Fretheil Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 63-1. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 1. September 1933 Chefredakteur: M. Braun ,, Denn ein Justizkollegium, das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer als eine Diebesbande; vor der kann man sich hüten, aber vor Schelmen, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre üblen Passiones auszuführen, vor denen kann sich kein Mensch hüten; die sind ärger als die größten Spitzbuben, die in der Welt sind und meritieren eine doppelte Bestrafung." Friedrich II. Rassenfanatiker sind Kriegstreiber Bluturteil gegen Priester Well er die Wahrheit sagte... Die Eroberungsphantasien der Nationalsozialisten abolische Gefellentag in München von der Im Rahmen der Niederwaldkundgebung hat am Sonnabend in Bingen eine strengvertrauliche Arbeitstagung des Bundes der Saarvereine stattgefunden. Auf dieser Tagung hat der neue Bundesführer des Bundes der Saarvereine, der Staatsrat Simon, Koblenz, eine Rede gehalten, in der er Eroberungen forderte, soweit die deutsche Zunge tlingt. Seine Fantasien reichten bis Mez und Mülhau= sen, bis Luxemburg und den flämischen Teil Bel giens und bis zu den Niederlanden. Auch Oester= reich will er selbstverständlich in die Nation der 90 Millio nen eingliedern. Seit Dienstag ist diese Rede nationalsozialistischer Groberungspolitik bekannt. Bis heute hat der Staatsrat Simon, der nicht gerade ein Wahrheitsfanatiker ist, seine Rede nicht zu dementieren gewagt. Nur der Bund der Saarvereine er= läßt jezt eine Erklärung, die an den wesentlichen Dingen vorbeiredet. Wir übergehen die üblichen ge= gen den Führer der saarländischen Sozialdemokratie, Mar Braun, gerichteten Beschimpfungen. Die stets persönlich und unsachlich und verlegend gefärbte Heyze gegen diesen Mann richtet sich von selbst. Hier geht es nicht um Personen, sondern um deutsches und enropäisches Schicksal. Wenn der preußische Staatsrat Simon nicht fähig ist, seine außenpolitischen Reden abzuwägen, so hat er den Mund zu halten. Reden vor größerer Zuhörer= fchar bleiben nie geheim, auch wenn man noch so um Ver= traulichkeit wirbt. Wenn Menschen wie dieser Simon so uns verantwortliches Zeng reden, dann müssen sie und ihre Bes wegung öffentlich gestellt werden. Das ist in diesem Falle geschehen. Es ist notwendig, laut und klar zu sagen, daß das Dementi unseren Bericht nicht widerlegt. Es ist nicht behauptet worden, daß der Bund der Eaarvereine die Aufgabe und den Willen hötte, ein derartiges Eroberungsprogramm aufzustellen und zu jor= dern. Nichtig bleibt aber, daß die nationalsozialis stische Führung des Bundes durch den Mund des Staatsrat Simon alarmierende Eroberungspläne, sagen wir es deutlich: an Irrfinn grenzende Kriegsfantasien, spinnt und plant. Als Deutsche, deren Volksgenoffen schließlich die Opfer für solche Friedensstörer in Europa zu tragen haben, erfüllen wir die Pflicht, solche verbrecherischen Politiker zu befämps fen. Lieber wollen wir„ Landesverräter" gescholten werden, als still mit zusehen, wie unser deutsches Bolt durch eine Sorte Politiker wie diesen Simon in kriegerische Abenteuer hineingehegt wird. Was Staatsrat Simon sagte, liegt durchaus im System nationalsozialistischer Außenpolitit, auch wenn sie jetzt durch den Reichskanzler Hitler vorsichtig verkleidet wird. Wir wollen als Beweis eine Stelle aus einer soeben erschienenen Broschüre des italienischen Historikers Giovanucci anführen, also eines Mannes, der doch wohl seine deutschen Gesinnungsfreunde verstehen dürfte, Er sagt: „ Die Grundidee des deutschen Faschismus ist die Nas= senidee, der Wunsch, alle, die irgendwie Deutsche ge nannt werden können, mit den Boden, auf dem sie leben, dem dritten Reich" einzuverleiben. Das gilt ja nicht nur für das Elsaß, für Lothringen, für Polen, die Tschechoslowatei, Ungarn, Oesterreich, Dänes mart, Belgien, sondern auch für Italien." Wir möchten wissen, was ein nationalsozialistischer Verfech ter der Rassenidee gegen diese Behauptungen einwenden kann. Die Eroberungs- oder Angliederungspläne müssen naturnotwendig aus dem pangermanistischen My= thos erwachsen. Nur Unflarheit oder Unwahrhaftigkeit kann das bestreiten. Die nationalsozialistische inoffizielle außenpolitische Bes tätigung verfolgt auch mit Zähigkeit diese Ziele. Für Oesterreich wird es von niemand geleugnet werden. Ges gen Holland stehen aggressive nationalsozialistische Vor: stöße in der Provinz Limburg, gegen Dänemark in Nordschleswig feft. Ueber die Schweiz liest man in der nationals sozialistischen Literatur Sätze wie diesen:„ Die deutsche Schweiz tommt bald wieder zum Reich! Siegheil!" Ein keis neswegs deutschfeindliches und sehr zurückhaltend geleitetes Blatt wie die„ Neue Züricher Zeitung" hat gegen dieses Treiben sich in folgenden entschiedenen Säßen ge= wehrt: " Der pangermanistische Mythos hat nichts innerhalb unserer Grenzen zu suchen, die wir während des Welt: trieges zu beschützen gewußt haben und die wir heute, wie wir mit Conrad Falke sagen können, mit einer levee en masse des schweizerischen Geift e 8" verteidis gen werden. Wir wünschen, daß man sich innerhalb des Reiches darüber Rechenschaft ablegt über die beunruhigende und verhängnisvolle Wirkung der ganzen Kampagne und daß man mit diesen Erklärungen aufhöre, die den normalen Beziehungen der beiden benachbarten Staaten nur schaden können." Sogar bis nach Nordschweden hat sich der nationalsozialis stische Expansionswille ausgedehnt. Der nationalsozialistische Führer in Stockholm Furugard hat unwidersprochen öffentlich erklärt, der preußische Ministerpräsident Göring Essen, 30. Aug. Vom Dortmunder Sondergericht wurde der katholische Vikar August Stöder zu neun Monaten Festung und sieben Monaten Ge fängnis verurteilt. Ein Antrag auf Bewährungsfrist und Strafaufschub wurde abgelehnt. Dem verurteilten Geistlichen wird u. a. vorgeworfen, behauptet zu haben, daß der SA. gesprengt worden sei, wobei manFahnen zerrissen habe. Auch habe er sich in unzulässiger Weise gegen führende Persönlichkeiten der Regierung geäußert. Als erschwerend wurde angesehen, daß ein Teil der beanstandeten Aeußerungen des Geistlichen von der Kanzel herab ge= macht wurden. In der Urteilsbegründung wird der verurs teilte Geistliche als ein Fanatiker bezeichnet, der statt die Gegenfäße innerhalb der Gemeinde auszugleichen, bewußt Unfrieden gestiftet habe... * Dieses ungeheuerliche Urteil ist ein Dokument der deutschen Zustände. Die Herausprüglung der katholischen Gesellen ans München, tausendfach durch die Erlebnisse der Beschimpften und Geschlagenen erhärtet, war das große Pfingstereignis, von dem ganz Deutschland sprach. Zehntausende waren in München Zengen jener Vorgänge, an ihrer Spige kein anderer als Herr von Papen. Die Opfer der braunen Attade lagen teilweise wochenlang im Hospital. Die katholische Presse an der Saar, damals noch nicht gleichgeschaltet, veröffentlichte spaltenlange Berichte, die ihr von Leidtragenden übergeben worden waren. Jetzt wird ein katholischer Priester, weil er die Wahrs heit auch von der Kanzel herab verkündete, zu vierzehn Monaten Freiheitsentziehung verurteilt! Eine Illustration zum Konkordat, ein Beweis für die Entthronung aller Menschenrechte, eine Offenbarung des Terrorgeistes, daß man teine Brutalität verschmäht, um die ersehnte Grabestille zu erzwingen. Gleichzeitig mit Stöder wurde der Polizeiwachtmeister Funke zu sieben Monaten Gefängnis verur= teilt. Funke soll die Vorgänge auf dem Gesellentag in Müns chen und gelegentlich einer Prozession in Regensburg zum Anlaß herabseßender Bemerkungen gemacht haben.d habe mit ihm in Berlin Berhandlungen gepflogen und im Katholische Jugendverbände hohe Subventionsgelder in Aussicht gestellt, wenn die schwedischen Nationalsozialisten fich verpflichten, die nördlichen Provinzen Schwedens an Deutschland abzutreten, sobald die schwedischen Nationalsozialisten zur Macht kommen. Diese Zumutung erschien dem schwedischen nationalsozialistischen Führer so ungeheuerlich, daß er seine Aemter niedergelegt hat. Verboten! Die katholischen Jugendverbände in Bense heim, und zwar die Jungschar, die Sturmschar, die Schwarze Schar und Neudeutschland, sind von der hessischen Staatspolizei mit sofortiger Wirkung aufgelöst und ver boten worden. Das Verbot erfolgte, wie das Bergsträßer Anzeigeblatt" mitteilt, im Zusammenhang mit der durch die Versehung des Kaplans Münch veranlaßten Demonstration, an der sich die genannten katholischen Verbände beteiligt hatten. Sozialismus Es gibt Chauvinisten und Kriegstreiber in allen Ländern. Ueberall werden sie von den politischen Kräften des Landes bekämpft, die eine friedliche Lösung der europäischen Span= nungen wollen. Als Deutsche haben wir die Aufgabe, unseren Kampf zunächst und zumeist gegen die wilden Nationalisten unseres eigenen Landes zu richten. Es gibt flügere und dümmere Verfechter des pangermanistischen Mythos. Die Andreas Howald einen formulieren vorsichtig, die anderen, wie dieser Simon, schwägen munter drauflos und fühlen sich schon gesichert, wenn sie die Veröffentlichung ihrer Träume untersagen. Je mehr die Schwierigkeiten in Deutschland wachsen, je auss sichtsloser es wird, das deutsche Volt durch wirtschaftliche und politische Segnungen zufriedenzustellen, um so größer ist die Gefahr, daß die Regierenden in außenpolitische Abenteuer hineintaumeln. Mit Brandstiftung in der Reichshauptstadt hat das„ dritte Reich" begonnen. Wir wollen nicht, daß es Europa in Brand steckt, ehe es zugrunde geht. Der Vernichs tungskampf gilt den Machthabern in Deutschland, nicht dem deutschen Bolt und dem Deutschen Reich. Theodor Lessing ermordet Prag, 31. Aug. Auf den früheren Profeffor an der Technischen Hochschule Braunschweig Theodor Lessing ist, wie das „ Prager Tageblatt" meldet, gestern nacht ein Revolveratten: tat verübt worden. Ein noch unbekannter Täter drang über Schrifttum zum höchsten Kulturgut deutscher Sprache gehört, Schrifttum zum höchsten Kulturgut deutscher Sprache gehört, war Pazifist und Jude. Nun hat er seine Gesinnung mit dem Leben bezahlt. eine Leiter durch das Fenster in das Zimmer Leffings, feuerte Van der Lubbe zwei Revolverschüsse auf diesen ab, von denen einer in die linke Wange eindrang und die rechte Seite des Hinterkopfes durchschlug. Lessing wurde bewußtlos ins Krankenhaus gebracht, wo er heute morgen um 1 Uhr gestorben ist. Wie das Tschechoslowakische Pressebüro meldet, ist der Tat dringend verdächtig der in Schanz bei Marienbad wohnende 81 Jahre alte Arbeiter Max Edert, der zum Einsteigen in die Villa eine Leiter der Feuerwehr von Schanz benutte. Es wird angenommen, daß Edert bereits über die Grenze geflüchtet ist. Wieder haben sie einen der besten Geister Deutschlands killen lassen. Der sechzigjährige Theodor Lessing hatte sich den Haß der reaktionären Studentenschaft zugezogen. Nach der nationalen Revolution" setzten sie seine Wohnung unter Jauche und zerstörten seine Bibliothek. Dieser Mann, dessen Das kommunistische Blatt„ Tribune" behauptet, daß der „ Brandstifter" von der Lubbe bei seinem Verhör gelengnet Brandstifter" von der Lubbe bei seinem Verhör geleugnet hat, Mitglieder der deutschen kommunistischen Partei zu kennen. Als diese Erklärung ins Protokoll nicht aufges nommen wurde, weigerte sich der Dolmetscher der Niederländischen Gesandtschaft das Protokoll zu unterzeichnen, wenn die Erklärung des Angeklagten nicht aufgenommen würde. Daraufhin wurde der Dolmetscher nicht mehr aufgefordert, den Verhören beizuwohnen. Außerdem wird berichtet, daß der bekannte Rechtsanwalt Pauwels von der Familie von der Lubbe ersucht worden ist, die Verteidigung des„ Brandstifters" zu übernehmen. Pauwels hat angenommen und sich sofort mit seinem Pariser Kollegen Moro- Giafferri in Verbindung gefeßt. in Wald und Wiese Das Gesetz des Nuvens in der Wirtschaft muß selbstverständlich bleiben. Es heißt nicht, daß der Eigennuß einem nebelhaften Gemeinnuz Plaz machen soll.. Bernhard Köhler, Leiter des wirtschaftspolitischen Amtes der NSDAP. 130 Jahre ist es jetzt alt, das Wort„ Sozialismus". Suerst in der Geschichte hat es der utopische Franzose Joncieres gebraucht, um eine gesellschaftliche Forderung gegen die egoistischen Rechte des einzelnen zu begründen. Aber welche Schicksale haben diese vier Silben inzwischen erlebt! Ver träumte Schwärmerei sozialer Paradiese, christlicher Messia nismus und materialistischer Optimismus, Erlösungshoffnung und realpolitischer Befreiungswille alles das, hat sich diesen vieldeutigen Namen im vergangenen Jahrhundert verliehen und erborgt. Als Karl Marx und Engels am Vorabend der deutschen Revolution von 1848 das Kommunistische Manifest schrieb, durfte er mit Recht spotten über die reaktionären und fonservativen Scholastiker und Volksverächter, die den Begriff Sozialismus" mit feudalistischer Gewaltherrschaft im Namen der Heiligen Allianz der Völker zu vereinigen wußten. Achtzig Jahre später! Allen Gesetzen der Vernunft zum Trotz entdecken wir, daß die Varianten des Sozialismus, die er bisher erlebte, noch nicht erschöpft sind. Denn jetzt erscheint er auf einmal in Braun, brüllt uns aus dem Munde von Despoten entgegen, wird durch die Gosse der Plattheit und der Lüge, der Dummheit und der Brutalität geschleift. Während sie den„ Sieg" des Sozialismus verfünden, wird die Idee der menschlichen Befreiung, ohne die ber wirkliche Sozialismus nicht leben kann, dazu mißbraucht, Um ein ganzes Volk in Re Fesseln der politischen und wirk- fchaftltche« Tyrannei zu schmiede«. « Wa««st da» heute alleS:„Deutscher Sozi allste u»!?" Wenn ein Minister, wie jüngst Herr Schmitt von der Alltanz, die Herrschaft öeS Prtvatkapitals und die An» Erkennung feiner Gewinngrunbsätze fordert, bann bekennt er zugleich,„Sozialist" zu sein. Wenn irgendwo vorgetäuscht wird, man habe die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpft, so ist das„Sozialismus". Wenn arme Teufel der Schwarzarbeit überführt, Arbeit gestreckt und auf den Posten einer Frau oder einer Vraut ein Mann geseht werden, so will es der »Sozialismus". Wenn, wie es jetzt, in der Pfalz geschieht, Sparpfennig« von den Löhnen in die braunen Kassen fließen, so will es der„Sozialismus". So viele wohlfeile Münder, so viele Abarten des„Sozialismus", von der verblasenen Phrase de» Intellektuellen angefangen biS zum Konzentra- tionSlager-SozialiSmuS, wo er handfest eingebläut und ein- gepeitscht wirb.