HnterftaltunQööcilage 9tr. 48 1934 Die Brieftasche im Lindenpark Bo« Pierre Der Arbeitslose Zehrbach war kein Träumer, kein verspielter Illusionist, der mit abgetretenen Schuhsohlen einer Fata Morgana nachlief. Er war immer ein Kerl gewesen, der mit beiden Beinen auf dieser Erde stand. Als die Zest der Arbeitslosigkeit kam, dies gefräßige Gebilde sinnlosen Müßiggangs, hatte er zuerst die Achseln gezuckt und vor sich hingepfiffen.„Kopf hoch, Zürbach!" murmelte er,„geht auch vorüber, geht alles vorüber!" Aber es war nicht vorübergegangen. Aus dem bösen Traum Ivar eine bitterböse Wirklichkeit geworden, die Tage, welke Blätter mn dürren Baum eines verratenen Lebens, fielen vor ihm ab, als wäre« sie niemals gewesen. Gestern—, heute—, morgen—, das hatte für ihn kein Gesicht mehr. Aus dem Hoffen und Harren wurde ein Hindämmern. Der Kmnpf mit dem Hunger begann. Dieser Kampf mit dem Hunger war das Schlimmst« von allem. Denn es war kein nackter, ehrlicher Hunger, kein Hunger, der den Menschen vor ein ehernes Entweder-Oder stellte. Sondern ein Hunger, der schleichend und heimtückisch kam, ein Hunger, der nicht olles auf einmal, aber alles Stück für Stück wollte, der den Menschen mürbe machte und stumpf, gleichgültig und lebensuntüchtig. Auch Zehrbach erlag diesem Hunger. Er wurde matt, träge und hoffnungslos. Manchmal, wenn ihn die Langeweile auffraß, dieser entsetzliche Welt« und Selbst-Ueberdtuß, strich er wie gehetzt durch die Anlagen der Stadt. An Häusern und Merkchen lief er vorüber, blind und verloren, alles war ihm zum Greifen nah und doch so unendlich fern. „Nur hinaus—" so wütete es in seinem Innern und seine verbitterten Augen schienen weit, fast ins Unendliche zu klettern,„nur hinaus—, ganz gleich, wohin 1" Wenn jetzt«in Erdbeben gekommen wäre, eine erbarmungslos« Sintflut, ja, ein Krieg, Zchrbach würde es als Erlösung empfunden haben. Die Vernunft war ausgeschaltet, das Gefühl, das tausendfach getretene Gefühl, erloschen und tot, nur der Ekel war wie ein Häuflein glimmender Asche in ihm verblieben, und die krankhafte Sehnsucht nach endlicher Abwechslung — und sei dieses andere auch der endgültig« Untergang.* ES war einer der letzten milden Herbsttage, als Zehrbach, von der inneren Unlust mechanisch vorwärts getrieben, an den Bänken und Bäumen des Lindenparkes vorüberstrich. Der Herbst, in die Milde der verdämmernden Natur getaucht, mnglüht vom krankhaften Bunt des vergehenden Lebens, war unsagbar schön. Ein leiser, schmeichelnder Wind führ durch das überreife Laub; das verhaltene Rascheln der Blätter, die zusammenzuzucken schienen, wenn der Wind über sie hinftrich, klang wie ein seltsames, monotones Lied, einfältig und erschütternd.... Zehrbach sah und hörte von all dem nichts. Dumpf zehrender Verzweiflung hingegeben, stapfte er seinen Weg ins Ziellose. Bis er plötzlich, wie von panischem Schrecken erfaßt, neben einer Bank stehen blieb. Bor ihm lag eine Brieftasche. Eine gute, solide, offenbar teure Brief- i tasche, wie sie Erwerbslose nicht zu haben pflegen. Mit leisem Beben griffen die harten, spro- f den Finger des arbeitslosen Zehrbach zu, in fiebernder Hast durchblätterten sie die Fächer... 