Fretheil Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 66-1. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 5. September 1933 Chefredakteur: M. Braun Nein, ihr Völker, alles, alles gebt hin, nur nicht die Denkfreiheit gebt, gebt alles hin: nur dieses vom Himmel abstammende Palladium der Menschheit, dieses Unterpfand, daß ihr noch ein anderes Los bevorstehe, als dulden, tragen und zerknirscht werden, nur dieses behauptet! Fichte. Arbeitsheer oder Kriegsheer? Dokumente zur deutschen Jugenderziehung Auf dem Parteitag der Nationalsozialisten in Nürnberg hat der Staatssekretär Hier I über den Geist des Arheitsdienst es gesprochen. Er forderte die allgemeine gleiche Arbeitsdienstpflicht. Das ist nichts Neues. Die Frage der Arbeitsdienstpflicht wurde im Laufe der endlosen kapitalistischen Krise mehr und mehr auch in der Arbeiterbewegung und im sonstigen republikanischen Deutschland positiv erörtert. Die wirklichen Fachleute, vor allem die auf dem Gebiete der Reichsfinanzen, sahen aber keine Möglichkeit, die für die allgemeine Arbeitsdienstpflicht notwendigen Milliardenbeträge aufzubringen. Ueber die Finanzierung verlautete auch auf dem Parteitag in Nürnberg nichts, wie man sich dort in dem allgemeinen Volksfesttrubel überhaupt sehr hütete, vor den Massen irgendwelche Realitäten zu erörtern. Es blieb bei Fahnen und Girlanden, bei Märschen und Tänzen, bei Liedern und Festreden, bet Glaube, Liebe und Hoffnung. Herr Staatssekretär Hierl ist Soldat. Oberst oder so etwas, obwohl er weder förperlich noch geistig eine soldatische Figur macht. Es ist auffallend, daß die militärischen Absichten, die er mit dem Arbeitsdienst verfolgte, in seiner Rede, soweit uns Berichte darüber vorliegen, so gar nicht in Erscheinung tritt. Man kann aber zum Problem der allgemeinen Arbeitsdienstpflicht nicht Stellung nehmen, wenn man nicht er fährt, was er eigentlich will. Sollen in den Arbeitsdienste lagern Arbeiter erzogen werden oder Soldaten oder beides? Da Herr Staatssekretär Hierl, wie uns scheint, diese Frage nicht beantwortet hat, ergänzen wir seine Rede durch die Veröffentlichung der Prüfungsvorschriften, die wir in dem„ Leistungsbuch" des Reichskuratoriums für Jugendertüchtigung finden. Diese Prüfungen werden auch von Teilnehmern des Arbeitsdienstlagers ab= gelegt und beziehen sich auf folgende Leistungen: I. Leistungsprüfung in Leibesübungen: 1. 100- Meter- Lauf in 15 Sekunden. 2. Weitsprung von einer bezeichneten Stelle 4 Meter. 3. Keulenweitwurf( 1 Pfd.) als Kernwurf in einer 10Meter- Bahn, 25 Meter. 4. Kugelstoßen( 7 Kilogr.) aus dem Kreis 6 Meter. 5. 3000- Meter- Lauf in 14 Minuten. 6. Schwimmen in stehendem Gewäffer 300 Meter in 10 Minuten. II.& leinkaliberschießen: 50 Meter: 8 Schuß liegend freihändig kein Schuß unter 6 oder 21 Ringe. 8 Schuß kniend oder fizend kein Schuß unter 5 oder 18 Ringe. 8 Schuß stehend freihändig kein Schuß unter 4 oder 15 Ringe. Offene Visierungen, freistehendes Dachkorn, ohne Hilfs6. Geländebeschreibung und Beurteilung für eigenes Vorund Zurückgehen bzw. das eines Gegenspielers. 7. Tarnung: a) Ausnügung vorhandener Tarnungsmöglichkeiten; b) Herstellung eigener Tarnung oder Scheinanlage bei ungünstiger natürlicher Tarnungsmöglichkeit. 8. Haltung, Auftreten und Benehmen während der Prüfung. 9. Geländeausnügung. Aus den Richtlinien zur Abnahme der Wehrsportprüfung. 3u III Ziffer 9. Diese Prüfung soll die Krone der gesamten Geländeprüfung darstellen. Sie soll in Form des Mannschaftskampfes die Anwendung aller Einzeldienstzweige ermöglichen und durch die Art ihrer Durchführung Luft und Liebe zum Geländesport auch bei Zuschauern er: weden. Sorgfame Vorbereitung der Prüfung ist Vors bedingung. Lehrreiche Auswahl des Geländes ist von besonderer Bedeutung. Es soll möglichst gestatten: Aus nukung Decken der Bodenformen und vorhandener Bodendeckung, gewandte Berücksichtigung verschiedener Farben von Unter- oder Hintergrund, Ueberwinden kurzer eingesehener Strecken durch Sprünge. Keulenzielwurf erfolgt aus einem Graben oder aus den Knien. Dem bei solchen Veröffentlichungen üblichen Vorwurf des „ Landesverrats" begegnen wir mit der Feststellung, daß diese Richtlinien im Reich in vielen Exemplaren verbreitet sind. Auch die Veranstalter der Uebungen und Prüfungen machen daraus kein Geheimnis. Nur der Umstand, daß der deutschen Presse untersagt wird, sich mit diesen Fragen offen und ehrlich zu beschäftigen und die dummen und böswilligen Landesverratsschreier geben dem Ausland Gelegenheit, Verdacht zu schöpfen. Die Frage der militärischen Jugenderziehung ist alt. Man weiß, daß ein Mann wie August Bebel einer ihrer eifrigsten Verfechter war, wohlverstanden auf demokratischer Grundlage und mit demokratischen Zielen. Die Reichsregierung muß wohl oder übel, wenn sie die militärische Ertüchtigung der deutschen Jugend und eine tiefgehende Umformung und Erweiterung des deutschen Heeressystems will, sich mit den Unterzeichnern des Versailler Vertrages auseinanderseßen. Das ist die einzige friedliche Möglichkeit. Die jetzige Tarnung noch dazu offenfundiger Tatbestände trägt zur Vergiftung der Atmosphäre Europas bei und muß daher von jedem Gesichtspunkt her bekämpft werden. Nur Klarheit über das, was in unserem Volke militärpolitisch vorgeht, kann Deutschlands Freiheit bringen und den Frieden Europas sichern. mittel und ohne Gewehrriemen 2 Minuten für je Militärische Führer 3 Schuß. III. Wehrmannsbüchse 175 Meter: 8 Schuß liegend freihändig kein Schuß unter 10 oder 35 Ringe. 8 Schuß kniend oder sitzend kein Schuß unter 9 oder 30 Ringe. 8 Schuß stehend freihändig kein Schuß unter 7 oder 25 Ringe. IV. Geländesport: Im Arbeitsdienstlager ( Inpreß.) Um die in der Auslandspresse feststehende Anschauung vom militärischen Charakter des Arbeitsdienstes zu widerlegen, veröffentlicht die Reichsleitung des Arbeitsdienstes eine absolut nicht nachprüfbare Statistik, nach der immerhin 53,6 Prozent der führenden Persönlichkeiten des Arbeitsdienstes ausgebildete Soldaten sind. 1. Marschleistung 25 Kilometer mit 25 Pfd. Gepäck, Zeit: Geheimnisvolle Feuerkugel 5% Stunden einschl. Halte. 2. Sinnesschärfung: a) Sehübungen; Die ahnungslose Astronomie b) Ansprache eines Gegenspielers oder Geländepunktes; Berliner Elektrizitätswerk, das vollkommen im Dunklen c) Karten. 8. Kartenkunde: a) Bezeichnen von im Gelände fichtbaren Punkten auf der Karte 1: 100 000 oder Auffinden auf der Karte 1: 100 000 bezeichneter Punkte im Gelände; b) Zurechtfinden nach Kompaß und Gestirn. 4. Meldungen: a) Ueberbringen einer mündlichen Meldung( etwa ( Inpreß.) Bei einer Luftschutzübung hat ein größeres lag, offenbar Fallschirmübungen beleuchtet. Die Uebungen wurden veranstaltet, um Abwürfe auf das große Werk zu markieren. Die Treptower Sternwarte dagegen entdeckte in diesen Fallschirmen geheimnisvolle Feuerbälle am Himmel". Die dortigen Gelehrten waren anscheinend schon bereit, eine neue Meteoritentheorie aufzustellen und zu begründen. 10 Worte einschl. ein Ortsname), welche 5 Minuten 10 Millionen Jugendliche vorher aufgetragen wurde; b) Auswahl eines Postenstandes, mündliche Meldung des Postens über eine geschilderte Beobachtung beim Gegenspieler. 5. Entfernungsschäßen. Der Reichsjugendführer der Hitlerleute, Baldur von Schirach, gab der Telegrafenunion ein Interview, in dem er erklärte, die Jugendorganisationen gestatteten in ihrer heutigen Form ein Anwachsen bis auf 10 Millionen HitlerSASS und seine Automobil- Proletarier Hofbericht und Wahrheit D. F. Es scheint nur eine Kleinigkeit und ist doch entscheidend für die Beurteilung des Nationalsozialismus und seiner Führung: Die ganze deutsche Presse verkündete in Fettdruck vor dem Nürnberger Parteitag, daß der " Führer" nicht, wie weiland die fetten Bonzen, in einem Hotelbett, sondern im Zeltlager bei seinen Truppen näch figen werde. Tatsächlich aber wohnte der Reichskanzler in den ersten Tagen seines Aufenthalts in einem Hotel ersten Ranges. Am Samstag wurde dann im Hofbericht gemeldet: Bayreuth, 2. September. Der Führer ist Freitagabend nach der kulturpolitischen Tagung in den von ihm schon häufig mit einem Besuch ausgezeichneten kleinen Kurort Berneck gefahren und hat dort, abseits des lebhaften Treibens des Reichsparteitages die Nacht zum Samstag verbracht. Heute morgen 9.10 Uhr ist der Kanzler in Bayreuth mit dem Flugzeug nach Nürnberg gestartet. Demnach scheint selbst diesem großen Massengaukler der Nürnberger Rummelplat widerwärtig geworden zu sein. Er kann, wenn er sein Feldherrnzelt überhaupt benutzt haben sollte, nur eine Nacht bei seiner SA. und seiner SS. gewesen sein. Deffentlich aber muß der verweichlichte, im Reichtum lebende Mann, der nie anders als im Lugus auto und im Luxusflugzeug reist, als der stahlharte, spartanische Führer dargestellt werden, der seine menigen Stunden Schlummer auf hartem Feldbett oder gar auf dem Strohlager verbringt. Heuchelei und Verschleierung der rauhen Wirklichkeit war der ganze Parteitag, der keine Aussprache, keine Kritik kannte, sondern nur den Massenrausch, ohne den diese Bewegung nicht leben kann. Greifen wir uns die Rede des programmatischen Theoretikers der Partei, des jetzt als Staatssekretär ver sorgten Dr. Feder, heraus. Er gab platte Selbstverständlichkeiten mit dem Anspruch tiefer Weisheit von sich: " Der bedeutsamste Beruf für das Wirtschaftsleben ist die Technik." Wir sehen ganz von der Begriffsverschlammung ab ,,, bie Technik" in Wissenschaft und Praxis in einem Wort so ganz allgemein als einen Beruf zu be zeichnen. Wissen möchten wir, wie der Nationalsozialismus die Technik und ihre Funktionen in den Dienst des Rund um Und Göring? um Nürnberg Allgemeinnuges stellen will. Darüber hörte man nur Phrasen wie diese:„ Zusammenfassung der wirtschaftlichen Tätigkeit nach den großen Sachgebieten, die wiederum ihren Ursprung in den Bedürfnissen des Menschen findet, und nicht in der Interessensphäre der Banken liegt.' Einen Preis für denjenigen, der erforschen kann, was da mit gemeint ist! Kein Großbank- und Industriekonzern wird sich durch politischen Hirsebrei den Geschmack am Herrschen und Verdienen verderben lassen. Gar nicht zu reden von den großen Grundbesitzern, deren Protektor mit geschenkten Rittergütern der Reichspräsident und deffen Paladin General Göring ist. Aber Großbefit fühlt Frankreichs Stimme fich bei der Sorte„ Sozialismus", die Dr. Feder verkündete, sicherer denn je. Das einzige, was Sozialisten vom Schlage des Dr. Feder bisher wirtschaftlich leisteten, war die Mobilmachung billiger Arbeitskräfte, war die Unterstellung dieser Arbeiter unter das Kommando der Junker und ihrer SA.- Sklavenwächter. In Nürnberg hörte man von ihm nichts Alle möglichen nationalsozialistischen Würdenträger find in Nürnberg in Erscheinung getreten. General Göring aber fehlte. Das ist ein neues Zeichen für die zwischen ihm und Hitler bestehende Spannung. Das Pariser„ Journal" vom 2. September wußte sogar zu berichten, Hitler habe sich vor einigen Wochen mit dem Gedanken getragen, Göring verhaften zu lassen. Aber vergessen wir nicht, daß Dr. Feder auch über den Sinn des Artikels 13 des Parteiprogramms sprach:„ Wir fordern die Verstaatlichung aller bereits vergesellschafteten Betriebe." Und was versteht er darunter? Nun, die Berstaatlichung der Eisenbahnen, die vor einem halben Jahrhundert im Zeichen des hochkapitalistischen Aufstiegs schon Bismarck für Norddeutschland und stockreaktionäre Regierungen für Bayern durchgeführt haben. Seitdem sind„ vergesellschaftet" Kohle und Erze, Eisen und Stahl und Banken, seitdem haben wir die großen und größten Kommunalbetriebe.„ Bergesellschaftet" ist das alles. Nur die wirtschaftliche und politische Herrsch gewalt, diese Kleinigkeit, von der Dr. Feder und sein Phrasensozialismus nicht spricht, bleibt eben bei den Kapitalisten. Sie und nicht die Arbeiter und die Techniker sind die Herren der Wirtschaft. Und sie bleiben es, und die Wirtschaft bleibt desorganisiert, wenn diese Heuchler und Nichtskönner von Nürnberg unser Volk noch lange täuschen dürfen. Nichtskönner? Wir schränken unsere Behauptung ein. In der Veranstaltung großer Volksbelustigungen sind die nationalsozialistischen Führer die größten Meister aller Zeiten. Sie bieten dem Bolke Spiele über Spiele. Aber nach dem alten römischen Wort muß das Brot hinzukommen. Nürnberg war ein großes Spiel. Vermutlich hatten alle oder doch die meisten der dort Versammelten Der„ Temps" beschäftigt sich in seiner Ausgabe vom 4. September mit Nürnberg und schreibt u. a.: ... Die feierliche Ansprache, die der Führer" in Nürns berg hat verlesen lassen, ist von einer solchen Armselig: keit der Gedanken und der Form, daß man sich fragt, wie sich der Regierungschef eines großen Landes 31 einer Kundgebung hat entschließen können, die für das deutsche Selbstgefühl derart peinlich ist... ... Es gibt eine Ueberzeugung der zivilisierten Völker, Schein nicht beirren läßt. Das faiserliche Deutschland hat die sich über die Tatsachen nicht tänschen, die sich durch den das im Jahre 1914 erfahren; Hitler- Deutschland wird diese Erfahrung in naher 3ntnnft machen, wenn es weiters hin fich dem uneingeschränkten Raffenfanatismus hingibt... Es ist etwas anderes als Derebsamkeit nötig, um die Welts meinung von den friedlichen Absichten Deutschlands zu über: die Maßnahmen der deutschen Regierung vor allem ben zeugen. Dazu bedarf es der Handlungen. Bis heute beweisen Willen, wiederaufzurüsten und den Krieg vorzubereiten. Vor allem in England herrscht Er: regung über diesen Zustand. Die englische Presse veröffentlicht täglich eindrucksvolle Tatsachenberichte über die deutschen Rüstungen. Sie stellt heute morgen feft, daß das Hitlerreich von 1936 an über ein Heer von 1 500 000 Mann verfügen wird, das noch um mehrere hunderttausend Mann aus einer verstedten Reserve vermehrt werden könnte; sie schildert die Fabriken von Krupp und die chemischen Werke in Hamburg und Dresden, die für die Wiederaufrüstung voll beschäftigt sind...„ Hitler," so erklärte der„ Sunday Expreß", ist das triegerische Schreckgespenst Europas. Vor 1914 bestand Wilhelm II, darauf, dieselbe Rolle 3u ipielen. Man weiß, was es zur Folge hatte." Frauen - nicht wichtig Sämtliche Dispositionen, die die Teilnahme der Frauen auf dem Naziparteitag in Nürnberg betrafen, vor allem die Teilnahme an den verschiedenen Manifestationen, sind in der letzten Minute aufgehoben worden. Der brüske Wechsel findet seine Erklärung in dem Programm der Nazis, das der Frau die Rolle der Köchin und Gebärerin zuweist. Alles zensiert! Berlin, 2. Sept.( Inpreß.) Den Redaktionen sämtlicher deutscher Zeitungen ist verboten worden, die Reden Hitlers, die auf dem Nürnberger Parteitag gehalten wurden, im offizielle kommunique abzudrucken. Wortlaut zu veröffentlichen. Es wird lediglich erlaubt, das Nicht mehr sicher Der amerikanische Journalist Mowrer hat Berlin verlassen Berlin, 2. Sept.