Nr. 57. Abonnements- Kedingungtir: «bonneinenls-Preli pränumerando: «ierteljährl. 3,zo Ml., monatl. l.lvMl., niöchentlich 28 Pfg. frei WZ HauS. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags« Nummer mit illustririer Sonntags« Beilage„Tie Neue Welt" lv Pfg. Post- Zlbonnement: 3,30 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post- geitungS» Preisliste für lös? unter Nr. 7487. Unter streuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für das übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 14. Jahrg. Nie Jusertisns- Gebühr beträgt für die fechSgefpallene»olonel« zetl« oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und BerfammlungS-Anzeigen, sowie ArbeitZmarlt 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werde». Die Expedition ist an Wochentagen bis 7 Uhr abends, an Sonn- und Festtagen bis g Uhr vormittags geöffnet. Erscheint liglich nutzer wonlng». Vevlinev Volksblatk. Fernsprecher: Amt I,»r. lS0S. Telegramm-Adresse: „So,ialdrmokrnk Serli«". Dentvalorgcrn der joziclldemokratisthen Vartei Dentschlands. WedaKlion: SW. 19, Weulh-Slraß- 2. Dienstag, den 9. März 1897. Expedition: LV. 19. M-nty-Straße 3. Der Auev und Genomen hat heute mit der unerwarteten Freisprechung aller Angeklagten geendet! Diesen Ausgang hattell nicht einmal die Angeklagten erivartet trotz ihres Gefühls der Schuld- losigkeit. Der Prozeß war ein Tcndenzprozeß. Was alle Parteien thatcii, nnr mit weniger Rücksichtnahme ans die Fnß- angeln des Vereinsgesetzcs, das sollte plötzlich der Sozialdemokratie zum schweren Verbrechen angerechnet werden.„Mit Stangen iliid Spießeil" war im November 1895 ans Geheiß des Polizeiministers Köller die Polizei in hellen Schaaren ausgerückt, gegen hundert Wohnungen wurden durch. sucht, ganze Ballen Bücher, Papiere, Briefschaften, Protokoll- bücher wurden nach dem Alexanderplatz und von da nach Moabit geschafft; Parteileitung, Wahlvereine, Prcßkommissioil, Agitationskommifsion, sogar der unfaßbare Verein der Vertrauens- Männer Berlins wurde durch Verfügung des Polizeipräsidenten aufgelöst— kein Zweifel: Die Sozialdemokratie war mit Stumpf und Stiel ausgerottet; was keinem Bismarck und keinem Puttkamer vorher gelungen, Köller hatte das im Hand- umdrehen mit Hilfe des Polizeikommissars Schöne und Genosseil fertig gebracht! So wenigstens versicherte die reaktionäre Presse! Freilich ein paar Tage später war der Staats- retter Köller im Jagdgrund zu Liebenau„zur Strecke gebracht," die Sozialdemokratie aber hatte den Schlag sofort auch formell überwunden! An stelle der Parteileitung über« nahm die Fraktion die Führung der Partei und setzte zur Leitung der Geschäfte einen Ausschuß in Hamburg ein. Und in Berlin wurden neue Wahlvereine ins Lebeil gerufen. Im Mai 1896 kam der große Prozeß zur Verhandlung. Allgeinein war die Eilttäuschung über das Auftreten der polltischen Polizei; so wenig Kenntniß und so große Mißverständnisse über die einfachsten Vorgänge in der Sozialdemokratie hatten ihr nicht einmal die Sozialdemokraten zugetraut! Von 47 Angeklagten mußten 32 freigesprochen werden, die übrigen fünfzehn kanien mit geringen Geldstrafen davon! Und darum Räuber und Mörder! Aber selbst dieses Urthcil mußte heute aufgehoben werden, weil die formalen Voraus- setzungen fehlten. Der ganze Spektakel dcS Köller-Koups hat also schließlich geendet mit einem Siege der Sozial« demokratie über die Reaktion! Die Sozialdemokratie sollte vernichtet werden! Und das Ergebniß ist die Bankrotlerklärung des reaktionären preußischen Vereinsgesetzes! Für vernünftige Leute wäre die Schlußfolgerung nahe! Aian braucht aber nur auf die Dithyramben zu verweisen, mit denen die reaktionäre Presse den Köller'schen Feldzug gegen die Sozialdemokratie begrüßte, nian braucht sich blos die Debatten im preußischen Landtage über die künftige Gestaltung des Vereinsgesetzes zu vergegenwärtigen, um zu wissen, daß bei den Don Quixotes der Reaktion nach wie vor der Wind- mühlenkampf an der Tagesordnung sein wird. Das jetzige preußische Vereinsgesetz ist an der Macht der politischen Ent- »vicklung, an der Entfaltung des politischen Lebens zerschellt— es wird also nach der Logik der Sozialistenfresserkreise ein noch reaktionäreres, noch widersinnigeres Gesetz geschaffen werden müssen, die� Kleinlichkeiten und Kurzsichtigkeiten müssen in ein weiteres System verallgemeinert werden— dann wird man mit den Nadelstichen und Bindfäden formaler Paragraphen die Killtur- und Klassenbewegung der Sozialdemokratie überwinden können! Sie mögens versuchen— wir lachen ihrer Künste und leben, wachsen und gedeihen! Ter Prozeß Auer und Genossen ist ein neuer Beweis dafür! Dns neue Gesetz. Der Entwurf will von den 163 Paragraphen deS bestehenden Gesetzes 19 in Fortfall bringen, 114 ändern, 36 unverändert lassen und II neue Paragraphen zusetzen. Aus den umfangreichen Be- stiuimungen, die ans 125 Seiten Motive zu rechlfertigen gesucht werden, haben wir bereits die auf eine Aenderung der Bedingungen zur Erlangung der Renten abzielenden besprochen. Wir lassen eine Uebersicht über den ferneren wesentlichen Inhalt der Vorlage folgen. Höh« der Renten. Die Höhe der Invalidenrente richtet sich zur Zeit nach der Anzahl und der Höhe der geleisteten Beiträge. Sie wird in folgender Weise berechnet: Jtt einer Sunnne von 110 M.(50 M. Reich?« zuschuß, 60 M. Jnvaliditätsaustaltszuschuß) werden soviel mal 2, 6, v oder 13 Pfennige addirt, als in der I., 2., 3. oder 4. Lohnklasse Beiträge entrichtet sind. Der Entwurf schlägt folgende Aendernngen vor: Der Gruitdbetrag(der Jnvalidilätsanstalrszuschuß) bleibt nicht mehr für alle Lohnklassen derselbe, sondern soll für die Lohnklasse 1: 60, Lohnklasse 2: 90, für die Lohnklasse 3: 120, für die Lohn- klaffe 4: 150 und für«ine neu vorgeschlagene Lohnklasse(für Löhne über 1150 M.) 180 M. betragen. Hingegen sollen die Steigerungs« sähe statt 2,6, 9, 13: 2,3,4,5,6 Pfennige fortan betragen. Dadurch wird erreicht, daß die Invalidenrente in den ersten 20 Jahren nach Eintritt in die Versicherung in den höheren Lohnklasscn höher wird, wie jetzt. J,„ großen und ganzen bleibt aber nach dem Entwurf die außerordentliche Niedrigkeit der Renten— einer der Hauptfehler 'des Gesetzes— bestehen. Die folgende Tabelle veranschaulicht den Unterschied der Invalidenrenten nach den geltenden Borschristen und nach den Vorschlägen des Entwurfs: Also: Tie Höhe der Rente wird für die ersten 20 Beitragsjahre um ein ganz geringes erhöht und wird für die späteren Beitragsiahre noch geringer als heute. Es bleibt beim alten: nicht Renten, sondern auch fortan sollen ttttter dem Namen Renten kleine Bei- Hilfen gewährt werden, auf die das Gesetz den wohlklingenden Namen Renten anwendet, die aber eher den Namen von Almosen verdienen. Nicht anders steht es mit der Höhe der Allersreute. Auch für Berechnung dieser„Rente" ist ein etwas günstigerer Berechnung?- modus eingeführt. Durch denselben würden die Altersrenten aus etiva 6 pCt. erhöht werden. Es beträgt die Altersrente: in Lohnklasse: nach dem Gesetz: nach dem Entwurf: I 106,30 M. 110 M. II 135—„ 140„ III 163,20„ 170„ IV 191.40 200„ Es ist selbstverständlich, daß die sozialdemokratische Fraktion, wie von Anfang der Beralhung des Gesetzes ab, bestrebt sein wird, diese für Erwerbsunfähige und für Altersrentner durchaus unzulänglichen Beträge zu erhöhen. Die Beträge, die unter dem volltönenden Namen von Invalidenrenten und Altersrenten auf grund der von dem Versicherten selbst zur Hälfte geleisteten Beiträge und des wesentlich von der arbeitenden Bevölkerung aufgebrachten Reichs- znschusses gezahlt werden sollen, stehen in außerordentlich vielen Fällen hinter den Beträgen zurück, die die öffentliche Armenpflege in Orten außerhalb Ostelbiens gewährt. Insbesondere dann, wenn der Invalide noch unmündige Kinder zu versorgen hat, reichen diese „Renten" nicht dazu aus, um selbst„bescheidene Ansprüche am billigsten Ort" befriedigen zu können. So lange diese ntinimalen Rentenhöhen verbleiben, fällt der einzige Vor- theil, den die Invaliden- und Alters- Rente vor der Armenunterstützung voraus hat, daß sie nämlich nicht„entehrend" ist, fort. Wenn die„Rente" des Invaliden auch für seine und seiner Familie bescheidensten Ansprüche nicht ausreicht, ist er ja gezwungen, die öffentliche Armenpflege in Anspruch nehnien zu müssen. Eine statisttsche Ausstellung, wie sie die Motive aus naheliegenden Gründen nicht enthalten, würde klärlich zeigen, daß viele„Rentner" die öffentliche Armenpflege trotz ihrer Rente in Anspruch nehmen müssen. Die Höhe der Renten muß und kann so normirt werden, daß den Invaliden wenigstens eine einigermaße» auskömmliche Existenz ermöglicht wird. Das Markensystem soll nach dem Entwurf beibehalten werden. Die Regierungen be- haupten, sie kennen kein besseres System, suchen aber durch einige Bestimmungen die Schwerfälligkeit dieses Systems zu lindern. Das Markensystem ist zu beseitigen. Von sozialdemokratischer Seite ist von Beginn der Beralhung über diese Frage an der Bor- schlag gemacht: unter Wegfall der Beitragsmarken die Mittel für eine— und zwar ausreichende, auch eine Wittwen- ttnd Waisen fürsorge umfassende— Jnvaliditäts« und Altersversicherung durch eine allgemeine progressive, auf größere Vermögen zu legende Steuer aufzubringen. Die Scheingründe, die die Motive gegen diesen Borschlag— der übrigens theilweise selbst in dem konservativen Initiativantrag Aufnahme gefunden hat— heran- ziehen, sind die alten und haben durch ihr Alter an Werth nicht gewonnen. Der wahre Grund gegen die allein zweckmäßige Ausbringung der Mittel ist der, daß weite Kreise besürchtett. durch Einführung dieser Steuer statt der Klebemarken würde man die mit dem Jnvaliditätsgcsetz verbundene Absicht, Wohlhabende von der Last für die Armenpflege zu entlasten, nicht erreichen. Diese Befürchtung mag begründet sein. Aber gerade weil sie begründet ist nndj weil es in höchstem Grade unbillig ist. die Kosten für Armenpflege wesentlich aus die Schultern der Armen zu legen, ist der sozialdemokratischer- seit» verfochten« Weg zur Bestreitung der Kosten der Invaliden- versicherttng gangbar und gut. Der Kreis der Versicherten soll nach der Novelle im wesentlichen derselbe bleiben. Unerheblich ist die Aenderung, daß Schiffsführer nicht wie heute un- bedingt, sondern nur dann versicherungspflichtig sein sollen, wenn ihr Jahresverdienst 2000 M. nicht übetsteigt. Bedeutungs- voller als diese Gleichstellung der Schiffsführer mit Betriebsbeamten ist ein Acnderungsvorschlag hiusichtlich der Hausindustriellen. Nach dem bestehenden Gesetz können durch Beschluß des Bundes- raths bestimmte Berufsztveige der Hausgewerbetreibenden der Bersicherungspflicht unterworfen werden. Von dieser Befugniß hat der Äundesrath bislang hinsichtlich der Tabaks- und Textilindustrie Gebrauch gemacht. Die Novelle wünscht, daß dem Bundesrath mit Rücksicht auf die örtliche Verschiedenheit in den Betriebsbedingungen desselben Berufszweiges die Möglichkeit gegeben werde, die Versichernngspflicht nur auf einzelne Bezirke be- schränken zu können. Eine derartige Beeugniß erscheint nicht un- bedenklich, wäre aber wohl nicht von allzu großer Tragweite. Be- deutsamer ist hingegen der Vorschlag, daß der Bundesrath auch ermächtigt sein soll, zu bestimmen, daß und in- wieweit Gewerbetreibende, in deren Auftrag Zwischenpersonen (Ausgeber, Faktoren, Zwischenmeister) gewerbliche Erzeugnisse her- stellen oder bearbeiten lassen, gehalten sein sollen, rücksichtlich der von den Zwischenpersonen hierbei beschäftigten Hausgewerbetreibenden und deren Gehilfen die in dem Gesetz den Arbeitgebern auferlegten Verpflichtungen zu erfüllen. Den Motiven zu diesem Vorschlag wird man im allgemeinen zustimmen können. Sie äußern sich dahin: „In vielen Zweigen der Hausindustrie wird der Geschäftsverkehr zwischen den Fabrikanten und den Hausgewerbetreibenden durch Zwischenpersonen(Ausgeber, Faktoren, Zwischenmeister ec.) vermittelt. Häusig sind diese Geschäftsvermittler nur Angestcllle oder Beauftragte des Fabrikanten und bewirken für letzteren die Abrechnung mit den Hausindustriellen. In diesen Fällen versehen die Zwischenpersonen als Stellvertreter oder bevollmächtigter Betriebsleiter des Fabri- kanten dessen Obliegenheiten auch hinsichtlich des Arbeitgeber- Beitrags. Ist aber die Stellung der Zwischenpersonen eine solche, daß sie aus der Arbeitsvermittelung ein selbständiges Getverbe machen, indem sie zwar im Auftrag anderer Gewerbetreibender, aber für eigene Rechnung gewerbliche Erzeugnisse herstellen oder bearbeiten lassen und diese dann in mehr oder weniger fertigem Znstand an den Fabrikanten(Konfektionär u. f. w.) abliefern, dann sind sie selbst diejenigen Gewerbetreibenden, für deren Rechnung und in deren Auftrage von den von ihnen beschäftigten Hausgewerbe- treibenden gearbeitet wird, und dann können nach dem geltenden Gesetz nur sie zur Zahlung der Arbeitgeber-Beiträge für ihre Hausgewerbe-. treibenden verpflichtet werden, nicht aber bie Fabrikanten selbst, welche doch die Arbeit für ihren Geschäftsbetrieb in Bestellung ge- geben haben. Bei der Verschiedenheit der bestehenden Verhältnisse empfiehlt es sich aber, dem Bundesrath die Möglichkeit zu geben, in solchen Fällen die Fabrikanten selbst, in deren Auftrag die Zwischen-' Personen arbeilen lassen, zu den Verpflichtungen der Arbeitgeber, insbesondere den Arbeitgeber-Beilrägen für die hierbei beschäftigten Hausgewerbetreibenden heranzuziehen. Der Fabrikant wird dadurch in erwünschter Weise in ein näheres Verhältniß zu den fiir ihn, wenn auch nur indirekt durch Vermittlung von Zwischenpersonen, arbeitenden Hausgewerbetreibenden gebracht. Es erscheint nur billig, daß Fabrikanten(Konfektionäre:c.) auch dann, wenn sie durch Ge- schäftseinrichtungeu der bezeichneten Art eine direkte Beschäftigung zahlreicher Versicherter, deren Arbeit sie für ihren Geschäftsbetrieb gleichwohl bedürfen, vermeiden, wenigstens zu deren Ver- sicherung beitragen, so daß die Lasten der Arbeitgeber wicht den in der Regel in einer weniger günstigen Lage sich befindenden Zwischen- Personen aufgebürdet z« werden brauchen." Diesen Ausführungen wird man mit der Modifikation zustimmen können, daß solche Beitragspflicht der eigentlichen Arbeitgeber generell durch G e s e tz (nicht durch saknltativsn Beschluß des Bundesraths) festzulege» wäre. Es ist dieser Weg um so mehr zu empfehlen. als leider der Bundesrath bekanntlich von der ihm schon jetzt zustehenden ähnlichen Befugniß auf � dem Gebiete der Textilindustrie keinen Gebrauch gemacht'hat, � wiewohl es sich bei den sogenannten Webermeistern um eine sozial außer- ordentlich schlecht gestellte Klasse handelt. Der Liebe zu oder der Furcht vor den Agrariern verdankt der mit der Billigkeit und Gerechtigkeit schwer zu vereinbarende Neuerungs- Vorschlag der Novelle sein Dasein, daß der Versicherungspflicht fortan solche Personen nicht unterliegen sollen, die Lohnarbeit nnr in. bestimmten Jahreszeiten für nicht mehr als 12 Wochen übernehmen nnd daß gar der Bundesrath befugt sein soll, Ausländer, tvelchen der Aufenthalt im Jnlande nur für eine bestimmte Dauer behördlich gestaltet ist nnd die nach Ablauf dieser Zeit in das Ausland zurück- kehren müssen, von der Versichernngspsticht zu befreien. Dieser die agrarische Ausbeutung erleichternden Bestimmung dürfte d,e Forderung ans das Recht ungehinderter Koalitionsfreiheit für ländhche Arbeiter gegenüberzusetzen sein.__ 5>olMfche Mebevstchk. Berlin, 8. März 1897. Der Reichstag trat heute nach achttägigen Ferien wieder zusammen und fand sich vor einer auf dem Papier sehr laugen Tagesordnung. Er war aber— soweit er in der Person von drei bis vier Dutzend Abgeordneten vorhanden war— mit dem Geistnicht in dem Plenum, sondern in der Budgetkommission, wo die „uferlosen Flottenpläne" die Ufer überfluthet und die Aussicht auf eine uferlose Zukunft eröffnet haben. So verliefen denn die Reichstagsdebattcu sehr schnell und sehr glatt. Die Ueber- ficht der Reichsansgaben für 1895/96 wurde in zwetter, das Zwangsversteigerungs- Gesetz und die Grundbuch- Ordnung, beide' in dritter Lesung, ohne nenuenswerthe Dlsknsfion on blos angenommen; nnd eine große Anzahl von Petitionen nach den Anträgen der Petitionskommtssion er- ledigt. Zu ktlrzen Debatten gab nur der Etat de- Reichstags selbst Veratilassung. Es handelte fich zunächst tlni den Antrag der Budgetkommifsion auf Aussetzung emer Summe zum Ban einer Wohnung für den Präsidenten, welcher Antrag auch durchging, nachdem ein Amendement mehr formaler Natur verworfen worden war. Liebknecht regte eine Verbesserung und Vervollständigung der R e ich stagswahl- Statistik an, welche bis jetzt recht lücken- und mangelhast ist. Der fortschrittliche Diätenantrag, der zum Etat des Reichstages gestellt war, wurde von den Antragstellern selbst bis zur dritten Lesung verschoden. Schon kurz nach 3 Uhr war der Reichstag mit seinem Pensum fertig und— hatte keine Arbeit für morgen. Durch den Flottenplan, mit welchem die Regierung plötzlich hervorgetreten ist, sind alle Arbeits- dispositionen des Reichstags über den Haufen geworfen worden. Morgen keine Sitzung. Mittwoch Schwerinstag nut agra- rischen Anträgen. Und was dann? Vielleicht wieder tfexten. Es hängt alles davon ab, wie weit die Budget-Kommiifion kommt.— DaS preußische Abgeordnetenhaus erledigte heut«»""üchst Etat der Domänen-Verwaltuiig. Einem Wunsch" � den kommission ............... zufolge unterblieb die erwartete Erörterung Bernsteinmonopol und die bekannten Vorgänge im Prozeß gegen oen Kommerzienrath Becker. Der Berichterstatter der KomimMo», ,ivg. v. Bockelberg. erklärte nämlich, daß die Firma Stantien-Becker zum 1. Januar 1897 ihre mit de», Fiskus abgeschloisenen«zeriiage gekündigt und der Regierung den Vorschlag gemacht habe, enrweoe finc Aktiengesellschaft zu gründen oder aber ihre Liegenschaften und Utensilien abzukaufen. Die Regierung habe, da sie vorläufig zu keiner i�ntscheiduug kommen konnte, den Vertrag noch auf ein Jahr verlängert. Sie werde das Ergebnis des Verfahrens gegen Becker wegen verleumderischer Beamtenbeleidigung und des Ermittelungsverfahrens rvider Unbekannt sofort nach Abschluß veröffentlichen. Wie in Au- kunst die Frage des Bernsteinregals geregelt werden solle, darüber sei sich die Regierung noch nicht schlüssig. Bei der hierauf vorgenommenen Berathung des Etats der Forstverwaltung drehte sich die Debatte hauptsächlich um die Gehaltsfrage der unteren Forstbeamten. Mit einer Erhöhung der Gehälter erklärten sich die Redner aller Parteien ein- verstanden. Der Landivirlhschaftsminister Frhr. v. H a ni m e r st e i n versprach namens der Regierung, daß, sobald der jetzt dem Hause zugegangene Besoldunasplan erledigt sei, die Besoldungsfrage der unteren Forstbeamten in Angriff genommen werden würde; doch hoffe er, daß sich diese Beamten in Zukunft einer Agitation ent- halten würden, die weder ihnen selbst,»och der Regierung erwünscht sein könne. Ueber die Art dieser Agitation gab der Minister keine nähere Auskunst. Morgen beginnt die Berathung des Etats der Eisenbahn Verwaltung.— Die Aufreguua über die letzte Kaiserrede hat dem Oberpräsidenten v. Achenbach den Vortheil gebracht, daß seine Rede von jeder Kritik verschont blieb. Verdient hätte sie aber doch eine Besprechung, eine solche und zwar eine treffende sindct sich in der letzten Nummer der„Nation*. Wir lassen sie folgen: «In der Rede des Herrn v. Achenbach findet sich nach dem b«Reichs-Anzeiger" folgende Wendung: „Jeder Brandenburger weiß, daß er den Aufschwung und die Machtstellung seines Vaterlandes allein ihnen zu verdanke» hat"— nämlich allein den Hohenzollern. Man braucht nicht an jede Tischrede einen ernsten Maßstab anzulegen; man tröstet sich darüber, wen» sie tiefgründige Wahr beite» nicht enthält; und man übersieht es, wenn iu ihr die Farben etwas stark aufgetragen werden. Das alles entschuldigt der Anlaß. Was man aber auch von Tischreden, die Leute von Welt und Stellung halten, beanspruchen darf, das ist Ge schmack. Run wird niemand verlange», daß ein Oberpräsident der Provinz Brandenburg seinem Monarchen bei einem Festmahl anderes als Verbindliches und Angenehmes sagt; das ist selbst verständlich; aber selbst bei solcher Gelegenheit zu behaupten, daß unser Vaterland allein— man denke: allein— den Hohenzollern „Aufschwung und Machtstellung" verdankt, solcher Zlussprnch ist denn doch mehr, als der moderne Geschmack zu ertragen vermag das ist eine Äenßerung im Stile eines französischen Hofmanne zur Zeit des roi-solell(Ludwig XIV.); vielleicht auch, daß i Byzanz und China sich enlsprechende Wendungen bei An reden, die Würdenträger im Range eine? Oberpräsideuten an das Staatsoberhaupt zu halten hatten, finden ließen � voraussichtlich. Aber China liegt der europäischen Zivilisation räumlich sofern wie zeillich Byzanz, und auch jene naive Geschichts- auffassung assyrischer und egyptischer Denkmäler, die den König riesengroß und seine Völker winzig klein darstellt, ist durchaus überwunden, wenigstensaußerhalbdesBrandenburgischenProvinzial Landtages. In dem Dentschland des scheidende» neunzehnten Jahrhunderts lehnt sich das historische Wissen, das Selbstgefühl und die bürger liche Ehrlichkeit gegen einen Ausspruch aus, der aller und jeder staatlichen Entwickelung und auch der unseren inS Gesicht schlägt, und jene Loyalität erweist der Monarchie wirklich einen schlechten Dienst, die durch riesengroße Uebertreibungen jede Zustimmung zu einer Unmöglichkeit macht. Nun läge an einem Trinkspruch deS Herrn Oberpräsidenten von Achenbach nicht gar viel, wenn er nicht geeignet wäre, die Atmosphäre zu charakterisiren, in welcher der Monarch lebt. Nur wenn man sich die obige Wendung des Herrn von Achenbach gegenwärtig hält, gewinnt man auch die richtige Perspektive für jene Ansprache, die der Kaiser selbst als Erwiderung geredet hat.— Die sechs Tage Arist, die Griechenland von den Großmächten gesetzt>varcn, sind heute verstrichen. Die Ant wort Griechenlands ist mittags an die griechischen Vertreter im Auslande telegraphirt worden. Neber den Inhalt ver- lautet: Griechenland erkläre, daß es den Wünsche» der Mächte entsprechend den Kreter» die Annahme der Reformen empfohlen hätte, welche die Muselmanen unmöglich gemacht hätten. Griechen- land sei verpflichtet gewesen, bei den neuen Unruhen zu intev venire», um das Brudervolk zu schützen. Die Autonomie bilde keine Lösung. Dieselbe müßte in erster Linie von den Kretern angenommen werden, die sie aber ablehnen. Griechenland würde sich der Enscheidung der Kreter unteriverfen Die Rückberufung der Flotte und der Truppen würde das Zeichen geben zu neuen Ausschreitungen, gegenüber denen daS griechische Volk nicht unthätig bleiben könnte. Diese Antwort ist vieldeutig, sicher an ihr ist nur, daß sie alles eher als einen Erfolg der Großmächte bedentet. Griechenland und die T ü r k e i r ü st e n mit allen An- strengungen. Zahlreiche Depeschen melden, daß die Reserven einberufen, daß Schiffe, Geschütze und Munition bestellt wird. Auf Kreta dauert das Blutvergießen fort. Als weiterer Mißerfolg der Großmächte ist die Entlassung der inter- nationalen Gendarmerie zu registriren. Aus London wird depeschrrt: Etwa 7000 bis 10 000 Personen, in der Mehrzahl Arbeiter, veranstalteten heute Nachmittag im Hydepark eine Kundgebung gegen die Zwangsmaßregeln gegenüber Griechenland. Außer vor der Tribüne, wo die griechische Flagge gehißt war. herrschte wenig begeisterte Stimmung. Die Ruhe wurde in keiner Weis« gestört. Es wurde eine Resolution angenommen, in welcher Sympathie für die Kretenfer in ihrem heroischen Kampfe gegen die türkische Tyrannei ausgedrückt und Einspruch er- hoben wird gegen den Versuch der Mächte, auf Griechenland einen Zwang auszuüben. Ferner wird iujder Resolution Lord Salisbnry aufgefordert, es abzulehnen, von den Kanonen der englischen Flotte einen Gebrauch zu machen, der Großbritannien zur Schande gereiche und es erniedrige.