Raubritter riskirten wenigstens da- bei Hiebe und auch den Hals; er steht groß und bei gewissen Leuten angesehen da. Aber die anständigsten Firmen gehen dabei zu Grunde, wie wir dies in den letzten Jahren so viel- sack gesehen haben, und diese angeschwollenen Gold webenden unb spinnenden Riesenblutsauger haben bereits ihren Zoll auf unsere nöthigsten Lebensbedürfnisse, als Speck, Weizen, Fett, Butter, Fisch und andere guten Dinge gelegt, damit der auf- gehäufte und geraubte Haufen immer mehr in ihrer Hand an- 1 wächst. Die Rothschild und Konsorten sind im Besitz der Hälfte des auf der Erde im Umlauf befindlichen Kapitals, hiernach darf man das Vermögen von Frankreich z. B., welches ein) Budget von fast 4 Milliarden hat, auf ca. 250 Milliarden schätzen,(der Direktor des statistischen Bureaus giebt es auf, 250 Milliarden an). Davon besitzen die Banquiers 80 Milliarden. I Diese haben die Gold- und Silberbarren, also das Monopol in der Hand, die Macht mit einem Wort. Und weil Roth- I schild nicht nur durch seinen Kredit, fondeni auch effektiv über! den größten Theil des in Frankreich in Umlauf befindlichen Geldes verfügt, ist er im Stande, der Regierung gegenüber! alles, was er will, durchzusetzen. Von ihm hängt also auch der Krieg ab.— Le Play sieht in der„Constitution essentiell." 1 diese Uebelstände voraus.„Bisher ungekannte Einflüsse", so j schreibt er,„scheinen die schrecklichen Folgen der Kriege zu steiacni. Uns droht eine Geißel in Gestalt jener dämonischen! Gelddeufel, welche, gestützt durch den Schwindel aller euro-! päischen Börsen, große Vermögen durch fene Anleihen auf-] häufen, welche die Kosten blutiger Kriege verursachen und den j Besiegten unermeßliche Löseaelder auferlegen, welche jene j Vampyre geschickt in ihre stählenien Geldschränke schließlich zu zaubern verstehen." Gounod läßt den Mephistofeles in seiner Oper Faust und Margaretha im 2. Akte singen: „Das gold'ne Kalb nur regiert die Welt u. s. w. „Satan selbst fiihrt an den Ball, „Satan selbst führt an den Ball." Aber die heilige Barbara war gerettet. Den rückkehrenden Schiffsknechten drückte Euthym die Hand- Timar umarmte er. Timar mochte erwartet haben, daß auch Timea ihm ei» freundliches Wort sagen werde. Timea aber fragte ihn nur, mit verstörtem Antlitz nach dem Strudel zeigend:„Was ist aus der Mühle ge- worden?" „Splitter und Spähne!" „Und aus dem armen Kätzchen?" Die Lippen des Mäd- chens bebten und in ihre Augen trat eine Thräne. „Mit dem ist's aus." „Aber Mühle und Katze gehörten doch sicher irgend einem armen Menschenkind," sagte Timea. „Gewiß, aber wir mußten unser Schiff und unser Leben retten, sonst wäre das Schiff gescheitert und der Strudel hätte uns hinabgezogen in jenen Abgrund, um dann nur noch unsere Gebeine ans Ufer auszuspeien." Timea sah den Mann, der dies sagte, durch das Prisma der in ihren Augen schwimmenden Thränen an. Es war eine fremde, ihr unverständliche Welt, in welche sie durch diese Thränen blickte. Daß es erlaubt sein sollte, die Mühle eines armen Mit- menschen in den Strudel zu drängen, um das eigene Schiff zu retten, daß es erlaubt, eine Katze zu ersäufen, damit wir selber nicht in den Finthen umkommen!— das wollte ihr nicht in den Sinn. Von diesem Augenblicke an lauschte sie nicht mehr seinen Wundermärchen, sondern vermied ihn, wo er sich zeigte.(Forts, folgt.) Dlus fumtf«ni> Ifetren. Etzoleratzeilverfatzren. Prof. Dr. Wilhelm Löwenthal, der, wie schon gemeldet, gegenwärtig in der Charge eines ftan- zösischen Marinearztes in Tongking weilt, um dort sein Cholera- Heilverfahren an lebenden Menschen zu prüfen, veröffentlicht i>» oen letzten Nummern der„Dtsch. Meoic. Wchschr." die bakterio- logischen und Thierversuche, welche ihn zu seinem Heilverfahren geführt haben. Diese Versuche geben den ersten Einblick in das Wesen der Choleraerkrankung, lassen die Bedeutung deo Wsttttstfts Meberflqrk. Da» Krieg-in-Sicht-Keschäst wird immer schwieriger und immer weniger rentabel. Es bestätigt sich hier doch oie Richtigkeit der Lehre jener Fabel vom Schäfer, der seine Mit- schäfer durch den Ruf„Der Wolf kommt!" so lange narrte, bis ihm niemand mehr glaubte. Dem Kriegsaeheul unserer Reptilien legt kein Mensch mehr eine ernstliche Bedeutung bei: ob Herr Pindter seinen polnischen Jnsurgcntensäbel mit noch so grimmigen Geberden gegen die Schweiz schwenkt, oder ob Herr Schweinburg den Anmarsch der russischen Armee(mit oder ohne Bretterbuden) ankündigt— das ist ungefähr ebenso gleichgiltig als ob ein Floh hustete. Das deutsche Volk ist doch zum Glück nickt so dumm, als diese Bürschchen und deren Patrone geglaubt haben. Nicht als ob wir die Möglichkeit in Abrede stellen wollten, daß nochmals eine Kriegspanik gleich der denkwürdigen, die uns das„Angstprodukt"' des s�aschingstagcs brachte, in Szene gesetzt werden konnte. So sanguinisch sind wir nicht. Wenn wir bedenken, welch ungeheure Machtmittel den jetzigen Gewalthabern zu Gebote stehen und was alles schon bisher in Beeinflussung der öffentlichen Meinung geleistet worden ist, dann wagen wir aller- dings nicht zu behaupten, daß eine nochmalige Ueberrumpelung des Volks außer dein Bereich der Möglichkeit liege. Es ist blos schwieriger geworden, weit schwieriger. Und das ist schon ein Gewinn. Wir sind auch weit entfernt, die Möglichkeit eines Kriegs, eines wirklichen, emsthafien Kriegs, leugnen zu wollen. Im Gegentheil, wir wissen sehr genau, daß in mehr als einem Winkel Europas Zündstoff für einen Weltkrieg vorhanden ist; wir wissen, daß die Zustände des europäischen Festlandes durch und durch ungesunde sind; und wir wissen ferner, daß sehr ein- flußreiche Leute, aus dem einen oder dem anderen Grund, bei einem Weltkrieg ihre Rechnung zu finden hoffen. Wir speziell in Deutschland haben eine Kriegspartei: die offiziösen Organe des deutschen Reichskanzlers selbst haben sie vor wenigen Tagen mit dürren Worten denunzirt— und es ist ein öffentliches Ge- heimniß, daß Graf Waldersee, das Haupt der Kriegspartei, icner „kommende Mann" ist, vor dessen aufgehendem Glanz der Stern des alternden Reichskanzlers zu erbleichen beginnt. Also wir kenneir die Gefahren der Situation. Trotzdem glauben wir an keinen Krieg. Der Krieg ist zum Glück zu gefähr- I i ch geworden. In der guten alten Zeit, wo sich Armeen von Hunderttausenden gegerrüberstanden, da ließen die Chancen des Krieges sich mit einiger Sicherheit berechnen, und wer am besten vorbereitet war, wie z. B. die Deutschen im Jahre 1870, wo sie den Franzosen die doppelte Heeresmacht entgegen warfen, der konnte auch mit annähernder Sicherheit auf den Sieg rechnen. Das ist jetzt aber anders. Heute zählen die Armeen nicht nach Hunderttausenden, sondern nach Millionen. Wo ist das Auge, welches ein Schachbrett mit Millionen von Figuren übersehen, wo das Hirn, das alle Kombinationen und das Ergebniß aller Kombinationen, die sich aus diesen Riesenzahlen ergeben, auch nur mit annähernder Wahr- scheinlichkeit berechnen kann? Nehme man an, eine Million„Feinde" seien ruhmreich abgeschlachtet— aber es sind noch Millionen da, die auch abgeschlachtet werden müssen. Und Soldaten sind keine Hümmel, die sich hübsch ruhig abschlachten lassen. Sie verstehen sich alle auf's Schlachten, und sie haben alle vortreffliche Schlachtwerkzeuge und Schlachtvorrichtungen. Und die Kugeln fliegen so weit! Da giebt's kein geschütztes Plätzchen für die Herren Schlachtlenker! Die modernen Ma- gazingewchre und namentlich die kleinkalibrigen Lebelgewehre, mit denen diese verkommenen Franzosen uns überrascht haben, find böse Gleichmacher— sie haben oie Privilegien des Schlacht« felds abgeschafft, und die Großen und Größten haben heute nichts mehr voraus vor dem gemeinen Soldaten— auf dein Schlachtfeld des nächsten Krieges herrscht demokratische Gleich- heit— alles, was sich hinwagt, muß gleichmäßig bluten. Und das ist ungemüthlich. Dies und die avsolute Unberechen- darkeit des nächsten Krieges sind ausgezeichnete Friedens- bllrgschaften— tausendmal bessere als der sogenannte „Friedensbund", der sonderbarerweise von dieser gottlosen Welt so arg verkannt wird, daß jedesmal, wenn er ein Lebenszeichen sich giebt, die friedliebende Menschheit zu zittern und zu von_...„ zagen beginnt. Genug— der Krieg ist so gefährlich geworden, oaß er nicht mehr so gefährlich ist, als zur Zeit, wo er nicht so gefährlich war. Das klingt etwas wunderlich, ist aber buch- stäblich ivahr. Der Krieg ist zu gefährlich geworden— nicht bloß sür die Völker, auch für die Gewalthaber. Inzwischen wird lustig weiter gerüstet, immer wuchtiger lastet die Kriegs- rüstung auf den Völkern und— wir wollen nur hoffen, daß an den Kriegsrüstungen die Kriegsmacher zu Grunde gehen, und daß so in anderer Weise, als die Herren es gemeint, das LI vis pacem para bellum— Willst Du den Frieden, so be- reite den Krieg vor— sich erfülle: daß die Kriegsvorbereitungen den Krieg unmöglich machen. Dem Mettiner Fest in Dresden ist, wie allen derartigen Orgien, der Katzenjammer gefolgt und zwar ein recht gründ- licher. In geschäftlicher Beziehung— und das war für die lautesten Festreklamemacher und Festkorybanten unzweifelhaft bre Hauptsache, man muß nur das Wort„Geschäft" in etwas weiterem Sinne nehmen— war die Wettinfeier ein großer Mißerfolg. Der Zustrom der Fremden war weit geringer als man erwartet hatte. Die Preise für Schauplätze wurden ein- fach nicht bezahlt, und trotz der bedeutenden Preisreduktion waren bei Beginn des Festzuges hunderte und hunderte von Sitzplätzen umsonst zu haben. Und das Schönste ist, Herr Dr. Bieren von den„Dresdener Nachrichten", der nicht heftig genug in die Reklametrompete stoßen konnte, klagt jetzt selber rn seinem Blatt, daß die Hoffnungen, welche die Patnoten an das Fest geknüpft hatten, nicht ganz erfüllt worden seien. Es ist wahr, Herr Dr. Bieren wartete mit seinem Leid- artikel genau so lange, bis die letzte Nummer des „Dresdener Jounial" mit den Fest-Ordens-Verleihungen erschienen war, ohne daß sein Name sich unter den Glücklichen befand. Und Dr. Bierey hat allerdings einige Ursache, sich über Undankbarteit zu beklagen, denn hätte er nicht so riesige Reklame gemacht, so wäre das Fest schwerlich zu Stande ge- von Robert Koch als Ursache der Cholera entdeckten Komma- bazillen klar erkennen und weisen der Heilkunde einen ratio- nellen Weg zur Bekämpfung der furchtbaren Seuche. Prof. Löwenthal i früher Professor der Medizin an der Akademie in Lausanne) hat seine Versuche auf Anregung des Geheimraths Koch in dessen Laboratorium in Berlin im Mai 1888 begonnen und später bei Prof. Canril in Paris fortgesetzt. Nach vielen mühevollen Vorprüfungen stellte sich ein Gemisch zusammen aus 200 Gramm gehacktem Schweincfilet, einer von Fett befreiten und ebenfalls fein gehackten Bauchspeicheldrüse vom Schwein, 10 Gramm Pepton und 5 Gramm Kochsalz. Diese Masse wird unter Zusatz von Wasser im offenen Topf über einer Gas- flamme gerührt und zum„Binden" des Breies(wie der Küchen- ausdruck lautet) etwas Mehl zugefügt, bis das Ganze einen flüssigen, gleichartigen Brei bildet, welchen man dann alkalisirt (durch Kalilauge) und in sterilisirte Glasröhren füllt. Dieser Brei, der sich beim Stehen noch etwas eindickt, wird mit ein bis drei Kubikzentimetern Reinkultur von Cholerabazillen ver- impft, welche mit Hilfe einer dicken Platinnadel in dem Brei verrührt werden, worauf dieser auf 48 Stunden in den Brüt- schrank kommt und dann durch einstündiaes Venveilen im kochen- den Wasserbade sterilisirt wird. Schließlich wird der Brei durch ein reines Leinenläppchen durchgeseiht, und man erhält dann einen dünnflüssigen Breisaft. Mäusen, welchen ein Kubik- Zentimeter dieses Saftes in die Bauchhöhle gespritzt wurde, er- Krankten sofort und starben nach wenigen Stunden. Daß diese Wirkung einzig und allein der Bauchspeicheldrüse zuzuschreiben ist, beweist die Thatsache, daß bei Kontrolversuchen, in denen derselbe Saft ohne Zusatz jener Drüse bereitet wurde, die Thiere gesund blieben. Das Wesen der Cholera erklärt sich nun folgendermaßen: Haben die Kommabazillen Eingang in bim Vervauungskanal gefunden und über den Magen hinaus Ä in den Dünndarm fortgeschleppt, so treffen sie in dem ÄWischen, flüssigbreiigen Inhalt desselben einen sehr günstigen Nährboden für ihre Entwicklung uud Vermehrung, dem ständig der Bauchspeicheldrüsensaft zufließt. Dieser Saft erzeugt durch einen chemischen, vorläufig noch nicht näher bekannten Prozd cuS den Cholerabazillen einen giftigen Stoff, welcher, während die Bazillen sich nur im Darmkanal verbreiten, durch die feinen Milchgefaße der Darmschleimhaut ins Blut übergeführt wird, dlefe Weise den ganzen Körper vergiftet und den Tod herbeifuhrt.— Zu jeinem Choleraheilverfahren kan nun Pro- sessor Löwenthal auf folgende Weise: Er vermischte den mit Cholcrabazillen verimpften Bauchspeicheldrüsenbrei mit Salol, einem der neueren außerordentlich vielseitig wirkenden Arznei- kommen. Aber Dr. Bierey ist etwas— komprimittirend. Apropos, sein Name hat zu einem recht amüsanten Wortspiel- räthsel Veranlassung gegeben: Das erste ist zum Trinken, Das zweite ist zum Essen, Das Ganze ist zum— aber das muß der sieundliche Leser errathen.— Natürlich ist's Bierey.— Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß die famose Dresdener„Gambrinusbraucrei" sich nach dem Geständniß ihres Direktors nur aus geschäftlichen, nicht aus politischen Gründen an dem Festzug betheiligt habe— man„habe der Brauerei einen vorauSsichlich daraus entspringenden Gewinn sichern wollen". Das ist wenigstens offen uno wir fürchten sehr, die Offenheit wird dem Herrn nicht sehr gedankt werden.— Die Temperenzler oder prohibitionisten, d. h. die Partei in Amerika, welche den Genuß geistiger Getränke gesetz- lich verbieten will, hat in diesem Jahr bei den Sommerwahlen einen wuchtigen Vorstoß gemacht, um den einflußreichen Staat Pennsylvanien in die Gewalt zu bekommen. Seit Ende des vorigen Jahres, d. h. seit der Präsidentschaftswahl, war die Aufmerksamkeit auf diesen Kampf gerichtet, von dessen Aus- gang es abhing, ob die im Niedergang befindliche Temperenz- bewegung, mit der viel Muckerei und auch ein Bischen Haß gegen die eingewanderten Deutschen und namentlich Jrländer verbunden ist, einen neuen Auffchwung nehmen würde oder nicht. Sie hat aber eine niederschmetternde Niederlage erlitten! ihr„Waterloo", wie die Sieger jubelnd verkünden. Während die Temperenzler höchstens LO— 70 000 Stimmen zusammen brachten— die genauen Ziffern liegen noch nicht vor— haben die Gegner der Mäßigkeitsbolde über 200 000 Stimmen bekommen. Also eine volle Dreiviertels- Mehrheit. In Peirnsylvanien ist bekanntlich das deutsche Ele- ment sehr stark vertreten, und obgleich es sich sonst„drüben" sehr verändert(und zwar nicht zu seinem Nachtheil), so bleibt es doch der heimischen Bierliebe treu. Und es kann auch nicht geleugnet werden, daß das deutsche Bier(„Lagerbier"), indem es einerseits die schweren englischen Getränke verdrängte, andrer- seits durch seinen harmlosen Charakter die Mäßigkeitsmänner ent- waffnete, eine„Kulturmission" in Amerika erfüllt hat,— jedenfalls eine ersprießlichere, als der Wännann'sche Schnaps in Afrika.— Auch in anderen amerikanischen Staaten haben die Tempe- renzler dieses Jahr keine guten Geschäfte gemacht. Desto mehr greift eine vernünftige Mäßigkcitsbewegung unter den Arbeitern um sich, nämlich die Verbannung geistiger Getränke aus den Geschäftssitzungen der Arbcitergesellschaften(Gewerkschaften, Kassenvereine u. s. w.). wo allerdings das Trinken entschieden vom Uebel ist. Die offiziöse Dreff« in ihren Hetzartikeln gegen die Schweiz, denen keinerlei thatsächliche Maßregeln folgen, wird nachgerade das Gespött der schweizerischen Presse. So lesen wir in den„Baseler Nachr.", daß unter den Folgen, mit welchen die„Nordd.Allg. Ztg." droht, vielleicht„dic Fluth von offiziösen Ergießungen zu verstehen sei, die über die Schweiz losgelassen wurden und die Grundmauern des eidgenössischen Staatsbaus zu unterwaschen drohten. Dann wären wir ja am Ende des uns zugedachten Ungemachs. Noch länger mit journalistischen Bomben uns bewerfen, das hätte ja keinen Sinn. Die ersten Geschosse, mit einer viel zu starken Pulverladung abgefeuert, gingen weit über das Ziel hinaus; aber man ärgerte sich bei uns doch— was ohne Zweifel beabsichtigt war— weil es gar ui heidnisch knallte. Seitdem hat man an das leidenschaftliche Kanoniren von drüben sich gewöhnt, man ärgert sich nicht mehr; aber man sagt sich, eS sei jetzt genug gepoltert, man könnte jetzt wieder einmal vemünftig mit seinem Nachbar reden, um den Streit in Frieden zu schlichten." Don der Anmafittchkett der Junker zeugt folgendes Inserat, das sich in dem Prenzlauer Kreisblatt findet:„Es ist in neuerer Zeit nach meiner Beobachtnng wiederholt vorge- kommen, das entlaufenes Gesinde(! Red.), namentlich Knechte, sogar(!) am Wohnorte des vielleicht eben verlassenen Dienst- Herrn, in freiem(!) Arbeitsverhältniß Beschäftigung findet. Nach Lage der Gesetzgebung kann zur Zeit selbst der böswillige neue Arbeitgeber an der Beschäftigung des entlaufenen Gesindes in der angedeuteten Art nicht verhindert werden. Aber es kann auch nicht zweifelhaft sein, daß hier eine Lücke in der Gesetzgebung liegt, und daß eine Ausfüllung derselben er- wünscht erscheint. Ich bitte die Herren Amts-, Guts- und Gemeindevorsteher ergebenst, mir von den in neuerer Zeit zu ihrer Kenntniß gelangten Einzelfällen der angedeuteten Art Mittheilung zu machen. Züsedom bei Nechlin. von Arnim, Mitglied des Bezirksausschusses zu Potsdam."