BUNTE WELT Nr* 3 Unterhaltungsbeilage 1938 Der Zeichner der Vergessenen schrieb. in dec und die von wenig Stand, die „Wenn ick will, kann ick Blut in den Schnee spucken.“' noch goldenen Boden und wenn man noch Talent dazu besag, das der Bub beim Zeichner Spanner in der Blumenstraße ausbilden lieg, dann waren die Aussichten nicht schlecht. In den Werkstätten brachte man ihm den Buntdruck bei und später die Technik des Lichtdrucks, der Zinkographie und Phoiogravure. Zwischendurch zeichnete er für sich nach der Natur. AVer erst mit fünfzig wurde er Zeichner von Beruf. Ivenn er sich auch schon 1801 von den Freunden hatte überreden lassen, in der ersten Schivarz-weiß- Ausstcllung der Berliner Sezession auszustellen. in den Papiergeschäften und Schrcibwarcnhand- lungen von Berlin ß verkaufte. Bon Akademie der Künste, Kupferstichkabinett und Nationalgalerie, wo seine Skizzen und Radierungen schließlich Aufnahme fanden, war ihm an der Wiege nichts gesungen worden. 1872 wollte der Vierzehnjährige„Lithograph lernen". Denn Handwerk hatte zu jener Zeit Der Zeichner von Berlin O und Berlin N. HeinrtchZille, wäre am 10. Jänner 8» Jahre alt geworden, wenn ihn nicht sein gütige- Geschick im Spätsommer de- Jahre» 1928 hätte strichen lasten. Für die Darsteller der ungeschminkten Wahrheit wäre später kein Platz in seinem Berlin gewesen; Zille ohne Berlin tväre aber wie ein Fisch ohne Wasser. Der Alte mit dem struppigen Bart und dem breiten, schwar zen Schlapphut sprach nicht hochdeutsch, er sprach, wie man spricht, wo er zu Hause war.„Sätet Zille". der sein geliebte-.MilljH" brauchte, hat die Welt. seine Welt, die er mit „Schnepperchen"-em.Lö wen de- Osten-" und der .Liese mit'» Jlaßoje" teilte, zur rechten Zeit ver lassen. zu einer Zeit, da man die Schrecken der Ver gangenheit schon vergeffcn hotte und die der Zukunft noch nicht kannte, da man hoffnung-froh war,— vielleicht allzu sehr. 1924 hatte man Vater Zille zum Mitglied der Akademie gewählt, wa» den völkischen„FrideriruS" zu dem Schrei veranlaßte, den der Zeichner schmunzelnd in der kurzen Skizze seine- LebenSlaufeS selbst zitiert: „Der Berliner Abort» und Schwangerschaft-zeichner Heinrich Zille ist zum Mit glied der Akademie der Künits gewählt und vom Minister bestätigt worden. Verhülle, o Muse, dein Haupt!" Ihm war nicht darum zu tun, Mitglied der Akademie zu werden; wie wenig er auf derlei hielt, bewies er durch die Tatsache,-ast er sich da»„nicht gerade heitere, Sonne erhellte Feld, den fünften Bcrgeffenen" zum Schauplatz seiner Tätigkeit. zum Modell gewählt hatte. Er liebte fie, diese Gestalten in den Destillen und Krllerkneipen, die Bettler. Zuhälter und Straßenmädchen, die blaffen Kinder um den Schlestschen Bahnhof und im Norden. Ihm waren ste so, wie sie waren,«ine„Welt für sich,— die man bekämpft, aber nicht heilt". Er kannte diese Welt und verstand sie, weil er ihr entstammte. Sei nen Vater bezeichnete er als den.