Preis: 60 1. cts. Freiheit Nummer 24-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Dienstag, 18. Juli 1933 Chefredakteur: M. Braun Dennoch! O glaubt nicht, sie weile fortan bei den Toten, O glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht, Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten Und Nichtdelatoren verweigert das Recht; Nein, wenn ins Exil auch die Eidfesten schritten, Wenn müde der Willkür, die endlos sie litten, Sich andre im Kerker die Adern aufschnitten Doch lebt noch die Freiheit und mit ihr das Recht, Die Freiheit, das Recht! Freiligrath Die Reichswehr protestiert General Blomberg gegen Reichskanzler und Reichsinnenminister- Aufhebung ciner Hitlerverordnung erzwungen- Unruhen und Verhaftungen Berlin, den 17. Juli 1933.( Eig. Drahtb.) Noch immer grenzt sich die Reichswehr gegen die Diktatur der NSDAP. ab. Das Heer und die Marine übernehmen weder das Hakenkreuz noch den Hitler- Gruß, noch lassen sie sich mit SA. und SS. durchsetzen. Das Verhältnis zwischen dem Reichswehrminister und dem Reichskanzler ist höflich aber kühl, wenn sich auch die Reichswehr die Militarisierung des Volkes natürlich gern gefallen läßt. Eine fest geschlossene Gruppe von Reichswehrgenerälen, zu denen auch General von Schleicher gehört, hält genügende Distanz von den Nationalsozialisten, um für deren Politik nicht verantwortlich sein zu müssen. Von der latenten Spannung zeugt folgender Vorfall: Vor einigen Tagen hatte der Reichskanzler gemeinsam mit dem Reichsinnenminister Frid eine Berordnung erlass fen, daß die Hälfte der Stellen, die nach den bestehenden Gesetzen den ausgedienten Soldaten und Unteroffizieren der Armee zur Verfügung stehen( sogenannte Militärs Anwärter- Stellen), bis auf weiteres durch die„ Soldaten ber nationalen Revolution" zu besetzen find. Gegen diese Verordnung, die bereits veröffentlicht worden ist, hat der Neichswehrminister Protest beim Neichskanzler und beim Reichspräsidenten eingelegt mit der Begründung, daß hiers durch die Interessen der Angehörigen der Armee in einer antragbaren Weise geschädigt würden. Der Reichspräfis bent hat den Protest des Reichswehrminifters übernommen und hat die Zurückziehung der Hitler'schen Verordnung ers zwungen. Im Bande zeigen sich mancherlei kritische Erscheinungen. Am Sonnabend, dem 15. Juli, wollte die Polizei auf dem Bentral- Wochenmarkt in Breslau einige Händler wegen Ungehorsams gegen die Preis- Verordnungen verhaften; die Gesamtheit der Markthändler verhinderte jedoch mit Gewalt die Verhaftung. Hierauf erklärte der Polizeipräsident Heis nes den Markt für geschlossen und die Waren für beschlag= nahmt. Gegen diese Maßnahme segten sich die Händler zur Wehr; es tam zu blutigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und den Händlern. Unmittelbar darauf formierte fich tung Zuftrom erhielt und in dem gefchloffene Formationen der SA. mitmarschierten; der Zug bewegte sich in Richtung auf das Gebände des Polizeipräsidiums, das von starken Detachements der Polizei gesichert war. Als die Demon: stranten sich der Sperrlinie näherten und eine angeblich drohende Haltung einnahmen, machten die Beamten auf persönliche Anordnung des Polizeipräsidenten von der Schußwaffe Gebrauch. Sieben Demonstranten wurden er: schossen, etwa fünfzig mehr oder minder schwer verletzt. Den Beitungen ist untersagt, einen Bericht zu veröffentlichen. In Schleswig- Holstein sind in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Bauernführern verhaftet worden; man spricht von über einhundert Personen. Die Bauerns führer werden vom Geheimen Staatspolizeiamt beschuldigt, eine gegenrevolutionäre Bewegung organisiert zu haben. Wie uns hierzu von bäuerlicher Seite mitgeteilt wird, bes steht das ganze Verbrechen der Verhafteten darin, daß sie bereitet haben, die die Sozialisierung des Groß grundbesiges zum Ziel hat. Die verhafteten Bauerns führer gehören sämtliche der Hitlerpartei an. Der preußische Ministerpräsident Göring hat, nachdem der Reichskanzler seinem Ersuchen um Amts= enthebung des schlesischen Oberpräsidenten Brüd ner nicht stattgegeben hat, gegen Brückner ein Disziplinars Verfahren wegen Ungehorsams eingeleitet. Herr Brückner Kritik am schlesischen Großgrundbefiz geübt und seine Ents eignung gefordert. Als der Ministerpräsident ihm diese Propaganda untersagte, erklärte Brückner, als Oberpräsis dent werde er schweigen, aber als nationalsozia listischer Gauleiter werde er reden. Die Aufs tens jeder öffentlichen Aeußerung zu enthalten, hat Brüd ner abgelehnt. Auch das noch! Hitlerinsel Helgoland London, 14. Juli. Der Spezial- Korrespondent des " Daily Herald" meldet, daß auf Helgoland ein deutscher Freiheitsturm von großer Höhe erbaut werden soll und daß bie Insel den Namen Hitler- Insel erhalten werde. Philipp Scheidemann in Karlsbad unter polizeilicher Bewachung Prag, 15. Juli. Wie aus Karlsbad gemeldet wird, steht der ehemalige deutsche Ministerpräsident Philipp cheidemann, der in die Tschechoslowakei geflüchtet ist, unter polizeilicher Bewachung, da man befürchtet, er könnte überfallen und über die Grenze verschleppt werden. Um Thälmanns Kopf Thälmann und Torgler ohne Wann kommt der Reichstagsbrand- Prozeß Verteidiger Verteidiger- Die Reichsregierung schweigt- Wo bleibt ihr Material? Viereinhalb Monate sind nun seit der Brandstiftung im Reichstage vergangen. In der Nacht des Brandes schien dem Herrn Minister Göring alles unaussprechlich klar:„ van der Bubbe hat den Reichstag angesteckt auf Betreiben der Kommunisten und die Sozialdemokraten haben Schmiere gestanden." Man darf nie vergessen, daß diese freche Behaup tung des Göring als Vorwand zum Verbot der gesamten sozialdemokratischen Presse genommen worden ist. Inzwischen ist durch die Untersuchung des Reichsanwalts immerhin soviel erwiesen, daß Göring hinsichtlich der angeblichen Mitschuld der Sozialdemokraten die Welt angelogen hat. Die Behauptung, daß Torgler und Thälmann an der Brandstiftung beteiligt gewesen seien, wenigstens intellektuell, wird wahrheitswidrig aufrecht erhalten. Mit Material rückt man aber nicht heraus. Seit Wochen hat das Reichsgericht seine Untersuchung abgeschlossen. Angeblich find hunderte Zeugen vernommen. Bis spätestens Anfang Juli sollte man über die Ergebnisse etwas hören. Die Zeit verrinnt, und man hört nichts. Das heißt: man hört über die Untersuchung nichts. Dafür wird in der ausländischen und in der deutschen kommunistischen Presse unwidersprochen gemeldet, daß Torgler, der geistig sehr bewegliche und klar denkende Führer der kommunistischen Reichstagsfraktion von einst, in Retten liege und mit allen Mitteln mürbe gemacht werde, um ein Geständnis von ihm zu erpressen. Wir stehen hier vor dem unerhörten Rechtsskandal, daß ländischer Verteidiger in Straffachen vor dem Reichsgericht nicht möglich und zwar auf Grund der völkerrechtlichen Stellung des Saargebietes, das bekanntlich ja nicht vom Reich abgetrennt, sondern nur zeitweilig unter eine neutrale Verwaltung bis zur endgültigen Entscheidung über die staatsrechtliche Zugehörigkeit des Saargebietes gestellt worden ist. Juristisch besteht für die Reichsregierung teine Möglichkeit, faarländische Verteidis ger nicht zuzulassen! Ist so rein rechtlich der Fragenkompler vollkommen flar, so ergeben sich Schwierigs feiten in fachlicher Hinsicht und zwar deshalb, weil man sich flar darüber ist, daß jeder Verteidiger in diesem Prozeß, der sein Amt nicht nur als Farce auffaßt, dauernd in höchster Lebensgefahr schwebt. Die Erwägungen erstrecken sich zur Zeit darauf, auch in dieser Hinsicht klare Bahn zu schaffen. Obwohl faarländische Verteidiger als protégés de la France"( Schußbefohlener Frankreichs) für amtliche deutsche Stellen in Ausübung ihres Berufes uns antastbar sind, ist man sich darüber klar, daß Mord= anschläge sowohl während des notwendigen vorherigen mehrmonatlichen Artenstudiums als auch während der Verhandlung nur unter ganz besonderen Garans tien nicht zu erwarten find. Die nicht ganz einfachen Bestrebungen, einwandfreie Garantien für die persönliche Sicherheit der Berteidiger zu erlangen, werden vermutlich schon in nächster Zeit zu vers schiedenen Schritten Anlaß geben. zwei bekannte deutsche Parlamentarier, von denen Torger Geiseln sich im Reichstage allgemeinen Ansehens erfreute, seit über vier Monaten in zermürbender Untersuchungshaft sind, ohne einen Rechtsbeistand zu haben. Für die moralische Qualität des Abgeordneten Torgler spricht dabei noch die Tatsache, daß er sich sofort nach den Beschuldigungen gegen seine Par tei freiwillig gestellt hat. Er hätte fich damals ohne Schwierigkeiten im Ausland in Sicherheit bringen können, wenn er sich irgendwie belastet gefühlt hätte. Aber er kannte damals die abgrundtiefe Gemeinheit des deutschen Faschismus und seiner regierenden Führer nicht. Was in diesem Deutschland vom„ Rechtsstaat" noch übrig ist, geht daraus hervor, daß sich im ganzen deutschen Reiche nicht ein einziger Rechtsanwalt findet, der es wagt, die Verteidigung der beiden deutschen Abgeordneten Torgler und Thälmann zu übernehmen. Ausländische Verteidiger aber lehnt die Reichsregierung ab. Es ist richtig, daß sie das auf Grund der Strafprozeßordnung kann. Wenn es ihr aber um die Ermittlung der Wahrheit zu tun wäre, könnte sie ohne jede Schwierigkeit hier eine Ausnahme machen. Sie hat ja auch eigens für diesen Fall ein Hängegefeß gemacht. Aber der Galgen ist ihr lieber als ein scharfsinniger Ver teidiger. Wie wir foeben erfahren, find Bestrebungen im Gange, ben Angeklagten des Reichstagsbrand- Prozesses, der dems nächst in Leipzig stattfinden soll, faarländische Bers teidiger zu stellen! Bekanntlich hat die Reichsregierung bisher alle Angebote ausländischer Verteidiger, die in Leipzig für die Ans getlagten auftreten wollten, abgelehnt. Nach vorliegenden Reichsgerichtsentscheidungen ist eine solche Ablehnung jaar Frau und Kinder festgesetzt Die Bestrafung unschuldiger Menschen für die Taten anderer ist stets als etwas Abscheuliches von allen Menschen verurteilt worden. In steigendem Maße aber bedient sich das Hitler- Regime dieser Methode. Vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Sizz Prag, werden uns dazu folgende absolut verbürgte Fälle mite geteilt: In Dresden wurde am 29. Juni die Frau des Parteis sekretärs Runze von der Polizei verhaftet und in das Polizeipräsidium eingeliefert, obwohl Frau R. erft türzlich nach einer schweren lebensgefährlichen Operation aus dem Krankenhause entlassen worden ist. Selbst der Polizeiarzt mußte Fran K. Schonung verordnen. Alle Proteste gegen die Verhaftung haben bisher nichts genügt. Frau A. wurde gefagt, sie werde erst freigelassen, wenn sich ihr Mann der SA. gestellt habe. In einem weiteren Falle wurde die Frau eines Parteis fefretärs mit ihrem noch nicht vierjährigen Jungen ebens falls von der SA. verhaftet, nachdem sie vorher wochenlang mit nächtlichen Hanssuchungen gequält worden war. Man fuchte den Mann und bemächtigte sich der Fran und des Kindes, weil man den Mann nicht fand. In diesem Falle aber erfolgte nach einigen Stunden die Freilaffung, allerdings mit der Androhung, daß man die Frau in acht Tagen wieder hole, wenn sie nicht inzwischen eingestehe, wo ihr Mann sich aufhalte. B solum W Der amtliche Hitlergruß! コ Durch Verfügung des Nazi- Reichsinnenministers Frick, des Heimkriegers von Pirmasens und Hochverräters von München, ist der Nazigruß zum a mflichen Gruß Deutschlands« ernannt" und für alle Beamten auch im Dienstverkehr als obligatorisch eingeführt worden. Bekanntlich stammt dieser Faschistengruß von den alten Römern und wurde von Hitler und seinem Nationalsozialismus als dem gelehrigen Affen Mussolinis den italienischen Faschisten entlehnt. Wie aber aus diesem ausländischen Importprodukt ein echtes hitlerdeutsches Erzeugnis wird, zeigt die vierte Metamorphose der obigen Karikatur. Von ihm führt dann eine schnurgerade Linie zu jenem anderen römischen Gruße, der mit abwärts gestrecktem Daumen den Tod der Sklaven und Gladiatoren zur Laune ihrer Herren bedeutete. Der Gruß der Freien aber in Deutschland und außerhalb seiner Grenzen ist die hoch geschwungene Faust zur 3ertrümmerung aller Despotie! Schwindel mit der„ Demokratie" Einfuhr und Ausfuhr sinken Das Theater mit der Volksbefragung Das von der Reichsregierung verabschiedete Gesetz über Bolksabstimmung hat folgenden Wortlaut: § 1.( 1) Die Reichsregierung kann das Volk befragen, ob es einer von der Reichsregierung beabfichtigten Maßnahme zustimmt oder nicht. ( 2) Bei der Maßnahme nach Abs. 1 kann es sich auch um ein Gesetz handeln. § 2. Bei der Boltsabstimmung entscheidet die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen. Dies gilt auch dann, wenn die Abstimmung ein Gesetz betrifft, das verfaffungsändernde Vorschriften enthält. 8 8. Stimmt das Bolt der Maßnahme zu, so findet Artikel 3 des Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24. März 1933( Reichsgesetzblatt 1, Seite 141) entsprechende Anwendung. 