Fretheil Nummer 51-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Freitag, den 18. August 1933 Chefredakteur: M. Braun Fatal ist mir das Lumpenpack, Das, um die Herzen zu rühren, Den Patriotismus trägt zur Schau Mit allen seinen Geschwüren. Heinrich Heine. Holland fühlt sich bedroht Der deutsch- österreichische Konflikt beunruhigt die kleinen Länder- Schweiz und Holland sorgenvoll- Krieg und Sozialismus In der Schweiz verfolgen nicht nur die Sozia- durch das Schicksal des deutschen Zentrum gewarntete Deutsch die Saar! listen, sondern auch die bürgerlichen Politiker die deutsche Aggressivität gegen Oesterreich mit Unruhe und Spannung. Mehrere angesehene Publizisten, so 3. B. J. B. Rusch in der« National- Zeitung", richfen mahnende Rufe an die Bundesregierung. Deutschland habe gegenüber Oesterreich das Völkerrecht gebrochen. Der braune Imperialismus achte seine eigene Unterschrift nicht. Es sei notwendig, ihm auch von der Schweiz her rechtzeitig Grenzen zu ziehen.« Was jenseits des Arlberg und Rhäfikon sich vollzieht, geht auch uns an und kein Volk Europas hat gewichtigeren Grund, sich gegen eine Auffassung zu erheben, als ob die Quälerei kleiner Staaten durch freche Nachbarn für diese eine innere Angelegenheit sein dürfe, als gerade wir." Dieselbe besorgte Stimmung äußert ein Aufsatz, der uns von besonderer Seite aus dem Haag zugeht: Die erschreckend näher kommende Gefahr eines europäs ischen Krieges ist der Welt durch den österreichischen Konflitt zum Bewußtsein gekommen. Aber die Versuche des Hitler: regiments, den österreichischen Nachbarstaat gleichzuschalten, find nicht die einzigen ihrer Art. Auch an der deutsch- holläns dischen Grenze schwelt ein Brandherd. Freilich, soweit ist auch die nationalsozialistische Groß mannspolitik noch nicht, um das„ stammesverwandte" hollän dische Nachbarvolk im Ganzen verschlucken zu wollen, das auf diese Verwandtschaft zur Zeit weniger Wert legt als je. Der Appetit geht einstweilen nur auf einen kleinen Teil Hollands, auf seinen südlichen Ausläufer, die Provinz SüdLimburg. Dieser schmale, zwischen Belgien und Deutschland( bei Aachen) hineingeschobene Zipfel enthält die Kohlen: schäze, über die Holland verfügt. Auf acht Gruben wird ein hochwertiger Anthrazit gefördert. Die Nähe des Aachener Bergbaureviers bringt es mit sich, daß zahlreiche deutsche Bergarbeiter auf holländischen Gruben tätig sind, ihre Zahl dürfte 25 000 betragen. Unter diesen betreiben die deutschen Nationalsozialisten eine ungemein lebhafte Agitation. Da ein großer Teil dieser Arbeiter in Deutschland wohnt, periodisch dorthin zurückkehrt oder mindestens Familie in Deutschland hat, so ist es nicht schwer für die Nazi- Agitatoren, durch Drohungen mit Bergeltungsmaßnahmen aller Art auf Widerspenstige den nötigen Druck auszuüben. Tatsächlich hatte sich die deutsche nationalsozialistische Partei mit Hilfe eines Teiles dieser Bergarbeiter schon eine Anzahl Stüßpunkte im niederländischen Kohlengebiet geschaffen. Das Kohlenrevier ist seitdem in ständiger Gärung. Selbstverständlich setzten sich die Sozialisten, Partei und Gewert fchaften, mit aller Kraft gegen den nationalsozialistischen Einfall zur Wehr. Das gleiche taten die katholischen Verbände, Aber man glaube nicht, daß es in diesem Kampfe um die der 25 000 Bergarbeiter gegangen wäre. Das kleine Ländchen Süd- Limburg ist vielmehr von ganz besonderer Bedeutung. Nicht nur von wirtschaftlicher - wegen der reichen Bodenschätze. Eine andere Bedeutung ergibt sich aus seiner geographischen Lage: dieser lang= gestreckte Zipfel, der an seiner schmalsten Stelle knapp zehn Kilometer, im Durchschnitt vielleicht zwanzig breit ist, spaltet auf eine Länge von rund sechzig Kilometer Deutschland und Belgien auseinander. Im Falle eines ernenten kriegerischen aufmarsches würde sein Besiz es Deutschland ermöglichen, den 1914 mißglückten Schlieffenschen Aufmarschplan mit besseren Chancen zu wiederholen, nämlich mit einer nördlichen Verlängerung des Umgehungsflügels um 60 Kilobei einem Durchmarsch durch Süd- Limburg. Solche Absichten Deutschlands lassen sich zwar nicht bis ins legte beweisen, aber in den Niederlanden fürchtet man fie und glaubt sie zu kennen. Sehr oft hört man Niederländer und glaubt sie zu kennen. Sehr oft hört man Niederländer sagen, daß im nächsten Weltkriege wohl Holland die Rolle Belgiens von 1914 spielen würde. meter Diese Befürchtung hat dies sonst phlegmatische Volt aus seiner Ruhe gescheucht. Die holländische Regierung hat trifle Anweisung an ihre Organe gegeben, alle Ausländer, die sich in Holland politisch betätigen, rücksichtslos auszuweisen. Auf Grund dieser Anordnung wurden bereits der nationalsozia: listische Hauptagitator Tykfr und einige seiner reichsdeutschen Unterführer über die Grenze gefeßt. Sehr viel Erfolg hat die Maßregel freilich nicht gehabt, denn es wiederholt sich auch hier im Kleinen das österreichische Spiel: von Aachen, also von deutschem Boden ans, seßen Tyffr und die Seinen ihre Agitation im Nachbarland munter fort. Die Schlagworte Gleichschaltung“ und„ Angliederung" bedrohen immer noch Hollands Südprovinz. Die holländische Sozialdemokratie sieht sich durch die Aggressivität des deutschen Nationalsozialismus, der einen Teil ihres Heimatlandes unmittelbar bedroht, vor ein ernstes Problem gestellt, vor ein Problem, auf das wohl die Zweite Internationale überhaupt sehr bald eine grundsägliche Antwort wird geben müssen: Genügt es, bei dem augen= blicklichen Machtstand des triegerischen Faschismus und bei der Schwäche des Weltproletariats, weiter nur Abrüstung zu predigen? Oder muß man nicht sagen, daß diese Politik zwar Sinn hatte, so lange sie durch eine starke europäische Sozialdemokratie realisiert werden konnte, daß sie aber jetzt sinnlos geworden ist, da der Faschismus Abrüstungs: debatten nur zum Vorwand nimmt, um seine Rüstungen zu verschleiern? Mit anderen Worten: ist es nicht richtiger, den verschleiern? Mit anderen Worten: ist es nicht richtiger, den Arbeitermassen zu sagen, daß durch die Siege des Faschismus und durch die Niederlagen des Proletariats diefes die Macht verloren hat, den kommenden Krieg abzubremsen, daß es das her den Krieg als unvermeidlich betrachten und von diesem Gesichtspunkt aus seine Maßnahmen schon jetzt treffen muß? Die Arbeiter der Länder, die durch den Expansionsdrang des Nationalsozialismus unmittelbar gefährdet find, werden dieser entscheidenden Frage nicht lange auszuweichen können. Hindenburgs Gut Neues Staatsgeschenk für die Reichspräsidenten- Familie Aus Königsberg in Preußen wird gemeldet: Die Staatsdomäne Langenau soll mit dem Neudecker Familiengut des Reichspräsidenten von Hindenburg vers einigt werden. Die Güter waren bereits 1853 vereint. Es soll also das Privatgut des 85jährigen Reichspräfidenten durch ein staatliches Gut vergrößert werden. Ob und wieviel der Reichspräsident dafür zahlt, wird nicht gesagt, Es scheint, als handele es sich um ein staat liches Geschenk. Das Kapitel Hindenburg und sein Rittergut Neuded find ohnehin peinlich genug. Ostpreußische Junker unter Führung Oldenburg- Januschaus haben den Millionenbetrag für die Erwerbung des früheren Hindenburgschen Familiengutes gesammelt. Die ostelbischen Granden wollten den Reichspräsidenten möglichst oft in ihrer Mitte sehen und wollten ihn an ihre Großgrundbesitzerinteressen binden. Beide Ziele find erreicht worden. Sehr peinlich war die Tatsache, daß das geschenkte Gut nicht auf den Namen des Reichspräsidenten, sondern auf den feines Sohnes grundbuchlich eingetragen worden ist. Das geschah, um dem Staat die nicht unbeträchtliche Erbschaftssteuer vorzuenthalten, wenn das Gut bei dem Tode des Reichspräsidenten auf dessen Sohn übergeht. Man vergegenwärtige fich, was geschehen wäre, wenn sich ein sozialdemokratischer Reichspräsident zu einer solchen Schiebung hergegeben haben würde. Man weiß, daß das nicht der Fall ist. Friedrich Ebert ist besiglos gestorben. Zwei seiner Söhne sind im Felde gefallen und der dritte exerziert im Konzentrationslager auf Rommando junger SA.- Leute, Man erinnert sich, daß das Herrn von Hindenburg weiter nicht fümmert. Jetzt also bekommt der Reichspräsident, richtiger sein Sohn Oskar, zu dem geschenkten großen Gut ein weiteres großes Gut dazu, und zwar aus Staatsbesitz. Die oftelbischen Junker müssen sehr zufrieden sein mit dem dritten Reich" und seinen Regenten. Schwört und sprecht: Recht bleibt Recht Wahr bleibt wahr Dentsch die Saar D. F. Jn Riefengröße hängt ein Plakat mit diesem Spruch an den Anschlagsäulen des Saargebietes. Ueber dem Niederwalddenkmal und dem Rhein als wirkungsvollen Sinnbildern deutscher politischer Romantik recht sich gigantisch eine zum Schwur erhobene Hand in den Himmelsraum. Er ist blutig rot. Seltsam blaß verschwimmt das Hakenkreuz am Horizont. Das Plakat ruft zur Saarkundgebung am Niederwald. Hunderttausend Menschen sollen sich dort am 27. August zusammenfinden, um ihre Treue zum Deutschtum, die niemand bezweifelt, wieder und wieder kundzutun. Man macht ihnen das Bekenntnis leicht. Nie war eine Rheinreise wohlfeiler als diese. Sie kostet kaum mehr als ein kleiner Sonntagsausflug. Das Geld kommt aus den deutschen Propagandakassen, die, was wohl nicht zu bestreiten ist, millionenfach stärker im Saargebiet arbeiten als die französischen. Es scheint, daß die saturierte französische Politik viel weniger Interesse am Gaargebiet nimmt, als aufgeregte nationalistische Festredner unseres deutschen Vaterlandes behaupten. Wir mißgönnen unseren Landsleuten die billige Rheinreise nicht. Auch im dritten Reich" ist der Blick vom Niederwald auf Bingen und Rüdesheim und Aßmanns hausen schön. In uns Ausgestoßenen und Geächteten klingt so etwas wie Scheffels Frankenlied: Wie gerne wär' ich mitgewallt, Ihr Pfarr' wollt mich nicht haben. So muß ich seitwärts durch den Wald Als räudig Schäflein traben... Wir vermuten, daß vielen, sehr vielen, die mit in den Rheingau fahren, der Wein dort drüben besser munden wird als die Reden, die ihnen allzuoft schon im Radio zu gemutet worden sind. Auch im patriotischen Ueberschwang geht es glücklicherweise etwas menschlicher zu, als die Bathetiker der Tribüne uns glauben machen wollen. Das aufgeregte Bekenntnis zum Deutschtum haben wir nicht nötig. Selbstverständlichkeiten braucht man nicht in die Welt zu schreien. Für Röchling und andere deutschpatriotische Rüstungslieferanten an die französische Armee liegt der Fall anders. Die müssen ihr Deutschtum immer wieder beweisen, und dann glauben wir es ihnen immer noch nicht. Wir haben an unserer deutschen Betätigung nie etwas verdient, genießen allerdings die hohe Auszeich nung, von denen als Landesverräter beschimpft zu werden, die durch die Unterdrückung der Freiheit im Innern und durch die Herausforderung Europas am Ruin des Deutschen Reiches arbeiten. Das Schauspiel am Niederwald ist aus einem Grunde nicht recht verständlich: die gleichgeschaltete Presse ver sichert immer wieder, daß die für 1935 in Aussicht genommene Volksabstimmung über die staatliche Zukunft des Saargebietes mit einem überwältigenden Siege des ,, dritten Reiches" enden werde. Warum also noch diese großen Unkosten? Da dürfte doch etwas nicht stimmen. In der Tat sind für den, der sich nicht leicht berauschen läßt, einige Zweifel erlaubt. Der deutsche Politiker darf nicht vergessen, daß bei der Abstimmung an der Saar drei Möglichkeiten zur Wahl stehen: Frankreich, Status quo und Deutschland. Diese Dreiteilung der Stimmenzahl erhöht die Macht der Minderheiten. Selbst ein nur geringer Hundertsatz für Frankreich- er wird unmöglich hoch sein unmöglich hoch sein kann entscheidend werden für die Frage, ob die Rückgliederung an Deutschland erfolgt oder ob es bei dem jezigen Regierungszustand bleibt. Selbst wenn wir alle Komplikationen, die in der europäischen Atmosphäre liegen, ausschalten und mit einer friedlichen und ruhigen Entwicklung rechnen, bleibt das Jahr 1935 für das Schicksal der Saar rätselvoll. Wir sprechen es aus. Die jetzige Reichsregierung weiß es nicht minder, aber sie schweigt und läßt dafür ihre Propagandisten reden. Um Deutschlands willen aber muß man reden. Da sind nun diese Hitler und Göring und Len auf die 12 Millionen Sozialdemokraten und Kommunisten, die noch am 5. März unter gefährlichstem Terror zu ihren roten Fahnen standen, losgelassen. Man hat ihnen alles geraubt: die Organisationen und ihre Kassen, das ganze In zwei Menschenaltern erarbeitete Kulturgut, ihre Presse und ihre Freiheit. Ihre Treuesten sitzen in Gefängnissen oder in Konzentrationslagern, wenn sie nicht erschlagen sind, oder sind über die Grenze getrieben oder werden brüben illegal von Ort zu Ort gehetzt. Meint jemand, diese Abrüstungskonferenz erledigt! Barbarei hätte die Träger der sozialistischen Kultur ,, Der Geist von 1914" Deutschlands zum dritten Reich" bekehrt? Glaubt jemand mit gefunden Sinnen, die Sozialdemokraten und die Kommunisten an der Saar hätten keinen sehnlicheren Wunsch, als sich und ihren Freunden möglichst rasch dasselbe Schicksal wie den Opfern der Barbarei drüben zu bereiten! Und es geht ja nicht einmal um Sozialdemo kraten und Kommunisten allein. Jeder aufrechte Mensch, jeder Demokrat, jeder Republikaner, jeder Pazifist, jeder Freidenker, jeder nicht gleichgeschaltete Protestant, jeder fich treu gebliebene Zentrumsmann, jeder tätige Gewerkschafter oder Genossenschafter, sie alle, von den Juden gar nicht zu reden, wissen, was ihnen droht, wenn Hitler seinen Haß und Rachefeldzug gegen alle„ undeutschen" an die Saar tragen kann. Daß trotz alledem die Menschen an der Saar mit ihrem Denken und Empfinden deutsch bleiben, zeigt, wie sehr die Volksseele in ihren Tiefen unabhängig ist von vorübergehenden Regierungssystemen. Die Herren in Berlin kämpfen für ihre tyrannische Macht auch an der Saar, nicht für deren deutschen Charakter, der gar nicht bedroht ist. Die politische Entscheidung im Jahre 1935, sofern sie dem Vertrage gemäß durch Abstimmung fallen sollte, wird für uns niemals eine Aktion gegen Deutschland sein. Sie kann aber sehr wohl eine deutliche im Rahmen der europäischen Politik hochwichtige Absage an die tyrannische Diktaturin Deutschland werden. Die Verantwortung tragen die, die diese Diktatur über das deutsche Arbeitervolk errichtet haben, begünstigen oder schen Eroberungen bei den Unterdrückten und den Mißhandelten machen. aufsatz Die Abrüstung": Der„ Temps" vom 17. August schreibt in einem Leit- Berlin zu suchen ist. Sie verfolgen nämlich die deutsche Ents Man muß bekennen, daß die Ereignisse der letzten Monate nicht dazu beigetragen haben, das Vertrauen zu befestigen, daß fie nicht geeignet find, selbst die Verständigungsbereiten