LT BUNTE 1935 2tr. 42 UnterOaltana^eilaoe Maud im Unterhaus B»« Grete Liviu» Maud Mason ist ein kleines Mädchen von zwölf Jahren. Es hat lange blonde Locken, die ihr di« Mutter durchaus nicht zu kurzer Pagenfrisur abschneiden will. MaudS Mama, ein« Witwe, liebt dies« Locken zärtlich. Sie haben die gleiche Farbe wie daS Haar ihres John, der vor drei Jahren an einem Lungenleiden, geholt im Krieg, starb. Auch die blauen Augen hat Maud von ihrem Vater, die zarte, ein bistchen mit Sommersprossen durchtupfte Haut. Doch im Gegensatz zu ihrem schmalen, kleinen, fast etwas gebrechlicher Körper, steht des Mädchens heller, lebhafter Geist.„Sie ist ein Kobold", behauptet di« Mutter mit Stolz. Die beiden leben in Manchester. Eine graue rauchige Stadt. Der Rauch erstickt den Wind der nahen Irischen See. Textilfabriken, Stahl- und Eisenwerke, umliegende Kohlengruben machen die Luft so schlecht. Hätte John wo anders leben können als hier, denkt die Witwe ost, wer weist, vielleicht gäbe es ihn dann heute noch. John konnte jedoch nicht fort. Bis zum letzten Augenblick arbeitete er in der Textilfabrik. Jetzt bezieht Mauds Mutter ein« klein« Rente. Sehr bescheiden. Immerhin besser als nichts. Mrs. Mason ist sehr sparsam. Sie versteht mit dem wenigen Unmögliches möglich zu machen. So besucht Maud z. B. die beste Schule der Stadt. Dafür hungert die Mutter. Aber es fällt ihr nicht siitzver. Maud geht immer nett angezogen, erhält Milch und Obst. Sonntags fahren die beiden aus der Stadt hinaus, manchmal mit der Tram, manchmal auch mit der Eisenbahn und gehen in den kleinen papierdünnen Wäldern spazieren. Auch am Meer war Maud schon einmal. Bei Verwandten des verstorbenen Vaters. Maud spricht noch immer davon begeistert, ihre lebendige eigenwillige Phantasie malt das Erlebnis des Gesehenen und Gehörten tausendmal grostartiger aus, als es in Wirklichkeit war. Jetzt gerade wieder erinnert fie sich daran. In der Schule hat ihnen der Lehrer die Aufgabe erteilt, über eine Ferienreise zu schreiben. Und Maud erzählt nun mit glühender Be- geisterung von den Ferien an der See.„England ist das schönste Land der Welt", kritzelt ihre kleine Hand in das blaue Heft. Damit schliestt Maud den Aufsatz, gibt ihn am nächsten Tag dem Klassenlehrer Mr. Smith. Mr. Smith prüft nach Schulschlust die Aufsätze seiner Schülerinnen. Eines der letzten Heft«, das er ergreift, ist jenes von Maud Mason. Entzückt liest Mr. Smith immer wieder und wieder den Satz: England ist das schön st e Land der Welt! Was für «in Kind, diese kleine Maud. Wie stark ihm sich heute schon das Nationalgefühl ausprägt. Mr. Smith ist Nationalist durch und durch. Er gehört der englisch-fascistischen Partei des Sir Oswald Mosley an, die Herrn Hitler in allem und jedem zu kopieren sucht. Mr. Smith treibt Sport, angelt, rudert, boxt, und spielt Fustball. Es hat rötliches Haar und wasserhelle Augen. Uebertrieben gescheit wirkt er nicht. Was ihm an Intelligenz fehlt, versucht er durch persönliche Schneid zu ersetzen. An Stell« des Geistes tritt die Kraftmeierei. Es scheint ihm dies auch wesentlich notwendiger für die kriegerische Auseinandersetzung, die nach seiner Ueberzeugung bald kommen must, und in der es darum gehen wird, den Gedanken des völkerverbindenden internationalen Marxismus auszurotten. Mr. Smith hastt die Roten. Er sieht in ihnen das Unglück der Welt. Und darum hastt er auch den Direktor seiner Schule, Mr. Barry, einen fortschrittlichen, freiheitsliebenden Mann, in allem das Gegenteil von Mr. Smith. Smith kann an Barry nicht denken, ohne sich vor Wut auf die Lippen zu beihen. Die Tur zum Klassenzimmer wird geöffnet. „Noch hier, Mr. Smith?"—„Jawohl, Herr Direktor. Ich habe zu tun. Ich korrigiere Aufsätze meiner Klaffe." Barry mag den Smith ebensowenig wie dieser ihn. Aber er bemüht sich trotzdem, sachlich und korrekt zu bleiben. Tritt näher heran.