Nr. 229. Donnerstag, den 2. Oktober 1890. V. Jahrg. (Irgan für die Interessen der Arbeiter. Das„Berliner Volksblatt» AbonnemcntSpreiS erscheint täalich Morgens auber nach Sonn- und Festtagen. AbonnemcntSpreiS für Berlm frei in's Hans vierteljährlich 3,30 Mark, monatlich 1,10 Mark, wöchentlich 28 Pf. Einzelne Nummer 5 Pf. Sonntags-Nummer mit dein„Sonntags-Blatt" 10 Pf. Postabonnemeut 3,30 Mark pro Quartal. (Eingetragen in der Postzeituiigspreisliste für 1890 unter Nr. 892, V. Nachtrag.) Unter Kremvnnd. täglich durch die Expedition, für Deutichland und Oesterrcich-Ungarn 2 Mark, für das übrige Ausland 3 Mark pro Monat. Insertion sgebühr beträgt für die 5 gespaltene Petitzcile oder deren Raum 40 Pf., für Vereins- und Versammlungs« Anzeigen 20 Pf._ Inserate werden bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition, Berlin SW., Bcuthstraste 3, sowie von allen Annoncen-Bureaux, ohne Erhöhung des Preises, angenommen. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 3—7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet. -o--« Fernsprecher: Amt VI. Ur. 410«.,- Nedsilttion: VeuthflvÄßv S.— Expedition: VenthÜrnHe 3. irf nl 3t cn il Li im; dk £ £ l A d« "'6 iiiii1 16 as dil rvs fl le chf icg- Ilij ou> d Dre nrethven Itele dler In einer seiner Hetz- und Schimpfreden gegen die Sozialdemokratie sagte der glücklich verflossene Reichs- kanzler: die Sozialdemokratie habe ihre wahren Ziele ver- schleiert— wenn man den Schleier hinwegziehe, zeige sich ein abscheuliches Schreckbild, das mit Ekel und Grauen erfülle.. Dem Exkanzler ist es hier gegangen, wie den übrigen Anbetern und Verkheidigern des goldenen Kalbes: er hat der Sozialdemokratie die Sünden und Verbrechen des Kapitalismus und der Reaktion untergeschoben. Das Schreckbild, welches er der Sozialdemokratie an— dichtet, ist sein eigenes Ideal. Die Sozialdemokratie hat ihre Ziele niemals ver- schleiert— diese sind aber so erhaben und haben für die Masse des Volks eine so unwiderstehliche Anziehungskraft, daß der Reichskanzler a. D. das Sozialisten- g e s e tz machte, um die Sozialdemokratie aus der Oeffentlichkeit zu vertreiben, und sie an der Enthüllung ihrer wahren Ziele zu h i n d e r n. Dagegen haben die Feinde des Sozialismus aller- dinas sehr gute Gründe, ihre„wahren Ziele" zu ver- stecken; und sie thun das auch hartnäckig. Jndeß ohne Erfolg, denn die wirkliche Natur dieser sauberen Ordnungshelden bricht bei jeder Gelegenheit hinter der gleißnerischen Maske hervor. Heute wollen wir' nun den Lesern ein interessantes Schriftstück vorlegen, welches mit brutaler Rücksichtslosig- keit die„wahren Ziele" der S o z i a l r e a k t i o n enthllüt. Das Schriftstück wurde für die russische Regierung vor etwa 15 Jahren ausgearbeitet, als der Gedanke einer neuen„Heiligen Allianz" gegen die Revolution, das heißt gegen die sozialdemo- kratische Bewegung auftauchte. Und zwar ist das Schriftstück, welches einer internationalen Polizei- und Diplomaten- Konferenz unterbreitet werden sollte, mit auf Veranlassung des Fürsten Bismarck verfaßt worden und hat seine Billigung empfangen. Das Schriftstück, welches nach dem Muster des be- rühmten Testaments Peters des Großen ent- morsen ist, lautet wie folgt: Plan zur„Rettung der europäischen- Gesellschaf t." „Der Augenblick ist gekommen, um mit der gänzlichen Wiederherstellung der Gesellschaft ans den Prinzipien der reinen Monarchie zu beginne», die Rechte der legitimen Tynastien wie die erblichen Vorzüge des Adels in ihre» unzerstörbaren, unbestreitbaren und unbestrittene» Grund- lagen zu befestigen. Behufs dieses Zweckes unterbreitet das k. Kabinet zu Petersburg de» befreundeten Kabineten einige summarische Bemerkungen über die Elemente einer gouvernementale» Reorganisation und über die administrativen und ökono- mischen Fragen. Nach seiner Meinung sollen sie sogleich einem Studium unterzogen werden, damit man allerseits bereit sei, im geeigneten Aiigenblicke, die sich hieraus ergebenen tolgernngen ohne Zaudern mit Muth und Energie zur nivendung zu bringen. Die k. Agenten werden beauf- tragt, durch die ihnen bekannte» Nüttel die Politik der noch nicht zustinunenden Mächte in dem Sinne der Lösungen, welche die Zustimmung der verbündeten Re- gierungen erhalten weroen, zu lenken. Gemäß früherem Uebereinkonimcn soll die Unternehmung gegen die europäische llievolution unter Anrufung der ewigen Prinzipien des Eigenthums, der Familie und der Religio», auf welchen die soziale Ordnung beruht, eröffnet werden. Die Ausrottung des Sozialismus muß man als Vorwand festhalte». Doch scheint diese Feststellung des Zweckes der Unternehmung.dem k. Kabinete in Anbetracht der weiteren Verbreitung des Uebels und der unfaßbaren Allgemeinheit obigen Ausdruckes noch viel zu unbestimmt. Ihm dünkt es wünschenswerth, als zu bekämpfendes Ziel nur den räuberischen, fluchwürdige», revolutionären Sozia- lisinus zu bezeichnen und vorerst den rcformatorische», jene Prinzipien achtenden Sozialismus zu übergehen, und zwar aus einem zweifachen Grunde: 1. Würde man sich so, wenn nicht die Mitwirkung, doch die Neutralität beinahe der gesammten Bourgeoisie sichern und auch in den Reihen des honetten Prole- tariats zahlreiche Anhänger gewinnen. 2. Würde man sich so gewisse Prinzipien aufbewahre», welche bei dem gouvernementale» Wiederaufbau mit großem Nutzen angewendet werden können, wie nntcn gezeigt wird. Angenommen, daß der Feldzug Resultate für die Ord- nung und die Autorität ergiebt, so würde das k. Kabinet doch glaube», nur den kleinsten Theil der großen Aufgabe gelöst zu haben» wenn es ihm nicht gelänge, den Sieg der guten Sache zu vervollständige». Darum bezeichnet es hent schon den verbündeten Regierungen eine Reihe all- niäliger Maßregeln, mit deren Hilfe es leicht sein wird, die Gewalt und die Ruhe in allen Staaten und dauernd her- zustellen. Ludtaka causa tollitur effectus.(Mit der Ursache schwindet die Wirkung.) Dieser Spruch gilt in der Politik wie in der Physik. Wo ist die Ursache aller Um- wälzungen, der religiösen wie der moralischen, der philo- sophischen, wie sozialen und politischen, welche seit mehr als 300 Jahren, oder vielmehr seit der Emanzipation der Städte durch Philipp August, einem Revolutionär ohne eS zu wissen, die Erde erschüttert haben V Die Ursache findet sich wesentlich und vorzüglich in dem Bestehen eines sogenannten Mittelstandes, eines Tiersetat, einer Bour- geoisie, welche ihrer Natur nach wohlhabend, intelligent, räsonnirend, störrisch, revolutionär, unregierbar ist oder d'ie Wirsamkeit einer jeden Regierung lähmt oder entnervt. Mit den Ideen der republikanischen Vorzeit angefüllt, er- zeugte sie nacheinander die religiösen Ketzereien und philo- sophischen Ansschweifunge» des Mittelalters bis zur Refor- matiön, bis zur Philosophie deS 17. und 13. Jahrhunderts, bis zur demokratischen Diktatur Bonapartes, bis zur periodischen Vertreibung legitimer Dynastien, bis zur siti- lichen Versunkenheit der Regierung Louis Philipps, bis zu den demokratischen Revolutionen der Jetztzeit, bis zur Pest des Sozialismus, die an den Völkern nagt, bis zum Königs- morde und bis zum Tollhansprojekte einer Universalrepublik und des ewigen Weltfriedens. Es ist daher von höchster Wichtigkeit und unabweis- barer Nothwendigkeit, einen Baum, der so abscheuliche Fruchte trägt, zu entwurzeln oder stark zu beschneiden. Seine gänzliche Entbehrlichkeit wird nicht nur durch ein- fache Schlußfolgerungen bewiesen, sondern auch durch die Geschichte von Staaten, die ohne ihn bestanden haben und noch bestehen. Vor Allem möge man durch Gründe, welche den Häuptern der sozialistischen Sekten selbst entlehnt wor- den, den arbeitenden Klassen die äußerste Schädlichkeit der schmarotzerhaften Bourgeoisie beweisen. Sofort wird es sich darum handeln, den Bürgerstand sachte um seine besten Hilfsquellen zu bringen. Indem man sich einiger sozialistischen Sätze vorsichtig bedient, schreitet man zur Erpropriation der Besitzer und Aktionär« der großen Industrien, der Transportmittel, als z. B. dei Bergwerke, Wälder, Kanäle, Eisenbahnen:c. Man erklärt als Staatsmonopol und als Regie gewisse Zweige de, Landwirthschaft und des Handels. Runkelrüben-Zucker- Raffinerien, Kolonialivaaren und die bereits bestehender Steuern auf die Lebensmittel, endlich das System de: Akzise sind Punkte einer Zeichnung, deren Umrisse mar hier nur geben kann. Eine Militärregierung, um de: Anarchie zu steuern, wird die erforderlichen Mittel unk Wege finden. Man wird in die Gesetzgebung Verfügunger in Betreff der Arbeitgeber, welche ihre Untergebenen be drücken und übervortheilen, dann in Betreff der Kaufleute. rvelche das Vertrauen des Publikums mißbrauchen, aus- nehmen und die Dawiderhandelnden mit der Unwürdig keitserklärnng zur Ausübung eines und mit der Entziehung ihrer Geiverbe bestrafen.— Durch dieses Verfahren eignei sich der Staat die Hilfsquellen der Bourgeoisie an und er wirbt sich die Gunst der Arbeiter, während er dieselbe» mehr und mehr der Bourgeoisie abgeneigt macht. In den großen Mittelpunkten der Industrie, derer Leitung der Staat übernommen hat, würde man die An- gestellten und die Arbeiter hierarchisch einreihen und mili türisch organisiren, sie zu einer strengen Disziplin, z» militärischen Uebungen und wöchentlichen Revuen anhalten dadurch würde man nicht nur die revolutionäre Ansteckung vermindern und die Arbeit regeln, sondern auch mit ge- ringen Kosten eine disziplinirte Armee unterhalten, welch, an Suborvination gewöhnt wird und der Regierung un so mehr ergeben wäre, als sie besondere Vortheile genösse z. B. einen beträchtlich höheren Lohn als bei der Privat- indnstrie und die sichere Aussicht aus eine Altersversorgung Diese Vortheile würde man durch die Anwendung dei Prinzipien der Assoziation erreichen, als welche sich da« Zusammenleben in Arbeiterkasernen herausstellen würde. Um die Konkurrenz des Auslandes bestehen zu können würden alle Kontinentalmächte eingeladen und nöthigen- falls gezwnngen werden, einer Kontinentalunion beizutreten Hierauf würde sich von selbst eine Absperrung gegen Eng land ergeben, mit dem übrigens der Krieg aufs Aeußerst, geführt werden müßte, um den letzten Brand der Revolu- tion zu ersticken. Zum Schlüsse glaubt man noch erinnerr z> müssen, daß überall dahin gestrebt werden soll, di« kirchliche Autorität mit der Regierungsgewalt in derselbe» Person zu vereinigen und daß für die Zukunft nur durck S Ixmlletou. lg? Aaajbvutt verbol-n.i(2 jiit 1 % Uictovia. Roman von Minna Kautsky. 'Ä„Ist Dir das vielleicht was Neues? Weißt nicht, wie's nick 11 U3 steht, und was der Herr Sohil uns kostet? �za, eii unsere Kinder, die machen sich das recht bequem, sind pg voll Hochmuth und Eitelkeit und bleiben rlns hübsch am >„ t Hais." Pci« Er näherte sich nun doch ivieder der Tochter in ", usgressiver Weise.„Möchte nur wissen, weshalb das Mädel ssth da alleweil putzt und Ballkleider näht; und dabei bleibt !«!«,''w' uud wird eine alte Jungfer." it' auf die Seite, wie in Verachtung. ie I.«Aber Vater," wagte seine Gattin in schüchterner Ein- i ei Wendung,.„sie ist doch erst dreiundzwanzig." eiick Emilie aber machte mit dem Kopf eine abwehrende Gc- de-l verde.„Lassen's doch, Mutter, Sie wissen ja, wenn der tili« Bater eine Lokomotive hört, dann geht er mit durch, und lg. ha nutzt kein Bremsen." Sie hatte in einen neuen Faden j.1 Sil®lueu Knopf gemacht, und schnellte diesen mit einem Finger -r: stN, dann wandte sie ihre hübschen Augen dem hÄ. und sagte schier trotzig:„Wenn ich meilw r alte Jungfer bleiben will, so ijt das Sache, und durchaus kein Unglück. Mein Gott, man i,» bot ,a �age sehen, was so eine Ehefrau für ein Leben he»'' in<)ner angebrummt zu werden und angeschnaubt, ich dank schön, mich gelüstet's nicht darnach; was aber das, Ihnen am Hals sitzen", anbelangt, so, mein ich, wird sich das bald ändern.- Ich näh' keine Ballkleider für mich, Gott bewahr', meine Toilette ist bald zusammengestöppelt, ich arbeite da für fremde Leute: man lobt mich und ich hoffe, mein Verdienst ivird bald hinreichen, um niir nicht nur die Kleider allein zu schaffen, wie das jetzt schon geschieht, sondern Alles, was ich überhaupt brauche." Sie sagte daS mit all dem Stolz und der Selbstüber- Hebung eines Bürgermädchens, das soeben erst angefangen hat, Geld zu verdienen, das bislang bei seineu Eltern ge- wohnt und von ihnen ernährt wurde, und somit den harten Kampf um die Existenz noch gar nicht kennt und ihn spielend zu bewältigen glaubt. Der Vater war schier gebändigt. So rauh und eigen- sinnig er war und vor seinem Weibe sich behauptete, seinen Kindern gegenüber zeigte'er sich oft schwach, ja er war, was ihre Fähigkeiten betraf, in jenem lächerlichen Dünkel be- fangen, der- bei Eltern, deren Kinder etwas mehr gelernt haben als sie selbst, so häufig ist. Er setzte sich wieder zu seiner Arbeit und brummte kopfschüttelnd:„Ja, ja, ja, den Mädeln ist jetzt alles lieber, als eine arbeitssame und gefügige Hausfrau zu werden. Aber hörst," schrie er, in seinen erbosten Ton verfallend, „ich will nicht, daß Du Dir, wegen den paar Kreuzern, die Du da verdienst, die Augen verdirbst und mir am Ende brustkrank wirst." Emilie lachte auf, es war eiu helles, übermüthiges Lachen.„Ich uud brustkrank, gehn's Vater, finden Sie viel- leicht, daß ich so tuberkulös ansschau?" Sie hatte den Oberkörper aufgerichtet, und über die volle Schulter sah sie mit einem schelmischen Frageblick zu ihm hinüber. Er mußte ebenfalls nach seinem Mädel blicken, das in üppiger Jugend ein Bild vollster Gesundheit bot, und deren kräftiger Busen in dieser Stellung in herrlicher Rundung hervortrat. Das brummige Gesicht des Vaters überflog ein Lächeln. „Meiner Seel, man könnt glauben, daß da Alles solid ist, aber bei Euch Frauenzimmern weiß man ja heutzutage nicht, was echt und falsch ist." Die Mutter blinzelte ihm zu, und wagte sogar, gleich- sam verschämt, ein zurechtweisendes Wort, aber der Alte lachte nun erst recht und sie mußte jetzt obendrein einige Anspielungen über ihre eigene runde Persönlichkeit mit in den Kauf nehmen. Sie legte die Nadeln zusammen und rettete sich vor den schlechten Witzen ihres Herrn und Gebieters in die Küche. Dieser hatte den letzten blanken Nagel in das Kummet geschlagen; es war fertig. Er besah es noch einmal wohlgefällig von allen Seiten und hing es dann an einem großen Wandnagel auf. Dann nahm er seine Pfeife, stopfte sie und zündete sie an. Er blies dicke Ranchwolken vor sich, von denen die Stube bald erfüllt war, öffnete hierauf die Thür und trat auf die Straße hinaus. Diese lag bereits im Schatten; ein erfrischender leiser Wind brachte die ersehnte Kühlung, welche auch Emilie mit Behagen empfand, uud der offenen Thür so nahe rückte, daß ihre Füße die Schwelle berührten. Ter Sattler, noch in seinem grünen Schurze und in eine zweckmäßige gemeinschaftliche Erziehung der Kinder außerhalb des elterlichen Hauses gesorgt werden kann." So der„Plan zur Rettung der europäischen Gesell- schaft". Er enthält das Programm der Bismarck' schen Verstaatlichungs- und Monopolpolitik— und entwickelt die letzten Konsequenzen dessen, was gewisse reaktionäre Geschäftspolitiker„Soziales Königthum" zu nennen de- lieben:„Ein Hirt u nd Eine H e e r d e",— die „von Rechtswegen" gefüttert und geschoren wird. Namentlich das letztere. Wien. 27. September. In demselben Augenblicke, wo sich die Bergarbeiter Oesterreichs zu einem Kongresse rüsten, welcher den Grundstein zu ihrer Organisation legen soll, ist im ) l e n------' �- D str auer Kohlenrevier wieder ein großer Streik ausge krochen. In dem Ostrauer Kohlenbecken, an der mährisch- schle- sischen Grenze, sind ca. LS 000 Bergarbeiter beschäftigt. Die Gruben gehören einigen wenigen Kavalieren, den Grase» Larisch .und Saluin, der größte Theil aber dem Baron Rothschild und den ueiigeritterten Brüdern Giittmann. Ihre Leser erinnern sich der �hatsache, dap im April dieses Jahres in demselben Reviere ein ganz gewaltiger Streik blutig niedergeschlagen wurde. Die Forderung, die damals aufgestellt wurde, war die Achtstundcn- schicht; die Lohnerhöhung stand ganz im Hintergrund. Erreicht «!"frj6 r lehr wenig rnehr, als der nunmehr unausrottbare Entschluß der'Arbeiter, denKainpf immer wieder aufzunehmen, bis der Sieg crsochten ist. hege"( bort allerdings ganz besonders un- m'sf Vor Allem handelt es sich um eine sprachlich gemischte Bevölkerung. Neben wenigen Deutschen stellen Tschechen und vor- äuahch soaenanntt» c�rn::c�� �..... � esuxsrtL«sssrj» � uinj Bildimg und Lebenshaltung anbelangt, leider noch auf sehr Niedriger Stufe. Die älteren Leute von ihnen sind vielfach des Lesens und Schreibens unkundig. Sie wohnen in den umliegen- den Dörfern als Besitzer oder Pächter irgend einer elenden Hütte und eines Stückchens Kartoffelfeldes und kommen viele Stunden weit zur Grube gewandert, den schmutzigen Sack mit dem Bischen Nahrung über die Schulter geworfen. Natürlich sind diese Menschen Alles eher als„revolutionär" gesinnt; man kann sich reine„zufriedenere",„treuere", von dem Respekt gegen den Brot- geber mehr zu Boden gedrückte Arbeiterbevölkcrung vorstellen. ..'ß von zielbewußten Organisatioiisbeslrebungen kaum die Rede. Alle Versuche, Bereine zu gründen, sind von vorn- herein aussichtslos, weil sie zunächst nur von Wenigen ausgehen konnten, die Theilnahme der Masse sich erst später einstellen Könnte, die Wenigen aber sofort und gründlich hinaiisgemaßregelt ,,„Taß diese tausende von Arbeitern von so wenigen Besitzern abhangig sind, erleichtert das natürlich sehr, und es bedarf hier gar nicht der„schwarzen Listen", um unbequeme Elemente auf dem ganzen Gebiete auszusperren und jede Organisation im Keime zu ersticken. Die Hauptsache aber ist, daß Rothschild und Konsorten eine so gewaltige Macht in Oesterreich repräsentiren, daß jede Auflehnung gegen sie dein Hochverrath gleich gehalten und be- handelt wird. Was Rothschild für Oesterreich bedeutet, ist bekannt, er und seine Leute isind die Hauptgläubiger des Staates, ™'lt der konzentrirte Ausdruck der Kapitalsmacht im Staate. Was Wunder, daß die armen Bergleute es schwer haben auf- zurommen. Durchwegs herrscht in Ostrau entweder die zehnstündige Schicht sans pbrase oder die achtstündige, zu welcher aber wöchentlich zwei vierstündige Ueberschichten dazu kommen. Die Löhne sind entsprechend ganz elende. Sogar die amtlichen Berichte erzählen von Schichtlöhnen von l Fl. 10 Kr.(nicht ganz 2 M.) für Häuer, 50 Kr.(85 Pf.) für Hundestößer und Schlepper; in den Gruben auf schlesischem Gebiete, in Polnisch Ostrau, sind die Löhne noch um 10—15 pCr. liefer. Dazu kommt, daß die Arbeiter durch ein raffinirtes System von„Wohlfahrtseinrichtungen" in Abhängigkeit gehalten werden. Hunderte von„Arbciterhäusern" und Werkswohnungen halten gerade die etwas besser bezahlten Arbeiter fest, so daß sie bei jedem Versuche der Auflehnung zugleich auch obdachlos werden. Unter dem Namen„Konsumverein" birgt sich ein Trucksystem schlimmster Art, weniger zu dem Zweck, um weiteren Profit aus den Arbeitern herauszuschlagen, das geschieht reichlich bei der Lohnbemessung, als um ihnen durch generös aufgedrungene Vor- schlisse noch eine Fessel mehr anzulegen. Nun haben sich die Ostrauer Arbeiter wieder zum Ausstand erhoben. Man kann sich denken, wie stark und wie verbreitet die Erbitterung sein muß, wenn sie es wagen. Der Erfolg läßt sich noch nicht absehen. Äorlänfig sind Unmassen von Militär in das Grubengebiet beordert worden; alle Schachte sind mit großen Soldatenabtheilungen besetzt, um die„Freiheit der Arbeit" zu garantiren und täglich meldet eine offizielle Depesche: Im gewann. Sensen- schlagen, dustrien, Hemdärmeln, hatte sich mit weitausgespreizten Beinen vor seinem Hause aufgepflanzt, das nur ein Erdgeschoß hatte, hier die Ecke bildete, und dessen großer, schattiger Garten bis zum Fluß hinabreichte. Die Pfeife ymeckte ihm und er blickte gleichnuithig in träger Ruhe die Straße entlang, die mit einem Male ein ungemein belebtes Aussehen Der Ort hatte eine Spim brik, und eine und Feilenfabrik. Es hatte.eben Uhr ge- und die Arbeiter dieser verschiedenen In- Männer, Weiber und Kinder kamen hier vorüber, wo der Weg nach verschiedenen Richtungen abzweigte, und eine Brücke nach dein jenseitigen Ufer hinüberführte. Die Arbeiter der Spinnfabril sahen heruntergekommen aus, blaß und hager, und doch waren es zumeist junge Leute, und von den Mädchen mochte kein einziges das fünfundzivanzigste Jahr überschritten haben. Die Schlosser und Schmiede, die in gesonderten Gruppen gingen, unterschieden sich von den Spinnern in auffallender Weise. Sie waren kräftig und robust und in ihrem Gange schon drückte sich etwas Freieres, Beivußteres aus. Diese waren noch nicht zum bloßen Knecht der unaufhörlich ar- beitcnden Maschine herabgesunken. Sie waren von Ruß geschivärzt, aber ans den dunklen Gesichtern blitzten intelligente Augen. Jetzt kam ein kleines, ärmlich aussehendes Mädchen die Straße daher, mit raschen aber unsicheren Schritten. An ihrer Seite hielt sich ein ebenfalls blutjunger Bursche, groß, von schlotternder Haltung, dessen Aeußeres ziemlich ver- kommen aussah. Sein nicht unschönes Gesicht hatte etivas Wildes, verbunden mit einem lauernden Zug. Er sprach mit ihr in nicht allzu lauten, kurz heraus- gestoßenen Worten, wobei er heftig mit den Händen herum- gestiknlirte. Das Mädchen begnügte sich mit einem verneinenden Kopfschütteln, ivas ihn noch mehr in Harnisch brachte. Fran Gertrud, die Nachbarin, hatte sich, ihr Enkelkind am Arm, neben Meister Brandhoser gestellt. „Da schauen Sie mir die kleine Franzel an, die sieht man jetzt immer mit dem Andreas zusammen," sagte sie, die. Beiden mit deni Kopfe bezeichnend. Brandhoser zuckte Ostrauer Gebiet herrscht„Ruhe". Trotz dieser Auffassung des KoalitionSrcchts streiken noch heute ca. 10 000 Arbeiter.— Die Krise, welche die Mac Kinley-Bill bei den W i e n e r Perlinutterdrechslern hervor gerufen, wird leider dem- nächst sehr akut werden. Da die Bill vorn 6. Oktober an in Kraft treten soll, dürften schon von dieser Woche an die Aufträge aufhören und tausende von'Ardeitern dem Hunger preisgegeben sein. Tiefe Erbitterung über dieses entsetzliche Ereigniß hat weite Bevölkeruugskreise ergriffen und mau kann manches grimmige Wort hören. Die Drechsler selbst sind auf alles gefaßt und eine große Ver- sammlung hatte die Lage sehr treffend in einer Resolution charakterisirt, der wir folgende bezeichnende Stelle entnehmen: „Die Versammlung weiß sebr gut, daß dieser Fall, der so furchtbares Unheil über eine große Arbeitermasse herausbeschwört, nur eine einzelne Erscheinung ist, welche durch die anarchische kapitalistische Wirthschaftsordnung und die ökonomische Abhängigkeit der Arbeiterklasse verursacht ist. Sie erklärt weiter, daß sie entschlossen ist, durch feste Organisation und energische Agitation das Ihrige zu thun, und daß sie entschieden dagegen protestirt, daß dieselbe Regierung, die auch in diesem Falle ge- zeigt hat, daß sie die Interessen der Arbeiter nicht vertreten will oder kann, es den Arbeitern zugleich mit allen Mitteln politi- scher Knebelung unmöglich macht, durch kräftige Organisation sich selbst zu schützen." Die Regierung ist thatsächlich ganz rathlos, fragt jetzt, nachdem es zu spät ist, bei Magistrat und Handelskammer an, welche natürlich eben so klug sind wie sie selber. Selbst den liberalen Blättern wird etwas bange und sie schreien nach„Staatshilfe", worunter sie sich derart lächerlich kleinliche Dinge, wie Transport- ermäßigungen für Perlmntterknöpfe vorstellen. Die„Arbeiter- zeitnng" wies darauf hin, daß, wenn der Nothstand Millionäre und nichthungerleidende Arbeiter träfe, mit verhältnißmäßig geringen Opfern durch fallende Exportprämien für wenige Jahre der Krise ihre Schärfe genommen werden könnte. Aber derlei ist eben nur für die Zuckerbarone erreichbar und gerade der Umstand, daß Hilfe zum Theil möglich wäre, aber nicht geboten wird, führt die herrschenden Kreise in sehr auf- reizender Weise ad absurdum. Das Ganze ist ein für jeden Menschen sehr verständliches Symptom unserer Zustände und ent- hüllt auch dem harmlosesten den Abgrund, an dessen Rande unsere famose Wirthschaftsordnung ihre Orgien feiert.