Pr cls: 60 1. cts. Pantare Frethel Nummer 22-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Samstag, den 15. Juli 1933 Chefredakteur: M. Braun Laßt die Toten ihre Toten begraben und beklagen. Dagegen ist es beneidenswert, die Ersten zu sein, die lebendig ins neue Leben eingehen; dies soll unser Los sein. Karl Marx Blutnacht Der Bericht eines Verschleppten aus Köpenick Tatsachen und Namen! Ein uns seit Jahren wohlbekannter, zuverlässiger Mann, dem es durch geiftesgegenwärtige Ausnutzung eines glücklichen Zufalls gelungen ist, der Ermordung zu entgehen, übermittelt uns folgende Schilderung der Mordnacht von Köpenick. Es handelt sich um den Ueberfall auf die Siedlung, in der auch der verschleppte und dann ermordete Abgeordnete Stelling wohnte. Es sind die Banden, auf die der junge Sozialdemokrat Schmaus in der Verzweiflung zum Schuße seiner Mutter und Schwester schoß. Die von Schmaus in Notwehr niedergeschossenen Verbrecher wurden in feierlichem Staatsbegräbnis unter heuchlerischen Reden von geistlichen Hitler- Knechten beerdigt. Diesmal sind wir nicht daran gehindert, die Namen der Beteiligten zu nennen. Wir hoffen, damit auch die Zentrumspresse zufrieden zu stellen, die sich mit ihrem Christentum schützend vor solche Banditen stelit. Ich wohnte mit meiner Frau in einem kleinen Holzhans bei Köpenid. Am 22. Juni, 4 Uhr morgens, wurden wir burch heftige Schläge aus Fenster gewedt. Das Haus war von SA.- Leuten umstellt, die ihre Revolver in der Hand hielten. Als ich im Nachthemd heraustam, wurde ich sofort mit dem Erschießen bedroht und aufgefordert, mitzukom men. Schließlich gestattete man mir, mich anzukleiden. Ich erkannte unter den SA.- Leuten einen gewissen Kantels wig. In einem bereitstehenden Auto saß mein Genoffse Franz Kaiser aus Köpenid, den man ebenfalls geholt hatte. Das Auto brachte uns zum Köpenider Gerichtsges fängnis. Der Platz vor dem Amtsgericht war voll von SA.s Leuten, die sich sofort auf uns stürzen wollten. Der Sturm führer brüllte jedoch:" Halt, auf der Straße nicht schlagen!". Kaum hatten wir jedoch das Gebände betres ten, so ging es los. Wir wurden die Treppe hinauf und einen langen Gang entlang getrieben. In einer großen Belle standen 10 Genossen mit dem Gesicht zur Wand. Fußboden und Wand waren mit Blut befleckt. In der Mörderkaserne Eine alte Frau, blutend aus Mund und Rafe, mit blutbefledtem kleibe, muße ben Fußboden scheuern. Der SA.- Mann Lobse fragte mich:„ Kennst Du dieſe Sure?" 36 Ich fah genauer hin und erkannte mit Entfegen die Mutter meiner Frau. Run wurde Genosse Kaiser von Lohse aufgefordert, einem anderen Genossen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Als Kaiser zögerte, erhielt er selber von Lohse einen Fauftschlag, so daß er mit dem Kopf an die Wand flog. Dann wurden die Genossen mit Stöden angetrieben, sich gegen seitig zu schlagen, bis sie bluteten. Ich wurde von Lohse mit den Worten empfangen:„ Endlich haben wir 300 Zeitungen verboten! bich, du Marristenschwein". Darauf schlug er mir ins Ges sicht und seine Kumpane folgten seinem Beispiel. Allen wurden Haare und Bart abgeschnits ten, mir wurde ein Hakenkreuz zurechtges schnitten. Einem Kommunisten schnitt man absichtlich mit der Schere in die Nase, wobei der Führer brüllte:„ Schadet nichts, wenn Haut mitgeht, haben Danach SA.- Leuten, Zwei Arbeiter vom Blitz crschlagen! Templin, 14. Juli. Zwei Arbeiter, die bei einem Gewitter unter Sträuchern Schutz vor dem Regen gesucht hatten, wurden vom Bliz getötet. Ein weiterer Blitzstrahl schlug in die Arbeiterwohnung des Gutes Mattheshöhe und lähmte die in der Stube anwesenden Personen. Sie mußten in das Krankenhaus Prenzlau gebracht werden. Le quatorze juillet! Jede Bastille erlebt mußten wir etwa 10mal burch Spaliere on eten, ihren Bastillensturm! die mit Stöcken und Knüppeln bewaffnet waren, Spießruten laufen. Einige ältere Lente brachen dabei zusammen. Ins rige Genoise Paul von Effen herbeigefchleppt zwischen war unter ungeheuerem Siegesgehenl der 55jäh= worden. Er war seit langer Zeit erwerbslos, eben erst aus dem Krankenhaus gekommen und auf einem Auge blind, Vater von vier Rindern und Kriegsteilnehmer. Man schlug ihn erst ins Gesicht, dann riß man ihm die Hosen herunter und schlug ihn mit geradezu rasender wut mit Stöden und Knütteln auf den entblößten Körper, bis er die Besinnung verlor. Ein SA.- Führer sagte dann: " So, das Schwein wäre fertig!" Genoffe von Essen ist inzwischen den furchtbaren Verlegungen, die ihm seine Peis niger zufügten, erlegen. Die blutige Orgie wurde jedoch durch diesen Zwischenfall keineswegs gestört. Gefangene, die noch stehen konnten, mußten unter Kommando Lohses stundenlang mits einander bogen. Erlahmten sie dabei, so wurden fie mit Gummifnüppeln und Stöden zu größerem Eifer angetrieben. Ich wurde dabei einem Mann zum Boren gegenübergestellt, den ich nicht ers kennen konnte, weil sein Gesicht eine geschwol lene, blutige Masse war. Dann wurden wir jeder einzeln in eine Zelle geprügelt. Auch dort wiederholten sich mit stündlicher Regelmäßigkeit die körperlichen Mißhandlungen. Schließlich wurde ich dem Sturmbannführer Ges ride vorgeführt. In meiner Verzweiflung bestritt ich, ein Marrist zu sein. Gerite ordnete darauf an, daß ich einfts weilen weiter nicht zu schlagen sei, hätte ich aber die Uns wahrheit gesagt, so würde ich erschossen werden. Nach kurs zer Zeit wurde die Tür meiner Zelle aufgerissen, der Sturmführer Kobold aus Köpenick, Dahlwiger Plaz wohns haft, stürzte mit einigen SA.- Leuten herein, schlug auf mich los und brüllte: „ Du Lump Wirst heute fertiggemacht!" Man zerrte mich den Gang entlang zur Zelle meiner Schwiegermutter; während mich zwei SA.- Leute fefthielten, wurde die 53jährige Frau von Kobold und anderen mit Stöcken geschlagen, bis sie am Boden lag. Sie ist jetzt gei: stesgestört und befindet sich in einer Anstalt. Ich sah auch noch, wie die mir bekannten Brüder Sasche, zwei ganz junge Leute, grauenhaft geschlagen wurden. Diese Mißhands Inngen dauerten den ganzen Tag. Zur Ablösung tamen ims mer wieder nene Schlägerkolonnen. Um 4 Uhr nachmittags wurde ich aus der Zelle geholt mit dem Befehl, sofort nach Hause zu gehen. Der Truppenführer Kobold fuhr mit drei SA.- Lenten auf Motorrädern voran. Ein SA.- Mann, der mit mir Mitleid hatte, rannte mir zu, ich sollte ermordet werden. Mein Weg führte durch den Wald, dort gelang es mir, zu entkommen. Den Genoffen Johannes Stelling habe ich im Amtss gericht Köpenick nicht gesehen. Meines Wissens war er schon am Vormittag des 21. Juni aus seiner Wohnung ge= holt worden, die er gerade an jenem Tage unglücklicherweise wieder aufgesucht hatte. Wie die„ Boffische Zeitung" berichtet, hat der preußische Innenminister ein neues Verzeichnis sämtlicher verbotenen ausländischen Druckschriften bekanntgegeben. Am ,, Nicht wieder zu erkennen" 1. Juni waren 252 Zeitungen und Zeitschriften, nach dem Stand vom 1. Juli find 291 Druckschriften in Preußen vers boten, die sich auf 21 verschiedene ausländische Staaten vers teilen. An der Spitze steht wiederum die Tschechoslowakei, diesmal mit 74( vorher 66) Schriften. An zweiter Stelle fteht Desterreich mit 48( 37) Drudschriften, von denen 37 aus Wien stammen. Es folgt Frankreich mit 38( 31) Zeitungen; unter den im Juli verbotenen befinden sich die Humanite" und drei neue deutsche, neuerdings in Paris erscheinende Zeitungen, während die übrigen Verbote meist elsaß- loth ringische Blätter betreffen. Die Schweiz betreffen 26( 24), die Vereinigten Staaten 12, Rußland 11( 9), Holland 9, das Saargebiet 8, Spanien, England und Luxemburg je 5, Danzig, Rumänien, Schweden je 8, Argentinien, Kanada und Estland je 2 Verbote. Es ist möglich, daß ich nicht alle Gefangenen, ich glaube es waren vierzig, zu sehen be kommen habe. Manche waren, wie schon ges jagt, auch nicht mehr wiederauertennen, da ihr Gesicht völlig entstellt war. Möglicherweise ist Stelling schon bei der Gefangennahme am Vormittag getötet worden. In welcher Weise die Ermor: dung erfolgte, darüber kann nach meinen eigenen Erleb= quantenaireringe Reifen bestehen, deren getan wurde, wird für alle Zeiten ein Schandfleck der deuts schen Geschichte bleiben.... Saarbrücken, 14. Juli 1933. Die neuen Machthaber in Deutschland, die diese Macht nie erobert, sondern denen sie intrigenreich in poden der großen französischen Revolution, deren die Hände gespielt wurde, fühlen sich als die AntiTag ihres Bastillensturms als der Natio. nalfeiertag Frankreichs in die Geschichte einging. Woher sollte dieser Rebellion des braunen Untermenschentums wohl auch die Erkenntnis kommen, daß sie nicht der Aufbruch einer neuen Epoche der Weltgeschichte, sondern nur das letzte Aufflackern aller reaktionären Widerstände aus atavistischen Untergründen gegen das neue Helden und Menschentum der Freis heit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist?! Wie kann man erwarten, daß diese„ Erhebung" der nationalen Minderwertigkeit begreifen soll, welch mittelalterliche Rolle sie gegenüber dem Ber freiungswerk der französischen Revolution, gegeben für die ganze Menschheit, und welch vorübergehende Krankheit sie ihm gegenüber darstellt?! Man vergleiche ihren totalen Staat mit dem der Menschenrechte- welch ein Abstieg in die Barbarei! Sie gaben vor, den Parteienstaat der Demokratie abzuschaffen und schufen dafür die korruptionsreiche Regierung einer einzigen Partei. Sie schufen angeblich die wahre Volksgemeinschaft die indessen allein darin besteht, daß sie der Großbourgoisie ihren Besitz und der Armut ihre Armut garantiert. Sie schufen angeblich das einige Volk im einigen und einzigen Glauben aber es war nur ein Konzentrationslager, in dem das von der französischen Revolution befreite Denken nach den Gesetzen der Vernunft und der Logik unter Strafe gestellt und in besonders schwierigen Intelligenzfällen mit der„ totalen" Erledigung des India viduums geahndet wurde und wird! Sie priesen ihren totalen Staat mit hunderttausend Rundfunkzungen als den überlegenen aber die Durchschlagskraft ihrer Argumente beschränkte sich durchweg nur auf die Korrektur der individualistischen Denkirrtümer mit dem Gummiknüppel und der darauf folgenden totalen Gleichschaltung vom lieben Gott bis zum Stammtisch! Sie sprechen dauernd von den Rechten des Staates ihrer Partei- aber von den Rechten, die mit uns geboren wurden und die unverlierbar in den ewigen Sternen hängen und die die französische Revolution herunterholte, wissen sie nur insoweit, als sie sie restlos gleich, das heißt aus schalteten! Sie haben den Staat geschaffen, der keinen Widerspruch findet, weil er keinen duldet und erträgt- aber dafür den Widerspruch aller und den Abscheu der Welt rund um seine Grenzen erzeugt hat. Zum großen Befreiungswerk der großen französischen Revolution haben die Völker aller Zonen und Nationen aufgejubelt und haben andächtig, verehrend und be = geisternd seine europäische und Weltbedeutung ebenso ge feiert, wie sie die neue Hitler Bastille im unglücklichen Deutschland verachten! Aber jede Bastille erlebt ihren Bastillen sturm! Das Werk der französischen Revolution ast noch nicht bes endet. Die Jdee der Freiheit, der Gleichberechtigung, der brüderlichen Liebe und Eintracht und des höchsten Gutes der Menschenrechte wartet noch auf ihren Bastillensturm gegen das Menschenschlachthaus des Hitlerkäfigs: Wir wollen seine Barrikadenkämpfer sein an unserem 14. Julil M.B Heil Mammon! # 2 Der Ruf ,, Hell Hitler!" nur für die Dummen-Kapitalismus über alles- Keine ständische Wirtschaft- Es war alles Schwindel- Entente cordiale zwischen Hitler und Hochkapitalismus Sie hatten versprochen so viel, ja so viel! Und alles ist geworden ein bloßes Possenspiel. Wir bleiben wie immer getäuscht und gehöhnt. Die Wahrheit ist verboten, das Mahnen ist verpönt. Was sollen wir hoffen? Die Zeit ist zu schlecht: Oweh, die Macht ist rechtlos, und machtlos ist das Recht. Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des Deutschland- Liedes. In einer Rede vor den Gauleitern der NSDAP. am Donnerstag hat der Reichskanzler Hitler das große Wort gesprochen:„ Ich kapituliere bei allem, was ich tue, immer nur vor der Vernunft." Richtig! Diese Vernunft aber offenbarte sich während der ganzen politischen Laufbahn Hitlers in den Kassenschränken des Hochkapitalismus, der Latifundienbesizer und der abgetakelten deutschen Fürsten. Als Agitator hat Hitler das Anbeten dieser Vernunft" mit sozialistischen Phrasen verdeckt. Zur Macht gelangt, und nachdem er alle Machtpositionen im Staate mit seinen Kreaturen besetzt hat, wirft Hitler alle Heuchelei beiseite. Er betennt sich zum Kapitalismus wie er ist und verhöhnt die jetzt entmachteten nationalsozialistischen Schwärmer, die wirklich und ernsthaft an eine Sozialisierung geglaubt haben: Die politische Macht haben wir schnell und in einem Zuge erobern müssen, auf dem Gebiete der Wirtschaft aber sind andere Entwidlungsgefege maßgebend. Hier muß man Schritt für Schritt vorwärtsgehen, ohne das Bestehende radikal zu zertrümmern und unsere eigene Lebensgrundlage zu gefährden. Mit bürokratischen Konstruktionen könne man die deutsche Wirtschaft nicht auf= banen. Die Ausnuzung der individuellen Fähigkeiten habe und groß gemacht und nur durch sie könne auch unser großes Wiederaufbauwerk zum Erfolge tommen. Beugung der höheren Arbeits= leistung unter die mindere Arbeitsleistung werde nicht geduldet. Das fordere das Wohl des deutschen Boltes. Im Rahmen dieser Grundsätze die Interessen der Gesamte heit wahrzunehmen, das sei das Problem, daß uns zur Lösung gestellt sei. Wie auf politischem, so tönne man auch auf wirtschaftlichem Gebiet Befugnisse und Rechte nur hers leiten aus der Leistung. Das Tempo unserer Einwirkung militaristisch- reaktionären Kräfte gegen alle Träger eines friedlichen sozialen Aufbaus. Nicht einmal den ständischen Aufbau im Rahmen kapitalistischer Wirtschaft strebt man ernstlich an. Hugenberg hätte ruhig Reichswirtschaftsminister bleiben können. Er mußte gehen, weil die SA. in ihm den Träger der kapitalistischen Reaktion fannte. Durch den neuen Mann Schmitt kann die SA. noch eine Zeitlang getäuscht werden, und wenn die flügeren Köpfe aufwachen, sind sie längst aus der SA. hinausgeworfen und durch zuverlässige Söldner ersetzt, die für jedes System kämpfen, das ihnen leidlich zu essen gibt. Begeisterungstrunken Komische Leute Von der Ahr wird uns geschrieben: Ueber eine Mystifikation, die recht bezeichnend für die fritiklose Begeisterungsmanie des deutschen Spießbürgertums ist, wurde in Neuenahr sehr gelacht. Vor einiger Zeit sollte hier ein höherer Staatsbeamter, der kommissarisch be stellt war, eingeführt werden. Zahlreiche Vereine, darunter selbstverständlich die Beamtenvereinigungen, die uniformierte SA. und SS. und Polizei hatten am Bahnhof Aufstellung genommen, um den Herrn„ Kommissar" zu empfangen. Als nun um die festgesetzte Zeit ein uniformierter SA.