Ur. 79. Donnerstage de» 3. April 1899. 7. Jahrg. SerliiierMKsIW. Organ für die Interessen der Arbeiter. BmimaWiiiWmig. Zum Quartaiswechsel eröffnen wir ein neues Abonnement auf das„Berliner Volksblatt" mit dem„Sonntagsblatt" als Gratisbeilage. Unser Blatt kostet �0* MS HttNS 1 M 10 Wmi« pro Monat und I8 Pfennig pro Woche. Durch die Post bezogen von jetzt ab nur 3 Mark 30 Df. pro Quartal(eingetragen in der Postzeitungsliste für 1890 unter Nr. 892 V. Nachtrag). . Im Feuilleton unseres Blattes beginnen wir heute mit dem Abdruck eines der bedeutendsten Romane von Emile Zola. „Zum Gluck der fitttmi" (An bonhaur des dames) ist die meisterhaste pyetische Darstellung des tragischen Kampfes, oeu das zum-rode verurtyeilte Kleinkramerthum gegen die über- niächtlge Konkurrenz des großen Waarenmagazins führt. Und mcht nnr die plastische Schilderung dieses unerbittlichen, grau- samen Krieges bietet der Roman des großen Franzosen: Zola weist m ihm darauf hin, wie in dem Nies''~. tisch_______■....._ DM..................... sozialistischen Zukunftsform des Gütervertriebes ruhen. Wir glauben kaum unseren Abonnenten eine bessere Unterhaltungslektüre bieten zu können. Redaktion und Erpcdition des „Kerliner Uolksdlatt". :'s.'s..' Buvcmtr. fü« MrboiksstAkistik. Es sind nun schon über fünf Jahre verflossen, seit- dein ivir in diesen Blätterii auf die Nothwendigkeit der Errichtung von arbeitsstatistischen Bureaus hingewiesen haben. Die vortrefflichen Institute, welche in der nord- amerikanischen Union zu diesem Zwecke ins Leben gerufen Nachdruck verboten.) L'emlleto». ti „Zum Gluck der Dahnen." Roman von Emile Zola. Autorisirte Ucbersetzung von Armin Schwarz. Er st es Kapitel. Dmise kam mit ihren beiden Brüdern vom Bahnhof Saint-Lazare zu Fuße nach der Stadt. Sie waren eben erst von Chcrbourg angekommen und hatten die ganze Nacht auf der harten Bank eines Waggons dritter Klaffe zugebracht. Sie führte den kleinen Pep6 an der Hand, während Jean ihr folgte; alle Drei waren gc- krochen von der Reise, verblüfft und sich verlierend in diesem ungeheueren Paris; ihre erftailnten Blicke irrten über die hohen Häuser hinweg; bei jeder Straßenkreuzung erkundigten sie sich nach der Rne de la Michodiöre, wo ihr Onkel wohnte. Als sie endlich aus dem Gaillon-Platze ankam, blieb das Mädchen überrascht stehen. — Oh, schau einmal, Jean! rief sie aus. Und nun standen sie wie eingewurzelt da, sich fest aneinander sd)miegend, in ihren abgetragenen schwarzen Ge- wänderlt, mit welchen sie den Tod ihres Vaters betrauerten. Denise, ein für ihre zwanzig Jahre recht schwächliches Mädchen mit bekümmertem Antlitz, trug in der Hand ein bescheidenes Päckchen, während aus der anderen Seite ihr Brüderchen, der fünfjährige Pope, sich an ihren Arm hing; an chre Schulter gelehnt, standJean, ein sechzehnjähriger Bursche, in worden sind, gaben uns damals Anlaß zu eingehenderer Behandlung dieser Frage. Es wurde darauf hingewiesen, daß die vielgeschmähten Dankees, von welchen John Stuart Mill gesagt hat, ihre einzige Aufgabe sei„die Jagd nach dem Dollar und das Hecken von Dollarjägern", den Kämpen der christlich-deutschen Sozialreform in- sozial- politischen Dingen weit hinter sich gelassen haben. Was damals von den Vorkämpfern der„Sozial- reform von Oben" als ein beileibe nicht nachzuahmender Sport des Bruder Jonathan jenseits des großen Wassers angesehen wnrde, ist heute bereits zu einer Forderung — freikonservativer Nationalökonomen geworden. Im „Deutschen W o ch e n b l a t t", das für die freikon- servativen Kreise dieselbe Nolle spielt) wie die„Nation" für die deutschfreisinnigen, hat soeben der Freiburger Uni- versitätsprofessor von Philippovich einen Artikel über„Institute für Arbeitsstatistik" veröffentlicht, der schon als Symptom der jetzigen Zeitläufte eine gewisse Beach- tung verdient. Der Umschwung, der sich an maßgebender Stelle in der Beurtheilung der wirthschaftlichen Dinge vollzogen hat, macht sich deutlich fühlbar in der regeren und freieren Erörterung, welche diesen Dingen jetzt nicht Betteljacke der Armenpflege ist, man macht die ersten Vev suche, die ernsthafte Sozialresorm, d. h. den Schutz der gesunden Arbeiter, die Fabrik-Gesetzgebung und ihr wichtiges Hilfsmittel, die soziale S t a t i st i k, als ein erstrebenswerthes Ziel zu betrachten. So kann es nicht verwunderlich erscheinen, daß die Organisation sozialstatistischer Erhebungen von Amtswegen durch die offiziellen Vertreter der Volkswirthschaft als ein dringenderes Bedürfnis bezeichnet wird, dessen Befriedigung zu den staatlichen Kulturaufgaben gehöre. Es ist noch kein Jahr her, daß einer der talentirtesten Schüler Gustav Schmoller's, der kürzlich als Professor nach Breslau berufene Werner So mbart im„Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik" geschrieben hat:„Die Sozial- statistik ist die spätgeborene Stiefschwester unter ihren Ge- nossinnen. Weite und maßgebende Kreise hegen für sie heute noch keine rechte Neigung. Wie erklärt sich diese auffällige Thatsache? Sozialstatistik in einem engeren Ver- stände bedeutet Statistik des sozialen Nothstandes der unteren Klassen, bedeutet Zergliederung sozialer Probleme mittelst Zählung. Scheut man sich, das Dunkel, welches Kraft und Gesundheit strotzend und verwundert die Arme erhebend. — Ach, ist das eine Handlung! fügte sie nach einer Weile der Bewunderung hinzu. Es war ein Modewaaren-Magazin an der Ecke der Rne de la Michodiüre und der Rne Neuve-Saint-Angustin, dessen Auslagen in dem matten Lichte des Oktobermorgens sich in hellen Tönen abhoben. Im Kirchthurm zu Saint-Rochus schlug es eben die achte Morgenstunde; auf den Trottoirs sah man nur Leute, die ihrer Arbeit nachzugehen hatten: Beamte, die in ihre Bnreaux eilten, Dienerinnen, die in den Geschäftsläden die Reinbaltnug zu besorgen hatten. Vor der Thür standen zwei Kommis aus einer Doppelleiter, damit beschäftigt, verschiedene Wollwaareu auszuhängen; in einem Schaufenster, auf der Seite der Rue Nenve-Saint-Antoine, kinetc ein anderer Kommis, mit den« Rücken nach außen und legte ein Stück blauen Seidenstoffes sorgfältig in Falten. Im Innern des Magazins, wo es noch reine Kunden gab und auch die Bediensteten erst nach und nach eintrafen, summte es wie in einein erwachenden Bienenkorbe. — Ei, zrnir Kukuk! rief Jean; da muß Valognes sich verstecken... Die Handlung, in welcher Du dientest, war lange nicht so schön. Denise nickte zustimmend. Sie hatte bei Cornaille, dem ersten Modewaarcnbändler von Valognes, zwei Jahre ge- dient; und als sie jetzt plötzlich vor diesem Hause, vor dieser unermeßlichen Handlung stand, fühlte sie ihr Herz beklonnuen und in ihrem� Staunen vergaß sie alles klebrige. In der Schmalfront, welche auf den Gaillonplatz ging, befand sich die ganz mit Spiegelscheiben versehene Thür, welche bis zun: Entresol hinanstieg, eingerahmt von einer kunstvoll kompö- weite Theile unseres wirthschaftlichen und sozialen Lebens dem forschenden Auge verbirgt, zu bannen? etwa aus agitatorischen Gründen, nach dem bekannten Sprichworte von der Annehmlichkeit des Dunkeln für allerlei Vor- nahmen? oder aus staatserhaltendem Interesse, weil ncan mit der Mehrheit des römischen Senats aus Seneka's Zeiten bangend einsieht,„welche Gefahr droht, wenn unsere Sklaven uns zu zählen ansangen"? Oder wird vielleicht der Mangel des Interesses an einer umfassenden Sozial- statistik erklärt durch eine noch mancherorts verbreitete, irrthümliche Auffassung von den Grundprinzipien des Wirth- schaftslebens? Letzteres dürfte in vielen Fällen nicht un- wahrscheinlich sein. Die Kapazitäten auf dem Gebiete der Statistik stellen als deren höchstes Ziel hin: Messung des nationalen bezw. internationalen Wohlstandes. Das mag zutreffen. Aber woran glaubt man meist noch den Wohlstand der Völker messen zu sollen? Ueberwiegend an dem Gange der Produktion; daher unsere Wirth- schaftsstatistik zum größten Theile Produktionsstatistik ist. Ist es aber richtig, daß, um die Frage zuzuspitzen, die Zahl der in der Textilindustrie vollendeten Spindeln, die Menge der geförderten Steinkohlen an sich irgend welchen Schluß auf den nationalen Wohl- stand gestatten? Gewiß, wenn die Produktion automatisch, ohne menschliche Vermittelung erfolgte, ganz sicher nicht innerhalb der heutigen Wirthschaftsord- nung. Diese entscheidet über die Vertheilung des Ge- wonnenen, erst an der Schwelle der Vertheilung beginnt das Urtheil über den Wohlstand. Darum aber forsche man mehr nach der Vertheilung des Nationalprodukts, mit anderen Worten, man treibe Sozialstatistik... Frei- [ich, das ist bekannt: alles, was die Produktion in unserem Jahrhundert betrifft, auch ihre Statistik, ist rosenfarbig; alles, was die Vertheilung angeht, grau und trübe; wes- halb es denn weniger erfreulich ist Sozialstatistik zn treiben..... Das Losungswort für die Zukunft muß sein: Ihr amtlichen Organe, zählt nicht nur Zoll- gefalle und Waarenbewegung, zählt nicht nur auf den sonnigen Höhen der stetig fortschreitenden Produktion, sondern zählt mehr und emsiger als bisher in der Tiefe der unteren Volksklassen, von deren Leid und Leben wir noch so gar wenig sichere Weisheit haben." So äußerte sich im Jahre 1888 Sombart, damals, wie seine Ausführungen selbst am besten zeigen, noch ein Prediger in der Wüste. Heute ist die Lage eine günstigere geworden, und so nirten, reich vergoldeten Ornamentik. Zwei allegorische Figuren, lachende Frauengestalten mit entblößtem, zurück- gebogenem Halse, entrollten die Firma, auf welcher zu lesen stand:„Zun» Glück der D a in e n". Dann folgte die endlose Reihe der Auslagen längs der Rue de la Michodiäre und längs der Rue Neuve- Saint- Augustin, wo sie außer dem Eckhause noch rechts und links je zivci Hänser okkupirten, welche zu diesen: Zwecke angekauft und vor Kurzem erst hergerichtet worden waren. Das Etablissement schien in der Flucht der Perspektive schier endlos mit secnen Auslagen im Erdgeschoß und seinen Spiegelscheiben im Halbstock, hinter welchen man das gc- schäftige Treiben au den Pulten sah. Ein Fräulein, in Seide gekleidet, schnitzte sich eben einen Bleistift, zwei andere waren damit beschäftigt, Sammtmäntel auszubreiten. —„Zum Glück der Damen"— las Jean mit dem muntern Lachen des hübschen Jungen, der da unten in Valognes schon seine Weibergesäjichte gehabt. Ei, wie das die Leute anziehen muß! Doch Denife stand vor der Allslage der Hauptthüre in Betrachtungen versunken. Hier fand sich, dem frischen im Vorbeigehen anziehen. Alles dies kam von oben; ganze Stücke von Woll- und Tuchstoffen, Merinos, Chcviotte, Molleton fielen aus dem Eittresol herab, flatternd wie Fahnen; von den unbestimmten Farben wie sdjiefergrau, meer- blau, olivengrün hoben sich hellschinunernd die weißen Papier- nmschläge mit den Etiketten ab. Daneben, gleichsam als Nahmen für Thür uild Schwelle, hingen lange Streifen von w;nlg wir uns von Anfang an irgend welchen Jllu- s'.oven über die„neueste Aera" hingegeben haben, so dürfte doch zu erwarten, sein, daß eine Anzahl von sozialpoliti- scheu Fragen nicht mehr von der ofstziellen Tagesordnung verschwinden werden, einfach deshalb, weil die Erkenntniß, daß der Arbeiterklasse Zugeständnisse gemacht werden müssen, nun sie einmal durchgedrungen, sich nicht fort- wischen läßt wie Kreidestriche von der Schultafel. Philippovich behandelt aus leichtverständlichen Grün- den sein Thema mit einiger Reservirtheit. Aber er gesteht offen ein, daß wir der Institute für Arbeitsstatistik„auf die Dauer nicht entbehren wollen, ja ihrer nicht entbehren tonnen, wenn wir durch internationale Regelungen uns in der gesetzlichen Ordnung des Arbeitsverhältnisses binden sollen." Wenn er freilich sagt!„In der Politik schreitet die intuitiv erfassende That der sicheren, aber laimsamen Erkenntniß voraus", so wollen wir zu seinen Gunsten annehmen, daß er die Ungeheuerlichkeiten der deutschen Versicherungsgesetz- Organisation nicht auch für eine„in- Lnitiv crsasfeilde That" erhält. Die ewigen Reparaturen des Uufall-Versichenmgsgesetzes zeigen, was es mit solchen „Thaten" auf sich hat, die. sich ans die umfassendste Un- kemitniß der zu regelnden Fragen stützen zu können glaubte. Die Arbeiter hörte man nicht, wollte man nicht hören, und so'traten die mißgestalteten Erzeugnisse ins Da- sein, an denen auch die Herren Väter keine rechte Freude haben dürfte. Der Freiburger Staatswissenschafter erkennt an, daß die arbeitsstatistischen Bureaus um so nöthiger werden, je mehr die soziale Bewegung das Gebiet des poli- tischen Lebens für sich erobert.„Sie werden nm so sicherer folgen, als das Bedürsniß heran- wachsen wird, die Sozialpolitik zu einem festen System von Wiaßregeln zur Ordnung des Arbeitsverhältnisses zu erheben, dessen Wirkungen im Innern und in Bezug auf die internationalen Wirthschastsbeziehnngen man vor dem Volke verantworten muß." In den Vereinigten Staaten von Nordamerika be- stehen, wie unsere Leser wissen, seit 188!) solche„Burcanx Of Statistics of Labor", arbeitsstatistische Bureaus. Das erste war dasjenige des Staates Massachusetts, das unter D. KarrolWrigh t's allsgezeichneter Leitung zu einer Musteranstalt emporwuchs. Es folgten einige andere Einzel ftaaten nach, das Bureau von Ohio, das seine Berichte auch in deutscher Sprache aus Rücksicht auf das dort stark vertretene deutsche Element herausgiebr, ist eines der besteil dieser jüngeren Institute. Seit 1884 besitzt die Union in dem Departement für innere Angelegenheiten ein nationales, die ganze Union umfassendes Arbeitsbureau, das 1888 zu einem selbstständigen Ardeitsdcpartement er- hoben wurde. Heber die seit 1886 bestehende arbeitsstatistische Abtheilung des englischen Handelsamts mit ihrem„Labor Correspondent" ihrem Arbeitskorresponden- tcn, und über das 1887 ins Leben gerufene schweizerische Arbeitersekretariat unter der Direktion unseres Genossen Greulich ist im„Berliner Volksblatt" gleichfalls zur Genüge Aufklärung gegeben worden. Phstivpovich sagt:„Deutschland hat keine besonderen arbeit�statistischeu Armier und auch in seinen zahlreichen statistischen Bureaus sind noch keine Abtheilnugen für Är- beitsstatistik gebildet. Wenn wir trotzhem, wie ich glaube, in der Erkenntniß der Lage unserer arbeitenden Klassen nicht hinter den genannten Staaten zurückstehen, so haben wir dies den Arbeiten der beschreibenden Natlonalökonomie zu danken, welche in ihrer Methode sogar nachweislich Einfluß auf die auslälldischen Institute für Arbeitsstatistik geübt' hat. Es waren aber bisher nur Privatarbeiten, durch welche uns die Erkenntnis der Lage der Arbeiter in einzelnen Erwerbszweigen und innerhalb begrenzter Ge- biete zugänglich gemacht wurde. In der jüngsten Arbeit des badischen Fqbrikiuspektors:„Die soziale Lage der Ziaamimrbeiter im Großherzpgthum Baden", welche als Beilage zum Jahresbericht erschienen ist, tritt m» zum ersten Mal eine amtliche Arbeit entgegen, die zu den besten arbeitsftatistischen Veröffentlichungen gehört. Die Erhebungen und die Darstellungen erstrecken sich auf die Gliederung der Arbeiter, auf Arbeitsstätten und Arbeits- zeit, auf die Löhne, die Haushaltungsbudgets der Arbeiter, die sozialen, sittlichen und Gesundheitszustände der Arbeiter und ermöglichen die richtige Beurtheilung der ermittelten Thatsachen durch die Schilderung der allgemeinen Lage der Erhebungsgemeinden und der wirthschaftlichen Verhältnisse der einzelnen Familien. In dieser vortrefflichen Leistung des Herrn Wöris hoffer liegt eine Verbindung von Zählung und Einzelbeobachtung, wie sie mit gleichem Er- folge eben nur von amtlicher Seite durchgeführt werden kann. Die an und fiir sich sehr wichtige Frage, ob die Arbeit der Fabrikinspektoren auf dein von Baden eingeschlagenen Wege fortgeführt werden solle, kann hier unerörtert blei- ben. Die Hauptsache ist die, daß der Beweis geliefert ist, daß auch bei uns von amiswegen eine sehr schwierige� und umfassende arbeitsstatistische Untersuchung durchgeführt tverden kann. Dringt erst die Neberzeugung durch, daß der in Baden eingeschlagene Weg zur werthvollsten Be- reicherung unserer Erkenntniß der Lage der arbeitenden Klaffen führe, so wird sich die untergeordnete Frage, wer ihn beschreiten solle und ivelche weiteren Mittel dafür zur Verfügung gestellr werdet! sollen, sehr leicht beantworten lassen. Deutschland besitz! in seinen tresslichen statistischen Bureaus Organisationen, die bei einigem guten Willen ohne Schwierigkeit der Arbeitsstatisiik dienstbar gemacht werden können." Solche Institute sind nur dann dem Gemeinwesen nützlich, wenn sie frei von den Gewohnheiten bureau- kratischer Verzopslheit in's volle Menschenleben hinein- greifen, im innigsten Zusammenhang und in steter Be- rührung mit der sozialpolitischen Bewegung bleiben, mit denen, die es angeht, mit der Arbeiterklasse, Fühlung haben und nicht blos technisch geschulte Statistiker, sondern aufgeklärte Sozialpolitiker besitzen, deren Einsicht in die Sozialzustände nicht durch das Klassen- interesie völlig getrübt ist. Wir könnten uns glück- ich schätzen, wenn wir ein Bureaus erhalten wie das von Massachusetts und einen D. Carrol Wright an seiner Spitze. UndWright ist, dies sei zur Beruhigung rheuma- tischer Seelen gesagt, kein Sozialdemokrat. Zum Schluß enipfiehlt Philoppovich mit Reckt eine imernationale Uebereinkunfr über die Erhebung und Ver- össentlichung sozialistischer Thatsachen nach einem gleich- artigen Programm. Auch wir können dieser Forderung nur beipflichten; aber das Wichtigste bleibt die Errichtung deutscherarbeitsstatistlscherBureaus. Je eher, desto besser! Pelzwerk, schmale Bänder, zum ftleiderbesatz bestimmt, die seine Asche des Rückenfells der Eichhörnchen, der reine Schnee vom Bauch der Schwäne, das seidenweiche Haar von falschem Hermelin und falschem Marder. Im Erdgeschoß der Hand- lüng waren in den Fäckern und aus den Tischen, mitten unter Stößen von Stoffresten, ganze Massen von Wirk- ivaaren ausgestapelt, die für eine Kleinigkeit zu kaufen waren: gewirkte Handschuhe und Tücher, Kapuchons, Westen, eine förmliche Ausstellung von Wintersachen in bunten, scheckigen, gestreiften.färben, darunter hie und da ein grellrotbeS Muster. Demse sah ein schottisches Tuch zu süufuildvierzig Eeutuue», einen HalSwärmcr von ameri- ramschem Marder zu einem Frank und Fäustlinge zu fünf Zons. Es ivar ein riesiger Markt; das Magazin schien vor Uebersülle bersten und seinen Ueberflnß auf die Straße ausschütten zu ivollc». Der Onkel Baudn war vergessen. Selbst der kleine Psps, der keinen Augenblick die Hand seiner Schivesier losließ, riß erstaun! die Augen auf. Ein daher rollender Wagen zwang sie alle drei, die Mitte des Playcs, ivo sie bisher gestanden hatten, zu verlassen; mechanisch wandten sie sich der Rue Neuve-Saint-Auguftin zu und folglen den Schaufenstern, vor jeder Auslage stehen bleibend. Vor allein entzückte sie ei» komplizirtes Arraugement: zu oberst war von quer gelegten Regenschirmen gleichsam ein Dach gebildet; darunter hingen an Messt, ujringeu Seiden strümpfe und zeigten die gerundeten Umrisse von Waden, die einen waren mit Roseusträußchen wie besäet, die andern zeigten alle Farben, die schwarzen& jour gearbeitet, die rothen mit gestickten Näthen, die fleischfarbenen in dem sanften Ton der Haut einer Blonden schimmernd; endlich lagen auf dem Tuche, welches die Gestelle des Schaufensters beveckte, Handschuhe symmetrisch geordnet, mit ihren langen Fingern, ihrem schmalen Handrücken, gleich dem einer griechischen Jungfrau, jenen geiyisim kindlichen Reiz des noch uu gebrauchten Frauenputzes zeigend. Das letzte Schau ie, ister aber übertraf alles, was sie bisher gesehen hatten. Eine Ausstellung von Seiden-, Satin- und Sammtstoffen entwickelte daselbst in geschickt arran- VlU'vet'poudcnjen. Zürich. 