84. Der Reichsminister des Innern ist ermächtigt, zur Durchführung dieses Gesetzes Rechtsverordnungen und allgemeine Verwaltungsvorschriften zu erlassen. In der Begründung redet die Regierung von alten, germanischen Rechtsformen und bezeichnet diese Art der Bolksbefragung als eine veredelte Demokratie. Um die Verlogenheiten dieser Begründung zu kennzeichen, braucht man nur das in der gleichen Kabinetts sigung beschlossene„ Gesetz gegen die Neubildung von Parteien" danebenzuhalten. Es lautet: § 1. In Deutschland besteht als einzige politische Partei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. § 2. Wer es unternimmt, den organisatorischen Zufammenhalt einer anderen politischen Partei a uf rechtzuerhalten oder eine neue politsche Partei zu bilden, wird, sofern nicht die Tat nach anderen Vorschriften mit einer höheren Strafe bedroht ist, mit Buchthaus bis zu drei Jahren oder mit Geängnis von sechs Monaten bis zu dret Jahren Bestraft. Die neue Demokratie besteht also darin, daß nur eine Parteirichtung leben und arbeiten, daß nur eine Meinung in Presse und Flugschriften zum Ausdruck kommen darf. darf. Die ganze Volksbefragung ist also mangels eines freien Meinungskampfes ein einziger großer Schwindel. und jeden Tag Man bestätigte ihr, daß in der Tat ber verhaftete Jude eine geliefert worden sei allerdings tot! Es wird gemordet Zum letzten Male sah eine Frau ihren Mann Selbst der Leichnam wurde ihr vorenthalten Berlin, den 16, Juli. Bor jetzt noch nicht ganz 14 Tagen hat sich in Deutschland ein Borfall ereignet, ber so bestialisch ist, der so sehr allen Begriffen von Zivilisation und Kultur ins Gesicht schlägt, daß ein einziger Schrei der Empörung der kultivierten Welt bie Antwort an jene Machthaber sein wird, die den Begriff des„ Grenelmärchens" erfanden, um der Welt Sand in die Augen zu strenen, wie feiger Mord an Wehrlosen zur natio: nalen Tat, brutaler Terror zum Heldentum des Dritten Reiches gestempelt worden find. Hier der Beweis für einen Greuel, der leiber fein Märchen" ift: Am 6. Juli erschienen im Geschäft eines Inden in einer westdeutschen Stadt SA.- Leute, die nach dem Inhaber fragten. Als dieser nicht da war, zog der Trupp in ein gegenüberliegendes, ebenfalls einem Juden gehöriges Befchäft, deffen Juhaber kurzerhand verhaftet und mitgenom men wurde. Befragt, warum er verhaftet werde, wurde dem Bedauernswerten erklärt:„ Das geht Sie nichts an! Halten Sie die Schnauze!" Ueberraschenderweise wurde der Verhaftete turze Zeit nachher wieder freigelassen. Es stellte sich heraus, daß er als Geisel für den nicht angetroffenen jüdischen Geschäftsinhaber mitgenommen worden war, der inzwischen ahnungslos in sein Geschäft zurückgekehrt und bort verhaftet worden war. Am 6. Juli hat die Frau des zulegt Vers hafteten ihren Mann zum legten Male gesehen. Während der Abwesenheit der völlig zusammengebrochenen Frau fragte beren Dienstmädchen am 7. Juli einen ihr be= fannten SA.- Mann, wo der Berhaftete denn hingebracht worden sei. Sie erhielt hie Antwort, er liege im Krantens haus einer dicht dabei gelegenen Stadt. Das Dienstmädchen rief von sich aus das Krankenhaus an. Jorns Da gehört er hin! Der deutsche Nichterbund, der auf seiner Tagung mit seinem gesamten Landesverein dem Bund nationalsozialistischer Juristen beitrat, hat in seinen Vorstand auch den berüchtigten Reichsanwalt Jorns gewählt, der die Mörder von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mit falschen Päffen und Geldmittel versehen hatte. Jeder Mensch wird Verständnis dafür haben, wie es in der Seele der schwergeprüften Witwe des Hingemordeten anssah. Sie eilte in die Stadt, in deren Krankenhaus die Leiche ihres Mannes lag und bat den dortigen Rabbiner, dorthin zu gehen. Dem Geistlichen wurde der Zutritt aber mit der Begründung verweigert, daß die Leiche von der Mord= Begründung verweigert, daß die Leiche von der Mords kommission(!) beschlagnahmt worden sei! Die Mords tommission bestätigte das auf Anfrage und fügte hinzu, daß niemand zur Leiche vor gelassen werde! Das war am 7. Juli. Am 8. Juli bemühte man sich um Freigabe der Leiche, am 9. sprachen die verschiedensten Stellen wiederholt vor immer vergebens, die Leiche blieb unsichtbar und beschlagnahmt. Am 10. Juli schließlich wurde erklärt, die Leiche könne nicht mehr besichtigt oder abgeholt werden, da sie bereits beigefeßt worden sei! Die unglückliche Frau hat ihren Mann selbst auf dem Totenbett nicht mehr sehen dürfen! Wir versagen es uns, die Schlußfolgerungen zu ziehen, die zu ziehen find in bezug auf die Todesart des unglüds lichen Geschäftsmannes, der sich nie in seinem Leben politisch betätigt hatte und nur das eine Unglüd hatte, Jude zu sein in einem Lande, das den Mord an Inden sanktioniert. Nur eins bemerken wir: Herr Hitler und feine Minister mögen den Mut haben zu lengnen. Wir würden es wünschen! Uns sind die Namen der Beteiligten bes tannt. Wir nennen sie nicht, da Teile der schwergeprüften Familie noch im Reich leben müssen. Aber wir werben fie nennen, wenn man es wagen sollte, dem Mord noch die sadis stische Fronie hinzuzufügen! Neuer Mord ' Abgeordneter Schulz Der frühere preußische Landtagsabgeordnete Schulz, bes fannt als„ Rundfunk- Schulz", weil er an Stelle eines fozialdemokratischen Redakteurs, der im Jahre 1930 für den Bau von Panzerfreuzern sprechen sollte, überraschenderweise gegen die Regierungspolitik im Berliner Rundfunk auftrat, ist im Spandauer Gefängnis ermordet worden. ,, Es geht langsam bergauf" Propagandisten sagen die HitlerIm ersten Halbjahr 1983 betrug die Einfuhr 2087 Mill. RM., die Ausfuhr 2378 Min. RM., und der Ausfuhrüber: schuß somit 291 Mill. RM. Gegenüber dem ersten Halbjahr 19 hat die Einfuhr wertmäßig um rund 13 Prozent, die Ausfuhr um rund 20 Prozent und der Auss fuhrüberschuß um mehr als 50 Prozent abge= nommen. Hier wird also in einer amtlichen Meldung der Naziregierung zugegeben, daß sich der Ausfuhrüberschuß unter der glorreichen" Hitlerregierung um 50 Prozent vermindert hat! Deutschland erwache!) Saarzentrum Man distanziert sich etwas 19 100 In einem Leitartikel beschäftigt sich die amtliche Zentrums zeitung Saarbrücker Landeszeitung" mit der Gründung der„ Deutschen Front" an der Saar. Das Blatt stellt zunächst sehr richtig fest, daß mancher alte Zentrumsmann beim Lesen dieses Waffenbündnisses mit der NSDAP. den Kopf geschüttelt haben möge! Soweit wir es feststellen konnten, trifft das in ausgedehntem Maße zu. Im übrigen erfährt man jetzt, daß dieser Eintritt in die nazibeherrschte" Deutsche Front" nicht von den Parteiinstanzen des ganzen Landes beschlossen worden ist, sondern einzig und allein vom Landesparteiausschuß, also von oben herunter. Die Saarzentrumsführer sehen sich fezt vor die undankbare Aufgabe gestellt, den Schritt, den sie getan haben, vor den gegen die Nazis erbitterten Wählern verantworten zu müssen. Man hat eine große Anzahl von Versammlungen im ganzen Saargebiet anberaumt, zu der man vorsichtigerweise aber nicht der Masse der Wähler Eintritt gewährt, sondern nur besonders ausgewiesenen Funktionären. Die Sizungen sind streng geheim! Ob das Zentrumsvolt an der Saar sich bekehren lassen wird, erscheint mehr als fraglich. Das Blatt teilt im übrigen mit, daß, wie wir bereits vor Tagen schrieben, die Reise des deutschen Vizekanzlers von Papen nach Paris möglicherweise auch mit der Saarfrage im Zusammenhang stehe. Wir haben am Samstag geschrieben, daß ein Zentrumsblatt, die" Saar- Zeitung", die Verhaftung von fünf Verwandten Scheidemanns als Geifeln ausdrücklich gebilligt hat. Die Gerechtigkeit gebietet, daß das führende Saar- Zentrumsblatt, die„ Saarbrücker LandesZeitung", eine andere Haltung einnimmt. Sie schreibt: Sich gegen Lügen zu wehren, ist das gute Recht jeder Regierung. Aber es fann nicht einerlei sein, auf welchem Wege eine Lügenabwehr gefchieht. Für Scheidemanns Verhalten nun fünf Verwandte büßen zu lassen, das dürfte wohl kaum die Gerechtigkeit und die Klugheit für sich haben. Das erinnert etwas fehr an ein Geisel fnftem, wie es von einem Kulturstaat nicht angewandt werden sollte. Die Logit dieses Vorgehens müßte ja in diesem Fall möglicherweise dahin gehen, daß jeßt, wo taum damit zu rechnen sein wird, daß Herr Scheidemann nach der Inhaftierung seiner fünf Verwandten schweigt, schließlich alles in Schutzhaft genommen werden müßte, was mit Scheidemann verwandt ist. Das ist sehr sanft gesagt. Aber immerhin etwas. Henderson in Berlin Berlin, 17. Juli. Der Präsident der Abrüstungskonfes renz Henderson traf hente früh aus Rom hier ein. Zu seinem Empfang war u. a. der Chef des Protokolls Graf Bassewiß erschienen. Familientragödie in Greiz Greiz( Thüringen), 17. Juli. Im Vorort Jrchwiz durchs schnitt ein Fleischermeister seiner Frau und seinem eins jährigen Kinde die Kehle und verübte dann Selbstmord. Das Motiv der Tat soll in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu suchen sein. Wettersturz Wien, 17. Juli. Der im Laufe des gestrigen Tages plötz ich eingetretene Wetterfturz im nörblichen Alpengebiet hat zahlreiche Unfälle zur Folge gehabt. Im Rarplateau stürzten zwei aneinandergefeilte geübte Touristen aus Wien im fchlüpfrigen Gestein 60 Meter tief ab; fie waren sofort tot. Im Gefänse befinden sich seit gestern nachmittag zwei Grups pen, vermutlich Wiener Bergsteiger, mit etwa elf Personen in schwerer Bergnot. Aus den westlichen Alpen werden ferner noch drei Abstürze mit tödlichem Ausgang gemeldet. C t 3. t 13 # nt att t. 15 11 er Dr. Richard Kern: Hitler ohne Maske Verrat am Sozialismus- Fortführung der Revolution ist Staatsverbrechen Die letzten Kundgebungen der Hitler- Regierung haben in den Schichten, die in der Hauptsache den Kampf für die Machtergreifung der Hakenkreuzler geführt haben, also im deklassierten Mittelstand, bei den landhungrigen Kleinbauern und im nationalistisch betäubten Proletariat, helles Entsetzen wachgerufen. Besonders die Formulierung des Innenministers Dr. Frick, daß jeder, der jetzt noch von einer zweiten Revolution oder auch nur von einer Fortsetzung der Revolution rede, ein Staatsverbrecher sei, hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. Die jetzt kommende Phase der Hitler- Diktatur wird im blutigen Zeichen der Auseinandersetzung mit diesen proletarisierten Schichten stehen. Der Klassentampf, die marristische Erfindung, eritiert nicht mehr. Der Arbeiter ist ein Glied der Boltsgemeinschaft, hat Hitler verfündet. Der deutsche Arbeiter muß zu einem Herrenmenschen werden, lallte der Trunkenbold ey... Der totgesagte Klassenkampf wird mit aller Energie geführt innerhalb der nationalsozialistischen Partei. Aber er ist ein verfälschter, denaturierter, unvollständiger Klassenkampf. Die Arbeiterschaft ist von vornherein gefnebelt, ihrer Organisationen beraubt, ihre Wortführer tot, verjagt, im Gefängnis und an ihre Stelle sind die Erekutoren der Klassenfeinde getreten. Die Organisationen der Unternehmer, die Organisationen des Mittelstandes, der Bauern, der Händler, sind nicht nur geblieben, sie sind durch Staatsfanierung verstärkt; in ihre Leitung sind die rücksichtsloſeſten und ungehemmtesten Vertreter ihrer Interessen eingesetzt. Während alle ehrlichen Wortführer und Sachwalter der Arbeiterschaft restlos beseitigt sind, ist nicht nur z. B. Herr von Krupp an die Spitze der Unternehmerorganisation geblieben, sondern der berüchtigste der deutschen Scharf macher, der Feind jeder gewerkschaftlichen Organisation, der erbittertste Bekämpfer der Arbeitslosenversicherung und des Tarifwesens, der konsequenteste Vertreter des Unternehmerabsolutismus, der. Dr. Frizz Thyssen ift soeben zum„ Führer" der westdeutschen Industrie, zum Vorsitzenden der Gruppe Nordwest und des Lang namvereins gewählt worden. Das ist eine offensicht= liche„ Gleich schaltung" der neuen Staatsmacht mit den Interessen des rücksichtsIoseften großtapitalistischen Unternehmertum 3. Unterdrückung jeder Bewegungsfreiheit und jedes Selbstbestimmungsrechtes der Arbeiterklasse einerseits, Stärkung aller Organisationen der Unternehmer andererseits diese Situation muß man sich klar machen. Dann wird man über das Ergebnis der Klassenfämpfe, die augenblicklich in der nationalsozialistischen Partei ausgefochten werden, kaum einen Zweifel hegen können. In zwei Reden, in Reichenhall vor den Naziführern und in Berlin vor den Reichsstatthaltern, hat Hitler in den Klaffenkampf eingegriffen. Zum erstenmal in seinem politischen Leben hat er seine Ansichten nicht verdunkelt, verhüllt, in einen vieldeutigen Phrasenbrei eingewickelt, sondern klar und deutlich ausgesprochen. Und was Hitler sprach, war Kampf gegen den Sozialismus, war schrankenloses Bekenntnis zum Kapitalismus! Die„ Revolution" ist abgeschloffen, eine zweite Revolu tion darf es nicht geben. Denn eine zweite Revolution, weiß Hitler, das wäre die Erfüllung der sozialistischen Verspre= chungen, das wäre die Durchsetzung der Erwartungen der proletarischen und proletarisierten Schichten, die den Versprechungen Glauben geschenkt haben, und davon will Hitler nichts wissen. Er und seine Kumpane haben den Staat als Beute genommen und damit genug. Jest Schluß! Die Revolution ist kein permanenter Sustand, fie darf nicht zu einem Dauerzustand sich ausbilden. Man muß den frei gewordenen Strom der Revolution in das sichere Bett der Evolution hinüberleiten." Deshalb droht Hitler, die zweite Revolution" zu zerschmettern. Es ist fürwahr feine leere Drohung. Das beweisen die Erschießungen von SA.- Rebellen durch SS. Kameraden, die sich häufenden Aufstände von Ortsgruppen von SA.- Angehörigen, kurz die Niederwerfung aller sozialistisch rebellischen Elemente inner. halb des Nationalsozialismus. Ihr bildet euch ein, wir müssen auch den sozialistischen Teil des Programmes durchführen? Nein, sagt Hitler, es kommt jetzt nicht auf Programme und Ideen(!) an". Die Erziehung der Menschen ist das Wichtigste und dazu tann fich Hitler Zeit gönnen, denn:„ Wir müssen unser Handeln auf viele Jahre einstellen und in ganz großen Zeiträumen rechnen." Hitler hält seine Macht für gesichert, er kann auf den Schwindel mit dem Vierjahresplan jest ruhig verzichten. Große Zeiträume fieht er vor sich und der Prolet mag sich in Geduld fassen, bis seine„ Erziehung" beendet ist. Der Unternehmer aber muß vor allen Eingriffen bewahrt werden. Er darf nicht abgesetzt werden, weil er fein Nationalsozialist ist.