— Scheint ja ein recht gemiithlicher Mann zu sein, dieser v. Arnim. Trop der großen Verwaltungskosten scheinen in den Berufsgenossenschaften für Unfallversicherung nicht einmal die Kassen überall ordentlich geführt zu werden. Das Reichsversicherungsamt theilt nämlich offiziös mit, daß bei der Prüfung der Rechnungsergebnisse mehrfach Wahrnehmungen gemacht worden sind, welche ersehen lassen, daß die Kassen- und Rechnungsführung nicht überall derjenigen streng formellen mittel. Nach kurzer Zeit ließ sich feststellen, daß die Cholera- bazillen in dem Brei zu Grunde gegangen waren und Ein- spritzungen dieses Breies in die Bauchhöhle von Mäusen tödteten diese Thiere nicht. Man kann sicher annehmen, daß im menschlichen Dannkanal dieselben Verhältnisse vorliegen, wie bei den bakteriologischen Versuchen. Das Salol wirkt wahrscheinlich in der Weise, daß es die Giftbildung aus den Kommabazillen entweder direkt durch Vernichtung der Komma- bazillen selbst oder durch Aufhebung der Wirkung des Bauch- speicheldrüsensaftes hindert. Für den praktischen Gebrauch schlägt Prof. Löwenthal die Anwendung des Salols in der Weise vor, daß bei dem Herrschen einer Choleraepidemie ge- fährdete Personen vorbeugend zwei Gramm Salol während der drei Hauptmahlzeiten des Tages einnehmen, Cholerakranke selbst aber stündlich ein Gramm. Seine Erfahrungen im Tongking wird Prosessor Löwenthal bald veröffentlichen. Schilbpott und Glfenvein sind werthvolle Stoffe für die Industrie und besonders zur Anfertigung von Gebrauchs- und Schmuckartikeln der Damen; es werden daher einige von H. Durand in der Zeitschrift der Handelsgeographischen Gesell- schaft von Bordeaux gegebenen Mittheilungen über die Art und Weise, wie sie in der französischen Industrie Verwendung finden, von Interesse sein. Was zunächst das Schildpatt oder Schildkrot betrifft, so wird es bekanntlich aus dem Panzerschild der verschiedenen Schildkrötenarten gewonnen; das Schild be- steht aus mit einander verbundenen größeren und kleineren Platten, deren Zahl nicht immer dieselbe ist. Durand giebt 14 größere nnd 26 kleinere Platten an. Die Ouali- tät und Färbung ist verschieden; einige sind blaß- gelb und durchsichtig roth gesteckt, die meisten haben eine schwärzliche, rothe und fahlgelbe Farbe. Das beste Schildpatt muß dick, durchsichtig, lebhaft gefärbt und groß Scfleckt sein. Die bekanntesten Schildplattsorten sind die indi- hen, schwarz, mit gelber und rother Nuance; das von den Seychellen ist sehr dick, von veilchenblauer Farbe; das ameri- kamsche Schildkrot ist außen mnschelariin, innen schwärzlich, von bräunlichem Schein mit gelben Flecken; das Schildpatt von der Insel Bourbon kommt in sehr großen Stücken, ist weich und biegsam, blaßgelb, mit rothgelben und schwarzen Nuancen. Schildpatt wird ähnlich wie Horn bearbeitet, es wird zu einge- legten Arbeiten in der Kunstschreinerei, zu Schmuckgegenständen verwandt. Die Abfälle der Fabrikation werden zur Herstellung von künstlichem sog. geschmolzenem Schildpatt(ecallle fondue) benutzt; man feuchtet sie zu dem Zweck an und schüttet diese Masse in eine cylindrische Muschel, welche der Erhitzung und einem Regelung untenvorfen ist, welche eine wesentliche Gewähr gegen Veruntreuungen durch Äuchführer oder Kassenbeamte bietet und die Vorbedingung für die jederzeitige Revisionsfähigkeit der Kasse bildet. Das Reichsversicherungsamt erachtet es daher für Pflicht der Aufsicktsführnng, das Maß der Regelung der Kassen- und Buchführung fernerhin nicht uneingeschränkt dem Ermessen der einzelnen, vielfach wechselnden Vorsitzenden, oder gar dem Dafürhalten der jeweiligen Genossenschaftsbeamten zu uberlassen. Das Reichsversicherungsamt verlangt alsdann, daß in Bezug auf gewisse Punkte der Kassenführung bindende An- ordnungen durch Vorstandsbeschluß getroffen werden. Für ein Reichseisenbahngesetz im militärischen ? Interesse tritt eine offiziöse Berliner Korrespondenz der„Ham- urger Nachrichten" ein. Zunächst wird auf die Gerüchte hingewiesen über einen gewiesen Gegensatz zwischen dem Generalstab und dem preußischen Eisenbahnminister. Man habe von bezüglichen Denkschriften des Generalstabs ge- sprachen und selbst auf die angebliche Ansicht hinge- deutet, einen General mit der Leitung der preußischen Eisenbahnen zu betrauen. Diese Erörterungen beruhten zwar größtentheils auf Kombinationen, doch sei daS starke Interesse der Militärverwaltung am Eisenbahnwesen nicht zu verkennen. Es sei, dahin geht der Vorschlag des offiziösen Korrespondenten, festzusetzen, daß die Forderungen der Landesvcrtheidigung an der Eisenbahnvenvaltung in Bezug aus Betriebscinrichtungen, rollendes Material und Personal, soweit sie nicht durch oaS allgemeine Verkchrsinteresse bedingt werden, vom Reiche zu tragen sind. Zum Schluß sagt der Korrespondent, es verlaute, daß die oben erwähnten Meinungsverschiedenheiten zwischen der Militärverwaltung und der preußischen Eisenl ,.., cnbahnver-waltrmg hauptsächlich aus dem Grunde hervorgetreten seien, weil die letztere sich dazu nicht bereit fand, militärischen, von dem Be- dürfirisse des Verkehrs nicht bedingten Anforderungen auf Kosten der preußischen Eiscnbahnfonds gerecht zu werden. Es möge daher eine beiden Thailen gegenüber mit der nothwen- digen Autorität ausgerüstete Instanz hinzutreten, um den Widerstreit zu schlichten.— Bekanntlich ist bereits vor Jahren ein allgemeines Reichseisenbahngesetz gescheitert und die hier von dem Offiziosus geforderte schiedsrichterliche Instanz dürfte bereits im Kollegimn des Staatsministeriums vorhanden fein, welchem sowohl der Kriegsminister als der Eisenbahnministcr angehören. Vennuthlich soll aber der offiziöse Artikel auf neue Militärkredite vorbereiten. Ans vielen Grien(Magdeburg, Frankfurt a. M., Mainz rc.) liegen Nachrichten vor über das Verbot von Versammlungen zur Wahl von Delcgirten zum Pariser Kongreß. Eine allgemeine Arbeiierverfinnmlung in Furiss, welche am Montag im„Grünen Baum" tagte, beschloß die Beschickung des Pariser Kongresses und wählte Herrn M. Segitz zum Delcgirten. Ans dem Saarreoier, 2. Juli. Auch die neueste Maß- regelung der am Streik bethciligt gewesenen Bergleute auf den staatlichen Gruben wird jetzt wieder von der königl. Gruben- Verwaltung amtlich zugestanden. Der Bergrath Leybold in Sulzbach, ivelcher die Verfügung mit der Bauzuschußentziehung an zwei Arbeiter vernrittelte, gesteht dies in einem Schreiben an die„St. Joh. Ztg.", die also gut unterrichtet war, zu, sucht nur einzelne„schneidige" Ausdrücke abzuschwächen, welche bei der Mittheilung der Maßregelung von seiner Seite gefallen sein sollen und schreibt schließlich, wie um einen Trumpf auf den andern zu setzen:„Einer Rechtfertigung des in Ihrem Artikel nicht gebilligten Verfahrens der kgl. Bergwerksdirektion, nämlich ihrer Weigerung, solchen Arbeitern, welche, wenn auch in Ge- meinschaft mit vielen Anderen, unter Verletzung der Arbeits- Ordnung eine Zeitlang von der Arbeit fortgeblieben sind, gleich hinterher ein freiwilliges Geldgeschenk von 8— 900M.— denn ein solches ist die Bauvrämie— zu machen, habe ich mich hier nicht zu unterziehen. Das Versahren scheint mir auch einer Rechtfertigung gar nicht zu bedürfen." Der kgl. Venvaltungs- beamte ist also ordentlich stolz auf die„stramme" Behandlung der Leute.— Den Besitzern der Privatgruben in Westfalen wird hier ein verhängnißvolles Beispiel von einer Staatsverwaltung gegeben. Oesterreich-Ungar«. Die böhmischen Landtagswahlen haben das envartete Ergebniß gehabt, d, h. sie haben den Jungczechen unter Fuhrung Gregrs großartige Erfolge über die Altczechen unter Riegcrs Führung gebracht. Schon nach den bis jetzt vorliegenden Ergebnissen haben i» den Landgemeindebezirken die Mtczechen 29 Sitze an die Junczechen verloren, deren Ver- trcterzahl in der früheren Landgcmeindekurie damit von 6 auf 35 gestiegen ist. Damit besitzen die Jungczechen, falls die Deutschen in den Landtag nicht eintreten, in der Landgemeinde- kurie die Mehrheit. Der Erfolg der Jungczechen über die Alt- czechen ist in erster Linie der Stellung GregrS in der Schul- frage zu verdanken. Gregr hatte bekanntlich eine heftige Agitation in Szene*------ r'......" gegen den Ansturm, welchen die Klerikalen unter dem Prinzen Lichten stein gegen die Schule zu unternehmen sich anschickten. Infolge dessen galten die Jung- czechen als die Repräsentanten der Freiheit, welche die Feudal- Herrschaft brechen und dem Volk die nationale Bildung erhalten starken Druck ausgesetzt wird; wenn die Masse erkaltet ist, läßt sie sich wie gewöhnliches Schildpatt bearbeiten, allein es fehlt die Durchsichtigkeit des natürlichen Schildpatts, auch ist das künstliche Schildpatt weit zerbrechlicher. Die Einfuhr von Schildpatt nach Frankreich betrug in der letzten Jahresreihe jährlich zwischen 30 000 und 50 000 kp. Elsenbein ist von jeher wegen seiner Weiße, Härte und der Feinheit seines Korns ein bevorzugter Artikel für gewisse Industrien gewesen. Schon in der Industrie des Älterthums spielt das Elfenbein eine bedeutende Rolle, nicht allein Messer- und Dolchgriffe, sondern Sessel und Stühle, Statuen u. a. verfertigten daraus die geschickten Arbeiter Griechenlands und Italiens, ja die Reichen und die Fürsten brauchten Elfenbein zum Schmuck der Zimmer- wände und Thllren. Durand giebt an, daß etwa 800 000 kg Elfenbein jährlich auf den europäischen Markt kamen. Der Samburger Kaufmann Westendarp schätzte die jährliche lfenbeinauSfuhr Afrikas vor einigen Jahren auf 848000 kg. Ein Viertel des nach Europa kommenden Elfenbeins im Werthe von 3—4 Millionen Franks verbraucht nach Durand Frankreich. Die industrielle Verwendung des Elfenbeins ist ja bekanntlich eine sehr mannigfaltige: zu Billardkugeln, Schach- figurcn, Pianotasten, Kämmen, Messergriffen» zu Schnitzereien der verschiedensten Art. In letzterer Beziehung leisten bekannt- lich die Chinesen außerordentliches und die chinesischen Elfen- beinarbeiten gehen durch die ganze Welt. Oualitäten und Sorten von Elfenbein sind sehr verschieden. Am geschätztesten sind nach Durand die aus Siam bezogenen Elfenbeine, sie werden nie gelb, sind von feinem Korn und zartrosa Farbe. Mammuthzähne kommen aus Sibiren, sie sehen gelblich aus und sind sehr hart. Hipvopotamuszähne werden zur Verfcr- tigung der künstlichen Gebisse benutzt, sie kommen vom Kap (Guinea) vom Kongo, Senegal und Oberegypten. Die konisch geformten, leicht gebogenen, 60—80 cm langen, sehr harten Zähne der Wallrosse wiegen jeder 3—4 kg, sie werden besonders geschätzt. In Paris, Dieppe, Jvry, Laboissiere und Saint Claude sind die bedeutendsten Werkstätten sür Elfenbeinbearbeitung in Frankreich. Gin Schatz von ungewöhnlicher Wichtigkeit, ist in Sieben- bürgen, in Sz'ylagysomlyo, gefunden worden. Eine Menge Schüsseln, Gefäßen u. s. w. aus Gold und von L?chUsseln, Gefäßen u. f. w. aus Golv unv von hochbe- deutendem künstlerischen Werth; man schätzt den Gesammtwerth des Fundes auf zwei Millionen Franks. Es ist dies genau dieselbe Oertlichkeit, wo im Jahre 1794 der sogenannte Schatz desMttila gefunden wurde, der jetzt in der kaiserlichen Schatz- kammer zu Wien einen der Hauptanziehungspunkte bildet.. mollten. Die Deutschen(d. h. die deutsche Bourgeoisie) haben nach den bisher vorliegenden Ergebnissen ihre Sitze anscheinend behauptet. Dänemark. Kopenhagen, 1. Juli. Die hiesige Sozialdemokratie ist sehr rührig: sie hofft, den bei der letzten außerordentlichen Wahl zum Folkething verloren gegangenen Wahlkreis wieder zu erobern, und den andern, den sie jetzt noch inne hat, zu be- Haupte«. Auch in den Provinzen macht sie gute Fortschritte: ihre Forderungen sin den bei den Bauern lebhafte Unterstützting, so daß es nicht unmöglich ist, daß sie auch dort einige Man- date erobert. Ein Berichterstatter der„A.-Z." meint, sie werde größere Erfolge erzielen, als die bürgerlichen Parteien sich jetzt träumen ließen. Frankreich. Deputirten kämme r. Das Budget der Verwaltung des Innern wurde unter Streichung der geheimen Fonds genehmigt. Nach Beendigung des Ausgabebudgets begann die Bcrathuna des Einnahmebudgets mit heftigen Aus- cinandersetzungcn und gegenseitigen lebhaften Anschuldigungen der Rechten und der Linken. Eine furchtbare Katastrophe ereignete sich in den Gruben bei Saint- Etienne durch wiederholte Explosionen schlagender Wetter. In die Gruben waren am Montag 300 Arbeiter eingefahren. Zahlreiche Leichen sind bereits heraus- geholt, nur sehr wenig Lebende; man fürchtet, daß gegen 200 Personen umgekommen sind. Das ist das„Risiko der Arbeit." Die Anklageschrift im Boulanger-Prozesse sollte, wie wir mittheilten, ain Donnerstag überreicht werden. Der„Magdb. Ztg." zufolge ist die Ueberreichung wieder ver- schoben worden, man spreche sogar von Eröffnung einer neuen Untersuchung. Ueber B ör sen g esch ä f t e des französischen Justiz- Ministers Thevcnet veröffentlichen die bonapartistischen und boulangistischen Blätter neue Enthüllungen. Diesen zufolge soll es außer Zweifel sein, daß Thevcnet den verurtheilten Bankier Jacques Meyer seit Jahren kannte, was Thevenet in der Sonnabends sitzung der Kammer leugnete. Auch in der Kammer ist Thevenet angegriffen worden. Der Journalist Woestyne stellte an die Kaminer das Begehren wegen Aus- lieferung Thcoenet's, gegen welchen er eine Klage wegen Fäl- schung von Dokumenten überreichte. Die Abberufung des franzosischen Gesandten Bourkc in Briissel wegen seiner Verbindung init den Bonapar- tisten wird von verschiedenen Blättern als bevorstehend ange- kündigt. Der Fotrawrrbaud Derlin-Ost und Umgegend de« Uerband« deutscher Zimmerleute hielt am Sonntag, den 30. Juni, Vormittags, in Hoffinann's Salon, Gr. Frankfurter- straßc 72/73, seine regelmäßige Versammlung unter Leitung des Herrn Gruse ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Wie stellen sich die Mitglieder des Lokalverbandes Ost und Um- gegend zur Verschmelzung sämmtlicher Lokalvcrbände. 2. Vor- trag über den diesjährigen Handwerkertag. 3. Verschiedenes und Fragekasten. Herr Gruse legte zunächst klar, was ihn dazu veranlaßt habe, obige Tagesordnung aufzustellen und führte an, daß dasselbe unbedingt in allen Lokalverbänden auf die Tagesordnung komineit werde, denn die letzte große Be- weguiig der Berliner Zinimerleute bietet genügend Stoff dazu; taut Statut werden manche aus dem Verband gestrichen wer- den müssen, und so würden sich in verschiedenen Lokalverbänden die Reihen sehr lichten. Nachdem sich mehrere Redner in demselben Sinne ausgesprochen hatten, ebenso auch einige gegen die Ausführung des Redners, wurde der Aulrag: „Sind die Mitglieder gewillt, daß sich der Lokalvcrband Berlin Ost und Umgegend auflöst", abgelehnt. Zu Punkt 2 der Tagesordnung hielt Kamerad Otto Loß ein beifällig aufge- nommenes Referat über den diesjährigen Verlauf des Hand- werkertagcs, welcher von 123 Städten mit 43 Delegirten beschickt war. Der Verband zählt gegenwärtig ungefähr 10 500 Mitglieder. Kamerad Loß schließt mit den Worten:„Der diesjährige Handwcrkcrtag habe ein gutes Werk gestiftet. Herr Gruse brachte alsdann ein Schreiben zur Verlesung, welches ihm vom Hauptvorstande zugegangen sei, und welches er Herrn Marzian zustellen soll, welches besagt, daß Herr Mama« wieder in den Verband aufgenommen wird.— In„Verschiedenem" wurde beschlasscn, binnen 14 Tagen eine Generalversammlung einzuberufen mit der Tagesordnung:„Abrechnung vom zweiten Quartal und Neuwahl des Vorstandes" und zwar auf einen Wochentag. Nach Erledigung des Fragekastens wurde die Ver- sammluna um 1 Uhr geschlotten. Nach Vereinbarung mit dem Wirthe findet die nächste Versammlung am Mittwoch, den 10. Juli, in demselben Lokale statt. Die Töpfer hielten am Mittwoch eine gut besuchte Ver- sammlung im Königstädt. Kasino unter Vorsitz des Herrn Thieme ab, uni sich über die gewerkschaftliche Lage auszu- sprechen. Der Vertrauensmann Maschke erstattete zunächst Bericht hierüber. Die Lage im Norden sei, ausgenommen Weißen sec, eine günstige, im Osten sehr gut; überall werde nach dem Tarif gearbeitet, nur nicht bei dem Töpfermeister Salinger; im Osten sei die kürzeste Arbeitszeit zu verzeichnen. Von 8. und W. lagen keine Nachrichten vor. Im Allgemeinen jedoch sehe es sehr schlimm unter den Töpfen, aus. Ungefähr 800 bis 1000 Mann hätten keine Arbeit, selbst bessere Arbeiter bummelten schon seit 2 Wochen vor Pfingsten.