BUNTE WELT Nr. 13 Unterhaltungsbellage Babi/ Von Elisabeth Sorba Die sorgfältig in Weiß gefleidete Tante befestigte eine bunte Klapper mit einem schönen rosa Band über dem Bettchen, gerade als Baby drei Tage alt war. Die Tante redete fortwährend und Baby verstand sie nicht. Babys Mutter lag im großen Bett und war gleichsam entzückt von dem albernen Lallen der Tante, von Baby und von der großen, kugelförmigen Klapper. Babys Kopf war aber von neuen, auf sie einstürzen den Eindrücken überfüllt und sie hatte keinen Sinn für die Sensation der Klapper. Baby wuchs und die Klapper wurde immer Kleiner. Möglich, daß es nicht mehr dieselbe Klapper war. Klappern haben meistens die charakteristische Eigenschaft, sich in den ersten Lebensjahren fortdauernd zu vermehren. Hingegen haben sie eine furze Lebensdauer und bald verfallen sie dem Nichts. Nach einem Jahr wird der Zuwachs an Klappern fleiner, aber der Verbrauch bleibt. So geschah es, daß Baby nach einem Jahr keine Klapper hatte. Und damals beJahr feine Klapper hatte. Und damals be gann sie sich sehr nach einer farbigen, runden schönen Klapper zu sehnen, mit der sie raffeln könnte und die dann so komisch klirren würde. Aber nach der Meinung der Erwachsenen war Baby dem Klapperzeitalter entwachsen. Und Baby konnte ihnen nicht erklären, daß sie den Klappern noch gar nicht entwachsen sei, da sie bisher mit ihnen ja gar nicht so richtig spielen fonnte. Daß nur die Großen immer um sie herum gerasselt hätten und es jetzt erst an der Zeit wäre, selbständig zu spielen. Gerade jetzt, da auch sie genug stack ist, die Klapper stundenlang zu rütteln. das die Erwachsenen. Aber das Mädelchen faß ungern am Tisch, am liebsten hätte sie auf dem Teppich mit Puppen gespielt. Die Großen wußten wieder einmal besser, was ein kleines Mädel gerne tut. 1936 Baby saß nun viel zu Hause und wachte über die Träume des Kleinen. Inzwischen hatte sie törichte Gedanken. Sie meinte, erst jest wäre es schön, die Liebe kennenzulernen, romantisch und erregend. Auf die Hochzeits reise zu fahren, jezt, von kindlicher Unbeholfenheit befreit, in reifer Sicherheit neben dem geliebten Mann zu sein. Kurz gesagt, Mutter- Baby hatte viele Gedanken und als Klein- Baby ein Jahr alt war, verschenkte sie alle noch gut erhaltenen Klappern und faufte dem Kleinen einen schönen, farbigen Ball. Der Mensch vergißt leicht. Viele Jahre ging Baby in die Schule und gewann sie nicht lieb. Nach der Schlußprüfung blidte sie aber freudigen Herzens auf die Qualen und Aufregungen der Jahre zurück und erwartete froh und gierig die herannahende Zukunft. Baby mußte da mals im Haushalt helfen. Mutti machte sich viel Sorge, daß sie sich bescheiden und doch geschmackvoll fleide, sich gerade halte und Und Baby vergaß noch vieles. Baby ihr Zimmer ordentlich und sauber aufräume. erlernte alles zwei Jahre zu spät und ver= Baby war verzweifelt. Sie erlebte die erste gaß alles zwanzig Jahre zu früh. Bis Liebesenttäuschung und sah mit Neid auf Baby Großmutter wurde, hat sie alles Note ihre jüngere Schwester, die ja teine richtigen wendige so gut erlernt, alles Ueberflüssige Sorgen fannte und an ihrem Federhalter so sehr vergessen, daß sie über die einst nagte und den Kopf über eine Rechenaufgabe schmerzhaften Gefühle, welche Klappern. erbrach, die Baby in einer Minute richtig Bälle, Puppen, Rechenaufgaben, Glüd, lösen konnte. Liebe, Hochzeitsreise begleiteten, nur mehr lächeln konnte. Mit Dankbarkeit dachte sie