— Unser italienischer Freund und Geuoffe Cipriani ist, wie wir aus der Pariser«Petile Republique" ersehen, nach Kreta abgereist. um dort gegen die Türke», und, wenn nöthig, gegen die Truppen von„ganz Europa" zu fechte». Wir wünschen nur, daß ihm ähnliche Enttänschunge» erspart bleibe», wie sie vor dreißig Jahren, bei dem damaligen Aufstand dem braven F l 0>1 r e n s zu rheil wurden, der in den Kreter» moderne Kämpfer für Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, kurz für den iitteruationalen Sozia- Iismus gesucht hatte. Flourens. der am 2. April IS71 von den Versaillern»ach dem bekannten Ausfall der Kommunarden kalten Blutes ermordet wurde, war 1867 fast dreiviertel Jahre aus Kreta.— Chronik der MajestätsbeleidiguugS-Prozesse. AuSDuis- bürg wird geschrieben: Ein hiesiger 43 jähriger ehemaliger Eifenbahnbeamter, dem die Frau gestorben war, hatte wiederholt um Aufnahme feiner 4 Kinder in daS Waisenhaus gebeten. war aber abschläglich beschieden worden. Um seinen Wille» doch durchznsetze». erschien der Maun auf der Hauptpolizeiwache und stieß dort in Gegenwart der Beamte» mehrere schwere Majestäls- beleidigungen aus. Festgenommen, gab er als Grund seiner thörichten Handlungsweise de» oben geschilderten Sachverhalt a». Sein Wunsch wird nun in Erfüllung gehen: da er ins Gefängmß wandert, muß die Stadt die Fürsorge für die arme» Kinder über- «ehmtn. Deeetsches Reich. Tangerhause«, 5. März.(Franks. Ztg.) Gegen die diszipli »arische Versetzung von Pastor K ö tz s ch k e aus Sangerhausen, die vom Evangelischen Ober- Kirchenrath wegen dessen Streit init dem Frhrn. v. Stumm angeordnet worden war, hatte die Gemeinde sich in einer Petition an den Kaiser gewandt. Der Ober- Kirchenrath hat aber die Antwort auf diese Petition nicht abgewartet, sondern die Versetzung nach Liwakowitz, Ephorie Karthaus in Westpreußen. verfügt. Acht Tage sind Bedenkzeit gegeben. Sollte bis dahin die Annahme der Stelle nicht erfolgen, so soll Entscheidung auf Amts enthebung herbeigeführt werden. — Ei» Z e u g n i ß z w a n g s- V e r f a h r e n soll gegen das polnische Blatt„Goniec" eingeleitet worden sein wegen der in der Nummer vom 2l. Februar veröffentlichten Ministerialverfügung be treffend die Auflösung der polnischen Versammlungen, die nur durch einen groben Vertrauensbruch eines„ihm geneigten" Beamten in den Besitz des Blattes gelangt sein kann.— Anklam, 8. März. Amtliches Wahlresultat. Bei der heutige» Landtags-Er sah wähl wurde Rittergutsbesitzer Graf von Schwerin-Lüwitz(k.) mit allen abgegebenen 283 Stimmen gewählt. In Dresden fand gestern eine mit Pauken und Trompeten angekündigte konservative Versammlung statt, an der sich 2000 Per- sonen betheiligt haben sollen. Herbert Bismarck. Roon, Manteuffel, v. Erffa, Limburg-Stirum, Plötz, Kropatscheck, Felisch, also fast alle Schattirnngen der konservativen Fraktion ivaren vertreten. Er hebliches ist von dieser Schaustellung nicht zu berichten. höchstens daß Freiherr v. Manteuffel eingestand, daß die deutsch'konservative Partei die bestgehaßteste im Lande sei, daß der edle Limbnrg-Stirum ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemo traten und ihren Ausschluß von der Gesetzgebung forderte, und daß Herbert Bismarck die Rückkehr zu den Traditionen Wilhelms I.. also Papa Bismarck's, und damit zu den Hochzöllen auf Getreide forderte.— Weimar, 6. März.(Eig. Ber.) L a n d t a g s- B e r i cht. Um die in den einzelnen Thüringer Staaten entdeckten Kohlensäure Quellen, sowie die erbohrte» Kalisalzlager zu schützen, ist schon im Herzogthum Gotha ein diesbezügl. Gesetz erlassen, auch unser Land tag hatte sich jetzt mit dieser Vorlage zn beschäftigen. Bei dieser Gelegenheit wurde bemerkt, daß die Regierung ihren Einfluß dahin geltend machen soll, damit das auf Meininger Gebiet, dicht an der weimarifchen Grenze gelegene, und durch das betr. Gesetz vor in der Nähe vorzunehmender Konkurrenzbohrungen geschützte große Kohlensäurcwerk Bernhardshall sich einem, behufs Verlheuerung der Kohlensäure, zu gründenden Syndikat nicht anschließen darf.— Da im Großherzoglhum ein Lehrermangel sich fühlbar macht, und vom Jahre 1900 an, wenn die Volksschullehrer ein Jahr beim Militär dienen müsse», ein noch größerer Mangel befürchtet wird, wurde beschlossen, für die Jahre 1397, 1893 und 1399 je an fünf» zehn Seminaristen Stipendien, für jeden 150 M. zu bewilligen. Diese Vorlage wurde mit 16 Stimmen angenoinineii. Der Landtag besteht aus 31 Abgeordneten.— München, 7. März.(Eig. Ber.) Dem oberbayerischen B a u e r n b u n d e, der am letzten Sonntag in Schönau bei Tüntenhausen»ine Versammlung abhalten wollte, wurde von den Zenlralpatrioten der Saal abgetrieben. Dafür veranstalten nun die Bauerubündler am nächsten Sonntag eine Versammlung in Straußdorf bei Grafing und zwar in demselben Saale, wo vor 14 Tagen die Wanderversaminluiig des bayerisch-patriotischen Bauern Vereins von Tüntenhausen getagt hat.— — W ü r t t e ni b e r g i s ch e r Landtag. In der zweiten Sitzung der Saison berieth die Kammer über einen Gesetzentwurf, betreffend die Best euer nngsrechte der Gemeinden. Am 31. März d. I. läuft ein Theil der Besteueriingsrechte der Gemeinden ab, da aber die neuen Gemeindesteuer> Reformen, die seitens des Landtags berathen werden sollen, bis z» diesem Termin nicht erledigt werden können, so wird der Antrag gestellt, bis zum 31. März 1899 den Gemeinden zu gestatten, die Steuern weiter zu erheben. Nach längerer Debatte wird der Gesetzentwurf mit alle» gegen 2 Stimmen angenommen und haben somit n. a. die Gemeinden daS Recht, auf weitere zwei Jahre Verbrauchsabgaben(Fleischsteuer ic.), Zuschlag zur Hunde- abgäbe und Liegenschafls-Accise zu erheben. Gen. Kloß wendete sich in«»ergischen Worten gegen die Erhebung von Vcrbrauchsstenerii.— Die Kammer wird anfangs nächster Woche in die aUgenieine Be� rathung des Etats eintreten und Ende der Woche mit der Speziab debatte des Etats beginnen.— — Zur preußischen Polizei- ülnfsicht über Süd- dentschland. Unsere Vertreter im hessischen Landtag werden die Regierung um Ausklärnng ersuchen wegen der Aufsichts> besugnisse, die dem Polizeipräsidenten zu Frankfurt a. M. über die politische Polizei„fast durch ganz Eüddenlschland" zustehen sollen. Die Interpellation hat folgenden Wortlaut: In der Bndgetkonimissions'Sitzupg de? preußischen Ab- geordnetenhauses am 23. Januar d. Js. erklärte der Finanz- minister v. Miqnel zur Begründung der geforderten Repräsenlations- Vergütung nebst Gehaltserhöhung für den Polizeipräsidenten zu Frankfurt a. M.: „Dieser Beamte hat immer höhere Bezüge gehabt wegen der großen, theueren Stadt; weil er größere Aufgaben als andere Polizeipräsidenten zn erfüllen hat. indem er seine Aussicht über die nahen Grenzen der Schweiz, Oesterreichs. Frankreichs und die politische Polizei fast durch ganz Süd- dentschland auszuüben hat." Ans grniid dieser Erklärung richten die Unterzeichneten fol- gende Anlragen an die großherzogl. hessische Regierung: Erstrecken sich die Aufsichtsbefugnisse der Frankfurter Polizeibehörde auch auf da? Großherzogthum Hcffen? Worin bestehen gegebeneiifalls die Befugnisse? Von wem und ans welchen Gründen sind sie der Frankfurter Behörde eingeräumt worden und auS welchen Mitteln wird die Beaussichtiaungs- lhätigkeit bezahlt? Cramer. David. Haas, Ran, Ulrich. — Sin neuer A s r i k a s k a n d a l? Die„Köln. Ztg." meldet:„Lieutenant Werlher, Beauftragter der Jrangi-Gesellschast (ehemaliger Expeditionsführer des Antisklaverei-Komitees) ist auf Antrag des Gouverneurs, Obersten Liebert, telegraphisch nach Berlin zurückbernfen worden." Lieutenant Werther wußte vor Jahresfrist eine Anzahl Kapitaliste» für eine Expedition nach Ostafrika zu interessiren, nachdem er ihnen Golderze gezeigt hatte, die er auf seiner früheren Expedition ge- unden hatte, und deren Fundort nur ihm bekannt sei. Kenner der Verhältnisse in Ostafrika warnten damals davor. Werther hinaus zusende», weil sein Auftreten den Eingeborenen gegenüber für die Ruhe des Landes bedenkliche Folgen gehabt hatte. Licutenant Werther wußte indessen trotz der gegen ihn sich erhebenden Stimmen seine Pläne durchzusetzen. Die„Post" hat Grund zn der Annahme, daß der afrikanische Goldsucher nicht lediglich zum Zwecke der Berichterstattung über eine Erfolge nach Berlin zitirt worden ist. Vielmehr scheinen von neuem ärgerliche Händel vorgekommen zu sein, daß der Gouverneur im Interesse der Aufrechtcrhaltnng der öffentlichen Ruhe auf die Abberufung Licutenant Werthcr's dringen mußte.— Oesterreich. In zwanzig von den 72 Wahlkreisen, in denen auf grund des allgemeinen Wahlrechts gewählt wird, finden morgen(Dienstag) die Wahlen statt und zwar in Wien(ö Wahl- kreise), übriges N i e d e r ö st e r r e i ch(4 Wahlkreise). Mähren(7), Schlesien(2). Salzburg(I). Kärnthen(1 Wahlkreis). Die Wiener Wahlkreise haben der Reihenfolge nach 41 326, 60 Sil, 84 195, 69 685, 61801 eingeschriebene Wähler. Wir setzen zum Vergleiche die Wählerzahl der sechs Berliner Wahlkreise bei der letzten Wahl: 20169. 76 347, 32 670, 93036, 31244. 121564. Die Erregung der Wählermaffen hat vor allem in Wie» den Siedepunkt fast schon überschritten. Wir haben auch schon schwer« Wablkäiiipsc gehabt, aber die Abwehr so systematischer, frei erfundener, täglich neu entstehender Verleuindiiiigeii und persönlicher Vorwürfe war uns doch noch nicht aufgedrungen, wie unseren Genossen in Oesterreich und speziell in Wien. Berichte über Erfolge bei den Wahluiäniierwahlen liegen auch vor. Erwähnen wollen wir blos den großen Sieg in Tornow, wo trotz der hefligsten Gegenagitation des Bischofs und der Rabbiner alle 55 Wahlmänner, welche die Sozialdemokraten aufgestellt hatten, gewählt wurden. Die Wahl in Trieft, die erste direkte Wahl auf grund des allgemeinen Wahlrechts, fand heute statt. Falls das Skrutinium vor Mitternacht beendet wird, finden unsere Leser das Wahlresnltat unter Depeschen.— Frankreich. Paris» 7. März. Der Sozialist Rouanet brachte in der Deputirteiikammer eine Interpellation über die S ü d b a h n e n ein. Er berührte bei dieser Gelegenheit alle Finanzmaiiöver der letzten Jahre, wie die falsche Nachricht vom Tode des Herrn de Rothschild, den Panama-zc. Skandal, wunderte sich über die Langsamkeit der Unter- suchungen und verlangte Licht. Justizniinifter Darlan antwortete, daß über alle von Rouanet erwähnten Angelegenheiten Unter- fuchungenl eröffnet worden, bezw. noch im Gange seien, ebenso betreffs der Sudbahnen. Hierauf stellte Rouanet eine Tagesordnung ans, wonach die Kammer die Regierung ersuchen solle, alle Schuldigen zu bestrafen und die Akten über die Südbahnen- Angelegenheit zu veröffentlichen. Eine andere Tagesordnung der Abgg. Krantz und Charmes billigte die Erklärungen der Regierung und sprach die Ueberzeugung aus, daß letztere die einschlägigen Gesetze respektiren werde. Die Priorität für die Rouanet'sche Tagesordnung wurde mit 294 gegen 235 Stimmen verworfen, die krantz'sche Tages- ordnung mit 291 gegen 181 Stimmen angenommen. Schließlich ge- nehmigte die Kammer einen Zusatz, den der Ministerpräsident gut- geheißen und welcher die Regierung zur Veröffentlichung der Alten nach Schluß der Untersuchung verpflichtet. Gegenwärtig zittern die Panamisten, deiin Artoii hat ge- sprachen und Namen genannt, vermuthlich auch Beweise erbracht. Untersuchungsrichter Le Poittevin begab sich gestern zum Staats- anwalt der Republik, Herrn Atthalin, und hatte mit demselben eine bedenklich lauge Uitterreduiig. Zwar erjährt man von dem, was hierbei verhandelt wurde, bei der begreiflichen Reserve der Behörden in der heiklen Panama-Angelegenheit nicht? BestiniinteS, doch ver- sichern die Zeitungen, daß sie ans dem Wege ist, zu einem Ausgang zu führen, und zwar schneller als man geglaubt habe. — Der A ii trag der Sozialisten in der Deputirten- kanimer, die privaten Placirungsbureaus sofort und ohne Ent- schädigung aufzuheben, wurde niit 493 gegen 104 Stimmen ver- worfe».— Belgien. Brüssel, 7. März.(Eig. Ber.) Nachdem das Sesetz, betreffend die Inspektion der Bergwerke, glücklich unter Dach und Fach gebracht worden, ohne daß auch nur ein einziger Verbesserungs- antrag unserer Genossen angenommen worden wäre, ist die Kammer jetzt bei Berathung des Budgets. Der Versuch der Regierung, vor- dem daS Gesetz über die Bürgerwehr zur Berathung zu bringen, scheiterte. Alle reaktionären Gesetzesentwürfe werden mit einer staunen?- werthen Schnelligkeit durchgepeitscht und erlangen Gesetzeskraft. das neue Schulgesetz, das schon 14 Tage, nachdem der Ent- wurf der Kammer zugegangen, zum Gesetz erhoben war; die Millionen für den Kongo waren bereits in 11 Tagen bewilligt und die Erhöhung der Steuer auf den Alkohol bedurfte gar nur etlicher Stunden. Dagegen brauchte die Kammer 4 Monat«, ehe sie das„Werkstättengesetz" und 15 Monate, bis sie das Gesetz über die „Inspektion der Bergwerke" zu stände brachte. Das Pensionsgesetz ür die Arbeiter wartet bereits 2 Jahre und daS über die Berufs- geiiossenschaften seit dem 8. August 1389 der Erledigung.— England. — Der afrikanisch« Kolonialfeldzug ist vorläufig beendet. Wie dem„Reuter'schen Bureau" aus Braß gemeldet wird, hat der Eullan von Horin kapitulirt und«inen Vertrag unterzeichnet; der Sultan wurde wieder eingesetzt, jedoch unter«nglisch« Schutz- Herrschaft gestellt.— Tänemark. - Im Folkethiug ist zur Zeit ein Zusatzantrag zum Strafgesetzbuch in Verhandlung, der ausschließlich gegen die streikenden Arbeiter gerichtet ist. Der Zusatz sieht ziemlich harmlos aus. Er will mit sechsmonatlicher Zwangsarbeit Gewaltthätigkciten. die keine Verletzungen oder anderen Schaden mit sich bringen", bestrafen,„wenn sie eine Störung des öffentlichen Friedens verursacht haben oder mit Nebertretung von Polizeivorschristen v«r» b u 11 d e n s i n d." Diese Bestimmniig hat den ausdrücklichen Zweck, diejenigen Arbeiter bestrafen zu können, die mit Streikbrechern in leichte Kollisionen gerathen sind. Als Strafverschärfung soll außerdem im Arbeilshause fortan Stockprügel zuerkannt werden können. Also streikende Arbeiter sollen mit Stockprügeln regalirt«erden, wenn "w in der Hitze sich zu einer kleinen Anrempelung eine» Streik- brechers haben hinreißen lassen. �..,, t Der sozialdemokratische Abgeordnet« Wiinblad nährte in längerer Rede aus, daß von der behaupteten zunehmenden Rohheit gar keine Siede sei. Auch dem Gesetzantrag fehle jede Be- gründung und statistische Belegung in dieser Beziehung. Es sei aber von den Sozialdemokraten bereit? im Landesthing statistisch iiachgeiviesen, daß die Rohheiten in der Abnahme begriffen seien. Das Herauskommen eines solchen Antrages ist ein Beweis für die reaktionäre Strömung der Regierung. Das Gesetz ist nur gegen die Arbeiter gerichtet. Wenn feine Herren Rohheiten begehen, wird die Sache vertuscht oder sie kommen sehr glimpflich davon. Wiinblad erzählt einen Fall von einem Marinelieutenant, der ganz harmlose Leute auf der Straße angefallen hat, und»ine» anderen, in dem jyvei Polizisten verabschiedet wurden, weil sie die SöhncS eines hochstehenden Mannes bei der Begehung von Brutalitäten verhaftet halten. Ferner weist Wiinblad darauf hin, daß im Oktober sich ein Wählerverein an den Minister wenden mußte, um Schutz der Bürgerlschaft gegen Brutalitäten der Polizei zu erbitten. Und der Minister versprach Abhilfe! Alle Parteien im Lande sind über die Nebergriffe der Polizei einig— und nun will man auf Uebertretung ihrer Vorschriften solche Strafen setzen! Die Rechte begrüßt den Antrag natürlich mit Freuden. Die Prügelstrafe wäre eine sehr gute Strafe für Leute, die vor nichts anderm Respekt haben. Die weitere Berathung wurde vertagt. Tpimien. Von de« Kolonialkriegen. In Kadix find bereitungen zur eventuellen Ueberführung weiterer nach den Philippinen im Gange.' Aus der Provinz Pinar del Rio(Kuba) sind Meldungen über bedeutende militärische Operationen eingegangen. Es wurden Lager- platze und Lazarethe der Aufständischen zerstört, wobei 71 derselben gelödtet und zahlreiche verwundet wurden. Der New-Aorker„Sun" meldet, daß bei Manzanilla ein Kamp! der Insurgenten und Spanier stattgefunden habe,. wobei die Rebeue» nur wenig Verluste erlitten. �.. In Manilla brannten 2000 Häuser nieder. Menschenleben sind nicht zu beklagen.— - Neue Eisenbahn'?»"' Schon seit zwei Jah"'''vird im Kaukasus an einer Eisenbahn gebaut nach Kars � ve I flen kaukasischen Festung. Von einer der Stationen dieser Eiseubahi, wird eine andere abzweigen nach Erwa»,»nd von d» durch das Thal des Flusses Arax, d°S Ufer dieses Flusses c-lang- der die natürliche Grenze zwischen Rußland»ud Pernen bildet— nach Nachitschewan und über Dschuls nach Persien- Tis Bahn hat «ne große Bedeutung zum Maaren transport von � Schwarzen Meeres nach Persten. Diese Häfen üud durch Elj ellbahnen und Wasserweg« mit ganz Rußland«»round»». lebhafte Vor« Verstärkungen I>» Kaulasus sind schon seit einigen Jahren die Vorarbeiten tm Gange, Ulli die beste Uebergangsslelle im Hanptgebirge ausfindig 511 machen. Nach Vollendung dieser Bahn wird der ganze trans- kaukasische Landestheil eine bequeme Verbindung mit Rußland daben. Es wird ferner eine Eisenbahn angelegt von der Station Tichsrezl(Eisenbahnlinie Nostoiv-Wladikankasus) nach Zarizin an der Wolga(300— 100 Werst lang), sodann ein kurzer Zweig t'rojektirt, ungefähr 100— I0S Werst im Südwesten der Staats» eisenbahnen. . Eine Privatgesellschast von der Eisenbahn Njasan-Urals hat ein Projekt bereit, die Station Tankow(Gouvernenient Njasa») biefci- Bahn direkt mit Smolensk zu verbinden. Länge 500 Werst. Tiefe Bahn bedeutet eine beträchtliche Verkürzung der Zeit des Waarentransportes von den Gegenden der unteren Wolga zum Baltischen Meer. Amerika. Arafilie». Der„Agsnce Havas" wird aus Rio de Janeiro genieloet: Von ihrem Slnführer Conseilheiro aufgewiegelte Anhänger der sogenannten Fanatiker-Sekte tödteten den Oberste» Moreina Eesar, drei andere Offiziere und 200 Soldaten. In Rio herrscht Erregung. Die Bevölkerung hat die Redaktionen, zweier monarchistischer Blätter geplündert und da? Material verbrannt. Der Führer der brafilianischen sog.„Fanatiker", Antonio Eonseilheiro, von dem schon wiederholt die Rede gewesen ist, nennt fich den„Abgesandten Gottes". Er besitzt angeblich schon 9000 Anhänger, mit denen er in« Staate Bahia raubt und mordet. Er droht baldigst auf Bahia selbst zu ziehen. Vor einigen Jahren soll Conseilheiro der Held eines furchtbaren Dramas gewesen sein. Seine Mutter habe ihn fortwährend gegen seine Frau ausgehetzt. Er solle sie nur bewachen, dann würde er den Beweis für ihre Untreue erhalten. Conseilheiro habe dies gethan, und als er nachts einen Mann aus seinem Hause treten sah, habe er ihn niedergeschossen. Daraus habe er seine Frau ermordet, ahne sie nur zu Worte komme» zu lassen. Als er den Leichnam des angeblichen Ehebrechers näher untersuchte, habe er gesunden, daß er seine eigene Mutter getödtet hatte. Diese habe Männer- kleider angelegt gehabt, um ihre S6)wiegertochter in Verdacht zu dringen. Conseilheiro flüchtete in die Wälder, wo er mehrere Jahre als Einsiedler lebte. Während der Zeil kam ihm der Ge- danke, er sei ein Heiliger und bestimmt, die Welt zu regenerircn. 1393 begann er seine Propaganda und erbaute eine kleine Kapelle, der er den Namen„Xotre Dame de Conception" beilegte. Sobald sein Anhang größer wurde, begann er das Räuber» Handwerk, dem er gegenwärtig obliegt. Jetzt hat die Negierung zwei Bataillone mit acht Geschützen gegen de» neuen Heiligen aus- gesandt.—_ AeichskÄg. 187. Sitzung vom 3. M ä r z 1397. 1 U h r. Am Tische des Bundesraths Graf PosadowSky, von B 0 e t t i ch e r. Das Haus erledigt zunächst in zweiter Berathung die Uebersicht der Reichsausgabe» und Einnahmen, indem es die Etatsüberschreilung und außerelatsmäßigen Ausgaben vorbehaltlich der spätere» Rechnungslegung nachträglich genehmigt. Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung des Reichs» hanshalts-Etats für 1897—93 und zwar des E t a t s des Reichstags. Hierzu liege» folgende Anträge vor: 1. von den Abgg. v. L e v e tz 0 w und Schmidt-Elberfeld für Grunderwerb und Projektbearbeitung für den Bau eines Prä» sidialgebäudes des Reichstages, sowie als erste Rate 300 000 M. einzustellen. 