„De, Sozialismus, den wir predigen, ist ein Sozialismus des Heroismus, ein männlicher, soldatischer Sozialismus. Es ist der Sozialismus eines Immanuel Kant, ein Sozialismus der Pflicht." Also GöbbelS vor wenigen Tagen in Königsberg. Der große Königsberger Philosoph, der von FribericuS Rex gemaßregelt wurde und in einem bunkel-komplizierten Deutsch schreiben mußte, um der altpreußisch-soldatischen Zensur zu entgehen, säße heute in Schutzhaft als Untermensch, weil er nicht müde wurde, die allen Menschen angeborene«Bürde leidenschaftlich zu ver- teidigen. Hitler würde ihn trösten, daß er in heroischen Zeiten„Schicksal" erleiden müßte. » Wt, verkennen nicht, baß dieser„deutsche Sozialismus' heute im Rahmen de»„totalen Staates" eine aktuelle politische Aufgabe besitzt. Er hat den Arbeitern die Ueberzeugung beizubringen, baß ihr Einfluß gebrochen ist. Die Gewerkschaften sind beraubt und zerstört, die Konsum» Genossenschaften gleichgeschaltet, Eozialrecht und Schlich» tungSwesen unterstehen im wichtigsten deutschen WirtschaftS» gebiet dem kapitalistischen Machtverweser Thyssen. Vor kurzem sind sämtliche Vorsitzenden der NSVO. auf den Schiffswerften von Hamburg-Altona verhaftet worden, weil sie in einer Denkschrift die Gozialisierung der seit anderthalb Jahrzehnten au» Staatsmitteln subventionierten Werften gefordert hatten. Wahrhaftig, kein Bürger braucht mehr vor »Sozialismus" zu erschrecken. In vortrefflicher Würdigung der neuen Lage schrieb am 20. August die schwerindustrielle »Bergwerkszeitung", daß da» Wort„Sozialismus" früher weite Kreise des Bürgertums, namentlich unter der Unter» Dehmerschaft und der Intellektuellen, veranlaßt habe, der Bewegung Adolf Hitlers gegenüber längere Zeit eine ab- wartende und zögernde Haltung einzunehmen.„Heute hat sich längst herausgestellt, baß hier ein großes Mißverständnis obwaltete. Mehr als die nationalsozialistische Werbung haben die Taten der neuen Regierung die Einsicht geweckt, daß der Sozialismus de».dritten Reiches" das gerade Gegenteil von dem ist, wa» der Marxismus als Sozialismus bezeichnet." Ganz richtig: da» Gegenteil! Der Hitler-GozialiSmuS steht heute auf der Haben-Seite der Rentabilitätsberechnung feiner Geldgeber. Jener Gemeinnutz, der vor Eigennutz geht, ist von der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie in gut« Obhut genommen worden, und sie darf, ohne mißverstanden zu werben, da»„Heil Hitler!" zum offiziellen Grußwort «nter Generaldirektoren und verbanbSsyndici erheben. * Damit ist der Pseubo-Sozialismus der faschistischen Gegenrevolution demaskiert. Er hat eine„berufs- itänbische" Organisierung der wirtschaftlichen Ordnung im llluge, den„totalen Staat" de» M o n o p o l» u n b S t a a t S» kapitaliSmuS mit höchster Autorität gegen die Ar» beiterschaft im Sinne Ottmar Spann», dessen Universalität»- jlehre jetzt ihre höchsten praktischen Triumphe erlebt. Dieser „Sozialismus" kann nur wirksam werben in einem System furchtbarster despotischer Gewalt, in einer Synthese von polt» tischem und wirtschaftlichem Absolutismus. Wa» alS Wald- und Wiesen-SozialiSmuS begann, um die Kleinen und die Dummen, die Gläubigen und die Hoffenden einzusaugen, alle diejenigen, die wurzellos geworben waren und sich auf- richteten an kommender sozialistischer Neugestaltung— jetzt werben sie in das erstickende kapitalistische Dickicht geführt, wie«S mit seiner Tyrannei und seiner Entrechtung arbeiten- der Menschen ohne Beispiel ist in der Geschichte der deutschen Wirtschaft und der deutschen Gesellschaft. Alfred Rosenberg, der Schwätzer und Beschwätzer de» Nationalsozialismus, verkündete jüngst die Prophétie der »deutschen sozialistischen Freiheit«. Nie sind Freiheit und Sozialismus frecher mißbraucht worden. Nur als Antisemitismus ist der Hitler-Sozialismus zu Eingriffen in die kapitalistische Wirtschaft geschritten, und auch hier wiederum nur bei den Kleinen. Feder» Wunsch, baß die„freie Entfaltung»er schöpferischen Persönlichkeit des Unter- nehmerS" gesichert werden muß, ist in Erfüllung gegangen. Aber bei weitem sind diese Gaukler nicht entlarvt. Da» deutsche Volk ist in seiner Mehrheit in einem Rauschzustand, der ihm den tollsten Widerspruch, geschrieben ober gesprochen von einem„Führer", erträglich macht, wenn eS ihn überhaupt merkt. Doch wir wissen au»»er Geschichte, daß kein Irr- wahn Ewigkeitswert und Ewigkeitsbestand besitzt. Eines Tage» wird dieser deutsche Sozialismus als eine der furcht- barsten Treulosigkeiten, die an Menschen begangen wurden Krkannt und dem Urteilsspruch ausgeliefert werden. * Den» es gibt nur einen einzigen Sozialismus. Jenen nämlich, der die Existenzbedingungen der Gesamtheit, dieser Gesamtheit zum„Gemeinnutz", sicherstellen will. Dieser Sozialismus kann an einer nationalen Grenze ebensowenig Halt machen, wie der Kapitalismus selber an ihr Halt macht. Vielleicht ist das kein„deutscher Sozialismus"— vielleicht ist da» sog« Marxismus. Nun, bann ist er stärker als diejenigen, die ihn soeben„ausgerottet" haben. ES ist jener Sozialismus, der in tiefster sittlicher Entscheidung eine Höherführung der menschlichen Gesellschaft erstrebt und mit der Freiheit im Bunde ist. ES ist der Sozialismus, der das verbriefte Menschenrecht in Treue bewahrt und in den kom- mende« Jahren Träger der geschichtlichen Auf- gäbe ist, den Kampf einzuläuten gegen die barbarische Staatssklaverei, die Deutschtum und Sozialismus alS THrou» Pützen für ein paar Despoten annektiert ZorOdf' Der Grenzzwischenfall bei Ramseis Berlin» 80. August. As de« Grenzzwischenfall bei Ramsen an der ^»ntlck'schweizerischen Grenze wird pou«nter. IntfQhning mit Chloroform Neue Zuspitzung in Oesterreich Harte Gegenmaßnahmen ** Innsbruck, SO. August. Ä« der Entführung des Nazi-Gauleiter H o s e r werden von amtlicher Seite folgende Einzelheiten bekanntgegeben: Kurz vor 1 Uhr nachts fuhr ein Auto beim Eingangstor des Ge- sangenenhauses vor, dem zwei Männer in Heimwehrunisorm und ein Zivilist, der die Hände so hielt, als ob er gefesselt wäre, entstiegen und in das Gebäude eingelassen worden. Dem Kontrolleur Zeilberger wurde aus seine Frage, was los sei, geantwortet:„Eine gefährliche Einlieserun g." In der Ausnahmekanzlei wurde er von den drei Männern überfallen und chloroformiert. Inzwischen kam der dienst- habende Kontrolleur Bergles» der die Schritte im Gange ge- hört hatte, hinzu. Er wurde gleichfalls betäubt, desgleichen der Aufseherstellvertreter Ludwig. Nachdem sich die Täter aus einem Schlttsselkaften ein Bund Schlüssel geholt hatten, holten sie Gauleiter H o s e r aus seiuer Zelle, in die sie die Be» amten einzuschließen versuchten. Den Schlüssel zur Aus- gangstttr holten sie aus der Wohnung des Aufseher-Stell- Vertreters Ludwig und entkamen so. Der ganze Ueberfall und die Befreiung spielten sich in ungemein kurzer Zeit und ohne Lärm ab. « Innsbruck,»0. August. Ein Weullnrmerkepostrn am Brenner versuchte da» Auto durch Rufe anzuhalten, doch fuhr dieses mit unverminderter Schnelligkeit weiter. Gendarmen sandten dem Auto mehrere Schüsse nach. Gegen b Uhr früh wurde das Auto ohne In- fassen etwa eine halbe Stunde vor der italienischen Grenze am Brenner aufgesunden. Man stellte am Wagen an ver« schiedenenen Stellen Schußspure» fest, und auch im Wagen fand man Blutslecke. Auch ans der Strecke wurden Blut« spuren gesunden. Man nimmt daher an, daß einer der In- soffen durch die Schüsse verletzt worden ist. Im Auto sand man die Personaldokumente des Gauleiters Hoser und einige Kleidungsstücke, außerdem eine Aktentasche mit einem zwischenstaatlichen Führerschein und einem Tryptique für Deutschland» Italien und die Schweiz. Die Grenze gegen Italien wnrbe hermetisch abgeschlossen. Man glaubt die Flüchtenden, wenn fie stch nicht schon auf italienischem Bode« befinden, noch fassen zu können. Nicht nur in Inns» brück, sondern auch in ganz Tirol wurden zahlreiche Führer der NSDAP, wegen dieses Vorfalles verhaftet. 100 VcrhafluDgen! Schon in den frühen Morgenstunde» wurde auf Anweisung des Sicherheitsdirektors von Tirol in Innsbruck 7 0 führende Nationalsozialisten bis auf weiteres verhaftet. Auch erging eine Anweisung, sämtliche Führer der Tiroler Nationalsozialisten zu verhaften. Insgesamt sollen bis jetzt etwa hundert Nationalsozialisten seftge» nomme» worden sein. Da die Entführung sehr gut vor, bereitet gewesen sein mutz, glauben die Behörden, bei den Verhafteten Anhaltspunkte für die Entdeckung der Täter und etwaiger Mitschuldiger finden zu können. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Regierung diesen Borfall zum Anlaß nimmt, die wiederholte Ankündigung einer Verschärfung de» Kampfes gegen die Nationalsozialisten wahrznmachen. Oeslerrcldi verbleiet Zeitungsverbote für 3 Monate ES sind wiederum eine Reihe von ZeitungSverboten er» folgt, und zwar sind verboten worden die„Germania", Berlin, die„Passauer Zeitung", Paflau, die„Bayerische Zei» tung", München,„Rote Erde",„Generalanzeiger", Dort- mund,„Dresdener Nachrichten" und das„Reichenhaller Tageblatt". Sämtliche Verbote gelten für drei Monate. Die Endfrist ist nach der Ausfertigung des Verbote» der 24. November. Moskaus sich Ober Berlin Die duDcre PoMlK der Soviets Der radikalsozialistische Führer H err lot wird in Rußland lebhaft gefeiert. Man dankt ihm als einem Manne, der viel für gute französisch-russische Beziehungen getan und entscheidend an dem Zustandekommen des Nichtangriffs-Paktes zwischen Frankreich und der Sowjetunion beigetragen hat. Zur selben Zeit veröffentlicht Karl Radek, der jüngst einen hochpolitischen Besuch in Polen gemacht hat. sowohl in der Warschauer„Gazeta Polska", dem Organ Pilfudskis, wie in der Moskauer„Istwestija" einen Auf- satz über die Außenpolitik der Räteunion. Er begrüßt die Wiederherstellung Polens als ein Ziel auch sozialistischer Außenpolitik und erinnert daran, daß Marx und Engels immer wieder für die Unabhängigkeit Polens sich eingesetzt haben. Die Eingliederung Rußlands In das europäische System und, wie die Partie nun einmal steht, in die große Ein- kreisung Deutschlands mühte alarmierend auf die deutsche Öffentlichkeit wirken. Die deutsche Presse hat aber Befehl erhalten, das deutsche Volk über die Bedeutung dieser Ereignisse im Dunkeln zu halten. Insbesondere dürfen die Deutschen nicht erfahren, daß die Triumphe der bolschewistischen Außenpolitik nur durch die katastrophalen Fehler des neuen deutschen Regimes möglich sind. Kennzeichnend da- für ist. daß selbst ein Blatt wie die„Frankfurter Zeitung" (Rr. 045/40) nicht wagt, die Zusammenhänge richtig dar- zustellen. Sie erwähnt nämlich einen Aufsatz des Pariser „Temps" über die Außenpolitik Sowjetrußlands und zitiert allzuknapp so, als fei der hauptsächliche Inhalt eine Warnung an gewisse französische Kreise, sich allzu großen Illusionen Uber die Auswirkungen dieser Politik auf Frankreich hinzugeben. In Wirklichkeit hat der Hauptteil des Aufsatzes im..Temps" vom 30. August einen ganz anderen Charakter, wie der folgende ausführ- liche Auszug beweist: ES sind die Fehler der Hitler-Politik. welche der Entwicklung der bolschewistischen Außenpolitik einen plötzlichen Stoß gegeben haben. Seit Rapallo bildeten Deutschland und das sowjetistische Rußland eine so festgefügte Partei, daß man nicht abstreiten konnte, daß die Verschiedenheit der Regie» rungSsysteme in Moskau und in Berlin die aktive russisch- deutsche Zusamemnarbeit nicht zu stören vermochte. Man mußt« zugeben, daß da» revolutionäre Ruhland und da» reaktionäre Teutschland, getrieben durch ihren gemeinsamen Ha'' gegen die westlichen Mächte, in völliger Uebereinstim- mung handeln konnten. Man fand das skandalöse Einver- ständnis zwischen der Reichswehr und der Roten Armee sehr natürlich. Selbstverständlich hatten die russischen Partei- Häupter den Hintergedanken, daß in dieser ungeheuerlichen Verbindung schließlich der junge revolutionäre Einfluß Rußlands sich gegenüber der alten deutschen Reaktion als übermächtig erweisen und e» auf die Dauer möglich fein würde, Deutschland zu bolschewisieren. Gleichzeitig gaben sich die leitenden deutschen Politiker der Hoffnung auf eine um» Essende Kolonisation Rußlands hin. denn man war über» richtetet Seite mitgeteilt, daß der Festgenommene vereit» gestern den schweizerischen Lokalbebörden zur Uebernahme zur Verfügung gestellt worden ist. Da der schweizerische Be- amte noch keine Dienstanweisung hatte, Weber zu über- nehmen, konnte die Uebernahme noch«echt erfolgen. «bring in Blitz und Donner .ybi— ist er in der Generalsynode erricyreckt horcht heute früh die Mitwelt aus. Au» amtlichen Meldungen erfuhr sie. daß Ministerpräsident und Luftfahrt» minister Göring mit Mühe und Not einem s ch w e r e n G e» witter entronnen sei. Im Thüringer Wald, den er mit einer Junkermaschine überflog, jagten Schneestürme und Blitze hinter ihm her, wobei die Bordfunkstation außer Be- trieb gesetzt wurde. Man stelle sich vor... Aber eS ging gut. zeugt,»aß allein 3er beutskste Geist fähig sei, dort wieder Ordnung zu schaffen. Inzwischen kam die deutsch-ruf- fische Zusammenarbeit zustande und entwickelte sich sowohl auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Der Sieg de» HitleriSmuS in Berlin hat genügt, um diese Waffe zu zerbrechen, welche die Junker zusammen mit de« volschewisten geschmiedet hatten und welche im gegebene» Augenblick eS ermöglichen sollt«, die kapitalistischen und demokratischen Mächte de» Westen» zu besiegen. Moskau konnte nicht gleichgültig bleiben gegenüber btz rohen Unterdrückung der deutschen Kommunistischen Partei, die mit ihren sechs Millionen Stimmen eine bedeutende Macht darstellte und deren sich die Sowjets bedienen wollten, um ganz Mitteleuropa unter ihren Einfluß zu bringen. Als Hilgenberg, damals Wirtschaftsminister und Delegierter des Reiches auf der Weltkonferenz in London, der Hanptkom» misston sein berühmtes Memorandum übergab, in dem sich die deutschen Absichten auf eine wirkliche Kolonisation der baltischen Länder und der Ukraine klar offenbarten, da be» griffen die Staatsmänner der Sowjetunion die unmittelbare Drohung, die das Berliner System für sie enthielt. Die kommunistische Regierung, so wie sie in Rußland besteht, kann sich zwar mit allen fremden Diktaturen verständigen und die Weltrevolution abwarten. Die Bolschewisten, die in Brest-Litowsk mit dem kaiserlichen Deutschland einen Friedensvertrag abgeschlossen hatten, würden zweifellos sich unbedenklich mit Hitler-Deutschland geeinigt haben, wenn nicht ein heftiger und unauflöslicher Widerspruch zwischen dem deutschen und russischen Interesse bezüglich der Herrschaft in Osteuropa bestünde. So bestimmt derselbe Grnnd— die Furcht vor einer deui- schen Offensive gegen Osten— der daS zaristische Rußland veranlaßte, sich mit Frankreich zn verbünden, auch daS bolschewistische Rußland, stch in»as europäische System einzusägen. Die Deutschen täuschen sich darüber nicht. Anlätzt'ch»eS Abkommens über den Begriff des Angreifers, das Rußland mit Polen, Estland, Finnland, der Tschechoslowakei, Ingo» slawien, Rumänien und mit der Türkei abgeschlossen hat, fragte sich die deutsche Presse nicht ohne Bitterkeit, ob die Union der Sowjetrepubliken die Absicht habe, sich durch Frankreich in das System von Versailles einbeziehen zu lassen. Die„D e u t s ch e T a g e S, e i t u n q" bemerkte, baß Moskau sich dem französischen System genähert habe, ohne den Vertrag mit Deutschland auszugeben, aber auch ohne mit den deutschen Regierungsstellen Fühlung zu nehmen, wzs die deutsche Zeitung die Schlußfolgerung ziehen ließ, daß In Deutschland der Eindruck der Isolierung und Einkreisung bestehe während Polen und die Kleine Entente durch die Haltung Rußlands eine größere Bewegungsfreiheit„im Sinne der französischen Politik" fänden. Nichts geht in Europa vor, ohne daß die Deutschen alsbald den Einfluß der franzö- fischen Diplomatie entdeckten, dem sie einen Geist systema- tischer Feindschaft gegen daS Reich zuschreiben. Das ist ihre Art, sich Ereignisse zu erklären, die sie, in den meisten Fol- len, ihren eigenen Fehlern verdanken. Aber sicherlich hat sich die Entwicklung der äußeren Politik Rußlands in den letzte« Wochen sehr deutlich manifestiert und das ganz gewiß unter dem Etnsluß der nationalsozialistischen Bedrohung, die Tag für Tag ein wenig deutlicher in Erscheinung tritt. Herr Göring hat öem Fcugcapnau Dank und Anerkennung ausgesprochen. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Auch Dollfuh, Görtngs intimer Freund, hatte jüngst einen schweren Gewitterslug zu bestehen, doch auch ihm blieb daS Schicksal hold. Der Gott der Gewitter beschützte daS gelb» weiße Banner des Bundeskanzlers ebenso wie die neu« Prunkstandarte deS preußischen Diktator«. JnS Irdische über» setzt kann man auch sagen, daß daS Flugzeug feuersicherer war als der Deutsche Reichstag. Eingedenk der Tatsache, daß der Prozeß gegen die angeblichen Brandstifter in einige» Wochen steigen soll, hat der Ktrchensenat der evangelischen Kirche Herrn Göring soeben sein besonderes Vertrauen aus- gesprochen. Er hat ihn in die G e n e r a l s y n o d e berufen. Göring entwirft sich augenblicklich eine neue UJJocn alll „General-SynodiU", Dr. Richard Kern: Weltwirtschaft und Deutschland Schrumpfung der Banken- Tote Börsen- Bankrotte Kommunen statt Wohlfahrt- Schlußfeuerwerk Je mehr die Ziffern der deutschen Arbeitslosenstatistik gefälscht und auch die Beschäftigtenziffern der Krankenkassen manipuliert werden, desto richtiger ist es, alle Symptome zu betrachten, die sich der Fälschung entziehen und die wahre Lage erkennen lassen. Man muß dabei von der Tatsache ausgehen, daß die Weltwirtschaft seit Frühjahr dieses Jahres Symptome einer ge wissen Besserung oder vielleicht auch nur einen Stillstand in der fortschreitenden Verschlechterung erkennen ließ. Es tst an sich ohne weiteres verständlich, daß im vierten Jahre der Krise die akutesten Erscheinungen nachlassen, daß zu rückgestellter Investitionsbedarf sich geltend macht, daß die erschöpften Vorräte der Produzenten wie der Privaten ergänzt werden. Der Tiefstand der Preise erzwingt eine Einschränkung der Produktion und eine Anpassung der Kosten am langsamsten im Umkreis der Agrarproduktion und so erfolgt der Uebergang der akuten Krise zunächst in die Depression, das heißt in ein Stadium, in dem die Produktion auf verringerter Stufenleiter mit gesunkenen Proftten und Löhnen, aber ohne weitere Erschütterungen vor sich geht. Dabei ist eins der besonderen Momente dieser Krise die ungeheure Rolle, die die schweren Erschütterungen des internationalen Kredit- und Geldsystems bei ihrer Auslösung und in ihrem Ablauf spielen. Das Jahr 1981 hatte durch die österreichische und deutsche Bankenkrise, der dann im September die englische Währungskrise folgte, zu einer neuen außerordentlichen Verschärfung geführt. Seit dem Frühjahr 1933 schienen die schlimmsten Folgen überwunden, das Pfund auf neuer Basis eine gewisse Stabilität erreicht zu haben; der englische Geld- und Kapitalmarkt wurde wieder funktionsfähig und schüchtern begann eine gewisse Zuversicht in die kapitalistische Welt einzuziehen. Sie ist aufs neue gestört worden durch das Vorgehen Amerikas. Das Abgehen vom Goldstandard, die Entwertung des Dollars, der plößliche Uebergang zu einer dirigierten" vom Staat gesteuerten Währung und Wirtschaft, die Unklarheiten über die Absichten und den Ausgang des amerikanischen Experiments haben weltwirtschaftlich erneute Unruhe geschaffen. Wie immer wieder im Verlauf dieser Krise haben die politischen Eingriffe der kapitalistischen Regierungen die rein ökonomischen Tendenzen in ihren Wirkungen abgeändert und erst wenn in den Vereinigten Staaten die Wirtschaft unter den Wirkungen der Inflation, Schuldenentlastung, öffentliche Arbeitsbeschaffung, zwangsweisen Einschränkung der agrarischen Produktion, der Zwangs fartellierungen, der Arbeitsstreckung, der Lohnerhöhungen und Preissteigerungen ein neues Gleichgewicht gefunden haben wird, wird dieser neue, in seinen Wirkungen noch schwer zu beurtellende Störungsfaktor ausgeschaltet sein. Trotzdem bleibt es richtig, daß Frühjahr und Sommer 1933 für eine große Reihe Staaten insbesondere auch für England und Frankreich nicht nur Stillstand der Krise, sondern auch eine gewisse Erholung gebracht hat. In Frankreich z. B. hat sich die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Kurzarbeit stark verringert, der Index der industriellen Produktion betrug im Juni 112 Prozent gegen 98 im Juni 1982, die Umsätze haben zugenommen, der Außenhandel bleibt stetig und das Kursniveau der Aktien und Renten steigt. Und dabei haben weder England noch Frankreich öffentliche Arbeitsbeschaffungspläne von nennenswertem Umfang durchgeführt. Es geht aufwärts"! Sichtbarlich in Berlin Wie ist es nun in Deutschland? Uebertrifft wirklich, wie es die nationalsozialistische Propaganda darstellen möchte, die Erholung in Deutschland alles bisher Dagewesene? Die Besserung der Wirtschaft, nicht die der amtlichen Statistik, müßte ihren Refler im Geld- und Kreditverkehr finden, in einer Ausdehnung des Geschäftsumfanges der Banken. Seit der Bankenkrise von 1931 aber geht die Schrumpfung bei den Banken unaufhaltsam weiter. Ja im Juli hat sie wieder ein rascheres Tempo angenommen. Die Abnahme der Kreditoren( also der Einleger) betrug 143 Millionen gegenüber 60 im Juni. Während aber die Abnahme in früheren Monaten zu einem Teil damit begründet werden konnte, daß infolge der Dollarentwertung vor allem die ausländischen Guthaben in ihrem Wert sich verringerten, die Verschuldung der deutschen Wirtschaft an das Ausland zurückgegangen und dies volkswirtschaftlich nützlich set, läßt sich der Juli- Rückgang damit offenbar nicht mehr begründen, da die Dollarentwertung in dieser Zeit nur wenige Prozente betrug. Nein, es handelt sich größtenteils um einen Rückgang der inländischen Einlagen. Nun könnte gesagt werden, diese Einlagen sind zurückgezogen worden, um sie in der Produktion anzulegen. Aber es ist eine bekannte Tatsache, daß wenn mehr investiert und mehr produziert wird, und diese Produkte wirklich verkauft werden, die Gelder zu den Banken zurückfließen müssen. Jeder echte Konjunkturaufschwung wird von einer Erweiterung und nicht von einer Schrumpfung der Bankgeschäfte begleitet. Im Juli haben aber wie bisher auch die Debitoren, d. h. also die Kreditgewährungen der Großbanken um 91 Millionen abgenommen kurz das in der deutschen Wirtschaft arbeitende Kapital nimmt seit der Bankenkrise von 1931 nicht zu, sondern beständig ab. Die " Neue Züricher Zeitung" konstatiert dann auch trocken, daß diese Schrumpfung in einem faum erklärlichen Widerspruch zu den Nachrichten über eine fortschreitende Geschäftsbelebung steht". Ein anderes Symptom, das für die wirkliche deutsche Wirt schaftslage bezeichnend ist, ist die völlige Lähmung der Börsentätigkeit. Diese ist nicht nur erzeugt durch das Mißtrauen in die Wirtschaftspolitik, durch die Furcht vor neuen zwangsweisen Eingriffen in die 3insgestaltung, sondern vor allem durch die Ueberzeugung, daß es immer weiter abwärts geht. Die Börsenumsäße sind seit Monaten die minimalsten, die in der Geschichte der deutschen Börsen zu verzeichnen sind. Der Verkauf auch der geringfügigsten Posten ist ohne große Kursverluste kaum möglich. Im Gegensatz zu der Bewegung im Auslande zeigen die deutschen Aktien- und Rentenwerte dauernd sinkende Tendenz. Während vor der nationalsozialistischen Machtergreifung die Aussicht bestand, daß die wichtigsten festverzinslichen Papiere allmählig den Paristand erreichen würden, beträgt der Inder heute 76,59 Prozent und der durchschnittliche Ertrag, den diese Papiere abwerfen, beträgt 7,56 Prozent. Die Binsknechtschaft" hat sich verschärft und man versteht das verlegene Geftammel des Herrn Feder, der auszog, die Binsknechtschaft zu brechen und mit der Erklärung endet, daß das bei Leibe nicht die Aufhebung des Zinses überhaupt bedeute. Aber daß nationalsozialistische Wirtschaftsführung noch steigenden Zins und vermehrten Kapitalmangel bedeuten würde, haben sich wohl die Anhänger des Brechers der ZinsRüstung knechtschaft und Erfinders des jetzt auch schon verleugneten Federgeldes nicht träumen lassen. Auf der anderen Seite wird die Situation der öffent lichen Finanzen immer prefärer. Die Krise der Kommunalfinanzen verschärft sich zusehends und nimmt allmählig akute Formen an. Es ist bezeichnend genug, wenn man erfährt, daß eine relativ so reiche Stadt wie Frankfurt ihre Rechnung für das Jahr 1932 mit einem Defizit von 16,86 Millionen abschließt, daß der bis April 1933 aus früheren Jahren aufgelaufene Gesamtfehlbetrag 40 Millionen ausmacht und der neue Haushaltplan ein neues Defizit von 11 Millionen ausweist. Aber wie mag es erst in den weniger reichen Gemeinden aussehen? Der Reichsfinanzminister hat vor einiger Zeit das aufgelaufene und ungedeckte Defizit der deutschen Gemeinden auf 1 Milliarde Mark beziffert. Die Schäßung dürfte zu niedrig sein, jedenfalls aber vermehrt es sich ständig durch den Rückgang sowohl der Reichsüberweisungen als der eigenen Steuern der Kommunen. Das Reich tut nichts, um dem abzuhelfen. Im Gegenteil! Unter der nationalsozialistischen Gemeindeherrschaft wird die kommunale Finanzwirtschaft auf die infamste, sozial ver= ruchteste Art betrieben: durch immer erneute Kürzung an den Arbeitslosenunterstützungen und Wohl= fahrtsausgaben. Das flutscht noch, nachdem alle fulturellen Aufwendungen für die Armen längst abgestoppt sind! Und die nationalsozialistische Reichsregierung hat noch die Erbärmlichkeit und Erbarmungslosigkeit, diesen Druck zu steigern: Die Reichswohlfahrtshilfe ist für den Monat August im Hinblick auf die Kassenlage des Reiches" um fünf Millionen auf 65 Millionen gekürzt worden. Für September und Oktober ist eine weitere Herabsetzung auf 60 Millionen beabsichtigt. Der deutsche Gemeindetag hat zu protestieren gewagt, nüßen wird es nicht das Geringste. Dasselbe Gesindel, das für seine Parteiorganisation, für seine Feste, für seine Lügenpropaganda Millionen aus Steuergeldern stiehlt und aus privaten Erpressungen ergattert, bringt die Erwerbslosen um ihre Bettelpfennige! Dieselbe Hitlerbande, die Millionen für Rüstu1t= in gen verwendet, Deutschland neue Kriegsgefahr stürzt und die Welt mit einer neuen Katastrophe bedroht, sucht sich vor der drohenden Inflation zu bewahren, indem es die langfristig Erwerbslosen in immer tieferes Elend, in immer rascheres Hungersterben stößt. Aber der Bankrott der Kommunen läßt sich damit nicht aufhalten. Die Münchener Bankiervereinigung hat vor kurzem an eine große Reihe von Städten die Frage ge= richtet, ob sie ihre Zahlungsverpflichtungen einzuhalten gedenken. Nur zehn haben positiv geantwortet! Der Bankrott der Gemeinden ist aber nur der akuteste und der, der am frühesten offenbar wurde. Noch verborgen, aber im steten Fortschreiten ist der Bankrott der Länder und des Reiches selbst. Und die andauernde Wirtschaftskrise, die tiefer, anhaltender und verzweifelter ist als die der anderen großen Industriestaaten wird durch den Rückgang der Steuereinnahmen, durch die andauernd hohe Last der Arbeitslosenausgaben dafür sorgen, daß der Weg zum Abgrund sich verfürzt. Auf dem nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg wird ein Feuerwerk abgebrannt werden. Es wird das kostbarste und größte Feuerwerk werden, das die Welt je gesehen hat. Marneschlacht" der Arbeitsbeschaffung Beil es in Deutschland nach den Berichten der gleich Die Sorge um das Ende geschalteten( lies: geistig gefesselten) Presse immer weniger Arbeitslose gibt, deswegen geht von der Berliner Stadtver waltung eine Verordnung heraus: Die fatastrophale Finanzlage der Stadt Berlin zwingt zu der Maßnahme, daß für Sonderzuwendungen an die Wohlfahrtserwerbs= Iosen monatlich im Durchschnitt nur noch 85 Pfennig ausgegeben werden dürfen; daß den nach dem 1. Januar 1931 nach Berlin Zugezogenen Sonderzuwendungen überhaupt nicht mehr gegeben werden; daß bei den Mietbeihilfen eingespart wird! Bisher fonnte für Beschaffung von Wäsche, Kleidung, Schuhen und Schuhsohlen den Wohlfahrtserwerbslosen Sonderhilfe gewährt werden. Das ist jetzt vorbei. Monatlicher Höchstsaz 85 Pfg. Siechen und Alten sind nicht mehr zuwendungen zu machen, als zum Leben nötig find". Die Sentimentalität, mit allen Mitteln das Leben dieser Leute zu verlängern hat aufzuhören. Nachdem erst vor kurzem die Preise für Packpapier um 2 RM. je 100 Kilogramm heraufgesetzt worden sind, hat man jetzt eine erneute Erhöhung der Preise um weitere 2 RM. beschlossen. Innerhalb der Papierindustrie gehen die Verhandlungen über Bildung von Konventionen weiter. Kein Fremdenverkehr Nach den Veröffentlichungen des statistischen Landesamtes über die Uebernachtungen in den preußischen Bädern und Kurorten während des Monats Juli ist die Zahl der Fremden scharf zurückgegangen. Im Nordseebad Norderney ist der Fremdenverkehr um 65 Prozent zurückgegangen, der Anslandsverkehr in Berlin um mehr als 30 Prozent. ,, Alle Anzeichen der Panik" ( Inpreß): Die Berliner Börsenzeitung, die bekanntlich, ohne ein nationalsozialistisches Organ zu sein, noch lange vor der Machtübernahme durch Hitler nationalsozialistische Propaganda trieb und der Schwerindustrie nahe stand, veröffentlicht einen aufsehenerregenden Artikel, der Erscheinun= gen ankündigt, die oft Vorboten der Panik sind. Man habe jede Lust verloren, Kapitalien zu investieren. Die Wertpapiere verlören fortwährend. Die ganze Lage in der Wirtschaft sei außerordentlich kritisch. Der Reichsstatthalter in Thüringen, Friz Sauck e I, hat auf dem hakenkreuzlerischen Landesparteitag in Friedrichroda die innenpolitische Bedeutung der Arbeitsbeschaffung mit klaren Worten gekennzeichnet: Sollte diese Arbeitsschlacht von uns nicht siegreich bes endet werden, dann könnte nach uns nur das Ende und der Margismus kommen. Für den Kampf des Nationalsozialismus gegen die riesenhafte Arbeitslosigkeit ist offenbar wie für jeden Krieg kennzeichnend: es wird unglaublich gesch win delf! Ein Beispiel: An demselben Tag, an dem das Leipziger Fürsorgeamt allein die Zahl der Wohlfahrtserwerbslosen von den übrigen gar nicht zu sprechen mit 44 800 Arbeitslosen angab, berichteten Braunschweigs Zeitungen begeistert, in Leipzig gebe es überhaupt keine Erwerbslosen mehr. Ein anderes Bei spiel: Als jüngst in Königsberg auf Befehl des ostpreußischen Oberpräsidenten Koch die Befreiung der Stadt von der Erwerbslosigkeit" feierlich durch Beflaggung begangen wurde, gehörten zu denen, die sich der Anordnung zähneknirschend fügen mußten, tausende Arbeitslose. In welcher Weise schafft" man nun gegenwärtig in Deutschland Arbeit? In Apolda hat man die Zahl der Arbeitslosen beträchtlich gesenkt, indem unter dem Druck der Nazibetriebszellenorganisation sämtliche Beschäftigten entlassen wurden, die nicht in der Stadt selbst, sondern in den Dörfern rings um Apolda wohnen. In Hamburg verzichteten einhundertvierzig unver heiratete Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik heiratete Arbeiterinnen einer Zigarettenfabrik freiwillig" auf ihre Arbeitsstelle, weil man ihnen mit dem Konzentrationslager gedroht hatte. Die neueingestellten männlichen Arbeitslosen bekommen soviel Lohn wie vorher die Arbeiterinnen und verschwinden aus der Arbeitslosenstatistik. Den entlassenen weiblichen Arbeitslosen wird keine Unterstützung gewährt, sie werden darum statistisch nicht erfaßt. Ihnen wird nur für den Fall der Heirat eine Beihilfe in Aussicht