31. März. Soeben ist der dritte Jahresbericht des chiveizerischen A r b e i t e r f e k r e t a r i a t s und des eilenden Ausschusses des Arbeiterbundes zur Ausgabe gelangt. Die Berichterftättuug beider Organe ist eme ziemlich kurz ge- drängte und umfaßt blos 16 Seiten. Dem Berichts ist als Anhang r>on 00 Seiten die lttbersetzung einer Reihe Sitzungs- prorokolle deL Pariser Gemeinderathes beigegeben, die die Be- Handlung praktischer Arbeiterfragen betreffen und aus deren inlerestanten Partien wir demnächst an anderer Stelle einige Auszuge reproduziren wollen. Dem Berichte des Ausschusses entnehmen wir zunächst die Miitheilung, daß auf eingereichtes Gesuch vom Bundesrath be- willigt wlirve, daß der Arbeitersekretär für eine neue Amtsdauer voll der Delegirtenversaunnlung gewählt werde. 1867 wählte das Buudeskomitee den Arbeitersetrctär. Ueber die nunmehr seit 'einer Gründung ausgeübte dreijährige Thätigkeit des Arbeiter- ekretariaiS sagt der Ausschuß:„Bon den speziellen Programm- arbeiten des Sekretariats konnte bisher der Veröffentlichung übergeben werden die„Unfallstatistik, Darstellung der Körper- Verletzungen und Tödtimgen von Mitgliedern schweizerischer Krawen- und Hilsskassen im Geschäftsjahre 1866". Noch in der ersten Hälfte des Jahres 1890 soll der zweite Theil dieser Arbeit, leireffend die Geschäftsjahre 1887—1888 folgen. Die abgelaufen« Amtsperiode charakrerisirt sich als eine Zeit der Vorbereitung, i Die folgenden drei Jahre wcckzen wir unmittelbarvordieAussührung i praktischer Arbeiten gestellt. Wir haben unsere Wünsche i» I Sachen der Unfall- und Knunkenverstcherung zu formuliren nnv' über die Reform der Fabrikgesetzgebung uns auszusprechen. Die Ausgaben werden sich, wie die gesammte Arbeiterschaft mit> Sicherheit erwartet, im Schaße der eidgenössischen Räihe zu fer-; tigen Gesetzentwürfen entwickeln, die möglicher Weise die Volks- 1 abstümuung zu passiren haben." Ueber die internationale ZEbeiterschutz-Gesehgebung äußert sich| nach Erwähnung der KonfereuAeiuberufung seitens des schweize- I rischen Buudesrathes der'Ausschuß folgendermaßen:„....; Neuestens ist die Welt durch eise Kundgebung von leitender Stelle f in Teutschland überrascht wordrn, gemäß welcher fünf Staaten■ des europäischen Kontinents zu einer internationalen Äerständi- i gung in Sachen des Arbeiterschhutzes eingeladen worden. Vier J dieser Staaten sind solche mit bedeutender Kohlenproduktion; drei derselben haben in jüngster Zeit großartige Arbeitseinstellungen speziell im Gebiete der Kohlenindustrie erlebt. Die Schweiz, 1 welche den Gedanken internationaler Regelung gewisser Arbeitsverhältnisse zuerst in den Vordergrund gestellt j und in letzter Zeit mit T»>tschland Erörterungen ge- I habt hatte, die mit der Politik der Arbeiterschaft| zusammenhängen, konnte und wallte wohl nicht übergangen l werden. Die Erlasse fallen in die kritische Epoche der Reichs-» tagSwahlen; doch scheint es nach trin Inhalte derselben ausge- schlössen, als ob nicht wirklich uuaktfängig von etwa zu erwar- I tenden Erfolgen ein ernstlicher Wille hinter ihnen stehe. Der leitende Ausschuß ist der Ueberzeugimg, daß der schiveizerische Bundesrath seine Bestrebungen, aus Schweizerboden die ersten, Schritte zu einer internationalen Sozialpolitik zu inszeniren und* die Grundlagen derselben festzustellen,.eiemals au>geven wird(in I dieser Erwartung ist nm durch die inz.vischen vollzogenen That- I fachen der Ausschuß freilich getäuscht w.erden, denn die Schiveiz; hat ihr Vorrecht doch aufgegeben. D. Klorr.). Er ist nicht nur i der faktisch erste Jnitiant, er ist auch der Vertreter eines Landes,) das stets dem Freihandel gehuldigt und mur gezwungen durch die: Verhältnisse, Zollerhöhungen vorgenomnuen hat. Der Vertreter' eines Landes, dessen innere Sozialpolitik(Fabrikgesetz, Haftpflicht- i gesctzgebung».) ihn zur Initiative berechtigte. Er will eine internationale Sozialpolitik, die von politischen Nebenrücksichten, frei ist, die weder Fühlung mit der internationalen Gesinnungs-, polizei hat, noch natürlichen Entwickelungm durch die vereinte Staatsgewalt der Mächte entgegentreten möchte: er hat des- halb auch alle Interessenten nach Bern zur Konferenz ein-{ geladen. Die großen Arbeitseinstellungen lassen sich verhüten durch anständige Bezahlung und menschemvürdige Behandlung des Arbeiters; der allgemeine Druck von Außen schmiedet überall die j Leidenden mit eisernen Ketten zusammen. Nicht anzunehmen ist, daß die Schweiz je einer Koalition der Mächte zur Unterdrückung, von Streiks beitreten würde: ein solcher Bund hätte die aller- beste Gelegenheit, sich lächerlich zu machen und deie absolute Ohn- macht des Staates gegenüber allen aus den sozialen Verhältnissen erwachsenden Massenbewegungen klar zu eriveißen: um dieses Resultat vorauszusehen, braucht es sehr wenig Ueberlegung. Wir' sehen auch darum in dieser Frage, die sich gerade in den An- sängen mit solchen, dem Arbeiterwohle recht fremdartigen Ele- menten zu kompltziren scheint, ruhig der Zukunft«ntgegen. Die Macht der Verhältnisse ist stärker als der Wille des Menschen. Fassen die Interessenten der Arbeit(die Arbeiter)»ur ihr Ziel unverrückbar ins Auge; sei ihr Bestreben stets daraus gerichtet, nichts zu machen, sondern lediglich der naturgesechlichen Em- Wickelung der sozialen Dinge die Hindernisse aus ttzem Wege zu räumen, ihr die freie Bahn zu sichern und sich für des sukzessiv� Aenderung der Situation möglichst günstig einzuricht«. Bekanntlich hat das Arbeitersekretariat im Sowaner 188� in Winterthur und Umgebung«ine Untersuchung übe» die Lage der dortigen Arbeiter gepflogen. Bisher ist darüber noch kein Bericht erschienen und der Arbeitersekretär erklärt nun im vor- f liegenden Jahresberichte, daß die lohnstatistischen Angaben theil- weise sehr unzuverlässig seien. Herr Greulich will untre diesen Umständen das gewonnene Material zu einer Studie für eme allgemeine schweizerische Lohnstatisti! verwenden und diese Studie dann vielleicht veröffentlichen. Ueber die Erledigung der geschäftlichen Ausgaben wtrd be- 2!•; FfE die Audienzen sich immer mehr vermindern u»d im Berichtsfahre nur noch 243 betrugen. Eingegangen sind 20p. ausgegangen 1560 Korrespondenzen, an Zirkularen und FaruiV laren wurden 30 000 Stück versendet. Die Bibliothek des Sekre- tariats zählt gegenwärtig 400 Bände und Broschüren. Außer errn Greulich als Chef sind im Arbeitersekretariat thätia die crren Mors als Adjunkt und Merk als Kanzlist. Vorträge ivurden gehalten von Herrn Greulich 81, Herrn Mors 6«uv von Herrn Merk LS. DaS leitende Komitee des GewerkschaftSbnndeS. der auf dem Kongreß zu Ostern reorganifirt werden fiA versendet einen Statuten- Entwurf an alle seine Sektione». dem wir einige interessante Punkte entnehmen wollen- Der Zweck des Bundes wird in folgenden Worte« ausgesprochen:„Der Allgem. schweiz. Gewerkschajlsbund umsaßt girier Steigerung die zartesten Farben der Btumen; ganz oben die Sammtstoffe vom tiefsten Schwarz bis zur weißen Farbe der gestockten Milch; weiter unten die Satins, in rosa, in blau, mit lebhaften Farbenbrüchen: noch tiefer die Seidenstoffe, die ganze Schärpe des Regenbogens, ba ein Stück zu einer Schleife aufgebauscht, dort ein anderes n Falten gelegt, wie um eine vorgebengte Taille arrangirt, ämmtlich unter den Händen der Kommis lebendige Töne auuehmend; und zwischen den einzelnen Motiven, zwischen den einzelnen farbenprächtigen Phrasen der Auslage lief immer als diskrete Begleitung ein Streif von cremefarbenen'. Fonlard. Hier, wo die beiden Reihen von Schaufenstern zusammenliefen, waren in nngehenren Stößen jene beiden Seidcngattungen aufgehäuft, welche eine pateutirte Spezialität des HanscS bildeten: das„Pavis-Bonheur" und„Ouir cl'Or", zwei.''Artikel, welche berufen waren, aus dem Modemartte elne Revolution hervorzurufen. — Ach, diese Failte zu 5 Franks 60! rief Denis« Hoch lich erstaunt über den Paris-Bonhenr-Stoss. Jean begann sich zu laiigiveilen- — Mo ist die Rne de la Michodiäre? fragte er einen Vorübergehenden. Man bezeichnete ihm die erste Straße rechts und nun gingen alle drei den nämlichen Weg zurück, dabei die Tour um da» Magazin machend. In die Straße einbiegend, ward Demse wieder durch ein anderes Schau|ciistet angelockt, in welchem Damen-Konfektions-Artikel zu sehen waren. Diese waren ihr spezielles Fach bei Eornaisse in Valognes. Der- gleichen hatte sie nie geseheil, sie ward von der Bewunderung ans der Stelle festgebannt. Im Hintergrunde war eine große Schärpe von kostbaren Brügger Spitzen in einem röthlich schimmernden Weiß als Altartuch arrangirt; Volants von Alenyoner Spitzen bildeten Guirlands; dann flössen von oben alle Gattungen Spitzen hernieder: solche von Biecheln und Valencieimes, Brüsseler Applikation, Venetianer Spitzen — ein mahrer Schneefall. Rechts und links aufgestapelte Tuchstoffe bildeten dunkelfarbige Säulen, welche dieses Taber- nakel noch mehr zurücktreten lieben. Und hier, m diesem, dem KnltuS der Frauenanmuth errichteten Hefligthnm be- fanden sich die Konfektions-Artikel; das Zentrum nahm«>" Artikel„hors ligne" ein: ein Sammtmantel mit weißem Fuchsbesatz; rechts eine Seiden-Retonde mit einem Doppel- besatz von Eichhörnchenfell, auf der andern Seite ein Tuch- paletot mit Hahnenfedern bordirt; endlich Theatermäntel von weißem Cashemir oder Rtatelaff« mit Schwanen' federn oder Fransen besetzt. Es gab da Mäntel silr alle erdenklichen Kaprizen, von der Sortie de bal zu nennundzwanzig Franks bis zum schweren Sammttnantel. der achtzehnhundert Franks beiverthet war. Ans den runden Brüsten der Modellpuppe bauschte der Stoff sich aus, die starken Hüften ließen die feine Taille schärfer hervctt' treten; der abwesende Kopf lvar durch eine große weiße Preistafel ersetzt, während die Spiegel zu beiden Seiten der Auslage durch ein berechnetes Spiel diese Figuren endlo» vervielfältigten«ud so die Straße mit diesen schönen ver- käufliehen Frauen bevölkerten, die an Stelle des Kopfes ei"' große Tafel trugen, auf welcher in weithin sichtbaren Ziffern ihr Preis zu lesen war. — Famos! rief Jean, der keinen anderen Aus' druck für seine Bewunderung fand. Auch er stand unbeweglich, mit offenem Munde da- Beim Anblick all' dieses WeiberluruS ivard er roth vor Berg, lügen. Er befaß die Schönheit eines Mädchens, ein« Schönheit, die er seiner Schwester geraubt zu haben schien. eine rosig schimmernde Haut, rothes, gekräuseltes Haar, verführerisch frische Lippen und helle Augen. Nebv> ihm schien Teuife noch erbärmlicher, mit ihrem gedehntcu Gesicht, dem matten Taint und dem fahlen Haar. Wp",. mit dem hellblonden Haar des Kindes, drückte si* noch ärger an sie, wie von einem nnbesttmmten Verlang� nach Llebkosungeii getrieben, verwirrt und entzückt durch schönen Damen des Schaufensters. Sie bildeten eine so ft1': ftrrne. reizende Gruppe aus dem Straßcnpflaster, diese o**' Bioubcn in ihren abgenützten Trauerkleidern. dieses tt>P stltge Mädchen zwischen dem hübschen Kinde und dem pra� tigen Jüngling, daß die Vorübergehenden sich lächelnd na« thnen umwandten. Auf der Schwelle eines Geschäfttzladens auf Htindorf bemerkte nun weiter, daß er zu einer eiacurlich ver- mittelnden Thätigkeit nicht gekommen sei, weil die Medrzahl der Zlreikenden inzwischen die Arbeit bereits wieder aufgenommen liatte. Herr Varnewitz habe angesichts dieser Thatsache wenig Lust zu Berhandlunaen gezeigt. Derselbe habe zivar die Löhne von 13,80 resp. 15 M. aus 13 resp. 16,50 M. erhöht und auch die Arbeitszeit um eine halbe Stunde verkürzt, andererseits aber den Beschluß gefaßt, die sog. Rädelsführer, 14 an der Zahl, nicht ivieder einzustellen. Erst nach vielem Dispulireu und dem Hinweis, daß die Streikenden doch gewiß nichts ungesetz- liches begangen sondern nur von ihrem guten Rechte zur Erlau- gung einer besseren Existenz Gebrauch gemacht hätten, was ihnen doch kein Mensch verdenken könne, habe Herr Barneivih ver- svrochcn, die Gcmaßregelten surcessive wieder anzunehmen. Redner schilderte nun die Lage der Färbereiarbeiter im Allge- meinen und bezeichnete dieselbe als eine tief traurige. Durch- greifende Hilfe könne nur die Gesetzgebung bringen; auf diese müßten alle Arbeiter ihr Augenmerk richten. Um aber wenigstens die größten Härten zu beseitigen, sei die gewerkschaftliche Organi- sation nothwendig, dieser hätten sich auch die Färbereiarbciter an- zuschließen, damit event. Streiks nachhaltiger durchgeführt und die in anderen Städten arbeitcnben Kollegen auch anfgeklärt werden iönnteit.(Lebhafter Beifall.) In der i olgenden Disktlssion legte Herr Günther den Anwesenden ans Herz, in ausreichender Weise für die infolge deS Streiks gemaßregelten Kollege» einzutreten, damit dieselben wenigstens während der Osterfeiertage keine Roth zu leiden Hütten. Eine Resolution, nach ivelcher die Bersamm- lung sich mit dem Sieserenten einverstanden erklärte und seinen Weisungen zu folgen versprach, wurde einftimmig augenommen. Ebenso wurde nach Befürwortung durch Herrn Augustin be- schloßen, nur solche Hüte zukaufen, welche mit einer Kontrolmarke versehen sind. Auch dem Boykott über Blumberg wurde zugestimmt. Ferner wurde nach Begründung durch Herrn Schade der Antrag angenommen, n;,r bei solchen Geschäftsleuten zu kaufen, welche ihren Angestellten einen freien Sonntag-Rachmittag gc- 'vähren. Der Fachuerein der Kchlost'er und Maschinrnvan- Arbeiter Berlins und Umgegend hielt am Sonnabend, den 22. März, in Tegel, Lindenberg's Restaurant, eine Mitglieder- Versammlung mit folgender Tagesordnung ah: 1. Vortrag des Herrn Pen» über Selbstständigkeit der Üeberzeugung. 2. Aufnahme neuer Mitglieder und Entrichtung der Beiträge. 8. Ver- schiedenes und Fragekasten. Der Referent sprach unter großem Beifall über sein Thema. Zur Ausnahme meldeten sich 25 Kollegen. Unter„Verschiedenes" wurden folgende Anträge einstimmig an- genommen: 1. Den 1. Mai als Feiertag zu pröklamiren. 2. Nur solche Hüte zu kaufen, die mit einer Arbeiter-Kontrolmarke ver- sehen sind. 3. Die Produkte der Blumberger Bauern so lang? nicht zu kaufen, bis der Fall in Blumderg gerichtlich geregelt ist. i. Die nächste Versammlung bei Teichert in Remickendorf abzuhalte», Am 24. März fand eine Mitgliederversammlung im Wedding- park, Müllerstr. 178 statt mit folgender Tagesordnung: 1. Vor- trag des Herrn Dr. Bruno Wtlle über„Kamps ums Dasein". 2. Ausnahme neuer Mitglieder und Entrichtung der Beiträge. 3. Verschiedenes und Fragekaften. Zum 1. Punkt erhielt Dr. Bruno Wille das Wort zu seinem Vortrag und erntete derselbe den Dank der Versammlung An der Diskussion betheiligte sich ein Kollege im Sinne des Referenten. Zur Aufnahme meldeten sich 13 Kollegen. Zum 3. Punkt„Verschiedenes" erklärte Dr. Bruno Wtlle uns den Zweck und Nutzen des in Aussicht gestellten Vereins„Freie Volks- Bühne" und er- mahnte derselbe dringend, daß die Arbeiter Berlins sich recht rege daran betheiliaen möchten. Hierzu wurde ein Antrag gestellt, daß bei der nächsten Versammlung beim Vorsitzenden eine Liste ausliegen soll, worin sich die Kollegen' einzeichnen können. Ferner wurde von einem Kollegen bekannt gemacht, daß ein Schlosser zu den Streikbrechern der Fabrik Siemens& Co. über, gegangen ist, auch wurde bekannt gemacht, daß das Vergnügen am 19. April im Weddingpark, Müllerftraße 178 stattfindet und sind BiNets bei den Kollegen: Ferdienandt, Greuzstr. 16; Kube, Ztonskrrchslr. 53; Beyer, Bergstr. 80: Mittle, Fennftr. 4 n bei Mathes, Senftleben, Zionekirchplatz 3 zu haben. Nachdem vor- schieden« Fragen erledigt waren und vom Vorsitzenden ermahnt, pch recht rege an den Sammlungen für die Streikenden zu be- theiligen, erfolgte um 11% Uhr Schluß der Versammlung. Der Arbeitsnachweis für Schlosser und Maschinenban-Arbeiter befindet sich im S den: Dresdenerstr, 116, bei Gründet; im Norden: Anklameritraßo, bei Nürnberg. Geöffnet Abends von 8—10, Sonntags von 10—12 Uhr. Eine gut besuchte öffentliche Deefammlung der in der Wcrlerbranche beschästlgte» Arbeiter und Arbeiterinnen tagte am Donnerstag, den 27. März, im„Böhmischen Brauhause", mit folgender Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Max Vaginski: „Dce Arbeiterbewegung und die Frauen." 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Ins Bureau wurden gewählt die Kollegen Gustav Ianz und Stiebr tz und Fräulein Schulz und Zimmermann. Ter Referent führte etwa folgendes aus: Vor ca. 20 Jahren fanden wir noch keine Frauen in der Industrie. Der Mann proouzirte seine Waare mit der Hand und konsumirte sie selbst. Mit der Zeit entstanden die technischen Maschinen, welche sich immer mehr verbesserten; es wurde bedeutend mehr Waare produzirt und auch geringere Arbeitskräste beansprucht. Da nun geringere Ar- beitskräfte erforderlich waren, zog man die Frauen nsit in die Industrie, um sie billiger zu besolden. Weil nun die Frauen billiger arbeiteten wie der Mann, wurden sie immer mehr in die Industrie hineingezogen und verdrängten den Mann. Dadurch entstand die große Re- servearmee, welche dem Arbeiter eine schmähliche Konkurrenz machte. Wir sehen, daß die Arbeiterinnen den Arbeitern in ihrem Vorgehen ein kolossaler Hemmschuh sind. Mögen sich die Arbei- terinnen zu einer festen Organisation znsammenthun, vor allen Dingen eine kürzere Arbeitszeit und für gleiche Leistung mit den Männern gleichen Lohn erstreben, dann nur könnte der Sieg ein vollständiger werden. Rauschender Beifall lohnte den Redner. An der Diskussion betheiligten sich die Kollegen Stahn, Kirschbach und Neuhaus, welche sich im Sinne des Referenten äußerten. Fräulein Schulz fordert ihre anwesenden Kolleginnen mit warmen Worten auf, energisch für eine Organisation einzutreten. Es erhielt nun der Referent zu seinem Vortrag das Schluß- nwn. In treffenden Worten legte er den Frauen aus Herz, daß es ihre Pflicht sei, den Männern mit Rath und That beizustehen, sich zu orgaulsireu. denn die jetzige Lage des Arbsiterstandes ist nicht anders zu beseitigen, als durch die Bereinigung. Unter„Ver- schieden cv" gelangte folgender Antrag einstimmig zur Annahme: „Die heute im Böhmischen Brauhause lagende öffentliche Ver- sammliing der Wirker und Wirkerinnen beschließt, eine Organi- sation der in der Wirkerbranche beschäftigten Arbeiterinnen zu gründen." Ebenso wurde eine Resolution einstimmig angenom- men:„Die heute im Böhmischen Branhause ragende öffentliche Versammlung sämmtlicher Arbeiter und Arbeiterinnen der Wirker- brauche erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten voll und ganz einverstanden, und verspricht für die Organisation der Frauen energisch einzutreten, damit der Sieg ein vollständiger werde. Gleichzeitig den 1. Mai streng als Feiertag hoch zuhalten." Nachdem noch ein, für die zu gründende Frauen omanisation be- stiinmter, provisorischer Vorstand, bestehend aus Fraulein Schulz, Ziinmerniann, Polle, Nocke und Fräulein Seidel gewählt war, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einem Hoch auf die mternationaie Arbeiterdeivegimg. Di, Po>'a»,rntirer und Derufogenossen tagten am Montag, den 31. v. Mts., bei Feuerstein, Alte Jakobstr. 