( Inpreß.) Der frühere Vorsitzende des Vereins der Auslandspresse, Berlin, M. E. Mowrer, der die Absicht hatte, Berlin am 6. September zu verlassen, ist plößlich abgereist und hat Deutschland bereits verlassen. Die Abließ, daß sie nicht in der Lage sei, die persönliche Sicherheit reise erfolgte unter dem Druck der Regierung, die erklären des Journalisten zu garantieren. Paul Boncour:„ Niemand darf aufrüsten!" auch Brot und haben es, wenn sie zu ihren teils fetten und Am Gedenkstein Aristide Briands teils vielleicht etwas mageren Posten und Böstchen an der allgemeinen Futterkrippe zurückkehren. Sie werden von Nürnberg erzählen, und nicht alle werden mit Be geisterung zuhören. Das sind die Millionen und aber Millionen, denen Nürnberg weder Brot noch Hoffnung auf Brot zu bieten hatte. Der Reichskanzler weiß das wohl. Jn jeder seiner Reden lauerte die Furcht, und darum drohte er. Er mahnte feine Amtswalter, eine Führerhierarchie zu ent wickeln und zu bleiben. Was heißt das? Eine bezahlte und gefütterte Prätorianergarde soll dauernd die größte Nation Mitteleuropas in Rechtlosigkeit und Unterwürfig heit halten. Adolf Hitler redete von einem Jahrhundert folcher Sklaverei. Er ahnt aber auch die Unmöglichkeit, benn selbst in der Hochstimmung des Festes spürte er die Gefahr der Zersetzung" und mahnte und sorgte sich und warnte. Zersegungsarbeit allein kann die kommende große Umwälzung weder vorbereiten noch gar entscheiden. Die in Nürnberg mit oberflächlichen Redensarten behandelten und hinter Fahnen und Girlanden verdeckten, aber un gelösten und im Faschismus unlösbaren gesellschaftlichen Gegensätze werden die tiefe Umgestaltung und die sozialistische Organisation der Wirtschaft und der menschlichen Gemeinschaft auf deutschem Boden erzwingen. Die verlogenen Hofberichte werden vergehen, wie die alten Serenissimi sich zu ihren Bätern versammelt haben. Bleiben und wirken werden die Kräfte in den Tiefen des Volkes und auf den Höhen echter Wissenschaft und wirklicher menschlicher Gesittung, die auch die moderne Barbarei überwinden und die barbarischen Führer stürzen werden. Das Urtell des Kollegen Aus Frankfurt am Main wird gemeldet: .Ein Homöopath hielt sich in einer Landgemeinde der Umgebung auf. In der dortigen Wirtschaft machte er un gchörige und schwer beleidigende Aeußerungen gegen den Reichskanzler. Der Mann wurde bis zur Aburteilung in Schuzhaft genommen. Wir finden das ungerecht; denn hier hat sich der einzig berufene Kollege des Hitler geäußert: der medizinische über den politischen Kurpfuscher. Heinrich Mann klagt Beim Haager Gericht R Apenrade, 2. Sept. Wie die dänische Presse mitteilt, habe einer der 83 aus der deutschen Volksgemeinschaft aus gestoßenen, ins Ausland geflüchteten Deutschen, der Dichter und Schriftsteller Heinrich Mann, angefündigt, daß er beim Haager Gericht auf Aufhebung des Beschlusses * lagen werde. Im Palazzo Venezia ift Sonntagmittag durch den Chef der italienischen Regierung Mussolini sowie den ruffischen Bots schafter in Rom ein Freundschafts-, Nichtangriffs: und ein Neutralitätsvertrag zwischen Italien und Sowjetrußland unterzeichnet worden.( Mussolini verrät abermals seinen Freund" Hitler, den Bolschewistentöter!) Bei einer vaterländischen Rundgebung in Groß Weikersdorf sprach sich Bundeskanzler Doll= fuß in einer Rede für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht aus. Der Ortan, der über Auba hinwegfegte, hat an Opfern 80 Tote und 100 Berlegte gefordert. Bei der Einweihung eines Gedenksteines für Briand in Trebeurden hielt Paul Boncour eine Rede, in der er über die Fortsegung der Briandschen Politik Sprach. Vor der deutschen Gesandtschaft in Sofia tam es am Samstagabend zu kommunistischen Ausschreitungen, wobei 15 Personen verhaftet und eine Person schwer verlegt wurden. Bei einer Gefängnisrevolte in Basra( Irak) wurden fieben Gefangene durch das Feuer der Wachbeamten getötet und 20 verwundet, Paris, 3. Sept. Der Minister des Auswärtigen, Paul Boncour, weihte heute in Trebeurden einen Gedenkstein für Aristide Briand ein. Er hielt bei dieser Gelegenheit eine außenpolitische Rede. Zu Beginn seiner Rede machte Paul Boncour einen Unterschied zwischen den angeblichen Friedenskundgebungen in Frankreich und der Agita tion, die, wie er erklärte, bis an das französische Gebiet beranreiche. Wenn unsere Geduld, führte er aus, lediglich dem Gefühl unserer Schwäche entspringen würde, wäre das ernst. Das aber trifft nicht zu. Frankreich weiß, daß es stark genug ist, um gewaltsamen unternehmungen Widerstand zu leisten. Die stillschweigende Besichtigung der Verteidigungsanlagen an der Oftgrenze durch den Ministerpräsidenten und Kriegsminister war die angemessene Antwort auf derartige Kundgebungen, von denen man zum wenigsten sagen darf, daß fie die Friedensatmosphäre, die für den Wiederaufbau Europas so notwendig ist, stören. Briand, so fuhr der Außenminister fort, habe stets gewünscht, daß die Defensivkraft Frankreichs intakt bleibe. Er habe unaufhörlich die notwendige Verbindung zwischen Abrüstung und Sicherheit gefordert, nicht etwa um einer vagen, inhaltlosen Sicherheit, sondern einer Sicherheit, die positive internationale Garantien enthalte, deren wesentliche eine wirksame, ständige, an Ort und Stelle vorpaktes erfordere, zunehmende Kontrolle set. Die Politik des Völkerbunda. daß der Pakt nicht verlegt werde, die Politik des Völkerbundes verlange, daß der Völkerbund seine Aufgabe erfülle, die Politik der Abrüstung mache es notwendig, daß niemand aufrüste, und wenn jemand das versuchen sollte. dann stünden an Frankreichs Seite alle diejenigen, mit denen gemeinsam Frankreich, um dem Frie denswerk zu dienen, auf einige Sicherheiten verzichtet habe. die die Friedensverträge gegeben hätten. Das Viermächteabkommen set die Fortsetzung und Verwirklichung der Abkommen von Locarno. Wir fassen das Viermächteabkommen, betonte der Professor Dessauer Der bedeutende Naturwissenschaftler und frühere Reichstagsabgeordnete, der Freund Brünings, ein Opfer der Nazis Wir hatten früher schon berichtet, daß der bekannte Frankfurter Professor Dessauer sich die besondere Feind schaft der Nazis zugezogen hat. Man hat ihn, trop feiner großen Verdienste insbesondere um die Erforschung des Einfluffes des Klimas auf verschiedene Krankheiten ,, feines Lehrstuhles beraubt, da er nicht rein arischen Ursprunges ift. Nun ist er vor einigen Wochen zum drittenmal seit März verhaftet und in der Saft sehr schlecht bei ihm eine schwere Lungen- und Rippenfellentzündung ents behandelt worden. Infolge dieser Behandlung hat sich widelt, so daß er in das Frankfurter Gefängnislazarett vers bracht werden mußte. Es besteht ernsthafte Lebens: gefahr. Dessauer gehört zu den besten Köpfen des deutschen Katholizismus und des Zentrums. Er war unter den katholischen Wissenschaftlern und Sozialethikern einer der ersten, der sich mit den Problemen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuordnung beschäftigte. Sein Buch über die " Kooperative Wirtschaft" wurde viel besprochen und hat das katholische Wirtschaftsdenken sehr start beeinflußt. Andere Schriften beschäftigten sich mit grundlegenden technischen und naturwissenschaftlichen Problemen. Dieser durchaus vergeistigte Mann ist der„ Auslese der Persönlichkeiten" anheimgefallen, wie sie vom Hitler- Terror betrieben wird. Außenminister, nur als eine Vorbereitung auf, als das Mittel einer Verständigung unter vier benachbarten Großmächten, die ständige Ratsmit glieder sind, und die deshalb einerseits untereinander bedeutende gemeinsame Interessen zu regeln und andererseits durch ihre Verständigung die Mittel vorzubereiten. haben, um im Völkerbundsrat und auf der Völkerbundsversamm lung zu einem Erfolg zu gelangen. Diese Vorbereitung ist notwendig. Als einen weiteren Punkt, durch den das Viermächteabkommen die Bestrebungen Briands fortführe, bezeichnete Paul Boncour alsdann die Betonung der Notwendig keit von der Unabhängigkeit Oesterreichs. Niemand mehr als Briand habe sich gegen jede Verlegung dieser Unabhängikeit gewandt. Der französische Regierungschef habe das neulich in Wendungen, die keine Zweideutigfeit zuließen, wiederholt. Aber es genüge nicht, Recht zu sprechen. Man müsse auch einen tatsächlichen Zustand schaffen, der die Achtung des Rechts erleichtere. Die Staaten des heutigen Mitteleuropa. die auf dem Nationalitätenrecht aufgebaut seien, das im fundamentalen Widerspruch zu der völ fischen Auffassung stehe, brauchten, um leben und sich erhalten zu können, die Möglichkeit, in freien Wirtschaftsententen, die nicht durch politische Bestrebungen oder territoriale Forderungen gestört werden dürften, das Gleichgewicht und die Absatzgebiete zu erlangen, die durch ihre Nachbarschaft bestimmt seien. Tardieu habe recht gesehen, als er mangels einer hinreichenden schnellen Verwirklichung der europäischen Union den dringenden Uebelständen abhelfen und zum wenigsten eine Donauorganisation habe schaffen wollen. Unsere Regierung, fuhr Paul Boncour fort, hat sich be müht, das Hindernis zu beseitigen, auf das diese Initiative gestoßen war. Man kann nämlich eine wierkliche Orga nisation Mitteleuropas nicht unternehmen, wenn man sie nicht nur gegen, sondern sogar ohne Italien durchführen will. 100 000 Menschen obdachlos Die Opfer der Sturmkatastrophe auf Kuba Havanna, 4. Sept. Die Zahl der Personen, die bei dem schweren Sturm vor zwei Tagen ums Leben gekommen sind, ist, den letzten Meldungen zufolge, auf 100 gestiegen. Man befürchtet aber, daß sich diese Zahl noch erhöhen wird, da bisher aus vielen kleinen Städten noch keine Nachrichten eingegangen sind. Tausende von Personen erlitten Verlegungen und ungefähr 100.000 Menschen find obdachloß ges worden. Die Städte längs der Südküste, wo der Sturm am schwersten gewütet hatte, sind von Hungersnot bedroht. Laftkraftwagen mit Medikamenten find nach diesen Städten unterwegs. Machado in Kanada Montreal, 3. Sept. Der abgesetzte Präsident vou Ruba, General Machado, ist hier eingetroffen. Vor einem Generalstreik der asturischen Bergarbeiter Paris, 4. Sept. Wie dem„ Journal" aus Madrid bes richtet wird, rechnet man für heute vormittag mit dem Auss bruch des Generalstreits der Bergarbeiter in Asturien, die eine Lohnerhöhung fordern. Der Streit würde 30 000 Ars beiter betreffen. Der Zukunftskrieg Wie er uns anstiert In der„ Vossischen Zeitung" Nr. 415 wird über die totale Mechanisierung des nächsten Krieges berichtet: Auf dem Gebiet der technischen Erfindung hat im letzten halben Jahrhundert der Amerikaner Besonderes geleistet. So schreckte er auch auf dem militärischen Felde, wo man nach großen Kriegen bisher meist ein Festhalten an Uebertommenem verzeichnen kann, vor neuen Ideen in feiner Weise zurück. Wir hören von dem Gedanken, den Tank durch das Flugzeug bis weit über die feindlichen Linie befördern zu lassen, Gleisketten, die im 100- Kilometer- Tempo sich drehen, sollen die Landung eines solchen schweren Kolosses und das sofortige Wiederaufsteigen des Flugzeuges ermöglichen, dessen Verbindungen, gewaltige Greifer, nur gelöst zu werden brauchen, damit der Tank seinen eigenen Weg nehmen tann. Donald E. Keyhoe, ein Publizist der Luftwaffe, schilderte fürzlich phantasievoll die Sturzflüge von Moskitoschwärmen Kleinster amerikanischer Bombenflugzeuge. General Mitchel entwarf das Bild eines Angriffs mit Lufttorpe= do 3, die auf 100 und mehr Kilometer aus dem angreifenden Flugzeug abgeschossen und von diesem ferngesteuert, nicht anders als die Torpedos der Marinen, ihre Ziele, wichtige Verkehrspunkte, Städte und Industrieanlagen erreichen. Vierzig Zentner Sprengladung schaffen eine vernichtende Wirkung, von der moralischen Erschütterung der Bevölkerung gar nicht zu sprechen! Vor wenigen Monaten hat die amerikanische Armee die ofliegende Festung", das größte Luftschiff der Welt, getauft, ein Beppelinkreuzer, deffen Reichweite auf 18.000 Kilometer angegeben wird. 285 Meter lang, 44 Meter hoch, eine Nuglast von 200 Tonnen tragend und mit einer Besatzung von mehr als 40 Köpfen ausgestattet, stellt die„ Macon" einen neuen Typus der Luftwaffe dar. Sie soll weniger selber Angreifer sein, als Flugzeug Mutter= schiff der Luft. Sie trägt, ähnlich wie ihre Schwesterschiffe zur See, das Flugzeug, das einen sehr geringeren Aktionsradius besitzt, in die Nähe der feindlichen Küste, schießt es mit Hilfe des Katapultes ab und ermöglicht so Aufklärung und Angriff. = Aber in gleicher Weise sieht man auch drüben die Gefahr und sinnt auf ihre Abwehr. Schon wird von der Erfindung verdunkelnder Strahlen und von einer immer weiteren Entwicklung der Nebeltechnik in der amerikanischen Fachliteratur gesprochen. Amerika, bisher dank seiner Lage in Eine Richtigstellung Nicht gegen die deutschen Flüchtlinge! " Man schreibt uns: In der Samstagnummer der„ Deutschen Freiheit" veröffentlichten wir eine uns aus Paris zugegangene Meldung des Matin", nach der angeblich in Mezz eine Versammlung von 2000 Kaufleuten, Handwerkern, Gewerbetreibenden, privaten Angestellten, Reisenden und Konsumenten eine Entschließung angenommen habe, die sich in ihrer Konsequenz gegen die Niederlassung deutscher Flücht linge richtet. Mit dieser Nachricht scheint man auf intereffierter Seite eine feindselige Haltung gegen deutsche Flüchtlinge in Lothringen konstruieren zu wollen, die feineswegs besteht. Aus einem Einladungszettel zu der fraglichen Versammlung, der uns zufälligerweise zu Gesicht fam, einer fast unangreifbaren Stellung, wird eines Tages selber den Luftangriff fürchten müssen schwimmende Inseln im Ozean, Flugzeug- Mutterschiffe der feindlichen Marine wie der Luftflotte und natürliche Stüßpunkte im weiten Raum des Atlantischen und Pazifistischen Ozeans bilden die Ausgangsbasis für den Angreifer. So sieht man jedenfalls das Zukunftsbild. Wie ernst die Militärs in USA. die Lage beurteilen, dafür sprechen viele Stimmen. Ein hoher Offizier verglich sie fürzlich mit 1914, nur daß sie international noch weit ge= spannter sei. General Mitchel verlangte eine entschlossene Einstellung des amerikanischen Bürgers auf das Gegenwartsbild des Krieges. Nicht 50 vom Hundert des Militäretats sei für die Flotte, 40 vom Hundert für die Armee und 10 vom Hundert für die Luftwaffe zu verwenden, sondern lettere müsse den halben Etat, also 50 vom Hundert bean= spruchen. Amerifa ist im Begriff, das größte Kriegsschiffbauprogramm seit 1919 in Angriff zu nehmen. Es will die im Rahmen der Verträge von Washington und London bestehenden Möglichkeiten voll ausnußen. Seine Aktivität gilt bei allen in erster Linie der Technik des Krieges. Es geht hierbei führend unter allen Armeen der Welt seinen Weg. Es stellt den Menschen in den Dienst der Maschine auch im Falles des Krieges. Wird sich aber wirklich ein Konflikt ergeben? Der erste Luftschutzkeller Eine Mustereinrichtung in Berlin Der erste Musterfeller für Luftschutz in Berlin Die Totenlampe von Loretto Auf der Höhe von Loretto schlafen in einem Wald von schwarzen Kreuzen dreißigtausend tote deutsche Soldaten. In den Ruinen der Kirchen d'Ablain- Saint- Nazaire, vor der Totenlampe unter roten Fahnen hat jetzt die sozialistische Jugend, die im Herzen der schwarzen Erde" Frankreichs, an den Bergwerken von Nens zu einer Studienwoche versammelt war, eine ergreifende Trauerfeier abgehalten. Das Lied von der jungen Garde" und die„ Klänge der Internationale" drangen beschwörend in das Massengrab der gefallenen Soldaten. " Ihr seht dort unten die Fabriken," sagte der Franzose Chauchoy, in denen Menschen für den Kapitalismus arbeitern. Hier