an ihre Eltern zurüd, die in ihrem Leben alles so schön eingerichtet, geordnet und geregelt hatten und vergaß, daß sie die Spielzeuge just im Moment verlor, als sie ihr Freude zu bereiten begannen. Aber so ist das Leben. Es gibt einem alles zu früh und nimmt ebenfalls zu früh alles weg. Für die lebten dreißig Jahre bleibt dann meistens nichts übrig. Die Zeit kam, daß Baby sich richtig vermählte. Kaum ein Jahr und sie hatte auch ein Baby. Einige Tage war Mutter- Baby sehr glücklich. Endlich ist das richtige Spielzeug gekommen. Jetzt wird man sie nicht mehr auslachen, niemand wird behaupten, daß dieses Spielzeug zu ihrem Alter nicht paffe. Das Spielzeug hat endlich ihr Alter eingeholt. Dieser frohe, aber irrige Gedanke war nicht von langer Dauer. Baby mußte einsehen, daß das kleine Baby kein Spielzeug, sondern ein sehr, sehr ernstes Ding sei. Und Baby legte damals Patiencen, damit sie doch ein ihrem Alter entsprechen des Spielzeug habe. Sonderbare Ehen Die Natur schafft in ihrer Launenhaftig keit oft Formen und Beziehungen in der Tierwelt, die uns sonderbar erscheinen. Die Sprache ist arm zur Kennzeichnung derartiger Erscheinungen der in ihrer Gefeßmäßigkeit so einfachen, aber auch unendlich abwechslungsreichen Natur. Man mag über solche Dinge lachen, dennoch sind sie weder komisch noch grotest. Sie find: Natur! Baby bekam einen Ball. Je mehr eine Tante sie liebte, desto größer war der Ball, den sie ihr bescherte. Mit den Bällen spielte auch Mutti, sogar Bati fand manchmal Lust mit ihnen zu spielen. Babys Händen entglit ten sie immer. Sie verschwanden unter dem Bettchen, wohin ihnen Baby nicht nachklettern konnte. Die Erivachsenen hatten meist keine Zeit, die Bälle unter dem Bettchen herauszufischen. Als Babys Hände und Arme schon Es gibt viele Tierarten, bei denen das so groß waren, daß sie sogar unter das Bett Weibchen größer und stärker als das Männchen friechen konnte, schenken ihr die Tanten keine ist. Wenn man das hört, muß man univillBälle mehr. Sie bekam Puppen. Baby wußte türlich an die hochgewachsene, starke und enermit ihnen nichts anzufangen. Oft fielen sie gische Frau des Wisblattes denken, die, den zu Boden und ihre Köpfe zerbrachen. Als Kochlöffel hoch schwingend, ihren Kleinen, zarten auch das letzte Püppchen in Trümmer ging, und furchtsamen Gatten ermahnt, ihr nicht zu war Baby schon ein recht großes Mädelchen widersprechen. Es gibt sogar auch solche Weibund zum ersten Male beweinte und be= chen in der Tierwelt, die um das Vielfache grötrauerte sie aus innigstem Herzen ihre her und schwerer als die Männchen sind. Es gibt . Puppe. Inbrünstig sehnte sie das Weih- dafür Beispiele, die unglaublich erscheinen, wenn nachtsfest heran. man ein derartiges Ehepaar nicht gesehen hat. Es überschreitet aber sicherlich nicht die Grenzen der Glaubwürdigkeit und der Vorstellbarkeit, wenn man hört, daß das Weibchen einer tropischen Kreuzspinne, der Nephila imperial is, zwölfmal so groß wie das Männchen ist. Auf Menschen angewendet, würde dieser Weihnachten kamen, aber am Gabentisch fand Baby keine Puppe. Federhalter, Bücher und sonstige Wunder warteten auf sie. Zum Geburtstag bescherte Vati Baby das neueste Gesellschaftsspiel. Es war interessant und lehrreich. Hauptsächlich fanden Maßstab für einen hundertachtzig Zentimeter großen Mann eine Ehegattin von fast zweis undzwanzig Meter Größe ergeben. Ge meinsame Wege eines solchen Ehepaares wären nur dann möglich, wenn die Frau