Prels: 60 1. cts. Freiheil Nummer 31-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Mittwoch, den 26. Juli 1933 Chefredakteur: M. Braun Erst gewahrten wir vergnüglich Wilden Wesens irren Lauf, Unerwartet, unverzüglich Trat ein neuer Kaiser auf. Und auf vorgeschriebenen Bahnen Zieht die Menge durch die Flur, Den entrollten Lügenfahnen Folgen alle. Schafsnatur! Goethe, Faust. Wilhelm II.: 700 Millionen Mark Der Nazi- Wirtschaftsdiktator Fritz Thyssen: 120 Millionen Jeden Tag wird in Deutschland enteignet, aber nur das Eigentum der Arbeiter, ihrer Führer oder ihrer Organi: fationen. Auch Juden müssen daran glauben, soweit sie als Angestellte, Gewerbetreibende, Aerzte, Rechtsanwälte, Ges lehrte usw. eine unbequeme Konkurrenz der Nazis darstellen. Vor der Gefahr der Enteignung geschützt sind die großen Kapitalisten. Deutschland hat 2300 Menschen, die über ein Bermögen von mehr als je t Million Mart verfügen. Die reichsten find: Wilhelm II., • . Fürst Albert von Thurn- Taxis die Familie Krupp Großindustrieller Frizz Thyssen 0 •• • ." 700 Millionen Mark 240 200 120 • B " Eiſenindustrieller Otto Wolf, Köln 110 Millionen Mark Finanziers von Adolf Hitler erwiesen. Zum -> sein Kompagnon Ottomar Strauß.. 60 Fürst Joh. zu Hohenlohe- Dehringen. 120 Bankier Mendelssohn Fürst Fürstenberg • Fürst Hendel von Donnersmard Graf von Henckel Großherzog von Sachsen- Weimar Herzog Albrecht von Württemberg Fürst Ernst von Hohenzollern. Geheimrat Dr. Karl Bosch Karl Friedrich von Siemens " " " 120 · W " 100 9. " 100 • 0 " 65 B 85 · 35 . 30 6 . • 15 15 Dank dafür garantiert ihnen Hitler den ungestörten Besitz ihrer Riesenvermögen. Einer der Reichsten unter diesen Reichen Frizz Thyssen ist in den Preußischen Staatsrat berufen und von Hitler zum Wirtschaftsdiktator über Rheinland und Westfalen ernannt worden. Die westdeutschen Gauleiter der Nationalsozialisten haben in Briefen an Herrn Friz Thyssen diesem strengen Gehorsam gelobt. Siemens, Krupp und einige andere sind im wirtschaftlichen Generalrat Hitlers. Für diese Gesellschaft, diese Kriegshezer und Rüstungspolitiker haben SA.- Lente gekämpft und tausende und aber Die meisten dieser Herren haben sich als gebefreudige tausende Arbeiter verwundet oder totgeschlagen. 22 SA.- Leute vergiftet! Die Diäten steigen Massenerkrankungen Berlin, 25. Juli. Die Zahl der SA.- Leute, die in der Charlottenburger SA.- Kaserne durch den Genuß vergifteter Speisen gestorben sind, hat sich um weitere fünf auf zweiundzwanzig erhöht. Der Zustand von weiteren etwa 30 Mann gibt zu schwersten Besorgnissen Anlaß.- Die Ers mittlungen nach dem bzw. den Tätern haben bisher nichts ergeben; in den Kreisen der SA. behauptet sich das Gerücht, daß es sich um einen Anschlag der SS. handelt. Die Polizei lehnt jedoch ab, die Untersuchung in dieser Richtung zu be= treiben. 3 SA.- Leute erschossen In einer dichten Schonung des bei Berlin gelegenen Grunewaldes entdeckten gestern Spaziergänger die Leichen von drei bisher unbekannten männlichen Personen, die, so= weit sich nach der Kleidung schließen läßt, der SS. angehört haben. Ausweispapiere waren nicht vorhanden. Alle drei find durch Kopfschüsse getötet worden. Die Leichen, die schon start in Verwesung übergegangen und deren Gefichtszüge nicht mehr zu erkennen sind, müssen schon drei bis vier Wochen an der Fundstelle liegen. Die Feststellung der Pers sonalien dürfte große Schwierigkeiten verursachen, zumal von den Uniformen alle Standort- und Rang- Abzeichen sorgs fältig abgetrennt worden sind. „ Hysterische Tobsucht" Sir Austen Chamberlain: Kein Zugeständnis an Hitler- Deutschland" Paris, 24. Juli. Sie Austen Chamberlain, der Ronservative Außenpolitiker, schreibt in den heutigen „ Actualites" über die Frage der Stellung Englands gegenüber dem Deutschland Hitlers unter anderem folgendes: Deutschland wird uns durch die von Herrn Hitler beliebte Politik der Drohungen und der Gewalttaten nicht zur Nachgiebigkeit zu bringen imstande sein. Im Gegenteil: wir werden ihm jedes Zugeständnis, und sei es noch so flein, zu versagen haben. Zunächst einmal hat Deutschland die Aufgabe, eindeutige Beweise dafür zu liefern, daß es wieder vernünftig geworden und bereit ist, den Geist der Friedensverträge zu achten. Wer aber dem heutigen Deutschland vorerzählt und der Welt glauben machen will, daß die Revision der Verträge eine auch nur diskutabele Sache sei, der ist in Wahrheit gar kein Freund des Friedens und will den Interessen des Friedens nicht dienen. Im übrigen bestimmen wir den Zeitpunkt und den Umfang der Konzessionen, die wir vielleicht einmal Deutschland einräumen können. Das alles hängt einzig und allein von dem zukünftigen Verhalten Deutschlands ab. Herr Hitler wird sich ohne allzu große Mühe vorstellen können, daß er die Erfüllung seiner Wünsche außerordentlich in die Ferne schiebt, wenn nicht für alle Seiten unmöglich macht etwa durch seine flammenden Aufrufe an ein Volt, das vor kurzem im tiefsten Elend und in der Verzweiflung lag und heute dank der amtlichen Propaganda in einem Zustand hysterischer Tobsucht sich befindet. Ebenso wird er begreifen können, daß die wütenden Hezreden gewisser Deutscher und das ständige Kriegsgeschrei gegenüber den Nachbarn des Dritten Reichs" es jedem Volt verbieten, den deutschen Forderungen, und mögen sie noch so berechtigt sein, auch nur die kleinste und leiseste Unterstützung zu gewähren. Hendersons hoffnungslos Der deutsci- französische Gegensatz unüberbrückbar Veröffentlichungen in englischen Zeitungen zeigen, daß Herr Henderson, der am Samstagabend wieder in London eintraf, in ziemlich pessimistischer Stims mung zurückgekehrt ist. Nach Aeußerungen, die der Präfis dent der Abrüstungskonferenz getan hat, scheint seiner Meinung nach die Hauptschwierigkeit der Konferenz gegenwärtig in den Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Frankreich zu liegen. Die frans zösische Regierung zögere mehr als je, in einen Vers zicht auf Aggressiv waffen einzuwilligen. Sie fei höchstens bereit, ihren Verzicht von einer verhältnismäßig langen Zeitspanne abhängig zu machen, während welcher eine wirksame Ueberwachung die Gewähr für eine wirkliche Abrüstung Deutschlands erbringe müsse. Ferner seien die Franzosen immer noch gegen eine Zerstörung der bestehen den Bestände der zu verbietenden Waffen; sie wünschten nach wie vor, daß diese unter Kontrolle des Völkerbundes ges lagert und zum Gebrauch gegen einen eventuellen Angreifer zur Verfügung stehen sollten. Demgegenüber beständen die Deutschen auf der völligen Zerstörung der Angriffswaffen innerhalb einer kurzen Frist; nur unter dieser Bedingung würden sie in die Ums wandlung der Reichswehr mit ihrer langen Dienstpflicht in eine Miliz einwilligen. Ein Gebiet, auf dem es wirklich aufwärts geht.. Die preußischen Staatsräte bekommen jetzt 1000 Mark monatlich Schweigegeld, denn zu sagen haben sie nichts. Die Nazipresse bringt das ihren Lesern so bei: Die bisherigen Gehälter der preußischen Staatsräte find um 60 Prozent heruntergesetzt worden, so daß denselben nunmehr nur noch 1000 RM. verbleiben, ein Betrag, der unseres Erachtens noch hoch genug ist. Natürlich ist das Schwindel, um die kritischen Gemüter zu beruhigen. Tatsache ist, daß die preußischen Staatsratsmitglieder bisher überhaupt kein monatliches Pauschale erhielten, sondern nur jeweils für die Sitzungstage entschädigt wurden. Sie blieben alle weit unter 1000 Mark im Monat. Nicht einmal der Präsident erhielt eine so hohe Entschädigung. In den Berliner Arbeiterbezirken find massenweise Flugzettel verbreitet worden, in denen die Erwerbslosen gefragt werden, wieviel sie an Unterstützung bekommen und ob sie mit den 1000 Mark auskommen würden, welche ein Staatsrat dafür erhält, daß er nichts tut. Die Polizei behauptet, die Zettel seien von Flugzeugen abge worfen worden. Nicht nur in Preußen, auch in Sachsen geht es mit den Diäten aufwärts. Vor der Wahl find in Dresden die Stadtverordnetens biäten auf 40,- RM. pro Monat herabgesetzt worden. Nach der Wahl war eine der ersten Taten der Nazis, die Diäten auf 60,- RM. zu erhöhen. Seit dem Verbot der SPD. haben die Braunen für fich die Diäten auf 100,- NM. pro Monat erhöht, Spaniens Alarm! Barcelona( Südspanien), 25. Juli( Savas). Auf Ans ordnung des Junenministeriums haben die Behörden gestern umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen gegen jeden Versuch, das republikanische Regime zu stürzen, ergriffen. Die Armee stand bis zum späten Abend alarmbereit. 150 bes tannte Syndikalisten und extrem rechts gerichtete Elemente sind verhaftet worden. Ministerpräsident Azana bezeichnete die Umsturzbewegung, die die Regierung aufgedeckt zu haben erklärt, als rein ziviler, Art; Militärpersonen seien nicht beteiligt. Nach den bisherigen Meldungen sollen nicht weniger als 500 Personen in Saft bzw. in Schutzhaft genommen worden sein. Paris, 25. Juli. Journal meldet aus Madrid, daß die Regierung der Generalitad von Katalonien vor einer Krise stehe. Sie set zurückzuführen auf die immer stärker wers denden Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens. Die nationalistische Presse Barcelonas greife die Generalitad scharf an, weil sie zu zögernd vorgehe. Angesichts der immer stärker zum Ausdrud kommenden separatistischen Tendenzen könnte die Krise, die mit dem Rücktritt des Präsidenten der katalonischen Regierung beginnen werde, die endgültige Orientierung Kataloniens im Sinne der Unabhängigkeit einleiten. Aus Marokko wird gemeldet, daß der Sohn des französ ichen Kolonialheros und Eroberers General Mangin, der als Leutnant in Marokko stand, bei der lezten Bors marschbewegung der französischen Truppen in der Gegend von Marrakesch einer Eingeborenenkugel zum Opfer ges fallen sei, Sie rüsten auf! Roosevelt spricht Für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit wtb. Washington, 25. Juli. Mit einer Rundfunkansprache Was die Presse meldet...- Dic ,, wahre Mission der Reichswehr“... ein, burch den er die 3nduſtrie mobil machen will, um ein Hannover, 25. Juli 1988. Wie Inpreß" meldet, werden auf dem Schießplaz Meppen, der im Besiß von Krupp ist, Versuche mit 42-3entimeter Mörsern angestellt. Ebenso werden auf dem Schießplay Jüterbog schwere Feldhaubigen, hergestellt von Rheinmetall, ausprobiert. Paris 25. Juli 1938. G. London fegt im Journal" seine Enthüllungen über die deutschen Rüstungen fort, Er meldet, daß Tanks von den Linte- Hoffmann- Werten, Breslau, und von Daimler- Benz gebaut werden. Die Waffenfabrik Mauser liefert moderne Schußwaffen, die bei Polke in Magdeburg aufgestockt werden. Rheinmetall hat sich auf die Kanonenfabrikation geworfen; es wird von einem Geheim modell gesprochen. Die Minen: werfer werden in Eisenach erzeugt. Pintsch in Fürstenwalde fabriziert Gas apparate. Munition wird bei dem getarnten Wert Polke in Magdeburg und bei den Deutschen Werfen in Spandan erzeugt. Außerdem werden Waffen und Munition aus dem Ausland eingeführt, so aus der Schweiz, Holland, Schweden und sogar aus Litanen. Die Enthüllungen sollen fortgesetzt werden. Paris, 25. Juli 1983. „ Le Journal" gibt an, daß eine ganze Reihe großer Fabriten von heute auf morgen auf hochgesteigerte Gift: gasfabrikation umgestellt werden kann, beispielsweise: Chemische Fabrik von Heyden, Radebeul: Dresden( flüchtige, unsichtbare, leichte Gase bisher uns bekannter Zusammensetzung); Billwarder in Sam burg Billbrook( Arsenikgase); Schering= Kahlbaum( Chlorgafe); Gehe u. Co., Dresden ( Phosphorgafe), ganz abgesehen von den Groß werken der JG. Farben, die vollkommen vorbereitet sind auf die Giftgasfabrikation. Abgesehen von diesen Großwerken find so bemerkt e Journal" viele private Möglichkeiten in der Gift: gasherstellung vorhanden, wie denn auch Privatgesell: schaften zum Studium der Giftgafe und ihrer Wirkung in Deutschland von der Regierung unterstützt werden. Paris, 24. Juli. Das Journal" fegt seine Veröffentlichungen über den derzeitigen Stand der geheimen Rüstungen Deutschlands fort. Hierbei schreibt es über die konkreten Aufgaben der deutschen Reichswehr folgendes: Die wahre Mission der Reichswehr besteht darin, ein Rahmen zu sein für eine große nationale Armee, die sich in aller Ruhe und Verschlagenheit bildet hinter dem durch amtliche Dementis planmäßig verbreiteten dichten Nebel. Diese Mission ist jene, die General von Seedt in seinem berüchtigten Tages= befehl vom 1. Januar 1921 ganz offen ausgesprochen hat; und es ist fymptomatisch, daß man jezt nach zwölf Jahren, diesen Seedtschen Plan zu verwirklichen beginnt. Das beweist, daß fich jenseits des Rheines nicht das geringste geändert hat: das Deutschland von gestern war und das Deutschland von heute ist das Deutschland des Revanche- Krieges! Protestantenwahl Deutsche Christen Das Hakenkreuz- Pastorentum siegt unter Terror Eine Niederlage des Evangeliums und der protestantischen Gewissensfreiheit Am Sonntag baben im Reiche die protestantischen Kirchens wahlen stattgefunden. Ihnen sind die heftigsten Auseinanderlegungen voraufgegangen, die der deutsche Protestantismus jemals erlebt hat. Durch Gewaltatte wurden die gewählten obersten Kirchenführer kommissarisch" abgefeßt. Die „ Einigung" unter dem start zersplitterten Protestantismus wurde betrieben, um der nationalsozialistischen Glaubenss gemeinschaft Deutsche Christen" die alleinige Macht über bie kirchliche Organisation in die Hände zu spielen. Auf dem Boden evangelischer Brüderschaft hallte es darum in den vergangenen Wochen von politischen Gegensägen wider, die die ohnehin gelockerten Beziehungen zwischen den Gläubigen und der Kirche gänzlich aufzulösen drohten. Immer stärker drängt sich unter Führung des Wehrkreispfarrers Müller der Hakenkreuzpastor als Gottes und Hitlers Beauftragter in die vorderste Linie des überrumpelten Kirchenvolts. Geben die nunmehr vorliegenden Wahlrefultate ben " Deutschen Christen" das Recht, von einem überwältigenben Siege au fprechen? Richtig ist, daß sie nahezu überall bort, wo überhaupt noch Wahlen stattfanden, die Mehrheit erreichten. Wir verzeichnen einige Ergebnisse: Berlin: Die Wahlbeteiligung betrug in Groß- Berlin durchschnittlich 70 Prozent. In Groß- Berlin haben, wenn man von einigen wenigen ländlichen Vorortsgemeinden ab= fieht, rund 80 Gemeinden gewählt. Bis 11 Uhr vormittags lagen die Ergebnisse aus 53 Gemeinden vor. Es erhielten: Deutsche Christen" 158 700 Stimmen, Lifte, Evangelium und Stirche 76 684 Stimmen. Die Deutschen Christen haben also zwei Drittel, die Lifte„ Evangelium und Kirche" ein Drittel der abgegebenen Stimmen erreicht. In einigen Gemeinden des Westens dagegen hat die jungreformatorische Liste ,, Evans gelium und Kirche" sich mit etwa 50 Prozent gegens über den Deutschen Chriften behauptet, so in Lichterfelde und Dahlem. Auch in der Innenstadt stehen in einigen Ges meinden die beiden Gruppen fich etwa in gleicher Stärke gegenüber, so in der Seilandsgemeinde, in Nicolai, der ältesten Gemeinde Berlins, und in Christus. München: Zu den Wahlen in der evangelischen Gesamts firchengemeinde in München waren als wahlberechtigt 14 300 Personen eingetragen, davon haben 11 200 Personen, das find 78 Prozent gewählt. Es war für München nur eine Bor: fchlagstifte aufgestellt worden, eine Gegenlifte war nicht vor handen. Thüringen: Bei den Wahlen zum Evangelischen Landeskirchentag find im Lande Thüringen nach den bis zu früher Morgenstunde vorliegenden Meldungen insgesamt 305 898 gültige Stimmen( bei der letzten Landeskirchentago wahl am 22. Januar 1988 259 588 Stimmen) abgegeben worden. Sonach ist die Wahlbeteiligung von 28 Prozent auf etwa 84 Prozent gestiegen. Fast, zwei Drittel der Wahlberechtigten haben indessen nicht ge= wählt. Auf die Glaubensbewegung Deutsche Christen ents der Arbeitszeit im ganzen Lande zustandezubringen. Der Präsident sagte u. a., alle seit dem 3. April ergangenen Vorschläge und gesetzgeberischen Maßnahmen seien zusammenhängende Teile eines logischen Ganzen. Seit Jahren habe die Regierung über ihre Verhältnisse gelebt; die dringendste Aufgabe sei es daher gewesen, die regel mäßigen Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu bringen. Dies sei geschehen. Der amerikanische Kredit sei in guter Verfassung. Der Unterbau des Bundeskredites stehe wie aus Granit breit und sicher da. Er sei die Grundlage des ganzen Erholungsplanes. Das Heilmittel sei, weniger zu erzeugen. In den letzten vier Jahren habe es einen Abstieg in die wirtschaftliche Hölle gegeben. Aber der Ausweg sei flar erkennbar. Wenn alle Arbeitgeber in jeder gleichartigen Branche sich auf die Festsetzung der gleichen ange messenen Löhne und der gleichen angemessenen Arbeitszett für ihre Angestellten einigen würden, dann würden höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit den Arbeitgeber nicht schädigen. Hiermit sei die Grundidee der Gesellschaft und der Nation selbst berührt. Trotzki Sein Aufenthalt in Frankreich Paris, 25. Juli. Leo Troski und Gefolge haben sich nach Innerfrankreich, und zwar nach dem kleinen Badeort Royat, begeben. Hierzu bemerkt der sozialistische Populaire": Das Gerücht ist verbreitet, daß Leo Tropki seine Aufenthaltsbewilligung vom Quai d'Orsay nach langen Verhandlungen mit Moskau erhalten hat. Auch bei der Begegnung Bit winow- Paul Boncour soll davon gesprochen worden sein. In Royat finden sich auch wie zufällig Tardieu und Litwinow. Wahrscheinlich wird Tardieu die Ankunft Troskis ziemlich gleichgültig sein. Aber wenn Litwinow den früheren Chef der Roten Armee nicht hätte sehen wollen, hätte er nur die französischen Behörden zu ersuchen brauchen, ihm diese Be gegnung zu ersparen. Also? fielen 271 278 Stimmen, alfo 88,59 Prozent der abgegebenen Schreckensurteile Stimmen( im Januar 67 714 Stimmen). In Baden erhielten die Deutschen Chriften 32, bie Kirchlichpositive Vereinigung 25 Sige. In Württemberg erreichten die Deutschen Christen 32, die übrigen kirchlichen Gruppen 29 Sige. Insgesamt rechnet man mit einer Mehrheit für die Deutschen Christen" von 70 bis 75 Prozent, bei einer sehr starken Beteiligung der Eingetragenen. Eine Entscheidung, die der wirklichen Stimmung der Protestanten entspricht, ist jedoch damit nicht getroffen worden. Schon die Eigentümlichfeit des Wahlverfahrens verhindert das. Jeder, der sich an der Wahl beteiligen will, muß sich nämlich in eine bei ges wiffen Stellen aufliegende Lifte persönlich eins tragen. Wer hier nicht verzeichnet steht, hat kein Wahlrecht. Man braucht nicht näher auszuführen, daß dieses Verfahren dem Terror und bem Gesinnung= brud Tür und Tor geöffnet haben. Die Beauf tragten der Deutschen Christen" tonnten frei werben und eifrig kontrollieren die andern blieben schen und inattip im Hintergrunde. So ist es zu erklären, daß an zahlreichen Orten überhaupt keine Listen außer der ber Deutschen Christen" eingereicht wurden. Ein Merkmal für die wirkliche Situation ist auch die Meldung and Thüringen, daß dort über zwei Drittel der Wahlberechtigten überhaupt nicht ge= wählt haben... Das Ergebnis dieser Wahl wird die Existenzgrundlage des deutschen Protestantismus, soweit sie auf der freien Gewissensentscheidung der Gläubigen beruht, anfs tieffte erschüttern. Durch und durch politisiert, zentralisiert unter halbftaatlichen Befehlsgewalten, hat die Kirche mit dem Siege der Deutschen Christen" die Niederlage des Evangeliums und der pro= testantischen Gewissensfreiheit hinzu= nehmen. Zu ihnen steht der von der Geistlichkeit geduldete und beschönigte braune Terror in unlöslichem Widerspruch, welches Mäntelchen im Namen Chrifti er sich auch nach außen hin umhängt. Einer, der nicht parierte Wie der Angriff" berichtet, wurde in Bad Wilsnad der in Quigöbel vertretungsweise amtierende Pfarrer Reinh. Busch aus Punzlau am Sonntag, als er in einer Ver= sammlung sprechen wollte, in Schußhaft genommen. Busch hatte, wie das Blatt hinzufügt, am Vormittag in seiner Predigt den Reichskanzler Adolf Hitler von der Kanzel herab als Antichrift und die Deutschen Christen als deutsche Heiden bezeichnet. Der erst 25 Jahre alte Prediger aehört zu der Bewegung religiöser Sozialisten... Der Kampf um die Reichswehr Die Gleichschaltung als Ziel Berlin, den 25. Juli 1933. Der Reichskanzler versucht, sich der Reichswehr allmählich zu bemächtigen. Es ist eine Aenderung des Reichswehrgesetzes geplant, die mit der staatsrechtlichen Veränderung im Reich begründet iff. Militärische Hilfe bei örtlichen Unruhen usw. können nicht mehr die Landesregierungen, sondern nur noch die Reichsstatthalter verlangen, also Hitlers Vertrauensleute. Die Wahlen von Vertrauensleuten und die Wahl einer Heeres- und Marinekammer zu Beratungen des Reichswehrministeriums fallen weg. Damit sind auch die Reichswehrsoldaten entrechtet. Ferner wird eine neue Klausel aufgenommen zur frist losen Entlassung von Soldaten, die natürlich sofort rigorose Anwendung gegen alle nicht ganz nationalfozialistisch zuverlässigen Reichswehrsoldaten finden wird. Ferner ist eine neue Militärgerichtsbarkeit, ein neues Militärftrafgesetz geplant, das sich auch auf die bei der Wehrmacht angestellten Zivilpersonen erstrecken soll. Wenn Hitlers Pläne durchgehen, wird auch bald die Reichswehr nur noch 100prozentige GS.- Leute enthalten. Relchswehrmanöver abgesagt Und die Gründe? * Berlin, 25. Juli. Wie das Hitlerbüro meldet, hat der Reichspräsident ge nehmigt, daß die Reichswehrmanöver dieses Jahr ausfallen. Das Hitlerbüro argumentiert bas mit Ersparnisgründen. Wahrheit ist, daß Hitler bei den bekannten Differenzen mit der Leitung der Reichswehr unter teinen Umständen eine Konzentration der gesamten Wehrmacht zulaffen wollte, und diesen Wunsch auch von Hindenburg erfüllt betam. Sit Ter hat erreicht, daß die Reichswehr nur zerstreut in fleinen Verbänden Manöver durchführt. Wieder zwei Todesstrafen Die Kommunisten Fölz und Sczodry sind zum Tode ver urteilt worden, weil sie an einem Kampf zwischen Kommu nisten und Nationalsozialisten beteiligt waren. Dreieinhalb Jahre Gefängnis Der frühere sozialdemokratische Landrat Dr. Velthaus aus Osterode ist, wie man sagt, wegen Aftenbeseitigung usw. zu dreieinhalb Jahren Gefängnis und 5 Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Die nationalsozialistische Schandjustiz findet für jedes Urteil eine erschwindelte Erklärung. Wieder 800 Marxisten verhaftet Hitlers Polizei führte in der Nacht zum Sonntag in der Felsstadt am Lipschüßer Teich bei Leipzig eine Razzia durch, 5. H. eine Marristenverfolgung. Außer Mißhandlungen wurden rund 800 Marxisten verhaftet. 1 Jahr 9 Monate Gefängnis 1 Jahr Weimar, 24. Jult. Vom Thüringischen Oberlandgericht ist der Lehrer Walter Kühnert, der beschuldigt wurde, für die Kommunisten eine Wah Istatistik angefertigt und sich außerdem in seinem Wohnorte auch nach dem Verbot der Freidenkerverbände noch für diese Bewegung betätigt zu haben, wegen Vorbereitung zum Hochverrat aut 1 Jahr und 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Göring Seine Vollmachten Berlin, 28. Juli.( Inpreß.) Der preußische Minister präsident Göring gibt in einem Erlaß bekannt, daß von nun an er allein praktisch alle Beamten zu ernennen habe. Es handelt sich nicht etwa nur um die Beamten seiner Ministerien, sondern auch um alle wichtigen Beamten aller Zentralbehörden, der Behörden der allgemeinen und inneren Verwaltung, der Finanzverwaltung, der Justiz- und Forstverwaltung, der Universitäten und Hochschulen, sowie der Theater. Göring ist bisher: Reichsinnenminister, preußischer Innenminister, Luftfahrtminister des Reichs, Reichstagspräsident und Hitlers stellvertretender Statthalter in Preußen. Mehr Funktionen kann nicht einmal der„ Führer" vereinigen. Das Neueste In der Nähe von Avignon stießen zwei vollbesetzte Personenautobusse zusammen. Hierbei sind 12 Fahrgäste schwer verlegt worden. Die sechs sozialistischen Abgeordneten des Departements Gironde, darunter Bürgermeister Marquet ans Bordeaux, haben ihrem Bezirksverband ihre Mandate zur Verfügung gestellt. Sie protestieren gegen den Tadel, der ihnen und anderen Sozialisten vom legten Parteitag ausgesprochen wurde. Der Bezirksverband hat fie seines vollen Vertrauens versichert. * Im Regierungsbezirk Arnsberg wurden etwa 30 margistisch eingestellte Gefangvereine aufgelöst. Bei einer Nazzia auf Mitglieder der APD. in Bochum und Herne verhaftete die Polizei insgesamt 33 Personen. Der Dampfer„ Adaro" ist infolge Rebels an der Wefts füfte Spaniens gestrandet, gilt aber als verloren. Die 30 Mann starte Besagung konnte gerettet werden. In einer Betrachtung über die französischen Beziehungen Schreibt das rechtsstehende Blatt l'Ordre: Mussolini wird sich sicher bemühen, die Rolle des ehrlichen Maklers bei den franzöfifch deutschen Verhandlungen zu spielen. Aber er wird sich seinen Dienft tener bezahlen lassen. Man weiß uns gefähr, was er verlangt, aber man weiß zweifellos noch nicht, was man ihm zu gewähren bereit ist. Darin liegt die Gefahr. Der Nazi- Ueberfall an der Saargrenze Nach einem genau vorbereiteten Plan flp. Saarbrücken, 24. Juli.( Eig. Information). Zu bem Ueberfall auf ein Haus nahe der deutschen Grenze ers fahren wir noch einige Einzelheiten, die zeigen, daß es fich vermutlich um einen wohlorganisierten Plan gehandelt hat, der bis ins kleinste durchorganisiert worden sein muß. * Der Vorfall hat sich, wie wir aus zuverlässiger Quelle er fahren, so abgespielt, daß gegen 9.30 Uhr Samstag abend plöglich ein Auto aus Richtung der deutschen Grenze vor dem Häuschen der Frau Kennel vorfuhr, dem eine größere Zahl nichtuniformierter Männer entstieg. Ihre Zahl konnte noch nicht genau bestimmt werden: die Angaben schwanken Bibischen 10-15 Personen. Mit vorgehaltenem Revolver stürzten die Burschen in das Haus mit dem Ruf:„ Hände hoch! Nicht schreien!" Den vollkommen überraschten Bewohnern blieb nichts übrig, als angesichts der bewaffneten Uebermacht dem Befehl nachzukommen, woraufhin die Burschen sich an Frau Lutz( Elsässerin) mit der Frage wandten, ob sie Frau Luz sei. Ebenso wurde die Identität des Sohnes der Frau Luzz, Ferdinand, festgestellt, woraufhin, beide Personen und der Kommunist Hans Jenne, nach dem man zuerst nicht gefragt hatte, gewaltsam mitgeschleppt wurden. Der Schwiegertochter der entführten Frau gelang es zu entkommen. Ebenso wurde die Besizerin des Häuschens, Frau Kennel, nicht mitgenommen! Die Zurückgebliebenen hörten kurze Zeit nach der Entführung, die sich blißartig trapp T raich abſpielte, aus Richtung der deutschen Grense Silferufe„ Und damit, meine Herrschaften, ist die Revolution beender" und Schreie! Was diesen Vorfall so besonders interessant macht und es den beteiligten nationalsozialistischen Kreisen sehr erschweren wird, den Fall wieder auf unbefugte und untergeordnete Organe abzuschieben, ist die Tatsache, daß zwei Söhne der jetzt entführten Frau Luzz bereits vor einiger Zeit von der amtlichen deutschen Behörde verhaftet wurden. Außerdem ist bekanntgeworden, daß dem jetzt entführten Sohn Ferdinand der Frau Luz von reichsdeutscher nationalsozia listischer Seite vorgeworfen wird, an der Mißhandlung sweier SS.