Ar. I4S Dienstag, de« 24. Inni 1890. 7. Jahrg. Hrgan für die der Arbeiter. Die Spaltung in der sozialdemokratischen Partei. Man sollte eigentlich denken, daß in der jetzigen Zeit, too die Verhandlungen des Reichstags, das Abkommen Zwischen Deutschland und England über Ostafrika und Helgoland und die Vorgänge in den„interessanten" Mandern und Ländchen an der unteren Donau doch w reichlichen Stoff für die politische Bierbank-Unter- Haltung und Kannegießerei bieten, die Redaktionen der bürgerlichen Blätter eigentlich keine Ursache hätten, ihre leiten und schon hundert Mal abgeleierten Themata hervor Zu suchen, um ihren Lesern dieselbe Geschichte zum hundert- understen Male noch einmal vorzutragen. Wir sind gewohnt, daß in der Zeit der sauren Gurke Und der Hundstagshitze neben manch' anderen Laden- Hütern auch immer und immer wieder die Geschichte von der„demnächstigen Spaltung" der sozialdemokratischen Partei und dem„weitgediehenen Zersetzungsprozeß" inner- halb derselben auftaucht; daß aber jetzt schon diese See- schlänge erscheinen würde, darauf waren wir nicht gefaßt Unt» doch_ kann man jetzt kaum ein bürgerliches Blatt in die Hand nehmen, das nicht eine niehr oder minder lange und auf alle Fälle„tiefsinnige" Abhandlung über den Zerfall der Sozialdemokratie enthält. Den Anlaß zu diesen ebenso überflüssigen als neben das Ziel schießenden Anfechtungen leiten die Blätter aus der "Rede her, die Genosse Bebel gelegentlich der Volksver- saminlung am Donnerstag voriger Woche im Saale der Brauerei„Friedrichshain" gehalten hat. Die energischen VZoxte, welche der hochgeachtete Führer der Sozialdemokratie legen das unbesonnene und unüberlegte Streiken und Boykotten % die Parteigenossen gerichtet hat, sollen auf einen„tiefen �iiß" innerhalb der Partei hinweisen, zumal die Volksversamm- h»ng trotz der Abmachungen Bebels eine Resolution gegen das„Berliner Volksblatt" annahm. Die„Freisinnige Zeitung" des Herrn Richter weiß außerdem auch noch "ls weiteren Beiweis für den Rückgang und Zerfall der Sozialdemokratie gerade hier in Berlin zu erzählen, daß die Arbeiterversammlungen in den letzten Monaten immer schwächer besucht wurden und daß sogar in der„Bebel- Versammlung" nur 300 Personen dagewesen sein sollen. Abgesehen nun davon, daß diese letztere Angabe eine grobe Lüge ist, denn wenn auch der Besuch angesichts des riesigen Saales ein schwacher war, so hatten s'ch doch mindestens 1000 Personen eing-smiden,— ganz ordinärer Streich des frelPnmgeu sattes ist es aber, von einer„Bebelversammlung" zu reden. Damit soll natürlich bei den Lesern der Glaube eriveckt werden, [65 FeuMctott. Nachdruck verboltn.I- .Inn» Glück der Damen." Roman von Emile Zola. Antoriiirte Nebcrsetzung von Armin Schwarz. MAÄWk IWWZL- ""ch. es ist das letzte Mal. als sei die Versammlung mit einem Referat von Bebel oder doch nüt dessen Auftreten angekündigt worden, und daß trotzdem der schwache Besuch nicht zu verhindern ge wesen sei. Daß das nicht der Fall war und daß weder auf den Plakaten, noch in irgend einem Preßorgan bekannt gemacht war, daß Bebel in der Versammlung erscheinen werde, wissen die Leser. Die„Freis. Ztg." hat also einfach ge- flunkert, was ihrer Tendenz, alles herunterzureißen, was nicht Eugen Richter heißt oder nach der Pfeife dieses Generalgewaltigen tanzt, allerdings vollkommen entspricht. Wäre irgendwie bekannt gewesen, daß Genosse Bebel in der Versammlung erscheinen werde, wir glauben nicht zu viel zu sagen, wenn wir behaupten, daß dann der Saal nicht für die zuströmenden Arbeiter ausgereicht hätte, und wenn er drei oder fünf Mal so groß gewesen wäre, wie er ist. Vielleicht findet sich bald Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen; einen kleinen Vorgeschmack davon geben ja die Versammlungen bereits, welche die beiden Berliner Abgeordneten Liebknecht und Singer zur Bericht- erstattung vor ihren Wählern dieser Tage abgehalten haben. Genau so wie es aber mit der Behauptung steht, daß die werkthätige Bevölkeruug Benins es satt hat, sozial- demokratische Versammlungen zu besuchen, ebenso falsch sind die Schluß solgerungen, welche aus dem Verlauf der Versammlung über die Stimmung innerhalb unserer Partei gezogen werden. Wir behaupten— und wir glauben von diesen Dingen doch etwas mehr zu wissen als die Redak- liomn der bürgerlichen Blätter—, daß die sozialdemokratische Arbeiterpartei in allen ihren T heilen nie einiger und geschlossener gewesen ist, als heute, und das alles, was von bevorstehenden Spaltungen und einem angeblich vorhandenen Zersetzungsprozeß geschrieben wird, nichts als Faselei ist, das Papier nicht werth, auf dem es steht. Daß über die eine oder andere Frage nebensächlicher Bedeutung auch in unserer Partei verschiedene Meinungen vorhanden sein können und thatsächlich manches Mal auch vorhanden sind, ist ebenso selbstverständlich, als wie es sich am Rand versteht, daß auch unsere Parteigenossen nicht unfehlbar sind und deswegen mancher Beschluß gefaßt und manche Aktion in Szene gesetzt werden kann, die vielleicht besser unterbleiben würde. In diesem Sinne hat sich auch Genosse Bebel gegen einen etwaigen Fetischdienst, der mit Vollsversammlungsbeschlüffen getrieben werden soll, aus- gesprochen uud aus gleichem Grunde warnte er, wie wir hier einschalten wollen, in voller Ucbereinftimmung mit der gesammten Fraktion— vor unüberlegten Streiks und der unüberlegten Anwendung des Boykotts. Was Bebel Papa herauskommt, ich fürchte mich zu sehr, wenn ich allein bin. Dann, als Baudu da war, in diesem kleinen dumpfen Zimmer, wo er 2 Stunden auf einem Sessel sitzend verbrachte, war sie etwas heiterer und rief Denise die Worte zu: — Du brauchst gar nicht zu kommen, es ist unnöthig, aber Sonntag erwarte ich Dich und Du wirst Nachmittag bei mir bleiben. Am folgenden Tage um 6 Uhr Morgens starb Genevicve nack) einem vierstündigen greulichen Todeskampfe. Die Beerdigung fand an einem Sonnabend statt, bei einem umwölkten unfreundlichen Wetter. Das„Alte Elbens", mit weißem Tuch überzogen, bildete einen großen weißen Fleck in der Straße. Und die Kerzen, die im matten Tageslichte brannten, waren die Sternchen, die in der Morgendämmerung erblassen. Die Bahre war mit Perlenkränzen und einem großen weißen Rosenbouquet geschmückt; es war ein recht schmaler Sarg, wie für ein kleines Mädchen bestimmt, welcher in dem düsteren Thoreingang des Hauses stand. Das ganze alte Stadt- viertel schwitzte sozusagen die. Feuchtigkeit, wie dumpfer Schinnnelgernch, wie ans einem Keller, strömte da aus auf das ununterbrochene Treiben der Menge, welche auf dem kothigen Straßcnpflaster hin und her wogte. Um 9 Uhr Mvrgens kam Denise, um bei ihrer Tante zu bleiben. Als der Leichenzug aufbrach, bat die Mutter, die in ihrem namenlosen Schmerze nicht weinen konnte, Denise mochte mitfahren und den Onkel in ihre Obhut nchnicn, dessen stummer Schmerz die gänzeFcimilie bennrnhigte Denise fand die ganze Straße mit Lenten aicgesüllt. Ter kleine Handel des Stadtviertels wollte der Familie Bäüdn seine aussprach, ist die Meinung der immensen Mehrheit aller einsichtigen und zielbewußten Parteigenossen, und auch in der Versammlung war Niemand— mit Ausnahme viel- leicht der interessirten Vertreter einer gewissen Brauerei— der nicht die Zweischneidigkeit einer Maßregel, wie der Bierboykott eine ist, zugab. Wenn deshalb die Tante Voß, die dem Vorgange auch einen Leiter widmet, der Meinung Ausdruck giebt, daß, wenn es nicht Bebel gewesen wäre, der so auftrat, jeder andere Redner von einem hochnoth- peinlichen Gerichte seine Ausstoßung aus der sozialdemokra- tischen Partei erleben würde, so täuscht sich das Blatt doch ganz gewaltig. Unsere Partei kennt weder einen„Höchstkommandiren- den", noch haben wir Rücksichten zu nehmen auf gewisse Zukunftshoffnungen i— beides Dinge, die bei den Partei- genossen der Vossin allerdings eine sehr große Rolle spielen und gespielt haben. In unseren Reihen hat das Recht der vollen und rücksichtslosesten Kritik zu allen Zeiten unumschränkte Geltung gehabt und die Redaktion der Tante würde vergebens alle die dickleibigen Bände ihres Blattes durchblättern, wenn sie nach einem Falle suchte, wo ein Sozialdemokrat wegen der legalen Aus- Übung dieses Rechtes ausgeschlossen worden wäre. Daßdagegen für Leute, welche nicht kritisiren, um zu bessern, sondern stänkern, um zu spalten und zu kompromit- tiren,in unseren Reihen kein Platz ist, das ist eben so richtig, als es nothwendig ist. Eine Partei, für die das Wort: „Feinde ringsum!" im vollen Umfange gilt, wird ebenso sehr auf Selbstkritik zu sehen, als darauf zu achten haben, daß ihre Reihen von zweifelhaften Elementen ftei bleiben. Wenn das Letztere der Partei während der in dieser Beziehung so ungemein schwierigen Periode der Herrschaft des Sozialistengesetzes ge- lungen ist, so wird es ihr erst recht gelingen, wenn dieser Alp von uns genommen sein wird. Dazu bedarf es saber vor allem, daß wie bis- her, so auch in alle Zukunft der Kritik ihr Recht unge- schmälert gewahrt bleibt, unbekümmert darum, wer sie übt, wenn es nur in loyaler Weise und in der Absicht, die Jnter- essen der Partei zu fördern, geschieht. In diesem Sinne beurtheilten die Parteigenossen auch das Vorgehen Bebels in der„Friedrichshain"-Versammlung und weit ent- fernt, daß dieses Aussprechen abweichender Ansichten die Einheit der Partei gefärhrden, sie„zersetzen" wird, wird gerade dieses offene Vorgehen der Partei im hohen Grade von Nutzen sein. Die Sozialdemokratie braucht sich nicht zu scheuen, ihre Angelegenheiten bei offenen Thüren zu verhan- dein, und daß in unseren Reihen es nicht an mora- Sympathie bezeugen, und darin lag zugleich eine Demon- stration gegen das„Glück der Damen", welches man für das langsame Hinsterben von Genevieve beschuldigte. Sämmt- liehe Opfer des Ungeheuers waren erschienen. Bedore uud Schwester, die Wirkwaarenhändler aus der Gaillonstraße, die Pelzivaarenhäudler Brüder Vanpouille, der Spiel- waarenhändler Deslignieres, die Möbelhändler Picot und Rivoire; selbst die Wäschehändlerin Fräulein Tatin und der Handschuhhändler Quinet, welche durch das Falliment längst hinweggefegt waren, hielten es für ihre Pflicht zu erscheinen. In Erwartung des Leichenwagens, der sich ein wenig verspätet hatte, trippelte die leidtragende Menge in dem Straßcnkothe hin uud her uud schleuderte wüthende Blicke des Hasses_ aus das„Glück der Damen", welches mit seinen hcllschimmcrnden Auslagen gleichsam eine Insulte gegen das„Alte Elbeuf" war, dcsseu Trauer die andere Seite der Straße verdüsterte. Es erschienen wohl die Kopse einiger KornnüS hinter den Spiegelscheiben, allein der Koloß behielt seine Gleichgiltigkeit der m Thätigkeft bc- findlichen Dampfmaschine. Denise suchte mit den Augen ihren Bruder Jean; sie bemerkte ihn endlich vor der Bntik des alten Bourras, wo sie ihn abholte, um ihm zu empfehlen, daß er neben dein Onkel gehe» uud ihn aufrecht halten soll, wenn dieser zu schwach i verde» sollte. Seit einiger Zeit war Jean ernst geworden und war von einem inner» Leiden gequält. An diesem Tage war er in eine schwarze Nedin- gotc gekleidet und stellte einen ganzen Mann vor; er verdientejn letzter Zeit 20 Franks an manchem Tage und benahm sich so würdig und bekümmert, daß seine Schwester davon überrascht war, denn sie vermnthcte gar nicht, daß er die Kousine dermaßen liebte. Ilm Pcpe alle überflüssigen Kümmernisse zu ersparen, ließ sie ihn bei Madame Gras lischem Muthe gebricht, einen begangenen Fehlen offen und vor aller Welt einzugestehen und den Vorsatz auszusprechen, denselben Fehler für die Zukunft zu vermeiden/ das ist eben ein Zeichen unserer Stärke und sittlichen Höhe, zu' der andere Parteien freilich vergebens hinaufblick'en. 13. Sitzung der Ardeiterschutz- Kommlsswu. Montag, den 2S. I u n i. Die Vernthung wird bei§ 130 wieder aufgenommen. Derselbe handelt von den ZluInnhinen, die im Falle vön Natur- Ereignissen oder UngllickMllen flir die in§§ 135 Abs. 2 bis 4, 186, 137 Abs. 1 bis 3 vorgesehenen Beschränkungen zugelassen werden sollen. Die Regierungsvorlage will, daß'in solchen Nothfällen die höhere Verwaltungsbehörde das Recht haben soll, auf die Dauer von 4 Wochen Dispense eintreten zu lassen, für längere Zeit soll dazu nur der Reichskanzler befugt sein. Die Debatte über den Paragraphen ist eine sehr konfuse. Man kommt ans den Mißverständnissen gar nicht heraus und weiß namentlich nicht, wo die Ausnahmsbefugnisse in dem einen Absah anfangen und in dem andern aufhören. Wenn das schon bei der B e r a t h u n g des Gesetzes der Fall ist, wie wird es erst bei dessen Anwendung norden!— Nach einigen aufklärenden Bemerkungen des Handelsministers wird der Paragraph in der Fassung der Regierungsvorlage mit einigen redaktionellen Aenderungen, die v. Stumm beantragt hatte, angenommen. Von Ausnahmen ist auch wieder im Z 139 a die Rede Es handelt sich im Absatz 1 darum, die Verwendung von Ar- beiterinnen, sowie von jugendlichen Arbeitern für gewisse Fabri- kationszweige, welche mit besonderen Gefahren für Gesundheit oder Sittlichkeit verbunden sind, gänzlich zu untersagen oder von besonderen Bedingungen abhängig zü mächen. Hierzu liegt Widder ein nationalliberaler Antrag(Möller) vor, wonach die Berufs- genossenschaften hierüber gehört werden sollen. Referent und Korreferent erklären sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, dagegen, während Herr Möller lebhaft für die Berufsgenossen- sckaften eintritt und denselben ein nach unserer Ansicht stark über- triebenes Lob errheilt. Er hält es für nöthig, seinen Antrag an- zunehmen, damit die betr. Industriellen„beruhigt" werden.(Die Beruhigung der Arbeiter über neue Belastungen ic., welche die Gesetze mit sich bringen, hat von den Herren noch keiner für nöthig gehalten. Geheimrath Lohmann erklärt sich gegen den Antrag, ebenso Herr von Stumm, der zwar die Herein- ziehung der Berufsgenossenschasten in das Gesetz für zu- lässig, in diesem Falle aber für nnzweckmäßig hält. Der'Antrag Möller wird hierauf zurückgezogen und Absatz 1 einstimmig angenommen. ■ Der Absatz 2 will im Gegensatz zu Absatz 1 dem Vundesrath die Befugniß geben, die Verwendung von Frauenarbeit aus zu- dehnen. Der Wortlaut ist folgender:„die Verivendung von Arbeiterinnen über 16 Jahre in der Nachtzeit für gewisse Fabri- kationszweige, in welchen sie bisher üblich war, unter den durch die Rücksicht auf Gesundheit uno Sittlichkeit gebotenen Bedin- gungen zu gestatten." Von fortschrittlicher und sozialdemokra- tischer Seite wird die Streichung dieses Absatzes verlangt. v. Kleist-Retzow erklärt sich sehr energisch gegen die Nachtarbeit der Arbeiterinnen. Wöllmer, sowie Grillenberger, plaidiren für die Streichung, Ober-Regierungsrath Königs und v. Stumm dagegen, letzterer geht sogar so weit, zu beantragen, daß die Worte:„in welcher sie bisher üblich war" gestrichen werden sollen, so daß der ganze, ohnehin so magere Schutz, der den Frauen in vorausgegangenen Paragraphen gewährt wird, wieder illusorisch gemacht werden könnte. Hitze findet auch, daß die Streichung des Abs. 2 möglich ist. Uebergangsbestimmungen für die schlesische Montanindustrie, in der Frauen-Nachtarbeit noch eine Zeit lang„nöthig" sein soll, könnten gesondert getroffen werden. fandelsimnistcr v. Berlepsch giebt zu, daß es wünschens- erscheinen könne, den Abs. 2 aus dem Gesetz zu beseitigen, „schänden" aber, wie Herr v. Kleist gemeint, werde die Bestim- mung das Gesetz nicht. Es müsse aber ein anderer Weg gefunden werden, um Betriebe, wo die Nachtarbeit von Frauen noch nicht entbehrt werden könne— und dazu rechnet er vorwiegend die oberschlesische Bergwerksindustrie— vor allzu großer Schädigung zu bewahren. Er wolle heute geg«» die Streichung keinen erheb- lichen Widerspruch erheben, er müsse aber ersuchen, daß dann in der zweiten Lesung in anderer Form eine Ausnahme für die ge- nannten Betriebe zugelassen werde.— Dr. Hirsch und v. P u t t k a m e r erklaren sich ebenfalls für die Streichung.— L e t o ch a giebt einige Aufschlüsse über die Arbetterverhältnisse in der oberschlesische» Montauindustrie; es sei dort Mangel an Arbeitskräften, hauptsächlich infolge der Ausweisungen von in der Absicht, ihn später abzuholen, damit er seinen Onkel und seine Tante umarmte. Der Leichenwagen wollte noch immer nicht kommen und Denise, sehr bewegt, blickte auf die brennenden Wachs- kerzen, als sie bei dem Klang einer hinter ihr vernehmbaren Stimme zusammenfuhr. Es war Bourras. Er rief durch einen Wink einen gegenüberstehenden Kastanienhändler herbei und sagte ihm: — Ich bitte Sie, mein lieber Vigourcux, thun Sie mir den Gefallen, auf meine Boutik aufzupassen, die ich einen Augenblick schließen will. Wenn Jemand kommen will, sagen Sie ihm, daß er später kommen möchte. Das wird Ihnen nicht viele Mühe verursachen, denn es wird wohl schwerlich Jemand kommen. Dann stellte er sich unter die Uebrigen und wartete. — Ha, die Elenden, brunimte er, sie wollen nicht ein- mal, das; nian sie wegführe! Er sagte dies, weil der Leichenwagen, der endlich an- kam, vor dem„Glück der Damen" mit einen Wagen des Hauses zusammenstieß, der in dem prächtigen Trab seiner beiden Pferde sich eben in Bewegung setzte. Der Leichenwagen setzte sich langsam in Bewegung; als derselbe mit dem weißdrapirten Sarge über den Gaillon- platz fuhr, versenkten die Leidtragenden noch einmal ihre Blicke hinter die Anslagscheiben dieses großen Magazins. Baudu folgte dein Wagen mit einem schweren und mechanischen Gang; er hatte den Arm Jeans abgelehnt, der neben ihm ging. Nach den Leidtragenden folgten drei Trauerwagen. Als man durch die Rue Neuve des petis champs kam, schloß sich Nobinean, der sehr bleich und gealtert aussah, dem Zuge an. In der Kirche zu Sankt Rochus warteten viele Leute, die kleinen Krämerinnen des Stadtviertels, welche sich nicht in das Gedränge vor dem Sterbehause mengen wollten. Die Demonstration ward schier zum Aufruhr und als nach dem Todtenamt der Leichenzug sich wieder in Bewegung setzten, folgten demselben abermals die Männer, obwohl es ein weiter Weg war bis zum Kirchhof auf dem Montmartre. Man mußte durch die Rne Saint-Roch und ein zweites Mal vor dem.Glück der Damen" vorbei kommen. Es durch die zweite Lesung eingeräumt wird.— Referent Schmidt führt an, daß es auch auf den oberschlestschen Bergwerken nicht nöthig sei, Frauen d e s N a ch t s zu beschäftigen, v. Stumm zieht sein Amendement zurück. Der Abs. 2 wird hierauf mit allen Stimmen gegen die der Herren Möller und v. S t u m m gestrichen. Ter Abs. 3 lautet:„Der Vundesrath ist ermächtigt, für Spinnereien, für Fabriken, welche mit ununterbrochenem Feuer betrieben werden, oder welche sonst durch die Art des Betriebes auf eine regelmäßige Tag- und Nachtarbeit angewiesen sind, so- wie für solche Fabriken und Werkstätten, deren Betrieb eine Ein- theilung in regelmäßige Arbeitsschichten von gleicher Dauer nicht !estattet oder seiner Natur nach auf bestimmte Jahreszeiten be- chränkt ist, Ausnahmen von den in§§ 185 Abs. 2—4, 136, 137 !lbs. 1—3 vorgesehenen Bestimmungen nachzulassen. Jedoch darf in olchen Fällen die Arbeitszeit für Kinder die Dauer von ZS Stunden, für junge Leute die Dauer von 60 Stunden, in Spinnereien von 64, m Ziegeleien von 69 Stunden wöchentlich nicht überschreiten." Der Referent Schmidt verwahrt sich mit Recht dagegen, daß den Spinnereien immer noch eine Ausnahmestellung eilige- räumt werde» soll, Die Arbeit in diesen Fabriken sei durchaus nicht so leicht, wie es häufig hingestellt wird, sie erfordert große Aufmerksamkeit und muß unter einem nervenerschütternden Lärm verrichtet werden. Er beantragt, die Spinnereien zu streichen. Dasselbe beantragt v. K l e i st- R e tz o w. Hitze bricht eine Lanze für die Bevorzugung der Spinnereien. Die Berathung wird hier abgebrochen und dem Präside! überlassen, die nächste Sitzung anzuberaumen, da wegcmk'der Militärdebatte im Plenum und der durch dieselbe»öthig»Erdenden Fra'tionssihungen eine Pause von einigen Tageizrin den Kommissionsberathungen eintreten muß. Wolikisthe Aelrovficht. Grschaftsplan des Zleichstags. Arn Dienstag beginnt die zweite Berathung der Militärvorlage, welche mindestens auch noch den Mittwoch in Anspruch nehmen wird. Die Berathung in der Budgetkommission über den Nachtragsekat, betreffend Gehaltsverbesserungen dürfte am Montag zum Abschluß gelangen. Die Forderung für Ostafrika steht schon seit einigen Tagen auf der Tagesordnung zur dritten Berathung. Nach alledem würde es möglich sein, bis spätestens Donnerstag, den 3. Juli, die Vertagung des Reichstags bis zum Herbst berbcizuführen, wenn nicht die Vorlage des Nachtragsetats, die jetzt noch im Vundesrath steckt, sich länger verzögert. Dieser Nachtragsetat betrifft bekanntlicy die Ausführung der Militärvorlage und einige andere neue Positionen. Je mehr sich das Kozlattstengefest seinem Ende nähert. desto mehr wenden die sächsischen Behöroen wieder diejenigen Mittelchen an, mit welchen sie vor Erlaß des Ausnahmegesetzes doch so herzlich wenig erzielt haben. De» Versammlungsverboten auf Grund des Vereinsgesetzes schließen sich jetzt die Aus Weisungen an. So wurde am Mittwoch dem Zigarren- arbeiter L e w y, der wegen eines Flugblattes seine sechsmonat- liche Gefängnißstrafe seit kurzen« verbüßt hat, mitgetheilt, daß er die Stadt binnen drei Tagen zu verlassen habe. Bei dieser Ge- legenheit wurde ihm auch wieder das„Formular 22", das als längst abgeschafft galt, eingehändigt. Dieser gedruckte Zettel, der den Ausgewiesenen eingehändigt wird, verwarnt dieselben vor „zweck- und obdachlosen« Umhertreiben, vor Einschleichen, sowie unbefugtein Nächtigen in fremde«» Räumen und vor Völlerei". Auch der von Dresden ausgewiesene Reichstagsabgeordnete, unser cht verstorbener Freund Max Kays er, erhielt seiner Zeit das „Formular 22", und es kam aus diesem Anlasse selbst in, Reichs- tage zur Besprechinig. Der sächsische Vertreter beim Bundesrath erntete damals nichts»vcniger als Lorbeeren. Wenn die Be- Hörden trotz der damaligen Debatten und trotzdein noch nieinals ein ausgeiviesener Sozialist zum Stromer geivorden ist, dieses Formular iinmer«vieder Sozialdeinokraten verabreicht, so ist das ein treffendes Zeichen der Achtung vor der Volksver- tretung. Der Piulttritt des Finanzniinisters von Scholz steht, wie die Abendblätter übereinstimmend melden, unmittelbar bevor. An eine Stelle kommt irgend ein nationalliberaler Abgeordneter, der die bevorstehenden großen Stenerbelastungen dem Volke mund- gerecht machen soll. Eine Entschädigung für Annahme der Militärvorlage verlangt die„Köln. Volksztg." im Ressort des KultusininisterimnS. Es könne ein verhängnißvoller Rückschlag in der Zentrunispartei nicht ausbleiben, wenn die Neberzeuglnig Boden geivönne, daß namentlich im Gebiet von Kirche und Schule alles beiin Alten bleiben solle.— Danach würoe also die Annahme der Militär- vorläge seitens der Zentrunispartei sich als Vorschußzahlung auf Konzessionen der Regierung im Gebiete jdes Schul- und Kirchen- wesens hinstellen. war gleichsam ein Bann, es war, als würde die Leiche des Mädchens um das ganze Magazin herumgeführt werden, wie das erste Opfer, welches zur Zeit einer Revolution unter den Kugeln fällt. Denise, von unendlicher Trauer erfüllt, bestieg einen Wagen, iveil sie nicht mehr weiter gehen konnte. In der Rue du Dix Decembre vor den Gerüsten der neuen Fa?ade, mußte man still halten; hier stockte der Verkehr. Das Mädchen blickte zum Wagenjchlag hinaus und sah Bourras mit seinem schlechten Beine hinter ihrem Wagen einher- hinken. Der arme Alte wird ja niemals den Friedhof er- reichen. Er erhob jetzt den Kopf und blickte sie an. Dann stieg er ein. — Die verdammten Knieen, sagte er, ich komme nicht vorivärts, bleiben Sie nur, Sie brauchen nicht»veiter zu rücken. Sie sirnd ihn freundschaftlich und wüthend zugleich, ganz»vie ehemals. Er brummte und'sagte, der verteufelte Baudu sei ein gar kräftiger Mensch, wem; er nach solchen Schlägen, die er empfangen, noch zu Fuß gehen könne. Der Leichenzug hatte sich wieder langsam in Gang gesetzt illrd als sie hinausblickte, sah sie in der That den Onkel hinter dem Leichcmvagen in schiverem Gang einher- schreiten. Sie lehnte sich nun in die Ecke zurück und hörte das Gebrumme des Alten an, während des endlosen Schüttelns des Wagens. — Wie kommt es nur, das die Polizei den Verkehr nicht frei macht? Seit mehr als 18 Monaten versperren sie uns den Weg mit ihrer Fa?ade, wo neulich»vieder ein Mensch u»ns Leben gekommen ist... Wenn diese Leute sich noch «veiter ausbreiten wollen, so»Verden sie über die Straßen hinweg- Brücken bauen müssen... Man erzählt sich, daß es 2700 Angestellte im Hause giebt, und daß nn letzten Jahre hundert Millionen umgesetzt»vurden... 