Freiheit Nummer 69-1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Freitag, den 8. September 1933 Chefredakteur: M. Braun Gott segne lang das Deutsche Reich, Mags täglich neu sich stärken, Doch schütz es Gott vor Rassenhaß, Vor Klassenhaß und Massenhaẞ, Und derlei Teufelswerken. Viktor von Scheffel. Die Schande des Reichskanzlers Wie Hitlers intimster Freund Streicher in Nürnberg wütet Einer der gefeiertsten Männer des Nürnberger Parteitages der Nationalsozialisten war der Gauführer Frankens, der frühere Volksschullehrer Stretcher. Er ist einer der ersten Mitarbeiter Hitlers gewesen und noch heute gehört er zu seinem engsten Freundeskreise. Hitler hat sich in den Nürn: berger Festtagen mit Streicher brüderlich fotogra= fieren lassen. Der deutsche Reichskanzler solidarisiert fich mit einem Menschen, zu dessen Bestem höchstens anzunehmen ist, daß er an sadistischen Gelüften leidet. Streicher ist der Hauptinitiator der Hitlerschen Juden= verfolgungen in Deutschland. In seinen Nürnberger Blättern, aus denen wir weiter unten einige Proben geben, werden täglich Schmußereien fübelweise aus gegossen, auch sexuelle. Noch immer werden Pranger in Nürnberg aufgerichtet und bewegen sich Schandzüge durch die Stadt. Fotografien solcher Schand züge mit faunisch grinsenden jungen SA. Leuten neben wehrlosen Frauen und Mädchen werden in Streichers Zeitungen veröffentlicht. Der Reichskanzler weiß das. Er muß es wissen. Er billigt nicht nur die Schandtaten des Schweinekerls Streicher. Der deutsche Reichskanzler zeigt sich Arm in Arm mit diesem Menschen. Streicher ist sitlers Schande, wie Hitler Deutsch= lands Schande ist. Nachstehender Brief geht uns von einer Dame aus Nürnberg zu, deren Persönlichkeit für ihre Zuverlässigkeit bürgt. Sehr geehrte Redaktion! Ein Ausflug in das Ausland soll mir Gelegenheit geben, diesen Brief an Sie abzuschicken, den aus Deutschland abzusenden man sich nicht mehr traut. Ich las in einer Ihrer Nummern, daß Sie für einwandfreie Berichte aus Deutschland Interesse haben. Nun, hier will ich Ihnen ein paar Sachen erzählen, die in dem schönen Nürnberg an der Tagesordnung sind. Zum Teil von mir selbst gesehen, zum Teil von ganz einwandfreien Leuten berichtet. Eines Tages holten SA.- Leute einen jüdischen Herrn und ein junges Mädel während eines Spazierganges, hingen ihm ein Schild:„ Ich will kein arisches Mädchen mehr schänden", i hr:„ Ich will mit feinem Juden mehr gehen", um den Hals, schleifte die beiden wehrlosen Menschen durch sämtliche Biergärten, in denen man die Konzerte unterbrechen ließ, um die beiden auf dem Musikpodium auszustellen. Den Herrn, er heißt Reiter, nahm man dann natürlich in Echuzhaft. Ich hatte Gelegenheit( ich bin Krankenschwester und komme mit Leuten aus allen Schichten zusammen), einen jungen Menschen zu sprechen, der bei einer Razzia ebenfalls eingesperrt wurde, in dessen Zelle an dem Abend dieses Sonntags Herr Reiter zum Uebernachten ein geliefert wurde. Er war so zerschlagen, daß er überhaupt nichts mehr sehen konnte, der junge Mensch legte ihn auf seine Pritsche. Am Montagmorgen reiste Herr Reiter fchon weiter nach Dachau. Ob er dort nun schon einen der berühmten Herzschläge bekommen hat, weiß ich nicht, da ich schon 14 Tage von Nürnberg abwesend bin. Auf die Mädels, die irgendwelche Beziehungen zu jüdischen Herren haben, hat man es bei uns ja überhaupt abgesehen. Herr Streicher veröffentlicht in seinem„ Stürmer" Namen, Adressen und Bilder dieser unglücklichen Geschöpfe, und wo eine böse Nach= barin dafür sorgt, daß sie irgendwo erwischt werden können, da spielen sich die abscheulichsten Szenen ab. Ein Mädchen holte man aus dem Cafe Königshof, schleppte es durch die Königsstraße mit Anspuden, Beinstellen usw., bis das arme Ding an der Lorenzkirche ohnmächtig zu: sammenbrach. Kein Mensch traute sich, gegen diese Helden aufzutreten. Eine alte, vornehme Dame, die sagte:„ Aber um Gottes willen, was tun Sie denn, das ist doch nicht recht," schrie man an:„ Du alte Hure, Du hast wohl selbst einen Juden usw." Ein anderes Mädchen führte man mit vollständig fahlgeschorenem Kopf durch mehrere Lokale. Nachts wurde die Arme dann in eine Jrrenanstalt eingeliefert. Eines Tages sah ich einen Zug alter Herren mit weißen Haaren ( natürlich Juden), wie sie von SA.- Leuten wie eine Hammelherde durch die Straßen getrieben wurden. Darunter waren Herren von fast 75 Jahren. Man hatte sie nach meiner Schätzung waren es mindestens 130 morgens vor 6 Uhr aus den Betten geholt und trieb sie nun in drei Abteilungen zu zwei Sportpläßen und zum neuen Flugplatz, um sie dort Steine tarren, Gras rupfen und Wehrsport" treiben zu lassen, nur damit dieser sadistische Streicher sein Mütchen fühlen kann. Es hieß zwar, man hätte ein Protokoll gefunden von einer Geheimversammlung in der Synagoge, aber warum schellte man denn bei einem Arzt, der schon vor einem Jahr gestorben war?! Die Ortskrankenkasse gibt jedem Patienten, der noch bei einem jüdischen Arzt in Behandlung ist, einen Zettel fols genden Inhalts mit: Wissen Sie auch, daß Sie zu keinem jüdischen Arzt gehen sollen?" Warum hat man dann die Kriegsteilnehmer offiziell zur Krankenkasse zugelassen, wenn man ihnen in Wirklichkeit alle Patienten wegnimmt? Beamten und ihre Angehörigen trauen sich schon lange nicht mehr, irgend etwas mit einem Juden zu tun zu haben. Mich sprach einmal eine mir gänzlich unbekannte Person an, als ich aus einem jüdischen Geschäft kam, ob ich mich nicht schämte, mein Geld zu einem Juden zu tragen, ich müßte doch in ein deutsches Geschäft gehen. Na, ich gab meine Antwort: Ich bin durch alles, was ich bis jetzt gesehen und erlebt habe, soweit, daß ich mich schäme, arisch zu sein. Von der Politik verstehe ich nicht viel, ich sehe nur, was mir so täglich begegnet. Diese dauernden Erpressungen für Ependen aller Art, die natürlich freiwillig sind, aber wehe, wer sich ausschließt, den werden wir uns merken!" Dazu müssen Sie sich einen Ton denken wie auf einem Kasernenhof. Ueberhaupt, der Ton, der jetzt bei uns die Musik macht. Jeder kommt sich vor wie ein kommandierender General aus Friedenszeiten und der Mund wird überall schrecklich vollgenommen. Leider imponiert das nicht nur dem Pöbel sehr, für den ja so vieles geschickt berechnet ist, sondern auch viele gescheite und vernünftige Menschen sind in dem Bann dieser Macht. Wenn ich Ihnen nur einige Nummern des„ Stürmer" oder der Fränkischen Tageszeitung" schicken könnte beides Zeitungen des Herrn Ganfanatikers Streicher, mit denen er ein Bombengeschäft macht. Auch der Nationalsozialismus ernährt seinen Mann. Jeder Beamte, jeder Angestellte, jede Wirtschaft muß diese Zeitung abonnieren, natürlich wird niemand gezwungen, aber mehe wenn nicht usw. In den Betrieben sind schon immer eifrig Doppelverdiener" entlassen worden, die paar Mark, die die Leute oft zur Unterstützung Angehöriger ge= brauchen, werden ihnen von den lieben Mitkollegen nicht gegönnt. Unser Oberbürgermeister aber hat neben seiner gutgehens den Buchdruckerei noch ein ehrenamtliches" Gehalt von faft 24 000 Mart. Für unsern armen Dr. Luppe war ein Auto ausreichend, allerdings hatte der auch keine Adjutanten. Jetzt fährt der Oberbürgermeister in einem ehrenamtlichen" fabelhaften Maybach- Wagen, die Adjutanten im zweiten hinterdrein. Wir habens ja dazu. Unser schöner alter Luitpoldshain ist dem Erdboden gleich gemacht worden, die Leute weinten, als sie diese Vers wüstung sahen, für den Reichsparteitag. Wir haben ja auch in Nürnberg sonst keinen Plaz! Aber nur um eine große Tat zu tun, damit der Führer sieht, was ihm geopfert wird.