75, mit folgender Tagesordnung: 1. Vorstandswyhl. 2. Revisorenmahl. 3. Verschiedenes und Fragekasten.— Der bisherige Vorstand, be- stehend auS den Herren Klau, Alschner, Mahlte, Heidfeld und Schein, wurde wiedergeivählt. Zu Revisoren die Herren G. Berger, Fr. Schmidt und Kiltz. Dann wurde die Fachkommission so, vie die Ülrbeitsnachweis-Kommission neu gewählt, und zwar in erstere die Herren K. Hoffmann, Merk, Zehms, P. Broske, Heid- seid, G. Berger und Witte; in letztere die Herren Fr. Schmidt, Peuke, Mosch, Merk, Kiltz, G. Berger und Weigel. Als Biblio- thekar ivurde der bisherige wiedergewählt.— Unter Verschiedenes nahm nun Herr Esche das Wort. Derselbe führte au, baß er gemaßregell worden sei, weil er die dort beschäftigten Arbeiter außer der Arbeitszeit zusammen gerufen habe, um zu berathen, welche Stellung sie zum 1. Mai einnehmen würden. Dies sei dein Arbeitgeber hinterbracht und er darauf entlassen worden. Herr Brink appellirie an das Solidaritätsgefühl der Posainentirer und ersuchte dieselben, die im Ausstände befindlichen Weißgerber zu unterstützen, worauf die Versammlung 15 M. für dieselben bewilligte. An eine eingelaufene Frage:„Was ist Sozialismus ilud was Demokratismus" reihte sich eins reiht interessante De- batte, ans der der Beschluß hervorging, über dieses Thema einen Vortrag halten zu lassen. Nachdem Herr Schein bekamii gemacht hatte, daß am 1. Osterfeiertag eine Herrenparthie stattsindet (Sammelpunkt im Arbeitsnachweis, Oberwasserstraße 12, früh S'.'a Uhr), schloß der Borsitzende die Versammlung. Di, Ziminerleute ztevlius und Zlmgrscud hielten am 1. d. M. im Saale der Norddeutschen Brauerei eine öffentliche Versammlung ab. Die Bureanwahl verursachte einige Schwierig- leiten und gab zu einer längeren Geschästsordnungs-Debatte Veranlassung. Von der eine» Seite würoe beantragt, den Gesellenausschuß mit der Leitung der Versammlung zu beaustragen, während von anderer Seite die Bildung des Bureaus durch die Herren Lehmann, Peter manu und P ä s e l e r beantragt wurde. Die Mehrheit der Anwesenden entschied sich für den erstere n Antrag und leitete demzufolge der Gesell e n a u s s ch u ß die Versammliing. Tieselbe hörte zunächst einen Vortrag des Herrn H e i m a n u über Verkürzung der Ar- beitszeit mit großem Interesse an. In der folgenden Diskussion sprachen die Herren Weise und Lehmann und befürworteten beide die Aufrechterhaltung der Forderung der neunstündigen Arbeitszeit. Herr Lehmann betonte besonders, trotz der Vorkomm- nisse in der Berliner Zimmererbewegung einig znsauimenzu- stehen und mit Energie an die Verkürzung der Arbeitszeit »ach den Osterseierlagen heranzugehen. Seine Meinung ging demzufolge dahin, daß vorerst aus den Stundenlohn keine Rück- ficht zu nehmen, vielmehr das Hauptgewicht ans die tägliche neunstündige Arbeitszeit zu legen sei. Er empfahl ans diesem Grunde, eine Woche nach Ostern ans allen Plätzen und Bauten, wo länger als neun Stunden täglich gearbeitet wird, einmüthig die Arbeit einzustellen. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung: „Weitere?lngelegen Heiken der diesjährigen Bau Periode", nahm als erster Redner Herr Stehr das Wort. Derselbe erklärte sich voll und ganz für eine Ver- kürzung der Arbeitszeit, warnte aber angesichts der miß- lichen Bankonjunktur und der traurigen Vorkommnisse innerhalb der Zimmererbewegung vor voreiligen Beschlüssen. Redner hielt es aus praktischen Gründen für angebracht, eine bessere Baukonjunktur abzuwarten. Dadurch würde nichts versäumt, durch eine aussichtslose Ailsstandsbewegnng aber alles verloren werden. Herr Lehmann forderte demgegenüber entschieden Beseitigung der täglichen zehnstündigen Arbeitszeit, wie sie jetzt so gang und gäbe sei, sonst würden auch die prinzipiellen Arbeitslosen gezivungen sein, unter der Bedingung der zehnstündigen Arbeitszeit die Arbeit auszunehmen. Herr Stehr sprach demgegenüber offen seine Meinung dahin aus, daß eine vollständige Durchführung der tägliche» nennstündigen Arbeitszeit in diesem Frühiahre unmöglich sein werde, wenngleich cm großer Theil der Berliner Zimmerleute die neunstündige tägliche Arbeitszeit habe, und bedauerte, daß sich immer noch Kameraden finden; welche in dieser Hoffnung sich wiegen und keine Arbeit annehmen. In der Äersämmliing in der Brauerei Friedrichshain habe er nur aus dem Grunde den Antrag gestellt(der auch angenommen wurde), eventl. am 10. Mai dieses Jahres in einen Generalstreik einzutreten, um die Berliner Zimmerleute von voreiligen Vescklüsten abzuhalten. Im übrigen erwartete er von dem Geiellenausschufie, daß derselbe einen lieber- blick über die allgemeine Lage zu gewinnen suche durch statistische Zusammenftelllliig der gezahlten Löhne bezw. der Arbeitszeit, wie sie z. Z. ans den verschiedenen Bauplätzen Regel find. Darauf- hm gab Herr Schmidt kund, daß sich beim Gesellenansschuste bisher nur ein Platzdeputirter gemeldet habe(der übrigens auch bereits wieder arbeitslos sei), trotzdem beschloffen worden sei, Platzdeputirte zu wählen. Mit dem Vorschlage des Herrn Leh- in a n n erklärte sich Herr L o ß einverstanden und befürwortete ebenfalls, bald nach Ostern mit Platzsperren vorzugehen. Herr Wolter gab eine Erklärung dahin ab, daß der Gesellenausschuß vor allen Dingen darnach strebe, das Vertrauen der ge- kämmten Zimmerlente zu gewinnen und die große Masse über die Nothwendigkelt der Verkürzung der.Arbeitszeit aufzuklären. Diesem Zwecke sollte auch die Versammlung dienen. Leider sei kein Referent zu beschaffen gewesen bezw. sei keiner zu haben gewesen. Der Gesellen-Ausschuß sei mit der Aus- arbcitung von Vorschlägen gegenwärtig beschäftigt und werde mit diesen nach Ostern vor die Zimmerleute hintreten. Vor Ostern etwas zu unternehmen, liege nicht in der Absicht des Ausschusses. Herr Marzian stand in seinen Ausführungen ans dem Standpunkte des Herrn Stehr und des Gesellen-Ansschnsses unv be- siirw ortete, demselben Zeit zu lassen, seine Vorbereitungen zu treffen. Nach längerer weiterer Debatte wurde vre Versammlung sich dahin einig, die Verhandlungen abzubrechen und nach Ostern eine neue Versammlung einznberusen, von welcher dann event. Beschlüsse gefaßt werden sollen. Auch gab Herr Stehr der Hoffnung Ausdruck, daß bis dahin die Affäre Jäckel(ivelcker sich bis jetzt beharrlich einer definitiven Abrechnung zu entziehen ge- ivubt habe), welche jetzt als drohendes Gespenst unter den Zimmer- leuren umhergehe, geregelt, zum mindesten aber klar gestellt sein werde, da er nunmehr energisch die Initiative in dieser A»ge- legenheit ergreifen werde. Auch wurde dem Gesellen-Äusschnsse anheimgegeben, ein Flugblatt drucken und verbreiten zu lassen zwecks Wahl von Platzdeputirten und sodann in möglichst kurzer Zeit eine Versammlung von Platzdeputirten einzuberufen. Der Gesellen-Ausschuß wird dementsprechend handeln. Gins groß« öffentliche Versammlung aller an Holz- bearbeitungsmaschinen und m Holzbearbeitungsfabriken beschäftigten Arbeiter fand am Donnerstag, den 27. März, Abends 8Vz Nhr, im Königstadt-Kasino, Holzinarktstr. 72, mit folgender Tagesordnung statt: 1. Beschlußfassung zur Beschickung des zu Lübeck in den Osterseiertagen stattfindenden Kongresses. 2. Wahl der Delegirten zu demselben. 8. Tiskussion und Verschiedenes. Es wurden folgende Herren zur Leitung beauftragt: W. Wolf, erster Vorsitzender; P. Teller, zweiter Vorsitzender; E. Stein, Schriftführer. Zum ersten Punkt verlas Kollege Koboldt das Rundschreiben, welches uns aus Lübeck zugegangen war, und forderte die Kollegen auf, ihre Meinung kundzugeben. Es sprachen sich alle Redner für die Beschickung des Kongresses aus und wur- den folgende Kollegen zu Delegirten gewählt: Fritz 5toboldt, Grü- nanerslr. 10: Wilh. Wolf, Manteuffelstr. 112»- Paul Teller, Stell- Vertreter. In der Diskussion wurde der Antrag gestellt und auch angenommen, nur Hüte mit Kontrolmarken zu kaufen und keine Produkte der Blumberger Bauern zu konsuniiren. Ferner folgende Resolution: Die heute im Königstadt- Kasino tagende Versammlung der in Holzbearbeitungs-Fabriken beschäftigten Arbeiter erklärt sich mit den streikenden Tabak- arbeitern solidarisch und beschließt:„So lange der Streik der Tabakarbeiter bei Karl Martieuzen fortdauert, keine Zigarren aus den 16 Geschäften von genannter Fmna zu kaufen; und auch ferner den Boykott über Loeser n. Wolff aufrecht zu erhalten." Der Vorsitzende schloß mit einem dreifachen Hoch auf die inter- nationale Arbeiterbewegung die Versammlung. Eine grobe öffentliche Tischlerversammlnng, welche von über 4000 Personen besucht war, tagte am Donnerstag, ven 27. März, im Böhmischen Brauhaus. Die Tagesordnung lautete: I. Die Beschlüsse des Fachvereins zur diechährigen Lohnbewegung und wie stellen sich die Branchenvereine dazu? 2. Diskussion. 3, Verschiedenes. Nach der Bureauwahl, in welcher Millarg, R. Schmidt und Dahlgrün gewählt waren, ergriff Herr Th. Glocke das Wort zu seinem Vortrag. Wir sind heute hier zusammeu gekommen, um uns zu besprechen, welche Stellung die Tischlec Berlins zu einer eventuellen Lohnbewegung einnehmen muffen. Um eine solche durchzuführen und auch das Errungene auf die Tauer zu erhalten, dazu gehört eine vorherige ordentliche Klärung, um auch die indifferente Masse heranzuziehen. Wir sehen es an jedem Streik, welcher von einer unorganisirten Masse in Szene gesetzt worden ist, daß das Errniigene schnell wieder verloren gegangen ist. Deshalb mögen sich die Branchenvereine, welche doch nur eine Zersplitterung hervorrufen, sich dem heutigen maß gebendsten Verein, dem Fachverein der Tischler anschließen. Die Brauchenvereine sind Ja soweit sehr gut, aber nur da, wo die- selben jederzeit in Verbindung treten können, wie es in England und Amerika heute geschieht. Aber unter dem hie i obwaltenden Ausnahmegesetz, welches dem unterdrückten Arbeiter nicht gestattet, in Verbindung zu treten, muß es jeden klar sein, sich, um etwas zu erreichen, zu zentralistren Die Schutzzölle, unter welchen die Lebensmittel so furchtbar ver- thenert werden, ist es den Arbeitern versagt, seinen Bedürfnissen auch mir einigermaßen zu befriedigen. Miethe und Steuern neli men immer mehr zu, aber die Löhne der Arbeiter immer mehr ab. Durch die fortschreitende Maschinentechnik, welche ein immer größeres Heer von Arbeitslosen schafft, sind die Löhne bis ans das niedrigste Niveau herabgedrückt, daß es kaum zum Lebens unterhalt hinreicht. Tie kleinen Meister, welche ebenfalls unter dem Maschinenwesen leiden, verschwinden mit der Zeit ganz und gar. Dieselben hatten sich nur dadurch, daß sie zu«pezialarbeiten greisen, und drücken dadurch bei einer ausgedehnten Arbeitszeit die Löhne der Gesellen noch mehr. Da es aber bisher, trotz Aufbietung aller Kräfte, uns nicht gelungen ist, die Maffen zu organi suen, so sind wir auch gezivungen, i den Streik so lange aufzuhalten, bis wir denselben für günstig finden. Von außerhalb habe» wir diesmal keine Unterstützung zu erwarten, da sich schon 32 Städte an das Streikkomitee gewendet haben. Ein Jeder hat das Verlanaen, seine Lage zu verbessern, denn dieses beweist ja die heutige Versammlung und der Massenbeitritt zum Fachverein. Wenn bi? zum 1. Mai 10 000 Tischlergesellen dem Fachverein angehören, dann sind wir auch in der Lage einen Streik durchzuführen. Darum agitiren Sie in den Werkftellen, damit auch der Indifferenteste zur Einsicht gelangt, um in den Fach- verein einzutreten. Und nicht nur das allein, sondern auch tu jeder Vereins- und Vezirksver>ammlung zu erscheinen um sich von allem zu überzeugen. Ein jeder muß uver seine eigene Lage klar werden. Ein Jeoer hat das Recht zu leben, wie jeder Kapitalffi oder Beffergestellte. Der Fachverein hat eine 8Vs stündige Arbeitszeit beschlossen. Es giebc heute eine Abschlagszahlung im Durchschnitt von 12 bis 15 M., wir haben die Minimalabschlag- zahlnng auf 21 M. norinirt. Es giodt jetzt Werksiattordnuiige», die aber nur unorganisirten Arbeitern aufgezwungen werde« können, welche den Zuchthausordmmgen ähnlich sind, sollen da- vielleicht freie Arbeiter sein? Die Arbeiter Englands habei uns durch ihr energisches Vorgehen gezeigt, daß aucy sie ein Wor> bei allen Arbeitsverhältnissen mitzureden haben. Ein jeder möge nun seine Meinung seiner eigenen Ueoerzengung nach hier äußern: Unsere Parole ist: Verkürzung der Arbeitszeit»nd für jeden ein menschenwürdiges Dasein. In der Diskussion betheiligten sich vornehmlich einige Vorstandsmitglieder der Branchenvereine, welch, sich mit dem größten Theil der Ausführungen des Referenten wohl einverstanden erklärten. Von einem Redner wurde daraus hingewiesen, daß es fast nicht möglich wäre, daß alle Tischler Berlins dem Fachverein angehören könnten. Und überdies be saßen die Vereine auch mehrere Kassen(Gewerkvereine) welche die Mitglieder nicht so leicht abgeben würden. Darum möge man die Branchenvereine weiterbestehen lassen, denn sie verfolgen doch immer ihre Interessen. Im Schlußwort erläuterte Herr Glocke, daß die Tagesordnung wohl genügend erläutert wäre, aber keiner der Vertreter der Branchenvereine hat beweisen können, daß eine Branchenorganisation im Stande ist, eine BessersteUnng seiger Mitglieder zu erzielen. Wenn der Vertreter des Gewerk- Vereins in der Diskussion im großen und ganzen mit meinen Aiissührungen einverstanden iii, warum wird dann mcht in Ihrem Statut: Sozialdemokraten dürfen nicht aufgenommen werden, gestrichen? Furcht haben Sie vor der heutigen moderneu Arbeiterbewegung. Eher verdummen Sie den Aroeiter, anstatt ihn aufzuklären, Sie liegen im Schlepptau des Kapitals. Deshalb stimmen Sie Alle den Beschlüssen des Fachvereins bei und Sie wer- den sehen, daß wir gewillt sein werde», die letzte Kraft, den letzten Piennig zu opfern, und unsere Lage zu verbessern. Der"Arbeiter wtrd ja auch noch serner ansgebeiltet werden. So lange die kapitalistische Produktionsweise vorherrscht, wird dasselbe nicht aufhören, bis die ganze Arbeiterschaft hierüber genügend wird aufgeklärt sein und die heutige kapitalistische in eine gesellschaft- liehe ProduktionSforin umgeivandelt ist.(Laute Zuftimmung). Es wurden dann zwei Resolutionen verlesen, welche zu einer vereint wurden. Dieselbe lautet: Die heutige im Böhmischen Branhause tagende öffentliche Tischlerversammlung erklärt sich mit den Be schlüssen der Generalversammlung des Fachvereins der Tischler vom 18. März voll und ganz einverstanden. Ferner verpflichten sich die Versammelten, um die Forderung zur Durchführung zu bringen, respektive auf die Dauer zu erhalten, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln dafür zu sorgen, daß die Mehrzahl der Berliner Tischler- gesellen bis zum 1. Mai dem Fachverein angehört. Und um dieses zu erreichen, verpflichten sich die Mitglieder der Branchen- vereine dem Fachverein der Tischler, welchen sie als den maß- gebendsten anerkennen, beizutreten. Tieselbe wurde einsiiimnig angenommen. Ferner wurde eine Resolution verlesen und ange- nommen:„Die heute im„Böhmischen Branhause" tagende öffent- liehe Tischlerversammlung beschließt: 1. In den Werkstellcn, wo sich die Möbelpolirer im Streik befinden, die Arbeit der letzteren nicht fertig zu stellen. 2. In den Werkstellen, wo sich Streikbrecher einfinden, zu Gunsten der Streikenden einzutreten." Ein Antrag, den Ueberschuß der Tellersammlung den streikenden Mövelpolirern zu überweisen, wurde einstimmig angenommen. Von dem Verband deutscher Schirmfabristante» und der Interessenten verwandter Branchen erhalten wir folgendes Schreiben: Auf Grund des§ 11 deS PreßgefetzeS ersuchen wir höflichst folgende Berichtigung der nachstehend näher bezeichneten Notiz in die nächste Numnicr des„Berliner Volksblatt" und zivar an derselben Stelle und mit demselben Druck, aufzu- nehmen: In der Beilage der Nummer 73 vom 27. März er. ist unter der Spitzmarke„Die Vereinigung der Drechsler- O r t s v e r w a l t n n g II(S t o ck b r a n ch e) ein Referat ept- halten, in welchem folgende Bemerkungen Platz gegriffen haben:„... erhob sich Herr Hugo, der Direktor der Zelle' r Schirnifabrik, und meinte, das sind doch kein« Herren, das sind doch nur Arbeiter...", serner„,.. und wurde zum größten Gaudium der anwesenden Meisterschaft die Frage aufgeworfen, hat Herr Berndt überhaupt eine Werkstatt?..." Herr Hugo hat die beregte Aeiißeruitg nicht gethan, ebenso iveiug ist eine Frage obigen Inhalts an Herrn Berndt gerichtet worden, so daß darüber auch kein Gaudium entstehen konnte. Achtungsvoll der Vorstand D. Bergmann. Der Graueuruerein für Leipzig hielt am vergangene.! Mittwoch eine Versammliing ab, am über dieAchtstnndenbewegung zu berathen. Der Vorstand hatte es nicht für nöthig befunden, stir diese wichtige Angelegenheit einen Referenten zu bestellen, schließlich übernahm es einer der Kollegen(Uhrbach), den Zweck der Bewegung und den Nutzen der achtstündigen Arbeitszeit klar- zulegen. Für seine guten und treffenden SluSführnngen erntete der Kollege höhnische Zwischenrufe. Nach längerer heftiger Debatte wurde eine Resolution, d» Versammlung solle sich prin zipiell an der Demonstration am 1. Mai betbeiligen und an diesem Tage eine öffentliche Versammlung der Graveure veranstalten. abgelehnt. Daß gegen die Achtstundenbewegung einzelne, wenn auch gewichtige Stimmen sich hauptsächlich aus höheren politischen Zweckmaßigkeitsrucksichten bemerkbar niachten, war längst bekannt. •taß aber ein Fachvcrein sich bei seiner von vorn herein scharf ausgesprochenen Tendenz in gleichein Sinne entschied, ist sehr ausfallend. Drr»de»r, Mittwoch, den 26. März, fand in Sieg's Sälen eine öffentliche Versammlung der Steinmetzen statt; dieselbe war von fast sämmtlichen in Dresden und Umgegend Beschäftigten, 5— 600 an der Zahl, besucht. Es wurde daselbst beschlossen, gegen 1 Stimme, vom 1. Mai an die achtstündige Arbeitszeit cinzu- führen und den 1. Mai als Feiertag zu begehen. * �» KoiixIdemoKratiNiier gen- und 9i«hiiHrltliib„gnlW»". TonnerZ- rafl, btn 3. April er.. Abend«% Uhr, Cuvrystr. 10, Mil>Nleder. Versammlung. ?a �»rstnndswahl siatlstndet, ist es Pflicht eines Jeden, zu erscheinen. Gäste, durch Mitglteder eingesührt, haben Zutritt. Verein ehemaliger Kchiilrr der Sit.«emeindeschul« Abends 8% Uhr tm Stmtgfmbt.-Saftno, Holzinarltstr. 7a(Glashalle), Ausnahme neuer Aiitglieder. Gäste wtllloinmen. «rose öffentliche Versammlung der Ktoäiarbeiter Kerlin» am Donnerstag, den s. April er., Abends s Uhr, im»änigstadt-Kasino, HolzmarN- straft- 7a. Tagesordnung: i. ElreikangelegenheUen. a. DiSlusston. 