den Manu mit sich herumtrüge. Modekünstler und Meister der Kunstgewerbe würden sicher dafür einen richtigen Behälter finden. Ein solcher müßte freilich nicht nur praktisch sein, sondern auch dem Geschmack der Frauen entsprechen. Man fann sich denken, daß damit noch lange nicht alle Probleme erledigt wären, die sich aus ders artigen Größenunterschieden ergeben. Man denke nur, welche Aufgaben zum Beispiel nur Baumeister, Tischler und Schneider da zu lösen hätten. In der Tierwelt gibt es aber Ehen zwischen Riefenfrauen und Zwergmännlein mehr als genug. Und der Gedanke, daß das Weibchen das Männchen oder mehrere Männchen auf sich herumträgt, ist in der Tierwelt in sehr vielen Fällen eine lebendige Wirklichkeit. Auch dafür gibt es Beispiele mehr als genug, insbesondere in der artenreichen Gruppe der niederen Krebsarten. Dies alles ist aber noch gar nichts. Man findet in der Tierwelt Weibchen, die Freunde der allereinfachsten Formeln sind und daher ihre Zwergmännchen an sehr diskreten Stellen ihres Körpers aufbewahren. Sagen wir es ganz offen heraus: im innersten Innern des Geschlechtsapparates selbst. Ein solch fürsorg liches Weibchen ist das Weibchen einer Wurmart der Meere, der Bonellia viridis. Allerdings sind die Gatten einer solchen merkwürdigen Frau nur ein bis zivei Millimeter groß. Sie können sich nicht selbständig er nähren. Dafür sorgt das Weibchen, das mehrere Männchen mit ihren Körpersäften verköstigt. Dafür sind sie aber auch immer an Ort und Stelle, wenn es heißt, für die Erhaltung der Art zu sorgen. Da gibt es feine Seitensprünge und kein Auskneifen. Alles, was die Zwergmännchen an arterhaltendem Stoff ausscheiden, Tommt als Gegenleistung für Kost und Quartier der Frau Bonellia zugute. Mag man wie immer über diese sonderbaren Männchen denken, sicher ist es, daß sie in höchst zivecdienlicher Weise dem höchsten Ziele der Natur: der Arterhaltung dienen wenn man auch denen nicht beistimmen kann, die der Meinung sind, daß ein Bonellia- Männchen die Verkörperung des Ideals des richtigen Mannes an der richtigen Stelle wäre. Recht praktisch sind auch die Weibchen in mehreren Sippschaften der niederen Krebse, zum Beispiel in der der Chondiacanthis den. Sie reichen zwar in ihrer Fürsorglichkeit nicht an die Frau Bonellia heran, aber immer hin räumen sie ihren Männchen an ihrem Körper einen Platz ein, der vom Standpunkte der Arterhaltung recht günstig gelegen ist: in der Nähe der Geschlechtsöffnung. Daß es eine Anzahl von niederen Krebsarten gibt, bei denen sich die Männchen von den Weibchen mit denen sie fast unzerreißbaren Bänden für das Leben verbunden sind her umtragen lassen, ist lange kein Geheimnis mehr. Neuere Forschungen haben aber ergeben, daß " 2 Symbolisch Man sieht jetzt in vielen Städten Wahltransparente mit den Aufschriften: Deutschlands Garnisonen find Gar: nisonen des Friedens", oder ,, Für den Frieden Europas". ( Beitungsnotis.). Sie werden von Kapitalisten gespickt und nennen sich: sozial, fie haben die Freiheit gewaltsam erstickt und nennen Gewalt: legal. Im Arbeitsdienst stehen Taufende stramm, und Tausende sperren sie ein. Sie nennen es: Arbeitsbeschaffungsprogramm; ( wer's ihnen nicht glaubt, läßt es sein), Sie reichen Europa die Friedenshand, und stellen zum Rhein Soldaten. Sie schwören, das sei nur ein Friedensgarant ( mit Bomben und Granaten). Sie räften auf: der Welt zum Wohl, fie brechen Batte: als Symbol, wenn sie erst hauen und schießen werden, dann