- Männer im Reich beteiligt gewesen zu sein. Die Untersuchung, die sofort eingeleitet worden ist und mit höchstem Nachdruck betrieben wird, erstreckt sich auch auf die Frage, ob etwa Saarländer an diesem Attentat beteiligt waren. Bemerkenswert ist, daß die großen Blätter des Caar: gebiets, die„ Saarbrüder Zeitung" und die Saarbrüder Landeszeitung", den Vorgang vollkommen verschweigen, obs wohl er vielleicht zu sehr einschneidenden Maßnahmen führen tönnte... Zeitungsverbote im Saargebiet Unter ihnen der ,, Völkische Beobachter" Saarbrücken, 24. Juli. Die Regierungskommiffion hat den Völkischen Beobachter" für das Saargebiet auf Grund der Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit verboten. Desgleichen ist die Berliner illustrierte Nachtausgabe für das Saargebiet verboten worden. Auf eine Woche Die Regierungskommission hat das„ Dillinger Tageblatt", die„ Dudweiler Zeitung", die Homburger Neuesten Nachrichten", die„ Neunkirchener Volkszeitung", die Saarzei tung", die„ Saar- und Blieszeitung", die" Sulzbacher Volfszeitung" und die Westpfälzische Zeitung" auf die Dauer von einer Woche verboten. Wegen Veröffentlichung von Artikeln, die den Tatbestand des§ 3 der Verordnung vom 18. Juni 1933 erfüllen. Der„ St. Ingberter Anzeiger" wurde auf die Dauer von einem Monat verboten. Sache der Menschheit ' Aufsehenerregende Rede eines Amerikaners in Berlin In der Karl- Schurz- Vereinigung hielt Dr. Sherwood Eddy eine Rede, die außerordentliches Aufsehen erregte. Eddy, der seit vielen Jahren als Freund Deutschlands gilt und gegen den Versailler Vertrag auftrat, bemerkte, er müsse mit Beunruhigung die Aufhebung der Pressefreiheit, der Gleichheit vor dem Gesez, der Gewissensfreiheit und der anderen bürgerlichen Freiheiten in Deutschland feststellen. Gerade als aufrichtiger Freund Deutschlands müsse er fragen, wo es denn in Deutschland noch Recht gäbe für Juden, Sozialisten, Kommunisten, Liberale und Pazifisten? „ Sie werden sagen, das ist unsere Angelegenheit. Das ist nicht wahr, es ist die Angelegenheit der ganzen Menschheit." Eddy betonte, daß man in Deutschland nichts mehr von dem erfährt, was in der ganzen Welt vorgeht. Die Rede wurde angehört, dem Redner ist nichts geschehen. Opfer Schwere Kerkerstrafen für illegale Literatur Vor dem Schnellschöffengericht in Berlin hatten fich in zwei Prozessen mehrere Angeklagte wegen Verbreitung unerlaubter Druckschriften fommunistischen Inhalts zu verantworten. Der erste Angeklagte, der 19jährige Lehrling Gerhard Rosenberg, wurde wegen Verbreitung einer Flugschrift zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, wobei in der Urteilsbegründung betont wurde, daß der Angeklagte diese " milde" Strafe nur seinem jugendlichen Alter zu verdanken habe. Der nächste Angeklagte, der 41jährige Glaser Rudolf Degener, ein früheres Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde dementsprechend mit einer wesentlich empfindlicheren Strafe belegt. Er wurde beschuldigt, eine Drucks schrift mit dem Titel„ Solidarität" weitergegeben zu haben, die zu gewaltsamem Kampf gegen die Reichsregierung und zu Hochverrat aufforderte. Zu seiner Verteidigung gab er an, daß er von nichts wisse. Die Flugschrift habe er von seinem Mitangeklagten, der mangels Beweises freigesprochen wurde, erhalten und in den Papierforb geworfen. Die Beweisaufnahme ergab demgegenüber, daß Degener das Flugblatt weiterverbreitet hatte, indem er es einer dritten Person zur Lektüre übergab. Das Schnellschöffengericht erkannte auf eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren. Sterne- Schnüre- Litzen Aus der großen deutschen Kaserne In der deutschen Presse wird eine Bekanntmachung veröffentlicht als„ Ergänzung der Rangabzeichen". Wir drucken sie wörtlich ab, weil sie uns besser als vieles andere Aufschluß über das neue Deutschland geben kann: Das Anwachsen der SA. hat auch die Einfügung von neuen Dienstgraden in den bisherigen Aufbau notwendig gemacht, weil z. B. für die stellvertretenden Führer von Formationen irgendwelche Dienstgrade nicht vorhanden waren: Der Aufbau ist jetzt folgendermaßen: SA.- Anwärter( Rekrut), der nach sechs Monaten SA.- Mann wird. Nach dem SA.- Mann kommt der Sturmmann, dann der Rottenführer und dann der Scharführer, bisher der unterste Dienstgrad. Es fommt dann neu der Oberscharführer, nach dem Truppführer neu der Obertruppführer und nach dem Sturmführer neu der Obersturmführer und Sturm= hauptführer, nach dem Sturmbannführer neu der Obersturmbannführer, nach dem Standartenführer und Oberführer neu der Brigadeführer. Ferner erhalten die Fahnenträger der Stürme und die Standartenträger die Bezeichnung Kornett neben ihrem sonstigen Dienstgrad. Dementsprechend sind auch die Rangabzeichen er gänzt worden. Der SA.-Anwärter trägt keine Spiegel, sondern nur die Kragenschnur in der Farbe der Gruppe. Der SA.- Mann trägt dann außer der Gruppenschnur Spiegel in der Farbe der Gruppe, auf dem rechten Spiegel die Angabe seiner Formation, während der linke Spiegel freibleibt. Der Sturmmann trägt auf dem linken Spiegel eine 5 Millimeter breite Liße, deren Mittelfaden in der Farbe des Spiegels gehalten ist. Der Rottenführer trägt zwei Lizen auf dem linken Spiegel, der Scharführer wie bisher einen Stern, der Oberscharführer außer dem Stern noch eine Liße, der Truppführer wie bisher zwei Sterne, der Obertruppführer außer den zwei Sternen eine Liße, der Sturmführer wie bisher drei Sterne, der Obersturmführer dazu eine Liße und der Sturmhauptführer dazu zwei Lizen. Außerdem sind Spiegel und oberer Müßenrand der letzten Dienstgrade mit der Zweifarbenschnur der Gruppe umrandet. Der Sturmbannführer trägt wie bisher vier Sterne. Ferner sind Kragen, Müßenrand und Spiegel mit Silberschnur umrandet. Der Obersturmbannführer trägt zu den vier Sternen noch eine Lize. Vom Standartenführer ab wird das Rangabzeichen auf beiden Spiegeln getragen und keine Angabe der Formation mehr. Der Standartenführer trägt wie bisher auf beiden Spiegeln ein Eichenblatt. Ferner sind Kragen, Spiegel und oberer Müßenrand mit Silberschnur und der Mützenaufschlag mit der Zweifarbenschnur der Gruppe umrandet. Der Oberführer trägt die gleichen Abzeichen und ein aweiblättriges Eichenblatt, der Brigadeführer zu dem zweiblättrigen Eichenblatt noch einen Stern auf dem Spiegel. Der Gruppenführer trägt außer der Silberschnur am Kragen Spiegel, Müßendeckel und Müßenaufschlag, ein dreiblättriges Eichenblatt auf beiden Spiegeln. Der Oberführer trägt statt der Silberschnur eine Goldschnur auf den Spiegeln, ein dreiblättriges Eichenlaub und einen Stern. Es kommt dann noch der Chef des Stabes, der eine goldene Schnur am Kragen, Spiegel, Müzendecke und Müßenaufschlag trägt, sowie auf beiden Spiegeln einen Eichenlaubkranz mit einem Stern. Sozialdemokratie und Geheime Staatspolizei Eine Erklärung der Parteileitung in Prag Die Geheime Staatspolizei in Berlin hat fürzlich mitgeteilt, es seien große Teile des früheren sozialde mokratischen Vermögens teils ins Ausland, teils ins Inland verschoben, um es dem staatlichen Zugriff zu entziehen. Dazu teilt der Vorstand der Sozialdemokra tischen Partei Deutschlands, Sizz Prag, mit: Hätte die Sozialdemokratie ihr Vermögen dem Zugriff der Nationalsozialisten entzogen, so wäre das berech= Braune Sadisten Juden gegen Juden tigte Notwehr. Niemand ist verpflichtet, einem Räuber freiwillig sein Eigentum auszuliefern. Leider aber ist es der Sozialdemokratie nicht gelungen, ihr Vermögen dem gewaltsamen Zugriff zu entziehen, da ihre Organisationen und ihre Unternehmungen den wenig elastischen Erfordernissen des Rechtsstaates angepaẞt waren. Bei der Beschlagnahme des Vermögens der Sozialdemokratischen Partei allein- ohne Reichsbanner, Gewerkschaf ten, Sportorganisationen, Kulturorganisationen usw.sind den Nationalsozialisten mehr als 40 Millionen Mark in die Hände gefallen. Die Sozialdemokratische Partei besaß 160 3eitungen, die in 102 eigenen Druckereien und Gebäuden hergestellt wurden. Die Unternehmungen präsentieren einen Sadismus und Nationalsozialismus find zwei Dinge, Wert von etwa 40 Millionen Mark. Bei der Beschlagnahme die miteinander identisch sind. Selten wohl hat eine politische Bewegung die Skala menschlicher Niedertracht so virtuos beherrscht wie die braune Gegenrevolution. Von Spießrutenlaufen, schußhaft" konzentrierter Gegner durch ein prügelndes SA.- Spalier bis zum wollüstigen Auspeitschen in den SA.- Kasernen ist nur ein einziger, sehr konsequenter Schritt. Was soll man dazu sagen, wenn die jüdischen Inhaber des Damenkaufhauses Poppel und Goldschmidt in Düsseldorf von ihrem diktatorisch vorgehenden NaziBetriebsrat gezwungen werden, einen Anschlag anzubringen, auf dem zu lesen steht: " Sämtlichen Angestellten ist nach Geschäftsschluß der Verkehr mit Juden verboten. ZuwiderhandJungen werden mit fristloser Entlassung bestraft." Bestialität und Perversität, das sind die beiden„ markanten" Eckpfeiler der nationalsozialistischen„ Erneuerung". Es ist die schauerliche Psychologie des Lustmörders, die hier wütet. find auch erhebliche Barbeträge weggenommen worden. Festgestellt ist, daß allein in 12 Unternehmungen eine Million Mark in bar beschlagnahmt wurde. Der Gesamtbetrag ist viel höher. In den 33 Bezirksorganisationen sind, soweit bisher festgestellt werden konnte, weitere 300 000 mt. beschlagnahmt worden. Auch hier sind die wirklichen Beträge wesentlich höher. Dasselbe gilt von den örtlichen Organisationen. In der Zentraltasse war allerdings die Ausbeute geringer. Auf 6 Konten konnte man nur 2600 Mart beschlagnahmen. Jahrelange Arbeitslosigkeit der opferwilligen Anhänger, vierzehn Wahlkämpfe im Jahre 1932, große Aufwendungen für die Opfer des Kampfes gegen den Faschismus hatten die Leistungsfähigkeit der Kassen erschöpft. Es bestand also gare nicht die Möglichkeit,„ Millionen zu verschieben". Die Angabe der Geheimen Staatspolizei, daß sozialdemokratisches Vermögen versteckt und verschoben sei, soll nur vertuschen, daß sich die Nationalsozialisten bereits in den Besitz von mehr als vierzig Millionen Mark fremden Eigentums gesetzt haben, über dessen Verbleib und Verwen bung sie niemand Rechenschaft ablegen Torgler ohne Anwalt! Eine Weltschande Alle wissen, daß er unschuldig ist Die Frau des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Torgler, Margarete Torgler, hat aus Karlshorst bei Berlin an den„ Manchester Guardian" einen Brief gerichtet, in dem sie schreibt: " Ich habe mit einer großen Anzahl von Rechtsanwälten über die Verteidigung meines Mannes verhandelt. Sie waren zumeist zweifellos von seiner Unschuld vollkommen überzeugt, aber sie weigerten sich, seine Verteidigung zu übernehmen. Einige schienen bereit zu sein, nachdem sie verschiedene Bedingungen gestellt hatten. Schließlich lehnten aber auch sie ab. Die letzte Ablehnung, die ich erhielt, kam von einem hervorragenden Berliner Anwalt, der mir am 19. Juni folgendes schrieb:„ Was die Rechtsangelegenheit Ihres Gatten betrifft, so bedaure ich, nicht in der Lage zu sein, seine Verteidigung übernehmen zu können." Es scheint also, das ist die einzige Erklärung, daß in ganz Deutschland fein Rechtsanwalt übrig geblieben ist, der bereit ist, seine Pflicht zu erfüllen, indem er ein menschliches Wesen rettet, von dessen Unschuld die ganze Welt überzeugt ist. Meine Erfahrung beweist, daß es einfach ganz unmöglich ist, einen Rechtsbeistand nach eigener Wahl zu erhalten und daß keiner wagt, ihn zu verteidigen! mein Mann auf diese Weise seines elementaren Rechtes beraubt ist." Das englische liberale Blatt behandelt den Brief der Margarete Torgler in einem besonderen Artikel, in dem es ausführt: " Warum will die Diktaturregierung Hitlers eine Verteidigung nicht gestatten? Der Grund ist ganz klar. Die Diktaturregierung weiß, daß Torgler unschuldig ist und sie weiß, daß jeder Anwalt, der nur eine Spur von Intelligenz und rechtlichem Sinn besißt, die ganze Anklage in Stücke schlagen und der Verachtung überliefern würde." ,, Manchester Guardian" beschäftigt sich dann weiter mit dem Schicksal der drei unglücklichen Bulgaren, die rein zufällig willkürlicherweise mit Torgler zusammen auf die Anklagebank kommen sollen. Er stellt fest, daß die Behauptung der Göring- Polizei, die brei Bulgaren hätten etwas mit dem Attentat in der Kathedrale von Sofia zu tun gehabt, von den bulgarischen Behörden selbst widerlegt worden ist, und er fordert die bulgarische Regierung auf, sich der unschuldig verfolgten Landsleute anzunehmen. Bestohlen und geächtet Das Los der Verfolgten Der nationalsozialistische Raubzug gegen das Eigentum ber Arbeiterschaft und ihrer Führer soll nunmehr vollendet werden durch ein Gesetz, das vom Hitlerkabinett verab= schiedet wurde, unbequemen Gegnern die Staatsangehörigkeit absprechen kann und die Beschlagnahme ihres Eigentums vorsieht. Wer dem großen deutschen Ronzentrationslager entkommen ist, soll sich seinen Foltertnechten stellen oder enteignet werden. Belohnungen werden ausgesetzt für alle, die etwas über das Vermögen der Sozialdemokratie oder marristischer und anderer staatsfeindlicher Elemente auszusagen wissen. Eingebürgerte Juden sollen wieder ausgebürgert werden, und wer es unternimmt, eine neue Partei zu bilden, wird als Hochverräter bestraft. Damit werden die Weidegebiete der Denunzianten ent sprechend vergrößert und die moralische Verlumpung hat wieder Terrain erobert. Die Kapitalisten behalten ihr raffendes Kapital, behalten ihre Villen und Paläste, dafür dürfen sich die großen und kleinen Bonzen der NSDAP. an bem Eigentum armer Teufel schadlos halten. In der Begründung des neuen gefeßlichen Monstrums wird von„ Aechtung der Flüchtlinge" gesprochen, womit natürlich nur die Gegner Hitlers gemeint sind. Der ehe. malige Oberausreißer Göring fist in einer Prachtvilla, die nach Deutschland ausgerissenen österreichischen 10 000 Aerzte und Rechtsanwälte ruiniert ganzen Linie weiter. Die Zahl der bis jetzt in Deutschland Der Wirtschaftsboykott gegen die Juden geht auf ber aus dem Berufe ausgeschlossenen jüdischen Aerzte wird auf 6000 geschäßt. In Berlin allein wurden 1500 jüdische Aerate von den Krantentassen ausgeschlossen. Daneben geht die Einschränkung der Praxis der zugelassenen jüdischen Aerzte, die binnen kurzem die Existenz jüdischer Aerzte überhaupt unmöglich machen wird. Am 7. Juli sind auf Veranlassung der SA.