THE NOW O racasoidostas vads Freiheil Nummer 43-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Mittwoch, 9. August 1933 Chefredakteur: M. Braun Zahllose GreuelWir Deutsche sind ein Volk von gestern. Wir haben zwar tüchtige Fortschritte in der Kultur gemacht; allein es können noch ein paar Jahrhunderte vergehen, ehe bei uns so viel Geist und höhere Zivilisation eindringt, daß man wird sagen können: es ist schon lange her, daß sie Barbaren gewesen sind. Goethe. 109 Reichsregierung, antworte! Das Braunbuch" erschienen- Eine Anklageschrift von 400 Seiten gegen die braune Mordpest 180 Tage nationale Revolution!" feiern die Naziblätter in Riesenlettern quer über ihre erste Seite. Ja, 180 Tage sogenannte nationale Revolution! 180 Tage Gewaltherrschaft der geistlosesten Clique, die sich jemals deutsch genannt hat. 180 Tage Raub, Mord und viehische Menschenschinderei. 180 Tage Entrechtung eines 65- Millionen- Voltes, Zerstörung all feiner hohen Traditionen, Zerstörung seiner sozialen Einrichtungen, Bedrohung seiner Kultur. 180 Tage Vormarsch gegen den europäischen Gemeinschaftsgeist, Angriff auf alle Organisationen des Proletariats, Sturm gegen die Menschenrechte, Entwürdigung des einzelnen, Vernichtung der Gemeinschaft. 180 Tage, die Deutschland erschüttern nicht, um Neues in Krämpfen zu gebären, sondern um Altes, Uraltes noch einmal zu ephemerer Herrschaft zu bringen. Sintflut, braune Schlammflut über einer Nation, die zu Besserem bestimmt war. Das Fazit dieser 180 Tage muß gezogen werden. Nicht in selbstberauschenden Reden der beamteten Phrasenschmiede und Lügenapostel des faiserlich- hitlerschen Propagandaministeriums, sondern in nüchterner Klarheit. Und die Bilanz ist aufgemacht: über fast alle diese 180 Tage berichtet das „ Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror" ( Berlag der Universum- Bücherei, Basel, Spitalstraße 19geb. 24 Fr., brosch. 18 Fr.). In unermüdlicher, gefahrvoller, aufopfernder Arbeit sind Tausende von Dokumenten zu= sammengetragen, die über die Herrschaft der braune Armee aussagen. Zusammengetragen innerhalb Deutschlands, über die Grenzen der Festung geschmuggelt und draußen geprüft, gefiebt, bearbeitet. Das Weltfomitee für die Opfer des Hitler- Faschismus" und besonders fein unermüdlicher Vorsitzender, Pord Marley, der Vizepräsident des englischen Oberhauses, hat die Kontrolle vorgenommen. Ihre Mitarbeiter, erstklassige Kriminalisten, welterfahrene Journalisten, haben monatelang gearbeitet, um nur das ficherste, das allerbeste Material zusammenzustellen. Haben schließlich das Wichtigste- weil typische, nicht nur ver einzelte Fälle Betreffende- in dem großen Dokumentens werk des„ Braunbuchs" vereinigt und der Oeffentlichkeit übergeben, während die Originale der Dokumente und Fotografien unter notariellem Verschluß in einer fremden Hauptstadt deponiert bleiben. Mit diesem Werk ist die Lügenarbeit der Göring und Göbbels über den Reichstagsbrand endgültig erledigt. Die wahren Brandstifter stehen vor uns: Göring, der Herr des Reichstags und der preußischen Polizei, Graf Helldorf, Führer der Berliner SA. und die Fememörder Schulz und Heines. Van der Lubbes Lebenslauf ist aufgezeigt, seine jahrealten Beziehungen zum Münchner Braunen Hause sind dargelegt. Die wichtigste Zeile aus der berühmten„ Liebesliste" des Stabschefs der SA., Herrn Hauptmann Röhm, ist wiedergegeben: jene Zeile, in der der Name Marinus van der Lubbe verzeichnet stand! Neben den Dokumenten über die Reichstagsbrandstiftung find die ans den Konzentrationslagern heraus: geschmuggelten Briefe vielleicht das Wichtigste in diesem Buche. Die genauen Beschreibungen von Heuberg, von Oranienburg und Sonnenburg. Die Meldung des neuen Lagerkommandanten von Sonnenburg über das Verhalten der SA. gegenüber den ihm anrertrauten Gefangenen, gegenüber den zivilen Gefängnisbeamten, die durch bewaffnete Posten gegen Ueberfälle der ihnen zugeteilten Wachmannschaft" geschützt werden müssen. Das menschlich Ergreifendste aber bleiben die objektiven Berichte über die sadistischen Folterungen, denen politische Gegner oder unpolitische Js.aeliten in den SA.- Kasernen ausgesetzt sind. Die Krankenhausatteste über die Unglücklichen, die noch lebend in ärztliche Behandlung famen- über den Juden Plaut in Kassel, über jenen politischen Funktionär, dem man eine Spiralfeder in den Mastd em drehte, um feine Eingeweide zu zerreißen! Die Welt wird aufhorchen über diesem Buch. Entsetzen wird sich verbreiten denn so dokumentiert hat man die Wahrheit doch noch niemals gehört. Und Entsetzen wird sich in den Ministerien Berlins verbreiten, wenn der irrsinnige Cäsar Göring merkt, daß auch Furch die Mauern seiner für schallsicher erachteten Zelle„ Deutschland" noch der Notschrei der gemarterten Millionen hinausdringt, daß die Wahrheit selbst von Joseph Göbbels nicht totgelogen werden kann. * und soll die Terroraktionen der österreichischen, von Berlin und München geführten und ausgehaltenen Nationalsozialisten veröffentlichen. Auch in Desterreich wird mit Blut Geschichte geschrieben, auch in Cesterreich plazen Bomben 1nd werden Juden gemordet. Aber was sind diese„ vorLereitenden" Aftionen gegenüber der organisierten Herr schaft des Mordsystems in dem schon eroberten und ganz als Es wird von der österreichischen Regierung herausgegeben erobertes Land" behandelten Reich? Zur gleichen Zeit fast erscheint ein zweites„ Braunbuch" über die Taten der„ braunen Armee". 45 Konzentrationslager! Sonderlager für Frauen Dunkelarrest und körperliche Züchtigung im Ruhrgebiet( etwa 5 Lager), 100 20 Wir sind in der Lage, schon heute einige der wichtigsten Abschnitte aus dem Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror" zu veröffentlichen. Das Braunbuch" erscheint jetzt im Verlage der UniversumBücherei, Basel, Spitalstraße 19. Es ist von dem unter dem Vorsitz von Lord Marley, Vizepräsidenten des englischen Oberhauses stehenden Weltkomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus" herausgegeben. Wieviele Konzentrationslager gibt es, und wieviele Menschen sind in ihnen eingepfercht? Die deutsche Regierung - auch das spricht für ihr schlechtes Gewissenhütet sich wohlweislich, genaue Angaben zu machen. In einem Lande, in dem alles statistisch erfaßt ist, fehlt eine Statistik der Konzentrationslager. Soweit einzelne verläßliche Meldungen der deutschen Presse, gelegentliche Aeußerungen von Naziführern und Besuche ausländischer Journalisten einen Ueberblick gestatten, gibt es heute( d. i. Anfang Juli 1933) mindestens 45 Konzentrationslager mit etwa 35 000 bis 40 000 Gefangenen. Dabei handelt es sich u. a. um folgende Lager: Dachau bei München( 5000 Gefangene), Heuberg, Oberbaden( 2000), Gotteszell bei Gemünd, Württemberg, Kieslau bei Bruchsal, Baden( 100), Rastatt, Baden( 300), Bad Dürrheim, Baden( 500), Pfalz( 2000), Ginsheim bei Frankfurt, Rödelheim bei Frankfurt, Gaswert Frankfurt- Fechenheim, Osthofen, Heffen, Langen, Hessen, Kaffel, Mühlheim, Rhein( 2000), Wanne- Eickel, Westfalen, ห in Ostpreußen, in Schleswig, in Pommern, in Mitteldeutschland( mehrere Lager). Die deutsche Regierung hat Mitte Mai beschlossen, zehrt neue Konzentrationslager zu errichten. Die Frankfurter Zeitung" vom 30. Mai 1933 meldet, daß auf dem Heuberg in Oberbaden ein zweites Konzentrationslager für solche Gefangene errichtet wird, deren Entlassung nicht vor dem Winter geplant ist. Setzt man die Zahl der Gefangenen in jenen Lagern, über die keinerlei Angaben zu erlangen sind, nur mit durchschnittlich 700 für jedes Lager an, so ist eine Gesamtzahl von 35 000 bis 40 000 Gefangenen für ganz Deutschland sicher nicht zu hoch gegriffen. Frauen und Intellektuelle in den Konzentrationslagern Unter den Häftlingen in den Konzentrationslagern befinden sich Hunderte von Frauen. Die weiblichen Reichs- und Landtagsabgeordneten der Kommunistischen Partei, deren man habhaft werden konnte, wurden zuerst in das Frauengefängnis Berlin, Barnim straße, gebracht, bevor sie in das Konzentrationslager famen. Man hat dieses Gefängnis in Berlin als Sammel- und Durchgangsstelle für verhaftete Frauen eingerichtet. In Süddeutschland wurde Anfang Juni ein besonderes Konzentrationslager für Frauen eingerichtet. Eine amtliche MelSennelager bei Paderborn( 900 Männer, 30 Frauen), dung vom 8. Juni 1933 berichtet: Efterwegen bei Dörpen, Westfalen( 500), Mooringen bei Hannover, Papenburg, Emsland( eingerichtet für 4000 Gefangene), Bremen, Vechta, Oldenburg, Wiljede, Lüneburger Heide( 2000), Fuhlsbüttel bei Hamburg, Wittmoor bei Hamburg, Oranienburg bei Berlin( 1500), Börnicke bei Nauen, Sonnenburg, Preußen( 414), Ohrdruf, Thüringen( 1200), " In Gotteszell bei Gemünd ist ein württembergisches Schußhaftlager für weibliche Personen errichtet worden." Kurze Zeit darauf ist in Sachsen ein zweites Konzentra= tionslager für Frauen errichtet worden. Alle Berichte besagen übereinstimmend, daß die Frauen in den Gefängnissen und Konzentrationslagern besonderen Qualen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Dunkelarrest Strafgefangenenanstalt Mathildenschlößchen bei Dresden, und körperliche Züchtigung Colditz, Sachsen, Zittau, Sachsen( 300), Hainewalde bei Zittau, Sachfen, Schloß Ortenftein bei Zwickau, Sachsen( 200), Grünhainichen, Sachsen, Fefte Hohenstein, Sachsen( 800), Feste Königstein, Sachsen( 200), Sachfenburg, Erzgebirge, Breslau, Dürrgon bei Breslau, Grundau bei Königsberg. Weitere Lager befinden sich: in der Provinz Brandenburg( etwa 6 Lager), in Braunschweig, Die Willkür, welche die Konzentrationslager geschaffen hat, hat auch die Inhaftierten nach drei Graden eingeteilt, und zwar in: a) Leichtverbesserliche( Deutschnationale, Bayernwacht, Mit läufer); b) sogenannte Schwerverbesserliche; c) Unverbesserliche. Fortsetzung siche Seite 3 Demütigung Berlins Die Bedeutung des englisch- französischen Schrittes Isoliert! St England Frankreich- Italien zum Schutze Oesterreichsvet sang nia Berlin, 8. Ang.( Eig. Draht.) Die Reichsregierung läßt durch ihre Presse auch heute noch die deutsche Oeffentlichkeit über die Bedeutung des englisch- französischen Schrittes im Dunkel halten. Mehrere Tage wurde dem deutschen Volke erzählt, es werde nichts geschehen. Als dann die Noten der beiden Regierungen nicht mehr abzuleugnen waren, wurde von einem überraschenden Schritt phantafiert. Jegt bestreitet die Reichsregierung, daß Vertragsverlegungen vorliegen und sucht im übrigen Schutz hinter Mussolini, der sich an der Attion nicht beteiligt habe. Auch das ist eine Ausflucht, die diesen seinen alten Standpunkt noch einmal dargelegt. Deutschland steht in der österreichischen Frage im Biermächtepakt isoliert. Diese erste Aktion im Rahmen des Biermächtepattes zeigt, wie start sich die Reichsregierung außenpolitisch durch ihre Bekräftigung des Versailler Vers trages gebunden hat. Es wirkt symbolisch, daß der aktivste Förderer des deutschösterreichischen Anschlußgedankens, Paul Löbe, dieser Tage in ein Konzentrationslager gebracht worden ist. Wie groß ist die Kluft zwischen Berlin und Wien geworden, seitdem die Nationalsozialisten in Berlin regieren. Desterreich steht nun unter dem Protektorat fremder Regierungen und die Ber: liner Regierung muß eine nationale Demütigung nach der andern einstecken. fich der diplomatisch sehr vorsichtig abgewogenen Beröffent Frankreich erwartet lichung der italienischen Regierungsagentur Stefani be dient. Diese dementiert, daß die italienische Regierung wegen der deutschen Flugzeuge über Oesterreich in Berlin vor= stellig geworden sei. Es ist nie behauptet worden, daß Italien dies formell getan habe. Fest steht aber, daß Mussolini freundschaft: liche Warnungen an die Reichsregierung gerichtet hat. Bei den besonderen Beziehungen, die zwischen Rom und Berlin bestehen, und bei den Rücksichten, die Mussolini auf seine faschistische Partei zu nehmen hat, ist natürlich eine öffentliche diplomatische Demonstration, wie sie von England und Frankreich unternommen worden ist, vermieden worden. Sachlich ist die Haltung Italiens zugunsten der territorialen Unabhängigkeit Oesterreichs mindestens so fest wie die Englands und Frankreichs. Man scheint im deutschen Volke vergessen zu haben, wie Mussolini gegen die von dem dama: ligen Außenminister Dr. Curtius unter der Kanzlerschaft Brüning eingeleitete deutsch- französische Zollunion operiert hat. Als die Frage, ob diese Zollunion sich mit dem Friedensvertrag vereinbaren lasse, das Haager Schiedsgericht beschäftigte, erklärte Mussolini vor der für Deutschland un= günstigen Entscheidung: Ganz gleich, wie der Saager Gerichtshofen te scheiden werde, müsse die österreichische Selbständigkeit gewahrt bleiben und Ita Tien sei nötigenfalls zu einem Kriege dafür bereit. Die juristische Lage sei ganz gleich gültig. Die italienische Regierung muß aus politischen und wirt: schaftlichen Interessen Italiens die Unabhängigkeit Defter: reichs sichern. Das ist nicht nur in Berlin noch einmal in Erinnerung gerufen worden, sondern Italien hat auch in London und in Paris unzweifelhaft Paris, 8. Auguft( Eig. Drahtber.) Der„ Temps" beschäftigt sich auch heute wieder- zum dritten Male innerhalb drei Tagen- mit der englisch- fran: zösische Demarche in Berlin. Er weist darauf hin, daß der Schritt zwar in freundschaftlichen Formen erfolgt sei und ohne Drohungen, aber die feierliche Ankündigung müsse in Berlin verstanden und beherzigt werden. Sollte Deutschland die unzulässige Politik gegen Oesterreich fortführen, so müsse der Völkerbundsapparat in Bewegung gesetzt werden. Man müsse hoffen, daß der englisch- franzöfifche Schritt Europa eine solche Prüfung erspart habe. Die Schlußfäße im„ Temps" lauten wörtlich: Die in Berlin unternommenen Schritte stellen den einfach ften und praktischsten Weg dar, denn es brächte große Nachteile, die Frage der deutsch- österreichischen Beziehungen un mittelbar vor den Völkerbund zu bringen und Deutschland auf eine Artzur Verantwortung zu ziehen, die unfehlbar den lebhaftesten Widerstandseines aufgepeitschten Nationalismus hervorrufen würde. Aber sollte die feierliche Warnung( solennel avertissement) an die Adresse der Reichsregierung nicht ver= standen und beherzigt werden, sollte Deutschland auf seiner unzulässigen Politik gegenüber Desterreich bestehen, welche die Unabhängigkeit dieses Landes bedroht, so ist es ganz offensichtlich, daß die Großmächte auf eine eigene Attivität verzichten und den Völkerbundsrat in Anspruch nehmen würden, der seine Entschlüsse gemäß dem Geiste und dem Buchstaben des Völkerbundpaktes zu fassen hätte. Man muß hoffen, daß der Diplomatie der Regierungen in London, Paris und Rom es gelingen wird, Europa eine so ernste Prüfung( une épreure aussi sérieuse) zu ersparen. Auf Papens Schloß Wallerfangen Was.der Vizekanzler einem Engländer erzählt- Deutschland sucht Hände weg, Hitler! Ein ,, freundschaftlicher", aber entschlossener Protest In den„ Sunday Times" schreibt Wickham Steed: ,, Man ist sich in gut unterrichteten englischen Kreisen völ lig bewußt, daß der deutsche nationalsozialistische Feldzug gegen Desterreich nur die erste Etappe auf dem Wege ist, den großen Plan des dritten Reiches" zu verwirklichen, das alle Völker germanischer Rasse auf dem europäischen Kontinent umfassen soll. Ein Erfolg des nationalsozialistischen Feldzuges gegen Desterreich würde natürlich Deutschland ermutigen, Mitteleuropa ebenso in Brand zu stecken, wie Nordwesteuropa." Röchling grüßt..dcutsch" Er schlägt seinen Arbeitern etwas vor... In den Betrieben des größten deutschen Saar- Indus striellen, des Herrn Röchling in Völklingen, lesen die ers staunten Arbeiter und Angestellten in diesen Tagen folgenden Auschlag: " Für alle diejenigen Mitglieder unserer Belegschaft, die sich zur deutschen Front" zählen, schlage ich als gegens feitige Begrüßung den deutschen Gruß durch Hochheben der rechten Hand vor. Völklingen, den 5. August 1988. gez. H. Röhling." Diejenigen, die es anging, haben von dieser Obre mit ges bührender Hochachtung Kenntnis genommen. Sie haben fich gefragt, ob die Geschäftsfreunde des Herrn Röchling, die Abgesandten der französischen Rüstungs: industrie, ebenfalls von ihm gebeten worden sind, ihn künftig bei jeder Begegnung mit„ Heil Hitler" zu begrüßen. Im Ernst: Dieser Borschlag" des Saar- Gewaltigen ist in der Praxis eine unverhüllte Aufforderung zur Spigelei, Ans geberei und Gesinnungsterror! Abfällige Bemerkungen im Ausland Hamburg, 7. August. Vom Kommando zur besonderen Ver wendung wurden auf einem in Hamburg eingetroffenen Dampfer drei Männer festgenommen, die im Auslande abfällige Aeußerungen über das heutige Deutschland gemacht hatten. Kampfbund aufgelöst! Ley tröstet den betrogenen Mittelstand Berlin, 7. Aug. Der Stabsleiter der„ Politischen Organt sation" der NSDAP., Dr. Ley, hat mit Einverständnis des Reichskanzlers folgende Anordnung erlassen: 1. Der am 15. 