länten die Glocken:„ Frieden auf Erden"! Petra man ähnlichen Familienverhältnissen auch bei den Fischen der Weltmeere begegnet. Sie gehören der Gruppe der Geratoideen an. Als man zuerst einen solchen Fisch, den Ceratias hollboelli mit an seiner Bauch feite festgewachsenen winzig fleinen Fischchen in den isländischen Gewässern fand, glaubte man, daß es sich da um ein Fischweibchen handelt, das seine Jungbrut in dieser Weise mit sich trägt und beschützt. Erst die nähere Untersuchung er gab es, daß die Fischchen an der Bauchseite 8wergmännchen sind, die mit dem Weibchen eine ähnliche Ehegemeinschaft bilden, wie die, die bei verschiedenen niederen Krebsarten schon früher bekannt war. Den Gelehrten, die mit dem Forschungsschiff der dänischen Regierung„ Dana" in den Jahren 1928-1930 die Erde umsegelt haben, ist es geglückt, eine Anzahl solcher Fischarten aus den Tiefen des Meeres an das Tageslicht zu bringen. Man findet sie in allen Ozeanen, die größte Anzahl an Arten beherbergen aber das Karibische Meer und der Golf von Panam a. Die Stellen, wo die Zwergmännchen am Körper des Weibchens angewachsen sind, sind bei den verschiedenen Arten verschieden; man fand Zwergs männchen nicht nur an der Bauchseite des Weibchens festgewachsen, sondern auch auf der Innenseite des Kiemendeckels und sogar auch auf der Nase. Diese Körperstelle hat zum Beispiel das etwa sechs Zentimeter große Weibchen der Fischart Photecorynus spinipes tann sich denken, welche erbärmliche, verfümseinem Männchen zur Verfügung gestellt. Man merte Gestalt ein solches Männchen, das sich auf der Nase seiner Frau herumtragen läßt, haben muß. Es besteht fast nur aus Geschlechtsdrüsen. Die Biologie dieser Fischarten ist noch nicht geklärt. Wie und wann gelangen die Männchen auf die Bauchseite, auf die Nase oder auf die Innenseite des Kiemendeckels des Weibchens? Warum wählen die verschiedenen Männ chen verschiedene Aufenthaltsorte auf dem Körper des Weibchens? Für diese und viele andere Rätsel des geheimnisvollen Lebenslaufes dieser Tiere gibt es noch keine Lösungen, nur Vers mutungen. Haben derartige Formen und Beziehungen in der Tierwelt überhaupt einen Sinn? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. sicher ist es, daß die Natur mit Ueberraschun gen nicht geizt für die, die die Mühe nicht scheuen, ihren Geheimnissen nachzuspüren. Man muß freilich auch etwas Forscherglüd dabei haben. T. R. 200 Jahre tschechische Emigranten in Berlin Im Jahre 1736 empfing der Sol datenkönig Friedrich Wilhelm den Grafen von 8 inzendorf, dem der Ruf eines wunderlichen Heiligen vorausging. Er betätigte sich als Erneuerer der Brüderkirche, deren Anhänger, die Böhmischen Brüder", bor wenigen Jahrzehnten aus Böhmen hatten emigrieren müssen. Ein Teil hatte sich in Sachsen( Herrenhut) niedergelassen, für den Rest erbat sich Zinzendorf die Zu stimmung des Königs zur Ansiedlung bei Berlin. Der Tulpenhof von Rigdorf wurde in 18 Höfe geteilt und gegen einen jährlichen Zins von 18 Talern und einigen Hand- und Spanndiensten 18 böhmischen Familien zugewiesen. So entstand neben dem deutschen ein böhmis sches Rigdorf; als Gemeindevorsteher des böhmischen Rigdorf fungierte Paul Veiprachticky, Schöffe war Tobias Gureček, unter den Ackerwirten sind Namen ivie Kopecký, Silhanit, Duschet, Maret, Crudom, Christet vertreten. Bald hatten sich die Böhmen auf dem neuen Boden eingelebt. Wenn auch die Bewohner des deutschen Rirdorf die Zus wanderung dieser