Freitag, de» 30. Juni 1890. y. Jahrg. 4 Hrgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Nolksblatt" scheint täglich Morgens außer nach Sonn- und Festtagen. AbonneincntSpreis für Berlin frei L s Haus vierteljährlich 3,80 Mark, monatlich 1,10 Marl, wöchentlich 28 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. sonntags-Nummer mit dem„Sonntags-Blatt" 10 Pf. Postabonnement 3,30 Mark pro Quartal. „(Eingetragen in der Postzeitungspreisliste für 1390 unter Nr. 892, V. Nachtrag.) ÄUtev Kreuzband, täglich durch die Expedition, für Deutschland und Oesterrcich-Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. I n s e r t i o n s g e b ü h r betragt für die 5 gespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlttngs- Anzeigen 20 Pf. Inserate werden bis 4 Nhr Nachmittags in der Expedition, Berlin 8vv., Beuthstraße 3, sowie von allen Annoncen-Bureaur, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3—7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. -• Fernsprecher: Amt VI. Ur. 4106.«-«•- Mederltkion: 2»— Expvdikion: VoulMvettze 3. Melgolswd. s L �Das ist ein Jubel und ein Hurrahgeschrei in den Putschen Blättern, daß nun das ineeruinrauschte Eiland glücklich an Deutschland gekommen ist! Zwar muß erst Genehmigung des englischenParlaments noch Eingeholt werden; aber diese wird kaum ausbleiben, denn °er Tausch ist für die Engländer kein ungünstiger. Sie gekommen dafür die unbestrittene Oberherrschaft über einen großen Landstrich in Ostafrika und werden daraus auch �ortheil ziehen, denn England versteht mit Kolonial- Angelegenheiten besser umzugehen als Deutschland und hat Gnch Einrichtungen und Mittel, die einem solchen Zweck entsprechen. So wäre demnach Helgoland durch einen Nsrikanischen Feldzug erobert worden und die neue Er- Werbung kann indirekt auch eine kriegerische genannt werden. Helgoland ist uns selbstverständlich auch lieber als ttn unbekanntes ostafrikanisches Gebiet; über seinen strategischen Werth Betrachtungen anzustellen, wollen wir den Fachleuten überlassen. Seit der Zeit der Kontinental- sperre des ersten Napoleon im ersten und zweiten Jahr- zehnt dieses Jahrhunderts, 1800 bis 1813, da Helgoland der freie Stapelplatz für verbotene englische Waaren wurde und als Zentrum des Schmuggelwesens eine große Be- deutung erlangte, hat es keine sonderliche politische oder militärische Rolle mehr gespielt; diese wag ihm für die Zukunft vielleicht vorbehalten sein. Da steigt uns gleich eine düstre Ahnung auf; unsere für- tätigen Strategen werden nun erwägen, was mit dem Platze anzufangen ist. Was werden sie thun? Nun, wir M nicht eingeweiht in ihre Pläne, aber wir fürchten % man wird in Helgoland einen geeigneten Play für Wien Kriegs Hafen oder dergleichen erblicken und eines Mnen Tages wird dann die Militärverwaltung mit einer �trächtlichen Geldforderung an den Reichstag herantreten. j# thut uns leid, daß wir diesen bitteren Tropfen in den Neudenkelch der Herren„Patrioten" träufeln müssen, aber w>r nehmen die Dinge wie sie sind und geben uns keinen überflüssigen Illusionen hin. Man wird sagen, was man einmal erworben, für dessen Erhaltung müsse auch gesorgt werden, und da wird man nicht zögern wollen, die Insel "eu zu befestigen und zu einem Waffenplatz für die Marine iu machen. Daran zweifeln wir nicht. . Die Engländer haben von jeher auf die kleme Felsen- M keinen allzugroßen Werth gelegt; sonst würden sie (eselbe auch nicht hergegeben haben, denn �ohn Bull wstt nicht so leicht Etwas fahren, was er emmal besitzt w>d mas ihm angenehm ist. Nichtsdestoiveniger wuß be- t°Ut werden, daß auch in diesem Falle die Behandlung Feuilleton verboten.! [62 ..Im» Glück der Dm«-»." Roman von Emile Zola. ckorisirte Uebersehlmg von Armin Schwarz lud sie stand wieder in ihrer so gewinnenden Offenheit NWMiM-S '. wenn Sie Niemanden lieben?—, f... -nie geheime Verlegenheit,-me unruhige Scham be. m eines Gebiets, wenn es auch nur ein Völkchen von zwei- tausend Seelen trägt, ganz nach mittelalterlichem Brauch vor sich geht. Das englische Parlament hat schließlich eben so wenig ein verbrieftes Recht, über die Helgoländer frei zu verfügen, als irgend Jemand Anders. Gegen diese Form der„A b t r e t u n g" erklären wir uns prinzipiell. Im bekannten, nie ausgeführten Artikel 5 des Prager Friedens ist das Recht der Völker, selbst zu ent scheiden, welchem Staatsverband sie angehören wollen, durchaus anerkannt; man hätte also die Helgoländer selber abstimmen lassen sollen, ob sie an Deutschland sich anschließen oder bei England bleiben wollen. Daß ein Ministerium Salisbury nicht so verfahren würde, war fteilich von vornherein anzunehmen. Die Helgoländer werden sich darauf gefaßt machen müssen, eine Umgestaltung ihrer Verhältnisse zu erfahren, die ihnen wohl schwerlich angenehm sein wird. Die Insel wurde von England gewissermaßen wie ein verzogenes und verhätscheltes Kind behandelt. Sie bekam eine sehr freie Verfassung; die Einwohner blieben nicht nur frei von allen Steuern und Auflagen, sondern John Bull war auch großmüthig genug, einen jährlichen Z u s ch u ß von zwölfhundert Pfund Sterling an die Insel zu zahlen. Wir können nicht ahnen, wie man die staatsrechtliche Stellung der Insel gestalten wird? Wird man ein Neichsland aus derselben machen? Oder wird man sie in das Verwaltungsgebiet von Schleswig- Holstein einbe- ziehen? Jedenfalls wird von dem Augenblick, da die Pickelhauben auf Helgoland erscheinen, der Helgoländer in eine neue„Aera" eintreten, die sich wesentlich an die Zu stände im Deutschen Reich anpassen wird. In einer Zeit, die so große Geldverlegenheiten mit sich bringt, daß der Schatzsekretär die Idee der Besteuerung von Zündhölzchen und Quittungen mit Freude begrüßen zu müssen glaubt, wird man den Helgoländern keine Abgabenfreiheit mehr lassen können; sie werden eben zahlen müssen, wie wir anderen Reichsbürger auch, und die Zeit, da sie einen Staatszuschuß von 1200 Pfund bekamen, wird bald wie ein ferner Traum hinter ihnen liegen. Auch werden äe zum Militärdienst herangezogen werden und las wird diesen Leuten etwas„spanisch" vorkommen. Zum Entgelt dafür dürfen sie aber an den Wahlen zum Deutschen Reichstag theilnehmen und können nun in unseren„nationalen" Blättern tagtäglich eine Zeit lang lesen, welch ein Heil ihnen widerfahren. Ob sie das be- friedigen wird? Auch wird sich das Verhältniß zu den Ausflüglern und Badegästen nunmehr ganz anders ge- stalten und die Helgoländer werden gut thun, ihre Zunge zu hüten, wenn ihnen die neuen Zustände nicht gefallen sollten. Bisher war die Insel auch ein Asyl für Braut- weigerte. Und sie entdeckte dann im Grunde ihrer Natur eines anständigen Mädchens nichts als den Stolz und die Ver- nunst, welche sie in ihrer jungfräulichen Weigerung verharren ließen. Es war durch einen Instinkt des Glückes, daß sie in ihrem Eigensinn verharrte, nur um ihr Bedürfniß nach einem ruhigen Leben zu befriedigen, nicht aber, um dem Ge- danken der Tugend zu gehorchen. Sie wäre diesem Manne in die Arme gesunken, wenn sie nicht ein Widerstreben davor empfunden hätte, ihr ganzes Wesen für immer hinzugeben, ohne auch nur zu wissen, was der morgige Tag bringen würde. Der Geliebte verursachte ihr Furcht, jene wahnwitzige Furcht, welche das Weib bei der Annäherung des Bösen er-- bleichen macht. Mouret machte eine Geberde dumpfer Verzweiflung. Er begriff nicht, er kehrte zu seinem Schrcibpulte zurück, blätterte in den Papieren, welche daselbst lagen, legte sie dann wieder hin und sprach: — Ich halte Sie nicht zurück, niein Fräulein, ich kann Sie ja nicht gegen Ihren Willen behalten. — Aber ich will ja nicht weggehen, erwiderte sie lächelnd, wenn Sie mich für ehrbar halten, so bleibe ich. Man soll die Frauen immer für ehrbar halten, mein Herr, es giebt deren Viele, die es sind, ich versichere Ihnen. Sie hatte willkürlich die Äugen ans das Porträt der Madame Hedouin erhoben, dieser schönen und klugen Dame, deren Blut, wie man sagte, seinem Haus Glück gebracht hatte. Mouret folgte dem Blick des Mädchens und bebte zu- stimmen, denn es war ihm, als ob seine Frau dieses Wort ge- sprachen hätte, dieses Wort, da» auch ihr gegolten und das er so oft von ihr vernommen hatte. Es war wie eine Wieder- erftehung; er fand bei Denise den gesunden Sinn, jenes paare, denen die Heirath erschwert war; auf Helgoland gab man sie leicht zusammen. Auch diese schöne Idylle wird aufhören, denn nun steht auf Helgoland der Standes- beamte, der genau dieselben Bedingungen stellt, wie überall im Reich. Wie das Felsennest bald von Befestigungen starren und mit zahlreichen Geschützen gespickt sein wird, so wird auch das harmlose und fröhliche Treiben dort bald einen anderen Charakter bekommen. Zweifellos werden die Freunde der Kolonialpolitik nebst dem ganzen großen Chorus der Spekulanten, der Prositmacher und der berufsmäßigen Projektenfabrikanten diesen Ausgang zu einer verstärkten Verherrlichung der kolonialpolitischen Bestrebungen benutzen wollen. Der Lärm ist ja jetzt schon groß genug. Wir bleiben demgegenüber kühl bis ans Herz hinan. Denn wenn auch nun eine Phase der kolonialpolitischen Unternehmungen zu diesem Ergebuiß, nämlich die Erwerbung Helgolands, geführt hat, so bleiben weitere überseeische Unternehmungen darum nicht minder bedenklich und kostspielig; es ist damit genau wie zuvor. Das scheint einmal so im Zug der Zeit zu liegen, daß alles Nene nur geeignet ist, neue Lasten und Be- fürchtungen zu bringen, dafür ist der Besitz Helgolands wirklich ein geringer Trost. Wolikisihs AeberKrhk. Di- Sozialreforn» in Rußland. Gegenwärtig, wo in der russischen Hauptstadt zu dem sogenannten internationalen Gefängnißkongreß mehrere hundert ausländischer Rechts- gelehrter und Gefängniß-Direktoreu zusammen gekommen sind, ist die russische Regierung begreiflicher Weise bemüht, ihre inneren Staatseinrichtungen in einem möglichst günstigen Licht erscheinen zu lassen. Hierzu bedarf es natürlich auch des„Beweises", daß Rußland aus dem Gebiete der Sozial- rcform den übrigen europäischen Staaten nicht nachsteht. In der That sind auch— wenigstens auf dem Papier— schon eine Reihe von kaiserlichen Erlassen erfolgt, welche durch einige bündige Reglements die Unsallversiche- rung, die Sonntagsarbeit und das Fabrik- i n s p e k t o r a t regeln. Da der Zar Autokrat ist, so genügt natürlich die Bekanntmachung cineS solchen Erlasses im„Regierungsboten' und die Reform ist gemacht.— Nur fragt es sich, ob sich irgend ein Unternehmer auch wirklich gemüßigt fühlt, den Bestimmungen dieser Reglements nachzu- kommen. Da bisher noch keinerlei Vereinigung«: der Arbeiter bestehen, welche in ihrer Mitte auf die Befolgung der Reglements dringen, so fehlt jede Koutrole darüber, ob die- selben auch nur den geringsten praktischen Nutzen bringen. Ueber die Bestimniungen betreffs der Sonntagsarbcit und wohlthuende Gleichgewicht der Seele, das auch seine Gatti besessen, bis aus die sanfte Stimme, die nicht mehr sprack als nothwendig war. Er war betroffen davon und noc trauriger als zuvor. — Sie wissen ja, daß ich Ihnen angehöre, flüsterte ei um ein Ende zu machen; thun Sie mit mir, was Si wollen. Nun sagte sie in heiterem Tone: — Das ist es, mein Herr; die Ansicht einer Frau, nn mag sie noch so niedrig stehen, ist immer gut zu hören, wem die nur ein wenig Klugheit besitzt; ich werde aus Ihne! nichts Anderes, als einen wackeren Mann machen, wenn Si sich mir anvertrauen wollen. Sie scherzte in ihrem einfachen Wesen, das so vie Zauber ausübte. Nun lächelte er seinerseits und geleitet lle bis zur Thür, wie eine große Dame. Am folgenden Tage wurde Deuise zur Abthcilnngs Vorsteherin ernannt. Die Direktion hatte die Abtheilmv für Roben und Kostüme getheilt und ihr zuliebe eine Abtheiluni für Kmderkostüme eingerichtet, welche neben der Konfektions Abthcilung installirt wurde. Seit der Entlassung ihre! Sohnes lebte Mine. Aurelie in fortwährender Angst denn sie sah, daß die Chefs ihr gegenüber kühl gcwordei waren und daß die Macht des jungen Mädchens immc: mehr zunehme. Wird man sie nicht bei dem erstbesten Vor wande Dcnisen aufopfern? fragte sie sich. Ihr dicke; Zasarcngesicht war abgemagert, seitdem die Dynastie Lhoimm bemakelt war; in auffälliger Weise entfernte sie sich jetz jeden Abend am Arme ihres Gatten; das Unglück hatte si, einander näher gebracht; sie fühlten, daß das Uebek von de: Regellosigkeit ihres Familienlebens herstamme. Der brave Mann, mehr getroffen als sie, in seine: bis 15 Jahren an Sonntagen getroffenen Bestim- Erwachsenen statt- der Unfallversicherung, welche schon vor mehreren Wochen erlassen wurden, soll demnächst berichtet werden; für heute dagegen sei das soeben bekannt gegebene Dekret über die Frauen- und Kinderarbeit erwähnt, welches wohl schon hinreichend den Charakter dieser Sozialreform des Zaren kennzeichnet. Dieses Reglement, welches mit dem heutigen Tage für das gesammte europäische Rußland in Kraft tritt, lautet in wörtlicher Uebersctzung: Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren könnten zu einer andauernden Arbeit von 6 Stunden verwendet werden, sobald sie nicht niehr als diese 6 Stunden im Laufe von 24 Stunden beschäftigt sind. Kinder desselben Alters können in Glashütten zu einer Nachtarbeit von 6 Stunden verwenoet werden, sobald eine Zeit von mindestens 12 Stunden zwischen ihrer nächsten Arbeitszeit des folgenden Tages liegt. Der Ober- Fabrikinspektor kann die Beschäftigung von Kindern im Alter von 12 in Fabriken und Werkstätten auch gestatten, falls dort nach den früher mungeu auch die Sonntagsarbeit der Haft ist. Die jugendlichen Arbeiter im Alter von 15—17 Jahren und alle Frauen dürfen nicht beschäftigt werden in der Zeit von 9 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens in folgenden Ar- beitszweigen: in allen Webstoff- und Wachstuchsabrikcn, in den Wollen- und Baumwollspinnereien und in den Leinen- Webereien. Die gleiche Verordnung kann von dem Finanz- minister(!) in Uebcreinstimmung mit dem Minister des Innern auch für andere Fabriken eriaffen werden. In Ausnahnie fällen(nach einer längeren Aussetzung der Arbeit, oder wenn vor Beginn der Märkte die Auf- träge zahlreicher einlaufen) können die Fabrikinspektoren oder die Gouverneure der Provinzen die jugendlichen Arbeiter von 15—17 Jahren oder Frauen ermächtigen, des Nachts auch in den genannten Betrieben zuarbeiten, unter der Be- dingung, daß sie nicht vor Mittag des folgenden Tages wieder zur Arbeit kommen. In denjenigen Fabriken, wo man 18 Stunden des Tages arbeitet, oder zwei Arbeitsschichten(für den Tag und die Nacht) eingeführt sind, können Kinder von 12 bis 15 Jahren 9 Stunden beschäftigt werden unter der Be- dingung, daß sie während jeder Schicht nur 4 Stunden zur Arbeit verwendet werden. Der Finanz«, iuister ist erniächtigt, die fernere Ver- Wendung von Kindern von 10 bis 12 Jahren zur Arbeit während der Tagesstunden zu gestatten, wenn diese Kinder am Tage der Bekanntniachung dieses Reglements bereits in Fabriken beschäftigt waren. In anderen Fällen dürfen Kinder unter 12 Jahren künftig unter keiner Be- dingung mehr beschäftigt werden. Die Eigenthümer oder Direktoren von Fabriken, welche gegen die Bestimmungen dieses Reglements verstoßen, sind mit einer Geldstrafe nicht unter hundert Rubeln oder mit G e s ä n g n i ß nicht unter einem Monat zu bestrasen. Das nennt sich auch Sozialreform. Märtyrer. Am 22. März des vorigen Jahres wurden in Aakutsk(Sibirien) eine Anzahl„Verschickter", weil sie vor einem Marsch bei tödtlicher Kälte sich erst mit warnien Gewändern versehen wollten, als„renitent" von Sold, ten überfallen und auf's Furchtbarste zugerichtet. Da die Uebersallenen sich, so gut sie konnten, zur Wehre setzten, und da emer von ihnen zu seiner Vertheidigiing einen Re- volver zog— zum Schutz gegen wilde Thiere(Wölfe, Bären u. s. w.) ist den„Verschickten" der Besitz von Revolvern erlaubt— so begannen die Soldaten in den Haufen hinein zu schießen und eine scheußliche Metzelei erfolgte, bei der auch eine F r a n das Leben verlor. Es ist das die bekannte Metzelei vonDakutsk. Wie ebenfalls bekannt, hatte die Metzelei ein Nachspiel. Die überlebenden Opfer wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, welches sie als M i l i- tär- Meuterer betrachtete, und drei derselben wegen bewaffneten Widerstandes gegen die Vorgesetzten zum Tod verurtheilte: Bernstein, Hausmann und Z o t o f f. Das Urtheil wurde auch vollstreckt— B e r n st e i n, der bei der Metzelei schwer verwundet wor- den war, wurde im Bett unter den Galgen getragen und als halbtodter Mann aufgeknüpft. krankhaften Furcht, daß man ihn selbst des Diebstahles ver- dächtigen könnte, zählte jetzt zweimal seine Einnahmen sehr geräuschvoll, mit seinem verstümmelten Arm dabei wahre Wunder verübend. Als sie Deinsen in der Eigenschaft einer Vorsteherin in die Abtheiluug für Kinderkostüme über- treten sah, empfand sie eine so lebhaste Freude, daß sie die Gefühle der wärnisten Zuneigung und Ergebenheit für die- selbe sichtlich zur Schau trug. Es sei wirklich schön, daß sie ihr ihren Platz nicht genommen habe, sagte sie, uud sie überhäufte sie mit Beweisen der Freundschaft, behandelte sie fernerhin auf gleichem Fuße, ging oft zu ihr hrnüber, uin sich mit ihr zu besprechen. Denise war jetzt aus dem Gipfel ihres Glückes. Ihre Ernennung zur Vorsteherin hatte die letzten Widersetzlich- leiten in ihrer Umgebung vernichtet. Wenn man vielleicht hinter ihr auch jetzt noch tratschte, in jener Uncrbittlichkeit der Zunge, welche überall Verheerungen anrichtet, wo Männer und Frauen beisammen sind, so verneigte man sich vor ihr doch bis zur Erde. Marguerite, die zur stellvertretenden Vorsteherin ernannt worden war, erschöpfte sich in Lobeserhebungen. Selbst Klara, von geheimem Äc- spckt für ein solches Glück erfüllt, dessen sie sich unfähig fühlte, neigte das Haupt. Noch vollständiger war der Triuniph Deinsens über die Herren, über Jouve, der sich nur völlig zerknirscht ihr zu nähern wagte; über Hutin, der jetzt von Angst erfüllt war, weil er seine Stellung wanken sah; endlich auch über Bourdoucle, der zur Ohnmacht ver- urtheilt war. Als Letzterer sie lächelnd aus dem Kabinet der Direktion treten gesehen hatte, mit ihren sanften Mienen, und als der Direktor am folgenden Tage in der Berathung der Jnteressirten die Errichtung einer neuen Abtheilung ge- fordert hatte, da ergab er sich, besiegt von der heiligen Furcht vor der Frau. Solchen Gunstbezeugungen Mourets hatte er immer nachgegeben, denn er erkannte ihn für seinen Herrn, trotz der Fehler, die sein Genie nicht selten beging und trotz der Schwächen seines Herzens. Denise war übrigens gutmüthig und liebenswürdig in ihrem Triumph. Sie war gerührt von diesen Beweisen der Achtung, sie wollte darin eine sympathische Vergeltung für das Elend ihres Anfangs erblicken und den enfr „F r e i- R u ß l a n d"— Free Russia— theilt die Briese mit, welche die drei Genannten vorder Hin- richtung an ihre Genossen geschrieben haben. Die Briefe Bernsteins und Hausmanns sind unfern Lesern bereits be- kannt. Neu aber wird ihnen der wortgetreu übersetzte Ab- schiedsbrief des dritten Vernrtheilten sein: N. Z o L o f f schrieb; — Jenny(seine Braut) kommt gerade— zum letzten Besuch. Sie ist die Zeugin der letzten Stunden meines Lebens und wird Euch Alles erzählen. Ich selbst kann es nicht. Ich will Euch nur sagen, daß ich mich fehr ruhig und in gehobenster Stimmung fühle. Aber ich bin sehr müde, sowohl körperlich als geistig— der Druck auf die Nerven war in den letzten zwei Tagen so groß. Meine theueren, innigstgcliebten Freunde! Ich drücke Euch zum letzten Male an mein Herz. Bedauert mich nicht; gränit Euch nicht! Ich sterbe mit leichtem, freudigen Herzen, im Vollbewußtsein der Gerechtigkeit unserer Sache, und mit dem Gefühl der Stärke in meiner Brust. Das Einzige, was mich traurig macht, ist der Gedanke an die Lieben, welche ich zurücklasse. Was sind meine Leiden verglichen mit den ihrigen? Für m i ch ist alles in wenigen Stunden vorbei.'Aber sie! Welche moralische Kraft müssen sie haben, um Alles bis zum Ende zu tragen... Ich kann kaum an etwas Anderes denken, wenn niein Blick auf Jenny fällt. Die Gcfängnißwärter sind gerade eingetreten. Sie brachten die Kleider, welche ich für die Hinrichtung an- ziehen muß! Ich habe sie fchon angezogen, und sitze hier, schauernd vor Kälte, in dem Hemd und den Hosen des Vernrtheilten. Glaubt nicht, daß meine Hand vor Angst zittere. Aber lebt wohl, meine Theuren, lebst wohl auf ewig. Nikolaus.» Das ist ein Brief, welcher in seiner pathetischen Einfach- heit die Leidens- und Kampfgeschichte des heutigen Rußland erzählt. Zur Auffinduug neuer Steuern soll die von dem Reichskanzler v. Caprivi in der Militärkommission ange- kündigte Konferenz der deutschen Finanzminister bereits im September stattfinden. Schatzsekretär v. Maltzahn verkün- digte bekanntlich in der Militärkomniission, daß es in der nächsten Wintersession dem Reichstag an Beschäftigung mit neuen Steuern nicht fehlen werde. Die Cinstclluug des gegru Kickenbach eingeleitete» Strafverfahrens ist erst am Montag, den 16. Juni, ver- fügt worden. Zwar sind die von den Blättern gebrachten thatsächlichen Mittheilungen durchaus richtig gewesen; jedoch hat der angeblich bewährte Dr. Z. sich weder in emer Nothlage befunden(er ist überhaupt ein wohlhabender Mann), noch kann von einer Uncrfahrenheit dcfsclben die Rede fein(Dr. Z. ist u. a. Gcneralkassirer eines großen Verbandes), noch endlich ist ein Leichtsinn desselben ange- nommen worden; fomit erschien§ 302a des Strafgesetzbuches nicht anwendbar. Die Thatsachen hat Pickenbach selbst auch in einer vor- gestrigen Antisemiteuversammlung zugegeben. Außer dem Umstände, daß Dr. Z. wohlhabend sei, führte er zu seinen Gunsten nur die angebliche Thatsache ins Feld, daß er das empfangene Geld nicht für sich, sondern für die Antisemiten- partei aufgenommen habe; von der Provision sagte er aber kein Wörtchen. Der Kundesrath hielt eine kurze Plenarsitzung. Die Gegen- stände der Tagesordnung waren belanglos. Eingegangen war das Abkommen mit England. Du« Drehbnreau des Ministerium« des Innern be- ginnt sich jetzt, wie die„Freis. Ztg." mittheilt, genau nach alten Bismarck- Puttkamer'schen btezepten in die parlamentarischen Verhandlungen über die Milirärvorlage einzumischen, indem es in einem Artikel über„daS Schicksal der Militärvorlage" in den Kreisblättern gegen diejenigen polemisirt, welche die Forderung der zweijährigen Diensizeit aufstellen. Der Artikel schließt mit einer Danksagung an den Abgeordneten Windthorst. Es sei»>it Genugthuung zu begrüßen, daß aller Voraussicht nach das Schau- spiel eines scharfen Gegensatzes zwischen Regierung und Recchs- tagsmehrheit in der schwebenden Militärsrage uns erspart bleibt." Unter Uolieeiunfstcht scheinen die für die Wörmann- Dampfer angeworbenen Kamerunleute in Hamburg zu stehen. So schreiben die„Hamb. Nachr.":„Um theils einem Entweichen, theils auch anderweitigen Belästigungen vorzubeugen, werden in der letzten Zeit, wenn auf dem Seemannsamte Kanierun-Feuer- lichen Erfolg ihres muthigen Ausharrens. Sic empfing daher mit lächelnder Freude die ihr dargebrachten Freundschasts- kundgebungen, was dahin führte, daß sie von Einigen wirk- lich geliebt wurde. So sanft und entgegenkommend, war sie alle Zeit bereitwillig, ihr ganzes Herz hinzugeben. Nur gegen Klara bewahrte sie eine unüberwindliche Abneigung, denn sie hatte erfahren, daß diese sich wirklich den grau- samen Scherz gemacht hatte, eines Abends Colomban mit sich zu nehmen, und der Kommis, von seiner endlich befric- digten Leidenschaft fortgerissen, brachte seither öfter die Nacht außer dem Hause zu, während die arme Geneviäve langsam hinstarb. Im„Glück der Damen" wurde davon viel ge- sprachen, man fand die Abenteuer drollig. Allein dieser Kummer, der einzige, den sie hatte, ver- mochte ihre gleichgiltige, ruhige Gemüthssiimmung nicht zu trüben. Man mußte sie insbesondere in ihrer Abtheilung fehen, umgeben von ihrer Bevölkerung von kleinen Leuten jeden Alters. Sie betete die 5tinder an, man konnte keinen geeigneteren Platz für sie finden, zuweilen konnte man da 50 kleine Mädchen uud eben so viele Knaben zählen, ein ganzes lärmendes Pensionat, von den Begierden der er- wachenden Koketterie bearbeitet. Die Mütter verloren schier die Köpfe, sie aber, immer besänftigend, immer lächelnd. setzte die kleine Gesellschaft der Reihe nach auf Stühle nieder. Und wenn sich in der Schaar ein allerliebstes rosiges Püpp- che» befand, dessen hübsches Lärvchen sie in Versuchung führte, so wollte sie selbst es bedienen, brachte das Kleidchen, pro- birte es auf den gepolsterten kleinen Schultern mit der zarten Behutsamkeit einer größeren Schwester. Da gab es frohes Gelächter, entzückte Ausrufe inmitten von tadelnden Stimmen. Es kam vor, daß ein Mädchen, das schon eine große Person war, weil ncnil oder zehn Jahre alt, einen Paletot, den man ihm umgehängt, vor dem Spiegel betrachtete, sich hin und herwandte, mit ernster Miene die Augen von dem Verlangen zu gefallen leuchtend. Und die ausgepackten Kostüme und Mäntel füllten alle Pulte; es gab"da Roben in rosa oder blauer taille d'Asie für Kinder von einem Jahr bis zu fünf Jahren, Marine- Kostüme in Zephir, plissirte Jnpes und geputzte Blusen in Percail, Kostüme im Style Louis XV.. Mänlel leute für Wörmann'sche Dampfer ausgemustert werden, diese S-- schäste im Beisein von Beamten der Hafeupolizei vollzogen.