- Aerzte fünfzig marristische" Aerzte in Berlin verhaftet worden. Angeblich weil die Beratungsstelle für Aerzte" ein staatsfeindliches Unternehmen darstellte. Selbsthilfe im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten ist also ein Anlaß für Inhaftierungen und Gefängnis. Aehnlich liegt es bei den Rechtsanwälten. Nur ein ganz kleiner Teil der zugelassenen jüdischen Anwälte fann die Praxis ausüben. Sozialistische Anwälte sind überhaupt ausgeschlossen. Der Vorstand der Berliner Anwaltskammer hat jetzt die Begründung einer Bürogemeinschaft zwischen Anwälten arischer und nichtarischer Abstammung für standeswidrig erklärt. Auch das wird wiederum für hunderte von jüdischen Anwälten die Untergrabung der Existenz bedeuten. Die Versuche, den Völkerbund wegen der Verfolgung der Juden in Bewegung zu setzen, dauern fort. Irgend ein greifbares Resultat ist noch nicht erzielt. Dagegen führt der Haßfeldzug der Nazis gegen wehrlose Menschen in steigendem Maße zur Aechtung und Isolierung Deutschlands. Der Abgeordnete im englischen Unterhaus, Major Locker. Lampson, erklärte kürzlich: Ich war nach dem Krieg auf der Seite Deutschlands und habe dafür gekämpft, ihm Gerechtigkeit zuieil werden zu lassen. Ich bin dafür eingetreten, daß ihm Gebiete überlassen und eine größere Armee gestattet werde. Heute widersetze ich mich der Wiederaufrüstung Deutschlands mit dem Hinweise auf die Behandlung, die Deutschland einer wehrIosen Minorität antu t." Das ist die allgemeine Meinung der anständigen Menschen der ganzen Welt. Nazibonzen bekleiden in der NSDAP. bereits führende Kein Judenboykott? Stellen. Für die Gegner des Hitlerregimes ergibt sich also folgende Lage: die im Lande bleiben, werden in Konzentrationslager gesperrt, mißhandelt, erschlagen, ihr Eigentum wird gestohlen die ins Ausland gehen, werden geächtet, und ihr Eigentum soll ebenfalls gestohlen werden. Ob also drin oder draußen- jeder Gegner des deutschen Faschismus ist geächtet und vogelfrei. Wo ist hier ein Unterschied? Er besteht nur in der verlogenen Phraseologie, mit der das neudeutsche Gaunertum die drinnen und draußen verfolgt. Und dann der kleine Moritz.. Schluß mit der Intelligenz! ,, Gefesselte Justiz" Undank ist der Welt Lohn! Vor zweieinhalb Jahren kam der Pamphletist Moritz aus Zarnow den Nazis mit einer Heßbroschüre Gefesselte Justiz" zur Hilfe. Jezt hat das Geheime Staatspolizeiamt die Zeitschrift des gleichen Moris„ Der Deutschen Spiegel" auf drei Monate ver boten. Von der französischen Revolution von 1793 sagte ein Zeitgenosse, fie verspeise wie Chronos ihre eigenen Rinder. Die beutsche nationale Revolution" verspeist ihre geistigen Väter. Sie ist auch das einzige Wesen, das diese Tat ohne Erbrechen fertig bekommen kann.. Ein Miesmacher Erinnerungen an Walter Rathenau Bon Stephan Großmann Der preußische Ministerpräsident Göring findet, daß in Deutschland noch viel zu wenig Leute eingesperrt sind. Er hat deshalb einen Erlaß herausgegeben, wonach jedermann, der ein nichtoptimistisches Wort über die nächste Zukunft Deutschlands jagt, eingesteckt werden muß und auch derjenige, der ein solches Wort hört etwa am Rebentisch oder in der Straßen bahn- und den„ Miesmacher" nicht sofort anzeigt und festnehmen läßt, auch dieser unfreiwillige Zeuge wird verfolgt. Also sprach Göring. Das Wort„ Miesmacher" ist in den Jahren 1917 und 1918 in Deutschland in Schwung gebracht worden. Als der deutsche Sieg immer unwahrscheinlicher und die Niederlage immer greifbarer wurde, da galt es, den Deutschen die natürItche Denk- und Urteilskraft zu unterbinden. Damals brach ten die Kriegsbehörden das häßliche Wort in Schwung. In dieſen Jahren 1917 und 1918 wurde auch die Schutzhaft eingebürgert. Wer so flarfehend war, nach dem unglücklichen Sommer 1917, der den Deutschen die letzte erträgliche Friedenschance geboten hat, nicht mehr an einen Siegfrieden zu glauben, diesem Miesmacher drohte unabsehbare Schutzhaft und eventuell auch das Kriegsgericht. Deshalb würgten Millionen Deutsche ihre Meinung schweigend hinunter. Die Er innerung an diese beiden letzten Kriegsjahre in Berlin ist mit diesem stumpfen Schweigen verknüpft, man wagte in den verödeten Gasthäusern kein lautes Wort, man hütete sich in den Straßenbahnen, beim Lesen der Zeitung eine verräterische Miene aufzusehen, man schwieg, schwieg und schwieg, bis... der November 1918 die Explosion brachte. Einer der verhaßtesten„ Miesmacher" war schon damals der später ermordete Walter Rathenau. Ich war ihm schon vor dem Kriege und oft im Laufe der vier furchtbaren Jahre begegnet. In meinem Leben bin ich nur wenigen Menschen begegnet, deren persönliches Leben so fast ausschließlich von dem Schicksal Deutschlands und der Welt ausgefüllt war. Rathenau lebte wie ein Mönch, wenigstens dazumal. Er wohnte wohl in einem Haus, das mit vielen Kunstgegen ständen und wertvollen Möbeln angefüllt war, aber er ging an diesen Rostbarkeiten vorüber wie ein Museumsbesucher an ben ausgestellten Schäßen. Er war ein einsamer Mensch, der unzählige Bekannte und so gut wie gar feinen Freund hatte. Einmal war eine schöne Frau seinem Herzen nahegeHinkel braucht keinen Intellekt: eine kulturpolitische Rede Reichsorganisationsleiter des Kampfbundes für deutsche Kultur, Staatskommissar Sinkel, hielt auf einer Pressetagung eine Rede über die kulturellen Aufgaben der deutschen Presse. Er betonte, daß die Nationalsozialisten die Vorherrschaft des Intellekts ausschalten wollten, der sich als Krebsschaden der deutschen Kultur erwiesen habe. Der In stinkt des Volkes muß gereinigt werden. Die Presse versage immer noch.„ Doch würden die wiederholten Versuche, die Grundsäße der nationalsozialistischen Weltanschauung in ihr Gegenteil zu verkehren, unter keinen Umständen geduldet werden." standen, aber sie hatte sich für einen anderen entschieden, und so wandelte sich die einzige Leidenschaft, die ihn einmal berührt hatte, allmählich in eine sehr geistige Freundschaft. Der einzige Mensch, den er täglich sah, war seine alte Mutter, eine gebeugte, zarte, ungewöhnlich fluge alte Jüdin, die trot einer gewaltigen Nase im mageren Gesicht sehr freundlich und sanft auf den einzigen Sohn und mit ihm auf alle anderen Menschen herabsah. Ja, sie waren sehr stolz, beide, die Mutter Rathenau und ihr Walter. Freilich hatte die alte Dame Grund, auf ihren Jungen" mit Genugtuung zu blicken. Sicher war er einer der vielseitigsten Menschen seiner Zeit. Er war in die Leitung der von seinem Vater gegründeten AGG.( Allgemeine Elektrizitäts- Gesellschaft) eingetreten und galt als einer der großzügigsten Kaufleute und zugleich Techniker und Handelsorganisatoren Deutschlands. Die AEG. arbeitete in der ganzen Welt. Rathenau, der eine Menge Sprachen fließend sprach, die ganze Welt bereist hatte und die 300 Leute fannte, die als die Spigen der kapitalistischen Welt in Frage kamen, war immer mehr als nur Geschäftsmann. In seiner Jugend hat er Dramen geschrieben und später Bilder gemalt, er hat philosophische und volkswirtschaftliche Bücher verfaßt, die durch ihren apodiktischen Ton befremdeten, aber unzweifelhaft den Gedanken der Planwirtschaft" gegenüber der anarchistischen Produktion des Kapitalismus mit Mut proklamierten. Der reiche Junggeselle war ein viel umworbener Mann. Sein Sozialismus, zum Beispiel seine eindringliche Propaganda sür eine radikale Erbsteuer, entfremdete ihn seiner Klasse. Er kannte die Berliner Gesellschaft vom Hofe Wilhelms II. bis in die Hütten, in die ihn Käthe Kollwitz blicken ließ. Rathenau war dabei nicht ohne Eitelkeit und seine uralte, kleine, gebeugte Mama, bei der er täglich zu Mittag aß, war für ihn noch ein bißchen eitler als er selbst. Aber auch diese Eitelkeit bezog sich allmählich auf geistigen Befiz. Er war stolz darauf, Gerhart Hauptmann seinen Freund zu nennen, er teilte seinen, allerdings frugalen Abendtisch mit Künstlern und Gelehrten, die sich über seine Bedürfnislosigkeit wunderten. Das Wochenende pflegte er in Frauenwalde zu verbringen, in einem alten Schloß, das er den Hohenzollern abgekauft und mit feinster Einfühlung restauriert hatte. Da mußte jedes Tapetenmuster dem Geschmade der Rönigin- Luife- Zeit entsprechen. Und er selbst lebte in einer höchst einfachen Stube unter dem Dach des Schlosses, daß er immer nur besichtigt", nie warm bewohnt hatte. Wenn ich ihn dort mit Weib und Kindern lärmend überfiel, fand ich ihn in dem totenstillen Bau immer mutterseelenallein in Gesellschaft von Büchern Zerstörung jüdischer Geschäfte Hannover, 20. Juli. In den späten Abendstunden des 19. Juli zog ein Trupp von etwa 1000 Nationalsozialisten, darunter zahlreiche SA.- Leute in Uniform, durch die Haupts straßen der Stadt und zerstörte die Schaufenster der bekanns ten jüdischen Geschäfte. An mehreren Stellen wurden die Auslagen geplündert. Die Polizei ist gegen die Demonftrans ten nicht eingeschritten. Troß dieser Tatsachen pflegen der deutsche Reichskanzler und sein Lügenminister Göbbels den Judenboykott gegenüber Ausländern abzulengnen. Die Herren schwindeln, wenn sie den Mund aufmachen. Man lese nur den„ Westdeutschen Beobachter", der von dem intimsten Mitarbeiter Hitlers, dem berüchtigten Dr. Ley herausgegeben wird. Dort wird z. B. am 21. Juli geschrieben von„ Krummnasen", von jüdischem Lausepad", und am Schlusse werden die deutschen Frauen aufgefordert, endgültig die jüdischen Geschäfte und Waren häuser zu meiden. Das ist natürlich kein Judenboykott, Herr Reichskanzler? Immer feste druif Schaumschläger von Rohr Die„ Pommersche Zeitung" stellt fest, daß der Staatssekretär von Rohr mit seiner Schaumschlägerei" nicht weitergefommen ist. Auch seine Zeitung, die Tagespost", werde so behandelt werden, wie es ein solches Hezblatt" verdient. Dieser umfassende, freudenarme Geist war von 1914 an der erste klar sehende, schweigende„ Miesmacher". Als der Krieg ausbrach, sagte er sich als Wirtschaftsdenker: Haben wir denn alle Materialien, die für einen längeren Krieg notwendig find? Er ging zum Generalstab, zum preußischen. Kriegsminister, zur Obersten Heeresleitung. Am Anfang verstand man seine Frage nicht. Man hatte ja vor, in spätestens vier Monaten zu siegen. Was wollte denn der Miesmacher, der an einen langen Krieg glaubte?„ Weihnachten( 1914) sind wir wieder zu Hause", sagte Willi. Als die Kriegsleitung den Fragenden endlich begriff, übertrug sie ihm die Schaffung der Rohstoffabteilung. Was Deutschland an Kriegsmaterial nötig hatte, Metalle, Chemikalien, Textilwaren, das alles mußte erst nach Kriegsausbruch gesammelt werden! Ein Mann, der ein so gründliches Versagen bei den Kriegsvorbereitungen erlebt hatte, mußte zum Zweifler am Siege werden. Rathenau kannte auch die führenden Generale, vor allem den schwerkranken Chef des Generalstabes, der zwar auch den Namen des siegreichen Moltke trug, aber sich mit Händen und Füßen gegen die Uebernahme des höchsten militärischen Amtes gesträubt hatte.„ Ach, machen Sie nur", batte Wilhelm ihn beruhigt, ich werde schon mein eigener Generalstabschef sein." Rathenau, der den Kaiser aus der Nähe gesehen und gesprochen hatte, mußte zum Miesmacher werden. Nach dem Verlust, der den Deutschen lange verschwiegenen Marneschlacht war Rathenau melancholisch geworden. Niemand hat ihn nach dem Herbst 1914 mehr lachen gesehen. Ein kleiner Kreis im Grunewald, den er immer wieder aufsuchte, wenn ihn die Einsamkeit und das Schweigen fast zum Ersticken brachte, sah ibn als steinernen Gast an der Tafel. Der Mann, der sich sonst sehr gerne reben hörte, schwieg Abende lang. Erst wenn man ihn nachts durch die Gartenwege begleitete, fand er ein befreiendes Wort. Einmal sagte er mir so unter nächtlichen Bäumen:„ Ich möchte einmal Karl Liebknecht reden hören", aber im nächsten Augenblick fügte er hinzu:„ Ach nein, lieber nicht. Und wenn Christus selbst käme und spräche, die Berliner würden höchstens sagen: Da im Norden soll jetzt ein brillanter Redner aufgetaucht sein." Er war ganz bitter geworden. Nur einmal öffnete er den Mund und lief von Tür zu Tür, um den verschärften U- BootKrieg zu verhindern. Vergebens. Man beachtete seine flaren Rechnungen und Prophezeiungen nicht. Herr Göring bringt das abscheuliche Wort wieder in Schwung. Sollte er fühlen, daß der Krieg, den Hitler gegen die Nation führt, schon so schlecht steht, daß man den urteilsfähigen Menschen mit diesem Wort einen Knebel in den Mund steden muß? Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der ,, Deutschen Freiheit"* Sie schweigen alle, alle! Hochschulautonomie im Dritten Reich Einst verteidigten die Hochschulen die Freiheit der Wissenschaft gegen die Allgewalt des Staates. Sie schufen sich die Autonomie, um dem Gesinnungszwang fürstlicher Herrschaft zu entgehen. Als der Volksstaat kam, hatte in Wahrheit diese Autonomie jeden Sinn verloren, denn wo der Staat die freie Meinungsäußerung verbürgt, braucht die Hochschule feine Unabhängigkeit, um sie zu schützen. So wurde die Autonomie der Hochschulen im Gegensatz zu ihrer früheren Bestimmung zu einem Privileg, um mit veralteten Rechten veraltete Meinungen und Standesdünkel übelster Art zu schützen. Als die Herrlichkeit des Dritten Reiches anbrach. mochte man glauben, daß nichts leichter sei, als diese Hochschulen, aus denen nicht, wie Anno 48, die Freiheitskämpfer, sondern die Schildknappen der braunen Reaktion in den lezten Jahren massenweise hervorgegangen waren, völlig » gleichzustellen". Und in der Tat: Hunderte von Hochschullehrern werden vertrieben. Sein Protest! Tausende von Studenten werden am weiteren Besuch der Hochschule mit Gewalt gehindert. Kein Protest! Ein mittelalterliches Autodase wissenschaftlicher und fünstlerischer Werte findet søgar unter führender Mitwirkung von Studenten statt. Kein Protest! Schmerzlicher als die Untaten der Hitlerhorden war dieses feige Schweigen der Kunst und der Wissen: Ichaft. Als es sich darum handelte, Freiheit des Geistes au verteidigen, erinnerte sich niemand der Autonomie der Wissenschaft und ihrer Lehre. Dann kam das neue Studentenrecht. Nicht nur der Arierparagraph wurde zum Gesetz erhoben und so der modernsten Form des Aberglaubens, dem Blutsmythos, die rechtliche Anerkennung gewährt, man schuf auch an Stelle einer wirklichen studentischen Selbstverwaltung, um die die deutsche Studentenschaft seit anderthalb Jahrzehnten zu fämpfen vorgab, ein Studentenrecht, das den Nationalsozialisten die alleinige Führung einräumte und alles andere zur besinnungslosen Gefolgschaft verurteilte. Jetzt auf einmal begann sich der Widerstand zu regen. An verschiedenen Universitäten in Westdeutschland und auch in Mecklenburg kam es schon vor der Machtergreifung Hitlers gegen olche Absichten zu erregtem Widerspruch. Als jezt diese Pläne verwirklicht wurden, äußerte sich der Protest erneut, aber es war zu spät. Was in der großen Politik den Deutschnationalen und ihren politischen Freunden blühte, das widerfuhr im fleineren Bereich der Hochschulpolitik den Korps, Burschenschaften und Verbindungen. Ihre Führung wurde zwangsweise gleichgeschaltet und ihr Einfluß an den Hochschulen ausgeschaltet. Ja, sogar die Existenz alter studentenschaftlicher Organisationen wurde bedroht. Die " Deutsche Freischar", eine an den Hochschulen viel verbreitete, bündische Jugendorganisation, und eine Reihe anderer bündischer und nationaler Verbände, die auch an den Universitäten Fuß gefaßt hatten, wurden aufgelöst. Den katholischen Verbindungen droht jetzt ein ähnliches Schicksal, ganz zu schweigen von allen irgendwie nach links orientierten Organisationen, für die seit Anbeginn des Dritten Reiches fein Play mehr ist. Erste Anzeichen der Enttäuschung beginnen sich bemerkbar zu machen. So hatte man sich die Sache nicht gedacht.„ Gegen die Demokratie?" Jawohl!" Einzig und allein für Hitler?"" Nein!" Der neue Obrigkeitsstaat ist da, die Forderung nach einer Autonomie der Hochschule könnte ihren Sinn wiedererhalten. Aber der totale Staat läßt nicht einmal für sie Raum. Denn er duldet keine Macht außer der seinen, Kompromisse sind aussichtslos. Gegen den totalen Staat gibt es nur totale Revolution fie wird keine Autonomie der Hochschulen schaffen, dafür hoffentlich in nicht zu ferner Zeit die Autonomie des Volkes. Fachschaft„ Lehrer an Hochschulen" Stramme Haltung, deutsche Professoren! Der Reichsleiter des Nationalsozialistischen Lehrerbundes, Staatsminister Schemm, hat zum Leiter der Reichs fachschaft, ebrer an Hochschulen" den Ministerialrat Dr. Seidl Berlin ernannt. 