2. von der Budgetkom Mission:„Die verbündeten Regierungen zu ersuchen, dein Reichstage einen Nachtrag zum llielchshaushalts» Etat für das Etntsjahr 1397/98 vorzulegen, in welchem für Grunderwerb und Projektbearbeitung für den Bau eines Präsidial» Gebäudes des Reichstags, sowie als erste Rate 300000 M. gefordert werden." Abg. v. Stumm(R..P.) beantragt, die Worte:„als erste Rate" im Antrage der Budgetkonimissio» zu streichen. Außerdem liegt folgender Antrag der Abgg. A n ck 1 r und Genossen(srs. Vp.) vor: „Den Bundesrath zu ersuchen, eine Abänderung der Reichs- Verfassung— Art. 32— in dem Sinne herbeizuführen, daß die Mitglieder des Reichstags aus Reichsmitteln Diäten und Reise- kosten erhalten." Abg. Beckh(srs. Vp.): Als der Anwaltstag im vorigen Herbste in� Berlin tagte, sollte das Reichstagsgebäude zur Ver- sügung gestellt werden. Aber die schönen Räume waren nicht sämmtlich frei zur Verfügung. Die Wandelhalle und die Neben- räume derselben waren von der photographischen Ausstellung l setzt: die hohen Gerüste derselben hinderten die Besichtigung der schöne» Räume. Ich will aus der Hergabe der Räume der Verwaltung keinen Vorwurf machen, möchte aber bitten, daß künftighin solche Kollisionen möglichst vermieden werden. Abg. Pichler(Z.): Von den Mitgliedern unseres stenographische» Bureaus ist nur ein einziges etatsmäßig angestellt. Die übrigen werden diätarisch beschästigt, obwohl die ältesten bereits 22 Sessionen thättg sind. Alle unsere Stenographen sind mit ejner Ausnahme akademisch gebildete Leute, V von ihnen Doktoren. Sie verdienen im Durchschnitt nur 2400 M., bei kürzeren Sessionen noch weniger. Nach dem Vorgange anderer Staaten wie Frankreichs und Oester- reichs und Preußens und Bayerns möchte rch bitten, daß mit der Schaffung neuer etatsmäßiger Stellen in einem etwas schnelleren Temvo und größerem Umfange vorgegangen wird und in den nächsten Etat die erforderlichen Mittel eingestellt werden. Abg. Tchmidt-Elberfeld(I. Vizepräsident) theilt mit, daß für das nächste Jahr zwei neue etatsmäßige Stellen in Aussicht ge- uommen sind. Abg. Liebknecht(Soz.) empfiehlt, eine bessere Statistik der Reichstags-Wahlen aufzustellen. Besonders dürftig sei die Statistik der letzten Wahlen von 1893. Es sollten namentlich die Namen fämmtlicher Kandidaten mit Stand und Wohnort angefnhrt werden. nicht blos die Namen derjenigen, welche ans den Wahlen als Sieger hervorgehen. Es sollte serner zwischen ländlichen und städtischen Bezirken unterschieden und mitgetheilt iverden, welcher Theil der Bevölkerung dem Militärstande angehört. Auch über die Nach- wählen sei eine Statistik aufzunehmen. Eine gute Wahlstatistik sei um so nothwendiger, als die Neu» Umlegung der Wahlkreise nicht mehr lange hintanzuhalten sei. Seit Festsetzung der jehigen Wahl- kreise hätten die größten Bevölkerungsverschiebnngen staltgefunden, so daß z. B. der sechste Berliner Wahlkreis vierzehnmal so viel Ein- wohner enthalte, als der Wahlkreis Echaumburg> Lippe. Das statistische Bureau müsse verstärkt werden. Das koste natürlich Geld, aber wenn das Geld hundertmillioneuweise für überflüssige oder schädliche Dinge ausgegeben werde, könne man doch auch eine Kleinig- keit für Nothwendiges ausgebe». Die Ausgaben für den Reichstag werden bewilligt. Bezüglich des Antrages wegen der Diäten beantragt Abg. Richter, denselben angesichts der schwachen Besetzung des Hauses erst bei der dritten Berathung zu erledigen. Das Haus ist damit einverstanden. Ueber den Antrag der Bndgetkommission wegen de? Präsidial- Gebäudes berichtet Abg. Lieber unter Hinweis darauf, daß eine Präsidial-Wohnuiig schon vor 9 Jahren in Aussicht genomnien sei. Ohne den Grundsatz anzuerkennen, daß der Reichstag nicht be- rechtigt sei, eigenmächtig eine Etatsforderuug zu stelle», hat die Kommission sich dazu entschloffen, die Vorlegung eines Nachtrags» Etats zu verlangen. Abg. v. Stumm(Rp.) empfiehlt die Worte„als erste Rate' »n streichen, weil grundsätzlich keine Bauraten bewilligt werden sollen, wen» nicht dazu ein Bauplan vorliege. Der vorliegende Bauplan werde wohl bei niemandem Billigung finden. Abg. Schmidt-Elberfeld(srs. Vp.) weist darauf hin, daß ,n der Budgetkommission der Wunsch laut geworden sei. noch in diesem Herbst die Bauten zu beginnen, weil sonst ein ganzes Jahr verloren ginge. Abg. v. Lcbctzow(dk.) empfiehlt ebenfalls, die Worte„als erste Rate" zu streichen, da eine Baurate vorläufig nicht gefordert werden solle, weil man noch nicht wisse, was das Gebäude kosten wird. Aber es niüsse zugegriffen werden, um ein Grundstück zu erwerben, welches brauchbar ist für das Präsidialgebäude. Sollte das Projekt noch im Laufe dieser Session vorgelegt iverden, so würde es immer »och möglich sein, eine erste Rate zu bewilligen. Abg. Richter(srs. Vp.) stimmt diesen Ansführnngen zu. Gegen die Bewilligung des Gebäudes habe ich in der Kommission geltend gemacht, daß daraus eine Repräsentationspflicht hergeleitet werden könne. Davon kann keine Rede sein, weil dadurch die Auswahl der geeigneten Persönlichkeiten beschränkt werden würde, zum Nachtheil der Reichstagsgeschäste. Abg. Hauunacher(natl.) schließt sich den Ausführungen des Abg. v. Stumm an. Abg. Spahn(Z.) hält es für überflüssig, die Worte„als erste Rate" zu streichen. Abg. v. Kardorff(Rp.) weist darauf hin, daß bei nicht voll- ständiger Besetzung der Budgetkommission der Autrag auf Streichung nrit 1 Stininre Mehrheit angenonimen sei. Der Antrag der Budgetkonimissio» wird unter Annahme des Antrages v. Stumm angenommen. Damit ist der Etat des Reichstages erledigt. In dritter Lesung werden ebenso wie in zweiter Lesung der Gesetzentwurf über die Z w a n g s v e r st e i g e r u n g und die Z ,v a n g s v e r w a l t u n g und der Entwurf einer Grundbuch- 0 r d n 11» g entsprechend einem Antrage des Abg. Basser mann en bloc einstimiuig angenommen. Das Haus schreitet sodann zur Verhandlung über Petitionen, zumeist persönlichen Interesses, welche ohne Debatte, den Anträgen der Kommission entsprechend, erledigt werden. Nur eine Petition, betreffend die Gleichstellung der Telegraphisten der Reichs- Eisen- bahnen mit denen der Reichs- Postverwaltung giebt Anlaß zu einer Debatte. Die Kommission hatte Uebergang zur Tagesordnung vorgeschlagen; der Abg. Hanimacher hat hierzu den Antrag gestellt, die Petition, soweit sie die Versetzung der Eiseubahn-Telegrgphisten in die Klasse der Siibalteriibeamleii betrifft, dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Außer dem Abg. Hammachcr sprechen sich die Abgg. Beckh (srs. Vp.) und Fsörstcr(Rejor»i°P.) für diesen Antrag aus, wogegen voni Biindesrathstische dem Antrage widersprochen wird. Der Antrag H a m m a ch e r wird angenonimen. Schluß der Sitzung 3>/« Uhr. Nächste Sitzung M i t t w 0 ch 1 Uhr.(Antrag Gras Schwerin- Läwitz betr. die Z 0 l l k r e d i t e.) Z�avlKmenksvif�zes. Die Marinepläne bildeten heute den Verhandliingsgegenstand der Eiatskominissioii. Der Referent des Etatstitels, der Abg. Lieber betonte, daß der Flottenplan von 1373, der übrigens längst überholt sei, niemals die Genehniigiiiig des Reichstages gesiinden habe. Er erklärte, daß man an die Grenzen der Steuerkraft denken niüsse. In seiner Partei war man schon im vorigen Jahr bereit, für Schiffs- Neubauten jährlich 10 pCt. des bisherigen Schiffsiverthes zu be- willigen, also 32 Millionen Mark jährlich ohne die Artillerie- Aus- rüstung. Hierauf verlas der Reichskanzler Fürst Hohenlohe die folgende Erklärung: Im Anschlüsse an die Verhandlungen der Bildgelkomiiiission in ihrer Sitzung vom L. d. M. und mit bezug auf das vom Herrn Staatssekretär des Reichs- Mariiieaints den Mitgliedern der Konimission in jener Sitzung über- gebene Schriftstück habe ich zu erklären. daß letzteres weder eine neue Regierungsvorlage, noch eine Denkschrift zum vorliegenden Etntsentwurf, wie diejenige über den Flollengrüiidniigsplaii des Jahres 1373, darstellen soll. Vielmehr trägt jenes Schriststück einen lediglich insormalorischen Charakter. Dasselbe hat zunächst den Zweck, den rechiiungsiuäßigen Schifssbestaiid der kaiserlichen Marine nach dein Flolteiibearüudungsplan von 1373 und seinen vom Sieichs- tage zngestaiideneii Ergäiijnngen nachzuweisen gegenüber dem gegen- wärligen thalsächlichen Schiffsbestand. Ferner soll damit der Nach- weis erbracht werden, welche Mittel für den Zeitabschnitt in An- sprnch zu nehme» seien, welcher zur Vollendung der im vor- liegenden Etatsentwurf beantragten Schiffs- Neubauteii er- forderlich list. Endlich sind auch noch die entsprechenden Raten- forderuiigeu für diejenigen Schiffs- Neubauten mitgetheilt. welche in Angriff zu nehmen sind,- falls unsere Marine durch recht- zeitige und zeitgemäße Ersatzbauten auf voller technischer Höhe er- halten werden soll. Auch meinerseits halte ich es für eine un- abweisliche Aufgabe des Reichs, nach Maßgabe der in jenem Schrift- stück enthaltenen thatsächlichen Zlngaben, eine den Bedürfnissen der Landesvertheidigung, den Anforderungen des auswärtigen Dienstes und dem Schutze des deutschen Handels genügende Flotte zu schaffen und zu erhalten. Zur Verwirklichung können jene Forderungen des Reichs-Mariue-Amls nur durch die etatsmäßige Zustimmung der verbündeten Regierungen iiud des Reichstages gelangen. Wann und in welchem Nmfange diese Zustiminung nachgesucht und ertheilt werden wird, muß sich selbstverständlich nach der gefaliiniten Finanz- läge, das heißt einerseits nach den zur Verfügung stehenden Ein- nahmen, und andererseits nach dem Ausgabebedars auch der übrigen Refforts richten. Staatssekretär v. Hollmann führt aus: Die Marine soll nicht im Hase» liegen und sich verkriechen, sondern sich schlagen, das ist ihr« Aufgabe.. Wir müssen uns richten nach dem, wie aus- wärtige Marinen sich entwickeln. Das Reichs-Marine-Amt ist nicht der Admiralstab. Wir müssen uns richten nach dem A d m i r a l st a b. Derselbe kann beurtheilen dasjenige, was die Marine bedarf. Mit dem Admiralstab muß sich die Verwaltung verständigen.— Die kleinen Kanonenboote liegen nicht im Interesse der Marine, sondern der Kolonialverivaltung. E s i st greulich, daß die Technik so fortschreitet. Unsere Stellung ist heilte zehnmal so schwer wie vor 30 Jahre». Für die Küstenvertheidigung handelt eS sich um die Thätigkeit auf dem Meere selbst. Der Staatssekretär spricht sehr erregt und schlägt wiederholt mit der Faust auf den Tisch bei seinen Allsführungeil Eine Schlacht giebt es auf dem Meere beim Ausbruch eines Krieges, das ist sicher. Kein Mensch kann uns daran hindern. Unser Personal ist das beste; auf das Schiffsmaterial wirken Sie mit Ihren Beschlüssen. Eine Schlacht giebt es, daraus können Sie sich verlassen(schlägt dabei auf den Tisch). Wir wollen das Meer nicht preisgeben, sondern im Besitz bleiben der deutschen Gewässer, näni- lich der Nordsee und der Ostsee. Alles, was hier an Forderungen angekündigt ist, ist das Miiiimum dessen, was wir gebrauchen. Abg. Richter: Der Herr Staatssekretär hat sich in erregtem Ton mehr in allgemeinen Weiidiingen ergangen, als im einzeluen sachlich dem Abg. Lieber erwidert. Es wird so dargestellt, als ob die Flotte jetzt aus alten Kästen bestände und sich im Hafen ver- kriechen müsse. Nach den eigenen Tabellen aber sind bei uns feit 1390 theils neu erbaut, theils im Bau begriffen 64 Kriegsschiffe mit 120 000 Tonnen, das ist l'/e mal so viel als die beiden Drei. bundstaaten Italien und Oesterreich zusamnicngenommen seit 1890 erbaut haben. Auch für die russische Ostseeflotte sind seit 1890 nur 62 Schiffe mit 149 000 Tonnen neu gevaut worden oder im Bau begriffen. Heute versucht der Staatssekretär seine neuliche Aeußermig über die Entbehrlichkeit der Marine für den unmittelbaren Küsten- schütz zu desavouiren. Seine heutigen Ausführung«» stehen im Wider- spruch gerade mit der Denkschrist von 1873. Man sagt, die Pläne seien jetzt nicht mehr uferlos. Freilich, man sieht jetzt in ein weites, schroff aufsteigendes Ufer und hinter diesem Ufer in noch weiterer Entferiiiing ein verschwimmendes zweites Ufer. Denn aus der Denkschrift ergiebt sich, daß es mit der Neuforderung von ö Panzerschiffen 1. Klasse, 2 Kreuzern 1. Klasse, Avisos und Torpedos bis 1901 noch garnicht abgethan ist. Dahinter find schon wieder angemeldet weitere Neu- forderungen für die S Kreuzer 1. Klasse, deren Roll« jetzt durch Panzerschiffe 2. Klasse ansgesüllt werden soll, für den Ersatz der vier Panzerschiffe der Sachsenklasse und Oldenburg und für drei weitere Kreuzer 1. Klasse. Hinter den 328 Millionen Mark, die für die Jahre 1397 bis 1901 gefordert werden, erscheine� alsdann weitere Ufer mit neuen Forderungen von Schiffsbauten im Betrage von 166 Millionen Mark, abgesehen von allem, was bis dahin noch neu projektirt wird. Der Staatssekretär hat ja heute offen zugegeben, woher die Forderung kommt, vom Oberkommando, vom Admiralstab. Dort wechseln plötzlich die Anschauungen und treten immer neue Pläne auf. Der Staatssekretär aber macht sich nur zum Ver- lreter dessen, was der Admiralstab von»hm fordert. Daher seine fortgesetzt veränderte Haltung. Er hat ja selbst früher zugegeben, er halle sick für verpflichtet, jedem Befehl von oben Folge zu leisten(Staatssekretär Hollmann nickt bestätigend mit dem Kopfe). Nun, das mag ja für einen Admiral oder General eine ehrenvolle Rolle sein, es ist aber nicht die Rolle eines ver- antwortlichen Staatsmaiines. Der Herr Staatssekretär vertritt keine selbständige Marinepolitik, sondern führt nur die wechselnden Pläne von oben aus. Darum haben alle Erklärungen und Zusicherungen seiner Person für uns gar keine Bedeutung. Er steht mit seinem Amt und seiner Person nicht für die Jnnehaltung ein, sondern folgt den wechselnden Ordres von einer Stelle her, die sich unserer Ver- antwortiing entzieht. Vorsitzender v. Kardorff macht den Redner darauf ausmerk- sam, daß nur der Reichskanzler die verantwortliche Person ist. Abg. Richter(fortfahrend): Ja. auf den Reichskanzler wollte ich eben kommen. Nach der Jnhaltlosigkeit seiner Erklärung be- daure ich, dazu beigetragen zu haben, daß der Herr Reichskanzler sich erst hierher bemüht hat. Es ist der Wille von oben, der den Reichskanzler ebenso bestimmt, wie den Staatssekretär Hollmann. Jeder, der sich ans Zusicherungen der Minister verläßt, koiniiit uuter diesen Umständen in die Rolle des„blamirten Europäers", wie es der Abgeordnete Lieber vorher treffend bezeichnete. Dagegen nützen auch Verwahrnngen nichts im Falle der Bewilligung, denn von Vertrauen zu leitenden Personen kann unter diesen Umständen weniger als je die Rede sein. Aber selbst, wenn ich die Berechtigung aller dieser Forderungen anerkennen wollte, es köiineii doch nicht auf einmal alle Ideale der Laiidesvertheidigliug gleichzeitig erfüllt werden. Irgend in etwas muß doch aus die Finanzlage Rücksicht genommen werde». Wir können aber nicht darein willigen, binnen höchstens vier Jahren die R e i ch s s ch u l d n 0 ch u m eine weitere halbe Milliarde zu vermehren. Darum müssen wir diesen neuen Flotlenpläncn aus das entschiedenste entgegentreten. Abg. H a ni m a ch e r: Die finanziell-technischen Erwägungen des Vorredners müssen zurücktreten hinter dem politischen Juteresse der Landesvertheidigung, welche verlangen, Ausgaben im großen Stil zu machen. Wir haben den Eindruck, daß die Flotte gegenwärtig nicht ihre Aufgaben erfüllen kann. Jetzt hat niemand mehr das Recht, von uferlosen Planen zu sprechen. Diese Frage kann nicht blos nüchtern erörtert werden. Wir sind ent- schloffen, die Ausgaben auf das möglichste Maß zurückzuführen. Wenn aber der Beweis der Nothivcndigkeit geführt wird, so dürfen wir vor den finanziellen Konsequenzen nicht zurückschrecken. Abg. Graf Holstein(k.): Der Reichstag muß die Flotte zu einer Großmacht gestalten, wie sie dem Deutschen Reiche gebührt. Abg. Dr. Lieber tritt den Ausführungen der beiden letzten Redner entgegen. Ungeheure Sniiimen würden in Schiffen verbaut, ohne daß man wisse, ob sie sich im Ernstfälle bewähren würden. Im vorigen Jahre habe man uns auf die Erfahrungen des chinesisch- japanischen Krieges hingewiesen, heute verlange man wieder ganz etwas anderes. Die fortdauernden Ausgaben seien seit 23 Jahren um 130 pCt., die einmaligen Ausgaben um 323 pCt. gestiegen, die Bevölkerung sei in demselben Zeitraum um 27,40 pCt. gewachsen. Die Flotte sei mit 13.33 pCt. an der gesammten Anleihe betheiligt. Wie lauge könne das noch fortgehen, wie lauge würde man uns noch Kredit geben für unproduktive Zwecke? Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Alle nationalen Phrasen seien hier wertblos. Der wahre Patriotismus liege gerade im Maßhalten.— Die weitere Berathung wird darauf bis Dienstag vertagt.— Der heutigen Sitzung wohnten auch Staatssekretär PosadowSky sowie zahlreiche NichtMitglieder als Zuhörer bei. Von den 23 Mitgliedern der Konimission fehlte nur der Abg. Bebel, der durch das gegen Auer und Genossen gerichtete Strafverfahren wegen Uebertretung des Vereinsgesetzes statt in der Etalskommisston auf der Anlipgebank im kleinen Schwurgerichtssaal in Moabit sitzen mußte.— Zum Handelsgesetzbnch-Eutwurf. Im Namen des Allge- meinen Verbandes der deutschen landwirthschastlichen Geiioffen- schaften protestirt der Anwalt Geheiinrath Haas in Offenbach in einem offenen Briefe an die Reichstags-Kommission für das Handels- gesetzbuch gegen die Vorschläge, den kleinen landwirthschastlichen Genossenschaften den Charakter als Vollkaufleute zu entziehen, als eine Beeinträchtigung ihrer Kredit- und Kausfähigkeit. Der pro- teltirende Genosseiischastsverband umfaßt nach der Eingabe jetzt 4020 Genossenschaften und ist der an Mitgliedern.reichste Verband Europa'?. Der Abg. WolSzlegier in Schömvalde hat das Unglück gehabt, zu stürzen und ein Bein zu brechen. Schwer erkrankt ist der Reichstags-Abgeordnete für Königs- berg in Ostpreußen. Genosse Karl Schulze. Seit längerer Zeit linigenleideiid, bekam er in der Sonnabendnacht einen heftigen Blut- stürz, der das schliiiimste befürchten ließ. Wie uns eine Privat- depesche vom Montag Abend meldete, ist die unmittelbare Gefahr glücklicherweise wenigstens vorläufig beseitigt. Möge eS der ärztlichen Kunst gelingen, den bewährten Parteigenossen, der droben m der fernen Ostmark das Banner de? Sozialismus unter den schwierigsten Umständen hochhält, bald und dauernd wieder herzu- stellen!— Italienische Parteipress«. In V a d u a ist. wie der„Avanti" meldet, ein neues Partei-Organ:„lEoe dei laboratori' (Arbeiterecho) herausgegeben worden. Es erscheint wöchentlich und ist für die ganze Provinz Padua bestinimt. Polizeiliche», Gerichtliche»«. — Die„Thüringer Tribüne" in Erfurt hatte vom Generalkommando des 8. Armeekorps eine Berichtigung empfangen. In der Landauslage war dieselbe gebracht worden, in der nur in Erfurt zur Ausgabe kommenden Stadtauflage jedoch nicht. Der verantwortliche Redakteur Genosse C 0 0 r s erhielt des- halb ein Slrasmandat über 30 M. Er rief richterliche Entscheidung an, da es sich bei der Nichtaufnahme der Berichtigung nur um ein Versehe» des Metteurs handelte. Das Schöffengericht erkannt« denn auch auf Freisprechung und bestimmte, daß die Berichtigung nach- träglich in der Stadtauslage der„Thüringer Tribüne" veröffent- licht wird. — In Hanau war der Parteiaenoffe Karl Schmidt wegen angeblicher Uebertretung der Gewerbeordnung angeklagt, welches Vergehen die Polizei darin erblickte, daß in den Vereins- lokalitäten des Saalbaues die Mitglieder der dort verlehrenden Vereine die von ihnen selbst mitgebrachten Getränkt zu sich ge- uommen haben. Das Landgericht erkannte gemäß dem Antrage de» Staatsanwalts auf Freisprechung. Die Vage in Hamburg. Heut« fand eine mehr denn sünfftündige Berathung der Senats- konimission für die Prüfung der Arbeitsverhältnisse im Hafen mit je vier Vertretern der schwarzen Schauerleute und der Importeure eng- lischer Kohlen statt.welche den Zwecke hatte, die Differenzen auszugleichen, welche zwischen Importeuren und schwarzen Schauerleuten neuer- dingS dadurch entstanden sind, daß die Arbeiter den von den Arbeitgebern aufgestellten ReverS nicht unterschreiben wollen. Die sehr eingeheuden Berathnngen, denen seitenl ider©ciiatstommifjiou die Senatoren O'Swald«nd Holthusen beiwohnte», führte» zu keine»» endgiltigen Restiltat. Uebcr die zur Beilegnug des Streites von den Senatoren geinachten Vw schlüge soll am Mittivoch in«iner Bersannutlmg die Gc- sammtheit der schivarze» Schanerlente einerseits und möglichst gleichzeitig andererseits eine Versammlung des Vereins der Importeure beschließen. Sodann»vird eine neue gemeinsame Sitzung stattfinden. Bis dahin dürfen die Importeure eine Aussperrung solcher Arbeiter, die den Revers nicht unterschrieben haben, nicht vornehmen. Eine Einigung wird hoffentlich zu stände kommen. «* Für die Hamburger Hafenarbeiter gingen bei der Berliner Gctvcrkschaftskomniission solgende Beiträge ein: Arbeiter von F. E. Schlick u. State 6,70. Lampe» sabril ffittcl». Glienicke 7. Rate 11,45. letschlerei Max Schulz, Alte Jalobstr. ist, 8,ao. Laternensabrik Weber u. Co. 6. State 8,oo. Personal Unton-Trucker-i 12. State 5,45. Liste 7137. Einige Arbeiter der Firma Gosse», Schönhauser Allee, 3,20. Personal der Buch- druckeret Julius Siitenfeld 14. State 53,15. List- 4337 Chr. Boh» c,—. Einlas Arbeiter von Sienien» u. Hal«le 13. Rate 10,35. Liste 6030 Fröhlich 4,30. Bölling u. Hirsch. Gr. Franlsurterstr. 44 sdarunter Müller 0,50) 8,30. Liste 2132, «104, 0130, 0133, 2107 von Rixdorf 28,00. Steinbildhauer der Firma Schleicher, Seelrabben im Aquarinm 15,—. Arbeiter von Spinn u. Sohn, Schissvauerdainm 10. Rate 0,05. Listen von den«upserschmieden Berlins 11. Umg. 4389, 5701, 0004, 05, 72, 70, 70. 0807, 09, 70, 71, 73, 7148, 49, 50, 0866, 6763, 6764 sdarunter Tublex Fahrradwerke 10,25) 125,30. Tischlerei F. tturyner. Wienerfirabe, 0,—. Schrauben tabrit C. F. Stärke, Blumenstrahe, 14,30. Tischlere! Bratge, Koppenstr. 31 8. Rate 4,80. Buchdruckerei Reinh. Straub 12. Rate 0,05. Tischlerei Albert Zchui», Fruchistr. 59, 12,10. Hausvogtci Buchdrucker 0. Rate 6,—. Tischlerei Wusierbarih u. Sohn, Alt? Jakobsir. 132, 10. Rate 7,15. Liste 0943 Wewerkschafts- karlell Rixdorf Möbelpolirer bei Loborcnz 9,00. Buchdruckeret Otto v. Holten 13. Rate 22,05. Gesangverein Eintracht in Grünau, durch Dallmann, 3. Rate 20,—. Listen von R-Ul 4180, 91, 98, 4202, 5285, 93, 5308, 0, 13, 30, 0010, 0014, 0018, 21, 2932, 34, 38, 0095, 93, 0700, l, 2, 0033 158,10. N. A. Z. 3,--. Arbeiter von Schufter u. Bär, 10. Rate 24,10. Gölte, Brandenburgstr.>8, 10,25. Liste 3533, 82, 3594 durch Textilarbeiter»irschbach 43.50. Möbeltischlerei Janoleit u. Psaff, Krautstrabe, 10. Rate I2,go. Buchdruckeret Pab u Garleb, 10. Rat« 11,50. Liste 6016, Stachtrag 1,—. Plauen i. Boigtland von den organistrten Malern d. Frl. Bd. 1,30. Liste 5800 sdarunter Arbeiter von Eick u. Friedländer 3,10) durch O. Christian 4,20. Liste 5271, 5207 Freie Bereinigung der Kaufleuti 13,05. Auf Listen von Brinkmann 0739. 4704, 4730, 0804, 3, 3813, 19, 18, 5915, 0791, 4753, ' 3340, 5319, 5020, 4787, 4701, 003 sdarunter Handschuhmacher von SItemer 4,00. Pink, pant im Nordring 14,16. Falkenberg 1,80) 04,42. A. L. H. 1,— Tischleret Zelder u. Plathen, 10. Rate 13,05. Liste 0480 Bildhduer von Jahn durch W 1,90. Tischlerei Kiebling, Waldemarstr. 52, 2,40. 4 Stecher au» der Josephstr. 2,—. Listen 0240, 54, 55, 50, 57, 0550, 57, 03 d. Abendroih 82,85. Giftmischer Riedel 2,05. Buchdruckeret Otto Elsner, 10. Rate 20,30. Listen von Tempel, Adlershof 0507, 11, 2, 3, 0, 4 30,50. Slanse» 5,20. Liste 4022 sdarunter Werkstatt Gehlich, Bchrenstrabe, d. Teske 2,50) 7.—. Liste 4719, 18, 3477 Buchhändler Woldt 10,35. Personal der Buchdruckerei Ullstein u. Co., 13. Rate 18,50. Gesangverein Sorgen- frei 10,—. Brauereiarbetter des Münchener Brauhauses 18,80. Lifte 7145 Buch- druckerci Jbleib, Wilhclmstrabe.«,70. Liste oooo Händler Trunsch 2,--. Liften von Kopp. Friedrichsberg, 2010, 51, 37, 66, 98, 31, so, 10, 2950, 52 35,40. Kördel 1,26. Listen von Erbe: 5739, 41, 02, 5740, 42, 41, 3010, 5481, 0337, 722, «928, 0930, 27, 3288, 0923, 7120, 7101, 7127, 7107, 7108, 0291, 7105, 0298. 0325, 7128, 7130, 7129, 5734, 33. 0924, darunter Möbelfabrik I. C. Pfaff, Maschinen- fgal 5,75. Fraiseret Hageuow und Bierbrauer 7,00. Möbelfabrik I. C. Pfaff, Maschinensanl 9,35. Lifte 0800 Tischler Fröhlich 4,25. Deutscher Metallarbeiter- Verband, Filiale Berlin 2370, 77, 73, 3278, 79. 83, 84, 85, 4089, 90, 4677, 8«, 4938, 6760, 6380, 0807, 0812, 17, 18, 0820 124,90. Voll GälNpe 2,—. Liste 0091 Scheitel, Hausdiener 6,—. An» dem Reichs de» Herrn Thielen 4,75. Liste 0122, 5070, 0102 sdarunter von Krey 3,40) von Bauer 7,00. Liste 5073 8,30 durch Vofret. Listen von Hinz 7003, 5, 4 7,05. W. F., Liste 5902 ' M. W. 37, 7 Rate o,—. Lifte 5094 durch GastwirihSgeh. Wegener 2,85. Liste 5822 H. R. 11,50. Liften von Thielke 5809, 10, 0753, 7041, 0724, 31, 32, 4503, 21, 5112, 14, 00. 01, 5815, 5930, 0157, 0221, 0227, 0233, 0733, 45, 55, 58, 7047 0750 (darunter Maschinenfabrik von Kürger 29,30, durch Grobmann 9,35. Möbelfabrik L. SroschiuS, Gollnowstrabe, 23,85) t 147,90. Listen 0822, 4930, 3277, 303 Deutscher Metallarbeiter-Verband, Filiale Berlin, 88,55. Gesammelt bei Wihel 2,. Listen von E. Ernst 3421, 4947, 80, 0003, 7 v. 9t.(£. ffl. 03,10. Liste 7142, Koswig, Bild- Hauer, 11,35. Tischlerei von Stavenow, Bülowstrabe. 