Ältesten In sassen des Schuldgefängnisses, den die Gläubiger I Damals„war man entrüstet über die Ber» jabrelang festhielten". Seine Mutter verfer» I nngliinpfung Berlin- und seiner Einwohner", tigte au» Tuch- und Pelzresten Tintenwischer I Zille war da» ziemlich ,z>iepe". Er zeichnete in Gestalt von Schweinchen, Hunden, Katzen I grimmig schmunzelnd drauflo», seine Bilder«r- n»d Mäusen, die der Junge nach der Schule| schienen im„Simplizissimus" und in der„Ju gend", fanden Anklang und brachten auch etwa» ein. Heinrich Zill«, das wurde ein Begriff, wie Käthe Kollloitz. Sein Herz gehörte denen, die in den feuchten Mietskasernen hausten, zehn und mehr in einem Zimmer, Männer. Frauen und Kinder; Vater. Mutter. Großmutter und die Bettgeher, gesund oder krank, nüchtern oder betrunken. Er kannte ihr Leben, da- so wenig vornehm. so wenig ästhetisch auf die vornehmen Aesthe- teu des Tiergartenviertel- wirkte, daß es lange Zeit dauert«, ehe man diese Art binnahm, die e- ablehnte, den Mantel der Eigenliebe über die Gestalten zu breiten, die in Wohnungen verbannt waren,„mit denen man Menschen genau so gut töten kann, wie mit einer Axt". Er war nicht bereit, es einfach hinzunehmen, daß. wenn man die „Bergestenen" schon ihrem Schicksal überließ, man auch noch di« Augen vor diesem Schicksal verschloß. Ec machte sich keine Illusionen.' er wußte, daß er da- Los seiner skrophulösen, tuberkulösen. Keinen Freunde in den Gasten der Großstadt mit seinen Zeichnungen nicht verbessern würde, aber fie waren da. sie lebten stoischen den grauen Hausmauern ihrer armselige» Ouartiere, und fie starben ebenso laut oder leise, ebenso trostlos, wie sie gelebt hatten, inmitten der Lufr, die voll Verzweiflung war. voll Krankheit, Alkohol unbar der Liebe. Heinrich Zille kam zu ihnen in die Schnapsbutiken, denn er gehörte zur Familie derer, die sie belebten. Jawohl, er di« schwangeren Aber waren fie zeichnete Weiber, in Berlin O und R nicht ständig schwanger, und hätte er nicht lügen müssen, wenn er sie unerwähnt gelassen hätte?! Er haßte nicht. Er übersah nicht-, er kannte auch die Zusammenhänge, aber er haßte nicht. Er bedeckte alles mit seinem schmunzelnden, nie laut schallenden, manchmal bitter traurigen Humor, mit jenem milden Lachen, da- die Tränen nicht ganz verbirgt. Wie etwa im ..Fräuleinskind", den zwei Bildern vom buckligen Annekin. zu welchen er-en Text wie er es immer tat: „Meist sah man die kleine Anna Goffe spielen. Ihr gekrümmter Rücken zusammengezogrnen Beinchen ließen sie nicht mit anderen Kindern umherspringen. Nun ist Annekin int Himmel. Tie Enge! haben de» KrudeI aufgemacht, die gequetschten Flügel rausgelassen und geplättet. Sie jubiliert in Luft und Sonne. Auf dem Wege zum Kirchhof, ihrer ersten und letzten Wagenfahrt, gab ihr der Himmel Regengeplätscher für Musik und Tränen. Und doch, der Tod, der alte Gleichmacher, erfreute die Mutter noch. Er verbefferte dem Schöpfer sein Werk. Die gekrümmten Glieder streckten sich und schlank lag Annekin zum ersten Male— aber im Sarg." „Ja Frrilein", sagt« die alte Nachbarin, „so'n kleenet Kind iS eejentlich erst scheen, wenntS tod iS!" Am 9. August 1929 ist Heinrich Zille, der Zeichner des fünften Standes, der Vergessenen, in seiner Zweizimmerwohnung in Berlin gestorben. Ein gütiges Beschick halle es ihm