- Leider wird es mir nicht mehr möglich sein, eine weitere Nummer der Freiheit" in die Hände zu bekommen; ich kaufte diese bei einem Ausflug und nehme lesen bekommen, das sehen sie an der aufschlußreichen, mit sie gut verborgen mit herüber. Was wir für Zeitungen zu gleicher Post abgehenden Nummer. Kann sich ein Mensch mit Gefühl für Anstand und Wenschlichkeit dieser Bewegung zu gesellen? Ich sage nein! und bete weiter: Lieber Gott, mach mich stumm, daß ich nicht nach Dachau kumm! Ein Jammer und ein Unglück wird es sein, was aus dieser Jugend wird. Die Hitler Jugend fingt: Weßt das Messer, wezt das Meffer, stoßt es in den Judens bauch usw. und in einem andern Liede kommt vor: In Deutschland wirds erst schön, wenn das Indenblut vom Meffer sprigt nsw. eins Vielleicht wissen Sie schon alles, was ich Ihnen da geschrieben habe legen keinen Wert auf diese Mitteilungen, aber sehen Sie, für mich ist es wie eine Entlastung mal das ausdrücken zu können, was man denkt! Bald wird man nicht mehr denken dürfen. Leider bin ich schreibgewandt genug, um alles auszudrücken, was ich denke... Mir persönlich ist ja durch die„ Na Suchst Du Auch Post chen?" noch nichts geschehen; aber ich kann die Ungerechtigkeiten und Heucheleien nicht leiden und lieber wollte ich in Dachan enden als Gan- Frankenführer sein! Und so denken mit mir noch viele tüchtige und wertvolle Menschen. Vielleicht gewinnen doch wieder einmal Vernunft und Menschlichkeit und Anstand an Boden. Darauf wollen wir hoffen! Siehe auch Seite 3 Hurra! Hurra! Hurra! Eine Reichswehrkundgebung für den Reichskanzler Truppenbesichtigung In Anwesenheit des Reichskanzlers Stuttgart, 7. Sept. Reichskanzler Hitler war in UI m eingetroffen, um an einer Truppenbesichtigung teilzunehmen. Auch Reichswehrminister von Blomberg, ferner der Chef der Heeresleitung, General Hammerstei und der preußische Ministerpräsident Göring waren anwesend, ebenso die Reichsstatthalter Murr, Wagner und Sprenger. Auch mehrere italienische Gäste, darunter General Rossi, nahmen an der Truppenbesichtigung teil. UIm, 6. Sept. Im Anschluß an die Uebungen hielt der Reichswehrminister von Blomberg folgende Ansprache an den Reichskanzler: „ Wir haben die Ehre und Freude, in unserem Kreis den Herrn Reichskanzler zu haben. Ich glaube, Ihrer aller Wollen zu entsprechen, wenn ich aus diesem Anlaß über das Ber: hältnis der Wehrmacht zum Herrn Reichss fanzer spreche. Sie haben alle erlebt, wie die Zustimmung, Begeisterung und Liebe des Volkes zu diesem Manne kundgetan wurde. Wir haben auch erlebt, daß unsere Sol= daten in derselben spontan begeisterten Weise den Kanzler in unserer Mitte begrüßt haben. Das dürfte kein Wunder sein, denn wir sehen in diesem Manne den Soldaten, der während des Weltkrieges vier Jahre Frontkämpfer war, der dann 14 Jahre lang in politischen Kämpfen zum Wohle Deutschlands der Führer war und jeßt Führer des deutschen Volkes geworden ist. Wir verdanken ihm viel. Denn er hat im neuen Reich der Wehrmacht den Plaz anges wiesen, der ihr gebührt. Er gab uns die alten ruhms reichen Fahnen und Kokarden wieder, brachte uns, als er die Regierung übernahm, vollstes Vertrauen entgegen. Wir sehen die Sorge, die Arbeit, die Verantwortung und die Ents schlußfreudigkeit dieses Führers und fragen uns: Was geben wir? Nun, wir geben unser vollstes Vertrauen, rückhaltlose Zuverlässigkeit, unerschütterliche Hingabe an uns seren Beruf und den Entschluß, in diesem neuen, neugeformten und nendurchbluteten Reich zu leben, zu arbeiten und, wenn nötig, zu sterben. Diesem Gelübde wollen wir Ausdruck geben in dem alten Schlachtruf, der üer hunderte von Schlachtfeldern brauste: Adolf Hitler, des Deutschen Reiches Kanzler, des deutschen Volkes Führer Hurra!" Amtliche Greuelnachricht 80 müssen fasten... Als Vergeltung dafür, daß Angehörige einer kommunistis schen Kolonne in der Nacht zum Sonntag einen SS.- Mann durch Oberschenkelschuß verwundet haben, hat der Polizeiherr von Hamburg angeordnet, daß 80 Funktionäre der K. P. D. im Konzentrationslager Wittmoor für drei Tage in verschärfte Haft zu nehmen und ihnen für die gleiche Zeit die Mittagsmahlzeiten zu entziehen find.| Rüstungskontrolle als Zentralproblem Hitlers außenpolitische Wirkung: die Einkreisung Deutschlands Paris, 7. September. Es ist fein 3weifel mehr erlaubt, daß die nationalsozialistischen Rundgebungen von Tannenberg, vom Niederwald und von Nürnberg das außenpolitische Un= glück Deutschlands vollendet haben. Die englische Preffe beteiligt sich in erhöhtem Maße und in scharfer Zuspigung an den Alarmmeldungen über geheime Rüstungen Deutschlands. Kennzeichnend ist, daß die so zurückhaltende " Times" sich zum Sprachrohr des französischen Kontrollplanes macht. Ihr Pariser Rorrespondent schreibt ganz im Sinne und im Stile der französischen Regierung, daß die Frage der fünftigen Abrüstung Frankreichs durch die Frage der bevorstehenden deutschen Aufrüstung in den Schatten gestellt werde. Er verweist nachdrücklich auf das in der Abrüstungsdebatte oft erwähnte Dossier der französischen Regierung mit Beweismaterial über die deutschen Rüstungen. Jede Anschuldigung, für die fein überzeugendes Beweismaterial vorliege, sei aus dem Aftenstück entfernt worden. Die französische Regierung erwäge ernstlich. ob es nicht ratsam sei, die Angelegenheit in Genf vorzubringen, bevor es zu spät sei. Die 0 Ausland mit Mißtrauen. Sicherlich, es gibt einen sehr beruhigenden Satz in Hitlers Rede, der vielleicht geeignet ist, seinen Anhängern allmählich die Vorstellung zu nehmen, die ihnen eingeimpft worden ist, daß nämlich nur militärische Taten Deutschland die Stellung wiedergeben könne, die es vor 1918 eingenommen hat. Die Welt wird aber dazu ge= bracht, die Führer des neuen Deutschland mehr nach ihrer Politik als nach ihren Worten zu beurteilen, und sie hat noch keinen Grund, sich beruhigt zu fühlen, wenn sie sich an dieses einzige Kriterium hält." ,, Niemals" Berlin, 7. Sept. Die Berliner Presse ist einmütig auf das Stichwort„ Niemals" gegenüber den französischen Kons troйplänen eingestellt. Vor der Kontrolle müsse die Abs rüftung der großen Militärmächte tommen. Den Franzosen sei es nicht um die Abrüstung, sondern nur um die dauernde Entmachtung Deutschlands zu tun. endgültige Entscheidung darüber sei erheblich von dem Grade Gegen Deutschland! der Unterstützung abhängig, die Frankreich von den anderen Regierungen erhalte. Paris nimmt an, daß die Billigung des französi schen Kontrollplanes durch den amerikani= schen Präsidenten auch die zustimmende Erklärung Englands, an der nicht mehr geaweifelt wird, beschleunigt werde. Paul Boncour bemüht sich zur Zeit auch um Italiens Unterstüßung. Die Außenpolitik Frankreichs, Entweder Odcr Baris, 7. Sept. In einer längeren Borbetrachtung an bevorstehenden Bölkerbundsverhandlungen schreibt " Matin"( de Korab):„ Nach unserer Ansicht werden die Berhandlungen im Bölkerbundsrat, auf der Bölkerbundshandlungen im Völkerbundsrat, auf der Völkerbunds: versammlung, im Abrüstungsbüro und im Hauptausschuß den Prüfstein für den Völkerbund darstellen. Sie werden uns Lord Grey gestorben Einst der in Deutschland am meisten gehaẞte Mann London, 7. Sept. Lord Gren of allodon ist heute morgen 6.05 Uhr im Alter von 72 Jahren gestorben. Edward Grey, Viscount of Fallodon, wurde am 25. 4. 