gestellt. Jm münsterländischen Tertilbezirk werden die ledigen Arbeiterinnen gezwungen, zugunsten ihrer Verlebigen Arbeiterinnen gezwungen, zugunsten ihrer Verlobten auf die Arbeit zu verzichten. Die Verlobten erhalten genau so viel Lohn wie bisher ihr„ Mädel", dieses bekommt aber im günstigsten Fall soviel Unterstützung, wie vorher ihr Bräutigam bekam. Wenn der Verlobte überhaupt keine Unterstützung bekommen hat, bekommen die Mädchen auch keine. Mädchen ohne Verlobten fliegen ohne Ersatz aus dem Betrieb. Die Arbeit, die in Deutschland„ beschafft" wurde, entsteht also zumeist nur dadurch, daß ebensoviel Menschen, als auf der einen Seite neu in die Produktion kommen, auf der anderen Seite auf die Straße gesetzt werden. Man sieht nur darauf, daß das Reich dabei ein Geschäft macht: es kommen möglichst solche Leute wieder in Arbeit, die bisher Unterstützung erhielten, und man bringt solche um ihre Stellung, die keinen Unterstüßungsanspruch besitzen. Diese Verschiebungen innerhalb des Heeres der Arbeitslosen führt natürlich zu keiner Vergrößerung, sondern zwangsläufig zu einer Verminderung der Massenkaufkraft. Daneben wird noch zusätzlich" Arbeit gefchaffen, indem die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und einzelne Kommunen Lohnzuschüsse gewähren. Der Reichsanstalt ist nun die ganze Sache, wie man aus ihrer Erklärung gegen„ Lohnzuschüsse aus öffentlichen Mitteln" erkennt, bereits über den Kopf gewachsen: sie hat unter anderem eine Viertelmillion„ Landhelfer" bei den Bauern untergebracht und ersetzt den Agrariern den Lohn zu neunzig bis hundert Prozent. Das Wichtigste an dieser Arbeitsbeschaffung" ist aber: die Löhne und Gehälter sind im Durchschnitt nicht oder nur kaum höher als die bisherigen Unterstüßungsfäße! Nach einer Erklärung des Deutschen Gemeindetages sind die Löhne der neueingestellten Familienväter vielfach sogar niedriger als die ohnehin furchtbar niedrigen Säge der Wohlfahrtsfürsorge. Für die Arbeitslosen, die wieder in die Produktion gelangen, bedeutet die Neueinstellung infolge der notwendigen Mehrausgaben für Ernährung. Arbeitskleidung und Fahrt eine Verschlechterung gegenüber der Zeit der Arbeitslosigkeit. Der nationalsozialistische Staatsminister Lippes, Ricke, hat die Arbeitsschlacht mit der Marneschlacht verglichen, die Deutschland bekanntlich verloren und die nach Ansicht der deutschen Militärs den Ausgang des Krieges entschieden hat. Stimmt der Vergleich, dann kommt es wirklich so, wie es der Nazistatthalter von Thüringen prophezeit hat: das Ende und der Margismus, „ Deutsches Recht" Der nationalsozialistische Oberbonze Nikolai, Regierungspräsident von Magdeburg, hat sich über das Recht" ,, Ich habe fünf Kriegsauszeichnungen!" des„ dritten Reiches", das sich vorläufig in der Form abio Rohlinge im Konzentrationslager Iuter Rechtlosigkeit offenbart, jüngst wie folgt geäußert: Aufgabe des Staates sei es, die Vorstellungen vom Recht grundlegend zu ändern.( Das merkt man in der Tat! Red.). Das neue Recht werde keine völlige Freiheit des Individuums kennen, denn die Totalität des nationalsozialistischen Staates verlange, daß jeder Volksgenosse jede Handlung vor dem Boltsganzen verantworten müsse. Das wird eine schöne Staatssklaveret werden: nach der Staatsraison wird geheiratet, nach der Staatsraison werden Kinder erzeugt, der Staat bestimmt den Speisezettel jedes Haushaltes usw. Nur, merkwürdig, in einem läßt dieser Staat unbegrenzte Freiheit: den Herren Thyssen und Krupp v. Bohlen- Halbach werden im Geldverdienen, in der Ausdehnung ihrer Konzerne, in der Erringung wirtschaftlicher Macht und in der Ausbeutung ihrer Arbeiter keine Grenzen gesetzt. Da wird der„ totale Staat" total individualistisch- liberalistisch: die Einzelpersönlichkeit der sog.„ Wirtschaftsführer" erhält volle Freiheit für ihren Egoismus. Aber an diesem Widerspruch wird der totale Staat" einmal zugrunde gehen. „ Unschädlich machen!" Berlin, 29. Aug. Bei einer Kundgebung des Gaues GroßBerlin der NSBO. erklärte Staatskommissar Engel, auf dem letzten Parteitag 1929 habe der Führer zum ersten Male die NSBO. erwähnt und hervorgehoben, daß in Zukunft sich die Kämpfe in den Zellen der Betriebe und Hochschulen abspielen würden. Tatsache sei ia auch, daß die arbeitenden Massen die nationalsozialistische Revolution möglich gemacht und durchgeführt hätten. Jetzt gelte es zu säubern und aufzubauen. In Berlin sei das zum Teil schon geschehen. Die Schlußbilanz werde aber erst noch gezogen. Es gelte alle Fremdstämmigen unschädlich zu machen." ,, Staatsfeindliche Studenten" ( Inpreß.) Das badische Kultusministerium hat verordnet, daß alle Studierenden an den Badischen Hochschulen, die sich in den letzten Jahren im marristischen oder sonst im volts- und staatsfeindlichen Sinne betätigt haben", mit sofor= tiger Wirkung ausgeschlossen sein sollen. Ohne Ausnahme werden alle Kommunisten ausgeschlossen, während gegen diejenigen Studenten, die lediglich aus Unreife oder unter dem Einfluß der Verhezzung dem Marxismus oder anderen volksfeindlichen Bestrebungen gehuldigt haben, nicht allzustreng verfahren werden soll." Staatsgefährliche Kinderballons Raffel, 29. August.( Inpreß.) Es wird eine Warnung vor französischen Kinderballons erlaffen. So set beispielsweise in einem Ort Breitungen an der Werra ein französischer Kinderballon gefunden worden, an dem eine Starte befestigt war, auf der um Rücksendung der Karte gebeten wurde. Die Finder haben nicht gewußt, was sie mit dieser staatsgefährlichen" Karte tun sollen. Nach längerem Hin und Her wurde die Karte nebst einem Protokoll dem Luftfahrtamt Weimar zugesandt. Neger besser als Juden Deutsche Rassenkunde Hamburg, 30. Aug.( Inpreß.) Die Hamburger Polizei teilt mit:„ Eingeborene der früheren deutschen Kolonien in Afrika beklagen sich darüber, daß sie selbst wegen ihrer Raffe zugehörigkeit und daß ihre weißen Frauen wegen ihrer Ehe mit einem Neger hier auf öffentlicher Straße belästigt und beleidigt werden. Viele dieser Afrikaner haben während des Krieges in der deutschen Schußtruppe gekämpft. Unsere alten Mitkämpfer verdienen Dank und Achtung und vor allem unseren Schuß. Es kann nicht geduldet werden, daß sie und ihre Angehörigen öffentlich beschimpft und verächtlich gemacht werden. Im Wiederholungsfalle müßte gegen die Täter vorgegangen werden." Aus einem mitteldeutschen Konzentrationslager gelangt folgende Schilderung an uns: Die Lagerkommandantur veranstaltete für die getreue und sensationshungrige SS.- Bewachung ein großes Schauspiel: Empfang der Gewerkschaftsführer im Konzentrationslager. Wir wurden alle zum Antreten befohlen. In zwei Reihen standen wir und dazwischen die neu eingelieferten Gewerkschaftsangestellten, die„ Bonzen". Vor uns versammelten Schußgefangenen mußten sie sich zunächst gegenseitig begrüßen, und zwar so: Ein Gewerkschaftsangestellter wurde dem anderen gegenüber gestellt und gefragt, ob er den anderen kenne und woher. Dann mußten sie sich die Hände reichen, vor einander tiefe Verbeugungen machen und sich herzlichst zu ihrer Schughaft beglückwünschen. Bei wem die Verbeugung nicht tief genug ausfiel, der bekam& austschläge auf den Buckel, so daß er zusammensank. Bei der Begrüßung den Buckel, so daß er zusammenſank. Bei der Begrüßung des Vorsitzenden des Holzarbeiterverbandes und des Textilarbeiterverbandes bekam die Sache eine unvorhergesehene Wendung. Der Vorsitzende der Holzarbeiter, der zuerst gefragt wurde, gab zur Antwort: Jawohl, wir waren bei einer Kompanie zusammen im Felde." " Halt die Fresse, verfluchtes Bonzenschwein, und renommiere nicht mit deinen Fronterlebnissen herum. Da hast du Sau doch früher nie daran gedacht. Du Haksch warst doch nie ein guter Soldat." „ Ich war Feldwebel, habe fünf Kriegs auszeichnungen und bin dreimal verwundet." Halt die Fresse, du Renommierfau, sonst schlag ich dir sie zu." Jetzt mußten die Kommunisten unter uns Schughäft lingen vortreten. Je zwei mußten einen Gewerkschaftsangestellten in ihre Mitte nehmen und an uns vorüberführen, wobei er mit Schlägen und Büffen traktiert werden mußte. Aus dem Gehen wurde schließlich ein wildes Laufen vor den Mißhandlungen. Dann kam der zweite Akt. Die Gewerkschafts: angestellten mußten Rock und Weste ausziehen, die Hosenträger ablegen. Zunächst wurden sie in ihre Hafträume geführt, mußten jedoch sofort wieder antreten. Sie standen da in Reih und Glied und mußten die Hosen mit den Händen festhalten, um sie nicht zu verlieren. Nun erschien SS. in großer Zahl, in der einen Hand den Gummiknüppel, in der anderen den Revolver, und begann die Gewerkschaftsangestellten vor sich her zu treiben. Es war eine Jagd auf Leben und Tod. Hinter jedem Angestellten hetzte die wild gewordene SS.- Horde und und schlug zu, wohin sie nur treffen konnte. Der Arbeitspaß" Das vor einem halben Jahrhundert abgeschaffte Arbeitsbuch kehrt wieder Berlin, 30. Aug.( Inpreß.) Staatskommissar Engel hat angekündigt, daß für die Arbeiter in fürzester Zeit ein Arbeitspaß eingeführt werden soll. Bei Einstellung von Arbei: tern müssen diese Pässe visiert werden. Werden Arbeiter angetroffen, deren Arbeitspaß nicht visiert ist, so sollen nach Ankündigung Engels Arbeiter und Unternehmer bestraft werden. Der erste Reichstagsantrag des Sozialdemokraten Bebel im Jahre 1867 war gegen den damaligen Arbeitspaß" gerichtet. Hermann Göring- Straße n Berlin ( Inpreß.) Die bisherige Friedrich- Ebert- Straße wurde in Hermann- Göring- Straße umgetauft. Diese Straße führt unmittelbar auf das Gebäude des Reichstags zu, mit dem Hermann Görings Tätigkeit enger Der Angestellte B. hatte die Spitze genommen, er war ja auch der jüngste und gewandteste. Er lief wie ein und als gar ein Schuß hinter ihm her krachte und die Wiesel, so daß ihm kein SS.- Mann nachkommen konnte. Rugel bicht an seinem Kopf vorbeisauste, rannte er wie wahnsinnig um sein Leben. Schlimmer erging es dem W., dem S. H. und dem K., einer 54 Jahre, einer 58 Jahre, der dritte 61 Jahre alt. Sie brachen gar bald zusammen und konnten nicht mehr weiter. In einem Knäuel wälzten sie sich auf dem Boden und jeder versuchte, sich wieder hochzuarbeiten, da ja die SS. auf fie einschlug, solange fie am Boden lagen.„ Jhr Bonzenschweine, ihr faulen Hunde, wollt ihr laufen", brüllten die S.- Bestien und prügelten dabei die drei wieder hoch. Noch ein paar Schritte schleppten sie sich vorwärts, doch dann brachen sie wieder zusammen. Auch D., der schwer lungenleidend ist, war zusammengebrochen; auch er wurde mißhandelt. Am nächsten Morgen mußten die Gewerkschafts angestellten mit uns antreten. Jezt wurde jeder nach seinem Gehalt gefragt:„ Wieviel Gehalt hast du, Bonzenschwein? , 230 Mark im Monat." ,, Wieviel? 600 haste, du Lügensau!" Er erhielt ein paar kräftige Ohrfeigen und Tritte in den Leib, dann kam nochmals die Frage:„ Na, wieviel Gehalt hast du dreckige Bongensau? 800 Mark! Willst du's vielleicht eingestehen und nicht schwindeln?" Dabei hatte der SS.- Mann schon wieder zum Schlag ausgeholt, und weil der Angestellte schwieg, wurde er an gebrüllt:„ Wirds bald?" Um weiteren Mißhandlungen zu entgehen, sagte der Angestellte schließlich notgedrungen:„, 800 Mark." Er hätte ebenso 100 000 Mark" gesagt. 99 er Die„ Bonzen" wurden zu den dreckigsten Arbeiten befohlen, wie Jauche pumpen und Jauchekübel fortschaffen. Dabei durften sie kein Wort reden. S. sagte einmal ganz leise ein Wort zu einem anderen. Der Posten, der es be merkt hatte, segte ihm sofort den Revolver an die Stirn und schrie ihn an:„ Soll ich dich Hund schießen?"„ Erschieß mich nur," gab S. seelenruhig zur Antwort. Er erhielt ein paar kräftige Ohrfeigen und wurde dann wegen Uebertretung der Hausordnung einen Tag in den Arrest gesperrt. In den Zeitungen jedoch verkünden die Nazis, daß keinem Schuhhäftling, am allerwenigsten den Gewerkschafts- und sonstigen Ar beiterangestellten, auch nur ein Haar gekrümmt wor den sei. Das Baden der Juden Eine deutsche Schicksalsfrage Der Magistrat von Trebnik in Schlesien hat angeordnet, daß Angehörigen der jüdischer Rasse die Benutzung des städtischen Schwimmbades nur Freitags von 10 bis 12 Uhr gestattet ist. In Eichstädt und Gunzenhausen( Mittelfranken) ist Juden das Betreten der Schwimmbäder strikt verboten worden, und zwar aus Gründen der Sauberkeit und der öffentlichen Sittlichkeit". Schundliteratur in den Heeresbüchereien Der Reichswehrminister hat angeordnet, daß das Buch " Mein Kampf" von Hitler für alle Mannschaftsbüchereien au beschaffen ist. Den Soldaten tann die private Beschaffung des Buches empfohlen werden. zuſammenhängt, als der derzeitige preußische Minister- Abonniert die Deutsche Freiheit präsident wahr haben möchte. Heldenlied deutfcher Mütter Gefchichten vom braunen Alltag Aus Blut und Schmerzen war es geboren, das einzige Kind. Ein Knabe. Als der große Krieg ausbrach, war er 12 Jahre alt. Und als die Mutter die Tränen verschluckte beim Abschied vom Vater, der mit hinaus mußte, fühlte sich der Knabe als Schüßer und Tröster der Mutter. Vater kam wieder heim, der Knabe war zum Burschen herangereift und mit seinem Vater widmete er sich dem Dienst der sozialdemotratischen Arbeiterbewegung. Diese Bilder tauchten vor den Augen der Mutter auf, die jetzt allein im Hause war. Vor vierzehn Tagen waren sie dagewesen, hatten Haussuchung gemacht und Mann und Sohn hinweggeführt. Nach Tagen erfuhr es die Mutter daß ste sich im Konzentrationslager befinden. Sie ging zur Behörde, ging in das braune Haus, sie wollte ihre beiden Lieben sehen und sprechen. Doch überall ward sie abgewiesen. Dort bedauerte man mit faden Neben, daß man keinen Einfluß habe, und an jener Stelle wieder wies man sie zynisch hinaus mit den Worten: ,, Eine deutsche Muter hat keine Angst." Angst? Nein, vor diesen braunen Bestien hatte die Mutter keine Angst. Aber Sorge trug sie im Herzen um das Schicksal ihres Mannes und Sohnes. Und diese Sorge fraß und zehrte am Herzen. Sie machte wieder den Weg, sich Erlaubnis zum Besuche zu erzwingen. Nach vierzehn Tagen endlich wurde sie ihr gnädig gewährt. Jetzt steht sie mit in der langen Schlange der Frauen und Mütter, die ihre Männer, Söhne und Väter im Konzentrationslager besuchen wollten. Das große Tor ist noch versperrt, es öffnet sich erst mit dem Schlage 15 Uhr. Sind es zweihundert oder gar dreihundert Frauen, die jetzt in den weiten Vorhof drängen? Sie werden alle angeschnauzt von jungenhaften SS.- Leuten, die da stehen mit dem Gummiknüppel und Revolver an dem Riemen, gerade so. als gälte es Schwerverbrecher zu bewachen. Hintereinander antreten," befiehlt ein Bursche, und die Frauen müssen sich sputen, recht befiehlt ein Bursche, und die Frauen müssen sich sputen, recht rasch sich hintereinander zu ordnen, denn bet wem es zu lange dauert, der wird gleich wieder zum Tor hinausgewiesen. Mutter Müller steht auch mit in der Reihe, fie mag wohl die dreißigste sein. Weit vorne auf dem Hof richten SS. Leute eine Anzahl Tische hin. Vier SS.- Leute postieren sich dahinter, und ein Gefangener muß die Schreibarbeit ver richten. Eine Frau um die andere wird abgefertigt. Es dau ert eine ewige Zeit, bis die lange Reihe abgefertigt ist. Mutter Müller steht schon eine halbe Stunde und noch länger. Jetzt sind es nur noch fünf vor ihr, dann ist sie an der Reihe. Sie kann jetzt gut hören, sie steht ja ganz in der Nähe, was die SS.