„Sind Sie mit den Leistungen Ihrer Schülerinnen zufrieden?" In Mr. Smiths kleinen wässerigen Augen funkelt es böse auf.„Ja. Diesmal besonders. Maud Mason hat eine Arbeit geliefert, die alle meine Erwartungen übersteigt. Sie beglückt mich geradezu." Der Direktor sah nur die Begeisterung auf dem Gesicht des Lehrers. Nicht das böse Funkeln seiner Augen.„Es freut mich sehr, dast gerade die kleine Maud Mason so gut vorwärtskommt. Ihre Mutter ist Witwe und bringt die schwersten persönlichen Opfer, um das Kind unsere Schule besuchen zu lassen. Wollen Sie mir, bitte, den Aufsatz zeigen?" Smith hatte nur darauf gewartet.„Natürlich, Herr Direktor, selbstverständlich, sehr gern." Und er reichte dem anderen das Heft. Mr. Barry, der Direktor des Mädchen- Lyzeums von Manchester, war, obwohl ein echter Engländer, dennoch ei» Gegner übertriebener Formalitäten. Sein Lebensstil war äusterst schlicht, und auch jetzt hatte die Bewegung, mit der er sich halb auf eine Schulbank setzte und das ein« Bein in der Lust baumeln, liest, etwas Jungenhaft-Burschikoses an sich.■ Mr. Smith konnte«S nicht sehen, ohne dast ihm jeder Nerv weh tat.„Dieser Kerl ist mir zuwider bis auf die Knochen", dachte er. Inzwischen, die freundlichen Gedanken des Lehrers nicht ahnend, las der Direktor den Aufsatz der zwölfjährigen Maud Mason. Er fand ihn frisch geschrieben, einfach und naiv. Dann aber kam der letzte Satz:„England ist das schönste Land der Welt." Mr. Barry runzelte die Stirn. Sah auf. Sein Gesicht war jetzt ernst. Es konnte sich mitunter überraschend schnell verändern. Konnte in dem«inen Augenblick, hell, fröhlich, in dem anderen streng, hart, entschlossen sein.„An sich, lieber Mr. Smith",— seine Stimme klang jetzt kühl, sachlich—„habe ich nichts gegen die Arbeit der Schülerin Maud Mason einzuwen- den. Der Aufsatz ist sehr nett und lebendig ab- gefastt. Nur der letzte Satz gefällt mir nicht! „England ist das schönste Land der Welt." Dies scheint mir denn doch übertrieben." Er lächelte.„Ich kann mir wirklich etwas Schöneres vorstelle» als unsere nebelfeuchte Insel und unser rauchgeschwärztes Manchester. Wen« ich an Italien denke, an die Schweiz, den blaue« Himmel rind die schneebedeckten Berge, nun, da klingt doch die Behauptung der kleinen Diaud reichlich übertrieben. Das Kind hat es gewih gut gemeint und sich nichts Böses dabei gedacht. ES kennt ja auch nichts anderes als das Stück Meer, von dem es hier so schwärmerisch erzählt. Der Erzieher aber hat die Pflicht, solche Illusionen, die leicht zu späterer chauvinistischer Einstellung führen können,- schnell und restlos zu zerstören. In diesem Sinn bitte ich Sie, mit Maud Mason zu sprechen." Der Direktor sah den Lehrer erwartungsvoll an. „Das werde ich nicht tun", anüvortete Mr. Smith leise, aber bestimmt. Mr. Barry nahm — dies tat er immer, wenn er entrüstet war, die Brille mit einem Ruck ab.„Was soll da- heisten?" fragte er scharf.„Nichts", antwortet« Smith gleichmütig.„Rur, dast ich so, wie Si« es wünschen, mit meiner Schülerin nicht rede« will. Im Gegenteil: Ich werde ihr vor der gesamten Klasse ein Lob für ihre nationale Gesinnung erteilen, die nach meiner Austassung" — jetzt, jetzt konnte er es dem Berhastten endlich geben—„die Gesinnung jedes anständige« Engländers sein sollte." Mr. Barry, der Direktor, antwortete nichts. Drehte sich um, ging mit schwerem Schritt aus dem Klassenzimmer. Der Lehrer Smith sah ihm triumphierend nach. Er fühlte sich als Sieger. Am gleichen Abend fand in Manchester eine Sitzung der Ortsgruppe von Sir Oswald Mosleys fasciftischer Partei statt. Voll Hohn und Spott berichtete Mr. Smith dabei über de« Fall Maud Mason und- über die Auseinandersetzung, die er deswegen mit seinem Direktor gehabt hatte. Einmütig beschlost die gesamt« Ortsgruppe, diesen„Fall" grotz aufzuziehe«. Man sandte einen ausführlichen Bericht an Morley, der wiederum trug die Angelegenheit im Unterhaus vor. Die Konservativen stellte« sich auf seine Seite. Er gab eine erregte Debatte. Die Tories verlangten gemeinsam mit den Fascisten, dast Schuldirektoren wie Barry, „die die Seelen der Kinder international vergiften, entlasten werden. Für jedes englische Kind müsse England das schönste Land der Welt sein.