1862 in Orford geboren. Er kam 1885 als Liberaler ins Parlament und 1892-1895 parlamentarischer Unterstaatssekretär. Im Jahre 1905 wurde er Staatsekretär des Auswärtigen. Als solcher hatte Grey maßgeblichen Anteil an der Festigung der Entente mit Frankreich und am Abschluß des Abkommens mit Rußland. In den kritischen Tagen des Juli und August 1914 galt Grey in Deutschland als der Hauptschuldige des Eingreifens Englands in den Krieg. nnd wurde entsprechend gehaßt. Später zeigte sich, daß die Propaganda der damaligen deutschen Reichsregierung gegen Grey einen Mann traf, der feineswegs schlechthin als deutschfeindlich anzusprechen war. So hat er im Jahre 1928 im Vorwort zu einer Neuauflage seines 1925 zuerst erschienenen Memoirenbuches nachdrücklich gegen den Artikel des Versailler Vertrages protestiert, der die Kriegsschuldlüge enthält. Im Jahre 1916 trat Grey von seinem Posten als Außenminister zurück, wobei ein Augenleiden als Anlaß diente. Gleichzeitig wurde er als Viscount Grey of Fallodon in den Pearstand erhoben. Nach dem Kriege war er 1919-1920 als Botschafter in Washington tätig, um dann nochmals als Führer der unabhängigen Liberalen und Gegner Lloyd Georges hervor. zutreten, bis er sich 1924 vorübergehend vom politischen Leben auf seine Besitzungen in Nordhumberland zurückzog. Seit dem Jahre 1929 war Lord Grey dann erneut politisch tätig, und zwar als Vorsitzender des großen Parteirates der liberalen Partei. die zur Zeit öffentlich kaum hervortritt, ist mit stärkster zeigen, ob der Bölkerbund wirksam ist oder ob er fich als Ein Kardinal verkündet: Energie auf die Durchführung der Rüstungskontrolle fonzentriert. Norman Davis und Simon London, 7. Sept. Ueber die geftrige zweistündige Unters redung zwischen Sir John Simon und Norman Davis glaubt„ Daily Telegraph" berichten zu können, daß der ames rikanische Bevollmächtigte die Unterstügung einer Politik ber Ueberwachung der Rüstungen in Anssicht gestellt habe unter der Bedingung, daß es eine wirkliche Rüstungsverminderung gebe. Norman Davis erklärt: " Die Bereinigten Staaten würden einen europäischen Nichtangriffspakt gerne sehen. Als Anhänger der Abrüstung unterstützen wir den britischen Plan, dessen Einzelheiten noch gründlich erörtert werden sollen. Was die Kontrolle angeht, so halten wir es für unvermeidlich, daß eine ständige Organisation damit beauftragt wird, sie auss auüben, Englische Stimmen Der„ Daily Herald", das Organ der Arbeiterpartei, betont die Notwendigkeit der Abrüstung. Er führt aus: ,, Die Lage ist gegenwärtig schwieriger als sie jemals seit Beginn der Genfer Konferenz gewesen ist. Um so mehr ist es notwendig, faltes Biut zu bewahren. Wenn man sich überdies entschlossen zeigt, von dem Mechanismus der Sant= tionen, über den der Völkerbund gegen jeden zum Kriege entschlossenen Staat verfügt, im vollen Umfange Gebrauch zu machen, so ist es möglich, den Frieden zu retten. Nichts rechtfertigte eine Politik der Verzweiflung oder eine Rückkehr zu den Vorfriegsmethoden. Nichts rechtfertigte auch einen Verzicht oder eine Lässigkeit in der Bemühung um die Abrüstung." Die Liberale News Chronicle" betrachtet die Lage vor allem im Zusammenhang mit den Absichten und geHeimen Vorbereitungen des Reichs. Sie schreibt:„ Unserer Ansicht nach ist es von höchster Wichtigkeit, daß die französische und englische Regierung, wie alle anderen, die genaue Kenntnis über die Absichten Deutschlands besigen, ihr Material den Mitgliedern des Völkerbundes mitteilen. Die Frage muß dann zu einer weltpolitischen werden und eine geschlossene Aktion des Bölkerbundes herbeiführen. Norman Davis wird von Sir John Simon über alle Tatsachen, die der britischen Regierung bekannt sind, unterrichtet werden. Diese werden dazu beitragen, die Gründe zu unterftüßen, welche für eine Zurückziehung des britischen Ron trollplans und zugunsten des unendlich wirksameren frans zösischen Plans sprechen. Die Frage der Rüstungen ist jetzt in ein Stadium getreten, in dem alle Winkelzüge im egoistischen Interesse einer einzigen Macht für den Frieden Europas verhängnisvoll werden würben." Die Times" äußert fich aur Brage beß europäischen Friedens, indem sie sich über die Nürnberger Tagung flar zu werden sucht. Sie führt aus: Die nationalsozialistische Proflamation erklärte, daß die Rundgebungen zum Ziele haben, den Glauben jedes einzelnen an den Endsieg zu stärken und eine große geistige und psychologische Bewegung für den weiteren Kampf zu propagieren. Ein Kampf gegen wen und ein Kampf für was? Diese Fragen stellt sich das Letzte Meldungen Neuyort. Wie das Neuter- Büro in Berichtigung seiner ersten Meldung mitteilt, hat es sich herausgestellt, daß bei bem schweren Eisenbahnunglüd in Binghampton nur 14 Tote und 20 Berletzte zu beklagen sind. Die Wirbelsturmfatastrophe, die die Rüftenplätze des Staas tes Texas heimgesucht hat, forderte nach den hier vorliegen= den Meldungen in der Stadt Brownsville 32 Todesopfer. 1506 Personen sollen verlegt sein. Laut Bundesbefehl des Stahlhelmbundesführers Reichss arbeitsminister Selbte findet die Reichsführertagung des Stahlhelms am 23. und 24. September in Hannover statt. Stabschef Röhm hat sein Erscheinen zugesagt. An Stelle des verstorbenen Marineminifters Leygues wurde der bisherige Kolonialminister Sarrant zum Kriegsmarineminister und der radikale Abgeordnete Dalimier zum Rolonialminister bestimmt. Brändent Roosevelt hat den Marineminifter Swanson angewiesen, fich an Bord des Kreuzers Indianapolis" sofort nach Havanna zu begeben. völlig unnütz und gefährlich erweist. Gemäß den Erklärungen Paul Boncours in Trebeurden werden wir logischer: weise verlangen müssen, daß der Völkerbund seine Aufgabe erfüllt, denn nur so lassen sich die gewaltigen Summen rechts fertigen, die wir in unseren Haushalt für den Völkerbund eingesetzt haben. Anscheinend dürfte es nach dieser Richtung fein allzu großes Hin und Her unter den Hauptmächten geben. Bor seiner Einschiffung nach Europa und sogar nach seiner Ankunft in Plymouth hat der Vertrauensmann Roosevelts, Norman Davis, von der Notwendigkeit einer Rüstungs= kontrolle gesprochen. Das war, wie man uns versichert, auch die Ansicht der englischen Minister, die übereingekommen sein sollen, eine effettive, ständige" und wie wir hinzufügen fofortige" Rontrolle zu fordern. Das ist eine Borbedingung, ohne die man unmög: lich wissen kann, wohin man steuert. Nicht etwa nach dem Abschluß eines Abrüstungsabkommens darf man eine Kons trolle herstellen. Jezt muß das geschehen, um die Verhand= Inngen auf eine ernste Grundlage zu stellen. Die Nichts einhaltung dieses Verfahrens hat dahin geführt, daß die Berhandlungen, die sich seit 20 Monaten hinschleppen,? nichts dienten. Um die europäischen Rüstungen vertraglich festzustellen, muß man zunächst wiffen, über welche Kräfte der evtl. Gegner verfügen tann. Aber darüber weiß man nichts. Denn es wäre heute wirklich sehr naiv oder böswillig, zu glauben, daß diese Kräfte die vom Versailler Vertrag festgesetzten bleiben." Daß diese Ausführungen des" Matin" gegen niemanden anders als gegen Deutschland gerichtet sind, ergibt sich aus den weiteren Darlegungen, in denen es zum Schluß heißt:„ Bor Beginn der akademischen Aussprache über Art. 4 A von Kapitel 1 oder über den Anhang zu Teil 3 des eng lischen Planes wird der Völkerbund uns zunächst darüber Aufschluß geben müssen, was hinter den großen, granen Betonmanern der deutschen Fabriten sich abspielt. Wenn Deutsch: land sich dagegen sperrt, dann wird die Lage an Klarheit nur gewinnen. Wenn Deutschland dagegen annimmt, werden wir nicht so nai sein, zu glauben, daß im Falle einer Feststellung von Vers fehlungen automatisch eine Kollektivsanktion in Straft treten tönne. Aber wenigstens werden wir wissen, woran wir sind. Die Welt wird gewarnt sein und urteilen können. Dann hätte der Völkerbund wenigstens zu etwas gedient. Tun