! 199 F83 1987 Frethet dan Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 11. Jahrgang Saarbrücken • Mittwoch, den 21. Juni 1933 Chefredakteur: M. Braun 200 Herr Reichskanzler! Auf diesen Blättern spricht von nun an die deutsche Freiheit zu unsern Volksgenossen im Reich und in aller Welt. Die Freiheit und ihre Vorkämpfer verachten Ihre Verbote und Ihren Terror. Unsre Arbeit dem deutschen Volke! Unser Leben für das sozialistische Deutschland! Freiheit! Eure Tannen, Eure Eichen Habt die grünen Fragezeichen Deutscher Freiheit Ihr gewahrt? Nein sie soll nicht untergehen! Doch ihr fröhlich Auferstehen kostet eine Höllenfahrt. Herwegh Wille und Ziel Keine Zeit und feine Macht ist imstande, den Wunsch nach Freiheit zu unterdrücken. Machiavelli. Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein. In dieser unerschütterlichen Zuversicht, die gestützt wird von der besten Erkenntnis der kraftvollsten und feinsten Geister und die hervorgeht aus den tiefsten Erfahrungen der menschlichen Geschichte, gehen wir im felsenfesten Glauben mit der fieghaften Jdee des demokratischen Sozialismus an das Werk der„ Deutschen Freiheit"; die leberwindung des Faschismus! tale slund Wie man uns fürchtet! Die Anschlagsäulen werden für die Deutsche Freiheit" gesperrt. di Saarbrücken, 20. Juni. Unserem freien deutschen Kampfblaffe ist schon vor dem Erscheinen hohe Ehre erwiesen worden. Die faschistischen Volksfeinde fürchten die Deutsche Freiheit", noch ehe die erste Nummer gedruckt ist. Der gleichgeschaltete Oberbürgermeister von Saarbrücken, Dr. Neikes, hat untersagt, daß an den Anschlagsäulen zum Bezug der« Deutschen Freiheit" aufgefordert wird. Begründung:« Ich kann nicht dulden, daß für ein Blatt Propaganda gemacht wird, das der deutschen Reichsregierung Schwierigkeiten ma ch t." So schwach ist der allmächtig schwadronierende deutsche Reichskanzler miffamt seinen zehnfausend gleichgeschalteten Zeitungen und seinen zehntausenden auf Göbbels Kommando hörenden Schreiberlingen, daß er nicht eine einzige unabhängige Zeitung in Deutschland dulden kann. Im Saargebiet aber herrscht nicht der faschistische Terror. Hier hat die deutsche Freiheit ein Asyl auf deutschem Boden. Von hier fragen wir die Sturmfahnen« Deutsche Freiheit" hinüber ins Reich. Wir werden es erobern froß Hitler und seinen Knechten. Freiheit! Bürger im Steuerstreik! Foy hat die Freiheit als die ewige Jugend der Rationen" bezeichnet und Sforza den faichismus Mittelstand und Bauern in Steuerverweigerung den„ Ausjag am kranken Körper der Nation' genannt. Es werfe deshalb niemand Steine auf Deutschland, weil die verheerende Seuche moralischen und geistigen Verfalls, geboren aus dem furchtbaren Kräfteverlust des Krieges, dieses arme Volk und dieses schwergeprüfte Land stärker schütteln als die anderen Nationen. Zum Hochmut und zum Pharisäertum der anderen ist weder Zeit noch Grund vorhanden. Der Kampf gilt nicht dem Deutschland Goethes, Kants, Margs und Engels gilt nur dem zutiefst undeutschen Faschismus! Wer Deutschland schmäht, trifft uns aber mer gegen Hitler und den ansteckenden nationalsozialistischen Veitstanz in Reih und Glied mit uns zum Kampfe antritt, ist uns willkommen! er Die Erneuerung Europas basiert auf der Vernich tung des Faschismus. Deutsch- französische Verständigung als der Grundlage europäischer Einigung und als der stärksten Garantie des Weltfriedens ist auf lange Sicht und für die Dauer nur möglich zwischen einem demokra tischen Frankreich und einem demokratischen Deutschland, Es gibt kein europäisches Problem und keine europäische Frage, die nicht durch die Machtübertragung an den Hitlerfaschismus tausendfach kompli Bierter gestaltet worden wäre. Der Weg zur deutschen Freiheit wie zur europäischen Aussöhnung geht daher nur über die Leichen der faschistischen Nachtwächter. Die Furchtbarkeit der Weltwirtschaftskrise mit ihrem grauenvollen Arbeitslosenheer und die Unfähigkeit des fenilen Spätkapitalismus mit seiner Tendenz zur wachfenden Proletarisierung des ehemaligen Mittelstandes hat die Braunhemden Hitlers aus allen Lagern bunt zusammengewürfelt. Die brutale Enttäuschung, die ihr nebelhafter Bewußtseinsinhalt über den National fozialismus erleben muß, weil der Faschismus die Krise verschärft und vertieft, drängt zur zweiten großen Revolution in Deutschland. Ihr wollen wir Wegbereiter sein. Noch immer ist Sklaverei ein elendes Handwerk und noch immer ist Tod besser als Sklaverei. Frieden ohne Freiheit ist Kirchhofsruhe und mehr denn je gilt das Wort Lassalles:„ Nur auf dem Boden wirklicher Freiheit kann sich alles Große entwickeln." Segen wir des halb alles, auch das Letzte, an die Wiedereroberung der deutschen Freiheit und mir, werden neuer deutscher und neuer europäischer Zukunft eine Gaffe gebahnt haben. Diesem Ziel soll alle Kraft, soll aller Mut, soll aller Elan bis zur Stunde des Sieges geweiht sein in einem Kampf nach dem Uhlandschen Worte: „ Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst. Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst, Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach und Tod Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst." Berlin, 20. Junt.( Eig. Bericht.) Nicht nur das Reich und die Länder, auch die Gemeinden find in einer heillosen Finanzverwirrung. Die Aufstel lung von öffentlichen Haushalten erweist sich als unmöglich. Nach der Gemeindefinanzordnung haben die Gemeindevertretungen den Haushalt bis zum 31. Mai zu verabschieden. In vielen Gemeinden ist aber der Haushaltplan noch nicht einmal vorgelet. Die Gemeinden folgen in der allgemeinen Verlotterung dem Beispiel des Reichs, das ebenfalls noch keinen Haushaltmi 1 laitoin al Wirrware in den öffentlichen Haushalten Die Mittelständler und die Bauern haben bie schönen Versprechungen de Nationalsozialisten ernst genommen. Sie greifen jetzt zur Selbsthilfe und zahlen dem System, dem sie festlich zujubeln, keine Steuern. So muß man denn für Reich, Länder und Gemeinden mit einem Fehlbetrag von vier Milliarden im laufenden Haushaltsjahr rechnen. Von Deckung verlautet nichts. plan für 1933 fertiggestellt hat. is Die ,, Deutsche Freiheit" auf Das preußische Staatsministerium hat nun durch Gesetz, das heißt durch Note verordnung, verfügt, daß die Frist für die Verabschiedung der Gemeindehaushalte den 30. Juni verlängert wird. Es ist ausgeschlossen, daß bis zu diesem Tage die meisten Gemeindevertretungen den Haushalt beraten haben. Deshalb erhalten die Bür germeister das Recht, bis Die monatlichen Nachdie weise über Entwick der Reichsfinanzen erscheinen mit immer größerer Verspätung lung wird morgen Dokumente und werden immer dürfe aus der Geschichte der jüWilmersdorf dischen Familie Hitler inanzamt veröffentlichen 1 zum 31. Juli von sich aus diktatorisch einen Haushalt plan aufzustellen. Das bedeutet: die Bevölkerung wird der absoluten herrschaft der hohen Bürokratie unterstellt. Die Herren Nazi- Oberbürgermeister und Konsorten bestimmen auch ihre Gehälter und ihre Pensionen selbst. Die Verwirrung in den öffentlichen Finanzen ist nicht zuletzt dadurch hervorgerufen, daß in den bürgerlichen Schichten eine latente Steuerverweigerung besteht. den Ioser werden die Dros hungen gegen die Steuerunwilligen. So teilt das Berlinsoeben Steuerpflichtigen auf offener Drucksache mit, daß Mahnaettel oder Nach= nahmen nicht mehr verfandt werden. Es wird nur noch an den Anschlag= säulen zur Steuerzahlung aufgefordert. Wer dann nicht sofort bezahlt, wird zuzüglich der Zinsen sofort gepfändet. Das Dritte Reich und der Gerichtsvollzieher: Wir wüßten nicht, was besser zusammenpaẞte! Zum Hinauswurf Leys in Genf Entsetzen über den Alkoholiker selbst im Nazilager- Zwei Naziführer fliegen zu Hitler Vergebliche Mühe Berlin, 20. Juni.( Eig. Bericht.) Zu dem Hinauswurf der deutschen„ Arbeiter"-Delegierten aus der Arbeitskonferenz in Genf und der im Anschluß Deutschlands erfahren wir noch, daß diefer für Deutschland daran erfolgten Abreise aller faschistischen Delegierten schmachvollen Entscheidung ein schwerer Konflikt im Nazilager vorausgegangen ist. Beziehungen an den Deutschen abgebrochen. Sie verweigerten ihnen sogar den Gruß. Spanien erflärte sich mit den Südamerikanern solidarisch. Frankreich und England begüns ftigten die Aktion gegen die deutschen Arbeitervertreter. So wurde denn das Mandat des nazideutschen Gewerkschaftss räubers Len für ungültig erklärt. Es half auch nichts mehr, daß die deutschen Vertreter auf Verlangen des französischen Regierungsvertreters fich wegen des beschimpfenden Zwischenrufes entschuls bisten, den Ley gegen den französischen Delegierten Jouhang geschleudert hatte. Ley wurde offiziell hinansgeworfen. Seine Mitdelegierten schlossen sich widerwillig ihrem Delegationsführer an, nachdem sie hitler im Stich gelaffen hatte. Hitler hat sich dem Wunsche der beiden Mitdelegierten des Len nicht angeschlossen. Er kann den Ley ebensowenig fallen lassen wie den Röhm. Beide wissen zuviel. So muß denn Deutschland für den schweren Alkoholiker Dr. Ley, diesen unmöglichen„ Präsidenten der deutschen Arbeitsfront": Wie sie lügen büßen. Die Genfer Arbeitskonferenz tagt nun ohne Be teiligung irgendeines deutschen Arbeitervertreters. Soweit haben es die Faschisten gebracht. Leys Stellung auf der Konferenz war vollkommen un möglich geworden. Die Vertreter der südamerikanischen Staaten, die von dem betrunkenen Len in einer Presse: 156 grabisinalinaM. B. tonferenz als Jdioten bezeichnet worden waren, hatten alle Genf, 20. Juni.( Eigener Bericht.) Der Bölkische Beobachter" und mit ihm die gleichgeschaltete Presse hat neulich behauptet, der amerikanische Gewerkschaftsdelegierte habe dem Dr. Ley nach dessen Rede demonstrativ die Hand geschüttelt. An dieser Behauptung ist kein wahres Wort. Auch die Amerikaner schäßen den Ley so ein, wie er es verdient, Wir haben erfahren, daß Millionen von Männern und Frauen, trotzdem sie unter dem eisernen Stiefel des Henfers standen, gewagt haben, rot zu wählen und in heroischer Treue zur Partei standen. Wir haben erfahren, daß die sozialdemotrattsche Partet wieder zu sich gefunden hat. Den Beweis dafür brachte die Konferenz vom 26. April in Berlin, wo die Männer ihres Vertrauens einstimmig erklärten, daß gegen den internationalen Kapitalismus nur auf internationaler Basis ein Kampf möglich sei. Wir haben den rührenden Brief von Otto Wels, in dem er erklärte, Mitglied des Büros der fozialdemokratischen Internationale bleiben zu wollen. Wir im Ausland haben dann ebenfalls begriffen, wie sehr Stampfer mit seiner Auffassung recht hatte, daß um gewisse Dinge zu beurteilen, man nicht vergessen darf, daß Deutschland ein Käfig voller entfesselter wilden Tiere ist und daß es in der Tat allzu leicht ist, von draußen her die zu kritisieren und zu beurteilen, die im Käfig drin sizen. Aber es ist zweifellos, daß für den Kampf gegen den Faschismus im Innern Deutschlands und um außerdem den außerhalb Deutschlands lebenden Sozialisten sichere Informationen zu= tommen zu lassen, eine Zeitung wie die Deutsche Frei= heit" eine unbedingte Notwendigkeit ist. Die Genossen, die sie leiten werden, sind uns seit langem bekannt. Wir wissen, welche Dienste sie in hartem Kampf für den Sozialismus und die Demokratie geleistet haben. Wir haben volles Vertrauen in sie, daß sie die ihnen gestellten großen Aufgaben restlos erfüllen werden. Wir wünschen der Deutschen Freiheit" ein langes Leben. Mögen alle, die dazu in der Lage sind, sie unterstüßen, ste verbreiten, für sie werben und ihr so helfen den Kampf zu bestehen im Geist jener Worte des sterbenden Faust: „ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß." Die betrogene A. Vandervelde. Der Oberschieber des Dritten Reichs, Bank- und Der neue Vorwätis" grüßt die„, Deutsche Freiheit" Fast genau an demselben Tag, an dem der„ Vorwärt 8" als Wochenblatt im Ausland wiedererstanden ist, erhebt sich auf dem letzten freigebliebenen Stück reichsdeutscher Erde die Deutsche Freiheit". Daß heute ein Deutscher, der fagen will was er denkt, fich in den Schutz des Völkerbundes oder einer einzelnen fremden Nation begeben muß, ist eine nationale Schande für Jahrhunderte. Aber die Schuld an dieser Schande tragen nicht wir, sondern diejenigen, die die Wahrheit aus Deutschland vertrieben haben. Nun muß sie eben aus dem Ausland wieder nach Deutsch land hinein! Man wird die Grenzen gegen sie zu sperren versuchen wen wundert das? Ein System, das auf Volksbetrug und Lüge beruht, muß die Wahrheit als Todfeindin betrachten und bekämpfen. Eine Regierung, die tausend Versprechungen gegeben und keine einzige eingelöst hat, eine Regierung, die auf allen Gebieten so flägliche Mißerfolge zu verzeichnen hat d ba wie die Hitler- Regierung, muß alle Kritik zum Schweigen bringen, wenn sie nicht binnen drei Tagen davongejagt sein will. Der Kampf gegen die Wahrheit ist für diese Regierung und deren System ein Gebot der Selbsterhaltung. Darum hat sie die sozialdemokratische Presse unterdrückt und dieser Verbrecherstreich mit der idiotischen Lüge begründet, Sozialdemokraten und Kommunisten hätten gemeinsam den Reichstag in Brand stecken lassen. Jetzt raft sie vor Wut, weil die sozialdemokratische Presse rund um die Grenzen ihres Machtbereichs wieder aufzuerstehen beginnt. Ihr Toben beweist uns, daß wir auf dem richtigen Wege sind, wir werden ihn weitergehen, was auch kommen mag. Denn am Ende steht doch für uns der Sieg. Für unseren Feind aber, das nationalsozialistische Regiment, ein Berreden in Schmach und Schande! Prag, 17. Juni 1988. Friedrich Stampfer. Deutsche Volksvertreter im Kerker Börsenfürst Schröder, bettelt um Arbeit für die Unter Bruch der Reichsverfassung eingesperrt armen Teufel der A. Da haben nun die SA.- Proleten Jahr um Jahr für bas Dritte Reich gearbeitet. Sie sind marschiert und marschiert, sie haben den Herren Führern zugejubelt und haben als Entschädigung aus der Feldküche gelebt. Wenn erft, so glaubten sie, die margistischen Bonzen verjagt sind, dann fängt das Paradies für die SA. an. Es fing aber ganz anders an und setzt sich auch ganz anders fort. Die " Herren Offiziere" eilen an die reich gedeckten Tische des Staates vom Minister und Reichsstatthalter abwärts bis zu den Kommissaren. Für die SA. bleibt nur die Stempel. stelle und die Massenküche übrig. Nun sollen die Unternehmer helfen, weil dem großen Abolf keine Hilfe für seine SA. einfällt. Bor uns liegt folgende Karte: „ Es ist die Pflicht der deutschen Wirtschaft, bei kom menden Neneinstellungen zunächst die älteren SA.- Leute zu berücksichtigen, die seit Jahren erwerbslos, nur für die nationalsozialistische Bewegung kämpfend, gar nicht die Zeit gehabt haben, sich um eine Stellung zu bemühen. Alle Firmen, welche vor Neneinstellungen stehen, werden daher gebeten, sich an die SA. der Standarte 16, Köln- Riehl, Raferne Barbaraftraße, zu wenden. Von dort werden geeignete SA.