— Der 1. Oktober, der Fall des Sozialistengesetzes, wird auch von den österreichischen Arbeiter» gefeiert und zwar als ihre eigene Sache, als ihr eigenes Fest. Nicht nur der Umstand, daß wir bei der Abhängigkeit, in welcher die österreichische Politik zur deutschen steht, hoffen dürfen, daß auch unsere Polizeizustände sich einigermaßen bessern werden, sondern vor allem das enge Solidaritätsgefühl, welches geraoe die deutsche Sozial- demokratie mit der Oesterreichs verbindet, ist es, welches bei diesem Anlasse zum Ausdrucke kommt. Gerade für die Oesterreicher ist jeder Fortschritt der deutschen Sozialdemokratie, jeder ihrer Siege, von doppelter Bedeutung. Nicht nur ideelle Bande verknüpfen uns, sondern sehr reale, ökonomische wie politische, täglich wirksame Beziehungen weisen uns auf die deutsche Arbeiterschaft als unsere allernächsten Bundesgenossen an. Nirgends auf der Welt werden darum die Glückwünsche, welche die deutschen Genossen zum I. Oktober empfangen werden, so tief, so unmittelbar empfundene sein, als diejenigen, die aus Oesterreich kommen! Madrid. 28. September. Die Streikbewegung kommt mit dem Wechsel der Jahreszeit schon wieder in Fluß. In M a n r e s a, dem von allen Unternehmern gesürchteten Ausgangs- punkt der Arbeiterbewegung der Provinz Katalonien,' ist die Arbeit wieder in zwei größeren Fabriken eingestellt worden, und die 30 000 Mitglieder des großen Verbandes„die drei Klassen der Dampfbetriebe" haben(ich mit den Streikenden einstimmig solidarisch erklärt, so daß diesmal ein vollständiger Steg der Arbeiter zu erwarten ist. In Valenzia hat sich ein kleiner Theil der Arbeiter von der sozialistischen Föderation losgelöst und sich als„anarchistische Partei" konstituirt, welche das in Bilbao an- genommene Programm verwirst und jede Beitheligung an den Wahlen ablehnt. Einen großen Erfolg werden die Herren mit dieser Enthaltsamkcilspolitik wohl nicht haben, denn die große Masse der Arbeiter sieht mit gespanntester Erwartung dem Wahl- tage entgegen, an welchem sie zum ersten Male als eigene und felvstständige Partei an den Urnen erscheinen soll. In Malaga sind 800 Arbeiter und Arbeiterinnen der dortigen„Industrie- gesellschast" abermals ausständisch geworden, wo schon dreimal im Lause dieses Jahres der heftigste Lohnkampf entbrannte. Die Polizei hatte hier mehrfach in einer geradezu empörenden Weise für die Unternehmer Partei genommen und auf die streikenden Arbeiterinnen mit der blanken Waffe eingehauen. Als dann die Arbeiter nachgaben, erklärte sich plötzlich die Gesellschaft gegen die Wiederaufuahine der Arbeit, um die Streikenden für den „Kontraktbruch" durch Hunger zu strafen. Schließlich wurde durch die Vermittelung der städtischen Behörden eine Verstän- digung erzielt, so daß die Arl eilen wieder aufgenommen werden konnten. Sofort aber begannen die Meister mit um so größerer Rttcksichlslosigkeit die Arbeiter zu quälen, so daß diese schon jetzt verächtlich die Achseln.„Was wollen Sie denn, ein Fabriks- mädel." „Freilich, die werden alle Nichtsnutz, und wenn sie vorher noch so brav gewesen wären, und es giebt noch jüngere als die, ranzel, die schon verdorben sind. Mich wundert's nur, daß sie mit dem tauben Burschen geht." „Der Kerl schaut wie ein Galgenvogel aus." „Ei, er war ein hübscher und anstelliger Bursche, aber seitdem er taub ist, ist er völlig verwildert. In der Fabrik behalten sie ihn nur aus Barmherzigkeit. Es heißt, er wäre von dem Lärm darin taub geworden, das Trommelfell ist ihm gesprungen, und. da haben wohl die Herren ein Ein- sehen." In dem Augenhlick kanten die Beiden an ihnen vor- über und blieben stehen. Das junge Mädchen sah mit einem guten ängstlichen Blick zu dem Burschen empor, der drohend vor ihr stand. Ihre Lippen bewegte» sich in tonloser aber ausdrucks- voller Weise. Er schien diese Sprache der Lippen zu ver- stehen, und sein zornig erregtes Gesicht überflog ein Lächeln, dann aber stampfte er wieder init dem Fuße auf und schrie in einem widerwärtigen Ton: „Du hast wieder nichts davon gehört ivie immer. Du bist tauber wie ich selbst, oder Du bist falsch; aber ich i-novSt» i>2 fi&mt urtrYi rivtrtfiviMt irmä fiP itfiPV nplnnf (verde es schon noch erfahren, was sie über(»ich gesagt haben Er lvandte ihr zornig den Rücken und ging wieder zurück, der Fabrik zu. Das Mädchen schüttelte sich, wie im Grauen, und lief dann, ohne sich umzusehen, über die Brücke. „Was die miteinander haben mögen?" meinte Frau Gertrud neugierig,„eine große Freud' scheint ihr die Be- kanntschaft nicht zn machen." „Pack schlägt sich. Pack verträgt sich", entgegnete hoch- müthig der Sattler. Sie wollte etivas erwidern, wurde aber durch das Herankommen ziveier Männer daran verhindert. Es war Leopold Berger, hier allgemein der Pecher Poldl genannt, dessen Metier es war, in den Waldungen umher die Föhren anzuhacken und das aus der Wunde läugsani herabsickernde Harz zu sammeln. Er hatte seinen Kittel von neuem zum Streik griffen. Ob hier freilich ein Erfolg er- zielt werden wird, ist noch fraglich, immerhin aber steht es jetzt] mit dem Solid'ritätsgefühl der spanischen Arbeiter weit besser,' als vor einem Jahre, und man hat bereits begriffen, daß ein 1 Lohnkampf nur dann mit Erfolg durchgeführt werden kann, wenn die übrigen Arbeiter für die Streikenden Opfer bringen. NoliktMs Uebevslchk. Das Ende des Zazialistengesetzes ist in fast allen größeren Industriestädten Deutschlands von den Arbeitern in würdiger Weise gefeiert worden. Die Polizei zeigte, wie die bis- J herigen Berichte melden, im Allgemeinen Zurückhaltung. Der Deröstentlichungs- Ausschuß(comite de la pnbli- cation) der„Idee Nouvelle", hat an den bevorstehenden Kongreß zu Halle folgende Adresse gerichtet:. „An unsere deutschen Brüder auf dem Kongreß in Halle! Im Namen des Veröffentlichungs-Ausschusses unseres Blattes, der„.Idee Nouvelle" senOn wir der sozialdemokratischen Partei Deutschlands den Ausdruck des Gefühls internationaler Brüder- lichkeit, das uns beseelt und unsere Wünsche für den vollen Er- folg des bevorstehenden Kongresses zu Halle. Die deutschen Sozialdemokraten, die ein so herrliches Beispiel für die Leistungsfähigkeit einer auf festen Grundlagen organisirten Partei gegeben, haben in dem Augenblicke, wo die bürgerliche Reaktion vor der Hochfluth des Sozialismus zu weichen gezwungen ist, keine andere Wahl: sie müssen vorwärts marschiren, sie müssen ihren siegreichen Weg weiter gehen, der die Hoffnung und das Vorbild für die sozialistischen Organisationen beider Welten ist. Wir hegen die Hoffnung, daß die französische Sozialdemo- kratie, deren Bestrebungen und Ideen, deren Programm und Ziel nnt dem Eurigen völlig übereinstimmt, in Bälde auch die Taktik befolgen wird, die Euch solche Erfolge gebracht hat; und daß sie, über allen Schulstreit, über alle persönlichen Eifersüchteleien zur Tagesordnung schreitend, geeistr und geschlossen an die Eroberung der politischen Macht gehen wird, deren Besitz die unerläßliche Vorbedingung der sozialen Umgestaltung ist, auf welche alle An- strengungen des Welt-Sozialismus hinzielen. Hoch das arbeitende, hoch das sozialistische Deutschlands Der Veröfse n blich ungs- Ausschuß: Ed. B a i l l a n t, Stadtrath. Baudin, Thivrier, Abgeordnete.. Alexandre, I. Lepine, Ca ron,Mazäre,G. Rodelet, G. Föline, D e g a y." Unter der Uederfchrift:„Die Kazialdemokratie und die Religion" schreibt die sozialdemokratische„Volksmacht", welche in Bielefeld und Münster erscheint: „Aus Anlaß der in jüngster Zeit häufig laut gewordenen Be- hauptungen unserer Gegner, die Sozialdemokraten wollten einen Zwang gegen irgend ein religiöses Bekenntniß ausüben, ist es ivohl am Platze, an die nachstehenden Ausführungen des Reichs- tags-Abgeordneten Liebknecht zu erinnern, welche derselbe in einer Reichstagsrede am 11. Jan. 1883 machte. Die betreffende Stelle lautet nach dem stenographischen Bericht: „Wir wollen, daß die absoluteste Freiheit des religiösen Be- kenntnisses und die Ausübung des Glaubens herrsche, und jeder soll nach seiner Faso» selig werden, und das sozialdemokratische Programm— und das halte ich denen entgegen, welche unserer Partei den Vorwurf der Gottlosigkeit an den Kopf schleudern— unser Programm ist weder deiflisch noch atheistisch, für uns Sozial- demokraten ist es einerlei, zu welcher Religion sich Jemand be- kennt. Mensch ist Mensch, wir kennen blos den Menschen, und das, was Jemand glaubt, ist seine Sache, und die Art und Weise, wie er es glaubt, wie er seinen Glauben bethätigt, seinen Kultus ausübt, ob er ihn ausübt, wie er ihn ausübt, das geht nur ihn an, und der Staat hat sich picht darein zu mischen." Dem Duudesvathe ist der Entivurf einer Verordnung, be- treffend das Verfahren vor den auf Grund des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes errichteten Schiedsgerichte zugegangen. Der Entwurf umsaßt in zwei Abschnitten 1. Allgemeine Bestimmungen und 2. Vorschriften über das Verfahren, 27 Paragraphen. Der Erlaß einer solchen Verordnung ist durch das Gesetz angekündigt. Die Vorschriften der Verordnung schließe» sich soweit wie möglich dem Gerichtsverfassungsgesetze an. Die allgemeinen Bestimmungen betreffen die Beeidigung der MitgllebM des Schiedsgerichts; die Vefugmsfe des Vorsitzenden und die Ab- lehnung der Mitglieder des Schiedsgerichtes. Die Vorschriften■ über das Verfahren behandeln die Erhebung der Berufung, die Zuständigkeit der Schiedsgerichte, die Abweisung durch Bescheid, die Einsendungen der Vorverhandlungen, die Unter- zeichnung der Schriftsätze und die Vertretung der Parteien (Berufungen und Gegenschriften müssen entweder von den Betheiligten selbst oder von ihren gesetzlichen Vertretern oder von ihren Bevollmächtigten unterzeichnet sein. Die Vollmacht muß schriftlich ertheilt(verden. Was Schiedsgericht kann Ver- und sein Arbeitsgeräth abgelegt, und die mittelgroße, elastische Gestalt zeigte sich in einer kurzen Lodenjoppe, nach bäuerischem Schnitt, und einem mit einem Gemsbart ge- zierten Lodenhute. Er war mit Paul Huber, dem Schmied, im eifrigen Gespräch, Sie wollten sich eben der Brücke zuwenden, als sie des Meisters ansichtig wurden. Der Pecher Poldl winkte ihm mit der Hand einen Gruß zu und wollte vorüber, als er fühlte, wie der Schritt seines Begleiters sich verlangsamte. Er hemmte daraufhin den seinigen, und den Kopf vor- neigend, fragte er, indem ein schalkhafter Zug den großen hübsch geschnittenen Mund umspielte. „Ist die Mili auch da? Richtig, guten Abend. Da muß ich schon ein Standerl machen; bei einem so hübschen Mädel geh ich nicht vorüber, ohne ihr in die Augerln zu schauen." „Du alter Schippel," brummte der Meister in seiner bärbeißigen Weise.„Du hast's nothwendig, noch immer den Hollodri zu spielen, mit Deinen vierzig am Buckel. Der Pecher hatte ein lustiges Lachen.„Glaubst, daß mich das hindert, die Mili hübsch zu finden, und daß mir das Herz nicht aufgeht, wenn sie mich anlacht? Na, und wie sie mich anlacht." Mili lachte wirklich, so herzlich und gewinnend, und streckte ihm ihre Hand entgegen, die der Poldl faßte und fest drückte, bis sie lachend und aufschreiend ihm dieselbe wieder entzog. „Sie thut und lacht grab so wie ihre Frau Mutter vor zwanzig Jahren," schmunzelte der Pecher, und hieraus laut mit der Zunge schnalzend: „Saperlot, das war damals ein famoses Weiberl!" „Willst vielleicht mit meiner Alten auch noch zuw Schäkern anfangen?" höhnte Brandhoser.„Dir ist's alle» eins, wenn's nur ein Frauenzimmer ist, und mit Deine»' Maul kirrst Du die Jungen, und haltest die Alten zuw Besten." Der Pecher hob drohend den Zeigefinger. „Mir scheint, Brandhoser, Du bist noch immer eiser' süchtig, ja, ja, die Teinige war mir nicht gleichgiltig— u»° ich meinerseits— na, ich wills nicht weiter sagen der Ort ver Verhandlung, die Oeffentlichleit des Verfahrens(die mündliche Verhandlung erfolgt in öffentlicher Sitzung. Die Oeffentlichkeit kann auch hier aus denselben Gründen, ivie bei den ordentlichen Gerichten durch einen öffentlich zu verkündenden Beschluß ausgeschlossen werden.) Im weiteren ordnen die Vor- schristen die Erledigung der Berufung durch Vergleich, die Be- weisaufnahme, die Entscheidung, die Kosten(welche die unter- liegende Partei zu tragen hat), die Abstimmung, die Verkündigung der Entscheidung, sowie ihre Form und Ausfertigung, den Ge- schäftsbetrieb und Beschwerden, die Geschäftssprache und den Ge- schäftsbericht. Der Geschäftsbericht bei den Schiedsgerichten unter- liegt der zuständigen Landes-Zentralbehörde oder der von der- selben zu bestimmenden anderen Behörde. Die Geschäftssprache ist die deutsche; Eingaben ist anderen Sprachen abgefaßt werden nicht berücksichtigt. Am Schlüsse eines jeden Jahres hat der Vor- sitzende des Schiedsgerichts dein Rcichs-Versicherungsamt zu den, von demselben zu bestimnienden Zeitpunkte und nach einen, von demselben vorzuschreibenden Formular eitlen Geschäftsbericht ein- zureichen. Was nun? fragt die„Kreuzztg." am Grabe des Sozialisten- gesetzes und antwortet darauf: ,,... Sicherlich ist es Psticht, das, was die Lage erfordert, unverzüglich niit Energie und Weisheit ins Werk zn setzen. Das Erforderliche aber ist eine Gesetzgebung, welche alle» Faktoren der Volkswirthschaft, dem Grundbesitz, den, Kapital und der Arbeit gerecht wird, nicht, indem sie alle drei über einen Kam», schcert, weder über den Schildpattkamin des Kapitalisten, noch über de» .Hmuckamm des Proletariers, sondern jedem in seiner- Eigenart gerecht wird. Erforderlich ist ein« Organisirung. des Arbeiter- standes wie der anderen Stände zur Selbstverwaltung ihrer eigenen Angelegenheiten und als Träger sozmler Pflichten und politischer Rechte." Boshaft bemerkt das Börsenblält, die,»Rat,-Ztg." hierzu: Hoffentlich äußert die„Kreuzztg." sich recht bald darüber, ob sie— die bekanntlich eine Landgemeinde-Ordnung auf das . heftigste bekämpft— die„Organisirung des ArbeiterstandeS zur Selbstverwaltung seiner Angelegenheiten" auch für die ländlichen Arbeiter verlangt, vielleicht zur Herbeiführung der Produktiv- Genossenschaft im Ackerbau." Koltte es wahr fein? Der„Reichsbvte" theilt mit, Fürst Bismarck habe die Ausweisung des Hospredigers Stöcker auf Grund des Sozialistengesetzes Anfangs der Wer Jahre dem Minister des Innern angesonnen. „Arbriterwohi." Am 22. September beschäftigte sich in Frankfurt a. M. eiiie hochansehnliche Versammlung, ihre Thcilnehmer waren Regierungsräthe, Professoren, Ober- bürgermeister, Doktoren und auch der ivohlbekannte Herr Lammers ans Bremen, mit den, Wohle der Arbeiter. Es talt, den Mißbrauch geistiger Getränke zu bekämpf«» und llittel zn ersinnen, wie er überhaupt verhindert werden könne. Der Oberbürgermeister Struckmann von Hildesheim hielt den Vortrag; er erzählte, daß alle darauf hinaus- laufenden Bestrebungen, obgleich Jedermann die Schädlich- keit der Trunksucht anerkenne, ohne Erfolg geblieben seien, daran sei aber der Staat deshalb schuld�,-weil er gesetzgeberisch diesem Ucbel noch nicht entgegengetreten sei. Es ging dem Vortragenden ävie vielen änderen Menschen, wenn man selber unfähig ist, etwas zu leisten, so schiebt man einem Anderen die Schuld zu, in diesen, Falle dem Staate. Der Staat hat aber gar nicht die Absicht, gesetzgeberisch einzu- greifen, weil er nicht die Interessen derjenigen verletzen n,ag und kann, welche angenblicklich in Wirklichkeit das Staats- rüder lenken. Daß die Trunksucht nur eine Folge unserer verrotteten sozialen Verhältnisse ist,'weiß alle Welt, und die vereinigten Mäßigkcitsvercinler in Frankfurt am Main haben es auch gewußt, aber Leute mit Titeln und in Würden sind zu staatsniännisch geschult, um irgend wie Anstoß oder Aergerniß erregen zu wollen. Da wer aber keine Rücksicht auf sogenannte maßgebende Person- Uchte, ten zu nehmen brauchen, so wollen wir keine Ge- heimnißkrämerei treiben, sondern frei damit herausrücken, ww der Trunksucht gründlich gesteuert werden kann der Branntwein kein eigentlich wohlschmeckendes Genuß,,,, ttel ,st, so nnissen es nothwendigerweise sehr zwin- gende und in der Natur unserer Verhältnisse begründete Ursachen se,n, d,e zn diesen, Genuß treiben. Der Vrannt- wein hat die bekannte Eigenschaft, der- erschlafften Körper- kraft, wenn auch nur auf kurze Zeit, wieder aufzuhelfen. Beseitigen w,r also die Erschlaffung, so wird auch das Be- dürfniß, ihr eutgegcnzickreteu, beseitigt sein. Die Erschlaffung hat verschiedene Ursachen, einmal ungenügende Ernährung, dann übermäßig lange oder zu anstrengende, oder wenn auch ziemlich leichte doch durch ihre Einseitigkeit geistes- todtende Arbeit. Daß diese Ursachen. bei der heutigen sozialen Ordnung beseitigt werden könnten, wird Niemand aber wenn sie nicht damals schon verheirathet gewesen mär—" Der Sattler brauste auf, diesmal mit wirklicher Galle. „Du eingebildeter Äff' Du, als ob Dich überhaupt schon Eine mögen hält'— überall haben's Dich anlaufen lassen." _ Der Pccher Poldl zuckte die Achseln in übcrmüthiger Lustigkeit.„Die Weiber haben's g'merkt, daß ich nicht zum Ehekrüppel taug' und dann bin ich mir selber bisher zu jung dazu vorkommen und viel zn närrisch." Er brachte dies so drollig hervor, daß alle und sogar der �Affdhofer zu lachen aiffingen. Mil, aber schenkte ihm einen fast zärtlichen Blick. „Gewiß, den Poldl könnt' ich mir auch garnicht ver- helralhet denken. Der braucht seine Freiheit und seinen guten Humor, und er hat ganz recht, wenn er sich den zn er- halten sucht. W!t Poldl, ich find' das so gescheut von Dir, daß kI) Tir's schwr nachmachen werd'." Der Polbt streckte wie im Entsetzen beide Hände gen Himmel.„Mili, Gott bewahre! Bei Euch Frauenzimmern ist das ganz was anders, und wenn so ein appetitliches Mädel wie Dn solche Gedanken hat, so ist das eine Tod- sünde, die sie an uns Allen begeht. Gelt Paul?" wendete (s sich au den Arbeiter, der, nachdem er, wie von einem Magnet angezogen, sich hier festgesetzt, nun das Mädchen ab- sichtlich zu ignorireu schien. Dieser Paul Hnber war ein bildhübscher Mensch, voll blühender Männlichkeit. Groß und schlank gewachsen, kleidete ihn seine blaue Blouse, ob- wohl sie etwas rußig war, mit jener Anmuth, die das eiu- sachste 5ileid dem vollendeten Bau des Körpers entlehnt, der darunter steckt. Auf die ihn so direkt treffende Frage des Pe cher's sah er Mili voll ins Gesicht und entgegnete mit einem feinen Lächeln, wobei der eine Mundwinkel„stier dem schwarzen Schnurrbärtchen sich recht sarkastisch nach abwärts zog: »Ich denke doch, sündhaft wär's nur dem Einen gegenüber, °er„ mit Titel und Mittet gehörig ausgestattet, sich zu An- sprüchen berechtigt glaubt, wir Andern kommen doch gar nicht in Betracht." (Fortsetzung folgt.) glauben. Die Mäßigkeitsvereinler erkennen es auch vollkommen an, daß der Branntiveingenuß unentbehrlich sei, da sie nur gegen den Mißbrauch desselben ankämpfen wollen. Der Bräunt- ivein hat aber, wie alle aufregenden Genußmittel, die Eigen- schaft, daß immer größere Mengen erforderlich werden, um auf den Trinker die gcwpnschte Wirkung auszuüben. Das verhindert aber nicht, daß er seine verheerende Wirkung nicht vermehrt, Gehirn und andere Organe werden um so mehr affizirt. Will man der Trunksucht ernsthaft zu Leibe gehen, so setze man sich doch einmal mit den Organen der Sozial- demokratie in Verbindung, sie werden die Mittel anzugeben wissen, wie jenem allerdings großem Uebcl abzuhelfen ist. Jene vornehmen Männer, die sich vergebens darüber den Kops zerbreche», scheinen zu glauben oder wollen glauben machen, daß die Arbeiter aus reiner Genußsucht Trinker werden. Wer die Verhältnisse kennt, urtheilt anders; er weiß, daß die Großgrundbesitzer das größeste Interesse für den Branntweingenuß haben und. daß die Arbeitgeber ebenso wenig daran denken, durch Erhöhung der Löhne und Ver- kürzung der Arbeitszeit einer körperlichen Erschlaffung vor- zubeugen. Das Droportiottalwahlsystem bürgert sich immer mehr ein. Jetzt ist die Einführung desselben auch im Kanton Genf beantragt. Der Antragsteller, Großrath W y st, be- merkte in seiner Begründnngsrede n. A., daß die Revolution in; Kanton Tcssin unmöglich gewesen wäre, wenn das Pro- portionalwahlsystem dort eingeführt..gewesen wäre. Und darin hat er recht, denn nur die vollständige Mnndtodt- machnng der liberalen Minorität hat diese zum Losschlagen getrieben. Ter Antrag wurde vor eine sünfgliedrige Kom- Mission verwiesen, und wird wahrscheinlich angenommen werden. Kere v. Ktepffa» ist nun auch„Domherr" geworden, und zwar in Merseburg an Stelle des verstorbenen Regierungspräsi- denken v. Wurmb. Herr v. Wurmb war„Domdechant" beini Domkapitel in Merseburg. Berniuthlich rückt der Senior des Kapitels, Senatspräsident v. Brandenstein, zu dieser Würde vor, und Herr v. Stephan, erlangt die Stelle des Kapitulars an Stelle des Feldmarschalls v. Pape, welcher dafür in die Seniorenstelle einrückt. Mit der Kapitnlarstelle ist ein Einkommen von 2000 M. verbunden, die ein reines Geschenk darstellen, da die einzige Ar- beit, die der„Domherr" zu leisten hat, in einigen Festessen be- steht. Ehrabschueidnug. Die„Kölnische Zeitung" bezeichnet eine Behauptung der„Frankfurter Zeitung", sie unterhalte wieder Be- Ziehungen mit dem Fürsten Bismarck und sei für seine Rück- verufung thätig, als Ehrabschneidung. O, diese undankbaren Reptilien! Duttlrnmer erklärt in der„Hälleschen Zeitung" die Nach- richt, daß er zu in Oberpräsidenten von Sachsen in Aussicht ge- nommen sei, für erfunden. Kvriezrn. den 30. September. Auf dem am Sonntag, den 23. d. M., abgehaltene» Parteitags für Ober-Barnim zu Wriezen wurde Genosse R. Solomon als Delegirter zu dem Kongresse nach Halle gewählt. Ziichstschrs. Redakteur Thiele-Wurzen wollte im freisinnigen Arbeiterverein in Dresden über das Thema:„Was will das werden?" sprechen. Der Vorstand des Vereins bekam aber, wie die„Volkswarte" schreibt, aus die erfolgte Anmeldung von der Polizei den Bescheid, er möge sich vom Vortragenden erst besser Auskunft geben lassen, ob das Revolution oder sonst was werden solle. Kchuteden itufc Norwegen. Stockholm, 27. September. Nachdem dasz sozialdemo- kratische Blatt, welches seiner Zeit in Gothenburg erschien, wegen unzulänglicher Unterstützung von Seiten der Arbeiter leider eingehen mußte, ist nun die Herausgabe eines sozialistischen Blattes in Snndwall beabsichtigt worden. Es wird dieses Blatt den Namen:„Nya samhallet".