Preis: 60 i. cts. Danfare Fretheil Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands 5 t e t 450 Nummer 8-1. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 29. Juni 1933 Chefredakteur: M. Braun Herr Reichskanzler! Am 20. Juni erschien die erste Nummer der ,, Deutschen Freiheit". Schon am 19. Juni haben Sie der Reichspost die Beförderung verboten. So fürchten Sie eine einzige unabhängige Zeitung. Wir pfeifen auf Ihr Verb. Die„ ,, Deutsche Freiheit" geht ohne Reichspost über alle Grenzen Deutschlands. Freiheit! Leistet Hindenburg Widerstand? Das R'ngen zwischen den nationalsozialistischen Parteibonzen und dem Reichspräsidenten- Die Weigerung Hindenburgs, einen Nachfolger Hugenbergs zu ernennen- Das hochpolitische Kulissenspiel Berlin, den 28. Juni 1983.( Eig. Drahtber.) Vor einigen Tagen schon war in der ausländischen Presse gemeldet, daß Reichsminister Hugenberg seinen freis willigen Rücktritt angeboten habe. Diese Meldung war von nationalsozialistischer Seite lanciert. Sie traf damals nicht zu. Herr Hugenberg hat in einem persönlichen Bericht dem Reichspräsidenten lediglich Mitteilung gemacht von den Borstößen der preußischen Regierung und einiger anderer Länderregierungen gegen die Deutschnationale Partei, Ein Rücktrittsgesuch hatte er bis gestern nicht eingereicht. Das gegen hat Reichskanzler Hitler schon am 23. Juni durch ein Schreiben an den Reichspräsidenten die Entlassung Sugen berg gefordert. Dieses Verlangen hat Hindenburg, den man zur Sicherung vor der nationalsozialistischen Kampfzone nach feinem öftlichen Gut Neuded gebracht hat, klar abgelehnt. Er wies darauf hin, daß diese Entlassung den feierlichen Abmachungen vom 30. Januar widerspreche. Der Reichspräfi: dent erklärte ferner, er weigere sich, einen Nach folger für sugenberg zu ernennen, ganz gleich, wer auch immer dieser Nachfolger sei. Die Nationalsozialisten wollen als Nachfolger den Bauerns führer Darre zum preußischen Landwirtschaftsminister, den Landbundführer Willikens zum Reichsernährungs: Drittels seiner verfassungsmäßigen Mitglieder noch legitis minister und den Wirtschaftsberater der NSDAP., Kepp: ler, zum Reichswirtschaftsminister machen. Inzwischen soll Dr. Hugenberg tatsächlich sein Rücktritts= gesuch eingereicht saben. Es ist noch nicht klar, ob dieses Ge: such nun die volle Kapitulation der Schwarzweißroten vor dem Hakenkreuz und die Unterwerfung des Reichspräsidenten unter die Diktatur der nationalsozialistischen Parteibonzen bedeutet oder ob der Reichspräsident seine Weigerung, einen Nachfolger zu ernennen, aufrecht erhält. Bis vor weni: gen Stunden hat der Reichspräsident den Standpunkt eingenommen, daß das Ausscheiden auch nur eines einzigen Ministers aus dem derzeitigen Reichskabinett das Ermächti gungsgesetz für den jezigen Reichskanzler Hitler automatisch außer Kraft segen würde. Diese Erklärung ftützt der Reichs: präsident, wie er durch den Staatssekretär Meißner dem Reichskanzler mitteilen ließ, ausdrücklich auf die ihm vorgelegten Protokolle der Sigungen des Reichskabinetts. Staatssekretär Meißner fügte hinzu, daß der Reichspräsident ernste Zweifel hege, ob der Reichstag in seiner jetzigen zu sammensetzung und nach zwangsweiser Ausschaltung eines sammensehung und nach zwangsweiser Ausschaltung eines miert sei, ein neues Ermächtigungsgesetz zu beschließen. Der Reichskanzler Hitler war zum Nachgeben bereit. Er steht aber unter dem Druck seiner radikalen Freunde Göring und Göbbels, auf die ihrerseits wieder die raditale Massenstimmung wirft. Der Reichskanzler selbst be= fürchtet, daß ihn der Konflikt mit Hugenberg und die Spannung zwischen Hindenburg und den Nationalsozialisten zum Konflikt mit dem Großgrundbesig treibt. Auch wenn der Reichspräsident sich entschließt, den Rücktritt Hugenbergs zu genehmigen, ja selbst wenn er fich zwingen läßt, einen oder mehrere nationalsozialistische Nachfolger zu ernennen, bleibt der große Konflikt bestehen. Inzwischen ist durch die Selbstauflösung der deutschnationalen Front nach außen hin die Kapitulation der Schwarzs weißroten vollzogen. Die deutschnationalen Abgeordneten wollen als Hospitanten in die nationalsozialistische Fraktion eintreten. Das würde bedeuten, daß der Großgrundbesitz und die Schwerindustrie hoffen, innerhalb der Nationalsozialistis schen Partei besser ihre Interessen vertreten zu können, als von außen her durch Hugenberg und die Deutschnationalen. ,, Triumphzüge" mit Gefangenen Wehrlose werden dem nationalsozialistischen Mob ausgeliefert Vor einigen Tagen wurde die Verhaftung des hessischen fozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Dr. Mierendorff gemeldet. Nicht mitgeteilt wurde, wie die Verhaftung erfolgte. Mierendorff, der sich verborgen hielt, hat einen Brief an einen Freund geschrieben, um diesen in einem Kaffeehaus in Frankfurt zu treffen. Der Brief war unterseichnet Carlo". Die Polizei öffnete den Brief wie so viele andere und ließ das Kaffeehaus überwachen. Mierendorff wurde verhaftet. Da sich herausstellte, daß nichts gegen ihn vorlag, sollte er auf ausdrückliche Anordnung des national sozialistischen Polizeipräsidenten enthaftet werden. Die SS., die das erfuhr, drang mit einem Rollkommando in das Polizeipräsidium ein, entriß Mierendorff den Polizeibeamten, die ihn schüßen wollten, und entführten ihn nach Darmstadt. Schon auf dem Wege wurde er schwer mißhandelt. In Darmstadt schleppten ihn die SS.- Leute durch die Straßen, wobei sie die Menge aufheßten, mit Mierendorff abzurechnen". Die Folge war, daß der kriegsbeschädigte Mann durch einige Straßenzüge Spießruten laufen mußte. Er wurde geschlagen, mit Steinen beworfen und bespuckt. Sowohl der hessische Ministerpräsident als auch der Polizeipräsident von Darmstadt wurden von diesen Vorfällen sofort verständigt. Sie weigerten sich aber, gegen die unmenschlichen Vorfälle einzuschreiten. Arbeiter, die Mierendorff zu Hilfe eilen wollten, wurden von der SS. mißhandelt und mit dem Konzentrationslager bedroht. Mierendorff hat übrigens als junger Kriegsfreiwilliger im Felde von Wilhelm II. Allerhöchst selbst für hervorragende Tapferkeit das E. R. I, erhalten. Der frühere Oberpräsident Schlesiens, Lüdemann, wurde verhaftet und in Breslau öffentlich zur Schau gestellt. Er kam in die„ Behandlung" des berüchtigten Fememörders Heines, der jetzt Polizeipräsident von Breslau ist. Damit uns niemand der Uebertreibung beschuldigen kann, drucken wir einen Bericht aus dem rechtsnationalen Berliner„ Tag" ab. Diese wohl nicht anzuzweifelnde Darstellung zeigt, wie in Deutschland politische Gefangene behandelt werden. Der Tag" also schildert diese widerlichen Auftritte so: Herr Lüdemann marschiert Drahtbericht unseres Korrespondenten Breslau, 28. Juni. Die Einlieferung des in Berlin verhafteten früheren Oberpräsidenten der Provinz Niederschlesien, des Sozial: demokraten Lüdemann, in das Breslauer Konzentra: tionslager gestaltete sich zu einem ungewöhnlichen Schauspiel. Viele Taufende Breslauer bildeten Spalier und brachen in Berwünschungen aus, als Lüdemann vorbeis marschierte. Er mußte, seinen kleinen Koffer in der Hand, den Weg vom Polizeipräsidium zum Konzentrationslager in Begleitung von 10 SA.- Männern zu Fuß zurücklegen. Polizeipräsident, Obergauführer Heines, hielt bei Lüde manns Ankunft im Konzentrationslager vor den Insassen eine Ansprache, in der er das verbrecherische Treiben dieses fozialdemokratischen Bonzen schilderte und dann erklärte, Lüdemann werde demnächst in Begleitung von fünf SALenten nochmals durch das Oberpräsidium, seine frühere Wirkungsstätte, geführt werden. 10 Lagerinsassen, fleine von den Bonzen verführte Arbeiter, würden aus Anlaß der Einlieferung Lüdemanns sofort entlassen. Polizeipräsident Heines wies weiter darauf hin, daß Lüdemann, wie man genau wisse, noch vor kurzem in Berlin von seiner großen Pension, die er leider noch immer erhalte, geschlemmt hätte. Jetzt werde er wohl von seiner Pension für eine bessere Verpflegung der übrigen Lagerinsassen sorgen. Lüdemann antwortete darauf schnell: „ Ich kann nicht zuungunsten meiner Angehörigen über das Geld verfügen." Anschließend mußte Lüdemann sofort mit Erdarbeiten beginnen. sein ständiges Eintreten für die Arbeiter zum besonderen Vorwurf machten. Dem Maurer Steenberg wurde als Grund für seine Vers prügelung, als er seine dänische Staatsbürgerschaft hervors hob, eben sein Dänentum angegeben. Darüber erzählt Steenberg noch weiter:„ Am 16. April morgens 7 Uhr meldete ich mich bei dem Wachthabenden und bat, mit dem Kommandanten sprechen zu dürfen. Auf " Bist Du Däne" sagte der Wachtposten und schlug mich die Frage, was ich wollte, erklärte ich, daß ich Däne bin. mit aller Kraft mit einem Knüppel ins Gesicht. wobei er mich einen Schwindler nannte. Damit war das Gespräch" beendet. Aber nachmittags kam ein Inspizierender auf mich zu und fragte, ob ich es wäre, der behaupte, Däne zu sein. Als ich das bejahte, erklärte er,„ daß wollen wir untersuchen, Du Schwindler, das sage ich Dir!" Es folgten weitere Prügel, schließlich aber ge= lang es dem Maurer Steenberg doch, das zuständige dänische Konsulat zu verständigen und durch dessen Bemühungen wurde er befreit. Wenn so schon die„ nationale" Preffe über die Behandlung 1300 rebellierende SA.- Männer eines in den 50er Jahren stehenden Mannes durch junge Burschen berichtet, mag man sich erst die Wirklichkeit vorstellen. Däne im Konzentrationslager „ Geprügelt wurde täglich" Der Kopenhagener„ Social- Demokraten" vom 16. d. M. veröffentlicht den Bericht des 37jährigen Maurers Johan Steenberg über seine Erlebnisse in den Gefängnissen und Konzentrationslagern Hitler- Deutschlands. Steenberg ist im deutsch- dänischen Grenzgebiet zu Hause, er hat 7 Jahre in der deutschen Armee gedient, davon 4 Kriegsjahre und er ist dreimal erheblich verwundet worden. Er ist jedoch dänis scher Staatsbürger. Die Zahl der Lagerinsassen gibt Steenberg auf zirka 900 an, davon 30 Frauen. Unter den Gefangenen waren 180 Sozialdemokraten, die übrigen Juden oder Kommunisten, auch Mitglieder anderer Parteien, darunter Zentrumslente. Geprügelt wurden Gefangene täglich, das war geradezu schon eine offizielle Einrichtung. Die Lagerwachen unterzogen sich mit wahrer Leidenschaft dem schändlichen Wert, die wehrlosen Gefangenen beftialisch zu mißhandeln. Jeder kam schließlich einmal dran. Zu den Opfern gehörte auch der bekannte sozialdemokratische Rechtsanwalt Frant aus Dortmund, dem diese Sozialisten" Hannover, 27. Juni.( Eig. Ber.) Ende der vergangenen Woche ist das Konzentrationslager bei Wilsede in der Lüneburger Heide, das mit rund zweitausend Kommunisten und Sozialdemokraten belegt war, plößlich geräumt worden. Die Insassen wurden zum geringen Teil entlassen, zum größeren Teil auf andere Konzentrationslager verteilt. Das Lager in Wilsede, dessen Bewachung einem starken Kommando der SS. unterstellt worden ist, wurde gestern neu belegt und awar bezeichnenderweise mit dreizehnhundert SA- Leuten, die wegen Rebellion ausgeschlossen worden sind und von denen einige noch immer die Parteikleidung der Hitlerpartei tragen. Der Zutritt zum Lager ist im weiten Umkreise abge sperrt. Und wann wird Hugenberg eingeliefert? = * Am Donnerstag, dem 15. Juni, kam es in Dresden zu einer schweren SA. Revolte. In einer Versammlung der SA: kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen der SA. und ihren Führern. Als es den Führern der SA. nicht gelang, die Ruhe herzustellen, griff die SS. ein und setzte die rebellierenden SA.- Leute feft. 100-150 SA.- Leuten wurde die Uniform abgenommen und die„ Meuterer" wurden ins Konzentrationslager Hohenstein gebrachy t ce 1: Der„, deutsche Gott" und Frankreich Stimmen aus Paris Neue Religionskriege? Paris, 27. Junt. Im heutigen Matin" schreibt Louis Forest über die neuen Wege des Pangermanis. mu8": „ Wenn Herr Hitler gegen die Katholiken nicht ebenso brutal vorgeht, als gegen die Juden, dann nur deshalb, weil er selbst katholisch ist und weil es sehr viele Katholiken unter seinen Anhängern gibt. Aber die innere Entwaffnung" der Katholiken hat begonnen: wir stehen am Anfang neuer Religionskriege! Der Kanzler Dollfuß hat diese Tatsache klar erkannt. Angesichts eines Deutschlands, das einen Gott für sich allein haben will, das keinen anderen Gott duldet, als den alten deutschen Gott, erklärt sich Herr Dollfuß zum Vorkämpfer und zum Verteidiger des Katholizismus. Herr Dollfuß hanbelt so, er muß so handeln, weil er das Problem in seiner ganzen Tiefe bligartig erkannt und durchschaut hat." Dr. Kern: Die Außenpolitik der Nazis Das Journal des Debat 8" schreibt in seiner heutigen Ausgabe unter anderem: " Die blutigen Grausamkeiten, die im Deutschland Hitlers üblich geworden sind, zwingen ganz Europa zu höchster Aufmerksamkeit, denn sie enthüllen auch die außenpolitischen Pläne und die außenpolitischen Methoden der Nationalsozialisten. Das Programm Hitlers besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil besteht aus Judenverfolgungen, aus der Unterdrückung der Kathniken und der Sozialisten, aus der Auflösung der Hugenberg'schen Wehrverbände, aus der Verhaftung des Herrn Loebe; dieser erste Teil ist revolutionär. Der zweite Teil des Programms aber ist imperialistisch im höchsten und gefährlichsten Umfange; er ist gekennzeichnet durch die Aktionen der Nationalsozialisten in Desterreich, in der Tschechoslowakei, in Flandern, in Holland, in Dänemark, in Skandinavien, im Baltikum, in der Schweiz, in Luxem burg. Dieser zweite Teil ist pangermanistisch. Und hiergegen muß sich Europa mit allen Mitteln zur Wehr sehen!" Hochstapler, die Herren der Wirtschaft Juxusstraßen für reiche Autobesitzer Herrschaft ber Ranaille das ist politisch die Diktatur der Nationalsozialisten. Sie haben von Anfang an die elendsten Instinkte der Grausamkeit und des Neides wachgerufen, sie haben zum Rassenhaß, zur Bestialität aufgepeitscht und sie haben Erfolg gehabt. Sie haben den Staat zur Beute genommen und hausen wie die Hunnen im Feindesland. Nichts Hassenswerteres gibt es als die nationalsozialistische Diktatur und vielleicht nur etwas noch Verächtlicheres: die Helfershelfer, die Hindenburg und Neurath und Krosigk und Sch a cht, die hohen Beamten, die protestantischen Geistlichen, die Professoren, die cinst liberalen Schriftsteller und Journalisten, die den Verbrechern die Mauer machen Wirtschaftlich aber ist die Diftatur die Herrschaft von unwissenden und billetantischen Gauklern. Ihre Handelspolitik wirft die deutschen Exportarbeiter aus der Arbeit und schafft für mindestens drei Millionen dauernde Arbeitslosigkeit. Ihre Agrarpolitik produziert die dauernde Unterernährung der arbeitenden Massen. Ihre Finanzpolitik ruiniert vollends die Gemeinden und gefährdet immer mehr die Auszahlung der färglichen Unterstützung. Aber Tollheit