■ Um dem abzuhelfen, empfiehlt Redner, die Arbeitszeit zu verkürzen, sowie den Zuzug abzuschneiden, der deshalb so enorm sei, weil mehrere größere Städte im Lohnkampfe liegen. Redner be- spricht sodann näher die Streiks in den einzelnen Städten und behauptet, daß die Dresdener Kollegen rücksichtslos gehandelt hätten. Sie verdienten eine Rüge, weil sie den Kongreß- beschlüssen nicht»achgekommen sind. Nach diesen sollten erst kleinere Orte, die noch einen 14stündigen Arbeitstag haben, Forderungen stellen. Herr Habansi widerspricht diesen Aus- suhrungen. Die Dresdener hätten nicht anders handeln können; man könne ihnen doch nicht zumuthen, einen Revers bedingungslos zu unterschreiben. Herr Thieme ist derselben Meinung. Als Mittel, die Stockung etwas zu beseitigen, schlägt auch er eine möglichst kurze Arbeitszeit vor und fordert die jüngeren Kollegen aus, sofort Berlin zu ver- lassen und sich die Welt anzusehen. Es sei dies eine moralische Pflicht. Im weiteren regt Redner an, einen Aufruf im Organ zu erlassen, damit der Zuzug nach Berlin aufhöre und nach den kleineren Städten gelenkt werde. Es seien jetzt über 1000 Mann mehr in Berlin als gewöhnlich. Herr Münzerpost hält die augenblickliche Schlappe schon für eine Folge des Maurerstreiks. Herr Chemnitz glaubt, daß die Engherzigkeit der Bauunternehmer, die den Maurern nichts be- willigen, bald sämmtliche Bautöpfer arbeitslos machen werde. Roch längerer Debatte wurde beschlossen, die Arbeitszeit um 1 Stunde zu verkürzen und unter keinen Umständen unter dem Tarif zu arbeiten. Die ledigen Kollegen haben Berlin sofort zu verlassen. Ferner wurde der Ver- krauensmann verpflichtet, in auSivärtigcn ProvinzialblättenlSitua- tionsberichte zu veröffenlichen, um den Zuzug abzuschwächen. Als Antwort aus die zu gewärtigende schwarze Liste der Meister wurde beschlossen, sobald ein Streitfall mit einem Meister, der Maßregelungen nach sich ziehen könnte, entsteht, dies sofort dem Vertrauensmann mitzutheilen, damit Maß- regeln dagegen getroffen werden können. Hierauf legte der Vertrauensmann Rechnung. Die Einnahmen 7522,63 M., die Verantwortlicher Redakteur; i Ausgaben 7489,35 M. betragen, sodaß 33,28 Mark Bestand bleiben. Die Ausgaben setzen sich zum größten Theil(ungef. 6150 M. in 5 Monaten) aus Unterstützungen von streikenden Arbeitenr, Maurern, Zimmerern, Steinmetzen, Former», Weißgerbern, Arbeitsleuten, auswärtigen Töpfern, zusammen. Dem Vertrauensmann wurde Decharge crthcilt. Der Umstand, daß derselbe sein Amt niederzulegen erklärte, weil er nicht„Lauf- bursche" sein wolle, zeitigte eine häßliche Debatte, die schließlich vertagt wurde. Dann schloß die Versammlung. Eine öffentliche Versammlung der Htockarbeiter «nd Drechsler Kerlin» fand am Montag, den 1. Juli, in Deigmüller's Saal statt. Die Tagesordnung lautete: 1. Die Lohnredyktionen in unserer Branche, speziell m den Werkstellen der Herren Reinmert, Prinzenstratze, und Friese, Mehnertstraße, und wie schützen wir uns vor weiteren Abzügen. 2. Diskussion. 3. Die Arbeitseinstellung der Firma Gebr. Noah, Vrinzenstraße. 4. Verschiedenes. Zum ersten Punkt der Tagesordnung erhielt Herr Hildebrandt das Wort. Derselbe machte zunächst der Versammlung bekannt, daß die Versammlung nicht im Auftrage der Remmerfschen Kollegen einberufen, sondern der Auftrag von Kollegen außerhalb der Remmert'schen Werkstatt erfolgt sei, da die Gesammtheit darunter leide und ein Unternehmer dem anderen bei Abzügen natur- gemäß folge. Der Redner ging nun auf die Lohnrcduktion felbst ein und wies mit einer mit zur Stelle gebrachten Lohn- liste vom Jahre 1884 nach, daß die Löhne damals bedeutend höhere gewesen seien. Da nun in letzterer Zeit die Miethe um 20— 25 pCt. und die Lebensmittel um 15—20 pCt. in die Höhe gestiegen sind, so wäre eher anzunehmen, daß die Löhne dementsprechend erhöht würden, aber im Gegensatz zu dieser Thatsache seien die Meister fertgesetzt bemüht, weitere Abzüge zu machen. Dem müsse ein Halt geboten werden. Redner geht nun auf die Hausarbeit ein und sagt, daß die sogenannten kleinen Meister(Dachstubenmeister) durch ihre malsenhaflcn Lieferungen, welche sie durch überlange Arbeitszeit(Nacht- arbeit) produziren, sich ins eigene Fleisch schneiden. Der Redner ichlägt nach Schluß seiner AuSfühnnigen S. stündige Arbeitszeit und einen Mindestverdienst von 40 Pf. pro Stunde vor, so daß ein Wochenlohn von 22 Mark wenigstens erzielt weiche. Redner legt zum Schluß die Frage vor:„War eine Lohnreduktion in der Remmert'schen Werkstatt nothwendig?" Er beantwortete diese Frage mit„Nein", indem es kein Grund sei, Abzüge zu machen, ivenn sich ein anderer Arbeiter billiger anböte; Herr Hildebrandt spricht die Befürchtung aus, daß diese Handlungsweise betr. der Lohnabzüge den guten Ruf der Firma Remmert zunichte mache, der Friese'schen Angelegenhett wolle er weiter keine Beachtung schenken. In der Diskussion erhielt Herr Remmert zuerst das Wort. Derselbe brachte eine Lohnliste vom Jahre 1888— 89 mit, dieselbe ergab bei 8 Arbeitern ungefähr einen Durchschnittsverdienst von 22 M. pro Woche. Demgegenüber richtet Herr Pindrix einen Appell an die Versammlung, fleißig der Vereinigung der Drechsler Berlins Ortsverwaltung il beizutreten, da es nicht mehr so weiter gehen könne. Schnitzer und Feiler lebten schon nicht mehr wie Menschen, da Nachfeierabend- und Nachtarbeit bei denselben an der Tagesordnung seien. Der Redner entwirft ein treues Bild, welche Ausgaben ein Arbeiter hat, und zieht daraus den Schluß, daß 25 M. mindestens nothwendig seien; und da komme ein Fabrikant und prahle mit einem Durch- schittslohn von 22 M. pro Woche.(Die Löhne schwankten zwischen 29—13 M. in der Remmert'schen Lohnliste.) Sämmt- lichc Redner äußerten sich in demselben Sinne. Schließlich wurde folgende Resolution und folgender Antrag angenommen: Die heutige Versainmlung der Stockarbeiter erklärt, daß unter den heutigen Arbeitsverhältuissen und den fortgesetzten Lohnreduk- tionen Maßregeln getroffen werden müssen, um eine Besserung der Verhältnisse herbeizuführen. Um eine Besserung der Ver- Hältnisse heibeizuführe», erachtet es die Versammlung für noth- wendig: 1. Die Arbeitszeit auf 9) Stunde zu beschränken und die Hausarbeiter ebenfalls heranzuziehen, diese Arbeitszeit inne zu halten. 2. Einen Minimallohn von 40 Pf. pro Stunde zu erzielen. Außerdem erklären die Thcilnehmer der Ver- sammlung der Vereinigung der Drechsler Deutschlands, Ortsverwaltung II, beizutreten, mn durch geschlossenes Vor- gehen die Branche einer Besserung entgcgenzusiihren. Antrag: Jeder anwesende Kollege verpflichtet sich von heute an, eine genaue Statistik seines Verdienstes und etwaige Aus- naben an Werkzeug und sonstigen Auslagen jede Woche 6 bis 10 Monate lang aufzustellen und dann dem Vorstand der Orlsverwaltung il, Berlin, einzusenden, um im nächste, i Jahre gutes Material zu haben. Es wird ferner gebeten, auch dahin zu wirken, daß nichtanwesende Kollegen dazu veranlaßt werden. Der dritte Punkt der Tagesordnung wurde wegen vorgerückter Zeit fallen gelassen. Unter„Verschiedenes" wurde zunächst auf den Arbeitsnachweis, DreSdenerstr. 116, hingewiesen, daß die Kollegen denselben fleißiger benutzen möchte», als bisher. Ferner wurde auf die Mitgliederversammlung am 16. d. M. in Scheffers Salon, Jnselstr. 10, aufmerksam gemacht. Daselbst werden auch neue Mitglieder aufgenommen. Schluß der Versammlung 12 Uhr. An die Schneider Keriin»! Werthe Kollegen! Ihr werdet Euch gewundert haben, daß die von Seiten der„Freien Vereinigung der Schneider Berlins" zu Montag, den 1. Juli, nach Domack's Salon, Johannisstr. 20, einberufene Versammlung nicht stattgefunden hat. Um die Sache klar zu legen, müffen wir zunickgreifen aus die Versammlung vom 27. Mai, in welcher der Vorsitzende der„Freien Vereinigung" bekannt machte, daß 8 Tage nach Pfingsten eine große öffentliche Ver- sammlung stattfinden solle, die sich mit der Frage der Beschickung des internationalen Arbeiter-Kongresses zu Paris befassen solle. Trotz dieser öffentlichen Bekanntmachung hat die erst am Tage darauf gewählte Agitations-Kommission der hiesigen Filiale des deutschen Schneiderverbandes zum selben Tage eine öffentliche Schneiderverfammlung einberufen. In derlelben machte der Bevollmächtigte der hiesigen Filiale des deutschen Schneider- Verbandes, Herr Jeschonneck, den Leitern der„Freien Vereini- gung" den Vorwurf, daß sie zu feige seien, in der Versamm- lung zu erscheinen, trotzdem der Herr sehr gut wußte, wo sich dieselben befanden. Um nun einem derartigen abermaligen Vorwurf zu entgehen, hatte der Vorstand der„Freien Vereinigung" belchlossen, in Anbetracht der erst am Sonntag bekannt gemachten öffentlichen Schneider-Versammlnng die Versammlung in Domak's Salon nicht stattfinden zulassen. Kollegen! Als Ersatz dafür findet am Montag, den 8. Juli, in Gratweil'S Bierhallen, eine große Schneiderversammlung der „Freien Vereinigung der Schneider Berlins" statt. Sollte wider Erivarten von anderer Seite das alte Spiel wiederholt werden, so werden wir einem derartigen Vorgehen zu begegnen wissen. Der Vorstand der Freien Vereinigung der Schneider Berlins. Im Auftrage: L. Pfeifer, Kommandantenstr. 21. Eine Versammlung der Vereinigung Deutscher Stellmacher» Mitgliedschaft Berlin, fand am Montag, den 1. Juli, im Saale des Herrn Funk, Bergstr. 12, statt. Die Tagesordnung lautete: 1. Gewerkschaftliches. 2. Besprechung und Beschlußfassung zu einer Landpartie. 3. VvreinSangelegen- heiten. Zum Punkt 1 der Tagesordnung ergriff Kollege Gel- haar das Wort, der den Wunsch äußerte, daß für Vorträge in den Vereinsverfammlungen mehr Sorge getragen würde, damit die Kollegen allseitige Anregung erhielten. Zu Punkt 2 wurde beschlossen, daß eine Fußpartie stattfinden soll, der Tag und das Ziel blieb dem Vorstand zur Feststellung bis zur nächsten Ver- ammlung überlassen. Sodann wurde noch angeführt, daß es hier in Berlin höchst nothwendig sei, eine zweite Filiale zu er- richten, um den Versammlungsbesuck einem jeden Kollegen zu erleichtern. Auch wurde der Wunsch laut, der Vorsitzende möge doch in der nächsten Versammlung Ausschluß über die Mit- glieoerzahl der Filiale geben._ . Eronhetm in Berlin. Druck und Verlag von Ma» Kaöing Der Fachverel« der Albumardetter hielt am 1. Juli in den Zentral-Festsälen, Oranienstraße 180, eine Generalversammlung ab. Die Tagesordnung lautete: 1. Vereins- und Kassenbericht, Bericht der Arbeitsnachweiskommission. 2. Er- satzwahlen. 3. Verschiedenes. Aus dem Vereinsbericht ging hervor, daß der Verein auf seine Thätigkeit zufrieden zurückblicken könne, da derselbe trotz seines kurzen Bestehens bereits über 200 Mitglieder zähle. Der Kassenbericht wurde genehmigt und dem Kasstrer Decharche ertheilt. Herr Freudenreich macht auf die großen Ausgaben für Inserate zu den Vereinsver- sammlungen aufmerksam und beantragt, daß in Zukunft die arbeitersreundlichen Blätter ersucht werden, die Bekanntmachung unserer Versammlungen in den redaktionellen Theil aufzunehmen und, daß nur bei außerordentlichen Versammlungen inferirt werde. Der Antrag wurde genehmigt. Der Bericht der Arbeitsnachweis- kommission zeigte ein recht erfreuliches Bild von der Thätigkeit derselben. Rur wäre es sehr erwünscht, wenn sich die Kollegen diese Einrichtung noch lebhafter zu Nutze machten. Die Be- theiligung der Fabrikanten ist eine sehr rege. Sodann wurden die Herren Stunn als 2. Schri ftfiihrer, Kaiser als 2. Kassirer, Otto Fischer als Beisitzer gewählt. Unter„Verschiedenem" machte der Vorsitzende ans die am Dienstag, den 2. ds., statt- findende Versammlung der Papierarbciterinnen und auf die öffentliche Buchbinderversammlung am 3. Juli aufmerksam. Die Billets(Preis: 50 Pf. für Herren und 25 Pf. für Damen) zum Sommerfest am 6. Juli sind bei den Vorstandsmitgliedern zu haben. Dtk Redattion stellt die Benutzung des Sprechlaals. soweit Raum dafür abzu- geben ist, dem Wlblikum zur Bcfprcchnng von Angcltgendtilen astgenicinc»! Interesses zur Verfügung: sie verwahrt steh aber gicilhzcilig dagegen, mit dem Inhalt desselben identjsszirt zu werden, die Auslassungen des Herrn Heindorf in Nr. 150 deS „Berliner Volksblatt"(Sprechsaal) habe ich zu erwidern, daß meine Angaben in der Versammlung ganz richtig waren. ES war gar nicht meine Absicht, den Herrn Heindorf zu ver- leumden. Mir scheint aber die ganze Sache von Herrn H. nicht richtig verstanden zu sein. Der Sachverhalt, welchen Herr H. anführt, ist so weit ganz richtig dargestellt, bis auf einen Punkt. Herr H. meint, ich hätte ihm versprochen, sofort Antwort zu bringen, ob der Wirlh- sein Lokal zu politischen Arbeiterversammlungen giebt oder' nicht, und das ist eben des Pudels Kern. Ich habe Herrn H. verfprochen, den Wirth, am Montag, wenn die Versammlung stattfindet, zu fragen, ob er sein Lokal zu derartigen Versammlungen giebt oder nicht, um dann Herrn H. sofort darüber Bescheid geben zu können. Herr G. hatte es aber nicht für nöthig befunden, persönlich zu erscheinen, weil er eben etwas anderes vorhatte. Herr H. ist ja nicht der erste und auch nicht der letzte Referent, i welcher sein Wort kurz vor der Versammlung zurückzieht. Im übrigen scheint die Sache schon vorher abgemacht gewesen zu sein, denn wenn am Sonnabend erst das Protokoll in der Zeitung erscheint, und am Sonntag früh schon ein Sprechsaal- Artikel, so finde ich das recht komisch. Es ist dies eben der beste Beweis, daß Herr G. schon mit Schmerzen auf das Protokoll gewartet hat, um erst viel Reklame für seine Konsequenz zu mache». So konsequent wie Herr H. ist, find die anderen Referenten wohl ebenfalls. Die Sache ist für mich hiermit erledigt. Ich könnte ja noch manches über die Änge- legenheit sagen, aber ich unterlasse es, weil ich kein Freund von persönlichen Reibereien bin; das schadet ja nur der allgemeinen Sache. Zum Schluß möchte ich nur noch bemerken, daß der Herr Wollschläger, Blumenstr. 78, sein Lokal zu jeder Ber- sammlung giebt. Der Saal faßt zirka 60— 70 Personen. Hugo Jungernrann, Landsberger Platz 2. UikerArisches. Ersetz betr. Invalidität»- und Altersversicherung» Vollständige Textausgabe mit Erläutenmgcn von Bebel und Singer. Preis karlonnirt 50 Pf. Das kleine handliche Büchlein scheint uns für jeden Ar- bciter und Untenrehmer unentbehrlich zu sein. Der Text ist übersichtlich geordnet; der Worlaut des Gesetzes ist in großer, die Erläuterungen dagegen sind in kleinerer Schrift gedruckt, so daß es verhältnißmäßig leicht ist, sich mit dieser schwierigen Gesetzesmaterie bekannt zu machen. VevtttisiHkes. Die Feuerbestattung nimmt an Umfang und Bedeutung zu. Nach genauer Statistik der„Flamme" befanden sich Ende Juni ca. 39 Krematorien in Thätigkeit, 23 in Italien, 16 in Amerika, je ein Deutschland, England, Frankreich, Schweiz, Dänemark und Schweden, Verbrannt wurden in Italien 1876: 2, 1877: 15, 1878: 16, 1879: 27, 1880: 45, 1881: 75, 1882: 69, 1883: 82, 1884: 113, 1885: 162, 1886: 181, 1887: 164, 1888: 226 Leichen. In den anderen Ländern zusammen 1878: 1, 1879: 18, 1880; 19, 1881: 35, 1882: 38, 1883: 53, 1884: 78, 1885: 85, 1886: 211, 1887: 294, 1888: 437. In Italien zusammen 1177, in den anderen Ländern 1269. Summa bis Ende 1888: 2446 Feuerbestattungen. Im Monat Juni weist die intenrationale Gedächtnißtafel der „Flamme" 55 Feuerbestattungen nach. Zur Einweihung deS Züricher Krematoriums am 15. Juni er. hatte der Berliner Verein folgendes Telegramm abgesandt:„Den gleichgesinntcn Pionieren unserer humanen Sache sendet zur Einweihung des Krenratoriums die herzlichsten Glück- und Segenswünsche. Der Verein für Feuerbestattung zu Berlin. I. Ä. Der Vorsitzende. Matterne, Stadtverordneter." Der Pbonogravh im Dienste ber Heilkunde. Der wunderbare Apparat Edison's soll nun auch dazu benutzt wer- den, normale oder abnorme Geräusche, welche im menschlichen Herzen, in den Lungen u. s. w., entstehen, zu fixiren und nach einer beliebig langen Zeit zu reproduziren. Man denke sich nur, wie bequem man es künftig haben wird, wenn man den Verlauf eines Herzfehlers, die allmälige Zunahme resp. den Wechsel der Geräusche mit mathematischer Genauigkeit monate- oder gar jahrelang wird verfolgen können! Dr. Mount Bleyer, ein ameri- konischer Arzt empfiehlt, hierbei in folgender einfacher Weise vorzugchen: Man setzt ein Hörrohr, welches mittelst eines Schlauches mit dem Zylinder des Phonographen in Verbindung steht, in üblicher Weise auf die Herzgegend auf und läßt den Zylinder rotiren. Die auf diesen übertragenen Geräusche, Töne:c. werden nun wieder mittelst Stethoskops abgehört oder mittelst Mikrophons sogar einem größeren Audiloriunr venrehmlich mit- >etheilt. Das ist aber noch lange nicht alles. Die hoch- icrühmtcn Lehrer der Hochschulen werden einzelne Vorlesungen auf den Phonographen übertragen und die fleißigen Schüler werden sich nach Wochen oder Monaten das wieder lebendig gewordene Wort ihres Meisters wiederholen lassen. Irgend ein Kliniker wird, wenn er krankheitshalber am Erscheinen verhindert ist, einen Zylinder des Phonographen, in welchen er zu Hause eine Vorlesung gehalten hat, an seine Klinik 'chickeir und der Phonograph wird statt seiner sprechen und der Assistent wird blos die hierzu nöthige Demonstration deS Kranken vornehmen. All dies ist so natürlich, daß wir uns nur wundenr müssen, daß noch Niemand den Anfang ge- macht hat. in Berlin SW.. Beulhstraße 2. Hierzu eine Keilage. Beilage zum Berliner Voltsblatt. Kr. 154. Freitag» den 5. Juli 1889. 