„Wohin kämen wir?" rief einer der Herren mit dem Zylinderhut pathetisch, wenn ein englischer Boy, ein englische? Girl fremde Erde schöner fände als die eigene Heimat?" Der Zylinderhut wackelte ihm dabei vor gut gespielter Erregung auf dem Kopf.„Zieht daraus die politische Konsequenz!" brüllte es am Abend mit grohen Lettern aus Lord Rothermeres hit- lerfreundlicher„Daily Mail".„Kämpft gegen den internationalen marxistischen Geist, der hier schon in der Seele des Kindes Unheil stifte« will." Gemähigter verhielten"sich die„Times", — 2— Sie begnügten sich mit der Wiedergabe des stenographischen Parlaments-Berichtes.„Daily Herald" verteidigte den Direktor Barry. In der Ocffenttichkeit wurde der„Fall Maud Mason" .leidenschaftlich debattiert. Die kühlen Engländer, tvenn sie sich einmal erhitzen, nehmen es mit dem feurigsten Menschenschlag auf. Nur einer denkt, daß sich aus Maud Masons Sache noch etwas anderes herausschlagen läßt als politisches Propagandamaterial. Nämlich— Geld. Das ist Grant Patterson, Reporter bei der„Daily Mail". Ein junger, blonder Mann, ohne Gesinnung und mit großer Vorliebe für Whisky. Für alten schottischeen Whisky. Er wird das Rennen machen. Er wird Maud Mason. interviewen, er wird sie photographieren, er wird sich den Schulaufsatz zur Veröffentlichung geben lassen, lkch was— er wird am besten die ganze Maud Mason zusammeirpacken und nach London ins Unterhaus bringen. Da gibt es Spesen, da gibt es Extra-Honorare, da gibt es Vorschuß, und da gibt es vor allem wieder eine Gelegenheit, sich für geraume Zeit mit Whisky einzudecken. Und vielleicht— dies denkt Grant Patterson schon im Pnllman-Zug, der ihn auf schnellstem Wege mitten in dunkler Nacht nach Manchester bringt— kann man auch Lilian, der netten kleinen Revue-Tänzerin, das gewünschte Armband schenken. Vielleicht läuft sie ihm dann nicht so schnell fort wie seinem Freund Robert. Und Grant Patterson schläft unter hoffnungsvollem Gäbnen ein. Die Adresse von Maud Mason und ihrer Mutter hat der„Daily-Dtail"-Reporter sich schnell verschafft. Er tritt in eine winzige Wohnung— die Armseligkeit darin wird von Sanberkeit überglänzt— alles ist genau so, wie Patterson es sich vorgestellt hat. Da sitzt Mrs. Mason, dürftig gekleidet, das Gesicht sorgenvoll gefaltet und ist sehr erstaunt über das, was ihr der fremde Herr berichtet. Sie liest, seit John tot ist, keine Zeitungen mehr, sie kann sich das nicht leisten, sie lebt sehr zurückgezogen, nicht im geringsten weiß sie von dem Aufsehen, das die Schularbeit ihres kleinen Mädchens in ganz England erregt hat. Reporter Patterson trifft den richtigen Ton.„Ihr Töchterchen", ruft er begeistert,„wird in die Geschichte Englands als nationale Heldin eingehen. Auf ihre Art eine, zweite Jungfrau von Orleans. Sie verkörpert den wahrhaft-großen nationalen Geist unseres ruhmreichen Old-Englands". Dann, nüchtern: „Fahren Sie noch heute in meiner Begleitung mit Maud nach London. Alle Auslagen übernehme ich. Alle Spesen werden Ihnen ersetzt. Hier sind zehn Pfund Vorschuß." Ueher- rumpelt, halb betäubt von Pattersons Redeschwall, sagt die hilflose Mrs. Mason„ja". Vergnügt läuft der Reporter zum Telefon, verlangt ein Blitzgespräch;— coüte qui coüte-— und teilt seiner Redaktion triumphierend mit, daß er noch heute abends mit Maud Mason und ihrer Mutter auf Viktoria Station eintreffe. Man solle inzwischen in London den Empfang „organisieren" und ein Extrablatt herausgeben, welches das Ereignis ankündigt. Maud Mason. 