30.000 KZ in Scheinen, 860 Dollar in Noten, ein Paß, einige Papiere, Adressen und ein Scheckbuch.... Zehrbach setzte sich, matt und zerschlagen, auf die Bank, während seine Finger noch immer die Brieftasche umklammert hielten. Mn Gefühl der Schwäche überkam den ausgehungerten Mann, ein Gefühl, das so elementar war, daß Zehrbach uwvillkürlich die Augen schloß. Es ist wie im Kino. Dem Taxi, das soeben vor dem eleganten Restaurant vorfährt, entsteigt ein junger, gutgekleideter Mann, prächtig ausgefchlafen, frischrasiert, mit jener glitzernden Unternehmungslust in den Augen, mit der man Berge versetzen zu können glaubt. Genießerisch bleibt er für Sekunden vor der ! Auslage stehen, deren Herrlichkeit hinter blankem Spiegelglas zum Eintreten lockt Pasteten, Gansbraten, Mayonnaisen, kleine Berge von Pfirsichen, perlender, goldgelber Wein. Der junge Mann öffnet dir Tür, läßt sich behaglich an einem der weitzgedeckten Tische nieder. Der Kellner kommt eilferttg. Mit prüfendem Blick überfliegt der Gast die Karte. Dann greift er unwillkürlich nach der Herzgegend, dorthin, wo in der Tasche des neuen Anzugs die gute, solide Brieftasche ruht. Der Griff beruhigt. Das für Augenblicke nervöse, angespannte Gesicht lockert sich, die Lippen blühen sorglos und genutzfteudig auf. Der junge Mann bestellt: Mne Hühnersuppe, ein halbes Hühnchen, Kompott, Käse als Nachtisch, einen starken Mokka und ein« schwere Brasilzigarre. Wie leicht ihm auf einmal das Leben erscheint— wie sorglos und abwechslungsreich, voll von geheimen Freuden, die man nur aufstöbern muß, wenn man fic genießen will. Noch einmal fährt die Hand zum Herzen hinüber, nach der Brieftasche. Gottlob, dä sitzt sie. Fest und unverrückbar, so sicher und so ver- ttaut, als ob sie immer an dieser Stelle gesessen hätte. Der junge Mann reckt sich. Ein Lächeln überfliegt sein Gesicht, während er in kleinen besinnlichen Schlucken den Kaffee trinkt. Halb zurückgelehnt genießt er die Zigarre, bläulicher Rauch steigt in die Luft, eine behagliche Wärme liegt über dem Raum und die Pulse des jungen Mannes schlagen schneller. Sehr viel später zahlt er, steht langsam aus und geht, nachdem ihm der Kellner höflich in den Mantel geholfen hat, mit den Augen blinzelnd, ins Frei«. Wie stark er das Leben, das ruhelose Leben in sich aufnimmt: Tausend Dinge, die ihn interessieren, tausend Dinge, die ihn anregen, innerlich mitschtvingen lassen. Dort steht der Lindenpark. Wie schön ist der Herbst, wenn man ihn zu verstehen weiß. Das Spiel der Farben, der wehe, süßliche Duft von Reife und Vergehen, das melancholische Grau des unendlichen Horizonts,, eine Trauerfahne der ahnungsvollen Natur gleichsam. Der junge Mann geht mit sicherem Schritt seinen Weg, eine leise, wohltuende Schläftigkeit kommt über ihn—. Er.... Mit einem Satz springt Zehrbach auf. Also war er richtig eingeschlafen. Was war das für ein wirrer, beglückend-beängstigender Traum, an den er sich undeutlich zurückerinnert? Die Brieftasche, richtig, die Brieftasche. In Dreiteufelsnamen, wo war sie nur?! Im Augenblick ist Zehrbach völlig wach. Blitzschnell suchen seine Blicke die Bank ab, dann streifen sie über den Erdboden.... Da liegt sie! Direkt zu seinen Füßen, halb aufgeblättert, mit herausfallenden Banknoten, ganz so, als habe sie ein Theaterregiffeur malerisch placiert.... Zehrbach sieht sich hastig um. Niemand ist in der Nähe. Schnell steckt er Brieftasche und Banknoten in die Manteltasche. Was jetzt kommt, ist schnell erzählt. Manchem mag es lächerlich, ja sinnlos erscheinen. In einem Automaten erscheint der Arbeitslose Zehrbach. Ißt zögernd eine Suppe, dann ein Rindsgulasch, trinkt ein Glas Bier dazu... Leistet sich noch ein Päckchen Zora-Zigaretten. An der Kassa wechselt er einen Hundertkronenschein. Die Kassiererin sieht ihn einen Augenblick verwundert an, sagt aber nichts. Zehrbach wird etwas rot, grüßt verlegen und geht. Die Zeche beträgt insgesamt 6.50 Kc Eine Stunde später ist Zehrbach auf der Fundstelle des Polizeipräsidiums. „Das trifft sich ja ausgezeichnet!" ruft der diensthabende Beamte mit dröhnender Stimme und zitiert einen kleinen dicken Herrn herbei, der im Nebenzimmer nervös auf und ab läuft—. „Es gibt noch ehrliche Leute, Herr Kommerzialrat!" sagt er zu dem Dicken und zeigt auf Zehrbach.