„ Die Wirtschaft ist ein lebendiger Organismus, den man nicht mit einem Schlage verwandeln kann. Die Wirtschaft baut sich nach primitiven Gesezen auf, die in der mensch lichen Natur veranfert sind." Nein, nicht Verwandlung der Wirtschaft, sondern Erhaltung des Kapitalismu 3, seine Stärkung durch Aufhebung jeder Bewegungsfreiheit der Arbeiterklasse, das ist die Erfüllung des Nationalsozia lismus, Einhaltung der wirtschaftlichen Gefeße, die auf der menschlichen Natur beruhen", das ist eben die Erhal tung der kapitalistischen Ausbeutung, die als notwendiges Naturgesetz von den Manchesterliberalen einer vergangenen Zeit proklamiert worden war. Hitlers Stellungnahme kann nicht überraschen. War er doch von jeher ein Gelber! Feind, nicht nur des Sozialismus, sondern auch der Gewerkschaften, hat er sich sogar im Anfang gegen die Aufnahme des Wortes" Sozialismus" in den Namen seiner Partei gewandt. Er hat eigentlich nie ein Hehl daraus gemacht, daß die Massen, die in der Politik von einigen wenigen Führern beherrscht werden, auch in der Wirtschaft von freien Unternehmerpersönlich feiten" ausgebeutet werden müssen. Für ihn ist die Vorspieglung des Sozialismus ein Mittel zur Eroberung der Macht gewesen, neben Mord, Totschlag, Terror und Betrug. Die betrogenen Betrüger erfahren jetzt nur, was wir ihnen stets vorausgesagt haben. Staatssekretär Gottfried Feder hat sich mit seinem Vorgesezten, dem Wirtschaftsminister Dr. Schmitt und mit seinem Führer gleichgeschaltet. In den den wievielten? in programmatischen Ausführungen den wievielten? in Görings Vierzigzimmervilla Spartanische Einfachheit und Härte gegen sich vollständig renoviert und so ausgebant, daß sie heute selbst muß den Führer auszeichnen. vierzig 3immer enthält. Adolf Hitler. Die Kämpfer gegen die Korruption" verfallen, kaum zur Macht gekommen, der widerlichsten und schamlosesten Korruption. Sie fressen, saufen und huren finnlos drauflos, vielleicht in dem dunklen Gefühl, daß ihre 3wing: herrschaft über das deutsche Volk nicht gar zu lange dauern wird. Einer der ekelhaftesten der neuen Fronvögte ist Göring. Verfettet, aufgeschwemmt von Morphium, umgeben von einem Dutzend Mätressen, hat er sich jetzt in Berlin ein ,, bescheidenes Heim" geschaffen. Er eignete sich die Villa auf dem Leipziger Plas Nr. 12 an, in der früher der staatsparteiliche Minister Schreiber ein paar Zimmer bewohnte. Die Billa wurde Wieviel Schutzhäftlinge? Zu den amtlichen Lügen Vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Dentsche lands wird uns mitgeteilt: Die Angaben des Amtlichen preußischen Presse: dienstes", daß sich zur Zeit in ganz Deutschland nur 18 000 Personen in Schußhaft befinden, davon 12 000 in Preußen, ist offensichtlich unwahr. Die amtlichen Stellen schenen sich, für die wirkliche Zahl der von ihnen aus politischen Gründen Inhaftierten die Verantwortung zu übernehmen. Alle Gefängnisse und Zuchthäuser in Deutschland find übers füllt. Die Zellen sind teilweise so stark belegt, daß die Jus haftierten nicht einmal Play für eine Schlafgelegenheit haben. Außerdem befinden sich viele Inhaftierte in den Kas fernen der SA. Die meisten Inhaftierten aber find in den rund vierzig Konzentrationslagern. Die Zahl von 12 000 Schughäftlingen in Preußen ist viel zu niedrig angegeben. Allein in den drei Hauptgefängnissen von Berlin, Polizeipräsidium, Moabit und Plößensee find Anfang Juli annähernd 5000 politische Gefangene unters Die Mauer zum Garten des benachbarten Landwirt schaftsministerium wurde umgelegt, Göring braucht doch einen angemessenen Garten! Um schlanker zu wer den, spielt er Tennis. Also ließ er einen Tennisplatz anlegen. Und reiten muß er auch. Also wurde ihm alles auf Kosten des preußischen Staates eine Reit. bahn gebaut. Damit ihm der Böbel nicht zu nahe kommt, ist eine persönliche Adjutantur der SS. eingerichtet worden. Der frühere Wagen des Ministeriums ist Herrn Göring zu schäbig, den hat er seinem Staatssekretär geschenkt. Er hat sich selbstverständlich auf Staatskosten gleich ein paar neue Autos angeschafft, darunter ein Spezialmodell Mercedes. Die Gesamteinrichtung des spartanischen Führers hat einige hunderttausend Mark gekostet. gebracht gewesen. Aber selbst, wenn man die Zahl von 12 000 für ganz Preußen zugrundelegt, so ist damit bereits erwiesen, daß die Zahl von 18 000 für ganz Deutschland unmöglich stimmen kann. Erft vor wenigen Tagen hat der fächsische Innenminister Fritsch rühmend darauf hingewiesen, daß Sachsen in vieler Beziehung dem Reiche weit voraus sei. Es habe allein mehr als die doppelte Zahl an Schußhäftlingen, als das viel grös kere Preußen. Sachsen nimmt also die Ehre für sich in Anspruch, mindestens 24 000 Schußhäftlinge zu haben. Nimmt man ferner an, daß in Bayern, wo das Konzentrationss lager in Dachau allein mehrere tausend Schußhäftlinge hat, rund 8000 politische Verhaftete vorhanden sind, in Würts temberg mit dem Riesen- Konzentrationslager auf dem Heuberg, etwa 6000, in Baden 2500 und in Hessen 1000 Schußhaftgefangene, so kommt man bereits auf eine Zahl von 53 500 Schutzhaftgefangenen. Diese Berechnung ist eher zu niedrig als zu hoch. Sie berücksichtigt auch nicht die große Zahl der Verhafteten, die nur einige Tage festgehalten werden, dann aber unter Polizeis aufsicht gestellt und auf diese Weise ihrer Freiheit beraubt werden. denen er feine Pläne im neuen Amt erläuterte, erklärte er feierlich, daß er ieden Sozialisierungsversuch ablehne, weil jedes Sozialisierungsexperiment die Gefahr in sich birgt, das schöpferische Element, das ist die Persönlichkeit, aus dem Wirtschaftsprozeß auszuschalten. Die freie Persönlichkeit sei aber die Grundlage des gesamten Wirtschaftssystems", womit auch Herr Feder, der Theoretiker, Gleichschaltung mit den ältesten und abgeftandesten Theos rien des Manchesterliberalismus feine vollzogen hat. Der Sozialismus des Feder- Programms ist verflogen, es bleibt nur die Inflation. Die Entscheidung Hitlers im Klassenkampf ist aber niche nur eine Entscheidung für das Großkapital und gegen die Arbeiterklaffe, sie ist auch eine Entscheidung für das Großtapital gegen den Mittelstand und gegen die Bauern. Der Herr Dr. Darre, der Nachfolger Hugenbergs im Er nährungsministerium, muß seine Pflöcke zurückstecken. Schon erflärt er, daß er die Maßnahmen Hugenbergs nicht mehr grundsäglich ablehne. Schon wird die Notwendigkeit wenigstens einer teilweisen Erhaltung des ostpreußi= schen Großgrundbesißes proklamiert. In diesem Punkte scheinen die Bitten Hindenburg& bei Hitler weitgehendes Verständnis gefunden zu haben, das um so leichter, da Herr Hitler schon längst den Großgrundbesitzern sehr bestimmte und beruhigende Zusicherungen gemacht hatte. Aber die Arbeiter und Bauern, die werden nicht die allein Betrogenen sein, auch der Mittelstand erfährt seine Enttäuschungen. Es war ja schon bisher bezeichnend, daß die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik, ja selbst der Antisemitismus an eine bestimmte Schranke gestoßen war, an das Bankkapital. Das Bankkapital ist nicht gleichgeschaltet worden, und während der kleine jüdische Händler mißhandelt und be droht wurde, bleiben die reichen Bankjuden unangefochten und unberührt in ihren mächtigen Wirtschaftspositionen. Jetzt wird der nationalsozialistische Schutz noch ausgedehnt. Der Kampf gegen die Warenhäuser ist eingestellt worden. Die Schädigung der Warenhäuser bedeutete nicht nur Bedrohung ihrer zahlreichen Lieferanten und ihrer Angestellten, sondern vor allen Dingen auch der Kredite, die sie bei den Banken in reichlichem Maße haben. Der schöne Elan, mit dem sich die nationalsozialistischen Einzelhändler und ihr nationalsozia listischer Kampfbund auf die Warenhäuser gestürzt haben, wird jetzt gebrochen. Auch der kapitalistische Großhandel wird für den Hitler- Sozialismus ein„ Kräutlein Rührmichnichtan". Es wird für den Mittelstand nur ein geringer Trost sein, daß ihm statt dessen wohl die Arbeiterkonsum= vereine ausgeliefert werden. So sieht der Klassenkampf im Dritten Reich aus und das sind die Resultate. Anders waren die Versprechungen vor der Eroberung der Staatsmacht und anders ist ihre Erfüllung. Die Nationalsozialisten hatten Versprechungen gemacht dem Großgrundbesitz und dem Großkapital, dem Mittelstand und den Arbeitern. Die Versprechungen an die Arbeiter sind gebrochen, die Kraft der Arbeiterschaft erlahmt, die Proletarier ihren Klassenfeinden ausgeliefert. Die Versprechungen an das Großkapital und den Großgrundbesis werden restlos erfüllt und die Versprechungen an den Mittelstand soweit gehalten, als sie mit den Intereffen des Großkapitals vereinbar find. Aber der Klassenkampf geht weiter. Die Enttäuschung der betrogenen, ausgebeuteten, entrechteten Masse wird wachsen. Die nächsten Entscheidungen in diesen lassentämpfen werden ganz anders aussehen als die, die heute gefallen sind! „ Kampfbund" darf nicht mehr... Alle Mittelstandsfelle schwimmen fort! Das verabschiedete Gefeß über die Vergebung der öffents lichen Aufträge bei Reich, Ländern und Gemeinden sieht vor, daß ausschließlich die verantwortlichen amtlichen Organe der öffentlichen Vergebungsstellen nach Maßgabe der für die Bergebung öffentlicher Aufträge geltenden gesetzlichen Bestimmungen zu entscheiden haben. Die häufig eigenmächtigen Motiven entspringende Einwirkung durch Personen und Organisationen darf unter keinen Umständen geduldet werden. Dem Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand wird die Einwirtung auf die Vergebung öffentlicher Aufträge von Reich, Ländern und Gemeinden untersagt. Die Tatsache, daß in einem Betrieb ausländisches Kapital arbeitet, kann mit Rücksicht auf die wirtschaftspolitsche Gesamtlage Deutschlands und auf den Umfang des in der deutschen gewerblichen Wirtschaft angelegten ausländischen Kapitals schon mit Rücksicht auf die sehr umfangreichen deutschen Kapitalinvestionen im Auslande für sich allein keine Veranlassung geben, eine solche Firma von öffentlichen Aufträgen auszuschließen. Die Frage der Zulassung einer mit ausländischem Kapital arbeitenden Firma zum Wettbewerb bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand wird nur nach Prüfung des Einzelfalles und nicht allgemein zu entscheiden sein. Die Berechtigung zu einer besonderen Berücksichtigung ortsansässiger Unternehmer tann nur insoweit anerkannt werden, als sie sich im Rahmen der Bestimmungen der Verdingungsordnung für Bauleistungen bewegt. Hiernach sollen unter sonst gleichberechtigtem Angebot im allgemeinen einheimische Unternehmer vor auswärtigen bevor= augt werden, sowie unter einheimischen jene, die am Orte der Leistung oder in dessen Nähe den Auftrag im eigenen Betriebe ausführen und hauptsächlich ortsansässige Arbeiter be-. schäftigen. Dagegen würde ein grundsäßlicher Ausschluß auswärtiger Betriebe oder aber eine Nichtberücksichtigung trop offensichtlich günstigerer Angebote äußerst ungünstige Wirkung haben. Massenverhaftungen 65 Kommunisten gesamtwirtschaftlich Es wurden im Walde bei Moritzburg 65 Personen verhaftet, von denen behauptet wird, sie hätten hochverräterische Druckschriften" hergestellt. Zivilisierte gegen Wilde Aus der Rede Sir Austen Chamberlains im Unterhause Rothermere Der englische Lobredner des Dritten Reichs Dem Hitler- Regime ist endlich das lang ersehnte Heil widerfahren: eine große englische Zeitung spricht mit Anerkennung, ja Bewunderung vom Dritten Reich. Aber o Pech!. es ist die„ Daily Mail", und der Verfasser des Artikels Lord Rothermere, ihr Besizer. Die deutschen Blät= führungen des Lords auf der ersten Seite zu veröffentlichen. Wer lacht da nicht? In England nimmt man den politischen Dilettantismus Rothermeres seit jeher nicht ernst. Man fennt den Ehrgeiz des Zeitungsmagnaten, eine Rolle in der internationalen Politik spielen zu wollen und wie soll man ihn denn ernst nehmen, da er geglaubt hatdie Ahnungslosigkeit, mit der er es immer wieder tut. ungarischer König werden zu können, wenn er Ungarns Zum zweiten Male innerhalb drei Monaten hat sich das englische Unterhaus ohne Unterschied der Partei ter betamen Montag den Utas von höherer Stelle, die Auszu einem einmütigen Protest gegen die Hitlerbarbarei in Deutschland zusammengefunden. Wir drucken nachstehend die Rede des Liberalen Sir Austen Chamberlain ab. Seinen Worten kommt besondere Bedeutung zu, weil er als einer der Kandidaten für den Premierminister bei einem Rücktritt oder einem Sturz Macdonald gilt. Chamberlain spricht in seiner Rede immer von Deutschland". Als Deutsche nehmen wir diese Verallgemeinerung nicht ohne Widerspruch hin. Es gibt in Deutschland viele Millionen Menschen, die mit der Hitlerbarbarei nichts zu tun haben und sich ihrer als Kulturmenschen schämen. Chamberlain identifiziert sich weitgehend mit dem Standpunkt des Arbeiterparteilers Lansbury und fuhr dann fort über Deutschland zu sprechen: Es ist für dieses Land schwierig, in wahrhaft freund Ichaftlichen Beziehungen zu einer Nation zu stehen, die aus ihrer Politik jeglichen Gedanken verbannt, der für alle bri tischen Parteien grundlegend ist. Können wir wirklich gut Freund sein mit einem Volte, das eine Rasse aus Rassen: gründen innerhalb seiner eigenen Grenzen proffribiert und es ablehnt, seine eigenen Bürger als Gleiche und Mitmen schen zu behandeln? Ist es möglich, wenn Deutschland un= sere Mitarbeit und Hilfe wünscht, daß es erwarten könnte, fie zu erhalten, während es jedes Gefühl belei: digt, das in unseren Herzen seit den Uran= fängen unserer Geschichte eingepflanzt ist Gefühle, die allen Parteien gemeinsam sind und die, welche Unterschiede zwischen uns auch bestehen mögen, uns in Augenblicken der Krise und der Gefahr vereinen? Es ist schwierig, ein Bolt als wahren Freund zu behandeln, das eine internationale Politik verfolgt, die unseren Traditio= nen so verabscheuenswert erscheint. Der Geist, der in Deutschland den Deutschen gegenüber bes wiesen wird, ist eine Gefahr für jede Nation außerhalb seiner Grenzen und für jede an= bere Raise, über die es ihr ie gelingen * önnte, die Oberherrschaft zu erreichen.... Wenn Deutschland die Revision der Verträge und die Abrüftung wünscht, dann muß es die Welt erst von zwei Dins gen überzeugen." Diese beiden Dinge, führt Sir Austen Chamberlain aus, sind, daß jegliche Konzession, die Deutschland gemacht wer den könnte, endgültig und nicht nur eine Vorstufe für wei: tere Forderungen sein wird; und daß die Abrüstung nicht lediglich als Mittel der Schwächung anderer Nationen ge= fordert wird, um Deutschland in die Lage zu vers segen, sie besser angreifen zu können. Ich bitte unsere Regierung," schloß Sir Auften Chamberlain, fich das vor zu hüten, die Verantwortung auf sich zu nehmen, andere Nationen gedrängt zu haben die der Gefahrenzone näher find als wir selbst ihre Rüstungen herabzumindern, sos lange wir nicht zumindest dessen sicher sein können, daß wir ihre Sicherheit nicht gefährden und dadurch eine moralische Verpflichtung auf uns nehmen, die schwerer lastet als eine geschriebene Verpflichtung, ihnen zu Hilfe zu eilen, falls sie angegriffen würden. Niemand ist ein Freund des Friedens, niemand hilft der Sache des Friedens, wenn er Deutschland auch nur einen Augenblick lang zu glauben gestattet, daß irgend eine Revision unter den gegens wärtigen Bedingungen möglich wäre." Indem er dieser Warnung Ausdruck gab, sprach Sir Auften Chamberlain die feststehende Ansicht der großen Mehrheit des britischen Volkes ans. Er würde dies nicht getan haben, wenn er es nicht als notwendig empfunden hätte. Ramsay MacDonald und so mancher andere werden gut daran tun, seine Worte zu beachten. Hindenburgs christliches Gemüt ,, Die Treue Ist das Mark der Ehre" Weit verbreitet ist die Ansicht, Hindenburg sei nicht mehr imstande, die Rolle, die er spielt, zu begreifen, zumal der Schurke Meißner ihm alles falsch darstelle. Ueber Meißner steht das Urteil fest, aber kann das über Hindenburg noch schwanken? Kann Altersschwäche jede Treulosigkeit und jeden Verrat entschuldigen? Zu gegeben, daß Hindenburg komplizierte politische Zufammenhänge nicht begreift das hat er nie! so gibt es doch Tatbestände, die so einfach sind, daß jedes vierjährige Kind und jeder hundertjährige Greis sie verstehen muß und die so beschaffen sind, daß ein an= ständiger Mensch sie nicht stillschweigend hinnehmen könnte. Beispielsweise kannte Hindenburg seinen Amtsvorgänger Ebert, er kannte dessen Familie, er weiß, daß alle vier Söhne im Felde waren und zwei von ihnen gefallen sind. Er kennt das herbe Los der Witwe des ersten Reichspräsidenten, Luise Ebert. Als bei Beginn des moralischen Zusammenbruchs, den man in Deutschland ,, die nationale Erhebung" nennen muß, ein paar Burschen in die Wohnung der Frau Ebert eindrangen und sich unanständig aufführten, hatte Hindenburg immer noch Anstand genug, der beleidigten Frau durch seinen Meißner ein Wort des Bedauerns zukommen zu lassen. Jetzt aber hat die Regierung des Herrn v. Hindenburg ben ältesten Sohn des ersten Reichspräsi denten, wie so viele Tausende sonst auch, gefangen ge nommen und in ein Konzentrationslager gesperrt. Wenn Hindenburg sonst nichts mehr begreift, so müßte er doch an diesem ihm leicht verständlichen Fall begreifen, wie im neunten Jahr seiner Regierung in Deutschland mit Verfassung und Gesetz, Recht und Menschlichkeit Schind luder getrieben wird. Aber offenbar stört ihn auch der Gedanke nicht, daß der Witwe Luise Ebert, die zwei Söhne im Felde verlor, in verbrecherischer Weise noch ein dritter genommen wird. welche Rolle er im Dritten Reiche spielt, dann will er Wenn Hindenburg jetzt noch immer nicht begreift, eben nicht begreifen. Sicherem Vernehmen nach hat er sich kürzlich mit unbestrittenem Erfolg für die Großgrund besitzer eingesetzt, als das unwahrscheinliche Gerücht umging, die Hitlerregierung wollte sie an ihrem Vermögen kränken. Es ist merkwürdig, wie leicht der Guts herr von Neudeck aufwacht, wenn seine Kollegen eine Revisionswünsche unterſtüßte? Es gab eine Zeit, in der maßgebende deutsche Politiker zum Himmel beteten, Lord Rothermere möchte nicht etwa auf die Idee verfallen, auch dem Deutschen Reich seine„ Silfe" angedeihen zu lassen. Sie wußten, daß die Begeisterung dieses Helfers verheerend sein tann und außerdem, daß er ein ausgesprochener Pechvogel ist. Er hat nämlich einen sicheren Instinkt, sich nur für Dinge zu begeistern, die früher oder später schief gehen. Damit ſet dem Hitler- Regime feine Prognose gestellt, aber es könnte ihm geradezu zur Warnung dienen. Eine englische Stimme Ueber die Aussichten der Hitlerbewegung und die Kriegsgefahr ,, Daily Telegraph" warnt in einem ausführlichen Artikel, die Verhältnisse in Deutschland und die Aussichten der HitIerregierung sowie die Kriegsgefahr, die durch Hitler brennend werde. Der Korrespondent, ein guter Deutschlandkenner, stellt fest, ganz Deutschland sei ein Waffenlager, nur die Rüstungsindustrie arbeite. Käme man aus Deutschland heraus, so habe man den Eindruck, einem Gefängnis entkommen zu sein. Die gesamte deutsche Presse sei eine einzige Grammophonplatte, die immer nur das Märchen von der deutschen Tugend und den Leiden, die man den Deutschen aufbündet, abplärrt. Hitler selbst sei ein Ignorant und ein Schwächling, aufrichtig aber einfältig. Auch seine Begabung als Redner sei überschätzt. Sein Ruf als Redner stamme daher, daß in der Vergangenheit alle deutschen politischen Redner Sozialisten waren, so daß es etwas neues war, wenn ein selbst mittelmäßig begabter Mann als nationalistischer Redner auftrat. Der englische Beobachter hält einen Bürgerkrieg zwischen den nationalsozialistischen Raudielementen und den verhältnismäßig Gemäßigten für wahrscheinlich. Auf jeden Fall sei ein Erfolg des Hitlerregimes eine Riesengefahr für Europa und bedeute den Krieg. Botschaft in Nöten Von Polizei beschützt Die deutsche Botschaft in Paris wird von vers stärkten Polizeiposten bewacht. Einer der zahlreichen Bes sucher der Botschaft teilte uns mit, der Botschaftssekretär habe ihm gesagt, es lägen tausende von Protesten vor und hunderte von Besuchern versuchten, solche Proteste der Bot: schaft persönlich vorzutragen. Das sei zweifellos sehr unan: genehm, da die Botschaft ja nicht alle solchen Proteste gegen ja amtlich oft genug festgestellt worden, daß in Deutschland angebliche Grenel in Deutschland annehmen könne. Es sei Ruhe und Gesezmäßigkeit herrsche, aber immer wieder kämen sehr aufgeregte Herrschaften aus allen Lagern, die das Ge genteil behaupten. Deshalb habe man die Pariser Polizei bitten müssen, die Deutsche Botschaft unter verstärkten Schutz zu stellen. unbegründete Beschwerde vorbringen, und wie ruhig ber Thyssen reglert Reichspräsident schläft, wenn die Schreie unschuldig gemarterter deutscher Volksgenossen seiner Wähler vom vorigen Jahr um den ganzen Erdball gellen. Es ist also nicht so, daß es beim Verstande liegt. Man muß schon sagen: Dieser alte Mann hat ein gol. denes Gemüt! Es wird offiziell und offiziös Der Vogel nur gelogen In einer Rede in Chemnitz Anfang Juli hat der Sächsische Minister des Innern, Dr. Fritsch, u. a. gesagt: „ Das große Ziel der Totalisierung des Nationalsozialis: mus wird nicht aus den Augen gelassen. Was für das Reich gilt, hat für Sachsen volle Gültigkeit. Wir sind sogar dem Reiche weit voran. So haben wir allein über das Dop: pelte an Schughäftlingen als das viel größere Preußen." Alle deutschen Untertanen" in Schußbaft, dann ist das Dritte Reich vollkommen. Doch wie stimmen diese Angaben des Herrn Dr Fritsch über die Zahl der Schußhäftlinge in Sachsen und Preußen Göring braucht Blitz und Schwert Der preußische Ministerpräsident Goering hat angeordnet, daß der preußische Adler, das Wappentier des Goeringschen Königreiches, nicht mehr nackt und fahl bleibe, sondern mit Blizz und Schwert bewehrt" werde. Die wichtige Umwandlung des Vogels hat das Kultusministerium des Herrn Rust in seine bewährte Hand genommen. Die Schwerindustrie ist mit Hitler zufrieden Ein Rundschreiben des Reichsverbandes der deutschen In dustrie stellt mit Befriedigung fest, daß mit Wirtschaftskommissionen, Organisationen. Konstruktionen und Theorien" die Arbeitslosigkeit nicht beseitigt werden wird. Die Konjunktur dieses Plänemachens und Theorienreitens ist nun vorbei". Es ist auch jede Vorarbeit zur Schaffung eines Reichsstandes der Industrie" eingestellt worden. Die Schwerindustrie ist mit Hitler zufrieden. Geeigneter Beruf Die Deutschen sind geborene Polizisten Das Polizeifachblatt„ Die Polizei" berichtet mit großem Stolz, der Polizeipräsident von Neuyork habe erklärt,„ die deutschstämmigen Beamten hätten sich für den Polizeiberuf als besonders geeignet erwiesen", Die verratene Ostgrenze überein mit der Mitteilung des amtlichen preußischen Preffe Der Danziger Naziführer gibt die Stadt und den Korridor preis Pressedienstes vom 11. Juli, wonach in ganz Deutschland„ nur“ 18 000 Personen in Schußhaft seien, darunter in Preußen 12 000. Wenn Sachsen nach den Angaben seines Innenministers und der muß es doch wissen- doppelt soviel Schutzhäftlinge hat wie Preußen, so machte das für Sachsen 24 000; Sachsen und Preußen zusammen also mindestens also mindestens 36 000. Mit dem von 12 000 bis 18 000 bleibendem Rest für die übrigen deutschen Länder in Zahl von 6000 wären es ausammen 42 000. Da aber die Gesamtangaben sowenig stimmen werden, wie die Einzelziffern, wird die im Ausland angenommene 3ahl von 100 000 in Deutschland in Schutzhaft ihrer Freiheit beraubten und sch I tmmst en Mißhandlungen ausgesetzten Personen schon der Wirklichkeit näher kommen als die offiziellen Angaben. Wie sagte doch Bismard einmal. als man eine offizielle Regierungsnachricht bezweifelte?„ Offiziell wird niemals gelogen". Jm Dritten Reich ists so:„ Es wird offiziell und offiziös nur gelogen", Es gibt keine Partei, die außenpolitisch je soviel Nachgiebigkeit und so unbegrenzte Wandlungsfähigkeit gezeigt hätte, wie die NSDAP. Daneben erscheint nachträglich die ehemalige Volkspartei, die Erbin der alten liberalen Fraktion Drehscheibe, geradezu von Zement. Auf den Verrat an Südtirol, auf die Preisgabe Elsaß- Lothringens und den Verzicht auf Widerruf der sogenannten Schuldlüge folgt jetzt die Anerkennung des polnischen Korridors. Noch im Februar erklärten Naziagitatoren weitaufgerissenen Maules die Polen als„ Erbfeinde", solange Danzig und der Korridor nicht wieder zu Deutschland gehörten. Diese Maulaufreißerei war einmal. Am 8. Juli stattete der nationalsozialistische Präsident des Danziger Senats, Dr. Rauschning, mit seinem Naz'stabe der polnischen Regierung in Warschau eine Besuch ab, bat in zwei offiziösen Reden um Verständnis für die nationalsozialistische Umwälzung, trug den Polen die Freundschaft Hitlerdeutschlands an und sagte: Der Warschauer Besuch solle gleichsam eine allgemeine Vorbereitung der Atmosphäre für die Verhandlungen sein, die nach einem Gegenbesuch ter polnischen Regierungsvers treter in Danzig in kürzester Zeit aufgenommen werden würden, um dadurch eine neue Epoche in den Beziehungen zwischen Danzig und Polen einzuleiten. Bei ernstem Willen beider Parteien, und wenn beide Teile vom Boden der bestehenden Verträge aus bereit seien, gegenseitig die Rechte und Pflichten zum gemeinjamen Besten zu achten, sei die Möglichkeit zur baldigen Berständigung vorhanden. Die„ bestehenden Verträge" trennen Danzig durch den Korridor von Deutschland. Die Danziger Nazis unterstehen dem Führer Hitler. Rauschning sprach also im Namen des deutschen Kanzlers, der mithin auf die Wiedervereinigung der beiden deutschen Gebiete mit dem Mutterlande versichtet. So freigebig hat seit 1918 kein deutscher Minister deutsches Land verschenkt! Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der ,, Deutschen Freiheit" Drei Gedichte Gezeichnet! Du bist gezeichnet! Das Mal des Kain, Das auf die Stirne dir gedrückt, Bleibt ewig haften dir. Nie wirst du mehr das Licht der Sonne strahlen sehn, Nie wird dir mehr ein Freund die Worte von den Lippen Und nie wird mehr ein Mädchen, das Du liebst, für dich erzittern. Und wo du immer bist, Wirst du ein Fremder sein. Das Leben tehrt dir wieder Die Reinheit nie. An die Anderen! Sie glauben allein I Das Wort an die Gottheit zu haben; Und sie schmähen den Gott, der uns allen Das Leben gleichermaßen gegeben. Und sie dünken sich groß vor der Ewigkeit, Und sie wissen doch nicht, Wir erbärmlich fie find, Da fie Gott in der Menschheit verachten. II Laßt ab von eurem wilden saß, Ihr vernichtet ein blühendes Leben; Ihr tötet die Liebe zum Vaterland, Die mit feurigen Worten ihr predigt. [ lesen Glaubt nicht, allein ein Deutschland zu befizen, Glaubt nicht, daß wir die Sprache, die wir sprechen, Nicht über alles lieben; Daß wir nicht Liebe fühlen für das Hohe, das uns eigen ward Durch unser Vaterland. Von einem Emigranten. Goethe bleibt nichts erspart Verspätet, aber nie zu spät, um die Welt darauf aufmerksam zu machen, veröffentlicht der Brüsseler„ Peuple" nachstehendes Dokument; es ist eine Einladung an die Professoren der Frankfurter Universität: Universität Johann Wolfgang Goethe, Frankfurt. Frankfurt, den... Mai 1933. Das Studentenkorps lädt die Gesamtheit des Profefforenkollegiums zu der Verbrennung der margi stischen Schriften ein, die Mittwoch abend, den 10. Mai, auf dem Römerberg stattfinden wird. Die Studenten würden es im Hinblick auf die große symbolische Bedeutung dieser Zeremonie begrüßen, die Gesamtheit de. Professorenschaft dort zu sehen. Ich lade daher die Kollegen ein, zahlreich daran teilzunehmen. Abmarsch von der Universität auf den Römerberg Mittwoch um 20 Uhr abends mit Musik. Die Korvorationen werden in Uniformen daran teilnehmen, ebenso die SA.- Bataillone. Der Rektor: Kried. Die Einladung zur Bücherverbrennung, die an ihrem Kopf den Namen Goethes trägt, der Abmarsch der Profefforen, flankiert von den SA.