� stern wurden neun solcher Leute abgemustert und sogleich stst � Dampfer„Carl Wörmann" wieder angemustert. Nach Beendigu»? dieses Aktes wurden die schwarzen Herren dann durch dn S' dachten Beamten an Bord begleitet und dort abgeliefert." schreibt der„Freis. Ztg." hierzu noch aus Hamburg, daß dur? diese Maßregeln die Schwarzen die deutschen Lohnverhsiuml nicht kennen lernen und Berührungen mit deutschen ArveUern vermieden werden sollen. Die Schwarzen erhielten den Lohn«'• zur Hälfte in Geld und zur Hälfte in Naturalien, die ihnen i hohen Preisen angerechnet würden.— Das Trucksystem M° kanntlich gesetzlich verboten._... I» den Kriegrrvereinrn des Stadt- und Landkrelic Kottdus wird Politik getrieben. Der Vorsitzende, ein Kasernen inspektor aus Kottbus, veranlaßte am Sonntag eine Beschul� fassung der Vorstände der Kriegervereine, nach sächsischem Mum gegen die Sozialdemokraten in den Kriegervereinen vorzugeyun Zugleich will der Herr Kaserneninspektor vorgehen gegen stm) Kriegervereine des Kreises, die dem deutschen Kriegerbund mcy angehören und sich dadurch der höheren Kontrole entziehen. selben sollen entweder sich anmelden und dadurch unter AunWj* stellen oder auf Führung einer Fahne verzichten. In nächster tz- soll in sämmtlichen Kriegervereinen eine Liste ausgelegt weroei, auf Grund deren sich jedes Mitglied verpflichten soll, die Sozw' demokrntie„abzuschwören". Diejenigen, die das nicht thun, soue» einfach aus dem Verein ausgeschieden werden. I» Hrzug auf LLeiitliche Tanzlnstbarkritrn hat Regierung zu Arnsberg eine Polizeiverordnung erlassen, ivonaq Knaben unter siebzehn und Mädchen unter sechszehn Jahren a Tanzlustbarkeiten weder theilnehmen noch in den Räumen für o Theilnehmer sich aufhalten dürfen. Ueberschreitungen sollen 60 M. oder mit entsprechender Haft bestrast werden.— Unseres Erachtens geht eine solche Bestimmung über den zulässigen Rahme» der Polizeiverordnung weit hinaus. g» Stendal tagte am Sonntag ein sozialdemokratische� Parteitag der Altmark. Es handelte sich um die Bildung eine- Agitationsausschusses für die Landbevölkerung. Wegen Belewi' gung des überwachenden Polizeikommissars erfolgte die Auflösung der Versammlung; zur Ansrechterhaltung der Ordnung war ew Kommando Husaren erschienen.— Wegen Beleidigung eine- Beamten darf keine Versammlung aufgelöst werden. Fühlte«? der gestrenge Herr Kommissarius beleidigt, so konnte er Strai- antrag stellen. Hoffentlich wird gegen dw ungerechtfertigte Aus lösuna Beschwerde geführt. WagdrburjZ. Zwei Arbeiter, welche in der Nacht zuw 1. Mai an den Telegraphendrähten eine rothe Fahne mit pt Inschrift:„Hoch die Achtstundenbewegnng, es lebe die SozM' dernokralie" anbrachte», wurden zu 3 und 6 Monaten GesängM? verurtheill wegen groben Unfugs. Hrilbroni«. Zum zweiundvierzigsien Male angeklagt wwi Beleidigung des hiesigen Bürgermeiswrs war der Redakteur t-e- „Beobachters". Auch in diesem zweiundvierzigsten Prozeß lvurv° der nämliche Redakteur auch jetzt wieder zum zweiundvierzigsi� Male freigesprochen. Wäre es nicht nöthig zu untersuchen, e' diese Klagerei nicht stark nach Frivolität schmeckt? Großbritaunien. London, 17. Jum. In der gestrigen Sitzung des Unter Hauses kam es zwischen Balfour, Dillon und P a r n e> zu einer sehr erregten Szene._ Zunächst kündigte der Erste Lord des Schatzamts, Smith, es' daß er in nächster Sitzung die erivartete Erklärung über die Vor' schlage der Regierung zur Beschleunigung der Sessionsgeschal" abgeoen werde.,. Anläßlich einiger Anfragen an den Obersekretär für Jrla"« in Bezug auf die polizeiliche Ueberivachung vervächtiger Persons» in Irland entstand ein stürmischer Auflritl. Balfour erklär»' baß in Irland nur solche Personen polizeilich überwacht werde" von denen die Polizei wisse, daß sie sich mit Boykotten und Er schüchteruug abgebe». Eine Milderung des Systems könnte er w versprechen, wenn sich die irischen Avgeordneleu verbindlich mache» wollen, die überwachten Personen zu veranlassen, sich der E»' schüchteruug zu enthalten._„ Dillon laut und erregt zu Balfour:„Dieses ist em Systes roher und abscheulicher Ausschreitungen und wenn Blutvergicpc« daraus entsteht, wird es aus Ihr Haupt fallen."(Stürmische� Beifall der Parnelliten.) P a r n e l l:„In England gilt jeder Angeklagte für unschuldig- bis er für schuldig erklärt worden." Balfour:„Will der ehrenwerthe Herr versprechen diese Leute ihr Verdrechen nicht wiederholen?" Dillon(erregt uud wüthend):„Welches Recht hat de Obersekretär, meine Wähler Verbrechen zu beschuldigen. Jsj fordere den sehr ehrenwerthe» Herrn auf, aufzusiehen und bitte dasür zu leisten, daß er meine Wahler eines Ver' brechens beschuldigt, welches kein Verbrechen ist. Vor bei» Gesetz sind sie so unschuldig wie er."(Donnernder Beifall de Parnelliten.)., Nach einer weiteren stürnnschen Szene, im Verlause welch' Gill den Obersekretär einen Lügner nannte, erklärte Balfour, � e» I das Jacqnets, ein pele-rnele von kleinen schmalen Kinderkleidcrs'- eine Art Garderobe für eine Schaar großer Puppen. Denm hatte immer die Taschen voll Leckerbissen, beschwichtigte r die Thränen eines Kleinen, der darüber verziveifelt waü daß er die rothen Höschen nicht mitnehmen konnte und lebü da unter ihren Kleinen wie in ihrer uatürticheil Familü- selbst verjüngt durch diese Unschuld und Frische, die sich sie her immer wieder erneuerte. Jetzt kam es zuiveiten vor, daß sie lange Unterredung� mit Mouret hatte. Wenn sie sich nach der Direktion be' geben mußte, um Austräge entgegenzunehmen oder Beriap zu erstatte», hielt er sie zurück, um mit ihr zu plaudern- venu er hörte sie gerne sprechen. Das war es, was ßf lachend„eilyen braven Mann aus ihm machen" geuaiim hatte. Ist ihrem erlisten,- besonnenen Köpfchen einer Not' mänmn gab es allerlei Projekte, jene Ideen über den neuen Handel, welche sie schon bei Robineau einmal erwähm hatte lind von welchen sie auch an jenein schöllen Abeistq da sie in den Tuilerien mit einander spazierten, gesprochen hatten. Alles was sie sah, suchte sie zu regeln, zu verbessern so sann sie beispielsweise, seitdem sie beim„Glück dck Damen" wieder eingetreten war, über die prekäre Sär der Kommis nach; die plötzlichen Entlassungen kränkten sie; sie fand dieses Vorgeyen ebenso ungeschickt wie ungerecht, nachtheilig für Jedermann, für die Kommt» wie für das Haus. Noch zitterten die Leiden ihres Deblst- in ihrem Herzen nach und nicht ohne tiefes Mitteid sah r die neu eingetretenen Mädchen ihr Elend unter dem schwarzen Seideuklcide mit sich herumschleppen, fortwährend verfolg von den früher Angestellten. Diese Existenz des geprügelt� Hundes machte die Besten unter ihnen schlecht und es b� gann ein trauriges Defils: Alle waren durch das Metick vor dem vierzigsten Lebensjahr abgemitzt, verschwunden, vck' suuken ins Unbekannte; viele gingen zu Gruude in Nc'3 und Arbeit, starben an Auszehrung und Btlitlosigkeit, i's folge der Uebermüdung und des Mangels an frischer Lust' viele würben auf das Straßenpflaster gefegt, die Weuigsüjj waren so glücklich, sich zu veryeirathen und verschwand� dann in irgend einer Provinz-Boutike. Diese ungeheim « bereit fei, das Wort„Verbrechen" durch Boykotten und Ein- Ichuchtcrung zu ersetzen. Johnskon lenkte die Aufmerksamkeit des Sprechers auf die Thatsache, daß der Abgeordnete Gill den Obersekretür für Irland einen Lügner genannt habe. Der Sprecher nahm indcß davon keine Notiz und er- wahnte das Haus, die Verhandlungen in ordentlicher Weise fort- Zusetzen und Worte, die in der Aufregung gesprochen ivorden, zu uoersehe». Ten Nest der Sitzung füllte die Kommissionsberathung der «chanksteuervorlage aus, aber dieselbe machte nur gering- P'Ö'ße Fortschritte. Ein von Shaw-Lesevre gestellter Antrag, die Anwendung des Fonds für die Schließung von Wirthschaften zu ueychjeben bis zur Annahme eines Gesetzes, welches die Besugniß, «chankkonzcssionen zu ertheilen, auf die Grafschaftsräthe über- »ragt, wurde mit 239 gegen 199 Stimmen verworfen. Nach Ablehnung eines weiteren" Amendements durch Anwendung der �loture wurde die Einzelberathung wieder vertagt. Frankreich. Paris, 19. Inn,. Der Minister des Innern, Eonstans- «heute in dem heutigen Ministerrathe die anläßlich des Ausbruchs «er Cholera in Spanien getroffenen Maßregeln mit. Die Aerzte «nr. Charrin und Dr. Netter sind bereits Dienstags abgereist, um an der Grenze den Sanitätsdienst zu organisiren.— Der Präsident Carnot unterzeichnete ein Dekret, wodurch bis auf Weiteres die Einsuhr von Früchten und Gennisen aus Spanien untersagt Nnrd, ferner ein zweites Dekret, in welchem, gegenüber den aus Spanien kommenden Reisenden und Maaren, Sicherheitsmaßregeln angeordr.et werden. Die bei früheren Epidemien getroffenen Vor- sichtsmaßregcln sind aufs neue in Kraft gesetzt und sollen unver- Züglich in Frankreich, Algier und Tums m Wirksamkeit treten. . Zum pariser!lihiliste»pro,rtz schreibt der Pariser Be- Nchterstatter der„Times":„Die Untersuchung gegen die ver- hasteten Nihilisten wird mehr und mehr verwickelt. Der Unter- suchungsrichter Athalin scheint unparteiisch vorzugehen. Die Freunde der Verhafteten sind über diesen Punkt befriedigt und glauben, daß er das politische Element von der Untersuchung ausschließen wird. Dasselbe läßt sich jedoch nicht von der Polizei- präfektur sagen und zwischen den beiden Behörden scheint eine Art ftompetenzgericht ausgebrochen zu sein. Der Richter Athalin befahl die Freilassung Achkinazi's, gegen welchen kein Belastungs- Material vorliegt, trotzdem hat die Polizei ihn aber noch weitere sechs Tage in Haft behalten, bevor sie sich entschließen konnte, ihn freizugeben. Achkinazi wünscht jetzt natürlich zu wissen, ob diese seine Detention gesetzlich ist. Man glaubte bisher, daß der Prozeß gegen die übrigen verhasteten Nihilisten am 28. d. Mts. beginnen würde. Gester» enthüllten jedoch Neinstein, Lavrcnius und Andere dem Untersuchungsrichter, daß sich in ihrer Mitte ein russischer Agent befunden habe, welcher besonderen Eifer in der Herstellung der Bomben zeigte, seltsamerweise aber nicht ver- haftet worden ist. Dieses wirft ein neues Licht auf die Auge- legcnheit und mag den Prozeß auf einige Zeit hinausschieben." Itttlien. Rom, 18. Juni. Deputirtenkammcr. Der Ministerpräsi- dent Crispi erklärte, den Nachrichten aus Spanien über dort vor- gekommen« Krankheitsfälle sei vorläufig keine große Bedeutung beizumessen. Es handele sich nicht um asiatische Cholera. Die Regierung werde übrigens nvthigenfalls entsprechende Schutzmaß- regeln treffen. Rom, 18. Juni, Abends. Der Minister des Innern hat die ärztliche Untersuchung aller aus spanischen Häfen kommenden Schiffe angeordnet. Spanie»». Valencia, 13. Juni. Es sind noch einige verdächtige Erkrankungsfälle in Puebla de Rugat und Montichelvo vorge- kommen, aber die Epidemie scheint im Abnehmen begriffen zu sein. Madrid, 18. Juni. Hier eingetroffenen Telegramnien aus Malaga zufolge sollen daselbst nur zwei Fälle von gelbem Fieber vorgekommen sein. Valencia, 13. Juni. Die spanischen Mittclmeerhäfen sind für choleraverdächtig erklärt worden; Ueberwachungsmaß- regeln sind längs der Landesgrenze getroffen. VnrlkmmrktU'iWiev. Iu der Potitionoliauttnisstan des Zleichotagrs kamen zur Vorbescheidung: Eine Petition um Erhöhung des Dienst- einkommens der Reichs-Eiscnbahnsekretäre. Hierzu wird seitens des beigezogenen Regiernngskommissars Herrn Regierungsrath Wackerzopp bemerkt, daß dieselbe materiell erledigt werden dürfte durch die Vorlage des Nachtragsetats, der ja auch eine Erhöhung der Gehälter für die Betriebssekretäre vorsehe. Die Petition Zimmer, Rückerstattung von Zoll, wurde als ungeeignet zur Er- vrterung im Plenum erklärt, da der Petent zwecks Zurückzahlung zu viel bezahlten ZolleL sich noch nicht an den Bundesrath ge- wandt, demnach der Jnstanzenzng nicht erschöpft ist. Die Petition des früheren Lehrers Kodrzycki um Pensionirung, wird als un- enschenfresserei, welche die großen Magazine von Jahr zu ihr übten— war sie menschlich, war sie gerecht? Und vertrat die Sache des Zahnwerks der Maschine und ffte sich dabei auf Gründe, die nicht der Sentimentalität stammten, sondern sich aus dem Interesse der Chefs er- den. Wenn man eine dauerhafte Maschine haben wolle, lärte sie, müsse man gutes Eisen verwenden; wenn das sen bricht oder gebrochen wird, steht die Arbeit stille und vermehren sich die Kosten: ein Verlust an Kräften tritt i. Zuweilen belebte sich ihre Phantasie; sie sah den idealen, geheuren Bazar, eine Phalansterc des Handels, in welcheni der, nach seinen Verdiensten, seinen Äntheil am Gewinn den würde und durch Verträge den folgenden Tag ge- >ert sehen würde. Solche Projekte erheiterten Mouret, 'ff des Fiebers, das ihn verzehrte. Er beschuldigte sie > Sozialismus und brachte sie in Verlegenheit, indem ihr die Schwierigkeiten der Durchführung erläuterte. »er, obgleich er sie scherzend anhörte, profitirte er von sen Ideen; das Schicksal dcrKonimis ward allmälig ver- ssert; an die Stelle der massenhaften Entlassungen trat l System der Beurlaubungen während der tobten Saisons; blich gründete man Aushilfskassen zur Unterstützung der «inmis während der Bcschäftigungslosigkeit. Ties waren - Anfänge der großen Arbeitervereiniguugcn des XX. Jahr- nderts. Denise begnügte sich übrigens nicht damit, die Wunden ilen zu wollen, an welchen sie selbst einst geblutet; ihr iblicher Zartsinn gab ihr allerlei Ideen ein, durch rcn Ausführung Mouret die Kundschaft, entzückte. Auch tzückte sie den Kassirer Lhoimne durch die Untcr- ffung eines lange Zeit von ihm gehegten Projektes, ck welchem er aus den Angestellten des Hauses ein usikkorps zusamnienstellte. In drei Monaten hatte oinnie hundertzwanzig Musiker unter seiner Leitung: c Traum seines Lebens war verwirklicht. Und es ward i großes Fest veranstaltet, Konzert und Ball, um die usik des„Glücks der Damen" der Kundschaft der ganzen elt vorzuführen. (Fortsetzung folgt.) geeignet zur Erörterung im Plenum abgelehnt, da Petent 1832 aus dem Schuldienst ausgetreten ist und eine Schenke übernom- men hat. Zur Verhandlung kam weiter eine Petition, welche die Kommission schon seit vielen Jahren beschäftigt. Eine Handels- gesellschast hatte in der Gegend von Nancy Holzstämme gekaust und auch den Preis bezahlt an die deutsche Regierung, obwohl sie nur einen Theil der inzwischen wieder in französischen Besitz zurückgekehrten Hölzer hatte abfahren lassen können. Jetzt hau- delt es sich um die Geltendmachung von Rückerstattung der an die deutsche Regierung bezahlten Summe, die früher auf 200 000, jetzt auf 15 000 M. angegeben wird. Die Kommission erkannte im Prinzip die Billigkeit des Anspruches an, erklärte sie aber für ungeeignet zur Erörterung im Plenum, da der Petent die Le- gitnnation seiner Beziehung zur Sache nicht erbracht hat. ZU'beitevbeuieizmtN. Hamburg, den 17. Juni. Zur Aussperrung der Schlnch tergesellen. In welcher Weise die Thatsachen verdreht werden können, davon liefert die neueste Nummer der „Deutschen Fleischer-Zeitung" einen eklatanten Beweis. Nachdem sie die im„Echo" veröffentlichten Aufrufe ee. der Freien Vereinigung der Schlächtergesellen, ferner die in der Hamburger Presse rnserirte Erklärung der Schlächtermeister wiedergegeben, behauptet sie kurzweg, daß die Gesellen streiken, während doch Jedermann weiß, daß sie aus der Arbeit entlassen wurden, weil sie sich das Koalitionsrecht nicht einfach rauben lassen wollten. Die Auslassung des genannten Blattes ist auch in anderer Hin- ficht brach tenswerth und wirst ein recht grelles Licht auf die in Meisterkreisen verbreiteten Anschauungen. Es heißt da:„Wir hoffen, in den Stand gesetzt zu werden, die Liste aller der Gesellen zu veröffentlichen, welche in leichtsinnig frivoler Weise eine Arbeitseinstellung in's Werk gesetzt haben. Wir bedauern diejenigen, welche sich haben bethören lassen; die Nothwendigkeit aber zwingt zu rücksichtslosem Vor- gehen zur Warnung für die Anderen! Die Reue dürste bei vielen zu spät kommen, denn noch nie ist in leichtsinnigerer und unbe- rechtigter Weise eine Arbeitseinstellung ins Werk gesetzt, als die der Hamburger Schlächtergesellen." Daß die letzte Behauptung den Thatsachen geradezu ins Gesicht schlägt, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Die Drohung mit der schwarzen Liste wird wenig nützen; es wird sich Niemand davor fürchten, in derselben verzeichnet zu sein. Neugierig sind wir, ob die„Fleischer-Ztg." nicht mit dem Staatsanwalt in Konflikt kommt.— Im Ham- burger„Fremdenblatt" erläßt der Vorstand der Schlächterinnung eine Erklärung, welche für die Denkweise der biederen Meisler ebenfalls recht bezeichnend ist. Danach bekämpft die Innung das „Prinzip dieses Fachvereins" und hält sich dazu für berechtigt, weil— es einen Jnnungsausschuß gebe! Die Gründung des Fach- Vereins wird„aus Betreiben der sozialistischen Parteileitung" zu- rückgefiihrt. Besonders empört sind die Zünftler darüber, daß den Gesellen„vorgepredigt" wurde, das„Echo" zu lesen; sollten sie vielleicht Börsenblätter studiren? Daß die Gesellen entlassen wurden und nicht streiken, wird dann hochtönend erklärt:„Die Innung wird init allen gesetzlichen Mitteln bis zum letzten Athem- zuge diesen Fachvereins-Bestrebungen entgegenarbeiten." Ferner glaubt die Innung,„daß, wenn die alten Elemente ausgerottet, das alte gedeihliche Verhältnis zwischen Meister und Gesellen wieder bei allen gutgesinnten Gesellen zum Durchbrach gelangen wird." Es thut uns aufrichtig leid, diese süße Hoffnung der Zünftler als unberechtigt erklären zu müssen. Die Schlächter-Ge- sellen sind„von dem Gifte derart angefressen"(so ungefähr würde ein Jnnungsmeister sich ausdrücken), daß sie entschieden gewillt sind, sich in ihre Privat-Angelegenheiten selbst von dem„patri- archalischen" Meister nichts hineinreden zu lassen. Und sie thun recht daran. MrmnmmQles. Stadtverordurten- Urrsammlung. Sitzung vom Donnerstag, den 19. Juni. Der Stadtverordneten-Vorsteher, Stadtv. Dr. Stryck, er- öffnet die Sitzung um 5V* Uhr. Während die Versammlung sich von ihren Plätzen erhebt, theilt der Vorsteher mit, daß am Mitt- woch Nachmittag der Stadtv. Moses nach schweren Leiden ge- starben ist. Der Verstorbene hat der Versammlung seit dem Jahre 1875 als Mitglied angehört, nachdem derselbe bereits seit 10 Jahren im Gemeindewcsen thätig gewesen war. Er war ein Mann, der es mit seinen Pflichten sehr ernst nahm und sich durch hohe Gewissenhaftigkeit auszeichnete. Für seine Tüchtig, keit spricht der Umstand, daß er Mitglied fast aller Deputationen war. Die Bürgerschaft werde ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Die Beerdigung findet Sonntag Vormittag 11 Uhr auf dem Friedhose der jüdischen Gemeinde statt. Der Vorsteher bittet, sich zahlreich an derselben zu betheiligen. Vom Festausschusse des zehnten Deutschen B u n d e s s ch i e ß e n s ist eine Einladung zu dem am 6. Juli, Nachmittags 3 Uhr, stattfindenden Bankett ergangen. 'Nachdem Stadtv. Weiß über die Vorlage, betreffend einen Nachtrag zum Etat für die Verwaltung der Rieselfelder und der Kanalisationswerke pro I. April 1890/91 Bericht erstattet hat, genehmigt die Versamiii- lung dieselbe. Die Vorlage betreffend den Neubau des Gasthauses ans d e ni städtischen Grundstücke des alten Eier- Häuschens bei Treptow wird ebenfalls genehmigt. Es folgt die Vorlage betreffend die E r w e r b u n g des zur Regulirung der Strom st raße zwischen der Thurm- und der Birken st raße nothwendigen Terrains. Stadtv. Cassel begründet seinen Antrag ans Ablohnnng der Vorlage. Er habe stty an Ort und Stelle davon überzeugt, daß in der Stromsiraße keineswegs ein so bedeutender Berkehr herrscht, daß eine Verbreiterung der Straße als eine gebieterische Nothwendigkeit anzusehen sei. Jin Interesse der Verschönerung möge eine derartige Verbreiterung ja wün- schenswerth sein, aber eS gebe in der Stadt dann noch viele Gegenden, welche in erster Linie berücksichtigt werden müßten. Nur die Akticnbra erei Moabit und die Wittig'schen Erben for- dcrn eine Entschädigung, während die übrigen Anwohner das er- forderliche Terrain bereits unentgeltlich abgetreten haben. Er sehe keine Veranlassung, den genannten Eigenthümern, die jedenfalls nicht geringe Forderung zu bewilligen und bitte deshalb die Vor- läge abzulehnen, oder mindestens doch dieselbe einem Ausschusse zu überweisen. Stadtv. G e r i ck e tritt warm für Annahme der Vorlage ein. Der Verkehr sei jedenfalls vom Vorredner unterschätzt worden und derselbe würde noch bedeutend zunehmen, wenn die projek- tirten Pferdebahnen und die Verbindung mit dem Westen fertig- gestellt seien. Dann müsse die Regulirung unter allen Umständen bewerki.elligt werden und es sei deshalb mit aller Entschiedenheit anzurathen, jetzt das Opfer zu bringen, welches die Wittig'schen Erben zu fordern berechtigt seien, als später vielleicht sämmtliche Adja.zeuten entschädigen zu müssen. Stadtv. Meyer I bittet, die Vorlage dem Magistrate zur Ergänzung zurückzugeben. Tieselbe sei nicht klar genug gefaßt und gewähre keine» lieberblick über die Summe, welche eventuell geopfert werden solle. _ Stadtv. Wieck befürwortet ebenfalls die Vorlage auf's Driilgeudste. Die Stromsiraße sei eine der verkehrsreichsten Straßen, nicht nur Moabits, sondern Berlins. Die Regulirung sei thatsächlich ein Bedürfniß. Es habe unendliche Mühe gekostet, die 21 Adjazenten zur unentgeltlichen Abtretung des Terrains zu bewegen und um das bereits Erreichte nicht wieder Preis zu geben, einpsehle es sich, die Vorlage anzu- nehmen, oder doch vorher die Gegend und den Verlehr durch«ine Lokalkommission prüfen zu lassen. Eventuell bitte er, die Vorlage einem Ausschuß zu überweisen. Bei der Abstimmung wird die Vorlage abgelehnt. Die Versammluilg genehmigt sodann die ihr unterbreiteten speziellen Kostenanschläge über die auf den städtischen Gas- a n st a l t e n und an dem Rohrsystem in der Stadt auszuführen- den Erweiterungen und Erneuerungen. Auch erklärt sich die Versammlung damit einverstanden, daß ein Theil der für das Etatsjahr 1891—92 erforderlichen Pflastersteine bis zum Kostenbeträge von 800 000 M. schon jetzt in Bestellung gegeben wird. Die Beschwerden, welche die Versammlung bei früheren Ge- legenheiten über die elektrische Beleuchtung der Straße Unter den Linden und der Kaiser- W i l h e l m st r a ß e erhoben haben, werden von dem Magistrat beantwortet. Stadtv. Schwalbe u. Meyer I. beantragen, von der Rückäußerung des Magistrats Kenntniß zu nehmen und denselben gleichzeitig zu ersuchen, an den Kandelaber» durch die physikalisch- technische Reichsanstalt Messungen der Luftstärke vorzunehmen. Diesen Anträgen wird zugestimmt. Es folgt die Vorlage, betreffend das öffentliche An- schlags wesen. Magistrat schlägt vor, daß der Vertrag mit der Firma N a u ck u. H a r t m a n n auf G Monate zu verlängern und serner, daß die durch Beschluß vom 5. d. M. eingesetzte ge- mischte Kommission auch die Errichtung von Kiosken für den Zeitungsverkauf ihrer Berathung unterziehe. Stadtv. Hermes rügt, daß die Versammlung dadurch in eine Zwangslage gebracht worden sei, weil der Magistrat zu spät mit dieser wichtigen Vorlage an die Versammlung herangetreten sei. Er müsse dem Wunsche Ausdruck geben, daß dies in Zukunft früher geschehe. Stadtrath M a r g g r a f f erwidert, daß der Magistrat sich in dieser Beziehung keinen Vorwurf zu machen habe, die Ver- zögerung sei auf den Umstand zurückzuführen, daß im Lause der Berathungen neue Vorschläge, wie beispielsweise die Errichtung erleuchteter Säuleu, gemacht ivorden seien. Stadtv. Horwitz unterschätzt nicht die Wichtigkeit der vom Stadtv. Hermes angeregten Frage, hält aber dieZeit nicht für ge- eignet, dieselbe eingehend zu erörtern, da der Ausschuß selbst einen Wunsch im Sinne des Stadtv. Hermes zum Ausdruck gebracht habe. Stadtv. H e i l m a n n beantragt, unter Ablehnung der Vor- läge den Magistrat zu ermächtigen mit anderen Kontrahenten, deren es leistungsfähige genug gebe, einen neuen Vertrag abzu- schließen. Stadtv. Voigtherr meint, daß der Magistrat der Ver- sammlung derartige wichtige Vorlagen mindestens 3 Monate vor Abschluß des Vertrages vorlegen müsse. Nachdem noch mehrere Redner gegen Antrag Heilmann ge- sproche», wird derselbe abgelehnt und die Magiftralsvorlage an- genommen. Die Vorlage betr. die Skizze zum Neubau eines Kesselhauses und eines Desinfektionsgebäudes auf dem Grundstücke des Kranken- Hauses in Moabit wird angenommen. Die Skizze zum Neubau einer Markthalle auf dem Grund- stücke Reinickendorsersir. 2c wird genehmigt. Die bekannte Vorlage betr. die Freilegung des früheren Tattersallgrundstücks Georgenstr. 