seht ihr die Tausende, die für den Kapitalismus gefallen sind." Der Desterreicher Felig Kane B, Mitglied der Exekutive der Jugendinternationale, erwiderte:„ Ich bin der einzige Genosse unter Euch, der die deutsche Muttersprache spricht. Ich bin der einzige, der während des Krieges Euer Feind sein mußte. Es ist für mich eine heilige Pflicht, inmitten dieser Schlachtfelder, in denen die Toten vereinigt ruhen, zu glauben, daß ihr Opfer nicht vergeblich war. Die Jugend aller Länder muß an der Spitze des Kampfes gegen den Weltfaschismus stehen." Als als Letter der französische Jugendsekretär Rene Dumon von der Schuld der Unternehmer und Generäle am Kriege sprach, warfen sich französische Camelots auf ihn und entrissen ihm eine rote Fahne, die die sozialistische Jugend von Lille zurückeroberte. Ein Zug von Tausenden von blauen Blusen und roten Krawatten, Drei- Pfeile an der Brust, umwandelte dann die gewaltige Totenstätte und endete diese großartige Demonstration mit dem Schwure: Nie wieder Krieg!" ist im Hauſe Potsdamer Straße 104, Ede Kurfürstenstraße,„ Vaterlandslose Gesellen" eröffnet worden. Das Haus ist durch große Pfeile kenntlich gemacht, die nach dem Eingang des Kellers weisen. Vor dem Schußraum selbst befindet sich ein Vorraum, die sogenannte „ Schleuse", in dem alle Personen, die in den Keller flüchten wollen, ihre Kleider wechseln müssen, damit die in dem Schußraum Anwesenden durch Gas nicht„ infiziert" werden. Der Schußraum enthält zwei Abteilungen, eine für die Bewohner des Hauses, die andere für Passanten. Die Räume enthalten außer allen erforderlichen Geräten eine Anzahl Schlafkojen, Trinkwasser, Waschwasser und Hausapotheken. Ruhelos! Die Verfolgung der politisch Verdächtigen Alle ehemals politisch tätigen Menschen in Deutschland, die nur wegen ihrer Gesinnung in Gefängnisse oder Konzentrationslager gesperrt wurden, werden nach ihrer Freilassung in der schäbigsten Weise weiter schikaniert. Alle diese Freigelassenen werden unter Polizeiaufsicht gestellt und haben sich täglich ein oder mehrere Male bei der Polizei aur Kontrolle zu melden. In den kleinen Orten der Provinz Brandenburg dürfen sich die polizeilich Kontrollierten nicht bei der Polizeibehörde ihres Ortes melden, sondern müssen Landratsamt melden. Von Arbeitern, die, in Arbeit stehen, verlangt man, daß sie sich frühmorgens um 6 Uhr oder Fends um 9 Uhr bei der Polizei melden. Jedes Fernbleiben von der vorgeschriebenen Melbung wird streng bestraft. Eine Ehre Der in Karlsbad erscheinende„ Neue Vorwärts" schreibk zu der Aberkennung der Reichsangehörigkeit: „ Die Sozialdemokraten, die zu vaterlandslosen Gesellen erklärt worden sind, waren zum großen Teil im Gegensatz zu zahlreichen Mitgliedern der Hitlerregierung während des Krieges Soldaten und im Schüßengraben. Sie haben stets nach besten Kräften der Sache des arbeitenden Volkes in Deutschland gedient und werden das selbstverständlich auch weiterhin tun. Daran kann kein Beschluß der Berliner Machthaber etwas ändern. Von ihnen vater= landslos erklärt zu werden, ist nur eine Ehre. Und die feierlich angekündigte Vermögensfonfisfation spielt gegenüber den furchtbaren Opfern, die die Funktionäre der Arbeiterbewegung drinnen im dritten Reich" zu bringen haben, keine Rolle. Für die Zukunft aber soll es nicht ohne Bedeutung bleiben, daß sich die gegenwärtigen Machthaber in so'cher Weise über den bürgerlichen Begriff des heiligen Eigentums hinweggesetzt haben. Die entschädigungslose Enteignung ist auf die Tagesordnung der deutschen Politik gestellt worden. Sie wird von ihr nicht wieder verschwinden!" geht eindeutig hervor, daß es sich hier um eine Kundgebung sich täglich bei dem zwei bis drei Fußstunden entfernten Schweiz des genannten Personenkreises gegen örtliche Miß= stände und gegen Lokalbehörden handelte. Die Meldung des Matin" trifft also in der von uns am Samstag wiedergegebenen Form nicht zu. Nibelungenstraße Der Bürgermeister Moosbauer von Passau teilte mit, daß der Bau einer„ Nibelungenstraße" von der holländischen Grenze über Köln, Frankfurt, Regensburg, Passau, d. h. bis an die österreichische Grenze, gesichert sei. Es scheint sich bei dieser Straße weniger um ein Projekt der Arbeitsbeschaffung zu handeln, als um den Bau einer strategischen Magistrale. Sontamara 1 ROMAN VON IGNAZIO SILONE Vorwort Das, was ich hier erzählen will, hat sich letztes Jahr in Fontamara zugetragen. Dies Fontamara ist das ärmste und rückständigste Dorf der Marsica im Norden des entwässerten Sees von Fucino. Auf steiniger Höhe, rund um eine baufällige Kirche, liegen an die hundert armselige Hütten, alle einstöckig, unregelmäßig, vom Wetter geschwärzt, von Regen und Wind beschädigt, die Dächer mit Ziegeln und allerlei Scherben schlecht gedeckt. Die meisten dieser Behausungen haben eine einzige Deffnung; Türe, Fenster und Kamin zugleich. Innen kein richtiger Fußboden, dafür aber feuchte Mauern: da wohnen, schlafen und essen die Menschen, zeugen Männer und gebären Frauen, da hausen Schweine, Esel, Ziegen und Hühner. Mehr wäre über Fontamara wahrlich nicht zu sagen, hätten sich dort nicht so merkwürdige Dinge zugetragen. Ich habe die ersten zwanzig Jahre meines Lebens in Fontamara verbracht und mehr wäre darüber auch nicht zu sagen. Während zwanzig Jahren der gleiche Himmel, die gleiche Erde, der gleiche Regen, der gleiche Schnee, die gleichen Häuser, die gleiche Kirche, die gleichen Feiertage, das gleiche Essen, das gleiche Elend: ein Elend, von Vätern überkommen, die es von Großvätern geerbt, die es wiederum von ihren Großvätern übernommen. Ein Leben von Mensch, Tier und Erde im ewigen Kreislauf, im Wandel der Zeiten, im Wechsel der Natur. Zuerst kommt das Säen, dann das Jäten, dann das Schneiden, dann das Schwefeln, dann das Ernten und dann kommt die Weinlese. Und dann? Wiederum: Das Säen, das Jäten, das Schneiden, das Schwefeln, das Ernten und dann die Weinlese. Immer das gleiche, das unabänderlich gleiche. Jmmer. In den kleinen Industrieorten Brandenburgs werden die dort bekannten Funktionäre der Arbeiterbewegung fortgesetzt behelligt. Ihre Post wird streng kontrolliert, ihre Wohnungen werden in regelmäßigen Abständen durchsucht. Und wenn sie nur zu zweit auf der Straße sprechend angetroffen werden, werden sie bestraft. Der faschistische Terror wirkt sich gegen die allen bekannten Arbeiterfunktionäre noch viel schärfer aus, als in der Großstadt. Die Jahre gehen hin, die Jahre häufen sich, die Jungen werden alt, die Alten sterben und man sät, man jätet, man schneidet, man schwefelt, man erntet und man hält die Weinlese. Und dann, was noch? Dasselbe. Und danach? Immer dasselbe. Jedes Jahr wie das vergangene Jahr, jede Jahreszeit wie die frühere, jede Generation wie die gewesene. Während der Regenzeit befaßt man sich mit Familienangelegenheiten. Das heißt: man bekämpft sich. In Fontamara gibt es keine zwei Familien, die nicht verwandt wären. In fleinen Orten sind ja meistens alle miteinander verwandt. Alle haben darum gemeinsame Interessen. Daher krakeelen auch alle miteinander. Es sind immer die gleichen Streitig= keiten, endlose Streitigkeiten, die sich von Generation zu Generation vererben, in endlosen Prozessen, endlosen Ausgaben, um festzustellen, wem eine Dornhecke gehört. Die Dornhecke brennt ab, aber der Zwist glimmt weiter. Alles ist zwangsläufig. Man legt 20 Soldi in einem Monat zurück, im nächsten 30, Sommersende sogar 100 Soldi; das mag in zwölf Monaten an die 30 Lire geben. Aber dann tommt Krankheit oder sonst ein Unglück und da ißt man die Ersparnisse von zehn Jahren wieder auf. Und man beginnt von vorne: 20 Soldi, 30 Soldi, 100 Soldi im Monat. Und dann von neuem dasselbe. Im flachen Land ändert sich allerlei. In Fontamara ändert sich nichts. Die Erde ist karg, unfruchtbar, steinig. Das bißchen Boden ist aufgeteilt und mit Hypotheken belastet. Kein Bauer besißt mehr als einige Hektar. Die Trockenlegung des Sees von Fucino hat in den letzten achtzig Jahren eine solche Temperatursteigerung bewirkt, daß die Kulturen der umliegenden Hügel ganz zerstört, die Delbäume vollständig vernichtet sind. Die Traube ist krank und kommt nur selten zur völligen Reife. Sie muß Ende Oktober, ehe der erste Schnee fällt, gepflückt werden und gibt einen herben, zitronensauren Wein. Die gleichen armen Bauern, die ihn herstellen, müssen ihn schließlich auch trinken. Eine so große Armut kann die getrocknete Erde des FucinoSees, die heute zu den fruchtbarsten Gebieten Italiens gehört, nicht wettmachen. Die ungeheuren Reichtümer, die sie hervorbringt. bleiben nicht an Ort und Stelle, sie wandern in die Stadt. Zusammen mit riesigen Ländereien um Rom und in der Tocuna sind die 14 000 Hektar des Fucino Eigentum eines Schweiz verstärkt Grenzwachen Die verschiedenen Vorfälle der letzten Zeit haben die eid= genössischen Behörden veranlaßt, die Mannschaftsbestände der Grenzbewachung an der gesamten Nordgrenze zu vers stärken. Zudem ist das Grenzwachtpersonal mit gela= denen Karabinern ausgerüstet. Die Schweiz ist ents schlossen, unter allen Umständen die Unverleglichkeit der Landesgrenze zu wahren, sollte es auch zu Zwischenfällen kommen, wie sie bekanntlich schon an der deutsch- österreichischen Grenze passiert sind. Die eidgenössischen Behörden haben ferner an der gesamten Nordgrenze regelmäßige Fahrradpatrouillen eingesetzt. sogenannten Prinzen Torlonia. Dieser stammt von einem Auvergnaten, einem gewissen Torlogne ab, der sich anfangs des letzten Jahrhunderts mit einem französischen Regiment in Rom niedergelassen hatte. Dort spekulierte er auf Krieg, dann auf Frieden, dann mit Salz, dann auf den 48er- Krieg und auf den ihm folgenden Frieden, auf den Krieg von 1859 und auf dessen Frieden, auf die Bourbonen und auf deren Ruin. Nach den 60er Jahren gelang es ihm, sich bei niedrig stehenden Aktien einer neapolitanisch- französisch- spanischen Gesellschaft zu bemächtigen: nach den der Gesellschaft vom König von Neapel zuerkannten Rechten hätte Torlogne während 90 Jahren die Nußnießung des trockengelegten Bodens haben sollen. Aber als Entschädigung für seine der piemontesischen Dynastie geleisteten politischen Dienste erhielt er das fruchtbare Land zu ewigem Besitz, wurde mit dem Herzogstitel, später mit dem Prinzentitel ausgezeichnet. Besagter Prinz Torlonia" hat eine eigene Garde zum Schutz seines Eigentums. Ein rund 60 Kilometer langer Graben umgibt sein riesiges Gut. Um hinüberzukommen, muß man über Zugbrücken gehen, die nachts hochgezogen werden. Niemand hat das Recht, in der weiten Ebene Hütten oder Häuser zu bauen. Hier arbeiten an die 10 000 Cafoni. Für„ Cafoni" gibt es im Deutschen kein entsprechendes Wort. Es sind die Aermsten unter den Bauern. Der sogenannte„ Prinz TorIonia" überläßt sein Land den Advokaten, Aerzten, Notaren, Lehrern und reichen Bauern der Umgebung, die es ihrerseits wieder verpachten oder auch selbst bebauen, indem sie ärmere Cafoni als Taglöhner einstellen. In allen größeren Orten am Rande des Talkessels findet daher jeden Morgen ein Cafoni- Markt statt, wo Torlonias Pächter Tag für Tag neue Arbeitshände anwerben. Die Cafoni müssen 5 bis 12 Kilometer marschieren, um zu ihrer Arbeitsstätte zu gelangen. Die ungeheuren Reichtümer, die Torlonia jährlich aus dem Fucino schöpft, stehen zum Elend der Cafoni in schreiendem Widerspruch: 300 000 Zentner Zuckerrüben, 300 000 Zentner Getreide, 10 000 Zentner Gemüse aller Art. Die Rüben des Fucino werden von einer der bedeutendsten Zuckerfabriken Europas verarbeitet. Für die Casoni aber, die den Zucker bauen, bleibt er ein seltener Leckerbissen, den sie nur im Osterkuchen zu schmecken bekommen. Fast das ganze Getreide des Fucino wandert in die Stadt, wo Weiß Stimmungsbild aus Berlin Ein junger Freund hatte Gelegenheit, einige Tage in Ber lin mit alten Bekannten zusammen zu sein. Er berichtet; Eine Besserung auf dem Arbeitsmarkt ist nirgends festzustellen. Der Baumarkt liegt völlig danieder. Baugelder find nirgends aufzutreiben. Am schlimmsten aber scheint es jetzt im Buchdruckgewerbe zu sein. Die völlige Gleichschaltung der Presse hat einen fatastrophalen Rückgang des 3 eitungskonsums nach sich gezogen. Jede Woche erfolgen große Kündigungen. Man schäßt, daß gegenwärtig 60 Prozent der Buchdrucker arbeitslos sind. Die Hoffnungen, die man im Holzgewerbe auf die Ehestandsbeihilfe sezte, haben sich als trügerisch herausgestellt. In dem Zusammenhang ist vielleicht interessant, daß nur die eingeschriebenen Mitglieder der NSDAP. die Spende erhalten und auch dann nur in der Höhe, die die Einschätzungsbehörde einsetzt. Zahlungspflichtig ist jeder Unverheiratete und Verwitwete. Eine neue Einrichtung sind die sogenannten NSBO. Gutscheine. Das Mitglied wird verpflichtet, in bestimmten Geschäften zu kaufen. Dort erhält es nach Angabe eines Stichwortes(!) einen Gutschein, der bei der NSBO.- Leitung abgegeben werden muß. Man sagt, das geschähe zur Kontrolle. Wahrscheinlicher aber ist, daß so unkontrollierte Gelder, von den Geschäftsleuten gewissermaßen erpreßt, in die Kassen der NSBO. fließen. Was dort damit geschieht, entzieht sich jeder Kontrolle. Die Berliner Arbeiter machen sich darauf ihren eigenen Vers. Ungeheuere Dimensionen nimmt die Organisation des Luftsch uses an. Jeder Bewohner wird unter Druck gesetzt, dem Luftschutz als Mitglied beizutreten. Die Hausbesizer und Geschäftsleute werden förmlich gezwungen. In jeder Wohnung hängt unter polizeilichem 3wang ein FlugBlatt, das Aufklärung" schafft. Am aufschlußreichsten ist der Satz: Nähere Auskunft erteilt und Anmeldungen nimmt entgegen: das zuständige Polizeirevier. Die Reichsregierung hat sich in den ersten Wochen das Wohlverhalten der Beamten durch das„ Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" erfauft. Auf Grund dieses Gesetzes werden sogenannte Außenseiter, auch wenn fie die tüchtigsten Fachleute sind, rücksichtslos auf die Straße gesetzt. Man bestätigt ihnen in ihrem Entlassungsschreiben thre berufliche Unzulänglichkeit; angeblich liegt die Arbeitsleistung unter dem Durchschnitt. Nicht selten geschieht dann folgendes: Eines Morgens treten unter Führung eines Chargierten zwei stramme SA.- Leute an, die den unzulänglichen Außenseiter ablösen sollen. In dem im neuen Preußen üblichen Schnauzton wird dem Gekündigten mitgeteilt, er habe diese beiden Nachfolger in ihre Obliegenheiten einzuführen. Fast in jedem Falle haben die so Rommandierten sich geweigert, den Lehrherrn abzugeben. Am nächsten Tage waren sie dann fristlos entlassen. Die Spannung zwischen SS. und SA. nimmt zu. Die SS. fühlt sich als Elitetruppe und spricht von der SA. selten anders als von der„ versoffenen Bande". Auch in Berlin ist den SA.- Leuten verboten, die SS.- Lokale zu besuchen, da man ständig Zusammenstöße fürchtet. In den SS.