- Bataillonen- das ist neudeutsche, nazideutsche Kultur. Dieser Krieck hat jetzt zum Lohn für seine Tüchtigkeit den Lehrstuhl Mar Schelers an der Frankfurter Universität erhalten. Seine Treue zu Hitler datiert freilich erst seit furzer Zeit. Vor wenigen Monaten' eugnete er dem früheren Kultusminister Grimm gegenüber, daß er Nationalsozialist sei. Die Stunde der Konjunktur war noch nicht da. Was man sich zuflüstert ,, Heil- Hör!" Da es mit der Wiedereinsetzung der deutschen Wehrmacht nicht so schnell vonstatten geht, so hat die Regierung Hitler beschlossen, als Kompensation dafür die volle Aufrüstung auf dem Gebiet des Rundfunks zu betreiben. Innerhalb kürzester Zeit soll das Deutschland der nationalen Revolution als erste Hörmacht der Welt da= stehen. Als erste Maßnahme zur Popularisierung des FunkMilitarismus wird schon in kurzem die allgemeine Hördienstpflicht für sämtliche deutschstämmigen Bürger eingeführt werden. Die deutsche Hörmacht verfolgt folgende Richtlinien: Nachdem die Hitler- Regierung leider feststellen mußte, daß seit der Herrschaft der nationalen Revolution sich der Rundfunkhörerschaft eine gewiffe Hörmüdigkeit bemächtigt hat und besonders bei Regierungsreden sehr oft die Rückkoppelung in Bewegung gesetzt oder der Empfang gar eingestellt wurde, ist sie nunmehr fest entschlossen, diesen passiven Widerstand gewisser kulturbolschewistischer Hörerkreise radikal zu brechen. Es sind bereits jetzt amtlich legitimierte Funkspäher eingesetzt, die sich unauffällig davon überzeugen werden, ob die deutschen Familien die Darbietungen der deutschen Sender mit der nötigen Andacht verfolgen und namentlich bei Kundgebungen von Regierungsmitgliedern die erforderliche Achtung bewahren. In nicht unerheblichen Teilen der Hörerschaft ist es unter dem Weimarer System Sitte bzw. Unfitte geworden, die Funkdarbietungen in ungehöriger Haltung entgegenzunehmen- etwa beim Mittagessen, mit der Käsestulle in der Hand, kurz vor dem Einschlafen oder auch gar auf dem lediglich zur Verdauung bestimmten Ort. Die Reichsregierung erblickt namentlich in dem letzteren Delikt eine grobe Verächtlichmaung der nationalsozialistischen Führer. Sie erläßt daher den Befehl, daß sämtliche Sendungen offtzieller Natur von nun an in einem würdigen Rahmen und in Sonntagskleidung nebst Anlegung aller Orden und Ehrenzeichen abgehört werden. In Abständen von jeweils fünf Minuten sind die rechten Arme sämtlicher Familienmitglieder einschließlich des Hauspersonals nach dem Kommando des Familienvaters zum Hitlergruß zu erheben. Die allgemeine Hördienstpflicht soll dem nationalsozialistischen Staat Funkhörer heranziehen, die fähig sind, Ereignisse und Geschichten Der neue Rundfunkbefehl selbst 24stündige Regierungsreden ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Widerrede zu empfangen. Eine Fun f= Tapferkei.smedaille ist in Vorbereitung. Die Reichsregierung weist ausdrücklich darauf hin, daß Zwischenrufe streng verboten sind; denn selbst wenn diese von den Sprechern auch nicht gehört werden können, stellen sie doch einen groben Verstoß gegen das nationalsozialistische Dienstreglement dar. Es ist der Reichsregierung auch zu Ohren gekommen, daß verschiedene Hörer gelegentlich der Reden von Regierungsmitgliedern ihren Empfangsapparat an die Wand geschmissen und zertöppert haben. Wenn sie auch derartige Begeiste rungsausbrüche treuer Untertanen voll zu würdigen rer= steht, muß sie derartige spontane Afte doch als disziplinwidrig betrachten. Sie stellt daher Zwischenrufe, Beschä digungen des Funkgerätes, Gähnen, usten, Nasenschnauben und Rülpsen bei Regierungssendungen unter Todes= strafe. Besonders schwere Vergehen werden mit dem lang= samen Tode durch mehrtägige Göbbelsreden bestraft. Daß der Auslandsempfang ein Delikt des Landesverrats iſt, braucht wohl von einer nationalen Regierung nicht besonders betont zu werden. Die Reichsregierung ist der Ansicht, daß die allgemeine Hördienstpflicht besonders im kommenden Winter- der infolge marristisch- jüdischer Einflüsse wirtschaftliche Schwierigfeit befürchten läßt seine segensreichen Wirkungen haben wird. Es ist daran gedacht, bei etwaigem weiterem Steigen der Arbeitslosigkeit und der Hungerkurve den deutschen NamRundfunk als Volksnahrungsmittel zu verwenden. hafte deutsche Professoren, die schon während des Weltkrieges die Hungerkurven des deutschen Volkes wissenschaftlich sanktioniert haben, erklären, daß die fettlose Funk- Nahrung in wohldosierten Portionen und nach nationalsozialistischem Kochrezept zubereitet, einen vorzüglichen Ersatz für Fleisch und Kartoffeln darstellt. Vor allem aber genügen infolge der qualitativ so gehaltreichen Darbietungen des Nahrungsmittels Deutsche Funk- Kost" bereits wenige Kalorien, um das große Koßen zu bekommen. Um sich nicht von vornherein den Magen zu verderben, sollen s besonders die arbeitslosen Hörer an geregelten Funkempfang gewöhnen. Deutsche, hört deutschen Rundfunk! Bubi wird Göbbels im Traum Der„ NS- Kurier" in Stuttgart bringt in seiner legten Nummer von Gg. Walther ein Märchen unter der Ueberschrift Die Hitler- Koppel", das wir hier ver: öffentlichen. Ein Dotument füßlichen Ritsches, Koppelund Gürtel- Heldentums und der Sehnsucht kleiner Hitler- Buben, Amtswalter" zu werden, schon jett Anwärter auf guten Posten. Wörtlich: Man müßte die alten Märchen für Hitler umschreiben, sagt nachdenklich der kleine Hitlerverehrer und legt das Buch, in dem er gelesen, fort. Er rückt den Schulter riemen mit nachlässigem Stolz grad und schnallt verlegen, wie hundertmal am Tage, an dem Ledergürtel. Noch immer zwei Monate bis zum Geburtstag! Wenn er 9 Jahre alt wird, darf er zum Jungvolt, bekommt er die Hitlertoppel. Georg Walther seufzt und sinnt. " Ich hab das erste neue Hitlermärchen!" ruft er endlich. „ Es ist die alte Geschichte vom Fischer und seiner Frau. Ich erzähle es euch: Ein Bub fand eine Hitlerkoppel. Aber es war eine Zauberfoppel. Wer sie trug, dem ging jeder Wunsch in Erfüllung. Da wünschte sich der glückliche Bub: wäre ich doch im Jungvolt.- Und schon war er es. Seine braune Bluse war fein und das Abzeichen gleich richtig, und die Koppel saß sogleich fest und die Müze paßte, und der Bub war fest und tapfer und konnte Schritt halten und singen und gehorchen. Da war der Bub sehr stolz und dachte: Und wie er " Beinahe so fein wie" HI" bin ich jetzt. das so im Laufe des Tages wieder und wieder gedacht hatte und am Abend noch im Bett die gefundene ZauberHitler- Koppel betrachtete, wünschte er, so ganz leis: ich wollte, ich wäre schon Hitlerjugend. Jantchen, weißt Du noch?" Der Leiter des Vereins für deutschvölkische Sittenkunde", ein Naziabgeordneter Fahrenhorst, ließ sich von einem Leipziger Journalisten interviewen und gab ihm mit Zu dem Minister eines Balkanstaates kommt der Adjutant tierischem Ernst Auskunft über die Fragen des Stammgelaufen. „ Herr Minister!" schreit er.„ Der Reichstag brennt!" Da zieht der Herr Minister die Uhr und sagt: Schon?" In einem sächsischen Orte hatte die nationalsozialistische Partei ein riesiges Wahlplakat an die Anschlagsäule heften lassen. Darunter lugte aber noch ein Zipfel des vorher an dieser Stelle angeklebten Variete- Programms hervor. Und der verständnisvolle Leser las nun folgenden Spruch: Wählt den Nationalsozialisten den Freund des Volkes! Täglich wechselndes Programm! Urfomisch! Zum Totlachen! baums der Familienforschung. Der Verein des Herrn Fahrenhorst gibt ein genalogisches Handbuch heraus, das bereits auf 80 Bände gediehen ist. Nach Fahrenhorst ist Familienforschung das Schönste was es gibt, sie ist wie ein Spiegel. Indem man sie betreibt, lernt man sich erst richtig kennen und verstehen". Als der Interviewer fragte, ob das„ neu erwachte Interesse" weiter geht, als bis zur Feststellung der dritten Generation, wie es das Gesez verlangt", antwortet Fahrenhorst:„ Ein zünftiges Mitglied solcher Vereine fragt zu allererst: Wie weit haben Sie ihren Stammbaum über den 30jährigen Krieg hinaus?" ,, Bitte, treten Sie näher" Kinder und Militär vom Feldwebel abwärts halbe Preise. diesem Sommer einladet. Darin heißt es:" Bu all den Das Lob macht ärger und macht besser: Durch Beifall wird der Edle größer, der Böse schlimmer als zuvor, der Schlaue listiger, und dümmer noch der Tor. Nicolai. Die Neuyorker Wochenschrift„ The New Yorker" bringt ein riesiges Inserat, das zum Besuch Deutschlands in berühmten Reizen, die Deutschland auf Reisende ausübt, tritt jetzt noch das bestrickende Schauspiel hinzu: die Wiedergeburt eines Wolfes." Trotzdem sind gar keine Fahrkarten nach Deutschland verkauft worden. Der Geburtsakt selber scheint nicht sehr anziehend zu sein. Am anderen Morgen staunte er nicht wenig, als er erwachte. Er war richtig HJ geworden! Gewachsen war er, so groß wie die 16jährigen. Statt der Jungvolk uniform hatte er jetzt alles, was die HF gebraucht. Was war das für ein Tag in der HI! Aber schon andern Tags war der Bub auch hier nicht mehr zufrieden.„ SA- Mann will ich sein!" sprach er. Und weil er dabei gerade an der Koppel fingerte, ging auch der Wunsch sofort in Erfüllung. Er war sehr stolz und alle, die ihn jetzt grüßen durften auch. Aber er drehte die Koppel und schon wieder und wünschte„ Amtswalter" zu sein war er es. ... Da dachte er: aber Göbbels sein, ist doch besser. Und schon wünschte er es sich bei seiner Koppel. Am andern Morgen wunderte er sich sehr. Er selbst sah so anders aus, und das Zimmer, das Haus, die Straße, alles war ihm fremd. Da merkte der Bub, daß er in Berlin war und über Nacht Göbbels geworden. Da mußte er immerzu Wahlreden halten und schnell mit dem Flugzeug da und dorthin reisen und später regieren helfen, fast Tag und Nacht. Aber auch das war dem Bub noch zu wenig. Und am Abend, im Berliner Bett, da hat er ganz leis seine Hitlerkoppel gedreht und bei sich gesagt:„ Ich möchte gerne Hitler sein." Da aber gab es Blitz und Donnerschlag- und der Bub fiel tief, tief, tief herunter in ein riesiges schwarzes Loch. Die Koppel war für alle Zeit verschwunden. Das Märchen ist aus! Die Fahrkarte In Düsseldorf feierte man die Gleichschaltung der staatlich geprüften Hebammen. Natürlich brauchte man dazu auch einen Trommler, und wie die Düsseldorfer schon mal sind, irgendein hergelaufener Kommissar oder Untergausaf ge= nügte ihnen nicht, da mußte schon' n richtjer Tamburmajor her. Also Göbbels. Der Herr Propagandaminister schulterte das silberne Megaphon und gondelte gen Düsseldorf. Vor Magdeburg fam der Schaffner ins reservierte Abteil erster Klasse: " Fahrkarten bitte!" „ Hörn se mal, ich hab in der Eile meine Legitimation mit dem Freifahrtausweis vergessen. Sie wissen doch, wer ich bin!" Bedaure, weeß ich nich!" " Ich bin Göbbels!" „ Kann jeder sagen!" Da plaßte Herrn Göbbels( wie man nördlich des Mains zu sagen pflegt) der Gummikragen. Gewiß war der Schaffner ein polnischer Jud oder zumindest ein Sozialdemokrat: „ Sie müssen mich doch schon in den illustrierten Blättern abgebildet gesehen haben, Menschenskind, die ganze Welt fennt mich mein Gesicht allein ist schon ein gültiger Fahrtausweis!" Da besah sich der Schaffner sinnend die zackigen Züge des Herolds des Dritten Reiches:„ Angenommen, et stimmt... so dürfen Sie noch immer nicht mit ner Fahrkarte 3. Klasse in der 1. fahren!" Asker, DAS BUNI TÄGL ICHE UN TE RH ALT UN 55 BEI LA G E Ji van der fdkrechlidke liebreich und gut Iwan der Schreckliche hatte manchmal plötzliche Anwand- lungen von Menschenfreundlichkeit. So sah er eines Tages aus einer Ausfahrt einen Knaben, der ihm sehr gefiel. Er ließ auf der Stelle anhalten, stieg ohne ein Wort aus seiner Kutsche und ging lächelnd auf den Knaben zu. Dieser aber, kaum, daß er den Zaren sah, machte ein wildes Gesicht und rannte auf und davon. Allen Begleitern Iwans blieb jäh der Herzschlag stehen, der Schreck lähmte ihren Atem, jeoer zitterte und bangte, denn schon im nächsten Augenblick konnte etwas Schreckliches geschehen. Der Zar, durch dieses tölpelhaste Weglaufen gereizt, konnte einen seiner maß- losen Wutanfälle bekommen, vor denen sich jeder in Ruß- land fürchtete. Aber, o Wunderl— es geschah nichts der- gleichen. Der Zar blieb ruhig stehen und verfolgte mit hei» terer Miene den Fliehenden. Dann winkte er etlichen Leib- Wächtern und befahl ihnen, den kleinen Knirps einzufangen. Nach kurzer Zeit brachten sie denn auch den schreienden, hef- tig um sich schlagenden Ausreißer, und Iwan schien sehr er- freut darüber. »Ah. schau, schau!* rief er in bester Laune und versucht«, den wütenden Knaben zu streicheln:»Schau, schau! Du läufst vor Väterchen Zar davon? Hm, sehe ich so bös aus, mein Söhnchen?* Der Kleine aber gab keine Antwort, war um und um wütend und zeigte nicht die geringste Ehrerbietung, worauf Iwan abermals scherzend sagte:„Nun, du kleines Rauhbein, ich will dir nur zeigen, was Gnade ist, und bald wirst du Väterchen Zar lieben!* Daraufhin nahm er den Kleinen mit in den Kreml, verfügte, daß man ihm das Harfenspiel beibring«, gab ihm einen tüchtigen Lehrer und zwei Leibwächter, denen er streng auftrug, jeden Befehl un- bedenklich zu befolgen. Der Knabe haßte das Harfenspiel, haßte den Zaren, seinen Lehrer und sein« Wächter. Er verlor aber dadurch die Gunst Iwans nicht, im Gegenteil, der allmächtige Zar schien immer mehr Gefallen an diesem kleinen Wildling zu finden. Er ließ eigen» für ihn ein kleines Häuschen mit großem Garten erbauen, und darinnen konnte sein Günstling schalten und walten, wie es ihm beliebte. Oft und oft be- suchte Iwan ihn. Dere Knabe war immer gleichermaßen ab- weisend und finster. „Laß mich aus!* brüllte er.»Latz mich heim zu meinen Eltern, du Teufel!* Der Zar aber lächelt« stets.„Deine Eltern sind mir dank- bar, daß ich dir so viel Gnade erweise,* sagte er spöttisch. „Du lügst!* schrie der Knabe noch wütender.„Mein Vater und meine Mutter lieben mich über alles.* „DaS tun sie auch,* gab Iwan zurück.„Und eben, weil sie dich lieben, darum wünschen sie nichts anderes, als datz du dein Leben lang bei mir bist.* Der Knabe schaute flammend ins grinsende Angesicht des Zaren und stockte. „Du glaubst mir nicht?* fragte Iwan listig. „Nein! Du lügst!" wiederholte sein kleiner Günstling finster. Darauf gab der Zar den Wachmannschaften einen Wink. Sie rannten aus das mächtige Gartentor zu, öffneten eS sperrangelweit, und aus dem beschatteten Kiesweg, der zum Hause führte, schritten die Eltern des Kleinen daher, beugten sich ein- um das anderemal tief zur Erbe und er- starben schier vor Ehrfurcht. „Vater! Mutter!