- Männer aus allen Berufen mit Lebenslauf, Zeugniffen usw. sofort nachgewiesen. Röln, den 29. Mai 1988. Die Industries und Handelskammer K. Frhr. von Schröder Eggermann" Freiherr von Schröder ist der Kölner Großbankier, burch dessen Hände jahrelang die Vermittlung der schwerindustriellen Summen für die„ Arbeiterpartei" Hitlers erfolgt ist. Bank- und Börsenfürst Schröder hat zusammen mit dem bös hereingefallenen von Papen die Kanzler schaft Hitlers durch Kulissenschiebung vorbereitet. Die SA. hat allen Grund, diesen Bankmillionär für ihre trostlose Lage verantwortlich zu machen. Brief vom Rhein! Liebe Freiheit"! Glücauf zu deinem Erscheinen in Saarbrücken. Wir wiffen alle, daß Du einstweilen im faschistischen Deutschland nicht leben fannst und lassen uns durch das Schlagwort„ Emigrantenpolitif" nicht irre machen. Hier sind wir wieder besetzes Gebiet. Nur mit dem Unterschied, daß alle Besaßungsmächte zusammengenommen einschließlich der Marokkaner und Senegalneger in zehn Jahren nicht soviel verboten, hausgesucht, beschlagnahmt, geprügelt und gemordet haben wie die braune Besagungsarmee Hitlers an einem Tage. Dabei erfahren wir nur einen kleinen Teil der Vorkommnisse. In unseren Großstädten gibt es jetzt wieder mancherlei Etappenfiguren. Schmerbäuche, die sich in eine Uniform pressen. Allmählich macht sich auch die Stimmung bemerkbar, die es bei den Frontsoldaten gegen die„ Etappenschweine" gab. Die Begeisterung bei der SA. und der SS. ist schon lange nicht mehr einheitlich. Größer und größer wird die Zahl der Braunen und Schwarzen, die mit Ingrimm beobachten, wie die fetten Posten verteilt werden, wie die mit allerlei Gehalt und Spesen Gesegneten sich in den guten Restaurants breit machen und die SA. nach wie vor Hülsenfruchtfuppe löffelt. Auch fragt man sich, wer das Benzin für die Autos der zahllosen Naziführer bezahlt. Die Fetteuerung ist das Tagesgespräch überall, wo man mit den Groschen rechnen muß. Auch der Mittelstand bekommt allmählich lange Gefichter. Den Nußen aus dem Juden boykott haben nur einige große christliche Kaufhäuser und Spezialgeschäfte. Der kleine Ladenbefizer spürt nur die fintende Stauftraft der Massen und die wachsende Unsicherheit der Preisbildung und der Währung. Dazu kommt, daß die Steuern rüdsichtsloser eingetrieben werden denn je. Die Erwerbslosigkeit geht ja nun mächtig zurück. Wenigftens in der papierenen Statistit. In Wahrheit wächst das Elend von Tag zu Tag. Der beste Grabmesser ist das Anwachien der Schlangen für Raritasfpenden. Um ein paar Groschen oder den Gegenwert von ein paar Groschen stehen die Leute stundenlang, wie im Ariege um ein paar Gramm Fett, Die Reichsverfassung sieht vor, daß die Mitglieder der Volksvertretungen immun sind. Als im Februar 1931 der Reichstag die Immunität derjenigen Naziabgeordneten aufhob, gegen die Dutzende von Strafverfahren eingeleitet waren, da tobten die Nazis und boykottierten den Reichstag. Seit dem 5. März 1933 sind ohne Beschluß des Reichstages von der Verfolgung der kommunistischen Abgeordneten ganz zu schweigen Dugende sozialdemo kratische Abgeordnete verhaftet. Gegenwärtig sind folgende sozialdemokratische Abgeordnete inhaftiert: Eggerstedt, Riel, verhaftet seit Mitte Mai, angeb lich wegen feiner Tätigkeit als Polizeipräsident in Altona; Fauft, Bremen, verhaftet seit Anfang Mai, angeb lich zu seinem eigenen Schuß in Haft genommen; Finke, Herford, verhaftet seit März, wegen Bers breitung von harmlosen Mitteilungen an Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei; Fleißner, Dresden, verhaftet seit Anfang März, ledige lich, weil er sich ein Tag jenseits der deutschen Grenze auf: gehalten hat; Sarkich, Chemnis, verhaftet Mitte Mai, Ursache unbekannt; Kuhnt, Chemnty, nach schweren Mißhandlungen durch SA. und SS. verhaftet Anfang März wegen seiner durch SA. und SS. verhaftet Anfang März wegen seiner Tätigkeit im November 1918 als Präsident der Republik Oldenburg. Jedoch ist bisher kein Verfahren eingeleitet worden; Dr. Leber, Lübed, verhaftet am 23. März, L. ist ins zwischen zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er sich bei einem Ueberfall von Nazis auf ihn und seinen Begleiter zur Wehr gesetzt hat; Lipinski, Leipzig, verhaftet am 16. Mai, Grund unbekannt; Dr. Marum, Karlsruhe, verhaftet seit Anfang März, ursprünglich in Schughaft, ist Mitte Mai mit anderen politischen Gefangenen unter den schmählichsten Umständen auf einem Karren ins Konzentrationslager geschleppt wor: den. M., einer der angesehenften Rechtsanwälte Badens tann Ganz groß ist unleugbar die Konjunktur in braunen Tuchen aller Art. Da kann die Fabrikation kaum noch mitkommen. Wer es irgend kann oder nötig hat, schaltet sich durch eine braune Uniform gleich. Das ist die Schußfarbe im Zuchthaus Deutschland. Man glaubt dann wenigstens vor dem Gröbsten geschützt zu sein. Kinder und Jugendliche stellen einen großen Teil der Uniformierten. Auch in die Schulen ist das Hitlerhemd starf eingedrungen. Hitlerifen sieht man zu, Hunderten marschieren und auf militärische Kommandos Uebungen machen. Dann wundert man sich noch, wenn das Ausland von Militarismus in Deutschland spricht. Das Material liefern nicht die„ Landesverräter" sondern die Nazis. Die alte Verwaltung hat praktisch abgedankt. Niemand glaubt mehr daran, daß Polizeipräsidenten, Regierungspräsidenten und sonstige präfidiale Gehaltsempfänger in Freiheit eine Entscheidung treffen fönnen. Junge SA und SS.- Leute haben mehr zu sagen als die hohen Verwaltungsjuristen. Das bedeudet für manchen SA.Führer eine gute Nebeneinnahme. Im Orient nennt man so etwas Backschisch. Manche SA.- Leute wissen sich auf andere Weise zu helfen. Sie suchen von jüdischen Firmen Waren auf Kredit zu erlangen. Der Jude mag dann sehen, wie er an sein Geld kommt. Mancher hohe Nazi- Funktionär versteht das Geschäft noch besser, wenn nicht für sich, so für seine Nächsten, und man soll doch seine Nächsten lieben. So ist die Firma Brüggemann in Köln eine Hauptlieferantin für Naziuniformen, ebenso wie sie im Kriege feldgraue Uniformen lieferte, Pifanterweise ist aber der Schwiegersohn von Brüggemann ein Herr Dr. Niesen Nazi- Oberbürgermeister von Köln. Man nennt deshalb die Lieferungen Brüggemanns Riesengeschäfte". Das ist aber nur fölsche Griefächerei. Die Riesengeschäfte macht gar nicht Riesen, sondern nur sein Schwiegervater, rnd Betternwirtschaft gibt es bekanntlich im Dritten Reich nicht. Es gibt auch gehässige Leute bei ben Nazis, bie nicht recht begreifen, weshalb gerade der Bruder des Reichsminifters Dr. Goebbels vom fleinsten Versicherungsange: stellten zum großen mit Miniftereinkommen gefegneten Versicherungs- Generaldirektor avancieren mußte. Darüber spricht die SA. viel. Sie nimmt sich sogar heraus, nichts anderes, als seine sachliche politische Tätigkeit zur Last gelegt werden; Meier, Baben, seit Anfang März in Schuhhaft, wird ebenfalls nur wegen seiner politischen Gesinnung festgehalten; Pohle, Striegan, verhaftet seit Ende April, Ursache unbekannt; Puchta, Bayreuth, verhaftet seit Anfang März. Kultusministers Schemm vor, der bisher Naziführer in Bayreuth war; sier liegt ein persönlicher Racheatt des jezigen bayrischen Reuter, Magdeburg, verhaftet seit Anfang Juni, angeblicher Grund: seine Tätigkeit als deutscher Kriegs: gefangener in Rußland im Jahre 1918; Schirmer, resden, verhaftet seit Anfang Mai, Begründung unbekannt; Seger, Dessau, verhaftet seit Anfang März, nachdem ein Attentat der Nazis auf ihn und seine Frau mißglückt war. S. war bei den Nazis wegen seines Kampfes gegen den Militarismus besonders verhaßt. Aber auch Dußende von Abgeordneten der Länderparlamente sind ebenso grundlos inhaftiert, wie die vorftehend angeführten 16 Reichstagsabgeordneten, Die. tisch beseitigt worden. Jede Aeußerung selbständiger poliImmunität besteht nicht mehr. Sie ist von den Nazis prak tischer Auffassung wird mit Schutzhaft, Gefängnis oder Konzentrationslager beantwortet. Neuerdings wurden noch verhaftet: No ẞ mann, M. d. R., Stuttgart; Mierendorff, M. d. R., Darmstadt und Dahrendorff, M. d. R., Hamburg. Wie der Mensch in seiner Vollendung das vornehmste Geschöpf ist, so ist er auch, des Gesetzes und Rechtes ledig, das schlechteste von allen. Die bewaffnete Ungerechtigkeit ist am ärgsten... Deshalb ist der Mensch ohne Moralität das ruchloseste und rohefte Geschöpf. Die Gerechtigkeit aber, der Inbegriff aller Moralität, ist ein staatliches Ding. Aristoteles: Politik i. Buch, 2. Kap. ihren Propagandaminister einen„ frummen Hund" zu nennen, der erst durch Heirat Millionär geworden sei und nun seine arm gebliebene Familie durch einen der fettesten Posten für seinen Bruder versorge. Der Judenboykott geht kräftig weiter. Vor manchen jüdischen Geschäften werden in den Hauptverkaufszeiten Kunden mit sanfter Gewalt am Betreten, der Räume gehindert. Vor andern stehen Hitler- Damen mit breiten Schleifen: ,, Kauft deutsche Waren, kauft nur in deutschen Geschäften!" Wenn Leute mit Nazi- Abzeichen in jüdische Geschäfte gehen, werden die Namen der Käufer festgestellt. Sie fliegen, mweigerlich aus der Partei hinaus, wenn es dabei bleibt. So mancher erhält auch eine fräftige Abreibung. Jüdische Vertreten werden, zumal an fleinen Plägen, von christlichen Kaufleuten, mit denen sie jahrzehntelang Geschäfte gemacht haben, nicht mehr empfangen. Die Kaufleute haben. Angst, boykottiert zu werden. Beamten ist das Kaufen in jüdischen Geschäften verboten. Groß ist die Bettelei für SA, und Stahlhelm. Sie wird weithin als Beläftigung empfunden. Wenn irgendwo in den übrigens recht leeren Kaffeehäusern und Gartenwirtschaften einer den Mut hat, nichts in die Sammelbüchse zu geben, darf man darauf gehen, daß auch die Nachbarn die Spende ablehnen. Allgemein ist die Furcht, irgendwie als national unzuverlässig aufzufallen. Daher auch das große Schweigen in den Straßen- und Eisenbahnen. Seiner traut seinem Nachbarn. Der Sozialismus ist nicht tot. Er und wir leben. Wie, barüber kann jetzt öffentlich nicht gesprochen werden. Die Verleumbung unserer Partei und ihrer Führer hat vorübergehend Schaden angerichtet. Allmählich merken sehr viele, daß es mit dem Korruptionsgeschrei nicht stimmt. Gerade die maßlosen Uebertreibungen haben diese Aktion abgeschwächt. Ja, es gibt schon eine Menge Menschen, die allmählich ahnen, daß wir erst jest in einem wirklich torrumpierten Deutschland leben. Wir geben uns über das Tempo der Entwicklung keinen Träumereien hin. Es wird ein langer und schwerer Kampf, aber Hitler wird ihn nicht gewinnen. R. Heinisch. England gegen Nazi- Deutschland Von Dr. G. Kiel Der Engländer als Gefühlspolitiker/ Typus Papen/ Die Greuel/ Hanswurst Rosenberg/ Bewährungsfrist für Hitler?/ Schwerer Rückschlag durch Münchener Terror und deutsch- österreichischen Konflikt/ Drohungen der Times England und Nazi- Deutschland London, Mitte Juni 1933. Der Deutsche sieht im allgemeinen im Engländer ben klarblickenden, kühl überlegenden Politiker, der in Erd teilen und großen Zeiträumen zu denken pflegt und Gefühlsgründen und Stimmungen nicht unterworfen ist. Es ist sehr fraglich, ob dieses Bild nicht schon für den eng lischen Politiker falsch ist, ganz sicher ist es für den Durchschnittsengländer, den„ Mann auf der Straße" unzutreffend. Mit Erstaunen wird der deutsche Beobachter immer wieder feststellen, wie sehr der Durchschnitts engländer reinen Gefühlsmomenten und Stimmungen zu gänglich ist. Auch die englische Presse ist nahezu völlig darauf eingestellt, selbst die gründlichsten und zuverlässigsten Blätter, wie Manchester Guardian"," Times" und „ Observer" müssen dieser Volkspsychose Konzessionen machen, die eigentlichen Massenzeitungen find völlig auf Gefühlspolitik eingeschworen. Ohne Kenntnis dieser Tatsachen kann man die Ein. stellung- und die Schwankungen der öffentlichen Meinung in England gegenüber Nazi- Deutschland aar nicht verstehen. Die Einstellung Englands und der Engländer zu Deutschland wurde in den letzten Jahren immer freund: licher. Die letzten Reste der Kriegspsychose ver. schwanden. Die Verständigungspolitik ber republikanifchen Regierungen begann ihre Früchte zu zeigen. Stresemann wurde in England ein wahrhaft popu lärer Politiker( und ist es heute noch). Auch Brüning verstand es noch, sich dieses Vertrauen zu erhalten. Der den Engländern so widerwärtig hochfahrend- untolerante Geist des preußischen Ostelbiertums( Prussianis") schien endgültig überwunden. Der Durchschnittsengländer und die Mehrzahl der englischen Politiker begannen das Versailler System für überlebt zu halten und Deutschlands Abänderungswünsche zu unterstützen. Da brachte im vorigen Sommer Papens Ernennung zum Reichskanzler den ersten Schock. Der Typ us Papen ist den Engländern( nicht nur der Kriegserinne rungen wegen) herzlich zuwider und schließlich geht es ja nicht nur den Engländern so. Es keimte ein leises Mißtrauen gegen Deutschland auf, und England begann sich politisch wieder mehr an Frankreich anzulehnen. Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, trat noch keine tiefgreifende Aenderung der Stimmung in England ein. Man wartete ab, mißtrauisch, mit einem Gefühl wachsenden Unbehagens, aber noch nicht eigentlich feind lich bis die Nazipartei der Welt ihr wahres Gesicht zu zeigen begann. Der Reichstagsbrand in England zweifelt kein Mensch und keine Zeitung daran, daß er ein Werk der Nazis selbst ist löste den Naziterror aus. Eine Schreckensmeldung aus Deutschland jagte die andere. Kein Tag verging, ohne daß neue Greueltaten der Braunhemden gemeldet wurden. Berichte von den Ueberfällen auf Linkspolitiker, von den unsagbar scheußlichen Folterungen füllten die englische Presse. Eine lügnerische Greuelpropaganda war gar nicht nötig, die wahren Tatsachen genügten. Die Schreckensszenen in den Folterkammern der braunen Häuser erregten die öffentliche Meinung Englands auf höchste. Der Fall der Frau Jankowska, einer sozialdemokratischen Wohlfahrtsbeamtin in Berlin, die von den entmenschten Bestien nackt auszogen und solange gepeitscht wurde, bis sie bewußtlos wurde und ihr Rücken eine einzige Wunde war, hat dem deutschen Ansehen in England mehr geschadet als vier Jahre Weltkrieg. Jn das Gefühl der Abscheu mischte sich aber doch die leise Hoffnung, es handle sich um vorübergehende Ausbrüche dunkler Elemente, die rasch unterdrückt würden. Freilich die Flut von Telegrammen und Briefen aus Deutschland, die über englische Firmen und Zeitungen herniederbrauste und in denen von deutschen Geschäftsfreuden alle Greuelmeldungen als Lügen bezeichnet wurden, haben die Stimmung in England eher verschlechtert. Diese Briefe, die oft wörtlich miteinander übereinstimmten, tragen zu sehr den Stempel der amtlichen Beeinflussung und bewirkten so das Gegenteil dessen, was sie bezweckten. Man lachte über sie. Es war wieder einmal ein Stück deutscher„ Politik", das sich durch völlige Unkenntnis der Psychologie andrer Völker auszeichnete. Freilich widerlegte obendrein die deutsche Regierung selbst alles, was in den„ Antigreuelbriefen und-tele grammen" stand, durch ihre amtlichen Maßnahmen in der Judenfrage. Damit spürten die Engländer: die Greuelpolitik wird amtlich von der deutschen Regierung gedeckt, ja zu den privaten Greueln wurden jetzt noch offizielle Regierungs greuel hinzugefügt. Die antisemitische Politik der Naziregierung hat in England geradezu verheerende Wir kungen gehabt. Ueberall fanden große öffentliche Versammlungen statt, in denen die höchsten kirch lichen Würdenträger und Abgeordnete aller Parteien gegen die deutschen Judenverfolgungen protestierten. Eng. land, in dem ein Jude Vizekönig von Indien werden konnte, ohne daß ein Protest laut geworden wäre, erblickt im politischen Antisemitismus einen Angriff auf die menschliche 3ivilisation. Daß sogar große, weltbekannte Gelehrte vertrieben wurden, daß Bücher von Männern wie Feuchtwangen und Emil Ludwig ( die in England viel populärer waren als in Deutschland) auf den Scheiterhaufen kamen, daß ein großer Musiker wie Bruno Walter nicht mehr dirigieren durfte, waren Tatsachen, die die öffentliche Meinung Englands aufwühlten. Deutschland wurde aus der Liste der Kulturnationen gestrichen, Worte wie Hunnen und Barbaren", die längst vergessen waren, tauchten wieder auf. Es gab die denkwürdige Parlamentsgebatte am 13. April, in der unter Führung von Chamberlain alle Redner ohne Ausnahme den Bannfluch gegen Hitler- Deutschland aus. Sprachen. Chamberlain bezeichnete den Geist des„ neuen" Deutschland unter dem Beifall des ganzen Hauses als schlimmsten allpreußischen Imperialis mus, verstärkt durch Wildheit und Rassenhoch mut". Diesem Deutschland keine Kon3effionen das war der Sinn der Parlamentsdebatte. Doch noch war die Stimmung nicht auf dem Höhe punkt. Er wurde erreicht durch die Taktik Deutschlands auf der Abrüstungskonferenz. Herr Nadolny be nahm sich so, daß allgemein der Eindruck entstand, Deutschland will die Konferenz sprengen, um dann rasch aufrüsten zu können. Neue Kriegsgefahr drohte. Täglich kamen alarmierende Meldungen aus Genf. Deutschland gegen die ganze Welt. Jetzt begann sich England, das wahrhaftig im Augenblick keine Störung des Friedens vertragen kann, zu erhitzen. Es entwickelte sich gerade Haß gegen Deutschland. Und in diesem Augenblick kam nun noch als Abgesandter Hitlers Herr Rosenberg nach London, ein Mann der von England keine Ahnung hat und kaum ein Wort Englisch spricht. Er wurde von den sonst so höflichen Eng ländern wie ein Hund behandelt. Freilich hat er sich auch denkbar dumm benommen. Er gab einen Presseempfang und sprach zu den Engländern, die in der Regel kein Deutsch verstehen, auf Deutsch, ja wollte sogar zunächst eine Uebersetzung verhindern.