8. Verschiedenes. Achtung! Große ösfeniliche Bersanimlung sämmllicher Arbeiter der Konigltchen Hauptwerk statt zu Tempelhof an, Dienstag, den s. April, Vormittags io Uhr, in Habel'S Brauerei, Bergmannstraßs Nr. 5—7. Tages- ordnung: i. Vortrag über;„Die Bedeutung des I. Mai". Reserent: Herr Otto»lein. 2. Wie stellen sich die Arbeiter hierzu? S. Tislussion. 4. Ber- fchtedenes.— Pflicht eines jeden Arbeiters ist es, in dieser Versammlung zu erscyetnen. tri. �fffj'demohvntirchec �vahloerei» für Teltow. Keeoliow, Storliow, «harlottenbnrg. Große Bersanimlung am Donnerstag, den 3. April er., Abends s Uhr, in„Blsmarttshöhe" in Charloltenburg, BiSinarckstrabe Nr.«o. Tagesordnung: l. Borslandswahl. 2. Die Rctchstagswahlen. 3. Dislusslon. «. Verschiedenes.— Referent wird in der Versammlung bekannt gemacht. Um zahlreiche« irrscheinen wird ersucht. ... Krsang-,«ur». und o-feUige Vereine am Donnerstag. Männer- gesangvercrn„Lättlta" Abend« o Uhr in Betttn's Restaurant, Beleranenstr. 19. - Gesangverein„Brehelschluß" Abends% Uhr im Restaurant Mündt, liöp- ntlkerstraße loa.—. Männergesangvcrein„Nordstern" Abends s Uhr im 1 Müllerstr. 7.— Echäfer'scher„Gesangverein der iilser" t„™c. v0s' u.»ruger, Skaltyerstr. 126, Gesang.— Gesangverein „ öluthenkranz AbendS s Uhr iin Restaurant Brandcnburgslr.«o.— Männer- «esangverein„Alexander" AbendS» Uhr im Restaurant Roke, Straußberger- Mape 3.— Männergesangverein„Firmitas" bei«inner,«öpnirlerslr.«».— Gesangverein„Mannerchor St. Urban" Abends« Uhr Annenstr. v.- Gesang- verein„Deuts ch e Liedertafel" Abends 9 Uhr Köpnickerstr. 100.— Gesangverein �Norddeutsche Schletsc" Abends von 8 bis 11 Uhr. Michaelkirchstr. 39.— Mannergesangverein„Sangesfreunde" Abend« s bis 11 Uhr, Frankfurter Bier- hallen(«ruger). Große Frankfurterftr. 102.—„Brunonia" AbendS 0 Uhr Uebungsstunoe bei Lehmann, Alexandrinenstr. 32.- Turnverein„Hasenhaide" (Lehrlingsabtheilung) Abends s Uhr Dtefsenbachslr. 00-61.-„Berliner Turn- aenoffenschaft"(7. LehrlingSabthcilunai Abends h Uhr in der städtischen Tuni- desyl. v. Männerabtheilung Abends« Uhc in der !»Ä!. �-nmhalle, Gubenerstr. 51.— Lübeck'scher Turnverein(Männer- Abtheilung) Abends« Uhr(ilisabethstr. 57—58.— Allgemeiner ArendS'fcher Stcnographcnverein, Abtheilung„Louisenstadt", Abends 8% Uhr im JKfiauraiit Prcuß, Oranienstraße 61.— Arendsstcher Stenographenverein „Phalanx Abends 8% Uhr im Restaurant„Zum Buliowcr Garten", Buikower- straße 8— Deutscher Verein Arends'scher Stenographen Abends« Uhr in Heidt s Restaurant,«oppenstr. 75, Unterricht und Uebung.— Berliner Steno- uraphen-Veretn(System Arends) Abends 8 Uhr im Restaurant Friedrich- straße 298.— Stolze'schcr«ttnographenveretn„Nord-Berlin" Abends s Uhr, Echlegelstr. 44.—«erein der„Naturfreunde" Abend« 8 Uhr im Restaurant » Berein der Unruhstädter Abends 8% Uhr im„König- stodt-»aflno, Holzuiarktstr. 72.- Verein ehemaliger F. W. Retlschlagstchcr Schuler am l. und 3. Donnerstag jeden Monats im Gase Schuler, Lands- «JÖi;.7m �?Co??v8- Rauchklud.Kernspihc" Abend« 8\ Uhr im Ss Rudersdorserstr. 8.— Rauchkluh„Arcona" Abend« 9 Uhr S Fä8 fHum Neichenbcraeriir. 71.— Rauchlluv„Dezimalwaage" AbendS l S�r lm. Restaurant Lock. KrautSstr. 48.- Rauchklud„Vorwärts" Abends Tempel. Restaurant„Zum Ambos", BreSlauerstr. 27.- „Lrienlaltscher Rauchklud" Abends 9 Uhr im Restaurant Wiechert, Oranten- Itraße 8.— Rauchklud„ffrunime Piepe" Abends 9 Uhr Langestr. 70 bei Hein- «Lr R°uchklub„Collegla" Abends 9 Uhr bei Thiemermrann, Skaliheriir. 85. - s�ivat-Theateig�ellschaft„Adlerschwinge" Sitzung 9% Uhr Gartenstr. 14 S?.*?,8er-- Musiwerern„Vorwärts" Uebung Abends von 9 bis 11 Uhr, Nsrnrischkes. «. D.. 30. März. Entgleist ist gestern Nach- Mittag auf hiesigem Bahnhof der von Seesen kommende gemischte Zug. Es erscheint, der„Hall. Ztg." zufolge, als fast gewiß, daß dw exakte Wirkung der Carpenterbrernse diese Entgleisung ver- anlaßt hat. Da sich nämlich der Zug verspätet hatte, behielt er seine Geschwindigkeit bei, bis er sich dicht vor der ersten Weiche des Bahnhofes befand. Hier erst wurde die Bremse in Thätig- keit gesetzt. Sie wirkte sofort. Der durch den gehemmten Lauf der Wagen der Maschine ertheilte Ruck traf der Zeit nach zu- saninien mit dem Aufstoßen der Räder derselben auf das Herz- stück der Weiche, und so sprang die Maschine aus ihrem Gleise auf ein seitwärts abführendes. Der Tender folgte ihr auf den Schienen, die 6 Personenwagen aber wurden neben denselben fortgeschleift, bis die Koppelung zwischen ihnen und der Maschine riß. Tie Wagen sind beschädigt, Personen jedoch nicht verletzt. Fripng, 31. März. Der 13 jährige Muttermörder Euiil Stelzner, der, wie f. Z. gemeldet, in der Nacht vom 8. bis 9. Oktober die Handarbeiterswittwe Stelzner durch Beilhiebe, die er ihr, während' sie im Bette gelegen und geschlafen, beigebracht hatte, ermordete, hat außer Verfolgung gesetzt und im Georgen- hause untergebracht werden müssen, weil hohe Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden ist, daß er die That in einem Zustande krank- hafter Störung seiner Geistesthätigkeit, durch den feine freie Willensbestimmung ausgeschlossen gewesen ist, ausgeführt hat. Kauuovrr, 31. März. Sonnabend Abend ist das aus dem Erdgeschosse und einem Stockwerke bestehende, 1872 neu gebaute Haus eines hiesigen Fuhrwerksbesitzers zur Hülste eingestürzt, während der anderen Hälfte der Einsturz droht. In dein Erd- geschosse befand sich die Stalluna für die Pferde und darüber die Wohnung des Eigenthümers. Letzterer sowie seine Frau waren zur Zeit der Katastrophe abwesend. Ihre 8 Jahre alte Pflegetochter, die bereits zu Bette lag, ist bei dem Zusammenbruch mit herabgestürzt, jedoch nicht zu Schaden gekommen. Gleichfalls sind die im Erdgeschosse stehenden 8 Pferde, obgleich das eine aus den Trümmern hat hervorgeholt werden müssen, unversehrt. Miihlhrim a. d. Ruhr, 31. März. Zur Ueberfahrt über die Ruhr nach Saarn war vorgestern der Fährkahn mit etwa zwan- zig Personen dicht besetzt, als noch der Apotheker M. mit zwei erwachsenen Töchtern einstieg, nachdem der Fährmann ihm er- klärt hatte, daß die Fahrt trotz der Ueberfüllung gefahrlos sei. Der Kahn wurde durch das Ungeschick eines Knaben vom User mit einem so starken Ruck abgestoßen, daß die zuletzt eingestiegene Familie und ein junger Mann rücklings in die durch heftigen Westwind beunruhigten Wellen stürzten. Dem jungen Manne, dem Apotheker und einer seiner Töchter gelang es, sich zu retten, die andere sank in die Tiefe, ohne daß ihr von den Insassen des Kahnes Hilfe werden konnte. Da sprang der cber den Fluthen entkommene junge Mann ins Wasser zurück, erfaßte die versin- kende Dame und rettete sie. Ohne den Dank des Vaters abzu- warten, entfernte er sich rasch. St. prter»burv, 28. März. In einer wohlthätigcn Anstalt wurden die Abrechnungen des Verwalters dieser Anstalt einer Prüfung unterzogen, welche ergab, daß in der Zlnstalt zum An- zünden der Lampen täglich 168 Zündholzpäckchen verbraucht werden, daß jede Person täglich IVa Eimer Milch trinkt und daß zum Flicken der Kleider täglich Zwirn für 8 Rubel 50 Kopeken aufgeht. Diese Entdeckungen sollen einen Kollegen des Verivalters, der gleich diesem auch auf die Ordnung in einer Staatsanstalt zu sehen hat, beunruhigen, da sich auch in seinen Rechnungen große Seltsamkeiten vorfinden. So gehen bei ihm z. B. 17 Arschin (ungefähr 12 Bieter) Leinwand auf ein jedes Hemd, während seine Pflegebefohlenen aber nur über gestickte Hemden verfügen. London, 30. März. Der Dampfer„Patasi", welcher am Sonnabend in Plyniouth ankam, brachte den Kapitän Johnson und die Bemannung des Dampfers„Eshcol", welcher ans der Reise von Smyrna nach Leith Schiffbruch litt. Der„Eshcol" verließ Smhrna am 3. März und hatte die Meerenge von Gibraltar glücklich passirt, als er am 15. d. M. vom Sturme ersaßt und derart beschädigt wurde. daß sich das Schiff von Stunde zu Stunde ans die Steuerbord- seite neigte. Ein Rettungsboot. war von de» Wellen weggerissen worden. Die Kohlenräume waren mit Wasser gefüllt und das Schiff war, da auch die Maschine den Dienst versagte, rettungslos verloren. Das Schiff trieb gegen das User und so faßte denn der Kapitän den Entschluß, das Schiff zu verlassen, was nicht ohne Schwierigkeit und Gefahr zu bewerkstelligen war. Nichtsdestoweniger gelang es der gesamviten Bemannung das Ufer zu erreichen. Das Schiff zerschellte an den Riffen bei Corunna. London, I. April. Schiffbruch haben gestern nicht weniger als acht Lloyddanipfer gelitten; fünf davon sind gänzlich verloren. Ejne rigrnthiimliche Arbeitsrinstellung droht dem nordische» Essen, der schottischen Industriestadt Newcastle. Dort wollen nicht die Kohlen- oder Eisenarbeiter, sondern die Schutze leute streiken, sosern ihnen nicht eine wöchentliche Zulage von drei Schilling gewährt wird. Ilew-RorK, 18. März. Ter Farmer Badean in Eatskill empfing dieser Tage den Besuch eines sreniden jungen Mannes, welcher Pferde anzukaufen beabsichtigte. Eines Tages gingen Farmer und Fremder plaudernd durch den Wald, als ein Indianer aus dem Gebüsch trat und den beiden Männern in den liefen Gutturaltönen seiner Rasse eine Rede hielt, während er ihnen zugleich einen riesigen Klumpen Gold zeigte. Der junge Fremde erklärte, die Sprache des rothen Kriegers zu verstehen und übersetzte seinen Vortrag in die folgenden Worte:„Gentle- men! Ich bin der berühmte Häuptling Poca Jmahaja von der fernen Crecknation. Diesen Klumpen Gold habe ich in der Erde gefunden und will ihn in New- Pork versilbern. Unterwegs bin ich einigen schlechten Bleich- gesichter» begegnet, welche mir nach dem Leben trachteten, um mich zu berauben. Deshalb verließ ich heimlich den Eisenbahn- zug und setzte meinen Weg zu Fuß fort. Leider habe ich mich verirrt. Ich bitte die weißen Männer, mich auf den rechten Weg zu führen, wenn sie mir aber mein Gold abkaufen mir den Weg nach New-Zork ersparen wollen, so wäre mir's lieber." Ich ver- lange 5500 Dollars." Der alte Farmer machte große Augen. Dieselben vergrößerten sich noch, als der junge Mann die An- ficht aussprach, der Klumpen Gold habe mindestens den doppelten Werth. Kurz entschlossen schabte der Farmer eine kleine Probe von dem Klumpen ab und eilte in Begleitung des jungen Mannes nach dein nahen Kingston, wo sich nach den Angaben des letzteren ein beeidigter Prüfer aushalte» sollte. Der letztere taxirte den Klumpen Gold der Beschreibung nach ans 10 000 Dollars, und der Farmer hatte tum nichts Eiligeres zu thun, als zu dem In- dianer zurückzukehren, dem er den Klumpen für 5000 Dollars ab- kaufte. Die dem Indianer abgehandelten 500 Dollars erhielt der junge Mann für seine Verniittelung. Der fremde junge Mann verschwand nun auf einmal spurlos, und es stellte sich bald heraus, daß sowohl der Indianer als der Goldklumpen unecht seien; der letztere enthielt schlechtes Kupfer, kaum fünf Dollars iverth, der erstere einen tveißhäntigen Schust, dessen indianische Hülle man, an einem Busch hängend, im Wald auffand. Die Polizei glaubt in den beiden Männern die bernchttgten Newyorker Gauner Clay Wilson alias Watson und Frank Martine alias Big Frank erkannt zu haben. Depeltsteu. Mo IL« Telegraphen Kurean.) HZelsenItirchrn, 2. April. Heute Mittag haben die Ar- beiter auf Zeche„Hannover 2" die Arbeit niedergelegt; mehr- fache Verhaftungen sind vorgenommen worden, weil die Streiken- den die anderen Arbeiter mit Gewalt an der'Arbeit verhinderten. Sonstige Ruhestörungen sind nicht vorgekommen. Briefkasten der Redaktion. vel Anfragen dinen islt die Abonnements- Quiltung bttzusügen. Brieflich» Antwort wird nicht»rthetit. «. ZV.. Ktralalauerstr. 43. Wenn Sie eine Todes- anzeige ausgeben, muß doch wenigstens der Name des Verstor- denen angegeben sein. Oder wird derselbe vielleicht erst am Grabe bekannt gemacht? Wenn Sie einen Austrag übernehmen, müssen Sie denselben auch ordentlich ausführen. Geben Sie heute den Namen der Expedition an. Knauf. Ihr Bericht war so klein und undeutlich geschrieben, daß uns eine Entzifferung unmöglich war. Müssen Sie denn stets eine Postkarte benützen? Jupiter L. A. I. Die Eidesmündigkeit tritt mit dem voll- endeten 16. Lcvensjahre ein. 2. Der Lehryerr muß dem Lehrling Zeit zum Besuche der Fortbildungsschule freigeben. F.«. i«|l. Der Anspruch auf Prozeßlosten verjährt in 4 Jahren, die Verjährung wird aber durch zede versuchte Exekution unterbrochen. Im Uebrigen ist wegen Gerichtskosten jede Art der Zwangsvollsireckung, gerade so wie bei de» anderen Forde- rungen zulässig, der Lohnarrest ist aber unstatthaft. ¥ei*sammluns9-WW sammtUcher Arveiter Ver König!. Knnpt- Wervstatt zn Teinpeihof am Dienmtao, den 8. April, Vormittags 10 Uhr, in Habel s Brauerei, Bergmannstraße 5—7. Tagesordnung: I. Vortrag über:„Die Bedeutung des 1. Mai". Ref. Herr Stadtverordneter Otto Klein. 2. Wie stellen sich die Arbeiter hierzu. 3. Diskussion. 4. Verschiedenes.— Pflicht eines jeden Arbeiters ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. Zur Deckung der Unkosten findet eine Tellersammlung statt. 655 Der Einberufer. Oeffentliche Versammlung der Kilpserschmiede Berlins n. llnig. am Donnerotag, de» 3. April, Abends 8 Uhr, Bergstr. 12 bei Kl. Beblita. Tages-Ordnung: 1. Berichterstattung über die zweite gepflogene Verhandlung mit der Meisterkommissio». 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung ist eS Pflicht eines jeden einzelnen Kollegen, zu erscheinen, weil es hier von jedem einzelnen abhätigt. 839 I. A.: R. Seyfarth. Arbeiter- Gesangverein„Hoffnung" in Friedrichsberg ladet Freunde und Genossen zu einem geinüthlichen Fr ühsclt oppen am 1. Osterfeiertage im Ncustädtcr Volksgarien, Proskauerstraße, Ecke Frankfurter Allee, ein. b44 Zentral-Krankeii" u. Sterbekasse der Maler n. s. w. wm~ Filiale SW. 5.-ms Donnerstag, den 3. April, Abends LVa Uhr, bei Flick, Baruthcrstr. 17: Mglitder-VersMillW. 651 Der Vorstand. Achtung. Der Streik in der Knopffabrik von C. H. Röhll dauert tinverändert fort. Zuzug ist strengstens fernzuhalten. 645 Das Komitee. Empfehle mein Lager guter und wohlfeiler Hüte mit Arbeiter-Kontrol- marken 41 Mnoi/» Potsdamer- 577\j. lUUSit, straße 37. ü 8 e m gs n e b* aufgepaßt! Es befinden sich über 100 von mff& ren Kollegen in der Adolph H. Neufeldt'schen Fabrik in Elbing im Streik. Bitte Zuzug fernzuhalten. Achtung! Kupferschmiede! Hebet die Firma Guiremand, Chausseestraße, ist die Sperre verhängt. Bitte die Kollegen, genau daraus zu achten.___ s»08 Filz- und Seidenhüte mit der Arbeiter-Kontrolmarke empfiehlt zu billtgen Preisen 85 Ernst Hunger, Gesundbrunnen, Badstr. 44. Achtung! In folgenden Werkstellen sind unsere Forderungen bewilligt: Noab Gebr., Prinzenstt. 33. Retzlaff, Rüdersdorferstr. 41. Girow& Auerbach, Melchiorstr. 19. Klemme, Koppenstr. 90. Fischer, Köpnickerstr. 20. Desnoye, Charlotlenstr. 93. Hallensieben, Waldemarstr. 34. Karst, Mariannenstr. 21. Goldbach, Köpnickerstr. 70 a. Wendt, Junkersir. 19. Folgende Werkstätten sind g e- sperrt: Mit der Firina Remmert wird zur Zeit verhandelt. Gebauer, Dresdenersir. 79. Jedeck, Scharrnstr. 5. Gumtau& Kross, Sebastianstr. 72. Briese& Co., Landwehrstr. 11. Philipp, Dresdenerstr. 86. Friegci, Oranienftr. 38. Grunewald, Klosterstr. 72. Friese, Mehnerstr. 4. Fiebig, Büschingstr. 26. Luft de Co., Blumenstr. 74. Das Zentral- Bureau befindet sich Dresdenerstr. 116 bei Gründel. Telephon-Anschluß Nr. 578 Amt IXa. Die nächste öffentliche Stockarbeiter- Versanimlung findet am 8. April, Abends 6 Uhr, im Königstadt-Kasino, Holzinarktstr. 72, statt. 659 Pilz- und C:i:l8nhüte 1(nur mit Arbeiter• Kontrolmarko)! neuester Fa?ons in großer Auswahll | empfiehlt zu billigen Preisen OaH Raetti« 1 1714 H u t m a ch e r. FehrbelÜnerstr. 88, park, links. (vis-ä-vis der Apotheke). CoM-Marken-Mt, ganz besonders meine selbst fabrizirten Eylinderhüte, empfiehlt z. soliden Preisen Hermann Haase, Invalidenstr. 129. 221 hüte mit Kontrsü-Mlirkell! 654 C. Schtwanikow, N., Jnvalidenstraße Nr. 21. Fr. ßragert, 5 u. 13 Zionskirchplatz 5 u. 13. Magazin für SlUlsivii'thjAitsgegWnijt, als: Kochgrj'chirrr, Solinger Stahl- waarrn, sowie verschiedene Solz- waaren. 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Die Beer- digung findet am Charfreitag, Nach- mittags 4 Uhr. von der Leichenhalle des Thomaskirchhofs aus statt. Um stilles Beileid bitten 652 Die Hinterbliebenen. Todes-Anzeigc. Allen Kolleginnen und Kollegen die traurige Nachricht, daß unser alter Kollege Christian Essmann nach kurzem Krankenlager im 77. Lebensjahre sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet am Freitag, den 4. März er., Nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhause, Neue KLnigstr. 91, aus statt. Um recht rege Betheiligung ersuchen 653 Die Zigarrenarbeiter der Fabrik Ponach. Allen seinen Freunden und Kollegen die traurige Nachricht, daß mein Mann, der Stuckateur Schwarzlot* am 31. März gestorben ist.— Tie Beerdi- gung findet am 4. April, Nachmittags 2 Uhr, vom Neuen Zwölfapostelkirch- Hof in Schöneberg aus statt. Um stille Theilnahme bittet 647 Wittwc Schwarzlot*. Mein Zahn Atelier befindet sich jetzt Königgrätzerstrasse 65, Hof parterre. 636 jlliisch-UIelier, tüchtige junge Leute, erhalten gleich Arbeit bei 647 Nicolai Fogtmann, Nörrebrogade 212, Kopenhagen L. Holzbildhauerlehrling verlgt. Wiesenbach, Grünaucrstraße 13, 1. Einpacker für Goldleistcn verl. A. Werkmeister, Schmidstr. 8a. 656 Ein Modelltischler findet dauernde Beschäftigung außerm Hause. 657 C. Zender, Alte Jakobstraße 18/19. Hutmacherlehrling verlangt Music. Polsdamersttaße 37. 576 Verantwortlicher Redakteur: Eurt faek* in Berlin. Druck und Verlag von Kla» Kadiug in Berlin 8W.. Beuthstraß» 2. Ur. 79. Dmmrrstag, de» 3. April 1890. 