12. 32 durch Anordnung des Führers ins Leben gerufene Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes hat mit der Amtsübernahme durch einen nationalsozialistischen Reichswirtschaftsminister seine Kampfaufgabe in der bisherigen organisatorischen Form erfüllt. Da die neuen Aufgaben in der Erziehung des deutschen Menschen zur nationalsozialistischen Weltanschau ung, zu nationalsozialistischem Wirtschaftsdenken und Wirtschaftshandeln und zur gegenseitigen Selbsthilfe in der Heranbildung des Führernachwuchses für Handel, Handwerk und Gewerbe in der deutschen Arbeitsfront bestehen werden, wird der bisherige Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes in die nationalsozialistische Handwerks Handels- und Gewerbeorganisation( HAGO) einerseits und dem Gesamtverband des deutschen Handwerks, Handels und Gewerbes in der deutschen Arbeitsfront andererjeits auseinandergegliedert.... mit Frankreich ein Sofortgeschäft über die Saar abzuschließen Unruhen in Havanna M. D. Sefton Delmar, der Korrespondent des„ Sunday Expreß", hat Herrn von Papen in seinem prächtigen Schloß von Wallerfangen bei Saarlouis aufsuchen können. Er berichtet folgendes: „ Herr von Papen hat mir erklärt, daß Deutschland Frankreich auf der Hälfte des Weges entgegengehen und sich mit ihm über die allerwichtigste Frage, über das Saargebiet, verständigen wolle. Obwohl der Vizekanzler offiziell seine Ferienzeit verlebt, hört er nicht auf, Hitler zu helfen, 65 Willionen Deutsche zu regieren, außer den 800 000 Bürgern, die im Saargebiet ( ganz wie Herr von Papen) unter der Regierung eines Engländers, eines Franzosen, eines Finnländers, eines Kroaten und eines Deutschen den Kommissaren des Bölkerbundes- leben. " Man behandelt uns wie einen gewöhnlichen Negerstamm unter einer kolonialen Mandatsregierung", erklärte mir Herr von Papen, dessen graue Augen vor Zorn funkelten, als ob wir unfähig wären, uns selbst zu regieren!" „ Das ist unerträglich! Wenn die Bolksabstim. mung stattfindet, dann besteht kein Zweifel, daß eine überwiegende Mehrheit sich für die Rückgliederung an Deutschland ausspricht. Aber vorher wird eine heftige Propaganda von beiden Seiten eine gefährliche Atmosphäre schaffen, von der ich in diesem Augenblick die schwersten Gefahren für Europa voraussehe. Daher sind wir Deutschen bereit, uns mit Frankreich bezüglich des Saargebietes zu verständigen. Vorbehaltlich einiger wirtschaft licher Vorteile, die wir den Franzosen gerne zugestehen, muß das Saargebiet sofort deutsch werden ohne weitere Auseinandersetzungen. Es ist kein Zweifel, daß alle anderen Fragen sich von selbst lösen werden, wenn erst diese gütliche Uebereinkunft geschlossen ist. Besonders gilt dies von der Frage der Abrüstung." * Herr von Papen läßt schon aufgeregt dementieren, daß er dem Engländer ein Interview gegeben habe, es sei viel mehr nur ein„ privates Gespräch" gewesen, das der Eng länder entstellt wiedergegeben habe. Es ist nicht das erstemal, daß Herr von Papen„ mißverstanden" worden ist. Sein Dementi ist aber Unsinn. Wenn wir von den verunglückten groben Bemerkungen über die Regierungskommission absehen, hat er durchaus eine Linie der Saarpolitik aufgezeigt, die die jebige Reichs: regierung einhalten muß. Außerdem sollte Herr von Papen doch nicht leugnen, daß er diese Linie nicht nur gegenüber diesem Engländer, sondern mündlich und schrift. lich auch gegenüber anderen Leuten vertreten hat. Auch hat er schon wiederholt seine französischen Beziehungen zugunsten der von ihm angestrebten Lösung in Bewegung ges, jetzt. Darüber konnte die„ Deutsche Freiheit" schon vor Wochen berichten. Das„ private Gespräch" bestätigt nur unsere Informationen. Eine Frage unmittelbar an den Vizekanzler. Wenn er sich so aufregt, daß wir an der Saar regiert werden wie ein Negerstamm: Warum legt Herr von Papen dann so großen sein? Wenn wir solche lästerliche Reden über die ReWert darauf, Besizerdesroten Saarpasseszu gierungskommission führten, wie der deutsche Vizekanzler, würden wir von der„ Regierung des Negerstammes" uns nicht einen Paß erbitten. Sonderbare Charaktere, diese Uebernationalen! Viele Tote und Verletzte Neuyork, 8. Auguft. Die Angaben über die Zahl der Personen, die bei dem Vorgehen der Truppen und Polizei gegen die aufgeregte Volksmenge in Havanna vor dem Pas lais des Präsidenten getötet oder verwundet wurden, schwans sprechen andere von 90. 200 Personen sollen fen beträchtlich. Während einige Blätter 20 Totemelden, verlegt worden sein. Die Zahl der Verhafteten geht in die Hunderte. Nach der Chicago Tribune ist die Botschaft der Vereinigten Staaten in ein Krankenhaus verwandelt. Der Kongreß habe den Präsidenten Machado ermächtigt, die verfassungsmäßigen Garantien aufzuheben, besonders die persönliche Freiheit. Ueber ganz Euba ist der Belagerungszustand verhängt worden. Die drei Verschleppten Sie sind wieder frei- Eine Wildwestgeschichte wird erzählt...- Aber nun kommt das dicke Ende: Schadenersatz! Die Verschleppung zweier Franzosen und eines Saarlän ders aus Homburg hat für die deutsche Reichsregierung einen recht kläglichen Ausgang genommen. Auf Grund der Vorstellungen der französischen Regierung und der Regierungskommission des Saargebietes wurden die Verschleppten aus dem Gefängnis entlassen. Sie befinden sich wieder in Hom burg. Um das ungefeßliche und völkerrechtswidrige Vorgehen der Nationalsozialisten, das ohne Hilfe amtlicher Stellen nicht hätte durchgeführt werden können, zu bemänteln, wird eine wahre Räuberpistole veröffentlicht, die den Legenden um Rinaldo Rinaldini alle Ehre macht. Es wird behauptet, die Verschleppten hätten vorher auf bayerischem Boden einen Nationalsozialisten mißhandelt, und die ganze Angelegenheit sei nichts anderes, als ein„ privater Racheatt" gewesen. Wahrheitswidrig wird gesagt, daß man die drei Homburger veranlaßt habe, über die Grenze zu kommen". Wie es in Wirklichkeit war, weiß jedermann: daß die Leute unter Drohungen mit dem Revolver über die Grenze ges prügelt wurden, und daß man ihre silferufe weithin hörte. Indirekt gibt die deutsche Regierung schließlich zu, daß ein Gendarm beteiligt gewesen sei. Die Verschleppten befanden sich im Gefängnis, womit die Bes hauptung, daß mit der Sache weder Beamte noch parteiamtliche Stellen etwas zu tun gehabt hätten, am deutlichsten widerlegt ist. Die Angelegenheit ist mit der Rückkehr der Verschleppten noch nicht erledigt. Die deutsche Regierung wird eine nicht unerhebliche Schadenersayrechnung zu Schadenersagrechnung zu be: gleichen haben. „ Ständiger Bruch aller Regeln" ,, Manchester Guardian", das angesehenste liberale Blatt, schreibt in einem Artikel über die Entführung aus dem Saargebiet:„ Die deutsche Regierung hat der Saarkommission gesagt, daß sie eine sofortige Untersuchung eingeleitet habe. Aber obwohl jetzt vierzehn Tage seit dem Verbrechen verstrichen sind, hat sie noch nichts über die Resultate dieser untersuchung mitgeteilt. Statt dessen hat sie der bayrischen " Polizei erlaubt, einen Bericht herauszugeben, in dem fran zösischen Provokateuren die Schuld gegeben wird. Das geht nun wirklich nicht an. Provokateure" mögen ein bequemer Prügelfnabe sein, aber man kann auch das übertreiben. Es fann kein Zweifel bestehen, daß die drei Unglücklichen unter Drohungen mit dem Revolver über die Grenze gezwungen wurden. Die deutsche Regierung hat unbeschränkte Machtmittel in der Hand, um Verbrechen zu unterdrücken. Es steht außer Frage, daß sie, wenn sie nur wollte, die Verbrecher wie die Opfer ausfindig machen könnte. Sie kann ihrer Verantwortlichkeit nicht dadurch entgehen, daß sie sagt, die Tat sei von unverantwortlichen Elementen begangen worden. Es ist ihre Pflicht, die Verbrecher zu verhaften und die Gefangenen zurückzuschaffen. Unglücklicherweise hat Hitlers Regierung vom ersten Augenblick an eine rücksichtslose Tattlosigkeit in der Behandlung ihrer Nachbarn gezeigt. Wenn sie nur ein Tausendstel der Energie, die sie gegen jede kritik im Innern anwendet, aufwenden würde, um die Grenzen zu bewachen, so könnte sie ohne Frage solche Zwischenfälle vermeiden. Aber sie tut es nicht, und was ist die Folge? Stäns diger Bruch aller Regeln eines anständigen internationalen Berkehrs, von Verträgen gar nicht zu reden." Das Braunbuch... In die letzte Kategorie werden die kommunistischen Führer, die Funktionäre und die linksstehenden Intellektuellen eingereiht. Gegen sie werden die schlimmsten Sonderbestimmungen angewandt. In dem erwähnten Bericht von Pörzgen über das Gefangenenlager von Heuberg wird dafür folgende Bestätigung gegeben: „ Wer auf Grund der vorliegenden Akten und Berichte als unverbesserlich gelten muß, wird in den„ Stammbaum" verseßt, auf Nummer 19 und 23. Da geht alles viel strenger zu. Der Aufsichtsbeamte führt kein Gespräch. Die Bewegungsfreiheit ist auf 10 Minuten beschränkt. Die Rauchund Sprecherlaubnis wird weniger oft erteilt, auch der Arbeitsdienst, der den Gefangenen Gelegenheit zu einigen Stunden körperlicher Betätigung bietet und ihnen eine Nahrungszulage ermöglicht, fällt beim Stammbaum weg." Auch diesen nüchternen Bericht des Journalisten können wir ergänzen durch den Originalbrief eines Gefangenen im Lager Heuberg, dessen Notschrei uns über Stacheldraht und Brenzen hinweg erreichte: " Teure Genossen! Hoffentlich erhaltet Ihr diesen Hilfes schrei. Das Leben ist hier geradezu furchtbar. Die Bes handlung ist schlimmer wie in den Gefängnissen und Zuchthäusern, von den Kriegsgefangenen nicht zu reden. Um 8.30 Uhr müssen wir zu Bett, morgens um 5.30 Uhr ( nicht um 6 Uhr) werden wir herausgejagt. In der Nacht haben wir keine Ruhe. Oft werden wir drei: bis viermal des Nachts vor die Baracke getrieben und werden auf dem Play herumgejagt, wobei Prügel und gröbste Bes leidigungen zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Des scharfen Isolierung und Ueberwachung unterworfen. Strengstes Rauchverbot wird durchgeführt. Lange Arreststrafen mit nur zehn Minuten Spaziergang am Tage oder Dunkelarrest werden verhängt. Beliebte Disziplinarstrafen sind: mehrstündiges Nachererzieren, Strafturnen, Verlängerung der Arbeitszeit, besonders schwere ungewohnte und aufreibende Arbeit. In einzelnen Konzentrationslagern ist man dazu übergegangen, besonders mißliebige Strafgefangene in Ketten zu legen. Nach dem Bericht von„ Daily Telegraph" vom 27. April 1933 dürfen in Dachau zum Beispiel Widerspenstige die kleinen Hütten überhaupt nicht verlassen und nicht an die Luft gehen. Der Bericht der erwähnten Journalistin schildert einen Arrestraum in Oranienburg, in dem„ schwererziehbare" Gefangene schmachten müssen. „ Ein Manerloch, mit einer Eisentür gesichert, und ohne eine andere Lüftung als die Tür. Man zeigte uns diesen Raum leer. Aber dies geschah erst eine Stunde nach Beginn der Besichtigung, so daß man offenbar die Gefangenen zus nächst daraus entfernt hatte. Denn von den 120 Ge: fangenen fehlten 30. Waren sie etwa unter jener Falltür, die näher zu besichtigen man uns nicht gestattete?" Auf dem Heuberg beschwerte sich ein älterer Rechtsanwalt über das schlechte Essen. Wegen dieser Beschwerde wurde er verurteilt, fünfzehn Tage auf dem Dach der Baracke ohne Decke zu schlafen. Nachts haben wir auf diese Weise nur drei bis vier Die Hölle von Sonnenburg Stunden„ Ruhe". Ein Vorfall: Die ganze Abteilung wird des Nachts her: ausgejagt, muß egerzieren und sechs Nazis mit Gummis Inüppel und vorgehaltenem Revolver prügeln einen Genossen unmenschlich. Sie warteten nur auf einen Widers stand und hätten den Genossen zweifellos erschossen. Da er sich nicht provozieren ließ, schlugen sie ihn später noch mals grün und blau. Diesem Genossen erklärte man:„ Sie können sich zwar beschweren, aber das ist zwecklos. Wir können Sie aber auch mit einem Sandsack beschweren!" Ein Elbinger Genosse erhielt während sechs Tagen Dunkelarrest nur zweimal zu essen und kam halb verhungert und totenbleich zurüd. Jm Dunkelarrest ist er schrecklich vers prügelt worden. Die Nürtinger Genossen sind von einer wahnsinnigen Prügelei hente noch grün und blau. Gebrüll der SA.- Leute, Hilfeschreie unserer wehrlosen Kameraden hören Tag und Nacht nicht auf. Bei dem Effen, das für langfames Verhungern bestimmt ist, müssen die stärksten Nerven kaputtgehen, so daß viele Genossen sich mit Selbstmordgedanken tragen oder Widers stand leisten wollen, selbst auf die Gefahr, daß sie tots geschlagen oder erschossen werden. Jetzt find neue Strafverschärfungen in 19a, 19b, 23a und 286 durchgeführt. Die Gefangenen werden auf den & einzelnen Stufen dem Alter nach zusammengelegt. Der 3wed ist, die jüngeren Genossen noch schlimmer zu dressieren und die älteren Kameraden, die fast durchweg gegenüber den jungen SA.