1300 Panjaže Fretheil Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 53-1. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag/ Montag, 20./21. Aug. 1933 99 Chefredakteur: M. Braun Feine Leute" unter sich... Oder: dafür ist SA. marschiert! Ruhe vom Alltag Kronprinz Wilhelm und Reichsminister Dr. Göbbels verbringen gegenwärtig einige Erholungstage auf Heiligendamm, wo sie unser Bild im ernsten Gespräch zeigt. Dieses Bild mit vorstehender Bemerkung versandte eine deutsche Bilderkorrespondenz an die gleichgeschaltete Presse. Aber schon am nächsten Tage schickte die Korrespondenz folgende Notiz nach: An die Rebaktion! Wir bitten, das gestern von uns veröffentlichte Bild von Reichs minister Dr. Göbbels mit dem Kronprinzen nicht zu veröffentlichen, da das Reichsministerium für Propaganda und Voltsaufklä rung die Wiedergabe dieser Aufnahme nicht wünscht. Die nationale Revolution ist zu Ende" erklärten die Führer des neuen Deutschland im Kommandoton, worauf fie in die Ferien fuhren und es den Sturm- Abteilungen überließen, sich über den Sinn dieser Worte klar zu wer= den, falls ihnen zwischen Razzien auf kleine Leute und Gepäckmärschen einmal Zeit dazu bleiben sollte. Den SA.Beuten, die leichter mit der Faust als mit dem Hirn arbeiten, wäre in ihrem Bemühen um Klarheit beinahe ein Helfer in dem Herrn Reichspropagandaminister erwachsen, zu dessen Aufgabenbereich bekanntlich auch die Volksaufklärung gehört. Auf Heiligendamm, wo er sich zur Zeit von den Anstrengungen seiner propagandistischen Tätigkeit erholt, zeigte sich Dr. Josef Göbbels in lächelnder und betont volkstümlicher Pose bei Kaffee und Kronprinzenhuld den eilfertigen Fotografen, die- gerührt von soviel Leutseligkeit dem erstaunten Volk zu verkünden sich bemühten, daß der Herr Reichsminister Ruhe vom Alltag" in der Gesellschaft des„ Kronprinzen Wilhelm" finde. Lieb' Vaterland, magst ruhig sein- der Ring der Boltsgemeinschaft ist geschlossen. Der fleine Mann aus Rheydt trinkt mit dem Repräsentanten des allerhöchsten Hauses" Kaffee. Der Aufstieg des Kleinbürgers hat seine Krönung erfahren. Die neue Führerschicht reicht der alten nicht nur bei offiziellen Anlässen die Hand, sie ist auch privat gesellschaftsfähig geworden. Merkt ihr, warum die Revolution zu Ende sein muß, die sich immer mehr als eine Veranstaltung der Feinen Leute", und derer, die es werden wollten, offenbart? Leider ist der launische propagandistische Einfall des Herrn Reichsministers diesmal um die Massenwirkung gebracht worden. Er hat sozusagen ein amtliches Nachspiel. Kaum war das Foto, das einen unbestreitbaren dokumentarischen Wert hat, der deutschen Presse zugeleitet worden, da ließ das Reichspropagandaministerium- also das Instrument des Herr Dr. Göbbels- mitteilen, daß es seine Veröffentlichung nicht wünsche. Schade, es hätte die nachdenklich gewordene SA. auf die richtige Spur bringen können. Hängt den Mantel nach dem Winde! Andre Fahne aus dem Spinde! Stimmt am neuen Lied die Kehle! Munter wechselt Rock und Binde, tauscht doch selbst der Baum die Rinde! A Sie nur bleibt: die Hundeseele! Carl Albert Lang. Die Schweiz Ernüchterung und Mißtrauen Von Dr. Thorwesten Bern, den 18. August. Der deutschsprachige Schweizer Bürger hat die Hitler bewegung von Anfang an mit unverkennbarem Wohlwollen verfolgt, und diese Sympathie ließ auch zunächst nicht nach, als das„ dritte Reich" in Deutschland ausbrach. Daß es gegen den Margismus ging, gefiel ihm gut, denn es gibt kaum eine Bourgeoisie in Europa, die dem Sozialismus und den Arbeiterorganisationen ablehnender und feindlicher gegenübersteht als die der Schweiz. Auch dagegen, daß die Nazis dem Militarismus wieder neues Leben einflößen wollten, hatte er im Grunde um so weniger einzuwenden, als er selbst mit großer Begeisterung an seinem Heer hängt und das, was er die Landesverteidigung nennt, zu einem seiner obersten Grundsätze gemacht hat. Der Antisemitismus wurde zum mindesten in den konservativeren Teilen, in denen sich auch in der Schweiz stark judenfeindliche Strös mungen regen, verständnisvoll gebilligt. So ist es auch gekommen, daß man hier die deutschen Flüchtlinge im allgemeinen mit wenigfreundlichen Augen ansieht. Während die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften sich in dankenswertester Weise bemüht haben und bemühen, das Los der Emigranten zu erleichtern, betrachtet sie der Durchschnitts spießer als lästige Eindringlinge. Keinerlei Erwerbsmög lichkeiten stehen ihnen offen, die Gewährung der Aufent haltserlaubnis hängt von dem Nachweis eines nicht einmal geringen Vermögensbefizes oder von der Beibringung entsprechender Bürgschaften ab. Dabei paart sich das Wohlgefallen an den nationalsozialistischen Ideen mit der Angst vor politischen Verwicklungen. Mussolini im Süden, Hitler im Norden, das ist gefährlich. Die Schweiz muß ihre Neutralität wahren, und sie darf den Regierungen in Rom und Berlin keinen Anlaß und keinen Vorwand zu Vorstellungen wegen zu günstiger Behandlung der aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen bieten. Um alles das festzustellen, braucht man nicht einmal in der Schweiz zu leben. Die Lektüre der eidgenössi schen bürgerlichen Presse genügt. Mit wenigen Ausnahmen üben diese Blätter gegenüber den furchtbaren Geschehnissen in Deutschland eine Zurückhaltung, die einem absichtlichen Verschweigen der Wahrheit sehr nahe kommt. Jn keinem Lande, selbst Deutschland einbegriffen, läßt sich aus den nichtsozialdemokratischen Zeitungen so Aber warum diese Zurückhaltung? Hat sich in dem Herrn Minister, der eine Schwäche für Fotografen hat, ein letztes Restchen von Schamgefühl gegenüber den Mitkämpfern geregt, die er vor nicht allzulanger Zeit in einem Mäusekrieg anführte? Hat sich eine höhere Stelle eingeschaltet, die den„ Meister der Propaganda" auf die verheerende Wirfung aufmerksam machte, die diese Aufnahme zu einem Zeitpunkt haben müsse, in dem der Kurs entschlossen gegen die feinen Leute geht? Oder wollen die hohen Herrschaften ganz einfach unter sich bleiben? Was mag wohl schuld daran sein, daß dem„ niederen Volk" mit und ohne Uniform dieses Ferienbild des Herrn Ministers vorenthalten wurde? Vielleicht wäre mancher der Daheimge- ,, L'Ere Nouvelle": bliebenen ein Licht dabei aufgegangen. Kraftprobe Berlins Die Aufregung in Paris Völkerbund oder Sanktionen? Berlin, 19. Auguft. Die deutsche Gesandtschaft in Wien bestreitet, daß der Gefandte oder einer seiner Beamten von den drei nationalsozialistischen Geheimbriefen Kenntnis gehabt habe, für die die Kurierpost benutzt worden sein soll. In Wien wird diese Ableugnung nicht geglaubt. Die Reichspost" weist die amtlichen deutschen Dementis zurück. Der österreichische Gesandte in Berlin ist zu Beratungen mit dem Bundeskanzler Dollfuß in Wien eingetroffen. Die Fortsetzung der deutschen Radiopropaganda gegen die österreichische Regierung hat zu neuen lebhaften Verhandlungen zwischen Paris und London Anlaß gegeben. Der englische Botschafterin Paris, Lord Tyrrell, hat sich am Freitagabend im Flugzeug nach London begeben. Seine Reise gilt lediglich der österteichischen Frage. Berlin scheint jetzt zu wünschen, den deutsch- österreichischen Streit vor den Völkerbund zu bringen. Man geht Darlegung der französischen und der englischen Finanzinteressen in Oesterreich auf die Deffentlichkeit Eindruck wachen werde. Warum diese große Wirkung eintreten soll, ist nicht recht ersichtlich, da alle Welt weiß, daß beträchtliche ausländische Kapitalien in Oesterreich angelegt sind. Die deutsche Regierungspolitik scheint es auf eine Kraftprobe gegenüber Europa ankommen lassen zu wollen. Sie ist zwar Mitglied des Völkerbundes, aber sie hat natürlich mit dessen Grundsätzen nichts gemein, ja mißachtet sie. Mehr und mehr setzt sich in Berlin die Auffassung durch, daß Frankreich und England wirklich entscheidende Schritte gegen die expansive Politik Deutschlands gegen Oesterreich nicht zu unternehmen wagen. In der französischen Presse ist der Widerhall entsprechend. Die Presse der oppositionellen Rechten verlangt energisches Einschreiten, aber auch der offiziöse Temps und Zeitungen der Linken erwägen Sanktionen. dabei wohl davon aus, daß der Völkerbund höchstens eine Französische Presse fordert moralische Verurteilung Deutschlands aussprechen werde. Im Laufe der Verhandlungen aber würde Deutschland, so glaubt die Reichsregierung, Gelegenheit haben, eine Offen- ,, Le Figaro": five gegen die französische und die englische Politik zu eröffnen. Insbesondere hoffen die Nationalsozialisten, daß die Herr Hitler, der höchstselbst den deutschen Feldzug gegen Oeste..cich in Szene gesezt hat, wird grinsen und sich die Hände reiben, wenn er lieft, daß französische und englische Blätter sich darauf beschränken, den Weg nach Genf vorzu= schlagen! Er hat recht, denn dieses Verfahren würde bedenten, daß man einem wilden Tier das Maul zubindet mit einem Blatt aus dem Evang lium. Heute branchen wir teinen Richter und keinen Prediger mehr; der einzige, der Hitler zur Vernunft bringen kann, ist der Gendarm! Deutschland bricht die Verträge. Deutschland gibt sich gar keine Mühe mehr, diese Tatsache zu verhüllen. Wir lassen uns nicht täuschen. Und wir lassen uns von diesen Leuten nicht vor vollendete Entwicklungen stellen. Wir wissen, daß die österreichische Frage eine sofortige Lösung, und zwar zunächst eine ökonomische Lösung erfordert. Der erste Schlag, den wir heute gegen Hitler- Deutschland zu führen haben, ist die Pro= flamation einer französisch österreichischen Wirtschafts- Union. Diese Union hat ihre Spitze gegen Berlin zu richten. Das weitere wird folgen! " L'Echo de Paris": Man muß der Berliner Regierung zu verstehen geben, daß wir notfalls mit Waffengewalt Defterreich verteidigen werden. Nur auf diesem Wege ist es noch möglich, die Ver= schärfung der deutsch- österreichischen Beziehungen zu ver: meiden. England und Italien scheinen zu zögern. Warum zögern wir? Le Temps": Wir wollen fein Del ins Feuer gießen. Wir stellen feft: heute mehr denn je ist die Freiheit Oesterreichs die Vorauss setzung für den Frieden Europas. Herr Habicht will vor den Völkerbund. Es ist kein Zweifel, daß Dentschland in Genf feine Verurteilung erleben wird. Im übrigen aber ruft die ganze Welt hente schon nach Sanktionen, die gegen Hitlers Deutschland ergriffen werden sollen. ,, Le Petit Parisien": Die Regierung unterstüßt die Vorstöße gegen Oesterreich. Man macht dies nicht zuletzt deshalb, um die deutsche Aufmerksamkeit abzulenken von der katastrophalen Lage der deutschen Wirtschaft und um die erheb= lichen inneren Schwierigkeiten zu übertrumpfen. Die deutschen Erklärungen sind Bluff und nicht glaubwürdig. wenig von den wirklichen Zuständen im Reiche Hitlers erfahren, als in der Schweiz, und immer wieder können wir feststellen, wie versucht wird, die Wirkung von dem Regime abträglichen Nachrichten durch mehr oder weniger begeisterte Schilderungen der erwachten deutschen Nation Maschinengewehre im Arbeitslager aus der Feder von regelmäßigen oder gelegentlichen Oesterreichische Behauptungen Korrespondenten abzuschwächen. Nun haben der italienische und der deutsche Faschismus hier auch insofern ansteckend gewirkt, als sich eine Bewegung oder besser gesagt mehrere Bewegungen nach ihrem Muster gebildet haben. Sie nennen sich die Fronten". Es sind ihrer eine ganze Reihe: Eid genössische Front, die zu einem Kampfbund vereinigte Neue und Nationalfront",„ Jungbauern“,„ Nationalfozialistische Eidgenossen"," Neue Schweiz" und noch und noch einige andere mehr. Sie stehen mit einander in Konkur renz, aber die Jdeologien zeigen eine weitgehende Ueber einstimmung. Die einen betonen den Antisemitismus stärker als die andern, diese schreiben den Kampf gegen das Freimaurertum auf ihre Fahnen, das jene unberücksichtigt lassen, aber einig sind sie in dem Haß gegen den Margismus und in der Betonung des nationalen Gedankens, die hier um so eigenartiger anmutet, als die Schweiz mit ihrer Drei- oder Viersprachigkeit keine Nation im Hitlerschen Sinne darstellt. Die Fronten finden ihre Anhängerschaft genau wie das Hakenkreuz in Deutschland im Mittelstand, in der akademischen Jugend, bei den Offizieren der Reserve und so weiter. Wien, den 18. August 1933. Das Desterreichische Abendblatt", das offiziöse Organ der Heimwehren und des Majors Fey, macht genaue Angaben über die deutschen Arbeitslager und insbesondere über die südbayerischen. Die Zeitung behauptet, es gäbe über die südbayerischen. Die Zeitung behauptet, es gäbe gegenwärtig im Reich mehr als 200 Arbeitslager, in denen 254 000 junge Leute im Alter von 19 bis 25 Jahren lebten. Sie erhalten dort eine militärische Ausbildung, die täglich vier Stunden dauert. Bevor sie dort eintreten, müssen sie sich einer Eignungsprüfung und einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, die von Aerzten der Sturm: abteilungen und der Schuytstaffeln vorgenommen wird. Ueber Südbayern meldet die Zeitung der Heimwehren, daß jüngst in München ein richtiger Kriegsrat der SA. Führer stattgefunden habe. Dort wurde beschlossen, besondere Arbeitslager für die nationalsozialistischen Flüchtlinge ans Desterreich zu schaffen. Mehrere dieser Lager sind gegens wärtig nahe bei der österreichischen Grenze gebildet worden. Sie besitzen dieselbe Ordnung wie die übrigen Lager, Ihr oberster nationalsozialistischer Führer ist Helfer. Es soll annähernd 8000 Menschen in diesen Unterkünften geben. Schließlich behauptet das österreichische Abendblatt beweis sen zu können, daß es an der Grenze, gegenüber dem Bezirk von Brannan, ein österreichisches Lager gäbe, das über Maschinengewehre verfüge und dessen Stärke ausreiche, um das Inntal an dieser Stelle zu beherrschen. Die Bewaffnung der südbayrischen Lager setzt sich zusammen aus 6000 Gewehren, 4000 Karabinern, 86 leichten und 33 schweren Maschinengewehren, außerdem ans 250 000 Patronen, die auf verschies dene Depots verteilt sind. Bulgaren gegen Oberreichsanwalt ,, Es wäre für die Menschhelt eine Schande" Todoroff in den Spalten des„ Manchester Guardian" Kürzlich protestierte der bulgarische Diplomat Kosta gegen die Verfolgung seiner Landsleute Dimitroff, Popoff und Taneff, die der Mitschuld am Reichstags= Auch diese Bünde wurden bis vor kurzem selbst von den liberalen Elementen, wenn nicht mit Wohlwollen, so doch mit Nachsicht behandelt. Daß sich darin in letzter Zeit ein gewisser Wandel vollzogen hat und daß die Fronten sich genötigt sehen, nicht nur ihre Unabhängigkeit von deutschen Einflüssen zu betonen, sondern auch ihre Anhängerschaft an die Gedanken der Demokratie wenigstens brand verdächtigt werden. Ein anderer hervorragender bulin allgemeinen Redewendungen zu unterstreichen, hängt weniger mit einer wachsenden Abneigung gegen das faschistische System und seine Methoden in Deutschland zusammen, als mit der Sorge vor einer Schädigung materieller und auch ideeller Jnteressen. 