100 Millionen, du lieber Gott, 100 Millionen! Deniff hatte nichts zu sagen. Der Leichenzug hatte die Chaussee d'Antin erreicht,»vo er durch das Geivühl aufge- halten wurde. Bourras fuhr in seinem Gejammer fort. Er begriff Tag für Tag fast bettelt Fürst Bismarck in den Nachr." um ein Reichstagsmandat. Eben jetzt läßt er astigesichl» der Vakanz in Prenzlau-Angsmüiide erklären, daß er ein Reichs tagsmandat nur akzeptiren»vürde, weil er voraussetze, aus Grm>° seiner Prinzipien und Anschauungen die neue Regierung unter- stützen zu können. Nur in einzelnen Fragen»vürde er eine at» »veichende Meinung äußern, wenn ihm dies nothweisdig und NutzuA erscheinen sollte.— Aber was hilft dies alles. Minister Herrsurl-i »vill seinen früheren Chef nicht in Berlin wiedersehen, meint die »Freis. Ztg.". Die Kartellparteien, die Fürst Bismarck alles vn- danken,»vollen es erst recht nicht. Jeder beliebige Landrath äs ihnen als Reichstagsabgeordneter lieber als der viel gefeierte Futz« Bismarck. Will sich denn in Prenzlau-Angermünde nicht weiug- stens eine kleine Schaar von Bismarckgetreuen des Kanzler- ivenigstens als Zählkandidaten erbarmen? Die Kelgoläuder scheinen über ihre Vereinigung mit Deutschland nicht sonderlich erbaut zü sein. Nach einem Ten- gramm der Hamburger„Reforin" einpfingen sie am Freitag Liach- mittag den aus London zurückkehrenden englischen Gouverneur"» demonstrativer Weise mit Kanonensalutschüssen und unter A°- stnglmg der Nationalhymne. Schiffe und Häuser hatten geflaggt Derselbe Korrespondent meldet auch, die Uebergabe Helgoland- ,vürde„-Ooraussichtlich im Oktober stattfinden. Die Helgoländer wüpfchien nicht zu Schleswig geschlagen zu werden, sondern seldfl- ig zu werden. Der Erlaß an die Hamburger Arntenpfieger, betr. ie Streikenden, hat in der Presse, sogar in der„Köln. Ztg-- eine derartige Kritik erfahren, daß nun auf eimnal Niemand Urheber derselben sein möchte. In de«,„Hamb. Nachr." ist jcP folgende, jedenfalls von„Oben" inspirirte Erklärung: ist durchaus unrichtig, daß die fragliche Maßregel vom Senat aus- gegangen ist. Es ist vielmehr eine Änordilung, welche die Armen- verivaltung innerhalb ihrer Zuständigkeit selbstständia zur In- struktion ihrer Organe getroffen hat. Auch geht der Inhalt der Anordnung nicht etwa dahin, daß eventuell gegen jeden Streiker, dessen Familie durch sein Streiken dein Armenwesen und den Staatskosten zur Last fällt, vorzugehen sei, sondern nur dahin, daß ein Streikender, der ,n»lthivillig seinen Erwerb von rn weist, sich um irgend einen anderen Erwerb nicht kümmert, sondern sich geflissentlich dein Mäßiggang hingiebt und dein Staat seine Familie zuin Unterhalt ailfbürdet, nach§ 361, 6 zu verfolgen sei. Die Annenverivaltung hat nichts weiter gethan, als innerhalb ihrer Zuständigkeit die Äufmerffainkeit der Polizeibehörde auf ein solches Verhalten zu richten. Findet die Polizeibehörde nach näherer Ermittelung des einzelnen Falles den- selben geeignet, zur Erwägung der Staatsanwaltschaft gebrach» zu»verden, so steht letzterer wiederum das Ermessen zu, ob sie die Sache mit Bezug auf§ 361, 5 St.-G.-B. geeignet findet, den» Gerichte vorgelegt zu»verdeN oder nicht. Daß hierin eine Wer- schiebnng der Grenzen der gesetzgebenden und richterlichen Ge- ivalt liegen, ist nicht zuzugeben. Wie manche Paragraphen des St.-G.-B. sind in ihrer Anwendung auf den einzelnen Fall zweifelhaft, so daß der Staatsanwalt und das Gericht ihre Bus- fassung und Auslegung des Gesetzes nothwendig geltend machen müssen. Es möchte doch mindestens ziveifelhast sein, ob nicht der Z 361 auf einen Streiker, der gestissentlich und frivol faullenz» mit dem Gedenken, der Staat soll die Sorge für seine Familie übernehmen, anzuwenden. Er handelt dolos, der Müßiggänger aus Völlerei nur schwach und fahrlässig." Hierzu bemerkt das „Hamb. Echo", daß in der Deputation für das Armenwesen Senator von Melle, daß im Armenkollegium selbst die Sena- toren Hachmann und Schemniann sitzen, und daß es sehr unwahrscheinlich ist, daß eine derartige prinzipiell wichtige An- ordnung ohne Wissen oder Mitwirkung dieser Senatoren getroffen worden. Daß die„Nachrichten" oder vielmehr Diejenigen, welche diese Erklärung veranlaßten, die Streikenden für Müßiggänger halten und sie auf eine tiefere Moralstnse stellen, als Trunken- bolde, entspricht ganz der Anschauungsweise dieser Kreise. Eine durch den Trunk verkommene Bevölkerung besitzt ja keine Wider- standskroft, ist ein gefügiges und leicht zu befriedigendes Werk- zeug des Kapitalismus, also diesem sehr angenehm; die Hamburger Arbeiter aber sind unbeugsam in Wahrung und Erkämpfung ihrer Rechte, also unbequem und von der prositwüthigen Bour- geoisie gehaßt.— Auf die juristische» Deduktionen der Erklärung einzugehen, verlohnt sich nicht. Recht haben die„Nachrichten allerdings in dem Satze, daß Staatsanwalt und Gerichte ihre Auslegung der Gesetzesparagraphen geltend machen. Davon haben»vir in Hamburg schon Proben gehabt. Als unbefugtrs Kolleirtirrn erkannte das Kammergericht in einer am Donnerstag gefällten E»iffcheidung das Einsmnmew eines in seiner Höhe beliebigen Eintrittgeldes ohne besondere Ge- nehmigung bei dem Besuch einer Versammlung. Es handelt sich um die Einberufer einer öffentliche» Schuhmacher-Versaminlung in Köln, welche von den Erschienenen ein dem Belieben anHeini- gestelltes Eintrittsgeld eingesammelt hatten, und deswegen, da sie die Erlaubniß des Oberpräsidenten nicht eingeholt hatten, resp- unbefugten Kollektirens in erster Instanz verurtheilt, vom Berufs- richter aber, der ein derartiges Einsamnleln nicht als unter den Begriff einer Kollekte fallend erachtete, freigesprochen worden waren. Die Staatsanwaltschaft legte hiergegen Revision ein, worauf sich das Kammergericht der Ansicht des ersten Richters noch immer nicht den Triumph des„Glücks der Damen", obgleich er den Niedergang des alten Handels eingestand. — Auch der Robineau ist weg, er sieht aus, wie ein Mann, der ins Wasser springen will und die Bedorres und die Vanpouille halten sich kauin mehr aufrecht, sie wackeln gai»z so wie ich. Deligniere wird eines Tages vom Schlage gerührt werden, Picot u»»d Rivoire sind von der Gelbsucht ergriffen. Ach, es ist ein Haufen Trümmer, wel- cher dem armen Kinde das letzte Geleite giebt. Es muß ein lustiger Anblick sein, dieses Defile von Vankerott-Kandi- dateu. Diese Schurken errichten jetzt sogar Abtheilungcn für Blinnen, Modeartikel, Parfümerie, Beschuhung, was weiß ich. Grognet, der Parsümeur der Rne de Gramniont kann ausziehen und kür das Schuhgeschäft Rand in der Rue d'Antin gebe ich keine 10 Franks. Die Seuche reicht bis in die Rue Saint- Anne,»vo Lacassagnae, welcher Blumen und Federn führt und Madame Chadcuil, deren Hüte in ganz Paris bekannt find, sicherlich»oeggefegt werden..- Und nach diesen konunen Andere, immer Neue und Nene, alle Geschäfte des ganzen Stadtviertels werden zu Grunde gehen... Wenn solche Ellenritter emmal anfangen, Seifen und Galoschen zu verkaufe»», so können sie auch den Ehrgeiz besitzen, gebratene Kartoffeln zu verkaufen. Meiner Treu, die ganze Erde kracht in ihren Fugen. Der Zug ka»n jetzt über den Dreifaltigkeitsplatz und von ihrem dunklen Winkel aus, in welchen Denise sich zurück- gelehnt hatte,»vährend sie das Gejainmer des Alten anhörte, komite sie jetzt den Leichenwagen sehen, welcher den Abha»»g der Rue blanche hinanklomm. Hinter dem Oheim, der stiunm einherging, niarschirte diese ganze Menge, und es war, als»vürde eine dem Tode geiveihte Heerde zur Schlachtbank geführt»verde»». — Ich, meinerseits»veiß, was ich thun»verde, fufst Bourras fort. Ich habe ihn noch immer in meiner Faust und werde ihn»ücht loslassen. In der Appellation hat er den Prozeß verloren. Hah, es hat mich z,vei Jahre gekostet und Geld genug, aber das thnt nichts, über»neine Boutik »vird er nicht hinweggehen. Die Richter haben entschiede»», daß eine solche Arbeit nicht den Charakter einer Reparatur habe. Man stelle sich vor: er hatte die Idee, unter anschloß und jeden der Auaellagten zu einer Mark Geldstrafe vcrurtheilte. Der Uerbaudstag westfiilischer Zchuhmacher- In UNnge» hat eine Petition an den Reichstag beschlossen, dag eine allgemeine Maschinensteuer für den mechanischen Fabrikbetrieb eingeführt und der Ertrag dieser Steuer den einzelnen Bundes- staatcn mit der Bestimmung überwiesen werde, denselben zur Entlastung des Kleinbetriebes durch Aushebung der Gewerbe resp. Erwerbssteuer zu verwenden. Man sollte es kaum für möglich halten, daß unsere Klein- gewerbetreibenden im Ernste noch glauben können, ihnen sei durch solche kleinliche und engherzige Mittelchen zu helfen. Vielleicht kommen sie noch einmal auf die geniale Idee, die An- Wendung der Maschinen verbieten zu wollen. Im lUahIhrciö Prrttslnn-Angeriniind« ist von. den Sozialdemokraten Genosse Wildberger- Berlin aufgestellt worden. Wrirzon, den 18. Juni. Am 12. er. spielte sich vor dem hiesigen Schöffengericht der erste politische Prozeß ab. Ein Herr v. Jena hatte durch das Oberbarnimcr Kreisblatt die Sozialdemokraten des Kreises herausgefordert, denn er hatte sie des Hochverraths beschuldigt. Herr R. Salomon richtete sofort an den Autor dieses Schriftstückes einen Brief, in welchem er in derben Worten dem Herrn v. Jena den Kopf wusch. In diesem Briefe wurden nun vier Beleidigungen gefunden. Eine Wider- klage lehnte der Gerichtshof ab, nur Herr Salomon wurde für die Beleidigungen zu drei Tagen Hast verurtheilt. Der Gerichts- 'Hof glaubte von einer Geldstrafe absehen zu müssen, weil diese die Partei bezahle und somit der Beklagte nicht getroffen werde. Eins jener Urtheile, wie sie in letzter Zeit so häufig ausgesprochen worden sind. Ein nobler Krtrnger. Machte da jüngst in Zürich ein Mensch in Betrügereien. Richt mit Kleinigkeiten gab er sich ab, das wäre zu plebejisch gewesen, seine Betrügereien gingen hoch in die Tausende. Nun liest man in der„Allg. Schw. Ztg.": Der Schaden, welcher durch die Betrügereien des Herrn Dr. Wuhr- mann angerichtet wurde, soll laut„N. Z. Ztg." gedeckt sein zc. w. Das letztere zu erfahren, wird natürlich Jedermann Freude bereiten und bei der Strafausmessung in günstige Anrechnung kommen. Was uns aber bei dieser Notiz interessirt und gaudirt, demerkt ein Schweizer Arbeiterülatt treffend, ist die zarte Be- Handlung des Herrn Betrügers durch die christlich fromme„Allgem. Schweitzer Ztg." Stiehlt oder betrügt ein armer Teufel ein paar Fränk- lein,— vielleicht nur aus purer Roth, so wird das arme Menschenkind zum Abschaum der Menschheit geworfen; die Schale des Zorns und der Berachtung wird über ihn ausgeschüttet. Oder hat man je in der„Allg. Schw. Ztg."'eine Notiz gesunden etwa des In- Halts:„Herr X. X. hat seinen Prinzipal um 5 Fr. betrogen"? — Gewiß nicht. Aber betrüge um 50 000 Fr. und die„Allg. Schw. Ztg." nennt dich: Herr Betrüger. Es füllt hier nicht ins 'Gewicht, daß obiger Dr. W. ein Hauptgönner des„Zürcher Stadtboten" von den: bekannten Attenhofer ist. Nein, nein, so groß auch die Theilnahine der„Allg. Schw. Ztg." wegen letzterer Eigenschaften des Dr. W. für denselben ist, das allein Hütte nicht hingereicht, ihn zn einem Herrn Betrüger zu machen; seine Groß- artigkeit im Betrügen verschafft ihm bei der„Allg. Schw. Ztg." die Respektubilität. Das ist für uns Sozialdemokraten jedenfalls sehr lehrreich und für diesen uns gestatteten Einblick in ihre christ- lich-Ionservative Anschauung müssen wir den Herren der„Allg. Schw. Ztg." nur dankbar sein. Ans Sachse,« schreibt man uns: Die sächsischen Kartell brüder zeichnen sich vor denen des übrigen Deutschland durch zwei Eigenschaften ans: erstens haben sie die lautesten Stimmen, wenn es gilt: Wir sürchteit Gott, sonst nichts auf der Welt! in die Welt hinauszuhurrahen; und zweitens find sie die größten-Hasenfuße. Derjenige sächsische Kartell- bruder, bei dem diese zivei Eigenschaften aber in vollendetster Weise zur Entmickelung gelangt sind, ist der Freiherr von Friesen, Vorsitzender des konservativen Vereins und wohl- bestallter Reichstags- Abgeordneter. Als Vorsitzender des konservativen, ganz Sachsen umspannenden Vereins, der jedoch die Schlingen und Fußangeln des sächsischen Vereins- gesetzes nicht zu fürchten braucht, hat dieser Müsterkartellbruder jüngst einen Aufruf erlassen, in ivelchem er mit der Phantasie eines jesuitischeil Missionsbrndcrs die Schrecknisse ausmalt, die über das Niiglückliche Deutschland im Allgemeinen und das arme Vlünichen-Kasfeeland im Besonderen hereinbrechen werden, wenn die Horden der ausgeiviesenen Sozialisten sich nach Leipzig zurück ergießen und das Sozialistengesetz seine schirmenden Fittiche nicht länger über die zitternden Rcichsküchlein hält, die von dem siMtbaren Stoßhabicht Sozialdemokratie bedroht sind. Die Sündfluth kommt— die allgCtUejue Auflösung— der allgemeine Umsturz. Alles ist verloren. Nur eine Möglichkeit der Rettung be- steht: die zitternden Rcichsküchlein schließen sich zu einem großen, großen— ich hätte bald gesagt: Brei, nein— Klumpen zusammen, zu einem Klumpen so groß, daß er von dem Stoßhabicht nicht verschluckt werden kann— welches entsetz- meiner Boutik einen beleuchteten Salon zu errichten, damit Jedermann in der Lage sei, die Farbe der Stoffe bei Gaslicht zu beurtheilen; durch diesen unter- irdischen beleuchteten Salon wollte er die Abtheilnngen fiir Wirkwaareu und für Tuch verbinden. Und nun kommt er auS der Wuth nicht heraus, er kann den Gedanken nicht verwinden, daß ein alter Invalide, wie ich, ihm den Weg versperrt, während die ganze Welt vor feinem Gelde ans deii Knieen liegt. Nnii ich will nicht, inemals..Rogtich, daß ich auf dem Platze bleibe. Seitdem ich mit den Huissiers zu thun habe, erfuhr ich, daß der �umpenkerl meinen Schulden nachgeht. Ohne Zweifel will er mir irgend einen bösen Streich spielen. Aber das thut nichts, er sagt: ja, ich sage: nein und werde ncln sagen, bis man Mich zwischen vier Bretter eiiiiiagelt wie die Kleine, die man jetzt hnnnwmhü.� � Clich», angekommen, rollte der Wagen etwas rascher; man merkcA die Hast �des Zirges, welcher ein Ende machen wollte.' Wa» Bourra» nicht eingestehen wollte, das war das schwarze Elend, t» welches er versunken war, die ewige Sorge luftcr dem Hagel von (Fortsetzung folgt.) liche Schicksal den vereinzelten Reichsküchlein unzweifelhaft zu Theil wurde. Die Neichsküchlein müssen sich rüsten, müssen wachsam sein— denn der böse Feind wacht—, sie müssen sich organisireii, Vereine gründen, Versammlungen halten— aber Alles hübsch hinter verschlossenen Thüren. Genug— wenn unser freiherrliche Angstmeier die sächsischen Kartellbrüder retten muß, dann sind sie verloren Und sie sind's! Dieser Freiherr von Friesen ist beiläufig derselbe junkerliche Petrefakt, das in seinem Wahlaufruf dem Reichstag bloß eine bcrathende Stimme geben, und die deutsche Volks- Vertretung also auf das Niveau des russischen Senats herab- drücken wollte. Und daß er seitdem nichts gelernt hat, dafür bürgt sein neuester Aufruf, dessen Bedeutung bloß eine symptomatische ist. Folgen wird er ja nicht haben. Uebrigens auch in unseren Regierungskreisen sieht man noch immer dem 1. Oktober mit tiefsten Besorgnissen ent- gegen. Es ist wirklich merkwürdig, welche Veränderungen in Menschen vor sich gehen können. Bis zum Jahre 1881 dachte kein Polizei-, Justiz- und Regierungsbcamter in ganz Sachsen daran, daß der„kleine Belagerungszustand" nothwendig sei, und heute erscheint ihnen der„kleine" als der Stecken und Stab, ohne den sie sich und den Staat nicht auf den Beinen halten können. Die Furcht ist zwar sprich- wörtlich ein schlechter Rathgeber, dafür ist sie aber ein um so stärkerer. Wen sie einmal gepackt hat, den hält sie mit tausend Armen umsaßt und läßt ihn so leicht nicht wieder los.— Frankreich. Paris, 21. Juni. Deputirten kämme r. Der Be- richt über die Petitionen der Inhaber von Pananiakanal- Aktien uno Obligationen schließt mit dem Antrage, die Petitionen dem Minister zu überweisen. Le Provost de Launay meint, man müsse Licht in diese Sache bringen, namentlich im Interesse der kleinen Leute, welche ihre Ersparnisse in dem Unternehmen an- gelegt hätten. Gauthier befürwortet den Antrag des Berichts, da die öffentlichen Gewalten der Panama- Angelegenheit nicht gleichgiliig gegenüberstehen dürften. Justizimmster Fallivres erwidert, die öffentlichen Gewalten hätten sich niemals mit diesem Unternehmen solidarisch erklärt, doch sei die Regierung bei dem hereingebrochenen Unglück nicht theitnahmslos geblieben. In einigen Tagen würde der Liquidator in der Lage sein, einen Be- richt über den Stand der ganzen Sache vorzulegen. Wennsich heraus- stellen sollte, daß Personen zur Berantwortung zu ziehen seien, so würde er(der Minister) gegebenen Falles einschreiten. Außerdem akzeptirt der Minister die Üeberiveisung der Petitionen, ohne daß jedoch dadurch der Regierung irgend eine Verantwortlichkeit zu> falle. Die Kammer nahm hierauf mit großer Majorität die Vev Weisung der Petitionen an den Justizminister an. Deloncle richtet an die Regierung eine Anfrage über die durch den dcutsch-englischen Vertrag in Sansibar hergestellte Lage und bemerkt, daß die von England und Frankreich im Jahre 1882 unterzeichnete Erklärung nicht aufgehört habe, in Kraft zu sein. Seitens Frankreichs sei nichts getha», nichts gesagt worden, was glauben machen könne, daß es den Festsetzungen dieser Erklärung entsage. England dürfe dieselben also nicht verletzen und, bevor es das Protektorat über Sansibar übernehme, müsse es die Zu- stimmung Frankreichs einholen. Der Minister des Zluswärtiaen Ribot antwortete, auf der Kongo-Konferenz in Berlin habe sich jede Macht verpflichtet, den anderen Staaten davon Mittheilung zu machen, wenn sie ein Protektorat in Afrika übernehmen wolle. England werde diese Verpflich tung um so weitiger verletzen, als es das Uebereinkommen von 1862 unterzeichnet habe, durch welches es sich verpflichtet habe, die Unabhängigkeit Sansibars zu achten. England dürfte also nichts in dieser Hinsicht unternehmen ohne vorher erzieltes Einuerstäiidniß mit Frankreich. Die Regierung habe keine be- zügliche Mittheilung seitens Englands erhalten, mit dem sie unter vollständiger Wahrung ihrer Rechte die besten Beziehungen aufrecht zu erhalten wünsche. Im Uebrigen könne man nicht durch Erklärungen von der Rednertribüne herab mit einer Macht in Unterhandlung treten.(Beifall.) Deloncle dankte dem Minister für seine Mittheilungen. Kelgien. Brüssel, 21. Juni. Die liberale Assoziation, von Gent veröffentlicht soeben ein Manifest, durch welches über die Pro- gressisten infolge ihres mit den Sozialisten abgeschlossenen Bünd- nisses der Ausschluß verhängt und worin die sozialistische Partei als zu Unordnungen und zur Anarchie führend(!) bezeichnet tvird. Ihrerseits veranstalten die Progressisten gemeinsam mit den Sozialisten mehrere neue Volksversammlungen wegen der Frage des allgemeinen Wahlrechts. Die vorauszusehende Spal tung unter den Liberalen ist somit Thatsache geworden. Syrtttie». Madrid, 22. Juni. Die Deputirtenkammer genehmigte ein Amendement zu dem Budget, durch welches die Regierung er- mächtigt wird, die Zolltarife zu revidiren, je nachdem die Jnter- essen des Landes solches wünschenswerth erscheinen lassen. Stach einer Meldung aus dem Dorfe Fenollet in der Provinz Valencia sollen dort ebenfalls fünf Cholerasälle vorgekommen sein, von denen einer tödtlich verlies. Madrid, 23, Juni. Seit den letzten telegraphischen Nach- richten sind in Puebla de Rugat eine Erkrankung und ein Todes- all, in Montichelvo 2 Erkrankungen und ein Todesfall und in Benigamin weder Todesfälle noch Erkrankungen vorgekommen. Die technische Kommission, die nach Malaga geschickt worden, erklärt, daß die Krankheit, die verdächtig erschien, nur Jnfektions- Fieber war, daß kein Grund zur Annahme vorliegt, es sei das zelbe Fieber, und daß, da keine Erkrankungen weiter stattge- unden, eine Jsolirung des Krankenhauses nicht nöthig sei. Aus Moratalla(Provinz Murzia) werden mehrere bedenkliche Erkrankungen gemeldet.— In Catalonien sind zahlreiche Fabriken in Folge Arbeitseinstellungen geschlossen worden. Gegen 10 000 Arbeiter sind ohne Beschästignug. R«ß!and. Der Gouverneur von B o l o g d a hat die Verfasserin des viel besprochenen offenen Schreibens an den Zaren, Frau Tschbrikova, in Uarensk, einem kleine», ungefähr 1000 Einwohner zählenden, am Flusse Aarenga im Nordosten des Gou- vernements liegenden Orte, internirt. Das Städtchen ist 1200 Werst von Moskau und 1500 von St. Petersburg eutsernt. Seit einiger Zeit ist die kleine Strafkolonie, welche früher in Schenknrsk bestand, dorthin verlegt worden. Die Strafkolonie in UarenIk zählt außer Frau Tschbrikova 15 andere Gefangene. Dieselben gehören zu der sogenannten„privilegirten Klasse und erhalten 8 bis 15 Rubel monatlich für ihren Unterhalt. Tele- l�iphische Verbindung mit der Außenwelt giebt es in Aarensk nicht, selbst keine Pofi. Amerika. N e w- I o r k, 22. Juni. Nach einer Meldung des„New- Jork Herald" aus Nen-Fundland hat bei Port a Port zivischeu etwa 200 französischen und neufundlündischen Fischern etn thät- "cher Zusammenstoß stattgefunden, bei welchem auf beiden Seiten zahlreiche Personen verletzt winden. Die ftanzösischen Fischer, welche in der Minderheit waren, wurden genöthigt, sich zurück- zuziehen. DarlamsnkÄviplhss. Di« Kudgetstommissio» d«s Reichstag«!- ist in ihrer gestrigen Bormittagssttzung mit der Verathung des Nachtragsetats bezüglich der Beamtengehülter fertig geworden. Nachdem für die Beamten der Reichs-Eisenbahn-Verwaltung die beantragte Erhöhung beschlossen war, ging man dazu über, die beantragte Erhöhung der Tagegelder für die diätarisch be- schäftigten Hilfsarbeiter zu diskutiren. Hierzu beantragte Singer, den Betrag von ca. IVe Mill. mehr einzustellen und statt, wie die Regierung wünscht, Zulagen von 5 und 10 pCt., solche von 7Va und 15 pCt. zu gewähren. Singer führte aus, daß bei den niedrigen Diätensätzen, die von der Siegierung vorgeschlagene Erhöhung, dem eingetretenen Bedürfniß, der Steigerung aller Lebensverhältnisse gegenüber nicht ausreicht, um die Unzufriedenheit weiter Kreise zu beseitigen. Regierungsseitig soivie von den Vertretern der übrigen Parteien wurde der Autrag Singer's bekämpft, namentlich be- tonte der Chef der Reichspost, daß durch das Bekanntwerden des Antrages und dessen vermuthliche Ablehnung Unztffriedenheit in den betheiligten Kreisen erzeugt werde. Singer antwortete darauf, daß die Kommission ihn um diesen Erfolg sehr leicht dadurch bringen könne, daß dieselbe seinen Antrag annehme und den Diätaren und Hilfsbeamten die Gelegenheit nehme, mit den Beschlüssen unzufrieden zu sein. Der Antrag, welcher die Zulage für die Hilfs-Ünterbeamten erhöhen wollte, wurde hierauf gegen die Stimme des Antragstellers abgelehnt. Nachdem noch für das Etatsjahr 1890—91 der Betrag von 640 000 Mark für Stellenzulagen eingesetzt war, ging die Kommission auf die Berathung einiger Resolutionen ein. Die Resolution, welche die Regierung auffordert, eine Ber- Minderung der diätarischen Stellen durch Vermehrung der etats- mäßigen Stellen herbeizuführen, wurde einstimmig angenommen; ebenso die Resolution, wonach die Regierung aufgefordert wird, Altersstufen einzuführen, damit die Beamten in bestimmten Zwischenräumen in den Genuß eines höheren Gehaltes kommen. Eine von Singer beantragte Resolution, wonach der Reichstag an den Reichskanzler die Aufforderung richten sollte, dafür Sorge zu tragen, daß vom nächsten Jahr ab auch den pensionirten Be- amten, den Wittwen und Waisen der Beamten, sowie den Mi- litärinvaliden vom Feldwebel abwärts, höhere Bezüge zu Theil werden, zog der Antragsteller vorläufig zurück, weil durch den Aittrag eine Aenderung des Pensionsgesetzes nothwendig wird und diese eine besondere gesetzgeberische Aktion erfordert. Der Abg. Singer kündigt einen Antrag für das Plenum des Reichstages an, um durch Aenderung des Pensionsgesetzes es zu ermöglichen, daß auch den in wirthschaftlichem Nothstande befind- liche» pensionirten Beamten, den Hinterbliebenen Wittwen und Waisen der Beamten, sowie den Militärinvaliden eine Aufbesse- rung in dem Umfange der für die im Amt befmölicheU Personen beschlossenen Gehaltserhöhung zu Theil werde. Damit war die Aufgabe ber Kommission erledigt, der Abg. v. Stronibeck wurde zum Berichterstatter gewählt und mündliche Berichterstattung an das Plenum beschlossen. Die WahlprüfhngvKommisston beanstandete in ihrer gestrigen Sitzung die Wahlen der Abgeordneten von Münch (Vlll. Württemberg) und Pickenbach(1. Hessen). Im Falle von Münch will die Kommisston Erhebungen über die im Wahlprotest behauptete Aßgabe, daß von dein Leiter der v. Müuch'schen Brauerei in Mühringen, für. den Fall der Wahl seines Herrn, unter Hiniveis auf dessen bekannte Splendidiiät, Freibier im weitesten Umfange in Aussicht gestellt wurde. Es kam bei Gelegen» hcit dieser Entscheidung zu einer sehr interessanten Auseinander- setzung über den Umfang, den die Freibier-Spenden in den ver- schiedenen Gegenden Deutschlands angenommen haben. Unter anderem wurde dabei die Behauptung aufgestellt, daß man in Sachsen das Freibier und ähnliche Beeinflussungen gar nicht kenne, eine Angabe, der gegenüber auf das Champagnergelage m Löbau gelegentlich der letzten Wahl und auf die Schlepperdienste leistenden Leipziger Studenten verwiesen wurde, welch' letztere am Wahltag Abenv regelmäßig zu einer Freikneiperei geladen werden. — Im Falle Pickenbach gaben zu Unrecht erfolgte Aersammlungs- auflösungen den Anlaß für den Kommissionsbeschluß. Slvveikrrbs«zvMtNN. Remscheid, 21. Juni. Die ganze Ruhe und Besonnenheit, das planmäßige Vorgehen der streikenden Feilenhauer, läßt schon etzt deutlich erkennen, daß ihnen der Sieg werden muß. Sämmt- liche suchen sich irgend eine Art Beschäftigung, um nicht zu sehr die Streikkasse in Anspruch zu nehmen, was von sehr großem Vortheile und zu Gunsten des Sieges schwer in die Waagschale ällt. So sind zirka 100—120 streikende Feilenhauer in einem nahen gefällten Walde mit Meliorationsarbeiten beschäftigt. Sie, die vor kurzem noch kräftig den Hammer schwangen, gehen jetzt ebenso geschickt mit der Art und dem Beile um. Die noch vor- 'andenen Wurzeln der gefällten Bäume werden mit Stumpf und stiel ausgerottet, der Boden durchwühlt und alles dem Erdboden gleich gemacht. Im Ganzen ist ein Komplex von 2000 Ruthen zn bearbeiten. Zn je 20 bilden sie eine Kolonne. Ein mit der Sachlage nicht Vertrauter, der vielleicht nur so ober- lächlich von dem Streik gehört hat, könnte glauben, die Feilew- lauer befänden sich aus wirklichem Kriegsfuß und wollten Ver- 'chanzungen auswerfen. Duiol-nrg, 18. Juni. Die Arbeitseinstellung der hiesigen Postvacker endete heute ebenso rasch, wie sie gekommen ist. Die Männer beschwerten sich über ihre Arbeitszeit und nahmen, nach- den, von Seiten der Direktion eine bezügliche Aenderung getroffen war, bis auf vier die Thätigkeit heute wieder auf, wie der„Rh.