13,—. Listen vonH. Werner (3535 Fallcr 2,40, Wilde Angler Schlachtensee 3539 0,20, Kebner 4473 3,45, Schilling 5085 2,75, 5003 Webner 2,95, Kopfch 5101 1,25, 5103 Babuka 3,—, 0138 Weber 3,05) t 25,05. Lokalverein der Konditoren Berlin» 5,—. Solinger „Freie Presse" 100,— Gesangveretn Lorelei), Maskenball, 2,7». Au« Osterivtek a. Harz d. Fr. B. 35,—. Gewerkschastskartell Meiben-Küln, 0. Rate 100.—. F. Walter, Sttabburg i. Elsab, 5. State 20.30.(Besagtes ist hier angekommen.) Solinger„Freie Presse" 30,-. Weilers Beiträge nimmt dos Berliner Gewerkschgstsbureau (R. M i l l a r g, Berlin S,, Annenstr. 16, vorn pari.) in der Zeit von S— 1 tthr Vormittags und 6—8 Uhr abends entgegen. Mit nachstehendem geben iv»r die noch ausstehenden Listen der Hafenarbeiter Hamburgs bekannt. Wir ersuchen die Genosse», sich die Nummern zu merken und die Inhaber zu ver- anlassen, daß die Listen sofort an das Berliner Gewerkschasts- Bureau, Annenstr. 16, abgegeben werde». 30,>5, 192, 524, 772, 774, 1373, 1390, 4323, 0305, 2240, 2299, 3739, 3742, 5303, : 6364, 2380, 2887, 3481, 3483, 3193, 3490, 2393, 2403, 2647, 3012, 4813, 4817, 4318, 3040, 3046, 3949, 3961, 8952, 3953, 48X0, 4312, 3046, 3040, 8047, 3048, 5270, 527», 8367, 5942, 3109, 7087, 7988, 7089, 7090, 3868, 3873, 8876, 3878, 4880—4870, 5837 bis 6841, 8013, 3041, 6676, 6577, 6579—6583, 7134, 3981, 6006, 4331, 4363, 4381, 7092, 4498, 6309, 0311, 0312, 6314, 6315, 4602, 6066, 5060, 0088, 6761, 6768, 6773, 0776, 0778, 4717, 4794, 4804 6349, 4911 5093, 6200, 6201, 6202, 5710, 0074, 0872, 0130, 0204, 0244, 6202, 6898, 0438, 0489, 6441, 0143, 0444, 6448, 6449, 0997, 0939, 0473, 6481, 0197, 0498, 0670, 6073, 0630, 6874—0877, 6883—0380, 6988, 0994, 0995, 7030, 7144, 7140, 7147, 31, 69, 2833, 3927, 2930, 2931, 2934, 2935, 2980, 023, 020. Die Berliner G e w e r k s ch a s t s- K o m m i s s i o n. I. Zl.: M i l l a r g. GewevkMzttftliches. Berlin»nd Umgebung. Achtnng, Tapezirer! Die Kollegen von der Firma B er liner Möbelhalle(J»h. Simon), Wallstr. 25, haben wegen Lohndifferenzen die Arbeit niedergelegt. Die Vermitteliing der Orts Verwaltung scheiterte an der Hartnäckigkeit des Geschäftsinhabers und des Jnnnngsmeisters Edeler. Wir ersuche» die Kollegen, der Hartnäckigkeit der Unternehmer die Solidarität der Arbeit entgegen- zustellen und den Zuzug fernzuhalten. Die Ortsverwaltung des?l l l g e m e i n e n deutschen T a p e z i r e r v e r e i n s. Für die Burean-Augestellte» findet heute Abend in den Arminhallen, Kommandantenfir. 20, eine öffentliche Versammlung statt, in der die Lage der Angestellten in den Versichermigs- gesellschaften besprochen werden soll. Es wird deshalb um recht zahlreichen Besuch gebeten. Die Agitationslonuiüssion. Deutsches Reich. Für de» Hamburger Hafenarbeiterstreik find, wie aus den Quittungen ersichtlich war, bedeutende Beträge(im ganzen 1130 M.) - selbst ans dem fernen San Franzisko eingetroffen. Das„San Franzisko Tageblatt" hatte die Sammlungen veranstaltet. Ans einem Briese der Redaktion desselben giebt das„Hamburger Echo" folgende Stelle wieder:„Die Gelder sind fast ausschließlich durch . Leser unseres Blattes, also deutsche sozialistisch- Arbeiter, aufge- bracht worden, und sicherlich würde die Sammlung noch ein weit besseres Resultat ergebe» habe»,'veirn nicht hier in- folge der großen geschäftlichen Depression erschreckende Arbeits- losigkeit herrschte. Aber trotz ihrer eigenen Nothlage haben unsere Arbeiter ihr Scherflein zur Unterstützung der kampfesmuthigen Hain- bnrger Brüder mit Begeisterung beigetragen, und es war herz. erhebend, zu sehe», wie in diesem abgeschiedenen Erdenwinkel in dem kleinen Häuflein, das sich um unser Blatt schaart, das Gefühl der internationalen Solidarität des sozialistischen Proletariats aus» loderte."— Wie ferner ans den veröffentlichte» Quittungen hervorgeht, haben die deutschen Sozialisten im s ü d a f r i k a n i sch e n T r a n s v a a l st a a t, in Johannesburg und Pretoria, namhaste Beträge eingesandt. Delitsch« Sozialisten in Australien veranstalteteu sofort ans die Kunde vom Hamburger Streik Sammlungen zur Unterstützung ihrer kämpfende» Brüder. Die Hamburger Arbeiter, sagt das „Hamb. Echo", müssen ihren Genossen fern überm Weltmeer dank- bar sein für diese echte Solidarität; aber die deutsche Sozialdemokratie darf auch st o l z sein darauf, daß sie die deutschen Arbeiter zum Klassenbewußtsein und zur Solidarität erzogen hat und daß in allen Welttheile», in den entferntesten Erd» winkeln, wo nur einige deutsche Arbeiter sich sin- den, auch sofort das Banner des Sozialismus er- hoben wird, und daß n ufere LandSleute eine Ehre darin suchen, den Brüdern im Hei mathlande bei- zustehe n. Unsere Bourgeoispress« klagt immer, daß der Deutsche im Auslände so schnell und so leicht deutsch« Art und Sitte ablege. Mag sein, daß der deutsche Bourgeois dies thut. Der deutsche Arbeiter, der Sozialdemokrat aber bewahrt treu seine Ideale und seine Gesinnung und bleibt mit tausend Banden an die Heimath geknüpft. So geben die v i e l g e s ch m ä ht e n Internationalen ein Beispiel echter Vaterlandsliebe, die sich aller- dings nicht bei Sedanseiern ic. bethätigt, aber einen erhebenden Ausdruck findet in der that kräftigen Hilfe für die Brüder im Vaterlande. Der Vorstand des Vereins für die bergbaulichen Jutcr- esse» im Oberbergamtsbezirk Dortmund hat auf die Fordernngen des christlichen Gewerkvereins der Berg- l e u t e an dessen Zentralvorstand ein Schreiben gerichtet, woraus das Zechenblatt„Rheinisch-Westfäl. Ztg." das folgende mittheilt „Der Vorstand bemerkt zu dem Ersuchen um eine allgemeine an- gemessene merkliche Steigerung der G-dinge und Schichllohnsätze, daß die Feststellung der Löhne, wie die Lohnfrage überhaupt, sich der Kompetenz des Vereins für die bergbaulichen Interessen ent zieht. Die Feststellung der Löhne ist ausschließlich Sache jeder ein- zelnen Grubenverwaltung, welche die Löhne mit den bei ihr in Arbeit stehenden Bergleuten vereinbart»nd hierbei durch den Vereins vorstand nicht beeinflußt werde» kann. Der Arbeiter, der eine Er- höhnng seines Lohnes beanspruchen zu dürfen glaubt, wird sich zweck- mäßig direkt an die Grubeuverwaltmig selbst wenden und kann der wohlivollendsten Erwägung seiner Ansprüche versichert sein.. — Ferner hat der Vereinsvorstand an die Vereinszechen ein Schreiben in dieser Angelegenheit gerichtet, in welchem besonders darauf hin gewiesen wird, daß eine Verhandlung über die Lohnsätze nur zwischen jeder Bereinszeche und den bei ihr beschäftigten einzelnen Arbeitern stattfinden kann, und daß die Einmischung eines Dritten beziv. des Vorstandes eines Vereins in die zwischen Arbeitern und Arbeitgebern bestehenden Beziehungen unzulässig erscheint." Man steht, ob christlich- monarchische oder sozialdemokratische Arbeiterorganisationen in Frage kommen, die Zechenverbände be streite» beiden die Existenzberechtigung. Sie wollen überhaupt keine Organisation der Arbeiter, und sei sie selbst so un- selbständig, wie es der von der Geistlichkeit abhängige christliche Gewerkverei» ist. Bei der Zeutralleituug der Maurer Teutschlands in Hamburg stnd bevorstehende Lohnbewegungen bisher aus 66 Orten angemeldet. Neben Erhöhung des Lohnes wird vielfach Verkürzung der Arbeitszeit, meist auf 10'Stunden, verlangt. In Düffeldorf dauert der Streik der Zimmerer am N Heinbrückenbau unverändert fort. Die Ausständigen, 60 Mann an der Zahl, ersuchen die Zimmerer Deutschlands um strenges Vermeiden des Zuzugs. Aus Magdeburg meldet die„Volksstimme": In der Druckerei von Gebrüder G e i t« l haben alle Setzer und Drucker ge- kündigt, um die Entlaffniig organistrter Buchdrucker und Einstellung uuorganisirter zu verhindern. Frau Steinbach referirte im Laufe der vorigen Woche in Dessau, Z e r b st, B e r n b n r g und Käthen vor äußerst gut besuchten Gewerkschafts-Versamnilungeu über den Hamburger Hafen arbeiter- Streik. In Koswig war der Rednerin von der Kreis dircklion unter Berufung auf das anhaltische Vereinsgesch das Reden in der Versammlung untersagt und mußte sich deshalb die Bersanimlung mit einer zwangslosen Unterhaltung begnügen. In Köthen wurde die Versammlung von dem überwachenden Beamten gleichfalls als eine politische angesehen und die Frauen aufgefordert, den Saal zu verlassen. Trotzdem darf der gewerkschaftliche Erfolg der Agitationstonr als ein guter bc zeichnet werden, denn es ließen sich in allen Versammlungen zahl reiche Besucher in die Gewerkschaften ausnehmen. Die köuigliche„Leipziger Zeitung" hat seinerzeit durch einen unwahren und von Schiinpsworten strotzenden Bericht über eine Ar beitseinstellung 7 Schmiede derart beleidigt, daß diese gegen den verantwortlichen Redakteur Dr. R i f f e r t Klage anstrengten. Das Schöffengericht nahm zwar an. daß der Borgang sich so zugetragen habe, wie die„Leipziger Zeitung" mittheilte, konnte aber nicht umhin, den Redakteur wegen der im höchsten Grade beleidigenden Form des Berichts zu verurtheilen. Das Gericht erkannte auf 7ö M. Geldstrafe. Um die Wahrheit sestzustellen, hatten die Schmiede gegen dieses Urtheil Berufung«ingelegt, die am 6. März vor dem Landgericht Leipzig verhandelt wurde. Hier kam es zum Vergleich. Riffert verpflichtete sich, die Erklärung i» der „Leipziger Zeitung" abzudrucktn, daß er die in dem Bericht ent- haltenc Schilderung als unrichtig anerkennt, die darin ge- brauchten ehrverletzenden Ausdrück« bedauert und zurück- n i m m t und daß auch die genannten sieben Schmiede in der wegen dieses Vorgangs gegen sie eingeleiteten Untersuchung frei- gesprochen worden sind. Er verpflichtet sich ferner, IS0 Mark zu gunsten des Leipziger Kinder-Kraiikenhanses zu zahlen und alle gerichtlichen und außergerichtlichen Kosten zu übernehmen. Schul? der Bauhandwcrkcr. Mit diesem Thema beschäftigte sich in Dresden eine gut besuchte Versammlniig, wo Landtags- Abgeordneter Fräßdorf referirte. Unter anderem verlangten die Versammlungstheilnehmer in einer längeren Resolution die Er« richtung von Instituten, denen die Beaussichtigung von Baubetrieben insoweit zufällt, als es die Unfallverhütung erfordert. Die Zu- sammensehnng der Institute soll durch Vertreter der Baugeiverks- Berufsgeiioffenschaften und der Organisationen der Bauarbeiter er- folgen, während ein von der Regierung zu ernennender Obmann die Leitung zu übernehmen hat. Gewerkschaftliche Agitation in der Textilindustrie. In der Zeit vom 20. Februar bis 2. März hielt im sächsischen Bogt- lande und benachbarten Distrikten die Genossin Ottilie Baader aus Berlin acht öffentliche Vcrsaiiimlungen für Textilarbeiter und Arbeiterinnen ab, und zwar in den Orten Oelsnitz, Reichenbach, Planen, Meerane, Hohenstein- Ernslthal, Zwickau, Gableuz und Chemnitz Sämmtliche Versammlungen waren außer- ordentlich zahlreich auch von Arbeiterinnen besucht und hatten den Erfolg, daß sofort viele Arbeiter und Arbeiterinnen ihren Beitritt zum Textilarbeiter-Verband erklärten. Möge dieser Erfolg von Daner sein! In Hohensteiii-Ernstlhal. wo der über- wachende Beamte die Rednerin mehrmals bei ihren Ansführnngen über das Thema„Uufallverbütung und Unfallverstcherung" unter- brachen hatte, verfiel die Versammlung nach dreiviertelstündiger Tagung der Auflösung. Die übrigen Versammlungen wurden durch die Polizei nicht gestört und nahmen einen imposanten Verlauf. In Offeubach-Oberrad haben zirka 830 Arbeiter und Arbeiterinnen der Schuh- und Schäftebranche wegen Ablehnung' ihrer Forderungen gekündigt. Zuzug ist streng fernzuhalten. Die Forderungen der Arbeiter sind in 21 Fabrikversammlungen und 4 Sitzungen der Lohnkommission berathen worden und bestehen in folgendem: Einführung eines für alle Geschäfte gleichen Tarifs mit höheren Löhnen als jetzt gezahlt werden, freie Lieferung aller Fonrnituren. Neunstundentag. Der Gemeinderath Stuttgarts wurde von dem Jnsleben- treten des Arbeitersekrelariats mit dem Bemerken in Kenntniß gesetzt, daß das Institut zwar eine Schöpfung der organi- sirten Arbeiter sei, jedoch an jedermann nnentgeltlich Auskunft er- lheilen werde; die Gemeindekollegien möchten dem Sekretariat die nöthige Beachlnng zu theil werden lassen. In der letzten Gemeinde- rathssttzung brachte nun der Borsitzende den Mitgliedern das Schreiben zur Kenntniß, worauf derselbe beauftragt wurde, für diese Mittheilung zu danken; gleichzeitig wird dem Arbeitersekretariat mitgetheilt. daß alle städlischen Beamtnngen zur Auskunstsertheilung in städtischen Angelegenheiten offen stehen. Uebcr die Aussperrung der Steitihaner in E t r a ß b n r g im Elsaß wird uns mitgetheilt: Bis jetzt sind noch 146 Mann, die lS9 Kinder zu ernähren haben, zu unterstützen. 18 angeivorbene Steinhaner reisten wieder ab; die betreffenden Unternehmer werden wegen Vorspiegelung falscher Thatsachen auf 1500 M. Schadenersatz verklagt. Die Kollegen werden ersucht, vorläufig Straßbnrg zu meiden, bis Platz- und Arbeitsordnung gefallen ist. Unter- st ü tz n n g ist u o t h w e n d i g. Die Geldsendungen sind zu richten an Goltlieb Strauß in Straßbnrg i. E, Metzgergießen 13. Ausland. Zur neueste» Eisenbahnerbeweguug in der Schweiz wird uns aus Zürich geschrieben: Die schofle Wortbrüchigkeit, welche die Leiwng der N o r d o st b a h n in Zürich übt, haben die Ge- müther der Angestellten und Arbeiter dieser Bahn neuerdings in hoch- gradige Anfregnng versetzt und die Möglichkeit des Streiks wieder in Aussicht gestellt. Am letzten Sonntag fand in Zürich unter Vor« sitz Dr. Sonrbecks eine Versammlung von Delegirten der Kreis- vereine statt, wobei konstatirt wurde, daß kaum ein Drittel von den vor Jahresfrist mit der Direktion getroffenen Vereinbarungen erfüllt worden stnd. Es wurde die Einreichung einer Eingabe an die Direktion beschlossen»md auch unterm l. März aus- geführt. Die veröffentlichte Eingabe saßt die Forderungen in' folgende sechs Punkte zusammen: l. Unveränderte Annahme des Anstellungsvertrages, wie er am 29. Februar 1396 von der Konferenz in Bern festgestellt wurde. 2. Aufbesserung des gesammleii Personals nm eine Gehaltsstufe, der Lokomotivführer, Heizer, Zugführer. Kondukteurs um zwei, ebenso der Angestellten, die seit 20 Jahren im Dienst der Nordostbahn stehen, Leute mit 30 Dienst- jähren um drei Gehaltsstufen mit Wirkung auf 1. Januar 1396 zurück. 3. Die Einreihung in die Stufen soll unter billiger Be- rücksichtignng des Dienstalters und unter Aufrundung, wo es nöthig ist, in lohalcr Weise geschehen— ebenso die Einreihung in die Klassen. 4. Das Gehaltsschema der schweizerischen Zentralbahn soll als Richtschnur dienen. 5. Die Arbeiter sollen in bezng ans Lohnzahlung analog den Angestellten behandelt werden. 6. Wegen Theilnahme an der Lohnbewegung soll keine Maßregelung irgend welcher Art stattfinden dürfen.— Es wird dann erklärt, daß der Präsident des schweizerischen Eisenbahner-Verbandes, Mo simann- Z o r d i und Dr. Sonrbeck, Sekretär, bereit seien, mit der Direk- tion der Nordostbahn vor dem Eisenbahn- Departeincnt in Bern zu verhandeln und sodann bis zum 10. März Antwort verlangt. In der gestrigen Sitzung des Verwaltungsrathes der Nordost- Bah», der aus 50 Mitgliedern besteht, wovon 20 staatliche Vertreter vom Bund und Kantonen sind. kam die Angelegenheit auf Jnler- pellalion der letzteren zur Verhandlung. Das Resultat derselben war die Einsetzung einer stebengliedrigen Koinniissioii, der u. a. die bewährten Sozialpolitiker Nationalrath Curti, Regierrnigsrath Zocher, Statistiker Kollbrunner angehören und welche die Aus- gäbe hat, die Angelegenheit zu prüfen und einer noch im Monat März abzuhaltenden Verwaltungsrathssitzung Bericht und Anträge zu unterbreiten. Den Werk st ätten arbeiter n wurde ans 1. Juli Lohnerhöhung und die Einsetzung einer Arbeiter- kommisston, sowie der halbe Lohn während des Militärdienstes be- willigt. Die allgemeine Entrüstung über den Pascha Guyer-Zolter und seine Werkzeuge dürfte die Mehrheit des Berivaltinigsrathes zu einem ehrlichen Frieden und damit zur Verhütung eines Streiks ziviiigen. Aus Amsterdam wird der„Leipziger Volkszeitnng" geschrieben: Die Aussperrung der Diamantarbeiter durch die Juweliere hat begonnen. Schon sind etwa 1300 ans- geschlossen. Die Diamantschleifer arbeiten nicht in Fabriken. sondern sie empfangen von den Juwelieren nur die Arbeit und miethen sich selbst eine Stelle in einer Fabrik, wo sie wollen. Es haben viele Juweliere am Tage vor der Aussperrung noch für drei, vier bis sechs Wochen Arbeit ausgegeben und nur ans diesem Grunde haben viele Diamantschleifer noch Arbeit. Viele Juweliere betheiligen sich nur widerwillig an der Aussperrung, sind aber durch einen Kontrakt gebunden, den sie in einem Augenblick des Haffes gegen die Arbeiter unter einander geschlossen haben. In Anttverpe» in Belgien stehen, wie uns ein Privattelegramm meldet, sämmtliche Arbeiter der Zigarrensabrik von T i m h a n t seit Montag im Streik. Ursache des Streiks ist die überstreuge Haltung eines Aufsehers. 600 Tabakarbeiter in Marseille haben wegen Lohn- differenze» die Arbeit niedergelegt. Der GaSarbeiterstretk in Brüssel dauert, wie der„Penple" berichtet/ unverändert fort. Der Bürgenneister, zu dem sich 6 Ab- geordnete der Streikenden begeben hatten, sowie die Direktion haben jede Unterhandlung abgelehnt. Die Einführung des von den Arbeitern verlangten 3stüildigen Arbeitstages würde nur 51000 Franken kosten, selbst wenn durch die Verkürzung der Arbeitszeit gar keine Erhöhung der Produktion eintreten sollte. Die Summe erscheint nnl so mehr als Bagatelle, als die Stadt jährlich 1'/, Millionen Franken Ueberschuß aus der Anstalt herausschlägt. Einer Meldung der„Köln. Ztg." zufolge soll der Ausstand beendet sein. Die Streikenden hätten nichts erreicht; 100 würden die Arbeit verlieren._ Depeschen und letzte Mscheichken. Köln, 3. März.(W. T. B.) Der„Kölnischen Zeitung" wird ans Wien telegraphirt: Scharfe Zwangsmaßregeln, die nicht nur die Blokade des Piräns, sondern auch die Einschließung der Insel Kreta vorsehen, sind von den Admiralen der Mächte vereinbart und von Oesterreich-Ungarn, Deutschland und Rußland bereits ange- nommen worden. Frankfurt a. M., S. März.(B. H.) Aus Würzburg erfährt die„Franks. Ztg.", daß der Kaufmann Max Baumblati aus Würz- bnrg negen Wechselfälschung, angeblich in der Höhe von 20 000 M- steckbrieflich verfolgt wird. Budapest, 7. März.(B. H.) Ein Kasstrer der hiesigen Filiale der anglo-österreichischen Bank defraudirte 10 000 Gulden behuss Deckung von Börsenverluste». Da Verwandte den Schaden ersetzten. unterbleibt die Anzeige. Paris» 3. März.(W T. B.) Der Gemeinderath wählte zu seinem Präsidenten den Radikalen Sauton mit 40 Stimmen gegen den Sozialisten Navarre. welcher 29 Stimmen erhielt. Paris, 3. März.(W. T. B.) Deputirtenkammer. Goblct nnd Delafosse wünschen über die Kreta-Angelegenheit zu inter- pellelliren. Der Minister des Aeußerr Hanotaux erklärt darauf, die Regierung habe noch keine Antwort auf die Kollektivnote der Mächte erhalten, so werde kein Schritt gethan werden, ohne daß die Kammer aufgefordert wäre, darüber zu be- rathen. Infolge dessen ersuche er die Kammer, die Interpellation zu vertagen. Goblet entgegnet, es dürfte vor Entscheidung der Kammer keine Vcrvflichlnng eingegangen werden, welche Schrille (actes) nach sich ziehen könnte. Ter Ministerpräsident Meline erwidert. die Regierung beabsichtige, nichts von Bedeutung zu unter- nehmen, ohne die Kammer nm Rath zu fragen. Die Antwort Griechenlands auf die Note der Mächte werde im Laufe des Abends bekannt werden und erst morgen früh veröffentlicht weiden, und die Regierung müsse erst die Absichten der Mächte kennen lernen, denn die Note spreche zwar von Zwangs- Mitteln, aber sie sage nicht, welches diese Mittel sein würden. Meline bekämpft die Festsetzung der Verhandlung ans morgen. Entsprechend seinem Wunsche vertagt darauf die Kammer mit 325 gegen 194 Stimmen die Berathung der Interpellation aus einen unbestimmten Zeitpunkt. Brüssel, 7. März.(B. H.) Die Polizei nahm gestern eine zwanzig Mann starke Diebesbande fest, die in letzter Zeit namentlich das Leopold-Biertel unsicher gemacht haben. � Liittich, 7. März.(B. H) Das Defizit des hier verhafteten Wechselagenten Wissens beträgt 400 000 Franks. Mailand, 3. März.(B. H.) Die bekannte Schönheit Frau Volants ist in einem Eisenbahnkupee erster Klasse auf der Fahrt von Mailand nach Turin ermordet worden. Ei» mit der Dame reisender junger Mann ist des Mordes verdächtig verhaftet worden. Konstantinopcl, 3. März.(Meldung des Tel.-Korr.-Bureaus.) Bisher sind im Aufmarschraum gegen Griechenland 26 Linien-»nd 44 Redifbataillone konzentrirt, mit Kavallerie und Artillerie rund rund 55 000 Mann, was die Zahl der griechischen Streitkräfte um das Vierfache übersteigt. Die militärischen Maß- regeln zum Schutze der Häfen von Saloniki, Katerina und Prevera md in der Durchführung begriffen. Täglich finden Botschafter- Konferenzen statt: Berantwottlicher Redakteur:»lugust Jacobey in Berlin. Kür den Jnseratentheil verantwortlich:«locke in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berim. Hier,»» Beilagen u. llntcrhaltungsblatt 5v. 57. u. mm. i Icilaje des Dmiills" Kerlim WlksdlM.»