landfremden, durch die langen Irrfahrten heruntergekommenen Elemente mit gemischten Gefühlen ansahen, so respektier ten sie doch den Willen des Königs und es er gab sich schon nach wenigen Jahren gute Nachbarschaft. Allmählich wurden auch die tschechi schen Namen abgeschliffen, aus Maret wurde Maresch, aus Schlossareck Schloffrack, aus Macat Maschef 0 ## | Kromer Auf Glaubens- und Lebensgemeinschaft im, meindet. Verschwunden ist das Cestá hospoda" Geiste der böhmisch- mährischen Brüder, also in der Richardstraße, in dem einst fünf Sloauch im Sinne des Amos Comenius, wurde be- wafen, die mit Rattenfallen handelten, an fonderer Wert gelegt. Während des Sieben- Koblengasen erstickten. Großstädtischer Betrieb jährigen Krieges drangen Kosaten in das böh- verdrängte die Landwirtschaft, verdrängte auch mische Rigdorf ein und nahmen die Brüder die tschechische Sprache, die nur noch in einigen Vejprachticky und Hňatet ein Stück Weges als Weihegefängen, wie" Cas radosti" fortlebt. Boten mit. Uebel mißhandelt fehrten sie wieder Auf dem„ Paloucek" wurden die Feste im zurück. Als der Minister Friedrich II. Herzberg Freien gefeiert. Bis vor wenigen Jahren zog Gutherr von Briz und Nixdorf wird, wurden die Gemeinde am Ostermorgen, za branou" Wege und Straßen angelegt und die Zucht von die Frauen mit dem historischen Kopfput Seidenraupen eingeführt. Erst 1874 wurden zu dem böhmischen Gottesader, auf dem die das böhmische und das deutsche Rirdorf ver- Nachkommen der Böhmischen Brüder aus Heř einigt und 1899 als„ Neufölln" Berlin einge manic und Roiwasser schlimmern. Der Eẞkorb 8Nun er schon den zweiten Tag im Bett| Magen damit fertig werden! Den zweiten Tag lag, nicht schlafend, sondern nur vor sich hin hatte er schon nichts im Leib( fein Magen bösend und träumend die Ernährungswis- frampfte sich zusammen), nein, man mußte da senschafter hatten festgestellt, daß man in dieser sehr vorsichtig zu Werke gehen. Er würde sich Lage die wenigsten Kolorien" berbrauchte- vorerst nur die Suppe gönnen dürfen. entdeckte er plötzlich, daß sein kühler, flarer Verstand, der die Grenzen feiner Macht und Ohnmacht leider so gut einsehen gelernt hatte, nun zu denselben Hilfsmitteln griff, die er schon als Knabe anwendete, wo er diese Grenzen elben noch nicht fannte: daß er sich in Wachträume flüchtete! Schon damals war es so ges wesen, daß sein dürftiger kleiner Bubenkörper feinen Sunger in herrlichen Phantasien auslebte, daß er im Bett vor dem Einschlafen von Genüssen träumte und alle die guten Dinge, die er auf den Straßen in den Schaufenstern sah, souverän in Besitz nahm. Damals stand neben seinem Bett ein alter wadliger Stuhl, auf den er seine Kleider hängte. Die Sibfläche war von Farbe ganz abgerieben und zeigte längs der Faserung des Holzes tiefe Rillen. Unter diesem armseligen Stuhl stellte er sich das Tischleindeckdich aus dem Märchen vor. Es hatte von allen immer den stärksten Eindruck auf ihn gemacht, vielleicht weil in seiner entbehrungsreichen Kindheit die Genüsse, die es versprach, so unbekannte und unerfüllbare Wunder waren. Er sah den wackligen Stuhl andächtig an und dachte nach, was er sich nun alles wünschen würde. Und dann ließ er die Herrlichkeiten aufmarschieren und lebte sich so intensiv hinein, daß er sich nur schwer wieder in der dürftigen Wirklichkeit zu recht fand. Diese Wachträume tauchten nun plötzlich nach Jahren wieder auf. Wohl, weil sie der gleichen dunklen Not in ihm entsprangen. Es