wir das Notwendige" Paris, 7. Sept. Der frühere Präsident der Republik, Doumergue, weilte kürzlich in Paris und wurde von einem Mitarbeiter des„ Petit Journal" zu Aeußerungen über die allgemeine innen und außenpolitische Lage veranlaßt. U. a. erklärte er zum Abrüstungsproblem: Frankreich hat in der Abrüftungsfrage alles getan, was in seinen Kräften steht. Reine andere Nation hat so viel Ofer gebracht. Wir sehen dagegen um uns herum viele Länder, die ihre Militärmacht steigern. Ich will annehmen, ohne Angriffsgedanken, viel: wenn nötig mehr an dem 3wed, fich verteidigen zn können. Aber das liegt nicht im Sinne der Politik von Gent. Auch wir können eines Tages dahin kommen, uns vers teidigen zn müssen. Tun wir also das Notwendige und gehen wir nicht über das hinaus, was wir brauchen, um uns Achtung zu verschaffen und unsere Grenzen zu sichern. Wien die ,, Herzkammer des Heiligen Römischen Reiches" In Wien tritt in diesen Tagen der Allgemeine deutsche Katholikentag zusammen. Seit Jahrzehnten haben sich die deutschen Katholiken nicht in solcher Lage befunden wie heute. In Oesterreich nehmen die Katholiken am Kampfe gegen den Nationalsozialismus teil in Deutschland sind sie nicht nur zwangsweise von ihm gleichgeschaltet worden, sondern sie bemühen sich auch um eine geistig- seelische Anpassung an die Lehren des dritten Reichs". Der Erzbischof von Wien, Kardinal Innizer, hat wie sich aus seinem Geleitwort zum Allgemeinen Deutschen Katholikentag ergibt, dem Geist von Potsdam keine Konsession gemacht. Seine Liebe gehört Wien: Heiliger Herd, aus dem der Glaube dieser Sendung in nener kraftvoller Glut auflodert und immer mehr die Herzen des ganzen Voltes ergreift. Wahrhaft ist heute noch Wien, das wahrhaft kaiserliche Wien und sein öfters reichisches Land. Hier ist mehr als Ostmart. Hier ist mehr als Grenzland. Sier ruht des alten Heiligen Römischen Reiches heilige Kaiserfrone und wenn erst das ist nicht Sache der Politit, das ist Sache des Geiftes und des Glaubens und darum darf ich es sagen dieses katholische Wien wieder seinen ganzen Sinn fennt und wenn seine Stellung als innerste tm Herzkammer Reiches deutschen Volt wieder anerkannt wird, erst dann wird dieses deutsche Volt seine Sendung erfüllen können, erst dann das christliche Abendland aus seiner lebendigen Mitte neues Leben, nene Kraft, neue Größe gewinnen. Das zu bezeugen, das zu verwirklichen ist der Sinn der großen Tage, die uns beseelen. des ganzen Der Kardinal hat an die wundeste Stelle des abendländischen Katholizismus gerührt, denn er weiß, wie viel deutsche SA.- Katholiken heute am liebsten gegen Wien, die Herzkammer des Heiligen Römischen Reiches, marschieren möchten. Um die spanische Regierung Angriffsrede des Radikalsozialisten Lerroux Madrid, 7. Sept.( Havas.) Der Führer der Radikalsozia listen, Perroug, griff gestern in der Kammer das Kabinett Azana scharf an. Er warf ihm vor, nach diktatorischen Mes thoden zu regieren und das Vertrauen der Oeffentlichkeit nicht mehr zu besitzen. Man müsse daher die Frage stellen, ob die Regierung am Ruder zu bleiben gedenke. Ministerpräsident Azana erwiderte, die Regierung wende keine dik tatorischen Maßnahmen an, aber es sei sehr schwer, ein Volt zu leiten, das gewohnt gewesen sei, blindlings den Befehlen eines Diktators zu gehorchen. Im übrigen sei er überzeugt, daß die Mehrheit der Kammer immer noch hinter der Regierung stehe. Die Opposition verließ nach dieser Erklärung den Sizungssaal, worauf der Regierung mit 146 gegen dret Stimmen das Vertrauen ausgesprochen wurde. fteigern. Ich will annehmen, ohne Angriffsgedanken, viel: Eine jüdische Weltkonferenz Die gestern von einer Nachrichtenagentur verbreitete Mel: dung, daß Edouard Herriot zum Ehren obersten der Roten Armee ernannt worden sei, wird hier als irre= führend bezeichnet. Nach einer Erklärung der amtlichen Nachrichtenstelle ent: behren die Gerüchte über Rüdtrittsabsichten des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß jeder Grund= Lage. Im chinesischen Honan- Gebiet wurden 1400 Dörfer von Ueberschwemmungen heimgesucht und dadurch eine Million Einwohner obdachlos. Die heutige Morgenausgabe des Berliner Tageblatts ift in Beanstandung eines Artikels über die Generalsynode bes schlagnahmt worden. 30 Organisationen sollen vertreten sein Zürich, 6. Sept. Wie aus Genf mitgeteilt wird, trat dort gestern abend die dritte vorbereitende Tagung für eine Jüdische Weltkonferenz zusammen. Die provis forische Liste enthält die Namen von 30 Teilnehmern, die etwas mehr als 30 jüdische Organisationen der ganzen Welt vertreten. Ueber die Aufgaben dieses Kongresses erfährt die " Nene Zürcher Zeitung", daß die Genfer Weltkonferenz im Unterschied zu dem Prager Kongreß, der sich ausschließlich mit der zionistischen Frage befaßte, daß Forum sein wolle, vor dem alle diejenigen Probleme behandelt werden, die die Gesamtheit der Judenschaft angehen. Die Schwierigkeiten, die der Schaffung eines solchen Organs im Wege ständen, hätten bisher in der Unfähigkeit der Juden gelegen, sich für die gemeinsame Sache zu einigen. Selbst an= gefichts der für das ganze Judentum tragischen Vorgänge in Deutschland schienen die Auffassungen geteilt zu sein. Wäh rend die einen auch heute noch im deutschen Antisemitismus bloß eine vorübergehende Erscheinung fähen, beurteilen die anderen, zu denen die Initianten einer Jüdischen Welts konferenz gehörten, die Lage als außerordents lich ernst. Schon auf der jeßigen Tagung folle außer der Frage der Organisation einer ersten Jüdischen Weltkonferenz im besonderen die Behandlung der Juden in Deutschland vom internationalen Standpunkt aus beleuchtet werden. In Bergedorf wurden 15 Angehörige des Reichsbanners, darunter der ehemalige Bürgermeister und der frühere Lei= ter der Polizei, unter dem Berdacht der Verschiebung von Waffen des Reichsbanners in Schuzhaft genommen. Infolge des durch daß Hochwasser verursachten allgemeinen Zwölf Todesurteile beantragt! Elends verbreiteten sich in der ganzen Moldau Aussatz und Malaria. In Jassi sollen mehr als 10 000 Personen von dies sen Krankheiten befallen worden sein. Im Hilmer Mordprozeß beantragte der Staatsanwalt ges gen die Angeklagten 12 Kommunisten der Gerresheimer und Erkrather Rotfronttruppe die Todesstrafe. 1 Ueberflüssig und gefährlich Siehe auch Seite I Von Dr. R. Thorwesten Hitlerdeutschland- daran kann kein Zweifel sein ist in der Welt politisch und moralisch iso= liert, mehr isoliert als das Deutschland des großer Krieges. Seine Machthaber wissen es, ja, in gewissen Momenten geben sie es offen zu und rühmen sich, aus der Not eine Tugend machend, der stolzen Vereinsamung. Die Massen wissen es nur zum Teil. Sie fühlen es vielleicht, aber sichere Kunde dringt nicht zu ihnen. Die ausländischen Zeitungen, die es ihnen deutlich vor Augen führen könnten, sind verboten, und die inländischen müssen schweigen oder lügen. Zu ihnen reden kann niemand, ohne sich der Gefahr brutalster Verfolgung auszusetzen. Auf diese Massen des deutschen Volkes aber kommt es an, und deshalb ist es verhängnisvoll, wenn ihnen nicht nur von der eigenen Regierung, sondern auch von den fremden etwas vorgespiegelt wird. Und das ist jetzt in Nürnberg bei Gelegenheit des sogenannten Parteitages der Nationalsozialisten ge= schehen. Der deutsche Arbeiter und der deutsche Durchschnittsbürger erfahren nicht, was die maßgebenden Stellen und die maßgebenden Organe der öffentlichen Meinung in Paris, London und anderwärts über dieses Spektakelstück denken und aussprechen. Sie vernehmen nicht die abfällige und besorgte Kritik, die an dem