ist es, was sie mit dem Arbeitsbeschaffungsprogramm treiben. Ein Kernstück dieses Programms wird uns eben verkündet. Die öffentlichen Körperfchaften Deutschlands haben ein Defizit von vier Milliarden. Täglich vermehrt sich der Fehlbetrag. Troß der gefälschten Statistik bleibt die Arbeitslosigkeit furchtbar. Wofür in teressiert sich Herr Hitler? Die offizielle Antwort lautet: Der Kanzler hat von Anfang an allen Fragen des Kraftverkehrs besonderes Interesse entgegen gebracht, offenbar in der Erkenntnis, daß hier ein weites und bisher in Deutschland fast brachliegendes Betätigungsfeld gegeben ist." Einmal eine offizielle Erklärung, die feine Lüge ist! Die neuen Emporkömmlinge sind in das Auto ganz verliebt. Buerst haben sie den Glücklichen, die neue Wagen kaufen können, Steuerfreiheit gegeben. Da die alten Wagen durch das Privileg für die neuen unverkäuflich wurden, wurden ihre Besitzer neidisch. Man beruhigte sie durch die Erlaubnis, ihre Steuer mit einem geringen Betrage ein für allemal abzulösen. So hat man den Ertrag der Automobilsteuer, aus benen die Länder und Gemeinden die Straßen und Wege erhalten, für die fünftigen Jahre außerordentlich vermin bert, die öffentlichen Finanzen noch mehr gefährdet. Damit ist aber die Leidenschaft für das Auto nicht erschöpft. Herr Hitler hat offenbar an den gewöhnlichen Straßen, die von jedermann benutzt werden können, feinen Gefallen. Das Autofahren wird erst dann zur höchsten Luft, wenn man auf eigenst gebauten breiten Chansfeen, die für die gewöhnlichen Sterblichen und ihre Fuhrwerke abgesperrt find, ungehindert dahinrasen fann. Die Idee cines Emporkömmlings Und wozu hat man die uneingeschränkte und unkontrollierte Verfügung über die Steuergelder? In diesem bankrotten Deutschland, in dem kein Gemeindevorsteher mehr weiß, wie er die Lieferanten bezahlen und die Unterstüßung leisten soll, in diesem Deutschland, das die Zinsen an seine aus wärtigen Gläubiger nicht mehr bezahlt, sollen jetzt Luxusstraßen für die kleine Schar reicher Automobils besitzer geschaffen werden. Zwei bis drei horizontale und ebensoviele vertikale Linien, außerdem eine diagonale Strecke von Nord- Westen nach SüdOsten sollen durch ganz Deutschland gelegt werden. Die Stra= ßen sollen grundsäßlich in einer Breite von 30 Metern mit einem breiten Zwischenstreifen angelegt werden. Eine eigene Organisation wird dafür geschaffen. Ein Generalinspektor wird eingesetzt, der über die Linienführung entscheiden wird natüru diktatorisch, Länder und Gemeinden haben da nichts dreinzureden. Für die Benütung wird eine Gebühr erhoben. Aber die Schamlosen machen nicht einmal ein Hehl daraus, daß diese Gebühr nur einen kleinen Teil der Kosten decken wird. Das Vergüngen der Automobilfahrer sollen für alle Zeiten die Steuerzahler bezahlen. Die Straßen selbst aber werden natürlich mittelt der Notenpresse finanziert, es gibt ja teine andere Möglichkeit. Diese groteste Vergeudung öffentlicher Gelder wird begleitet von einer marktschreierischen Reklame, wie sie sich sonst nur die Gaukler vor ihren Jahrmarktsbuden leisten. Das Geschrei findet sich in dem offiziellen Bericht über die Kabinettssigung. Nachdem verkündet wird, daß der Plan auf die persönliche Initiative des Reichskanalers zurückzuführen ist, heißt es: „ Es wird zur Durchführung des heute beschloffenen Ges feges in Deutschland ein Autostraßennet errichtet werden, wie es bisher in der Welt nicht existiert. In diesem großzügigen Plan kommt der Glaube an die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands und an eine gewaltige Entwicklung des Kraftwagen= verkehrs fichtbar zum Ausdruck. Die geplanten Auto= bahnen, mit deren Bau unverzüglich begonnen werden soll, werden der deutschen Verkehrswirtschaft gewaltige Impulse und der deutschen Landschaft ein völlig neues Bild gegeben. Sie werden das kraftvolle Sinn= bild des politischen Zeitalters für spätere Ge nerationen sein, das mit der Regierung Hitler begon= nen hat." Die Prahlerei bleibt hinter der Frivolität nicht zurück. Es ist das Gehaben von Hoch staplern und Schwindlern, die die deutsche Wirtschaft in Grund und Boden ruintern. Wie lange wird das deutsche Volk die Schande dieser Herrschaft ertragen? Juden haben kein Lebensrecht Kein Platz für sie in der deutschen Arbeitsfront vdz. Berlin, 27. Juni. Wie das VDZ.- Büro meldet, hat es in Kreisen der Deutschen Arbeitsfront unliebsames Aufsehen erregt, daß das Presseorgan des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Aufruf veröffentlichte, der unter der Ueberschrift" Bleibt in den Berufsverbänden" die jüdischen Arbeitnehmer, besonders die Angestellten, aufforderte, sich als Mitglieder den neuen berufsständischen Organisationen anzuschließen. In unterrichteten Kreifen wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß jüdische Arbeitnehmer von allen Organisationen der Nationalsozialisten, also auch von den Verbänden der Deutschen Arbeitsfront, ein für allemal ansgeschloffen bleiben. Wenn einige Angestelltenverbände den jüdischen Mitgliedern Das bedeutet die Entrechtung der Juden auch an ihren Arbeitspläßen. Mit dem Ausschluß aus der Deutschen Arbeitsfront gehen ihnen, wie Ley aynisch verkündet, selbstverständlich alle Vorteile und Garantien verloren, auf die sie als Zugehörige zu einem Verband Anspruch hätten. Man gestattet ihnen gnädigst eine eigene Organisation. Hier können die Juden sich unterhalten, Skat und Klavier spielen -zu sagen haben sie nicht das geringste. Diese Rasse- Arter erreichen auf diese Weise ihr Ziel: den Juden jeden Wettbewerb nach dem Hitlerschen Leistungsprinzip" unmöglich zu machen. erſt nahegelegt hätten, freiwillig auszuscheiden, so wolle bas Aufstrahlende Sonne nichts besagen für die kommenden Statuten der neun Fachverbände, in der Angestelltensäule. Diese Statuten würden vielmehr ebenso wie die der anderen Gliederungen der Deutschen Arbeitsfront den Arierparagraphen enthalten. Man fann annehmen, daß die maßgebenden Kreise sich auch schon mit der Frage der organisatorischen Zusammenfassung der jüdischen Arbeitnehmer in Deutschland beschäftigt haben. Einer der Gedanken, die in diesem Zusammenhang auftauchten, geht dahin, sämtliche füdischen Arbeitnehmer beider Geschlechter und aller Berufsgruppen zusammen mit den übrigen jüdischen Mitgliedern der verschiedenen Berufe in zufaffen, dem allerdings im wesentlichen nur gesellschaftliche Bedeutung zukommen würde, und der an die Deutsche Arheitsfront nicht angegliedert werden könnte. Dagegen steht der Organisationsplan für die Deutsche Arbeitsfront bei den deutschen Trägern des Wirtschaftslebens eine sehr genaue Unterscheidung nach einzelnen Berufen und auch nach den Geschlechtern vor. Der NS.- Wirtschaftsbund gibt bekannt:„ Die Schilder Deutsches Geschäft" werden nur an arische Firmen verliehen... Die Schilder sind unter Glas mit Metallrahmen und stellen das Symbol des neuen Deutschland dar: Eine aufgehende strahlende Sonne mit Hakenkreuz, davor als Hüter ein sibender schwarzer Adler, darunter„ Deutsches Hüter ein sigender schwarzer Adler, darunter Deutsches Geschäft". einen Gesamtverband der jüdischen Beschäftigten zufammen: Sehr aufschlußreich Aus Hans Wendts Referat über den Film„ SA.- Mann Film ,, SA.- Mann Brand":„ Es ist sehr aufschlußreich, daß der Hauswirt Huber, der seinen Nationalsozialismus bis zum Siege der Bewegung im Nachttischkasten verbirgt und erst nach dem 5. März die Hakenkreuz flagge zeigt, den lebhaftesten Beifall des Publi fums davonträgt."( Deutsche Allgemeine Zeitung", Berlin.) Gleichschaltung Im auswärtigen Dienst London, den 28. Juni( Eig. Bericht.) Der Botschaftsrat Graf Bernstorff ist von Hitler abgerufen worden und wird durch einen Nazispizel ersetzt werden, der den deutschen Botschafter von Hoesch, der keineswegs als gleichgeschaltet gilt, zu beobachten und unschädlich zu machen haben wird. Bernstorff erfrente sich einer großen Beliebtheit in engs lischen Kreisen und war einer der angesehensten deutschen Diplomaten in London. Mit seiner Abberufung scheint die allmähliche Gleichschals tung des answärtigen Dienstes Hitler- Deutschlandes zu bes ginnen. Noch kann man dabei nicht ganz auf Leute vom Rufe eines Hoesch verzichten. Aber man seht ihnen Nazikommissare auf die Nase. Bekanntlich waren das deutsche Auswärtige Amt und die Reichswehr die beiden letzten Domänen der alten preußischen Herrenschicht und bisher von einer Gleichschaltung durch die Nazioten weniger berührt worden. Herr von Papen ist in Rom eingetroffen. Verbot! Die„ Saarbrücker Zeitung" für 1 Woche Die Regierungskommission im Saargebiet gibt bekannt: Verfügung Auf Grund des§ 6 Abs. 2 und 3 der Verordnung vom 18. Juni 1923 betr. Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit im Saargebiet wird in Erwägung, daß die„ Saarbrüder Zeitung" vom 25. Juni 1933 Nr. 169 unter der Ueberschrift:„ Die Saarkundgebung auf dem Niederwald" einen Artikel enthält, welcher durch den Sag: " Die jüngsten Maßnahmen der Saarregierung gegen die Vereins, Meinungs- und Koalitionsfreiheit der Bevölkes rung find aber von so eindeutiger Tendenz zugunsten der franzöfifchen Propagandapolitik gehalten, daß mit allen Mitteln gegen die Beeinträchtigung der Willensfreiheit der Saarbevölkerung Einspruch erhoben werden muß", den Tats bestand der Willensfreiheit der Saarbevölkerung Einspruch erhoben werden muß", den Tatbestand des§ 3 Abs. 2 Ziffer 1 der Verordnung vom 18. Juni 1923 erfüllt, folgendes vers fügt: Artikel 1. Die Veröffentlichung, der Verkauf und die Verteilung der Tageszeitung„ Saarbrücker Zeitung" und jeder angeblich neuen Druckschrift, die sich fachlich als die alte darstellt, wird mit sofortiger Wirkung im Saargebiet auf die Dauer von einer Woche verboten. Die« Merziger Volkszeitung" ein Zentrumsblatt, wurde ebenfalls für acht Tage vrboten. Neuestes Der frühere deutschnationale preußische Landtags und Reichstagsabgeordnete Dr. Eduard Stadtler, der vor furzem der NSDAP, beigetreten ist, wird, wie verlautet, vom 1. Juli ds. Jrs. ab an maßgebender Stelle als polis tischer Leiter der Ullsteinschen Zeitungsbetriebe tätig sein. * Die nationalsozialistischen Funkwarte besetzten heute die Geschäftsstelle des Deutschen Funktechnischen Ver= bandes e. V. und die Geschäftsstellen der Mitgliedsvereine und Landesverbände. Die Verbände sind in der Umbildung begriffen. Die Aktion fand im ganzen Reiche statt und ist darauf zurückzuführen, daß angeblich eine Zusammenarbeit zwischen dem von den Funkwarten aufgelösten Sozialdemokratischen Arbeiter- Radio- Bund und dem Deutschen Funktechnischen Verband bestanden habe. Unter Verdacht des Hochverrats wurden die sechs vers hafteten früheren nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten von Niederösterreich ans bem Polizeigefangenenhaus in die Haft des Landgerichtes übergeführt. Aus dem Verein Berliner Preffe wurden ausgeschlossen: Theodor Wolff, ehemaliger Chefredaks teur des Berliner Tageblattes", Hermann Zucker, ehes maliger Chefredakteur des„ Acht- Uhr- Abendblattes", Fried rich Stampfer, ehemaliger Chefredakteur des„ Vorwärts" ( zur Zeit Prag), Mar Cohen- Reuß, führendes Mitglied der Liga für Menschenrechte, Dr. Alfons Goldschmidt( zur Zeit Mostan). Die Ausgeschlossenen würden das Ansehen des Bereins durch ihre Mitgliedschaft in der gröblichsten Weise verlegen. Wie der Zeitungsdienst erfährt, wird die Tageszeitung „ Der Deutsch e" ab 1. Juli als Zentralblatt der Deutschen Arbeitsfront unter der Herausgeberschaft des Führers ber Deutschen Arbeitsfront Dr. R. Ley erscheinen. * Auf Grund eines Saftbefehls der Staatsanwaltschaft Aurich ist der Generaldirektor der Thüringer AG. für Gas und Elektrizität, Westphal, verhaftet worden. Westphal wurde ins Wilhelmshavener Amtsgerichtsgefängnis übers geführt. Das Reichsministerium des Innern gibt folgendes be kannt: In der letzten Zeit haben die Straßensamm Iungen, deren Ertrag zu politischen Zweden oder zur Verwendung durch politische Organisationen bestimmt ist, vielfach zu Unzuträglichkeiten geführt, gegen die mir ein Eins schreiten im Jutereffe der öffentlichen Sicherheit und Ords nung notwendig und wünschenswert erscheint. Ich gestatte mir daher die Anregung, derartige Sammlungen von Haus zu Haus, auf Straßen oder Plägen, in Gaft: oder Vers gnügungsstätten oder an anderen öffentlichen Orten alls gemein zu verbieten. Genau wie Göbbels Geiseln sollen aufgehängt werden „ Was aber Stampferleben" und seinen neuen„ Vors wärts" angeht: Da sollte man für jeden Hezartikel, der im Ausland losgelassen wird, einen der SPD.- Funktionäre, die sich noch in Schughaft befinden oder sonst greifbar sind. einfach aufhängen." Fränkische Tageszeitung in Nürnberg, Herausgeber Julius Streicher, Beauftragter des Reichskanzlers für den Judenboykott, t e t e at r 6: e r t r ts h 1 1993 e t. r t, g e e g it it t= 8 28 It ts es d= 3" er it 28 je tg ent er aft 8 al t= es tr ft, Its -ds te t8 ers lls im re, d. Wird van der Lübbe ermordet? Die Angst vor dem öffentlichen Prozeß Der diplomatische Korrespondent des Daily Herald" schreibt: Die Nazis beabsichtigen, ihre politischen Gefangenen zu ermorden! Sie haben fünf Leute eingekerfert, gegen die fie die voreilige Anklage erheben, den Brand des Reichstagsgebäudes angestiftet zu haben. Einer von ihnen ist der Holländer van der Lübbe, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Naziagent, ein anderer der deutsche Kommunistenführer Ernst Torgler. Die übrigen drei, Popoff, Dimitroff und Taneff, find Bulgaren. Aber die Nazis haben Angst, es auf einen öffentlichen Prozeß ankommen zu laffen. Sie befürchten, daß in den Verhandlungen die Angeklagten ihre Unschuld am Reichstags= brand beweisen könnten. Anderseits fürchten sie die Enthüllung, daß die Nazt selbst den Reichstag in Brand gesteckt haben. Göbbels verbietet die Veröffentlichung dieser Briefe Deshalb ist der Plan ausgeheckt worden, an den fünf Gefangenen göttliche Gerechtigkeit" vollstrecken zu lassen, noch ehe sie vor Gericht kommen. Göttliche Gerechtigkeit ist die Naziphrase für politischen Mord. Den Braunhemden von den Sturmabteilungen soll Ges legenheit gegeben werden, sich der Gefangenen zu bemächs tigen und an ihnen Lynchiustiz zu üben. Nachher wird die Reichsregierung vor der Welt erklären, daß eine„ beklagenswerte Ausschreitung" vorgefallen sei. Die Urteilsvollstrecker aber werden, wie die Mörder Rathenaus, als Nationalhelden gelten. Dies ist die Verschwörung. Sie wird in die Tat umgesetzt werden, es sei denn, daß die Veröffentlichung es verhindert. Das läßt tief blicken! fein persönliches Verhalten eine Zusammenarbeit des Be rufsstandes mit seinem Ministerium unmöglich mache und fordert ihn auf, zurüdzutreten. Am 21. Juni antwortet Staatssekretär von Rohr, indem er den Ton des Briefes des Reichslandbundpräsidenten übersieht. Er bemerkt in seinem