- Mann aus der Bahnhofshalle trat, setzte man ihn ohne viel FederLesens in das bereitstehende Auto und paradierte ihn im Die in Konzentrationslagern eingeübte Triumphzug, mit Musik und Fahnen, ins Städtlein hinein. Horft- Wessel- Hymne. Die abgeblasene Revolution Melodie: Das Ganze halt!- Kommando: Weggetreten! SA. geht heim, Revolution ist aus. Die ihm zum Sieg verholfen, die Proleten, Die schickt der Führerklängel jezt nach Hans. Die braunen Bonzen schwelgen an der Krippe. SA. sieht in den Mond, das ist ihr Teil. Sie haben ja so fest Euch an der Strippe, Nehmt Eure Knochen nur zusammen und ruft„ Heil!" Es wird nun nicht mehr Sturmalarm geblasen, Unangetastet bleibt das Kapital. Wie, Sozialismus wollt Ihr? Das find Phrasen, Die stören Eure Führer nur beim Mahl. Sie haben doch die ganze Macht in Händen. Ihr wollt zum zweitenmal Revolution? Habt nur Geduld, bald wird sich alles wenden, Wenn Ihr Proleten rückkehrt in die Fron! Was ruft Ihr? Erst das Kapital ausmiften, Schluß mit dem Quell des raffenden Gewinns?! Wenn Ihr so redet, seid Ihr ja Margiften! Und mancher grollt im Innern: Ja, ich bins! Rache! Die guten Bürger waren so toll vor Begeisterung, daß sie auf den hohen Gast Blumen streuten. Am Rathaus wurde dann dem so Hochgeehrten eine fräftige Ansprache gehalten, und da erst stellte sich heraus, daß man einen neubestallten Führer des hiesigen freiwilligen Arbeitsdienstes für den Herrn Staatskommissar gehalten hatte. Die Komit wird noch dadurch vermehrt, daß es sich, wie jetzt bekannt wird, bei dieser Mystifikation um ein sehr übel beleumundetes Individuum, nämlich um einen Herrn Adolf Witte aus Koblenz, handelt. Dieser " Herr" war Mitglied des Zentrums, trat dann zur nationalsozialistischen Partei über und wurde als SA.- Mann in die Hilfspolizei gesteckt, wo er einen Führerposten erhielt. Vom Protestantismus trat er zum Katholizismus und von da wieder zum Protestantismus über und betätigte sich zwischendurch bei einer Gesundbetersefte. Er hat sechs eheliche und drei uneheliche Kinder in Koblenz, sorgt jedoch für seine zahlreiche Nachkommenschaft nicht, da er notorischer Säufer ist, und dieserhalb zeitweise seine Wohlfahrtsunterstützung nur an seine Frau ausgezahlt werden konnte. Er trägt sich mit der Absicht, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Es ist bezeichnend, daß ein solches Individuum nicht nur SA.- Mann und Hilfspolizist, sondern bis zur Stunde Joe. Führer im freiwilligen Arbeitsdienst sein kann. auf die Wirtſchaft und die Stellenbefetzung in der Wirt Zunehmende Ueberfälle auf SA.- Leute schaft sei daher abhängig von der Heranbildung eines wirtschaftlichen Führernachwuchses. Die Betriebsamkett gewisser Organisationen auf diesem Ge= biet jei noch keineswegs der Beweis dafür, baß dieser Nachwuchs bereits vorhanden fei. Es sei Grundsaß der NSDAP., eine Stelle nicht eher zu besetzen, solange nicht eine fähigere, durch Leistungen erprobte Persönlichkeit zur Verfügung stehe. Wer nur an die Vergangenheit denke und sich nicht mit der Zukunft bes schäftigt, sei ein schlechter Nationalsozialist. Das heißt also rein kapitalistischer Ausbau ohne jeden fozialistischen Versuch, wobet man allerdings zugestehen muß, daß der sogenannte Nationalsozialismus nirgendwo die Kräfte entwickelt hat, die wirtschaftlich führen könnten. Darin hat Hitler recht. Das wußte er aber schon früher und hat es auch gar nicht anders gewollt. Soweit seine Anbeter nicht ganz auf den Kopf gefallen sind, werden sie erkennen, daß sie 13 Jahre von dem großen Führer" belogen worden sind. Noch deutlicher wurde natürlich der Generaldirektor Schmitt, der jetzt hochkapitalistischer Reichswirtschaftsminister ist. Die Rede, die er am Donnerstag vor einem erlauchten Kreise von Kapitalisten gehalten hat, könnte in jedem Lehrbuch liberaler Wirtschaftsauffassung stehen: Die oberste Aufgabe des Wirtschaftsministers sehe ich viel weniger in einer Aufstellung von wirts schaftlichen Konstruktionen und Plänen, als vielmehr in der Organisation der vor handenen praktischen, realen Wirtschafts: möglichkeiten. Es ist nicht die Aufgabe des Wirt: fchaftsministeriums, in die einzelnen Wirtschaftszweige einzugreifen und darin herumzuregieren. Man muß aber natürlich die Möglichkeit dazu offenhalten. Der Staat wird von dieser Befugnis aber nur einen sehr weisen Ges brauch machen und es sich genau überlegen, bevor er ordnend eingreift. Die Aufgabe, die ruhige Arbeit in der Wirtschaft zu förs dern, glauben wir dadurch am besten lösen zu können, daß wir den unmittelbaren persönlichen Kontatt mit der Wirtschaft herzustellen suchen. Wir haben deshalb die Absicht, zunächst den Wirkungskreis der Tren händer der Arbeit auf allgemeine wirtschaftliche Fragen auszudehnen und diese bei unseren uns unmittel bar unterstellten Organen als Berbindungsmänner zu be In der deutschen Presse liest man jetzt immer wieder Selbstmord" im Gefängnis Meldungen wie die folgenden: Mord! Kommunisten überfallen SA.- Männer Rönigsberg, 11. Juli. Wie die Gruppe Ostmark der SA. mitteilt, überfiel der vor kurzem entlassene Kommunist Lange mit zwei Helfershelfern den SA.- Mann Willi Höllger- Powyen, indem er ihn mit einem Jagdgewehr aus einer Entfernung von etwa eineinhalb Schritt anschoß. Der Ueberfallene, dem die ganze Schrotladung in das Becken gedrungen war, starb unter furchtbaren Qualen. Der Täter wurde festgenommen. Nürnberg, 11. Juli. Der SA.- Mann Langerfelder wurde heute früh auf dem Wege zur Arbeitsstätte von den als Anhänger der KPD. berüchtigten Brüdern Franz Xaver und Konrad Müller überfallen und durch Messerstiche in den Leib schwer verletzt. Der zur Hilfe herbeieilende SA.- Mann Strobel erhielt zwei Stiche in den Oberarm. Die beiden Täter flüchteten und konnten bis jetzt noch nicht gefunden werden. Man beachte die entrüstete Ueberschrift Mord!" Gewiß ist das Mord, aber was sind die zahllosen Bestialitäten der Der„ Westdeutsche Beobachter" meldet ans Bonn: Nachdem sich die Verdachtsmomente gegen den mutmaß lichen Täter, den Kommunisten Joseph Messinger, besonders durch eine fünfftündige Vernehmung im Beneler Rathaus so verdichtet hatten, daß alle Ablengnungs versuche nichts mehr retten konnten, beging der Mörder in seiner Zelle Selbstmord durch Erhäns gen. Kurz vor seinem Rücktransport nach dem Gefängnis in Bonn richtete Meffinger die Bitte an den Pg. Nallinger, einem früheren Kriminalbeamten von der Kriminalpolizei in Berlin, ihn allein sprechen zu dürfen, was Meffinger auch gewährt wurde. Er erklärte Nallinger, am nächfts folgenden Tage bereit zu sein, ein Geständnis abzulegen. Das Naziblatt bringt den Bericht unter der Ueberschrift „ Der Mord an unserem Kameraden Klaus Klemens gefühnt." Das läßt auf etwas eigenartigen„ Selbstmord" schließen! SA.- Banditen. Durch die Ausschreitungen der Braunen is Der Geßlerhut die Mordatmosphäre erst geschaffen worden, die jetzt auch zu Rachetaten führt. In dem Falle Königsberg haben übrigens die Nationals sozialisten jede gerichtliche Aufklärung verhindert. Der „ Bölkische Beobachter", das Blatt des Reichskanzlers, bes richtet: Der Kommunist Lange wurde von Landjägern fests genommen und in das nächste Gerichtsgefängnis gebracht. In der Bevölkerung war die Nachricht von dem nieders trächtigen Mord schnell bekannt geworden. Eine große Boltsmenge zog vor das Gerichtsgefängnis, holte den tommunistischen und heraus Iynchte ihn. Mörder Die Wut der Bevölkerung über dieses feige Verbrechen an einem ihrer tapfersten Kämpfer ist um so mehr zu verstehen, als der 20 Jahre alte Höllger der einzige Ernährer seiner 4 jüngeren Geschwister war. So sieht der Rechtsstaat Deutschland aus. nußen, um Menschen aus dem Leben, die den Kontakt nach Auf der Flucht erschossen!" allen Seiten haben, an Ort und Stelle zu besitzen, die ver= mittelnd tätig werden können, wenn irgendwo Angriffe oder Störungen vorkommen. Der ständische Aufbau, der in unserem Reiche selbstverständlich kommen muß und dessen Nichtvorhanden fein gerade jetzt sehr schmerzlich empfunden wird, ist im Augenblick abgestoppt und zurückgestellt worden, nicht weil er nicht kommen soll, sondern weil die Gefahr bestand, daß eine ganze Reihe uns berufener Elemente versuchte, auf diesem Gebiete Experimente zu machen. Das heißt in vulgäres Deutsch übersetzt:„ Berdienen wird groß geschrieben!". Das gilt für das Dritte Reich genau so wie es für jedes kapitalistische Reich gilt. Hitler war und ist nicht der Träger einer sozialistischen Gegenrevolution, er ist der Führer der kapitalistisch Der Strafgefangene Hermann vant'Ende unters nahm, als er am Mittwoch von der Strafanstalt Münster zum Polizeigefängnis in Essen zur Gegenüberstellung mit einem Schuhhäftling übergeführt werden sollte, auf dem Transport einen Fluchtversuch, bei dem er erschossen wurde. Es handelt sich um den bekannten Kommunisten vant'Ende, der am 12. Oktober 1931 den SS.- Mann Erich Garthe in Essen erschoß und gegenwärtig seine zwölf= jährige Zuchthausstrafe in Münster verbüßt. Wenn die Bevölkerung nicht ,, vorschriftsmäßig" grüßt Am vergangenen Mittwoch besuchte eine Gruppe Arbeitsdienstwillige des Arbeitslagers Hüls bei Krefeld die Kinovorstellung in Hüls,„ SA.- Mann Brand". Auf dem Heimwege wurde die von der Gruppe vorangetragene Hakenkreuzfahne von der Bevölkerung Hüls nicht vorschriftsmäßig gegrüßt. Die Gruppe des Arbeitslagers schlug deshalb mit Schulterriemen auf die Bevölkerung ein. Die Schlägerei war furchtbar. Bei der Verwaltung des Lagers haben sich bis heute 104 verletzte Personen gemeldet und Protest eingelegt, darunter Greise bis zu 80 Jahren. Die Lagerleitung und Polizei verbot daraufhin das Tragen der Schulterriemen bei Ausflügen. Am kommenden Tag- Donnerstag- ereignete fich derselbe Fall durch eine andere Gruppe des Lagers. welche die Vorstellung besuchte. Da diese Gruppe Schulter riemen und Koppel nicht anhatten, wurde die Bevölkerung, die den Gruß verweigerte, geohrfeigt. Beim zweiten Fall find persönliche Beschwerden nicht eingelaufen, jondern nur Briefe an Polizei und die Lagerverwaltung ohne genaue Unterschrift. Hitlerjungen erschießen sich Doppelselbstmord In dem Waldgelände bei Wilhelmsdorf in der Nähe von Brandenburg an der Havel verübten Hitler- Jungen Selbstmord durch Erschießen. Es handelt sich um einen 7jährigen Bädergesellen Walter Schulze aus Großkreuz und um einen 18jährigen Tischlerlehrling Bernhard Bartosinski. Ueber die Gründe, die die jungen Leute in den Tod getrieben haben, ist bisher nichts bekannt. Es konnte nur ist nun ein Gruß an die„ Deutsche Freiheit" und die erste Bee festgestellt werden, daß gegen sie in keiner Beziehung etwas stellung eingelaufen, Auch aus Mexiko vorlag Dem Andenken Stellings Schämen Sie sich, Hitler! Sie sind der Verantwortliche für die Mörder „ Der Organisator hat den Menschen zu nehmen wie er ist und muß ihn deshalb kennen. Er darf ihn ebensowenig überschäßen wie in seiner Masse zu gering achten. Er muß im Gegenteil versuchen, der Schwäche und Bestialität gleichermaßen Rechnung zu tragen."( Mein Kampf", Seite 650.) as vor einer Woche quälende Sorge war, ist furchtbare Gewißheit: Johannes Stelling ist tot, zu Tode gemartert, von den Landsknechten Adolf Hitlers hingeschlachtet in einer Weise, wie man sonst kein Tier töten darf, ohne bestraft zu werden. Johannes Stelling war einer der untadeligsten Persön. lichkeiten des öffentlichen Lebens. Kein Stäubchen haftete an ihm, selbst die Verleumdung wagte sich kaum an ihn heran. Jm politischen Kampf kannte er nur sachliche Meinungsverschiedenheiten, keinen persönlichen Haß. Stets war er bereit, auch dem politisch Andersdenkenden die Hand zu reichen. Aber die Burschen, die ihn zu Tode schlugen, verdienen den Ehrentitel politischer Gegner nicht. Es sind Entartete, die am Ersinnen raffinierter Grausamkeiten ihre Lust finden und sich an dem Todesgeschrei ihrer Opfer berauschen. Sie haben ihn geholt wie das Raubtier sein Opfer holt. Stelling war krank, schwach, völlig wehrlos. Ihn zu ermorden war ganz ungefährlich. Bestien in Menschengestalt gibt es über. all 3n zivilisierten Ländern hält man sie in Gefängnissen und Jrrenanstalten. In Deutschland regieren fie. Verantwortlich für die grausame Ermordung Johannes Stellings und der Ungezählten, die das gleiche Schicksal perte. Lernend und lehrend, kämpfend und schlichtenb, ging er seinen Weg, der Arbeitstag hatte für ihn keine Grenze, und so kam es, daß er im Jahre 1920 auf dem Parteitag in Kassel in den Parteivorstand berufen wurde. Nach einem halben Jahre jedoch schon traten die Mecklen burger Genossen an den Parteivorstand heran:" Ihr müßt uns den Hannes wiedergeben, wir brauchen ihn, er muß bei uns Ministerpräsident werden." So übernahm Stelling in den schwersten Zeiten des Aufbaues und des Zusammen bruchs durch die Inflation die Regierung von Mecklen burg. Er gewann sich in seiner rastlosen Tätigkeit als Ministerpräsident nicht nur das Vertrauen aller Repu blikaner, sondern auch die Achtung konservativer Gegner. Später kehrte er den Parteivorstand wieder zurück. In der Nationalversammlung und im Reichstag, vertrat er den Bezirk Mecklenburg- Lübeck, bis er im Jahre 1928 