6. Jahrg. Ate Witterung de« Monat» Inni diese» Jahre«. Das Jahr 1889 ist in meteorologischer Hinsicht ein überaus merkwürdiges. Auf den lang anhaltenden Winter folgte von Mitte Apru ab eine Wärmepcriodc, die das eigentliche Früh- fahr nur auf wenige Tage beschränkte und uns dann sogleich mitten hinein in den Sommer versetzte. Diese Wärmeperiode {at 2* Monat ohne irgend wesentliche Unterbrechung ange- alten. Wir wiederholen, was in letzter Zeit mehrfach aus- gesprochen ist, daß jede Prophezeihung bezüglich des kommenden Wetters, soweit man sie aus zu wanne oder zu kalte Perioden der Vergangen heit stutzt, vom Uebel ist. Hat auch die Witte- vung und vor allem die Wärme das Bestreben, alle extremen Vorgänge auszugleichen, so geschieht doch dieser Ausgleich oft nngemern langsam und so unregelmäßig, daß nichts verfehlter märe, als zu sagen: weil wir einen wannen und sonnigen Mai und Juni gehabt haben, muß der Juli kalt und regnensch sein. Ein Wunder wäre es allerdings nicht, wenn ein kühler Hoch- sommer folgte, und wir rathcn niemandem, auf die Beständig- kcit des diesjährigen Sommers feste Pläne zu bauen. Jeden- falls enthalten wir uns jeder Prophezeihung, wie wir es über- hanpt nach dem heutige Stande der Meteorologie für unmöglich hallen, das Wetter auf länger als 1—2 Tage auch nur mit einiger Sicherheit vorauszubestimmen. Selbst die Wetterprognosen für diese kurze» Perioden sind ja oft unzuverlässig, denn die barometrischen Minima, die Cirruslvolkcn u. drgl- gehen nicht aus Schieirenwegen, haben vielmehr oft ihren Sinn und ihren Weg für sich. Wenn Cirmswolken am Himmel steh'», Gicbt's Regen— oder es bleibt auch schön; In Menschen und in Cirren Kann man sich manchmal irren. Das ist ein wahrer und treffender Reinispruch, den einmal rin Witzblatt vor 8—10 Jahren, zur Zeit der höchsten Blüthe der Wetterprognosen brachte. Der Mai war in teincrkt ganzen Verlaufe zu wann; es war keine Stunde im ganzen Monat, die nicht einen Wänne- Überschuß im Vergleich zu dem normalen Thcrmomcterstandc hatte, und im Mittel betnig diese Abweichung von der Normal- Zcmpcratur 6,1 Gr. Der Mai mit seiner Mitteltemperatur von 19,2 Gr. war wärmer als der Juli zu sein pflegt, und er war der wärmste Wonnemonat seit Beginn der meteorologischen Beobachtungen, d. i. seit 1718. Der Juni erreichte nun ziuar de« Vormonat in dieser Exzentrizität nicht ganz, immerhin aber war er ganz außergewöhnlich warm. Seine Mittcltemperatur betrug im Monatsdurchschnitt 21,7 Gr., während nach lang- > ährigen Beobachtungen für den Juni 17/1 Gr. normal sind. Der Berichtsmonat war also um 4P Gr. zu warm. Ver- folgen wir aus den Beobachtungen früherer Jahre die Juni- monaie, welche absonderlich heiß waren, so finden wir die Jahre 1756 mit 21,8 Gr. 1757„ 20/)„ 1761„ 21,1„ 1775„ 21,1„ 1783„ 20,9„ 1811„ 20,4„ 1858„ 20,3„ 1877„ 19,8„ denen sich nun 1889„ 21,7„ anschließt. Der diesjährige Juni wird also nur noch von dein des Jahres 1756 übertroffen und zwar um 0,1 Grad. Seit 133 Jahren war jedenfalls kein Juni so warm, wie der letzte, und besonders in unserem Jahrhundert blieben die Junimonate erheblich hinter dem diesjährigen zurück, während im vorigen Jahrhundert mehrere Monate ihm annähernd gleichkamen. Insbesondere zeichnete sich die Penode von 1755 bis 1763, also die Zeit des siebenjährigen Krieges, durch warme Juni- monate aus. Wenn»vir nun den Verlauf der Witterung in Berlin während des Juni d. I. an der Hand der in dieser Zeitung veröffentlichten meteorologischen Beobachtungen genauer ver- folgen, so finden wir, daß der Monat mit einer Reihe ganz beispiellos heißer Tage begann; am 11. brachte ein Gewitter mit starkein Regen eine vorübergehmde Abkühlung, doch wurde es bald wieder wärmer, wenn auch die Temperatur die frühere Höhe nicht mehr er- reichte; erst vom 19. ab ging die Temperatur merklich herab, so daß sie am 20. gerade normal war und am 21. zum ersten Male seit zwei Monaten(um 0/ Grad) hinter der normalen zurückblieb. Diese verhältnißmäßig kühle, gcwitteneiche Periode dauerte aber nur bis 24., dann wurde es wieder Tags über wärmer, während die Nächte und Frühstunden ziemlich kühl blieben. Im Einzelnen war zunächst der Barometerstand mit einem Monatsmittel von 756,7 mm um 1 mm zu niedrig. Nur in der heißesten und heitersten Zeit vom 6.— 10. war der Gang des Barometers ein lebhafterer, im übrige» war er außerordentlich langsam; beispielsweise änderte das Wetterglas in den sechs Tagen vom 19.— 24. seinen Stand im Ganzen nur um 2,8 mm. Ter höchste Stand betrug am 6. 764,7 mm, der niedrigste am 10. 747,7 wn. Die Temperatur belief sich im Monatsmittel um 7 Uhr Morgens auf 18,7 Gr. C.(nonnal sind 16,2 Gr.), um 2 Uhr Mittags auf 24,9 Gr.(normal 19,8 Gr.), und um 9 Uhr Abends auf 21,5 Gr.(normal 16,9 Gr.). Daraus ergiebt sich(durch den Ansatz 7 4-2+[2 X 9|) eine mittlere Monatstemperatur von 21,7 Grad, während 17,4 Gr. normal sind. Nur 2 Tage im ganzen Monat waren(um 0,4 und 0/ Gr.) zu kalt, einer war normal, die übrigen waren zu warm. Den größten Wärmeüberschuß hatte der 2. mit 9,5 Gr., wie denn überhaupt die Tage vom 1.— 10. sämmtlich um 5 und mehr Grad(im Durchschnitt um 7,6 Gr.) zu warm waren. Der 1.— 3., sowie der 7.— 9. waren in keinem der vorausgegangenen 41 Jahre(seit 1848 besitzen wir tägliche amtliche Beobachtungen) so wann, wie in diesem Jahre. Der kälteste Tag war der 20. mit 17P Gr. Mitteltemperatur, der wännste der 2. mit 26P Gr. Letzterer Tag ist überhaupt der wärmste Junitag seit 1848 gewesen. Sommertage, d. h. solche, bei denen das Maximum auf mindestens 25 Gr. stieg, gab es im Monat 23. Das absolute Maximum siel mit 34,0 Gr. auf den 9., das absolute Minimum mit 10/ Gr. auf den 24. Aus dem Erdboden betrug das Maximum 39,2 Gr.(am 4.), das Minimum 8/1 Gr.(am 24.). Das mittlere Luftmaximum be- I�chnet sich auf 27,4 Gr., das mittlere Erdbodenmaximum auf «>,7 Gr.; die mittleren Minima betrugen 16)2 bezw. 13/ Gr. P, linier den Winden waren im Jurn die aus den nördlichen sllcytungcn wehenden vorherrschend, was insofern gut war, als ■ t i!ler�'l,en'eßun0 von Norden her, die überdies meist ziemlich lebhaft war, die Wirkung der Hitze etwäs herab- gemmdert wurde. Von den 90 Windbeobachtungen des RonatS entfielen 23 auf Nordwest, je 14 auf Nord und Nordost, 1°$ S�ftm bA1- Tf Ost. Windstille wurde 3 Mal fest- Du Windstärke betrug im Monatsmittel 2,9 der !2th«lrgen Skala. Die größte Stärke, die im ganzen 8 Mal erreicht wurde, war die Nummer 5. Die Bewölkung war sehr gering. Wenn 0 ganz heiter und 10 ganz trübe bedeutet, war im Monatsmittel die Himmelsbedcckung 4P, während 5,7 nonnal sind. Nur vier Tage gelten im meteorologischen Sinne als trübe(Bewölkung über 8), 5 dagegen als heiter(unter 2); die übrigen hatten ge- mischte Bewölkung. Nur 7 Beobachtungen im ganzen Monat ergaben einen völlig bedeckten, dagegen 17 einen völlig heiteren Himmel. Auch die relative Feuchtigkeit der Luft war geringer, als sie im Juni gewöhnlich ist. Sie betrug im Monatsmittel 55 pCt., wogegen 66 pCt. normal sind. Das Maximum fiel mit 86 pCt. auf den 11., das Minimum mit 27 pCt. ans den 8. Die Niederschlagshöhe betrug 59,9 mm, d. s. 9 mm weniger als dem Juni zukommt. Fast durchweg kam der Regen in Be- glcitung von Gewittern: am 11. fielen allein 21,2, am 20. 15,6 mm. Im ganzen vertheilt sich der Niederschlag auf 12 Tage. Doch fielen an vier Tagen nur ganz geringe Ouantitäten(unter 0,2 mm). Gewitter fanden an 8 Tagen statt. Für die Kerliner Feuerwehr, deren Vortrefflichkeit über allem Zweifel erhaben ist, tönt jetzt uneingeschränktes Lob auch aus französischem Munde. Auf einer jüngst in Paris stattgehabten Zusammenkunft von Delcgirten französischer Feuer- wehren hielt ein Herr Charles Fontaine aus Lyon einen Vor- trag über die Feuenvehren der ganzen Welt und nannte neben der New-Porker die Berliner Feuenvehr als die musterhafteste, sowohl was ihre Disziplin und besondere Schnelligkeit, als auch Leistungsfähigkeit anbelange. Der sachverständige Redner führte unter anderem an, daß z. B. vom Augenblick der Mel- dung eines Feuers bis zur Ausfahrt der ersten Wagen mit Mannschaften aus dem Depot im höchsten Falle nur 45 Sekunden verstreichen, was eine Leistung sei, welche die Berliner Feuerwehr„an die Spitze der alten Welt setze". In New-Pork betrage jene Zeitspanne trotz allem Feuereifer nie unter 1,25 Minuten, und in Frankreich müsse man es noch loben, wenn innerhalb dreier Minuten dasselbe erreicht sei. Einzig und allein gebühre der Berliner Musterdisziplin das Verdienst an diesen vortrefflichen Leistungen. Erwähnt wurde femer, daß Berlin trotz seiner Größe diejenige Stadt sei, in welcher die wenigsten Schadenfeuer vorkämen. Man sollte sich, so sagte Herr Fontaine ani Schluß,„die Berliner Feuenvehr als Muster nehmen". Ueber die Nergiftung durch gefärbte Kleidungsstücke, von der unsere Damen insbesondere betroffen werden, fand jüngst in der Berliner medizinischen Gesellschaft eine interessante Diskussion statt, welche viele neue Thatsachen über den Gegenstand an den Tag brachte. So berichtete Dr. Weyl, daß die Reste der Trikottaille, durch deren Tragen eine Dame, wie s. Z. mitgetheilt worden ist, einen langwierigen Hautaus- schlag bekommen hatte, in seinen Besitz gelangt und von ihm, dem„B. T." zufolge, einer eingehenden Untersuchung unter- zogen worden sind. Es ergab sich, daß der rothe Kattun, mit welchem Kragen und Maschetten der Taille gefüttert waren, mit Saffranin gefärbt waren. Sobatd dieser Stoff mit der feuchten menschlichen Haut in Berührung kommt, wird sie roth gefärbt. Das Saffranin ist ein Theerfarbstoff, welcher nament- sich in Frankreich und Italien in großem Umfang zur Rothfärbung von Liqueuren, aber, wenn auch seltener, für Kleidungsstücke verwendet wird. Der Stoff wirkt giftig.— Des Weiteren wurde aus der Praxis eines Berliner Arztes ein Fall mitgetheilt, welcher eine Frau betraf, die ihrem Arzte sagte, daß sie an einer Blutvergiftung leide. Sie klagte über Schmerzen an beiden Füßen und hatte eine Schwellung und entzündliche Röthung beider Unterschenkel bis zum Kniegelenk. Die Kranke führte ihr Leiden auf das An- ziehen neuer blangrauer Strümpfe zurück, die sie sich selbst ge- strickt hatte. Nachdem sie dieselben zwei Tage getragen hatte, empfand sie an beiden Unterschenkeln ein starkes Brennen, das allmälig noch zunahm. Auch bemerkte sie zu ihrem Schrecken bald Anschwellung und Röthung der Schenkel und ging daher zum Arzt. Durch Ruhe und Waschungen mit Seiscnwasfer gingen die Erscheinungen allmälig zurück. Die Strümpfe fühlten sich fettig an und verbreiteten bei der Wäsche einen starken Gernch nach Oleum. Die chemische Untersuchung der Wolle er- gab, daß dieselbe mit indigoschwefelsaurem Natron, einer völlig nngiftige�Farbc, gefärbt war. Vielleicht hat weniger der Farbstoff als die Säure die Haut angegriffen. Dr. Weyl hat von einem Färber ein Band zugeschickt erhalten, das, sobald es angelegt wurde, einen Ausbruch von Nesseln hervorrief. Das Band ist mit Eosin gefärbt. Als Vorsichtsmaßregel gegen eine Vergiftung durch Textilfaseni stellt Dr. Weyl die Forderung auf, baß man weder wollene noch bammvollene Strümpfe tragen soll, welche frisch aus dem Laden bezogen worden sind, ohne sie zunächst tüchtig zu waschen und zu brühen. Für seidene Stoffe gilt diese Warnung nicht, weil die Farbe auf dem Seidcnfaden viel besser als auf dem wollenen haftet.— Auch die neue Modewaarc der orange- farbcncn Schuhe, die man hier und da auf den Straßen sieht, hat schon ein kleines Unheil angerichtet. In München ver- spürte ein junger Mann, der ein Paar Halbschuhe von solchen: Leder trug, nach achttägigem Gebrauch an beiden Füßen heftiges Jucken. Er bemerkte, daß sich seine Füße gelb gefärbt hatten. Der Farbstoff war bereits in die Haut eingedrungen und es bildeten sich in der Folge noch eine Menge kleiner Blasen, die mit einer gelben Flüssigkeit gefüllt waren. Der von ihm zu Rothe gezogene Arzt sandte die Halbschuhe in das Münchener Hygienische Institut behufs Untersuchung. Es stellte sich heraus, daß das Leder mit Pikrinsäure im Uebermaß ge- färbt war; der Verlauf der Hautkrankung war übrigens ein günstiger. f ir Freuden der polizeilichen Uedernmchnng sind clegirten der Zentrakkrankenkasfe der Tischler nicht erspart geblieben. Nicht bloß, daß die aus Grund des Hilfskassen- gesetzes und des Statuts einberufene Generalversammlung bei ihren Bcrathungen das Vergnügen genoß, abwechselnd von zwölf verschiedenen Polizeiofsizieren und ebenso vielen Schutz- leuten überwacht zu werden, was bereits zu Erörterungen m der Versammlung selbst Veranlassung gab, worüber wir auf den betreffenden Versammlunasbericht verweisen, so sollten die Herren auch noch oie Wirksamkeit eines wachsamen Polizei bei einer anderen Gelegenheit kennen lernen. Am Montag Abend unternahmen die Delcgirten einen Ausflug nach TabbertS Waldschlößchen und zwar in Begleitung zahlreicher hiesiger Kassenmitglieder. Zwei Dampsir führten die Gesellschaft nach ihrem Bestimmungsort. Alles verlief in schönster Harmonie trotz(oder vielleicht, ivie Andere glauben mögen, infolge) der Anwesenheit von mindestens 8 Gendarmen. Auch sollen verschiedene Gestalten aus der Klasse der Nicht- gentleman bemerkt worden sein. Der eine Dampfer war bereits nach Berlin zurückgekehrt, als die noch im Lokale Anwesenden auf den staatsgcfährlichen Gedanken kamen, ein Lied aus der schon am Sonntag ausgegebenen Festzeitung anzustimmen. Da trat die Polizei, um die Nothwendrgkeit ihrer Anwesenheit zu zeigen, in Aktion. Da sie selbst den Sängern nicht Schweigen gebieten konnte, so fand sich der Wirth des Lokals bereit, dies zu thun unter Berufung auf sein HauSrecht. Die Sänger schwiegen und verhielten sich in noch weiterem Umfange still; sie aßen nicht, sie tranken nicht, sie tanzten nicht und schoben nicht Kegel, sondern fuhren möglichst bald nach Hause.— Und trotz dieses Aufgebotes von Sicherheitsbeamten beließen die Delegirten ihre Vereinskasse doch lieber in Ham- bürg. Vielleicht war ihnen die Berliner Sicherheit doch etwas zu stark. Der Stationsbeamte, welcher aus Anlaß des Eisenbahn« zusammenstoßes auf Bahnhof Wannsee seiner Zeit um Amt und Ehren gekommen war, sollte, wie kürzlich mitgetheilt wurde, jetzt als Vorsteher der Eisenbahnstation Ärtern angestellt fein. Wie nun amtlich bekannt gegeben wird, ist die Nachricht in dieser Fassung unrichtig. Der betreffende Beamte wird viel- mehr nach Verbüßung seiner Strafe zwar wieder im Eisenbahn- dienst beschäftigt, jedoch nur mit schriftlichen Arbeiten in der Güterexpedition der diesseitigen Station Leipzig, in welchem Dienstzweige derselbe mit dem äußeren Betnebsdienst nicht in Berührung kommt. Gefälschte DoKtordisterlation. Ein Student M. au» Berlin hat, wie eine Lokalkorrespondenz erzählt, in diesem Semester an der Universität Königsberg durch Betrug den Doktortitel zu erhalten gesucht. Nunmehr hat die philosophische Fakultät, da die von dem Betreffenden eingereichte Äbhand- lung zum großen Theile abgeschrieben war, durch eine vom Professor Prutz gezeichnete Bekanntmachung das Diplom für ungiltig erklärt und Iben Betheiligten davon hierher Mitthci- lung gemacht. Da jeder Kandidat durch eidesstattliche Versiche- rung zu erklären hat, daß er die eingereichte Arbeit verfaßt habe, so steht Herrn M., der von einer hiesigen Lehranstalt sofort entlassen worden ist, noch eine Anklage ivegen' Betrugs bevor; er hat es indessen vorgezogen, Deutschland zu ver- lassen. Streng aber gereckt handelte der Vater eines jungen Architekten im Westen Berlins. Der leichtlebige Jüngling hatte mit einem unbescholtenen Mädchen eine Liebschaft unterhalten und dasselbe durch Heirathsversprechungen und sonstige Schmeicheleien zu verführen gewußt, bis er des Mädchens Drängen zur Hochzeit unbequem fand und sich zurückzog. Die Verzweifelte tnrg sich mit dein Gedanken, der bevorstehenden Schande durch den Tod zu entgehen und wurde nur mit Mühe von einer Freundin zurückgehalten, welche dem Vater des Verführers alles mitiheilte. Dieser überzeugte sich von der wahren Sachlage und nahm die Unglückliche, deren aufrichtiges Wesen ihm zusagte, in sein Haus. Als nun der oft unter- stiitzungsbedürftige Hern Sohn den Vater abennals um eine Sunime anging, erklärte dieser rnnd heraus, daß er bereits eine andere größere Pflicht auf sich genommen hätte, die ihm nicht gestatte, noch ferner etwas für rhn zu thun.