Antwortschreiben, daß im allgemeinen der im Unrecht sei, der sich eines solchen Tones bediene. Es heißt dann weiter: Sie erheben Vorwürfe gegen mich wegen meiner Aufs faffung über die ständische Ordnung. Sie sagen jedoch nicht, was Sie nun eigentlich beanstanden. Eine Aussprache aber über den ständischen Aufbau ist von Ihnen in der lezten Bundesvorstandssigung abgelehnt worden." An einer anderen Stelle dieses Briefes heißt es dann: " Der übrige Inhalt Ihres Briefes bedeutet praktisch: Sie lehnen es ab, das Amt der Präsis denten des Reichslandbundes zu einem Ehrenamt- lediglich gegen Erstattung der Unkosten- zu gestalten und wollen den früher von mir schon unter Minister Schiele und Graf Kaldreuth bekämpften Zustand einer mit der Not der Landwirtschaft in keinem Verhältnis stehenden Bezahlung aufrechterhalten. Aehnliches gilt für die Aufrechterhaltung der Direktorens gehälter. Sie gehen einer sachlichen Auss prache über das, was für die Landwirts fchaft zu geschehen hat, aus dem Wege, ob wohl Sie m. E. als Präsident des Reichslandbundes vers pflichtet find, zumindest in den Bundesvorstandssigungen eine solche fachliche Aussprache herbeizuführen." Unter Hinweis darauf, daß die Organisationen der Landwirtschaft einen wesentlichen Anteil an den bisherigen Ermit dem Tage des Amtsantritts Meinbergs der Reichslandbund aus der Mitarbeit ausgeschieden sei. Kampf um Gehälter und ,, Ehrenämter" mit Hintergründen folgen hätten, stellt Staatssekretär von Rohr weiter feit, daß Berlin, 28. Juni( Eig. Ber.) Wir sind in der Lage, nachstehend einen hochinteressanten Briefwechsel aus der„ nationalen Front" bekanntzugeben, dessen Publi. zierung durch den Reichspropaganda. minister Nazi- Goebbels, den deutschen 3eitungen ausdrücklich untersagt wur de. Es handelt sich um die Diskussion zwischen dem deutschnationalen Staatssekretär des Reichsministe riums für Ernährung und Landwirtschaft, Herrn von Rohr, und dem Präsidenten des Reichslandbundes, Nazi- Meinberg. Dieser Briefwechsel ist nicht nur ein 3eugnis für den erbitte. ten Kampf zwischen Deutschnationalen und Nazioten, sondern auch ein für die Nationalsozialisten außerordentlich kompromittierendes Dokument! Der Kampf gegen den Reichswirtschaftsminister Dr. Hugenberg wird zur Zeit mit voller Wucht geführt. Dabei wird nicht nur der Chef der Deutschnationalen heftig berannt, sondern auch seine Trabanten stehen im Feuer. Am 30. Mai fchrieb Staatssekretär von Rohr an den Nazi- Präsidenten Meinberg einen Brief, in dem er eine Seutung der Gehälter beim Reichs: landbund, insbesondere der Gehälter der Direttoren Nazis Kriegsheim und Nazis von Sybel fordert. Ferner fegte er sich in diesem Schreiben dafür ein, daß die Tätigkeit der Nazis Präsidenten ehrenamtlich sei und daß die Herren, die Abgeordnete feien, anßer der freien Wohnung keine Vergütung erhielten, die anderen Herren außer der freien Wohnung lediglich ein Tagegeld für die Tage, an denen sie für den Reichslandbund tätig jeien. Für den geschäftsführenden Präsidenten hielt er Ges famtbezüge von 12 000 Mart einschließlich etwaiger Abgeordnetendiäten für ausreichend. Herr von Rohr wies zum Schluß dann noch darauf hin, daß er noch nie vom Landbund in Pommern außer ersehbarer Unkosten einen Pfennig genommen habe. Am 14. Juni ließ Herr von Rohr Meinberg ein weiteres Schreiben zugehen, in dem er eine von Meinberg in der mir ihre für mich unmaßgebliche Meinung brieflich zu unterbreiten. Auf Ihre ersten beiden Briefe vom 26. und 30. Mai überhaupt einzugehen, lehne ich ab." Meinberg teilt dann die Quelle mit, aus der ihm die Mitteilung über die betreffende Sigung geworden sei, und erklärt von Rohr, daß er es ablehnen müsse, von ihm gute Ratschläge über die Geschäftsführung entgegenzunehmen, da ron Rohr durch sein Verhalten bei der Behandlung von standespolitischen Fragen jeden Anspruch verwirkt habe, als Vertrauensmann des deutschen Bauerntums zu gelten. Zum Schluß teilt Meinberg Staatssekretär von Rohr mit, daß Nehme man noch hinzu, daß der inzwischen als ge= meine und unwahre Denunziation erwiesene Angriff auf ihn, von Nohr, wegen der Osthilfe gleichfalls Meinbergs Mitwirkung gefunden habe, so sei der innere Wert von Meinbergs Forderung, den Posten als Staatssekretär zu räumen, genügend offengelegt. Das Schreiben schließt mit der nochmaligen Aufforderung, die Arbeit des Reichslandbundes der Reichsregierung und damit dem Reichsminister Dr. Hugenberg und ihm, die das kanzlers ausübten, rückhaltlos zur Verfügung zu stellen. Amt im Auftrage des Reichspräsidenten und des ReichsSchade, daß dieser interessante Briefwechsel der deutschen Oeffentlichkeit vorenthalten wird. Uns interessiert hieran nicht so sehr der zwischen den nationalen Roalitionspartnern und ehemaligen Harzburger Freunden herr. schende Ton, als vielmehr die amtlicherseits erfolgte Feststellung der Futterkrippen. wirtschaft und einer heillosen Ratlosigkeit unter den neuen Führern der deutschen Bauern, denen sie den Himmel auf Erden versprochen haben. Vielleicht möchten sie ihn auch wirklich herunterholen- aber sie wissen einstweilen noch nicht: Wie! Die deutschen Bauern werden also wohl oder übel noch ein wenig warten müssen. Die Ehestandsdarlehen Auch die Heiraten werden politisiert In den Durchführungsbestimmungen für die Ehe standsdarlehen heißt es u. a.: b) wenn einer der beiden Ehegatten nicht im Besitze der bürgerlichen Ehrenrechte ist, c) wenn nach der politischen Einstellung eines der beiben Ehegatten anzunehmen ist, daß er sich nicht jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat einsetzt, d) wenn einer der beiden Ehegatten an vererblichen geistigen oder körperlichen Gebrechen leidet, die feine Verheiratung nicht als im Interesse der Voltsgemeins schaft liegend erscheinen lassen. Das heißt, die Behörden können die Ehestands. barlehen jedem Baar verweigern, das ihnen politisch irgendwie nicht paßt. Pommerschen Zeitung" gemachte Mitteilung, daß fich vor Betriebsrat verhaftet der letzten Versammlung des Reichslandbundvorstandes ein gewisser nationaler Kreis versammelt und die Auffassung vertreten habe, der Vorsitzende des Landbundes müsse ein Großbefizer sein, als vollkommen unwahr bezeichnet, sowie Meinberg bittet, seine Angabe zu widerrufen. Ferner murde Meinberg in diesem Schreiben gebeten, da er dauernd Reden gegen Hugenbergs Arbeit halte und in einer Bundesvorstandssitung jede Möglichkeit. über das zu sprechen, was der Landwirtschaft an landwirtschaftlicher Gesetzgebung nottue, unterbunden habe, eine sachliche Aussprache herbeizuführen. Darauf ging vom Reichslandbundpräsidenten Meinberg am 15. Juni folgende Antwort ab: Sie haben seit meinem Amtsantritt als geschäftsführens der Präsident des Reichslandbundes die Liebenswürdigkeit, Helmkehr des Globetrotters Gleich nach dem Umsturz verließ Otto das„ Elternhaus". Das war die große schöne Wohnung auf dem Landstraßer Ring, wo seine Mutter nun ganz allein verblieb. In den Karpathengräbern lag der Vater. Es wäre geheuchelt und gelogen, wollte jemand ernstlich behaupten, der Siebzehnjährige hätte sich darüber Gedanken gemacht, was nun werden solle. Die Mutter sprach da was von Zimmervermieten wollen -und sie sprach das in ihrer unentschlossenen Art. Sie war eine ältere Frau, merkwürdig rasch verblüht, obwohl ihre wirtschaftlichen Verhältnisse hundertfach unterboten werden fonnten. Eines Tages war der Junge weg. Und nach einem halben Jahre fam eine Karte aus- Abessinien. Frau Anheuser gewöhnte fich allmählich daran, aus allen Weltteilen Postkarten zu erhalten, die Zeit verging, und auch sie schrieb nur ganz kurz und nicht im entferntesten daran denkend, diesen Sohn einmal zu bitten, nach Hause zu tommen. Als Otto dreißig Jahre alt wurde, beschloß er doch, heimzureisen. Zumal da die Zeiten schlecht waren und auch die unterschiedlichen Posten, die er so periodenweise innegehabt hatte, sehr rar wurden. Er sah ganz nach„ Vorschrift" aus, hochgewachsen, braungebrannt und etwas auffallend gekleidet. Er hatte auch richtig mit ein paar Maharadschas Elefanten geiagt, er hatte sich einem Weltflieger einen Ozeanflug mitgemacht, er hatte sich Karawanen angeschlossen und war mit Nordlandsfischern auf Walfang gewesen. Er hatte Menschen kennengelernt, in all ihrer Güte und Noblesse, er konnte ihre Bosheit verspüren und sah hinter glatten Gesichtern Heimtüde und Gier. Frauen aller Raffen und Wesensart, Frauen aller Schichten hatte er zu lieben vermeint. Keine aber vermochte es, ihn lange an sich zu fesseln. Jetzt war er froh darüber wiewohl er sich irgendwie schämte, so arm und„ einschichtig" vor die Mutter treten zu müssen. Ja, die Mutter. Ach, Otto machte sich keinesfalls lesebuchhafte Vorstellungen von der Heimkehr und dem„ Mütterlein, das traulich strickend im Erker saß". Gott nein, die Mutter hatte ihm ja vor einigen Monaten etwas ausführlicher als Weil er Lohndifferenzen hatte Gummersbach, im Juni. Die Belegschaft eines Textils betriebes im benachbarten Bede hatte Lohndifferenzen mit ihrem Arbeitgeber. Ehe der Kreisleiter der NSBO. feine Entscheidung getroffen hatte, setzte der Betriebsrat den Bes trieb eigenmächtig still und berief eine Belegschaftsversamm lung, in der zum Streit aufgefordert wurde. Daraufhin nahm der Kreisleiter der NSBO. Gummersbach den gesamten Betriebsrat in Schuhhaft. Die Berantwortlichen werden dem Schnellrichter vorgeführt werden. sonst geschrieben: Ich führe jetzt einen Mittagstisch für Herrschaften, lauter bessere Leute, es ist eine gut bürgerliche Küche mit einem Stich ins Gourmandhafte." Otto lächelte. Ja, so war seine Mutter. Sie kannte das Leben nicht. Die hielt sich immer noch für die Frau Major, gute alte Dame. eilte er das kleine Stück Weges von der Bahn zum WohnHell war der Tag, an dem Otto in Wien ankam. Rasch haus. Eine nette, graphisch hübsche Tafel hing neben dem Haustor.„ Erstklassiger Mittagstisch auf Wunsch vegetarisch und diät. Frau Magda M. Anheuser." Otto nahm mit jugendhaftem Uebermut zwei, drei Stufen auf einmal. Blößlich lief ein Lächeln über seine Züge. Fein, Junge, wird gemacht. Werdens mal aus probieren. Das Mutteraug hat ihn doch gleich erkannt. Dein Gepäck ist noch auf der Bahn- jezt ist es halb zwei Uhr, du bist Mittagsgast. Allright. Auf sein gleichgültiges Klingeln öffnet ihm ein hübsches Mädchen. Schwarzweiß, in Ordnung, denkt Otto. Ist noch Play, Fräulein?" sagte er leichthin, überreicht Stock und Hut und geht ins Speisezimmer. Die Tische sind fast zur Gänze besetzt, das Geschäft scheint zu gehen. An der Anrichte steht Herrgott, steht die Mutter. Nun übermannen den hartgefottenen Sünder beinahe Tränen. Das ist die Mutter, denkt er unaufhörlich." Ja, gut, Fräulein, Ragout, bitte? Aber wie Sie wollen..." Otto besinnt sich. Nein, er starrt nicht mehr hin. Das ist die Mutter. Die alte nette Dame seiner Träume. Diese geschminkte( und wie dirnenhaft ge schminkte) Frau mit den modisch rotfarbenen Haaren; wie die matronenhafte Fülle in Gummi und Bänder gepreßt sein muß, wülste stehen da und dort heraus, der Ausschnitt gewagt tief, offenbart Ansäße miedergemarteten Fleisches. Oh, der Mann weiß genau, daß die Frau auf die Gäste durch aus nicht diesen peinlichen Eindruck macht, mein Gott, beutzutag will halt jeder jung und jugendlich wirken, nicht wahr? Nun sezt sich die Mutter zu einem kleinen Ecktischchen, wo zwei sehr heifle Stammgäste fizzen müssen, Otto entgeht nicht, wie sorgsam denen alles dargereicht wird, mit welcher Unterwürfigkeit diese beiden Bitteriche bedient werden müssen. Das süßliche Lächeln seiner Mutter schneidet ihm ins Herz. Er wünscht sich ein Donnerwetter vom Himmel, Erdbeben; was hier nur für' ne size iſt, ach, wie sie jezt „ Treuhänder der Arbeit" Unternehmer diktieren den Lohn Arbeit“ ernannt, die Die Hitlerregierung hat dieser Tage die„ Treuhänder der Arbeit“ ernannt, die ausgestattet mit ungeheuren Machts vollkommenheiten- die Lohn und Arbeitsbe. dingungen von Millionen deutscher Arbeiter und Ange: stellter zu regeln haben werden. Die Liste der Ernannten ents hält elf Namen und wird eingeleitet von dem Grafen von der Goltz, Chefsyndikus des Pommerschen Landbundes, der reaktionärsten landwirtschaftlichen Arbeitgeber- Organisation Deutschlands. In Westdeutschland ist„ Treuhänder der Arbeit" Dr. Josef Klein, bisheriger Sozialsekretär bei JG.- Farben. In Mits teldeutschland führt ein anderer Angestellter derselben Gesells schaft, der Geschäftsführer der mitteldeutschen chemischen Ins bustrie das Szepter. In Norddeutschland regiert der bishes rige Syndikus der Lübecker Handelskammer. Von en elf find sechs bisherige Unternehmerangestellte. Zwei andere, Nagel und Börger find gleichfalls auf Vorschlag der Unternehmer ernannt, fie find bisher von den Gewerkschaften aller Rich tungen wegen ihres sozialen Unverständnisses bekämpft worden. Vergriffene Nummer der Deutschen Freiheit" Die Nummer 3 der„ Deutschen Freiheit" mit der Ents hüllung über Hitlers jüdische Familie ist restlos vergriffen and tann trotz einer für deutsche Verhältnisse sehr hohen Auflageziffer nicht nachgeliefert werden. aufsteht sie geht einen Augenblick hinaus, frisch gepudert und mit atropinglänzenden Augen kommt sie wieder, geht von Tisch zu Tisch, scheinbar die Menschen anblickend, aber immer die Handreichungen der Mädchen scharf überwachend. Steh still, mein Herz, jest kommt sie zu mir. Nachbar ist ein Kleines Mädchen, anscheinend Konservatoristin. Schmeckt's, Aber Lisa, Lisaa... Der Herr wohl das erstemal bei uns, mein Töchterl, oh, Mahlzeit, Herr Doktor, auf Wiedersehn. hoffe... Ach, Herr Hofrat gehen schon, bitte schön, stehe zur Verfügung," und schon ist sie weg, leise ist ihr Sprechen, leise singend, wie die Menschen in Schweden sprechen- was für eine Sehnsucht in ihm ist, nach Güte und Sauberkeit. Nein, sie hat ihn nicht erkannt- mach dir keine Gedanken, wie sagst du doch immer so schön, Otto? Man muß mit Enttäuschungen rechnen, dann können sie einen nicht dauernd erschüttern. Ist doch Quatsch. Er ist aber erschüttert, er ist, er ist einfach fertig. Jezt muß er der Frau Mutter zahlen. Ein heftiger Troß steigt in ihm auf. Und ich geh- und ich kan nicht bleiben. Wer weiß, wie ich sie enttäusche, fast möchte er die Banknote auf den Tisch werfen und gehen, aber es ist etwas in ihm, eine zehnjährige Hoffnung, der zehnjährige Wunsch nach einer Traumerfüllung. Ich will jezt zu ihr hingehen und Konversation machen. Wie schön es hier in Wien ist. Wenn man so in der Welt' rumgondelt. Sie auch, wird sie sagen, auch ich habe einen Sohn, mein Junge, wird sie zärtlich murmeln, und eine Träne... Schon steht er bei der Anrichte. Mit zögerndem Lächeln legt er den Schein auf den Tisch. Plößlich spürt er, daß er nicht reden fann.„ Was zahle ich?" würgt er hervor. 