12 Jahre alt, ein zartes kleines Mädchen mit blonden Locken, wird auf Viktoria-Station in London empfangen wie eine Filmdiva. Maud reibt sich die Augen. Es ist schon spät. Sie ist müde von der langen Fabrt. Und sie begreift nicht recht, was das alles bedeutet: Herren mit Zylinder, die feierlich auf sie einreden und sie begrüßen als „nationale Heldin, die tapfer gegen einen internationalen Marxisten gekämpft hat". Männer mit schwarzen Hemden, die den Arm ausstrek« ken, als sie über den Bahnsteig geht. Musikkapellen, militärische Verbände, Fahnen, Kino apparate. Plötzlich stürmen Leute heran. Eine Gegendemonstration. Polizei greift ein. Alles endet mit einer großen Prügelei, und nicht viel fehlt daran, so bekommen Maud und ihre Mutter auch noch etwas davon ab. Froh sind sie, als sie endlich im Hotel landen. Aber auch dort haben die beiden noch keine Ruhe. Photographen, Reporter belagern förmlich das Vorzimmer, und es ist spät, viel zu spät für ein müdes kleines Mädchen, als Maud endlich schlafen gehen kann. Am nächsten Morgen beginnt der Rummel von neuem. Feierlich werden Maud und die Mama von einer Abordnung konservativer Parlamentarier zu Fuß durch Londons belebteste Straßen ins Unterhaus geleitet. Es gibt Verkehrsstockungen, erregte Diskussionen, Prügeleien wie am Abend vorher..In der Wandelhalle des Parlaments empfangen beide, Mutter und Tochter, zahllose Händedrücke jener Herren, die Zylinder auf ihren hohlen Köpfen tragen. Maud muß stundenlange Reden, deren Inhalt sie nicht versteht, über ihren Schulauf- sah mitanhören. Erbarmungslos geht man mit ihr um. Da dieses Kind ja all denen, die es ausnutzen, höchst, aber auch höchst gleichgültig ist. Maud wird hernmgereicht, wie eine Sache, wie ein lebloser Gegenstand. Hohngelächter er-' Die Fakire sind im Orient die Männer, die ihr ruhiges Leben aufgeben, auf die Gründung eines eigenen Heims verzichten, um sich der Verbreitung wesentlicher Wahrheiten über die geheimen Wissenschaften zu widmen, genau so, wie die katholischen und protestantischen Missionäre.ihren Glauben lehren und verbreiten. Ich will mich an dieser Stelle insbesondere mit dem Lebendigbegrabenwerden der Fakire beschäftigen. Wir Fakire rufen in unserem Körper einen Stillstand der lebenswichtigen Funktionen hervor, sowohl der Atmungsorgane wie auch der Blutzirkulation, so daß die empfindungsfähigen Nervenzentren unempfindlich gemacht werden. Aber bevor diese Erscheinungen verursacht werden, bestimmen wir die genaue Stunde, in der wir automatisch unser Bewußtsein zurückerlangen und unsere Atmungstätigkeit wieder aufnehmen. Zuerst sei bemerkt, daß dieses Phänomen der Autosuggestion im Bereich jedes Menschen liegt und daß viele Personen diese Methoden anwenden, ohne sich dessen bewußt zu sein. Bor dem Einschlafen am Abend sagt man sich: Morgen habe ich zu arbeiten und ich muß genau um die und die Zeit austvachen, auch wenn, ich keinen Wecker zur Verfügung habe. Das ist nichts anderes als„Autosuggestion". Und weil dieses System Erfolg hat, findet man es ganz natürlich, ohne weiter darüber nachzudenken. In Wirklichkeit aber ist die antomatische Arbeit während des Schlafs ein großes Mysterium. Wie kommt es, daß du schläfst und gleichzeitig dein Gehirn denkt und weiß, wieviel Uhr es ist? Man muß doch wohl annehrnen, daß das Unterbewußtsein niemals schläft. Ein Beweis hierfür liegt'in der Tatsache, daß die Nachtwandler ihre. Intelligenz zum Ausdruck, bringen, ohne bei Beivußtsein zu sein und ohne sich der Vorgänge in diesem Zustand später zu erinnern. Hin und wieder weiß man am Morgen noch, was man geträumt hat, aber niemals erinnert sich ein Nachtwandler seiner nächtlichen Handlungen, die häufig gewagter und intelligenter sind als kein Tun und Lassen im wachen Zustand. tönt von den Bänken der Linken, als die Kleine inmitten fascistischer und konservativer Parlamentarier den Saal des Unterhauses betritt. „Gewissenlose Sensationshascher" rufen die Vertreter der englischen Arbeiterschaft,„See- lenvergtfter, Marxistenpack", tönt es von der Rechten zurück. Mrs. Mason, die dies alles mit ansah und anhörte, packte Angst. Sie blickte auf ihr kleines Mädchen, wie eS blaß war und kaum noch auf den Füßen stehen konnte. Blitzschnell überzählte die Mutter in Gedanken ihre Barschaft. Es langte gerade noch für die Heimreise. In einem Augenblick, als Rechte und Linke sich gerade herzhaft raufen wollten, packte Mrs. Mason Maud an der Hand und zog sie rasch mit sich. Fuhr zum Bahnhof und mit dem nächsten Zug heim nach Manchester. Die kleine Maud fieberte und zitterte vor Aufregung. Auch noch, als sie schon in ihrem friedlichen weißen Bette lag.