- Ztg." geschrieben wird. Vevfanttnluirgen. De« M-vband d-ntsch-v Kordmach««(Filiale Berlin) hielt am 16. Juni seine regelmäßige Mitgliederversammlung bei Roll, Adalbertstraße, ab. Der angekündigte Vortrag über„Acht- timdentag" konnte wegen Ausbleibens der Referenten nicht statt- inden. Es ivurden an Stelle der abgegangenen Herren Kollege Brückner als Schriftführer, Kollege Kühl als Beisitzer und Kollege Haufchild als Revisor gewählt. Hieraus gelangt ein Antrag zur Annahme, wonach Arbeitgeber, ivelche dem Verband der Korb- macher(Filiale Berlin) angehören, nur Gesellen beschäftigen, welche dem Verband der Korbmacher beigetreten. Die Kontrole bleibt der Lohnkommission überlassen. Alsdann wird der Vorstand ersucht, ein Lokal ausfmdig zu machen zur Errichtung einer Her- berge mit Arbeltsnachweis und Bibliothek. Kollege Krüger weist alis die Listen, die Zählung der am 1. Mai feiernden Korb- nacher betreffend, hin. Ein Antrag des Kollegen Nier, eine Tafel ür Veremsangelegenheiten zu beschaffen, wird auf die nächste Tagesordnung gesetzt. Nachdem der Kasstrer noch auf die Sammel- listen aufmerksam gemacht, wird die Versammlung geschlossen. _ Ä6"odienrr Merlins, aufgepaßt l! Am Dienstag, den 24. d. Mts., findet bei Feuerstein, Alte Jakobsir. 75, I, eine große öffentliche Versammlung aller Hausdiener Berlins statt. Der Reichstagsabgeordnete Förster- Hamburg wird über die ver- chicdeueu Arten der Organisation sprechen. Als zweiter Punkt Besprechung über den Kongreß in Hannover. Dritter Punkt: Di, in letzter Zeit vorgekommenen Diebstähle in unserem Berufe, deren Grund und Folgen für die Kollegenschast und Stellungnahnu zu« Zentral-Streik-Kommission. Hausdiener! eine Tagesordnung, die jeden Einzelnen in di- Bersammlun treiben nrnfe, Theater. Dienstag, den 24. Juni. <�t»er»staua. Die Hugenotten. Schanspietstans. Die Copisten. berliner Theater. Mein neuer Hut. Der Krieqsplan. Deutsches Theater. Der Pfarrer von Kirchfeld. Friedrich-Milhelmstädt. Theater. Der arme Jonathan. Wattuer- Theater. Mamsell Ni- touche. Uihtoria-Theatcr. Stanley inAfrika. Ostend» Theater. Heinrich Heine. Vorher: 1733 Thlr. 22Vl Sgr. KeUeallianre- Theater. Der Nautilus. KroU's Theater. Die Jüdin. Kaufmann'» Nuriött. Große Spe- zialitäten-Vorftellung. Englischer Garten. Direktion: C. Andpeos, Alexanderstraße 27 c. Auftreten d. Liedersängerin Frl. Steinow. Austreten des Gesangshumoristen Herrn Jonas. Austreten des Komikers, Mimikers und Stimmen-Jmitators Herrn Gödicke. Auftreten der Geschwister Herzog. Austrete» des musikalischen Neger- Klown Mr. de Dells. AllbWelllellt Buggenhagen am Moritzplatz. Täglich: Grosses Garten-Concert. Direktion A. Röduian». Dienstag und Freitag: Walzer-Abend. RnfrPA Wochentags 10 Fig., £(11 Ii cc Sonn- und Festtags 25 Flg. Bei ungünstiger Witterung in den unteren Restaurationsräumen. Großer Frühstücks- und Mittagstisch. Spegial-Ausschank von Patzenhofer Export-Bier, Seidel 15 Pf. Die oberen Säle bleiben bis auf Werteres wegen Renovirung geschlossen. «41 F. MUller. Variöte-Theater. (Hasenhaide) Bemnannstr. 18— Neue Strasse 18. Im herrlichen('Zarten: Koszert, Theater- nah SVezalitateu- Vorjtellnng. Im Kaaie: BALL. Anfang 4 Uhr. Entree 20 Pf. Kinder frei! Zu Privatsestlichkeiten halte mein Etablissement empfohlen. Vassag» 1 Tr. 9 Uhr M. b. 10 Uhr Ab. Kaiser-Panorama. Heroorrag. Sehenswürdigk. d. Residenz. Eine Mandernno durch Rom. Eine bequem« Rheinreise. Eine Reise 20 Pf., Kind nur 10 Pf. Abonnement 1 M. Rheinliinillslher hwaivwagaiia Tunnel, 1 laseilriste". Elsasserstraße 7£ der Bergstraße. 1 gen.:„Die stdele Uageilriste Berlin kl., Elsasserstraße 73, � gegenüber Atelier zur Benutzung.— Jeder | Gast, auch wenn derselbe nur für 10 Pfennige verzehrt, wird gratis photographirt | und erhält sein Bild sofort als | Gratispräsent. Höchst scherzhast! H. Schnitze(mit'n tz). Einzige Keller photographie der M-lt. 1940 Allen Freunden und Genossen zur geselligen Nachricht, daß ich mit dem 1. Inti eine 2044 Deitlmgs Spedition errichten will und bitte mein Unter- nehmei��itigst�mckerstützen zu wollen. Lansiherstr. 3s, Kos im Keller. Allen Genossen empfehle mein[571 Weiß- Mi) BamWer-LM. Emil Koepnick, Schillingstr. 30 a, Ecke Magazinstraße. Echten 700 Mliünser Koru sä Fl. oxci. 75 Pf. Verl. Cetreihe-Kürnrnel 90 Ps. Zugberliqueur, Himliecrsast, beste Hegonmedizin SO Pf. dick eingekocht a Liter .,, exkl. 1,25 M. zu Partien einpfehlenswerth, a Fl. v. 1 M. an. einpfiehlt die Groß-Destillation von Lettan& Keil, SoffiflStr" an der Iiofenthalerstraße. Beschäftsschluß Abends 8 Uhr. Sonntags 1 Uhr! Große öffentliche Versammlung sammiHchea« Hausdiener BerL am Dienstag, den 34. Juni, Abends 9 Uhr, i«„Feuerstein'» Salon", Alte Jakobstraße 75, 1 Tr. Tages-Ordnung: 1.„Die verschiedenen Arten der Organisation". Llosercnt: Reichstags- Abgeordneter Förster(Hamburg). 2. Der Kongreß in Hannover. 3. Die in letzter Zeit vorgekommenen Diebstähle in unserem Berufe, ihr Grund und die Folgen für die Kollegenschaft. 4. Verschiedenes.[2118 Kollegen! Es ist Pflicht eines jeden Hausdieners, in dieser Versammlung zu erscheinen, seit Alle Mann am Platze. A. Kuhntko, Sebastianstr. 15. Große Schneider-Uerslttnmlmrg am Dienstag, den 24. Juni er., Abends 8V2 Uhr,_ ' in„Gratmeil s Sierhallen", Kommandantenstraße 77—79."0MB Tages-Ordnung: 1. Herr Schneidermeister Fasshaner auf dem„Deutschen Jnnungstag" und das Handwerk im 14. Jahrhundert und jetzt. 2. Die Geschäftspraxis der Firmen Herrn. Hoffmann, Schöndnbe, Braun und vieler Anderer dem Arbeiter gegenüber. 8. Diskussion.[2117 Es ist Pflicht aller Schneider, in der Versammlung zu erscheinen. _ Die Sirbener- Kommission. Oeffentliche Versammlung der Parauetbodenleger Berlins und Umgegend am Donnerstag, den 36. Juni er., Abend» 8 Uhr, in„Feuerstein s Lokal", Alte Jakobstraßr Ur. 75. Tages-Ordnung: 1. Beschlußfassung über die Sperre der Firma Meier Levi(Passauer Stab- und Parquetfabrik). S. Verschiedenes. 2112 Es ist Pflicht eines jeden Parquetbodenlegers, in dieser Versammlung zu erscheinen. Die Lohnkommission. des Verbandes deutscher Zimmerleute am Dkrnstag, den 34. Juni, Abends 8Vs Uhr, im„Victoria-Salon", Uerlebergerstrahe Ur. 13. Tagesordnung: 1. Vortrag des Hrn. Föns über:„Kapitalistische und sozialistische Moral." 2. Verschiedenes und Fragekasten. Wir ersuchen alle Zimmerleute, Mann für Mann zu erscheinen. 2070] Der Vorstand. Fachvevem der Tischler. Mittwoch, den 25. Juni, Abends 3- Uhr, ui Joei's(fr. Kellers) Sälen, AlldreasKr. 21: Ausserordentl. Generalversammlung. Tages-Ordnung: 1. Wie stellen wir uns z. Einführung d.Werkstatt-Vertrauenmännerstzstems? 2. Verstärkung der Werkstatt-Kontrolkommission eventuell Neukonstituirung derselben nach Branchen.[2113 3. Anträge, Vereinsangelegenheiten, Verschiedenes und Fragekasten. Der wichtigen Tagesordnung wegen sind sämmtliche Mitglieder ver- pflichtet, zu erscheinen. Mitgliedsbuch legitimirt. Der Uorstaud. Allgem-letallarbeiter-Verein Berl.u.Umgeg. Donnerstag, den SO. Juni er., Abend» 8 Uhr, bei Jordan, Ueue Grünstraße Ur. 38: Große beschließende Versammlung. Tagesordnung: 1. Vortrag. 2. Diskussion. 3. Beschlußfassung über ein im August abzuhaltendes Sommer- und ein im Dezember abzuhaltendes Stiftungsfest. 4. Antrag betreffs'Ausschließung einiger Mitglieder. 5. Verschiedenes und Fragekasten.[2 125 Die Kollegen werden dringend ersucht, recht zahlreich zu erscheinen. Oer Vorstand. Achtung Vergolder! üver die Fabrik von E. Methlow& Co., Köpnickerstr. 109a, besteht unverändert fort. Alle anstän- digen.und ehrlich denkenden Kollegen werden ersucht, diese Fabrik nach wie vor zu meiden, sowie den Zuzug nach Niederbreisig, Wesseling und Ottensen (Brinkmann) fern zu halten. 2115 Die Strcikkommfssion der Vergolder. Verband deutscher Müllergesellen. Mitgliedschaft Berlin. Donnerstag, 26. Juni, Abends 8V2 Uhr, in Nehlitz' Salon, Bergstraße 12: Versammlung. Tagesordnung: 1. Neuwahl des Vorstandes der Zahl- stelle. 2. Diskussion und Verschiedenes. 3. Aufnahme von Mitgliedern und Eni- geaennahme der Beiträge. Um vollzähliges Erscheinen wird er- sucht. Gäste willkommen. 2123 Der Deooll, nächtigte. Centrai-Kranken-Kasse der Maurer u. s. w. Grundstein zur Einigkeit. Zahlstelle Charlottenburg. Sonntag, 29. Jnni, Vorm. 10 Uhr, im Kassenlokal Kiomarckvhöhe: Gr. MitBel)er-Äerslii!liiilili!ß. Auf der Tagesordnung Vorstands- wähl und mehreres. 2119 Daß die Versammlungen in dem jetzigen Kassenlokal recht zahlreich be- sucht werden, erwartet Der Vorstand. 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Auch werden daselbst Mitglieder aufgenommen und Beiträge entgegengenommen. der Große öffentliche Versammlung der Lohgerber und Lederzurichter Berlins sowie in dieser Branche beschäftigten Arbeiter am Mittwoch, den 25. d., Abds. 8 Uhr, bei Jul. Haase, Gr. Frankfurterstr. 117. Tages-Ordnung: I. Vortrag des Reichstags-Abgeordneten Schumacher. 2111 2. Bericht über den Streik der Lohgerber in Elmshorn. Reser.: Kopas. 3. Wie stellen wir uns zur Zentral-Streik-KontroUommission? 4. Diskussion. 5. Verschiedenes. I. A.: J. Otto,_ Grosse Versammluncg___ der Vereinigung der Schmiede Deutschlands (Zahlstelle Berlin) am Dienstag, den 24. d. M., Abds. 8 Uhr, im Wcdding-Park, Müllerstr. l'»- Tages-Ordnung: 1. Die moderne Produktionsweise und die Lage der Arbeiter. Referent: Herr G. Link. 2. Diskussion. 3. Abrechnung vom Maskenball. 4. Aufnahme neuer Mitglieder. 5. Verschiedenes und Fragekasten. Der hochwichtigen Tagesordnung wegen ist es Pflicht eines Jeden, u» dieser Versammlung zu erscheinen. Oer Einberufer. Or'&sse MsrsammB&mg hes svzWemkrMeii WWereins s. am im Lokale .lirnstag, den 34. Jnni, Abend» 8 Uhr, Usmarckshohe(Charlottenburg), Kismarckstr. 80. Tages-Or d n u n g: über: .Arbeiterschutzgesetze" 1. Vortrag des Hrn. Reichstags-Abg. Wurm 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Um recht zahlreiches und pünktliches Erscheinen bittet 2120] Der Vorstand. H Ren#*»#*"*«««* empfiehlt Vereinsstempel, Quittungsstempel W Ullil&einrBallllly Medaillonstempel mit Lassalle, Bebel, Lieb- 0. Krnnnenstraße 9, knecht u. a. m. zu ermaß. Preis. Monogramm- Schablonen, Thürschilder, Gravirung von Inschriften. Entwürfe gratts sofort. Steppdecken- Emil Lefövre,§ Berlin, Oranienstr. 158. Größte Auswahl! Moll-Atlas- 1 Kt. teppdeckrn imii. Handarbeit! Mtr. lang, blau, grün, bordeaux 7,50 Mark. Einzelne schadhafte Decken 3 und 4 Mark. Jllnstrirtr Preisliste gr.«. fr. 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Co., Sebastianstr. 20.[204� Verantwortlicher Redakteur: Curt Kaaire in Berlin, Druck und Verlag von Mar Kading in Berlin SW,, Beuthstraße 2. Hier.'»|tu«i Krilagrn- 1. Beilage zum Berliner BoMlat Nr. 143. Dienstag, de» A4. Juni 1890. 7. Jahrg. VArlAmenkslrsvirtzke. Deutscher Reichstag. 24. S i tz u n g vom 23. I u n i, 1 U h r. Am Tische des Bundesraths: v. Boetticher v. Oehl- Ichläger, v. Maltzahn, v. Berlepsch und Kom- ""ssarien. Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der zweiten Be- »athung des Gesetzentwurfs, betreffend die Gewerbegerichte, zwar wird die Berathung des§ 49 fortgesetzt, zu welchem ?'e Kommission den Zusah gemacht hat, daß bei Streitgcgen- Nauden vom Werthe bis 100 M. die Berufung ausgeschlossen sein wll, während sonst die Berufung an das Landgericht geht. Abg. Stumm will diesen Zusatz streichen, während Abg. «lemm beantragt, an Stelle der Worte„Werth des Strcitgegen- standes den Betrag von" zu setzen„Gegenstand der Berufungs- be>chwerde den Werth von". Heute ist ein neuer Antrag des Abg. Stadthagen eingegangen, S 49 zu fassen wie folgt: „In den vor die Gewerbegerichte gehörigen Rechtsstreitigkeiten ßnden die Rechtsmittel statt, welche in den zur Zuständigkeit derAmts- Scrichte gehörigen bürgerlichen Rechtsstreitigleiten zulässig sind. Iiis Berufungs- und Beschwerdegericht ist das Gewerbegericht in oer Zusammensetzung von 3 anderen Mitgliedern als denjenigen Zttsiändig, welche bei der angefochtenen Entscheidung mitgewirkt haben. Ist für das Rechtsmittel gegen eine Entscheidung des Ge- Werbegerichts eine Nothfrist bestimmt, so beginnt diese für jede Partei mit der an sie bewirkten Zustellung und. sofern auf die Zustellung verzichtet war(§ 26 Absatz 2), mit der Verkündigung ber Entscheidung. Die Berufung muß innerhalb der Nothfrist von einer Woche eingelegt sein. Die Einlegung gilt mit der Einreichung der Er- klarung oder mit Abgabe derselben zu Protokoll des Gerichts- ichreibers als bewirkt. Nach Einlegung der Berufung hat der Vorsitzende der Berufungskammer baldmöglichst einen VerHand- kungstermin anzuberaumen und zu demselben die Parteien vorzu- laden. Im übrigen gelten für das Verfahren in oer Berufungs- witanz dieselben Vorschriften, welche für das Versahren in erster Znstanz maßgebend sind." Abg. Dr. Mryrv(Berlin, dfr.): Bei dieser Frage kommen Zwei Klippen in Betracht, auf der einen Seite schnell, auf der andern Seile gut entscheiden. Zwischen diesen beiden Klippen wuß man hindurch segeln. Falsche Urtheile werde» sich auch bei vielen Rechtsmitteln nicht vermeiden lassen. Ich für meine -Person bin kein Freund der Berufung. Sie bildete sich im römi- Ichen Recht aus, als der Absolutismus zur Herrschaft gelangte. Run wimdert es mich hier auch nicht, daß ein Mann sich hier für die Berufung erklärt hat, der sich im bürgerlichen Leben den � et?l, Komgs(König Stumm) erworben hat, der ein Ehe- I a r Ä" r � R 1 wit Ehehindernissen, von welchen weder das eV-r Ä"0CH das kanonische etwas weiß.(Heiterkeit.) r �'efe Schwärmerei für die Berufung nicht. Bei den Gewerbegenchten ist schon durch die Sache nngetheilte Ausmerk- lamkeit der Beisitzer geboten und die etwas despektirliche Bezeich- nung der Beisitzer bei anderen Gerichten als„Beischläfer" (Heiterkeit) ist hier nicht am Platze. Weil aber die Beisitzer sich stets die Sache genau ansehen müssen, darum ist die Berufung schon von vornherein wenig geboten. Berufungsurtheile sind auch nicht immer die besseren Urtheile, es wird nicht immer reformirt,, sondern auch verschlechtert. Auch fürchte ich, daß durch die gelehrten Berufungsgerichte das Gewohnheitsrecht, welches die Gewerbegerichte pflegen sollen, vernachlässigt wird. Juristenrecht und Volksrccht sind alte Gegensätze. Trotzdem ich aber das Prinzip für richtig halte, bin ich doch nicht der Met- nung, daß man das Prinzip gewaltsam einführen muß. Ich werde wich daher für die Fassung her Kqmipission entscheiden.(Beifall link?.) Gch.-Rath Hoft'mann: Die Regierungsvorlage wollte in erster Reihe, daß für die Gewerbegerick)te keine geringeren Garantien Beschaffen wurden, als für alle anderen Gerichte. Von diesem Standpunkt ist auch die. Frage der Berufung zu betrachten. Die Gegner der Berufung irren, wenn.sie glauben, das Vertrauen zu den Gewerbegerichleir werde so groß sein, daß Niemand nach einer Berustmgs- Instanz verlangen werde. Wer in dem Streit unterliegt, wtrd stets glauben, im Unrecht zu sein und nach einer weiteren Instanz, verlangen. Di« Gewerbegertchte haben in nicht blos Kompetenz in bloßen Geldstreitigkeiten, sie haben auch viel weitergehende Befugnisse, wie die Verhängung von Haft im Zeugmß- Zwangsverfahren. Dagegen muß doch den Betroffenen die Berufung an ein mit allen Garantten der Rechtsprechung ausgestattetes Gericht offen stehen. Abg Freiherr w. Ktuu:»»(Reichsp.): Der Abg. Meyer hat wir persönliche Motive untergeschoben, weil tcy nncy sur die Be- rufung erklärt habe.> Ick, habe kein neues Eherecht geschaßem seitdem die bis 1665 geltende Bestiimnung festgehalten, wonach ein Heirathskonsens nothwendig ist. Ich bin mcht fur dw Be- rufung, weil ich den Gewerbegerichten abgeneigt bm, selbst wenn rch das wäre, würde ich aus sachlichen Motiven, die ich bei der neulichen Berathung entwickelt habe, mich für die-oeru�mig ■ die''Eiitlassch?gsfrist"eineii frühestens nach zwei Monate», der zwe öJcrbt v Monate später stattfindet, mit anderen Worte», das D-p, des Arbeiters mindestends ein halbes Jahr verschleppt ivird. Vollstreckbarkeit des llrtheils bessert nichts, denn sal»-."dMann die Vollstreckbarkeit abgelehnt werde», wenn Ge- Du« Borziige ist oder sonst genügende Gründe vorliegen. sch,,� richtige Verfahren wäre allein das in unserem Arbeiter- saä»?»�."?rtzeiitwiirf vorgeschlagene der Berufung an die selw i>a»dlgen Arbeitskaminern. Herr von Stuntin irrt "/r unsern Antrag auf Verwerfung der Berufung als IloW Uschlag widersprechend, als übereilt bezeichnet. Wir Arb.?� gesagt, wir bekommen doch bei dieser Gelegenheit die K vicht, soviel Geld haben Siegierung und Parteien dafür nicht übrig, wenn diese Einrichtung auch nur den zehnten Theil der Forderung für Ostafrika an Kosten verursachen würde. Unter solchen Umständen wählen wir das kleinere Uebel und streichen die Berufung ganz. Warum soll denn lediglich für 5 pCt. aller Fälle dieses größere Uebel bestehen? Mein heutiger Vermittelungsantrag steht durchaus auf denselben Standpunkt. Ich gebe zu, daß seine Ausführung Schwierigkeiten begegnet, aber unüberwindlich find sie nicht. Das Material an Richtern wird stets vorhanden sein, denn wir haben doch den Vorsitzenden, dessen Stellvertreter und vier Beisitzer; die sechs nothtvendigen Mit- glieder sind also da. Ein verlangsamtes Verfahren soll nicht statt- finden, wir lassen deshalb die?Lerufungsfrist nur acht Tage betragen. Gegen den Kommissionsvorschlag muß ich mich ganz entschieden erklären, er ist nicht gehauen und nicht gestochen. Der Arbeiter wird oft in die Lage kommen, um Objekte über 100 M. zu klagen, z. B. wenn von mehreren Arbeitern gemeinsam vorgegangen wer- den muß, oder in Fällen, die nicht rein vermögensrechtlicher Na- tur sind. Ich bitte Sie, meinen Verntittelungsantrag anzunehmen oder die Berufung ganz zu streichen. Abg. Dr. Dorsch(Zentr.): Ich empfehle die Fastung der Kommission. Mit dem gesunden Menschenverstand gegenüber dem Juristenverstand zu operiren, halte ich für verkehrt. Die Juristen haben ebenso gut gesunden Menschenverstand, nur daß dieser durch Fachkenntnisse abgeklärt ist, während die Fachleute nur zu oft in ihr gewerbliches Fach verrannt sind. Der Abg. Stadthagen will die Berustmg nochmals an ein Gewerbegericht gebe», das genau in derselben Art zusammengesetzt ist, wie das erste. Das wäre absolut gar keine Garantie; es hieße nur, nachdem das Gewerbegricht einmal anerkannt hat, kann die unzufriedene Partei verlange», daß das Gewcrbegericht in anderer Zusammen- setzung nochmals urtheile. Das ist nicht der Ziveck der Berufung. Tie Berufung hat den Zweck, zweifelhafte Sachen durch einen gereifteren Richter zur Entscheidung zu bringen. Bei den Gewerbegerichten haben wir solche gereistere Richter aber überhaupt nicht, da sie nicht Berufsrichter sind. Der Antrag Stadthagen iväre keine Verbesserung, und wir würben lieber die Berufung ganz fortlassen, als ihn annehmen. Für streitige Rechtsfragen muß aber immerhin die Möglichkeit der Bernfung an das ordentliche Gericht gegeben werden. Daß das Kom- promiß der Kommission kein Prinzip enthalte und irrationell sei, kann ich nicht zugeben; denn eine Analogie besteht schon darin, daß bei Streitsachen bis 1500 M. die Berufung an die Ober- landeSgerichte, bei größeren an das Reichsgericht zugelassen ist. Auch bei den Gewerberichten können Sachen vorkommen, die diese nicht allein eutfcheiden können. Bei Streitigkeiten mit Werkführern können leicht Objekte von 1000 M. vorkommen, und das werden in der Regel auch Fälle juristisch intrikater Statur sein, ,vo es auf das Urtheil ankommt. Die französischen und rheinischen Ge- werbegerichte haben ebenfalls eine appellable Summe, und zivar von 80 M., und das Hagenauer Geiverbegericht entscheidet nach Ortsstatut überhaupt nur in Sachen bis zu 300 M. Diese Ein- theilung in appellable und inappellable Summen hat bisher zu Unzuträglichkeiten nicht geführt. Abg. Ackermann(kons.) spricht sich in demselben Sinne ans. Abg. Elierty(dsr.): Wenn die ordentlichen Gerickte genau so gut Recht sprechen wie die Gewcrbczcrichtc, warum machen wir überhaupt denn eine Vorlage von 73 Paragraphen? Wo ein- fache Tinge zu entscheiden sind, soll das Geiverbegericht selbst- standig und ohne BernfungZinstanz entscheiden, in schwierigen Fällen steht die Berufung an das Landgericht frei. Nachdem Abg. 5i l e m m(Sachsen) nochmals für seinen An- trag eingetreten ist, wird die Diskufsion geschlossen. Im Schlußwort weist der Berichterstatter Abg: Dachein darauf ihn, daß der Ausschluß der Berufung bei den rheinischen Gewerbegerichten, die beinahe 100 Jahre bestehen, sich gut bewährt habe; derselbe sei für das Ansehen der Geiverbegerichte, in denen ein ganz anderer Geist einziehen wird als der in den heutige» ordenllichen Gerichten bestehe, durchaus nothwendig. Eine besondere Instanz für die Berufung zu schaffe», empfehle sich nicht, da nach An- nähme der Bestimmung, daß die Berufung nur in Sachen über 100 M. zulässig sein soll, nur 5 pCt. aller Streitfälle an die Berufungsinstanz gelangen würden. Stach dein Antrage Klemm müßte der Beschwerdegegen- stand 1000 M. überschreiten, während nach der Kommifsions- faffuiig der Streitgegenstand mehr als 100 M. betragen müßte. Die!iommisstonsfas,nng schließt sich an die rheinlündische und elsaß-lothringische Gesetzgebung an, der Antrag Klemm an die Zivilprozeßordnung. Ter Bortheil der Koinmissionsfassung liege darin, daß das Gewerbegerichl sofort in der Lage sei, zu cut- scheiden, ob es Berufung gebe oder nicht, und daß alle Gutachten über die Höhe des Objektes und alle damit verbundenen Forma- litäten erspart würden. Der Beschluß der Kommission fei mit Einstimmigkeit gefaßt. Tie Anträge Klemm, v. Stimli» und Stadthagen werden abgelehnt,§ 49 in der unveränderten Fassung der Kommission angenommen. § 50 handelt von der vorläufigen Vollstreckbarkeit. Abg. Ktadthngeu(Soz.) beanlragt, die Bestimmung, daß dieselbe nicht auszusprechen ist, wenn glaubhaft gemacht wird, daß die Vollstreckung oem Schuldner einen nicht zu ersetzenden Nach- thcil bringen würde, zu st r e i ch e n. Hauptsächlich würde durch diese Bestimmung der Arbeiter benachtheiligr werden. Abg. Dorsch(Z.) hält diesen Absatz für bedeutungslos, nachdem b>e Berufung bei 95 pEt. aller Streitsachen ausge- schloffen sei. Geh. Rath Doffmann hält es für eine sehr einseitige Mci- nung, daß die Bestimmung lediglich den Arbeitgebern zu Gute kommen werde. Sie besinoe sich in Uebereinstimnumg mit der Zivilprozeßordnung, ini klebrigen werde ja die Entscheidling durch die Gewerbegcrichre selbst getroffen. . Nachdem auch der Berichterstatter Abg. K.ichrn» darauf hingewiefen, daß die Besiimmuua gerade im Interesse der Arbeiter getroffen sei, i�ird der Antrag Stadthagen abgelehnt und§ 50 in der Fassung der Kommission mit folgendem Zusatz des Abg. Ebertif: „Tie für den Beginn der Zwangsvollstreckung ersorder- liehe» Zustellungen(§5 671, 672 der Zivilprozeßordnung) sind, soweit sie nicht bereits vorher erfolgt sind, auf Antrag des Gläubigers durch das Gewerbegericht zu bewirken" angenommen. § 51, welcher die Höhe der Kosten des Verfahrens vor den Gewerbcgerichten festsetzt, wird ohne Debatte einstimmig ange- nomine». H 52 bestimmt, daß in den Fällen, in denen das