3um ständigen Stellvertreter des Leiters der Reichshochschulfachschaft ist Professor Dr. med Herwart Fischer Würzburg bestellt worden. Als Mitarbeiterstab stehen dem Fachschaftsleiter für organisatorische und Arbeiteraufgaben zur Seite je ein hoch schulobmann für jede Hochschule und ein Reichsfach obmann für jedes Fachgebiet. Diese Obleute und Mitarbeiter bilden zusammen mit dem Leiter und stellvertretenden Leiter den Führerstab. Die Hochschulobleute der RHF. sollen mit Rektor und Sendt, der Studentenschaft und Parteiorganisationen innerhalb des Hochschulkörpers zusammenarbeiten. Der Reichsleiter ernannte außerdem zum Leiter der Reichsfachschaft„ Lehrer an höheren Schulen" Willi Griepentrog- Berlin. Gebräunter Penklub Ereignisse und Geschichten Lied der Arbeitsdienstler Sprung auf, Ihr Dienstfreiwilligen! Fenern! Der Geist verreckt. Wir können es nicht billigen, daß uns Kultur beleckt. Der Mensch wird neu gestaltet behelmt behuft gehörnt Und gleichgeschaltet und gleichgeschaltet. Bir Dienstfreiwilligen marschieren auf allen Bieren der Urwald rust. Wir messen den Proletarier vom Wirbel bis zum Schweif. ob auch das Schwein ein Arier und zur Er- Nordung reif. Das Zeugen ist veraltet. die Paarung wird gestuft und gleichgeschaltet und gleichgeschaltet. Wir Dienstfreiwilligen hegen den Kindersegen das Chaos ruft. Wir wandern mit feftem Stiebel zum raffereinen Schlamm im Anfang, vor der Bibel, war das Parteiprogramm. Die Allmacht, die ba waltet, und alles, was ihr schuft, wird gleichgeschaltet wird gleichgeschaltet. Wir lallen Erwache- Chöre. Herr Gott, erhöre! Dein Führer ruft! Walter Mehring. ( Aus dem kleinen Tagebuch") Ministerin Magdas Rücktritt Sie legt das Modeamt nieder Das deutsche Modeamt teilt mit: Frau Magda Göbe bel&, Ehrenvorsißende des Deutschen Modeamtes, und die beiden Vorsitzenden, Dr. Delenbeina( Mannheim) und Prof. S. V. Weech( Berlin), bitten davon Kenntnis zu nehmen, daß sie ihre Aemter im Deutschen Modeamt gemeinschaftlich niedergelegt haben." Was mag da vorgegangen sein? Waren die Mobegewal tigen noch stärker als die gewaltige Frau Propagandas minister? Wir wittern Chiffon- und Voile- Konflikte. Moses Loewenstein Dee jüdische Habsburger Der Nürnberger Stürmer", das Organ Strel chers, des Organisators des Judenboykotts, hat festgestellt", daß die Kaiserfamilie berer von Habsburg. jüdischen Ursprungs sei. Beispielsweise hätte Rudolf Habsburg sichtlich fremdes Blut in seinen Adern gehabt, was übrigens seine fable Gefichtsfarbe und seine gebogene Nase beweisen. Und seine Habsucht sei ein untrügliches Merkmal der jüdischen Rasse.( Erinnern wir nebenher daran, daß gelebt hat!) Und Ferdinand II.( der Katholische) ist nach dem Stürmer" ein schrecklicher jüdischer Bolschewit" gewesen. Die ganze Familie sei nicht im geringsten arisch, sondern stamme vielmehr, so wie etliche Päpste, vom jüdischen Banquier Petrus Leonis ab, der tat sächlich Peter Loewenstein geheißen und im elften Jahrhundert in Rom gelebt hat. Konzentrationslager und Prügel- eines Trotestes unserer Dichter nicht weet Rudolf von Habsburg im dreizehnten Jahrhundert Gustav Meyrink unmittelbar hinter dem grandiosen Schöpfer der Alraune". H. H. Ewers finden. Strobl hat sich etwa in seinem Gesellschaftsroman„ Der brennende Berg" mit jener Produzentenklasse intensiv beschäftigt, denen jeßt die praftische Durchführung der Brechung der Zinsknechtschaft sehr zustatten tommt; soviel bis jest verlautbar wurde, hat Strobl gegen den Verschleiß seiner Werke durch und an Juden nichts einzuwenden. Emil Ertl wird wohl jetzt über seinem„ Neuhäuselhof" das Hakenkreus anbringen müssen. Im Penklub, der internationalen Organisation der in der Rubrik" Phantasten" zwischen Paul Scherbart und Dichter und Schriftsteller zwecks Verbindung und Verständigung untereinander, hat es schon öfters gegoren; nach der stürmischen Tagung in Ragusa ist es auch in Wien zum Konflikt gekommen, als eine Rundgebung für die in den Konzentrationslagern zurückgehaltenen freiheitlichen Dichter und Schriftsteller vorgeschlagen wurde. Nach stürmischer Debatte über die Rechte jener Männer deutscher Feder, deren Mentalität noch nicht von der aufgestiegenen Nazisonne an gebräunt wurde, sind die einschlägigen Helden und Frauen deutscher Federfuchserei ausgetreten und haben an das Präsidium des Wiener Penklubs folgendes Schreiben gerichtet: " Die Zumutung, daß wir in Kerfern Schmachtende", nicht Dichter, sondern politische Agitatoren wie Ossietzky, Mühsam usw., die ständig zum Bürgerkrieg aufgefordert haben und die sich zu uns weltanschaulich wie menschlich in schroffem Gegensatz befinden, grüßen, ja ihnen unsere Sympathie ausdrücken sollen, betrachten wir als politische Aktion, gegen die wir uns gerade aus Gründen des jede Politit ausschließenden Penklubgedankens entschieden wenden müssen." Gezeichnet: Bruno Brehm, Graf Egon Corti, Dr. Emil Ertl, Hans Freiherr v. Hammerstein, Enrica Freiin v. Handel- Manzetti, Baron Wladimir Hartlieb, Robert Hohlbaum, Dr. Mirko Jelufich, Franz Nahl, Erifa Spann- Reinsch, Dr. F. Spunda, Dora Stockert- Meynert( Präsidentin des Vereines der Schriftstellerinnen), Dr. Karl Hans Strobl, Grete v. Urbanizky, ( Gründerin des Wiener Penklubs und Präsidialmitglied). Aus dem Freundeskreise des Wiener Penklubs; Rechtsanwalt Dr. Karl Peter Novotny. Daß es un politisch sei, geistige Gegner grausam zu quälen, der Freiheit zu berauben, ihre Existenz zu vernichten, dagegen politisch sich dafür einzusetzen, daß man Männer wie Rußbüldt, Offießky oder Tschuppik menschlich behandle, dieser Schluß ist den Vertretern deutscher Kultur vorbehalten geblieben. Uns interessiert von den Unterzeich neten vor allem der italienische Adelige" Graf Egon Corti, den wir als Autor der Rothschildbiografie gerade unter jene Bolfsgenossen einreihen, deren oberste Repräsentanz eben der non Corti verherrlichte Rothschild- Urvater ist. Es ist gar kein besonderes Geheimnis, daß„ Conte Egon Corti" ungefähr ebenso nahe zum Teutoburgerwald und der dort lebenden arischen Großmutter hat, wie etwa der Magier des en Reiches Hanussen- Steinschneider, der titers weile schon nach gut deutscher Sitte um dieEcke in den Grunewald gebracht wurde. Sehr fein nimmt sich auch der Iglauer Karl Hans Strobl in der Liste aus, ben wir in den Literaturgeschichten Der Tod Schilling's Also das hätten sich nicht einmal die Weisen von Ziondie allerdings im Mittelalter noch nicht erfunden waren träumen laffen, daß Rudolf von Habsburg in Wirklichkeit Moses Loewenstein hieß... Ley trinkt nicht mehr? „ Nach einer Begrüßungsansprache des Bezirkslei'ers Plattner- Karlsruhe sprach der Führer der Deutschen Arbeitsfront Dr. Ley. Mit großer Gindringlichkeit vertret er den Gedanken der Erstehung eines neuen deuf'chen Menschen. Jeder einzelne müsse eine innere Want lung durchmachen Professor Mar von Schillings, der Intendant der Berliner städtischen Oper, ist im Alter von 68 Jahren plößlich in den Folgen einer Embolie gestorben. Mit ihm scheidet eine Persönlichkeit aus dem musikalischen Leben, die als Komponist wie als Verwaltungsmann in den vergangenen Jahren große Bedeutung hatte. Schillings, 1868 geboren, stammte aus dem Rheinland. Von Jugend auf war er eng mit der geliebten Musik verbunden. 1894 wurde seine erste Oper ngreld" aufgeführt. Am bekanntesten sind„ Der Pfeifertanz" und" Mona Lisa"( 1915) geworden. Sein musikalisches Schaffen zeigt starke Begabung im Formalen, ohne neue Wege zu weisen. Als Opernkomponist trat er später zurüd, um dann als Generalmusikdirektor Opfer einer Verwechslung und Intendant von Stuttgart seinen Aufstieg zu nehmen. 1919 wurde er nach Berlin zur Leitung der Staatsoper berufen. Hier wirfte er bis 1925; unter beftigen Konflikten mußte er seinen Rücktritt nehmen. Seit 1929 dirigierte er wieder an der Staatsoper. ( Aus einem Bericht über eine Versammlung der „ Deutschen Arbeitsfront" in Stuttgart.) Zein muſikaliſches Schaffen zeigt starke Begabung im for- Was man sich zuflüstert Etwas bunkel geblieben ist Schillings Rolle im Verlauf bernationalen Revolution". Man hat nichts davon gehört, daß er, der mit vielen Ehrenämtern Gesegnete, an irgend einer Stelle ein Wort des Protestes sprach wider die unkünstlerische Austreibung nichtarischer Dirigenten, die an Bedeutung hoch über ihm standen. Ob er„ Pg." geworden ist, wissen wir nicht, aber am 24. März wurde ihm die Leitung der Städtischen Oper neu übertragen, als man den viel begabteren Karl Ebert davongejagt hatte. Meine Ueberzeugung ist, daß man ohne eine direkte, aufrichtige und herzliche Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland nie in Europa zum wirklichen Frieden kommen wird. Nitti. In einer schlesischen Stadt wurde fürzlich die berühmte Novelle Mörikes Mozarts Reise nach Prag" zum Feuertod verurteilt. Der betroffene Buchhändler legte Revision ein, diesmal überraschenderweise mit Erfolg. Es stellte sich näm lich heraus, daß man Mörike mit Mebrina verwechselt hatte. Der Zaungast Die Säuberung in der Filmindustrie ist so gut gelungen, daß es nun fast gar keine Filme mehr gibt. Die Produktionsleiter, so weit noch vorhanden, raufen sich die Haare: nicht einmal halbwegs brauchbare Filmmanuskripte sind da. Von Herrn Corell, dem Chef der Ufa, erzählt man, daß er fürzlich in seinem Achtzylinder nachts nach Oranienburg gefahren ist. Am Konzentrationslager machte er salt. Und rief über den Zaun: He da, meine Herren, haben Ste nicht vielleicht ein paar Filmmanuskripte für mich...?" Der schlimmste Fluch Ich wünsche Dir eine jüdische Großmutter! DAS BUNTE BLATT TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE Edward Bambridge: Mensch im Meer Der Sauchier als Gespenst Kämpfe mit Sieren und Menschien Der ,, Geist" in der übersɗfiwemmten fürchtet sich gewöhnlich zu sehr vor dem Taucher, um unanGrube Der Taucher arbeitet übrigens nicht immer im Meer. Oft werden seine Dienste auch auf dem Festland in Anspruch genommen, so zum Beispiel in überschwemmten Tunnels und Gruben. Bei einer Bergwerkstatastrophe, die sich vor einigen Jahren in Amerika ereignet hatte, sollte ich mit drei anderen Tauchern einen Versuch zur Rettung der Bergleute unternehmen. Glücklicherweise gelang es uns, einer kleinen Abteilung Lebensmittel zu bringen und sie schließlich lebendig zu bergen. Einem der Geretteten wurden die Hilfsmaßnahmen aber fast zum Verhängnis. Nicht viel hätte gefehlt, und er wäre durch sie in den Wahnsinn getrieben worden. Wir mußten einen mit Wasser gefüllten Stollen passieren, der zu einem höhergelegenen Punkte führte; man nahm an, daß sich ein Bergmann vor der Flut dorthin gerettet habe. Der Mann, um den es sich handelte, war fünf Tage lang verschüttet gewesen. Er hatte sich schon nahezu aufgegeben und, geschwächt, wie er war, war er eine Beute der Verzweiflung und unheimlicher Visionen. Während er da in vollkommener Stille in der Grube hockte, sah er beim flatfernden Lichte seiner Lampe das Heranfluten des Wassers; er mußte erwarten, daß es jeden Augenblick steigen und er wie eine Ratte ertrinken müsse. So kann man es ihm nicht verdenken, wenn er einen Nervenzusammenbruch erlitt. Plötzlich wurde das Wasser im Stollen bewegt; kleine Wellen liefen fast bis zu seinen Füßen. Er glaubte, daß die Flut steige und sprang entfest auf die Füße. Er drückt sich gegen die Wand, die am weitesten vom Wasser entfernt war; die Wellen wurden höher, und plötzlich erhob sich aus den Tiefen der Flut ein dunkles, unheimliches Etwas. Es stieg und nahm eine entsetzliche Gestalt an. Es troff von Wasser. Seine Bewegungen waren langsam und gespensterhaft. Es hatte riesige Augen und streckte drohend die Arme aus wie ein Ungeheuer aus vorgeschichtlichen Tagen. Der Bergmann schrie auf vor Schrecken. Was war dies schleimige Geschöpf der Dunkelheit? Dann sah er, daß der Dämon" etwas in den Händen hielt. Es war eine Tafel. Dieser anheimelnde Gegenstand beruhigte den Bergmann ein wenig. Zitternd nahm er die Tafel und las darauf die Botschaft, die für ihn Leben bedeutete: „ Ich bin ein Taucher. Essen Sie mäßig von den Lebensmitteln, die ich Ihnen bringe. Hilfe ist nahe, fassen Sie Mut!" Man muß dem Manne seine Aufregung zugute halten, denn da sein Wohnort einige hundert Meilen vom Meer entfernt war, hatte er niemals einen Taucher gesehen und hatte sicher nicht daran gedacht, daß einer aus dem Wasser der Grube aufsteigen und ihn retten könnte. Der Anblick, den ich nach seinen späteren Mitteilung geschildert habe, brachte ihn fast um den Verstand. Wochenlang nach seiner Rettung lag er mit schwerem Nervenfieber und Wahnvorstellungen im Spital. Duell unter Wasser genehm zu werden, und kann jedenfalls meistens leicht durch das einfache Mittel verscheucht werden, daß man einen ge= wissen Vorrat an Luft im Taucheranzug ansammelt und sie dann plößlich durch das Ventil im Helm ausströmen läßt. Das plötzliche Aufsteigen der Blasen verscheucht den Menschenfresser". Persönlich habe ich es lieber mit einem Hai oder einem Tintenfisch zu tun als mit einem Meeraal. Dieser ist außerordentlich kräftig und gar nicht furchtsam, und man findet ihn in den meisten Meeren. Ich wurde einmal von einem Meeraal angegriffen, während ich bei der Bergung von Bargeld auf einem Wrack an der britischen Ostküste beschäftigt war. Der Angriff war so plötzlich, daß er mich für den Augenblick ganz überrumpelte, und ehe ich mein Messer ziehen konnte, hatte mich der Meeraal am Bein, gerade oberhalb des Knöchels, gepackt. Wenn sich der Meeraal einmal festgebissen hat, ist er außerordentlich zähe; er läßt nicht los, nicht einmal im Tode. In einem solchen Falle gibt es nur eines- man muß dem Tiere den Kopf abschneiden. Dies gelang mir, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, da der Aal um mich wie eine Peitschenschnur herumsauste. Als ich ihn gerade getötet hatte, merkten oben die Kameraden, daß etwas unangenehmes vor sich gehe, und zogen mich an die Oberfläche, während der Kopf des Fisches noch in meinem Beine festgebissen war. Es war eine garz schwere Aufgabe, ihn loszuwerden. Ich übertreibe nicht im geringsten, wenn ich sage, daß wir seine toten Kiefer mit Stangen auf brechen mußten, um mich von ihm zu befreien. Dieser Meeraal war ungefähr acht Fuß lang und wog nach meiner Schätzung etwa hundertzehn Pfund. Man sollte glauben, daß die Gefahren beim Tauchen augenscheinlich genug wären, ohne daß die Menschen sie noch aus eigenem Antrieb vergrößerten. Aber, es ist eine nachgewiesene Tatsache, daß einmal auf dem Meeresgrunde ein Kampf zwischen Tauchern stattgefunden hat. Sie befanden sich