7. Jahrg. Loknles. lieber Zpe»ial-Krani:e«hä«s'er hielt am Montag Abend Geh. Rath Professor Dr. Leyden in der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege einen Vortrag. Die Entivickelung der Krankenhauser hat. besonders in Berlin, während der letzte» 20 Jahre große Fortschritte gemacht, die wir der Hygiene ver- tanken. Vor einigen Jahrzehnten begann man die Dheilung der Krankenhäuser in Pavillons. Gute Luft, sagte man, sei das erste Erforderniß eines Hospitals. Die Lust kann jedoch nie als Heil- mittel, sondern nur als Unterstützungsmittel gelten. So wichtig die hygienischen Verhältnisse sind, so kommt man doch nicht in ein Krankenhaus, um sich vor anderen Patienten zu schützen, son- dscn um gesund zu werden, und deshalb sind die Aerzte der wichtigste Theil des Hospitals; sie sind, wie kürzlich ein bekannter Mediziner sagte, die„Strategen gegen die Krank- heit"; das Ansehen des Hospital ist von seinen Leistungen abhängig. Der Redner bemerkt sodann, daß in den meisten Ländern, und namentlich in unseren Krankenhäusern, auf einen Arzt und seine Assistenten etwa 50 zu behandelnde Patienten kommen. Der Arzt muß aber vor allen Dingen Zeit haben, sich intensiv mit den Kranken zu beschäftigen und das ist unter den heutigen Verhältnissen nicht möglich. Prof. Leyden hält es ferner für zweckinäßig, wenn der Hospitalarzt, wie in anderen Ländern, auch privatim praktizirt; die Erfahrungen außerhalb und inner- bald des Krankenhauses ergänzen sich gegenseitig. Auch über Krankenpflegerinnen, Krankenkost und über das Serviren äußerte sich der Vortraqende, um dann auf die Frage des„Komforts" in den Hospitälern genauer einzugehen. Erst vor Kurzem hat Villroth in einer Broschüre seine Ansicht darüber ausgesprochen. Prof. Leyden nimmt hier einen anderen Standpunkt ein und meint zunächst, daß sich gewisse Grade des„Komforts" für die einzelnen Kranken nicht aufstellen lassen, er sei etwas Subjektives. Alles, was im Stande ist, dein Patienten seinen Zustand zu er- leichtern, nennen wir„Komfort". Ter Kranke wird durch sein Leiden so empfindlich, so erregbar, daß er nicht im Stande ist, die kleinsten Entbehrungen zu er- tragen. Ter„Komfort", den wir ihm angedeihen lassen, stählt seine Geduld und ist dadurch eine Unterstützung des Erfolges der ärztlichen Behandlung. Unsere Krankenhäuser lassen in Bezug auf den Komfort noch viel zu wünschen übrig. Die Zimmer sind nieist überfüllt mit Kranken, wodurch die schwer Leidenden gestört werden; vielfach giebt es keine Jsolirung der Betten bei einein Todesfall. In anderen Ländern, namentlich in England herrscht größerer„Komfort" als bei unS. Die erfolgreichste Behandlung eines Kranken ist nicht von den großen allgemeinen Krankenhäusern zu erwarten; das Höchste>md Beste kann nur in einenl kleineren Krankenweseu erreicht werden. Deshalb hat man auch bei uns in neuerer Zeit mit der Einrichtung der verschic- denkten Spezialkrankenhätiser begonnen. Der Verein für innere Medizin hat nun, einer Anregung der Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege folgend, die Aerzte für eine Frage zu inter- essiren gesucht, die, der Humanität würdig, sich anschließt an die sozialen Bestrebungen der neueren Zeit: Die Er- richtuug von Sanatorien für Lungenkranke. Die große Zahl der in Berlin vorhandenen Patienten dieser Art— etwa 24 000!— macht die Ausgabe zu einer wichtigen; die Gefahr, welche den Vetheiligten droht, ist nicht geringer für das übrige Publikum, dem man die Worte zurufen kann:„Kuno tua res agitur, paries cum proximus ardet!" Wenn man aber bedenkt, daß die Ein- richtung von solchen Heilstätten gerade den minder begüterten Klassen der Bevölkerung zu Gute kommen soll, so tritt die Ver- dienftlichkeit des Werkes besonders hervor. Leute aus dem Mittel- stände, welche durch ihre Arbeit eine kleine Summe zusammen- gespart haben und veranlaßt werden, ein- oder zweimal in einem entfernt gelegenen Orte eine Kur durchzumachen, gehen nach Be- endigung derselben fast völlig dem Ruin entgegen; ihre Er- werbsfähigkeit ist durch die lange dauernde Krankheit bedeutend geringer geworden, und noch dazu ihrer Mittel entblößt, können sie nur selten die frühere Thätigkeit aufnehmen. Durch Er- richtung von Sanatorien innerhalb des Landes wird solchen Kranken gedient und den Gesunden ein Schutz vor weiterer Ver- breitung der Krankheit geleistet. UatioirnUiberal-freisinnige Bruderschaft. Tie„Köln. Ztg." spricht von dem Bruderzwist der liberalen Parteien, welcher aufhören müsse. Vor einigen Tagen erklärte das Organ des Herrn Eugen Richter es für eine vom„Verl. Volksbl." erfundene Unwahrheit, daß die„Kölnische Zeitung" ebenso die Polemik gegen die Teutschsrcisinnigen eingestellt habe, wie frei- sinnige Blätter die Polemik gegen die Nationalliberalen. Jetzt führt die„Freis. Ztg." selbst die erwähnten Worte des national- liberalen Blattes über die Beilegung dcS Bruderzwistes an. Sic ruft dazu verwundert„Ei, ei!" Sollte die„Freis. Ztg." wirklich so spät merken, was vorgeht? Am 1. April sind dav Knrra« und die Wache des 20. Polizeireviers von der Luckaucrstr. 7 nach Luisenuser Nr. 11; die Bezirkswache I vom Hausvoigteiplatz Nr. 14 nach Unterwasserstraße 7; das Bureau und die Wache des 33. Polizeireviers von der Sigismundstraße Nr. 7 nach der Königin Angustastraße 36; das Bureau und die Wache des 37. Polizeireviers, sowie die Be- zirkswache VI von der Königgrätzerstraßc Nr. 5 nach der Mohren- straße Nr. 53; das Bureau und die Wache des 60. Polizeireviers von der Brunnenstraße Nr. 104 nach der Brunnenstraße Nr. 00, und das Bureau der I. Polizei-Hauptmannschast von der Kaiser Wilhelmstraße Nr. 27 nach der Georgcnstraße 46a verlegt worden. Ein» daniirnswrrtl'o postalische|te»rrung ist mit dem vorgestrigen Tage eingeführt worden. Während früher auf dem Älnsgabestempel des Bestellpostamtes nur die Nummer des letzteren, das Datum und die Bestcllzeit, letztere durch eine römische Ziffer, angegeben war(z. B. 42-31.3.90-1.) eine Kombination, die manchem gewiß unverständlich war und den mit den Bestellzeiten nicht Vertrauten über die oft wichtige Abtragezeil im Unklaren ließ, zeigt jetzt der Bestellzettel in klarer Schrift und nicht miß- zuverstchender Deutlichkeit z. B. die Auskunft: Bestellt vom PqW amte 42-1.4.'J0*7J/i-81/eV*. Ilm vrrlfachr» n»lirl>samrir Uerwechselung eirund Weiterungen für die Zukunft vorzubeugen, haben die GebMde des Kriminalgerichts zu Moabit eine anderweitige, d. h/metrennte Nummerirung erhalten. Während bisher der gesammte Gebäude- komplex die Bezeichnung Alt-Moabit 11/12 trug, hat jetzt daS eigentliche Gerichtsgebäuve die Nummer Alt-Moabit 11, das daran stoßende Beamten-Wohnhaus die Nr. 12 und das Ge- sängnißgebäude die Nr. 12a erhalten. Astronomische» vom Monat April. Wir lesen im „Bert. Tgbl.": Unaushaltsam rollt das Rad der Zeit. Zwölf Tage sind es bereits, baß wir aus der frühen Zeit des Winters herausgetreten sind, die unS allerdings diesmal die gütige Mutter Natur erträglicher gemacht hat, als wir erwarten konnten. Der Ostervollniond hat geschienen; und wir rüsten uns nun dem Feste entgegen, in dem das ewige Frühlingssehncn und die Lenzes- Hoffnung der Menschheit ihre schöne Verkörperung� finden. Und es ist, als wollte die Natur auch früher denn sonst;und reicher als sonst ihr Feierkleid anlegen. Welch ein' Knospen, Schwellen und zarteZ Grün schon überall. Ter fast immer klare Hiuunel läßt die Wärme der nun schon lange Zeit über dem Horizont weilenden Sonne so recht zur Geltung kommen. Und die Sonne steht ja jetzt in der That schon früh auf. Am 1. April beginnt der Tag um 5 Uhr 37 Min. und die Sonne geht zur Rüste um 6 Uhr 32 Min. Am Ende des Monats dauert der Tag schon 14 Stunden 40 Min., nämlich von 4 Uhr 33 Min. bis 7 Uhr 22 Min. Am Abendhimmel flammt in seiner ganzen Schöne der Stern der Liebe, der Planet Venus. Dieser Planet ist rechtläufig im Sternbilde der Fische ans seiner Wanderung nach demjenigen des Widders. Im Anfange des Monats geht die Venus schon bald nach 71/2 Uhr Abends unter, kann dagegen am Ende des Monats bis nach 0 Uhr Abends wahrgenommen wer- den. Ter Planet steht hoch am Westhimmel. Der kleine Merkur, der so interessant geworden ist durch die Entdeckung, die man in Bezug auf das Vcrhältniß seiner Umlaufszcit zu der Dauer seiner Arendrehung gemacht hat, wird nur gegen Ende des Monats nach Sonnenuntergang am westlichen Firmamente sichtbar sein. Auch er ist rechtläufig in Bewegung begriffen aus dein Sternbild der Fische nach demjenigen des Widders hin. Der Planet Mars geht im Anfange des Monats kurz vor Mitternacht, später schon bald nach 10 Uhr Abends auf. Er steht dann etiva im Südosten. Mars befindet sich in rechtläusiger Beivegung im Sternbilde des Skorpions. Er wird am 9. April in Konjunktion mit dem Monde sein und von diesem bedeckt werden, aber zu einer Zeit, während welcher die Erscheinung bei uns nicht beobachtet werden kann. Bei seinem Erscheinen an jenein Abend wird Mars dem Monde aber inuner noch sehr nahe, nämlich nur etwa IV: Mondbreiten von jenem entfernt sein. Ferner zieht, von seinen Trabanten umgeben, der König der Planeten, der gewaltige Jupiter, seine Straße im Sternbilde des Steinbocks und in rechtläufiger Richtung. Er kommt im Anfang des Monats nur kurze Zeit hervor, da er dann etwa um tzW Uhr Morgens aufgeht. Gegen Ende des Monats wird er, vor 2 Uhr früh aufgehend, schon etwas länger am Morgenhimmel, im Südosten, zu sehen fein. Er kommt am letzten Tage des Monats in Quadratur zur Sonne. Der bleiche Saturn ist in rückläufiger Bewegung begriffen, durch das Stern- bild des Löwen. Ter Planet steht über dein Hauptstern Regulus der genannten Konfiguration. Er geht an: Morgenhimmel erst unter, etwa im Nordwesten, und zwar im Anfang des Monats um 4Vs Uhr früh, gegen Ende etwa um 2% Uhr früh. Am 1. und am 28. April ist er in Konjunktion mit dem Monde. Uranus, in rückläufiger Richtung sich durch daS Sternbild der Jungfrau bewegend, ist die ganze Nacht hindurch am Himmel. Er geht an- fangs gleich nach 71/2 Uhr Abends auf und ist dann im Südosten zu suchen. Später erscheint er in ungefähr gleicher Himmelsgegend schon zwei Stunden früher über dem Horizont. Neptun ist in den Abendstunden aiu südwestlichen Himmel im Sternbilde des Stiers zu finden. Er ist in diesem Sternbilds in rechtläusiger Bewegung und geht anfangs bald nach 11 Uhr, später nach 9V4 Uhr Abends unter. Groß ist die Pracht des Fixsternhimmels in diesem Monat. In den früheren Nachtstunden steht hoch im Süden das Stern- bild der Zwillinge, mit den Hauptsternen Castor und Pollux. Von diesen aus- nach Westen der Orion, an den einst der ver- bannte Ovid seine Klagen gerichtet. Rechts voni Orion stehen der große Hund mit dem Sirius und der kleine Hund mit dem Procyon. Links vom Orion haben wir das Sternbild des Stiers. Links an die Zwillinge schließt sich dasjenige des Löwen an. Die höheren Theile des Firmaments werden von den beiden Bären, Cassiopeja, Drache, Perscus und anderen bekannten Konfigurationen eingenommen. Als besondere Erscheinung ist hervorzuheben die Bedeckung eines Fixsterns durch den Mond. Es handelt sich hier um den Stern Zeta' im Sternbild der Waage. Die Bedeckung findet am 8. April statt und dauert von 3 Uhr 53 Min. bis 4 Uhr 31 Min. früh. Sie ereignet sich U/s Stunden nach dem Meridiandurchgang des Mondes bei dessen oberer Kul- mination. Der Eintritt wird also bequem zu beobachten sein. Sternschnuppenschwärnie von ausgeprägtem Systemcharaktcr wer- den nicht vorkommen. Dagegen sind einzelne Sternschnuppen im April häufig. Giue Sprihe ans Papiernrachö ist bei der 1. Kompagnie im Depot Keibelstraße, als»Spritze Nr. 1 eingestellt worden. Selbstverständlich ist nur der eigentliche Wagen aus dieser Masse hergestellt, aber dafür besteht auch jeder Theil, Kaste», Räder, Deichselstange u. s. w. aus Papier. Bei einer dem Holz gleichen Dauerhaftigkeit und Widerstandsfähigkeit ist der Spritze ein viel leichteres Gewicht als den anderen ähnlichen Wagen gegeben. CS ist dies ein Vortheil der von höchster Bedeutung gerade bei einem derartigen Fahrzeug ist, bei ivelcheni das schneUe und rechtzeitige Eintreffen am Orte der Gefahr eine so große Wichtigkeit hat. Daß nun ein leichterer Wagen auch schneller fortbewegt wird, bedarf wohl keiner weitereu Ausführungen. Außer dieser Ver- schiedenhcit des Herstellungsmaterials zeigt diese Spritze noch eine andere wesentliche Veränderung. Das Fahrzeug hat nämlich einen Kutschcrbock erhalten und wird von diesem aus gelenkt, während die anderen Spritzen bekanntlich so geleitet werden, daß das Sattelpserd geritten wird. Es wird beabsichtigt, die reitenden Wagenführer überhaupt abzn- schaffen und sämmtliche Spritzen gleich den Mannschaftswagen vom Bock aus zu lenken. Die Veranlassung zu dieser bcabsich- tigten Umänderung haben mehrere Unglücksfälle gegeben, bei denen auf dem schlüpfrigen Asphalt das Sattelpserd gestürzt war und seinen Reiter unter sich begraben hatte. Ferner soll das Stehen der Mannschaften auf den Trittbretter» abgeschafft wer- den, eine Maßregel, welcher die Feuerivehrleute selbst keine großen Sympathien entgegenbringen, da sie der Zlnsicht sind, daß dadurch dem forschen und feschen Aussehen der dahinsaufenden Spritze Abbruch geschehen wird. Nicht unerwähnt wollen wir bei dieser Gelegenheit die dem großen Publikum gewiß unbekannte That- fache lassen, daß die Pappe als Wagenmaterial in Berlin schon längst inMnwendnng ist. Die Seitenwände bei den Wagen der Groß�Pferdeeisenbahn sind ebenso wie bei den geschmackvollen GiMrten der Neuen Omnibus-Gesellschaft aus Pappe, allerdings �Mer Pappe, die nicht von Pappe ist. Polichinello unter sich. Tom Bölling, der bekannte„Aujust" des Zirkus, sieht sich gcnöthigt, sein Erfinderrecht mit der Feder zu vcrtheidigen. Jüngst hatte Signor Saltarino in einem Auf- satz:„Zur Naturgeschichte der Klowns,, Folgendes betreffs der Figur deS Aujust behauptet:„Diese komische Zirkusfigur hat sogar schon ihren Homer gefunden, der den Aujust besang, aber leider nur den bekannten Aujnst des Zirkus Renz, Tom Belling, der heute bei Eduard Wulff engagirt ist. Der betreffende Schrift- steller, der die Thate» und Abenteuer Tom Belling's erzählt, giebt diesen als Erfinder dieser Figur ans und beschreibt ihre Eni- stehung in interessanter Weise. Nur schade, daß es nicht wahr ist, denn der Erste welcher die Figur des Aujust in die Manege brachte, war nicht Tom Belling, sondern der englische Klown Chladwig, der ini August vorigen Jahres in Paris starb, wo er im Hippodrom lange' vor Belling den Aujust machte. Letzterer wurde Ende der sechziger Jahre von Franconi in Paris als Springklown engagirt und brachte von da den Aujust zu Renz nach Berlin. Nichts desto weniger muß anerkannt werden, daß Tom Belling der beste Aujust seiner Zeit war."„So schmeichel- Haft dieser letzte Satz für mich auch sein mag," erividert darauf Herr Belling,„so kann ich doch die Behauptung, daß irgend Jemand vor mir als„Aujust" ausgetreten sei, nicht unwidersprochen lassen, da sie eben so unrichtig ist, wie sie nur, falls sie ungehinderi weiter verbreitet würde, sehr bedeutenden geschäftlichen Nachtheil verursachen könnte. Ich erkläre deshalb hiermit ausdrücklich und bin in der Lage, dies durch Zeugen zu beweisen, daß ich absolut der erste„Original-Aujusi" bin und daß alle anderen Künstler, welche in dieser Rolle auftraten, mich lediglich kopirt haben. Der vom Signor Saltarino aufgeführte Cloivn Chladivig ist nie vor mir oder in Paris als„Aujust", sondern lediglich als Clown mit bunt gemaltem Gesicht aufgetreten."_„ � Ei»„Apritsichev;" hat vorgestern angeblich zu dem„Selbst- Mordversuch" einer jungen Frau geführt. Eine hiesige Korre- spondenz will darüber folgendes erfahren haben: In der Jnva- lidenstraße wohnt der erst seit Kurzem mit der Tochter eines hiesigen Bäckermeisters verheirathcte Buchhalter einer Maschinen- fabrik, Herr B.; die junge Frau scheint recht eisersüchtiger Natur zu sein, und B. wurde deshalb oftmals am Stammtisch gehänselt. Ein guter Freund gab dem jungen Ehegatten den Rath, seiner Frau doch diese unangenehme Leidenschaft auszutreiben; mit seiner Beihilfe verfaßte B. einen an sich selbst gerichteten Liebesbrief, den er gestern Mittag beim Fortgehen aus seiner Wohnung unweit des Küchenfensters„verlor". Abends nach dem Essen verließ B. gegen seine Gewohnheit die Behausung und begab sich in der Erwartung, daß ihm die junge eifersüchtige Frau folgen werde, nach dem Oranienburger Thor, um sie dort in Gegenwart seines dahin bestellten Freundes und Rathgebers ordentlich auszulachen. Es verging aber eine halbe Stunde, eine Stunde— die Eifersüchtige erschien nicht, und nun zog es der junge Ehemann doch vor, ärgerlich über den verunglückten Aprilscherz nach Hause zurückzukehren: er erschrak aber, als er vor seiner Wohnungsthür eine'Anzahl Nachbarinnen stehen fand, welche ihm jammernd erzählten, daß die junge Frau sich vergiftet habe. Und so war es in der That, der Aprilscherz hatte gewirkt, anders aber, als es beabsichtigt war; die Leiden- schaftliche halte den Brief, der recht schwülstige an ihren Mann gerichtete Liebesbetheuerungen enthielt, gesunden und in ihrer Verzweiflung zu sterben beschlossen. Sie hatte eine Anzahl PhoSphor-Streichhölzerkuppeu in einer Tasse Kaffee aufgelöst und den Inhalt getrunken, dann aber, als das Gift zu wirken begonnen, jämnierlich um Hilfe geschrien. Zwei sofort geholten Aerzten gelang es. durch Anwendung von Gegenmitteln die erste Gefahr abzuwenden, doch mußte die junge Selbstmordkandidatin trotzdem nach einem nahebelegenen Krankenhause geschafft werden, wo es längere Zeit dauern dürfte, ehe sie die Folgen ves„Aprilscherzes" überwunden haben wird. Die gegenwärtige Laichzeit der Fische treibt diese bei hohem Wasserstande aus den fließenden Gewässern weg in ruhige und seichte Theile desselben, wo sie an den auf den Boden be- findlichcu Gewächsen und Reisern den Laich absetzen. Hierbei über- winden die Thier« mit großer Kühnheit ihnen entgegenstehende Hindernisse. So kann man gegenwärtig an dem Wehr beim Schlcsischen Busch vielfach in dem bewegten Wasser Hechte von beträchtlicher Größe bemerken, die sich dort, aus der Spree kommend, ansammeln. Mit Beginn der Dunkelheit schnellen die Thiere dann mit kräftigem Sprunge aus dem Wasser in die Höhe und über das Wehr, wo sie dann in das ruhige Wasser des Kanals und seiner schilsbewachsenen Ufer gelangen. Don dc» Fluthrn der Havel ist am Sonntag bei Pichels- werder die Leiche eines Soldaten an's Ufer gespült worden. Der Todtc gehörte der 10. Kompagnie des 4. Garde-Regiments z. F. an und hieß von der Gaden. Der Mann hatte sich ,vor mehreren Wochen aus unermitteltem Motiv von der Charlottenbrücke in die Havel gestürzt. Einem Wahnsinnoauobruch fiel eine junge Dame während eines Fnmilienabends des christlichen Vereins junger Männer im Vereinslokale.f Oranienstr. 106, am Sonntag Abend zum Opfer. Bereits zwei Stunden hatte die zahlreich besuchte Versammlung gedauert und nicht eine Spur von Geistesabwesenheit hatte die Bedauernswerthe gezeigt, im Gegentheil, sie war den Vorträgen mit Slufmerksanckeit gefolgt. Plötzlich fing sie laut zu sprechen an, so daß die Umstehenden auftnerksam wurden. Sie hielt sich für Napeleon und rief:„Ja, was ich alles bin, seid Ihr Alle zusammen nicht!" Alan brachte sie nun aus dem Saale und ihre aus's Tiefste erschütterte Schivester versuchte sie zu be- ruhigen, doch vergeblich. Sie riß sich plötzlich los und lief aus die Straße. Zwei Herren und die Schivester eilten hinter- her. Sie wurde eingeholt, jedoch zeigten sich nun Zeichen von Tobsucht. Es kam zu einem Auflauf, ein Schutzmann kam herbei und besorgte sofort eine Droschke, während es gelang, die Unglückliche nach dem Lokal zurück zu führen. Die fixe Idee ihrer Berühmtheit befestigte sich immer mehr. Sie schrie jeden Herrn an, er solle den Hut abnehineii.„Hut rechts ab, Hut ab!" tönte ihre gellende Stimme. Man willfahrte ihrem Begehr, um sie zu beruhigen. Selbst der Schutzmann entblößte einmal seinen Kopf. Dann koniinandirte sie, in der Meinung, ein General zu sein, mit lauter Stimme:„Richt' Euch, vorwärts marsch!" Als die Droschke kam» wurde die Wahnsinnige rasch hincingehoben. Sie ließ ruhig dies geschehen und befahl dem Kutscher, noch nach der Naunynstr. 