militärischen Schaugepränge geübt wird. Es kommt ihnen nicht zum Bewußtsein, wie ungünstig auch dieses Theater auf die Stimmung draußen ge= wirkt hat, und wie es in der Hauptsache nur unter dem Gesichtspunkt gewirkt hat, daß die von Deutschland drohende Gefahr aufs neue hervorgehoben wird. Die Massen haben die Anwesenheit der frem ben diplomatischen Vertreter festgestellt, und niemand kann ihnen verübeln, wenn sie daraus den Schluß ziehen, daß Deutschland und sein gegenwärtiges Regime geachtet und vielleicht sogar geliebt wird. 3war sind nicht alle die Diplomaten gekommen, die man angekündigt und erwartet hatte. Die Botschafter Frankreichs, Englands, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion waren beispielsweise nicht erschienen. Aber eine ganze Reihe war doch als geehrte und hofierte Festteilnehmer zugegen. Mußte das sein? Geboten etwa Pflichten der internationalen Höflichkeit die Anwesenheit? Es handelte sich doch nicht um einen Staatsakt, sondern um den Kon greß einer Partei, und zuvor hat man nie vernommen, daß die Gesandtschaften der Partei eines Landes, in dem sie beglaubigt waren, Ehrenbezeugungen erwiesen, auch nicht, wenn diese Partei an der Regierung mar. Oder wurde es für nötig gehalten, die Vorgänge, die fich abspielten, zu beobachten? Das hätten die Herren bequemer haben können. Die Reden vermittelten der Rundfunk und die pflichtmäßig begeisterte Presse, und schließ lich hatte man ja schon zur Genüge nationalsozialistische Festveranstaltungen erlebt. Das ist Hitlers Freund $ 2 Dokumente des ,, Geistes" um den deutschen Staatsführer Die Verfasserin des ausgezeichneten Briefes aus Nürn berg, schickte uns gleichzeitig auch die Nr. 87 der„ Fränkischen Tageszeitung" Streichers. Die Nummer ist mit einem großen Bilde des Reichskanzlers verziert, das Hitler eigens seinem Busenfreunde Streicher zur Verfügung gestellt hat. In dieser einen Nummer finden wir in einem Wust anderen Schlamms folgende Notizen: Uns ging eine Mitteilung zu, daß auf den Eintrittskarten für unser Schauspielhaus noch Reklame für eine jüdische Firma gemacht wird. Wir haben uns sofort an unseren Pg. Oberbürgermeister Liebel gewandt und von diesem die Zusicherung erhalten, daß diesem Uebelstande sofort abgeholfen wird. Das ist prompt gegangen Hatte da der Jude az ir. erstens schon die Frechheit, vor der Anschlagtafel des Hitlerhauses in Fürth stehen zu bleiben und die nationalsozialistischen Zeitungen zu lesen; zweitens die Dreistigkeit, ganz ungeniert und auffällig zu lechen und abfällige Aeußerungen laut werden zu lassen. Unsere Antwort kam aber auch sehr prompt. Der Posten holte sich das Jüdlein auf die Wache, wo es vernommen und dann an die Polizei weitergegeben wurde, um dann umgehend nach Dachau befördert zu werden. Jawohl, das gab es auch noch An der Geschäftsstelle der NSDAP. in Fürth ist eine Prangertafel für die ehrvergessenen Mädchen, die sich mit Juden einlassen. Eines von diesen angeprangerten " deutschen" Mädchen verreiste nun vor einigen Tagen mit ihrem Plattfüßler; das gibt es heute leider noch hie und da! Aber ein Verwandter dieses Mädchens brachte folgendes fertig: Er ging mit dem Parteiabzeichen und dem Koffer dieses Mädchens an die Bahn mit, leistete dem Mädchen für die Reise mit dem Juden alle möglichen Kavalierdienste. Das darf es nicht mehr geben. Die Internationale hat sich durch den Besuch belastet gefühlt, den Henderson als Vorsitzender der Abrüstungskonferenz dem deutschen Reichskanzl.r in München abgestattet hat. Was in Nürnberg ge schah, war wesentlich schlimmer, und wir möchten hoffen, daß die dänischen und schwedischen Sozialdemokraten das ihren Kabinetten, die sich nebenbei in demokraten das ihren Kabinetten, die sich nebenbei in Berlin durch einen königlichen Kammerherrn und durch einen Aristokraten vertreten lassen, recht deutlich zu Ges müte führen. Daß der Botschafter Mussolinis das Fest durch seine Anwesenheit zierte, war selbstverständlich, daß die Repräsentanten von Arbeiterregierungen den Arbeitermördern sozusagen zu internationalem Ansehen verhalfen, mördern sozusagen zu internationalem Ansehen verhalfen, bleibt unverzeihlich. Nein, der Besuch dieses Jahrmarkts der Braununifor mierten war deplaciert und in keiner Weise zu rechtfertigen. Er mußte den Eindruck erwecken, als ob die Eckert, der Mörder Länder, deren Würdenträger erschienen waren, nicht nur der allgemeinen Politik, sondern auch den diese Politik begleitenden verbrecherischen Untaten ihre verständnisvolle Sympathie erweisen wollten. Noch dazu in Nürn berg, einer der Städte, in denen der nationalsozialistische Terror gegen Marxisten und Juden am schlimmsten ge= mütet hat. Am allerunverständlichsten und am allerbedauerlichsten aber ist die Beteiligung dänischer und schwedischer Diplomaten. Jn Dänemark und Schweden sind Regierungen am Ruder, deren entscheidende Stellen durch Sozialdemokraten besetzt sind. Haben sie kein Empfinden für das Gefühl, das bei den Arbeitern aller Länder durch diese Reverenz vor Adolf Hitler erweckt werden muß? Gar nicht zu reden davon, daß Dänemark noch dazu unter den frechen Angriffen der deutschen Nationalisten in Nordschleswig leidet. Fontamara 4 ROMAN VON IGNAZIO SILONE Die Eingabe selbst war nicht da. Cavaliere Pelino kannte fie nicht. Er gab uns sein Ehrenwort, daß er sie wirklich nicht tenne. Die Eingabe sei von seinem Vorgesetzten geschrieben worden. Ihm obliege nur, Unterschriften zu sammeln, und den Cafoni: sie zu geben. " Verstanden?" und erklärend fügte er hinzu:„ Die Zeit, in der die Cafoni übergangen und verachtet wurden, ist vorbei! Jetzt haben wir eine neue Obrigkeit, die großen Respekt vot den Cafoni hat und deren Meinung hören will..." " Darum unterschreibt! Würdigt die Ehre, die die Obrigkeit euch erweist, indem sie euch einen Beamten schickt, um eure Meinung zu vernehmen." Wir waren noch mißtrauisch. Generale Baldissera aber, der die letzten Erklärungen gehört und sich unterdessen genähert - ganz unhatte, sagte- wie die Schuster nun einmal sind vermittelt: „ Wenn der ehrenwerte Herr mir versichert, daß es sich nicht ums Zahlen handelt, unterschreibe ich als Erster..." Und er unterschrieb als Erster. Dann ich. Dann Pontius Pilatus, der neben mir stand. Dann Michele Zompa. Dann Marietta. Und die andern? Wie konnte man sie fragen? Es war unmöglich, zu dieser Stunde von Haus zu Haus zu gehen. Cavaliere Pelino fand die Lösung: wir sollten ihm die Namen aller andern Cafoni von Fontamara diktieren und er würde sie buchen. So wurde es gemacht. Bei einem einzigen Fall ergab sich eine Diskussion, nämlich bei Berardo Viola. Wir versuchten, Cavaliere Pelino klar zu machen, daß Berardo in gar keinem Fall unterschrieben hätte. Aber auch sein Name wurde gebucht. Der zweite Bogen war bereits mit Namen gefüllt und der Stadtmensch hatte schon dreißig bis vierzig Streichhölzer verbraucht, als ihm etwas in die Augen stach. Etwas auf dem Tisch machte ihm Eindruck, efelte ihn an. Auf dem Tisch war nichts. Er zündete ein neues Streichholz an und untersuchte Nach alter Methode haben gleichgeschaltete Blätter vers sucht, den Mörder Theodor Lessings den Sozialdemo= fraten zuzurechnen. Was ist Wahrheit? Mar Edert war seit dem Vorjahre aktives Mitglied der Sektion Schanz des deutschen Turnvereins Jahn in Klemensdorf. Bei diesem deutschen Turnverein war Eckert sogar bis zulegt Vorturner und hat da auch oft das Kinderturnen geleitet. Er ist gleich falls seit dem Vorjahre Mitglied der Gewerkschaft deutscher Arbeiter, der NSBO. im deutschprachigen tichechoslowakischen Gebiet. Die Mitgliedskarten beider