19 zu einem öffentlichen Platze wird einem Ausschusse überwiesen, der in der nächsten Sitzung Bericht erstatten wird. Schluß der Sitzung 7V« Uhr. Lrckstles. Das Mahlrecht der Frauen zu de« Sewerde- gerichtet» ist vom Reichstag abgelehnt worden, wie nicht anders zu erwarten war. Die Herren von der Rechten und im Zentrum nehmen die Frage des Frauemvahlrechts von der heiteren Seite. Mit voller Ernsthaftigkeit erklärt die große Mehrheit de» deutschen Parlainents im Jahre 1890 die in den Ausdrücken:„das schöne Geschlecht" und„das schwache Geschlecht" niedergelegten Anschauungen für die ewig giltigen, und der Minister v. Bötticher witzelt, daß im Vergleich mit dem Abg. Rickert allerdings die Bezeichnung: „Schwäche" vielleicht den Frauen nicht zukomme. Wir be- greifen vollkomiuen den Standpunkt, den die Vertreter der alten Gesellschast in dieser Frage einnehmen. Wir begreisen auch vollkommen, daß die Frauen der bürgerlichen Klasse sich durch den Ausdruck solcher Anschauungen nicht entwürdigt fühlen, sondern dazu lächeln. Ganz anders aber steht es imt den Frauen der arbeitenden Klasse. Diese empfinden ihre Lage als rechtlos, wenn sie sich dem Urtheil eines Gewerbegerichts bedingungslos zu fügen haben, aber keinen Einfluß aus die Bildung dieses Gerichts erhalten; wie denn überhaupt gegenwärtig die Frau „rechtlos" ist, mindestens in dem Sinne, daß sie aus die Festflellung der für sie geltenden Gesetze keinen Einfluß aus- znüben vermag. So sehr erscheinen dem Minister die An- Bten, in welche die bürgerliche Klasse und die Regierungen eingelebt haben, als die selbstverständlich richtigen, ; er verwundert fragt:„Wer ist denn bisher auf den Gedanken gekommen, daß die staatlich eingesetzten Gerichte unter Konkiirrenz der Frauen zu Stande kommen sollten?" Und mit einer ganz unfaßbaren Logik erklärt der Zentriimsabgeordnete Porsch:„Es handelt sich hier nicht um die Wahrung der Rechte der Frauen, sondern lediglich um die Zusammensetzung der Gerichte, die ohne Rücksicht auf die Person sprechen sollen." Die freisinnigen Redner Rickert und Hirsch verfuhren wenigstens darin vollkommen logisch, daß sie zwingende Gründe, warum den Arbeiterinnen das Wahlrecht nicht zustehen soll, von den Gegner verlangten. Vom sozialistische» Standpunkte lautet die Frage über- Haupt nicht: „Warum soll das so oder so sein?" sondern: „Warum ist es so?" Es ist so, nämlich die Frauen sind bisher rechtlos, weil die alte Gesellschaftsordnung es so be- dingt. Eben weil die Frau aber mehr und mehr in den indiistriellen Produktionsprozeß hineingezogen und zur Ver- kündeten des männlichen Proletariats wird, dessen Macht durch das Zusammenwirken der Umstände immer mehr wächst, darum wird(nicht bloß und nicht zunächst soll) es in absehbarer Zeit anders sein. Infolge der thatsächlichen ökonomischen Entwickelung wird die Frau auch das politische Wahlrecht bekommen, uno der Abg. Horwitz wird dann er- kennen, wie naiv seine Unterscheidung zwischen dem Wahl- recht der Frauen zu den Gewerbegerichten und jenen „Teufeleien" war, die„über Nacht(!) die menschliche Natur umkrempeln wollen",— der verehrte Herr müßte denn noch ganz andere teustiche Pläne im Sinne haben, die wir ebenso- weiug kennen wie den oder die Urheber derselben. Sollte es anders kommen, als wir erwarten, so müßte die Produktion oder die Gesetzgebung zurückkehren und die industrielle Frauen- arbeit wieder aufheben. Das kann sie ihrer NaUir nach nicht. Wir nehmen es ihr auch nicht übel, daß sie es nicht thut. Die kapitalistische Entwickelung liefert so die Elemente der Leitung der sozialistischen Gesellschaft. Theater. Freitag, den 20. Juni. Apernl/�u-i. Der Seeräuber. Kchaujpirtlinus. Minna von Varn- Helm, oder: Das Soldatenglück. Heriincr Theater. Ter Probepfeil. Aeuischea Theater. Faust'» Tod. Fried rich-|M ithelmstiidt. Theater. , Der arme Jonathan. Watliirr- Theater. Mamsell Ni- touche. Uiktoria-Theater. Stanley in Afrika. Ästend-Thrater. Der Trompeter von Säkkingen. Kellealliauee» Theater. Der Nau- tilus. KraU's Theater. Silvana. Kaufmann'«{Uariötö. Große Spe- zialitäten-Vorftellung. Englischer Garten. Direktion: C. Andreas, Alexander- ftraße 27 c. Auftreten d. Liedersängerin Frl. Steinow. Auftreten des Gesangshumoristen Herrn Jonas. Auftreten des Komikers. Mimikers und Stimmen-Jmitators Herrn Gödicke. Auftreten der Geschwister Herzog. Austreten des musikalischen Neger- Klown Mr. de Dolfs. IMipieilt Buggenhagen am Moriizplaiz. Täglich: Grosses Garien-Concert. Direktion A. Rödmann. Dienstag und Freitag: Walzer-Abend. flnfl'PA Wochentags 10 Pfg., 1 Sonn- und Festtags 25 Pfg. Bei ungünstiger Witterung in den unteren Restaurationsräumen. Großer Frühstücks- und Mittagstisch. Spezial-Ausschank von Patzenhofer Export-Bier, Seidel 15 Pf. Die oberen Säle bleiben brs auf Weiteres wegen Renovirung geschlossen. 641 F. MlUtler. passas- 1 Tr. 9 Uhr M. b. 10 Uhr Ab. 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Zugleich bitten wir die arbeitenden Kollegen, etwas reger für ihre ausgesperrten Kollegen zu sammeln. Gelder werden angenommen: im Norden: bei Berndt, Gartenstraße 79; im Süden: bei Scbwartzkopf, Skalitzerstr. 11; im Zentrum: bei Trieschmann, Jüdenstr. 65. Der Vorstand. Große öffentliche Versammlung öer Weißgerver und Kernfsgenoffen am Freitag, den 20. Juni, Abends 8 Uhr, in Weimann's Volksgarten, Badstr. 54-56. Tages-Ordnung: 1. Vortrag über:„Arbeiterschutzgesetze". Referent wird in der Versamm- lung bekannt gemacht. 2. Stellungnahme zur Zentral-Streik-Kontrolkommission. 3. Verschiedenes.[2017 Zahlreiches Erscheinen erwartet Oer Einberufer. SojiflIlicmofr.Mjlljercili s. 1 1. Verl. Reißstags-Wahlkreis. Sonnabend, den 81. Juni, Abends 8 Uhr, in Gratweil's Bierhallen, Kommandantenstraffe 77—70: Grosse Versammlung."WU Tages-Ordnung: 1. Wahl eines 2. Vorsitzenden. 2. Vortrag des Stadtv. Herrn E. Vogtherr über:„Gewerbe- Schiedsgerichte". 3. Diskussion. 4. Verschiedenes und Fragekasten. Gäste haben Zutritt. 2018 Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Sonntag, den 22. Jnni, Familien-Ausflug nach Johannisthal. Treffpunkt Nachmittags 2 Uhr im Restaurant Senftieben daselbst. Mchlang I Große öffentliche Versammlung sämtl. Ns beMigter Arbeiter Berl.il.llWg. (Werkstätten-, Boden-, Strecken-Arbeiter, Koppler, Hilfsbremser etc.) am Sonnabend, den 21. d., Abds. 8 Uhr, bei Joel(fr. Keller) Andreasstr. 21. Tagesordnung: 1. Weitere Beschlußfassung über die Pensionskasse. 2. Statutenberathung betr. Gründung einerEisenbahnarbeiter-Vereinigung. 3. Verschiedenes. Gestützt auf§ 152 der Gewerbe-Ordnung hat kein Vorgesetzter das Recht, Euch den Besuch dieser Versammlung zu verbieten. Arbeiter! Kollegen! Beweist, daß Ihr Eure Lage erkannt habt und er- scheint, der hochwichtigen Tagesordnung halber. Alle Mann in der Versamm� lung. Zur Deckung der Unkosten findet eine Tellersammlung statt. 2023] Der Einberufer: J. Levlt, Lackirer, Rosenthalerstr. 4. erem und Fachgenossen. Sonnabend, 21. Juni, Abends SVe Uhr, bei Deigmüller, Alte Jakobstr. 48a: NersammUmg. Tages-Ordnung: Das sozialistische Element in der Nationalökouonne. Referent: Ecnziora. Diskussion. Verschiedenes. Die Bibliothek ist geöffnet. Um zahlreichen Besuch bittet 2015] Der Vorstand. Fchvemn kr MumMer. Sonnabend, den 21. Jnni d. J.; Gr. Sommeruachtsball in der lTnionsbrauei'ei,l{aseii1taide. Freunde und Genossen sind herzlich willkommen. Billets, Herren 50 pf., Damen 30 Pf., sind in allen mit Plakaten belegten Handlungen, bei den Vorstandsmitgliedern und am Abend am Garten-Buffet zu haben. 2021 Fchmeill ber Rohrleger. Sonntag, 22. Juni, Vormittags 11 Uhr, in Feuerstein's Salon, Alto Jabobstr. 75, Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn W. Werner über: Gewerkschaftsorganisation und Jnnungsbestrebungen. 1. Abrechnung vom Stiftungsfest. 3. Wie stellt sich der Fachverein zur Anschaffung der Weimarer Kongreß- Protokolle? 4. Verschiedenes und Fragekasten. Um zahlreiches Erscheinen ersucht 2019 Der Dorstond. Den Parteigeilossell empfehle mein reelles Fabrikat in 5 u. 6 Pfg. Clgarren.[2002 Louis Perrin, Naunynstr. 51. Ein Cigarrengeschäft ist zu verkaufen. Näheres Wassorthorstr. 20. 2012 Gangb. Mehl- n. Vorkost- Geschäft m. Rolle ist preisw. z. v. Lankwitzstr. 11, Am 16.>. M. verstarb plöblich der frühere Bmuereibesitzer Emst Hillig, in Miesbaden. Uerwandten, Freunden und Dekannten wird der Uer- storbene durch fein warmes Herz für alles Glend, feine» echt deutfchrir biederen und hochherzige» Charakter in treuem Andenken bleiben. Die Anzeige in Betreff seiner hier stattfindenden Beerdigung erfolgt demnächst. Im Uamen der Hinterbliebenen: Die Testaments-Dollstrecker. 2028] Leder. Herrnuth. o gzA-ff- n»q mc, empfiehlt Vereinsstempel, Quittungsstempel a& äHoSSaBafly Medaillonstempel mit Lassalle, Bebel, Lieb- 9. Krunnrnstraße 9, knecht u. a. m. zu ermäß. Preis. Monogramm- Schablonen, Thürschilder, Gravirung von Inschriften. 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Juni, Mittags 12 Uhr, von der Leichenhalle des alten Louisenstädtischen Kirchhofes in der Bergmannstraße aus statt. Im Austräge: 2014$. Henning, Rendant. gdjuemii her Wer Berlins. Sonntag, 22. Juni, Vorm. 11 Uhr, in den Bürgersälen, Dresdenorstr. 96: Ausierordentliche Mitglieher-Versammlung. Tages-Ordnung: Die Ursache» und Schäden der gegen- wärtigen Krise im Baufache und wie sind dieselben abzuändern resp. zu mildern? Beschlußfassung über die zu veran- staltende Familien- Landpartie resp. Stiftungsfest. Erledigung von Rechtsschutz- nnd Unterstützungs-Gesuchen. 2016 Verschiedenes und Fragebcantwor- tung. Der Vorstand. Killherlmgell. Das gr. Lager Berlins Andreasstr. 33. Frdl. Schläfst, f. H. p. 1. Juli z. v. Schinkestr. 2, 3 Tr. r. b. Niwczyk. Schlafstelle zu vermiethcn bei Wolter, Schönleinstr. 31, Hof 1 Tr. 2025 JbMMirfj� Tüchtige Mmergeselle!! finden bei den Kaserneiibanten in Rathe- now sofort dauernde Beschäftigung. Meldungen bei Polier Kunowsky daselbst u. b. Havcsiadt A Contag, Wilmersdorf, Berliner str. 157.[2029 Sehn- oher Korrektor-Stelle suche v. gleich oder z. Oktober. Ges. Off. unter A. P. a. d. Exp. d. Bl. erb. 12 tßcht.(M#mi!lm(cr suchen für dauernde Stellung b. hohem 'Akkord und Lohn. Reise w. vergütet. Gebr. Schäfer& Müller, Hamm i. W. Verantwortlicher Redakteur: Curt Danke in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kading in Berlin SW„ Beuthstraße 2. Hierzu zwei Krilagrn. ♦ tilage zum Ur. 140. Freitag, de» 30. Inn! 1890. 7. Iichrg. DArlAmezrkslrevieszke. D entscher Reichstag. 21. S i tz u n g vom 19. I u n i, 11 U h r. Tische des Bimdcsraths: v. Bo etliche r, v. Oehl- icylager und Kommissarien. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Ve- 3 it) im g der Vorlage über die G e w e r b e g e r i ch t e. Nach »16 lolleu die mit der Leitung von Betrieben bcaustragten Stell- recht Arbeitgebern gleichstehen in Bezug auf das Wahl- m., v. Stromlu-l:(Z.) befürchtet, daß die Fassung dieses Paragraphen so interprctirt werden könnte, daß Arbeitgeber und ifieilvertreter derselben neben einander kumulativ wählen könnten. diesem Falle sei es möglich, daß in einem großen Betriebe ' Weicht Hunderl wahlberechtigte Stellvertreter eingesetzt würden, weiche kleinere Betriebe, die keine Stellvertreter haben, bei der majorisiren könnten. Diese Bestimmung müsse richtig da- mterpretirt werden, daß der Stellvertreter nur im Falle der Behinderung des Arbeitgebers wahlberechtigt sei. »... Zur Geschäftsordnung fragt Abg. gammachcr, warum die �bsniumung über§ 12, vor welcher der Reichstag bei Vertagung »� Sitzung vom Dienstag stand, nicht vor der Berathung über 8 19 stattgefunden habe. , Vizepräsident Gras Kallestrem erklärt, daß die Abstimmung «»er§ 12 erst stattfinden könne, nachdem die Debatte über den sZUzeu§ 12 beendet sei; es sei aber ein Absatz desselben(welcher ' 7 auf die Jnnungsschiedsgerichte bezieht) noch gar nicht bc ("'Heu, sondern solle in Verbindung niit§ 72 bcrathen werden 1rl' wenn dies geschehen, könne die Abstimmung herbeigeführt werden. „. Tie Abgg. v. Cunij, Rickrvt, Meyer-Berlin, Cberty ?sd Ackermann sprechen sich dafür aus, daß die Abstimmung Uber den berathcuen Theil des§ 12 jetzt stattfinden könne, wahrend die Abgeordneten Mindthorst und Zlarsch sich N Anschauungen des Vizepräsidenten Grafen Ballestrem an- '�ließen. Abg. Migud bittet schließlich den Präsidenten, die Abstim uuing über den berathenen Theil des§ 12 jedenfalls noch in unser Sitzung vorzunehmen. Die Berathung über§ 13 wird darauf fortgesetzt. . Geheimer Regierungsrath Hojfmun» glaubt nicht, baß solche Möglichkeiten, wie sie der Abg. v. Sttonideck befürchtete, Antreten würden. § 18 wird angenonnuen. , Nach§ 14 der Vorlage bedarf die Wahl des Vor- sitzende n und Stellvertreters desselven der B e st ä t i g u n g durch die höhere Verwaltungsbehörde. Die Kommission hat beschlossen, die Bestätigung da auszu- schließen, wo ein ernannter oder bestätigter Staats- oder Ge- Uieindebeamter zum Vorsitzenden gewählt worden ist. Abg. Eberty beantragt, auch die nicht bestätigten Gemeinde- beamten von der Bestätigung auszuschließen, wenn sie die Be- fähiguug zum Richteramt oder zur Bekleidung höherer Ver- waltungsämter erlaugt haben. n.-.iE'6 �08- Auer u. Gen. beantragen, die Vorschrift über die Vestattgung ganz zu streichen. Abg. porsch(Z.): Im§ 14 liegt ein Widerstreit zwischen gleichberechtigten gegentheilige» Interessen vor. Man hat einer- seits wegen der bisherigen Erfahrungen das staatliche Bestätigungs- nicht weiter ausdehnen wollen, und zu dieser Meinung beigen auch meine Freunde, andererseits aber hält man das uaatlichc Bcstätigungsrecht in einem geordneten Staatswesen nicht u>r entbehrlich. Für das Bestätigungsrecht spricht allerdings der Umstand, daß die Gewerbegcrichte unter Ausschluß der ordent- Men Gerichte und zum Theil endgiltig im Namen des Landes- Wtrn Recht sprechen, und daher scheint es angemessen, da die Beisitzer durch freie Wahl gestellt werden, daß wenigstens der Vor- Wende bestätigt werden soll. Ferner ist es mit Rücksicht auf die svedeutung der Rechtsprechung der Gewerbegcrichte auch erwünscht, bstß darüber gewacht wird, daß der Vorsitzende den Pflichten b>escr Rechtsprechung gewachsen ist. Große Gemeinden werden la nicht leichtfertig bei einer Wahl des Vorsitzenden vorgehen, bber in kleineren Gemeinden können vielleicht ans Rücksichten persönlicher Konnivenz Leute Vorsitzende werden, die dazu nicht ausreichend qualtfizirt sind. Die Kommission hat den Aus- gleich gefunden, daß sie das Bestätiguugsrecht vrinzipiell beibehält, aber dadurch einschränkt, daß für eine große Kategorie von Leuten, die zu Vorsitzenden berufen werden, eine staatliche Bestätigung entbeyrlich ist. Hoffentlich wird dieser Kompromiß der Kommission im Plenum aufrecht erhalten. Da- burch würde der Stteitpunkt beseitigt, an welchem 1873 derselbe Gesetzentwurf gescheitert ist. Der damalige Entwurf unterschied steh aber von dem jetzigen dadurch, daß damals die Wahl der Beisitzer keine direkte und geheime ivar, daß ferner diese Wahl den Arbeitgebern und Arbeitern zu gleichen Thcilcn gestattet, aber Uicht obligatorisch war. Ferner war 1878 die Berufung durchaus Zulässig, während sie jetzt bei Streitgegenständen bis zu 100 M. ausgeschlossen ist. Ich bitte Sie, den Antrag Auer aus diesen Grünpen abzulehnen, gegen den Antrag Eberty habe ich meiner- irits nichts einzuwenden., Abg. Gberty: Ter Umstand, daß jetzt die Wahl der Bei- sttzer eine unmittelbare und geheime sein muß, giebt für mich "inen Grund. das Bestätigungsrecht der Staatsbehörden welter Sehen zu lassen, als absolut nothwendig ist. Unser Antrag will b°n der staatlichen Nachprüfung der Wahl außer den bereits ?" der Kommissjousfassung aufgeführten Kategorien noch die- lenigen Gemeindebeamten befreien, welche die Befähigung ZUni Richteramt oder zum höheren Verivaltnngsdienst erlangt haben. Mit der Annahme dieses Antrags würde kein staatliches Interesse beeinträchtigt. Daß die Geiverbegerichte kommunale Institutionen sind, wird man ivohl auf allen Seite» deS Hauses Zugeben: es ist auch bei den verschiedenen Parteien, die ich pri- uatim über meinen Autrag befragte, ein Bedenken dagegen nicht Phöben worden.., ,,,. Staatssekretär v. Kötticher: Ich miiß Sie bitten, den An- trag Eberty abzulehnen und es bei den Bcschlnfsender Koni- unssio» zu belasten, von denen ich schon nicht mit Sicherheit die tleberzeugung ausspreche» kann, daß sie den Bciiall der verbuu- Helen Regierungen finden werden. Weiter zu gehen, a- die Kommission es in dem im§ 14 zum Ausdruck gekommenen Kompro- ASA Und nur rücksichtlich ihrer Zusammensetzung will das Gesetz über nicht quasi als Kouimunalgerichte, sondern �ie�sind Staats � �•-f. x_--—- f.■.■— vf— er». ti» � t-1 die Komniissionsbeschlüsse beschränkt wird. Alle unsere Handels- gcrichte, die rheinischen Geiverbegerichte, die UnfallversicherungS- Schiedsgerichte haben von der Staatsrcgierung ernannte Bor- sitzende. Es liegt kein Grund vor, bei dieser Gelegenheit von diesem Prinzip abzugehen. Einem einmal als Kommunal- beamten von der Staatsbehörde Bestätigten kann man ja gewiß ohne Weiteres das Zutrauen schenken, daß er auch die Qualisikation besitzt, als Vorsitzender eines Geiverbegerichte� zu fungiren, und insofern würde ich persönlich mich dafür inter essircn können, daß das Kompromiß der Kommisfion auch im Gesetze zum Ausdruck kommt. Selbst mit dem Vorschlage Eberty könnte ich einverstanden sein, wenn mir nicht aus der Praxis eine ganze Reihe von Fällen bekannt wäre, wo die Ver ivendung solcher früher einmal mit dieser Qualisikattou versehener Beamter doch recht dedenklich war. Wiederholt sind höhere Ver- ivaltungsbeamte und Züchter im Wege der Disziplinarunter suchung aus dem Amte entfernt worden und haben gleichwohl Aufnahme in irgend einem 5kommunaldienst gefunden. Alle diese Fälle mögen ja so gelegen haben, daß die Staatsbehörden zu der Nichtversagung der Bestätigung im Kommunalamte ihre guten Gründe hatten, aber deswegen bleibt es doch bedenklich, eine solche Persönlichkeit zum Vorsitzenden eines Gerichtshofes zu machen und für ihn das Vertrauen in Anspruch zu nehmen welches ein derartiger Vorsitzender nothwendig genießen muß. Eröffnen Sie also nicht die Möglichkeit, daß auch solche Personen ohne Kognition der Staatsbehörden zu Vorsitzenden gemacht werden können. Bei ruhiger Erwägung werden Sie auch im Interesse derjenigen Personen, welche vor diesen Gerichten Recht nehmen wollen, diesen Grund für durchschlagend ansehen. Abg. Ackemau»(dl.): Nachdem für die Beisitzer die un- mittelbare und geheime Wahl vorgeschlagen ist, und nachdem Herr Singer unumwunden erklärt hat, die Sozialdemokraten würden dafür sorgen, daß die Beisitzer aus ihren Reihen gewählt würden erlangt die Zusammensetzung der Gewerbegerichte eine politische Bedeutung und ist das Bestätigungsrecht der Regierung noch viel mehr als früher angezeigt. Wer keine juristische Vorbildung ge Nossen hat, wird sich recht schwer in daS Gesetz einlebe». Es er fordert vielmehr geradezu ein eingehendes Studium, um es in der Praxis richtig anzuwenden. Die Regierung, welcher das Bestä tigungSrecht zugewiesen ist. wird also recht sorgfältig zu prüfen haben, ob der vom Magistrat gewählte Vorsitzende auch wirklich in der Lage ist, den Voraussetzungen einer gedeihlichen Wirksam kcit der Geiverbegerichte zu entspreche». Wir haben in der Kam Mission gegen das Kompromiß gestimmt, würden aber schließlich dasselbe konzediren können. Dem Antrag Eberty aber, daS Vc stätigungsrecht noch weiter einzuengen, können wir nicht zustim nie». Man weiß es ja auch garnicht, ob der Mann, der vor vielen Jahren einmal seine richterliche Befähigung nachgewiesen hat, zu der Zeit, wo er gewählt wird, noch der rechte Mann für das Amt ist. Er mag zwar noch im Kommnnalamt zu verwenden sein, genießt aber vielleicht nicht mehr den vollen Kredit, der zur Bekleidung einer so wichtigen Stelle erforderlich ist. Wir lehnen demnach den Antrag Eberty ab. Abg. euchmtn*(Soz.): Wir beantragen, aus dem§ 14 die Bestimmung über die Bestätigung ganz zu streichen. Wir thun dies im Hinblick auf die bestehenden Gerichte, gegen die wir doch keinen Rückschritt machen wollen. Alle gegenwärtig bestehenden Schiedsgerichte in Deutschland funktioniren durchaus befriedigend und es wurde bisher nicht verlangt, daß der Vorsitzende der Bc stätigung der Landesbehörden unterliegen müsse. Auch für die jenigen Gcrichte, wo das Verfahren vollständig den Gemeinde- behörden überlassen ist, unterliegt die Person, welche der Ma- gistrat für die Abnrtheilung des einzelnen Falles einsetzt, nicht der Bestätigung. Bei der Beurthcilung der Wahl wird die Bc- Hörde, die das Bestätigungsrecht hat, uicht immer den richtigen Maßstab anwenden; sie wird, davon bin ich überzeugt, sich auch hier von politischen Motiven leiten lassen und Leuten, welche einer der Regierung nüßliebigen Partei angehöre», die Bestätigung versagen. Wir haben solche Fülle tausendfach erlebt, selbst in Berlin ist man soweit gegangen, die Krankenkassen-Vorsitzenden nicht zu bestätigen, einfach deshalb, weil sie Sozialdemokraten sind. Tic Thatsachen haben gezeigt, daß da, wo Sozialdemokraten als Beisitzer funktioniren, und das ist in den meisten großen Städten der Fall, die Thätigkcit der Schiedsgerichte sich allgemeiner Anerkennung erfreut hat, daß jedenfalls keine Unzuträglichkeiten entstanden sind. Wenn die Gerichte im Namen des Königs rechtsprechen, möchten die Regie- rangen konsequenterweise auch die Bestätigung der Beisitzer ver- langen. Abg. v. Cum;: Die Schiedsgerichte sind wirkliche Gerichte, welche unter der Autorität des Staates und im Namen deS Königs Recht sprechen. Ter Staat trägt deshalb die Verantwor- tung, daß die Geschäfte dieser Schiedsgerichte sachgemäß behandelt werden und daß zum Vorsitzenden eine ge- eignete Persönlichkeit genommen werde. Bei den elsässi- 'chen Geiverbegerichte» ernennt der Kaiser die Vorsitzen- den und in Bezug auf die rheinischen Schiedsgerichte hat der Staat das Bestätigungsrecht auch gegenüber den Beisitzern. Die Kommission ist den Wünschen der Herren vom Freisinn da- durch entgegengekommen, daß sie die staatliche Bestätigung bei solchen Vorsitzenden ausgeschlossen hat, welche bereits in einein rommunale» Älint bestätigt sino. Weiter zu gehen halte ich für bedenklich im Interesse der Geiverbegerichte selbst. So hoch ich auch unsere Gemeindeverwaltungen schätze, so sind doch Pro- tektioncn und Nepotismus auch im Gemeindeleben, selbst bei hochlöblichen Magistraten nicht ganz unerhört. Ich bitte Sic, dieses Gesetz nicht durch den Antrag Eberty zu gefährden. Abg. Est evtl/: Warum bringt man de» Gemeinden stets ein solches Mißtrauen entgegen? Die Gemeinden stehen unter dem Verdacht, etwas Unanständiges oder Schlechtes oder absolut Unverständiges zu thun? Wo sind die Beiveise dafür? Wir haben mit der staatlichen Bestätigung sehr üble Ersahrungen gemacht.(Zustimmung links.) Neulich ist ein Stadtrath in Bromberg nicht bestätigt worden, und in Spandau sind zivei Männer als Mitglieder der Schuldcputation nicht bestätigt worden, der eine, iveil er Redakteur der Lehrerzeitung gewesen. Eine Partei wie die unsere hat eigentlich mit Ihnen das ge- ineinsame Interesse, das Vertrauen zu den Kommunalvcrwal- tungeu uicht zu erschüttern, und ma» würde es im Lande nicht verstehen, wenn sie nicht diese Gelegenheit benutzte, um so viel wie möglich für die Gemeinde durchzusehen. Die National- liberalen haben 1878 wegen dieser Bestätigungsfrage die damalige Vorlage zum Scheitern gebracht.(Hört! links.) Bürgermeister und Gemeindevertretungen sind Menschen, aber Verwaltungs- behörden sind auch Menschen.(Sehr richtig! links.) Wenn die Geiverbegerichte, welche begründet werden durch Uebereinstimmung der beiden Organe der Geineindevcrwaltung, keine kommunalen Institutionen sind, dann giebt. es überhaupt leine kommunalen Institute mehr. Die Annahme, daß bedenkliche Subjekte seitens der Gemeinden zu Vorsitzenden der Gewerbegerichtc berufen werden könnten, ist eigentlich eine Beleidigung für alle Gemeinden des Deutschen Reiches. Uebcr die Qualifikation der Vorsitzenden haben die Gemeinden ein kompetenteres Urtheil als die Bestätigungsbehörden. Die Konnnission ist uns ja schon etwas entgegengekommen. Ich bitte Sie aber, auch in diesem Punkte entgegenzukommen, der nichts enthält, was gegen daS allgemeine Interesse des Staates verstößt. Wir haben jetzt Wünsche zurück- gedrängt, um...... die Verhandlungen nicht hinzuhalten, wir müssen auf dieser Forderung bestehen,'die uns im kommunalen Interesse absolut nothwendig erscheint. Staatssekretär von Kötticher: Es war mir sehr bezeichnend, daß der Vorredner gesagt hat, man würde es im Lande nicht verstellen, ivenn seine Partei nicht diese Gelegenheit benutzte, um so viel wie möglich herauszuschlagen.