2,80 Schilling," sagt die Frau, ihre Blicke streifen prüfend und nervös durch das sich allmählich leerende Zimmer, dann ein kurzer Blick auf das ernste Gesicht des Zahlenden.„ Ich fürchte, es hat Ihnen nicht geschmeckt, mein Herr?"" Nein," sagt er laut und langsam, es hat mir nicht gefchmeckt, meine Dame." Und läßt der verblüfften Frau den Zehnschillingschein in der Hand. Ergreift Hut und Stock und- rast, rast fort. " Ja," sagt mit süßem Lächeln Frau Anheuser zum zittrig- heiklen Hofrat:" In Valparaiso ist er jetzt. An die dreißig wird er wohl, mein Otto, ich muß ihm doch mal schreiben, ob er so gar keine Sehnsucht hat, sein altes Mutterl zu besuchen."-Aber, gnädige Frau," lächelt der alte Lebemann galant. er. cer tt. Reichswehr lehnt ab Die geheimnisvollen Flugzeuge Berlin, 27. Juni.( Eig. Ber.) In seiner Eigenschaft als Luftfahrtminister des Reiches hat Herr Göring an alle Be 19b Die Geisterflugzeuge ev bilw hörden des Reiches und der Länder die Aufforderung ge- Man weiß noch immer nicht.. Aber zur Stimmungsmache langt es richtet, sofortige Untersuchungen wegen der beiden Flugzenge, die am 28. Juni Berlin überflogen haben sollen, an= zustellen und die Ergebnisse dieser Untersuchungen laufend ihm vorzulegen. Auf dieses Schreiben hat der Reichswehrminister, General von Blomberg, geantwortet, daß sich die ienststellen der Reichswehr und der Reichsmarine an dieser Untersuchung nicht beteiligen werden. Steuerkorruption straffrei! Korruptionsdezernent Freißler verordnet... Der Leiter des Korruptionsdezernats, Dr. Freißler, erläßt eine Bekanntmachung folgenden Inhaltes: An sich obliege selbstverständlich dem Korrup tionsdezernat das Aufspüren jeder Art der Steuerhinter: ziehung. Es sei aber streng zu beachten, daß nicht jede Art von Steuerhinterziehung strafrechtlich und steuerrechtlich zu verfolgen sei. Denn es sei oft vorgekommen, daß natio= nale Persönlichkeiten nur deswegen sich eines Vergehens gegen die Steuergeseßgebung schuldig gemacht hätten, um auf diese Weise den Kampf gegen das System der Weimarer Republik besonders erfolgreich zu führen. In solchen Fällen sei es natürlich nicht die Aufgabe des Korruptionsdezernats, einzuschreiten. Der Landgerichtspräsident Dr. Dietrich Hechingen hat bekanntlich bereits eine Liste der Handlungen aufgestellt, die straffrei bleiben, wenn sie im Interesse der NSDAP. begangen wurden.( Mord, Totschlag, Spreng stoffattentate, Brandstiftungen, Körperverlegungen usw.). Dieser Reihe ist nun noch die Steuerdefraudation hinzuzufügen. Der Elserne Vorhang Das Geheimnis um den Bankrotthaushalt Aus Berlin wird gemeldet: Wilhelm Goering hat Wilhelm II. über. troffen. Dieser ließ zu Anfang des Krieges die Kriegserklärung an Frankreich u. a. mit dem französischen Bombenabwurf über Nürnberg begründen. Aber er war damit nur ein Stümper gegenüber dem augenblicklichen Nazi- Reichsluftfahrtminister: Der läßt nur ein paar Flugblätter über Berlin und einige andere Städte abwerfen, und trifft damit, vorläufig noch ohne Bomben, sowohl den inneren wie den äußeren Feind"! Ein fixer Junge- allerdings nicht schlau genug, um die teuflisch- klug ausgeheckten Pläne ebenso skrupellos zu tarnen, wie sie entworfen und durchgeführt werden. Das war schon so beim Reichstagsbrand. Der neue Nero Deutschlands brauchte diesen Brand des Parlaments nicht um der„ lyrischen" oder perversen Inpressionen willen, sondern zur sofortigen Lahmlegung des Marxismus und zur hemmungslosen Entfachung eines Wahlterrors mit dem Ziel der Wahlfälschung. Das war damals verbrecherisch raffiniert ausgedacht, mit minutiösester Organisationstechnik vorbereitet und mit einfach verblüffender und gehäufter Ueberrumpelung des deutschen Volkes durchgeführt worden. Und als es dann soweit war, ging die mephistophelische Rechnung dennoch nicht restlos auf und aus gravierenden Fehlerquellen dieses großen Verbrecherplanes ergab sich ein Lapsus nach dem anderen. Der blutige Wiz der Zeitgeschichte hat sie sämtlich in folgender Anekdote zusammengefaßt: Dem preußischen Polizei- und Reichsluftfahrtminister und gleichzeitigem Ministerpräsidenten und Statthalter von Preußen Goering wird gemeldet: ,, Der Reichstag brennt!" Er zieht die Uhr heraus und stellt fluchend fest:„ 3ehn Minuten zu früh!" Auch die merkwürdigen Propellergeräusche der deren deutschen Städten sind etwas allzu pünktlich und zu früh in ein und derselben Melodie von der gesamten gleichgeschalteten deutschen Presse vernommen und kommentiert worden: Zeitungen, die die Einzelheiten des Reichsetats veröffent: angeblich unbekannten Flugzeuge über Berlin und anlichen, haben mit Verbot zu rechnen. Was soll das Geheimnis? Ist es die Angst vor den Bankrottzahlen? Oder soll insbesondere der Reichswehr= Haushalt so geheimnisvoll behandelt werden? Funktionärverhaftungen In der oberrheinischen Sozialdemokratie Köln, den 28. Juni.( Eig. Ber.) Sämtliche Landtagsabgeordneten der Sozialdemokratischen Partei im Bezirk Oberrhein sowie die noch auf freiem Fuß befindlichen Mitglieder der Bezirksleitung, der Bes zirkssekretär und sämtliche Parteisekretäre nebst einer An: zahl nichtbeamteter Funktionäre find verhaftet und in Kons zentrationslager gebracht worden. Einen der Funktionäre der Kölner Sozialdemokratie hat man aus einer Schwurgerichtssitzung, bei der er als Ge= schworener fungierte, herausgeholt und abgeführt. Die Fahndung der SA.- Banditen nach sozialdemokratischen und freis gewerkschaftlichen Funktionären dauert an. Frankfurter Brief ,, Einstimmige" Wahl Im Juni. Jüngst wurde berichtet, daß in Fanffurt a. M. der bisherige fommissare Bürgermeister einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt worden sei. Der Tatbestand sieht so aus: Die Einladungen zu der Stadtverordnetensizung, in der die Oberbürgermeisterwahl vorgenommen wurde, gingen eine Stunde vor Beginn heraus. Ein Teil unserer sozialdemokratischen Stadtverordneten konnte dieser Sizung überhaupt nicht beiwohnen. Sieben Genossen waren anwesend und stimmten gegen die Wahl des Herrn Pg. Krebs zum Oberbürgermeister. Von diesem Votum unserer Genossen wurde feine Notiz genommen. Bemerkenswert ist noch, daß Minister Göring bei seinem letzten Besuch in Frankfurt a. M. Herrn Krebs bereits als Oberbürgermeister bestätigte. Die durch das Gesez vorgeschriebene Wahl durch die Stadtverordneten wurde nachträglich vorgenommen. * In der vorletzten Frankfurter Stadtverordnetenversamm lung wurden unsere Genossen von den Nazis mit KoppelDer Naz'spleẞbürger Das deutsche Spießbürgertum mit seinem Haß gegen die Sozialdemokratie, mit seinem geringen politischen Instinkt trägt die eigentliche Schuld, an der politischen Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland. Dieses Spießertum ist es auch, das den Hauptteil der nationalsozialistischen Gefolg schaft stellt. Das muß ein merkwürdiger Sozialismus" sein, der mit diesen hin und wieder allerdings wild werdenden Spießern gemacht werden soll. Wie es mit der Dentweise diefer Leute wirklich steht, das soll ein kleiner, absolut wahrer und nach vielen Seiten hin symtomatischer Vorgang zeigen, der sich vor einigen Tagen an einem sogenannten Weiher im Grüngürtel der Stadt Köln abspielte. Der Bericht stammt von einem als Zuhörer Beteiligten. Ein dicker Spießer steht seit Stunden und angelt. Er hat bereits drei fette Sarpfen in seinem Nez. Da kommen einige Arbeiter hinzu und bald ist ein Gespräch im Gange. Ein Arbeiter: Ja, ich z. B. schon seit zweieinhalb Jahren." Der Spießer:" Das ist sehr schlimm, aber glauben Sie mir, auch ich und viele Mittelständler können ein Liedchen von der Not des deutschen Menschen in den letzten dreizehn Jahren singen." Ein zweiter Arbeiter: Sie sehen allerdings nicht so aus, als ob ihre Not sehr groß ist." Der Spießer( wütend): Was verstehen Sie davon. Ich muß z. B. jede Woche 150 Mark Steuern zahlen." " Der erste Arbeiter:" Donnerwetter, das sind ja im Jahre 7800 Mart. Da müssen Sie aber ein Einkommen haben." Das beweist eine Meldung der„ Agence Havas", die in der Nacht von Freitag auf Samstag aus Berlin folgende Nachricht verbreitete: " Die durch die Conti- Agentur verbreitete Nachricht ist ein Communique. Dieses Communique wurde an alle Zeitungen versandt mit folgender Instruktion: Die Information soll nicht im Text veröffentlicht werden, aber mit Komentar verschiedener Art versehen, in allen Zeitungen unverzüglich auf der ersten Seite erscheinen." Außerdem fügte die Havas- Agentur hinzu, daß um 28.20 Uhr auf Telefonanruf das Tempelhofer Flugfeld antwortete, von der Information der Conti- Agentur nichts zu wiffen. Um 23.25 Uhr habe die Luftpolizei, die in derselben Angelegenheit angerufen worden sei, ebenfals erklärt, von der Sache nichts zu wissen, obwohl die Conti- Agentur in ihrem Tert angegeben hat, die Luft polizei sei in Kenntnis gesetzt worden. Aber man könnte obendrein einige peinliche Fragen an Herrn Goering richten, so zum Beispiel die folgenden: 1. Wie kommt es, daß das Flugzeug, das über Linz in Desterreich nationalsozialistische Flugblätter ab warf, nach den inzwischen erfolgten Beschreibungen genau mit denen übereinstimmt, die Berlin überflogen haben? riemen aus der Sizung geprügelt, weil sie gegen einen notionalsozialistischen Antrag stimmten. Diese Heldentat" meldete feine Zeitung. * Der langjährige Gewerkschaftsfunktionär Hermann Hempel in Frankfurt a. M. hat sich vergiftet, nachdem er von den brutalen Machthabern fristlos entlassen worden war. * Am Freitag und Samstag fanden große Aktionen gegen den Stahlhelm und seine Nebenorganisationen statt. Die Stadt bot das Bild eines Heerlagers. Die gesamte SS. und SA. leistete der Polizei Helfersdienste, oder besser gesagt, leiteten die Aktionen der Polizei. Namhafte Führer der Deutschnationalen wurden bei diesen Aktionen verhaftet. Unter der Bevölkerung herrscht große Aufregung. Der Spießer:„ Einkommen? Ich habe nur drei Häuser und ein ganz fleines Geschäft. Die Häuser werfen nicht den geringsten Gewinn ab. Aber Steuern, besonders Hauszins steuern, muß ich in unheimlicher Höhe entrichten." Der zweite Arbeiter:„ Ich habe nicht einmal eine eigene Wohnung, bin auch bereits fast drei Jahre erwerbslos, habe Frau und Kind. Ich habe seit Ende des Krieges, nachdem ich fast zwei Jahre vor dem Kriege attiv gedient hatte und nach vierjähriger Teilnahme am Weltkriege, bis vor drei Jahren regelmäßig verdient. Ich hatte mir eine Wohnungseinrich tung nach und nach zugelegt Heute stehen meine Möbel auf dem Boden und ich befiße, wie gesagt, eine eigene Wohnung nicht mehr. Dafür aber bin ich von den SA.- Leuten vor etwa drei Wochen nachts beschimpft als„ Landesverräter", mit der Pistole bedroht und geschlagen worden. Sehen Sie, lieber Herr, das ist mein Schicksal. Was sagen Sie nun?" Der Spießer( wütend werdend):„ Dann sind Sie wohl Sozialdemokrat? Ich war es auch dreißig Jahre. Jetzt bin ich überzeugter Nationalsozialist. Die SPD. hat uns belogen und betrogen, dem Mittelstand Steuern aufgehalst, besonders die Hauszinssteuer, die Moral im Lande untergraben, indem sich die Bonzen bereicherten. Auch ich bin belogen worden." Der erste Arbeiter:„ Nun hören Sie aber auf. Sie haben fich fa recht lange belügen lassen. Sehen Sie sich blok vor, daß Sie jest nicht wieder von ihrer neuen Partei belogen werden wir wissen schon lange, daß die Nationalsozialisten aus Lug und Trug beftchen. Sie werden es ja auch wissen. Nur ihr Haß gegen uns läßt Sie auf die Nazis schwören. Uebrigens, Sie haben uns soeben offenbar selber 2. Warum hat eigentlich nicht ein einziger deutscher Grenzposten gemeldet, daß an dieser oder jener Grenze fremde Flugzeuge die Grenze überquert hätten und angegeben, aus welchem Lande dieselben kamen? Hatte man vielleicht ein Dementi aus diesen Ländern zu erwarten? Sind also die Flugzeuge in Deutschland selbst gestartet? 3. Welcher Befehl lag eigentlich den Protestkundgebungen aus ,, allen Teilen des Reiches" gegen die Fliegeraktion zugrunde, die mit solcher Promptheit und Uebereinstimmung eintrafen, daß sie die vor= bereitete Absichtlichkeit gar nicht zu ver bergen vermochten? 4. Welche Vorbereitungen vor Abwurf der Flugzettel sind den Telegrammen an Völkerbund, Abrüstungskonferenz und sonstigen Stellen in und außerhalb Europas, die mit allzu offensicht licher Stimmungsmache zugunsten der deutschen Luftausrüstung versandt wurden, voraufgegangen? 5. Welcher mangelhafte Antimargist hat den konfusen Inhalt des angeblich margistischen Manifestes eigentlich verfaßt? Da es sich nur um einen Pseu. dosozialisten handeln kann, muß man wohl auf einen Nationalsozialisten tippen? 6. Warum fehlt es eigentlich bis heute noch an jeder Präzision in der Angabe der Zeit, der 3 eug nisse und sonstigen Belege für diesen mysteriösen Vorgang? Warum wußte weder das Flugfeld Tempelhof, noch die Luftpolizei Bescheid, und warum waren diese Stellen und Behörden nicht alarmiert worden? Man könnte noch einige solcher indiskreten Fragen an Herrn Wilhelm Goering richten aber sie würden ebensowenig beantwortet werden, wie die voraufgegangenen. Warum auch?: Der 3 weck ist so klar und die Absicht ist so durchsichtig, daß sich daraus die Fragen von selbst beantworten! Das außen und mehrpolitische Ziel der Luftaufrüstung HitlerDeutschlands und das innen politische Ziel einer neuen, insbesondere antimargistischen Terrorwelle besagen alles! Daß aber die merkwürdigen Goeringschen Propellergeräusche dann allerdings den Effekt hatten, daß die ganze übrige Welt und auch Innerdeutschland sie viel hellhöriger und deutlicher vernahmen, als es sonst selbst bei den allerschwersten Maschinen möglich ist das lag wieder nicht in der Absicht ihrer An- ie kurbler! M. B. Einerseits und außerdem Ein merkwürdiger Aufklärungsversuch Zu dem Abwurf von Flugblättern über der Reichshaupt stadt läßt die Naziregierung amtlich" erklären, daß diese Flugblätter nicht von denten Flugzeugen abgeworfen fein tönnten. Denn erstens set dieser Typ in Deutschland unbekannt, außerdem aber habe die Luftpolizei ge= meldet, daß an feinem Ort in Deutschland weder ein Start noch eine Landung derartiger Maschinen erfolgt sei. Dieselbe scharffichtige" Luftpolizei hat leider nicht bemerkt, ob die Flugzeuge die Grenze überflogen haben. Sie bemerkte die Flieger merkwürdigerweise nur über einigen Großstädten... Bei Beginn der letzten Sigung des Provinziallandtages für Hessen- Nassau wurden unsere Abgeordneten von der SS. verhaftet und in das Kasseler Braune Haus überführt. Die Verhaftung unserer Abgeordneten war ein Rechenexempel der Nazis, denn durch das Fehlen unserer Stimmen bekamen wir keinen Vertreter im Staatsrat; die Nazis dagegen einen Siß mehr. Die Begeisterung für die nationale Erhebung und ihre Führer flaut ab. Es ist festzustellen, daß bei dem andauernd befohlenen Hissen der Fahnen weniger diesem Befehl Folge leisten. Bei dem Besuch des Herrn Propagandaministers