tat so gut, aut liegen, jeden Widerstand aufzus geben und die Flucht in die Traumivelt anzu treten. Freilich, das Tischleindeckdich von damals war längst alter Bodentram geworden. In seinem Alter ließ sich die Wirklichkeit nicht völ lig ausschließen. Aber konnte es nicht noch andere, realere Tischleindeckdich geben? Bum Beispiel: es klopfte an der Tür. Er sagte mit nachlässiger Stimme:„ Herein!" Da öffnete fich die Tür und herein trat ein Kellner in blütentveißem Rock mit einem großen Tablett auf dem Arm. Er verneigte sich höflich und fagte:„ Hier bringe ich das bestellte Menü, bitte, wohin darf ich es placieren?" Worauf er erstaunt antwortete:„ Ich habe nichts be= stellt!"„ Es ist für den Herrn bestellt worden!"„ Wer hat das getan?" Der Kellner machte eine diskrete Handbewegung:„ Das weiß ich nicht, ich bin beauftragt, es hier abzugeben." Gut, dann stellen Sie es hier auf den Tisch!" Dann griff er nach der Geldbörse, um fie nach einem Trinkgeld abzusuchen, obwohl er wußte, daß er feinen Groschen drinnen hatte. Aber der Kellner machte wieder jene diskret ablehnende Handbewegung, verbeugte sich und sagte:„ Es ist alles in Ordnung. Wünsche dem Herrn wohl zu speisen!" Und ging. Nun stand also dort auf dem Tisch ein großes Tablett mit Speisen. Der angenehme Duft 30g herüber und stach ihm in die Nase. Er zog die Stirn fraus und dachte nach, was er sich wohl auf diesem Tablett wünschen sollte. Ja, ein tiefer Teller fräftiger Rindsuppe mußte dort stehen und Fleisch und Salat und Mehl speisen und herrliches Obst, Butter und Käse und sogar der schwarze Kaffee durfte nicht fehlen. Auf so einem Tablett fonnte schon eine ausgiebige Menge Plak haben. Aber, Herr bea Simmels, wie sollte sein geschwächter Hm, und wer follte das für ihn bestellt haben? Er fannte niemanden, der sich darum sorgen würde. Wer sollte dahinterstehen? Eine Unbekannte, die ihn aus der Ferne verehrte. Aber, Himmel, was sollte schon an einem armen Teufel wie er zu verehren sein? Nun, das war Geschmacksache, man konnte berehren, wen man wollte. Liebe war ja oft eitas Irrationales. Also, es gab diese Unbekannte. Sm, sah das nicht wirklich ziemlich schofel aus, daß sie es da gleich mit einer regelrechten Abfütterung bei ihm versuchte? Nein, damit würde sie kein Glück haben; schließlich hatte man doch auch seinen Stolz. Da mußte sie es schon anders an fangen. " Vielleicht ging es so: Es flopfte. Und auf feine Aufforderung trat ein Dienstmann ein, der einen großen verhüllten Gegenstand in der Hand trug. Schamster Diener, gnä Herr, das foll i da abgeben!" Diesmal war er nicht mehr verwundert, sondern suchte wieder nach seiner Geldbörse. Und wie der Kellner vorhin, machte auch der Dienstmann eine diskret ablehnende Handbewegung und sagte:" Is schon erledigt, gnä Herr! Schamster Diener!" Und dann schälte er aus den Papierhüllen den geheimnisvollen Gegenstand. Es war ein großer schöner Eßkorb aus einer Feinkosthand lung, mit den herrlichsten Dingen gefüllt.