den ungeheuer schwer zu bearbeitenden Bezirk Oberschlesien übernahm. Hier wurde er zum lebendigen Beweis dafür, daß auch unter dem beein enger stehenden Verhältniswahlrecht Kontakt zwischen Wähler und Gewähltem bestehen kann. Die Zahl derer, die er beriet und denen er half, geht in die tausende. Und wie er jedem einzelnen Menschen ein Freund war, so schlug sein Herz auch für das ganze Volk, in 29 für die großen Jdeale der Freiheit, für die Republik. Jahrelang stand er an der Spitze der ReichsbannerOrganisation von Groß- Berlin. Wenn man bedenkt, daß Stelling außerdem zu den führenden Kommunalpolitikern der Partei gehörte, für den Parteivorstand die Beamtenorganisationen betreute, daß er darüber hinaus, Kleines und Großes miteinander verbindend, jahrelang als Mitglied der Exekutive der Sozialistischen Arbeiter- Internationale war, fragt man sich heute erstaunt, woher dieser schwerkranke Mann zu alledem die Kraft genommen haben mag. Sie konnte nur dem reinen sittlichen Wollen eines kämpfenden Sozialisten entspringen. So wird Johannes Stelling der grausam Hingemordete, als eine der edelsten Gestalten der deutschen Arbeiterbewegung in die Unsterblichkeit der Geschichte eingehen. Auf Umwegen erhielten wir heute aus Berlin die Nachricht, daß der Leichnahm Stellings in einem Berliner Kres matorium eingeäschert worden ist. Hunderte Sozialdemo fraten, auch Frauen, nahmen an der Feier teil. Als der Sarg in die Tiefe sant, redten sich die Fäuste und wie ein Schwur hallte der Kampfruf„ Freiheit!". Wir werden Dich rächen, Stelling! Dich und die anderen! Leben für Leben: das ist die Losung! Sollen 6000 Aerzte verhungern? erlitten, ist Adolf Hitler. Er ist der Apoſtel der Bestialität, Der Schlag gegen die sozialdemokratischen und jüdischen Aerzte der intellektuelle Urheber der unzähligen furchtbaren Verbrechen, die zum Zweck der Konterrevolution begangen worden und täglich neu begangen werden. Er hat das Wort gesprochen von den Köpfen, die rollen werden, er hat, als er schon an der Macht war, in einer öffentlichen Versammlung unter heulendem Beifall seiner Anhänger erklärt, daß eigentlich Zehntausende von Marristen totgeschlagen werden müssen. Er hat einen Manfred Killinger zum Landpfleger über Sachsen gesetzt, er hat den Fememörder Heines zum Polizeipräsidenten ernannt. Er hat den Mörder Erzbergers aus Ungarn nach Deutschland zurückgeholt, er hat an den Gräbern der Mörder Walter Rathenaus Kränze niederlegen lassen. Meuchelmord, Dynamitattentate, Brandtiftung, Raub, Diebstahl, Erpressung, begleiteten die nationalsozialistische Partei auf ihrem Weg zur Macht. Von Berlin werden die Revolver und Bomben dirigiert, die sich gegen den Bestand der deutschen Mit dem 30. Juni haben nicht weniger als 6000 Aerzte ihre Zugehörigkeit zur Kassenpraxis genommen bekommen, um Naziärzten Plaz zu machen; im wesentlichen handelt es fich um sozialdemokratische oder jüdische Aerzte. Trogdem die Verordnung des Reichsarbeitsministers vom 22. April ausdrücklich vorschreibt, daß nur kommunistische Aerzte ihre ausdrücklich vorschreibt, daß nur kommunistische Aerzte ihre Kaffenpraxis entzogen bekommen und daß insbesondere Frontfoldaten unter allen Umständen ihre Praxis behalten follen, fümmert sich bei den Nazitommiffaren tein Mensch um diese Bestimmung. Frontsoldaten, troß mehrmaliger Bers wundung und mit dem E. K. L., verlieren ihre Existenz und über den Rahmen des Gesetzes fliegt jeder sozialistische Arzt; marxistische Betätigung wird sogar erblickt in der Mitglied: schaft zur Friedensgesellschaft( trotz der Friedensrede Hitlers) Ihre Justiz"! Konklave der Referendare Wenn die Kardinäle zur Wahl des neuen Papstes zusammentreten, werden sie bekanntlich bis zum Zustande kommen der Wahl in dem sogenannten„ Konklave" eingemauert. Aehnliches blüht jetzt den preußischen Re: ferendaren, die ihre Assessorenprüfung ablegen. Sie müssen nach Erlaß des Justizoberbonzen Kerrl ein sechswöchiges Gemeinschaftsleben" mit anderen Kandidaten abund sogar in einer Mitgliedschaft zu einer Loge. Um nun aber die Existenz dieser Aerzte ganz zu vernichten, dürfen neben den gesetzlichen Kaffen auch die Privatkassen Rech nungen dieser Aerzte nicht mehr vergüten; da nun 95 Prozent der Privatpatienten in den Privatkassen sich befinden, so bedeutet diese nene am 1. August in Kraft tretende Bes ftimmung, daß diefe 6000 Aerzte dem Hungertuch ausgeliefert find, da fie in Deutschland keine Praxis mehr treiben können, im Ausland aber infolge der entgegenstehenden Bestim mungen der einzelnen Länder keine Tätigkeit aufnehmen dürfen. Es wäre dringend nötig, daß der Völkerbund sich dieser Aerzte annimmt, um gegen die Willkür der Nazis und ihre Brutalität Stellung zu nehmen. Georg Bernhard der langjährige Chefredakteur der Vossischen Zeitung" schreibt uns aus Paris: Republik Desterreichs richten. Mörder regieren in Deutschland! Wir Sozialdemokraten haben in Deutschland Jahrzehntelang unsere politischen Kämpfe geführt, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen, wir haben uns stets auf die Kraft der Jdee, niemals auf die brutale Gewalt verlassen. Wir haben den individuellen Terror verworfen und selbst Mördern gegenüber Menschlichkeit walten lassen, indem wir die Todesstrafe bekämpften. Diese Haltung gereicht uns zur Ehre. Aber sie wurde uns zum Verderben. Während wir an das Gute und Edle im Menschen appellieren, riefen die anderen die niedrig solvieren, das unter Führung einiger von den jetzigen Deutschland weder in der Schweiz, noch in Zürich, noch im sten Urtriebe wach. Während wir Menschen erzogen, dresfierten die anderen ihre Bestien. Ein Apostel reiner Menschlichkeit fiel in Johannes Stelling, diesen Bestien zum Opfer. Wir betrauern den Freund und wir erheben Anklage. Anklage gegen Adolf Hitler und seine Mörderscharen. Es kommt der Tag des Gerichts. Hitler war gewarnt Der Brief des nationalsozialistischen Reichstagsabgeord neten Graf Reventlow vom 23. April d, Js., den wir in unserer Ausgabe vom 9. Juli publizierten, bleibt für alle Zeit gegen Adolf Hitler ein schwerbelastendes Dokument Der Mann wird sich nicht darauf ausreden können, es sei ihm verschwiegen worden, wie es in dem von ihm regierten Deutschland aussehe. Er hat alles gewußt, Reventlow hat ihm sei es auch nur aus materialistischen Gründen geradezu beschworen, dem grauenvollen Terror Einhalt zu gebieten, und den Opfern Genugtuung zu gewähren. Göttern bestellten Beamten sich abspielt. Echt hitlerianisch sagt der Erlaß:„ Der Kandidat hat den Anordnungen dieser von mir bestellten Führer Folge zu leisten." Was sind die Motive dieser absonderlichen Maßregel? Hören wir den Minister Kerrl( oder ist es sein vorgesezter Staatssekretär Dr. Freisler?) deflamieren: " Der Charakter des Mannes zeigt sich im Zusammenleben mit anderen. Nur durch ein solches Zusammenleben wird offenbar, ob der Beteiligte als Richter oder Staatsanwalt brauchbar sein wird. Brauchbar?- Ach so, in diesem Zusammenleben fann nämlich die brauchbare" Gesinnung des fünftigen Rechtsdieners gründlich ausgeschnüffelt werden. Und das ist der Zweck der ganzen Uebung: dies Zusammenleben soll verhindern, daß künftig auch nur ein Mann Richter oder Staatsanwalt wird, der nicht bis auf die Knochen Nazi ist oder großartig zu heucheln versteht! Hitler hat diesem Appell keine Folge geleistet, er hat die Ach wie fein, ach wie fcin.. Verbrecher weiter gewähren lassen und damit bewiesen, daß sie seinem Herzen ebenso nahestehen, wie die be rüchtigten Blut- Bestien von Potempa, die er als seine Kameraden feierte und aus dem Zuchthaus entließ. Ein Leben für das Volk Johannes Stelling, der mittwegs zwischen den 50 und 60 den braunen Mördern zum Opfer fiel, hat im Augenblick seines Todes mehr als ein Menschenalter hingebungsvollster Arbeit für das Volk hinter sich. Als blutjunger Handlungsgehilfe in Hamburg hatte er sich der Arbeiterbewegung angeschlossen und bald wurde er wegen seines ruhigen und so bestimmten Auftretens und der überzeugenden Klarheit seiner Ausführungen an der Wasserkante in Oldenburg, Lübeck und Mecklenburg in den Bersammlungen der Partei wie der Gewerkschaften einer der beliebtesten Redner. Ganz besonders nahm er sich der Organisierung der schwerorganisierbaren ungelernten Arbeiter an. Die Entstehung des Deutschen Transportarbeiterverbandes, aus dem später die Riesenorganisation des Gejamtverbandes emporwuchs, ist mit sein Werk. Stelling hatte zunächst als gelegentlicher Berichterstatter des " Hamburger Echos" eine höchst kümmerliche Existenz, bis ihn die Lübecker Genossen zum leitenden Redakteur ihres Blattes beriefen. Zugleich wirkte er als Bevollmächtigter und Beiratsmitglied des Transportarbeiterverbandes, als Reichstagskandidat für das Fürstentum Birkenfeld und als Lübecker Bürgerschaftsmitglied mit unermüdlichem Eifer. Ueberall erschlossen sich ihm die Herzen der Arbeiter. Sie erkannten in ihm einen wahren Jdealisten, der in sich selbst die aufstrebende Arbeiterklasse verkör Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Deutsches Volt hat nichts zu fressen Doch ist Hunger bald vergessen, Wenn des Führers Schnauze brüllt, Ist der Magen schon gefüllt! Ach wie fein, ach wie sein, Muß es doch in Deutschland sein. Schwimmt doch dort die ganze Blase In Verzüdung und Ekstase Beim Horst- Wessel- Lied, das heut' Jedes deutsche Herz erfreut. Ach wie sein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Spaß ist Trumpf! Zu diesem Zwede Heißt es Judenbrut, verrede!" Murrt hernach das Ausland gar, Sagt man einfach, s' ist nicht wahr! Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein Schußhaft für die Pazifisten, Die noch in Germanien nisten Keine Repressalien.- Nur Prügelstrafe und Tortur. Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Hitler läßt den Reichstag rösten, In verschiedenen deutschen Zeitungen wird, mit sehr pikanten Einzelheiten geschmückt, ein Bericht über ein Rencontre veröffentlicht, das im Hotel Baur au Lac in Zürich der Geheimrat Dr. Nicodem Caro mit mir wegen eines meiner Artikel im Journal de Geneve" gehabt haben soll. Dieser Artikel scheint aus dem Reichspropagandaministerium zu stammen. Denn auch nicht die kleinste Kleinigkeit seines Inhalts ist richtig. Ich bin seit meinem Weggang aus HitlerHotel Baur au Lac gewesen. Ich habe weder mit Herrn Geheimrat Dr. Nicodem Caro noch mit irgend jemand anderem ein Handgemenge gehabt. Ich habe Herrn Geheimrat Dr. Nicodem Caro seit langer Zeit überhaupt nicht mehr gesehen. Die Erfindungen dieses Artikels entstammen also wohl einem Wunschtraum des deutschen Herrn Propagandaministers, dem es anscheinend um jeden deutschen Republikaner leid ist, den er nicht hängen tann, weil er ihn nicht hat." Abbau Berlin schließt die Kinderheime Unter dem vorliegenden Hinweis, die Finanzlage der Gemeinden erfordere diese Maßnahme, hat der Staatskommissar Lippert in Berlin sämtliche Kinderheime schließen lassen. Und um dann die Welt zu trösten, Daß ers nicht gewesen ist, Sagt er, s'war ein Kommunist. Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Kinder noch an Mutterbrüsten, Müssen sich zum Krieg schon rüsten. Haben auch schon, Hitler, Heil! Braunhemd an! Meist Hinterteil. Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Hitler fabriziert Kanonen; Schießt indessen nur mit Bohnen Wenn die große Stunde schlägt, Weil er's Knallen nicht verträgt. Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Denken ist dortselbst verboten, Hundertfünf Prozent Jdioten, Sonst ist Rest vom Volk normal, Rate, Leser, deren Zahl. Ach wie fein, ach wie fein, Muß es doch in Deutschland sein. Dahlet sagts und Schall und Hauß Denn sonst bleibt der Zaster aus. Wahren nicht einmal den Schein, Müssen rechte Schlappes sein! D. Frane Tiseur. Feste der Ratlosen Wir erhalten aus Westdeutschland folgenden Brief: Noch nie sind im Nachkriegs- Deutschland so viele Feste gefeiert worden, wie jetzt, trotzdem der Rausch der Begeisterung, der die Faschisten nach der Machtergreifung erfaßt hatte, längst verkühlt ist. Vor der kalten Wirklichkeit flüchtet der Faschismus in eine Scheinwelt, die zu nichts verpflichtet. Das Volk hungert, die Regierung verordnet Feste. Das Drängen nach Brot wird mit einem Schwall von Worten, mit Musik und Fahnen, beantwortet. Angesichts der herrschenden Not sind alle diese Feste und Feiern ein wahrer Hohn für das Proletariat. gra Zwang als Zugmittel Der Augenschein scheint aber die Auffassung zu widerTegen, daß die Masse des Volkes diesen zahlreichen Festen und Feiern ablehnend gegenübersteht. Immer beteiligt sich ein großer Prozentsatz der Bevölkerung daran, alle Berufe sind vertreten, marschieren mit Fahnen und Emblemen im Festzug oder beteiligen sich durch Darbietungen an den Feiern. Hinter der Mehrzahl der Teilnehmer steht aber die Peitsche des Zwanges. So dilettan tisch und verständnislos der deutsche Faschismus den sozialen Problemen gegenübersteht, so zielbewußt und tatkräftig versteht er den freien Willen des Volkes zu brechen. Er hat in der kurzen Zeit seines Bestehens ein System geschaffen, das jeden in Arbeit stehenden zwingt, sich nach außen hin den Anordnungen der Regierung oder der nationalsozialistischen Organisation zu unter werfen. Ein engmaschiges Netz von Spizeln und Strebern berichtet den nationalsozialistischen Dienststellen jebe Aeußerung oder Unterlassungssünde des lieben Nachbarn oder Arbeitskollegen. Schon der Verdacht der feindlichen Einstellung gegenüber dem herrschenden System bringt Verlust der Arbeitsstelle nicht nur in den Staatsbetrieben, sondern auch in den meisten Privatunternehmungen. In den größeren Betrieben haben die Nationalsozialisten die Betriebsräte vollkommen in ihrer Hand und können damit Entlassungen und Einstellungen willkürlich vornehmen. Der Mittelstand, soweit er nicht faschistisch ist, fürch tet den Boykott. Der Drang nach lohnender Beschäftigung und fetten Pfründen ist unter der nationalsozialistischen Mitgliedschaft so groß, daß der Faschismus jede Gelegenheit, fie zu befriedigen, wahrnehmen muß. Heuchelei