Gewerbe- gericht eine Entscheidung fällt, der Verurtheilte oder Ter, der die Kosten zu tragen übernommen hat, sie z» leisten verpflichtet ist. Wenn aber keine Entscheidmig getroffen wird, so fallen die Kosten Dem zu, der die Klage angestrengt hat. Abg. Kkiidthiigrii will den letzten Passus streichen, damit der Klüger, der mit Grund eine Klage angestrengt habe, nicht nachträglich noch Koste» zu leisten habe. Diese geringen Kosten sollten von der Gemeinde übernommen werden. Gcheimrath Fjofiinauu hält es für billig, daß bei ruhendem Verfahren die Kosten den Kläger treffen. Die praktische Be- deutung der Bestimmung sei übrigens gering, iveil ja durch Orts- statut bestimmt werden könne, daß überhaupt keine Kosten von den Parteien erhoben werden. Berichterstatter Abg. Dachon» hält die Bestimmung aus Stuck- sichten auf fmanzschivache Gemeinden für geboten. § 52 wird unter Ablehnung des Antrags Stadthagen unver- ändert angenommen. Die§§ 53 und 54 gelangen ohne Debatte unverändert zur Annahme. Darauf folgt der dritte Abschnitt(§§ 55 bis 68)- Thätigkeit des Getverbcgerichts als Einigungsamt. Nach§ 55 kann das Gewerbegericht als Einigungsamt an- gerufen werden; nach§ 56 ist dieser Anrufung Folge zu geben, wenn sie von beiden Theilen erfolgt und wenn beide Theile Ver- treter bestellen, deren Zahl in der Regel nicht mehr als drei betragen soll. Ob die Vertreter für genügend legitimirt zu erachten sind, entscheidet das Einigungsamt nach freiem Er- meffen... Abg. Acker««»»»(dk.) beantragt zu§ 56, daß das Einigungsamt seine Thätigkeit nur beginnen darf, wenn die Ver- treter beider Theile vorher die Unterwerfung unter den etwa zu erlassenden Schiedsspruch zu Protokoll erklärt haben. § 55 wird ohne Debatte angenonunen. Abg. Ackermim n: In weiten Kreisen glaubt man, daß in diesem Einigungsamt ein Mittel gegen Arbeitseinstelltingen gegeben ist. Das ist ein gewaltiger Jrrthum. Hier wird die öffent- liche Meinung als Exekutor des Schiedsgerichts angerufen; ich glaube, erfolglos. Wenn das Einigungsamt gegen die Arbeiter spricht, so wird eine gewisse Partei schon dafür sorgen, daß sich keine öffentliche Meinung in den Zlrbeiterkreisen für den Schiedsspruch bildet. Ich mißachte das Tribunal der öffentlichen Meinung nicht, aber man setzt hier zu große Hoffnungen darauf. Wenn große Massen erregt sind, wenn ein langer Streik vorausgegangen ist, so kann man sich auf diese Volksslimme, diese öffent- liche Meinung nicht berufen. Da kann mau nicht sagen: das Eiiiigungsamt hat sich gegen Euch erklärt, Ihr müßt Euch fügen, die Volksstimme ist gegen Euch. Mit den Mitteln, die hier an- gewendet werden sollen, ist gegenüber ven Arbeitseinstellungen ivenig oder nichts auszurichten. Die Engländer haben allerdings eine» Weg gefunden, wie sie die Zwangsvollstreckung des Schieds- urtheils ermöglichen, indem das Urtheil des Einigungsamts dem Grafschastsrichter überwiesen ivird. Soll aber einmal die öffentliche Meinling angerufen werden, so muß man etwas mehr für sie thun. Es inuß ausgesprochen werden, daß das Einigungsamt seine Thätig- kcit nur daiui beginnen darf, wenn beide Theile vorher erklärt habe», daß sie sich dem Schiedsurtheile unterwerfen. Nun sagt man, dadurch mache man die Berufung des Eimgungsamtes unmöglich. Man könnte doch nicht etwas annehmen, was man im Voraus noch nicht kennt. Das ist ja aber bei allen Systemen der Fall. Ich kann doch ein Gericht nicht blos anrufen, wenn es zu meinen Gunsten entscheidet. Haben aber beide Theile erklärt, daß es ihnen ernst sei mit der Berufung des Einigungsamtes, und es! tritt dabei der Fall ein, daß trotzdem der Spruch des Einigungs- amtes von ihnen nicht angenommen wird, so beanspruchen wir doch auch nicht die Zwangsvollstreckung, sondern das Einigungs- anit macht nur bekannt, die Parteien haben sich unterworfen, das Einigungsamt hat die Entscheidung gegeben und hat den Par- teien ausgegeben, sie innerhalb einer gewissen Zeit einzuführen. Damit ist die Sache aus. Unser Antrag geht also keineswegs zu weit. Ich bitte Sie, denselben anzunchme». Geheimrath Kohmatiii: Durch diesen Antrag würde das Einigungsamt nicht verbessert werden. Es hat bisher an Ge- legenheit gefehlt, daß die streitenden Parteien mit einander zur Verhandlung kamen und sich vergleichen konnten. Um ihnen diese Gelegenheit zu geben, soll ein Organ geschaffen! worden, an welches sich die Streitenden wenden können. Es soll deii Gewerbcgerichten die Funklion eines- Einigungsamts gegeben werden. Deshalb ist es aber auch nicht räthlich, den Parteien die Verpflichtung aufzuerlegen, vor der Verhandlung bereits zu erklären, sie wollen sich dem Spruch des Einigungsamtes unter allen Umständen fügen. Es würde auch nicht viel nützen, weil nian nicht weiß, ob die hinter ihnen stehenden Massen diese Verpflichtung auch nachher anerkennen. Ich glaube, daß das Erni- gungsamt eine viel geringere Wirksamkeit haben würde, wenn man diesen Antrag annähme. Der Vorredner hat sich auf die englischen Verhältnisse bezogen; es bestehe auch in England eine ähnliche Einrichtung wie sie nach seinem Antrage hier entstehen würde. Ich muß gestehen, daß mir eine solche Einrichtung nicht bekannt ist.(Widerspruch des Abg. Ackermann: Zwangs- Vollstreckung!) Eine Zwangsvollstreckung besteht nur über den Widerspruch in Rechtsstreitigkeiten, aber nicht Jnteresscnstrcitig- leiten.(Beifall.) Abg. Galdsichmidt(dfr.): Die§§ 55 und 56 sind sozialpolitisch vielleicht die wichtigsten des ganzen Gesetzes, uno wer wiederholt das zweifelhaste Glück genossen, von Streiks betroffen zu werden, wer oft Zeuge war, wie leicht bei Arbeltselnstelluiigen Mißverständnisse entstehen, wie ein Mißverstündniß das andere hervorruft, der wird es freudig begrüßen, daß beiden Theilen, Arbeitgebern wie Arbeitnehmern Gelegenheit gegeben wird, aus neutralem Boden sich zusammen zu sinden und sich über ihre gegenseitigen Wünsche auszusprechen. Zweck und Aufgabe solcher Einigungsämter ist es, vor allen Dingen das Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wieder herzustellen, da einmal das alte patriarchalische Berhältniß miwiederbringlich verloren ist. Von dem Werthe dieser Bestrebungeii sollten alle Parteien gleichmäßig überzeugt sein; um so mehr wundere ich mich, daß Herr Ackermann einen Antrag stellt, der geeignet ist, den Einigungsämtern den Boden für ihre Wirksamkeit abzugeben. Was will dieser Antrag? Er will die Autorität, nicht die Uebcrzeugung. Er will den Streitenden, che sie sich haben aussprechen können ehe sie Gelegenheit zur Versöhniing hatten, eii.en Schiedsspruch ailfztvingen. Damit verliert das Einigungsamt' seinen eigent- liche» Werth. In England, wo die boanis of conciliation aus der Initiative der industriellen Bevölkerung hervorgegangen sind, überwiegen allerdings die Einigungsämter nach dem System Kettle's, das eine Vollstreckbarkeit des Schiedsspruches durch den Richter kennt; aber bevor sich dieses System eingebürgert hatte, ehe das allgemeine Mißtrauen einer besseren Sttmmung wich, be- stand das Systcnl Mnndella, dessen Zweck war, häufiges Be- gegnen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern herbei zu führen und so Zwistigkeiten vorzubeugen. Praktisch kommt der Zwang auch bei dem System Kettle selten zur Geltung. Bei dem gegenwärtigen Stande der deutschen Arbeiterbewegung müßten die Einigungs- ämter nach dem Antrage Ackermaii» verkümmern, denn die Hauptsache bleibt immer die Versöhnung, die Wiederherstellling des Vertrauens. Ich bitte Sie deshalb, den Antrag Ackermann abzulehnen und die Beschlüsse der Kommission aufrecht- zuerhalten.(Beifall links.) Abg. Kingrr: Der Abg. Ackermann verwechselt Einigungs- amt mit Schiedsgericht. Was er wünscht, ist Sache des Schieds- gericht?, das mit autoritativer Entscheidung versehen ist und dessen Wahrspruch sich die Parteien fügen müssen. Das EiiiigungS- amt hat den Zweck, ausgebrochene oder ausbrechende Streitig- leiten zu verhindern. Legen Sie den Parteien die Verpflichtung aus, sich von Hanse aus dem Spruch des Einignugsamts zu fügen, so werden Sie den Kreis Derjenigen, welche geneigt smv, ihre Beschwerden vor das Einigungsamt zu bringen, außer- ordentlich verringern. Slbg. Ackermann befürwortet nochmals seinen Antrag. Abg. Kammacher: Ich nehme an, daß der Abg. Acker- mann nur einen Druck dahin ausüben will, daß die Parteien, welche sich dem Schiedsspruch des EinigungsmuteS unterwerfen, sich moralisch vor der Oefsentlichkeit verpflichtet halten, sich auch in Wirklichkeit dem Spruche zu unterwerfen. Ich glaube, daß dieses sich von selbst versteht, denn sonst wäre das ganze Einiaungsamt eine Spielerei. Es ist aber von höchsterWichtigkeit, daß überhaupt durch das Gesetz eine Einrichtung getroffen wird, welche ermöglicht, daß die streitenden Parteien sich vor dem Schiedsgericht versainmelu können. Der Antrag Ackermann wird abgelehnt, die sämmtlichen auf das Einigungsamt bezüglichen§§ 55—63 werden unverändert angenommen. Der neu eingeschobene§ 68 a, wonach die Gewerbegerichte Gutachten über gewerbliche Fragen anzugeben haben, und An- träge an die Behörden zu stellen berechtigt sein sollen, wird ohne Debatte angenommen; ebenso der fünfte Abschnitt: Verfahren vor dem Genieindevorsteher(§§ 64—68). Endlich folgt der sechste Abschnitt: Schluhbestimmungen (§§ 69— 76).. Nach§ 69 der Vorlage sollten die Bestimmungen derselben nicht Anwendung finden auf Streitigkeiten der Arbeiter von Reichs- und Staatsdruckereien, staatlichen Münzanstalten und Werkstätten der Militär-, Marine- und Staatseisenbahn- Verwaltungen. Die Kommission beschränkt diese Ausnahmebestimmung auf die Betriebe der Militär- und Marinevenvaltung. Abg. Auer beantragt, den§ 69 ganz zu streichen. Abg. Kirsch: Die Kommission hat in dankenswerther Weise einen großen Thcil von Arbeitern im Staatseisenbetriebe und in anderen Betrieben der Wohlthaten der Gewerbegerichte theilhaftig gemacht. Es wäre konsequent, diese Wohlthaten auch den Ar- Leitern der Militär- und Marinevenvaltung zu Theil werden zu lassen. Es ist gesagt worden, daß dies die militärische Disziplin nicht gestatte. Es scheint hierin ein Mißtrauen der Regierung gegen ihre eigene Schöpfung, die Gewerbegerichte, zu liegen. Wenn nicht nur die Privatpersonen, sondern auch Arbeiter anderer Staatsbetriebe den Gewerbegerichten unterstellt werden sollen, so müssen dieselben doch wohl nach Ansicht der Negierung alle Eigenschaften einer guten Rechtsprechung in sich trage». Wenn man diese Arbeiter ausnähme, so würde man sie zu Arbeiter:, ziveiter Lilasse degradiren. Geh. Admiralitätsrath Kolff: Die Marineverwaltung legt großes Gewicht darauf, daß ihre Arbeiter nicht unter dieses Gesetz gestellt werden. Die Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern werdeil in dieser Verwaltung bereits un- parteiisch und schnell erledigt. Die höheren Beamten haben kein persönliches Interesse und sind um so eher in der Lage, ein unparteiisches Urtheil zu fällen. Wenn die Arbeiter in ein- zelnen Fällen die Entscheidung nicht für sachgemäß halten, so steht ihnen der Beschwerdeweg zu. Jede Beschwerde der Arbeiter wird als eine besonders dringende Sache behandelt. Außerdem ist mir wenigstens von der Marincverwaltnng kaum ein Fall be- kannt, wo ein Arbeiter es für geboten gesunden hätte, seine An- spräche auf dein Wege des Prozesses geltend zu machen. Bei einer Verwaltung, wie der Marine, ist eine sichere Leit ng und dementsprechend eme strenge Disziplin unumgänglich nothwendig. Diese muß aber leiden, wenn die Arbeiter in den Schiedsgerichten über ihre eigenen Vorgesetzten zu Gericht sitzen. Abg. Tuhnurr: Die Disziplin ist in der Privatindusirie nicht minder nothwendig, als in den Staatsbetrieben. Wenn in der Marine-Verwaltung sich kein Bedürfniß herausge- tellt haben soll, ihre Arbeiter unter dies Gesetz zu tellen, so finöge inan doch erst abwarten, ob die tziarine- Arbeiter sich nicht eben so zahlreich diesem Ge- setz unterwerfen werden, wie die anderen Arbeiter. Die Staats- Anstalten sind noch keine Muster- Anstalten, und wir haben es oft erlebt, daß diese Staatsarbeiler sich klagend a» Reichstag und Landtag gewandt haben. Erst heute habe ich eine Beschwerve erhalten darüber, daß ein oberschlcsischer HilsSbrenffer oder Wagenschmiercr gezwungen ist. in dem theurcn Breslau zu wohnen, und von feineli 1,40—1,80 M. täglich nicht nur Kranken- und Untcrstützungs-, sondern auch Strafgelder zu zahlen. Diese Strafgelder bilden oft den Gegenstand des Streits. Man sollte hier keine Ausnahme machen. Bundeskommissar Major Kahn: Wenn auch die Arbeiter der militärischen Fabriken in deu>>elben sozialen imd wirthschast- lichen Verhältnis) sich befinden wie die Arbeiter in Privatanstalten, so kann doch die Stellung der Arbeiter allein nicht maßgebend für die Frage der Anwendung dieses Gesetzes auf die Arbeiter der Militärfabrilen sein, ausschlaggebend dafür ist die Stellung des Arbeitgebers zu den Ardeitern, und darin besteht zwischen militärischen und Privatfabriken ein wesent- licher Unterschied. Der private Fabrikherr arbeitet auf Gewinn für eigene Rechnung und muß Arbeitslöhne, Arbeits- zeit, AuSstattuna seiner Fabrik nach der Konkurrenz einrichten, die Militärsabriten machen dagegen keine Ueberschüsse und dürfen sie nicht machen, und der Direltor einer solchen ist persönlich nicht daran betbeiligt, wie sich am Jahresschluß Einnahme» und Ausgaben zu elnaiider verhalte» p seine Anordnungen und Ent- scheidungen nehmen lediglich das Interesse des Reichs wahr. Gegen die Entscheidungen des Direktors steht dem Arbeiter der Beschwerdeweg an die vorgesetzte Behörde zu. Der private Fabrikhcrr kann bei Streitigkeiten zwischen seinen Angestellten und seinen Arbeitern keine den Arbeiter befriedigende Entscheidung fällen, weil dieser ihn immer als Partei ansehen wird; der Ar- beiter in militärischen Fabriken kann aber Vertrauen zu seinen militärischen Vorgesetzteil haben, und das Vertrauen und'An- sehen des Direktors bei seinen Arbeitern wird durch ein solches Richteramt des Direktors wesentlich gestärkt. Dieses Vertrauen ist in Militärfabrilen auch unbedingt erforderlich, namentlich im Falle der Mobilmachung, Ivo an die Militär- fabriken und damit an den Fleiß, die Willigkeit und Leistungsfähigkeit der Arbeiter außergewöhnlich hohe An- foroeruiigen gestellt werden; denn von der rechtzeitigen Liefe- rung des Arnieematerials hängt die Schlagfertigleit des Heeres und der Gang der kriegerischen Operationen ab. Diese schwer- wiegende Verantwortung kann der Direktor nur übernehmen, wenn er eines Stammes durchaus zuverlässiger, erprobter Arbeiter sicher ist, und diese ihm ihr volles Vertrauen entgegenbringen. Dieses Vertrauen wird in hohem Grade erschüttert, wenn dein Direktor nnd den Militärbehörden die Bosugniß genonnnen wird, die Streitigleiten zwischen Arbeitern und'Angestellten des Instituts selbst zu entscheiden, und der Arbeiter beim geringsten Anlaß seinen Direktor vor das Geiverbegcricht fordern kann. Auch Ansehen und Autorität des Direktors werden bedenklich erschüttert, wenn seine Entscheidungen durch ein von Ortsbehörden eingesetztes und be- zahltes Gewerbegericht verworfen werden können, in welchen die Arbeiter selbst»litrichteii. Es können auch zu Beisitzern der Ge- Werbegerichte Angestellte der militärischen Fabriken selbst. In- genieure und Master, ernannt werden. Dann würde also ein Untergebener Streitigkeiten zwischen dem Direktor und Arbeitern entscheiden können. Außerdem würden dann die militärischen Fabriken unter die Ortsbehörden gestellt, was bei den sozial- politischen Gesetzen, dem Kranken-, Unfall-, Alters- und Jnrali- ditätsversicherungsgesetz absichtlich vermieden ivorden ist. Auch der Direktor wäre nicht i» der Lage, eine Wahl zum Beisitzer eines Eeivcrbegerichts abzulehnen. Es kann aber im Interesse der Institute nicht gewünscht sein, daß die Direktoren neben ihren dienstlichen Funktionen auch noch die eines Beisitzers im Gewerbe- aericht übernehmen. Angesichts dieser eigenartigen Verhältnisse der Militärfabrilen und der dadurch bedingten strafferen Tisziplin unter den Arbeitern ist die Zweckmäßigkeit der Anwendung dieses Gesetzes nicht nachgewiesen. Auch ein Bedürfniß dazu ist bisher nicht hervorgetreten. Die Arbeiter bekommen auck{o in einwands- freier Weise ihr Recht, und ich kann daher nur die Annahme des Kommissionsvorschlages empfehlen. Abg. Knst'ck(dfr.): Ich muß die Ansicht bekämpfen, als ob eine capitis deminutio darin läge, wenn der Direktor einer militärischen Anstalt vor einem, durch Reichsgesetz gebildeten, von Gemeindehörden eingesetzten Gewerbegericht Recht nimmt. Man darf aus dem Militär keinen Staat im Staate machen. Es handelt sich auch nicht um militärische Angelegen- Heiken, sondern um industrielle Betriebe. Was von der Wichtig- keit der Militäranstalten für die Mobilmachung gilt, gilt ebenso für die Leistungsfähigkeit der Eisenbahnen, und deshalb müßten auch die Arbeiter der Eisenbahuverivaltung vom Gesetz ausge- nommen werden. Beschwerden von Werftarbeitern in Kiel haben genügende Remedur bei den militärischen Vorgesetzten nicht ge- lundcn. Ich kann nicht zugeben, daß die Gewerbegerichte den anderen Gerichten des Reiches nicht ebenbürtig sind. Wenn auch die militärischen Anstalten nicht auf Geivinn arbeiten, so kann es sich doch nicht blas um Geldstreitigkeiten, sondern auch um andere Fälle, z. B. bezüglich der Behaudlung der Arbeiter, handeln. Der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz steht hier in Frage. Ich hoffe, der Reichstag ivird denselben wahren. Abg. Auer(Soz.): Wenn die Militärfabriken auch nicht auf Gewinn arbeiten, so findet in.denselben doch dieselbe Lohn- drückerei statt wie in Privatanstalten. 1830— 31 hat mein Lehrmeister in Bayern für den Tornister schon dasselbe Geld erhalten, wie 1866; 1870—71 war aber der Lohn auf die Hälfte herabgesunken nnd wird fortgesetzt gedrückt. Auch die Frauen- arbeit zum Zwecke der Profitschneiderei ist in den Militär- fabriken eingeführt. Nicht-die militärischen Vorgesetzten, sonder» die Zwischenpersonen, Borarbeiter, Werkmeister k. machen sich den Arbeitern gegenüber in der unangenehmsten Weise geltend. Der Kommiffar meint, die Arbeiter fänden im Instanzenwege ihr volles Recht, als aber in Spandau die zehnstündige Arbeitszeit eingeführt wurde, besprachen die Arbeiter der Militärfabriken in München in einer Versammlung dieselbe und forderten sie auch für sich. Sie erhielten allerdings die Antwort, daß Erwägungen darüber stattfanden, aber der Leiter der Versammlung wurde auf die Straße gesetzt. Nun, da haben Sie's! So unruhige Elemente kann man nicht gebrauchen. Disziplin mag ja im Falle einer Mobilmachung nöthig sein, aber in diesem Falle werden die Privatanstalten viel mehr in Anspruch genommen, als die Biiliärfabriken, und daher müßten aus denselven Gründen die 'Arbeiter der ersteren aus dem Gesetze herausgelassen werden. Ich kann dem nicht zustimme», daß den Zlrbeitern, welche ein reines Privatverhältniß zu den Militärfabrilen ohne jeden Vorzug haben, ein Recht entzogen wird, das allen Anderen zugestanden ist. Major Kaljt»: Wir sind in der Höhe der Löhne beschränkt durch die Privatindustrle. Daß die Einführung der Frauenarbeit geschieht, um die Löhne herunterzudrücken, muß ich für die preußischen Militärsabriken zurückweisen. Frauen werden nur in einzelneu Fabriken beschüsiigt nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten. Eine Anspannung der Kräfte wird nur insoweit verlangt, als die Pünklichreit der Lieferung es erfordert. Das Beschreiten des Be- schwerdewegs ist nicht mit Entlassung bedroht. Wäre dies der Fall, so würden die Gewerbegerichte auch nichts dagegen helfen. Die Mehrzahl der Arbeiter wird überhaupt ohne Kündigung an- genoimnen. Die Bseinflussnng der'Arbeiter geschieht weniger von den Wcrksührern als von außen her. In Köln wurden die Sattler in einer Versammlung gegen die Meinung der Mehrzahl genöthigt, gegen die Ueberstunden der Arbeiter zu petitioniren; dei dem Kriegsminister wurde nachher eine Petition eingereicht, die Deputation nicht zu empsangen. Nicht in Folge der kaiserlichen Erlasse ist in Spandau die zehnstündige Arbeitszeit eingeführt, sie besteht schon seit undenklicher Zeit in allen Mili- täriverkstätten. Ueberstunden sind freilich nicht ausgeschlosse», ein Druck bezüglich der Ueberstunden wird aber nicht ausgeübt. Bayerischer Bevollmächtigter, Geh. Rath Lundmium: Ich bitte Sie, die Ausführungen des Abg. Auer betreffs der Verhält- nisse der Militairwerkstätten mit einiger Vorsicht aufznnehme», nach den Erfahrungen, die wir jüngst mit der Behauptung bezüglich bes Zwanges zu Beiträgen für die bayerische UnfaUver- sichcrung gegen die Arbeiter, der von Seiten der Arbeitgeber ge- übt wcrdell soll, gemacht haben. Die Lohnabzüge, die gemacht werden, finden für Privatunsallversicherungen statt. Abg. Kinger: Mir ist nicht bekannt geworden, daß der frühere Bericht des bayerischen Fabrikinspektors bezüglich der Beiträge zur Unfallversicherlmg zurückgenommen worden ist. Wir sind, da die Spezialbcrichte der Fabrikinspektoren uns nicht zugehen, das Sachverbältniß zu prüfen nicht in der Lage. Bei unseren neulichen Mitthciluugcn hat eS sich übrigens nicht um einen vereinzelten Fall, sondern um mehrere gehandelt. Ueberdieö würde dies den bayerischen Bevollmächtigten noch keineswegs berechtigen, zur Vorsicht gegen die'Anssührungen des Abg. Äluer zu mache». Damit sind seine Behauptungen nicht widerlegt. Herrn Major Bahn weise ich darauf hin, daß der Vorsteher der hiestgen Eisenbahnwerkstätten Arbeiter entlassen hat, weil sie an einer Versammlung theilgenommen haben, in welcher Delegirte gewühlt werden sollten zur Besprechung ihrer Interessen. Die Uebelstände auf diesem Gebiete lassen den Wunsch außer- ordentlich begründet erscheinen, die Arbeiter in Reichebetrieven ebenfalls unter die Vortheile und Wirkringen des vorliegenoen Gesetzes zu stellen. Herr Major Bahn scheint zu glaube», daß überall, wo nicht der absoluteste, blinde Gehör- sam zum Ausdruck kommt, die staatliche Ordnung nicht ausrecht zu erhalten sei. Die Auffassung, daß der Arbeiter ein willenloses Werkzeug ist, ist nicht mehr zu halten. Die Militär- und Eisenbahnbetriebe können den Leuten gegenüber, die in einem Privatverhältniß stehen, nicht dasjenige disziplina- rische Verhalten üben, wie den Beamten gegenüber, die pensions- berechtigt sind und Versorgung beanspruchen können, wenn sie in ihrer'Arbeit krank und alt geioordeu sind. Wenn Arbeiter über 40 Jahre oder solche, die nicht mehr iin Stande sind, die Leistungen so zu erfüllen wie jüngere Kräfte, entlassen werden, wenn die staatlichen Institute Alles thun, ivas in der Privat- Industrie frei gegeben ist/ dann haben sie nicht das Recht, Aus- nähinebestimmungen für sich zu verlangen, sondern sie müssen sich den Bestimmungen unterwerfen, die für Schlichtung von Streitig- leiten allgemein gegeben werden. Abg. Kirsch! Der preußische Militärvertreter hat zugegeben, daß die Direktoren der Militärsabriken unter dem Einfluß der Privat- industrie handeln, in Bezug aus Lohnhöhe und Länge des Arbeits- tages durch dieselbe bestimmt werden. Daß die Arbeiter eine Kuudigungssrist nicht habe», scheint mir nicht dafür zu sprechen, daß die Militäriverkstätten wirthschastliche Musteranstalten sind. So lange in Spandau geivvhnheitsmäpig Ueberarbeit stattfindet und es vorkommt, daß einerseits Frauen eingestellt, andererseits alte Arbeiter, die seil 20 Jahren in den Spandauer Anstalten beschäftigt sind, ohne weiteres entlassen werde», so lange werden wir auf dem Standpunkt beharren, daß ein Ausnahmeverhältniß der Arbeiter zu ihren Ungunsten nicht stattfinden darf. § 69 wird unverändert nach dem Vorschlage der Kommission gegen die Stimmen der Freisinnige», Sozialdemokraten und einiger National liberaler angenommen. Die§§ 70 und 71 werden unverändert angenommen. Nach§ 72a sollen die bestehenden Gewervezerichte(solche be- stehen im Rheinland, in Elsaß-Lothringen und in Sachsen) unbe- rührt bleiben. Abg. Auer beantragt, diese Gewerbegerichte nur soivcit un- berührt zu lassen, als es sich nickt um den Vorsitz handelt. Abg. v. Cuuy ist mit diesem'Antrage einverstanden, da jetzt bei der Bildung der Gewerbegerichte im Rhelnland die Arbeitgeber bevorzugt sind, insofern aus ihren Reihen der Vor- sitzende gewählt ivird. Diese Bevorzugung sei nicht mehr aufrecht zu erhalten, aber man sollte die Aussührnng der dadurch m diesen Gerichten nothivendig werdenden Veränderung dem Verordnungswege überlassen; ein Landesgesetz, das sonst nothwendig würde, würde die Einführung des vorliegenden setzes in Rheinland verzögern. Die Abgg. Tuhaner und Zihe treten für die Anträge v. Cuny und Auer ein. Geheimrath Koffinann hält eine redaktionelle Aenderung deAntrages Auer in dritter Lesung für nöthig, um den Zweck des- selben, den er gutheiße, zu erreichen. Der§ 72a ivird mit den Anträgen Auer und v. Cuny am genommen, ebenso der Rest des Gesetzes, welches, soweit es sich auf die Vorbereitung der Ausführung des Gesetzes handelt, sofort, im Uebrigen mit dem 1. April 1891 in Kraft tritt. Schluß 5Va Uhr. Nächste Sitzung Dienstag 12 Uhr. (Tritte Berathung des Nachtragsetats für Ostafrika, zweite Be- rathung der Militärvorlage.) UoltQles. Uo» wirklichem Kumou, das heißt von solchem, der unter Thränen lächelt, zeugt das folgende Schriftstück, welches wir m Verschweigen des Namens, so wie es uns zugeht, unseren ver- ständnißvollen Lesern übergeben:.. Als treuer Abonnent des„Berliner Volksblattes" mochte'cy Sie höflichst bitten, folgendes in Ihrer Zeitung zu veröffentlichen, vielleicht intercssirt es weitere Kreise und wird manchem Ar b eil» die Augen öffnen, daß er erkennt, wie es in Wirklichkeit mit semer Lage bestellt ist. Selbstverständlich wird mich mancher Kmae beim Lesen des Nachstehenden noch obendrein für einen-v»- schwender erklären, weil ich mich erdreiste, pro Monat 1A0 r" für eine Zeitung auszugeben und weil ich, o schrecklich— wie und Schnaps trinke, rauche und prieme. Jedoch diesen Knickern antworte ich, daß ich mich, so lange mein bischeu Proletarierleveii dauert, als Mensch will bewegen und nicht als Vieh, welches sei» Futter vorgeworfen erhält. Aber— das Defizit in meinem Hanshalt wird immer größer, ich weiß bald mcy niehr ein noch aus, und wie es mir mit meme Familie geht, so geht es Hunderten und taufenden von Familien. Ich habe das zufällige Glück mit meiner Ehefrau, sechs lebende Kinder im Alter von 3—14 Jahren zu besitzen. In BerUN, meiner Gebnrtsstadt. bin ich deswegen nicht mehr im Stande, v» meinem Verdienst eine Wohnung zu bezahlen und wohne desham schon Jahre in Weißensee, woselbst die Herren Haustyrannen noch nicht so unmenschlich sind, den Kinderbesttz zu verbieten. Auch wohne ich hier zu einer sehr billigen Miethe. Da ich nun» Freund der Statistik bin, so erlaube ich mir nachflehend meine Einnahmen und Ausgaben von April 1889 bis 1890 zu veröffentlichen. Ich bemerke aber gleich von vornherein, daß ich für eines meiner Kinder nicht zu sorgen habe, sonst würde mein Defizit er» heblich größer sein. Also: Einnahme vorn 1. April 1889 bis 1. April 1890. Arbeitstage: 276(ü durchschnittlich 3 M. 20 Pf.)