„Maunny," sagte sie, bevor sie endlich einschlief,„und England ist doch das schönste Land der Welt. Nur, Mammy, weißt du, die Herren mit den Zylinderhüten und die Männer mit den schwarzen Hemden, die gefallen mir ganz und gar nicht". Wenn man hieran denkt, wird man auch verstehen, warum dex Fakir aus seinem GrabeSschlaf zu vorher bestimmter Stunde wieder erwacht. Eine andere Frage ist, warum sie ohne zu atmen leben können. Wir kennen übrigens auS der Tierwelt ähnliche Erscheinungen. Der Frosch, der an der Luft so schnell mit seinem ganzen Hals atmet, bleibt vier und fünf Stunden unter Waffer unbeweglich erstarrt, die Augen nicht durch die Lider, sondern durch eine besondere Haut geschlossen, die den Pupillen Schutz vor der längeren Berührung mit dem Waffer gewährt. Die Wafferschildkröte saugt an Land die Luft mit tiefen Zügen und vorgestrecktem Hals ein. Nach Belieben kann sie lang» Stunden unter Wasser zubringen. Zwingt man sie aber ins Wasser, wenn sie nicht dazu aufgelegt ist, so erstickt sie und stirbt. Wenn sie sich selbst richtig dazu vorbereiten kann, geht alles gut. Die Waffernattrr besitzt die gleichen Eigenschaften. Bon Murmeltieren, Krokodilen u. a. mehr, die monatelang ein verlangsamtes Lebenstempo durchführen, erhält man die Erklärung für den Scheintod der Fakire. Diese Tierarten bleiben entweder in der Luft oder unter einer dünnen Erdschicht und stellen ihr» Atemtätigkeit vorübergehend ein. Man könnte annehmen, daß sie durch die Haut atmen. Für Scheintodexperimente von längerer Dauer ist es unerläßlich, daß der Körper vor Sauerstoff geschützt wird. Es gibt bei uns Spezialisten, die den ganzen Körper in Platten von weichem Wachs einhüllen, sobald er nach Einstellung der Atmung seine Wärme verloren hat.' Hier Wirts sich eine Frage auf. Wie kommt es, daß unter diesen Umständen Mikroben und andere Lebetoesen, die ohne Sauerstoff existieren können, wie z. B. Knochenfraß und Fäulnis, nicht in Tätigkeit treten und den Körper zur Verwesung bringen? Für dieses Naturgeheimnis liefern vielleicht die Erfahrungen eine Erklärung, die man mit magnetischem Streichen bei Pflanzen und Tieren gemacht hat, wo rin», gewisse Mumienbildung hervorgerufcn wurde. MMWHMMWMMWWMMMMtWMMtMMMMWMMMMWM Lebendigbegrabenwerden der Fakire Von Tahra Bey 8 Die Glocke-er Freiheit Ein aktuelles Märchen von Heinrich Lämmkin Es war einmal ein kleines Volk, das seine Freiheit über alles liebte. Aber der Wohlstand machte es übermütig und uneinig. Da kamen fremde Vögte ins Land, unterwarfen das Volk und erbauten als sichtbares Zeichen ihrer Macht eine Zwingburg auf der Höhe des Berges. Einige Zeit murrte das Valk. dann beugte es sich unter das Joch. Da wurden die Herren übermütig, sie beschlossen, das Volk in seinem Elend zu verhöhnen und ritten von ihrer Burg hinab ins Tal. Vor der Hütte des Glockengießers verließen sie die schäumenden Rosse, und als der Alte aus der Tür trat, um nach ihren Wünschen zu fragen, befahlen sie ihm, eine Glocke zu gießen, deren Klang von der Höhe des Turmes ihrer Burg über das ganze Land hinklinge, das Volk am Morgen, Mittag und Abend daran erinnernd, daß sie die Herren sind im Lande. Zornig machte sich der Alte ans We>ck, goß in die Glocke alles Leid und reine heilige Empörung. Hintveinen sollten ihre Klange über das Land, tief in die Seelen der Menschen greifen, ihnen das eigene Leid