und Gesinnungslumperei gedeihen unter diesem System wie Sumpfpflanzen im Treibhaus. Den Vereinen, soweit sie überhaupt noch existieren dürfen, wird die vollzählige Teilnahme der Mitglieder mit Vereins- und Hakenkreuzfahne zur Bedingung ihres Weiterbestehens gemacht. Selbstverständlich nehmen die Schulen, der„ freiwillige" Arbeitsdienst und die nationalsozialistischen Organisationen, in die zahlreiche Gegner des Faschismus hineingepreßt sind, obligatorisch teil. So wird dem Zuschauer ein imposantes Theater vorgeführt, von dem sich jeder täuschen läßt, der nicht hinter Lie Rulissen geschaut hat. Doch trotz dieser schamlosen Erpressung gelingt es dem Faschismus nicht, die Masse des Proletariats zur Teilnahme zu bewegen. Finster stehen die Arbeitslosen, die aufrechten Arbeiter, Frauen und Mädchen da und lassen den Feftzug vorüberziehen, dessen Teilnehmer teilweise wie eine Hammelherde, interessenlos, ſtumpf ergeben in das schmähliche Joch, dahintrotten. Doch auch darin sucht man mit Gewaltmitteln Wandel zu schaffen. Der Belegschaft einer Koblenzer Großbrauerei Turde in einer Pflichtversammlung von dem Vertreter ber nationalsozialistischen Berufsorganisation erklärt, ein " Heil Hitler!" müsse die ganze Belegschaft mitrufen, wenn es vom Vorsitzenden der Betriebszelle angeſtimmt werde, und dabei hätten alle die Hand zu heben. Wenn es noch einmal vorkäme, wie am 1. Mai, daß nur zwei, drei Kollegen sich dem Rufe anschlössen und so das Publikum zum Lachen käme, würde die Belegschaft gefäubert. Es gäbe genug nationalsozialistische arbeitslose Brauer. Flucht vor den sozialen Problemen Als Anlässe zu Festlichkeiten werden Begebenheiten bevorzugt, die eine Flucht vor den sozialen Problemen erleichtern: u. a. Hitler- Geburtstags-, Horst- Wessel, Schlageter und Sonnwendfeiern. Jm Mittelpunkt steht meist irgendeine Person, die man unter Weglassung aller menschlichen Schwächen zum Volkshelden proklamiert. Horst Wessel ist von Kommunisten ermordet worden. Dieses Geschehnis, das nur eine Episode in den schweren Kämpfen des legten Jahres darstellt, wird verallgemei nert, auf Horst Wessel und den Faschismus fällt alles Licht, auf den Marxismus aller Schatten. Man will das Mitleid des Volkes erregen und gegen den„ inneren Feind" Antipathie erwecken. Eine ähnliche Aufgabe sollten die Besudelte Hitlerlinde" Ein Jahr Gefängnis, zwei Jahre Ehrverlust beUrteil: vier Monate Gefängnis antragt Die christliche„ Germania" berichtet: Schöffengericht Mitte verurteilte den 33 Jahre alten Musiker Max Wolf wegen qualifizierter Sachbeschädigung im Sinne des§ 304 StGB. zu vier Monaten Gefängnis. Der Anklagevertreter hatte ein Jahr Gefängnis und zwei Jahre Ehrverlust beantragt. Zur Erinnerung an den 1. Mai 1933, an dem von oben her, von der Regierung, dem deutschen Arbeiter die Maifeier in der neuen schönen Gestalt des Feiertags und Ehrentags der nationalen Arbeit geschenkt wurde, pflanzte man überall im Lande Hitlerlinden. Die also Symbole waren und zu Denkmälern im Sinne des Volksgefühls und des Gesetzes wurden. Auch im Norden Berlins, auf der Grünfläche vor der Arminius- Markthalle an der Turmstraße, mitten hinein in eine früher als fommunistische Hochburg betrachtete Gegend, hatten Dankbare eine solche Hitlerlinde gepflanzt und festlich geweiht. Ein Gitterschutz umgab den Baum. Und eine Inschrifttafel zu Füßen des Baumes wies auf die symbolische Bedeutung dieser Linde hin, Schlageterfeiern erfüllen. Schlageter wurde von den Fran30sen erschossen. Dieser polnische Agent und Gelegenheitsprovokateur, der durch die sinnlose Sprengung einer Eisenbahnbrücke der rheinischen separatistenfeindlichen Bevölkerung schweres Ungemach bereitete, wird idealisiert und zum Heros des Soldaten umgemodelt, der gegen den äußeren Feind" gefallen ist. Mit Adolf Hitlers Geburtstag mußte man eine soziale Maßnahme verbinden. Es wurde zu einer Spende für die Erwerbslosen aufgerufen. Aber der Erfolg war vollkommen unbefriedigend, denn die schon vorher übermäßig gerupfte Geschäftswelt rückte nur wenig heraus. Die amtlich angeordneten Sonnwendfeiern verdeutlichen eine Flucht in die Mystik, die überall, wo irgend angängig, vollzogen wird. Sprechchöre und Gedichte auf den öffentlichen Feiern werden im Stil der alten heidnischen Heldenlieder verzapft. Man redet von Blutsgemeinschaft, bringt Gleichnisse aus der nordischen Mythologie, läßt Feuer lodern, Glocken läuten, brennt Feuerwerke ab usw. Rückt man der Wirklichkeit näher, so wird das Erlebnis des Weltkrieges heraufbe Zwölf Prozent Dividende 637 000 Mark für Aufsichtsrat und Vorstand Die Freundschaft der nationalsozialistischen Bresse für Ins dustrie und Finanzkapital macht rapide Fortschritte. Mit Bes geisterung wird der Börsenteil ausgebaut. Man muß schon sagen, daß die Mosse- und Ulstein- Presse, als sie noch jüdisch waren, den Börsen mit viel mehr Kritik begegnete als die jetzige nationalsozialistische Börsenpresse. Jede gelungene Börsenspekulation und jeder günstige Ges winnabschluß eines Industriewertes werden im Börsenteil der Nazipresse mit großer kapitalistischer Genugtuung bes= grüßt. So berichtet der Westdeutsche Beobachter" vom 12. Juli mit freudiger Zustimmung, daß die Rheinische Braunkohlengesellschaft 12 Prozent Divis dende ausschüttet und für den Vorstand nicht weniger als 637 067,95 Mart übrig geblieben sind. Mit der behaupteten Aufwärtsbewegung der deutschen Wirtschaft hat dies freilich nichts zu tun, da die rheinische Braunkohle auch in den Krisenjahren renfierte. Die Nationalsozialisten haben jedenfalls nun auch äußers lich ihren Frieden mit Dividenden, Aufsichtsratstantiemen beschloffen. schworen. Wo der Faschismus gezwungen ist, Stellung Schreckensurteile! zu den sozialen Problemen zu nehmen, wie am 1. Mai, versagt er gänzlich. Er kam nicht über ein sehr vages Loblieb auf die nationale" Arbeit hinaus. Selten hat Hitler die Erwartungen so enttäuscht, als in seiner 1. Mai- Nede auf dem Tempelhofer- Feld, wo er statt eines Planes zur Erringung des Sozialismus nur ein paar Gemeinpläge von sich gab. Der Sozialismus in der nationalsozialistischen Festgestaltung Mit mystischen Schwärmereien und haltlosen Jdealifierungsversuchen mag man der bürgerlichen Jugend und einigen Mittelstandskreisen imponieren, das Proletariat verlangt Stellungnahme zum Hauptproblem unserer Zeit, zum Sozialismus. So gerne sich auch der Faschismus das von vorbeibrücken möchte, ist ihm dies doch nicht möglich. In seinen eigenen Reihen sind zu viele Jdealisten, die auf den Sozialismus und seine Verwirklichung durch Adolf Hitler alle Hoffnungen sezen. Doch kommt den Nazi zugute, daß hierüber die Auffassungen in der Masse seiner Anhänger wenig konkret sind. Hierin ist allerdings ein gewisser Wandel eingetreten. Unter der Republik war es dem Faschismus möglich, mit dem Sozialismus lediglich ein Heldentum im illegalen Kampfe Die„ Vossische Zeitung" meldet: Wegen Verbreitung verbotener Druckschriften standen vor dem Sondergericht die 19jährige Kontoristin Erika Rosens thal und der 24jährige Arbeiter Walter Gesche. Die An geklagten gehörten einem tommunistischen Sportverein in Schöneberg an. Die Angeklagte Rosenthal war Schrift: führerin des Vereins. Gesche hatte ihr fünf Exemplare der illegalen„ Roten Fahne" zum Vertrieb übergeben, die Mords anschuldigungen gegen die SA. und Grenelnachrichten ents hielten. Außerdem wurden darin Behauptungen über den Reichstagsbrand aufgestellt. Das Sondergericht verurteilte die Angeklagte Rosenthal zu sechs Monaten Ges fängnis und den Angeklagten Gesche zu einem Jahr vier Monaten Gefängnis. Gleichfalls unter der Anklage der Verbreitung verbotener Druckschriften wurde dem Sondergericht der 23jährige kaufs männische Angestellte Franz Menz vorgeführt. Er hatte ein Flugblatt weitergegeben, in dem die Regierung der natio nalen Erhebung verächtlich gemacht wurde, und in dem uns wahre Nachrichten enthalten waren. Das Urteil lautete auf vier Monaten Gefängnis. paar allgemein gültige Glücksvorstellungen zu verbinden Wahrheit wird verurteilt und doch glaubten weite Kreise an den Willen und das Können der Nazis, den Sozialismus zu erringen. Jegt aber, nach der Machtergreifung, werden Taten erwartet. Das Volk dürftet nach dem Sozialismus. Es wartet auf entscheidende Taten. So muß sich der Faschismus bequemen, immer wieder ein Problem anzuschneiden, das er nicht lösen kann. Weil er keine Antwort weiß, sucht er die Frager zu verwirren. Ganz offensichtlich wird dieser Weg beschritten. Ein Schulbeispiel hierfür ist ein Aufsatz( Wolters„ Unser Sozialismus, den Bürgerlichen, den Marxisten erklärt") in der Zeitschrift„ Arbeitertum" 6/1933, die offizielles Gewerkschaftsorgan ist. In der gleichen Art wird auf allen nationalsozialistischen Festen und Feiern der Sozialismus in leeres Wortgeklingel verwandelt. Wolters beschwört liberalistische Empfindungen:„ Es geht dir nichts verloren, wenn du andern dasselbe gönnst. Es soll jedem die Möglichkeit gegeben werden, nach seinen Leistungen zu Wohl stand zu kommen. Wenn alle arbeiten, werden alle Anteil am Volkseinkommen haben, ohne das einem was weggenommen werden muß." Er schildert kleinbürgerliche Gefühlsregungen:„ Arbeitskräfte und Produktionsmittel sind genug vorhanden, um die Forderung nach Besitz für alle Schaffenden zu erfüllen, wenn nur die richtige Organisation dieser Aufgabe in die Wege geleitet wird."-Befitz auch im kleinen Maßstab erlaubt dir, dein eigener Herr zu sein, mutig in die Zukunft zu sehen, ohne die Furcht, wovon lebe ich, wenn dies Stückchen Arbeit endet?" Eigener Besiz gäbe dir die Möglichkeit im eigenen Heime, fernab vom Rummel der Großstädte, zu den Grundlagen der Kultur zurückzukehren, die unsern Vätern das Leben lebenswert machten." An anderer Stelle zitiert Wolters utopisch- sozialistische Gedankengänge, die längst in Theorie und Praxis widerlegt sind:„ Aber ihr, die ihr zu den Schaffenden gehört, werdet die belebende Kraft dieser Maßnahme erkennen, die das Geld wieder zu dem macht, was es nach seinem Begriffe ist, nämlich Mittel zum Tausch wodurch dann erst wieder die stilliegenden Fabriken in die Lage kommen, zu produzieren, die feiernde Millionenarmee der Erwerbslosen zu verdienen und zu verbrauchen- jegliches nach den Werten seiner Leistung." Sein Artikel endet in einer sentimentalen, mesenlosen Glücksvorstellung:„ Das Glück in uns, in der Arbeit, im Dienste am Volke und der Sorge für die Seinen: Das ist unser Sozialismus!" In der Nacht zum 23. Mai nun beobachteten zwei Schupos auf der Streife am Arminiusplatz, wie ein Trupp von vier Männern und eine Frau vor der Hitlerlinde stehen blieb, wie ein Mann aus dem Trupp über die niedrige Raseneinfassung setzte und sich an der Erinnerungstafel zu schaffen machte. Als die Beamten hinzueilten, fanden sie, daß die Tafel bespuckt und der Querbalten des Tafelträgers zerbrochen war. Die Beamten eilten dem Trupp nach, griffen den Wolf, der ihnen als derjenige bezeichnet wurde, der über das Einfaßgitter gesprungen war, führten ihn zur Linde zurück, nötigten ihn, die von ihm angespuckte Tafel wieder zu reinigen, und als er seiner Abführung Widerstand entgegensetzte und sich an das Schutzgitter der Linde klammerte, brachen sie seinen Widerstand mit dem Gummiknüppel, worauf der Rabiate sich mit Wucht auf die schon angebrochene Inschrifttafel warf und sie vollends zertrümmerte. So der Tatbestand nach den eiblichen Befündungen der beiden Beamten. Der Angeklagte selbst will von nichts mehr wissen. Er weiß, so sagte er, wohl, daß er ausging, sich einen Lodenanzug zu kaufen und daß dieser Einkauf über einer ausgedehnten Bierreise vergessen wurde. Er weiß, daß er zu einem späten Zeitpunkt den Willen hatte, nach Hause zu gehen. Er weiß dann wieder, daß er Schläge bekam und knieend die Inschrift abwaschen mußte, aber, so sagte er, von Ins Gefängnis, wer die Wahrheit sagt Vor dem Sondergericht in Moabit hatte sich wegen Vers teilung verbotener kommunistischer Flugblätter und Vers breitung unwahrer Nachrichten der 32jährige Schlächter Oswald Märkisch zu verantworten. Er hat in Raddusch im Spreewald Flugblätter weitergegeben, die Greuelnachrichten und falsche Behauptungen über den Reichstagsbrand enthielten. Er wurde vom Sondergericht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der 30jährige Arbeiter Gustav Jauzik, der im Lauf eines politischen Gesprächs auf der Straße geäußert hatte, die Nationalsozialisten hätten selbft den Reichstag angebrannt, wurde zu einem Monat Gefängnis verurteilt.- Auf eine Gefängnisstrafe von vier Monaten erkannte das Sondergericht gegen den 47jährigen Arbeiter Wilhelm Wollenweber. Der Angeklagte hatte bei Prenzlau im Gespräch mit einer Rundin die Regierung der nationalen Erhebung beschimpft und bes züglich des Reichstagsbrandstifters van der Luppe geäußert: " Was er getan hat, hat er mit den Nationolfozialisten Hand in Hand gemacht."- Weiterhin hatte sich der 31jährige Schloffer Karl Teschner zu verantworten. Im Gespräch mit Arbeitskollegen in den Siemens- Schuckertwerken äußerte er:" In Spandau sei ein erschossener Kommunist verstüm melt im Wasser aufgefunden worden; diese Tat hätten die Nationalsozialisten begangen". Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einem Monat Gefängnis. Phantastercl Die Kurorte an der Bergstraße protestieren gegen Hitlers Autostraßen Die Industrie- und Handelskammer Darmstadt hat auf Veranlassung der bekannten an der Bergstraße gelegenen Orte Bickenbach, Bensheim und Heppenheim die Regierung gebeten, die bisher einzige projektierte Autoschnellstraße nicht so zu legen, wie die Hitlersche Kommission sie legen wollte. Da zwischen Darmstadt und Heidelberg an sich jedermann das Projekt für vollkommen sinnlos hält, weil die alte Bergstraße durchaus ausreicht, versucht man in dieser, seit langem nationalsozialistischen Gegend dem„ Führer" durch zahlreiche Petitionen über eine zweckmäßigere Ziehung der neuen Straße zu suggerieren, daß das ganze Projekt am besten fallen gelassen werden sollte. der vorausgegangenen Beschimpfung der Inschrifttafel weiß er nichts. Zwei der Begleiter Wolfs an jenem Abend werden unvereidigt vernommen. Einer von ihnen hat den über den Rasenschutz auf die Hitlerlinde zugesprungenen Wolf zurückgeholt. Er meint, Wolf wäre sinnlos betrunken heru mgetorfelt, und er meint weiter, daß Wolfs letter Sturz auf die Denkmalstafel nicht von ihm gewollt, sondern eine Folge seines Niederschlags durch die Beamten gewesen sei. Wolfist verheiratet und unbestraft. Nach Eltern und Familie gefragt, schweigt er. Vielleicht will er ehrbare Eltern und Geschwister decken. Er gibt zu, früher mit der Kommunistischen Partei sympathisiert zu haben, aber er bestreitet, sich jemals politisch irgendwie betätigt zu haben. Von einem seiner früheren Begleiter wissen die Polizeibeamten, daß er schon vor Jahren ihnen als kommuneverdächtig betannt war. Der Tatbestand ist klar. Der Anklagevertreter hebt hervor, daß sich der Angeklagte schwer gegen die öffentliche Ordnung vergangen und sich aufgelehnt hat gegen den Willen der Volts majorität. Er beantragt wegen vorsätzlicher Beschädigung eines Denfmals im Sinne des § 304 ein Jahr Gefängnis, zwei Jahre Ehr verlust. Das Gericht erkennt nach langer Beratung auf eingangs gemeldete mildere Strafe, Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der ,, Deutschen Freiheit" ⭑ Ereignisse und Geschichten Freundschaft" Nach zwanzig Jahren, in Preußen verbracht, schallt mir aus vielen Mündern der herzliche Ruf entgegen:„ Freundschaft... Freundschaft!" Das klingt anders als das hohle " Heil!", das einem, und sei es auch mit spöttischem Spaß, in Berlin zugegrölt wurde... Damals, als ich Wien verließ, pflegte Habakuk, der urgemütliche Sonntagshumorist Emil Kralit, seine Wochenpredigt in der Arbeiter- Beitung" mit dem breiten Gruß, Serwas, Genosse" zu schließen. Aber Serwas war doch im Grunde servus, der Diener, geblieben, und wenn auch der Genosse den Servus überwog, es war zwar ein spaßiger, aber doch ein altväterlicher, leise philiströser Gruß. Eine junge Generation hat sich den Serwas- Genosse"-Gruß abgewöhnt, der einfache, natürliche, herzliche Gruß Freundschaft!", der das kürzeste Bekenntnis zur Gemeinschaft und zur Verbundenheit ausdrückt, liegt den jungen Menschen näher, und was mich alten Esel anlangt, so fonnte ich mich, als ich in Wien zum erstenmal von jungen Arbeitern und Arbeiterinnen die neue Begrüßung hörte, einer starken inneren Bewegung kaum erwehren. Es wird jetzt so viel vom„ österreichischen Menschen" geschwafelt. Diese Grußformel" Freundschaft", die in Desterreich gefunden und verbreitet wurde, enthält mehr österreichische Seele, als die ganze Heurigenindustriegemütlichfeit mitsamt der vaterländischen Literaturgeschichte der verschiedenen Saßmänner, die Altösterreich sagen und Tantiemen oder Subventionen meinen. Freundschaft", das ist eben Jungösterreich, und es wird, hoffe ich, gestattet sein, als Zielpunkt nicht Starhembergs verschollenes Reich, sondern das junge, werdende, auffeimende, selbstbewußte, sich selbstregierende Neuösterreich ins Auge zu Jassen. " Servus", ergebenster Diener",„ gehorsamster Diener", » gnädiger Herr"," untertänigste Verehrung", das waren die heute komisch anmutenden Begrüßungen in der kaiserlichen Zeit. " Freundschaft!", das ist das Begrüßungstor, durch das man in eine einfache, schöne, angenehm warme Welt von heute eintritt. Ich hatte Glück, ich hörte die herzliche Begrüßung vor einigen Wochen zum erstenmal in einem Schwimmbad. Ein junges Mädel, das gerade ins Wasser springen wollte, entdeckte eine Gruppe junger Leute, die eben eingetreten war. Sie warf die Arme in die Höhe, ihre Hände winkten, ihr junger, brauner Körper straffte sich, und in ihrer hohen Stimme lag Freude und Uebermut, als sie den Ankommenben zurief: Freundschaft! Freundschaft!" Erste Eindrücke wirken grundlegend. Dieser Gruß" Freundschaft!" ist nun für mich verbunden mit dem Bilde des jungen Menschen, der von der Fröhlichkeit des gepflegten Körpers belebt ist. " Freundschaft!", das ist jetzt für mich ein Ruf in frischer Luft. Die Ruferin war, gleich nachdem sie die Begrüßung hinausgerufen hatte, die mit jubelnden Gegenrufen erwidert wurde, mit einem frischen Sprung ins Wasser getaucht, ich sah nur mehr ihren geschüßten glatten Kopf und ich hörte ihr Atmen im Wasser. Unmöglich hätte diese wienerische Diana schlank und braun und leuchtend wie fie war:" Serwas, Genosse!" rufen können. Ein neues Geschlecht hat neue Grüße gefunden. Von Stefan Großmann Seien wir ehrlich, wir alten Esel, wir sind Bücherhocker gewesen. Wir waren schrecklich geistig. Ich erinnere mich, einmal auf dem Wege zwischen Hermannskogel und Kahlenberg dem österreichischen Historiker Heinrich Friedjung begegnet zu sein. Er schritt( mit seinem Vollbart) den schönen Höhenweg entlang und hielt, wahrhaftig, ein Buch vor sich, in dem er, während er ging, las. Von Zeit zu Zeit schenkte er der Landschaft einen flüchtigen Blick, dann gehörte sein Auge wieder dem Buche. Wahrscheinlich schaute er nur auf, um die Wegstrecke zu übersehen, damit er im Schreiten nicht stolpere. Nun liegt mir nichts ferner, als den fleißigen und übrigens auch mutigen Mann, der längst im Grabe liegt, herabzusetzen( er hat als erster die Courage gehabt, die Geschichte des unglücklichen Generals Benedek niederzuschreiben, der gegen seinen Willen die Schlacht bei Königgräß leitete). Diese Geringschäßung der Natur, wie fie sich in dem buchbewaffneten Spaziergang kundgab, war das Merkmal einer ganzen Generation. Ich will, wahrhaftig, nichts gegen das Bücherlesen sagen, und ich hoffe, daß meine schlanke, leuchtende Diana nicht immer schwimmt, sondern daß sie das Glück einer vollkommenen Versenkung in ein Buch kennt, dieses Glück, das einen das eigene, fleine Ich vollkommen vergessen läßt. Aber die Generation Friedjung war anseitig intellektuell. Sie las und stürzte sich nicht ins Wasser. Sie las und vergaß sehr oft zu handeln. Sie fühlte nicht Freundschaft" mit den Mitmenschen, sondern sie wollte im besten Fall noch ihr ergebenster Diener" sein. Ich habe diesen Ruf Freundschaft!" in zwanzig Jahren in Preußen nicht gehört. Gewiß ist er auch dort gelegentlich proklamiert worden. Aber er lag den Menschen nicht, er bürgerte sich nicht ein. Ein langes Zeitalter des Militarismus. geht auch in einem so denkenden Volke, wie dem deutschen, nicht spurlos vorüber. Oesterreich ist nie so bis auf den Grund militarisiert worden, deshalb haben die Grüße in Desterreich keinen Kommandoton und deshalb ist unsere Jugend freundschaftsfähig. Das schließt nicht aus, hoffe ich, daß diese Jugend wehrfähig und für das, was sie als richtig und wichtig und lebensnotwendig erkannt hat, mit ihrem Blute eintreten fann und wird. Im Gegenteil: die Bücherhocker versagten oft in der Praxis, weil Erkenntnis und Tat zwei getrennte Dinge für sie waren. Die Jugend, so glaube ich, ist aus einem Guß. Sie ist nicht nur theoretisch, sie kann auch im Nu zielen und treffen. Freundschaft", das heißt zu unserem Glück auch Feindschaft". Es ist zwar kein Zufall, daß Friedrich Engels, das Vorbild eines Freundes, auch ein großer Militärschriftsteller war. Die Bastille Auf Trümmer der Bastille Die Trikolore pflanzt! Es ist des Volkes Wille, hier wird getanzt. Wie schlug's sich unerschrocen in heißer Juliglut, beim Henlen aller Glocken voll Todesmut! Es ruhte nicht, zu stürmen, das Denkmal seiner Schmach, bis daß mit allen Türmen die Zwingburg brach. Nun flieget frohe Paare, am Grab der Tyrannei, tanzt über ihre Bahre, die Welt ist frei! Die Maner, jedem Pochen und jedem Mitleid taub, die Maner ist zerbrochen und jant in Staub. Es war ein Tag der Rache, die Kerker stürzten ein. Tanz, junges Volt, und lache. trink froh den Wein! Kränzt Mädchen eure Locken mit dunkler Rofenzier, nur Jubel und Frohlocken erschalle hier! Auf Trümmer der Bastille bie Trifolore pflanzt! Es ist des Volkes Wille, hier wird aetanzt. Hermann Lingg Freundschaft", das bedeutet nicht ja zu allem sagen, be Hitlers Geburtenprämie sonders nicht zu einer niederträchtigen, wenn auch mächtigen Welt, Freundschaft", das bedeutet ein lautes Nein zu allen Entwürdigungen des Menschentums, und zwar kein bloß geredetes Nein, sondern ein Nein der Tat. Meine leuchtende, braune Diana springt gewiß nicht nur ins Wasser, sie springt, wenn es nötig ist, auch freudig in die Gefahr, sie ist nicht schwach und friedensselig, sondern start und kampffelig. " Freundschaft!", Diana! Germanen glauben an den Mond! Eine Blütenlese von einer Jagung des Kampfbundes für Deutsche Kultur in Bonn am 1. und 2. Juli 1933 Pg. Erwin Richter( Aachen) über die geistigen Grundlagen altgermanischer Kunst": In der germanischen Weltanschauung aber spielte der Mond eine besonders bedeutende Rolle. Zeitbestimmung und Beiteinteilung basierten auf dem Mondglauben. Auch die Edda kennt den Neumond als Zeitmesser und sogar eine Hildegardis von Bingen bewahrt noch in ihren Schriften Elemente dieses altgermanischen Mondglaubens. So zählte man nicht nach Tagen, sondern nach Nächten, und zwar bestand ein germanischer Monat aus drei Wochen zu je neun Lichtmondnächten plus drei Schwarzmondnächten. Mit Hilfe der Lichtbilder lieferte der Redner den überzeugenden Nachweis, wie sehr dieser Mondglaube eine wirkliche, aus dem Leben geschöpfte und im Leben veranferte Weltanschauung der Germanen war. Prof. Dr. Karl von Spieß( Wien) über die„ Schickfalsgestalten der arischen Ueberlieferung": In bedachtsamen und liebenswürdigen Säßen gab der Redner eine anregende Einführung in die sinnvoll gegliederte Welt nordischer Ueberlieferungen, vor allem in die Welt der Schicksalsgestalten, deren Vorkommen weit über das Deutsche und Nordische hinausreicht ins Arische. In der germanischen Welt bedeutete Schicksal fein Fatum. Man gestaltete es selbst oder man bekämpfte es, aber man nahm es nie als etwas unabänderlich Gegebenes hin. Gewöhnlich denkt man bei dem Worte Schicksalsgestalten an die drei Nornen, wie man sie aus der Edda kennt. Aber biesen gegenüber gab es noch friegerische Schicksalsgestalten wie die Brünhilde, die vom Götterhimmel herabsteigt zur Erde... Prof. Dr. Eugen Lüttgen( Bonn) über den„ nordischen Gehalt der deutschen Kunst": Deutschland sei ein typisches Land der Ausgleichskultur, bei dem sich immer gern fremde Einflüsse über das Nordische lagern. In den letzten Jahren ist diese Ueberlage rung so stark gewesen, daß die Unterdrückung der eignen Art Wirklichkeit geworden war und die Auflehnung des Volkes, das sich nicht zur Unnatur verführen lassen wollte, schließlich kommen mußte. Herr Göbbels hat die deutschen Frauen an die Gebärfront kommandiert und ihnen den Feldruf mitgegeben: Jedes Jahr ein Kind! Es muß in Deutschland von Kindern wimmeln!" Wer die Krisenkinder erhalten wird? Der notorische Kinderfreund" Hitler. Und so wird denn gemeldet: Dem Arbeiter Karl Seidl wurde das siebzehnte Kind geboren. Er bat den Reichskanzler Hitler, die Ehrenpatenschaft zu übernehmen. Reichskanzler Hitler sagte zu, sprach den Eltern seine Glückwünsche aus und ließ dem Mann eine Ehrengabe von zwanzig Mark überweisen. Für sechzehn Rinder nichts, für das siebzehnte zwanzig Mart, welch ein Lohn für deutsche Mütter! So etwas gibt es! Russische Nationalsozialisten im Lunapark Der Berliner Lunapark wies am Sonntag einen starken Besuch auf. Die russischen Nationalsozialisten feierten dort ihr Bundesfest. Ein reichhaltiges Programm sorgte für die Unterhaltung der deutschen und russischen Gäste. Starfen Anklang fand vor allem eine Szene vor Sanssouci mit der Prof. Dr. Hans Naumann( Bonn) über„ Führertum Tänzerin Gallina Sanzarina und ihrem Partner Delem und Gefolgschaft": Biel, die Kapellmeister Boulanger mit seinem Orchester begleitete. Der Kuban- Kosaken- Chor, Balalaika- Musik, Nationaltänze wechselten in schneller Folge. Die Krönung des Festes bildete ein großes Feuerwerk.( Vossische Zeitung", 10. Juli.) Während die Sippe seßhaft war und leicht Verfallserscheinungen anheimfiel, blieb die Gefolgschaft immer ein aristokratisches und zugleich revolutionäres Element, das die Sippe von Zeit zu Zeit mit in die Geschehnisse hineinriß, die sie als Kampftruppe hervorgerufen hatte und dadurch die Sippe und ihre Fortpflanzuna rettete. Denn im Gegensatz zur Sippe war die Gefolgidhaft völlig Mit Hörnern! unerotisch, die Frau spielte in ihr feine Rolle. Höchster Ruhm war ihr der Gefolgschaftstod und im übrigen galt nur höchste Unterordnung unter den Willen des Führers. Dr. Richard Eichenauer( Bochum) über„ Musik und Rasse": Die nordische Tonkunst fennt nie ein Versinken im Gefühl. Es gibt nur eine musikalische Form, das ist die Polyphonie, die dem Leistungsprinzip entgegenkommt, weil in ihr mehrere Stimmen gleichmäßig am Aufbau des Kunstwerks beteiligt sind. Kunst müsse aber wieder Waffe werden, auch die Musit, und da Menschenerneuerung das Ziel der Politik ist wie die Erneuerung der Kunst auch, so hängt auch Kunst aufs engste mit der Politik zusammen. Darum müsse auch in der Musik eine bewußte Raffenpolitik befolgt Nach dem Muster der Sonnenwendfeier im Berliner Stadion sollen künftig, wie der Kampfbund für deutsche Kultur in einem Rundschreiben fordert, deutsche Feiern in altgermanischen Trachten abgehalten werden. Es sollen Grup= pen von Fußvolt mit Spießen und mit Hörnern auf den Helmen in den Trachten aus der Zeit der Hermannsschlacht aufmarschieren. Was unserem Volksleben entspricht, das sehen wir an den Kolonnen der Hörner geschmückten marschierenden SA." Diese echten Germanen mit dem römischen Hitlergruß! Sie haben ihre Hörner verdient! werden, damit man bald nicht mehr von einem Untergang, Auf den 14. Juli 1790 sondern von einem Aufgang des Abendlandes sprechen tönne. Bitate diese hier stammen sämtlich aus dem Weft deutschen Beobachter" sollen nicht kommentiert werden. sier ist aber eine innere Einheit unter ihnen vorhanden. Zu Anfang geht der Mond, zu Ende in braunen Strahlen das Abendland auf, um den Untergang des Geistes und den Wahnwitz besessener Nazi- Akademiker zu