- Lenten jahrelang an der Front standen, abgesondert zu behandeln. In den Strafbanten ist noch kein Journalist gewesen. Den Journalisten hat man wahrscheinlich die Bauten der Stufe I. gezeigt. Die Vergünstigungen vom I. und II. find: Je 3 Zigaretten Mittwochs und Samstags und eine schwarze Wurst für 3 Mann. Das Essen ist so gut, daß wir alle unterernährt sind und furchtbar aussehen. Hier einige Typs vom Effen: Kohl mit Nudeln, sehr dünn, Blaukraut, Kartoffelschnitzel mit Nudeln, füßer Reis mit Kartoffeln, durchschnittlich 3 Gramm Fleisch( in Worten: drei Gramm Fleisch!). In 11 Wochen haben wir zweimal richtig Fleisch mit Sauer: frant erhalten. Das ganze Essen ist fettlos, ohne Geschmack und mit viel Soda. Jn 11 Wochen haben wir zweimal Butter bekommen. Daß wir dabei langsam zugrundegehen, ist klar." Planmäßig wird durch die Einteilung der Häftlinge in drei Kategorien versucht, sie gegeneinander aufzuheßen. Die Lagerkommandanten wetteifern in der Erfindung raffiniert ausgeflügelter Disziplinarstrafen: Den Gefangenen wird die Freizeit gekürzt. Die Schreiberlaubnis wird eingeschränkt oder überhaupt entzogen. Die Besuchserlaubnis wird für lange Zeit aufgehoben. Den Gefangenen ist verbeten, während der geringen Freizeit an gemeinsamen 3u fammenfünften teilzunehmen. Sie werden einer besonders Rebellische Kolping- Söhne Sie protestieren gegen ihren Führer Die Erlebnisse des katholischen Gesellentages mit seinen brutalen Mißhandlungen durch SA. hat sich allen, die dabei waren, tief eingegraben. Inzwischen hat sich unter dem politischen Druck und im Zeichen des Konkordats die Führung der Kolping- Leute gleichgeschaltet. Das haben anscheinend noch nicht alle katholischen Gesellen begriffen. Als der Generalsekretär Dr. Nattermann in der St. Joseph- Kirche in St. Ingbert im Saargebiet am Sonntag sprach, fand er, wie die„ Volksstimme" berichtet, folgendes Echo: Die Kolpingsöhne waren in St. Ingbert zusammengekommen in der Hoffnung, daß ihre Leitung nunmehr ein scharfes Bekenntnis gegen die Barbarei im„ dritten Reiche" ablegt. Bei allen waren die unerhörten Vorgänge in München an= läßlich des Kolpingtages noch zu stark in Erinnerung. Viele fannten auch Herrn Dr. Nattermann von früher und wußten, daß noch vor sechs, sieben Monaten gerade von dieser Stelle aus gegen den Tichechen Adolf Hitler gekämpft wurde. Geit der Machtergreifung der Faschisten wurde festgestellt, daß gerade Herr Dr. Nattermann die Gleichschaltung vorzog und Kolping mit Hitler verglich. Die katholischen Gesellen waren infolgedessen aufs höchste empört, als Dr. Nattermann vorgestern von der Kanzel herunter scharfe Worte gegen den Sozialismus, gegen die Tarifverträge usw. fand und offensichtlich für den freiwilligen Arbeitsdienst warb. In der Josephskirche war allgemeines Murren zu hören. Abends in der Festhalle kam es zu einem regulären Protest. Herr Dr. Nattermann stand beim Ertönen des Deutschlandliedes auf und hob die Hand zum Hitlergruß. Von den zahlreichen Das Konzentrationslager Sonnenburg muß gesondert be handelt werden. Briefe und Berichte von Gefangenen, ja selbst amtliche Feststellungen beweisen unzweideutig, daß Sonnenburg eine wahre Folterkammer ist. Arbeiterführer und Intellektuelle sind den erniedrigendsten Mißhandlungen ausgefeßt. Das Lager heißt in ganz Deutschland: Die Hölle von Sonnenburg. Das Schreiben eines Arbeiters, das aus Sonnenburg hinausgeschmuggelt wurde, gibt eine aufwühlende Darstellung der Zustände: „ Die ersten Gefangenentransporte wurden auf dem Bahnhof Sonnenburg von SA.- Abteilungen und von Schupos 3. b. V. empfangen. Sie wurden zum Singen gezwungen und buchstäblich bis zum Lager hingeprügelt. Das können die Einwohner von Sonnenburg bezeugen. Im Lager ans gekommen, mußten die Gefangenen bei strömendem Regen im Hof stehen. Dann wurden die ersten in den Sälen unters gebracht. Jeder mußte sich selbst Stroh aus einer anderen Etage holen. Auf der Treppe standen SA.- Leute, die mit ihren Gummifnüppeln erbarmungslos auf die Gefangenen dreinschlugen. In den Sälen wurden wir wieder mit Stuhlbeinen und Gummiknüppeln geprügelt. Einzelne Ges nossen mußten die Koteimer der SA. reinigen, wobei sie wieder vichisch mißhandelt wurden. Ein SA.- Mann steckte den Kopf des Gefangenen zwischen seine Beine, während ein anderer zuschlug. Die Genossen mußten die Schläge laut zählen. Bis zu 185 Schlägen haben einzelne Gefangene erhalten. Dazu gab es noch Fußtritte und die übrigen Mißhandlungen. Am meisten zu leiden hatten die Genossen Litten, Wiener, Bernstein, Kasper, Schneller und die jüdischen Gefangenen. Besonders hat unser alter Freund Mühsam gelitten. Jetzt hat es sich ein bißchen geändert, aber dafür herrscht ein unerhört scharfer militärischer Drill, schlimmer als zu meiner Refrutenzeit. Die meiste Zeit müssen wir draußen exerzieren, marschieren und fingen. Die ersten drei Wochen waren die schrecklichsten. In den Einzelzellen wurden wir nachts überfallen und furchtbar verprügelt. Manche Genossen hatten ganz schwarze Rücken. Ob Litten mit dem Leben davonkommen wird, weiß ich nicht. Er selbst hat den Staatsanwaltschaftsrat Mittelbach ( die furchtbar erregten Frauen mehrerer in Sonnenburg internierten Häftlinge hatten im Berliner Polizeipräsidium schärfften Protest erhoben und durchgefeßt, daß Mittelbach zur Untersuchung nach Sonnenburg entsandt wurde) ge= beten, man möge ihm doch eine Kugel durch den Kopf jagen, weil er diese viehischen Mißhandlungen nicht ers tragen fönne." Diese Schilderung wird durch einen Bericht des„ Sonnenburger Anzeigers" vom 7. April 1933 ergänzt: „ Mit dem Gesang der Nationalhymne mußten die Häfts linge vom Bahnhof nach dem ehemaligen Zuchthaus marschieren, wobei vielfach der Gummiknüppel der Ber= liner Hilfspolizei nachhalf." In diese drei Zeilen ist eine ganze Hölle eingeschlossen. Besuchern erwiderten drei Gesellen diesen Gruß, die andern streckten die Faust empor oder hoben die Schwurfinger. Und etwa 50 Prozent der Anwesenden verließen aus Protest den Saal. Ja, ein katholischer Kaplan ging nachher auf Dr. Nattermann zu und erklärte ihm empört:„ Hätten Sie doch gleich zu Anfang Ihrer Rede die Hand zum Hitler- Gruß erhoben, dann hätten wir alle gleich gewußt, woran wir mit Ihnen sind." Es entspann sich ein Disput zwischen Dr. Nattermann und einzelnen Gesellen, und die ganze Veranstaltung verlief im Sande. Beifall erhielt der Redner kaum. Die übergroße Mehrheit der katholischen Gesellen war aufs tiefste empört wegen der nationalsozialistischen Agitation des Herrn Nattermann, und die Ortsgruppe 3 weibrüden der Kolpingsöhne gab die Erklärung ab, daß sie sich auf Grund dieses Vorfalles sofort auflösen werde. Ohne Auto- kein Darré! Man regiert vom Sechssitzer aus Hugenbergs Nachfolger, der neue Wirtschafts- und Ernährungsminister Walter Darre, hat sich ein neues Auto angeschafft im Werte von nicht weniger als 35 000 RM. Diese Summe ist auf das Osthilfekonto gebucht worden. Ferner werden uns von zuverlässiger Seite über Autoanschaffungen der Führer der Arbeitsfront" folgende Einzelheiten berichtet. Herr Ullmann vom Deutschen Baugewerksbund hat sich einen neuen Wagen für 9500 RM. auf gleichgeschaltetem Gewerkschaftskonto genehmigt. Herr Walter Schumann und der Kassierer der Arbeitsfront, Herr Brinkmann, haben sich gleich Harbelus Fortsetzung von Seite 1 Ein Gefangener, dem es gelang, aus Sonnenburg zu flüchten und das Ausland zu erreichen, berichtet: " Im Zuchthaus Sonnenburg sind 414 politische Gefangene untergebracht, unter ihnen Carl von Ossiezky, den man am 28. Februar verhaftet hat. Ein Mitgefangener, der dreizehn Tage im Sonnenburger Zuchthaus verbrachte und jetzt die Grenze erreichen konnte, hat Ossietzky in der Kranken= abteilung gesehen. Gebückte Haltung, eingefallenes Gesicht, gelbe, krankhafte Gesichtsfarbe, nervöses Gestikulieren mit den Händen, schlotternder Gang, so beschreibt er Ossiegly. Die anderen Sonnenburger Häftlinge: Dr. Wiener, am ganzen Körper grün und blau geschlagen; der Kommunist Bernstein, dessen Nieren man zerschlug und der jetzt nur mit einer Stüße gehen kann, der Kommunist Kasper, dem man die Schamhaare ausgerissen hat, Erich Mühsam, der mit Kasper zusammen für sich ein Grab schaufeln mußte mit der Begründung: am nächsten Morgen würden sie beide erschossen werden. Auch Erich Mühsam sieht entstellt aus, denn seine Barthaare hat man ihm abgeschnitten. In der Nacht hat man Kasper das Fenster seiner Zelle ein: geschlagen, eine Pistole durchgesteckt und ihm mit Ers schießen gedroht. Dann drang man in die Zelle und be= arbeitete Kasper mit Gummifnüppeln. Das Tagesprogramm in Sonnenburg: 5.15 Uhr: Wecken, Heraustragen der Abortkübel( in Sonnenburg gibt es keine Wasserspülung), Reinigen der Zellen, Waschen, Freiübungen usw. 8.30 Uhr: Frühstück. 9-10 Uhr: Militärische Uebungen, Absingen von Hitlers Liedern. 10.30-12 Uhr: Pause, dann Mittag. 12.30-5.30 Uhr: Militärische Uebungen und Turnspiele. 6 Uhr: Abendbrot. 6.30-7.30 Uhr: Exerzieren. 7.30-8.30 Uhr: Gemeinsames Beisammensein, Die Mißhandlungen im Lager Sonnenburg waren so uns menschlich, daß der am 11. April neu antretende PolizeiTommandant des Lagers sich gezwungen sah, an die vorgesetzte Behörde Bericht zu erstatten. Auf Befehl von oben mußte er die Kopie dieses Briefes vernichten. Die meisten Stücke dieser zerrissenen Kopie gelangten in unsere Hände: " Sonnenburg, den 18. Mai 1983 Betrifft besondere Vorkommnisse nach Uebernahme des Polizeigefängnisses am 11. 4. 33. Bei meinem Dienstantritt am 11. 4. 33 stellte ich fest, daß im hiesigen Polizeigefängnis, insbesondere bei der SA. Mannschaft feine geordneten Zustände herrschen. Vornehm lich bezog sich dies auf folgende Punkte: 1. Behandlung der Gefangenen durch die SA.- Mannschaft; 2. Verhalten der SA. gegen die Verwaltungsbeamten; 3. Verhalten der SA. untereinander; 4. Verhalten der SA. in der Oeffentlichkeit; 5. Besoldungsverhältnisse der SA. zu 1). Ein Teil der Gefangenen, insbesondere die Pros minenten, waren durch Angehörige der SA. auf das Schwerste mißhandelt worden. Um Fortsetzungen der Mißs handlungen zu unterbinden, wurden die verlegten Gefangenen nun unter Aussicht von Schutz( fehlt) beamten gehalten. Den SA.- Männern drohte ich bei Wiederholung ( fehlt) durch scharfe Ueberwachung der SA. bei Tag und Nacht die( fehlt) gegen Gefangene nachließen, habe ich dennoch in zwei Fällen das Schlagen von Gefangenen festgestellt. Bei dem Zusammenhalten der SA.- Mannschaft, besonders bei derartigen Vorkommnissen, hatte die an= gestellte Untersuchung nach den Tätern keinen Erfolg. Ich drohte nunmehr der SA. an, daß ich bei dem geringsten Vorfall dieser Art die in Frage kommenden Wachschichten, bzw. die gesamte SA.- Mannschaft ablösen werde. zu 2). Dauernde Reibereien zwischen den Verwaltungss beamten und den SA.- Mannschaften entstanden wegen der umgekehrten Löhnungsverhältnisse. Troß angemessener Vorschußzahlungen fühlten sich die SA.- Männer benachteiligt und hielten den Polizeiinspektor Pelz für den Schuldigen. Ihr Auftreten dem Polizeiinspektor Pelz gegenüber ging soweit, daß die SA. nur durch mein persönliches Eingreifen durch scharfe Zurechtweisungen zur Vernunft 24 bringen war. Beim Abzug der SA. am 24. 4. 1933 mußte uh den Polizeiinspektor Pelz in seiner Wohnung durch einen bewaffneten Schußpolizeibeamten beschüßen lassen, um Tät lichkeiten zu verhindern. zu 3). Innerhalb der SA.- Mannschaften kam es des öfteren zu Streitigkeiten, die im allgemeinen aus nich tigen Gründen entstanden." ( Hier bricht der Bericht ab.) falls schwere neue Wagen zugelegt, der Arbeiterführer" Dr. Ley desgleichen. Daß auf diese Weise die Autoindustrie über Auftragsmangel nicht zu klagen hat, ist zu verstehen, weniger zu verstehen ist schon, daß diese Vorfämpfer gegen eine angebliche Storruption der roten Bonzen" die Kosten für ihre Privatfahrten an den Gewerkschaftskassen haben beheben laffen, wie wir von Augenzeugen wissen. Göring heiratet Geld kommt zu Geld Der preußische Ministerpräsident Göring beabsichtigt, wie wir erfahren, sich wieder zu verheiraten. Seine Wahl ist auf Fräulein Thyssen, Tochter des nationalsozialistischen Schwerindustriellen Frizz Thyssen gefallen. Herr Göring hat befanntlich erst vor kurzem seinem fünftigen Schwiegervater Amt und Einnahmen eines preußischen Staatsrats verschafft. Gekaut wird immer Kaugummigeschäft krisenfest Der amerikanische Kaugummikonzern William Wrigley Comp. schließt das erste Halbjahr 1983 mit einem Reingewinn von 3,89 MiII. Dollar ab gegen 4,01 Mill. Dollar in der gleichen Vorjahrsperiode. Die Tatsache, daß der Gewinn des Unternehmens, das auch in Deutschland eine Tochtergesellschaft unterhält, im laufenden Jahre nur etwa 30 Prozent unter dem Refordertrag von 5,66 Mill. Dollar im ersten Semester 1930 liegt, fennzeichnet die Krisenfestigkeit des Kaugummigeschäfts. .Deutsche Freiheit" in der Schweiz Ein Freund unseres Blattes schreibt uns: Ich finde es interessant, daß die Deutschen, welche in bie Schweiz tommen, mit Vorliebe die Freiheit kaufen, weil man draußen nichts und nicht die Wahrheit erfahre, die Freiheit geradezu„ fressen". Wenn die Freiheit mittags herauskommt, so ist sie bombensicher um 16 Uhr vergriffen. Auf der Eisenbahn wird heute weit mehr die Freiheit" ge= lesen als daß Lügenelaborat Hitlers. Unsere Treuepflicht Aus den Aufzeichnungen eines Emigranten Cumal aber mußten wir bei allem Rummer entsetzlich lachen. Unser Gelächter mag nicht so hell geklungen haben wie das sorgloser Kinobesucher, es war ein scharfes, gereiztes Lachen, ein Lachen, worin sich der zornige Ekel über eine Riesengemeinheit entlädt sozusagen aus Verzweislung über den Mangel menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten für letzte Gefühle. Also wir lachten; wir lachten, daß einige blau anliefen. Und es war doch nichts geschehen, als daß Theo ein paar Absäge einer amtlichen Verlautbarung verloren hatte, die uns Emigranten mit Verlust der Staatsangehörigkeit und et= waiger in Deutschland verbleibender Habe bedrohte, wenn ja dann kamen die Worte, die uns zum Lachen zwangen wenn wir unsere Treuepflicht gegen die Regierung Hitler verletzen sollten. Auf Eid und Ehrenwort: unsere Treuepflicht... Ein Chef fiel mir ein, unter dem ich vor mehr als zwanzig Jahren gearbeitet habe, n' Jemüt wie' n Fleescherhund", pflegte ihn unser zweiter Verkäufer zu charakterisieren. Eines Tages warf er einen Angestellten hinaus, nachdem er den jungen Mann beschimpft und mißhandelt hatte- fristlos entlassen. Vor dem Kaufmannsgericht aber spielte der Herr Prinzipal den moralisch Gefränften:„ Ein Angestellter, der gegen seinen Chef bei Gericht flagt, zeigt schon durch diese Untreue gegen die Firma, daß er sich für einen Vertrauensposten nicht eignet..." Ich möchte schwören, daß unser Fleescherhund" seligen Andenkens, wenn er das dritte Reich" noch erlebt hat, einen wichtigen Posten bei Hitler bekleidet. Er hat die Moral des „ dritten Reiches" in der Nußschale vorererziert: man mißhandelt einen Menschen, nimmt ihm Ehre und Brot, und wenn der Mißhandelte klagen geht, so verlegt er seine Treuepflicht.. Der Nazihäuptling a la suite der Arbeitsfront Organisationsleiter, oder wie das für ihn geschaffene Pöstchen heißen mag, Herr Muchow, veröffentlicht einen Aechtungsbefehl gegen mehr als dreitausend ehemalige Gewerkschaftsfunktio= näre:„ Niemals mehr sollen sie in irgend einem Betrieb Arbeit bekommen... Gibt ihnen zu verstehen, daß sie eigentlich den Strick verdient haben... Der Befehl ist ohne falsche Sentimentalität durchzuführen." Dreitausend unschuldige