(Das neue Gemeinwesen) erhalten und einmal wöchentlich, zum ersten Male am ersten Dezember er- scheinen. Das betreffende Komitee hat iilxel Danielson den Platz als Redakteur angeboten. Falls dieser das Anerbieten ablehnen sollte, wird man sich an I. Lindström wenden. Gegenwärtig finden in e h r e r e A r b e i t s e i n st e l l u n g e n in Schiveden und Norwegen statt; so streiken die Arbeiter in der Zigarrenfabrik„Skane" in Malmö, die Schuhmacher in Halm- ftad, die Sägewerksarbeiter in der Nähe von Gefle, die Hand- schuhmacher in den»leiste» Handschuhfabriken Christiänias. Sämmtliche Fachvereiusvorstände in Malmö haben am 25. Sep- tember beschlossen, die streikenden Tabaksarbciter zu stützen. In Bergen wird ein Bäckerstreik vorbereitet; die dortigen Gesellen verlangen die Arbeitszeit abgekürzt. In Stockholm soll morgen ein skandinavischer Tabaksnrveiter-Kongreß eröffnet werden. Dö>»e»tavk. Kopenhagen, 30. September. Bei den heutigen Wahlen zum Landsthing wurden auch zwei sozialdemokratischeKaudidaten gewählt. Es ist das erste Mal, daß Kandidaten dieser Partei Sitze in der ersten Kammer erhielten. Gvoßbritonnisn. London, 30. September. Heute fand hier unter Leitung der Arbeiterführer Tom Mann und John Burns der erste Dock- arbeiter- und allgemeine Arbeiter-Jahreskongreß statt. Mann hob in einer Rede hervor, der Zweck des Kongresses sei die Errichtung von Fabriken unter Munizipalkontrole, die Bereinigung aller Ar- beitervercine zur Errichtung von Schiedssprnchämtern, bestehend aus Männern, welche die'Arbeitersragen wirklich verstehen, nicht aber aus Politikern und Philantropen. Ferner solle der Kongreß die Möglichkeit erwägen, die Dockarbeit in London auf koope- rativcr Basis zu übernehmen. Der irische Obersekretär Bulsour wird Mitte Oktober nach Irland reisen. Die„Dailp News" haben nachgerechnet, daß er kaum 60 Tage das Jahr auf seinem Posten in Dublin ist. Heber die Lage in Southampton fehlen bestimmte Nachrichten. Es heißt, daß sich die von Hamburg gebrachten deutschen Matrose» geweigert haben, in See zn stechen. Der „Durban" liegt noch immer im Hafen. Die Unternehmer Sonthamptons hielten gestern eine Versammlung ab und be- schloffen, den Versuch zu machen, einen Verein„freier Arbeiter" (soll heißen:„k n ech tis ch er" Arbeiter. Die Red.) zu gründen. I» Schottland sind gegenwärtig 60 Hochöfen im Be- triebe, gegen 73 vor 14 Tagen und 84 zur nämlichen Zeit im Vorjahre. Weitere 00 Hochöfen sollen im Laufe der nächsten Woche ausgelöscht werden und wenn diese Maßregel zur Ausführung gelangt, wird die Produktionskraft der schottischen Eisenindustrie um 60 000 Tons Eisen per Monat ge- schmälert werden. Die Föderation der Schiffsrhcder hat einen eigenen Ausschuß eingesetzt, welcher bei jedem in den Häfen des Kanals von Bristol vorkommenden Fall von sogenannter Ein- schüchterung oder Intervention der Gewerkvercinler gegen Nicht- gewerkvereinler das Nölhige zu veranlasse» hat. Ter General- sekretär des Gewerkvereins der Seeleute und Heizer, Wilson, warnt seine Leute, das Eisen nicht eher zu schmieden, bis eSheiß ist. Es könne nicht geleugnet werden, daß die Föderation bereits in Leith einen Sieg errungen habe, wo es ihr gelungen sei, einen Dampfer mit aus London hcrübergeschaffteu Nichtgewerkvereinlern I zu bemannen. Der Plan der Föderation ginge darauf hinaus, so viel als möglich Konflikte heraufzubeschwören unh alle Stellen allmälig mit Nichtgewerkvereinlern zu besetzen., Dublin, 1. Oktober. Das Obergericht hat den Erlaß einer Verfügung, welche dem Richter Shannon die weitere richterliche Thätigkeil in dem Prozesse gegen die parnellitischen Deputirten in Tipperary untersagr, abgelehnt. Frankreich. Die erste Nummer des„S o c i a 1 i s t e", des neuen Parteiorgans der französischen Sozialdemokratie(siehe die gestrige Korre- spondenz aus Paris), enthält die veiden Ausrufe des National- raths an die deutsche Sozialdemokratie und an die Gruppen der französischen Partei, den Kongreß zu Lille betreffend, eine„Ge- schichte der Bewegung für den Achtstundentag" von Lafargue, das Projekt eines Parteireglinents, welches dem Kongreß zu Lille vorgelegt iverden soll, Berichte über die Bewegung in Deutschland, Italien, England, Spanien und sehr interessante Korrespondenzen aus mehreren französischen Provinzialstädten, aus Troyes, Calais, Lille, Cette, Marseille. Da im gegenwärtigen Momente das Projekt des Organisations- entwurfs besonderes Interesse beanspruchen dürste, so geben»vires in der Folge vollinhaltlich wieder. Nachdem der Nationalrath daran erinnert, daß von 1335 bis 1890 kein Nationalkongreß stattgefunden, so daß die seitdem ge- gründeten Organisationen verschiedene und ost in Widerspruch mit den auf dem Kongreß zn Roanne 1882 angenommenen Statute» besindliche Formen angenommen haben, erklärt er es an- gesichts des Umstandes, daß sich in mehr als 80 Städten über 200 Gruppen zur kollektivistischen Arbeiterpartei bekennen für nöthig, die Einheitlichkeit der Aktion durch ein einheitliches Reglement zu sichern. Er unterbreitet deshalb dem National- kongreß zu Lille den folgenden provisorischen Entwurf: Titel 1. Name der Partei. Artikel 1. Der Titel der Partei lautet Arbeiterpartei, denn wer Arbeiterpartei sagt, der sagt Konstitnirung der Arbeiter in eine Klassenpartei behufs politischer und ökonomischer Expropriation der Kapitalistenklasse und Sozialisation der Produktionsmittel. Titel II. Zusammensetzung der Partei. Artikel 1. Die Partei umfaßt Alle(tous ceux et toutes celles, alle Männer und Frauen), welche ihr Programm annehmen und das vorliegende Reglement befolgen. Artikel 2. Sie besteht aus lokalen, departementalen und regionalen Gruppen und Föderationen von Gruppen, die in be- stundiger Verbindung mit dem Nationalrath durch Vermittelung des zu diesem Zweck ernannten Sekretärs stehen. Titel III. Verwaltung der Partei. Artikel 1. Die Partei wird administrirt durch einen National- rath, i r vom alljährlich zusammentretenden Nationalkongreß erwählt wird, und der unter der Kontrole der Gruppen der Stadt steht, in welcher er seinen Sitz hat. Der Nationalrath besteht aus fünf Mitgliedern. Artikel 2. Der Nationalrath ernennt aus seiner Mitte einen Sekretär für das Inland und einen Sekretär für das Aus- land. Beide Funktionen müssen womöglich honorirt werden. Artikel 3. Die Ausgaben des Nationalrathes werden gedeckt: a) durch Mitgliedsbeiträge von 5 Centimes pro Monat, die für jedes Parteimitglied obligatorisch sind; t>) durch eine Mitglievskarte zum Preise von 10 Centimes, die jedes Parteimitglied lösen und jährlich erneuern muß. Artikel 4. Dem Nationalrath steht das Recht zu, für die Vedürfniße seiner Amtsführung Versammlungen und Subskriptionen zu veranstalten. Artikel 8. Der Nationalrath wacht über die Ausführung der Beschlüsse der Nationalkongresse. Er ergreift alle von den Ver- Hältnissen gebotenen Maßregeln, für welche er vor dem nächsten Nationalkongreß verantwortlich ist. Titel IV. Parteileitung. Artikel 1. Die Leitung der Partei steht ausschließlich der alljährlich in einem Nationalkongreß zusammentretenden Partei selbst zn. Artikel 2. Die Beschlüsse des Nationalkongresses haben bindende Krast; jedes Mitglied oder jede Gruppe, die sich weigern würde, ihnen Folge zu leisten, träte damit aus der Partei aus. Titel V. Parteikongreffe. �,. Artikel 1. Jedes Jahr tritt ein Natioualkongreb der Partei zusammen. Die Organisation dieses Kongresses wird den Gruppen der Stadt anvertraut, in welcher er zusammentritt. Artikel 2. Dieser Kongreß muß vrei Monate im Voraus vom Nationalrath einberufen iverden. Jeder Kongreß be- stimmt die Stadt, wo der nächstfolgende Kongreß abgehalten werden soll. Artikel 8. Der Nationalrath muß auf dem Kongreß durch eine Delegation von einem oder mehreren seiner Mitglieder vertreten sein. Diese Delegation muß Rechenschaft über die Amtsführung des Nationalraths ablegen und einen detaillirlen Bericht über den Stand der Partei gebe». Sie nimmt an den Debatten Theil, besitzt aber kein Stimmrecht. Titel VI. Ergünzunas-Bestimmungen. Artikel 1. Die Partei besitzt ein Zentralorgan, das durch die Bemühungen und unter der Kontrole des Nationalraths veröffent- licht wird. Allen Parteimitgliedern wird empfohlen, sich auf dieses Organ zn abouniren. Artikel 2. Alle zivischeu Mitgliedern oder Gruppen der Partei aufgekommenen Streitigkeiten werde» einem Schiedsgericht über- wiesen, das in gleicher Anzahl von Anhängern beider Seiten be- steht. Der sich beeinträchtigt glaubende Theil kann an den Nationalrath und an den nächsten Nationalkongreß appelliren, welche als letzte Instanz entscheide». Jede Gruppe und jedes Mitglied enthält sich, durch die Presse, Bersaininlungen oder andere Mittel den Streit außerhalb der Partei zu tragen. Artikel 3. Die Mitgliedskarte muß den Stempel des National- raths, sowie der Gruppe oder Föderation tragen, welcher der be- treffende Inhaber angehört. Artikel 4. Außer mit dieser Karte muß jedes Mitglied mit einem Exemplar des Programms und des Reglements der Partei versehen sein, welche der Nationalrath zum Preise von 10 Cts. zur Disposition der Gruppe und Föderationen hält. Der Nationalkongreß bemerkt zum Schluß nochmals, daß das vorstehende Reglement nur ein provisorischer Entwurf ist, welcher auf dem Nationalkongreß zu Lille diskutirt werden soll. Kelgien. Brüssel, 1. Oktober. Das Wahlbündniß, welches die Liga der gemäßigten Liberalen mit der Assoziation de» fortschrittlichen Liberalen für die Kommunalwahlen abgeschlossen hatten, ist wieder aufgelöst, weil die liberale Assoziation in ihre Listen zwei sozialistische Kandidaten aufnahm, welche ihre Unterstützung annahmen, gleichzeitig jedoch ihr sozialistisches Programm unverändert ausrecht erhielten. m., Asien. N o k a h a in a, 80. September. Die Aufregung der Be völkcrung über die Frage der Revision der Verträge, bei welcher es sich hauptsächlich darum handelt, ob die Ausländer der Iuris- diktion der japanesischen Gerichte unterstehe» sollen, nimmt noch zu. Neuerdings sind Drohbriefe an den Vorsitzenden der Versammlung der Ausländer vom 11. September gerichtet worden. '.:4$ Theater. Vonnerstag, den 2. Oktober. Ypmttsaus. Lohengrin. »chaujpiellsaus., Geschichte Gott- frieden's von Berlichingcn mit der eisernen Hand. Zeriinrr T Ii raten. Maria Stuart. ? rutsch es Theater. Das Winter- märchen. srsstug- Theater. Das zweite Ge- ficht. kriedrich-Milhelmstädt. Theater. Die Puppenfee. Schwätzerin von Saragossa. MaUnrr- Theater. Aus der Kou- lissenwelt. iestdeuz Theater. Ferreol. tiktoria- Theater. Die Million. KetleaManre-Theater. Meinjunger Mann. Istend- Theater. Der Fall Cle- menceau. khomas-Theater. Der Raub der Sabinerinnen. tdolph Crirst- Theater. Unsere Don Juans. Kaufmann'» Uariätv. Große Spe- zialitäten-Vorstellung. Theater der RrichshaUen. Große Spezialitäten-Vorstellnng. Tonrordia. Große Spezialitäten- Vorstellung. Circus G. Schumann. Fricdrich-Karl-User. Aomtrrstag, de» A. Ghtober, Abends 7V2 Uhr: Grosse brillante Vorstellung. Auftreten des urkomischen Klown Zuroff, 12 Rapphengste, dressirt und n Freiheit vorgeführt von Herrn R. Schumann. Römischer Cäsarritt, eritten mit 12 Pferden von 4 Damen nd 4 Herren. Hertz, ostpreuhischer fuchshengst, in der hohen Schule ge- itten von Herrn E. Schumann. Cam- agneschule, geritten von Frl. Schu- mim. Der beliebte internationale •ttmvn Tanti. Miß Cole als Volti- .eurin. Sonntag, den 5. Oktober: 2 große Vorstellungen, 4 und 8 Uhr. Englischer Garten. Direktion: C. Andress, Alexanderstraße 27c. Margarethe Steinow, Lieder- U. Walzersängerin. *mmi Carelli, Kostüm-Soubrette. Herr Rosee, Gesangs-Humorist. Adolf Gödicke, Mimiker, Stimmen- Imitator und Charakter-Komiker. Familie Blumenfeld, Parterre- Potpourri, Drahtseil, Tanz. Anfang Wochentags 3 Uhr. Sonntags BVg Uhr. Entrce Wochentags u. Sonntags 30 Pf. )0 Pf. und 75 Pf., im Vorverkauf 20 und 30 Pf. AMlssment Buggenhagen am Moritzplatz. Täglich; Grosses Garten-Concert. Direktion A. Uödmau». Dienstag und Freitag: Walzer-Abend. RllfrPP Wochentags 10 Fig., LiillllC>Zenn- und Festtags 25 Pfg. 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Oberänder, verbunden mit Konzert, Vorträgen und Gesang, unter Mitwirkung des Arbeiter-Gesangvereins„Hoffnung". Festrede, gehalten von Herrn Reichstags- Abgeordneten Franz Tutzauer. Nachher: Grosser Ball. Anfang präzise 8 Uhr Abends. Bill et 25 Pf. Herren, die am Tanz theilnehmen, zahlen 50 Pf. nach. Billets sind in allen mit Plakaten belegten Lokalen zu haben. Wir ersuchen die Berliner Kollege», sich recht zahlreich zu betheiligen. 789 Gas Comitee. ! Freie Volksbuhnes Am Freitag, de« 3. Gktober, Abends 8V2 Uhr, findet im Saale des Herrn Feuerstein eine Große Versammlung für Frauell rndi Mm Kall. Tages-Ordnung: 1. Vortrag über:„Der Naturalismus und die Arbeiter". Referent: Herr Dr. ConradSchmidt. 2. Aufnahme neuer Mitglieder. 3. Diskussion. 4. Verschiedenes. Zu dieser Versammlung ladet Mitglieder und Gäste ergebenst ein 765 Der Vorstand der freien Volksbühne. Freie Verelchung her Maurer Berlins uns Uulgegeuh. Sonntag, de» 3. Gktober, K armittags 10V» Uhr, Seuthstrahe 30, _ Saal 1 Treppe tUerein jnnger Kanfiente). gßgr General-Versammlung. Tages- Ordnung: 1. Abrechnung des Kassirers von, 3. Quartal 1890 und Bericht der Revisoren. 2. Vorstandswahl, sowie Ergänzungswahl des Ausschusses und Wahl eines. Revisors. 784 3. Verschiedenes. ZvVMitglieder werden anfgenommen."MS Die Mitglieder ersuchen wir wegen Quartalabschluß ihre Mitglieds- bücher in Ordnung zu bringen. NB. Von jetzt ab nehmen außer den Hilfskassirern folgende Kollegen freiwillige Wochenbeiträge entgegen: Gsten: Huppke, kasstrt Sonnabends Rlldersdorferstr. 8 bei Böhl; Sonntags in seiner Wohnung, Vormittags von 9—11 Uhr, Große Frankfurterstr. 63, Hof 11. Harns, Tresckowstr. 15, vorn III, Sonntags von 9—11 Uhr. Kurtz, Sonnabends bei G r a f u n d e r, Schwerinstraßen- und Ziethenstraßen-Ecke; Sonntags in der Wohnung, Culmstr. 25, Vormittags von 9—11 Uhr. Süden: Kappel, Sonnabends bei Scheper, Gneisenau- und Schleier- macherstraßen-Ecke; Sonntags in der Wohnung, Arndtstr. 19, 11, Vormittags 0—11 Uhr. Zentrum: Kienast, Sonnabend Abend und Sonntag Vormittag bei Knhlmey, Rosenstr. SO, Ecke Neue Friedrichstraße. Die Moabiter Kollegen ersuchen wir bis zur nächsten Versammlung ihre freiwilligen Wochenbeiträge an den Hilfskassirer abzuliefern, weil ein Beitrags- sammler in diesem Stadttheil nachgewählt werden»>uß.� Oer Vorstand. Velten."Wf Uardrn: Westen: Am Sonntag, den 5. Gktbr., veranstalten die lozialdemokratische» Uarteigenosten von Velten einen Abschied von» Sozialistengeseh. Leichenfeier, bestehend in: Konzert, Vorträgen u. Kränzchen von Allends 7 Uhr ab, wozu alle Freunde der Arbeitersache eingeladen sind. Genosse W a rtti g, der aus Velten, resp. aus dem Kreise ausgewiesen, wird hierzu erscheinen. Oer Vorstand 790 des sozialdemokratischen Wahlvereins. Freie VereiniMg H.Kailjleute. Ordentliche General- Versammlung. Donnerstag, den Ä. Gktober er.» Abends SV2 Uhr, im Saale de» Herrn Zemter, Münzslr. 11. Tagesordnung? Jahresbericht. Kassenbericht, Bericht der Revi- soren und Entlastung des Vor- standes. Bericht des Bibliothekars und Wahl eines solchen. Wahl des Vorstandes und der Kassenrevisoren. Anträge und Verschiedenes. Es ist Pflicht eines jeden Mitgliedes das Interesse für den Verein durch pünktliches Erscheinen zu bekunden. Die Monatsbeiträge werden vor und nach der Versammlung vom Kassirer entgegengenommen. Mitgliedsbuch legitimirt. Oer Vorstand. I. A.: August Penn, Münchebergerstr. 21. WliWalls S. Heine Chausseestr. 14. Die schönsten 741 KiMkleider unii-Wen für Mädchen jeden Alters, sowie Morgenrölke, Unterröcke, Trikottaillen n. Vlnusen, auch im Einzelverkauf sehr billig! Maaßbestellungenu. Reparaturen werden prompt erledigt! Normal-Unterkleider und Triko- tagen für Herren, Damen und Kinder. Strümpfe, Socken, Hand- schuhe k. WllstslMö 8. 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Das Gedicht: ,,Der Ausgewiesenen Heimkehr", wel- ches vorgestern bei allen Arbeiterfesten gesungen wurde, hat seines zu Herzen gehenden Inhalts wegen so vielen Anklang gefunden, daß wir es für diejenigen Parteigenossen, denen das Lied nicht zugänglich war, hier noch einmal zum Abdruck bringen. Das Lied lautet: Der Ausgewiesene» Heimkehr! Mel.: Es saßen sechs Studenten zc. Seid gegrüßt Genossen, Kehret froh zurück Muthig und entschlossen Trotzend dem Geschick. Wir sind noch die Alten, Frisch zum Kampf bereit, Treu zur Fahne halten Der Gerechtigkeit. Triala! Triala! Der Arbeit Fahne hoch Hurrah! Triala! Triala! Hoch die Fahne roth! Als ivir rausgeflogen, Kochte uns das Blut, Doch hat selbst betrogen Sich die PhiUsterbrut. Glaubtet uns zu ducken, Als ihr uns verbannt, Ihr habt unsere Mucken Gründlich doch verkannt. Triala u. s. w. Statt um Gnad' zu bitten, Fu fallen auf die Knie, Haben wir gestritten Muthig wie noch nie. Wer das Feld behalten, Ei, das ist Euch klar, Denkt nur ihr„Gewalten" An den Februar. Triala u. s. w. Ha! Ihr wollt es wagen Zu bann'n das freie Wort, Wir haben's rausgetragen Hin nach jedein Ort. Ueppig wächst und blühet; Ein neues. Leben rauscht, Jedes Herz erglühet, Wer es nur belauscht.' Triala u. s. w. Doch wer's hat empfunden, Wie es hieß marsch raus! In 24 Stunden Von dem lieben Haus, Wird noch heut' erbeben, Kein Richter braucht zu sprechen, Daß schuldig er sollt' sein. Die Willkür könnt' erfrechen Was ihr beliebt allein. Wen sie auf's Korn genommen Trug' er die Stirne frei, Den konnte aus schnell weisen Die liebe Polizei. Triala n. s. w. Nicht lange that ssS fteg?n Nach Weib und Kinder klein Nicht hörte sie die Klagen Wo mag der Vater sein? Was scherten sie die Thränen Der Kinder zart und klein, Es galt die Wuth zu kühlen An: Vater nur allein. Triala u. s. w. Wunden tief geschlagen Hat man unS fürwahr, Doch eineS muß ich sagen? Der Genossen Schaar, Die am Orte blieben, Thaten ihre Pflicht. Stillten Kindertbrünen Aus edler Mcnschenpflicht. Triala u. s. w. D'rum habt Dank Genossen, Verlangt ihr ihn auch nicht, Jetzt kämpfen wir geschlossen Den ernsten Kampf der Pflicht. Den Kampf für Menschenrechte, Den Kampf gen Schnrkerei. So zieh'n wir zmn Gefechte Und unflre Losung sei: Triala! Triala! Der Arbeit Fahne hoch Hurrah! Triala! Triala! Die rothe Fahne hoch! Der alte Fritz. Zur Nachfeier fand gestern Mittag ein festliches Frühstück zu Ehren der zurückgekehrte» Genossen in Griindel's Restaurant in der Dresdenerstraße statt. Bei dein herrlichen Wetter ver- sammelten sich die Führer und Leiter der Sozialdemokraten zahl- reich von 10 Uhr ab im Garten. Man sah die Abgeordneten Bebel und Singer, die zurückgekehrten Genossen Ewald, Behrcnd, Schnabel(den früheren Expedienten der unterdrückten„Freien Presse") u. a. m. Auch Frauen waren in größerer Zahl er- schienen. Die Komiteemitglieder trugen rothe Georginen als Rosetten. Im Saale waren lange Tafeln festlich gedeckt. Die Wände waren reich geschmückt und rothe Blumensträuße hoben sich von den schneeigen Tischtüchern der Tafeln ab.— Die Ge- nossen Liebknecht und Ewald wiesen in längerer Rede auf die Bedeutung des Tage:- hin. K-Krr die �eschassmchrit des K-rlin-r Lritungs- wassers veröffentlicht soeben aus dem hygienischen Institut Dr. B. Prookauer eme längere Abhandlung in der Zeitschrift für Hygiene". Die Untersuchungen erfolgten in den Jahren 1860 Empfinden Schmerz und Und setzet ein sein Leben Für der Freiheit Gut! Triala u. s. w. Wuth, Eine Unglückliche. Erzählung von Iwan T u r g e n i e w. .(Fortsetzung). Als ich darüber nachdachte, fand ich, daß Susanna mit ihrem Charakter, ihrer Erziehung und ihren Er- iuueruugeu in dem Kreise, in welchem sie lebte, keine Freundinnen haben konnte. Es hatten sich viele Menschen in der Kirche eingefunden, mehr Unbekannte als Bekannte, wie man an dem Ausdrucke ihrer Gesichter sah. Das Todtenamt dauerte nicht lauge. Ich sah mit Verwun- Gerung, daß Herr Ratsch sich sehr eifrig und ganz wie ein Rechtgläubiger kreuzte und beinahe mit einzelnen Noten in den Gesang der Diakonen mit einstimmte. Als die Zeit da ?"ni''?on der Ent> hlafenen Abschied zu nehmen, verbengte sch mJch tief vor. eyr, gab ihr aber nicht den letzten Knß. Herr Ratsch hingegen erfüllte sehr ungezwungen diesen fiirchtcr- lichen Gebranch, lud dann den Offizier mit höflicher Ver- bengnng ein, an den Sarg heranzutreten, als wolle er ihn bewirthen und hob seine Kinder der Reihe nach, ihnen mit einem Schwünge unter die Arme greifend, hoch empor zur Leiche. Als Eleonore Karpowna von Susannen Abschied nahm, schallte ihr heftiges Weinen durch die ganze Kirche; sie beruhigte sich'dessen bald wieder und fragte fortwährend in einem anfgerc en Flüstern:„Wo ist mein Ridicnl?" Fictor hielt sich nr Seite und schien durch seine ganze Haltung zu ver sie. n zn geben, wie weit entfernt er von allen ähnlichen Gebräuchen sei und wie er nur eine Pflicht hergebrachter Schicklichkeit erfüllte. Der alte Mann im ramlottenen Rocke zeigte am meisten Theilnahme. Er war vor 50 Jahren Feldmesser im Tamboff'schen Gouvernement gewesen und hatte Ratsch seitdem nicht gesehen. Susanna bis 1889. Hinsichtlich der äußeren Eigenschaften(Farbe, Klarheit, suspendirte Bestandtheile, Geruch und Geschmack) war das unfiltrirte Tegeler Seewasser dem unfiltrirten Spreewasser wieder überlegen. Bakteriologisch war das unfiltrirte Sprcewasser das ganze Jahr hindurch sehr reich an Mikroben, während das Wasser des Tegeler Sees nur hin und wieder einen hohen Gehalt an Bakterien aufweist, besonders am Ende des Winters und Anfang des Frühjahrs. Die Zahl der entwickelungsfähigen Keime im Spreewasser hat unzweifelhaft zugenommen; das Tegeler See- wasser hat eine Verschlechterung nach dieser Richtung hin nicht erfahren, es ist sogar besser geworden. Die chemischen Analysen ergaben, daß beide Wässer sich in ihrer Zusammensetzung gegen frühere Jahre gar nicht oder nur unwesentlich geändert habe». Der Hauptunterschied der beiden Wässer beruht vor Allem im Keimgehall und im Gehalt an Chlor; ferner auch in der Oxydir- barkeit und dem Anunouiakgehalt, melcbe Bestandtheile im Tegeler Wasser der Regel nach in geringerer Menge vorhanden sind als im Spreewasser. Die Filtration hat auf die äußeren Eigen- schaflen des Wassers vortheilhafl eingewirkt. Das filtrirte Spree- wasser zeigte aber immer noch einen gelblicheren Farbenton. In beiden fand sich kein Bodensatz. Stach der Filtration zeigte sich eine bedeutende Verminderung an Bakterien in den Wasserproben. Am Ausgang des Winters war auffallender Weise der Keiingehalt ein besonders hoher. Durch Nachforschungen wurde festgestellt, daß diese Erscheinungen stets durch Störungen im Betriebe der Filtrirwerke verursacht waren. Prof. C. Fränkel und Piefke haben nachgewiesen, daß die Sandschicht von der Mächtigkeit eines Filters nicht im Stande sei, die Bakterien des Typhus und der Cholera vollständig zurückzuhalten, daß vielmehr eine gewisse Anzahl dieser beiden Bakterienarten selbst bei normalem Betrieb sich im Filtrat vorfindet. Natürlich iit die Gefahr eine bedeutend größere, wen» Störungen des Filtrationsbetriebes erfolgen, wobei dann 1000 Keime und darüber im Wasser aufgefunden iver- den. Solche Störungen treten aber beim Stralauer Werk fast alle Jahre am Ende des Winters ein. Beachtenswerth ist in dieser Beziehung die Thatsache, daß die in Berlin im Februar und Marz 1889 beobachtete Typhusepidemie sowohl mit der bakteriologisch sofort sestgestellten Betriebsstörung beim Stralauer Werk zusammenfällt als auch gerade in dem durch das Werk versorgten Stadtgebiet aufgetreten war. Man wird die Gefahr zu vermindern im Stande sein, wenn man die jetzige Entnahme- pelle an der Spree aufgiebt, wie dies bereits projektirt ist, und eine vor Verunreinigungen möglichst geschützte Bezugsquelle wählt. Die Heide» Helden der Schießassaixe im Thiergarten, über die wir bereits k�rz berichteten, sind nunmehr fest- gestellt worden. Es handelt sich um einen Zuschneider Franz Eesticki und die unverehelichte Marie Knetter, die Tochter des Portiers bei der hiesigen badischen