- Kreisen geht von den Stürmen im Norden Berlins die Rede: Außen braun und innen rot!" Damit wird die starke Das Mißverständnis Die Deutsche Bergwerkszeitung" ist das Leiborgan des großkapitalistischen Nazistaatsrats Thyssen. Dieses Sprachrohr der Schwerindustrie schreibt: „ Es war das Wort Sozialismus, das weite Kreiſe des Bürgertums, namentlich auch der Unternehmerschaft und der Intellektuellen, veranlaßte, der Bewegung Adolf Hitlers gegenüber längere Zeit eine abwartende und zögernde Haltung einzunehmen. Heute hat sich längst herausgestellt, daß hier ein großes Mißverständnis obwaltete. Mehr als die nationalsozialistische Werbung haben die Taten der neuen Regierung die Einsicht geweckt, daß der Sozialismus des dritten Reiches" das gerade Gegenteil von dem ist, was der Marrismus als Sozialismus bezeichnet." brot, Teigwaren und fleine Ruchen daraus gemacht werden, wo es auch Hunde und Kazen der Städter fressen. Die Cafoni aber, die es bauen, leben während des größten Teiles des Jahres von Mais. Denn sie beziehen einen wahren Hungerlohn. Einen Lohn, der ihnen nur zu vegetieren erlaubt, nicht aber zu leben. Früher wanderten viele nach Amerika aus. Vor dem Weltkrieg suchten die Fontamaresen selbst in Argentinien und Brasilien ihr Glück. Die Erfolgreichen tamen schließlich zurück, aber nicht mehr nach Fontamara, sondern sie ließen sich in den benachbarten Gemeinden nieder, wo sie mit ihren Ersparnissen mehr Aussicht auf Gewinn hatten. Die ErfolgIosen jedoch kamen heim in ihr Dorf und verfielen hier wieder ihrer gewohnten, vertierten Gleichgültigkeit. Das Leben aber, das sie jenseits des Meeres geschaut, blieb in dhnen als Traum vom verlorenen Paradies. Die Dinge, die sich während einiger Wochen des vergangenen Jahres in Fontamara ereigneten, brachten das seit vielen Generationen stagnierende Leben wieder in Fluß. Die Presse nahm zunächst keine Notiz davon. Erst nach etlichen Monaten begannen Gerüchte in Italien und im Auslande herumzuschwirren. Fontamara, ein Dorf, das auf feiner geographischen Karte zu finden ist, wurde plötzlich Gegenstand vieler Diskussionen, Symbol eines großen Teiles Italiens und zwar des südlichen. Die Gerüchte über den Ort schienen mir anfangs zu fans tastisch, kaum möglich, frei erfunden und aus unerklärlichen Gründen diesem entlegenen, unkontrollierbaren Dorfe zugeschrieben. Alle meine Versuche, direkte Nachrichten zu betommen, blieben erfolglos. Aber als ich einmal spät in der Nacht nach Hause fam, fand ich vor meiner Wohnungstür drei schlaftrunkene Casoni auf dem Boden liegen, zwei Männer und eine Frau. An ihren Mänteln und an ihren Hanfsäcken erfannte ich sie gleich als Fontamaresen. Bei meinem Rommen erhoben sie fich und im Schein der Gasflamme, erkannte ich auch ihre Gesichter Sie waren wirklich aus Fontamara. Ein hochgewachsener Alter. mager, riesig, mit langsamen. bärenhaften Bewegungen und durchfurchtem Gesicht voller Bartstoppeln. Im Schatten hinter ihm Frau und Sohn. Sie traten ein. Sie sezten sich. Sie fingen zu erzählen an. Durchsetzung der SA. mit ehemaligen fommunistischen Rotfrontfämpfern ausgedrückt. Bei UIIst ein streiften die Zeitungsfahrer. Zum Schuhe der Streifbrecher wurden SS.- Leute tommandiert. Die NSBO.- Leitung opponierte und drohte: Wenn ihr mit SS. fommt, holen wir die SA. Eine Stunde später war der SS.Schuß verschwunden. Ein ehemaliger Reichsbannerführer aus dem Norden Berlins war in Schußhaft" genommen worden. Nach seiner Enthaftung fragten seine Freunde nach seinen Erlebnissen. Er erklärte mit Rücksicht auf seine Familie, feine Einzelheiten sagen zu können, wenn er aber noch einmal festgenommen werden solle, schöffe er sich vorher eine Kugel durch den Kopf. Das Martyrium würde er nicht nocheinmal auszuhalten imstande sein. Wer seinen Radio anschluß abbestellt, muß einen Grund angeben. Eine Frau, die erklärte, der Rundfunk sei ihr zu„ politisch" geworden, mußte das mit 15 Mark Buße abgelten. Einer anderen Frau waren die ständigen Militärmärsche zuviel geworden. Darauf erscheinen SA.- Leute, montierten den Apparat ab, nahmen ihn mit mit der Erflärung, sie hätten Abnehmer, denen diese Darbietungen des Rundfunks besonders angenehm wären. Der SA. Sturm 100 vom Gesundbrunnen, Führer Moll, wurde wegen Ungebühr und Meuterei geschlossen ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht. Verteidiger Dr. Sack Wen hat er früher verteidigt? Berlin, 3. Gept.( Jupreß.) Zur Charakterisierung der äußerst reaktionären Einstellung des Rechtsanwalts Sad, der im Reichstagsbrandprozeß den kommunistischen Abges ordneten Torgler verteidigen soll, wird in hiesigen Juristens treisen darauf hingewiesen, daß Sad vor zehn Jahren die russischen Monarchisten verteidigt hat, die auf den russischen Emigrantenführer Miljukow ein Attentat verübt hatten. Sad fungierte auch als Verteidiger im Prozeß gegen die Tscherwonzenfälscher. Prag, 3. Sept.( Inpreß.) Der Prager Rechtsanwalt Dr. Sefanina, der sich um die Verteidigung von Torgler und Genossen bemühte, ist nach Leipzig und Berlin abgereift, um zu versuchen, persönliche Verbindung mit den Eingekerkerten zu erhalten. Dr. Sekanina hielt sich bereits vor kurzem in Deutschland auf und verhandelte mit dem Oberreichsanwalt Werner. Solidaritätsaktion in Wien für Torgler und Genossen Wien, 3. Sept.( Inpreß.) Unter der hiesigen Arbeiterschaft nimmt die Solidaritätsaktion für die im Reichstagsbrandprozeß angeklagten Torgler, Dimitrow und Genossen immer größeren Umfang an. Unter den zahlreichen Protestresolutionen ist diejenige der Vertrauensmännerfonferenz der Wiener Taxichauffeure hervorzuheben. Für diese einstimmig angenommene Resolution stimmten näm lich auch die anwesenden drei Nazi- Vertrauensmänner. Bei den„ Ausbildungskursen" für SA- und Zurück vom Heuberg" Männer in Döberiz fommt nicht selten der Gegensatz zwischen den Angehörigen von Hitlers Armee und denen der Reichswehr drastisch zum Ausdruck. Das von der Reichswehr gestellte Ausbildungspersonal behandelt die jungen„ Rekru ten" so, wie man es auf den altpreußischen Kasernenhöfen gewohnt war. Das heißt, die Jungens werden geschliffen. Auflehnung ist daher an der Tagesordnung. Die Rebellen werden dann kurzerhand abgeführt. Die Stimmung in den Kreisen der Arbeiterschaft ist durch aus fest, wenn auch bis jetzt irgendwelche Anzeichen eines aktiven Widerstandes nirgends festzustellen sind, so wächst doch die Passivität. Man bewegt sich mit Vorsicht natür lich wieder freier. Er wird auch wieder ein Wort von Mann zu Mann gewagt. Material aller Art wird verbreitet, wobei offizielles" und„ offiziöses" Schriftzeug nicht immer gerne gesehen wird. In der Masse selbst sind die alten politischen Gegensäge völlig oder doch fast völlig ausgelöscht. Man spricht von der Vergangenheit nur im Tone einer Feststellung, nicht in gehäffiger Weise. Der Wunsch nach einer auch äußerlich sichtbaren Gemeinsamkeit ist allenthalben zu spüren. Von den seitherigen Organisationen und den Füh rern erwartet man nur noch die Bereitwilligkeit zur Mit( Inpreß.) Ein aus dem Konzentrationslager Heuberg entlassener Schneider in Stuttgart teilt seinen Kunden die Entlassung mit, indem er auf Karten vom Heuberg zurück" ankündigte. Die Polizeibehörde sah darin eine Verächtlichmachung der Regierung und brachte den Schneider wieder ins Ronzentrationslager. Ein Verbrecher" Festnahme eines SPD.- Funktionärs beim Ueberschreiten der deutsch- dänischen Grenze Riel, 2. Sept. Wie die Pressestelle der Regierung mitteilt, wurde gestern ein seit langem gesuchter früherer SPD.Funktionär aus Riel beim Versuch, die deutsch- dänische Grenze zu überschreiten, fest genommen und sein Kraftwagen beschlagnahmt. Der Gesuchte befand sich in Begleitung seiner Frau, die gleichfalls festgenommen wurde. Die beiden Verhafteten wurden auf Ersuchen der Kriminalpolizei gestern nach Riel transportiert. arbeit in anderen Formen und unter anderen Vorzeichen. Ueber das Grab hinaus An eine Auferstehung der Form, die sich im geschichtlichen Ablauf als unzulänglich erwiesen hat, glaubt niemand mehr. Diese Feststellungen werden ohne Groll nur aus der sachlichen Notwendigkeit heraus gemacht. Die menschliche Trene bleibt von diesen Ueberlegungen und Erkenntnissen unberührt. Für uns hat es dieses Mißverständnis nie gegeben. Die Sozialdemokratie hat den Massen seit je immer wieder klar gemacht, daß Hitler nichts als ein gutbezahlter Großknecht des Großkapitals ist, war und bleibt. Wir danken es Herrn Thyssen, daß endlich ein Berufener dies bestätigt. Eine neuc Luxussteuer? Sie fürchten die Wahrheit Grenzenlose Angst, daß die Wahrheit über die deutschen Zustände trotz terrorisierter Presse auf dem Wege durch den Aether in den Buchthausstaat hineindringen könnte, veranlaßt den Herrn Göbbels zu immer schlimmeren Betrugsegzessen. Ein zu nie geahnter Blüte getriebenes Angebernek be= droht jeden Radiohörer mit qualvollen Verfolgungen, der Zuerst sprach der Alte, Dann die Frau. Dann wieder der Alte. Dann von neuem die Frau. Dann neuerdings der Alte. Dann der Sohn. Und zuletzt der Alte. Als der Alte zu sprechen aufhörte, dämmerte der Morgen. Das, was sie gesagt haben,' steht in diesem Buche. 3wei Punkte müssen gleich hier geflärt werden. Der erste: Mein Bericht wird dem Leser in schreiendem Widerspruch stehen zu dem malerischen Bild, daß er sich bisher vom südlichen Italien gemacht hat. In den Büchern ist es ein glückliches, herrliches Land, wo der Bauer freudig trällernd zur Arbeit geht, wo die Mädchen in ihren schönen Trachten im Chor singen und im nahen Wald die Nachtigallen schlagen. In Fontamara sieht freilich das Leben anders aus. Wer in dieser Geschichte Folkloristisches sucht, sucht es vergebens. Mit feinem Wort wird die Kleidung der Fontamarejen erwähnt. Er wird fein einziges Wort Dialekt finden. In Fontamara gibt es feinen Wald. Die Berge sind häßlich und fahl, wie der größte Teil des Appenin. Er gibt wenig Vögel. Keine Nachtigallen, im Dialeft nicht einmal einen Ausdruck dafür. Die Bauern singen nicht, weder im Chor, noch allein, nicht einmal, wenn sie betrunken sind, noch weniger, wenn sie zur Arbeit gehen. Statt dessen fluchen sie. Sie fluchen, wenn sie ein großes Gefühl bewegt: Freude oder Zorn. Nicht einmal dabei entwickeln sie viel. Phantasie. Sie wählen unter den zwei oder drei ihnen befannten Heiligen und mißbrauchen sie mit den immer gleichen Worten. Der einzige Mensch, der in Fontamara während meiner Jugend gesungen hat, war ein Schuster. Er sang ein einziges Lied, das sich auf den Kriegsausbruch in Abessinie bezog und so ansing: „ O Baldissera trau den schwarzen Leuten nicht." Beim Hören dieses Singsangs, tagein, tagaus vom Morgen bis zum Abend, mit einer Stimme, die von Jahr zu Jahr trauriger und dünner wurde, entstand in der Jugend von Fontamara die ernsthafte Sorge. daß dieser„ Generale Baldissera" iei es aus Tollfühnheit, aus Berstreutheit oder aus Leichtsinn sich doch noch mit den Schwarzen einlassen fönnte. Viel später erfuhren wir, daß jene schwarze Gefahr längst vorüber war. h. b. Völpke( Provinz Sachsen.) Der nationalsozialistische Gemeinderat hat einen Beschluß gefaßt, nach dem auf dem Gemeindefriedhof eine Anzahl Grabinschriften entfernt werden sollen. Es handelt sich um die Grabsteine von Arbeitern, die 1922 bei den Unruhen auf der Sommerschenburg gefallen waren. Als Grund für diese Maßnahme wird angegeben, daß die Grabinschriften an die Herrschaft der SPD. erinnern. sich mit den gleichgeschalteten deutschen Presse- und Radiomeldungen nicht zufrieden seben, sondern über Frankreich, Holland, Luxemburg oder die Schweiz Nachrichten hören will. Das genügt den Nazis noch nicht. Hinter verschlossenen Fenstern und lichtdichten Gardinen könnte ein Wahrheitshungriger doch noch Hilversum, Straßburg oder Kotwijk einstellen. Um das zu unterbinden, will Göbbels jetzt alle außerdeutschen Radiosendern dienenden großen Radiogeräte mit einer außerordentlich hohen Lurussteuer belegen. Menschen mit bescheidenen Einkommen soll es unmöglich gemacht werden, ein Gerät zu behalten, mit dem Auslandsstationen hörbar sind. Tatsächlich ist ja der Hunger und Durst nach Wahrheit nach hitlerfaschistischer Auffassung ein nicht zu verantwortender Lurus. A. Der zweite Punkt betrifft die Sprache: Daß nur ja niemand meine, die Fontamaresen sprächen italienisch! Das Italienische tst für uns wie Latein, Französisch oder Esperants, das man in der Schule lernte. Es ist für uns eine fremde, eine tote Sprache, deren Wortschatz und deren Morphologie sich ohne irgendeine Beziehung zu uns, unserem Leben und Handeln, unserem Denken und Sein gebildet hat. Selbstverständlich haben auch schon andere Cafoni aus dem Süden vor mir italienisch gesprochen und geschrieben. Genau so, wie auch andere, bei einem Gang in die Stadt, gepußte Stiefel, Kragen und Krawatten getragen haben. Man braucht uns jedoch nur zu beobachten, um uns gleich als Tölpel vom Lande zu erkennen. Das Italienische kann unsere Gedanken nur verstümmeln, sie verschlechtern, ihnen ein schiefes und banales Aussehen geben. Wenn es wahr ist, daß man sich in einer Sprache gut ausdrückt, wenn man gelernt hat, in ihr zu denten, so beweist die Mühe, die den Fontamaresen machte, die italienische Sprache zu sprechen, daß sie in ihr nicht zu denken vermochten.( Somit ist die heutige italienische Kultur für uns eine fremde Kultur.) Wenn wir uns also eine Sprache geborgt haben, so ist doch die Kunst des Erzählens unser. Es ist eine fontamarefische Kunst. Wir haben sie schon als Kinder geübt. In langen Nächten, neben dem Webstuhl beim Klappern des Webstuhls. Kein Unterschied zwischen dem Erzählen, dieser Kunst, ein Wort an das andere zu hängen, einen Sas an den andern, eine Beile an die andere, ein Gesicht an das nächste und unserer alten Kunst des Webens: der alten Kunst, einen Faden zum andern zu schieben, eine Farbe zur andern, sauber. ordentlich, beharrlich, klar. Zuerst erfennt man nur den Stiel der Rose, dann die Blätter, dann den Kelch, dann die Blütenblätter. Aber von Anfang an weiß man: das wird eine Rose. Daher kommen unsere Arbeiten den Städtern begabt und eigenartig vor. Nie haben wir versucht, sie in der Stadt zu verkaufen. Wir haben sie nicht einmal angeboten. Haben wir je die Städter gebeten, ihre Angelegenheiten auf unsere Art zu erzählen? Wir haben fie nie darum gebeten. So stehe jedem das Recht zu, seine Angelegenheiten in seiner Art zu bewältigen. Bürich, Sommer 1930. J. Silpna Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der„, Deutschen Freiheit"* Dienstag, den 5. September 1933 Ereignisse und Geschichten ,, Freiheit! Sonst nichts!" Das verbotene Lied Dem SA.- Mann Mihacsek- er wohnt in unserem Hause ist dieser Tage etwas merkwürdiges zugestoßen. Als er von einem Gepäckmarsch hundsmüde in die Mietstaserne heimkehrte und sich ein ums andere Mal den Schweiß von der Platte wischte, fand er vor seiner Tür auf dem Strohdeckel ein umfangreiches Patet. Weißes Papier, länglich. wohlverschnürt. Aha, dachte sich Mihacsek, natürlich eine Bombe! Minna!" rief er,„ Minna!" und die schmale, blaffe Frau Mihacset erschien im Türrahmen. -Von der Kellerwohnung bis hinauf zur Mansarde bringi das Geflüster:" Die Internationale!" bis alle, alle, die Männer und Frauen und Kinder, im Treppenhaus beisammenstehen. Der Vorplatz des zweiten Stockwerks iſt längst zu flein, treppauf, treppab drängen sie sich schweigend in der Dunkelheit, Kopf an Kopf. ,, Auf Erden rings in Süd und Norden das Recht ist schwach, die Willkür start..." Der Klang schwillt an, Hände suchen einander im Finstern, Hände von Menschen, die unter einem Dach hausen, aber seit langem aneinander vorbeileben, scheu und verschlossen. Der Klang schwillt an. Eine Frau weint leise auf, sagt " Hans!"