Menschen nebst ihren Familien werden zum Verhungern in Deutschland verurteilt. Es genügt den regierenden Henkern nicht, den Opfern ihre gegenwärtige Eristenz zerbrochen, ihre Ersparnisse gestohlen, ihre durch jahrzehntelange Beitragsleistung erworbenen Unterstüßungsrechte brutal tassiert zu haben. Nein, sie sollen auch niemals mehr in Deutschland einen Pfennig verdienen dürfen. Aber: wenn nun einer der in Deutschland Geächteten dem Lande den Rücken kehrt, das ihn ausstößt, was hat er im Auslande zu beachten? Er hat die Treuepflicht.. Bitte, gleich zweite Tür lints", sagte der Hausherr," falls Sie erbrechen müssen". Brief aus Ostpreußen Von der Front der siegreichen..Arbeitsschlacht" Aus Ostpreußen ließ die deutsche Reichsregierung melden, daß es hier mit der Arbeitslosigkeit in RiesenZeitungen:" Wieder ein ostpreußischer Kreis frei von schritten bergab gehe. Fast täglich berichteten die deutschen Arbeitslosen." Dann begann der Austausch inniger Sieges- und Danktelegramme zwischen dem Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen und Herrn Hitler. Nazi- Deutschland war wieder einmal restlos begeistert. Das war doch eine große und sich„ ewig in der Geschichte erhaltende Tat", die hier in Ostpreußen durch einen Nationalsozialisten durchgeführt worden war. Nur der am meisten daran interessierte Teil, nämlich Ostpreußen selbst, scheint nicht von dieser Welle der Begeisterung" erfaßt worden zu sein. Ein Brief aus Ostpreußen, den ein Emigrant in Kopen hagen erhielt, berichtet ganz merkwürdige Dinge. Der Brief kommt aus Marienburg, einer kleinen ostpreußischen Stadt und trägt das Datum des 27. Juli 1933. Da der Brief auch private Mitteilungen enthält, kann er nur auszugsweise wiedergegeben werden: Lieber Hans Georg! ,, und dann will ich Dir auch etwas über unsere wirtschaftliche Lage und unsere Sorgen mitteilen, damit Du siehst, daß es uns nicht viel besser als Dir geht. Das Geschäft geht sehr schlecht, es ist fast zum Verzweifeln. Nur die Tatsache, daß es vielen, ja wohl allen Gewerbetreibenden in Ostpreußen so geht, läßt es nicht zum Verzweiflungsschritt kommen. Aber es packt einen die Wut, wenn man täglich im Lokalblatt und in der deutschen Presse die Berichte über die wirtschaftliche Gesundung Ostpreußens" liest. Wenn ich nicht genau wüßte, daß dieser Brief ohne Kontrolle in Deine Hände kommt, würde ich mein Herz nicht so ausschütten. Es ist einfach erstaunlich und fast unglaublich, wie geduldig das Papier ist. So etwas habe ich denn noch nicht erlebt, obwohl ich schon so alt geworden bin. Ich will ganz offen sein: Jawohl, es sind eine Menge Arbeitslose in Arbeit gebracht worden, aber lange nicht alle. Eingerechnet sind augenscheinlich nur die Erwerbslosen, die noch Unterstüßung erhielten. Viele, die feine Unterstüßung mehr bekommen, laufen noch heute herum. Das ist nicht nur bei uns so, sondern überall. Die 18- und 20jährigen sind natürlich überhaupt nicht dabei, da diese alle in die Arbeitsdienst läger gesteckt worden sind. Weigerten sie sich, wurde ihnen jede Unterstützung gesperrt. Und dann vor allen Dingen, frage nur nicht nach den Bedingungen, zu denen diese Leute, die jetzt Arbeit erhalten haben, vermittelt worden sind. Sie verdienen kaum mehr als sie Unterstützung erhalten haben. Davon können sie sich auch nicht viel mehr kaufen, und wir Geschäftsleute blicken genau so trostlos in die Zukunft wie vorher. Onkel Franz war vorgestern hier. Emma " Dann erzählte er folgendes: 3u ihm sind drei SA.. Männer gekommen. Haben sich sein Haus von drinnen und draußen angesehen und sagten dann: Ihr Haus sieht schlecht aus. Es muß neu in Ordnung gemacht werden. Der Puzz fällt ja schon von der Decke." Damit nahm der eine SA.- Mann Onkel Franz seinen Handstock, der im Flur hing und schlug im Flur gegen die Wand, so daß große Stücke von dem Puzz abfielen. Onkel Franz wurde böse und wollte sie hinauswerfen. Da drohten sie, ihn in Schutzhaft zu nehmen er ist nun 78 Jahre alt. Wenn er sich aber bis zum Abend überlegt hätte, wieviel Mann er zum Ausbessern seines Hauses einstellen wolle, dann brauche er nicht in Schutzhaft. Nun hat Onkel Franz eben so wenig Geld als wir. Am Abend sind dann die SA.- Männer wiedergekommen. Onkel Franz hat ihnen gesagt, wenn sie ihm Geld geben, dann fann er auch sein Haus in Ordnung bringen lassen. Sonst nicht. Dann sind die Nazis beigekommen, haben auf der Diele den Fußboden aufgeriffen und draußen an der Hauswand den Puz abgeschlagen. Dabei gingen auch einige Fensterscheiben Aum Teufel. Ein SA.- Mann setzte sich auf das alte Treppengeländer, so daß es zusammenbrach. Onkel Franz in seiner Wut lief in den Stall und wollte sich die Art holen. Tante Minna lief aber hinterher und sperrte ihn in den Stall ein, damit nichts passieren sollte. Sonst hätte es Mord und Totschlag gegeben. Onkel Franz war dann zum Landrat, ist aber nicht vorgelassen worden. Er sagt nun: Eigentlich wollte ich ja die letzte Reise antreten, weil mich der Rheumatismus so ecklig quält. Nun will ich aber doch hier bleiben, bis es mal anders rum kommt. Uns' Herrgott wird wohl noch ein bißchen auf mich warten können, und der Marjell werde ich die Fagen schon austreiben, daß sie mit so einem rumläuft.( Enkelkind, das einen SA.- Mann zum Freund hat.) Ob so überall„ Arbeit beschafft" wird, weiß ich nicht, aber so ähnlich wirds wohl sein. Es ist bei uns noch schlimmer als im Gefängnis, mucksen( auflehnen) dürfen wir nicht, sonst na, Du weist ja selbst Bescheid. Von den Berlinern -" Der Schreiber dieses Briefes ist, das soll hervorgehoben werden, kein Marrist" und ist auch nie einer gewesen. Er ist Kleinbürger mit früherer monarchistischer Weltanschauung, der eine Zeit wie sehr viele von seinen Kollegen mit den Nationalsozialisten sympathisiert und diese auch gewählt hat. Der Brief kennzeichnet die tatsächlichen Verhältnisse in Ostpreußen, wenn auch über die politischen Zusammenhänge nichts Bedeutsames gesagt wird; das ist auf die politische Ungeschultheit des Schreibers zurückzuführen. Mögen sie mich umbringen Dante, es ist vorüber. Da fist Ferdinand, der den Krieg„ Aerger als in Sibirien" von A bis 3. mitgemacht hat. Wenn er seine Auszeichnungen tragen würde aber das tut er nicht, würde man die Löcher in seinem Jackett kaum so sehen wie jetzt. Dafür sieht man das schlecht vernarbte Loch in der linken Wange, den Stumpf der rechten Hand, der drei Finger fehlen, und auf dem Kopf... aber diese Löcher in der Schädeldecke sind nicht vom Krieg. Das ist Zusazleistung der SA. Und Ferdinand, der mit knapper Not das nackte Leben über die Grenze gerettet hat, dessen Frau sie ins Konzentrationslager geschleppt haben, weil sie nicht sagen wollte, wo ihr Mann sich aufhält, dessen Kinder von barmherzigen Leuten gefüttert werden.... Ferdinand hat jetzt nur die Pflicht, die Treue gegen das Land, das ihm sein Kriegsopfer so herrlich vergalt, zu be= wachen. Hunderttausenden nahm man ihre Existenz. Zehntausende sperrte man ohne Urteil und Richterspruch in Konzentra= tionslager, als„ Verdächtige", denen man leider nichts beweisen kann, oder auch als Geiseln für das Wohlverhalten anderer. Bei der Entlassung präsentiert man den ohnehin Ruinierten dann noch ellenlange Rechnungen über ,, Verpflegungskosten", um unter diesem Vorwand auch noch ihr letztes Stück Hausrat pfänden zu können. An den Stempelstellen weist man die Notleidenden ab. Auf den Wohlfahrtsämtern reißt man zynische Wize über ihr Unglück. Keine Staatsstelle gibt auch nur einen Pfennig, und sei es, um ein unschuldiges Neugeborenes aus der Familie des Opfers durch ein paar Liter Milch am Leben zu erhalten. Aber, bitte: Treuepflicht!- Treuepflicht! Und wenn der Emigrant diese Treuepflicht nicht wahrt gegenüber den Henkern, die seine Verwandten gefoltert, seine Familie erschlagen, seine Habe gestohlen haben, dann geht es ihm ans leßte, was er noch befißt: an seine Staatsangehörigkeit. Aber, seien Sie beruhigt, meine Herren: wir haben die Treuepflicht gegen unser Heimatland auch über die formale Zugehörigkeit, auch über das Staatsbürgerrecht hinaus: Der Manchester Guardian" veröffentlicht den Brief eines politischen Gefangenen in einem deutschen Konzentrationslager, der an einen englischen Freund gerichtet ist und den Adressaten auf Schleichwegen erreicht hat. Lieber Genosse, heißt es in dem Schreiben, ich schicke Ihnen diese Zeilen insgeheim durch einen Freund. Wenn die Nazis mich dabei erwischen, werden sie mir das Nasenbein zerschmettern, wie sie es unlängst mit dem guten alten X. getan haben. Aber das macht nichts. Mögen sie mich umbringen, so wie sie alle übrigen umgebracht haben, dann hat das Elend wenigstens ein Ende. Wir sind hier mehr als vierhundert gefangen. Die meisten von uns sind seit mehr als drei Monaten hier. Wir dürfen keine Briefe schreiben, noch unsere Angehörigen sehen. N. N. bat kürzlich um die Erlaubnis, seine alte Mutter zu besuchen, die im Sterben liegt. Der Naziwärter sagte ihm: „ Halts Maul oder du haft eine Kugel in den Bauch." Wir schlafen in einem großen Saal mit 120 Männern, die andern sind in einem Stall und in den Waschräumen eingesperrt. Es ist ein furchtbar kaltes Lokal, wir können nicht einheizen und es zieht entseßlich. Im Keller sind vier Kommunisten, die täglich geprügelt werden. Wir hören, wie sie um Hilfe brüllen. Vor ein paar Tagen wurde Y. erschossen, als er angeblich einen Fluchtversuch unternahm. In Wirklichkeit haben die erbärmlichen Hunde den Mann ohne jeden Grund nieders geschossen. Er hatte einen persönlichen Feind bei der Sturmabteilung von X., und dieser schoß ihn nieder. auch als ausgestoßene, staatenloſe, besitzlose Menschen denten Das Wiener Braunbuch wir Tag und Nacht an unsere Treuepflicht gegenüber Deutschland! Wir denken an unsere Treuepflicht, die uns gebietet, mit unseren Kräften mitzuwirken, daß Deutschland von dieser Sorte Herrschaft befreit werde. Treue um Treue! Kitschige Sorgen Der fehlende Geschmack Mucki. Die Kreisleitung der NSDAP. in Botrop( Ruhrgebiet) erläßt eine Anordnung über die Kitschbilder in den Schaufenstern. Von nun an, dekretiert Herr Kunz, Kreisleiter, ,, ordne ich an, daß alle in den Schaufenstern und öffentlichen Bersammlungen ausgestellte Bilder, Büsten usw. meiner Genehmigung zur Ausstellung bedürfen". Den nationalen Kitsch will Herr Kunz entfernen, einzureichen aber find „ Einzelstücke aller im Handel befindlichen Bilder des Reichsfanzler, der neuen Staatsmänner und der historischen Persönlichkeiten, ferner Muster aller Gebrauchs- und Lurusgegenstände, Proben von Nahrungs- und Genußmitteln" und zwar zur Begutachtung. Demnächst wird Herr Kuna aines eigenen Handel aufmachen können. Hier sieht Europa nackt, dokumentarisch, Spezial- Verbrechertum, bewußt und arisch, Das unbekümmert an den Grenzen hauft. Unfug und Untat in verworr'nem Knäuel. Kein Grenelmärchen, sondern echte Greuel. Die Welt verwundert sich,-Europa granit. Nur keine Hemmung oder Luftverdrängung: Entführung- Ueberfall- Zerstörung Ueberfall Zerstörung- Sprengung. Weg mit der Menschlichkeit! Es gilt die„ Tat" Die Wahrheit gegen Propagandadichtung. Hier seht das Wert: Bedrohung und Vernichtung. Glaubt ihr ans Endziel, an den Musterstaat? Und wer dies las und vor dem Tun erstarrte, Der wiffe: Dies ist nur die Musterkarte, Ist nur ein Rinnsal auf der blut'gen Spur. Darum, fich wappnen gegen branne Horden, Ist nur ein Wunsch in allen reif geworden: Zusammenschluß zur Rettung der Kultur!! Willi Edenroth 1911 66 . Wir müssen täglich drei Stunden exerzieren. In der Früh und des Abends ist Flaggenparade, das heißt„ Heil Hitler!" Wer nicht mitbrüllt, wird entsetzlich geschlagen! Morgen soll ein neuer Haufen von Gefangenen ins Lager kommen, zumeist Juden und Katholiken. Juden in der Umgebung sterben Hungers, weil ihnen die Bauersleute keine Lebensmittel verkaufen. Wer es wagt, in einem jüdischen Geschäft zu kaufen, bekommt von den SA. eine„ Abreibung". Vor einigen Tagen hatten wir fremde Besucher im Lager. Der Wärter sagte uns vorher, daß jeder, der sich untersteht, eine Beschwerde vorzubringen, eine Abreibung be= tomme. Natürlich traute sich niemand, ein Wort zu sagen, und die Besucher entfernten sich befriedigt. Schade, daß diese seinen Herren den Keller und die Folterkammer nicht gesehen haben, wo die Gefangenen auf eine Prügelbank gebunden und bis zur Bewußtlosigkeit ge= schlagen werden. Der größte Schurke hier ist X. Y. Er schlägt die Leute mit der Hundspeitsche ins Gesicht und droht ihnen mit dem Revolver. Ihr werdet alle an die Wand gestellt," ist seine ständige Redensart. Wir alle leben hier in der größten Angst und Sorge. Wir fürchten, den nächsten Tag nicht mehr zu erleben. Kein Mensch hilft uns. Können Sie nicht dem Völkerbund schreiben, daß man eine Untersuchungskommission herschicken möge? Das Leben ist hier ärger als in Sibirien. Wenn es so weitergeht, kommt keiner von uns lebend aus dieser Hölle heraus. Widerstand! Man regt sich Die Kölner Arbeiterschaft hat erfahren, daß die Nazizens trale in der beseßten Konsumgenossenschaft Hoffnung" bes absichtigt, in nächster Zeit 20 der bei der Hoffnung" beschäf= tigten ehemaligen Sozialdemokraten herauszuwerfen und ihre Kreaturen zu installieren. Außerdem soll fast jeder dritte Berteilungsstellenleiter der einzelnen Berteilungsstellen ents laffen werden. Die in der„ Hoffnung" organisierten Kölner Arbeiterfamilien haben daraufhin, auf welche Art und Weise, braucht nicht erklärt zu werden, beschlossen, ihre Lebensmit teleinfäufe im Falle der geplanten Entlassungen nicht mehr in der Hoffnung" zu tätigen. Außerdem sollen die Sparkass seneinzahlungen abgehoben werden, um auf diese Weise mit zum Ruin der nunmehr von den Nazis dirigierten Konsums genossenschaft beizutragen. Es ist zwar eine harte Maßnahme, aber sie stellt doch nur das Notwehrrecht dagegen dar, daß die Nazis von einer Organisation, die mit fauer ersparten Arbeitergroschen mühsam aufgebaut worden ist, die Früchte ernten sollen. Der Vorschlag der beabsichtigten Maßnahme fand die einhellige Zustimmung aller erfaßten Arbeiterfamilien. Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten dritten Reich" r Kulturbilder aus dem dritten Der neue Glaspalast Der Führer hat den Münchenern einen neuen Glaspalast an Stelle des vor zwei Jahren abgebrannten versprochen. Wie er das Versprechen einlöst, zeigt vorerst die Eröffnung der diesjährigen Münchener Kunstausstellung in der neuen Pinakothek, vor dem mit Lorbeeren gleichgeschalteten Bilde Schickelgrubers, in Gegenwart des Reichsstatthalters Epp. Der Innenarchitekt des Braunen Hauses, ein gewisser Trost, hat einfach die Jury selbst gebildet und sich aus den histori schen Münchener Kunstgesellschaften, wie der Eezession, der Künstlergenossenschaft das herausgesucht, was er für den Wotansbedarf gebrauchen kann. Der Rest wurde abserviert. Das beste wäre, einige geeignete Münchener Maler, wie insbesondere den gleichgeschalteten Professor Gulbransson, nun so lange„ Sprung auf, marsch, marsch" machen zu lassen, bis sie den Slevogt und den Leibl und die übrigen„ Marristen" nun endgültig überwunden haben. Roulette für Arier Dem„ Schach für Arier" wird jetzt anscheinend das Rout Iette für Arier in Baden- Baden nachfolgen, oder sollen etwa gar, da die Pleite groß ist, Leute mit jüdischer Großmutter im sanften Tale der Dos der Kugel des Croupiers statt der des SA.