...... 883 M. 20 Pf. Ohne Arbeit... 24 Tage Gezwungene Feiertage 13„ Sonntage.... 52„ Verdienst meiner Ehefrau, trotz der Sorge für die Kleinen, als AuSbesserin, 210 halbe Tage ä 0,50 M........ 105„—„ Verdienst meines IZjähr. Sohnes mit Frühstücktragen:c.... 50„„_ Summa 1088 M. 20 Pf. A u§ g a o e. � � M. Pf Wochen- Budget für 7 Personen von 3 bis 40 Jahren. Bäcker: Brot und Schrippen...... 5 45 Schlächter: Fleisch, Schmalz und Talg.. 3 25 Grünkram Händler: Kartoffeln, Gemüse 2 25 Kaufmann: Kaffee, Cichorien, gebr. Roggen, Salz, Mehl, Häriuge, Gewürz, Seife, Pe- troleum, Streichhölzer und einige Sechser- käse pro Woche.......... 2 75 Milch Händler pro Woche......— 70 Familienvater bei der Arbeit in 6 Tagen Wurst, Vier und Schnaps pro Tag 80 Pf. 1 80 Für Sonnlag und Ertravaganzen..... 1— Priem und Rauchtabak.........— 60 Arbeiter-Wochenbillet,........— 60 Summa Rm. 18 40 Ergo: 52 Wochen ä 18,40—......... 956 80 Monatsbudget: Miethe pro Monat..10 25 Steuern..............—— Schulutensilien für 3 Kinder....... 1— Schuhmacher und Pantinen....... 4— Kleidung und Wäsche für alle Sieben.... 5— Ausgaben für Thee, Pflaster u. s. w.....— 73 „Berliner Volksblatt"......... 1 10 Summa Rm. 22 10 Ergo: 12 Monate k 22,10.......... 265 20 Extraausgaben pro anno: Weihnachten, Baum, Geschenke Und Kuchen........ 4— Sonstigen Fsiertagskuchen und Braten pr. anno 7 75 Mit meiner Familie fünfmal spazieren gegangen, jedesmal verzehrt 2 M.,—...10— Feuerung.............. 30— Summa M. 61 75 51 75 Summa M. 1272 85 Also Ausgabe... 1272,85 M. Einnahme.. 1038,20„ Defizit 234,65 M., Wie obiges Defizit gedeckt werden soll, das möchte ich niat von einem recht schlauen Rechnungskünstler erklärt wissen, ich finde mich nicht dabei zurecht. Gehungert hat ja meine Family auch nicht, blos ich hin und wieder. Vielleicht iveiß auch aus 'Anfrage meine Frau darüber Auskunst zu geben, denn— ü 1» boiilieur, dieselbe weiß sich wirklich einzurichten. Wir können der wackeren Proletarierin nur ein Bravo zu- rufen, und wünschen dem„Raucher und Priemer", daß es ihui trotz alledem gelingen möge, sich aus seinem„Dalles" herauszu- hauen. Kiustchtlick der bei der letzten Kanneustnsterniß 9f fundenen Unterschiede zwischen den beobachteten und den voraus- berechneten Zeitpunkten wird von Seiten der hiesigen königlich�' Sternwarte m Berücksichtigung eingegangener Anfragen noch fol- gendes mitgetheilt: Der größere Theil der bei solchen Gelegen- Heiben noch wahrzunehmenden Abweichungen des Verlaufes der Erscheinung von unseren jetzigen Vorausberechnungen rührt vo» den Unregelmäßigkeiten des Mondrandes her. Biet genauer und zutreffender, als die jetzigen Vorausberechmnigen dieser Finsternisse bereits sind, werden dieselben daher für einen einzelnen O» überhaupt nicht mehr werde» können; denn wenn die Beruh- rmigSstelle des Sonnenraudes und des Mondrandes, von ei»c»i bestimmten Beobachtungsort auf der Erde gesehen, 0C' rade ans einen sehr tiefen Thaleinschnitt oder auf eine» sehr tiefen Gebirgskamm am Mondrande trifft, kann die erste oder letzte Berührung der Ränder, also A»fa»s oder Ende der Finsternis!, bis zu starken Bruch' theilen einer Minute verspätet oder verfrüht werde»- Es wurde deshalb in der ersten Mittheilung auch nur gesagt, da> das hiesige Bcobachtnngsergebniß einen Beitrag zu weiterer Bei- besserung der Grundlagen der Vorausberechnungen liefere. Schd'' fuv Beobachtungsorter, die nur einige Kilometer von einander ab stehen, kommen andere Stellen des Mondrandes bei der Wahr nehmnng des Anfangs und des Endes der Finsterniß zur Gelting Erst in dem Gesammtergebnip der Beobachtungen an zahlreichen Punkten der Erdoberfläche ist daher die Wahrnehmung der Finsterniß-Erscheinungen von jenen Unregelmäßigkeiten und auch von gewissen noch nickt erschöpfend bekannten kleineren Unregel- Mäßigkeiten der Erdgestaltung hinreichend gereinigt, und einen strengeren Schluß auf die Stothwcndigleit einer weiteren Verbesserung der Grundlagen der theoretischen Vorausbestimmung der Finsternisse zu ermöglichen., , Zlcbrr die Kauten an den Dammmnhle» bringt die »Bauztg." einen längeren Artikel aus der Feder des Stadtbau- raths Hobrecht. Danach sind bis jetzt fertig gestellt: das unter- halb des Vtühlemvegs belegene Wehr, die Usereinfassungen des westlichen Gerinnes, die Jnterinisbrücke im Zuge des Mühlen- wegs über das große Gerinne, die Ufereinsassung der Insel zwischen Mühlenweg und dem Wehr, der Vorkopf am Mühlen- weg unterhalb der kleineit Mühle, die Spundivand an, linken Spreeufer oberhalb des Mühlendamms bis zur Fischerbrücke k. Fit Ausführung begriffen ist der Schleusenbau und � ein Theil ber endgültigen Mühlendamm-Brücke, sowie die Austiefung des großen Gerinnes.— Stadtbaurath Hobrecht tritt in dem Artikel nachdrücklichst dem Verlangen entgegen, die Mählew gebäude, welche bekanntlich zu städtischen Amtsraumen ii»i gestaltet werden, gänzlich zu beseitigen. Er bestreitet, daß dadurch eine wirkliche Verschönerung der Stadt er- reicht würde und weist nach, daß durch diesen Abbruch ein freier Durchblick nach der Oberspree nicht geschaffen werden würde, da die Spree am Mühlendamm einen Winkel von 132 Grad bildet und statt des Ausblicks auf die Oberspree sich der Ausblick aus die nahe hinter den Mühlen gelegenen Hintergebäude der Grund- stücke Fischerstraße 33—13, aus den sogenannten Hamburger Laden und aus einen Theil des Speichers Fischerbrücke 25/23 ergiebt. Stadtbanrath Hobrecht, welcher ein Feind des Abbruchsfanatismns ist, plädirt deshalb— auch aus historischem Interesse— für die Erhaltung der Gebäude der Dammmühlen. Dieselben werden, so meint er, eine ganz hervorragende Zierde unserer Stadt bilden und von der Langen Brücke aus einen höchst wohlthuenden An- blick gewähren. .. Itmlj ringrhrnder Erwägung und sorgfältiger Prüfung ist der Apparat, dessen sich die Berliner Kriminalpolizei bedient, um die Identität von Verbrechern festzustellen, durch Anwendung der Vertillonschen Messungsinethodc vervollkommnet worden. Graf Pückler, der Dirigent der vierten Abtheilung des königlichen Polizeipräsidiums, hat dem Bertillon'schen System seine ganze Änfmerksainkeit geschenkt und die Ueberzeugung gewonnen, daß es zweckdienlich ist, dasselbe, wenn auch nicht in dem Umfange, in dem es in Frankreich geübt wird, hier einzuführen. In diesem Sinne ist von dem Grafen Pückler ein Bericht an das Ministerium des Innern ergangen, dessen Zustimmung erwartet wird. Ein Bureau d'Jdentification, wie es Bertillon in Paris gegründet hat. wird hier nicht eingeführt werden, eben so wenig werden, wie es in Frankreich geschieht, alle aufgerissenen Gesetzesübertreter nach dem Französischen System vermessen werden, wohl aber werden von allen Gewohnheitsverbrechen, von Taschendieben, Laden- dieben, gewerbsmäßigen Einbrechern und Hochstaplern, Schleich- dieben und verwandten Subjekten, anthropometrische Personal-Beschreibungen nach dem System Bertillon auf- genommen werden. Das Ergebniß dieser Messungen, die gleichzeitig mit der photographischen Aufnahme der Verbrecher vorgenommen werden, wird ans den Karten verzeichnet werben, auf welche die Bilder der Leute ge klebt und die mit Angaben über ihr Vorleben und ihre Ver brecherlaufbahn versehen sind. So werden die anthropometrischen Personalbeschreibungen als Ergänzung zu den jetzt üblichen Personalbeschrelbuugen: wie z. B. ein rundes Kinn, längliches tsesicht, graue Augen u. s. w. treten, die infolge ihrer Unzuver- lchpgkeit von Kriminalisten schon lange als ungenügend verworfen tvorden sind. Hier werden nur vier Messungen vorgenommen, Und zwar die der Schädellänge, der Schädelbreite, der Länge des Mittelsingers der linken Hand und der Länge des linken Armes vom Ellenbogen bis zur Spitze des Mittelsingers. Bon der Messung der Armspannweite, des linken Fußes und anderer Gliedmaßen ivird in Berlin Abstand genommen, da es den Be Hörden daran liegt, das System so viel wie möglich zu vereiw fachen. Wie die„Voss. Ztg." hervorhebt, haben die Beamten, welche unter der Leitung des Kriminalpolizei-Jnspcktors v. Meer- scheidt-Hüllessem die Messungen nach dem System Bertillon vor- nehmen, es verstanden, sich in kurzer Zeit mit dem Gebrauche des Instruments vertraut zu machen. AiHo jrdoo Ding, so hat auch drv Koutroiapparat der Droschke«— der„Taxanom"— seine zwei Seilen und die„Aich. Fahrztg." erhebt gegen die beabsichtigte Einführung Bedenken. Durch die Einführung des Taxanom sollen sich— und dies wird als eines der wesentlichsten Borzüge hingestellt— die Einnahmen der Fuhrunternehmer bedeutend erhöhen, indem die Kutscher durch den Taxanom genau kontrolirr werden und diese den Unternehmer fortab nicht mehr übervortheilen können. Ist dies thatsächlich bisher der Fall gewesen, so meint das Fach- dlatt,— was von diesem allerdings bestritten wird— so wird sich nach Einführung des„Streckenmessers" dies B-rhaltmp erst recht fortsehen. Hat der Kutscher nur denjenigen Betrag avzulieiern, wie er von dem Kontrol- Apparat angezeigt wird, so wird er von vorn herein zum Betrug und zur Untreue angeballen, denn er kann dann einfach denjenigen Betrag, welcher von dem Apparat nicht angezeigt wird, in seine Tasche fließen lassen. Und dies geschieht auf s olgende Weise: Der Apparat(Taxanom oder Slreckenmeper) zeigt wohl die zurückgelegte Strecke, nicht aber auch die Pcrsoneiizahl, von welcher das Behikel benutzt worden ist, an; ebensowenig Zeigt der Apparat die event. in der Droschke oder auf dem Bock derjelben UWW 'Höchte, um nicht, wie er sagte, m-w.e» f 'heilen: „Sie werden auf den Bahnhöfen von Maurermeistern in Empfang genommen, werden hier durch Speise und Trank er- frischt und in Kremsern nach den betreffenden Wohnungen be fördert. Nach Ansicht unseres Gewährsmannes ist die Harn bnrger Polizei sehr rege. Die Kaufmannschaft und die Bauherren stehen auf Seiten der Meister, ebenso werden die Fertigstellungs termine der Bauten der Staatsbehörden hinausgeschoben. Anderer seits bietet aber auch der Hamburger Fachverein der Maurer Alles auf, um den Zuzug der fremden Maurergesellen fern zu halten und abzuschneiden. Gelingt den Hamburger Gesellen, die Fremden zur Rückreise zu bewegen, so erhalten Letztere ein aus- reichendes Reisegeld; auch den von Verlin aus nach Hamburg gesandten Maurergesellen waren Gesellen entgegen gereist, um dieselben zur Umkehr zu bewegen, allerdings ohne Erfolg." Da hat der Gewährsmann des Meisterorgans eine Unwahr- heit gesagt. Die Zahl der„nach Hamburg gesandten" Gesellen, welche unterwegs bewogen wurde zur Umkehr, beläuft sich auf viele Hunderte. Uebrigens erlauben wir uns zu fragen: Wenn es den Meistern gestattet ist, die ankommenden Gesellen auf den Bahnhöfen zu empfangen, mit welchem Rechte will man das den Streikenden verbieten, so lange sie sich in den Grenzen des gesetz- lich Erlaubten halten? Krlbstmord im Krankenhaus. Die 33jährige Wärterin A., welche bereits seit einer Reihe von Jahren in der königlichen Charitee, auf der Klinik des Geheimrath Bardeleben, dem söge- nannten Sommec-Lazareth, beschäftigt war und allgemein als ruhig und verständig galt, hat ihrem Leben dadurch ein Ende gemacht, daß sie vor einigen Tagen eine nicht unbettächtliche Qan- tität einer stark konzentrirten Sublimatlösung, der stärksten, welche in der Charitee-Apotheke zu medizinischen Zwecken verabfolgt wird, zu sich nahm. Sublimat ist, wie wir zur Erklärung hinzufügen wollen, ein Quecksilber enthaltender chemischer Stoff mit intensiven ätzenden Eigenschaften. Trotzdem das Gift sofort in Wirkun getreten sein muß, beherrschte die Lebensmüde sich doch so sehr, da.. sie sich nicht verrieth, als die das Zimmer mit ihr theilende Wärterin spät am Abend von einem Ausgang zurückkehrte. Das wiederholt auftretende Erbrechen schob sie auf eine angebliche Unpäßlichkeit. Erst am nächsten Morgen erklärte sie, von den entsetzlichsten Schmerzen gepeinigt, sie fühle sich so schlecht, daß sie nicht im Stande sei, das Bett zu verlassen. Jetzt erst schöpfte man Verdacht und benachrichtigte den Stationsarzt, leider zu spät, um die Unglückliche dem Tode zu entreißen. Man wandte sofort die geeigneten Gegenmittel an, doch alles war umsonst. Der Zustand'der Aermsten verschlimmerte sich zusehends, und speziell die Verätzung der Athnmngswege war eine so hochgra- vige, daß im Laufe des gestrigen Vormittags in der 5klinik selbst von einem der Stabsärzte die Tracheotomie(Luströhrenschnitt) vorgenommen werden mußte, um die Patienten vor dem jähen Tode durch Erstickung zu bewahren. Trotzdem ist sie unter un- säglichen Schmerzen vorgestern Nachmittag ihrem qualvollen Leiden erlegen. Das Motiv zu der unseligen That soll unglückliche Liebe gewesen sein. Unter imposanter Ketheiligung der Genossen wurde Emil Francke am Sonntag Nachmittag auf dem Friedhofe der freireligiösen Gemeinde zur letzten Stühe bestattet. Tausende hatten sich eingefunden, um dem dahingeschiedenen Freunde den letzten Scheidegruß zuzurufen. Herr Gast hielt eine Trauerrede, in welcher der vortrefflichen Eigenschaften des Verstorbenen, sowie seiner Verdienste um die Partei in ergreifenden Worten gedacht wurde. Der Sänaerchor der humanistischen Gemeinde begleitete die Trauerfeierlichkeit mit entsprechenden Gesängen. Kränze spen- dete der 4, 5. und 6. Wahlkreis, die Zentral-Metallarbeiter-Kasse in Hamburg, der Rauchklub 5keruspitze und der ehemalige Leseklub „Unverdrossen". Außerdem gaben viele Privatpersonen ihrer Liebe und Verehrung für den Dahingeschiedenen in sinnigen Blumen- spenden Ausdruck. Auf einem dem Friedhof gegenüberliegenden Neubau bemerkte man erst hinter dem Bauzaun, dann in der ersten Etage verschiedene konsiszirte Gesichter, auf denen deutlich die Verwunderung zu lesen stand über ehrliche Leute, die einem wackere» und braven Genossen die letzte Ehre erwiesen. D-o Kuchbindeo Aiedebeog, Steinmetzstr. 6 wohnhaft, legte in der Elysinmversammlung am"Freitag Abend einige Listen aus, zur Einzeichnung von Beiträgen für die streikenden Kartonarbeiter. Herr Siedeberg wurde hierbei von einein Kriminalbeamten beobachtet, der ihm in den Garten folgte, wo- selbst der Beamte denselben verhaftete. Herr S. wurde nach dem Polizeirevier gebracht, woselbst er einer Visitation unterzogen wurde. Es wurden ihm hier die Listen und das Geld abge nommen. Morgens gegen drei Uhr erfolgte die Uebersührung nach dem Alexanderplatz. Hier verblieb Herr S. bis gegen 1 Uhr Mittags, wo seine Entlassung erfolgte. Er hatte ein Verhör vor einem Kriminalkommissar zu bestehen. Nahrungsmittel wurden ihm trotz angebotener Bezahlung nicht verabfolgt. Inzwischen war in der Wohnung des Herrn S. eine Haussuchung vorge- nommen worden, wobei einige Listen über abgelieferte Gelder ge- funden wurde. Da Herr S. am Sonnabend Morgen seine Ar- beit nicht wahrnehmen konnte, wurde er aus derselben entlassen. Waffregolnng. In der David Grove'schen Dampf- und Wasser-Armaturfabrik, Friedrichstraße 24, traten die Arbeiter am Sonnabend mit der Bitte um eine Erhöhung des Lohnes an den Chef heran. Es hatten ungefähr 30 das betreffende Schriftstück unterzeichnet. Von diesen 80 wurden am Sonnabend Abend 5 plötzlich entlassen. Jlalixeibericht. Am 21. d. M. Vormittags wurde in der Klopstoch'ttaße die Leiche eines Mannes im Keller ausgefunden und nach dem Cchauhause geschafft. Augenscheinlich liegt Selbst- mord durch Vergiftung vor.— Zu derselben Zeit fiel vom Fenster- brett der im dritten Stock des Quergebäudes Greisswaldersir. 72 belegenen Wohnung des Zigarrenarbeiters Müller ein Blumen- topf herab und einem daselbst spielenden einjährigen Mädchen auf den kiovs. Das irind wurde dadurch so schwer verletzt, daß es auf ärztliche Anordnung nach dem Lazarus- Krankenhause ge- bracht werden mußte.— Mittags wurde ein Mann in der Nähe der Lehrter Bahn bei der Havelbergerstraße von einem Wagen, dessen Pferde beim Herannahen eines Eisenbahnzuges scheu ge- worden und durchgegangen waren, überfahren nnv am Hinter- köpfe so bedeutend verletzt, daß er nach dem Kpankenhause in Moabit gebracht werden mußte.— Zu derselben Zeit wurde aus dem Stettiner Bahnhof im Wartesaal dritter Klasse eine unbekannte, etwa 20 Jahre alte Frauensperson in Krämpfen liegend vorgefunden. Da nach arztlichem Ausspruch anscheinend ein Vergiftungsversuch vorliegt, wurde sie nach der Charitee gebracht.— Nachmittags wurde vor dem Hause Swinemünder- straße Nr. 125 eine 65 Jahre alte Frau von einem Milchwagm überfahren und an betten Oberschenkeln so bedeutend verletzt, daß sie nach dem Lazarus-Krnnkenhause gebracht werben mußte.— Am 22. d. M. Nachmittags wurde in der Straße 30 ein angetrunkener Mann, weil er sich weigerte, seine Zeche zu bezahlen, aus einem Schanklokale gewiesen. Da er später von der Straße aus fortgesetzt mit den Fäusten gegen die Thür deS genannten Lokals schlug, versuchte man ihn zurückzudrängen, infolge dessen er zur Erve fiel und sich nicht wieder erheben konnte. Auschet- uend hat er innere Verletzungen erlitten und mußte mittelst Drosckke nach dem Lazarus-Krqnkenhause gebracht werden.— Zu derselben Zeit wurde in der Greifswalderstraße, unweit der Ver- binvungsbahn, eine Frau vom Herzschlage gettoffen und verstarb auf der Stelle.— Am 22. d. Nt. brannte in der 3. Etaae des Grundstücks Weberstraße Nr. 19 eine Tischlerei völlig aus. Außer- dem fanden am 22. und 23. d. M. Morgens an sieben verschie- denen Stellen kleinere Feuer statt. M�gen Wiederholter UrkundenKUschnn«, Unter- chlagung und unbefugter Führung des AdelL hatte sich gestern der Schreiber Otto Emil Hermann Jeimann vor der 1. Strafkammer hiesigen Landgerichts I, zu verantworten. Der erste 17 Jahre alte junge Mensch hat einen unbezähmbaren verbrecherischen Hang und ist trotz seiner Jugend bereits wegen verschiedener Eigenthumsvergehen mit 4 Monaten Gefängniß vor- bestraft. Er konnte es als ein besonderes Glück betrachten, daß er, kaum aus dem Gefängniß entlassen, eine Stelle in dem Aus- kunfsbureau von Salamonski fand. Hier hat er seinen verbrecherischen Neigungen mit der größten Unverfrorenheit gefröhnt und mit Hilfe gefälschter Quittungen in dem'Zeit- räum von einem Monat mehr als 600 Mark an sich gebracht, welche er im tollsten Leichtsinn in lüderlicher Gesellschaft glücklich verjuchheite. Um sich bei den Herren und„Damen", die er sich zu seinem Umgang erkor, ein höheres Ansehen zu geben, hatte er sich Visitenkarten mit dem Namen„Otto von Heimann" drucken lassen und dieselben bei jeder paffenden und unpassenden Ge- legenheit an den Mann gebracht, bis ihn sein Geschick ereilte und seine Verhaftung dein Vergnügungstanmel ein Ende machte.— Der Gerichtshof verurtheilte den leichtsinnigen Patron zu einem Jahr Gefängniß und 14 Tagen Haft. Wegen Vergehen gegen§ 153 der Gewerbeordnung wurde der Vorsitzende des Fachvereins der Glace- und Karton-Papier- arbeiter Bürger zu 1 Woche Gefängniß verurtheilt. Ueker den seltenen Fall, daß ein Freigesprochener Ke» rnfnng einlegt, haben ww heute zu berichten. Der Architekt Ernst Schnitze ist, so weit es den technischen Theil betrifft, Siedakteur der„Deutschen T e ch n i k e r- Z e i t u n g." Durch einen in Nr. 16 des genannten Blattes vom 15. August 1838 enthaltenen Bericht über den V. Delegirtentag des deutschen Technikerverbandes fühlte sich ein Techniker Rühle benachtheiligt und er verlangte unterm 7. Dezember desselben Jahres von der Redaktion die Aufnahme einer Berichtigung. Da dieselbe abgelehnt wurde, stellte er ain 27. April 1889, mithin mehr als drei Monate nach dem Erscheinen der Nummer, in welcher die Berichtigung zum Abdruck gebracht sein mußte, Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft. Dieselbe legte auf den Ablauf der dreimonatigen Ruhefrist kein Gewicht, sondern wies den Antrag zurück, weil die Berichtigung sich nicht aus That- fachen beschränkt hatte. Der Bescheid konnte dein Antragsteller aber erst nach vielen Monaten zugestellt werden, weil derselbe seine Adresse anzugeben unterlassen hatte. Nach Erhalt des qn. Be- scheides verlangte— es war im November v. I.— Rühle von der Redaktion die Ausnahme der nunmehr dem Gesetze entsprechend gefaßten Berichtigung, welche wiederum abgelehnt wurde. Die von Neuem angerufene Staats- anwaltschaft erhob jetzt Anklage gegen Schnitze, doch erkannte die 97. Abtheilung des Berliner Schöffengerichts auf Frei- sprechung desselben, weil er die Aufnahmen der Berichtigung im guten Glauben verweigert hat, ordnete aber die nach- t r ä g l i ch e Berichtigung an. Gegen dieses Urtheil nun hat der Freigesprochene Berufung eingelegt, um auch den letzten Theil desselben aus der Welt zu schassen. Die Strafkammer Via, vor welcher die Verhandlung dieser Sache gestern anstand, be- schränkte sich ans die Prüfung der Verjährungsfrage. Es nahm die Verjährung für eingetreten an, hob demgemäß das erste Urtheil auf und erkannte auf E i n st e l l u n g. des Verfahrens. Eine gan? exemplarische Strafe wurde gestern einem Messerstecher durch Urtheil der 3. Strafkammer des Landgerichts I zu Theil. Der aus der Untersuchungshaft vorgeführte Wilhelm Hohbein ging am Abende des 10. Mai d. I. durch die Promenade am Friedrichshain. Nach echter Rowdyart rempelte er die Ehe- frau des Schuhmachers Müller, die ihm am Arme ihres Mannes begegnete, absichtlich und heftig an. Der Ehemann Müller verbat sich die Ungezogenheit und hierauf schien der Angeklagte nur gewartet zu haben. Sofort drang er nun mit ge- ücktem Messer auf ihn ein. Müller zog es vor, schleunigst zurück zu weichen. Hierbei siel ihm sein Hut zur Erde. Er bückte sich, um ihn aufzuheben. Diesen Augenblick bcnutzto der Angeklagte, um ihn einen tiefen Messerstich in den Arm bei- zubringen. Darauf ergriff der Angeklagte die Flucht. Er wurde von anderen Personen verfolgt und gestellt. Bei seiner Ergrei- " mg hieb er mit dem Messer wild um sich, wobei er noch zwei ersonen erheblich verletzte. Der Staatsanwalt beantragte 3 Jahre >efängniß, der Gerichtshof erkannte aber auf vier Jahre Gefängniß. Giistrom i. M.. 20. Juni. Ein Prozeß, welcher in mehr- facher Hinsicht Auffehea erregt, ist gestern vor der ersten Straf- kanuner des hiesigen Landgerichts verhandelt worden. Wir geben im Folgenden kurz die Thatsachen ohne irgend eine subjektive Bemerkung wieder. Der Majestätsbeleidigung angeklagt war der Tischler Bern dt aus Berlin; er sollte dieselbe durch eine in Güstrow während der ReichstagS-Wahlkampagne gehaltene begangen haben. Selbstverständlich kann dw Aenßerung Rede selbst hier nicht wiedergegeben werden. Der Gerichtshof ging zunächst sämmtliche von dem Angeklagten erlittene Strafen durch und itellte deren Entstehung an der Hand der aus Berlin über- sandten Akten fest. Die dem Angeklagten zur Last gelegte Aeußerung wurde als durch die Zeugenaussagen erwiesen er- Bemerkenswerth ist. daß cker hiesige Pfarrer, Herr Wilhelm,, welcher ,n der betreffenden Versammlung eine lobhafte Debatte mit Berndt ausfocht, sich diesem freiwillig als Gut- lastungszeuge angeboten hatte. Als Zeuge sagte Herr Pfarrer Wilhelnn aus, daß er den inkrimimrtcn Satz und speziell das Wort„Wichlmanöoer" gehört zu haben sich nicht erinnere, daß aber nach dem von ihm empfangenen Eindruck dar Angeklagte d,e kaiserlichen Erlaffe herabzmvürdigen beabsichtigt habe. Berndt bestritt die Aeußerung und stellte unter Beweis, daß er an demselben Tage einen anderen, der das ihm zuge- chrlebene Urtheil geüußeri hatte, deshalb als politisch unreif ge- tennzclchnet habe. Der Staatsanwalt beantragt ein Jahr Ge- uucjiup, indem er q13 erschwerend hervorhob, daß der Angeklagte em geborener Preuße sei und sogar in derselben Stadt mit einem Landesherrn wohne; ferner seien die Vorstrafen und icsonder� eine Beleidigung, welche der Angeklagte dem pflichttreuen Beamten Mahlow-Jhring zugefügt habe, erschwerend. Der Ge- richtshof erkannte ans v,er Monate Gefängnis,. In dem Urtheil yt unter anderem gesagt: Der Angeklagte sei, wie ans den Akten hervvrgehe, ein Mann, der es nicht verwinden könne, daß jemand Sozieile TleberktttzZ. zurückgenommen, und serner versichert, keine Lohnrcdnktion vor- vis m,?r0®LMOn!a0' Abends 8 Uhr, in der öffentlichen Versammlung Mohrinami's Ballsalon, Frankfurterstr. 