„Da bringt Ihnen jemand Ihr« Brieftasche, obwohl er sie anscheinend auch gan- gut gebrauchen könnte." Der dicke Kommerzialrat geht auf Zehr« bach zu, drückt ihm überschwenglich die Hantz^ nimmt dann die Brieftasche und zählt sofort. Plötzlich stutzt der Herr ein wenig. „So ganz ehrlich ist er trotzdem nicht* sagt er mit einer Stimme, di« jetzt trocken untz — 2— deschästsmäßig klingt,„es fehlen genau ».50 KC." „Na, na ," meint der Beamte unzu frieden,„da wollen Sie vielleicht noch Straf- Anzeige gegen den Mann stellen?" Mte sie Seltsame Sell Täglich berichten die Zeitungen, daß da »der dort einer sein Leben fortgeworfen hat, weil es ihm eine Bürde war, weil er müde geworden war des hoffnungslosen Kämpfens. Der Leser überschlägt die Berichte, so sehr hat er sich gewöhnt, den Selbstmord als etwas Alltägliches zu betrachten, als eine Konstante in der Statistik großstädtischen Lebens. Nur jene Fälle interessieren ihn, die durch die Besonderheit des Betroffenen oder die Eigenart der Methode des Sterbens über den Durchschnitt hinausragen. Unglückliche Liebe, häuslicher Zwist, Angst vor Strafe, Krankheit, vielfältig sind die Motive der Selbstvernichtung, die in den Berichten angeführt werden, wie aber kann diese Vielfalt darüber Hinwegtäuschen, daß die Grundursache aller Selbstmorde in wirtschaftlichen Verhältnissen liegt und es ist kein Zufall, daß dieses freiwillige Sterben oder Symptom des kapitalistischen Zeitalters, eine der vielen scheußlichen Krankheiten der bürgerlichen Gesellschaftsordnung darstellt. Auch die Art zu sterben unterliegt scheinbar der Mode, letzten Endes spielt auch der Fortschritt der Technik in dieser Hinsicht eine gewisse Rolle. Denken wir nur, wie bei der Einführung der Gasbeleuchtung die Giftigkeit und"relativ bequeme Verwendbarkeit des Gases sofort erkannt und von Lebensüberdrüssigen genützt wurde, welche Rolle die Elektrizität in der Selbstmordstatistik spielt! Nicht vergessen darf guch die Verschiedenheit der Tötungsart bei den beiden Geschlechtern werden, es ist eine bekannte Tatsache, daß Männer und Frauen gewisse Arten des Sterbens bevorzugen. Während sich Männer vornehmlich erhängen, wird der Gastod von den Frauen vorgezogen, die„in Schönheit sterben" wollen. Selbstverständlich spielt auch der Beruf eine dominierende Rolle. Ein Mechaniker wirft sich in der Fabrik in das Räderwerk der Maschine, «iri Apotheker vergiftet sich mit Blausäure, eine Hebamme mit Lysol, ein Brauer wirft sich in den Sudkessel, Soldaten, Förster erschießen sich, Matrosen und Fischer suchen im Wasser den Tod. Waren ursprünglich Erhängen und Ertränken die häufigsten Todesarten, so ist nun- mchr der Gastod und das Vergiften in den Vordergrund getreten. Eine der furchtbarsten Todesarten dürfte wohl das Verhungern darstellen, zu dem das kapitalistische Zeitalter die überwiegend« Mehrheit der Menschen verurteilt hat, das aber im Altertum als Selbstmordart durchaus nicht ungewöhnlich war. Bekannt ist der freiwillige Hungertod des Philosophen Demonax von Cypern, eines Anhängers von Diogenes, der wie Sokrates der Gotteslästerung angeklagt, auf diese grauenvolle Art seinem Leben ein Ende bereitete. Dictarch, ein Schüler des Aristoteles, berichtet, daß Pythagoras trotz seiner Ablehnung des Selbstmordes im Tempel der Musen in Mctapont nach SOtägigem Fasten sein Leben endete. Der letzte bekannt gewordene Selbstmord durch Hunger ist der des englischen „Ich