* rief der Knabe schluchzend und wollte sie umschlingen:„Lieber Vater! Liebe Mutter!" Di« Eltern aber sahen nur auf den Zaren. Angst, Furcht und Schrecken malten sich auf ihren Gesichtern. Sie wagten nicht, die aus- gebreiteten Arme ihre» Einzigen zu erfassen und wehrten eS ihm. »Rettet mich doch! Nehmt mich fort von hier. Dieser von Cshar Maria Graf Teufel hält mich gefangen!" schrie der Knabe voll Entsetzen und ließ seine Arme sinken. Indes, sein Vater und seine Mutter erschraken nur noch mehr und riefen zu gleicher Zeit:„Aber Fedjal Febjuschka! Kind?!... Niemand liebt dich so wie Väterchen Zar! Seine Milde bestrahlt dich wie die Sonne und wird dich groß machen vor Gott und den Menschen! Febjuschka! Kind?!! Wie kannst du nur so fre- veln!" Und nach diesen Worten warfen sie sich beide vor dem Zaren auf die Erde und riefen laut und klagend: „Väterchen Zar! Erzürne dich nicht! Das dumme Kind weiß nicht, was es tut! O Väterchen Zar, nimm unseren untertänigsten Dank für deine Gnade und Liebe!" Und sie krochen an den Zaren heran und küßten ihm die Füße fort und fort. Bleich und vernichtet stand Fedja da und brachte kein Wort mehr über die Lippen. Einmal streifte sein verstörter Blick das Gesicht des triumphierenden Zaren, der immer noch lächelte. „Siehst du, mein Söhnchen! Siehst du, daß ich wahr ge- sprechen habe! Deine Eltern verstehen meine Liebe und Zärtlichkeit!" rief er und schaute auf die am Boden Liegen- den:„Erhebt euch, liebe Leute! Steht auf! Und du. Fed- juschka, küsie siel" Allsogleich erhoben sich die Eltern und wollten ihr Söhnchen umschlingen. Fedja aber wandte sich wie angeekelt ab, gab sich einen wilden Ruck und rannte in das HauS. „Fe— Fedja!— Febjuschka!" schrie der Vater benommen und wurde bleich. „Geht!" sagte der Zar, und beide entfernten sich mit vielen Bücklingen. Um die Laune seines Günstlings fröhlicher zu machen, nahm Iwan ihn einmal zu einem Soldatenfest mit. Da wurde gelärmt, geschmaust, getrunken und viel geschossen. Zum erstenmal in seinem Leben sah der kleine Fedja, was das für ein wunderliches Ding sei, so ein Gewehr, das seine Leibwächter Sergej und Pjotr stets so ernst auf der Schulter trugen. Am andern Tag kam der Zar wieder so auf dem Kiesweg daher, um Fedja zu besuchen. Der Knabe stand eben neben seinem riesigen Wächter Pjotr und bekam beim Anblick des Zaren eine maßlose Wut. Jäh stieb er den Soldaten und befahl ihm plärrend:«Schieß, Petja! Schietz den Hund tot, marsch!" Der verblüffte Wachsoldat wußte im Augenblick nicht aus noch ein, entsann sich aber, daß er strengste Weisung hatte, alle Befehle des Kleinen zu befolgen und riß sein Gewehr an die Wange.„Schieß!" schrie der Knabe gellend. Pjotr zielte zitternd. Da aber traf ihn der durch- dringende Blick des Zaren, und er ließ kraftlos sein Gewehr wieder niedersinken. Entgeistert starrte Fedja. Mit größter Freundlichkeit kam Iwan auf ihn zu. Stocksteif stand der Soldat und präsentierte das Gewehr. „Hahahaha!" lachte der Herrscher über Rußland plötzlich und wandte sich mit grausiger Ruhe an den versteinert da- stehenden Knaben:»Siehst du, mein Söhnchen! Siehst du, was dein Väterchen Zar alles vermag! Er bannt sogar die Kugel im Lauf. Keine Flinte geht los, wenn er es nicht will, aber—* und damit nahm er dem Leibwächter Pjotr das Gewehr und ließ diesen zehn Schritte wegtreten— „aber stehst du, beim Zaren geht jedes Gewehr los! Siehst du!" Pjotr stand stramm wie ein Klotz im satten Grün und lächelnd schoß ihn der Zar nieder. Der Knabe sah den mächtigen Körper umbrechen, ha, wie er sich zuckend warf, und lief mit einem schreckhasten Aufschrei davon. Es heißt, er sei nicht mehr gesehen worden, Iwan der Schreckliche soll heute noch manchmal an der gleichen Stelle stehen— mit gesenktem Gewehr und lächelnd. Der ungeduldige Der alte Amtsrichter in Namenborf liebte einen guten Bissen und einen guten Trunk nicht minder, und das wußte seine Schwägerin wohl, die Frau des reichen Kaufmanns Berg. Deshalb sprach sie eines Morgens zu ihrem neuen Bedienten:„Johann, weißt du, wo der Herr Richter wohnt? Lauf schnell hin, und wenn du ihn nicht mehr zu Hause triffst, so such ihn in der Sitzung auf und lad ihn noch rasch für heut zum Mittagessen bei uns ein, er würde auch noch«ine» guten Freund finden. Weißt du es nun?" „Wie sollt ich nicht?" brummte Johann. »Wie sagst du denn?" „Ei. er soll auf einen Löffel Suppe kommen,«» gäb Gänsebraten, der dicke Schmitz käm auch." „Nein!" rief Frau Berg, trotz ihres AergerS lachend,„son- dern so: Eine schöne Empfehlung von Herrn Kommerzien- rat Berg und Frau, und sie gäben sich die Ehre, den Herrn Justizrat zum Mittagessen Punkt ein Uhr einzuladen; der Herr Renbant hätte schon zugesagt* „Auch gut!« murrte Johann und ging. Zur Wohnung. Der Richter war fort. In den übervollen Sitzungssaal. Der Richter verteidigte und verhörte eine Menge Leute und war. einen heißen Tag voraussehend, in gereizter Stimmung. Johann drängte sich vor. „Was fällt dem Kerl ein?* rief der Richter.„Wartet, biS ihr an die Reihe kommt!" „Aber, Herr UnterstützungSrat—* „Still, sag ich!" Johann zuckt« die Achsel und harrte in Geduld. Endlich kam er vor und begann:„Ich sollt«—* „Halt!" rief der Richter, der ihn für einen Zeugen hielt, .erst schwören!" „Aber, Herr UnterstützungSrat—* ,Stilll Erst schwören, sag ich, hört Er nicht» Da» ig ja ein ganz verwünschter Kerl!— Legt die linke Hand auf Euer Herz, hebt die Schwursinger in die Höhe und sprecht mir nach.— Wie heißt Ihr?" „Wie heißt Ihr?" wiederholte Johann gehorsam. „Nein!" brüllte der Richter.»Euren Namen will ich wissen! Wie heißt Ihr?" »Johann Schaaf—" „Und mit vollem Recht, mit»ollem Recht. Also, sprecht mir nach: Ich, Johann Schaaf—* „Ei, Herr Richter, heißt Ihr auch so?* schmunzelt« Johann. „Da sollt einem doch gleich der letzte Knopf an der Hose der Geduld reißen!" jammerte der Richter.„Mensch, unter- brecht mich nicht wieder, sondern sprecht mir sosort nach, ver- standen?" Ntesmal gelang eS. Der ganz verdutzte Bediente gelobte: »Ich, Johann Schaaf, schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, so wahr mir Gott helfe." Der Angst- schweiß stand dem armen Schelm auf der Stirn, als er fertig war. „Nun sagt, was Ihr von der Sache wißt!" befahl der Richter, und zu seinem Erstaunen sprach Johann: »Eine schöne Empfehlung von der Frau Kommerzienrat Berg und ihrem Mann, und der UnterstützungSrat möchte die Ehre habe, heut mittag einen Löffel Suppe mit ihnen zu essen— der dicke Schmitz käm auch!" Da lachte der Richter, eS lachte der Gerichtsschretber, es lachten Gerichtsdiener und Genbarm. Laut und immer lauter lacht« das Publikum, und endlich lachte Johann aus Gefälligkeit selber mit. Feierlicher ist wohl nie eine Einladung überliefert worden— dem Richter aber hats am Mittag doppelt gut geschmeckt. Weitfreude Es steht kein Baum so tief und arm im fremden Land, als daß er sich nicht hebe zu froher, serner Sicht. Laß greisen seine Aeste in Dunkelheit und Staub, ein Blatt auf seinem Wipfel, das tanzt und singt im Licht. O Seele» fei auch du im Wipselmeer ein Blatt» ein höhensroher Tänzer, der leicht im Lichte schwingt! Fühl, wie dich Raum und Sonne, noch stets geborgen hat, wenn auch dein Fuß auf Erden in Schmutz und Dunkel sinkt! Alfons Petzold. Was es alles éibt Gefiitsrhte Gemüide&utachten Skandalaffäre im Berliner Kunsthandel aufgedeckt. Gegen den berühmten Gemälderestaurator Professor Alois H a u s e r ist, wie die„Vosstsche Zeitung* berichtet» ein Strafverfahren wegen Betruges eingeleitet worden. Es besteht der dringende Verdacht, daß Hauser in zahlreiche» Fällen falsche Gutachten über Gemälde abgegeben und dafür von Kunsthändlern beträchtliche Summen erhalten hat. Hauser wird beschuldigt, über Gemälde, die meist auf Ank- tionen für einige hundert Mark von Händlern erstanden wurden, bewußt unrichtige Gutachten abgegeben zu haben. Diese Bilder wurden bann auf Grund der Expertisten des früheren Restaurators der staatlichen Museen als Rem- brandis, Rubens, Hals und van Dycks bezeichnet und zu phantastischen Preisen verkauft. Jlaifisdke als&ifmstars Haifische als Filmstars— das ist die Sensation des außergewöhnlichen Filmwertes„Tiger-Hai", das gegen- wärtig im Cinema Odcon über'die Leinwand geht. Zum ersten Male werden in„Tiger-Hai" Kämpfe zwischen Men- schen und Haien gezeigt, die nur unter Lebensgefahr aller Beteiligten möglich waren. Fünf Wochen lang befanden sich die Filmleute aus Hollywood auf dem Pazisic, um die schwierigsten Szenen des Films zu drehen. Daneben wer- den äußerst interessante Bilder vom Thunfischsang gezeigt. Bilder fesselnder Beobachtungen, die einem Kulturfilm alle Ehre machen würden. Wir erleben auch die Tragödie eines Thunfisch-Fängers, der als tollkühner Haifisch-Bezwinger nach einem Leben voll von Abenteuern in einem letzten Kamps mit den Tigern des MeereS zugrunde geht. fine Jtlaus macht von sich reden Schon Mark Twain hat erkannt, daß die landläufige Unterscheidung der Geschlechter sehr mangelhaft ist. Er schlug daher als Erkennungszeichen für die holde Weib- lichkeit Mus Musculus, die Hausmaus, vor. Alles, was Röcke anhat oder sie doch wenigstens anhaben müßte, rea- giert darauf totsicher unter lautem Kreischen mit automa- tischem Rassen dieses Kleidungsstückes. Diese Theorie scheint zu stimmen, wie sich kürzlich in B o st o n an ejnem praktischen Beispiel erwies. In einem Warenhaus lief eine MauS. einesteils beS Reimes wegen, andernteils wegen der Lebensmittelabtei- lung im achten Stock, kreuz und quer durch die aufgesta- pelten Schätze der Damenkonfektionsabteilung. Die Wir- kung war ganz so, wie sie nach der Mark Twainschen Theorie vorauszusehen war: sämtliche anwesenden Damen rafften ihre nicht gerade die Erde streifenden Röcke biS hoch überS Knie. Nur eine der Damen machte eine Aus- nähme, ja sie unterließ sogar das Gekreische, das man min- bestens von einer Lady verlangen kann, wenn ein Nagetier in unmittelbarer Sicht ist. Kurz entschlossen trat der Warenhausdetektiv in Erscheinung und sah sich die seltsame Dame etwas genauer an. Und siehe da, es kam zum Vor- schein und zur Festnahme: ein sehnlichst gesuchter Waren- Hausdieb. Sachen nicht verlernen Der sparsame Vater „Wieviel Taschengeld geben Sie Ihrem Jungen jede Woche?" »Eine Mark in Zehngroschenstücken.* »Ist das nicht reichlich viel?" „Nur scheinbar. Er tut das Geld in ein Ding, das er für die Sparbüchse hält, das aber in Wirklichkeit unser GaS» automat ist." Beim Zigarrenhändler „Hier habe ich eine Zigarre, Herr Doktor, die Sie jede« anbieten können." „Aber nein, Verehrtester, ich möchte eine haben, die ich selber rauchen kann." Er ist im Begriff, ins Geschäft zu gehen. Sie:„Hier, lieber Erwin, ist eine Flasche Haarbalsam, er ist gut gegen Haarausfall." „Ist ja reizend von dir, Liebling, baß du so um mich besorgt bist...* „Ach nein, die Flasche sollst du deiner Sekrete'n schenken, damit ich nicht immer soviel Haar« von ihr auj deinem Jackett findet" G. Pacciardi: Rußlands neue Außenpolitik Die Schwenkung gegen Deutschland Die Machtübernahme durch Hitler hat die Richtung der russischen Politik von Grund aus verändert. Aus vielen Gründen waren das Deutschland von Weimar und die U. d. S. S. N. denselben Weg gegangen. Rußland hat seit der Revolution Angriffe von seiten des tapitalistischen Europa befürchtet. Nachdem Deutschland entwaffnet war und in ausgesprochenem Gegensatz zu den Siegermächten stand, konnten diese Angriffe nur von dem französisch- englischen Block und seinen Alliierten im Osten kommen. Deutschland hatte nach dem Frieden von Versailles keinerlei Interesse daran, wie die Siegermächte eine konservative Funktion auszuüben. Das revolutionäre Rußland mußte instinktiv gegen die französische Politik sein, die das neue europäische Gleichgewicht schützte. Schließlich mußten die Sowjetrepubliken, die sich in voller industrieller Entwicklung befanden, in Deutschland ihre notwendige technische Ausrüstung suchen. Die immer größere Bedeutung der Handelsbeziehungen sowie das gleich gerichtete politische Verhalten auf den internationalen Konferenzen hatten zum Abschluß eines Freundschaftsvertrages geführt, der am 24. April 1926 in Berlin unterzeichnet wurde. In diesem Vertrage wurde bestätigt, daß die Intereffen bes russischen und des deutschen Volkes eine fortgesette Zusammenarbeit in gegenseitigem, völligen Vertrauen" nötig machen. Schon bevor er an die Macht gelangte, hatte Hitler in seinem polischen Programm, daß er in seinem Buche„ Mein Kampf" entwickelte, ausgeführt, daß dem deutschen Volke nur auf eine Weise Raum" geschafft werden könne: nämlich durch Kolonisierung Rußlands. In dieser Politik, die nach Hitler die traditionelle der deutschen Ordensritter war, stand für Deutschland nur ein einziger Verbündeter in Aussicht: Eng land. Am Voltakongreß, der im November 1932 in Rom abgehalten wurde, hielt Schacht eine Rede, in der er die deutsche These darlegte. Er sprach dabei die Notwendigkeit für Deutschland aus, gewisse europäische Länder, die wenig verbrauchen, zu kolonisieren, um ihnen den Verbrauch deutscher Waren zu ermöglichen. Hugenberg hat in seiner bekannten Denkschrift, die er der Weltwirtschaftskonferenz vorlegte, des Näheren ausgesprochen, um welche Länder es sich handelte: nämlich in erster Linie um Sowjetrußland. In der Denkschrift heißt es:„ Der Krieg, die Revolution, bas innere Chaos find von Rußland, von den großen Räumen des Oftens ausgegangen. Dieser Zerstörungs: prozeß geht weiter. Der Augenblick ist gekommen, ihn anzus halten." Alle diese miteinander übereinstimmenden Kundgebungen der nationalsozialistischen Politik schienen geradezu darauf auszugehen, eine Wiederannäherung von Rußland mit Frankreich anzubahnen. In der Tat haben auch seit einiger Zeit die maßgebensten Männer der leitenden Kreise Frankreichs die französischen Alliierten im Osten auf eine bildete der Nichtangriffspakt mit Polen. Ein anderes Zeichen Entspannung mit Rußland hingedrängt. Ein Symptom dafür waren die Verhandlungen für einen Nichtangriffspakt mit Rumänien, dessen Abschluß Titulescu im letzten Augenblick verhinderte. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Rußland stehen nach diesem Wechsel vor günstigen Vereinbarungen. Im Konflikt mit Japan haben die Sowjets eine unvergleichliche Nachgiebigkeit an den Tag gelegt. Jüngst noch wurde gemeldet, daß sie bereit sind, auf alle Rechte auf die ostchinesische Eisenbahn zu verzichten. Gleichzeitig wurden eifrige Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten ge= pflogen: die offizielle Anerkennung der Sowjetregierung durch Amerika wird als bevorstehend angesehen, so daß nur noch die Schweiz ohne dauernde, regelrechte Beziehungen mit Rußland übrig bleiben würde. Der Zwischenfall mit England wegen dem Prozeß gegen die Ingenieure ist von Litwinoff selbst in London glücklich beigelegt worden. In London wurde auch der den Angreifer definierende Vertrag eine Definition, vor der sich die Abrüstungskonferenz immer gesträubt hat zwischen Rußland und allen an Rußland grenzenden Staaten abgeschlossen, nämlich Polen, Rumänien, Türkei, Persien, Afghanistan, Estland, Lettland sowie Litauen. Ein anologer Vertrag wurde mit der Kleinen Entente unterzeichnet. Der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten fuhr nach Frankreich, wo er in der freundschaftlich sten Weise begrüßt wurde. Man sieht, daß die Sowjetdiplomatie eine äußerst rege Tätigkeit entfaltet. Unter den gegenwärtigen Bedingungen Europas ist auch das revolutioarbeitslos. Ihre Arbeitspläße aber bekamen verdiente" Hakenkreuzler, zum Beispiel: Fememörder, Bombenattens täter, gewesene Zuchthäusler! Die Republikaner, die Sozialisten, die Pazifisten, ja sogar die Katholiken und Deutschnationalen werden brotlos gemacht, damit Herr Hitler unter seinen Anhang möglichst viele Stellen verteilen kann. Und da reden die Faschisten von „ Arbeitsbeschaffung". Sie haben hunderttausenden Menschen ihre Arbeitspläße gestohlen! Lug und Trug ist alles, was der Faschismus verspricht. Spartiaten, Periöken, Heloten! Jetzt also wissen wir, wie die Verfassung des Dritten Reiches" und die Gliederung des deutschen Volkes künftig aussehen soll. Die Herren Frick und Rust haben mit ihren Aeußerungen betr. Schaffung eines Spartiatentum s die Katze aus dem Sack gelassen. Wunderbare Aussichten eröffnen fich; die Tage des preußischen Dreitlassen Wahlrechts werden wir bald als po= litisches goldenes Zeitalter preisen. Den Bewohnern der Republik Deutsches Reich drängt sich nun aber die Frage auf, in welcher der drei Kategorien von Staatsbürgern sie in Zukunft sich auf freier deutscher Erde bewegen werden. Ob als Spartiaten, Mitglieder des bevorrechtigten dorischen Stammes, zu deutsch: als„ arische" SA.- und SS. Männer, ob als Periöken, lies Stahlhelmer und ähnliche Konsorten, die zwar zum Kriegsdienst verpflichtet, an der Staatsverwaltung aber keinen Anteil haben, oder ob als eloten( alle übrigen rechtlosen Steuerzahler: Marristen, Demokraten, Zentrümler, Bodelschwinghler u. a. m.) Während die Spartiaten das fruchtbare Eurotastal bewohnen( lies heute alle einfluß- und ertragsreichen Posten innehaben), dürft ihr, wie die Heloten, die fumpfigen Nies derungen bewohnen, dürft im Heer als Leichtbewaffnete, bei der Flotte als Ruderknechte( im nächsten Kriege als Kanonenfutter) dienen, und so wie man ihnen fruchtbares Land vorenthielt, wird man für euch keine Arbeit finden. Wagt ihr aber, über euer Geschick zu murren, werden ebenso freundliche Menschen, wie es die jungen Spartaner waren ( ließ SA. und SS.) für eure Ueberwachung sorgen und sie in der ihnen eigenen menschenfreundlichen Weise handhaben. unsere Fesseln, wie einst der Thebaner die Herrschaft der Du aber, Epaminondas des freien Deutschland, zerbrich Spartiaten bei Leuktra brach. Eroriare... näre Rußland zur Vermeidung des Krieges zu einer Fun Schutzhaft gebührenpflichtig 2 Mark den Tag tion des Gleichgewichtes, d. H. der Konservierung, genötigt. Es bedurfte nur noch der Torheiten des Nationalsozialismus, um das schon enge Betätigungsfeld der deutschen Diplomatie noch weiter einzuschränken. Uberproduktion in USA. Neue Krachgefahr der Dollarabwertung Das Musterland des modernsten Kapitalismus, Nordamerita, zeigt am deutlichsten sein doppelt drohendes Janusgesicht. Erst die furchtbarste Krise infolge der rationali stisch gesteigerten Ueberproduktion, gewaltigste Arbeitslosigteit fast ohne öffentliche Fürsorge, dann den welterschütternden Handstreich der Dollarabwertung, die das heiligste Symbol des Systems entweiht und dadurch den Glauben an dieses Systems Richtigkeit und Ewigkeit schwer erschüt tert und nun bereits wieder Ueberproduktion, die dem neuen Krach zuzutaumeln droht. Ein Anziehen der Preise, das der Geldentwertung folgte, war der Anreiz zur Ueberproduktion für die Industrie und Roosevelts schnelle Einschränkung der kaum begonnenen staatlichen Versuche einer Produktionsregelung haben diesen Anreiz noch verstärkt. Gewaltige Warenlager sind bereits aufgehäuft, lange bevor die Kauftraft der solange verelendeten Massen diese Produkte wieder erschwingen kann. Ge= neral Hugh Johnson, der Leiter der Rooseveltschen Wiederaufbaukommission hat eine Warnung vor diesem Produktionsfieber veröffentlicht, das die USA. in einen neuen Zusammenbruch zu treiben drohe. Der freie Gewerfschaftsbund American Federation of Labor unterstützt Johnson in seinen Bemühungen und beleuchtet die Situation durch bezeichnende Feststellungen. Danach ist die Produktion in USA. vom März bis Mai dieses Jahres um 35 Prozent, die Löhne aber sind nur um 7 Prozent gestiegen. Wäh= rend die Produktion nahezu schon wieder die Höhe von 1929 erreicht hat, steht die Kauffraft der Arbeiter um 57 Prozent hinter dem damaligen Stand zurück! Ein Teil der Industrie will durch Festsetzung von Mindestlöhnen, Verbot der Kinderarbeit(!!) 40- Stunden- Woche und komPräsident Roosevelt will sich drahtlos an das ganze Volk wenden, Gewerkschaftsführer Green fordert einen Min. destlohn von umgerechnet 330 c. wöchentlich, die Industrie spricht von 240 c., aber erst ein Teil der Fabrifanten sind auch nur dazu bereit. Schon befürchten die Wohlfahrtsbehörden ein neues Hinaufschnellen der Arbeitslosenzahl! Vor einigen Tagen ging durch die Presse die kaum glaubliche Nachricht, daß wohlhabendere Schutzhäftlinge gezwungen werden sollten, für die ärmeren ihrer Mits häftlinge die Schußhaftkosten zu übernehmen. Damit wurde die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit erneut auf die eigenartige Tatsache gelenkt, daß die Schutzhaft den Betroffenen nicht nur der Freiheit und der Erwerbsmöglichkeit beraubt, sondern daß die Kerkermeister des Dritten Reiches von ihren Häftlingen auch noch eine besondere Verpflegungsgebühr fordern. Wer es nicht glau ben will, mag sich durch die nachstehende Wiedergabe eines vom 6. Mai datierten Schreibens der Polizeidirek tion Plauen von der Richtigkeit unserer Behauptung überzeugen: „ Nach der Verordnung des Ministeriums des Innern 20 329 H vom 5. April 1933 find für alle in Schußhaft befindlichen Personen für Verpflegung, Unterbringung und Bewachung Schußhaftkosten zu fordern, und zwar auch für die rückliegende Beit. Es sind bis auf weiteres für den Tag zwei Mart, falls Selbstverpflegung in Frage tommt, eine Mart Kosten zu berechnen..." merzielle Maßnahmen der neuen Krachgefahr vorbeugen. Im Banditenstaat Das ist der Segen des kapitalistischen Rettungsmittels. Der noble Reichskanzler Sapperlot ist der Hitler aber splendid! Da trug sich dieser Tage folgendes im Dritten Reich zu: Eine Arbeiterfrau brachte ihr stebzehntes Kind zur Welt, und der Vater des Kindes schrieb an Hitler und bat ihn, die Patenschaft für dieses Kind zu übernehmen. Adolf Hitler schwärmt für Geburtenüberschuß, erst vor wenigen Tagen hat er den Bund für Geburtenreglung auflösen lassen. Es versteht sich von selbst, daß Hitler mit Freuden die Patenschaft für dieses siebzehnte Rind einer deutschen Arbeiterfamilie übernahm. Aber wenn die Geschichte bis hieher reif ist für das nationalsozialistische Lesebuch, thre Fortsetzung wird wohl niemals in eine Nazizeitung oder in ein Schulbuch des Dritten Reiches kommen! Der Taufpate Adolf Hitler schickte der Arbeiterfrau, die fiebzehn Kindern das Leben geschenkt hat, zwanzig Mart! Der Betrieb eines einzigen Regierungsautos toftet im Monat ein Vielfaches dieser zwanzig Mark. Jede der Hakenkreuzlerischen Volksbeluftigungen: das große Potsdamer Theater, das Feuerwerk am 1. Mai, die anbefohlenen Huldigungen zu Hitlers Geburtstag haben hunderttausendmal soviel Geld verschlungen, aber der Mutter von siebzehn Kindern schickt der Kanzler des Dritten Reiches lumpige zwanzig Mart. Man sage nicht, daß diese Episode belanglos ist! Aus ihr spricht die ganze Verachtung der Naziminister für die breiten Massen des deutschen Voltes. Diese Frauen aus dem Volte sollen, nach den Wünschen der Hakenkreuzler, Gebärmaschinen werden, sie sollen die Fabriken und Kasernenhöfe des Dritten Reiches mit " Menschenmaterial" beliefern. Aber wenn eine von diesen Frauen aus dem Bolte das, was die Nazi als„ nationale Pflicht" austrompeten, ganz besonders erfüllt hat, wenn sie dem deutschen Staat siebzehn Kinder geschenkt hat, dann greift der Reichskanzler großmütig in seine Westentasche und wirft ihr zwanzig Mark hin! Auch bei andern Gelegenheiten versteht sich ja die Sits Terregierung großartig aufs Sparen. Hat sie nicht vor wenigen Tagen alle Kinderheime von Berlin schließen Lassen? Schränkt sie nicht die soziale Fürsorge von Tag zu Tag mehr ein? Das Dritte Reich ist kein Wohlfahrtsstaat, wenigstens nicht für gewöhnliche Sterbliche! Adolf Hitler braucht Geld für Panzerkreuzer und schwere Geschüße, für SA.Paraden und neue Regierungspaläste, für die Riesengehälter der Naziminister und Kommissare. So mancher Prinz, so manche fürstliche Durchlaucht ist bei Hitler untergeschlüpft und bezieht eine ausgiebige Staatspfründe. Wie sollte da noch Geld für Kinderreiche Familien übrigbleiben? Aber halt, haben die Nazis nicht„ Eheunterstügungen" eingeführt? Bekommt nicht jede junge Frau, wenn sie sich verheiratet, von der Naziregierung ein Darlehen? O ja, ein paar hundert Mark streckt die Naziregierung vor. Aber wie das Geld nachher zurückgezahlt werden soll, darüber zerbricht sich kein Hakenkreuzler den Kopf. Ausdrücklich wird den jungen Frauen verboten, nach der Verheiratung noch Geld zu verdienen, aber das Darlehen der Regierung müssen sie samt den Zinsen pünktlich zurückzahlen! Auch diese Eheunterstüßung ist ein plumper Schwindel der Hakenkreuzlerischen Demagogen. Auf eine Augenauswischerei mehr oder weniger kommt es den Nazis nicht mehr an. Aber der gigantischste Schwindel des Dritten Reiches ist und bleibt doch das sogenannte„ Arbeitsbeschaffungsprogramm". Die Nazis haben hunderttausende Arbeiter, Angestellte und Beamte um ihr Brot gebracht. Nicht nur der republikanische Beamte, auch der Werkmeister, der nicht der nationalsozialistischen Betriebszelle beitreten wollte, wurde über Nacht erbarmungslos auf die Straße gefeßt. Zehntausende Arbeiter und Angestellte wurden wegen ihrer sozialistischen Gesinnung oder wegen ihrer Raffe So werden Fremde behandelt Vor kurzem fuhr ein Prager Kaufmann mit seinem Auto nach Leipzig. Er war kaum ausgestiegen und gerade dabei, seinen Wagen abzuschließen, als er plößlich eine volle Ladung Spude ins Gesicht bekam. Ein uniformierter SA.. Mann hatte an der Autonummertafel das Herkunftsland, die Tschechoslowakei, erkannt und darauf so reagiert. Der Kaufmann wischte sich das Gesicht ab, erledigte in möglichster Kürze seine Angelegenheiten und fuhr heim. Vermutlich auf längere Zeit. Irgend ein Rechtsmittel gegen solche Behandlung war ihm nicht bekannt. Wir wissen auch keines. Ein anderer Fall betrifft einen seit Jahrzehnten in einer anderen reichsdeutschen Großstadt lebenden Geschäftsmann, der gleichfalls Staatsbürger ist. Ihm führte einfach ein SA.Mann, der sich auf einen Staffelbefehl berief, das Auto weg. Der Besitzer geht auf die Polizei und verlangt, daß man ihm seinen Wagen wiedergebe.„ Wir haben Ihnen doch das Auto nicht weggenommen. Wenden Sie sich doch an die zuständige Befehlsstelle!" Der Mann tennt sie nicht und hat auch kein Bedürfnis danach. Als er sein Begehren unterstreicht, wird er gefragt, ob er denn etwa dem SA.