beleuchten. Rings um den hohen Altar fiehst du die Franken an Brüdern und an Menschen sich weihn; göttliches heiliges Fest! Wie spricht Jehova zum Volk? Spricht er in Donner und Bliz. weihend die Menge zum neuen Geschlecht mit der Taufe der Milder kommt er hinab; Wasser des Himmels entfühnt Menschheit. Bierzehnter Julius, dich sehn unsere Eutel einmal. Herder DAS BUNTE BLATT TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE Dschungel und Jazz nebeneinander Eindrücke aus Sumatra, der Insel der größten Gegensätze Das Land der größten Gegenfäße" tönnte man Sumatra nennen, das Land, wo Ost und West in friedlicher Nachbarschaft nebeneinander wohnen, und wo man in einem dieser, beiden Extreme leben kann, ohne allzuviel vom anderen gestört zu werden. Wenn man spätabends im Hafen ankommt, eines der vielen Autos besteigt, die auf dem hellerleuchteten Kai parken, und über die breite asphaltierte Straße die wenigen Kilometer bis zur Hauptstadt Medan fährt, merkt man nicht viel davon, daß man auf Sumatra ist. An den Tagen, wo ein Schiff aus Europa ankommt, herrscht besonders reges Leben in der Stadt. Nur mühsam kommt der Wagen vorwärts. Auto an Auto in den Straßen. Hell erleuchtete Läden, in denen alle Schäße des Orients und Okzidents zum Kaufe angeboten werden. Dazwischen die Lichtreklamen der Tonfilmtheater: Garbo, Dietrich, Wini Fritsch, Renate Müller... und dann die Halle des Hotels, wo über Jazz, federndem Tanzparkett, rotierendem Farbenluster, dem Barmiger, der ein Crack auf seinem Gebiete ist, über dem Lachen und Gläserklingen, eine vollkommen europäische Atmosphäre hängt. Das bißchen Tropenhize, bas nachts gar nicht so arg ist, wird durch lautlose Ventilatoren hinausgewirbelt. Und daß die Kellner braune Malaiengesichter haben, stört keineswegs. Es könnte Monte Carlo sein der Palmen wegen, deren Silhouete man durch die hohen Fenster erblickt, die Riviera, nicht aber das Sumatra der Tiger und Schlangen. Das fängt erft da draußen an, einen Kilometer von der Stadt entfernt, unaufdringlich, man braucht sich ja keineswegs barum zu kümmern, wenn man nicht will oder muß. Ein paar Minuten, nachdem man die Stadt verlassen hat und noch geblendet ist von all dem grellen Licht, da steht ganz unvermutet plöglich hinter einer Biegung das Dunkel der Nacht wie eine Wand vor dem Spaziergänger. Die Straße wird unregelmäßig. Hie und da ein rasch aufblizendes und wieder verschwindendes Licht aus einer Eingeborenenhütte. An Tabaks, Gummi- und Kaffeeplantagen geht es vorbei, man sieht nichts, kann es nur an den Duftwellen erkennen, die herüberwehen und wieder vergehen. Dann wieder endloser Wald, in dem Tausende von Insekten lärmen, tahle Flächen, auf denen dunkles Waffer glänzt- Reisfelder. Ein paar Rampongs, Strohdächer, Schweine. Ein kleines Feuer, von bem eine übelriechende Rauchwolke aufsteigt und sich dann stimmen niedergedrückt über die Straße legt. Hundegebell- Menschenftimmen vorbei. Ein anderes Sumatra, an dem man nur vorüberfährt. In steilen Windungen geht es aufwärts. Und dann sieht man plöglich tief unter sich eine enorme Wasserfläche heraufschimmern: Der heilige Tobasee, doppelt so groß wie der Bodensee. Hier ist man schon im Gebiet der Bataffer, eines namenlos schmutzigen Volkes, das seine Kleider niemals wäscht, sondern immer nur wieder aufs neue färbt... Sie haben den Holländer viel Scherereien gemacht und noch bis vor kurzem Menschen gefressen. Unten am See ein armseliges Fischerdorf, und plötzlich ist Europa wieder da: mitten zwischen den schmutzigen Eingeborenenhütten steht eine be leuchtete" Shell"-Pumpe. Ein paar verwehte Klänge eines Tangos wehen herüber, der Wagen stoppt vor dem Hotel am Tobasee und man kann sich seinen Cocktail servieren lassen von einem blendend weiß uniformierten Boy, dessen Vater noch ein enragierter Menschenfresser war. Hier wird getanzt und geflirtet, draußen aber, auf einer Insel mitten im Tobasee, lebt ein Völfchen Eingeborener, das bis 1981 nicht wußte, wie ein Auto aussieht.. 444 Freilich kann es passieren, daß, wenn Madame spät nachts im Ballkleid in ihren Bungalow auf der Plantage zurücktehrt und noch rasch ihrem Lieblingshund gute Nacht sagen will, ihr der Boy mitteilt, daß Bobby nicht mehr da sei, vor einer Stunde etwa hätte ihn ein Tiger geholt. Oder daß man eine Stunde lang auf den vierten Mann zum Bridge warten muß und er dann endlich atemlos herein stürzt, sich den Staub von seinem Smoking flopft und unter tausend Entschuldigungen erklärt, er habe wirklich nicht früher kommen können, denn sein Auto sei von einer Herde Elefanten aufgehalten worden... Oder daß man mit seinem Wagen auf dem Wege zum Hafen ein Krokodil überfährt, das sich ausgerechnet mitten auf der Straße sonnen mußte... Oder daß in einer eleganten Geschäftsstraße zwischen den rassigen Autos ein halbnackter Eingeborener mit wilden Schreien Amok läuft, während in den Läden die Damen sich die neuesten Kreationen vorführen lassen... Es kann aber auch passieren, daß ein Pflanzer sich im Urwald verirrt hat und vor Hunger und Durst umkommt, während hoch über ihm, unerreichbar, ein großer, breimotoriger Goffer mit einer eleganten Gesellschaft an Bord seinen täglichen Rundflug absolviert.. Blitzlichter von der Weltausstellung Chikago, Juli 1988. Mund 40 Milltonen Dollar hat die Ausstellung gekostet. Das Geld wurde von den Chikagoern aufgebracht, nun muß es in fünf Monaten am 1. November wird alles wieder abgerissen sein- einkommen. Aber die finanziellen Leiter sind voll Optimismus: während noch zehntausend Mann an der legten Fertigstellung arbeiteten, besichtigte bereits mehr als eine halbe Million Menschen das Werden des Geländes. 100 000 Dollar wurden eingenommen. Man kann für sein Eintrittsgeld eine 130 Kilometer lange Wanderung machen. Das hat niemand ausprobiert, das haben Statistiker ausgerechnet: nach 180 Kilometer erst hat man jeden Pavillon der Ausstellung passiert. Weil das leicht anstrengend wird, kann man sich zu Zweien in kleinen Rollstühlen niederlassen und sich selbst umherfahren. Die Rollstühle haben Motorantrieb. Selbstverständlich, daß die Wunderdinge der Welt, jahrtausendalte und ganz neue, ausgestellt sind. Aber auch Menschen sind zu bestaunen. 51 Schönheitstöniginnen trafen ein. Eine soll Königin der Weltausstellung werden und einen Preis von 5000 Dollar bekommen. Jetzt ist eines der Mädchen gleich zu Beginn der Ausstellung ge= storben. Man hat sich mit Eifer um sie bemüht, aber sie war nicht zu retten. Schönheitskönigin sein ist nicht immer ein Glück, man hat das in den letzten Jahren oft feststellen tönnen. Man sieht die Hütten und Häuser vieler Völker und Stämme. Um drei Wasserbecken herum stehen Palmen, raschelt Dschungelgras, stehen Hütten eines Indianerstamms. Die Indianer lassen sich aber nicht nur in Muße be= staunen. Die Wasserbecken beherbergen 250 Alligatoren, und die Indianer springen von Zeit zu Zeit zu ihnen ins Wasser und ringen mit den Tieren. Diese Sensation ist im Vergnügungspart der Ausstellung zu sehen. Man braucht sich im übrigen nicht aufs Zuschauen von weitem und aufs Betrachten von Statistiken zu beschränken. Jeder Besucher kann in eine Diamantengrube einfahren, in richtigen Grubenwagen. Er tommt den Bergarbeitern dabei ganz nahe. Einer der kostbarsten Schäße, die so gewonnen werden, ist dann in der Nähe zu bewundern. Es ist der indische Nassat- Diamant, der eine halbe Million Dollar wert ist. Er liegt in einem Safe, in den man von oben durch einen Glassturz hineinsehen kann. Führt man aber nur einen kleinen Schlag gegen den Glasdeckel, so befindet man sich in einer Schreckenstammer: der Diamant versinkt in einem mit Gas angefüllten Turm, gleichzeitig bringt Tränengas aus diesem Behälter und Detektive mit Gasmasken tauchen auf und packen den Frevler. Vor den hundert Jahren, die die Ausstellung„ Ein Jahr hundert des Fortschritts" in der Hauptsache zeigt, stand an der Stelle, wo heute die Indianer im Vergnügungspark Alligatoren fangen, ein kleines Fort. Das war der Rückhalt der Fallensteller, die mit den zurückweichenden Indianern kämpften. Vor vierzig Jahren fand bereits in einem ausgedehnten Chikago wie heute eine Weltausstellung statt. 77 Deutsche waren als Preisrichter drüben, die Halle der Industrie hatte eine deutsche Abteilung. * Damals war manches zu bemängeln. Das Haus der Kunst hatte keine Ventilation, die Luft war stickig. Außerdem war es so dunkel, daß man selbst bei hellstem Wetter kaum etwas erkennen konnte. Auch diesmal gibt es keine Ventilation in den Ausstellungsräumen. Man ist bereits hinaus über diese Lüftungsmethode. Die Dächer atmen! lassen, bei schlechtem Wetter aber schließen sie sich von selbst. Sie sind so konstruiert, daß sie immerfort Luft hindurchOb freilich diese Bauart sich restlos bewährt, wird man erst Ein neuer amerikanischer Rekord Die Verschleppungen zu Erpressungszwecken, sehr beliebf in der amerikanischen Unterwelt, haben sich in den letzten Monaten so gehäuft, daß ein neuer Reford geschaffen worden ist. Seit dem 1. Februar haben die Banditen in den Vereinigten Staaten auf diese Weise rund 280 000 Dollar eingeheimst. Den Rekord bilden folgende Fälle: John Boettcher, ein Millionär in Denver, erkaufte seine Freilassung mit 50.000 Dollar. Für den jungen Josef Faktor in Chikago zahlte der Vater, dessen Auslieferung wegen Betrugs von England verlangt wird, ein Lösegeld in der Höhe von 50 000 Dollar. Peggy McMath wurde von ihren Entführern mit 70 000 Dollar, Mary McElroy mit 30 000 Dollar losgekauft. Der Millionär Hamm schließlich mußte für die Freilassung seines Sohnes ein Lösegeld zahlen, das sicher nicht hinter 100 000 Dollar zurückblieb. Die amerikanische Unterwelt wird dafür sorgen, daß die Liste sich vermehrt. Unbekannte Liebesbriefe Napoleons werden versteigert In den letzten Tagen fand in London eine Versteigerung der großangelegten Sammlung Gord Roseberys statt, bei der unter anderem auch bisher noch unbekannte Liebesbriefe Napoleons an Josephine Beauharnais unter den Hammer famen. Diese Briefe wurden seinerzeit von einem ungetreuen Kammerdiener aus Malmaison gestohlen und tamen dann auf etlichen Umwegen in die Hände Lord Roseberys. Aus jedem der einzelnen Briefe spricht die ursprüngliche Gleichgültigkeit der angebeteten Frau gegen den großen Korsen, die ihr nachträglich, wie allgemein bekannt ist, bitter leid getan hat.„ Liebe ist für mich ein absolutes Glück," schreibt der zukünftige Kaiser. Jeder Augenblick des Lebens bereitet mir unendliche Freude, den ich in Ihrer Nähe verbringen darf, und Schmerz, wenn ich fern von Ihnen, Madame, weile." Als die geliebte Frau einmal krank war, beklagte er ihr Geschick mit folgenden Worten:„ Ich bin vom Mißgeschick verfolgt. Böse Ahnungen beschleichen mich fortwährend. Ich kann mich nicht beruhigen. Der Gedanke, daß Sie frank sind, nimmt mich Tag und Nacht gefangen. Ich habe keinen Appetit, ich kann nicht schlafen, mich interessieren nicht die Freunde, nicht der Ruhm und nicht das Land. Die Welt ist nur scheinbar da." Josephine scheint auf diese Liebesergüsse gar nicht oder nur sehr spärlich geantwortet zu haben, da Napoleon Bonaparte sich in einem anderen Schreiben darüber beklagt, daß er während der Zeit eines Monats nur zwei Briefe im Ausmaß von je drei Zeilen erhalten hat. Seine Leidenschaft für die geliebte Frau ist aber so stark, daß er mehr Briefe schreibt, als er absendet.„ Wenn wir uns wiedersehen, werde ich Ihnen zeigen, daß meine Taschen voll mit Briefen sind, die ich in einsamen Stunden an Sie geschrieben habe, die ich aber gefürchtet habe abzusenden, weil Sie sie für findisch halten könnten." Zwei Wochen nach Marengo kündigt er an, daß er hofft, binnen zehn Tagen Josephine in seinen Armen halten zu können. Dann wieder macht er ihr Vorwürfe, daß sie kokett sei. Napoleon war sehr eifersüchtig und hatte ja bekanntlich allen Grund dazu. Trotzdem bittet er sie in einem Schreiben wegen seiner Eifersucht um Verzeihung.... die Liebe, die Sie mir eingeflößt haben, mir die Vernunft raubt." Wenn man all diese Briefe einer glühenden Verehrung lieft, fällt einem der Gegensatz auf, den die Schreiben späteren Datums zeigen. Da wird dann kraß das Ende dieser romanhaften Liebe sichtbar. In einem sich der große Korse bereits über die Möglichkeiten einer Briefe an seinen Stiefsohn Eugen Beauharnais unterhält Scheidung. bei Schluß der Ausstellung wissen. Gegenwärtig leiden die Eine Stadt versinkt im See Besucher unter der Hizewelle, die die Vereinigten Staaten heimsucht. Jetzt schon aber studieren die Leiter der nächsten Weltausstellung die Fehler in Chikago. Die nächste Weltausstellung heißt Paris 1937". Und ihre Organisation wurde vor kurzem in Angriff genommen, damit man sich, zum Lernen, Chikago ansehen kann. Einen Hauptfehler haben die Leiter von Paris 1987" der Ausstellung„ Chikago 1988" abgesehen, ehe sie eingetroffen waren. Viele Firmen, die zur Zeit der Bauvergebung seriös und leistungsfähig waren, haben inzwischen schlapp gemacht. Mancher Schlager" wurde überhaupt nicht gebaut. Der geplante Riefenturm, der, höher als der Eiffelturm, 612 Meter zählen sollte, ist nicht zu sehen. Man begnügte sich mit zwei Türmen zu je 188 Meter. Paris hat nun die Lehre daraus gezogen und zur Bedingung ge= macht: das den Unsicherheiten der Zeiten ausgesetzte Unternehmertum soll möglichst ausgeschaltet bleiben. Die Bauten werden von den Regiefirmen der Stadt Paris unter Aufsicht der städtischen Bauverwaltung ausgeführt. Aber wer weiß, was dann wieder faul sein wird: Als ob fich Fehler und Krisen erst so voraussehen lassen, daß sie vermieden werden können! Man hat die Ausstellung in Chikago mit dem Strahl eines Sterns eröffnet, der vor vierzig Jahren, nämlich zum Zeitpunkt der ersten Ausstellung in der Stadt am Michigansee, den Stern in Richtung Erde verließ. Der Strahl hat seine Funktion richtig erfüllt. Aber es begab sich, daß man auf der Suche nach einem Stern, dessen Licht gerade vierzig Jahre braucht, um zu uns zu kommen, auf den Areturus stieß, der im Altertum als der