( Wenn Herr Alfred Rosen berg bie Gnade hat, London zu besuchen, müssen eben die Engländer rasch Deutsch lernen.) Dann gab er den Journalisten widerwillig Gelegenheit zu Fragen. Den ersten Fragen wich er durch Redensarten aus. Als ihm ein Journalist das Bild der Frau Jankowska vorlegte, entwich er aus der Tür ohne Antwort und ohne Wort des Abschieds. Am nächsten Tage konnte er in der Presse die Wirkung sehen. Er wurde als Hanswurst hingestellt. Doch er hatte nicht genug, er mußte noch am englischen Kriegsdenkmal einen Kranz mit Hakenkreuzschleife niederlegen. Wenige Stunden später war der Kranz ent fernt und schwamm in der Themse. Ein sozialistischer Parlamentskandidat, kriegsbeschädigter Offizier, hatte es getan und fand den Beifall der Oeffentlichkeit( die Hakenkreuzschleife am Soldatengrab wurde von großen, angesehenen Zeitungen als Leichenschändung bezeichnet) und des Richters, der ihn zu ganzen 40 Schilling Strafe verurteilte. So war die Stimmung zu Ha ß und Verachtung angewachsen als Hitler seine Reichstagsrede hielt. Mit ungeheurer Spannung war sie erwartet worden. Die wüste, kriegsverherrlichende Rede des Herrn v. Papen wenige Tage vorher ließ die höchsten Befürchtungen gerechtfertigt erscheinen. Und nun fiel Hitlers Rede gemäßigt aus. Ein Alpdruck war von den Engländern genommen. Am nächsten Tag zog Nadolny feine Anträge gegen den Macdonald- Plan zurück. England empfand dieses Nach geben und wenn es auch nur äußerlich sein mag- als seinen Sieg. Und so schlug die Stimmung wieder um. Der Haß gegen Deutschland verrauschte. Hitlers Rede wurde gelobt. 3war blieb die Empörung über die Greueltaten und die Judenverfolgungen, aber um des lieben Friedens willen, sprach man nicht mehr so viel davon. Man war bereit, Nazi- Deutschland eine Bewäh rungsfrist zu geben. Wenn Hitler freilich glaubt, rungsfrist zu geben. Wenn Hitler freilich glaubt, er habe mit seiner einen geschickten Rede alle Scheußlichkeiten seiner Bewegung in den Augen der Welt auslöschen können, so irrt er sehr. Die öffentliche Meinung Englands war zwar bereit, die Bewährungsfrist zu bewilligen, aber das englische Mißtrauen blieb wach. Jm Parlament und in der Presse wurde immer. wieder betont, daß Frankreich Recht habe, wenn es Kon trolle und Sicherungen verlange. Nach wie vor ist England nicht bereit, Nazi- Deutschland das Recht zur Aufrüstung zu geben. Und Hitlers Hoffnung, durch scheinbares Nachgeben, Frankreich zum Sündenbock zu stempeln, der die Abrüstung verhindert, ist wenigstens in England nicht in Erfüllung gegangen. Man hört gelegentlich freundschaftliche Mahnungen an Frankreich, nicht zu starr zu bleiben, aber nicht mehr. Das Mißtrauen gegen das ,, Dritte Reich" ist eben mach, und selbst Ereignisse zweiten Grades vermögen die Empörung wieder hoch lodern zu laffen. Spaltenlang berichteten die englischen Zeitungen über die Münchener Nazi- Ueberfälle auf die katholischen Gesellen. Eindeutig wird alle Schuld den Braunhemden und der Regierung zugeschoben, das offizielle Regierungsbedauern wird als Heuchelei gebrandmarkt. Größer noch ist die Erregung über das deutsche Vorgehen gegen Desterreich. Dollfuß, Desterreichs Bundeskanzler, wurde mit betonter Herzlichkeit in London empfangen. Die englischen Blätter sind voll von Aufforderungen, in das schöne Desterreich zu reisen. Und im Anschluß an die Verhaftung und Aus weisung des österreichischen Gesandtschafts- Pressechefs in Berlin schreibt die für ihre Mäßigung bekannte„ Times" ( oft das Sprachrohr der englischen Regierung) einen Leitartikel. Nachdem sie Deutschland als den, bösen Nachbarn" bezeichnet, die Ernennung des Reichstagsabgeordneten Habicht zum„ Staatsinspektor für Desterreich" eine Unverfrorenheit und unverschämtheit genannt, und Habicht mit den Titeln„ Eindringling" und„ Störenfried" belegt hat, schreibt sie wörtlich: „ England ist im Augenblick(! D. Ber.) nicht offiziell (! Ber.) von dem indirekten und finsteren Versuch des gegenwärtigen Regimes in Deutschland, die Unabhängig feit Defterreichs zu untergraben, betroffen. Aber es kann tein Zweifel sein, wo die öffentliche Sympathie liegt. Die brutale Unterdrückung harmloser Katholiken auf dem Münchener Kongreß durch Nazi- Rowdys hat den Wider willen der öffentlichen Meinung in England gegenüber dem heutigen deutschen Regime verstärkt, daß aber auch jede Brutalität zu verzeihen scheint, wenn sie nur im Namen des Regimes begangen wird. Was innerhalb der deutschen Grenzpfähle geschieht, geht ohne Zweifel offiziell(! Ber.) nur die Deutschen selbst an. Aber wenn die gleichen Taten jenseits der Grenze begangen werden, dann hören sie auf, eine deutsche Angelegenheit zu sein. Der Friede ganz Europas kann durch solche Zwischenfälle gestört werden... Für den Fall, daß die Frage einer internationalen Aktion aufs tauchen sollte, würde die öffentliche Meinung Deutschlands, die heutzutage von der feindlichen Einstellung im Aus land nichts erfährt, überrascht sein, wie bereitwillig die öffentliche Meinung in anderen Ländern sich an die Seite einer fleinen Nation stellen würde, die sich entschieden hat, sich gegen Tyrannei zu verteidigen." Das ist deutlich. Und das gibt die öffentliche Meinung in England wider. Das Wohlwollen und Ver ständnis, das die deutsche Republik in 14 Jahren mühsam erworben hat, ist durch das„ Drifte Reich" in 4 Monaten wieder zerstört worden. N.S.D.A.P Die Beseßung des Braunen Hauses" in Innsbrud. Die Maßnahmen der österreichischen Regierung gegen die nationale Opposition wurden mit größter Schärfe durchgeführt. Fast sämtliche Führer der Nationalsozialistenwurden verhaftet und die Parteiheime geschlossen. Dr. Bolz in Schutzhaft Der Staatspräsident aui Feste Asperg wtb. Stuttgart, 19. Juni. Der frühere württem bergische Staatspräsident Dr. Bolz wurde heute auf dem Polizeipräsidium wegen der Rede, die er anläßlich des chriftlich- sozialen Parteitages in Salzburg als Vertreter des Zentrums gehalten hat, einer Vernehmung unterzogen. Nach seiner Vernehmung wurde er von SA. and SS. in seiner Wohnung in„ Schußhaft" genommen. Inzwischen ist er auf Feste Asperg gebracht worden, Schwerer Nazi- Anschlag vereitelt! Wien, 19. Juni. Wie die Wiener Allgemeine Zeitung" aus Salzburg berichtet, sind Nazis, in die Maschinenräume am Stausee des Salzburger Elektrizitätswertes eins gedrungen und haben versucht, die Schleusen zu öffnen. Sie haben zahlreiche Apparate zerstört. Nur ihrer fachmännischen Unfenntnis ist es zu danken, daß der Anschlag mißglückt ist. Bei Gelingen des Anschlages wären drei Millionen Kubiks meter Wasser auf zwei Ortschaften in der Nähe von Salz= burg niedergebrochen. Salzburg und alle an das Elektrizis tätswerk angeschalteten Industriebetriebe wären ohne St v gewesen. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. 765 Wir haben erfahren, daß Millionen von Männern und Frauen, trotzdem sie unter dem eisernen Stiefel des Henfers standen, gewagt haben, rot zu wählen und in heroischer Treue zur Partei standen. Wir haben erfahren, daß die sozialdemo= trattsche Partei wieder zu sich gefunden hat. Den Beweis dafür brachte die Konferenz vom 26. April in Berlin, wo die Männer ihres Vertrauens einstimmig erklärten, daß gegen den internationalen Kapitalismus nur auf internationaler Basis ein Kampf möglich sei. Wir haben den rührenden Brief von Otto Wels, in dem er erklärte, Mitglied des Büros der fozialdemokratischen Internationale bleiben zu wollen. Wir im Ausland haben dann ebenfalls begriffen, wie sehr Stampfer mit seiner Auffassung recht hatte, daß um gewisse Dinge zu beurteilen, man nicht vergessen darf, daß Deutschland ein Käfig voller entfesselter wilden Tiere ist und daß es in der Tat allzu leicht ist, von draußen her die zu kritisieren und zu beurteilen, die im Käfig drin sizen. Aber es ist zweifellos, daß für den Kampf gegen den Faschismus im Innern Deutschlands und um außerdem den außerhalb Deutschlands lebenden Sozialisten sichere Informationen zu tommen zu lassen, eine Zeitung wie die Deutsche Frei heit" eine unbedingte Notwendigkeit ist. Die Genossen, die sie leiten werden, sind uns seit langem bekannt. Wir wissen, welche Dienste sie in hartem Kampf für den Sozialismus und die Demokratie geleistet haben. Wir haben volles Vertrauen in sie, daß sie die ihnen gestellten großen Aufgaben restlos erfüllen werden. Wir wünschen der Deutschen Freiheit" ein langes Leben. Mögen alle, die dazu in der Lage sind, sie unterstützen, sie verbreiten, für sie werben und ihr so helfen den Kampf zu bestehen im Geist jener Worte des sterbenden Faust: „ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß." Die betrogene A. Vandervelde. Der Oberschieber des Dritten Reichs, Bank- und Der neue Vorwälis" grüßt die„ Deutsche Freiheit" Fast genau an demselben Tag, an dem der„ Vorwärts" als Wochenblatt im Ausland wiedererstanden ist, erhebt sich auf dem letzten freigebliebenen Stüd reichsdeutscher Erde die„ Deutsche Freiheit". Daß heute ein Deutscher, der sagen will was er denkt, sich in den Schutz des Völkerbundes oder einer einzelnen fremden Nation begeben muß, ist eine nationale Schande für Jahrhunderte. Aber die Schuld an dieser Schande tragen nicht wir, sondern diejenigen, die die Wahrheit aus Deutschland vertrieben haben. Nun muß sie eben aus dem Ausland wieder nach Deutschland hinein! Man wird die Grenzen gegen sie zu sperren versuchen wen wundert das? Ein Syftem, das auf Volksbetrug und Lüge beruht, muß die Wahrheit als Todfeindin betrachten und bekämpfen. Eine Regierung, die tausend Versprechungen gegeben und keine einzige eingelöst hat, eine Regierung, die auf allen Gebieten so flägliche Mißerfolge zu verzeichnen hat d 910 wie die Hitler- Regierung, muß alle Kritik zum Schweigen bringen, wenn sie nicht binnen drei Tagen davongejagt sein will. Der Kampf gegen die Wahrheit ist für diese Regierung und deren System ein Gebot der Selbsterhaltung. Darum hat sie die sozialdemokratische Presse unterdrückt und dieser Verbrecherstreich mit der idiotischen Lüge begründet, Sozialdemokraten und Kommunisten hätten gemeinsam den Reichstag in Brand stecken lassen. Jetzt raft sie vor Wut, weil die sozialdemokratische Presse rund um die Grenzen ihres Machtbereichs wieder aufzuerstehen beginnt. Ihr Toben beweist uns, daß wir auf dem richtigen Wege find, wir werden ihn weitergehen, was auch kommen mag. Denn am Ende steht doch für uns der Sieg. Für unseren Feind aber, das nationalsozialistische Regiment, ein Verrecken in Schmach und Schande! Prag, 17. Juni 1983. Friedrich Stampfer. Deutsche Volksvertreter im Kerker Börsenfürst Schröder, bettelt um Arbeit für die Unter Bruch der Reichsverfassung eingesperrt armen Teufel der A. Da haben nun die SA.- Proleten Jahr um Jahr für bas Dritte Reich gearbeitet. Sie sind marschiert und marschiert, sie haben den Herren Führern zugejubelt und haben als Entschädigung aus der Feldküche gelebt. Wenn erst, so glaubten sie, die marxistischen Bonzen verjagt sind, dann fängt das Paradies für die SA. an. Es fing aber ganz anders an und setzt sich auch ganz anders fort. Die " Herren Offiziere" eilen an die reich gedeckten Tische des Staates vom Minister und Reichsstatthalter abwärts bis zu den Kommissaren. Für die SA. bleibt nur die Stempel. stelle und die Massenküche übrig. Nun sollen die Unternehmer helfen, weil dem großen Adolf keine Hilfe für seine SA. einfällt. Vor uns liegt folgende Karte: „ Es ist die Pflicht der deutschen Wirtschaft, bei kom: menden Neneinstellungen zunächst die älteren SA.- Leute au berücksichtigen, die seit Jahren erwerbslos, nur für die nationalsozialistische Bewegung fämpfend, gar nicht die Zeit gehabt haben, sich um eine Stellung zu bemühen. Alle Firmen, welche vor Neneinstellungen stehen, werden daher gebeten, fich an die SA. der Standarte 16, Röln- Riehl, Kaserne Barbarastraße, zu wenden. Von dort werden geeignete SA.- Männer aus allen Berufen mit Lebenslauf, Zeugnissen usw. sofort nachgewiesen. Röln, den 29. Mai 1938. Die Industrie und Handelskammer K. Frhr. von Schröder " Eggermann" Freiherr von Schröder ist der Kölner Großbankier, burch dessen Hände jahrelang die Vermittlung der schwerindustriellen Summen für die Arbeiterpartei" Hitlers erfolgt ist. Bank- und Börsenfürst Schröder hat zusammen mit dem bös hereingefallenen von Papen die Kanzler schaft Hitlers durch Kulissenschiebung vorbereitet. Die SA. hat allen Grund, diesen Bankmillionär für ihre trostlose Lage verantwortlich zu machen. Brief vom Rhein! Biebe Freiheit"! Glücauf zu deinem Erscheinen in Saarbrücken. Wir wissen alle, daß Du einstweilen im faschistischen Deutschland nicht leben kannst und lassen uns durch das Schlagwort„ Emigrantenpolitif" nicht irre machen. Hier sind wir wieder besetzes Gebiet. Nur mit dem Unterschied, daß alle Besaßungsmächte zusammengenommen einschließlich der Marokkaner und Senegalneger in zehn Jahren nicht soviel verboten, hausgesucht, beschlagnahmt, geprügelt und gemordet haben wie die braune Besatzungsarmee Hitlers an einem Tage. Dabei erfahren wir nur einen kleinen Teil der Vorkommnisse. In unseren Großstädten gibt es jetzt wieder mancherlei Etappenfiguren. Schmerbäuche, die sich in eine Uniform preffen. Allmählich macht sich auch die Stimmung bemerkbar, die es bei den Frontsoldaten gegen die„ Etappenschweine" gab. Die Begeisterung bei der SA. und der SS. ist schon lange nicht mehr einheitlich. Größer und größer wird die Zahl der Braunen und Schwarzen, die mit Ingrimm beobachten, wie die fetten Posten verteilt werden, wie die mit allerlei Gehalt und Spesen Gesegneten sich in den guten Restaurants breit machen und die SA. nach wie vor Hülsenfruchtsuppe löffelt. Auch fragt man sich, wer das Benzin für die Autos der zahllosen Naziführer bezahlt. Die Fetteuerung ist das Tagesgespräch überall, wo man mit den Groschen rechnen muß. Auch der Mittelstand bekommt allmählich lange Gesichter. Den Nußen aus dem Juden boykott haben nur einige große christliche Kaufhäuser und Spezialgeschäfte. Der kleine Ladenbesitzer spürt nur die fintende Kauftraft der Massen und die wachsende Unsicherheit der Preisbildung und der Währung. Dazu kommt, daß die Steuern rüdsichtsloser eingetrieben werden denn je. Die Erwerbslosigkeit geht ja nun mächtig zurüd. Wenigftens in der papierenen Statistit. In Wahrheit wächst das Elend von Tag zu Tag. Ter befte Grabmesser ist das Anwachsen der Schlangen für Raritasipenden. Um ein paar Groschen oder den Gegenwert von ein paar Groschen stehen die Leute stundenlang, wie im Ariege um ein paar Gramm Fett. Die Reichsverfassung sieht vor, daß die Mitglieder der Bolksvertretungen immun sind. Als im Februar 1931 der Reichstag die Immunität derjenigen Naziabgeordneten aufhob, gegen die Dutzende von Strafverfahren eingeleitet waren, da tobten die Nazis und boykottierten den Reichstag. Seit dem 5. März 1933 sind ohne Beschluß des Reichstages von der Verfolgung der kommunistischen Abgeordneten ganz zu schweigen Abgeordneten ganz zu schweigen Dutzende sozialdemo kratische Abgeordnete verhaftet. Gegenwärtig find folgende sozialdemokratische Abgeordnete inhaftiert: Eggerstedt, Kiel, verhaftet seit Mitte Mai, angeb: lich wegen seiner Tätigkeit als Polizeipräsident in Altona; Faust, Bremen, verhaftet seit Anfang Mai, angeb= lich zu seinem eigenen Schuß in Haft genommen; Finke, Herford, verhaftet seit März, wegen Vers breitung von harmlosen Mitteilungen an Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei; Fleißner, Dresden, verhaftet seit Anfang März, lediglich, weil er sich ein Tag jenseits der deutschen Grenze aufgehalten hat; Hartsch, Chemnit, verhaftet Mitte Mai, Ursache unbekannt; Kuhnt, Chemnty, nach schweren Mißhandlungen durch SA. und SS. verhaftet Anfang März wegen seiner Tätigkeit im November 1918 als Präsident der Republik Oldenburg. Jedoch ist bisher kein Verfahren eingeleitet worden; Dr. Leber, Lübed, verhaftet am 23. März, L. ist in zwischen zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er sich bei einem Ueberfall von Nazis auf ihn und seinen Begleiter zur Wehr gesezt hat; Lipinski, Leipzig, verhaftet am 16. Mai, Grund unbekannt; Dr. Marum, Karlsruhe, verhaftet seit Anfang März, ursprünglich in Schuzhaft, ist Mitte Mai mit anderen politischen Gefangenen unter den schmählichsten Umständen auf einem Karren ins Konzentrationslager geschleppt wors den. M., einer der angesehenften Rechtsanwälte Badens tann Ganz groß ist unleugbar die Konjunktur in braunen Tuchen aller Art. Da kann die Fabrikation kaum noch mitkommen. Wer es irgend kann oder nötig hat, schaltet sich durch eine braune Uniform gleich. Das ist die Schutzfarbe im Zuchthaus Deutschland. Man glaubt dann wenigstens vor dem Gröbsten geschützt zu sein. Kinder und Jugendliche stellen einen großen Teil der Uniformierten. Auch in die Schulen ist das Hitlerhemd starf eingedrungen. Hitlerifen sieht man zu Hunderten marschieren und auf militärische Kommandos Uebungen machen. Dann wundert man sich noch, wenn das Ausland von Militarismus in Deutschland spricht. Das Material liefern nicht die Landesverräter" sondern die Nazis. Die alte Verwaltung hat praktisch abgedankt. Niemand glaubt mehr daran, daß Polizeipräsidenten, Regierungs= präsidenten und sonstige präsidiale Gehaltsempfänger in Freiheit eine Entscheidung treffen fönnen. Junge SA und SS.