Nr. 157. Dirnstag, dr« 9. Juli 1889. 6. Jahrg. MimWKMlt. Krgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Bolksblatt" erscheint täglich Morgens anher nach Sonn- und Festtagen. Abonncmentöpreis für Berlin frei tn's Haus vierteljährlich 4 Mark, monatlich 1,35 Mark, wöchentlich 35 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. Bei Abholung aus unserer Erpedition Zimmerstraße 44 1 Mark pro Monat. Postabonnemem 4 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der PostzeitungSvreisliste für 1889 unter Nr. 866.) Kir da« Austand: Täglich uuter Kreuzband durch unsere Expedition 3 Mark pro Monat. Jnsertionsgebühr beträgt für die 4 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und VcrsammlungS- Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin LW., Zimmerstraße 44, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3—7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 10 Uhr Vormittags geöffnet. -» Fernsprecher: Amt VI.|tr. 4106.«-*- Nodnlition: VeuthPkvAHe S.— Expedition: Äinrnreritrotze 44. Verflüchtigt haben sich alle die hochfliegenden Träume von einem Zeitalter goldenen Gewinns und uberströmenden Reichthums, die in den Köpfen phantastischer Kolonial- Politiker spukten und eine Zeit lang fast das gesaminte deutsche Volk in Erregung brachten. Nur ein kümmerlicher Rebelstreif ist übrig geblieben, das keineswegs erfreuliche Bewußtsein, daß zu den Opfern, die für die Kolonien schon gebracht sind, noch weitere kommen werden, von denen eben- sowenig Ersprießliches für die Zukunft zu erwarte» ist. Die Wendung auf S a m o a wollen wir nicht beklagen; wir wollen nur aufrichtig wünschen, daß sie den Frieden und die Selbstständigkeit jener unglückseligen Inselgruppe gewährleiste, die uns schon so verhängnißvoll geworden ist. Wir beklagen die Menschenleben, die zu Grunde gehen mußten als deutsche Kriegsschiffe vom Taifun an die felsigen Küsten der Samoa-Znseln geworfen wurden; nicht weniger aber hätten wir es beklagen müssen, wenn diese unbedeutenden Eilande der Anlaß ge- worden wären zu einem Konflikte mit den Amerikanern, einer Nation, deren Freundschaft wir nicht entbehren können, wenn unsere wirthschaftlichen und handelspolitischen Ver- hältnisse nicht noch trübseliger werden sollen. Es ist über- Haupt ein nicht angenehmes Kriterium der deutschen aus- wältigen Politik, daß man so wenig Bedenken trägt, beim geringsten Anlasse alte bewährte Freundschaften v o n s i ch zu stoßen, als hätten dieselben niemals auch nur den geringsten Werth gehabt. Die Affären mit Nord- amerika und mit der Schweiz beweisen dies. Und doch hat man in dieser Zeit am allenvenigsten Grund, auf alte Freundschaften so geringschätzig zu verzichten. Die Kolonialpolitu mrt ihren unvermeiduchen Eifersüchteleien hat die Situation insofern verschlimmert, als sie die unliebsamen Zwischenfälle vermehrte und einen Sporn für die kostspielige Neugründung einer Schlacht- flotte abgab. Wir bedauern nicht im geringsten, daß der deutsche Ginfluß auf Samoa nicht mehr so dominirt, wie früher. Denn zu erwarten haben wir von dort gar keinen Gewinn, eü sei denn, die deutschen Verhältnisse müßten sich einmal so sonderbar gestalten, daß auf dem deutschen Markte Palm- ivcin und Kokosnüsse die dominirenden Artikel wären. Wir sind nun wohl auch der keineswegs erfreulichen Aussicht lcdig, samoanische„Könige" als Pensionäre erhalten zu müssen, und wir wollen recht froh sein, wenn diese Poten- taten ihre„Ansprüche" behalten und sehen, wie sie dieselben verwerthen. Wir gönnen den Herren Malietoa und wie sie sonst heißen mögen, eine lange und„glorreiche" Regierung in jeder Beziehung, wenn sie uns nur Nichts kostet. Feuilleton. [7 IR-ubdruck verboten�- Ein Roman von Maurus Zükai. Dort aber sah der Abendhimmel aus, als wogten Lawinenmassen durcheinander, in allen Nuancirungen von Feuer- und Blutroth; zerriß an einer Stelle der glühende Wolkenschleier, so sah man durch den Riß den Himmel nicht blau, sondern smaragdgrün. Unten leuchteten Berg und Thal, Wald und Weiler im Reflex der Abendröthe, in einem Glänze, der dem Auge wehe that, welches nirgends einen schattigen Ruhepunkt fand; dazwischen die Donau wie ein feuriger Phlegeton, und inmitten derselben eine Insel mit Thünnen und großen massiven Gebäuden, die alle glühten, als bildeten sie zusammen einen einzigen Schmelzofen, durch den jedes menschliche Wesen, das aus dem verseuchten Orient kommend, die Grenze des pestfreien Occidents betritt, hin- durch muß, wie durch ein Purgatorium. Was aber in diesem Wind verkündenden Feuerschein die Nerven am meisten affizirte, war ein schwa»gelb an- gestrichener Kahn, der von der Szkela auf das Schiff zu- gerudert kam Die Szkela ist das doppelte Gitter, durch welches die von den beiden Donauusern sich besuchenden Bewohner der Nachbarländer mit einander sprechen, feilschen und Geschäfte machen dürfen. Die„Heilige Barbara" hatte vor der Insel Anker ge- worfen und erwartete den herankommenden Kahn, auf dem drei bewaffnete Männer sich befanden, zwei davon mit Flinten und Bajonnet; außerdem zwei Ruderer und der Steuer- mann. Euthym ging auf dem kleinen Platz vor der Kajüte unruhig auf und ab. Timar näherte sich ihm und sagte leise:„Der Visitator kommt." Während man von den westafrikanischen Kolonien wenig oder gar nichts mehr vernimmt— die Malaria scheint dort die Hoffnungen ver Kolonialschwärmer unbarm- Big zu Schanden gemacht zu haben— geht es um so after nunmehr in Ostafrika her. Noch ist kein Jahr irichen und die Welt war noch erfüllt von dem großen „historischen" Gedanken, den Sklavenhandel in Ostafrika zu unterdruaen. Die„christliche" Welt war entzückt und Herr W i n d t h o r st sah im Geiste schon ganz Afrika zur „christlichen Gesittung" gewonnen. Die Blockade für den Verkehr mit Sklavenschiffen wurde thatsächlich ein- geführt, aber was ist nun geworden? Der Sklavenhandel dauert einfach fort, und die berüchtigten Sklaven- karawanen haben andere Richtungen genommen. Während seinerzeit Fürst Bismarck im Weißbuch noch aussprach, in Ostafrika sei nichts zu gewinnen, sobald man sich aus dem Bereich der Schiffsgeschütze entferne, sehen wir nunmehr einen heimlichen Feldzug, befehligt von dem be- rühmten Helden und Hauptmann W i ß m a n n, der mit dem Sklavenhandel resp. dessen Unterdriiaung offenbar nichts zu schaffen hat. Der Held hat auch eine Schlacht ge- mannen, wobei unter den Negern ein fürchterliches Gemetzel angerichtet worden ist— kurz, die Dekoration für das neue Stück ist ganz im herkömmlichen Stil gehalten. Aber was ist der Zweck von dem ganzen Spektakel? Doch keineswegs die Abschaffung der Sklaverei und die Zivilisirung Ost- afrika,s, sondern es gilt, dem„europamüden" Kapital ein neues Ausbeutungs-Feld zu erschließen. Billige Arbeitskräfte werden beschafft und so nebenbei werden die Schwarzen auch für das Ehristenthum bearbeitet. Herr Wißmann ist ein Pio- nier der Industrie, welche an Produktionskosten sparen will, der die europäischen Arbeitskräfte immer noch ,u theuer sind. Daneben strebt die o st afrikanische Gesell- schlaft immer mehr nach Selbstständigkeit und Unabhän- aigkeit. Diesen Kaufherren und Kapitalisten, die unter dem Schein uneigennütziger Bestrebungen für die Menschheit nur darnach trachten, ihr Kapital möglichst vortheilhaft„wer- b e n d" anzulegen, träumen von einer Zukunft, die ihnen großartig erscheint. Sie haben sich offenbar die o st i n- dische Kompagnie zum Vorbild genommen. Nun, die ostindische Kompagnie hat nichts versäumt, die Einge- borenen durchaus unnöthig zu erbittern. Aber sie brauchte immerhin eine lange"Zeit, um die Jndier zur Empörung zu bringen, während die ostafrikanische Gesell- schaft in erstaunlich kurzer Frist die Schwarzen in Sansibar zum Aufstande getrieben hat. Diese Gesellschaft erscheint uns absolut nicht berufen, in Ostafrika sich als Vertreterin der Kultur und der Zivilisation aufzuspielen. Wenn sie es doch thut, so kann man das freilich nicht ändern; allein die Euthym zog aus seiner ledernen Geldkatze eine seidene Börse und nahm zwei Gollen heraus, welche er Timar in die Hand drückte. In jeder Rolle waren hundert Dukaten. Nicht lange, so legte der Kahn an und die drei be- waffneten Männer stiegen auf das Verdeck des Schiffes. Der eine ist der Zollaufseher, der Inspizient, dessen Amt es ist, die Schiffsladung zu visitiren, ob nicht Kontrebande oder eine verbotene Waffensendung darunter ist. Die zwei anderen sind Finanzwächter, welche bewaffnete Assistenz leisten und zugleich zur Kontrolirung des Inspizienten dienen, ob er die Visitation richtig vorgenommen hat. Der Purisikator ist der offizielle Spion, welcher auf- paßt, ob die beiden Finanzwächter den Inspizienten gehörig kontrolirt haben. Die ersten drei bilden wiederum das amtliche Tribunal, welches den Purisikator ins Verhör nimmt, ob er die Schiffspassagiere bei irgend einer post- gefährlichen Berührung betreten hat. Das Alles ist sehr systematisch eingerichtet; ein amtliches Organ kon- trolirt das andere, und sie alle kontroliren sich wechsel- festig. Als vorschriftsmäßige Gebühr für diese Funktionen hat der Inspizient hundert Scheinkreuzer zu erhalten, jeder von den Finanzwächtern 50 und der Purisikator auch 50— was gewiß eine-mäßige Taxe ist. So wie der Inspizient das Verdeck betritt, kommt ihm der Purisikator entgegen. Der Inspizient kratzt sich das Ohr, der Purisikator die Nase. Eine weitere Berührung findet nicht statt. Der Inspizient wendet sich dann zum Schiffskommissär, die beiden Finanzwächter pflanzen die Bajonette auf. Jetzt noch drei Schritt vom Leib! Man kann nicht wissen, ob der Mensch nicht von der Pest angesteckt ist. Das Examen beginnt.„Woher?"„Aus Galatz." „Wie heißt der Schiffseigenthümer?"„Athanas Brazofics." „Der Eigenthümer der Schiffsladung?"„Euthym Trikaliß." „Wo sind die Schiffspapiere?" Bei der Uebergabe der letzter.'» wird schon behutsamer Bevölkerung von Sansibar hat doch schon gezeigt, wie wenig sie von solcher„Kultur" und„Zivilisation" er- baut ist. Alles in Allem können die Resultate der Kolonialpolitik für die, so sie unternommen, nur durchaus unbefriedigend sein. Wer dennoch ihre Resultate glücklich findet, der gleicht jenem Manne, der seiner Ziege' eine grüne Brille auf- setzte, damit sie Hobelspähne für Grünfutter ansehen sollte. Politisttie j.lel'crlrcl,l. Zum iuteruattonalen Arüeiterkongreff. Die deutschen Delegirten— welche nicht für sich andere Anordnungen ge- troffen haben— werden im Hotel St.(Saint) Charles Rue Pigalle 45(sprich aus: otell fang scharl, rüh pigall) logiren. Der Hotelbesitzer ist ein Deutscher. Zu den Note« de« Reichskanzler». In den Noten des Reichskanzlers in Sachen des Konflikts mit der Schweiz sind eine Reihe von Aeußerungen enthalten, die etwas näher beobachtet zu werden verdienen. Der Reichskanzler scheint in verschiedener Beziehung nicht genau unterrichtet zu sein, sonst könnten gewisse Angaben in seinen Noten unmöglich vor- kommen. So hehauptet er z. B. die Zcntralleitung der beut- scheu Sozialdemokratie habe ihren Sitz in der Schweiz: das ist durchaus unrichtig. Die Leiterin der Partei ist die Reichs- tagsfraktion, und wo diese zu findeS ist, weiß auch der Reichs- kanzter. Die Gerichte haben auch in einer ganzen Reihe von Prozessen in diesem Sinne entscheiden müssen, weil die offen- kundigsten Thatsachen dafür sprachen. Dagegen nahmen die Gerichte an, so lange der„Sozialdemokrat" in der Schweiz erschien und die in Zürich Ausgewiesenen noch dort saßen, daß diese die Leitung für den Vertrieb sozialistengesetzlich verbotener Schriften in der Hand hätten. Unrichtig ist, daß Reinsdorf, Neye und andere ihre politische Ausbildung in der Schweiz erhielten. Reinsdorf war früher Sozialdemokrat, befand sich aber schon v o r 1878 im anarchistischen Fahrwasser, wa§ er in zahlreichen Versammlungen in Leipzig bekundete. Auch scheint der Reichskanzler nicht zu wissen, daß Reinsdorf vor dem Nieder- waldattcntat Jahre lang in Deutschland unter falschem Namen an verschiedenen Orten arbeitete und nicht in der Schweiz, sondern mitten in Deutschland das Niederwalddenkmal vor- bereitete, ohne daß die deutsche Polizei das Geringste merkte. Es ist auch nicht richtig, daß die Schweiz preußische Polizeibeamte, die dort an Ort und Stelle„Erkundigungen" hätten einziehen wollen, nicht im Lande geduldet habe. Das werden die Herren Krüger, v. Hacke, John in Straßburg und eine große Anzahl anderer deutscher Polizeibeamter bestätigen können. Was die Schweiz nicht duldete, waren die Lockspitzel. Es wäre nothwendig, daß man in Bern endlich einmal den Mund aufthut und der Welt verkündet, was man auf dem Gebiete ber Lockspitzel in den letzten 10 Jahren dort vorgegangen. Eine Kohlenpfanne wird gebracht und mit Wachholderbeeren und Wermuth bestreut; die vorgewiesenen Papiere werden darüber gehalten und eingeräuchert und dann vom Inspizienten mit einer eisernen Zange in Empfang genommen, aus möglichst weiter Entfernung gelesen und hieraus wieder zurückgestellt. Ueber die Schiffspapiere wird vorläufig nichts bemerkt. Die Pfanne wird fortgetragen und an ihrer Stelle ein Wasserkrug gebracht. Es isi ein weitbauchiger irdener Krug mit einer Oeffnung, durch welche auch die größte Faust hin- durch kann. Er dient dazu, die Uebergabe der Gebühr zu vermitteln. Da die orientalische Pest sich durch nichts so leicht fortpflanz, als durch Atetallgeld, so muß der aus der Levante kommende Schiffer dasselbe zuerst in einen mit Wasser gefüllten Krug werfen, aus dem es der occidentale Sanitäts- wächter schon gereinigt hervorholt, gerade so, wie an der Szkela Jedermann das Geld das er zu empfangen hat, aus einem Wasserbecken Heraussischen muß. Timar steckt die geballte Faust in den Wasserkrug und zieht sie geöffnet wieder heraus. Dann fährt der Inspizient mit der Hand ins Wasser, zieht sie als zusammengeballte Faust hervor und steckt sie in die Tasche. O, er hat nicht nöthig, beim Schein der Abend- röthe erst nachzusehen, was für Geld das ist. Er fühlt cS am Griff, am Gewicht. Auch der Blinde erkennt den Dukaten. Er verzieht keine Miene. Nach ihm kommen die Finanzwächter. Auch diese fischen mit ernster Amtsmiene ihrer Gebühr vom Boden dcS Kruges heraus. Jetzt rückt der Purisikator heran. Sein Gesicht ist streng und drohen. Von einem einzigen Wort aus seinem Munde hägt es ab, ob das Schiff zehn oder zwanzig Tage in Ouarantaine liegen muß, mitsammt seinen Passagieren. Es sind dies lauter kaltblütige Menschen, die nur ihre Dienstpflicht im Auge haben. Der Inspizient verlangt in mürrisch gebieterischem Tone� daß ihm der Eingang in die inneren Schiffsräume geöffnet alles erfahren hat und erlebte. Herr Nuchonet hat kürzlich im Bemer Nationalrath mitaetheilt, daß auch Kaufmann, der Julianus der Stellmacher, Kämmerer, Etter, Kumitzsch und Konsorten in preußischem Po- lizeidienst gestanden haben. Das war zwar weiteren Kreisen bekannt, aber offiziell eingestanden wurde es bis jetzt nicht. Von diesem Kaufmann ist aber auch weiter bekannt, daß «r in Zürich Konferenzen beiwohnte, in welcher die Attentate in Wien, Straßburg, Stuttgart geplant wurden. Welche Rolle übrigens deutsche Polizeibeamte sogar in Deutschland spielten, dafür brauchen wir nur an Jhring-Mahlow zu erinnern. Auch ist aus den Reichstagsvcrhandlungen früherer Jahre noch in aller Gedächtniß, welche Thätigkeit im anarchisti- schen Sinne die Polizeispitzel Neumann- Berlin und der ein- äugige Wolf in Hamburg entfalteten. Die Erinnerung an alle diese Vorgänge läßt die Entrüstung, welche der Reichskanzler über die angeblich„revolutionäre" Thätigkeit der Sozialdemokraten in der Schweiz in seinen Noten entwickelt, in einem besonderen Lichte erscheinen. Nun die nächsten Reichstagsverhandlungen über das Sozialistengesetz werden Gelegenheit geben, alles, was sich seit zehn Jahren auf dem Gebiete der Geheimpolizei im In- und Auslande zuge- tragen hat, der Welt in einem Gesammtblilde vor Augen zu führen. Vieles wird alsdann in ganz anderem Lichte erscheinen, als in den reichskanzlerischen Noten. Es hat im Laufe der letzten 10 Jahre auf viele und urtheilsfähige Leute oft den Eindruck gemacht, als sei man hier und da ganz trostlos darüber gewesen, daß sich die deutsche Sozialdemokratie zu Putschen und hochverrätherischen An- schlagen nicht hergab, wie man das nach all den Maßregeln, mit welchen sie unter dem Sozialistengesetz traktirt wurde, erwarten zu müssen glaubte. Da das nicht geschah, gab es Leute, die meinten, man müsse ein wenig nachHelsen. Manchmal scheint es auch, als seien neuerdings gewisse Offiziöse sehr unzufrieden über die Ruhe, mit welcher die deutschen Sozialisten ihre Ziele verfolgen. Das wüste Hetzen gegen die Partei und die syste- matische Bezeichnung derselben als Sozial-Revolutionäre lassen die VennuthMig aufkommen, man brauche Material gegen sie und sei wüthend, keins zu bekommen. Aber der Liebe Müh' ist umsonst. Die Partei wird alles unterlassen, was sie kom- promittiren könnte und gewissen Leuten das gewünschte Wasser auf die Mühle lieferte. Die Grdnungsparteien in Frankreich verfolgen jetzt mit einer Unverfrorenheit und Offenherzigkeit, für die man ihnen nur dankbar sein kann, die löbliche Aufgabe, der Welt zu beweisen, daß sie die größten Skandalmacher sind und bei Bekämpfung ihrer Gegner vor keinem Mittel, namentlich nicht vor Kleinigkeiten wie Fälschung und Verleumdung zurück- schrecken. Es handelt sich im vorliegenden Falle um ein vlan- mäßiges Vorgehen. Die Anhänger der durch und durch korrupten Bourbonen, Orleans und BonaparteS und des die Korruption aller drei„Dynastien" in sich ver- einigeirden Boulanger klagen die Republik der Korruption an— das erinnert an den seligen Schinderhannes, der seinen Richtern Moral predigen wollte. Nicht daß wir die jetzige französische Republik für rein und tadellos erkläre» wollten— verglichen mit den drei Monarchien, die ihr vorausgegangen find, ist sie aber von Lilienweiße; und wenn einer m der Republik lange Finger macht, wie weiland Herr Wilson, des f räsidenten Schwiegersohn, dann wird ihm wenigstens das andwerk gelegt, was mit den sehr zahlreichen Wilsons und zwar Wilsons in hundertfacher Vergrößerung— anderswo nicht zu geschehen pflegte. Daß namentlich unter dem Bürger- könig und im zweiten Kaiserreich die Korruption und der Dieb- stahl nicht blos herrschte, sondern positiv regierte, das geniert diese OrdnungS-Skandalmacher nicht, die keine Scham besitzen und keinen Ruf zu verlieren haben. Daß dann und wann Einer von ihnen, der etivas zu unvorsichtig ist, als Ver- leumder ins Gefängniß kommt, wie der große Numa Gilly, das läßt die Gesellschaft sehr gleichgiltig, denn aus der Millionenkasse der monarchischen Reaktion fließt reichliches Schmerzensgeld. Jetzt spielt wieder eine der denkbar unsauber- sten Geschichten: die briefliche Aufforderung, für gutes Geld Aktenstücke zur Kompromittirung der Republik zu fälschen! Der Beweis des Bubenstückes befindet sich in den Händen des Gerichts. Doch genug, wir wollten nur zeigen, von was für Stoff diese Ordnungsparteien sind— in Frankreich und in anderen Ländern. Aus Dresden, 7. Juli, wird uns geschrieben: Am 4. d. Mts. hielt der konservative Landesverein für Sachsen auf dem hiesigen Belvedere seine Generalversammlung, die sehr spärlich besucht war. Den Jahresbericht erstattete der Vor- sitzende. Reichstagsabgeordneter Freiherr von Friesen. Dem- selben ist das interessante Eingeständniß zu entnehmen, daß man den R ei ch s t ag s w a h l e n nicht mit be- sonders hochgestellten Erwartungen ent- gegen sehen dürfe. Das denken wir auch, und es ist gut, daß das die Herren im voraus einsehen. Bekanntlich eroberten die Kartellbrüder bei der letzte» werde. Diesem Wunsche wird gewillfahrt. Sie gehen ihrer dreA hinab- von der Schiffsmannschaft oarf Niemand folgen. Als sie allein sind, grinsen die pflichtstrengen Männer ein- ander an' der Purifikator ist draußen geblieben und lacht nur in seine Kapuze hinein. Sie binden einen der vielen Säcke auf, in dem gewiß Weizen ist.