66 zu fahren. Ihre Begleitung, bestehend aus ihrer weinenden Schwester und dem Schutzmann, stieg gleichfalls ein, und fort rollte das Gefährt nach Bethanien. Am erste» Enge der Gstrrsirhseit vollzog sich der Wohnungswechsel im'Allgemeinen ruhiger und weniger auffällig als sonst. Man schätzt die Zahl der diesmaligen Ilmzüge nur aus die Hälfte derjenigen � von Ostern v. I. Zum großen Theil sind diesmal Wohnungen in neu erbauten Häusern bezogen worden, wohin der llinzug meist schon in den letzlen 14 Tagen bewerkstelligt wurde. In älteren Häusern sind viele größere Quartiere leer geblieben. Einigermaßen bedeutend war vorgestern der Umzug in der 5tönig- und Louiseuftadt, während die Straßen der Friedrich- stadt und der Südvorstädte nur verhältnißmäßig wenig Möbel- fuhren sehen ließen._ Die erste» blühende» Kirschbäume in der nächsten Nähe Berlins zeigen sich, wie alljährlich, in den Gärten, welche um das Moabiter Zellengefängniß herum, hauptsächlich aber an der In- validenstraße liege». Diese Gärten, die den Beamten der Straf- anstatt zur Benutzung überwiesen sind, liegen theils so tief unter dem Niveau der Straße, daß die Kronen der Bäume kaum über dasselbe hervorragen, theils sind sie durch die hohen UmsassungS- mauern des Gefängnisses vor den kalten Nord- und Ostwinden geschützt, während die Sonnenstrahlen während des ganzen Tages ungehindert hinein leuchten. Unter diesen günstigen Verhältnissen sind am Mittwoch früh die ersten Bäume zur Blüthe gelangt und entzücken mit ihrem schneeigen Weiß alle Passanten der In- validenstraße. Dir Wiikrrung des Mouat« März nahm einen ganz absonderlichen Verlauf. Im Anschluß an die letzten kalten Febrnartage waren die ersten fünf Tage des März sehr rauh und unfreundlich. Der 1. war sogar der kälteste Tag des ganzen WinterS, was allerdings an sich noch nicht viel besagen will, da der verflossene Winter sich durch ungewöhnliche Milbe auszeich- nete. Immerhin lag die Temperatur der ersten fünf Monatstage 6—8 Grad unter der normalen. Am 5. trat Schneewetter ein, tucfrbäm schon vorher der Wind noch Westen herumgegangen und daÄ Laroineler ungemein rasch gesallen mar. Es solglen einige Tage mil sogenanntem Ichlackenwciter. während deren die Schnee- decke, die Nein betragen hatte, abschmolz. Vom II. ab wurde es recht warm, und nun folgte eine nahezu drei Wochen andauernde Periode schönen Fruhlingsmetters, wie wir sie lange nicht gehabt haben. ÄiciH hatte sich in den letzten Jahren so sehr an die kalten Märzinonate und an den späten Eintritt des Frühlings gewöhnen müsse», dast man diese schöne Zeit doppelt'angenehm fand. Jeder Tag war bis zum HO. mindestens um 3,9 Gr. zu waroi, und au einzelnen Tagen stieg die Temperatur ans eine sür diese Jahreszeit ganz ungewöhnliche Höhe. Der IS., 10., 20. und 29. waren»och niemals seit Veginn regelmäßiger Beobach- langen i 1848) so warm, wie in diesem Jahre, und der 29. war mit Ist.S Gr. Mrtcltempcratur überhaupt der wärniste Taa, den wir seit dieser Zeit jemals ini März gehabt haben. Dieser Tag war so warm, ims unter normalen Verhältnissen der 15. Juni sein muß. Am 80. trat ein empfindlicher Rüciscklag ein, derart, daß die MittagStemperatiir um sast 8 Gr., die Äbeudtemperatur um 8,5 und die Tagestemperatur um 6,6 Gr. unter der des 29. l.tg, und der 31. war wiederum noch um 4,0 Gr. kälter als der 30., so daß seine Mitteltemperatur hinter der nor- malen zuruckbiieb. Mir diesem jähen Rückschlag faiiden die ungewöhnlichen Temperaturverhälknisse des März einen entsprechenden Abschluß. Die Begeration lvar am Monotsschlnfse sehr vorgeschritten und im Vergleich zum vorigen Jahre um nahezu 3 Wochen voraus. Im Einzelnen war das Ergebniß der i>_ dieser Zeitung mitgetheilten meteorologischen Beodachtungen aus der Station im ZW. das folgende: Ter mittlere Barometer- stand betrug 754,0 Mm. d. i. 2,5 Mm. weniger, als sür den März normal ist. Die Schwankungen waren besonders in der ersten Monatshälst« nicht unbedeutend; die Periode schönen JruhlingS, vetiers zeichnete sich bis gegen Schluß durch gleich- mäßig niedrigen Barouietersrand aus. Die größte Höhe erreichte das Barometer am 4. mit 767,0 Mm., während daS Minimum nur 8 Tage später, auf den 6., mit 741,0 Mm. fiel. Das Thermometer zeigte im Monatsdurchschnitt Morgens um 7 Uhr 3,4 Gr.(normal sind 1,6 Gr.), Mittags 2 Uhr 9,1 Gr. (ilyrmal 5,4 Gr.), Abends 9 Uhr 6,5 Gr.(3,3 Gr.) Es orgiebt sich hieraus eine mittlere Monatstemperatur von 6,3 Gr., während nach 40jährigen Beobachtungen dem März eine Temperatur von 3,5 Gr. zukommt. Der Monat war also um 2,8 Gr. zu warm. Diese Differenz erscheint gering, wenn man an die ganz abnorme Wärme der meisten Tage denkt, sie wird aber beeinstuße durch die fünf ersten so sehr kattcn Tage, welche die Monatstemperatur um ungefähr 1,5 Gr. herabdrücken. Durchforscht man die früheren Jahre, so findet man, daß folgende Jahre seil 1719 einen noch wärmeren März hatten: 1750, 1751, 1766, 1757, 1761, 1765, 1779, 1780, 1794, 1882, 1836, 1846, 1839, 1871 und 1882. Ter wärmste März war 1750 mit 8.1 Gr. Mittelwärme. Das Jahr 1948, in welchem die„März- tage" besonders warm waren, befindet sich also nicht unter den Jahren, deren Märzmonat eine höhere Müteltcmperatur hatte, als das gegenwärtige Jahr. Der wärmste Tag war, wie bemerkt, der 29. mit 16,8 Gr. Mitteltempcratnr, der i.iltesto der 1. mit— 6,1 Gr. Die Differenz zwischen beiden Tagen beträgt also nicht weniger als 22,9 Gr. Die absoluten Extreme, die ans dieselben Tage fallen, liegen mit— 11,5 Grad und 22,3 Gr. um 33,8 Gr. auseinander; die Erdboden- Temperatur differirte sogar um 43,4 Gr.(— 18,2 und 25,2 Gr.). 23 Tage waren zu warm(der 19. und 29. um 10,9 Gr.!), 8 zu 'alt. Eistage, an denen die Temperatur unter 0 Grad blieb, kamen 5(.die fünf ersten Monatstage), Frostlage, an denen die Temperatur unter 0 Qlr. sank, 7 vor. J,n Gegensah dazu ver- dienen die Tage vom 26. bis 89, genannt zu werden, in deren viertägigem Verlaus das Thermometer nie unter 8 Grad sank. Die niedrigste Nachttemperatur zwischen dem 27. und 28. betrug — was j», März»och niemals dagewesen sein dürste— 11,4 Gr., und am 29., Abends 9 Uhr, zeigte das Thennonieter noch 18,4 Grad, um dann allerdings bis zum Morgen auf 7,2 Grad zu sinken. Der Wind welue vorherrschend ans Südwest(23 Be- obachtnnge.i) und West(32); demnächst aus Südost(18), Nordwest(11) und Süd(9). Die Stärke des Windes war ziem- lich bedeutend; sie bewirkte, daß man oft der Wärme sich weniger bewußt ivurde. Im Monatsmittel wurde die Ziffer 8,1(Mittags sogar 8,6) der zwölstheiligen Skala erreicht, doch war 6(am 30.) Der höchste Stürkegrad. Die Bsivötkung betrug, wenn 0 ganz Ijritw und 10 ganz bedeckt bedeutet. 6.3. was gerade normal ist. 4 Tage waren heiter, 11 trübe; die übrigen hatten gemischte Bs- »oöllung. Die relative Feuchtigkeit war mit 70 pEr. ebenfalls »ahczn normal. Sie schwankte zwischen 98 und 87 pCt.; der so hatte nm 0 Uhr r" r- ungemein warme 29. Abends nur 41 pCt. Die Zahl der Tage mit meßbarem Niederschlag blieb mit 10«m_ hinter der normalen zurück: die Höhe der Niederschläge erreicht mit 20,2 Mm. noch nicht die Halste der dem März zukommenden (42 Mm.). Aus die Tage vom 5.-8. entfallen allein 15,0 Mm., >o daß der übrige Monat ungemein trocken warst Schnee siel an drei Tagen. Reif wurde zwei Mal, Nebel st'inr Mal beobachtet. _ k?rr!i»ev Ajh!-Ueveiu für Obdachlos». Im verflossenen Monat März er. nächtigten im Männer-Asnl 92u6 Personen. davon badeten 2607 Personen, im Frauen-Asyl 1286 Personen, davon badeten 95 Personen. Polizeivericht. Am 1. d. M. Morgens wurde ein Mann auf dem Ererzierplatz hinter der Ulanenkaserne und Nachmittags ein Mann in dem Keller eines Hauses in der Petristraße erhängt vorgefunden.— In der Stacht zum 2. ds. Mts. fiel ein Kutscher vor dem Hause Linienftrapg Nr. 230 von dem von ihm geiührten Viehwagen herab und erlitt eine stark blutende Kopfverletzung.— Am l.d. M. Abends fanden in der Steinmetzstr. 4 und Elisabeth- ufer 52 kleinere Brände statt. Geriihks-Äetkunü. Die am Mgukag wegen schwerer Kuppelei zu 1 Jahr 3 Monaten Zuchthaus verurtheilte Frau Oberamtmann Heuser hat sich bei dem Erkenntniß bernhigi. Sie hat gestern in Moabit von ihren 5iindern Abschied genommen und wird ihre Strafe sofort antreten. Einem Gerüchte infvige. welches wir auch nur als solche? verzeichnen, ohne eine Gewähr sür die Richtigkeit zu übeenehmen, soll der jugendliche Mörder E a r l s b u r g, welcher am 2. De- zembcr die Withve Steht ermordete und doshatb am 14. Januar vom Schwurgericht zum Tod« vernrtheUt wurde, vom.Kaiser zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt worden sein. Eil* Sohn des„äußersten Westens der Marokkaner Bagi H a m e d. welcher sich seil Monatsfrist in Unters chungk- hafl befindet, weil er das ausgeführt hat, was in der Berliner Verbrecherwelt eine„Klauensahrk" genannt wird, stand gestern wegen Diebstahls vor der X. Strafkammer hiesigen Landgerichts I. Der in Mogador geborene Angeklagte ist ein hübscher, 20 Jahre alter Bursche von schönem, schlankem Körperba», aus dessen wenig angedunkeltem Gesicht zwei verschimmle Augen hervor blitzen, während sein tie schtvarzes. üppiges Haupthaar den Neid jedes Kahlkopfes erregen muß. Bagi Hamed ist ein intelligenter Ver- treter des afrikanischen Sultanats und der Berliner Schutzmann. welcher das erst« Protokoll über ihn anseriigte. hat seinen Werth doch etwas verkannt, als er seine Kritik über ihn dahin abgabt: Religion„mohamedanisch", Sprache„barbarisch", Hamed gehörte allerdings zu den Anhängern des Mvhamedanismus, seine spräche aber ist nichts weniger als barbarisch, er beherrscht die deutsche Sprache vielmehr überrascht gut. Seinen Sprach- talenten hat er es überhaupt zu verdanken, daß er die deutsche Reichshauptstadt mit seiner Gegenwart beglücken konnte. Er hat dem Lieutenant Quedenseldt und dem Baron v. Oppenheim bei ihren Reisen durch Mvgril cj Aksa als Dolmetsch gedient und diese Herren habe» den jungen Burschen nach Brelin mitgebracht. Hier erhieil er von seinen Gönnern ein regelmäßiges Taschen- geld, scheint aber zu besonderen Aemtern und Würden nicht ge- iangt zu sein, denn er lag in bescheidener Schlafstelle und obgleich er sich offiziell Akrobat nannte, scheint er sich doch lediglich zu einem Berliner Flaneur ausgebildet zu haben,' denn der interessante Mensch«n der malerischen Tracht seiner Heimath war viel auf den Straßen zu sehen. Bagi Hamed war bald inne geworden, daß das Nachtleben Berlins sür abcntenerknstige Leute sehr verlockend ist und in der Zeil nach der Gespensterstunde, wo ordentliche Menschen schon lange der Ruhe pflegen, in manchen Straßen erst„das Leben beginnt." So pilgerte er denn am 2. März Nachts 2 Uhr in seinem malerischen Kostüm die Friedrichstraße entlang und erregte natürlich das Aufsehen aller Nachtschwärmer. Auch vier junge Männer, welche sich gemeinsam eine Droschke geleistet hatten, um den angerissenen Nachmittag im Easv Preinitz zu beschließen, sahen den afrikanischen Menschenbruder und in einem Anflug von Bierlaune und Kolonialschwärmerei luden sie denselben mit in ihre Droschke, um durch eine„Schaale Haut" den Fremdling moralisch zu erobern. AlS die Droschke vor dem Easö Preinitz hielt, sprang der Marokkaner mir der Gesckmeidigkeil einer Eichkatze zur Erde und während die übrigen Jnsaffen langsam aus der Droschke herauskrochen, bemerkie ein Droschkenkutscher, daß Bagi Hamed miS einer gelben Tasche hastig Geld in die Tasche seines blauen Burnus schüttete, die kleine Tasche in einen Fensterschachi warf, und stolz in das Cass rrat. Tie Bedeutung dieser Szene sollte dem Rosielenker bald klar werden, denn es ergab sich, daß einer der lustigen Begleirer deS Afrikaners, welcher die Droschkenfahrt bezahle» wollte, sein Portemonnaie absolut nicht zu finden vermochte. Als der Augeklagte dann ganz un- besängen wieder aus dem Cafe trat, um nach seineu Begleitern zu sehen und einer der letzteren mit guiem Instinkt ihn fragte: „Oller Terke, Du hast wohl gemopst?" da warf sich Herr Hamed sehr in die Brust und jagte die Nachtschwärmer fast in Schrecken, als er ihnen entgegen donnerte: „Wie können Sie mich so beleidigen? Ich bin Mitglied der Gesandtschaft und wer mich beleidigt, beleidigt auch den Sherif, meine Herren". Der Berliner Droschkenkutscher ließ sich aber nicht verblüffen; er meinte blos:„Du kannst mir doch nicht an die Zunge ziepen!" kletterte vom Bock und indem er auf das gelbe Portemonnaie im Fensterschacht zeigte, rief er frohlockend: f, Sieh sie, da haste de Kiste!" Auf Bagi Hamed übre dieser Ruf eine fürchlerliche Wirkung aus: er machte sich schleunigst aus dem Staube und jagte„wie ein Windspiel", wie sich die Zeugen ausdrückten, die Leipziger- und Charlonenslraße entlang in die Kronenstraße hinein. Hier packte ihn ein Wächter mit kräftiger Hand und der malerische Jüngling„stieg klanglos zum Orkus hinab." Das Portemonnaie, welches in dem Fenster- schacht gefunden wurde, war in der Thal das vermißte; es halte 143 M. enthalten und beherbergte jetzt nur noch einen 50-Marksckem, welcher der Ausschüttung in den blauen Burnus widerstanden hatte. Bagi Hamed, welcher ursprünglich seine Missethat eingeräumt hatte, scheint inzwischen im Untersuchung- artest lehrreiche Studien gemacht zu haben, denn er legte sich plötzlich auf's Leugnen und behlwplete, daß er bezecht geivesen sei und von nichts wisse. Vergebens machte ihn der Vorsitzende, Landaerichtsrath Braun, darauf aufmerksam, daß er so etwas vielleicht den Kollegen in Mogador. nicht aber Berliner Richtern vorreden tonne— es half Alles nichts, der Angeklagte blieb dabei, daß er finnlos betrunken gewesen sei. Sein Vertheidiger, Rechlsanwalt Dr. Seile, konnte sich nur darauf beschränken, ihn der Milde des Gerichts zu empfehlen und auf feinen mangel- haste»!tul! Urzustand hinzuweisen. Ter Gerichtshof hielt aber die kulturelle Enttvickelung des Angeklagten sür soweit vorge- schritten, daß derselbe ebenso zu behandeln sei, wie irgend ein Berliner Kind. Er verurtheilte den diebischen Marokkaner zn drei Monaten Gefängniß. Staatsanwalt Unger hatte sechs Monate beantragt. Eine Hochstapleri»*. In fünfstündiger V e r h a u df- l u n g hatte sich gestern die 94. Abtyeilung des Schöffengerichts mit einer Dame zu beschäftigen, die unter dem Verdachte der Hochstapelei stand und eine große Anzahl Geschäftsleute, darunter besonders viele Hotelbesitzer, waren als Zeugen geladen, um die Angeklagte zn überführe». Ueber die Vergangenheit der 38jährigen Angeklagten schwebt einigermaßen Dunkel, sie stammt aus Taboe in Böhmen und hat sich vor ihrer Ankunft in Berlin längeste Zeit in Wien aufgehalten. Die von der dortigen Polizei- behörd» erbetene Älusknnft lautet dahin, daß die Auge, ragte, unverehelichte Maria W o s i tz k a, von Paris nach Wien gekommen sei und sich dort längere Zeit aufgehalten habe, ohne nachweislichen Er- werb. Sie habe nach und nach viele kleineSchulden gemacht.schließlich ihr Mobiliar bei einer Speditionsfirma für 150 Knlven verpfändet und Wien verlassen. In Berlin tauchte die Dame im Oktober vor. I. auf, nahm im Zentral- Hotel Wohnung und schrieb sich ins Fremdenbuch als„Frau v. Wo sitz ka, Rentiere aus Wien" ein. In ihrer Begleitung befand sich ein großer Neufundländer. Die erste Wochenrechnung wurde von ihr vegliche», dann zeigte sich, daß sie ohne Mittel war und als die von ihr in Aussicht gestellten Geldsendungen aus Wien ausblieben, verweigerte man ihr ferneren Kredit. Die Angeklagte nahm nun im Hotel de R o m e Wohnung, trat auch hier w verstand es, die Hotelschuld auf zu lassen, bevor män es vorzog, Gastes mit dem nicht mineer ,,. Begleiter zu entledigen. In gleicher Weise wurde der Besitzer des Hotels Zum deutschen Kaiser von der Angeklagten geprellt, welche überall als eine adlige Dame auftrat, die demnächst über gewaltige Summen zn verfügen haben würde. Dabei verschmähte sie es nicht, Porliers unv Haus- Mädchen nm kleinere Beträge anzuborgen. Zwischendurch war e? ibr auch gelungen, durch ihr elegantes und sicheres Austreten und durch falsche Vorspiegelungen eine ganze Reihe anderer Geschäfts- lente zu prellen. Bei Kranzler knüpfte sie mit einer Dame ein Gespräch an, wovei sie Wunderdinge erzählte. Sie sei die Frau eines Diplomaten, der demnächst, anZ Italien kommend, hier eintreffen werde und der Hauptzweck ihres Aufentbalts in Berlin sei der, sich eine Gesellschafterin zu engagiren. Mit zäher Ans- oauer heftete sie sich an die Fersen der neuen Bekannten und schon beim zweiten Zusammentressen offenbarte sie derselben, daß sie sich augenblicklich in Geldverlegenheit befände. Sie bat um ein Tarlehen von 100 M., wogegen sie als Unterpfand einen t sandschein über eine» Teppich hinterlege» wollte, den sie vom chah von Persien erhalten und der in Berlin nicht seines Gleichen habe. Die Dame ließ sich erweichen, worauf die Angeklagte sie bat. sie nach dem Hotel.de Rome, wo sie damals wohnte, zn begleiten, sie'volle den Schein dort an der Hotel- lasse wechseln, damit man eine» guten Eindruck' von ihr gewönne. Dies Ansinnen wurde allerdings abgelehnt. Als die Geldgeberin später den„Prachtteppich" bei dem Wiener Trödler einloste, erhielt sie ein Exemplar, dessen Werth auf 20 Mark geschätzt wurde. Bei einem Sattler entnahm die An- geklagte einen großen Koffer, in einem Wäschegeschäft Unter den Linden blieb es bei dem Versuch, Waare zn erhalten, dagegen ließ sie sich einen theueren Schirm ansertigen, dessen Elfenbein- griff ihr Monogramm trug. Nachdem die Angeklagte noch eine kurze Zeit eine elegante Wohnung in der Potsdamerstraße inne gehabt hatte und auch hier sxnnttirt worden war, beglückte sie noch das Grandhotel am Alexanderplatz und hier wurde sie vom Ge schick ereilt, nachdem sie es verstanden hatte, fünf Monate hindurch auf Koste» anderer Leute zu leben. Sie wurde wegen Hochstapelei verhaftet und mußte sich von ihrem Neu- fundläncer Henne». Ihr ganzes Baarvermogen bestand in 43 Pf. In dem erschwindelten Koffer, der vom Pächter des Grand Hotel mit Beschlag belegt wurde, befanden sich drei Hüte. ein Kleid, zwei Schlafröcke, ein Hemd und zwei Taschentücher. Die Versteigerung sämmtlicher der Angeklagten gehörigen Gegen« stände hat einen Betrag von 24 M. ergeben. Im Verhandlungsanspruchslos auf nnd ca. 150 M. anflausen sich des unliebsamen unbequemen viersußigen termine bestritt die Angeklagte, daß ihr betrügerische Absichten innegewohnt hätten. Sie habe einen hohen Gönner,_ de» sie nichi nennen wolle, um ihn nicht zn kompromiltiren; von'.hm habe sie ans Unterstützung gehofft. Daß sie sich des Prädikats„von" bedient habe, könne nicht aussallen,. in Wien werde Jeder„Herr Baron" titulirt, der einen guten Rock anhabe. Die.Hauptschuld an ihrem Unlück trage ein Silber- waaren-Fabrikant aus Hanau, den sie in Dresden kennen gelernt habe und der sie später wieder im Zentralhotel in Berlin habe treffen wollen: derselbe habe sein Wort aber nicht eingelöst. Der Staatsanwalt gewann aus der umfangreichen Beweisaufnahme die Ueberzeugung, daß man es mit einer geriebenen Hochstaplerin zu thun habe, gegen die er eine Gesängnißstrafe von 9 Monaten beantragte. Der Gerichtshof schied einige Fälle ans nnd erkannte ans vier Monate Gefängniß. Soziole IteberNlszk. Der Streik in der Knopffabrik uon Döhll dauert un« verändert fort: wir bitten, den> uzug strengstens fernzuhalten. Ta von verschiedenen Seiten die Meinung verbreitet worden, der Streik würde verloren gehen, so haben wir daraus zu antworten, daß diese Meinung nur von Denjenigen verbreitet sein kann, welche wünschen, daß der Streik verloren gehen möge. Dieser Streik ivird auch dann nicht verloren gehen, wenn der Fabrikank nicht nachgiebt; die Streikenden, deren Zahl sich auf 114 Mann belief, sind jetzt bereits bis ans ca. 50 bis 60 Mann tu anderen Knopfsabrikeil untergebracht und auch diese letzteren werden bald nach den Feiertagen untergebracht sein. Also nicht die Arbeiter sind dann besiegt, nein, der Fabrikant; möge er mit seinen 7 Ab- trünnigen, unter welchen nicht einer ist, der einen Knopf fertigen kann, und seinen Lehrlingen weiter sabrizire»: auch dieses hat sein Gutes; erhält der Fabrikant auch keine brauchbare Arbeit,! so spart er doch sehr viel an Feuermigs- Material, venu Steinmißknopfe brennen ausgezeichnet. Nun, der Fabrikant will nicht nachgeben; derselbe erschwert seinen Arbeltenfi aber auch das Arbeitnehmen in anderen Fabriken, denn nehmen die Streikenden in einer Knopssabrik Arbeit, so brauchen sie keinen Schein; anders steht es. wen» dieselben in einer anderen Fabrik Arbeit nehmen wollen, lassen sie sich dann von Herrn Röhll einen Entlassungsschein geben, so erhält er denselben mit der schrifUickzen Bemerkung darauf:„Wegen Streikoetheilignng entlassen". Nun« dieses inhumane Vorgehen des Fabrikanten bat bis jetzt noch Nie- mandei» geschadet. Aver auch der Geschäftsführer jener Fabrik, wel- cher so sehr gegen die Arbeiter agitirt, welcher gewissermaßen der treibende Keil zwischen Arbeitern und Fabrikant ist, sollte doch bc- denken, wenn der Fabrikant nicht nachgiebt, so wird er sich genöthlgt sehen, die Fabrik zu schließen nnd dann wird er, da er ja doch nur selbst Arbeiter jener Fabrik ist, ebensalls um seine Stellung kommen. Nun, ivie gesagt, der Fabrikant wird sein Ziel me erreichen, sämmtliche Arbeiter werden anderwärts untergebracht werden, der Streik rowd dann beendet sein, aber deshalo wird der Fabrikant auch dann nicht Knovsarbeiter erhalten, der Fabri- kant hat ja dafür gesorgt, daß die Kommission anderwärts keine Arbeit erhält. Nun, Arbeiter Berlins, appelliren wir noch nn- mal an Euch, haltet uns noch eine kurze Zeit über Waffer, Ihr habt den besten Beweis darin, daß wir nicht nachgeben können und wollen, daß wir zehn Wochen mit einer Unter- stützung von 7 und 8 Mark ausgehalten haben, also nochmals helft uns. die Feiertage sind vor der Thür, außerdem haben wir schon den dritten Monat Miethe. darum thue ein Jeder seine Pflicht; wer schnell giebt, giebl doppelt. Da? Streikkomitee. Alle Anfragen in Betreff des Streiks sind zu richten an B. Weis- fluck. Friedrichsberg, Gi.rtelftr. 