Gesandtschaft. Der Fassung nach, in welcher der amtliche Polizeibericht das Geschehnis; meldet, dürfen Mord- und Selbstmordversuch vorliegen. Es heißt dort, daß Eesticki zuerst die Schüsse auf die Knetter abfeuerte und dann sich selbst durch einen Schuß in den Kopf zu tödten versuchte. Im klebrigen wird über den Vorfall jetzt Näheres bekannt, nach- dem Aiarie Knetter vorgestern Vormittag sich so weit erholt hatte, daß sie vernommen werden konnte, während C. noch nicht ver- nehniungsfähig ist. C. war nach den Aussagen des Mädchens bis vor vierzehn Tagen in einem Geschäfte in der Friedrichstraße mit einem Salär von 250 M. als Zuschneider angestellt, schied aber um diese Zeit aus dem Geschäfte aus. Er unterhielt seit einem Jahre ein Verhältniß mit der K., welche als Verkäuferin in einem Konfektionsgeschäft thätig war. C. scheint durch Auf- gäbe seiner Stellung das Verhältniß getrübt zu haben; denn es ist erwiesen, daß ihm das Mädchen vor acht Tagen über seine Stellungslosigkcit Vorwürfe machte. Montag Nachmittag ging das Paar, wie das Mädchen sagt, im Thiergarten spazieren. Plötzlich und ohne daß irgend ein Streik vorangegangen wäre, zog C. einen Revolver vor und gab schnell hinter einander drei Schüsse auf seine Be- gleiterin ab. Die erste Kugel drang dem Mädchen, wie die„Post" berichten kann, dicht hinter dem linken Ohre in den Kopf ein; bezüglich der beiden anderen scheint es, daß dieselben mehr von der' Seite gekomnien sind und nur gestreift haben. Indessen ver- mögen die Aerzte ein bestimmtes Urlheil darüber, ob sich nicht auch diese Kugeln im Kopfe befinden, noch nicht abzugeben. Ebenso wenig sind dieselben zur Zeit im Stande, über die Be- dentung der Schußwunde endgiltig zu urtheilen. E. hat sich init den; Revolver vor den Kopf geschotzen und ist schwer verletzt; er hat, wie gesagt, noch nicht gehört werden können._ Die Nachforschungen nach dem Vorleben beider Personen haben ergeben, daß C. sich keines besondere» Rufes erfreut. Er wird geschildert als ein sehr exaltirter Mensch, der auch zum Leichtsinn neigte. Außer mit ded 5t. soll er noch ein z IteS Verhältniß mit einem Mäd- chen außerhalb Berlins unterl-n haben. Seine Wirthin hatte ihm vor einigen Tagen wegen seines unordentlichen Lebens- wandels die Wohnung gekündigt. Heber das Mädchen ist nichts Nachtheiliges bekannt. Ob und welche Anklage zu erHeven sein hatte er garnicht gekannt; er hatte aber schon Zeit gefunden, zwei Gläschen Schnaps im Büffet auszutrinken. Meine Tante war auch in die Kirche gekommen. Ich ivciß nicht, wo sie erfahren hatte, daß die Verstorbeue eben jenes junge Mädchen ivar, welches mich besticht hatte, und dieze Nachricht hatte sie in uubeschreibliche Aufregung versetzt! Sie konnte sich nicht eutschließeu, mich einer schlechten Handlung zn be- schuldigen; ebenso wenig tonnte sie sich aber diese seltsamen zufamtiientreffenden Umstände erklären... Ich glaube, sie bildete sich ein, daß Susanna sich ans Lieoc zu mir das Leben genommen hätte. In die dunkelsten Gewänder ge- hülst, lag sie ans den Knieen und betete mit zerknirschtem Herzen und mit Thränen für die Seelenruhe der Verstorbenen und stiftete ein rubeliges Licht vor das Bild der Schmerzeus- stillerin... Auch„Amischka" war mit ihr gekommen und betete, wobei sie aber mehr und mit Entsetzen auf mich sah.., Denn oh weh!... ich war diesem allen Fräulein nicht glcichgiltig! Als wir ans der Kirche traten, thcilte meine Tante all ihr Geld— etwa 12 Silberrubel au die Armen aus. Der Abschied war endlich vorüber. Man fing an, den Sarg zn schließen. Während- des Gottesdienstes hatte ich den Muth gehabt, dem armen Mädchen gerade in das ent- stellte Gesicht zn sehen, und jedesmal, wenn meine Augen über dasselbe hinglitten, schien es zu sagen:„Er ist nicht gekommen! Er ist nicht gekommen!" Man legte den Deckel auf den Sarg.... Ich hielt mich nicht länger und warf einen raschen Blick aus die Berstorvene:„Warum hast Du mir das getha>" fragte ich sie uuwillkür- lich— und:„Er ist nicht g>..innen!" hörte ich zum letzten Male... Der Hammer fiel auf die Nägel und Alles war zu Ende'. wird, wird zunächst von der Aussage des C. abhängen, welcher einstweilen in der Charitee als Gefangener behandelt wird. Sogar beim Drachensteige» wurde vorgestern auf das ab- gelaufene Sozialistengesetz Bedacht genommen. An den Rehbergen (Seestraße) konnte man gestern einen Drachen hoch in den Lüften sehen, der in über Hand großen Buchstaben rothprangend die Aufschrift trug: 30. September 1890. Der Hinweis auf den Tag genügte, wie man an vielen Bemerkungen der Zuschauer wahr- nehmen konnte. Der Schauplatz eines UngliichsfaUes war vorgestern Vor- mittag eine in der Louisenstadt belegene Schlofserwerkstatt. In derselben sollte ein Ive Zentner wiegender Eisenblock einige Schritte näher zur Esse gebracht werden. Bei der kurzen Ent- fernung glaubten die beiden mit der Arbeit betrauten Gesellen zum Transport keiner weiteren Vorrichtung zu bedürfen; sie hoben den Block empor und begannen ihn so fortzusetzen. Plötzlich strauchelte der eine der Gesellen über eine am Boden liegende Stange, ließ den Block fahre», und dieser fiel dem anderen Gesellen auf die Füße. Als man von demselben die Last heruntergewälzt hatte, zeigte es sich, daß dem Aermflen die Zehen des rechten Fußes zerquetscht waren, während der linke Fuß von dem schweren Eisenstück fast zermalmt worden war. Nachdem dem Verunglückten die erste Hilfe von der nächsten Sanitütswache zu Theil geworden, brachte man ihn nach einem Krankenhause. Ein zweiter ähnlicher Unglücksfall ereignete sich vorgestern Nach- mittag in der Fabrik landwirthschaftlicher Geräthe von F. A. Eckert am Weidenweg. Dort waren Arbeiter mit dem Verladen einer Maschine beschäftigt, als diese plötzlich abgleitend dem Arbeiter Kühn gegen die Hüfte und auf den rechten Fuß fiel. Nachdem man den Aermsten von der schweren Last befreit, wurde er nach dem Krankeuhause am Friedrichshain gebracht, woselbst innere Verletzungen und ein Bruch des Unterschenkels konstatirt wurden. Gi» klinder Knabe überfahre». Allgemeine Theil- nähme verursachte ein Unglücksfall, welcher sich vorgestern Abend gegen 6 Uhr in der Lietzmannstraße ereignete. Dort wollte der siebenjährige Sohn des Kaufmanns N. den Fahrdamm in der Nähe der Neuen Königstraße überschreiten, als ein Geschäfts- wagen in übermäßig schneller Gangart herannahte. Der Knabe wurde von den Rädern des Fuhrwerks erfaßt und am Kopfe erheblich verletzt.' Ohne sich um das unglückliche Opfer seiner Führlässigkeit zu kümmern, wollte der Kutscher mit seinem Gespann die Flucht ergreifen, er wurde jedoch von Angenzeugen des Vor- falles aufgehalten und nach der Polizeiwache gebracht. Der ver- letzte Knabe mußte nach dem Krankeuhause Friedrichshain über- führt werden. Eine neue Sorte uoit Schwindler«, so schreibt man uns, tauchen seit einigen Tagen infolge des AufHörens des Sozialisten- gesetzes in Berlin auf. Es sind dies meist arbeitsscheue Menschen, deren Bestreben darauf gerichtet ist, auf Kosten Mitleidiger, ein leichtes Leben zu führen. Die Schwindler besuchen bekannte Parteigenossen, besonders aber Gastwirthschaften und geben sich dort als zurückgekehrte, aber verarmte Ausgewiesene aus. So hilsbereit jeder Arbeiter wirklich Gemaßregelte unterstützt, so energisch wird er sich aber auch Lügner vom Halse zu halten wissen. Den Schwindlern selbst möge als Warnung mitgetheilt sein, daß viele Parteigenossen im Besitze eines Heftes sind, in dem die Namen sämmtltcher Ausgewiesenen angegeben sind.— Also Achtung! Zwei fdfwtt't Unglücksfiittr, davon einer mit tödtlichem Ausgange, trugen sich im Laufe des vorgestrigen Tages in den fiskalischen Bergwerken des benachbarten Rüdersdorf zu. Der Bergarbeiter Meyer aus Rüdersdorfer Grund war Morgens gegen 8 llhr mit einem seiner Kameraden dicht an der Bruch- wand im Sllvenslebenbruch beim Aufladen von Gesteinsstücken beschäftigt, als plötzlich der Warnungsruf des Aufsehers erscholl, daß sich ein Stück Kalkstein von der steilen Wand gelöst habe und im Fallen begriffen sei. Während es den übrigen Arbeitern gelang, schnell zur Seite zu springen, wurde Meyer von dem fallenden Steinstück mit solcher Kraft auf den Kopf getroffen, daß er bewußtlos zu Boden stürzte. Etwa eine Stunde später verstarb der Verunglückte in Gegenwart der beiden Knappschaftsärzte, die sogleich herbeigeholt worden waren. Noch bevor die Arbeit am Morgen begonnen, ist die qu. Steinwand mittelst Stangen nach losen Gesteinsstücken abgesucht und als sicher befunden worden. Der Verunglückte, ein noch junger Mann von 32 Jahren, hinter- läßt eine Wittwe und zwei unmündige Kinder. Zu derselben Zeit wurde im sogenannten Tiefbau der Berg- arbeiter Zehmke, der ebenfalls an der Bruchwand arbeitete, von einem fallenden Gesteinsstück am Kopse lebensgefährlich verletzt. Nur dem Umstände, daß der Stein nicht von so großem Umfange war, hat derselbe es zu verdanken, daß er mit dem Leben davon- kain; die Verletzungen des Verunglückten sind jedoch so schwer und ist derselbe infolge des starken Blutverlustes so geschwächt, daß für sein Leben gefürchtet wird. Mer hin und wieder in den» Moabiter Gericht«- grbiinde z» thuir gehabt hat, wird sicherlich über das lange S i e b e u u u d z w a u z i g st e s Kapitel. Wir geleiteten den Sarg auf den Friedhof. Wir waren ungefähr 40 Personen in allem, eine iveseutlich verschiedenartige müßige Menge. Der ermüdende Gang dauerte über eine Stunde. Das Wetter wurde immer schlechter. Fiktor setzte sich auf halbem Wege in den Wagen. Ratsch schritt rüstig durch den thaucnden Schnee; ebenso mag er damals, nach jeuer verhäuguißvolleu Zusammenkunft mit Simeon Matveitsch, über den Schnee dahingeschritten sein, als er das arme, für immer gebrochene Mädchen triumphirend in sein Hans abführte! Die Haare des„Veteranen", sowie feine Augenbrauen verbrämten sich mit Schnee; bald keuchte und krächzte er, bald rundete er, alle Kräfte zusammen- nehmend, seine runden festen Wangen... es sah beinahe ans, als lachte er. Und wieder fielen mir Susanuens Worte in jenem Hefte ein:„Nach meinem Tode geht die Pension auf Iwan Demjauitsch über. Endlich kamen wir auf dem Friedhofe an und arbeiteten uns bis zu dem frischen Grabe durch. Die letzten Zeremonien wurden schnell vollbracht. Ein Jeder war erstarrt vor Kälte und beeilte sich. Der Sarg wurde mit Seilen in die gähnende Grube hinabgelassen und man fing an, das Grab mit Erde zuzuschütten. Auch hierbei zeigte Herr Ratsch seine Leb- haftigkeit; in unternehmender Stellung, den einen Fuß vorgestreckt, warf er die Erdschollen schnell und kraftvoll und mit kühnem Schwünge ans den Sargdeckel; er konnte nicht energischer handeln, wenn er seinen grausamsten Feind zu steirngeu gehabt hätte. Fiktor hielt sich, wie früher, zur Seite, wickelte sich in seinen Mantel ein und rieb sein Kinn an dem Biberkragen desselben. Die übrigen Kinder deS Herrn Ratsch ahmten ihrem Vater eifrig nach. Sand und Erde umherzuschleudern, machte ihnen große Freude, was übrigens sehr natürlich war. An der Stelle der Grube er- Warten geklagt haben, zu dem er durch die unvorhergesehene Aus- dehnung einer Verhandlung, welche der seinigen vorhergeht, ver- urtheilt ist. Sehr oft kommt es vor, daß ein Termin, der um 11 Uhr Vormittags angesetzt worden ist, erst um S bis 4 Uhr Nachmittags stattfinde» kann. Klager, Beklagte und Zeugen sind dann gezwungen, sich stundenlang-hungernd und durstend in den Wartezimmern oder den Hausfluren aufzuhalten; denn wer es wagen würde, während dieser Zeit sich in einer der dem Gerichts- gebäude benachbarten Restauration zu erfrischen, läuft Gefahr, die Verhandlung zu versäumen und hat dann die nachfolgenden Un- annehmlichkeitsn zu tragen. Es ereignet sich häufig, daß aus einem Grunde die vorhergehenden Prozesse abgebrochen oder vertagt werden. SOid zu dem darauf folgenden Termine nicht alle geladenen Personen anwesend, so kann auf Kosten der Fehlenden eine neue Verhandlung anberaumt werden. Aber doch könnte dem liebet gesteuert werden. wenn den Gerichtsdienern der Stuf- trag ertheill werden würde, bei derartigen Fällen dem warten- den Publikum mitzutheilen, wenn und wie lange eine Pause stattfindet. Es gehört gewiß nicht zu den Annehmlichkeiten des , nenschlichen Lebens, init den, Gericht irgend Etwas zu thun zu haben. Wenn aber Jemand mit hungrigem Magen seine Aus- sagen machen muß, dann macht sich die Pein doppelt geltend. Jedenfalls sollte von zuständiger Seite irgend ei» Ausweg ge- funden werden, damit die berechtigten Klagen verstummen. Die gesundheitliche Wichtigkeit einer frischen, reinen Luft ,n solchen Räumen, wo mehrere Personen sich zu gleicher Zeit aushalten, wird von allen Physiologen anerkannt; sie stimmen sämmtlich darin überein, das; das Wiedereinathmen der durch Lungen und Haut abgesonderten Ausscheidungen leicht eine Ver- derbniß des Blutes herbeizuführen im Stande ist, und man hat heute die Gewißheit erlangt, daß die Wirkungen einer solchen ver- dorbenen Luft zu den vornehmsten und am weitest verbreiteten Ursachen gehören, die den menschlichen Organismus krankheits- empfänglicher mache». Aus diesen Gründen ist es durchaus nöthig, alle Räume, in ,N denen für eine längere Zeit sich zahlreiche Personen aufhalten, so einzurichten, daß ein beständiger Luftwechsel stattfindet, und außerdem von Zeit zu Zeit eine gründliche Durchlüftung dieser Räume vorzunehmen. Besonders nöthig sind diese Maßnahmen für unsere Schul- 'l'0 etwaige Unterlassung der Oeffnung der Fenster und Thüren nach dem Unterrichte eine ernste Gefahr für die Ge- sundheit der Schulkinder bilden kann; denn die vorhandenen Ventllationsvorrichtniigen können nur den Zweck haben, einen beständigen Luftwechsel ohne Erzeugung von Zugluft herbeizuführen; dieser Lustwechsel reicht aber nicht aus, die Beseitigung und Zer- storung der Jlthmungsansscheidungen zu bewirken, namentlich, wenn d,ese eingeschleppte Krankheitskeime enthalten. 31?.®eroei* für die Richtigkeit dieser Ansicht können die Verhaltttche namentlich m den Waisenhäusern angeführt wer- den und die Beobachtungen, die man dabei gemacht chat. Das Zusammenleben zahlreicher Kinder in einem Hause, das Spielen, Schlafen und so weiter in gemeinsamen Sälen stellt gewiß die günstigsten Momente zur Entstehung und Verbreitung ansteckender Kinderkrankheiten dar. Und doch gehört das Vorkommen solcher Krankheiten in unseren Waisenha fern zu den Seltenheiten, weil eben die Luft- relnignng daselbst in genauester Weise gehandhabt wird. So werden z.-o. in den Schlajsälen, sobald die Kinder denselben verlassen haben, alle Fenster geöffnet, im Winter bis 4 Uhr Nachmittags, wo dann die Heizung der Schlasräume erfolgt. ..,®i"??deres höchst wichtiges Moment für die gesundheit- liche Beschaffenheit der Luft in den Schulen bildet die Reinigung der S ch n l z i m n, e r vom S t a u be und sonst lg ein Schmutze. Man braucht nur zu bedenken, wie viel Staub die Kinder an ihren Fußbekleidungen in die Schulzimmer tragen. Da genügt es bei Weitem nicht, daß d,e Zimmer von Zeit z» Zeit, etwa einmal wöchentlich, gefegt werden, weil dadurch nichts Anderes erreicht wird, als daß der Staub, welcher auch mit den verschiedensten Krankheitsstoffen be- haftet sein kann, aufgewirbelt und der Lust mitgetheilt wird. Es solle» vielniehr die Fußböden und die Wände, letztere etwa bis zur Höhe von zwei Metern, mit einem wasserdichten Anstrich versehen sei», denn nur auf diese Weise kann das einzig richtige Verfahren der Staubbeseitigung, nämlich durch tägliches feuchtes Aufwischen der Schulzimmer, durchgeführt werden. Was hier von den Schulzimmern gesagt ist, gilt natürlich von allen anderen Räumen, in denen zahlreiche Personen sich längere Zeit dichtbcieinauder aufhalten. Diese Darlegungen be- weisen jedenfalls, wie weit wir mit unseren Werkstätten noch von dem Zustande einer auch nur erträglichen, den Anforderungen der Hygiene entsprechenden Einrichtung entfernt find, wenn auch zugegeben werde» kann, daß den schulpflichtigen Kindern gegen- aber größere Rücksichten nöthig sind, als erwachsenen Personen, Seren Organismus widerstandsfähiger ist. Z» dem Fall Lindau hat der Redakteur der„Volkszeitung", Georg Ledebour, wie wir der„Volksztg." entnehmen, bei dem Vorsitzenden des„Vereins Berliner Presse", KammergerichtSrath Aichert, beantragt, eine von ihm vorgeschlagene Resolution auf ,ie Tagesordnung der nächsten geschäftlichen Sitzung resp. General- Versammlung des Vereins zu setzen. Die Resolution enthält eine Nißbilligung des Vorstandes, weil derselbe ein auf ungenügender Prüfung des Sachverhaltes beruhendes Gutachten abgegeben habe. Der Vorsitzende Ernst Wichert hat es abgelehnt, de» Gegenstand auf die Tagesordnung zu setzen, da nach dem Statut der Fall Lindau für den Verein erledigt sei. Sollten die Mit- glieder dem Vorstande infolge der getroffenen Entscheidung ihr hob sich allmälig ein Hügel, und wir bereiteten uns schon auseinander zu gehen, als Herr Ratsch in militärischer Weise linksum machte, sich auf den Schenkel schlug und uns Allen erklärte, daß er„die Herren" so wie die„ehrwürdige Geistlichkeit" zu einem„Gedächtnißmahle für die Ver- storbene" einlade, welches in geringer Entfernung von dem Friedhofe, in dem großen Saale eines sehr anständigen Gasthauses hergerichtet war, und zwar durch die Bemühungen „unseres liebenswürdigen Sigismund Sigismundovitsch.." Bei diesen Worten wies er auf den Gehilfen des Aufsehers im Stadtviertel und fügte hinzu, daß er, Iwan Dcmjanitsch, trotz seines Schmerzes und seiner lutherische» Religion, als echter Russe dennoch die echt russischen Gebräuche wertls hielte.„Meine Gemahlin," rief er aus,„und die Damen, welche mit ihr gekommen sind, mögen nach Hause fahren, wir aber, meine Herren, wollen bei einem bescheidene» Mahle uns der Eutschlafenen erinnern und ihr Gedächtniß feiern!" Der Vorschlag des Herrn Ratsch wurde mit auf- richtiger Zustimmung aufgenommen; die„ehrwürdige" Geist- lichkeit wechselte bedeutungsvolle Blicke und der Offizier der Wasserkommunikation faßte Iwan Demjauitsch bei der Schulter und nannte ihn einen Patrioten und die Seele der Gesellschaft. Wir begaben uns Alle zusammen in das Gasthaus. Dort standen in dem langen, breite», übrigens ganz leeren Zimmer des zweiten Stockwerks zwei Tische mit Flaschen, Gedecken und Speisen bedeckt, und von Stühlen umgeben. Die vereinigten Gerüche von frischer Stuckatur, von Schnaps und Fastenöl drangen in die Nase und beengten den Athem. Ter Gehilfe des Aufsehers führte, in seiner Eigenschaft eines Festordners, die Geistlichkeit an den Ehrenplatz, wo vorzugsweise Fastenspeisen aufgestellt waren; auch die übrigen Gäste nahmen Platz. Das Festmahl begann. Ich möchte nicht das Wort„Festniahl" gebrauchen; aber kein anderes ort ivürde dem wirklichen Thatbestande entsprechen. An- Vertrauen nicht ferner schenken wollen, so hätten sie bei den Wahlen Gelegenheit, ihrer Ansicht Ausdruck zu geben. Dolizeibericht. Am 30. v. M. Vormittags fiel der Fenster- putzer Scholz bei», Putzen der Fenster des Hauses Leipziger- straße 124 vom Gesims des ersten Stocks auf den Bürgersteig hinab und erlitt außer einer.Kopfwunde anscheinend innere Ver- lehungen, so daß er nach der Universitäts-Klinik gebracht werden mußte.— Zu derselben Zeit wurde ein Mann in seiner Woh- nung in der Kleinen Markusstraße erhängt vorgefunden.— Nachmittags wurde im Louisenstädtischen Kanal die Leiche eines neugeborenen Kindes angeschwemmt.— Zu derselbe» Zeit gerieth ein lljähriger, fast erblindeter Knabe vor dem Hause Lietzmann- straße 13 unter die Räder eines Geschästsivagens und erlitt eine Kopfwunde, sowie anscheinend innere Verletzungen. Er wurde nach dem Krankenhause am Friedrichshain gebracht.— Als in der Nacht zum 1. d. M. der Kutscher Winkelmann, welcher in einer Schankwirthschäft in der Kleinen Hamburgerstraße ver- schiedene Personen geschlagen hatte und infolge dessen gewaltsam aus derselben entfernt worden war, von einem Schutzmann und einem Wächter zur Wache des 12. Polizeireviers gebracht werden sollte, leistete er Widerstand und versetzte dabei dem Wächter mit dein Fuße einen so starken Stoß gegen den Unterleib, daß dieser anscheinend eine Verletzung des Bauchfelles, sowie andere innere Verletzungen erlitt. Ter Schutzmann erhielt mehrere Fußtritte gegen die' Brust, scheint jedoch nicht verletzt worden zu sein.— Am 30. v. M. fanden sechs Brände statt. TTzenlev. Wnllnrr- Thrntrr. Aus der C o u liss en w e l t. Charaktergemälde aus Fcrd. Raimund's Theaterleben von H. Jantsch und A. Calliano. Felix S ch w e i g h o f e r' s, des unübertrefflichen Charakterdarstellers erües Gastspiel, hatte vorgestern die weiten Räume des Wallner-Theaters bis auf den letzten Platz gefüllt. Bot derselbe mit seinem Ferd. Raiinuud wiederum ein vollendetes Meisterstück nach jeder Seite hin, so läßt sich nicht verhehlen, daß mit ihm das Stück steht und fällt. Es fehlt demselben der innige szenische Zusammenhang, der ev- forderlich ist, das Interesse der Zuschauer anzuregen und zu steigern. iE» sind lediglich Episode» aus Ferd. Raimund's Leben und seiner Theaterzeit, die mehr oder minder glücklich erwählt erscheinen. Am stimmungsvollsten wirkt der erste Akt, der uns mitten in das fröhliche Treiben eines Wiener Kaffeehauses führt und damit ein überaus fesselndes, malerisches Bild bietet. Ferd. Raimund, in Gemüth seines Ruhmes stehend, zeigt sich als schwärmerischer Idealist, dem zur Vervollständigung seines Glückes nur die Lebensgefährtin fehlt. Er glaubt dieselbe in Fauni, der Tochter des Kaffeewirthes, ge- funden zu haben, die für den Dichter und Schauspieler eine schwärmerische Verehrung empfindet, ihr Herz aber dem reichen Hnber-Franz geschenkt hat. Die Entdeckung dieser Thatsache ist der erste schwere Schicksalsschlag der ihn trifft und der verhängniß- voll für sein ganzes ferneres Leben wird. Fräulein Marie Rosner(Fanni) zeigte sich als würdige Partnerin Schweighoser's und der ihr und demselben gespendete Beifall war ein wohl- verdienter. Der zweite, zwei Jahre später spielende Akt, wird lediglich durch Zinna Schramm, die als Kehrsrau Wabi geradezu stürnusche Heiterkeit erregte, gehalten.— In durch nichts motivirter Laune verlobt sich Raimund mit der Demoiselle Gleich(Frl.'llieg. Brandt) einer Schauspielerin, die ein unlauteres Verhältniß mit dem Fürsten Rudisburg(Ose. Gimmig) unterhält. Diese Ehe, zu der ihn sein Pflichtgefühl treibt, kommt im 3. Akte, nachdem ihm die Augen geöffnet sind, zur Trennung, untergräbt aber seinen Lebens- muth und seine Schaffensfreudigkeit. Der 4. Akt, 14 Jahre später, zeigt uns die letzten Lebcnstage Raimunds in Rottenstein. Dahin sind die Ideale; ein verdrießlicher, mürrischer Greis, mit sich und aller Welt hadernd, ist übrig geblieben. Einen kleinen Lichtblick gewährt ihm das Erscheinen der Tochter seiner in- zwischen gestorbenen und nicht vergessenen Fauni, deren Vater mit ihr als Bänkelsänger in die Erscheinung tritt. Er will das Kind zu sich nehmen, doch auch dieses wendet sich von ihm, weil es das Vagabuudenleben ihres Vaters vorzieht. Das giebt ihm den fliest: er wird wahnsinnig und, glaubend, von seinem tollen tunde gebissen zu sein, erschießt er sich.