- � i897- Verein sprozetz Anev n. Genossen. Zmn zweiten Male halte sich gestern das Gericht mit dem be- kauulen Köllerkoup vom 29. November 1895, der nach der Meinung alberner Thoren die sozialdemokratische Parteiorganisation bis ins Her; treffen sollte, zu befassen, nachdem über 15 Monate seit der großen That des längst vergessenen Exininisters und beinahe zehn Monate seit der erste», für das Wesen der politischen Polizei so kennzeichnenden Gerichtsverhandlung ergangen waren. Der groß« Koup war schließlich zu einer gewöhnlichen Anklage ans Ueberlretung des Vereinsgesetzes zusammengeschrulnpft und erregte Jnleress« blos durch die große Zahl der Angeklagte» und die dürftigen Unterlagen der Anklage, welche für die Vorlrefflichkeit des Institutes der politischen Polizei nicht gerade das rühmendste Zeugniß ablegten. Und das damalige Auftreten der politischen Polizei vor Gericht stärkte ihr Ansehen in weitesten Kreise» auch nicht besonders. Der Prozeß endete in erster Instanz mit der Vernrtheilung von 15»uter 47 Angeklagten: Auer wurde bestraft mit 50 M., B ebel mit 75 SN., G e r i s ch, Kiesel, P f a n u k u ch, Singer mit je 40 M., A n t r i ck, Drescher, Erbe, Griese, Hüb n er, Lange, Schumann und Zabel mit je 30 M.; die übrigen 32 Angeklagten wurden freigesprochen.?lls politische Ver- eine, die mit einander in ungesetzliche Verbindung getreten sein sollen, wurden geschlossen die Parteileitung und die W a h l v e r e i n e des 2., 4., 5. und 6. Wahlkreises. Die vorläufige polizeiliche Schließung wurde dagegen aufgehoben für die Wahl- vereine des I. und 3. Wahlkreises, die Preß-, Lokal« und A g i t a t i o n s k o m in i s s i o n, sowie für den angeblichen Verein der Berliner Vertrauensleute. Das Urlheil stutzte sich im weseullichen auf folgende Annahme: 1. daß der Parteivorstand einen politischen Verein bilde; 2. weil die Wahlvereiiis- Vorstände überschüssige Gelder aus Verciusbeiträgen an die Vertrauensmänner abgeführt hätten, daß die Verlrauensmänncr, die ihrerseits die aus allen mög- lichcu Quellen ihnen zugeflossenen Parleigeldcr theilweise an den Pirleivorstaud abzulicsern pflegten, nur die Mittels- inänner, die Deckadressen für die Adresse des Parteivorstandes gebildet hätten, womit der Nachweis für die Verbindung des Parteivorstandes mit den Wahlvereinen gegeben sei. Gegen dies Urlheil erhoben die Verurtheiltcn Nevision an das Reichögei icht; dieses kassirte das Urtheil nud verwies den Prozeß zur erneuten Verhandlung an denselben Gerichtshof zurück. Das llicichsgerichts- Erkenntniß stellt im wesentlichen fest, daß nicht nur de» äöahlvereine», sondern auch der Parteileitung der Charakter eines Vereins beizulegen sei,»nd daß auch die„Ver- biudung" der Vereine niizweifelhaft nachgewiesen sei, da der eine Verein den anderen mit Geld unterstützt habe. Die einzig zweifel- haste Frage sei die, ob die Voraussetzungen des§ 8 vollständig festgestellt sind, d. h. ob die Parteileitung politische Gegen- stände in Versammlungen erörtert hat. Es müsse, da nicht jede Zusammeukunfl eines politischen Vereins eine Aersanimlung sei, in jedem einzelnen Falle geprüft werden, ob der Be> griff der Versammlung erfüllt ist. Das Gesetz spreche von Vvrürhern, Leitern und Ordnern und dies alles deute darauf hin, daß etwas mehr vorliegen müsse, als eine Vereinigung von Privat- Mitgliedern. Eine rechtliche Definition des Unterschiedes zwischen Sitzung und Versammlung sei allgemein nicht zu geben, es fei aber dabei die Zahl, sowie die Art der Zusammenkünfte nicht außer acht zu lassen. Wenn auch die Partei kein Verein sei, so hatten doch die Geschäfte der Parteileitung mehr den Charakter von Vorstandsgeschäften, ihre Zusammenkünfte mehr den Charakter von Sitzungen, als von Versammlungen. Es müsse aber besonders daraus hingewiesen werden, daß der Parteileitung die Einberufung der Parteitage oblag. Unter diesen Umständen scheine es nicht ausgeschlossen, daß«in Gericht hierin den Zweck erblicken könnte, politische Erörterungen und Bersammlungen zu veranlassen. Die Verhandlungen begannen tlin 9>/s Uhr im kleinen Schwur- gerichtssaal«; dieAnllage vertratwiederum Staatsanwalt S ch w e ig g e r, den Vorsitz führte wiederum Landgcrichts-Direktor Käller, neben ihm saßen u. a. der ans der Brausewetter-Kammer bekannte Landgerichts- rath G r a n d k e und der Landgerichlsrath Wagner, Sohn des bekannten Professors Sldolf Wagner. Die Vertheidignng führen die Herren Rechtsanwälte Heine und Herz selb. Die bei der ersten Verhandlung freigesprochenen Ver- t r a u e n s l e u t e wurden heute von der Staatsanwaltschaft als B e l a st u u g s z e u g e n vorgeladen, dagegen verzichtete die Staats- anwaltschaft aus die erneute Veriiehmung des Polizei- k o in in i s s a r s Schöne und seines Jnformationsstabes unter Führung des Wachtmeisters Diener, so daß diese heute keine Gelegenheit hatten, ihre Kennliiisse über die sozialdemokratische Partei-Oraauisation noch einmal zum besten zu geben. » Die Bernehmnug der Parteileitung vollzog sich in der gleichen Weise wie bei der ersten Verhandlung, so daß wir darüber als über bekannte Thatsachen hinweggehen können. Entsprechend dem Urtheil deS Reichsgerichts frug der Vorsitzende, ob die Augeklagten zugeben, daß es ainfgabe der Parteileitung gewesen sei, die Parteitage einzuberufen und daß auf den Partei- tagen auch politische Gegenstände erörtert wurden. Die Angeklagten räumen dies offen ein; damit verüberflüssigt sich jede weitere Beweis- aufnähme. Eingehend erörtert der Vorsitzende die Finanzverivaltung der Vertrauensleute und schließt daraus, die Parteileitung habe wissen können, daß unter den ihr übergebenen Geldern der Vertrauens- niänncr auch Wahlvereins-Gelder enthalten seien. Auer: Nein, wir wissen das erst aus der letzten Verhandlung; dies« Vermischung geschah nicht bloS ohne unser Zuthiin, sondern gegen den Willen und gegen die Zl b s i ch t der Parteileitung. Vorsitzender: Das klingt doch nicht recht wahrscheinlich, daß Sie nicht gewußt haben sollen, woher die Gelder der Ver« trauensmänner stammen. So große Summen, wie die Vertranens- Männer der einzelnen Kreise ablieferten, können sie doch nicht blos durch Sammeln, Festüberschusse nud dergl. aufgebracht haben. Sie mußten also doch wohl annehmen, daß darunter auch Gelder des Wahlvereins waren? Auer: Nein, dazu waren die Beiträge der Wahlvereine viel zu minima l. Gegenüber den Tausenden von Partei- genossen kommen die Hunderte von Wahlvereins-Mitglieder gar nicht in bctracht, Taufende können ja schon aus ihrer sozialen Stellung heraus nicht Mitglieder der Vereine werden wegen der Vereins- gesetzlich nothweiidigrn Anmeldung der Mitglieder bei der Polizei. Vorsitzender: Die Beiträge der Wahlvercine sind doch nicht so geringfügiger Art gewesen. Auer: Soviel mir bekannt, betragen solche Ueberweisungen höchstens ein paar hundert Mark, während die Beiträge der Ver- trauensmänner in einzelnen Wahlkreisen 12—14 000 M. pro Jahr betrugen. Singer: Wir halten aar keinen alnlaß, nachzusorschen, wo- her im einzelnen die an die Parteikasse abgelieferten Gelder rühren; »nS mußte genügen, daß sie von den Vertrauensmännern abgeliefert wurden. Bebel: Dazu kommt, daß die ganze Art unserer Geschäfts- sühning solch' Eingehen in die Einzelheiten geradezu ausschloß; dazu fehlte die Zeit Der Vertrauensmann brachte anfangs des Monats Geld und soweit-ine Spezifikation der Gelder gewünscht wurde, erfolgte sie, wie jede veröffentlichte Quittung ausweist. Sehr häufig folgt der Gesammtzahl des vom Vertrauensmann abgelieferten Geldes die Bemerkung(darunter GeburtZtagsfeier. amerikanische Auktion so und so viel). Zu der Annahme, daß der Vertrauensmann die jeweileii abgelieferte Summe nicht aus freien Beiträgen aufgebracht habe, sondern auch Gelder des Wahlvereins abliefere, lag ja kein Anlaß vor, da ja bei allen Festen, allen Versammlungen, kurz bei alle» Gelegenheiten Bons vertrieben wurden, er also sehr wohl große Summen abliefern konnte. Vorsitzender: Aber Sie waren doch auch selber Mitglieder des Wahlvereins, Sie mußten als solche doch Kenutniß von derartigen Beschlüssen erhalten haben. Bebel: Wenn ich nicht einen Vortrag zu halten hatte, habe ich die Vereinsvers ammlungeii überhaupt nicht besucht. Dazu fehlt uns doch die Zeit. Auer: Auch ich war am Besuch verhindert, zumal ich seit Jahren jeden Slbend bis 11 Uhr geschäftlich festgehalten bin. Uebrigens datiren diese Ueberweisungen erst aus den letzten Jahren; früher haben sie thatsächlich nicht stattgefunden, solange die Mahnungen des verlesenen Zirkulars 1 noch im Gedächtniß hafteten: Daß in diesem Zirkular davon nicht ausdrücklich die Rede ist. erklärt sich einfach, daß man an Gelder aus Vereinen nicht gedacht hat, sonst wäre im Zirkular ausdrücklich davor gewarnt worden. Slaatsanwall S ch w e i g g e r: Die Berichte über diese Vereins- beschlüsse find aber auch im„Vorwärts" veröffentlick-t worden; die Zlngeklagten müssen sie also doch daraus kennen. Ich bitte daher, jeden«iiizelnen der fünf Herren ausdrücklich danach zu fragen. Auer: Ich gebe zu, daß man als Parteigenosse den„Vor- wärls" ganz lesen s o l l t e; aber ich muß mich hier doch dieser Pflichtverletzung beschuldigen; Mangel an Zeit hat mich in der Regel verhindert, auch noch die Versammlungsberichte zu lesen. Es kommt aber auch in betracht, daß Berichte mit der Mittheilung solcher Ueberweisungen nur ganz vereinzelt erschienen sind. Es handelt sich um 5—0 Notizen im Laufe mehrerer Jahre.— Bebel: Auch ich habe mich mit der Lektüre des politischen und lokalen Theils begnügt. Vorsitzender: Die Thatsache, daß an die Vertrauens« inänner Gelder aus den Wahlvereinen abgeliefert wurden, geben Sie aber doch zu?— Auer: Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich allerdings dagegen...— Vorsitzender: Aber das ist doch noch gar nichts Strafbares; erst in der Weitergabe dieser Gelder an die Parteileitung wird die Gesetzesverletzung erblickt.— Auer: Ich bin in Vereinsangelegenheiten ein gebranntes Kind und scheue das Feuer; ich hätte allerdings auch in der bloßen Ueberweisuug schon«ine Thatsache erblickt, die möglicherweise als ein Verstoß gegen das Vereinsgesetz angesehen werden könnte. Singer: Ich habe von dieser Thatsache erst in der letzten Prozeßverhandlung Kenntniß erhalten. P f a n n k u ch: Zluer und ich hatten die Durchsicht der Partei- presse in bezug auf ihre prinzipielle Hallung; den lokalen und Aersammluiigstheil dieser Blätter— täglich zirka 70 Zeitniigen!— schauten wir uns höchstens an, wenn wir durch lokale Differenzen oder sonstige spezielle Vorkommnisse dazu besonderen Anlaß hatte». G c r i s ch: Wenn ich Kenntniß davon gehabt hätte, daß unter den an mich abgelieferten Geldern Vereinsgelder enthalten seien, würde ich sie unbedingt z u r ii ck g e w i e s e n haben. Während meiner ganzen Mitgliedschast im Wahlverein des ersten Wahlkreises bin ich auch nicht in eine einzige Generalversammlung gekommen. Ich hatte aber zu solcher Zinnahme auch keinen Anlaß. Im dritten Wahlkreise sind beispielsweise keine Gelder des Wahlvereins an den Vertrauensmann abgeliefert worden; trotzdem sind die Beiträge an die Parleikasse in diesem Kreise prozentual zur Wählerzahl ebenso groß oder sogar noch etwas größer als im vierten und sechsten Kreise. Staatsanwalt Schweigger: Ich möchte doch an die Au- geklagten die Frage gerichtet wissen, ob keiner von ihnen zugegen gewesen ist, als ein solcher Beschluß gefaßt worden ist. Auer: Wenn ich an einem solchen Beschluß theilgenominen hätte, hätte ich doch diese Erklärung vorher nicht abgeben können. Warum sollte ich hier lügen? Rechtsanwalt Heine stellt fest, daß aus den Versammlungen der Wahlvereiue im 4. und 0. Kreise Berichte Über solche Beschlüsse im„Vonvärls" iiberhaiipt nicht veröffentlicht worden sind; es kann daher nicht auffallend sein, daß beim oberflächlichen Lesen d�s„Vorwärts" die paar Berichte aus dr.» anderen Kreisen im Laufe der Jahre übersehen würden. Die Thatsache, daß Petermann, Kassirer des Wahl- vereius für den I. Reichstags- Wahlkreis an Pfannkuch ein- mal 2,50 M. abgeliefert hat, erklärt Pfannkuch damit, daß dies jedenfalls ein freier Beitrag aus einer Werkstatt oder sonst woher sei. Peterinann habe diese minimale Summe jedenfalls n i ch t in seiner Eigeuschast als V e r e i n s k a s s i r e r und nicht für den Wahlverein abgeliefert. Nach längerer Kontroverse zwischen Staats- anwalt und Vertheidignng nimmt schließlich auch Staatsanwaltschaft und Gerichtshof diese Darlegung als erwiesen an. Rechtsanwalt Heine weist an einem analogen Falle des Vertrauensmanns August in nach, daß auch dieser trotz seiner Verlrauiiisstellung solche Einzelbeiträge an den Parteikassirer abgeliefert habe. «» Nach einer viertelstündigen Pause beginnt die Veriiehinung der Wahlvrreins-Porstände in gleicher Weise und über die gleichen Punkte wie in der ersten Verhandlung, so daß eine Wiederholung überflüssig erscheint. Die Thatsache, daß Gelder des Wahlvereins an den Kreis- Vertrauens- mann abgeliefert wurden, wird von einzelnen Angeschuldiaten zu« gegeben. Antrick erklärt aber, es sei selbstverständliche Voraus- setzuug gewesen, daß diese Gelder in er st er Linie zur Agitation m betreffenden Kreise verwendet würden. Diese Ausgaben seien iaber stets viel höher gewesen, als die Ueberiveisungen des Wahlvereins an den Bertraueusmaiin. Thatsächlich habe dieser also keinen Pfennig Vereins gelber an die Parteikassirer ab- liefern k öZu u e n.— V o r f i tz e n d e r: Bei der gemischten Kassen- führung des Vertrauensmannes, der alle Einnahmen in einen Beutel that und alle Ausgaben daraus bestritt, läßt sich diese Dar- leguug weder bestreiten noch beweisen. Die übrigen Nngeklagten schließen sich dieser Erklärung An« trick's an. Bei der Abrechnung des Wahlvereins des 4. Wahlkreises frägt Beisitzer Landgerichtsralh Wagner an, wieso es komme, daß dort soundsoviel Ausgaben gebucht seien unter der Rubrik Agitation und gleichzeitig an den Vertrauensniann Gelder zurAgitation übergeben wor- den seien. Die Angeklagten erklären dies aus den getrennten Ausgaben des Wahlvereins und des Vertrauensmanns. Die Vertrauensmänner haben die allgemeine, über den Rahmen des Kreises hinaus- gehende Agitation zu betreiben, während der Verein die Agitation im Kreise für seine Vereinszwecke im Rahmen der Statuten betreibt und dafür selbständig seine Gelder verwendet. Kiesel als Vorsitzeuder des sechsten Wahlvereins weiß über die Verwendung der Wahlvereins-Gelder gar nichts; ob und wie- viel an den Vertrauensmann abgeliefert wurde, konnte er nicht sagen, da der Kassirer seine Ausgaben selbständig machte und nur der General- Versammlung Abrechnuug leistete.— Beisitzer Landgerichlsrath Wagner kann sich solche Kassensühruiig nicht vorstellen; der Kassirer könne doch erst zahlen, wenn er eine Anweisung dazu erhalte; er ist doch ein Stück F i n a n z m i n i st e r, der ohne Bewilligung nichts ausgeben darf.— Staatsanwalt Schweigger: Es kommt schließlich weniger daraus an, ob der Angeklagte weiß, wieviel der Kassirer dem Vertrauens« mann übergeben hat; daß Vereinsgelder an den Vertrauensmann übergeben wurden, wird auch er nicht bestreiten wollen.— Kiesel bleibt dabei, daß der Kassirer über die Gelder selbständig verfügt habe und nur der Generalversammlung Rechenschaft abgelegt habe. ES wird auch noch lonstatirt, daß in einzelnen Wahlvereinen(z. B. im 4. Wahlkreise) ausdrücklich im Statut die selbständige Verwaltung der Vereinsgelder unter späterer Rechnungs- leguug dem Kassirer zugestanden sei. Der Schriftführer Schumann schließt sich den Ausführungen Kiesel's an. Damit ist die Vernehmung der Angeklagten beendet. Auf die Vernehmung der Zeugen wird sowohl von der Staatsanwaltschaft wie von der Vertheidigung Verzicht geleistet. Die Sitzung wird um 2 Uhr auf 3/4 Stunden vertagt. Nachmittags-Sitzung. Die Plaidoyers eröffnet der Staatsanwalt mit einer kurzen formellen Begründung. Der vom Reichsgericht vermißte Nachweis, daß es Aufgabe der Parleileitung gewesen sei, Versammlungen ein- zuberufen, in denen politische Gegenstände erörtert wurden, ist heute erbracht worden. Was nun die Verbindung der Parteileitung mit den Wahlvcreinen anbetreffe, so hätten die Angeklagten sich darauf � berufen, daß sie von den Geldüberweisungen keine Kenntniß gehabt hätten. Er glaube aber nicht, daß dies den Thatsachen entspreche, der„Vorwärts" habe so und so viele Berichte darüber veröffentlicht, die Mitglieder der Parteileitung mußten also, wenn sie auch nur oberflächlich den„Vorwärts" gelesen hatten, diese Thatsachen kennen lernen, zumal sie in den Sitzungen der Preßkonimission sich gerade mit diesem Theil des„Vorwärts" sozusagen amtlich beschäftigen mußten. Er gehe nun aber nicht soweit, behauplen zu wollen, daß die An- geschiildigten mit ihrer Behauptung bewußt die U n w a h r- h e i t gesagt hätten. Sie seien jedenfalls selber diesbezüglich in einem Jrrthum. Die Tragweite der Bestimmungen des§ 8 des Vereinsgesctzes sei bisher überhaupt nicht zweifelfrei gewesen; erst durch diesen Prozeß sei vom Reichsgericht beispielsweise dieser Geld- verkehr zwischen Wahlverein, Vertrauensmann und Parteileitung als eine strafbare Uebertretung des Vereinsgesetzes festgestellt worden. Es sei daher sehr leicht möglich, daß die Angeschuldigten damals wohl diese Berichte gelesen, sich dabei aber nichts Schlimmes ge- dacht haben. Dieser subjektive Rechtsirrthnm schließe aber die Gesetzes- Verletzung nicht aus. In bezug auf die Wahlvereiue seien die Fest- stelliingen der letzten Verhandlung neu bestätigt worden; er stelle daher den Antrag, sämmtliche Angeklagte in gleicher Weise wie da? letzte Mal zu bestrasen. Die Vertheidigung beschränkte sich gegenüber der Festlegung durch das Reichsgericht, daß es für die Begriffe, ob ein Verein politische Gegenständ« erörtere, gleichgiltig sei, ob er das in seinen eigenen Versammlungen thue oder in anderen Versammlungen, die er vielleicht veranlaßt habe, auf den Nachweis, daß die Einberufung der Parteitage für die Parteileitung ein so»ntergeordneter, nebensächlicher Punkt sei, daß er gegenüber der übrigen unisassenden Thätigkeit des Partei- Vorstandes gar nicht in betracht komnien könne. Der Parteitag sei etwas völlig Selbständiges, er giebt sich seine eigene Leitung, seine eigene Tagesordnuna völlig selbständig. Die Partei« leitung hat darauf gar keinen Einfluß, ebenso wenig auf seine Berathungcn und Beschlüsse. Es ist daher hier wohl ange- bracht, sich zu fragen, ob hier nicht eine Nachprüfung der Ober- tribunals-Eutscheidiing platzgreifen soll, demzufolge es freilich gleich- giltig sein soll, ob diese Thätigkeit eines Vereins Haupt- oder Neben- zweck sei; auf alle Fälle wäre es interessant, hierüber auch die Meinung des Reichsgerichts zu hören. Der wesentlichste Punkt der Anklage ist nur die Verbindung der Parteileitung mit den Wahlvereinen durch das Bindeglied der Vertranensleiite. Aber der Vertrauensmann ist doch die V e r t r a n e n s- person der Wähler, der Parteigenossen, nicht aber der Partei- leitung; er ist also nicht ein Theil des Vorstandskörpers, sondern ein Organ der Genossen. Selbst wenn also ein Wahlverein einmal mit ihm in Verbindung getreten, so ist damit eben, seiner Unab- hängigkeit wegen, nicht schon eine direkte Verbindung mit der Partei« leitung gegeben. Diese Verbindung soll nun durch G el d h e r g a b e des Wahlvereins hergestellt worden sein, von der dir Partei- leitung Kenntniß haben mußte. Wie stehen denn da die Din-"! wirklich? Der Wahlverein des 0. Kreises hat beispielsweise r.,� Juni 1895 eine Agitationsausgabe von 1200 M. gehabt, davon aber an den Vertrauensmann Augnstin nur 300 Mark abgeliefert; im Monat August ist das Verhältniß 000 M. zu 150 M. Umgekehrt habe der Vertrauensmann des zweiten Wahlkreises bei einer Gesammteinnahme von 5000 M. nur 249 M. aus dem Wahl- verein erhalten. Der Ausdruck Agitation in den Vereins- Protokollen ist also ein S amme lna ni e und durchaus nicht gleich- bedeutend mit Ablieferung an den Vertrauensmann oder gar an die Parteileitung. Die Vereine trieben eben selbständig Agitation, ver- theilten an ihre Mitglieder und sonst Druckschriften, Flugblätter, hatten Ausgaben für Agitation bei Stadtverordneten-, Gewerbe- gerichts- und sonstigen Wahlen und nur den Ueberschnß über ihre Ausgaben übergaben sie da und dort dem Vertrauensmann. Aber es bestand zweifellos in den Ver- einen ein gewisser„Wahlkreis-Partikularismus", daß diese Gelder! nur im Wahlkreise selber zur Agitation verwendet werden sollten. Das Reichsgericht hat freilich erklärt, in der bloßen Ueber«. Weisung des Ueberschusses des Vertrauens inannes an die Parteikass«, in der Möglichkeit, daß darunter Gelder seien, die aus dem Wahl-� verein stammen, liege schon das Vergehen gegen§ 8. Aber zu> welchen Konsequenzen führe diese Auffassung? Gerade die Folgen, die daraus zu ziehen, zeigen das Falsche dieses Standpunktes, Ein Wahlvcrein abonnirt für sein Lesezimmer z. B. den„Vorwärts"; die Ueberschüsse des„Vorwärts" fließen bekanntlich in die Partei- lasse. Es könnte dadurch dcduzirt werden: Ohne dieses Abonnement � wäre der Ueberschnß eine Mark geringer, orgo stammt der Ueberschnß in der Höhe von einer Mark ans der Kasse des Wahlvereins— und nach Auffassung des Reichsgerichts läge damit eine strafbare! Verbindung vor. Er wisse zwar, mit Gründen, und seien sie noch so gut und schwerwiegend, renne man keine Mauern ein. und mit dieser Festlegung hat das Reichsgericht eben eine solche Mauer aufgeführt. Die Vertheidignng erörterte auch eingehend die Frage, ob die Parteileitung wirklich Kenntniß von dieser Geldüberweisung gehabt habe. Die Angeklagten seien Männer, deren Wort von Tansenden geglaubt würde, sie verdienten also auch in dieser kleinen Frage Anspruch auf Glauben. Die Deduktion des Staatsanwalts, daß die Angeklagten es jetzt vergessen bätten, sei! zwar höflich und liebenswürdig, aber nicht zutreffend. Leute, dies das Zirkular 1 verfaßt, würden sofort, wenn ihnen ein solcher Fall zur Kenntniß gelangt wäre, seine Wiederholung verhindert und nicht geduldet haben, daß wegen einer Lappalie von ein paar hundert Mark die ganze Partei« Organisation aufs Spiel gesetzt werde. Der> Vertheidiger legte weiter eingehend dar, wie kinderleicht es übrigens den Angeklagten gewesen wäre, alles dies in legale Ordnung zu bringen. Die Parteileitung hätte einfach die Gelder zurückweisen oder die Vertrauensmänner auffordern können, diese Beiträg« genau zu buchen und selbständig zu verrechnen, oder die Wahl« vereine hätten eben selber mehr Geld für Agitation ausgeben können. Daß die Versammlungsberichte von den Mitgliedern der Partei« leitung nicht genau gelesen wurden, darüber könne rein Zweifel bestehen nach den Erklärungen der Angeklagten. Es handele sich innerhalb zwei Jahren um 000 Nuininern des„Vorwärts", in denen vielleicht 0—8 solcher Berichte gestanden hatten. Was die Wahlvereins-Vorstände betrifft, so könne» diese einseitig nicht mit anderen Vereinen in Verbindung trete", dazu gehöre auch ein Ziistimmenwolle» der anderen Vereine und da ein solches bei der Parleileitung nicht vorliege, so ergebe sich schon hieraus, daß die„Verbiiidung" nicht zu konstruircn sei. Auch die politische Seite dieses Prozesses, dessen sichtbare Folgt die Siege der Sozialdemokratie bei den Wahlen in D o r t m n n d, Halle und Brandenburg gewesen seien, wurde seitens de; Veshiaidiger eingehend cvövlctt und von denselben die Freisprechung der Angeklagten und Freigebung der Vereine beantragt. Von den Angeklagten nahm nur noch Bebel das Wort: Wir rechnen zwar auf Freisprechung, aber das Urtheil mag aus- fallen, wie es will, für die künftige Gestallung der Parteileitung bat es keinerlei Bedeutung. Uns gebietet natürlich schon die Klugheit, de» Z 8 des preußische» Vereinsgesetzes, so lauge er zu Recht besteht, zu respektiren. Auch im Falle der Freisprechung würden wir den Eitz der Parteileitung nicht mehr nach Berlin ver- legen; wir habe» jetzt die Fraktion mit der Leitung der Partei- geschäfte betraut, der Ausschuß hat seinen Sitz in Hamburg. Vorsitzender: Das gehört aber nicht zur Sache. Bebel: Ich bin auch gleich fertig. Ich will mich nur gegen die Auffassung des Staatsanwalts ivenden, als ob wir Grund Hütten, etivas zu verleugne». Bereits in der erste» Verhandlung wurde konstatirt, daß unter den Geldern des Vertrauensmannes auch solche des Wahlvereins in die Parteikasse gewandert sind, ohne daß die Parteileitung davon Kenntuiß hatte. Damals legte der Staats- anmalt selber kein Gewicht darauf, heute wurde gerade dieser Punkt ausführlich erörtert und bis zu einem gewissen Grade schien der Herr Staatsanwalt Zweifel auszudrücken, daß unsere Aussagen vertrauenswürdig seien. Was sollte für ei» Grund vorliegen, daß wir falsche Angabe» machten? Eine härtere Strafe als im ersten Urtheil? Nein! Es hat in der That niemand uiiter uns davon etwas gewußt. Von 6 Wahlvereinen wurden in erster Verhandlung zivei freigesprochen; von zwei anderen wurde festgestellt, daß über die Aushändigung von Geldern an die Ver- Iranensmänner in öffentlichen Versammlungen überhaupt nicht be- schloffen wurde. Nun bleiben nur noch zivei Vereine übrig. Wie soll es da nicht möglich sein, daß unter den Tausenden von Bersammlungs- berichten in diese» paar Jahre»— denn jede Nummer des „Vorwärts" bringt oft lv bis 12 Versammlungsberichte— wir die paar Berichte von diesen zwei Vereinen übersehen haben. Es hat iinmer einen unangenehmen Beigeschmack, wenn einer unter den Anschein gestellt wird, als ob er leugne. Ich leugne über- Haupt nie. Wir übertreten selbstverständlich das Gesetz nicht absichtlich, aber wenn wir einmal dagegen verstoßen haben, dann stehen wir auch für die Folgen ein. Und im speziellen Falle ist gerade das verlesene Zirkular der unwiderlegbare Beweis für die Nichtigkeit unserer Angaben. Der Gerichtshof zieht sich gegen 4 Uhr zur Berathung zurück. 