3um mindesten den liberalen Kreisen geht die Art, wie in Deutschland der Antisemitismus betrieben wird, zu meit. Bei dem stark ausgeprägten Eigentumssinn des Schweizers findet er, daß sich das Vorgehen gegen Besiz und Vermögen nicht rechtfertigen läßt. Die Sache mit dem Transfermoratorium schuf wei teres Unbehagen, und die Einschränkung des Frem denverkehrs durch die bekannten Borschriften für Beamte hat nicht dazu beigetragen, das Mißvergnügen zu verringern. Gut, jedes Land soll sich die Regierungsform schaffen, die ihm beliebt, aber es soll die Nachbarn weder schädigen noch ihnen ein böses Vorbild geben. Was ferner übel vermerkt wurde, war die Politi sierung der protestantischen Kirche. Der Schweizer ist fromm, und es paßt ihm nicht, daß der Staat, der zwar die Religion erhalten soll, sich so, wie es in Deutschland geschieht, in die Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften mischt. Aber der stärkste Stoß wird der Hitlerfreundlichkeit der Eidgenossen doch durch die ungeheure Torheit versetzt, mit der die Nationalsozialisten die deutschen Schweizer als eine Art von verlorenen Söhne des Reiches behandeln, die, ob sie nun wollen oder nicht, in ihr Vaterhaus zurück kehren müßten. Da spricht ein Hamburger Blatt von den 2,86 Millionen in der Schweiz lebender„ heimatloser Deutscher". Da werden Briefe gesandt, in denen es heißt: Was Sie auch sagen mögen, die deutsche Schweiz kommt boch wieder bald zum Reich! Sieg Heil!" Da äußern sich der Völkische Beobachter" und andere Naziblätter in ähnlichem Sinne. Der Schweiz soll ihr Recht auf ein eigenes und selbständiges Staatswesen abgesprochen werden, und das ist der Punkt, an dem selbst die zum Faschismus neigenden Eidgenossen nicht mit sich spassen lassen. Wenn die sonst sehr reservierte„ Neue 3üricher Zeitung" dem Wunsch Ausdruck gibt, daß man im Reich die beunruhigende und verheerende Wir kung der ganzen Kampagne erkennen und für das Abstellen von Rundgebungen besorgt sein möge, die den normalen Beziehungen zwischen den beiden benachbarten Ländern nur abträglich sein könnten, so werden diese Worte weit über ihren liberalen Leserkreis hinaus ihr Echo finden. Allerdings wird sich die„ Neue Züricher Zeitung" und werden sich andere Blätter dem Vorwurf nicht entziehen können, daß sie durch ihre überaus milde Behandlung des Hitlertums seinen alldeutschen Ansprüchen Vorschub geleistet haben. Wären sie den Traditionen der freien" Schweiz von ehedem gefolgt, so würden sie jetzt nicht durch die Brüskierungen der Hakenkreuzler überrascht und erschreckt werden. Was aber den deutschen Nationalsozialis garischer Politiker, Alexander Obboff, hat dem Blatte jetzt einen ähnlichen Protest zugehen lassen. Obboff war Generalsekretär der bulgarischen Bauernpartei von 1908 bis 1920. 1919 wurde er Präsident des bulgarischen Parlaments. Von 1920 bis 1923 wirfte er als Landwirtschaftsminister im Kabinett Stabulinski. " Ich war stets und bin noch immer ein Feind Dimitroffs und seiner Partei," erklärt Obboff.„ Ich kenne Dimitroff persönlich. Er war Mitglied Obboff. Ich kenne Dimitroff persönlich. Er war Mitglied des bulgarischen Parlaments und Generalsekretär seiner des bulgarischen Parlaments und Generalsekretär seiner Partei. Er begann als einfacher Arbeiter und gelangte z einer hervorragenden politischen Stellung dank seiner glänzenden Gaben als Redner und Organisator. Er ist ein Fanatiker, aber vor allem auch ein Mann von großem persönlichem Mut. Mit der Sprengung der Kathedrale hatte er nichts zu tun, wie durch die gerichtliche und parlamentarische Untersuchung bewiesen wurde. Uebrigens ist er auch niemals der Mittäterschaft wirklich verdächtigt worden."( 1925 ist die Kathedrale von St. Nedelia in Sofia in die Luft gesprengt worden. Die Schuld an dem Verbrechen gab man fälschlicherweise den Kommunisten und die deutschen Behörden verFür Oesterreich Paris- London- Rom suchen glaubhaft zu machen, daß ein Zusammenhang zwischen diesem Verbrechen und dem Reichstagsbrand besteht.) " Ich halte Dimitroff für unfähig, Terroratte innerhalb wie außerhalb Bulgariens auszuführen. Terrorismus steht weder mit seinen Theorien, noch mit seinem Cha= rafter im Einklang. Ich bin ein erklärter Gegner von Dimitroff. Er und feine Partei waren stets unsere Feinde. 1923 ließ seine Partei in wohlwollender Neutralität die Regierung Tsankoff gewähren. Als diese unseren Führer, Stambulinski, tötete und wir geächtet wurden, durfte die bulgarische kommunistische Partei weiter bestehen und be= nutzte ihre Freiheit, uns hochmütig und rücksichtslos zu bekämpfen. Troßdem fühle ich mich als anständiger Mensch verpflichtet zu erklären, daß Dimitroff weder mit der Sprengung der Kathedrale noch mit dem Reichstagsbrand irgendetwas zu tun hat, und daß es für die Menschheit eine Schande wäre, wenn Deutschland, das gemeinhin als eine der zivilisiertesten Nationen Europas gilt, Methoden anwendete, die es in der Gesellschaft der Kulturländer unmöglich machen würden... Wir könen nicht begreifen, auf welche Weise Hitler und Göring auf den unglücklichen Einfall famen, Bulgaren in die Angelegenheit des Reichstagsbrandes und in das kommende schändliche Gerichtsverfahren hineinzuziehen, nur weil sie Kommunisten sind. Das bulgarische Volk hat eine solche Behandlung nicht verdient..." Nach Dachau 35 Nürnberger Kommunisten festgenommen Heroldsbergerweg fand die politische Polizei eine DrudNürnberg, 19. Aug.( Eig. Meldg.) In einem Anwesen am maschine sowie umfangreiches kommunistisches Schriftenmaterial. Im Zusammenhang hiermit wurden fünf Personen verhaftet. Ferner wurden, wie der Fränkische Kurier" meldet, 30 Funktionäre des fommunistischen Jugendverbandes, der eine außerordentliche Attivität bekundete, festgenommen und in das Konzentrationslager nach Dachau eingeliefert. Der größte Teil der kommunistischen Führer Bayerns ist nunmehr unschädlich" gemacht. Paris, 19. Aug.( Eig. Meldg.) Der öffiziöse" Petit Parifien will berichten können, daß sich in dem Meinungs austausch zwischen Paris, London und Rom über die öfterreichisch deutsche Spannung eine gemeinsame Linie ergeben habe. Ein endgültiger Beschluß sei zwar noch nicht gefaßt, doch denke man an eine sofortige wirtschaftliche und finanzielle Aktion zugunsten Oesters reich 8. Das Blatt begründet diesen Verzicht auf weiter: sehende Absichten mit der Erwägung, daß man im gegens wärtigen Augenblick nicht versuchen dürfe, fich mit ehrgeizigen Plänen für eine Neuordnung in Mitteleuropa zu beschäf= Plänen für eine Reuordnung in Mitteleuropa zu beschäfs Drei SA.- Leute erschossen tigen. Das würde zu viel Zeit beanspruchen und sicher aller= hand Befürchtungen( gemeint ist wohl die Rivalität der Großmächte) auslösen. Selbst wenn die in Aussicht genom mene schnelle wirksame Unterstüßung für Oesterreich eine behelfsmäßige Maßnahme sei, würde sie dennoch dem öfterreichischen Volt nicht nur beweisen, daß es die mora= lische Unterstützung der Großmächte habe, sondern auch, daß diese ebenso wie die Kleine Lebensfähig zu machen. Damit würde Oesterreich das Entente fet entfchloffen feien, Desterreich Bertrauen in die Zukunft und zu sich selbst wiedergegeben werden. Es gäbe, so fügt das Blatt wie zur Entschuldigung vor der immer noch auf hochpolitische Aktionen vorbereiteten französischen Oeffentlichkeit hinzu, tein besseres Mittel, gleichzeitig die Autorität der Regierung Dollfuß zu festigen und zu stärken. mus felber betrifft, so kann auch an diesem Beispiel nur Stalin und Mussolini wieder festgestellt werden, wie fabelhaft er es versteht, nicht nur die großen, sondern auch die kleinen Staaten vor den Kopf zu stoßen und sich auf diese Weise von aller Welt zu isolieren. Das Neueste Freitag nachmittag geriet die Nacht des Unterstaatsjefretärs Patenortre 150 Meter von der der franz. Mittelmeerküfte vorgelagerten Insel St. Honorat entfernt plöglich in Brand. Unterstaatssekretär Patenotre, seine Gattin und 14 Gäfte mußten, da die Löschversuche unwirksam blieben, ins Meer springen und konnten durch Schwimmen wohlbehalten die Insel erreichen. Inzwischen war die Yacht, die erst 1931 erbaut worden war, durch die Explosion von Brennstoffen auseinandergebrochen und gesunken. In der Provinz Sevilla ist, wie der„ Matin" ans Madrid meldet, der Präventivzustand" verhängt worden, der als Vorstufe des Belagerungszustandes gilt. Wieder holte bewaffnete Attentate und eine gewisse Gärung unter der Arbeiterbevölkerung, die von extremistischen Elementen ge= schürt werde, haben diese Maßnahme notwendig gemad. Be: reits im Laufe der vergangenen Nacht seien zahlreiche Ver: haftungen vorgenommen worden. * Das Schiedsgericht in Kopenhagen verurteilte die Arbeitsverbände von Nakskov und Nyborg wegen Verwei gerung von Ladearbeiten für deutsche Schiffe au 400 bzw. 800 Kronen Geldstrafe. In den Bernina- Alpen sind am Donnerstag vier eng lische Touristen tödlich abgestürzt. Rußland beeilt sich, Gewinner der verfehlten Außenpolitik der deutschen Reichsregierung zu werden. Die Sowjetpolitik breitet ein fast lückenloses Neg von wirtschaftlichen und polis tischen Freundschaftsabkommen zwischen Rußland und ande rc Staaten über Europa. Nun wird auch ein italienischsowjetruffischer Nichtangriffspakt abgeschlossen. 3talien geht bei diesem Vertrag von wirtschaftlichen Interessen aus. Kein Brief Brünings? Vor mehr als einer Woche brachte eine holländische Zeitung den Wortlaut eines vor Hitler warnenden Briefes, den der frühere Reichskanzler Brüning an den Vatikan geschrieben haben soll. Auch wir haben den wesentlichen Inhalt des Briefes übernommen. Brüning hat zunächst geschwiegen. Nachdem aber nun der Völkische Beobachter" Brüning auffordert, Stellung zu nehmen, teilt dieser der Presse mit, daß er den in Frage stehenden Brief nicht geschrieben. Das Dementi kommt mit einer auffallenden Verspätung. Der neue Kurs Eingriffe in die Wirtschaft werden nicht geduldet Weimar, 19. Ang. Wie die Pressestelle des thüringischen Staatsministeriums mitteilt, hat sich das thüringische Staatsministerium des Innern veranlaßt gesehen, um Störungen in der Wirtschaft, insbesondere in den Kaliwerken Nordthüringens, vorzubeugen, und derartige Versuche von vorn herein im Reime zu erstiden, den Kreisleiter der NSBO. in Sondershausen vorerst in Schutz: haft zu nehmen. Hamburg, 18. August 1933. In den Morgenstunden wurden in den Alfter- Anlagen in Hamburg die Leichen von drei SA.- Leuten aufgefunden. Die drei Toten weisen jeder mehrere Schußwunden auf. Irgendwelche Anhaltspunkte über die Täter sind nicht vorhanden. Bombenattentat auf jüdisches Bankhaus Frankfurt a. M., 18. August 1988. Auf das weltbekannte Privatbankhaus Lazard SpeyerEllison in Frankfurt a. M., das in der Taunusanlage unweit des französischen Konsulats über ausgedehnte Büroräume verfügt, ist in der vergangenen Nacht ein Bomben attentat versucht worden. Durch die Aufmerksamkeit des Wachpersonals wurde der Anschlag vereitelt. Von den Tätern fehlt jede Spur. Die Anwohner wollen während der letzten Zeit des öfteren SA.- Leute gesehen haben, die sich in der Nähe des Hauses herumtrieben. Göbbels- Wellen Auf der Deutschen Funkausstellung Göbbels, Schirmherr des deutschen Rundfunks, hat int Berlin zur Eröffnung der deutschen Funkausstellung eine Rede gehalten. Er führte seine deutsche Welle in Unfreiheit di essiert vor und erging sich in der durchaus glaubhaften Beteuerung, daß der deutsche Rundfunk ein Instrument der Nationalsozialistischen Partei sei und bleibe. Er hatte recht mit der Bemerkung, daß man früher die Bedeutung des Rundfunks auch nicht annähernd zu erkennen und einzu schätzen vermocht habe. Göbbels bekennt offen, daß der Nationalsozialismus von Anfang an den Rundfunk zur Er oberung und Ausnutung der Macht mit benutzt habe, ja, ohne ihn wäre beides in dieser Form überhaupt nicht denkbar gewesen! Um diese Kernsäße der Bret des Göbbelsschen Redeſchaums, den dieser nicht untalentierte Werbefachmann noch im Schlafe in beliebigen Mengen reproduziert. mitten brin etwas Handfestes: ein Fußtritt für die Rundfunkleute, die man ins Konzentrationslager geschleppt hat. Brausender Beifall" verzeichnet der offizielle Bericht. Hinter Göbbels Itef ein junger Mann her: sein Adjutant, Prinz von Schaumburg- Lippe. Die großen und fleinen Despoten des braunen Despoten lassen sich mit Vorliebe von Krönchen und Sternchen umranken. Angeklagte Ankläger ,, Auf der Flucht erschossen' Man schreibt uns: schwedischen Rechtsanwalt Branting und an den französischen Dichter Romain Rolland Briefe gerichtet, in denen er sie in höflicher Weise auffordert, ihm das Material über den Reichstagsbrand zur Verfügung zu stellen, das sie nach ihren eigenen öffentlichen Erklärungen besäßen. Diesen Donnerstag verbreitet das offiziöse Wolffsche Telegrafenbüro eine Auslassung der ebenfalls offiziosen Deutschen Diplomatisch- Politischen Korrespondenz, die den Schachzug der Leipziger Anklagebehörde richtig verstehen lehrt. Der Oberreichsanwalt hat vor einer Woche an der Vier Worte, die in die Geschichte eingehen werden Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht die Worte„ Auf„ Dabei wurde er"... richtenbüros entgegengrinsen. Man will die Welt glauben der Flucht erschossen" aus dem Material der amtlichen In Wahrheit liegt in fast allen Fällen überdachter Mord vor, machen, als habe sich ein einigermaßen legaler Akt vollzogen. den Haß und Rach vertierter und verhetter Leute diktieren „ Auf der Flucht erschossen: es ist eine blutige Wegspur, von wenn nicht ein Geheimbefehl ihrer Vorgesetzten vorlag. der Ermordung Liebknechts und Rosa Luxemburgs angefangen zu Fechenbach, von den Mechterstädter Morden der Studenten von Marburg bis zur feigen Erschießung von Proletariern durch die SA. Zunächst ist festzustellen, daß die absichtsvoll naive Art des Oberreichsanwalts, Branting und Rolland um ihr Material zu bitten, nicht wenig schamIos ist. Denn diese beiden hervorragenden Ausländer haben ihre Ueberzeugung nicht verleugnet, daß sie die gerichtliche Verfolgung der angeblichen Brandstifter für eine Komödie halten, die nur durch die feige Knechtsgesinnung der Behörden ermöglicht werde. Daß der Oberreichsanwalt in erster Linie zu den Schergen der Regierung gezählt wird, ist ganz selbstverständlich. Wenn Branting und Rolland dies alles auch nicht mit ausdrücklichen Worten gesagt haben, so bekundeten sie ihre Meinungen durch ihre Handlungen um so deutlicher. Der Oberreichsanwalt gibt sich den Anschein, als ob er nicht gemerkt habe, daß beide Männer in Uebereinstimmung mit beinahe der ganzen Welt ihn als ein schwerer zu qualifizierendes Werkzeug der Hitler- Tyrannei betrachten, dem man alles andere zutrauf, als eine objektive Prüfung des Materials. Er wagt es aber nicht, der tödlichen Beleidigung Troß zu bieten, sondern zieht es vor, die moralischen Ohrfeigen nicht zu fühlen und mit eiserner Stirne den Harm Tosenzuspielen. Die üble Laune der deutschen Regierung und ihrer Schergen über die jämmerliche Rolle, die sie in der Angelegenheit des Reichstagsbrandes spielen, entlädt sich aber ziemlich ungehemmt in der offiziösen Deutschen Diplo matisch- Politischen Korrespondenz. Diese schielt be= wußt an den wichtigsten Tatsachen vorbei, um die Prügelknaben des dritten Reiches" anschwärzen zu können. Natürlich sind es wieder die Marxisten und Juden, die aus dem Reichstagsbrand eine„ Greuelhezze" machen. Vor allem im Saargebiet müßten sich die deutschen Bewohner viel gefallen lassen.