- Nur diesen einen Namen. Und alle wissen- der hört das Lied nicht mehr, nie mehr. Vor ein paar Wochen wurde seine Leiche, in Säcke gehüllt, entſtellt und furchtbar zerschlagen, aus dem Fluß gezogen. Hans!" Die zunächst stehen, legen ihre Arme um die Schultern der Frau. „ Wir wollen mal eben nachsehen..." begann der Gatte und fuhr sich schon wieder mit dem blaugewürfelten Taschentuch über den runden, kahlen Schädel.„ Vorsicht!" Aber die Warnung kam zu spät. Schon hatte Frau Mihacsek das ge= heimnisvolle Päckchen aufgehoben. Merkwürdig leicht für eine Bombe, dachte der Mann, trat aber vorsichtshalber ans Treppengeländer zurück, einen Fuß auf die nächsttiefe Stufe sezzend. Jetzt Achtung! der Bindfaden sank zu Boden, und aus dem Papier quollen rote Rosen! Viele, dunkelrote, duftfrische Roſen! Ein Zettel dabei:„ Freiheit!" bringt..." Rote Fahnen flattern wieder leuchtend über Sonst nichts. Seitdem zeigt der SA.- Mann Mihacset Neigung zum Tieffinn. Auf seinen furzen, dicken Beinen geht er wie ein Nachtwandler umher und vergißt bisweilen auf der Straße, einen Vorgesetzten zu grüßen, was ihm noch mal schlecht be= tommen fann. Die Lösung des Rätsels hat er noch nicht ge= funden. Na ja er hat die Schnauze voll von dem ewigen Exerzieren, Kommandieren, Malträtieren, er hat sich das dritte Reich" ein bißchen anders vorgestellt. Aber das wissen doch nur ein paar Kameraden von der SA., denen es genau so geht. Wer also, wer in aller Welt legt ihm Blumen vor die Tür, noch dazu rote Blumen, noch dazu mit einem solchen Zettel? Er wird wohl nie dahinter kommen, der Mihacsek. Aber seine Frau ahnt vielleicht etwas sofern sie an dem vergangenen Abend in ihrer Wohnung war. Wir wissen es nicht. Aber warum die roten Blumen auf dem Strohdeckel lagen, das wissen wir genau, die Mutter Seibert und ich. Die Sache war so: Eines Tages klopft die Alte bei mir an und fragte mich flüsternd um Rat. Da habe doch früher der junge Bursche mit dem rotblonden Schopf und den hellen Augen bei ihr gewohnt. So ein guter Junge, und immer solide, und immer pünktlich mit der Miete, troßdem er selbst ein armer Teufel war.„ Ja, ja, gewiß der Fritz! Und was hats mit dem? Ich denke, er ist längst im Konzentrations. lager?"" Na ja eben aber sein Grammofon und die Platten"! -Jetzt versteh ich. Vor ein paar Tagen ist ein Erlaß herausgekommen: Besizer verbotener Schallplatten werden streng bestraft. Wir gehen hinüber in Mutter Seiberts Wohnung. Und richtig! Da liegt zwischen Volksliedern, slawischen Tänzen, ein paar Beethoven- Platten die Internationale! „ Das Lied ist wohl verboten?" fragt mich die Alte ängstlich. Sie hat sich nie um Politik gekümmert, die Achtzigjährige, jetzt zittern ihr ein wenig die Knie. Man hört so viel heutzutage, Mord und Totschlag gibts in Deutschland." Ja," sag ich und streichle ganz leise die schwarzen Ringe der Platte, ia, Mutter Seibert, das ist verboten." Und das Lied schwillt an, schwillt an, sprengt die Wände, macht die Welt erzittern.„ Das Recht wie Licht im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch den Köpfen einer unabsehbaren Menschenmenge. Arbeiter marschieren wieder frei und aufrecht hinter ihren Bannern. ,, Völker, höret die Signale..." Note Fahnen, brennend rote Fahnen! Sie sind nicht mehr allein, die Menschen im dunklen Treppenhaus, die sich an den Händen halten, einer den heißen Pulsschlag des andern spürend. Sie find nicht mehr allein, sie fühlen es: die ganze Stadt, das ganze Land, die ganze Welt hört ihr Lied. „ Unmündig nennt man euch und Knechte, duldet die Schmach nun länger nicht..." Alles ist vergessen, die Schande, die über Deutschland kam, das Wüten vertierter Horden, das Mißtrauen, die Furcht, die blutige Qual, die Tyrannet des Geldsacks, die schwer auf dem geknechteten Lande liegt. Alles ist vergessen, Freiheit lebt wieder, Hoffnung lebt wieder" Die Internationale erkämpft das Menschenrecht." * Und plötzlich schweigt das Lied. Leis wie fernhin ver. hallender Jubel zittert der lezte Ton nach. Schwer streicht ein Seufzer durch das abendliche Haus. Es ist, als hätte die Erde selber aufgeftöhnt. Kein Wort wird gesprochen, aber der Gang der Menschen, die sich von der Türe weg ihrer gebeugte Rücken haben sich aufgerichtet, selbstbewußter ist Wohnung zuwenden. Mancher kehrt nicht in sein eigenes 3immer zurück, hat zu Freunden heimgefunden, die er seit Wochen nicht mehr aufzusuchen, nur noch schen zu grüßen wagte. Die Frauen sizen beieinander in der Wohnung jener einen, die beim Klang des Liedes einen Namen sprach. Ihre Hände haben noch nicht auseinander gefunden, es ist so gut, endlich wieder Gemeinschaft zu spüren. Und in allen, allen schwingt der Klang des Freiheitsliedes weiter. Viel Samen muß ich streuen" Nürnberger, Lebkuchen- Poesie In der gesamten nationalsozialistischen Presse Deutschlands finden wir dieses Gedicht: Von Heinrich Anader geschrieben beim ersten Nürnberger Parteitag Du blondes Mägdlein feine, Was werkst du früh am Tag? Was treibst im Dämmerscheine Du unterm Fliederhag? Jessas, Jessas! Und wo geb ichs jest hin?" Ich weiß teinen Rat. Ich werde nicht mehr lang in meinem Zimmer Blumen in Nürnberg bleiben. Kanns doch nicht mit über die Grenze nehmen, das Lied. Und die andern im Haus? Die in der Mansarde mit ihren sechs Kindern? Der Mann ist ohnehin verdächtig. Kann ihm den Hals brechen. Unsere Nachbarn der dürre Postbeamte mit dem Klemmer und seine vergrämte Frau? Wer weiß, wie die drüber denken. Die franke Schustersfrau? Die junge Stenotypistin mit den blonden Zöpfen? Der Arbeiter Franz? Der war mal Kommunist. Aber bei dem ist schon dreimal gehaussucht worden. Nein, niemandem können wir die Platte geben. Und dann wem kann man überhaupt trauen? Was wissen wir voneinander? Gedrückt, mißtrauisch, schweigsam schleichen alle umber, wie eine Eistruste liegts über den Menschen, über der Stadt, über dem ganzen Land. Und unsere Grrammofonplatte? Die müssen wir halt zerschlagen. Aber da macht Mutter Seibert nicht mit. Zerschlagen, so ein teures Stück? Das bringt sie nicht übers Herz. „ Das wär ja Sünde!" Sie wird lieber Papier drum wickeln und wird das Päckchen, wenns finster ist, in die Aschgrube tragen. So sinkt noch am gleichen Abend ein rundes Etwas aus Mutter Seiberts altérsfrummen Händen in den aufgesperrten Blechrachen der Grube. Und eine halbe Stunde später ist das runde Etwas wieder an der Oberfläche. Ich steh gerade am Fenster, als die beiden Buben des SA.- Mannes Mihacsek mit einem kunstvoll ge= knüpften Ney in der Asche fischen. * Am nächsten Abend der SA.- Mann Mihacsek ist kurz zuvor in seinen schweren Stiefeln leise fluchend zum Dienst getrampelt geht plöblich ein Flüstern durch das Haus. Von der Kellerwohnung bis hinauf zur Mansarde. Aus allen Türen lösen sich dunkle Gestalten, vereinen sich auf der Treppe wie zu einer Wallfahrt, schleichen auf den Zehen= spigen bis zum zweiten Stock und drängen sich vor der Wohnung Mihacsets eng zusammen. „ Hört ihrs?" Alle Köpfe neigen sich näher zum Türspalt. „ Hört ihrs?" Von der Kellerwohnung bis hinaus zur Mansarde pflanzt sich das Flüstern fort. Hört ihrs?" Und sie hören. Klar und hell dringts aus der Wohnung des SA.- Mannes Mihacset. Klar und hell wie eine Fanfare. Wacht auf Verdammte dieser Erde..." Die Internationale! Viel Samen muß ich streue. Ihr reiches Aufblühn soll Ein deutsches Herz erfreuen, Traumsüßen Duftes voll!" So willst du wohl erwarten Den Liebsten dein zur Nacht, Da du im stillen Garten Auf zarte Zier bedacht? „ Mein Schatz, der ist gefallen Wohl vor dem grimmen Feind Erst in den ew'gen Hallen Sind wieder wir vereint." Du blondes Mägdlein feine, Was werkst du früh am Tag, Da nicht mit holdem Scheine Dich Lieb' beglücken mag? " In Sommertages Glänzen Steh' ich am offnen Tor, Ein Braunhemd zu befrängen Mit Nürnbergs Blumenflor!" * Auf einem solchen Anacker soll also die künftige Frucht nordischer Poesie erwachsen. Schon mußte er viel Samen streuen. um die blonden Mädchen feine unterm Fliederbaum nein, wir wollen den Rahmen erlaubter Erotik nicht sprengen. Das bekränzte Braunhemd soll seiner zarten Zier, Ausdruck der von Hitler verkündeten heroischen Weltanschauung, nicht beraubt werden und uns ein Zeugnis der Genesis völkischer Poefie sein und bleiben. * Gesang der gleichgeschalteten Pastoren Wir sind die heldischen Pastoren Und dienen Gott auf unsere Art. Wir haben ein Gemüt mit Sporen Und den Verstand nun ganz verloren, Troßdem wir stets damit gespart. Auf unsere Mannheit ist Berlaß; Wir predigen statt Liebe- Haß. Wir sind die Feinde der Broleten Und ihrer sflavischen Moral, Denn mit dem Lieben und dem Beten Des quasi jüdischen Propheten Macht man ein Volt nicht national. Wir haltens mit dem Seidentum, Mit Massenmord und Heldenruhm. Zum Teufel mit den Menschenrechten! Ein dreifach Heil der Barbarei! Es ist so schön, ein Volt zu fnechten Und jeden freien Geist zu ächten. Der Deutsche liebt die Tyrannei. Wir wollen, daß der neue Christ Das Gegenteil vom Menschen ist! Glaube muß marschieren Geistliche Vorbildung Liberator, Bekanntlich ist in Preußen die zwangsweise militärische Ausbildung in eigenen Lagern als Pflichtgegenstand für die angehenden Juristen vorgeschrieben worden. Diese Lehrfurse mit Gewehren statt Büchern und mit Geländeübungen statt Seminarübungen lassen nun auch die Geistlichen der evangelischen Kirche nicht ruhen. Auf der neunzehnten ostpreußischen Provinzialsynode sagte dieser Tage der Provinzialjugendpfarrer Engelbrecht: Zur Frage der Tätigkeit von Vikaren in Arbeitslagern nehme ich den Standpunkt ein, daß es keine beffere Vorbereitungszeit für angehende Pfarrer geben fann, als dort draußen im Lager. Nur müssen diese Tätigkeitswochen auf die Amtszeit angerechnet werden. Wenn das gleichgeschaltete Recht einrückend gemacht wiri und die gleichgeschaltete Medizin egerziert ihm nicht der gleichgeschaltete Glaube? Elly, tue es nicht mehr! Flugzeug oder Nähmaschine? Kürzlich ist die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn von ihrem Afrikaflug nach Deutschland zurückgekehrt. Die illustrierten Blätter zeigen nun zwischen Bildern des Führers von oben, von unten, von vorn, von hinten, auf der Jagd und beim Frühstück, auch ganzseitige Aufnahmen vom Empfang der Fliegerin.„ Elly Beinhorn grüßt das neue Deutschland." Mit dem Hitler- Gruß natürlich. Wen sie da grüßt, kann sie der Antwort eines nationalsozialistischen ,, ehemaligen Kampffliegers" entnehmen, die er einem flugbegeisterten Fräulein in Ullsteins Blatt der Hausfrau" erteilt: Also Fliegerin wollen Sie werden? Und noch unbedingt! Nein schlagen Sie sich das aus dem Kopfe. Heiraten Sie einen braven Mann, meinetwegen einen lieger, wenn es schon sein muß. Und da fängt Ihre Tätigkeit an: den Mann zum Kameraden haben, für ihn und seine Kinder sorgen! Also Hände weg vom Fliegen, statt Steuer den Kochlöffel, statt Pedale die Nähmaschine. Alles andre sind Männerberufe. Vielleicht hat die mutige Pilotin, als sie bei den schwarzen Kulturvölkern weilte, die Meinung der braunen Wilden iber Aufgabe und Stellung der Frau vergessen. Jetzt wird ie jedenfalls gut daran tun, meinetwegen, wenn es schon ein muß", einen Flieger zu heiraten und selber das Fliegen ufzugeben. Sonst fliegt sie eines schönen Tages aus dem , dritten Reich". Kampf den ,, Kampfbünden" Nachdem schon seit einiger Zeit bekannt ist, daß der ,, Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes" aufgelöst wird, dürften nun auch die Tage des Kampfbundes für deutsche Kultur" gezählt sein. In einer Versammlung, die der Bund am vergangenen Montag in Königsberg veranstaltete und in der Staatssekretär Feder das Referat hielt, teilte der Reichsgeschäftsführer Urban mit, daß der tampfbund demnächst nach Besprechungen Alfred Rosenergs mit dem Führer in die politische Organisation der NSDAP. überführt werden würde. Mein Höchstes!" Beaune Produktionsbelebung In den letzten Tagen wurde in Deutschland die Herstellung einer Reihe von Gegenständen verboten. Darunter befanden sich, wie die Bayerische Zeitung" vom 24. August berichtet, u. a.: „ Eine Hitler- Glasbüste, die den Reichskanzler in SA.Uniform mit dem Eisernen Kreuz darstellt und die zur Aufnahme von eßbaren Perlen bestimmt war.(!) SS.- Werfpuppen aus gewöhnlichstem Filz mit Holzwolle gefüttert, in farikaturistischer Ausführung und unter mißbräuchlicher Verwendung des Hakenkreuzes. Bonbons mit Hafenkreuzflagge. Eine Schutzhülle aus Leder für Zündholzschachteln mit rotem Druckknopf, der mit dem nationalsozialistischen Hoheitszeichen versehen war. Packungen für Zigarrenkisten, auf denen über der Aufschrift„ Mein Höchst e 3" in roter Farbe ein burgartiges Bauwerk in Form eines Hakenkreuzes dargestellt war. Ferner Gummibälle mit dem Hafentreua.. DAS BUNTE BLATT NUMMER 66- 1. JAHRGANG TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE DIENSTAG, DEN 5. SEPTEMBER 1933 Rebellenfahine in Marokko noch immer wird gekämpft. Die Fafine der Legionäre Die Fahme der Legionäre An den Felshängen des Atlas, und zwar am Dschebel Badou und am Dschebel Hamdoum läuft soeben der letzte Att der Tragödie des marokkanischen Krie= ges ab, der seit 1911, nach der Ausschaltung Deutschlands aus Marokko, von Frankreich gegen die aufständischen Berberstämme geführt wird. Es ist dem französischen Oberkommandierenden General Huré gelungen, die, wie der offizielle Heeresbericht sagt, Ait- Hadidou- Schüßen" in die höchsten Gebirgskämme des Dschebel Badou zurückzuwerfen und durch den Einsatz der letzten modernen Kampfmittel, vor allem der Flugzeuggeschwader der französischen Kolonialarmee, den Schlußakt des Kampfes zu erzwingen. Nach verlustreichen Gefechten rings um die Vorgebirge des Dschebel Badou wird nunmehr die Hochgebirgsstellung der Berber, die von Sidi Mohamed, dem Bruder des kürzlich ge= fallenen Rebellenführers, angeführt werden, durch Bombenflugzeuge vergast und durch Minenwerfer und Steilfeuergeschüße sturmreif geschossen. Die Kampftechnik der Franzosen interessiert vor allem den englischen Generalstab. So hat der Gouverneur von Gibraltar auf Anweisung aus London eine Offizierskommission nach dem hohen Atlas entsandt, um die Kämpfe im Hochgebirge, vor allem den Flugzeugeinsatz zu studieren. Auch die englische Kolonialarmee habe demnächst- nach der Mitteilung der Londoner Presse mit afghanischen Räuberbanden im nordindischen Gebirgsgelände zu kämpfen und man könne nicht wissen, wann die englischen Truppen einen derart komplizierten Hochgebirgs- Flugzeugangriff auszuführen hätten. Geschichte des marokkanischen Krieges Seit die Franzosen im Jahre 1881 Nordwestafrika besetzten, haben sie eine ununterbrochene Kette von militärischen Kämpfen auf sich nehmen müssen. Zunächst galt es Algier niederzuwerfen, das von den kriegerischen„ Ulab" unter Führung des Ben von Algier mit besonderer Hartnäckigkeit verteidigt wurde. Die französische Kolonialtruppe mußte andauernd vergrößert werden. Im Jahre 1841 gelang es zum erstenmal, auch eingeborene Truppen in den Kampf einzu setzen. Es wurde ein Korps von 20 Schwadronen Spahis gebildet und mit gutem Erfolg, später vor allem in den Feldzügen von 1859 unter dem Befehl Napoleons III. gegen Tunis und marokkanische Grenzstämme eingesetzt. Der