4- Nach dreistündiger Berathung verkündete der Vorsitzende, Land- gerichls-Direktor Kaller das Urtheil dahin: Das Gericht habe keine Beranlaffung gehabt, von seinen früheren rechtlichen Ansichten abzu- gehen. Danach seien sowohl die Wahlvereine als auch die Partei- leitung Vereine, die bezwecken, politische Gegenstände in Versamm- lungeu zu erörtern. Der Gerichtshof habe allerdings gemeint, daß die Zusammenkünfte der Parteileitung nicht als„Versammlungen", sondern als„Sitzungen" zu betrachten seien. Darauf komme es aber nicht an, da festgestellt worden sei, daß die Parteileitung die Parteitage zu berufen habe und damit sei der Zweck, politische Erörterungen und Versammlungen zu veranlassen, nachgewiesen. Der Gerichtshof habe auch für erwiesen erachtet, daß durch die Ver- trauensmänner eine Verbindung zwischen den Wahlvcreine» und der Parteileitung hergestellt worden sei. Objektiv sei also eine Verletzung des ß 8 des Vereinsgesetzes vorliegend, anders sei es bezüglich der subjektiven Seite. Die angeklagten Mitglieder der Parteileitung behaupten, sie hätten nichts davon gewußt, daß in Gelder», die von den Vertrauensmännern an die Partei- kasse abgeliefert wurden, auch Wahlvereinsgelder entHallen waren. Das Gcgentheil sei ihnen nicht nachgewiesen und deshalb mußten sie freigesprochen werden. Da aber eine„Verbindung" im Sinne deS§ 8 nur hergestellt werden kann, wenn beide Theile darum wissen und be- wußter Weise zu genieinsamen Zwecken zusammenwirken, mußten auch die angeklagten Mitglieder der Vereins- Vor- stände freigesprochen werden. Daraus folgt, daß die vorläufige Schließung der Parteileitung und d e r W a h l v e r e i n e des 2., 4., 5. und 6. B e r l i n e r Reich stags-Wahlkreises auszuheben ist. Die Kosten fallen der Staatskasse zur Last. Abernrnls ein Vnnbmovv. Die Kunde von einem Raubmord verbreitete sich am Sonntag im Norden der Stadt. Am Sonnabend Abend wurde der in der Pankstraße 6 wohnende Pfandleiher Wilhelm Zeidler, am 19. Juli 1831 zu Guhrau, Kreis Breslau, geboren, durch Beil- hiebe ermordet. Wir erfahren über den Aufsehen erregenden Vorfall folgendes: Wilhelm Zeidler. der seit zwei Jahren Wiltwer ist, hatte seit dem 1. Oktober in der ersten Etage des Hauses Pankstr.« eine aus Stube und Küche bestehende Wohnung inne. Vom Treppenpodest aus gelangt man zunächst auf einen kleinen Korridor, von welchem rechts das als Geschäfts- räum der Pfandleihe dienende zweifenstrige Vordcrzimmer, links die als Wohn- und Schlafraum benutzte, nach dem Hos hinausgehende zweifenstrige Küche liegen. Der Pfand- leiher, welcher früher in der Gerichtsstraße 16 wohnte, hat drei Kinder, zwei Söhne, Hermann und Paul, der erster? wohnt in Posen, der zweite befindet sich als Soldat in Schwedt a. O., und eine Tochter Anna, die vor fünf Jahren einen Tischler Hartmann heirathete und auf dem Gesundbrunnen in der Prinzenallee wohnt. An Sonnabenden ist das Geschäft in der Pfandleihe stets ein recht lebhaftes und so war auch der Verkehr ani 6. d. M. bei Zeidler recht flott. Noch gegen ö'/, Uhr abends hatte eine in der Kolbergerstraße wohnende Arbeitersran Lange bei Z. versetzte Garderobenstücke eingelöst. In der Zeit von 6>/s— 7l/e Uhr abends kamen noch verschiedene Frauen, welche jedoch vergeblich die Klingel zogen. Um 7V2 Uhr kam auch die Tochter des Pfandleihers, welche ihrem Vater an Sonnabenden häufig behilflich war, doch auch ihr wurde auf wiederholtes Klingeln nicht geöffnet. Da Frau Hartmann ein leises Stöhnen zu höre» glaubte und übrigens auch genau wußte, daß ihr Vater zu Hause sein müffe, so benachrichtigte sie beunruhigt de» Hauseigenthümcr Herrn Tranipe, welcher das gewaltsame Oeffuen der Wohnung veranlaßle. In dem Geschäftszimmer be- nierkte man zunächst nichts Ausfälliges; als jedoch Frau Hartman» die angelehnie Küchenthür aufstieß, bot sich ei» furchtbarer Anblick. Auf dem Erdboden lag, zwischen Bettstelle und Kamin, mit den Füße» nach der Thür zu, in einer großen Blutlache der»och leise röchelnde Pfandleiher. Aus mehreren Wunden am Kopfe floß das Blut heraus, während aus einer klaffenden Wunde am Hinter- köpf das Gehirn hervorgequollen war. Die Bette», Maschine, die Wände waren mit Blut besudelt. Nachdem man sich von der ersten Bestürzung erholt, schickte Herr Trampe sofort zur Polizei sowie zu dem in der Pankstraße 56 wohnenden Arzt, Herrn Dr. Krau»», welch' letzterer jedoch dem Ver- wundeteuUkeine Hilfe mehr angedeihen lassen konnte. Zeidler starb nach kurzer Zeit, ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben.— Ueber die Ausführung des Mordes war bisher eine sichere Annahme nicht zu gewinne». Allem Anschein nach hat der Mörder, nachdem er Zutritr in der Z.'schen Pfandleihe gefunden, mit Z. eine Unter- Handlung angeknüpft und hierbei unbemerkt die dicht an der Thür befindliche Rouleauxschnur eines Regals an sich genommen. Während ihm der Pfandleiher einen Augen- blick den Rücken zudrehte, warf der Verbrecher seinem Opfer die Schnur um den Hals und zog die Schlinge so fest zusanuneu, daß Z. nicht zu schreien vermochte. Er schleppte dann den Wehrlosen in die Küche und versetzte ihm dort mehrere Schläge mit einem vor dem Bett stehenden Stiefelknecht. Als der Pfandlciher auch dann noch Lebenszeichen von sich gab, ergriff der Mordbube ein hinler der Maschine stehendes kurzstieliges Küchenbeil und versetzte hier- mit dem Z. mehrere Hiebe über de» Kopf, wobei der Schädel ge- spalteil wurde. Ter Mörder begab sich dann nach dem Geschäfts- räume und entnahm aus einem offenstehenden Pult den in dem- selben enthaltenen Geldbetrag, der sich auf etwa 160 M. beziffern dürste. Bezüglich des Motives zu der That konnte bisher völlige Klarheil nicht gewonnen werden, da die Möglichkeit, daß der Raub nur nebenbei ausgeführt worden ist. nicht aus- geschlossen erscheint. Nach dem Tode seiner Frau, die in dem Hause Gerichtsstr. 16 starb, hatte Z. verschiedentlich Aufwärterinnen zu sich genommen, mit denen er m so freundlichem Verkehr stand, daß die Hausbewohner glaubten— in dieser Annahme wurden sie von den betreffenden Frauen unterstützt— Z. würde eine zweite Ehe eingehe». I» allen Fällen wurden jedoch die Aufwärterinnen bald wieder entlassen. Später wollte Z. von solchen Frauen nichts mehr wissen und nach seinem Umzüge besorgte der Psandleiher seine Wirthschaft allein. Allerdinas stand Zeidler auch im Verkehr mit einer Kellnerin, mit welcher er angeblich in Gemeinschaft eine Schankwirthschaft eröffnen wollte. Ob jedoch Z. wirklich auf diesen Plan eingehen wollte, erscheint zweifelhaft, denn noch am Freitag theilte er dem Hauswirth mit, daß er am 1. Oktober die Wohnung verlassen werde, um sodann, da er alt und allein- stehend sei, mit seiner Tochter zusammen zu ziehen. Die Recherchen der Kriminalpolizei erstrecken sich auf Personen, die früher in dem Hause Gerichtstr. 16 bei einem dort wohnhaft gewesenen Straßen» Händler I. verkehrten. Ferner fanden ausgedehnte Streifen in den Herberzen des Nordens sowie auf arund von unverbürgten Mit- theilungen in Reinickendorf und Pankow statt. Die Polizei hat sich insoweit die Lehren aus dem Levy'schen Raub- morde zur Notiz genommen, als sie an den Anschlagsäulen Sonntag Morgen prompt einen Zettel anheften ließ, indem sie die Berliner Bevölkerung von dem Verbrechen in Kenntniß setzte und ein unge- fähres Signalement des muthmaßlichen Thäters gab. Bezüglich eines Vorfalles im Meißner'sche» Keller, Pankstr. 6, war man auf eine falsche Spur gerathen. Der Käufer einer sauren Gurke in dem Meißner'schen Geschäft, auf den sich der Verdacht ge- lenkt, hat sich sofort, nachdem er hiervon Kenntniß erhalten hatte, auf dem 69. Polizeirevier in der Reinickendorserstraße freiwillig gemeldet. Es ist der Kammmacher Polzig aus der Wiesenstrabe. Er gab an, daß er im Sommer vorigen Jahres bei Zeidler in dessen früherem Geschäftslokal seine Uhr versetzt habe und am Sonnabend Abend die Absicht gehabt habe, die Uhr wieder einzulösen. Nachdem er sich die Gurke gekauft, sei er gegen 6�/2 Uhr zu Zeidler gegangen, dessen Wohnnng er fest verschlossen fand, worauf er mit Bekannte» in einer Destillation zusammen gewesen sei. Der Reviervorstand benachrichtigte sofort die Kriminalpolizei und heute früh wurde der Kammmacher allen denen vorgeführt, die ihn gesehen und beschrieben haben. Alle erkannten ihn sofort wieder, worauf P., dessen An- gaben sich bestätigten, ohne weiteres als unverdächtig«»tlassen wurde. Verhaftet wurde unter anderm gestern ein Schlächter, der sein Alibi noch nicht nachweisen konnte. Dieser hatte sich durch Blut an seiner Kleidung verdächtig gemacht. Inzwischen hat sich aber ein gewisser Werner Henze ge- meldet und angegeben, daß er mit mehreren anderen Per- sonen am Sonnabend Abend in der Rcsidenzsiraße in Reinickendorf eine» Mann gesehen habe, dessen Kleidung blutig gewesen fei. Man habe aber werter keinen Verdacht geschöpft, weil der Mann sonst anständig aussah und ein ruhiges Benehmen zur Schau trug, man habe ihn deshalb laufen lassen. Di« Kriminalkommissare Göttling und Weiß, die mit der Untersuchung betraut sind, haben die Ver- solgung dieser Spur sofort aufgenommen, ein Ergebniß ist aber noch nicht zu verzeichnen. Mehr und mehr neigt man der An- ficht zu, daß es sich um einen Racheakt und um keinen eigentlichen Raubmord handelt. Sonnabend Abend um 6 Uhr haben Nachbarn den Ermordeten beobachtet, wie er in Hemdärmeln aus dem Fenster nach der Pankstraße gesehen hat, als ob er jemand erwarte. Eine halbe Stunde später fand der Kriminalschutzmnnn I. vom 69. Revier, als er Z. geschäftlich be- suche» wollte, die Wohnung verschlossen, woraus angenommen wird, daß der Mord in der Zwischenzeit und zwar mit großer Echnellig- keit begangen worden ist. also von Personen, die schon mit Z. und seinen Gewohnheiten vertraut waren. Der Polizeipräsident hat eine Belohnung von 360 Mark für Ergreifung des Mörders ausgesetzt. Die Annahme der Behörde, daß daS Motiv zu dem Verbrechen weniger im Raub als vielleicht in einem Racheakt zn suchen sei, scheint im Laufe der Untersuchung immer mehr Anhalt gewinnen zu wolle». Es haben sich eine Anzahl Zeugen gemeldet, welche über den unsittlichen Lebenswandel des Zeidler sehr gravirende Aussagen mache». Verschiedene Anzeichen deute» darauf hin, daß sich der Psandleiher hierdurch Feinde zugezogen hat. So wurde gester» durch die Kriminalpolizei eine Frau vernommen, welche infolge ihres intimen Umganges mit dem Ermordeten mit ihrem Manne in Ehe- scheiduikg sich befindet. Der Mord muß nach neueren Ermittelungen vor 6>� Uhr abends ausgeführt worden sein. Um diese Zeit kam nämlich der Kriminalschnhma»», der den Pfandleihern das Verzeichniß der ge- stohlenen Wcrthsachen zustellt, an das Geschäft von Zeidler, erhielt aber keinen Einlaß mehr. Er steckte deshalb de» Zettel durch die Thürspalle, ans der er später herausfiel. Daraus folgt, daß der Mörder um diese Zeit die Wohnung schon verlassen hatte. Fast zu derselben Zeit, wie der Kriminalschutzmann, begehrte auch die Zeitungsfrau vergeblich Einlaß. Lokales. Z»r Lokalliste. Ter Meßpalast, Alexandrinenstr. 116' sowie das König städtische Kasino, Frankfurterstr. 76, stehe» der Arbeiterschaft zn Versammlungen zur Verfügung. Aus mehr- fache Anfragen diene znr Nachricht, daß die Räume der Odd-Fellow- Loge in der Alten Jakobstraße nicht zu haben sind. Die Lokal- kommisston. Marr-Gedächtnisifeier. Die Generalprobe für die Sänger, die am 13. März im Fcenpalast mitwirken, findet am Mittwoch, den 16. März, abends, bei M ö h r i» g. Admiralstraße, statt. Das Komitee. Religiös-patriotisches ans Dalldorf. Der Verwallnngs- bericht des Magistrats über die Irrenanstalt Dalldorf berichtet des näheren über die vorgekommenen Selbstmorde, Entweichungen K. Von einigem Interesse ist folgender Satz: Die kirchlichen und die— im Jubeljahre deS Deutschen Reiches häufigeren— vater- ländischen Festtage wurden ihrem Charakter entsprechend in gewohnter Weise gefeiert; es konnte denselben, wie den sonst ge- botencn Unterhaltungen, ein sehr großer Theil der Kranken bei- wohnen. Und noch eine Zentcuarfrier. Der patriotische Theil des deutsche» Volkes kommt in diesem Jahre garnicht aus de» Zentenar- seiern heraus. Jetzt hat sich ein Komitee gebildet, das am 19., 26. und 21. Juni ei» deutsches Zentenar- Sportfest ver- anstalten will.„Wie im ganzen deutschen Volke", so heißt es im Prospekt, ist ebenso bei fast allen Sportvereinen der Wunsch lebhaft geworden, de» hundertjährigen Geburtstag unseres ersten deutschen Kaisers festlich zu begehen. Gleichzeitig wollen die patriotischen Sportsmen dem ersten Kaiser auch noch ein Denkmal setze». Nun dürfen andere patriotische Vereinsaruppen nicht zurückbleibe», und so wird sich eine fast ununterbrochene Jubelkette hinziehen bis zu der im November erfolgenden Zentenarfeier des vor just 100 Jahren hochselig verstorbenen Preußenkönigs Friedrich Wilhelm Iii, der sowohl in der Frömmigkeit als in der Nächstenliebe gleich Großes vollbracht hat und ein unerreichtes Vorbild seines treuen Volkes gewesen ist. Der Verkauf von sogeuanutem Jungbier hat in verhältniß- maßig kurzer Zeit einen erheblichen Umfang angenommen; es wird geschätzt, daß täglich etwa 200 Wagen in den Straßen Berlins mnhersahre», um das Getränk den Kunden zuzuführen. Dabei hat sich nun„Bier" von so zweifclhufter Beschaffenheit in diesen Handel eingeschlichen, daß von seite» der interessirten Bierhändler Schritte hiergegen unternommen werden sollen. Solches Jung- bier, das von den fahrenden Händlern ausgekauft und in den Laboratorien hiesiger größerer Brauereien analysirt wurde, erwieS sich als«in Gemisch von Syrup, Glyzerin, Abzug von altem Hopfen und ähnlichen völlig minderwerthigen Ingredienzien. Durch den Zusatz von Glyzerin wird eine geringe Kohlensäure in dieser Flüssigkeit erzeugt, die aber durch das Rütteln während der Fahrt und wenn das Faß angezapft ist, völlig verloren geht. Klagen die Kunden nun über die schlechte Beschaffenheit des Bieres, so nimmt der umherfahrende Bierhändler mit geheimnißvoller Miene ei» paar kleine weiße Plätzchen aus einer Schachtel und wirft sie in das abgezapfte Bier, versichernd, dasselbe werde nun gewiß gut sein. Diese kleinen Plätzchen sind Saccharin, das allerdings die Kohlensäurebildnng ein wenig be- günstigt. Immerhin wird es fraglich sein, ob dieses feilgebotene und weit über seinen Werth bezahlte Produkt die Bezeichnung „Bier" nach den Bestimmungen des Nahrungsmittel-Gesetzes führen darf. Ziveisellos ist, daß zahlreiche wenig bemittelte Leute durch den Verkauf eines recht minderwerthigen Nahrungsmittels zu einem gegen bessere Nahrungsmittel ganz unverhältnißmäßig hohen Preise benachthetligt werden. Das offiziöse Mädchen für alles, die„Nordd. Allg. Zig/', kündigt an, daß sie ihren Abonnemenlspreis von 7,ö0 Mk. aus 4 M. ermäßige. Dafür werden ihr die Besitzer von Cafös und die Zeitungsverleger, die das Blatt hallen müssen, dankbar sein. Die Redaktionen finden serner noch besondere Ursache zur Freude in der Ankündigung, daß sie die Langeweile des ober- offiziösen Organs in nächster Zeit nur einmal am Tage zu genießen brauchen; die„N. A. Z." wird vom 1. April nur in einer Abend- ausgab« erscheinen. Für das große Publikum ist diese Aenderung ganz bedeutungslos, da kaum ein Privatmann aufzutreiben sein wird, der gewissenlos genug wäre, für ein Abonnement auf die „Norddeutsche Allgemeine" Geld auszugeben. Die neue Lchrftätte der Volkshochschule Humboldt-Aka- demie für die Königstadt hat gestern ihre Wirksamkeit begonnen, indem Prof. Dr. A. Freudenberg die Kurse, welche in der Aula des Real-Gymnasiums, KO.. Elisabethstraße 57/58 abgehalten werden, mit einer Ansprache eröffnete. Hierauf begann die erste der fünf Vortragsreihen für März— April mit einem Vortrage des Herrn Dozenten an der Sargakademie Dr. H. Potoniö über Pflanzenkunde. Des weiteren werde» sprechen: Heule, Dienstag: Dr. Adalbert v. Ha» stein, Deutsche Dichtung seit Goethe; Mittwoch: Dr. Maximilian Klein, Praktische Lebens- Weisheit; Donnerstag: Dr. Rich. Wolffenstein(Privatdozent an der kgl. Technischen Hochschule), Experimental- Chemie; Freitag: Dr. med. Fr. R u b i» st e i n. Gesundheilslehre, insbesondere Ge- werbehyaiene. Alle Vorträge dieser Woche, welche abends von 8�,4 bis 9% Uhr dauern, sind für Männer und Frauen frei zugänglich. Alles nähere, mit ausführlichen Inhaltsangabe», enthalten die Programme, die im Bureau, Tb. Fröylich's Buchhandlung, Landsdergerstraße 32, und bei W. n. S. Löwenthal, Grünstraße 4, gratis erhältlich sind; im Bureau sind auch Hörerkarte» zu 50 Ps. für die Vortragsreihe von 6 Stunden zu haben. Beamte als Musiker. Das Staatsministerium hat„im öffent- lichen und dienstlichen Interesse" beschlossen, den das Musikgewerbe betreibenden staatlichen Unterbeamten die Einhaltung des für die Musikkorps der Garde eingeführten Mindesttariss vorzuschreiben. Ein Gesuch der Zivilberufsmusiker, den Beamten das Musiziren gegen Entgelt zu verbieten, ist bekanntlich von der Behörde vor kurzem abschlägig beschieden morde». Aus keinen Fall sollen sie aber die Militärmusiker unterbieten! Eine neue postalische Einrichtung ist jetzt, wie die„Voss. Zeitung" erfährt, Gegenstand der Erwägung bei der Reichspost- Verwaltung, nämlich die Einführung sogenannter Kartentelegramme. Sie sind so gedacht, daß eingehende Depeschen nnter Benutzung post- kartenähnlicher Formulare den Empfängern offen zugestellt werden. Die Kartentelegramme sollen auch eine Verbilligung der Depeschen- kosten im Gefolge habe», indem fünfzehn Worte, natürlich einschließ- lich der Adresse, nur 50 Pf. kosten werde». Der Hauptzweck der ge- planten Einrichtung ist aber die Beschleunigung der Bestellung. Durch den Fortfall des Faltens und Schließens der Depeschen wird Zeit und Arbeit gespart werden. Auch die Vermerke über Abgangs- und Ablieferungszeit sollen fortfallen und der AnkunflSvermert nur mittels des Poststempels ausgedruckt werden. Zur Müllabfuhrfrage giebt das Polizeipräsidium im Ein- versländiiiß mit dem Magistrat bekannt, daß die nach dem System Kinsbrunner D. E. P. 79 882 und 87 233, D. R. Gl. M. 45 575) und nach dem System Geduld u. Co.(v E. P. 79 275) bewirkte Müllabfuhr de» erwähnten Anforderungen ausreichend genügt. Die Anordnung über Zulässigkeit der Müllabsuhr mittels Wechsel- kasien erfährt dadurch keine Aenderung, alle anderen Arten der Müllabsuhr aber werden von der Polizei künftig unter strengste Kontrolle genommen�werden. Namentlich soll jedesmal Strafanzeige erstattet werden, wenn das Müll in offenen Kästen über die Straße gelragen wird, die Wagen während der Fahrt nicht geschlossen ge- hallen werden, oder beim Einschütten von den Kästen»n die Wagen Staub oder übler Geruch entstchen sollte. Au de» große» Zenteuar-Fciertagcn werden bei den Post- anstalten des Berliner Ober-Postdirektionsbezirkes der Poftschalter- dienst, sowie der Orts- und Laudbestelldienst wie an Sonntagen»in- geschränkt werden. Im Tchiller-Dhcater finden heute, morgen und Donnerstag die letzten Ausführungen de» Rofeggerschen VolköschaufpielS„Am Tage des Gerichts" statt, da bereits für Freitag die erste Aufführung von Reuling's neuem Schauspiel„Die gerechte Welt" in Aussicht genommen ist. Der Domorganist C. Franz wird beim Orgel Vortrag in der Marienkirche Mitiwoch, den 10. März, mittags 12 Uhr, das Kyrie aus Mozart's Requiem, die Chromatische Fantasie von Bach, einen Trauermarsch von Dienel?c. spielen. Frl. Johanna Haacke aus Halle und Frl. Anna Eggers werden den Vortrag unterstützen. Der Eintritt ist frei. Mitglieder der Zentral-Kranken- und Stcrbelaffe der Tischler. örtliche Verwaltung Berlin G., halten am 13. März bei Fiebig, Große Frankfurterstraße, einen Maskenball ab, besten Ueberschub den Invaliden zu gute kommen soll. Wir machen die betheiligten Kreise aus diese Festlichkeit aufmerksam. Berliner SichcrheitSznstände. Eine grobe Ausschreitung, bei der es sich um einen planmäßigen Ucberfall handelt, ist gestern, Sonntag, abends um 10V2 Uhr. in dem Wirthshause von Wilhelm Streblow in der Echulftr. 66 verübt worden. Während der Wirth mit einigen Gästen Billard spielte, kam ein Fremder herein und ließ sich von der 16 jährigen Wirlhstochter Anna ein Glas Bier geben. Als gleich darauf Streblow selbst herankam,«m sich das Geld dafür geben zu lassen, gab ihm der Fremde mit den Worten:„Sie sind Schuld daran, daß ich vor drei Wochen einen Messerstich bekommen habe", eine Ohrseige und goß ihm das Bier ins Gesicht. Das war das Zeichen für einen zweiten Gast, um ebensalls über den Wirth herzufallen und ihn mit Biergläsern und einem Messer zu bearbeite». Die Wütheriche zer- schlugen dann alles, was auf dem Schanktische stand. Screblow suchte stch vor weiteren Augriffen durch Vorhalten eines Stuhles z» schützen. Seine übrigen Gäste konnten ihm nicht helfen, da es ganz junge Leute waren, und znr Unterstützung der Angreifer noch ein Dutzend Kerle auf der Straße bereit standen. Nachdem sie den Wirth am Kops und an der linken Hand bedeutend verlebt hatten, entfloh die ganze Bande. Ein Schutzmann war leider nicht zur Stelle. Ter Säbel. Von einem Garde-Dragoner wurde Montag. morgens gegen 2 Uhr, der 24 Jahre alte Arbeiter Johann Adamczyk aus der Winterseldtstr. 27 durch einen Säbelhieb schwer verletzt. In einem Tanzlokale im Westen der Stadt war es zwischen Soldaten und Zivilisten zu einem Streite gekomme», der an der Ecke der Bülow- und Alvenslebenstraße mit einer Schlägerei zwischen einem Garde-Dragoner und mehreren Ziviliste» endete. Der Soldat zog blank, schlug Adamczyk über den Kopf und verletzte ihn so schwer, daß die Polizei des 73. Reviers ihn m ein Kranken- haus bringen mußte. Das Befinde« der im Treptower Park beim Abbruch des Wasserlhurms Verunglückten hat flch etwas gebessert. Der am schwersten verletzte Arbeiter Daniel, der im bewußtlosen Zustande nach dem Krankenhaus« Bethanien geschafft wurde, ha» das Be- wußtsein inzwischen wieder erlangt. Er hat«ine Gehirnerschütlernng und eine Nierenzerreißung erlitten und dürste noch längere Zeit ans Bett gefesselt sein. Die im Moobitcr Krankenhonse befind- lichen beiden Arbeiter Appelt und Bock haben nur leichtere Ver- letzungen erhalten und dürften muthmaßlich in vierzehn Tagen wiederhergestellt sein. Die beim Zusammenbruch des Hildebrandt- scheu Pavillons Verletzten, die Arbeiter Braunsdorff und Lutz, be- finden sich im Kraukenhause am Urban. Lutz hat außer einer Nierenzcrreißuug eine Schädelverletzung erlitten, zu der vielleicht noch eine innere Krankheit als eine Folge der Gehirnerschütterung hinzukomme» kann. Braunsdorff ist mit einem Beinbruch davon- gekommen. Beide hofft man wiederherzustellen. Die übrigen leicht verletzten Arbeiter, die sich zu Hanse befinden, gedenken schon in Nächster Woche die Arbeit wieder aufzunehmen. Den bei de» Herren bekannten Mangel an Muth bekunden wiederum die Herren H i r s ch- D u n ck e r i a n e r. Sie künde» zu heute Abend eine grrroße Versammlung a», in der Herr Dr. Max Hirsch, so- wie Frau Cauer über das Thema:„Die Arbeiterinnen-Frauenfrage" reden wollen. Um aber sozialdemokratische'Arbeiter von dieser Versammlung fern zu halten, haben sie als Versammlungs- lokal die gesperrten K o n k o r d i a- S ä l« in der Andreasstraße gewählt! Von einem größere» Feuer betroffen wurde Sonntag Nach- mittag kurz nach 1 Uhr die Essigfabrik von W. Förster, O., Straße 17, an der Warschauerstraße. Die Feuerwehr halte längere Zeit zu thun, um jede Gefahr zu beseitigen. Das Fabrikgebäude hat beträchtlichen Schaden erlitten. Bor Hunger zusammengebrochen ist am Sonnabend Abend an der Ecke der Leipziger- und Markgrafenstraße der erst vor einiger Zeit aus dem Krankenhause entlaffeuc Musiker Pritzkow. Einige Passanten nahmen sich seiner an und schafften ihn nach seiner in der Kleinen Alexanderstr. 