„Nun, der ist wurmstichig genug!" lautet die Bemerkung des Inspizienten. Wahrscheinlich ist auch in den übrigen Säcken Weizen und vermuthlich ebenso wurmstichiger. Ueber den Visitationsbefund wird ein Protokoll aufge- nommen; bei dem Einen der bewaffneten Herren befindet sich das Schreibzeug, bei dem Andern ein Protokoll. Alles wird genau eingetragen. Außerdem schreibt der Inspizient noch etwas auf einen Zettel, den er zusammen- legt und mit einer Oblate verschließt, auf welche er das Amtsvetschaft drückt; eine Adresse schreibt er nicht auf den Zettel. Dann, nachdem sie alle Räume und Winkel durchstöbert, in denen nichts Verdächtiges zu finden, tauchen die drei Visitatoren wieder ans Tageslicht empor. Eigentlich ans Mondlicht denn die Sonne ist schon untergegangen und durch die zerrissenen Wolken guckt mit schiefem Gesicht der Mond herab, der hinter den trägen Wolken einherzulaufen scheint, bald hervorleuchtend, bald wieder verschwindend. Der Inspizient zitirt den Schiffskommiffär vor sich, und giebt ihm— immer im strengen Amtstone— zu wissen, daß auf dem Schiff nichts Verbotenes gefunden wurde- dann fordert er in demselben Tone den Purifikator auf, sich über den Gesundheitszustand des Schiffes zu äußern. Unter Berufung auf seinen Diensteid bezeugt der Puri- fikator, daß alle Leute auf dem Schiffe sammt allem, was sie mit sich führen, rein sind. Dann wird ein Zertifikat darüber ausgestellt, daß die Schiffspapiere in Ordnung befunden wurden. Gleichzeitig werden auch die Quittungen über die bezahlten Gebühren angefertigt. Hundert Kreuzer dem Inspizienten, zweimal fünfzig den Finanzwächtern und fünfzig dem Reiniger. Nicht ein Kreuzer ging davon ab. Diese Quittungen werden dem Eigenthümer der Schiffsladung überschickt, welcher die Wahl durch die Furcht der„Hurrahkanaille" 22 Wahlkreise von 23; der 23. fiel mit Hilfe der Sozialdemokraten in der Stich- wähl den Freisinnigen zu. Die nächste Wahl dürfte aber ein anderes Bild bieten, mag das Kartell sich geberden, wie es will. Ein boniiteres, aber auch ein gehässigeres Spießbürgerthum als das des„gemithlichen Dräsdens" dürfte keine Stadt Deutschlands aufweisen. Nicht genug, daß diese Musterspießer ihre Lokalitäten den Arbeiten: zu Zusammenkünften verweigern, obgleich sie ohne die Groschen derselben dem Bankerott ver- fielen, sie versuchen auch in ihrer Art die Maßregelung der Personen. Ein ganz besonderer Gegenstand ihres Haßes ist der Landtagsabgeordnete Kaden, dem so und so viel der hiesigen Wirthe den Beluch ihres Lokals untersagten. Neuerdings er- eignete sich ein solcher— Krause's Restaurant, Altmarkt 8— Kaden in einer vom Buchbinder- Fachverein einbe- rufenen Versammlung spreche:: zu lassen. Die Folge war, daß der Verein den Verkehr in diesem Lokal mied, und da die klassenbewußten Arbeiter Dresdens diesen: Bescheid folge:: werden, wird der Wirth bald Zeit finden, darüber nachzudenken, von wem er hauptsächlich lebt. Den Arbeitern der Baron v. Burg'schen Kohlenwerke ist, wie das„Sächs. Wochenbl." berichtet, das Lesen des erwähnten Blattes verboten worden, ebenso wurde ihnen der Besuch eines Lokals, in dem eine Versammlung kürzlich abgehalten wurde, untersagt. Das Blatt fragt, ob dies Alles nur ein Ncbergriff der Steiger sei? Es kann sein, daß die Steiger diese Pascha- befehle auf eigene Faust zu geben versuchen, aber doch nur, weil sie im Sinne ihres Hern: zu handeln überzeugt sind. Der feudale Charakter unserer modernen Industrie tritt mit jedem Tage immer schärfer hervor, und das ist gut so. Die Masse der Arbeiter wird nur dadurch immer mehr zur Einsicht ge- bracht. Sind die Arbeiter einig und entschlossen, so giebt es keinen industriellen Feudalherrn, und sei er noch so re:ch und mächtig, der sie bezwingen kann. Au« Dvestfalen kommen sehr schlechte Nachrichten. Die Grubenbesitzer verfolgen aufs äußerste alle Arbeiter, die bei dem jüngsten Streik durch ihre Thätigkeit irgend die Auf- merksamkeit der gestrengen Herren auf sich gezogen haben, und jeder Tag bringt eine Anzahl der brutalsten Maßregelungen. An sich würden wir ein solches Vorgehen, das ja bei der be- kannten Natur unseres Protzenthums nicht in Erstaunen ver- setzen kann, keiner besonderen Erwähnung werth halten— zumal wir an solche Dinge seit anderthalb Jahrzehnten oder aar einem Vierteljahrhundert gewähnt sind. Allein die Sache hat hier eine ganz besondere Bedeutung. Wie sich die Leser er- innern werden, hat der König von Preußen selber die Ver- Mittlerrolle zwischen den westfälischen Grubenbesitzern übernommen; es wurde seinerzeit sehr viel von dem„sozialen Königthum" gesprochen, das über den Parteien stehe und das arbeitende Volk gegen Unrecht und Unterdrückung beschützen werde. Es stand in allen Zeitungen, die Behörden seien angewiesen, in vermittelndem Sinne thätig zu sein und namentlich Maß- regelungen von Arbeitern nach Wiederaufnahme der Arbeit zu verhindern. Herr Hammacher, der nationalliberale Reichstags- abgeordnete(Er-Barrikadenkämpfer— wie er wenigstens selber erzählt, wenn er beim zehnten Glas ist) und Großgrubenbesitzer, sekundirte den Behörden als fieiwilliger Vermittler und gab sein Wort, daß keine Maßregelungen erfolgen sollten. Kurz, es wurde ein starker Druck auf d:e Grubenbesitzer ausgeübt. Allein die Herren beachteten weder die Mahnungen des Königs noch die Vermittelung der Behörden und des Herrn Hammacher — sie fühlten sich souverän und maßregelten. Es ist nur zu wünschen, daß die Arbeiter die Lehre beherzigen. Wenn wieder von dem„sozialen Königthum" gesprochen w:rd, dann brauchen die Arbeiter sich nur ins Gedächtniß zu rufen, wie ohnmächtig die persönlichen Wünsche auch der Höchstgestellten sich gegenüber dem heutigen Klassenstaat erwiesen haben. Das„soziale König- thum" ist eine mehr oder weniger ernst gemeinte Utopisterei, der Klassenstaat aber ist eine Wirklichkeit, und er wird nie und nimmermehr von oben herab beseitigt werden. Aus Kochum berichtet die„Germania": Die Bergleute stehen mit wenigen Ansnahmen der bekannten Untersuchung mißtrauisch gegenüber; sie versprechen sich»«läufig keine Besse- rung ihrer Lage. Im Gegentheil, die Erbitterung wächst auf einigen Zechen nicht unbedenklich. Auf einer Zeche in dem nahen Weimar zog man wiederum Bergleute zu den Verneh- munaen, die gar nicht gestreikt haben. Auf die Beschwerden der Hauer giebt es auf gewissen Zechen Antworteten, wie: „Geht doch zur Streikkasse, da könnt Ihr Euch Geld holen, von uns bekommt Ihr keinen Groschen," oder:„Ihr habt gesündigt, Ihr sollt auch dafür büßen," oder:„Und wenn Ihr keine 50 Pf. verdient, mehr giebt's nicht, die Zeiten sind mal gewesen" u. s. w. In trauriger Weise zeichnet sich mancher BelriebSführer aus. Einige Schlepper, welche auf einer uns mit Namen genannten Zeche abgekehrt waren, hatten auf einer anderen Zeche Arbeit erhalten. Als dies der Betriebsfllhrer der ersterwähnten Zeche erfuhr, äußerte er sich dahin,„die Kunden mal hoch zu nehmen". Als kurz darauf mehrere Ar- beiter, welche auf der anderen Zeche sich um Arbeit bemüht und dieselbe erhalten hatten, am 1. Juli die Arbeit dort an- ganze Zeit über aus seinem Kabinet nicht herausgekommen ist. Er nimmt eben sein Abendessen ein. Ihm werden hin- wiederum Gegenquiltungen über die bestätigten Summen ab- verlangt. Aus der Quittung und der Gegenquittung erfahren dann auch der Schiffseigenthümer und die betreffenden ge- strengen Herren, daß der Schiffskommissär gerade so rnel Kreuzer übergeben hat, als ihm anvertraut worden, und daß auch nicht ein einziger zwischen seinen Fingern hängen geblieben. Kreuzer! nun ja, aber von Gold. Wohl mag Timar der Gedanke durch den Kopf ge- gangen sein: wie es denn wäre, wenn z. B. von den fünfzig Dukaten, welche dieser schmutzige Granischar aus dem Kruge herausfischen soll(ein Heidengeld für solch einen Kerl!) nur vierzig hineinlegte? kein Mensch wüßte darum, daß er sich zehn davon behalten. Er könnte getrost selbst die Hälfte der ganzen Summe sich aneignen, denn wer kontrolirt es denn? Diejenigen, für welche das Geld bestimmt ist, sind auch mit der Hälfte reichlich genug— belohnt. Darauf mag ein anderer Gedanke in seinen: Kopfe ge- antwortet haben.„Was Du jetzt vollführst, ist ohne Zweifel eine Bestechung. Du bestichst nicht mit Geld aus Deiner Tasche, sondern Trikaliß giebt es her, weil sein Interesse es gebieterisch heischt. Du übergiebst das Geld und bist an der Bestechung so unschuldig, wie der Wasierknlg da. Warum er die Aufseher besticht, weißt Du nicht. Ob das Schiff verbotene Waare führt, ob er ein politischer Flücht- ling, oder der verfolgte Held eines romantischen Abenteuers ist, der, un: sein Entkommen zu beschleunigen, mit vollen Händen Geld ausstreut, was geht's Dich an? Wenn Dir aber ein einziges von diesen Goldstücken an den Fingern kleben bleibt, so machst Du Dich zum Mitschuldigen alles dessen, was vielleicht das Gewissen eines Anderen belastet. Behalte nichts davon!" Der Inspizient ertheilt dem Schiffe die Erlaubnis, weiter zu fahren; als Zeichen dafür wurde eine weiß-rothe Fahne mit einem schwarzen Adler am Mastbaume des Schiffes aufgezogen. Dann nachdem hiermit amtl:ch aner- kannt war, daß das aus der Levante kommende Schiff ganz traten, kam der Obersteiger mit einem Zeugen und kündigte den neu angenommenen Arbeitern die Arbeit mit dem Be- grerkeu,„er thue das seinem Kollegen zu Gefallen". Auf eiitf mlche Weise impft man den Arbeitern Erbitterung ein, die nie ganz verwunden wird. Mir im rhrinisch-mrstfiilis'chrn Kohlrurrvirr seitens der Zechenbarone und ihrer Handlanger, der Beamten, den Arbeitern eine erst bewilligte Konzession nach der andern W nommen wird, so auch in den sächsischen Kohlenrevieren. Aul den Morgensterschächten im Zwickauer Kohlenrevier geht der Steiger von einem Bergmann zum anden: und fragt, ob er 12stü::dig anfahren und etwas verdienen oder lOstundia««> fahren und nichts verdienen wolle. Aus Furcht vor Mab' regelung wagte kein Arbeiter, die 12stündige Anfahrt zu venvei- gern. Der Steiger behauptet, es würden jetzt bei lostündigcr Schicht 30 Hunde Köhlen weniger gefördert, und dabci müsse der arme Besitzer Bankerott werden. Um dies zu verhindern, sollen sich die Arbeiter zu Tode rackern: besser es gehen 20 von ihnen kaput, als daß einem Besitzer der Profit geschmälert wird. Im Lugauer Revier wird in ganz ähnlicher Weise den Bergleuten der eben erst gewonnene Vortheil illusorisch gemacht- Dort erläßt der Bergdirektor Scheibner öffentlich die Erklärung, daß die einzelnen Werke mit Entlassung von Arbeitern vor« gehen müßten, da die Leistung unmittelbar nach dem Streik um 8-20 pCt. zurückgegangen sei, infolge der Arbeitszeit- Verkürzung. Da weiter 10 pCt. Lohnerhöhung bewilligt würde», betrage die Lohnerhöhung 20—30 pCt., die keins der Werke i« Lugauer Revier trage:: könne, ohne dabei zu Grunde zu gehet: Natürlich wird die Arbeiterkündigung, die nur heuchlerisch meint ist, dazu benutzt, um die Arbeiter zu zwingen, sich ffa ie Verlängchung der Schichten zu erklären. So arbeitet der Kapitalismus überall in der raffinirtesten Weise, um die Ar- beiter immer fester in sein Joch zu spannen. Unter welchen Verhältnissen die Bergarbeiter des Lugauer Reviers arbeiten, zeigen folgende Zahlen. Die 28 Schächte deS Reviers haben eine Durchschnittstiefe von 526,6 Meter, unge- fähr 1800 Fuß. Die Hitze in denselben ist eine sehr bedeutende. Im Jahre 1888 betrug die Zahl der tödlich Verunglückten W gegen 9 im Vorjahr, tue Zahl der Verletzten 1871 gegen 1759 :m Vorjahre, die Zahl der Erkrankungen 13 289 gegen 11452 im Vorjahre. Also in jeder Beziehung zeigte sich das Jahr 1888 schlechter für die Arbeiter als sein Vorgänger. Anä Die Behauptung, daß die Kohlenförderung gegenwärtig gering« sei als früher, wird durch die Wochenstatistiken der Staatsbahnen, welche die Ladungen befördern, Lügen gestraft. Mit Ausnahme der kurzen Streikperiode ist der Abgang im lausei:- den Jahr in jeder Woche fast größer gewesen als im Vorjahre in der gleichen Zeit. So betrug die Kohlenbeförderung in d« Woche von: 23. bis inkl. 29. Juni, der letzten, über welche Nachrichten vorliegen, aus dem Zwickauer, Lugauer, Oelsnitz« und Dresdener Bezirk 12 609 Ladungen gegen 11 395 mit d« gleichen Woche des Vorjahres. Und ebenso sind für alle Kon- sumenten von Kohle, die nicht noch auf Grund frühe:- ge- schlosscner Verträge Kohlen beziehen, die Preise in die Höh« gegangen. Aber das alles hält die Bergwerksbesitzer nicht ab, die Arbeiter aufs äußerste zu drücken, und ihnen selbst auf Grund falscher Vorspiegelungen den Lohn zu beschneiden- Dafür leben wir auch im Zeitalter der Sozialreform. Ueber die Ueutralität der Schweis spricht sich die frühere französische Minister des Auswärtigen, Ftourens, im„Monde diplomatique" wie folgt aus:„Die Neutralität ist nicht im ausschließlichen Interesse der Schweiz errichtet worden, fanden: als eine Bürgschaft für alle Zentralmächtc und als c:» Unterpfand der Sicherheit für ganz Europa. Sie kann als» auch nicht in einem Zwiegespräch zwischen der Schweiz und einer oder zweien der Vertragsmächte von 1815 in Frage gestellt werden. Wenn sie verletzt werden sollte, so wären die betheiligten Mächte berechtigt, strategische Bürgschaften zu for- dern, denen gleich, welche ihnen die Neutralität des scheizerischc» Gebietes sichert, und keine von ihnen würde diese Pflicht ver- letzen. Frankreich in erster Reihe fände sich durch die unmittel- bare Aussicht auf eine Zusammenziehung der Kräfte der Tripel- allianz im Stock der schweizerische:: Alpen bedroht und könnte keinen Augenblick die Aussicht auf eine solche Möglichkeit hin- nehmen." Aus bem Lager der Zopfmänner. Die„Denwkratiscbe Cvnrespondenz" hat sich die nicht gerade sehr angenehme Mühe gemacht, die Verhandlungen der kleinen Zünftlerkongresse der jüngsten Zeit aufmerksam zu verfolgen. Folgende Strchproben aus den Herzensgeheimnissen der deutschen Zunftbrüder, welche ausgeplaudert wurde::, verdienen daraus veröffentlicht zu wer- den. Auf dem kürzlich zu Frankfurt a. Main abgehaltenen 14. deutschen Jnnungsschmiedetage ertönte zunächst die Klage, daß die JnnungSauSschüsse nicht gedeihen. Auf diese Ausschüsse hatte unsere gouvernementalc(nicht demokratische) Sozialreforn: aber.gerade große Hoffnung gesetzt. Angeblich fehlen diesen Ausschüssen nur die Körporationsrechte, nach deren Verleihung sie gewaltig emporblühcn würden, wenigstens nach der Ansicht unserer Zünftler. Bekanntlich ist das„Mehr Rechte!" aber immer die Forderung der Herren gewesen, ohne seuchenfrei sei, drückte der Inspizient, diesmal ohne vorher- gegangene Waffertaufe, dem Schiffskommissär die Hand und sagte zu ihm:„Sie sind aus Komorn? Da kennen Sie wohl Herrn Kacsuka, Chef bei der Truppenverpflegunge- Kommission? Seien Sie also so gut und übergeben Sie ihm diesen Brief, wenn Sie nach Hause kommen. Es steht keine Adreffe darauf, das ist nicht nöthig. Sie werden seinen Namen ja nicht vergessen. Er klingt ähnlich wie der Name eines spanischen Tanzes. Tragen Sie ihm nur den Brief hin, sowie Sie daheun sind. Es wird Sie nicht gereuen." Dabei klopfte er dem Schiffskommiffär höchst gnädig auf die Schulter, als ob dieser ihm zu ewigen Danke verpflichtet wäre; und dann verließen alle Vier das Schiff und kehrten in ihrem schwarzgelb gestreiften Nachen nach Szkela zurück. Die„heilige Barbara" konnte setzt ihre Fahrt forsetzen und wären auch alle ihre Säcke vom Schiffsboden bis zu:n Verdeck hinauf angefüllt gewesen mit Salz oder türkischen» Tabak, und alle ihre Passagiere mit schwarzen Blattern oder Aussatz bedeckt vom Scheitel bis zur Zehe— Niemand hätte sie mehr angehalten auf der Donau. Nun aber war auf dem Schiffe weder Kontrebande, noch eine Seuche, sondern— etwas Anderes. Timar legte das unadressirte Schreiben in seine Brieftasche und dachte nach, was wohl darin stehen möge. Darin stand aber geschrieben:„Schwager! Ich empfehle Dir den Ueberbringer dieses Briefes. Das ist ein Gold' mens ch". (Fortsetzung folgt.) DU»s iTutull unl» ITcUcit. Urber die in der Sudsee befindliche östliche Meeresströmung giebt eine am 26. Dezember 1888 an der Küste von Ncu-Seeland aufgefundene Flasche eine Reihe vo>» hochinteressanten Anhaltspunkten. Die Flasche enthielt, wie das „Archiv für Post und Telcgraphie" erzählt, das gewöhnliche deutsche Formular mit der an dm Finder gerichteten Aui" daß die JnnungSbeweaung dadurch bis jetzt an innerer Kraft gewonnen hätte. Auf dem Berliner Verbandstage deutscher S ch l o s s e r i n n u n ge n klagte der Delcgirte Deppe-Magde- bürg, welcher zugleich Mitglied des deutsche,: Volkswirthschafts- rathes ist, über die„geringe Betheiligung am Jnnunas- wesen". Obermeister Remmert konftatirte, daß gerade die Verbandsinnunaen das geringste Interesse bei einer Er- Hebung bezüglich des wichtigen Arbeitsnachweises gezeigt hätten. Ferner hätten von allen deutschen Schlosser- innerungen bisher nur ganze zwanzig die Vorrechte der be- rühmten§§ 100 e und f fLehrlingsprivileg u. s. w.) erworben. Und was erwarteten die Herren Zünftler nicht alles von diesen neuen Jnnungsprivilegien! Jetzt werden die letzteren von ihren eigenen Genossen schnöde verschmäht. Auf dem am 25. Juni zu Ratibor in Schlesien abgehaltenen zweiten oberschlesischen InnungSvcrbandstag mußte ebenfalls festgestellt werden, daß der Zuwachs, welchen der Verband im letzten Jahre erhalten hatte, lächerlich gewesen sei. In der Gewerbekammer der Provinz würden, hieß es weiter, die Vertreter des Handwerks (soll heißen des Zunftzwangs)„stets niedergestimmt." Den Schlüssel dazu erhält man, wenn man weiter liest, daß ein Antrag auf Beschränkung der Massenlehrlingsaus— bilduna, der von einem weißen Raben unter so viel schwarzen gestellt war,„vielfach auf Widerspruch stieß." In ganz elegischem Tone kam auf dem Berliner Schlossertage Meister Weinert (Dresden) auf die bei der Berathung der Altersversorgung vom Reichskanzler aethane Aeußerung zu sprechen, daß „nach dem Bedürfnisse blos des kleinen Handwerks" man sich nicht richten könne; dies Wort habe„allgemein tief schmerz- (ich berührt" und man dürfe nicht„mit allzugroßen Hoffnungen in die Zukunft blicken." Ebenso war es der zünftlerische Reichs- tagsabgeordnete Metzner, der in Ratibor erklärte, er habe an- gesichts der Ablehnung des Befähigungsnachweises durch die Regierung„den Muth verloren". Das war der richtige Aus- druck für einen richtigen Eindruck. Zum Ueberfluß kommt jetzt der neueste Jahresbericht der Gewerbekammer in Schleswig- Holstein und spricht von einer„recht flauen und lauen Theit- nähme an den Bestrebungen der Innungen" in jener Gegend, von„Zurückhaltung und Lässigkeit" der Handwerker; eine An- zahl derselben habe sich sogar den verpönten Arbeiterfachver- einen anöeschlossen.(Hu!) So steht die Jnnunassache in Deutschland nach den neuesten Aeußcrungcn der Zllnftler selber, die sich außerdem auch innerhalb ihrer weltbeglückenden Organi- fationen in den Haaren liegen. Denn auf dem Bochumer BäckcrinnungStage wurde der für den Befähigungsnachweis so kräftig arbeitende„deutsche Handwerkerbund" als ein Hindemiß für dw gedeihliche Entwicklung des Jnnungswesens bezeichnet, und der neueste Bericht der Leipziger Gewerbekammer macht gegen denselben Bund, außerdem aber auch gegen den deutschen Jnnungstag Front._ ,, Einen wirkfamen Damm gegen die„Irrlehren der S-ziald-mokratie" zu schaffen, soll geplant sein, und zwar durch Maßregeln auf dem Gebiete des Schulwesens, wie es folgende Ankündigung der„Berl. Pol. Nachrichten" besagt: „Man würde fehlgehen, wenn man annehmen wollte, daß die Fürsorge der Regierung bezüglich Abwehr der Sozialdemo- kratie sich ans das Gebiet der eigentlichen Sozialpolitik be- schränkte. Sie erstreckt sich vielmehr auf alle Gebiete des Staatswesens, aus denen eine Einwirkung der Sozialdemo- kratie zu besorgen ist. So werden unter anderem Erörterungen darüber angestellt, inwiefern unser Schulwesen in seiner heuti- gen Gestalt, und zwar das höhere wie das Volksschulwesen, der Aufgabe genügt, den Irrlehren der Sozialdemokratie einen wirksamen Damm entgegenzusetzen oder ob von demselben nicht etwa Folgen zu erwarten sind, welche wie»Um Beispiel Halb- bildung, Ueberfülluna der Hochschulen und akademischen Be- rufe dazu angethan stnd, der Sozialdemokratie neue Kräfte zu- zuführen. Aus den Ergebnissen dieser Erörterungen dürften (einer Zeit die praktischen Konsequenzen gezogen werden." Die „Voss. Ztg." bemerkt zu dieser Auslassung:„Die Klagen über Halbbildung, Ueberfüllung der Hochschulen u. s. w. werden in der offiziösen Presse, vor allein in der„Rordd. Allg. Zeitung" seit langer Zeit mit großer Breite und Hartnäckigkeil vorge- tragen. Wie man sich aber das Eingreifen des Staates gegen diese Mißstände vorstellt, darüber sind bisher Andeutungen von offiziöser Seite noch nicht gemacht worden. Auch die obige Auslassung enthält keinen Wink über den Inhalt oder die eorm, die man den„praktischen Konsequenzen der staatlichen rhebungen zu geben gewillt ist. Man wird daher mit berech- tiater Spannung weiteren offiziösen Kundgebungen in dieser alle Kreise lebhaft berührenden Frage entgegensehen." Eine KevülKmwg der deutschen Kolonien durch Strafgefangene empfiehlt man im nationalliberalen „Hannov. Cour."„aus juristischen Kreisen". Die Kolonien Kamerun und Togo seien zwar„nicht gerade die gesundesten", aber das Mitleid gehöre hier nicht her. Es sei nun immerhm noch besser, wenn die Verbrecher m Kamerun und Togo ihr Leben verlieren, als es elendiglich im Zuchthause oder aar auf dem Schaffot enden.