- Leute haben mehr zu sagen als die hohen Verwaltungsjuristen. Das bedeudet für manchen SA.Führer eine gute Nebeneinnahme. Im Orient nennt man so etwas Backschisch. Manche SA.- Leute wissen sich auf andere Weise zu helfen. Sie suchen von jüdischen Firmen Waren auf Kredit zu erlangen. Der Jude mag dann sehen, wie er an sein Geld kommt. Mancher hohe Nazi- Funktionär versteht das Geschäft noch besser, wenn nicht für sich, so für seine Nächsten, und man soll doch seine Nächsten lieben. So ist die Firma Brüggemann in Köln eine Hauptlieferantin für Naziuniformen, ebenso wie sie im Kriege feldgraue Uniformen lieferte, Pifanterweise ist aber der Schwiegersohn von Brüggemann ein Herr Dr. Riesen Nazi- Oberbürgermeister von Köln. Man nennt deshalb die Lieferungen Brüggemanns„ Riesengeschäfte". Das ist aber nur fölsche Grielächerei. Die Riesengeschäfte macht gar nicht Riesen, sondern nur sein Schwiegervater, rnd Vetternwirtschaft gibt es bekanntlich im Dritten Reich nicht. Es gibt auch gehässige Leute bei ben Nazis, die nicht recht begreifen, weshalb gerade der Bruder des Reichsmini fters Dr. Goebbels vom fleinsten Versicherungsange: stellten zum großen mit Miniftereinkommen gefegneten Bersicherungs- Generaldirektor avancieren mußte. Darüber spricht die SA. viel. Sie nimmt sich sogar heraus, nichts anderes, als seine sachliche politische Tätigkeit zur Last gelegt werden; Meier, Babe n, seit Anfang März in Schutzhaft, wird ebenfalls nur wegen seiner politischen Gesinnung festgehalten; Pohle, Striegan, verhaftet seit Ende April, Ursache unbekannt; Puchta, Bayreuth, verhaftet seit Anfang März. Hier liegt ein persönlicher Racheatt des jezigen bayrischen Kultusministers Schemm vor, der bisher Naziführer in Bayreuth war; Reuter, Magdeburg, verhaftet seit Anfang Juni, angeblicher Grund: seine Tätigkeit als deutscher Kriegsgefangener in Rußland im Jahre 1918; Schirmer, resden, verhaftet seit Anfang Mai, Begründung unbekannt; Seger, Dessau, verhaftet seit Anfang März, nachdem ein Attentat der Nazis auf ihn und seine Frau mißglückt war. S. war bei den Nazis wegen seines Kampfes gegen den Militarismus besonders verhaßt. Aber auch Dußende von Abgeordneten der Länderparlamente find ebenso grundlos inhaftiert, wie die vorftehend angeführten 16 Reichstagsabgeordneten. Die Jmmunität besteht nicht mehr. Sie ist von den Nazis prak tisch beseitigt worden. Jede Aeußerung selbständiger politischer Auffassung wird mit Schutzhaft, Gefängnis oder Ronzentrationslager beantwortet. Neuerdings wurden noch verhaftet: Roßmann, M. d. R., Stuttgart; Mierendorff, M. d. R., Darmstadt und Dahrendorff, M. d. R., Hamburg. Wie der Mensch in seiner Vollendung das vornehmste Geschöpf ist, so ist er auch, des Gesetzes und Rechtes ledig, das schlechteste von allen. Die bewaffnete Ungerechtigkeit ist am ärgften... Deshalb ist der Mensch ohne Moralität das ruchloseste und rohefte Geschöpf. Die Gerechtigkeit aber, der Inbegriff aller Moralität, ist ein staatliches Ding. Aristoteles: Politik i. Buch, 2. Kap. ihren Propagandaminister einen„ frummen Hund" zu nen nen, der erst durch Heirat Millionär geworden sei und nun seine arm gebliebene Familie durch einen der fettesten Posten für seinen Bruder versorge. Der Judenboykott geht kräftig weiter. Vor manchen jüdischen Geschäften werden in den Hauptverkaufszeiten Kunden mit sanfter Gewalt am Betreten, der Räume gehindert. Vor andern stehen Hitler- Damen mit breiten Schleifen: „ Kauft deutsche Waren, fauft nur in deutschen Geschäften!" Wenn Leute mit Nazi- Abzeichen in jüdische Geschäfte gehen, werden die Namen der Käufer festgestellt. Sie fliegen, inweigerlich aus der Partei hinaus, wenn es dabei bleibt. So mancher erhält auch eine fräftige Abreibung. Jüdische Vertreten werden, zumal an fleinen Pläßen, von christlichen Raufleuten, mit denen sie jahrzehntelang Geschäfte gemacht haben, nicht mehr empfangen. Die Kaufleute haben. Angst, boykottiert zu werden. Beamten ist das Kaufen in jüdischen Geschäften verboten. Groß ist die Bettelei für SA. und Stahlhelm. Sie wird weithin als Belästigung empfunden. Wenn irgendwo in den übrigens recht leeren Kaffeehäusern und Gartenwirtschaften einer den Mut hat, nichts in die Sammelbüchse zu geben, darf man darauf gehen, daß auch die Nachbarn die Spende ablehnen. Allgemein ist die Furcht, irgendwie als national unzuverlässig aufzufallen. Daher auch das große Schweigen in den Straßen- und Eisenbahnen. Feiner traut seinem Nachbarn. Der Sozialismus ist nicht tot. Er und wir leben. Wie, barüber kann jezt öffentlich nicht gesprochen werden. Die Verleumbung unserer Partei und ihrer Führer hat vorübergehend Schaden angerichtet. Allmählich merken sehr viele, daß es mit dem Korruptionsgeschrei nicht stimmt. Gerade die maßlosen Uebertreibungen haben diese Aktion abgeschwächt. Ja, es gibt schon eine Menge Menschen, die allmählich ahnen, daß wir erst jetzt in einem wirklich forrumpierten Deutschland leben. Wir geben uns über das Tempo der Entwicklung feinen Träumereien hin. Es wird ein langer und schwerer Rampf, aber Hitler wird ihn nicht gewinnen. R. Heinisch. A England gegen Nazi- Deutschland Von Dr. G. Kiel Der Engländer als Gefühlspolitiker/ Typus Papen/ Die Greuel/ Hanswurst Rosenberg/ Bewährungsfrist für Hitler?/ Schwerer Rückschlag durch Münchener Terror und deutsch- österreichischen Konflikt/ Drohungen der Times England und Nazi- Deutschland London, Mitte Juni 1933. Der Deutsche sieht im allgemeinen im Engländer den klarblickenden, kühl überlegenden Politiker, der in Erdteilen und großen Zeiträumen zu denken pflegt und Gefühlsgründen und Stimmungen nicht unterworfen ist. Es ist sehr fraglich, ob dieses Bild nicht schon für den englischen Politiker falsch ist, ganz sicher ist es für den Durch schnittsengländer, den„ Mann auf der Straße" unzutreffend. Mit Erstaunen wird der deutsche Beobachter immer wieder feststellen, wie sehr der Durchschnitts engländer reinen Gefühlsmomenten und Stimmungen zu gänglich ist. Auch die englische Presse ist nahezu völlig darauf eingestellt, selbst die gründlichsten und zuverlässigsten Blätter, wie Manchester Guardian"," Times" und " Observer" müssen dieser Volkspsychose Ronzessionen machen, die eigentlichen Massenzeitungen find völlig auf Gefühlspolitik eingeschworen. Ohne Kenntnis dieser Tatsachen kann man die Einstellung und die Schwankungen- der öffentlichen Meinung in England gegenüber Razi- Deutschland aar nicht verstehen. Die Einstellung Englands und der Engländer zu Deutschland wurde in den letzten Jahren immer freund licher. Die letzten Reste der Kriegspsychose ver. schwanden. Die Berständigungspolitik der republika. nischen Regierungen begann ihre Früchte zu zeigen. Stresemann wurde in England ein wahrhaft popu lärer Politiker( und ist es heute noch). Auch Brüning verstand es noch, sich dieses Vertrauen zu erhalten. Der den Engländern so widerwärtig hochfahrend- untolerante Geist des preußischen Ostelbiertums( Prussianis") schien endgültig überwunden. Der Durchschnittsengländer und die Mehrzahl der englischen Politiker begannen das Versailler System für überlebt zu halten und Deutschlands Abänderungswünsche zu unterstützen. Da brachte im vorigen Sommer Papens Ernennung zum Reichskanzler den ersten Schock. Der Typus Papen ist den Engländern( nicht nur der Kriegserinne rungen wegen) herzlich zuwider und schließlich geht es ja nicht nur den Engländern so. Es keimte ein leises Mißtrauen gegen Deutschland auf, und England begann sich politisch wieder mehr an Frankreich anzulehnen. Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, trat noch keine tiefgreifende Aenderung der Stimmung in England ein. Man wartete ab, mißtrauisch, mit einem Gefühl wachsenden Unbehagens, aber noch nicht eigentlich feind. lich bis die Nazipartei der Welt ihr wahres Gesicht zu zeigen begann. Der Reichstagsbrand in England zweifelt kein Mensch und keine Zeitung daran, daß er ein Werk der Nazis selbst ist löste den Naziterror aus. Eine Schreckensmeldung aus Deutschland jagte die andere. Kein Tag verging, ohne daß neue Greueltaten der Braunhemden gemeldet wurden. Berichte von den Ueberfällen auf Linkspolitiker, von den unsagbar scheußlichen Folterungen füllten die englische Presse. Eine lügnerische Greuelpropaganda war gar nicht nötig, die wahren Tatsachen genügten. Die Schreckensszenen in den Folterkammern der braunen Häuser erregten die öffentliche Meinung Englands auf höchste. Der Fall der Frau Jankowska, einer sozialdemokratischen Wohlfahrtsbeamtin in Berlin, die von den entmenschten Bestien nackt auszogen und solange gepeitscht wurde, bis sie bewußtlos wurde und ihr Rücken eine einzige Wunde war, hat dem deutschen Ansehen in England mehr geschadet als vier Jahre Weltkrieg. In das Gefühl der Abscheu mischte sich aber doch die leise Hoffnung, es handle sich um vorübergehende Ausbrüche dunkler Elemente, die rasch unterdrückt würden. Freilich die Flut von Telegrammen und Briefen aus Deutschland, die über englische Firmen und Zeitungen herniederbrauste und in denen von deutschen Geschäftsfreuden alle Greuelmeldungen als Lügen bezeichnet wurden, haben die Stimmung in England eher verschlechtert. Diese Briefe, die oft wörtlich miteinander übereinstimmten, tragen zu sehr den Stempel der amtlichen Beeinflussung und bewirkten so das Gegenteil dessen, was sie bezweckten. Man lachte über sie. Es war wieder einmal ein Stück deutscher„ Politik", das sich durch völlige Unkenntnis der Psychologie andrer Völker auszeichnete. Freilich widerlegte obendrein die deutsche Regierung selbst alles, was in den„ Antigreuelbriefen und-telegrammen" stand, durch ihre amtlichen Maßnahmen in der Judenfrage. Damit spürten die Engländer: die Greuelpolitik wird amtlich von der deutschen Regierung gedeckt, ja zu den privaten Greueln wurden jetzt noch offizielle Regierungsgreuel hinzugefügt. Die antisemitische Politik der Naziregierung hat in England geradezu verheerende Wirkungen gehabt. Ueberall fanden große öffentliche Versammlungen statt, in denen die höchsten kirchlichen Würdenträger und Abgeordnete aller Parteien gegen die deutschen Judenverfolgungen protestierten. England, in dem ein Jude Vizekönig von Jndien werden konnte, ohne daß ein Protest laut geworden wäre, erblickt im politischen Antisemitismus einen Angriff auf die menschliche Zivilisation. Daß sogar große, weltbekannte Gelehrte vertrieben wurden, daß Bücher von Männern wie Feuchtwangen und Emil Ludwig ( die in England piel populärer waren als in Deutschland) auf den Scheiterhaufen kamen, daß ein großer Musiker wie Bruno Walter nicht mehr dirigieren durfte, waren Tatsachen, die die öffentliche Meinung Englands auf wühlten. Deutschland wurde aus der Liste der Kulturnationen gestrichen, Worte wie„ Hunnen und Barbaren", die längst vergessen waren, tauchten wieder auf. Es gab die denkwürdige Parlamentsgebatte am 13. April, in der unter Führung von Chamberlain alle Redner ohne Ausnahme den Bannfluch gegen Hitler- Deutschland aus. Sprachen. Chamberlain bezeichnete den Geist des„ neuen" Deutschland unter dem Beifall des ganzen Hauses als schlimmsten allpreußischen Jmperialis mus, verstärkt durch Wildheit und Rassenho ch mut". Diesem Deutschland keine Kon zefsionen das war der Sinn der Parlamentsdebatte. Doch noch war die Stimmung nicht auf dem Höhe punkt. Er wurde erreicht durch die Taktik Deutschlands auf der Abrüstungskonferenz. Herr Nadolny benahm sich so, daß allgemein der Eindruck entstand, Deutschland will die Konferenz sprengen, um dann rasch aufrüsten zu können. Neue Kriegsgefahr drohte. Täglich kamen alarmierende Meldungen aus Genf. Deutschland gegen die ganze Welt. Jetzt begann sich England, das wahrhaftig im Augenblick keine Störung des Friedens vertragen kann, zu erhitzen. Es entwickelte sich gerade Haß gegen Deutschland. und in diesem Augenblick kam nun noch als Abgesandter Hitlers Herr Rosenberg nach London, ein Mann der von England keine Ahnung hat und kaum ein Wort Englisch spricht. Er wurde von den sonst so höflichen Eng ländern wie ein Hund behandelt. Freilich hat er sich auch denkbar dumm benommen. Er gab einen Presseempfang und sprach zu den Engländern, die in der Regel kein Deutsch verstehen, auf Deutsch, ja wollte sogar zunächst eine Uebersetzung verhindern.( Wenn Herr Alfred Rosen berg die Gnade hat, London zu besuchen, müssen eben die Engländer rasch Deutsch lernen.) Dann gab er den Journalisten widerwillig Den ersten Fragen wich er durch Redensarten aus. Als Gelegenheit zu Fragen. ihm ein Journalist das Bild der Frau Jankowska vor legte, entwich er aus der Tür ohne Antwort und ohne legte, entwich er aus der Tür ohne Antwort und ohne Wort des Abschieds. Am nächsten Tage konnte er in der Presse die Wirkung sehen. Er wurde als Hanswurst hinPresse die Wirkung sehen. Er wurde als Hanswurst hingestellt. Doch er hatte nicht genug, er mußte noch am englischen Kriegsdenkmal einen Kranz mit Hakenkreuzschleife nieberlegen. Wenige Stunden später war der Kranz ent fernt und schwamm in der Themse. Ein sozialistischer Parlamentskandidat, kriegsbeschädigter Offizier, hatte es getan und fand den Beifall der Oeffentlichkeit( die Hakenkreuzschleife am Soldatengrab wurde von großen, an gesehenen Zeitungen als Leichenschändung bezeichnet) und des Richters, der ihn zu ganzen 40 Schilling Strafe verurteilte. So war die Stimmung zu Haß und Verachtung angewachsen als Hitler seine Reichstagsrede hielt. Mit ungeheurer Spannung war sie erwartet worden. Die wüste, kriegsverherrlichende Rede des Herrn v. Papen wenige Tage vorher ließ die höchsten Befürchtungen gerechtfertigt erscheinen. Und nun fiel Hitlers Rede gemäßigt aus. Ein Alpdruck war von den Engländern genommen. Am nächsten Tag zog Nadolny seine Anträge gegen den Macdonald- Plan zurück. England empfand dieses Nachgeben und wenn es auch nur äußerlich sein mag- als seinen Sieg. Und so schlug die Stimmung wieder um. Der Haß gegen Deutschland verrauschte. Hitlers Rede wurde gelobt. 