17, Hof 2 Treppen belegenen Wohnung. P. ist nervenkrank und kann infolge dessen nicht mehr arbeiten. Er ist auf die Hilfe mitleidiger Menschen angewiesen und wurde schon mehrfach von Schutzleute» per Droschke nach Hause geschafft. Bcmerkenswerth ist, daß in der Zeit der Zcutenarfeier, für welche die Stadt Hunderttausende zur Verfügung hat, derartige traurige Fälle sich so oft wiederholen könner. Ans der Flucht vor ihrem Ehemanne ist am Sonnabend Abend um 5>/t Uhr die 35 Jahre alte Arbeiterfrau Marie Oehmchcn aus der BreSlauerstr. 3 a u s d e m F e n st e r gestürzt. Ihr Mann kam betrunken nach Hause und drohte ihr, sie todtschlagen zn wollen. In ihrer Angst vor dem rohen Burschen wußte sich die Frau nicht anders zu Helsen als durch einen Versuch, aus dem Fenster ihrer im ersten Stock gelegenen Wohnung ans den Hof hiuabzuklettern. Sie glitt aber aus, stürzte hinab und zog sich einen Unterschenkelbruch zu. Die Polizei des 37. Reviers brachte die Verunglückte in ein Krauleuhaus._ Sltts den Nachbarorten. AnS Rixdorf. Der durch seine Ausschreitungen mit der blanken Waffe bekannt gewordene berittene Gendarm Bornemann ist jetzt pensionirt worden. Die Gcincindcvcrtretung von Britz wählte in ihrer letzten Sitzung den Verwaltungsbeamten Herrn R e g l i n g zum besoldeten Gemciudevorfteher aus 12 Jahre. Das Jahresgehalt beträgt 3(XK> M._ Weiter-Prognose für Dienstag, den 9. März 1897. Kühl und ziemlich trübe mit geringen Niederschlägen und mäßige» nördliche» Winden. Berliner Wetterbureau. Eine nutMslifäiV„Ehvenvektung**. Der Hofpianist Georg Liebling hatte sich am Montag aus Anlaß des bekannte» skandalösen Vorfalls im Restaurant„Kur- fürst" an der Potsdamer Brücke wegen Körperverletzung vor der 135. Abtheilung des Amtsgerichts I zu verantworten. Herr Lieb ling hatte im Septenrber 1833 und am 13. Januar 1837 brieflich Anknüpfungspunkte mit dem Musikrefereuten Löwengard gesucht, der an dem Konservatorium des Angeklagten unterrichten sollte. Löwengard halte zedoch abgelehnt, weil, wie er sagte, die Briefe immer acht Tage vor einem Liebling'schen Konzert erschienen. Als Festgabe zu der Weihnachtsnnmmer deS„Berliner Tage- d l a t t s" erschien nun, geschmückt mit dem Bilde des Zl n geklagten, eine unter der Aegide„Kurt Stei» selb" segelnde Reklameschrift, deren intellektueller Urheber g e st ä u d l i ch der Angeklagte i st. Bearbeitet wurde die Reklame, gegen klingende Münze natürlich, von dem berühmten unparteiischeii Kritiker des„Berliner Lokal- Anz ei g er", Herrn Conrad A l b e r t i, der sich jetzt nach Spanien dünne gemacht hat und von dort aus im„Lokal-Anzeiger" die gefolterten Anarchisten beschimpft. Herr Liebling wird in der Schrift als hervorragender Pianist gepriesen, der sich hineinlebt in die Werke aller großen Meister, seien es Klassiker oder Romautiker oder dergleichen, für ihn giebt es keine Spezialität, er ist ein Stück Universalpianist u. s. w. Diese Reklameschrist wurde in Nr. 3 des„Magazins für Literatur" von dem Musikreferenten Max Löwengard besprochen und von ihm eine„Sudelei" genannt; der Kritiker sprach dann von einem Selbst- bewußtsein,„das pathologisch zu betrachten ist" oder bewußter Fälschung der öffentlichen Meinung, und erklärte den Aiigeklagteu für einen„mittelmäßigen Musiker". Die Nuinmer des„Magazin" erhielt der Angeklagte am 22. Januar d. I., seinem Geburtage, unter Kreuzband zugeschickt. Als Absender vermuthete der Angeklagte Löwengard; er suchte ihn, um ihn zur Rede zu stellen, in der Singakademie; da er ihn hier nicht traf, ging er die Potsdamcrstraße entlang und betrat, wie er behauptet, „zusnllig" das Restaurant zum„Kurfürsten". Die Zeugen Vernehmung ergab jedoch, daß er das Lokal absichtlich aufgesucht hat; denn er wollte auf die Aufforderung des Äestaurateurs Heiz nicht Platz nehme», sondern fragte sofort nach dem ihm unbekannten Löwengard, den er in dem bekannten„Musikkritiker-Lokal" ver- muthete. Der Wirth wies ihn zu dem thatsächlich anwesenden Löwen- gard. Als dieser ans die betreffende Frage sich erhob und erwiderte „Mein Name ist Löwengard, was wünschen Sie?", rief der Au- geklagte kurz vorstellend:„Liebling", und versetzte dem vollständig Ueberraschten in demselben Augenblick eine Ohrfeige. Löwengard stieß zur Abwehr nach dem Angeklagten und glaubt ihn auch getroffen z» haben, da seine Hand nachträglich verstaucht war. Der Angeklagte leugnete getroffen worden zu sein und der Punkt blieb unaufgeklärt. Gäste trennten die beiden. Der Angeklagte sühlte sich, wie er sagte, in seiner„künstlerischen Ehre" und feinem Berufe durch die Kritik verletzt, da er sich als großen Musiker hallen kann, während er als„Mikrobe" dargestellt wurde, außerdem habe ihm die Kritik bei seinem Konservatoriuni Schaden gethan, denn „ich bin auf der einen Seite Künstler, auf der andern G e s ch ä f t s m a n n." Während der Staatsanwalt 300 Mark Geldstrafe beantragte, bat Justizrath Kleknholz beider- seitige Beleidigung anzunehmen und zu kompensircn. Auch der Gerichtshof nahm unter Vorsitz des Assessors Dr. Göppert Beleidigung (und zwar öffentliche) an; von einer Kompensation könne aber keine Liebe sein. Die Reklameschrist war, gelinde ausgedruckt, eine un- erhörte Geschmacklosigkeit und unsere Konservatorien hätten es doch noch nicht nöthig, ans den Standpunkt der „Goldenen 113" herabzusinken. Kein Wunder, wenn ein Kritiker dagegen auftrat. Da das Gericht fürchtet, daß dergleichen Reklamen »nd das Vorgehen Lieblings typisch würden, falls letzteres mit Geld abgemacht werden könnte, wurde von einer Geldstrafe ab- gesehen und auf zwei Wochen Gesängniß sowie Publikation i»>„Verl. Tagebl.",„Vosstsche Ztg." und„Magazin für Literatur" erkannt. Die vor Gericht erörterte Handlungsweise des Herrn Lieblina. sowie auch sein Benehmen gegenüber dem Musikrezensenten Christians, würden zwar nicht gerechtfertigt, wohl aber erklärlich erscheinen, wenn der Vernrtheilte nachträglich der Oeffentlichkeit mittheilen wollte, ob er bei Absendung von Poslan>v"isungen an anderer Stelle weniger Sprödigkeit gesunden hat, als bei dem wie erinnerlich vergebens mit 50 M.„beehrten" Mitarbeiter der„Börsen-Zeitung". Kein Mensch wird zum geschäftlichen Größenwahn getrieben, wenn er nicht Kreaturen findet, die ihm k la Alberti und„Berliner Tagebl." in seinem Streben bedientenhaft schmeichelnd Borschub leisten. Gerichts-Zeitung. In Sachen v. Tausch ist, wie der„Post" gemeldet wird, ein Disziplinarverfahren wider Unbekannt auf Veranlassung des Ober- Staatsaiiwalts Drescher eingeleitet worden. Da wiederholt That- fachen aus dem Gange der Voruntersuchung und den Maßnahmen der Staatsanwaltschaft an die Oeffentlichkeit gelangt sind, nimmt der Staatsanwalt Drescher an, daß nur durch pflichtwidriges Verhalten und Indiskretion die einzelnen Stadien des Prozesses zur allgemeinen Kenntniß hätten gelangen können, weshalb er durch Amtsgerichtsrath v. Podeivils ein Ermittelungsverfahren hat an- strenge» lassen, auf welchem indiskreten Wege die Tagespresse in den Besitz der betr. Nachrichten gelangt ist. Laut Anordnung werden die Zeugen in dem Zwangsverfahren eidlich vernommen. Mißachtung dcS Gerichts! Der Zigarrenhändler Hermann Knabe aus Spandau sollte sich gestern vor der zweiten Strafkammer am Landgericht II verantworten; er war des entsetzlichen Verbrechens angeklagt, daß er am 6. August v. I. in einem öffentlichen Lokale einigen Soldaten Billets zum Arbeiter- Sängerbundesfest zum Kauf angeboten hätte. Das soll im Sinne des§ 112 des Straf- Gesetzbuchs eine Aufforderung an Militärpersonen zum Un- gehorsam bedeuten. In der Sache selber wurde Ver« tagung beschlossen. Nun hatte Knabe aber beim Verlassen des Saales nach Ansicht des Gerichtshofes die Thür zu hart zu- geschlagen. Die Richter kamen zu der Ueberzeugung, daß der An- geklagte dadurch seiner Mißachtung vor ihrer Person habe Ausdruck geben wollen und verurtheilten ihn wirklich wegen des Thür- zuschlageus zu sechs Stunden Haft. Der Staatsanwalt hatte sogar drei Tage beantragt! Die„Bereins- Vorstellungen" vor Gericht. Vor der III. Zivilkammer des Landgerichts I fand in Sachen der Direktion des Deutschen TheaterS, vertreten durch Rechtsanwall Paul Jonas, wider die Direktion des Lessing-Theaters, ver- treten durch Rechlsanwalt Bernstein, ein interessanter Termin statt. Als Nebenkläger für die Direktionen des Neuen Theaters und des Residenz- Theaters wurde Nechtsainvalt Richard Wolfs zugelaffen. Es handelte sich um folgende An- gelegenheit: Im Sommer des vorigen Jahres hatte Dr. Blumen- t h a l dem Dr. B r a h m die Gründung eines Kartells der größeren Berliner Privatbühnen gegen die Veranstaltung von billigen Vereins Vorstellungen vorgeschlagen, und zwar zunächst nur für die Dauer des Winters 1896/37. Dr. Brahm hatte diesen Vorschlag äuge nommen und die Ausdehnung dieses Kartells auf die Zeit bis zum 1. September 1397 in Anregung gebracht. Hier- auf kam ein Kartell bis zu letzterem Zeitpunkt zu stände, welchem sich außer dem Deutschen und Lessing-Theater auch das Berliner Theater, das Neue Theater, das Residenz-Theater und nachträglich das Lindeu-Theater und das Theater des Westens an- schloffen. Bereis im November schlitg Dr. Blumenthal die Auf- Hebung des Kartells vor, was Dr. Brahm jedoch ablehnte. Im Januar d. I. theilte Dr. Blumenthal dem Dr. Brahm mit, daß das Theater des Westens seinen Anstritt aus dem Kartell angezeigt habe, und daß es sich mit Rücksicht auf die niigünstigen Verhältniffe jener Bühne wohl empfehle, dies stillschweigend zu genehinigen. Dr. Brahm antwortete, daß gegen die Form eigentlich protestirt werden müsse, er wolle jedoch mit Rücksicht aus die besonderen Verhältnisse jenes Theaters sich mit dem Ausscheiden einverstanden erklären, müsse sich aber entschieden dagegen verwahren, daß dies irgendwie als Präzedenzfall gelte. Am 12. Februar dieses Jahres theilte nun Dr. B l u ni e n t h a l mit, daß e r.d u r ch das Ausscheiden des Theaters des Westens das Kartell als ge sprengt und die anderen Theil nehmer nicht mehr als gebunden erachte. Hiergegen protestirte Dr. Brahm sosort und kündigte an, daß er die Frage der richterlichen Entscheidung iinterbreiten werde, sobald einer der anderen Theiluehmer des Kartells dasselbe breche. Bereits am 13. Februar versandte ein hiesiger Verein Ankündiguiigeii von Vereinsvorstellungen, die seit vierzehn Tagen f a st t ä g l i ch i m L e s s i n g t h e a t e r st a t t f i n d e n. Dr. Brahm beantragte infolge dessen durch Rechtsanwalt Jonas beim Land- gcricht I den Erlaß einer einstweiligen Verfügung, durch welche dem Dr. Blumenthal aufgegeben wird, bis zum 11. September d. I. die Veranstaltung von Vereinsvorst' lluugen zu unterlassen bei einer fiskalischen Strafe von 106 M. für jeden Uebertretnngsfall. Nach längerer Verhandlung erkannte das Gericht, nach den Anträgen des Dr. Brahm, untersagte also Dr. Blumenthal die Veranstaltung von Vereinsvorstellungen bei einer fiskalischen Strafe von 100 Mark für jeden Uebertretnngsfall und legte ihm die Prozeßkosten auf. Das Publikum wird nicht allzu betrübt darüber sein, daß Herr Blumenthal sich in einer Falle gefangen hat, die von ihm selber gelegt ist. Das Bühnenkartell dürfte aber wohl nach Ablauf des nächsten Sommers als gesprengt zu betrachten sein. Eine schamlose Bcrletzu»s deS Ehrenamtes eineS Armen Vorstehers ließ sich der Hauseigcnthüiner und Dachdeckermeister Wilhelm Wetze! aus der Stcphanstraße 23 dadurch zu schulden kommen, daß er wiederholt Frauen und Wittwen, die um«ine Unterstützung eingekommen waren, gelegentlich einer Recherche zu entehren versuchte. Wegen thätlicher Beleidigung stand Wetzel gestern vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I Es wurde ihm nachgewiesen, daß er die Ehre einer Ehe frau, deren Gemahl eine Freiheitsstrafe zu verbüßen hatte und die dadurch in Nahrungssorgen gerathen war, in Gegenwart eines 3jährigen Knaben zu beflecken suchte. Im Moabiter Stadttheil wurde der Vorfall bald Tagesgespräch und veranlaßte, daß sich verschiedene Zeuginnen meldeten, welche bis dahin aus Schamgefühl das Treiben des Armenvorstehers nicht zur Anzeige gebracht hatten Der Gerichtshof nahm von einer Freiheilsstrafe Abstand und er- kannte auf 500 M. Geldstrafe. Rixdorfcr Gendarmen. Unter der Anklage, deu Gendarm M e s u s und den Nachtwächter Schütz in der rechtmäßigen Aus- Übung ihres Dienstes thätlich angegriffen zu haben, standen dieser Tage die Arbeiter Franz N e u k i r ch und Wilhelm Michaelis aus Berlin, sowie der Steinträger Hermann Ball aus Rixdor vor dem Rixdorfer Schöffengericht. Die Angeklagten sowohl wie mehrere Zeugen stellten den der Anklage zugrunde liegenden Sachverhalt wie solgt dar: In der Nacht vom 18. zuni 19. Januar 1836 befanden sich die Angeklagten mit mehrere» anderen Personen in dem Lokal von Nitschke in der Steinmetzstraße zu Rixdorf. Beim Verlassen des Lokals sei Michaelis von dem Gendarm Mesns auf der Straße angesprochen und gefragt worden. ob sie im Lokal Entree bezahlt und was sie verzehrt hätte». Der Gastwirth Nitschke erfreut sich nämlich der ganz besonderen Auf- merksamkeit der Polizei, welche ihm bereits die Tanzkonzession ent zogen hat. Als die Freunde des Michaelis hörten, um was es sich handle, erklärte der Arbeiter Albert Wiegand, sie seien keine Denunzianten. Daraufhin soll der Gendarm den Sprecher gestoßen haben, was dieser sich mit dem Bemerken verbat, wenn er etwas Ungesetzliches begangen habe, könne der Gendarm ihn ja verhaften. Nunmehr soll ihn Mesus mit der blanken Klinge geschlagen haben Dies veranlaßte Neukirch, dem Beamten das Ungesetzliche seiner Handlungsweise vorzuhalten, was zur Folge hatte, daß nun dieser mit Säbelhieben trattirt wurde, bis er zu Boden sank. Dies sah der Angeklagte Ball und als er hinzusprang. um den Neukirch aufzuheben, erhielt er nach seiner Angabe sieben Säbelhiebe über den Arm. Nunmehr drängten sich andere. inzwischen angesaminelte Personen heran und suchten durch Festhalten der Waffe den Gendarm am weiteren Gebrauch derselben zu hindern. Inzwischen soll auch der Nachtwächter Schütz d i e M e n g e m i t Säbelhieben auseinandergetrieben haben. Neukirch hatte u. a. eine erhebliche Kopfverletzung er litten und war von dem Blutverlust so schwach geworden, daß er von mehreren Freunden unter die Arme genommen und zu einem Heilgehilfen zum Verbinden gebracht werden niußte. Auch ver- chiedene andere Personen hatten Verletzungen erlitten. Eine Verhaftung zatten die Beamten nicht vorgenommen, obwohl sie dazu Gelegenheit gehabt hätten, auch wurde keine Anzeige erstattet. Dagegen erstatteten die Mißhandelten gegen die beiden Beamten Anzeige und als sie elbst nach einigen Monaten noch keinen Bescheid über die Angelegenheit bekommen hatten, richteten sie eine diesbezügliche An- 'rage an die Behörde. Diese drehte den Spieß jetzt um und erhob gegen die Beschwerdeführer Anklage. Die Beamten hatten den Sachverhalt so dargestellt und bliebe» auch i» der Haupt- Verhandlung dabei, daß der Nachtwächter mehrere Ruhestörer zur Ruhe verwiesen und dabei von denselben bedroht worden sei. Er sei darauf fortgegangen und habe bald daraus den Gendarm getroffen, worauf beide sich den Ruhestörern genähert hätten. Sie seien nun von denselben sofort thätlich angegriffen worden und hätten daher von den Waffen Gebrauch machen niiissen. Namentlich konnte sich der Gendarm nicht mehr entsinnen, ob er jemand gefragt, was er im Nitschke'schen Lokale gemacht. Eine Verhastung habe wegen der Ueberzahl der Angreiser nicht vor- genommen werden können und eine Anzeige sei nicht möglich ge- wesen, weil keiner von den Angreifern bekannt gewesen. Ob gerade die Angeklagten die Angreifer gewesen, vermochte keiner der Beamten mit Sicherheit anzugeben.'...... Der Amtsanwalt war der Ueberzeugung, daß Neukirch schuldig sei und beantragte er gegen denselben 4 Wochen Gesängniß, gegen die übrigen Angeklagten aber Freisprechung. In einem glänzenden Plädoyer trat Nechtsainvalt H i r s ch s e l d t- Berlin für die Frei- sprechung sämmtlicher Angeklagten ein. Der Gerichtshof hielt die Sache nicht sür aufgeklärt und sprach daher sämmtliche Angeklagte frei._ Vevsammlungen. Fiir de» Kreis Niederbarnim wurde am Sonntag in Lichtenberg eine gut besuchte Parteiversammlung abgehalten, die mit einem Vortrage des Reichstags- Abgeordneten Stadthagen be- gann. Nachdem der Redner unter Heranziehuiig der neuesten Er- eignisse die politische Situation skizzirt hatte, wandte er sich zum Schluß an die Parteigenossen mit der Aufforderung, daß jeder nach Kräften in seinen Kreisen zur Verbreitung von Aufklärung beitragen möge, um zu verhindern, daß die auf allen Gebieten da» öffentlichen Lebens sich breit machende Reaktion bei den nächsten Reichstags- Wahlen einen Sieg davontrage. Eine Diskussion fand nicht statt. Genoffe Stadthagen wurde darauf einstimmig und ohne Widerspruch zum Kandidaten für die Wahl zum Reichstage aufgestellt. Dann wurden die Genossen M a l i n o w s k i- Reinickendorf und Heinfelder- Friedrichs- Hägen in die Preßkommission des„Vorwärts" gewählt. Eine längere Debatte entstand über einen von den Rummelsburger Parteigenossen gestellte»IAntrag, eine besondere Lokalliste für den Kreis Nieder- baruim herauszugeben. O e l k i n g begründete den Antrag damit, daß ein Zusammengehen mit der Berliner Lokalkommission keinen Zweck Hab« und darum ein selbständiges Vorgehen des Kreises in der Lokalfrage zn empfehlen sei. Ändere Redner sprachen gleichfalls die Meinung aus, daß die Regelung der Lokal- frage, soweit es sich um die Vororte handele, von den Berlinern sehr vernachlässigt worden sei, jedoch konnten sie dem Rummels- burger Antrage nicht zustimmen, da ihnen eine Trennung von den Berliner Genossen nicht zweckmäßig schien. Auch Stadthagen warnte vor Annahme des Antrages, der ein Schlag ins Wasser wäre. Ein Erfolg sei nur zn erwarten im Zusammengehen mit den Berliner Genossen. Mau könne nicht über die Köpfe der Berliner hinweg upd gegen dieselben vorgehen, aber man solle sie auffordern, die Regelung der Lokalfrage zu beschleunigen. Nachdem die Ruinmelsbnrger Genossen ihren'Antrag zurückgezogen hatten, nahm die Versammlung eine von Stadthagen sormulirte Resolution folgenden Inhalts an: Die Geuosseu Berlins werden ersucht, die Lokalfrage schleunigst mit den Genossen der umliegenden Orte zu regeln, damit die Agitation auf dem Lande nicht erschwert werde. Die Versammlung durfte, laut polizeilicher Anordnung, nur bis 2 Uhr tagen, weil um diese Zeit der Nachmittags-Gottesdienst beginnt. NowaweS. Am Sonntag tagte hier eine gut besuchte Versammlung, in der Reichstags- Abgeordneter Robert S ch ni i d t über den„Niedergang des Handwerks" referirte. Ueber den zweiten Punkt der Tagesordnung:„Der Nothstand der Weber am hiesigen Orte", sprach Genosse Gruhl. Die Sozialdemokratie, führte derselbe aus, hat absichtlich gezögert, zu dem Nothstand der Weber Stellung zu nehmen, damit nicht den Webern gesagt werden kann, sie sollen sich Hilfe von den Sozial- demokraten holen, in deren Bersammlungen sie laufen. Vor Weih- nachten sagte man den Webern, der Hamburger Streik verschulde die Arbeitslosigkeit, weil dadurch kein Material herankomme. Jetzt ist der Streik zu Ende und es giebt erst recht lein Material. Die Weberei in Nowawes hat sich in letzter Zeit nur noch durch die schlechte Berliner Maare weil das Material so schlecht ist, daß Stuhl nicht verarbeitet werden kann. gute Maare geliefert, jetzt wird nur noch die sogenannte„Wurst- pelle" hergestellt, alle anderen Sorten werden in mechanischen Webereien fabrizirt. Der Lohn ist unsagbar niedrig. Kaum be- greiflich ist es, daß auch jetzt noch die Wcberiiinung daran fest» hält, daß jeder Hinzukommende immer noch 29 Mark für die Auf- nähme zu zahlen hat. Meister sind die Weber gar nicht mehr. Die Arbeit kann von Kindern gefertigt werden. Leider haben die' Weber in der Zeit, wo ihre Arbeit gebraucht wurde, gar kein Verstäudiiiß sür ihre wirthschastliche Lage gezeigt. Da wurde Zeit und Geld in Klim-Bim-Vereinen vertrödelt. Der Herr Fabrikant Pitsch ist vielfach angegriffen worden. Als die Fabrik gebaut wurde, hat sich der Obermeister der Innung in der Zeitung dagegen ausgesprochen und hätte er am liebsten ein Verbot des Baues herbeigeführt. Wenn jetzt aber zwanzig Pilsch's hier wären, hätten wir das grauenhafte Elend nicht. (Lebhafte Zustimmung.) Der Mann hat allerdings damit ge- rechnet, daß er bescheidenere und bedürfnißlosere Arbeiter sobald anderswo nicht findet, aber danach sehen andere Fabrikanten auch. Der Fabrikant Pitsch verdient tüchtig. Er ist aber so an- ständig gewesen, den jetzt bei ihm arbeitenden Webern in der ersten Woche einen Lohn zu zahlen, trotzdem sie nichts verdient haben. Bei der Nachtarbeit werden pro 1000 Schuß 2 Pf. mehr bezahlt, irotzdem er höhere Unkosten hat. Die Berliner Firma Dahlheim wollte aus Menschlichkeit mehr arbeiten lassen. Sie bezahlt jedoch schlechtere Löhne wie Piisch. Für 175 Meter Waare werden 7 Mark gezahlt. Wenn dann Weber und Spuler von morgens 6 Uhr bis abends 9 Uhr arbeiten, können sie in zwei Tagen das Stück fertig haben, vorausgesetzt, daß sie nicht auf Material zu warten brauchen. Für Fehler werden rücksichtslos Abzüge gemacht. Aber selbst bei so schauderhaften Bedingungen ist heute für viele keine Arbeit da. Die Gemeinde kann nicht helfen, die Vertreter der Regierung haben die Einrichtung von Betriebswerkstätten abgelehnt, es ist also an keine Hilfe zu denkt». Die Weber müssen deu Webstuhl verkaufen oder zerschlagen und sich andere Arbeit suchen. Ein Genosse empfiehlt in der Diskussion den Webern die Organisation, um dann, wenn möglich. wenigstens etwas zu erlangen. Ein Mitglied der Weberinninig be- klagt, daß die Weber bisher nicht aufgerüttelt waren, jetzt sei ei) zu spät, er sehe ein. daß die Handweberei unrettbar zu gründe gehe» müsse. gehalten und nur deshalb, auf dem mechanischen Nowawes hat früher sehr ---- c i/ MIIV-wvv•" D>» S«r»I)nll» dir Ari>»it»r-Dild»»g«(ch»tl», Brunnenslr. es, ist wocheii» tag» von»—» Uhr,«onniag» von t—9 Uhr, unenigelilich für tedermann geöffnet »itcr-5>>»l>>rli»»d Berlins»nd Unigegend. Vorsihender Ad. Neninan», vasewallerstr. S. Alle Acuderunge» im BeretnSlalender find zu richten an Friedrich Kor tili», Mantenffelsir. es, v. Z Tr. Arbeiter- ztaucherbund Kerlitt« und hluigegend, Aenderunge» im VercinStalender find zu richten an Hermann B r a un Ich w« ig, Dresdener- ftraßc so,-. Hof, 4 Tr. K»»d der oefellige» Arbeitervirei»« Kerlins«»d Zliusegend. Alle Lufchrtflen, den Bund betreffend, find zu richten an P. G e n t, S. Dresdener- ftrabe 107/a. Deutsche Gesellschaft für ethische Kultur. Mittwoch, to. März, abends SV- Uhr, Ztegelflr. 