Korporationen wurden bei der Hausdurchsuchung in der Wohnung Eckerts vorgefunden und befinden sich im Besig der Untersuchungs: behörden. Aufregung um jeden Preis! Die„ Prager Presse" schreibt zu dem Mord in ihrem Leitartikel:„ Bei der Beurteilung der Tat fällt zunächst und vor ihn aufmerksam. Er neigte sich so tief hinunter, daß er fast mit der Nase anstieß. Dann deutete er mit dem Finger auf einen Punkt und meckerte mit seiner Ziegenstimme: Was ist denn das? Von wem stammt diese Schweinerei? Wer hat sie mitgebracht?" Suchte er Streit? Niemand antwortete. Generale Baldissera ging aus Vorsicht weg. Der Fremde wiederholte seine Frage vier-, fünfmal. Er zündete drei Streichhölzer auf einmal an, damit es über dem Tisch heller wurde. Da sah man, daß sich etwas bewegte. Nichts Schreckliches, aber es war etwas da. Pontius Pilatus erhob sich als Erster, beugte sich darüber, betrachtete es und sagte: ,, Nicht von mir!" „ Ich tat das gleiche. Besah, berührte, wendete das Insekt, wendete es mit dem Pfeifenstiel noch einmal: ,, Wirklich und wahrhaftig nicht von mir!" Michele Zompa tat, als hätte er nichts gehört und schaute rauchend in die Luft. Auch Marietta beugte sich über den Tisch, sah das Insekt, das schon in der Mitte des mit Namen bedeckten Bogens angekommen war, lange an, nahm es auf die Hand, warf es mitten auf die Straße, und sagte: „ Sonderbar!... Höchst sonderbar!... Eine neue Art... dunkler, länger, mit einem Kreuz auf dem Rücken..." Michele Zompa sprang schreiend auf: „ Was?... Wie?... War wirklich ein Kreuz auf dem Rücken? Und du hast sie weggeworfen? Haft die Laus des Papstes weggeworfen? Haft die Laus der Verständigung weggeworfen? Unglückselige, Berfluchte, Verworfene!..." Niemand wurde klug daraus. Da fing Michele zu erzählen an: „ Es handelt sich um einen Traum, den ich im vorigen Winter hatte. Ich habe ihn dem Kanonikus Don Abbacchio erzählt. Dieser riet mir, darüber zu schweigen. Jetzt aber, wenn Marietta nicht lügt- ist ER erschienen. ER ist erschienen und ich kann sprechen. Nach dem Frieden zwischen Kirche und Staat, erklärte uns Don Abbacchio wie ihr euch wohl erinnern werdet daß für die Cafoni jetzt eine Zeit des Glücks beginne, denn der Papst habe für uns von Christus viele Erleichterungen erhalten. Da habe ich im Traum den Papst mit dem Getreuzigten disputieren hören. Juden haben im Gesellenhospiz keinen Zutritt Auch am Gesellenhospiz ist nun ein Plakat obigen Inhalts angebracht. Es ist also wieder eine schöne Erholungsstätte in Fürth von der Mischpoche frei, so daß sich die deutschen Volksgenossen wieder dieser schönen Gartenwirtschaft erfreuen können. Sie finden erst Ruhe, wenn sie am Jordan angelangt sind In Nürnberg, in Fürth und in fast allen anderen Städten Mittelfrankens ist den Juden der Zutritt, insbesondere zu den öffentlichen Bädern mit Recht untersagt. Sie sind daher gezwungen, nach neuen Erfrischungskurorten zu suchen. Als Wüstensöhne lieben sie ganz besonders sandreiche Uferstrände. So kam es denn vor einigen Tagen, daß plößlich am Rednißufer bei Limbach und Kazwang einige Fürther Plattfüßler auftauchten. Zuerst etwas schüchtern, dann aber um so fecker. Als sie aber die Stimmung der dort weilenden Schwabacher Badegäste merkten, verschwanden sie eiligst in südöstlicher Richtung, dem Flußbette der Rednitz folgend. Sie werden auch weiter südöstlich kein Glück haben, es sei denn, daß sie ihre Wanderung solange in derselben Richtung fortsetzen, bis sie in ihrer Heimat, am Jordan, angelangt sind. Dort mögen sie dann baden, solange sie daran Gefallen haben, uns Deutsche stören und belästigen sie dann wenigstens nicht mehr. Der Bauer hat vom Juden genug Laut einstimmigem Beschluß des Gemeinderates Großgrünlach vom 15. August wurde den Juden der Zutritt in das Dorf verboten. Sollte einer dieser Hebräer sich erlauben, trotz Verbot sich in das Dorf zu schleichen, so werden die Bauern dafür sorgen, daß er ungeheuer schnell wieder hinausfliegt. allem auf, daß es die Meuchelmörderzentrale sorgfältig vermeidet, auf das Gebiet einer der benachbarten„ Großmächte" überzugreifen. Ein weiterer auffälliger Umstand ist es, daß die Attentate, Grenzüberschreitungen und Morde hauptsäch= lich in solchen Gebieten stattfinden, wo eine zahlreiche deutschsprachige Bevölkerung offenbar in Aufregung gehalten werden soll, um Widermillige einzuschüchtern, um Willige aufzumuntern. Die deutsche Grenze soll in ihrer ganzen Ausdehnung offenbar zu einer fließenden Grenze gemacht werden, die Leute sollen sich offensichtlich daran gewöhnen, die Macht der neuen Bewegung immer vor Augen zu haben. Deshalb wohl auch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse; die Schweizer Grenzverlegung, der Ueberfall von Innsbruck und nun auch der Mord von Marienbad sind auch in ihrer Gleichzeitigkeit ein Memento, welches zu denken geben muß. Um deutsches Ansehen zu mehren... Der„ Daily Telegraph" ist empört über die Hal tung der deutschen Presse zum Mord an Professor Lessing und gibt seiner Empörung folgendermaßen Ausdruck: „ Angesichts des großen Nürnberger Parteitages zeigt die gleichgeschaltete deutsche Presse unverhohlen ihre Genug= tuung über den brutalen Mord an dem Sozialisten und Juden Lessing. Das Andenken Lessings wird besudelt und die Mörder werden wie die Mörder Rathenaus und Erzbergers bewundert." Moskauer Rundschau verboten Berlin, 6. Sept.( Inpreß.) Nachdem die Moskauer offiziöse deutschsprachige Zeitschrift Moskauer Rundschau" in den letzten Tagen an den Kiosken wiederholt beschlagnahmt worden war, ist jetzt die Einfuhr nach Deutschland„ bis auf weiteres" verboten worden. Gleichzeitig wurde das Verbot gegen eine Reihe weiterer im Ausland erscheinenden Zeitungen ausgesprochen. Der Gefreuzigte sprach: „ Um diesen Frieden zu feiern, wäre es gut, das Land des Fucino den Cafoni zu geben, die es bebauen." Der Papst antwortete: „ Herr, Prinz Torlonia wird nicht wollen... Vergeßt nicht, daß Prinz Torlonia eine schöne Abgabe an die Kasse von St. Peter macht." Der Gefreuzigte sprach: „ Um diesen Frieden zu feiern, wäre es gut, die Cafoni vom Steuerzahlen zu befreien." Der Papst erwiderte: " Herr, die Regierung wird nicht wollen... Vergeßt nicht, daß sie von den Steuern der Cafoni zwei Milliarden Lire an die Kassa von St. Peter abführen muß." Der Gekreuzigte sprach: ,, Um diesen Frieden zu feiern, werde ich vor allem für die Cafoni und die Kleinbauern eine gute Ernte machen." Der Papst erwiderte: „ Herr, wenn die Ernte der Cafoni zu gut wird, werden die Preise sinken. Vergeßt nicht, daß alle unsere Bischöfe und Kardinäle Großgrundbesitzer sind!" Da wurde der Gekreuzigte sehr traurig, daß er nichts für die Cafoni unternehmen konnte, ohne andere zu schädigen. Darauf sagte der Papst, der die Cafoni sehr liebte: „ Laß gut sein, Herr. Vielleicht ist es doch möglich, etwas für die Cafoni zu tun, was weder dem Prinzen Torlonia noch der Regierung, noch den Bischöfen und Kardinälen unangenehm ist." Und so flogen in der Nacht der großen Versöhnung Heiland und Papst rund um den Fucino, über alle Dörfer der Marsika hin. Chriftus flog voraus, hatte einen großen Sack auf dem Rücken, hinter ihm der Papst, mit der Erlaubnis. was immer den Cafoni nüßen könne, aus dem Sack zu nehmen. In allen Dörfern sahen die beiden himmlischen Reisenden das gleiche. Cafoni, die jammerten, fluchten, stritten, sich ängstigten, die nicht wußten, was essen, nicht womit sich kleiden. Da wurde der Papst im Innersten betrübt, nahm einen Haufen Läuse aus dem Sack, warf sie auf die Marsika hinunter, und sprach:„ Nehmt, geliebte Söhne, nehmt und fragt euch!... Auf