- Mann Diebstahl vorwerfen wolle. Nun erklärt der Kaufmann, er set Tschechoslowake und stehe unter dem Schuße seines Konsulates. Das wird ihm als Drohung gegen die Polizei ausgelegt. Weil er aber schon so lange dort lebt, wird ihm erklärt, dann gebe es das mit dem Konsulat überhaupt nicht mehr und er habe nach unseren Gesetzen" zu leben. Weil er dies nicht einsehen, aber sein Auto wieder haben wollte, wird er wegen frechen Benehmens" gleich da behalten. Wagener und Reventlow Zwei unbequeme Sozialisten Der Reichskommissar für Wirtschaft, Dr. Otto Wagener, hat keineswegs freiwillig sein Amt niedergelegt, ist vielmehr dazu gezwungen worden. Es wurde ihm gedroht, der seit einigen Tagen bestehende Hausarrest werde sofort durch die Ueberführung in das Gefängnis der geheimen Feldpolizei mit allen daraus folgenden Konsequenzen verwandelt, wenn er nicht ohne Gestank" verschwinden würde. Der Graf Reventlow, dessen Zeitschrift„ Reichswarte" unter Vorzensur gestellt wurde, ist ebenfalls mit Hausarrest bestraft worden. Bei beiden werden die unbequemen sozialistischen Tendenzen befürchtet, und man nimmt allgemein an, daß nicht nur Wagener und Reventlow in fürzester Zeit verhaftet und unter der Anschuldigung, mit dem Maryismus konspiriert zu haben, abgeurteilt werden sollen, sondern daß noch eine Reihe anderer Berhaftungen von Personen, die den Nationalismus für eine sozialistische Bewegung gehalten haben, bevorsteht Die uniformierte Presse Man schreibt uns aus Deutschland: Wer heute einen Blick in die deutsche Presse wirft, der ist erstaunt über die Uniformierung, die dort als Folge der nationalsozialistischen Beeinflussung herrscht. Von der Großstadtzeitung bis zum kleinsten Provinzblättchen wird nicht nur ein und dieselbe Meinung vertreten, sondern werden sogar ein und dieselben politischen Artikel veröffent licht. Nirgends wagt sich die Kritik selbst nicht die wohl meinendste heraus. Und die Arbeit der Redaktionen scheint sich darauf zu beschränken, einige nichtssagende Gloffen den Regierungsauflagen beizufügen. Diese Scheu vor der eigenen Meinung und dem Aussprechen dessen, was ist, findet sich bis in die führenden nationalsozialistischen Zeitungen, gar nicht zu reden von den nationalsozialistischen Provinzblättchen, die ganz in Ton und Stil der Generalanzeigerpresse geführt sind. Wer z. B. den„ Völkischen Beobachter" zur Hand nimmt, wird nur in Ausnahmefällen eine Abhandlung finden, die über dem Niveau der amtlichen Auflagen steht und eine bemerkenswerte Stellungnahme zu den Problemen darstellt, die heute das ganze deutsche Volk bewegen. Die übergroße Mehrzahl der Artikel sind Wiedergaben von Auslassungen führender nationaler" Männer. Wie ist die Uniformierung der deutschen Presse zustandegekommen? Der Faschismus hat sofort nach seiner Machtergreifung fast alle sozialdemokratischen und alle kommunistischen Zeitungen verboten. Soweit einigen sozialdemokratischen Blättern das Erscheinen gestattet wurde, mußten sie sich auf eine berichtende Wiedergabe der Geschehnisse beschränken. Aber auch das war den augenblicklichen Machthabern unangenehm. Aus nichtigen Gründen wurden diese Blätter verboten; und mit der Beschlagnahme des sozialdemokratischen Vermögens ist die einst so wehrhafte sozialdemokratische Presse in Reichsdeutschland verschwunden. Soweit sich die bürgerlichen Zeitungen nicht schon auf den Boden der ge= gebenen Tatsachen gestellt hatten, wurden Kommissare eingesetzt und die Redaktionen in nationalsozialistischem Sinne umbesetzt. Ein Rachefeldzug wurde gegen die großen liberalen, antifaschistischen Blätter eröffnet mit dem Ergebnis, daß sie sich heute offen oder verkappt in nationalsozialistischem Besitz befinden. Das wichtigste Mittel zur Uniformierung der deutschen Presse sind jedoch die Auflagen, die täglich ohne besondere Kenntlichmachung an vorbezeichneter Stelle gebracht werden müssen. Dazu kommt, daß sämtliche Presse- Informationsgesellschaften gleichgeschaltet sind und nur die von der Regierung gebilligten Informationen verbreiten können. Die deutsche Presse wird von den nationalsozialistischen Dienststellen auf das schärfste überwacht, und die geringste abwegige Auslassung würde für die betreffende Zeitung unabsehbare Folgen haben. Was für Folgen hat diese Uniformierung? Die nächstliegende Folge einer solchen Uniformierung ist die mangelhafte Information der deutschen Bevölkerung. Zahlreiche den derzeitigen Machthabern unliebsame Ereignisse und Feststellungen werden einfach unterdrückt. Andere wieder werden in einer solchen Aufmachung gebracht, daß fie eine der Regierung angenehme Wirkung erzielen. Diese Methode der Verdrehung und Verleumdung wird besonders gegenüber dem Marrismus geübt. Nachdem man bei den lezten entscheidenden Wahlen mit offensichtlich falschen Gerüchten arbeitete wie etwa, die Neunkirchener Gaskesselexplosion sei ein Werk der Kommunisten, entstellt man heute in den Zeitungen ganz systematisch die Ziele des Marrismus, bringt ihn mit Dingen in Verbindung, mit denen er nie etwas zu tun hatte und sucht insbesondere Den Abonnementsbetrag für Einzelabonnenten zuzüglich der Portospesen für den laufenden Monat werden wir jeweils am Anfang des Lietermonats, dem Wunsche der meisten Leser entsprechend, durch Nachnahme erheben. Wir bitten, diese bei Vorzeigen sofort einzulösen, um unnütze Unkosten zu ersparen Verlag ,, Deutsche Freiheit" Die ,, Deutsche Freifieit" muß man regelmäßig fesen Abonnieren Sie sofort! Besteffschein: Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der ,, Deutsche Freiheit" Genaue Adresse: Unterschrift: durch erlogene Greuelnachrichten und Mitteilungen über Mißwirtschaft Gewaltmaßnahmen zu rechtfertigen. Den zahllosen Hinweisen über Mißwirtschaft in marristischen Organisationen oder durch Marristen in öffentlichen Betrieben und Verwaltungen fehlt, soweit sachliche Nachprüfunden stattgefunden haben, meiste jede reale Grundlage uns ist eine ganze Reihe solcher Fälle bekannt. Aber die Oeffentlichkeit wird von dem wahren Stand der Dinge nicht unterrichtet. Und es geschieht alles, um eine Klarstellung zu vermeiden. Es wird hier nach dem Grundsatz gehandelt: Schmeiß mit Dreck, es wird schon etwas hängen bleiben! Systematisch wird das Volk über die Tragweite der Regierungsmaßnahmen getäuscht. Wie im Weltkrieg wird ein Optimismus großzuzüchten versucht, der gar keine Verankerung in der Wirklichkeit hat. Aus den außenpolitischen Mißerfolgen der Hitler- Regierung werden keine Lehren gezogen. Die Regierung sucht im Volke den Eindruck zu erwecken, als wäre der deutsche Geist und die deutsche Erde so reich und fruchtbar, daß wir eine Zusammenarbeit mit anderen Völkern gar nicht nötig hätten, wohl aber die übrige Welt ohne Deutschland nicht auskommen fönne. Zu dem hochmütigen Sah„ Schließlich wird am deutschen Wesen noch die ganze Welt genesen" hat sich das amtliche Organ der deutschen Arbeitsfront„ Arbeitertum" in seiner Juninummer ausdrücklich bekannt und die Praxis der deutschen Presse trägt diesem nationalsozialistischen Wunschtraum Rechnung. Mißtrauen wächst Die weitere Folge einer solchen Uniformierung der Presse ist aber die Erweckung des Mißtrauens in weiten Kreisen der Bevölkerung. Millionen sind heute in Deutschland ohne Zeitungsabonnement. Und darunter befinden sich nicht nur die Arbeitslosen, die sich eine Zeitung nicht halten können, sondern auch sehr viele Leute, die gegen eine so farblose und verlogene, wie sie heute in Deutschland allgemein ist, eine unüberwindliche Abneigung haben. Ein Zeichen dafür ist das ständig wachsende Interesse an ausländischen Zeitungen, soweit sie von der Regierung zum Verkauf noch zugelassen sind. Diese Entwicklung ist dem Faschismus sicherlich unangenehm. Und es ist im„ Völkischen Beobachter" als ein wichtiges Problem die Aufgabe hingestellt worden, den deutschen Arbeiter für die„ nationale" Presse zu interessieren. Mit dem Mißtrauen gegenüber der nationalen" Presse wächst der Wunsch nach illegalem Material, das Aufklärung bringen könnte. Trotz der vielen Spizel und Provokateure wider marristischen Aufklärung Anteilnahme entgegengebracht. Die Masse des Volkes begreift mehr und mehr, daß die Katastrophe, die über die marristischen Organisationen hereingebrochen ist, feine Ratastrophe der marristischen Theorie bedeutet. Und wie diese ein Produkt des Klassenkampfes ist, so wird sie in einer Zeit des schärfsten klassenkampfes, wie wir sie jetzt erleben, ihre siegreiche Macht über das Proletariat wieder entfalten. Diese Meinung darf aber nicht an einer Geringschäßung der hemmenden Wirkung der uniformierten„ nationalen" Presse auf die Entfaltung des Marrismus führen. Sie wird ein zuverlässigeres Hilfsmittel des Faschismus im Kampfe gegen den Marxismus sein, als es die Anwendung der rohen Gewalt ist. Wenn die Tätigkeit der illegalen Organisationen so fruchtbringend sein wird, daß sie der Verdummung des Proletariats nicht nur wehren, sondern es sogar zu einer tieferen Einsicht in das Wesen der Dinge bringen können, als es je der Fall war, so wird der Faschismus eine wichtige Schlacht verloren haben. Ludendorff Auch er lebt noch Ludendorff läßt einen tonfusen Brief verbreiten, den er an Frick geschrieben hat. Darin heißt es: Juda und Rom haben den Hort der deutschen Freiheit, das deutsche Heer zerschlagen, für das ich im Frieden gesorgt und das ich im Kriege geführt habe. Heute zerschlagen meine deutsche Freiheitsbewegung Deutsche, mit denen ich einst in einer Front stand. In dieser Front waren Gewehre auf mich gerichtet. Ich durch= schritt aufrecht die auf mich feuernden Schüßen, wie ich in Lüttich dem auf mich feuernden Feind aufrecht entgegenging. Aufrecht werde ich auch jetzt weitergehen und mit mir die freien Deutschen, die heute am Kampf für deutsche Volksund Staatsschöpfung verhindert werden sollen. Der Kaiser wollte sich mit Hilfe der Sozialdemokratie ein neues Reich errichten. Sie wollen mit Hilfe der Kirchen den neuen Staat gründen. Die Sozialdemokratie nahm dem taifer die Macht. Wie sich die Verhältnisse bei uns entwickeln werden, werden Sie erleben. Auch diesen Narren hat der deutsche Spießbürger einmal, wie später sinden bura und noch später Hitler in findischem Aberglauben als Retter" gefeiert! Wie unter Wilhelm 9 von 10 adelig! Laut Berliner Wolffmeldung wurden folgende koms miffarische Regierungspräsidenten endgültig ernannt: Prina Philipp von Hessen( Kassel), Freiherr von Lünink( Westfalen), Freiherr Hermann von Lünind( Rheinproving), Dr. zur Bönsen( Köln- Rh.), von Menbart( Kassel), Freiherr von Deynhausen( Minden), Dr. von Stockhausen, Zichingsch( in Wiesbaden), von Pfeffer( Kassel), Dr. von Bethke( Königs: berg). Bon zehn neuen Regierungspräsidenten find also nenn Adelige. Ernannt vom Führer der nationalsozialistischen „ Arbeiterpartei". Sein Weg zum Ständestaat führt direkt zum Feudalismus zurüd. Das Neueste Der frühere Reichskanzler Josef Wirth hält sich, wte wir erfahren, seit längerer Zeit in Baden bei Wien auf. Aus Aeußerungen der reichsdeutschen nationalsozialis stischen Presse geht hervor, dak man ihm bei einer Rückkehr nach Deutschland ein ähr ich graufiges Schicksal zu bereiten gedenkt wie dem ermordeten Sozialdemokraten Stelling. Bei der Prager Vertretung der„ New York Times" ist, wie wir erfahren, ein Telegramm aus Deutschland eins gegangen, demzufolge der bekannte Journalist nider= boker in Berlin wegen angeblicher Verbreitung von Greuelnachrichten verhaftet worden ist. Der Reiseverkehr nach Deutschland hat in diesem Sommer beträchtlich nachgelassen. Ein Zeichen dafür, wie gering der Fremdenzuftrom ist, ist die Tatsache, daß Baden- Baden, früher einer der bekanntesten internationalen Kurpläge, fich gezwungen gesehen hat, seine Kurkapelle zu entlassen. Ein„ Kuratorium für deutschen Volkswirtschaftsdienst e. V." ist ins Leben gerufen worden und hat sich zur Aufgabe gestellt, eine einheitliche Kennzeichnung deutscher Qualitätswaren mit einem deutschen Adler, einem sogenannten Wirtschaftsadler" vorzunehmen. Es sollen nicht nur hoch= wertige Erzeugnisse, sondern auch solide Gebrauchsware mit diesem Adler bedacht werden. Die Anträge dürfen nur von sogenannten„ deutschen" Unternehmen, die mit deutschen Arbeitskräften arbeiten und die Ware nach Möglichkeit aus deutschen Rohstoffen herstellen, an das Kuratorium gestellt werden. Der bekannte Chemnizer Textilindustrielle Baron Kohorn, der lediglich seiner jüdischen Abstammung wegen, wie erinnerlich, während der ersten Terrorwelle verhaftet und mißhandelt worden ist, ist jetzt- wie wir erfahren ernent in Haft genommen worden. Der durch seine theoretischen Arbeiten über die Bedeutung des Irrationalen in der Rechtsprechung bekannt gewordene Berliner Rechtsanwalt Ludwig Bendix, der bis vor kurzem auch am Arbeitsgericht tätig war, ist ohne jeden ersichtlichen Grund in Haft genommen worden. Der„ Bölkische Beobachter" berichtet, daß fürzlich auf Kohlenwaggons größere Mengen Hetschriften" an der Grenze des Saargebietes beschlagnahmt wurden. Ferner seien illegale Schriften in Baumstämmen aus der Tschechoslowakei angekommen. Wieviel illegale Literatur von den Nationalsozialisten nicht abgefangen wurde, darüber berichtet diese Zeitung nichts. Die Absage Toscaninis und das allgemeine Mißtrauen gegen Deutschland hat den ausländischen Besuch der Bayreuther Festspiele faft auf Null reduziert. Hitler, der mit dem Hause Wahnfried befreundet ist, hat dem Propa gandaminister Göbbels Anweisung gegeben, Karten für die Borstellungen aufzukaufen und der Jugend kostenlos zur Verfügung zu stellen. Entlaffene Schußhäftlinge haben sich täglich in der SA.Kaserne in der Herkulesstraße in Essen zu melden, und zwar zwischen 3 und 4 Uhr morgens. Sie haben dann die schmutzigen Stiefel der SA.- Leute zu puzen. Wie das vdz.- Büro meldet, sind jetzt auch im Reichstage bie übrigen christlich- sozialen Abgeordneten als Hospitanten in die NS.- Fraktion aufgenommen worden. Es handelt ch im Reichstag um vier Abgeordnete: Simpfendörfer, Bausch, Behrens und Schmidt. Ein internationales Hilfskomitee für die Opfer des deutschen Faschismus hat sich hier gebildet. In einer Massens versammlung Sprach Lord Marley, Mitglied des enga lischen Oberhauses, Henri Barbusse, Ellen Wils tinson und Jimenez Asua, der Vorsitzende des Hilfskomitees. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Piß: Inserate. Hubert Jüttner beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5. Achtung, Eltern! Verlege mein deutsches Jugendheim nach Paris. Unterricht. Berufsausbildung. Sport. Aerztliche Billige Preise. Aufsicht. Sommer See. Sofortige Anfragen: Frau Dr. Berg, Paris 16, 4 Bd. Exemans. tonfilm& festsaal Erstaufführung für das Saargebiet! Zirkusmädchen ( Une belle garce) Ein Pathé Natan- Großfilm mit Gina Manès und Gabriel Gabrio Täglich 20.30 Uhr // Preise 3-5 Fr. 41 Saarbrücken. Heute abend findet im Festsaal der AW., Natan- Großfilm 3irkusmädchen"( Une belle garce) Die einzige unabhängige Sohenzollernstraße 45, die hiesige Erstaufführung des PatheTageszeitung Deutschifands statt. Der Film läuft täglich um 20.30 Uhr bis einschließlich Sonntag. Straßbourg Unsere Inseraten- und Abonnements- Annahme befindet sich St. Gotthardtstraße 31