Göbbels in Frankfurt a. M. war diese Tatsache besonders bemerkenswert. Die Frankfurter besinnen sich nach und nach auf ihre gute Vergangenheit als freie und demokratische Staatsbürger. angelogen; denn Sie sind niemals Sozialdemokrat gewefen. Wer nimlich bei uns einige Jahre in der Sozialdemokratie war, bleibt es. Das werden Sie vielleicht früher erleben, wie Sie glauben. Wer aber dreißig Jahre in der Partei mar, der muß ein selten großes Rindvieh sein, wenn er nicht wenigstens etwas gelernt hat. Von Ihnen habe ich die Ueberzeugung, daß Sie uns dumm angelogen, auch in der Steuersache, haben. Aber Sozialdemokrat waren Sie nie. Auf Wiedersehen im vierten Reich." Der Spießer( hinter den abziehenden Arbeitern her schimpfend): Ihr seid ja wie die Kommunisten, so fanatisch. Ihr wollt auch teilen. Aber Kommunismus darf es in Deutschland nicht geben. Deshalb bin ich Nationalsozialist. Bei aller Komik im Aeußern der Szene ist doch aber der Schluß besonders beachtenswert. Ang it vor dem Kommunismus ist in erster Linie die Ursache für die politische Haltung nicht nur dieses Einzelnen, sondern weiter Schichten des deutschen Bürgertums. Eigene Ueberzeugung haben diese Leute nie gehabt. Interessen, bis auf eines, auch nicht. Dieses eine Interesse aber war und bleibt Besiz. Angst vor dessen Verlust leitet sie bei ihrer sogenannten politischen Haltung. Das dürfen wir bei der Beurteilung der weiteren politischen Entwicklungsmöglichkeit im Reiche nicht unbeachtet lassen. Und noch etwas anderes: Die Kommunisten waren und bleiben der Bürgerschreck. Deshalb mußte der Reichstag angesteckt werden. Damit wurden die guten Bürger am 5. März für die Nazis geworben. Wehe aber den Nazis, wenn ein mal dokumentarisch nachgewiesen werden kann, wer den Reichstag angesteckt hat. Dann wird sich manches ereignen, id 2 Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der Deutschen Freiheit"* Wiegenlied Deutschland auf weichem Pfühle mach' dir den Kopf nicht schwer! Im irdischen Gewühle schlafe, was willst du mehr? Laß jede Freiheit dir rauben, seze dich nicht zur Wehr, du behälft ja den christlichen Glaube: Schlafe, was willst du mehr? Und ob man dir alles verböte, doch gräme dich nicht zu sehr, du haft ja Schiller und Goethe; schlafe, was willst du mehr? Dein König beschüßt die Ramele und macht sie pensionär, dreihundert Taler die Seele: Schlafe, was willst du mehr? Es fechten dreihundert Blätter im Schatten, ein Spartenheer; und täglich erfährst du das Wetter: schlafe, was willst du mehr? Rein Kind läuft ohne Höschen am Rhein, dem freien, umher: Mein Deutschland, mein Dornröschen, schlafe, was willst du mehr? Kinder, wißt ihr darum? Ereignisse und Geschichten Deüben in Italien... Flüchtige Aufzeichnung aus Neapel Um die Mittagszeit schlendert man gern durch die alten Gassen Neapels, die um die Piazza Dante herum liegen und von der Via Roma abwärts nach dem Hafenviertel führen. Händler schreien den üblichen Salm; jezo: Orangen, Zitronen. Gemüse, Fische, Brot, Fleisch. Es ist eng und schmutzig, weil vieles zur Erde fällt und nur wenig auf gehoben wird. Die Sonne Süditaliens-- Sie sah Jahrtausende hindurch über Gerechte und Ungerechte, wanderte über das Forum Romanum wie über den Palazzo Chigi, sie strahlte über dem freien Italien wie über dem proßenden Rutenbündel. Das aber prangt in symbolischer Vereinigung mit dem Beil in Miniaturausgabe auf der Brust so manchen Italieners, der die Freiheit verkaufte, ehe er sie besaß. Am besten ist man zu Mittag in den kleinen Kneipen, die unscheinbar für Fremde und wenig verlockend, irgendwo in die Häuserwände eingenistet, warten. Was gibt's? Fischsuppe, Salat von Blumenkohl, geröstetes Huhn, Gorgonzola und zum Schluß eine faftige Catania- Orange. Ich esse mit zwei Neapolitanerr zusammen an einem der kleinen, weißgedeckten Tische. Es schmeckt ihnen scheinbar ebensogut wie mir. Vielleicht war diese über das Weinglas hinüber freudig festgestellte Genugtuung der Beginn Herwegh. unseres Gespräches. Jedenfalls brachte o Freude der eine von ihnen ein paar beutsche Vokabeln angeschleppt. Er sprach sie mit großer Mühe und strahlte, daß ich sie verstand, denn er hatte den Brenner nordwärts noch nicht überschrit ten, sondern die swere Sprat bruchstückweise aus Büchern gestemmt. Nun klapperte fie in einem nur weichere Laute gewohnten Munde wie ein schlecht geöltes und darob stofKürzlich wurde der Welt- Kindertag gefeiert. Aus diesem Anlaß richtete die Sozialistische Erziehungsinternationale biele Bot schaft an die Arbeiterkinder: Arbeiterkinder aller Länder, wir grüßen Euch am Welts findertage in Freundschaft, und Solidarität! Arbeiterkinder gehören zusammen und halten zusammen. Wir sprechen verschiedene Sprachen, wohnen in verschiedenen Ländern, all das trennt uns aber wir sind Kinder ber Arbeiterklasse, unsere Eltern tämpfen und arbeiten in Sorgen und Not für eine neue und bessere Welt, das vers bindet uns über alle Grenzen hinaus. Bieles hat die tämpfende Arbeiterklasse schon für die Arbeiterkinder erreicht. Daß wir uns an diesem Frühlingstage überall dort, wo es Sozialisten gibt, zusammenfinden zu fröhlichem Sang und Spiel, daß wir mit unseren roten Wimpeln durch die Straßen ziehen können- all das banken wir den Rämpfern der Arbeiterklasse, die für uns gearbeitet, gekämpft und gelitten haben. Wir Arbeiterfinder wissen, daß die Arbeiterklasse schwer bebrückt und bedrängt wird. Wir wissen, daß in manchen Ländern die Arbeiterklasse und die Arbeiterkinder sich nicht zu unserer schönen Sache, zum Sozialismus bekennen dürfen. Wir senden diesen Arbeiterkindern unseren herzlichsten Gruß der Solidarität. Wir rufen ihnen zu: Auch für euch und enere Eltern wird die Sonne der Freiheit und des Sozialismus scheinen! Wir werden nm so trener zu unserer sozialistischen Sache #tehen. Wir werden in unserer Falkenbewegung den Mut und die Kraft steigern. Je mehr ihr unter roher Gewalt zu leiben habt, desto mehr werden wir uns bemühen, alle diele Gewalt abzuwehren und endlich so stark zu werden, daß der Wille zum Frieden und zur Solidarität, der Wille zur Freundschaft und Liebe die größte Macht der Welt werde. Konkurs über Bühnenvolksbund . und selbstverständlich ein Strafveclahcen Wie die Pressestelle des Reichsverbandes Deutsche Bühne" mitteilt, ist auf Antrag verschiedener Gläubiger gegen die Reichsgeschäftsstelle des Bühnenvolts. bundes das Kontursverfahren eröffnet und gleichzeitig vom zuständigen Gericht eine Brief- und Telegrammsperre verhängt worden. In diesem Zusammenhang wird daran erinnert, daß Staatskommissar Hintel in Anbetracht der verschiedenen Mißstände bet dem BVB. den ihm seinerzeit übertragenen Posten niederlegte. Gegen die bisherigen Reichsgeschäftsführer ist inzwischen Strafantrag gestellt worden. fendes Räderwert. Nichts hätte das heitere Wortgeplänkel, die Freude am gegenseitigen Verstehen gestört, wenn nicht a wet Faschiften vom Nebentische aus geäugt hätten: aha, ein Ausländer, zwei sogar( denn die blonde Dame neben mir stammte schwerlich aus Palermo). An die Neugierde der uniformier ten Beglücker Italiens ist man gewöhnt; also: iß weiter und laß sie glogen. Doch dabet darf es nicht bleiben. Sie stehen auf, treten heran, und nun erheben sich auch die beiden Neapolitaner, Worte hin, Worte her. Ausweise werden hervorgetramt, Brieftaschen durchsucht, Fragen gestellt, Antworten gegeben. Die Gäste schielen. Der Kellner vergißt zu bedienen. Donna Maria kommt aus dem qualmenden Küchenwinkel. Wird sie reden? Sie redet nicht. Alles ist still. Nur die zwei Herren vom Fascio verhören ihre kleinen, ach so kleinen Landsleute. Was mag denn los sein? paben die fröhlichen Gegenüber was ausgefressen? Werden sie gesucht? Ich frage vor= sichtig. Verstohlen wird mir ein Zeichen gemacht: ich möge Old Shatterhand Von O. F. Heinrich mich gedulden bis nachher. Eine ziemlich ängstliche Gefte war es. Endlich ist das Verhör beendet. Die Faschisten verlassen die zerstörte Gemütlichkeit des kleinen Raumes und verschwinden im Freien; das Gewühl der Straße verschlingt ihre wehenden Mäntel. Als ob jemand auf einen verbor cenen Knopf gedrückt hätte, setzen die Gespräche wieder ein. Ich bin natürlich neugierig und begleite die beiden später ein großes Stück die Via Roma abwärts. Jetzt entdecke ich bei dem einen das faschistische Abzeichen.- Noch merkwürdiger... Nun sagen Sie mir, was sollte das alles?"? Sie sehen sich um: nein, es hört niemand zu. " Weil wir haben zusammen gesessen mit Ausländern." Der andere nicht, die Mundwinkel spöttisch verzogen: Ja, das ist alles! Die Freiheit Italiens!" Und auf meinen Einwurf, daß er doch dem Abzeichen nach- Mitglied der faschistischen Partei sei, ein müdes Abwinken mit der losen Hand:„ Ich bin Kaufmann. Wenn ich das nicht mitmache, tann ich in einem Jahr meinen Laden schließen. Vielen ist es so gegangen, die sich zuerst weigerten. Nach zwei Jahren öffnet man die Listen... dann ist es zu spät. Gewaltsamer Boykott tötet." Was ich schon lange geahnt, hier wurde es mir bestätigt: nicht alle sind Anhänger des Duce, die mit seinem Zei chen aufwarten. Es werden sogar Hasser unter ihnen sein. Verärgert über die Blamage seines Vaterlandes vor. einem Ausländer fuhr er fort: „ Aber glauben Sie nicht, daß ich mit Erfolg gesegnet bin, weil ich zur faschistischen Partei gehöre. Das ganze Jahr über muß ich spenden", für ein Denkmal, für ein Kraftwerk, ein andermal für die Luftflotte, und wenn ich am Ende Bilanz ziehe, dann bleibt mir nichts mehr übrig, nichts!" Wir unterhalten uns noch eine Weile. An der Galerie Umberto trennen wir uns. Auf dem weiten Wege zur Piazza Amadeo stellte ich Vergleiche an. Kein Wunder, daß ich nordwärts geriet: Dort leben Menschen, die sich die gleichen Fesseln schmieden und obendrein erfreut zuschauen, wie das Eisen schon glüht, wie es zäh gebogen wird, zur Klammer geformt... Einmal erkaltet, öffnet es nie mehr den erdrückenden Ring, in dem alles, was sich Mensch nennen darf, verfümmert und verdirbt. ,, Lasciate ogni speranza" schrieb Dante über das Tor zur Hölle. Laßt alle Hoffnung fahren" müßten auch wir als furchtbaren Spruch wählen, wenn wir statt die Freiheit zu verteidigen, einem Phantom auch nur einen Zoll breit Plat ließen! Filmpublikum nicht national kommt im Dritten Reich wieder zu hohen Filmes, Rüdtehr aum heldischen, zum fulturEhcen. Herr v. Hindenburg hat einmal erklärt, er habe seit seiner Kadettenzeit fein Buch gelesen. Für ihn mußten feine Bücher verbrannt werden; er war gegen Kunst und Kultur gefeit. Was aber liest das größere Uebel, außer seinem eigenen Machwert, dem Herzstück" jeder deutschen Bibliothek? Daß Herr Hitler feines der Bücher gelesen hat, für die sein Kompagnon Goebbels den Scheiterhaufen errichtete, versteht sich von selbst, trotzdem hat der Führer sozusagen geistige Interessen. Man entnimmt das einer Schilderung des Kanzlerhauses auf dem Obersalzberg, die am 28. April in der Münchener„ Sonntag- Morgenpost" erschienen ist. In dieser Schilderung heißt es: Im übrigen ist das Schlafgemach des Führers von spartanischer Einfachheit. Ein Meffingbett, Schrank, Waschgerät und einige Stühle, das ist die ganze Einrichtung. Auf einem Bücherbrett stehen politische oder staatswissenschaftliche Werke, einige Broschüren und Bücher über die Pflege und Zucht des Schäferhundes und dann, dann fommt eine ganze Reihe von Bänden von der Schule, alles liebe, alte Bekannte." Rart way, ber Winnetou, Dib Sureband, Nichts anderes hat man erwartet: Pflege und 3ucht des Schäferhundes und die Bücher des Mannes, der die Kolpartageromane des Flegelalters, die von Blut und EdelPostrecherchen nach jüdischen Großmüttern mut triefenden Wildwestgeschichten schrieb: der alte Karl! May. Nichts leuchtet tiefer in das Wesen des„ Führers" hinein als dieses Verzeichnis seiner Bibliothek. Abkehr vom Kitsch, von der Unkultur des deutschen vollen Film: das ist seit etwas längerer Zeit das Hauptmotto deutscher Filmproduktion geworden, nach ihrer Gleich und Umschaltung. Heldische Filme, also vor allem historische Filme wurden zur großen Zugnummer gestempelt, zeigenössische Dramen in allen möglichen braunen Farbschattierungen propagiert, von Luftbarkeitsabgaben befreit und als echteste der echten deutschen Filme, wie sie sein sollen, gepriesen. Doch das Publikum, zumindest in Breslau, ist undankbar: Es weiß diese Filme und dadurch den besonderen Geist nur wenig zu schäßen, wie aus einer interessanten Erhebung im Breslauer Deli- Theater" hervorgeht, und zu deren Ergebnis die gleichgeschaltete Berliner LichtbildBühne" schreibt:„ Das hervorstechendste Merkmal der Umfrage ist das Ergebnis, daß sich der Publikumsgeschmad im großen und ganzen kaum verändert hat. Insbesondere ist der vielleicht erwartete Zug zu den Beitproblemen" und den „ historischen Filmen" nicht eingetreten." Die ersteren erhielten nämlich nur 5, die letteren nur 9,6 Prozent aller abgegebenen Stimmen! Was man sich zuflüstert Was kann Hitler? Dieser Tage konnte man in Chemnitz an vielen Häuserwänden folgende Aufschrift lesen: Was tann Hitler? Feste feiern, die Fahnen hochleiern und die Waren perteuern. Sofort wurde die SA. alarmiert, die die Wahrheit unter dem Gelächter der Straßenpassanten von den Häusern wieder abkragte. 350 000 Beamte der Deutschen Reichs post werden jetzt auf ihre Raffezugehörigkeit geprüft. Es sind bei den Oberdirektionen Ausschüsse gebildet worden, denen mindestens drei Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei angehören. Die Postverwaltung versichert, daß die Prüfungsarbeiten bereits in vollem Gange sind und eine schwierige Aufgabe bedeuten, da ein Personal von mehreren hunderttausend Menschen in I ängstens vier Monaten geprüft verlogenen und niederträchtigen Personagen eines Sinter- Pg. oder Pj. werden muß. Und dennoch, o Deutschland, Kein Elend verschlingt, Rein Frevel ein Lichtvolk, Das frei fich bezwingt. Karl Hendell. Old Shatterhand ist das mystische Ideal, an dem der in der Pubertät steden Gebliebene sich orientiert, Karl Mag und niemand anderes hat den Mythos zusammengestoppelt, an dem sich die größenwahnsinnigen Gymnasiasten der deutschen Erneuerung berauschen, die zum Kozzen edlen, treppenromantikers sind die echten Helden des Dritten Reiches. Unzählige junge Menschen in Deutschland haben den Karl May überwunden; Hitler ist ihm treu geblieben und hat den Blutfitsch seines Meisters in Deutschland verwirklicht. Von Göthe zu Hitler Der im Bereiche des Bezirksamtes Wedding liegende Goethe Part" soll in Adolf- Hitler- Park" umbenannt werden. Das ist die große Frage, die lebhaft erörtert wird. Pa.. das ist der Parteigenosse, Pi., das ist der Postenjäger. Selbst nach den offiziellen Reden und Erlässen des Göring und Göbbels ist wohl kein Zweifel, daß die Zahl der Pi. in einer für die Nazis erschreckenden Weise zunimmt, S. A. SS. H. J Siebst Adolf So'en Saustall Haste Jezt. ( Hitler Jugend) DAS BUNTE BLATT Mit rotlackierten Lippen Das Elend vor der Wohnungstür Wie bieten Ihnen erstklassige Jazzmusik! Vier Mann start. Zu jeder Tages- und Nachtzeit! Eine Mark die halbe Stunde. Kein Interesse? Dann vielleicht Songs, das Allerneueste! Solo, Duo, Trio mit Zupfbegleitung! Ganz nach Wunsch. Wie, die Zeit ist nicht danach?