— Die düstere ragik dieses Schicksals ist ergreisend und verfehlte ihre Wirkuug nicht. Wie schon gesagt: an Handlung ist kein Mangel, nur ist die Szencnführung eine lose und der Verbesserung bedürftige. Was Saphir im dritten Akte soll, ist nicht recht erfindlich; seine kaustiscbeu Wahrheiten über Frauen und Liebe konnte jeder Andere zur Geltung bringen. Das Zusammenspiel ließ nichts zu wünschen übrig; die In- szenirung ist eine sorg ältige und splendide. Mit Interesse sehen wir den weiteren Gastspielen Schweighoser's entgegen. Welches Unheil ein entlaufener Hühnerhund anrichten kann, lehrte rn» Mittwoch eine Gerichtsverhandlung. Unter der Anklage des muthwilligen Querulirens stand der 67 jährige Rentier Albert Maaß aus Trebbin vor der I. Strafkammer am Landgericht II. Die überaus interessante Prozeßgeschichte, welche der Vorsitzende nach Verlesung des Eröffnungsbcschlusses aus den faugs ging Alles ziemlich still, nicht ohne einen Anstrich von Langerwcile her. Es wurde gekaut, die Gläser wurden geleert, aber eS wurden auch Seufzer hörbar— sei es nun, daß sie aus dem Magen oder aus einem mitfühlenden Herzen kamen; man gedachte des Todes, der Sinn war auf die Kürze des menschlichen Lebens, auf die Vergänglichkeit irdischer Hoffnungen gelenkt: der Offizier der Wasser- kommunikation erzählte eine, freilich militärische, aber doch belehrende Anekdote; der Geistliche mit dem Wirbelkäppchen billigte sie und erzählte selbst einen Zug aus dem Leben des hochehrwürdigen Iwan Woin; der Priester mit dem schöngekämmten Haar brachte auch»ine erbauliche Bemerkung über die jungfräuliche Untadelhaftigkeit vor, wobei er jedoch stets seine Hauptaufmcrksamkcit den Speisen zuwandte— bald aber veränderte sich die Szene. Die Gesichter rötheten sich, die Stimmen wurden lauter und das Gelächter trat wieder in seine Rechte ein. Es wurden abgerissene Rufe, liebkosende Ausdrücke, als z. B.„geliebter Bruder", Du mein Seclchen",„mein Klötzchen" laut; mit einem Worte, es wurde Alles umhcrgcstreur, womit die Seele der Russen so freigebig ist, wenn sie sich, wie man zu sagen pflegt— aufgeknöpft hat. Und als endlich die Champagnerkorken knallten, wurde es vollends lärmend. Einer krähte wie ein Hahn und ein anderer Gast schlug sogar vor, das Glas, aus welchem er soeben getrunken hatte, mit den Zähnen zu zerbeißen und zu verschlucken. Herr Ratsch, der nicht mehr roth, sondern jetzt bläulich im Gesichte war, und schon viel gelärmt und gelacht hatte, tand jetzt plötzlich von seinem Platze auf und bat um ie Erlaubniß, eine Anrede zu halten.„Reden Sie! Red Sie!" riefen Alle zusammen; der Alte im kamlottenen N, der übrigens schon ans dem Boden saß... rief sogar äravo!" und klatschte in die Hände. Herr Ratsch hob se Glas hoch empor und erklärte seine Absicht, in kurzen, e„eindrücklichen" Ausdrücken auk die Verdienste jener Seele hinzuweisen, welche ihre irdische Akten vortrug, ist folgende: Der Angeklagte war früher Besitzer eines sogenannten Freigutes in Neukammer bei Nauen. Im Jahre 1877 war ihm während einer kurzen Ab» Wesenheit ein werthvoller Hund abhanden gekomme» Der Angeklagte zeigte bei der Polizeiverwaltuug in Nauen an, daß ihm der Hund gestolsten worden sei und beantragte, nach dem unbekannten Thäter zu fahnde«. Die Recherchen ließen den Schluß zu, daß der Hund nicht ge- stöhlen, sondern jedenfalls entlaufen sei. In diesem Sinne wurve der Angeklagte beschieden. Derselbe beruhigte sich hierbei nicht, sondern wandte sich beschwerdeführend an die königliche Staats» anwaltschaft des vormaligen Kreisgerichts in Spandau und be- antragte gleichzeitig, einen Gastwirth und dessen Ehefrau über ihre Wissenschaft bezüglich des Verbleibes des Hundes eidlich zu vernehmen. Die Staatsanwaltschaft erfüllte diesen Antrag ine soweit, als der Gastwirth vernommen wurde. Da dieser jedoch erklärte, daß weder er noch seine Frau etwas von dem Hunde wisse, so wurde von der Vernehmung der Gastwirthssrau Abstand genommen. Der Angeklagte verlangte diese Vernehmung wiecerholt und da er jedesmal abgewiesen wurde, so beschwerte er sich beim Oberstaatsanwalt von Luck. Nachdem dieser die Akten durchgesehen und auf Grund! derselben den Petenten wiederum abschläglich beschieden hattez wandte sich der Letztere an den Justizminister. Es wurde Bericht eingefordert, wieder erfolgte Abweisung. Damit war das Jahr 1878 herangekommen. Der Angeklagte hielt nun einige Jahre Ruhe. Im Jahre 1882 verlangte er in der Sache die Ver-! nehmung neuer Zeugen. Mittlerweile war die neue Gerichts» Organisation ins Leben getreten und bei der gänzliches Umgestaltung der Dinge waren die Akten verloren geq gangen. Als dem Angeklagten dies eröffnet und er ersuch» wurde, die gänzlich aussichtslose Sache auf sich beruhen zu lassen« begann er seine Beschwerden von Neuem, sjetzt nicht mehr»W den Hund oder die Nichtvernehmung der Gastwirthssrau, sondern über oas Verschwinden der Akten. Er beantragte, daß derjenige Beamte, der die Akten habe verschwinden lassen, ermittelt undi ihm genannt werde, damit.r denselben regreßpflichtig mache«! könne. Es war unmöglich, ihm klar zu machen, dam dies außer dem Bereiche der Möglichkeit liege. Wieder ging er alle Instanzen durch, er ging an den Justizminister, an das preußische Abgeordnetenhaus und endlich an Kaiser Wilhelm I, dem gegenüber er sich darauf berief, daß der Kaiser als jungeck Prinz einmal mit seinem Vater gesprochen hatte. Stets wurde! der ganze Jnstanzengang in Bewegung gesetzt, um die Angelegen� heit zu prüfen und darüber zu berichten, stets lautete der Beck scheid, es sei nichts zu machen. Nachdem sich der Angeklagt� dreimal an de» Kaiser gewandt, ging er wieder an den Justiz- minister und endlich an den Reichskanzler in Friedrichsruhe. Von 1384 bis 1887 war er wieder still, 1887 ging er wieder an den Reichskanzler mit dem Antrage, ihm de« Beamten zu nennen, der 1881 die Akten habe verschwinden lassen. Mit deinselben Antrage kam er 1889 noch einmal, bis ihm alsdann am 2. Oktober in der, höheren Ortes angeordnete« „möglichst schonenden aber eindringlichen Weise und mündlich auseinandergesetzt wurde, daß die Erfüllung seiner Wünsch« außer jeden menschlichen Möglichkeit liege, daß seine Beschwerde« deshalb ebenso erfolglos wie lästig sein mühten und daß ihn bei Forlsetzung derselben eine Strafverfolgung wegen Querulirens treffen würde. Das hielt ihn jedoch nicht ab, sich am 18. Mai d. I. wieder an den Justizminister zu wenden. Nunmehr wurde die vorliegende Anklage erhoben- Ter Angeklagte gerirte sich als ein Mann, dem das denkbar schwerste Unrecht widerfahren sei. Der Staatsanwalt beantragte 14 Tage Gefängniß, der Gerichtshof beschloß aber, den Ange- klagten aus seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen, denn sei« Verhalten lasse erhebliche Bedenken bezüglich der Zurechnung�- Fähigkeit des Angeklagten zu. Dieser Beschluß setzte den Ange� klagten in höchstes Erstaunen, er schüttelte den Kopf und meinte! „Ich bin so gesund wie Einer, ich verlange nur mein Recht!".1 Gin Griinderprozrß. Ter in kaufmännischen Kreisen M» großer Spannung erwartete Strafprozeß gegen die Gründer nnck Direktoren der Gubener Aktiengesellschaft für Hutfabrikation, dl« Bankiers Louis und Sig. Molsi aus Guben'und Berlin»«« den Färber Hofsmann, begann heute vor der Strafkammer Guben._ 1 Die Vergehe», welche den Angeklagten anläßlich dieser Grli«' dnng, welche in ihrer Art und ihrem Verlause kaum ihre» Gleichen haben dürfte, zur Last gelegt werden, bieten in Kück' folgendes Bild: Die beiden Angeklagten Louis und Sigismu«« Wolff gründeten die besagte Aktiengesellschaft am 27. Mai l8ol in Gemeinschaft mit dem Generalkonsul z. D. Ludwig Spiegelth«' in Berlin, dem Direktor Alexander Meyer in Berlin und dem Direktor Hans Röder in Berlin. Nachdem die Gründer die sämiw' lichen Aktien allein übernommen hatten, wählten sie in der erste« konstituirenden Generalversammlung unter dem Präsidium vo« Louis Wolsf, diesen, sowie Spicgelthal und Sigismund Wotzl zu Mitgliedern des Aufsichtsralhes, und der letztere wähW dann wieder den Kaufmann Heinrich Gützloe in Berlin und de« Hutsabrikanten und Färber Emil Hoffmann in Guben zu Mi" gliedern des Vorstandes. Durch Beschluß der außerordentliche« Generalversaminlung vom 12. Juli 1887 wurde der Sitz der Cst' sellschaft nach Guben verlegt, und durch einen weiteren Beschl«'. das ursprünglich nur auf 250 000 M. normirte Aktienkapital a«l eine Million Mark erhöht. Zugleich wurden noch zwei neue M«' glieder in den Aussichtsraty gewählt und zwar der Direkt� H. Schade in Zeitz und der Regierungsrath a. D. Beutner>« Berlin. Letzterer schied noch in demselben Jahre aus und wurdl Hülle hienieden zurücklassend, zum Himmel empor geschwebt war..."„Sie versenkte..." Herr Ratsch korrigirte' „sie versank.. und berichtigte noch einmal:„Sie ver- senkte..." „Vater Diaconus! Verehrungswürdige Seele," hörst man leise, aber bittend flüstern,—„Tu sollst eine höllisch' Kehle haben, thue uns den Gefallen und donnere einmal! „Wir leben mitten in den Feldern!". „St! St!.... Stille doch! Was soll das heißen? riefen die Gäste. „... Versenkte ihre ganz ergebene Familie," fuhr Her' Ratsch fort, einen strengen Blick zu den Musiksreuildc« hinüber werfend,—„versetzte ihre Familie in ganz nntröst' lichen Kummer! Ja!" rief Iwan Demjauitsch—„Mit Recv sagt ein russisches Sprichwort: Das Schicksal beugt nichb es bricht..." „Halt! meine Herren!'' schrie plötzlich eine Heise«' Stimme am anderen Ende des Tisches aus—„man h«' mir soeben meinen Geldbeutel gestohlen!.. „Ah, Tu Spitzbube pfiff eine andere Stimme, und � batz, fiel eine Ohrfeige. Herr Gott! Was nun geschah! Es ivar, als wenn e'« wildes Thier, ivelches sich bis dahin nur zuweilen in nm bewegt und geknurrt hatte, sich nun plötzlich von der Ke" losgerissen und sich in seiner ganzen Ungestalt mit struppig' Mähne bäumte. Es war, als wenn jeder im Stillen ei"'! „Skandal" als natürlichen Zubehör uud Ausgang � Mahles erwartet hatte, so plötzlich griffen ihn Alle auf stürzte» sich hinein... Teller, Gläser klirrten.und rollt«« umher; Stühle wurden umgeworfen, schreiende Stimmen hoben sich immer lauter, Hände bewegten sich in der L»r die Stöcke flogen und es entspann sich eine Prügelei!, „Haut ihn! haut ihn!" brüllte mein Nachbar, der Fif? Händler, der mir bis jetzt der sanfteste Mensch aus Z Welt geschienen hatte, wie ein Besessener, er hatte ab- durch den Kausmcum Benno Siegel aus Berüu erjetzt, weicher auch bald seine Stellung aufgab. Für ihn kam sodann der Rentier E. Röhrig in den Aufsichtsrath. Von den Direktoren schied Gützloe Ende 1889 wegen Geisteskrankheit aus.— Von den Mitgliedern des Aufsichtsrathes und des Vorstandes kommen hier wesentlich nur die Gebr. Wolff und der Färber Hoffmann in Betracht. Die Gebr. Wolff hatten zuerst ein Manufakturwaarengeschaft in Guben betrieben, welches von Louis Wolff— einem gelernten Schneider— mit einem Betriebskapital von 9000 Mark begründet worden war, dann aber in ein Landesprodukten-, Agentur-, Kommissions- und Inkassogeschäft und 1879 endlich in ein Bankgeschäft umgewandelt wurde, dessen Prokurist S. Wolff war. Am 91. Dezember 1888 wurde die Firma„Louis Wolfs" gelöscht und die Firma„L. u. S. Wolff" als Zweigniederlassung des inzwischen unter gleicher Firma in Berlin gegründeten Bank- geschästs eingetragen. Diese Firma endlich ist am 3. September 1889 gelöscht worden. Ihr Vermögen, welches sie durch glück- liche Börsenspekulationen und geschickte Benutzung von Kon- junkturen erworben haben wollen, gaben die Gebr. Wolff auf mehrere hunderttausend Mark an. Hoffmann, der als Färber in verschiedenen Fabriken beschäftigt gewesen war, war nach der Ansicht der Anklagebehörde et-enso wie Gützloe nur eine Marionette in den Händen der Gebr. Wolff, welche diese geschäftlich und kaufmännisch gebildeten Leute nur deswegen an die Spitze des Unternehmens gestellt haben solle», um in denselben Widerstands- unfähige Werkzeuge für ihr Unternehmen zuhaben. Das Anfangs- gehalt des Höckmann von 2400 M. stieg bald bis auf 5000 M., wozu noch 2V2 pCt. Tantieme vom Reingewinn traten. Die Mitglieder des Aufsichtsrathes sollten Ersatz ihrer baaren Aus- lagen, außerdem aber zusammen 10 pCt. Tantieme, mindestens aber 1000 M, jährlich, sowie Reisekosten und Diäten, der Vor- sitzende aber auch Repräsentationslosten erhalten. Der aus zwei Direktoren bestehende Vorstand sollte festes Gehalt und Tantieme beziehen, und alle Urkunden und Erklärungen desselben sollte» für die Gesellschaft verbindlich sein, wenn sie mit der Firma der Ge- sellschaft versehen und von zwei Vorstandsmitgliedern oder einem Vorstandsmitgliede und einem zur Zeichnung der Firma per procura berechtigte» Beamten unterschrieben wurden. Die Ausgabe der fämmtlichen Aktien erfolgte al pari. Im Publikum entstanden nach und nach wesentliche Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Unternehmens, und im Herbst 1889 war in Guben bereits das Gerücht verbreitet, daß die Gebr. Wolff von der Staatsanwaltschaft verfolgt würden, ja sogar bereits flüchtig geivordcn seien. Gegen die Verbreiter dieser Gerüchte hatten die Geb. Wolff Privatklagen angestrengt, dieselben aber später zurückgenommen. Alle diese Umstände veranlaßlen u. A. den Reg.-Rath a. D. Beutner zum Rücktritt. In der letzten Neujahrsnacht brach nun in der Fabrik ein verheerender Brand aus, dessen Ursacbe so wenig aufgell rt war, daß die Staatsanwaltschaft sich genöthigt sah, gegen die Gebr. Wolff wegen Brandslistung vorzugehen. Die diesbezügliche Untersuchung ist nun zwar eingestelli ivorden, die zur Fest- srellung des Brandschadens angestellten Ermittelungen verbreiten jedoch ein eigenthümliches Liept über die ganze Gründung und boten zugleich Anlaß zur strafrechtlichen Untersuchung, deren Endergebniß nun die jetzige Anklage ist. Danach werden die Gebr. Wolff zunächst in zwei Fällen beschuldigt,„als Mitglieder des Aufsichtsraths einer Aktiengcsellschast wissentlich in einem in einer Generalversammlung gehaltenen Vortrage den Stand der Verhältnisse der Gesellschaft nnwahr dargestellt und verschleiert und zum Nachtheile der Gesellschaft einen Betrug verübt zu haben." Es ist nämlich von den Gebr. Wolfs für die Gründung die früher Donegk'sche Fabrik von dem Kaufmann Friedrich Sack erworben worden, und die Anklage behauptet nun, daß der wahre Kaufpreis, 68—70 000 M. mit Einschluß aller Maschinen, bezahlt worden sei, mährend sie der Aktienge- sellschaft gegenüber behauptet haben, daß der Kaufpreis 100 000 M. betragen habe, und daß sie diese Summe und außerdem noch .. 63 392 M. für Maschinen an Sack bezahlt haben. Diese wahrheits- widrige Behauptung sollen die Angeklagten in der Generalversamm- lung vom 12. Juli 1887 ausgestellt haben. Desselben Vergehens sollen sich die Gebr. Wolfs in der Generalversammlung vom 27. August 1888 schuldig gemacht haben. Dort legten sie nämlich als Mitglieder des Aufsichtsraths einen von der Firma S. u. L. Wolff mit dem Fabrikbesitzer Lejeune am 2. August 188» geschlossenen Ver- trag vor, in welchem der staufpreis für die Lejeune'scheHut>abrik auf 403 000 M. angegeben ist, während er nur 276 000 M, betragen hat. Sie hatten in dieser Generalversammlung außerdem einen von der Firma Wolfs mit dem Vorstande der Aktien- gesellschast geschlossenen Vertrag vom 11. August 1888 zur Genehmigung vorgelegt, durch welchen— unter Wiederholung der wahrheitswidrigen Angaben über den Kaufpreis— die Rechte der Firma Wolff an die Aktiengesellschaft abgetreten wurden. Sie hatten gleichzeitig wahrheitswibrig behauptet, daß von der Firma Wolff ein SS�eil des Kaufpreises mit 127 OuO M. Aktien bezahlt fei. Ferner>vird ihnen zur Last gelegt, im Jahre 1889 in Gemeinschaft mit Hofsmann in dein ersten Geschäftsbericht un- wahre Angaben über den Vermögensstand der Gesellschaft gemacht und in einem in einer Generalversammlung gehaltenen Vortrage die wahren Verhältnisse der Gesellschast verschleiert zu haben. Ebenso sollen sie in Gemeinschaft mit Hoffmann in �dein Prospekt vom 2. März 1889 unwahre Angaben über die Vermögens- Verhältnisse der Gesellschast gemacht haben. Dem Auge- klagten Hoffmann fällt schließlich ein versuchte? Betrug gegen die Allgemeine Versicherungsgesellschaft„Union" in Berlin und Ä freilich. in aller Stille zehn Glas Wein ausgetrunken.— „Haut ihn!" Wer„geHaut" werden sollte und wofür? dafür hatte er keinen Begriff; aber er brüllte fürchterlich. Der Gehilfe des Polizeiinspektors, der Offizier der Wasserkommnirikation und selbst Herr Ratsch, der wohl nicht erwartet hatte, daß seiner Beredtsamkeit ein so schnelles Ende gemacht werde, versuchten, die Ruhe wieder herzustellen... aber ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Mein Nachbar, der Fischhändler, stürzte sogar mit den Worten auf Herrn Ratsch los: „Umgebracht hat er das Mädchen, der drei Mal ver- fluchte Deutsche," schrie er und drohte ihm mit den Fäusten. —„Die Polizei hat er erkauft und jetzt wagt er sich ein Ansehen zu geben!?" Hier liefen die Anfivärtcr des Gasthauses hierbei. Was weiter geschah, weiß ich nicht; ich griff eilig nach meinem Hute und machte mich auf die Beine! Ich erinnere mich nur, daß ich Etwas krachen hörte, daß ich eine Hörings- gräte in den Haaren des Alten im kamlottenen Rocke sah, daß der Hut des Priesters über das ganze Zimmer hin flog, daß ich Fictors bleiches Gesicht in einem Winkel und Jemandes rothen Bart in eines anderen muskulöser Faust sah... Das waren die letzten Eindrücke, die ich von diesem „Gedächtnißmahle der Verstorbenen" davontrug, welches der liebenswürdige Sigismund Sigisnmndovitsch zu Ehren der armen Susanna veranstaltet hatte. Nachdem ich mich etwas ausgeruht, begab tch mich zu Fttstoff und erzählte'ihm Alles, wovon ich im Laufe dieser Dage Zeuge gewesen war. Er hörte mich sitzend, mit ge- senktem Kopse, beide Hände unter die Füße gelegt, an und sagte wieder:„Ach, meine arme, arme Snsanna!" Dann legte er sich auf das Sopha und kehrte mir den Rücken zu. Eine Woche darauf hatte er sich vollkommen erholt und lebte ganz wie früher fort. Ich bat ihn, mir Snsannens die Vaterländische Feuerversicherungs-Aktiengesellschaft zu Elber- selb zur Last. Er soll durch unwahre Angaben über den Brand- schaden versucht haben, eine höhere Entschädigungssumme zu er- langen, als die Gesellschast zu beanspruchen hatte. Louis Wolff dagegen wird beschuldigt, durch Mißbrauch seines Ansehens und durch Zureden den Hoffmann zu dieser strafbaren Handlung bestimmt zu haben. Außer den betreffenden Paragraphen des Straf- gesetzbuches sind in dem Anklagebeschluß auch die Älrt. 249, 249b Nr. 1 des Gesetzes, betreffend die Kominandit-Gescllschaften auf Aktien und die Aktiengesellschaften vom 18. Juli 1884 angezogen. Als Beweismittel sind zahlreiche Dokumente vorgelegt und eine große Anzahl von Zeugen geladen worden, ferner Versicherungs- beamte aus Berlin undEIberseld.zahlreicheNotabilitäten derFabriks- und Handelswelt aus Guben und anderen Städten, acht gerichtliche Sachverständige U.A. in. Die drei Angeklagten befinden sich schon seit längerer Zeit in Untersuchungshaft. Louis und Sigismund Wolff sind 1853 bezw. 1858 in Guben geboren, mosaisch und unbestraft. Emil Hoffmann ist 1858 in Krimmitschau geboren und hat gleich- falls keine Vorstrafen. Für die Verhandlungen sind mehrere Tage in Aussicht genommen. Als der Vorsitzende des Gerichtshofes, Landgerichts-Direktor Jekel heute Vormittag 9 Uhr die Verhandlungen eröffnete, waren etwa sechszig Zeugen zur Stelle. Die Anklage vertritt Staats- anwalt Karnatz, als Vertheidiger fungiren fünf Rechtsanwälte, darunter die Rechtsanwälte Dr. F. Friedmann und Wronker aus Berlin. Von den Zeugen hat der jetzt in Brüssel lebende Rentier Lejeune, der Verkäufer des Hauptgrundstücks an die Firma L. u. S. Wolff, ein Kranrheitsattest eingesandt, nach welchem er am Erscheinen verhindert ist. Der Präsident erklärt, daß man auch ohne diesen Zeugen verhandeln werde. Sodann wird der Angeklagte Louis Wolff vernommen. Präsident: Sie wurden am 26.'März verhastet?— Angeklagter(in heftiges Schluchzen ausbrechend): Ja wohl. Der Angeklagte Sigismund Wolff ist am 3. April verhastet worden. An den An- geklagten Hoffmann richtet der Präsident die Frage, ob er nicht schon wegen betrügerischen Bankerotts bestraft oder in Untersuchung gewesen sei. Angekl. Hoffmann: Ich bin wohl im Jahre 1878, als ich ein Droguen- und Materialiengeschäst in Krimmitschau hatte, verhaftet, aber nicht verurtheilt worden. Rechtsanwalt Dr. Fritz Friedmann: Ich wünsche, konstatirt zu sehen, daß der Angeklagte noch nnbeftrast und überhaupt auch nicht wegen betrügerischen Bankerotts in Untersuchung gewesen ist. Aus den Akten und theilweise soeben eingetroffenen Mit- theilungen der sächsischen Gerichte ergiebt sich nur, daß H. wegen BankerottS einige Tage in Untersuchung gewesen, daß aber eine Anklage überhaupt nicht gegen ihn erhoben worden ist. Staats- anwalt Karnatz: Nach den vorliegenden Akten erscheint der An- geklagte Hoffmann also als unbestraft.— Präsident zum Ange- klagten Louis Wolfs: Sind die Aktien der Gründung voll ge- zeiainet und bezahlt worden? Angeklagter: Ja wohl.— Präs.: Aus welchen Personen bestand ursprünglich der Aufsichtsrath?— Angel.: Ans mir, meinem Bruder und dem Generalkonsul Spiegclthal.— Präs.: Wer war Vorsitzender des Aufsichtsraths? — Angekl.: Ich. Ter Präsident geht nun auf den Ankauf des Sack- schcn Grundstücks über, welches die Firma S. u. L. Wolff für höchstens 68—70 000 M. erworben hat, der Aktiengesellschaft aber mit 100 000 M. angerechnet haben soll. Aus den Akten ergiebt sich, daß Sack das Grundstück in der Snbhastation für 55 000 M. erworben hat. Das Geld hierzu aber hatten die Gebr. Wolfs hergegeben. Aus einem zwischen der Firma Gebr. Wolff und Sack gescblossenen Vertrage ergiebt sich serner, daß der aus der weiteren Veräußerung des Grundstückes sich ergebende Gewinn zwischen den Kontrahenten getheilt werden solle.— Präs. zu L. Wolff: Dieser notarielle Vertrag ist dem Gerichte erst m letzter Stunde bekannt geworden, wie kommt es, daß Sie dem Gericht von diesem wichtigen Dokument keine Mittheilung gemacht haben? — Angekl. L. Wolff(weinend): Ich habe ja zwar diesen Vertrag unterschrieben, aber ich habe von den Modalitäten gar keine Kenntniß gehabt, da mein Bruder den Vertrag entworfen hatte. Der Angeklagte Sigismund Wolfs bestätigt dies und erklärt, daß lediglich die schwierigen Hypothekenverhältnisse des Grund- stücks Ursache gewesen wäre, die Uebertragung des Erwerbstitels auf Sack zu veranlassen. Präs.: Wann faßten Sie den Eni- schluß, das Grundstück der Aktiengesellschaft anzubieten? Angekl.: Im Mai 1887. Präs.: Wie wollen Sie den Umstand erklären, daß Sie als Hergeber des Geldes, demnach den Sack als Ersreher des Grundstücks siguriren ließen?— Angekl,: Der Amtsgerichts- rath Krauß hat mir angerathen, den Sack durch ein Mehrgebot von 5 M. Erwerber werde» zu lassen.(Sensation im Audi- torium.)— Staatsanwalt: Ich beantrage die sofortige Vorladung des Amtsgerichtsraths Krauß. Der Gerichtshof beschließt dieselbe. — Präsident zu Louis Wolff: Wie kommen Sie dazu, daß Sie der Aktiengesellschaft eine Quittung vorgelegt haben', wonach Sie 63 000 M. an Sack für maschinelle Einrichtungen bezahlt hätten, während sie thalsächlich an Sack gar nichts gezahlt haben?— Angekl. L. Wolff: Ich hatte von den Abmachungen keine richtige Kenntniß, sehe aber ein, daß es Unrecht war, den Sack als Empfänger des Geldes hinzustellen.— Der Präsident geht nun auf die Personalien des L. Wolss ein. Präs.: Welche Schulbildung haben Sie genossen?—'Angekl.: Ich war Qunr- taner.— Präs.: Wurden Sie dann nicht Schneider?— Angekl.: Schneider bin ich nie gewesen, ich bin aber in Konfektions- geschäften gewesen.— Präs.: Mit welchen Mitteln haben Sie Ihr Geschäft hier begründet?— Angekl.: Mit etwa 9000 M.— Präs.: Wie hoch ist Ihr jetziges Vermögen?