- Leute zu jeder Frau sagen.„ Warum haben sie die Adresse nicht darauf geschrieben ,,, schnauzt der Diensthabende eine Frau an, die für ihren Sohn ein Päckchen mitgebracht hatte. Entschuldigen Sie vielmals, das habe ich vergessen," antwortete die Frau.„ Ach was, vergessen, nehmt eure Gedanken zusammen, ihr Weiber. 3wei Minuten darf die bloß hin, dann raus mit ihr," befiehlt er einem SS. mann, „ Bigarren und Zigaretten nehmen sie gefälligst wieder mit. Geld fönnen Sie da lassen," herrscht er die nächste an. „ Geld?" spricht die fragend und kramt in ihrer Geldtasche herum.„ Da ist ein Fünfziger, es ist mein letztes," und sie legt ihn auf den Tisch und steckt die ausgestellte Bescheinigung dafür in die Tasche. Ste darf zehn Minuten lang ihren Mann besuchen. Und jetzt stehen gleich zwei Frauen vor dem Tisch, eine jüngere und eine ältere.„ Allemal nur eine vor treten, zurild mit Ihnen," damit will der Aufsichtführende die alte Frau zurückdrängen.„ Wir gehören zusammen, Herr," stammelt das alte Mütterchen. Der Aufsichtführende blättert in der Liste nach dem Namen des Häftlings. Was wollen Sie denn, der Meier ist doch erst seit zehn Tagen hier. da können Sie noch nicht Besuch machen. Die nächste ran, aber bißchen dallie." Damit will er die beiden abfertigen. Doch die alte Mutter bettelt:„ Ach lassen Sie mich doch einmal zu meinem Jungen, ich bin deswegen hergefahren und hab meine lezten Groschen für Fahrgeld ausgegeben, bitte."„ Die nächste ran, los, los," damit ist für den Diesthabenden der Fall erledigt. Die beiden müssen zurück, die Junge führt und stützt die Alte. Der rollen die Tränen über die durchfeuchteten Wangen, am ganzen Leib zitternd setzt sie einen Schritt um den andern über den Hof. Die Frauen in der langen Reihe schüttelt troß ihres eige nen Schmerzes Mitleid mit der alten Mutter. Die SS.Leute läßt das alles kalt. Und die nächste hat wieder Zigaretten im Paketchen gehabt, die sie wieder mitnehmen muß. Denn nur solche dürfen sie rauchen. Aber sie hat Glück und darf zu ihrem Manne. Jetzt ist Mutter Müller an der Reihe. Auch sie hat zwet fleine Päckchen, eines für den Mann und das andere für den Sohn. In jedes hat sie ein Stück von den Kuchen hineingepackt, den beide so gern essen.„ Lebensmittel dürfen an die Gefangenen nicht abgegeben werden." Der Kuchen fliegt aus dem Paket heraus auf den schmutzigen Tisch. Dann wird Mutter Müller weitergeführt. Erst darf sie fünf Minu ten mit ihrem Manne sprechen, dann fünf Minuten mit ihrem Sohn. Ach, was sag ich, sprechen? Nein. Denn was zwischen ihnen gesprochen werden möchte, das dürfen sie nicht da ja ein SS.- Posten daneben zur Bewachung steht! Sie grüßen sich stumm, sie bleiben in den fünf Minuten stumm, und stumm drücken sie sich beim Abschied die Hände. Ihre Blicke jagen alles, und sie verstehen sich. Mutter Müller schreitet gefaßt wieder über den Vorhof zurück, durch das Tor hinaus. Erst daheim, in der Stille, läßt sie sich von ihrem Schmerz schütteln. Und dann, als sie sich ausgemeint, ist sie wieder die Alte. Ist sie wieder die furchtlose Mutter Müller, die allen Schmerz in ihrer Her aensfammer eingeschlossen hat, die Kämpferin. Eine der Ungezählten. Ungenannten, von denen das Hel denlied der Freiheit doch singen und sagen wird bis in die Lup fernste Zeit, Deutsche Stimmen * Feuilletonbeilage der„, Deutschen Freiheit" Freitag, den 1. September 1933* Ereignisse und Geschichten Festspiele in Salzburg Der ,, Faust", von Reinhardt inszeniert von Dr. D. Bach Salzburg, Ende August. Sinn der Festspiele, und zwar ihr geistiger Sinn, nicht der materielle Sinn einer Hebung des Fremdenverkehrs, der berechtigterweise mitläuft: in einem gedrängten Ausschnitt immer wieder den Beitrag Oesterreichs zur deutschen Kultur, Musit, Literatur, Theater sichtbar machen, den Beitrag selbst immer wieder erneuern. Die Gaben der Festspiele sind größtenteils durch die Geschichte der deutschen Mufit, durch den Ort der Festspiele, eben Salzburg, die Geburtsstadt Mozarts bestimmt, durch Herkommen und bewußte Pflege der Tradition; in den Ausführungsstilen erneuert sich jedes Werk. Langsam wird der Begriff des Klassischen" erweitert und allmählich kommen auch neuere, wenn nicht neue, Werk an die Reihe. 1. Mozart An Mozartwerken wurden diesmal geboten: Cosi fan tutte", igaros Hochzeit" und die 3 auberflöte". Die ersten beiden Werke durchaus mit den Mitteln der Wiener Staatsoper und ihrem Direktor Clemens Krauß als Dirigenten, Dr. Lothar Wallerstein als Spielleiter. Schöne Aufführungen, bis auf geringfügige Veränderungen schon von früher her bekannt. Auch die„ Zauberflöte" ist schon vor einem Jahr in Salzburg zu sehen gewesen, diesmal aber musikalisch und szenisch wesentlich verbessert. Das Orchester und ein großer Teil der Solisten stammen auch in diesem Fall aus der Wiener Oper; hier aber sind sie durch einen anderen und neuen Geist musikalisch und szenisch zusammengefaßt. Bruno Walter erschließt als Dirigent die beseligenden Zauber der Partitur. Es ist höchste Kunstmusik, die aus dem Empfinden der Volksmusik stammt und wieder zum Volksgut wird. Soweit der Geist des Werkes durch die Szene ausgedrückt wird, fenn ich keine Inszenierung, die der Aufgabe so gerecht würde, wie diese, die man Ostar Struad zu danken hat. Hier ist der Bühnenbildner sein eigener Regisseur gewesen, und es war gut jo. Der Kampf zwischen Tag und Nacht, dem Sonnengott ( Sarastro) und der Mondgöttin( Königin der Nacht) wird durch Licht und Beleuchtung auch gedanklich sichtbar gemacht. Der Zauberflöte" liegen bekanntlich textlich und musikalisch freimaurerische Rituale zugrunde. Aber die Musik Mozarts e dringt von der Absicht des Rituals zur Verwirklichung der Idee; das allgemeine Humanitätsideal, der Glaube an den Sieg des Guten und Gerechten, an die Ueberwindung des Todes durch das Leben, wird in der„ Zauberflöte" zur tönenden Wahrheit erhoben. Dieser Wahrheit dient die Salzburger Feftaufführung in Ton und Bild, und dies ist das Höchste, as zu ihrem Lob gesagt werden kann. 2. Weber- Gluck- Wagner Von älteren Opernwerken wurden wiederholt Webers Oberon", der als ganze Oper doch nur sehr fünstlich am Leben erhalten werden kann, und„ Orpheus und Eurydike" von Gluck. Bemerkenswert die Ausfüllung und Belebung der Szene durch den Tanz oder rhythmische Bewegung. Hier ist Margarete Wallmann und ihrer Schule vieles sehr schön geglückt. Dem Wagnerjahr zuliebe wurde " Tristan und Isolde" aufgeführt. So weit es auf das Orchester, die Wiener Philharmoniker, den Dirigenten Bruno Walter, den Bühnengestalter Oskar Struad und manche Einzelfigur anfam, sehr schön; nur leider ganz unzulänglich in den beiden Titelfiguren, insbesondere in der Molde einer Frau Dorothea Manffy. Mit einem Festspiel hat solch eine aus der weiten Welt mühsam hervorgeholte Besetzung in den wichtigsten Rollen wahrlich nichts zu tun. Richard Strauß Gewissermaßen als Klassiker der Gegenwart wurde Richard Strauß geehrt. Man führte mit den Mitteln der Wiener Staatsoper die„ Aegyptische Helena" auf. An einer sozusagen neuen Fassung, die darin besteht, daß der zweite Aft etwas konzentrierter, also dramatisch möglicher geworden ist. Aber nichtsdestoweniger bleibt der Text von HoffmannsDID DIC Dome- Sonnette An diesen sachlichen Forderungen- denn auch das Persönliche seines Ruhms ist eine allgemeine Sachetst Reinhardt, eingesponnen in seine Verliebtheit in szenische Möglichkeiten, auch verärgert und verleßt durch die Absagen, leider vorübergegangen. Es mag gewiß nicht leicht gewesen sein, knapp drei Wochen vor der Aufführung Absagen für die wichtigsten Rollen, darunter die Titelrolle, zu erhalten und für entsprechenden Ersatz zu sorgen. Aber nicht das Manko in der Darstellung, sondern das Manto im inneren Verhältnis zum Werk, zur Aufgabe war das Schlimme. Was nußen alle Spielereien und noch so hübsche Spielereien mit der Kulisse der Felsenreitschule, was nußen alle Einfälle mit Aufzügen und Umzügen, wenn von dem großartigen Frühlingsgespräch Fausts nichts übrig bleibt, als die Eingangszeile:„ Vom Eise befreit sind Strom und Bäche". Der Rest ist gestrichen. Die Musik der Dichtung überhaupt ist ersäuft in einer überreichlichen Theatermusik, auch in Lärm und Geschrei. Jeder Sinn wird geopfert, wenn man nur glaubt, einen szenischen Effett erzielen zu können So ist die Walpurgisnacht aufgelöst in ein Umberflattern, ein Auf und Nieder jener erwähnten Tanzgruppe, die die Führung an sich geriffen hat, und nicht nur über Reinhardt, sondern auch über Goethe siegt. Darstellerisch steht Paula Weffely als Gretchen obenan, vielfach neu in der Gestaltung, immer bezaubernd und ergreifend. Ganz hervorragend Ewald Balser vom Burgtheater als Faust. Er rettet von der Sprache der Dichtung, was in dieser Verkümmerung zu retten war. Interessant, aber äußerst zwiespältig Max Pallenberg als Mephisto. aber äußerst zwiespältig Max Pallenberg als Mephisto. Ein sozusagen proletarischer Teufel, dem die junkerliche Gewandung nur sehr schlecht sitzt, ein Teufel, der jederzeit bereit ist, Gift und Galle seiner unterdrückten Seele dem Herrn ins Gesicht zu schleudern. Die Grundauffassung gerät jedoch manchmal an die Grenze der Karikatur, wenn sie in anderen Augenblicken an die größten tragischen Schauer rührt. Sein Teufel gehört zu einem volkstümlichen" Faust" und solch ein " Faust" hat Reinhardt offenkundig vorgeschwebt. Doch er hat ihn nicht erobert, nicht neu gestaltet. Erst wenn Reinhardt sich wieder entschließen wird, über sich selber den Dichter und sein Wert anzuerkennen, seine Kunst der Dichtung zu weihen, zu opfern, in einem schönen Sinn des Wortes, nicht umgekehrt die Dichtung als Gegenstand seiner Künste, ihnen unterworfen zu betrachten, dann wird er den Bolts Faust schaffen, den man von ihm erwartet. en G Dieses Gedicht ist jenen Emigranten gewidmet, die über den theoretischen Erörterungen der " Page" feinen festen Grund der Gesinnung und der Teilnahme am Kampf gewinnen können. Nächtlich fizzen trübe Mannen Träumerisch am Montparnasse, Sinnen, was fie einstens fannen, Blicken düster in ihr Glas. Tragen hochgeftirnt die Bürde " Ich, der Refugie" zur Schau, Baden sich darin in Würde Deutschlands Not ist süßer Tan. Wetzen ab und zu die Hirne Feingeschliffen im Disput, Zeigen sich voll Zorn die Stirne Roter Literatenglut, Kennen nicht mehr gut und böse, Kennen nur noch Theorien, Jeder träht:„ Nur unfre These Führt heraus aus dem Ruin!" Deutsches Blut verströmt nach Kannen, Deutschland ftöhnt in Graun und Haß Nächtlich gen tribe Mannen Träumerisch am Montparnasse. Braun! Braun! Friz Ellmenreich. Rechtfertigung des Gottfried Benn Nun endlich verstehen wir, warum der scharfsinnige Mythiker und Mediziner Gottfried Benn ein solch fanatischer Hitlerverehrer geworden ist. Schon 1919 glühte in ihm eine Sehnsucht, eine Sehnsucht nach der braunen Couleur. Man lese einige Zeilen seines 1919 im Sammelband " Menschheitsdämmerung" erschienenen wild- expressioni„ Menschheitsdämmerung" stischen Redichtes„ D- Bug": " Braun wie Kognat. Braun wie Laub. Rotbraun. Malaien D- Bug Berlin- Trelleborg und die Ostseebäder. gelb. Fleisch, das nackt ging. Bis in den Mund gebräunt vom Meer... Die Georginennähe macht uns wirr. Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun: Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Und wenn es schön war, noch für die nächste! ... Eine Frau ist etwas mit. Geruch. Unsägliches! Stirb hin. Resede. ... Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun: Halte mich! Du, ich falle! Ich bin im Nacken so müde..." Heinrich Mann an seine Tochter Den Brief, den wir unter Weglassung persönlicher Stellen der„ Prager Montagspost" entnehmen, hat der große deutsche Dichter Hein rich Mann, dem dieser Tage vom„ dritten Reich" die Staatsbürgerschaft aberkannt und sein Vermögen geraubt wurde, schon am 10. April aus Nizza an sein in Prag lebendes Töchterchen geschrieben: Mein liebes Kind, heute bekam ich Deinen Brief und will Dir gleich antworten. Telefon und Licht werde ich und will Dir gleich antworten. Telefon und Licht werde ich Ende der Woche bezahlen, früher geht es nicht. Du mußt wissen, daß mein Bankguthaben in Berlin beschlagnahmt wissen, daß mein Bankguthaben in Berlin beschlagnahmt worden ist... Denn der Chef der politischen Polizei hat gesagt, mir werde„ tein Pardon gegeben"... Mir ist sogar hinterbracht worden, daß sie Dich verhaften würden, nur damit ich zurückäme. Du siehst: uns bleibt nur übrig, zu bletben, wo wir sind. thal noch immer die komplizierteste Hahnreigeschichte der Wird der Bronnen zugedeckt? Weltliteratur und ihre Entwirrung will nicht gelingen. Schon gar nicht durch den Schwall der Musik, der sich über den Hörer ergießt. Alles, was von einem Meister wie Richard Strauß stammt, hat natürlich irgendeinen Wert. Doch die Zahl derer, welche die ganze Art dieser Oper noch berührt, ist verschwindend klein, und feineswegs sind etwa auch nur alle Musiker unter ihr zu finden. Indes Strauß hat sich den Festspielen zur Verfügung gestellt, und wenn auch mit einer sehr beiläufigen und daher ungenügenden Aufführung des Fidelio". Er hat sich also jebenfalls besser benommen, als eine Reibe anderer Musiker und Schauspieler, die teils mit albernen, teils mit frechen Worten in letter Stunde absagten, wie Hans Pfizner, Sigrid Onegin, Wilhelm Rohde, Eugen Klöpfer und andere mehr. 4. Reinhardts" Faust" Dadurch ist auch die" Faust"- Inszenierung Reinhardts in Mitleidenschaft gezogen worden. An diese Inszenierung war die Erwartung der ganzen Welt geknüpft. Hoffte man doch, durch den größten Regisseur der deutschen Bühne, eben Max Reinhardt, eine neue und für längere Zeit bestimmende Lösung des Theaterproblems" Faust" zu ge winnen. Hofften doch die Salzburger, allmählich einen Ersatz für Jedermann" zu erhalten, der nun schon seit dreizehn Jahren zu dem festen Bestand der Salzburger Festspiele gehört, aber einmal mit der Zeit wird abgelöst werden müssen. Und für Reinhardt galt es, seinen Ruhm so neu und unwiderstehlich strahlen zu machen, daß jede Mißgunst fliehen mußte. Arnold Bronnen, der dank dem Umstand, daß er die Vaterschaft seines jüdischen Erzeugers, des Wiener Professors Siegfried Bronnen in Frage stellte und seine arische Mutter eines Fehltritts bezichtigte, nach wie vor als nationalsozialistischer Hausdichter tätig war und sogar eine leitende Stelle bei dem Berliner Rundfunk inne hatte, ist, wie wir zuverlässig erfahren, nicht nur seines Postens enthoben worden, sondern es ist ihm sogar das Betreten des Berliner Rundfunkhauses untersagt worden. Seine nationalsozialistischen Gönner und Freunde bemühen sich jetzt, ihn an einer weniger exponierten Stelle beim Deutschlandsender unterzubringen. Seinen Plaz nimmt jezt ein 23jähriger Dichter" namens Boehm ein. Die braune Nachtigall Geo London erzählte kürzlich im Pariser Journal" folgende Berliner Geschichte: Lotte Schöne, die Sängerin der Staatsoper von Weltruhm, hat weichen müssen. An ihrer Stelle singt jetzt Fräulein Rosalinde von Schirach, die Schwester des Baldurs der Hitler- Jugend. Leider erhielt Rosalinde beim Betreten der gleichgeschalteten Bühne, als sie zu fingen begann, nur einen frostigen Empfang. Der Direktor der Oper bemerkte dies, wagte zwar nicht die Wahrheit zu sagen, brachte aber