ins Bewußtsein rufen; donnernd sollten sie dann hinschallen bis in den letzten Winkel, Empörung entfachend auch in mutlosen Herzen, zur Einigkeit mahnen und so den Weg in die Freiheit zeigen. Und das Werk des Alten gelang. Als die Glocke zum erstenmal geläutet wurde, horchten, die Menschen im Lande auf. Alles Leid, das sie erduldet hatten, steilte sich in ihnen empor, wurde übermächtig, daß sie ihre Hütten verließen, um beim Nachbarn Trost zu suchen. In Gruppen standen' fie auf den Straßen und Plätzen und sprachen zueinander. „Ist das noch ein Leben", sagten die Bauern, die auf den Markt gekommen waren, um ihr« Waren zu verkaufen.„Unsere Körbe sind noch so voll wie in der Frühe. Kein Mensch hat Geld, um uns unsere Ware abzukaufen. Von wo sollen wir unsere Zinsen zahlen? Die Büttel werden uns von Haus und Hof verjagen, wie schon so viele vor uns." „Bon was sollen wir euere Waren kaufen?“ klagten die Leute aus der Stadt.„Die Arbeit ist im Werte gesunken. Unser« Löhne werden immer tiefer herabgedrückt. Tausend« unter uns leiden bittere Not; denn ein großer Teil der Geschäfte steht schon still. Bald werden noch mehr stille liegen; denn wo das arbeitende Diese solare Radioaktivität des menschlichen Körpers besitzt die Eigenschaft, die Mikroben zu sterilisieren und auch neues Leben zu wecken. Es gibt noch ein Geheimnis. Wie kann das Leben der Organe sich so lange erhalten? Dre heutig« Wissenschaft ist nicht in der Lage, auf diese Frage zu antworten. Man muß daher wohl zugeben, daß die Geheimnisse des Lebens noch unversehrt erhalten sind und daß die Seel«, im Vergleich zum Stoff, wunderbare Eigenschaften besitzt. Ganz gleich, wie lange der Körper„lebendig" begraben bleibt, zu einer bestimmten Stunde, die von dem Fakir an dem Tage, an dem er das Bewußtsein verlor, genau festgesetzt wurde, nimmt die Seele erneut ihre Kompetenzen wieder auf. Intelligenz und die Macht des Unterbewußtseins treten in Erscheinung, während das Bewußtsein noch gänzlich ausgelöscht ist. Mit diesem Lebendigbegrabenwerden wollen die Fakire sich von allen materiellen Dingen loslösen, ohne zu sterben- Sie wollen vor allem Volk kein Geld zum Kaufen hat, muß alles zugrunde gehen." „Es muß nicht so sein!" sagten andere. „Wir sind im Grunde genommen ein reiches Voll, doch unser Geld wandert ins Ausland und geht uns so für immer verloren. Würde man es im Lande lassen, so könnte man anständige Löhne zahlen, die Zinsen könnten gesenkt wer-1 den, alle hätten wieder Arbeit und Brot, das Land lvürde wieder aufblühen." Alles bedachte das Boll, und sein Zorn wuchs mit jeder Stunde mehr, denn es liebte die Heimat. Dann beschlossen sie, daß die Aelte- sten hinaufgehen sollten zur Burg und den Herren dort die Wünsche des Volkes zu unterbreiten. So machten sich die Aeltcsten auf den Weg. Die Herren erschraken, als sie von den Forderungen des arbeitenden Volles hörten: Arbeit und Brot für alle,. Schatz der Bauern. Anwendung der reichen Geldmittel im eigenen Lande. Dann aber spotteten sie:„Phantasten seid ihr. „Was ihr fordert, das würde das Land ruinieren." Unter dem Lande verstanden sie aber seit langem nur den eigenen Geldsack. Einer sagte: „Wer verlangt von euren Arbeitern, daß sie zu Hungerlöhnen werken? Sie können es ja sein lassen!" Mn anderer:„Es ist ein alter Grundsatz: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!"