— Angekl. Etwa Heftchen zum Andenken zu geben und er händigte es mir ohne jeden Einwand ein. Einige Jahre vergingen. Meine Tante starb und ich siedelte ans Moskau nach Petersburg über. Auch Fustosf zog nach Petersburg. Er trat in das Finatizminifterinm ein; ich sah ihn selten nur und fand nichts Besonderes mehr ati ihm. Er ivar ein Beamter, wie sie Alle sind und weiter Nichts. Wenn er noch lebt und nnverheirathet ist, so wird er sich wohl auch nicht verändert haben, wird auch jetzt noch gymnastische Vlebungeu machen, Herzen verschlingen, wie sonst, und Napoleon in blauer Uniform in die Stammbücher seiner Freundinnen zeichnen. Ich mußte einmal ge- schaftlich nach Moskau. Dort erfuhr ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß die Verhältnisse meines' früheren Bekannten, des Herrn Ratsch, eine traurige Wendung ge- nommeu hatten. Seine Gemahlin hatte ihm freilich noch Zwillinge, zwei Knaben geschenkt, welche der„Ur-Ruffe" Brjatschcslaw und Viatscheslaw genannt hatte; aber sein Hans ivar ihm abgebrannt, er hatte, seinen Abschied nehmen müssen und seilt ältester Sohn Fictor kam gar nicht mehr ans dem Schuldthurme heraus. Während meiner Anwesen- heil in Moskau hörte ich in einer Gesellschaft Susannens in der beleidigendsten nnvortheilhaftesten Weife erwähnen. Ich vertheidigte das Andenken des unglücklichen Mädchens so gut als möglich,— das Schicksal versagte ihr also selbst das Almosen der Vergessenheit! Allein meine Beweise brachten keinen großen Eindruck hervor. Einer von ihnen jedoch, ein poetischer Student, wurde erschüttert. Ich erhielt am sol- genden Tage von ihm ein Gedicht zugeschickt, das ich ver- gessen habe, das aber mit folgenden Zeilen schloß: „Doch selbst am Rand des still gewordenen Grabes „Ruht der Verleumdung Schlangenzniige nicht. „Ihr aift'ger Hauch trübt selbst das reine Gold, „Mit dem Erinnerung den Ort verkläret „Und sengt die Blumen, die hier blühen möchten." 140 000 M.— Präs.: Sie hatten früher angegeben, einige Hunderttausende zu besitzen.— Angekl.: Wir besitzen Aktien, die keinen Kurs haben. Der Angeklagte Sigismund Wolff giebt sein Vermögen auf 100 000 M. an. Bezüglich seiner Personalien giebt er an, daß er Seknndanerbildung besitze und Leiter der Filiale der Firma Gebr. Wolff in Berlin gewesen sei. Sein Vermögen will er schon vor der Gründung in Börsenspekulationen erworben haben. Seine Ein- läge bei Begründung des Bankgeschäfts mit seinem Bruder giebt er auf 80 000 M. an. Präsident zu dem Angeklagten Hoffmann: Wie sind Sie mit den Gebrüdern Wolff in Verbindung gekommen?— Angekl.; Ich habe mich bei Ihnen als Werkführer der Hutfabrikätion gemeldet. — Präs.: Haben Sie nicht auch Ihre Befähigung zur Führung von Direktorialgeschäften betont?— Angell.: Nein.— Angekl. L. Wolff: Das ist nicht wahr, er hat sich uns als früherer Direktor großer Werke, speziell einer Petersburger Fabrik, präsentirt.— Angekl. Hoffmann: Ich habe mich nur als Werkmeister an- geboten, von Direktionsgeschäften verstehe ich nichts.— Präs.; Sie haben gleichwohl aber als Direktor in der Gesellschaft fungirt?— Angekl.: Die Direktorgeschäfte haben Andere besorgt. Präs. zu S. Wolff: Lassen Sie sich doch näher darüber aus, wie es kommt, daß Sie 100 000 und 63 000 M. an Sack bezahlt haben wollen, während Sack nur eine Zahlung vön 68— 70 000 M. zugiebt und ausdrücklich jede weitere Zuwendung bestreitet?— Angekl.: Wir haben thatsächlich 163 000 M. in Checks an Sack gezahlt.— Präs.: Ohne weiteren Kommentar?— Angekl.: Wir zahlten jene Summen zur Konsortialberechnung, eine Reihe von Schriststücken, die ich zur Zeit meiner Verhaftung nicht zur Hand hatte, wird die Richtigkeit und Berechtigung jener Zahlung ergeben. Der Präsident geht nun auf die Vorgänge in der General- Versammlung über, in welcher die Vertrüge über den Ankauf des Sack'schen Grundstücks genehmigt wurden. Präs.(zu S. Wolfs): Wollen Sie etwa behaupten, daß die 100 000 und 63 000 M. wirklich in den Besitz des Sack übergehen sollten?— Angekl.: Das will ich nicht behaupten.— Präs.: Wollen Sie ferner behaupten, daß Sack mehr als 68— 70 000 M. erhalten hat?— Staatsanwalt Karnatz: Das PluZ von 30 000 M. stammt offenbar aus einer Verabredung, obwohl der bezügliche VeÄrag, jedenfalls aus strafrechtlichen Rücksichten, über diesen Punkt nichts enthält. Der Präsident verliest nun eine Reihe von Briefen, Zbw ein Kommis von Louis Wolff, Namens Pergamenter, an Sack ge- schrieben hat.— Präs.: Zu Louis Wolff: Erkennen Sie die Hand- fchrist des Pergamenter an? Der Angeklagte bejaht dies, Sigis- mund Wolsf vermag dies nicht, da er sich damals in Verlin be- funden habe. Rechtsanwalt Friedmann legt nun ein Kopirbuch der Firma Wolff vor, woraus sich ein zutreffendes Bild über das Verhältniß zwischen der Firma Wolff u. Sack ergeben würde.— Präsident: Dieses Buch taucht ja erst jetzt auf, obgleich behauptet worden ist, daß bei der Haussuchung sämmtliche Bücher der Firma in Be- schlag genommen seien. Wer hat das Buch hierhergehracht?— Rechtsanwalt Gersdorff 11: Die Frau des Angeklagten Louis Wolff hat es hergesandt.— Präsident: Sind etwa noch mehr derartige Bücher vorhanden, welche seinerzeit nicht in Beschlag genommen wurden? Es werden dann noch mehrere solche Bücher, die sich auf der Bank hinter den Angeklagten befanden, hervorgeholt und dem Präsidenten übergeben.— Präsident(zum Bücherrevisor Jänicke aus Guben): Wie verhält es sich mit der polizeilichen Beschlagnahme?— Jänicke: Die Polizei hat damals ausdrücklich erklärt, daß sie alle vorhandenen Bücher in Beschlag genommen habe.— Präsident(zu L. Wolff): Wollen Sie nun nicht anerkennen, daß Sie bei dem Kaufpreis von 100 000 M. 30 000 501. gewonnen haben?— L. Wolff: Ich weiß nichts Genaues übe? die Art dieses Gewinns.— Präsident(zu Sigismund Wolff): Was sagen Sie dazu?— Angekl.: Die 30 000 M. waren ein berechtigtes Aufgeld.— Präsident(zu L. Wolff): Wie verbült es sich nun mit dem Ankauf der Lejeune'schen Fabrik, wobei Sie der Aktiengesellschaft 127 000 M. mehr m Ansatz brachten, als Sie selbst gezahlt haben?— Angeklagter L. Wolff: Ich wußte davon gar nichts, und erst später hat mir mein Bruder gesagt, daß er von Lejeune 127 000 M. Provision bekommen habe; ich habe von diesem Geld nichts bekommen.(Sensation.)— Präsident zu Sigismund Wolff: Wie verhält es sich mit dieser Summe?— Angeklagter: Lejeune hat mir diese Smnine persönlich geschenkt.— Präs.: Glauben Sie, daß ein Geschäftsmann ohne jede Ver- anlassung solche Geschenke macht?— Angekl.: Lejeune war sogar ein gewiegterer Geschäftsmann als ich, aber dennoch stiege» bei mir Bedenken auf, und ich entschloß mich, die Gesellschast zu entschädigen.—[Präs.: Sie haben allerdings Zuwendungen au die Gesellschast in Höhe von 57 000 M. gemacht, aber nicht etwa aus Generosität, sondern zu dem Zwecke, die Einnahmen der Gesellschast höher erscheinen zu lassen, dadurch eine Verschleierung der wirklichen Sachlage herbei- zuführen, die Bilanzen der Geselllchaft dadurch zu fälschen und eine Kurstrciberei der Aktien herbeizuführen.— Sigismund Wolff: Wir hatten, da alle Aktien begeben waren, kein Interesse an dem jeweiligen Kursstände.— Präs. zu L. Wolff: Haben Sie von dem Vertrage mit Lejeune gar keine Kenntniß gehabt?— Angekl.; Die Sache mit den 127 000 M. hat mir mein Bruder verschwiegen: S. Wolff: Ich habe die 127 000 M. nur als persönliches Geschenk betrachtet.— Präs. zu S. Wolff: Haben Sie Ihren Bruder, Ich las dieses Gedicht und verfiel in tiefes Sinnen. Susannens Bild stieg wieder in mir ans und wieder sah ich jenes gefrorene Fenster in meinem Zimmer; ich gedachte jener Windstöße des Schneesturmes, ihrer Worte, ihrer Thränen.., ich grübelte darüber, womit Susannas Liebe zu Fnstoff erklärt werden könne, und warum sie sich so schnell, so unaufhaltsam der Verzweiflung hingegeben hatte, sobald sie sich verlassen sah. Warum hatte sie nicht ab- warten, die bittere Wahrheit nicht aus den Lippen des ge- liebten Mannes selbst hören, ihm endlich nicht schreiben wollen? Wie war es niöglich, sich sofort Kopf über in einen Abgrund zu werfen?„Weil sie Fnstoff lcidcnfchaftlich liebte," wird man mir sagen;—„weil sie nicht den geringsten Zweifel in seine Ergebenheit, in feine Achtung ertrugen konnte." Vielleicht; vielleicht liebte sie Fnstoff auch gar mcht so leidenschaftlich, vielleicht täuschte sie sich auch gar nicht, hatte aber ihre letzten Hoffnungen auf ihn gesetzt und konnte den Gedanken nicht ertragen, daß auch dieser Mensch sich sogleich, ans das erste Wort eines Verläumders hin von ihr abwenden konnte! Wer sagt es, was ihr den Tod gebracht: die gekränkte Eigenliebe, Gram über das Hoffnungslose ihrer Lage, oder die Erinnerung an jenes erste, edle, ge- rechte Wesen, dem sie sich am Morgen ihres Lebens so freudig hingegeben, das so fest an sie glaubte und sie so hoch achtete V Wer meiß es, ob in jenem Augenblicke, wo es mir vorkam, als schivcbe der Ausruf:„Er ist nicht ge- kommen!" über ihre todesstarren Lippen, ihre Seele sich nicht schon freute und p ihm, zu ihrem Michael empor- geschwebt war? Die Geheimnisse des Menschenlebens sind Gchß, und das unzugänglichste aller Geheimnisse ist die Liebe!.... Jedesmal aber, wenn Snsannens Bild vor mir ersteht, kailn ich Mitleid und einen Vorwurf gegen das Schicksal nicht in mir unterdrücken und nieine Lippen flüstern unwillkürlich:„Die Unglückliche! Die Unglückliche!" Ende. den Präsidenten des Aufsichtsraths, nicht über die Sachlage in ikenntniß gesetzt?— Angelt.: Gewiss habe ich das gethan.— S. Wolfs: Ich wußte nichts und erst im Mai d. I. erfuhr ich das Nähere über die 127 000 M.- Präs.: Wollen Sie Beide nicht lieber ein offenet Geständniß ablegen? L. Wolfs weint, ohne eine bestimmte Antwt» zu geben. S. Wolff erklärt aber, stets als ehr- licher Mann gehandelt zu haben. Der Präsident kommt nun auf die Aufstellung der Bilanz vom 30. Januar 1889. Ein Vergleich zwischen der Liquidation für die Brandentschüdiguug und den effektiven Beständen habe zu Ent- deckungen geführt, welche die Staatsanwaltschaft zum Einschreiten veranlaßteu. In der ersten Bilanz schon waren die Wollbestände um 30 000 M. zu hoch und die Waarenbestäude um etwa 74 000 M. zu hoch angegeben worden. Präsident, sich an L. Wolff wendend: Wie konnten Sie als Präsident des Aufsichtsraths diese Bilanz gestatten?- L. Wolff: Die Bilanz war ja von den Direktoren entworfen und ich mußte deren Älngaben glauben.— Präs.: Also in solcher Weise faffen Sie die Pflichten des Aufsichtsraths auf? Der Mitangeklagte, Direktor Hoffmann, hat aber gesagt, daß er von Ihnen Beiden bestimmt worden sei, die falsche Bilanz aufzustellen.— S. Wolff: Diese Angabe des Hoffmann ist vollständig unwahr.— Präs.: Hoff- mann hat in der Untersuchung ausgesagt, daß Sie ihm damals bemerkt hätten, solche Unrichtigkeiten seien nöthig, um die„Kin- derkrankheiten einer Gründung" zu überwinden. Die Brüder Wolff erklären dies für unwahr.— Präs. zu Hoffmann: Wie verhält es sich damit und welcher von den beiden Wolff's hat in dieser Richtung auf Sie eingewirkt?— Hosfmann: Beide Brüder Wolff haben mich zu den Angaben in der Bilanz angestiftet_(Fortsetzung folgt.) Die Periode des Schwurgerichts des Landgerichts I, welche fast ausschließlich sich mit Gcwaltthateu zu beschäftigen hatte, endete gestern mit der Verhandlung gegen den 28jährigcn Steindrucker Otto Frucht, welcher am 13. Juli d. I. den Hilfs- Postboten Wilhelm Bartsch auf offener Straße er- stach. Der Gesangverein„Kornblume" hatte am Spätabende des genannten Tages einem Vereinsmitglicde in der Jnvalidcnstraße ein Ständchen gebracht. Gegen 1 Uhr begab sich eine Anzahl der Sänger auf de Heimweg durch die Müllcrstraße. Hier be- gegnete ihnen ein Trupp Menschen beiderlei Geschlechts. Eins der Frauenzimmer rempelte den ersten der ihnen EntgegenkomiAenden an. Es kam zu einem Wortwechsel und der Angeklagte, der für das Mädchen eintrat, nahm sofort eine kampfbereite Stellung ein. Es bildete sich ein K'näul Menschen, wobei der Briefträger Bartsch, der auch zu den Sängern gehörte, in den Wortstreit verwickelt wurde. Bartsch wandte sich zum Gehen und nun benutzte Frucht die Gelegenheit, ihm hinterrücks mit einem in der Hand ver- steckt gehaltenen Messer einen wuchtigen Hieb ins Genick zu ver- setzen. Bartsch sank zusammen, der Attentäter ergriff die Flucht. Der schwer verletzte Bartsch wurde nach der Sanitätswache ge- tragen, wo er bald darauf an Verblutung verstarb. Ter Älnge- klagte wurde verfolgt und in einem Thorwcge, wo er sich zu ver- stecken suchte, ergriffen. Er bestritt seine That entschieden, gab an, daß er überhaupt kein Messer bei sich führe und sprach noch seinen Abscheu über die That aus. Auch in der gestrigen Hauptverhandlung versuchte der Angeklagte zunächst, die That in Abrede zu stellen, als ihm der Vorsitzende, Landgerichtsrath Friedländer, aber ins Gewissen reden und ihm auf das Erfolg- lose seines Leugnens hinwies, da gestand der Angeklagte unter Tyränen seine Schuld ein. Die Beweisaufnahme beschränkte sich auf die Vernehmung einiger Zeugen und auf das Gutachten des Sachverständigen, Medizinalrath Dr. Long. Dieser be- gutachtete, daß die Schlagader des Verstorbenen durch- schnitten und der Tod infolge Verblutung eingetreten war. Durch die Zeugenvernehmung wurde sestgestellt, daß der Angeklagte das Frauenzimmer, für das er eintrat, nicht einmal kannte und nur aus reiner Rauflust den folgenschweren Streit vom Zaune gebrochen hatte. Ferner siel gegen den An- geklagten erschwerend ins Gewicht, daß er schon einmal wegen schwerer Körperverletzung mit 2 Jahren 6 Monaten Gesängniß bestraft wurde. Der Staatsanwalt hielt es deshalb nicht für an gebracht, ihm mildernde Umstände zuzubilligen. Die Geschworenen ließen dem Angeklagten aber doch die Wohlthat mildernder Umstände zu Gute kommen, worauf der Staatsanwalt 4 Jahre Gesängniß in Antrag brachte. Das Urtheil lautete auf 8 Jahre G e f ä u g n i ß. Gin tieftrauriges chaiuilieubild entrollte gestern eine vor der I. Strafkammer hiesigen Landgerichts 1 gegen den Gemeindelehrer Carl K n ö f e l verhandelte Anklage wegen Ver- brechens gegen die Sittlichkeit. Der Angeklagte, dessen gesammte Familie zur Zeugenschaft entboten war, lebte mit seiner Frau, welche seine leibliche Kousine ist(die beiden Väter sind Brüder) nicht sehr friedlich, vielmehr hatte dieselbe wiederholt Mißhand- lungen zu erleiden und trachtete darnach, von ihrem Manne ge- schieden zu werden. Da erschien eines Tages der Schwiegervater des Angeklagten auf der Polizei und erstattete die An- zeige, daß nach der Mittheilung seiner Tochter oie noch nicht 14 Jahre alte Schwester derselben, ein früh ent- wickeltes Mädchen, von dem Angeklagten wiederholt gemiß- braucht worden sei. Es hatte über diese Behauptung, deren Nichtigkeit der Angeklagte rgisch bestritt, schon in der Woh- nung desselben eine höchst rregte Szene gegeben, wobei der Angeklagte von seinem Schwiegervater so nachdrücklich gewiß- handelt ivorden war, daß er anfänglich den Strafantrag zu stellen beabsichtigt hatte. Die Vorkommnisse, welche man dem Älngeklagten zur Last legte, lagen mehrere Monate vor der Erstattung der Anzeige. Der Angeklagte wurde in Haft genommen und er suchte in der gestrigen Verhandlung die Beschuldigung als einer gegen ihn planmäßig ersonnenen Anzettelung darzustellen. Sein Vertheidiger Rechtsanwalt Holz hatte eine große Zahl von Leumundszeugen geladen, darunter d-n Schul- inspektor und mehrere Gemeindelehrer, welche ihrem Koüegen ein glänzendes Leumundszeugniß ausstellten. Ihnen standen die nicht ans der Welt zu schaffenden bestimmten Bekundigungen der Frau des Angeklagten und deren Schwester gegenüber und der Gerichts- hos glaubte, dem Antrage des Rechtsanwalt Holz, mit Rück- ficht auf die ganze Sachlage in diesen» Falle ein non liquec auszusprechen, nicht folgen zu körnte». Er verurtheilte den Auge- klagten unter Annahme mildernder Umstände zu 2 Jahren Gesängniß. Verfmumlnngen. Dia Ergrbnitz der Kerlinrr D-Iogirtemuahle» zum Kangrrff in Satte. 1. Wahlkreis. Geivählt: Schuhmacher Metzuer, Konditor Mohrbach, Schneider Täteroiv. Außerdem waren noch vorgeschlagen und zur Wahl ge- stellt: Wach, Feldmann und Krause. 3. Wählkreis. Geivählt: Sattler Barth, Tischler Fritz, Gast- »virth Gründet. Außerdem»varen noch vorgeschlagen und zur Wahl gestellt: Kräker, Seelig, Börner, Liiik und Wildberger. (Letzterer lehnte ab.) 4. Wahlkreis. Gewählt: Tischler Franz Berndt(gegen 11 Stimme»), Klavierarbeiter Robert Schinidt(gegen 04 Stimmen), Schneider Adolf Scholz(gegen 138 Stiinmen) und Schuhmacher Petersen(gegen 172 Stlmmen). Außerdein waren noch vorgeschlagen und zur Wahl ge- stellt: Tutzcuer, Hencke, Heindorf und Gerisch. Wahlkreis. Geivählt: Kaufmann Albert Auerbach, Schlosser Fritz Berndt und Mechaniker Reinhold Jakubik. WuPinvSo»** vMrtvoit rtrtrtn Itnh 21tV pflichtet, zurückerstattet würden; dies wurde zugesagt: Wie hierauffolgend dieBerliner offentlicheVersainüilung eineKoinmissio« zur Einführung eines neutralen Bureaus erwählte, sicherte ich derselben, auf ergangene Anforderung, die Aufgabe des Bureaus zu, erbat aber- die Ablösung der noch schwebenden Verpflichtungen von 48 M., sowie den Betrag von 12 M. für einen Säulen» auschlag; der jedoch auch unterbleiben konnte. Eine Antwort er» hielt ich nicht, wohl aber erfolgte nun in der oben angezogenen Versammlung über mich, den Abwesenden, die Behäuptung, ich hätte ineine Kollegen um 00 M. prellen wollen! Dies zur Steuer der Wahrheit; mein Verhalten dürfte allen Denen verständlich sein, die der Auffassung hinneigen; daß die Beschlüsse eines Kongresses(21 gegen 5) von der vertreten gen wesenen Stadt nicht mehr durch eine nochmalige örtliche Abe> tanimlung de» iperbande» deutscher Karbier», Friseur- und per rüNicu mache r-tNc Hilfe». Zweig-Verein Berlin. Donner?» lag, den S. Oktober, Abends m Uhr, Stosenthalerstr. ss. Hierein der Sau-Auschlager Scrli»» und Zl»>sear»d. Sonntag, des 6. Oktober, Borniittags lo Uhr, Austerordenlliche Generalversammlung bei Serseld, Grenadierslraiie 33. Tagesordnung: Vorstandswahl. Quittungsbuch legiiiinirr. Verein der F.nrbelltepper Serli»» nnd Umgegend. Donnerstag, de» 2. Oltober, Abends 9 Uhr, in Älollschläger�s Lokal, Blumenstr. 78, Versank n» lnng. Tagesordnung:>. Diskussion über unsere Organisation. 2. Abrechnung vom Vergnügen, i. Verschiedenes.— Dame» haben Zutritt. Verei» rhemaliger Schüler der 22. oZeinrindrschnlr. Donnerstag, Abends a'i Uhr, im Restaurant Es rüder, Stegliherlir. 18. Qj eiste herzlich willkommen. Pünktliches Erscheinen dringend erwünscht, Verein rhrmalis-r Schüler der 23. vemeiikdeschnle. Sitzung ai» Donnerstag, Abends 9% Uhr, Grüner Weg 29 bei Saeger, Kassenbericht pr» Monat September; nach der Sitzung: FidelitaS. Gäne willkommen. tiöpenich. Sonnabend, den*. Oktober, Abends 7� Uhr, im Kaiserhof! Allgemeines Arbeiterfest, veranstaltet vom Arbeiterverein für Kopeniek und Umgegend, bestehend aus Konzerr, Festrede, Tanzlränzche». Bill-ls pro Stü» 23 Pf. sind vorher zu haben bei: F. Uugcring, Grünauerstr. 4; Kautsch» Kaiserhof, und den Mitgliedern deS Komitees: G. Hofsmann, Richter, Raul» manu, Treidler, M'njorra, So» i al d e m>> 1: r at i Nh e r lese-»»d AislintirKlnb„zlniversnm" jede» reitag, Abends 9 Uhr, im Lokale Hemmerle, Büloivstrast! 69. Gaste habe» stUritl. Außerdem waren noch vorgeschlagen und zur Wahl gestellt: Schloffer August Miller, Schlosser Emil Fritsche, Schriftsetzer Paul John. 6. W a hlk r s. Geivählt: Maurer Wernau, Schriftsetzer Ernst, Maurer Schwabe und Metallarbeiter Gießhoit. Außerdem waren noch vorgeschlagen und zur Wahl gestellt: Jakubey, Becker, Schayer, Reckner, Dornbusch. Das Resultat aus dem 2. Wahlkreise war uus bei Schluß des Blattes noch nicht zugegangen. Frrichtiynltg. Herr R. Sander sehreibt uns: In Be- treff des Berichtes über die Aersammlung des Fachvereins der Tapezirer Berlins vom 9, September er.(Nr. 210 des„Berliner Volksblatt") erkläre ich hiermit: daß die Angaben, welehe in der Versammlung gemacht wurden der Wahrheit nicht ent- spreche». Das Bureau wurde errichtet auf Beschluß einer hiesigen Filialversammlung des Allgemeinen dentschen Tapezirer-Vereins nnd zivar in der Absicht, die Zentralisation auch in Berlin eine Heimstätte zu bereiten, da leider jede kollegialischc Bitte um Mit- betheiligungan der Gesammtorganisation abgewiesen wurde, trotzdem die Berliner Delegirten Sitz und Stimme ans deni Kongreß hatten. Durch Masseneintritt der Mitglieder des Fachvereins wurde dann die„Verlegung" des eigenen Arbeitsnachweise- Bureaus herbei- geführt und zwar in dasselbe Lokal, wo der Fachverein seine Bureaustunden abhielt. Diesem„Beschluß" fügte ich mich nicht, sondern eröffnete das Bureau an alter Stelle als Privatbureau init der ausgesprochenen Zusage, mich dein Beschluß der nahe bevorstehenden Generalversammlung zu unterwerfen. Auf dieser (in Kassel am 5. März) erklärte ich: das Bureau sofort auf- zugeben, wenn mir die Kosten der Einrichtung, für die ich noch ver Bei Anfragen bitten wir die AbonnemintS-Quiklung beizulügen. Antwort wird nicht ertheilt. Brieflich K. U. Es ist in der That spaßhaft, daß der„Reichsanz. das an der Spitze unserer gestrigen Nummer veröffentlichte Pro« granim unserer Partei„ein" Programm der sozialistische» Arbeiter- pnrtei nennt. Unsere Partei hat nicht mehrere Programme. Da? amtliche Blatt scheint nicht zu wissen, daß dieses eine Programi» das Historisehe, auf dem Einignng-kongreß zu Gotha 1876 beschlossene Programm der deutschen Sozialdemokratie ist. Dvzroschon. Wien, den 1. Oltober 1890. Ter. deutschen Sozial' demokratie ein jubelndes, brüderliches Glückauf! Es geht vor» ivärts, trotz alledem! Die Wiener Genossen. (WolfLs Tel egrap h en-Knreau.) Karlsruhe, I. Oktober. In der vergangenen Nacht fand in dem Luftkurort Schönwald ein großer Brand statt, durch welche» 12 Wohnhäuser zerstört wurden. 21 Familien sind obdachslos! ein Verlust an Menschenleben ist nicht zu beklagen. Pest, 1. Oktober. Auf der noch nicht eröffneten Bah" Kaschau-Torila fand infolge einer verbrecherischen Steinrammu»? eine Entgleisung eines Arbeiterzuges statt, bei welcher 3 Persona getödtct, 3 schwer und 2 leicht verletzt wurden. London, I. Oktober. Nach einer Depesche aus Glasgow wenig Hoffnung vorhanden für eine Regeluiig der Meinung� verschiedenheiteii zwischen den Besitzern der Eisenwerke in Scholl' land und den Ärbeitcrn der Hoehöfen. G'ttem Vernehmen nafl sollen fast alle Hochöfen in Sehottland bis zum Sonnabend a# gelöscht werden/ ----—' i g* Danksagung. Für die vielen Beweise der Theil- nähme bei der Beerdigung meines lieben Mannes Emil Rüdiger sage ich allen, besonders dem Herrn Prediger Psundteller für die trostreichen Worte am Grabe des Dahingeschiedenen, so- ivie den Kollegen der Bronzewaaren- fabrik von Rakenius u. Komp. meinen tiefgefühltesten Dank. 783 Die tieftrauerndeu Hinterbliebenen: Elise Rüdiger nebst Kindern. Soeben erschien: — r Tf WW TW» Die Neue Zeit. IX. Jahrgang, Heft 1. Erscheint wöchentlich in Heften a 2 Bogen.— Preis pro Heft 20 Pf. Zu beziehen durch die Grpedition, Keuthstr. 3.— Wiederverkäufer er- halten Rabatt. Soeben erschien: Heft 1: JitllrsltWft. V i Lewis H. Morgan, übersetzt von W. Elchhoff u. K. Kanlsky. Komplett in ca. 11 Heften ä 50 Pf. Zu beziehen durch die Erpedition, Senih straffe Dr. 3(im Laben).— Wlederverkäufer erhalten Rabatt. 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Druck und Verlag von Ma» Fading in Berlin SW., Beuthstraße 2. 