— Bald werden die Nationalliberalen auch soweit sein, eine Deportation der„Reichsfeinde" in diese Fieber- kolonien zu empfehlen. forderung, dasselbe der deutschen Seewarte zu Hamburg oder dem nächstgelcgenen deutsche» Konsulate zustellen zu wollen; die mit einer blassen Tinte eingetragenen Bemerkungen sind ,e- doch leider nahezu unleserlich geworden. Man hat.trotzdem die auf dem Formular enthaltenen Angaben nach Möglichkeit herauszubuchstabircn gesucht und ihren Inhalt weniasteiiS annähernd folgendermaßen zusammengestellt:„Diese Flasche ist am 3. November 1887 unter 26• südlicher Breite und 72° 10 östlicher Länge von dem deutschen Schisse„Luna" aus Hain- bürg, Kapitän Henricksen, auf der Reise von Hamburg nach Atel- bourne, 79 Tage in See, über Bord geworfen worden. Der Finder »v,rd gebeten, dieses Blatt der deutschen Seeivarte in Ham- bürg oder aber dem nächst gelegenen deutschen Konsulate zur Weiterbeförderung zuzustellen, nachdem die auf der Rückseite namhaft gemachten Angaben eingetragen sind." Die nach Mel- Pourne bestimmte Barke„Luna", 820 Tonnen, hatte Hamburg am 15. August 1887 verlassen und traf am 22. Nov. 1887 in Port Philipp ein. Die Flasche war, als sie aufgefunden wurde, nicht beschädigt und enthielt Meeressand. Die angegebene Länge und Breite lassen die Stelle des Ueberbordwerfens derselben auf einem etwa 200 Seemeilen nordöstlich von der Insel Kerauelen (im indischen Ozean) gelegenen Punkte annehmen. Es ist dies auch der gewöhnliche Weg der von Europa nach Australien ver- kehrenden Segelschiffe. Augenscheinlich ist die Flasche zu dem Zivecke über Bord geworfen worden, die Meeresströmungen fest- zustellen. Dieselbe hat seit dem Tage, da sie über Bord ge- warfen worden ist, nahezu 6000 Seemeilen in einer östlichen Richtung zurückgelegt und ein Jahr und zwei Monate find verflossen, bis sie, wie schon erwähnt, an der Küste von Zleu- Seeland aufgefunden worden ist. Unter allen Klnme«, welche unsere Garten schmucken, übertrifft keine die Rose an Schönheit der Form und Lieblich- keit des Geruchs; die verschiedenen Arten dieser Gattung sind sehr zahlreich und die Spielarten, welche von Kunstgärtnern durch mancherlei Mittel erzeugt werden, belaufen sich gewiß über tausend. Die Rose ist zu allen Zeiten ein Liebling der Dichter gewesen; sie hat stets hei Festlichkeiten aller Art eine vorzüg- liche Rolle gespielt. Ein französischer Schriftsteller sagt:„Die zahlreichsten Nationen, die blühendsten Städte, die größten Königreiche sind von der Erde verschwunden; die mächtigsten Herrscherfamilien sind vorübergegangen, die Rose allein hat alle Politischen Stürme überlebt und gilt nach wie vor als die Königin der Blumen; kein anderes Kind Floras hat sich so lange und so unabänderlich in seiner Würde behauptet. Fast in allen Sprachen dient sie zur Bezeichnung der Unschuld, An- Gewerbttch« Schiedogerichle. Wie jetzt verlautet, beabsichtigt die bayrische Regierung, in der nächsten Reichstags- session, einen Gesetzantrag, betr. die Errichtung gewerblicher Schiedsgerichte, einzubringen. Gesterreich-Ungar«. Aus Wien, 3. Juli, wirb der„Franks. Ztg." geschrieben: Seit der Herausgeber der„Gleichheit", Dr. Adler, seine zum Glück geringe, darum jedoch nicht minder bittere Dosis Aus- nahmcgerichtsbarkeit hinunterzuschlucken bekommen hat, kann nun hier auf sozialpolitischem Gebiete nach berühmten Mustern „wohlgemuth fortgewurstelt" werden. Die Presse verhält sich bis jetzt ruhig dazu. Daß die klerikal-feudalen und antisemi- tischen Blätter Roß und Reiter mit unverhohlener Schadenfreude dahinsinkcn sehen, ist nicht wunderbar. Was aber hält der unabhängigen Presse den Mund derart verschlossen, daß anläß- lich des Verbots der„Gleichheit" nur die„N. Fr. Pr." einige Worte prinzipieller Abwehr fand, die Verurtheilung des Dr. Adler vor einem offenbar inkompetenten Gerichtshofe jedoch lautlos hingenommen wurde? Und doch ist der „Gleichheit", nicht etwa nur vom sozialdemokratischen Stand- punkte aus, sehr Vieles zu danken. Die Durchführung der Arbeiterschutz-Gesetze hat an.unseren trefflichen Gewerbe- Inspektoren schon darum kaum wirksamere Organe besessen, als an der„Gleichheit", weil die Aufmerksamkeit der ersteren durch die scharfe Vigilanz der letzteren auf die krassesten industriellen Mißstände und Kontraventionen aufmerksam ge- macht wurde, deren Ermittelung auf dem ordnungsmäßigen Wege der fortlaufenden Inspektion wahrscheinlich erst in etwa sechs Jahren gelungen wäre. Denn bei der gegenwärtigen ge- ringen Zahl von Jnspektorrn bedarf es eines Zeitraums von annäherungsweise 12 Jahren, bis sie in den österreichischen ge- werblichen Betriebsstättm einmal herum sind. Die„Gleichheit" hat aber auch außerhalb ihrer ständigen Körrcspondenznlbrik: „Der Gewerbe-Jnspektor" noch manches Verdienstliche gewirke. Niemals tauchte sie die aus ihrer sozialpolitischen Stellung natur- gemäß hervorgehenden Spitzel, der Diskussion in das Gift gehässiger Veroächtigung, oder in den Schlamm roher, geschmackloser Ausdrucksweise. Als sie vor 2% Jahren ins Leben trat, berührte sie durch ihren reichen, oft in geist- voller Form gebotenen Inhalt, jeden unabhängig Gesinnten auf's Angenehmste. Die Preßpolizei verhielt sich anfangs völlig ruhig, um das junge Blatt— so unglaublich und für unseren politischen Sinn beschämend es auch klingen mag, so buchstäb- lich wahr ist der uns wohlbekannte Sachverhalt— durch Nicht- konfiSkation zu kompromittiren. Die damals mit dem„Vater- land" eng liirten Parteigänger des Anarchismus wiesen höhnisch auf die dem Adler'scheu Blatte erwiesene Toleranz hin und cS mochte wohl auch so inancher Philister, der von Alters her gewohnt ist, nur das als Frühstücksleklüre zu bekommen, was der Staatsanwalt jeweilig für angemessen hält, das ungehinderte Weitcrerscheinen der so unbeirrt gegen den Strich schreibenden„Gleichheit" für höchst verdächtig ge- balten haben. Der anfänglichen, von unserem in Rede stehenden Preßwild geschickt zur Vcnvahrnng ausgenützten Schonzeit sollte aber bald eine scharfe Hätz folgen. Gelang es nicht, das rasch sich verbreitende Blatt politisch zu diskrcditiren, so niußte jetzt der Versuch gemacht werden, es finanziell zu Grunde zu richten, und was böte zu diesem Zweck eine bequemere Hand- habe, als unser„objektives Verfahren"? Nummer auf Nummer verfiel dem publizistischen Nachrichter: dennoch erschien das Blatt oft nach zwei- bis dreimaligem vergeblichem Versuche all- wöchentlich. Die ihm durch das Konfiskationsbeil beigebrachten Wunden waren stets durch Aussprüche der ersten Dichter und Denker überklebt, die unkonfiszirbabes Gemeingut der Mensch- heit geworden, jedoch an den betreffenden, durch die Preßbc- Hörde geschaffenen Tcrtlücken unzweifelhaft agitatorischer wirkten, als die ursprünglich an jener Stelle befindliche Glosse oder Kor- respondenz aus einem beliebigen Provinzstädtchen. Der„Gleich- heit" war auf gewöhnlichem Wege nicht beizukommen, darum mußte man neue Minen springen lassen. Vor wenigen Mo- naten wurde die Wirksamkeit des stets sehr gemäßigt auftretenden sozialdemokralischen Vereins„Wahrheit" polizeilich einge- stellt, weil seine öffentlichen Versammlungen nicht etwa tumultuös verliefen, sondern einen imponirendm Besuch und achtunggebietenden Verlauf erzielten. Der„Gleich- heit" sollte aus ähnlichen Beweggründen ein ähnliches Ende bereitet werden. Zunächst wurde der Herausgeber Dr. Adler wegen eines den Tramwaystreik behandelnden Artikels in den Anklagezustand versetzt. Um die Gefährlichkeit deS von ihm edirten Blattes recht plastisch zum Ausdruck zu bringen, wurde er vor de» AuSnahmeaerichtshof gebracht. Bisher hatte man der Intention des Gesetzgebers und den von der Regierung ab- gegebenen Erklärungen geinäß nur anarchistisch gesinnte Meuchel- mörder, Falschmünzer, Inhaber geheimer Pressen und Heraus- geber verbotener Flugblätter jenem Gerichtshof übenviesen. Daß das einem als Anarchisten Gezeichneten gehörige Blatt nicht weiter erscheinen dürfe, ergab sich für die Polizei mit Nothwendigkeit. Die„Gleichheit" wurde im Laufe der gegen ihren Herausgeber eingeleiteten Voruntersuchung unterdriickt, wodurch wieder der zur Aburlheilung des Dr. Adler muth, Liebe:c." Im Einklang mit diesen Begriffen schrieben die Alten in ihren Mythen der Rose einen übernatürlichen Urspning zu; es hieß demgemäß, sie sei an der Stelle, wo das Blut des schönen Adonis geflossen, aus der Erde emporgeblüht. Im alten Rom waren während öffentlicher Festlichkeiten die Straßen mit Rosen geschmückt und zu Bajae war bei gewissen Lustbarkeiten auf dem Wasser der ganze benachbarte See mit dergleichen lieblichen Blumen bedeckt. Ebenso herrschte damals die Sitte, Kopf und Nacken mit Rosenguirlanden zu umwinden. In Frankreich pflegten die Fürsten und PairS, selbst die Prinzen von könia- lichem Blut nicht ausgenommen, einem alten Herkommen gemäß, ungefähr bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts dem Par- lament von Paris in den Monaten April, Mai und Juni Rosen zu überreiche». Der Fürst oder Edle, welcher diese Zeremonie ausübte, ließ Rosen und andere wohlriechende Blumen in allen Zimmern des Parlamentshauses ausstreuen und führte den Vorsitz bei einem glänzenden Frühstück, woran außer dem Präsi- deuten und den ersten Röthen auch die untern Hofbeamten theilnahmen. Nach eingenommenem Frühstück ging er unter Vorantraaung eines Gefäßes, welches mit Rosensträußen gefüllt war, umeyr und beschenkte jeden anwesenden Gast mit einem solchen Strauße. In einige» Thcilcn von Frankreich ist die Rose der Preis des Siegers bei gewissen ländlichen Spielen. Bei Leichenbegängnissen, zur Schmückung der Särge und Gräber, vorzüglich von Jünglingen und Mädchen, haben die Rosen von jeher vis auf dm heutigen Tag den ersten Rang behauptet. Die Rose kommt auch in Wappmschildem vor; wir erinnem bei dieser Gelegenheit an die in der englischen Geschichte be- rüchtigten, so verderblichen Kriege zwischen der rothen und der weißen Rose— d. i. zwischen den Häusern Lancaster und Bork. Der liebliche Geruch der Rose hat natürlicherweise stets die Auf- merksamkeit des Menschen auf sich gezogm und man hat schon früher einen Extrakt von Rosmblättern zur Besprmgung von Zimmern und Kleidem davon bereitet. Das vorzüglichste Kunsterzeugniß aus Rosm ist der Altar oder Otto, zu deutsch Rosenessenz oder Rosenöl, welches besonders aus der Rpsa nioschata, R. provincialis, R. blferia officinalis bereitet wird. Das Verfahren zur Gewinnung des Rosenöls soll von der Lieblings- Sultanin Jehanghir's, Äeherrsches von Indien, entdeckt wordm sein. Um sich ihrem stets»ach neuen Genüssm verlangenden Gebieter gefällig zu zeigen, ließ sie das Bad im Gartm des Palastes bis an den Rand mit Rosenwasser süllm, und der Einfluß der Sonne ver- dichtete die öligm Theilchen, welche man oben auf dem Wasser schwimmmd fand; in der Meinung, dieses sei verdorben, defignirte AuSnahinegerichtshos von dessen Gesährlichkeil uberzeugt werden sollte und auch überzeugt wurde. Diese misc en sc&ne ist gelungen, ohne baß auch nur eine Preß- stimme dagegen sich erhoben hätte. Das aus den Jahrhun- derte umfassendm englischen Verfassungskämpfen siegreich her- vorgegangene, auch bei uns adoptirte staatSgrundgesetzliche Prinzip, daß niemand seinem ordentlichen Richter— tn dieser Sache den Geschworenen— entzogen werden darf, wurde in unserem Falle ohne den leisesten Einspruch der publizistischen Hilter verfassungsmäßiger Freiheit unverkennbar verletzt. Noch kann der oberste Gerichtshof bezüglich dieses unser öffentliches Recht beengenden Verfahrens eine Remedur schaffen, und es ist sogar begründete Hoffnung hierauf bei uns vorhanden; denn diese Curie zählt zahlreiche Mitglieder, die dem Gebote juristi- scher Berufsehre mehr als dem heute so verbreiteten Wahl- spruch Gehör schenken, dem Wahlspruche, daß der Mensch nicht nur etwas sein, sondern auch immer bald etwas werden solle. Möge durch einen die ordentliche Gerichtsbarkeit in dieser An- aelegenhcit wiederherstellenden Beschluß des oberstm Gerichts- Hofes das begangene Unrecht gesühnt werden. Das Gcsammtresultat derb öh mische» Stäb te- mahlen ist folgendes: Es sind gewählt 32 Deutsche, 24 Alt- czechen, 9 Jungczechen; 7 Mandate blieben unentschieden, da theils Neuwahlen, theils engere Wahlen erforderlich sind.— Iii Budweis erschienen von 2887 Wahlberechtigten 2557. Der Kandidat der Deutschen, Schier, erhielt 1337, ver Kandidat der Czechen, Dlouhy, 507 Stimmen. Jägerndorf, 7. Juli. In einer heute hier statt- gehabten Versammlung der Textilarbeiter wurde be-. Ichlossen, die Arbeit einzustellen. Der Streik erstreckt sich auf gegen 4000 Arbeiter. Bis in die Abendstunden fanden auf allen Straßen starke Ansammlungen statt, doch wurde die Ruhe nirgends gestört. Die BezirkShauptmannschaft hat die übliche Bekanntmachung erlassen, in welcher sie vor Aus- schreitungen warnt, sowie davor, die Nichtstreikenden an der Arbeit zu verhindern. K I a d n o, 7. Juli. Die strafgerichtlichen Vorerhebungen wegen der Ausschreitungen während der letzten Arbcitsein- stellung sind abgeschlossen. Etwa 100 Männer und Frauen sind an daS Strafgericht„abgeliefert" worden. Die Zeugenver- nehmungen werden noch fortgesetzt. Die Nachricht, daß der Vcrtheidiger der„Gleichheit," Rechtsanwalt Dr. W ol f f- E p p i n a e r aus Wien ausge- wiesen ivorden sei, bestätigt sich zur Ehre der Wiener Polizei- direktion nicht. Schweiz. Bern, 7. Juli. Bei der heutigen Volksabstimmung im Kanton St. Gallen wurde mit 18 673 gegen 8683 St. beschlossen, die kantonale Verfassung zu revidiren. Fra«kreich. Der Deputirte de Lanessan hat dem Marine- minister Kranz mitgetheilt, er werde am Montag eine Jnter- pellatioi, einbringen, um zu erfahren, ivelche Maßnahme» der Minister vorzuschlagen gedenke, um der Unzulänglichkeit der Flotte abzuhelfen, sowie oen nach seiner Ansicht gelegentlich der jüngsten Flottenmanöver offenkundig gewordenen Mängeln der Küstenvertheidigung. Die R et t ui, gs arbeiten in St. Etienne werden unausgesetzt betrieben. Drei Leichen wurden herausbefördert; Zwar bemerkten die Arbeiter noch mehrere, aber die tödtlicheu Gase verhinderten jedes Vordringen. In Rußland steff md) der„H. B." eine M i ß e r n t e in Aussicht. Im Ferneren heißt es in demselben Artikel: „Die öffentlichen Getreidemagazine sind jetzt schon fast leer. Die Verpflegunaskapitalien der Landschäftsbehörden sind aus- geborgt. Die Baarfumme, über welche das Reich zu Verpfle- gungSzwecken augenblicklich verfügen kann, beträgt laut offi- ziellen Berichten 9 Millionen Rubel. 14 Millionen, also fast zwei Drittel der ganzen Summe, sind gleichfalls ausgeborgt. Mehr als die Hälfte des ganzen Kapitals war überhaupt nie vorhanden; es gab aber auch Zeiten, wo fast gar nichts in Baar vorhanden war. Ein großer Thcil dieser Summe ist überhaupt uneinbringlich. Mit den vorhandenen 9 Millionen kann nicht einmal die dringendste. Roth beseitigt werden. Auch das Sinken des Rubelkiirses trägt zur Preissteigerung des Korns bei. Daß unter solchen Umständen von politischen Ueberraschungen, mindestens bis zur nächstjährigen Erute, keine Rede sein kann, ist sonnenklar: denn wo nicht einmal Brot vorhanden ist, hat auch der Zar sein Recht verloren." Soziale MteberHAjk. A« lammtliche in der Hutfabrikation beschäftigte« ?.rbeiter und Hutmacher. Arbeiter und Kollege»! Da in iesem Jahre der Lohnkampf in vielen Industrie» entbrannt ist, und sich in allen Gewerkschaften eine feste Organisation schöpften die Diener und Sklaven sorgfältig das Oel ab; hier- durch bewirkten sie ein Bersten der kleinen Kügelchen oder Bläschen, aus welchen ihnen der lieblichste Wohlgeruch ent aegenströmte. Dies fübrte auf den Gedanken, die Essenz(das Rosenöl) durch Nachahmung des natürlichen Prozesses ans künstliche Weise zu erzeugen. Da die Bereitung des Altar eiu Gegenstand großer Wichtigkeit ist, so werde» in der Nachbar- schast von Lucknow, Gyazicpore und in Kaschmir unermeßliche Rosenfelder kultivirt; daher denn auch an den genannten Orten während des Frühlings und Sommers die Luft weit und breit mit köstlichen Wohlgerüchen angefüllt ist. In Persieu wird der Attar folaei�beraestalt bereitet: man füllt ein hölzernes Gefäß mit den Blattern ver Moschnßrose, gießt reines Wasser darüber und überläßt es mehrere Tage hindurch dem Einfluß der Sonnenhitze, welche das Oel auf Ver Oberfläche konzentrirt; jncnms sammelt man das Oel, um es in kleine Fläschchen j» Die Hibe im Sommer früherer Jahrhunderte. Wir lesen in der„Europ. Korr.": Im Jahre 627 unserer Zeitrechnung versiegten die Quellen und Menschen verschmachteten: 879 war es unmöglich im Freien zu arbeiten,� besonders aus dem Felde; iver aushiell, wurde entweder vom Schlage gerührt oder vom Sonnenstich getroffen. Im Jahre 993 wurden die Nutzpflanzen auf den, Felde geröstet wie in einem Backofen. Das Jahr 1000 brachte besonders Frankreich eme große Hitze, die Flüsse trockneten aus und der Gestank der dadurch ge- tödteten Fische brachte die Pest. Bei der Hitze im Jahre 1014 verschwanden in Elsaß und Lothnngen Brunnen und Flüsse. 1132? trocknete der Rhein aus. 1153 erreichte die Hitze einen solchen Grad, daß man Eier im Sande kochen konnte. 1227 kamen viele Menschen und Thiere infolge der großen Hitze um. Im Jahre 1303 waren Rhein und Donau trockenen Fußes zu passiren. 1394 vertrocknete die Ernte, 1538 in Frankreich die seine und Loire. 1556 war über ganz Europa eine große Dürre verbreitet. 1614 vertrockneten in Frankreich und selbst in der Schweiz die Brunnen und Teiche; nicht minder heiß waren die Jahrgänge 1646, 1679 und 1701. Im Jahre 1715 regnete es vom Monat März bis Oktober nicht ein einziges Mal, das Getreide verbrannte, die Flüsse trockneten wieder aus. Die Hitze stieg bis 38 Grad R., und in beivässerten Gärten blüthen die Obstbaume zweimal. Außerordentlich groß war auch die Hitze in den Jahren 1724, 1746, 1756 urck» 1811. Wege» übergroßer Hitze wurden im Sommer 1815(das Thermometer zeigte 40 Grad R.) die Theater geschlossen. dabei glänzend bewährt hat, die bei uns leider noch vollkommen kehlt, so seyen sich mehrere in unserer Branche beschäftigten Ar- beiter veranlaßt, sich baS Beispiel der organisirten Arbeiter zu Nutze zu machen und auch in unserem Gewerk einen Verein zu gründen, um dem immer mehr sich ausdehnenden und die Arbeitskraft immer schärfer anspannenden und ausnützenden Kapitalismus einen Damm entgegen zu setzen. Arbeiter, Kollegen! Bedenkt, welche Uebelstände gerade in unserer Branche der Abhilfe dringend bedürfen. Unsere Arbeit ist eine Saison- arbeit. Während der Saison wird die Arbeitskraft bis aufs äußerste angespannt, sogar eine 15- bis 16stündige Arbeitszeit wird von den Fabrikanten angesetzt. Arbeiter, Kollegen! Bedenkt, wenn ein Mensch 15 bis 16 Stunden gearbeitet hat, ist derselbe dann noch fähig, sich um seine Familie zu kümmern, ist er noch fähig, sich geistig weiter auszubilden? Nein! wird jeder denkende Kollege sagen; müde und abgespannt konimen wir während der Saison nach Hause, verzehren unser kärgliches Abendbrot und suchen mechanisch unser Lager auf, von dem wir uns am nächsten Morgen zu derselben frühzeitigen Tod bringenden Arbeit erheben. Nun, Kollegen, wer mit diesen Uebelständen in unserer Branche nicht einverstanden ist, der erscheine in der öffentlichen Hutmacher- und Hutarbeiter-Ver- sammlung am Dienstag, den 16. Juli, Abends 8 Uhr, im Königstadt-Kasino, Holzmarkt- und Aleranderstraßen-Ecke, im oberen Saal. Dort wollen wir unsere Lage besprochen, wollen laut sagen, was uns bedrückt und eventuell einen Verein für unsere Interessen ins Leben rufen. Die Beauftragten. VorfmnmUmgeu. Der Derew zur Währung der Interessen der Klanierarbeiter und verwandten Brrufsgenossen hielt am 6. Juli d. I. in Gratweil's Bierhallen eine gut besuchte Mit- gliederversammlung ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht der Rechtsschutzkommission. 2. Lokalfrage. 3. Ver- schiedencs. Vor Eintritt in die Tagesordnung theilte der Vor- sitzende, Kollege Riediger, mit, daß der Freund und treue Kämpfer für die Arbcitersache Wilhelm Hasenclcver verstorben sei, und ehrte die Versammlung durch Aufstehen von den Sitzen das Andenken an den Verstorbenen. Aus dem Bericht der Rechtsschutzkommission ging hervor, daß der Verein im vergangenen Jahre eine nur geringe Zahl von Rechtsstreitig- keilen gehabt habe, welche auch in der Mehrzahl zu Gunsten der Arbeiter entschieden worden seien. Mehrere Fälle sind zur Zeit noch unentschieden. Beim 2. Punkt der Tagesordnung, Lokalfrage, wurde von allen Rednern die Zweckmäßigkeit betont, ein Lokal zu besitzen, in welchem Vorstandssitzunaen, Bibliothek und Arbeitsnachweis zusammen seien. Es wurde beschloffen, daß aus dem Vorstand und der Arbeitsnachweiskommission drei Kollegen zu wählen seien, die diese Frage in die Hand zu nehmen haben. Bei Punkt 3 der Tagesordnung wurden 25 neue Mitglieder aufgenommen. Einige nicht Anwesende wurden wieder geltrichen; ferner wurden den Braunschweiger Tischlern, welche im Streik liegen, 100 M. bewilligt. Zum Schluß wurde auf das Sommerfest des Vereins hingewiesen und in Anbetracht des Zweckes aufgefordert, tüchtig dafür zu wirken. Dasselbe sind et am 15. Juli in Schonert's Ostbahnpark statt. Es ist verbunden mit großem Konzert und Spezialitäten-Vorstellung. Billets a 25 Pf. sind bei den Kollegen Brinkmann, Adalbertstraße 96; Zeitz, Manteuffel- straße 27, und Sparfeld, Sorauerstraße 27, sowie bei allen Vorstandsmitgliedern zu haben. Arbeitsnachweis, Vorstands- lokal, Bibliothek befinden sich Naunynstraße 78 bei Winzer. Die Generalverlammlnng des Fachvereins der Kernmacher und venvandter Berufsgenossen Berlins und Umgegend tagte am Sonnabend, den 6. Juli, Abends 8� Uhr, im Lokale des Herrn Gnadt, Brunnenstraße 38, mit der Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Wahl des gesammten Vorstandes. 