- Sie haben Sie haben recht. Aber dann vielleicht klassige Musik? Mozart, Gluck, Beethoven? Sie lächeln? Sie zweifeln? Mein Herr, wir geben Ihnen eine Probe, fünf Minuten, nicht einen Groschen brauchen Sie dafür zu bezahlen!" Der Mann sprudelt das hervor, als stünde hinter ihm einer mit einem besseren Angebot. Und dann will er mit Kopf und Ehre dafür bürgen, daß nicht ein Stückchen aus der Wohnung fehlen werde, wenn sie abgezogen sind. Und jeder wird sich die Schuhe gründlich am Abstreifer reingen, so daß von ihnen nichts als ein guter Eindruck zurückbleiben werde. Ob er seine Kollegen gleich herausholen oder eine Bestellung für später entgegennehmen dürfe? Nicht? Schade. Sie hätten gern ihr bestes hergegeben. Nun klingelt es an der Nachbartür. Und später an der andern. Indes warten seine drei Kollegen auf der Straße. Junge Burschen, gleich ihrem Wortführer Kinder der Not. Wie sie so zu den Fenstern hinaufschauen, denkt man unwillkürlich an in die Nacht hinausgesperrte Kinder. Der eine trägt eine Ziehharmonika, der andere ein Saxophon, der dritte eine Violine. Mozart? Beethoven? Warum nicht! In TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE 1 Keine große Sache, es handelt sich nur um – fa, um Spiken Die Sterne die ste billig unter der Hand verschaffen kann. Sollte dafür keine Verwendung bestehen, was bei den heutigen Zeiten ja kein Wunder wäre, so kann sie leicht nüßlichere Dinge, zum Beispiel- ja, Türvorleger, Hemden und dergleichen verschaffen. Sie hat nämlich mit einem Kaufhaus, das in Konkurs gegangen ist, sehr gute Verbindung. Uebrigens könne sie sich vielleicht selbst nüglich machen? Man kann ja nie wissen! Sie taugt zu allem und scheut keine Anstrengung. Teppichklopfen zum Beispiel? „ Sie haben keinen Teppich? Das braucht Sie nicht zu fränten. Aber was ich sagen will, ja, sehen Sie, ich komme, wann Sie wollen! Sie brauchen mir nur die Stunde zu sagen, die Ihnen recht ist, und ich bin da! Auch in der Nacht! Herr, Sie brauchen mir nur etwas zu essen zu geben und ein paar Groschen!" War das nicht ein Schrei? Aber viel zu leiſe, als daß ihn die gehört hätten, denen er Tag und Nacht, zehnfach, hundertfach verstärkt, in den Ohren dröhnen müßte. Die erste Geschichte habe ich selbst erlebt, die zweite hat mir ein pensionierter Bahnbeamter erzählt. Sie ist so wahr wie meine. h. pav. Beim Abschied hab ich nicht dran gedacht und wir hätten auch beide darüber gelacht. Wir beschlossen zu telefonieren. Jezt ist es mir unversehens geschehen: ich habe den Abendstern gesehen und nun bitt ich dich: wirst du es spüren? wenn du den Stern am Himmel siehst, begegnen sich unsre Grüße. Wenn du für mich wie der Abendstern glühft, dann les ichs vom Himmel, du Süße. Und wenn ich dir nie das Geständnis gemacht: ich such dich, Geliebte, im Stern überm Dach. Die Sterne sind kalt, die Sterne sind weit, fie find gemacht für die Ewigkeit und nicht für zwei Herzen, die weinen. Doch fie ftrahlen still und sie donnern nicht und ich lese täglich den Wetterbericht: ob sie bei dir auch scheinen? Denn wenn du den Stern am Himmel fiehst, begegnen sich unsre Grüße! Wenn du für mich wie der Abendstern glühft, dann les ichs vom Himmel, du Süße. Und fein Poftbeamter rechnets mir nach: ich rede mit dir im Stern überm Dach. Helmuth Harms. Sharao gab den Befeff... einer Zeit, in der alles Stopf ſteht, Ungeiſt ſich breit macht Judenverfolgung um 1250 vor Christi Geburt und das Barbarentum triumphiert, kommt es nicht so sehr darauf an, ob Beethoven so oder so gespielt wird. Und am Tisch der Armut schon gar nicht. Bettelmusik ins Haus, prompt und billig. Die Idee ist gut. Man kann sich vorstellen, daß ein Selbstmörder, der noch eine Mark übrig hat, das Quartett zu sich ladet, bevor er den Gashahnen aufdreht. Auf diese Weise könnte er der Welt, nach deren Ordnung er einsam und in Düsterheit zu trepieren hätte, noch ein Schnippchen schlagen. Vor der Tür steht eine junge Frau. Sie verneigt sich leicht und lächelt freundlich. Dabei versucht sie ihre weißen Zähne zur Geltung zu bringen. Die Lippen sind mit rotem Lack überzogen, so start, daß man an eine Emailglasur denkt und meint, es müsse unbedingt zu hören sein, wenn die Lippen aufeinanderschlügen. Unter den Augen, die wahrscheinlich mur deshalb so glänzen, weil sie sie, bevor sie an die Tür Elopfte, einige Zeit fest geschlossen hielt, liegen dunkle Schatten. Mit Schatten bedeckt sind die Wangen. Gekleidet ist sie schickt, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß das, was sie an hat, beträchtliches Alter hat. Ihre Haltung ist gut, drückt etwas Stolz und Sicherheit aus. Aber alles in allem: geschminktes Elend. Die Frau Gemahlin ist nicht zu Hause? Das macht nichts, durchaus nichts. Sie kann auch mit einem Mann verhandeln. Der letzte Kino- Erkfärer In einer kleinen Moabiter Nebenstraße habe ich ihn aufgetrieben, den letzten aus der aussterbenden Gilde der KinoErklärer. Früher war er die wichtigste Persönlichkeit der Flimmerfiste, kinos mit den lustigsten Erklärern hatten den stärksten Zuspruch. Auch hier ist die Bude jeden Abend gerammelt voll. Das fabelhafte Mundwerk des spaßigen Erflärers sorgt ständig für starken Zulauf. Selbst den traurigsten Film, in dem zum Schluß die Leichen gebündelt herumliegen, begießt er mit seinem manchmal auf hochdeutsch, manchmal auf berlinerisch vorgebrachten Humor. Er klebt an der Längswand des schmalen Saales in einem erhöhten Stuhl, wie ein Tennisrichter etwa, und von diesem Schwal bennest aus gehts nun los. Neulich erst habe ich ihn besucht, natürlich war die Zigar renkifte wieder knackvoll. Man spielte einen Schmachtfezzen von Film. Die reichlich blöde Handlung ließ ein junges Mädchen ahnungslos in die Ecke treten mit einem Mann, der durch eine Verwundung seine Männlichkeit verloren hatte. Zuerst schien der Erklärer zum Reimen aufgelegt, dann als im Film ein Besuch gezeigt wird, drückte sich das bei ihm so aus: Der Onkel kommt, die Tante Base, kurz die ganze Verwandtenblase." Die Reimerei ließ dann nach, doch die poetische Stimmung hielt an. Auf der Leinewand wurde jeßt eine unsagbar rührselige Liebesszene gezeigt, und aus dem Schwalbennest kamen dazu die erklärenden" Worte: ,, Da wallte es heiß in ihr auf, sie war schwebende Seligteit vom Scheitel bis zum Zwickel!" Lachen und Kichern im Saal. Und da wiegte sie nun dahin in seinem starken Arm. Ihr wurde schwül, wenn sie an ihr mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattetes Heim dachte, wo sie ein reicher und gütiger- aber doch nur ein halber Mann erwartete. Sie sah hinüber in die lauschige Ecke des Tanzsaals, wo Dolly mit ihrem Liebsten schäferte. Eben hatte er sie geküßt- direkt vor det Zifferblatt!" Das Publikum lachte wieder schallend los. Doch weiter: „ Und er flüsterte ihr heiße Worte ins Ohr: leidenschaftlich, betörend klang seine Stimme so der richtige Steinkohlentenor!" Hahaha im ganzen Saal! Und die schwierigste Stelle im ganzen Film, als nun die Frau erfährt, daß sie mit ihrem Mann nie ein Kind haben wird, wird die beste. ,, Steh mein liebes Weib, du denkst vielleicht neinneines ist zu schwer! Verstört sant er im Seffel nieder. Sie dachte zuerst- Nanu- was ist denn mit ihm? Er hat woll een Stich in die Kiepe? Aber dann durchfuhr es sie wie ein Bliz." Und den ganzen Kientopp auch. So was von Lachen hört man selten. Das rührselige Ende des Films vermag danach niemand mehr zu erschüttern. ,, Mensch hat die Olle aber een' uchten Karton jehabt!" sagt beim Verlassen des Kinos ein waschechter, Mojabiter" au Als Pharao von seinem Siegeszug, der ihn über den Euphrat und Tigris bis an das Seidenland geführt hatte, über die rote Erde Syriens nach Aegypten zurückkehrte, empfing er vom Oberpriester die Botschaft, daß das Wasser des Nils finke und Hungersnot vor der Tür stehe. Pharao gab kund:„ Da werde ich ausroden alle unnüßen Münder, die den Landeskindern das Brot fortnehmen. Ich will die Hebräer vernichten!" Willst du sie des Landes verweisen, vertreiben lassen, Herr Pharao, weisester der Herrscher, Mann und Weib, Greis und Kind?" fragte der Oberpriester, die Einzelheiten der im Interesse von Volk und Staat zu erlassenden Notverordnung zu erfahren. Ich bin fein Barbar," entgegnete Pharao finster. „ Aber wenigstens sie aus ihren Plätzen und Erwerbsgelegenheiten entfernen, aus ihren Aemtern, Würden und Pfründen? Hast du beschlossen, den hebräischen Gelehrten, Aerzten, Rechtskundigen, Arbeitern und Gehilfen zu verbieten, sich je wieder in ihren Kanzleien und Buden und Arbeitsstätten blicken zu lassen? So gewinnen wir," sagte der Oberpriester, Lebensraum auch für den ungelerntesten Aegypter." „ Auch dies kann ich nicht tun," erklärte Pharao sinnend. " Die Hebräer leben seit Jahrhunderten im Lande. Es wäre Aegyptens unwürdig, erworbene Rechte für nichts zu achten, sich eines Besißstandes, der im Vertrauen auf die Rechtsordnung durch Fleiß und Kenntnisse erworben wurde, mit Gewalt zu bemächtigen. Beginne ich mit dem Raub gegen die Hebräer, so ist der Umwälzungen kein Ende. Was du rätst ist turzsichtig und gegen das Herkommen." „ Also willst du sie hinausekeln? Das Volk gegen fie er grimmen: sie bedrohen, quälen, demütigen lassen? Willst du, daß der Aegypter den Hebräer auf Straßen und Pläßen angrinse und bespuce? Daß der Hebräer, ohne getrieben wor den zu sein, von selbst sich das Leben nehme oder in die Wüste flüchte?" " " Das will ich noch weniger!" fuhr der Herrscher auf. Pharao ist unbarmherzig, wenn er muß, niemals gehässig! Ich will die Hebräer nicht dem Pöbel überantworten, son dern dem Henter!" Also du willst die Hebräer schlachten laffen," resümierte der Oberpriester den Willen seines Herrn. " Nein!" ordnete Pharao an:„ Ich will die Hebammen rufen, und alle Knäblein, die von einem hebräischen Weib geboren werden, alle Neugeborenen, umbringen lassen." Pharao gab den Befehl, die neugeborenen männlichen Kinder Israels umzubringen. Dem ägyptischen König um das Jahr 1250 vor unserer Zeitrechnung fam es mensch licher vor, Säuglinge zu erwürgen als Familienväter, Greise und Mädchen durch seine Knechte bedrängen zu lassen, sie ihrer Lebensmöglichkeit zu berauben, sie dem Hungertod und der Verzweiflung preiszugeben. feinem Mädchen. Dieser Satz wird aus dem gleichen Refor. Ganz kleine Geschichten voir gespeist, aus dem auch der letzte Kino- Erklärer seine Wirkung herausholt: aus dem nicht umzuschmeißenden Berliner Humor. B. R. Grabinschriften Staub Als der große Rechtsgelehrte Staub, Verfasser sehr vieler Kommentare au ſehr vielen Gesezen, gestorben war, erörterten seine Freunde die Frage, welche Grabinschrift ihm passenderweise zu setzen sei. Ein alter Justizrat, der mit philosophischem Wis gesegnet war, fand die mit herzlichem Beifall aufgenommene Lösung: Hier liegt Staub. Kommentar überflüffig." Paftor Melcher Hier liegt begraben der Melcher, Pastor gewesen ist welcher. Er hat gelebt in Ehren und Zucht Und ist gestorben an der Wassersucht. Nun sage mir, lieber Leser, fret: Ist das nicht schade? Ei, et! Der Advokat Die Gattin Hier ruht der Advokat Herr Striegel. Gönnt ihr dem teuren Ueberrest Des lieben Mannes noch ein Fest, So rauft euch über seinem Hügel. Hier ruht mein Weib: wie wohl ist ihr! Sie ruhet sanft: wie wohl ist mir! Künstler- Grabschrift Hier ruht jemand, dem das Leben beim beschwerdenreichen Wandern Alles schuldig stets geblieben wie er andern. Grabinschrift eines Vielschreibers Er rief, als schon der Tod ihn packt: ein Weilchen laß mich noch bleiben; ich mache nur mit dem Verleger Kontrakt, ein Buch übers Jenseits zu schreiben. Einem Beamten Wie gerne ließ er sich vertreten, der nun in kühler Erde ruht; vielleicht, indes wir für ihn beten, liegt drunten nur sein Substitut. Kirchhofsgespräch Grabinschrift Von Heimlichkeiten ganz geschwiegen! Denkt, daß gleich unten Weiber liegen, Lies, Wanderer, eines Ehemannes Schmerzen! Schön war mein Weib und jung! O blicke her! Jetzt liegt ein Stein auf ihrem Herzen auf meinem teiner mehr. Herr Franz Müller in Berlin W. hat ein Konfitürengeschäft und schwarzes Haar. Das Konfitürengeschäft ist unbedenklich, aber das schwarze Haar ist bedenklich. Was nupt die beste Ueberzeugung, wenn der rassische Schein gegen einen spricht? Und so konnte man denn eines Tages an Müllers Ladentür einen Informationszettel diesen Inhalts lesen: ,, Nicht jeder ist Jude, der schwarzes Haar hat! Dies Unternehmen ist rein chriftlich!" Rechtsanwalt W. in Berlin, ein sehr bekannter Anwalt, int zwar der Typ eines schneidigen. Korpsstudenten, aber der semitische Schuß im Blut ist nicht wegzudisputieren. W. steht politisch rechts und war seit jeher ein Arrivierter unter den reaktionär orientierten Anwälten. Bis ihn die„ Sturmtage" des März 1983 stark aus den Gleisen warfen. Wie gehts Ihnen, Herr Dr.?" wurde er eines Tages von einem Bekannten gefragt. „ Körperlich ausgezeichnet- erwiderte W.„ Ich habe gar nicht gewußt, aus was für einer gefunden Familie ich stamme, Herr Kollege! Selbst meine schon lange tote Großmutter ist wieder lebendig geworden-!" Eine christliche Buchhandlung in Deutschland, die zahlreiche füdische Kunden hat, war durch die Entwicklung der Dinge in ein arges Dilemma geraten. Da kam der Reklamechef auf einen salomonischen Ausweg. Der Ausweg lautete folgendermaßen: „ Arisches Geschäft! Man spricht hebräisch!" Die Trommel gewirbelt! Fanfaren ins Feld! Geschmettert den Sturm in die schläfrige Welt! Gewitter in eure Lieder! Sonft donnert die Zukunft euch nieder! Mu. Karl Hendell. 1 e t at r e e 3. t. Die letzten zwölf Tage Ein Dresdener Genosse schildert in der Wiener ,, Arbeiter- Zeitung" die Erlebnisse der letzten Tage bis zu seiner notgedrungenen Flucht in die Tschechoslowakei. Seine in ihrer schlichten Wahrhaftigkeit ergreifenden Schilderungen haben als Zeitbild dokumentarischen Wert Es war am Nachmittag des 8. März. Ich ging auf dem Wege zu einer Besprechung mit Genossen durch die Bürgerwiese in Dresden. Dort trafen wir auf eine Menschenansammlung. Die Villa, in der die Dresdener Vertretung der russischen Petroleumhandelsgesellschaft Derop ihre Büros hat, war von SA. umstellt. In den Büroräumen war eine Haussuchung. In welchem diabolisch arrangierten Zusammenhang diese Hausdurchsuchung bei der Derop mit der Regie des Reichstagsbrandes standen, wußten wir damals noch nicht. in Deutschland wissen es auch heute noch nicht viele Menschen, aber man flüstert sich doch schon auch dort die Namen der wahren Brandstifter zu. Die Neugierigen genossen aber noch ein anderes Schauspiel: Soeben hatte die SA. das Dresdener Heim des Arbeiter- Turn- und Sportbundes an der Bürgerwiese be feßt. Ein SA.