er- kpart zu erleben, was nachher kam. MobertFeldorf. Der Mond scheint über dem Sa-Tschei-Tal Rostrot und groß stieg die Mondscheibe hinter den Sa-Tschei-Bergen empor. Das Tal lag still da, aus den kleinen Lehmhütten stieg der Rauch senkrecht nach oben, ganz ruhig war alles, die Bewohner schliefen. Nicht überall schliefen sie: in der Hütte Su-Fans, deS Schmiedes, brannte noch die Oellampe. Um den niedrigen Tisch sagen vier Männer und eine Frau, in der Ecke schliefen die beiden Kinder, um den Mund des Vierjährigen spielte ein Lächeln, die Lampe flackerte und blockte, obwohl kein Luftzug spürbar war. Der Hund lag zusammengekauert zu Fügen Su- Fans, er blinzelte von Zeit zu Zeit auS klugen Augen zu seinem Herrn hin, der sprach. Aufmerksam lauschten die Frau und die drei Nachbarn seinen Worten, und wenn er einen Augenblick schwieg, hörte man ihren erregten Atem gehen, sonst nichts. Su-Fan, der Schmied, war auS der Stadt zurückgekommen,«in Lastfuhrwerk hatte ihn mitgebracht, ganz unerwartet, denn die Geschäfte dort waren auf längere Zett berechnet gewesen. La-Pe wollte aufmerksam zuhören, aber ihre Gedanken gingen ganz alleine davon, oder eigentlich gingen sie nicht davon, sie kreisten um das Wort, das Su-Fan eben ausgesprochen hatte, das Wort, das ihn heute nach Hause geführt und morgen weit fort führen würde, daS Wort Krieg. Es ist wohl immer Krieg, dachte sie, soweit ich zurückdenken kann, ist Krieg. Als ich noch ganz Nein war, als Vater starb, da war Krieg. Als ich in der Spinnerei arbeitete, wo die kleinen Seidenkokons so schlecht rochen und mit solcher Vorsicht angefatzt werden mutzten, das; sie nicht zerbrächen, da starb die Mutter: es war Krieg. Als ich in die Hütte Su-FanS zog, um sein Lager zu teilen, da starben zwei meiner Brüder: eS war Krieg. Als ich ihm die Kinder gebar, war Krieg. Wieder trage ich ein Kind unter dem Herzen, für Su-Fan trage ich es, und wieder ist Krieg. Wird Su-Fan dieses Kind überhaupt sehen? Sie stand hastig auf und zog die Decke über die beiden Knaben, als wolle sie damit einen Schutzwall schaffen. .hierher wird der Krieg nicht kommenl" sagte Pi-Ti, der Alte mit der Narbe, die er hatte, so lange man ihn kannte.„Hierher wird der Krieg nicht kommen. Was gibt eS bei unS zu holen? Das bitzchcn Reis? Unsere Frauen und Kinder? Hundert Millionen Frauen gibt eS in China und Tausend Millionen Säcke Reis— warum gerade unsere?" „Nicht das ist es," antwortete Su-Fan und nahm einen Schluck Reisschnaps auS der Flasche, die vor ihm stand,„nicht das ist es. Heute führen sie nicht Krieg um ReiS und Weiber. Heute wollen sie unser Land, den Boden, die Erde— verftHst du?" Pi-Ti schüttelte den Kops, und auch die beiden anderen Männer sahen ihn verständnislos an. „WaS sollen sie mit unserem Boden?" fragte dann Chi-Den.„Er ist trocken und hart, und viel Waffer müssen wir in ihn gießen, damit er ReiS trage." „ES handelt sich nicht run ReiS," antwortete Su-Fan geduldig.„ES handelt sich um Boden, um unseren Boden, sonst nichts." „Aber was wollen sie denn mit dem Boden, wenn er nichts trägt?" sagte Pi-Ti hartnäckig.