„ Dort und anderswo," heißt es,„ feiert die zügellose Heypropaganda um den Reichstagsbrand noch täglich ihre widerlichen Orgien, und es wird immer schwerer, an die Aufrichtigkeit derjenigen Personen zu glauben, die sich als » sachverständige Mitglieder" eines„ gerichtsähnlich aufgezogenen Untersuchungsausschusses" mit selbstgeschaffenen Befugnissen mißbrauchen lassen..." Es mag noch einige närrische Dummköpfe geben, auf die diese schwülstige Sprache Eindruck macht. Aber wie liegen die Dinge in Wirklichkeit? Seit Monaten veröffentlicht die Weltpresse Tatsachen und Dokumente, welche die Reichsregierung auf die überzeugendste Weise der Urheberschaftam Reichstagsbrand verdächtigen. Die angesehenſten Zeitungen der zivilisierten Länder scheuen sich nicht, bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck zu bringen, daß ihr Verdacht sich zur festen Ueberzeugung verdichtet hat. Die Ursache ist nicht Deutschenhaß, nicht Feindschaft gegen die Nationalsozialisten und überhaupt keinerlei Vorurteil, sondern einzig und allein das Verhalten der deutschen Regierung und Behörden. Sie hat bis zum heutigen Tage nicht eine einzige sachliche Widerlegung versucht, sondern das Urteil der Welt einfach als das Produkt der„ Greuelhezze" hingestellt. Als ob die paar Tausend Emigranten stärker wären als Herr Göbbels mit seinem vielen Geld, seinen Radiostationen und seinen unzähligen Zeitungen! Wieviel Geist und Stärke müßten die paar oppositionellen deutschen Blätter des Auslandes und des Saargebietes besitzen, um den Reichspropagandaminister schlagen zu können! In Wahrheit sind sie aber fast ohne Einfluß auf die moralische Isolierung Hitler- Deutschlands. Es ist nur das Uebermaß an Verlogenheit der deutschen Propaganda, das sie jeder Wirkung beraubt. Man will vor der Welt das Gesicht wahren. Aber die Welt glaubt den Nachrichten Hitler- Deutschlands längst nichts mehr. Sie sieht das deutsche Volk wehrlos in den Händen brutaler und gemeiner Henkersknechte, deren Schandtaten von den Führern gedeckt und also gewollt sind, aber dreist abgeleugnet werden. Wanne Eidel, den 18. August 1933. Verdacht" stand, an der„ Ermordung des SA.- Scharführers Der Kommunist Wilhelm Talared, der im„ dringenden Wilhelm Koziolet aus Wanne- Eickel beteiligt gewefen zu sein, versuchte sich seiner Festnahme in der vergangenen Nacht durch die Flucht zu entziehen. Dabei wurde er er= schossen." Der als Mittäter" überführte Kommunist Albert Bohn unternahm bei seiner Festnahme ebenfalls einen Fluchtvers such. Er wurde von zwei Schüssen getroffen. Bohn hat be= reits ein Geständnis abgelegt, Im Konzentrationslager Erfurt sind, wie hier aus sicherer Quelle bekannt wurde, fünf Antifaschisten, Ries, Senthof, Schapiro, Bartels und Marschall auf Anweisung des Polizeipräsidenten von Fichte nach schweren Mißhandlungen ers mordet worden. Wer war Horst Wessel? Ein verbummelter Student Vor dem Anschlagbrett der sozialistischen Studenten in der Berliner Friedrich- Wilhelm- Universität standen in der großen Vormittagspause um 11 Uhr wie stets um diese Zeit sozialdemokratische, kommunistische und nationalsozialistische Studenten in reger Diskussion, d. H. die rationalsozialistischen Studenten waren in diesen Diskussionen recht passiv, nur mühsam konnten sie den Argumenten ihrer politischen Gegner gegenüber irgendwelche Gegenarguniente geltend machen. Mit einemmal zog sich ein junger nationalsozialistischer Student das Jacket aus, entblößte einen Arm und rief in die erregt debattierende Menge hinein:„ Hört endlich mit Eurem Geschwafel auf, ein Nationalsozialist diskutiert nicht, hier sind Narben von Reichsbanner- und Rotfrontleuten; in einer anständigen Keilerei, da zeigt sich, wer Weltanschauung hat." Ueber soviel Weisheit erstaunt, fragte ich einen der führenden nationalsozialistischen Studenten, der nebenbei bemerkt heute der Otto- Straßer- Gruppe angehört, er hatte nohl etwas zu viel diskutiert, nach dem Namen des Raufboldes. Er nannte ihn mir: Horst Wessel. Horst Wessel hat die Hörsäle der Alma Mater nur vom Hören- Sagen kennen gelernt, sein Tätigkeitsgebiet war die Straße. Auf der Straße tobte er sich mit seinen SA.- Leuten aus er war der Führer von Sturm 5. In wechselndem Von Germanicus schaft im Bett entlocken ließ, zu der auch ein arbeitsloser, aus dem RFB. nach etwa dreimonatiger Zugehörigkeit ausgeschlossener Prolet gehörte, der in der Mulak- und Grenadierstraße auf den schönen Spitznamen Ali hörte. Ali fühlte sich vernachlässigt und sann auf Rache an Horst Wessel, den er schließlich in der Wohnung der Dirne überraschte. Hier kam es wie der Polizeibericht hieß zu einem heftigen Wortwechsel zwischen den drei Personen, in dessen Verlauf Ali das Mädchen niederschlug und auf Horst Wessel mehrere Schüsse abfeuerte. Horst Wessel mußte ins Krankenhaus transportiert werden, wo er einige Wochen später seinen Wunden erlag. Ein deklassierter Prolet hatte seinen vornehmen Nebenbuhler aus der Welt geschafft. Damit wäre die Geschichte von Horst Wessel zu Ende, wenn, ja wenn nicht der heutige Propagandaminister Deutschlands, Herr Josef Göbbels, schon damals Propaganda geschoben hätte. Göbbels ging zu Horst Wessel ins Krankenhaus, schwur im„ Angriff"" Treue um Treue" und verstand es, das Leichenbegängnis für Horst Wessel zu einer großen Parteidemonstration der NSDAP. für ihren gefallenen Märtyrer" auszunüßen. Einer Demonstration, die allerdings einen herben Beigeschmack hatte. KPD.- Leute, aufgebracht darüber, daß der nationalsozialistische Zug an ihrem Parteihaus vorbeiziehen sollte, hatten sämtliche Häuserwände der chlachtenglück, hauptsächlich mit Rotfrontlern aus der zum Kirchhof führenden Straßen, selbst die Kirchhofmauern, Gegend des Bülowplates, hatte sich Horst Wessel seine Narben geholt. Sturm 5 war dadurch ausgezeichnet, daß in ihm eine Reihe großenteils wegen Unterschlagung oder Disziplinbruches ausgeschlossene frühere Kommunisten waren. Horst Wessel hatte sie alle um sich zu sammeln gewußt. Von ihnen lernte er die kommunistischen Lieder und Parolen, die er einfach zusammenstellte, umfärbte und dann sein Lied" nannte:„ Die Straße frei den roten Bataillonen" aus den roten wurden eben braune gemacht. Von seinen Helfershelfern versprach er sich interne Nachrichten über die Kommunistische Partei; sie waren seine tapfersten Helfershelfer, wenn es auf Arbeiterlokale losging, wenn FeuerUeberfall auf Proleten kommandiert wurde. Mordsturm 5 mar berüchtigt. Auf der Straße aber fand Horst Wessel auch seine Freundin, eine gewöhnliche Prostituierte rund um den Alexanderplat". Sie hatte zwar noch andere Freunde- das gehörte zu ihrem Beruf aber Horst Wessel war ihr liebster, ein Student aus bürgerlicher Familie, der stramme Führer des Sturms 5 der St. Von ihr erfuhr Horst Wessel die Zusammenfünfte des Roten- Frontkämpfer- Bundes und manche Internas, die sie der meist kommunistisch eingestellten Kundmit der Inschrift versehen:„ Der Zuhälter Horst Wessel tritt seinen letzten Gang an." So wenig geschmackvoll das war, der Reford an Geschmacklosigkeit muß denen zugesprochen werden, die diesen Horst Wessel zum Märtyrer, zum Helden des 3. Reichs, sein" Lied zur Nationalhymne Deutschlands gemacht haben. Auf dem Bülowplatz steht das kommunistische Parteihaus, Karl- Liebknecht- Haus, nach dem Vorkämpfer des Spartakusbundes genannt. Es heißt heute Horst- Wessel- Haus. Der Name eines Raufboldes und Zuhälters an Stelle des Namens des heimtückisch von Subjekten wie Horst Wessel ermordeten Heroen der Weltarbeiterschaft, des Sozialismus. Horst- Wessel- Film, Horst- Wessel- Straße, Horst- Wessel- Bigarette; Zuhälter und Raufbolde Deutschlands, ihr genießẞt eine bedeutsame Gegenwart. Wie lange noch, und die Partei, die das Denkmal Ludwig Franks zerstörte, die den Leichnam Kurt Eisners aus dem Grabe riß, die Mord und Barbarei auf ihre Fahne ge= schrieben, wie lange noch, und diese Nationalsozialistische Partei wird den Mördern von Potempa, den„ lieben Kameraden" des Reichskanzlers, Feste feiern, Filme und Statuen weihen? Keine anständige Zeitung in der ganzen Welt hat auch arafenbund Gabelsberger, der ſeit 1868 befteht, hat einen Ein muliger Kaplan! nur zehn Zeilen geschrieben, um die Schuld der Hitlers nur zehn Zeilen geschrieben, um die Unschuld der Hitlergeblichen Brandstifter darzustellen. Die Höchstleistung, die Göbbels von einem fremden Zeitungsverlag erkaufen kann, ist Schweigen. Und das ist ein jämmerliches Ergebnis, wenn täglich angesehene und untadelige Zeitungen die Hitlerdiktatur der Brandstiftung anklagen. Die Reichsregierung hat wohl die Macht, unschuldige Menschen durch ihre Schergen in den Kerker zu schicken, aber dieses Verbrechen trägt nur dazu bei, das Urteil zu verschärfen, das die Mitwelt und Nachwelt über sie fällen wird. Ja, sie fizzen auf der Anklagebank, die Hitler, Göring, Göbbels und ihre feigen Knechte. Ihre Verteidigung ist jämmerlich ungeschickt. Sie heucheln peinlich und schimpfen gleichzeitig unflätig: Ein dugendmal haben sie ihre Taktik schon geändert und immer noch sind sie auf der Suche nach neuen Ausflüchten, Verneblungen und Fälschungen. Es gilt, sie an dem Versuch zu hindern, sich mit dem Blut von Unschuldigen reinzu waschen. Blicke ins Braune Der stellvertretende Gauleiter der NSDAP. Berlin erläßt ein Rundschreiben, in dem er auch ältere Parteigenossen und Amtswalter, die ohne jeden Grund Kritik an der Partei und ihren Führern üben", mit 3uchthausstrafen bedroht. Jeder, der kritische Aeußerungen hört, hat sie sofort zu mel den und wird bestraft, wenn er die Meldung unterläßt. * Der preußische Ministerpräsident Göring, der die BeAnadigung verurteilter Kommunisten ablehnte, hat zwei gemeine Kriminalverbrecher, die zum Tode verurteilt waren, einen schlesischen Gendarmen, der seine Geliebte vergiftet hatte und einen Mörder in Koblenz, zu 15 Jahren Zuchthaus begnadigt. Der nationalsozialistische Lehrerbund hat alle stenogra: fischen Systemvertretungen aufgefordert, sich aufzulösen, weil nur die Reichskurzschrift zulässig sei. Der deutsche Stenos außerordentlichen Bundestag nach Halle einberufen und sich dort aufgelöst. Er wird freigesprochen Vor dem Sondergericht in Düsseldorf harte fich in diesen Raffeämter verboten ist.(!) Es wird amtlich mitgeteilt, daß die Gründung privater Tagen der 29 Jahre alte Kaplan Adam von Kann aus Leverkusen- Maufort wegen beschimpfender Aeußerungen zu verantworten, die er am Tage nach dem großen Schla= geter- Rummel in der Religionsstunde gemacht hatte. ** In wie schnellem Tempo die Aufstellung einer illegalen Armee in Deutschland vor sich geht, erkennt man nur aus gelegentlichen Lokalnotizen. Der Dortmunder Generalanzeiger" meldet beispielsweise aus Capelle:„ Boreinigen Tagen konnte die Gründung der SA.- Re= serve und des SA. Reitersturmes vollzogen werden." Solche Gründungen geschehen täglich an allen Orten. Die nationalsozialistischen Kraftfahrabteilungen und sämt: liche deutsche Automobilklubs veranstalten eine„ Ostland treuefahrt" aus ganz Deutschland nach Ostpreußen. Die Fahrt sollte durch den Polnischen Korridor gehen. Anscheinend macht Polen Schwierigkeiten, und es wird jetzt von deutscher Seite mit erfrischender Offenheit bekannt gegeben, daß die Kraft: fahrabteilung der Reichswehr und die Gruppenstaffeln der Motor- SA, auf dem Seewege nach Königsberg und Pillan gebracht werden sollen. * Das fächsische Justizminifterium gibt bekannt, daß der Scharfrichter Alwin Engelhardt in Schmölln für das Land Sachsen zur Vollstreckung von Todesurteilen für die Zufunft verpflichtet worden ist. Der beamtete Senter foll nicht im Stück: John arbeiten, sondern gegen festes Gehalt morden. Eine amtliche Mitteilung besagt:„ Den verschiedenen Fluchts versuchen der letzten Zeit aus dem Lager Dachan wird jetzt durch nene Sicherungsmaßnahmen die Möglichkeit einer Wiederholung genommen. Dreifacher Stacheldraht, welcher nachts mit Strom geladen ist, kugelsichere Betonschießtürme mit Maschinengewehren versehen, werden unüberwindliche Hindernisse bilden." Die Lagerverwaltung nimmt offenbar an, daß die immer wieder „ auf der Flucht" erschossenen Gefangenen mit Maschinen: gewehren versehen sind, um die„ armen, unbewaffneten SS.. Lente" hinterrüds massakrieren zu können. Wie sich in der Verhandlung ergab, stellte der Kaplan in der fraglichen Religionsstunde einige seiner Schüler zur Rede, die Sonntags in der Kirche gefehlt hatten. Als die Kinder zur Entschuldigung anführten, sie hätten in Düssel= dorf an der Schlageterfeier teilgenommen, erklärte der mus tige Lehrer, daß das kein Grund sei, den Kirchenbesuch zu ver= nachlässigen. Wenn Hitler sie zum Teufel führe, so erklärte der Kaplan der Anklage zufolge, dann sollten sie aus dieser Bewegung austreten. Hitler folle sich nur fein christliches Mäntelchen umhängen; inners lich sei er doch ganz anders! Obwohl fünf Schüler( die Denunzianten) auftraten und obwohl ein nationalsozialistischer Lehrer als Reuge sich die größte Mühe gab, die Glaubwürdigkeit der Kinder zu be= weifen, baute das Gericht dem Angeklagten goldene Brücken. Obwohl der Angeklagte erklärte, er habe den Eindruck ge= habt und geäußert, die Kinder seien bewußt vom Gottes: dienst ferngehalten worden und obwohl dieser mutige Ans geklagte selbst vor den Schranken des Sondergerichts dabei blieb, weder die Eltern noch Hitler oder sonstwer aus der Bewegung dürfe die Kinder zum Teufel" führen, kam das Sondergericht zu einem Freispruch. Dieser Freispruch ist um so interessanter, als der Kaplan von der Untersuchungsbehörde für einige Zeit wegen dieses Borfalls sogar in Untersuchungshaft genommen worden war. Nichts fönnte beifer die Stimmung weite= fter fatholischer Kreise im Reich zeigen, als dieses Urteil des Sondergerichts in einem fast ganz katholischen Bezirt. „ Verbotene Schriften" Ein Freund der ,, Deutschen Freiheit" verhaftet An der Grenzstelle Weil am Rhein wurde ein Schweizer wegen„ Einfuhr verbotener Schriften" festgenommen. Er trug die zur Einfuhr verbotene„ Deutsche Freiheit" vou Saarbrücken bei sich. Was cinc cinzige deutsche Zeitung meldet.... Da sind wirklich..Grcuclmeldungen" nicht nötig Innerhalb vierzehn Tagen 135 Verurteilungen zu 80 Jahren Gefängnis, 180 Jahren Zuchthaus 14 Todesurteile. " Immer wieder ergibt sich die Notwendigkeit des Zusammentrittes des Braunschweiger Sondergerichtes, weil sich noch viele Menschen in Deutschland nicht mit der Neuordnung des Reiches abfinden können. Solange noch solche Feinde des Volkes die Ruhe und Ordnung im Reich stören, solange werden die Sondergerichte diese Menschen aburteilen müssen. Daß im Laufe der Zeit die Strafen an Härte zunehmen müssen, bedarf weiter keiner Begründung. Die Strafen müssen abschreckend wirken, eher können Verleumdung und Terror nicht ausgerottet werden." So leitet das Braunschweiger Faschistenorgan seine Berichte über das grauenhafte Wüten der Justizbestie ein. Nachstehend veröffentlichen wir einen Auszug aus diesen Berichten von vierzehn Tagen. Multipliziert man diesen Auszug mit den tausenden in Deutschland erscheinenden Zeitungen, so erhält man ein Gesamtbild, das die wahre Lage in Deutschland zeigt: Der 28jährige Bürstenmacher Willi Kolros aus Wolfenbüttel hat gesagt, Hitler wäre eigentlich ein Ausländer, da er in der Tschechoslowakei geboren sei. Der Staatsanwalt bezeichnete diese Aeußerung als„ niederträchtig und schmutzig", so daß