„Dein Kind und dessen bedanernswerthe Mutter," schloß der Gestrenge seine Rede,„sind außer Stande, selbst ihr Leben zu fristen, und namentlich Ersteres darf nickt unter Deiner Schuld leiden. Ich handle nur an Dir erwachsenem Menschen, wie Du an dem unmündigen Kinde handeln wolltest. Geh und versuche, wie einer Waise zu Muthe ist." Und er ging— hoffentlich zu seiner Besserung. Durch eine herabfallende Taste wurde, wie bereits ge- meldet, die in der Köpenickerstraße wohnhafte Tifchlcrfran Therese K. in der Andreasstraße am Kopfe schwer verletzt. Die Recherchen haben nun ergeben, daß die Schuld an dem Un- glücksfall eine in dem Hause wohnende Arbeiterfrau K. trifft. Diese hatte eine Tasse mit heißer Mehlsuppe auf das Fenster- brett gestellt, um die Suppe abzukühlen. Als der Kleine, für welchen dieselbe bestimmt war, die Thür öffnete, schlug der Liirnug die Fensterflügel zu und die Tasse wurde hinausgeschleudert. Dre Veranlasserin des Unglücks sieht nun einer An- klage wegen fahrlässiger Korperverletzung entgegen. In dem großen Inmelendiebstabl in der Friedrich- straße 204 kann die„Post" folgendes berichten: Die Kriminalpolizei vigilirte gleich nach Bekanntwerden des Diebstahls auf alle diejenigen Frauen, welche in der Friedrichstraße nach alten Damenkleidenr Nachfrage zn halten pflegen. Gestern that die Polizei nun einen glücklichen Fang, denn in der verhafteten ungarisch-galizischen Händlerin M. ivurde mit aller Bestimmt- heit diejenige rekognoszirt, welche an dem fraglichen Tage in dem Hause und in dem Pensionat Friedrichstraße 204 betroffen worden ist und dann nach alten Kleidern geflagt hat. Die M., welche einen verschmitzten Eindruck macht, leugnet vorläufig noch Alles; die Juwelen sind ebenfalls noch nicht gefunden, doch ist die M. heute der königl. Staatsanwaltschaft vorgeführt worden. Eine unfstnirte Kobendiebin hat vorgestern in einem Geschäft einen Diebstahl ausgeführt. Nachmittags gegen 6 Uhr trat eine etwa 50jährige Frauensperson in ein Geschäft der Friedrichstadt und bat den allein anwesenden Kommis um gefällige Auskunft, wo die Rahmenschnitzerei von B. gelegen sei. Der junge Mann holte bereitwillig aus dem nebenan lie- genden Komtoir den Adreßkalender, um das Geschäft nachzu- schlagen. Dann ertheilte er Bescheid, und die Frau verließ eiligst den Laden. Die Eile und auch die Erregung der Frau beim Fortgehen machte den Kommis stutzig, und derselbe hielt schnell Rundschau über die Verkaufsgegenstände im Laden. Er bemerkte auch sofort, daß eine bemalte Gipsfigur,„Die Lachende" von Prof. Eberlein darstellend, im Werthe von 42 M. verschwunden war, welche beim Eintritt der unbekannten fragen» noch auf einem Postament gestanden hatte. Der ommis lief sofort auf die Straße. Die Person war aber ver- schwunden. Die Gaunerin ist von starker Figur, wohlbeleibt, von rothcr Gesichtsfarbe und hat markirte Gesichtszüge. Sie trug einen Kapothut und unter einer Pellerine einen Handkorb am Ann. Da« achtlose Fortwerfen von Gbstr-ste» nimmt in letzter Zeit wieder überhand und dadurch sind in diesen Tagen mehrere Unglücksfälle herbeigeftihrt worden. So glitt die in der Werderftraße wohnhafte unverehelichte Marie Sch. in der Oberwallstraße auf Stachelbeerschalen aus, kam zu Fall und zog sich eine Verrenkung des rechten Fußes zu, weshalb ihre Aufnahme in ein Krankenhaus veranlaßt werden mußte. Gin schwerer Ungläcksfall ereignete sich gestern Nach- mittag auf einem Lastkahn an der Straße Neu-Kölln am Wasser. Der Schiffer Friedrich Z. war mit dem Löschen der aus Holz- ballen bestehenoen Ladung beschäftigt und fuhr gerade auf einer Handkarre einige Balken über den Laufsteg, als die Karre infolge ungünstiger Vertheilung ins Schivanken gerieth und seitwärts in den Kahn stürzte. Z., welcher die Karre halten wollte, wurde mit hinuntergezogen und zog sich durch den Sturz, außer Verstauchung der Füße, so schwere innere Ver- letzungen zu, daß er mittelst Droschke in ein Krankenhaus trans- portirt werden mußte. Großfener! Dichte Rauchwolken und weithin sichtbare Flammen alarmirten am Mittwoch, Nachmittags gegen 6 Uhr, die Bewohner des Ostviertels. Die Brandstätte war das Haus Michaelkirchstr. 5, ein fünfstöckiges herrschaftliches Gebäude, zu welchem zwei ebenso hohe Seitenflügel gehören. Bereits gegen 5 Uhr machte sich in dem Hanse ein brandig« Geruch bemerkbar, welcher sich stetig verstärkte, jedoch erst nachdem die Flammen hoch zum Dach hinausschlugen, wurde der Brand von den Hausbewohnern festgestellt, welche sofort die Feuenvehr alar- mirten. Wenige Minuten später trafen die ersten Löschzüge von der nahen Wache der Köpnickcrstraße ein, denen bald weitere Abtheilungen der anderen Depots folgten. Bei dem Eintreffen der Feuerwehr hatte sich das wüthende Element, welches bei den auf dem Boden lagernden Brennmaterialien, Betten, Wäsche, sowie Wintersachen reichliche Nahrung fand, bereits über das ganze Dach des rechten Seitenflügels,>owie über das- jenige des rechten Flügels des Vordergebäudes ausgebreitet, so daß an ein Retten der vom Brand ergriffenen Räume nicht zu denken war und die Feuerwehr in erster Linie die daran stoßenden Nachbarhäuser zu schützen bedacht war. Mit zwei Dampffpritzen und einer Handdruckspritze wurde der Kampf mit dem wüthenden Element aufgenommen, und es gelang erst nach Ustündiger harter Arbeit des Feuers Herr zu werden, so daß mit den Aufräumungsarbeiten begonnen werden konnte; doch auch diese waren sehr schwierig; das Feuer hatte furchtbar ge- wllthet, so daß alles, was nicht feuerfest, buchstäblich zu Atomen verbrannt war. Der Schaden beträgt etwa 15 000 M., für welchen Versicherungsgesellschaften haftbar sind. Gemäß de« Veröffentlichungen des Kaiserlichen Gesundheitsamt» sind in der Zeit vom 16. Juni bis 22. Juni cr. von je 1000 Einwohnern, auf den Jahresdurch- schnitt berechnet, als gestorben gemeldet: in Berlin 42,6, in Breslau 46,3, in Königsberg 45,6, in Köln 33,9, in Frankfurt a. M. 21,5, in Wiesbaden 19,2, in Hannover 21,2, in Kassel 15,9, in Magdeburg 56,3, in Stettin 39,1, in Altona 15,4, in Straßburg 23,9, in Metz 20,9, in München 32,7, in Nürnberg 25,2, in Augsburg 25,6, in Dresden 22,6, in Leipzig 21,2, in Stuttgart 15,2, in Karlsruhe 21,1, in Braunschweig 27,6, in Hamburg 19,7, in Wien 23,0, in Pest 28,8, in Prag 30,8, in Trieft 18,1, in Krakau 38,7, in Amsterdam 19,8, in Brüssel 20,8, in Paris 20,6, in Basel—, in London 14,9, in Glasgow 22,4, in Liverpool 16,9, in Dublin 18,6, in Edinburg 18A in Kopenhagen 22/1, in Stockholm 20,7, in Christiania 25,2, in St. Petersburg 27,4, in Warschau 32,3, in Odessa 28,5, in Rom 23,4, in Turin 22,2, in Venedig 26,4, in Alerandria 36,5.— Ferner in der Zeit vom 26. Mai bis 1. Juni cr. in New- Pork 21,2, in Philadelphia 19,7, in Baltimore 14,2, in Kalkutta 27,9, in Bombay 25,7, in Madras 49/). Die Sterblichkeitsverhältnisse waren auch in dieser Berichts- woche in den meisten Großstädten Europas, namentlich in den deutschen, nicht so günstige, doch wurden aus einer größeren Zahl derselben, besonders aus den größeren englischen Städten sowie aus Paris, kleinere Sterblichkeitsziffern als aus der Vor- woche gemeldet. Einer sehr geringen Sterblichkeit(bis 15,0 pr. M. und I.) erfreuten sich Darmstadt, Erfurt, Lübeck und London. Sehr günstig(bis 20/) pro Mille und Jahr) war die Sterblichkeit in Hamburg, Altona, Wiesbaden, Stuttgart, Bremen, Trieft, Ainsterdam, Liverpool, Dublin, Edinburg, mäßig hoch (etwas über 20,0 pr. M.) in Frankfurt a. M., Hannover, Dres- den, Leipzig, Karlsruhe, Metz, Wien, Briissel, Paris, Glasgow, Kopenhagen, Stockholm, Turin u. a. O. Dagegen blieben von den deutschen Städten in Berlin, Charlottenburg, Breslau, Königsberg, Magdeburg, Frankfurt a. O., Posen, Stettin, Zwickau, Mannheim die Sterblichkeitsziffern hohe(über 35,0 pro Mille und Jahr). Auch in dieser Woche war die große Sterblichkeit durch die zahlreichen Sterbefälle an Darmkatarrhen und Brechdurchfällen der Kinder hervorgerufen, die beson- ders in Berlin(679), Breslau(99), Magdeburg(95), Königsberg(78), München, Stettin, Hamburg, Köln, Danzig, Barmen, Düsseldorf, Mannheim, Wien, Pest, Paris(86), Warschau(38), Odessa, St. Petersburg, London u. a. O. zahlreiche Todesfälle veranlaßten. Die Theilnahmc des Säuglingsalters an der Ge- sammtsterblichkeit blieb eine hohe. Von ie 10000 Lebenden starben(aufs Jahr berechnet) in Berlin 285, in München 152 Säuglinge. Dagegen haben akute Entzündungen der Athmungs- organe weniger Tooesfälle herbeigeftihrt.— Von den Infektionskrankheiten zeigten Diphtherie, Keuchhusten und Pocke,! eine Steigerung, Masern, Scharlach und typhöse Fieber eine Ab- nähme der gemeldeten Sterbefälle.— So haben Todesfälle an Masern in Berlin, Breslau, Barmen, Frankfurt a. M., Elberfeld, München, Nürnberg, London, Wien, St. Petersburg ab- genommen, nur in Paris war die Zahl derselben ein wenig größer als in der Vorwoche. Neue Erkrankungen kamen jedoch in Breslau, Nürnberg, in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Schleswig, ferner in Wien, Pest häusiger zur Anzeige.— Das Scharlachsieber forderte in London mehr Opfer; neue Erkrankungen kamen aus Hamburg, St. Petersburg und Christiania häufiger zur Mittheilung.— Die Sterblichkeit an Diphtherie und Kroup war m Berlin, Stettin, Danzig, Hamburg, München, Nürnberg, Wien, Pest, Prag, Pans eine geringere, dagegen in Breslau, Dresden, Königsberg, Hannover, nkfurt a. M., Magdeburg, Braunschweig, London, Kopen- frank Hägen, Warschau, St. Petersburg, Rom eine größere. Neue Erkrankungen kamen jedoch aus den meisten Orten, aus denen Berichte vorliegen, in geringerer, nur aus Hamburg in gesteigerter Zahl zur Meldung.— Auch der Unterleibstyphus bedingte in London weniger, in St. Petersburg die gleiche, in Paris eine nur wenig gesteigerte Zahl von Todesfällen; neue Erkrankungen kamen in Hamburg, Pest und St. Petersburg häusiger zur Berichterstattung. An Flecktyphus gelangten aus St. Peters- bürg, Warschau, Odessa je 1 Todesfall, aus St. Petersburg auch 2 Erkrankungen, an epidemischer Genickstarre aus Berlin, Elberfeld, Kiel und aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf je 1 Todesfall, aus Nürnberg und den Regierungsbezirken Düffel- dorf und Schleswig je 1 Erkrankung zur Mittheilung.— Dem Keuchhusten erlagen in Berlin und Kopenhagen weniger, in Hamburg, Prag, London, Liverpool, Paris, St. Petersburg mehr Kinder; auch neue Erkrankungen wurden aus Hamburg, Wien, Kopenhagen häufiger als in der Vorwoche bekannt.— Vereinzelte Todesfälle an Pocken wurden aus Berlin, den Vororten Wiens, aus Graz, Lem- berg und St. Petersburg gemeldet; mehrfache aus Paris und Venedig(je 2), aus Rom(4), aus Warschau(5), aus Prag (7). Neue Erkrankungen wurden nur aus st. Petersburg(4) ��Der Gesundheitszustand in Berlin war auch in dieser Woche ein der vorhergegangenen Woche ähnlicher, und die Sterblichkeit eine außcrgeivöhnlich hohe. Besonders groß war auch in dieser Woche die Zflhl der an Darmkatarrhen und Brechdurchfällen gestorbener Personen(679), meist Kinder, von denen 468 im Alter von noch nicht einem Jahr standen. Im Uebrigen waren die Gesundheitsverhältnisse sehr gute. Akute Entzündungen der Athmungsorgane waren weniger hausig und nahmen in übenviegend großer Zahl einen gunstigen Verlauf. Die Infektionskrankheiten riefen meist weniger Erkrankungen hervor, wie Masern, Scharlach, typhöse Fieber, welche letztere nicht in einem einzigen Fall lödttich endeten. Auch Diphtherie und Kroup bedingte weniger Erkrankungen und zeigten sich dieselben nur in der Schöneberger Vorstadt und in Moabit ,n qrößerer Zahl. Erkrankungen an Keuchhusten haben abgenom- men, die Zahl der durch ihn gestorbenen Kinder tank auf 2. Ein Todesfall an Pocken kam zur Anzeige. Rosenartlge Eni- zündungen des ZellgeivebeS der Haut und Erkrankungen am Kindbellfiebcr blieben vereinzelt. Rheumatische Beschwerden aller Art zeigten gegen die Vorwoche kerne wesentliche Veran- derung in ihrem Vorkommen._ �. P-lheibericht. An, 3. ds. Mts. Vormittags wurde ein Maler in seiner Wohnung in der Weberstraße erhängt vor- aefunden. Die Leiche wurde nach dem Schauhaiye geschafft. — Vor dem Hause Unter den Linoen Nr. 2 siel Nachmittags err infolge plötzlichen Krampfanfalls vom Bürgersteig ans gebracht werden mußte.— Zu derselben Zeit stürzte ein lljäh- riger Knabe beim Angeln gegenüber der Görlitzerstraße in den Landwehrkanal. Er wurde icdoch bald aus dem Wasser ge- zogen und durch � einen Heilgehilfen ins Leben zurückgerufen. — In dem Hause Michaelkirchstraße Nr. 5 gerieth Nachmittags der Dachstuhl in Brand, wodurch derselbe zum Th eil zerstört wurde. Gerirfzks-Beiktrng. Ei« erheblicher ZulammenSoff zweier Eisenbahntrains auf dem Bahnhof Johannisthal führte gestern den Weichensteller Paul Röftel und den Lokomotivführer August Kuhlen- schmidt unter der Anklage wegen Gefährdung eines Eisenbahn- transportes vor die erste Strafkammer am Landgericht II. Von Bahnhof Johannisthal wird regelmäßig des Abends ein Güter- zug nach Berlin abgelassen, der auf der Station rangirt und alsdann durch eine von Berlin kommende Lokomotive abgeholt wird. Die letztere soll instruktibnsmäßig auf Geleise I einfahren, vor der Station halten und alsdann vor den auf dem dritteu Geleise haltenden Güterzug gelegt werden. Manchmal wird von dieser Anordnung abgewichen, in welchem Falle der Loko- motivführer das Signal erhält, zu halten, oder langsam zu fahren. Als die betreffende Maschine am Abend des 7. Dezember auf der Station eintraf, wurde sie vermittelst der vom Wcichen- thurm aus dirigirten Weichenstellung direkt auf das Geleife III befördert, sie befand sich aber noch in fo schneller Gangart, daß sie auf den Güterzug auflief, wobei eine Anzahl Wagen zertrümmert wurden. Menichen wurden nicht verletzt. Die Beweis- Aufnahme ergab nun, daß der Angeklagte Röstel im Weichen- thurm Dienst that, daß er die telearaphische Anordnung er- hielt, die Maschine auf das dritte Geleise überzuführen, daß er es aber unterließ, den, Lokomotivführer Mittheilung von der angeordneten Abweichung von der Fahrordnung zu geben, bezw. das Signal auf„Halt" zu stellen. Ein strafbares Vcr- schulden des Angeklagten Röstel lag daher unzweifelhaft vor, er mußte deshalb bestraft werden und wurde zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt. Was den Mitangeklagten Loko- motivführer anbetraf, so gelang es dessen Vertheidiger, die Behauptung der Anklage, daß der Lokomotivführer durch zu schnelles Fahren den Zusammmenstoß mitverschuldet habe, derartig zu entkräften, daß dessen Freisprechung erfolgen mußte. Der vielbesprochene Prozeß gegen den Zuschneider Sigismund Ruzinska, welcher beschuldigt ist, für den verstorbenen Juwelier Geber Schlepperdienste verrichtet und dadurch demselben zu seinen Wuchergeschäfte» Beihilfe geleistet zu haben, gelangte gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I zur Verhandlung. Der vorige Termin wurde vertagt, weil der Geschädigte, der 23jährige„Privatier" Mar Burckhardt, nicht erschienen war. Da derselbe inzwischen nicht hat ermittelt werden können, so beschloß der Gerichtshof, die Beweisaufnahme auf die Verlesung der von Burckhardt vor dem Untersuchungsrichter eidlich abgegebenen Aussage zu beschränken. Als die Verhaftung des Juweliers Geber, sowie des„Bankiers" ern den Fahrdamm und' erlitt eine nicht unbedeutende Verletzung an der Stirn, so daß er mittelst Droschke nach seiner Wohnung Oppenheim aus Bremen erfolgte, fand man in den Büchern des ersteren alle Geschäfte, die mit Burckhardt gemacht worden waren, auf den Namen des Angeklagten eingetragen und noch andere Umstände sprachen dafür, daß Ruzinska ein Gehilfe des Juweliers Geber gewesen. Ruzinska wurde daher vor 8 Monaten ebenfalls verhaftet. Der Prozeß beschäftigt sich mit Strafthaien, die vor fast zwei Jahren begangen fein sollen. Im August 1887 kam ein junger Mann nach Berlin, welcher sich trotz seiner Jugend in gewissen Kreisen schon einen Ruf er- worden hatte, den er in erster Linie seinem großen Vermögen verdankte, welches die Firma noch verdoppelte. Thatsache war, daß der lunge Mann soeben als Einjähriger bei den Gardereitern in Dresden gedient und hier außer den ihm vom Vater bewilligten 25 000 M. noch viel größere Summen ver- braucht hatte, welche ihm bereitwilligst von den Geldgebern gegen Wechsel geliehen wurden. Er war der Sohn eines reichen Mannes, des zu Baden- Baden wohnhaften Rentiers Burck- Hardt, in der Sports-, Lebe- und Halbwell wohlgelitten und von einem bodenlosen Leichtsinn. Seine Mittheilungen über seine Berliner Erlebnisse gewähren nicht uninteressante. Einblicke in das Ausbeutungssystem, welches gegen den jungen Verschwender zur Anwendung gebracht wuroe. Schon von Dresden aus war Burckhardt zu Berliner Geschäfts- leuten in Verbindung getreten, die Firma Neuländer Unter den Linden lieferte ihm innerhalb kurzer Zeit für 5000 Mark Kleidungsstücke gegen Wechsel und hier lernte er den Ange- klagten, der Zuschneider in dem genannten Geschäft war, kennen. Er behauplrt, daß Rnzinska, der seine kostspieligen Neigungen kannte, ihm angeboten habe, ihm Geld zu besorgen. Um eine Anzahl kleinerer Schulden los zu werden, habe er von dern Anerbieten Gebrauch gemacht, worauf Ruzinska ihn zum Juwelier Geber führte. Hier kam nun folgendes Geschäft zu Stande: Geber überließ an Burckhardt, der sich übrigens als großjährig ausgegeben haben soll, für 10 000 Mark Brillanten zu ausgezeichneten Preisen. Ferner löste er für 8000 M. Wechsel ein, die Burckhardt einem gewissen Rositzka schuldete und drittens schützte cr andere Werthsacheu ziwr Be- trage von 2500 M., die Burckhardt verpfändet hatte, vor dem Verfall, indem er sie