2 Ur. ZZ9. Donnerstag, den Z. Oktober 1890. V. Jahrg. GeviTiks Jeikung. Eine Anklage wegen Urkundenvernichtung gelangte gestern vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I gegen den Möbelhändler August Banz zur Verhandlung. Die An- zeige ist von dem Buchhalter Sänger erstattet worden, der im gestrigen Termine folgende Darstellnng von dem Sachverhalte gab: Am 10. Januar d. I. sei er von seinem Chef, dem Kauf- mann Treuherz, zu dem Angeklagten geschickt worden, um einen von dem Letzteren akzeptirte» Wechsel über eintausend Mark ein- zukassiren. Er habe Banz in seinem Laden getroffen und den Wechsel hervorgezogen. Banz habe in unbefangener Weise gebeten, ihm den Wechsel einen Augenblick anzuvertrauen, er wollte nur sehe», wer die Giranten seien. Ohne Arg habe der Zeuge der Bitte Folge geleistet. Kaum hatte Banz den Wechsel in der Hand, als er ihn auch sofort in Stücke zerriß. Kaltlächelnd habe der An- geklagte dann oem Zeugen gesagt, derselbe solle machen, daß er hinauskomme. Der Zeuge eilte sofort nach der Polizei und gab das Vorgefallene zu Protokoll, dann machte er seinem Chef davon Mittheilung. Als Banz auf der Polizei vernommen wurde, legte er eine helle Entrüstung an den Tag. Er behauptete, daß er dem Buchhalter Sänger die tausend Mark in Hundertmarkscheinen auf den Tisch gezählt und daß Sänger die Scheine in die Tasche gesteckt habe. Er seinerseits stelle gegen Sänger den Strnfantrag wegen Unterschlagung. Diese sich direkt ent- gegenstchenden Behauptungen wurden von den Parteien auch im Termine aufrechterhalten. Einer zieh den anderen der Lüge. Es war ein großer Beweis seitens des Angeklagten dafür angetreten worden, daß der einzige Belastungszeuge Sänger keinen Glauben verdiene, die Zeugen vermochten etwas Nachtheiliges gegen ihn aber nicht zu bekunden. Der Angeklagte behauptete u. A., daß Sänger an dem fraglichen Tage bereits gegen 10 �lhr Vormittags den Wechsel präsentirt habe, derselbe habe aber erst gegen halb zwei bei der Polizei Anzeige gemacht und in der Zwischenzeit also hinreichend Gelegenheit gehabt, das Geld unterzubringen. Der Zeuge Sänger blieb aber dabei, daß er gegen halb zwei bei dem Angeklagten gewesen sei, von dort sei er direkt zum nahe liegenden Polizeibureau geeilt. In dem letzteren Punkte wurde" dem'Angeklagten ein Jrrthunk'oder eine bewußte Unwahrheit nachgewiesen, denn Treuherz bekundete unter seinem Eide, daß er seinen Buchhalter niemals vor 12 Uhr Mittag zum Einkassiren von Wechseln fortzuschicken vermöge, denn in den Vormittagstunden habe derselbe mit seinen schriftlichen Ar- beiten, mit dem Empfang von Geschäftsleuten». s. w. zu thun. Der Gerichtshof gewann aus der Beweisaufnahme die Ueberzeuoung von der Schuld des Angeklagten: Aus schnöder Gewinnsucht habe der Augeklagte eine Handlung begangen, wie sie sich im kaufmännischen Leven kaum verwerf- licher und verdammenswerther denken lasse. Er habe sich außer- dem nicht gescheut, einen unbescholtenen Menschen der Unter- schlagung zu bezichtigen, voraussichtlich werde dies ihm noch eine neue Anklage wegen wissentlich falscher Anzeige eintragen. Bei der außerordentlichen Schwere des Falles sei auf eine G e- f ä n g n i ß st r a f e von einem Jahre, zweijährigem Ehr- vcrlust und auf 300 Mark Geldstrafe, event. noch 00 Tage Ge- fängniß erkannt worden. Devjnmmlmugett. Der sozialdemokratische Lese- und Diokutir-Kluk ..Laisalle" hielt am 23. September seine wöchentliche Sitzung bei Haupt, Skalitzerstr. 103, ab. Auf der Tagesordnung stand: Vorlesung aus dem Buche:„Moses oder Darwin?" Diskussion. Verschiedenes. Vercinsangelegeuheiten. Um 0 Uhr eröffnete der Vorsitzende die gut besuchte Versammlung. In der Diskussion bekämpften mehrere Redner die Ansicht des Verfassers, daß der Trieb zu Verbrechen vererbt würde, man war vielmehr der Mei- nung, daß aus dem Kinde eines Verbrechers ebensogut einordent- licher Mensch wird, wenn ihm eine gute Erziehung zu Theil wird, wie das Kind, welches von ordentlichen Eltern stammt und daß die Ursachen zu Verbrechen meistentheils in den sozialen Miß- Verhältnissen zu suchen sind, sowie daß dieselben häufig auf Geistes- gestörtheit zurückzuführen sind. Als Mitglieder in den Verein ließen sich drei Genossen einzeichnen. Schluß der Sitzung HVe Uhr. Kassel, 28. September. Zur Abwechselung haben soeben die Zigarrenfabrikanten in Eschwege einen Streik in Szene gesetzt. Dort haben nämlich die Zigarrenarbeiter seit längerer Zeit eine Lohnerhöhung von 1 Mark pro Mille Zigarren angestrebt: Nun erklären die Fabrikanten,„um den stets wachsenden Forderungen der Arbeiter ein Ende zu machen", ihrem Personal:„Wer von Euch nicht aus dem„Bremer Fachverein" austritt, kann in 14 Tagen gehen. Ihr habt 8 Tage Bedenkzeit!" Daß ein solches Vorgehen nicht zu einem Ausgleich führte, ist selbstverständlich; die 8 Tage gingen herum, und da die Arbeitzr sich nicht fügten, wurden dreihundert derselben auf einmal gekündigt. Augeblich soll der Wocheuverdienst der Arbeiter 20 Mark(Akkord) betragen haben. Eine Erhöhung der Löhne, so erklären die Fabrikanten, würde bei den Konkurrenzverhältnissen Verluste für sie im Gefolge haben, und da würden sie die Fabrik lieber schließen. Da die Arbeitgeber geschlossen vorgehen, ist das Ende des Streikes noch nicht abzusehen. Dir öffentliche Urrsnmmlung der Kchlächtergrsrllr», welche l»it der Tagesordnung:„W i e stellen s i ch die S ch l ä ch t e r g e s e l l e n der Schlächter innung b e z w. der„Freien Vereinigung s e l b stst ä n d i g e r S ch l ä ch t e r m e i st e r Berlins n n d Umgegend" gegenüber?" am Sonntag, den 28. September, in den Grat- weil'schen Bierhallen tagte, hatte das Lokal wiederum bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Bureau bildeten die Herren K e s l i n k e, Blumenschein und G a ß in a n n, Referent war Stadtverordneter Klein. Derselbe ivarf zunächst einen Rückblick auf die Jnnungsgeschichte der„guten alten Zeit", in welcher das.Handiverk noch einen„goldenen" Boden hatte. Dieser goldene Boden sei dem Handiverke heute entzogen durch die Ein- Wirkung des Großkapitals. Die Jnnungsmeister seien dessen- ungeachtet auch heute noch bestrebt, dem Handwerke„Gold" ab- zuriugen und suchten dieses löbliche Thun und Streben zu erreichen durch Bedrückung der Arbeiter, der Geselle», durch niedrige Löhne und lange Arbeitszeit. Redner veranschaulichte in klarer Weise, daß die Innungen bei der heutigen Produktionsweise völlig sich abgewirthschaftet hätten. Auch im Schlächtergewerbe mache sich immer mehr die großkapitalistische Produktions- weise geltend und mit ihr die Aufklärung der Schlächtergesellen, die Erkenntniß ihrer traurigen Lage und der Drang nach einer Reorganisation der Verhältnisse im Schlächtergewerbe, welche, noch der„guten alten Zeit" entstammend, in die heutige, gänzlich anders gestaltete Welt nicht mehr hineinpassen. Dieser Organisation der Gesellen ständen besonders die JnnungSmeister durchaus feindlich gegenüber, erklären die Forderungen der Gesellen für unberechtigte und hätten dem Fachvereine den Krieg erklärt, mit Zwangsmaßrege»., gegen die Mitglieder des Fachvereins vorgehend. Durch dergleichen Machinationen suche sich das 5tleinmeisterlhum iin Schlüchtergewerbe dem immer stärker sich fühlbar machenden Drucke des Großkapitals gegenüber noch zu halten, so lange dies noch möglich sei. Die Vergeblichkeit dieses Bemühens ergebe sich von selber aus dem Gange der wirthschaftlichen Eutwickelung. In gänzlicher Verkennnng der heutigen Verhältnisse messen die Herrn Jnnungsmeister der Sozialdemokratie und deren Agitatoren die Schuld an dem Emanzipationsdrange der Schlächtergesellen bei, denselben Bauernfang vorwerfend und die Meister vor dem Besuche der Gesellenversammlungen wärmend und dieselben ans alle Art deuunzirend. Redner nahm sich Mühe, derartige arbciterfreundlichen meisterlichen Maßnahmen einer längeren Kritik zu unterwerfen. Das wahre Gesicht habe die Innung erst neuerdings wieder gezeigt durch den gefaßten Beschluß, dahin- gehend, in dem Hervergslokale ein Plakat anzubringen des In- Halts, daß den Mitgliedern des Fachvereins das Betreten des Herbergslokals unter Androhung einer Denunziation wegen Haus- iriedensbruches bei Nichtbeachtung dieses innungsmetsterlichen Gebotes verboten werden solle.(Rufe: Pfui!) Und da ev Kongreß der Graveure«»d Ziseleure Deutschlands. (Schliiß.) Zum Punkt„Verschiedenes" wurde" zunächst über ArbeitsnachiveiS gesprochen und einem Älntrage zugestimmt, welcher besagte, die Kollegen mögen dahin wirken, überall Arbeitsnachweise zu gründen und einen Zentralnachweis mit der Fachzcitung zu verbinden. Zum Punkt„Herbergswesen" wird eine Resolution ange- nommen folgenden Inhalts: Ter Kongreß beschließt, das Herbergs- wesen in der Weise zu regeln, daß die Herberge, wo irgend möglich, mit dem Arbeitsnachweis verbunden wird; wo dieses nicht möglich ist, sollen zurcisende Kollegen verwandten Berufs- gen offen zugeschickt werde». uebev den Punkt„eventueller nächster Kongreß" entsteht eine ausgedehnte Debatte, es betheiligen sich daran Guttmann- Berlin, Harnuff- Leipzig, Milberg'- Stuttgart, Schimansky- Berlin u. a. m. und wird beschlossen, spätestens»ach 3 Jahren einen zu eilen Kongreß der Graveure und Ziseleure stattfinden zu lassen. Um die Fachzeitnng zu begründen und die'Agitation i» genügender Weise zu bewerkstelligen, wurde beschlossen, es allen Kollegen zur Pflicht zu machen, zur Gründung eines Agitations- fonds beizutragen. Zum Punkt„Stellungnahme zum allgemeinen Gewerkschafts- Kongreß" sprach Zack-Berlin, und wurde beschlossen, diesen Kon- greß durch 2 Berliner Delegirte zu beschicken, es wurden dazu ge- wählt Urbach und Zack-Berlin. lieber„Fachschulen" sprach Schleyer-Döbeln sich dahin aus, daß in solchen Schulen sehr häufig die betreffende» Schüler nicht einmal so viel lernen wie Lehrlinge. Dazu sprachen noch Schimansku-Berlin und Kästner-Dresden. Betreffs„Ausstellung von Lehrlingsarbeiten wurde darauf hingewiesen, daß diese Arbeiten meist von den betreffenden Meister», sehr selten aber von Lehrlingen hergestellt werden. Es sprachen dazu noch Johu-Leipzig, Zack-Berlin, Milberg-Stuttgart, Schimansky-Berlin u. A. und wurde eine Resolution von John- Leipzig, welche sich gegen die Ausstelllina von Lehrlingsarbeiten aussprach, einstimmig angenouuuen. Hiermit ivar die Tages- orduung erschöpft und gab noch Kollege Guttmann-Berlin seine Freude darüber zu erkennen, daß sich säinmtliche Telegirten mit Bestrebungen der»loderne» Arbeiterbewegung einversttinde» erklärt hatten und mich alle Beschlüsse in diesem Sinne gefaßt ivorden ivare». Nachdem der Vorsitzende Zack- Berlin die De- leglrte» aufgefordert hatte, auch alle gefaßten Beschlüsse durch- st,l"hren, schloß derselbe mit einem Hoch auf die Graveure und Ziseleure Deutschlands den Kongreß. dreisten sich die Jnnungsmeister noch, von„Versöhnung" zureden, nehmen sie fii» sich in Anspruch, für das Wohl der Gesellen väterlich Sorge zn tragen. Die im Schlächtergeiverbe vermöge der innungsmeistcrlichen Fürsorge herrschende Arbeitslosigkeit dränge die Gesellen immer mehr in andere Berufe, deshalb hätten auch die Schlächtergescllen naturgemäß auf dem Boden der all- gemeinen'Arbeiterbewegiing zu stehen und zeitgemäße, mit den Forderungen der übrigen Arbeiter übereinstiinuiende Forde rnngen zu stellen. Nicht nur die geiverkschaftlicheu, sondern auch die politischen Forderungen und Bestrebungen würden ans egoistischen Gründen von den Innungen bekämpft, um für sich möglichst viele Vortheile einheimsen zn können. Deshalb fei mit der Innung kein Friede zu schließen. Die unlauteren Waffen, mit denen die Innung die Gesellen zn bekämpfen suche, seien durchaus unzureichend, die emporstrebende Gcsellenbewegung niederzuhalten. Sobald die Gescllenbeivegung noch mehr a» Kraft und Stärke gewinne, werde es sich zeigen, daß die Herren In- mingsmeister von ihrem hohen Rosse herabsteigen und den Gesellen cntgegenzukominen gezwungen sind. Durch eine kämpfende Ar- beiterbeivegung in gewerkschaftlicher>uie politischer Beziehung seien nur die heutigen so sehr verbesserungsbedürftigen Verhält- nisse zu besser». Derartige Kampfesorganisation seien die Fach- vereine, Pflicht daher aller Schlächtergesellen, dein ihrigen Fach- verein beizutreten; Pflicht aller aufgeklärten Gesellen sei es, im Interesse der allgemeinen Arbeitersache, im eigenen Interesse den Vorstand des Fachvereins in Bezug auf Agitation und Aufklärung nachdrücklichst zu unterstützen. Dadurch würden dieSchlächtergesellen sich die Sympathie, die Hilfe und Unterstützung der gesammten 'Arbeiterschaft sichern.. Die Forderungen der allgemeine» moderuen Arbeiterbewegung würden seitens der Innungen niemals erfüllt werden, deshalb hätten auch die Schlächtergesellen ihre Hoff- nullgen nicht auf die Innung, trotz aller schönen Versprechungen, zu setzen, sondern lediglich ihrer eigenen Kraft zu vertrauen und diese Kraft nach jeder Hinsicht nach Möglichkeit zu stärken, dann ivürde auch der endliche Sieg nicht ausbleiben.(Anhaltender Beifall.) Unterdessen war der Saal derartig überfüllt worden. daß die Tische aus demselben entfernt werden mußten.— Zur Diskussion stellte Herr B l u in e n s ch e i n den Antrag, eine Kom- Mission zu wähle», welche mit den Vorständen der Innung und der Freien Vereinigung über die Forderungen der Gesellen ver- handeln solle. Der'Antragsteller übte als erster Redner in der Dis- kussion seinerseits eine weitere Kritik an den Jnnungsbestrebniigen, widerlegte eine früher aufgestellte Behauptung, daß im Schlächter- geiverbe kein nennenswerther Fabrikbetrieb herrsche und war der Ueberzeugung, daß die Schlächtergesellen in Zukunft nur noch Fabrikarbeiter sein werden. Wer dies nicht fein sehe, begreife eben nicht den Lauf der Zeit. Im Allge- meinen vertrat er rttcksichtlich der Meisterschaft den Standpunkt „Bange machen gilt nicht," welcher Meinliiig andere ötedner durchaus beipflichteten. In scharfer Weise wandte sich Herr S ch w a r tz e gegen eine Notiz in der„Deutschen Fleischerzeituug", welche die Behauptung aufstellt, daß die Persanlinlungsredner und der Vorstand des Fachvereins von den Arbeitergroschen leben, gegen diese öffentliche Beleidigung das energischste Vorgehen in Aussicht stellend. Das Verbot der Herberge für Fachvereins-Mitglieder bezeichnete Redner als'eine„Ham- burgerei", doch war er der Meinung, daß die hiesigen Meister zu pät aufgestanden seien. Auch gab er die Versicherung ab, daß öffent- liche Volksversammlungen einberufen werden würden, um alle Mißstände und Ungeheuerlichkeiten in die Oeffentlichkeit zu bringen. Redner machte bereits den Anfang und gab sensationelle Ent- hüllungen über Herrn H e n n i g, Reck und Andere zum Besten, zum Schlüsse seiner Ausführungen einen dringenden Appell an alle fernstehenden Kollegen richtend, dem Fachverein bei- j utrete», um dem Kapitale, der Innung u. s. w., die Spitze bieten zu können. In der weiteren Debatte kam auch die Angelegenheit Dannigel, welcher persönlich anwesend war, zur lebhaftesten Aussprache. Derselbe erklärte die Anführung des Altmeisters Hien tsch in der vorigen Versamm- lung, daß Herr D a n n i g e l vor der Wahl des Herrn H e n n i g zum Herbergsvater um seine Meinung befragt worden wäre, für eine Lüge, gab aber zu, daß er sich dahin ausgelassen habe, daß es wünschenswerth sei, daß eine„energischere" Persönlichkeit als bisher dieses Amt bekleide. Ebenso verivickelte sich Redner in erhebliche Widersprüche mit dem Kollegen Großkopf. � In einem zündenden Schlußworte ermahnte Referent noch einmal dringend zur Organisation.— Nachdem be-, ürwortete Herr Blumen schein seinen Antrag betreffs Wahl einer' Kommission zur Verhandlung mit der Innung und der Freien Bereinigung, der gestellt ivorden sei, um alle Instanzen zu verfolgen. Sollte dieser Schritt keinen Erfolg haben, dann auf zuiil fröhlichen Kampfe, die Gesellen hätten sich dann wenigstens keiner Unterlassuilgssünde schuldig gemacht.— Gegen diesen Antrag sprachen die Herren K es linke, Aurin, S ch w a r tz e u. A. Der Antrag wurde mit überwältigender Majorität abgelehnt. Zur einstimmigen Annahme gelangte da- gegen folgende Resolution: „Die heute, den 28. September d. I., im Saale der. Gratweil'schen Bierhallen tagende öffentliche Versammlung der Schlächtergesellen Berlins und Umgegend erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten voll und ganz ein- verstanden und protestirt ganz entschieden gegen das Vor- gehen der Schlächterinnung bezw. der Freien Vereinigung� selbstständiger Fleischermeister Berlins und Umgegend und erkennt den Stellenvermittler Hennig nicht für die geeignete Person als HerbergSvorstand an und beschließt, auf dem Wege der modernen Arbeiterbeivegung iveiter zu schreiten und die noch fern stehenden Kollegen heranzuziehen, um somit einen Damm für unsere gerechte Sache zu bilden." Ferner gelangte zur einstimmigen Annahme nachstehender vom Kellner Herrn Ebert gestellte Antrag: „Die Theilnehmer an der heutigen Versammlung der Schlächtergesellen Berlins und Umgegend mögen dafür ein- treten, daß jeder einzelne Arbeiter, so viel es in dessen 5lräften steht, dafür agitire, daß jeder Gastivirthsgehilfe(Kellner zc.), der anstatt vom Wirthe von den Arbeitern vermöge des Trink- geldes seinen Lohn erhält, veranlaßt werde, sich der für die1 Gaftwirthsgehilfen geschaffenen Organisation, dem Verein Verl. Gastwirlhsgehilfen(nichtzu verwechseln mit anderen ähn- lich sich nennenden Kellnervereinen)'a>izus chließen, indem dieser Verein seine Satzungen auf demokratischer Grundlage unter Anschluß an die allgemeine Arbeiterbewegung ausgearbeitet und angenommen hat und für eine Besserstellung der Lage der Angestellten im Gastwirthsgeiverbe energisch einzutreten bemüht ist." Dieser Antrag wurde vom Antragsteller in eingehender Weise begründet und knüpfte sich hieran eine lebhafte Debatte über die Kellnerfrage, welche schließlich, wie gesagt, zur einstimmigen An- nähme deS vorgenannten Antrages Ebert führte. Es folgten Mittheilungen verschiedener Art, nach deren Entgegennahme die Versammlung mit einem Scheidegruße für das entschlafende Sozialistengesetz, einem dreifache», brausenden Hoch auf die inter- nalionale Sozialdemokratie um 10 Uhr Abends geschlossen wurde.. Der MiUtärsichneider-Verei» hielt am 27. September im. Münchner BranhauS, Johannisstr. 19, eine Mitgliederversammlung ab mit der Tagesordnung: 1. Vortrag des Stadtv. Otto Heiudorf über das Invaliden- und Alters-Bersicherungsgesetz. 2. Diskussion. 3. Berathung über Einführen einer Fachschule und der Fachzeitung der Schneider und Schneiderinnen Deutschlands. 8. Verschiedenes und Fragekasten. Da der Referent am Er- scheinen verhindert war, so schritt man gleich zum dritten Punkt der Tagesordnung,>vo sich alle Redner für das Einführen einer Fachschule aussprachen und wurde der Antrag auch einstimmig angenommen, daß in nächster Zeit ein Zuschneidekursus er- öffnet werden soll. Zu diesem Zweck wurde eine Fach- schulen-Kommisston gewählt, welche aus den Kollegen Gunnnelt, Zickenrott und Wroun besteht. Ferner wurde noch sehr dafür gesprochen, daß sich die 5kollegen recht rege daran betheiligen sollen. Für die Fachzeitung nahm Kollegs Schulze das Wort, indem er aus den deutschen Schueiderkongreß hinwies, wie warm dort für die Fachzeitung eingetreten worden ist. Als Expedient der Fachzeitung ist Kollege Roloff, Mitten- walderstraße 56, Hof 3 Tr. gewählt, und an diesen mögen sich alle Kollege» schriftlich oder mündlich ivenden, welche auf die Fachzeitung abonniren wollen. Um recht rege Betheili- gung wurde ausdrücklich gebeten. Unter„Verschiede- lieni" wurde der Antrag gestellt, das alte Ver- gnügungS- Komitee aufzulösen und ein neues zu wählen, welches unser erstes Stiftungssest arrangire» soll. Der Antrag wurde angenommen und die Kollege» Röpke, Stolzmann, Schoppc, Koopmann und Schneeweiß gewählt. Nachdem noch einige Fragen beantwortet ivaren, wurde noch folgende Resolution angenommen: „Die heute im Münchener Brauhaus tagende Militär- und Lieferungs-Schneiderversamnilung verpflichtet sich, nicht. ' mehr den„Lokal-Anzeiger" zu lesen und nur noch für die, Arbeiterzeitungen„Berliner Volksblatt",„Berliner Volks- Tribüiw" und Fachzeitimg zn ngitiren. Hierauf Schluß der Versammlung. Der Allgrineino Mrtnllarbrtter-Uerrin Kerlin o und zlmgraeitd hielt am Montag, den 22. September, bei Jordan, Nene Grünstraße, eine beschließende Mitgliederversammlung ab. .Kollege Hartmann befürwortet in seinen Ausführungen die Revision der Statuten; ob es nicht anginge, einen Passus aufzunehmen:„Gewährung von Unterstützung an Nothleidende"— da schon wiederholt Mitglieder an den Porstand herangetreten sind, und es in manchen Fällen wohl am Platze wäre, dieselben mit einer Unterstützung unter die Arme zu greisen; serner: war ein zugereister Kollege in einem Verein Mitglied und ist dort ordnungsmäßig abgemeldet, diesen ohne Eintrittsgeld in den Verein aufzunehmen. Ebenso wäre nothwendig, den Vorstand, der jetzt aus 9 Personen besteht auf 11 respektive 13 zu vergrößern eventuell de» Vororte» beschließende Stimine im Vorstand einzuräumen, auch sei der Wunsch ausgesprochen, den Verein in Filialen einzutheilen, so daß jede Branche zusammen- gefaßt werde. In der nun folgenden Diskussion sprachen die meiste» Kollegen gegen Unterstützung; daß die meisten Vereine, die solche, zahle», immer mehr rückwärts gehen, ebenso, daß die zugereisten Kollegen, die einem Verein angehört haben, kein Einschreibegeld zahlen. Entgegnet wurde, bei Unterstützungen eine Ausnahme zu machen, z. B. bei Sterbe- oder Unglücksfällen. Hier wurde er- widert, daß diese Unterstützungen die Generalversammlung be- willigen sollte. Mit der Vergrößerung des Vorstandes er- klarten sich sammtliche Kollegen einverstanden; angeführt wurden von einem Kollegen, daß der Passus, betreffend des Schiedsgerichts, ivohl überflüssig wäre. Entgegnet wurde, dap das Schiedsgericht schon. mehrere Male in Anwendung ge- kommen sei. Es wurde vom Vorstand ausgeführt, daß es heute nicht angebracht sei, bestimmte Anträge auf'Abänderung des Statlits zu stellen, es müssen auch die Beschlüsse der Gewerk- schastskonferenz in Betracht gezogen, verde», eine Kommission zu ernennen, die mit dem Vorstand das Statut genau durchzunehmen habe, aber vor dem 16. November, und der das Resultat der Konferenz unterbreitet wird. Ein diesbezüglicher Antrag, eine Kommission von 11 Mann zu wählen, wurde angenommen. Ge- wurden die Kollegen: Ahlbach, Berlin, Fcttgenheuer, ftaffelbnch, Kokardt, Knecht, Mummendei, Pawlowitsch, Posselt, Siele, Siegemund. ,„ßuni 2. Punkt macht Kollege Gerisch bekannt, daß noch 4 Gemaßregelte von, 1. Mai zu unterstützen seien, ein a.terer und drer jüngere Kollegen. Auf die Anfrage, ob diesen Kollegen uom Arbeitsnachwets leine Arbeit nachgewiesen sei und was für Branchen dieselben angehören, wurde erwidert, daß vom Arbeitsnachweis alles gethan sei. Der ältere Kollege ist Dreher, die anderen Drei Hilfsarbeiter; für Letztere war'Arbeit da, aber sur 15 Mark wollte Niemand anfangen, letzteres wurde von ver- schledenen Kollegen gerügt und ein Antrag:„Den vier Kollegen noch eine einmalige Unterstützung zn gewähren", gegen 1 Stimme angenommen. Zum 3 cv,.,- Punkt wurde die Angelegenheit Neuhof, der in Tegel Beitrage entgegen genommen hat, erörtert. Er ist der wiederholten Aufforderung, mit dem betreffenden Kassirer abzurechnen, nicht nach- gekommen, das Defizit beträgt 3 M. Aehnlich liegt es mit dem Fall Max Gunther(Klempner), das Defizit beträgt 12 M. Es wurde nach kurzer Debatte beschlossen, diese Angelegenheit zur weiteren Austragung der Rechtsschutz-Kommission zu überweisen und die Kassirer