Milde nicht am Plaze sei. Er beantragte eine Gefängnisstrafe von einem Jahre und drei Monaten. Das Gericht verhängte diese Strafe. Der 37jährige Arbeiter Gustav Häußler aus Gliesmarode hatte einige Sprengkapseln im Besitz, die er am 29. März wegwarf, um sie loszuwerden. Er erhielt ein Jahr und sechs Monate Zuchthaus und Polizeiaufsicht. Wegen Teilnahme an einer verbotenen Versammlung, die am 14. März stattgefunden hatte, wurden der Arbeiter Franz Klomberg zu acht Monaten, der Schlosser Otto Kallmeier zu acht Monaten, der Arbeiter Paul Baber zu sechs Monaten, die Ehefrau Hedwig Winnig, der Schmied Richard Bendler, die Ehefrau Marie Wohlfahrt, der Bergmann Konrad Rapp, der Schlosser Wilhelm Kipper, der Schmied Ernst Skrypzak, der Kutscher Bernhard Wiefert, der Schmied Karl Menge und der Arbeiter Ernst Nilson zu je sechs Monaten, der Schmied Wilhelm Wilsenack zu acht Monaten und der Schlosser Josef Bernhard zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Alle Verurteilten stammen aus Blankenburg am Harz. Außerdem wurden die oben Genannten Baber, Klomberg, Kipper, Wohlfahrt und Strug in einer zweiten Verhandlung wegen Verbreitung von Flugschriften verurteilt, die sich mit der Reichstagsbrandstiftung beschäftigten. Das Gericht verurteilte wegen Vorbereitung zum Hochverrat" Baber zu zwei Jahren und drei Monaten, Klomberg, Ripper und Frau Wohlfahrt zu je zwei Jahren, und Struzz zu einem Jahre und sechs Monaten Gefängnis. Wegen des gleichen Delifts wurden der Zimmerpolier Hugo Oschmann und der Maschinenformer Otto Eizze zu einem Jahr sechs Monaten, die Ehefrau Frieda Kallmeier und die Ehefrau Auguste Struß zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Mittwoch, den 26. Juli, wurde in Braunschweig gegen achtzehn Arbeiter verhandelt, die nach langem Verhör gestanden, gegen die Regierung gerichtete Druckschriften ge= lesen und nach Kenntnisnahme verbrannt zu haben. Das Gericht verurteilte sie zu Gefängnisstrafen von sechs Wochen bis zu einem Jahre und sieben Monaten. Freitag darauf hatten sich acht Arbeiter wegen Verbreitung von Flugschriften zu verantworten. Sie wurden zu Ge= fängnisstrafen von sechs Wochen bis zu zehn Monaten verurteilt. Am nächsten Tage standen vier Arbeiter, unter ihnen zwei Frauen, vor demselben Gericht. Einer der Angeklagten erhielt vier Jahre und sechs Monate, die beiden Frauen je sechs Wochen und der vierte Angeklagte vier Monate Gefängnis. Die Verurteilung erfolgte ebenfalls wegen Verurteilung von Flugschriften. Einen Tag später wurden aus dem gleichen Grund ein Arbeiter zu fünf und einer zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Der 38jährige Metallschleifer Franz Reinecke soll gesagt haben, in Hannover seien tausend Mann in Streif getreten. ..Fröhlich Pfalz" Wie die SA. hauste Erst jetzt wird uns folgender Fall aus der bes kannt. Wir veröffentlichen ihn ohne Ortsangabe. Ort und Namen sind uns aber bekannt: In der Nacht vom 25. zum 26. Juni wurden sich nach reichlicher Einnahme alkoholischer Getränke 10 bis 15 uniformierte SA.- Leute selbstverständlich schwerbewaffnet ihrer Staatsgewalt" bewußt und beschlossen, wieder einmal aktiv" zu werden. Sie drangen bei fünf Familien, deren Väter als Republikaner verschrien waren, des Nachts um einhalb drei Uhr in die Wohnungen, um dieje Staatsfeinde" wieder einmal zu verhaften. In einem Hause schlugen sie im Schlafzimmer eines Mädchens die Fensterscheiben ein, daß die Glassplitter bis in das nächste Zimmer flogen, randalierten mit Gummifnüppeln und dergleichen an der Haustür und versuchten einzudringen. Das Mädchen flüchtete durch ein anderes Fenster auf die Straße, wo sie um Hilfe und nach der Polizei schrie. Die SA.- Leute bedrohten sie mit den Gummiknüppeln und brüllten:„ Wir sind selbst Polizei!" Ein Mitbewohner dieses Hauses, durch den Lärm aus dem Schlafe geweckt, tam und fragte, was los set. Unter ständis Der Angeklagte bestritt diese Aeußerung. Der Staatsanwalt beantragte trotzdem eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, da dem Angeflagten zuzu trauen sei, daß er diese Aeußerung getan habe, um die nationale Regierung in Mißkredit zu bringen. Das Braunschweiger Sondergericht fällte dieses Urteil mit der Begründung, daß alles getan werden müsse, um der nationalen Regierung das unbedingt notwendige Vertrauen zu schaffen. Der 33jährige Arbeiter Paul Fröhlich hat sich am 20. Mai mit Bekannten über den Reichstagsbrand unterhalten. Er meinte, daß der wirkliche Täter sicherlich eine Belohnung erhalten habe oder erhalten werde. Das Gericht kam zu dem scharfsinnigen Schluß, daß der Angeklagte damit nur Angehörige der NSDAP. gemeint haben konnte. Es verurteilte Fröhlich zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren. Der 52jährige Büroangestellte Albert Rothe hatte geäußert, die Regierung Hitler käme bald in große Schwierigkeiten. In einem astrologischen Kalender habe gestanden, daß das jetzige System an diesen Schwierigkeiten zugrunde gehen würde. Er mußte seinen Glauben an die Astrologie mit einem Jahr und neun Monaten Gefängnis büßen. Die Witwe Berta Mente aus Blankenburg hatte in„ vertrautem" Kreise davon erzählt, daß Deutschland sechs Milliarden neuer Schulden gemacht habe. Die bedauernswerte alte Frau muß für diese Mitteilung. auf drei Monate ins Gefängnis. Der 54 Jahre alte Maurer Adolf Otte aus Wolfenbüttel hat über die Rundfunkrede Hitlers mißgünstige Bemerfungen" gemacht. Dafür verurteilte ihn das Gericht zu einem Jahr Gefängnis. Die jugendlichen Arbeiter Frizz Dietrich, Franz Hahn, Heinz Timpe, Walter Brudert, Gustav Sippelt, Gustav Haupt, Helmut Pape, Hermann Schnele, Walter Bley, Rudi Dörges und Sophie Pläß aus Braunschweig haben an Zäunen und Häusern Inschriften angebracht, die sich gegen die Nationalsozialisten richteten. Der älteste Angeklagte zählt 23 Jahre, die drei jüngsten weniger als 18 Jahre. Drei Angeklagte erhielten ein Jahr und drei Monate, einer fünf Monate und alle übrigen ein Jahr Gefängnis. Der Gausekretär des Reichsbanners in Braunschweig, Ernst Lehnig, war von SA.- Leuten verhaftet worden und versuchte zu fliehen. Deshalb wurde er zu se ch 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Vier jüdische Einwohner, die versuchten, Lehnich bei seiner Flucht behilflich zu sein, verurteilte man zu Gefängnisstrafen von zwei bis sieben Monaten. Neun Arbeiter einer braunschweigischen Maschinenfabrik ( Miag) hatten marxistische Flugschriften in ihrem Besitz. Der Staatsanwalt beantragte aus erzieherischen Gründen Ge= fängnisstrafen von einem bis zu vier Monaten. Das Gericht fällte die gewünschten Urteile. In dem Dorfe Lutter am Barenberg wollte die SA, im März auf einem fremden Grundstück eine Hakenkreuzfahne hissen. Der auf diesem Grundstück wohnende Arbeiter Wilhelm Gintrowski„ benahm sich gegenüber den Nationalsozialisten herausfordernd. Er hatte dabei die Hände in den Taschen, was darauf schließen ließ, daß er eine Waffe bei sich trug". Die SA.- Leute versuchten nun, ihn in ihre Gewalt zu bekommen, aber Gintrowski wehrte sich. Sein Großvater und seine Frau Marie Gintrowski halfen ihm bei der Gegenwehr. Gintrowski wurde zu sieben Monaten, sein alter Großvater ebenfalls zu sieben Monaten und Marie Gintrowski zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. In Osterode am Harz wurden die Arbeiter Däcke und Treichel sowie weitere vier Arbeiter wegen„ Verbreitung hochverräterischer Schriften" zu Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren verurteilt. In Halberstadt erhielt der Arbeiter Wilhelm Franke wegen Verbreitung einer margistischen Druckschrift drei Monate Gefängnis. In Göttingen wurden sieben Marxisten wegen Herstellung von Druckschriften verurteilt. Zwei der Angeklagten erhielten je anderthalb Jahre, drei je ein Jahr und 3wei je zehn Monate Gefängnis. Die Beleidigung des früheren Reichsministers Hugenberg ist etwas billiger geworden. Der Tischlergehilfe Ernst Meschkat war von einem Schöffengericht in Ostpreußen wegen dieses Delikts zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden. Da es sich noch um das Urteil eines ordentlichen Gerichtes handelte, konnte Meschkat die Berufungsinstanz anrufen. Diese setzte das Urteil um zwei Monate herab. Es lautet jetzt auf drei Monate und zwei Wochen. In Düsseldorf geriet ein Arbeiter mit einem Nationalsozialist ins Handgemenge. Der Arbeiter erhielt zwet Jahre Gefängnis. Der jüdische Kaufmann Benno Bonnen aus Wilhelmshaven hatte in einem Gespräch am 31. März geäußert, in Deutschland würden die Juden nicht gut behandelt. Der Staatsanwalt beantragte für diese Greuelpropaganda eine Gefängnisstrafe von einem Jahre und sechs Monaten. Das Gericht in Wilhelmshaven verhängte eine Strafe von vier Monaten. Der schweizerische Staatsangehörige Zollsekretär Imesch wurde in Erzingen in Baden wegen Beleidigung der Reichsregierung verhaftet und zu fünf Wochen Gefängnis verurteilt. In die gleiche Zeit fallen in demselben Blatt folgende Meldungen: Leipzig. Sechs aus Hamburg, Kiel und Stralsund stammende Angeklagten wurden wegen„ Verrats mili tärischer Geheimnisse" zu 3 uchthausstrafen von vier bis fünfzehn Jahren verurteilt. In der Urteilsbegründung heißt es ausdrücklich:" Wäre bei der Begehung der Straftaten bereits die Verordnung vom 28. Februar in Kraft gewesen, so wären die Angeklagten nicht so billig davongefommen." Dessau. Die Arbeiter Hans, Thalmann und Bieser wurden wegen gemeinschaftlichen Mordes, begangen an einem SA.. Mann, auf Antrag des Staatsanwaltes zum Tode ver urteilt. Köln. Die Arbeiter Hamacher, Waser, Willms, Horsch, Moriz, Engel, Nieswand, Mundorf und Haase hatten an einer Schlägerei zwischen Arbeitern und Nazi teilgenommen. Bei dieser Schlägerei kamen zwei SA.- Leute ums Leben. Nieswand, Mundorf und Haase erhielten je fünfzehn Jahre Zuchthaus. Hamacher, Wafer Willms, Horsch, Moriz und Engel wurden zum Tode verurteilt. Berlin. Der Arbeiter Fölz und der Werkzeugmacher Sczrody waren an einer politischen Schlägerei in Lichtenberg beteiligt, bei der ein SA.- Mann getötet wurde. Beide wurden zum Tode verurteilt. In dem gleichen Prozeß erhielten der Arbeiter Jankowiak und der Arbeiter Krause je sechs Monate, die Ehefrau Kohl drei Monate Ge= fängnis. Bamberg. Der 22jährige Dienstknecht Schriefer wurde angeklagt, einen SA.- Mann ermordet zu haben. Das Urteil lautete auf Todesstrafe. Harburg- Wilhelmsburg. Am 81. Januar hatte eine schwere Schlägerei zwischen Stahlhelmern und Arbeitern stattgefunden, bei der auch geschossen wurde, aber niemand ums Leben kam. Das Sondergericht verurteilte nunmehr den Bäcker Eduard Hoze zu neun Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust und den Arbeiter Richard Trampenau zum Tode. Breslau. Das hiesige Sondergericht verhandelt gegen neun Angeklagte, die nicht der NSDAP. angehören, wegen Streng stoffvergehens. Zwei Angeklagten erhielten je zehn Jahre Zuchthaus und Ehrverlust, ein Angeklagter sieben Jahre, ein weiterer sechs Jahre und die drei letzten je fünf Jahre 3uchthaus und Ehrverlust. Darmstadt. Vor dem Sondergericht stand eine Schlägerei zur Verhandlung, in deren Verlauf ein Hitler- Junge er stochen worden war. Es wurden verurteilt: der Arbeiter. Büchler zum Tode und Ehrverlust auf Lebenszeit, sein Vater zu zehn Jahren Zuchthaus, drei weitere Angeflagte zu vier bis sieben Jahren Zuchthaus und die beiden letzten zu schweren Gefängnisstrafen. Dieser erschütternde Ausschnitt aus der nazideutschen Rechtspflege soll nicht abgeschlossen werden, ohne daß die Namen der für diese Schande Verantwortlichen gebrandmarkt werden. Zu ihnen gehören die Braunschweiger Richter und Staatsanwälte: Senatspräsident Dr. Herbst, Assessor Dr. Seidler, Oberstaatsanwalt Dr. Rasche, Staatsanwalt Dr. Se ele= meter, Landgerichtsrat Dr. Spörr, Landgerichtsdiref= tor Dr. Müller, Landgerichtsrat Dr. v. Griesbach, Landgerichtsrat Dr. Eilers, Amtsgerichtsrat Dr. Borlob. Man wird sich alle merken, die jetzt bluttriefendes ,, Recht" sprechen und über die einmal das Urteil gesprochen werden wird. gen Bedrohungen wurde er gezwungen, sich anzuziehen und Nur Barbaren... mußte mit den braunen Bestien mitgehen. Weitere vier Personen wurden ebenfalls von dem betuntenen Haufen festgenommen" und fürchterlich mißhandelt. Vier Personen kamen noch in der Nacht ins Krankenhaus. Einer der Mißhandelten wird nie wieder gesund werden. weil ihm bei der Prügelung das Rückenmark verletzt worden ist. Ein anderer hat sechs Löcher im Kopf. Auch er ist noch nicht genesen. Ein weiterer Verletzter, ein jüdischer Rechtsanwalt, wurde unter großem Gebrüll ständig auf die Geschlechtsteile geschlagen. Ein untadeliger Mann Luppe wird unter Anklage gestellt Nürnberg, den 18. August 1933. In dem Strafverfahren gegen den Oberbürgermeister a. D. Dr. Hermann Luppe, zur Zeit Berlin- Zehlendorf, und Dr. Friß Schul, Professor in Nürnberg, wurde heute Auflage wegen je eines fortgesetzten gemeinschaftlich begangenen Ver 66 Worte aus der Basler ,, National- Zeitung" Basel, 17. Aug. Inpreß.) Die angesehene Nationalzeitung" äußert sich zum Erlaß, in Preußen die Todesstrafe nur noch durch das Handbeil zu vollziehen, mit tiefer Empörung. Keine Greuelnachricht wäre imstande, die Achtung vor dem Wesen des „ dritten Reiches" innerhalb der gesitteten Welt so nachdrücklich zu zerstören, wie die amtlichen Erlasse der Regierung selbst," schreibt die„ Nationalzeitung".„ Das Herz und Kernstück in diesem furchtbaren Kulturdokument ist die Abschaffung der Guillotine und ihre Ersetzung durch das Handbeil. Hier handelt es sich darum, ein besonderes primitives Hinrichtungswerkzeug zu bevorzugen, gerade wegen seiner Brutalität und tötungstechnischen Unterlegenheit, die in der Möglichkeit mehrerer Fehlschläge und somit vermehrter und verlängerter Qual des Opfers besteht. Das ist nicht mehr bloßer brutaler Abschreckungsterror, da ist vielmehr eine unheimliche und lebensfeindliche Lust am Grauenhaften zu spüren." gehens der Untrene, gegen Dr. Zuppe auch wegen eines weis Nur NS- Zeitungen sind amtlich teren selbständigen Bergehens der Untrene erhoben.( Diese Nazi- Banditen bejubeln die ehrenhaftesten Männer, falls fie ihre Gegner sind und dabei stinkt ihre eigene Korruption, zum Himmel!) Das bayrische Gesamtministerium hat ein Gesetz beschlossen, wonach amtliche Mitteilungen und Bekanntmachungen nur noch in nationalsozialistischen Zeitungen zu erscheinen haben. Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der Deutschen Freiheit" Hart ist das Brot der Fremde Gedanken einer Emigrantenfcau Nun haben wir Heimatlose ein Zuhause gefunden. Ein armes, kleines Zuhause- das soll uns die Heimat ersetzen. Wer noch nie ohne Heimat und ohne Zuhause war, weiß nicht, was das bedeutet. Unser Zuhause liegt mitten in ernteschweren Feldern, der Blick schweift weit und frei über Wiesen, goldbraune Weizen- und blonde Haferfelder. Bis zu den Bergen hinüber, die Heimat waren. Wir sehen sie blauen und verdämmern- ohne Heimweh. Ich habe den Spaten in der Hand und grabe das Stückchen Erde, das Garten werden soll. Schwer und hart ist der Boden, Disteln wachsen darauf und roter Mohn. Wenn der Spaten eine Scholle umwirft, fallen die roten Blätter zur Erde wie Herzbluttropfen, die das Land düngen wollen. Es ist schwer, fremdes Land zu graben, wenn die Gedanken schwer und weit wandern. Als wir gingen, blühten im Heimatgarten die Flieder. hecken und die ersten Rosen wollten aufbrechen. Jetzt werden wohl die Astern und Dahlien blühen, die ich gepflanzt habe - und an meinen Bäumen reifen Pfirsiche und Mirabelle und die goldgelben, saftstroßenden Birnen. Jeden Baum und Strauch, jede Blume haben wir mit Liebe zusammengetragen und gepflanzt. Bis aus einem Stück Dedland ein blühender Garten war. Den neideten sie uns und ein anderer bricht die Früchte, die er nicht gepflanzt. Ob er spürt, daß ich ihm kein Glück und keinen Frieden gönne? Daß die Seele meines Gartens mir gehört, und wenn er tausendmal gestohlen ist? Daß ich hasse, aus tiefster Seele hasse alle, die meinem Jungen den Garten seiner Kindheit genommen und in das weiche Kindergesicht Männerfalten eingruben? Disteln und roten Mohn grabe ich in fremde Erde ein und sie wird gütig sein und uns Nahrung geben. Hart ist das Brot der Fremde und schwere Arbeit sind die Tage. Und doch sind wir jeden Tag dankbar für den Frieden und die Freiheit, die er bringt. Nur die schlaflosen Nächte dürften nicht sein. Die Nächte, in denen sie alle vorüberziehen- so grausig viele sind es Freunde, Kameraden, Genossen. So viele schon tot- und was sie überstanden, das bohrt sich als Wahnsinn in die Hirne ihrer Nächsten. Und die anderen, die noch leben? Die sich vielleicht jetzt in Schmerz und Hunger und unfäglicher Qual winden zerschunden und zerschlagen und zertreten. Und viele haben Frau und Kinder daheim. Kinder, vor deren Augen der Vater blutig geschlagen und fortgeschleppt wurde. Und wenn die Mutter vor Seelenqual im Irrenhaus endet was wird aus den Kindern? Man möchte hinausschreien in die Nacht schreien schreien, daß das Weltgewissen aufwacht.„ Hört Ihr denn nicht, Menschen hört Ihr denn nicht die Verzweiflung schreien seht Ihr denn nicht, Menschen, wie allem, was Menschenantlig trägt, ins Gesicht geschlagen wird Ihr könnt schlafen? Ihr könnt schlafen? und Giselher und Giselhin 1. Bild ( Häuslicher Herd in heimlicher Hütte. Giselhin und ihre kreisrunde Busenfreundin Kuniburg sizzen auf schmucken Schemeln und spinnen.) Kuniburg: Was blickest du so traurig, teure GeSpielin? Giselhin: Er will mir nicht aus dem Sinn.( In Tränen ausbrechend.) Ach, Giselher, Geliebter, von wannen konntest du mir solches antun? Kuniburg: So buhlt er denn noch immer um die Gunst jener dunklen Mittelmeertype mit langem Oberförper, furzen Beinen, vollen Lippen...? Giselhin:... und Neigung zur Fettsucht. So ist es. Die Stimme des Blutes rollt nicht mehr in seinen Adern. Aber er wird es noch bitter bereuen, meine Minne verschmäht zu haben. Er ahnt ja nicht, daß dieses minderrassige Weib infolge seiner sizenden Lebensweise zur Hysterie neigt! Was könnte ich nur tun, den wahnsinnigen Wüstling ihren Armen zu entreißen und an meine feineswegs elliptische Brust zu drücken? Kuniburg( streichelt tröstend Giselhins ovales, längliches Gesicht): Verzage nicht, flachshaarige Freundin; ich werde dir helfen!( Sie zupft ihren Zopf züchtig zurecht und geht durch die Mitte ab.) 2. Bild ( Büro im Raffeamt. Blumentöpfe mit Stammbäumchen stehen in der Ede. Der Zuchtwart sitzt am Schreibtisch: vor ihm steht Kuniburg.) 8uchtwart: Hm, hm, also Giselher, der geifernde Gauch, betrügt die deutsche Rasse mit einer hafennasigen Hetäre! Das kann nicht geduldet werden. Man wird alle Maßnahmen ergreifen, seien Sie dessen sicher. Kuniburg: Haben Sie tausendundeinen Dank!( Beiseite.) Wie juble ich ob des Glückes, das meiner Freundin harrt!( Sie jubelt.) 8. Bild ( Verhandlungssaal im Rassenbezirksgericht. Giselber auf der Anklagebant. Giselbin im Auditorium.) Die schlaflosen Nächte dürften nicht sein! Noch eines dürfte nicht sein, Ihr Freunde in der Fremde. Ihr lächelt manchmal über uns. Ihr sprecht von Deutschland wie von einem fernen Stamm wilder Menschenfresser - und lächelt. Euer mitleidiges Lächeln tut weh, ihr Freunde in der Fremde. Ihr habt ja recht, tausendmal recht, wenn Ihr immer wieder sagt, Ihr versteht es einfach nicht, wie solch ein Tollhausrausch möglich ist. Wir, die wir dieses Tollhaus erlebt haben, die wir auch beinahe darin zugrunde gegangen sind, wissen heute, wie es möglich war. Und wissen auch, daß wir Schuld tragen. Wir haben mit Begeisterung gesungen-„ Der Mensch ist gut“ und haben es auch geglaubt! Das war unser Fehler und unsere Schuld, Ihr Freunde und Ihr dürft uns dafür tadeln. Gläubig und innig, wie wohl ein fatholisches Mütterchen vor ihrem Marienbilde kniet, haben wir an das Gute im Menschen geglaubt, das sich durchringen muß zu edler Menschlichkeit. Und als wir sahen, daß die anderen, unsere Schwäche ausnüßend, die Bestie im Menschen großfüterten, wollten und wollten wir es nicht glauben bis es zu spät war! Und die am kindlichsten von Menschlichkeit geträumt und am wenigsten an die Bestie glauben wollten sind von ihr am grausigsten ermordet. zertraten Die Stiefel, die unsere Freunde zerstampften viel. Auch unseren Glauben an das Gute im Menschen. Da ist eine Stelle in unserem Herzen, da frißt und frißt ein unheimliches Feuer. In tausend und aber tausend Herzen und Hirnen frißt es wie ein heimtückisches Untier und nagt an den Brettern und Balfen der blutigen Zwingburg. Wenn der Tag kommt, an dem das nagende Feuer in heller Flamme lodert Ihr Freunde in der Fremde dann lächelt Ihr nicht mehr. Es wäre besser, die Sonne schiene an jenem Tage nicht. Die Stiefel, die unsere Freunde zerstampften, zertraten viel. * Gestern sah ich, wie ein Pferd von einem Stutscher mißhandelt wurde. Es konnte sich des Ungeziefers nicht erwehren und zog frühzeitig den Wagen an. Mit Fußtritten und Faustschlägen in die Weichen zerrte und zog er das Tier zurück, bis es zitternd und ergeben auf seinem alten Plazz stand. Und ich wartete wartete auf den Zorn, der sonst hell in mir aufflammte, wenn ein Tier gequält wurde- und alles blieb still in mir. Nur ein dumpfer Druck, ein schmerzvolles Mitleid brannte mit wem? Ich weiß es selber nicht. Zu schwer lastet die leidvolle Zeit Ich kann nicht mehr in Zorn aufflackern, wenn ein Tier geschlagen wird. Die Stiefel, die unsere Freunde zerstampften viel. zertrafen M. S. Ereignisse und Geschichten Deutscher Zickus Bon Stefan Heym An eines Jdols verschüttetem, traurigem Grabe steht Herr Schmitt, Herrn Sugenbergs Volksausgabe. Er lächelt ein wenig, perfid und heiter Da tönnen Millionen hilflos verrecken in Dachkammern, Hinterhöfen und Kellereden Die leben weiter.... Allez hopp! Die schwingen die Peitsche, die halten den Zirkus in Gang. Und mancher ist Clown und Gepeitschter sein Leben lang und merkt es nicht Da fönnen Millionen hilflos verreden in Dachlammern, Hinterhöfen und Kellereden Die Peitsche zischt: Allez hopp! Die zahlen die Uniform und das ganze Getriebe. Und tanzt der Glown nicht, so setzt es goldene Hiebe der Clown im KanzlerpalaisDa tönnen Millionen hilflos verreden in Dachkammern, Hinterhöfen und Kellerecken Doch die sind zäh.... Allez hopp! Die Hunde laufen, die Menschen, das Spiel geht im Kreise. Die Zirkusmusit spielt die alte, bekannte Weise von Ruhe und Ordnung und: Profit! Da werden Millionen Suppen dünner und trüber, da gehen Millionen verzweifelte Augen über und auf, Herr Schmitt Aber dann: Herr Schmitt, Allez hopp! Blind sein heißt deutsch sein! Dummheit und Sadismus, Geistlosigkeit und geistkrante Brutalität. kurz Hitler und Göring sind jetzt in allem zu erkennen, was in Deutschland geschieht. Fehlte es an drastischen Symbolen für das abscheuliche Afterdeutschtum, das aus solchen Führerhirnen entsprungen ist, eine bescheidene Mitteilung aus dem dritten Reich" könnte alles symbolisieren: jüngst wurde beschlossen, die jüdischen Blin= den aus dem Deutschen Blindenbund auszuschließen.„ Deutsch sein heißt..." Was hieß einst nicht alles deutsch sein! Heute bedeutet es nur, blind wüten, sogar gegen Blinde wüten. Unter allen Völkern und Rassen galt es bisher als ursprüngliche Aeußerung primitivster Menschlichkeit, den Blinden Mitleid und Hilfsbereitschaft und nichts als dies entgegenzubringen. Die Blinden „ rassisch" zu werten, blieb den„ Edelmenschen" vorbehalten, deren Krämergeist den„ raffenden jüdischen Charakter" selbst dort bekämpft, wo die Konkurrenz nur mit mühsamem Bürstenbinden und Korbflechten bestritten wird.... Der Deutsche Blindenbund wird also nun gleichfalls judenrein sein. Ganz Deutschland aber steht vor der Welt wie ein Bund von Blinden, vor deren Geistesblick der letzte Schimmer vom Wesen des Menschentums entschwunden ist Symbolische Stürze Mit Hitler und Göring in den Graben Wir lesen in der„ Bossischen Zeitung":" Der erste VerEin Schauspiel deutscher Treue fuch eines Volksrenntages, den der Verein für Hindernis Richter: Sie wollen ein arischer Held sein und werfen Ihre Mannbarkeit an ein Untermensch weg! Pfui, schämen Sie sich! Giselher: Sie ist nun aber mein Typ; ich liebe sie! ( Giselhin schluchzt hörbar auf.) Zuchtanwalt: Hoher Gerichtshof, Sie sehen, der Angeklagte zeigt keine Spur von Reue. Ich beantrage daher die sofortige Sterilisation dieses Staatsfeindes. Giselher: Um Wotans willen, so soll ich nie wieder... Richter: Ich gebe dem Antrag des Zuchtanwalts statt und verurteile den Angeklagten laut§ 38, Absatz 4 des Rassengesetzes zur zwangsweisen Sterilisation. ( SA.- Leute führen Giselher ab. Giselhin bricht mit lautem Aufschrei zusammen.) 4. Bild ( Operationssaal. Aerzte und SA.- Assistenten schleifen die Sterilisationsmesser. Man trägt Giselher herein.) Giselher( jammernd): Oh, ich Verblendeter! Wie rennen auf seiner Karlshorster Bahn unternahm, , fonnte faum besser glücken. Gewaltige Menschenmassen hatten sich eingefunden, und ihnen wurde ein Programm geboten, das an Mannigfaltigfeit nichts zu wünschen übrig ließ. Von den Regierungsmitgliedern, die Preise gestiftet hatten, und denen zu Ehren die einzelnen Rennen benannt worden waren, erschienen Reichswehrminister von Blom= berg und Staatssekretär Grauert unter zahlreichen Ehrengästen. Das durch den See führende Hermann= Göring Jagdrennen bereitete den Zuschauern inspfern besonderes Gaudium, als drei Pferde ihre Reiter in das feuchte Element abseßten. Auch im Volfs= tanzler- Jagdrennen, der Hauptprüfung des Programms, kamen drei Teilnehmer zu Fall. Wegen dieser Rösser hätten wir uns nicht zum Totaltfator bemüht! Hoffentlich ist der„ Bossischen Zeitung" weiter nichts passiert, weil sie die Hermann- Göring- und HitlerPferde nicht sieghaft ins Zielband reiten ließ. konnte ich mich in den Netzen dieser artfremden Person ver- Säuerlicher Pfälzer stricken! Was gäbe ich hin, hätte ich nur meine heißgeliebte, wonnige Giselhin! ( Die Tür springt auf und Giselbin wirft sich schüßend vor Giselher.) Giselbin: Du liebst mich also noch: Heißa heio!( Sie umarmt und füßt ihn.) Giselher: Ja, ich liebe dich!( Er nimmt ein Notiz buch zur Hand und streicht ab:) Du blonde Arierin mit blauen Augen, freiem Blick, ovalem Gesicht, rosigem Teint, schmaler Nase und fleinem Mund! Ich liebe dich unsäglich. Aber ach, es ist zu spät! Giselbin: O nein!( Sie entnimmt ihrer Tasche ein Gesetzbuch und schlägt es auf.) Sieh her! Wenn du wieder zu einem germanischen Mädchen zurückfindest, so ist dies tätige Reue und somit strafausschließend. Giselher: Geliebte! Giselbin: Geliebter! ( Die Aerzte weichen erweicht. Vorhang.) Theobald. Bei dem alljährlich in Neustadt a. d. Haardt, dem Mittelpunft des pfälzischen Weinbaugebiets, stattfindenden großen Pfälzischen Weinlesefest erhält der neue Wein seinen Namen. Für den„ 1982er" wurde der Name Ankur bler" gewählt. Für das Weinlesefest dieses Jahres, das, wie die„ Wandelhalle" berichtet, am Sonntag, dem 8. Oktober, ist, laufen schon in großer Zahl die Namenvorschläge ein. Der erste eingegangene Vorschlag empfiehlt den Namen„ Gleichich alter".. ..... Ich spreche von der Partei der sogenannten Vertreter der deutschen Nationalität, jenen falschen Propheten, deren Vaterlandsliebe nur in einer einfältigen Abneigung gegen die Fremde und gegen die Nachbarvölker besteht.... Ja, diese Ueberbleibsel oder Nachkommen der Teutomanen von 1815, die ihr altes Kostüm ultradeutscher Narren nur modernisiert haben und sich ein wenig die Ohren stutzen ließen. Ich habe sie mein aanzes Leben lang verabscheut und bekämpft." Heinrich Heine. DAS BUNTE BLATT TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE Indische Kämpfe Gandhis Liebesverbot- 3nder und Mohammedaner- Registrierte Sdiußwaffen- Ein Schieck auf Maschinengewefirfeuer In Indien gärt es wieder. Gandhi hat einen neuen Sabotagefeldzug eingeleitet, ist verhaftet, freigelassen und wieder verhaftet worden. Freilich fürchtet die englische Regierung nach dem letzten Hungerstreik, der diesem Apostel des unblutigen Kampfes fast das Leben gekostet hätte, der indische Führer könnte in der Zelle sterben und zum Märtyrer werden. Seine politische Betätigung ist durchaus nicht so unumstritten, wie man in Europa anzunehmen geneigt ist. Bei den kompromißlosen Radikalen haben seine Verhandlungen mit dem englischen Vizekönig schon oft Widerspruch herausgefordert. Nur das Leben dieses Heiligen, das ein steter Verzicht auf Güter und Freuden dieser Welt ist, macht ihn zur Persönlichkeit, die immer wieder Tausende in Begeisterung mit fortreißt. Gandhis Gebote sind streng. Er hat sie in seinem Buch riedergelegt, das kürzlich ins Französische übertragen worden ist. Er fordert darin nicht nur Enthaltsamkeit von Fleischgenuß und Wein, sondern auch von ber Liebe,„ ber Tausende die besten Reserven des Körpers opfern". Ihre praktische Ausübung will er auch unter Gatten nur einmal in fünf Jahren zulassen, denn er läßt die Freuden des gemeinsamen Lagers nur gelten, wenn der Wunsch nach einem Kinde übermächtig geworden ist." Für die Inder, die trog vegetarischem Leben, trop Jahrtausende alter Kultur gerade auf diesem Gebiet nicht die geringfügigsten Spuren dekadenter Ermüdung zeigen, ein qualvolles Verbot. Brahmanische Verzichtlehre, in die letzten Konsequenzen getrieben. Dieses Volt, das niemals friegerisch geschult wurde und nicht einmal ein Tier tötet, ist ängstlich und leicht erschreck bar, Die Bambusstöcke der englischen Polizei genügen meist, um hunderte Inder in die Flucht zu jagen. Weit grausamer als die herrschenden Söhne Albions sind in dieser Hinsicht die religiösen Erbfeinde der Jnder, die mohammedanischen Bengalen, ein kleines, gedrungenes Bolt, deffen fürchterlichste Waffe ein türkensäbelartig gebogenes Messer ist. Mit einem besonderen Griff werfen sie im Kampf die baumlangen Inder über ihre Schulter; dann tritt das Sichelmesser( Kukri) in Aftion. Mit unerhörter Geschicklichkeit setzt es der Bengale dem Inder an die Kehle- ein Durchziehen und der Kopf liegt auf der Straße. So morden die Bengalen die Inder oft tagelang. Die Engländer greifen am Anfang meist nicht ein und beschränken sich darauf, das Viertel der Kämpfe ab= zusperren. Die Anlässe solchen Mordens find meist ganz geringfügig. Im Vorjahr war eine verschüttete Staffeetasse und eine leichte Ohrfeige, die ein Inder einem Mohammedaner gab, der Anlaß. Wenn es gegen die Europäer geht, sind beide Parteien rasch einig. Er ist der größere Feind. Das spüren auch die Bengalen instinktiv. Schußwaffen