- Mannes ausgesetzt werden? Da die Aneignung jüdischer Gelder ja auch sonst eine Haupteigenschaft der Aufgenordeten ist, spricht manches dafür, daß die Kaffe der Spielbank ein bißchen großartig ist. Im übrigen ist das Spiel, wie schon Dr. Weiß bei dem großen Boder- Prozeß gegen den„ Angriff" festgestellt hat, nicht eine jüdische, sondern eine germanische Errungenschaft, siehe den Tacitus. Vielleicht wird also nächstens jeder Sturmtruppführer zum vaterländischen Hazard abkommandiert werden. Das Leben im dritten Reich" ist ohnehin Glücksspiel. Ein Staatssekretär- Milch- Flugzeug Jeder tut, was er fann. So hat fürzlich ein gewisser historischer Bürkel aus Mußbach bei Neustadt in der Pfalz, in der Nähe vom„ Dörkhemer Worschtmarkt", die ChristianWeiß- Siedlung bei Ludwigshafen auf den Namen Bürkel umgetauft, und auf dem Hornberge bei Schwäbisch- Gmünd, wo die Leute ohnehin erst mit vierzig Jahren gescheit werden, lief unter anderem ein Staatssekretär- Milch- Flugzeug vom Stapel. In Bockenem am Harz gibt es eine höhere RustSchule, und auf dem Schlachtfelde an der Kazbach entsteht ein Hitler- Denkmal, Göbbels läßt über sich selbst Vorträge halten, und in Thüringen gibt es einen Ort Hitlerberge, wie die Nordsee demnächst eine Hitler- Insel aufweisen wird, womit der Reford der Bismarckheringe wesentlich übertroffen ist. Jetzt fehlt nur noch die Umtaufe von Kreuzberg in Hakenkreuzberg und von Rixdorf in Fricksdorf sowie ein neuer Name für Rhein, Donau und Riesengebirge, dann ist bas britte Reich" perfeft. Hier mal herhören" im Bühnennachweis Im Bühnennachweis, Potsdamer Straße zu Berlin, im ehemaligen Funkhaus, ist der Tempeldienst für die Musen lezt mehr nach Art einer militärischen Rekrutenvereidigung geregelt. Die seinerzeit von dem verruchten System der Bühnengenossenschaft für die Kollegen eingeführten Neuerungen gibt es nicht mehr. Besonders die wiederkehrenden Sprechstunden hält der braune Geist Thaliens für überflüssig, ein einmaliger Anmeldebesuch beim Disponenten „ genügt" hinfort. Auch die Möglichkeit, die Direktoren zu sprechen, wenn sie im Hause waren, ist höherer Einsicht zum Opfer gefallen. Hauptsache ist jetzt eben Felddienstfähigkeit, Kniebeuge und echte Gesinnung. Auf Weichlinge wie Romeo oder Hamlet kommt es jest weniger an. Heil dir, o Oesterreich In Desterreich streiten sich gegenwärtig die Dollfüßler und die Adolfüßler. Die Adolfüßler haben neuerdings wieder einige große Erfolge im Geiste Rudolf von Habsburgs errungen. In Hiezing bei Wien hat einer eine Telefonzelle gesprengt. In Bad Gastein hat einer eine Fahne auf einem Wasserfall befestigt und den gegenüberstehenden Baum durchgesägt. In Salzburg, dem Lande Mozarts, hat einer hakenkreuzlerische Drohbriefe abgesandt und dann vor Angst Papierklammern geschluckt. Schließlich in Landeck ist eine Schulfreundin Adolf Hitlers aus Braunau, die Wirtin Bauer, nebst drei anderen Personen wegen Annahme von Schweigegeld beim Attentat auf die Trisannabrücke verhaftet worden. Diese Schulfreundin steht heute noch mit Adolf in Verbindung. Und da weigern sich diese Oesterreicher noch, Wien und die Leopoldstadt abzubrechen und Braunau zur Hauptstadt zu erklären? Ich schlage dich aufs Herz Alexander Moissi, aus Deutschland vertrieben, hat in Mailand im Hof der alten Basilika Sant Ambrogio einen ganz großen Erfolg als„ Jedermann" gehabt, in dem er die berühmten Worte„ Ich schlage dich aufs Herz" spricht. Alexander Moissi ist bekanntlich Jude. Der Hauptschrift leiter der„ Deutschen Zeitung" wurde fürzlich in ein Stonzentrationslager gesperrt, weil er mitteilte, daß Balbo ein getaufter Jude sei, und dadurch unsere Beziehungen zu Italien" gefährdete. Frage: wie viel bekommt man für Moissi? Gestüt in Lippe- Detmold In Lippe- Detmold( eine wunderschöne Stadt, darinnen ein Soldat", doch heute sind deren unzählige) beginnt näch stens die Rassenfultur. Die Reichsführung der SS.- Ritter hat die Burg Schwabenberg der Gräfin von der Lippe gleich auf 99 Jahre gepachtet, um dort das berühmte Rassen= amt zu errichten. Der Reichsführer Simmler erklärte bei der Gestütsweihe, daß mit diesem Atte ein neuer Geschichtsraum beginne, der sich über 20-30 000 Jahre ausdehnen werde. Ob mit der Anlage des theoretischen Hengstbuches auch gleich die praktische Körung verbunden wird, wie das auf den Tagungen der SS. sonst häufig vorkommen soll, steht dahin. Aber jedenfalls geht ein Herzenswunsch des alten Detmolder Christian Dietrich Grabbe in Erfüllung. Der wollte in seinen alkoholerfüllten Mußestunden( siehe „ Scherz, Satire, Ironie") immer, daß der Teufel in den lippischen Wäldern durch das Unsittlichste angezogen werde, zum Schrecken der zahlreichen Mädchenpensionate seiner Heimatstadt. Das hat er jetzt, Heil Hitler!, erreicht. Baptist. Wie wird der Deutsche hingerichtet? Nachdem vor kurzem die Reichsfachschaft der Tanzlehrer die Frage des deutschen Tanzes gelöst hat, ist es der Fachschaft der preußischen Regierungsjuristen nunmehr auch gelungen, in den von der Naziregierung entfesselten Totentanz Ordnung zu bringen. Der preußische Justizminister Kerri und der Staatssekretär Freißler haben darüber, wie wir schon kurz berichteten, Pressevertretern folgende Aufschlüsse gegeben: Bei der Todesstrafe ist es nicht einzusehen, warum da und dort, wo einmal französisches Recht galt, als Vollstreckungsmittel die Guillotine gelten soll, die übrigens dem deutschen Volk absolut fremd ist. Sie wurde also beseitigt, ebenso das Fallschwert. Die Todesstrafe wird jezt wenn nicht das Reich etwas andres bestimmt durch Erschießen oder Erhängen, in Preußen durch das Beil vollzogen. Es ist dies übrigens die allersicherste Todesart, die noch niemals zu irgendwelchen Beanstandungen Anlaß gegeben hat. Das Lied vom deutschen Philister stee A. Der deutsche Philister, das bleibet der Mann, auf den die Regierung vertrauen noch kann, der passet zu ihren Beglückungsideen, der läßt mit sich alles gutwillig geschehn. Juvivallera, juvivallera, juvivallerallerallera! Befohlenermaßen ist stets er bereit zu stören, zu hemmen den Fortschritt der Zeit, zu hassen ein jegliches freies Gemüt und alles was lebet, was grünet und blüht. Sprich, deutsche Geschichte, bericht es der Welt, wer war doch dein größter, berühmtester Held? Der deutsche Philister, der deutscheste Mann, der alles verdirbt, was man Gutes begann. Was schön und erhaben, was wahr ist und recht, das kann er nicht leiden, das findet er schlecht. So ganz wie er selbst ist, so kläglich, gemein, hausbacken und ledern soll alles auch sein. So lang der Philister regieret das Land, ist jeglicher Fortschritt daraus wie verbannt: denn dieses erbärmliche, feige Geschlecht, das kennet nicht Ehre, nicht Tugend und Recht. Du Sklav der Gewohnheit, du Knecht der Gewalt, o käme dein Simson, o käm' er doch bald! Du deutscher Philister, du, du gräßlichste Qual, o holte der Teufel dich endlich einmal! Doch leider hat Beelzebub keinen Geschmack an unsern Philistern, dem lumpigen Pack, und wollten sie selber hinein in sein Haus, so schmiß er die Kerle zum Tempel hinaus. Hoffmann von Fallersleben. Das Zwielicht der Apokalypse Von Richard Wagner abgeklatscht. 1151 In der„ Basler National- Zeitung" lesen wir diese sehr zutreffende Randbemerkung zu dem Problem:„ Bayreuth unterm Hakenkreuz": Das Dritte Reich reklamiert Wagner, Geist von seinem Geist, für sich. Wagner ist ein Heiliger, ist Schutzheiliger der neuen Religion. Die offenbare Uebersättigung, die auf die jahrzehnte Ueberfütterung gefolgt war, ist abgelöst durch neuen Aufstieg und Ruhm, daran der Ruhm von damals verblaßt. Der Name Richard Wagners ist unantastbar. Wer Richard Wagner auch nur bezweifelt, versündigt sich, verrät geradezu die Nation, Thomas Mann hats ja erfahren müssen. Nach dem neuen Dogma, das die Kunst nur soweit will gelten lassen, als sie Erzieherwert hat, staatsbürgerlichen Erzieherwert, ist Richard Wagner vor allem der Erzieher. Welches aber sind Sinn und Antrieb der neuen Erziehung? Das heldische Prinzip. Und wo wäre dieses Prinzip eindringlicher symbolisiert und dargestellt, als in den Werken des Autors, der mehr als jeder andere Herve daherdröhnen läßt? Richard Wagner war ein genialer, sehr komplizierter Mann, der über Politik tief nachgedacht hat, seine Prosaschriften sind seiner Musikergröße würdig. An der etwas primitiven Umdeutung, die ihm jetzt von Staats wegen widerfährt, hätte er, lebte er noch, kaum ungetrübte Freude. Fraglos aber ist der ungeheure und in vielem verhängnisvolle Einfluß des Wagnerstils auf das Deutschland des lezten Halbjahrhunderts. Dieser Stil hat einen Hauptnanteil an der deutschen Verwandlung. Er half zweifellos entscheidend mit, daß die Deutschen das pathetischste Volk der Erde wurden. Wie nüchtern und bieder war die Gene= ration, die Anno 70 auszog und Bismard das Reich gründen half, aber wie sehr hatte sich schon die Generation in den Jahren vor dem großen Krieg an den Kothurn gewöhnt, und wie stelzen erst die heute Repräsentativen auf ihm einher! Das zeigt jede Sonntagsrede und fast jeder Zeitungsartikel, die großartige Regte der Feste des Dritten Reiches ist ohne wagnertsches Beispiel kaum denkbar. Die Götterdämmerung, das Zwielicht der Apokalypse, in das die deutschen Ereignisse jetzt mit Vorliebe und verlockend genug gestellt werden und womit man die größten Gewaltsamfeiten und Attacken auf das normale Gefühl zu entschuldigen und zu erklären trachtet, auch das stammt im Grunde wohl aus Wagner- Opern. genden Protest gegen die Hinrichtung von vier jungen Arbeitern in Altona:„ In Altona wurden gestern vier jungen Arbeitern die Köpfe mit dem Beil abgeschlagen. zu den Hunderttausenden von Greuelfällen der Mordtruppen tritt nun der öffentliche, offizielle, staatlich durch geführte Massenmord. Wo bleibt der Protest der Welt?" „ Die Geistlichen wissen das" " Die Welt wird nicht christlich regiert; die Regierungen als solche sind nicht christlich und der Staat als Staat handelt in seinen wesentlichsten Einrichtungen bestimmt wider das Christentum. Eine christliche Armee, eine christliche Schlacht, christliche Feldprediger, christliche Finanzoperationen, christliche Polizeimandate und christliche Maßnahmen, den blinden Gehorsam der Unteren und die Allmachtsrechte der Oberen auf Kind und Kindeskind zu sichern, das alles find Oberen auf Kind und Kindeskind zu sichern, das alles find Sachen, die, wie der Mann im Mond, nur in der Einbildung verirrter Leute ihr Dasein haben. Die Geistlichen wissen das gewöhnlich auch selber wohl, wenn sie die Großen entschuligen, aber sie vergessen es immer, wenn sie die Kleinen anflagen." Johann Heinrich Pestalost. Den Deutschen wird es also in Zukunft erspart bleiben, den voltsfremden Tod durch die Guillotine oder durch das Gallschwert zu erleiden. Sie werden treudeutsch erschossen oder nach Urväter Brauch aufgehängt werden. Wenn sie das Glück haben, Preußen zu sein, winkt ihnen sogar das Henferbeil. Da gibt es feinen Anstand, keine Scherereien, feine Beschwerden. Nur hereinspaziert, meine Herrschaften, Zahnziehen mit„ Heil Hitler!" aur allersichersten Todesstrafe. Heil Hitler! In Altona... Meldung aus Köln: Der Interessenverband Deutscher Dentisten e. V., Siz Köln, hielt am 29. Juni in der Staufenburg zu Köln eine außerordentliche Hauptversammlung ab, in der die Gleichschaltung im Sinne der heutigen ReLeipziger Brühl mit Hakenkreuz Der jüdische Pelzhandel aufgenordet Meldung aus Leipzig: Nachdem das Kürschnergewerbe. gleichgeschaltet ist, sind jetzt auch im Rauchwarenhandel die Gleichschaltungsbestrebungen so weit gedichen, daß einer für den 5. Juli einberufenen Generalversammlung der neue fünfgliedrige Vorstand vorgestellt werden soll. Neben den Herren Hollender( Fa. Thorer- Leipzig) und König( Fa. Adolph Schlesinger Nachf.) wird der engere Vorstand voraussichtlich aus drei Nationalsozialisten bestehen... gierung, unter der Führung von Adolf Hitler, einstimmig Mit Wissenschaft nichts zu tun " Wo bleibt der Protest der Welt? beschlossen wurde. Die bekannten deutschen Schriftsteller Joseph Roth, Arthur Holitscher, Egon Erwin Kisch und Johannes N. Becher, der frühere Präsident Ungarns Graf Karolyi und der befannte holländische Filmregisseur Joris Jvens senden uns den folUnter Ausländern kann man hören, daß die nden noch nicht das Unangenehmste sind, was aus Deutschland zu ihnen komme. Fr. Niezsche. „ Nationalsozialismus ist die Erkenntnis der Dinge und Menschen, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Die materielle Not meistern wir spielend, wenn wir die seelische meistern". Alkohol- Ley auf Burg Lobeda. DAS BUNTE BLATT I TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE Auf dem Weg zur Weltraumrakete Probleme der Raketenfafirt Als Valier und Oberth die ersten Versuche mit Raketen geglückt waren, haben manche Optimisten den Himmel schon voll Raketen gesehen. Ihre Phantasie flog zu den Sternen. In Romanen ließ man Raumschiffe mit Erdenmenschen zu fernen Welten aufsteigen. Es galt als sicher, daß die Rakete nicht nur die Stratosphäre zu einem Verkehrsweg gestalten, sondern auch Forschungsfahrten in den Weltenraum ermöglichen wird. Seither haben die Raketenforscher manchen Fortschritt erzielt, aber der beschwingten Phantasie geht die Entwicklung der Rakete zum Weltraumschiff viel zu langsam vor sich. Es erscheinen jetzt weniger Romane, in denen kühne Forscher mit Hilfe der Raketenschiffe zum Mond und zu den Planeten gelangen. Dafür kann die nüchterne Betrachtung feststellen, daß man nach dem derzeitigen Stand der Raketenforschung in den nächsten Jahren wohl noch keine Weltraumfahrt, aber vielleicht die ersten Postraketen erwarten darf, die in wenigen Minuten Briefsachen über ganze Erdteile hinweg befördern fönnen. Der Sieg der Flüssigkeitsrakete Der Raketenforscher Professor Oberth, der in seinem Buch haargenau beweist, daß die Raumschiffahrt zu den Planeten möglich ist, hat gegenüber dem amerikanischen Professor Goddard, der für die Pulverrakete eintritt, die Flüssigfeitsrakete vorgeschlagen. Es ist bekannt, daß allen diesen Forschern die Feuerwerksrafete als Vorbild dient, die durch den Rückstoß der Pulverexplosion in die Höhe steigt. Solche Feuerwerksraketen wurden schon vor 3000 Jahren von den Chinesen erzeugt und auch die alten Aegypter haben sie zu ihrer Belustigung verwendet. Professor Oberth war einer der ersten, die nicht Pulver, sondern brennbare Flüssigkeiten für den Antrieb der Nakete benützt haben. Diese Flüssigkeiten werden, ähnlich wie in einem Benzinmotor, in kleinen Mengen zur Explosion gebracht. Es war aber sehr schwer, einen Strahlmotor zu konstruieren, bei dem nicht die ganze Flüssig= feit auf einmal explodiert und die Rakete zerreißt. In der Regel werden hochbrennbare Gase in verflüssigtem Zustand für den Antrieb von Raketen verwendet. Also etwa flüssiges Methangas und flüssiger Sauerstoff. Bestimmte Teile davon werden im Explosionsraum der Rakete entzündet und der Rückstoß schleudert die Rakete hoch. Aber diese Explosion erzeugt auch eine ungeheure Hitze. Eine geringe Undichtigkeit im Strahlmotor und das Gas explodiert an der falschen Stelle. Es war schon eine außerordentliche Leistung, einen Strahlmotor zu bauen, der überhaupt funktioniert. Das ist nicht nur dem Professor Oberth, sondern auch dem Ingenieur Nebel und dem Konstrukteur Winkler gelungen. Die größte Höhe mit Raketen hat bisher Professor Oberth erreicht, dessen Apparate bis neuntausend Meter hoch stiegen. Aber auch wenn ein Strahlmotor 3000 bis 4000 Meter hoch gut funktioniert, wie bei den anderen Erfindern, dann ist die Erwartung berechtigt, daß es auch möglich wird, Raketen zu bauen, die in die Stratosphäre eindringen. Die Aktentascie Von Hedwig Erck Nein, ich bin fein Büromensch. In meiner Attentasche, der funkelnagelneuen, teueren, trug ich nur mein Frühstück und wenns hoch kam, noch ein Buch für die lange Untergrundbahnfahrt von der Wohnung bis zum Warenhaus, wo ich als Verkäuferin angestellt bin. Aber, wie gesagt, es ist eine schöne Aftentasche, und ich war stolz auf sie und ihren hellbraunen Glanz, auf die blizzblanken Nickelschlösser. Und sie hätte wahrscheinlich weiter dasselbe geregelte Da sein geführt wie tausende ihrer ledernen Schwestern, wenn ich ihr nicht eines Tages, es war furz nach dem Reichstagsbrand, eine französische Kunstzeitschrift zur Bewahrung übergeben hätte. Ja, eine Kunstzeitschrift. Kein Wort von Politik stand drin. Ich betone das ausdrücklich, denn ich hatte keineswegs die Absicht, meine Wirtsleute in Gefahr zu bringen. Herr und Frau Blascher waren nämlich in der Nachbarschaft als Sozialisten bekannt, und man kann nie wissen... Doch, wir wußten. Wir wußten genau, was die Uhr geschlagen hatte, als plöglich in stockdunkler Nacht stürmisch bei uns geflingelt wurde, und die Tür von den Tritten der SA.