auf dem Wrack des berühmten Schiffes„ Royal George" rnd sollten Messinggeschüße bergen. Da jedem Manne die von ihm gehobene Stückzahl gutgeschrieben wurde, gab es eine gewisse Rivalität. Es ist nun eine anerkannte Regel, Häßliches aftes Entfein Yon Martha Hofmann Sie ist so müde und so leicht verwirrt, Wie Staub liegts auf dem Haar und auf den Brauen, Die Augen haben solch erschrecktes Schauen, Als wäre sie ein Kind und wär' verirrt... Und ist doch längst nicht mehr ein Kind an Jahren. So an die Vierzig und vielleicht schon mehr. Doch- war es nicht erst gestern, da sie sehr Jung, strahlend jung, zur Probe hingefahren? Probe als„ Nora" und„ Rautendelein" Und rauschender Applaus bei der Premiere. Sie fiebert glühend, als ob's gestern wäre. Doch ging die Bühne der Provinzstadt ein. Dann hieß es warten, in der Hauptstadt lauern, Ob einer sie entdeckt Es muß ja sein, Daß eine Rolle wartet! Heimkehr? Nein! - Doch die Agenten zucken und bedauern. Die Krise muß ja bald vorübergehn! Hunger macht schlank doch Kälte, die ist böse. Wenn sie entdeckt sein wird die Welt soll sehn, Daß fie viel mehr sein kann als nur Souffleuse. Das ist sie nur indessen, nur einstweilen. Bald breiten Flügel sich, der Schwan entstetgt... So spät da heißt es ins Theater eilen! ( Im Stillen hofft sie, daß die Diva streift) Ein Humorist Mark Twain galt, wie bekannt, als der erste Bizbold der Vereinigten Staaten. Von den unzähligen Streichen, die er auf seinem Konto hatte, wollen wir einen zum besten geben, der wenigstens den Vorzug hat, authentisch zu sein. Eines Tages gedachte er einen„ Clergyman" anzuführen, mit dem er befreundet war. Er ging nach seiner Predigt zu ihm und sagte zu ihm: Ihre Predigt war ausgezeichnet, mein Lieber; bloß habe ich daheim ein Buch, worin sie vom ersten bis zum letzten Wort enthalten ist." Man denke sich die Aufregung des Geistlichen, der sich des Plagiates angeklagt sieht. Mark Twain läßt ihn zwet Tage lang in seiner Verwirrung. Endlich, am dritten Tag, schickt er ihm den Beweis, wonach jener ärgerlich und ungeduldig verlangte. Es war ganz einfach ein Wörterbuch... daß irgendein geborgenes Stück demjenigen gehört, ber es Was Nestroy dazu sagt zuerst bezeichnet hat, und in diesem Falle scheint ein Mann namens Girvan, sich darangemacht zu haben, ein kleines Geschütz zu heben, das nach dem ungeschriebenen Gesetz einem anderen, einem gewissen Lones, gehörte. Jones teilte Girvan dies mit, aber dieser wollte nicht nachgeben, und sie wurden handgemein. Girvan war der stärkere von beiden und bekam gerade die Oberhand in diesem schrecklichen Streit, als Jones flugerweise den Kampf abbrach und längs des Schutztaues zu entkommen suchte. Aber Girvans Zorn war erregt. Er packte den Mann bei den Beinen und zerrte ihn zu einem erneuten Kampfe hinunter, in dessen Verlauf eines der Fenster seines Helmes zerbrochen wurde. Oben hatten inzwischen die Kameraden gemerkt, daß sich da in der Tiefe etwas sehr Seltsames zutrug und zogen die beiden Männer hinauf. Das war ein Glück für Girvan, denn er wäre sonst zweifellos ertrunken. So aber hatten die beiden Männer feinen weiteren Schaden von ihrem verrückten Zusammenstoß und wurden später intime Freunde, nachdem sie den eigenartigen Rekord aufgestellt hatten, den In Erzählungen werden die Taucher gewöhnlich von Haifischen und Tintenfischen angegriffen; besonders der Tintenfisch spielt eine große Rolle in Abenteuergeschichten, in denen Taucher vorkommen. Im wirklichen Leben hingegen bereitet teiner von beiden viel Ungelegenheiten. Der Hai Meeresgrund ausgefochten zu haben. Was es alles gibt Kobragift gegen Krebs Professor Calmette hat in der Akademie der Wissenschaften in Paris eine Mitteilung betreffend die Krebs= behandlung gemacht. Er erklärte, daß zwei Gelehrte, Monaelsser( Neuyork) und Tarquet( Paris), die Jdee gehabt haben, schwache Dosen von Kobra gift zu verwenden, um verschiedene Formen des Krebses zu behandeln. Die Entwicklung gewisser Tumore sei zum Stillstand gekommen und die unerträglichen Schmerzen, an denen die Batienten litten, feien gemildert worden. Calmette habe fich dann entschlossen, Kobragift zu verwenden, um von Krebs ergriffene Mäuse zu behandeln, und die Geschwülste seien nach zehn bis zwanzig Injektionen verschwunden. Professor Calmette wolle aus diesen Tatsachen keine Folgerungen ziehen, aber er sei der Ansicht, daß hierin für die Forscher eine Ermutigung liege, die Studien über die Heilung des Krebses fortzuseßen. „ Gepfiffene" Sprachie In fast allen Ländern der Erde besteht der Brauch, daß die Straßenjungen einander mit mehr oder weniger grellen Pfiffen verständigen. Manche von ihnen haben gleich eine Menge Pfeifsignale" zur Verfügung, um sich gegenseitig von irgendeinem Geschehen Mitteilung zu machen. Leute, wie Matrosen, Polizisten, Bauarbeiter, verständigen sich oft durch Pfeifzeichen. Eine wirklich ausgebildete Pfeiffprache gibt es auf einer der Kanarischen Inseln. Die Insel ist von tiefen Schluchten durchwühlt, in denen Wildbäche und Wasserfälle rauschen. Nur schmale kurvenreiche Pfade führen an steilen Abhängen ins Land. Auf dieser Insel wurde die Pfeifsprache geboren. Als der englische Forscher Quedenfelt mit einem einheimischen Führer diese Insel Gomeria durchforschte, ertönte plöhlich auf einem schmalen Pfad hinter einem Felsvorsprung ein langgezogener Pfiff. Der Engländer wußte nicht, was das Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürfte einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehms nicht. Zwischen Auskommen und Einkommen is' es schwer, das gehörige Verhältnis herzustellen, denn 3' Geld kommt auf schwerfällige Podagrafüß' herein und fliegt auf Zephir flügeln hinaus. Die Dymmheit ist eine furchtbare Stärke, sie ist ein Fels, der unerschüttert dasteht, wenn auch ein Meer von Vernunft ihm seine Wogen an die Stirne schleudert. * Die Reaktion ist ein Gespenst, aber Gespenster gibt es nur für die Furchtsamen. ersten- und, wie ich glaube, den letzten- Kampf auf dem Ladien nidit verlernen bedeuten sollte. Da antwortete zu seinem Erstaunen sein Führer ebenfalls mit einem Pfiff. Der englische Forscher blieb stehen und wartete das Kommende ab. Immer wieder ertönten Pfiffe von der anderen Seite, und regelmäßig antwortete der Führer. Manchmal waren es kurze Pfiffe, manchmal hörte man fast Melodien. Nach einigen Minuten hieß der Einheimische den Engländer umzukehren. Als Quedenfelt seinen Führer fragte, was er da gepfiffen habe, antwortete dieser, daß der andere ihn gewarnt hätte, weiterzugehen, da ein Felssturz den Weg verschüttet habe. Ein Affe klagt gegen eine Filmgesellschaft Vor dem Pariser Friedensrichter erschien fürzlich ein mert würdiger Kläger: ein Affe. Allerdins war es kein gewöhnlicher Affe, sondern ein Kinoaffe, der sich der Würde des Ortes entsprechend benahm. Der Affe sollte in einem Robinson- Film, der an der französischen Riviera gedreht wurde, auftreten. Er sollte von einer hohen Palme ein schiffbrüchiges Liebespaar mit Kokosnüssen bombardieren. Aber die Sache klappte nicht. Das Liebespaar stieg, wassertriefend, mehr als ein dußendmal aus den Fluten des Mittelmeeres, aber der Affe weigerte sich, auf die Palme zu klettern und sein Bombardement zu eröffnen. Die Filmgesellschaft verweigerte ihm darauf die Auszahlung des Honorars von 1800 Franken. Bor Gericht ließ der Affe durch den Mund des Managers erklären, daß die Palmen an der Riviera für solche Kletterfünfte ungeeignet seien. Sie seien brüchig und hätten Stacheln, so daß sich der Affe schwer verletzt habe. Das Gericht hat einen Sachverständigen bestellt, der die Verlegungen des Affen untersuchen und feststellen soll, ob dem Affen zugemutet werden kann, die Revierapalmen als richtige Rokospalmen anzusehen. Ich erkläre, daß das Wort„ Gerechtigkeit" das schönste der • menschlichen Sprache ist und man weinen muß, wenn die Menschen es nicht mehr verstehen. Jules Renard( Tagebuch 1892) Recht hat er Flamm ging zum Metzger, ein Beefsteak zu kaufen. Ist es zart?" fragte er. Der Megger sagte: " Bart und weich wie das Herz einer schönen Frau." Flamm legte enttäuscht das Beefsteak zurück: Dann geben Sie mir lieber ein besseres Stück." Kindlicher Einfall ,, Mutti, könnte ich nicht statt meiner Puppe ein lebendiges Kind bekommen?" „ Aber warum denn?" " Weißt du, das geht nicht so schnell kaput, wenn man es mal hinwirft." Fris gibt mir auliebe jetzt das Rauchen auf." „ Nein, das finde ich aber altmodisch." „ Wieso? Er meint, wir könnten es uns nicht leisten, beide au rauchen...* „ Na, Herr Nachbar, was geschoffen auf der Jagd?" „ Und ob; vier Enten!" " Waren sie wild?" ,, Nee, nur der Bauer!" Zirkusdirektor:„ Machen Sie doch schnell. In eine Minute ist Ihr Auftritt!" Zauberkünstler: Ja, ja. Ich komme schon! Denken Sie denn, ich kann heren?" „ Sie, Friebe, das war ja aber gestern abend eine miese Ziege, mit der ich Sie gesehen habe." " Jaja, ist schon gut aber, bitte, erzählen Sie meiner Frau nichts davon." " Weiß Sies nicht?" " Doch natürlich! Sie wars ja!" ( Pathfinder") Hausmädchen:... der Herr läßt Ihnen sagen, daß Sie ihn entschuldigen möchten, 1 - er sei ausgegangen!" Herr: Gutsagen Sie ihm, daß er mich entschuldigen möchte, ich sei gar nicht dagewesen!"(„ Nebelspalter") Freunde in Deutschland Ein Flüchtling erzählt Von meinen Freunden und Arbeitsgefährten, die heute noch in Deutschland sind, hat taum einer nicht Tragisches, Fürchterliches, Grauenerregendes, unendlich Demütigendes in den letzten Monaten erlebt: Giner von ihnen, der mir besonders nahesteht, wurde in einem Konzentrationslager gefoltert; ein andrer liegt an den Folgen eines- mißglückten - Selbstmordversuches schwer danieder; einen dritten hat man aus der Stellung gejagt und den Sohn zum Krüppel geschlagen. Ungezählte der Genoffen, mit denen ich täglich arbeitete, von denen mir jeder nabesteht, als wär's ein Stück von mir", an die ich Tag für Tag mit einer Angst und einem Schmerz denke, der mich ihre Qualen miterdulden läßt, von denen ich Nacht für Nacht in schrecklichen Bildern ohnmächtiger Hilfsbereitschaft träume, sind Opfer einer barbarischen Unmenschlichkeit. Darf ich von drei von ihnen erzählen? Vater Hartmann Den alten Hartmann, heute Häftling in einem Konzentrationslager, fenne ich seit 1929. Damals war er bereits sechsundfünfzig Jahre alt, sett zwei Jahren arbeitslos, und wußte ganz genau, er würde zeitlebens nicht wieder in seinem Gewerbe unterkommen. Er existierte von einer fümmerlichen Unterstüßung der kleinen Gemeinde, in der er seit fünfzehn Jahren Gemeindeverordneter der Sozialdemokratie war. Von dem Tag an, wo er durch einen Streit- um jeinen Arbeitsplak kam, bemühte er sich ohne Unterlaß um die Angelegenheiten seines Ortes. Und weil er Vorsitzender des Wohlfahrtsausschusses war und weil er die Intereffen der Arbeitslosen im Gemeindeverband und an einem Dutzend andrer Stellen vertrat, nannten ihn nicht nur seine Freunde und Genoffen, sondern jedermann in der Gemeinde mit sehr viel Hochachtung, Dankbarkeit, Verehrung und Liebe: Water Hartmann. Hartmann hat mir von seiner Arbeit im WohlfahrtsausSchuß und an andern Stellen mit solcher Hingebung und jolchem Eifer erzählt, daß ich ihm oft mahnend sagen mußte: Weißt du, wenn man dich sprechen hört, tönnte man glauben, du habest selbst keine Sorgen- so viel Zeit hast du für deine Mitmenschen!" Eine Antwort auf diesen Einwurf habe ich nie bekommen, denn Hartmann war zu sehr damit beschäftigt, mit mir über Fragen des Arbeitslosenrechtes und der praftischen Sozialpolitit zu diskutieren. Wichtig und erörternswert war für ihn nur: ob dieser oder jener Versuch, Gefeßstellen zu interpretieren, denen, die sich an ihn gewandt hatten, Hilfe bringen könnte. Weil er mich nur immer deswegen aufgesucht hat, weil er vor allem nur dann längere Zeit in der Stadt verweilte, wenn er auf seinen Fürsorgegängen unterwegs war, tamen wir nie näher auf seine persönlichen Angelegenheiten zu sprechen. Nur durch einen Zufall erfuhr ich: der alte Hartmann legte den Weg von seinem Ort in die Stabt, der gut zehn Kilometer betrug, dreimal in der Woche hin und zurück zu Fuß zurück, denn er wollte den fümmerlichen Fürforgeetat feines Dorfes nicht durch Sonderausga ben belasten. Als ich ihm einmal die 1,20 Mart mit vielen Mühen aufgebrängt hatte und ihn bat, sich bei dem gerade herrschenden unangenehm naßfaltem Wetter die zehn Kilometer Rückweg u ersparen, nahm er das Geld und taufte dafür den Enfeltindern eines arbeitslosen Kollegen Spielzeug. Er war die personifizierte Güte, Menschlichkeit, Silfsbereitschaft: ber gute Vater Hartmann, den man gern haben und den man verehren mußte, meil seine werftätige Solidarität so phrafenlos und selbstverständlich dargeboten wurde. Er, der arbeitslose Solabildhauer, der feit fecha Jabren Not litt, war von einer rührenden lebensfrohen Selbstlosigkeit, daß mir fioh zumute wurde, fooft ich an thn dachte, fooft wir mit einander sprachen. Immer wieder sagten seine arbeitslosen Kollegen:" Ja, der Vater Hartmann, wenn alle so wären wie ber, dann wäre es in der Welt besser bestellt!" Als den sozialdemokratischen Gemeinderäten das Mandat genommen wurde, ging Hartmann zu dem Bürgermeister und erklärte:" Fünfzehn Jahre habe ich wohlfahrtsausschuß gemacht, iezt machen Sie es. Aber Sie können mir eines glauben: es wird der Tag kommen, wo die Leute vergleichen werden, wer mehr für sie geleistet hat!" Der Bürgermeister alarmierte die A., beorderte Polizei aus der Kreisstadt und ließ Hartmann verhaften. Man führte den Sechzigjährigen mit einem Schild:„ Ich bin der alte Bonze Hartmann" durch den Ort, schoß bei einem Versuch, ihn zu befreien, zwei junge Burschen und eine Arbeiter frau nieder und brachte ihn denselben Weg, den er seit sechs Jahren Woche für Woche dreimal für seine Erwerbslosen gegangen war, zur Stadt und ins Konzentrationslager. Das Fräulein Erna Die Jugendfürsorgerin Erna, jetzt neunundzwanzig Jahre alt, betreut seit fünf Jahren die Jugend eines Großstadtdistrikts. Wie sie das macht, wie sehr sie dabei versteht, den Arbeiterfrauen das Tragen ihrer Sorgen zu erleichtern, ahnt nur der, ber mit der Erna einmal einen Dienstgang gemacht hat. Eigentlich muß sie sich nur um den Gesundheitszustand und die Erziehungsverhältnisse der Kleinsten und Kleinen fümmern. Ich weiß aber ganz genau, daß die Erna ihr Titigkeitsgebiet selbst nicht so eng begrenzte. Denn Not brennt alle, nicht nur die Jugend. Wenn das Arbeitsamt ein Gesuch abgelehnt hat, wenn der Mietszuschuß gefürzt