- Sturm, in Uniform und Mantel, ausgerüstet mit Tornistern und Pionierspaten, stand auf der Straße in zwei Gliedern, Rücken gegen Rücken, aufmarschiert. Viele hunderte Menschen, Anhänger der NSDAP., waren versammelt und begleiteten das Tun der SA.- Leute im Heim mit Beifall und Bravorufen. Was vor sich ging, konnte man über die Menschenmauer hinweg nicht genau sehen wir fonnten auch, frierend vor Schreck, nicht geau hinsehen. Man hört knallende Spatenschläge. Irgend etwas wird auf den Fliesen des Torweges zerhackt, wahrscheinlich das Arbeiterturneremblem von der Hausfront. Auch rote Fahnen werden zerbrochen und zerrissen. Bei dem Portal stehen Leute, von SA. umringt, vielleicht der Heimwart und seine Familie. Zuschauer rufen befriedigt:" Jeßt müssen sie ihre Abzeichen abmachen!" SA.- Leute klettern auf die Torpfeiler und schla= gen mit Spaten und mit den Stümpfen zerbrochener roter Fahnen die Scheiben der Torlaternen mit dem aufgemalten Arbeiterturnerzeichen ein. Einer hackt mit dem Spaten auch das eiserne Laternengestell zusammen. Die Zuschauer jubeln. Ringsum ist Stimmung wie bei einem Fest. Nur einer wagt eine entrüstete Bemerkung gegen diese Zerstörungswut. Er wird aber sofort umringt und bedroht, so daß er nichts anderes tun kann als schweigen und weitergehen. Es find fast nur Hakenkreuzler als Zuschauer versammmelt. Die wenigen anderen stehen erschrect und erbittert. Es ist furchtbar, stumm und wehrlos mit ansehen zu müssen, wie Arbeitereigentum brutal und mit fanatischer Wollust zerschlagen wird. Am Sonntag vor der Reichstagswahl haben die roten Fahnen noch bei der Kundgebung im Stadion geweht! Ein Arbeiter schiebt sein Fahrrad fort und sagt halblaut für sich:„ Das rächt sich! Das rächt sich!" Auf dem Turnerheim weht die Hakenkreuzfahne. Autos und Straßenbahnen fahren vorüber; die Insassen recken erstaunt die Hälse. SA.Posten regeln den Verfehr; die Zerstörungen gehen ungehinbert weiter. Polizei ist nirgends zu sehen. Wir geben. Stumm, frierend vor Erregung, wie gelähmt, sitternd. SA.- Leute tommen einzeln die Straße entlang, in voller Ausrüstung, herausfordernd, kraftprogig. Alles geht sonst alltäglich seinen Gang. Spaziergänger schlendern durch den Großen Garten. Man sieht das alles wie etwas nicht Wirkliches. Goethe auf dem Scheiterhaufen Abends erfuhren wir, daß auf die gleiche Weise auch das Volkshaus der Dresdener Arbeiterschaft, die Büros der Gewerkschaften und der SPD. und die Dresdener Volfs= zeitung" von der SA. besetzt worden sind. Ein Genosse hatte mitangesehen, wie die Volksbuchhandlung ausgeräumt und die Bücher zu einem großen Scheiterhaufen geschichtet und verbrannt wurden. Marx und Goethe, Zola und Schiller, Heine, Lessing, Hamsun- alles, für etwa 70 000 Mart Bücher. Polizei schüßte mit schußbereiten Karabinern die Zerstörung. Die Feuerwehr durfte erst löschen, nachdem alles verbrannt war, obwohl brennende Buchfezzen bis in die Nachbarstraßen flogen. Am anderen Tage meldete der Dienstbericht der Feuerwehrdirektion, daß die Feuerwehr nach dem Wettinerplay gerufen worden sei zur Ablöschung eines brennenden Papierhaufens". Solche Scheiterhaufen, geschichtet aus Büchern, brannten überall in Deutschland- in jenem selben Deutschland, in dem alljährlich ein„ Tag des Buches" proflamiert wird und das eben erst ein„ Goethe- Jahr" gefeiert hatte! Ich ging über Nacht zu Freunden zu Hause zu schlafen ist nicht ratsam. Der blutende Genosse Am nächsten Tage, Donnerstag den 9. März, sollte im Landtagsgebäude eine Sitzung verschiedener Parteifunttionäre stattfinden. Wir gingen hin, obwohl es ganz unmöglich schien, daß jetzt diese Sigung dort noch abgehalten werden könne; man hatte das Gefühl, in eine ganz gemeine Falle zu gehen - man brauchte, wenn wir dort versammelt wären, nur den Schlüssel herumzudrehen, um uns alle auf einmal zu fangen. Die Sizung war unterdessen in der Tat verlegt worden, was wir aber nicht erfahren hatten. Aber die sozialdemokratische Landtagsfraktion tagte in ihrem Fraktionszimmer. Vor dem Landtagsgebäude parkten viele Autos, zum Teil mit SA.- Chauffeuren. SA.- und SS.- Leute standen einzeln umher. Vor dem Landtagsportal waren vier Schuhleute mit Karabinern postiert. Eben als wir aufs Portal zugehen, kommen zwei Männer blutüberströmt heraus. Die Polizisten lassen sie zwischen sich durchgehen, ohne sich zu rühren. Sie sehen die blutenden Männer nur an, wie man auf der Straße einen blutenden Hund nachsehen würde. Der erste der Männer trägt einen hellen Mantel, halb offen; ein zerknüllter Filzhut sitzt ihm auf dem Kopfe, wie ihm von jemandem lose auf den Kopf gedeckt. Das Gesicht ist blutüberströmt, ein dicke, breite Blutbahn neben der andern läuft über Augen, Nase, Mund und Ohren. Die Vorderteile des Mantels rechts und links sind von oben bis unten wie in Blut getaucht. Jetzt erkenne ich den Mann erst es ist der Genosse Karl Böchel, Vorfizzender der SPD.- Landtagsfraktion und Chefredakteur der Chemnizer Volksstimme". Ich habe im Felde viele Verwundete gesehen, aber den Anblick werde ich nie vergessen, den blutenden Genossen in der Sonne des Vorfrühlingsden blutenden Genossen in der Sonne des Vorfrühlingstages allein dahinwankend inmitten müßiger, höchst erstaun ter Zuschauer, mit den SA.- Leuten im Hintergrund und den bewaffneten Polizisten am Portal. Der zweite Mann tommt barhäuptig, mit einer flaffenden Wunde am Kopf, über die ganze Schädelhälfte blutig. Es ist unser Abgeordneter, Genosse G. Wir springen hinzu. Böchel ist bis zum Straßenrand gewankt. Dort bricht er, an einem Leitungsmast haltsuchend, zusammen, als ob es mit ihm zu Ende ginge. Plößlich ist noch ein Genosse aus unserer Fraktion an seiner Seite. Er stützt Böchel, der sich schon die ganze Zeit ein weißes Taschentuch vor Mund und Nase hielt, als wolle er nur ein Nasenbluten stillen. Mit einem Male sind inmitten der Leute auch zwei Polizisten mit umgehängten Karabinern zur Stelle. Sie wollen Böchel aufrichten, unser Genosse aber, schneeweiß im Gesicht, schiebt beide Polizisten mit einer Armbewegung beiseite und sagt:„ Gehen Sie weg. Wir brauchen Sie nicht. Wir helfen uns selbst." Die Polizisten lassen sich auch stumm und ohne Widerrede wegschieben. Sie drehen sich um und gehen mit ihren Karabinern davon. Inzwischen ist ein Tagi angehalten worden. Böchel wird hineingehoben, ersinkt in der Ecke zusammen. Durch die trübe Scheibe sieht man sein furchtbares blutüberströmtes Gesicht mit dem weißen blutigen Tuch vor dem Mund. Auch G. steigt ein, dann der Fraktionsgenosse und im selben Augenblick fährt das Auto davon. Wer alles bei dieser Szene zugegen war, weiß ich nicht. Einen Mann aber habe ich mit photographischer Schärfe wahrgenommen. Es war ein unbekannter Passant, ein magerer Mann in dunklem Paletot, mit außergewöhnlich hohem steifem Kragen, auf dem der Kopf wie aufgepreßt saß. Der Mann trug einen Zwicker und hatte einen straff Hochgebürsteten Schnurrbart. Er stand mit einer Aftenmappe unterm Arm in der Nähe und sah der ganzen Szene mit einer impertinent wirkenden unbeteiligten Neugier zu. Er schien zu lächeln, als ob er von dem Anblick befriedigt sei. Vielleicht lag es nur an der Barttracht, daß es aussah, als ob er lächle, aber er stand aufreizend da wie ein Bürokrat aus dem„ Simplizisfimus" der Vorkriegszeit. Er erschien wie ein Bote dieser wiedererstandenen Zeit- widerwärtig widerwärtig zum Ohrfeigen. Als das Auto davongefahren war, gingen wir ratlos zwischen fremden Menschen hin und her, ohne zu wissen, was hier geschehen war. Man hatte die Befürchtung, daß jetzt im Landtag eine blutige Schlacht im Gange sei und jeden Augenblick blutende Männer aus dem Portal wanken würden. Es tam aber niemand. Die Schußleute standen auf ihren Posten, als sei gar nichts geschehen. Wir entschlossen uns, nach dem Friedrichstädter Krankenhaus zu fahren, wohin die Verletzten sicher gebracht worden sein würden. In unserer Aufregung fam uns gar nicht der Gedanke, ein Auto zu nehmen. Wir gingen eilig über den Theaterplatz und um den Zwingerteich nach der Ostraallee und bekamen dort zufällig auch fofort eine Straßenbahn nach Friedrichstadt. Als wir im Krankenhaus vorsprachen, war das Auto schon wieder weggefahren. Wir erfuhren aber, daß Böchel und G. eingeliefert worden waren und im Operationssaal soeben versorgt würden. Eine Krankenschwester, die uns fragte, wer die Verletzten feien, fagte:„ Das ist ja schrecklich! Die sind ja noch schlimmer als die Bolschewisten!" Der Mordversuch im Landtag Wir gingen zurück nach der Könnerißstraße, wo viele unserer Leute erregt zwischen Volkshaus und Volks. zeitung" nach Fühlung suchend hin und her gingen. Von einem unserer Landtagsabgeordneten, den wir dort trafen, erfuhren wir, wie sich der Ueberfall auf Böchel abgespielt hatte. Mitglieder unserer Landtagsfraktion waren im Landtagsgebäude versammelt. Sie wurden wiederholt von bürgerlichen Abgeordneten dringend gebeten, doch das Haus zu verlassen, da sich SA. im Haus sammle und sie schon in furzer Zeit das Gebäude nicht mehr würden verlassen können. Unsere Leute erwiderten, ja, sie würden gehen, aber erst, wenn der Aeltestenausschuß des Landtags seine Sizung beendet haben würde, da sie die Genossen, die an dieser Sigung teilnahmen, darunter Böchel, nicht allein im Hause lassen wollten. Als diese Sißung beendet war und unsere Abgeordneten schließlich gingen, mußten sie im Treppenhaus ein Spalier von SA.- Leuten passieren. Ste blieben unbehelligt, es ist aber gehört worden, wie der SA.- Führer Bennecke, der mit SA.- Leuten auf einem Treppenabsaz stand, sagte:„ Der da im hellen Mantel, das ist Böchel." Während unsere Abgeordneten das Haus verließen, ist Böchel, ohne daß sie es bemerkt hatten, noch für einen Augenblick ins Fraktionszimmer gegangen, um der Fraftionssekretärin zu sagen, daß auch sie nach Hause gehen solle. Als er das Vestibül passierte, ist er von SA.- Leuten zurückgerissen und niedergeschlagen worden, ebenso G., der Böchel zu Hilfe tam. Der Genosse vermutete in dem Ueberfall eine Rache an Böchel dafür, daß er die Antwort einer führenden schwedischen Zeitung auf Görings Besuch, das Verhalten der schwedischen öffentlichen Meinung zu zenfieren, in öffentlicher Landtagsfißung verlesen hatte. Die Könnerißstraße und der Wettinerplay wimmeln von tragen Waffen und an der Koppel haben sie lange Lederpeitschen hängen, deren Spizen fast auf dem Pflaster schleifen. Sie sehen aus wie uniformierte Raubmörder. Vor dem Warenhaus des Konsumvereins Vorwärts in der 3wingerstraße wartet eine vielhundertköpfige Menschenmenge auf die Besetzung des Gebäudes durch die SA. Die Zuschauer sind guter Dinge und sehen der Sache wie einem Schauspiel entgegen. Die Besetzung erfolgte aber nicht. Die Räuber lügen Die persönlichen Erlebnisse dieser Tage schildern wollen, hieße immer wieder erzählen von zufälligen oder auch verfehlten Begegnungen mit Genossen, von stundenlangem Hin und Her in den Straßen, wo man sich sicherer fühlte als daheim, von flüchtigen Zusammenkünften mit der Frau in irgendeinem Lokal oder bei Freunden, die selber vor Ueberraschungen nicht sicher waren. Welche Wohltat war es, irgendwo in Ruhe einen Teller Suppe effen, eine Tasse Kaffee trinken zu können! Einige Genossen hatten schon flüchten müssen, andere waren verhaftet worden; jede Stunde konnte man auch abgehen. Müde kam man abends in der Dunkelheit in ein Schlafquartier; faft jeden Abend war es ein andres. Am Sonntag es war der 12. März hatte ich das Herumziehen in der Stadt und von Quartier zu Quartier satt. Ich ging nach Hause, verbrachte den Sonntag daheim, Genossen und Freunde tamen, und ich blieb auch über Nacht zu Hause. Am Montag trafen wir uns in einer kleinen Gastwirtschaft, in der Marktleute und Straßenhändler in blauen Schürzen und Lederjacken verkehren. Dort erfuhren wir, daß vor einer Stunde SA.- Leute in der Wohnung eines Genossen erschienen waren. Sie hatten ihn nicht angetroffen, dafür aber einen anderen Genossen, der zufällig dahin gekommen war. Ihn hatten die SA.- Leute mitgenommen unbekannt wohin. Man hatte ihn hin und her gestoßen, beschimpft:„ Du fettes Schwein, komm nur gleich mit!" " Die SA.- Besatzung des Volkshauses und der„ Volf8zeitung" hat am gestrigen Sonntag gegen Eintrittsgeld Führungen durch die besetzten Gebäude veranstaltet. Die Tochter eines Genossen hat unerkannt daran teilgenommen. Im Volkshaus sind den Besuchern die Beweise für die Wein- und Seftgelage der Gewerkschaftsbonzen" gezeigt worden. Ein Zimmer sei da, aus dem man trog fleißigen Lüftens bis heute noch nicht den Parfümduft habe vertreiben können. Sogar Gutscheine für Bordells habe man in den Gewerkschaftsräumen gefunden. In der„ Volkszeitung" mben nur die Maschinen- und Seherfäle gezeigt. Den Besuchern wurde erzählt, daß hier auch Bücher gedruckt worDen jelen, da aber Damen zugegen seien, fönne nicht deutlicher gesagt werden, was für Bücher! Solche und ähnliche Schauermärchen hörten die zahlreich sich drängenden Teilnehmer der Besichtigung mit offenem Maul und Nase an! Das Erscheinen der SA. in der Wohnung des Genossen auf der Suche nach ihm und die Tatsache, daß wieder ähnliche Trupps in der Stadt unterwegs sind, läßt es allen geraten erscheinen, sich nicht zu Hause aufzuhalten. Ich habe schnell zu Hause ein wenig gegessen, voller Unruhe, weil man in jedem auf der Straße heranfahrenden Auto ein SA.- Auto vermutet und doch nicht wegen fünf Minuten zu langen Aufenthalts daheim verschleppt werden will. Dann bin ich wieder fort. Auf Existenztrümmern Spätnachmittags traf ich mich mit meiner Frau in der Wohnung eines Genossen, der bisher unbehelligt geblieben ist. Sein Sohn allerdings sitzt in einer SA.- Kaferne gefangen. Während wir eine Tasse Tee tranken, erhielt der Genosse die telefonische Mitteilung von seiner Behörde, daß er bis auf weiteres beurlaubt sei und am nächsten Tag nicht zum Dienst kommen dürfe. Diese Nachricht, die Ungewißheit über das Schicksal des Sohnes und die Sorge um die schwer. tranke Mutter, die am nächsten Tag operiert werden sollte, drückten den Genossen schwer nieder. Frau und Tochter saßen weinend da. Wir gingen bedrückt überall sitzt man auf Existenztrümmern. Dienstag vormittag hatte ich mich mit meiner Frau nach dem Großen Garten verabredet. Sie fommt voller Unruhe: früh sind Kriminalbeamte dagewesen und haben nach mir und außerdem nach Waffen und verbotenen Druckschriften die ganze Wohnung durchsucht. Wäre ich, wie ich es mir vorgenommen hatte, in der vergangenen Nacht zu Hause gewesen, so säße ich jetzt schon in Schußhaft. Die Beamten hatten wiederholt eindringlich gefragt, wo ich mich aufhalte, wann ich das leztemal zu Hause gewesen sei, wann ich nach Hause komme usw. Ich verabschiedete mich von meiner Frau bald wieder und traf mich mit Genossen in der Stadt. Auch bei einigen von ihnen waren fast zur selben Stunde Kriminalbeamte erschienen, um sie zu verhaften, aber auch sie waren nicht zu Hause. Wir trennten uns bald wieder, um nicht aufzufallen. Ich saß dann mit einem Freund eine halbe Stunde lang auf einem Kinderspielplatz- welcher Zukunft wachsen die harmlos und heiter spielenden Kinder entgegen? Menschen. Fortwährend patrouillieren Polizisten und for Ein Freund geht fort dern die Gruppen auf, weiterzugehen. Die Pläße und Straßen um Volkshaus und„ Volkszeitung" gleichen einem Kriegslager. SA.