3war blieb die Empörung über die Greueltaten und die Judenverfolgungen, aber um des lieben Friedens willen, sprach man nicht mehr so viel davon. Man war bereit, Nazi- Deutschland eine Bewäh rungsfrist zu geben. Wenn Hitler freilich glaubt, er habe mit seiner einen geschickten Rede alle Scheußlichkeiten seiner Bewegung in den Augen der Welt auslöschen können, so irrt er sehr. Die öffentliche Meinung Englands war zwar bereit, die Bewährungsfrist zu bewilligen, aber das englische Mißtrauen blieb wach. Jm Parlament und in der Presse wurde immer. wieder betont, daß Frankreich Recht habe, wenn es Kontrolle und Sicherungen verlange. Nach wie vor ist England nicht bereit, Nazi- Deutschland das Recht zur Aufrüstung zu geben. Und Hitlers Hoffnung, durch scheinbares Nachgeben, Frankreich zum Sündenbock zu stempeln, der die Abrüstung verhindert, ist wenigstens in England nicht in Erfüllung gegangen. Man hört gelegentlich freundschaftliche Mahnungen an Frankreich, nicht zu starr zu bleiben, aber nicht mehr. Das Mißtrauen gegen das „ Dritte Reich" ist eben wach, und selbst Ereignisse zweiten Grabes vermögen die Empörung wieder hoch lodern zu lassen. Spaltenlang berichteten die englischen Zeitungen über die Münchener Nazi- Ueberfälle auf die katholischen Gesellen. Eindeutig wird alle Schuld den Braunhemden und der Regierung zugeschoben, das offizielle Regierungsbedauern wird als Heuchelei gebrandmarkt. Größer noch ist die Erregung über das deutsche Vorgehen gegen Desterreich. Dollfuß, Desterreichs Bundeskanzler, wurde mit betonter Herzlichkeit in London empfangen. Die englischen Blätter sind voll von Aufforderungen, in das schöne Desterreich zu reisen. Und im Anschluß an die Verhaftung und Ausweisung des österreichischen Gesandtschafts- Pressechefs in Berlin schreibt die für ihre Mäßigung bekannte„ Times" ( oft das Sprachrohr der englischen Regierung) einen Leitartikel. Nachdem sie Deutschland als den„ bösen Nachbarn" bezeichnet, die Ernennung des Reichstagsabgeordneten Habicht zum„ Staatsinspektor für Desterreich" eine Unverfrorenheit und unverschämtheit genannt, und Habicht mit den Titeln„ Eindringling" und„ Störenfried" belegt hat, schreibt sie wörtlich: „ England ist im Augenblick(! D. Ver.) nicht offiziell (! Ber.) von dem indirekten und finsteren Bersuch des gegenwärtigen Regimes in Deutschland, die Unabhängig feit Defterreichs zu untergraben, betroffen. Aber es kann tein Zweifel sein, wo die öffentliche Sympathie liegt. Die brutale Unterdrückung harmloser Katholiken auf dem Münchener Kongreß durch Nazi- Rowdys hat den Wider: willen der öffentlichen Meinung in England gegenüber dem heutigen deutschen Regime verstärkt, das aber auch jede Brutalität zu verzeihen scheint, wenn sie nur im Namen des Regimes begangen wird. Was innerhalb der deutschen Grenzpfähle geschieht, geht ohne Zweifel offiziell(! Ber.) nur die Deutschen selbst an. Aber wenn die gleichen Taten jenseits der Grenze begangen werden, dann hören sie auf, eine deutsche Angelegenheit zu sein. Der Friede ganz Euros pas kann durch solche Zwischenfälle gestört werden... Für den Fall, daß die Frage einer internationalen Attion aufs tanchen sollte, würde die öffentliche Meinung Deutschlands, die heutzutage von der feindlichen Einstellung im Aus= land nichts erfährt, überrascht sein, wie bereitwillig die öffentliche Meinung in anderen Ländern sich an die Seite einer fleinen Nation stellen würde, die sich entschieden hat, sich gegen Tyrannei zu verteidigen." Das ist deutlich. Und das gibt die öffentliche Meinung in England wider. Das Wohlwollen und Ver ständnis, das die deutsche Republik in 14 Jahren mühsam erworben hat, ist durch das„ Dritte Reich" in 4 Monaten wieder zerstört worden. 41 N.S.D.A.P Die Besetzung des Braunen Hauses" in Junsbruck. Die Maßnahmen der österreichischen Regierung gegen die nationale Opposition wurden mit größter Schärfe durchge= führt. Fast sämtliche Führer der Nationalsozialistenwurden verhaftet und die Parteiheime geschlossen. Dr. Bolz in Schutzhaft Der Staatspräsident aui Feste Asperg wtb. Stuttgart, 19. Juni. Der frühere württem bergische Staatspräsident Dr. Bolz wurde heute auf dem Polizeipräsidium wegen der Rede, die er anläßlich des chriftlich- sozialen Parteitages in Salzburg als Vertreter des Zentrums gehalten hat, einer Vernehmung unterzogen. Nach seiner Vernehmung wurde er von SA. und SS. in seiner Wohnung in„ Schußhaft" genommen. Inzwischen ist er auf Feste Asperg gebracht worden, Schwerer Nazi- Anschlag vereitelt! Wien, 19. Juni. Wie die„ Wiener Allgemeine Zeitung" ans Salzburg berichtet, find Nazis in die Maschinenräume am Stausee des Salzburger Elektrizitätswertes eins gedrungen und haben versucht, die Schleusen zu öffnen. Sie haben zahlreiche Apparate zerstört. Nur ihrer fachmännischen Unkenntnis ist es zu danken, daß der Anschlag mißglückt ist. Bei Gelingen des Anschlages wären drei Millionen Kubikmeter Wasser auf zwei Ortschaften in der Nähe von Salz burg niedergebrochen. Salzburg und alle an das Elektrizis tätswerk angeschalteten Industriebetriebe wären ohne St v gewesen. Von den Tätern fehlt bisher jede Spur. 745 Mehr isoliert als 1914 Hitlers außenpolitisches Fiasko von ve. Rudolf Vreitscheid Der von dem„Führer" zum einzig berufenen Aus- leger des nationalsozialistischen Parteiprogramms be- stellte Gottfried Feder kommentzerte zum Teil den außenpolitischen Teil jenes unklaren und wider- spruchsvollen Dokuments folgendermaßen: „Nicht„sich einfühlen" in fremde Art— sonder« Be, wahrnng der deutschen Eigenart, der dentschen höhere« Art, muß Ausgabe der Deutsche» im Ausland und unserer amtlichen Vertretungen werde«. Auch hier muß ei« eiserner Besen in das verstaubte A. A. l„A«s- wärtige Amt") hineinfahren. Erzbergerische«nd Stresemannsche Liebedienerei gegen» über dem Ausland hat et« Ende» und man wird bann auf einmal sehen, daß das Ausland von einer kraftvolle« Vertretung der deutsche« Interesse« ganz anderen Respekt haben wird,«nd statt Fußtritte« und Ohrfeige« wird Achtung«nd Rücksichtnahme aus deutsch« Wünsch« die Folge sein." Diese Sätze verdienen jetzt, wo man viereinhalb Monate nach der Hitlerschen Machtergreifung eine vor» läufige außenpolitische Bilanz seines Regimes zu ziehen berechtigt ist, der Vergessenheit entrissen zu werden. Was ist von den Verheißungen Fevers Wahrheit geworden? Um es Kurz zu sagen: Von dem eisernen Besen, der ins Auswärtige Amt fahren sollte, haben wir nichts gemerkt. Ebensowenig aber von einer Rücksichtnahme auf deutsche Wünsche, und was die kraftvolle Vertretung deutscher Interessen anbelangt, so müssen wir offen gestehen, daß wir von so starken Männern, wie sie sich um Hitler scharen, besonders nach den stolzen und drohenden Worten, die sie jahrelang in ihrer Agitation gebrauchten, etwas ganz anderes erwartet hätten. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Geschehnisse. Als die braune Herrschaft begann, waren die Machthaber überzeugt, daß sie nun im Bunde mit dem system- verwandten Italien und dem rassenverwandten Eng- land den französischen und den polnischen Erbfeind auf die Knie zwingen würden, und in der nationalistisch auf- gepeitschten Anhängerschaft war dieser Glaube noch stärker als bei den leitenden Persönlichkeiten. Die erste Enttäuschung bereitete Mussolini. Er ließ deutlich erkennen, daß seine Sympathie für dikta- torische Regierungsmethoden in Deutschland ihre Grenze an den italienischen Interessen habe. Die hul- digende Wallfahrt, die deutsche Minister zu Ostern nach Rom unternahmen, vermochten den Sinn des vergötterten „Duce" nicht zu ändern. Die Emissäre mußten im Gegen- teil den Bescheid nach Hause bringen, daß Mussolini nicht nur die Judenverfolgungen mißbillige, sondern darüber hinaus aufs Dringendste vor jedem außenpolitischen Abenteuer warne, und— was am schmerzlichsten war— daß er von dem österreichischen Anschluß ganz und aar nichts wissen wollte. Dann kam Großbritannien. Dort war die Neigung, zu einem Entgegenkommen an Deutschland, zu einer Revision der Friedensverträge, zu dem Zugeständ- nis der Gleichberechtigung auf dem Gebiet der Rüstungen am stärksten gewesen. Jetzt wurden im Parlament von den Vertretern aller Parteien Reden siegen Deutschland ge- halten, wie man sie seit dem Kriege nicht vernommen hatte, und die Mission des Herrn Rosenberg, durch die die Dinge wieder ins Gleichgewicht gebracht werden sollten, wurde eine Tragikomödie, in der der Abgesandte des deutschen Reichskanzlers eine geradezu bejammern»- werte Rolle spielte. » Herrn Hitler begann jetzt ein Verständnis für die tat« sächliche Lage Deutschlands aufzugehen, oder besser gesagt, sie wurde ihm vom Auswärtigen Amt beigebracht. Er empfing den polnischen Gesandten, um ihm zu versichern, daß er die Verträge, durch die die Ostsirenzen festgelegt sind, nicht zu brechen beabsichtige. Er hielt im Reichstag eine friedfertige Rede, die. von einigen wenigen Stellen abgesehen, zur Not auch von einem der verfluchten Marxisten hätte gehalten wer- den können, und er wies den Führer der deutschen Dele« gation auf der Abrüstungskonferenz an, auf alle zu dem britischen Entwurf gestellten Abänderungsanträge, deren Inhalt an sich schon weit hinter ursprünglichen Naziforde- rungen zurückgeblieben war, schleunigst zu verzichten. Den Gefolgsleuten des„Führers" wird dieser Rück- a als besonders geschicktes taktisches Manöver schwach- i gemacht, und auch wir glauben nicht an den plötzlich erwachten ehrlichen Friedenswillen des Mannes, der Jahre hindurch die kriegerische Trompete geblasen hat, und zu dessen Worten Taten, die unter seinen Augen und mit seinem Willen geschehen, in schreiendem Widerspruch stehen. Er macht aus der Not eine Tugend. Er will, da er Deutsch- land isoliert sieht, seine gegen die Arbeiterbewegung und gegen die Freiheit ganz allgemein gerichteten Maß- nahmen im Innern nicht durch außenpolitische Berwick- lungen stören lassen. Er weiß, daß er aus tausend Grün- den zur Zeit einen Krieg unter allen Umständen ver- meiden muß. Er braucht zum mindesten eine Atempause. Aber alle Taktik kann nichts daran ändern, daß er sich einstweilen den pazifistischen Mantel um seine Schultern gelegt hat, und daß sich seine Politik, von außen gesehen, in nichts von der„Erzbergerischen und Stresemannschen Liebedienerei" gegenüber dem Ausland unterscheidet. » Indessen sind auch die friedfertigen Reden und Gesten ohne Erfolg geblieben. Der Nationalsozialismus sieht nicht nur die Anschlußfelle wegschwimmen, er hat es sogar da- hin gebracht, daß Deutschland heute zu keinem anderen Lande in einem schärferen Gegensatz steht als zu O e st e r r e i ch. Dank der braunen Wühlarbeit und dank gehässiger, noch dazu von Worten des Hohns begleiteter Handlungen der Berliner Regierung ist in Wien eine Stimmung entstanden, die offener Feindschaft gegen Nazideutschland sehr nahe kommt. Nun— und der Abschluß de» Viermächte» p a k t»? Er würde in der Tat so etwas wie einen Triumph für Hitler bedeuten, wenn das unterzeichnete Dokument noch das Gesicht des ersten von Mussolini an« gefertigten Entwurfs trüge. Da war sehr deutlich von der Notwendigkeit einer Revision der Verträge, von prak» tischen Schritten zur deutschen Gleichberechtigung die Rede, und bei alledem sollte der von Hitlers Anhängern so stark geschmähte Völkerbund auf eine Nebenrolle abgedrängt werden. Doch die ursprünglichen Ideen haben sich verflüchtigt. Frankreich ist mit seinen Forderungen durchgedrungen. Uebrig geblieben ist nur ein Rahmen, innerhalb dessen deutsche Wünsche diskutiert werden können und neben dem Revisionsparagraphen des Völkerbundsstatuts wer« den ausdrücklich auch die auf die Anerkennung bestehender Grenzen und da» Recht auf Sanktionen bezüglichen Ar« tikel ausdrücklich erwähnt..Der Pakt bezeichnet darüber hinaus nicht nur den Völkerbund, sondern auch den ver- lästerten Locarno« und den geschmähten Kriegsächtungs« vertrag als Ausgangspunkte und Voraussetzungen weiterer Verhandlungen, und wenn er schließlich noch einen unmittelbaren positiven Wert besitzt, so besteht er darin, daß eine Brücke zur Annäherungzwischen Frankreich und Italien schlägt, was doch sicher nicht in der Absicht der deutschen Regierung gelegen war. Wenn Stresemann oder gar ein Sozialdemokrat einen solchen Bertrag nach Hause gebracht hätte, würde er des Landesverrats bezichtigt worden sein, aber Hitler gibt ihm seine Unterschrift, und der treue Knecht Rosen- oerg nennt das Schriftstück das größte historische Ereig« nis seit dem Jahre 1314. Von der Verkündung des T r a n s f e r m o>r a t o» r i u m s. die als letzte politische Großtat von der Nazi« presse hingestellt wird, braucht nicht viel gesagt zu werden. Selbst die gleichgeschalteten deutschen Zeitungen können die durch diesen Schritt■ hervorgerufene tiefe Mißstimmung des Auslandes dem deutschen Volke nicht verHeim« lichen und wenn ein Rest von Reputation gerettet werden soll, wird Herr Schacht sich zu„liebedienerischen" Kom- promissen geneigt zeigen müssen. Da also steht Deutschland nach ein paar Monaten Hitlerschen Regiments. Es ist noch mehr isoliert als 1314. Von irgendwelchen Erfolgen einer Politik der starken Hand wissen nur die ebenso blinden wie treuen Trabanten des Hakenkreuzes zu berichten. In Wirklichkeit ist ein ?fiasko dem anderen gefolgt, und im übrigen hat es nur ehr schwache und im Keim erstickte Ansätze zu dem kraftvollen Auftreten gegeben, für das man sich seit 1328 Vorschußlorbeeren erteilen ließ. Wir könnten das mit Schadenfreude feststellen, wenn diese Regierung?