- Nagelschuhe dröhnte: Haussuchung! Das erste, was die nächtlichen Ruhestörer fanden, war meine französische Zeitschrift. Sie steckten die Köpfe zusammen und berieten. " Französisch!" rief ein baumlanger Kerl und suchtelte mit feinem Schießprügel herum. ,, Nee italienisch," rief ein anderer. „ Jedenfalls verdächtig," konstatierte ein dritter. ,, Mitnehmen!" schnarrte der Führer, ein glattgescheiteltes Männchen, und versenkte die Zeitschrift in seine Manteltasche. Wo ist Ihr Mann?" schnauzte der Lange meine Wirtin an. Herr Blascher war, aus naheliegenden Gründen, schon seit einigen Tagen nachts nicht mehr zu Hause. Zwar drohte man jetzt seiner Frau die gräßlichsten Dinge an, wenn sie seinen Aufenthalt nicht verriete- aber es war vergebens. Wir beiden Frauen schwiegen und heulten. So natürlich heulten wir, daß die braunen Kerle nach flüchtiger Durchsuchung aller Räume bald wieder polternd abzogen. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Frau Blascher war damit beschäftigt, ihr Schlafzimmer, das am meisten durcheinander gebracht worden war, wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen; ich half ihr dabei. Außer einem alten, versilberten Zigarettenetui, einem wertlosen Ding, schien nichts zu fehlen. Schien denn als Frau Blascher mir am nächsten Morgen meine Frühstücksstullen gab, vermißten wir plötzlich meine Aktentasche. „ Die ham se jeklaut!" stellte Mutter Blascher sofort fest. Aber wir durchsuchten doch noch einmal gründlich die Küche, die drei Zimmer, den Vorraum... umsonst. Zielfafirten der Rakete Das zweite wichtige Problem der Rakete ist, daß sie nicht. nur hinauf, sondern auch an einer bestimmten Stelle wieder herunter fommt. Die Rakete soll ja zumindest Post in ein vorher bestimmtes Land oder in eine bestimmte Stadt befördern. Sie muß demnach so konstruiert sein, daß sie die Richtung einhalten kann, die ihr die Startvorrichtung gibt, und daß sie nicht am Ende ihres Fluges wie ein Geschoß herunterfällt, weil sie sonst durch ihr Gewicht schweren Schaden anrichten könnte. Dieses Problem haben die einzelnen Tech nifer verschieden gelöst. Bei Professor Oberth entfalten die Raketen, wenn sie über ihrem Ziel angelangt sind, einen fleinen Fallschirm, an dem sie hängend zur Erde gleiten. Ingenieur Tilling, der seine Raketen bei Berlin vorführte, hat Gleitflächen konstruiert, die sich erst beim Abstieg der Rakete ausbreiten und wie bei einem Flugzeug als Tragflächen wirken. Tilling hat bewiesen, daß es möglich ist, die abgeschossene Rakete an eine bestimmte Stelle zu dirigieren. Nur eine von mehreren Rafeten ist ihm vom Wind etwas abgetrieben worden, und weil dies in der suche abbrechen. Nähe der Großstadt gefährlich schien, mußte er seine VerDie Arbeit gefit weiter In den letzten zwei Jahren find große Fortschritte im Rafetenbau erzielt worden. Natürlich hat es auch Fehlschläge gegeben. Dem Ingenieur Winkler ist eine Rafete großen Schaden einer Explosion wird auch die Meinung der explodiert. Abgesehen von der großen Gefahr und dem Deffentlichkeit von solchen Unglücksfällen ungünstig be= einflußt. Wie die Versuche mit den ersten Flugzeugen viele Opfer an Menschenleben kosteten, wird auch die Rakete noch viele Opfer kosten. Es kann aber trotz dieser Fehlschläge fein Zweifel bestehen, daß wir zumindest auf dem Weg zur Postrafete find. Soweit militärische Kreise die Versuche unterstützen, denken sie natürlich nicht an Postrateten, sondern an neue Kriegswerkzeuge, die über Länder und Meere hinweg Unheil und Verderben tragen können. In absehbarer Zeit dürfte es jedenfalls möglich sein, Raketen mit Briefsendungen in eine Höhe von mehr als 15 000 Meter zu schleudern, wo sie, in der verdünnten Luft mit enormer Schnelligkeit von den Explosionen des Strahlmotors vorwärtsgetrieben, über ganze Kontinente in wenigen Minuten hinweggleiten. Ingenieur Nebel, dem auf dem Raketenflugplay Reinikendorf bei Berlin Versuche mit Flüssigkeitsrafeten sehr gut gelungen find, hofft zwar bald eine Rakete bauen zu können, die auch Menschen zu befördern vermag, man darf aber diese Hoffnung bei aller Anerkennung der erreichten Erfolge noch als eine etwas verfrühte ansehen. Eines ist jedoch sicher: Die Phantasien Jules Vernes, der in seiner Reise zum Mond" ein Weltraumschiff beschrieben hat, sind heute keine Utopien mehr. Wenn die Phantafie die Berechtigung hat, der Technik neue Aufgaben zu stellen, dann sind die Beschreibungen von Fahrten zu den Planeten wohl angebracht. i. m. „ Sier bei der Kleiderablage hat se heut' nacht bestimmt noch jelegen, da, wo se immer is." Dagegen war nun nichts zu machen. Das gute Stück war weg. Gestohlen. Und so trug ich mein Butterpaket wie früher wieder in der Hand, wenn ich zur Arbeit fuhr. Eine Woche lang, zwei, drei... 929 Bis ich gestern früh ich traue meinen Augen kaum die schmerzlich Vermißte wieder erblicke. In der Untergrundbahn. Neben einem glattgescheitelten, elegant gekleideten jungen Mann mit Hitlerbärtchen liegt sie auf der Bank! Ein Irrtum ist ganz ausgeschlossen. Der Wagen ist ziemlich leer. Der elegant Gekleidete ist in seinen„ Völkischen Beobachter" vertieft. Ich sehe mich neben ihn. Nein, neben die Tasche, neben meine Tasche, ganz dicht... Meine Hände haben nur ganz leicht gezittert, als ich auf der nächsten Station mit meinem Eigentum ausstieg. Sie waren auch noch nicht ganz ruhig und sicher, als ich in den nächstfolgenden Zug einstieg. Und sie zitterten wieder, als ich die Tasche hinter dem Ladentisch heimlich öffnete. Jetzt bin ich Besizerin eines Brownings, zweier alter Nummern„ Völkischer Beobachter" und eines gebrauchten, fremden Damenschlüpfers. Ob ich mir meine Aktentasche lieber schwarz färben lassen soll...? Ladien nicht verfernen „ Ich war vor ungefähr einer Stunde bei Ihnen hier auf dem Fundbüro wegen des Schirms, den ich in der Straßenbahn vergaß!" " Ja, stimmt!" " Und da muß ich meinen Koffer bei Ihnen vergessen haben!" Die Schwadron reitet an einem schönen Junimorgen über Land. Korporal Huber, in welcher Himmelsrichtung reiten wir jetzt?" „ Nach Süden, Herr Hauptmann!" „ Ganz richtig! Woran merken Sie das?" ,, Weils immer wärmer wird!" Gast zum Söhnchen des Wirtes:" Hat Vater den Hasen selbst geschossen?" " Ja, weil er den Kanarienvogel gefressen hat!" Hausfrau zum Dienstmädchen:„ Bevor ich Sie engagiere: Sie haben doch nicht etwa einen sogenannten Bräutigam, Minna?" " I bewahre, gnädige Frau, keinen sogenannten, einen ganz richtigen!" Kinder von Arbeitslosen Was sind das für Kinder, die warten, mit Namen und Nummern versehen, müde und hungrig, mit armen, elenden Bündelchen? Denen das Leid und das Leiden auf den Gefichtern geschrieben steht? Wo ist die Menschheit, die sich der Kinder erbarmt, daß sie nicht leiden müssen? Wo ist die Liebe, die alle ans Herz nimmt, daß keines mehr flagend od seine Seele im Antlig trägt? Daß alle fich frenen möchten, wie junge Tiere wenigstens, für die Vater und Mutter genügend Nahrung und Pflege besorgen, daß fie spielend, fich freuen können im Sonnenschein? Aber sie sind nicht wie junge Tiere, für die Vater und Mutter nm das Nötige sorgen, damit sie fröhlich und frei spielen und wachsen und reifen. Menschenkinder sind sie und doch nicht wie Kinder von Menschen Aermer als Tiere, von Menschen verlassen. Wären sie Tiere, so hätten sie: Obdach und Kleidung und Nahrung. Wären sie Kinder in der Gemeinschaft von Menschen, sie wären geborgen, zu Hause, im eigenen Lande. Und wüßten um die Verbundenheit aller. F. 0. Wir Wilden sind doci bessere Menscien Amerikanische Filme machen den Behörden der britischen Besizungen im Stillen Ozean, auf Fidschi, Samoa, den NeuHebriden, den Freundschaftsinseln und anderen, schwere Sorgen. Es ist nämlich festgestellt worden, daß Hollywooder Liebesszenen und das erbarmungslose Niederschießen von Polizisten in diesen Filmen die Urinstinkte des eingeborenen Publikums, zumeist halbwilde Kannibalen und polynesische Kopfjäger, wiedererwecken. Man hat daher jetzt eine strenge Zensur gegen amerikanische Filme eingeführt. Besonders bestürzt war die Beherrscherin der Freundschaftsinseln, Königin Salote, als sie feststellen mußte, daß in ihrem kleinen Reich die Straftaten sich täglich mehrten und ihr Gefängnis, das bisher nur von 60 Personen bei 30 000 Einwohnern besetzt war, bald nicht mehr ausreichte. Ebenso energisch, wie sie kürzlich durch das Verbot der Einfuhr billiger japanischer Waren und der Einwanderung vorging, um ihr Volk vor Arbeitslosigkeit zu schüßen, hat sie nun diktatorisch befohlen, daß alle Filme ihre persönliche Zensur passieren müssen. Mars soll unbewofint sein Mitteilung des Mount- Wilson- Observatoriums atmosphäre fast ohne Sauerstoffgehalt Marss Das Mount- Wilson- Observatorium, die berühmte ameri kanische Sternwarte mit den größten und zuverlässigsten technischen Einrichtugen, gibt soeben eine Mitteilung hers aus, die sich mit der Frage der Bewohnbarkeit des NachbarPlaneten der Erde, des Mars, beschäftigt. Mit besonders leistungsfähigen Refraktoren und Spiegel- Teleskopen hat man monatelang bei besten Sichtverhältnissen Mars- Beob achtungen vorgenommen und damit jahrelange Vorbe obachtungen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht. Die Astronomen und Physiker vom Mount- Wilson- Obser vatorium kommen nun zu dem Ergebnis, daß der Planet Mars entgegen manchen phantasievollen Ansichten keines wegs bewohnt sein könne. Der Sauerstoffgehalt der Mars Atmosphäre ist so gering, daß menschenähnliche Wesen und Tiere keine Möglichkeit zum Leben hätten, es sei denn, sie verfügten über Atmungseinrichtungen, welche die Luft ähn lich„ komprimieren" tönnen wie es der Kompressor im Motor tut. Frdischen Lebewesen wäre also auch dann, wenn sie einst in fernen Seiten mit einem Raketen- Raumschiff den Mars erreichen könnten, faum Gelegenheit gegeben, sich dort ohne ihre mitgebrachten Sauerstoff- Patronen auch nur eine Viertelstunde aufzuhalten. Nützen wird diese neue Erkenntnis in allererster Linie wohl nur den Roman- Schriftstellern. Sie werden ihre von der Erde kommenden kühnen Weltraum- Forscher" zukünftig mit besonderen Schußanzügen ausstatten müssen, sie werden ihnen Sauerstoffapparate mitgeben oder neue Geräte er finden" müssen, die den Menschenwesen die so notwendige Luft erst mal vorverdichten, damit sie ausreichend ist... Dagegen wird keineswegs geleugnet, daß pflanzliches Leben auf dem Mars vorhanden sein kann, wenn auch unter anderen Lebensbedingungen als auf der Erde. Man soll sich Pflanzen mit blauen, gelben und braunen Blättern vorstellen, denn Chlorophyll( Blattgrün) dürfte in der Marsatmosphäre ein seltener Stoff sein. t f h e t g t e 3 r a It Osteuropa gegen Deutschland Hotel Adlon und Wilhelmstraße- Keine Freunde in Osteuropa m. Warschau, Anfang August. Nicht nur in allen wirtschaftlichen und sozialen Fragen hat Adolf Hitler als Reichskanzler die Versprechungen und Forderungen seiner oppositionellen Demagogenzeit mit eiserner Stirn verleugnet. Auch in der Außenpolitik will er nichts mehr von dem Programm wahrhaben, mit dem er das nationalistische Kleinbürgertum einfing und be geisterte. Gewiß ist sein Nationalismus echter als sein " Sozialismus“. Aber auf Jahre hinaus ist Deutschland burch die Gegenrevolution der Hakenkreuzler außen politisch so sehr geschwächt, daß vorläufig die Fahnen noch eingerollt bleiben müssen, die Hitler und seine Getreuen nach der Machtergreifung gen Ostland zu tragen verSprachen. * Herr Alfred Rosenberg, der Chefredakteur des Völkischen Beobachters" und Leiter des sogenannten „ Außenpolitischen Amtes" der nationalsozialistischen Partei, hatte bekanntlich bereits einen fertigen Entwurf für die„ Neugestaltung" ganz Osteuropas durch HitlerDeutschland ausgearbeitet und öffentlich vertreten. Sowohl das heutige Polen wie auch die Sowjetunion sollten danach von der Landkarte verschwinden. An ihrer Stelle wollte dieser jüngste und brutalste Wortführer des beutschen Imperialismus eine Reihe von kleineren Staaten aufrichten, die selbstverständlich in bedingungsloser Abhängigkeit gegenüber ihren Berliner Schutzherren zu stehen hätten. Dabei knüpfte das nationalsozialistische Programm an die mißglückten Versuche der Ostpolitik des Deutschen Reiches während des Weltkrieges an. Eine von Rußland unabhängige und dadurch auf Deutschland an gewiesene Ukraine, ein vergrößerter Litauenstaat waren als die Hauptvasallen der deutschen Herrschaft in Aussicht genommen. Man kann sich vorstellen, daß solche Pläne alle die fenigen Staaten in Abwehrstellung bringen mußten, deren Besitzstand dadurch bedroht wird. Die Berufsdiplomaten des Berliner Auswärtigen Amtes hatten denn auch bereits im Frühjahr alle Hände voll zu tun, um die Erregung zu beruhigen, die die neue deutsche Regierungspartei in den größeren und kleineren Oststaaten hervorrief. Es gab einen kurzen unterirdischen Kampf: auf der einen Seite Rosen berg, der von seinem Parteibüro im feudalen Hotel Adlon aus bereits die Verbindung mit echten und