— Als die Aeltesten fort waren, beschlossen die Herren, der Initiative des Volles entgegenzuarbeiten. Doch als die Aeltesten dem Volle dies« Antwort brachten, ging ein Schrei der Empörung durch das ganze Land. Die Glocke auf der Höhe des Berges begann über das Tal hinzudonnern, entfachte den alten Freiheitsgeist in den Herzen der Männer, daß fie zum Berge zogen und die Zwingherren verjagten. Jetzt gingen sie daran, in planmäßiger Arbeit aufzubauen, was Habgier und Egoismus zerstört hatten. Es waren noch harte Jahre zu bestehen, doch den vereinten Kräften gelang es, alle Widerstände zu überwinden, und das Land blühte auf wie nie zuvor. Die Glocke war am Tage der Empörung zerbrochen, doch alle Bürger deS freien Staates hörten sie in ihren Seelen klingen, wenn dem Lande eine Gefahr drohte, und nie mehr gelang es einem Zwingherrn, das Volk um seine Freiheit zu Mrügen. gewissermaßen eine Reise ins Jenseits unternehmen, in der Hoffnung, das Geheimnis des Todes zurückzubringen. Leider bleibt, genau wie beim Nachtwandler, der oft Dinge fertigbringt, die ihm im wachen Zustand niemals möglich wären, nichts in der Erinnerung zurück. Er hat gelebt, ohne es zu wiffen. Ist das kein Grund zu der Annahme, daß di« Toten/ wenn sie einmal auf Erden zurückkämen, ebensowenig imstande wären, uns etwas von ihrer außerirdischen Reise zu berichten? Zeuge: St. Lazarus! Wenn die Fakire auch nicht sterben, so magern sie bei ihren Experimenten doch sehr ab. Man kann sagen, daß acht Tage unter der Erde den Körper schon sehr altern läßt. Und wenn sie die Zustände oft wiederholen, so werden sie eines Tages nur zum Bewußtsein und zum Leben zurückkehren, um dann endgültig zu sterben. Die übertriebene erzwungene Ruhr verbraucht die menschlichen Organe mehr als ihre normal« Tätigkeit. Der neue Frauentypus: tri ter Kinderpflege Energieleistungen werden gemessen Nimmt man die Tagesleistung eines Mau« rers mit nur 1000 Steinen pro Tag an, so ergeben diese Steine, nebeneinandergelegt, 230 Meter Länge. Die Saison mit 250 boll« beschäftigten Tagen ergibt 62 Kilometer Iah« resleiftung. Diese Beschäftigung ergibt bei gleichbleibender Leistung eine gemauerte Fläch« von 112.500 Quadratmeter, im Jahr 75.000 Quadratmeter und im Tag 30 Oudratmetep Fläche. Ein Schneider, der in einer Woche 1800 Meter Heftgarn und Zwirn verarbeitet, würde in einem Jahre 03.600 Meter und in 25 Iah« ren 2340 Kilometer Heftgarn und Zwirn ver« arbeitet haben. Der Berechnung dieser Ergeb« niffe liegen folgende Arbeitsleistungen zu« gründe: für ein Jackett 223 Meter Heftgarn, Zwirn und Maschinenseide, für ein Paletot 260 Meter, für einen Ulster 898 Meter, für eine Hose 100 Meter, für eine Weste 70 Meter Heftgarn, Zwirn und Maschinenseide. Ein Paketbriefträger, der täglich 30$ Pakete austrägt, von denen jedes 5 Kilo wiegt, würde am Tage 1500 Kilo und im Jahr 450.000 Kilo befördert haben. Nach zwei Iah« ren Dienstzeit entspräche das Gewicht der betör« derten Lasten 1250 Tonnen, die etwa 750 Güterwagen entsprächen. Jeder Parteigenosse liest das Parteiblatt! — 4 Besuch in den Slums Eine Fürsorgerin des„London Care Comitee" schildert ihren Besuch im berüchtigten Elendsviertel von London, genannt „Slums". Es ist Nachmittag. Ich mache mich auf den Weg zu John Fisher. Er wohnt bei London Bridge, einem der furchtbarsten„Slums" von London. Es hat am Tage vorher geregnet, und ich versinke in dem Schmutz, der die Strasten bedeckt— sie sehen aus, als ob fie nie gereinigt würden— und sich aus Kot und Abfällen aller Art zusammensetzt. Rechts und links sind hohe Zinshäuser. Vielleicht sind sie nicht einmal so hoch, aber wenn man an ihnen hinaufsieht, sehen sie aus, als würden sie nie«in Ende nehmen. Sie find wie dunkle, bösartige Gespenster, man hat Angst vor ihnen, aber vor allem sind eS die lichtlosen Fenster, die mir hie ärgste Furcht einflösten. Selbst am Hellen Wittag herrscht hier Dämmerung. ES fällt einem schwer, sich vorzustellen, dast in dieser Gegend auch Sonne sein kann. Hier ist nichts als Rust voji den naheliegenden Fabriken und den Zügen, die fast ununterbrochen vorbeifahren und deren Lärm an den Nerven reistt. Endlich bin ich vor dem„Hau»" des Mr. Fisher. Ein kleiner Bub steht davor, nennt sich auf meine Frage Jimmy Fisher und wird gesprächig, als ich ihm sage, ich sei gekommen, um seine Mutter zu besuchen. Dann führt er mich hinein. Drinnen ist eS so finster, dast ich mich anstrengen must, irgend etwas zu sehen. Aber Jimmy kennt sich aus. Ich folge ihm und kann kaum Luft schöpfen—, der Geruch benimmt einem den Atem. Die Treppe scheint endlos. In kalten, finsteren Gängen stehen unwahrscheinlich schmutzige, zum gröstten Teil rachitische Kinder herum und starren mich an. Jimmy gibt mir di« Hand und endlich öffnet er eine der vielen Türen, hinter denen man Lärm und Kindergeschrei hört.