Bringer von Sturm und Unwetter galt. Einen schriftlichen Bericht von der Ausstellung vor vierzig Jahren fönnen wir hinzufügen. Hier ist die geschäftliche Situation oberfaul," schrieb im Jahre 1893 einer der Deutschen von drüben. Jeden Tag gibt es große Bankfrachs und Schließungen von Fabriken. Alles schimpft auf die schlechten Zeiten und die fürchterliche Hize und auf die Korruption." William Warren, Bei der Anlage unserer heutigen Talsperren ist es ja nichts Seltenes mehr, daß ganze Dörfer unter Waffer gesetzt wer den und in einem See versinken. So hat man bekanntlich die herrlichen Ruinen eines der schönsten altägyptischen Tempel in Lugor den Wassern des Nils preisgeben müssen, um durch den großen Staudamm von Assuan die Fluten des Nils aufzuspeichern und der allmählichen Bewässerung des Nilunterlandes zuzuführen. Bei dem gewaltigen Staudamm, der seit dem Jahre 1929 in Chile errichtet wird, um den Fluß Hurtado zu regulieren, haben die chilenischen Behörden nun eine ganze Stadt, das Städtchen Recoleta, opfern müssen, das zu den ältesten spanischen Niederlassungen am Großen Ozean zählt. Bereits im Beginn des 16. Jahrhunderts, vor vierhundert Jahren also, haben hier die Väter Franziskaner ihre erste Missionsniederlassung in Südamerika errichtet. Aber Recoleta ist nur zu einem kleinen Städtchen angewachsen. Es liegt mitten in einem weiten Tal des Hurtado, rings von Anhöhen umgeben, die künftig die Umwallung des mächtigen Staubeckens bilden werden. Der angestante See, in dessen Fluten Recoleta verschwinden wird, dürfte 106 Millionen Kubikmeter Wasser fassen. Sogar der Glockenturm des alten Domes, der ebenfalls noch aus dem Zeitalter der Entdeckung stammt, wird noch um zehn Meter unter dem Wasserspiegel des Sees liegen. Das heißt, man würde die Kirche zuvor abreißen. Aber die Einwohner von Recoleta, die an ihrer zum Untergang bestimmten Heimat sehr hängen, haben an die chilenische Regierung eine Petition gerichtet, worin sie baten, daß ein Denkmal an der Stelle des Kirchturms errichtet werden möge, das eben noch aus dem Wasser des künftigen Sees emporragt und so als letztes Wahrzeichen einer der ältesten Städte Chiles die Stätte zeigt, wo Recoleta versunken liegt. Wer ist rein arisch? Derjenige, dessen Urgroßeltern jüdisch gewesen sind. * * * Die fünftige Inschrift des Reichstags: Brennendes Ge heimni& Die große Nazi- Korruption Rund um Lahusen ,, Fall Nordwolle" Am 10. Juni 1981 las man in dem Handelsteil der deutschen Presse eine kurze Notiz: Die Norddeutsche Wolltämmerei und Kammgarnspinneret in Bremen habe im vergangenen Geschäftsjahr schlecht abgeschnitten. Ein Drittel ihrer Reserven, rund 15 Millionen Mart, sei verloren. Für den Zeitungsleser war das nicht weiter interessant, es war eine Krisenmeldung unter vielen andern. Er wußte nicht, daß das Bremer Unternehmen die Spizengesellschaft des Nordwollekonzerns, des größten fontinentalen Textilunternehmens, war, und ihm war darum auch kaum bekannt, daß der Bremer Konzern von einer einzigen Familie, den Lahusens; beherrscht wurde. Knapp einen Monat später war der„ Fall Nordwolle" schon eine Weltsensation geworden, die die Spalten der Zeitungen in Berlin und in London, in Amsterdam und in Tokio füllte: Die Nordwolle" ist pleite! Die Gebrüder Lahusen hatten durch eine größenwahnsinnige Hochstaplerwirtschaft, durch leicht finnige Rohstoffipekulationen, durch einen gewalttätigen Konzernzentralismus und durch schwindelhafte Bilanzierung ihren Gläubigern einen Verlust von rund zweihundert Millionen Mart zugefügt. Die Größe des zusammengebrochenen Unternehmens, der Weltruf des Konzerns, der Umfang der Verluste für die deutschen, englischen und holländischen Banken, all das wäre noch nicht imstande gewesen, den„ Fall Nordwolle" zum Anlaß für die folgenschwere deutsche und mitteleuropäische tere ditkrise vom Sommer 1931 werden zu lassen, wenn nicht nähere Umstände darüber bekannt geworden wären, wie es den Lahusens möglich war, von 1926 bis 1981 plumpe Schwindelmanöver durchzuführen, ohne daß der Aufsichtsrat und di kreditgewährenden Bantinstitute etwas bemerkt hatten. Bankrotteure Es stellte sich nämlich heraus, daß sowohl der Aufsichtsrat als auch die deutschen Großbanken in der leichtsinnigsten, fahrlässigsten und verantwortungslosesten Weise ihre Pflichten versäumt hatten: Die Kontrollen fanden im Vorübergehen, zwischen einem familiären Jagdfrühstück und einer gemütlichen Runde Golf auf dem Hohehorster Schloß der Lahusens statt. Die Banten wiederum gaben die Kredite, ohne sich erst umständlich für Unterlagen und Sicherbeiten zu interessieren es ging ja immer nur" um Beträge von zehn oder zwanzig Millionen Mart. Die Wirkung auf das Ausland war verheerend. Man fragte sich: Wenn schon die königlichen Kaufleute der Hansestädte dreiste Betrüger und gewissenlose Bankrotteure find, wenn schon die seriösen Berliner Großbanten ihre Kontrollpflicht so wenig ernst nehmen wie sieht es dann erst in der übrigen Wirtschaft aus? „ Der Judenboykott Gönner der Hitlerei Doch der Zusammenbruch des Lahusen- Konzerns führte nicht nur zu einer wirtschaftlichen Vertrauenskrise, er zwang auch, zu untersuchen, warum die Gebrüder Lahusen ein solches Ansehen genießen konnten, daß man ihnen blindlings hunderte Millionen Mark anvertraute? Dabei ergaben sich politische Zusammenhänge: Karl Lahusen hatte es als Präsident der angesehenen Bremer Handelskammer verstanden, den Einfluß, den ihm sein damals nur mittelmäßig großes Unternehmen gab, zu vervielfachen durch eine enge Bundesgenossenschaft mit der aufstrebenden nationalen Bewegung. Neben Thyssen war er wohl der erste deutsche Kapitalist, der der Hitler- Bewegung nicht nur Geld, sondern auch Ansehen unter seinesgleichen durch seinen Namen gab. Den Beherrschern der Nordwolle gelang es, sich den Bremer Senat durch ihre Beziehungen zu den nationalen Parteien hörig zu machen, sie gaben aber auch den zwar nicht rassenreinen, aber mit dem arbeiterfeindlichen Faschismus sympathifierenden Berliner Großbankdirektoren die Gewißheit, in eine Sache Geld zu stecken, die durch das Bündnis zwischen Kapital und politischer Reaktion geadelt war. In ihren Betrieben stellten die Lahusen viele Dußend ehemalige Offiziere und SA.- Führer mit riesenhaften Gehalten an. In ihren Fabriken führten sie gegen die Gewerkschaften und für die nationalsozialistischen Zellen und Werkvereine einen kostspieligen Kampf. In ihrem mit einem Gesamtaufwand von fünfzehn Millionen Mark errichteten Verwaltungsgebäude in Bremen stellten sie der NSDAP. völlig umsonst prachtvolle Büroräume zur Verfügung und in ihrem für den Betrag von drei Millionen Mark erbauten" Forsthaus" tafelten sie mit den Führern des Nationalsozialismus. Für jedermann war flar, jedermann wurde es aufdringlich mitgeteilt: Die Lahusen und die Hitler- Partei sind eins und gehören zueinander. Jüdische Mache" Als der Nordwolle- Konzern zusammenbrach, stellte das der„ Völkische Beobachter" als„ jüdische Mache" hin. Auch als sich herausstellte, daß die Lahusens eine holländische Gesellschaft zur Bilanzfälschung benützt hatten, die in guten Zeiten der Konzern- ,, Verschiebebahnhof" für Kapitalflucht und Steuerhinterziehungsgelder war, rückte die national sozialistische Bewegung nicht im mindesten von ihnen ab. Sie stellte im Gegenteil ihren Propagandaapparat zu Angriffen gegen den Konkursverwalter und die Gutachter zur Verfügung. Sogar seinen Hausanwalt, den jezigen Neichs. Verfügung. Sogar seinen Hausanwalt, den jezigen Reichsjustiskommissar Frank, borgte Adolf Hitler Karl Lahusen in verehrungsvoller Dankbarkeit. Als das agitatorisch von Nachteil war, legte Frank die Vertretung nieder, an seine Stelle kommandierte der nationalsozialistische Führer seinen geheimen Staatspolizei zurückgefordert worden. Seitdem weiß kein Mensch mehr, wo sich die Aften befinden. hat aufgehört!" Und einige Tatsachen Dortmund Hannover In dem bekannten Raufhaus 3entrum in Bannover wurden anläßlich der Neueröffnung die neuausgestatteten 38 Schaufenster zerstört und ausgeplündert. Duisburg Der Gauobmann der nationalsozialistischen Juristenschaft, Rechtsanwalt Schroers, erläßt ein Rundschreiben an die nationalsozialistischen und gleichgeschalteten Kollegen mit der Aufforderung, unverzüglich ihm Mitteilung zu machen über Prozeßparteien( Name des Klägers, Name des Betlagten, Terminstag, Zuständiges Gericht), die sich heute noch durch jüdische zugelassene Rechtsanwälte vertreten laffen. Das Unterlassen der Mitteilung hat Ausschluß zur Folge. Barmen Die Aften des ermordeten jüdischen Zahnarztes Dr. Meyer, die nach langem Hin und her von der Polizei an bie Staatsanwaltschaft abgegangen waren, sind von der ..In ticiste Barbarel zurückversetzt" Ein Brief aus Deutschland Unter Weglassung einiger Einzelheiten, die auf die Spur des Schreibers führen könnten, veröffentlichen wir folgenden Brief, der uns dieser Tage aus dem Reich zuging. Ich habe mich nun wieder erholt und arbeite fröhlich in Haus und Hof, wenn das Wetter nur nicht so elend und wechselnd wäre; heute schüttet es den ganzen Tag wieder wie mit Kannen. Endlich ist der Maulkorbzwang für ein paar Monate gelöst und kann ich wie ein Mensch sprechen. benken und schreiben und Ihnen von allen Freunden berichten, aber setzen Sie sich hin, es folgen tolle Dinge. Ein mir bekannter jüdischer tüchtiger Junge kaufte eine chemische Fabrik, steckte nach und nach vierzigtausend Mark hinein, es ging auch ganz flott, bis plötzlich das Geschäft wie abgeschnitten war, und er bei einem großen Spesenapparat nicht einmal das Porto einnahm für tägliche Briefe, eine ganz rätselhafte Erscheinung, die ihn und uns verrückt machte. Endlich nach bösen Wochen durch Zufall die Erklärung: Er war durch Irrtum auf eine jüdische Boykottliste gesetzt worden! Die Aufklärung konnte nichts mehr retten; da auch das Ausland den deutschen Produkten in weitem Bogen aus bem Wege geht, mußte der brave Junge am 1. Juli feinen Betriebschließen, Seit Wochen herrscht ein neuer, mit aller Konsequenz durchgeführter Boykott der jüdischen Geschäfte. Die betroffenen Firmen haben alle Lieferungsverträge annulliert. Sparkassenräuber Hoffnungsvolle Hitler- Jugend Einen frechen Raubüberfall auf die Kreissparkasse in Darfehmen verübten zwei Schüler des Insterburger Gymnasiums, die beide der Hitlerjugend angehören. Es gelang ihnen, zweitausenddreihundertundzweiunddreißig Mark in die Hände zu bekommen. In einem Mietsauto fuhren diese hoffnungsvollen Sprößlinge zweier angesehener Insterburger Bürger nach Darkehmen. Unterwegs zwangen sie den Chauffeur mit vorgehaltenem Revolver, das Auto zu verlassen. An der Darkehmer Kreissparkasse angekommen, hielten sie die Sparkassenbeamten ebenfalls mit vorgehaltenem Revolver in Schach und raubten Papier- und Silbergeld, so viel ihnen in die Hände fiel. Die alarmierte Frau X. hungert, da ihre Mieterinnen Berufsdamen maren, die man hinauswarf und die Loge, welche bisher immer Miete schickte, hilft nicht mehr, da jetzt Rechtsanwälte und Aerzte berücksichtigt werden, die abvermieten müssen. Y. mußte Berlin verlassen, da er mit dem Verlag Sound so einen Vertrag hatte, eine neue Serie der Bücherschau in Berlin herauszugeben und nicht ein einzi ger der bereits engagierten Vertasser mehrim Lande ist. Er war so anständig, dem Verlag sein ganzes bereits gefaßtes Gehalt zurüàzugeben und hängt wieder einmal in der Luft, um so schlimmer, als Tochter und Schwiegersohn nach Paris mußten und seine Unterstützung brauchen für einen neuen Anfang; der Schwiegersohn ist ein talentierter junger Kapellmeister aus Frankfurt a. M., seine ganze Familie ist ruiniert und ausgewandert. Aber die Bestien wüten gegen die Katholiken genau so. Die Bäder Kudowa, Reinerz und Althaide zum Beispiel sind am Verderben, weil man alle verdienstvollen alteingesessenen katholischen Bürgermeister, Beamten, Badebirektoren bis zum letzten Mann„ beurlaubte" und größenwahnsinnige Jdioten hinseẞte in prunkvollen Uniformen. Dr. F. hat leere Sprechstunden, denn die Patien ten, welche noch kommen konnten, trauen sich einfach nicht hin bei diesem Spitzelsystem, er ist ganz verzweifelt und tut mir furchtbar leid. Seine Frau wollte absolut ins Ausland gehen und hätte in Italien eine Assistentenstelle anderen intimen Berater, Rechtsanwalt Dr. Luetgebrune, in die Advokatengarde der Nordwolle- Betrüger. Wie vertuscht man? Dann kam das Dritte Reich. Mehrmals wurde der Prozeß vertagt, weil die Anwälte Lahusens in hohe Staatsstellungen aufgerückt und immer wieder unabkömmlich waren. Offenbar ist der Prozeß für die nationale Bewegung nicht minder unbequem wie für die Angeklagten. Die Lahusens und ein Teil ihrer Freunde wollten die Angelegenheit durch eine- politische Amnestie aus der Welt schaffen. Sie sollte mit der einfachen Erklärung begründet werden, die Nordwolle- Beherrscher hätten sich nur im Kampf gegen das wirtschaftliche Novembersystem" schuldig gemacht und müßten genau so einer Amnestie teilhaftig werden wie etwa ein SA.