hiervon zu entlasten, aber unsere Forderung ausrecht zu halten. In Verschiedenein wurde vom Vorsitzenden angeführt und klargelegt, wie hinfällig die letzten Anschuldigungen gegen den Vorstand gewesen seien, daß man doch mit Vorwürfen und Ver- Züchtigungen gegen denselben vorsichtiger sein sollte und dem Vorstand seine Arbeit hierdurch nicht noch schwerer machen soll. Kollege Gerisch macht bekannt, daß ans der letzten Schiedsgerichts- Verhandlung, Pawlowitsch wider Schönborn, Kollege Pawlowitsch gerechtfertigt hervorgegangen ist; ferner, daß der Arbeitsnachweis von den arbeitsuchenden Kollegen zu wenig in Anspruch genommen wird, es müßten hierdurch verschiedene Stellen unbesetzt bleiben. Hierauf schloß der Vorsitzende die Versammlung. Rirdorf. Ankere Schnlfrngc. Eine öffentliche Ver- sammlung mit wichtiger Tagesordnung tagte unter recht gutem Besuch am Sonnabend, den 27. September, in dem Lokale Berg- straße 133. Zur Diskussion stand unsere Schulsrage. Dieselbe ist eine doppelte: es handelt sich um die Abschaffung des Schulgeldes, welches zetzt noch 50 Pf. für Kind und Monat beträgt, und um die Stellung der Arbeiter zu der beabsichtigten Errichtung einer höheren Schule in Rixdorf. Der Referent Dr. Lütgen a u ent- wickelte die sozialdemokratischen Ziele auf dem Gebiete der Schule. Der Antheil eines Jeaen an der Bildung soll nur von seiner Fähigkeit und Würdigkeit, nicht von Ber- mögen und Rang der Eltern abhängen. Für Unterricht und Unterhalt der Lernenden ist nichts zu zahlen. Die bestehende Mannigfaltigkeit an Schulen soll keine Einschränkung erfahren. Der Religionsunterricht muß aufhören, der Geschichtsunterricht statt Regentenzahlen unh Schlachten, Ideen und Kulturfortschritte zum Inhalt bekommen. Die Lehrer müssen besser besoldet und, was speziell in Rixdorf erforderlich ist, entlastet werden. Was nun die besondere Schulfrage in Rixdorf betrifft, so müssen wir, wenn wir die Abschaffung des Volksschul-Geldes erstreben, uns zugleich für die Uncntgeltlichkeit des Unterrichts an ber höheren Schule erklären und verlangen, daß die Kosten etwa halb oder zu einem Drittel der Staat und halb bezw. zu zwei Dritteln der Gemeinde, doch nur der mit mehr als 3000 Mark Einkommen besteuerte Theil trägt, und daß der Eintritt in die höhere Schule allein von einer Prüfung oder vom Volks- schul-Zeugniß abhängt. Referent hegte natürlich nicht die Hoffnung, daß wir damit durchdringen. Wir müssen es aber ver- langen, weil wir es sonst guthießen, daß die Kinder Rixdorfs, statt wie bisher den gleichen Volksschul-Unterrichl zu empfangen, fortan nach den Vermögensverhältnissen der Eltern geschieden werden. Hiergegen müssen die Arbeiter und überhaupt die Mehr- heit der unbemittelten Einwohner protestircn. Dringe» wir nicht durch, so haben wir doch unseren gerechten und lultursreundlichen Standpunkt dokumentirt. In der Diskussion zeigte sich, ohne daß eine Abstimmung stattfand, doch die volle Ueberein- stimmung mit den allgemeinen Gedanken und dem speziellen Vorschlage des Referenten. Herr Wurbs trug vor, daß ein Rektor sein Kind nicht hat in die Schule auf- nehmen wollten, weil es nicht getaust ist; infolge deffen zeigte der Referent nachher, daß der Rektor den Begriff der gesetzlichen Schulpflicht nicht kennt. Herr Wurbs erklärte im übrigen, dem Referat nichts hinzuzusetzen zu haben. Herr Mainz erklärte sich gegen körperliche Bestrafung, worauf der Referent bestätigte, daß der Stock das schlechteste Erziehungsmittel sei; ebenso wie der Lehrer müssen aber aucy die Eltern ohne dasselbe auskommen, da sie weniger Kinder zu erziehen haben und ihnen mehr Ein- Wirkungsmittel(zu Gebole stehen. Mehrere Redner bekämpften das Schulgeld; Herr B l e n ck wies hierbei darauf hin, daß auch" ohne das Schulgeld die Arbeiter- alles aufbringen und alle ernähren, und der Referent legte noch dar, daß mit der Durchsetzung unseres Zieles auf dem Schnlgebiet für das Wohlbefinden im Leben noch nichts erreicht ist, denn heute findet auch' der Gelehrte noch lange nicht Brot. Hierzu ist eine weitergehende soziale Umgestaltung nöthig, so daß jeder arbeitspflichtig ist, aber auch jeder nach demselben, für alle geltenden Grundsatz Antheil an de» Gütern hat. An der Debatte betheiligten sich ferner die Herren Kriiger, Steiner u. A. Nach dem Schlußwort des Referenten wurde noch über verschiedene Angelegenheiten verhandelt und insbesondere die Abbestellung des Berliner und des Rixdorfer„Lokalanzeigcrs", der daselbst „Nixdorfer Zeitung" heißt, beschlossen. Nach 12 Uhr schloß die Versammlung, deren musterhafter Verlauf keineswegs durch die Anwesenheit von sechs überwachenden Polizeibeamten bedingt war. Sie hat dem Arbeiterbildungsverein in Nixdorf, der die öffentliche Einladung zu derselben hatte ergehen lassen, eine große Zahl neuer Mitglieder verschafft, insbesondere aber sehr ausklärend und agitatorisch gewirkt. Uirder-Schönlianl'en. Am Sonntag, den 21. September, tagte Hierselbst im Settekorn'schen Lokale, Ltndenslraße, eine zahl- reich besuchte öffentliche Volksversammlung mit folgender Tages- ordnung: 1. Unsere wirthschaftliche und politische Lage. Referent: Schuhmachermeister Metzner. 2. Diskussion. 3. Verschiedenes. Unter lebhaftem Bedauern gab der Vorsitzende bekannt, daß der Referent nicht erschienen ist. Es wurde nun zum dritten Punkt der Tagesordnung geschritten. Hier nahm zunächst Genosse Augustin das Wort. Er sprach eingehend über die Kontrolmarke, deren Zweck und Nutzen für die Arbeiter und beleuchtet zum Schluß das Verhalten der Fabrikanten im Luckenwalder Hutmacherstreik. Redner führte aus, daß, uiu den Streik zum Fall zu bringen, die Fabrikanten sich Leute aus dem Asyl für Obdachslose kommen ließen, die dann auf Böden und in Ställen einquartirt wurden. Zu diesen Ausführungen wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Tie heutige Versammlung beschließt nur Hute mit Kontrolmarke» zu kaufen und darauf zu achten, daß die Marke nicht erst beim Kauf eingeklebt wird." Genosse Börgel schilderte die traurigen Verhältnisse der Land- arbeiter. Genosse Brinkmann sprach in längerer Rede über das 30. September ablaufende Sozialistengesetz. Darauf wurde am folgender Antrag einstimmig angenommen: Zar Feier des am 30. September ablaufenden Soziaiistengesetzes zu illuminiren. Es sprachen dann noch die Genossen Knauf, Augustin und Börgel. Einige Redner verurtheilten scharf das Verhalten der Gastwirthe,� welche sortgesetzt ihre Säle zu Versammlungen verweigern. Hier wurde ein Antrag gestellt, eine Lokalkommission für den Amts- bezirk Pankow zu wählen, der auch einstimmig angenommen wurde. Gewählt wurden die Genossen: Paul Wolff, Otto Ehlert und W. Schocket. Der Vorsitzende erklärt dann noch, daß von den umliegenden Ortschaften, z. B. Schildon, Blankenfelde und Schöner- linde mehrfache Gesuche um Zusendung von gelesenen Arbeiter- blättern an einige Genossen in Pankow gerichtet worden sind, die zu befriedigen wir nicht in der Lage waren; er ersucht auch für unseren Ort Sammelstellen zu errichten. Es erboten sich dann auch zwei Genoffen, die gelesenen Arbeiterglätter in Empfang zu nehmen. Es sind dies Tischler Deutschmann. Damerowstraße 3 und Zigar-renmacher Bausdorf, Breitestraße 22. Da sich kein Redner mehr zum Wort gemeldet, schloß der Vorsitzende mir einem Hoch auf die internationale, völkerbefreiende Sozialdemokratie die Versammlung. Eine Versammlung des Fachvereins der Lithographen, Steinschleifer und Kernfo genossen zu Berlin tagte am 21. September im Lokale des Herrn Feindt(früher Bobert), Weinstr. 11. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Wach über:„Der Mensch und seine Moral vom Alterthum bis zur Gegenwart." 2. Diskussion. 3. Innere Vereinsangelegenheiten. 4. Verschiedenes. Herr F. Rose eröffnete die Versammlung, da Referent nicht erschienen, mit Fortsetzung der Tagesordnung. Er machte darauf aufmerksam, daß am 11. Oktober bei Bötzow ein Familienkränzchen stattfindet und ersuchte um rege Vetheiligung. Billets wurden verausgabt. Hierauf erschien Herr Wach. Der- selbe entledigte sich seines Vortrages und erntete reichen Beifall. Da kein Stoff weiter vorlag, wurde die Sitzung geschloffen. Am Honnerstag den Ä5. September fand in Feuer- stein's Salon eine kombinirte Mitglieder-Versammlung der Filialen Berlins der Vereinigung deutscher Maler und verwandten Be- rufsgenossen, statt. Tagesordnung: 1. Neuwahl eines Beisitzers im Zentralvorstande. 2. Stellungnahme zur gewerkschaftlichen Konferenz. 3. Verschiedenes.— Nachdem im 1. Punkt Kollege Jackobs aus Filiale IV mit absoluter Majorität gewählt war, ergriff der Vorsitzende, Kollege Schweitzer, zum 2. Punkt das Wort. Derselbe sprach sich für dieBeschickung der am 16. Novbr. d. I. in Berlin stattfindenden gewerkschaftlichen Konferenz aus, war aber gegen einen gewerkschaftlichen Kongreß, wie er ursprünglich geplant war. Redner war der Ansicht, daß nur von einer Stelle die Direktive auszugehen habe und diese wäre der Partei- tag. Von zwei verschiedeneu Kongressen, würden immer die Beschlüsse des einen oder anderen illusorisch gemacht werden. Die deutschen Arbeiter würden jeden Wunsch von dieser Stelle als Befehl ansehen. Ferner sprach sich Redner gegen eine all- gemeine Zentralisation sämmtlicher Gewerkschaften aus und be- zweifelte entschieden, daß sich mittlere und kleine Städte ver Allgemeinheit anschließen würden. Wären die Arbeiter erst auf den Standpunkt angelangt, daß sie sich einer allgemeinen Zentralisation anschlössen, so wäre über- Haupt jede Zentralisation überflüssig. An den Beschlüssen der Zentral-Streik-Prüfungskommifsion sähe man, wohin die all- gemeine Zentralisation führen würde. Die Zentralisation einer Gewerkschaft halte er dagegen für durchaus zweckmäßig. Geiverk- schaften und Politik müßten immer zusammengehen, da dieselben nicht von einander zu trennen sind. In einem Fach- oder Lokal- verein würde nun Eines von Beiden vernachlässigt werden. Ein solcher Lokalverein besitze rnGH nicht die Kraft, den Anprall des Kapitals auszuhalte». Sogar eine und andere unserer Filialen ist nicht im Stande gewesen sich zn halte», trotzdem die starke Bereinigung hinter ihnen stand. Zum Schluß seiner Ausführung verlas Redner folgende lliesolntion und ersuchte die Redner hierauf Bezug zu nehmen. „Die heute in Feuerstein's Salon tagende kombinirte Versammlung der Filialen der Maler und verwandten Berussgenoffen Berlins, ist mit der in diesem Jahre hier- selbst stattfindenden Gewerkschastskonferenz einverstanden, jjält es auch für fnöthig, einen Delegirten zu entsenden, welcher die 05 bestehenden Filiale» unserer Zentralisation vertritt. Die Versammlung ist aber entschieden gegen jed- wede Abhaltung von allgemeinen Gewerkschaftskongressen der deutschen Arbeiter. Sie ist der Meinung, daß es ffir den gewaltigen Vormarsch der deutschen Arbeiter nur eines jährlichen Kriegsrathes, wo sämmtliche Tragen diskutirt werden und wo die gebundene Marschronke gegeben wird, bedarf. Zwei verschiedene Kongresse abzuhalten, ist Kräfte- Vergeudung. So wie alles Bestehende um einen gewissen Schwerpunkt kreist, so haben auch sänuutliche bestehende einzelne Organisationen(ob Fach- oder Zentral-Organi- satio») der Arbeiter sich in dem von der wirthschaftliche» Produktion gegebenen Kreisen um den alljährigen einzigen Arbeiterkongreß zu drehen und zu bewegen." Kollege Hohlwegler befürwortet ebenfalls die Resolution und ist der Ansicht, einen Delegirten zur Konferenz zn entsenden, der unsere Ansichten dort vertritt. Demselben sei auch der Auftrag zu geben, für gewerkschaftliche Zentralisation einzutreten. Redner verurtheilt entschieden die Vereinsspielereien spezieller Fach- genossen, es sei einfach lächerlich, wenn womöglich Anstreicher, Marmor-, Holz-, Deckenmaler u. A. jeder für sich einen Verein gründen wollte. Ebenso sei es mit jedem anderen Gewerbe. Er wendet sich nun ebenfalls gegen die Zentral-Streikprüfungs-Kom- Mission, hebt hier namentlich hervor, daß dieselbe�die Bewilligung eines Streiks davon abhängig macht, daß die Streikenden Ver- kürzung der Arbeitszeit ans ihr Programm gestellt haben, welches wir aus der Bremer Generalversammlung als reaktionär über Bord geworfen haben. Redner ist kein Freund von Streiks, hält die- selben aber für ein nothwendiges Uebel und ist der Meinung, sich möglichst nur auf Abwehrstreiks zn beschränken. Kollege A. Kube befürwortet die Annahme der Resolution und erklärt sich als Gegner der Zentral-Streikpriifungs-Kommission. Kollege Rantenhaus findet die Ansetzirng der Konferenz im November zu früh, man müsse erst sehen, wie sich die Verhält- nisse nach dem 1. Oktober gestalten. Er befürwortet die An- nähme der Resolution. In der Zentral-Streikprüfungs-Kommission seien Mitglieder, welche einen partiellen von einem Generalstreik nicht zu unterscheiden wissen. Nachdem noch andere Redner für die Resolution gesprochen und Kollege Schweitzer auseinander gesetzt hatte, daß die Konferenz nicht zu früh stattfände, wurde über, die Resolution abgestimmt, dieselbe wurde einstinunig angenoinmen. Kollege Hohlwegler beantragt die Wahl des Delegirten in der heutigen Versammlung vor- zunehme», damit sich derselbe gehörig informiren kann. Der Vor- fitzende Schweitzer erklärt dagegen, daß dieses Sache des Vor- standes sei(welcher die Verpflichtung der Vertretung der Vereini- gung nach innen und außen habe), einen Delegirten zn ernennen. Würden wir heute eine Wahl vornehmen, so würden die andern Filialen sich ebenfalls für berechtigt halten, eine» Delegirten zu wählen. Nachdem unter Verschiedenem noch Angelegenheiten des Arbeitsnachweises und der Filiale 2(West) geregelt waren, schloß der Vorsitzende die Versammlung mit einen, Hoch auf die Vereinigung, in welches die Versammlung begeistert einstimmte. ...mnergesangverein ranenslraße>9.— Mannergesangvercin„biordstern" Abends 9 Uhr im Nesiauram Pohl, Müll-rstr. 7.— Schäfer-scher„Llesangverein der Elfer- Abends 9 Uhr bei Wolf u. Krüger, Slalttzerstr. 12c, Aesang.— Gesangverein „Blüihenlranz" Abends 9 Uhr iin Restaurant Brandenburaslr. so.— Männer- qesangverein„Alexander" Abends 9 Uhr im Resiauranl Rose, Etraußberger- firave 3.— Gesang n»d Musikverci»„Firmilas" Abends 9 Uhr Adalbert- strahe 8, bei' Schneider.— Männergesangvcrein„SangeSfreunde" AbsndS 9 bis u Uhr, Frankfurter Bicrhalle»(Kriiger), Große Lehmami,' Alexandrinenfir. 32.— Turnverein„Hasenhaide"'(Lehrltngs- ablheilung)'Abends s Uhr Dieffenbachstr. oo-Sl.—„Berliner Turn- genossenschaft"(7. Lehrlingsabthsilung) Abends 9 Uhr in der städtischen Tun Halle, Briherstr. 17— IS;— desgl. o. Männerablheilung Abends S Uhr in N slädlischen Turnhalle, Gubenerstr. 51.— Lübecl'scher Turnverein(Mann« Slblheilung) Abends S Uhr Elisabethftr. 57—58.— Allgemeiner Arends's« Stenographenverei», Abtheilung„Loutsenstadt", Abends 8� Uhr Reftauranr Preuß, Orantenstraße 5i.— Arendsächer Etenographenveri „Phalanx" Abends sx Uhr im Restaurant„Zum Buclower Barten", Buckow straße S.— Deutscher Verein Arends'scher Stenographen Abends g Uhr Hcidt's Restaurant, Koppenftr. 75, Unterricht und Uebung.— Berliner Ste»> graphen-Verein(System Arends) Abends 9 Uhr im Restaurant Friedrtl straße 208.— Stolze'scher Stenographenverei»„Nord-Berlin" Abends 9 M Schlegelstr. 44.— Verein der„Natursreunde" Abends 9 Uhr im Restaura Wienerstr. 35.— Verein der Unruhstädter Abends 8% Uhr im„Kom stadt-Kasino", Holzmarktstr. 72.— Verein ehemaliger F. W. Rettschlag'so Schüler am i. und 3. Donnerstag jeden Monats im Cafe Schüler, Land bergerslr. 73 Abends 8 Uhr.— Rauchklub„Kernspiye" Abends 8% u im Restaurant Böhl, Rüdersdorserstraße 8.— Rauchklub„Arcon4 Abends 9 Uhr bei Ztplinskt, Retchenbergerstraße 71.— Rauchklub„De, im« waage" hat sein Lokal von der Blumenstraße 38 nach der Krautsstr. 48 verle» — Nauchklub„VorivärIs" Abends 9 Uhr bei Tenwel, Restaur.„Zum AmboT Breslauerstr. 27. Orientalischer Rauchklub" Abends 9 Uhr im Restaur. Wiecheg Oranienstraße 8.— Rauchklub„Krumme Piepe" Abends 9 Uhr Langestr. 70 d> Heindorf.— Rauchklub„Collegia" Abends» Uhr bei Thiemermann, Slalitzerstr. ff Gesangverein„Sängerluft", Abends 9 Uhr, im Restaurant Landsbergerstr. 80.- Gefangverein„Männerchor St. Urban" Abends 9 Uhr Annenstr. 9.— GesaNI verein„Deutsche Liedertafel" Abends 9 Uhr Köpnickerstr. ioo.— GesangvereH „Norddeutsche Schleife" Abends von 9 bis 11 Uhr, Michaelkirchftr. 39. J — Skattlub„Rückwärts" jede» Donnerstag Abend 8 Uhr im Restaur. Bodertl Pallisadenstr. 47.— Privat-Thealergefcllschaft„Adlerschwinge" Sitzunng ox vf Gartenstr. 14 bei Träger.— Musikveretn„Vorwärts" Uebung Abends vo> 8% bis lox Uhr, Annenstr. 14 part. Neue Mitglieder, welche schon blas» können, finden Ausnahme.— Vergnügungsverein„Farinelly" Abends 9i Ud Sitzung Fidelttas Jnvaltdenstr. 139. Gäste willkommen. Ausnahme neu» Mitglieder.— Arbeitergesangverein„Hoffnung" Friedrichsberg bei Reusch Frankfurter Chaussee- und Dorsstraßen-Ecke. Uebungsstunde. Ausnah« neuer Mitglieder.— Rauchklub„Wald-Knaster" Abends von 9 bis ,1 U" Waldstr. 3 bei Gimpel.— Seezer-scher Gesangverein Abends 9 Uhr, Blume« straße 48 bei Wenck.— Männergesangverein„Alte Linde" sx— ios( Uhr, Joh» Restaurant.— Gesangverein„Kornblume" Abends o Uhr im Restaura» Blumenftraße 54, Uebungsstunde.— Lese- und Distutirtlub„Realismus> Abends 9 Uhr bei Wuttke, Fricdrichsbergcrstr. 20.— Gesangverein„BretzZ schluß" Sitzung im„Berliner KlubhauS" bei Krebs, Ohmgasse 2. Mitglied» J erschl in's Son Unt werden ausgenommen.— Männergesangverein„Melodia", Abends 9ss Uhr i« Restaurant Sabbath, Atichaellirchstr. 39. Gäste willkommen.— Arbeit« .Morgenroth" in Rummelsburg bei Berlin, Göthestr. s v5 Konräd. Gäste willkommen.— Verein„ehem. Wagner'scher Schüler" AbenA gefangverein jmwv. vyuue luiuiummcu.—-vcitvii„vyvui. iv*/vv. Uhr Restaurant Baatz, Blumentsr. 10.— Vsrsln der Modelleurs und Gw» bildhauer im Restauranl May, Beuthstr. 21.— Verein ehem. Schüler W 23. Gemeindsschule, Sitzung Abends ox Uhr, Grüner Weg 29 bei Saege« Gäste willkommen. f VevtttiHckzkes. FtUue Milch wurde in Berlin noch bis vor einigen Jnhre* vielfnch in den Handel gebracht und namentlich beim Berkehr vw frischer Milch linbeanstandet gelassen. Erst seit dem Juli 18«] schließt eine Polizeiverordnung von dem Verkehr mit frlfchii Milch solche Milch aus, die blau, roth oder gelb gefärbt, od- mit Schlinmelpilzen besetzt ist. lieber die blaue und die m« Schimmelpilzen desetzte Milch enthält die Deutsche Vierteljahrs schrist für öffentliche Gesundheitspflege eine längere MittheilunZ Danach ist zu nnterscheiden zwischen der blauen Farbe bei» Melken— das sogenannte Blaumelken— und dem Blauwerdeä nach dem die Milch mehrere Stunden in Gefäßen im Keller g» standen hat._. Beim Blanmelken ist die Milch sogleich bläulich, wenn sie vo> der Knh kommt, sehr dünn, wässerig und scheidet nur wenig Sah]» ab und diese hat dann nur wenig Zusammenhang, so daß darunter stehende Milch bläulich durchscheint. In solchen FäUt» ist gewöhnlich die schlechte Ernährung der Knh oder eine E* krankung derselben die Ursache des Blaumelkens... Bei dem Fehler des B l a n w e r d e n s zeigt die Milch glei« nach dem Melken normale Beschaffenheit. Nach 24 Stunden v» merkt nian an der Oberfläche der Sahne einen oder mehrere blaw Punkte, die sich allmälig vergrößern, ineinanderfließen und so»w und nach die Oberfläche der Sahne mit einer blauen Schicht uve ziehen. Selten bleibt es bei einem oder mehreren weniger großen blau« Flecken. Nachdem die Ausbildung der Flecke an der Obersiam der Sahne ihre Grenze erreicht hat, schreitet der Prozeß auf darunter liegendesi'Theile der Milch fort, so daß allmälig d» unter der Sahne befindliche Milch blau wird und zwar von od]' herabsteigend. Im späteren Verlaufe des Prozesses verliert o Sahne ihren Glanz und es entstehen auf derselben erhabene g� Xin?.iifrtmmonffio6pn im h hiß fifißrFlnrfie der iDKIcfo � hat und Mai lichei kran von stets norn Pflei gilt, Sta< hat jeder Mar dadu unsei welci Haft« den kran' Punkte, die zllsanunenfließen und die Oberfläche der Milch"i einer Hapt überziehen. In dieser Haut kann man mit bloßem AUS» deutlicher aber noch mit dem Mikroskop, Schimmel in Gefta vern sich 1.£ sänn ihrer beku denn von Flechten und moosartigen Gebilden entdecken. ,, Die Gelehrten sind nun darüber in Streit, ob die SchlMlU] bildung die Ursache der Blaufärbung ist, oder ob beide Erscheinung] auf einem anderen gemeinsamen Prozesse beruhen. Einige woll]' beobachtet habe», daß bei kühle», Wetter die blaue Färbung, s'T mrtvmpv svuiffpvimÄ diß(SlrfiiniTiißfhilbui'ifi ftdrfer berüortritt.. warmer Wittern»g die Schimmelbildung stärker hervortritt.* ans blauer Milch gewonnene Butter ist von schmutzig we,?� Farbe, wird leicht ranzig, trotz genügendem Salzzusatz und h x», Arf �)i ß fiTmiß blßtbt ttt® jeder wari und einen»nangenehmen Geschmack. Die blaue Farbe bleibt in Buttermilch._ Die Ursache des Blauwerdens ist ein Bazillus oder Sp' selbe ist ekelerregend und für Kinder wahrscheinlich auch d»r«' gesundheitsschädlich. Aus diesen Gründen ist die blaue Mu« liste, Begi Stöi Herr] bei I der Uebe Erlv daß n e t vom Verkehr ausgeschlossen worden. Noch bedenklicher ist' der Genuß von rother Milch. 3' Nothinelken entsteht durch andauernden Blutandrang nachdsff Euter der Knh und ist ein charakteristisches Zeichen des brandes und anderer schwerer Erkrankungen der Milchthier smfovStrirt2 TÄmi<»n nnrb nnbßrß niinbßr nßfnbrltcbc UrfadlCU Die w tenei bevo Allerdings können auch andere, minder gefährliche Ursachen d« Rothmelten herbeiführen. Immerhin ffst_ auch hier Vorsichtig' boten und zivar um so mehr, als sich später schwer ermittel läßt, woher die rothe Milch stammte, wenn sie mit anderer M"" vermischt worden ist. Ilm der gefährlichen Uebertragnng solcher �Krankhew Nacht vtv yvjviy vvvcvvvfcvtvjtvny| j stoße durch den Genuß der Milch mit möglichster Sicherheit» verhindern, ist auch die rothe Milch vom Verkehr mit frisch' Kuhmilch ausgeschlossen. VviefkÄlften dev MedLrütiotr. uute Bel Anfragen bitten wir die AbannementS-Quittung beizufügen. Antwort wird nicht ertheilt. Brtsfick ange male C. U. 77. 1. Sie können beim hiesigen Amtsgericht Antrag stellen, zur Erklärung Ihres Austritts aus der Landes kirche einen Termin anzllberaunlen. 2. Ehe Ihre Ehe nicht den Sohl kräftig geschieden ist, können Sie, gleichviel welcher Religion® angehören, sich nicht wiederverheirathen. Ob ein Ehescheidung� angeyvren, sicy nicyl wleververyeiracyen. suu ein grund vorliegt, das richtet sich, da Sie hier Ihren Aufenthalts� habe», nach hiesigem Recht ohne Rücksicht auf Ihre Religion ov Nationalität. 3. Ohne das bisherige Statut und die genau. Bestimmungen des neuen zn kennen, können wir diese Frage»>«] beantworten. 4. Gesetzlich unzuläsfig ist dies nicht. Schliw genug aber, wenn das Publikum sich das gefallen läßt und t»» dem bei dem Manne kaust.' K. K., Friedenstr. Sie sind nicht verpflichtet,® Honorar für einen Arzt, der Ihre Frau vor der Äerheirath». behandelt hat, zu bezahlen. Die Schuld scheint überhaupt» jährt zu sein..<,« F. F. Schicke» Sie die Gerichtskosteu-Quittuug dem Ger«« mit dem Antrage aus 5tostenfesiseyilng ein. V. I. 15. Für Beschädigungen irgend welcher Art, ein Kind anrichtet, ist dessen Vater nur dann schadenersatzpflich'! inßiiii py rmrfmißiaitrfS biß fövjißhmm nbßt* ÜNGUufftcfitiauna nahii vor „ist in sl Sohl Verantwortlicher Redakteur: Curt Kaakr in Berlin. Druck und Verlag von Mar Kading in Berlin 8W., Beuthstraßc ff, wenn er nachweislich die Erziehung oder Beaufsichtigung ff' Kindes vernachlässigt hat. rmgl zwisc „er I btän