unechten ukrainischen„ Hetmanen" aufnahm und Sturmtrupps rechtsradikaler ruffischer Emigranten aufzustellen begann, auf der andern Seite, ein paar Häuser weiter, in der Wilhelmstraße der Außenminister Freiherr v. Neurath, der alle solche Experimente für verfrüht erklärte und dem mangels arischer Vorfahren etwas ängstlichen Leiter seiner Ostabteilung den Rücken, steifte, damit er in Moskau und Warschau möglichst gute Beziehungen aufrechterhalte. Als Rosenbergs antibolschemistische Propagandareise nach London mit einem vollen Mißerfolg endete, entschied sich Hitler selbst bis auf weiteres für die Ostpolitik für die Ostpolitik Neuraths. Er ließ den deutsch- russischen Freundschaftsvertrag erneuern und der Sowjetregierung als Preis für ihre Unterschrift die Fortsetzung ihrer Erdöllieferungen nach Deutschland zusagen Beinahe gleichzeitig empfing er persönlich den Berliner polnischen Gesandten und vers sicherte ihm seine unbedingte Achtung der geltender. Verträge und seinen Wunsch, nach einem deutsch- polnischen Interessenaustausch. In Moskau wie in Warschau nahm man diese Gesten mit kühlen Dankesworten zur Kenntnis. Aber die gleich zeitigen Vorstöße Berlins in der Rüstungsfrage genügten, um sowohl bei den Leitern der Sowjetpolitik als auch bei den in Polen regierenden Pilsudski- Offizieren tiefstes Miß trauen gegen die deutschen Hakenkreuzler wachzuhalten. Die Annäherung zwischen Stalin und Pilsudski, die schon durch den russisch- polnischen Nichtangriffspakt im vorigen Jahr einen großen Schritt vorwärts gekommen war, wurde in beschleunigtem Tempo fortgesetzt. Vertrauensmänner des polnischen Marschalls erschienen in Sondermissionen auf dem Kreml. Der Warschauer Sowjetgesandte Antonoff- Owfejenko, der schon 1905 als junger 3arenleutnant in Warschau eine revolutionäre Verbrüderung zwischen russischen Soldaten und polnischen Arbeitern angeführt hatte, verhandelte mit Pilsudski selbst, der sonst seit Jahren in seiner menschenscheuen Einsamkeit keine fremden Diplomaten mehr empfangen hatte. Karl Radek, der Außenpolitiker der„ Jswestija", der noch vor wenigen Jahren die schärfsten Angriffe gegen das heutige Regierungssystem in Polen gerichtet hatte, erschien jetzt als gefeierter Gast führender Warschauer Militärs zu einem mehrwöchigen Besuch, der auch eine demonstrative Reise entlang der deutschen Grenze umfaßte. Schon vorher war polnischer Vermittlung eine Ueberbrückung des alten Gegensatzes zwischen der Sowjetunion und Rumänien gelungen: die mit Warschau verbündete Regierung von Bukarest hatte gemeinsam mit den Sowjets die neue Konvention der Oststaaten über den Begriff des Konvention der Oststaaten über den Begriff des Angreifers unterschrieben, die praktisch eine völkerrecht liche Neutralisierung auch für die so lange umstrittene russisch- rumänische Grenze in Bessarabien bedeutet. Rumänien hatte ebenso wie Polen und der Rätestaat Anlaß, vor einer ukrainischen Staatsgründung auf der Hut zu sein, die auch auf sein Gebiet übergreifen müßte. * So treten die alten Gegensäße innerhalb Osteuropas vor der Gefahr einer Intervention des neudeutschen Imperialismus immer stärker zurück. Nicht nur die Regierungen der nach Rosenbergs Plänen aufzuteilenden Staaten schließen sich zur Abwehr zusammen. Auch diejenigen Nationen, die die deutschen Hitler- Leute für die Rolle ihrer Hilfstruppen ausersehen haben, zeigen sich keineswegs von dieser Aussicht entzückt. Das kleine Litauen etwa, dem die nationalsozialistischen Länder. perteiler eine gewaltige Erweiterung auf Rosten Polens und der Sowjetunion in Aussicht stellen, spürt, noch ehe es der Verwirklichung dieser Versprechungen einen einzigen Schritt näher kam, die Bedrohung seiner heutigen Grenzen gerade von Deutschland her durch eine gewalt. same Agitation der Hakenkreuzler in seinem Memelgebiet. Da gleichzeitig die Berliner Schutzzollpolitik den litauischen Bauern die Ausfuhr ihrer Agrarprodukte immer mehr abschneidet, wächst auch dort die antideutsche Stimmung. Ebensowenig begeistert für Hitler- Deutschland sind weite Kreise des Vierzigmillionenvolkes der Ukrainer. In Polen warnen führende Politiker nicht nur der ukrainischen Sozialdemokraten, sondern auch der großen bäuerlichen Partei der Sozialradikalen ihre Landsleute vor der Jllusion, daß ein deutsch- polnischer Konflikt die ukrainisch- nationalen Wünsche verwirklichen könnte. ,, Wenn die Polen aus ihren heutigen Westprovinzen von den Deutschen herausgedrängt würden, so läge es nur allzu nahe, sie im Osten durch Gebiete zu entschädigen, die von unserem Volke bewohnt werden. Der polnische Druck gegen die Ukraine hin würde dann auf jeden Fall zu nehmen." So hat ein ukrainischer Abgeordneter des polnischen Parlaments kürzlich ausgeführt. Nüchterne Betrachtungen dieser Art müssen den ukrainischen Bauer und Arbeiter davor zurückhalten, seine Hoffnungen auf Hitler zu setzen. Abgesehen von ein paar tausend ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren des russischen Zaren und der ukrai nischen Kosakenhetmane, die gern wieder unter dem Schutze deutscher Kanonen in ihr einstiges Herrschaftsgebiet einfallen würden, hat Hitler- Deutschland also heute unter den Völkern Osteuropas keine Freunde. Vor dem Bolschewismus herrscht außerhalb der Sowjetgrenze auch im Osten mehr Furcht als Sympathie. Aber heute schließen sich selbst schärfste Antibolschewisten wie Pilsudski zu einem außenpolitischen Abwehrblock mit Moskau zusammen, um der größten aller Gefahren zu entgehen, die heute einem europäischen Volke drohen kann: der Knechtung durch das Hakenkreuz. Ehebruch cinst und jetzt* Der Vollblutzüchter Darre muß selbst feststellen, daß die Anwendung seiner Grundsätze auf die Züchtung von Menschen erheblichen Schwierigkeiten begegnet. " Jedes bewußte Erzeugen von Menschen setzt die Möglichkeit voraus, daß Paarungen unabhängig von dem Willen des Betreffenden vorgenommen werden können." Diese Möglichkeit bestünde leider nicht. In der Tat dürften fich für die Verwirklichung des MenschenerzeugungsPrinzips Marke„ Alraune"( Deutsches Reichspatent Hans Heinz Ewers, welcher dafür Ehrendichter des dritten Reichs" wurde) kaum Liebhaber finden, nicht einmal bei der braunen Untergruppe der Tierart Mensch. Aber ganz frei darf man die Triebe nicht walten lassen. Denn: „ Die Ehe ist keine reine Ich- und- Du- Angelegenheit, sondern der Staat gewährt sie nur dem Würdigen." Mädchen zum Heiraten und andere Darum ist notwendig die Einteilung der Mädchen in vier Klassen: Klasse 1:" Diejenigen Mädchen, deren Verehelichung in jeder Beziehung wünschenswert erscheint. Um in dieser Klasse auch tatsächlich nur immer das Beste zu sammeln, sei als Höchstgrenze für jeden Jahrgang bestimmt, daß nur etwa 10 Prozent aus der Schar der zur vollen Che Tauglichen in ihr Aufnahme finden." Klaffe 2: Rest derjenigen Mädchen, deren Verehelichung im Hinblick auf die Nachkommenschaft feinerlei grundsätzliche Bedenken entgegenstehen. Wegen der großen Zahl kommt hier die Einrichtung von zwei Unterklassen 2a und 26 in Frage." Klasse 3: Da der erbwertliche Zustand hier eine Unterbindung der Nachkommenschaft verlangt, erhält Eheerlaubnis nur gegen 3usicherung der Sterilisation." Klasse 4: Mädchen, von denen man nicht nur teine Nachtommenschaft wünscht, sondern gegen deren Verheiratung man fich als solche wenden muß, weil dadurch der Begriff einer deutschen Ehe entwürdigt würde." Hier besteht ab= solutes Eheverbot. In einer ähnlichen, für den praktischen Gebrauch von Stämmler aufgestellten Tabelle wird der Wert der Menschen wie in der Tierzucht nach Punkten errechnet. In die niedere Kategorie der nicht vollwertigen" gehören u. a. Menschen mit fortschreitender Tuberkulose, Menschen mit Erkrankungen der Geschlechtsorgane und, ihnen in der Punktzahl gleichgeste II t. alle Fremdrassigen, d. h. die Juden. *) Bitate aus Darres Büchern:„ Das Bauerntum als Lebens. quelle der nordischen Rasse", Seite 418, 357, 389, 888 und„ Neuadel aus Blut und Boden", Seite 185, 170 sowie aus M. Stämmlers „ Rassenpflege", Seite 52. Verlag Lehmann, München. Was ist die deutsche Treue Die Treue wurde bei den Germanen gemessen an dem Verhalten der Ehegatten gegenüber Frauen des eigenen Standes, ,, nicht etwa an der geschlechtlichen Enthaltsamkeit des Ehegatten gegenüber unfreien Frauen und Mädchen. Die nordische Frau ist daher nie auf den Gedanken gekommen, gegen Rebse( unfreie Nebenfrau) Eifersucht zu empfinden. ... Auch heute beurteilen die Bauern eine in Schonde" geratene Bauerntochter erheblich anders, als eine geschwängerte Magd; letzteres wird nicht sehr tragisch genommen. Selbst die Bäuerin nimmt dem Bauern gegebenenfalls einige Seitensprünge nicht allzu übel." Eine recht zweifelhafte Doppelmoral, die leider auch heute sehr verbreitet ist nicht nur bei den Bauern! Die Frau gehört dem Gaft War also dem Manne der Ehebruch mit einer unfreien Frau erlaubt, so konnte andererseits die Frau oder die Tochter einem geehrten Gast gleichen Blutes für die Nacht zur Verfügung gestellt werden". Ja, der Ehebruch wurde sogar gefor= dert, wenn die Ehe kinderlos blieb. Als Haupttugend der Frau galt Fruchtbarkeit, Kinderlosigkeit dagegen als Schande. In diesem Sinne wird jetzt in Deutschland ein Feldzug gegen den Geburtenrückgang durchgeführt, bei dem kinderlose Ehen öffentlich angeprangert werden sollen. Der„ Zeugungshelfer" Damals trat bei Kinderlosigkeit der sogen. 3 eugungshelfer" in Erscheinung: „ Die Gemeinde gab dem Ehemann eine Jungfrau zu treuen Händen, damit er Kinder mit ihr zeuge... Wurde nun der Ehemann durch irgendwelche Umstände daran gehindert, verlangte man, daß er die Gattin einem anderen Freien zur Verfügung stellte, damit die Fruchtbarkeit der Frau genutzt wurde." Auch diese alte Sitte soll heute wieder gesetzlich verankert werden. So meint Rosenberg: Ein deutsches Reich der Zukunft wird die kinderlose Frau, gleich ob verheiratet oder nicht, als ein nicht vollwertiges Glied der Volksgemeinschaft betrachten und damit auch den Ehebruch des Mannes einer Korrektur unterziehen, insofern ein solcher mit Kindeserfolg nicht als juristisch zu wertender Ehebruch betrachtet werden kann." Sonst aber galt der Ehebruch der Frau, besonders mit Unfreien und Fremdrassigen, als schwerstes Verbrechen. „ Daher ging die nordische Rasse mit rücksichtslosen Mitteln gegen die Chebrecherin vor und tötete fie... Später wurde man etwas milder, doch verstieß man die Ehe= brecherin grundsäßlich aus der Gemeinschaft der Freien und fennzeichnete fie weithin durch Haare- Abschneiden ( Bubikopf!) als unbrauchbar für die Weiterzucht." Stämmler will ihnliche schwere Strafen wieder einführen. Der außereheliche Verkehr zwischen Deutschen und Fremdrassigen soll mit 3uchthaus des Fremdrassigen, Gefängnis des deutschen Teils bestraft werden. Interessant ist dabei die Begründung für den Unterschied in der Strafhöhe. Bei den nichtfarbigen Fremdrassen kann der deutsche Teil es ja oft nicht wissen, daß ers mit einem Fremdraffigen zu tun hat, während der Fremdrassige es in den allermeisten Fällen weiß." Aber alle diese Geseze haben nach Stämmler eine Lücke, denn in den meisten Fällen findet sich kein Kläger. Denn der würde ja zugleich mitangeklagt sein und sich ebenfalls schwerer Bestrafung aussetzen. „ Rückfällige Raffenschänder" Um aber au verhindern, daß sich weiterhin wie bisher fremdrassige Männer an deutschen Mädchen vergreifen, würde ich vorschlagen, dem deutschen Mädchen Straffreiheit zu gewähren, wenn es selbst die Anzeige erstattet. Das würde das Risiko eines außerehelichen Verkehrs zwischen Juden und deutschen Mädchen in so starkem Maße steigern, daß schon dadurch eine gute Wirkung erzielt werden könnte. Rückfällige Rassenschänder wären erhöht zu bestrafen und außerdem zu kastrieren." Also die Denunziation des Partners nachher macht straffrei! Wirklich, die ſittliche„ Höhe“ einer solchen Auffassung hat die von Stämmler als tiefstehend bekämpfte " Moderne Sexualmoral" allerdings bisher nicht erreicht. Sie bleibt der sittlichen Erneuerung vorbehalten, die mit der " Auferstehung des nordischen Rasselebens" Hand in Hand Dr. Franz Rath. geht. Japanische Reklame Merkwürdige Reklameaufschriften sind in japanischen Ge schäften üblich. Da heißt es z. B.: Unsere Teppiche sind so weich wie die Haut eines neugeborenen Kindes!" Ein Warenhaus rühmt sich, seine Waren mit der Geschwindigkeit eines Geschosses abzuliefern. Ein Papierfabrikant lobt sein Packpapier,„ das nicht schneller reißt, als die Haut eines Elefanten". Was die Anpreisung des Kundendienstes angeht, so schießt ein Warenhaus wohl den Vogel ab, das seinen Katalog beginnt, in dem es versichert, daß die Kundschaft mit ausgesuchtester Höflichkeit empfangen wird:„ Unsere Ange stellten werden so liebenswürdig sein, wie ein Vater, der seiner Tochter zwar keine Mitgift geben kann, aber doch einen Mann für ste sucht. Wir werden Sie begrüßen wie einen Sonnenstrahl, der den Himmel nach einem trüben Regentag erhellt." Wie man sieht, versprechen die Kaufleute in Japan threr Kundschaft sehr viel; wenn sie auch imstande sind, alles zu halten, dann marschieren sie, was den„ Service" angeht, an erster Stelle in der Welt. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Piz: Inferate Otto Kuhn, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b. H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5, Das Neueste Am 5. Auguft hatten die französischen Truppen auf ihrem Vormarsch in Südmarokko heftige Kämpfe mit den zum Widerstand entschlossenen Eingeborenen zu bestehen. Eine Havasmeldung aus Rabat besagt, daß dabei 1 Offizier und 9 Fremdenlegionäre und algerische Schüßen gefallen und vier Offiziere und 18 Legionäre und Schüßen verwundet worden feien. Straßburg, 8. Auguft. Das Straßburger Streik. komitee hat dem Präfekten des Departements Unterrhein feine Bereitwilligkeit zur Kenntnis gebracht, sich dem Schiedsspruch des Arbeitsministers zu unterwerfen. Die Arbeitgeber wollen aber mit den Arbeitnehmern erst vers handeln, wenn diese die Arbeit wieder aufgenommen haben. Das Journal meldet ans Madrid, daß demnächst das Statut der Autonomie des Bastenlaudes ver= öffentlicht würde. Die drei baskischen Provinzen würden ein eigenes Parlament erhalten. Der Plan sei bereits von den Delegierten sämtlicher Gemeinden gebilligt worden und soll nunmehr durch eine Voltsabstimmung sanktioniert werden. Berlin, 7. Aug. Die Geheime Staatspolizei hat die Post beauftragt, alle Auslandssendungen zu öffnen, deren Absender Firmen, Vereine oder öffentlich- rechtliche Körpers schaften sind. Berlin, 8. August. Der Franenkongreß ist verschoben worden. In Burg bei Magdeburg wurden weitere 41& ommunisten, in Bonn 27 und in Breslau 23 Kommunis ften festgenommen. Auch in Westfalen erfolgten neue Kommunistenverhaftungen. Während einer Auseinandersetzung in Königsberg schoß ein Hausbesitzer ein Mieterehepaar nieder. Der Mann liegt hoffnungslos danieder. Durch eine Feuersbrunst im Cornwallis- City( Ontario) in Nordamerika sind etwa 60 Gebäude zerstört worden. Ein mit Judern dicht besetztes Fährboot ist auf dem Meghna- Fluß in Bengalen gefentert. Ungefähr 100 Personen ertranfen. Die Nachrichtenabteilung der Königsberger SA. hat, offen: bar durch Verrat, eine Funktionär- Versammlung der Kom munisten überrascht und dann, im Zusammenhang mit der Geheimen Staatspolizei, wiederum offenbar durch Verrat, eine Reihe von Verhaftungen einer Kurierstelle vorge nommen. Es wurde der Reichstagsabgeordnete Kosta und ein Raffierer Behling verhaftet, ferner der frühere Reichstagsabgeordnete Pug. Diese Berhaftungen wurden in Berlin vorgenommen, nachdem von Königsberg aus die Spuren verfolgt werden konnten". Die amtliche Meldung betont, daß im ganzen Norden Deutschlands die kommunistischen Organisationen starke und gefährliche Aktivität entfalten. Die Mannesmanner Werke in Düsseldorf wollten dieser Tage 200 Arbeiter entlassen. Das ist von den zuständigen Instanzen nicht genehmigt worden. In der Zeit der dauern= den Siegesberichte und der Ueberwindung der Arbeitslofig keit dürfen so große, den ganzen Schwindel entlarvende Entlassungen nicht vorgenommen werden. Die zur Entlassung bestimmten Arbeiter gehen im Betrieb spazieren und haben teine Beschäftigung. Man nimmt an, daß die Firma Mannesmann den Lohn für diese Leute vom Reich bekommt. Der befannte kommunistische Abgeordnete Paul Hoffmann ift, wie uns mitgeteilt wird, den erlittenen Verlegungen im Staatstrantenhaus erlegen. Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß Paul Hoffmann ein Opfer fürchterlichster Mißhand: lungen geworden ist. Die Zahl der Toten, die die Racheaktion der SA. im An: schluß an das Schmausattentat gefordert hat, beläuft sich nach den bisherigen Ermittlungen auf nicht weniger als 19 Tote und 20 Verwundete! Wegen eines am 31. Jannar d. J. im Harburger Stadtteil Wilhelmsburg verübten Feuerüberfalls auf Stahlhelmer verurteilte das Sondergericht den Bäcker Eduard Hote wegen Rädelführerschaft beim Landfriedensbruch zu neun Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust und den Arbeiter Richard Trampenau, der angeblich überführt worden war, bei dem Ueberfall geschossen zu haben, wegen versuchten Mordes" zum Tode! Nach einem Erlaß des preußischen Staatsministeriums ist die Eidesabnahme in weltlicher Form auf die Fälle zu beschränken, in denen sie unvermeidlich ist. Deutsche Gerichte werden," so heißt es in der Verordnung, in der religiösen Eidesform im Gegensatz zur weltlichen die Eidesform er= blicken, die allein den sittlichen Ueberzeugungen des deutschen Boltes entspricht". Wie lange noch wird sich das GChristentum von diesem Mordregiment mißbrauchen lassen? Die von Hitler verkündete Volksgemeinschaft soll nun endlich zur Tatsache werden; allerdings nur für einen Tag. Denn an einem Tage des Jahres, so wird eine kommende Verordnung Hitlers in Aussicht gestellt, sollen alle Leute in Deutschland ganz bescheiden essen, damit die Ersparnisse dieses Mahles der„ Stiftung die Opfer der Arbeit" zugute kommen. Einmal im Jahre Bohnenjuppe für alle und die Volksges meinschaft ist da. Seil Hitler! Durch eine Verordnung des Reichsarbeitsministers ist die Gründung einer faffenärztlichen Vereinigung vorgeschrieben worden. Reichsführer dieser Vereinigung ist der Borsitzende des Reichsverbandes der Zahnärzte geworden, es ist ein Reichszahnarztregister, ähnlich wie beim Reichsverband Denticher Dentisten, geschaffen worden. Wer nicht in diesem Register steht, wird nicht zur Kaffenpraris zugelaffen, mit anderen Worten: Auch hier werden Juden und Marristen" zum Hungern verurteilt, Vermögens- Liquidation spez. Berlin führt gewissenhaft durch Rechtsanwalt Hans Schaul PARIS 6 rue Littre Büro de Poste 43 Poste restante Teilhaber Sichere Existenz still oder tätig t. g. Spezialgeschäft in Süd- Frankreich mit 50 Mille Frs. sot. ges. Spätere Übernahme geboten. Offrt unter 57 an die Exped. ds. Bl. erbeten. Professor in Straßburg sucht zwecks Erweiterung seines Unterrichtsbetriebes kaufmännischen Teilhaber Offerten unter Nr. 56 an die Expedition dieser Zeitung Dr. Thorwesten: Deutschland von draußen on draußen Zu der Nachricht, daß wegen des Fällens der Hindenburg- Eiche auf dem Tempelhofer Feld zu Berlin den Kommunisten in den Konzentrationslagern für drei Tage das Mittagessen entzogen worden sei, schreibt der Kopen hagener Sozialdemokrat“:„ Wenn dieses Tele gramm nicht von Berlin ausgesendet worden wäre und deshalb als echte Nazimitteilung angesprochen werden müßte, könnte man zu dem Glauben gelangen, es handele sich hier um ein Beispiel für das, was die National sozialisten Greuelpropaganda nennen. Die Roheit ist so himmelschreiend, daß alle Kommentare überflüssig sind. Nur darauf mag aufmerksam gemacht werden, daß der sadistische Gedanke auf die gefangenen Kommunisten angewendet wird, die doch die einzigen Menschen in Deutsch land sind, die nachweislich keine Schuld an dem Fällen der Eiche traf. SA.- Führerschule für Dänen Den dänischen Nationalisten geht es nicht gut. Ihre Zahl ist gering und wird immer noch geringer. Außerdem haben sie heftige Streitigkeiten im eigenen Lager. Der bisherige Führer, ein Rittmeister Lembke, hat als " Führer" zurücktreten müssen. Ein gewisser Dr. Clausen ist als„ Filialhitler" eingesetzt worden. Die Inseln Seeland und Fünen und die Stadt Kopenhagen sollen Spezialführer erhalten. Herr Clausen erklärt in einer Proklamation, der große Führer werde kommen, wenn man ihn nötig habe, dann aber müsse ihm gefolgt werden. Die Organisation ist, wie gesagt, sehr schwach, und die nationalistische Presse ohne jede Bedeutung. In Kopen hagen gab es noch vor kurzem drei kleine Naziblätter. Das eine, der„ Neue Tag", ging schon nach einem Monat ein. Das andere, der„ Kampf" genannt, hat jetzt ebenfalls feinen Kampf aufgegeben. Uebrig geblieben ist ein kleines Wochenblatt, das in dem ehemaligen Nordschleswig gedruckt wird. Nun wollen die deutschen Nazis den dänischen Brüdern zu Hilfe kommen. Zuerst war von wirtschaftlicher Unterstützung die Rede. Dieser Gedanke scheint aber aufgegeben zu sein, und dafür soll in Deutschland eine Führerschule für dänische Faschisten eingerichtet werden. Die dänischen SA.- Männer werden auf Kosten des dritten Reiches in Deutschland ihre Ausbildung erhalten. Hilfe für jüdische Emigranten Das Judentum im Ausland ist nach wie vor sehr eifrig in der Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge. Es findet dabei wirksame Hilfe bei einer Reihe von Regierungen. So hat der australische Verteidigungsminister Sir George Pearce erklärt, daß seine Regierung ein großes Interesse an der Errichtung einer großen jüdischen Kolonie in dem unbewohnten Territorium Nordaustraliens habe. Die Pläne für diese Ansiedlung werden eifrig in der Regierung in Melbourne erörtert. Die türkische Regierung hat ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen, eine Anzahl Juden aufzunehmen, namentlich Fachgelehrte und Handelskundige, sowie wenn möglich Techniker, Chemiker und Aerzte. Sie sollen besonders die türkischen Studenten unterweisen und für die neugegründete Konstantinopeler Universität auch bereits eine Anzahl von jüdischen Professoren aus Deutschland berufen worden. Mit den Regierungen von Argentinien und Brasilien wird über Möglichkeiten der Einwanderung verhandelt, und diese beiden Staaten haben erklärt, daß sie dem Gedanken sehr sympathisch gegenüberstehen. Die persische Regierung will jüdische Techniker auf nehmen. In Frankreich bemüht man sich ebenfalls um die Unterbringung der steigenden Zahl jüdischer Flüchtlinge. Man erwägt die Errichtung einer Kolonie in Südfrankreich oder möglicherweise in Marokko oder Tunis. Jm englischen Parlament hat der konservative Abgeordnete Locker- Lampson den Entwurf eines Gesetzes eingebracht, durch das den Juden die Einbürgerung erleichtert werden soll. Pgs. unter Kontrolle Genosse Albarda gibt in„ Het Volk" Kenntnis von zwei Zirkularen der Berliner Gauleitung der Nazis, die die Nummern 8 und 9 tragen. Zirkular Nr. 8 besteht aus drei Paragraphen. In dem ersten Paragraph heißt es, daß es trotz fortgesetzter Aufklärung noch immer verkommt, daß ältere Parteigenossen und selbst Funktionäre ,, ohne irgend welchen Grund" Kritik an der Partei und den Führern übten. Der Gauleiter macht es allen Funktionären und Parteigenossen zur Pflicht, solche Fälle unmittelbar den höheren Instanzen zu melden.„ Wer das unterläßt, macht sich strafbar." Der zweite Paragraph führt Klage darüber, daß die politischen Gegner üble Gerüchte über die Naziführer, die öffentliche Aemter bekleiden, in die Reihen der Partei hineintragen.„ Wer an der Verbreitung solcher Gerüchte auch nur im geringsten mitwirkt, soll dafür mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft werden." Jm dritten Paragraph wird befohlen, daß diese Anordnung allen Funktionären, sowie allen männlichen und weiblichen Parteigenossen in Groß- Berlin zur Kenntnis gebracht werden soll. Die örtlichen Gruppenleiter werden für die restlose Durchführung persönlich verantwortlich gemacht. ,, Kommunistische Kampftruppen" Liegnitz, 5. August. Die Staatspolizei Liegnitz hat zahlreiche kommunistische Kampftruppen in Schmiedeberg( Riesengebirge) und Umgegend festgestellt, die militärisch geschult wurden und die Aufgabe hatten, auf Befehl der Zentralstelle loszuschlagen. Ferner hatte die KPD. versucht, im Regierungsbezirk Liegnitz einen Nachrichtendienst einzurichten und die Partei neu aufzubauen. Jusgesamt sind 61 Kommunisten festgenommen worden. zu Aus dem Zirkular Nr. 9 ergibt sich, daß der Boykott der jüdischen Händler noch keineswegs abgestoppt ist. Es heißt da:„ Alle Parteigenossen sind ver pflichtet, einander gegenseitig kontrollieren, daß nicht in jüdischen Ge schäften gekauft wird. Jedes Parteimitglied hat das Recht, einen Parteigenossen, der bei einer Ueber tretung ertappt wird, unmittelbar anzuzeigen. Das ge schieht bei der örtlichen Gruppenleitung, die in dem Fall, daß die Anzeige sich bewahrheitet, dem, der die Vor schriften übertreten hat, seine Mitgliedschaft entzieht." Ferner soll darüber gewacht werden, daß von den Parteigenossen regelmäßig Karten zu den Parteiveranstaltungen gekauft werden. Es wird einfach angeordnet, daß die Parteimitglieder Karten, die die Funktionäre anbieten, kaufen müssen. Tut jemand das nicht, so muß er eine schriftliche Erklärung abgeben. Schließlich fordert das Zirkular Nr. 9 aufs nachdrücklichste, daß die Parteigenossen ihre allergrößte Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit der politischen Gegner lenken. Flug- und Agitationsschriften müssen der Gruppenleitung übergeben werden. Die Verfasser und Verbreiter solcher Schriften sind festzunehmen und der Gruppenleitung vorzuführen. England erzieht Hitler Die„ Times" hat bekanntlich einige Auszüge aus Hitlers ,, Mein Kampf" veröffentlicht. Sie schließt die Publikation mit einem sehr kritischen Artikel ab, an dessen Ende sie sich mit Hitlers außenpolitischen Ideen beschäftigt:„ Herr Hitler ist ein Mann, der eine Beschwerde zu führen hat, und Deutschland, auch das nichtnationalsozialistische Deutschland ist eine Nation, die eine Beschwerde zu führen hat. Das wird in diesem Lande verstanden, aber es muß klar ausgesprochen werden, daß die einzige Methode, mit der Deutschland seine Ansprüche nicht repräsentieren darf, der Appell an das Schwert ist. Der Der sicherste Weg, alle Länder einschließlich Groß britannien gegen sich zu vereinigen, ist der, mit dem Krieg als einem Instrument der Politik zu drohen. Auf diese Methode ist von allen Nationen einschließlich Deutschlands feierlich Verzicht geleistet worden. Man muß an nehmen, daß sich Herr Hitler als Reichskanzler dadurch gebunden fühlt, weil seine Regierung den Viermächtepakt unterzeichnet hat, der die Treue zum Briand- Kellogg Pakt aufs neue unterstreicht. Dies mag als ein will kommenes Zeichen begrüßt werden, daß die Verantwort lichkeit des Amtes einen mäßigenden Einfluß ausübt. Es gibt noch andere Anzeichen. In der Opposition verwarf die Nazi- Doktrin jede Jdee einer internationalen Kontrolle der deutschen Rüstungen. Jetzt hat man die Kontrolle akzeptiert unter der berechtigten Voraus setzung, daß sie auf alle Nationen in gleicher Weise angewendet wird... Der Kanzler Hitler zeigt sich weiser in Worten als der Agitator Hitler. Der Meisterpropagandist muß sich nun als einen Meister der Staatskunst erweisen, und das ist offenbar ein ganz anderes Geschäft. Seine Chance, ein konstruktiver Staatsmann zu werden und eine ehrenvolle und gleichberechtigte Rolle bei den übrigen Führern Europas zu spielen, hängt nun davon ab, ob er seine eigenen Extremisten im Zaume zu halten vermag. Das bedeutet für ihn, daß er den delikaten Versuch machen muß, seinen Anhängern zu lehren, daß sie in gewissen sehr wichtigen Beziehungen seine Taten von heute mehr beachten müssen als seine Lehren von gestern. Bis jetzt hat er noch nicht den Beweis geliefert, daß er dazu fähig ist." Göring abgeblitzt Die„ Times" veröffentlichen in ihrer Nummer vom 26. Juli den Aufruf, den Labour Party und Trade Unions zur Unterstützung der Opfer des Hitlerregimes erlassen haben. In derselben Nummer macht das Blatt Mitteilungen über den Versuch Görings, die Zustimmung der britischen Regierung zum Ankauf britischer Militärflugzeuge für Polizeizwecke zu erhalten. Die„ Times" erfährt, daß eine der Firmen, an die sich die deutsche Regierung gewandt hat, die Hawker Engineering Company war, und daß sie es dabei besonders auf ein zweifigiges Kampfflugzeug " Demon" abgesehen hatte. Dieses Flugzeug ist mit zwei Maschinengewehren ausgerüstet. Die Company soll es abgelehnt haben, deutsche Kaufanträge in Betracht zu ziehen, und wie weiter berichtet wird, weigert sich die britische Regierung, ihre Zustimmung zu einem Verkauf zu geben, der nicht im Einklang mit den Bestimmungen des Versailler Vertrags steht. Henderson bei Hitler Die holländische sozialistische Presse wendet sich gegen den Artikel der Internationalen Information, in dem der Besuch Hendersons bei Hitler kritisiert wird. Henderson habe seine Pflicht erfüllt. Mit der Entschlossenheit des Engländers, für die die Holländer nur Bewunderung hegen könnten, vollbringe er seine Aufgabe. Was den Besuch bei Hitler angehe, so ist der Verfasser des Artikels überzeugt, daß Arbeiter, die nicht nur ihrem Gefühl folgen, sondern auch ihrem Verstand, die politische Einsicht haben, und die Wirklichkeit zu sehen verstehen, das Verhalten von Henderson begreifen und es ihm danken werden, daß er sich auch dieser bittern Pflicht unterzogen hat. Keine Fremden auf der Herbstmesse Die englischen Firmen werden mit Briefen bombardiert und durch deutsche Vertreter fortwährend aufgesucht, die sie zu einem Besuch der Leipziger Herbstmesse zu bewegen suchen. Wie man in London erfährt, werden diese Anstrengungen vergebens sein. Da von London aus eine starke und nach allen Ländern gerichtete Boykottbewegung gegen Deutschland ausgeht, wird hier angenommen, daß auch aus Frank reich, Belgien, Holland, Polen und der Tschechoslowakei die Besucher im wesentlichen wegbleiben werden.