hat nur der Brite. Jeder Revolver, jede Pistole ist registriert. Wer seine Waffe verliert, hat sofort zu melden, wann und wo sie in Verlust geraten ist und mit wieviel Patronen. Dieses Vergehen wird nur mit Haft bestraft. Unterläßt jemand die Meldung und findet man etwa bei einem Attentat die Waffe bei dem Mörder, gibt es für den eigentlichen Inhaber, der nach der Nummer des Revolvers rasch festzustellen ist, jahrelanges Zuchthaus. Mit solchen brutalen Mitteln schützt sich der europäische Eroberer vor den Millionen, die er ausbeutet und versflavt. Die Engländer sind in dieser Hinsicht besonders rücksichtsIos und weit weniger Demokraten, als beispielsweise die eingewanderten Italiener, die sich kommerziell zu scharfen Konkurrenten entwickeln. Nie darf der Beherrschte den Briten schwach sehen, das ist das oberste Prinzip. Theatergarderobe ohne Schlachitgetümmel Welcher Theaterbesucher hat bisher nicht mit banger Un ruhe an das Ende der Vorstellung und den unvermeidlichen Sturm auf die Garderobe gedacht? Wer hat sich bei solchen Gefechten nicht über die Vordringlichkeit des Nachbarn, über abgetretene Zehen und über derangierte Kleider grün und blau geärgert? Diesem Unfug soll nun ein für allemal ein Ende gemacht merden. Ein findiger Berliner Ingenieur, Freund, hat Die eingeborenen Diener dürfen sich noch heute dem Herrn sozusagen das Ei des Kolumbus gefunden und eine herrnur barfuß nahen, mit niedergeschlagenen Augen, demütig wie Hunde. Paläste, Villen im Gebirge, herrliche Autos und unerhörter Lurus bilden den äußeren Rahmen der Gottähnlichen. Die eng lischen Offiziere und Beamten, die in den Kolonialdienst eintreten, meist verarmte Adelige, bekommen alles beigestellt, von der herrschaftlichen Wohnung und der Villa im Gebirge, um der Sommerhitze zu entfliehen, bis zur Geliebten( wenn sie ledig sind). Auch für die englische Truppe ist bis zu den eigenen Bordellen, für die der Soldat Tickets faßt, gesorgt. Mischehen sieht man in den englischen Kolonien im Gegensatz zu den holländischen nicht gern. Die Rasse ist nicht gut, behauptet der Engländer. Alles, was englisch ist, trifft sich im exklusiven Klub, wo felbst bei größter Hiße der Smoking Vorschrift ist. Eine Nachtfahrt im offenen Auto hat nach solchen Zusammenkünften manchem schon das Leben gekostet. Der Aufwand ist unbeschreiblich. Alles tut mit, nicht nur die Sekretäre der Regierung und andere Beamte, deren Macht weit größer ist als der Scheinfiguren indischer Maharadschas; auch die Kaufleute leben hier weit über ihre Verhältnisse. Ein Grund für das Vordringen anderer Rassen, die fleißig und bescheiden sind und sich durch bessere Behandlung der Eingeborenen Freunde zu schaffen wissen. Aber auch die Inder selbst schaffen in erhöhtem Ausmaß eigene Industrien. Es gibt zum Beispiel Eisenwerfe, Textilfabriken, die sich in den lezten Jahren unerhört vergrößert haben, Firmen, die nicht verattioniert sind, sondern Einzelbesiz indischer Millionäre darstellen. Im Falle eines Aufruhrs ist jeder Engländer Mitkämp fer. Die Zivilschußtruppe ist ausgezeichnet organisiert. Die offenen Autos, die ein Maschinengewehr in den Fond stelBraucht man sie, sind sie im Nu versammelt, ihr Besitzer Ien können, sind registriert und genießen Steuerfreiheit. setzt sich hinter den Volant- noch ein Maschinengewehr und Bedienungsmannschaft und es kann losgehen. Der Kampf ist schwer, weil in den engen Straßen, die verbarrikadiert werden, der Wagen bald nicht weiter kann. Es haliche Vorrichtung geschaffen, die jeden Garderobetiger in ein sanftes Lämmchen verwandeln muß. Der Garderobentisch und die davor gelegene Bodenfläche sind mit korrespondierenden farbigen Doppelstreifen bemalt. Ein Streifen ist für den Zugang, der andere gleich daneben für den Abgang bestimmt. Das Publikum muß schön in Reih' und Glied antreten; wer nicht auf seinem Streifen anmarschiert kemmt, wird von der Garderobenfrau nicht einmal eines Blickes gewürdigt. Es gibt kein Gedränge und keinen Streit mehr, denn die anderen„ Angestellten" achten streng darauf, daß kein Nachzügler sich etwa in die Reihe schleicht. Ein großes Berliner Theater wendet diese Methode bereits mit Erfolg an, die anderen dürften bald seinem Beispiel folgen. Gute Ernte in der Sowjetunion Aus Moskau wird geschrieben: Der Vorsitzende des Zentralamtes für volkswirtschaftliche Statistit, Ossinsti, hat eine Reise durch die drei wichtigsten landwirtschaftlichen Gebiete im Süden der Sowjetunion, und zwar durch den Nordkaukasus, das Dnjepropetrowsker und das Odessaer Gebiet in der Ukraine, unternommen, um den tatsächlichen Stand der Ernte und der Erntearbeiten kennen zu lernen. In dem Blatte„ Jswjestija" schreibt Offinski ausführlich seine Beobachtungen und Feststellungen. Danach ist die diesjährige Ernte den allerbesten früheren Ernten in den betreffenden Gebieten gleichzustellen. Vielerorts habe der Boden eine viel größere Fruchtmenge aufgewiesen, als jemals früher in der russischen Geschichte. Das sei die Folge der weitgehenden Maschinisierung der Landarbeiten, der großzügigen Anwen dung von allerlei landwirtschaftlichen Maschinen und der auf wissenschaftlicher Basis aufgebauten Bodenkultur, die im alten Rußland völlig unbekannt war. Die diesjährige Ernte, fährt Ossinski fort, ermöglicht eine bedeutende Vergrößerung der Viehherden. Ohne große Mühe läßt sich z. B. die Anzahl der Schweine in Jahresfrist verdoppeln. Es eröffnen sich reiche Möglichkeiten, die in den Jahren der Kulakensabotage erlittenen Viehverluste rasch auszugleichen. Ossinski kommt zu dem Schluß, daß die reiche Ernte des laufenden Jahres eine feste Grundlage für eine organisatorisch- wirtschaftliche Stärkung der Kollektivwirt schaften gibt. gelt Steine aus den Fenstern, die Frauen schütten siedendes Ladien nicht verfernen Wasser auf die Straße. In diesen Fällen bleibt nichts anderes übrig, als mit dam Karabiner oder Revolver an der Häuserfront entlang zu schleichen, ein Engländer auf der linken, einer auf der rechten Straßenseite, immer die Fenster der gegenüberliegenden Häuser scharf im Auge behaltend. Wer sich zeigt, wird niedergeschossen. So werden die widerspenstigen Viertel im Kleinfrieg wieder unterworfen. In breiten Straßen und auf Pläzen treten natürlich ab und zu auch Panzerwagen in Tätigkeit. Den Befehl zum Schießen gibt stets ein Magistratsbeamter, weil selbst im Falle des Ausnahmezustandes die Exekutivgewalt nie auf den Militärbeamten übergeht, wie anderswo, sondern immer in den Händen der Zivilverwaltung bleibt. In der Praxis spielt für das Maschinengewehrfeuer in blanco unterschreibt und für das Maschinengewehrfeuer in bianco unterschreibt und an der ersten besten Straßenecke aus dem ungemütlichen Panzerwagen aussteigt. So bleibt es dem Offizier überlassen, ob und wann er von der schriftlichen Anweisung, einige Tausende Maschinengewehrkugeln in eine unbewaffnete Menge zu feuern, Gebrauch machen will. Feuchtigkeitsrekord Hamburger:" Ich habe einen Taucher gesehen, der war zwanzig Minuten unter Wasser!" Münchener:„ Ich hab amal a Fremden g'segn, der hot a halbe Stund zu vaner vanzigen Maß braucht!" („ Neue J. 3.".) Warum nicht? Der Sänger: Ich habe meine Stimme mit zehntausend Mark versichern lassen!" „ Na, und warum zahlt die Gesellschaft das Geld nicht aus...?" ( Buen Humor".) Günftige Gelegenheit Sie weinte. " Liebling, laß mich diese Tränen wegfüffen." Sie fiel ihm um den Hals, und für einige Minuten war er beschäftigt, aber die Tränen hörten nicht auf. „ Kann denn gar nichts diese Tränen zum Versiegen bringen?" „ Nein, es ist Heuschnupfen Behandlung." - aber fahre fort mit der Fliegende Blätter".) Die zärtlichen Briefe An einem Sonntagabend kniete Klaudia in ihrem fletnen Zimmer vor der Kommode und reichte Stephan mehrere Briefpakete. " Ist das alles?" fragte er. Sie antwortete, daß sie ein Dutzend seiner Briefe einer Freundin zur Aufbewahrung gegeben habe. Die Mutter werde, wenn sie morgen zu Besuch komme, nichts Komprimittierendes finden. Später, als Stephan gegangen war, framte Klaudia ver= gnügt zwischen Wäschestücken ein Bündel Briefe aus. Es waren die Briefe, die bei der Freundin ruhen sollten. Am nächsten Abend, als Klaudia vom Dienst in der Bibliothek heimkehrte, trat ihr die Mutter entgegen, die schon im Laufe des Tages eingetroffen war und wie gewöhnlich bei Klaudias Wirtin Unterkunft fand. Die folgenden Tage verbrachten beide in gutem Einvernehmen. Am Morgen des vierten Tages erwachte Klaudia nach unruhiger Nacht mit Fieber. Sie mußte im Bett bleiben. Die Mutter pflegte sie liebevoll, betrübt und froh zugleich. Als Klaudia Wäsche brauchte, entdeckte die Mutter die Briefe und erkannte die Handschrift. Sie ließ sich nichts anmerken und wartete die Nacht ab. Klaudia schlief. Da ging die Mutter mit den Briefen in ihr Schlafzimmer. Keine Einwände des Gewissens hemm ten ihre Neugierde, sie fürchtete nur, manche böse Ahnung fönnte bestätigt werden. Schon der erste Brief verriet ihr alles. Fast wäre sie ins Schlafzimmer der Tochter gestürzt. Fast hätte sie, bis aufs Blut empört, die Kranke gezüchtigt. Von Heinrich Wiegand Doch sie bezwang sich und nahm sich fest vor, die Briefe zu Ende zu lesen. Oft hielt fie fopfschüttelnd inne und fann mit geschlossenen Augen vor sich hin. Solche Liebesbriefe fonnte ein Mädchen, solche Liebesbriefe hatte ihre eigene Tochter erhalten! Manchmal fand sie Worte Klaudias als Zitat. Welche Freuden mußte die Tochter gekostet haben, welche Feste! Baghaft stellte sich die Mutter vor, was die Zeilen erzählten. Zärtlicher und glühender wurden die Briefe. Die alternde Frau gedachte ihrer Brautzeit, die keine Geheimnisse gekannt hatte und keine Abenteuer, nicht einmal ein wenig Poesie. Klaudia und Stephan aber mußten Besessene sein. Neid regte sich, und von neuem suchte Empörung sich der Mutter zu bemächtigen. Da tam ihr eine Briefstelle wieder ins Gedächtnis. Sie suchte und fand die Worte, sprach sie vor sich hin und dachte: So schön ist dein Keind, so wird ihm gehuldigt. Ein Widerschein des Glanzes fiel auf die Sechzigjährige, stimmte fie milde und stolz. Sie begann alle Briefe zum zweitenmal zu lesen, ohne Neugier nun und ohne Ueberraschung. Klaudias Mutter hatte viel Bücher gelesen, aber nie war ihr die Gefahr der Schönheit und die Verführung deutlicher geworden als hier, wo einer ohne Rücksicht auf Oeffentlichteit, Verantwortung und Kritik alle Tollbeit des Herzens einzig zwei Augen überantwortete. Die Mutter fannte Stephan, doch hatte sie ihn seit Jahren nicht gesehen, ihn, den sie nicht achten zu können wähnte, befämpft und ihre Tochter um seinetwillen gequält. Das Schlimmste hatte sie Klaudia angedroht, wenn sie je zwischen Stephan und ihr entdecken würde, was sich nach ihren Begriffen von Sitte und Moral nicht schickt. Nun war es an dem, und die Wächterin und Richterin vermochte sich nicht mehr zu entrüsten. Sie fühlte, auch sie wäre gefolgt, hätten Rufe ihr Herz und Ohr erreicht wie die Stephans. Abschiednehmend blätterte sie zwischen den Zetteln, dann ging ste leise, die Briefe in der Hand, zum Bett ihrer Tochter. Als halbhell der Morgen im Simmer stand, erwachte Klaudia. Auffahrend gewahrte sie die Mutter, die am Bett cingeschlafen war, den Kopf auf der Bettdecke. Auf dem Boden lagen, ihrer herabhängenden Hand entfallen. Stephans Briefe. ,, Mutter!" schrie die Kranke. Die Frau auf dem Stuhl hob den Kopf. Verwirrt blickte fie um sich, auf die blasse Tochter, deren Augen groß und erschrocken starrten, auf die Briefe auf dem Boden; faßte die. Hände der Zurückweichenden und sagte, was sie nachts überlegt hatte, langsam, weich und besiegt: „ Wir wollen nicht von den Briefen reden. Du warst sehr glücklich, vielleicht kannst du noch glücklicher werden, nur das ist wichtig. Ich will schweigen. Ich will versuchen, dir zu helfen." Klaudia sah die Mutter an, Erstaunen war in ihren Augen. Dann weinten beide Frauen. Sie waren einander nie so nahe gewesen. Die Mechanik des Machtapparates Der innere Aufbau des Hitlerstaates zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wie alle in der freien Demokratie beruhende politische und kulturelle Geistigkeit zu Tode geprügelt wird. Das Gerüst dieses Staates bildet ausschließlich die von einer unersättlichen Machtgier besessene Bonzokratie der nationalsozialistischen Partei. Aber die Konturen dieses Machtbaues zeigen bereits, wie die Auguren oben sich gegenseitig betrügen. Görings Kampf um die Macht, wobei er den Großfaktor Preußen gegen Hitler und das Reich rücksichtlos ausspielt, ist das Kennzeichen der jetzigen Situation. Das ist wirklich ein Satz von mathematischer Gewißheit: Je feierlicher ein nationalsozialistisches Versprechen war, desto sicherer wird es gebrochen. Das gilt aber nicht nur vom sozialistischen" Teil des Programms, an dessen Erfüllung ohnedies nur Esel glauben konnten; auffallender ist schon der Betrug an dem Mittelstand und den Bauern, da sie ja die hauptsächlichsten Träger der nationalsozialistischen Bewegung sind. Der Kampf gegen die Warenhäuser ist nicht nur eingestellt, er hat mit einer Subventionierung der großen Konzerne von Hermann und von Leonhard Tiet durch Banken des Reichs geendet, die im Verhältnis zu dem investierten Kapital mit zu der größten Subvention gehört, die einem Wirtschaftszweig je gegeben worden ist. Und ebenso wird an Stelle der raschen und rücksichtslosen Siedlung die Erhaltung des Großgrundbefizes proklamiert, da nun einmal das„ liberalistische" Prinzip des Privatunternehmertums und Privateigentums von den Nationalfapitalisten restlos anerkannt ist. oder vielmehr bis auf den geringen Rest, daß Eigentum der Arbeiter und der armen Juden vogelfrei ist. Aber das ändert an dem Prinzip nichts, da ja der Diebstahl nur die negative Seite des Prinzips des Privateigentums darstellt. Aber man darf über die schamlose Preisgabe aller, aber auch aller wirtschaftlichen Programmpunkte nicht die politische Verwüstung vergessen, die die Nationalfapitalisten anrichten. Sie fann, weil sie jede Entwicklungsmöglichkeit im Keim zu ersticken droht, fast noch gefährlicher werden als die unumschränkte Aufrichtung des Monopoltapitalismus, die den Inhalt der Wirtschaftsmaßnahmen bildet, die die Thyssen und Krupp und ihr Beauftragter, der Wirtschaftsführer Schmitt, dem„ Führer" diftieren. „ Gebt mir vier Jahre, nur vier Jahre Zeit, dann werde ich mich eurem Urteil stellen", hat Hitler feierlich versprochen. Heute verkünden Hitler und seine Kumpane, daß es nie mehr Wahlen geben werde. Wie die Parteien, so sei auch der Parlamentarismus endgültig tot. Bei dieser Ankündigung ist es nicht geblieben. Nicht nur der Reichstag ist tot, je de politische Selbstbetätigung des Volkes wird systematisch auf allen Gebieten zum Absterben gebracht. Als die Reichsstatthalter eingesetzt, die Länder politisch gleichgeschaltet wurden, gab es naive Leute, die das für die Beseitigung des Partikularismus, für die Verwirklichung des Einheitsstaates hielten. Wir, die wir als einzigen Inhalt des deutschen Faschismus die Versklavung der Arbeiterklasse und die Erbentung der Staatsmacht ansahen, wurden aufgefordert, doch wenigstens darin einen Fortschritt, die Gutmachung eines Versäumnisses der Republik anzuerkennen. Was ist aus dem Einheitsstaat geworden? Die Vereinigung von Mecklenburg- Strelitz und MecklenburgSchwerin ist für den Herbst angekündigt. Im übrigen sind die dußende Ministerien, sind vor allem die selbständigen Länderbürokratien und Länderverwaltungen mit all den Reibungen und Hemmungen völlig unverändert erhalten geblieben, Nicht der geringste organische Fortschritt, nicht die geringste Verwaltungsreform ist auch nur in Aussicht ge= nommen. Nur eines hat sich geändert: alle Posten wer= den von Nationalsozialisten besetzt und die Bürokratie wird von jeder kontrolle der Voltsvertreter restlos befreit. Der Partikularismus wird durch den Absolutismus der Bürokratie maßlos verschärft. Aber noch mehr: Der Dualismus zwischen Reich und Preußen hat erst seine volle Ausprägung erhalten, seitdem Göring mit allen Mitteln Preußen zu seiner Hausmacht gegen das Reich Hitler ausgestaltet hat. Es war stets die große Schwäche des Reichs, daß es nicht über eine eigene Verwaltung verfügte. Göring, weit entfernt, die preußische Verwaltung dem Reich zur Verfügung zu stellen, hält sie mit eiserner Faust als selbständige, ihm eigene Machtsphäre aufrecht und läßt keine Gelegenheit vorübergehen, ohne zu erklären, daß er irgend eine Schmälerung oder Einengung der Rechte Preußens" nicht dulden werde. Der Dualismus ist nicht nur erhalten; es ist gar kein Zweifel, daß der preußische Ministerpräsident, der über die Polizei und den größten Teil der SA.