4. Verschiedenes. Zum 1. Punkt verlas der Kässirer den Kassenbericht. Danach betrug die Einnahme M. 74,93, die Ausgabe M. 41,60, mithin bleibt Bestand M. 33,33. Nachdem die Revisoren mitgetheilt, daß die Kasse und Bücher in bester Ordnung gefunden worden sind, wurde dem Kassirer Decharge erlheilt. Zum 2. Punkt ließe» sich 11 neue Mitglieder aufnehmen. Zum 3. Punkt, Wahl del esammten Vorstandes, wurden gewählt: als 1. Vorsitzendel err Alfred Schmidt, 2. Vorsitzender Herr Karl Lehman», 1. Schriftführer Herr Mar Böhm, 2. Schriftführer Herr Theod« Genk, Kafsirer Herr Richard Pinschke, Revisoren Herr Fr# Piezer, Herr Heinrich Müller, Herr Wilhelm Hübner, Arbeil»- Nachweis-Kommission Herr Reinhold Haase, Herr Richal» Pinschke, Herr Paul Fritsch, Herr Anton Krause, Herr Louit Harr«, Herr Mar Richter. Zum 4. Punkt, Verschieden�, wurden einem kranken Kollegen 10 Mark aus der VereinSkcw bewilligt. Ein» öffentliche General-Uerfammlung de» Fach' Vereins der Kärtner Berlins und Umgebung tagte m» 5. Juli in Feuerstein's Salon, Alte Jakobstraße 75. Die uo» zirka 200 Personen besuchte Versammlung wurde kurz vol 10 Uhr von dem provisorischen Vorstand, Herrn Ernst BuchnK eröffnet. Auf der Tagesordnung stand: 1. Berathung do Statuten. 2. Wahl des definitiven Vorstandes. 3. DisUffsich und Verschiedenes. 4. Aufnahme neuer Mitglieder. T# Statuten wurden mit einigen Aenderungen einstimmig a»! genommen. In den Vorstand wurden die Herren Büchner all erster, Caffuben als zweiter Vorsitzender, Krause als eriW Rohlus als zweiter Kässirer, Rüchle als erster, Pliefke all zweiter Schriftführer, Metzinger als Beisitzender und Bibliothek«, Abromeit, Mielenz und Grosser als Revisoren einstimmig gc wählt. Dem Verein traten 152 Mitglieder bei. Nachdei» mehrere Redner für die Interessen des Vereins gesproche» hatten und von einem Redner auf den Fachverein der Gärtnt» ein Hqch, in welches die ganze Versammlung begeistert ei»' stimmte, ausgebracht war, schloß der Vorsitzende gegen%1# die Versammlung. Die nächste Versammlung findet Dienstag, den 16. Juli, in Feuersteins Salon, Alte Jakobstr. 75, 1 Tr, ohne vorherigen Säulenanschlag statt. Freunde und Kolleg«» herzlich willkommen. Theater. Dienstag, den 9. Juli. Kroll'» Thealer. Ein Maskenball. Frtedrich- Mithrlmstädtischev Theater. Der Bettclstudent. Diletoria-Theater. Die Kinder des Kapitän Grant. SetteoUiance-Theater. Gefährliche Mädchen. ä-Theater. Spezialitäten- Vorstellung. Passage 1 Tr. 9 M.— 10 A. Kaiser-Panorama. Diese Woche: Eine höchstinteressante Reise durch WUT Norwegen. Seepartien; preisgekrönte astronom. Aufnahmen. Ale«! pariser Weltausstellung 1889. M-ise Kr. Mas. Kchiss Hertha. Eine Reise 20 Pf., Kind nur 10 Pf. Abonn. IMsWllg. Für die zahlreichen Beweise der Liebe und Theilnahme aus Anlaß des Ab- lebens meines unvergeßlichen Gatten sage ich Allen tiefbewegt meinen herz- tichen Dank. Die trauen: de Wittwe Frau Clara Haseaclever. Empfehle mein Geschäft in frische« Klumen und- Kränzen.__[647 Robert Wie Nr. 2 Mariannen straße U?-' rrse;(j ff, m Am Königsthor. Heute, Dienstag: Krlnittii-«. Kritßsfeitmerk der Herren A. u. W. Massow, Hornig u. Bonander. Zum Schluß: Keschiellung von Metz u. Kchlacht bei UoisseviUe. Pyrotcchn. Kriegsschauspiel v. ca. 160Pers. Theater u.Kpez!aliMek-Vorstell. Volksbelustigungen aller Art. Bis 2 Uhr Ball. Gntree 50 pf. Billets i 40 Pf. in den Handlungen. Alles Nähere die Anschlagsäulen Mahl verein des 6. Herl. Reichstagsmahlkrew. Die Versammlung zum Dienstag, den 9. Juli, ist polizeilich versagt. 1 655 Oer Vorstand. Grche öffcntlidc Wm»# miß■fnilartifittr-istrsammtoj am Dienstag, den 16. Juli, Abends 8 Uhr, im„Königstädt. Kasino", Holzmarktstr. 72. Tages-Ordnung: 1. Wie verbessern wir unsere Lage. Referent R i ch. A u g u st i n. 2. Eventuelle Wahl eines provisorischen Vorstandes zur Statuten-Ausarbeitung. 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Zur Deckung der Unkosten findet eine Tellersammlung statt. 652_ Der Ginberufer. Gustav Ganse, Pappel Allee 110. j Große öffcntliifit PechitittilW der Mckllarbkittt Bttliil speziell der Ludwiss Löwe'scheu Arbeiter am Freitag, den 12. Juli, Abends 7j Uhr, im„Königstädt. Kasino, Holzmarkstr. 72. Tages-Ordnung: 1. Die Mißstände der Ludw. Löwen'schen Fabrik. 2. Die Forderungen der Ludwig Löwe'schen Arbeiter. 3. Verschiedenes. föl ... ir,x � Der Ginb,r«f-v. H. Mummen dey, Linienstr. 138 IU. NB. Sammtliche Herrn, vom Kollonnenfuhrer bis zum Aktionär sind hiermit freundlichst eingeladen. Große öjfentltdie Steinmeß-Dgtfßmmfimg VW am MittWoch, den 10. Juli, Abends 8 Uhr,-MG in AhBgrimm's Salon, Sophienstr. 34. Tagesordnung: 1. Bericht der Kontrolkommission über Streikabrechnung. 2. Verschiedenes Pflicht eines jeden Steinmetzen ist es, dieser Versammlung mit beizuwohnen. Gäste sind willkommen. Der Ginberufer. Heinrich E l tz s ch i g mizorrt»». Wike in jeder Preislage! Hasenclever 1. Geschäft: Chausseestraße 49/50. 2. Geschäft: D runneu Kraße 122, Ecke der Anklamerstraße. Den Parteigenossen bei Bedarf bestens empfohlen! Allgemeiner Metallarb-iter- Uerein Derlins«. Umg. General-Veisommlung am Sonnabend, den 13. Juli, Abends 8 Uhr, im„Königstadt-Kasino", Holzmarkstr. 72. Tagesordnung: 1. Rechnungslegung des Kassirers, sowie der Revisoren. 2. Rechenschaftsbericht des Vorstandes und der Kommissionen. 3. Wahl der ausgeloosten Vorstandsmitglieder event. der Kommissionen. 4. Anträge. Mitgliedsbuch legitimirt. Um recht zahlreichen Besuch bittet 661 Der Vorstand. teppdecken- Fabrik, Granirnstr. 158, Emil Lefövre. Große Auswahl Steppdrckeu in Seide, Wolle und Satin von 4 bis 30 Mark. Einzelne wenig beschädigte Steppdecken& 3 Mk. Himbeersaft *•*-#T i«tt rv tt rt und andere Fruchtsäfte z« Limonade« dick eingekocht a Liter-Fll excl... 1,25 Zngberliquenr(Specmlitat).. 90 Kerl. Getreide-Kümmel(unuber- trefflich)......... von tich)- f....... ciupnelflf'ljic Groß-Destillation uu. liettan& Kell? Kophienstraße Ue. 1% Geschäftsschluß: Kbd«. 8 Mhr, Sonntags Mitt. 1 Uhr. Jede Uhr repariren und zu reinigen kostet i mir unter reeller, schriftl. Garantie lf 1 Jahr nur 1466 _ I mark 50 Pfg. ÄWne Reparaturen billiger. Neue Uhren zu L. Mler. 61 Möbel, eigen. Fabrik. Spiegel d. Poisterwaaren Gr. Lager, bill. Preise! Emil Heyn, Brunnenstr, 28, Hof part. 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Gedicht von Herm. Lingg.—«n der rvthen Wand. Erzählung von I. E. Maurer. — De neie» Schdiwweln. Sächsische Ballade. — Bon der Sonne. Bon Oiwald Köhler.— Der»verschiedene" Schulte»(schwäbisch).— Mm Fließ. Erzählung von E. Langer.— Ueber den Einfluß de» Wasser» aus die Gestaltung der Erdoberfläche. Bon R. Bommcli.— Joseph Diesigen(mit Portrait).— Juliu» Sräcker(mit Portrait).— Osterglocken. Gedickt.— Herz ist Trumps l(Bild.)— Fliegende Blätter(illuftr.). — Rebu», Räthsel:c.— Post-». Telegro Rachrichten.— Hierzu vier Kupser: Jahreizeiten.— Ein Wandlalender. -- Preis 60 Pfennig. Witglieder-Uer f ammlnug der Ceutrul-Arunkeu- und Sterdekasse dtk Maler u. um Berussg., Filiale m Sud. Donnerstag, den 11. d. Mts., Abends 8 Uhr, Alte Jakobstr. 83, Cafe Reicher. .«... �Tagesordnung: 1. Kassenbericht. 2. Bericht von der Genera� Versammlung. 3. Verschiedenes. 667 Der KevoUmächtigte. Der unentgeltliche Arbeitsnachnieis des„Allg. Metallarbeiter-Vercins" befindet sich im Süden Neanderstr. 5; Norden Brunnen» straße 40, Destillation, Abends 81—10 Uhr, Sonntags Vorm. 9tz— 12 Uhr. Soeben erschien Der wahre Jacob Nr. 77. Zu beziehen durch die Erpeditiou, Zimmer- straße 44.___ J Fr. Schläfst. Manteuffelstr. 44, m b. Thomas- Arbeitsmarkt. 1 Zigarrenmacher, welcher sich Wickel macht, verl-> 650_ Vogel, Koppen str. 75._ Schlosser auf elektrische Apparate verlangt 65l ... AUg. Metallarbeiter- M erei», _ Neanderstr. 5. � Arbeitsmann, der Fraisen kann, verlangt 662 Ri t t ers h a usen, Oranienstr. 198. Tüchtige Kistenmacher finden dauernde Be� schäftigung in der Kistenfabrik Mühlenstr. 8. �.| Tüchtige Scheuerer verlangt die Lampen» fabrik Brandenburgstr. 6._ 66) Tüchtige Schuhmacher verlangt 656_ Krause, Mittenwalderstr. 23. Tulytige Arbeiterinnen auf jede Art Wäsche verlangt sofort M. Greifenhage«» 27 Chausseestrasse 27. Ein tüchtiger Kreissägenschneidef findet bei gutem Lohn dauernde Beschäftigung in der Pal. Kisten- Fabrik, Aktien-Gesellschaft Mühlenstr. 8. Bevorzugt solche, die schon am der Theilsäge geschnitten haben.|6� Verantwortlicher Redakteur: K. Eronhrim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Fading in Berlin SW.. Beuthstraße 2. Kirrzu eine FeUage. )en W t liefe» Zahl W 'sitzend« ohmaiA Theod« err Fril Arbeitz Richard T Lo» jeden et, einSkoßi - Fatz gle aa Oie 00 in vor Zuchnw mg da SkilsslÄ T« ,ig a» iner alt ast«, efke alt othekill, -nig ge> lachde» prochr« Yärtn« rt eil» |1 Ufr ienstog, 1 2u bllegf Beilage zum Berliner Bolksblatt. Kr. 1SV. Dienstas, den 9. Inli 1889. 6. Jahrg. hl>se«clt«n'S Kcßräbdiß. Wer da am Sonniag Morgen an dem Rande des Grabes stand, welches unseren tobten Freund Wilhelm Hasenclever birgt, nahm ein unvergeßliches Bild der ernsten, schonen istene mit sich. Warmer glänzender Sonnenschein ruhte über dem Ganzen. Dicht drängten sich die Massen m feierlichem Schweigen zusammen, und nur dann ging eine Bewegung wie ein Wellenschlag durch sie, wenn der eme und der andere Führer der Deputationen beim Niederlegen des Kranzes das ieierliche Gelöbniß aussprach, treu und fest zur Fahne zuhalten bis zum Ziele, bis zum Ende, wie der Verstorbene. Nicht nur die Augen der Frauen füllten sich mit Thränen, auch Männer ivcinten, als die Erdklumpen dumpf auf den Sarg auf- en. jenseits der Friedhofsmauer auf freiem Felde, das dort etwas hügelig ist, standen Tausende und lauschten wie die Menge innerhalb des Friedhofes den kurzen, verklingenden Worten der Redner und sahen wie Kranz auf Kranz nieder- oe eat wurde, bis ein großer, griiner Hügel sich gebildet hatte, und wie hie und da eine rothe Schleife, eine Rose, eine Relke dem Tobten als letzter Licbesgruß in die Gruft verstohlen noch eine andere, eigenartige Umrahmung hatte das Bild. Ueber die Friedhofsmauer hinweg schauten die Pickel- Hauben berittener Schutzleute und schnaubende Pferdekövfe. Sic ritten längs der Mauer auf und ab, daß keiner von den Ausgeschlossenen draußen die Mauer stürme. Nun die Sorge war überflüsstg. Das Volk weiß seine Tobten zu ehren. Würdig und ernst gaben die Berliner Ar- heiter ihrem alten Hasenclever das letzte Geleit. Mindestens 15 000 Männer und Frauen waren es, die sich als Leidtragende um den Tod ihres geliebten Führers aufgemacht hatten. Ein dichter Polizeikordon sperrte von 8 Uhr ab die Eingangspforten des Friedhofs ab, zu dem nur die > Verwandten des Verstorbenen, sowie die die Kranze uberbnn- »enden Deputationen zugelassen wurden. So stauten sich denn dir Menschenniassen in der Pappelallee und über dieselbe hm- aus. Still und ernst harrten sie wahrend der Dauer zweier Stunden ans, während deren sich die Leichenfeierlichkeiten in- »crhalb des Friedhofes abspielten. Auf dem Friedhofe waren wohl sammtliche bekannteren Genossen anwesend; von Auswärts waren Deputationen aus Hamburg, Breslau, Hanau, Magdeburg. Brandenburg, Dessau, Köpenick, Halberstadt, Elberfeld-Barmcn, Kreis Teltow und Siieder-Barnim und Potsdam eingetroffen, die im Auftrage der dortigen Genossen prachtvolle Kränze am Grabe des Eni- 'chlafcnen niederlegten.,,~',, Gegen zehn Uhr war die eigentliche Trauerversammlung vollzählig und umstand den dicht an der kleinen Leichenhalle im Freien zwischen Lorbeerbäumen aufgebahrten Sarg des dahin- geschiedenen Volksmannes. Ueber manches markige Arbeiter- gesicht sah man bittere Thränen rollen. Von der Leichenhalle bis zu dem Grabe, welches sich am anderen Ende des Friedhofs befindet, bildeten die Deputirten mit außerordentlich zahlreichen Kränzen, an welchen rothe, schwarze und iveiße Bänder befestigt waren, ein langes Spalier, durch das der Sara nun nach seinem Bestimmungsorte getragen wurde. Voran schritt Curt Vaake mit einem großen, von der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstags ge- spendeten Kranze nebst Palmenwedel, sowie eine Depu- lation der sozialdemokratischen Wähler des sechsten Berliner sslcichstagswahlkreiseS mit einem gleichfalls überaus prächtigen Kranze, den der Tischler Thierbach trug. Dem Sarge folgten alsdann die übrigen Deputirten. Als die Einsenkung des Sarges beendet war, traten die Deputationen heran, um ihre Kränze niederzulegen, wobei sie die auf den Schleifen befindlichen Widmungen mit lauter Stimme dem geschiedenen Genossen ins Grab nachriefen. Da wurde der einfache Kranz eines schlichten Arbeiters neben den kostbarsten Erzeugnissen der Blumenbindckunst nieder- gelegt. Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion hatte für ihren treuen Freund und langjährigen Mitkämpfer einen pracht- vollen Palmwedel gespendet. Ferner legten Kränze nieder für ihren treuen Mitarbeiter die Arbeiterpresse, Verlag, Redaktion, die Setzer und das Druckereipersonal des„Verl. Volksbl.", die Genossen der„VolkS-Trib."„dem unvergeßlichen Vertreter des kämpfenden Proletariats" und die Redaktion des„Hamburger Echo". Isowie die hiesigen sozialdemokratischen Wahlvereme. Tie Genossen des ß. Wahlkreises halten eS sich nicht nehmen lassen, ihren geliebten früheren Vertreter noch besonders durch einen riesigen Kranz zu ehren. Aus dem 6. Wahlkreise hatte außerdem der ArbeitcrbildungSverein„Nord" einen pracht- vollen Kranz gestiftet. Die Arbeiter- Stadtverordneten legten einen Lorbeerkranz mit schwerer schwarzer Seidenschleife am Grabe nieder. Bon auswärts waren eine überaus große An- zahl von Blumenspenden eingetroffen und wurden tbeils von eigenen Deputationen, Iheils von hiesigen Genossen niedergelegt. Barnim, aus Köln, Breslau, Halle und dem Saalkreis, Licgnitz, diejenigen Deutschlands, die Genossen aus Leipzig mit der Wid muna:„Die für die Freiheit sterben, leben im Herzen des Volks!" Die Genossen aus Frankfurt a. M. sandten ihren letzten Bruder- q-uß ihrem treuen Genossen. Wohl sämmtliche hiesigen Ar- deiter- Organisationen hatten Deputationen mit Blumen- ipcnden entsandt. Vertreten waren die Vergolder, Zu- fchncider, Buchbinder, Schlosser, Weber, Maurer, Weiß- gcrber, Stuckateure, Lohgerber und Weißgerber, Pofa- mcntirer, Maler, die gewerblichen Hilfsarbeiter, Klavierarbeiter, Zimmerer, Sattler, Töpfer, Putzer, Parquetbodenleger, Tischler, der Krankenunterstützungsbund der Schneider, die Nnterstützungs- kommission der Metallarbeiter. Frau Greifenberg legte im Namen des Papierarbeiterinnen-FachvereinS einen Kranz mit rothen Blumen nieder, ferner spendeten Kränze die Rauchklubs „Kernspitze" und„Ohne Zwang", der sozialdemokratische Lese- kkibFLesftng" und der Gesangverein Föiedesfteiheit". Die Arbeiter von Schwartzkopff, B. Borchard und von Siemens und Halske hallen prachtvolle. Kränze gestiftet. MehrereKaufleute.sowieFreunde Hasenclevers, I. H. W. Dietz, sowie zahlreiche Arbeiter legten ihre letzte Liebesgabe nieder. Im großen ganzen waren rothe Blumen und Schleifen vermieden, nur die Kränze der Weißgerber, der Maurer Deutschlands, der Würzburger, Hanauer und Braun- schweiger Genossen trugen mächtige rotye Schleifen. Zum Theil waren sie mit schwarzem Flor umhullt, um Unannehmlichkeiten mit der Polizei zu verhüten; die Hüllen wurden bei der Anord- nung des Zuges entfernt. Nur die Deputation der Genossen des nördlichen BelagerungSgebieteS Hamburg und Umgegend wurden noch im Wagen von einem Schutzmann angehalten und ersucht, doch die große rothe Schleife zu verdecken. Dem Wunsche wurde nachgekommen, die Schleife zusammengerollt und mit etwas Papier überdeckt. So wurde der Eintritt ge- staltet. Die Schleife trug fo.gendes Widmungsgedicht: „Der beste Mann, der Arbeit treuster Hort, Er sank hinab in dunkle Grabesnacht, Er, der gekämpft, genmgen und gedacht Für Euch mit ÄanneSmuth und Manneswort. Ein herrlich Menschenleben ist zerschellt, Er starb dahin, der Arbeit erster Held!" Am Grabe hielten nur einige Genossen kurze, kernige Ansprachen. Nach Beendigung der Feier gingen die Theilnehmer still und ruhig auseinander, die Polizei fand auch jetzt keinen Anlaß, irgendwie in Thätigkeit zu treten. Während des ganzen Sonntags aber kamen tausende von Arbeitem, um die Stätte zu sehen, wo Wilhelm Hasenclever gebettet ist. So hatte die Arbeiterschaft Berlins und Alldeutschlands gezeigt, wie sie ihre Tobten zu ehren weiß. Alle, die zu der weihevollen Handlung geeilt waren, hatte der goldrcine Trieb des Herzens geführt, dem braven und tapferen Manne den letzten Abschicosgruß zuzurufen. Und wenn der trauernden Wittwe, die mit ihren unmündigen Kindern schmerzerfüllt dem Sarge folgte, etwas»um Tröste gereichen konnte, so mochten es jene Zeichen der Liebe und Verehnmg gewesen sein, welche von rauhen Arbeiterhänden dem Vorkämpfer für die Rechte des Proletariats auf das Grab gelegt wurden. Möge er nun draußen ruhen in jenem Wahlkreise, dessen Arbeiterschaaren ihm so oft zugejubelt, mit deren Hilfe er so glänzende Siege erfochten hatte. Mit Wilhelm Hasenclever ist ein Stück Stunn und Drang aus der Jugendzeit der deutschen Sozialdemokratie zu Grabe getragen worden. Ljcritnles. Dem Dünkel der Ueberhedung über den Arbeiter in den Kreisen der Kunstgewerbetreibenden, die sich durchaus als Künstler fühlen, liest ein Verständiger unter vielen Narren gründlich den Tert in der letzten„Zeitschrift für Xylo- g r a p h e n."