117; alle Möbelpolirer inL„,........... An die Korbmacher zuhalten„ach Greifen lenkschtnnda! Der Zuzug ist fern- SWÄSSSK sich seit drei Wochen im Kampfe um ihre Rechte be- dieselben finden. In Ausführung der Kongreßbeschlüsse haben wir folgende Fragen zur Beantwortung gestellt: 1. Wie viele haben am I. Mai gearbeitet? 2. Aus welchen Gründen? a) aus eigenem Antriebe?(Zahl.) b) auf Veranlassung der Fabrikanten?(Zahl.) 3. Wie viele haben sich an der Feier betheiligt? Diese Fragen sind nothwendig, um eine Uebersicht in der 'Sache zu erhalten. Bei der Frage 2a) ist es nothwendig an- zugeben, ob Nnkenntuiß, Böswilligkeit oder sonst was die Beran- lassung war. Statutenmäßig soll ich für die Ausbreitung und Befestigung des Verbandes Sorge tragen. Dazu bedarf ich aber der Unter- stiitzung der Bevollmächtigten. Wenn dieselben meinen Bekannt- machungen so wenig Beachtung schenken, daß ich drei bis vier Mal schreiben muß, dann wird mir mein Amt unmöglich gemacht. Es scheint, als ob man kein Interesse an der Sache hat. Wenn die Herren wollen, daß der gegründete Verband auch fortbesteht, dann muß ich sie ersuchen, daß sie die Bekanntmachungen beachten. Etwas UnnöthigeS oder Unmögliches wird nicht verlangt. Kollegen! Die Protokolle habt Ihr seht in Händen. Nun möchte ich die betreffenden Ortschaften ersuchen, sobald als möglich den eingeklammerten Betrag auch einzusenden. Schranz hat mir nur 75 M. übergeben, davon kann ich die Kosten nicht be- streiten. Besonders mache ich die Herren Delcgirten darauf auf- merksam, daß laut Kongreßbeschluß dafür Sorge zu tragen ist, daß 25 Pf. auf den Mann dafür zuzuzahlen sind. Folgende Ortschaften haben annähernd folgende Beträge an meine Adresse abzusenden: Chemnitz(5,00), München(9,00), Zeitz(20,00), Kayna(2,00), Leipzig(8,00), Dresden(20,00), Gr. Korbetha(2,50), Zivenkau(9,00), Fischbach(6,00), Harburg(3,00), Stettin(8,00), Wolgast(2,00), Greisenhagen(3,00), Siegnitz(4,00), Kötschenvroda(3,00), Schnei) bei Lichtenfels(19,00). Ich ersuche Vorstehendes sobald wie möglich zu ordnen, damit es nicht noch- mals einer Aufforderung bedarf. Den Kassirern der Zahlstellen zur Beachtung, daß sie die Abrechnung wenn möglich bis zum 10. Juli dem Hauptkassirer zustellen. Mit kollegialischem Gruß und Handschlag Der Vorstand des Zentralverbandes deutscher Korbmacher. I. A.: C. Krüger, Vors., Hamburg-Barmbeck, Burgerstr. 5. Verf«»»»tt»ln»lge»r. Gine Lberauo zahlreich besuchte Versammlung des Fachvereins der Gärtner tagte am 18. d. M. in Feuerstein'! tealon. Alte Jakobstr. 75. Auf der Tagesordnung stand Vortrag des Reichstagsabgeordneten Herrn Stolle über die indirekten Steuern. Der Referent drückte beim Beginn seiner Rede seine Freude darüber aus, daß es ihm vergönnt sei, im Kreise seiner Berussgenossen ein Verftändniß für die großen Kulturaufgaben der Menschheit zu finden. Redner wies in seinem Vortrage die Schädlichkeit der indirekten Steuern nach und führte an der Hand geschichtlicher Auszeichnungen aus, daß schon die alten Griechen und Römer zur Bestreitung ihres Militarismus zur in- direkten Besteuerung ihre Zuflucht nahmen und dadurch den Zu- sammensturz des Reiches herbeiführten. Im weitere» Verlaus seines Vortrages bewies er aus dem Staatshaushalts-Etat das rapide Steigen der Zölle und Verbrauchssteuern, indem dieselben rm Etatsjahr 1889/90 die enorme Höhe von 598 Millionen er- reicht haben, wovon der weitaus größte Theil von den arbeitenden Klassen getragen worden. Hieraus kam Redner im speziellen auf den von den handeltreibenden Gärtner» Deutschtands ange- strebten Schutzzoll ans ausländische gärtnerische Erzeugnisse zu sprechen und verwarf denselben, da doch nur eine kleinere Min- derheit einen Vortheil aus demselben ziehen werde, während der großen Masse des Volkes der Luxus einer Blume im Winter ge- radezu unmöglich gemacht würde. Er kam zn dem Schlüsse, daß alle indirekten Steuern auf alle Artikel verwerflich, nur die pro- gressive Einkommensteuer gerechtfertigt wäre. Reicher Beifall lohnte den Redner jür seine hochinteressanten Ausführungen. In der Diskussion sprach Herr Peters(Unternehmer) die bedeutsamen Worte aus, daß ohne Schutzzoll die deutsche Gärtnerei zu Grunde ginge!!! Herr Abraham verstieg sich sogar soweit, zu behaupten, wenn wir eine Erhöhung unseres Lohnes beanspruchen, auch dafür sorgen müßten, daß die Unternehmer ihre Produkte theuerer verkaufen könnten und müßten wir daher für Einführung eines Schutzzolles sorgen. Von mehreren Kollegen zurechtgewiesen, ent- spann sich eine sehr lebhaste Debatte über diesen Punkt. Der Referent widerlegte in seinem Schlußwort, mehrfach von lebhaftem Beifall unterbrochen, die Gegner in trefflicher Weise und führte aus, dap durch einen solchen Zoll der Luxus frische Blumen im Winter zu haben, einzig und allein Besttzthum der besitzenden Klassen würde. Es wurde ein Antrag einstimmig angenommen, die Hamburger Bauarbeiter mit 50 M. zu unterstutzen. Ferner machte der Vorsitzende unter„Verschie- denem" bekannt, daß der langjährige Agitator in der Gärtner- dewegimg, Herr Paul Abromeil, aus dem Fachverein ausgetreten ist. Nach einem Appell an die Mitglieder, die öffentliche Ver- sammlung am 25. Juni und die nächste Vereinsversammlung am 9. Juli recht zahlreich zu besuchen, erfolgte Schluß der Ver- sammlung. Vor den Hutnrbeitern und Ardeiteriuue«, die sich am Freitag im Böhmischen Brauhause unter Vorsitz der Herren Augusnn, Völkel und Stabrie versammelten, hielt der Reichstags- abgeordnete August Heine einen Vortrag über das Thema:„Wie können die Hutarbeiter und'Arbeiterinnen ihre wirthschastliche Lage verbessern?" Redner giebt Eingangs seiner Ausfuhrungen eine eingehende Schilderung ver Entwicketung der Hutfabrikation. Schon in, Mittelalter, zur Zeit, als noch die ganze Fabrikation reiner Handbetrieb war, als die Meister mit ihren Waaren noch auf die Märkte zogen, die Gesellen noch gewissermaßen zur Familie des Meisters gehörten, hätten die Gesellen schon ihre Verbindung gehabt. Die„Verbrüderung" gewährte den reisenden Kollegen Gastsreundschalt, Reiseuntcrstützung und verschaffte den Kollegen Arbeit. Die Verbrüderung— im Laufe der Zeit wurden mehrere Hutarbeiter wegen der Zugehörigkeit zn dersetven— sie war eine geheime— bestraft— wurde in den 60. Jahren aufgelöst und der Unterstützungsverein deutscher Hutamcher gegründet. Diese Organisation paßte sich mehr den Verhältnissen an. Die Maschine hatte jetzt im Gewerbe Eingang gefunden und warf Taufende auf die Landstraße. Die Lage des Hutarbeiters hat sich seitdem von Jahr zu Jahr verschlechtert. Die Arbeit ist schwer und wird nicht demgemäß bezahlt. Tie Arbeit ist gesahrvoll für das Leben. Ein Drittel aller Hutmacher sterben an der Lungenschwindsucht; 31 Jahre ist das Durchschnittsalter. Eine gefährliche Konkurrenz ist dem freien Arbeiter in der Gefängnißarveit entstanden. Tie Löhne der Hutarbeiter sind hierdurch so gefallen, daß unvorher- gesehene Pausen das wirthschastliche Leben der Familie in Frage zlellen. Diese Zustände können zunächst nur durch eine starte Organisation gebessert werden. Die Arbeiter sollten sich der be- stehenden Zentralisation anschließen, die Arbeiterinnen aber mögen mit der Gründung von Lokalvereinen vorgehen. In letzter Linie könne eine vollkommene Besserung nur mit der Durchführung der Ziele der Sozialdemokratie eintreten. Nachdem Redner die letzteren klargelegt, schließt er mit der Aussorderung, nicht nach- zulassen in dem Kämpf, der unS eine Besserung, unseren Nach- kommen aber das Glück bringen wird.(Lebhafter Beifall.) In der Diskussion vertreten die Herren Völkel und Augnstin vollkom- men die Ansicht des Referenten. Letzterer übt scharfe Kritik an den, Gebahren des Herrn Louis Rössel, in dessen Fabrik 41 Arbeiter streiken, weil Lohnabzüge stattfinden sollen. Dieser Herr hat die Humanität auf seine Fahne geschrieben, scheut sich aber nicht, seine Arbeiter zur Anerkennung einer„Arbeitsordnung" zu zwingen, nach welcher er die Arbeiter jeder Zeit entlassen kann die Arbeiter aber an eine 14tägiae Kündigung gebunden sind Mehrere Redner ermahnen, dort keine Arbeit zu nehmen. Scharf gegeißelt wird ferner das Verhalten der Luckenwalder Kollegen, die jetzt nach Beendigung des Streiks nicht einmal diejenigen Kollegen, die während des Streiks für sie eintraten und deshalb gemaßregelt wurden, unterstützen. Es sind 20 Familienväter, die infolge des Vorgehens des Luckenwalder Fabrikantenringes aus 5 Jahre hinaus keine Arbeit mehr erhalten. Nach Beendigung der Diskussion beschließen die Anwesenden, sich zu organisiren; die Arbeiter in dem Unterstiitzungsverein deutscher Hutmacher, die weiblichen Kollegen in einem Verein, der demnächst in einer öffentlichen Versammlung gegründet werden soll. Nachdem noch die Kollegen Kempe, Völkel und Augustin als Delegirte in die Zentral- Streik- Kontrolkommission gewählt worden, schließt die gutbesuchte Versammlung mit einem Hoch auf die internationale Arbeiterbeivegung. Klavierarbeiter. Am Sonnabend, den 14. tagte eine Versammlung des Vereins zur Wahrung der Interessen der Klavier- arbeiter und verivandter Berufsgenossen in Deigmuller's Salon, Alte Jakobsiraße 48a. Auf der Tagesordnung stand: 1. Vortrag des Herrn Paul Litfin über Kapitalistenringe und Arbeiterorgani- sationen. 2. Werkstattangelegenheiten und Verschiedenes. Herr Litfin versucht den Anwesenden klar zu machen, daß durch' die immer mehr fortschreitende Maschinentechnik tausende von Ar- beitern jährlich brotlos werden. Demgegenüber sei es unbedingt nöthig, eine Verkürzung der Arbeitszeit anzubahnen. Durch die immer mehr entstehenden Kapitalisterringe werde den Arbeitern der Kampf um dieses Ziel sehr erschwert. Diese Sachlage macht es unbedingt nothwendig, daß sich jeder Arbeiter einer festen Or- ganisation anschließt dieser allein ist es nur möglich, der Heu- (igen wilden Konkurrenz und den ubermüthigen Käpitalistenringen einen Tamm entgegenzusetzen. Reicher Beifall lohnte den Redner. Die Werstattangelegenheit von Matz u. Comp, führt zu keinem Resultat. Es hat sich nicht feststellen lassen, daß der Fabrikant die Arbeitszeit verlängert hat. Ein großer Theil der Schuld ist den Kollegen selbst zuzuschreiben, weil die große Masse der Kollegen der Arbeiterbewegung feindlich gegenübersteht. Ein An- trag des Vorstandes, denjenigen Kollegen, welche Billets ver- treiben, auf 25 Billets eins gratis zu geben, wenn dieselben vier Wochen noch dem Vergnügen abgerechnet haben, wurde an- genommen. Die Wahl eines Arbeitsvermittlers wurde wegen der vorgerückten Zeit vertagt. Ein Kollege erhielt Krankenunter- stützung. Zwölf neue Mitglieder wurden aufgenommen. Die nächste Generalversammlung findet am 23. Juni statt. Ersatzwahl des Vorstandes. Der Lachumin für Schlosser und Nlnkchinoubau» arbritrr hielt Dienstag, den 10. d. M., eine beschließende Ver- sammlung im„Königstadt-Kasino" ab. Zum I.Punkt der Tages- ordnung hielt Kollege Gründet einen sehr lehrreichen Vortrag über„Volksernährung und Sozialismus". Nachdem sich dann einige 5iollegen als Mitglieder hatten einschreiben lassen, wurde ein Antrag, nach Regelung der„Brauerfrage" ein Sommerseft abzuhalten, angenommen. Ein weiterer Autrag:„In Anbetracht der augenblicklichen Erschlaffungsperiode, die Versammlungen auf 4 Wochen auszusetzen", wurde ebenfalls angenommen. Nach längerer Debatte über Arbeitsnachweis-Angelegenheiten wurde noch einmal auf die jetzt indirekte Aussperrung der Hamburger Kollegen aufmerksam gemacht und ermahnt, in erster Linie Zuzug von Hamburg fernzuhalten, gleichfalls aber auch die Kollegen materiell zu unterstützen. Drr Vorei» zur Wahrung der Interessen der Gast- und Schnnkwirthe Berlins und Umgegend hielt am 20. Juni eine Generalversammlung beim Kollegen Henke, Blumenstr. 33, ab. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht der Kommission für Ausarbeitung des Status zur freiivilligen Unterstützungskasse. 2. Bericht des Vergnügungskomitee's. 3. Aufnahme neuer Mitglieder. 4. Verschiedenes und Fragekasten. Ter Vorsitzende Kollege Gründet eröffnete nach Verlesung und Bestätigung des Proto- kolles Kollegen Henke« zum ersten Punkt der Tagesordnung das Wort. Derselbe theilte mit, daß die Kommission zur Aus- arbeitung des Statuts nach jeder Richtung hin Rechnung ge- tragen habe, er werde jeden Paragraphen einzeln vorlesen und die Versammlung ersuche», ihre Meinung dahingehend zu äußern. Nachdem die einzelnen Paragraphen durchgenommen und einige Abänderungen getroffen waren, wurde das Statut von der Versammlung einstimmig angenommen. Zum zweiten Punkt erledigte Kollege Henke, Vorsitzeuder vom Vergnügungslomitee in Kurzem die Einnahme und Ausgabe des- selben und überwies den Ueberschuß von 6 M. SO Pf., welcher von der Versammlung einstimmig angenommen, der neu- gegründeten Nnterstützungskasse zu. Es erfolgte eine Pause von 25 Minuten zur Aufnahme neuer Mitglieder. Nach Wiedereröffnung der Versammlung theilte der Vorsitzende mit, daß zwölf Kollegen dem Verein beigetreten.— Zum vierten Punkt„Verschiedenes" und Fragekasten, empfiehlt Kollege Grändel, den Herrn Dr. Schöps, Alexanderstr. 50, als unfern Bereinssyndikus, indem der bisherige Syndikus Rechtsanwalt A. Stadthagen wegen Ueberburdung von Arbeiten den Verein nicht im gewünschten Sinne vertreten kann. Der vorgerückten Zeit wurde die Versammlung um 9a/4 Uhr geschlossen. Verein der Deutschen Kaufleute, Vereinigung der Orts- vereine für Berlin und Umgegend. Mittwoch, 25. Juni 1890, Abends iä/e Uhr: Große Versammlung in C. Keller's Festsälen, Köpnickerslr. 96/97. Vortrag des Reichstagsabgeordn�ten Herrn Senator Dr. Witte über„Die Sonntagsruhe der Kaufleute". Hervorragende Reichstagsabgeordnete haben ihr Erscheinen be- stimmt zugesagt. Zu dieser Versammlung sind alle konditio- »irenden Kaufleute eingeladen. Der Vorstand: Franz Aniol. Julius Meyer. G. H. Wolff. H. Sommer. H. Simonson.— Dieser Einladung ist das folgende humoristische Schriftstück bei- gefugt: Sehr geehrter Herr Kollege! Das unterzeichnete Bureau ersucht Sie höflichst an der nachstehend verzeichneten großen Ver- samnilung theilzunehmen und pünktlich um 7Vs Uhr zu erscheinen, damit die vorderen Plätze von unseren Mitgliedern besetzt werden. Wir erachten es als eine Ehrenpflicht jedes Mitgliedes dieser Einladung Folge zu leisten, damit die Versammlung wirklich den er- hofften imposanten Eindruck mache und rufen Ihnen nochmals zu; Niemand darf fehlen! Mit kollegialem Gruß Das Bureau: I. Meyer, stellvertretender Vorsitzender(Ortsverein IV). F. Aniol, Vorsitzender(Ortsverein 1). H. Simonsohn, stellvertretender Schriftführer(Ortsverein I). H. Sommer, Kassirer(Ortsverein 11). G. H. Wolff, Schriftführer(Ortsverein 1). Ulahlvirri» ht» 4 Hrrliiicr N-ich�ugs-MayIkrei»». Ten Ge- »offen zur Nachricht, daß sich die Zahlflellen des«erein« bei folzende»(Sc- »offen befinde»: Gottfried Schulz, Uidmiralftrabc ioa, Karl Scholz, Wrangelfirabe 23, Otto Hetildorf, Langestrabe 70, Gustav Tempel, Bresiauerftrabe 27, Fr. Zubeil, Naunynflrabe so. Tie nächste Aerfa»»»tu»g findet am 2. Luli t»> Lolale Königsbanl, Groste Franlfnrterflrabe 117, statt... Koiialdrn.ostratischrr z)9alilv-r»in dr« v. Berliner Neichotag»- Utuijlkreiseo. Die Zahlstelle» befinde» sich bei Vieri, Restanraleur, Birlen- flrabe 24,(Jieinert, Nestauraleur, Fe»»- Mullerstraben-Ecke, Gnadr, illestanra- tenr, Brunnenstrab- 38, Behnfeld,«efwuiaieur, Schönhauser Allee 40, Prenb, Nefianrateur. WriinchiUerstrabe so. Tie Beiträge werden jede» Somitäg von 10—12 Udr entgegengenommen. Mitglieder werden in de» Zahlstellen aufge- noinmen.» j,«lk«r>»rfan>ml»,»a im Seefchlöstchen zu Tt.-Wtl- mersdorf(Herr Krause) am Dienstag, den 24. Juni, Abends puntllich» Uhr. Frei» Klrrrinigung der Maurer Kerl,»» und zliugegrnd. Dienstag, den 24. Juni, Abends» Uhr, im Lolale Süd-Ost, Walbemarstr. 76, Bsr- (annulung. Versammlung der in der Schlld-rfabrilation be- schäfligte» Arbeiter am Dienstag, den 24. Juni, Abends B Uhr, in Sch-ffer'S ~ a'"ö i im dem oh ratifcher Lese-»nd Disllutir-Club xalsaUe. Dienstag, den 24. Zmii, AbendS 8% Uhr, Adalbertstr. 8 bei Schneider. Gäste Häven Zutritt. Keilte Iienftaa, den 2t. Juni, Versammlung des Verbandes deutscher Z i m m e r l e» l e, Lotal-Verband Schoneberg und Umgegend, im Saale der Schöneberger Tchlob-B-aueret, Abends 8 Uhr. Um recht zahlreiches Erscheine» wird gebeten. Bleue Mitglieder werden ausgenommen. Zentral. Kranlieu- und pterbeiiasl» der(t»p«fir»r(Verwattnng� stelle Berlin). Dienstag, den 24. Juni, Abend« 8ij Uhr, bei Feuerstein, Alle Jalobstrabe 76. Aiitgltederversaminlnng. Tagesordnung: l. Kasfendericht. 2. Neuwahl des Vorstandes und der Revisoren, e. Telegirtenwahl zur auß-r- ordenllichen Generalversammlung. Innere Kassenangeiegenhetlen. Quittung-- buch legitimirt.- 0, Serliner Kildhauer. Dienstag, den 24. Juni ct., Abends im Restaurant Keßner, Annemtr. iL. Btbllvthekabend mit Besprechung der Werke. Geschäftliches und Verschiedenes. / sehrttuud- der Lranrn-Abtyeiluna des LehrkursuS zur crstü y'Oebcl plohlichen Unglüitssällen findet Dienstag, den 24. Juni, AbeiidS um»x Uhr, bei Feuerstein statt, wozu Frauen und Mädchen als Gaste eingeladen werden. öffentliche Versammlung sämmtltcher in der Mannor- b tauche beschäfilgten Arbeiter Berlins und Umgegend am Ti-nstag, den 24. �unt 1830, Abends 8)1 Uhr, in Deigmuller's Salon, Alte Zalobstr. 4Sa. Freie Jlerciiiigunu d,r Kartoiiarbeitrs. Eeneraloersammlunz ain Dienstag, de» 24. Juni, AbendS« Uhr, bei H-nle, Binm-nstr. 39. Verband deutscher Zi»»uerle»te(Lolalverband«erli»). B-rsmamWnZ bergnstr 13' 3uut' AbendS 8% Uhr, im„Vilioria-Salon", P-U- «Sesaug-. eurn- und gesellige yeneine am Dienstag. Sesangoeresti „Gntenberg' Abend« 8% Uhr im Restaurant Quandt, Slralanerstraste 43. idesangverei»„Alpenglühen" Abend« 9 Uhr im Restaurant Hildebrandl, l-rinjen- . SfL""'~ Schäser'scher„Gefaiigverein der Elser" Abends 9 Uhr bei Wog foit.rfttaste 16.— Männergesangverein„Sleinnelle" Abend« 9 Uhr im Restau "—"" Gesangverein„Harmonie" Abend» srankfurierlir. 49.— Männergesang' urant Drillhose. Rosenthal-rstr. U-*-; «tiuinjueieui„e-angrroain eioenos 9 Uhr im Restaurant Kaiser-vrav» Greiiadierplaf! 7.— Gesangverein„Bruderherz" Uebungssmnde Abends von &&--ttff ge angverein„Hilariias" Abends 8 Uhr im Restaurant W. Gleist, Primen- Allee 89.- Gefangverein„Felicitas" Abends 9 Uhr im Restaurant Rebelw, Langestr. 108.— Mannergefangverein„Olympia" Abends 9 Uhr im Restauram Werth, Prinzenstr. 10«.- Gefangverein„Ltederlust" Abends 9 Uhr lm R-ItäU' nn oVr"' Naünynstr. 44.— Männergesangverein„Accvrdia" Abds. 9 Uh bei Weick, Aleranderstr. 31.— Gesangverein„Ludwig'scher Männerchor" Abend» 9 Uhr Lliidenstr. 106 bei Poppe, Uebungsfinnde. Gäste sind Ivillloliimen. Ma»»ergefangoerein„LiedessreiheU" Abends 8X Uhr im Restaurant Heute, vlumenstr. 88.—„Deutsche Liedertafel, Tirigenl R. Maschinoln Abends BUhr Uebungssmnde im Restaurant Saeger, Grüner Weg 23.— Männergesang- verenl„Alle Linde" Adends 8X— 10X Uhr im Restanrant Jahns, Mariannen- st raste 19.— Gesangoerei»„Bleivlreu", Uebungsflunde Müllerstraße 7 bei Pohl.— Zilherliub„Amphion" AbendS 9 Uhr in Triebels Restaurant» Hoher Steiniveg 16.— Turnverein„Froh und Frei"(Männerabtheilungi AbendS 8% Uhr, Bergstr. 57.— Berliner Tunigenosfenschast(Fünfte Männer- ablheiiung) Abends 8 Uhr in der städtischen Turnhalle, Wasserlhorstt. 31. 7" Turnverein„Hasenhaids"(Männerabtheiluiig Abends s Uhr, Diessenbach- slrast: 60—«I.— Verein ehemaliger Schulet der 37. Semeindeschule Abends 9 Uhr im Restaurant Kinner, Köpnillerstr. 68.— Arendt'scher Stenographen- oerem„Apollodund" Abends 8J Uhr Brunnen sir. 129a.— Arendt'scher Steno- graphenverei» AbendS 8% Uhr tm Restaurant„Zum eiserne» Kreuz", Linden- »raste 71.— Deutscher Verein Arendt'scher Sienographen Abends 8% Uhr in Randcl'S Restaurant Brnnnenstr. 129a.— Verein„Roc" Abends 8% Uhr im Restaurant Eltze, Alexandrineustr. 99.— Unlerhaltungsoerein„Harmonie Abends 8 Uhr, Eisenbahnstr. 88», im Restaurant von Liebe.— Vergnügung«- verein„Mollig" Abends 9 Uhr im Restaurant Reinicke, Sipsstraste 3, jeden Dienstag nach dem 1. und 16.— Zilherliub„Amphion" Adends 9 Uhr im „Miinchener Hos" Spandauerstr. 11— 12.— Rauchllub„Znm Wrangel" Abends 8 Uhr bei Hcrschleb, Adalbertstr. 4.— Ranchtiud„Portorilo", Abends 9 Uhr. Dlantensselfttaste 119 bei Grewling.— Rauchllub„Deutsche Flagge" Abend« 8 Uhr im Restaurant Händler, Wrangelsir. 11.— Rauchllub„Friedrichshain Abends 9 Uhr im Restaurant ftipping, LaudSbergerltr. 1108.— Rauchllub „Lustige Brüder" Abend« s)j Uhr bei Grothe, Fürstenbergerstr. 2.— Ler- gnügungSoerein„Fröhlichkeit", Grüner Weg 29. Grobe Gesellschastssmnde, verbunden mit Vorträgen. Gäste willlominen. Enttee frei.— Tainbour- verei»„Sedan" S tzung Abend« 8% Uhr Grüner Weg o— 10.— TambouroeretN „Eiüigteil»lacht jlart", gegründet 1886 Uebungsflunde Abend« 9 Uhr im Restaurant Hahn, Elfafserstr. 67.— Must!- Dillettantenveretn„Animo. Abend« U— 11 Uhr, bei Trulks, Reichendergerstr. 83. Aufnahme neuer Milglieder.—„Vecgnügungsverein Schwarz- Weiß- Roth" jeden Tienfmg Abend 9 Uhr bei Feuerstein, Alle Jalobftraste. Gäste ivilllOiiimen.— Sozio}- demoiraUfcher Lese- und Tisliitir-Veretn„Herwegh". Abends 8 Uhr im Lokale des Herr» Otto 3 inte, gorsterstraste 46. (Uefung-,«Ulli- und gesellige Nerei»» am Mittwoch. Männer- gesangverei»„Jugendlnst" Abenbs sx Uhr im Restaurant Passod, Garten» straße 162.— Männergesangverein„Cacilia" AbendS 9 Uhr int Restaurant Köpeniclersir. 127a.— Gesangverein„Männerchor Linde" Abends tzf Uhr im Resiaurant Haller, Rannyastraße 70.— Männergesangverein„Sangesfrende Abends 9 Uhr im Restaurant Mufehvld, Landsbergerstr. 31.— Gesangverein „Freya" AbendS 8% Uhr im Restaurant Bcnecke, Große Hamburgerstr. 10.— Hiippert'fche SängervereinigliNg jeden Mittwoch nach dem Ersten tili Monat, AbendS 9 Uhr im Restaurant Heise, Lichiendergerstr. 21.—„Seeger'fcher Gesangverei»" AbendS 0 Uhr im Restanrant Wcnck, Vlninenstraße 46.— Gesang- verein„Schwungrad" Adends 8% Uhr im Restaurant Sahm, Annenstr. 16.— Piännergesangverein„Lorbeertranz" Abends 9 Uhr tm illestaurant Karsch, Oranienstr. 199.— Gesangverei»„Rord-Jubal" Abends 9 Uhr in Vellin's BierhauS, Veleranensir. 19.— Gesangverein„Unverzagt" AbendS 9 Uhr Köp- nlctcrftr. I27a bei Greving.— Mannergesangverein„Schneegföckchen" Abends 9 Uhr im Restaurant ToberstclN, Aiariannenstr. 31—32.— Gesangverein „Sängerrunde" Abend« 8,� Uhr Buckowerstr. 9.— Verein„Sattgestreue" im Rclmuront Henlei, Brüderslr. 26 I. UebungSstuilde von si,-il Uhr AbendS. — Gesangverein„Bruderbund" AbendS s Uhr bei Pätzoldt, Lieichenberstr. 16. — Männ'ergesailgverein„Schneeglöckchen" Abend« 9 Uhr Sitzung im litestau- rant Slehmann, Melchtorflr. 16.— Gesangverein„Süd-Ost" Abends 9 Uhr bei Ziemer, Guvrylir. 16. Gäste willkommen.— Lübelk'scher Turnverein(1. Lehr- liiigs-AblheUnng) Abend« 9 Uhr Sltfabelhftr. 67—58.— Turnverein„Weddina", Pankstr. 9. Männerabtheilung von 8jf— lojf Uhr AbendS; desgleichen 1. Lehr- lingsablhetlung von 8—16 Uhr Abends.—„Mehr Sicht", Berel» für Scherz und Ernst, Abends 8% Uhr im Restaurant Held, Frnchtstr. 30a.— Schlestscher Verein„Holtet" Abend« 9 Uhr im Restanrant Wehrt, Prinzen- straße wo.— Vergnügungsoerein„Fröhlichkeit" Abends 9 Uhr ilil Restaurant Säger, Grüner Weg 29.— Wiffenschaflltcher Verein für Roller'scher Steno» graphic SlbendS oj Uhr tm Restaurant Besse, Alle Schöuhauserstraße 42 Unterricht und Uebungsstnnde.— Roller'scher Slenographenverei» Siid-Beclin Abend« 8% Uhr im Restaurant Prinzenstr. 