„Und müffen sie dafür Krieg führen?" Meinen Boden können sie auch so haben, ohne Krieg. Wenn sie mir fünfzig Dollar geben, können sie ihn haben. Ich bin schon so alt, lange kann ich ihn doch nicht mehr bebauen, meine Kinder aber sind in der Stadt. Wenn ich fünfzig Dollar hätte..." Su-Fan unterbrach seine Ueberlegungen: „WeZhalb sollen sie den Boden kaufen, wenn sie ihn umsonst haben können?" „Umsonst?" höhnte der Bauer Ma-Tschau, „umsonst? Kostet der Krieg kein Geld?" „Gewitz," anNvoriete Su-Fan,„er kostet Geld, aber nicht ihr Geld, sondern unseres." „DaS verstehe ich nicht," sagte Chi-Den und zeigte, weil er lächelte, zwei verfaulte Vorderzähne unter dem grauen Bart,„wie kann er unser Geld kosten, wenn wir doch keines haben." „Du wirst arbeiten für sie, Chi-Den," sagte Su-Fan,„und du, Pi-Ti, und du, Ma- Tschau, und ich, Su-Fan, und auch du, La-Pe, wir alle werden arbeiten, um ihren Krieg zu bezahlen. Wir werden Säcke für sie schleppen müffen und Steine zerschlageu und Straßen bauen und Karren ziehen, und jahrelang werden sie uns die Hälfte unseres Reises nehmen. Wir werden arbeiten müffen. Wir alle. Für ihren Krieg." Er schwieg, und alle schwiegen. „Warum sagst du.ihr Krieg'?" fragte nun plötzlich La-Pe, die wieder hinzugetreten war, alS Su-Fan ihren Namen nannte.„Warum nicht unser Krieg— gegen sie? Wenn sie unsere Arbeit haben wollen— warum geben wir sie ihnen? Wenn sie uns schlagen— warum schlagen wir nicht zurück? Wenn sie unseren Boden nehmen wollet^,— warum verteidigen wir ihn nicht?" Eu-Fan nahm wieder einen Schluck, dann wischte er mit dem breiten Handrücken über den Mund und lächelte.„Recht hast du, La-Pe. WaS du da sagtest, das wollt« ich gerade sagen. Warum wehren wir unS nicht?" „Wie willst du dich wehren ohne Waffe?" fragte Pi-Ti.„Willst du mit Steinen werfen, wenn ihre großen Vögel kommen und Bomben fallen lassen? Willst du sie beitzen mit deinen Zähnen, wenn sie auf dich schießen? Willst du mit Fäusten auf sie schlagen, wenn sie Kanonen haben?" „Ja, daS will ich," sagte Su-Fan einfach, und alle blickten auf und zu ihm hin.„In der Stadt hörte ich von einem anderen Krieg«, in einem anderen Lande, viele tausend Meilen von hier. Auch dort gab eS Krieg, und dort haben Männer wie du und ich denen, die die Gewehre hatten, diese weggenommen. Dort haben sie mit Steinen nach Flugzeugen geworfen, dort haben sie mit den Zähnen in die Finger gebiffen, die die Gewehre auf sie abschoffen, dort haben sie mit den bloßen Fäusten die Maschinengewehre weggenommen. DaS Land, in dem dies geschah, heißt Spanien. Dort käinpfen sie, wie wir hier kämpfen müffen. Auch dort ist der fremd« Feind «ingedrungen in ihr Land, und die eigenen Reichen haben ihm geholfen gegen daS eigene Volk. Auch dort ist der Boden hart und trocken, und diel Waffer muß man in ihn gießen, damit er Früchte trägt..Aber sie verteidigen diesen Boden, hart und steinig wie er ist, alS sei ec pureS Gold." „Aber warum?" fragte Pi-Ti. „Warum?" antwortete Su-Fan.