bewahre" lacht der Kommer zialrat gezwungen,„aber die 6.K0 KC müssen wir ihm von dem gesetzlich zustehenden Finderlohn abziehcn. Es ist nur der Ordnung halber. Na— und— schönen Dank jedenfalls!" starven Historikers Dr. Lingard, der in Dover 1883 den freiwilligen Hungertod gestorben ist. Ueber eine scheußliche Art des freiwilligen Todes berichtet Seneca. Ein germanischer Sklave, der bei einem Tiergefecht in der Kampfarena Mitwirken sollte, stieß sich auf dem Abtritt der Arena einen Stab, in dem ein Schwamm befestigt war lder zur Reinigung des Abtritts benützt wurde) in den Mund und erstickte sich so. Zu den seltensten Selbstmordarten gehört zweijellos das freiwillige Erfrieren. Im Jahre 1845 machte ein Bauer in Württemberg sein Testament und legte sich dann in den Schnee, wo man ihn am folgenden Tag tot auffand. Das Erfrieren gilt bei den Tibetanern zu einer heiligen Todesart und sie wird heute noch ost praktiziert. Bekannt ist der Fall einer Oesterreicherin(über die Oettinger berichtet), die sich auf glühende Kohlen legte, um sich so langsam zu Tode rösten zu lasten. In den letzten Jahren häufen sich auch die Selbstmorde durch Sprengmittel. Bei der Erstürmung Kamalas in Galiläa durch die Römer stürzten sich die Juden mit Frauen und Kindern von einem steilen Felsen ins Meer und bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 töteten sich mehr als 2000 Juden in unterirdischen Schlupfwinkeln, in die sie sich geflüchtet hatten. Bekannt ist der heroische Martyrertod hunderter Wiener Juden, die vor ihren Verfolgern in den Tempel geflüchtet waren, den sie dann in Brand steckten. Die mittelalterliche Geschichte berichtet-uns noch zahlreiche ähnliche Vorkommnisse, aber auch dre Geschichte der Judenpogroms im zaristischen Rußland vorm Weltkriege. AIS der spanische Eroberer Ferdinand Cortez 1520 die Hauptstadt der Mexikaner eroberte, versuchten zwei junge Mexikaner mit Cortez von einem hohen Turm in die Tiefe zu springen, um sich mit dem verhaßten Usurpator zu töten, doch starben sie allein, da Cortez rasch zur Seite wich. Eine einheitliche Wertung des Selbstmordes ist unmöglich. So verschieden weltanschaulich-religiöse Auffaffungen sind, so verschieden die moralische Wertung des Freitodes. Hat der Mensch ein Recht, sein Leben zu vernichten oder kann darüber nur die Gemeinschaft entscheiden, in deren Verband er lebt? Eine eindeutige Antwort wird nie gegeben werden können, ja die Antworten hängen vom geographischen Breitengrad, von zahllosen anderen Umständen ab. Ist der Selbstmord mit der Moral vereinbar oder ist er als unmoralisch abzulehnen? Eine müßige Frage für den, der sie sich nicht stellen mutz; der sie stellen muß jedoch, zerbricht sich gewöhnlich über die ethische Wertung nicht mehr den Kopf. Er steht vor einer Vis major. Wenn die eigentliche objektive Grundlage der Selbstmorde die wirtschaftliche Lage des betroffenen Individuums ist, so wird diese Kardinalursache verschieden maskiert. Am seltsamsten ist der Selbstmord aus Langeweile. Der berühmte Virtuos« Lebrun flüchtet« von Paris aufs Land, mietete eine Wohnung, zündete im Schlafzimmer Schwefel an und starb so an der Einatmung der Dämpfe.- In St. Denis erschaffen sich zwei Dragoner nach reichlichem Weingenuß— aus Langeweile.„Wir haben alle Genüffe erschöpft," schrieben sie im Abschiedsbrief, selbst unseren Nächsten gefällig zu fein; aber jedes Vergnügen hat seine Grenze, wodurch es vergiftet wird. Das Lebenstheater ekelt uns an, der Vorhang fällt für uns, und wir überlassen unsere Rollen andere», lvelche schwach genug sind, sie noch einige Stunden spielen zu wollen.