daß ihr in euren Mußestunden der Sünde fernbleibt"." ( Fortsetzung folgt.) Schonung des Bankwesens Schneckentempo Schacht und Feder zur neuen Bankenenquete Reichsbankpräsident Dr. S ch a cht hatte am Mittwoch vor dem Untersuchungsausschuß für die Durchführung der Bankenenquete eine Rede gehalten, die keinerlei klare programmatische Forderungen enthält. Die ents scheidenden Säge lauten: Die sorgfältige Handhabung der Notenpresse sei entscheidend für alle Wirtschaftspolitik auf dem Gebiete der Löhne und der Preise, sowie der öffentlichen wie der privaten Haushalte. Diese Zusammenhänge hätten bei manchen die Forderung nach einer Verstaat= lichung des gesamten Bankwesens entstehen lassen. Die Frage werde zu prüfen sein, ob das An- und Ausleihen von Kapital und die Kreditvermittlung den privaten Händen grundsätzlich zu entziehen sei und alle diejenigen, die ihr Geld ausleihen wollen oder Kredite in Anspruch nehmen möchten, hierbei an den Staat ge= bunden sein sollen. Wenn die Untersuchung des Banfenausschusses zu dem Ergebnis fommen sollte, daß das private Bankwesen nicht grundsäßlich auszuschließen, andererseits aber auch eine Einflußnahme des Staates auf dem Gebiete des Bankwesens nicht zu entbehren sei, so werde man nicht umhin können, die Grenzen zwischen beiden Faktoren eindeutig abzustecken. Ein Durch- und Gegeneinanderarbeiten von Staats- und Privatwirtschaft müsse zu gefährlichen Störungen führen. Außerdem soll sich der Ausschuß mit den Problemen der 3insgestaltung, der Profitverteilung usw. beschäftigen. Selbst wenn die Bankenenquete, was noch sehr zweifel haft ist, zur Bejahung eines verstärkten staatlichen Einflusses auf die Banken, insbesondere auf deren Kredit wesen kommen sollte, kann von einer Sozialisierung bei dem Charakter des jezigen Staates keine Rede sein. Die tatsächliche Macht liegt in den Händen der Schwer industrie, des Großgrundbesizes und der Militärkaste, die auch eine Bankenkontrolle nicht im gemeinnütigen Sinne, sondern kapitalistisch ausnußen wird. Der Staatssekretär Feder gab wieder einmal das von ihm selbst verfaßte nationalsozialistische Programm preis. Er lehnte jegliche Sozialisierung auf dem Gebiete der Produktion ab, auch von Federgeld will er nichts mehr wissen. Der Beauftragte des Reichskanzlers für Wirtschaftsfragen, Wilhelm Keppler, ein rein kapi talistisch denkender Mann, meinte, es würde alles vom Standpunkt der wirtschaftlichen Vernunft und Zweck mäßigkeit aus geprüft werden. Keppler ist einer der Normalisierer", die den normalen( lies: freien) Rapitalismus wiederherstellen wollen. " Schweden kauft nicht mehr. Das nennt sich Arbeitsbeschaffung! Von Dr. Richard Kern Auf keinem Gebiete betätigte sich die nationalsozia liftische Marktschreierei so lärmend wie auf dem der Arbeitsbeschaffung. Die Angaben über ihren Umfang sind in der Regel ebenso phantastisch wie die über die Mittel. Wenn von Millionenprojekten und Milliardensummen die Rede ist, handelt es sich immer nur um Pläne, nie um Taten. Das läßt sich an Hand der Zahlen leicht nachweisen. Bereits zu Beginn des Jahres 1933 waren für öffentliche Arbeitsbeschaffung bewilligt 1282 MilIionen Reichsmark. Davon entfielen 342 Mil lionen auf das Brüning- Bapen- Programm, 280 Millionen auf die Reichsbahn, 60 Millionen auf die Reichspost und 600 Millionen auf die Steuergutscheine zur Finanzierung des Schleicher- Gereke- Programms. Von diesen 1282 Millionen, deren Bewilligung zum größten Teil schon ein volles Jahr zurückliegt, sind aber bis jetzt nur 444 Millionen wirklich zur Verfügung gestellt worden. Selbst einschließlich der Mittel aus dem Reichshaushalt und aus der Arbeitslosenversicherung beträgt der gesamte Aufwand für die öffentliche Arbeitsbe schaffung nicht mehr als 500 bis 600 Mil tionen Mark. Aber das war zum großen Teil noch das Programm des alten Systems. Auf die Rechnung des ,, britten Reiches" ist nur seine langsame und mangelhafte Ausführung zu setzen. Was ist nun aber seit dem Umschwung geschehen? Wie steht es mit der neuen Milliarde, dem Kernstück der Hitlerschen Propaganda? Selbst für die Verteilung egiftiert nichts weiter als ein Plan. 200 Millionen sollen für die Instandsetzung an öffentlichen Gebäuden Die Rasse- Arier wollen von den Pseudo- Ariern nicht viel wissen... gegeben werden, 100 Millionen fi Bersorgungsanlagen, Stockholm, den 7. September 1933.( Eig. Ber.) Wie der Stockholmer Social- Demokraten" berichtet, reagiert die schwedische Käuferwelt sehr stark auf die verwerf= lichen Gewaltmaßnahmen der deutschen Nationalsozialisten. Nicht nur die jüdischen Geschäftsleute, sondern Leute aus allen Bevölkerungsschichten Schwedens sind ganz spontan zum Boykott deutscher Waren übergegangen, obwohl in Schweden bisher keinerlei Boykottpropaganda betrieben worden ist. Es ist sicher nicht zuletzt diese allgemeine Abneigung der schwedischen Oeffentlichkeit gegen die Regierungsmethoden in Hitler- Deutschland, die verursacht hat, daß der bereits sehr start eingeschrumpfte deutsche Export nach Schweden in der ersten Hälfte des Jahres 1933 um weitere 20 Prozent, ab= genommen hat. Führende schwedische Geschäftsleute versichern daher auch, daß die Abneigung der Käufer gegen deutsche Waren so stark ist, daß die schwedische Geschäftswelt gezwungen sein wird, nach dem Abstoßen ihres Bestandes an deutschen Waren ihren Bedarf in anderen Ländern zu decken. Laut SocialDemokraten" wird aber entsprechend den Beschlüssen der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiter- Internationale die Frage eines organisierten Boykotts deutscher Waren auch für Schweden aktuell werden. In diesem Falle ist mit einer Abwärts! Jute schränkt die Produktion ein Der Berufsverband der Deutschen Juteindustrie hat, wie furz gemeldet, für seine Mitglieder eine Reglung der Produktion ab 1. September beschlossen. Dem Abkommen, das bis Ende 1934 gelten soll, sind bisher 97 Prozent der Produktionskapazität der Juteindustrie beigetreten. Es bestimmt eine Einschränkung der Produktion, wobei das Ausmaß der Beschränkung gestaffelt ist und sich von 30 Prozent bei den Großbetrieben bis auf 10 Prozent bei den Kleinbetrieben ermäßigt. Durch diese Angebotsverminderung soll dem Rückzug der Preise für Jutefabrikate Einhalt geboten werden, und um Preisunterbietungen auszuschalten, werden Richtpreise vom Verband aufgestellt, auf deren Einhaltung aber nur im Inland geachtet werden soll, während im Erport geschäft volle Preisfreiheit bestehen, bleibt. Von einer fartellmäßigen Preisbindung wurde indessen abgesehen. Mehr Feierschichten an der Ruhr In der Woche vom 20.- 26. Auoust wurden im Ruhrkohlenbergbau arbeitstäglich 241 853( Borwoche 244 066) Tonnen Kohle gefördert und 46 521( 45 441) Tonnen Kofs und 8180 ( 8391) Tonnen Preßfohlen erzeugt. Die Zahl der wegen Abfatmangels eingelegten Feierschichten erhöhte sich auf arbeitstäglich 37 825( 38 453). Die Zechenbestände gingen auf insgesamt 10,60( 10,66) Mill. Tonnen zurück. 