„Einfach, weil er ihr Boden ist, ihr Land, ihre Erde, ihre Heimat. So, wie unser Boden eben nnsec Boden ist— oder sein wird. Denn er wird eS nur sein, wenn wir ihn uns erobern. Und erobern werden wir ihn, indem wir ihn verteidigen. Und dann, wenn er unser Boden ist, werden wir Maschinen haben, die die harre Erde umwenden und die Saat legen. Maschinell werden wir haben, die^den Pflug ziehen..." „Dumme» Zeug," unterbrach Pi-Ti,.froher sollen wir die Maschinen nehmen?" „Du weißt doch, daß cs solche Maschinen gibt?" fragte Su-Fan den Alten. Der nickte. „Jetzt gehören sie denen, die mit dem Feind sind und gegen unS," fuhr Su-Fan fort,„aber wenn wir den Krieg gewonnen haben, werden sir uns gehören." „DaS mag gut sein," sagte Pi-Ti,„aber erst müffen wir den Krieg führen, erst müssen wir den Feind schlagen, erst müffen wir die Maschinen erobern." „Und können wir dar nicht?" sagte Eu- Fan, stand auf und zog den Hosengurt fester. „Wir können eS. Wir können eS— aber nur alle zusammen. Deshalb bin ich auS der Stadt zurückgekommen— um euch zu holen, und alle Männer des Dorfes. Geht, weckt die anderen. Sie sollen sich fertigmachen bis zum Morgengrauen. Wenn der Mond hinter den Sa-Tschei- Bergen versinkt, marschieren wir ab." .„Ihr seid verrückt," schrie Pi-Ti, und seine Stimme schrillte,„WaS wollt ihr im Krieg? Hier in daS Tal kommt der Krieg nicht. Oder doch— geht," setzte er listig hinzu,„geht, ihr Männer. Dann wird man uns verschonen. Wir bleiben in unseren Hütten, wir bewegen uns nicht, wir werden friedlich sein und den freni- dcn Soldaten von unserem ReiS anbieten und von unserem SchnapS— und man wird unS verschonen." „Keinen wird man verschonen," saote En- Fan sehr ernst, und eine steile Falte stand auf seiner Sttrne,„keinen. Krieg wird geführr gegen alle!" Pi-Ti lachte höhnisch und laut.„Hat man je gehört, daß Krieg geführt wird gegen alte Männer und schwach« Weiber?" „Ja, man hat«S gehört," antwortete Eu- Fan heftig,.in Spanien führen sie diesen Krieg, und in Schanghai auch. Wenn ihr euch nicht wehrt, werdet ihr umlommen. Greis«, Frauen, Kinder— alle werdet ihr umkommen. Unerbittlich ist der Feind— auch wir müffen unerbittlich sein." „Lächerlich," sagte Pi-Ti und wandte sich zur Türe.„Macht, was ibr wollt. Ich werde hier bleiben. Gegen mich führt keiner Krieg." „Auch gegen dich, Pi-Ti," sagt« Eu-Fan. .Krieg gegen alle." „Ein letztes Mal," sagte Pi-Ti, schon im Rahmen der schmalen Türe,„wenn ihr euch friedlich zeigt, wird man euch verschonen." Er Ein Menschenfreund Dke Mit Nun sind schon viele Monate vergangen, seit eine kleine Schar von Freunden im fernen Kalifornien von dem im Exil verstorbenen österreichischen Sogialisten MaxWinterAbschied nahm. Als damals die Todesnachricht zu uns kam, griff sie den Freunden, denen, di» Max Winter gut gekannt hatten, schmerzhaft ans Herz. Augen fruchieten sich, wehmütige Gedanken flogen über das Meer, den toten Freund zu grüsten,— und vor den Freunden erstand, während sie feiner gedachten, das Bild dieses ManneS mit dem grauen Knebelbart und den gütigen Augen"und sie glaubten sein weiches, freundlich Wienerisch zu hören... Und ihnen fiel ein, dab dieser Oesterreicher, dieser Mann, der nirgends sonst als in Oesterreich hätte wachen können, ausgebürgert worden war, weil er über die Zukunft seine- Vaterlandes anders dachte als die durch lleberlegenheit der Gewaft zur Macht Gekommenen. Und sie wußten: auS- bürgern hatte man Max Winter können,— Luft ist klar.