zichten. Denn man sieht, wie Hitlerdeutschland seine Aufrüstung betreibt- sowohl bezüglich des Kriegsmaterials als auch bezüglich der Milizen. Das geschieht, bevor sich die Konferenz in Genf über die Frage der Gleichberechtigung hat aussprechen können, deren Annahme im Grundsaz durch die Mächte im letzten Jahr nur bedeutete, daß dieser Grundsaz erst im Rahmen einer noch herzustellenden Sicher: heit seine Anwendung finden sollte. Die ganze Welt weiß, daß Deutschland aufrüsten will. Die Führer des Dritten Reichs versäumen es nie, in ihren öffentlichen Kundgebungen diesen Willen zu betonen. Man organisiert in Berlin Aufsehen erregende Paraden der Hitler- Milizen, die rein militärischen Charakter besigen. Die Engländer find sich bewußt, daß die wirks liche Gefahr für den europäischen Frieden in wicklung äußerst aufmerksam, da ihnen der Sieg des Hitles rismus die Augen geöffnet hat und sie schließlich begriffen haben, daß der Geist von 1914 in Deutschland noch in voller Kraft lebt. Der Tatsachenbericht des Sunday Referee über die Rüstungen des Reichs sind für die englische Haltung bezeichnend. Daß bei den meisten Regierungen der ernste Wunsch bes steht, eine Uebereinkunft herbeizuführen, die der Welt ein neues Wettrüften erspart, ist gewiß. Aber es geht darum, ob es möglich ist, ein Abkommen dieser Art abzuschließen, wenn Deutschland seine gegenwärtige Haltung bewahrt. So hat die " Times" jüngst bemerkt, daß es ganz ausgeschlossen sei, daß die bewaffneten Länder sich ihrer wirksamsten Waffen be raubten, so lange nicht zwischen Deutschland und Frankreich und seinen übrigen Nachbarn größeres Vertrauen herrscht. Logischerweise darf man den Schluß ziehen, daß der Erfolg oder Mißerfolg der Abrüstungskonferenz einzig und allein von der Haltung des Reichs abhängt und daß Herr Henders son sich nach Berlin wenden muß... Wird der Oberreichsanwalt unruhig? verteidigen. Mord und Gewalttat können keine morali. Das Reichsgericht und der„ Gegenprozeß" Wir sind deutsch und wären verächtlich, wenn wir uns von unserem Lande und seinen Menschen, von unseren gewalttätig niedergehaltenen Kameraden lossagen wollten, weil wir einstweilen innerhalb der Grenzen Deutschlands nicht arbeiten können. Persönliches Schicksal ist nicht entscheidend. Was wir auch tun und wie wir taktieren: das Ziel ist Deutschland, ist seine Befreiung von einer schändlichen Regierungsweise, ist die Eroberung unseres alten Kulturlandes für sozialistischen Aufbau durch ein frei gewordenes Volk. Ob das im Jahre 1935 besser durch eine sofortige Rückkehr in das Reich oder, je nach den Zuständen drüben, durch eine freie deutsche Bastion an ber Saar möglich ist, wird zur gegebenen Stunde von einer dann hoffentlich festgeschlossenen, möglichst breiten, weit über den hinaus den Parteirahmen reichenden antifaschistischen Front entschieden werden. " Deutsche Front" nennen sich die Patrioten, die sich aus Reichskaffen finanzieren lassen, und von denen nach alter Erfahrung so manche in ihrem Deutschtum von dem Markkurs abhängig sind. Deutsche Front mag viel sein Deutsche Freiheitsfront ist mehr! Deutsch ist uns nicht nur ein Wort, es ist uns der volle Klang des Strebens und Sehnens der deutschen Volksseele. Dazu gehört aber der Wille zur Freiheit, zur freien Gestaltung des Staatswillens durch die Deutschen. Man kann den fo gesinnten Deutschen an der Saar nicht zumuten, daß fie in freier Gelbit be stimmung die brückenden Fesseln sich ans legen, durch die drüben Deutschland und sein Volk geschändet werden. Die Fahne, die wir an der Saar mit dem Blick auf Deutschland entrollt haben, wird ihre programmatische Inschrift auch im Kampfe um die Saar zur Geltung bringen: Deutsche Freiheit! Verrucht! Was die ,, Frankfurter Zeitung" meldet Die Frankfurter Beitung" verbrettet folgende TU.- Melbung aus Saarbrücken: Wie wir erfahren, beabsichtigt die Sozialdemo= ratische Partei des Saargebietes am Tage der saardeutschen Niederwaldkundgebung am 27. Auguft gemeinsam mit den Kommunisten im Saar: gebiet große Gegenkundgebungen abzuhalten. Die Regierungskommission hat angeblich die Genehmi: gung zu diesen Veranstaltungen schon erteilt und zuge= lassen, daß die Rede des Vorsitzenden der SPD., Max Braun, von sämtlichen französischen Sendern verbreitet werde. 3n der geplanten Niederwaldkundgebung liegen schon 60 000 Anmeldungen vor. Wir bedauern, daß ein früheres Weltblatt sich so ungemügend unterrichten läßt. Die Rede von Max Braun wird nicht nur über alle französischen Sender, sondern über alle Radiostationen aller Signatarmächte des Versailler Vertrages in sämtlichen 5 Erdteilen verbreitet. Nach seiner Rede wird Max Braun die Front der französischen Ehrenkompante abschreiten, die eigens zu der landesverräterischen sozialdemokratischen Kundgebung aus Paris nach Saarbrücken kommen wird. Dann werden alle Sozialdemokraten des Saargebietes feierlich unter den Klängen der Marseillaise auf die Trikolore vereidigt werden. Wir bitten die gleichgeschalteten Zeitungen diese verruchMan weiß, daß sich ein Ausschuß international anerkannter Juristen gebildet hat, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, die Wahrheit über den Reichstagsbrand und die wirklichen Brandstifter zu ermitteln. Wohlverstanden: dieser Ausschuß hat noch kein Urteil gefällt, sondern er sucht und prüft. Darin unterscheidet er sich vorteilhaft von den jetzt in Deutschland Regierenden, die schon im Augenblick des Feueralarms ganz genau wußten, daß die Kommunisten unter sozialdemo: fratischer Begünstigung das Reichstagshaus angezündet haben. Der internationale juristische Ausschuß will im Auslande einen Gegenprozeß veranstalten. Man sollte annehmen, daß dieses private Unternehmen dem Reichsgericht in Leipzig, das doch schon im Besitze der vollen Wahrheit über die Angeklagten im Reichstagsbrandprozeß ist, gleichgültig sein könnte. Dem ist aber nicht so. Wir erleben den außergewöhn lichen Fall, daß der Herr Oberreichsanwalt sich an zwei Ausländer, den schwedischen Rechtsanwalt Branting und den französischen Schriftsteller Romain Rolland wendet taten, den ungeheuren Mißhandlungen, einen scharfen Erlaß gegen diesen Terror seiner eigenen SA.- und SS.- Lente herauszugeben. Es handelt sich ja da auch nur um Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten. Herr Minister Göring ist halt nur ein Tierfreund... Jüdisches Geld willkommen Der Leipziger Rauchwarenhandel bittet um jüdischen Besuch Der Reichsverband der deutschen Rauchwarenfirmen hat durch Rundschreiben an seine Mitglieder und durch Veröffentlichung in der Fachpresse aufgefordert, die gleichzeitig mit der Rauchwaren- Michaelis- Messe stattfindende Braune Großmesse in Leipzig vom 27. bis 31. August 1933 zu besuchen. Daß auch die in Deutschland lebenden jüdischen Geschäftsleute von der Grundlosigkeit aller Befürchtungen, daß Kaufleute nichtarischer Abstammung in der Abwicklung ihres Meßgeschäftes irgendwie gestört werden könnten, überzeugt sind, geht daraus hervor, daß die jüdischen Kreise die Aufforderungen zum Besuche der Herbstmesse in großer Anzahl an ihre ausländischen Geschäftsfreunde bereits verschickt und diese dringend zum Besuche Leipzigs aufgefordert haben." Kurzum: Die Juden sind zwar eine inferiose Rasse, aber ihr Geld wird gern genommen. „ Den Juden geht es gut!" Judenpost... In einer ostpreußischen Kleinstadt wird die Reichspost an Juden nicht mehr befördert, sondern diese müssen sich persönlich ihre Briefe, Karten usw. nach 6 Uhr abends aus dem Postamt abholen. Die Art der Beförderung hat bereits ihr Schlagwort gefunden. Man spricht nur noch lakonisch von der Judenpost". Was ist der Unterschied? In der gleichen Stadt mußten Eltern ihre fünfzehnjährige Tochter aus der Schule nehmen, da erstens keine der Mitschülerinnen neben dem Mädchen auf der Bank sizen wollte, zweitens aber folgendes Thema zum Schulaufsatz gestellt wurde:„ Was ist der Unterschied zwischen Menschen und Juden?" ten Absichten der Sozialdemokratie durch weiteste Berbrei- Unser Schatten folgt Ihnen überall" tung bekannt zu machen. Tiere werden geschützt. Menschen gequält und abgeschlachtet München, den 17. August 1933. Der preußische Ministerpräsident Göring hat für das preus Bische Staatsgebiet die Vivisektion an Tieren verboten. Interessant ist bei diesem Erlaß, daß ausgerechnet Herr Göring fich auf ein Gebiet begibt, das ihm gar nicht liegt. Die wissenschaftlichen Experimente an Tieren werden verboten ( übrigens hat die SPD. sich gegen die Bivisektion schon längst erklärt) und die ungeheuren Menschenquälereien wer den von demselben Minister Göring nicht nur gestattet, sons dern sogar gefördert und veranlaßt. Herr Göring kommt gar nicht auf den Gedanken, troß der vielen politischen Mords Ein Telegramm aus dem Jenseits Als„ Besieger des Atlantiks" ist der faschistische Luftfahrtminister Balbo in den Vereinigten Staaten sehr gefeiert worden. Dort liebt man jene großzügige Reklame, in der Muffolini Meister ist. Von Balbos Vorleben wußte man wenig, eigentlich zu wenig, um die Ehrungen richtig organisieren zu können. So wußte man nicht, daß er die Ermordung des Erzpriesters Minzoni in Ferrara organisiert hatte, daß er die Mörder mitten im Gerichtssaal um= armt hatte. Man hatte auch nicht gehört, daß nach dem geheimnisvollen Revolverschuß, der am 31. Oktober 1926 in Bologna von unbekannter Hand auf Mussolini abgegeben wurde, die Faschisten Buonaccorsi und Italo Balbo sich auf einen fünfzehnjährigen Knaben Anteo 3amboni ge= stürzt und das Kind getötet haben. Buonaccorsi hat ihm die Kehle durchschnitten, Balbo zwei Schüsse auf den schon auf dem Boden liegenden Körper abgefeuert. Als nun der Cound sie bittet, ihm das in ihrer Hand befindliche Material zur Verwertung in dem anhängigen Verfahren baldmöglichst zugängig zu machen. Was die beiden Herren antworten, wird sich zeigen. Daß sie ihr Material so einfach einem Gericht einreichen, das nach den Bekundungen der deutschen Regierung nicht zur Findung der objektiven Wahrheit, sondern der Staatsräfon dienen soll, glauben wir nicht. Der Oberreichsanwalt hätte es doch so einfach: er brauchte sich nur dafür einzusehen, daß Herr Branting als Verteidiger zugelassen wird und die Erlaubnis bekommt, sich in das Aftenmaterial einzuarbeiten. Das würde zweifellos auch die Verwertung des von dem erwähnten Ausschuß gesammelten Materials in dem Leipziger Prozeß ermöglichen und der Gegenprozeß würde sich vielleicht erübrigen. Der Herr Oberreichsanwalt irrt, wenn er glaubt, sich durch seine Briefe aus der peinlichen Affäre ziehen zu können. Die Welt will die Wahrheit erfahren, und sie glaubt außer halb Deutschlands nicht, daß sie in Leipzig gesucht wird. lumbia Yacht Club in Neuyork dem Minister Balbo ein Bankett gab, bei dem die höchsten Militärs anwesend waren, las der Vorsitzende treulich alle Huldigungstelegramme. Mit lauter Stimme brachte er auch das folgende zur Verlesung: Unser Schatten folgt Ihnen überall Don Minzoni, Anteo 3amboni." Balbo und seine Leute wurden merkwürdig blaß. Für künftige Ehrungen von Faschistenführern empfiehlt es sich, daß das Festkomitee immer die Namenliste der von ihnen Ermordeten vorher genau fennt. Einem Ehrengast soll man nichts vorseßen, was sein Magen nicht gut verträgt. Das russische Geschäft Stalin noch immer ein guter Kunde des ,, dritten Reiches" Im 1. Halbjahr 1933 ist die russische Ausfuhr auf 224,6 ( 1. Halbjahr 1932: 275,1) Millionen Rubel zurückgegangen, die Einfuhr sogar noch stärker, auf 190,9( 405,3) Millionen. Es ergibt sich demnach ein Aktivsaldo von 33,7 Millionen, während im Vorjahr in der gleichen Zeit ein Passivsaldo von 180,2 Millionen entstanden war. An der Spitze sowohl der Einfuhr wie der Ausfuhr stand auch im vergangenen Halbjahr Deutschland. Der Bezug von deutschen Waren hat sich allerdings nahezu auf die Hälfte verringert, nämlich auf 99( 184) Millionen Rubel, aber in noch stärkerem Maße wurde die Einfuhr aus England gedrosselt, das Waren im Werte von nur 18,2( 51,8 Millionen lieferte. Auch Italien mit 9,4( 19,0) Millionen Rubel hat einen starken Verlust an Absatz erlitten, ebenso USA. mit 5,8( 19,3) und Persien mit 5,7( 86,4) Millionen Rubel. Dagegen hat China mit 9,7( 8,5) und Frankreich mit 3,0( 1,2) einen kleinen Deutschland war der Rückgang weniger start: DeutschVorsprung erzielt. In der russischen Ausfuhr nach land bezog Waren im Werte von 47,8( 51,7) Millionen. Auch hier wirften sich die politischen Störungen( Handelskrieg England- Rußland) in einer Senfung des Absatzes nach England aus, das nur Waren 331,8( 65,3) Millionen abnahm. Die Gesamttendenz Rußlands ging also dahin, an Stelle englischer Waren deutsche zu setzen; allerdings handelte es sich auch großenteils um Abwicklung von bereits früher erteilten Bestellungen. Das Neuesten In einem Anfall von Geistes gestörtheit rannte in Madrid ein Zivilgardist durch die Straßen und bedrohte die Passanten mit seinem Säbel. Drei Frauen wurden von ihm verlegt. Der Wüterich wurde durch den Revolverschuß eines Polizeibeamten niedergestreckt. Im Departement Indre brannte das aus dem 15. Jahr hundert stammende Schloß de la Barre bis auf die Grundmanern nieder. Das Schloß enthielt wertvolle Samms lungen und Möbel, die ein Raub der Flammen wurden. Der Oberbürgermeister von Hof Dr. Karl Buhl erhielt wegen Unterschlagung zwei Jahre neun Monate Gefängnis. Der von Kommunisten überfallene und schwer verlegte SA.- Mann Koziolet in Wanne- Eidel ist gestorben. Zahle reiche Kommunisten sind als Geiseln festgenommen worden. Ticfinnerliche Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Ein Kapitel„ Volksaufklärung" im„ dritten Reich" In einer großen nationalsozialistischen Zeitung leſen Der deutsche Sozialismus" mir: Vor der ungeheueren Kraft des nationalsozialistischen Totalitätsgebanten s mußten naturnotwendig Frei nach Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt auch diese letzten Reste und Menschen nicht unserer Prägung verschwinden. Das geschah dann auch. Hugen berg ging, und der Führer berief Dr. Schmitt zum Reichswirtschaftsminister. Was dieser Mann in seiner ersten öffentlichen Rede am Sonntag in Köln erklärte, war also erstmalig die programmatische Wirtschaftspolitif, die der Nationalsozia lismus und Adolf Hitler als sein Führer dem neuen Deutschland und der gesamten Welt zu verkünden haben. Tiefinnerliche Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit... waren wohl der tiefste Eindruck, den diese Rede hinterließ. Daß ein Minister so offen, so ungeschminkt, wahrhaftig und aufrichtig sprechen fonnte, zeigt, welch gewaltige Erziehungsarbeit in den wenigen Monaten des neuen Staats am deutschen Volke bereits geleistet worden ist. Das Novembersystem bestand aus Lüge, Täuschung und Feigheit... Wir alle erfuhren also aus Köln erstmalig die programmatische Wirtschaftspolitik" des Nationalsozialismus. Das nationalsozialistische Wirtschaftsprogramm offenbar eine gänzlich andere Angelegenheit- stammt aus dem Jahre 1922. Es hat seine Aufgabe als bezaubernde Rattenfängermelodie erfüllt und macht nun der ,, tiefinnerlichen Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit" Plazz. Immerhin scheint man noch nicht ganz sicher, wie die vers zauberten Ratten den Wechsel aufnehmen werden. Die nationalsozialistischen und gleichgeschalteten Zeitungen haben es jedenfalls vorgezogen, die allzu aufrichtigen Stellen der programmatischen Rede ihren Lesern nicht zu servieren, obwohl auf diese Weise die„ tiefinnerliche. Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit" zum Teufel geht. Die nationalsozialistische Sa a r- Front" versteckt sogar die ,, erstmalige" Darlegung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik an einer unwürdigen Stelle hinter den Nachrichten aus der Südpfalz, dem Sport und sonstigem " Kreuz und Quer". Die nationalsozialistischen Blätter legen auf eine treue Wiedergabe der goldenen Ministerworte offenbar den geringsten Wert. Was Herr Schmitt klar, deutlich und rücksichtslos zum Ausdruck brachte, daß nämlich mit den alten Parteiphrasen aufgeräumt werden müsse und der gute alte Liberalismus„ nach beendeter nationaler Revolution" allein maßgeblich sei, das ist wohl für den durchschnittlichen Gefolgsmann des„ Führers" ein zu starker Tabak. Infolgedessen werden ihm die„ springenden Punkte" entweder verschwiegen oder so mit Phrasen überdeckt, daß er nichts versteht, denn er darfja nicht merken, daß der Minister Schmitt in Köln dem nationalen Sozialismus eine pietät lose, beinahe höhnische Grabrede gehalten hat. Kleiner Mann, was nun... Der Bericht des„ Temps", der offenbar auf ein Stenogramm der Rede zurückgeht, ist wohl der treueste. Durch den Vergleich mit ihm erfährt man, in welchem Maße selbst die Reden von Ministern der Zensur unterliegen. Es ist nicht unsere Schuld, wenn wir zu einem französischen Blatt greifen müssen, um eine deutsche Ministerrede in ihrem wirklichen Inhalt kennen zu lernen: Indessen, bei allem notwendigen Optimismus dürfen wir uns nicht in Utopien verlieren. Wir dürfen nicht glauben, daß es gleichgültig ist, ob man uns in der Welt verabscheut und uns als Feinde ansieht. Wir dürfen auch nicht glauben, daß alles von selbst kommt und wir auf wirtschaftlichem Gebiet von einem Sieg zum anderen schreiten werden. Nicht durch gewaltsame Eingriffe und nicht durch Siegess meldungen über die Beseitigung der örtlichen Arbeitss Was ist Sozialismus? Antwort der DAZ.: Mut zum Business oder Abschluß lohnender Geschäfte Seitdem die Generaldirektoren Thyssen, Vögler, Schmitt, von Stauß und ihre Kollegen„ Sozialisten" find, gibt man sich in der Kapitalistenpresse redliche Mühe, eine Spielart„ Sozialismus" zu finden, durch die man die Herren nicht verlegt. Endlich ist jemand da, der die Aufgabe löſt: ein Herr Sr. am 15. August in der„ D. A. 3.", die schon unter Stinnes bahnbrechend für den Sozialismus" gewirkt hat. Herr Sr. erledigt ganze sozialistische Bibliotheken durch diesen Absatz: Der Begriff des deutschen Sozialismus hat immer wieder neue Formulierungen erfahren. In seinem Sonntagsartikel hat Mussolini uns beschei= nigt, daß der wahre Sozialismus auf die Dauer eine dem Deutschen unbekannte Wesenheit geblieben wäre, wenn dieses Wort nicht ein Bestandteil des Namens der Hitlerpartei wäre. Schmitt versteht unter deutschem Sozialismus, daß jeder auf seinem Platz das Letzte her= gibt für sein Volk und für die Gesamtheit und sich ein: ordnet, alles für das Volk zu tun. Der Ministerpräsi: dent Göring sagte vom Nationalsozialismus, er bes deute nichts anderes, als das deutsche Volk start und glücklich zu machen. Es ist der Sinn unseres neuen Wirtschaftens, daß der Eigennut untergeordnet wird. Aber dieser Eigennut hat seine Rechte, die gerade in dieser Unterordnung liegen. Seine Rechte leiten sich nicht aus dem Lurus und Wohlleben ab, die er als Rebenprodukte oft erzeugte, bei anderen Völkern mehr als bei uns. Seine Rechte gründen sich auf die einfache, von Schmitt Tausendköpfigkeit der Wirtschaft genannte Tatsache, Denn der Eigennuk muß an tausend Stellen jeden Tag von neuem die ents scheidende Frage beantworten, ob ein Geschäft sich Tofigkeit wird in Wirklichkeit das große Problem der Arbeitslosigkeit gelöst. Man muß eine Atmosphäre des Vertrauens und einen starken Staat schaffen. Den starken Staat haben wir; das Vertrauen wollen wir verstärken. Die Arbeitslosigkeit wird geringer. Aber es hat keinen Zweck, in einem Bezirk den Befehl zu geben, die Arbeitslosen einzustellen, wenn die Unternehmungen nicht in der Lage sind, nene Arbeiter zu beschäftigen. Der Arbeitslose muß, wenn er einmal beschäftigt ist, seine Stellung auch behalten können. Aus diesem Grunde wird man Rückschläge vermeiden müssen. Ein zweiter wichtiger Punkt, um unsere Wirtschaft zu beleben, ist die Frage des Geldmarktes. Das Kapital ist selten in Deutschland, aber immerhin weniger selten als man glaubt, denn infolge der Devisengefeßgebung wird das fremde Kapital in Deutschland zurückgehalten und kann nicht hinaus. Das Kapital bleibt selten, weil es fein Vertrauen hat. Es ist beunruhigt wegen der vielfachen theoretischen Auseinandersetzungen über die zwangsweise Zinsherabsetzung und Gott weiß was sonst noch. Wenn wir den Geldmarkt beruhigen können, dann wird das Kapital kommen und von selbst billiger werden. Die deutsche Wirtschaft ist franf. Sie muß sich dem Arzt anvertrauen. Wir müssen vor allem den jungen Leuten Arbeit geben, die jetzt gerne die ganze Welt zerstören möchten, um sie von neuem aufzubauen. Die Reichsregierung hat zu allen Fragen Stellung genom lohnt. Jede Stunde entstehen diese tausend Geschäfte, die sich in Arbeit eben erst umsehen, wenn die Kalkula tion stimmt. Es gibt keine Arbeit, der nicht der Abschluß eines Geschäfts im weitesten Sinne- irgend wie zugrundeliegt. „ Obein Geschäftsich lohnt" das ist das ganze Problem des deutschen Sozialismus". Nie ist der Inhalt des Nationalsozialismus klarer und erschöpfender definiert worden. „ Ob ein Geschäft sich lohnt" an diesen Sozialismus dachte Frizz Thyssen, als er den„ Führer" vor de Schwerindustriellen zum ersten Male grüßte mit dem Rufe:" Heil Hitler!" Ob das Geschäft mit dem Nationalsozialismus zur Uebertölpelung und zum Niederhalten der Arbeiter auf die So BERT iwea men. Infolgedessen ist es nicht zulässig, deß man abweichende Ansichten vertritt. Es ist nicht schwer, in einem ländlichen Bezirf, wo es keine Industrie gibt, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, indem man die Arbeitslosen in der Landwirtschaft beschäftigt oder indem man erklärt, man wolle eine örtliche Industrie begünstigen. Aber was würde z. B. im Ruhrgebiet mit seinen Millionen von Arbeitern geschehen, wenn jeder Bezirk in Deutschland fich selbständig und unabhängig wieder aufbauen wollte. Alle, die nicht berufen sind, sich mit diesen Fragen zu be= schäftigen und nichts von ihnen verstehen, dürfen nicht eingreifen. Vergessen wir alles, was vor 1933 vorgekommen ist. Vertrauen wir, daß das deutsche Volk durch seine Arbeit, aber auch durch seine außerordentlich befähigten Wirtschaftsführer imstande ist, sich die Stellung in der Welt zurückzuerobern, die es inne hatte. Glauben Sie, daß ein Fremder Luft hat, mit einem Deutschen einen Vertrag abzuschließen, wenn er täglich in den Zeitungen lieft: Korruption hie, Korruption da! Es gibt in Deutschland feine Ränke und Meinungsverschie denheiten mehr. Unter der Leitung des Führers werden wir der Welt zeigen, daß Deutschland seine gegenwärtige Schwäche überwinden und sich wieder erheben wird. Das Ausland n'ird uns dafür danken, denn wenn Deutschland, wirtschaft sch wieder erstarkt, seinen Platz in der Weltwirtschaft einnimmt, so befreien wir die anderen von einer ungeheuren Sorge und geben ihnen die Grundlage für einen Wiederaufbau der Weltwirtschaft. Von Arbeitgeberverbänden sei z. B. darüber geflagt wor den, daß diese allzu scharfen Formulierungen durch Flugblätter, Handzettel usw. große Beunruhigung in den Betrieben hervorgerufen hätten. Das Organisationsamt der deutschen Arbeitsfront halte es daher für zweckmäßig, daß bei der Werbung zu große Schärfen vermieden würden. Der Zwang zur deutschen Arbeitsfront solle mehr als ein moralischer angesehen werden, der Ton der Werbung sei darauf abzustimmen. Diese zahmen Worte zeigen deutlich, wie stark der Widerstand in der Arbeiterklasse gegen die Drohungen der Nationalsozialisten ist. Nun soll es mit sanften Worten und mit moralischen Mitteln versucht werden. Auch das wird nicht helfen. Der geschulte deutsche Arbeiter ist Sozialist, aber nicht Faschist. Dauer sich lohnt, ist aber noch sehr die Frage. Go bumm Er bekommt einen Fußtritt sind die Massen in Deutschland nicht, um nicht zu wissen, daß ihnen hier reiner Kapitalismus mit dem Etikett ,, Sozialismus" vorgesetzt wird. Zwang hilft nicht Die Arbeiter lassen sich nicht wie Kulis behandeln Eine sehr interessante und lehrreiche Meldung bringt die " Frankfurter Zeitung" aus München: Ein Schreiben der deutschen Arbeitsfront, welches die NSBO.- Mitglieder zum Eintritt in die Berufsverbände verpflichtet, wurde von den Verbandsleitungen benüßt, die Angehörigen der NSBO. zum Beitritt in die Verbände zu zwingen. Einen solchen 3 wang hat jetzt der Bezirksleiter Bayern der deutschen Arbeitsfront Frey ausdrücklich untersagt. Er erklärt: Die Verbandsamtswalter hätten sich in die NSBO. und ihre Angelegenheiten genau so wenig einzumischen, wie dies die NSBO. in die fachliche Arbeit der Verbände tue. Bei aller Notwendigkeit der Werbung für die deutsche Arbeitsfront hätten sich Methoden wie die Drohung mit Verlust des Staatsbürgertums, mit Aechtung usw. ungünstig ausgewirkt. Mosse- Vetter scheidet aus Aus Berlin wird berichtet: Die Rudolf- Mosse- Stiftung teilt mit:„ Mit dem heutigen Tage it Verlagsdirektor Karl Wetter aus den Unternehmungen des Hauses Rudolf Mosse bzw. der Rudolf- Mosse- Stiftung GmbH. ausge= schieden. Vetter hat diesen Entschluß im Einvernehmen mit dem vorläufigen Gläubigerausschuß gefaßt, um der Abwicklung des Vergleichsverfahrens und einer evtl. Neugestaltung des Unternehmens mit seiner Person nicht im Wege zu stehen." * Vetter war früher der Radikalsten einer. Er gründete in den Jahren nach dem Kriege eine republikanische Partei und beschimpfte die Linke, weil sie den Kampf gegen die Reaktion nicht scharf genug führt... Später machte Vetter Karriere. Er wurde erst Direktor der Berliner Messe, dann Verlagsdirektor bei Mosse. Nach dem 5. März zog er mit fliegenden Hospitantenfahnen ins Nazilager und führte den Regentenstab auch über die Redaktion. Die Gleichschaltung nüßte nichts. Das„ Berliner Tageblatt" wurde ausgeschaltet und der Mosse- Verlag stellte die Zahlungen ein. Jezt geht Vetter im„ Einvernehmen" mit dem Gläubigerausschuß. Hinter ihm ziehen die Flüche schwer geschädigter Redakteure, Angestellter und Arbeiter her. Oesterreich enthüllt! T Nazi- Brandstiftung offiziell nachgewiesen Die Gefahr für den europäischen Frieden wird immer größer Wien, 17. August. Ganz Desterreich ist in ungeheurer Erregung. Das Blatt der Dollfuß- Regierung, die„ Reichspost", veröffentlicht In einer Extra- Ausgabe Dokumente und Akten über die Zusammenhänge der illegalen nationalsozialistischen Organisationen in Desterreich mit der Nazi- Parteileitung Deutschlands und ihrem Außenpolitischen Amt unter Rosenberg wie auch mit offiziellen Amtsstellen in Hitler- Deutschland. Die„ Reichspost" betont einleitend ausdrücklich, daß sie für die Echtheit der Dokumente je de Gewähr und die damit verbundene Verantwortlichkeit übernimmt und hat das bisher erfolgte Dementi Nazi- Rosenbergs scharf zurückgewiesen. Was hier aus Dokumenten und Akten über den Krieg Hitler- Deutschlands gegen Oesterreich bekannt wird," schreibt die sozialdemokratische Presse Oesterreichs, ist ungeheuerlich und erschüttern d. Noch niemals im Bölkerleben und im Leben der Staaten sind solche Methoden möglich gewesen. Was hier geschieht, muß Europa waarütteln, keinen Fußbreit österreichischen Bodens den braunen Schändern deutscher Kultur und deutschen Namens preisgegeben. Was jetzt die Welt durch diese Dokumente erfährt, macht das Maß voll! Tod der braunen Pest! Tod dem braunen Eroberungskrieg! Tod den braunen Henkern! Bewiesen und belegt! Kein deutsches Blatt wagt darüber zu berichten! Die Reichs post" gibt eine Zusammenfassung der aus den Dokumenten sich ergebenden Konstatierungen und schreibt: Die illegale Naziorganisation 1. Die Nationalsozialistische Partei Oesterreichs hat nach Ausgabe der bekannten Verordnung vom 19. Juni 1. J. eine illegale Organisation zur Fortsetzung ihrer umstürzlerischen Tätigkeit geschaffen. Zur Tarnung diente die Gesellschaft für kulturelle Zusammenarbeit in Ost- und Südeuropa" und deren Korrespondenz, das„ Zentraleuropäische Preßbüro" ( 3. E. P.) Diese Organisation stand unter Leitung des Dr. Herbert Schneider, als Sekretär fungierte ein gewisser Josef Leo Valenta, als Leiter des 3. E. P. ein gewisser Alfred Schweiger. Die Büroräume befanden sich im Hause Brandstätte 4, 1. Bezirk. Ein zweites geheimes Büro, das mit dem Büro auf der Brandstätte in enger Fühlung stand, befand sich im Hause Berggasse 29 im 9. Bezirk und wurde von dem Graphiker Hugo Emil Ulrich und dem Kaufmann Herbert Kube unterhalten. Mit Wissen und Hilfe amtlicher deutscher Stellen 2. Die beiden Büros standen im unmittelbaren Kontakt mit dem anßenpolitischen Amt der Reichsparteileitung der NSDAP. in Berlin, das direkt dem Reichskanzler Hitler unterstellt ist. Aus dieser Unterstellung ergibt sich die Reichweite der Verantwortlichkeit für die Tätigkeit der illegalen österreichischen Organisation. Die Enge der Verbindung zwischen dem Büro auf der Brandstätte und dem außenpolitischen Amt der NSDAP. in Berlin geht schon daraus hervor, daß in diesem Amt ein Bruder des Dr. Herbert Schneider namens Emil Schneider tätig ist, weiters ein gewisser Hans Dits, ein Bruder des bei Dr. Herbert Schneider tätigen Assistenzarztes Dr. Artur Theodor Dits. Die Rolle der Wiener deutschen Gesandtschaft 3. Die Verbindungen der illegalen österreichischen Organisation mit verantwortlichen Stellen im Reiche beschränken sich nicht nur auf das außenpolitische Amt. Auch eine in Oesterreich tätige affizielle auswärtige Stelle hat dieser Organisation unleugbar Unterstützung geleistet. Das Ziel: Gleichschaltung mit allen Gewaltmitteln 4. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, besteht Nr. 224, 15. August, 10 Seiten, das Ziel des Nationalsozialismus nicht in der Herstellung eines Zustandes, der der Nationalsozialistischen Partei einen ihrer Stärke entsprechenden Anteil an der Regie: rungsgewalt sichert, sondern in der Totalität, d. h. in der Unterwerfung, Unterdrückung oder Ausschaltung aller Andersgesinnten Kundschafterdienst 5. Die illegale Organisation in Wien hatte einen verzweigten Kundschafterdienst eingerichtet, der u. a. auch zur Ausspähung der staatlichen Erefutivförper bestimmt war. 6. In Deutschland werden illegale Formationen aus österreichischen Flüchtlingen aufs gestellt, deren gegen Desterreich gerichtete Bestimmung von offizieller deutscher Seite dringendst aufgeklärt werden muß. Die Aspiratoren dieser Pläne sind: Mitglied des Reichstages Theo Habicht, der ehemalige Bundesrat Hermann Reschny und der Beamte des Berliner außenpolitischen Amtes Emil Schneider. Mit„ Zuckerbrot und Peitsche" 7. Ein umfangreicher, in Berlin ausgearbeiteter Vorschlag ( Verfasser: Dr. Friedrich Freiherr v. Siegler) bezieht sich auf den Plan, die österreichische Industrie und Landwirtschaft mit Zuckerbrot und Peitsche" gegen die Regierung aufzuwiegeln. Als Zuckerbrot find Lockungen mit handelspolitischen Vorteilen" gedacht, als Peitsche die 1000- Mark- Sperre. Sabotage der Elektrifizierung der Bundesbahnen 8. Auf wirtschaftlichem Gebiete liegt u. a. ein Plan vor, die Elektrifizierung der Bundesbahnen zu sabotieren. In diesem Dokumente findet sich das Geständnis, es müsse alles darangesezt werden, eine Verschärfung der politischen Lage im Verhältnisse Oesterreichs zum Deutschen Reich zu erreichen. 9. Schließlich erwähnen wir eine Denkschrift des nationalsozialistischen Korrespondenten der Berliner„ Germania" Herrn Gilbert in der Maur über die führt, daß das Reich im Kampfe gegen Oesterreich versagt und daß die bisherigen Methoden wenig nüßen, um Desterreich zu erobern". Bemerkenswert in diesem Dokumente sind die Mitteilun gen über die Organisation österreichischer SA.- Gruppen in Bayern, ferner über die Finanzierung der österreichischen illegalen Organisationen Gau Wien verlangt 10 000 Mt. monatlich und schließlich zahlreiche Wendungen in dem Briefe, die darauf hinweisen, daß zwischen den einzelnen Führern des Kampfes gegen Defterreich in Deutschland ein heftiger Konkurrenzfampf tobt. Schließlich enthält der Brief auch noch eine kurze Bemerkung, die darauf hinweist, daß die illegalen Organisationen Lesterreichs auch von einer amtlichen deutschen Stelle in Wien gefördert wurden. Noch deutlicher ist in bezug auf die letzte Mitteilung Dofument 3, 4 und 5 der Veröffentlichungen der„ Reichspost". Es handelt sich um zwei Briefe an den königlich albanischen Konful in Frankfurt a. M., in dem dieser angewiesen wird, die gesamte Poft für die illegale Organisation in Oesterreich an die deutsche Gesandtschaft in Wien zu Händen des Herrn Legationsrates Sekretär Broich- Oppert zu senden, der die Weiterleitung übernimmt, und um einen Brief des außen: politischen Amtes der Reichsleitung der NSDAP. in Deutschland an die deutsche Gesandtschaft in Wien, in dem ebenfalls mitgeteilt wird, daß die Poft auf diesem Wege aus Desterreich an Emil Schneider in Berlin geleitet wer= den soll. Ein weiteres Aftenstück, das ebenfalls von einem Funktionär des außenpolitischen Amtes verfaßt ist, bezieht sich auf die Entwicklung der deutsch- ungarischen Beziehungen und bestätigt über den sachlichen Inhalt hinaus die Tatsachen des Gegeneinanderregierens verschiedener Stellen in Berlin. Ein umfangreiches Elaborat des Chefredakteurs Gilbert in der Maur beschäftigt sich mit der Gründung eines neuen großen getarnten Tagblattes. Bezeichnend sind die Ausführungen dieses Elaborates, in denen es heißt, daß man mittels eines jüdischen Drehs versuchen müßte, die„ Wies ner Neuesten Nachrichten" in die Hand zu bekommen. Intereffant ist hierbei, daß mitgeteilt wird, daß die Cefters reichische Drud- und Verlagsgesellschaft aus Reichsmitteln gegründet wurde. Herr in der Maur teilt dann auch die Funktionen, die der Chefredakteur des neuen Blattes zu übernehmen hätte, mit, die darin gipfeln, daß man einen ständigen Kundscha f= terdienst in den Ministerien einzurichten hätte, um die Parteiführungen in München und Wien am laufenden za halten. Schließlich bringt die Reichspost" noch eine Reihe von Dokumenten, die in Art von Konduitelisten eine Charakteristik der einzelnen Führer der ehemaligen österreichischen NSDAP. bieten und wiederum bezeichnend sind für den Ronkurrenzfampf unter diesen. * Schaffung eines getarnten nationalsozialistischen Blattes Haussuchungen gehen weiter in Wien durch Uebernahme der„ Wiener Neuesten Nachrichten" Der künftige Leiter dieses Blattes hätte nach der vorliegenden Denkschrift die besondere Aufgabe zu übernehmen, Spionagedienst in den Ministerien zu betreiben. Die einzelnen Dokumente Graz, 16. Auguft. Die Haussuchungen nach Waffent, gegen die von den am Fremdenverkehr interessierten Kreisen Einspruch erhoben wurde, dauern an. In Gamlig sollen bei dem Schloßbesitzer und Bürgermeister Melcher in einer Scheune sechs Gewehre und drei Maschinengewehre, 700 Schuß Munition und einige Bajonette gefunden worden und sein Verwalter Koller wurden dem Gericht zugeführt. Anschließend an diese Feststellung veröffentlicht die„ Reichs- sein. Melcher, der feinerzeit Mitglied des Heimatschutzes war, post" auf vier Seiten die einzelnen Dokumente. Als erstes Dokument ein Aftenstück betreffend die Organisierung des Kundschafterdienstes, in dem u. a. besondere Berichte über die Arbeit der Vaterländischen Front, über die Vorfälle bei den Erefutivkörpern, über die Betätigung politisch bekannter und wichtiger Persoren und die Stimmung in den eigenen Reihen verlangt werden. Das zweite Dokument stammt von dem Funktionär des außenpolitischen Amtes der NSDAP. Emil Schneider und ist an seinen Bruder Dr. Herbert Schneider, den Leiter der illegalen Wiener Organisation, gerichtet. Das Dokument bietet einen umfassenden Situationsbericht über die Behandlung der österreichischen Frage durch Parteistellen und offizielle Stellen in Deutschland, spricht sich sehr a b= fällig über Proksch und Frauenfeld aus und anerkennt bloß Theo Habicht. Es wird darin Klage geWien, 17. August. Der Ministerrat hat u. a. einen Beschluß gefaßt, der die Durchführung der Beschlagnahme des Vermögens der politischen Parteien betrifft, deren Betätigung in Oesterreich verboten ist. Von 98000 auf 8! Der ,, Verkehr" mit Oesterreich Dank der 1000- Marksperre sind im Juli acht Ausreisen auß Deutschland nach Desterreich festgestellt worden. Im Vorjahre betrug der Sommerverkehr im Juli über die bayrischen Grenzstationen nach Desterreich etwa 98 000. Die in der Sonderausgabe der« Reichspost" abgedruckten Hakenkreuzdokumente stammen aus dem Schriftenmaterial, das seinerzeit im Zuge der Aushebung der geheimen Zentrale im Hause Brandstätte 4, Wien, beschlagnahmt wurde. Das gesamte Schriftenmaterial foll 900 bis 1100 Schriftstücke umfassen. Viele von ihnen sind chiffriert und konnten bisher noch nicht restlos entziffert werden. In der bei Dr. Schneider in der Wohnung gefundenen Kartothek fand man nicht nur Personaldaten über die verschiedenen Hakenkreuzbonzen, sondern auch detaillierte Angaben über prominente Persönlichkeiten und leitende Funktionäre der Polizei: Ueber den Polizeivizepräsidenten Hofrat Skub I, der seinerzeit in Aspern dem Naziminister Frank mitgeteilt hatte, daß sein Besuch in Desterreich unerwünscht sei, wurde ein eigener Akt angelegt. Die Untersuchung wegen dieser Geheimzentrale ist vorläufig noch nicht abgeschlossen. Sie dürfte erst in das gerichtliche Stadium treten, wenn die Verhafteten die inzwischen über sie verhängten Polizeiftrafen im Polizeihaus abgesessen haben. Aber das Urteil Europas steht heute schon fest: Brandstifter im Innern Brandstifter nach außen! Was wird in Palästina? Von den vielen tausend Juden, die aus Deutschland geflüchtet sind und im Auslande ohne Genehmigung zur beruflichen Tätigkeit auf eine ungewisse Zukunft warten müssen, würden viele gern nach dem Judenstaat in Palästina auswandern, wenn nicht die deutsche Einwanderungsquote schon längst überschritten wäre. Auch aus Deutschland selbst liegen rund 40 000 Anfragen nach den wirtschaftlichen Verhältnissen im Lande und seinen Einwanderungsmöglichkeiten vor. Wie aber, soll, so wird in der Basler„ Nationalzeitung" gefragt, dem verständlichen Wunsche nach einer Arbeits- und Heimstätte in Erez Israel Rechnung getragen werden, wenn das verfügbare Land aufgeteilt, die Handwerke und Gewerbe voll besetzt und die Fabriken im höchst möglich erscheinenden Maße ausgebaut sind? Die Erschlie Bung neuen Siedlungslandes stößt angesichts der Rivalität zwischen Juden und Arabern auf Schwierigkeiten, und für Akademiker ist überhaupt kein Platz mehr zu schaffen. Die wenigen Ausnahmen einiger Spezialkräfte ändern daran für die breite Masse nichts. So wurde der frühere Regisseur des Neuen Theaters in Frankfurt am Main, Alfred Wolff, von der Arbeiterbühne„ Ohel" in Tel Awiw engagiert und der Oberbibliothekar der Berliner Universitätsbibliothek, Prof. Heinrich Löwe, erhielt einen Posten als Stadtbibliothekar der gleichen Stadt. Der Berliner Krebs- und Radiumforscher, Professor Halberstädter, ist vor furzem in Jerusalem eingetroffen, es ist jedoch noch nicht entschieden, ob es möglich sein wird, ihm ein Institut zur Fortsetzung seiner Studien einzurichten. Die besten Aussichten haben Leute, die ohne bestimmte Wünsche mit frischem Pioniergeist anrücken und sich einen eigenen Weg bauen. Der Geschäftsführer eines Epa Geschäftes in Berlin hatte 15 Pfund in der Tasche, als er landete, und niemand, der ihm einen Job" hätte zuhalten können. Was tat er? Kurz entschlossen gründete er in Tel Awiw mit ein paar anderen Passagieren seines Ueberfahrtsschiffes eine Fenster pusfirma; auch der bisherige Syndikus des Elektrizitätswertes von Königsberg, ein vierzigjähriger Rechtsanwalt, hat in dieser Firma den Buzlappen ergriffen. Der Radierer Jakob Steinhardt schuf ihnen ein Abzeichen, das sie in ihrer blauen Bluse eingenäht tragen. Innerhalb von 14 Tagen sah man die Blaublusigen schon an allen möglichen Ecken; sie puzten die Wagenfenster der Omnisbusgesellschaft, die Fabriffenster einer Seifenfabrik und anderer Anlagen, und auch in vielen Privathäusern gab man ihnen Arbeit, so daß jetzt schon ein Filialbetrieb in Jerusalem errichtet werden konnte. Wenn meine Eltern hören, daß ich Fensterpuger bin, wer den sie unglücklich sein, aber ich bin glücklich," so äußerte sich der Gründer.„ Ich verdiene genug, um anständig leben zu können und bin ein geachteter Mensch." Ehemalige Aerzte und Anwälte kann man in Kuhställen und Hühnerfarmen an der Arbeit sehen, wo sie sich auf eine spätere Siedlertätigkeit vorbereiten. Was jedoch fehlt, ist ein Fonds, aus dem man Land für die armen Familien unter den Zuwanderern erwerben kann. Zwar wird in vielen israelitischen Gemeinden für diesen 3weck gesammelt, aber es ist zweifelhaft, ob auf diesem Wege überhaupt ausreichende Mittel für eine großzügige Ansiedlung aufgebracht werden können. Es wird daher angeregt, nach dem Muster der griechischen Flüchtlingsanleihe, die die Umsiedlung von einer Million Griechen aus Asien und Mazedonien ermöglichte, eine Palästina anleihe aufzulegen, deren Verzinsung und Amortifierung aus den Ueberschüssen des palästinensischen Budgets erfolgen könnte. Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der„, Deutschen Freiheit" Ereignisse und Geschichten 0012 31@ ,, Weißt Du, mein gutes Lama"... Die ,, Arbeitsschlacht"> C Der Delirium- tremens- und Arbeitsminister, Ein Nietzsche- Brief. Warum Nazi Liebe für den Feind der Antisemiten? Bom wabernden Alkoholbunst umweht, Adolf Hitler, der sich neben einer Nietzsche- Büste fotografieren ließ, will es wohl kaum wahr haben, daß der von allen Nationalsozialisten zum Parteiheros erklärte Nietzsche nichts weniger als ein Antisemit gewesen ist. Wir bringen im Nachfolgenden einen im Stil wundervoll vornehmen Brief des großen Philosophen, der einmal den Deutschen alle Verbrechen gegen die Kultur in den letzten vierhundert Jahren vorgeworfen und ein anderes Mal die Frage gestellt hat: 28 as bliebe von dem euro= päischen Verstande übrig, wenn man den jüdischen davon abzöge?" Nießsches Brief, der neben anderen menschlichen Schönheiten ein deutliches Betenntnis gegen den Antisemitismus enthält, ist an seine Schwester gerichtet. Nizza, 26. Dea. 1887. Mein liebes, altes Lama, wirklich kam Dein Weihnachts- Gruß ganz zur rechten Zeit in meine Hände bei dieser Entfernung ein wahres Wunder, aber er fand mich nicht in der von Dir so sehr gewünschten Seiterfeit". Ich könnte fast sagen: im Gegenteil! Trotzdem mache ich mir immer klar, daß meine jetzt etwas vereinsamte Existenz, selbst wenn sie ein Uebel sein sollte, doch das geringere von zwei Uebeln ist, und daß ich mich sehr viel schlimmer befinden würde, wenn ich jetzt Versuche machte, wieder mitten unter alten Bekannten und Freunden zu leben. Meine Aufgabe ist jetzt, mich so tief wie möglich zu sammeln und allen Störungen aus dem Wege zu gehen, die das Gleichgewicht meines Geistes zu schädigen imstande wären, damit die Frucht meines Lebens langsam reif und süß wird und nichts Saures und Verbittertes in fie fommt. Niemand kennt mich genügend; und meine Geschichte dieser lezten 15 Jahre ist jedermann ein Rätsel. Keiner meiner Freunde weiß, womit man mir wohl- und wehetut; und nachdem ich Malheurs aller Art durch die wohlwollende Voraussetzung erlebt habe, daß man ungefähr wisse, worum es sich bei mir handle, bin ich endlich klug genug geworden, mich von dieser Voraussetzung loszumachen. Mögen sie's treiben, wie sie Lust haben: ich treibe es nunmehr auf eigene Faust und will von Denen nichts mehr, welche mir nichts zu geben haben. Später wird sich das Urteil über mich schon wieder berichtigen. Eine der größten Dummheiten hast Du, mein armes Lama, gemacht für Dich und für mich! Deine Verbin dung mit einem antisemitischen Chef drückt eine Fremdheit gegen meine ganze Art zu sein aus, die mich immer von nenem mit Groll oder Melancholie erfüllt. Du sagst zwar, Du habest den Kolonisator Förster und nicht den Antifemiten geheiratet und dies ist auch richtig; aber in den Augen der Welt wird Förster bis an sein Lebensende der Antisemitenchef bleiben. Also um des Himmels willen kein„ Friedrichsland" oder„ Friedrichshof"! Ich habe Dich doch ausdrücklich um den Namen„ Lamaland" gebeten. Weißt Du, mein gutes Lama, es ist eine Ehrensache für mich, nach Seiten des Antisemitismus hin absolut reinlich und unzweideutig zu sein, nämlich ablehnend, wie ich es