(Heiterkeit rechts; Rufe: Sehr gut!) Das ist mir vom parteipolitischen Standpunkte aus ganz erklärlich in Fragen, wo es sich um parteipolitische Gc- sehe handelt; hier handelt es sich aber um ein wirthschaftliches Gesetz, das weiter keinen Zweck hat, als ein bisher in weite» Kreisen unzweckmäßig bekanntes Gerichtsversahren durch ein besser organisirtes Gerichtsverfahren zu ersetzen. Der Vorredner sprach von einem Mißtrauen, das man den Kommunen entgegenbringe. Davon ist bei mir gewiß am wenigsten die Rede, denn ich bin einmal mehrere Jahre hindurch Kommunalbeamter gewesen und weiß die Gefühle eines solchen zu würdigen. Ich weiß auch, daß einem Kommunalbeamten die Regierung recht unbequem werden kann. Die Thatsachen, welche der Vorredner dafür angeführt hat, mit wie ivenig Wohlivollen die Regierung die Kommunal- Verwaltungen behandelt, sind mir völlig unbekannt. Ich würde es aber für höchst bedenklich halten, dieses Thema weiter zu variiren, denn ich könnte Ihnen sonst eine ganze Reihe von Thatsachen bringen, wo die kommunale» Verwaltungen größerer Städte manchmal recht sehr über die Schnur gehauen und recht unzweckmäßige Sachen gemacht haben. Hier handelt es sich ledig- (ich um die Nothwendigkeit und Pflicht des Staates, für eine objektive und sachgemäße Rechtsprechung bei diesen Gewerbe- geeichten zu sorgen. Ter einzige Grund, der sich hören läßt, ist der: wir müsse» sofort soviel herausschlagen, wie wir können. Hier handelt es sich aber um zweckmäßige und richtige Maßregel», und deshalb bitte ich Sie, den Antrag abzulehnen. (Beifall rechts.) Abg. porsch(Z.): Gegen den Antrag Eberty läßt sich an sich nichts einwenden, aber die Sache erscheint von minimaler Bedeutung gegenüber dem Bestätigungsrecht nach der Fassung der Kommission. Wir müssen es als ein sehr weitgehendes Eni- gegcukomme» der verbündeten Regierungen ansehen, wenn sie von einer Bestätigung absehen will für die Gcmeindebeamte», die schon die königliche Bestätigung gefunden haben. Tie Diskussion wird geschlossen. Persönlich bemerkt Abg. Clu'uty dem Staatssekretär: Es ist doch höchst be- greiflich, wenn wir in dieser Sache, da die Parteien doch Grund- sätze haben müsse»— Vizepräsident Graf AaUrstrem: Das ist keine persönliche Bemerkung. Abg. Eberty(fortfahrend):— wir in dieser Sache zu er- langen suchen, was möglich ist. Vizepräsident Graf Kallrstrem: Das ist auch keine persöu- liche Bemerkung. Die Anträge Eberty und Auer werden gegen die Stimmen der Freisinnigen, Sozialdemokraten und Volksparteiler abgelehnt, 14 unverändert angenommen. Nach§ 15 ist das Amt der Beisitzer ein Ehrenamt, dessen Uebernahme nur aus denselben Gründen abgelehnt werden kann, welche zur Ablehnung eines unbesoldeten Gemeindeamts be- rechtige». Abg. Eberty beantragt, über solche schriftlich geltend zu machenden Gründe die Landes-Zentralbehörde entscheiden zu lassen. Abg. v. Ktrombeck beantragt, zuzusetzen, daß wer 0 Jahre lang Beisitzer ist, während der nächsten 0 Jahre die Uebernahme des Amtes ablehnen kann. Abg. v, Strombeck hätte gewünscht, daß die Materie der Ablehnungsgründe einheitlich für das ganze Reich geregelt werde, unterläßt es aber, einen solchen Autrag, da er keme Aussicht aus Erfolg habe, zu stellen. Jedenfalls mußte die Wahrnehmung des Beisitzeramtes während sechs Jahre für die nächsten sechs Jahre als Ablehnungsgrund gelten gelassen werden. Die Städte- ordnuna bestimme, daß, wer drei Jahre ein kommunales Ehren- amt bekleidet habe, dasselbe für die nächsten Jahre ablehnen könne. Es sei aber sehr zweifelhast, ob diese Bestimmung auch auf die Geiverbegerichte Anwendung finde. Die Folge des Mangels einer solchen Bestimmung würde sein, daß Arbeiter und Arbeitgeber Zeitlebens das Beisitzeramt wahrzunehmen gezivungen sein könnten. Abg. Eberty empfiehlt den Antrag v. Strombeck und auch den von ihm gestellten, welcher eine Lücke der Vorlage ausfüllt, da dieselbe keine Bestimmung darüber treffe, welche Behörde ent- scheiden soll. Gehcimrath iioft'manu hält die Annahme des Antrages Eberty für zweckmäßig; der Antrag Strombeck sei dagegen überflüssig, da die landesgcsetzlichen Vorschriften wohl aus- reichten. § 15 wird darauf mit beiden Anträgen angenommen.� Nach§ 10 kann ein Mitglied eines Gcwerbcgerichtes seines Amtes durch die höhere Verwaltungsbehörde enthoben werden, wenn Unistände eintreten oder bekannt werden, die seine Wählbarkeit ausschließen. Die Beschwerde soll nicht statt- finde». Wegen grober Verletzung seiner Amtspflicht kann ein Mitglied seines Zimtes cutsetzt werden und zivar durch das Land- gcricht, in dessen Bezirk das Gewerbegericht liegt. Abg. Mister beantragt, die Amtsenthebung ebenso wie die Amtsentsetzung durch das Landgericht vornehmen zu lassen. Die eine Maßregel sei ebenso wichtig wie die andere, so daß es sich nicht empfehle, dafür zivci verschiedene Instanzen einzusetzen. Abg. Auer(Soz.) beantragt, daß gesagt werde, die Be- chwerde gegen die Enthebung vom Amte sei zulässig, serner, die Bestimmung über die Amtsentsetzung durch Urtheil des Land- gcrichts überhaupt zu streichen. Abg. Tuchauer(Soz.): Die Enthebung vom Amte kann aus ganz geringfügigen Gründen erfolgen, z. B. wenn ein Ge- werberichter eine ganz kleine, vorübergehende Unterstützung von der Gemeinde erhalten hat. Bei so geringfügigen Gründen muß im Instanzenwege festgestellt werden können, dieselben_ auch für die Enthebung maßgebend sind. Die Amtsentsetzung durch das Landgericht wegen grober Ver- letzung der Amtspflicht muß ganz gestrichen werden, denn was versteht man nicht AlleZ unter grober Verletzung der Amtspflicht i In Berlin ist sogar gegen einen Ztechtsanivalt ein Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er in einer sozialdemokratischen Wähler- Versammlung gesprochen hat, daS hielt man nicht vereinbar mit dem Amte eines Rechtsanwaltes. Bei den Schöffengerichten cxistirt eine ähnliche Bestiimnnng wie diese nicht. Schon durch die erste Bestimmung über die Amtsenthebung durch die Verwal- tungsbehörde werden alle Fälle getroffen. Gcheimrath Aoffinann: Gegen den Antrag Auer, die Bc- chwerde zuzulassen, sind keine erhebliche Bedenken geltend zu machen. Der zweite Theil des Antrages Auer muß aber im Interesse der Gerichte selbst abgelehnt werden. Bei den Schöffen- gerichten ist es etwas ganz anderes, denn die Schöffen werden nur zu einzelnen Sitzungen im Jahre hinzugezogen, während die Gewcrverichter bnustiit» thAtig sind. Den Antrag Wisser bitte ich gleichfalls abzulehnen, da eS sieh bei der Amtsenthebung um rein formelle Entscheidungen handelt. Abg.: Der erste Antrag Auer ist nicht von so groher Bedeutung und ich kann demselben zustimmen. Der Antrag Wisser bedeutet ein Mißtrauen gegen die VerivaltungSbchörden, die ebenso richtig und unparteiisch entscheiden, wie die ordent- lichcn(Lerichte. Der ziveite Theil des Antrags Auer läßt einen Geiverberichter, selbst wenn er sich eine grobe Verletzung der Amtspflicht hat zu Schulden kominen lassen, das ganze Jahr hin- durch auf seinem Platze. Es kann doch nicht Absicht deS Antragstellers fein, zu erkläre»: grobe Verletzungen der Amtspflicht sind Zulässig. In dem Fall des Berliner Nechtsanwalts wird wohl nicht nur das Sprechen desselben in der Versammlung, sondern wnS er gesprochen, Gegenstand der Untersuchung gewesen sein. Ist seine Rede unvereinbar mit dem Amte eines Rechtsanwalts, so ist ihm Recht geschehen. ES gehört sich auch nicht für einen Rechtsanwalt, daß er in einer sozialdemokratischen Versammlung spricht. Abg. Meyer(Berlin) erklärt sich für den Nutrag, die Bc- schwerde zuzulassen, bittet aber, im Uebrigen die Kommissions- sassung unvcränoert anzunehmen. Der Begriff einer groben Ver- letzung der Amtspflicht sei einer der bestimmtesten und zwcisel- losesten in der Rechtssprache. Er nehme daran, daß ein Rechts- anivalt in einer sozialdemokratischen Versammlung spreche, wenn er seiner Uebcrzcuguug nach Sozialdemokrat sei, ebensowenig An- stoß, wie wenn ein Rechtsanwalt, der Zünftler sei, in einer zünsllcrischcn Versammlung rede. In seiner(Redners) Werth- schätzung stünden zünftlcrische und sozialdemokratische Versamm- lungen gleich. In dem Falle des Berliner Rechtsanwalts komme in Betracht, daß die Disziplinargesetze zwischen einer Verletzung der Amtspflicht und dem Verhallen außerhalb des Amtes unter- scheiden. Der Richter, der seine Amtspflicht in grober Weise ver- letzt habe, müßte entfernt werden. Adg.|Ui)T«v bestreitet dem Abg. Ackermann gegenüber, daß sein'Antrag ein Mißtrauen gegen die Verwaltungsbehörden aus- spreche. _ Abg. Kinger: Durch unseren Antrag auf Zulassung der Beschwerde würden alle Wünsche, die man hat, erfüllt werden. Der Antrag Wisser würde die Landgerichte nur mit formellen Entscheidungen belasten. Mein Antrag würde Dem nicht wunderbar erscheinen, der die Erkenntnisse der sächsischen Gerichte kennt. In Sachsen ist ein buntes Taschentuch, in welchem rothe Farbe vorhanden war, als ein revolutionäres Ab- zeichen angesehen und ebenso ein orangefarbenes kleines Stückchen Papier, das ich hier in der Hand habe. Tarnach muß man zu der Ansicht kommen, daß bei den sächsischen Gerichten alles mög- lich ist. Wenn ein Rechtsanivalt nicht in einer sozialdcmokrati- schen Versammlung sprechen darf, könnte es auch für eine grobe Verletzung der Amtspflicht angesehen werden, wenn ein Gewerbe- richter sich an sozialdemokratischen Bestrebungen bctheiligt. Ter Abg. Meyer ist nicht sehr objektiv, wenn cr zünsllerische und sozialdemokratische Bestrebungen auf ein Niveau erhebt. Nach unseren Erfahrungen der letzten Jahre kann dieser Paragraph ein Mittel werden, um mißliebige Personen aus politischen Gründen vom Amte des Gewerbcrichters zu entfernen. Abg. Miguel(natl.) meint, daß man die Worte:„Die Be- schwerde ist nicht zulässig" einfach weglassen könne. Die Vestim- uiungcn über die Amrsentsetzung könne man nicht entbehren; er könne aber nicht glauben, daß ein Gerichtshof bei der Entfchei- dung von politischen Tendenzen sich leiten lassen könnte. Staatssekretär v. Korttichcv: Wenn Sie die Beschwerde zu- lassen wolle», so bringt die Streichung der betreffenden Worte dies am besten zum Ausdruck, denn Ivo die Beschwerde nicht ans- drücklich ausgeschlossen ist, ist sie im geordneten Jnslanzenwge zu- lässig. Den anderen Antrag Auer bitte ich abzulehnen. Was Verletzung der Amtspflicht ist, kann nicht zweiselhaft sein. Neh- men Sie den Antrag au, so bekennen Sie damit die' Ansicht, daß ein Gerwerberichter trotz grober Verletzung der Amtspflicht weiter sungiren soll. Das können Sie nicht wollen. Abg. Ackiemaim meint, daß man über den Fall mit dem rothen Taschentuch nicht ohne Kenntniß des ganzen Aktennialerials urtheilen rönne. Daß die sächsischen Gerichte ihre Urtheile nicht nach dem Geschmack der Sozialdemokraten einrichten, mache er ihnen nicht zum Vorwurf; sie urtheilen nach dem Gesetz. Er protestire gegen die Verdächtigung der sächsischen Gerächte. Vizepräsident Kaun»l>ach: Ich setze voraus, daß das Wort „Verdächtigung" nicht gegen ein Mitglied des Hauses ausge- sprochcn ist. Abg. Ackerman»: Ich weiß nicht, welches andere Wort ich an die Stelle setzen soll(sehr gut! rechts), aber ich will nach der Aufforderung deS Präsidenten das Wort zur ckziehen. Abg. Kingrv? Ein genauer Abdruck jenes rothen Taschen- tuches ist den Mitgliedern des vorigen Reichstages, zu denen der 3lbg. Ackermann gehörte, vorgelegt worden, und wegen dieses Stückchens orangesarbencn Papiers ist ein Mann zu vierzehn Tagen Gefängnin verurlheilt worden. Das beweist, daß bei den sächsischen Gerichten Alles möglich ist.(Zuruf rechts: Zur Ordnung!) Vizepräsident Kaninbach bittet, von deutschen Behörden nicht in solchem Tone zu sprechen.(Beifall rechts.) Abg. Kinaev: Ich verwahre mich ferner gegen die Unter- stcllung des Staatssekretärs, daß es unsere'Absicht sei, des Amtes umvürdige Leute im'Amte zu lassen. Wir wollen nur verhindern, daß deS'Amtes nicht unwürdige ausgeschlossen werden könne». Staatssekretär no» Köttichcr: Ter Vorredner legt nur das Gegentheil von dem unter, was ich gesagt habe. Ich habe ausdrücklich gesagt, Sie können das nicht wollen, daß un- würdige Richter nicht entfernt werden können. Avg. Kanffinau»(6fr.) hält den Begriff„grobe Verletzung der Amtspflicht" doch für einen unbeslimmten und stellt eineu Aenderungsantrag für die dritte Lesung in Aussicht. § 10 wird daraus unter Streichung der Worte:„Beschwerde findet nicht statt" angenommen. Die§§ 17—20, welche von der Verpflichtung des Vorsitzenden und der Beisitzer, der Besetzung der Gewerbegerichte bei den Verhandlungen u. s. w. handeln, werde» unverändert ange- noinmeii. Es folgt der zweite Abschnitt: Verfahren(§§ 21—54). Die§§ 21—25 werden unverändert augenommen, nachdem auf eine Ansragc des'Abg. Uhlendorff sowohl der Geh. Rath H o f s ni a u n als'Abg. von E u n y geantwortet habe», dap der Wunsch der Lipp' scheu Ziegeler, daß sie ihre Streitialeiteu nicht a» ihre» Arbeitsorten, wo sie sich im Sommer auchaltea, sondern au ihrem Wohnort erledigen können, durch das Gesetz erfüllt sei. � Nach§ 25a werden Rechtsanwälte und gewerbsmäßige Recht--- beistände vor dem Gcivcrbegcricht nicht zugelassen. Abg. v. Zlfett«»(Zentr.) hält es für ziveckmäßig, in ge- wissen Fällen, wo eS sich um schwierige Rechtösrage» handelt, die Ziiziehnng eines Rechtsanwalls zu gestatten. Abg. Kanffmann(dfr.) hält die Zulassimg der Rechtsan- walte für nnzweckmäßig, weil sie das Versahren verlheucrn und verlängern würden, was namentlich bei de» kleinen Streitfällen, um die es sich handle, bedenklich sei. Es könnten sich sehr leicht Spezialisten für die Gewerbegenchte im Rechtsanwaltsstande her- ausbilden, und das wünsche er nicht. Einen etwaigen Einnahmen- alissali würden die Rechtsanwälte trotz ihrer schwierigen Lage gern verschmerze». Staatssekretär v. Köttichev: Auch ich finde es Mit dem Abg. v. Psetten unter Umständen hart, nicht blos für den Ar- beitgeber, sondern auch für den Arbeiter, wenn es ihm verwehrt sein soll, sich eines rechlsversländigen Beiraths zu bedienen. Es können recht schwierige Rechtsfragen entstehen, zum Beispiel in Bezug aus die Interpretation von Verträgen, bei denen der Arbeiter ohne Rechtsbeistand in einer ungünstigen Lage sein könnte. Der Arbeiter kann krank werden, abwesend fem, an einem dritten Orte Arbeit genommen haben, während der Streit an seinem früheren BeschästigniigSort sich abspielt. Diese Zluf- sassung hat die verbündeten Regierungen bestimmt, den§ 25a der Kommission nicht in die Vorlage aufzunehmen. Nach dem Vorschlage der Kominission dürfen Rechtsanwälte nicht zugelassen werden, nach dem Vorschlage deS Hrn. v. Psetten sollen sie nicht zugelassen werden. Bei dem ersten Vorschlage würde ans der Zulassung eines Nechtsanivalts die Nichtigkeit des Verfahrens folge», bei dem zweite» nicht. Immerhin würde es etwas Miß- liches haben, wenn man es dem freien Ermessen des Vorsitzenden oder des Gerichts überließe, ob ein Rechtsanwalt zngc- lassen werden kann oder nicht. Allein dieses Bedenken kann doch nicht hindern, wenigstens die Möglichkeit offen zu halten, daß die Parteien sich rechtsverständig vertreten lassen. Ich bin also prinzipaliter für die Streichnng des § 25a, eventualiter für einen inodisizirten Antrag v. Psetten. Nachdem noch die Älbgg. v. Cunt) und E b e r t y sich für den Ausschluß der Rechtsanwälte ausgesprochen hatten, zieht Abg. v. Psetten seinen'Antrag zurück und behält sich vor. in der dritten Lesung einen anderen Antrag eiiizubringen. § 25a wird angenommen. Zur Geschäftsordmmg beantragt Abg. Eberty, nunmehr die Abstimmung über§ 12 vorzunehmen. Vizepräsident Graf»>. Kalk streu: bleibt bei seiner Ans- legung der Geschäftsordnung, daß diese Zlbstimmung erst dann stattfinden könne, wenn der ganze§ 12 berathen sei. Wenn das Haus anders entscheide, müsse er sich aber fügen. Slbg. Mindthorst beantragt den Rest des§ 12 und den § 72 jetzt zu berathen. Dieser Antrag wird mit 114 gegen 101 Stimmen ange- nommei!. Nach§ 72 wird die Zuständigkeit der Innungen zur Eni- scheidung von Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und ihren Lehrlingen und der Jnnungsschiedsgcrichte bezüglich der Streitig- leiten zivischeu JniiungSmitgliedern und ihre» Gesellen von diesem Gesetze nicht berührt. Der dritte Absatz des§ 12 schließt deshalb die J»nnilgs:nitglieder und deren Gesellen von der Wahl- berechtigung zum Gewerbegerichts aus. Ein Antrag Eberty, diese Debatte zu vertagen, wird ab- gelehnt. Abg. Eberty: Nach der jetzigen Fassung des§ 72 wird künftighin die Zuständigkeit eines Jnnnngsgerichts der Zustän- digkeit eines Gewerbegerichts in einer großen Anzahl von Fällen vorgehen. Nur für Jemand, der sich sehr genau mit der ein- schlägigen Materie beschäftigt hat, wird es möglich sein, sich aus den Bestimmungen, die hier in Anwendung kommen, herauszu- finden. Die allgemeine Frage, ob die bisherige Justitutlon sich überhaupt bewährt hat, will ich zunächst un- erörtert lassen. Dringend nothwendig aber erscheiiit, daß eine einheitliche Rechtsprechung für gewerbliche Streitig- leiten geschaffen wird. Ten Gegensatz zwischen den Innungen auf der einen Seite und den übrigen arbeitenden Klassen andererseits durch Gesetz hier festzulegen, wäre so unweise als möglich. Ich würde die Streichnng des ganzen§ 72 für kein Unglück halten. Indessen ließe sich in Be- zug auf die Lehrlinge für die dritte Lesung noch eine Verein- varnng schassen; die Streitigkeiten der Geselle» aber müßten jebensalls den Innungen entzogen werden. Es würden sonst, ab- gesehen von allem Ander», für die Handhabung und Ausführung deS Gesetzes Schwierigkeiten geschaffen, deren Umfang Sie jetzt gar nicht überscheu können. In Berlin würden z. B. 43 verschiedene Jnnungsgerichte den Gewerbegerichten Konkurrenz machen. Bei der Frage der Legitimation der Wähler müßte auch erst jedesmal materiell festgestellt werden, ob der Wählende zu einer Innung gehört oder nicht; in dem ersteren Falle wäre er ja gar nicht wahlberechtigt. Allein das würde ungeheure Schreibereien verursachen. Aus diesen Gründen bitte ich Sie, den § 72 abzulehnen. Abg. Tnyauer: Die Jniiungen haben nicht die Bedeutung, die man uns von der ihnen sreuudlicyen Seite glauben machen will. Die geringe Betheiligung an den Wahlen zu demselben beweist das schwaaze Interesse. Wenn Sie jetzt den Innungen weitere Vorrechte geben, so würden dadurch die Miß- Helligkeiten zwischen den'Arbeitern und Arbeitgebern außerordeut- lich gesteigert werden. Was für Unzuträglichkeilen werden nicht schon bei den Wahlen zu den Beisitzern entstehen! Es muß da festgestellt werden, ob die zur Wahl kommenden Personen bei dem Jnmingsmeister beschäftigt sind oder bei einem Meister, der nicht zur Innung gehört, das wird sehr oft nicht leicht sestzustellen sein, es werden auch Leute theilnehmen, die bei Jnnnngsmetstern arbeiten. Das könnte leicht die Ungiltigkeit der Wahl zur Folge haben. Ferner dürfte», wenn der§ 72 angenommen wird, zu Beisitzern Leute nicht gewählt werden, die bei Jlmungsmeipern beschäftigt sind oder sclvst Jinmngsmeister sind. Unter zehn Ar- beiiern weiß aber in Berlin kaum einer ob ihr Meister der Jnming angehört oder nicht. Die Meister pflegen das in Berlin geheim zu hallen, weil sie wissen, daß die Gesellen von den Innungen nicht viel halten. Verwaltet Jemand das Beisitzer- amt eine längere Zeit, vielbeicht 16 Jahre, und tritt dann bei einem Jnnungsmeister in Aroeit— er mag das vorher nicht einmal gewußt haben, daß derselbe Jnnungsmeister ist—, so müßte er das Amt niederlegen. Das sind Zustände, die zur Förderung der Gewerbegerichte nicht beilragen werden. 3lbg. Ackermann: Daß die einheitliche Rechtsprechung bei Annahiiie des§ 72 durchbrochen würde, gehe ich zu. Aber keine Ziegel ohne Ausnahme! Wenn die Ausnahme sich rechtfertigen läßt und zweckmäßig ist, so gäbe ich von der Regel ab. Was machen die 43 Kompetenzen der Innungen in Berlin für Schmie- rigkeiten? Die Innungen fuhren doch üver ihre Mitglieder genaue Lyten. Jede Jnmiiig iveiß, welckZe Handwerker sie umfaßt. Ebenso wenig kann es schwierig sein, seftzn stellen, welche Gesellen bei den Innungen beschäftigt werden. Daß ein Geselle von einem In- nungsmeister zu einem anderen Meister gehl, wird vorkommen, aber auch diese Thatsache läßt sich leicht feststellen. Zu den Wahle» werben wahrscheinlich Urlisten seftgeneltt werden müssen. Dabei wird sich ei» zeder Wohtberechtigte legitimiren müssen. Ob die Gesellen den Innungen smmdltch fino, ocer nicht, läßt sich nicht beweisen. Sobald es sich um Innungen handelt, geht man darauf los, wie auf ein rothes Tuch. Es liegt kein Anlaß vor, Institutionen, die wir zur Stärkung der J nnngen geschassen haben, zu beseitigen. Mir müssen im Gegentheil die Gelegenheit benutzen, ilin auch die Streitigkeiten zivischen Meistern und Ge- selien ihnen ein für alle Mal zuzuweisen. Ein Vcrtagung-antrag des ÄLbg. Kchmidt» Elberfeld wird algelehat. 'Abg. Frhr. Kchriick v. Ktnnsfcul'rrg(zur Geschäfts- ordnung): Tie Aosiiinmung über diesen Gegenstand konnte lein Mensch in diesem Hanse erwarten; es hat aber den'Anschein, als ob man durch'Ablehnung aller Bertagnngsanträge die Sache heute zum Abschluß bringen wollte. Jcy würde dann die Be- schlußsuhigkeit des Hauses bezweifeln müsse», was ich bisher noch nie gelyan habe, aber zum Scyutze der Minorität des Hauses thun muß.(Beisall links.) Vizepräsident Gras v. Kall eil mit: Was der Herr Ab- geordnete thun>uill, wird er sa später durch Anträge zum Aus- oruck bringen können.(Bei an re..,ts und im Zentrum.) Slbg. Zllrycr(Berlin): Sachsen ist das klassische Land der Höflichkeit. Deshalb hat mich eine Stelle der Rede des'Abg. Acker- mann nicht überrascht. Er sagte, es handele sich um Jnnuuge», und daruin ginge man darauf los, wie auf das rolhe Tuch. Daß er verschwiege. c hat, wer aus das rothe Tuch loszugehen pflegt, darin besteht eben die ganz spezifische Höflichkeit des Abgeordneten Ackermann.(Heiterkeit.) Ich will dtefh Lücke nicht ergänzen, sondern nur bemerken, daß dte Thiers, welche eine so entschiedene Abneigung gegen rolhe Tücher haben, jsdensalls nicht aus dieser Seite des Hauses zu finden sind. Es ist heute erzählt, daß die Auffassung eines rothen Tuches im Köniyteich Sachsen eine ganz besondere Aufregung und sogar gerichtliche Verfolgung heroor- gernfen hat. Die damals ihre Feindschaft gegen das rolhe D'4 zu Tage legten, haben gewiß nicht zur sreisinnigen Partei gc.M (Heiterkeit.) Die ursprüngliche Regierungsvorlage nahm üiW1 Rücksicht auf die bestehenden Jnnungsgerichte, als uns zwco- mäßig erscheint, und wir wollleu hier Einschränkungen eimrete» lassen, aber die Kommission hat die Vorlage sogar noch r# schlechter� Es wäre beklagenswerth, wenn eine solche ws' gclegenheit übereilt in vorgerückter Stunde erledigt würde.®l( wollen durch diese Bestimmung die Innungen stärken; das/*- weist, daß die Inningen immer noch schwächliche Kinder swä Sie sehen sich deshalb bei jeder Gelegenheit nach einem»cueil Kiiidermehl um, das die sch'.vächliche Konstitution stärken soll, uns ein solches glauben Sie in den Jnnungsgerichten gefunden haben. Die Gewerbegerichte erfordern schon Opfer, welche du Gemeinden allerdings gern geben werden, aber ihnen noch du Spezialkosten für vielleicht ein Dutzend Jnnungsgerichte aufzuck- legen, wäre eine große Härte. Wer nicht zur Innung gelM laiin auch kein Vertrauen zu de» Jnnungsgerichten haben. WU würden hiernach statt eines- einheitlichen Gewerbegerichts ein! Vielköpsigkeit erhalte», ein Chaos, das auf die Rechtspstege nur lähmend wirken kann., Um 4>/e Uhr vertagt das Hans die weitere Berathung aus Freitag 1 Uhr. Außerdem steht die dritte Berathung de» R a ch t r a g s e t a t s(Ostasrika) zur Berathung. Vorlattteniarisilhev. Ii» der Kndgetltommij'sio», welche Donnerstag 7 Uhr zusammentrat, ward beschlossen, zunächst über Titel 1 und/ — die Erhöhung der Ofsiziergehälter betreffend— eine Generaldebatte einzutreten, obgleich der Vorsitzende H u e n r sich sehr dagegen sträubt und eine gewisse militärische Schneidig' kcit entwickelt. Neigung zum Reden ist nur bei gaul Wenigen vorhanden. Ein Regierungsvertreter macht finau' zielle Zukunftsmusik, die aber weder neu, noch schön tr Alle Ausgaben, welche jetzt die Regierung fordert, betragen 51 Millionen— die Mehreinnahme des nächsten Etatsjahre» beträgt„voraussichtlich" 04 Millionen, also ein Ueberschuß von 13 Millionen, aber— es ist eben Zukunftsmusik und Niemand weiß, ob es so sein wird. Nur die militärfrommsteu Konsck' vativen sind ganz befriedigt, oder thun ive'.ligftcns so. Einer des- selben beginnt eine Debatte über Kornzölle, Wirthschaftspolim und die enorme Prosperität, in welche Deutschland durch sie versetzt worden. Ei» militärischerVertreterderRegierung singt ein Klagelied vom Nothstand der armen Offiziere, die seit Jahre» auf eine Lohn- erhöhung gelauert haben.„Und die Offiziere sind der Geist dck 'Armee."„Tie Augen aller Premierlieutenants sind heute nach diesem Saal gerichtet."