doch hervor:„ Das gnädige Fräulein hat doch wohl nicht genug Stimme." Worauf man ihm überzeugend bedeutete:„ Aber die HitlerBeute hatten 18 Millionen Stimmen. Da kommt es auf diese eine auch nicht an." Mir liegt es schwer genug auf der Seele, daß die Stellung oder der Ruf Deines Vaters Dir das Leben erschweren müssen. Aber wenn ich auch anders wäre, Deine Mutter ist Jüdin; das allein gefährdet dich schon. Wir können nichts ändern, und bleibt nur übrig, dem Terror auszuweichen. Du weißt wohl, daß Terror oder„ Schrecken" einst in Frankreich herrschte, 1793, a terreur" und die Guillotine. Das ging gegen die Aristokraten, die schließlich auch viel Schuld hatten. Heute sind wir die Aristokraten unter der Schreckensherrschaft des Pöbels; aber ich glaube nicht, daß wir es so sehr verdient haben. Man müßte das bessere Wissen und alles menschliche Gefühl ablegen, um heute bei den Siegern zu sein. Du wirst es gewiß Deinem Vater nicht verdenken, daß er tros unserem Unglüd noch lieber bei den Besiegten ist; und diese werden es auch nicht immer bleiben. Ich vielleicht nicht mehr, aber Du selbst wirst hoffentlich noch in einer erträglicheren Welt leben. Kampf den Unterdrückten! Der Wiener Penklub protestiect Auf der Generalversammlung des Wiener Penklubs wurde nach einer lebhaften Auseinanderseßung die folgende Entschließung beantragt und angenommen: " Indem der österreichische Penklub den im heutigen Deutschland unterdrückten, ihrer Freiheit beraubten Männern und Frauen des Geisteslebens, ohne Unterschied ihrer Partei und Rasse, seine Grüße und Sympathien zum Ausdruck bringt und jener gedenkt, die ihr Eintreten für die Geistesfreiheit mit( efängnis oder Emigration zu bezahlen haben, vertritt er die Meinung, daß die individuelle Freiheit unerläßliche Vorbedingung für jegliches geistige und künstlerische Schaffen ist. Die Unterwerfung der Presse, des Rundfunks und des Verlagswesens macht es jedem Autor, der im geringsten von der herrschenden Partei abweicht, unmöglich, auch nur eine gegnerische Zeile zu veröffentlichen. Der österreichische Penklub erhebt entschieden im Namen der deutschen Freiheit und der übernationalen Grundsäße des Penklubs Einspruch gegen die geistige Unterdrückung des Individuums. Mit dieser Haltung erfüllt der österreichische Penklub die besondere österreichische Aufgabe, die ihm im Bereich der gesamtdeutschen Kultur zukommt." Der Beschluß dieser scharfen Resolution erfolgte nicht einstimmig. Eine Reihe von Mitgliedern des Wiener Penklubs erklärten ihren Austritt. Wir wollen uns in die Angelegenheiten des Penklubs nicht hineinmischen, freuen uns aber darüber, daß die Resolution die Mehrheit gefunden hat DAS BUNTE BLATT NUMMER 63= 1. JAHRGANG TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE Das Ende der Mayas Die Tragödie eines Vierzefin- Millionen- Volkes Tief im Dschungel von Guatemala ruhen die Trümmer einer einst großen Welt. Die Mayas gingen hier zugrunde. Weshalb und wodurch ein großes und wohlgebildetes Volk sein Ende fand, war bisher vollkommen rätselhaft. Dieses Rätsel hat jetzt eine überraschende Klärung gefunden. Es ergibt sich daraus, daß die Mayas ihren Untergang selbst ver= schuldeten. Mächtige Ruinen, Ruppelbauten, Tempel, Grabanlagen Dinge, die ein Volk erst hinterlassen kann, wenn es eine Hochkultur erreicht hat, findet man überall in Tabasci, Chiapas, Yukatan und Guatemala. Vor zwei Jahren stieß der Archäologe Dr. Thomas Gann zum geheimnisvollen Tempel Moh- fa- chan- ha, dem Tempel des, Montezuma, vor und machte hier bedeutsame Entdeckungen. Flugzeuge freuzten über den Gebieten und machten sensationelle Aufnahmen, die bewiesen, daß die Anlagen der Städte und Festungen noch viel größer waren als man erst annehmen konnte. Um so rätselhafter wurde der Untergang dieses Volkes, das schon untergegangen war, als die Spanier das Land ausplünderten. Sie waren zu einem kraftlosen Volk geworden, dessen Glanzzeiten nur noch in der Sage fortlebten. Man muß hier eine interessante und den meisten Historifern auch wohl bisher unbekannte Feststellung einschalten Cortez traf die Mayas schon in ihrem zweiten Reich, das sie mit Mühe und Fleiß in Yukatan aufbauten, nachdem fie ihr erstes Reich Hals über Kopf geräumt hatten. Und hier beginnt wieder das große Rätsel um die Mayas und ihre Geschichte. In 50 Jahren brach das Reich zusammen. Einige Millionen Menschen fanden ihr Ende. Ziemlich plöglich, fast ganz und gar unerwartet. Künstlerbesser als in Aegypten Die alte indianische Rasse der Mayas war in emfiger Arbeit emporgestiegen. Sie waren zu Bildhauern geworden, die meit über den Erzeugnissen der Aegypter stehen mit ihren Leistungen. Sie malten, fie flochten, sie spannen. Sie handelten aber auch und erwiesen sich als Wegebauer, die auch mitten durch die übelsten Sümpfe Wege zogen, die jenen Straßen der Römer Konkurrenz machen. Es gibt außer den Dampfmaschinen wohl nichts, was die Mayas nicht auch schon erzeugt hätten. Sie hielten ihre Jahresrechnung nach einem Spezialkalender in Ordnung, der an Genauigkeit mit den besten Berechnungen unserer Astronomen in Weftbewerb tritt. Ihre Bodenkulturen wuchsen und gediehen in der prachtvollsten Weise. Auf den sogenannten„ Stelen" hat man reiches Schriftmaterial der Mayas gefunden, da auch die wenigen Nachkommen der Mayarasse zwar noch eine Abart der alten Sprache reden, aber nicht mehr die stilisierten Zeichen zu deuten wissen. Nur das Zahlensystem kennen wir. Die Einser waren Punkte, die Fünfer ein Strich, die Null eine Schnecke. So hat man die Geschichte der Mayas und ihren Kalender auf 8250 Jahre zurückgerechnet! Fußball vor Jahrtausenden uda Aber vor dieser Zeit war doch auch etwas. Wir finden bei den Mayas Pyramiden. Das System der Steinsetzung weist auf Asien, die Kurzform der Sprache auf China hin. In Chizen- Jha, in Urmal hat man Sportpläge gefunden mit Fußbällen, Tlachtli genannt, ein wenig schwerer als unsere Fußbälle und aus Guttapercha gemacht. Man könnte immer wieder von den Rätseln dieser fernen Welt berichten. Man steigert aber damit nur die Wichtigkeit, die die Lösung des Rätsels, wie ein solches Volk untergehen fonnte, in sich schließt. Die Katastrophe Etwa um das Jahr 550 nach unserer Zeitrechnung hatten die Mayas den Höhepunkt ihrer Kultur erreicht. Da plöglich verließen 14 Millionen Menschen das Land und ließen Tempel und Paläste, Bibliotheken und Sportplätze im Stich und flüchteten. Vor wem, vor was? Im Auftrag des Carnegie- Instituts hat Dr. Cooke von der Geologischen Landesanstalt der USA. den Peten- Distrift, die Zentrale des ersten Mayareiches, untersucht. Fast das halbe Land besteht heute aus Sümpfen und Morästen. Das war einst anders. Die Städte und Siedlungen lagen auf Hügeln. Wo jeßt die Sümpfe sind, waren Seen und Kanäle, die die Mayas, die trotz aller Erfindungsgabe nicht bis zur Erfindung des Rades oder des Tragtieres famen, zum Transport ihrer Produkte benutten. Die Bevölkerung verFREITAG, DEN 1. SEPTEMBER 1933 Abschaffung Von Theodor Kramer Barbara Chlum, ohne Mantel, die Schnürschuhe offen, Stiderin, arbeitslos, ledig, zuständig nach Frain, wurde im Hotel in Gesellschaft betroffen und sie besaß nebst zwei Groschen hierfür keinen Schein. Barbara Chlum mußte mit auf das Sittenamt tommen; und als ihr Körper nicht Spuren von Krankheit aufwies, wurde vom Herrn Kommissär fie persönlich vernommen, der sie verwarnte und weiter des Landes verwies. Auf sein Geheiß fuhr mit ihr ein Beamter nach Maner, setzet sie ab und verschwand in das Weichbild der Stadt. Barbara Chlum fand Quartier auf drei Tage beim Bauer, aber sie war auch nachher noch zur Ernte zu matt. Barbara Chlum tam die Straße der Stadt zugeflossen; aber sie dachte an das, was der Herr Kommiffär laut Protokoll über fie polizeilich beschloffen, hielt vor dem Zweigbahngeleif', und sie hungerte sehr. Abend strich über die Gräfer, die Brandsohlen brannten und der erblondete Sanm roch nach Weinbrand und Tee; Barbara Chlum schlich, gedrückt an die Latten und Kanten, hin wie ein Tier in den Stall in ihr kleines Cafe. Barbara Chlum wurde nachts auf dem Gürtel betroffen, Stiderin, arbeitslos, ledig, zuständig nach Frain, landesverwiesen; in Hadern, die Schnürschuhe offen, brachte man sie laut Rapport der Arrestwache ein. mehrte sich und man brauchte mehr Land und holzte ben Jaxi- Girls Wald mehr und mehr ab, der die Hügel bestand. Wenn dann in der Regenzeit die Wolkenbrüche niedergingen, wuschen sie die fruchtbare Erde ins Tal hinab, in die Seen und Kanäle, die immer mehr verschlammten. Ein besonders schlimmes Regenjahr brachte dann die Krise. Man hatte keine guten Transportmöglichkeiten mehr. In den sich bildenden Schlammassen gediehen zu Millionen Moskitos, die die verschiedenen Tropenfieber entwickelten und weitertrugen. Unter den Mayas entstanden entfebliche Epides mien. Es gab kein Mittel, das Sterben zu hemmen. Das Land war verseucht, eine Brutstätte des Elends geworden. Die nicht zugrunde gingen, flüchteten eiligst, die einen nach Süden, die anderen nach Yukatan. Das Mayareich aber war zertrümmert... Traurige Nachkommen In schlechten Strohhütten leben im Süden und im Westen, bisweilen auch im Dschungel, noch einige der Mayas. Traurige Nachfahren eines großen Volkes. Die Erinnerung an jene Zeit wird von Mund zu Mund wachge= halten. Aber sie verblaßt immer mehr in der Apathie dieser Menschen. Es ist erstaunlich man sieht sie nie lachen, man hört sie aber auch nie weinen. Die Kinder sind still und ruhig vom Tage ihrer Geburt an, nicht einmal die Säuglinge schreien, Jemand, der ihre Sprache verstand, berichtete, daß sie einander, wenn sie ganz unter sich sind, von einer anderen Welt erzählen, in die fie eines Tages gelangen. Von dem Totenreich der Mayas. Mark Twain gibt Antwort Von Leslie Henderson Als Mark Twain auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt war, fühlte sich eine englische Universität verpflichtet, ihn zum Ehrendoktor zu ernennen. Der Humorist, der sehr unter seiner fleinbürgerlich- beschränkten Frau litt, benützte die Gelegenheit zu einer Englandreise. In England angelangt, zog Twain in ein Hotel. Natürlich brachte die Presse sofort die Meldung von seiner Ankunft. Und ebenso natürlich brachte ihm die Post am nächsten Tag eine Menge Briefe. In einem fragte eine junge Dame an, welchen Wert der Dichter Büchern beilege. „ Ich habe da," erwiderte der Humorist, eine weitverzweigte Einteilung: In Leder gebundene Bücher können beim Abziehen von Rasierklingen unbezahlte Dienste leisten. Dünne Broschüren eignen sich trefflich, wackelnden Tischen das Gleichgewicht wiederzugeben. Ein Lexikon oder ein schwereres philosophisches Werk ist hervorragend geeignet, wenn man zum Beispiel von Einbrechern überfallen wird, Schüßenhilfe zu leisten. Ein geographischer Atlas von entsprechendem Format kann mit seinen breiten Blättern ausgezeichnet als Ersatz für zerbrochene Fensterscheiben verwendet werden." Einen guten Rat befam ein vielversprechender Dichterling, der Twain ein Lobgedicht zugeschickt hatte. Der Schreiber fragte im Begleitbrief, ob auch Twain der Ansicht sei, daß Fischnahrung zur Entwicklung des Gehirns beitrage, überdies bat er den Amerikaner, er möge ihm schreiben, wieviel solcher Nahrung erforderlich sei, um gute Erfolge zu erzielen. Mark Twain antwortete: „ Es ist Tatsache, daß Agassiz Künstlern rät, sich von Fischen zu nähren, weil diese Phosphor enthalten, der wieder zur Entfaltung des Gehirns beiträgt. Was Ihre zweite Bitte anbelangt, so kann ich Ihnen nur folgendes sagen: Da ich Sie persönlich zu kennen nicht die Ehre habe, so kann ich Ihnen die notwendige Menge nicht genau dosieren. Wenn ich aber das mir freundlichst übersandte Gedicht in Betracht ziehe, so glaube ich doch sagen zu dürfen, daß ich für Thre Person zwei Walfische täglisch für ausreichend halte. Keine großen Walfische, sondern solche von normaler Durchschnittsgröße." Den Vogel in dieser Korrespondenz aber schoß gewiß ein junger Mann ab, der Mark Twain eine Fotografie übersandte. Der Begleitbrief dazu lautete: „ Verehrter Meister! Meine Freunde behaupten, daß ich Ihnen ähnlich sehe wie ein Ei dem anderen. Ich schicke Ihnen meine Fotografie und bitte Sie, mir darauf die Aehnlichkeit zu bestätigen." Mark Twain erwiderte, ohne einen Augenblick zu zögern: „ Verehrter Herr! Ihre Fotografie kann ich Ihnen nicht zurückschicken. Sie sieht mir tatsächlich so ähnlich, daß ich sie in meinem Badezimmer aufgehängt habe, um mich von nun an täglich vor ihr zu rasieren." Natürlich war die Flut von Zuschriften, die der Dichter bekam, vollkommen geeignet, auch seine Geduld einmal reißen zu lassen. Er empfand die Engländer schließlich als ein aufdringliches, kindisches und sensationslüsternes Volt, und er reiste verärgert ab. Und von dieser Abreise gibt es noch eine furiose Geschichte: Im Abteil, das Twain nach Dover bekam, saßen nur noch ein älterer Herr und dessen Tochter. Vielleicht witterte der Alte in Twain einen Freier, jedenfalls bemühte er sich frampfhaft, eine Unterhaltung anzubahnen. Mark Twain war aber sehr wortfarg, mehr als das, er war schweigsam. Schließlich zog der alte Herr eine Zigarrentasche, bot Twain an und sagte: ,, Eine Zigarre werden Sie doch rauchen?" " Danke, ich rauche nicht," erwiderte Twain. ,, Na, vielleicht genehmigen Sie einen Liför?" versuchte der Alte und griff nach einer Handtasche. " Danke, ich trinke nicht," gab Twain zur Antwort. Den Alten muß wohl die Verzweiflung gepackt haben, denn er tat nun das am wenigsten Geeignete. Er nahm sozusagen innerlich einen Anlauf und sagte: ,, Gestatten Sie, daß ich Ihnen meine Tochter vorstelle?" " Danke, ich liebe nicht," war Twains knappe Antwort. ( Berechtigte Uebersetzung aus dem Englischen von Annie Groß.) Sie tanzen 30 bis 40 Tänze Man nennt sie Tari- Girls. Zu Unrecht. AutomatenGirls sollte man sagen. Das Merkmal des Taris ist ja gerade, daß sich der Preis streng nach der verschliffenen Kilometerzahl bemißt. Mit dem holden Mädchen dagegen, das Du für 1,50 Fr. in Deine Arme schließt( zum Tanzen!), kannst Du nach Lust und Laune und nach dem Behendigkeitsgrad Deiner Glieder so oft über das glatte Parkett trudeln, wie es der Zeitraum eines For- trotts, Tangos oder Rumbas eben gestattet. Läßt sich die Kapelle zu einer Gratiszulage bewegen, so brauchst Du dafür noch nicht einmal Deiner Tänzerin ein neues Billet in die Hand zu drücken. So eine grandiose Einrichtung ist das Tari- Girl. Ich weiß nicht, wo es herkommt. Wahrscheinlich, wie alle solchen Dinge, aus Amerika. Ich habe es zum ersten Mals in Paris getroffen, und da paßt es, offen gestanden, nicht sehr gut hin. Warum diese„ rückständige" Stadt, die bisher weder Automaten- Restaurants noch Schreibmaschinen- Automaten kennt, ausgerechnet die Mechanisierung mit dem Taxi- Girl begonnen hat, ist mir unerfindlich. Ganz gleich. Da es nun einmal hier ist, wollen wir es besuchen. Tari- Girls gibt es bisher nur im Koliseum. Der Befizer dieses Tanzpalastes, ein fluger Geschäftsmann, hat sich auf seine Neuheit sofort ein Patent geben lassen. Schon jetzt hat er damit ein Bombengeld verdient. Das muß der Neid ihm lassen. An einem wolkenlosen Himmel, der sich in einem sonderbaren Blau vom Orchester bis zur Bar erstreckt, schweben funstvoll geschnittene Möwen. Hinter der letzten Stuhlreihe