in meinen Schriften Die gebrochene Zinsknechtschaft Der gleichgeschaltete Börsenverein der deutschen BuchHändler empfiehlt allen seinen Mitgliedern, ihre Außenstände einheitlich unter Hinweis auf den erhöhten Zinsfuß" einzufordern. Der Börsenverein hat derartige gedruckte Mahnschreiben in einer Auflage von 20 000 herstellen lassen. Die ganze Auflage war in sechs Tagen vergriffen. Inzwischen scheint irgendein Kommissar oder dergleichen eingegriffen zu haben, denn in der zweiten Auflage ist nicht mehr vom„ erhöhten Zinsfuß", sondern von dem„ hohen Zinsensazz" die Rede. Es wird scheinbar angenommen, daß diese Formulierung unverständlicher ist. Reges geistiges Leben Im„ Dortmunder General- Anzeiger" finden sich unter den Versammlungsanzeigen von Vereinen und Verbänden, insnämlich: Wiedersehensfeier der ehemaligen 24., Regiment gesamt unter 6 Anzeigen nicht weniger als 4 militärische, von Lützow; Verein ehemaliger Kriegsgefangener; Kriegerund Landwehrverein; Kameradschaftliche Vereinigung des ehemaligen 2. oberelsässischen Feldartillerieregiments 51, Straßburg. Ein reges geistiges Leben! Gute Leute Tiere und Menschen tue. Man hat mich in den letzten Zeiten mit Briefen und antisemitischen Korrespondenzblättern heimgesucht; mein Widerwille vor dieser Partei( die gar zu gern ihren Vorteil von meinem Namen haben möchte!) ist so ausgesprochen wie möglich, aber die Verwandtschaft mit Förster, ebenso wie die Nachwirkung meines ehemaligen antisemitischen Verlegers Schmeißner bringen immer wieder die Anhänger dieser unangenehmen Partei auf die Vorstellung, ich müsse wohl zu ihnen gehören. Wie sehr mir das schadet und ge= schadet hat, tannst Du Dir kaum vorstellen. Die gesamte deutsche Presse schweigt meine Schriften tot seitdem! sagt Overbeck! Es erweckt vor allem Mißtrauen gegen meinen Charakter, wie als ob ich öffentlich etwas ablehne, was ich im Geheimen begünstige, und daß ich nichts dagegen zu tun vermag, daß in jedem antisemitischen Korrespondenzblatt der Name Barathustra" gebraucht wird, hat mich schon mehrere Male beinahe krank gemacht. Verzeihung, es ist unrecht, Dir das zu sagen und unbillig, das arme Lama für die Gesinnung dieser Partei verantwortlich zu machen. Aber ich bin nicht immer billig" gesinnt. Malwida schrieb mir einmal, daß ich gegen zwei ungerecht wäre: gegen Wagner und gegen Dich, meine Schwefter. Warum wohl? Vielleicht weil ich Euch beide am meisten geliebt habe und den Groll nicht überwinden kann, daß Ihr mich verlassen habt? Deshalb lies aus all meinen schlim= men Gedanken und scharfen Worten den Schmerz heraus, daß ich Dich verloren habe und daß Dein Name mit einer Partei in Verbindung gebracht wird, mit der Dich kein einsiger gemeinschaftlicher Gedanke verbindet, mit welcher Du nichts zu tun hast. Ich weiß es wohl, daß sich seit Jahren verschiedene Leute bemüht haben, Dir und mir begreiflich zu machen, daß Du nicht zu mir und zu meiner Philosophie paßtest. Wir armen impressionabeln Menschen sind zuweilen schwach und fremden Einflüssen zugänglich, aber glaube mir: ich habe mich nie durch Deine„ findliche Außenseite" täuschen lassen! Das ist Dein Vordergrund", hinter dem sich ein Charakter verbirgt, der der besten und tapfersten Handlungen fähig ist. Ich hätte Dir das öfter sagen sollen, aber ein alter Einsiedler und Philosoph verlernt es ganz, Liebe und Wertschäzung zu zeigen. Erst seit Du so weit davon gelaufen, fühle ich, wieviel Du mir gewesen bist. Du warst meine Erholung, die Brücke zu den„ Andern"! Jetzt size ich einsam auf ödem Gestein, dunkle Fluten trennen mich von den andern Ufern, fein Laut, kein Wort der Liebe erreicht mich mehr. Dein F. N. Nachschrift. Wenn Euer Buchhändler Euch meine Komposition schicken sollte, so wirst Du die Melodie erkennen. Sie stammt aus meiner glücklichsten Zeit, als ich„ Schopen hauer als Erzieher" schrieb und noch an Freunde und Freundschaft glaubte. Bei manchen Stellen höre ich weit in der Ferne den Rheinfall rauschen. Weißt Du noch?- Aber Verse und Orchestrierung sind nicht von mir, das weiß Du auch. Es ist bei dieser Veröffentlichung ein wenig Mystifikation, die gelegentlich am rechten Ort aufgeklärt werden soll. Der allerbeste Treibstoff Es ging um unsere Ehre! Wenn die Fahrt schlecht ausgegangen, wenn Tote auf der Strecke geblieben, wenn die braune Mauer der Absperrung nicht fest genug gewesen und wenn die Durchschnittsgeschwindigkeit nicht erreicht worden wäre: Alle alten Weiber hätten den Besenstiel nach uns geschlagen. Aber alles war in Ordnung, auf Touren und voller Treibstoff. Der beste Treibstoff ist allerdings der Sinn für Heldentum, für Ehre und für Hingabe an den Dienst für das Vaterland! Diesen Sinn habt Ihr bewährt, Ihr habt für ihn Gefahren und Strapazen auf Euch genommen. Dafür danke ich Euch allen. Führern und Gefolgschaften, von ganzem Herzen! Heil Hitler!"( Hühnlein,„ Chef des Kraftfahrwesens der SA. und Korpsführer des NSKK." an die Teilnehmer der 2000- Kilometer- Fahrt.). Einheitsessen als„ Volksgemeinschaft" Der Satte einmal die Hungrigen 26mal Der„ Deutsche Textilarbeiter" meldet einen Plan der Hitlerregierung, der das deutsche Bolt einen soll, allerdings nur einmal im Monat. Unter der vielversprechenden Ueberschrift„ Niemand soll mehr hungern" fündigt das Blatt des deutschen Textilarbeiterverbandes an, im Winter werde die Regierung ein großzügiges Hilfswerk" einleiten. Und dann geht es weiter:„ Um den Gedanken der Volksgemeinschaft zu verwirklichen, wird voraussichtlich an jedem ersten Sonntag eines jeden Monats ein Einheitsa essen durchgeführt werden, so daß vom Kanzler bis zum lezten Arbeitslosen jeder Deutsche an diesem Tage die gleiche Nahrung zu sich nimmt." Von den Staatsanwälten und Amtsanwälten wird erwartet, daß sie, dem Willen des Führers entsprechend, Grausamkeiten der Menschen gegen das Tier mit allem Nachdruck entschieden verfolgen und bei jeder unter die neue Strafvorschrift fallenden Tierquälerei auf die Verhängung einer empfindlichen, der Gesinnung des Täters entsprechen Das geheime Staatspolizeiamt hat als Gegenmaßnahme ( gegen die Zerstörung der Hindenburg- Eiche. D. Red.) angeordnet, daß sämtlichen kommunistischen Schuhhäftlingen Auch Werner Kraus.. für drei Tage die Mittagsmahlzeit entzogen wird. Den Echuzhäftlingen ist diese Maßnahme im Hinblick auf den an der Hindenburg- Eiche verübten Frevel zu eröffnen. ( Mitteilung der Pressestelle im preußischen Staatsministerium.) Ein rührendes Bild! Aber nur von großen Schlangen ist bekannt, daß sie die Pause zwischen je zwei aufeinanderfolgenden ersten Sonntagen zweier aufeinanderfolgender Monate ohne Nahrung aushalten können. Der bekannte Schauspieler Werner Kraus hat sich gleichgeschaltet. Um des lieben Geldes wille. Er ist von Herrn Dr. Göbbels zum stellvertretenden Präsidenten für die neugegründete Reichs- Theaterkammer berufen worden. Zieht alle Demagogenregifter, Dieweil sein Arbeiterschlachtruf ergeht. Da gibt's große Wellen" und riesige Säulen" und die Arbeitsbeschaffung geht wie- geschmiert. ( Und wär's nicht zum Hungern, dann wär es zum Heulen, Für die, die statistisch wegmanipuliert!) 日 Und wen sie gestrichen und wer ausgesteuert, Blickt stumm auf die Werke, die rosten und ruhn, Vernimmt ganz ergriffen, wie man Deutschland erneuert Und hat nichts zu essen und hat nichts zu tun! Man muß das nur alles in Ruhe betrachten, Es ist nur ein reizendes Späßchen der Macht. Denn: Erst tam das große Arbeiterschlachten Und nun tommt die große Arbeitsschlacht". Hakenkreuz- Historie Willi Edenroth. in vollkommen gleichgeschalteter Sprache Hoffend, Hugenbergs Hinterlist hindere bakenkreuzlerische Herr Hindenburg half Hitlers Herrschaft heimbringen, Hemmungslosigkeit. Hurrageschrei hallte himmelwärts, Hitler hielt hinreißende Hezreden, huldigend hoben Hiß-köpfe Hände hoch. Hepphepprufend hatschten Hundertschaften Hilfspolizei herum, harmlose Hebräer hauend. Haßerfüllte Horden hielten Hausdurchsuchungen, hefteten hunderten Hilfslosen Handschellen herum, hierbei hinterrücks hinschlagend. Haßgesänge hervorstoßend, hißten Hunnen Hakenkreuzfahnen. Hinterwäldler heulten Horst- Wessel- Lied. Häßliche Henker hausten. Hergelaufene Hochstapler hamstertent heißhungrig Herrschaftsstellungen. Häuptlinge Himmler Heines, Helldorf hohnlachten Höllenqualen hungernder Häftlinge. Hohenzollern harrte heimlich hinter holländischen Häusern herrlicher Heimkehr. Hampelmann Hugenberg hielt Heerschau; hatte höchstens hundert helmbewehrte Helden. Hitler hatte, Hugenberg hinauswerfend, Harzburger Herren hineingelegt, Herrenflubs Hasardspiel hiermit hintanhaltend. Hinterbliebene Hugenbergs hospitierten händeringend hakenkreuzfraktionell. Habicht hetzt heftig herüber. Hiesige Hörer hassen Habichts Hochverräterische Hörspiele. Hellhörige heißen Hitler hochgradig hysterisch, hirnverbrannt, heilbedürftig. Heil! Lache, Bajazzo Viele berühmte Künstler haben Deutschland im Zuge der Gleichschaltung" verlassen müssen. Die freigewordenen Posten wurden von SA. besetzt. Bei Neuaufnahmen wird künftighin nach allen Regeln des dritten Reiches" vorgegangen werden. Ein Schauspieler beispielsweise, der sich um eine Stelle in irgend einem deutschen Theater bewirbt, wird vorerst folgendes Formular auszufüllen haben: Fragebogen zur Prüfung der künstlerischen Qualitäten des Bewerbers Sind Sie wirklicher Nationalsozialist oder nur aus Ueberzeugung dabei? Bis zu welcher Generation schwören Sie beim Schnurrbart des Führers rein arischer Abstammung zu sein? 06 Ist in ihrer Familie ein Fall von Marxismus bekannt? Wenn ja, in welchem Konzentrationslager? Haben Sie in Ihrem Bekanntenkreis jemals einen Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Freidenker, Freimaurer, Pazififten, Demokraten, Systemparteiler gehabt?( Nichtzu treffendes streichen.) Wann wurde der Betreffende auf Grund Ihrer Anzeige verhaftet? Wieviel Millimeter der nationalen Erhebung sind Ihr Werk? Welches Buch von Hans Heinz Ewers halten Sie für die größte deutsche Dichtung? Haben Sie schon einmal bei den Salzburger Festspielen aus nationalen Gründen abgesagt? Wieviel Eremplare von Hitlers„ Mein Kampf" find Sie zu übernehmen bereit? Haben Sie von der auf dem Scheiterhaufen verbrannten undeutschen Literatur etwas gelesen? Haben Sie die Werke schon damals zersetzend empfunden oder erst, als Sie von der Verbrennung erfuhren? Hörten Sie Reichspropagandaminister Göbbels schon einmal reden oder haben Sie ein andres nationalsozialistisches Theater gesehen? Glauben Sie, daß Hitler ein Programm hat? Wenn ja, wie fommen Sie zu dieser Annahme? Halten Sie die Greuelnachrichten für Märchen?( Wenn nein, halten Sie das Maul!) Haben Sie einen ausgeprägten Wehrwillen? Ja richtig, sind Sie überhaupt schon auf einer Bühne aufgetreten? Was du immer fannst, zu werden, Arbeit scheuen nicht und Wachen; Aber hüte deine Seele Vor dem Karriere- Machen. Wenn der Pöbel aller Sorten Tanzet um die goldnen Kälber, Halte feft: du haft vom Leben Doch am Ende nur dich selber." Theodor. Theodor Storm. DAS BUNT I TÄGLICHE UNTERHALTUNGS-BEILAGE Der Hund in der Grube Von Wolfgang Federau^ Klein-Synek. Die große Sdnveste r Bielleicht, wenn Wasjatschkin etwas klüger, etwa» demütiger oder auch nur etwas vorsichtiger gewesen wäre, hätte alles einen anderen Ausgang genommen. Aber er war eben ein ausgemachtre Narr, und so mußte es wohl so kommen, wie es dann gekommen ist. Man liebte ihn nicht im Dorf. Er hatte drei Kühe im Stall und zwei Pferde— er war also ein Kulack. Und es war keine gute Zeit für einen Kulacken, dieses vierzehnte Jahr nach der großen russischen Revolution. Man mußte sich in acht nehmen— Wasjatschkin aber nahm sich nicht in acht. Er bezahlte natürlich, was er bezahlen mußte— aber er tat es nicht freiwillig, er tat es ohne jede Begeisterung. Er redete nicht über die Borzüge des jetzigen Systems, er lobte nicht feine Herrlichkeit und Gerechtigkeit, und er wußte nichts Pathetisches über den Fünfjahresplan zu sagen. Er schwieg •— und dieses Schweigen war erst recht gefährlich. Es genügte jedenfalls, um den Beschluß des Dorfsowjets, dem Kulacken Wasjatschkin seien zwei seiner Kühe zugunsten des Dorfkollektivs zu enteignen, zu einem einstimmigen zu machen. Was brauchte dieser Reaktionär und Bourgeois im Bauernhemd drei Kühe, wo es so und so viele im Dorf gab, die nicht einmal eine besaßen? Er soll froh sein, daß man ihn leben läßt und ihm nicht wegen sowjetfeindlicher Ge- sinnung den Prozeß macht. Jljitsch, der Vorsitzende des Dorfsowjets, der einige Gründe hatte, Wasjatschkin besonders zu hassen, ging persön- lich hin, um dem Kulacken den Beschluß zu übermitteln. Der Bauer, der gerade mit Säge und Hammer an seinem Haus heruw^asielte. hörte den Sendboten ruhig an. »Nein," sagte er dann, als jener schwieg und ihn höhnisch anblickte,„ihr bekommt die Kühe nicht." „Wir bekommen sie doch," beharrte Jljitsch, breit grinsend. »Und du solltest dich vorsehen und dich nicht weiter sperren— ti könnte dir übel ausgehen. Magst dich beim Kreissowjet beschweren, wenn du glaubst, es sei dir Unrecht geschehen." Er machte ein paar Schritte gegen den Stall hin, als wollt« er gleich selbst die Kühe am Strick nehmen und fortführen. Aber da war Wasjatschkin auch schon hinter ihm her. Rot schoß es ihm über die Augen— er war immer ein jähzorni- per Mensch gewesen.„Stoi!— Halt!" schrie er mit heiserer Stimme. Aber Jljitsch tat, als höre er ihn nicht. Da sprang Wasjatschkin ihm ans Genick, Jljitsch, sich jäh» ltngS umdrehend, sah in ein wutverzerrtes Gesicht. Einen Augenblick nur— dann traf der schwere Hammer, von des Bauern Faust mit unheimlicher Gewalt geführt, seine Schläfe, er stürzte blutend, mit dumpfem Aechzen, zu Boden. Der Bauer sah auf den zu seinen Füßen Liegenden. Sein Jähzorn war plötzlich verraucht.»Nun ist alles zu Ende," dachte er. Er blickte, für eine» Augenblicks Dauer, grübelnd WS Leere. Sein Gesicht, von unheimlicher Blässe jetzt, hatte einen abwesenden Ausbruck. „Arme Anja." seufzte er schließlich tief und schmerzlich, und seine Augen wurden naß. Er nahm nicht'"bfchied von seinem Weib. Wozu auch? Sie würde alles früh genug erfahren und er wollte ihr die Stunde der Trennung ersparen. Wie er ging und stand, so verließ er seinen Hof. Rannte hinaus, in den Gcmetndewald. Er war schon eine gute halbe Stunde gelaufen, ehe er entdeckte, daß sein Hund ihn begleitete. Ja, Sascha war bei ihm, auch in dieser Stunde— wie er nie von dem Fuße seines Herrn wich. Das war dem Bauern ein Trost, eine Beruhigung. Einmal hockte er nieder, kurze Zeit, kraute des Hundes Fell. Sprach nicht mit ihm— aber sie beide, sie ver- standen sich auch ohne Worte. Wasjatschkin machte einen groben Bogen um daS Nachbardorf Toima, bann auch um Sebrowa. Mit sinkender Nacht kam er an das felsige Steilufer der Suchona. Wenn eS ihm p'lang, den Fluß unbemerkt zu überqueren, dann war er im Augenblick der Gefahr wohl entronnen. Dann würde er »rgendwo ausruhen und nachdenken können: was nun? Aber da er den schützenden Wald verließ, hörte er ganz tu der Nähe jemanden pfeifen. Grell, durchdringend. Es war ein Signal, und es war Pawlows Pfiff. Man war also hin- >er ihm her, man war ihm bereits auf den Fersen. Gab es noch ein Entrinnen? Wasjatschkin sah sich nach seinem Hund um. Aber Losch« war plötzlich weg, wie fortgewischt war er. Endlich hörte der Bauer ein leises Wimmern und Heulen— und sein Herz stand still. Dies Wimmern schien aus dem Herzen der Erde zu ihm emporzusteigen. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte der Bauer, die einfallende Finsternis zu durchbringen. Endlich erspähte er das Tier. Es hockte, winselnd und klagend, am Grund einer dreimannstiefen Grube, einer von steilen Wän- den umgebenen Höhle, die hier, zwischen Steinen und Fels- trümmern, irgendwann einmal entstanden war. Und es hätte nicht viel gefehlt, daß er, Wasjatschkin, selbst in dies Loch gestürzt wäre. „Loscha," flüsterte der Bauer,„komm doch, Loscha." Er lockte und bettelte, mit leiser, belegter, heiserer Stimme. Und Loscha gab wimmernd Antwort. Aber er kam nicht hervor. ES ging ja nicht— die Wände waren zu steil. Vielleicht aach hatte er sich beim Sturz ein Bein gebrochen? Zitternd, schweißnaß, ließ sich der Bauer am Rand der Grube nieder. Er wußte, baß es hier gefährlich war; daß er gut daran täte, weiter zu laufen. Aber er brachte es nicht fertig, sich von dem Hund zu trennen, ihn hier, in seinem qualvollen Gefängnis zurückzulassen. Der Bauer hatte auch Hunger. Er war völlig erschöpft. Ge- fahr umstand ihn drohend wie eine Wand— aber der Magen knurrte und wollte sein Recht, nach zehnstündigem Laufen und Fallen und Kriechen und Stürzen. Er suchte hoffnungslos in seinen Taschen— fand schließ- lich doch einen Ranft Brot. Aber gerade, da er seine Zähne gierig hineinschlagen wollte, kam wieder das herzerweichende Heulen des Hundes. „Er wird mich verraten mit seinem Heulen", dachte der Bauer. Es war sein erster Gedanke— und schon griffen seine Händen nach einem Steinbrocken. Er wollte ihn hinab- rollen in die Tiefe— dann wäre des Hundes Qual beendet, dann könnte er ihn auch nicht mehr mit seinem Gewimmer den Verfolgern verraten. Aber dann überkam es ihn:»Loscha hat Hunger!" Er ließ den Stein los, als hätte er glühendes Eisen be- rührt. Tief beugte er sich über den Rand der Höhle. „Loscha— Lieber— nimm!" schrie er— und warf das Stück Brot in die Tiefe. Freudiges Aufheulen von unten. Dann, während der Hund sich auf den Brotrest stürzte, stand der Bauer auf. Ging ge- rade und ruhig hinein in die Dunkelheit. Bor dem aufsteigenden Mond stand seine Gestalt wie eine Silhouette. Ein wunderbares Ziel— die knatternden Gewehre hat- ten leichte Arbeit. Keine Kugel ging fehl. Sadken nidkt verfemen »Mein Mann will sich den Kropf operieren lassen, aber ich habe ihm geraten, noch einige Jahre zu warten." »Ist das günstiger?" „Freilich! Dann kann er vorher noch seine alten Kragen auftragen." » „Wißt ihr," kragt der Lehrer,„wer die Worte gesagt hat: „Die schönen Tage von Aranjuez sind zu Ende"?" Fritz meldet sich:„Ja! Mein Vater! Als die Mutter von der Reise zurückkam!" * »Ich brauche einen sehr zuverlässigen, vorsichtigen Chauf- seur, einen, der kein unnötiges Risiko eingeht-...." „Da bin ich Ihr Mann! Kann ich mein Gehalt im vor- aus bekommen?" Fünf kleine Geschwister sind mit im HauS, Buben und Mädel, die geben was ans. Und die Mutter muß immer auf Arbeit geh». Großmutter ist tot, die nach allem gesehn. Die Schule entließ sie erst letztes Jahr. Ihr aber ist's wie ein Traum, daß es war, Daß ihr auch so ein Schulsack vom Rücken hing Und sie sorglos mit Kindern zur Schule ging. Oft. wenn sie«och gerne geschlafen Hütt' Und fröstelnd im Dunkel von Bett zu Bett Sich die Schuhe der Kleinen zusammensucht, Dann wird sie ganz zornig und weint oder flucht. In der Küche läßt sie die Schuhe steh«, Setzt sich hin und trotzt, weiß selbst kaum, mit wem. Schließt die Augen und stopft die Finger ins Ohr, Pfeift sich eins und nimmt sich ganz Boshaftes vor. Doch eh das erste der Kinder erwacht, Hat sie brao das Frühstück zurechtgemacht, Hat die Schuhe geputzt, hat den Tisch gedeckt Und jedes der Kinder wird freundlich geweckt. Dan« sorgt sie, daß der seine« Rock gut knüpft Und die ihr nicht ohne Frühstück entschlüpft, Schlichtet klug der Jüngeren Zanken beim Spiel Und tröstet das Kleinste, das weint, weil es siel. So fünf kleine Geschwister mit im HauS. Buben und Mädel, die geben was aus. Und die Mutter muß immer aus Arbeit gehn. Wer sollte denn da nach dem Richtigen sehn? Der bödksibexabtte fcAouspicfcr— ein"Chinese Wer würde es glauben, daß die Märchenhonorare Holly- woods(die übrigens in der letzten Zeit eine starke Einbuße erfahren haben) ein Trinkgeld sind gegen die Honorare, die eut Schauspieler bezieht, von dem Europa so gut wie nichts weiß! Laipeitang ist sein Name. Er ist der große Schau- spieler Chinas. In Peking wohnt er im eigenen Palast, um- geben von einer eigenen Leibivache. Man wollte ihn schon einmal entführen und die Räuber hatten vor, eine Million Lösegeld zu verlangen. Aber selbst, wenn sie das Zehnfache verlangt hätten, so hätte sich die ganze Nation zusammenge- tan und das Geld beschafft. Laipeitang ist ein Ideal, ein Gott, eine einmalige Erscheinung. Er spielt sehr selten, aber wenn er spielt, dann kommen die Menschen hunderte Kilometer weit her, ihn zu sehen. Er stellt meistens Frauen dar, und sein Können als Tänzer und Mimiker ist unfaßbar. Eine Borstellung dauert in China zehn bis zwölf Stunden und Laipeitang ist davon mindestens die Hälfte der Zeit selbst auf der Bühne, als Kaiserin, Prinzessin, weibliche Gottheit. Er bewegt die Hände, er spricht mit den Händen, und bas Pub- likum ist verzaubert. Laipeitang gastiert auch in Japan. Da muß aber die Polizei eigene Maßnahmen zum Schutz seiner Person durchführen. Er erhält auch in Javan märchenhafte Honorare. Sein Palast in Peking ist ein Museum, voll mit den herrlichsten Kunstgegenständen, aber alles chinesischen Ursprungs. Für europäistbe Kunst bat er kein Interesse. Tie ist unwirklich, nicht von Gott gewollt. 1 Dementi In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts brach- ten einige große Blätter fälschlich die Nachricht vom Tobe Edgar Allan Poes. Der Dichter telegraphierte daraufhin an die betreffenden Zeitungen:»Nachricht von meinem Tode stark übertrieben!" Jffit(Bezugnahmeauf... In St. Trara war eine Stelle ausgeschrieben, eine gute Lehrerstelle an der kaufmännischen Fortbildungsschule: Pen- sionsberechtigung, Hinterbliebenenversorgung, steigendes Ge- halt.»»»» Also ging ich an den Schreibtisch und schrieb: „Unter höflicher Bezugnahme auf Ihre Ausschreibung er- laube ich mir..." Und hatte keine Ahnung, daß mit mir hundertvierundsech- zig Federn gleichfalls schrieben: „Unter höflicher Bezugnahme auf Ihre Ausschreibung er- laube ich mir..." Denn wie es sich nachher herausstellte, waren es im ganzen hundertfünsundsechzig Bewerber um die eine Stelle. Davon fielen hunbertsechzig gleich von vornherein durch. Entweder weil sie nicht höflich genug Bezug genommen hat- ten oder weil die in Bezug genommenen Referenzen nicht höflich genug waren. Oder weil sonst irgendein Bezug nicht stimmte. So baß also fünf in die engere Wahl kamen. Und ich war einer von den Fünfen, die von St. Trara einen feierlichen Brief bekamen: „Mit Bezugnahme auf Ihre gefällige Bewerbung um die diesseitig vakant gewordene Lehrstelle beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, daß es Ihnen unbenommen bleiben soll, sich übermorgen im Laufe des Vormittags bei den Mitglie- der« des Kuratoriums persönlich vorzustellen, da Ihre Be- Werbung in die engere Wahl gekommen ist..." Nun ging im Laufe des Vormittags nur ein einziger Zug nach St. Trara, so daß wir engeren Bewerbler also alle in dem gleichen Zuae fuhren. Nein, doch nicht alle. Nur viere von unS marschierten ner- vös und feierlich auf dem Bahnsteig herum, wo der Zug zur Abfahrt stand. Und wir erkannten uns mit Bezug aus die steifschwarzen Vorstellungsröcke auf den ersten Blick als Mitbewerber. So daß wir mißtrauisch umeinander herumgingen und sich ein jeder in ein Extraabteil setzte. Als der Zug sich in Bewegung setzte, streckten wir alle den Kopf heraus und sahen eben den fünften steifschwarzen Vor- stellungsrock atemlos auf den Bahnsteig stürzen. Und mit Bezug darauf dachten wir viere ganz genau das gleiche: „Gott sei Dank, zu spät— also einer weniger..." Und dann musterten wir noch einmal von draußen ge- schwind und kritisch unsere Mitbewerberköpfe. Und kamen mit Bezug auf diese alle zu dem gleichen Ergebnis: „Na, mit diesen— diesen drei Dösköpfen nehm ich's doch noch auf..." Und dann dachten wir alle nach. Und wieder mußten wir alle zu dem gleichen Resultat gekommen sein:„Ob's nicht vernünftiger wäre, die Mitbewerber ein wenig auszuholen; vielleicht hatten sie schwache Stellen, wo..." So daß wir uns unauffällig zueinander setzen wollten. Aber weil wir alle dasselbe wollten, rannten wir in den Gängen der leeren Wagen fortwährend aneinander vorbei. Diese Rennerei dauerte bis St. Trara. Dort verloren wir einander im Bahnhofsgewühl aus dem Gesicht. Ich las meinen Kuratoriumszettel nach. Aha, zuerst also kam der Kaufmann Spremberg, Entlebuch- stratze 84.'' „Erlauben Sie, ich möchte nach der Entlebuchstraße Num- mer 84. Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich da am be- sten—?" „Entlebuchstraße? Ei, da stehen. Sie ja mitten drin. Und Nummer vierunddreißig, sagen Sie? Ei, das ist genau das Haus dort vorne, wo der schwarze Herr gerade hineingeht. Da jetzt geht noch ein schwarzer Herr hinein— und nun wie- der einer— merkwürdig, hm— was haben die nur alle—" „Himmelherrgott," sagte ich,„jetzt sind sie mir alle drei zuvorgekommen!" Wie meinen Sie?" Aber ich war schon in der Richtung nach der Entlebuchstraße Nummer 84 ausgerissen und die schwarzen Flügel meines feierlichen Gehrocks flatterten den Gehsteig entlang. „Kann ich Herrn Spremberg sprechen, bitte?" „Sie sind jetzt schon der Vierte", sagte die alte Dienst- magd. »Ob ich Herrn Spremberg sprechen kann", sagte ich nervös. „O mei, o mei, in ara Stund kemmen S' vielleicht dran, Herr." sagte sie mitleidig,„jetzt dischkeriert er zerschtamal mit dem erschien und die andern zwoa warten in dem Zimmer da hinten— o mei, Herr, da ham S' sreili schlechte Aussichten." „Mit Bezugnahme auf die Aufforderung des Kuratoriums, Fräulein, muß ich darauf bestehen, daß—" „Wissens was, Herr," sagte die alte Dienstmagd und sah mich mütterlich von der Seite an,„unser Herr is erscht ganz neu ins Kuratori nei'komma und— und—" Hier begann sie gutmütig zu flüstern. und hat no net viel z'sag'n im Kuratori, wissen S'— da iS g'scheiter, Herr, Sie genga glei zu einem andern, der wo— _1 Dr. Gabriel: Außenpolitik der Britischen Labour Party Ein Buch Arthur Hendersons Die britische Labour Party gab dieser Tage ein Büchlein fiber Labours Außenpolitik" heraus. Verfasser ist Arthur Henderson. Schon darum kommt der Schrift allergrößte Bedeutung zu. Es ist nicht irgend eine Agitationsbroschüre unter vielen. Henderson ist nicht nur ein bedeutender Parteifunktionär der Labour Party, der demnächst nach seiner sicher zu erwartenden Wahl ins Unterhaus auch im Parlament wieder eine bedeutende Rolle spielen wird, Henderson ist auch nicht nur Präsident der Abrüstungskonferenz. Henderson war auch Außenminister der zweiten englischen Labour- Regierung und wird wahrscheinlich dieses Amt wieder bekleiden, wenn in absehbarer Zeit eine neue Labour Regierung ans Ruder kommt; denn neben dem Verkehrsminifter Herbert Morrison, der wohl noch eine große Laufbahn vor sich hat, war Henderson der einzige Minister des einst so erfolglosen und unfruchtbaren Labour- Kabinetts, der bedeutende Erfolge erzielt hat. Was hat nun Henderson zur fünftigen Außenpolitik der Labour Party und damit der Labour- Regierung, die vielleicht nicht mehr in so weiter Ferne ist, wie man nach der heutigen Schwäche der Partei im Parlament meinen tönnte zu sagen? Er bestätigt zugleich die alten Grundsäße der Labour Party und versucht sie den gegebenen Verhältnissen des Augenblicks anzupassen. Die alten Grundsäße der La= bour Politit, die zugleich auch die Grundsätze der Sozialistischen Arbeiter- Internationale sind, bleiben wahr, auch wenn die politische Lage sich ändert. Seit 33 Jahren, ſeit ihrer Gründung, kämpft die Labour Party mit der Internationale gegen die. imperialistisch- nationalistische Politik, die zu Kriegen führen muß; seit ihrer Gründung fämpft sie für Organisationen und Methoden zur Kriegsverhütung und friedlichen Streitschlichtung. Völkerbund, Internationa Ier Gerichtshof, Internationales Arbeitsamt das alles find alte Forderungen der Labourpolitik. -Henderson zeigt, wie sich diese Prinzipien langsam in der Praxis durchzuseßen begannen, wie die Arbeit und die Erfelge des Völkerbundes und seiner Organisationen in den ersten zehn Jahren die höchsten Erwartungen übertrafen( hier geht Henderson unseres Erachtens etwas zu weit im Lob des Völkerbundes), wie neue Verträge und Patte ( Locarno, Briand- Kelloggpakt) das System der Friedenssicherung ausbauten, wie die internationale Gemeinschaftsarbeit auf den verschiedensten Gebieten Fortschritte machte und wie die politische Atmosphäre in der Welt verbessert wurde. Und nun stehen wir heute plöglich vor einem Trümmerhaufen. Seit Ende 1981, beginnend mit dem Sturz der Labour- Regierung, hat sich die Atmosphäre rasch verschlech= tert. Der Völkerbund hat überall versagt, Kriege in Ost: afien und Südamerika konnten nicht verhindert werden, die Abrüstungskonferens tommt nicht vom Fleck, gegen die Weltwirtschaftskatastrophe geschieht nichts, überall herrscht wieder Mißtrauen und Feindseligkeit, man spricht immer häufiger von einem neuen Krieg. Das sind Tatsachen, die nicht abzuleugnen sind. Wie soll sich nun die Labourpolitik ihnen gegenüber einstellen. Manche empfehlen den Rückzug vom Völkerbund. Drei Gründe werden angegeben. Erstens das Versagen des Völkerbundes vor schwierigen Aufgaben. Zweitens die Gefahr, daß nationalistisch- reaktionäre Regierungen sich des Völkerbundes bemächtigen und ihn für ihre Sonderinteressen einspannen. Drittens die Gefahr, daß England durch die Verpflichtungen aus dem Völkerbunds- und Locarnopaft in kontinentale Streitigkeiten hineingezogen wird, die weder englische noch gar Labourinteressen etwas angehen. Henderson setzt sich mit diesen Argumenten