eigentliche Vormarsch nach Marokko begann jedoch erst im Jahre 1912, als der Marschall Lyautey mit seinem Armeekorps in Marokko einmarschierte. Von 1912 bis 1926 hatte die französisch- marokkanische Besaßungsarmee vor allem mit den Riffabylen ununterbrochene Kämpfe zu bestehen. Auch nach der Gefangennahme Abd el Krims flackerte der Aufruhr am Rif weiter fort. Die geflüchteten Berberstämme zogen sich vor allem in das Gebiet des soge= nannten Anti- Atlas, und zwar in den Dschebel Saghro zurück, wohin sich alle irgendwie asozialen Elemente Maroffos, von der Gendarmerie gesuchte Diebe und Räuber zusammenfanden. Im November 1932 begann der erste französische Großongriff gegen den Dschebel Saghro, wobei drei militärische Kolonnen im Norden, Osten und Westen gegen den Gebirgsstock eingesetzt wurden. Im Februar 1933 sezten die Berber zum Gegenangriff an, um den Ring der Belagerer zu sprengen. Dabei wurde der Kapitän Arriahin mit seiner gesamten Offizierspatrouille niedergemacht. Schließlich wurden die damals noch 20 000 Mann zählenden Berberschützen in den höchsten Teil des Atlas, in den Dschebel Badou, zurückgeworfen, wo sich heute unter der Führung von Sidi Mohamed noch etwa 4000-5000 Mann halten dürften. Der Kriegsschauplay Der Dichebel Badou ist eine Art natürliche Bergfestung, deren Hochgelände, das Plateau des Aiguilles, von einem Ring nadelspißartiger Felsen nach allen Seiten geschützt wird. General Huré versuchte zunächst den Einbruch gegen den strategisch wichtigen Berggipfel, die„ Bergnadel VI". Auch Sidi Mohamed erkannte die beherrschende Bedeutung der„ Nadel VI" und warf seine besten Schüßen in die Schlucht, die der Bergspige vorgelagert ist. Wochenlang dauerte dort der Feuerkampf, der von den Berbern mit einer fabelhaften Schießtechnik geführt wurde, so zwar, daß jeder zweite angeschossene Franzose am Kopfschuß verstarb. Das französische Kommando setzte allmählich eine große Aktion gegen die„ Nadel VI" an und zog dazu sämtliche Nahkampfmittel des Kolonialforps heran. Ein riesiges Aufgebot an Minenwerfern und Steilkampfgeschüßen wurde in Stellung gebracht und trommelte mehrere Tage auf den Bergspizen beiderseits der Nadel VI" herum. Infanterieflieger strichen mit Gasbomben dicht über die Schüßenstellungen der Berber hinweg, warfen Bomben ab und nahmen mit ihren Maschinengewehren die Schüßennester der Ait Hadidou- Kämpfer unter Feuer. Es zeigte sich jedoch hier wieder einmal, daß die Kraft des Verteidigers im Hochgebirge, wie der italienisch- österreichische Kampf in den Trientiner Alpen im Weltkrieg bewies, nahezu ungeheuer ist. Ein gewandter Verteidiger kann sich auch dem Steilfeuer sehr rasch durch Stellungswechsel entziehen und ein Nahfampfflieger kann durch sehr gute Schüßen sehr wohl heruntergeholt werden. Die Franzosen haben in den letzten Wochen nahezu täglich ein Flugzeug verloren. Die eigentfiche„ Nadel VI" ist zwar augenblicklich in den Händen der französischen Truppen, die Berberschüßen aber haben sich bereits wieder in einer neuen Stellung am Hochatlas eingenistet. Die Fremdenlegion Selbstverständlich wird der Hauptteil des Kampfes von den vier maroffanischen Regimentern der Fremdenlegion getragen, die bei ruhigen Zeiten in Sidi Bel Abbes, Meknes, Fes und Marrokesch garnisonieren. Unter den 17000 Mann der marokkanischen Legionäre befinden sich etwa 10000 Deutsche, die schon seit Monaten ohne Ablösung dort oben eingesetzt worden sind. Bei den Kämp fen der Fremdenlegion werden übrigens grundsäßlich zu= nächst erst eingeborene Partisanentruppen" eingeseßt, die als Kenner des Atlasgebirges die Verstecke der Rebellen viel leichter aufzuspüren vermögen. Diese Vorkämpfe zwischen Rebellen und Partisanen pflegen meist sehr erbittert zu sein; denn jeder im Sold der Regierung stehende einge= borene Partisanenschüße, der in die Hände der Berber fällt, stirbt dort sofort einen qualvollen Tod. Andererseits pflegen die Partisanentruppen die Eingeborenendörfer besonders brutal auszurauben und zu plündern. Sobald die Kampfberührung so nahe geworden ist wie augenblicklich am Dschebel Badou, liegt die ganze Kampfleistung auf den Schultern der Legionäre. Lediglich französische Spe zialtruppen, Minenwerfer, Granatwerfer, Artilleristen und Flugzeugführer unterstüßen den Kampf der Legion. Das französische Kolonialtruppenfommando pflegt sich übrigens in den letzten Jahren sehr lobend über die Kampfmoral der Legionäre auszusprechen. Desertionen sollen in den letzten Monaten sehr wenig vorgekommen sein. Das Kampfziel Das Kampfziel der Franzosen ist natürlich die Befrei ung" des Atlas und damit Marokkos überhaupt. Dabei versucht man mit allen Mitteln die Berberstämme auseinander zu manövrieren, um den Zusammenhalt der Aufständischen zu lockern und die letzte Kampftruppe zu isolieren. So hat man im März und April mit Hasso Ou Basselam, dem Häuptling der Ait Atto, verhandelt, um einen wichtigen Stamm aus der Reihe der Kämpfer herauszubrechen. Hasso Ou Basselam wurde auf die Gefechtsstelle des französischen Oberkommandierenden, des Generals Huré, gebracht und nach einer längeren Rücksprache zur Unterwerfung bewogen. Das Truppenkommando hatte bereits einige Lastwagen mit Lebensmitteln, Wein und Medikamenten bereitgestellt, um die besiegten Rebellen zu versöhnen und zu verpflegen. Augenblicklich hält also nur noch Sidi Mohamed die Rebellenfahne hoch. Die Franzosen haben einen Preis von 100 000 Franken auf seinen Kopf gesetzt und erwarten jeden Augenblick, spätestens mit dem Ende dieses Sommers, die Kapitulation. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob der Optimismus der französischen Kolonialverwaltung berechWilliam Warren. tigt ist. 3var- Kreuger- Ballade Immer wieder taucht ein neues Gerücht auf, Jvar Kreuger habe seinen Pariser Selbstmord nur vorgetäuscht, um unerkannt irgendwo ein neues Leben zu beginnen. ( Beitungsnotig.) Das ist die Sage vom Zündholzkönig der Welt, Des Vertreters des niedergehenden Kapitalismus schlechthin: Einerseits scheffelte Mr. Kreuger das Geld. Aber andererseits hätte Jvar am liebsten:„ Pfui Teufel!" geschrien. Gleichzeitig war er ein Mensch und Kapitalist. Fiel's ihm ein, trieb er Kurse rauf, schmiß Arbeiter' rans ohne Grund. Aeußerlich Moloch, der Dividenden nur frißt, Stand er schließlich vorm Spiegel sich gegenüber zur Mitters nachtsstund. Jazz aus der Halle erfüllte dumpf das Hotel. Bon der Straße rauf kam das Licht der Reklamen, der Lärm von Paris. Und aus dem Goldrahmen trat ein Spiegelgesell Hoffnungslos grinsend, riß das Smokinghemd auf und nidte nur:„ Schieß!" Jvar hob stumm den Revolver. Drückte dann ab. Mr. Kreuger fiel um. Doch Ivar schrie auf, da er alles begriff, Ging ohne Hnt auf den Gang, die Treppe hinab, Durch die Halle, die Drehtür, Straßen der Stadt. Und er strolchte und pfiff. Friz Brainin Das Wunder der drafitlosen Telefonic Eine gelungene Rekordleistung der modernen Technik stellt ein Radiotelefongespräch dar, das bei der letzten Fahrt des Amerikadampfers Bremen" vom Bord dieses Schiffes mit einem fahrenden Zug auf der Strecke Neuyork- Chikago geführt wurde. Eine Reisende der Nobelklasse des Schnelldampfers war in Bremen bereits krant an Bord gekommen. Unterwegs hatte sich ihr Zustand so verschlimmert, daß der Schiffsarzt eine unverzügliche Operation vorschlagen mußte. Die Frau wollte die Operation aber nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes vornehmen lassen. Da sich ihr Gatte gerade auf einer Geschäftsreise befand, wurde eine Radioverbindung zwischen dem Schiff und dem fahrenden Zug hergestellt. Die Herstellung der Verbindung gelang in überraschend kurzer Zeit und auch die Verständigung war gut. Die Armbanduhr „ Na, nun erzählen Sie einmal. Wie war denn das mit der Armbanduhr?" Aber die siebzehnjährige Angeklagte, die in Wien vor dem Richter steht, erzählt nicht. Sie schluchzt gottsjämmerlich und preßt dabei den Handrücken und den halben Unterarm vor beide Augen: so kann sie den Richter nicht sehen. Sie handelt, als wäre sie zehn Jahre jünger: ein Kind darf glauben, daß eine Sache, die es nicht sehen will, auch nicht vorhanden ist. Aber es ist etwas vorhanden, was nicht ohne weiteres aus der Welt zu schaffen ist: eine Anklage wegen Diebst a h I s. Diebstahl heißt das also nun, was da vor vier Wochen geschah. Damals besuchte sie eine Freundin. Und damals hatte die Freundin die Armbanduhr eben geschenkt bekommen. Sie mädchenweisheit: Wer jederzeit kaufen kann, der kann der und ganz Lust zum Kaufen manchmal leicht widerstehen leicht der Lust zum Stehlen. Bestimmt würden bedeutend weniger Leute Armbanduhren stehlen, wenn sie sich welche kaufen könnten. Und damit hat man nichts in der Hand als eine Binsenwahrheit.„ Na ja..." Drei Tage Arrest befommt Erna, bedingt auf zwei Jahre. Der Gerichtsdiener muß sie mit sanfter Gewalt hinausschieben, denn sie steht noch immer und schluchzt und schützt die Augen mit dem Handgelenk, an dem vor vier Wochen die wunderschöne Armbanduhr prangte. Most ar war stolz darauf und glücklich darüber, und Glück macht die Lachen nicht verfernen jenigen großzügig, die es nicht gewöhnt sind. So sagte denn die Freundin:" Du darfst die Uhr ein Weilchen tragen, Erna." Erna band sich die Uhr ums Handgelenk und fand, daß das Handgelenk gleich schmaler und schöner aussah. Sie hielt die Uhr ans Ohr, und es tickte mertwürdig sein und zart, obwohl es die billigste der Armbanduhren war, mit einem Band aus derbem Leder und einer groben Uhr aus schlecht versilbertem Material. Das Weilchen war recht schnell vorüber: Erna mußte gehen, sie hatte eine Stellung als Laufmädchen. Als sie die Uhr wieder vom Arm wegtun wollte, hielt sie plötzlich inne und sagte:„ Was würdest du tun, wenn ich die Uhr mitnähme?" Die Freundin, noch immer glücklich und großzügig, lachte und antwortete:„ Ich würde dich einfach anzeigen." „ Ach, Unsinn, das tust du ja doch nicht!" lachte Erna zurück mit der Uhr am Handgelenk. und lief fort Die Freundin wartete eine halbe Stunde, einen halben Tag, eine halbe Woche. Erna kam nicht. Dann sah sie Erna auf der Straße. Erna lief vor der Freundin fort. An ihrem rechten Arm schimmerte die Uhr. Sie sah sehr vornehm aus, diese billige Uhr, weil alles Uebrige an Erna gar nicht vornehm und noch billiger war; das Kleid ausgeblaßt und schlecht genäht, die Schuhe plump, und hübsch ist Erna auch nicht. Sie schien aber zu glauben, daß die Uhr all diese Mängel auszugleichen imstande sei. Jedenfalls brachte sie das Geraubte auch weiterhin nicht zurück, und die Freundin flagte schließlich doch. „ Warum haben Sie das bloß getan?" fragt der Richter und fügt ermahnend hinzu:„ Man muß nicht unbedingt eine Armbanduhr haben." Er zeigt sein ungeschmücktes Handgelent: Sehen Sie, ich bin fünfzig Jahre alt und habe auch noch keine!" Da nimmt Erna zum erstenmal die Hand von den Augen, unterbricht ihr Schluchzen und sagt mit dünnem Stimmchen zwischen zwei dicken Seufzern:„ Aber Sie hätten sich jeden Tag eine kaufen können!" Der Richter ist zunächst verblüfft. Aber ich hab's doch nicht getan!" sagt er mißverstehend und im Tone eines, der sich vor Erna zu verantworten hat. Dann aber besinnt er sich und sagt brummend:„ Na ja." Und dies„ Na ja!" ist immerhin so etwas wie eine Anerkennung des Ernaschen Arguments. Gewiß, die Siebzehnjährige hat recht mit ihrer LaufEin Hörfehler Nach dem Abendbrot schritt der Herr Staatsanwalt an der Seite seines Gastes durch seine Privatgemächer, stolz von der Architektur und dem eigenen Stil der Zimmer plaudernd. Vor einem großen Delgemälde blieben beide stehen. „ Sehen Sie," sagte der Staatsanwalt, hier ist mein liebstes Bild, die Göttin der Gerechtigkeit: Nemesis!" vielen Dank, Herr Staatsanwalt!" sagte der Gast und ergriff mit beiden Händen die Rechte des Gastgebers. " Ich nehme es gern! Ich lasse es gleich morgen früh abholen!" („ Neue J. 3.") Grüne Jugend " Dieser Papagei ist hundert Jahre alt, mein Herr!" Hm, für dieses Alter ist er aber noch reichlich grün!" ( Neue J. 3.") Gerettet Meine sämtlichen Hühner find diese Nacht von Einbrechern abgeschlachtet worden!" „ Und ihr scharfer Wachthund, der immer im Stall liegt?" " Der lebt noch!" ( Fliegende Blätter") Das junge Huhn Wirtin: Wie ist das junge Huhn? Ich habs nicht gern geschlachtet!" Gast:„ Aus welchem Grunde? Sie sind wohl zusammen aufgewachsen?" ( Fliegende Blätter") Aus der Schule ,, Kurt, wer hat früher regiert: Marimilian II, oder Ludwig II.?" " Die haben beide früher regiert, Herr Lehrer!" ( Fliegende Blätter") Nicht schwindelfrei Dachdecker zum Kollegen:„ Ich habe meine Braut aufgeben müssen. Sie tanzte so gern, und ich werde dabei doch immer schwindlig." („ Journal") Ein Gemütsmensch „ Das ist doch unerhört! Deine Frau geht jeden Tag mit dem jungen Mann aus und du sagst gar nichts!" ,, Man muß sich einer Neigung nicht widersetzen. Ich werde mir nächstens einige Lotterielose kaufen." Journal Mehr Erwerbslosenkosten denn je Bankrott der Gemeinden Zum Stillstand gekommen Die vorübergehende Textilbelebung In der münsterländischen Textilindustrie ist bei den Baumwollspinnereien die Belebung der letzten Staatskommissar Dr. Lippertonate zum Stillstand gekommen. Einzelne Firmen verenthüllt den Schwindel der„ Siege" in der Arbeitsschlacht eichnen Rückgänge der Abrufe auf bereits getätigte AbViel weniger Aufsehen als das Feuerwerk und die Paraden auf dem Reichsparteitag in Nürnberg erregte eine Rede, die der Staatskommissar Dr. Lippert( Berlin) am 31. August in Nürnberg gehalten hat. Er redete nicht durch Lautsprecher zu den in Begeisterungsausbrüche versetzten Massen, sondern vor einem geladenen Publikum im Sigungssaal des Rathauses. Den Bericht über die Rede des Staatskommissars findet man auch nicht in fetten SchlagzeiIen auf der ersten Seite der gleichgeschalteten Presse, sondern verstedt im fleinsten Drud im Innern einiger Zeitungen. Und dennoch ist diese Rede wichtiger als der ganze Nürnberger Lärm. Lippert hat mit dürren Worten zugestanden, daß die Erwerbslosigkeit nicht abgenommen hat und die Finanzlage der Gemeinden, die anscheinend die Kosten für bie schwindelhaften„ Siege" in der Arbeitsschlacht zu tragen haben, einfach trostlos ist. Wir entnehmen aus diesem Bericht u. a.: Dr. Lippert schilderte eingehend die finanzielle Entwidlung bei den Gemeinden, die unter dauernder Aufbürdung neuer Lasten rund zwei Drittel unserer arbeitsfähigen Ar= beitslosen als Ortsarme nach den Grundsätzen der Armenpflege betreuen mußten. Die nationalsozialistische Staatsführung sei gewillt, diesem Zustand ein Ende zu machen. Leider sei es bisher nicht möglich gewesen, die Arbeitslosenhilfe organisatorisch und finanziell durchgreifend neu aufzubauen und dabei auch die Lasten der deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände aus der Arbeitslosenhilfe auf ein erträgliches Maß zu senken. Wir müßten uns damit abfinden, daß für das laufende Rechnungsjahr 1933 mit einer wesentlichen Verringerung der Arbeitslosenlaft der Gemeinden und Gemeindevers bände nicht zu rechnen ist. Nach einer zahlenmäßigen Darstellung der Lage der Gemeindefinanzen, nach der die deutschen Gemeinden mit un= gedeckten Fehlbeträgen in Höhe von rund 1100 Mill. R M. in das Rechnungsjahr 1934 hineingehen würden, richtete