— Gerade die Xylographen oder Holzschneider efinden sich in einer üblen Lage; sie haben hart zu leiden unter den Fortschritten der Technik und der chemischen Wissen- schaft. Wirkt die Reliefmaschine auf dem technischen Gebiet der Holzscknieidekunst verheerend genug, so gilt dies noch viel mehr fiir den belletristischen Theil durch die neuen Jllustra Zinkographie, Lichtdruck, Photo- Holzschneider ziemlich wehr- tionSverfahren, als z. B. graphie. Alledem stehen die los gegenüber; die Organisation ist nur schwäch und unbedeutend. Einsender des erwähnten Artikels bekämpft den„Kiin stierst olz" seiner Kollegen als Hemmniß gegen ein einiges zielbewußtes Streben nach Verbesserung. Indem derselbe erst den wahren Künstler charakterisirt, zeigt er uns die eingebildeten Künstler in ihrer ganzen Hohl- heit, Narrheit und Herabaekommenheit und stellt ihnen den Arbeiter in verschiedener Beziehung als nachahmenswerthes Beispiel vor. Auf die ironische Frage in der vorletzten Zeit- schrift:„Stehen die Kollegen neben, über oder unter den Stein- trägeni?" antwortet er: „Neben ihnen stehen sie nicht, darüber noch weniger, jedenfalls unter ihnen. Und warum? Weil wir von ihnen lernen können in ideeller Beziehung. Weil sie uns ein Vorbild sind, darin, was eine gutgcschmte Organisation vermag. Denn daß Einigkeit stark macht, haben uns die Arbeiter zur Genüge bewiesen. Und durch diese Einigkeit be- weisen sie, daß sie von edlerem Geiste beseelt sind, als von dem des Eigendünkels und Egoismus. Ferner beweisen sie einen hohen Grad von Intelligenz dadurch, daß sie ihre Lage und mit dem die richtigen Mittel zur Verbesserung der- selben erfaßt haben. Wenn wir die Arbeiterbewegung verfolgen, sehen wir, was für Kämpfe da ausgefochten werden und mit welchen Opfern! Und wir sehen ferner, was man alles er- reichen kann, wenn man nur will. Und sind uns die Siege der Arbeiter denn gar nichts? Sind denn das nicht eklatante Beiveise für die Nützlichkeit eines einheitlichen Znsammengehens? ... Wollen wir warten, bis wir auf der untersten Stufe eines Arbeiters angekommen und dann vielleicht mittel- und dadurch machtlos sind? Darum fort mit dem Künstler- stolz! Einbildung ist billig, aber thatkrästig ein- treten für seine und seiner Mitmenschen Interessen erfordert Selbstverlegung, erfordert die ganze Würde eines Mannes! Die Schamrötye müßte es Jedem ins Gesicht treiben, wäre er ehrlich genug, sein süßes Nichtsthun mit der Energie und Opferfreudigkeit eines Arbeiters zu vergleichen. Bewunde- rung würde anStelle eines verächtlichenAchselzuckens treten, wüßte er die Siege der Arbeiter zu würdigen. Und da nennen sie sich„Künster" und lassen sich von einfachen Arbeitern über- flügeln, wissen nicht einmal, daß die Arbeiter mit ihrer idealen Gesinnung und UeberzeugungStreue geistig und sittlich über ihnen stehen. Darum Hut ab vor diesen Arbeitern, ein Künstlerhut paßt schlecht auf eine Schlaf- m ü tzä!" Ulakregelnng. In der Buchbinderei und Buchdruckerei von Asselm in der Grünstraße sollte am Freitag eine kleine Sammlung zu einem kleinen Kranze für tzasenclcver's Grab gesammelt worden. Der Arbeiter Fischer ging zu diesem Zweck mit einer Liste aus der unteren Etage in die obere, wo ihn jedoch der gestrenge Blick des WerkfuhrerS Herrn Schleeberger ereilte. Dieser hatte nichts Eiligeres zu thun, als den F. seinem Chef als Sozialdemokraten zu denunziren, worauf am Sonnabend die Entlassung des Arbeiters erfolgte: Ein wahres Heldenstück! Kistlrnng. Der Tapezirer Otto Zack, Skalitzerstraße 69 wohnhaft, ging am Sonntag Vormittag gegen 9 Uhr mit einem Packet über den Lausitzer Platz. Er bemerkte, daß ihm zwei Männer folgten. In der Reichenbergerstraße stellten sie ihn, indem sie ihn kragten, was in dem Packet enthalten sei. Herr Zack enviderte den Männern, daß sie das nichts anginge, wo- rauf sich diese als Kriminalbeamte leaitimirten und ihn nach ber Wache in der Reichenbergerstraße sistirten. Hier stellte es sich heraus, daß in dem Packet ein Jahrgang von Schorer'ö Fa- milienblatt und vier Bände von der französischen Revolution enthalten waren, die der Besitzer gerade zum Buchbinder tragen wollte. Herr Zack mußte infolge dessen entlassen werden. Kchwanenkämpfe. An der Moabiter Brücke bot sich am 4. d. MtS. das Schauspiel eines erbitterten Zweikampfes. Zwei Schwanenfamilien, je aus einem Elternpaar mit drei Jungen bestehend, wiegten sich an der Brücke auf den Wassern der Spree. Plötzlich schössen die beiden Familienhäupter wüthend auf einander los und fingen an, mit den Flügeln wuchtig auf einander zu schlagen; gleichzeitig bearbeiteten sie sich mit kräftigen Schnabelhieben, so daß die Federn umher- flogen. Die Weibchen umkreisten scheu die kämpfenden Männ- chen: als aber die Kräfte des einen nachließen und sein sieg- reicher Gegner ihm den GarauS zn machen suchte, indem er dessen Kops stets von neuem unter Wasser drückte, da stürzte sich das Weibchen des Unterliegenden muthvoll aus den Sieger und drängte ihn von seinem Opfer weg, um sich dann aber sofort wieder mit den Jungen zurück zn ziehen. Als dann der Sieger in höchster Erbitterung zu erneutem Angriff überging, ergriff das andere Paar schleunigst die Fluchi nach seinem Revier, doch bedurfte es des Eingreifens einiger Bootsleute, um den erbosten Gegner von der Verfolgung abzuhalten. Stolz kehrte der Sieger, der das Terrain unterhalb der Brücke gegen das Eindringen seines oberhalb derselben hausenden Gegners vertheidigt hatte, zu seiner Familie zurück. An» dem Zoologischen Garten. Seit einigen Tagen erhebt sich mitten im Antilopenhause unseres Zoologischen Gar- tens im Maßstab einer Puppenstube auf einem tischartigen Unterbau eine Miniaturvilla, umgeben von frischgrünem Rasen, überschattet von dichten Blattpflanzen. Ein vollständiges Zwergenschlößchen! Und in der That beherbergt es auck Zwerge, die aber, trotz ihrer Winzigkeit mit Fug und Recht hierher, in das Antilopenhaus, gehören, nämlich den Zwergantilopen und das Zwergmoschusthier. Die Zwergantilove, vorerst nur durch ein Weibchen vertreten, welches jedoch demnächst Gesellschaft erhalten wird, ist das zierlichste und winzigste Glied der arten- reichen Familie der Antilope», im Leibe nicht stärker als ein Kaninchen, stammt aus den dichten Buschwäldeni des südlichen Afrika, wo sie unhörbar und selten sichtbar, das fast undurch- dringliche Pflanzenrevier durchschlüpft. Äehnliche Gegenden bewohnt im südöstlichen Asien das noch kleinere Zwergmoschus- thier, das kleinste aller Wiederkäuer. Dagegen erscheint schon die zierliche Gazelle als ein ungeschlachter Riese, wenn man sich die wirklichen Riesen der Familie, die größten Bewohner des Antilopenhauses, Elen- und Pferdeantilope, daneben an- sieht, so möchte man es kaum glauben, daß sie mit der winzigen Bewohnerin des Häuschens in der Mitte zu derselben Säuge- thiergattung gehören. Und doch ist dem so, wie ein Blick auf die zierlichen Hörnchen und die winzigen Hufe der Zwerg- Antilope lehrt: es ist eine richtige Antilope. Theure Fahrt. Die Familie Schr.... hatte zum Donnerstag eine Hochzeitseinladung nach Neu-Ruppin erhalten, und da eine Reise über das Weichbild Berlins hinaus zu den Seltenheilen der an Häuslichkeit gewöhnten Leute gehörte, be- fand sich Alles in größter Auflegung. Besonders des Haus- Herrn bemächtigten sich große Sorgen, unter denen die mögliche Versäumniß des Zuges die schwerste bildete. Am vorhergehen- den Tage bereits wurde jedem Mitglied der Familie ein Amt während der Reise angewiesen. Niemand jedoch dachte an eine tauptsache, das Lösen der Fahrbillets. Als nun endlich die tunde der Abfahrt hereingebrochen, der Bahnhof erreicht und unter vielen Umständen ein Kupeetzerrungen war, in dem man es sich bequem machte, flagte die Frau plötzlich, indem sie mit den Augen zwinkerte:„Herrjott, Kinder, haben wir denn auch schon BilletS?" Mann, Sohn, Tochter und Schwiegersohn nickten zuversichtlich und als nach Abfahrt des Zuges der Schaffner in das Kupee trat, erhoben sich triumphirend fünf Hände mit je fünf der verlangten Fahrkarten. Verdutzt blickten sich die fünf Personen eine Zeitlang an, endlich sagte der Vater: „Wat, Ihr habt ooch Billets? Ick jloobte, et hatte Kcener dran jedacht un Hab se heimlich jekooft, um Euch zu überraschen." „So Hab ick ooch jedacht", kam es langsam aus dem Munde der drei jüngeren Personen und fast weinend setzte die Frau hinzu:„Damit uns nu det bei de Rctourfahrt nich wirklich passtren soll, Hab' ick jleich for Jeden zwee gekooft." _, Rechtsanwalt Dr. Mar Kalomon, gegen welchen der DiSziplinar-Genchtshof beim Reichsgericht in Leipzig am 26. v. MtS. auf Amtsenlsetzung erkannt hat, ist seit Sonntag mit seiner Gattin zweiter Ehe aus Berlin spurlos verschwunden. Auf die Nachricht von seiner Amtsentsetznng wollten die zahl- reichen Gläubiger des Anwalts sein werthvolles Mobiliar mit Arrest belegen lassen, es stellte sich aber heraus, daß dasselbe schon seit längerer Zeit unter Siegel lag, und die Abholung der Sachen durch Fristbewilligung der Gläubiger sich nur ver- zögert hat. Am letzten Freitag brachten die Gerichtsvollzieher das Mobiliar zur Pfandkammer. Während die Arbeiter mit dem Aufladen der Sachen beschäftigt waren, erschienen noch drei Gerichtsvollzieher, die im Austrage anderer Gläubiger pfänden wollen. Es ist geradezu unbegreiflich, so schreibt die„A. Ztg.", wie ein Anwalt, dessen Ein- nahmen in der Zeit vom 1. Januar bis ultimo Juni sich nach den Angaben seines Burcauvorstehers aus 36 000 Mark beliefen, trotzdem eine Schuldenlast von ca. 60000 M. besaß. Unter seinen Gläubigern befinden sich seine besten Freunde und die Mandanten. In Anwaltskreiscn wußte man längst, daß Dr. S.ein großer Don Juan und war für Tänzerinnen u. s. w. nicht unbedeutende Summen verschwendete. Von seiner ersten Frau ist der Entflohene gerichtlich geschieden und zur Alimentation derselben verurlheilt. Seitens des Land- gerichts-Präsidenten ist sofort ein hiesiger Anwalt zur Wahrung der Interessen der zahlreichen Mandanten ernannt worden. Gin Hochstapler wurde vorgestern unschädlich gemacht. In Töpfers Hotd war vorgestern ein junger Mann eingekehrt, welcher sich als„Herr von Buttlar" in das Fremdenbuch ein- trug und es sich in dem Hotel schr wohl sein ließ. Doch die Herrlichkeit sollte schnell zu Ende gehen. Ein Kriminalschutz- mann war des Abends nach dem Hotel gekommen und hatte den Besitzer gebeten, ihm Nachricht zukommen zu lassen, wenn ein junger Mann, den er genauer beschrieb, einkehren werde. Die Beschreibung paßte ganz genau auf„Herrn von Buttlar", und so kam es, daß der Herr„Baron" kurz darauf sein Hotel- »immer mit dem Polizeigewahrsam vertauschen mußte. Es stellte sich heraus, daß„Herr von Buttlar" derjenige Hotelschwindler ist, gegen den eine Unmenge Anzeigen wegen Betrügereien im Umlauf sind. Der junge Mann ist der Sohn eines in der Wilhelmstraße wohnhaften Pfandleihers. Der Vater hat ihn verstoßen, weil er nur Schande über die Familie brachte. Sein sicheres Auftreten, seine Keckheit und seine Kunst im Schwindeln haben ihm zahlreiche Opfer geliefert. Nament- lich operirte er mit einem„Brasilianischen Chck". So zog er eines Abends bei einer Wittwe in der Markgrafenstraße in ein Pensionat, stellte sich als der Sohn des Rittergutsbesitzers P. aus Ribbek vor(hierbei gab er seinen eigenen Name» an) und borgte sich von der PensionSmutter am anderen Morgen 20 M. Als Unterpfand gab er einen„brasilianischen Chek über 500 M." Am Nachmittag des anderen Tages kam er wieder, borgte sich nochmals 20 M., weil er erst TagS darauf den Chck bei„seinen Bankiers" Friedländer und Sommerfeld wechseln könne. Er ließ sich denn auch am dritten Tag den Chek zum Umsetzen aushändigen und verließ die geprellte Wittwe auf Nimmer- wiedersehen. Einen Velocipcdvcrlciher in der Hedemannstraße suchte er ebenfalls zu betrügen. Hier stellte er sich als der Sohn eines reichen Brasilianers vor, lieh ein Velociped und gab als Unterpfand einen brasilianischen Chck von angeblich 1040 Mark Werth. Hierbei erwähnte er in lässig vornehmer' SBeife, seine Mama schicke ihm jeden Monat„so ein Dina". Dann sauste er mit dem Veloziped nach Straußbera. Der »Che!" aber hatte nur einen Werth von„ 1/50" M. Nur dem glücklichen Zufall, daß ein Verwandter des Pr. in Strausberg den Gauner mit dem Veloziped festhielt, verdankt der Verleiher die Rückkehr des Dreirades. Als„Techniker Santen aus Hil- desHeim" hat er dann, nach Berlin zurückgekehrt, weitere Schwin- deinen verübt. Unter den Namen„Spitzig",„Ohm" hat er im Leipziger Hof auch Zechprellerei geübt. Hier logirte er acht Tage, gab sich als berühmte»„Prcisradfahrer" aus, welcher zu dem Preisfahren hergekommen sei; als ihm die Rechnung am Schluß der Woche zur Bezahlung vorgelegt wurde, bat er, bis zum Abend damit warten zu dürfen, und ging aus. Am Abend aß er sich noch einmal recht satt und verschwand dann auch hier spurlos. Auf diese Weise hat der Gauner eine ganze Unzahl von Hotelbesitzern und Vermiethern geschädigt. Der Verhaftete wurde gestern der königl. Staatsanwaltschaft vor- geführt- Ei« meichh erziger Taschendieb. Die Volksschullehrer Hildedrandt, Weiße nnd Müller hallen schon seit vorigem Jahr zusainmengcspart, um während derldiesjährigen Sommerferieir eine gemeinschaftliche Reise unten, ehmen zu können. Donnerstag trafen sie sich in der Stammkneipe, um ihren Reiseplan ein- gehend zu besprechen. Es waren im Ganzen 700 M. beisammen und es legte jeder»och so viel zu, daß auf den Kopf 250 M. kamen. Dem Herrn Weiße wurde die Kriegskasse an- vertraut. Er steckte das Geld in seine Brieftasche und diese in eine der Schooßtaschen seines schwarzen Gehrockes. Als man gegen Mitten, achi aufbrach, da war dem Herrn Weiße die Brieftasche mitsammt dem Gelde abhanden gekommen. Herr W. erinnerte sich sofort, daß ein langer, voniehm gekleideter, hagerer Mann, den man für einen Fremden hielt und der dem Geld- zählen und Umwechseln mit zugesehen, sich in der Bedürfniß- anstalt des Restaurants so auffallend an ihn herangedrängt hatte. Jedenfalls hatte dieser den Diebstahl begangen. Man machte Anzeige von den, Vorfall, doch hatte man keine Hoff- nung, das Geld wiederzubekommen. Nicht wenig erstaunten jedoch am Freitag Herr W. und seine Kollegen, als der Postbote Herrn W. ein Packet überbrachte, welches die gestohlene Brief- tasche mit 700 M. enthielt, 50 M. von der Summe fehlten.— Ein Schreiben in englischer Sprache lag dabei folgenden Inhalts: „Ich Mr. I. I., einer der vorzüglichsten Secbaderdiebe, sähst; mich veranlaßt, ausnahmsweise einmal das durch mich, nach unserer Ansicht rechtmäßig und schwer erworbene Geld zurück- zuerstatten, und zwar deshalb, weil ich kein solcher Lump bin, drei arme Schulmeister, welche monatelang gehungert haben, um eine Erholungsreise machen zu können, daran zu verhmden,. Fünfzig Mark habe ich für meine Mühen behalten muffen, was Sie mir durchaus nicht übel„ehmen wollen.— Wenn ich noch so ein Dreiblatt(wahrscheinlich Kleeblatt gemeint) wüßte, das eine Reise machen wollte, ich würde sogar diesen zu Liebe einen größeren Diebstahl ausführen, um denselben die nöthigen Mittel zur Reise geben zu können. Wenn Sie, Herr Weiße, drei solcher Lehrer wissen, dann bitte ich Sie, am Sonnabend, den «. Juli, Mittags 12 Uhr, die Linden vom Brandenburger Thor bis zur Schloßbrücke entlang zu gehen. Das soll mir ein Zeichen sein der Bejahung und werde ich Ihnen alsdann das Geld baldigst von auswärts übersenden. Erkennen werde ich Sie unter allen Un, ständen, denn Sie haben einen ganz auffallen- den, verhungerten, löwenartigen Lehrerkopf. Mr. I. I., Ihr Freund'"— Nach dem Inhalt des Briefes zu urtheilen, schreibt hierzu die„Berl. Ztg.", scheint uns ein Scherz vorzuliegen, welchen sich einer der Betheiligten mit seinen Kollegen erlaubt hat. Vielleicht ist der ganze Hergang aber auch nur ein Scherz des betreffenden Berichterstatters, was in Anbetracht der bereits stark im Anzüge befindlichen Entenzeit ebenso möglich als ent- schuldbar wäre. Miederum stnd zwei Menschenleben auf der Havel in der Nähe von Schildhorn dem Vcrgniigen einer Wasserfahrt zum Opfer gefallen. Ein Schlossenneilter aus der Stralsunder- straße machte daselbst gestern gegen Abend in Begleitung seines Stiefsohnes und dessen Brauk eine Kahnfahrt, wobei das Boot derselben in das Fahrwasser des auf schildhorn stationirten Wegnerschen Dampfers, der eine seiner Umfahrten machte, gedeih. In Folge des heftigen Wellenschlages kenterte das kleine Boot, und die drei Insassen stürzte, r in die Fluth. Braut und Bräutigam ertranken, während der Vater gerettet wurde. M« Ziebesdrama im Stadtbahnknpee hat sich am Sonntag in aller Frühe abgespielt. Das„Kl. Journ." berichtet darüber folgendes: In einem Eisenbahnkupee zweiter Klasse des <5 Uhr 16 Minuten von Moabit nach Westend fahrenden Zuges erdröhnten knapp an der Biegung zur Einfahrt m den Bahn- Hof Westend, welcher zu der Verbindungsbahn geHort, fchncll hintereinander zwei Schüsse. Die Detonation war so stark, daß die Passagiere des FrühzugeS nnd das begleitende Beamten- personal desselben trotz des Geräusches der Lokomotive es Härten. Kurz vor den, Bahnhof ward der Zug zum Stehen gebracht; das Fahrpcrsonal eilte herbei, Passagiere verließen die Kupces und eiligst suchte man den Zug ab, denn es war kein Zweifel, daß in emem Wagen desselben die Schüsse abgefeuert worden sein mußten. Diese Vermuthung fand alsbald eine schreckliche Bestätigung. Aus einem Kupee zweiter Klasse, dessen Fenster hochgczogcn und dafür die Gardinen herabgelassen waren, drang ein leiseS Röcheln. Der Schaffner des Wagens riß die Kupeethür auf, und nun bot sich den hinzudrängenden Per- sonen ein schauervoller Anblick. In dem mit Pulverdampf ganz erfüllten Wagen lag quer über beiden Sitzreihen ein junges Mädchen, aus deren linker Schläfe das Blut herabrann. An der Seite der Tobten ruhte ein hagerer junger Mann, in seiner Rechten krampfhaft einen vierläufigen Revolver haltend, während die Linke einen kleinen Spiegel umklanimerte, den der funge Mann unzweifelhaft zum Zielen benutzt hatte. Auf den ersten Blick war es den erschreckten Passagieren und Beamten klar, daß hier ein Liebespaar durch Mord und-Selbstmord in fürchter- licher Weise geendet hatte. Der Zugführer ließ das Kupee schließen, der Zug wuroe wieder bestiegen, dann fuhr er langsam in den Bahn- Hof Westend ein. Hier wurde sofort die Polizei von dem Vorfall benachrichtigt, und schon die ersten Recherchen ergaben, daß man es in der That mit einem unglücklichen Liebespaar zu thun hatte. Der Kriminalpolizei sind noch im Laufe des gestrigen TageS die Namen der Unglücklichen bekannt geworden. Auf dringendes Ansuchen der Angehörigen hält die Kriminal- »olizei die Namen der Betheiligten geheim. Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, ist der junge Mann der Sohn eines Kaufmanns K. in Berlin, welcher in der PappclaUce wohnt, das Mädchen die Tochter einer begüterten Familie in Moabit, Namens S. Auf Anordnung der Charlottenburger Kriminalpolizei wurden die Leichen der beiden Unglücklichen ouS dem Koupee gehoben und sofort m das Leichenschauhaus überführt. Von dort aus ist die Leiche des jurnp Mädchens gestern am frühen Nachmittag nach Moabit zu der Familie geschafft worden. Die Leiche des lungen Mannes sollte um 4 Uhr von einer Genchtskommission besichtigt werden. Durch mehrere bei den Leichen vorge- fundenc kleine Zettel wird die Annahme bestätigt, daß zwei Liebende im Einverständniß miteinander in den Tod gegangen sind. Auf einem dieser gelblichen Zettel stehen in unsicheren Schriftzügen die Worte:„Wir suchen Beide freiwillig den Tod und werden ihn hoffentlich finden." Die Angehörigen der jungen Leute, welche aus Berlin und Moabit nach Westend herbeigeholt wurden, stehen dem Vorfall vollständig rathlos gegenüber. Sie wußten wohl von dem Verhältniß der Kinder, können aber irgend eine zwingende Ursache zu einem so tra- gischen Lebensabschluß nicht zu finden. Umso mehr sind sie von dem Geständniß überrascht, welches in einem Briefe, den der junge Mann geschrieben, gemacht ist, nämlich, daß er und seine Gesiebte deswegen freiwillig den Tod suchen, weil er zum Herbst seiner Militärvflicht genügen müsse und weders eine Ge- liebte noch er selbst oiese Trennung ertragen können. Polizeibericht. Am 6. d. M. Nachmittags wurde ein vierjähriger Knabe vor dem Hause Thärstr. 57 von etilem Möbelwagen überfahren und erlitt einen Bruch des rechten Oberannes.— Abends vergiftete sich eine Frau in ihrer Woh- nung in der Holzmarktstraße mittelst Karbolsäure.'—'Am 7. d. M. Nachmittags wurde vor dem Hause Madaistr. 10 ein zweijähriger Knabe von einer Droschke überfahren und erlitt eine ziemlich bedeutende Verletzung am rechten Oberschenkel.— Zu derselben Zeit brachte auf dem Terrain hinter der Beussel- straße der Arbeiter Kleinke einem anderen Arbeiter infolge eines Streites mehrere Messerstiche im Gesicht bei, so daß letztere nach dem Krankenhause in Moabit gebracht werden mußte. * Bewegung b«r Bevölkerung K»r Ktadt Berlin. 3it der Woche vom IG bis 22. Zuni 1889 sande» 139 EheschUeßungc» statt. Lebend geboren wurden 881 Kinder, darunter 103 außerehelich, iodtgeboren waren 34 mit 12 außerehelichen. Die Lebendgeborenen stnd 30,1. die Todtgcborcnen 1,2 pro Mille der Bevölkerung, die außerehelich Geborenen stnd bei den Lebendgeborenen 11,9, bei den Todtgeborenen 38,2 p6t. Die Zahl der geincideien SlerbesSUe be. trug 1195, die sich aus die Wochenlagc wie solgl verihcitcn i Sonnlag 196. Montag 174, Dienstag 166. Mittwoch 180, Donnerstag 181, Freitag 146, Sonn- abend 152. Von den Gestorbenen erlagen an Vlaiern 1, Scharlach 2, Dipl). thcrlc 18, Bräune 0, Keuchhusten 2, Kindbettstcder 0, TavhuS 0, Ruhr 0, Svvhilis 2, Altersschwäche 17, Gehirnschlag 14. Lungenentzündung 30, Lungenschwindsucht 91, Diarrhoe 136, Brechdurchfall 470, Magendarmkatarrb 88. Durch Vergiftung kam 4 Personen um(durch Alioholverglsning. vslirlam tremens). Eines gewaltsamen Tode» starben IG Personen, und zwar durch Ertrinken 3, Erhängen 2. Ucbcrsabrcn 2. i-turz oder Schlag 5. Schußwunde 5. Hierunter stnd 9 Todesfälle durch Selbstmord her- beigesührt. Dein Alter nach sind die Gestorbenen• Unter 1 Jahr alt 790 (66,1 plt. der Gestnnintsterblichkeil), 1-5 Jahre 117, 5-15 Jahre 23, 15 bis 20 Jahre 11, 20-30 Jahre 32, 30-40 Jahre 47, 40- 60 Jahre 92, 60-80 Jahre 71, Uber 80 Jahre 12 Perionen. In hiesigen Krankenhäusern starben 131, einschließlich 11 Auswärtige, welche zur Behandlung hierher gebracht waren. Aus die Standesämter vertheilcn steh die Todessälle solgendcrmaße». Berti». Kölln-Dorotheenstadt(I.) 31, Fricdrichstadt(It.) 15, Friedrich, und Schöne. berget Vorstadt(III) 58, Friedrich- und Teinpelhoscr Vorstadt(IV. I 84, Louism- statt senseit, westlich(V».) 