« Kunst es nicht fertig gebracht hätte, daß auch die Erfüllung berechtigter deutscher Ansprüche, die wir Sozialdemokraten jederzeit vertreten h a b e n, auf den Sankt Nimmerleinstag vertagt worden find. Die Erkenntnis dieses furchtbaren Versagens wird eines Tages auch denen kommen, die heute noch an die glorreiche Führung glauben und am Grabe aller außen« politischen Hoffnungen ihr„Heil Hitler!" in die Welt schreien. Roam* Reserviert Reserviert DEUTSCHE ZUKUNFT KULTURPOLITISCHE BEILAGE ZUR DEUTSCHEN FREIHET BLICK ÜBER ZEITRAGEN UND BUCHER In regelmäßigen Abständen soll auf diesen Blättern ber die geistige Situation in Deutschland berichtet werden. Die Darstellung, in welchem Umfage deutsches Kulturgut unter dem Hitler- Diktat erschüttert wurde, ist erforderlich, um einen klben Blick über die Wirklichkeit zu gewinnen. Wir wollen aber mehr geben. Wir wollen versuhen, die Strömungen, die sich als neudeutscher Idealismus oder romantischer Aufbruch bezeichne Ideen, die bekanntlich das tum s. Es erträgt efinnungsparaden mit heiser geschrienem Patriotismus allenfag in der Zeit der drei Hitlerschen F's, der Feste, Fackelzüge us Feuerwerfe. Dann verpufft unter zischenden Schwaden die damme des deutschen Theaters, die einst vor der Kulturwelt hell erglühte. Bekenntnis zur brutalen Gewalt gegen jeden Andersdenkenden Icht ausschließen, nach ihrer Liquidation der Gesinnung Herkunft und ihrer Wirkung zu untersuchen. Unser Ziel ist klar.'s ist beflügelt von dem Willen, mit der politischen auch die geistige Freiheit für Deutschland zurükzugewinnen. Die Redaktion Denk' ich an Deutschland in de nacht..." Eine Viermonatsbilanz aus em Dritten Reich Bon Gerhard Bergeeft Der große Erodus des Geistes aus Hitlers Despotie ist nicht zu Ende. Täglich werden noch Gelehrte, Publizisten, Musiker, Schauspieler, nicht reinraffig oder des Kulturbolschewismus verdächtig, mittels braunen Briefes von Amt und Brot entfernt. Zur gleichen Zeit, in der die Golddeckung der Reichsbank zusammenschrumpft, verliert die Substanz der schöpferischen Leistung in der Wissenschaft und in den Künsten immer mehr an Gehalt. Nur ist ein Unterschied da. Er besteht darin, und das ist die Tragik der Lage: Materielle Werte find zu ersetzen, während das, was in den Bezirken des Geistes verloren geht und in Haß und in Uebermut verwüstet wird, unwiederbringbar ist für alle Zeit. Gaudeamus igitur Ir vier Monaten welch ein Trümmerfeld! Die deutschen Universitäten hat ber Reiniger Rüst als Forschungs- und Lehrstätten durch die Entfernung hervor. ragender Gelehrter verarmt und entwertet. Die Studenten, di: erzogen werden sollen, maßen sich die Rolle von Erziehern ar, kontrollieren und kommandieren und vertreiben selbst rehtsstehende Wissenschaftler von ihrem Platz. Professoren, di: noch vor wenigen Monaten politisch gänzlich uninteressiert erchienen, produzieren sich auf einmal als Paladine des Hakenkreuzes und werden damit zugleich erste Nummern in der neudeuren enjwant. Denn diese hat ihren bisherigen Maßstab, der sich nach der geistigen Leistung richtete, ve: loren. Wer heute an den deutschen Universitäten nicht in jeder Vorlesung eine rhetorische Arabeste einfügt, worin er sich als Mitkämpfer in der nationalen Front bekennt muß gewärtig sein, daß er bei nächster Gelegenheit von der braunen Burschenherrlichkeit ausgepfiffen wird. Auf der Strecke liegen Menschenschicksale, die ihr Leben lang durch Können und Gesinnung der Wissenschaft dienten. er Aber noch schlimmer ist der Zusammenbruch der Charaktere, die schmiegsame Anpassung an die neue Bewalt unter Verleugnung der eigenen befferen Ueberjeugung, das große Schweigen des eingeschnürten und geeffelten Geistes. Es gibt ein paar Ausnahmen, wie den Wettbewerb um die hartumfämpf Position einen Konkurrenten weniger zu haben. Die Bühnengenossenschaft mar eier der ersten Verbände, ber fich Hitler freiwillig offerierte, lage bevor der Gewaltstreich im Zeichen Ley's die Gewerfsaften als Selbstverwaltungskörperschaften vernichtete. Nutwenige der Großen und Einsamen im Bereich der Schaubüne und der Musik durften ein Widerwort sprechen. Ein Man von internationalem Rang wie Wilhelm Furtwänder wendte sich in seinem Brief an Goebbels gegen die Msreglung seiner nicht minder bedeutenden DirigentenkollegenBruno Walter und Otto Klemperer. Er konnte es wagen im Gefühl seiner Unabhängigkeit. Alle Abhängigen schwiegen, sele kleinere Meister" priesen den Ausschluß der Nichtarir aus den Runsttempeln und den Konzertsälen als ein lärast fälliges Kultur? In Hanns Jost's" Salageter" tommt dieser Satz vor:„ Höre ich das Wort Kultu, dann entsichere ich meinen Revolver." Johst will ironisch sein. Auch uns schmeckt das bildungsspießerische Kulturgerede feineswegs. Aber wen haben sie jest alles auf den Jndergefeßt, wer wird aus der Dichterakademie herausge worfen, wessen Werte verglimmen auf den Schetterhaufen unter Huronengebrüll unb Göbbels'schen Redeöls vor Deutschland aufunftsträchtigen Akademikern? Die Schriften von Jakob Wassermann, Heinrich Mann, Alfons Paquet, Erich Maria Remarque, Stefan und Arnold Zweig, Franz Werfel, Erich Kästner und vieler anderer, die, in alle Weltsprachen überseßt, für Deutschland zeugten. Thomas Mann, Deutschlands stärkster Epifer, findet feine Zeitung, die heute einen Aufsatz von ihm zu drucken wagte. Schriftsteller, in deren Sätzen es blizzte von Anmut und Kraft, werden von den Verlegern boykottiert, in deren Geschäftszimmern SA.. Kommissare den Betrieb überwachen. Dafür werden sie gezwungen, Hitler- Literatur in ihre Verlagsserie zu überneh men. Wo die Gewalt nicht eingesetzt werden kann, wird sanft mit dem wirtschaftlichen Rohrstock nachgeholfen. Das deutsche Verlagsgeschäft erlischt, die deutschen Buchhändler liquidieren. in hellen Scharen. Und die Zeitungen, die man einst wegen ihres geistigen Gesichts schäßte, werden teils mit Widerwillen, teils unter bitterem Zwang gelesen, weil es eine andere Leskost in diesem Deutschland überhaupt nicht mehr gibt. Hunger tut auch den Schriftstellern weh. Das in Zei ethisches Gebot, aber sie rechneten es zugleich in besere Chan- tungsunternehmungen festgelegte Kapital muß sich verzinsen. cen und höhere Honorare für die eigene Tasche um. Dramatiker im gleichen Schritt und Teitt Haupthelbin in diesem Trauerspiel des Geistes ist die nationale Dramatik selber. Wenn man dent innerer Gehalt der„ nationalen Revolution" bewertet nach den künstlerischen Durchbrüchen vor ihrem Siege, nach der wollte dann erkennt man erst ganz ihre unschöpferische Armut. Unter der ganzen jüngeren Dichtergeneration, die für die Bühne schrieb, gab es nur ganz Wenige, die die Hitler- Seele ins Theatralische fonzipierten, und vor allem: die etwas fonnten. Auch der heutige Braune- Haus- Dichter und Staatstheaterintendant Hanns Joh st, dessen Schlageter" befehlsgemäß von 300 deutschen Bühnen aufgeführt wird, hat sich, als es noch nicht recht lohnend war, niemals öffentlich zum Hafenkreuzbanner bekannt. Literatur über die nationalsozialistische Ideologie gab es nur im Bereich des politischen Schrifttums und der Sozialphilosophie. Am bekanntesten sind die Namen des- inzwischen verstorbenen Möller van den Bruck, von Ernst Jünger und Kurt Hielscher. Aber auch diese werden von dem heutigen Faschismus keines= Die Verleger- und Journalistenverbände haben sich national. sozialistischer Führung beugen müssen. Man könnte ver stehen, wenn die deutschen Zeitungen und ihre Mitarbeiter dem geistigen Terror auswichen, mit Ingrimm vorsichtig schwiegen, ihre Gesinnung und ihr unverlierbares Gedanfengut mit Sorgfalt behüteten vor dem Zugriff des lauernden Feindes. Aber was geschieht täglich? Federn, die einst links orientiert waren, verbiegen sich vor aller Augen nach Ginigen jede Schellers haufenaktion gegen dasselbe literarische Schaffen, das sie einft liebten und rühmten. Schlimmer noch: sie geben ihrer Verwandlungeine hochgeistige Bemäntelung. als ob sie schon immer so gedacht und so geschrieben, schon immer die deutsche Wiedergeburt mit Hitler, Göring und Göbbels erträumt und ersehnt hätten. Sie erdichten und erfinden tiefgründige Theorien, um die innere Scham vor der eigenen Charakterlosigkeit leichter herunterschlucken zu kön nen. Sie rühmen die neue Romantik und bekennen sich aunt jungen Idealismus, während sie, oft schon ergraute Herren, einen sehr materialistischen Kampf um ihren Redaktions sessel ausfechten müssen... ledeutenden Chirurgen Sauerbruch, der seine jüdischen wegs als Beute von seinem Geiſt anerkannt. Kam vor der Freiheitskampf für den Geist Sffiftenten auf Hitler- Diktat hin nicht entlassen wollte. Aber no find die Hochschullehrer, ihre Fakultäten, ihre Senate und ihre Verbände, die gegen die Austreibung ihrer Sollegen manifestieren? Sie dulden, daß junge Leute, die vor eit paar Jahren mit Mühe und Not ihren Doktor bauten, jest vor ihnen auf einmal als legitimierte„ UniversitätsFonmissare" erscheinen. Höchstens lächeln die Wissenden hinter ihnen her, aber feiner wagt ein fräftiges Wort, denn neben den akademischen Diktator in der braunen Uniform steht die SA. Welch ein erschütternder Blick über all die tiefgebeugten Rücken, die den namhaftesten Gelehrten an den deutschen Universitäten gehören! Statt des gemein samen Schreis- ein Knirschen mit den 3äh nen, das nicht einmal der Herr Kollege hören dari. Thalia in braun In der Welt des Theaters- wie könnte es hier anders sein? Intendanten, Regisseure, Dirigenten, Schauspieler, Pioniere und Neuerer, die das deutsche Theater emporgeioben hatten aus der Niederung des Banalen und des Kitsdes und nun davongejagt wurden: wer zählt ihre Namen? Die Schaubühne, die Stätte höchfter hersischer Verklärung zwischen Mitleid und Furcht, hat in ihrer täglichen Praxis immer viele kleine Menschlichkeiten gesehen. Heute ist sie ein Schauplatz der Rache und des Neides, der Austreibung der Könnerschaft und der Begabung geworden. Jeder kleine Statist, jeder unfähige Chargenspieler fann im Bezirk seiner Kulisse Rassewart spielen, denunzieren und seinen Ellen bogen einseßen, wenn er sein dickes Hafen kreuz aufleuchten läßt. Wilde Kommunisten, stürmische Sozialisten entdecken über Nacht ihr heiß für Hitler schlagendes Herz und erhöhten damit in der neuen Atmosphäre der Gleichschaltung ihre fünstlerische Reputation. Sie sehen zu, wie unzählige ihrer Kollegen und Kolleginnen, mit benen sie oft ein einzig Volf von Brüdern waren, geächtet und verjagt werden, verbannt von den deutschen Bühnen, existenzlos und hungernd. Man drückt dem Betroffenen die Hand, wenn es niemand sieht, doch im geheimen froh, im Hitler- Aera einmal ein Theaterstück mit schwülstig- nationalem Pathos auf die Bühne, so starb es nach kurzer Zeit an der lähmenden Uninteressiertheit des Publikums. Aber wird es den neuen Konjunkturdramatifern, den Ziese und Griese, den Schäfer und Mell nicht eines Tages ebenso gehen? Wir sind weit davon entfernt, die theatralische Epoche vor der Hitler- Aera zu loben. Das Zeitdrama" mit seinem dilettantischen Realismus darf man schnell vergessen. Aber es waren doch Männer und Hoff= nungen dabei, die erleben und gestalten durften in geistiger Freiheit und persönlicher Unabhängigkeit in jener Luft, in jener Luft, in der die Kunst nach ewigem Gesetz allein Blüten ansetzen kann. Heute sitzt an der dramaturgischen Schalttafel Herr Goebbels mit seinem Theaterbevollmächtigten Hinckel, die dem Geist und der Kunst die Rolle des Dienertums an der Politik des Dritten Reiches zuweisen. Unmöglich für den deutschen Dramatiker, aus diesem Zellenreich auszubrechen und sich der Lizen und Streifen auf seinem Dichterrock zu entledigen! Er fände keinen Verleger, keine Bühne führte ihn auf. Jede Rebellion in der Idee ist Hochverrat und Staatsverbrechen und endet im Ronzentrationslager. Aber den Untergang des deutschen Theaters wird kein SA.- Befehl aufhalten können. Doch schon hat die Massenflucht der Interessierten eingesetzt. Gleichgeschaltet mit dem Nationalsozialistischen Kampfbund für deutsche Kultur" hat sich der unter katholischem Einfluß stehenden Bühnenvolksbund. Zwangsweise wird die freie Volksbühnen= bewegung das gleiche Schicksal erleben. Ihr Berliner Theater am Bülowplaß, der Zufluchtsort der Theaterliebenden in der Verfallszeit der vergangenen Jahre, wird jetzt kampfbündlerisch mit einer Dosis Hanns Jobst überwacht und damit ein lebendiger Wert zum Verstummen gebracht, der hunderttausende von deutschen Arbeitern der Theaterkunst nahebrachte. Die Schmiede an der Front gegen den Kulturbolschewismus versuchen jetzt, Dußende fünftiger Dramatifer in den Steckkissen der nationalen Poesie mit brauner Milch aufzuziehen. Aber wird es zu guterletzt etwas helfen? Wieviele der staatlichen und städtischen Schaubühnen werden dem Zusammenbruch entgehen? Im Gebälk nistet ein Wurm, gegen den auf die Dauer feine Tinktur hilft: die Langeweile des PubliWahrlich, es geht nicht nur um die Rückeroberung ber politischen Freiheitsrechte! In drei frrzen Nonaten hat mant aus dem deutschen Geistesleben, aus der Freiheit der Wissen schaft, aus den reichen Gärten des Schrifttums und der Künste eine Leichenwüstenei gemacht. Zwischen den Schutthaufen liegen vernichtetes, exiftenalofes Menschenwesen, Männerftola, den der Büttel gebrochen, allea Stirb und Werde im freien Wettbewerb der geistigen Leistung Dent' ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht. Heinrich Heine, deutscher Dichter, Jude und Emigrant, der diese Zeilen in aufstöhnender Sehnsucht nach Vaterland und Muttersprache schrieb, wußte: Schlafen hilft nichts, Träumen hilft nichts. Die Flucht aus diesem Dritten Reich, die dem Terror entgehen wollte, ist nur ein Ausweg, keine Lösung. Alle Deutschland unverbrüchlich Liebenden stehen vor der Aufgabe, den Sturm vorzubereiten, der die Kerker der politischen und geistigen Freiheit öffnet zur großen Wiederauferstehung, zur Aufrichtung der Geschlagenen und Gelähmten. Goebbels verbietet die Objektivität „ Es wäre zwecklos, den Spiegel der Vergangenheit, den Göbbels den Zeitgenossen vorhält, auf Wahrheit zu untersuchen, noch festzustellen, ob nicht Mitglieder anderer Bewegungen auch prophetische Worte eines Wanderers sprechen lassen könnten es wäre vor diesem bewußten Propagandastück zwecklos, zumal auch der veranstaltende„ Kampfbund für deutsche Kultur" sich die Objektivität der Kritik verbeten hat."(-c. in der„ Frankfurter Zeitung" über das Stück„ Der Wanderer" von Joseph Göbbels.) Noch nicht tief genug? Auf der 48. Jahrestagung der Goethe- Gesellschaft in Weimar betonte deren Vizepräsident, Prof. Rippenberg, der Inhaber des offenbar gleichgeschalteten Insel Rezlags,„ daß auch die Goethe Gesellschaft stärkste Anteilnahme an dem gewaltigen Ringen des deutschen Volkes um eine neue Daseinsform habe. Tiefer denn je fönne man sich heute zu Goethe bekennen, der ja auch ein Erziehungsideal aufgestellt habe, das in mancher Hinsicht mit dem der Gegenwart verwandt set". Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der Deutschen Freiheit" An die Deutschen! " So tam ich unter die Deutscher Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu anden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Dedip zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing av schöne Seelen ihm begegneten. Wie anders ging es! Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und jelbit durch Religion oarbarischer geworden, tiefunfähig jeden göttlichen Gefühls verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazier, in jedem Grad der Uebertreibung und der Aermlichkeit beleidigend für jede gut geartete Seele, dumpf und harmonienlos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes das, mein Bellarmin! waren meine Tröster. Es ist ein hartes Wort und dennoch sagte ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrissener wäre wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber feine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herren und Knechte, iunge und gejepte Leute, aber feine Menschen ist das nicht wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder sexftidelt untereinander liegen, in dessen das vergossene Lebensblut im Sande zerrinnt? Gin jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sage es auth. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede straft in sich erstiden, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser fargen Angst, buchstäblich beuchlerisch das, was er heißt, nur sein; mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß er es mit Berachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gern beim Notwendigsten, und darum ist bet ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten folche Menichen nur nicht fühllos sein für alles schöne Von Friedric Hölderlin achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben jal und sorgenschwer und übervoll von filter stummer 34etracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und gel in ein menschlich Tun und Heiterfeit ins Leiden und leb' und Brüderschaft den Städten und den Dörfern brin Ereignisse und Geschichten Und darum fürchten sie auch den Toso sehr und leiden, um des Austernlebens willen, alle mach, weil Höheres jie nicht kennen als ihr Machtwerk, de sie sich gestoppelt. Bellarmin! Wo ein Volf das öne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, weht, wie Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm d groß sind alle Herzen, und Helden gebiert die Begeistery. Die Heimat aller Menschen ist bei solchem Volk, und erne mag der Fremde sich verweilen. Wo aber so beleid wird die göttliche Natur und ihre Künstler, ach! da ist Lebens beste Luft hinweg, und jeder andre Stern ist best, denn die Erde. Wüster immer, öder werden da die Mehen, die doch alle schöngeboren sind; der Knecht sinn ach it, mit ihm der grobe Mut, der Rausch wäch mit den Sorgen, und mit der Ueppigkeit der Hung und die Nahrungsangst; zum Fluche wird der Segen jees Jahres, und alle Götter fliehn. Und wehe dem Fremang, der aus Liebe wandert und zu solchem Volke kömmt, y dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz trieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volfe fömmi Genng! Du kennimich, wirst es gut aufnehmen, Bellar min! Ich sprach is deinem Namen auch, ich sprach für alle, die in diem Lande sind und leiden, wie ich dort gelitt. geben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlassenen„ nun ligen ihrer Tausend..." auf solchem Bolke. Jch fage dir, es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf Gerabgewürdigt ist bei diesem Volk, und as selbst unter Wilden göttlich rein sich meist erhält, das treiben diefe allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Besen abgerichtet ist, da dient es seinem 3wed, da fucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Bott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn cò fiebi und wenn es betet, und selber wenn des Frühlings holdes West, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löft und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sone warmem Strahle berauscht, der flave seine stetten foh vergist und, von der gottbeseelten Luft besänftigt, die Menschenfeinde friedlich wie die Kinder sind selbst die Raupe jich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert fich Es ist auch herzzerreißend, wenn man enre Dichter, eure Sünstler fleht und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne ftellen und noch pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht wie der Duider Ulyß, da er in Bettlergestalt an seiner Türe faß indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? wenn Boll Liebe and Geist und Hoffnungen wachsen seine Mufenjünglinge dem deutschen Volfe heran; du siehst sie fieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und falt. find wie ein Boden, den der Feind mit Salz beacte, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, mehe bem!. der sie versteht, der in der stürmenden Titanenfraft, nie in ihren Profeusfünften, den Verzweif= lungsfamof nu sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren fampt, mit denen er zu tun hat. Es tit auf Erbin alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlassenen einer fagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorbenes, nichts Heiliges unbetastet lajien mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur, nicht Janiges Minniges Aus braunen deutschen Blättern In Düsseldorf erscheint in einem völkischen Verlag seit einiger Zeit die Braune Post". Sie ist eine getreue Nachahmung der Grünen Post" aus dem Ullstein- Verlag und bedrängt diese schon. Denn ob grün oder braun: der Inhalt ist kaum voneinander zu unterscheiden. Der gleiche Gartenlaubengeist, dieselbe Werbung um die Klatschinstinkte der gänzlich Unpolitischen, die nämliche Schuhplattel- Gemütlichkeit mit etwas Grufeln und Gänsehaut. Interessanter ist der Anzeigenteil. In Nummer 25 der Braunen Post" lesen wir: Nationalsozialist, 30 3. alt, 1,70 gr., blond, evgl., etw. schwerhörig, Beruf Buchbinder, a. gut. Hse., Natur- und Sportfreund, sucht Lebensgefährtin m. et n. Vermög. a. d. Buchbinderei- od. Papierbr. Evtl. a. Einheirat. Zuschr. an 1763, 3iffernd. Die Braune Post", Düsseldorf, AlbertLeo- Schlageter- Allee 21. Die Stimme aus der Papierbranche wird ergänzt durch den reinen Idealismus, den diese Anzeige atmet: Süddtsch. Nationalsoz., a. erst. Kreisen, nord. Rasse, Ende 20er, d. wunderb., herrl. Beruf, hoh. ideal. Lebensauff., w. evtl. zw. spät. Heirat Briefwechsel mit feingebild., echt deutschem, frisch. u. sonn. Mädel b. 3. 24 3., schlank, blond, blauäugig, rein nord. Rasse, gesund u. rein an Leib u. Seele, fünstler. feinempfind., Freude a. Natur, Musik, Sport u. natürl. Lebensweise. Zuschr. m. Bild an 1757, Zifferndienst„ Die Braune Post", D'dorf, Albert- Leo- Schlageter- Allee 21. Wir wünschen unserm Nordling mit dem„ wunderbar Herrlichen Beruf" erfolgreiche Minne. Unt den Nachwuchs und seine Erziehung braucht jich niemand zu sorgen. Denn Ein aktuelles Gedicht von Gottfried Keller Unter den Gedichten des großen Schweizers Gottfried Keller fenden wir eines, das von brennender Aktualität ist. Denjenigen, die jetzt in Hitlers Reich alltäglich beschimpft, verleumdet und beschmutzt werden, mag es zum Trost ge= reichen, daß der Schweizer Dichter schon vor Jahrzehnten das„ Ungeziefer" der öffentlichen Verleumdung durchschaut und gegeißelt hat. Nicht genug damit: Kaum jemals ist die Scharlatanerie jäh aufsteigender und vom Volfe vergötterter Propheten besser gekennzeichnet worden als hier: Die öffentlichen Verleumder UTIL P& E in Galler In Staub und trocknem Schlamme Berborgen, wie die Flamme In leichter Asche tut. Ein Regen, Windeshauch Erweckt das schlimme Leben, Und aus dem Nichts erheben Sich Seuchen, Glut und Rauch. Aus dunkler Höhle fährt Ein Schächer, um zu schweifen; Nach Beuteln möcht' er greifen Und findet bessern Wert: Er findet einen Streit Um nichts, ein irres Wissen Ein Banner, das zerrissen Ein Volf in Blödigkeit. Er findet, wo er geht, Die Leere dürftger Zeiten, Da fann er schamlos schreiten, Nun wird er ein Prophet; wir finden in der gleichen Nummer der„ Brauen Post" diese Offerte: Der kleine Kamerad Künstlerpuppe, Original SA. vd. SS.. Ausrüstung. Hochkünstlerische Ausführung. Gr. 30 cm. M. 3,90 Gr. 40 cm. M. 4,90 S. Kallenbach, Nürnberg 25/7. Anzeigen als Anzeichen des braunen Geistes. Trösten wir uns ein wenig. Ueber den Heiratsanzeigen schwebt in schwungvollem Klischee ein gut auswattiertes Herz auf braunem Papier. Und man findet endlich einige Seiten hinterher ein Kreuzworträtsel in Hakenkreuzform!! Emigranten Völkermann" In einer dürftigen Wohnung lebt in Karlsbad bescheiden und zurückgezogen ein Mann, dessen Name historische Bedeutung hat. Völkermann nennt er sich, in Wirklichkeit hat er einen ähnlich flingenden, weit befannteren Namen. Im November 1918 hat er von einem Fenster des Reichsfanzlerpalais zu Berlin die Republik ausgerufen, war Kanzler des Deutschen Reiches, jahrelang M. d. R., Inhaber zahlloser wichtiger Staatsämter. Heute lebt er von der Unterstützung durch seine Parteigenossen. Seine Tochter hat Selbstmord begangen, seine Pension wird gesperrt, ja nicht einmal im Eril ist er vor dem Haß jener sicher, die immer behaupten, sie hätten mit Hitler nichts zu tun. Im Stadtrat gab es eine erregte Debatte darüber, weil man dem gebrochenen Mann ein paar Freibäder mehr gab, als sie sonst Journalisten gebühren. Und die Presse mancher Leute hätte aus den paar armseligen Freibädern beinahe einen Karlsbader Korruptionsskandal konstruiert. Wäre Völkermann vor zehn Jahren gekommen halb Karlsbad wäre vor der Exzellenz am Bauch gelegen. SA. marschiert... Ein Liedchen von Erich Kästner*) Ihr und die Dummheit zieht in Viererreihen In die Kasernen der Vergangenheit. Glaubt nicht, daß wir uns wundern, wenn ihr schreit Denn was ihr denkt und tut, das ist zum Schreien. Ihr kommt daher und laßt die Seele kochen. Die Seele tocht und die Vernunft erfriert. Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert, weil dann gesungen wird und nicht gesprochen. Marschiert vor Prinzen, die erschüttert weinen: Ihr findet doch nur als Parade statt! Es heißt ja: Was man nicht im Kopfe hat, hat man gerechterweise in den Beinen. Ihr liebt den Haß und wollt die Welt dran messen. Ihr werft dem Tier im Menschen Futter hin, damit es wächst, das Tier tief in euch drin! Das Tier im Menschen soll den Menschen fressen. Ihr möchtet auf den Trümmern hüben bauen und Kirchen und Kasernen wie noch nie. Ihr sehnt euch heim zur alten Dynastie und möchtet Fideikommißbrot kauen. Ihr wollt die Uhrenzeiger rückwärts drehen und glaubt, das ändere der Zeiten Lauf. Dreht an der Uhr! Die Zeit hält niemand aus! Nur eine Uhr wird nicht mehr richtig gehen. Wie ihrs ench träumt, wird Deutschland nicht erwachen. Denn ihr seid dumm, und seid nicht auserwählt. Die Zeit wird kommen, da man sich erzählt: Mit diesen Lenten war fein Staat zu machen. *) Die Schriften und Gedichte von Erich Kästner wurden auf der Inder gesezt und unter wildem Gejohle auf zahlreichen teutonischen Scheiterhaufen verbrannt. Gnade vor den Augen der neuen Machthaber fand nur die Kindergeschichte:„ Emil und die Detektive". Auf einen Kehricht stellt Er seine Schelmenfüße Und zischelt seine Grüße In die verblüffte Welt. Gehüllt in Niedertracht Gleichwie in einer Wolfe, Ein Lügner vor dem Volke, Ragt bald er groß an Macht Mit seiner Selfer 3ahl, Die hoch und niedrig stehend, Gelegenheit eripähend Sich bieten seiner Wahl. Sie teilen aus sein Wort, Wie einst die Gottesboten Getan mit den fünf Broten, Erst log allein der Hund, Nun lügen ihrer tausend; Und wie ein Sturm erbrausend, So wuchert jetzt sein Pfund. Soch schießt empor die Saat, Verwandelt sind die Lande, Die Menge lebt in Schande Und lacht der Schofeltat! Jetzt hat sich auch erwahrt, Was erstlich ward erfunden: Die Guten sind verschwunden, Die Schlechten stehn geschart! Wenn einst mals diese Not ang wie ein Gis gebrochen, Dann wird davon gesprochen Wie von dem schwarzen Tod; Und einen Strohmann baun Die Kinder auf der Heide, Zu brennen Lust aus Leide Und Licht aus altem Graun.Der Aktions"-Pfemfert photographierf Doch Völkermann ist nicht der einzige. Im Harse ,, Melone" auf der Alten Wiese hat sich ein, Photo- Ateier " Dorit" etabliert, das von dem bekannten Dichter und Lyuker Franz Bfemfert geführt wird. Er, der mit seiner Frat zu Fuß über die Grenze fam, mußte sich nach einem Ervers umsehen und machte aus seiner früheren Lieblingsbeschäf tigung, dem Photographieren, einen neuen Beruf. In Aushängekasten des Ateliers sieht man eine Rarität- das Bild Karl Kraus', von Pfemfert aufgenommen. Die Freunde Pfemferts tun ihr Bestes, um den Optimismus, mit welchem der Dichter seinen neuen Beruf geschaffen hat, nicht zu enttäuschen. Im gleichen Hause mit Pfemfert wohnt ein junger Berliner Rechtsanwalt, einst Syndifus eines der größten Berliner Zeitungskonzerne und bekannt durch seine Prozesse gegen Hanussen. Er, dem alle Kollegen einen glänzenden Aufstieg prophezeiten, lebt heute in Armut. Und nelen diesen prominenten Emigranten hausen in den Vororten Fischern, Drahowiß und Donit noch viele, viele andere, die das„ große nationale Erwachen" um Heim und Brot brachte. n. S. D. A. P. und n. S. B. O. Wie es die deutschen Arbeiter übersetzen N. S. D. A. P. Na, suchst du auch ein Pöstchen? N. S. B. O. Nun find Bonzen oben. Ein Scherz dazu Göbbels kommt es ist ein Märchen in den Himmel. Unter den ersten, denen er begegnet, ist Göß von Berlichingen. Es entwickelt sich folgender Dialog: Göbbels: Wer sind Sie, mein Herr? Göz: Ich bin Göz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Und Sie? Göbbels: Kennen Sie mich nicht? Ich bin Göbbels mit der feurigen Zunge. Göz: Trozdem! De einige, eizige Sozialdemokratie Wageht in Berlin vorBerlin vor und was ist Wahrheit? Diazi- Korrespondenten melden von einer gemeinTamen ang der erweiterten Parteileitung der SPD. zusammeit den Fraktionen von Reichstag und Landtag". Es wu nach den Nazimeldungen einem Sechsmännerfollegin bestehend aus Westphal, Stelling, Rinn Künstler, Löbe und Scrilat die Leitung der P im Innern übertragen und die Naziblätter geben daß diefes Sechsmännerfollegium zunächst versuchen be, die Sozialdemokraten aus der Schuzhaft her auszumen und das beschlagnahmte Vermögen frei zumachGleichzeitig soll das Sechsmännerkollegium darauf hingenn haben, daß deutsche Parteigenossen, die ins Ausland agen sind, keinerlei Erklärungen für sie abgeben tönntend daß für alle ihre Aeußerungen die Partei im Jnnerle Verantwortung ausdrücklich ablehne! * Ot Nazibericht richtig ist oder nicht, können wir von hier aucht feststellen. Aber sei dem auch, wie es sei wir haben allen diesen Maßnahmen unter den obwaltenden Umstä nur eine einzige Feststellung zu treffen: Es gibt mine einzige sozialdemokratische deutsche Partet und dit die, die Mitglied der zweiten Sozialistischen Arbeiterernationale ist! Mehr wollen wir dazu aus nahe= liegen Gründen des sich steigernden Terrors in Hitlerdeutsch vorläufig nicht sagen. ABerlin wird der Internationalen Information" geschrü: Dingen um die neue sozialdemokratische Rampfform in Dyland hat in der Führung der deutschen Sozialdemofe zu einem überaus ernsthaften Konflikt geführt. Der Kift erscheint äußerlich als ein Streit um die Frage, wer deutsche Sozialdemokratie führen soll: der Parteivorstain Prag oder eine andere Körperschaft in Berlin. aber Das te eine reine Zweckmäßigkeitsfrage sein in Weit verbirgt sich dahinter der Streit um die Frage, wie auf welcher Linie die deutsche Sozialdemokratie tämpfoll. Es ist ein entscheidender Konflikt um das Wesen der dchen Sozialdemokratie ausgebrochen. Die Frage: Behang der alten Organisation oder Herausbilduna einer en Kampfform ist zugleich die Frage nach der grundfäßlidpolitischen Linie. Möglichkeit der Beeinflussung des Staatswillens durch litische Parteien in verfassungsmäßig geregelter Formin Deutschland zerschlagen. Gegen die Despotie gibt es te parlamentarische oder verfassungsmäßige Oppoft tion, bern nur die Revolution. Die Sozialdemokratische Parteat bisher ihre historisch gewordene Macht in der Forme legalen parlamentarischen Partei angewandt. Mit dem rze der Demokratie ist diese Form der Machtäußerung der politischen Aktivität unmöglich geworden. Dem Regiwhne wirkliches Parlament und ohne Anerkennung von Gtsbürgerrechten gegenüber sich auf parlamentarische Oppon beschränken zu wollen, würde den Uebergang zu einerbstempartei bedeuten. Die neue Form der Machtäußen der Sozialdemokratischen Partei muß deshalb revobnär sein, Dak die Sozialdemokratie in den Schein parlanten nicht in der Rolle der unversöhnlichen Oppost tion treten fann, ergibt sich aus den Erfahrungen vom 17. Schon die Andeutung des Versuchs einer eigenen, nicht mal unversöhnlichen Haltung im Reichstag hat terroriste Morddrohungen hervorgerufen. Als darnach die preuse Landtagsfraktion im Landtag eine zurückhaltende Erklag abgab und gegen das preußische Ermächtigungsgefeßmmte, wurde sie mit wilden Terrordrohungen überSchüttes wurde ihr bedeutet, sie habe zu schweigen und fich hämen". Gibt keine Parlamente mehr in Deutschland: denn es w nur noch solches Auftreten von Parlamentsfrattione duldet, daß das faschistische System gestattet. GrundfäßlidOpposition und wahrhaftige Kritik sind verboten. Dalb muß sich die neue Kampfform den veränderten Rampbingungen anpassen. Sie muß die Trägerin einer unbarerzigen, wahrhaften und enthüllenden Kritik am Wefers Regimes und seiner Taten fein. Sie muß die offiziellergen zerstören und der Wahrheit Bahn brechen. Ste muß sozialistischen Standpunkt aus den reaktionären Chara des Regimes, seine Verderblichkeit für das ganze Volf zeigen. Sie muß die Kräfte der Freiheit und des Rechtafs neue wecken und fördern. Sie muß das Regime geistigschüttern und die Massen auf den Sturz des Regimesrbereiten. Gn diese völlige Umstellung aber haben sich Widerständes der alten Form heraus erhoben. Daraus ist der Ronflentstanden, der nun zum öffentlichen Ausbruch aefummist. DParteivorstand in Prag hat eine aktive unversöhn liche Spaganda gegen das Regime schnellstens in Gang bringen wollen. Aus 8wedmäßigkeitsüberlegungen wollte er diese Propaganda von außen her dirigieren. Gegen diese Absicht hat sich heftiger Widerstand aus dem alten Apparat heraus erhoben- aber auch aus den Parlamentsfraktionen, die in der bisherigen Formierung der deutschen Sozialdemofratie stark führend gewirkt haben. Ein Tag deutsche Politik Verwarnung des deutschnationalen Reichstagsabgeordneten Borchmeier CNB. Recklinghausen, 19. Junt. Der deutschnationale Reichstagsabgeordnete Dr. Borche meier( Recklinghausen) hat in der letzten Zeit bei ver schiedenen Gelegenheiten an der Entwicklung der politischen Lage in Deutschland scharfe Kritik geübt. Ü. a. hat er bet einer Wahlrede in Danzig Redewendungen gebraucht, die den Polizeipräsidenten von Recklinghausen veranlaßt haben, Borchmeier ernstlich zu verwarnen.