( Er sah einmal im Theater bei einer Premiere, wie ein Star einen solchen Korb bekam.) Und mitten brin stat ein Kärtchen, auf dem nicht stand als:„ Von einer unbekannten Freundin." Das ging, das war nicht schofel. Wenn ein Star einen solchen Korb empfangen konnte, dann konnte er es auch. was passiert, denn ihre Kinder können ja net Deutsch und die haben mir wahrscheinlich gschrieben. Stellen S' Ihnen vor, wie mir ia, da hab ich seit gestern den Brief in der Hand und weiß net, was drin steht. Ihner Hauss meister hat mir graten, ich soll zu Ihnen gehi Sie haben in einem Büro garbeit und können Englisch." Er nidte. Ja, er könne Englisch und werde ihr den Brief gern übersetzen. wenig schwach und wacklig auf den Beinen ges Er hatte sich, wie er so vor ihr stand, ein fühlt, war ungewaschen, unrasiert, ohne Hemda Arbeit-, fragen. Aber als er das Papier zwischen den Fingern fühlte und die wohlvertrauten Worte sah all das roch und schmeckte ein wenig nach da verschwand das Hunger- und Schwächegefühl, er vergaß die kindischen Phans tafien von vorhin, sein Gesicht nahm einen fona zentrierten Ausdruck an und er begann die Uebersetzung. Sie hatte richtig geraten, die Schwester in Amerika war wirklich gestorben und der Brief enthielt eine lange Krankengeschichte. Die Frau Selchermeisterin wischte sich die Augen und ex mußte ihr den Brief dreimal vorlesen. Aber damit war seine Mission nicht beendet, denn nun sollte er noch eine ebenso ausgiebige eng lische Rückantwort schreiben. Als er fertig war, fragte ihn die Frau Selcherin, was er bekomme. Er war verlegen. Da legte sie drei fettige Schilling auf den Tisch, griff nach ihrer Tasche und sagte, sie habe noch etwas aus dem Geschäft mitgebracht,„ weis man das heut in jedem Haushalt brauchen fann". Und damit framte sie Würfte, Selche fleisch und Speck aus der Tasche. Als sie gegangen, starrte er verzückt dars auf nieder. Also wirklich die Verehrerin, mik dem Eßkorb! Nein, viel herrlicher, selber ver dient! Im ersten Impuls wollte er sich wie ein hungriger Wolf auf die Speisen stürzen. Aber ein eigenes Gefühl hielt ihn zurück. Nein, ex wollte sich vorerst waschen, rasieren und den einzigen reinen Hemdkragen umbinden. d. J. Er machte einen Ueberschlag, wie er sich die Sachen für die folgenden Tage einteilen würde. Aber dann runzelte er unzufrieden die Stirn: Der Korb war allein so viel wert, daß er acht oder vierzehn Tage davon Leben hätte können! Und wozu Schinken und Käse, wo er am Notdürftigsten Mangel litt! Pure Berschwendung! Das wirkte aufreizend und er riet Der König der Bettler der Unbekannten, solche Tattit lieber zu laffen! Er warf sich gähnend auf die Seite und grinste über seine Phantasien. Sie standen denen seiner Knabenjahre nicht nach. Poch, poch, poch!" Ja, gesezt den Fall, wenn es flopfie.( Es flopfte immer in seinen Wunschträumen!). Poch, poch, poch!" Aber es flopfte doch wirklich. Herein!" sagte er ein wenig verwirrt. Richtig, er hatte doch abgeschlossen. Er griff nach seinen Kleidern und dann ging er öffnen. Vor der Tür stand fein Kellner und kein Dienstmann, sondern eine dicke behäbige Frau, in weißer Schürze, eine Strohtasche am Arm, aus der eine dicke Wurst lugte.„ Entschuldigen S' schon", sagte Sie, Ihner Hausmeister schickt mich her, nämlich, ich bin die Selcherin vom Ed."( Richtig, jetzt erkannte er sie.) Er öffnete die Tür ganz und ließ sie eintreten. " Sie sette ihre Erklärung fort.