- Mann, der einen Kommunisten niedergeschossen hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte Hitler Skrupellosigkeit genug besessen, diesen neuen Nordwolle- Betrug zu decken, wenn nicht die Rücksicht auf ausländische Bankinstitute, die auf Bestrafung ihrer betrügerischen Schuldner drängten, maßgebend gewesen wäre. Deswegen scheint es nun zu Differenzen zwischen den an dem Fall am stärksten interessierten Bremer Nazi und der nationalsozialistischen Führung gekommen zu sein man ist sich über die Art der Vertuschung nicht einig. Es folgte der Versuch, einen Hauptzeugen, den ehemaligen Danat- Direktor Jakob Goldschmidt, der sich im Ausland aufhält, von der Rückkunft zum Prozeß abzuhalten, um damit die weitere Vertagung zu begründen. Eine mysteriöse Brandstiftung im Büro des Nordwolle- Konkursverwalters, eines Hauptbelastungszeugen, schloß sich an, und jetzt sind die Brüder Karl und Heinz Lahusen von der Bremer Poliihnen gelungen ist, durch fortwährendes Bearbeiten maßzeidirektion in Schuhhaft genommen worden, weil es ihnen gelungen ist, durch fortwährendes Bearbeiten maßgebender Stellen den Eindruck zu erwecken, daß auch der Bremer Senat gegen die Durchführung des Strafverfahrens Stellung genommen habe". Den beiden Brüdern wird der Vorwurf gemacht, Regierung und Wirtschaft auf unge= wöhnlichen Wegen durch falsche Sachdarstellung zu beeinflussen, um eine Durchführung des schwebenden Strafverfahrens zu verhindern". Die scheinbar so energische Maßnahme der Jnhaftierung soll dazu dienen, den Verdacht zu verwischen, der für jeden Informierten zur Gewißheit geworden ist: das Dritte Reich wird mit allen Mitteln verhindern, daß der Prozeß um den Nordwolle- Zusammenbruch die Wahrheit an den Tag bringt: das System Lahusen und das des Nationalsozialismus gehören zueinander und sind für einander verantwortlich. Polizei ließ sofort die Feuerfirene ertönen, was zur Folge hatte, daß eine große Menschenmenge zusammenlief. Als die Täter dadurch am Fliehen behindert waren, schossen sie blindlings in die Menge, verlegten eine Person, fuhren zwei Kinderwagen um und entfernten sich dann mit dem Auto in Richtung Insterburg. Die Polizei nahm mit Kraftwagen die Verfolgung auf und fand den verlassenen Wagen in der Nähe des Bahnhofs Spiroken, wo man die beiden Schüler aus dem Zuge heraus verhaftete. Sie gaben an, daß sie mit dem erbeuteten Gelde. die Insterburger Ortsgruppe der Hitlerjugend finanzieren wollten. Der gestörte Kurbetrieb Bayerische Kurorte vor dem Bankrott München, 11. Juli. Der Versuch, Bayern durch die Grenzsperre nach Desterreich mit Fremden zu überschwemmen, ist vollkommen gescheitert. Da es bekannt geworden ist, daß die bayerischen Gastwirte in Erwartung einer Konjunktur ihre Preise schamlos gesteigert haben, da die Reiselust im Lande infolge der allgemeinen Unsicherheit gesunken ist und da überhaupt keine Ausländer nach Deutschland kommen, stehen die größten Kurorte vor dem Bankrott. bekommen, bei ihren Fähigkeiten sich auch hinaufgearbeitet, aber F. fehlt dazu die Spannkraft und so ist sie anständigerweise bei ihm geblieben; ganz ohne Aussichten auf eine Badesaison; zugleich verlieren sie Kopf und Kragen bei dem Geschäftshaus in Breslau, wo er sein Vermögen im Familienbesitz hatte. Dem Sohn von Onkel M... wurde bei seiner Verhaf tung( Kommunistenverdacht) ein Auge ausgeschla. gen, er ist bildhübsch, Maler, 24 Jahre alt, liegt operiert in der Charitee, das zweite Auge scheint ver. loren. Der andere Sohn, Komponist, wurde von einer Freundin rechtzeitig über die Grenze gebracht. Direktor H... mein Freund und Helfer eröffnet in Haifa eine Holzindustrie, Jakob 2... geht wahrscheinlich mit. So lichtet sich meine Garde und ich verliere treueste Menschen. Meine Krankenkasse habe ich gekündigt, ich lasse mich von den Schweinen nicht für mein teueres Geld zu einer Arztwahl zwingen. Die ganze entsegliche Katastrophenzeit, in tiefste Barbarei zurückversetzt, hat nur ein Gutes gebracht: Seit dem schmachvollen Boykottsamstag halten die besseren Elemente von Juden und Christen eng zusammen in einer selbstverständlichen Abwehr und zugegen seitiger Hilfe. Davon könnte ich Ihnen laufend rührige Beispiele erzählen, während in den Nachkriegsjahren jeder nur brutal an sich und seinen Vorteil dachte. Für heute genug, solche unverdaulichen Dinge muß man mit Maß servieren, Zum Abschluß des Reichskonkordats Papst und Despot Die Kapitulation des Katholizismus Die Kulturaufgabe der Antifaschisten Man erinnere sich, wie unversöhnlich die Kurte die Kirchengesetzgebung liberaler und demokratischer Regierungen bekämpft hat! Was die Kirchengesetzgebung Bismarcks und Falks in Deutschland, die liberale Bürgerregierung in Desterreich gegen den politischen Katholizismus getan hat, war mit der Zertrümmerung des ganzen großen katholischen Organisationsgebäudes durch die faschistischen Machthaber nicht zu vergleichen. Und doch ist die Kurie damals Deutschland und Desterreich gegenüber ganz anders unversöhnlich gewesen! Damals hat der Papst die liberalen firchenpolitischen Geseze verflucht, die Gläubigen der Pflicht, ihnen zu gehorchen, entbunden! Und wie unversöhnlich hat die Kurie später die französischen Geseze über die Trennung von Staat und Kirche bekämpft, wie unversöhnlich bekämpft sie jetzt die Kirchengesetzgebung Spaniens, obwohl alle diese Gesetzgebungen doch den Katholiken die Freiheit der Organisation und der Presse, die Freiheit des Kampfes für ihre Anschauungen von Staat und Kirche und selbstverständlich erst recht die Freiheit des Glaubensbekenntnisses und des Kultes nicht schmälern. Den deutschen Nationalfaschismus, der die Freiheit der Katholifen ganz anders vernichtet hat, behandelt Rom mit weit größerer Versöhnlichkeit. Faschistische Regierungen finden in Rom weit mehr Verständigungsbereitschaft als demokratische." Brief von der Mosel Mitte Juli. Die Moselbewohner zeichneten sich in den letzten Jahren durch ihre außerordentliche Anhänglichkeit an Hitler aus. Dies ist zum großen Teil auf die katastrophale Lage des deutschen Weinbaues zurückzuführen, die natürlich die kleinen Winzer am schwersten trifft und sie mit den gerade herrschenden politischen Verhältnissen sehr unzufrieden macht. Man erwartete an der Mosel Wunderdinge vom Hitlerregime. Die geplanten, sehr bescheidenen Maßnahmen zur Hebung des Weinbaues und Weinhandels, die wir in einem späteren Artikel behandeln, versprechen aber wenig Aussicht auf Erfolg. Man ist schon kritischer geworden, aber man hofft noch immer. Der Bewohner von Burg Thurandt an der Mosel hat schon feit längerer Zeit Hitler zu einem Besuch eingeladen, und die armen Weinbauern seßen nun ihre ganze Hoffnung darauf, daß es dem Herrn Geheimrat gelingen würde, Hitler von den für die Winzer notwendigen Maßnahmen zu überzeugen. Es schwirren dauernd Gerüchte von einem Besuch des Reichskanzlers durch die Dörfer und versetzen immer wieder die Bevölkerung in die freudigste Erregung. Als in der vergangenen Woche die Nazileitung erkennen mußte, daß kein großes Interesse an der nationalsozialistischen Sonnwend feier in Koblenz bestand, kamen ihr diese Gerüchte sehr zustatten. Am Tag vor der Feier überflog der Zeppelin die Untermosel und irgend ein Wizzbold oder gerissener Geschäftsmann streute das Gerücht aus, Hitler komme mit dem Zeppelin zur Sonnwendfeier nach Koblenz. Nun stand es für die Winzer fest, daß er anschließend Burg Thurandt besuche. Die Nazileitung trat dieser Fabel in keiner Weise entgegen, sondern veranlaßte die Betrogenen, sich schnell die fehlenden Uniformstücke anzuschaffen und zum Empfang nach Koblenz zu fahren. Die erwartungsvolle Erregung der Bauern verdeutlicht die folgende, sehr ergötzliche Geschichte. In Cattenes ging das Gerücht um, der ehemalige Kronprinz komme zu einem Besuch nach dort. Man schmückte den ganzen Ort, und auch die Fähre war geflaggt. An der Mosel ist man troß der schlech ten Verhälnisse- mit einem Fest schnell bei der Hand. Nun Werden die katholischen Arbeiter Deutsch lands in diesen Tagen diesen Friedensschluß zwischen Berlin und Rom verstehen? Die katholischen Arbeiter, die in den Bergwerfen und Stahlwerken Rheinland- Westfalens fronen, sind heute nicht weniger erbittert als ihre sozialdemokratischen Klassengenossen. Auch die christlichen Gewerkschaften sind„ gleichgeschaltet". Auch ihre Gewerkschaftshäuser und Arbeiterheime hat faschistische Gewalt ihnen geraubt. Auch sie werden von SA.- Leuten mißhandelt und in das Konzentrationslager geschleppt, wenn ein brauner Spizel sie vernadert. Werden sie, die treuesten Söhne der katholischen Kirche in Deutschland, es verstehen, daß der Vatikan die Vernichtung ihrer Organisation anerkennt und mit den faschistischen Diktatoren ein Konkordat abschließt? * Die evangelische Kirche ist in Deutschland völlig gleichgeschaltet" worden; sie wird nur noch ein dienendes Organ der faschistischen Gewalt sein, die sich der Kirche bemächtigt, die bedeutendsten Repräsentanten der evange lischen Kirche, sowohl Männer der Kirchenverwaltung, wie Pastoren, unter ihnen Gelehrte ersten Ranges, davongejagt hat. Der katholischen Kirche in Deutschland ergeht es immerhin besser; sie kann, da sie eine übernationale Or= ganisation ist, nicht so völlig verstaatlicht werden. Aber auch sie schließt nun mit dem faschistischen System Frieden. hat Dr. Reuter, Facharzt für Hals- und Ohrenleiden, Koblenz, Antisemit und ehemaliger deutschnationaler Stadtverordneter, die löbliche Gewohnheit, von Zeit zu Zeit seine Kollegen vom Aerzteverein zu einer Sauftour an die Mosel einzuladen. Just an dem Tage, da der Kronprinz in Cattenes erwartet wurde, fuhr Dr. Reuter mit seinen Kumpanen in zehn Autos an die Mosel und ließ sich in Alken nach Cattenes übersetzen. Dort hatten sämtliche Vereine, einschließlich der nationalsozialistischen und der Feuerwehrfapelle, Aufstellung an der Fähre genommen und waren natürlich sehr enttäuscht, als sie erkennen mußten, daß sie die Gefoppten waren. Der Weinort Loef machte jedoch von jeher eine gute Ausnahme von dieser seltsamen Begeisterung für die„ nationale" Sache. Dort hat das Zentrum seine Schäfchen fest in der Hand und stellte selbstverständlich auch den Gemeindevorsteher, einen sehr geachteten, alteingesessenen Bürger. Dieser wurde bei der Generalreinigung von der Regierung vergessen abzusetzen.( Heute kann nur ein Mitglied der nationalsozialistischen Partei Ortsvorsteher sein.) Der Zentrumsvorsteher weigerte sich aber, den braunen Zuchthauskittel bei einer Festlichkeit zu tragen. Da wurden die hohen Behörden aufmerksam, sägten ihn ab und setzten einen kommissarischen Vorsteher gegen den Willen der ganzen Gemeinde ein. Deffentlich erklären die Nazis aber immer wieder heuchlerisch, die Selbstverwaltung würde nicht angetaftet. Deutsche Sorgen! Die Kleinsten an der Spitze In dem sogenannten Weltblatt„ Kölnische Zeitung" liest man folgende Sorgen: " Köln- Klettenberg, 29. Juni. Fein sieht es aus, wenn die Jugend stramm marschiert. Und jeder freut sich, wenn sie förperlich ertüchtigt wird. Doch sei sowohl zum Marschieren besonders wie zur förperlichen Ertüchtigung allgemein ein kleines Wort der Kritif gestattet. Ist es richtig, wenn bei einer Abteilung Jungen immer die größten vorne sind und den Tritt angeben, wähVersteht man, welche Wirkung das auf Denken und Fühlen tener deutschen Volksmassen, die bisher unter dem geistigen Einfluß der Kirche geblieben sind, üben wird? Man hat sich in Europa oft darüber gewundert, wie widerstandslos die orthodoxe Kirche in Rußland von dem Bolschewismus zertrümmert werden konnte. Man hat oft nicht verstanden, wie es gekommen ist, daß die russischen Volksmassen ihre Kirche nicht widerstandsfähiger verteidigt, der gewaltigen Propaganda des russischen Freidenfertums nicht stärkeren Widerstand entgegengesetzt haben. Aber jeder, der Rußland fennt, fennt auch den Grund: die orthodoxe Kirche ist, zumal in den letzten Jahrzehnten ihres Bestandes, nichts anderes mehr gewesen als ein Werkzeug der zaristischen Staatsgewalt. Der Zar war ihr Papst und in jedem Popen sah das Volk nur einen Diener, nur ein Vollzugsorgan der verhaßten Barengewalt. Deshalb ist mit dem Zarismus auch die Kirche gefallen. Nichts ist für eine Kirche gefährlicher, als wenn sie dem Volke als dienender Bundesgenosse verhaßter despo tischer Gewalt erscheint... Es gibt nur eine Macht, deren Feindschaft gegen das Hakenkreuz unversöhnlich ist und dauern wird, bis die Hakenkreuzlerische Tyrannei niedergerungen sein wird. Diese Macht ist die Arbeiterklasse, ist die Sozialdemokratie. rend die Kleinen der hintern Reihen springen müssen, um mitzukommen? Vielleicht sieht es so schneidiger aus, aber für die jüngern Kinder ist es eine unnötige Anstrengung. Sie sollten nach vorne geholt werden und das Tempo angeben. Beim Militär treten bei langen Märschen die Tetzten Kompanien vorne an. Wenn es sich bei den Märschen durch die Stadt auch nicht gerade um lange handelt, so ist doch das Pflastertreten ermüdend. Und zwischen der Leistungsfähig= keit der Neun- und Dreizehnjährigen ist ein großer Unterschied. Zur förperlichen Ertüchtigung allgemein: Nichts soll übertrieben werden. Wir dürfen nicht vergessen, daß Großstadtjugend nicht in so hohem Grad widerstandsfähig ist wie z. B. die vom Lande. Sie bedarf ganz besonders allmählicher Gr= tüchtigung. Am Tage der Volkszählung zog eine Schar kleiner Jungen aus, um den freien Schultag zum Wandern zu benußen. Sie waren mit Rucksäcken und Decken so bepackt, daß sie teils den Eindruck machten, als kämen sie schon müde vom Marsch zurück. Das ist doch nicht der Sinn der Sache. Mir scheint ferner, daß die Führer dieser Jugendabteilungen etwas zu jung sind. Neunzehnjährige fönnen im allgemeinen noch keinen Maßstab haben, was Kinder aushalten, denn sie haben doch zu wenig Erfahrung. Vielleicht ist dies ein brauchbarer Vorschlag: Man werbe in den politischen Organisationen um erfahrene Führer für die Jugendgruppen. Gewiß wird mancher gern die dankbare Aufgabe übernehmen und ein geeignetes Betätigungsfeld für seine Erfahrung finden. E. M. Hütte. Mehr als lange Abhandlungen beweist diese Zuschrift, wie jetzt drüben die Jugend„ ertüchtigt" wird. Gehirn wird Nebensache und Pflastertreten die Hauptsache. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Piz; Inserate Hubert Jüttner, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b. H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5. Die Deutsche Freiheit" muß man regelmäßig fesen Abonnieren Sie sofort! Besteffsdiein: Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der ,, Deutsche Freiheit" Genaue Adresse: Achtung, Eltern! Verlege mein deutsches Jugendheim nach Paris. Unterr. Berufsausb. Sport. Aerztliche Aufsicht, Sommer. See. Bill. Preis. Sofort. Anfr. an Frau Dr. Berg, Paris 16, 4 Bd. Exelmans. Französische Lehrbücher für den Selbst- Unterricht Feller, Französisch Otto Süpfle, kl. franz. Sprachlehre 9.15 Fr. 16.45 Fr. Otto Schmidt, franz. Konversations- Grammatik 30.20 Fr. 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