83, Luisenstadt jcnleit, östlich(Vb.) 63, Luiscnstadt diesseit und Ncu-Kölln(VI.) 53, Stralauer Viertel, westlich(VIU.i 85, Stralauer Viertel, östlich(Vllb) 70, Königstakt iVin.) 65, Tpandauer Viertel (IX) 39, Roscnthaler Vorstadt, südlich(X-O 104, Rosenthaler Vorstadt, nördlich (XV) 89, Oranienburger Vorstadt(XI.) 149, Friedrich-Wildelmstadt und Moabit (XII.) 105, Wedding(XIII.) 104. Die Sterbesälle sind 41,8 pro Mille der fort- geschriebenen Bevölkerungszahl(1490287). Die SterblichkcstSzister in folgenden Städten de» Deutschen Reiches mit mehr als hunderttausend Einwohnern betrug in Sachen 25.2, Altona 15,4, Barmen 28,9, Bremen 17,0, Breslau 46,3, Ehemniß 32,8, Dairzig 32,7, Dresden 22,6, Düsscldors 25,7, Elberfeld 25,8, Frankfurt a. M. 21,6, Hamburg mit Vororten 19.7, Hannover 21,2, Köln 33,9, Königsberg 45,8, Kreield 17,3, Leipzig 21,2, Magdeburg 56,3, München 32,7, Nürnberg 25,2, Stettin 39,1, Straßburg i. E. 23,9, Stuttgart 15,2 auf Tausend. In anderen Großstädten Europas mit mehr als dreihunderttausend Einwohnern betrug die SterdlichkcitSziffcr in Antsterdam 19,8, Budapest(Vorwoche) 28,8, Dublin 19,6, Liverpool 16,9, London 14,9, Paris 20,6, Petersburg(Vorwoche) 27,4, Warschau(Vorwoche) 32,3, Wien(Vorwoche) 23,0 aus Tausend. Es wur- den 2822 Zugezogene, 2877 Weggezogene gemeldet, so daß stch die Bevölkerung mit Einrechnung der nachttägltch gemeldeten Geborenen nnd deS Zuschlages, der den Weggezogenen ersahrungSmäßig zugerechnet werden muß, um 815 vcr- mindert hat, die Einwohnerzahl beträgt sonach am Schluste der Berichtswoche 1489 672. In der Woche vom 23. bis 29. Juni kamen zur Meldung In- fcktions-ErkrankungSsälle an TvphuS 27, Pocken 0, Masern 43, Scharlach 51, Diphtherie 49, Kinddettstebcr 3 Gerichks Ietkung. Wegen Fortjeüung einer verbotene» Druckschrist hatten sich gestent die Redakteure der„VolkS-Zeitung", Her- mann H o l d h e i m und Erich Bernstein, sowie der vormalige Direktor der„VolkS-Zeitung, Franz May vor der ersten Strafkammer des Landgerichts l zu verantworten. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Schmidt, die An- klagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Müller, die Vertheidigung führt Rechtsanwalt Wreschner. Be- kanntlich wurde die„Volks- Zeitung" durch Verfiigung des Polizei-Präsidiums vom 17. März d. I. auf Grund des§ 12 des Sozialistengesetzes verboten. Am folgenden Tage erschien im Verlage der„Volkszeitung" ein Blatt, welches sich„Der Arbeitsmarkt" betitelte, dem Polizeipräsidium nur eine Fortsetzung der verbotenen„Volks-Zeitung" schien und deshalb ebenfalls verboten wurde. Deinselben Schicksal verfiel aus demselben Grunde die Tags darauf erscheinende„Zukunft. Die Anklage- behörde hat sich der Ansicht des Polizeipräsidiums, daß beide Blätter nur Fortsetzungen der verbotenen„Volkszeitung" sind, angeschlossen und macht die obengenannten Beschuldigten für deren Erscheinen verantwortlich. Der„Zukunft" folgte noch ein Blatt, welches sich„Die Arbeit" nannte, aber nicht beanstandet wurde, weil es nur Annonzen enthielt. Die Anklaaebehörde stützt sich darauf, daß der„Ärbeitsmarkt" wie die„Zukunft" in demselben Format erschien, wie die„Volkszeitung", daß die Re- porterzeichen dieselben sind, wie im letztgenannten Blatte, daß der Kourszettel sich imAeußeren von dem früherer nicht unterschied und daß noch sonst viele Uebereinstimmungen bestanden, woraus sich die von der Anklage aufgestellte Behauptung folgern lasse. So lag u. A. dem„Arbeitsmarkt" eine Beilage bei, in welcher den Abonnenten Mittheilung von der erfolgten Beschlagnahme gemacht und daran die Bemerkung genüpsi wurde, daß gegen diese Maßnahme der Beschwerdeweg betreten werden würde, da aber tausende von Menschen durch die„Volks-Zeitung" Arbeit und Brot erhalten, so solle den Abonnenten ein neues Blatt,„Der Arbeitsmarkt", zugestellt worden. Als belastend führt die Anklage ferner den Umstand an, daß die Erpedition der„VolkS-Zeitung" ihren Spediteuren die dann erschienenen Blätter in gleicher und sogar noch größerer Anzahl zustellte, wie bisher die„Volks-Zeitung", woraus geschlossen wird, daß die Blätter den bisherigen Abonnenten zugeschickt werden sollten. Die Angeklagten bestritten insgeiammt, daß die fraglichen Blätter eine Fortsetzung der„Volks-Zeitung" seien. Dieselben seien vollständig selbstständige Blätter. Die übereinstimmenden Reporterzeichen könnten der Anklagebehörde einen AnHaltepunkt nicht dafür geben, daß die betreffenden Artikel für die„Volks- Zeitung" bestimmt seien, die Reporter schickten ihre Artikel ein- fach an den Verlag der Zeitungen und sei es denselben ganz gleichgiltig, welchen Namen die Bläter führten, welche ihre Artikel aufneymen. Es sei ferner darauf hinzuweisen, daß die„Volks-Ztg." sich im Aeußcrn von dem„Arbeitsmarkt" und der„Zukunft" unter- scheide, als die„Volks-Zeitung" ihre Seiten in zwei Spalten eintheilte, während die beiden anderen Blätter eine dreispaltige Eintheilung führten. Ein anderer wesentlicher Unterschied be- stehe darin, daß die„Volks-Zeitung" regelmäßig einen Leit- artikel und dann noch eine politischeBetrachtung brachte, beides sei in den beiden später beanstandeten Blättern nicht der Fall. Der Angeklagte Holdheim erklärte ferner, daß er aus einem prinzipiellen Grunde gegen die Anklage protestircn müsse. Der § 13 des Sozialistengesetzes bestimme, daß bei dem Verbote einer Druckschrift die Grunde des Verbots angegeben werden sollen, dies sei beim Verbote der„V.-Ztg." nicht geschehen, sondern dem einfachen Verbot sei erst vier Tage später, als der„Arbeitsmarkt" und„Die Zukunft" bereits er- schienen und wieder beschlagnahmt waren, die Begründung gc- folgt. In Betreff der Zustellung an die Spediteure wandten die Angeklagten ein, daß dieser Umstand in keiner Weise gegen sie sprechen könne. Als die„VolkS-Zeitung" verboten wurde, hätten verschiedene andere Blätter ähnlicher Richtung, wie die „Berliner Zeitung",„Berliner Presse" u. s. w. den Spediteuren eine größere Anzahl ihrer Nummern zur GratiS-Vertheilung an die bisherigen Abonnenten zur Verfügung gestellt, um dieselben für sich zu gewinnen, dasselbe Recht müsse dem Herausgeber einen neuen Blattes, wie„Der Arbeits- markt und„Die Zukunft" sein sollten, gestattet werden. Von den vielen geladenen Spediteuren waren_ nur zwei als Zeugen vernommen. Diese bekunden über- einstimniend, daß sie sich nach dem Verbote der„Volks- Zeitung" nach der Erpediiion begeben hätten, um an- zustagen, welcher Bescheid den Abonnenten gegeben werden solle, und habe man ihnen einfach eine entsprechende Anzahl Exemplare des„Arbeitsmarkt" als Ersatz gegeben. En« Ersatz in Geld fiir die bis zum 1. April im voraus bejllhl* Nummern der„Volks-Zeitung hätten sie nicht verlangt.—» aüseitig auf weitere Zeugenvernehmung verzichtet wurde, sojj griff der Staatsanwalt das Wort zu seinem Plaidover.• hielt die Angeklagten für schuldig. Das erbrachte Äalck spreche hierfür zur Genüge. In der Beilage zum„Arbeit markt" wurde den Abonnenten klar und deutlich mitgeth» daß das Verbot voraussichtlich nur ein vorildfl gehendes sei und dies lasse schon jeden Zweifel darüber schw" den, daß die Angeklagten überhaupt nicht die Absicht halt» ein neues Blatt zu gründen. Daß bei Herausgabe des„Arbo» markt" und der„Zukunft" eine gewisse Vonicht bewahrt vf der Leitartikel weggelassen wurde, wolle gar nichts besage«, e gäbe Blätter von einer ganz bestimmten politischen Richt«» welche in einzelnen Nummer» vollständig farblos seien. Geg° Holdheim und May beantrage er je 60 M. Geldstm gegen Bernstein 30 M.. im Nichtzahlungssalle für> 10 M. einen Tag Gefängniß. Der Vertheidiger si# aus, daß die Anklage aus verschiedenen Gründen# einer Freisprechung enden müsse. Gleich nach dem Verbote d« Volks-Zeitung hätten die Angeklagten sich beschwert, daß* Maßregel weder formell noch rechtlich zulässig sei. Da d« Verbot durch Urlheil einer Höheren Instanz wieder ausgchobs sei, so mußte in Erwägung gezogen werden, ob die Angeklagts nicht schon aus diesem Grunde strafstei ausgehen müßt» Aber bei dem Verbote der„Volks-Zeitung" sei überhaupt«i* gesetzlich verfahren worden. Das Sozialistengesetz verlange a# drücklich eine Begründung bei dem Verbote des Weitererscheine� einer Druckschrift. Ein verlängertes Verbot kenne das S» nicht, es kenne nur eine vorläufige 99«! m_ eine_____ chlaanahme. Zum Verbote des Weitererscheine» war das Polizeipräsidium überhaupt nicht berechtig Das Verbot könne erst von dem Äugenblicke an av zu Recht bestehend angesehen werden, als die Ar aründung desselben erfolgte und dies sei erst am 21. März schehen, als die beiden beanstandeten Blätter bereits beschlätf nahmt waren. Der Vertheidiger führte des weiteren aus, M die Momente, in denen die Staatsanwaltschaft eine Fortsetzt»! der„Volks-Zeitung" in den beiden Blättern erblicken wolln- keineswegs durchschlagend seien, um diese Annahme zu K' gründen, er wies darauf hin, daß die Tendenz der Volks- zeitung, die sich ungescheut in jeder Nummer als eine dem«' kratisch-bürgerllche, aber keineswegs als eine sozial- demokratische kennzeichnete, in den beiden Blättern, die W folgten, streng vcnnieden sei und er führte mehre» RelchsgerichtSentscheidungen an, woraus Hervorgehen sollte, da» nicht die äußere Form, sondern nur der Inhalt ein Blatt charot' terisire. DaS Polizeipräsidium hätte mit dem Verbote der beide« in Rede stehenden Zeitungen warten müssen, bis sich in denselben eine gleiche Tendenz wie in der„Volks-Zeitung" offen- barte. Aus allen diesen Gründen müsse er die Freisprechung der Angeklagten beantragen. Die Berathung des Gerichtshofes dauerte nicht lange- ES wurde ein frei spre ch en d es Urt h eil gefä l lt. Es könnten Zweifel darüber obwalten, ob das erste Verbot d» „Volks-Zeitung" zu Recht bestanden habe, da der betreffend« Paragraph obligatorisch die Begründung der Verfügung ver» lange; zweifelhaft könne es ferner sein, ob die Angeklagtcii aus diesem Grunde nicht strafstei ausgehen müßten, es handle sich nicht um diese Entscheidung der Frage, ob die beiden Blätter als eine Fortsetzung der verbotenen„Volks- Zeitung" angesehen werden mußten, und dies habcßder Gerichts- Hof ohne Bedenken verneint. Es sei notorisch, daß der Geist der„Volks-Zeitung" ein entschieden demokratischer sei, in jeder Nummer bekenne sie offen Farbe. Da nun in den beiden frag- lichen Blättern jeder Leser auch nicht das geringste einer der- artigen Tendenz würde herausfinden können, und da nach mehr- fachen Reichsgerichtscntscheidungen nicht das Aeußere, sonder« der Geist für die Beurtheilung einer Zeitung maßgebend sei, so könnten die beiden Blätter als eine Fortsetzung der„Volks- Zeitung" nicht angesehen werden und seien die AngeNagte« daher sreizusprcchen. un ick sten» tm doch so lein»'hntt!"— so schluchzte eine ärmlich, aber sauber gekleidete Fran gestern aus dem Korridor des Moabiter KriminalaerichtS, als nian ihre« Mann wieder in das Gefängniß zurückführte, nachdem derselbe von der zweiten Strafkammer am Landgericht'II zu einer langen Freiheitsstrafe verurtheilt worden war. Es war die Geschichte einer unglücklichen Ehe und der Schmerzensschrei- einer vernichteten Existenz, der sich in diesen wenigen Worten Luft machte. Sie war eine Mecklenburgerin, war als junges Mädchen nach Berlin gekommen, hatte hier einen lungen Schmiedegesellen geheirathet, der sich in Weißensee als Meister niederließ und sein kleines elterliches Vermögen vergrößerte, daß er mit Recht als wohlhabender Mann galt. Leider starb der Mann in der Vollstast seines Lebens. Sein Vermögen wurde testamentarisch zwischen seiner Frau und seinem kleinen Sohn gelheilt. Die Wittwe betrieb das Geschäft weiter. Eine Zeitlang arbeitete ein anscheinend recht solider Geselle Namens Pagels bei ihr. Der Umstand, daß es ein Landsmann war, machte den jungen Gesellen der Meisterin anfänglich sympathisch und das Ende vom Liedewar — sie heirathete ihn. Eigentlich war daS erst der Ansang vom Ende. Den jnngen Meister Pagels„stach sehr bald der Hafer." Das wanne Nest, in das er sich gesetzt, wurde ihm zu eng, er ergab sich dem Tnink und Spiel, saß tagelang im Wlrthshause, vernachlässigte sein Geschäft und jagte die Hinter- lassenschaft seines Vorgängers— soweit dieselbe der Frau zu- tefallen war— bis auf den letzten Pfennig durch die Kehle. tom Lump bis zum Verbrecher ist nur ein Schritt. Der Stell- machenneister Degen in Weißensee hatte während des letzten Winters und Frühjahrs häufig bemerkt, haß ihm Nutzhölzer vom Hofe seiner Werkstatt, die abseits von seiner Wohnung lag, gestohlen wurden. Da es der oder die Diebe zuletzt gar zu arg trieben, legte er sich in der Nacht vom ersten zum zweiten Osterfeiertage auf die Lauer. Bald erschienen auch zwei Männer aus dem Platze. Degen richtete sich auf und rief:„Da haben wir ja die Diebe!" Sofort wurde er überfallen und derartig körperlich mißhandelt, daß er bewußtlos zu Boden fiel. Nachdem er mehrere Stunden so gelegen, wurde er vom Nachtwächter Engel aufgefunden. Für todt wurde er vom Platze geschafft, zwar gelang es den Bemühungen des praktischen Arztes Dr. Euphrat, den Verletzten und durch Blutverlust schwer Erschöpften zum Bewußtsein zurückzurufen, doch schien seine Rettung überaus fraglich. Wie durch ein Wunder ist der Verletzte, der zahlreihe scharständrige und tiefe Wunden in Kopf und Rücken davon- getragen hatte, vollständig geheilt worden. Degen hatte in dentjenigen Manne, der ihm die Wunden beigebracht, den Schmied Payels erkannt, und dieser wurde wegen schwerer Körperverletzung unter Anklage gestellt, mährend gegen seinen Begleiter Anklage nicht erhoben wurde. Er war geständig und wollte nur nicht zugeben, daß er ein Messer, sondern nur einen Schlüssel gebraucht habe. Das Urtheil lautete auf zwei Jahre Gefängniß. Seine Frau steht nun völlig mittellos da, nur das Vermögen des 13jährigen Knaben ist gerettet, weil die Bestimmungen der VormundschaftSordnuug verhinderten, daß auch des Kindes Erbtheil flüssig gemacht und vertrunken werden konnte. Und doch war es nicht Groll, sondern liebe- volles Bedauern, das ihr bei der Abführung des Mannes die Worte über die Lippen drängte:„Ach un ick hew em doch so leiw'halt!" Wir erhalten folgende» Kchreibe«: In der Gerichts- Verhandlung vom 5. d. MtS., Landgericht I, Strafkammer III, ist in der Rr. 156 Ihres Blattes cm Bericht enthalte«, der keineswegs dem wahren Sachverhalt entspricht. Erstens heiße ich nicht Wilhelm Stammer, sondern Franz Stammer. Zweitens TO de D «t at ni TO bl br fü TO TO S T TO E R TO d di \i ei TO S I T« V I TO Ii tl d «htm hier zugereiste abreise zu veranlassen. nicht in Bersin, sondern war es nicht meine war ich nicht Mitglied der Streikkommission, sondern, wie sich der Herr Staatsanwalt ausdrückte, ein Helsershelfer derselben. Drittens hatte ich nicht die besondere Ausgabe übernommen, Kollege zur sofortigen Wieder- Viertens hat sich die Handlung in Hamburg abgespielt. Fünftens, _____.._............ Beredsamkeit, was die Kollegen bewogen hätte, abzureisen, sondern sie sind von dem JmwngS- bureau abgefaßt worden, wurden nach dem Streikbureau ge- führt und oort erklärten sie sich bereit, abzureisen. Sechstens, war der Denunziant nicht ein Tischlermeister, sondern Schlosser- meister Petschmann aus Hamburg, Kleine Drehbahn 40. Siebentens sagt der Berichterstatter:„Da griff der Angeklagte zu einem suinmarischen Verfahren, er nahm den Gefellen beim Kragen, schob ihn mit Riesenkraft in den Waggon Humn" Die Aussagen der Zeugen behaupten das Gegentheil. Schlosse� meister Petschmann sagt, daß er nicht behaupten könne, daß ich Gewalt gebraucht habe, während Tischlergeselle Müller aus Ripdorf sagt, ich hätte ihn beim Rockkragen angefaßt, von Ge- walt hat er aber nichts besonders ausgesagt. Achtens, sind die Gesellen nicht abgereist, sondern wurden mit nach der Polizeiwache zugeführt, wo sie ein Tischlerineister in Em- pfang nahm. So der thatsächliche Vorgang. Hinzuzufügen hätte ich noch, daß der Bahnhofsinspektor auf der Wache er- schien, da die Meister sehr laut auf dem Perron waren. Er erklärte, wenn sie sich noch einmal so betragen würden, so würde er sie verhaften lassen. Hochachtungsvoll Franz Stammer, Tischler. Wasserthorstr. 45 b IV. rechts. Gin leinerzrit groffro Aufsehen erregender Uorfalt hatte ein Nachspiel vor dem Kammergericht. Nach der Fest- stellung der Vorinstanz hatte der Maler Kupke in Lands- berg a. W. ain 10. Mai v. I. den ihm begegnenden und seinen Schnurrbart drehenden Lieutenant und Bezirksadjutanten v. R. mit den Worten angeredet:„Drehen Sie doch nicht so sehr, länger wird er davon doch nicht." Als der Offizier ihn fragte;„Herr, wer sind Sie?" erwiderte Kupke:„Danach haben Sie doch nicht zu fragen" und ging weiter nach einem Neubau, wo er Arbeiten auszuführen hatte. Als er nach 10 bis 15 Minuten von mehren seiner Leute begleitet wieder heraus- trat, kam Lieutenant v. R., der zunächst weiter gegangen, aber dann umgekehrt war, auf ihn zu und fragte:„Haben Sie mich vorhin mit den Worten gemeint?" K., welcher behauvtet, daß ihm inzwischen seine Ungebühr leid geworden war, und daß er sich deswegen hatte entschuldigen wollen, sagte:„Ja, aller- dingS, aber"--, konnte aber den Satz nicht mehr beenden, denn der Lieutenant zog den Degen und versetzte ihm eine An- zahl schwerer Schläge über Kopf und Arme, infolge deren K. so erheblich verwundet wurde, datz er fünf Wochen lang das Bett hüten mußte. Auch blieb in- folge verschiedener Knochenverletzungen der linke Arm, mit dein K. die Säbelhiebe hatte abwehren wollen, steif und wird uach dem Zeugniß des hiesigen Universitätsklinikers Dr. Bramann nie wieder seine volle Beweglichkeit erhalten. Der Lieutenant v. R. behauptete, daß ihm K. auf seine Frage ge- antwortet habe:„Na natürlich, wen denn sonst," und dabei ebenso wie seine Begleitung drohende Gesten gemacht hatte, als wenn er ihn(den Lieutenant) angreifen wolle. Er sei— so gab Herr v. R. weiter an— dann zu seinem Vorgesetzten, dem Oberstlieutenant v. T., gegangen und habe dessen Rath akzeptirt, durch den Polizeiinspektor Reinhard den Sachverhalt festzustellen und evcnt. die ganze Angelegenheit ord- neu zu laffen.. Reinhard habe dann auch zwei pro- tokollarische Erklärungen des Kupke vom 10. und 11. Mai v. I. gebracht. Im ersteren forderte Kupke En- schädigung für die Kurkosten u. s. w., wie auch eine Entschul- digung des Lieutenants, worauf er, als letzterer hierauf nicht einging, im zweiten Protokoll sich zum Verzicht auf eine be- stimmte Forderung bereit erklärte und„die Art des Entgegen- kommens der Gesinnung und dem Gefühl des Lieutenants über- ließ". Letzterer bot dann nach längerer Zeit als völlige Ab- findungssunime 300 M., welche aber K. ablehnte, und dann im gerichtlichen Wege gegen den Herrn v. R. auf Entschädigung assS"'S."'»« dem Polizeiwachtmeister Lebrun bei ihm erschienen, nn Wundfieber gelegen und nicht genau gewußt habe, was seine Aussage gewesen sei. Auch habe sich Rein- tard nicht als Vermittler, sondern als Jnquirent und der Vachtmeister Lebrun als Protokollführer eingeführt. Als er (Kupke) später Abschrift des„Protokolls" verlangt, habe sie ihm Reinhard verweigert.- Das Landgericht Landsberg a. W. er- kannte hierauf dahin, daß der Lieutenant v. R. dem K. sofor 288 M. Kurkosten und außerdem für ieden Tag der Kurzeü mit Ausnahme der Sonn- und Festtage 4 M. 50 M. und für die verminderte Erwerbsfahigkert emen bezüglich der Hohe noch zu ennittelnden Ersatz leisten solle. In der Be- Mündung wurde folgendes ausgeführt' ,,9!othwehr ltmn bei dem von R. nicht angenommen werden, da absolut unerfindlich ist, welchen Anlaß Kupke gehabt haben sollte, den Lieutenant noch thätlich anzugreifen, und da weder die angeb- lichen„Gesten" des K., noch die zufällige Anwefinheit einiger seiner Gesellen denselben berechtigten, sich der Waffe zu be- dienen und den K. damit niederzuschlagen. Irgend em Beweis für diesen Einwand ist auch nicht angetreten, und die hierauf bezüglichen Feststellungen des Militärgerichts(dasselbe hatte den Lieutenant von der Anklage der M.ßhandluna freigesprochen, weil es Nothwehr für vorliegend erachtete) sind für den Zivilrichter nicht bindend. Aber auch der Einwand, daß K. Verzicht geleistet habe, ist nicht durch- greifend. Die ganze Art des Zustandekommens der erwähnten beiden Protokolle nimmt den darin enthaltenen Erklärungen des K. jede Bedeutung und Rechtsgiltigkeit. Der angeblich als Vermittler angerufene Polizeibeamte hat den K. polizelllch ver- uommen nach einem Fonnular für die verantwortliche Ver- nehmung von Beschuldigten unter der Anschuldigung, den Lieutenant v. R. öffentlich auf der Straße insultirt zu haben, er hat den Polizeiwachtmeister Lebrun nicht etwa als Zeugen, sondern als Protokollführer hinzugezogen, dabei die Angehörigen des K. aus der Stube gewicfen und später dem R. die Abschrift der Verhandlung ver- weigert,„da dies polizeilich nicht znlässig sei". Er ist also nicht als Privatperson und Vermittler des Obcrstlieutenants v. T., sondern als Polizeibeamtcr dem K. gegenüber getreten und hat auch nichts von seinem Auftrag zu diesem gesagt. Unter dein Eindruck dieser Thatsache, unter der Furcht vor einem Straf- verfahren, also jedenfalls infolge einer die Freiheit des Willens beeinträchtigenden Situation gab K. die beiden Erklärungen ab, welche sonach zivilrechtlich nicht verbindlich sind."