10iu wihzL ouho IZMIU�UVUVU-Wols tjuniUK zquzqz) n hiUDTM ,>,UVIVK) .:z,u:: omhvuPvzg izg«p: zquzftza ogoasd jno obvT! i»_ Muschelmöbel, grober Posten verschiedener Arten, nur gute Arbeit, müssen schleunigst zum Selbstkostenpreis verkaust werden in der Tischlerei Admiralstr. 7, I. Händler verbeten. Achtung! FürHerren Gelegenheitskauf.' fHJJJÖjtöfe, cte0m,tc Neuheiten— Reste spottbillig. Hoher Steinweg 4 Kanarienhähne u. Weibchen verkauft Anklamersir. 17, H. 3 Tr. R i e m e r. Br. klSkeinrkallt wegen U:» Zugs deö Mübelspcicherö Rosenthalerstr.»6. Um die ganz bedeutenden Transportkosten zu er- sparen, verkaufe ich jetzt zu jedem an- uchmbarea Preise. Zum Umzüge und für Brautleute ist somit Gelegenheit gegeben, ganze Ausstattung«:, sowie einzelne Stücke ganz besonders billig einzukaufen. Es stehen viele einfache, mittlere u. hochelegante Einrichtungen am Lager, auch gelegentlich angekaufte herrschaftliche Möbel, sehr billig. 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Ghrcnerklärung Die Verleumdungen nnd schweren Beleidigungen gegen Frau Louise N a d r o w s ki, Schönleinstr.l?, nehnie ich zurück und erkläre dieselbe für eine ehrenhafte Frau. 298b» Frau Beikel, Schonleinstr. 17. 9 Pfund frische Kalbskeule 43/, bis S1/» M.. Kalbsvorderviertel (Rippe und Brust) 3V, bis 4 M.. franko gegen Nachnahme. S. de Beer, ,0S"». Strickumschiuen aus der Dresdener Strickmaschinen- Fabrik sind die besten u. ein leichter Erwerbszweig f. Männer, Frauen und Posam.-Geschäste. Erlernen leicht nnd gratis. Arbeit w. nachgewiesen. Ver- lauf zu Fabrikpreisen. Lager bei dem Vertreter A. Homburger, Heilige- g eist straffe 49, Berlin. Nachmittags.* C odes-Nnzeigv. Hiermit erfülle ich die traunge Pflicht, allen Verwandten, Freunden und Bekannten anzuzeigen, daff mein lieber sorgsanier Mann, der Gastwirth Emil Möhring am Sonntag, den 7. d. M�, früh 5 Uhr, nach kurzem aber schwerem Kampfe verstorben ist. Um stille Theil- nähme bittet 295b Die tieftrauemde Wittwe Dm ma MUhring, geb. Lendel. Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 10. d. Trauerhause, aus statt. nachm. 2 Uhr, von: Landsberger Chaussee, Vöde»«- AnsceiKO. Hiermit erfüllen wir d:e traurige Pflicht, allen Mitgliedem, Gönnern und Freunden des Vereins der Plätterinnen Berlins anzuzeigen, daff der Begründer deö Vereins und lang- jährige Vorsitzende desselben, Genosse Emil Mibring am Sonntag, den 7. d. M. früh 5 Uhr verstorben ist. 251/6 Die Beerdigung findet am Mittwoch, den 10. d. M., nach:::. IV, Uhr, vom Trauerhause, Landsberger Chaussee, aus statt und bittet um rege Theil- nähme Der Borftand. Ehre seinem Andenken! MB. Sammelpunkt der zur Be- crdigung Theilnehmenden ist pünttlich 12'/, Uhr Landsberger Platz, am Denkmal. Für Fahrgelegenheit ist gesorgt._ E. g. erhalt. Sopha ist für 12 M. z. Verl. Elisabeth-Ufer 5ü b. Brückner. » 86 Mark feinste Anzüge nach Maaff. Für 30 M. ff. Sommer-Palctot nach Maaff. 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Die Beerdigung findet heute, Dienstag, nachmittags 4 Uhr, vom Trauerhaufe, Reichenbergerstraffe 99, auö statt. Um rege Bethciligung bittet _ Ter Borstand. DankHajxung. Für die liebevolle Theilnahme, sowie die herrlichen Kranzspenden bei der Beerdigung meines ge- liebten Mannes, des Holz- bildhauers. Z07b Vildelm Feindl sage deu: Personal des Herrn I. G r o s ch l u s meinen tief- gefühlten Dank. Die traucrlldc Wittwe DttUie Fclndt, geb. Sennig. Kranzbinderei u. Blumen- Robert Meyer, Vo. 2. Mariannen»,!».><». 2. WidtuungS-Kränzc, Guirlanden, Ball- sträuhchen, Bouquets zc. werden sehr geschmackvoll und preiswcrth geliefert. h. Klall. Kranzbiudcrei ii. Bluinenhandlung, 6. Landsbcrgcrstr. 6, EckeHöchstestr., (früher Königsbergerstraffc) empf. Widmungskränze mit Schleifen, Guirlanden, Bouquets zc. 8 Anzüge die Aufsehen erregen /. durch den eminent hilligen Preis, 2. durch die Güte der Stoffe u. Zutaten, 3. durch den tadellosen Sitz n. 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Leßner wurde geboren am 27. Februar 132&. Unser Verein hatte beschlossen, Stiftungsfest und Jubiläum gerade am Tage seiner Geburt zu feiern. 72 Jahre zählt jetzt unser braver Genosse und es ist eine wahre Freude zu sehen, mit welcher Jugeudsrische unser lieber Freund Leßner noch heute mitarbeitet an dem großen Werk der Befreiung; der Verfasser dieser Zeilen kann es daher nicht unterlassen, bei dieser Gelegenheit dem treuen Genossen„Glück aus" zum weitere» Kampfe zuznrnfen! Die Festrede wurde Genossen Leßner übertragen. Er erzählt in kurzen, aber eindrucksvollen Worten die Geschichte des Vereins, aus der hier einiges wiedergegeben sei. Im Jahre 1834 wurde in Paris von deutschen Flüchtlingen ein Geheimbund gegründet, der sich aber bald spaltete. Zwei Jahre später gründeten die Radikalen, meist proletarische Elemente, einen neuen geheimen„Bund der Gerechten". Der neu- gegründete Bund von Deutschen besaß keine selbständige Theorie; er knüpfte direkt an den damals in Frank- reich vorherrschenden Gleichheitskommunismus Baden s's an. Im Jahre 1839 versuchten die Franzosen mit Blanqui und Barbiss an der Spitze einen Putsch, woran anch die deutschen Sektionen theilnahmen. Das Unternehmen mißglückte. waren zerstreut. Unter denjenigen, die theilgenomme», befanden sich namentlich und Heinrich Bauer, welche nach gewiesen wurden und dann nach London sellte sich zu ihnen ein Uhrmacher aus Köln,' I o M s Moll; sie waren die Gründer des Vereins am 7. Februar 1340. Er, Redner, habe das Glück gehabt, das 8. Stiftungsfest im Jahre 1343 mitzufeiern. Hätte ihm damals jemand gesagt, er würde das 57. mitfeiern, den hätte er sicher für verrückt erklärt. Damals waren im Verein die Lehren W e i t l i n g' S vor» herrschend. Sie knüpften unmittelbar an den französische» utopischen Sozialismus a». Jedoch war der Verein eine gute Stütze des de- stehenden geheimen Kommunistenbundes. welcher geheim sein »lußte, weil in Deutschland die schwarze Reaktion herrschte, die eine öffentliche Agitation unmöglich machte. Im Jahre 1347 traf Engels, welcher von Paris kam, mit Marx in London zusammen. Sie wurden zunächst keine Mit- glicder des Vereins, weil sie herausfanden, daß ihre Ansichten ver- schieden waren von den im Verein vorherrschenden. An Versuchen. die beiden zu gewinne», fehlte es indessen nicht. Dies führte zu einem regen Austausch der Ansichten, bis schließlich ein Kongreß zusammen trat, auf dem Marx und Engels ihre Theorie aus- einandersetzten, welches acht Tage in Anspruch nahm. Das Resultat war, daß Marx und Engels mit der Ausarbeitung eines M a n i- f e st s beauftragt wurden. Ein früheres Manifest war schon vorher in Deutschland verbreitet worden. Das Kommunistische Manifest erschien gerade vor der Februar-Revolickion.„Auch ich die Organisationen an der Bewegung Karl Schapper längerer Haft aus- kamen. Hier ge- habe eine» Theil an dem Manifest gehabt," sagte Redner,„mir fiel die Aufgabe zu, das Manuskript zum Drucker zu bringen." „Im März— fährt Redner fort— begann die Revolution in Deutschland. Marx. Engels, Josef Moll und ich, wir alle er- schienen auf dem Kampfplatz. In Köln gründeten Marx, Engels, Freiligrath und Wolf die„Neue Rheinische Zeitmig". Nach deren Unterdrückung im Mai 1349 ging Moll und Engels nach Baden, um dort an dem Aufstände theil zu nehmen. Ich ging nicht nach Baden, sondern blieb in Köln und fabrizirte mit dem rothen Becker(dem spätere» Herrenhaus- Mitglied) Patronen für. den badischen Ausstand. Josef Moll fiel in Baden. Die Revolution wurde niedergeschlagen. Viele andere Tapferen wurden gestandrechtclt. Nach Robert B l u m' s Er- schießnng im November 1843 hatte ich geglaubt, das deutsche Volk würde sich zu einer neuen Revolution aufraffen nach dem Bekannt- werden der Ermordung eines Abgeordneten; doch darin habe ich mich getäuscht. Wohl hat es ein Aufflackern gegebe», als Marx am 10. November über diesen Standrechts-Mord gesprochen; doch es blieb bei Worte». Nach Niederwerfung des badisch-pfälzischen Auf- standes kam die schwarze Reaktion wieder. Die Gerichte waren nicht im stände, das zu leisten, was ver- langt wurde; man griff zur rohen Gewalt. I» London trafen wir wieder zusammen. Der Verein wurde neu gegründet, mit ihm der geheime Kommunistenbund, welcher wieder nach Deutschland seine Emissäre sandte, deren Agitation mit grobem Erfolg gekrönt wurde. In London fanden sich die Flücht- linge zusammen. Sehr bald entstanden im Verein große Reibungen. Die verschiedensten Revolutionäre von Profession hatten die ver- schiedensten Pläne über die nächste Revolution, die nach ihnen unmittelbar bevorstand. Das führte schließlich dahin, daß Marx und Engels, welche von jeher Feinde von Revolutionsmacherei waren, ans dem Verein austraten. Doch es dauerte nicht lange, da hatten wir wieder die Majorität im Verein, und nun wurden Marx und Engels auch wieder Mitglieder. Im Jahre 18ö0 ging Leßner als Emissär nach Deutschland, wo die Agitation sehr stark betrieben wurde, so daß der Schrecken vor den Kommunisten immer größer wurde, was schließlich zu zahlreichen Verhaftungen führte. Leßner wurde in Mainz verhaftet. Im Jahre 13S6 kam er wieder nach London. Acht Jahre später, 1364, wurde die Internationale Arbeiterassoziation gegründet, welche vom Verein kräftig unterstützt wurde. Große Reibereien habe es wieder gegeben am Ende der sechziger und anfangs der siebziger Jahre; einestheils über den L a s s a l l e a n i s m u s. andererseits über die Kommune. Das Jahr 1373 brachte über Deutschland das Ausnahmegesetz; neue Reibungen im Verein wurden verursacht durch Most und seinen Anhang, und führten schließlich zu einer neuen Spaltung. Im Jahre 1339 miethete der Verein das Klub- Haus, in dem wir noch heute sind. 1893 hatte der Verein nochmals eine schwere Zeit durch Gilles und seine Leute. Hat der Verein manche schwere Stunde erlebt und manchen harten Schlag erhalten, er hat sich immer wieder erholt und heute steht er noch auf demselben Standpunkt, den er vor 49 Jahre» ein- genommen hat. Redner schließt mit den Worten:„die Jüngern sollten sich die Thätigkeit derer, die in diesem Verein wirkten, zum Vorbild nehmen. Vor 49—59 Jahren war die Agitation viel schwieriger als heute. Damals hatten sich die Verhältnisse noch nicht so zugespitzt. Damals zählte unsere Armee noch nicht so viele Hunderte wie sie jetzt Hunderttausende zählt." Dann ermahnt er, weiter zu kämpfen.„Anch die Frauen müssen in die Bewegung eintreten, auch sie müssen zur Erkenntniß gebracht werden. Sie sind es, welche die Kinder erziehen; aber sie können auch dem Manne beistehen. Ich hätte nicht leisten könne», was ich geleistet habe, wenn ich keine tüchtige Frau gehabt hätte, die immer für das Heim sorgte. Dies muß ich heute aussprechen und zwar im Beisein meinet Frau." Ein kurzer Abriß des Wirkens unseres Leßner wurde dann gegeben von einem ebenfalls im Kampfe für die Menschheit Er- rauten, der alten Garde persönlich Bekannten: vom Genoffen _ulius Mottete r. Er entledigte sich seiner Ausgabe mit ge« wohnter Meisterschaft. In zündenden Worten besprach er noch einmal kurz die Ent« Wickelung des Sozialismus, die Verhältnisse und Agitation der vierziger Jahre. Damals sei man ganz allein auf die Agitation von Mund zu Mund angewiesen gewesen. Damals war der umher« reisende Handwerksbursche der beste Agitator. Von Herberge zu Herberge/von Stadt zu Stadt wurden die Ideen von ihnen weiter« getragen. Einer vo» diesen Agitatoren war auch unser Blüthner, Leßner ist sein Kampfname. Er kam in die Schneiderlehre, wo ihm nicht viel gelehrt wurde. So lernte unser Freund sehr bald die Roth und das Elend am eigenen Leibe kennen. Die Verhältnisse, gepaart mit seinem Wandertrieb treiben ihn von Stadt zu Stadt. Im Jahre 1346 wird er Mitglied im Hamburger Arbeiterverein. Ein Jahr darauf sehn wir ihn in London, wo er Mitglied deS Vereins und des Bundes wird. Die Agitation für den Bund wird immer stärker, der kommunistische Schrecken immer größer. Leßner finden wir bald wieder in Deutschland als Agitator für den Bund. Er läßt sich in Mainz nieder, wo er Präsident des Arbeitervereins wird. Im Jahre 1851 verhaftete man eine ganze Anzahl Kommunisten. darunter auch Leßner. Hieraus entstand der berüchtigte K ö l n e r K o m m u n i st e n-P r o z e ß. Am 4. Oktober 1852 erschi- en die Ange- klagten vor den Kölner Assisen nach anderthalbjähriger Untersuchungshaft. Hochverrath war begangen worden! Unter den Angeklagten war Lessner der jüngste; ihn kann man gewissermaßen den Benjamin der Zwölf nennen. Er, Redner, habe die Anklage Leßner'S in der Hand. Das Spitzelthum mit S t i e b e r an der Spitze, einem der größten Schufte, die das Erdenlicht jemals gesehn, versuchte damals das Mögliche und Unmögliche. Der Meineid reichte nicht hin, man griff zur Fälschung von Briefen, ja sogar von einem Protokoll. Was war das Verbrechen L essner's? Man hatte das Statut des Bundes, ein paar Bücher. ja sogar den Rothen Katechismus von Moses Heß bei ihm ge- fnndcn. Anch zwei Briefe waren bei Anderen vorgefunden worden, die er aus London geschrieben hatte. In einem der Briefe schrieb er seinem Freunde in Deutschland, er werde bald wieder hin» kommen, er habe vieles mitzutheilen. Besonders solle für Geld ge« sorgt werden, das sei das Nothwendigste. Der andere Brief war sogar mit-- rolher Dinte geschrieben! Die meisten der Angeklagte» wurden schwer bestraft. Leßner als der jüngste bekam drei Jahre. Nachdem der Redner noch in feurigen Worten den Fortschritt der Bewegung geschildert, der trotz aller Gewalt nicht aufzuhalten sei, schließt er mit dem Hin- weise darauf, daß Leßner immer im Kampfe gestanden habe, wie bei den Deutschen so bei den Engländern— und er überreicht ihm im Namen der deutschen Partei ein geschmackvolles kleines Schreib- pult. Von unserem Verein wird dann ein schön gezeichnetes Gedenkblatt überreicht; die Widmung nebst einem schwungvollen Gedicht:„Der rothe Landsturm" ist von Gen. Motteler entworfen. Der Verein polnischer Genossen halte einen Delegirten geschickt, der im Namen seines Vereins dem Jubilar Grüße überbrachte. Unser Genosse Leßuer war ob all dieser Theilnahme sehr ergriffen, er nahm noch einmal das Wort:„Niemals," sprach er,„habe er daran gedacht, daß er für das, was er geleistet habe, jemals belohnt würde. Die größte Belohnung, die man ihm gemacht, sei. daß man ihn 1893 nach Zürich und 1394 nach Köln gesandt hätte. Da habe er noch niit eigenen Auge» ansehen können, welche Riesenfortschritte die junge Bewegung gemacht habe, an deren Wiege er gestanden." Kurz vor 12 Uhr brachte Genosse Motteler ein Hoch ans auf den rothen Landsturm, in den alle mit einbegriffen seien von der frühesten Jugend bis in das Greisenalter. Freund Leßner nebst Frau traten erst zur frühen Morgenstund« deu Heimweg an. Ww glauben nicht zu viel zu thun, wenn wir sagen, daß sie sich köstlich amiisirt haben. Für den Inhalt der Inserate übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung. Dienstag, den 9. März. Opernhaus. 8. Symphonieabend. Schauspielhaus. Geschlossen. Deutsches. Der Sohn des Kalifen. Berliner. Renaissance. Lessiug. Die Geschwister. Hierauf: Monsieur Alphonse. Reue». Marcelle. Oftend. Zu hoch hinaus. Westen. Die berühmte Frau. Residenz. Affociss. Linden. Indigo und die vierzig Räuber. Dhalia. Frau Lieutenant. Schiller. Am Tage des Gerichts. Zentral. Ein fidclcr Abend. VolkS. Von Stufe zu Stufe. Friedrich- WilhelmstädtifcheS. Heinrich Heine. Alexanderplau. Eine pikante Ehe. Passage-Panoptiknm. Affentheater. Apollo. Spezialitäten. Sckill e v- T lzeatrv (Wallner-ThcHter). Dienstag, abends 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Mittwoch, abends 8 Uhr: Am Tage des Gerichts. Luxus Renz Karlatrasae. (Jubiläums. Saison 1896/97.) Dienstag, den 9. März 1897, Abends 7V2 Uhr: MemdeittlicheMsiessW. Durchschlagender Erfolg. J*" Aufführung der Novität"Mg Aus der Mappe eines RiestilgtbirB-Phantllßt«. Außerdem die hervorragendsten Nummern des Repertoirs: Blondel, ostpreuß. Hengst(Original- Dressur). Hierauf: Monstre-Tableau von 7« der edelsten Freihcitspfcrdc, drcss. u. vorgeführt vom Direktor Fr. Renz. Auftr. der Schulreiterin Frl. Wally Renz mit dem Schulpferde Erom- well und dem Steiger Alep. Mr. Gaberel m d Schulpserde Prinz. Mittwoch, den 19. März 1897, abends 71/, Uhr: Große Extra- Vorstellnng zum Benefiz st, r den Original- August und Klown»r. I.avater I,ep. ZluS der Mappe eines RiesenaebiraS-Vliantasten. Ceatral- Theater. Alte Jakobstr. 39. Dir. Rich. Schultz. Abends-/-8 Uhr: Zum 33. Male: Ein fideler Abend. Morgen Mittwoch: Zum 34. Male: Ein fideler Abend. .....!Wtr. Letztes Gastspiel des Herrn Karl Pandel vom Thalia-Thealer in Hau»- bürg. 8-/« Uhr:„Heinrich Heine". Hühncraiigenoperateur und Lotterie- Kollekte»! Hirsch: Karl Pander a. G. Vorher 8 Uhr: Eine Tasse Thee. Lustspiel in einem Akt nach dem fran- zösischenvon W. Drost. Mittwoch: Don Carloa. Ein dramatisches Gedicht von Friedrich von Schiller. Donnerstag zum ersten Male: Moderne Jungfrauen. Posse mit Gesang in 3 Akten von Alfred Schma- sow und R. Niwel. Musik v. Albert Wicher. Sonnabend, den 13. März, nachmittags 4 Uhr: Kinder-Borstellung. Gastspiel der kleinen Geschw. Seitz: König Allgold oder: Die drei Thronen. Romantisches Märchen in 5 Akten von Rudolf Kneisel. Billets sind schon drei Tage vorher ohne Vorbestellgebühr an der Theater- lasse zu haben. Außerdem i»i In- validendank, Unter den Linden 24, bei Paul Romeick, Leipzigerstraße 6, und Juliu�Len�enfeld�tarkgrafe� Böhmisches Brauhaus Landsberger Allee. Heute, sowie jeden Dienstag: Stettlnei' Sänger (Mehsel. Pietro Britton. Steidl, Krone, Röhl und Schräder). Anfang präz. 8Uhr. Entree SV Pf. Vorverkauf 40 Pf. Zum Schluß: Hampe's Kongervtlorium für Hmike. Ensemble v. M e y f e l. Morgen, Mittwoch, Soiree im Moabiter Stadttheater. �um letzten Male: Eine pikante Ehie. Berliner Posse mit Gesang in 3 Alten von E. Prudens. Mittwoch zum ersten Male: Gast spiel des Herrn KarlPander vom Thalia-Theater in Hamburg. 8'/« Uhr: Heinrich Heine. Hühiieraugcnopera- teur und Lotteric-Kolletteur Hirsch Karl Pander a. G. Vorher 8 Uhr: Eine Tasse Thee. Lustspiel in 1 Akt nach dem Französischen v. W. Drost. PF' Zur heutigen Vorstellung haben lammtliche ausgegebenen Bons ihre Giltigkeit. Donnerstag und Freitag: Dieselbe Gastspiel-Vorstellting v. Carl Pander vom Thalia-Thealer in Hamburg. Sonntag nachmittag 4 Uhr Kinder- Vorstellung zu kleinen Preisen: Die sieben Rabe». Großes Zauber- inärckcn niit Gesang und Tanz in 6 Bildern von Volten-Bäckers. Billets sind ohne Borbestellgebühr schon drei Tage vorher an der Theater- lasse zu haben. Vormittags 11—1 Uhr und abends von V-7 Uhr au. Östend-Theater. Gr. Frankfurterstr. 132. Dir. C. Weiß. Heute und folgende Tage: Wieder- austreten von Carl Weiss. 3 u hoch hinaus! Bolksstiick mit neuen Gesangseinlagen von M. Günther. SPP" Anfang 8 Uhr."W Freitag: Zum besten der Centenar- frier: Prolog, verfaßt von M. Rinckleben. Dann: Der deutsche Michel. Thalia Theater. (vormals Adolph Ernst-Theater). „Fran Lieutenant.-- Vaudeville in drei Akten von Paul Ferrier und Antony Mars. Deutsch vo» Hermann Hirsche!. Musik von G. Serpette und V. Roger. Morgen und folgende Tage:„Frau Lieutenant."_ JUcazar Varl� td-Theater I. Rangen. Dresdenerstr. 52 53 lCitn-Passage) Aniienstraße 42/43. Geschwister Gottlieb. Prof. Roberts. Wendini. Anfang: Sonnt. 6 Uhr, Wochent. 8 Uhr Freilarten in der Woche giltig. Entree 3V Pf. Die Direktion. Urania, Naturkundliche Ausstellung täglich geöffnet von 19 Uhr vorm. ad. Eintritt 5V Ps. Wiffenschaftl. Theater abends 8 Uhr. SternwarteM-rSÄ'dw�n- hof. Täglich von 7l/z Uhr abends ab 5« Pf. Im Theater- Saale täglich 8 Uhr abends Vorträge, niil Erpcri- »teilten u. gr. Lichtbildern ausaestattet. Näheres die Tagesanschläge. sinsezge- Panopticum. Vom 6. März ab: 82 Mädchen ans Samoa. IRCUS ' Wusch Bahnhof BUrsc. Dienstag, den 9. März 1897: Abends W, Uhr: WiliismS-VorßellMg. ap" Zum 75. Male:"96 Nach Sibirien. K Bisher v. meyr als 30« 0V« uern gesehen! Unvergleichlicher Erfolg."WW Außerdem die vorzüglichsten Num- uiern des Repertoirs. Morgen: Aach iSlbirlen. Centenar-Feier Freitag, den 12. März: Wohl- thätigkeitS-Vorstellung zum besten der Kriegerverbände. Dp" Der Ertrag gelangt am Centenartage zur Verrheilung an be- dürftige Invaliden. Am 22. und 23. März; Freier Eintritt für die Inhaber d. Militär- VerdienstkreuzeS und d. Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasie. Eintritts- karten beim Jnvalidendnnk, Unter de» Linden 24. rscheere, ftrs. Gr. Bereinözimmer frei Dienstags und Freitags.____ «leiderstosfrefte. Tuchs, offe, spott- äl billig Oranienstr. 44 I.[171b 1 Concoptlia Variete-Theater Itrnnnenstr. 154,. Täglich: Grosse Theater- und ktpezialittttcn-Vorstellung. DaS beste Programm d. Nordens. Neu! Troupe Richardt(1 Herr, 1 Dame, 1 Kind) Akrobaten. Neu! Kathi Richter, Tyrolienne. Neu I-onx anä liulo Adolfi, Tanzdnettisten. Neu! Ein geplagter Dichter. Posse. Anfang Wochentags 7»/, Uhr. Sonntags 6 Uhr. Umtausch- Billets haben Giltigkeit. Apollo- Theater. Durchschlagender Erfolg des März-Programms! 5 Sistm Lorrison Maggy,. u.h'etty am ,y, Fanny, CIssy trande v. Trouville. CsnoBBeiHOH;» Der vollkommenste und beste VinetaqvÄph mit dem Sensattonsvilde: RR Endlich allein!■■ Kasienerüfsnung 6'/2 Uhr. Ans. T/'> Uhr. Castan's■■ Panopticum. Pygmäe »ic kleinsten Die beiden indischen_ die kkeinsten Menschen der Welt! Damen-Wettschwimmen. Feen-Palast, Direktion Wlnklcr A Frttbel. Sehen! Das Staune«! Durchtveg neue brillante Riesengrosse"91 März- Programme Sensations- 20 Nummern. Neu! Soubrette auf dem Zweirad. Anfang 7V, Uhr, Sonntags 7 Uhr. Entree 30 Pf. bis 1 Mark 50 Pf. Berliner Possen-Theater RUnsstrasse 17. (Eingang Känigsgraben.) Direktion: Joseph Aschinger und Leonhardh Hostel. Allabendlich pnnkt VzlO Uhr: Wovltftt! A'ovitUt! Barnch und Sohn. llkeue Specialitäten! Anfang der Vorstellung 8 Uhr. Kasseiieröffnung 7 Uhr. Entree 3« Pf. Die Direktion. Welt-Restaurant Variete- nndSpezlalitntea- Theater. Dresdenerstraße 97. Der letzte Fang. Original- Charatterbild mit Gesang von A. Runge. Musik von Heinrich Landwehr. In Szene gesetzt von Otto Mendt. Im vorderen Saal täglich: Tyroler-Konzert dtlols Ebner. Anfang: 1 Entree: Wochent. 8 Uhr. Wochentags 20 Pf Sonntags 6 Uhr.| Sonntags 30 Pf, Der Krieg auf Kreta! Neuester Schlager von Siegwart Genthes in Kauf mann'Varietei als Sultan der Türkei. Warenhaus Fr. Pflngst& G° 33 Königstraße 33 in der Nähe der und des VnHutzoss AlexQNdevplntz. Dienstag, den 9. Wärz er., aöends 5 Ahr, beginnt der Verkauf in unseren Geschästsränme» WW- Lvutsi'i'ai»,?ai7tsl'i'S»Uli I. 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