('Auch der Steuerzahler!) U»d die anderen Offiziere wünschen nicht minder eine Besserung ihrer Lage. Richter bemerkt, daß das finanzielle Zukunftsbild nichts bk- deute, daß alle Ziffern längst bekannt seien, und daß es sich setz' nicht um eine Belastung für ein günstiges Finanzzahr, sondern um eine dauernde, obendrein fortwährend wachsende Be» lastung handle. Referent S t r o m b e ck(Zentr.) beantragt Ablehnung der erstes Position— Erhöhung der Stabsosfizier-Gehälter— einsti M» in i g abgelehnt. Trotz einer eindringlichen Rede des Krieg»' mirnsters über die Nothlage der Premierlieutenants wird auch d>t Erhöhung der Premierlieutenants-Gchälter abgelehnt— w» allen gegen die 5 Stimmen der Konservativen. Die National' liberalen erklären, nur in Anbetracht der jetzigen Finanzlagt die Forderung zu verwerfen. Nicht besser ergeht es der dritten Position zu Gunsten del Marine-Offiziere. .. Ter Zuschuß für die Zivilbeamten der Tarif' klaffe III(von 1500 bis 6600 M. Einkommen) wird ebenfall» in allen einzelnen Theilen abgelehnt, trotz des verlockenden Arguments eines Regierungsvertreters, das Reich müsse i" Noblesse den Einzelstaaten vorangehen. Einzelne Kategorien der Tarifklasse, die benachthciligt sind, können, wie von Ko»»nis>ionö' Mitgliedern geltend gemacht wird, im nächsten regelmäßige>> Etat bedacht werden. Bemerkenswerth ist eine Auslaymig de» Herrn Stephan, Staatssekretär für Postwesen, nämlich, da? Beamte nie neidisch sind aus besser gestellte Kollegen, aber sehr unzufrieden mit dein Staat werden, wenn sie nicht materiell gm gestellt werden. Und Herr Stephan fand diese Unzufrieden' heit durchaus gerechtfertigt, was wir uns acl notarn nehmen wolle»- Herr Stephau machte noch eine zweite interessante Bemerkung! Durch mangelhafte Bezahlung der h ö h e r e n Beamten werde» diese zuiii C ö l i b a t verurlheilt, was weder sittlich noch dew Vaterland zuträglich ist. Die allgemeine Stimmung ist— auch in konservative» Kreisen— nicht über den Rahmen der Reichstags- Beschlüsse hinauszugehen.(Für alle Klassen von I vis XVI ist die Ablehnung einstimmig.) Nächste Sigung Freitag Vormittag 11 Uhr. 13. Sitzung der Arbelterschntz- Kottmüsftou. Donnerstag, den 19. Juni. (Äbendsitzung.) � Der„indirekte Normalarveitstag" steht zur Be» rathnng. Es handelt sich um den§ 137, in welchem bestirnt»* wird, daß Arbeiterinnen über 16 Jahre nicht langer als 10 Stunden täglich beschäftigt werden dürfe». Mehrere Ab> änderungsanträge liegen vor, darunter ein sozialdemokratischer, welcher verlaugt, daß statt 11 gesetzt werde 10 Stunden. Hitze be� antragt, den A s. 4 des 1. Satzes solgeiisermaßen zu fasse» t „'Arbeiterinnen über 16 Jahre, welche ein Hausw ese» zu besorgen haben, dürfen höchstens 10 Stunden täglich beschäftigt werden." Ferner für Wöchnerinnen die Arbeit-panft nach der Ziiederkiinft statt auf 4, wie die Regierungsvorlage ver' langt, auf 6 Wochen festzusetzen. Referent Schmidt erklärt sich für 10 Stunden, hält ei»e Ausnahmestellung für solche Arbeiterinnen, dte„ein Hausivese» zu besorgen haben", schwer durchführbar und ist dafür, dte „Schonzeit" für Wöchnerinnen aus 4 Wochen zu belassen." Korreferent Hitze ist besonders für früheren Schluß an de» Sonnabende», allerdings hauptsächlich aus dem sonderbare» Grunde, damit die Arbeilerinnen noch eine„Haushaltungsschule besuchen können! Die'Arbeitszeit für alle Aroeiteriunen auf zeh» Stunden festzusetzen, hält er für einen„zu gewagten Sprung"- namentlich wegen der Textilindustrie, gleichwohl plädirt er fül den Zehnftundentag für die mit einem Hauswesen belasteten Ar- beilerinnen, ivas ja ganz schön ist, aber aus praktischen Gründe» schwer durchführbar sei» dürfte, und deshalb der sozioldemolratisclft Antrag, der von D i e tz begründet wird, entschieden der ziveck' mäßigere ist. Es ist, wie Dietz ganz richtig anführt, gar nicht einzusehen, warum ein solcher Unterschied siatuirt irer' den soll. Niemand ist im Staude, zu koutroliren, wer wirklich „ein Hansivesen zu besorgen" hat. Um der Industrie die nöthig� Zeit zu lassen, sich auf die weiter gehende Bestinunung einzurich' ten, könne er sich dazu eulschließeu, diese Vorschrift lieber 1 Jahr später in Wirksamkeit treten zu lassen. Aber bann eben gleich w/J genug gehend. Er tritt ferner auch dafür ein, daß die Schutzze» für Wöchnerinnen auf mindestens 6 Wochen ausgedehnt wird, be' antragt aber sogleich dazu, daß Arbeiterinnen wahrend dieser Zeit nicht entlassen oder gekündigt werde» dürfen. Die nöthige Fürsorge während der Schutzzell müsse, wie auch Dr. Gntfleisch schon beantragt, durch das Kranke»' kassengesetz voraekehen werden- Möller beantragt, daß die frühere Entlassung von verheiratheten:c. Arbeiterinnen„auf deren Antrag oder auf An trag der Gemeindebehörde" erfolgen soll. Außerdem will er statt tl Stunden pro Tag gesetzt wissen: 6G Stunden pro Woche, um es gewisse» Industrien zu ermöglichen, an den Wochentagen länger aW il Gbinbe» arbeiten zu lassen, an den Sonnabenden aber meh- rere Stunden früher Feierabend zu machen. Den Zchnstundentag bekämpft er, so weit sei„die Industrie" noch nicht. Hitze ändert seinen Antrag dahin um, daß er nur für verheirathete grauen gelten soll, den ersten Antrug hält er dabei als Evcntual- ontrag fest. Der Handelsminister v. Berlepsch ersucht, an den 11 Stun den der Regierungsvorlage festzuhalten. Er stützt sich auf ver schiedene Fabrikinspekloren-Berichte, nachdem in vielen Betrieben die Arbeitszeit noch eine so lange sei, daß der Sprung Qstf 10 Stunden ein zu großer, unvermittelter sei Ebenso erklärt er sich gegen die Ausdehnung der Schutz (ßit für Wöchnerinnen.— Dr. Hirsch tritt für die zehnstündige Arbeitszeit für alle Arbeiterinnen ein, diese Zeit sei daZ Höchste, was an Fabrikarbeit für Frauen zuzulassen sei. Die 11 Stunden könne er eventuell nur als kurzes Uebergangsstadium akzeptircn bezüglich der Wöchnerinnen regt er an, ob es nicht doch zweeb mäßiger wäre, die Pause nicht blos auf die Zeit nach der Niederkunft auszudehnen, sondern so einzutbeilen, daß der Schutz mich schon vorher eintreten könne. Er tst auch für 6 anstati 4 Wochen.— v. 5ileist-Retzow spricht sich im allgemeinen für die Regierungsvorlage aus, ist aber dafür, daß ver- heirathete Frauen nur einen zehnstündigen Arbeitstag haben sollen. Auch für die sechs Wochen Pause für Wöchnerinnen tritt er ein, schon oas allgemeine Landrecht stelle sich auf diesen Standpunkt. Abg. Schmidt beantragt, den Abs. 1 so zu fassen, daß Frauen in Fabriken des Nachts von 9 Uhr an bis Früh nicht beschäftigt werden dürfen, an den Vorabenden von Sonn- und Festtagen nicht länger als bis Abends 0 Uhr. v. Stumm ist so gnädig, der Regierungsvorlage in Bezug auf das. generelle Verbot der Nachtarbeit zuzustimmen, hält die 11 Stunden für das„richtige Maß" und warnt vor weitergehen- den Experimenten", die um so schlimmer wirken würden, weil wir ohne Zweifel einer industriellen Krise entgegengehen. Dr. K l e m in- Ludwigshafen ist gleichfalls für pure Annahme der Regierungsvorlage. Bayer. Bundesralhs-Bevollm. Landmann warnt auch davor, über die Regierungsvorlage hinauszugehen. Die Textilindustrie in Süddeutschland, die kürzlich erst die Arbeitszeit frei- willig um 1 Stunde verkürzte, habe damit keineswegs überall Nachahmung gefunden und bringe infolge dessen bedeu- tende Opfer. Man könne dieselben nicht noch erhöhen durch einen so einschneidenden Schritt wie die zehnstündige Arbeits- zeit sei., Hitze glaubt nicht, daß, wie mehrfach geäußert wurde, bei difserenliellcr Festsetzung der Arbeitszeit für verheirathete Arbei- termnen die letzteren keine Beschäftigung mehr finden würden. Wenn genügend ledige Arbeitskräste vorhanden seien, würden verheirathete ohnehin nicht eingestellt werden. Uedrigens sei ja die Differenz auch in der Regierungsvorlage vorhanden, welche will, daß Arbeiterinnen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, Mittags eine halbe Stunde früher entlassen werden müssen, so- fern nicht die Mittagspause IVe Stunden beträgt. Gegen den Zehnstundentag für alle Llrbeiterinnen erklärt er sich, weil da- durch diese Arbeitszeit auch für alle Männer in der Textil- industrie sofort eingeführt würde. Der Antrag Dietz u. Gen., be- treffend, daß Wöchnerinnen während der Schutzzeit nicht gc- kündigt werden dürfen, meint er, derselbe werde von den Unter- nehmern dadurch umgangen werden, daß den betreffenden Frauen dann eben vorher schon gekündigt werden würde. v. Puttkamer hält eine Lobrede auf die ländlichen Ver- Hältnisse im Osten, wo Lohnarbeit verheiratheter Frauen fast gar nicht vorkommen(?). Er will in der Hauptsache für die Re- gierungsvorlage stimmen, mit Ausnahme der Schutzzeit für die Wöchnerinnen, welche auch er auf 6 Wochen verlängert wissen will.— Gegen diese Ausdehnung spricht Regierungsrath Königs; auch die internationale Konserenz habe sich für nur 4 Wochen erklärt. Nach einigen persönlichen Bemerkungen und kurzen Nesumce's des Referenten und Korreferenten wird um 10V» Uhr zur Ab stimmung geschritten. Abs. l wird unter Ablehnung aller Anträge in der Negimiugs sassung(Verbot der Nachtarbeit von SVe Abends bis 5Va Uhr Morgens) angenommen. Abs. 2(11 Stunden tägliche Arbeitszeit) wird ebenfalls in der Regierungsfassung angenommen. Der sozialdemokratische An- trag auf 10 Stunden wird mit allen gegen die sozialdemokratischen und frelsinnigen Stimmen abgelehnt. Das ganze Zentrum stimmt dagegen. Abs. 3 erleidet keine Aenderung.(Gewährung einer Mittags- pause von mindestens 1 Stunde.) In Abs, 4 wird der Antrag Hitze angenommen, daß verheirathete Arbeiterinnen täglich nur 10 Stunden sbeschästigt werden dürfen. Die sechs wöcistgc Ruhepause für Wöchnerinnen wird mit IG Stimmen genehmigt. Der Zusatzantrag Tieß u. Gen.(Nichtentlassung der Wöchnerinnen) wird abgelehnt, der ganze Paragraph angenommen. Zugestimmt wird auch der Resolution Gutflcisch, die Re- gierung zu ersuchen, mit der Frist des§ 137 Abs. 5 die betreffende Bestimmung des Krankcnkassen-Gesetzes u» Einklang zu bringen. tj 138 wird ohne Diskussion nach der Vorlage angenommen. Nächste Sitzung Sonnabend Vorm. 10 Uhr. Lokralos. fe schon vor rinigrr Jett i» Aussicht gestellte Uolks- esamuilung, i» welcher Aerr Pichendach„frei uuo o ien über seine Person. reden" wollte, hat vorgestern Abend in dem neuen großen Marten'schen Saale(Friedrichstr. 230) stattgefunden. Als Redner waren sämintliche vier Mitglieder der„antisemitischen Reichstagssraklion" angekündigt. Anivesend mochten etwa 409 Personen sein. Piclenbach, welcher mit stürmischem Beifall sowohl bei seinem Erscheinen als beim Beginn feiner Rede empfangen wurde, führte aus: Er habe alle die Fehler, welche deutsche Männer hätten. Antisemit sei er durch die zu ihm von eineui Banguicr gemachte Aeußerung geuoroen:„Der Ale Trakehuer(Jude) wird sich nie mit dem illckeraaul("erma e) vermengen".(Nnse: Namen nennen!) Weber hieß er. Sein, Picleubach's Geschäft in der Fritdrichstraße sei planmäßig rninirt ivordcn; er könue nur annehmen, daß die Inden ihn auf eine schwarze Liste gesetzt und dura, Angestellte, die an den Bahn- Höfen Aiiloilimeiideii vor ihm gewarnt hätten!! Er habe so viele geineiile Briese bekouinie». I» amerikanischen Blättern habe sogar gestanden, daß er Leute mit Messer» habe ermorden wollen. Sein Sekretär sei ihm nach Argeulinien abgedainp t, während er, P., sich auf einer Vergiit.g.mgstour befand, welche sich etwas lang allsdchiite; jedenfalls sei der Sekretär„von gewisser Seite" augejiiftet.auch mit Gelviuiterslätzt worden.(Iwischenr»se: Juden.) So sei er nicht mehr der reiche Mann aebliebeu, als der er Berit» verlassen habe. Bei seiner Wiederwahl zum Stadtverordueteu habe er, weil die Autiseiuile» lein Geld halte», den R. stkamps aus Pump uuteriiehnieu müssen, da Haie auch der Parle genoist Dr. Z. 5000 3)1. gegeben. Sein betrc ender Wetigel sei dem Versprechen des Dr. Z. zuwider öffentlich ausgebolen worden. Die Sache habe 1886 das Gericht beschäftigt und Dr. Z. habe damals gesagt, Herr Pickenbach ist ein Shreiiiiiann. Er hätte noch mehr Wechsel ausgestellt, um Geld für die Wahl zu bekam- me„. Er ivürde auch alles bezahlt haben er Q-it»ebabt Herr Pickeubach schildert dann, wie er selbst sagte„interessant", die Geschichte feiner Schuldhaft. Er habe einem Freunde, der ihm Geld schuldete, sein Wort gegeben, ihn nie zu nennen. Nach der Schuldhaft habe ihm der Bankier, welcher die Wechsel ge- kauft hatte, Herausgabe der Wechsel und mehrere tausend Mark hinzu angeboten, mit der Bedingung, daß er die Mitgliederliste des D. A.- B. ausliefere.(Lärm, Bravo!) NastloZ habe er dann gearbeitet, wo er ein ziemlich blühendes Geschäft besessen. Da sei neuerdings während seiner Kandidatur zum Reichstage der Z.'sche Wechsel wieder aufgetaucht und von dem letzten Inhaber, Bankier Loeser, dem freisinnigen Rcichstagsabgeordneten Entfleisch behufs Ausnützung der Sache im Wahlkampf übersandt worden.- Gutfleisch habe ihm»er sprachen, daß die Sache nicht ausgebeutet werden solle; das Ver sprechen sei nicht gehalten worden. Endlich erzählt Herr Picken dach noch, daß ei»'Altentat auf sein Leben in seinem Wahlkreis! geplant gewesen sei, und er würde nicht mehr am Leben sein. wenn er am Wahltage in Gießen gewesen wäre. Die Versamm- lung hörte diese köstlichen Dinge ernst an, es erschollen auch Zwischenrufe wie:„Kanu so etwas im Staate Pesüßen vorkomincn?" Zum Schluß kam Pickenbach noch einmal auf die Wcchselangelegenhcit und Professor Stengel zu sprechen letzterer habe einen Brief ohne Erlaubniß des rechtniäßigen Empfängers veröffentlicht; übrigens verkehre mit Stengel kein anständiger Mensch mehr. Großen Jubel erregte es bei de» antisemitischen Zuhörern, als Pickeubach erzählte, daß Herr Stengel von ihm ein„Ehrabschneider" und von Böckel ein„Schuft" i nannt worden sei, ohne daß er darauf zu antworten gewagt ha Von der angeküiidigtcil Broschüre gegen ihn meinte Piclenbach. „Sie wird wohl erscheinen, denn das Geld der Juden ist furchtbar mächtig. Aber kein ehrenwerther Antisemit wird sich dazu her- geben, gegen mich zu schreiben". Der Schlußruf der Pickenbach'schen Rede:„Im Interesse der Ehre Deutschlands furchtlos und treu" erregte wieder großen Jubel. Nach Pickenbach redelen die übrigen anti- semitischen Abgeordneten. Der Mann ohne Makel, der wackere Böckel—„denn Böckel ist ein ehremverther Mann, das sind sie alle, alle ehreniverth"— nahm gleichfalls zum Hauptziel seiner Angriffe Professor Stengel, den er auch hier einen Schuft nannte. Bemerkt sei noch, daß der Vorsitzende, Herr Witte, in einer vor- bereitenden Ansprache Stöcker, Böckel und Pickeubach als drei vom Judenthum verleuiildete 3Jlän»er neben einander stellte und hiev bei erwähnte:„Vor wenigen Tagen hat sich ein Richter gefuw den, der endlich frei und offen feststellte: Stöcker hat im Prozeß Bäcker-Stöckcr vollkommen rorrelt gehandelt, er ist aus dem Pro- zesse rein hervorgegangen." Diesem Satze folgte ein mächtiger Beifallsjubel,— im übrigen ist er natürlich uiiwahr. Tauscude von Tischlern sammt ihren Angehörigen fanden ich am Montag in der„Neuen Welt" zusammen, um das zehn jährige Bestehen ihres Vereins, des Fachvereins der Tischler zu feiern. Dieses vom hmlichsten Wetter begünstigte Fest war wohl geeignet, bei allen Freunden des Vereins ein Gefühl innigster Ge- nugthuung zu erwecken; waren ja doch die Tischler die Erste» die nach Auflösung aller Arbeiterorganisationen durch das Aus nahmcgesetz sich auffrafften, ihre Kräite zu sammeln und eine Ver elnigung zu schassen, die im Geiste der modernen Arbeiter- bewcgung geleitet und vorwärts geschritten ist. Mit welchen Widerwärtigkeiten hatte man zu kämpfen, als sie Puttlamer'schen Streilerlaffe auch die Gewerkschaftsbewegung lahm zu legen suchten und mit welcher Vorsicht mußte um die Klippe» der einengenden gesetzlichen Bestimmungen lavirt werden, doch durch alle Mühen hat der Verein sich durchgerungen und Dank der energie- vollen Ausdauer seiner Mitglieder ist er groß geworden und sucht das Gebiet seiner Thätigkcit fort und fort zu erweitern. Diesen Festbetrachtungen lieh auch der Vorsitzende, Kollege Th. Glocke, Ausdruck in einer kurzen ernsten Ansprache, der wir Folgendes entnehmen:„Die Geschichte der Menschheit zeigt uns, daß letztere nur durch Arbeit auf eine höhere Kulturstufe gelangen kann. Die Arbeit allein ist im Stande, die Menschen zu ver edeln. Es ist darum auch nothiveildig, das Selbstgcs. hl im Arbeiter zu wecken, er muß erkcnneli, daß er, mitivirkend an der Erhaltung des Ganzen, gleichberechtigt ist, an den Errungen- schaften der Kultur theilzunchmen. Die endliche Befreiung der Arbeit ist unser Ziel, aber wie alle großen Ziele, so muß auch dieses durch Kamps erstritten werden. Da gilt es nun, daß ein Jeder sich ausrüstet mit den Waffen des Geistes, der Erkenntniß und Bildung. Und dazu soll der Aerein Gelegenheit bieten; er 'oll jedem eine zweite Schule sein, worin er zum Beivußtsein � einer Klassenlage gelangt. Erfüllt der Verein diese Aufgabe nur zum kleinsten Theile, dann hat er mitgewirkt an dem großen Werke der Befreiung„des vierten Standes", der Arbeiterklasse. Am vergangenen Sonntag waren wir, so schreibt der B. C.", Zeuge einer peinlichen Szene auf der Pferdebahn. Als gegen dreieinhalb Uhr der in der Richtung nach dem Zoologischen Garten fahrende Vcrdeckwagen Nr. 597 der Linie„Görlitzer Bahn— Zoologischer Garten" gerade an der Koch- und Friedrich- straßen-Ecke angelangt war, wollte eine junge, elegant gekleidete Dame eilenden Schrittes dem Wagen entsteigen. Sie hatte bereits an der Ecke der Charlottenstraße die Pferdebahn verlassen wollen, war aber unachtsam, da sie das Ausrasen dieser Haltestelle über- hörte, bis zur nächsten Straßenecke initgefahren. In dem 'Augenblick,>vo die junge Dame bereits oen Fuß auf das Trittbrett gesetzt hat, springt ein Kontroleur auf, welchem die Dame ganz mechanisch ihren Fahrschein vorzeigt. Dieser Fahrschein war aver nur für eine Theitstrecke gelöst und an der Ecke der Charlottenstraße bereits abgelausen. Nunmehr entwickelt der Kontroleur eine kolossale Schneidigkcit. Er verhiiiderc die Dame am Aussteigen und fordert sie auf, sich noch schlelniigst im letzten Augenblick einen Zehnpsennig-Fahr- schein nachzulösen, eine Prozedur, welche, nebenbei bemerkt, bei dem le.haiten Sonntagsverkehr eine sehr unangciiehme Störung für die ein- resp. aussteigenden Fahrgäste herbeiführte. Als wir uns erlaubten, dem liontroleur gegenüber zu bemerken, daß in diesem Falle wohl ein lleiner Exzeß seiner Dlenstbestissenheit vor- habe... gt, Herr Pickenbach ----- ....... M.,» Zeit gehabt und man nicht seinen Kredit vernichtet hatte. Damals habe er manchmal sich lieber eine Kugel durch den Kops jagen wollen. liege, erwiderte er von oben heräv in barschem Ton;„Die Dame h tte sogar polizeilich festgestellt werden müssen!" Wir sind der festen Ueberzeugung, daß der Koutroleiir in seinem Beamlenüber- eifer seine Befugnisse überschritten hat und daß eine so offenbare Inkoulanz dem fahrenden Publikum gegenüber durchaus nicht den Verhaltuiigsmaßregelii entspricht, welche von leitender Stelle den ontroleuren erthellt werden. Wird ein Pferdebahngast um er- ärmlicher füns Pfeunige halber einen beabfichiigten Betrug 'gehe», und zwar lediglich um noch hundert Schritt iveitcr fahren zu kö: nen, als ihm auf Grund seines Fahrscheines gestattet ist? Ein soi.'.er Fall ist>uohl kaum anzunehmen niid tritt zu», miildesten sehr vereinzelt aus. Tie vorcrivähnte Szene lenkt aber wieder einmal die'Aufmerksamkeit auf die Einrichtung des Kontroldisilstes der Berliner Pferdebahnen, welcher eine unausgesetzte, im höch- fien Grade uliaiigeueliuie Belästigung für das Publikum bildet und als eine der Reichshauptstadl durchaus uliwürdige Kräh- wiukelei erscheint. Vor einiger Zeit haben die Direktioiien der Pferdebahnen, um den Wünschen des'Publikums nach- zukomine», die Zahl der Kontroleure wesenllich ver- mindert; die Wünsche der Fahrgäste werden aber erst rann völlig befriedigt sein, wenn es überhaupt keine Kon- troleure dieser Art mehr giebt. Alan darf doch wohl annehmen, daß die Direktionen der Berliner Pferoebahnen lediglich die 'Aothwendigkeit empfinden, ihre Beamten zu koutroliren und nicht etwa das fahrende Publikum. In Paris,'Nem-Dork, in London, Wien:c. kennen die Fahrgäste eine so peinliche Belästigung durch Kontroleure, einen Zwang, welcher die Passagiere n'öthigt, ihr Billct ängstlich, wie eine» Schatz zu hüten, nicht. I» jenen Städten sind behufs Ueberwachung der Tramway-Angestellten verschiedene Systeme in Anwendung. Sache der Berliner Pferde- bahn-Verivaltlingen ist es, das für sie Geeigneste auszuwählen, resp. den Berliner Berkehrsverhältnissen anzupassen. Zu dieser DMMflW M"ücksic'' Reform sollte endlich die Direktion nicht nur die Rücssicht aus das Berliner Publikum, sondern auch aus die Fremde» veranlassen, welche ahnungslos des werthvollen Besitzes eines Pferde- bahnbillets nicht achten, und raihlos dasitzen, wenn plötzlich ein Kontroleur vor ihnen auftaucht und verlangend die Rechte aus- streckt. Die voegrstrige UttttlieUnirg über den Diebstahl im Eisenbahnwagen hat noch vorgestern Abend zur Verhaftung eines Mannes geführt, der der'Ausführung des Diebstahls verdächtig ist. Ter Kailfmann Laib Saß aus Wilna, welcher mit dem be- treffenden Zuge in Berlin angekommen war, begab sich 31ach- mittags zu einem Bekannten, mit welchem er schon früher Gc- schäfte gemacht hatte. Der Bekannte, welcher die 3?littheilung clesen hatte, sagt zu ihm: Du kommst ja aus Warschau; ich abe von einem Schwindel im Eisenbahnkoupee gelesen, was da gesagt ist, paßt ja ganz auf Dich. Wir wollen einmal sofort zur Kriminalpolizei gehe». Saß ging dann auch mit, der Kriminalkommissar, welcher die Sache in Händen hatte, ließ den Beschädigten kommen und dieser bezeichnete Saß als denjenigen, welcher allein mit ihm im Koupee gesessen habe. Er habe sich in Thorn auf dem Bahnhofe an ihn herangedrängt, sei mit eingestiegen und bis Schneidemühl allein mit ihm zusammengefahren. Nur auf diese Weise köinie der Diebstahl ausgeführt worden sein. Saß giebt zu, mit dem Be- stohlenen M. gefahren zu sein; eS hätten sich aber noch mehr Personen in dem betreffenden Koupee 2. Klasse besundeu. Das Letztere bestreitet M. ganz entschieden. Man fand bei Saß 6000 M. in Rubeln. Wenn das Geld zum Theil aus dem Diebstahle her- stamnit, so muß er Gelegenheit gehabt haben, die gestohlenen Scheine in Rubel umzuwechseln. Die Sache ist noch nicht ganz aufgeklärt. Jedoch ist Saß genügend belastet, um der Staats- anwaltschaft überwiesen zu werden. Ein großer Ketrng vermittelst deo Telephon«, der zu strengster Vorsicht mahnt, ist vorgestern Hierselbst verübt worden. Vorgestern früh erhielt Bankier I. von einem hiesigen Geschäfts- künden B. die telephonische Anfrage, ob B. sofort 15 000 M. bekommen könne. Im Bejahungsfalle werde B. durch einen Dienstmann, dessen Nummer angegeben war, daS Geld abholen laffcn. Der Buchhalter des I. antwortete bejahend, obwohl das Geld augenblicklich nicht in der Kasse war. Als I. heimkam, verschaffte er sich das Geld von einer Bank, um B. gefällig sein zu können, nachdem der Buchhalter erklärt hatte, daß das Geld gezahlt iverdcil könne. I. übergab das gehabte Geld dein Buchhalter zur Auszahlung gegen Quittung und be- gab sich dann zur Börse. Unterdessen kam der be- zeichnete Dienstmann und überreichte ein Kouvert mit der Quit- lung des B. Ohne Bedenken händigte der Buchhalter ihm die Silnime aus. Nachher aber stellte sich heraus, daß B. gar kein Geld verlangt hatte, daß vielmehr em frecher Betrug inid Fäl- fchunj) vorlag. Der Dienstmann beschreibt seinen Auftraggeber als emen ca. 20 Jahre alten Mann mit blondem Haar und sehr kleinem, blonden Schnurrbart. Er trug gestreiste Beinkleider, hell- graues Jaquet und schwarzen Filzhnt. Der Betrüger engagirte den Dieilstmann vor dem Börsen-Restaurant, ging selbst rn das Restaurant hinein und hieß den Dienstmann vor der Thüre warten, bis er Antwort auf seine telephonische Anfrage hätte. Der Dienstmann, welcher ermittelt ist, kann den Schwindler, mit dem er längere Zeit zusamnien war, jedenfalls rekognoSziren.. Ein oynr Anfstqt gelassene» virvjiihviges Mädchen hatte, wie eine Lokalnotiz berichtet, mit Spiritus und Streich- hölzern gespielt und wurde von der Mutter bei Rückkehr in die nilf dem Gesundbrunnen, Badstraße, belegene Wohnung, gräßlich verbrannt aufgefundeii. Während der Fahrt nach dem Kranken- Hause starb das unglückliche Kind. Die Lolialko,»misston von Drn-Glienicke bei Adlershof ersucht uns unr dio Mittheilung, daß bei nachbenannten Geschäfts- leute» das„Berliner Volksblatt" auSliegt: 1. Karl Maffante, Gast- und Schnnkwirthschaft; 2. Böhmer, Kolonialwaaren-Geschäft; 3. Herrmann Grimm, Barbier und Friseur; 4. Beckers u. Tonne, Kinder-Garderobeugeschäft. Dolizcibericht. Am 18. d. M. Morgens wurde im Thier» garten in der Nähe des Kroll'schen Etablissements ein un- bekamiter, etioa 40 Jahre alter, anscheinend den besseren Ständen angehörigcr Mann mit einer Schußwunde in der rechten Schläfe todt aufgefunden und nach dem Schauhause geschafft.— Nachmittags wurde in der Ladestraße am Hafenplatz, unweit der Dessauerstraße, ein obdachloser Arbeiter von einem mit Ziegel- steinen beladenen Arbeitswagen, unter welchem er während des Beladens gelegen und geschlafen hatte, überfahren und erlitt hierbei einen Bruch des linken Oberschenkels, so daß er mittelst Droschke nach der Charitee gebracht werden mußte.