— Der beklagte Lieutenant v. R. legte hiergegen bei dem Kammergericht Be- rufung ein, wo sein Mandatar u. a. namentlich ausführte, daß das Militärgericht den Lieutenant freigesprochen habe, weil er den K. nicht vorsätzlich und widerrechtlich verletzt habe. Wenn der Strafrichter erklärte, daß der Lieutenant in seinem Rechte gehandelt, so könne derZivilrichterdiese Feststellung nicht umstoßen. Aber auch vom zivilrechtlichen Standpunkt aus habe der Beklagte nur ein mäßiges Versehen begangen, da er gereizt ivuroe. Der durch den Polizeibeamten vermittelte Verzicht sei ein rechts- verbindlicher. Der Mandatar des Klägers entgegnete, daß der Polzeiinspektor, wenn er als Privatperson gehandelt, sich eines Mißbrauchs der Amtsgewalt schuldig gemacht habe: wenn er aber als Polizeibeamter gehandelt, so hätte er keine Vergleiche stiften dürfen. Der Gerichtshof erachtete hierauf die erste Ent- scheidung für korrekt und ordnete nur Betreffs der Höhe der Entschädigung Beweisaufnahme an. Melche gertagfligige Ueranlaffnna manchmal dazu gehört, einen unbescholtenen Menschen zum Verbrecher werden in lassen, dafür lieferte die am Mittwoch stattgehabte Verband- ung vor dem Schivurgerichte in Kassel gegen den„Brandstifter l von Spangenberg" einen auffallenden Beweis. Im Herbst v. I. wurde nämlich das Städtchen Spangcnberg(an der Berlin- Koblenzer Bahn) in wenigen Tagen kurz hintereinander von mehreren verheerenden Bränden heimgesucht, wodurch dieBevölke- rung in leicht erklärliche Aufiegung geneth. Während man hiernach löschte, brach bereits wieder an einer anderen Stelle der Stadt Feuer aus. Allseitig drängte sich die Ueberzeugung auf, daß vorsätzliche Brandlegung im Spiele sei, nur wollte es nicht gelingen, den Thäter zu erwischen. Durch einen Zufall gerieth der Eisenbahnarbeiter Knierim, ein junger Mann von zwanzig Jahren, unbescholten und anständiger Leute Kind, m Ver- dacht, obwohl es an jedem und jeglichem Motiv mangelte. In die Enge getrieben, gestand er denn auch nach seiner Verhaftung ein, die Brandstiftungen begangen zu haben. Schrittweise gestand er eine Brandstiftung nach der andern und für die erste gab er folgendes unglaubliche Motiv an. Er kam au jenem Tage, vom Eisenbahndienst abgespannt, in einen Biergarten, wo eine Hochzeitsgesellschaft aß, trank und guter Dinge war. Er wollte sich dazusetzen und mitttrinken, das wurde jedoch nicht gelitte», er vielmehr vom Wirth und den Hoch- zeitsgästen hinausgewieseu. Erbosthierüber erfaßt der jungeBursche plötzlich den geradezu teuflischen Plan, dieHochzeitsgesellschaft,ins- besondere die dabei befindlichen Männer, welche in Spangenberg sämmtlich zur Feuenvehr gehören, in ihrer Fröhlichkeit zu stören und zwar durch Feuerlärm bezw. Brandstiftung. Der bisher unbescholtene Mensch verfiel in seiner Wuth über die ihm wider- fahrene Zurücksetzung auf den Gedanken, das sogenannte „alte Kloster", ein großes Gebäude mit eingebauten Wohn- Häusern, Wirthschaftsgebäuden k. in Brand zu setzen. Er lief deshalb aus dem Bicrgarten fort, setzte über Hecken und Zäune, schlich sich durch mehrere Gärten hindurch, an Häusern vorbei, sprang über den breiten Mühlgraben, kletterte über mehrere Mauern und Gitter und gelangte endlich von hinten an das erwähnte Klostergebäude. Es war am hellen Tage, Nach- mittags gegen 4 Uhr, trotzdem trat der Bursche in die offen- stehende Thür eines Hauses ein, schlich sich 3 Stockwerke hin- auf auf den Boden, zerrte eine Handvoll Stroh hinter dem Lattenverschlage hervor und zündete es un. Dann lief er die Treppe wieder hinab und entkam ungesehen, er machte den- selben schwierigen und beschwerlichen Weg, welchen er gcnom- men, auch zurück, eine förmliche Spring- und Kletterprozcdur, welche wohl niemand für Geld und gute Worte unternommen haben würde. Daß Knierim bei Ausübung der That ungesehen blieb, ist darauf zurückzuführen, daß die Leute vielfach mit Kartoffelausmachen beschäftigt waren. Er ging dann wieder in den Biergarten, augenscheinlich zu dem Zwecke, zuzusehen, welche Bestürzung und Verivirrung der Feuerlärm m den Kreisen der Hochzeitsgesellschaft anrichten würde. Nach- dem dies geschehen, schien er befriedigt, er eilte zur Brandstätte und half löschen wie jeder Andere.— Trotzdem der Brand eine ungeahnte Ausdehnung annahm— es brannten eine Reihe Häuser ab, Mobiliar und WirthschaftSvorräthe u. s. w.„und nur der herrschenden Windstille war es zu danken," meinte der AntSrichter,„daß nicht ganz Spanaenberg eingeäschert wurde"— trotz der Gefährlichkeit des Brandes kitzelte es Knierim bereits am andern Morgen, als dieser Brand noch nicht gelöscht war, wiederum ein Wohn- Haus an anderer Stelle der Stadt anzuzünden und dann später noch mehrere Inbrandsetzungen zu bewirken, die jedoch theilweise im Entstehen unterdrückt wurden. Beim letzten Falle, wo er erwischt wurde, war Knierim sogar von außen an der Dachkandel hinaufgeklettert war in die Luke ein- gestiegen und hatte das Stroh angesteckt. Und das Alles ohne Motiv, ohne dem Besitzer feindlich gesinnt zu sein; einzelne waren sogar seine Freunde. Thatsache ist, daß K. sich in letz- terer Zeit dem Trünke ergeben hatte und bei jedesmaliger Brandstiftung angetrunken war. Dies war auch seine Ent- schuldigung, lowie es sei ihm zu Muthe gewesen, als wenn er vom Teufel besessen sei und die Brände anstecken müsse. Auf seinen Geisteszustand untersucht, stellte sich heraus, daß Knierim vollständig geistig gesund ist(??). Das Urtheil lautete auf eine Gesammtstrafe von sieben Jahren Zuchthaus. Verlammlimge«. Aufforderung! Die Berliner Delegirten zum Pariser Kongreß werden gebeten, heute, Dienstag, Abends 8 Uhr, zur Vereinbarung einer gemeinsamen Reisetour auf der Redaktion der„Volks-Tribüne", Oranienstr. 23, sich einzufinden. Eine grosse öffentliche Versammlung der streikenden Maler und Anstreicher fand gesteni Vormittag 11 Uhr in der„Tonhalle" statt; die Anwesenden füllten den Saal und die untere Galerie vollständig. Zum ersten Vorsitzenden der Versammlung wurde Herr Weuker, zum zweiten Herr Stiller, zu Schnftführern die Herren Grätz und König gewählt. Der Referent Herr Hohlwegler führte etwa aus: Die Lage der Streikenden ist eine durchaus gute, wie denn auch diese Ver- sammlung wieder als eine imposante bezeichnet werden darf. Die Arbeitgeber erkennen unsere Forderung als gerecht an, sie wollen nur, anstatt von den Gehilfen„Vorschriften anzunehmen", an der„freien Vereinbarung in jedem Falle" festhalten. Wir wissen, daß wir bei der fieien Vereinbarung die Benachtheiligten sind und wollen von dem Rechte, das uns§ 152 der Gewerbe- Ordnung giebt, vollen Gebrauch machen. Den gesetzlichen Weg halten wir strengstens fest. Von dem Rechte, durch die Ueber- redungskunst auf unsere Kollegen einzuwirken, machen wir vollen Gebrauch. Gerade die gedrücktesten Kollegen, für deren Interesse wir hauptsächlich kämpfen, arbeiten nun leider zum Theil; die gedrücktesten sind auch hier wieder die wenigst aufgeklärten. Der Referent streifte dann die Wirkung der Maschine, für die schon der antike Philosoph geschwärmt habe, weil sie das Glück Oer Menschheit bringe. Die Maschine ist nun da, und noch sehen wir das Glück der Menschheit nicht. Vor- läufig wirft sie Menschen aufs Pflaster. Von den Schulter an Schulter mit uns kämpfenden Anstreichern gehören viele zu diesen aufs Pflaster Geworfenen. Das Nachdenken über diese Dinge klärt auf. Referent befürworte schließlich die Aufiechthaltung des Generalstreiks für die Dauer dieser Woche, bis dahin habe voraussichtlich ein erheblicher Theil der Arbeit- aeber die Forderung bewilligt, so daß sich nach acht Tagen die Frage des partiellen Streiks in Erwägung ziehen lasse.(Leb- hafter Beifall.) An der Debatte betheiligten sich die Herren Schulz, Melzer, Rctzerau und Hepdemann, welche sich sännntlich für die Fortdauer des Generalstreiks erklärten. Herr Rctzerau sagt u. a.: Nicht berechnende Kapitalisten, sondern engherzige Kapitalisten, sondern engherzige Arbeitgeber haben bis jetzt gegen unsere Forderungen das Wort in den Meistervcrsammlungen genommen. Der Einigkeit der Meister gegenüber thut es noch, baß wir eine noch geschlossenere Organisation gewinnen. Um so mehr haben wir dazu Ursache, als auch unser Gewerbe langsain schon Umgestaltungen durch die entwickelte Technik er- fährt. Wer kannte früher Oeldruck? Wer Abziehbilder? Wer weiß, was in Zukunft noch kommen wird? Der Generalstreik ist so lange auftechtzuerhalten, bis zwei Drittel der Gehilfen unter den geforderten Bedingungen Arbeit gefunden hat. Es gelangte hierauf folgende von Herrn Heydemann beantragte Resolution einstimmig zur Annahme:„Die heute, am 8. Juli, in der„Tonhalle" tagende Versammlung der streikenden Maler und Anstreicher beschließt, daß der Generalstreik so lange fortzuführen ist, bis eine genugende tahl von Arbeitgebern die Forderungen bewilligt hat." Von errn Lattermann wurde nun der weitere Antrag gestellt, von den Lackirern Beiträge zum Streikfonds nicht anzunehmen, nachdem in der Versammlung der Lackirer am vorigen Sonn- abend die Zahlung von wöchentlich 50 Pfennigen pro Kopf für die streikenden Maler und Anstreicher abgelehnt worden seien. Herr Hohlwegler bemerkte gegen den Antrag, daß 50 Pf. für die Lackirer wirklich zu hoch gegriffen sei und Herr Rctzerau fügte hinzu, daß die Lackirer während ihres Streiks auch von den Malern nicht unterstützt worden seien. Der Antrag wurde hierauf gegen wenige Stimmen abgelehnt. Dasselbe Schicksal hatte lein fernerer von Herrn Pusch gestellterZÄntrag, welcher die Kommission verpflichten sollte, die Versammlungen so ein- zuberufen, daß spätestens um 10 Uhr die Eröffiiung stattfinden kann. Die Kommission erklärte dagegen, den Wunsch des An- tragstellers thunlichst erfüllen zu wollen. Die Versammlung wurde mit eine# begeisterten Hoch auf die Lohnbewegung ge- schloffen. Verein zur Wahrung der Interessen der Miether de» Worden Kerlin«. Die Broschüre des Herrn Dr. Stolpe in Charlottenburg„über die Wohnungsfrage und deren Ab- Hilfe fand in der Versammlung der Miether des obigen Ver- eins am Sonntag, den 7. d. Mts., ihre verdiente Abfertigung. Der Referent Herr Pürch kritisirte dieselbe in längerer Rede und wies das ganz Verfehlte der gemachten Vorschläge zur Abhilfe nach. Nur wirthschaftlich leistungsfähige Personen sollen eine eigene Wohnung haben! Wo bleiben aber die Unglück- lichen, die durch die Industrie zum Krüvpel geworden oder von der Natur als Krüppel geschaffen und bie nicht leistungsfähig sind?— Die Wohnungsfiage selbst sei durchaus nicht die brennendste: zuerst müsse die Frage definitiv erledigt werden, wie sich Arbeit und Kapital gegen einander zu verhalten haben, denn es sei bekannt, daß dem größten Theil der sogenannten Hauseigenthümer kaum ein Stein des Hauses gehöre, er sei nur der Prügcljunge dcS Kapitalisten oder Hypothekeu- aläubigers. Wie aber der Kapitalist sich durch Erzielung hoher Zinsen ein bequemes Leben zu beschaffen suche, so suche auch der Eigenthümer sich ein beschaulicheres Dasein durch Erhöhung der Miethen zu schaffen. Dies würde aber nicht der Fall sein, wenn Jedem auch die Pflicht zur Arbeit auferlegt würde, und der hohe ZinS- und Miethsaenuß fortfiele.— Der von Herrn Dr. Stolpe gemachte fernere Vorschlag, die Miether eines Hauses sollten sich zu einer Gesellschaft vereinigen und dem Besitzer dasselbe gegen eine zu zahlende bestimmte Rente abkaufen, sei aber in icder Beziehung absolut unausführbar und sei nur eine andere Form zur Äusbeutung der Miether! Nach Beendigung des lebhaften und mit großem Beifall aufgenommenen Vor- träges wurde eine Resolution eingebracht und einstimmig ange- nommen: „Die im Kolberger Salon tagende Versammfimg des Vereins der Micther des Norden Berlins ist mit dem Referenten darin einverstanden, daß die Mittel, welche Dr. Stolpe in seiner Broschüre:„Die Wohnungsfrage, vorschlägt, hinfällig sind, dem heutigen Kapitalismus, speziell den Berliner Hauswirthen entgegenzutreten! Der Verein der Miether des Norden Berlins wird daher- unverblümt in Worten und Schrift diejenigen bekämpfen, welche die Ausbeutung des Miethers auf ihre Fahne geschrieben haben." Die der Abstimmnng voraufgegangene Diskussion war ein sehr lebhafte und wurde 0as Vorgehen einzelner namhaft ge- machter Hauswirthe einer scharfen, tadelnden Kritik unterworfen. Ebenso wurden mit vollem Rechte die Wirthe getadelt, die nur kinderlose Miether aufnehmen wollten. Der kleinere Hand- werker und Arbeiter sei gerade am meisten mit Kindern ge- segnet, weil er weder die Lust, noch die Zeit und die Mittel habe, sich außerhalb des Familienkreises in, vom moralischen Standpunkte aus betrachtet, unerlaubte Weise zu bewegen. Die vielen unehelichen Kinder, die schließlich der Stadt resp. dem Staate zur Last fielen, könnten in den meisten Fällen ihre Er» zeuger in den besser situirten Klassen suchen!— Durch Akkla- mation wurden als neue Vorstandsmitglieder des Vereins ge- wählt die Herren Heitmann, Gleinert, Marten, Geschefgh'„ Abenroth, Lützow, Neubert, Raschke und Habenitz. Nachdem vom bisherigen Vorstande der Jahresbericht und Kassenbericht erstattet uno dem bisherigen Kassenwart, Herrn Marten, Decharge ertheilt war. Da die Tendenz des Vereins eine an- erkennenSwerthe gute ist, so können wir die Miether des Norden Berlins in ihrem eigenen Interesse nur zum zahlreichen Beitritt animiren, denn der Verein kann nur wirksam operiren, wenn er eine imposante Mitgliederzahl hat. Eine sr-sse öffentliche Versammlung sammtllcher Lackirer Kerlin» fand am Sonnabend Abends 8 Uhr in „Scheffer's Salon", Jnselstr. 10, statt. Die Tagesordnung lautete; 1. Wie stellen sich die Lackirer Berlins zum Streik der Maler und Anstreicher?" 2. Wie stellen sich die Lackirer Berlins zur Aufbesserung ihrer eigenen Lage?— Das Burean bilden die Herren Schüßler, Müller und Nahe. Da über beide Punkte kein bestimmter Referent erkoren, trat man sofort in die allgemein sich bald ungemein animirt gestaltende Diskussion über den Punkt der Tagesordnung. Das Wort nimmt zunächst Herr Stiller, Maler. Er führt die Gründe an, welche bestimmend fiir die Maler und Anstreicher Berlins gewesen wären, in den Lohnkampf einzutreten. Am 24. Juni sei der Generalstreik erklärt worden. Ein schwer Kampf stünde den Malern bevor. Indessen, es giebt keinZurück, nur einÄonvärtszum Siege, welch letzterer ohneZweifel am Ende dergcrechtcn Sache der Gehilfen werden müsse.— Es sprechen darauf, ohne Aus- nähme das Solidaritätsgefühl der Arbeiter unler einander be- tonend, die Herren Remus, Jakobi, Anders, Stiller, Jungermann und Bothmus. Folgende Resolution, in der das Verhalten der Berliner Lackirer vorgezeichnet, gelangt darauf mit Einstimmigkeit zur Annahme: „Die heutige Versammlung verpflichtet sich, die Maler und An- streicher Berlins dadurch zu unterstützen, daß sie von ihrem Arbeitsnachweis keine Adressen an die Malermeister Berlins übermittelt und durch Sammlung auch die finanzielle Lage der Maler und Anstreicher zu unterstützen." Ein von Herrn RemuS dazu eingebrachter Zusatzantraa, zu diesem Zwecke pro Woche 50 Pf. zu zahlen, wird fallen gelassen. Achtung! Arbeiter Keriiu». Am Donnerstag, den 11. Juli, Abends 8) Uhr, findet im Lokal„Königstadtkasino", Holzmarktstr. 72, eine öffentkiche Volksversammlung statt, in welcher die Lokalkommission über ihre bisherige Thätigkeit Be- nicht erstatten wird. Da die Regelung der Berliner Lokalfiage fiir jeden Arbeiter von sehr großer Wichtigkeit ist, so licgt es im eigenen Interesse der Arbeiter, so zahlreich wie möglich in dieser Versammlung zu erscheinen. Auch die Vorstände der Fach- vereine, Krankenkassen und anderer Vereine werden ersucht, sich in diefer Versammlung einzufinden. Die Tagesordnung der Versammlung lautet: 1. Berichterstattung der Lokalkommission. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zur Deckung der Unkosten findet eine Tellersammluug statt. Den Mitgliedern de» Fachvereln» der Kteindrucker und Lithographen zur Nachricht, daß die zum 18. Juli anberaumte Generalversammlung in Gratweil's Bierhallen, Kam- mandantenstr. 77—79 nicht stattfinden kann, da der Wirth für diesen Tag bereits andenveitig über sein Lokal vcrfiigt hat. Die Generalversammlung findet an demselben Tage in Jordan'S Salon, Neue Grünstraße 28 statt. Es wird gebeten, dieser Lokalveränderung die weiteste Verbreitung zu geben. vaw>»r»in Berliner Kttdliauer, änntnftr. 16. Heute. Dienstag. tBiti- gliederveesammlung der Krankenkasse.,, «roste öffentliche persanlinlung siinemtlicher Zimmerlent» Berlin» und Umgegend Mittwoch, den 10. Juli. Abends 8 Uhr. in der„To n- halle". Friedrichstrahe 112. TageS-ordiiung. 1. Streikangelegenheiten. 2. Ver» �«ischler-verein. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß der Billetverlauf zu der am 14. Juli nach Straußberg stattfindenden Ladpartie am MUUMch. den 10. d. M.. geschlossen wird. F«ch»»r»>» der«ischler. Die Zoblstcllen t>e« Bcrcin» lind zur Eni' ir«rimadme der Beitrage und Aufuahinr neuer Mitglieder jeden Sonnabend «n 8—10 Uhr geöffnet, und zwar befindet sich Zahlfielle I Kriedeichddcrger tlrahr 25 bei Christen � II Tkaliherstrafie 107 bei Ktmstmann; III Bellc AIiance via h 8 bei Hiilcher: IV Zionskirchplafi 11 bei Hohn, V Biilowstrafie 52 bei Bödlanb; VI Maricndorscrstrafic. Ecke Solmistrafic bei Schmidt: VN Dresdener- strahe US bei Wendt, daselbst befindet sich auch der Zentraiarbeilsnachweis des Berews- VUI Lübecker- und Thurntstrahcncckc bei Iahnic. Die SrbeitSvcr- miNelun« aeichicht unentgeltlich Der Nachweis ist geöffnet an Wocheutagen «n 8X-9% Uhr. Sonntag Abend» von 0%-ll Uhr. ?»ntral Kr«nK»»«nd �ttrbrboir» b»r Tisch»»»t». iOcrtliche BcrwaiwngSsteste Berlin B). Den Mitgliedern zur Nachricht, dafi folgende Zahl- steUr» verlegt find I Von der stövnickerür. 129 nach der Äövniekerstrahc 121» bei Müller. 2. Bon der Oranienstr. 89»ach der Allen Jakobstr.«8 bei Zabee. 3. Die Zahlstelle in der Jüdenftr. 23 ist aufgehoben. Krankmeldungen vom 7. Juli ad bei$>. Grofie-Kreul, Neichenbcrgerstr. 182, Hof link» 4 Dr. Die OrtS- «rwaltung «»sang.««»»- und grseUig» Perein» am Dienstag. Gesangverein .«Utenberg" Abend» 8% Uhr im Ncltaurant Quandt. Stralauerstrahe 43.- vtesaugverein.Alpenglühen" Abends 9 Uhr im Restaurant Hildcbrandt, Prinzen- Arafie 97— Schöfer scher.Gesangverein der Elfer" Abends 9 Uhr bei Wolf und Krüger. Skalixerstrafie 126, Gelang.— Mönnergesangverein.Gartenlaube" Abend» 9 Uhr im Restaurant zirk, Kottbuserstrahe 22.— Gesangverein .Bvuvardia" lMönnerchor) Abends 8% Uhr im Restaurant.Teutonia", Bei- borterstrafie 15.- Männeracfangvercin.Steinnelke" Abends 9 Uhr im Nestau rant Schulz, Stcttiuerstrafic 56-87.— Gesangverein.Hariuonie" Abends H Uhr in Neukain s BierhauS, Grofic Frankfurterftrahe 49.— Männergeiang- verein.Echo U" Abends 9 Uhr im Restaurant Drillbofe, Rosenthalerstrahe Nr. 11—12— Gesangverein.Söngerhain" Abends 9 Uhr im Restaurant Kaiser Rrmtz Grenadierplah 7.— Gesangverein.Bruderherz" UcbungSstundc Abend» von 9%-llX Uhr. Aufnahm! neuer Mitglieder.— Gesangverein.Hoffnung Moabit" AbcndS 8X Uhr WilSuaikerstrafic 63 im Restaurant ZlgeS.- «eiangvcrcilt.Felicitas" Abends 9 Uhr im Restaurant Nebelin, Langeltrabt 108. — Mümiergesangvercin.Olimipia" AbcndS 9 Uhr im Restaurant Gerth, Prinzen strufie 106.— Gesangverein.Liederluft" AbendS 9 Uhr im Restaurant Leh mann. Raungltstrasc 44— Münnergtiangverein.Accordia" Abends 9 Ubr bei Wriek, Alcranderstrafie 31.— Gesangverein Ludtvigffcher Mönncrchor AbcndS 8 Uhr Lindcnstrafie 106 bei Poppe, UedungSstundc. Gaste sind willkommen.— .Deutsche Liedertafel" AbendS 9 Uhr Oranicnstrahe 190.- Zitherklub.Smphioti" Abend» 9 Uhr i» Tricbchs Restaurant, Hoher Steinwcg 15— Turnverein JSrot und Frei" lMannerabtbeilung) Abends 8% Uhr, Bergftrafie 57.— Beriinrr Turngenvffenfchasl(Fünfte Mannerabtheilung) Abend« 8% Uhr in der städtischen Turnhalle, Wafferthorslr. 31— Turnverein.Hasen- Haide"(Manncr-Abtdeilungl Abends 8 Uhr, Dicffenbachstr. 60-61.— Verein ehemaliger Schüler der 37. Gemeindeschule Abend» 9 Uhr im Restaurant Kinner. «öpnickcrstr. 68.— ArcndSffcher Stenographenverein.Apollobund" Abends Q Uhr Brunnenftrafic 129».- Arendlffcher Stenographenverein Abends 8X Uhr im Restaurant.Zum eiferneu Kreuz", Lindenftr. 71.— Deutscher Verein ArendS- scher Stenographen Abend» 8% Uhr in Randes» Restaurant Bruunenstr. 129». «erci».Rae" AbendS 8% Uhr im Restaurant Eltze, Alciandrinenstr. 99— UnterhaltuugSverei».Harmonie Abends 8 Uhr Eisenbahnstr. 36b, im Restaurant von Liebe— VcrgnügungSvcrei».Mollig" AbendS 9 Uhr im Restaurant Reimckc. GipSltrafie 3, jeden Dienstag nach dem 1 und 15— Zitherklub .Autphion" AbendS 9 Uhr im.Münchener Hof" Spandauerstr. 11—12.— Rauchklub»Zum Wraugcl" AbendS 8 Uhr bei Herfchleb, Adalbertstr. 4— .Rauchklub.Deutsche Flagge" AbendS 8 Uhr im Restaurant Höndlcr, Wrangcl- strafic 11.