ausführlich auseinander und lehnt sie ab, manchmal mit Motivierungen, die etwas reichlich bürgerlichpazifistisch klingen so wenn er sich dauernd auf die Def fentlichkeit der Völkerbundsverhandlungen beruft, wo die Praxis doch etwas anderes gezeigt hat. Aber Henderson hat recht, wenn er immer wieder betont, daß das Versagen des Völkerbundes in den letzten Jahren nicht ein Versagen des Völkerbundsgedankens ist, sondern eine Schuld der heute Herrschenden Regierungen, daß es deshalb nicht heiße, den Völkerbund zu zerschlagen, sondern ihn in die Hand besserer 119T 29 91191 295 Regierungen zu geben und dafür zu sorgen, daß er nicht durch Großmächtepakte ausgeschaltet werde. Mit Recht weist Henderson auch auf die Gefahren einer britischen Isolierungspolitik hin, die kontinentale Kriege wahrscheinlicher macht und auch für England keine Garantie gibt, daß es diesen Konflikten fern bleiben könne. Henderson stellt deshalb fest: Die ernften Ereignisse, die zu der gegenwärtigen Lage geführt haben, sprechen nicht gegen das Prinzip der internationalen Zusammenarbeit oder das System des Völker= bundes. Im Gegenteil, die Ereignisse haben nur bewiesen, wie richtig die Prinzipien und das System sind, sie haben nur bewiesen, wie notwendig es ist, daß sie auch richtig angewandt werden. Denn die gegenwärtige Ratastrophe ist in hohem Maße darauf zurückzuführen, daß man Prinzip und System nicht richtig angewandt hat." Und daran anknüpfend entwickelt Henderson im Einzelnen die außenpolitischen Maßnahmen, die eine kommende Labour- Regierung ergreifen müßte. Zunächst: sie wird bei jeder Gelegenheit mit aller Entschlossenheit den Völkerbundsapparat benutzen und nicht die Dinge zur Katastrophe treiben lassen, während der zur Friedenssicherung aufgebaute Apparat ungenußt rostet; sie wird auch verhindern, daß in falsch verstandener Sparsamkeit die Völkerbundsarbeit an Geldmangel scheitert, und sie wird selber in Genf an einer revolutionären Aenderung der Atmosphäre arbeiten. Einer der ersten Schritte einer neuen Labour- Regierung wäre die Einbringung eines Friedensgefeges im Parlas ment. Dieses Gesetz soll die Verpflichtungen Englands aus dem Völkerbundspakt und den anderen Verträgen zu innerenglischen Gesezen machen, damit England und die Welt weiß, daß diese Pflichten auch gehalten werden. „ Das Gesez würde bestimmen, daß in allen Fällen ohne Ausnahme die Regierung verpflichtet wäre, internationale Streitfragen vor eines der Schlichtungsorgane zu brin weder so: gen...., daß die Regierung in keinem Fall lange der Streitfall noch vor den Instanzen ist, noch in einem anderen Stadium die bewaffnete Macht mobi lisieren oder sonstige kriegsähnliche Maßnahmen ergreifen dürfe, es sei denn zur Zurücweisung eines direkten Ans griffs; daß die Regierung Vollmacht hat, alle wirtschaftlichen, finanziellen und sonstigen Maßnahmen durchzufüh= ren, die nötig wären, um unsere Verpflichtungen aus dem Völkerbundspakt, den Locarnoverträgen... prompt zu erfüllen." In Genf wird sie dahin arbeiten, den Völkerbund 3paft im Sinne des Kellogg pattes umzugestalten, d. h. ein absolutes Kriegsverbot auszusprechen, das sich nicht nur auf formellen Krieg, sondern auf jeden Einsatz der bewaffneten Macht erstreckt. ,, Sie wird dahin drängen, daß alle notwendigen Erleich terungen zur raschen Feststellung der Verant wortlichkeit eines Angreifers getroffen wer= den, und daß Aktionen, die nötig sind, um die Rechtsord: nung zu verteidigen und einem Bruch des Friedens ents gegenzutreten, rasch, allgemein und wirksam find." Eine Labour- Regierung wird weiterhin für rasche und drastische Abrüstung eintreten. Als erstes fordert sie Verbot aller der Angriffswaffen, die heute bereits den Zentralmächten verboten sind, völlige Abschaffung der Luftwaffe und Internationalisierung der Zivilluftfahrt. Als Endziel stellt Henderson„ die völlige Abschaffung aller heute bestehenden nationalen Streitkräfte und ihre Ersetzung durch eine internationale Polizeitruppe des Völkerbundes" hin.( Also hier steht die Labourpolitik in einer gewissen Uebereinstimmung mit der französischen Abrüstungspolitik). Bis dieses Ziel erreicht ist, müssen die Wehrausgaben international beschränkt werden und es muß eine ständige umfassende kon trolle gegen etwaige Geheimrüstungen durchgeführt werden, wobei jedem, der Völkerbundsorganen Mitteilungen über Rüstungen macht, volle Straflosigkeit garantiert sein muß. Die englische Labour- Regierung will sogar noch weiIn Englands ältester Kolonie Dublins Hintergassen Was Dublin auf den ersten Blick von jeder beliebigen Stadt in England unterscheidet, sind nicht so sehr die kleinen weißgestrichenen Katen, die wie die Fühler des bäuerlichen Hinterlandes bis ins Herz der Stadt hineinragen, als wollten sie dem Besucher zeigen, wie arm und unentwickelt Südirland infolge der jahrhundertelangen englischen Herrschaft heute immer noch ist; es sind nicht die winzigen Ponys aus den Bergen im Westen oder die unzähligen Efelchen, die Freunde der Armen aller Länder; es sind nicht die verwirrenden Straßennahmen in irischer Sprache und Schrift nein, was einem unmittelbar das Gefühl gibt, daß man in einem andern Lande ist, sind die Menschen. Wer zum ersten Male etwa aus dem riesigen und doch so toten London nach Dublin kommt, wird wie befreit aufatmen: nach all der Wohlgeseztheit und Langweile endlich wieder fröhliches, unbekümmertes Lachen! Ein abendlicher Bummel über die belebte O'Connel- Straße, die Hauptstraße der Stadt, und man hat den Alpdruck englischer Steifheit von sich abgeschüttelt und ist wieder daheim. Reizende schelmische Mädchen, die den Fremden fröhlich anlächeln( wer hat so etwas schon einmal von Englands stolzen Schönen erlebt?), fräftige junge Burschen, die noch alle halb wie Bauernburschen aus sehen. Ab und zu dazwischen beffer gekleidete Leute in typisch englischer Haltung Westbriten nennt das Volk sie. Nie mand liebt sie, obwohl ihnen nicht der gleiche Volkshaß gilt wie den Fren fast ausschließlich den besitzenden Schichten angehörig die 1921, als den englischen Besazungstruppen in Südirland der Boden unter den Füßen zu heiß wurde, Englands Büttelarbeit übernahmen. Wohin man sich auch wendet, man kann diesem Kontrast zwischen dem Leben der Masse des irischen Volkes und dem seiner fremden Unterdrücker und ihrer irischen Helfershelfer nicht entgehen: hier schlichte Mittelstandshäuser und daneben und dahinter über all die Glendsviertel die elendesten Elendsvtertel in ganz Europa, dort Villen und Paläste, umgeben von Mauern, die oft mehr als dreifache Mannshöhe haben. Eine Wanderung durch die Straßen zwischen den Mauern, hinter denen die fremden Groberer sich vor den Augen der verhaßten Iren verbergen, ist ein seltsames Erlebnis. Meilenweit ziehen diese Mauern sich hin. Dann kommen die ersten freien Felder oder vielmehr Wiesen. Und wieder Mauern, Mauern... Jetzt sind hie und da unterbrochen durch eine winzige Häuslertate, niedriger als die Mauer selber, nicht so gut gebaut wie diese, eine Stube oder zwei. Oft klebt solch ein Häuschen nur eben wie ein Schwalbennest an der riesigen Mauer dahinter oder man erkennt es an nichts anderm, als daß in der Mauer plöglich zwei Fenster und eine niedrige Tür zu sehen sind. Nach einer Weile eine ganze Gruppe solcher armseliger Hütten, umgeben von üppigen Wiesen, auf denen das für den englischen Markt bestimmte Vieh des Schloßherrn weidet, und dahinter die blauschimmernden Berge, an deren unfruchtbaren Hängen sich dieselben ein- oder zweikammerigen Katen schmiegen Leuten gehörig, deren Vorfahren aus ihren Besitzungen in den fruchtbaren Ebenen vertrieben worden sind. Zurück zur Stadt und in die Quartiere der Hafenarbeiter, die in dem großen Streit von 1913 die Augen einer entsetzten Welt auf die furchtbarsten Wohnhöhlen lenkten, die Europa kennt. Sie sind heute noch so grauenhaft, daß es schwer fällt, zu glauben, daß sie damals noch schlimmer gewesen sein fönnten. Hier sind alle die zusammengepfercht, die nicht das Geld zur Auswanderung aufbringen konnten, wenn die Büttel der englischen Großgrundbesißer ihre armselige Häuslerkate niederrissen, um Platz für Viehweiden au schaffen, die mehr Profit brachten als Verpachtung des Landes zur Feldbestellung an die, die einst selber freie Jbsi ter gehen und jeden bestrafen, der einen Völkerbundsvertreter irreführt oder ihm etwas verschweigt. Die LabourRegierung fordert weiter völlige Abschaffung der privaten Waffen- und Munitions herstellung und Kontrolle des Waffenhandels, schließlich auch Maßnahmen zur moralischen Abrüstung, um Mißbrauch der Erziehung, des Rundfunks und des Kinos für nationalistische Kriegspropaganda zu verhindern. Aber eine Labour- Regierung würde sich nicht mit negatis ven Maßnahmen begenügen. Der Status quo darf nicht zwangsweise aufrechterhalten werden, der Bölkerbund darf sich nicht mit der bloßen Abwesenheit von Krieg bes gnügen, der Friede muß auch positiv organisiert werden. Es muß daher die Möglichkeit der Revision bestehender Verträge und Grenzen gegeben sein. Allerdings müsse, so führt Henderson aus, dieser Gegenstand sehr vorsichtig behandelt werden.„ Unüberlegte Aktionen oder Vorschläge können auch an sich berechtigte Aenderungswünsche eher hemmen als fördern. Die friedliche Revision von Verträgen sezt voraus, daß die Verträge solange gewissenhaft eingehalten werden, bis sie durch allgemeine Uebereinstimmung abgeändert werden"; wobei Henderson mit Recht betont, daß das Vetorecht einer Macht auf die Dauer notwen= dige Aenderungen nicht verhindern kann, wie die Erfahrung der Nachkriegszeit bereits bewiesen hat. In wichtigen Fra= gen sind die Friedensverträge bereits abgeändert worden. Ehe allerdings Grenzänderungen in Europa möglich sein werden, muß erst wieder die Atmosphäre des Vertrauens hergestellt sein. Die Labour- Regierung wird deshalb den Kampf gegen die Ursachen von Spannung und Mißtrauen aufnehmen, sie wird alle Maßnahmen unterstüßen, die geeignet sind, Schwierigkeiten zu beseitigen, die dort entstehen, wo die Bevölkerung von verschiedener Abkunft und Rasse ist. Und sie wird ferner alle Maßnahmen unterstützen, die die Ledeutung der politischen Grenzen verrin gern." Vor allem aber wird die positive Politik der LabourRegierung dahin gehen, auf allen Gebieten der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik die Gemeinschaftsarbeit der Staaten zu fördern. " In Uebereinstimmung mit dem Programm der Labour Party wird eine Labour- Regierung das Geldsystem kons trollieren, mit dem Ziel, durch internationale Vereins barung den Geldwert und die Wechselkurse zu stabilisieren und mit Hilfe des Finanzkomitees des Völkerbundes und einer reformierten Bank für internationale Zahlungen den Kapitalexport und die internationalen Anleihen an überwachen und zu kontrollieren. Sie wird auf eine alls gemeine Herabsetzung der Zollschranken hinarbeiten, um an deren Stelle ein System planmäßigen Austauschs zu feßen." Also eine Art internationaler Planwirtschaft, die in erweiterter wissenschaftlicher Forschungsarbeit der Völkerbundskommissionen ihre Grundlage finden soll. Das Endziel dieser Forschungsarbeit soll ein sorgfältig vorberei teter Plan sein, durch den die Milliardenwerte, die heute entweder gar nicht produziert oder vergeudet werden, den Völfern zugute kommen sollen." Auch das Internationale Arbeitsamt soll in diese Politik eingespannt werden und vor allem jedes Lohndumping verhindern. er Nachdem Henderson dann noch kurz die speziellen englischen Interessen gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika, Rußland und dem Fernen Osten gestreift hat fordert allerengste Zusammenarbeit mit Washington, einen Freundschafts- und Schlichtungsvertrag mit Rußland und Wiederherstellung des Friedens im Fernen Osten durch eine Weltaktion auf der Grundlage des Berichts der Völkerbundsversammlung schließt er sein Büchlein mit den Worten: " Die Labour Party wird nicht ruhen, bis die Britische Völkergemeinschaft wieder einmal die Führung der Böl fer der Welt zu einer neuen Aera des Friedens, der Wohl fahrt und des menschlichen Fortschritts übernimmt." Herren des Landes gewesen waren. Eine Geschichte von Jahrhunderten spiegelt sich in diesen Quartieren der Armut wider einer Armut, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, einer Armut, in der es sich nicht mehr verlohnt, reinlich zu sein, einer Armut, die selbst den flüchtigen Besucher in den beklemmenden Bann ihrer Trostlosigkeit zieht. Man sieht hier in wenigen Tagen mehr Krüppel, mehr von Krankheiten zerfressene Gesichter, als man in jahrelangem Reisen durch viele Länder Europas zu sehen bekommt. Häuserblocks, die aus der Ferne wie Ruinenhaufen anmuten. speien in den Abendstunden Scharen von zerlumpten Kindern aus. Niemand in der weiten Stadt scheint sich um sie au kümmern am wenigsten die zahllosen Nonnen und Schwe stern, die man auf den Straßen sieht. In den Türen stehen ausgemergelte Frauen, um die Schulter den landesüblichen schwarzen Schal, aus dem an der Mutter Brust ein bleiches Kindergesichtchen hervorsieht. Kohlenträger kommen zurüc von ihrer Arbeit an den Kohlenschiffen, das Gesicht schwarz von Kohlenstaub, hinter dem sich die Bleiche der Wangen verbirgt, die die schwere Arbeit und die ungenügende Ernährung ausgehöhlt haben. Es sind diejenigen, die das fährliche große Kindersterben überlebt haben die meisten der Kleinen kommen erst gar nicht in das Alter, wo sie sich als Gelegenheitsarbeiter im Hafen oder anderwärts ihr Brot verdienen können. Ueberall sind sie, diese Elendsviertel, nicht nur am Hafen, sondern über die ganze Stadt verstreut: aus fast jeder gutbürgerlich aussehenden Straße kann man durch einen Torweg in eine dieser Gruppen von Hintergassen kommen, und jedesmal ist der Uebergang von einem zum andern so unmittelbar, so fraß und entsetzlich, daß einem das Gefühl überkommt, man sei in eine völlig neue Welt geraten- ein irdisches Inferno. An gewöhnlichen Tagen sieht man die Bewohner dieser anderen Welt nur selten auf den Straßen, durch die der Verkehr geht. Nur bei besonderen Anlässen trifft man sie dort bei Paraden und kirchlichen Umzügen und dann sieht man ein erschütterndes Bild: diese Menschen haben nicht einmal ein Feiertagskleid... F. Melzer. 