— viel taufend Sterne schmück» goldenem Strahl d» düster« Abendhimmel. Diamant« glitzern sie und blick» ES ist unmöglich, das Gute zu tun, wenn man es nicht kennt; aber rS ist ebenso namöglich, da» Gnte nicht zu tun, wenn man es kennt. SokrateS. Die Wagen rasen.— Ihre Räder surren.— Tie Hochbahmnaschinm knirschen,— ächzen,— stöhnen.— Druckpressen stampfen,— und mit dumpfem Knorren— In weiter Farne— brummen Schiffsirenm. Wie Verwundert auf daS bunte Lichtgewimmel. Fritz Weinmann. Abend in New York (Von einem Dachgarten) Dort hinten liegt der Fluß im Farbengkanze Der rot« und dar grün» Flackterschllder. Sie hüpf» irrlichtgleich in schnellem Tanze Und raube« in dm Waffe» Wundertilder. ging, und seine schwerfälligen Schritte tappten durch die Nacht. „Vielleicht hat der Alte recht," sagte nun Chi-Den,„wenn wir friedlich sind, wird man unS verschonen. Ich will keinen Krieg— ich will leben." Und er wandte sich ebenfalls zum Gehen. „Dummkopf," rief Sn-Fan, und seine Stimme war verzweifelt,„Dummkopf. Leden wollen wir alle. Darum müssen wir ja Krieg führen— weil man uns alles, auch das Leben nehmen will." „Nein, nein," Chi-Den schüttelte seinen kahlen Kopf,„ich kann auch leben ohne dem Krieg." Er schloß die Türe hinter sich. „Gebe nicht in den Krieg, Su-Fan," sagte nun La-Pe und klammerte sich an Su-Fans Arm.„Was soll auS mir werden, wenn du fällst, was soll werden auS Pao und Sin? Gehe nicht in den Krieg!" „Gehe ich denn fteiwillig?" fragte Su- Fan verwundert. Ma-Tschau sah ihnen zu und sog an seiner kalten Pfeife. ,Zch gehe doch, tveil man mich zwingt." „Wer zwingt dich, Su-Fan?" sagte La- Pe, und ihre Slimme zitterte. „Wer mich zlvingt? Der Feind I Ich will in Frieden hier leben, bei dir, er fuhr La-Pe über die blausckitvarzen, glänzenden Haare,„bei den Kinde». Doch der Krieg kommt und reißt mich fort. Der Krieg, den wir erst beenden müssen, um in Frieden leben zu können." „Dann geh'," sagte Ma-Tschau höhnend, „geh, du Tor, und stirb. Wir werden leben bleiben." Er ging grußlos aus der Hütte. SÄveigend packte Su-Fan die Sachen in seinem Beutel zusammen. Schweigend nahm er das Gewehr miS dem Versteck und klapperte mit dem alten, halb eingerosteten Verschluß. Schwelgend sah La-Pe ihm zu. Als Su-Fan den Hügeln zuschritt, alleine, hörte er in der Lust ein Brausen, das näher und näher kam, daS lauter wurde, immer lauter, das zum Donner anschwoll, daS dröhnte und krachte. Er warf sich zu Boden, die vier Bombenflugzeuge toiten brausend über ihn hinweg. Sn-Fan barg sein Gesicht zwischen den Händen und preßte sich an den Boden, so ttef, daß eS ibm war, als läge er in einer Kute. Aber durch die geschloffenen Augen drang daS grelle Blitzen der explodierenden Bomben und er glaubte noch, feine Trormnelfelle würden zerreiben. dann wurde eS Rächt um ihn. Als er wieder zu sich kam, war da? Bnnn- myi schon lange hinter den Bergen verschwunden. Su-Fan stand ans. Er sah sich