beginnt ein papiernes Meer, aus dem sich der Bug eines tessen Segelschiffchens aufbäumt. Juan les Pins. Vorne an der Bar erblickst Du eine bunte Reihe reizender junger Damen. Ihre luftigen Tanzkleider sind aus nationalen Gründen blauweißrot gehalten( wie müßte das erst mit lauter Hakenkreuzen aussehen!) und auf ihre Schultern hat man vorsorglich ein T. G. gestickt. Du trittst an die Kasse, zahlst anderthalb Franken, und dann kannst Du mit der Erwählten loswalzen, solange es der Kapelle paßt. Körbe gibt es hier nicht. Solange Du zahlst, kannst Du tanzen mit melcher Du willst. Ob Du wie ein Adonis oder mehr wie ein Zentaur aussiehst, spielt dabei gar keine Rolle. Im übrigen herrscht strenge Disziplin. Annäherungsversuche werden nicht geduldet. Tagsüber ist die eine Tippfräulein, die andere Mannequin, die meisten gehen stempeln. Von 9 bis 12 Uhr abends absolvieren sie heroisch 30 bis 40 Tänze, um sich zum Brot die Butter zu verdienen. Gegen die Mädchen ist eigentlich nicht viel zu sagen. Wohl aber gegen diese Zeit. Die lebendige Schadimaschine Ungarns Gelehrtenwelt gedenkt die 200. Wiederkehr des Geburtstages des berühmten ungarischen Erfinders Wolfgang Kempelen im Jänner 1934 würdig zu begehen. Kempelen war der Erfinder der„ Schachmaschine"( 1769). Diese bestand aus einer menschlichen Figur, die hinter einem niedrigen Schrank auf einem Stuhle saß und auf einem Schachbrett sehr geschickt spielte. Kempelen bereiste mit dieser Maschine ganz Europa und erregte damit überall großes Aufsehen. Im Jahre 1822 war die Schachmaschine in Paris noch zu sehen. Im Jahre 1854 ist sie angeblich in Philadelphia verbrannt. Kempelen hat im Jahre 1788 auch eine Sprechmaschine konstruiert, welche die Stimme eines kleinen Kindes nachahmte. Er hat noch eine ganze Reihe von technischen Erfindungen gemacht, so u. a. das Modell einer primitiven Schreibmaschine konstruiert. Das sei dir unverloren: feft, tapfer alle Zeit. Berdien' dir deine Sporen im Dienst der Menschlichkeit! Rundum der Kampf aufs Messer lern du zu deiner Frist, Daß Wunden heilen besser, als Wunden schlagen ist. Ferdinand Freiligrath. Unterirdische Wege Unterirdisch führen Gänge Oft von einem Haus ins andre. Und man kommt nicht ins Gedränge Spielt man heimlich: Taler, wandre Eine fühne Räubermente Findet immer sich zusammen. Plötzlich tönt Alarmgeläute: Seht, der Reichstag steht in Flammen! Nur zu dumm, nur zu dumm Habt ihr's angefangen. Auf den Wegen schief und trumm Seid ihr schlecht gegangen. Und was einst so dunkel war, Ach, sehr bald wards sonnenklar. Was man so im Kleinen machte, Kann man auch im großen treiben. Rußland teilt man auf ganz sachte. Heimlich muß die Sache bleiben. In der Politit auch führen Unterirdisch viele Gänge. Polen, Erbfeind? Nicht genieren! Erst mal Rußland ins Gedränge! Nur zu dumm, nur zu dumm Habt ihr's angefangen. Auf den Wegen schief und krumm Seid ihr schlecht gegangen. Und was einst so dunkel war, Ach, sehr bald wards sonnentlar. Auf geheimen Gängen wühlt man Gegen Frankreich, gegen Alle. Und am Ende was erzielt man? Man fizzt in der eignen Falle! Nicht so schnell wie Reichstagsdächer Steht die große Welt in Flammen. Ueber'm Haupt der lift'gen Schächer Bricht daß eigne Sans zusammen! Nur zn dumm, nur zu dumm Habt ihr's angefangen. Auf den Wegen schief und trumm Seid ihr schlecht gegangen. Und was einst so dunkel war, Ach, sehr bald wards sonnentlar. Kaltblütiger Kämpfer Die Hinrichtung des Kommunisten als ParteiSchauspiel Darmstadt, 80. Aug.( Inpreß.) Im Gefängnis Buzbach wurde Ludwig Büchler, der angeblich einen Hitlerjungen getötet haben soll, durch den Magdeburger Scharfrichter hingerichtet. An diesem Sonntag wurden in Deutschland 5 Hin richtungen vollzogen. Der Hinrichtung wohnten bei: der stellvertretende Gauletter Reiner und der stellvertretenbe Gauleiter Heyse, eine Gruppe des Sonderkommandos ber Heffischen Schußpolizei, ein Geistlicher, das Gericht, die Staatsanwaltschaft und 12 Butzbacher Bürger. Dieser Die Angst vorm Gedanken , Um Gotteswillen Adolf, was mag die beten! Aus Daily Herald" Korona wurde die Ermordung eines politischen Gegners als Schauspiel dargeboten. Die nationalsozialistische Zeitung von Darmstadt berichtet:„ Büchler bewahrte bei dem Gang von der Zelle bis zum Schaffot, daß in der Garage aufgestellt war, sowie bei der Verlesung und dem Vollzug des Urteils eine derartige faltblütige Ruhe, wie sie selten ein zum Tode Verurteilter zur Schau trägt. Selbst beim Besteigen des Schaffots sowie der folgenden Handlungen zeigte er nicht die geringste Spur von Reue oder Erregung." Korona wurde die Ermordung eines politischen Gegners als Ein Kommunist ermordet Wiesbaden, 30. Aug.( Inpreß.) Karl Müller, ein früherer Sturmführer des Roten Frontkämpferbundes, wurde von acht SA.- Leuten aus seiner Wohnung geholt, im Regierungsgebäude in der Lessingstraße gefoltert und dann durch drei Schüsse ermordet. Die amtliche Meldung faselt wieder von einem Flucht. versuch". Vom Kurfürstendamm nach En- Harod Ein ,, neuer Deutscher" in Palästina Die Wohnung, als ausgebautes Dach ein Juwel, lag höher als die meisten andern am Kurfürstendamm; der Blick aus dem Fenster war ein Blick auf die allermodernste Großstadt. Innen sah das Auge in die in Dokumenten gesammelte beste deutsche Vergangenheit, sah an den Wänden Tausende von Büchern, unter ihnen viele seltene Klassikererstausgaben, den ersten Kleist neben dem ersten Heine, sah alte Kupferstiche und schließlich, unter Glas und Rahmen, ein vollendet schönes Goethe- Autogramm. Die Eraßenbahnen, die unten vorbeifuhren, stießen mitten in den Grunewald hinein, die Ferien lagen vor der Stadt. Dahinter prunkte die Schale des Wannsees. Es war einmal... Und es war nicht einmal ein Märchen. Die Goethe- Handschrift konnte ich über alle Grenzen retten. Ich wollte sie mir in meiner neuen palästinischen Behaufung aufhängen. Aber diese Behausung ist kein Haus, son dern nur ein Zelt geworden, und Goethe paßt an seine wat telnde, windgeschüttelte Wand wie die Faust aufs Auge. Wer in so gewaltiger Natur lebt, entbehrt keinen Schmuck. Wer sich von uns„ Chaluzim"( Pionieren) morgens um halb fünf ein letztes Mal auf die andre Seite wälzt, nach fünf Minuten aber schon die untere Zeltwand hochrollt, sieht, falls er die Augen aufkriegt, der neuen Heimat En- Harod gegenüber im letzten Morgenschatten den elefantenförmigen Berg Gilboa, auf dem, wie wir lernten, Saul gefallen ist, unten das fruchtstrohende Emeftal, ein beliebter biblischer Kriegsschauplah, während hinter der zerflüfteten Transjordanwand die Sonne aufsteigt. Im langen Lauf des Tages steigert sich das große Erlebnis dieser Landschaft zu einer Symphonie intensivster Formen und Farben. Einzelheiten der Umgebung lernt man am Sabbat kennen. Wagen fahren freuz und quer, von Siedlung zu Siedlung, feber hat überall Bekannte, man besucht sich gegenseitig, auf den schwankenden Gefährten ist viel Singen und Fröhlichteit; solche Bilder sah man früher nur in Russenfilmen. Und Goethe bleibt im Koffer. En- Harod ist eine der ältesten und durchorganisiertesten fozialistischen Siedlungen im Lande: der Boden ist National eigentum, alle arbeiten nach besten Kräften im Gemeinschaftsinteresse, es gibt keinen Privatbesib. Die zahlreichen jungen Juden aus Deutschland, die in den letzten Monaten hierhergekommen sind, pflücken feßt die faftigen Grapefruit und die füßen Weintrauben, die jüdisch- russische Idealisten vor Jahren unter bitterer Mühe angepflanzt haben und auf Boden, der unter Malariagefahr entfumpft werden mußte. Die Deutschen legen sich also sozusagen in das gemachte Bett. Daß sie aus thm bisweilen durch ein paar nächtliche Schüsse aufgeschreckt werden, mit denen die Wächter Hühnerdiebe verscheuchen, beweist nichts gegen die Sicherheit, in der fie leben. Auch die Fähigkeit, im Belt au schlafen, bezeugt noch nicht den geringsten Heroismus. Im Gegenteil: mer unterhaltung Irebt, tommt reichlich auf seine Kosten. Zwei Raßen, die sich beispielsweise in meinem Belt niedergelassen haben, wo sie demnächst wohl auch niederzukommen gedenken, warten mit nächtlichen musikalischen Veranstaltungen auf. Mit einem Storpion war allerdings nur auszukommen, indem man ihn in offener Beltschlacht totschlug. Da das Belt ein bißchen zu kurz geraten ist, wache ich nachts öfter auf. Der erste Wacheindruckt schafft die Illusion Von Erich Gottgetreu einer Ozianreise, denn der Mittelpfeiler, weht und dreht im Winde sich". Der Palast knarrt und stöhnt wie ein alter Viermaster. Aber der Prachtbau hält die Zeltmathematik ist geheimnisvoll. Und schließlich winft in weitester Ferne Land: der Umzug ins Steinhaus, das viele der alteingesessenen EnHaroder heute schon bewohnen. Vorher wird man noch Barackeninsasse oder kommt auf die weniger beliebte„ Alijah", einen Schlafsaal oberhalb des Pferdestalles. Nachts um zwei werden die Pferde unruhig und die Menschen über ihnen mit ihnen. Besonders Sulamith das ist eine junge Stute benimmt sich geradezu unerhört, man hört sie dauernd. Man pariert diese„ Schicksalsschläge" mit der besten Waffe: mit Humor. Am schönsten wohnen, in einem dreistöckigen Bau, die Kinder: auf dreihundert Erwachsene kommen ihrer zweihundert. Sie werden mit viel Milch, Eiern, Liebe und pädagogischem Verständnis großgezogen. Der Arbeitsunterricht, den sie empfangen, liefert das unmittelbare Leben, nicht die mittelbare Theorte. So haben sie entschieden weniger Komplere und mehr Grazie als ihre städtischen Geschwister. Sie reiten wie die Kosaken. Wenn man sich mit ihnen unterhält, muß man über ihre Vorstellungswelt, die Vorstellung einer neuen 28elt, staunen. Ein Jüngeres fragt eines Tages:„ Hast du in Deutschland in einer wuzah( Gemeinschaftsfiedlung) oder in einem Moschaw( Genossenschaft unter Beibehaltung der familiären Einzelwirtschaft) gewohnt?" und kann sich nicht vorstellen, daß es noch etwas andres gibt. Daß man, wie das Mädchen Aja aus Frankfurt am Main, die Rechte studiert haben kann und nun doch nichts Rechtes damit anzufangen weiß. Daß man, wie Hans, mein Zeltnachbar, höchst tapitalistischer Unternehmer in Berlin und Befiber einer Krawattenfabrik gewesen sein kann. Daß man Lohnarbeiter oder meinetwegen auch Redakteur gewesen sein kann. Und daß keiner von uns auch nur ein einziges Stückchen Land besessen oder gar jemals in seinem Leben bebaut hat... * Jetzt ist der Rotstift des Redakteurs begraben. Wieviel Intellektuellenträume schlummern schon in der steinigen Erde Palästinas! Jetzt streut der Herr Redakteur nicht mehr Pointen auf Manuskripte, sondern Mist auf den mühsam durchfeuchteten Boden. Jetzt schwingt er nicht mehr den Federhalter, sondern die schweren Aderwerkzeuge. Jest merst er feine Druckfehler mehr aus, sondern Unkraut; Tablid" heißt das gefährlichste, und es ist ebenso unausrottbar wie Druckfehler. Jetzt zerhackt er nicht mehr mit dem Geschick, über das alle Mitarbeiter weinen, Reportagen und Feuilletons, sondern von Käfern angefressene Bäume. Jest versprißt er nicht mehr Polemiken gegen Hinz und Kunz, sondern Schwefel gegen pilanzenfressende Insekten. Jetzt watet er nicht mehr, wie vordem in der Redaktion, durch Berge von Zeitungen, sondern durch den dicksten Lehm der Grapefruit- Plantagen. Jetzt räumt er nicht mehr, was stets vergebens war, seinen Schreibtisch auf, sondern, mit mehr Erfolg, die verschlammte Wasserleitung oberhalb des Weingartens. Die gemeinsame Arbeit schafft in starkem Maße den Zusammenhalt zwischen Neuen“ und„ Alten", zumeist Juden aus Rußland, die von früheren Einwanderungswellen ins Land gespült wurden und sich inzwischen vollkommen affimiliert und hebräisiert haben. Der Umschichtungsprozeß ist ihnen um so eher gelungen, als sie ja nie so sehr im russischen Volkskörper aufgegangen waren, wie etwa die deutschen Ju den im deutschen. Was sie und ihre Väter in Rußland gelernt ten: die Fähigkeit zu leiden, zu entbehren, sich aufzuopfern. In ihrer Offenheit, deiterkeit, Hilfsbereitschaft und tiefften Unbestechlichkeit repräsentieren sie einen prächtigen Menschentyp. Die in der Mittagspause mit ihnen geführte Unterhaltung ist für uns„ neue Deutsche" immer wieder ein wirk liches Vergnügen bis wir ihnen mitten im Saz einschlafen. batten, tam ihnen bei ihrer Ansiedlung in Palästina auſtatWie wir uns untereinander verständigen? In einem Ge misch von Jiddisch und Deutsch. Die neuen Eingewanderten fönnen noch nicht oder doch nur sehr unvollkommen Hebräisch, die Alteingesessenen sehen es ihnen nach, zumal da sie beobachten, daß die Neuen sich doch bemühen, Hebräisch zu lernen; freilich sehen sie nicht, wie ihnen bei dem an jedem zweiten Abend von einer jungen Expolin erteilten unterund wundern sich, wenn man nur richt die Augen zufallen langsam Fortschritte macht. Zuerst lernen wir alles, was um uns herum ist: Tisch, Stuhl, Fenster. Aber langsam weitet sich der Worttreis und umschließt allmählich unsere ganze Welt: Den Hof mit seinen Ställen und Werkstätten. Die Getreidefelder, die Plantagen, den Weingarten. Die wenigen Dinge des täglichen Bedarfes, die es am Donnerstag abend in einem kleinen düsteren Laden" ohne Geld zu kaufen gibt: Zigaretten, Streichhölzer, Rafierflingen, Kernseife, Briefpapier, Postkar ten, Schnürriemen. Dann die verschiedenen Gerichte, die uns, außer dem Frühstücksbrot und Bespertee, am Mittag der grüne Proviantwagen aufs Feld bringt: Reis und Chazilimgemüse, Nudeln und Chazilim, Spinat und Chazilim, Obstsuppe und Chazilim. Chazilim, Chazilim! Die neuen Deutschen verfolgen die Ghazilim mit jenem inbrünstigen Haß, der schon wieder in lächelnde Resignation umschlägt. Es find Lieder gegen dieses Uebermaß von Chazilim gedichtet worden, geholfen hat es nichts. Die blaue Riesenartischocke blüht und gedeiht. Chazilim mittags, Chazilim abends. Das zweitemal essen wir sie gemeinsam in dem zentral gelegenen, sehr geschmackvoll, luftig und hell gebauten Speisesaal. Es ist laut wie in einer Bahnhofhalle, aber vergnügt laut. Und Landlärm stört nicht. Nach dem Abendessen wird Hebräisch gelernt oder in irgendeiner Ecke das Neueste aus der Zeitung vorgelesen. Ober man schreibt nach Hause. Die Briefe kommen in einen Sammelbriefkasten, die Gemeinschaft frantiert sie, thr Einzelmitglted hat ja kein Geld, also kann man schreiben, so viel man Lust hat, aber die Lust ist gar nicht so groß. Oder man musiziert; Schallplatten spenden Bach und Beethoven, öfters veranstalten auch gute Solisten richtide" Konzerte. Oder man diskutiert. Eines der Hauptthemen liefert die Frage: Werden sich die jungen Deutschen hier einleben? Wird ihnen, die, feten wir ehrlich, oft ja auch nur Zwangszionisten oder Lebensflüchtlinge sind, der große Umbruch gelingen: der so plöbliche Wechsel ihres Milieus, die Preisgabe ihrer indiv duellen Lebensführung, der Verzicht auf alle Bequemlichkeit, der Prozeß der Einschmelzung in eine Gemeini haft der Arbeit? Ist wirklich, wie es die alten jüdisch- russischen Arbeiter sagen, alles nur eine Willensfrage? Die Dachwohnung am Kurfürstendamm steht leer. Nur mein Kater streicht durchs Gebält. Er war auf den Namen Schleicher getauft worden, weil er mir in einem Wald der Berliner Umgebung gerade an jenem Tag zugelaufen war, der den General zum Reichskanaler werden ließ. Schleicher wird sich wundern. Grausamer Strafvollzug K. S. Die Ausübung des