— Rauchklüb.FricdrichShain" Abends 9 Uhr im Restaurant Kipping, LandSbcrgerstr. IIS».- lltauchklub.Lustige Brüder" AbendS 8% Uhr bei Grothe, Fürstenbergerstr. 2- BcrgnügungSverein.Fröhlichkeit", Grüner Weg 29. Große Gelellschaftsstunde, verbunden mit Bortrögcn. Göstc will- Imnmcn. Entrce frei.- Tambourvercin.Einigkeit macht stark", gegründet 1886. Dirigent Willy Koch, AbendS 9 Uhr Sitzung im Restaurant Hahn. Etsafferstr. 57, Ausnahme neuer Mitglieder.— Tambourvercin.Sedan' Sitzung AbendS 8% Uhr, Grüner Weg 9-10. Sprerhsacil. die Benutzung des Sprechsaal», soweit 9 irbm i«. dem Publikum zur Besprechung von Angelegenheiten allgemeinen ---'■*— gleichzeitig dagegen, mit dem Die«edaktion stellt die Benutzung dcS Sprechsaal«, soweit Raum dafür abzu- arten ist. dem Publikum zur Besprechung vor Interesses zur Verfügung: sie verwahrt sich aber_ ZuhaU deffeibku ideiltlftzirt zu werden. Auf die Sprechsaal-Notizen vom Sonnabend und Sonntag geht uns folgendes Schreiben zu: Dem ersten Einsender, P. Steinmann-Rixdorf, habe ich wenig zu antworten, da er selbst die Thatsache zugegeben, auch tint Aoschwächung, wie er sie versuchte, aar nicht unglücklicher sei» konnte. Es stellt das eine eigcnthümliche Beleuchtung der ihm innewohnenden Solidarität dar. Wenn oerselbe die Aeußerungen des Herrn Jeschonneck zu verwischen glaubt, wenn er sagt:«Es wurde überhaupt nur Herr Täteroiv als Delegirter des Kongresses zu Erfurt sachlich fritiftrt, da keinerlei Veranlassung zu etwas anderem vorlag," so bemerke ich, daß hier der Beweis der Feigheit auf jener Seite erbracht ist, da ich oft genug Gelegenheit gegeben habe, diese Sache zu diskutiren und nicht meine erklärliche Abwescn- heit zu benutzen, um die Hohlheit seines Geistes auf Andere zu übertragen... t m In der zweiten Notiz hat Herr Jeschonneck den Beweis gelicfert, daß er in seinen Mitteln zurBekämpfung ehrlicher Gegner nicht wählerisch ist, die taktisch anderer Meinung sind. Anstatt sich solidarisch mit dem Vorgehen zu erklären, und, wie andereKörper- schaften gethan, ihre Versammlungen schließen oder illusorisch zu machen, glänzt er wie immer durch Abwesenheit,um nachträglich den hinkenden Boten zu machen und hinterher zu bellen. Der Ab- gäbe des Lokals, um nochmals hierzu Stellung zu nehmen, konnte ich nicht stattgeben. Ich kann unmöglich einem solchen Borgehen Vorschub leisten, da der Spruch der Oeffentlichkeit bereits erfolgt war._ Uebrigens bemerke ich, daß die Uebertragung eines Man- dats durch Unter'chnften in diesem Falle nicht zulässig ist, da der öffentlichen Wahl in Berlin nichts im Wege stand, um einen mit allen„Mitteln" ausgestalteten würdigen Vertreter der Schneider Deutschlands zu ernennen, selbst wenn meine Person dabei in Frage gestanden, hatte- Das tiefsinnigste Argument ist unzweifelhaft der letzte Satz mit dem gesperrt gedruckten Wort lHausarbeiter), welcher be- sagt, daß der Kandidat die„Interessen der Schneider im All- gemeinen" vertreten kann und nicht bloS die der Hausarbeiter. Bei dem kolossalen Kostenaufwande ist keines der Gewerke in der Lage, selb st ständig vorzugehen; unsere Stellung gebietet uns aber, besonderes Gewicht auf die Hausindustrie zu legen; die schlechte Lage, in der sie sich bcsindet, die Frage der Frauen- arbeit zwingen uns, so vorzugehen. Diesem gesunden Grund- acdanken ist das Vorgehen entsprungen, eine kombmirte Ver- sammlung aller der Gewerke einzuberufen, bei welchen die Hausindustrie Regel ist. Zum Schluß lade ich im Auftrage der Kommission Herrn Jeschonneck zu heute Abend S Uhr bei Heydrich, Beuthstr. 20, ein, um die maßgebenden Gründe der Prüfungskommission an- zugeben und das Material, welches sich in seinen Händen be- •findet, mitzubringen. Auch Herr E. Berger, Schneider, welcher sich ohne Angabe seiner Adresse an den Reichstaasabgeordneten Liebknecht gewandt, vermuthlich auch anonym an die Kommission geschrieben hat, wird gebeten, daselbst zu erscheinen. Sollten Berhinderungsgründe eintreten, so bitten wir, das Material bei einem der Kommissionsmitglieder, welche mehrere Male im „Berliner Volksblatt" bekannt gegeben worden sind, noch heute einzuliefern, da ein späteres Vorgehen nicht mehr berücksichtigt Wir hoffen bestimmt, daß diesem nachgekommen wird, da die Kommission nicht nur ein Interesse daran hat, sondern weil ihr die Pflicht auferlegt ist, diese Sache zu untersuchen. Im Auftrage der Kommission: Aug. Täterow, Mauerstraße 9. Verurtpchrfes. «UV* im Laboratorium. Unter dem Titel„Ueber die leuchten Funkenröhren und die Gewitterblitze" bringt Dr. o. Level im Juni-Hefte der„Zeitschrift fiir Meteorologie" einen höchst interessanten Artikel über die expenmentelle Darstellung her Blitze. Mag man nun den Schlußfolgerungen des Ver- iafferS zustimmen oder nicht, jedenfalls ist hier ein höchst an- regender Beitrag zur Lösung der Frage über die Natur der Ge- vitterblitze gegeben.. Wie Jedermann aus der Schule weiß, spnngen vom Knopfe nuer Leydencr Flasche oder dem Conductor einer Elektnsir- naschine Funken nach einem Leiter über. Be, einer sogenannten Znstuenzmaschine erreichen diese Funken eine betrachtliche Lange md Kraft, so daß sie sich durch Nichtleiter, die auf ihrer Bahn liegen, einfach einen Weg erzwingen,— Glasplatten von beträchtlicher Dicke werden ourchfchlagen, Holz zersplittert. Daß der Blitz nichts weiter sei als ein solcher Funke, nur von riefen- hafter Kraft, ist längst bekannt. Ebenso bekannt ist es aber auch, daß die Blitze in Aussehen und Wirkung höchst verschie- denartig sind. Die einen zünden, die andern nicht, man unter- scheidet warme und kalte Schläge, bald bilden die Blitze lange Zickzacklinien, sei es zwischen zwei Wolken, sei es von einer Wolke zur Erde oder umgekehrt, bald scheint eine ganze Wolkenflache zu erglänzen, wie es namentlich beim sogenannten Wetterleuchten auftritt. Auch die Farbe der Blitze ist nicht immer dieselbe. Man bemerkt bleu- dend weiße; blasse und rosa gefärbte bringen Abwechselung in die grausige Schönheit eines Gewitters. Höchst selten treten auch die viel bezweifelten Kugelblitze auf, eine Erscheinung, an deren Reellität man erst zu glauben anfängt, seitdem es Plauts gelungen ist, dieselben experimentell darzustellen. Da ja setzt, seitden, Berlin die großen elektrischen Be- leuchtungsanlangen hat, die Fachausdrücke jedem geläufig sind, so möge hier auch der wunderbare Versuch von Plante aus dem Jahre 1884 beschrieben werden. Plante benutzte eine Sekundär- batterie von 160 Elementen, deren elektromotorische Kraft im ersten Augenblick der Erfindung etwa 4000 Volt betrug. Er brachte dann feuchte elektrisirte Scheiben von Jiltrirpapicr, die durch eine Luftschicht getrennt waren, mit den Batteriepolen in Verbindung und sofort entstand eine kleine Feuerkugel, welche zwischen beiden Flächen hin und her irrt. Aus diesem Versuch schließt Plante, daß der Kugelblitz eine langsame und theilweise Entladung der Elektrizität der Gewitterwolken sei, wenn diese ausnahmsweise stark elektrisch sind, und daß die Wolke selbst, oder die stark elektrisirte feuchte Luftsäule, welche so zu sagen die Elektrode bildet, sich der Erde sehr nahe befindet, dergestalt, daß sie diese fast vollständig erreicht, oder daß nur eine dünne isol'rende Luftschicht sich zwischen beiden befindet.(Meteoro- logische Zeitschrift März-Avril 1885.) Nachdem so die schwierigste und seltenste Gewitterentladung im Studirzimmcr nachgeahmt war, ruhte man natürlich nicht, bis man auch hinter ben Grund der Verschiedenheit der anderen Blitzarten gekommen war. Dem Dr. v. Lepei in Wieck bei bei Gütskow scheint nun dieser Versuch gelungen zu sein. TrockeneLust ist ein sehr schlechtcrLciter dcrE cktrizität, feuchte daaen ein guter. Wenn man die Funken einer Influenz- Maschine durch eine Röhre mit trockener Luft gehen läßt, so bleiben dieselben nur kurz. Gießt man jetzt Wasser in die Röhre, aber nur so wenig, daß die Wandungen benetzt sind, so erhält man ungleich längere Funken. Lepcl überzog die innere Wandung der Röhre mit einer dünnen Paraffinschicht; diese veranlaßt, daß die Flüssigkeit nicht die Wandung über- zieht, sondern sich in ungezählten kleinen Tröpfchen ansetzt. Ist letzteres erreicht mit einer geringen Flüssigkeitsmenge, so schlagen helle weiße Funken durch die Luft; vermehrt man die Flüssig- keit, so werden die Funken mattrosa. Gießt man abennals Wasser hinein, so werden die Funken ganz blaß, büschelartig und gehen nicht mehr durch die Lust über die Flüssigkeit hin- weg, sondern den kürzesten Weg an dieselbe heran und au ihr entlang. Lepel vergleicht die Tröpfchen in der Röhre mit den Nebeltheilchen in der Wolke, die Paraffinschicht optisch mit der durchscheinenden Wolke. In der feuchten Röhre wie in der Wolke zeigen sich außerordentlich lange ausgedehnte Ent- ladungen. Treten dieselben an die dem Beobachter zugekehrte Seite der Röhre oder Wolke, so sieht man den scharf begrenzten Funkenweg, treten sie an die Rückseite, dann beobachtet man Flächenblitze. Ebenso wie in der Rähre dort die Entladung er- folgt, wo die günstigsten Bedingungen, z.B. die meisten Wasser- tröpfchen vorhanden find, so wird auch m der Wolke aus unbekannten Gründen, bald vor bald hinter derselben, sich die günstigste Blitzbahn befinden. Aehnlich verhält es sich mit den Blitzfarben. Die Vermehrung der Flüssigkeit veränderte die Farben der Funken. Auch die Wolken werden während eines Gewitters nicht immer gleich dicht sein. Weniger dichte Wolken sind den eben benetzten Röhren zu vergleichen und geben also helle, weiße Blitze, die seltener auftreten, weil der zu überwindende Wider- stand größer ist. Dichtere Wolken entladen sich häufiger und mit rosafarbigen Funken. Diese ganze Erklärung beruht nur auf der Aendenmg des Widerstandes, den die elektrische Entladung findet. Trockene Luft— also großer Widerstand— helle, weiße, starke Funken; nasse Luft— also geringer Widerstand— schwächere Entladungen, rosa Farbe. Nun kann aber die Dichtigkeit der Wolken dieselbe bleiben, also auch der Widerstand unverändert sein, dann sind die verschiedenen Blitze aus Acnderungen der Spannung der Elektrizitätsmcnge zu erklären. Bei dem Versuche mit dem Funkenröhre vermehrt man die Spannung, wenn man den ganzen Apparat von den Kon- duktoren der Influenzmaschine entfernt: nähert man ihn, so vermindert man dieselbe. In ersterem Falle treibt ein geringe Elektnzitäts-Ansammlung einen Funken durch die Röhre, aber von Tröpfchen zu Tröpfchen, die Intensität ist gering, die Farbe rosa, der Schall schwach. Im andern Falle finden große Ansammlungen statt, der Funke springt weiß mit scharfem Knall durch die Luft über. Die Anwendung auf die Wolken ist ohne Weiteres klar. Auf diese Weise wird auch die Verschiedenheit des Donners bei weißen und rosa Blitzen erklärt und dex Umstand, daß (wie Verfasser beobachtet haben will), wenn zwei Blitze einander unmittelbar folgen, der zweite stets rosa war. In der Wolke nämlich bleibt, wie in den Kondensatoren der Elektrisir- Maschine, nach der ersten Entladung noch ein Rückstand übrig. Durch die lokale starke Temperaturerhöhung der Luft ist diese aber ein besserer Leiter geworden und es kann sich nun noch einmal auch Elektrizität geringerer Spannung ausgleichen. Endlich müssen den Regcnstreifen,_ wie auch die Äc- obachtungen zeigen, die rosa Blitze häufiger folgen, als die weißen. Der Versuch kann noch in anderer Weise variirt werden, um auch eine letzte Gruppe von Erscheinungen zu erklären. Wenn man die äußeren Belegungen der Kondensatoren metallisch leitend mit einander verbindet, so erhält man eine nicht verzögerte Entladung; eine verzögerte tritt ein, wenn die Verbindung durch eine feuchte Schnur hergestellt wird, die Spannung spielt naturgemäß hierbei eine große Rolle. Der Einschaltung einer feuchten Schnur entspricht wohl das etwaige Vorhandensein eines schlechten Leiters auf der Erde. Dieser verzögert die Ausgleichung und der Blitz tritt je nach der Spannung mit rosa oder hellblasser Farbe auf. Ist ein guter Leiter da, so ist die Ausgleichung intensiver, der Rückstand geringer, die Farbe je nach der Spannung hellweiß oder rosa. Noch eine zweite Folgerung läßt sich ziehen. Die ver- zögerten Funken sind minder heftig, aber sie zünden leicht, während die intensiven dies nicht thun. Es ist ist nun auf dem Lande namentlich eine bekannte Thatsache, daß gerade die starken Blitze, also die hcllweißen, nicht zünden; sie geben, wen» sie treffen, die sogenannten kalten Schläge ab. Da die Blitzableiter gute Leiter sind, so verzögern sie die Entladung nicht, sie wer- den daher nur von kalten, weißen Blitzen getroffen. Die hellen, blassen Blitze dagegen pflegen zu entflammen, sie sind die eigentlichen Brandblitze. Natürlich zünden nicht alle hellen blassen Blitze, denn einerseits treffen sie nicht immer leicht ent- zündliche Gegenstände, und dann schwankt wahrscheinlich zwi- scheu der elektrischen Soannungsdifferenz zwischen Wolken und Erde auch die verzögernde Kraft der schlechten Leiter. Ein nasses, durchweichtes Strohdach leitet anders, als ein oberflächlich naß gewordener Hcufeimel. Als Gesammtresultat seiner Arbeit giebt Dr. v. Lepel die folgenden Schlüsse an: 1) Es giebt verschiedene Arten von Ent- ladungen, welche sich der Farbe und dem Schalle nach wesent- lich unterscheiden. 2) Die sogenannten Flächenblitze sind durch Wolken verschleierte Funkenblitze. 3) Die stärksten Blitze sind die hellen(weiß oder blaß). 4) Die hellen blassen sind wahr- scheinlich verzögerte, leichter zündende. 5) Rosa Blitze sind schwache Entladungen. Diese Folgerungen, mag man ihnen nun unbedingt zustimmen oder Zweifel hegen, scheinen doch so wichtig, daß man nur wünschen kann, daß recht viele Beobach- tungen von Blitzfarbe und Blitzstärke angestellt werden, damit wiederum auch mit der Erkenntniß dieser Naturerscheinung der menschliche Geist neue Errungenschäften aufweise. Die folgende„Klütstenlefe deutscher Spracheinigkeit" finden wir in einer neubearbeiteten Ausgabe der Toussaint- Langenscheidt'schen Sprach- Unterrichtsbriefe:„Es geht ein Sachse zum Durnerfest nach der kuten Stadt Kerne(Pirna), macht dort die Bekanntschaft eines Schwaben, der ihm den bcschten Wein, den er hat, vorsetzt; ein anwesender Westfale will ein bischen(bißchen) mitthun und bietet in seiner kräftigen Sprache einen chroßen chuten hchinkcn an, zu dem seitens eineS Ostpreußen Arbsen mit Spack und von einem Ostfriesen noch eine Flaß-che Sekt beigesteuert werden.— Ein sich unaenirt einladenoer Berliner langt tüchtig zu und findet alles sehr jut und schehn, obwohl keine Tcllertihcher vorhanden sind.— Endlich, nach beendetem Mahle, schlägt der Sachse vor, unter dem schehnen Dahm vor dem Hause Klatz zu nehmen; der Berliner verbessert diefe Aussprache in Böhm, zugleich um ein wenig Feier bittend.— Ein sich anschließender Oesterreicher fistndt die Kffellschoft ßehr ang— knehm, hält aber das Rauchen uhii mih— tel— daar nock'm Di««e(franz. llin-r, Mittag- essen) für ukn- kffnhnd— was bei einem hinzutretenden Raucher aus Frankfurt am Main koinen Glauben findet." Stoßseufzer eineck Redakteurs. In der„Franks. Ztg." lesen wirf Der Leser verlangt und erwartet von dem ano- nymen Schriftsteller, der seinen Leitartikel, seinen Bericht über ein wichtiges Taaesereigniß, einen Nekrolog:c. in zwei Swn- den schreiben muß, dieselbe Klarheil des Stils, dieselbe An- muth oder Schneidigkeit der Schreibweise wie von dem be- rühmten der an seinen sechs Spalten Feuilleton Woche» lang hat herumfeilen können. Das Publikum ist in diesem Punkte sogar— und das ist sicher nicht zu beklagen— recht aufmerksam und streng; es darf Einem nur einmal ein falsches Bild, eine schiefe oder übertriebene Wendung, ja nur ein»apsu» calaeni(Schreibfehler) passiren, oder es darf den Redakteur der unvermeidliche Druckfehler- Teufel verfolgen, so kann er sicher sein, daß sein unglücklicher Ausdruck sofort in einer natürlich anonymen Zuschnft gerügt aber mitsammt der Zei- tung in dem Briefkasten sog. Witzblätter an den Pranger ge- stellt wird. Neuerdings machen auch noch die Sprachreiniger Jagd auf die Journalisten. Wenn sie eine Ahnung davon hätten, wie es auch beim besten Willen nicht möglich ist, die zahllosen im internationalen Verkehr schwirrenden Fremdworte sofort zu verdeutschen, ohne ungenau, durch Umschreibungen schwülstig, zuweilen auch geradezu lächerlich zu werden, so würden sie milder urtheilen und sich damit begnügen, daß es auf diesem Gebiete zwar langsam, aber immerhin vorwärts geht. Der rechte Journalist ist nach Kräften bemüht, diesen und allen anderen Ansprüchen gerecht zu werden, denn er weiß ganz gut, daß er um so mehr Wirkung erzielt, je korrekter und edler seine Sprache, je feiner und anständiger sein Ton ist. Verwunden! wird sich allerdings niemand darüber, daß die Tagesschriftstellcrei ein Beruf ist, den keiner lange aushält, der nicht ein Phänomen ist an leiblicher und geistiger Gesundheit. Reckt erbauliche Anstände müssen m der südamenka- nischen Republik B o l i v i a herrschen, wenn man einem, der „Äeser-Ztg." zur Verfügung gestellten Briefe aus Cochabamba glauben darf. Es heißt darin u. a.:„Als bei den letzten Wahlen Aniceto Arce in gesetzmäßiger Weise zum Präsidenten gewählt war, machten seine Gegner eine kleine Revolution. Arce mußte aus der Hauptstadt Sucre, wo er in der Kathedrale in feierlichem Gottesdienst für sein Amt geweiht wurde, direkt aus der Kirche flüchten, um sein Leben zu retten. Als Priester verkleidet, kam er bis in dir Nähe von Cochabamba. Einige Anhänger, die er unterwegs antraf, verschafften ihm einen an- ständigen Anzug und ein Pferd, und so hielt er mit kleinem Gefolge seinen Einzug in unsere Stadt. Hier angelangt, borgte er sich, Gott weiß unter ivelchen Bedingungen, einige dreißig- tausend Thaler von der Banco Nacional de Äolivia, womit er sich ein Regiment erwarb. Ein anderes, welches ihm treu ge- blieben war, ließ er sofort hierhier kommen. Ebenso waren ihm zwei Regimenter, welche in Paz lagen, zugeneigt und marschirten_ sofort nach Oruro, wo das Haupt- quartier der Arcisten war. Hier in Oruro und später in Potosi brachte er noch einige tausend Mann mehr auf die Beine und marschirte dann bis in die Nähe von Sucre. Darauf kam es dann bei Cari-Cari zur„Schlacht", die mit der völligen Niederlage der Aufständischen endete. Todle und Ver- wunoete gab es nicht, wie das bei unseren„Schlachten" ge- wöhnlich der Fall ist. Es sollen 40000 Schüsse abgefeuert sein auf 2000 Meter Entfernung, eine Strecke, auf welche die hier im Gebrauch befindlichen Donnerbüchsen überhaupt nichr mehr zu brauchen sind. Die Aufständischen haben erst ihre Munition verschossen und dann Reißaus genommen. Darauf ist Arce als Sieger in die Haauptstadt unter großem Jubel einmarschirt und befindet sich jetzt in La Paz. Später hatten wir hier einen Straßenkamps, bei dem ungefähr 18 Menschen erschossen wurden. Hiesige Schlächter, die betrunken gemacht waren, wollten, von einem Obersten geführt, morgens um 4 Uhr den Palast erstürmen und eine kleine Plünderung darin vor- nehmen. Die Soldaten Arce's hinderten sie aber daran, indem sie aus dem Palast schössen und ungefähr 18 Schlächter tödteten« worauf die übrigen schleunigst die Flucht ergriffen. Ilm 8 Uhr waren die Straßen wieder frei. Die Wahlen vor vier Tagen für den Senat von Cchabamba sind glücklich ohne Schießerei(2> vorbeigegangen." Meueste Der„Reichsanzeiger"" enthält folgendes Verbot: Aul Grund der§S 11 und 12 des Reichsgesetzes gegen die gemein- gefählrlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie vom 21. Okt. 1878 ist die Druckschrift:„Die Verpreußung Deutschlands durch die Hohenzollern. III. Von H. Massenbach, Hauptmann a. D- Amsterdam, 1889. Druck und Verlag von Jan Waterstaat", am heutigen Tage verboten worden. Schleswig, den 4. Juli 1889. Der Regierungspräsident. Zimmermann. Dcpcsltion. (Molffff» Telegraphen-Knrea«.) lari», Montag, 8. Juli. P»'. der Seine wurde heute Vor dem Assisen- Gerichtshofe die Journale„Jntransigeant" und„La Presse" wegen verleumderischer Beleidigung des General- prokurators Beaurepaire verhandelt; der verantwortliche Herausgeber des„Jntransigeant" wurde zu einem Monat Gefänglich, 1000 Fr. Geldbuße und zu einer Entschädigung von 2000 Fr. verurtheilt, dem Drucker der„Presse" wurden 300 Fr. Geldbuße 1000 Fr. Entschädigung auferlegt. Oberst Vincent, gegenwärtig in Algier, hat telegraphisch angezeigt, er werde Freilag hier eintreffen. VriefLtnflen. Bei Anfragen dittcn wir die AbonncinentS.Ouittung beizufügen,«rieslitbe Antwort wird nicht ertbeiit K. M. Gewiß ist er zur Wahl berechtigt, wenn er nicht Armenunterstützung erhalten hat und sich im Besitz der bürg«- lichen Ehrenrechte befindet. Verantwortlicher Redakteur: R. Grönheim in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kading in Berlin SW,, Beuthstraße 2.