Dr. Lippert an die nationasosialistische Regierung die eindringliche Bitte, ihre finanziellen Hilfsmaßnahmen für die deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände auf dem Gebiet der Arbeitslosenhilfe, zu denen sie entschlossen ist, mit der allergrößten Beschleunigung durchzuführen. In der Schuldenfrage seien wir uns bisher im allgemeinen nicht darüber klar geworden, daß der Zinsen- und Tilgungsdienst auf die riesigen von den Gemeinden aufgenommenen Schulden höher ist als die Eigenlast der Gemeinden in der unterstüßenden Arbeitslosenhilfe. Die Gesamtverschuldung der deutschen Gemeinden betrage rund 11,8 Milliarden RM., von denen rund 7 Milliarden RM. langfristig und rund 4 Milliarden RM. mittel- und furzfristig seien. Der Zinsendienst für diese Schulden bes trägt insgesamt rund 720 Mill. RM. In der letzten Zeit ist nun eine Reihe von Gemeinden, vor allem größere Städte, aber auch viele Landkreise und Landgemeinden, dazu übergegangen, ihren Schuldendienst ganz oder teils weise einzustellen. Kein Einsichtiger wird verkennen, daß diese Entwicklung nicht nur für den Kommunalkredit, sondern auch für die Lage der Gläubigerinstitute der Gemeinden verhäng. nisvoll werden kann. Es sind nicht so sehr die Privatbanken, denen aus dieser Entwicklung größere Gefahren drohen, als vielmehr die öffentlichen Kreditinstitute, vor allem die Girozentralen, Landesbanken, Sparkassen und z. T. die öffentlichen Hypothekenanstalten, für die tatsächlich schon Gefahr im Verzug ist. Hier brauchen die deutschen Gemeinden die Hilfe der Reichsregierung. Wie die Regierung sich entschloffen hat, für die deutsche Landwirtschaft im Hinblick auf ihre besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse eine allgemeine 8inssentung auf 4 Prozent durchzuführen, so sollte sie sich auch entschließen, für die deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände eine allgemeine Zinssenkung auf durchweg 4 Prozent herbeizuführen. Wir sind der Ueberzeugung, daß die zu dieser Aktion erforderlichen Reichsmittel nur eine sehr bescheidene Höhe erreichen werden. Man könnte auch erwägen, darüber hinaus den Realkreditinstituten mit Reichsmitteln beizuspringen, deren Kommunalforderungen auf 4 Prozent gesenkt würden, während die von ihnen begebenen Kommunalobligationen einstweilen bei 6 Prozent stehen bleiben, ähnlich wie dies hinsichtlich der ländlichen Pfandbriefinstitute geschehen ist. Sollte sich die Reichsregierung im Rahmen ihres Wirts schaftsplanes zu einer allgemeinen Zinssenkung für die Gemeindeschulden nicht entschließen können, so müssen wir fie bitten, im Wege der Reichsgefeggebung ein geordnetes Berfahren bereitzustellen, indem für die einzelnen nets leidenden Gemeinden und Gemeindeverbände Entlastungsmaßnahmen bei ihrem Schuldendienst durchgeführt werden fönnen. Die Hilfe, die den zahlungsunfähigen Gemeinden und Gemeindeverbänden zuteil werden müßte, hätte sich in erster Linie auf die vorübergehende vollständige oder teilweise Aussetzung der Tilgung bei den Gemeindeschulden zu erstrecken. Sie müßte darüber hinaus aber auch allgemein eine Herabsetzung der Zinsenlast bet denjenigen Gemeindeschulden bringen, deren Zinsfuß immer noch ungerechtfertigt hoch ist. Scrip- Valuta und deutsche Zahlungsbilanz Ein wichtiges währungspolitisches Thema Die deutsche Regierung hat sich entschlossen, die von dem Transfermoratorium betroffenen Gläubiger der Auslandsschuld durch Hingabe von zunächst 50 Prozent des Zinsendienstes für den Rest des laufenden Jahres in Scrips endgültig abzufinden. Man hatte zunächst damit gerechnet, daß der nicht zum Transfer gelangende Teil der Zinsen bei der neu errichteten Konversionskasse zwecks späteren Transfers stehen gelassen würde. Die Reichsbank hat eine solche RegIung aber mit der Begründung abgelehnt, sie würde die schwebende Auslandsschuld des Reiches, die sich immer noch um 900 Millionen Mark Herum bewegt, nur vermehren. Die Verwertung der Scrips bleibt also dem Auslandsgläubiger überlassen und ihre Einlösung mit einem 50prozentigen Disagio seitens der Golddiskontbank ist nur als Uebergangsmaßnahme anzusehen. Als einzige Verwertungsmöglichkeit für Scrips fommt Bezahlung zufäßlichen Erports" in Betracht. Schon bisher konnte die Bezahlung solcher Zusagerporte im Umfang von 25 bis 60 Prozent durch Sperrmark erfolgen, deren Disagio zwischen 25 und 35 Prozent schwankt. Diese Sperrmark, zu der sich nun die sogenannte Konversions- Sperrmart gesellt, stellt( übrigens genau wie die von jeder ausländischen Reiseagentur mit Disagio gehandelte Registermark für den Reiseverkehr) unzweifelhaft eine neue, im Gegensatz zur Reichsmark unstabile Währung dar. Das Volumen dieser neuen Währung wird in Gestalt der Scrips stark erhöht, was in der ja schon vorausgesehenen Entwertung von jest marimal 35 auf später 50 Proz. und vielleicht auch mehr ihren Ausdruck finden wird. Dabei sei daran erinnert, daß man an die Ausgabe solcher Scrips nicht nur für Zwecke der Zinssahlung, sondern für die Rückzahlung der jetzt blockierten Furzfristigen Kredite denkt. Wie wird sich nun das Greshamsche Gesetz, nach dem fchlechtes Geld gutes verdrängt, im Verhältnis der Scripzur Reichsmartwährung auswirken? Aus den Zahlungen des 2. Semesters 1988 ist mit einem Scrip- Anfall von 180 Millionen Reichsmark zu rechnen, zu deren Verwertung ein ausäßlicher Zusaß- Export"( nämlich über die mittels Sperrmart bezahlten Zusagerporte hinaus) von rund 400 Millionen Reichsmart erforderlich wäre. Das entspräche etwa dem deutschen Export eines Monats, so daß allein durch die Zins- Scrips, abgesehen von möglicherweise zu emittieren den Kapital- Scrips, eine Exporterhöhung von 16 Prozent eintreten müßte. Eine solche Erhöhung innerhalb der letzten sechs Monate und über den Rahmen der normalen Ausfuhr hinaus kann nicht erwartet werden. Andererseits werden die Scrips auf Verwertung um jeden Preis drängen; dieser Druck wird nicht nur infolge des Disagio der Scrip- Währung, in der ein Teil der deutschen Exporte zu 50-60 Proz. bezahlt werden fann, die deutschen Angebote verbilligen, sondern auch eine Verminderung der" normalen" zugunsten der„ Zusatz"-Exporte bewirken. Zur Anerkennung eines Ausfuhrgeschäfts als ausäßliches" genügt ja die Vorlegung von Dokumenten und Erklärungen, aus denen hervorgeht, daß ohne die Entgegennahme von Scrips bzw. Sperrmarf die deutsche Ware nicht konkurrenzfähig wäre. Solche Dokumente sind erfahrungsgemäß sehr leicht zu beschaffen, und der Anreiz für ihre Fabrikation wird um so größer, je billigeren Einkauf der schlechte Stand der Scrips, d. h. die Marge zwischen Reichsmart- und Scripnstierung, verspricht. Eine ungünstige Auswirkung auf die deutsche Zahlungsbilanz kann nicht ausbleiben. Schon jest dürfte ihre Aktivität erheblich unter derjenigen liegen, die amtlich in Reichsmark ausgewiesen wird eben weil ein Teil des Gegenwertes der sogenannten Zusagerporte aus in Deutschland befindlichen und nicht aus nach Deutschland einströmenden Geldern stammt; das gleiche gilt heute praktisch vom samten Ausland- Reiseverkehr. Wenn jest ein weiterer Teil samten Ausland- Reiseverkehr. Wenn jest ein weiterer Teil der eigentlich als Gegenleistung für exportierte Güter geschuldeten Devisen durch Scrips ersetzt wird, so ist die schon gegenwärtig recht knappe Aktivität der wahren" Handelsbilanz bedroht. Deutschland ist weitgehend von Rohstoffen entblößt und wird durch die über kurz oder lang unvermeidliche Steigerung der Rohstoffpreise an sich schon vor eine schwierige Aufgabe gestellt, zu deren Ueberwindung es Auslandskredit braucht. Das ist der Unterschied gegenüber der Lage in Japan, England und den USA., wo zwar ebenfalls Valutadumping getrieben wird, wo man aber hinsichtlich der Rohstoffbeschaffung gesichert ist. Dieses Moment wird von denen übersehen, die annehmen, daß die Scripwährung Deutschland nicht schädige, weil ja der Auslandgläubiger durch billige Hergabe seiner Forderung die Kosten des Valutadumping trage. Das ist ja der gleiche Gläubiger, von dessen Finanzierungsbereitschaft die deutsche Rohstoffversorgung abhängig ist. Diese Bereitschaft wird in Zukunft doch teurer als bisher erkauft werden müssen, und die Erhöhung des Zinsfußes für deutsche Kredite im Ausland wird auch an der deutschen Binnenwirtschaft nicht einflußlos vorübergehen. Die Parität der Reichsmark wird seitens der Reichsbank sicher schon deshalb aufrechterhalten werden können, weil der Umsatz darin zugunsten des Umsatzes in Sperrmark( Scrips) immer mehr zurückgehen wird. Aber auch ohne Abgehen von der Parität wird das Steigen des inländischen Preisniveaus Zeugnis von dem Wirken des Greshamschen Gesezes geben. Gegen Deutschland Zollerhöhungen in England Die Zölle für verschiedene Lebensmittel, für Stahl, Eisen, Baumwollgarne, Teigwaren, Süßigkeiten und andere Posttionen, wie Rosensträucher usw. sind mit Wirkung ab 5. September weiter erhöht worden. U. a. sind die Zölle für Hafer, Gerste und Erbsen von 10 auf 20 Prozent vom Wert heraufgesezt worden, eine Maßnahme, die sich, wie bie englische Presse betont, gegen die deutsche Einfuhr richtet. Die Säße für Stahl- und Eisenfabritate sind von 20 auf 38 Prozent erhöht worden, für Walzeisen von 20 auf 25 bzw. 33,5 Prozent, für verarbeitetes eder um weitere 15 Prozent. Außer Deutschland dürfte vor allem Japan durch die neuen Zollfäße betroffen werden. schlüsse. Befriedigend ist die Lage der Fein garnspinne reien; fie flagen allerdings über die englische Konkurrenz, die durch einen ungenügenden deutschen Zoll nur wenig behindert werde. Die Baumwollweberei en verfügen noch über volle Beschäftigung für zwei bis drei Monate. Außerdem konnten sie durch erhöhte Gewebepreise die gestiegenen Kosten für Rohstoffe und Garne ausgleichen. Teilweise wurde sogar die Verdienstspanne erhöht. Unbefriedi gend ist die Lage bei den Jutespinnereien und-webereien, in der Hauptsache wegen des Rückganges der Rohjutepreise. Auch bei den Leinen- und Halbleinenwebereien, die über die Unmöglichkeit klagen, ihre Gewebepreise an die gestiegenen Garnpreise anzupassen, ist die Lage unverändert schlecht. Opfer der Arbeitsschlacht" Vor den Toren der rheinischen Hauptstadt Man schreibt uns aus Köln: " Bei Knapsad, Sürth und Berrewath im Kölner große Industriewerke. Der im Landbezirk sind Rheinisch- 28 estfälischen Elektrizitätsmert erzeugte Strom wird in das Innere Deutschlands geleitet. Die Braunkohlengruben und Brikettwerke( Rippertwerke) beliefern das gesamte Rheinland mit Heizungsmaterial. Gold und Silber", das große chemische Wert, stellt Rohmaterial für Arzneien und Explosivstoffe her. Insge jamt 5000 Arbeiter finden in den Werken Beschäftigung. Sie rekrutieren sich meist aus der Landbevölkerung, bearbeiten nach Feierabend ihr Stückchen Garten hinter dem Häuschen oder flicken ihren Rotten. Ab und zu geht die Frau einmal auf den Markt in die Stadt, um dort ihren fleinen Vorrat an Gemüse und ihr bißchen Obst abzusehen. Es ist nicht viel, was hierbei herauskommt, gibt aber dennoch ein kleines zusäßliches Einkommen zum Wochenverdienst des Mannes. Die Nazis finnen hier auf Abhilfe". Sie haben die Abficht, alle Arbeiter mit irgendeinem zusäßlichen Einkommen, ja selbst diejenigen, die nur in etwa die Möglichkeit haben, mit der Produktion des eigenen Gärtchens ihren Haushalt selbst zu versorgen, zu entlassen. Es fommen, wenn diese Pläne verwirklicht werden, woran faum gezweifelt werden tann, durch diese Maßnahme bret bis dreieinhalb tausend Arbeiter zur Entlassung. Hierunter fallen größtenteils die Stammannschaften, die mit den großen Gefahren der Werke vertraut sind. Die Folge von umfangreichen Einstellungen von Neulingen wird die an und für sich schon hohe Unfanziffer innerhalb der Elektrizitäts- und Chemiewerke ins Stefordmäßige steigern, unter Umständen die Lichtversorgung des Rheinlands in Gefahr bringen. Bor allem aber werden die entlassenen Arbeiter auf einen Lebensstandard heruntergebrüdt werden, der zum Leben" faum noch etwas übrig läßt. Man scheint bei den Nazis die stille Abrede getroffen zu haben, jeden einmal die Segnungen des Wohlfahrtsempfängerdaseins verspüren zu lassen. Empö rung und Widerstandswille innerhalb der in Frage kommenden Arbeiterschaft sind ungeheuer. Bei einem nicht geringen Teil hat sogar eine verständliche Verzweiflungsstimmung Plaß gegriffen. Jedenfalls haben alle Belegschaften sich solidarisch erklärt uns unter sich, von Mann zu Mann, beschlossen, der geplanten Maßnahme heftigen Widerstand entgegenzusetzen. Selbstverständlich lassen sich die gleichgeschalteten Gewerkschaftsvorstände ebenso wie die NSBO. nicht sehen, obwohl sie schon angerufen wurden. Sie erflärten einmal fernmündlich, daß es sich hier um eine„ lokale Maßnahme der Direktion handle, mit der man sich in einer Sizung gütlich einigen müsse." Ins Konzentrationslager! Wie ein Blatt des Reichskanzlers die Abfahrt schildert h. b. Die Kieler Nazizeitung veröffentlichte in diesen Tagen folgende Gemeinheit: Heute morgen traten mit dem fahrplanmäßigen Zug, ber 8.54 Uhr Riel nach Hamburg verläßt, 40 ehemals in Kiel führende marristische Größen wie auch eine Anzahl anderer Gernegroße, die es nicht überwinden konnten, daß nun eine neue Beit in Deutschland angebrochen ist, eine große Reise an. Es handelt sich in diesem Falle allerdings nicht um eine Ferienreise, sondern um eine Reise ins Konzentrationslager. Hier wird ihnen einige Monate Gelegenheit gegeben werden, einmal darüber nachzudenken, ob es nicht vorteilhafter ge= wesen wäre, anstatt Aftionen gegen den deutschen Staat und das deutsche Belt zu planen und au infsenieren, fich einzugliedern in die große deutsche Volksgemeinschaft, und in ehrlicher Arbeit für ihre Familien und sich Brot zu schaf fen, so wie es Hunderttausende andere von ihnen einmal verführte Arbeiter auch tun, die den Weg zurückfanden. Obwohl die Stunde des Abtransportes der Schughäftlinge geheimgehalten war, hatten sich doch zahlreiche Angehörige auf dem Bahnhof eingefunden, deren verhärmten Gesichtern man das ganze Leid der legten Monate ansah, und die, als die Schutzhäftlinge den Zug bestiegen, in Tränen ausbrachen. Es mußte deshalb sonderbar anmuten, daß die Häftlinge selbst ein wenig ernstes Wesen zur Schau trugen und anscheinend absolut kein Verständnis für die Stimmung ihrer nun im Ungewissen bleibenden Angehörigen zeigten. Unter den Abtransportierten bemerkten wir u. a. den ehemaligen roten Stadtrat Schweizer und auch so manchen anderen, dessen Name einmal nicht nur in der SPD. bekannt, sondern auch gefürchtet war. Et= Es wäre Fronie, den jetzt in das Konzentrationslager Lichtenstein in Sachsen Ueberführten gute holung zu wünschen, wohl aber wünschen wir, daß sie dort erkennen mögen, daß es höheres gibt als das eigene Ich und daß sie nach dieser harten Schule nach Kiel zurückkommen mit dem Vorsatze, sich nunmehr dem Wiederaufbau Deutschlands nicht mehr zu widerfesen, und an ihrer Stelle nichts weiter als auch nur ihre Pflicht in der großen Gemeinschaft zu tun." Wenn Naziredakteure, die immerhin noch ein gewisses Maß von äußerer Erziehung haben sollten, ihre Gegner so verhöhnen, kann man sich ausmalen, wie die mehrlofen Opfer im Konzentrationslager„ erzogen" werden. Zum Schicksal der deutschen