„Komm herein," sagte er. Das Zimmer ist ziemlich grost und hat zwei Fenster, durch die aber fast kein Licht kommt, weil die zerbrochenen Scheiben zum• gröstten keil durch Fetzen ersetzt sind. In der Ritte stehen ein Tisch und drei Sessel, rechts in der Ecke ein ziemlich breites Bett, auf dem Boden davor liegen einige zerrißene Decken, Kleider, Wäschestücke, die offenbar die Schlafgelegenheit für einen Teil der Familie darstellen. Dann ist noch«in Kasten da, eine Komode, ein Herd, das ist alles. Ueber dem Bett hängt ein Kruzifix. Außerdem befinden sich noch MistreS und Mr. Fisher, desien Bater und vier Kinder in dem Raum. Mr. Fisher fitzt auf einem der Sessel und scheint mich überhaupt nicht zu bemerken. Er hält den Kopf in die Hände gestützt und stiert ausdruckslos vor sich hin. Auf dem Bett hockt ein neunjähriger Bub mit einem Tuch um den Kopf, LeSlie, wegen dem ich ge« kommen bin. Er hat einen glasigen Ausdruck in den Augen und lallt unartikulierte Laute vor sich hin. Dann ist noch ein ungefähr vierzehn» jähriges Mädchen da, die Aelteste. Sie ist sehr Mager, und ein strenger Zug verhästlicht ihr altes Gesicht. Beim Femter sitzt ein Greis, Mr. FisherS Bater. Er ist ganz klein und zerdrückt, ansterdem ist er blind. Mrs. Fisher tritt auf mich zu; an den Händen hält fie je«inen Buben, beide im Alter von drei bis vier Jahren. Sie ist grost und sehr knochig, ihre Gestalt scheint, ausgeleert, blutlos. Das Gesicht must früher schön gewesen sein, besonders di« Augen strahlen noch und haben lange, dichte Wimpern. Um den schmalen Mund liegt ein Zug von Härte, der durch zwei tiefe Falten noch verstärkt wird. Wenn Mrs. Fisher spricht, scheint sie die dünnen bläulichen Lippen kaum zu bewegen. Das Haar ist grau, unordentlich nach- rückwärts gekämmt und schlecht geschnitten. Sie mustert mich mißtrauisch von oben bis unten, dann fragt sie unfreundlich:„Was wünschen Sie?"' Ich überlege, was ich sagen soll, und antwort« schließlich mit einem Blick auf LeSlie, ich sei gekommen, nnch nach seinem Befinden zu erkundigen, ich hätte gehört, er sei krank. MrS. Fisher entgegnete kurz:„Er ist vollkommen in Ordnung." Ich frage, was eigentlich mit LeSlie loS ist. Mrs. Fisher antwortet unwillig:„Ach, er hat Zahnweh." Jimmy, der die ganze Zeit neben mir gestanden ist, ruft auf:„LeSlie, komm her, die Frau will dich sehen." Das Kind hebt einen Augenblick horchend den Kopf, lästt ihn aber gleich wieder sinken. Mrs. Fisher wird ärgerlich:„Komm her, LeSlie!" LeSlie bleibt ruhig hocken, er macht den Eindruck, als wäre er taub. Das vierzehnjährige Mädchen, sie heißt June, mischt sich ein:„Last ihn in Ruh. Mammi, er ist betrunken." Ich erschrecke:„Betrunken?" Mrs. Fisher nickt wie zu etwas Selbstverständlichem:„Ja, wir haben kein Geld für den Zahnarzt, so geben wir ihm Brandy. Das ist ganz recht, er ha» dann gar kein« Schmerzen mehr." Ich mache ein paar Schritte auf das Kind zu:„Leslie!" Er rührt sich nicht. Dann öffne ich ihm den Mund. Die rechte Seite ist so verschwollen, daß man fast überhaupt nichts sieht, außerdem ist da» Zahnfleisch vollkommen vereitert. Während ich langsam den Tee trinke, den sie mir aufgedrängt hat, erzählt mir Mr». Fisher aus ihrem Leben, das wie ein Roman klingt: Sie brennt mit sechzehn Jahren, von irgend jemand verführt, von daheim durch. Dann wird sie Tanzgirl und, um ihre Erspar« Nisse gebracht, heiratet sie schließlich auS Verzweiflung den Arbeitslosen John Fisher. ES ■ Heiteres| Kompliment.„Finden Sie nicht, daß mir mein jüngster Sohn sehr ähnlich sieht?"— „O ja— aber bei einem Jungen s