12. Alle sonstigen Sendungen an Franz Hellwig, Waldeinarstr. 41 IV, oder an Max Friedemann, Streik der Rollkutscher bei der Firma C. F. Witt« ist beendet. Die Forderungen der Kutscher sind bewilligt. Der Begleiter des Wagens wird vom Geschäft gestellt. Der Streik i» der Uenendorfe« Aktienfpinnere* dauert unverändert fort, da der Direktor jede Unterhandlung hart- näckig verweigert. Zuschriften und Sendungen sind zu richten an Gustav Petzsche, Nowawes, Mühlenstr. 7. Alle arbeiter>reund- liehen Zeitungen werden um Abdruck gebeten. Achtung Älöbelpolirer. Bei Walter und Rubnow in Grabow bei Stettin haben sämmtliche Möbelpolirer die Arbeit niedergelegt. Wir ersuchen alle Kollegen, den Zuzug fernzuhalten' Die Äreikkommisflvu der Möbelpolirer Berlin In Wernigerode streiken die Schmiede und Schlosser der Maschinenfabrik H. Uhlmann. Der Grund zn diesem Schritt ist, daß der genannte Herr, als die Arbeiter um Rednzirung der llstnndigen Av eitszeit auf 10 Stunden und nm einen Lohn von 15—17 M. anhielten, sie mit den Worten:„Ich will mit Ihnen nicht unterhandeln, ich bin seit 30 Jahren Meister und weiß allein, was ich zu thun habe, ich lasse mir nichts vorschreiben abfertigte. Wir richten an alle Kollegen die dringende Bitte, uns in unserem gerechten Kampfe zu unterstützen, indem sie den Zuzug fernhalten. Die streikenden Schmiede nnd Schlosser der Masch'' neniabrik H. Nhlmann zu Wernigerode. Zur Lohnbewegung. Aus Lübeck meldet„W. T. B., daß die Hasenarbeiter gestern sämnitlich die Arbeit niedergelegt hauen. Dieselben verlangen die Herabsetzung der bisherigen lOstündigen Arbeitszeit ans acht Stunden unter Forderung ve- bisherigen Lohns von 9,60 M. Ruhestörungen sind bis jetzt nicht vorgekommen.— In Posen haben gestern nach einem Tele' gramm der„Köln. Ztg." sämmtliche Maurer die Arbeit nieder- gelegt, und in B r o m b e r g befinden sich sämmtliche Zimmer- gesellen im Ausstand.— In München haben, einer Meldung deS„W. T. B." zufolge, anläßlich des Ausstandes der Zimmer- gesellen nnd der Bierpreiserhöhnng mehrfache Demonstrationen stattgesiinden. Ter„Franks. Ztg." zniolge bewilligten 29 Zimmermeister mit 285 Gesellen die Streikforderungen." Mainz, 2. April. Die hiesigen Möbelfabrikanten und der Ber- band der Meister haben beschlossen, falls die Arbeit« der Bembe'schen Möbelfabrik bis spätestens am 8. April die Arbeit nicht ivieder aufgenommen haben, sämmtliche Werkstätten der Verbandsmitglieder am v. April bis zur Beendigung der Streike» zu schließen. VorHammUmaen. Die zu heute anbevanmte Uoiksveefammlung au. Tivoli mit der Tagesordnung: Was soll am 1. Mai geschehen- hat die polizeiliche Genehmigung nicht erhalten. Eine»rojtze öffentliche Dersamminng sewerblich� Kilfsarbeiter ragte am Dienstag Abend unter dem Vorsitz de» Herrn R o s e n o w in Joels Lokal, am Andreasplatz. Auf des Tagesordnung stand ein Vortrag des Herrn Stadto. H e i n d o r l über die erbärmliche Lage der Färberei arbeit« und die HalluuS der Fabrikanten denselben gegenüber. Referent erklärte, daß ih?' dieses Thema schon aus dem Grunde besoiiders interessire, i»*1 « gelegentlich des Streiks in der Färberei von Barnewitz vo»' Färbereibesitzer und Stadtoerordneten Matterne zur Bermittelung aufgefordert worden sei..Herr Matterne habe ihm erklärt, da>! die in der letzten Zeit in den hiesigen Färbereien ausgebrochene» Streiks unerwarter gekommen seien und daß die Färberer besitzer nicht in der Lage wären, plötzlich höhere Löh� und kürzere Arbeitszeit zu gewähren. In SIpoldF- Krefeld und anderen Orten betrage der Wochenlov" 7,50 bis 10 M. bei 12- bis 13-stündiger Arbeitszeit; dem gegt?' nb« sei der von den Streikenden verlangte Lohn von 16,50 bn 18 M. ein zu hoher. Es sei aber von den Färbereibesitzern schloffen worden, die Löhne nach und nach aufzubessern. bte ficfftimtite gewerlschafrliche Organisation der Arbeiter in der Schweiz, sowohl Zentralverbände als Einzelvereine. Seine Zwecke sind: die Forderung des GewerffchaftSwesens, die Vertretung der Gewerkschafls-Jntercssen der. Arbeiterschaft in jeder Beziehung und in letzter Linie die Befreiung der Arbeit vo>n Lohnsystem resp. die Verg'escllschastlichung der Produktionsmittel gemäß dem Programm der Sppaldeiifokratie." Als weitere Ziele werden bezeichnet:„Staatliche Anerkennung der Gewerkschaften und ihrer Bcschlüsi« für die Angelegenheiten ihres Berufes.— Arbeiterkammern für die Kantone und sür die Eidgenossenschaft, welche in allen Arbeiterangelegenheiten von den Behörden zu hören sind.— Regelung des Arbeitsnachweises durch die Zlrbeiter-Gewerkschasten mit staatlicher Unterstützung.— Fest- setzung eines Nornialarbeitstages, der als nächste Grenze 10 Stunden haben, aber durch geeignete Wirksamkeil auf 8 Stunden ver- iiirzt werden soll.— Festsetzung von Minimallöhnen, die den Preisen der Unterhaltungsmittel und den Mindestforderungen an ein menschemvürdiges Dasein entsprechen.— Staatliche Arbeiter- versicherung unter Mitverwaltungsrccht der Arbeiter." In Ölten werden an den Osterfeiertagcn von den Schuhmachern und Metallarbeitern Tclegirtenversamm- hingen abgehalten.— Für die kat h o tischen'Delegirtcn zum allgemeinen schweizerischen Arbeiterkongreß wird am Ostermontag Vormittags ein eigener Kongreß-Gottesdienst abgehalten werden und zwar von einem Geistlichen, der als Kongreß-Dcle- girier nach iulten kommt. Der geistliche Segen ist demnach den Kongreßarbeiten im vornuZ gesichert. Zur A ch t st un d e n b e w e g u n st meldet der„Vasler Ar- beitcrfreund":„Ter Arbeiterbund. Basel hat.beschlossen, am 1. Mai eine Kundgebung sammtlicher Arbeitervereine und An- Hänger dieser Frage zu Gunsten des achtstündigen Arbeitstages zu arrcmgiren. Es soll ein Zug durch die' Stadt mit Fahnen, Musik ic. stattfinden, auf die Schützenmatte, wo Redakteur Aull- schleger die Festrede halten wird. Des Fernern nahm man in Aussicht, für die Schweiz ein bleibendes Erinnerungszeichen für diesen Tag zu erstellen, wenn nämlich die Idee allseitig günstig aufgenommen wird. Es wäre dies die Erstellung eines sogenannten Festzeichens in ge- schmackvoller Ausführung. DaS in Seide gewobene Band würde als Ausschrift erhalten: Achtstundenbewegung 1. Mai 1890, nebst dem Motto deS Achtstundenblattes: Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Muße, acht Stunden Schlaf; über der Schrift käme das eidgcn. Kreuz und zwischen dieselbe ein internationales Zeichen zu stehen. Das Band würde rochen Grund habe». Der Verkaufs- preis des einzelnen Stückes wurde auf SO Cts. festgesetzt; Vereine würden dasselbe billiger. erhalten(für. zirka 60—35 Cls.). Der Gewinn an den verkauften Bändern könnte für die Agitations- losten verwendet werden. Ter Vorstand des Basler Poiamentervereins ist bereits mit den einleitenden Schritten betraut und sieht der Borstand des Arbeitcrbundc? Basel(Präsident: W. Arnold, Nadelberg 31) Zustimmungserklärungen, auch von auswärts, entgegen." Volikifche Meberstchk. In>«r l«ht«n Kiim»g de» preusiischen Staat«- Ministerium» dürste, wie die„B. P. N." mittheilen, auch über die im Anschluß an die Berathungen des Staatsraths vom preußischen Handelsministeriums und dem Reichsamt des Innern ausgearbeitete Novelle zur Gewerbeordnung so- wohl nach der materiellen Seite als in Bezug aus die formelle Behandlung der Sache Beschluß gefaßt worden sein. — Das„Berl. Tagebl." ist in der Lage, über den Inhalt dieser Vorlage folgendes mitzutheilcn: „Die Vorlage stellt sich dar als eine Abänderung der Reichs-Gewerbeorvnung, und zwar hauptsächlich des Titels VII derselben. Es werde» vorzugsweise die Paragraphen 105, 106, 120, 184 biS 187 und 139a und b einer Abänderung unterzogen. Hierdurch werde» neue Bestimmungen bezüg- lich der Kinder- und Frauenarbeit, und zwar im Sinne eines er- höhten Schutzes getroffen. Das Gleiche gilt bezüglich der Sonntagsarbeir. Ferner werden die Porschriften über das Lehrlingswesen, namentlich in Bezug ans den Fort- bildungs- Unterricht, ergänzt und in einigen Punkten Um- gestaltet. Sodann wird auch eine größere Gleichstellung zwischen Fabrikarbeitern und den Gesellen, Gehilfen und Lehrlingen angebahnt. Außer diesen Hauptbestimmungen sind noch jene neuen Vorschriften hervorzuheben, durch welche das Institut cer Fabrikinspektoren einer organisatorischen Umgestaltung und Epvetterung unterzogen wird. Diese Ar beiterschutz-Borlage deckt sich zwar in mehreren Punkten mit den Beschlüssen der internationalen Arbeiterschutz- Konserenz, ist aber nicht als ein direktes Ergebniß derselven zu betrachten, weil sie eben auf Grund der Staarsrathsvorschläge schon früher ausgearbeitet worden war." Diese Angaben dürften im wesentlichen der Wahrheit entsprechen. andern Seite der Straße stand seit einigen Augenblicken ein dicker Mann mit weißem Haupthaar und breiteni, gelben Gesicht und beobachtete die Gruppe. Mit zorn- funkelnden Blicken und zusautniegeknisfenen Lippen hatte er auf die Auslagen der Niodehaudlung„Zum Glück der Damen" himibergeschaut und der Anblick des Mädchens- mit den beiden Brüdern erbitterte ihn noch mehr. Was hatten diese Taugenichtse vor diesen Gharlatanparaden zu gaffen? — Und der Onkel? fragte Denisc plötzlich, wie anS einem Traume cmfsahrcnd. — Wir sind in der Rne de la Michodiere, sagte Jean. Da muß er wohnen. Sie erhoben die Köpfe und blickten um sich. Da sahen sie, gerade vor sich, oberhalb der Thür, in welcher der dicke Mann stand, eine grün angestrichene Firmatafcl, aus welcher in gelber, verwaschener Schrift zu lesen stand:„Zum alten Elbens*), Tuch- nnd Flanellhandlnng, Band», vormals Hauchceorne." Es war ein mit einer schmutzige» Mörtel- truste überzogenes, schmales Hans mit drei Fenster» in der Front, zu beiden Seiten flankirt von großen Hotels im Style Ludwigs XIV. Die viereckigen Fenster ohne Vorhänge waren einfach durch'ein Eiscngitter, zwei Eisenstangen in Kreuzform geschlitzt. Was aber inmitten all' dieser Kahlheit Deniscn am meisten überraschte, der noch immer die Herrlichkeiten der Aiodehandlnng„Znm Glück der Damen" vor- schwebten, daS war der Laden selbst im Erdgeschoß, fast erdrückt durch den niedrigen Plafond, darüber ein sehr niedriger Halbstock mit halbmondförmigen Fcnsterlöchern wie die eines Gefäitgnisses. Rechts und links saßen in einem hölzernen Gehäuse, das einst flaschetigrün gewesen wie die Firmatafel, jetzt aber okergelb und schwarz war,- zwei tiefe, schwarze, staubige Anslagekästen von Glas, in welchen mau undeutlich einige Stofsreste erkennen konnte. Die offene Ladenthür schien sich tn einen tiefen, feuchten, dunklen Keller zu öffnen. — Da ist's? sagte Jean noch einmal. — Nun wohl, gehen wir hinein. Komm, Pepo! •Sut» Arbeiters chtib- Kouferenr berichtet der Pariser „Temps" noch, daß betreffs der Frage der Wirkung der Verein- baruuaen die Schweiz einen Antrag gestellt Patte, wonach Maß- regeln zur Aussührnng. der gefaßten Beschlüsse.in Aussicht ge- Nörnmcn werden, namentlich diejenigen Staaten, welche betreffs einzelner Maßregeln übereinstimmten, die Verwirklichung durch die Gesetzgebung versprechen sollten, ein Zentralbureau behufs der Sammlung aller auf die Fabrik-Gesctzgcbung bezüglichen That- fachen clngerichtet und periodische Konferenzen beschlossen werden sollten. England bekämpft: diesen Antrag, nnd er wurde abgelehnt. Ter dafür gefaßte Beschluß, welcher keinerlei Verpflichtung für die Theilnebmer der Konferenz schafft, wurde dann von Deutschland beantragt. Bei der Abstimmung darüber enthielt Frankreich sich derselben. Die sozinlistische Krnppe der feainösischen Kammer hat folgenden Antrag eingebracht: Tie Regierung wird aufgefordert, mit den Regierungen der europäischen nnd amerikanischen Nationen sich über die Organisation e i n e r K o n f e r e n z zu verständigen, welche zum Zweck hat: 1. alle nützlichen Gesetze des Völkerrechts zu kodifi- zireit; 2. die Errichtung eines Schiedsgerichts, bestehend aus Dclegirten der zur Betheiligung bereiten Völker anzu- bahnen; 3, die Bürgschaften zu prüfen, unter welchen eine allgemeine, gleichzeitige und fortschreitende(progressive), mit der Würde nnd Achtting einer jeden Macht und den verschiedenen Organisationen der nationalen Wchrsysteme verträgliche Abrüstung möglich ist. Bravo! Ein vliickliches Land ist doch die Schweiz. Wie wir im „Freien Rhätier" lesen, hat Oberst Hungerbühler kürzlich gesagt, die Schweiz kenne keinen andern Stand als- den Mittelstand. Wir haben bis jetzt immer gemeint, die kleine Schweiz könne sich dem großen geschichtlichen Prozeß der Verdrängung des Mittel- standes nicht entziehen, und haben auch schon amtliche statistische Arbeiten gesehen, die zu diesem Resultat gelangten. Aber der Herr Oberst nnd der Herr Alt-Ständerath weiß das natürlich besser. Die Dationalliberaien nnd da« Reichstagsmahlrecht. Wie sehr das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht in den führenden Kreisen der nationalliberalen Partei einen Stein des Anstoßes bildet, geht ans der Thatsache hervor, daß die„Köln. Ztg." in einem Artikel über die Umbildung der Parteiverhältnisse unter den Gründen, welche einer Verschmelzung der beiden libe- ralen Parteien im Reichstage zu einer einzigen entgegen ständen. die Meinungsverschiedenheiten aufführt, welche zwischen Nationalliberalen uiiv Freisinnigen betreffs des Neichstagswahkrechtes bestände». Es heißt in dem Artikel:„Es giebt wirklich viele Deutschfreisinnige, die den Satz, das Sozialistengesetz habe die Sozialdemokratie großgezogen, nicht nur aufstellen, sondern auch mit der ganzen Starrheit einer ehrlichen Ueberzeugungstreue für richtig halten. Die meisten Nationalliberalen würden dagegen eher dem Satze zustimmen, daß die sozialdemokratische Bewegung »lud die Aufstachelung der Arbeiterbegehrlichkeit durch das allge- meine und gleiche Wahlrecht und deffen Rückwirkung auf die politischen Machtverhältnisse in Deutschland geschaffen seien nnd fortwährend genährt werden." Eine reckst tiefsinnige Kemersinng soll Bismarck in Friedrichsruh dem Hamburger Neger-Wörmann gegenüber, der ihn mit einigen Tausend Fackelträgern zu feiern kam. gemacht haben. Wie die Blätter melden, sagte der Gestürzte: „Nicht die Streiks sind das Schlimmste, denn sie gehen vorüber, aber das Traurigste für die Arbeiter würde es sein, wenn einmal infolge dieser Vorgänge die Arbeitgeber die Lust verlören/weiter arbeiten zu lassen." Fürst Bismarck hat zwar seiner Zeit in der Frage des Verbots der Sonntagsarbelt überraschende Proben semer Uesen Kenntniß der Vtationalökonomie öffentlich abgelegt, aber diese Aeußerung läßt alles hinter sich zurück. Welche Weisheit! Die armen Unternehmer streiken an, Ende selber und verzichten darauf, sich ihren Prosit von den Arbeitern verdienen zu lasten. Und die Arbeiter verhungern dann, wenn sie— es nicht vorziehen, die Leitung der Produktion selbst in die Hand zu nehmen. Dach dem Muster de« Teltower Landrath» hat jetzt m, Hinblick auf die gestrige Stichwahl,(deren Resultat noch nicht vorliegt) der Wahlkommissar und Landrath für Westhavelland von Loebell im„Kreisblatt" eine Bekanntmachung veröffentlicht, welche zunächst Notiz nimmt von der Angabe unseres Blattes, daß ,vie bei der Hauptivahl auch bei der Stichivahl die Sozial- demokraten beabsichtigen, mit Unterstützuiig von Berliner und Potsdamer Genossen sämmtliche Ortschaften zu besetzen. In Uebereinstiinmung mit dieser Zeitungsnachricbt werde aus fast allen Theilen des Kreises mitgetheilt, daß sicy bei der Nachwahl am 21. März d. I. eine große Anzahl meist jugendlicher auswärtiger Personen in die Wahllokale Eingang zu verschaffen gesucht hat als„beauftragt, die Wahlhandlung zu überwachen" fctchs. Stadt in Frankreich(Seine Jnfsrieure), wo eine berühmte ort» sabnzirt wird. Aber im letzten Augenblick wurden alle drei von einer gewissen Scheu ergriffen. Als ihr Vater starb, hinweg- gerafft durch das nämliche Fieber, welche;» ein Monat zuvor ihre Mutter erlegen war, da hatte zwar der Onkel Bandu in der ersten Bewegung über diesen doppelten Todesfall seiner Nichte geschrieben, es werde sich in seinem Hause stets ein Plätzchen für siMinden, an dem Tage, da' sie nach Pari? kommen würde, um hier ihr Glück zu versuchen; allein seit jenem Briefe war fast ein Jahr verflossen und Denise bereute jetzt, daß sie Valogncs so plötzlich verlassen, ohne ihren Oheim vorher zu verständigen. Dieser kannte sie nicht mehr, denn er war nie wieder in seine Hcimath gekommen, seitdem er dieselbe