— Am 19. d. M. früh fand Große Frauksurterstraße 116 ein unbedeutendes Feuer statt. Drei betrogene Mittwen hatten gestern vor der vierten Strajkammer des Landgerichts I ihrer Zeugenvflicht zu genügen gegen einen Mann, der ihnen fast gleichzeitig das Eheversprechen gegeben, um sie auf das Berwerslichsie auszubeuten. Aus der Uiitersuchniigshaft wurde der bereits vielfach vorbestrafte ehenialiae Gerichtsaktuar'August Rudolf Otto vorgeführt. Im April d. I. wurde der Angeklagte nach zweijährigem Aufenthalt im Zucht- Haufe aus freieu Fuß gesetzt. Er suchte und fand eine Schlaf- stelle bei einer Wittwe, der er schon am ersten Tage seincs Zu- zugs einen Heirathsantrag»lachte. Er gab an, daß er nach Berlin als Gerichtsbeainter versetzt sei und täglich seine Berufung auf seinen Posten im Jiistizmimsterium zu gewärtigen habe. Als Gehalt würde er 2100 M. beziehen. Die Wittwe griff mit beiden Händen zu. Sie unterstützte den angeblich durch den Umzug von Baarmitteln entblößten Angeklagten nach Kräften und gab ihm auch 50 Mark zu einem Anzüge, damit er bei der Verlobung und der Vorstellung vor seinem Vorgesetzen einen würdigen Ein- druck machte. Bald waren die Mittel der armen Wittwe er- chöpft, ivorauf der Angeklagte es vorzog, zu verschwinden. Inner- halb 14 Tagen hatte der Angeklagte noch zwei andere Wittwen in gleicher Weise geprellt, so daß er außer seiner in der Provinz lebenden Ehefrau wie>veila»d Brästg gleichzeitig drei Bräute besaß. Die dritte Wittwe wurde durch ihre Vleugierde vor größerem Schaden bewahrt. In der Wohnmig der Braut roch es am Nachmittage des 2. Mai»ach frisch gebaclenem Kuchen und Braten. Am Abende sollte in festlicher Weise die Verlobung gefeiert worden. Der Bräutigam hatte sich in den besten Anzug geworfen, den die erste der drei Bräute ihm hatte liefern müssen; ivie er angab, wollte er sich bei seinem Unter den Linden wohnenden Chef melde». Er hatte bei dem Kleiderwechsel seine Briestasche in der Wohnung liegen lassen. Seine Braut fand dieselbe und durchstöberte den Inhalt. Sie and zwei ungestempelte Anmeldescheine von den früheren Wirthinnen des Angeklagten, der sich ivohl gehütet hatte, dieselben bei der Polizei abzugeben. In der dritten Braut stieg ein reger Verdacht aus. Sie eilte zu ihren Vorgängerinnen und nach kurzer Auseinandersetzlliig war der Betrüger entlarvt. Der Staats- aiiivalt beantragte gegen den gestündigen Angeklagten eine Zucht- hauSstrafe von zivet Jahren, der Gerichtshof hielt bei der Vor- worfenheit, welche die ganze Haildlniigsiveise kennzeichne, diese ttafe aber nicht für ausreichend, sondern erkannte auf drei Jahre Zuchthaus, vierjährigen Ehrverlust und 000 Mark Geldstrafe, oder noch 40 Tage Zuchthaus. Mir lrichtstunig so manche Lenke das Leben ihre Mit- menschen aufs Spiel setzen, zeigte am Donnerstag eine Vorhand- lung, welche vor dem Schivurgericht des Landgerichts U stattfand. Die Gestudevermletherin Gntschmidt ans Charlottenburg hatte ihre Wohnunaseiiirichtilug im Jahre 1380 mit-3000 M. ver- üchert. Als die Frau im vorigen Jahre ans'Anlaß ihrer ilbernen Hochzeit viele Geschenke erhielt, fand sie eS für nöthig, die Verstcheruiigesumme aus weitere 800 M. zu erhöhen. Obgleich die Gutschmidt sich in guten Lebensverhältnissen befand, ließ sie der Habsuchtstensel nicht zur Ruhe kommen. Schon lange hatte die gewinnsüchtige Frau darüber nachgedacht, in welcher Weise sie sich am leichtesten in den Besitz der"Versicherungssumme setzen könnte. Am 1. Februar dieses Jahres theilte sie ihre Ge- danken dem bei ihr wohnenden Dienstmädchen Röder mit, und überredete die unerfahrene Person, ihr bei der Ausführung des sauberen Planes behilflich zu sein. Beide Weiber beschlossen rasch zur That zu schreiten. Sie Übergossen Schränke, Kisten, Tische:c. mit Petroleum und zündeten die Möbel an. Bevor die Frauen sich entfernten, heizten sie den Kllchenofen recht tüchtig, um bei etwaigen Nachforschungen die Entstehung des Brandes erklärlich zu machen. Was aus den anderen Bewohnern des Hauses werden sollte, im Falle das Feuer zu spät entdeckt werden oder erst in der Nacht ausbrechen sollte, darum kiiinincrten sich die Beiden nicht im Geringsten. Das Glück wollte es, daß ein in dem Hause wohnender Handels- nimm den eigenthümlichen Brandgeruch wahrnahm. Bei der sofort vorgenommenen Nachforschung stellte es sich heraus, daß aus der Wohnung der Gutschmidt Rauch heraus- quoll. Als die Thllre eingeschlagen, schlugen bereits die hellen Flammen den Beivohnern des Hauses ent- gegen. Der rasch herbeigerufenen Feuerwehr'gelang es, den Brand zu bewältigen. Der Schaden, welchen derselbe ange- richtet hatte, wurde aus SOO M. berechnet. Frau Gutschmidt entblödete sich jedoch nicht, schon am nächsten Morgen die vollen 3800 M. von der Versicherungsgesellschaft zu verlangen. Allein bereits am Nachniittag desselben Tages wurde die Brandstifterin und deren Gehilfin verhaftet. In der gestern vor dem Schwur- goricht stattgehabten Verhandlung räumten beide Angeklagte ihre Schuld ein; jedoch behauptete das Dienstmädchen Röder, nur als willenloses Werkzeug gehandelt zu haben. Von der eigentlichen verbrecherischen Absicht der Gutschmidt will sie keine Ahnung ge- habt haben.— Die Geschworenen bejahten die an sie gerichteten Fragen betreffs der Gutschmidt; waren jedoch der Ansicht, daß das Dienstmädchen Röder nicht aus irgend einer gewinnsüchtigen Absicht Beihilfe zur Brandlegung geleistet habe und verneinten die darauf bezügliche Frage. Infolge dessen stellte der Staats- anmalt gegen die Röder keinen Strafantrag und wurde dieselbe kostenlos freigesprochen und sofort deren Haftentlassung verfügt. Die Gutschmidt, welche sich auch noch einer Unterschlagung von KS M. schuldig gemacht hatte, wurde dem Antrage deS Staats- anwalts gemäß zu einer Gesammtürafe von 3 Jahr 3 Monaten und 20 Tagen Juchthaus vernrthcilt. So-Ztole Melsevstchk. Zur Warnung für Klempner, welche gesonnen sind, in dem Eisenhüttenwerk Thale am Harz in Stellung zu treten, möge folgender Vorfall dienen: Vor einigen Wochen gedachte der Klempner B., nachdem es ihm Wochen hindurch nicht gelingen wollte, in Berlin Arbeit zu erhalte», in Thale sein Glück zu ver- suchen. Er trat mit der hiesigen Filiale oben gedachter Fabrik in Verbindung und wurde auch angenommen. Das Reisegeld wurde mit Mühe und Roth zusammengebracht und B. dampfte nach Thale ab. Dort angekommen, machten sowohl der Meister als auch der Direktor des Eisenhüttenwerkes Schwierigkeiten, weil B. schon über 40 Jahre alt war, erklärten jedoch schließlich mit Rücksicht darauf, daß V. einen weiten Weg zurückgelegt hatte, ihn einstellen zu wollen. Ter Direktor verlangte hierauf noch Zeugnisse zu sehen und bei der Vorlegung derselben erblickte das scharfe Auge des Direktors zwischen den übrigen Papieren versteckt ein Statutenbuch des hiesigen Metallarbeiter-Vereins, dem B. als Mitglied angehörte, was er auf eine Frage des Direktors auch sofort unumwunden zugab. Der Direktor erklärte hieraus dem B., daß er nur dann Arbeit erhalten könne, wenn er sofort aus deni Verein austrete, für die Zukunft feierlich gelobe, allen verwandten Vereinen fern zu bleiben, und fem Mitgliedsbuch der Direktion zur Vernichtung aushändige, welche ihm alle an den Berein gezahlten Beiträge zurückerstatten werde. Da B. sich mannhaft weigerte, aus diese Bedingungen einzugehen, wurde er nicht eingestellt, und mußte, da er ohne Mittel war, die Rück- reise nach Berlin auf Schusters Rappen zurücklegen. Gi» Kritrag zun» Kamburger Kauhandwerkerstreik. Wie den Lesern des Blattes bekannt ist, prangten an sämmtlichen Säulen in Berlin vor einiger Zeit Plakate, wonach Maurer, Putzer und Zimmerer nach Hamburg verlangt wurden. Tie Ar- beiter glaubten nun dasselbe Recht zu haben, als wie die Arbeit- beitgeber. Aber weit entfernt. Endesunterzeichneter wandte sich am 7. d. M. schriftlich an das Polizeipräsidium mit dem Ersuchen, doch die Genehmigung zu einem Säulenanschlag zu ertheilen, daß der Hamburger Streik fort dauert und Zuzug nach dort zu meiden ist, weil bekanntlich ein Säulenanschlag ohne polizeiliche Genehmigung nicht erfolgt. Ich wartete nun vergebens auf Bescheid, bis ich am 13. d. M. folgendes Schriftstück erhielt: Euer Wohlgeboren erwidere ich auf den Antrag vom 7. Juni er. hiermit ergebenst, daß ein Anschlag der von Ihnen beabsichtigten Bekanntmachung über die Fortdauer deS Hamburger Maurerstreiks nach den bestehenden gesetz- lichen Vorschriften nicht statthast ist. Der Polizeipräsident. gez. v. Richthofen.— An Herrn Wilhelm Kerstan, Wohl- geboren, hier. Großer Köckeransstand. In Stockholm befinden sich die Bäcker seit fünf Wochen im Ausstande. Ihre Lage war bisher eine elende. Sie verlangen jetzt einen festen Arbeitstag von 12 Stunden, Abschaffung des Schichtlohnes, Aufhören der Kost- und Wohnungsgade durch die Meister und Ausbczahlung de? Werthes beider in Geld. Die ganze zielbewußte Arbeiterschaft Stockholms und Schwedens stützt die Bewegung, von deren Er- folgen eine weitgehende Förderung der Arveilerinteressen zu er- warten ist. Der Sieg erscheint aber unzweifelhaft, wenn von allen Seiten strenge Sperre geübt und insbesondere daffir gesorgt wird, daß nicht aus Deutschland Streikbrecher kommen. Wachsamkeit in dieser Beziehung thut noth, weil seitens der Meister bereits Werber abgesandt worden sind. Dieselben werden ihre Netze wohl vor Allem in den Seestädten, sodann aber vor- aussichtlich insbesondere in den Mittelstädten auswerfen. E s i st eine Ehrenpflicht der deutschen Arbeiter, ihren schwedischen Brüdern mit ganzer Kraft beizu, stehen und dafür zu wirken, daß sich kein beut- scher Bäcker zu einen» Arbeitsvertrage nach S ch»v e d e n v e r l o ck e n läßt! Allfällige Zuschriften in dieser Sache sind zu richten an H. Branting, Redaktion des„Sozialdemokraten", Stockholm.— Die arbeitersreundliche Presse wird um Abdruck dieser Notiz ersucht. DerlammUmgen. Ztowawe«. Eine öffentliche Volksversammlung fand hierum Dienstag, den 17. Juni, im Lokale des Herrn Grießmann statt. Herr Schade aus Berlin referirte über das Thema:„Die Arbeitslöhne und die Steuern". An der Hand statistischen Materials wies Redner nach, wie die Arbeitslohne mit der von Jahr zu Jahr fester geschraubten Steuerschraube durchaus nicht gleichen Schritt halten. Zu wahr seien nur die Worte des Generals Vogel von Falkenstcin, daß der Arbeiter sich in der Kaserne wohler befinde wie daheim, ohne daß es die Absicht des Herrn gewesen, habe er mit diesen■ wenigen Worten das ganze traurige Elend der heutigen wirthschaftlichen Lage vor die Oeffentlichkeit gezerrt. Als Redner zum Schluß ungefähr aus- führte:„Wenn man nun einen Vergleich anstellt zwischen de» Pflichten und Rechten, die man dem arbeitenden Volk auferlegt und gewährleistet, so sieht man, wie dieses unter der Last der ungeheuren Verpflichtungen und Lasten keucht und zusammenbricht. Umsomehr muß es einem Wunder nehmen, wenn man es nun, ange- sichts dieser traurigen Lage, die selbst ein General Vogel v. Falkenstcin anerkennen muß, noch fertig bringt, die Arbeiter aufzufordern, von ihrem winzigen Lohne Abzüge zu machen und diese in den iin Lande herumgehenden Bettelbeutel zur Errichtung eines Denk- in als zu legen. Und welchem Manne will man ein Denkmal errichten?—„Ich löse die Versammlung auf" ertönte hier die Stimme des überwachenden Beamten. Auf die Anfrage des Leiters der Versammlung auf Grund welchen Gesetzes und welchen Paragraphen er die Versammlung auflöse, antwortete derselbe: „Wenn Sie das Gesetz keynen, werden Sie auch wissen, auf welchen bekannten Paragraphen ich auflösen kann. Eine von zivsta 300 Personen besuchte Uersiamm- hing des„Allgemeinen Arbciterinnenvereins kömmt- licher Kerufsiweige Kerlins«nd Umgegend" tagte am Dienstag, den 17. d. M., im Lokal„Bismarckhöhe" in Charlotten- bürg. Auf der Tagesordnung stand: 1. Einrichtung einer Filiale. 2. Vortrag. 3. Diskussion. 4. Aufnahme neuer Mitglieder. S. Wahl einer Bevollmächtigten. 6. Wahl einer Kasstrerin. 7. Wahl einer Schriftführerin. 8. Verschiedenes. Zum Punkt 2 der Tagesordnung sprach Herr Stadtverordeter Klein über die Nothwcndigkeit der Organisation. Redner, in seinen interessanten Ausführungen oft vom Beifall unterbrochen, empfahl den Arbeiterinnen den Beitritt zum Verein und volle Ausnützung des Koalitionsrechtes. Besonders interessant war ein Küchenzettel, enthaltend in einer Fabrikordnnng in Altena. Da- nach giebts: Dienstag Kartoffelsuppe ohne Fleisch für 10 Pf., Donneruags: Pellkartoffeln und Heringe für 15 Pfennige und Sonnabends: Kartoffeln mit Sauce und gebratener Wurst für 20 Pf. Das Essen wird in geaichten Tiegeln, die der Arbeiter ich zum Preise von 80 Pf. aus einem bestimmten Geschäft selbst iaufen muß, verabreicht. Diese Tiegel muß der Arbeiter auf eine Kosten von einem bestimmten Klempnermeister aichen lassen und dürfen die Tiegel bei Ausgabe des Essens nur bis zum Aichstrich gefüllt sein.— Folgende Resolution gelangte ein- 'timmig zur Annahme „Die heute hier in Vismarckshöhe tagende Versamm- lung des„Allgemeinen Arbeiterinnen-Vereins" erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten Herrn Klein einver- standen und versprechen sämmtliche hier anwesende Ar- bciterinnen, dem Verein beizutreten." Nachdem 25 Arbeiterinnen sich hatten als Mitglieder auf- nehmen lassen, wurde zur Wahl des Filialenvorstandes geschritten. Gewählt wurden: 1. Frau Stein als Bevollmächtigte; 2. Frau Krause als Kasstrerin; 3. Fräulein Himburg als Schriftführerin. Nachdem die Vorsitzende, Frau Gubela, noch eine Anzahl niedri- ger Arbeitslöhne aus einigen Fabriken veröffentlicht hatte, gelangte die Versamnilung gegen 12 Uhr zum Schluß. MM Dir Frrir Urreinigung niler i» der chirurgischen Drmichr lleschöftigtru Krrnfsgrnossrn tagte am Dienstag, den 17. Juni, bei Seefeldt, Grenadierstraße 33. Der Pünktliche feit wegen, mit welcher die Kollegen erschienen, war es möglich, präzise Veg Uhr zu beginnen. Die Tagesordnung: 1. Umgestaltung unserer Kassenangelegenheit. 2. Wie stellen sich die Stahl- Jnstrumentenmacher zu unseren durchgeführten Forderungen? 3. Verschiedenes. Zum ersten Punkt bekam Kollege Fiebig zur Erläuterung das Wort. Es wurde darauf hingewiesen, daß unsere Doppelklasse nicht so praktisch ist, als sie erschien. Es wurde deswegen folgender Antrag eingebracht und einstimmig angenommen. Unsere Kassenangelegcnheilen sind folgendermaßen zu regeln. Einführung gedruckter Klassenbücher mit Eintheilung der Wochen und Beisügnng der Statuten; der wöchentliche Bei- trag betrage 15 Pf. und soll durch die Werkstattkassirer einkassirt werden. Diese Einrichtung soll vom 1. August in Kraft treten und werden die in Pf. Reservefonds bis zum letzten Sonnabend in diesem Monat bezahlt. Da durch Aufhören dieses Extrabcitraaes der Vorstand gar keine Zahlung mehr leistet, wurde die Ver>am»i- lung in diesem Sinne befragt. Dieselbe zog die Mühen und 'onstigen Beschwerden des Vorstandes in Betracht und stimmte Zarin überein, ihm dies zu erlassen. Ter 2. Punkt wurde sehr 'chnell erledigt, da sämmtliche Etahl-Jnstrumentenmacher überein- timmend erklärten, für sie wäre der passende Zeitpunkt noch nicht herangekommen; jedoch wurde bestirwortet. daß die Idee, eine Besserstellung.immer weiteruntcrihrcn demVerein noch nicht angehöri- gen Kollegen verbreitet werde, damit dieselben aus ihrer Gleichgiltig- keit herauskämen. Zum Verschiedenen wurden Briefe ans Cassel, Leipzig und Hamburg verlesen. Auch aus ihnen zeigte sich, daß überall die Arbeiter aufgerüttelt werden und auch schon sind. Den Hamburger Zinimerern und den Geraer Webern wurden je 50 M. überwiesen. Unser Verein zählt zur Zeit 216 Mitglieder und zeigt uns diese Erstarkung, daß auch in unserem Fach immer niehr dem Jndifferentismus aus den Armen gerissen werden./ Ge- schlössen wurde die Versammlung II1/« Uhr. Uer«l»iau»o bev Jlrrrijtltv Jeuttchtaiid»,rrwnIt»»g 1—7. Sonnlag, de» 22. Juni: Ausflug nach Schmargendorf(Kaiser Friedrich- «arten). Adfahrt vom Anhalter Bahnhof Siachmitlags i Uhr 26 Minuten. Für gutes Wetter tft garantirt. z>er»>»ig»»g Drechslet' DeiitCchU'.uho, Fit!»!« Hinbetf n»d Zlmoeaeiit'. Am 22. Juni, Vormittags n Uhr, in Papkc's Lokal, Ziethen- rahe 71: Mitgliederversammlung. Tagesordnung: l. Vortrag über die moihwcndigkeir einer Loynbeivsguna. Sieferent: Kollege Hiidebrandl-Berliii. 2. DtStusfto». 3. Verschiedenes. Neue MUglieder werden ausgenommen. Er- scheinen Aller ist Pflicht. Groß« viiruttichr DolliaveriVminIung am Freitag, den 20. Juni, AbendS 8 Uhr, im große» Saale des„Elysiuin", Landsberger Allee Nr. 3g—«l. Svoß» öffentlich« Uersamniluuo der Duchdrucherei-Bilfsardeltcr und Arbeiterin»-» am Freilag, den 20. Juni, Abends 8 Uhr, im Lokale des Herrn Feuerstein, Alle Jatobstr. 75, i Tr. verein l»r zieorl»»a der gewerblichen Zferhältniffe der ALpfer Kerlins»nd Zlingegend. Am Sonntag, den 22. Jnni, Vormittags 10% Uhr, in Metzner'« GesellschastShauS, Landöbcrgerstratze 37: Ordentliche Mitglieder- Versammlung. Achtung Schloffer»nd Uakchinrnbauarbeiter!(Srohe Herren-Fuß- parlie nach JvhanniSlhal am Sonnlag, den 22. Jnni 1800. Samnielpunll Landsberger Play(Seile am Friedrichshain) Morgens 8 Uhr. Allgenirine jiranlien- und Sterbelraffe der UtetaUarbeiter(E. H. 20 Hamburg) sowie Zentral-Kranken-»»d Sterbrkass«„Dnikan", Filiale Aerli» 5. Am Sonnabend, den 21. Juni er., Abends 0 Uhr, Münzstr. 11 bei Zeinter: Versammlung. Tagesordnung: I. Kaisenbericht. 2. Neuwahl der gestimmten Ortsverwallung. 8. Verschiedenes. ES ist Pflicht eines jeden Mitgliedes, zu erscheinen. Die freie ZJereinIßmig der Danienniäntel- Schneider ti»d Arbeiterinnen der zzekIrioungo-Zndttltrie Aerlin» veranstaltet am Eon»- lag, den 22. Juni, eine Fustpartie im Grunewald. Abfahrt vom Potsdamer Bahnhof früh%8 Uhr. Für Nachzügler bis 10 Uhr in Schmargendorf im Waldtaler und von 2—4 Uhr Alte Ftfcherhütte. Veretnsmitglteder und Gäste werden dazu freundlichst eingeladen. Kranke»- n»d Kegrabnihkaff« de» Z/er«!»« sä»»»tlich«r Kernf»- klalsen, UerwaltungvstrUe!!. Am Sonnabend, den 21. Jnni er., AbendS 8 Uhr. Brunn enstraIe 36a: Mitgliederversammlung.— Gäste sind wlll- lomm-n. An, Sonnabend, de» 21. 3u«i, findet in Feuerstein's Nestaurant, Alte Jakodsir. 76, eine große ösfsnllich- Versammlung der Glasergeseiien Keclin» »nd Zlnig-gend flau. Vortrag über Zwclk und Nutzen der gewerkschaftlichen Organtfatton: Referent: Herr Wtlschke. Näheres die Anschlagsäulen. Freireligiös« OZemeiiide(Rosenthaierstr.:18). Sonnlag, den 22. Juni, Vormittags 10 Uhr: Vortrag des Herrn H. Pens über Neligion und Moral. Gäste flnd sehr willkommen. Außerdem flndst ein Ausflug nach Finken- krug statt. Dereinigiing der Drechsler Deutschland». Brtouermaitnng 2(Stock- brauche). Am Sonntag, den 122. Juni, Vormittags 10 Uhr, in Schcffcr'S Salon, Jnselstr. 10: Versamnilnng. Tagesordnung: 1. Gcschäfiltches. 2. Kassenbericht. 3. Wie stellen sich die Kollegen zu den AgitalionSmarken t 4. Verschiedenes. Die Berti auensleute der verschiedenen Werkslellen werden gebeten,% Stunde früher im genannten Lokale zu erscheinen. Fese- und Dl»kickirl:l»b..tiatnr".~ Fachuerekn der Dürsten- und Pinseliitacher Herlins und zlmgeg«»�' Sonntag, den 22. Jnni, VonnitiagS 10% Uhr, in Feuerflein's Tunnel, AU- Jakobstr. 75. Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag über die Lage der ländlichen Arbeiter(Referent Herr Türk), 2. Diskussion, 3. Verschiedenes».° Auf.iahms von Mitgliedern. Um zahlreiches Erscheinen bittet der Vorstand- Deutscher Schneider-Herbaiid(Filiale Berlin). Tampfer-Partte nofl Wolt-rsdorf-r Schleuse am Montag, den 23. d. Mts. Abfahrt Morg-as 7 Uhr vom Restaurant Migcl, Stralanerstr. 67. VrlletS zu 1,60 Mk. sind � haben bei H. Zilm, Kransenflr. u, und im Zlgarrenladen, Gkenadierstr. h sowie bei bekannten Kollegen. Um zahlreiche B-the'.ligung aller Kollegen und Freunde des Vereins ersucht das Komitee. AbendS 8% Uhr, Am Sonnabend, den 21. Juni, bei H. Hoffmann, Kaiserstr. 4: Auberordentlich: Sitzung. 1. Borlesung. 2. Diskussion. 8. Verschiedenes und Fragc- lastcn. Da« Erscheinen sämmlitcher Mitglieder ist nothwendig. Fese- und Diskritirblub..jlnioersnm". Freilag, den 20. Jnni, AbendS 0 Uhr, im Nestaurant Böhland, Bülowslr. 62: Vorlesung und Verschiedenes. Um zahlreiches Erscheinen wird ersucht. Gäste willkommen. ziereinignng der Drechsler Deutschland«. OrtSverwaltnngen 1—7. Sonnlag, den 22. Juni er., Familien-Aussing nach Schmargendorf(Katscr Friedrich-Garten). Abfahrt vom Anhalter Bahnhof I Uhr 26 Min.(Nur bei gutem Wetter.) Herein IIIV Fvastrnng der Itttereffe» der«last-»nd SchnnKwirti»« Hertino und Zlingegend. Freiing, den 20. Jnni, Nachm. 4% Uhr, beim Kollegen Hsnls, Vlnmenstr. 33: Außerordentliche Generalerfammlung. Zrntral-Kranlir»- und Hterbekaffr der Nischler u. s.>».(Oertl. Venvallnng Mariendorf.) Grober Eommernachts-Ball am Eonnabend, den 21. Juni, im Lokale des Hrn. Schensch, Mariendorf. VertttiMkes. Stritin, 18. Juni. Wie die„Neue Stettiner Zeitung" aus Swinemünde meldet, ist bei einer heute Vormittag abgehaltene» Cce-Schießübung der Landwehr- Artillerie eine Granate beim Einsetzen in das Geschützrohr krepirt. Von der Bedienung»- inamischast wurde einer getödtct, drei schwer und vier leicht ver- wundet. Dem Geschützführer wurde die Hand abgerissen. Dlrbrr ei»»r Erplosto» in den Minenniederlagen der Admiralität in dem Kricgshasen von Nikolajew am Schwarzen Meere wird geschrieben: Am 26. v. M., fast genau um 1 Ilhr Mittags, wurde im Norden der Stadt eine mächtig aufsteigende schwarze Rauchsäule bemerkt, die keinen Zweifel darüber ließ, daß ein Unglück geschehen sein muste. Ungeheure Menschcnmassen eilten in der Richtung nach der de- treffenden Stadtgegend. Eine Unmasse zertrümmerter Fenster m den Häusern des den Minendepots zunächst gelegenen Stadt- thciles zeugte von der Gewalt der Explosion, deren cigeick- liehe Stätte, das Admiralitätsgrundstück, indeß durch die hohe Umfassungsmauer vor den Blicken der neugierigen Massen, die sich davor angestaut hatten, verborgen blieb. Außerhalb der Um- fassungsmaner lagen auf der Straße umhcrgeschleuderte Balken, zersvlittcrte Dachstuhltheile und Mauerbruchstücke umher. Außer vielen Personen, die durch herunigeschleuderte Mauerbruchstücke und Glassplitter mehr oder weniger bedeutende Verletzungen davongetragen haben, wurden fünf Menschen auf der Unglüc.-- stätte sofort getödtet. Unter ihnen ein Offizier. Die übrigen vier Verunglückten gehörten zur Mannschaft der Flotte de-- Schwarzen Meeres. Die Explosion erfolgte in einem der zahl- reichen kleinen Gebäude des Admiralitätshofcs, in welchem Schieß- banmwolle getrocknet wurde; in allernächster Nähe diese» Schuppens, sich gleichsam an denselben anschließend, stand ein anderes Gebäude, die Schießbaumwollniederlage, wo zu der Zeit mehrere Hundert Pud Pyroxilin gelagert waren. In dein Trockenschnppen selbst waren zufällig verhältnißmäßig nur geringe Mengen Schießbaumwolle vorhanden. Wie die Explosion ent- standen, konnte bisher nicht mit Bestimmtheit ermittelt werden; immerhin erscheint die zur Zeit am meisten vertretene Annahme wahrscheinlich, daß eine kleinere Menge Pyroxitin unvorsichtigerweise der Einwirkung der direkten Sonnenstrahlen ausgesetzt wor- den ist und sich dabei so weit erhitzt hat, als nöthig ist, um die Explosion herbeizuführen. Bon dem Trocknereigevände ist bk- greiflicherweise nichts als ein Hau en Schutt und Triimmer übrig geblieben; die benachbarten Geoäude sind indeß verhältnißmäßig wenig beschädigt worden.. Aussterben der Kevölsterttttg der Siidseeinjel». �Der neuerdings in den Dienst der Neu-Guinea-Kompaanie eingetretene Engländer Parkinson, Mitbesitzer der Plantage Reckum auf Neu- Pommern, hat interessante Beobachtungen Über die Bewegung der Bevölkerung in jenem insclreichen Ozean gemacht und seine Beobachtungen in den„Mitteilungen der Geographischen Ge- sellschaft in Hamburg" verösfenilicht. Seine Forschungen sind nach allen Seilen hin, namentlich für unser Nen-Guinea-Schutz- gebiet von höchstem Interesse. So hat er östlich von Neu- Mecklenburg(Nen-Jrland) eines der zahlreichen kleinen Atolle (Korallenriffe) besucht, wo die dortige Bevölkerung im allmäligen Aussterben begriffen ist, und zwar ohne daß die Weißen hierauf, wie es sonst an vielen Stellen der Fall ist, irgend welchen Ein- � fluß haben. Die Gründe dieser Erscheinung sucht der Beobachter wohl mit Recht darin, daß ans den kleinen Atollen die Inzucht besteht und damit eine allmälige Deteriorirung der Bevölkerung entsteht. Sie liegen zu weit auseinander, als daß überhaupt eine Vermischung der verschiedenen Stämme und Gruppen ent- stehen könnte. Er nimmt an, daß in einem nicht allzulangen Zeiträume diese Inselgruppen vollkommen entvölkert sind, für die Marquesas-Jnseln(britisch) ist dies mit Bestimmtheit zu erwarten. Die Fead-Jnsulaner sind ebenfalls im Aussterben begriffen, und auch die Lord-Howe-Gruppe, wo die deutsche Flagge gehißt ivurde, läßt trotz ihrer guten Bevölkerung doch eine'Abnahme erkennen. Tort sind allerdings von den Europäern schon Krank- Helten eingeschleppt worden, wie z. B. die Masern, welche sehr unter den Eingeborenen»vüthen. „Genirrn", ein hebräisches Wort! Die Entdeckung machte ein Feuilletonist der„Allgem. Ztg.", indem er schreibt:„Wenn ich sage, das Wort stamme aus dem Hebräischen, so ist das kein Druckfehler; es bildet— wie Littro bemerkt— die Geschichte des „Genirens" eines der merkwürdigsten Beispiele, wie Zeit und Umstände den Sinn eines Wortes in das Gegentheil verkehren können. Ein so unschuldiges Ding wie in der Jetztzeit war im Mittelalter das„Geniren" nicht. Dem moderueu Französisch ist es allerdings(wie sich aus dem Dictionairo de rAcadernie crgiebt) vollständig in Veraeffenheit gekommen, daß ur- sprünglich gener nichts Geringeres bedeutete, als„foltern". Verfolgen ivir das Wort weiter, so heißt die peinliche Frage in den Assisen von Jerusalem, dem Gesetzbuche der Kreuzfahrer, In galiine. Das mittelalterliche„Trairo ä Galiine" führt uns dann auf die Gheuua der Juden, welche sich gefallen lassen mußte, nach und nach von einem paradiesischen Vergnügnngsorte zum Begriffe der Hölle herabzusinken. Das Thal deS Sohne», eines gewissen Htnnoin, gel den Hinnorn oder abgekürzt, Gehinnom, war«in mit Springbrunnen, dusffpendem Ge- sträuch und fruchtbeladenen Bäumen geschmückter Garten vor den Mauern von Jerusalem, das Rendezvous der schönen Welt von dazumal. Aber das abtrünnige Boll Gottes baute eines Tages daselbst dem Moloch einen Tempel und brachte dort die von seinem Kultus geforderten blutigen Opfer dar. Als nun der fromme König Josia den Götzendienst zerstört hatte, ließ er, um die entweihte Stätte zu einem Orte des Abschens und Entsetzens zu machen, allen Unrath der Stadt dort abladen und anhäufen; man kann sich denken, was dies für Folgen für die Riechorgane der Bewohner von Jerusalem und Umgegend hatte. Er erreichte auch seinen Zweck vollständig; für die späteren Juden war der Name GeHenna der Inbegriff alles Schrecklichen geworden, so daß man zuletzt, wie erivahnt,, den Ort des ärgsten Schreckens, die Hölle, damit bezeichnete. dev Modttütion. Bit Anfragen bitten wir die AbonnementS-Quittung beiinfügen. Briefliche Antwort wird nicht erlbetlt. Eirrichtsstr. 