„ Ja wissen S', das is nämlich so: Ich hab a Schwester, die is vor zwanzig Jahr nach Amerika gangen und hat dort gheirat und hat Kinder. Und alle paar Jahr amol hat s' mir halt gschrieben, an ausführlichen Brief, und ich hab ihr wieder gschrieben. Und gestern auf amol, da krieg ich an Brief, der is net deutsch, sondern englisch. und da fürcht ich halt, meiner Schwester is Auf der Stadionstraße in Athen figiert mich ein älterer Herr schon von weitem. Er steuert genau auf mich zu. Fest richtet er seinen Blick auf mich und läßt mich nicht mehr aus den Augen. Kurz vor mir bleibt er stehen. Fünf Drachmen, bitte", sagte er in strens gem Ton. Ich bin wie aus allen Wolfen gefallen. ,, Wie, bitte?" Sie sind zwar ein Fremder, das sehe ich Ihnen an, aber Sie verstehen doch griechisch. Also, fünf Drachmen." „ Ich verstehe zwar griechisch, aber ich vers stehe Sie nicht." " Sie haben doch einen Beruf, nicht wahr? Es geht Ihnen doch nicht schlecht. Ich sehe es doch." Und dabei mustert er mich von oben bis unten. Und mir geht es absolut nicht gut. Was sträuben Sie sich denn da noch? Herr, geben Sie mir meine fünf Drachmen." Und als ich immer noch zögere:" Sehen Sie denn nicht, daß sich schon Neugierige ansammeln? Blamieren Sie mich nicht." Eigentlich bin ich etwas erbost über diesen Ueberfall. Seit wann schreiben einem die Bettler vor, wieviel man geben muß. Der alte Knabe bemerkt mein Zögern. Sehen Sie, was find denn schon fünf Drachmen. Ein Kaffeechen. Und ich flehe.•. Alle Worte»erde» leer, wen« ich ei Dir sagen Witt. Denn eS ist so grast«nd schwer. Und mein Mnnd»leibt still. Sieh, ich falte meine Hände, .senk vor Dir den Blick. Und ich flehe, daß ich's fände, daß eS nimmer mir entschwinde, lang erhofftes Glick. Erich Burger. ein Bretzelchen, ein Zigärrchen und huisch sind sie auch' schön weg. Vergönnen Sie mir das Nicht, Herr?" Ich greife in die Tasche.„Hier haben Sie zwei Drachmen, die werden tS auch tun." „Nein, fünf", sagt er energisch und übersieht dabei.geflissentlich meine Hand. ES haben sich nun schon allerhand Leute angesammelt. Um der peinlichen Situation zu entgehen, erlege ich den geforderten Tribut und schicke mich zum Gehen an. „Nun, Barba Kosta, haste wieder ein Opfer erwischt?" ruft lachned einer der Umstehenden. „Bon Dir, Du Habenichts,' werbt ich be» stimmt nichts bekommen", erwiderte wütend der Bettler.„Und wenn auch. Wie hoch soll ich Dich denn schon einschähen? Mit zwanzig Lepta? Und die kannst Du einem Schnorrer kn die Hand drücken, aber. nicht mir. Wenn solche Herren nicht wären", und dabei deutete auf mich,„fremde Herren, dann wäre ich längst verhungert. Was seid Ihr Athener über« Haupt für eine Bagage. Habt nun bald eine Million Bürger in Euren Mauern wohnen und jeib nicht einmal imstande, einen einzigen armen Greis anständig zu ernähren. Schämt Euch was." Er grüßt mich lächelnd und huldvoll und steuert, ohne von den Neugierigen, di« inzwischen eine beträchtliche Zahl«rreicht haben, tveiter Notiz zu nehmen, quer über die Straße einem Kafsenion zu. Dr. Willy Meyer-Honrath. Alte Anekdoten Zwei Arme unterhielten sich über die Revolution. Der eine:„Das ist nun die große Krage der Kragen: Aristokrat oder Bürger, wer ist von besserem Geblüt?" Der andere:„Das beste. Blut muß der Arme hoben, denn all« wollen davon!"(Zuerst in Italien, um 18VV.) Ein französischer Chasseur prügelte einen deutschen Bauern, der seinen Spartopf retten tvollte. Der Oberst des Regiments kam dazu und fragte, was eS gäbe. „Herr Oberst", antwortete der Soldat, „der unverschämte Hund will un- sein Geld stehlen!"(In Baden 1809 aufgekommen.) • „O Herr Pfarrer, ich wünschte, ich könnte Mein Geld mitnehmen",' sagte der reiche Mann, als er zum Sterben kam. „Lieber nicht", antwortete der Geistlich«, »t? möchte Ihnen schmelzen!" (Spanien, um 1810.) Ein Dieb wurde zum Galgen geführt. Man fragte, ob ihn der Diebstahl reue. Er antwortete:„And ob es mich reut, daß der Diebstahl nicht.wenigstens so viel emge-