( Ha! Ha! Der Hitler maultorb für die Deutschnationalen! D. Red.) Der Widerstand kommt aus den verschiedensten Motiven. Nebeneinander stehen die Anschauungen, daß der alte Partei vorſtand versagt und deshalb nicht mehr führend tätig fein könne, wie die Meinung, daß der Parteivorstand in Brag Verhaftung eines Stahlhelmführers viel zu sehr ins revolutionär- aktivistische abgeglitten set. Seine politische Linie wird von links und von rechts angegriffen. Gegen die Absicht klarer unverföhnlicher Propaganda wird ins Feld geführt, daß es zunächst gelte, zu erhalten, was noch von der Sozialdemokratischen Partei da ist und das wenige von öffentlichem Auftreten, was das Regime noch duldet, nicht durch illegale Arbeit zerstören zu lassen. Diese Ansicht geht bis zu der Erklärung, daß im Augenblick Stillhalten die revolutionärste Tätigkeit sei. Man muß verstehen, daß den dauernd unter terroristischen Drohungen stehenden Funktionären das wenige von Ausdrucksmöglichkeit on viel erscheint! Der Terror hat gewirkt er hat die Sorge um die Gefährdung von Taufenden von Sozialdemokraten stärker gemacht als den inneren Zwang, dem System schonungslose Anklagen ins Gesicht zu schreien! Weiterer Widerstand erwächst aus der Anschauung, daß der Zeitpunkt der Eröffnung einer angriffsweisen Propaganda jest schlecht gewählt fei. Schließlich wirkt der Gegensab, der am 17. Mai zwischen der Mehrheit der Reichstagsfraktion und wetten Parteis freisen sowie dem Parteivorstand hervorgetreten ist. Es sind die heterogensten Ansichten und Motive, aber fie alle sind zusammengefloffen in einer einzigen Einheitsfront, die auf einem einheitlichen Refsentiment beruht: gegen Brag! In der Mitgliederversammlung des Kreislandbundes in Mejeris widersprach Graf zu Dohna der Forderung nach Umschaltung des Vorstandes und weigerte sich, den Anordnungen des mit der Durchführung der Umschaltung beauf tragten Bauernführers Reichstagsabgeordneter Bredow nach zukommen. Bredow bezeichnete darauf das Verhalten des Grafen zu Dohna, der Landesführer des Stahlhelms ist, als Sabotage und ließ ihn in haft nehmen Deutsche Unternehmen fllchen ins Ausland Die Berliner Handelskammer erhebt sich in einem ihrer füngsten Berichte gegen die Flucht deutscher Unternehmen ins Ausland. Sie verlangt, daß den spezialisierten Ars beitern, die. fich ins Ausland begeben wollen, die Ausreises genehmigung versagt werde. Des weiteren follen die ande ländischen Annoncen, die diese Auswanderung fördern, vers boten werden. Seit einer gewissen Zeit schon hat man die eftftellung gemacht, daß die deutschen Spezialunternehmen ihren Sig immer mehr ins Ausland verlegen. Das ist ein Funktionärreffentiment. Wie weit es ben Stim Fiasko der deutschen Fettwirtschaft mungen der deutschen sozialdemokratischen Arbeiter entspricht, ist schwer zu überblicken, aber zweifellos ist ein starkes allgemeines Ressentiment gegen eine Führung von außer= halb vorhanden. Dies Reifentiment lenkt von der eigentlichen Problemstellung ab, es stört die Klärung der Frage, welche Taftif die deutsche Sozialdemokratie gegenüber dem System einschlagen soll. Schon find in bürgerlichen Kreisen Kräfte am Wert, die aus dem Ressentiment gegen die Führung von außen ein Sichabfinden der deutschen Sozialdemokratie, eine Abficht der positiven Opposition auf der Grundlage der Anerfennung des Systems herauslesen wollen! Ueber diese Dinge aber herrscht in der Front gegen Praa, die sich fest herausgebildet hat, nichts weniger als Einmütigkeit. Das beklagenswerte Ergebnis ist, daß Zwiespalt die Herausarbeitung einer fämpferischen Linie gegen das System der Despotie verhindert! Die Gefahr ist brennend, daß alte entscheidende Fehler wiederholt werden, daß mehr Wert auf Konservierung von Institutionen gelegt wird als auf die Sochspannung der Idee. Daß man wie zuvor außer acht läßt, daß gläubiges Massenvertrauen nicht durch bloßes Vorhandensein gewonnen wird, sondern durch Tätigtett. Daß man in der Politik, über der einen Vernunft der Zweck mäßigkeit die ungeheuer wichtigen Gesinnungswerte vergißt. Nachdem der Fettplan des Reichsernährungsministe riums sich nicht voll hat verwirklichen lassen, hat es der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages Dr. v. Renteln für notwendig erachtet, unter Führung des Deutschen Industrie- und Handelstages eine Erörterung zwischen berufenen Vertretern der an der Speisefettwirtschaft beteiligten Wirtschaftsgruppen herbeizuführen, nahmen zu beraten, die dem Mangel der gegenwärtigen Dr. ganisation der Fettwirtschaft abhelfen können. um MaßDer diplomatische Vorstoß Polens gegen Danzig Danzig, 19. Juni. Dem Senat ist der polnische Antrag beim Bölterbundstommissar, worin die polnische Regierung dagegen Stellung, nimmt, daß die Danziger Regierung Bers handlungen mit auswärtigen Staaten ohne Bere mittlung Volens geführt habe, nunmehr offiziell zur Rennis nis gebracht worden. Da die Ueberlegung des sehr umfangs reichen Schriftftüdes einige Seit in Anspruch nimmt, bat der Senat zu den polnischen Vorwürfen noch nicht Stel: Iung nehmen können. gegangen Dies Reſſentiment gegen die Führung von außen aber Danziger« Nationale Einigung" schon in die Brüche hat zugleich die Auseinanderseßungen um die Tastik vergiftet. In der Frankfurter Zeitung" vom 9. Juli erschien ein Aufsatz Politik aus dem Eril", der mit der Absicht der Diffamierung des im Ausland befindlichen Parteivorstandes auch eine Denunziation verbindet. Es heißt barin: Wenn aber die Abgeordneten darüber hinaus noch glauben, einen tatsächlichen oder gar moralischen Anspruch auf die Parteiführung zu haben, wenn sie glauben, die sozial demokratischen Arbeiter und Funktionäre hatten die Neigung, sich von Prag aus durch Herrn Wels, Herrn Stampfer, Herrn Vogel und die vielen anderen, deren Benennung wir uns sparen dürfen( schon weil wir ihren Anteil an jener Forderung im einzelnen nicht kennen) vorschreiben zu lassen, was sie in Deutschland tun und denken sollen, dann befinden sich die Exilierten in einem so traurigen Irrtum über die wahre Frage, daß wir uns für verpflichtet halten, sie darauf aufmerksam zu machen." Dieser Aufsatz ist in den Tagen erschienen, in denen der in Berlin befindliche Teil des Parteivorstandes wie die preußische Landtags- und Reichstagsfraktion ihre Beschlüsse gegen den Parteivorstand in Prag gefaßt und veröffentlicht gegen den Parteivorstand in Prag gefaßt und veröffentlicht haben. Er war nicht eine Folge dieser Beschlüsse, sondern Begleitmusik zu dem Stoß gegen den Parteivorstand in Prag. Mit diesen journalistischen Methoden wird ein vorhandenes Neffentiment bis zu Haß und Heße gesteigert! Das macht den Konflikt, dessen Lösung nun versucht werden muß, so überaus gefährlich! Si peitschen eine Frau Orgen sadistischer Blutgier Deulgarische Arzt Dr. Anghelinow schildert in elner tifelserie im Manchester Guardian" die gräßlich Folterungen in Berliner Naziferfern. Dr. Anghelino der seit zehn Jahren in Deutschland lebt und an verschieten Berliner Krantenanstalten als Assistent tätig war, we unter dem Verdacht verhaftet, daß er ein Mitglied deussischen Tscheka sei. Da jede politische Wirksamkeit in Abrede stellte, wurde solange mft Lederpeitschen und Stahlruteneschlagen, bis er die gestellten Fragen mit einem" beantwortete. Wenn er das Bewußtsein verlor, wurde gelabt und aufs neue unbarmherzig geprügelt. Ein Nazi, dals Kriminalfommissar" angesprochen wurde, bedrohte i mit Erschießung, wenn er nicht gestehe, ein fommunisti Verschwörer au sein. Ueberdies wollte man dem bulgari Teißen. Arzt die Namen seiner Mitverschwörer" entEin Frau nackt gepeitscht Dr.nghelinow erzählte von einer Kommunistin, die In die ifaserne eingeliefert wurde, weil sie einen zu den Nazi ülgegangenen Kommunisten Verräter und Lump genannttte. DFrau wurde von einem Dugend Brannhemden fplitterdt ausgezogen und mit Peitschen und Stahlruten bearbeitet, bis ihr Körper ein blutiger Klumpen Fleisch war. Ein junger Bursche wurde dabei betreten, wie er einen Handkoffer des kommunistischen Reichstagsabgeorbs neten Rippenberger zum Bahnhof trug. Der bulgarische Arzt lag eine Nacht neben dem Burschen auf dem Steins boden der Folterkammer und sagt, daß das Geficht bes jungen Mannes, von den Sieben mit der Stahlrute volls ständig zerfleischt, eine unkenntliche Maße war. Heil Hitler! mit der Stahlrute Als ein Häftling namens Schulze gebracht wurde, schreibt Dr. Anghelinow, stürzte sich die ganze Rotte von Hitler- Gardisten auf den Mann.„ Es war eine Szene, die ich nur als eine Orgie sadistischer Blutgier bezeichnen kann. Die Folterknechte schlugen besinnungslos auf den Gefangenen ein und schrien dabei wie besessen:„ Heil Hitler!" Nach dreitägigen grausamen Folterungen, benen seine Gattin zusehen mußte, wurde der bulgarische Arzt in das Spital in der Scharnhorststraße übergeführt, weil er dem Tode nahe war. Nachdem er drei Tage dort gelegen war, tam ein Zivilfommissar mit einer Hakenkreuzarmbinde und teilte Dr. Anghelinow mit, daß er frei sei, es habe sich kein strafbarer Tatbestand gegen ihn ergeben. Er brachte ihn im Auto in seine Wohnung. Dort fragte er, mit einem Blick auf das bejammernswerte Aeußere des Bulgaren, bedauernd: Sat man Sie geschlagen?" und als Dr. Anghelinow beiahte. meinte er: Ach, wie peinlich!" Die Deutschnationalen haben die unter Führung der Nationalsozialisten gebildete Einheitsregierung in Danzig bereits wieder verlassen und veröffentlichen darüber eine Erklärung, daß die Erfüllung der nationalsozialistischen Bedingungen mit der Würde und Ehre ihrer Partei nicht vereinbar seien und auf die Auflösung aller anderen als nationalsozialistischen Fronten hinausliefen. Trotzdem war das Zentrum würdelos genug, sich den Bedingungen zu beugen und von Gnaden der Nationalsozialisten in die Regierung einzutreten. Die verbotene Wahrheit Der preußische Innenminister hat den Behörden ein Ver zeichnis der für das Inland verbotenen ausländischen Drudschriften zur Kenntnis gebracht. Danach war am 1. Juni die Verbreitung von 254 ausländischen Zeitungen in Deutschland verboten. Die einzelnen Staaten sind mit folgenden Zahlen auf der Verbotsliste vertreten: Amerika 9, Argentinien 2, Belgien 7, Kanada 2, Dänemark 4, Danzig 3, England 5, Frankreich 81, Holland 9, Lettland 2, Litauen 1, Luxemburg 5, Desterreich 87, Polen 24, Rumänien 1, Saargebiet 4, Schweden 1, die Schweiz 26, Sowjetrußland 9, Spanien 2, die Tschechoslowakei 66. Wenn Lächerlichkelt töten würde Zu Beginn der Vorstellung eines nationalsozialistischen Films in Frankfurt, betitelt der SA.- Mann", ereignete sich ein bezeichnender Zwischenfall. Der Frankfurter Gruppenführer der SA. erklärte dem Publikum, daß die Reklameschilder für diesen Film von einem polnischen Maler hergestellt worden seien. Er fügte hinzu, daß sich der Besitzer bes Kinos geweigert habe, diese Plakate zu entfernen, und aus Protest gegen eine solche Haltung hätten die anwesen den SA.- Leute unverzüglich den Saal zu verlassen. Die Nazis gehorchten auf der Stelle und die Vorstellung wurde unterbrochen. SA. stürmt ein Pfarrhaus Der Pfarrer wird aus dem Orte verwiesen Die„ Landeszeitung" meldete gestern aus Winnwei. er: In der Nacht zum Sonntag wurde von ungefähr hundert Nationalsozialisten das katholische Pfarrhaus in 1emsweiler im Alfenatal geftürmt und demoliert, der Pfarrer verhaftet und nach Obermoschel gebracht. Der Grund zu diesem unerhörten Vorgeben besteht darin, daß der Pfar rer für die fonfeffionelle Schule gesammelt hat. Der Führer der dortigen SA., der für den Schutz des Pfarrers eingetreten ist, sab sich genötigt, auf seine eigenen Leute Schüsse abzugeben. Uns wird diese Meldung als richtig bestätigt. Weiter erfahren wir noch, daß im Pfarrhaus alles kura und klein geschlagen wurde. Der Schaden beträgt mehrere tausend Mart. Der Pfarrer selbst wurde in Schuzhaft" ge. nommen, dann aber wieder freigelaffen, aber aus dem Orte verwiesen. Räumung um jeden Preis in unserem großen Total- Ausverkauf wegen vollständiger Geschäftsaufgabe. 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Was für den äußeren Feind gilt, muß auch auf den inneren Feind angewandt werden. So kann der Richter, der den Mut hat zur freien Gesezesauslegung, schon jetzt den rechten Weg in der wichtigen Frage finden. Er wandelt dabei auch auf aitgermanischen Pfaden. Der innere Feind verfiel bei unseren Altvorderen der Acht und wurde ehrlos, rechtlos und friedlos, vogelfrei, jeder Volksgenosse fonnte ihn offen erschlagen, sofern er sich nicht auf geweihter Stätte befand. Die restlose Anstottung des inneren Feindes gehört zur Wiederherstellung der deutschen Ehre. An ihr kann der deutsche Strafrichter durch großzügige Auslegung des Str.-G.-B. teilnehmen. Bei der bevorstehenden Neuordnung des Strafrechts wird sicherlich auch die hier besprochene Frage gesetzlich geregelt werden. Das ist zu begrüßen, da damit mancherlei Ungewißheit beendigt wird und ängstliche Gemüter von der Pflicht zur weitherzigen Auslegung des Gefeßes entbunden werden." Dieses Bekenntnis zur Ausrottung, diese Warnung vor allzugroßer Aengstlichkeit gegenüber dem inneren Feind tommt nicht etwa von einem Standartenführer be SA. Ihr Autor ist der Landesgerichtspräsident Dr. Dietrich Hechingen, der für seine Betrachtungen in der Hitler- offiziösen„ Deutschen Juristen- Zeitung" Aufnahme gefunden hat. Hohe deutsche Richter, die die Bestialitäten der braunen Horden offen begünstigen, die die Martern an hilflosen das Menschen mit deutscher Ehre" in Einklang bringen Dritte Reich darf glücklich sein, solche Helfer im Namen der Gerechtigkeit zu besitzen. Das ist die Praris.. ,, Dann kann es Ihnen passieren..." Wen kann es noch wundern, wenn dieser Tage ein Staatsanwalt in Berlin- Moabit mit dem Zeugen eines politischen Prozesses in folgender Weise dialogifierte: Gehören Sie der KPD. an?" " Nein. Nur der Roten Jungfront." Staatsanwalt:„ Wenn Sie dabei bleiben, daß Sie nicht Beziehungen zur KVD. haben, kann es Ihnen passieren, daß Sie diesen Saal nicht mehr vers Iassen." Das ist beileibe kein Erpressungsversuch, sondem nur von„ dogmatischen Fesseln" befreite Gerechtigkeit. Es ist die Gerechtigkeit des Dritten Reichs". Es ist nicht charakterlos, in einer Zeitenwende bewußt und würdig neues Werden zu prüfen und zu bejahen, da wo es bejahenswert. Aber es ist charakterlos, die eigene Tradition a vers raten und zu beschmutzen. Es ist charakterlos, eine Gemeins schaft zu verlassen, die ich noch gestern bejaht, nur weil indere die Macht haben. Und auch das muß gesagt werden, es ist charakterlos, sich an der Diffamierung anderer zu beteiligen, nur weil sie schwach sind, oder weil man glaubt, der neuen Macht einen Gefallen zu tun. Jacob Kaiser, christlicher Gewerkschaftsführer. „ Selbstmord" aibsa nexO Zwei kommunistische führer zu Tode gequält Neulich wurde gemeldet, der frühere Vorsitzende der tommunistischen Landtagsfraktion Dressel habe sich im Ges fängnis zu München die Pulsader geöffnet und sei geforben. In Wirklichkeit ist Dressel von SA.- und SS.- Leuten im Ges fängnis zu Tode geprügelt worden. Er ist unter den vichischen Mißhandlungen der Pg. des Herrn Reichsnzlers gestorben. Einem führenden Funktionär der APD. in München namens Göz haben Pg. des Herrn Reichskanzles den Brustkaften eingetreten. Götz starb unter den Kommistiefeln der SA.- und SS.- Leute. Ein junger jüdischer Rechtsanwalt S. ist von g. des Herrn Reichstanzlers von hinten erschossen worden Man verweigerte seinen Eltern den Leichnam. Schließlich ab man ihn heraus, aber in einem verlöteten Zingsarg. Die Eltern durften den Leichnam ihres von Pg. des Herrn Reichshnzlers ermordeten Sohnes nicht mehr sehen. Der Grund kßt sich ahnen. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Piz; Inferate Hubert Jüttner, beide in Saarbrücken. Druck und Berlag. Boltsstimme" G. m. b. H., Saarbrücken, Schüßenikaße 5,