Juden Die Seßhaftmachung in Palästina Aus den Verhandlunigen des Zionisten kongresses in Prag tragen wir den Vortrag des Herrn Dr. Arthur Ruppin nach: Es erfüllt uns mit großer Befriedigung, daß in einer Zeit der Judennot unsere Aufbauarbeit in Palästina das Resultat gehabt hat, daß man heute in der größten Katastrophe, welche die Juden eines Landes in der Neuzeit betroffen hat, Palästina als den einzigen Lichtpunkt betrachtet. Während die anderen Auswanderungsländer, selbst von der Krise betroffen, ihre Tore verschließen, hat Palästina infolge jüdischer Initiative und jüdischen Kapitals einen großen Aufschwung genommen. Gs ist das einzige Land in der Welt, in dem keine Arbeitslosigkeit, sondern im Gegenteil Mangel an Arbeitern herrscht. Von den deutschen Juden gehören zehn Prozent zu den Beamten und freien Berufen, fünfzig zum Handel, dreißig zu Handwerk und Industrie und zwanzig Prozent zu verschiedenen anderen Berufen. Durch die Gesetzgebung der deutschen Regierung ist der Stand der Beamten und der freien Berufsangehörigen katastrophal betroffen worden. Aber selbst diejenigen, die von den gesetzlichen Verboten nicht direkt betroffen wurden, haben ihr Ansehen und einen großen Teil ihrer Kundschaft verloren. Ich bin der Ansicht, daß nur ein kleiner Teil der freien Berufe seinen Lebensunterhalt in Deutschland weiter verdienen kann. Die Folgen der gegenwärtigen Politik, welche sich gegen die Juden als Volksfremde richten, be= rühren sich auch in allen anderen Berufen. Die indirekten Folgen der neuen Gefeßgebung sind für die Juden wirtschaftlich noch verheerender als die direkten Folgen. Sie lassen sich weder zählen noch messen. Zur Zeit lebt noch ein Teil von der Substanz ihres Vermögens. Die Monate aber find gezählt, nach welchen bei vielen diese Reserven auf gezehrt sein werden. Dann wird sich erst das Unglück in seiner ganzen Größe zeigen. Es gibt in Deutschland etwa 8000 jüdische Aerzte, etwa 4000 Rechtsanwälte, 2000 Zahnärzte und Zahntechniker, Tausende von Ingenieuren, Beamten, Lehrern, Apotheken, Journalisten und Schauspielern. Sie und viele jüdische kleine Kaufleute haben ihre Existenzgrundlage eingebüßt. Die Zahl der Juden in Deutschland betrug bei der Volks: zählung von 1925: 584 000. Die Ziffer ist allerdings hente niedriger. In den verflossenen acht Jahren haben die deutschen Juden infolge ihrer außerordentlich niedrigen Geburtenziffer und durch den Ueberschuß der Sterbefälle jährlich etwa 4000 Menschen verloren. Außerdem ist der Ueberschuß der Auswanderung über die Einwanderung auf mindestens 30 000 zu schätzen. Wenn man noch berücksichtigt, daß in den letzten Monaten allein mehrere zehntausende Juden freiwillig oder gezwungen Deutschland verlassen haben, kommt man zu dem Schluß, daß die Höchstzahl der Juden in Deutschland heute 500 000 be= trägt. Diese Zahl wird noch zurückgehen, da die jüdischen Eltern noch viel schwerer die Verantwortung fühlen werden, Kinder in die Welt zu setzen. Ich glaube, daß sich in den nächsten zehn Jahren die Zahl der Juden auf natürlichem Wege auf 450 000 vermindern wird. Hierbei lasse ich die getauften oder aus Mischehen hervorgegangenen„ Nichtarier" außer Betracht. Ich will nur bemerken, daß ihre Zahl mit 200 000 zu hoch geschätzt ist. Alle diese„ Nichtarier" sind in erster Linie ein Problem für diejenige kirchliche oder völkische Gemeinschaft, welche sie aufgenommen hat. Wir haben kein Recht, in ihrem Namen zu sprechen. Die 500 000 deutschen Juden machen nur etwa 3 Prozent der 16 Millionen der Welt aus, sind aber ein wichtiger Teil der jüdischen Gemeinschaft und deshalb steht die gesamte Judenheit heute mit tiefstem Mitgefühl hinter den deutschen Juden. Es gibt für 200 000 Juden in Deutschland keine Möglich teit, eine Existenz in anderen Berufen zu finden. Würden sie an den Uebergang zur Landwirtschaft denken, so stoßen sie sofort auf das neue deutsche Bauerngesetz. Ein Uebergang zum Handwerk kann bei der politischen Lage ebenfalls nicht ins Auge gefaßt werden. Auch her Handel kann keine weiteren Juden aufnehmen. Die Lage der jüdischen Jugend, die in dieser Zeit an die Berufswahl denkt, ist verzweifelt. In dieser Not gibt es keinen anderen Ausweg, als eine organisierte Auswanderung, die im Laufe von 5 bis 10 Jahren die 200 000 Juden, die heute in Deutschland überzählig" geworden sind, in andere Länder bringt. Bei einem solchen Rettungsversuch verzichten wir selbstverständlich nicht darauf, gegen das Vorgehen der deutschen Regierung, das einem so großen Teil der deutschen Juden zur Auswanderung zwingt, auf das schärffte zu protestieren. Der beste Protest gegen die Judenpolitik der deutschen Regierung ist die rettende Tat. Ich sehe keine andere Lösung, als eine organisierte Auswanderung eines Teiles der deutschen Juden. Eine solche Auswanderung würde auch wahrscheinlich der Regierung erwünscht sein, da ihr nichts daran liegen kann, eine pauperisierte Bevölkerung im Lande zu haben. Eine Auswanderung würde auch eine Scheidung innerhalb des Judentums mit sich bringen. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß einer organisierten Auswanderung von Juden aus Deutschland unter teilweiser Mitnahme ihres Vermögens keine Hindernisse in den Weg gelegt würden. Ich will damit den Gegensatz zu einer fluchtartigen Auswanderung betonen. Diese ist in den meisten Fällen weder ein Segen für den Auswanderer, noch für das Land. Unter den Auswanderungsländern richtet sich der Blick natürlich in erster Linie auf Palästina. Das Palästina von heute stellt für die Aufnahmefähigkeit einer neuen Einwanderung einen bedeutenden Faktor dar. Palästina kann heute mehr als doppelt so viel Einwanderer aufnehmen, als im verflossenen Jahrzehnt. Als Vorsitzender einer Kommission zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina kann ich ihnen die Schlußfolgerungen mitteilen, zu denen sie gelangt ist. In den bestehenden Siedlungen ist sofort für etwa 1000 Familien Platz. Für 400 Siedler ist sofort Ansiedlungsmöglichkeit vorhanden. Die Kosten der Siedlung betragen 400 bis 600 Pfund. Außer diesen Siedlern ist noch die Ansiedlung von 200 Familien in der Nähe von Haifa auf dem Boden des jüdischen Nationalfonds in der Form einer vorstädtischen Siedlung in Aussicht genommen. Ueber die 1000 Familien hinaus kann eine landwirtschaftliche Siedlung erst erfolgen, wenn neuer Boden gekauft worden ist. Die Ansiedlung von neuen Menschen in der Landwirtschaft schafft einen vergrößerten inneren Markt für die Produkte der Industrie. Wir müssen auch natürlich im Auge behalten, daß Pa= lästina nicht nur für die deutschen Juden da ist, sondern daß die Tore Palästinas auch für die Juden anderer Länder offen sein müssen. Eine Voraussage in Ziffern läßt sich schwer geben. Wir werden die Auswanderung nach Palästina nur denjenigen Juden erleichtern, die nach Palästina gehen wollen. Für die Aufnahme der gesamten 200 000 Einwanderer werden außer Palästina auch andere Länder in Betracht kommen. Ich denke hierbei in erster Linie an die Vereinigten Staaten. Es scheint mir nicht ausgeschlossen, daß sich unter dem Eindruck der katastrophalen Lage der deutschen Juden die Einwanderungspraxis liberaler gestalten wird. Abgesehen von den Vereinigten Staaten denke ich auch, daß die im Völkerbund vereinigten europäischen und überseeischen Staaten eine beschränkte Anzahl von Juden aufnehmen werden. Die Judenheit der Welt sollte durch den Völkerbund einen Appell an seine Mitgliedsstaaten richten. Ich habe die Hoffnung, daß es möglich ist, durch so einen Appell 50 000 Juden 3uflucht zu schaffen. In dieser schicksalsschweren Zeit, in der der Niederbruch der deutschen Juden der Welt das Schicksal der jüdischen Tragik vor Augen führt, hält uns die Tatsache aufrecht, daß viele führende Persönlichkeiten und Gruppen in der Welt uns ihre Sympathie gezeigt haben. Für die deutschen Juden muß es ein Trost sein, daß ihr Schicksal die ganze Judenheit aufgewühlt hat. Unsere Aufgabe muß es sein, die Hilfsbereitschaft und Sympathie der Welt zu einer großen Tat zu verdichten, um einen Teil der Juden, die in Deutschland nicht bleiben können, in andere Länder einzugliedern. Von diesem Kongreß soll die Parole ausgehen, die die Juden der Welt ohne Rücksicht auf ihre Richtung zu einer einheitlichen Aktion aufruft und in den deutschen Juden die Hoffnung erweckt, daß es aus ihrer Not noch einen Ausweg gibt. Stadt Wohnung zu nehmen, was er jedoch ablehnte. Uebrigens wurde schon vor zwei Monaten ein Attentatsvers such gegen ihn entdeckt. Die Telefonleitungen des Hotel Miramonte, in dem Lessing damals wohnte, wurden von unbes kannten Tätern zerschnitten. * Die gesamte gleichgeschaltete Presse hat tros dieser amtlichen Meldungen der Marienbader Polizei die Dreistigkeit, jede nationalsozialistische Mitverantwortung für den feigen Mord abzulehnen. Sie beschmutzt zugleich das Andenken des Toten. Die„ Deutsche Allgemeine Zeitung" bezeichnet ihn als einen„ iener Schreibtisch menschen, die der Weimarer Republik das Grab geschaufelt haben". Wider Willen zollt sie damit dem Werk von Weimar ein sehr hohes Lob. Denn das ganze Schaffen Theodor Lessings, seine küh= nen Gedanken und reichen Einfälle dokumentierten höchstes deutsches Kulturgewissen. Dieser eigenartige und eigenwillige Denker hatte sich wegen eines mißverstandenen Aufsatzes über Hindenburg den Haß von Leuten zugezogen, die nie eine Zeile des Gelehrten gelesen hatten am wenigsten der Bursche, der ihn in höherem Auftrage niederknallte. Er war Jude wie Rathenau. Er war wie er ein geistiger Mensch. Genau wie von Rathenau's Geist hatten sie auch von Lessings Geist keinen Hauch verspürt, als sie ihr mordeten. * " The Manchester Guardian" zeigt eine außer ordentliche Entrüstung über die Ermordung des Professors Lessing. Die Art, mit der die Nachricht von der deutschen Presse aufgenommen worden ist," schreibt das Blatt wörtlich. , ist noch empörender, als die Mordtat selbst. Der Tod des Professors Lessing fügt eine neue Schandtat den Verbrechen hinzu, die die Nazis gegen die politischen Flüchtlinge begangen haben. Die Aufreizungen, die voraufgegangen sind und die Freude, welche die Tat hervorgerufen hat, werfen ein eigenartiges Licht auf die moralische Atmosphäre des nationalsozialistischen Deutschland." * Prof. Dr. Theodor Lessings legte Arbeit„ Deutschland und seine Juden" ist heute im Verlag Neumann u. Co., Prag- Karlin, in zweiter Auflage erschienen. BRIEFKASTEN Mezz. Die Reise erübrigt sich, wenn Sie uns den Bericht schrifts zählungen leicht Ungenauigkeiten ein. Niederschrift ist immer das Sicherste. Der Mord an Professor Lessing tich machen. In solchen Fällen schleichen sich bei mündlichen ErMehrere Verhaftungen Die vorliegenden Nachrichten bestätigen, daß Theodor Lessing von einem gekauften Subjekt niedergeschossen wurde. Durch Zengen, die von der Polizei vernommen wur den, wurde festgestellt, daß der Mörder Eckert drei Tage vor der Tat in Gesellschaft eines Reichsdeutschen gesehen wurde, mit dem er über Professor Lessing und über Deutschland sprach. Da die deutsche Grenze nur eine halbe Stunde weit entfernt ist, war die Flucht des Mörders, der ein ständiger Besucher nationalsozialistischer Versammlungen war, sehr leicht möglich. Von reichsdeutscher Seite soll angeblich eine Kopfprämie von mehreren tausend Mark ausgesetzt worden sein. Wahrscheinlich hat den Mörder auch das Geld gereizt. Er hat den Mord kaltblütig vorbereitet. Die Leiter, auf die Eckert stieg, war mit Tuchfeßen umwunden, damit sie ge= räuschlos auf den Boden aufgesezt werden konnte. Ale Anzeichen denten darauf hin, daß der Mord von mehreren Lenten vorbereitet wurde; ein einzelner hätte die schwere Leiter aus dem Dorfe Schanz nach Marienbad nicht tragen können. Zwei Personen wurden verhaftet, die schon vor einiger Zeit ein verdächtiges Interesse für Lessings Per son an den Tag legten. Schon seit vielen Monaten erhielt Professor Leffing Morddrohungen. Er selbst hat wiederholt die Befürchtung ausge= sprochen, daß die Rache der Nationalsozialisten ihn auch im Ausland erreichen könnte. Ende der vorigen Woche übergab Lessing der Marienbader Polizei einen Brief, worin ihm ein unbekannter Schreiber mitteilte, daß er zum Tode ver= urteilt worden sei. Die Polizei hat die Wohnung Les= sings dauernd überwacht und ihn ersucht, im Zentrum der Ungarischer Csárda Auberge Hongroise 76. Rue Mazarine, Paris 6é Métro Odéon Wiener, Ungarische Küche Französische Spezialitäten Prix fix Menü 8.- francs einschl. Getränk. Auch a la Carte Ungarische Weine Musik jeden Abend Man spricht deutsch Pharmazeutischer Chemiker Flüchtling. Jude mit großen Erfahr ungen, sucht neuen Wirkungskreis. Angebote unter 132 an die„ Deutsche Freiheit" Gelegenheits- Angebot Henry Barbusse Das Feuer Tagebuch einer Korporalschatt Kriegsroman Vollst. Ausgabe Leinenband nur 12,00 Fr. Buchhandlung Volksstimme Saarbrücken 3, Bahnhofstr. 32 Neunkirchen, Hüttenbergstr. 41 Wer beteiligt sich mit 100 000,- fzFrs. an Fabrikationsein richtung f. Herren konfektion Bein Kleider. Fest. Kundenstamm in Belgien u. Frank reich Hohe Ges winnbeteiligung. Seriöse Angeb. erb. ,, Existenz" Hotel Splendid- Suisse, Brüssel- Nord O. Kilchberg bei Zürich. Ihr Brief ist sehr interessant. Es ist verständlich, daß man der gleichgeschalteten Presse überdrüssig wird. Wir wissen nicht, warum das„ Braunbuch" in Bern und in anderen Schweizer Städten so schwer zu haben ist. Es ist denkbar, daß die Behörden Schwierigkeiten machen. Das vorliegende Material dürfte übrigens noch manches„ Braunbuch" füllen. R. Stettin. Verzeihen Sie, aber das sind wirklich„ olle Kamelen", die in der Parteipolemik schon bis zum Ueberdruß vorgebracht wor den sind. Damit können wir unsere Spalten nicht belasten. Besten Dank für den guten Willen. Drohbriefe haben wir seit Jahren so viele bekommen, daß sie auf uns keinen Eindruck mehr machen, wobei wir gerne zugestehen, daß sie ernst gemeint sein mögen. Wir können die fleißigen Briefschreiber an threr Tätigkeit nicht hindern. Ganz fruchtlos sind ihre Buschriften nicht. Ab und zu lesen wir einen solchen Brief, um uns zu vergewissern, ob irgendwo zwischen rohen Beschimpfungen noch ein menschlicher Gedanke aufblizt. Wir suchen immer vergebens. Eine schauerliche Rasse lebt rund um das Heil Hitler!" Köln. Es wäre schön, wenn Ihre Vermutung zuträfe, daß die Folterungen im Braunen Haus an der Mozartstraße und im Volkshaus eingestellt sind Gewißheit haben wir noch nicht. Vielleicht haben die Folterknechte einen kurzen Sommerurlaub nötig gehabt. Fünf Monate Bestialität: das muß doch auch Sadisten etwas anstrengen. Verantwortlich: für die Redaktion Joh. Pit: Inserate Otto Kuhn, beide in Saarbrücken. Druck und Verlag: ..Volksstimme" G. m. b H., Saarbrücken. Schüßenstraße 5. Achtung, Eltern! Ich habe mein Jugendheim aus Deutschland nach St. Cloud bei Paris, 59, Rue des Tennerolles Telefon Val d'Or 0278 verlegt. Reizendes Landhaus, schöner Garten, Privatunterricht, Berufsausbildung, Sport, Gymnastik. Anmeldungen bald möglichst FRAU DR. BERG Deutsche lassen ihre Möbel und sonstigen Stückgüter nach Frankreich einzig und allein befördern durch STERN- EXPRESS 31, Rue de Pétrograd- PARIS 8. 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