„Da, wo das wirtschaftliche Motiv wegfällt, können wir mit Sicherheit eine psychopathische Veranlagung der Beteiligten annehmen. So bei Philipp Mordant, dem LVjährigen Neffen des Grafen von Petersburg, der inmitten von Reichtum und Glück plötzlich aus dem Leben schied. Aus Langeweile. Er schrieb an einen Freund, daß seine Seele des Körpers „müde" sei und man, sobald einen das Haus anekele, aus ihm heraus müsse." Bemerkenswert ist der Selbstmord eines Bauern im Glarus(Schlveiz) aus Angst vor Reichtum, wohl eine ganz seltsame, einzig dastehende Ursache. Er wollte sich«dem Elend entziehen, das großer Reichtum mit sich bringt"(wie er schrieb)' und tötete seine Frau, fünf Kinder und sich, als er eine reiche Erbschaft gemacht hatte. Di« Zahl der Selbstmorde aus Notlage ist wohl Legion und wird cs wohl bleiben, so lange die kapitalistische Wirtschafts„ord» nung" besteht. Nicht selten sind seit jeher Selbstmorde aus politischen Gründen gewesen. Der Schriftsteller Sebastian Roch-Nicolas(C h a m» 'ort) schoß sich, als er von den Jakobinern verhaftet wurde, eine Kugel in den Kopf und schnitt sich, als er dennoch nicht sterben konnte, die Gurgel ab. Chamfort war Girondist wie C o n d o r e c t, der ebenfalls nach seiner Verhaftung Selbstmord beging. Er nahm Gift. Der .Gesinnungsgenosse dieser beiden, der sehr bejahrte C l a v i i r e, stieß sich während der Hast ein Messer in die Brust, um sich dem Henker zu entziehen. Der ehemalige Theologe JaqueS Brux, der Ludwig XVI. zur Richtstätte begleitet hatte und später vom Revolutionstribu« aal zum Tode verurteilt wurde(er war selbst Revolutionär gewesen), erstach sich im Gefängnis. Der Kapuzinermönch Chabot, ein begeisterter Anhänger Dantons, vergiftete sich. L'H u l l i e r, der das Weib eines Emigranten beherbergt hatte, stieß sich einen Nagel ins Herz. Der frühere Premierminister Ludwig XVI., Erzbischof von Sens, Lomsnie de Brienne, der später Revolutionär wurde, entzog sich dem Schafott durch Gift. Der berühmte Berliner Psychologe Richard S e m o n fühlte sich durch den Zusammenbruch des wilhelminischen Deutschland so erschüttert, daß er sich im November 1918 in eine schwarz- weiß-rote Fahne wickelte und dann erschoß. Aus dem gleichen Grunde vergiftete sich Albert Ballin, Reeder in Hamburg, ein Freund Wilhelm II., Besitzer einer großen Schiftahrts- linie. So starben sie und sterben noch. Von vielen, vielen Tausenden wissen wir nicht warum. Voltaire sagte einmal:„Es wäre zu wünschen, daß alle diejenigen, die sich entschließen, aus dem Leben zu scheiden, schriftlich ihr« Gründe nebst«inem Wort'über, ihre philosophische Anschauung hinterlaffen würden; das würde durchaus nicht ohne Vorteil für die Lebenden und die Geschichte des menschlichen Geistes sein." Ludwig. — 8— Lieber tot, als kapitulieren! Die letzte« Neu« vom Kloster Ganta Maria Aas de« Tage« der spanische« Revolution In Saint-Nazaire, dem französischen Seehafen an der Mündung der Loire, ist dieser Tage ein durch Sturm und Wetter schwer beschädigter Fischerkutter eingelaufen, dessen Besatzung aus neun spanischen Flüchtlingen der Revolution bestand. Nachdem die Leute, die einen ziemlich erschöpften Eindruck machten, sich durch Einnahme der ihnen gebotenen Speisen und Getränke wieder etwas gestärkt hatten, wurden sie dem Polizeikommissar der Stadt zum Verhör vorgeführt. Es handelt sich um Arbeiter, die guter recht abenteuerlichen Umständen aus ihrer Heimat geflohen sind, bis sie endlich nach groben Leiden und Entbehrungen in Frankreich an die Küste trieben. Die Besatzung von Santa Maria... Die Funken des Aufstandes, der zuerst in Mittel- und Südspanien ausbrach, sprangen