60.10 Breslau, bab A die Stadt des Terrors Organischer Bestandteil der Hitler- Herrschaft, sagt ,, Manchester Guardian"-Das Braune Haus, die furchtbare Folterkammer- Und draußen in Dürrgoy- Wie sie Eckstein ermordeten und die andern viehisch quälen- Einzelheiten, die das Herz erschüttern Das sieht das Ausland! Die deutschen amtlichen Stellen sprechen von einer Greuelhezze", und das Auswärtige Amt hat sich vor eintgen Tagen geradezu beschwert, daß einige Länder die freie Meinungsäußerung über Deutschland gestatten. Es wird der Eindruck erweckt, als ob in erster Linie die deutschen Flüchtlinge und Auswanderer blutrünstige Phantasien über die Zustände im Hitlerreich erfänden. Solche Aeuße= rungen der getränkten Unschul5" machen im Inlande vielleicht einen tiefen Eindruck, helfen aber im AusSchande ihrer widerlichen Racheaktionen ein Ende zu machen. Herr Göbels wird jedoch seine Aufklärungsmethoden nicht ändern. Er ist zuversichtlich, daß die Welt, die durch Schiffs-, Erdbeben- und Hungerkatastrophen von Kriegen ganz zu schweigen ans Massensterben gewöhnt ist, sich auch bald über die paar Opfer der„ amtlich beendeten" Revolution beruhigen wird. Täglich „ Ein eraktes Bild kann man sich nicht machen, aber es dürfte nicht übertrieben sein, zu behaupten, daß die Zahl der auf Befehl des Femegerichts Mißhandelten annähernd zweitausend beträgt. Eine große Anzahl wurde am 15. Juit verhaftet und zwischen diesem Tag und dem 20. sind mehr als 200 Menschen geprügelt worden. Die meisten waren Mitglieder der SAD.( der Sozialistischen Arbeiterpartet, einer kleinen Gruppe zwischen Sozialdemokraten und Kom munisten, die fast allein in Breslau beachtenswert war)." Lande wegen ihrer unverfrorenen Lügenhaftigkeit ben mehr als 200 Menschen geprügelt Die Folter wird variiert.... letzten Rest deutschen Ansehens zerstören. Wenn ein Deutscher auf deutschem Boden die Meinungen äußert, von denen die ganze Welt durchdrungen ist, so wird er wenigstens mit Gefängnis bestraft, wenn ihn nicht gar eine schlimmere Rache trifft. Einem Deutschen ist heute verboten, überhaupt einer persönlichen Ueberzeugung Ausdruck zu geben; er ist zum Knecht einer bru= talen Tyrannet herabgewürdigt. Seine Zeitungen sind Papageien, welche die Worte des Josef Göbbels nachplappern. Ein Mensch, der sich vor seinem Gewissen wirklich verantwortlich fühlt, ist zum Märtyrium verurteilt. Unzählige Male ist schon gesagt worden, daß die täglich in der Auslandspresse veröffentlichten„ Greuelmeldungen" aus dem einen Grunde unwiderleglich sind, weil sie nur schwache Illustrationen der offiziellen Veröffentlichungen und Anweisungen darstellen. Ein Staat, der nach amtlich beendeter Revolution" das Geiselsystem anwendet, ist so mit Schande bedeckt, daß ihn vereinzelte Ausschreitungen untergeordneter Organe in der Weltanschauung nicht mehr herabsetzen können. Der Bericht des..Manchester Guardian" Der Bericht des„ Manchester Guardian" aus Breslau kann niemand überraschen. Wenn diese hochangesehene englische Zeitung wieder einmal eine auf Tatsachen gestützte Schilderung aus Deutschland gibt, so ist ihr einziger Beweggrund ihre echte Humanität. Sie möchte die grausam Berfolgten schützen, indem sie die Hitlerherrschaft unter moralischen Druck setzt. Wir fürchten, sie bemüht sich vergeblich, aber um Deutschlands willen wollten wir, die Reichsregierung würde einen ehrlichen Versuch machen, der Neubeck tot Einer, der sich erhängte Der Wiener Arbeiter- Zeitung" wird geschrieben: Freitag hat sich, wie bereits berichtet, der bisherige Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, Professor Dr. Ludwig Neubeck, im Gefängnis das Leben genommen. Dieser Freitod steht in einem engen Zusammenhang mit dem Fall Bredow und der Verschickung einer Anzahl Berliner Rundfunkbeamte in ein Konzentrationslager. Der Fall Neubeck ist aber noch viel schlimmer, weil Professor Neubeck, der sich vor dem„ dritten Reich" nur durch den Freitod retten konnte, zu denen gehörte, die sich noch bis vor kurzem de s persönlichen Wohlwollens von Adolf Hitler und Dr. Göbbels erfreuen durfte. Neubeck, der ein tüchtiger Musiker und Theaterfachmann war, stammt aus dem engsten Freundeskreis des Hauses Wagner. Er kam vpr mehreren Jahren als Intendant an den Leipziger Rundfunk und hat, obwohl er nie verschwieg, daß er auf dem rechten Flügel des deutschen Bürgertums stehe, doch auch für die kulturellen Bestrebungen der Arbeiterschaft Ver= ständnis bewiesen. Als die Nationalsozialisten an die Macht famen, war er der einzige deutsche Rundfunkintendant, der nicht seines Amtes entsetzt wurde; denn er gewann als der erste die Familie Wagner für Rundfunkübertragungen aus Bayreuth und wurde im Zusammenhang damit mit Hitler und Göbbels so etwas wie befreundet. Doch das wurde ihm bald persönlich zum Verhängnis: er glaubte nämlich, seinem Einfluß würde es gelingen, in dem einen oder andern Fall die nationalsozialistische Bewegung zur Wahrung persönlicher Rücksichten und Beachtung der Gesetze des primitivsten menschlichen Anstandes zu veranlassen. Und das Ergebnis? Er erlebte zwar den Triumph, auf Wunsch Hitlers am Tag von Potsdam" aus der traditionsreichen Stätte des Leipziger Gewandhauses das Wagner- Festkonzert zu dirigieren. aber er war zugleich den vielfältigen Wünschen nationalsozialistischer Stellenjäger ein Dorn im Auge und seinem höchsten Vorgesetzten, Dr. Göbbels, wurde er bald durch seine persönliche Sauberkeit unbequem. Als Neubeck sich nicht forrumpieren lassen wollte, wurde er der Korruption bezichtigt. Er nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf und kam daraufhin in Polizeihaft. Er merkte, daß in Deutschland ein Kampf um Recht und Gerechtigkeit völlig aussichtslos ist, weil das Urteil gefällt ist, bevor noch eine Beschuldigung erhoben wird, und ging in den Freitod als eines der ungezählten Opfer des„ dritten Reiches", die fallen, weil sie in dem Deutschland von heute versuchen, anständige Menschen zu bleiben. Stolz melden sie Greuel Separatisten in ,, Schutzhaft" Die Kölnische Zeitung" berichtet aus Bonn vom 15. August: In den frühen Morgenstunden wurde auch in Bonn eine Aftion gegen frühere Separatisten vorgenommen. Polizeibeamte nahmen 20 Personen fest, von denen bekannt war, daß sie damals als Mitglieder des Aktionsausschusses oder cls Hauptfunktionäre der Separatistenbewegung zum Sieg " Breslau ist schon seit langem dem braunen Terror ausgeliefert Der Terror ist immer schlimmer geworden, weil er, ohne an Grausamkeit zu verlieren, durch seine systematische Anwendung an Wirksamkeit gewonnen hat. Jeder Hoffnungsschimmer in Breslau ist geschwunden. Die westliche Zivilisation ist nur noch ein Traum. Kaum hört man in Berlin etwas von der Weltanschauung, aber wo sie hörbar ist, da ist noch Hoffnung. Jedoch nach Breslau dringt auch nicht mehr ihr leisestes Echo. Dagegen soll wenigstens die Kunde über die Lage in der Stadt in die Außenwelt bringen." " Die Arbeiterbevölkerung ist völlig eingeschüchtert. Wer jemals etwas mit der Linken, mit dem Pazifismus oder Liberalismus zu tun hatte, jedes Gewerkschaftsmitglied, das durch seinen kritischen Verstand oder durch seinen Charakter irgendwelchen Einfluß hatte und sei es auch nur in seiner Straße, ist nicht sicher. Der leiseste Verdacht, ein Name oder eine Adresse, die einem Gefangenen durch die Folter in einem der Braunen Häuser erpreßt worden sind- sind Anlaß genug, daß ein Wagen mit einer Terrorbande sich auf ein anderes Opfer stürzt, das wieder gefoltert wird, bis es einige Namen von Komplizen verrät, wie sie ihm gerade in den Sinn kommen mögen. Auch willkürliche Denunziationen haben manchem Harmlosen Unglück gebracht. Es gibt keine Bewegung des Protestes, noch weniger irgendeinen Widerstand. Es gibt nur hoffnungslose Resignation." " Die Prügel, die bei den„ Verhören" angewandt werden, gibt man üblicherweise in den Braunen Häusern und in den Hauptquartieren der neuen Geheimen Staatspolizei, die Hauptmann Göring leitet. Solche Hauptquartiere sind in der Neudorfstraße, Braune Häuser gibt es in der FriedrichWilhelm- Straße, bei der Grüneiche, in den„ SorgenfreiBaracken", in der Lewaldstraße, und noch anderswo. Das Femegericht besteht aus dret Personen und ein besonderes Prügelfommando ist bereit, die Urteile zu vollstrecken." „ Viele Verhaftungen erfolgten durch die„ Geheime Staatspolizei", auch„ Deutsche Ochrana" oder„ Görings Tscheka" genannt. Die letzte Verantwortung für den Terror in Bres lau, wie im übrigen Deutschland, trägt die Reichsregierung. Selbst wenn es möglich wäre zu behaupten, man könne die SA. und SS, nicht zügeln und nicht leicht kontrollieren, so läßt die enge Zusammenarbeit mit der Geheimpolizei keinen Zweifel, daß der braune Terror organischer Be standteil der Hitlerherrschaft ist." Die Geheimpolizei hat auch zahlreiche Mißhandlungen vollzogen, und das System in der Neudorfstraße ist genau dasselbe wie in den Braunen Häusern. Es werden drei Räume benutzt. Im ersten werden die Gefangenen„ verhört". Im nächsten, der bis auf einen Tisch leer ist, werden ihnen die Kleider vom Leibe gerissen und sie selbst über den Tisch gelegt und gemäß dem gefällten Urteil verprügelt. Manchmal wird auch die Folter pariert vor kurzem mußte z. B. em Arbeiter von 52 Jahren die Hände auf die Kante des Tisches legen, während die Henkersknechte ihn festhielten; dann schlugen sie solange auf seine Hände mit einer Rhinozerospeitsche, bis sie gebrochen und eine breiige Masse waren. Der Mann ist noch in Haft und befindet sich in einem furchtbaren Zustand." „ Die Gefangenen werden oft tagelang, nachdem sie miß handelt worden sind, festgehalten. Irgendeine Schlafgelegenheit gibt es nicht. Sie sitzen auf Stühlen oder liegen im dritten Raum auf dem Boden. Manchmal werden sie ins erste Zimmer zurückgeschickt und zu einer nochmaligen Strafe verprügelt. Einige wurden dreimal geprügelt." " Zum Schluß werden die Gefangenen entweder entlassen oder der Polizei übergeben, die sie anscheinend nicht miß* handelt, oder sie kommen in das Konzentrationslager nach Dürrgoy, daß das Schlimmste in ganz Deutschland ist." Emigranten in Deutschland Vergeßt Sie nicht! Niemand schreibt oder spricht von ihnen. Keine Statistik erwähnt sie: die Emigranten in- Deutschland. Die braune Barbarei hat achtzigtausend Menschen hinter den Stacheldraht der Konzentrationslager gesperrt, weil sie das Verbrechen begingen, ihre Gesinnung nicht gleichzuschalten". Andere Tausende wurden ins Ausland vertrieben und hungern sich in Paris, in Prag, in der Schweiz durch. Von der Existenz des zweiten Emigrantenheeres aber erfährt man so gut wie nichts. Die Emigranten in Deutschland lassen sich zahlenmäßig nicht erfassen. Ihre Lage mit der ihrer Leidensgenossen im Ausland zu vergleichen, ist unmöglich. Man stelle sich einmal folgendes vor: SA.- Banditen stürmen die Wohnung irgendeines kleinen Funktionärs einer Linksorganisation, der sich noch rechtzeitig retten kann. Die Polizei sucht ihn. Zurück nach Hause kann er nicht mehr. Aber die Arbeit darf nicht liegen bleiben, erst recht nicht in der Illegalität. Ueber die Grenze flüchten? Nein. Also bleibt nur noch eine Möglichfeit: in eine andere Stadt gehen, dort weitererbeiten. Das sind nicht etwa Einzelfälle; das sind tausende und abertausende Emigranten im eignen Vaterland" zu sein, anonym oder mit falschen Papieren im eignen„ Vaterland". zu sein, anonym oder mit falschen Papieren von Hamburg nach München, von Köln nach Breslau, von einer Ecke Deutschlands in die andere zu fliehen, sich dort aufzuhalten, ohne feste Wohnung, von den Spizeln der SA. und der Geheimen Staatspolizei gejagt- das ist keine Kleinigkeit. Die Emigranten im Ausland mögen hungern die in Deutschland hungern nicht nur, sondern sind obendrein als „ Verbrecher" vogelfrei. Unterstützungen bekommen sie nicht, Arbeit für sie gibt es nicht; nur die Solidarität, die mühsam zusammengefragten Arbeitergroschen halten sie über Wasser. Es ist etwas anderes, in einem Züricher oder Prager Massenquartier schlecht und recht untergebracht zu sein, wenn man persönlich immerhin einigermaßen sicher ist; oder heute da, morgen dort zu übernachten, ohne zu wissen, ob am Morverhelfen wollten. Gegen Mittag wurden die festgenommenen 20 Separatisten durch die Straßen der Stadt zum Gerichtsgefängnis geführt. Vor. hinter und neben ihnen ging eine große Anzahl SA.- Männer. Jeder der Festgenommenen trug ein Schild mit der Inschrift: Ich bin au ch einer!",„ Ich war auch dabei!",„ Wir sind die größten Lumpen!" usw. Eine große Menschenmenge begleitete die Vaterlandsverräter und hielt mit Schmäh rufen nicht zurück. Zu irgendwelchen Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Die Festgenommenen bleiben vorläufig in Schußhaft, um sie vor Uebergriffen zu schüßen... Berantwortlich: für die Redaktion Joh. Biz: Inserate Otto Kuhn, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b. H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5. gen nicht eine Horde Braunhemden an die Tür donnert. Es ist zweierlei, ob man von Menschen unterstützt wird, die selbst noch eine feste Existenz haben und denen man als dentscher Emigrant für den Augenblick ,, interessant" ist, weil fie zu den Verhältnissen in Deutschland Distanz haben; oder ob jemand hilft, der nur durch Zufall noch nicht selbst„ Emigrant" geworden ist, der selbst bespizzelt wird, der selbst unter den Bedingungen des braunen Terrors lebt. Von den Emi granten in Deutschland wird mehr verlangt als von denen im Ausland. Sie sollen sich nicht nur um sich selbst kümmern, sondern dabei noch ein Risiko nach dem andern aufnehmen, sich mit jedem neuen Tag einer neuen Gefahr aussehen. Wer sell sonst den Widerstand gegen die faschistische Diktatur or ganisieren? Wer soll sonst die mühselige Kleinarbeit leisten? Gewiß, die Emigranten im Ausland haben es schwer. Aber sie befinden sich doch in der Etappe. An der vordersten Linie der Front stehen die Flüchtlinge in Deutschland. Ihr pers sönliches, ihr„ Privat"-leben ist von der Hitlerdiktatur gewaltsam ausgelöscht worden. Daß es irgendwo eine Familie gibt, zu der man einmal gehörte, muß man vergessen. Die Henkersknechte Görings, die neuerdings Geiseln verhaften, um bestimmte Emigranten zur Rückkehr zu zwingen, machen sich die Mühe meistens umsonst. Es gehören Nerven dazu, troß der systematischen Heziagd der braunen Banden und Polizeispizel, troz allem Risiko als Emigrant in Deutschland durchzuhalten. Alle Worte können dieses Leben ja nur ungefähr schildern. Am besten hat es vielleicht ein Flüchtling charakterisiert, der mir sagte: „ Das zaristische Rußland muß im Vergleich mit Deutschland ein Paradies gewesen sein." Achtzigtausend Menschen siten in den Konzentrationslagern. Tausende irgendwo im Ausland. Das unbekannte dritte Heer, von dem man nicht schreibt und nicht spricht, soll niemand vergessen. Wenn das große Aufräumen kommt, werden die Emigranten in Deutschland Hitler die Rech nung präsentieren. Diese Rechnung ist lang. Librairie Stock Im Herzen Paris, direkt am Théatre Francais 115, Rue Saint- Honoré führt jetzt alle deutsche und englische Bücher, Zeitschriften und Broschüren zu billigsten Preisen. Braunbuch erhältlich 76