nm. Bleich und klein lland die Mondscheibe fast senkrecht über dem Sa-Tschei-Tal. Das Tal lag ganz still da. die kleinen Lehmhütten tvaren verschwunden, es stieg schon kein Rauch mehr mis den Trümmern, ganz ruhig war wieder alles, fast friedlich, die Bewohner schliefen. Schliefen ttef und fest, denn sie waren tot. Jin bleichen Licht deS MondeS zogen die bläulichen GaSsibwaden langsam den Bergen zu. Einen Augenblick wollte Su-Fan zurück. A»S dem toten Dorf kam kein Laut, kein Kindes- weinen, kein Franenschreien. Es war schon alles vorbei. Da ging Su-Fan weiter, kräfttg schritt er a»S. und während die beißen Tränen über seine knochigen Wangen liefen, packte er den Gewehrgurt fester. sein Oesterreichertum, daS fern war aller Ge- niütlichttierei, allein Kult deS„goldenen Herzens" und aller Verherrlichung der„Bodenständigkeit", sein in Herzensgute, Gefühlsttefe, Naturliebe, Liebe znr menschlicheren, weicheren, verstehenderen Art der Menschen seiner Heimat bestehendes Oesterreichertum hatte man ihm nicht nehmen können. Er hatte es mit hinüber- genomnien über daS weite Meer.,. Seither ist manchmal in Gesprächen zwischen Freunden, dann etwa, wenn man von Ernigrantenschicksalen sprach, Max Winters Name genannt worden. Seltener und seltener. Die„Erneuerung" der Nationen durch den Faschismus kostet ja Menschenopfer unerhört, ,o viele, daß der Name des einzelnen, auch wenn er uns sehr lieb war, von der Fülle der Namen der Gefällten in einen HcrzenSwinkel zurückgedrängt werden muß. Nun aber werden wir, so lange nach Max Winters Tod, an ihn erinnert durch ein rührendes Dokument, daS er seinen Freunden hinterlassen, den Mitredakteuren der„Arbeiter-Zeitung",— eine Handvoll Keiner mit Bleistist beschriebener Blätter, die nach seinem Tode dem Chefredakteur der„Arbeiter-Zeitung" übergeben werden sollten, damit das Schreiben eines Nachrufes für ihn, für I Richter. Max Winter, erleichtert werde, Auf dies«! Blättern, die erst lange nach seinem Tode zu un- kamen, spricht MaxWinter von sich selber. Dem Freunde ist nicht nochmals ein Nache ruf'zu schreiben. Wohl aber mögen einig- Sätze, die aus jener Niederschrift zittert wer-i den, das Charakterbild Max Winters ergänzen, den lieben Freund unS noch lieber machen, die Erinnerung an ihn stärken und unS noch fester als bisher an den Sozialismus binden, an diese große und schöne menschliche Grundhaltung, die Menschen wie Max Winter, zu so rein«, gute» und durch ihre Güte wirkenden Mensch« werden ließ. Bor dick« Jahr«, als Max Winter, schon an der Schwelle deS Greisenalters, eine Südamerika-Reise angetret« hatte, schrieb er diese Blätter. Er schrieb sie in der Bahn, alber Zug ihn über die verkürzt« Grenz« Süd- srciermarks hineintrug nach Südflawi«, vorbei an dem einst südsteierisch« Badeort Tüffer, der jetzt Lasko heißt. Im Jahre 1864 war in der Südbahnstatton Markt Tüffer ein junger Eleve namens Julius Winter eingetreten. Im nächst« Jahre heiratete er die ätteste Tochter deS dortig« Arztes. Max Winters Sltent find hier genannt. Auch von ihnen, und damit freflich auch schon von sich selber, von seinem eigm« Wollen, spricht Max Winter in sein« Aufzeichnungen: „Die Ehe meiner Elte« war von idealer Liebe getragen. Rur einen Stritt gab es zwischen meinen Elte», in allem Kuunner. in aller Not, die sie zu ttag« hatten; den, ob man Kinderprügeln dürfe. Meine Mutter kämpfte heiß geg« die Prügelstrafe. Mein Vater hatte einige Jahre Kadettmschule Himer sich, wo ein eigener Profoß zum Prügeln der Kadetten angcstellt war.