allmählich auch nach Bilbao im nördlichen Spanien über. Da man bereits seit längerer Zeit mit der Revolution gerechnet hatte, klappte die Organisation, als eines Abends plötzlich die Parole zum Aufstand ausgegeben wurde, zunächst vorzüglich. Tie Polizeistreitkräfte der Stadt wurden in di« Verteidigung gedrängt, zum'Teil sogar in ganzen Abteilungen gefangen gesetzt, während gleichzeitig die Detachements der bewaffneten Arbeiter die verschiedenen strategisch wichtigen Punkte der Stadt besetzten. Eine Abteilung von 15 Mann wurde auch in das alte, verlassene Kloster von Santa Maria außerhalb der Stadtgrenze von Bilbao» gelegt. Sie hatte die Aufgabe, die wichtige Zufahrtstraße zu bewachen und zu verteidigen und das Herannahen von größeren Truppenabteilungen, die von der Regierung zum Entsatz der Stadt geschickt werden würden, sofort dem Revolutionskomitec mitzuteilen. Die Verbindungen rissen ab Die Besatzung des. Costers hatte verschiedentlich heftige Kämpfe mit kleineren Truppenabteilungen zu bestehen, deren Anmarsch sie zwar aufhalten, aber nicht verhindern konnten. Diese Kämpfe dauerten fast unünterbrochen drei Tage und drei Nächte lyng. Die ganze Zeit über erhielt die tapfere Besatzung weder Befehle, noch Nachrichten über den Stand der Revolution. Alle Verbindungen schienen abgerissen zu sein, und so blieb den Leuten nichts anderes übrig, als ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln. Am Morgen des vierten Tages erschien eine große Truppenabteilung, die das inzwischen ausgebaute und fest verschanzte Kloster sofort von allen Seite« zernierte. Es wurden nur wenige Schüsse gewechselt. Plötzlich tauchte dann«in Parlamentär mit der weißen Flagge am Eingang des Klosters auf, der mit dem Anführer der Aufständischen zu verhandeln wünschte. Wie sich herausstellte, handelte es- sich um die Aufforderung, sich bedingungslos zu ergeben. Diese Forderung wurde in Form eines auf fünf Stunden befristeten Ultimatums gestellt. Jeder Widerstand sei unsinnig, da der Aufstand in der Stadt bereits zusammengebrochen sei. „Wir kapitulieren nicht... l" Daß irgend etwas nicht in Ordnung war, hatte man gleich vermutet, als jegliche Nachricht vom Hauptquartier ausblieb. Trotzdem konnte es sich auch um eine Kriegslist von feiten des Truppenkommandeurs handeln, der sie auf diese Weise aus ihrem strategisch wichtigen Posten herauslocken wollte. Nach kurzer Beratung beschloß man daher, zunächst einmal einen Mann heimlich in die Stadt zu schicken, der dort Erkundigungen einziehen sollte. Dieser Patrouillengang war äußerst gefährlich, mutzte aber gewagt werden. Das Los fiel auf einen jungen Arbeiter. Der Mann ist von seinem Gang nicht mehr^ zurückgekehrt. Mit fiebrigen Augen und das Gewehr an der Wange, um gegen jeden Ueberfall vorbereitet zu sein, standen die Leute von der Besatzung hinter den schmalen Fenstern in den dicken Turmmauern des Klosters, die ihnen als Schlietzschar- ten dienten. So verging die Frist des Ultimatums. Wenige Minuten nach Ablauf der Zeit erschütterte dann die erste heftige Detonation das Gemäuer: die Regierungstruppen schaffen mit Arttllerie. Schutz auf Schutz krachte nun in ihr Versteck hinein. Die alten, Morschen Balken splitterten und krachten zusammen. Ganze Quadersteine fielen von oben auf die heldenmüfigen Verteidiger. Schreckensrufe und lautes Stöhnen der Getroffenen hallten durch das enge Verlies- Aber sie blieben ihrer Parole treu: lieber tot, als kapitulieren. Die Flucht gelingt Fünf Mann haben ihre Treue mit dem Tode bezahlt. Die Ueberlebenden flüchteten, als alles zusammengeschoffen wär, nach unten in einen Keller. Bon dort