97, Sitzung und UebiiNgchinnde— Areiids'scher Stenographen-Verein„Amicilia" Abends Uhr im Resiaurant Behrends, Schönebergerslr. 6.— Arends'scher Stenographenverein„PHUia" Abends 9 Uhr im Sicftanrant„WUHelmSgarten", Kochstr. 7.— Stenographische Gesellschaft Arends im Restaurant Bürgergarten. Lindenstr. 166. Unentgeli- Itcher Unterricht»nd Hebung.— Berliner Rauchklnb„W ränget" Abends 9 Uhr im Restanrant Foge, Köpnickerslr. 191.— Rauchllub„Havanna SO. Abends 8% Uhr tm Restaurant Paeyoldt, Reichenbergerstt. 16.— Rauchllub „Gernüthlichkeit" Abends 9 Uhr im Restaurant Achsel, Köpnickerstr. 161.— Rauchllub„Columbia" Abend«(1% Uhr im Restaurant Beyer. Prinzenstt.»3. — Rauchklnb„Frisch gewagt" Abends sf Uhr tm lliestaurant Tempel, Bre«- lauersir. 27.— Liaiichtlud„Bnlkan" Abend« 9 Uhr im Restaurant Schul!, Gräsestr. 82.— Friedrichsberg. Rauchllub„Nordstern", Lippe'« Restauranr, Fnednch-Karlstr. 11.— Vergnügunas oere in„Fröhlichkeil", gegründet 1889, Abends 9 Uhr, Grüner Weg 29.—„Pollack-Clud-llintracht", jeden Mittwoch, Abends 8'j Uhr bei G. Thiel, Wienerstiaße 68.— Besangoerelu der Tapezlrer Berlin«, jeden Mittwoch Restaurant Seydelstr. 30, von 6— II Uhr Abends.— UnterhauungSoerein �Harmonie". Sitzung Abends 9 Uhr Dresdenerstr. 1' 3 bei Wendl.— Tambourverein„Erelstor", s'( Uhr. UebunaSstunde bei Böhl. Ziüdersdorserstr. s. Ausnahme neuer MUglleder.— Aiännergesangverei» „LiedessreiheU", Abends 8% Uhr im Restanrant Henke, Bluinenstraße 38.— Flöler'scher Gesangverein bei Mnsehold, Landsbergerstr. 31, Abends 9 Uhr.— irartenklub„Kreuz-Taille", Abend« 9 Uhr im Resiaurant Alönch, Llchlenberg' FriedrichSselde, Prinzen-Allee 6.— Vergnügungsoerein„Kreuzfidel" im Rest. Doberstem, wiariannenftraße 31—32: Sitzung. Siach der Sitzung Tanz, Vor- räge je. Gäste, durch Milglieder eingeführt, willkommen. Normifchkes. Dresden, 20. Juni. Ter kürzlich zum Tode verurtheilte Mörder Bcgcr ist heute Mittag nach Erdrosselung des Wacht- nieisters aus dem hiesigen Gerichtsgebäude nebst eiiieui anderen Gefangeuen(einem Urkundenfälscher) entsprungen. Begcr wurde nach ein paar Stunden im Keller eines nahen Hauses auf- gesunden und wieder dingfest gemacht. Auch der andere Flüchtling ist in Strehlen jetzt eingefangen. New-Norü« 21. Juni. Durch einen Cyclo», verbunden mit einer Windhose, wurde gestern in Illinois bedeutender Schaden verursacht. In Earleville wurde das Schulgcbäude zerstört und der Lehrer, sowie 7 Schüler getödtet; ebenso wurde eine große Anzahl Farmen zerstört: die Ortschaften Sublctte und Paivpaw sind ebenfalls vernichtet. In Brooklyn liegt das Schulgebäude in Trümmern. Wie verlautet, sollen viele Tobte und Verwundete allenthalben die Opfer des verheerende, i El«- mentes geworden sein. drv Medslktio». Bei Anfragen bitten wir die Abonneinenls-Quittung beizufügen. Brieflich» Antwort wird nicht eriheilt. f rsserode a. jj. Dem Abdruck steht nichts im Wege. jertoff». Haben Sie sich schon direkt an den Rechtsanwa» gewendet? Liegniis 30. Das missen wir nicht. Ä.(0.©uflelufcr. Er war General vor seinem Abschied- ßt. 5. Melden Sie das Gewerbe schriftlich ab. K. G. Landsbrrgcrplach. Nur Preisermäßigung. ii!» S. Burgsir. 22. Abonnriit 100, Besuchen Sie uns in unserer Sprechstunde (12— l; G— 7). Kobelt. Am 1. Juli 1591. Verantwortlicher Redakteur: Cnrt Vaake in Berlin. Druck und Verlag von Mae Kndina in Berlin 8W., Beuthstraße 2. Nr. 148. Dienstag, den 34. Juni 1890. 7. Jahrg. Q3evirfjfs»-3cifuua. Mordproiest Klaustn. (Schluß.) . Einer Frau H ü b n e r hat die Frau Vaneß am 14. September �Zählt, daß sie am Abend vorher Herrenbesuch gehabt hat; einer Frau Unger hat dieselbe geklagt, daß sie Klausin Reisegeld geben solle, während er ihr dock) noch schuldig sei. Einer Frau Weber hat die V. auch gesagt, sie habe Herrenbesuch und einen «einen Schmaus gehabt und dabei habe sie scherzend gesagt, es s« ihr erster Bräutigam gewesen. Frau Weber ist die Frau, welch einmal Geld bei der Vaneß gewechselt hat. Dabei hat Klausin gesagt:„Tie müßten wir mal todtschlagen!"— Frau N e u h o f f, welche auch die Bohnengeschichte gehört, kennt den Ehemann der Frau Vaneß und schildert diesen als blond und untersetzt. Sie hat Frau V. vor dem Angeklagte» gewarnt und gesagt:„Paß auf. Du wirst noch malum Deine paar Groschen todtgeschlagen werden!" Frau Vaneß hat ihr auch manchmal gesagt:„Mir ist so komisch, es ist wir so, als ob der kleine Junge noch'mal in fremde Hände ge- rathen würde.— Zeuge Galle hat dem Angeklagten LS Mark leihen müssen, weil derselbe angab, nicht genug Reisegeld; haben.— Einige als Zellgen vorgeladene ehemalige Gefängni genossen des Angeklagten bezeugen demselben, daß derselbe iin Gefängniß einmal Nasenbluten gehabt hat.— Die Ehefrau des Angeklagten, Frau Klausin, erklärt, Zeugniß ablegen zu wollen, jedoch verweigert sie die Eidesleistung. Ihr Mann habe ihr in verschiedenen Posten 45 Mark geschickt, wann die letzte Sendung eintraf, vermag sie nicht anzugeben. Die Blut- flecke an der Kleidung ihres Mannes seien ihr nach seiner Rückkunft ebenfalls aufgefallen, sie habe sich auf ihr Befragen mit seiner Erklärung, daß die Flecke vom Wurstmachen herrühren, zufrieden geben müssen. Am. I. Oktober 1688 habe sie aus einer Erbschaft die Summe von 350 M. ausbezahlt erhalten. Sie halte ihren Mann noch heute für un schuldig. Der Amtsvorsteher Klapper von Arklitten, dem auch die Ortschaft Bieberstein unterstellt ist, bekundet, daß er eines Abends gegen 10 Uhr die Depesche aus Berlin erhielt, worin ihm die Verhaftung Klausins niit Angabe der Ursache aufgegeben wurde. Er sandte gleich nach Gerdauen um einen Gendarmen kommen zu lassen, der noch im Laufe der Nacht eintraf. Morgens gegen 5 Uhr, als der Tag graute, begaben sich beide nach der Wohnung Klausins. Der Zeuge sah von Weite:», daß ein Fenster der Klansin'schen Wohnung geöffnet war. Klausin saß in der Stube an dem geöffneten Fenster. Um denselben zu überraschen und um womöglich einen Eindruck von der Schuld oder Nicht- schuld des Verdächtigen zu gewinnen, sei er nnt dem Gendamen dicht am Hause entlang gegangen, un: plötzlich vor den an: Fenster Sitzenden zu treten. Derselbe blickte ohne irgend welche Bestürzung auf und sah dem Zeugen offen ins Gesicht. Der letztere habe erklärt, daß er ihn verhaften müsse, worauf Klausin mit der Miene eines völlig Un- schuldigen die Frage that Warum?" Ter Zeuge habe ihn nun gefragt, ob er eine Frau Vaneß in Berlin kenne und darauf die Antwort„gewiß" erhalten. Als der Zeuge nun der geschehenen Mordthat erwähnte, rief Klausin mit augenscheinlich ungeheucheltem Erschrecken: Frau Vaneß? Um Gotteswrllen, die ist ja wohl und Munter, die habe ich ja gestern erst gesehen! Der Zeuge erklärt, daß er zuerst entschiede» den Eindruck von der Un- schuld Klausin's gehabt habe. Die Frau sei sehr aufgeregt gewesen und jammernd hin und her gelausen. Als der Amtsvorstehcr sie getröstet und gesagt, daß er den Mann zwar verhaften müffe, derselbe aber wohl sehr bald wieder ent- lassen werden würde, hat Klausin gesagt:„So rasch gel; Geschichte nie". Der Zeuge ist erst stutzig geworden, als den Hosen Klausins Blutspuren entdeckte und auch in Hemd, welches schon der Frau zum Waschen gegeben war, . />. y �__ i____ r �.r.' t... r..._*■ rasch geht solche er an einen: .....__«lut bemerkte. Er hat den Angeklagten sogleich gefragt, ob er etwa Nasenbluten gehabt habe, was Klausin aber verneinte. Da habe die Frau wieder gejammert und immer gerufen:„Fritz, tritz. Du bist es gewesen!" Die Frau schien von da an an die chuld ihres Mannes zu glauben und hat auf Befragen gesagt: «Gegen mich und die Kinder ist er immer sehr lieb gewesen und hat uns nie etwas Böses gesagt, aber er hat schon einige Dumm- heiten gemacht und-0~*— ba£ w«»w begangen hat. Ter über das,:vas er so ist es nicht unmöglich, daß er' die That Zeuge bekundet serner, daß der Angeklagte selbst kurz vor und nach den: Morde gethau und über die Persönlichkeit und das Erscheinen des„fremden schwarzen Herr::" sich in mehrfache Widersprüche verwickelt habe. Ter Zeuge hat auf direkte Aufforderung von Berlin mehrere Haussuchungen bei Klausin nach etwaigen: Gelde abgehalten und erst beim dritten Male aus einem kleinen, mit allerlei verstaubtem Gerümpel bedeckten Spinde das Taschentuch vorgefunden, in wel- ches die 240 M. eingewickelt waren. Auch auf den hiesigen Untersuchungsrichter, Assessor A I- brecht, hat der Angeklagte anfänglich einen günstigen Eindruck gemacht, bis er sich bezüglich des Freniden, welcher die Frau Vaneß besucht habe, in verschiedene Widersprüche verwickelte. Er sei von Anfang an dabei geblieben, daß er vor 6 Uhr das Haus verlassen habe. Als die 240 M. gesunden waren, war er sehr erschrocken gewesen, ebenso sei er zusaminengesunkei:, als ihm der Werner gegenübergestellt wurde und dieser sehr erregt der |' beim äQutft' her- Du Behauptung nsiversprach, daß ihn: der Angeklagte Machen geholfei: und davon wahrscheinlich die Blutflecke rührten. Als ihn: Werner sehr ausgebracht entgegenrief: i-uinp, wie kannst Du so etivas behaupten? Du b:st es gewesen und kein Anderer", sei der Angeklagte sehr niedergeschmettert ge- Wesen. Als der Untersuchnngsrichter ihm eines Tages ganz plötz- uch die 240 M. holte und ihn fragte, woher er dieses Geld habe, ist der Angeklagte leichenblaß auf einen Stuhl zurückgesunken, hnt ein Glas Wasser erhalten und dann zögernd gesagt:„Herr Untersuchungsrichter, bezüglich dieses Geldes habe ich mich lg schuldig gemacht, aber mit den: Morde hängt dies uicht zusammen." Der Angeklagte ist dann mit der Behauptung hervorgetreten, daß er das Geld gesunden habe und zuerst die Thaerstraße, später aber noch zwei andere Straßen als Fundort angegeben. Assessor S ch w e i g h ö f e r, welcher die Frau des Auge- Uagten in Gerdauen vernommen, bekundet, daß dieselbe ihm ge- mgt, es konnne ihr so vor, als ob ihr Mann das Hemd, in welchem das Blut gesunden, auf der Reise getragen habe. Sie halte nun ihren Mann auch für schuldig. '-"- tritt zunächst Als Entlastungszeuge Pernasch auf. Derselbe nach dem Morde mit Tage darauf, so erzählt was jetzt meine Frau wir was erzählte, kam bart ,u mir beran und der Klempnergeselle welcher Einige mit meiner Braut. der Thür stand und ist" einer der' ersten gewesen. an dem Thatort war. er, als ich ist, vor ein gebt T' 1 heran und sragw, ,oo Morde plötzlich gefragt, ob ich schon etwas von dem Ter Mann mit den: schwarzen Bart und Anzug ist es gewesen! Spater hat der Fremde dann gesagt:„Wissen Sie auch, mit wem Sie gehen? Ich bin Kriminalbeamter! Darauf erwiderte ich: „Na, das schadet Nichts, darum kann ich Sie doch begleiten!" Der Mann kam mir ganz komisch vor, als ob er angetrunken, oder nicht richtig im Kovfe war. Dann hat der Mann noch gesagt, daß er eben erst in Moabit gewesen und den Schneider in der Zelle besucht habe. Er hat sich dann meine Adresse ausgebeten und ein Blatt Papier herausgerisse::, woraus er schrieb:„Taubert, Biesenthalerstr. 13, 3 Tr." Schließlich hat er mich zum Gänsebraten eingeladen. Der Knopfdrechsler Klische hat sich aus freien Stücken ge- meldet, um über den Lebenswandel der Frau Vaneß Auskunft zu geben. Derselbe bekundet, daß seine Eltern ein halbes Jahr lang mit der Frau Vaneß Thür au Thür gewohnt. Er habe krankheitshalber längere Zeit die Stube hüten müssen und dabei Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß Frau Vaneß zu wiederholten Malen Herreubesuche empfing. Auch habe dieselbe die Ange- wohnheit gehabt, stets 300 bis 400 Mark in Gold in einem leinenen Beutel aufzubewahren und diesen Schatz habe sie häufig Personen gezeigt, die ihre Wohnung zum ersten Male betraten. Auf alle übrigen Zeugen wird verzichtet. Tie medizinischen Sachverständigen können sich bei ihrem Gutachten kurz fassen. Frau Vaneß starb infolge von 13 Wunden, ihre Mutter infolge eines Schnittes, der den Kopf fast von: Rumpfe trennte. Kreisphysikus Dr. Philipp begutachtet, daß der ganze rechte Aermel des Hemdes Kiausin's mit Blut getränkt war. Ferner fanden sich Blutflecke an der rechten Seite des Beinkleides, die der Angeklagte an jenem Abend nicht getragen haben will, die er aber doch nach der bestimmten Aussage der Zeugin Kupschak an jenem Abende angehabt hat. Die Letztere, hierüber noch einmal befragt, bleibt mit aller Bestimmtheit dabei, daß sie sich nicht irren kann. Auch an dem 5toffc:kasten und in einem Taschentuche des Angeklagten befanden sich Blutspritzflecke. Das Blut an dem rechten Winkel war durchaus rein und zeigte keine Vermischung mit Fett oder sonstigen Bestandtheilen, wie es bei den: zur Wurstanfertigung verwendeten Blut der Fall zu sein pflegt. Auch die Blutflecke im Taschentuche können nicht durch Ausschnäuzen entstanden sein. Nach der Wissenschaft giebt es eben noch kein Mittel, um mit Best:i::mthe:t das Blut auf seine Herstannnung zu unterscheiden. Sehr wichtig seiner große Blutfleck am rechten Aermel des Hemdes.'Die Wunde der Frau Keitmann war derart, daß der Mörder auf der rechte:: Seite stehen mußte,::::: sie seinem Opfer, das er mit der linken hielt, beizubringen. Diese Stellung und die Art der Wunde bedingte wiederum, daß der Möcder an der rechten Seite weit mehr mit Blut benetzt werden mußte, wie an der linken und deshalb ifl es bedeutsam, daß der rechte Aermel und überhaupt die rechte Seite des Angeklagten weit mehr mit Blut benetzt war, wie die linke. Der Gerichtschemiker Tr. P a:: l I e s e r i ch hat die Blut- spuren chemisch untersucht und auf photographischem Bilde fest- gestellt. Derselbe begründet, unter Vorlegung zahlreicher photo- graphischer Aufnahmen von verschiedenen Blntartett seine Ansicht dahin, daß, wenn auch nicht mit absoluter Bestimmtheit festzustellen ist, daß es sich bei den Bluts puren um Menschenblut handelt, doch die größte Wahrscheinlichkeit vorliegt, daß die Blut- flecke am Hemd, am Beinkleid, an: Koffer Menschenblut ist. Nachdem hiermit die Beweisaufnahme beendet ist, ffndet— um 6 Uhr Abends— die erste Pause von einer Stunde statt. Nach der Pause wird der Angeklagte nochmals nach dem an geblichen Funde der 240 M. befragt. Er erklärt, daß er dieselbe Anfangs August gefunden habe. Das Geld habe sich in einem schwarzen Portemonnaie mit gelbem Bügel befunden. Äußer dem Gelde sei nichts in: Portemonnaie gewesen. Nach Verlesung der Schuldfragen ergreift um 7Vs Uhr der Staatsanwalt das Wort: Meine Herren Geschworenen, Sie haben heute zu Gericht zu sitzen über ein Verbrechen, welches seiner Zeit weit über die Grenzen dieser Stadt hinaus enormes Aufsehenge- macht hat, weil in wahrhast bestialischer Weise wegen schnöder Geldgier zwei Menschenleben vernichtet worden sind. In kurzer Zeit haben Sie zu entscheiden, ob der Angeklagte der Thäter ist und Sie haben sich dabei frei zu machen von jeder Vorein- genommenheit und nur dafür zu sorgen, daß in diesen: Saale Recht gesprochen und zur Ehre Gottes und zum Heile der Mensch- heit. Ich stehe ein Vierteljahrhnndert im Dienste der Staats- anwaltschast, ich habe es stets von mir gewiesen, irgendwie per- sönlich voreingenommen oder gehässig zu sein, ich habe wohl ein Dutzend Mal Anträge in Strafsachen stellen müssen, wo es sich un: Tod oder Leben handelt und ich kann wohl verlangen, daß Sie von mir, der ich im Amte grau geworden bin, nicht er- warten, daß ich Anträge stellen werde, welche heißspornig zu nennen sind und nicht meiner innersten Neberzeugung entsprechen. Jedermann unterschreibt wohl ohne Besinnen den Satz, daß es fürchterlich ist, wenn ein Unschuldiger verurtheilt wird, aber ni t zu unterschreiben ist der andere Satz, daß es besser :t, zehn Schuldige lausen zu lassen, als einen Unschuldigen zu verurtheilen. Sie, meine Herren Geschworenen, haben lediglich Ihrer freien Ueberzeugung zu folgen, Sie haben auch nicht bar- nach zu fragen, ob es selbst unter den Jnristci: Viele giebt, welche gegen die Todesstrafe sind, Sie haben sich nicht von dem Gefühl beherrschen zu lassen, daß Sie bei einer solchen nicht mit- wirken wollen, sondern Sie haben lediglich nach dem Er- gcbniß der Beweisführung, ohne weitere äußere Bedenken, nach bestem Wissen und Gewissen Ihren Spruch zu finden. Ter Staatsanwalt erörtert nun zunächst den Begriff des Wortes . Mord" und geht dann an der Hand der Beweisaufnahme zu den Ausführungen über, wodurch er zu dem Resultat gelangen will, daß dcrfilngeklagte der Thäter ist. Jedenfalls sei Frau Vaneß zuerst in der entsetzlichsten Weise zugerichtet worden. Der Vorgang habe die Ausmerksanikeit der im Nebenzimmer liegenden alten Frau erregt, sie sei aufgesprungen und habe sich in das andere Zimmer begeben, wo auch sie ein Opfer des Mörders werden mußte, damit einer sofortigen Entdeckung vorgebeugt werde. Der Angeklagte sei ein Mann, von dem man sich der That versehen kann und das, was er vor der That, bei der That und nach der That begangen, preche durchaus für seine Schuld. Alles, was er in dieser Ve ziehung vorgebracht, sei erfunden, um zu verbergen, daß der Angeklagte vis ß'/a Uhr in der Wohnung der Ermordeten ge- wesei: ist. Gegen seine Behauptung sei ihm auf as Eklatante sie nachgewiesen, daß er er st ach S'/s Uhr das Hans verlassen hat. Zweifel- los ist der Mensch, welcher zur kritischen Zeit die Vaneß'sche Küche verlassen und die Küchentbür von außen verschlossen, der Mörder gewesen; zweifellos hat dieser Mörder auch linarrstiefel gehabt. Es ist erwiesen, daß der Angeklagte ebenfalls Knarr- stiefel besessen, er ist auch in der Lage gewesen, den ihm bekannten Küchenschlüssel schnell von dem Schlüsselring der Frau abzudrehen, und so erscheint er allein und kein Anderer als der verruchte Thäter. Dazu kommt die große Summe Geldes, welche man bei ihm versteckt vorgefunden und welche zum Theil dieselben Münz- s orten zeigten, w:e das Spargeld der Frau Vaneß. Das Märchen, daß er d:escs Geld aus der Straße gesunden, wird ihm kein Mensch glauben. Schließlich müssen die Blutflecken in den Kleidern des Angeklagten jeden etwa noch bestehenden Zweifel ausschließen. Es sei gar keine Frage, daß dies Menschenblut ist, Menschenblut in solcher Fülle, wie sie der That entspricht. Augen- zeugen der That seien allerdings nicht vorhanden; die vier Augen, welche den Angeklagten rekognosziren könnten, habe die Missethat des Angeklagten für immer geschlossen. Auf Grund der Beweisaufnahme wurden die Geschworenen nicht an- dcrs können, als den Schuldspruch zu fällen. In der neunten Stunde beginnen die Plaidoyers der beiden Vertheidiger Dr. I v e r s und Dr. F r i e d m a n n. Beide würdigen eingehend die Ergebnisse der Beweisführung, wobei sie zu ganz anderen Schlüssen kommen, als der Staatsanwalt.— Vielleicht schwebe gegen den Älngeklagten der Verdacht und Schuld nach einer ganz anderen Richtung hin— nicht aber reichen die Verdachtsmomente aus, um den Angeklagten des Mor- des für schuldig zu erachten. Beide Vertheid:ger schließen ihre eindrucksvollen Plaidoyers mit dem Antrage auf Verneinung der Schuldfrage. Um 11 Uhr ziehen sich die Geschworenen zur Berathung zurück. Ihr Verdckt lautet auf Schuldig des zweifachen Mordes, in einem Falle zugleich des Raubes. Dem Antrage des Staats- anwals gemäß verurtheilt demgemäß der Gerichtshof den Ange- klagten zum Tode und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte. Nachts 12 Uhr ist die Sitzung beendet. Eine recht interessante Verhandlung fand an: Sonn- abend vor der 69. Abthcilung des Schöffengerichts statt. Vor einigen Monaten war eine Frau S. zu einer Haftstrafe von einen: Tage verurtheilt worden. Am nächsten Tage brachte das „Kleine Journal" eine Annonze, welche diese Thatsache mit voller Namensnennung der Bestrasten zur Oessentlichkeit brachte. Frau S-, welche den Gastwirth B., ihren Gegner in jenem Pro- zesse, als den Urheber der Zeitungsannonze betrachtete, strengte gegen denselben eine Klage wegen unerlaubter Verbreitung ge- richtlicher Erkenntnisse an. Der die Untersuchung führende Richter hatte sich brieflich an die Redaktion des„Kleinen Journal" gewandt und die Antwort erhalten, daß der Einlieferer des fraglichen Inserats sich Gastwirth B. genannt habe. Die Klägerin w:ll auch erfahren haben, daß B. gleich nach Schluß der in: April verhandelten Sache sich im Gerichtsgcbäude nach einem Reporter umgesehen habe, um diesen zu veranlassen, das Urtheil in die Zeitungen zu bringen. Infolge dessen wurde der damalige Ge- richtsberichterstatter des„Kleinen Journals" als Zeuge geladen. Derselbe erklärte eidlich, daß er den Gastwirth B. seines Wissens nach heute zum ersten Male in seinem Leben sehe. Zu ernev erregten Szene kam es, als der Rechtsanwalt der Klägerin ver- suchte, den Zeugen in ein Kreuzverhör zu nehmen. Dieser bedeutete dem Advokaten, daß er eine Beinängelung oder Mißdeutung seiner unter Eid ausgesagten Worte sich ganz entschieden verbitte. Der Anwalt der Kläger:» stellte hierauf den Antrag, den Chefredakteur des„Kleinen Journals" zu einem neuen Termine zu laden, um zu erfahren, ob der Angeklagte B., der bestritt, der Urheber des Inserats zu sein, der Aufgeber desselben war. Der Gerichtshof war jedoch der Ansicht, daß der Chefredakteur schwerlich die Annonze abgenommen habe, und beschloß, der Klägerin zwei Wochen Frist zu gewähren, um den Expedienten des„Kleinen Journals" ausfindig zu mache::, der das Inserat von einer sich Gastwirth B. nennenden Person angenommen hat. Veiepeimmlimgett. De» sozialdemokratische Parteitag fiir den Uegierungs» bezirk Frankfurt a. d. G. (Spezialbericht des„Berl. Volksblatt".) Nachdem eine am 7. Juni er. im Wobusa'schen Saal zu Kottbus tagende öffentliche sozialdemokratische Volksversammlung beschlossen hatte, kür den 22. Juni einen sozialdemokratischen Parteitag für den Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder e:nzu- berufen, tagte derselbe am letzten Sonntag in dem genannten Lokal. Die Idee der in die Kommission gewählten Herren, Rudolf Schiemenz, Hern: an:: Martin, Karl Le« wandowskn, Gottl:eb Kölbel, Paul Kunert, Wilhelm Nelson, Gustav Dotterwieß, Arno R u m m e l und Max Bagenz hatte sich als eine vortreffliche . chinieresscmten Verhandlungen. legirten aus dem Kreise hatten sich etwa 1500 Kottbuser Parteigenossen eingefunden. Mi: einem Hoch auf die Sache der Unter- drückten, die iinecnationale Sozialdemokratie ward vom ersten Vorsitzenden, Herrn Urban, Vormittags 11 Uhr, die Verhandlung eröffnet, und es nah»:, von Beifall begrüßt, zunächst Herr Reichstagsabgcordneter W u r:>: zu einem einstündigen Vortrag» über„Die politische Bewegung" das Wort. Er führte ungefähr Folgendes aus:„Die Jahre. Jahrzehnte der Unterdrückung der Partei, der Knechtung der Menschenrechte sind dahingegangen unk» Niemand weint ihnen eine Thräne nach. Jahre der Versumpfung der politischen Meinungen, der brügerlichen Rechte find entschwunden und etwaS bessere Tage scheinen heraufziehen zu wollen. Und was das weitaus Schlimmste war in dieser rechtlosen sehr schlechten Zeit, daß man die Mahnungsstimmen rechtttch Denkender nicht glauben wollte. „Aufwiegler" und„Hetzer" wurden wir, die Wahrheitsfteunde, genannt. Es kann der Vorwurf nicht zurückgehalten werden, daß die Arbeiter früher viel zu sehr geschwiegen. Sie waren an das Joch gewöhnt, waren durch den Jahre laug andauernden und nicht weichenden Druck desselben stumpf geworden. Man regte sich nicht in dem Maße, wie dies bei sesteu Naturen erfvrdcr- lich ist, wenn Unrecht geschieht. Zur Zeit, als die Ausnahme- gesctze erschiene», war die gesammte Arbeiterbewegung aus dem besten Wege, sich kräftig und gedeihlich zu entwickeln. Das Aus- nahmegesetz hat wie mit ehernen Banden Alle aneindergeschmiedet, die auseinander zu gehen drohten. Es hat aber auch unwider- leglich und mit e:::er nicht zu verkennenden Deutlichkeit zezeigt, daß diese Bewegung keine künstliche ist. Es iat sich auch den gegnerischen Augen gezeigt, daß etwas That- ächlichcs den Meinungen und Wünschen der Arbeiterschaft zu Grunde liegt. Opfer hat diese Zeit genug gekostet. Ruhm hat sie genug gebracht. Keme Bewegung wohl der gesammten Weltgeschichte brachte solch mannhaftes Zusammenhalten, so viel ächten Idealismus bei e:ner Bevölkerungsklasse, von der man annahm, sie sei zu roh, sich über das Nächstliegende zu erheben. Bei den Arbeitern allein war in einer Zeit des allgemeinen charakter- losen Streberthums noch Ernst, Würde und Idealismus zu finden, das mußten auch die Gegner bekennen. Während die» selben nur durch die niedrigsten materiellen Interessen sich der Arbeiterbewegung entgegenstellen. Ein Kampf un: heilige Rechte ent- brannte, denn die gesammte Arbeiterbewegung geht doch nur darauf hinaus, daß dem Schasfer aller Werthe der volle Ertrag seiner Arbeit zu Theil werde. Wie ist es damit aber heute bestellt? 