1000 K. Wenn Sie sich nicht im Kontrakt das Recht, ein Schild anzubringen, ausbedungen haben, so kann der Wirth Ihnen die Erlaubniß verweigern. Wiederholen Sie Ihre zweite Anfrage. <ö. T. 1000. Vorausgesetzt, daß Sie das Dienstmädchen für Ihre Gastivirthschast gebrauche», müssen Sic dasselbe zur Krankenkasse anmelde», und zwar entweder zur Ortskrankenkasse oder zu einer den Ersordernisien des§ 75 des Krankenvcrsichc- rungsgesetzes entsprechenden freien HilfSkaffe. Dienstmädchen, welche nicht gleichzeitig als Gewerbegehilfinnen verwendet wer- den, unterliegen dagegen dem Krankenversichermigszivang nicht. Ob Sie dem Gastwirthsverein angehören oder nicht, hat mit dieser Frage Nichts zu thun. Ilaucn. Zur Erhebung eines Bnrgerrechtgeldes ist der Magistrat ans Grund der Städteordnung Nicht befugt. Verantwortlicher Redakteur: Curt Laake in Berlin. Druck und Verlag von Wa» Lading in Berlin SW., Beuthstraße 2. Nr. 140. Freitag, den SO. Juni 1890. ■ 7. Jahrg. Gsrichks-�eiktntg. A. 9/r Maschineitl-auer Uagler gehört zu jener Klasse von �yemannern, welche den Trauring nur dann als Zierde der Vand betrachten, wenn sie sich in unmittbarer Nähe der wach- lamen Gattin befinden. Im vergangenen Winter lockte die Ipiegelglatte Eisbahn den lockeren Familienvater, die schöne Kunst >3 Schlittschuhlaufens zu üben. Bald jedoch wurde dem Junger ("« schönen Sports das Alleinfahren zu langweilig, deshalb sah sich nach einer Begleiterin um. Eine hübsche Blondine fand �nade vor seinen Augen. Ter kecke Don Juan zögerte keinen Augenblick mit der Schönen anzubandeln und sein Flehen wurde erhört. Der langandauernde Winter bot oft Gelegenheit, die Susi- Holzraspelei auf der Eisbahn fortzusetzen. Vogler verfehlte auch nicht, dem nur allzuwilligen Diädchen seine heiße Liebe zu ge- stehen. Inzwischen hatte die auf die Ehrenhaftigkeit Voglers bauende Geliebte ihren Eltern von dem angeknüpften Ver- haltniß Mittheilung gemacht, und diese luden den leichtfertigen Maschinenbauer wiederholt in ihre Behausung. Ter ehrenwerthe Mann fand es auch jetzt noch nicht für angezeigt, dem Mädchen mitznthcilcn, daß er nicht mehr ledig sei. Endlich brachte ein Zufall diese Thatsache an's Licht. Frau Vogler er- wartete in Begleitung ihrer Kinder eines Tages ihren Mann vor bessen Arbeitsstätte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr das betrogene Mädchen erst, daß ihr Anbeter bereits verheirathet ist. Als sie s>m nächsten Tage mit dem Verführer zusammentraf, erklärte sie >hm, daß sie das Verhältniß als anfgelöst betrachte. Vogler jedoch wollte die Liebschaft nicht aufgeben und ließ sich schließlich w folgende Drohworte aus:„Wenn Du mich verläßt, schieß ich Dich tobt!— Wenn ich jetzt eine Pistole bei mir hätte, würdest Tu schon heute in Deine»! Blute zu meinen Füßen liegen!" Infolge dieser phrasenreichen Drohung hatte sich am Mittwoch Vogler vor der dritten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten. Der Angeklagte ver- suchte das ganze Liebesverhältniß und besonders die als straf- bar betrachteten Worte als einen Scherz darzustellen. Die Aus- sagen des Mädchens und dessen Vaters jedoch, welche unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfanden, waren für Vogler so belastend, daß der Gerichtshof ihn zu 2 Monaten Gefängniß und zur Tragung der Kosten verurtheilte. It» dem Zlrozrß gegen Gabbey«nd Genosse» ist so- wohl die seitens der elf Anklagten, als die Nevision der Staats- anwaltschaft vom Reichsgericht verworfen worden.— Es handelte sich um Verbreitung eines Wahlflugblattes im Kreise Teltow- Beeskow-Charlottenburg, welches am 1. September vorigen Jahres von den Angeklagten verbreitet wurde. Es hat sein Bewenden beim ersten Erkenntniß. Zehn Angeklagte erhielten je 14 Tage Gefängniß, ein Angeklagter, der bereits wegen Vergehen gegen das Sozialistengesetz vorbestraft war, erhielt 3 Wochen. Pevsouru, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet find, dürfen nicht in Droschken oder anderen Fuhrwerken, die dem öffentlichen Verkehr dienen, befördert werden. Gegen diese sanitätspolizeiliche Bestimmung hatte der Droschkenkutscher Schmidt gefehlt, der deshalb mit einem Strafmandat in Höhe von 3 M. belegt worden war. Er beantragte richterliche Entscheidung. Vor dem Schösfengerichte führte der Angeklagte an. daß er ent- weder gegen sein Gewissen oder gegen die Polizeiverordnung hätte handeln müssen. Eine Mutter sei in halb verziveiseltem Zustande zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, sofort ihr an Diphtherie erkranktes Kind»ach dem Krankenhause zu fahren. Als er er- widert habe, daß er dies nicht dürfe, habe die Mutter ihm Hände- ringend geklagt, daß der Arzt erklärt habe, es sei die höchste Zeit, wenn nicht jede Aussicht auf Rettung verloren gehen solle. Er sei selbst Familienvater und habe den Jammer der Frau nicht länger ansehen können; da habe er denn von zivei Uebcln das kleinere gewählt, indem er das kranke Kind beförderte. Er halte es für unrecht, daß er Strafe zahlen solle, weil er dem Gebote der Menschlich- keit gefolgt sei. Der Schöffenrichter hat ihn aber doch verurtheilen Müssen. In erster Linie sei das Publikum zu schützen und zu diesem Zwecke sei die in Frage kommende Verordnung streng zu befolgen, selbst wenn man seinem guten Herzen dadurch Gewalt onthun müsse. Ter Angeklagte legte Berufung ein und sollte gestern vor der Strafkammer des Landgerichts I Termin stattfinden. Vor Eintritt in die Verhandlung rieth der Vorsitzende dem Angeklagten aber, er möge seinen Einspruch zurückziehen, da er eine andere Entscheidung mcht würde erzielen können und sich vur unnöthige Kosten mache. Der Beschuldigte folgte diesem Mohlgemeinten Rathe. _ Gin Abentruer der zieniahronncht hatte dem Kut,cher Meyer zu seiner großen Ueberraschung eine'Anklage wegen groben Unfugs eingebracht. Besagter Meyer befand sich um die Stunde, als„von der hohen Kathedrale" zwölf dumpfe Schläge den Be- ginn eines neuen Jahres ankündigten, in Gesellschaft eines Ereundes und eines jungen Mädchens in einem Bierlokale tan hatte dem großen Ereignisse der Jahreswende so viele feuchte Opfer gebracht, daß es der jungen Dame schließlich so C, wie de»! jungen Studenten in Heine's„Harzreise" und sie te in dem verworrenen Treiben, wo die Teller fliegen und die Gläser tanzen lernen, sich nicht mehr aufrecht erhalten, son- dern verließ das tosende Zimmer. Die beiden Freunde folgten ihr und sehten ihr auf dem Hausflur aiiseinander, daß in der Sylvesternacht selbst das weibliche Geschlecht das Privilegium hat, etwas über die Schnur zu hauen, ohne an ihrer Kunst, hunni- tische Rosen ins irdische Leben'zu istechten, auch nur das Geringste einzubiißen. Diese Beweisführung war etwas schwierig, denn die Holde weigerte sich hartnäckig, ins Lokal zu- rückzukehren und lispelte kreideweiß:„Führt mich hinaus in die dunkle Nacht! Einathme» will ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes!" Da ertönte helles Gelachter und als die Jungfrau und die beiden barmherzigen Samariter auf- blickten, sahen sie sich umringt von vier fidelen Studenten, welche sie im Schunkeltauz umkreisten und in einer Harmonte, die Steine erweichen und Menschen rasend machen konnte, das schöne Lied sangen:„Und das schwarzbraune Bier, das trink ,ch so gern, und die schwarzbraunen Mädchen, die küß ich so gern. j�abei warfen sie zärtliche Blicke nach der seekrankeii Dame und als man sie nach ihrem Begehr fragte, hielt der eine dem Frager eine „Knobländer" unter die Nase, der andere offerirte der Tame eine Riechflasche und der Tritte gab mit seinem Stöcken dem Herrn 8&S SKSK&mM:. W gmffr T» SM»WWp% d-. WZS-M chmisse trage, deren Zusammensügung gewiß mehr als drei Nadeln erfordert habe. Im klebrigen trügen die Studenten, welche harmlose Sylvesterschwärmer angeulkt hätten, selbst die Hauptschuld an dem Exzeß.— Der Gerichtshof war gleichfalls der Meinung, daß in diesem Falle die vier Studenten eigentlich den groben Unfug begangen; es erfolgte daher die Freisprechung des Angeklagten. Kürzlich berichtete»»vir über eine Verhandlung, die vor der ersten Strafkammer stattfand. Es handelte sich um unbe- fugte Veranstaltung einer Lotterie, die darin ge- sunden wurde, daß die Inhaberin einer Wichsefabrik als Zugabe an die Wiederverkäufer eine Anzahl gerinawerthiger Gegenstände verabfolgte, welche von den Wiedexvcrkäusern durch das Loos an das Publikum vertheilt wurden. Der Gerichtshof fällte ein frei- sprechendes Erkenntniß, denn bei Abgabe an den Wiederverkäufer werde eine bestimmte Menge zugegeben, wobei das Glück keine Rolle spiele. Der eigentliche Veranstalter der Lotterie sei der Wiedervcrkäufer. Die dritte Strafkammer des Landgerichts I, welche gestern in einer ähnlichen Sache zu verhandeln chatte, ge- langte zu einer anderen Auffassung. Der Wichsesabrikant Emil Schneider hat als Zugmittel die Einrichtung getroffen, daß auf je 100 Wichsetöpfe 11 Geldstücke zu 5, 10 und 20 Pfennigen vertheilt werden. Das Publikum sucht sich beim Einkaufe der Wichse einen Topf selbst aus. Ter Gerichtshof sah die Rolle, W» der Fabrikant bei diesem geschäftlichen Unternehmen spielte,< Beihilfe zur Veranstaltung einer Lotterie und verurtheilte die, erhalb den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 30 Mark. Soziale Achtung! Zlarqnrtfnßbodrnlrgev! In der Passaucr Stab- und Parquettboden-Fabrik, Schönebergerfir. 22, haben die Kollegen wegen Preisdifferenzen die Arbeit niedergelegt. Zuzug ist streng fernzuhalten. Der Vorstand des Vereins der Parquett- bodenleger. O. Vachgänger, Schriftführer. Arbritrv, Arbeiterinnen Kerlinv! Am 2. d. M. legte das bisherige Agitationskomitee für Sonntagsruhe in öffentlicher Versammlung fem Amt nieder; unterzeichnete Fünser-Koinmission erhielt dagegen den Austrag, weitere Schritte zur Herbeiführung der Sonntagsruhe zu thun, wie auch die schon getroffenen Maß- nahmen zu überwachen. An Euch nun richten wir e i n d r i n g l i ch st die Bitte, uns in unserem Vorhaben zu unterstützen, denn Ihr allein seid es, die Ihr in Eurer Hand Erfolg oder Mißlingen unseres Werkes haltet. Wir können bisher zufrieden sein; noch nie ist die Bewegung für eine unter heutigen Verhältnissen erreichbare Sonntagsruhe eine so allgemeine, fast alle Geschäftsinhaber berührende gewesen, wie die gerade durch unser Auftreten veranlaßte. Hunderten, wenn nicht Tausenden von Beschäftigten im kauf- männischen Beruf ist durch Eure Hilfe der freie Sonntag-Nach- mittag verschafft worden. Gegen diesen Boykott, gegen seine gerechte Grundlage kann nicht die Spur einer Opposition be- gründet werden; er legt Ellck keine nennenswerthen Entbehrungen auf; er verschafft Euch nur den Ruhm einer edlen That. Darum noch einmal, Arbeiter und Arbeiterinnen, stellt an die Geschäftsinhaber— ob sie Personal beschästigen oder nicht— die dringende Forderung, Sonntags von 12 Uhr an ihre Läden zu schließe», sagt ihnen, daß ihr sonst nicht mehr von ihnen kaufen könnt. Die unterzeichnete Kommission aber unterstützt dadurch, daß Ihr in die von derselben einberufenen Versammlungen kommt, daß Ihr in Massen das große Sommerfest besucht, das sie zu Gunsten eines Agitationssonds am 14. Juli abhalten wird. 'Arbeiter, Arbeiterinnen! Was durch keine Polizeiverordnung erreicht ist, was durch die Regierungsvorlage nur lückenhaft geschehen wird, erkämpißD Ihr dem kaufmännischen Proletariat: die jedem Menschen nöMge Ruhe nach der Arbeit! Das Agitationskomitee für Sonmags- ruhe in kaufmännischen Geschäften. NeesQmmlwtijen. In einer am Dienstag Abend im Saal» des Herrn Dovta zu Nixdorf tagenden und von etwa 600 Personen besuchten großen öffentlichen Volksversammlung f ü r R i x d o r f u n d U in g e g e n d ist die des Längeren schon in Vorbereitung befindliche Gründung eines Arbeiter- b i l d u n g s v e r e i n s für R i x d o r f und Umgegend mit Einhelligkeit vollzogen worden. In den Vorstand wurden ge- wählt dw Herren August Schulz und Heinrich Wabnra als Vorsitzende, Adolf Schulz und Hermann Ann off als Schrfftsührer und Albert W orbs und Emil Hirte als Beisitzer. Ter Verein hat laut den zur Verlesung und ein- stimmiger Genehmigung gelangenden Statuten den Zweck: in wissenschaftlicher und gewerkschaftlicher Weise zu belehren und auf allen Gebieten Licht und Ausklärung zu verbreiten. Dieser Zweck soll erreicht werden durch volksthümliche Vorträge über Gegenstände des allgemeinen Wissens, Gründung einer Biblis- thek, Unterrichtsstunde» in verschiedenen Lehrfächer». Mitglied kann jeder Rixdorfer werden, der das 18. Lebensjahr erreicht hat und nicht mehr im Lehrlingsverhältniß zu einer Arbeitsthätigkeit fleht, soivie mit den Bestrebungen des Vereins einverstanden ist. Das Einschreibgeld beträgt 25, der monatliche Mitgliedsbeitrag 20 Pf. Am Sonnabend nach dem 1. und 15. jeden Monats sinde» Wanderversammluitgen statt.— Darnach sprach in ein- stündiger Rede Herr W. Werner über„Die Agitation unserer heutigen Zeit!" Er führte zunächst im allge- meinen die verschiedenen Arten der Agitation an: die zum allge- ineinen Wohle, die mit egoistischem Hintergrund, zu welch letzterer Art neben lltapoleon I. auch ein gegenwärtig grollender Diplomat gehöre. Auf seine Person habe die ganze Welt sehen sollen. Nachdem man ain Ende seiner Wuthausbrüche gewesen, wird es klar, daß sein Genie eigentlich weiter nichts war als das Stützen ans eine gewisse Macht, die ihm zu Gebote gestanden. Dem Willen des Kapitals müsse sich in unserer heutigen Zeit bedingungslos Alles unterwerfen. Zwar herrsche in den ivissenschaftlichen Hörsälen die Freiheit der Wissenschaft. Dann komme sie dem Wissensdrang der großen Masse nur insoweit ent- gegen, daß die allgewaltige ttapitalsmacht nicht die Ruhe verliere und durch die Wissenschaft beseitigt werde. Die heutige„Ord- nung" der Dinge sei solcher'Art zur Unordnung geworden. Es herrsche völlige Anarchie in wirthschaftlicher Beziehung. Zivar habe auch die Partei des mobilen Kapitals, die heuchlerische Manchesterpartei, die„Freisinnigen"— noch nie sei das Wort „Frei" in schnöderer Weise verhöhnt worden, als durch diese Leute— bis in gewissem Grade ein Interesse daran oder heuchle zum mindesten solch Interesse, das Volk zu„bilden", doch solle man allein aus dem reinen, klaren und frisch sprudeln- den Quell der großen heutigen Arbeiterbewegung schöpfen. Vortragender kam auf die verschiedenen Wirkungen des Sozialistengesetzes zu sprechen. Nach und nach hätten indessen die Arbeiter wiederum den Versuch gemacht, sich in ver- schiedenen Vereinen wiederum zu sammeln. Denn jeder Preuße' habe bekanntlich das Recht, frei seine Meinung zu sagen. Er dürfe sie aber nicht laut sagen.(Stürmische Heiterkeit und Beifall.) Redner beleuchtete die Gewerkschaftsvereine, die freien Gemeinden und deren Thätigkeit und schloß unter rauschendem Beifall mit der Mahnung, fest zur Sache des kämpsenden Prole- tariats zu halten.— An der Diskussion betheiligte sich nur Herr Pens. Nach einem kernigen Schlußwort des Herrn Werner schloß die Versammlung. Ein» vssrntlich» UnssainiiUnng der Schlosser und Nloschinenbannrbriter Krutins und Umgegend fand am 16. d. M. in Habels Brauerei, Bergmannstraße mit folgender Tagesordnung statt. 1. Vortrag über Arbeiterschutz-Gesetze. 2. Wahl eines Vertrauensmanns für Berlin und Umgegend. 3. Wahl von Delegirten zur Zentral-Streik-Kontrolkomniission. 4. Wahl einer Revisionskommission betr. Abrechnung vom letzten Kongreß und Verschiedenes. Nach Wahl der Kollegen Miethe, Pätzold und Unverfärth in das Bureau erhielt, da es nicht möglich mar, den zum ersten Punkt der Tagesordnung als Re- ferent in Aussicht genommenen Reichstagsabgeordneten zu er- halten, Kollege Gründet zu einem Vortrag über das Thema: Wie können>mr bei der jetzigen Organisation, die auf dem letzten Kongreß gefaßten Beschlüsse zur Durchführung bringen? das Wort. Redner beleuchtete zunächst den Stand unserer heutigen Organi- fation und deren verschiedene Mängel, zog eine Parallele zwischen unserer und der Fabrikanten, Vereinigung und wies an der Hand von Thatsachen nach, daß das vereinigte Kapital in erster Linie den Zweck hat, die Vereinigungen(der'Arbeiter mit allen gesetzliche» und ungesetzlichen Mitteln, wie Verrufserklärungen, schwarze Listen u. f. w., wie die Vorgänge der letzten Zeit beweisen, un- schädlich zu machen, daß demgegenüber die Arbeiter gerüstet da- stehen müßten, um derartige Versuche durch planmäßiges, einheit- lichcs Vorgehen wirksam abwehren zu können. Redner ffieht in den auf dem Kongreß gefaßten Beschlüffen ein Mittel, um;die noch vorhandenen Mängel in unser Organisation abzuhelfen und befürwortet deren strikteste Durchführung, erklärte alsdann die Bedeutung des auf dem Kongreß gewählten Vertrauensmannes der Schlosser und Maschinenbauer Teutschlands, sowie den Be- schluß des Kongresses zur Unterstützung, des Vertrauensmannes, in den einzelnen Provinzen Hilfs- Vertrauensleute zu wählen. Zioferent ist der Ansicht, daß ein solcher auch für Berlin unbe- dingt nothw endig ist, um bei vorkommenden Fragen, Arbeitsein- stellttngen, Maßregelungen u. f. w. die Verhältnisse am Ort selbst prüfen zu können und dem Vertrauensmann darüber Bericht zu erstatten, welcher dann das weitere zu veranlassen hat. Nacydeu» Redner geendigt und zum 2. Punkt sich sämmtliche Redner für die Wahl eines Vertrauensmannes für Berlin und Umgegend ausgesprochen hatten, wurde zur Wahl desselben geschritten und als solcher Kollege Pätzold gewählt. Zum 3. Punkt der Tages- ordnungst Wahl von Delegirten zur Streik-Kontrolkommission, ivurden,' nachdem der Werth einer solchen von verschiedenen Kollegen erörtert ivorden, die Kollegen Alter und Eisele gewählt. Der 3. Punkt wurde durch Wahl der Kollegen Schrey, Leitzinger, S artlieb und Plötz erledigt. Zu Verschiedenem wurde das jetzige ammeln zu Streiks u. s. w. einer Kritik unterzogen und ge- wünscht, daß hierin Aenderung stattfinden müsse, da man zur Zeit mit Listen förmlich überstuthet wird; es wurde hierbei nochmals an den Beschluß des Kongresses erinnert, nur auf Listen zu zeichnen, welche vom Vertrauensmann der deutschen Schlosser ausgegeben werden. Ferner wurde bekannt gemacht, daß am Sonntag, den 22. d. M., eine Herren-Fußpartie der Schlosser und Maschinenbauer nach Johannisthal stattfindet. Treffpunkt Landsberger Platz am Friedrichshain, Morgens 8 Uhr. Nach ErlediaMg einiger belangloser Sachen wurde die Versammlung uniJlfve Uhr geschlossen. jpi» Kuckdruckrv K»rU»a hielten am vergangenen Frei- ag eine gut besuchte Versammlung in dem großen Saale der Tivoli-Brauerei ab. Zunächst wurde der Bericht über das Vor- gehen am 13. April in Sachen des Tarifs am hiesigen Ort ge- geben und konstatirt derselbe ein durchweg zufriedenstellendes Re- sultat. Ein weiterer Punkt der Tagesordnung bildete die Stellungnahme der Prinzipale zur Stettiner Resolution. Das Mitglied der deutschen Tarifkommission, Herr Besteck, gab hierzu ein ausführliches Referat; darnach kann sich ein großer Theil meist kleinerer Vuchdruckereibesttzer vornehmlich in den Provinzen nicht mit obengenannter Resolution befreunden, welche es den tariftreuen Prinzipalen zur Pflicht macht, nur Gehilfen, die in eben solchen Druckereien gelernt resp. zuletzt gearbeitet haben, ein- zustellen. Referent führte dies darauf zurück, daß erwähnte Prin- zipale, denen jedwede Ordnung im Gewerbe ein Greuel ist, gerade die Lehrlingsausbeutung im größten Maßstabe kultiviren und nun mit Recht befürchten, daß ihnen ihr sauberes Handwerk gelegt wird. Darum sei es Pflicht der tariftreucn Prinzipale und der organisirten Gehilfenschaft, auf dem betretenen Wege weiter zu schreiten. Herr Buchdruckereibesitzer Bernstein trat für die Stettiner Resolution ein mit dem Hinzufügen, daß die Berliner Gehilfe» nichts zu befürchten hätten, da hier die große Mehrzahl der Prinzipale den Tarif wie Resolution anerkannt haben; auch bat er zu bedenken, daß letztere nicht so schroff durchgeführt wer- den kann, da man den jungen Leuten, die jetzt schon in einer Nichttarifdruckerei lernen, dies doch nicht später nachtragen könne. Diesem Bedenken des Herrn Bernstein wurde in der Debatte damit begegnet, daß diese Resolution keine rückivirkende Kraft habe. Dagegen soll von jetzt ah die Aufmerksamkeit der Eltern und Vormünder auf diesen Punkt gelenkt werden, damit sie ihre Pflegebefohlenen nicht derartigen Lehrmeistern anvertrauen; auch müsse darauf hingewiesen werden, daß in solchen Druckereien Ausgelernte schon ans einem anderen Grunde schiver Kondition erhalten und zwar der höchst mangelhaften Ausbildung wegen. Als drastisches Beispiel wurde angeführt, daß ein junger Mann, der hier in Berlin in einem solchen„Feuerzeuge" seine Lehrzeit absolvirt hatte, nicht im Stande war, einfachen glatten Satz zu setzen und zwar— jeder Arbeiter, der auch nur die geringste Kenntniß von der Buch- druckerei hat, wird es verstehen— weil er keine Ahnung von einem Fraktur-Schriftkasten hatte. Gewiß ein starkes Stück von Lehrlingsausbildung. Punkt 4 der Tagesordnung: Wie stellen sich die Berliner Buchdrucker zur Wahl einer Streik-Kontrol- komniission? wurde durch die Wahl der Kollegen Paul Müller und Silberberg zu dieser Kommission erledigt. In der Debatte trat man energisch der in einer öffentlichen Versammlung er- hobenen Anschuldigung entgegen, daß die Buchdrucker andere Gewerkschaften in ihren Lohnkämpfen nicht unter- stützt hätten. Vergangenes Jahr haben die Buchdrucker, welche doch immerhin nur eine kleine Gewerkschaft repräsentiren, über 4000 M. zu diesem Zwecke gegeben. ohne die Camnilungen zu rechnen, welche extra in einzelnen Druckereien vorgenommen wurden.— Einen Mißton brachte das Gebahren des Oekonomen der Brauerei„Tivoli" hervor, welcher durch allerhand Manipulationen versuchte, die Versammlung vor- zeitig zum Schluß zu bringen; dem Herrn schien der Verdienst zu gering trotz der 30 M. Entschädigung, die er sich bei der Saal- abmachung ausbedungen hatte. Diese Handlungstveise ist seitens des Bureaus der Lokalkommission unterbreitet worden.. Der fozinldemolit'atische Mttlilvere!« siir Teltow- KeesKow-Ktorltow-ChiU'lotUttbm'ä hielt am 12. Juni eine gutbesiichte Mitgliederversammlung iu der Gambrinns Brauerei, Wallstr. 