einlöste. Als Gegenwerth für diese Leistungen, welche also insgesammt mit 21 300 M. berechnet wurden, mußte Burckhardt einen Drei-Monatswechsel über 25 000 M. ausstellen. Die Brillanten behielt der Angeklagte aber in seinem Besitz, da er sie verabredeternratzen zu Geld machen sollte, Buckhardt will nach und nach einige tausend Mark dafür erhalten haben. Nach der Anklage sollen dieselben Brillanten wieder ihren Weg zu Geber genommen haben. Als das Akzept fällig war, konnte Burckhardt es nicht einläsen und reiste nach Baden-Baden, um seinen Vater zu schröpfen. Er kam auch richtig mit einem Akzept zurück, das die Unterschrift seines Vaters trug, es stellte sich aber heraus, daß er dessen Namen gemißbraucht hatte. Die Sache gelangte zur Anzeige, und Burckhardt stand s. Z. wegen Urkundenfälschung vor der zweiten Strafkammer des Land- gerichts I. Er wurde aber sieigesprochen, weil sein Vater be- rundete, daß er ivohl annehmen konnte, er dürfe den Namen des VaterS benutzen. Inzwischen hatten sich noch andere Geldlcute um die Gunst des jungen Nabob beworben und mit demselben Geschäfte gemacht, welche zwar den Angeklagten Rucinzka nicht berühren, aber immerhin interessant genug sind, bei dieser Ge- legenheit erwähnt zu werden. Ein Agent Rosenstein meldete sich eines Tages bei Burckhardt mit dem Anerbieten, ihn zu dem zur Zeit rm„Zentral-Hotel" wohnenden Bankier Oppen- heim aus Bremen zu führen, welcher von den fortwährenden Geldverlegenheiten Burckhardts gehört habe und erbötig sei, ihn von allen übrigen Gläubigern zu besieien. Burck- Hardt ließ sich dies nicht zweimal sagen, er eilte mit Rosenstein zum Zentralhotel. Bei der ersten Zu- sammenkunft kam aber ein Abschluß noch nicht zu Stande, Burckhardt mußte nach Hamburg reisen, wo cr wieder mit Oppenheim zusammentraf und ein Geschäft mit demselben ab- schloß, wegen dessen Oppenheim, der im hiesigen Untersuchungs- gefängniß sitzt, sich noch vor dem Strafrichter zu verantworten haben wird. Burckhardt erhielt 7000 M. gegen Wechsel und für 42000 M. Hamburger und Bremer Loose, aber auch diese nicht in den Originalen, sondern nur eine Liste, welche die betreffenden Nummern enthielt. Später erhielt er noch 1000 M. Für diesen, von von Oppenheim auf 50000 M. berechneten Werth mußte Burckhardt eine notarielle Zession iinterzeichn«!, wonach er 80 000 M. seines zu erbenden Vermögens an Oppenheim ab- trat. Als Burckhardt sich nach einiger Zeit wiederum wegen Geldmangels beklagte, bot Oppenheim ihm 4000 M., wenn er er dafür die letzte Klasse der Lotterie, bei welcher Burckhardt ia mit Loosen für 42000 M. betheiligt war, Verzicht leiste, und Burckhardt ging darauf ein. Auch em hiesiger Pferdehändler Keller soll den Leichttmn des jungen Mannes ausgebeutet haben, wenigstens behauptet Burckhardt, daß Keller ihm ein Gelpann für 8000 M. und ein einzelnes Pferd für 5000 M. angerechnet habe, obwohl der wahre Werth dieser Gegenstände kaum die Hälfte betrage. Die vielen„Freunde" des jungen Krösus thateu das ihrige, um demselben Unterhaltung zu ver- Ichaffen. Das soeben geborgte Geld wurde mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen. Soupers bei Dressel mit der bekannten Bertha Rother waren an der Tagesordnung, ein nrcht geringer Theil der Geber'schen Diamanten ging in den Besitz dieser Dame über. Als die Katä- strophc eintrat, erschien der Vater des jungen Mannes und unterhandelte mit den Gläubigern. Der Angeklagte Rucinzka bestritt entschieden, von den unlauteren Geschäften Gebers gewußt, geschweige denn ihm in die Hand gearbeitet zu haben, und auch nur in einem Falle hielt der Staatsanwalt die. Schuld des Angeklagten fiir erwiesen. Bei der Gemeirr- gefährlichkcit dieses Treibens beantrage er aber hierfür 6 Monate Gefängniß, 3 Jahre Ehrverlust und 1000 M. Geldbuße. Der Vertheidiger, R.-A. Wronker, plaidirte fiir Freisprechung, in- dem er einestheils die Glaubwürdigkeit des abwesenden Zeugen Burckhardt anfocht und andenitheils ausfiihrte, daß der Nutzen, den Geber bei Abschließung des fiaglichen Ge- schäftes erzielte, in keinem Mißverhältniß zum Risiko und den gewährten Leistungen stehe. Der Gerichtshof war anderer An- ficht, er erkannte mit Ausnahme des Ehrverlustes nach dem Antrage des Staatsanwalts, erachtete aber die Gcsängmßstrafe durch die erlittene Untersuchungshaft für verbüßt.' Für die außerdem zu zahlenden 1000 M. soll im Unvermögensfalle eine Gefängnißstrafe von 100 Tagen treten. So�t�le AebrerstÄxk. Die K-mmisst-n der Kistenmacher macht hiermit be- kannt, daß es in dem Bericht vom 3. d. M. über den Streik bei der Firma W. Gauert, Blumenstraße 32, nicht heißen soll. die Bretter müssen vier Treppen, sondern eine Treppe hoch unter einer Bezahlung von 4 Pf. pro Stunde herauf getragen werden. Uebrigens hat sich dieser Herr»och in keine Verhaiid- lung eingelassen. Wir bitten alle Holzarbeiter, diese Fabrik zu meiden. Montag, den 8. d. M., findet eine Kistenmacher- Versammlung bei Jordan, Neue Grünstraße 28, statt. Die Kommission der streikenden Kistenmacher. Verstrmmlungen. Eine äsfentliche Manrerversammtnng fand gestern Nachmittag unter Vorsitz des Hern, Fiedler in den„Bürger- sälen" statt. Die Zahl der Theilnehmenden war sehr zusammen- geschmolzen, was Herr Fiedler als einen Beiveis dafür ansah, daß viele in Arbeit getreten seien. Er envartete von der bis- her bewiesenen Standhaftigkeit, daß dies nur zu den geforder ten Bedingungen geschehen sei. Ein genaues Resultat war selbst- verständlich noch nicht zur Stelle, und erst in nächster Ver- sammlung wird e§ möglich sein, eine speziellere Uebersicht zu geben. Im übrigen gab Redner, die Situation besprechend, die Erklärung ab, daß die Maurer wohl auf der Wacht sein werden, um den geeigneten Moment nicht zu verpaffen, die gestellten Forderungen, welche jetzt nicht errungen werben konnten, dennoch ch zur Durchführung zu bringen. Kein Baum falle auf den ersten Schlag. Die Agitation fiir die Forde- rungen, welche bereits in der Berliner Maurerschaft' feste Wurzel geschlagen haben, werde nimmer schlummern und doch zum endlichen Ziele führen. Zum Schlüsse seiner Ausführungen regte Redner noch die Frage an, ob es möglich fem werde, auf der nunmehr veränderten Basis des partiellen Streiks die Forderungen zur Durchführung zu bringen, bezw. wie man sich nunmehr zu verhalten Hab, und hierüber eröffnete er die Diskussion. Der erste Redner war Herr Wernau, welcher darlegte, daß die Forderungen der Maurer durchaus berechtigte wären, indem sich dieselben nur den heutigen Verhältnissen an- passen. Wenn sie Verkürzung der Arbeitszeit forden,, so könne mit der Durchführung dieser Forderung nicht geivartet werden, bis in Schlesien, Polen u. s. w. auch die Arbeitszeit verkürzt sei. Wer dies verlange, der stehe nicht auf dem Boden der heutigen Entwickelung. Die Forderung der Verkürzung der Arbeitszeit werde nicht von der Tagesordnung verschwinden, bis daß sie durchgeführt worden sei; und daß dies geschehen werde, dazu hegte Redner das" Vertrauen zu den Berliner Maurern.(Bravo!) Die weitere Debatte, in welcher die Herren Weise, RückerfiLehmann.Grothmann u.a. sprachen, bewegte sich in allgemeinem Rahmen. Hervorgehoben wurde, daß die meiste Arbeitsgelegenheit zu zehnstündiger Arbeitszeit und 60 Pf. Stundenlohn vorhanden fei. Herr Platschek befürwortete, daß diese Arbeit aufgenommen werden müsse, bis die Bauten voll besetzt seien und dann— das Uebrige werde sich dann finden I Eine längere Debatte enspann sich über den Antrag Rückert, welcher dahin ging, zu beschließen, daß dem Zentralkomitee die Beschlußfassung darüber überlassen bleiben solle, wer bezw. wie viele Personen von nächster Woche ab zur Regelung der Ge- schäfte in den Filialen fitzen sollen. Die Versammlung überließ die Regelung dieser Angelegenheit der nächsten Veriammlung am Montage nächster Woche. Wiederholt wurde darauf hin- gewiesen, daß die Akkordarbeit wieder arassire und vor derselben gewarnt. Auch dieses Thema, die Akkordarbeit zeitigte eine längere und lebhafte Debatte, nach deren Schluß die Versamm- lung einstimmig folgendem Antrage zustimmte:„Die heutige Versammlung beschließt, da die Akkordarbeit Mordarbeit ist, über dieselbe zur Tagesordnung überzugehen."� Zum Schlüsse ermahnte Herr Fiedler, mannhaft an den Beschlüssen feftzu- hallen, was die Versammlung auch durch ein kräftiges Hoch gelobte. Die Delegirtenveesammlung der Zentralkranken- kafft der Tischler setzte am Donnerstaa ihre Berathungen über die Statutenänderung fort. Es wurde eine vom Vorstande und vom Ausschuß beantragte Aenderung angenom- men, wonach bei Auszahlung des Krankengeldes etwa verhängte Kassenstrafen nur insoweit in Abzug gebracht werden dürfen, als dadurch das Sterbegeld nicht unter die statutenmäßige Mindestleistung heruntergeht. Bisher konnten außer den Strafen auch rückständige Beiträge innerhalb der erwähnten Grenze vom Krankengelde gekürzt wer- den. Dieser letztere Zustand ist durch den neuen Be- schluß insoweit geändert, als in Zukunft die Beiträge auch vor dem gesetzlichen Mindestbetraae des Krankengeldes in Ab- zug gebracht werden können.— Für die Behandlung ver- oächtiger Krankenatteste wurde folgende von mehrern örtlichen Verwaltungen beantragte Aenderung angenommen: Wenn gegen die Richtigkeit ärztlicher Zeugnisse von der Ver- waltung Zweifel erhoben werden, fo ist auf Antrag des Vor- standes jedes diesbezügliche Mitglied jederzeit verpflichtet, auf Rechnung der Kasse sich einer besonderen Untersuchung durch einen Kassenarzt zu unterziehen, und nur das von demselben abgegebene Zeugniß ist für die Kasse rechtsverbindlich.— Bei der Verlesung des Protokolls über eine frühere Sitzung wird die Thatsache konstatirt, daß der damalige über- wacheuoc Polizeibeamte von jedem Redner die Angabe seiner: tun Personalien verlangte. Martienssen- Altona fühlt sich durch diese Forderung des Polizeibeamten beleidigt. Die Ver- sammlung tage hier nicht auf Ärund des preußischen Vereins- Gesetzes, sondern auf Grund des Hilfskassengesetzes. Er würde der Forderung des Beamten sofort entgegengetreten sein, aber er sei zu der Zeit, als dieselbe geltend gemacht ivurde. in der Kommission beschäftigt ge- wesen.— Der leitende Vorsitzende Pfannkuch erwidert. daß man. um die Generalversammlung überhaupt in Berlin abhalten zu können, den ausnahmegesetzlichen Verhältnissen habe Rechnung tragen und dieselbe polizeilich anmelden müssen. Es bleibe unter diesen Umständen nichts übrig, als sich den polizeilichen Anordnungen zu fügen, um nicht die Gefahr heraufzubeschwören, daß die ganze Versammlung zum Tempel hinausgeworfen werde. Jni Uebrigen dürfe die Versammlung überzeugt sein, daß der Vorstand auf die Wahrung ihrer Rechte ernstlich bedacht fei. Nach dieser Erklärung geht die Versammsammlung ohne weitere Debatte über die Anfrage Martiensen zur Tagesordnung über.— Für die Auszahlung des Krankengeldes wurde noch die Bestimmung angenom- wen. daß die Auszahlung nur bis zu dem Tage erfolgte, wo der Arzt die Arbeitsunfähigkeit bescheinigt hat.— Bei den Kontrolvorfchriften für erwerbsunfähige Kranke sollte das Verbot. öffentliche Lokale während der Krankheit zu besuchen, dahin abgeändert werden, daß nur der„Besuch zum Zwecke des Vergnügens" verboten sein soll. Mit Rückficht aber auf die Dehnbarkeit einer solchen Bestimmung wurde die beantragte Aenderung abgelehnt.— In den Verwaltungs- Vorschriften für die ortlichen Verwaltungsstellen wurde mehreren obliga- torischen Vorschriften ein fakultativer Charakter gegeben. Ein Antrag des Vorstandes, den Kasfenbevollmächligten die Pflicht aufzulegen, bei Erkrankungen infolge Unfalles schleunigst Ermittelungen in den Richtungen anzustellen, ob durch die Berufsge- zusteht, wird an- ua, der Kasse ein Recht auf En, nossenschaften in jedem einzelnen genommen. In der Nachmittagssitzung wurden zunächst die auf Zu- lassung des Naturheilverfahrens gerichteten An- träge debattirt. Es soll danach den erkrankten Kaisenmitgliedern gestattet sein, sich in Erkrankungsfällen nach den Grundsätzen der Allopathie, der Homöopathie oder desNaturheilversahrens ganz nach ihrer Wahl und mit gleicher Verbindlichkeit für die Kasse behandeln zu lassen.— H a m p e l- Gera betont, daß bei den .Kassenmitgliedern eine sehr lebhafte Bewegung zu Gunsten des Naturheilverfahrens vorhanden sei.— Weiland- Neuschönefeld erklärt das Naturheilverfahren als auf dem Prinzip beruhend, daß die Mehrzahl aller Erkrankungen, die eine längere innere Behandlung nothwendig machen, auf einer Störung des Stoffwechsels beruhen, und die Mehrzahl dieser Erkrankungen kann durch Regelung des Stofflvechfels beseitigt werden. Diese Regelung aber erfolgt am besten durch Einwirkung auf die Haut. Redner ist der Ucberzeugung, daß durch dieses Heilprinzip nicht blos die Gesundheit wieder hergestellt, sondern auch ganz wesentlich gefestigt wird. Schwerlich werde man das Prinzip heute schon annehmen, aber das Drängen der Kassen- Mitglieder werde so stark werden, daß man doch dies Heilver- fahren werbe zulassen müssen.— Ehlers- Hamburg hält das neue Heilverfahren noch nicht für genügend erprobt.Zum gleich- berechtigt mit anderen Arten des Heilverfahrens hingestellt zu werden. Man möge noch einige Zeit warten, bis sich die Mei- nungen über das Verfahren geklärt haben.— Klotz- Gohlis bedauert, daß man den aus Sachsen so einmüthig geäußerten Wünschen so wenig entgegenkomme. In Sachsen habe sich das Naturheilverfahreu durchaus bewährt.— R a u s ch m i n g- Königsberg hält das ganze Naturheilverfahren mindestens für sehr unsicher; die Naturheilärzte seien oft genug herunter- gekommene Existenzen, verfehlte Mediziner u. dgl., denen gegenüber Vorstcht geboten ist.— H a ensch- Stuttgart und Anders- Chemnitz� plaidiren für Zulassung der Naturheil- ärzte, während Walter- Mannheim, der kein ent- schiedener Gegner der Methode ist. bittet, doch für jetzt noch von der Zulassung dieser Heilmethode auf Kosten der Kasse Abstand zu nehmen.— Blume- Hamburg erklärt sich hauptsächlich wegen juristischer Bedenken gegen die vor- liegenden Anträge. Mau habe im Vorstande bisher durchaus keine nachtheiligen Erfahrungen mit dem neuen Heilverfahren gemacht. Bedenklich für die Kassenvcnvaltung aber sei die Sache -insofern, weil die Naturheilkundigen häufig keine approbirten Aerzte sind und vor Gericht den approbirten Aerzten gegenüber in Nachtheil kommen. Soweit approbirte Aerzte das Natur- Heilverfahren anwenden, ist dagegen seitens der Kasse nichts zu erinnern: thatsächlich sind die Kosten für ein solches Verfahren oft genug von der Kasse gezahlt worden.— L c u t e r t- Apolda und K ä st n er- Peuig sprechen zu Gunsten der Naturheil- Methode, während Martienssen- Altona ein Bedürfniß für die gestellten Anträge nicht anerkennen kann. Ausgeschlossen sei dies Heilverfahren durch das Statut ja auch heute nicht.— Gramm- Hamburg findet nur die zu weit gehenden Konse- quenzen des neuen Heilverfahrens, nämlich die Zulassung söge- m den Nicht Entschädigung inzclnen Falle nanntet Heilschäfer, bedenklilh. Es passirt mJss selten, daß Leute beim Anhören von Vorträgen über das Naturheil- verfahren zu Fanatikern dieses Prinzips werden. Die Kassenverwallung ist heute dem neuen Heilverfahren prin- zipiell keineswegs abgeneigt. Es haben vielmehr Kranke, die nach diesem Verfahren behandelt worden sind. Unter- stützungen bis 120 M. in 14 Tagen erhalten. Nach längerer Debatte wird folgender Passus in das Statut aufgenommen: Es steht jedem Mitgliede frei, sich im Erkrankungsfalle von einem vom V o r st a n d e z u g e l a.s s e n e n Vertreter der Naturheilkunde behandeln zu lasten. Die Kontrolvorschriften für die örtlichen Kassenverwaltungen werden in einigen Punkten verschärft. Im Uebrigen wurde die Statutenberathung so ge- hofft mau vis Tonnabenb zn Ende zu............ Eine von übe»*000 Fachgenosse« besuchte Kiicker- versammlnng tagte Freitag Nachmittag im Großen Saale des Handwerkervercins, Sophienstraße. Saal und Galerien waren dicht gefüllt und beinahe die Hälfte der Erschienenen und im Saale nicht Platz Findenden harite im Garten des der Dele- Berliner . iNZresses? 3. Entgegennahme von weiteren Beiträgen zum Streikfond. 4. Weitere Beschlußfassung. Das Bureau bildet auch diesmal die Ver- trauensmänner. Zum ersten Punkt spricht zunächst Herr Pfeiffer. Auf dem in den Tagen deS 27. und 28. Juni in Berlin tagenden Kongreß der Bäckergesellen Deutschlands waren 18 Städte durch 24 Delegirte vertreten. Es ward in der Hauptsache nach längerem Debattiren vom Kongreß eine Resolution angenommen, dahin gehend, daß auch im Bäckergewerbe die kapitalistische Produktionsweise und die Konzentrirung des Ka- pitals in wenigen Händen zum Nachtheil der �Arbeiter sei. Darum solle mit allen erlaubten, gesetzlichen Mitteln die Auf- bessening der Lohn- und Arbeitsverhältnisse angestrebt werden. Minimallohn von 15 M. und ein Maximalarbeitstag von taglich 12 Stunden sind das zu erstrebende Ziel. Es ward ferner betont, daß sämmtliche Berliner Bäckermeister den§ 126 �.�erosrbeptdnuna übertreten, insofern sie die Lehrlinge zum �ruhltuckaustragen benutzen.