53 pEt. des Ertrages kommt dem schachernden und arbeitenden Kapital, 47 pCt. der aufopfernden Arbeit zu. Dieses Verhältniß 4� Karl Marx schon in den Vierziger Jahren festgestellt Noch tobt seit vielen Jahren der Kampf um den Unter» ist von worden. nehmergewmn. den die Unternehmer nicht ohne Weiteres dem Arbeiter zukommen, die Letzteren ihnen nicht allein gönnen wollen. Und dies mit vollem Rechte. Dieser Kampf drückt sich nicht allein darin aus, daß man höheren Lohn begehrt, man verlangt auch mehr und ausreichende gesundheitliche Einrichtungen. Die Ver- kurzung der Arbeitszeit verlangt und erreicht von dem Unternehmer das Zugeständniß, daß derselbe die Ausbeutung nicht mehr in's Schrankenlose gehen lassen kann. Es istdann in Bezug hierauf oft- mals gesagt und mit Aufwand vielen Scharfsinnes auf- geßellt worden. die Verkürzung der Arbeitszeit würde dem Unternehmer nicht allzuviel Nachtheil bringen. Der Arbeiter wurde ja dafür um so intensiver arbeiten. Ich kann mich nun Mit dieser neuen Art und Form der Ausbeutung nicht ganz ein- verstanden erklären. Groß ist allerdings bei Verkürzung der Ar- beMeit der Schaden für den Unternehmer nicht. Thatsache ist, daß m all' den Ländern mit der ausgedehntesten Arbeitszeit weit Minderes geleipet wird, als in den mit verkürzter Arbeitszeit. Und dies bedarf keiner langen Erklärung. Die Arbeitszeit bc- yehrt Aufmerksamkeit, neben der körperlichen Thätigkeit auch Geisteskraft. Diese ivird durch zu lang andauerndes Schaffen ge- stört. D,e gesainmte Arbeiterbeweglmg geht auf das Ziel hin- ails, diesen völlig unberechtigten Theilungsprozeß zu ändern. Tann sind wir, Genossen, mit den Arbeitern des ganzen Erd- kreises mehr und mehr einig geworden. Man wirft uns vor, wir wollten„theilen". In Wirklichkeit wird indessen u. � unrichtiger Weise„getheilt" und zwar nicht von den Arbeltern. Das Sozialistengesetz auch habe den glänzenden Sieg des 20. Februar bewirkt, habe geschaffen, daß die Partei der So- zialdeniokratie die stärkste ist, habe auch die noch grollend oder indifferent Fernstehcndeil veranlaßt, sich mit der Arbeitersache zu beschäftigen. Dies hatten allerdings die schneidigen Herren nicht gedacht. Sie hatten erwartet, es»verde Alles sich bücken iind ducken und Meinungen sich gleich dem Grase wcgmähen lassen. Wo man einen Führer, eine Bewegung vernichtete oder zu ver- Nichten glaubte, tauchten zehn andere auf. So geschah es denn, daß relativ, prozentmäßig mehr Parteigenossen entstanden als vor dem Ausnahmegesetz. Wir befinden uns gegenwärtig denn auch schön in dem Zeitalter, wo man unZIKonzessionen macht. Man glaubte, die klaffende Wunde des Volkskörpers heilen zu können, wenn man Pflästerchen ausklebte. Wie anders dagegen der großartige und imposante Arbeiterkongrcß in Paris im vorigen Jahre. Er allein hat Früchte getragen, deren sich die Arveiter erfreuen können! Die direkte Folge dieses allgemeinen Arbeiterkongresses ivar der allgemeine K a p i t a l i st e n k o n g r e ß, der sich neuer- lich angeblich auch mit der Besserung der Arbeiter Verhältnisse beschäftigte. Der Kongreß ist in seinen Erfolgen, wie jeder weiß, äußerst gcringwerthig. Aber schon die Thatsache», daß er über- Haupt stattfand, ist als ein Triumph der Arbeitersache zu bc- trachten, den nieinand abstreifen wird und kann. Diese ganze Bewegung ist in den gegnerischen Kreisen hervorgerufen worden allein durch den Erfolg, den die Sache der lluterdrückten am Wahltage hatte! Dieser Erfolg hat zu Ergebnissen geführt, die uns in eine andere Lage setzten. Und dies. Freunde und Genossen, macht es auch möglich, daß ich jetzt vor Ihnen stehe und wir in demokratischer und brüderlicher Gesinnung diesen schönen Parteitag abhalten.(Leb- haster Beifall.) Viele sind nur geneigt zu glauben, wir befänden uns schon ganz nahe am Ziele unserer Wünsche. Dies ist nicht der Fall. Es ist deshalb auch meine Pflicht, den aufgetauchten allzu kühnen Hoffnungen entgegen zu treten. Das Ausnahmegesetz wird allerdings fallen. Doch damit ist noch keineswegs bewiesen, daß es nun auch eine freiere Bewegung gebe als früher. Das Sozialistengesetz war das getreue Spiegelbild, der unverfälschte Ausdruck des schlafmützigen Bürgerthums, das zu trag, zu stumpf und faul war, selbst etwas zu thun, das nach der hohen Obrig- keit in altgewohnter Weise rief, wenn ihm etwas unfaßbar Neues und Anderes in den Weg trat. Man betrachtet auf dieser Seite den Staat als Nachtwächter, der die Ruhe nicht stören läßt.(Leb- hafte ZMimmuug.),„ Kie..Reaierung. hat. indessen gemach eingesehen, daß sie damit herzlich schlechte Geschäfte macht! Ter Kapitalismus ist doch in der That stark genug, sich selber zu Helsen! Redner kam sodann des Eingehenderen auf das gewcrb- liehe Schiedsgericht zu sprechen, dessen Bestimimmgen namentlich in Bezug aus die Arbeiterinnen er einer scharfen, aber ge- rechten Kritik unterwarf. Diese Zustände würde« sich zwar nicht sofort ändern, doch kämen die Arbeiter in die Lage, ihre Kräfte mit den Unternehinern inefsen zu können. Welche Machtmittel stehen nun dem'Arbeitnehmer in diesem nothgedrungenen Kamps zu Gebote? Da ist zunächst und in erster Linie der Streik. Die- selben sind allerdings nichts Demokratisches. Sie sind ent- standen auf dem rein manchcsterlichen Boden des rücksichtslosesten Klassenkampfes. Dieser Standpunkt der S e l b st h i l f e hat in England von Alters her und auch inunserenTagen noch seinen Haupt- sitz. Er hat, was nicht zu leugnen, vornehmlich dort ganz vedeu- tende und hervorragende Erfolge errungen! Welche Ursachen aber sind maßgebend, daß die Arbeiter auf diesem Gebiete Erfolge erringen? Man müsse sich hüten, anzunehmen, daß mit den Streiks das Schwinden des UnternchmergewinneZ erreicht werden könne. Unsere Aufgabe muß es aber sein, auf andere Mittel und Wege zur Erreichung dieses Generalzweckes zu sinnen, des Hauptzieles der gesamintea wirlhschastlichen modernen Arbeiterbewegung, der vielgeschinähten, heutigen Arbeitersache. Der Weg dazu ist un- verkennbar und Allen deutlich vorgezeichnet. Alles was die Arbeiter erreicht haben, ist ihnen geworden, iveil dieselben eine politische Macht geworden sind. Das Schlimmste was geschehen kann, ist, daß man sein Leiden stillschweigend trägt. Es ist ein Unsinn, den Backen hin- zuhalten, wenn man eine Ohrfeige bekommt. Die Ar- beiterschaft hat die Pflicht, immer und immer von neuem wieder, mit immer neuem Eifer, mit immer nach- haltigeren» NachdruckProtcst gegen seine politischeundwirthschastliche Unterdrückung einzulegen und sich die Rechte zu fordern. Er muß immer und immer wieder die öffentliche Meinung auf sich und seine Lage lenken. Dadurch wird mau endlich dahin kommen, nothwendig kommen müssen, daß die Mehrheit der Bevölke- rung offen, ohne Scheu und Rückhalt mit den Arbeitern stimmt. Denn wenn Einer Hase ist, könne er nicht im Jägerverein sein! (Lebhafter Beifall.) Denn die überwältigende Mehrheit in der Welt gehört nun einmal dem Proletariat an. In Sachsen, dein klassischen Lande bornirter„Geniiedlichgcct" und starren Zopf- thunis, Hütten über 75 pCt. der Bürger ein Einkommen unter 800 M. Wessen Einnahme aber sich nicht aus 900 M. belaufe, der könne unter heutigen Umständen auch ein menschemvürdiges Dasein nicht führen. Und ähnlich, oft genau so ist es überall im deutschen Land der Gottesfurcht und frommen Sitte. Massen- armuth herrscht allenthalben. Und weil die Mehrzahl aller Menschen Proletarier sind, darum auch sind die Forderungen der Arbeiter- partei voll berechtigt, darum werden immer gewaltigere. Massen mit Gewalt auf den von uns eingeschlagenen Weg gedrängt. Das ist keine„Ordnung" mehr, von der die„Ordnungsmänner" sprechen. Das ist mächtig zur Unordnung ausgeartet. Wir müssen eine völlig und durchgreifend andere Wirthschaftsweise einführen, in der einem jeden auch der richtige Ertrag seiner im Dienste des Ganzen aufgewendeten Arbeitskraft zu Tyeil wird. Alle diese Leute sind nun einmal, sie mögen gleich wollen oder nicht, ge- dorne Sozialdemokraten. Der Staat wirkt selbst und nicht in letzter Reihe dcmokratisirend auf das Volk. Sorgen wir darum dafür, daß jeder einzelne in dem großen Strudel hinein- gezogen wird. Der Kapitalismus hat allerdings auch einiges Jnter- esse, die Arbeiter nicht untergehen zulassen. Staat und Gesellschaft haben ein geivisses, ivcnn auch mir leichtes und nicht ini mindesten tief gehendes Interesse, die Arbeiter gesundheitlich zu schützen und nicht physisch zu Grunde gehen zu lassen. Das ist das sogenannte eherne Lohngesetz. Die Arbeiter haben unendlich viel zu fordern, ehe auch nur ein kleiner Theil all dessen erfüllt ist, was ihnen zukommen muß. Die Unteniehmer geben freiwillig nichts, mit Gewalt muß ihnen Alles und jedes abgetrotzt und in anssichts- losem Kampfe abgerungen werden! Und wenn dieses gelingt, dann gelingt es nur durch die politische Macht der Ar- beiter. Die politische Lage ist nun gegenwärtig eine gegen früher wesentlich veränderte. Früher konnte und durfte man, den ob- waltenden Umständen und öffentlichen Zuständen gemäß, nur das Nächstliegende in Betrachtung und Erörterung ziehen, sich nur um das Erreichbare kümmern. Jetzt haben wir mehr und mehr die Pflicht, auf Grund der Wahrheitslehren der Sozialdemokratie das Programm derselben Wissens ch a f t l i ch zu erörtern. Man muß in maßvoller und dennoch scharfer Weise diese Erörterungen führen und immer wieder und immer nachdrücklicher die Ideen der Be- freiung der Menschheit, eines Zieles, das des Schweißes auch der Edelsten werth, an den Mann und, wo dies angängig, auch an die Frau zu bringen suchen. Es giebt noch immer eine große Masse von Proletariern, welche annimmt, die Arbeiterbewegung umfasse nur die Fabrikarbeiter. Mir«rnnrn all dir- jrnigrn Arbeiter, die durch ihr eigenes Thun, Können und Leisten dem Ialein den Lebensunterhalt abringe». Ob Einer mit dem Kopf, den» Fuß oder mit den Fäusten arbeitet, niacht in dieser Werthschätzung in unseren Augen auch nicht den allcrmindesten Unterschied aus. Sobald Jemand, gleichviel nach welcher Richtung und in welcher Form und Art, fruchtbringende Arbeit für die Menschheit leistet, gehört er naturnoth- wendig auch zu uns, wir nehmen ihn für uns in Anspruch. Wer aber sein Kapital allein arbeiten läßt und von der Arbeit Anderer lebt, hat bei uns keinen Platz, gleichviel, welcher sonstigen Richtung er angehören möge. Und unsere Pflicht ist es und sei es nach all dem Aus- geführten immer mehr und mehr, dies all den zu uns Gehören- den, aber mehr oder minder aus Gründen der Erziehung, des Umganges, des Jndifferentismus und der geistigen Beschränktheit und Vernageltheit uns noch immer Fliehenden und ängstlich Meidenden, auseinander zu setzen. So gehet hin in alle Welt, ihr Apostel und Märtyrer des wahren, freien, humanen und welterlösenden Menschenthums! Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker! Unermüdlich und immer und bei jeder Ge- legenheit, nicht allein um die Zeit der Wahl, seid ans dem Platze! Unerschrocken, furchtlos und beharrlich arbeilet an allen Orten und vergeßt nicht, eines der wichtigsten Agitations- mittel, die gesinnungstreue Arbeiterpresse, zu unterstützen. Nie wird ein Ardeiterblatt alt. Weil dasselbe ein- fach, entgegen den Organen der Kapitalmacht, keinen Tratsch und Klatsch in seinen der Wahrheit, Freiheit und dem Menscher.recht gewidmeten Spalten aufnimmt. Arbeitern, die nicht das Geld besitzen, auch nur e i n derartiges Blatt zu halten, und es giebt deren noch leider unendlich viel, soll man die ge- lesenen Blätter freundlich zuführen. An allen Orten soll man politische Vereine gründen. Die Streiks wende man maß- voll au. Die'Arbeiter sollen endlich politisch aufgeklärt und aller ihrer politischen Rechte sich voll bewußt werden! Es schadet durchaus nicht, daß die Arbeiter sich gejinnungs- treu an allen Wahlen betheiligen, nicht nur zu den stieichstagswahlen, sondern auch in kommunalen Angelegenheiten ihre Kraft, Einsicht und ihren Einfluß bethätigen so viel dies nur immer möglich ist. Die Frauen spielen in unserer politi- scheu sowohl als noch immer in der wirlhschastlichen Bewegung eine viel zu kleine, unbedeutende und geringe Rolle. Auch dieser Uebclftand muß nach Kräften beseitigt werden! Die Gesetzgebung hat denselben einen Riegel vorgeschoben. Und doch begeht man ein großes Unrecht in der Annahm«, daß die Frauen, wenn ein- mal thätig in die Bewegung eingetreten, sich nicht energischer, überzeugungstreuer und zielbewußter benehmen, muthvoller sind als oft der Mann! Man sorge auch dcS ferneren, daß die Frauen mehr geschützt werden! Wir sind auch nach dieser Richtung aus einer Zeitz des Kampfes in eine neue Zeit des wesentlich anderen Kampfes gelangt. Wir sind darüber, werthe Freunde und treue Genossen, wollen wir doch um Alles in der Welt uns selbst nicht zu täuschen suchen, noch immer nicht Sieger. Aber mit weit größerem Mnthe noch als jemals vorher können und wollen wir, geeint durch das Band der Brüderlichkeit, in den neuen Kamps treten. Die Fahne hat eine andere Inschrift bekommen, aber die Inschrift ist dieselbe: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Eines besitzen wir, was unsere Gegner nicht haben, die freie, heilige Ueber- zeugung! Wir wissen, daß wir für nichts mehr und nichts minder als unser gutes Recht kämpfen. Dieser reine Jdealis- mus, der uns mit kämpfen heißt, nicht blos weil man einen Bor- theil erringt, sondern weil man auch anderen ihr Recht mit er- kämpfen hilft, dieser große, heilige Gedanke der Liebe und Ver- brüderung macht uns siegreich und stärkt all die Gedanken des Friedens. Wir sind nicht die Partei des Hasses! Wir hassen das Unrecht und lassen uns nicht unterdrücken von Denjenigen, die schon Jahrtausende lang uns den Fuß auf den Nacken setzen. Wir wollen nicht auf de» Umsturz, nicht auf die Verhetzung ausgehen! Der I. Mai hat es bewiesen, wie treu wir zusammenhalten. Dieser Welt- feiertag war ein Triumph, wie er größer und schöner, ernster und heiliger nie errungen worden! Diese Feier des I. Mai hat es bewiesen, was mau durch strenge Manneszucht erreichen kann und wird. Es war dies ein Produkt unserer idealen Bestrebungen, unserer eigenen inneren heiligen Ueberzeugung! Wir werden auf diesem Wege weiter gehen! Wo aber Ausschreitungen vorkommen, dann wissen wir es genau, wer sie macht! Tie Arbeiterschaft wird sich nicht hetzen, nicht verführen und ausreizen lasten! Sie wird sich nicht von dem einmal eingeschlagenen Wege, den sie für den richtigen hält, abbringen lasse»! Die Produktionsweise muß umgeändert werden, die Soziali- sirung der Gesellschaft muß erfolgen! Wir werden bleiben, was wir sind und waren. Die Sozialdemokratie hat vor den Erlaffen des Kaisers bestanden, sie besteht noch und wird weiter bestehen, bis wir den Sieg errungen haben!"(Donnernder, brausender Beifall.) Eine rege Diskussion schloß sich bis in der um 2 Uhr Mittags eintretenden Mittagspause. Ein Vertreter ans Bunzlau erzählt unter lebhaften und vollberechtigten Psiiirufen die Geschichte einer schier unerhörten Vergewaltigung in dieser Stadt. — Herr B e h r e n d ans Frankfurt a. d. Oder bringt den'An- trag ein, die Kommission, die in so wirksamer Weise bisher ihres Amtes gewaltet, möge in sümmtlichcn Wahlkreisen des Re- gierungsbezirks Frankfurt a. d. Oder die politische Agitation und Organisation in die Hand nehmen.— Herr S ch i e m e n z aus Kottbus kritisirt unter dem Beifall der Versammlung das Ver- halten der konservativen„Kottbuser Zeitung."— Aus allen auf dem wahrhaft imposanten Parteitag vertretenen Wahl- kreisen sprechen sich im Verlause der Verhandlungen die Genossen im Sinne und Geiste des Herrn Reiercnteu, der ostmalS selbst noch zur Klärung der Sache das Wort nahm. Die Mittagspause vereinigte i» den Nebenräumen des Eta- blissemcnts die Genossen in fröhlichster und herzlichster Weise ans einige Stunde». Manch freies Wort wurde ausgetauscht, manch herzlicher»nd biederer Händedruck ausgetauscht, bis um 3 Uhr Nachmittags wiederum die Glocke des Präsidenten zu ernster Geistesarbeit und Berathung zum Allgemeinwohle rief. Folgende Beschlüsse wurden in allen Fällen einstimmig gefaßt: „Die am 22. Juni 1890 im Wobursa'schen Etablissement einmüthig versammelten Vertreter des kämpfenden Proletariats erklären sich mit des Herrn Referenten Zlussührungen in allen ihren Theilen einverstanden und fordern die Genossen auf, die nachstehenden Beschlüsse auszuführen: „Erstens: In jedem Orte des Bezirks sind politische Orga- nisationen in's Leben zu rufen, ivelche unablässig die Aufklärung der Arbeiterschaft in politischer und auch wirthschastlicher Be- Beziehung anstreben. Zweitens: Da die Arbeiter um der heutigen herrschenden Unordnung auf wirthschaftlichem Gebiete willen, als die Mehr- zahl der Gesammtbevölkerung unter Bedingungen leben, die ein menschemvürdiges Dasein nicht ermöglichen, da ferner die schrankenlose Willkür des Kapitalisinus die Gesundheit des'Ar- beiters untergräbt, und besonders durch übermäßig lange Arbeits zeit das Leben des Arbeiters verkürzt ivird, erklärt der Parteitag für die nächste und wichtigste Forderung, durch deren Erfüllung die Beschäftigungslosen vermindert, ein größerer Konsum erzielt und die Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung verbessert werde« kann, wenn uv« einstimmend mit den Beschlüssen des Pariser Arbeiterkongreße- vom Juli 1889 die Verkürzung der Arbeitszeit von den gesetz- gebenden Körperschaften gefordert und die Einführung des acyi- stündigen Arbeitstages erstrebt werden muß. Drittens:„Gleichzeitig erklärt die Versammlung sich mit allen Beschlüssen des Pariser Arbeiterkongresses, vor Allem aber und M erster Linie mit der Verbrüderung der Arbeiter aller Länder eim verstanden, indem sie auerkennt, daß gegenüber der Sozial- deinokratie alle anderen Parteien nur eine einzige reaktionäre Masse bilden.'.„ „Es ist jedes Genossen Pflicht, dahin zu wirken, daß überall gewerkschaftliche Vereine gegründet werden, damit da- durch im Sinne der Gewerbeordnung die schlimmflen Nothstände gehoben werden können. In Anbebraatz des Umstandes ferner, daß die von der Regiernng dem Reichstage vorgelegten Arbeiterschutzgesetze keineswegs den berechtigten Anforderungen der Arbeiter entsprechen, daß«w Gegentheil die von der Regierung beabsichtigte Einschränkung des Vereinigungsrechtes der'Arbeiter wie auch die Bestrafung des Kontraktbruches eine verstärkte Niederdriickmig der Bestrebungen der Arbeiter zur Verbesserung ihrer Lage herbeiführen wird, und nur der von der sozialdemokratischen Fraktion des Reichstage» vorgelegte Arbeilerschutzgesetz-Antrag eine dauernde und eingrei- sende Abhilfe schaffen kann, in allen Orten des Regierungsbezirks statistische Erhebungen im Sinne des Vorschlages Behrend in allen Branchen vorzunehmen." Reichstagsabgeordneter Harm bringt die geplante Gründung eines großen sozialdemokratischeu Blattes in Anregung,.w* „Märkische Volksstimme" wird als Organ anerkannt, und nach wiederum einstimmiger Annahme des Antrages: „Es ist jedes Genossen Pflicht, dahin zu wirken, überall geiverkschastliche Vereinigungen zu gründen, damit dadurch im Sinne der Gewerbeordnung die schlimmsten Nothstände abgestellt werden", mit dreimaligem Hoch auf die internationale Arbeiterbewegung der Parteitag geschlossen. Der Krrlinrr Arbeiter- Kildungsverein hielt am Dienstag bei Faustmann, Jnvalidcnstraße 144, eine gut besuchte Versamiitlung ab. Die interessante Tagesordnung:„Ueber kapi- talistische und sozialistische Moral", Referent canck. phil. Herr Pöus, hatte Manchen, der sich noch nicht zur Sozialdemokratie bekannt, dorthin gelockt. Referent erledigte sich seiner Aufgabe, indem er nach einer kurzen Erzählung von einer freisinnigen 'Arbeiterversammlung, der Redner beiwohnte und dieselbe einer kurzen Kritik unterzog, zu seinem Thema überging. Es Han- delte sich um eine Gegenüberstellung dessen, was noch aus der Moral auf den» Boden des Kapitalismus, verden wird, oder was aus der Ali oral des Sozialismus werden muß. Trotzdem bei den herrschenden Klassen der Einwand gemacht, bürde, der Sozialismus sei eine falsche Lehre, und ob- gleich den herrschenden Klassen Alles zu Gebote stände, seien sie doch nicht im Stande, unserer Lehre entgegen zu treten. Es ser auch nicht die geringste Spur vorhanden, die Bestrebungen, die Lehren des Sozialismus kennen zu lernen. Dagegen handelte es sich bei den Arbeitern nur um die eine Lehre, uni den Sozialismus. Sie erkennen, was sie wollen. Gerade der Sozialismus beruhe ja auf einer Weltanschauung die besagt, die Menschen sind nicht schuld, daß es ihnen schlecht geht, es_ liegt an den ökonomischen Verhältnissen. Die Moral sei die Lehre über'Recht und Unrecht. Das Staatsgesetz stehe dem gegenüber, sogar die ganzen politischen Parteien ständen aus einem anderen Standpunkt, je nach ihren verschiedenen An- schauungen. Die Konservativen meinten, die Macht des Königs sei noch viel zu gering, wir Sozialisten dagcn sagten, nicht viel- leicht aus reiner Bösheit, wie uns untergeschoben würde, eine einzelne Person, oder ein Komplex von Ministern sei nicht im Stande, über iiusere Verhältnisse spreche» zu können, nur der- jenige, den der Schuh drückt, muß die rechte Stelle wissen, und deshalb sei der Sozialismus eine logische geistige Macht, die sich zum Staatsgesetz durcharbeiten müsse. Abhängigkeit und Knecht- schast, die der Kapitalisnms in die Welt bringt, seien die Grund- sünden der ganzen kapitalistischen Zivilisation. Der Sozialismus dagegen, volle Gleichheit, nicht gleiche Hüte oder Nasen, sondern gleiches Glück, gleiche Bedingungen, gleichen Antheil an die vorhandenen Kulturgüter. Diese seien das Produkt der Arbeit vergangener Generationen, an der alle Menschen ohne Unter- schied, ob reich oder arm, ob Krüppel und Verbrecher, einen An- theil hatten. Der Kapitalist betrachte den am Wege liegenden 5irüppel mit Abscheu, giebt ihm vielleicht im Vorübergehen eine kleine Gabe und hält das für eine Gnade, fühlt sich auch noch berechtigt, zu sagen, er giebt den Armen Almosen. Der Sozialist dagegen betrachtet es von ganz anderem Standpunkte. Dieser sagt sich, Ihr Krüppel und Kranken, die Ihr am Wege liegen mußt und betteln, Ihr, die Ihr vielleicht im Kriege verstümmelt wurdet, seid das Produkt gegenwärtiger Zustände, habt das gleiche Recht, an den Genüssen der Kultur theilzunehmen, wie der Kapitalist. Ein französischer Gelehrte, Rousseau, sagte, als er sah, daß sich Familien ein Stück Land aneigneten und mit einem Zaun umgaben:„Was für Elend, Morde und Kriege würde mit. der ersten Latte dieses Zaunes erzeugt; denn die Welt und alles, was besteht, gehöre niemanden." Hierzu zog Redner eine Parallele von den Latifundien vor 2000 Jahren bis zur gegenwärtigen kapitalistischen Produktionsweise. Redner kritisirte des weiteren die in der Zeit lebenden charakterlosen Gelehrten und meinte, selbst der höchste gebildete Mann müßte,»venn er es ehrlich ineinte, zugeben, daß die Moral des Sozialismus eine hoch er- habene sei. Die Herren schaudern nur zurück, wenn sie dem aufgeklärten Proletariat sich an die Seite stellen sollten. Zum Schluß streifte Redner noch die Religion, führte als- dann das 17. Kapitel Lucas an, wo Jesus zu seinen Jüngern sprach:„Wenn ein Knecht vom Felde kommt, so sagt sein Herr nicht zu ihm, setz' Dich hin und iß und trink, sondern mache mir ctivas zu essen, dann kannst Du auch essen." Also sogar Jesus predigte die Abhängigkeit und Knechtschaft, deshalb sei unsere Religion auch nur für die Reichen, die könnten ja auch nur von einem Himmel sprechen, weil sie den Lebensgenuß voll- ständig ausgekostet haben. Denen sei das Leben schon zum Ekel; sie erwarteten im Himmel noch inehr. Aber der Arbeiter wolle nur in diesem Leben sein Ziel erreichen. Und so müßten wir recht ruhig und besonnen iveiter arbeiten, immer näher auf unser Ziel lossteuern, denn die Moral habe das Ziel, immer mehr Gründe zu suchen, um zeigen zu können, daß w i r auf dem rechten Boden wandeln, bis wir zum Ziele gelaugt sind. (Anhaltender Beifall.) In der Diskussion sprach als erster R.ed- ner StudioS Herr Peters, der dem Referent seine Anerkennung aussprach. Weiter führte er die Reden Wagner's und Stöcker's auf dein sozialen Kongreß an und beschwerte sich darüber, daß unsere Presse nicht mehr davon gebracht hätte. Herr Pöus klärte den Redner über mehrere Punkte, die derselbe nicht verstanden hatte, auf. AlS noch mehre« Herren, u. a. Strauch, Griebenroth, Blücher und Meister gesprochen' und die Vereinsangelegenheiten erledigt, schloß der Vorfitzende die Versammlung. Fnchnrrein für Hchlosfrr«nd Waschinenban-Ardeiter. Da in der Versammlung vom 10. d. M. der Beschluß gefaßt wurde, die Vereinsversammkuiigen bis zur Regelung der Bierfrage ivährend der Dauer von 4 Wochen ausfallen z« lassen, machen wir die Kollegen darauf aufmerksam, daß zur Entgegennahme der Beiträge die Kassirer jeden Sonnabend von SVe— 10 Uhr Abends in den Arbeitsnachweisen des Vereins für den Süden Dresdener- straße 116 bei Gründe!, für den Norden Anklanierstr. 49 bei Nürnberg anwesend sind. Auch werden daselbst neue Mitglieder aufgenommen. .Verantivortlicher Redakteur: Cnrt Knaste in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kading in Berlin SW., Beuthstraße 2.