- Hilfspolizei unumschränkt verfügt, heute viel stärker ist als der Reichskanzler, dessen Verfügungsgewalt über die Reichswehr, wenigstens gegenwärtig, eine sehr eingeschränkte ist. Göring hat aber seine Machtstellung in einer Weise ausgebaut, die in doppelter Hinsicht von großer Bedeutung ist. Er hat eine neue Institution geschaffen, den Staatsrat, der die Grundlage für die neue nationalsozialistische Staatsform bilden soll. Der Staatsrat hat zwar formell nur beratende Stimme, er hat aber doch infolge seiner Zusammenfeßung eine starke Autorität. Dabei denken wir natür lich nicht an die paar Prostituierten, die als Vertreter von neudeutscher Wissenschaft, Kunst und Kirche zuhören dürfen, sondern an die SA., SS.- Führer und Gauleiter, aus denen er fast ganz gebildet ist. Dadurch hat Göring die Führer der nationalsozialistischen Partei, bet denen die eigentliche Macht in Deutschland liegt, so sehr sich auch Hitler bemüht, diese in die Hand der Reichsregierung zu überführen, mit einem Schlag in die Regierung, und zwar in seine, die preußische Regierung, eingegliedert, den größten und wichpreußische Regierung, eingegliedert, den größten und wichtigsten Teil der alleinherrschenden Partei sich sozusagen persönlich attachiert. Zugleich aber soll der Staatsrat, die wichtigste Institution nach der Regierung", nach der Erläuterung Regierung und dem preußischen Bolte" sein. Das einzige", Görings, das einzig lebendige Zwischenglied zwischen der Regierung und dem preußischen Volfe" sein. Das einzige", das heißt, daß diese Körperschaft nicht nur den alten preußischen Staatsrat, sondern auch den Landtag ersezen wird. Der Landtag verschwindet Göring und die Gauleiter werden unumschränkte Herren jede politische Betätigung des preußischen Volkes hört einfach auf. Damit wird, wie Göring selbst sagte, der nationalsozialistische Grundsay verwirklicht, daß es nur eine Autorität von oben nach unten und nur eine Verantwortung von unten nach oben gibt". Es ist der Grundsatz der alten Armee, der Vorgesetzte kommandiert und der Untergebene gehorcht. Der Kadavergehorsam enthüllt sich so als das Aufbauprinzip des neuen Staates in völliger Schamlosigkeit. Zugleich sollen die neuen Staatsräte auch Vorschlags- und Einspruchsrechte, speziell in Personalfragen( lies: Postenbesetzung) gegenüber den Ober- und Regierungspräsidenten erhalten. Während die Bürokratie in sachlicher Hinsicht durch Fortfall der Kontrolle unumschränkt wird, wird sie fit personeller Hinsicht Instrument der zu Staatsräten verwan= delten Gauleiter. Es ist kaum ein Zweifel, daß Art und Methode der Beseitigung der politischen Betätigung des preußischen Volkes auch in den anderen Ländern Schule machen wird. Schon jetzt führen ja die Landtage trotz Gleichschaltung und Marristenreinheit kaum mehr ein Schattendasein. Von Gesetzgebung, Budgetberatung und Kontrolle der Verwaltung ist gebung, Budgetberatung und Kontrolle der Verwaltung ist keine Rede und übrig geblieben ist nur der Diätenbezug. Aber diese Entpolitisierung ist nicht auf Reich und Länder beschränkt, sie greift auf die Provinzen und Gemeinden über und rottet die Selbstverwaltung mit Stumpf und Stiel aus. Die Selbständigkeit der Gemeindeverwaltung ist schon dadurch vernichtet, daß die Bürgermeister und wichtigsten Kommunalbeamten nicht nur der Bestätigung durch die Landesregierung bedürfen, sondern auch jederzeit von ihr abberufen werden können. Schon das bringt die deutsche Selbstverwaltung, die sonst gerade das Bürgertum nicht genug rüh men konnte, weit hinter den Stand zur Zeit Steins und Hardenbergs zurück. Freilich hatte das Bürgertum, seit die Republik das allgemeine gleiche Wahlrecht in den Gemeinden eingeführt hatte, an der demokratischen Selbstverwaltung keine Freude mehr. Aber nicht minder wichtig wie die Beseitigung der deutschen Selbstverwaltung durch das romanische Podesta- und Präfettensystem ist die drohende Stillegung der Gemeindeund Provinzialvertretungen. Auch hier sollen die liberalistischen" Ueberbleibsel von Wahlen, Debatten und Beschlußfassungen beseitigt, alle Macht dem praktisch von den Nationalsozialisten ernannten„ Gemeindeführer" überantwortet werden. Ausschluß der Mitwirkung des Volkes an den großen politischen Schicksalsfragen durch Beseitigung des Reichstags; Ausschluß der Mitwirkung an den Gesetzgebungen der Läns der, die vor allem die großen Kulturfragen zu regeln haben; Das ist der Staatsaufbau der nationalsozialistischen Revolution! Und nun überblicke man das Bild der Verwüstung! Das arbeitende Volk ist jeder Anteilnahme an der Politik, an der Gestaltung seines Schicksals beraubt. Aber auch jede Einwirkung auf die lokale Verwaltung ist ihm genommen. Es ist zum Hintersassen der Nation, zur Unfreiheit wie einst der hörige Bauer degradiert, aus dem Staat, aus dem Stand der Freien ausgestoßen. Jede kolleftive Betätigung ist dem Arbeiter aber auch auf wirtschaftlichem Gebiete genommen. Sein unmittelbares persönliches Schicksal, sein Lohn, seine Arbeitszeit werden ihm von oben her bestimmt, von den Treuhändern der Arbeit, die in Wirklichkeit Treuhänder der Unternehmer sind. Die organisierte Arbeiterschaft wird restlos desorganisiert. Es ist der Versuch der völligen Entpolitisierung der Nation, der Unterdrückung jeder eigenen Schicksalsgestaltung, der Verwandlung des deutschen Staatsbürgers in ein Menschenmaterial, das durch Zwangserziehung von Jugend an zum willenlosen Werkzeug des den Staat beherrschenden Gewalthaufens werden soll. Während aber für die Arbeiter die Entpolitisierung und Vernichtung der Organisationsfreiheit schlechthin das Ende bedeutet denn ohne kollektive, politische und wirtschaftliche Betätigung verwandelt er sich eben in den Sklaven des fapitalistischen Staates- steht die Sache anders für den Unternehmer. Nicht nur die Herrschaft in dem Betriebe, sondern auch die Wirtschafts- und Sozialpolitik werden ihm als seine alleinige Domäne überlassen. Die Entpolitisierung ist eine um so größere Gefahr, da sie vollendet werden soll durch den Kinderraub, den die nationalsozialistische Zwangserziehung verübt. Die Kinder sollen zu Nationalsozialisten, das heißt, zu willenlosen Werkzeugen herangezogen werden, zu Untertanen, die der Obrigfeit gehorchen und nur das eine Jdeal kennen, das„ Leben für das Vaterland" zu opfern, das heißt, über andere Völker herzufallen, sobald das Ausdehnungsbestreben des kapitalistischen Staates es erheischt. Die geistige Entmachtung der fünftigen Generationen soll die politische Niederwerfung der lebenden Arbeitergeneration verewigen. Es ist ein wahrhaft teuflisches Beginnen, das Hitler unter den Segenssprüchen der Kirchen unternommen hat. Aber weil sein Gelingen die Vernichtung des Lebens bedeutete, muß auch, um Hitler und sein Werk zu vernichten, das Leben eingesetzt werden! Russische Handelsbilanz aktiv Der Halbjahresabschluß der russischen Handelsbilanz bringt zum ersten Male seit langem einen Exportüberschuß für Rußland von 33,6 Millionen Rubel( i. V. 130,2 Millionen Rubel Ueberschuß). Einfuhr und Ausfuhr betrugen insge= samt 415,5 Millionen Rubel( 680,4). Der große Rückgang des Handelsvolumens ist vornehmlich darauf zurückzuführen, daß die russische Einfuhr von 405,3 Millionen im ersten Halbjahr 1932 auf 190,90 Millionen Rubel im ersten Halbjahr 1988 gesunken ist. Die russische Ausfuhr hat demgegenüber nur einen kleinen Rückgang von 275,1 auf 224,6 Millionen Rubel erfahren. Felerschichten Für Neueinstellungen Der Eschweiler Bergwertsverein beabsichtigt, wie der„ Voffischen Zeitung" aus Aachen gemeldet wird, im Laufe des Jahres etwa 3000 bis 3500 Bergleute in seinen Grubenbetrieben einzustellen. Am 15. August wurden bereits auf verschiedenen Bechen 220 Leute neu in Arbeit gebracht. Soweit sich durch diese großen Neueinstellungen Mehrschichten ergeben, müssen diese durch Feierschichten der ganzen bisher schon tätigen Belegschaft ermöglicht werden. Arbeitsstredung, nicht aber Arbeitsbeschaffung. Die deutsche Stahlkapazität Die deutsche Stahlproduktion ist gegenwärtig nach den Angaben des Stahlfartells soweit gestiegen", daß die Stahl= tapazität faft zur Hälfte ausgenutzt" wird. Schmuck und Geschmeide Große Notlage Die„ Frankfurter Zeitung" schreibt u. a.: Aber auch der frühere Pforzheimer Export, der etwa ein Drittel des Verkaufs ausmachte, hat fast ganz aufgehört. Wohl ist im Ausland bisher eine direkte Konkurrenz von Bedeutung nicht entstanden- Ansätze sind dazu da, aber Devisen zur Bezahlung von Lurus werden schon in manchen Abnehmerländern ebensowenig gewährt wie im Inland. Sofern aber Ausfuhrmöglichkeiten noch bestanden, haben sie sowohl unter den vor einiger Zeit start betontent Autartiebestrebungen und zuletzt durch den Boykott be= stimmter Geschäfte reflermäßig gelitten. Die Autarkiebemühungen traten bekanntlich auch anderwärts auf, besonders fühlbar in England. Für mittlere Waren im Goldgenre gilt ähnliches wie für Juwelen, wenngleich nicht so start. Armbänder und goldene Uhren werden immer noch gekauft, dagegen klagt die Industrie für Großsilberwaren start; das Aufstellen von prunkvollen Stücken passe nicht mehr in die Zeit und richt mehr zum verfügbaren Kapital. In Kleingegenständen, nie Ketten, Broschen, Schmuckknöpfen u. ä., wird der Absatz als einigermaßen befriedigend bezeichnet. Die Double= fabrikation hat fast ganz aufgehört, da die Ausfuhr versagt. Sie war in der Hauptsache auf das Auslandsgeschäft angewiesen, Rußland und Südamerika waren große Kunden. Um die Leute zu beschäftigen. sind die Fabriken zur Verarbeitung von verchromtem Stahl und Metall sowie Galalith, einem Milchprodukt, übergegangen, doch wird dieser Ersat als nicht befriedigend empfunden, weil dabei, selbst lokal um so empfindlicher aus, als die Edelmetallindustrie an einigen wenigen Pläßen tonzentriert ist. Es fragt sich, ob in absehbarer Zeit wieder einmal Bedingungen eintreten, die der Industrie eine Vollbeschäftigung gestatten. Im Hinblick auf die wohl noch auf lange hinaus geschwächte Nachfrage nach hochwertigen Lurusartikeln wird man mindestens mit einer außerordentlich langsamen Erholung zu rechnen haben. Geduld! Mahnung an den Mittelstand Regensburg, 18. Aug.( Inpreß.) Auf einer Amtswaltertagung der NSDAP. erklärte der Vizepräsident des Reichsstandes des deutschen Handels Wildt aus Berlin, daß man die Warenhäuser, Einheitspreisgeschäfte und Konsumvereine nicht auflösen und verbieten könne, da dadurch das Volksvermögen Deutschlands, das bereits auf 10-15 Prozent zusammengeschrumpft set, noch weiter zusammenschrumpfen würde.„ Der Mittelstand muß Geduld haben und daran glauben, daß der Führer nie ein Glied der Wirtschaft vergessen wird." wenn das Geschäft einigermaßen geht, eine hochentwickelte Pessimismus Arbeiterschaft nicht ihren Fähigkeiten entsprechend verwendet wird. Im ganzen ist die Beschäftigung in Pforz heim so, daß eine Viertagearbeit als gut gilt; nur wenige Fabriken arbeiten voll. Die Umstellung auf Ersatzarbeiten hat neben den anderen großen Nachteilen besonders auch den, daß der Nachwuchs im Goldschmiedegewerbe erlischt. Die Goldschmiedeschule hat nur wenige Lehrlinge; da die Fabriken feine annehmen, mangelt es an Zutrauen in die Zukunft des Gewerbes. Ueber die Edelmetallindustrie in Schwäbisch- Gmünd wird berichtet: Zu den Industriezweigen, die den Druck der Wirtschaftsfrise mit am schwersten zu verspüren bekommen, gehört seit lengem die Edelmetallindustrie. Im Zuge des allge meinen auftraftschwund es sind ihre Erzeugnisse in der Reihe der Bedürfnisse immer mehr in den Hintergrund gedrängt worden, und zu dem fehlenden inländischen Absatz gefellt sich die auf vielen Märkten nahezu völlige Abschnürung vom Grport, der in diesem Zweig stets eine hervorragende Rolle spielte. Bei dem Vorherrschen des Mittel- und Kleinbetriebes trifft die Notlage zahlreiche Unternehmereristensen in Schicksalsgemeinschaft mit einer in langer Tradition geschulten Arbeiterschaft und wirkt sich Leipzig, 18. Aug.