Rechts zu strafen: einem Menschen Uebles zuzufügen zum Ausgleich verbotenen Handelns oder um solches Handeln fernerhin zu ver hindern, ist eine der ernsteffen Fragen für den seiner Verantwortung bewußten Staatsmann. Kein Wunder, daß die rassische Genialität der neuen Staatslenker sie im Handumdrehen löst. Wer anderen, weil ihre Denkart oder ihre Nase ihm mißfällt, kaltblütig Existenz, Freiheit und Leben nimmt, wie sollte sich der große Bedenken machen gegenüber dem Verbrecher, dem ausgesprochenen Feinde der Gesellschaft? Ausgenommen natürlich, wenn der Verbrecher selbst in den Reihen der Gewalthaber oder gar an ihrer Spizze steht. Wenn seit Menschenaltern ernste Forscher, verantwor tungsvolle Praktiker um Straf- und Strafvollzugsrecht ringen und allmählich eine Bermenschlichung der Rechtsprechung, die Umbildung des Strafhauses aus einer Stätte der nußlosen Qualen in eine Anstalt der Erziehung zum Leben in der Gesellschaft wenigstens angebahnt haben die Henker- und Tyrannenbrut, die heute ihre krankhaften Gelüste an einem großen Kulturvolk austobt, bedarf nicht des Ballastes der Wissenschaft, der Erfahrungen gewissenhafter Praktiker. Sie kehrt mit Bergnügen zurück in eine Bergangenheit, in der von Staatshäuptern und ihren beslissenen Helfershelfern ununterbrochen die furchtbarsten Üntaten an den Völkern begangen wurden, in der die Wissenschaft von Menschen und der Gesellschaft noch nicht geboren war. So sind es auch auf diesem Gebiet die landläufigen Schlagwörter des Unwissenden, die rohen Instinkte des Gedanken- und Gefühllosen, die dem neuen Deutschland die Wege weisen: zurück in mittelalterliche Grausamkeit, in die Zeit vor den Strafreformen der letzten 1 Jahr 1/2 hunderte. Ein Strafvollzug, der rein zweckbestimmt ohne Lust an sinnloser Quälerei arbeitet, erkennt in der Freiheitsentziehung, dem dauernden 3wang zur Befolgung fremder Anordnungen schon Uebel genug, um wenigstens in Unterbringung und Ernährung den Forderungen der ärzt lichen Wissenschaft einigermaßen zu genügen und Verschärfungen zu vermeiden, die mit den Wirkungen der Haft notwendig die leibliche und seelische Gesundheit untergraben. Jm Stufenbau fortschreitender Anpassung an die Erfordernisse des gesellschaftlichen Lebens wird er allmähliche Erleichterungen gewähren, durch Zulassung bescheidener Freuden auch dem Sträfling das Leben wieder etwas lebenswert machen. Da und dort hatte man auch ein Stück 3wang durch etwas Freiheit ersetzt und dem Strafhaus etwas echten Lebensinhalt gegeben. Alles aus der Erkenntnis: Ziel des Strafvollzugs darf nicht mehr die Ra che sein; der Gefangene büßt nicht nur für eigene Sünden, nein auch für die Schuld der Gesellschaft, die in ihren Mängeln Antriebe zu Straftaten erzeugt. Unnüße Härte gegen Gefangene vermehrt nur die Gesamtqual der Menschheit, erzeugt in ihren Opfern Härte und Rachegefühle gegen die Gesellschaft. Diese hochsinnigen Erkenntnisse vieler der Besten waren nicht vergeblich: aus einem Teil der Verbrecher wurden wieder Menschen, die Menschenwürde fühlten, sich eingliederten in die Reihen einer gesitteten Gesellschaft. Mit dem allen wird nun gründlich aufgeräumt werden. „ Es wird streng durchgegriffen. Betonung des Vergeltungsgedankens" so überschreibt die gleichgeschaltete Presse den Bericht über die Eröff nungen, die Staatssekretär Freisler den Pressevertretern gemacht hat. In der Begründung der„ neuen", b. h. uralten und längst veralteten Reglung, die in dieser Presse gegeben wurde, heißt es ohne Umschweife:„ Aus der sozialen Konstellation läßt sich kein Berbrechen erklären. Der Verbrecher ist der ge= borene Untermensch. Den Verbrecher er ziehen zu wollen wäre ein vergebliches Unterfangen. Die Strafe muß eine abschreckende Wirkung haben... Auch im Strafvollzug sollen nicht mehr die liberalistisch- h u manitären Maßnah, men des früheren Staates angewandt werden." Auf einem Scherbenhaufen zerschlagen finden wir da alle Ergebnisse eines Jahrhunderts der Wissenschaft und Reformarbeit. Sorgfältig ist alles zusammengetragen, was Unwissenheit und Gehässigkeit gegen die ,, überspannte Milde" des Strafvollzugs, der in Wahrheit viel mehr durch überlieferungsgebundenes Haften am Ueberlebten, Menschenfeindlichen als durch meichherzige Nachsicht ge= fehlt hat, ins Feld geführt hat. Als„ wissenschaftliche" Be gründung dient die freilich gedankenlos nachgeplapperte und vergröberte Lehre des genialen jüdischen Forschers Lombroso vom„ geborenen Verbrecher". Nur daß Lombroso, dessen Lehre schon diele berechtigte Einschränkungen erfahren hat, damit nur einen Bruchteil der Verbrecher als von der Zeugung an schwer Belastete gekennzeichnet hat. An sich hat er die Wirkung der Umwelt nicht geleugnet, wenn auch unterschätzt. Er würde sicher in einem großen Teil der„ Obermenschen", die sich zu Herren Deutschlands aufgeworfen haben, solche geborenen Verbrecher erkennen, wohl aber auch ihnen die vergiftenden Wirkungen der Kriegsjahre und einer sittlich verpestenden nationalistischen Erziehung zugute halten. Wo solche Menschen, zugleich unwissend und bösartig, Gesetze geben, muß das Ergebnis gemeingefährlich sein. Abschreckung heißt ihr Zauberwort.„ Es gibt jetzt," sagte Freisler seinen Presseknechten,„ nur eine einzige Art der Straferziehung, nämlich die, durch die dem Strafgefangenen auf das lebendigste klar wird, daß er nie wieder in ein solches Heim hinein möchte. Bisher war es so, daß die Strafgefangenen sagen konnten, die Strafanstalt sei ein kostenloses Hotel, das sie gut versorgte und in dem es sehr angenehm ist. In Zukunft werden sie aber nichts mehr fürchten, als wieder in dieses Heim hinein zu müssen, und dann werden sie sich vielleicht auch nach der Strafvollstreckung etwas in acht nehmen." Man hört ordentlich die Peitschen knallen, sieht die grauen Gesichter, die verfallenen Gestalten ausgehungerter Menschen, die als Ruinen diese Anstalten verlassen- oder, wenn sie noch ein Stück Kraft bewahrt haben, mit dem Racheschwur im Herzen, diesem Staat, dieser Gesellschaft noch weit mehr zu schaden als bisher. De nnnachalter Erfahrung zieht grausamer Strafvollzug steigende Grausamkeit des Verbrechens nach sich; noch dazu, wenn gerade die schlimmsten Roheitsverbrecher Kerkermeister spielen dürfen. Denn es ist klar, daß nur aus den Reihen der SA. oder ihrer gleichwertigen Spießgesellen Leiter und Aufseher dieser Strafund Quälanstalten hervorgehen werden, denen man durch Wegfall des Beschwerde rechts von vornherein den Freibrief für alle Untaten erteilt. So etwas fingt Jugend, das ist„ Kultur" im britten Reich"! Gotteslästerung, Gemeinheiten, Minderwertigteiten sind der Inhalt des erbärmlichen Machwerks, das im übrigen nur ein weiterer Beweis für die absolute Militari fierung ganz Deutschlands ist. Daß daneben noch die weiteren Disziplinarmittel verseitigt und nahezu alle Bergünstigungen gestrichen werden, schärft, der Strafvollzug in aufsteigenden Stufen fast be. lichen Verbände werden ja diese Anstalten nur als Kerker. verſteht sich von ſelbſt. Angehörige der regierungsfreund. Das Neueste meister bewohnen. Aber wehe denen, die auch nach der Uebergangszeit, wenn die Freiheitskämpfer von ehedem in den Konzentrationslagern zu Tode gemartert oder nach den verschiedenen Berfahren kurzerhand erledigt sind, es wagen, dieses System zu kritisieren oder gar zu be kämpfen. Zuchthausstrafe mit all den Verschärfungen, die der Sadismus ersinnen mag, ist ihnen gewiß. Solange fie alles tun, um Verderben zu verbreiten und echtes diese Sorte Menschen Deutschland geknebelt hält, wird Menschentum zu verwüsten. Die deutsche Wissen schaft aber, die so lange um die Verbesserungen gekämpft hat, die nun kalten Herzens der Vernichtung geweiht werden was tut sie, um ihre Grundgedanken, ihre Ehre zu verteidigen? Ein Narr wartet auf Antwort. Der Reichsparteitag der NSDAP. wurde Mitts woch um 20 Uhr von allen Glocken Nürnbergs feierlich eingeläntet. Im Rathaus fand eine Begrüßungskundgebung statt, wobei der Reichskanzler eine Ansprache hielt. Der Rat der Stadt Nürnberg hat dem Kanzler als Begrüßungs- und Ehrengabe einen Originalabdruck des Dürerschen Kupfers ftichs„ Ritter, Tod und Teufel" überreicht. Soldatenlieder im ,, dritten Reich" Ein Blick auf neudeutsche Lyrik und Kultur! Jede Tätigkeit der SA., SS. und der Hitlerjugend ist Dienst! Wenn mehrere uniformierte Nazis gemeinsam einen Weg zurückzulegen haben, wird in militärischer OrdDie Deutsche Studentenschaft in Oesterreich ist aufgelöst worden. Der Leiter der österreichischen Heimwehr, Starhemberg, ist gestern in Rom eingetroffen. * Wie Havas aus Barcelona berichtet, sind drei Frans zosen, die vom Mädchenhandel lebten, verhaftet worden und werden ausgewiesen werden. * Nach einer Havasmeldung aus Bilbao brach im Freis hafen von Santurce ein Brand aus. Die dort lagernden Waren, vor allem über 15000 Tonnen Salpeter, wur den vernichtet. Der Sachschaden soll sich auf vier Millionen Peseten belaufen. nung marschiert. Wenn größere Trupps oder„ Kommandos" BRIEFKASTEN beisammen sind, müssen sie singen. Zwar ist die Singlust in der letzten Zeit start gesunken, die SA. mault, weil sie fein Stiefelgeld mehr bekommt, und weigert sich vielfach, singend über die Straßen zu ziehen, aber die Hitlerjugend ist noch sangesfreudig. Die Kulturfämpfer des„ dritten Reichs" haben dieser Hitlerjugend und der SA. eine Reihe von Soldatenliedern beschert, die zur Zeit in den Straßen der deutschen Städte erklingen. Angesichts der Betonung einer neudeutschen Kultur ist es nicht ohne Reiz, einmal festzustellen, was denn eigentlich gesungen wird. Neben dem alten, immer noch beliebten„ Siegreich wolln wir Frankreich schlagen" ist zur Zeit besonders folgendes Liedlein auf der Tagesordnung, das mit Begeisterung von der- Hitlerjugend(!) gesungen wird „ Morgens um halb vier, halb vier, da kommt der Offizier: Steht auf, ihr faulen Knochen, ja Knochen und räumet das Quartier. Aber immer mit frischem, frohem Mut, zwei, drei, ziehn wir der Heimat zu. Lisa, Lisa, schenk der Reserve mal Himbeerwasser ein, Lisa, Lisa, schenk der Reserve mal ein. Der Hauptmann fam geritten, geritten auf einem Faß Benzin, da glaubten die Rekruten, Refruten, es wär der Zeppelin. Aber immer usw. Der Hauptmann kam geritten, geritten auf einem Ziegenbock, da glaubten die Rekruten, Rekruten, es wär der liebe Gott(!), Aber immer usw. Der Hauptmann fam geritten, geritten auf einer dicken Sau(!), da glaubten die Rekruten, Rekruten, es wäre seine Frau(!!). Aber immer usw. Lesen Sie ,, La Revue Moderne 66 115 Sie finden schnell in ganz Frankreich eine Stellung in jeder Branche und jedem Beruf An- und Verkauf von Grundstücken und Geschäften Vertretungen. Vermittlung von Wohnungen Jahresabonnement 50,- ffrs. Einzelnummer 1,50 ffrs. Zu beziehen durch den Verlag • ,, La Revue Moderne", Strasbourg, 16, Place d'Austerlitz 16 Librairie- Populaire 2, RUE SEDILLOT 2. STRASBOURG Buchhandlung und Leihbücherei modernster Art Reiche Auswahl der besten Literatur in Französisch und Deutsch Gut sortiertes Lager. Neueste Ausgaben Spezialität: Sozialistische, antifaschistische u.pazifistische Literatur Neueste Erscheinungen auf diesem Gebiet: ,, Fontamara", der erste antifaschistische Roman. ,, Braunbuch über den Reichstagsbrand" ,, Terror in Braunschweig" 91 . Lieferung aller Zeitschriften und Zeitungen Entgegennahme von Abonnements auf jegliche Literatur. Beschaffung aller in Deutschland auf den Index gesetzten und teilweise verbrannten Buchausgaben, Schnellste Lieferung Teilweise herabgesetzte Preise . Besuchen Sie uns! Uberzeugen Sie sich! 516 Jo. E. W. F., Amsterdam. Ihr Brief war ungenau adressiert. Das her antworten wir Ihnen auf diesem Wege. Ihr Beitrag wird veröffentlicht. Gelegentliche aktuelle politische Glossen sind uns erwünscht. Das Braun- Buch ist nicht in unserem Verlage erschienen. Es kostet hier broschiert 18.-, gebunden 25.- Franken. Das dürfte dem dortigen Preis entsprechen. B. T., La. Calamine. Leider können wir Ihre Wünsche nicht erfüllen. Die Organisation der Emigranten können wir unmöglich übernehmen. Die Pariser Adresse ist uns nicht bekannt. W. K., Wien I. Ihre an sich gute Arbeit ist für unser Blatt nicht geeignet. Sie wäre eher als Flugblatt für den Mittelstand geeignet. Kopenhagen. Wir haben Dänemark nicht vergessen. Auch in Ihrem Lende wird der Vertrieb unseres Blattes demnächst beginnen. J. H., Eupen. Ihren langen Brief haben wir mit Interesse geIrfen. Veröffentlichen wollen wir einstweilen nichts. Eiserne Kreuze find in jedem Trödlerladen zu haben. Wir möchten die„ Ritter" des E. K. I. nicht zählen, die es sich selbst verliehen haben. Nick, Brüssel. Dank! Wir haben uns herzlich gefreut. Aber zum Abdruck reicht es noch nicht. Afta. Besten Dank. Wir teilen Ihre Auffassung über Max Barthel vollkommen und stimmen Ihnen auch zu, daß ihm gegenüber manche sozialistische Instanzen als zu leichtgläubig waren. Trotzdem taten wir wohl auch nach Ihrer Meinung recht daran, solche Charakterbilder, die schleunigst zu Hitler entwischen, mit der ihnen gebührenden Achtung weiterzugeben. Sportfreund, Antwerpen. Dank für freundliches Angebot. Wir temmen darauf zurück. Berchem. Dank für Anregung und Interesse. Aber vergessen Sie bitte nicht: wir sind überwiegend eine politische Zeitung. Für nur wissenschaftliche und in den Gefilden der Theorie geltende Betrach tungen haben wir keinen Raum. Ostende. Uns scheint, daß Sie die Sache etwas zu wichtig nehmen. Wir wollen weder für das Rauchen, noch dagegen, weder für das Schminken, noch dagegen Stellung nehmen." Sehe jeder, wie ers treibe, sehe jeder, wo er bleibe..." Das gilt auch für die„ Sie". Hoffentlich sind Sie uns nun nicht böse. Prag. Wir danken für Ihren aufklärenden Brief. Jede Richtig stellung ist uns erwünscht. Wir wollen keine falschen Behauptungen aufstellen. Die Wahrheit ist schon grauenvoll genug. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Piz: Inserate Otto Kuhn, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: Volksstimme" G. m. b H., Saarbrücken. Schüßenstraße 5. Industrieller 33Jahre, kath., Elsäss., akademisch gebildet, 3 Sprachen, mit 1/ Millionen Vermögen, Sports und Literatur liebend sucht, da es ihm an Damenbe kanntsch. fehlt, pass. Lebensgefährtin mit vornehm. Charakter kennen zu lernen. an Zuschriften werden diskret behandelt. Offerten die ,, Deutsche Freiheit", Strasbourg R. M. 31, Rue St. Gotthardt. Jeder Freiheitsliebende lieft: Der Kuckuck 3llustrierte Zeitung Jede Woche neu! Sr. 1,25 Buchhandlung d. Bolksstimme Saarbrücken 3 Bahnhofstraße 32 Alle Ausgaben Klassiker empfiehlt Buchhandlung , Volksstimme' Bahnhofstr. 4 Strasbourg 92 6e Place d' Austerlitz Patisserie à l'Etoile Café- Conditorei Erfrischende Getränke, feinstes Speiseeis, Bonbons, Schokolade, Biskuits in reicher Auswahl Treffpunkt deutscher Emigranten ,, Deutsche Freiheit" liegt aus Verkaufe Aktienpaket gutgehender französischer Exports Aktien Gesellschaft Seriöse Mits arbeiter bevorzugt. Ernste Vermittler erbeten. Zuschriften unter Nr. 94 an die Ges schäftsstelle dieses Blattes. Villa in Luxemburg aller neuzeitlicher Komfort, Garage, großer parkähnlicher Zier- und Nutzgarten, 7 Minuten Tramfahrt zum Stadtzentrum sofort zu vermieten oder zu verkaufen. Schreiben sind zu richten an die Expedition des Blattes unter Nr. 116.