verlassen hatte, um als letzter KommiS bei dem Tuchhändler Hauchecorne einzutreten, dessen Schwiegersohn er schließlich wurde. — Herr Bandu? entschloß sich Denise endlich, den dicken Herrn zu fragen, der sie noch immer verwundert be- trachtete. — Ich bin's! kantete die Antwort. Demse errörhete und fügte stammelnd hinzu: — Ach, um so besser!... Ich bin Denise, und da ist Jean nnd da Pops.... Wie Sie sehen, sind wir gekommen, mein Onkel. Bandu schien höchlich betroffen. Seine großen rothen Augen flackerten in seinem gelben Antlitz, seine langsam gc- sprochenen Worte verwirrten sich. Er war offenbar tausend Meilen iveit von dieser Familie, die ihm so unvermuthet ans den Kopf fiel. — Was? Ihr hier? wiederholte er mehrere Male. Aber Ihr wäret ja in Valognes! Warum seid Ihr denn nicht in Valognes geblieben? Mit ihrer sanften, ein wenig zitternden Stimme gab sie ihm nun die nöthigen Aufklärungen. Nach dem Tode ihres Vaters, der in seiner Färberei seine ganze Habe verloren hatte, war sie die Mutter der beiden Kinder geblieben. WaS sie bei Cornaille verdiente, reichte nicht hin, um alle drei zu ernähren. Jegn arbeitete zivar bei einem Ebenisten, der sich mit der Reparatur anttker Möbel beschäftigte, aber er ver- diente keinen Sou dabei. (Fortsetzung folgt.) oder„um das Interesse der ,ozialdemokratischen Partei wahrzu' nehmen" oder„um Unregelmäßigkeiten bei der Wahl zu ver- hindern". Im Anschluß daran giebt der Wahlkomnnssar sotgende Instruktion:, „Die Herren Wahlvorsteher mache ich darauf aufm«ff am, daß sie eine solche„Ueberwachung" und ungehörige Belästigung nicht zu gestatten brauchen, daß sie vielmehr— selbstverständ- lich unter voller Wahrung der Oeffentlichkeit der Wahl ffw alle Wahlberechtigte des betreffenden Wahlbezirks— aus Grund ihres Hausrcchts befugt sind,_ derartige unbescheidene Eindringlinge aus dem Wahllokal zu entfernen, wie sie überhaupt volles Recht haben, Leute, welche me Ordnung oder Ruhe stören, aus dem Wahllokale auszuweisen. Sollte hierzu, was ich nicht annehme, polizeiliche Hilfe noth- wendig werden, so haben sich die Herren Wahlvorsteher, soweit sie nicht selbst die Ortspolizei ausüben, an die Polizeibehörden zu wenden. Die genaue Beobachtung der Bestimmungen des Wahlgesetzes nnd Reglements seitens der Herren Wahlvorsteher darf ich erwarten. Insbesondere weise ich noch darauf hin, oaß ein Verschließen der Thören des Wahllokals bei der Erwitte- lung des Wahlergebnisses unzulässig ist." Diese Instruktion ist— so bemerkt die„Franks. Ztg._ mit vollem Rechte— wegen ihrer zweideutigen Fassung trotz ihrer Verwahrung am Schluß geeignet, die Oeffentlichkeit der Wahl einzuschränken. Geiviß haben die Wahlvorsteher das Recht. Leute, welche die Ordnung oder Ruhe stören, aus dem Wahllokal auszuweisen. Eben so wenig brauchen sich die Wahlvorsteher eine ungehörige Belästigung gefallen zu lassen. Eine lieber- wachung des WahlvorgangS aber ist auch auswärtigen Personen von jugendlichem Alter gestattet. Eine solche Ueberwachung, d.h. nur Führung der Listen über die Personen, welche von ihrem Wahlrecht Gebranch machen, und die Ausnahme schriftlicher Notizen über die Vorgänge im Wahllokal ist nicht bloß zulässig, sondern gerade in den kleinen ländlichen Bezirken durchaus noth- wendig. Personen, welche zu diesem Zwecke im Wahllokal sich aufhalten, sind als unbescheidene Eindringlinge nicht zu betrachten. Inn Charakteristik der modernen Che wird uns aus der Nähe einer deutschen Großstadt geschrieben: Vor etwa drei Wochen las ich in der Zeitung, eine junge Dame — namenlos— habe sich in einem Walde vor der Stadt erschossen; nnd folgenden Tages las ich in demselben Blatt, ein junger Offizier habe sich erschossen— und dieser Selbst- morv stünde wahrscheiillich in Verbindung mit dem des TageS vorher. Das Todtschießen und die Selbstmorde sind heut zu Tag, Dank unserer„Schneidigkeit", so gewöhnliche Dinge, daß auch die beiden Notizen nur einen ganz fluch- tigen Eindruck machten. Dieser Tage nun kam ich in die Heimath; und als gelegentlich von einer Nachbarfamilie die Rede war, erfuhr ich, daß die mir wohlbekannte Tochter die junge Dame war, welche sich damals erschossen. Und die ganze traurige Geschichte ivnrde mir erzählt. Fräulein X. war die Tochter cincS Kaufmanns, der Dank seinen glück- lichen Spekulationen, ein bedeutendes Einkommen hatte. Die Familie lebte aus ziemlich großem Fuß, die Tochter— schön und talentvoll— wurde zur vornehmen Dame er- zogen, oder richtiger verzogen. Da starb plötzlich der Vater, und es stellte sich heraus, daß er seine Einnahmen auch verbraucht, und so gut wie kein Vermögen hinterlassen hatte. Die Familie mußte sich einschränken. Nach einiger Zeit machte die Tochter die Bekanntschaft eines Offiziers, der für reich galt. Eine Verlobung erfolgte, dem jungen Paar schien die schönste Zilkunft zu erblühen. Der Tag der Hochzeit war schon festgesetzt. Da offenbarte der Offizier seiner Braut, daß er thatsächlich kein Vermögen habe, und daß er auf ihre Mitgift rechnen müsse. Er hatte das arme Mädchen für reich gehalten, wie sie ihn! Sie gestand ihm, daß sie arm sei, woraus er erklärte, dann nicht Heirathen zu können. Ein Wort gab das andere, bis das letzte Wort gesprochen ward: Bruch! Verziveiselt eilt sie zur kränklichen Mutter, der sie ihv-Herz ausschüttet. Den andern Morgen verließ sie das Haus. Den Nachmittag erhielt der einzige Bruder einen Brief, er solle die Schwester an einer bestimmten Stelle im Walde aussuchen, aber sich ja eilen, damit sie nicht zu lange warten müsse.— Der Bruder eilte hin und fand die Schwester todt, den Revolver in..der erstarrten Hand— eine Kugel in den Mund hatte das junge Leben zerstört. Neben ihr lag ein Brief an den ehemaligen Bräutigam. Der Brief wurde besorgt— den anderen Tag erschoß sich der Offizier. Und so fielen zwei blühende Leben der modernen Ehe zum Opfer. Bei gesunden, vernimfttg organisirten Gesellschaftszuständen, so wie die Sozial- demokratie sie erstrebt, wären all diese Verwickelungen iind Konflikte unmöglich gewesen, und natürlich auch die Katastrophe. Und iveil die Sozialdemokraten die Liebe frei machen wollen von den Ketten und Vorurtheilen des Kapitalismus, — weil sie nur die auf Gleichberechtigung der beiden Ge- schlechter ruhende, interesselose Seelengemeinschaft von Mann und Frau als wirkliche, wahrhafte Ehe anerkennen, werden sie von den Anbetern des goldenen Kalbs und den Pfleger» der Prostitution der Jmmoralität geziehen! Es ist wirklich spaßhast, daß die Vertheidiger der heutigen Ge- sellschaftsordnung, wenn sie die Sozialdemokraten schwarz malen nnd ihnen alle möglicheil Schlechtigkeiten andichten wollen, stets dabei in den Spiegel sehen und.das eigene Konterfei vor Augen haben. Der Streit in der freisinnigen D artet, der sich an den Auskntt des Abgeordneten Richter aus dem Vorstand der Land- tagsfraktion angeknüpft hat, geht weiter. In einer Versammlung der Potsdamer Bezirksuereine suchten Dr. Nathan, Brömel ic. das Verhalten des Fraltionsvorstandes zu rechtfertigen.' Die Richterffche Darstellung wurde als in allem Wesentlichen unwahr hingestellt. Darauf veröffentlicht die„Freisinnige Zeitung" das Schreiben Richters an die Fraktion, in dem es heißt:„Mir. ist eine Zensur der Fraktion darüber übermittelt, daß ich am Freitag im Plenum zu dem Zuständigkeitsgesetz gesprochen ohne vorherige Verständigung mit der Fraktion. Eine Fraktion-,- berarhung über dieses Gesetz und eine Bekundung des Fraktions- standpunktes hat meines Wissens überhaupt nicht stattgefunden. Ich habe mich lediglich darauf beschränkt, für meine Person rationos dubitandi vorzutragen, wobei ich nicht einmal den eigenen Standpunkt festgelegt habe. Einen Antrag habe ich nur in formaler Beziehung— Kommissionsberathung— gestellt. ES macht. Dergleichen würde auch eine Opposittonspartei völlig lahmlegen. Einer Fraktion, die solches verlangt, würde ich niemals beigetreten sein. Aber abgesehen davon hat die Fraktion über mich in meiner Abwesenheit und ohne solche Absicht durch die Tagesordnung anzukündigen, verhandelt. Darin erbticke ich eine solche grundsätzlich verschiedene Auffassung von dem, was den Mitgliedern der Fraktion gegenüber angemessen ist, daß ich hiermit den Austritt aus dem Vorstände der Fraktion erkläre." — Für den objektiven Sachverhalt ist auch dies Schreiben, das doch nur die subjekttve Auffassung deS Ausgeschieveneu iviederspiegelt, nicht entscheidend. Brömel erklärte, es sei mit allem Nachdruck das Prinzip hochgehalten worden, daß es jedem Mitgliede der Fraktion unverschränkt fei, seine Meinung zu äußern. Es handelte sich damals darum, ob das einzelne Mil- Stieb es auf sich neymen könne, Anttäge zu stellen und die iraktion zur Abstimmung darüber zu veranlasse«. Wir halten daran fest, daß, wenn es sich darum handelt, Anträge zu stellen und die Abstimmung der Fraktion zu leiten, es einer Aussprache darüber in der Fraktion bedarf. Das allein ist die wahre Dar- stellung des Sachverhaltes vön damals; alles andere, was dar- über gesagt worden, ist unwahr und erlogen. Aua Gberfchleste», 29. März. Anstatt durch Lohnerhöh- ungen versucht man durch allerlei künstliche Mittel die„Sachsen- gänger" an die hcimathliche Scholle zu fesseln. So hat das Land- rathsamt des Kreises Neustadt angeordnet, daß den Sachsengängern nicht mehr stempelfreie, sondern stempelpflichtige Paßscheine aus- gefertigt werden sollen. Ferner macht das LandrathSamt die Ausstellung dieser Paßscheine von der vorgängigen Beibringung der schriftlichen Erlaubniß der Ehefrau(!!) zur Auswanderung und des Nachweises von dem Vorhandensein des Reisegeldes ab- hängig. Aua Sachsrn, 30. März. Wie aus der Gegend von Lom- matzsch gemeldet wird, ist neuerdings auch das landwirthschafrliche Gesinde in eine Lohnbewegung eingetreten. Man verweigert insbesondere die Arbeit zu den bisher vereinbarten Lohnsätzen. — Aus Zivickau wird berichtet, daß gegenwärtig der Zuzug böhmischer Maurer und Handarbeiter einen noch nie dagewesenen Umfang angenommen hat. Thatsächlich werden bei den dortigen Neubauten zur Zeit mehr Böhmen als Sachsen beschäftigt. Zur Kergarbeiterbewrguug. Gelsenkirchen, 2. April. Auf der Zeche„Bismarck I" ist die Frühschicht heute vollständig angefahren. Weitere Streiks sind in den umliegenden Zechen nicht erfolgt. Kanstbar, 2. April. Emin ist in deutsche Dienste getreten und wird am 20. April mit einer Karawane eine Reise nach dem Nyanza- See antreten. Bwana Heri schloß Frieden mit den Deutschen und kehrt auf Ersuchen des Reichskommissars Wißmann niorgen nach Saadani zurück. Letzterer erließ eine Kundmachung, in welcher er den Karawanen das Betreten der deutschen Sphäre nördlich von Tanga ohne seine besondere Erlaubniß verbietet. Großbritannien. London, 1. April. Das Unterhaus hat sich heute bis zum 14. April vertagt. Frankreich. Für den 27. April sind sechs. Wahlen angesetzt worden. Folgende vier finden infolge von Ungiltigkeitsertlärungen der Kammer statt im 2. Kreise von Perigueux(Dordogne), in Tülle(Corrsze), in Tournon(Ardeche) und in Lodeve (Herault). Die Wahlen in Russee(Charente) und Evreux (Lüne) sind wegen des Todes von Abgeordneten nöthig. Wenn die Berliner Konferenz auch noch keine inter- nationale Arbeitergesetzgebung geschassen, meint der„Matin", so habe sie doch die Völker einander genähert, dieselben hätten die ArbeiterverMtnisse anderer Länder kennen gelernt und manche Vornrtheile abgestreift. Oesterreich und die Schweiz hätten die besten Arbeitergesetzc. Die Konserenz habe noch zu sehr auf die alten Zustände Rücksicht genommen und sei daher in ihren Beschlüssen etwas zaghast geivesen. Belgien und Frank- reich, durch veraltete Gesetze, die den heutigen Anforderungen durchaus nicht mehr entsprächen, gehemmt, hätten die größte Zurückhaltung gezeigt. Diese Staaten könnten daher auf Grund der Konserenzbeschlüsse bei sich wichtige und dringende Berbesse- rungen nach dem Muster anderer Staaten seinführen. Die Staaten könnten sich der moralischen Verpflichtnng, die sie durch Theilnahme an der Konferenz übernommen, nicht entziehen. Wichtig sei der Beschluß, spätere Ar- beiterschutz-Konscrenzen abzuhalten, auf denen man ernten könne, was man jetzt gesät. Es sei schon ein großer Fortschritt, daß man die Möglichkeit, so heikle Fragen international zu■ verhandeln, festgestellt habe; vielleicht lasse sich auch einst die Entwaffnungsfrage so lösen.— DaS„Siecke" tritt gegen die Behauptung von„Galignanis Messenger": die französischen Vertreter seien die rückschrittlichsten von allen Theilnehmern an der Konferenz gewesen, mit dem Bemerken auf, dieselben hätten sich stets von den freiheitlichen Grundsätzen(Frei- heit der Ausbeutung. Red.) Frankreichs leiten lassen. Das Blatt spricht ebenso, wie der„Figaro" und die„ R e p u- blique fran?aise" der Konserenz jede praktische Be- deutnng ab.(!) Frankreich und England, meint letzteres Blatt, hätten wenig aus den Konferenzbeschlüssen zu lernen(??), für Deutschland, das gegen diese Länder noch weit zurück sei(.'), möge d,e Konferenz eher Vortheil haben. Frank- reich habe auf der Kouferenz würdig feine menschlichen nnd„frei- heitlichen" lleberlieferungen vertreten. Der Sozialdemokrat Vaillant erklärt dagegen im„Eclair"/ schon die That- fache, daß die Konferenz abgehalten»vorden sei, gäbe den Arbeitern aller Länder Vertrauen in ihre Kraft, weil sie sähen, daß die Regierungen mit ihnen rechnen müßten Ritßlattb. Allmälig lüftet sich der Schleier der Ungewißheit, welcher auf den bisherigen Nachrichten über eine neu entdeckte Ver- schwörung gegen das Leben des Zaren lag. Wirk- lich handelt es sich dabei um die Theilnahme von Offizieren an derselben, und die Verhaftungen, welche, wie wir vor einigen Tagen ineldeten, in der Nähe des Annitschkowpalastes vorgenom- men wurden, haben augenscheinlich schon zu den Folgen jener Entdeckung gehört. Der„Voss. Ztg." wird gemeldet: Petersburg. 2. April. Der junge Mann, welcher durch das Loos erkoren wurde, den Zaren zu ermorden, aber Selbstmord verübte, war ein Marineoffizier aus vornehmer Familie. Er-erstickte sich durch Kohlendampf. In seinem Schuldbekenntniß erklärte er, er habe die That nicht vollführen können aus Rücksicht gegen seine Fa- milie. Seine Mitverschworenen hat er nicht verrathen. Gleich- zeitig mit dieser Nachricht geht der„Voss. Ztg." eine andere eigene Drahtmeldung zu, welche besagt, der Zar sei plötzlich er- krankt. Die Erkrankung äußere sich durch allgemeines Unwohl- sein und Ohnmachtsanfälle. Partugal. Lissabon, 1. April. Die neue Kammer wird nach den jetzt vollständig vorliegenden Resultaten aus 114 Konservativen, 30 Progresststen, 10 Monarchisten anderer Parteistellung und 3 Republikanern zstsammengesetzt sein.— In Portugal„macht" die jeweilige Regierung die Wahlen. Theater. Donnerstag, den 3. April. Gperuhau». Geschlossen. fchauspirlhau». Geschlossen. rsstng- Theater. Die Ehre. Kertinrr Theater. Wallenstein'sTod. Deutsche» Theater. König Midas. Friedrich-Milhelmstädt. Theater. Der arme Jonathan. Walluer-Theater. Geschlossen. H iktoria-Theater. Stanley in Afrika Gstend-Theater. Der Fall Clemen- ceau. Nestdenf-Theater. Marquise. Kellrallianre- Theater. Der Nau- tilus. Kiiuigstädtische« Theater. Von Stufe zu Stufe. Central Theater. Ein fideles Haus. AKolf Ernst• Theater. Der Goldfuchs. Theater der NeichshaUe«. Speziali- tätenvorstellung. Gedr. Zlichter'o Darißti. Speziali- täten-Borstellung. American-Theater f Dreodenerstrasse 55, 1SK tfglioh Vorstelluna* Englischer Garten Direktion: C. Andreas, Alexanderstraße 27 c. Auftreten des Gesangshumoristen Herrn Jung. Auftreten der deutsch- schwedischen Chansonnette Fräulein Tonn/ Peters. Auftreten der vorzüglich. Liedersängerin Frl. Margarethe Steinow. Heu 1 1 Auftreten des Instrumental- und Gesangs-Terzetts(3 Damen) Geschwister Sawona. Austreten der beliebten Duettisten Ge- schwister König. Anfang Wochentags 8 Uhr. Entree 30, 50 u. 75 Pf., im Vorverkauf 20 u. 30 Pf. Sonntags Ansang halb 6 Uhr. Sonntags Entree 50, reservat 75 Pf., Orchester 1 Mark.• , Vorverkauf Entree 40 Pf. ■0 31. Unter den Linde» 31. B Im Hause der Wilhemshallen neben der Passage. Bßn- Vorführung Täglich Ali- egyptischer u. indischer 7Ve Uhr Abends. Bey Zauberkünste. 3, 2 u. 1 M. Billets im Jnvalidendank. Donnerstag, 10. April i Lehte Vorstellung in dieser Saison. Circus Renz. K a r l st r a ß e. Heute, Donnerstag, den 3. April, Abends 7Vs Uhr: Die Touristen, oder: EinSommertagamTegernsee große Original-Pantomime. Großartige Tremplinsprünge. Cob- ham und Kirhildis, großartige engl. Vollblntspringpserde, geritten von Fr. A. Kemp und Frl. Zephora. Alis- treten der vorzügl. Reitkünstlerinnen und Reittünstler. Auftreten der Schul- reiterin Frl. Mary. Horaz u. MerCur, Fuchshengste, vorgeführt von Herrn Oskar Renz. Morgen bleibt der Zirkus geschlossen. Sonnabend: Gala- Vorstellung zum Benefiz für die Reitkünstlerinnen Ge- schwister Lillie und Rosa Meers. Sonntag und Montag: Täglich zwei große Vorstellungen(letzte Sonntags- Vorstellung). E. Renz, Direktor. Circus Wulff. BV Friedrich Carl-Ufer. Ecke Karlstraße. Donnerstag, d. 3. April, Abds. 7Vs Uhr: Gr. aMMeutl. VvrjUung. Besonders hervorzuheben: 3. Gast- spiel der berühmten Luftgymnastiker Mr. Nelson und Aerien in ihren groß- artige» Salto- und Doppelsaltomortales am fliegenden Trapez. 12 Trakehner Hengste, vorgeführt vom Direktor Ed. Wulff. Einerald, engl. Springpferd, welches über 2 Meter hohe feste Barri- laden springt. Austreten der unübertrefflichen Saltomortalreiterin Fräulein Louise Renz. Royal, engl. Vollblut- ' engst(Geschenk Ihrer Majestät der önigin von Belgien), in der hohen Schule geritten vom Dir. Ed. Wulff. Komisches Stuhl-Enttee der Gebrüder Berisor. 4faches Tandera mit acht eigens hierzu dressirten Vollblutpferden, geritten von 4 Herren. Freitag, den 4. April: Keine Vorstellung. Sonn- abend, den 5. April: Große Galävor- stellung zum Benefiz des populären August Tom Belling. Hochachtungsvoll Ed. Wulff, Direktor. (SWIiSemfllt Buggeiihagen am Moritzplatz. Täglich: Gr. Instrumental-Concert, Direktion A. Uödmann. T,., Wochentags 10 Pfg., Mtm Soim" und PeeUage im Kaisersaal 25 Pig. Spezial-Ausschank von Patzenhoser, Export-Bier, hell u. dunkel, a Sdl. 15 Pf. Gleichzeitig empfehle ich meine hocheleganten Festsäle zu 100 bis 200 und zu ca. 1000 Pers. zu soliden Bedingungen. 841 F. Müller. Passage 1 Tr. 9 Uhr M. b. 10 Uhr Ab Kaiser-Panorama. Grste Reise am schönen Rhein von Mainz bis Köln. Neu! VI. Ndise Italien, Aiviera und gZenna. Eine Reise 20 Pf.. Kind nur 10 Pf. Abonnement 1 M. I Eine Parthie 17161 fehlerhafte .Teppiche!, in Stoffgrösse ä 5, 6, 8 U. 10 M. i in Salongrösso ä 12, 15, 20-50 M.« 1 Werth M Doppelte I !(Jardinen rÄI W ä 10, 12, 15-40 Mark. ■ 500 Master stets vorräthig. a Gardinen-«. Teppichfabrik» Emil Lefävre, Berlin S., Granlenstr. 158. Jllusir. Musterbücher franko. CejlhWhlllls 6. ßeilie. lChansteestraße14. Die schönsten Merkleidtt u.-Mantel für Mädchen jeden Alters, sowie Morgenröcke, llnterröcke u. Trieottaillen auch im Einzelverkauf sehr billig! Massbestellungen u. 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