46 ab, zu welcher Herr L i t f i n- Berlin das Referat übernahm. Derselbe kritisirtc zunächst die jetzt bestehende Militär- vorläge im Reichstag, fuhr alsdann weiter fort, die jetzt bestehen- den Gesetze, namentlich das Jnvalidengesetz, hervorzuheben, welches dem Zlrbeiter nicht das Brot geivährt, welches er in seinem 76. Jahre genießen muß. Dieser Vortrag wurde mit stürmischem Jubel begrüßt, da derselbe nur etwas Lehrreiches für den Arbeiter gebracht hat. Es wurde ferner folgende Re- solution angenommen: Die heutige in der Gambrinus-Braucrei tagende Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten voll und ganz einverstanden und verspricht mit allen gesetzlichen Mitteln dafür einzutreten, daß der Ausnützung und Ausbeutung der Arbeiter durch den Kapitalisten voll und ganz entgegengearbeitet wird. Es ivurde ferner beschlossen, eine Land- Partie niit Familie nach Friedrichshagcn zu veranstalten und zwar per Bahn. Alles Nähere im„Berk. Volksblatt. Versammlung der Freien Vereinigung der Graveure und Ziseleure am 16. Juni. Tagesordnung: 1. Vortrag über: Die Kapitalistenringe und die Arbeiterbewegung; 2. Unterstützungs- sragc; S. Verschiedenes. Der Referent, Stadtverordneter Otto Klein, zeigte iu einem von großem Beifall entgegengenommenen Vortrage die wirthschaftlichen Mißstände, welche durch die Macht des Kapitalismus entstanden sind. Mr sehen jetzt, wie die Fabrikanten Ringe bilden; alle Arbeiter müssen jetzt auch ein- sehen, daß sie zusammengehören und zusammenhalten müssen. Die gesammten, den Arbeitern nutzbringenden Gesetze würden nicht eristiren, ohne die immer stärker werdende Arbeiterbewegung. Zum Schluß fordert Redner noch auf, sich recht kräftig zu organisiren. In der Diskussion schließen sich die Kollegen Blühmke und Zack den Ausführungen deö llieferenten vollkominen an. Es folgt die Uuterstützungssrage. Es wird beschlossen, alle durchreisenden Kollegen mit 2 M., ebenso arbeitslose Mitglieder je nach Lage der Kasse zu unterstützen. Im Punkt„Verschiedenes" werden den Hamburger Zimmerleuten 25 M. bewilligt. Hierauf wird auf die nächste öffentliche Versammlung am Dienstag, den 15. Juli, in Klein'S Festsäleu, Oranienstraße 180, aufmerksam gemacht. Stellungnahme zum Kongreß der Graveure und Ziseleure.— Die Kollegen werden ersucht, die Sammellisten für die am 1. Mai Gemaßregelten abzuliefern. Gin» öffentliche Ueesammlnng der Keeliner Knapf- arbeite? fand am Dienstag, den 10. Juni er., bei Bolzmann, Andrersstraße 26, statt. Tagesordnung: 1. Die Bedeutung des Achtstundentages. Referent: Stadtverordneter Fritz Zubeil. 2. Wie stellen sich die Berliner Knopfarbeiter zur Wahl von zwei Ver- tretern zur Streik- Kontrolkvmmission? 3. Verschiedenes.— Das sehr interessante Thema, die Bedeutung des Achtstundentages, wirrde vom Referenten in durchaus sachlich klarer Weise vorge- führt, wofür ihm am Schlüsse seiner Ausführungen warmer und anhaltender Beifall zu Scheck wurde.— Beim zweiten Punkt der Tagesordnung wurden nach längerer Debatte, in welcher besonders die dringende Nothwendigkeit, eine Streik- kontrol-Kommission ins Leben zu rufen, hervorgehoben wurde, die Kollegen B. Wcißfluck und G. Achner als Vertreter gewählt. Zum 0. Punkt der Tagesordnung wurde ein Antrag, dahin gehend, in den Fabriken noch so lange zu sammeln, bis die noch zu zahlenden Kosten für Drucksachen u. s. w. aus dem Streik von t5. H. Rohst gedeckt seien, einstimmig angenommen. Nach- dem der Kassirer die Mitglieder aufgefordert, die noch ausstehen- den Listen behufs Abrechnung baldmöglichst abzuliefern, schloß der Vorsitzende die Versammlung um HVs Uhr. Eine öst'rntlichc Urrf'ammlnng de? Schnridrv Kerlins war zu Montag, den 16. Juni, Holzniarkftr. 72, einberufen. Auf der Tagesordnung stand: 1. Vortrag des ReichStagSabgeordneten Molkenbuhr. 2. Diskussion. 3. Wahl einer Lohnkommission. 4. Verschiedenes.— Nachdem daS Bureau auS den Herren Schulz, Bache, Ohla zusammengesetzt, theilte der Vorsitzende mit, daß, nachdem Herr Molkenbuhr nicht erschienen ist, der erste und zweite Punkt von der Tagesordnung abgesetzt und ivir zum dritten Punkt„Wahl einer Lohnkommission" übergehen müßten, und begründete in kurzen Worten die Nothwendigkeit der Wahl der Kommission. Hierauf erhält Herr Stückel das Wort: Er wundere sich über die Einseiligkeit der Versammlung. TieAgitationskommission des deutschen Schneiderverbandes sei nicht befugt, derartige Ver- sammlungen einzuberufen; es sei dies Sache der„Siebener- tömmission". Ebenso sprachen Kasten und Gottfchalck, welche über diese Sache hinweg zu„Verschiedenes" übergehen wollen. Kollege Wiesemann meint, man solle diesen Punkt sich genauer betrachten; es wäre besser, nachdem die Agitation jetzt durch die Geschäftszeit geschlossen, nun bis zum Herbst eine rege Agitation zu entfalten, und dann die Wahl vorzunehmen. Der Vorsitzende tritt ganz entschieden der Aeußerung Stückel's entgegen. Die Versammlung sei eine öffentliche, und welche Kommission sie ein- bkrufen. sei ganz gleich. Die Siebenerkommission sei nicht schon früher durch ein Mitglied des Verbandes vertreten, sondern seit der letzten Versammlung in der Tagschneider-Frage. Die Lohnkommission habe mit der Siebenerkoinmission nichts gemein. Kollege Böglberger weist auf die Schwierigkeiten der Durch- sührung des Streiks hin, die Vorarbeiten seien sehr große und Zeit raubende und tritt deshalb für die sofortige Wahl ein. Des- gleichen Pohl, Stauck, Meier, Schleich, Eckelt, Gerwin. Nun- mehr erscheint Herr Pfeiffer, welcher auch bald nachher das Wort erhält, und dem Einberuser Vorwürfe macht, das: derselbe sich in die Kommission wählen ließ und nun noch planloses Bersamm- lungöspiel treibe. Ferner treibe man stets Gaukelspiel mit den Referenten. Letzteres wird vom Vorsitzenden und dem Schrift- führer entschieden bestritten. Ein Antrag Pfeiffer:„lieber den Punkt 3 der Tagesordnung„Wahl einer Lohnkonimission" zur Tagesordnung überzugehen, wird abgelehnt. Die Diskussion nimmt ihren Fortgang durch Kollege Jeschonneck, welcher sich speziell mit dem Unterstützungssonds bcschästigt, indem er meint, wir werden, unbekümmert der Ansicht Wiesemanns, das Geld hier zu behalten und dasselbe nach Erfurt schicken, da wir uns mit den Kollegen vereint fühlen, und wir werden im kommenden Lohnkampfe auf sie rechnen dürfen. Er kritisirt das Znstande- kommen der Siebenerkommission in der Versammlung bei Jordan und das Verfahren Pfeiffers in derselben als Vorsitzendcr. Es liegt ein Antrag Stückel vor:„Aus der Versammlung 3 Personen zu wählen, welche sich mit einer Versammlung behufs Wahl einer Lohnkommission beschästigen sollen." 2. Ein Antrag Eckelt:„Aus der Versammlung 5 Mann zur Lohnkommission zu wähle», diese mit den weiteren Schritten behufs Erweiterung der Kommission auf 21 Mann zu verstärken, zu betrauen. Stückel zieht seinen 'Antrag zurück, Pfeiffer nimmt denselben wieder auf. Ter Antrag Eckelt als weitgehendster wird mit Majorität angenommen. Es entspinnt sich hierauf eine lang erregte GeschästsordnungSdebatte. Tie Versammlung wurde schließlich um UVs Uhr aufgelöst. Die Ledrrwaarrn- Arbrilev Aerlino»nd Almgegend hatten sich am Mittwoch Abend zahlreich in Uetel's Lokal, Naunynslr. 27, versammelt, um einen Vortrag des Reichstags- abgeordneten Ulrich über: Arbeiterschutz-Gesetz und Koalitions- recht zu hören und Stellung zur Lohusrage zu nehmen. Zur Leitung der Versammlung wurden die Herren Jahn, Schulz, B ö k e r t und S t a d t m ü l l e r gewählt. Der Referent begann feinen Vortrag mit dem Hinweis auf einen Artikel der„Nordd. Allgemeinen Zeitung" vom 20. März d. I.,'aus welchem sich folgern ließ, daß in höheren Kreisen eine andere Meinung in Bezug auf die Arbeiterbewegung Platz gewonnen habe. Man habe wohl eingesehen, daß man nicht im Stande sei, auf der einen Seite niit der Peitsche und auf der anderen mit Zuckerbrot zu regieren. Die Position der Arbeiterklasse sei eine günstigere geworden, das zeige der Wettlauf, welcher gegenwärtig von allen Seiten angeblich nur zu dem Zweck unternommen werde, die Lage der Arbeiter zu verbessern. Die Arbeiterklasse hat aber auf- gehört ein Schweif anderer Parteien zu sein und alles Liebes- werben, sie ferner zu einem solchen zu gestalten, wird ver- geblich sein. Im Jahre 1878 erklärte ein leitender Staatsmann im Reichstage: Wer es wagen sollte, an den ökonomischen Verhältnissen zu rütteln, würde eine verbrecherische Thorheit begehen. Nun, der Mann ist bereits zum Einsiedler geworden. Heute könnte man sagen: Wer es noch wagen würde, an dem Recht des arbeitenden Volkes zur Ver- besscrung seiner Lage zu rütteln, würde eine verbrecherische Thor- heit begehen. Und man hat auch allseitig anerkannt, daß etwas für die Arbeiter geschehen muß. Ein Zeichen hierfür war der internationale Kongreß zu Berlin, dessen Beschlüsse freilich nicht weittragender Natur waren, der aber durch sein Tagen schon die Thatsache anerkannt hat, daß die bestehende Schutzgesetzgebung für die Arbeiter eine ungenügende ist. Ein wirklicher Schutz der Arbeit ist aber nur denkbar, wenn den Arbeitern volle Koalitions- freihcit gewährt wird. Wenn wir beispielsweise auf die Vor- gänge blicken, welche sich jetzt in Hamburg abspielen, so muß man sich doch fragen: Wohin soll eine derartige Entwickelung führen, wenn nicht vom Staat das bisherige System der Bevormundung aufgegeben und den Arbeitern Ellbogenfreiheit geschaffen wird? Wir wollen keine Borrechte, wohl aber verlangen wir, daß die Interessen der Arbeiter als gleichberechtigte dem Unternehmer- thum gegenüber anerkannt werden sollen. Den Beschlüssen des Reichstags bringen wir keine allzugroße Sympathie entgegen, allein, es wird sich zeige», daß die Verhältnisse stärker sind,'als alle Vorurtheile, mit denen man unsere Bestrebungen begegnet. Eni Hauptaugenmerk werden wir auf die Regulirung der Arbeits- zeit richten müssen und wir streiten uns heute nicht mehr um die Frage, ob zehn oder elf Stunden gearbeitet werden soll, sondern sagen uns, daß der Fortschritt der wirthschaftlichen Entwickelung den Staat verpflichtet, die Arbeitszeit auf acht Stunden festzusetzen. Schon im Jahre 1885 hatte das Zentrum einen Antrag auf Einführung eines wenn auch nur elsstündigen Normalarbeits- tages gestellt; jetzt, wo diese Herren ausschlaggebende Partei im Reichstage geworden sind und der Reichstag auch in seiner Ge- sammtheit weniger der Festsetzung einer Arbeitszeit abgeneigt ist, hatten sie das Verlangen nach gesetzlicher Regelung der Arbeits- zeit in der Schutzgesetz-Kommission gar nicht geltend gemacht. Erst auf energische Erinnerung durch unseren Abg. Bebel haben sie das Versäumte nachgeholt. Es zeigt sich also auch hier wieder, daß man nicht gern derartige Anträge stellt, wenn dieselben Aussicht auf Annahme haben. Der heutige Staat hat aber selbst ein wesentliches Interesse daran, die Arbeitszeit zu beschränken, das beweisen uns die Rekrutirungsver Hältnisse. Diese lehren uns, daß eine steigende Degeneration der Arbeiterklasse namentlich in industriellen Bezirken stattfindet. Man fängt bereits an, um eine leistungsfähige Armee besorgt zu werden. Wir sind keine Freunde des Militarismus, aber wenn uns solche Gesichtspunkte zu Hilfe kommen und man uns aus diesem Grunde entgegenkommt, so brauchen wir deshalb nicht böse zu sein. Aber noch ganz andere Gründe sollten den Staat zu einer durchgreifenden Schutzgesetz- gebung leiten. Ich hatte dieser Tage Gelegenheit, von einer Petition schlesischer Weber Kenntniß zu nehme», in welcher die Unglücklichen sich darüber beklagen, daß sie wöchentlich nur fünf Mark bei einer 14 st ü n d i g e n Sl r b e i t s z e i t ver- dienen; und man konnte zwischen den Zeilen lesen, daß hierzu noch Frau und Kinder mithelfen müssen. Solche Thatsachen sind himmelschreiend! Wenn eS anderswo besser aussieht, so sind daran die Fabrikanten sicher nicht schuld, sondern die Oraani- sationen der Arbeiter, diesen ist es zu danken, daß es nicht über- all so weit kommt. Der wundeste Punkt bleibt immer die tausindustrie, er ist es auch in der Lederbranche, und die orderung, daß auch auf die Hausarbeit die Schutz- gesetzgebung auszudehnen ist, muß demnach als durch- aus berechtigt anerkannt werden. Redner ging nun zu einer Kritik der Zustände in der Lederwanrcnbranche über und bezeichnete als einen Krebsschaden dieser Industrie das Musterunwesen, welches den kleinen Fabrikanten zu Gunsten des Grossisten völlig ruinire. Ebenso schädlich wirke die Saisonarbeit für die Arbeiter und es sei ganz unsinnig, wenn heute von den Industriellen behauptet werde, daß in diesen Dingen eine Rege- lung nicht möglich sei. Wenn selbst Bismarck sagen konnte, das bischen Sozialrcform sei der Sozialdemokratie zu danken, so haben wir gewiß die Pflicht, auf dem betretenen Wege weiter zu schreiten. Die berufsgeuoffenschastlichen Organisationen sind von viel größerer Bedeutung, als es auf den ersten Blick erscheinen mag, es muß ihnen aber volle Entwickelungssreiheit gegeben werden. Arbeiterschutz ohne Koalitionsfreiheit ist ein Unding und es muß mithin unsere erste Forderung, Arbeiterschutz m Verbin- dung mit voller Koalitionsfreiheit sein.(Stürmischer, lang an- haltender Beifall.)— Dem Vortrage folgte eine lebhafte Tis- kussion, in welcher zugleich der zweite Punkt der Tagesordnung: „Stellungnahme zur Lohnfrage", mit zur Erörterung gelangte. Das Ergebniß der Verhandlungen war die Annahme folgender Resolutionen: 1. Die heutige öffentliche Versammlung der Lederwaaren- Arbeiter erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten völlig einverstanden und verpflichten sich die Anwesenden, Mann für Mann dem bestehenden Fachverein beizutreten, um geschlossen für eine Verkürzung der Arbeitszeit und Verbesserung ihrer Lage wirken zu können. 2. Die heutige öffentliche Versammlung der Lederwaaren- Arbeiter erklärt, daß nur dann erst in die Lohnbewegung eingetreten werden soll, wenn mindestens die Hülste der Kollegen sich der Organisation angeschlossen hat. 3. Die heutige öffentliche Versammlung der Lederwaaren- Arbeiter beschließt, einen Streikfonds zu schaffen und den wöchentlichen Beitrag dazu ans 20 Pf. festzusetzen. Gegen die zweite Resolution erhoben sich 6, die erste und dritte wurden gegen 1 Stimme angenommen. Ein Antrag, für die Hamburger Zimmerleute eine Tellersammlung vorzunehme», fand' allgemeine Zustimmung. Dann folgte Schluß der Ver- sammlung. Der Derbnud der Dtöbelpolirer Äerlins«nd Dm- gegend hielt am 16. d. M. seine Mitgliederversammlung ab. Zum ersten Punkt der Tagesordnung legte Kollege Weber die Nothwendigkeit der Wahl von Werkstellen-Telegirten klar. Er führte an, daß sie dazu dasind, Propaganda für die Organisation zu machen, zweitens sotten sie die Kollegen aufrütteln, daß sie ihre Beiträge zum Streikfonds weiterzahlen, drittens haben sie Mißstände'in den Werkstätten zu regeln. Es waren so wenig Telegirten- Legitimationen eingegangen, daß der Vorsitzende die Kollegen aufforderte, die Legitimationen an Kollege Heinrich Schulz, Rüdersdorferstraße 45, Robert Weber, Flicderstraße 6, oder am Montag in der öffentlichen Versammlung abzugeben. Zum Punkt„Verschiedenes" wurden einem streikenden Spinner aus Linden(Hannover) 10 Mark als Unterstützung aus der Verbandskasse bewillig! Weiter wurde beschlossen, daß die Kollegen der Roth- mann'schen Nühmaschinenfabrik die Arbeit niederlegen sollen, wenn der Fabrikant sich nicht mit den dort arbeitenden Möbel- polirern einigt und ihnen ihre 27 M. Wochenlohn wieder zahlt, wie bisher, oder den Tarif bewilligt, den die Kollegen aus- gearbeitet haben. Tie Sache gegen Kollege Völker wurde bis zur nächsten Vorstandsfitznng vertagt. Kollege Buck und die Zeugen werden eingeladen werden. Ter Kassirer ermahnt die Kollegen, ihre Beiträge pünktlicher zu bezahlen und immer ihre veränderte Wohnung anzugeben. Kollege Lindner forderte die 5kollegen, die noch im Besitz von Sammellisten sind, auf, diese sobald wie wog- lieh abzuliefern, da am Montag die Abrechnung erfolgt. Am Montag findet eine öffentliche Versammlung im Lokale Königs- bank. Große Frankfurterstraße 117, statt. Eine Versammlung der Filiale Derli» des Verbandes der Vergolder und Goldleisteuarbritrr fand am Montag, den 16. Juni in Scheffer's Salon, Jnselstraße 10, statt mit der Tagesordnung: 1. Gewerkschaftliches. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Verschiedenes. Zum ersten Punkt kam das Verhalten des Hoflieferanten August Werkmeister sowie dessen in seiner Eni- gegnung bewiesene Aufrichtigkeit zur Sprache: Derselbe behauptete, nur 8 bis 9 pCt. abziehen zu wollen; doch liegen die Thatsachen so: Für je 100 Fuß der angezogenen 2 Profile, für die er 271 e# resp. 75 Pf. zahlte, sollten 22 Vz resp. 65 Pf. gezahlt werdee. Wie sich dies zu dem behaupteten Prozentsah überlassen wir dem geneigten Leser zur Veurtheilung. Nachdem der betr. Fabrikant zcdoch die Einmüthigkeit der Mädchen fl- kannt hatte, ging er bis 25 resp. 70 hinauf. Jedoch auch dieses konvenirte den Vergolderinnen nicht, sie legten einmüthig eie Arbeit nieder. Darauf erfolgte die bekannte Erklärung e:- Fabrikanten. Ilm nun bei den Gehilfen einen Abzug beweck- stelligen zu können, gab er die Versicherung, daß keine Vergo» derinnen mehr eingestellt werden und, siehe da, es wurde zur Ehre der Vergoldcr der betreffenden Firma erreicht, d. h"U Gehilfen ließen sich den Abzug gefallen und die Mädchen nicht. Wie jedoch das Versprechen gehalten wurde, erhellt aus der Thatsache, daß die Vergolderinnen mit einer einzigen Aus- nähme alle wieder eingestellt sind, den Vergoldern zur Belohnung und Freude.(?!)_.. Sodann kam die leidige Streikangelegenheit zur Sprach! welche sich immer noch im alten Geleise bewegte. Es wird sich eine, nächste Woche einzuberufende öffentliche Versanunlung dam» nochmals beschäftigen. Nachdem noch verschiedene Briefe aus den unterstützten Orten verlesen, sowie betreffs des Sommernachts- Kalles und der Statistik die nöthige Anregung gegeben, erfolgte Schluß der Versammlung. N.B. In der letzten Versammlung der Vergolderinnen und Vergolder wurde auch Stellung zue Zentral-Streik-Kontrolkommission genommen und die Kollegen Niebergall und Fries als Delegirte entsandt. Der Fachorrrin der MetaUarbciter iu Gas-, Ul aller- und Dampfarmaturen hielt am Sonnabend, den 14. �um, bei Zeinter, Münzstr. 11, seine regelmäßige Mitgliederversammlung mit folgender Tagesordnung ab. l. Bericht der Delegirten über den Metallarbeiterkvngreß zu Weimar. 2. Diskussion. 3. Die Aussperrung der Schlosser und Maschinenbauer Hamburgs. 4. Ausgabe der Billets zu dem am 10. Juli in Kaufmanns Parietö stattfindenden 7. Stiftnngsfest. 5. Verschiedenes. Zum 1. Punkt der Tagesordnung erhielt Kollege Ehrlich das Wort und berichtete in ca. einstündiger Rede über die Verhandlungen des Kongresses, woraus zu ersehen war, daß die Be> wegung der Metallarbeiter einen erfreulichen Ausschwung genommen, da der Kongreß doppelt so viele Theu' nehmcr hatte, als der vorige. Im weiteren verlas Redner sämmtliche Resolutionen, welche dort angenommen wurden; dieselben fanden bei allen anwesenden Kollegen volle Zustimmung. Es wird in Zukunft darnach gehandelt werden. A» der Diskussion betheiligtcn sich die Kollegen Printz, Ekardt, Peters und Grieß, welche sämmtlich im Sinne des Kollegen Ehrlich sprachen. Zu Punkt 3 erhielt Kollege Printz das Wort, warnte alle Anwesenden nach Hamburg zu reisen, woraus die bekannte Resolution einstimmige Annahme fand. — Unier„Verschiedenes" wurde den Hamburger Schlossern und Maschinenbauern 30 M. bewilligt und der Kassirer beauftragt, das Geld sofort an den Vertrauensmann der Metallarbeiter, Herrn Martin Segitz in Fürth, zu übermitteln. Ein Antrag, Protokolle schicken zu lassen, wurde angenommen. Nachdem der Kassirer die neuen Mitglieder verlesen hatte, schloß der Vorsitzende die Versammlung niit dem Bemerken, daß die nächste Mitglieder« Versammlung am 12. Juli in demselben Lokale stattfindet. A,» Montag, den 16. Inui, tagte der Fachverei# der Weber«nd verwandter Kerufsgenosse» im Lokal de» tcrrn Heise, Lichtenbergerstraße 21, mit folgender Tagesordnung! ortrag des Herrn Behr ans Gera über Arbeiterschutz-Gesetze. Diskussion. Wahl von Vertrauensmännern für Stralau und Rummelsburg. Wahl einer Kommission für den Arbeitsnachweis. Verschiedenes. Da der Referent nicht erschienen war, wurden die inneren Vereinsangelegenheiten behandelt, und wurden die Kol- legen Forgbert, R. Schmidt und E. Wagner als Vertrauensmänner für Slralau-Rummelsburg gewählt. Ferner wird beschlossen, eine Kommission von 6 Personen zurLeitung des Arbeitsnachweises zU wählen. Es werden die Kollegen Schuster, Labe, Weymann, Zenker, Lehmann UNd Scheffter damit betraut. Hierauf tritt eine Paust von 15 Minuten zur Aufnahme neuer Mitglieder ein. Unter Verschiedenes wird beschlossen, am 6. Juli einen Ausflug mit Familie nach Wagner's Ruh zu unternehmen. Ein weiterer Antrag, einen Sommernachtsball, verbunden mit Konzert, zu ver- anstalten, wird angenommen und der Wunsch ausgesprochen, dazu einen Sonnabend im August zu wählen, der Ueberschuß hiervon soll dem schon sehr lange kranken Kollegen Otto Pilgenrot zu- komme». Hierzu wird ein Vergnügungskomitee gewählt. Ferner theilt der Vorsitzende mit, daß von Basel aus die Anregung ergangen ist, einen internationalen Weber- kongreß abzuhalten, wozu Frankreich, Amerika und Eng- land bereits die Betheiligung zugesagt haben und es wünschenswerth ist, unsererseits ebenfalls Stellung zu nehmen. Außerdem ermahnt derselbe, mehr auf den„Textilarbeiter" zu abonniren, da derselbe in Berlin noch sehr wenig Abonnenten hat. Ein Antrag, das Bundesschießen nicht zu besuchen, weil die Stadtverordneten- Versammlung hierzu Geld bewilligt hat, aber für Arbeiterinteressen kein Geld bewilligt, wird angenommen. Es ist nun inzwischen die Mittheilung eingegangen, daß der Referent in Luckenwalde abgehalten worden und deshalb am Erscheinen verhindert ist. Hierauf Schluß der Versammlung. ,»g-, 8«rn-»nd sistUig» jierrinr am Freitag. Kaiser'scher Männergesanavcrein Abends s Uhr in, Restaurant Tamm, Schönhauser Allee es.— Gesangverein„Paufebeutel" AbendS« Uhr im Restaurant Hensei, Alcrandrinenstr. 10.—„Liedertafel der Maler»nd venvandter BsrufSgenossen Abend« 9 Uhr im Restaurant Kleine, Brandenburgftr. so.— Buchbinder- Männerchor Abends 9X Uhr bei Feuerstein, Alte JatobSstr. 76.— Mesanavereln ..Flöter-scheS Toxpelquartett" Abends 9 Uhr im Restanrant Musehold, Lands- beracrstr. 3i.— Gesangverein„Fortschritt" Abends» Uhr im Restaurarn Aluincnslr. 40.— Gesangverein„Echo 1872" Abends 9 Uhr Oranienstraße»e. Reue Mitglieder werden aufgenoninien.— Gesangverein„Ossian" Abend» 9 Uhr, Dresdenerflr. 86 bei GustavuS.— Huppervsche Sauger-Vereinigung „Harmonie" Abends 9 Uhr bei Niest, Weberstr. 17.— Gesangverein„Sänger- dalli" Abends 9 Uhr Adalberlstr. 21.— Ltederlafel des Fachvereins der Siem- lräger Berlins Abends 8 Uhr Große Hamburgersir. 4 Uebungsstunde.— Gesangverein.Ohnesorge" Abends 9 Uhr, Restauraiit Reyer, Alle Jakobstr. 83. — Gesangverein„Widerhall" Abends 9 Uhr bei Herrn Boge, Köpnillerstr. 191. — Gesangverein„Lorbeerlranz"«X Uhr Restaurant Weinstr. il.— Aibeiter- Gesangverein„Nord" Uebungsstunde Abends»X Uhr im Restaurant Gnadt, Brunnenstr. 28. Srinnnbegable auch passive Mitglieder werde» ausgenommen. — Gesangverein„Gollegsa" Abends von 9— nUhr bei Schuster, Oranienstr. 8. — Volgtstchcr TllcUanken-Orcheslervereiii, Uebungsstunde von 8X— n Uhr Abends im Loutseilstädtlsche» Klubhaus, Annenstr.>o, I Tr.— Berliner Turngcnossenschaft(6. Männerablhc.lung: Abends«X Uhr in der städlischen Turnhalle, Wasterthorstr. 31.— Turnveieln„Hasenhaide"(Männeradlheilungl Ab. 8 Uhr Tiestenbachslr. oo— oi.— Turnverein„Froh u. Frei"(Männcrabth.) Aoends 8% uh Bergstraße 69.— Wissenschastltcher Verein sur Rollcr'sche Slenographte Abends 8X Uhr im Restauranl Zieihen, Dorolhsenstr. 81. Unter- rtcht und Uebullgssluiide.— Allgemeiner Arends'scher Stenographenvere.», Abtheilung„Borw.irtS". Abends 8X Uhr im Restaurant Koli, ßltar.anne»- plag it.— Arends'scher Stenographcnverein„Apollobund" AvendS 8 Uhr im Resianrant Seydelstr. zo.— Berel» ehemaliger Tr. Doevbclinschcr Schüler Abend» 9 Uhr im Rcslaur. Krcbs,Frledrichstr.208.— ZUHerverelN„Alpe»veUchin" Abend» 8X Nbr wl Restaurant„Wahlstatt" Vellealliancestr. 88.— Rauchtlub„Westend Abends 9 Uhr im Hohenzollerngarien Slegilyersir. 27.— Rauchtluv„Weichsel- btall" Abends 8X Uhr im Restaurant Stailyerftr. 147,.— Rauchtlub„Ohne Zwang" Abends 8X Uhr im Restaurant W. Späth Weinstr. 28.— Verein ehe- maliger Schüler der 22. Gemeindsschule Abends o Uhr im Restaurant Schröder Slegltycrstraße 18.— Sozialdemokratischer Lese- und Dislurirtlub Lassalle Abends 8% Uhr Adatbertsiraße 8 bei Schneider. Gäste durch Mitglieder tönne» eingeführt werde».— Sozialdeinokratischer Lese- und DiSlutirllu» Vorwärts Abends 8X Uhr in Poland's Lokal, Staunynstr. 83. Slyung. Gälte tönnen durch Mitglieder eingcsührl werden.— Männerchor der„Berliner Michaniler" Abends 9 Uhr im Restaurant Krüger, Franzstr. 8.— Bereis eheinattger Schüler der 23. GcuiSiNdeschiile Abends»x Uhr Köntgstadt-Kastno, Holzmarklstr. 72. Ausnahme neuer Mitglieder. Gäste willtomiuen.— Lesell»» „Karl Marx" Abends von 9— n Uhr bei Schönfeld, Mlartendorserstr. l»- „Musterzetchiier-Vcrband Teutschlands" Abends 8% Uhr. Zum Schullhew Laiidsbergerftr. 72. Verantwortlicher Redakteur: E«rt Vaake in Berlin. Druck und Verlag von Mae Kading in Berlin SW.. Beuthstraße 2. VviefltttPtett dvv VedÄkkion. Bit Anfragen bitten wir die Nbonnemenls-QuiNllng beizufügen. Briefliche Antwort wird nicht erthitlt. Namenlos. Wenn Sie heimlich von Ihrem Mann fort- ziehen, vollen, so kann Sie der Wirth daran nicht hindern. Woh» aber kau» er verbieten, daß Sie die WirthschaftSsachen mitnehmen- Thun Sie das trotz des Verbotes, so machen Sie sich strafbar, auch wenn keine Miethe rückständig ist.