— Das bestehende Fachorgan soll Zrweitert werden.- Die Versammlung erklärt sich mit diesen Bel chluffen des Kongresses solidarisch. Damit war auch der zweite Punkt der Tagesordnung erledigt. Zum dritten Punkt mahnen die Kollegen Pfeiffer und Hoppe wiederum zum allseitigen Beitritt «i den Verband. Das Eintrittsgeld betrage 50, die monatliche Steuer 30 Pf.— Folgender schon zu Beginn der Versainm- Enig eingegangener Antrag kommt zur Verlesung:„Wir Endes- setzen.— Auch Herr Zeitpunkt zu früh den einstündigen fonds gesammelt. unterzeichneten stellen an das die heutige Versammlung leitende Bureau den Antrag, da schon viele Kollegen in der letzten Zeit die ihnen angebotene Arbeit verweigert haben, um erst den Ver- lauf des Streiks abzuwarten, sofort am Freitag, den 5. Juli oder Sonnabend, den 6. den Streik zu proklamiren, da wir nicht abwarten wollen, bis die Meister der Innung„Germania" die Korporationsrcchte iu Händen haben und dieselben uns dann zu ihren Dienstboten herabwürdigen. Wir verpflichten uns, dem gewählten Vertrauensmann unser Vertrauen voll und ganz zu schenken, bitten aber zugleich darum, nun auch für uns zu handeln." Ein Zusatzantrag lautet: „Sämmtliche Anwesenden verpflichten sich, Adressen abzugeben, welche von den Vertrauensmännern alphabetisch geordnet sind, auf jede Unterstützung wenigstens auf 14 Tage zu verzichten und den Fond nur für die Zugereisten zu belassen.— Herr Hoppe warnt lebhaft vor einem Eintritt in den Kampf ohne Mittel. Noch einmal solle man mit den beiden Obermeistern der Innung sich zum Zweck der gütlichen Einigung ins Vernehmen Bäckermeister Leschke ist ocrMeinung,daß der egriffen sei. Während einer nun eintreten- ause werden die Gelder für den Streik- Nach Wiedereröffnung derr Versammlung theilt der Vorsitzende mit, daß infolge der Gehilfcnversamm- lungen die Meister einigen der Gehilfen schon zugelegt hätten. Einer derselben lasse sogar die älteren Kollegen Erholungsreisen machen. Man solle sich indessen dadurch nicht täuschen und der Sache abwendig machen lassen. So sehr man bei eintretendem Ausstand auch auf dem Posten sein müsse, solle man dennoch jede Gewaltthat vermeiden. Zuzug müsse fenigehalten. und allent- halben mit Ernst für Aufklärung gesorgt werden. Sowie es in Berlin mit der Bewegung beginne, ginge man auch in der Umgegend vor. Publikum und Behörden würden auf Seiten der ihre Sache in Ruhe und Ordnung verfechtenden Bäcker- gesellen stehen. Zum Streikfond sind während der Pause 375 Mark eingegangen.— Der oben mitgctheilte Autraa wird darauf abgelehnt und beschlossen, noch einen letzten Versuch der gütlichen Einigung mit den Meistern zu machen, den Ent- scheid dann in einer neuen Versammlung bekannt zu geben und so die Sache noch etwas aufzuschieben.— Kollege S ch m i e d er mahnt, die Sache nicht in die Länge zu ziehen. Sofort solle der Streik proklamirt werden.— Diesen Ausführungen folgte lebhafter Beifall.— Kollegen Hoppe und Liebetraut widerlegen diese Ansicht und mahnen zum Warten. Die nochmalige Ab st im mung ergab mit großer Mehrheit die Ablehnung der Anträge auf Proklamirung des Streikes schon am 5. I u l i. In die Unterhandlungs-Kommission werden gewählt die Herren Pfeiffer, Hoppe, Schlüter, M o n t e y und M o st. Darnach ward die Versammlung ge- schloffen unter lebhaften Hochrufen auf die Einigkeit. Wenn die geplanten Verhandlungen mit den Meistern und den beiden Innungen scheitern, wird Freitag, den 12. Juli c. auch der General- streik der Bäcker proklamirt. Die fnr gestern Vormittag nach der„Tonhalle" ein- berufene Versammlung der streikenden Maler und Anstreicher verfiel bei dem zweiten Satze, den der Vor- sitzende und Referent, Maler Hohlwegler, aussprach, der Auf- lösung auf Grund des§ 9 des Sozialistengesetzes.» Herr Hohlwegler führte aus:„Meine Herren! Sie werden die Berichte der letzten Meisterversammlung in den Tagesblättern gelegen haben. Ich glaube, gerade nach dieser Versammlung wird sich die Sympathie der Berliner Bevölkerung der Gehilfenschaft zu- wenden. Ich muß es als eine Frechheit der Kapitalisten de- zeichnen, so, wie es dort geschehen, die streikenden Gehilfen zu verhöhnen." Hier erfolgte die Auflösung. Das Bureau wird Beschwerde einlegen. In der Meisterversammlung, welche polizeilich nicht übenvacht war, fielen gegen die Arbeiter Aus- drücke wie„Lümmel",„Buben", Rohheit der Gehilfen" u. s. w. isrotz« öffentlich« V->lK»»erIa«nmUlng am Fikita«, den 5 Juli, im .iisniastadl..«aiiiio, Hoimmrkislrabe 72. Tagriorduung; 1. Unsere Stellung zum internationaleu Arbeiterkongreß. Referent: Mar Echiupel. 2 Didlusslon. 3. Event. Wahl eine« Delegirteu zu demselben. 4. Verschiedene«. Tellersanun- lung findet statt. «srotz» öffentlich« Uersamwlnng d»r Mal«? und Heenf«- g«n«If«n Heritn» fam Kreilag. den 5. Juli, Abend« 8 Mr. in Orschcl« Salon, Sebastianstraße 89. TagcSordnnna; 1. Wahl eine« Dclegirten zum Pariser Arbeitcrfongrcb. 2. Ans welche Weise hat der Delegirte NN« zu ver- treten? Zahlreiche« Erscheinen ist nothwendig.— Die Versammlung wird nicht weiter bekannt gemacht. Grog» N«rfon,n,lung der vergolder Berlin» im Lokale Insel- strahe 10 am Freitag, den 5. Juli, Abend« 8% Uhr. Tagesordnung. 1. Der internationale Arbciterkongreh in Pari«. Retcrent Emil Böhl. 2. Diskussion. 3 Verschiedene«. Zentrol Kronken- und Sterbekoif» der Moler und»er- niondter Berufogenolfen veutfchlond» iE. H. Nr. 71, Filiale West 4). Mitgliederversammlung am Freitag, den 5. Juli, Abend« 8% Uhr, im Restaurant «äni�Sbos, Mllowstr. 37. »WWW Fr--------------.>WW> Vorgeben in unserer Lobnbewegung. Filiale 4 der Allgemeinen Kranken- und Kterdekalf« der Metallarbeiter lE. H. 28, Hamburg). Sonnabend, den 8. Juli, Abend« 9 Ubr, Mitgliederversammlung, AndreaSstr. 21. bei Keller. Tagesordnung: Kassenbericht. Vorttag de« Herrn Dr. Rehfisch ilber; Infektionskrankheiten. Verschiedene«. Knterelfenoerein der«ifchler. Am Sonnabend, den 8. Juli, Abends 8% Uhr, im Lokale de« Herrn Kloth. DrcSdenerstr. 10: General-Versammlung. Tagesordnung. 1. VicrtcljabreSbericht. 2. Verschiedenes. Neue Mitglieder werden ausgenommen. Fachoerein der Kernmacher und oermandter Berufogenolfen f erlino und zlingegend. Sonnabend, den 8. Juli, Abends 8% Uhr, im okale de« Herrn Gnadt. Vrunnenstr, 38, Generalversammlung, Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Aufnahme neuer Äiitglieder. 3. Wahl des gesanimtcn Vor- stände«. 4. Verschiedenes. Um recht zahlreichen Besuch wird gebeten. Sattler! Allgemeiner deutscher Sattlcrvcrein. Sonnabend, den 8. d. M, Abends 8 Uhr, bei Sommer, Obenvasserstr, 13, Mitgliederversammlung, AuS- gäbe der Mitgliedsbücher und Statuten, Vorstandswahl. Fachoerein der Tischler. Die Zahlstellen des Vereins sind zur Ent- gegcnnahme der Beiträge und Aufnahme neuer Mitglieder sedeii Sonnabend von 8-10 Uhr geöffnet, und zwar befindet sich Zahlstelle I FriedrichSberger- strahe 25 bei Christen; II Skaliderstrahe 107 bei Kunstmann; III Bellc-Aliance- vlah 8 bei Hilschcr, IV Zionökirchplag 11 bei Hohn: V Bülowstrahe 52 bei Böbland; VI Mariendorscrslrahe, Ecke SolmSstrahe bei Schmidt: VII Dresdener- strafte 116 bei Wendt. daselbst befindet sich auch der Zentralarbcltgnachweiö deS Verein»: VIII Lübecker- und Thurmftrafteneckc bei Jahnkc. Die ArbcitSver- Mittelung geschieht unentgeltlich. Der Nachweis ist geöffnet an Wochentagen von 8X-9% Ubr. Sonntag Abends von SX-ll Ubr. Zentral-Krauken- und Kterdekalf« der Tifcher et«. Vertliche Verwaltungsstelle Berlin 3). Den Mitgliedern zur Nachricht, daft solgenbe Zabl- stellen verlegt sind: 1 Von der Äöxnickeriir. 129 nach der Köpnickerstraftk 121m bei Müller, 2. Von der Oranienstr, 89 nach der Alten Jakobstr, 48 bei Zaber, 3. Die Zahlstelle in der Jüdenstr, 23 ist aufgehoben, Krankmeldungen vom 7. Juli ab bei H, Grofte-Kreul. Reichcnbergcrstr, 182, Hos links 4 Dr, Oie Orts- Verwaltung. Den Mitglieder« de» verein» zur Mastrung der Znterelfen der Klavierarbeiter und verwandten BcrusSgenosicn zur Nachricht, daft vom 1. Juli bis 1. September d, I. die Bibliothek mit Ausnahme der Tage. an welchen die Vorstandssiftungcn stattfinden, geschlossen ist. Etwaige noth- wendige Aufträge bittet der Vorstand persönlich beim Bibliothekar, Kollegen Eparseld. Sorauerstrafte Nr. 27, anzubringen. Gesang-, Turn und geseUtg» verein» am Freitag. Kaiser scher Männergesangverein Abend« 9 Uhr im Restaurant Tamm, Schönhauser Allee 28. - Gesangverein.Pausebeutel" Abends 8 Uhr im Restaurant Hensel, Akra». drincnstr. 15,-.Liedertafel der Maler und verwandter BerufSgenosicn" Abends 8 Uhr im Restaurant Kleine, Brandcnburgstr. 80.— Buchbinder-Männer- chor Abends 8% Uhr Annenstr. 16 Gesangverein.Flöter sche« Doppel- Quartett" AbendS 9 Uhr im Restaurant Muschold, LandSbcrgerstr. 31.— Gclangvcrein.Fortschritt" Abends 9 Uhr im Restaurant, Blumenstraftc 48.— Gesangverein.Echo 1872" Abends 9 Uhr Waldemarstrafte 12. Neue Mitglieder werde» ausgenommen.— Gesangverein.Ossian" AbendS 9 Uhr Dresdener- strafte 85 bei GustavuS.— Huppers schc Sänger-Vereinigung.Harmonie" Abend» 9 Uhr bei Niest, Weberstr. 17.— Gesangverein. Sänger hatn" Abends 9 Uhr Adaibcrtstr. 21.— Liedertafel des FachvercinS der Eteinträgcr Berlins, Abends 8 Uhr Gräfte Hamburgerstr, 4 UebungSstunde.- Gesangverein.Ohne- sorge" AbendS 9 Uhr Restaurant Reiher, Alte Jakobstr. 83.- Gesangverein .Widerhall" Abend« 9 Uhr bei Herrn Boge, KSpnlckerstr, 191.— Gesangverein .Lorbeerkranz" 8% Ubr Restaurant Weinstr, 11.— Berliner Turngenossen- schast iFünste Männerabthcilung) AbendS 8� Uhr in der städtischen Turnhalle, Wassertborstrafte 31.— Turnverein.Hasenhaide" iMänncrabtheilungi Abend» 8 Uhr Diessenbachstrafte 60-61.— Turnverein ,Lroh und Frei"(Männer- abtheilungi AbendS 8ft' Ubr Bergstrafte 57.— Wissenschastlicher Verein für Rolletsche Stenographie Abend» 8% Uhr im Restaurant Ziethen, Dorotbeen- strafte 31, Unterricht und UebungSstunde.—.Allgemeiner ArcndSstcher Stenographenverein", Abtheilung„Vorwärts", Abends 8% Uhr im Restaurant Kall, Mariannenplaft 11.- ArendS- scher SIenographenverein„Apollobund" AbendS g Uhr im Restaurant, Segdclstr, 30.-„Verein ehemaliger Dr. Doebbelinstcher Schuler AbendS 9 Uhr im-Restaurant KrebS, Friedrich,, rafte 208.- Volgfschen Di fttanten-Dttbeftervertln AbendS 8% Ubr UebungSstunde im Restaurant Eollnischer Garten. Scharrenstrafte 12.- Zitherverein„Alpenveilchen" Abend» UV 11 n r i»v» Uroif Alt%•<»»«» VU> a t* 1*4a44" Ol__ fr!„.....„ £. � TT. r �*iHl im sicuauram, Drantzernravt I«». „Tainbour-KorpS„Frisch auf II" Siftung 8% Uhr, Weiftenburgerstrafte 28. Auf- »ahme neuer Mitglieder. Voruftendcr: A. Friese: Dirigent: E. Thiele Rauchklub„Ohne Zwang" Abends 8% Uhr im Restaurant W. Haugk.«ein- iirüßc 22. Der„ReichsanseigeK" schreibt in seinem nichtamtlichen Theile: „Zur Richtigstellung der über den Stand der VerHand- lungen mit der Schweiz verbreiteten Nachrichten sind wir er- mächtigt, die nachstehenden drei Erlasse an den Kaiserliche« Gesandten in Bern zu veröffentlichen: Berlin, den 5. Juni 1889. Wir haben seit Jahren darunter zu leiden, daß Anarchisten und Verschwörer von der Schweiz aus ihre Unternehmunge« gegen den inneren Frieden des Deutschen Reiches ungehindert ins Werk setzen durften. Die Zentralleitung der dentschen Sozialdemokratie hat ihren Sitz in der Schweiz, hält: dort ihre Kongresse zur Berathung und Vorbereitung ihrer Angriffe gegen uns, entsendet von dort ihre Agenten und verbreitet von dort aus die dort gedruckten Brandschriften zur Entzündung des Klassenhasses und zur Vor- bereitung des Auftuhrs in Deutschland. Die schwersten anar- chistischen Verbrecher, wie Reinsdorf, Neve und Andere haben ihre politische Ausbildung in der Schweiz erhalten und kommen zur Verübung ihrer Mordthaten unmittelbar aus der Schwei» nach Deutschland. Diesem Treiben gegenüber haben die deutschen Regierun- gen bisher in Anerkennung der eidgenössischen Verhältnisse, sich prinzipieller Beschwerden enthalten und sich auf die Beobach- tung der gegen sie gerichteten Unternehmungen beschränkt. Sie nahmen an, daß es den deutschen Sicherheitsorganen wie in andern Ländern, so auch in der Schweiz, nicht verwehrt sei, zur Abwehr verbrecherischer Unterneh- mungen an Ort und Stelle Erkundigungen einzugehen, und dabei, wenn nicht auf die Unterstützung, doch sich auf Duldung und guten Willen der Behörden des befreundeten Nachbarstaats rechnen zu dürfen. Diese Annahme hat sich neuer- lich als irrthümlich erwiesen. Schweizer Kantonalbeamte, wie der Polizei-Hauplmaun Fischer in Zürich, haben öffentlich die deutschfeindliche revolutionäre Partei gegen uns unterstützt. In dem Falle Wohlgemuth ist es dahin gekommen, daß der deutsche Beamte noch, bevor er Informationen einziehen konnte, ver- haftet und nach z ehntägiger verbrechermäßiger Behandlung aus der Schweiz ausgewiesen worden ist. Dieses Verhalten der Schweizer Behörden steht in Wider-- spruch mit demjenigen, welches unausgesetzt seitens der Kaiser- lichen Regierung gegen die Eidgenossenschaft geübt worden ist. Es zeigt, daß die Schweizer Regierung mindestens gleichgiltig gegen die Gefahren und Schäden ist, mit welchen befreundete und ihre Neutralität schützende Mächte durch die von der Schweiz aus und unter Konnivenz von Schweizer Behörde« gegen sie gerichteten Umtriebe bedroht werden. Das Deutsche Reich hat der Schweiz bisher nie etwas anderes als Wohl- wollen bezeugt, und die Kaiserliche Regierung würde es beklagen, wenn sie gezwungen wäre, ihre fremidlichc-Haltung zu ändern. Wenn jedoch die Schweiz semerhin zulaßt, daß' von. ihrem Gebiete aus die deutsche» Revolutionäre den inner-« Frieden und die Sicherheit des Deutschen Reiches be- drohen, so wird die Kaiserliche Regierung gezwungen sein, in Gemeinschaft mit den ihr befreundeten Mächte« die Frage zu prüfen, inwieweit die Schweizer Neu- tralität mit den Garantien der Ordnung und des Friedens vereinbar ist(!), ohne welche das Wohlbefinden der übrigen europäischen Mächte nicht bestehe« kann. Nachdem wesentliche Theile der Verträge, auf welchen die Neutralität der Schweiz beruht, durch den Gang der Ereig- nisse �hinfällig geworden sind, lassen sich die darin zu Gunsten ui-uu ci|uu)v- iu) v-iyvvviisv utui mytriix er auswärtigen Angelegenheiten diesen ihm auf Wunsch eine Abschrift zunick- tralität durch die Mächte steht seitens der' Eidgenossenschaft die Verbindlichkeit gegenüber, nicht zu dulden, daß von der Schweiz auS der Frieden und die Sicherheit anderer Mächte bedroht werde. Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ergebenste dem Herr« Departements-Chef der Erlaß vorzulesen und zulassen. (gez.) von Bismarck. Sr. Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Gesandten, Herrn von Blllow, Bern." „Berlin, den 6. Juni 1889. Aus dem Bericht Rr. 59 vom 2. d. Mts. habe ich mit Bedaueni ersehen, daß der Schweizer Bundesrath auf seinem ungerechtfertigten Verhalten behant. Wollte ich auf die Note des Herrn Droz vom 31. v. Mts. näher eingehen, so würde ich nur schon Gesagtes miederhole». Es wird sich jetzt darum handeln, die von uns in Aussicht genommenen Maß- regeln ins Werk zu setzen. In der Note des dortigen Herrn DcpartementS-Chefs finden sich jedoch zwei Punkte, welche der Richtigstellung be- dürfen. Die Auslegung, welche der Schweizer Bundesrath dem Artikel 2 des Niederlaffungsvertrags vom 27. April 1876 giebt, steht mit dem klaren Wortlaut des Vertrages in Widerspruch. Nach demselben in ü s s e n Deutsche, um in der Schweiz Wohnsitz zu nehmen oder sich dort niederzulassen, unter anderem mit einem Leumundszeugniß versehen sein. Diese Fassung wäre unverständlich, wenn die schweizer Behörden nach ihrem Enncssen von diesem Erforderniß absehcnk önncn. Die Er- füllung desselben ist ein Recht, auf welches jeder der vertrage schließenden Theile bestehen kann. Die Kaiserliche Regierung hat diesen Standpunkt niemals verlassen. Die von Herrn Droz iu Bezug genommene und der diesseitigen Weisung entsprechende Note Ihres Herrn Amtsvorgängers vom 10. Dezember 1880 hat diese Seite des Artikels 2 gar nicht berührt. Damals handelte es sich um den Umstand, daß einzelne Kantonalregicnnigen die Erfüllung der in diesem Artikel aufgestellteil Erfordernisse auch von den nur vorübergehend sich in der Schweiz aushaltenden Deutschen, wie mich reisenden Hnndwerke- burchen, verlangten. Der Bundesrath hatte in seinem Kreis- schreiben vom 13. September 1880 den Kantonen gegenüber die Auffassung vertreten, daß sich Artikel 2 des Vertrages ans einen vorübergehenden Aufenthalt nicht beziehe. Die Note vom 10. Dezember 1880 enthielt nur die Anfrage, ob der Schiveizer Bundesrath seine Meinung in dieser Hinsicht ge- ändert habe._ Der dortige Herr Departementschef der auswärtigen An- gelegenheiten berührt zwar die Frage, daß die dienstlichen Pa- piere des Polizeiinspektors Wohlgemuth demselben eingehalten werden, giebt aber einen Grund für dieses �rechtswidrige Ver- fahren nicht an. Es widerspricht den völkerrechtliche« Gebräuchen und den nachbarlichen Beziehungen, daß ohne Ei»- leitung eines strafrechtlichen Verfahrens und nachdem sich der Inhaber als Beamter legitimirt hatte, dessen D i e n st p a p i e r e, welche mit der in Rede stehenden Angelegenheit gar nicht j»- sammenhängen, und auf welche außer dem Beamten desfe« vorgesetzte Behörde Anspruch hat, der letzteren»orbebalten.. werden. Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ergebcnst, vorstehenden Erlaß Herrn Droz vorzulesen und auf Wunsch Abschrift zurück- zulassen. Cgez.) von Bismarck. Sr. Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Gesandten, Herrn von Bülow, Bern." „Varzin, den 26. Juni 1889. Mit Ew. Hochwohlgeboren Schreiben vom 18. d. Mts. — Nr. 69— habe ich die beiden Noten erhalten, welche Herr Droz unterm 15. und 17. an Sie gerichtet hat. Nach Inhalt derselben hat der Bundesrath sein Bedauern darüber ausge- sprachen, daß die Kaiserl. Regierung es abgelehnt hat, den Her- gang der Wohlgemuth'schen Sache einer neuen Prüfung zu unterziehen. Wir haben dies in der Ueberzeugung gethan, daß keine neue Prüfung an der Thatsache etwas ändern kann, daß ein Kaiserl. Polizeibcamter, unter Wissen und Mitwirkung eidgenössi- scher Beamter, auf schweizer Gebiet gelockt worden(st, um dort cingesperrtzuwerden,unddaßdieschwe(zerZentralbehördesich dieses Verfahren der Kantonalbehörden angeeignet hat, indem sie den Kaiserlichen Beamten mit der Strafe der Ausweisung belegte. Diese Thatsache würbe durch keine weiteren Ermittelung� aus der Welt geschafft werden. Durch diese Ausweisung hat die Schweizer Zentralbehörde ihren Entschluß bekundet, deutschen Beamten, welche Erkundigungen über das Treiben unserer deutschen Gegner in der Schweiz einzuziehen den Auftrag haben, nicht dieselbe Duldung und Nachsicht zu gewähren, deren die dort befindlichen reichsfeinolichen Deutschen sich in so reichem Maße erfreuen. Nachdem uns auf diese Weise die Möglichkeit benommen ist, uns gegen die in der Schweiz geduldeten deutschen Reichsfeinde und gegen deren Umtriebe und Brandschriften durch Beobachtung an Ort und Stelle zu schuhen, werden wir, wie dies in meinem Schreiben vom 6. d. M. an Ew. Hoch- (vohlaeboren dargelegt worden, gcnöthmt sein, die Kontrole des feindlichen Treibens auf die deutsche Seite der Grenze zu ver- legen, obgleich wir uns sagen müssen, daß dies dort nur un- vollständiger und mit großem Schaden für den friedliebenden Theil der Bevölkerung beider Länder durchgeführt werden kann. Die Maßregeln, welche zu diesem BeHufe zu treffen sind, iverden nicht ohne Berührung mit den Bestimmungen des Niederlassungsvertrages bleiben können, in Bezug auf welchen die schweizer Negierung über die Tragweite des Artikels 2 mit uns verschiedener Meinung ist. Der Wortlaut des Ver- träges läßt unseres Erachtens eine solche Meinunasverschieden- heil nicht zu. Er bestimmt, daß die sich Niederlassenden mit gewissen Zeugnissen ihrer Heimathbehörde versehen sein müssen. Wenn die Schweizer Auslegung die richtige wäre, wenn jede der beiden Regierungen, und namentlich die deutsche, der andern nur das Recht hätte wahren wollen, diese Zeug- (üsse zu fordern oder nicht, so würde der Text dahin gefaßt worden sein, daß jeder der beiden Regierungen die fraglichen Zeugnisse fordern kann, daß sie sich das Recht vorbehält, es zu thun oder zu lassen. Wenn hier das Wort„müssen" gewählt ist, so beweist dies, daß wir wenigstens schon damals, im Jahre 1876, Werth darauf gelegt haben, gegen die Möglichkeit gesichert zu werden, daß jeder Deutsche, welcher nrit den Behörden seines Vaterlandes in Unfrieden lebt, in der Schweiz den Schutz dieses Vertrages für sich in Anspruch nehmen könne. Die Note des Herrn Droz bält diese Aus- legung für unzulässig, weil sie mit dem Landes-Hoheitsrecht der Vertragsschließenden unverträglich fein würde. Ich könnte darauf einfach erwidern, daß jeder inter- nationale Vertrag, soweit er eben Pflichten und Rechte gewährt, eine Beeinträchtigung der unbeschränkten Frei- heit in Ausübung der Souveränetätsrechte einen jeden der Vertragschließenden enthält. Daß wir in Deutsch- land den Artikel 2 des Vertrages vom 27. April 1876 für keine zu weitgehende Beeinträchtigung der Landeshoheit halten, teht aus der Thatsache hervor, daß im Deutschen Reiche der lrtikel 2 des Vertrages seit länger als einem Jahrzehnt im Sinne unserer Auslegung zur Ausführung gelangt und wir den Schweizer Unterthanen die Niederlassung nur gestatten, wenn sie die im Artikel 2 erwähnten Zeugnisse ihrer Heimath vorlegen. Wenn diese Praxis mit der Souveränetät des Deutschen Reiches vereinbar ist, so hat für uns natürlich das Argument, daß die Schweizer Landeshoheit eine solche Konzession nicht gestatten würde, keine überzeugende Kraft. Namentlich da es sich, wie der Herr Droz sagt, um admWInn des etran- gers(Zulassung von Fremden) allgemein handelt, sondern nur um die Art der Behandlung deutscher Unterthanen bei ihrer Zulassung in der Schweiz. Dieselben behalten die Eigen- schaft deutscher Unterthanen, auch in der Schweiz, und es ist nur natürlich, daß vertragschließende Staaten sich über die Be- Handlung ihrer eigenen Unterthanen im anderen Lande beson- dere Zusicherungen in Verträge:: ausbedingen. Die Deutschen, die in der Schweiz sich niederlassen, bleiben nichtsdestoweniger deutsche Unterthanen, und zwischen zwei Staaten, welche in dem Grade befreundet sind, w:e die Schweiz und das Deutsche Reich es in: Jahre 1876 waren, war es erklär- lich und gebräuchlich, daß gegenseitige Zusicherungen des einen über die Behandlung, einschließlich der Kontrole, der Unter- thanen des andern gegeben wurden. Verträge, wie der Nieder- lassungsvertrag vom Jahre 1876 sind aber durchführbar nur da,'wo, und nur so lange, wie zwischen beiden Theilen das Maß von gegenseitigem Wohlwollen besteht, welchem darin Ausdruck gegeben ist. Zu unserem Bedauern ist unser Wohl- wollen für das schweizer Nachbarland aber zu einen: einseitigen ge- worden und der Inhalt jener Verträge dürfte mit den durch diese Aenderung geschaffenen Beziehungen nicht mehr in Ueberein- stimmung sein. Die schweizer Regierung hat uns bisher den Artikel 2 des Vertrages einfach nicht erstillt, und gerade darin wird eine der Hauptursachen der beklagenswerthen Veränderung unserer gegenseitigen Beziehungen zu suchen sein. Hätte die Erfüllung stattgefunden, so ist kaum anzunehmen, daß bei den deutschen Regierungen das Bedürfniß fühlbar geworden wäre, ihre in der Schweiz niedergelassenen Unterthailen und deren Treiben polizeilich zu beobachten. Durch die Note vom 15. ist die Nichterfüllung des Art. II. zum ersten Mal prinzipiell und amtlich konstatirt worden. Wir wären daher in der Lage, den Vertrag vom Jahre 1876 wegen amtlicher Ablehnung der Erfiillung von Seiten der Schweiz schon jetzt für hinfällig zu erklären. Aus Rücksicht auf die Folgen stir die von dieser unvorhergesehenen Aende- rung betroffenen Angehörigen beider Länder ziehen wir aber den Weg der im Art. 11 vorbehaltenen Kündigung vor, und werden Ew. Hochwohlgeboren zu diesem Behufe die nöthigen Ermächtigungen zugehen. Wenn ich aus der Rote vom 17. ds. die Andeutung ent- nehme, daß die schweizer Regierung sich mit den ihr wünschens- werth erscheinenden Verbesserungen ihrer internationalen Polizei beschäftigt, so entnehme ich daraus gen: die Hoff- nung, daß das Ergebniß dieser Bemühungen uns in Zukunft der Nothwendigkeit überheben werde, unseren Schutz gegen verbrecherische Unteniehmungen Deutscher in der Schweiz wohnender Sozialdemokraten ausschließlich selbst und diesseits der Grenze zu übernehmen. Wir werden uns freuen, wenn in der Schweiz Einrichtungen ins Leben treten, welche uns das Vertrauen wiedergeben, daß unsere innere Sicherheit von dorthc» nicht stärker als an den übrigen Grenzen des Deutschen Reichs bedroht ist. Artikel ll des Vertrages würde, wenn er in der Schweiz mit gleicher Genauigkeit wie in Deutsch- land bisher aehandhabt worden wäre, schon bisher verhütet haben, daß dieses Vertrauen erschüttert werden konnte, und wir würden den Glauben nicht verloren haben, daß das Wohlwollen der Schweizer gegen ihre deutschen Nachbarn noch heute dasselbe wäre, wie es bei Abschluß eines so intimen Verstages, wie der von 1876 war, vorausgesetzt wurde. Herr Droz schließt die Note vom 17. mit dem Verlangen, daß wir die Regierung und das Volk der Schweiz nicht für Förderer der Revolution und der Anarchie halten sollen. Ich erinnere mich nicht, daß wir dem auswärtigen De- partement der Eidgenossenschaft einen dahingehenden Vor- wurf gemacht hätten. Ich zweifle auch nicht a» der Absicht der eidgenössischen Zenstal-Behörde, die Pflichten Nachbarschaft in dem Sinne internationaler Nachbarschaft in dem Sinne des Schlusses der Note zu erfüllen, aber ich muß annehmen, daß die bisherige Gesetzgebung der Schweiz der Zenstal-Reaierung nicht die er- forderlichen Mittel gewähre, um die Lokalbehörden in einzelnen Baritons zur Beobachtung der Rücksichten gegen auswärtige Mächte nöthigen zu können, welche zur Erhaltung des gute» Einvernehmens zwischen benachbarten Ländern unentbehrlich sind. Zu den dazu erforderlichen Attributen der Zentral- gewalt eines Bundesstaates zählen wir namentlich da! Recht, jede Lokalbehörde zur Beobachtung der im Namen der Gesammtheit geschlossenen internationalen Verträge anzuhalten- Ohne eine Sicherheit hierfür würden die deutschen Regierungen kein Interesse daran haben, für den jetzt zu kündigenden Niederlassungsvcrstag demnächst einen Ersatz anzustreben.. Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich, den vorstehenden Erlaß dem Hern: Departcmentschcf Droz vorzulesen und ihm, wenn er es wünscht, Abschrift davon zurückzulassen. _-(gez.) von Bismarck. Sr. Hochwohlgeboren dem Kaiserlichen Gesandten, Herrn von Bülow, Bern." Depekrlien. (Molff'« Telegrapsten-Kureau.) Pari«, 4. Juli. Nach weiteren Nachrichten aus Saint- Etienne dauerten die Rettungsarbeiten in den Gruben, in welchen die Explosionen schlagender Wetter stattgefunden halten, die ganze Nacht hindurch, doch konnte trotz aller An- strengungen kein Resultat erzielt werden. Bis 10 Uhr Vormittags waren 25 voki den in der Grube befindlich gewesenen Personen herausgeschafft, darunter 14 todt und 11, welche noch Lebenszeichen von sich gaben, 3 der letzteren sind inzwischen eben- falls gestorben. Paris, 4. Juli. Die Zahl der Opfer der Katastropht von Saint- Etienne ist noch nicht möglich anzugeben; bis jetzt sind 16 Leichen und 10 Verwundete, deren Zustand hoffnungs- loS ist, herausgeholt. Die Rettungsarbeiten haben dann wegen Ucberschwemmung der Gruben Saint-Louis, welche mit denen von Verpilleux zusammenhängen, eingestellt werden müssen. Truppen bewachen die Gruben und hindern das Eindringe» der Volksmenge. 2 Ingenieure, welche einfahren wollten, mußte« halb erstickt schleunigst wieder an die Oberfläche befördert wer- den. Präsident Carnot und der Minister der öffentlichen Ar- besten sandten Hilfsmittel. pari«, 4. Juli. Die Minister Constans und Guyot be- gaben sich heute Abend nach St. Etienne. Hilfsmittel sind schon abgeschickt, doch werden die Nachtragskredite nach Rück- kehr der Minister gefordert. pari», Donnerstag, 4. Juli. Deputirtenkammer. Aus eine Anfrage wegen der Katastrophe in den Gruben bei Saint Etienne wurde seitens der Regierung mitgctheilt, daß nach de« zuletzt eingelaufenen Nachrichten die Zahl der dabei Umge- kommenen sich auf 196 belaufe. Konftantinoprl, 4. Juli. Nachrichten aus Erzen:» melden die Verhaftung einiger Armenier wegen Verdachts der Betheiligung an Komplotten gegen die Regierung— Wu versichert wird, beabsichtigt die Pforte den in Armenien sehr populären und verehrten Erzbischof von Van, Krimi» nach Armenien zu senden, um die aufgeregten Gemüther Z« beschwichtigen. Vriefketflen. 936 anfragen bitten wir die abonnementB-Ouittung betjufügen 93tieflitbt __ � Antwort wirb nicht ertbeilt. M. M- Grimmstraße. Wir können Ihnen nur mündlich Auskunft ertheilen. Theater. F r e i t aa g, den 5. Juli. Friedrich- Wilhelmstädtische» Theater. Die Fledermaus. Kiktaria-Theater. Die Kinder des Kapitän f ellealltanre-Theater. Gefährliche Mädchen. roll'» Theater. Die Hugenotten. ste«d-Theat«r. Spezialstaten- Vorstellung. �Passage 1 Tr. 9 M.— 10 A. Kaiser-Panorama. Eine höchstinteressante Reise durch - Amerika, Kalifornien. Scepartien; preisgekrönte astronom. Aufnahmen. Ken! pariser Weltausstellung 1889. Keife Kr. Maj. Kchiff Hertha. Eine Reise 20 Pf., Kind nur 10 Pf. Abonn. Versammlung. des Vereins m Wahrung der Interessen der Kiavierarbeiter u. vem.ßernfsg. am Sonnabend, den 6. Juli.j Tagesordnung: 1. Bericht der Rechtsschutz-Kommission. 2. Lokalsrage. 3. Vere insangelegenheiten und Verschiedenes. 612] Der Uorstank. Große öffentiilhe Uersammlnng gömmtf. JKodWct ÜSerfins und Umgegend am Sonnabend, 6. Juli, Abends präz. 8] Uhr, in Schcffer's Salon, Jnseljtr. 10. Tagesordnung: 1. Wie stellen ssch die Lackirer Berlins zum Ssteik der Maler und Anstreicher? 2. Wie stellen sich die Lackirer zur Aufbesse- rung ihrer eigenen Lage? Um zahlreiches Erscheinen wird gebeten. 605 Der Ginbrrufer. Verein der Einsetzer (Tischler). Sonntag, den 7. Juli, Vormitt. 10] Uhr, Neue Friedrichsir. 144 1 Fachverein der Tischler. I60f* Mitglieder- Versammlung Tagesordnung: 1. Kassen- und Revisionsbericht vom I.Quar- tal 1889. 2. Wahl zweier Vorstandsmitglieder. 3. Verschiedene Vereinsangelegenheiten. 4. Fragekasten. Mitgliedsbuch legitimirt. 612 Der Vorstand. Morgen, Sonnakeni», den 6. Juli, Abend» 8 Uhr, in Jordan'» Kalo«. Pen» Grnnstaasse Ur. S8: IV Versammlung. Tages-Ordnung: 1. Korstaa des Herrn Dr. Chri steiler über: Ernährung nnd Verdauung. 2. Diskussion. 3. Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedeues und Fragekasten. Neue Mitgliedar werden aufgenommen. NR Das diesjährige findet Montag, den 15. Juli, im ElysiuM, Landsberger Allee Nr. 37—49, statt. Billets sind auf allen Zahlstellen des Vereins, sowie bei folgenden Herren zu haben: Hrimb», Scharnhorstsstaße 3, 3 Tr. Mitte, Jnvalidenstraße 21- Millarg, Lehrterstr. 22, 2 Tr. Markmann, Barnimstr. 46, 4 Tr. Hemp, Pallisadenstr. 63, 4 Tr. Hoyer, Grüner Weg 70. Kuchhoh, Fruchtstraße 65 bei Müller, 1 Tr. Minier, Manteuffelstr. 6, 3 Tr. Glocke, Eisenbahnstr. 32, 2 Tr. Miedemann, Wendenstr. 2, 4 Tr- Saberland, Reichenbergerstr. 161, 3 Tr. Scknh, Britzerstr. 42, 4 Tr. Manien, Kreuzberg- :aße 9, Ouergeb. 4 Tr. Mitte, Möckernstraße 95, 3 Tr. Gl fasser, Nostizsstaße 40. Apelr» Sebastiansst. 27,28(Möbelhandlung). Merkel, Mittenwalderstr. 13, H. 4 Tr. NB. Die Zahlstelle für Nord- West bcflndet sich nicht bei Heinrich, wie irrthümlich ange- zeigt, sondern bei Jahnke, Lübecker- nnd Thurmstrahen-Gcke. Oer Vorstand. Große öffentliche Versammlung der Fachverein der Putzer. Mitglieder» Versammlung am Sonntag, 7. Juli, Vorm. 11 Uhr, im Lokale des Herrn Hin»-. Ue«« Sch-nhanf-rssr. SO. Tagesordnung: 1. Abrechnung vom 2. Ouartal 1889. 2. Zweck des Vereins und Rechte u. Pflichten der Mitglieder. 3. Erledigung von Unterstützungs- u. Rechts- fchutzsachen. 4. Innere Vereinsangelegenheiten. 5. Verschiedenes nnd Fragebeantwortung. 607 teppdecken Fabrik, �a«ienftr.�1S8. Große Auswahl Kteppdecken in Seide, Wolle und Satin von 4 bis 30 Mark. Einzelne wenig be- fchädigte Kteppdecken& 3 Mk. Achtung! Töpfer Berlins! Agenten aus Magdeburg, Dresden u. f. w. sind eingetroffen, um für unsere ssteikenden Kollegen daselbst Ersatz zu schaffen. Folgt ihren Versprechungen nicht, und ersuche ich die unver- heiratheten Kollegen, sich bei der jetzt ungünstigen Baukonjunktur anderweitig Arbeit zu verschaffen, nur nicht in: Köln bei Meißen, Fürstenwalde, Gera, Magdeburg, Güstrow, Nürnberg, Hamburg, Eberswalde, Dresden und Kottbus, da diese Orte im Ausstände sind. Der Vertrauensmann. Carl Maschke, 534 Sstaßburgerstr. Nr. 26. Nur I Mark. Klage«, Eingaben, Kriefe, Kittgesuche Isrist. Math i« alle« Prozesssachen. 550 Po Hak, Aleranderssr. 39, 11. welche nachweislich in einer LuruS- » Papierfabrik und zwar am Dampf- Balancier gearbeitet haben, finden lohnende Be- schäftigung bei Wilhelm Boehme, Lurus- papiersabrik, Reichenbergerstr. 158.[609 Modelltischler Berlins am Sonnabend, 6. Inli, Abend» 8 Uhr, im Lokale des Herrn Taeger, Gartenstr. 13. Tages-Ordnung: 1. Organisationsfrage. 2. Wie stellen sich die Modelltischler Berlins zum internationalen Kongreß in Paris? 3. Freie Diskussion. Tellersa Tellersammlung zur Deckung der Unkosten. Der Wichtigkeit der Tagesordnung halber ist es Pflicht eines jeden Kollegen, zu er- scheinen. Der Ginberufer. fflödkl, eigen. Fabrik. Spiegel d. Foisterwaaree. Gr. Lager, blll. Preise! Emil Heyn, Brunnenstr. 28, Hof part. Theili. nach Uebereinkunft. Cigarre« und Tabake von G. Freiwaldt, vormals ziefliiuder. 9 Mienerstrasse 9. 450 Marienstr. 29 frdl. kl. Hofw., Stube u. Küche, z. v. Tüchtige Arbeiterinnen auf jede Art Wäsche verlangt sofort M. Greifenhagen, 27 Chausseestrasse 27. Soeben erschien: (Die Französ. Kevokutioa tn Prachtband.(4 Exemplar 5,50 M.) Broch, in 20 Heften(a Heft 20 Pf.). Zu beziehen durch die Expedition dieses Blattei Zimmerstr. 44. Verantwortlicher Redakteur: p. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kablng in Berlin SW., Beuthftraße 2. —