wird, wenn eine Erziehungsbeihilfe erobert werden soll, Erna. „ das Fräulein von der Jugendwohlfahrt". wie man sie nennt, hilft immer. Ja, ich kenne auch mehr als einen Fall, wo eine Arbeiterfrau, die der Trunksucht und Brutalität ihres Mannes wegen ganz verzweifelt war, dem drohte:„ Ich sag' es dem Fräulein Erna"- es hatte Erfolg. Die Erna ist ein resoluter, energischer Kerl, ein Mensch, der in die Welt gehört". Vor Weihnachten lief fie monatelang herum, für ihre" Kinder. Alten Erzellenzen, griesgrämigen Fettbourgeois, bösartigen Stadträten, engstirnigen Bürokraten, herzlosen Bankiers, ihnen allen hat sie von , ihren" Kindern so viel erzählt und sie so bestürmt, bedrängt und gequält, daß sie für ihre Aweihundertdret Pflegebefohle= nen zu Weihnachten auch zweiwundertdret Pakete hatte. Den Keinsten, den Kleinen, den Schulpflichtigen, aber auch den jungen Arbeitslosen hat die Erna imponiert. Sie haben auf sie gehört, haben sich von ihr etwas sagen lassen, und die Erna hat, wo es nötig war, fie erzogen. Einmal sprach ich über sie mit ihrem obersten Vorgesezten, einem bürgerlichen Stadtrat. Er sagte:„ Die Erna ist ein Prachtmensch, ein Teufelskerl, die beste Kraft in meiner Abteilung. Jede Woche überfällt fie mich in meinem Amt und kämpft wie eine Löwenmuffer um ihre" Jungen, für die fie Zuschüsse, BeiHilfen und Erziehungsbeiträge will. Als ich vor kurzem mal nicht nachgeben wollte, hat sie mir gedroht, für„ thre" Kinder betteln zu gehen. Ich hatte wirklich Angst, das Mädel macht ihre Drohung wahr, und habe eben die Paar Kinderschuhe bewilligt, um die sie mit mir gestritten hat." Seit die Gleichschaltung gekommen ist, geht es der Erna schlecht. Der Stadtrat, ein hervorragender Fachmann, wurde durch einen ehemaligen Marineoffizier erießt, der eine ganze Weile Geschäftsführer eines Spielklubs, und da= zwischen Fememörder war. Die Unterstüßungen für die Rinder wurden um die Sälfte aetürzt, und die Erna ist Sozialistin und trägt einen Bubenkopf mit Herrenschnitt. Es ist zum Verzweifeln," erzählt sie, niemand ist mehr mit meiner Arbeit zufrieden. Man wirft mir vor, ich verweichliche die Jugend und betreibe Wohlfahrtsstaatspolitik. Man sagt mir, daß sich Frauen für einen solchen Posten überhaupt nicht eignen und daß meine Pflegebefohlenen Strolche sind." Die Jugendfürsorgerin Erna ist am 9. Juni fristlos entTassen worden und heute erreicht mich von ihr ein Brief: Die Fürsorgeunterstüßung, von der ich jetzt leben muß, ist wenig, und ich weiß nicht, wovon ich jetzt meinen Eltern helfen soll, aber eines jammert mich: Was wird aus meinen Kindern?" Ein wegen Roheitsdelikten aus dem Amt aeiagter Polizeibeamter war ihr Nachfolger. Einer wird Sozialist Der Mann von dem ich jetzt berichte, ist von altem westfälischem Adel und Sohn einer Familie, in der seit urdentlichen Zeiten der ältere Sohn Offizier, der jüngere Ver= waltungsjurist geworden ist. Karl, wie ich ihn nennen will, ist seit Jahren in einer der fulturellen Einrichtungen des Reiches beschäftigt, die ihrer Tradition und ihrer Struttur nach reaktionär sind. Ich kannte ihn ursprünglich nur dem Namen nach, aber die Genossen, die mit ihm beruflich zu tun hatten, erzählten mir gelegentlich von ihm: Er ist ein Mensch, der seinem Aeußeren und seiner geistigen Haltung nach eine merkwürdige Mischung von altem Beamtenadel und modernen Anschauungen ist; reaktionär, aber nicht einsichtslos." Mich hat dieses Urteil neugierig gemacht ich suchte und fand eine Gelegenheit, mit Karl bekannt zu werden. Mein Eindruck deckte sich im wesentlichen mit dem von mir wiedergegebenen Urteil, und gerade weil er ein Kerl von Format und Tüchtigkeit war, ärgerte es mich ein wenig, daß er auf der andern Front des Klassentampfes stand. Folglich stritt ich mit ihm. Für mich war das nicht leicht, denn mein Gegner war auf all den Gebieten, die ich für eine weltanschauliche Auseinanderseßung wählte, gut beschlagen: Was er sagte, hatte Hand und Fuß, wie er argumentierte, war gut durchdacht. Er nahm meine Ansichten zur Kenntnis, machte gelegentlich auch kleine Zugeständnisse, überzeugen konnte ich ihn nicht. In seiner Behörde wimmelte es schon 1981, erst recht 1982 von Nationalsozialisten. Als die Welle der Gleichschaltung tam, gab es außer ihm nur Hitler- Leute in seinem Amt, und im April wurde auch sein unmittelbarer Vorgesezter in Berlin Anhänger der NSDAP. Ich hatte aus dem, was ich selbst sah, und noch mehr aus dem, was mir Freunde erzählten, den Eindruck, ihm sei entsprechend seiner ganzen Einstellung der Sturz des Systems" nicht überraschend und auch nicht unwillkommen erschienen. Gerade weil er fein Konjunktur- Rechtser war, weil er nicht einer Strömung nachlief und sich von ihr emportragen ließ, war persönlich dagegen nichts zu sagen. Und doch schmerzte es mich. Ende Mati bekam ich, ich glaubte, er babe schon längst bas nationalsozialistische Parteibuch in der Tasche, von ihm einen Brief, wie ich es von ihm gewöhnt war: vorsichtig formuliert. Nur ein einziger Saß war auf die Zeitereignisse bezogen: " Ich habe, meiner Gewohnheit treu, feinerlei Abzeichen er worben, weder das deutsche Sportabzeichen, noch ein andres!" Was er meinte, war mir sofort klar: er war nicht Nationalsozialist geworden! Anfang Juli erhielt ich über einen Umweg- einen zweiten Brief:" Der Ordnung halber telle ich Ihnen mit, daß ich zu dem Entschluß gekommen bin, der für jeden Menschen in Deutschland, der nur anständig, nur ehrlich, nur rechtlich denkend ist, meiner Meinung nach selbstverständlich ist: mich hat das, was ich mitangesehen habe, zum Sozialisten gemacht!" Och möchte fagen, daß meine Sorgen nicht fleiner geworden sind, daß mir das, was heute im Herzen Europas geschieht, tief web tut, weil ich das deutsche Volt so lieb habe, wie man es heute nur Iteb haben kann, wenn man aus Deutschland entkommen ist, aber mich hat der Brief, den ich zuletzt erwähnte, in all dem Elend dieses Jahres 1988 wieder hoffnungsvoll gemacht, weil er mir den heiligen Glauben und die frohe Zuversicht gegeben hat: Deutschland wird wiedererobert werden für die Freiheit, Menschlichkeit und Kultur, und es wird wiedererobert werden von dem deutschen Volke selbst als sosialistisches Deutschland! Arbeitermanifest gegen deutsche Waren Last Villen sprechen! Ein Boykottbrief aus England Englisches Arbeitermanifest ruft zum Boykott gegen deutsche Waren auf Der britische National Joint Council, der die britischen Gewerkschaften, die Labour Party und die Labour Barlamentsfraktion repräsentiert, hat ein Manifest erlaffen, in dem zum Boykott gegen deutsche Waren und Dienste aufgefordert wird. In dem Manifest heißt es: " Gegen Hitlers Regierung sind die gewöhnlichen Methoden des Protestes und Appells awedlos. Diese gefühllose Dittatur muß mit anderen Waffen bekämpft werden." Der Aufruf zählt dann die Waren und Dienste auf, die in Frage kommen.( Es werden als die Waren, die hauptsächlich aus Deutschland nach England eingeführt werden u. a. genannt: Haushaltsgeräte, Stahl- und Eisenwaren, fotografische und optische Waren, Uhren, Werkzeuge aller Art, Woll- und Rammgarnstoffe und andere Textilien, Kleidung, Beberwaren, Schreibwaren, Gummiwaren, Autos, Räder, elektrische Apparate, Musikinstrumente, Gemüse, Kartoffeln, Wein und Bier, Filme und Schiffahrt). Der Appell, von dem Kauf solcher deutscher Waren und der Benugung solcher deutscher Dienstleistungen abzusehen, richtet sich ausdrücklich nicht nur an die Arbeiter, Schleßen genügt auch! Der Gummiknüppelerlaẞ Die Polizeibeamten sollen in Zukunft nicht mehr mit dem Gummifnüppel auf der Straße Dienst tun. Diese humane Verordnung" wird damit begründet, daß die Schießerlasse vollkommen ausreichen. Splelhölen beleben Katastrophale Lage der deutschen Badeorte Die Deutsche Allgemeine Zeitung" tommentiert die Zulaffung von Spielhöllen in deutschen Badeorten wie folgt: " Der zweite Grund, der die Regierung der nationalen Erhebung veranlaßt hat, öffentliche Spielbanken zuzulassen, ift die tatastrophale Lage der Badeorte" sondern an alle, die mit den englischen Arbeitern den Abs schen und den Etel teilen gegenüber der Zerstörung der menschlichen Freiheit und der Bürgerrechte. wörtlich fährt das Mantfest fort: Die SA. soll Wache schieben Der fächsische Statthalter Fabrikant Martin Mutschmann ist ein schwerreicher Fabrikant aus Plauen. Er hat sich jetzt in Dresden eine prunkhafte Villa eingerichtet und Manfred Killinger, der nationalsozialistische Herrscher von Sachsen, ließ sich sofort ebenfalls eine mit wahrhaft orientalischem Lurus ausgestattete Villa bereit machen. Es wurde eine Spezialwache von 12 SA.- Leuten den beiden hohen Führern zur Verfügung gestellt, die nach wenigen Tagen meuterten. Während 11 dieser Meuterer verhaftet wurden über ihr Verbleiben ist nichts bekannt, ist es einem gelungen, nach abenteuerlicher Flucht ins Ausland zu entkommen. Er erklärte, einen derartigen Lurus habe man nie bei„ Marristen" beobachten können, er werde dafür sorgen, daß die irregeführten SA.- Leute, welche hungern und sich abschinden, über den Verrat ihrer Führer informiert werden. Wir halten das deutsche Volt nicht für schuldig für die Handlungen seiner Regierung, die sich die politische Macht gewaltsam angeeignet hat und die soziale Freiheit zerstört hat. Wir können nicht glauben, daß das deutsche Volk überbaupt etwas von den Methoden gewahr wird, mit denen die gegenwärtige Regierung sich die internationale Sympathie verscherzt hat. Unser Ruf zum Boykott gegen deutsche Waren und Dienste soll nicht das deutsche Volt schädigen, aber er soll der Regierung fühlbar machen, daß die Verbrechen, die sie begangen hat und noch begeht, von den Völkern der die fie begangen hat und noch begeht, von den Völkern der Hitler- Jugend als Zwang Welt nicht verziehen werden." Es wird zum Schluß nachdrücklich betont, daß der Boykott so wirksam gestaltet werden muß, daß das deutsche Volk sich vom Hitlerismus befreit und zur Freiheit und Demotratte zurückkehrt. Zugleich ruft der National Joint Council zu Beiträgen für den Matteotti- Fond auf, aus dem die Opfer des Hitlerterrors unterstützt werden sollen. ,, Es ist leichter... Die abgesagte Revolution Der sächsische Innenminister Fritsch sagte auf dem Gau tag:„ Glauben Sie, es ist leichter, einen mit Gewalt von seinem Amte zu entheben, als eine Revolution von oben gesetzmäßig durchführen; der Führer sagte selbst vor einigen Tagen in Berlin, daß alle eigenmächtigen Handlungen aufzuhören haben." Nur Partelbuchbeamte Der Justizminister von Preußen hat verfügt, daß bei der Einstellung auch von Hilfskräften in der Justis alte, er= probte Kämpfer der nationalen Bewegung, besonders SA.Männer" zu bevorzugen find. Die„ National- Beitung" in Essen veröffentlicht eint Interview des Referenten für das Volksschulwesen im preußischen Kultusministerium Ministerialrat Dr. Bed, der erklärte, alle Volksschüler und schülerinnen würden fünftig vom 8. bis 14. Lebensjahr dem„ Jungvolk", der Vorstufe der Hitler- Jugend, angehören. Die entsprechenden gefeßlichen Maßnahmen seien bereits in Vorbereitung. Der mißliebige Gauleiter Verfahren gegen Brückner Der Oberpräsident Brückner hat in seiner Eigenschaft als Gauleiter wiederholt heftig gegen den schlesischen Großgrundbesitz gesprochen und sogar die Enteignung propagiert. Der preußische Ministerpräsident Göring, der inzwischen nicht nur Villenbefizer geworden ist, sondern auch alle Vorberettungen zum Ankauf eines großen Gutes gerade in Schlesien ge= troffen hatte, hat bei Hitler die Amtsenthebung des Oberpräsidenten beantragt. Da Hitler diesem Antrag nicht stattgegeben hat, hat Göring von sich aus ein Disziplinarverfahren gegen Brückner eingeleitet. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Pig: Inferate Otto Kuhn, beide, in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b. S., Saarbrüden, Schüßenstraße 5. Kathrine kehrt heim Von Adrienne Thomas ,, Kathrine wird Soldat" heißt eines der aufwühlendsten Kriegsbücher, doppelt erregend, weil es von einer Frau geschrieben ist. Adrienne Thomas hat darin ihre Erlebnisse als Rote- Kreuz- Schwester geschildert. Natürlich ist sie Kriegsgegnerin, haßt das bestialische Gemezel. Nach Jahren in der Fremde ist sie heimgekehrt, nach Mez, ihrer Vaterstadt, und wie sie die Stätten ihrer Kindheit und ihrer Leiden wiederfand, das schildert sie in einem neuen Buch. Wir vermitteln unsern Lesern Stücke dieser neuen Arbeit der tapferen Frau und tun das um so lieber, als die Verfasserin von dem Wege, den sie mit ihrem ersten, kriegsfeindlichen Buch beschritten hat, nicht einen Schritt abgewichen ist. Zehnter Mai Neunzehnhundertdreiunddreißig Heute, da ich darangehe, diese Eindrücke einer Lothringenreise zusammenzustellen, rauchen im Dritten Reich die Schetterhaufen, um den Ungeist der Vergangenheit den Flammen anzuvertrauen". Einer Anklage, die sich auf Argumente stüßt, wie„ dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache" und demokratisch- jüdische Prägung" hat man fein einziges Wort entgegenzustellen. Dieser Ungeist" kann auch auf jegliche Rechtfertigung verzichten. Er ist bereits gerade über diese Scheiterhaufen auf dem direktesten Weg in die Geschichte eingegangen. Nur für uns selbst, für unsere Kriegsgeneration möchte ich feststellen, daß er es war, der uns in einem Leben, dessen Phasen Inflation, Verarmung, Krise, Nationalsozialismus hießen, die Haltung jener persönlichen Tapferkeit gab, die von uns in all diesen Jahren in weit größerem Umfang gefordert wurde als im Krieg. Bei uns handelte es sich um einen permanenten Kampf. Wir hatten nicht Schuß und Unterstand. Uns traf es immer. Vernichtete mühselig Aufgebautes, schwer errungenen Erfolg und viele Existenzen. Nur uns selbst nicht. Wir standen wieder auf, fingen wer weiß noch, zum wievielten Male?