( Inpreß.) Die Prognose für die Leip siger Herbstmesse ist äußerst pessimistisch. Man weiß bereits jeßt, daß ein Auslandsgeschäft fast vollkommen fehlen wird. Man will sich damit begnügen, den sicherlich zahlreich vertretenen ausländischen Besuchern zu zeigen, daß mustergültige Ruhe in Deutschland herrscht". Auch die Aussichten des Inlandsgeschäfts werden pessimistisch betrachtet. Nur arische Fernsprechzellen In den letzten Tagen erhielten die Inhaber öffentlicher Fernsprechstellen in Hamburg( Drogisten, Krämer usw., die gegen eine geringe Vergütung durch die Reichspost in ihrem Laden öffentlich zugängliche Fernsprechautomaten unterhalten) Fragebogen, in denen nach der arischen bzw. nichtarischen Abstammung gefragt wird. Ferner sind Fragen über die frühere Zugehörigkeit zur Liga für Menschenrechte, zum Reichsbanner, zur KPD. und SPD. usw. gestellt. Wie lange noch, und man wird Juden und Marxisten das Telefonieren verbieten. Egon Erwin Kisch: Mein Briefwechsel mit Adolf Hitler Lieber Kollege Meldegänger! Besten Dank für die prompte Antwort. Sicherlich hast Du nur deshalb, weil ich mich als Dein engerer Fachkollege aus dem Krieg legitimierte, so rasch geantwortet, noch dazu aus Bayern, wohin Du doch eigentlich zur Erholung gefahren bist. Oder antwortest Du deshalb so schnell, weil Stellen aus dem Schreiben, das ich vor einigen Tagen verfaßte, in der englischen Presse abgedruckt wurden? Ich hatte Dich auf Grund der Tatsache, daß auch ich im Krieg zeitweise ein schlichter Meldegänger war, daran erinnert, welcher Kleber, Streber und Beber man sein mußte, um sich jahrelang in den hinteren Befehlsstellen halten zu können, ohne jemals zur Auffüllung einer dezimierten Schüßengrabenbesaßung herangezogen zu werden. Mir gelang es nicht, mich solange hinten herumzudrücken, Du, lieber Adolf, hast durchgehalten, alle Achtung! Wie aber ist es mit dem Kreuz an Deiner Linken? Nur wenn ein ganz dumpfer Pferdeknecht ein Heldenstück beging, so hat er seine Auszeichnung gekriegt, ohne befördert zu werden. Hat man Dich, nachmaligen Kommandeur des„ dritten Reiches", für einen solchen Tölpel gehalten? Adolf, erzähl doch nicht solche Geschichten! Es ist ganz unmöglich, daß ein Gefreiter, des EK. I. würdig befunden, vier Jahre lang für unfähig erachtet wird, eine Korporalschaft zu führen. Im Krieg braucht man nun einmal Unteroffiziere. Selbst, wenn Du zwischen 1914 und 1918 ebenso hartnäckig gebettelt hättest, man möge Dich nicht zum Unteroffizier ernennen, wie Du von 1931 bis 1933 gebettelt hast, daß man dich zum Kanzler ernennen soll, als Ritter des Eisernen Kreuzes hätte Dir solches Betteln im Kriege gar nichts genützt. Du weißt das so gut wie ich und behauptest in Deinem Buch„ Mein Kampf" auch nicht, daß Dir das E. K. I. verliehen worden wäre. Deine heutigen Meldegänger önnten versuchen, das als Bescheidenheit oder Vergeßlichkeit anzusehen, wenn... wenn nur Dein Memoirenbuch auch sonst an irgendeiner Stelle Spuren von Bescheidenheit oder Vergeßlichkeit aufwiese. Aber Du registrierst ja jede Kleinigkeit im Felde. Du brüstest Dich jeder Heldentat, die Du während der bayrischen Räteregierung oder beim Putsch vor der FeldHerrnhalle vollführt haben willst, und nur auf die Heldentat, die Dir das stolze Kriegsandenken an Deinem Rock verschafft hat, deutest Du mit keinem Wörtchen hin, gibst weder Wortlaut, noch Inhalt des Verleihungsvorschlags an, ja nicht einmal die Daten von Antrag und Ernennung, von Anhef= tung und Verlautbarung. Du hast einfach in Deinen Militärpaß hineingefrißelt, daß Dir das Kreuz am 4. August 1918 verliehen worden sei. Ich habe nichts dagegen, im, Gegenteil, ich finde, es paßt glänzend zu Dir. Nun antwortest Du. Natürlich schreibst Du mir ebensowenig per Post, wie ich Dir per Post geschrieben habe,- die heutigen Verhältnisse in Deutschland gestatten es leider awei alten Landsleuten und Meldegängern nicht mehr, brieflich miteinander zu verkehren. Wir müssen es durch Zeitun gen und Zeitschriften tun. Du tust es durch die„ DAZ.". Die erscheint in Berlin, aber die Antwort kommt aus Bayern, wo Du jetzt auf Erholungsurlaub weilst. Sie ist vom 2. August datiert und in der Nummer vom 3. August erschienen. ,, Wie Hitler das E. K. I. erwarb." Daß Du eine historische Abhandlung telegrafieren läßt, zeigt, wie eilig es Dir ist. Herzlichen Dank, Adolf, ich hätte auch ein paar Tage gewartet, ich weiß, daß Du iezt viel zu tun hast mit den Marristen. Der deutsche Schriftsteller Egon Kisch, der derzeit im Ausland weilt, hat über die Verleihung des Eisernen Kreuzes I. Klasse an Adolf Hitler einige Zweifel ausgesprochen, die auch von der Weltpresse übernommen wurden. Der Herr Reichskanzler stellt dazu fest, daß... Nein, mit einer solchen Wendung beginnst Du natürlich nicht. Du leitest Deine Antwort damit ein, daß ein Jubiläum bevorstehe; bald werden es auf den Tag fünfzehn Jahre her sein, daß der damalige Gefreite Hitler das Eiserne Kreuz I. Klasse erhielt. Aber Dein Meldegänger von der " DAZ." läßt einen Wermuthstropfen, ein einschränkendes freilich" in das Telegramm fallen, ein„ freilich", für das ich das Blatt wieder, verbieten würde, wenn ich Du wäre. So stehts zu lesen:„ Für diese Verleihung wurde freilich eine besonders tapfere Tat, die fast drei Jahre lang zurücklag, angeführt." Adolf, Adolf! Dadurch wird die Sache freilich noch schlimmer. Seit wann bleibt ein Auszeichnungsantrag drei Jahre lang liegen? Es wäre freilich möglich, daß ein höheres Kommando zurückleitet, wodurch sich die Verleihung freilich verzögert. Es wäre sogar möglich, daß dieser Konflikt drei Jahre dauerte, aber daß Du, Adolf, jede Belanglosigkeit aus Deinem Soldatenleben vermerkst, und nur diesen Kompetenzkonflikt nicht, Dich nicht darüber beklagst, wenn Deine Großtat drei Jahre lang keine Belohnung fand, das glaubt Dir freilich niemand. Noch weniger wird Dir geglaubt, daß man Dich, einen solch anerkannten, wenn auch noch nicht dekorierten Helden, drei Jahre lang mit Gefreitenknöpfen herumlaufen ließ. Nee, Adolf, das E. K. I, hast Du also nicht. Aber Du erzählst mir, für welche Tat Du es bekommen haben willst. Leg mal los, alter Meldegänger, ich höre zu: Im Herbst 1915, in der Herbstschlacht bei Arras und La Bassee, machte Adolf Hitler mit dem Meldegänger Weiß bei Fromelles eine freiwillige Patrouille, da Zweifel bestand, ob vor dem Regierungsabschnitt noch eigene Truppen lagen, oder ob die Franzosen schon bis in den vorliegenden Ort vorgedrungen waren. Hitler und Weiß arbeiteten sich vorsichtig bis an die Ortschaft, die menschenleer schien. Plößlich hörten sie aus dem Kellereingang eines zusammengeschossenen Hauses französische Stimmen. Kein Zweifel, es mußte sich um die Mannschaft eines französischen Vorpostens handeln, der im Augenblick noch nicht aufgezogen war. Mit kühnem Entschluß riß Hitler die Kellertür auf, und erklärte in ge= brochenem Französisch die Insassen des Kellers für gefangen. Eine deutsche Kompanie stehe hinter ihm. Und seine Worte glaubhaft zu machen, gab er deutsche Kommandos an die nichtvorhandene deutsche Kompanie und forderte dann die Franzosen auf. einzeln, ohne Waffen und mit erhobenen Händen den Keller zu verlassen, andernfalls würden sie erschossen. Als die Franzosen die Gewehrläufe der beiden Meldegänger auf sich gerichtet sahen, dachten sie nicht mehr an Widerstand, sondern ließen sich durch die verwegenen Angaben Hitlers überrumpeln. Auf diese Weise nahmen die beiden Meldegänger einen Beutnant und zwanzig Mann gefangen, und brachten sie unter ungeheurem Jubel ihrer Kameraden zum bayrischen Kommando. Für diesen tollkühnen Handstreich erhielt Hitler dann am 4. Auguſt 1918 das Eiferne Kreuz I. Klasse." Fein, Adolf! Du merktest gleich, was los ist. Es konnte nur die Mannschaft eines französischen Vorpostens sein, was da im Kellereingang eines zusammengeschossenen Hauses saß. Wer sitzt denn sonst im Kellereingang? Wo soll denn ein französischer Vorposten sitzen, der im Augenblick noch nicht aufgezogen ist? Die Kellertür war nicht zerschossen, sondern geschlossen, und wartete bloß darauf, daß Du hinkommst, Adolf, um sie mit kühnem Entschluß aufzureißen. Haha, diese Schafsköpfe von Franzosen. Jetzt stehen sie draußen, ein Leutnant und zwanzig Mann, und sehen, daß sie übertölpelt sind! Ja, wenn es deutsche Soldaten gewesen wären! Die hätten sich, da zwei Gewehrläufe nicht auf einundzwanzig Mann gerichtet sein können, sofort auf Dich und Weiß gestürzt, aber Franzosen.... haha. Uebrigens: Weiß. Wer ist dieser Weiß, der doch auch seinen Anteil an dieser in alle Lesebücher des dritten Reiches" aufzunehmenden Geschichte hat. Warum gibst Du nicht einmal seinen Vornamen an? Ich will nicht hoffen, daß er Bernhard hieß und Isidor genannt wurde? Welchen Orden hat er für diese Tat bekommen? Und vor allem wann? Nun soll der 4. August, so dekretierst Du in Deiner Antwort mir zum Troß; für immer sein ein stiller Gedenktag an das Frontsoldatentum, an die Tapferkeit und Opferfreudigkeit des Kanzlers während des Weltkrieges, ein Tag, an dem das ganze deutsche Volk inneren Anteil nimmt". Der Tag der Verleihung des Dir niemals verliehenen Ordens steht fest. Nur die Angaben über den Tag Deiner niemals begangenen Heldentat schwanken ein wenig, sie schwanken nämlich um einige Jahre. In dem Buch„ Adolf Hitler im Felde, 1914 bis 1918", das sozusagen den militärischen Ergänzungsband zu Deinem Buch„ Mein Kampf" bildet, schreibt Hans Mend, Meldereiter, bei dem 16. Bayr. Infanterie- Regiment List". Du habest Deine große Tat erst 1918, nach Deiner„ Erblindung" getan. Dort wird die Sache so dargestellt: Zu seinem großen Glück hatte er das Augenlicht wieder zurückerhalten und war von neuem dem Regiment List zugeteilt, wo er wieder als Gefechtsordonnanz funktierte. Das Regiment war schon stark dezimiert. Während des schweren Kampfes um den Brückenkopf Mondidier hatte Adolf Hitler eine wichtige Meldung zu überbringen. Als er mit dieser im Graben anlangte, stand er plößlich einem Trupp Franzosen gegenüber. Er verlor die Geistesgegenwart nicht, legte das Gewehr an und for= derte die Franzosen in ihrer Muttersprache auf, sich sofort zu ergeben, denn es läge eine Kompanie hinter ihm und sie hätten keine Aussichten mehr, zu entkommen. Die Franzosen warfen sofort ihre Waffen weg und ergaben sich Hitler als Gefangene. Zwölf an der Zahl führte er dem Regimentskommandeur, Freiherr von Tuboeuf vor. Mancher hätte in dieser Situation den Mut verloren. Wegen dieser seltenen Tat wurde Adolf Hitler am 4. August 1918 mit dem E. K. I. ausgezeichnet." Da hätten wir also die andere Fassung! Welche soll nun Hanns Johst dramatisieren, welche Hanns Heinz Ewers für seinen nächsten Roman benüßen? Adolf, machs Deinen Leuten nicht so schwer. Wie meinst Du? Was, es gehe auch so? Es genüge eine eiserne Stirn, um den eisernen Kanzler zu spielen, das Eiserne Kreuz brauche man sich nur im nächsten Laden zu taufen? Mag sein. Aber es gibt auch Leute, die wissen, was es mit dem Kriegsheldentum auf sich hat, die wissen, daß man auch mit einem wirklich verliehenen Eisernen Kreuz I. Klasse oder mit dem„ Pour le merite" ein Feigling sein kann, ein erbärmlicher Feigling, der Mordwut entfesselt und sie nicht einzudämmen wagt, der jämmerlichste Feigling, nämlich einer, der seinen Mut gegen Wehrlose betätigt. Schreib mir bald wieder, Adolf, ich werde Dir die Antwort nicht schuldig bleiben. Mit unveränderten Gefühlen Egon Erwin Risch. „ Golus" Organisation der jüdischen Emigranten Die jüdische Emigration aus Deutschland beginnt sich zu organisieren. Wesentliche Vorbereitungen sind bereits getroffen worden. Die Zentrale dieser Organisation, die völlig unpolitisch bleiben wird und lediglich wirtschaftliche Interessen verfolgt, wird in Prag, V Jame 5, Zimmer 14 sein. Unterorganisationen werden in Amsterdam, London, Paris, San Franzisko, Stockholm, Tel- Aviv, Warschau und Zürich eingerichtet. Die Organisation gibt eine Zeitschrift unter dem Namen „ Golus" heraus. Die erste Nummer dieser Zeitschrift erscheint am 22. 8. 1933 und enthält die folgenden Aufsätze: Abschied von Deutschland Unser Programm Das„ dritte Reich" und die Juden objektiv betrachtet( Kein Hezartikel, sondern eine sachliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Emigration)- Das Wirtschaftsproblem der Emigration- Notizen zur Sache. Die verbandsmäßige Arbeit der Organisation Golus" soll in zwangslosen Zu sammenfünften besprochen werden; in erster Linie wird eine wirtschaftlich- kulturelle Arbeit beabsichtigt in Ergänzung der Arbeit der bereits bestehenden Hilfskomitees. Die Sammlung der ortsfremden Emigranten an bestimmten Stammlokalen ist notwendig, wie diese Zusammenkünfte eine follektive Einordnung in Arbeitsgemeinschaften fördern werden. Die Devise der Organisation ist:„ Alle für einen einer für Alle!" Zuschriften- insbesondere von Emigranten werden erbeten an die Administration des„ Golus", Praha 2 CSR., V Jame 5, 3immer 14. Kampf mit Juden In Kanada Paris, 18 August. Der„ New York Herald" meldet aus Toronto, daß bei einem Zusammenstoß zwischen Juden und kanadischen Nationalsozialisten 50 Personen verletzt und gegen 20 verhaftet wurden. Die Zusammenstöße seien dadurch veranlaßt worden, daß bei einem Rasenballspiel von Anhängern einer faschistisch eingestellten politischen Gruppe eine Hakenkreuzfahne gehißt wurde. Gegen 100 jüdische Zuschauer seien auf den Fahnenmast losgestürzt, um die Fahne herunterzuholen. Das jüdische Viertel von Toronto sei alarmiert worden und in Autos und auf Motorrädern habe man jüdische Verstärkungen herangeholt. Bei dem erbitterten Zusammenstoß hätten in der Hauptsache die jüdischen Angreifer teilweise schwere Verlegungen davongetragen. Briefkasten Anfrage. Sie schicken uns das„ Saarbrücker Abendblatt" vom Freitagabend ein und fragen uns, ob wir nicht auf den Artikel Deutsch die Saar" erwidern wollen. Unsere Antwort lautet: Nein! Von einem Mann, der angeblich für die deutsche Sache ficht, muß man zum mindesten verlangen, daß er die Grundregeln der deutschen Sprache einwandfrei beherrscht. Thionville. Wir waren darauf gefaßt, daß man eines Tages auch aktuelle Sportnachrichten in der„ Deutschen Freiheit" wünschen würde. Ihre Vorschläge sind gut, und wir werden sie beim kommenden Ausbau ernsthaft in Betracht ziehen. Zeitungsverkäufer Basel. Dank für Ihre Mitteilungen. Lassen Sie sich durch solche Anzapfungen nicht beirren. Gewissen Leuten tut die„ Deutsche Freiheit" eben sehr weh. Luzern. Ihr Vater unser" würde uns wahrscheinlich einen Gotteslästerungsprozeß einbringen. Das sind uns diese Leute nicht wert. Wir stehen nicht gerade im Ruf der Frömmigkeit. Immerhin würden wir das Gebet der Christen nicht mit Menschen wie Hitler, Göring und Göbbels in Verbindung bringen. Das könnte wirkliche Christen es soll noch vereinzelt welche geben verlegen. Zentrumsmann Saarlouis. Sie übersenden uns einen Aufsatz der nationalsozialistischen„ Saarpost" mit einer Lumperei gegen den teten Erzberger. Das von Ihnen gebrauchte harte Wort ist die richtige Kennzeichnung. Sie scheinen aber gar nicht bemerkt zu haben, daß der verlogene Schreiber den Eindruck erweckt, Erzberger sei„ Genosse", also Sozialdemokrat gewesen. Er war natürlich nie Mitglied der SPD. und hat auch nie Honorare von deren Verlagen bezogen. Die Aufwandsentschädigungen der ParIamentarier waren steuerfrei. Erzberger brauchte sie also auch nicht in seine Steuererklärung aufzunehmen. -SA Mann„ Baldur". Ihren Brief aus Mailand haben wir erhalten. Neues hat er nicht gebracht. Das sind doch alles allgemein bekannte Dinge. Wir verzichten auf den Abdruck. X. Y., Genf. Besten Dank für Ihre aufklärenden Mitteilungen. Allerdings wären sie uns wertvoller, wenn Sie den Brief unter schrieben hätten. Wir glauben richtig zu vermuten, wer Sie find. In einem späteren Briefe sollten Sie irgendeine Wendung gebrauchen, die uns den Verfasser kenntlich macht. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Biz: Inferate Otto Kuhn. beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: ..Volksstimme" G. m. b H., Saarbrücken, Schüßenstraße 5. Deutsche lassen ihre Möbel und sonstigen Stückgüter nach Frankreich einzig und allein befördern durch STERN- EXPRESS 31, Rue de Pétrograd-PARIS 8. ( Nähe Place Clichy) Téléphon: Europe 60,10 Kabeladresse: Sternex- Paris Sammelwaggons aus den wichtigsten Städten Deutschlands. 1-3 mal wöchentlich nach Paris- Riviera und den tranz. Provinz Städten; dadurch ermäßigte Fracht Lagerung Verpackung Versicherung Agenturen in allen Städten Deutschlands und Zentral- Europas Beste Referenzen von deutschen Industriellen, Journalisten, Anwälten u. Ärzten Inteffektueffer Emigrant zur Mitarbeit an einer zeitgemäßen Wochenschrift ( Verlagsort Strasbourg) gesucht. Französische Schriftsprache unerläßlich. Angebote unter O.B. an die Geschäftsstelle der ,, deuts schen Freiheit" in Strasbourg, 31, Rue St. Gotthardt. 80-31 ForderungsEintreibungen besorgt deutscher Rechtsanwalt in Paris in Gemeinsamkeit mit deutscher Privatbank. Interessenten wollen sich schriftlich melden unter Nr. 82 an die Geschäftsstelle dieser Zeitung.