— Hob der Vater den Stock, dann warf sich die Mutter dazwisch« und es gab ost schwer« Streit... DaS waren starke Kindbeitseindrücke. Und als mich da» Glück meine? Lebens in den KreiS der.Kinderfreunde" brachte, da hatte ich auch den Boden gewonnen, auf dem ich dm Kampf, den mein« Mutter nur in der Famflie ausgekämpst. in breitester Front führ« konnte. Eine Erfüllung deS S o z i a l i s m u S mit der Peitsche gibt eS nicht! Die oft habe ich diesen Satz in Versammlungen aus« gesprochen, wie ost habe ich ihn geschrieben und dieser Satz wird zur Wahrheit werden. So hatte ich daS große Glück, das seelische Erbe meiner Mutter antreten und bereiche» zu dürfen.., Das konnten die Mütter nicht ahn«, waS sie mir für ein Geschenk machten, wenn sie mir nach einer Rode es sagten oder mir cs schrieben, daß sie nun nicht mehr ihre Kinder prügeln wollten. Das waren meine schönsten Orden..." Daß es eine Erfüllung des Sozialismus mit der Peitsche nicht gibt— wie einfach und zugleich wie tief ist diese Erkenntnis! Kein Theoretiker hat diesen Sah gesprochen— ein guter Mensch schrieb ihn nieder, verkündet« ihn. Weisheit des Herzens ist er entsprungen. Wie sehr enoeiit sich heute die Wahrheit dieses Satzes, heute, da die grauenvollen Irrwege des Stalinismus unS zeigen, daß durch immer mehr und mehr sich ausweitende Gewalt ein Gewaltstaat geschaffen werden kann, aber keine sozia- listische Gesellschaft. „Gleichen Rang" lwic diese Mitteflungen der Mütter), so schrieb Max Winter,„nahmen, in meinem Leben nur noch gute anerkennen re Worte ein. diemirBictorAdler schrieb r>der gelegentlich sagte. Er war ein strenger Aber von ihm belobt oder anerkannt Adamson hat einen guten Einfall zu werden, das bedeutet« auch etwas... Erst nach zwanzigjährigem Tadeln sagte mir Adler einmal: Sie wissen ja, Leber Winter, wenn ich nichts sage, so bin ich zufrieden l— Daß er mir zu Hunderten Aufsätzen nicht» gesagt hatte, durfte ich.mir hinterher al» Lob deuten— und Ivie oft hätte mich ein Wort von ihm glücklich machen können! Ich wäre dadurch sicherlich nichr überheblich geworden." Rax Winter, der von sich selber sagt, er sei sich sein ganzes Leben hindurch seiner Unzulänglichkeit bewustt gewesen, weil ihm der {.ordnete Bildungsgang fehlte, und er sei zeitlebens der Gefühlsmensch geblieben, über den Verstandesmenschen manchmal zu«inseitig urteilten, bekundete doch, wie durchaus richtig er empfand, durch diese Worte: aber tiefe, graste Verehrung hb2—c3• 17. Ke3—f4 g7—g54-! IX Sf3xg5 DcS—(64- 19. Kf4—e3 Dfß—T3 Ein flotter Husaren ritt! Der Führer der schwarzen Steine verdient unbeschränkte Anerkennung. (Anmerkungen von A. Michel. Zürich.) Schach genoteftcn! Gründet Schachabteilungen in den Altw- Unionsvereinen.