- Mannschaften bilden die bilden die Besatzung, Polizeiaufgebote schützen sie. Vo. Volkshaus ist von der Aufschrift, das Wort„ Volks" heruntergerissen. Es ist nur noch„ Dresdener.... haus" zu lesen. Ein improvisiertes Schild bezeichnet das Gebäude als SA.- Heim. Auf dem Dach find SA.- Posten mit Maschinengewehren postiert, ebenso auf dem Dach der„ Volkszeitungs"-Druckerei und auf den benachbarten Garagen. In den Fenstern des Parteisekretariats auf dem Wettinerplaz sind aus Papierpaketen Schießscharten aufgebaut, aus denen Gewehrläufe herausragen. Auf den Balkons sind Maschinengewehre aufgestellt. Vor der Volksbuchhandlung bezeichnet ein großer schwarzer Brandfleck auf dem Asphalt die Stelle des Bücherscheiterhaufens. In allen Straßen der inneren Stadt marschieren und fahren SA.- Mannschaften und Polizeikommandos hin und her. Vor uns her geht ein Trupp junger SA.- Leute. Sie 1 Der Botanische Garten in der Vormittagsstille war in diesen Tagen ein ruhiges Asyl. Hier trafen sich einige Genossen jeden Morgen. An diesem Mittwochmorgen machte uns einer unserer Freunde die Mitteilung, daß auch er fort müsse, fort über die Grenze. Nirgends sei er mehr sicher, an jeder Stelle, auf der Straße, in irgendeinem Restaurant, überall könne er in jedem Augenblick verhaftet werden. Ich faßte das so auf, als ob er bald, in den nächsten Tagen oder morgen schon, gehen wolle. Plößlich stand er von der Bank auf und sagte:„ Also, ich gehe." Mit einem Händedruc nahm er Abschied. Er ging ohne irgendwelches Gepäck, im Lodenmantel. Er sah sich nicht um nach uns. Täglich traf ich mich mit meiner Frau irgendwo, bet Freunden, in einem Lokal oder an einer verabredeten Stelle auf der Straße. Ich verständigte sie von Fernsprechzellen aus in nur uns verständlichen Andeutungen und Deckworten, da der Telefon anschluß überwacht wurde. Donnerstag erwartete ich sie in einer kleinen Gartenwirtschaft. Sie kam verspätet, eilig, drängte zum Gehen es waren wieder Kriminalbeamte dagewesen, um nach mir zu suchen. Da meine Frau befürchtete, daß man ihr nachgegangen sein könnte, war sie unter mehrfachem Wechseln der Straßenbahnlinie durch die halbe Stadt gefahren, um etwaige Beobachter irrezuführen. Nun bat sie mich, doch auch über die Grenze zu gehen. Sie würde um vieles ruhiger sein, wenn sie mich in Sicherheit wisse. Am heutigen Morgen ist wieder ein Freund über die Grenze gegangen, zwei andre sind gestern verhaftet worden. Ein Genosse ist freiwillig in Schuzhaft gegangen, weil er nicht mehr wußte, wohin. Die Energie zur Flucht hatte er nicht mehr aufgebracht. Nun saß seine Frau weinend daheim. Tatsächlich wird der Raum, in dem man sich bewegen kann, immer enger, und man gefährdet auch die, bei denen man sich verborgen hält Wir gingen zu den Freunden, deren Wohnung jetzt mein Obdach ist, und besprachen alle Einzelheiten. Spät in der Nacht trennten wir uns. Was soll ich tun? Weil ich es meiner Frau hatte versprechen müssen, bin ich den ganzen nächsten Tag nicht aus dem Zimmer gegangen. In großer Unruhe kreisten die Gedanken immer um die eine turm ragt einsam über die fahlen Buchenwipfel, Wir steigen nicht hinauf; am Fuße des Berges erreichen wir den Fremdenweg, der zur Grenze führt. Noch ein kurzes Stück Weg und nun stehen wir am ersten Grenzstein; er leuchtet weiß am Waldrand. Endlich! Auf dem Winterberg waren wir vor Jahren einmal mit ausländischem Besuch. Die fremden Gäste wollten gern einmal bis an die Grenze gehen. Wir führten sie hierher. Sie faßten sich an den Händen und zogen sich zum Scherz über den Grenzstein hinüber, mit einem kleinen Freudensprung in die Tschechoslowakei". Dann pflückten sie Gräser, die sie mitnahmen zur Erinnerung daran, daß sie auch in Böhmen" gewesen waren. Der schmale Weg läuft über Felsplatten noch eine Strecke genau an der Grenze entlang; ein Schritt nach links und man steht wieder auf deutschem Boden. Endlich aber biegt er ab- noch hundert Schritte weit über die kritische Grenzzone hinaus: jetzt sind wir in Böhmen, und das ist jetzt die Freiheit. Es sind dieselben Felsen, feucht und dunkel vor Nässe; ich berühre ihre rauhe Steinhaut. Es sind dieselben Kiefern, deren stachlige Nadelbüschel mich streifen. Aber sie streifen mich fünfzig Meter weit von der deutschen Grenze entfernt hier ist die Tschechoslowakei und hier ist jetzt die Freiheit! Drüben leuchtet ein weißer Stein. Dahinter liegt Deutschland. Es ist die Heimat. Auf wie lange gehe ich fort? Soll ich mich freuen? Wir wandern mit der steigenden Sonne durch Felder und Dörfer. Schon immer wollten wir, mein Freund und ich, einmal zusammen wandern; es ist nie dazu gekommen I und dies ist nun das erstemal. Und für wie lange das leztemal? Rosendorf, Binsdorf, Loosdorf, Tetschen der Markt, die Brücke. Die Elbe strömt unter uns. Und nun Bodenbach. Am Elbufer steht eine Luftschaukel. Die Drehorgel spielt:„ Die Fenster auf! Der Lenz ist da!" Dann eine Tür die Tür zum Volkshaus: das ist nun das Tor in die Freiheit... Zwei bekannte Gesichter an einem Tisch. Emigranten. Eine überraschte Frage:„ Nun, einen Sonntagsausflug gemacht?" - Ja, es wird nur ein wenig lange dauern."- Ach soo0: also auch!"- Ja, auch!" Dollfuß- Liebling der Welt Frage: Was soll ich tun? Dieses Versteckspiel, diese Flucht Die Engländer reisen nach Tirol durch die Stadt von einem erborgten Bett zum andern fortsetzen, bis man eines Tages doch verhaftet wird oder schließlich zermürbt freiwillig in die Falle geht? Wenn es sich um eine normale Schußhaft handelte- gut, das wäre zu ertragen. Aber Monate, Jahre vielleicht hinterm Stacheldraht eines Konzentrationslagers, kommandiert und schikaniert von uniformierten Sadisten, mißhandelt, seelisch gequält, aufbewahrt für irgendeinen Schauprozeß oder bereitgehalten als Geisel für Rachebedürfnisse und eines Tages vielleicht auf der Flucht" erschossen? Aber über die Grenze. Durch welches dunkle Tor ging man da? Ohne Mittel, ohne Existenz. Wie geht es weiter, wenn die letzte Mark vertan sein wird? Es gab keine Antwort. Spätabends fam meine Frau. Sie brachte mir den Rucksack mit einiger Wäsche und dem Allernötigsten. Ein junger Mann hatte ihr den Rucksack bis zu einer bestimmten Straßenbahnhaltestelle gebracht, bis zu der sie wieder auf Umwegen gefahren war. Während sie daheim die Sachen zurechtmachte, war wieder Kriminalpolizei dagewesen. Wieder war die ganze Wohnung nach mir durchsucht worden. In die Schränke und unter die Betten hatten die Beamten geguckt, aber die bereitgelegte Wäsche war ihnen nicht verdächtig erschienen. Flucht durch die Sächsische Schweiz Also heute! Mein Feund, in dessen Wohnung ich die letzten Nächte verbracht hatte, begleitet mich auf den Weg über die Grenze. Zwei Touristen mit Rucksäcken am Sonnabend das fällt nicht auf. Ein Bekannter meines Freundes hatte sich bereit erklärt. uns in seinem Wagen bis nahe an die Grenze zu bringen, damit wir nicht mit der Bahn fahren müßten, weil da mit unerwünschten Begegnungen zu rechnen war. Es war ein alter, flappriger Wagen, wegen dessen antiquarischen Aussehens sein Besizer oft gehänselt wurde. Er aber trennte sich nicht von diesem Vehikel, weil der Motor ausgezeichnet arbeitete besser als mancher neue, versicherte er, und uns erschien heute sein Wagen als der schönste. Pünktlich stand er an der vereinbarten Straßenecke. Meine Frau hatte zum Abschied dahin kommen wollen fie war nicht da. Unser Führer drängte zum Einsteigen und während der Wagen schon fuhr, berichtete er:„ Meine Frau war nicht gekommen, weil am frühen Morgen schon wieder zum viertenmal die Polizei dagewesen war und meine Frau sich beobachtet fühlte. Sie wollte uns nicht in letzter Minute gefährden." London, im Juni 1938. Der Kampf Nazi- Deutschlands gegen Desterreich hat bewirkt, daß Oesterreich und sein Bundeskanzler Dollfuß in England höchst populär geword.n sind. Der kleine Dollfuß ist drauf und dran den populärsten Sportgrößen den Rang streitig zu machen. Sensationsbläter, die nur selten Politik bringen, cpfern eine ganze Seite für den österreichischen Bundeskanzler, der in allen Stellungen photographiert wird. Kaum ein ler, der in allen Stellungen photographiert wird. Kaum ein Tag vergeht, wo nicht in den englischen Zeitungen aufgefordert wird, nach Desterreich zu reisen, um den Schlag der HitTerregierung zu parieren. In Reisebüros liegen Werbeprofrefte für Oesterreich aus. Und als Dollfuß auf der Weltmirtschaftskonferenz sprach, wurde er nicht nur mit demonſtativem Beifall begrüßt, sondern seine Rede wurde auch ausführlicher wiedergegeben, als die Rede des deutschen Außenministers. Nichts tennzeichnet die Stimmung in England besser als ein Leitartikel im„ Observer", dem ange= sehensten englischen Sonntagsblatt, überhaupt einem der bedeutendsten und bis zu Hitler deutschfreundlichsten Blätter Englands. Dort heißt es unter der Ueberschrift Oesterreich und die Tyrannei": „ Sitler hat nach tausenden von aufreizenden Reden eine diplomatische Rede gehalten. Die diente Exportzweden, nicht dem Hausgebrauch. Der Nazigeist hat seine Gewalttätigkeiten nicht gert. Er ist eine Explosion on Tyrannei. Jede andre Mein ng trampelt er nieder and sucht sie zu morden. Eine Gemütsart, die sich so in der Ju: nenpolitik äußert, ist stets auch in der Außenpolitik gerähr= lich. Die Ausschre angen gegen die bayrischen Katholiken fie tamen na den Juden an die Reihe zeigen den Sru talen Wahnwiz des Fanatismus. Es ist wesentlich sich darüber flar zu sein, daß der gleiche Geist eines Tages eine internationale Krise in der österreichischen Frage hervor: infen kann. Im Augenblick ist das kleine Oesterreich der Schlüssel Europas." de schon zermalmt worden sein, wäre nicht der kleine Kanzler Dr. Dollfuß, der vorige' oche in London Lorbeeren erntete. Als gerüber em Goliath würde er der Liebling der Ihn und die Fr' heit seines Lan des zu unterf her ist wesentlich für den endgültigen Frie den Erropas. Defterreich hätte sich wohl, wenn es na ú sei: nem freien Willen gegangen wäre, inem föderativen Deutschland ingeschlossen. Aber vom Naziterrer unterjocht zu werden rn, wäre da ärgste er Uebel. or einigen Wochen schickten die Nazis Kommissare, um Oesterr wie ein bereits annektiertes Lad zu behandeln. Dollfuß weis zu widersetzen. Ber hieb mit Knütteln auf Desterreich los, indem es den Reiseverkehr nach efter: reich zerstörte, wo die Naz'gruppe genau so unverschämt und drohend ist wie anderswo. Dr. Dollfuß wies einen Schein: diplomate aus, der als Aufr'esler nach Wien geschickt: or: den war. Berlin werf Herrn Wasserbaed heraus, den öfter: reichischen Presseattache, der seit Jahren die Rechte eines Diplomaten genoß. Er wurde nach London versetzt, wo er herzlich willkommen ist. Unseres Erachtens müßte Endlich erhebt sich der Winterberg vor uns. Der Aussichts- die Unabhängigkeit Oesterreichs definitiv Wir fahren in flottem Tempo nach Schandau und biegen dort in das fast menschenleere Kirnißschtal ein Im Garten eines Gasthauses hängen Frauen Wäsche auf; oben stehen die Fenster offen, hinter denen wir einmal quartiert haben vorbei. Lichtenheiner Wasserfall, ein Wegweiser nach dem Kuhstall vorbei. Kein Mensch, kein Fuhrwerk be= gegnet uns. und unabänderlich garantiert werden. Man sollte ihm finanziell helfen. Mehr denn je sollten in diesem Sommer britische Touristen Oesterreich besuchen. Sie werden entzückt sein von der Anmut der Landschaft und der Leute." England war bisher das Land, das dem Gedanken des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland am freundlichsten gegenüberstand. Das war einmal. Nekt ist England, um die Trennung Oesterreichs von Deutschland zu benegeln, sogar bereit, die Wiederherstellung der Habsburger Monarchie in Oesterreich und Ungarn zu unterstützen. en den dahin zielenden Plan Mussolinis hat sich in England bisher außer dem sozialistischen„ Daily Herald" nur noch der ,,, Manchester Guardian" gewandt, Ser auch nicht mehr wie früher den Anschlußgedoux.' ritt, sondern den von Frankreich propagierten Gedanken einer Union der Do:* aaten( TschechoIrwakei, Desterreich, Ungarn, Rumänien, Jugrawien). Die Fitlerpolitik hat also auch im Südosten in furzer Zeit alles verschüttet. Abrüstungskonferenz stockt Wie zu erwarten war Genf, 27. Juni.( Wolff.) Botschafter Na dolny hatte heute vormittag Besprechungen mit dem Präsidenten der Abs rüftungskonferenz Henderson und dem englischen Vers treter Unterstaat etär Eden. Henderson teilte in der Unterredung mit Nadolny mit, daß es ihm nicht ges lungen sei, bis iekt für die Vorbereitung der zweiten Le= fung des englischen Konventionsentwurfes die in Aust genommenen Verhandlungen zu führen. Er sehe nicht, wie gegenwärtig die Arbeit des Hauptausschusses mit Erfolg weitergeführt werden könnten, und er sei infolgedessen für eine Vertagung der Konferenz bis nach der Völkerbundsversammlung im Herbst. Einen ähnlichen Standpunkt nahm der enalische Vertreter Eden gegenüber Botschaf ter Nadolny ein. Auch er vertrat die Auffassung, daß man Henderson noch Zeit geben müsse, um die zweite Lefung des englischen Konventionsentwurfes vorzubereiten. Demgegenüber betonte der deutsche Delegationsführer sowohl Eden als Henderson gegenüber, daß die Arbeiten der Konferenz fortgelegt werden müßten, und daß kein Anlaßzur Vertagung vorhanden sei. Eventuell tönne Senderson die notwendigen Besprechuns gen ja hier in Genf führen. Das erweiterte Präsidium der Konferenz tritt am Nachs mittag zusammen, um eine Entscheidung zu treffen. SPD. Ortsgruppe Paris Donnerstag, den 29. Juli, 20 Uhr, im Lokal Bal Pont Marie, 1 rue Normains Hycres, Mitgliederversammlung. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Pizz: Inserate Hubert Jüttner, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: „ Volksstimme" G. m. 6 H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5. Der umsichtige Geschäftsmann inseriert von nun ab in der ,, Deutschen Freiheit" dem Weltblatt das in 7 Tagen eine feste Bezieherzahl erreicht hat, die alle Erwartungen weit übertrifft Inserieren in der ,, Deutschen Freiheit" verbürgt allerbeste Erfolge