- von vorn an und wollten in der Grausamkeit unserer Epoche noch etwas Naturgewaltiges, den Atem von etwas mitreißend Neuem spüren. Ein Glaube, der in diesen Tagen der totalen Sonnenfinsternis zwar betäubt, aber nicht erstickt werden konnte. Auch dieses Mal, das geloben wir in dieser Stunde dem Ungeist", auch dieses Mal werden wir wieder aufstehen und uns in Reih und Glied stellen für die, die jetzt auf dem Felde der Ehre geblieben sind. Denn das Naturgewaltige, das mitreißend Neue, an das wir glauben, ist etwas uraltes, ist: menschliches Erkenntnisvermögen. Schon einmal, vor genau breihundert Jahren, schlug seine Stunde auf einem Scheiterhaufen:„ Eppur si muove*)!" Und„ Eppur si muove!" ruft es in dieser Nacht aller Welt vernehmbar von den Holzstößen in die Sonnenfinsternis hinein eppur si muove! troz Mondschatten eppur si muove! auch für uns troß Eril! Jugend unter Glas Wenn es eine der Menschheit übergeordnete Instanz gäbe, die uns um unsere Wünsche befragte, so sähen sie seltsam genug aus: wir sehnen uns nach nichts sonst als einem bißchen ruhigen Garnichts und einem bißchen Langeweile. Und nach Gestern. Unser Gestern aber ist vor dem Krieg. Ist von doppelt schmerzlicher Unwiderbringlichkeit. Denn was uns von dieser Zeit trennt, läßt sich nicht in Jahren ausdrücken. Wenn wir an unsere frühe Jugend denken, sehn wir uns selber unter Glas. Und das ist genau so bedrückend wie ein Gang durch ein Museum, wo unendlich viel Schönes und Bartes und Verschollenes an den Wänden hängt und in Kästen aufbewahrt wird. Reich geschnitzte Türen, durch die niemand mehr geht, Betten, in denen niemand mehr schläft und niemand mehr stirbt, Puppen, die kein Kind mehr im Arm hält, kostbare venezianische Flakons- aber die Näschen, die daran schnupperten, sind längst in Phosphor- und Kaltstäubchen zerfallen. Wir leben noch, sind noch jung und müssen noch oft von vorn anfangen. Das hindert aber nicht, daß unsere erste Jugend schon unter Glas zu sehen ist. Kleines, historisches Requifit der großen Zeit. So bleibt es einem unbenommen, die Heimat heiß zu lieben und sich wach und im Traume nach ihr zu sehnen im übrigen aber tut man gut daran zu vermeiden, seiner Sehnsucht, getrennt durch besagten Glassturz, in die Augen zu sehen. Es dauerte fünfzehn Jahre, ehe ich mich doch zu diesem Museumsbesuch entschloß. Den Zug in Schlettstadt, der mich nach Hause bringen sollte, hätte ich mit einiger Anstrengung noch erreichen können. Ihn zu versäumen, war nur letter, willkommener Aufschub. So war es zwar Nacht, als ich ankam. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Mond gemacht. Und ohne diese unwahrscheinlich helle Mondnacht. Der Bahnhof, auf dem ich während des Krieges anderthalb Jahre beim Roten Kreuz gearbeitet habe, war so nüchtern leer und ausgestorben, wie man sich das zur Vermeidung einer Gemütsbewegung nur wünschen kann. Ein Bahnhof wie viele andere auch. Zudem mir entfremdet durch die helle Beleuchtung. Mir war er aus den Zeiten der Fliegergefahr nur im düstern Schein abgeblendeten Lichtes erinnerlich. Diese Gare de Mezz berührte mich absolut nicht. Ich wurde abgeholt, und man bot mir„ Willkommen in Ihrer Vaterstadt!" Ach! Vaterstadt! Den ganzen Tag habe ich mich in den Vogesen herumgetrieben, bin hundemüde und will auf dem schnellsten Wege in irgendein Bett. Während die Herren sich um mein Gepäck fümmern, steh ich auf dem weiten Bahnhofsplatz. Vor meinem Bahnhof. In meiner Stadt. Dort an der Ecke das Haus, in dem ich gewohnt habe. Alles klar und deutlich im weißen Mondlicht. Mezz. Zu Hause. Gestern. Und nie wieder. Der Zug war umsonst versäumt worden. Es ist mir nichts und gar nichts von der schmerzlichen Fassungslosigkeit solchen Wiedersehns erspart geblieben. Zwei Nächte Ungern, aber sehr genau erinnere ich mich meiner ersten Nacht in Berlin. Ermüdet von der langen Fahrt war ich trotz brennenden Heimwehs endlich eingeschlafen. Selbst ein ungemein heftiges Gewitter konnte mich nicht völlig wecken. Ich hörte wohl die Donnerschläge, deutete sie mir aber im Halbschlaf anders: Gott sei Dank! Berlin habe ich nur ge= träumt. Es sind französische Flieger da und ich bin zu *) Und sie bewegt sich doch!" Hause! Zufrieden wollte ich mich auf die andere Seite dre hen, als ein greller Blizz das Zimmer taghell erleuchtete. Das fremde Hotelzimmer in Berlin. Nun schlief ich in Wirklichkeit die erste Nacht wieder das heim. Nicht gut und nicht fest. Einer jener verworrenen Träume des Fallens und Aufschlagens ließ mich hochfahren. Um mich ist alles nachtdunkel. Wo bin ich? Das muß man doch wissen, schelte ich mit mir selbst in diesem trunkenen Zustand zwischen Schlaf und Wachen. Paris? Oder Berlin? Mailand? Wenn schon nicht die Straße und das Haus, halte ich mir in steigender Angst vor, besinne dich! Wenigstens die Stadt muß dir einfallen! Ich taste nach Licht. Finde keine Nachtlampe. Keinen Schalter. Vier wuchtige Glockenschläge dröhnen klar und tief durch die Stille. Viermal jammert eine dünne Glockenstimme hinterdrein. Das ist doch die Kathedrale! Und die Uhr vom Gottliebhaus! Unfaßbar Ich liege regungslos. Wage kaum zu atmen. Wenn es wirklich wieder nur ein Traum ist, darf er noch nicht zu Ende sein wenigstens die Kathedrale soll er mir noch zeigen Und dann muß ich wohl wieder eingeschlafen fein. Erster August Von der Hotelterrasse sehe ich ein Stück der Rue des clercs in heller Sonne. Gleich werde ich in dieser stillen, kleinen Straße stehn fann mich links zur Esplanade wenden oder rechts zum Dom. So gehn also alle Wünsche einmal in Erfüllung. Seltsame Erfüllung. Vielleicht könnte man sie ohne die Anwesenheit eines Kursbuches gar nicht ertragen. * Ein langgezogener Ruf durchläuft die Straße. Dringt auch zu mir. Ein Ruf, der zu meiner Stadt und ihrer Atmosphäre gehört wie das flache„ Granaaaat" zu Hamburg oder Bre= men wie der Ruf der Gondolieri zu Venedig.. Durch die Rue des clercs rollt langsam ein Wagen. Gher ein Karren. Nebenher geht ein Mann. Und wieder jener langgezogene Ruf. Eine gesprochene kleine Terz. Auch heute weiß ich noch nicht, was der Mann da auf seinem Karren zu verkaufen hat, ob es Kohlen oder Gemüse sind, die er anpreist, nicht einmal, ob der Ruf deutsch oder französisch ist. Wie ich es damals nicht wußte. Aber mit verbundenen Augen hätte mich jemand von einem anderen Erdteil hierher. führen können: wenn diese langgezogene kleine Terz durch die Straßen und an mein Ohr gedrungen wäre, so hätte ich gewußt, wo ich bin. Denn das gehört hieher wie der Ruf der Gondolieri zu Vendig. Und nun mischen sich in diese eine Stimme tausend andere → um mich in mir ziehen mich hinaus in den warmen Augusttag in meine Heimat. Eine Stunde später stehe ich im Hotel de Ville am Fenster. Vor mir die Kathedrale, deren gelber Stein auch jetzt in der Sonne leicht rauchverschleiert schimmert. Sie könnte eben erst aus der lothringischen Erde gewachsen sein oder seit Anbeginn der Welt hier stehen von herber, fast magerer Schlichtheit wie das Gesicht des Lothringischen Menschen. „ Es gibt oft Verdruß und Aufregung im Amt", sagt neben mir der kleine, weißhaarige Herr, der im Hotel de Ville residiert, aber ein Blick auf unsere Kathedrale, und man überwindet alles." Erster August. Vielleicht stehen wir an demselben Fenster, aus dem heute vor noch nicht zwei Jahrzehnten unserer Stadt der Krieg verkündet wurde. Und in meine glühende Liebe zu dieser Stadt und diesem Land mischt sich so etwas wie Schaudern. ,, Quel beau jardin*)!" rief Ludwig XIV., als er das erstemal durchs Elsaß kam. Lothringen ist kein schöner Garten und auch nicht so lieblich wie das Elsaß. Seine Schönheit ist schweigsamer, und aus ihrer Verschlossenheit spürt man Jahrhunderte altes unseliges Geschick. Viele glaubten das Land zu lieben, weil sie es begehrten. Welches Volk aber wäre ihm wirklich Mutter gewesen eine Mutter des Verzichts aus dem salomonischen Urteil? Von Attila bis 1914: Krieg. Zerstörung der jungfräulichen Stadt" Belagerungen, Ueberfälle. Mez- la- Pucelle", die nie im Sturm genommen werden konnte, und doch unzähligemal in andere Hände überging. Ihren Bewohnern aber rühmen schon römische Geschichtsschreiber große Friedensliebe nach. So fand man im Mittelalter unter der Aristofratie der freien und reichen Republik Mezz keine großen Feldherrn, keine Schlachtenführer. Denn man liebte den Frieden. Nur, um ihn zu verteidigen, hielt man bezahlte deutsche Söldner oder Söldner aus dem„ niederen Volk" der Stadt. Zwischen dem letzten Ueberfall und der nächsten Beschießung ging man seinen Geschäften nach, lebte seiner Familie, besuchte die Kirche und war friedlich. Wenn das dem bösen Nachbarn nicht gefiel, zerschlug man sich und einigte sich auch wieder vermittels der Söldner. Genau wie wir. Immer dasselbe. Und darum muß die Geschichte einer Stadt, deren Einwohner schon von alters her im Ruf ganz besonderer Friedensliebe stehen, so aussehen. Sosehr man sich gegen diese Erkenntnis wehrt- man kann sich ihrer Trostlosigkeit nicht verschließen: Krieg ist so etwas wie das fünfte Element, iene elementare menschliche Dummheit, von der man nicht weiß, von wannen sie kommt, noch wohin sie geht. Unnahbarkeit und doch Verheißung fein Bauleuch tendes Aufwärtsweisen hebt der Mutteturm sein Haupt über die Kathedrale in den tiefblauen Sommerhimmel. Vielleicht ist es dasselbe Fenster. Solang man lebt, hört man nicht auf, zu hoffen: mögen doch aus ihm nie wieder Siege oder Niederlagen verkündet werden. * Ehe ich mich von Monsieur le Maire**) und den anwesen den Herren verabschiede, wird mir noch das Gästebuch der Stadt Metz gezeigt. Da ist der Name von Clemenceau, der von Poincare und von Maud'huy zu sehen, der von erotischen Fürstlichkeiten und ihrem Gefolge. Dazwischen die Handschriften großer und weniger großer Repräsentanten der *) Was für ein schöner Garten!* **) Bürgermeister. Biteratur. Seite für Seite wird umgeblättert, dies erklärt, das kommentiert und dann kommt wieder ein freies Blatt. Und hier", sagt Mr. le Maire und legt die Hand darauf, und hier dieses Blatt ist reserviert für den Sultan von Marokko, der am 16. August nach Metz kommt." Klappt das Buch zu. Es gehört nicht so ganz hierher. Oder vielleicht doch? Im Elsaß lernte ich einen sehr liebenswürdigen fatholischen Geistlichen kennen, der mich, da ich ein bißchen besser französ sisch spreche als er selbst, durchaus für eine Französin an sehen wollte. Ich berichtigte, daß ich Deutsche sei.„ Wirklich Deutsche?" Und lachend setzte er hinzu:„ Wir nennen das hier die Erbsünde"." Also die Erbsünde.. Und natürlich gehört das gar nicht hierher! ,, Saaaaaayeeee!" Die ersten Tage vergehen in einer traumhaften Benom menheit. Alle Straßen reden lebendige Sprache, und die Häuser sagen„ du" zu mir. Den Justizpalast an der Esplanade muß ich berühren: er ist wirklich da, steht vor mir, ist nicht aus Erinnerung und Phantasie gebaut, sondern aus dem gelben Stein von Jaumont. Wenn man über die Mezzer Geschichte sprechen wollte, so märe manches über das Palais de Justice und noch mehr über die Vergangenheit des Plazes, auf dem es steht, zu sagen. Man müßte von dem ursprünglichen Bau erzählen, dem Hotel de la Haut- Pierre, das den Domherren der Kathedrale gehörte, im 14. Jahrhundert Wohnsitz des Herzogs von Suffolk war von dem noch die Rede sein wird endlich dazu diente, alle illustren Gäste der Stadt Metz zu empfangen. Der langgestreckte Sandsteinbau in seiner heutigen Form stammt aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Typisch französisch umschließen der Mittelbau und seine Seitenflügel einen geräumigen Hof, in den drei Freitreppen münden. Es gibt zahlreiche, meist viel ältere Hotels in der Stadt; aber das ein wenig erhöht liegende Palais de Justice ist eines der schönsten. Man kann nicht von Metz sprechen, ohne seine Silhouette mit dem flachen Dach vor Augen zu haben, ohne seine gelben Sandsteinmauern durch die Linden der Espla nade schimmern zu sehen. Der linke Flügel des Justizpalastes grenzt an die Espla nade. Wenn man erklären sollte, was die Esplanade ist, so könnte man das wahrscheinlich nicht anders beantworten, als damit: ein öffentlicher Garten oder eine gärtnerische Anlage mitten in der Stadt. Müßte man sie aber mit irgendeinem anderen öffentlichen Garten vergleichen, welchem Mezzer fiele ein Vergleich ein! Keinen Tiergarten in Berlin, keinen eng lischen Garten in München- nicht einmal den Schloßpark in Versailles würden wir dieser von zwei alten, schattigen Alleen flankierten Anlage gleichstellen. Man kann uns nicht verblendeten Lokalpatriotismus vorwerfen; denn dann be rufen wir uns sofort auf den weitgereisten Humboldt und seinen Ausruf:„ Der schönste Platz der Welt!" Und der lieblichste. Paradies aller Meßer Kinder. Arm und reich. Fröhlichste Erinnerung derer, die in der Kindheit hier„ Räuber und Gendarm" gespielt haben, rund um das Kaiser- Wilhelm- Denkmal, die an der Fontaine Seil spragen, die, hinter den Fliederbosketts verborgen, laut gellend ihr„ saaaaaayeeee!" ca y est*)!" riefen, zum Zeichen, daß sie sicher versteckt und man sie suchen könne. Als man diesen Spielen entwachsen war, warf man an der Kastanienallee das Diabolo hoch oft über die Wipfel der Bäume hinaus ein elegantes Spiel, besonders beliebt bei den graziösen jungen Damen der Lothringer Reise- Gesellschaft. *) Wörtlich: Hier ist es, eigentlich aber unübersetzbar. Eine Weng dung, die der Franzose meist so gebraucht wie der Engländer sein All right! und der Wiener:„ Geht in Ordnung!" Schauspieler- Anekdoten Der Direktor Der junge Direktor verstand wenig vom Theater, aber er hatte die hohe Kaution und so sprach man ihm das Stadttheater zu. Eines Tages wohnte er einer Probe von Ibsens„ Gespenster" bei. Der Regisseur wiederholte immer wieder dieselbe Szene des zweiten Aktes, bis er endlich die gewünschte, unheimliche, drückende Stimmung gefunden hatte. Jezt ist es gut, was, Herr Direktor?" fragte er höflich. Der junge Direktor wollte etwas mehr, als nur ja sagen, und so bemerkte er schüchtern: Sehr gut, sehr gut- nur, wenn das Dienstmädchen da etwas mehr von rechts käme, statt von links ich glaube, das wirkte moderner." Der Schlaf Es war eines Abends in einem Künstlerlokal. Die Kritik hatte das neue Stück in Grund und Boden ge riffen. Der Autor saß beleidigt über seinem Bier. „ Und übrigens," sagte er, kann der Kritiker gar keine Meinung von dem Stück haben, er hat ja während des zweiten Aftes geschlafen." Darauf ein Freund des Autors:„ Na und? Ist Schlaf nicht auch eine Meinung?" Schlimmer Schauspieler: Mein gestriges Benefir war ein großer Mißerfolg. Stellen Sie sich vor, das ganze Publikum... Freund: Pfiff?" Schlimmer." " Schlief ein?" " Schlimmer." " Wollte fortgehen?" " Noch viel schlimmer: blieb zu Hause!" Miquel de Unamo: Kultur.. Die Kultur eines Landes ist etwas außerordentlich Ins times, das man nicht auf einem Spaziergang durch die Straßen schäßen lernt, und auch da, wo diese schlecht ge pflastert, voller Pfüßen und Schmuz find, wo es feine raf finierte Bequemlichkeit und nicht einmal Polizei gibt, kann es eine Kultur geben, die Ausdruck eines hohen und edlen Geistes in sich schließt. Aus dem Spanischen übersetzt von Karl Meiet.