99 , Weiterhin sehr schwierig" Wie der Röhrenverband berichtet, hat sich das Inlandgeschäft im August auf dem leicht gebesserten Stande der Vormonate gehalten. Soweit eine günstigere Marktlage festgestellt werden könne, sei sie vornehmlich auf das sich mehr und mehr durchlegende Vertrauen in die regierungsseitigen Maßnahmen zurückzuführen. Auf den Auslandsmärkten sei feine wesentliche Aendernna gegenüber den Vormonaten eingetreten. Die Verfaufsmöglichkeiten liegen weiterhin sehr schwierig. Die Kundschaft sei merflich zurückhaltend. Arbeitsstrechung bedeutenden Verschärfung der gegenwärtigen Boykottbewegung zu rechnen. Welche Folgen eine organisierte und planmäßige Boytottbewegung für die hitlerdeutsche Wirtschaft haben würde, geht aus der Tatsache hervor, daß Schweden viermal soviel in Deutschland kauft, als es an dieses Land verkauft. Allerdings besteht ein großer Teil des deutschen Exportes aus Rohstoffen und Halbfabrikaten, die nur in verhältnismäßig fleinem Umfange von einem allgemeinen Boykott be= troffen werden würden. Außerdem exportiert Deutschland aber nach Schweden für über 100 millionen Kronen Ware, die überwiegend mit deutscher Ursprungsbezeichnung verkauft wird, so daß sich die Käufer jederzeit davon überzeugen fönnen, ob ihnen deutsche Waren angeboten werden. Hier hätten also im Falle einer allgemeinen Boykottbewe gung die Anstrengungen einzusehen, um Hitler- Deutschland empfindlich zu treffen. Natürlich wäre Schweden sehr leicht imstande, seinen diesbezüglichen Warenbedarf in solchen Ländern zu decken, die verhältnismäßig bessere Abnehmer schwedischer Erzeugnisse als Deutschland sind.„ SocialDemokraten" ist jedoch der Ansicht, daß bereits der jetzige spontane Boykott deutscher Waren eine sehr merkbare Abnahme des deutschen Exportes nach Schweden zur Folge haben wird. Betriebseinschränkungen Infolge des start absinkenden Absages an Bindemitteln für die rheinische Bimsindustrie, die das Spezialprodukt des Neuwieder Werkes der Portland- Bementwerfe Dyderhoff- Wicking AG. in Mainz- Amöneburg darstellen, wird sich nach Mitteilung der Verwaltung eine Einschränkung auf diesem Werk nicht vermeiden lassen. doch hofft man, daß die in einer Kürzung der Arbeitszeit und notfalls auch in Teilentlassungen bestehenden Einschränkungen nur von kurzer Dauer sein werden. Was ist deutsche Firma"? Ein schwieriger Begriff Berlin, 6. Sept.( Inpreß.) Die nationalsozialistische Zeitschrift„ Die deutsche Volfswirtschaft" hat sich in ihrer neuesten Ausgabe mit den verschiedenen, in der öffentlichen Diskussion vertretenen Auffassungen von dem Begriff " deutsche Firma" beschäftigt. Sie unterscheidet drei Auffassungen in dieser Frage. Nach der ersten, die den Begriff faffungen in dieser Frage. Nach der ersten, die den Begriff so eng wie nur denkbar faßt, sei eine Firma erst dann als „ deutsch" anzusprechen, wenn die Inhaber mindestens seit drei Generationen arisch seien, wenn das gesamte beschäftigte Personal gleichfalls seit drei Generationen arisch sei und das Kapital sich in arischen Händen befinde. In der Wirtschaft dagegen habe sich die Meinung herauskristallisiert, daß die Frage, ob es sich um jüdisches oder arisches Rapital handele, vorerst feine Rolle spiele. Es müsse sich im organischen Wachsen ein Umbau vollziehen. Es werde also eine gewisse Zeit vergehen, bevor die notwendige und gewünschte Beschneidung des Einflusses des Judentums in der deutschen Wirtschaft durchgeführt sein wird. Die dritte, die„ amtliche" Auffassung stellt ausschließlich das Produkt und die Arbeitsbeschaffung in den Vordergrund. Die erste„ Aufassung" will überhaupt feine Juden, die zweite das jüdische Kapital, die dritte das jüdische Produkt. Womit Klarheit auf diesem Gebiet geschaffen sein dürfte. Vernünftig! Auch die Teilhausse in der Textilindustrie ist Beamten- Ehefrau ohne Amtstitel zu Ende Der Verein Deutscher Wolltämmer und Kammgarnspinner hat den Kammgarnspinnereien einen Vorschlag unterbreitet, nach dem zugunsten eines Produktions- und Arbeitsausgleichs mit Wirkung 31. Januar 1934 die Doppelschichten grundsäßlich fortfallen sollen. Einstuhlsystem auch in Gladbach- Rheydt vom Die in Aachen vor einiger Zeit zum Beschluß erhobene Anregung, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Webereien für Wolle und wollgemischte Oberstoffe zum Einstuhlsystem zurückzukehren, fommt, wie der Vossischen 3tg." aus Essen gemeldet wird, nunmehr auch bei den Vereinigten Arbeitgeberverbänden des Gladbach- Rheydter Bezirks allgemein zur Durchführung. Die Fachgruppe Baumwoll- und Buckskinweberei der Gladbach- Rheydter Textilindustriellen hat heute einstimmig beschlossen, am 11. September das Zweistuhlsystem für diese Stoffe abzuschaffen und sie in Zukunft nur noch im Einstuhlsystem herstellen zu lassen. Der Oberbürgermeister von Stuttgart, Dr. Strölin, hat die städtischen Beamten ersucht, ihre Ehefrauen zu veranlassen, daß sie sich nicht mehr der Amtsbezeichnung ihres Mannes bedienen und sich auch nicht mit der Amtsbezeichnung anreden lassen, da diese nur dem Beamten, nicht aber seiner Ehefrau zusteht. Der totale Parteistaat Berlin, 6. Sept.( Inpreß.) Der preußische Finanzminister hat, zugleich im Namen des Ministerpräsidenten und der übrigen Minister, angeordnet, daß Aushänge der NSDAP. und ihrer parteiamtlichen Unterorganisationen in den Diensträumen zugelassen find, wenn nicht ihr Inhalt ben Staatsinteressen zuwiderläuft, z. B. durch Kritik gegenüber einer Behörde oder einem Beamten".. Kritif ist auch den treuesten Nazis nicht erlaubt. 150 Millionen für Tiefbauarbeiten, 125 Millionen für Sachleistungen an Hilfsbedürftige, 100 Millionen als Subvention für die Hausbesitzer zur Instandsetzung an privaten Wohngebäuden, 100 Millionen auf die vorstädtische Kleinsiedlung, 150 Millionen auf ländliche( iedlungen, Meliorationen und Flußregulierungen, während für die Verwendung des Restes von 75 Millionen noch nicht einmal ein Plan vorhanden ist. Selbst wenn man sich sehr beeilen würde, fiele der Arbeitsbeginn für die meisten Projekte in den Herbst. Die Arbeiten müßten also während des Winters unterbrochen werden, die Arbeitslosigkeit würde wieder steigen. Von den prahlerisch aufgeblähten Milliarden ist bis heute also höchstens eine halbe Milliarde wirksam geworden. Das hat seinen Grund aber nicht in erster Linie in den Anlaufschwierigkeiten oder in den bürokratischen Hemmungen, die in dem totalen Staat der Nationalsozialisten mindestens ebenso groß sind als sie vorher waren. Die Hauptschwierigkeiten liegen in dermangelnden Finanzierung. Die Kasse des Reiches ist leer, ebenso geht es den Länder- und Gemeindekassen. Nur mit größter Mühe können die laufenden Ausgaben gedeckt werden. Für andere ist überhaupt kein Geld da. Erst kürzlich hat man mitgeteilt, daß die Ausgabe von Bedarfsdeckungsscheinen für Minderbemittelte, also die einfachste, beste und schnellste Form der Arbeitsbeschaffung, wegen Mangel an Mitteln verschoben werden muß. Jm Herbst aber wird noch weniger Geld da sein als bisher. Die Steuereinnahmen gehen dauernd zurück. Großzügige Arbeitsbeschaffung ist nicht möglich ohne ausreichende Finanzierung. Aber weder an eine Besteuerung der großen Vermögen noch an eine Anleihe denken die Herren des dritten Reiches". Einer Besitzsteuer, steht ihre Steuerscheu, der Aufnahme einer Anleihe das fehlende Vertrauen im Wege. So bleibt ihnen nur die Wechselreiterei übrig. Aber im Neues Geld wird gemacht. Gegensatz zu früher wird es nicht gedruckt, sondern geschrieben. Für die Einlösung dieser Wechsel steht aber zuletzt allein die Reichsbank mit ihrer Notenpresse zur Verfügung. Die Reichsbank hat begründete Angst vor den Folgen dieser Bankrottwirtschaft. Die Verpflichtungen, die sie bisher bereits eingegangen ist, sind ungeheuerlich. Sie hat den Wechsel zur Arbeitsbeschaffung garantieren müssen. Außerdem aber auch die Steuergutscheine, die Ausgaben für die Osthilfe, die zahl reichen Krisenkredite, die Finanzierung der Russenwechsel und vieles mehr. Ihre Zusagen für all diese finanziellen Verpflichtungen belaufen fich auf mehr als 5 Mil larden Mark. Diese Summe ist ebenso hoch wie der gesamte Umlauf an Zahlungsmitteln. Die Gefahr der Inflation rückt bei dieser leichtfertigen Finanzierung immer näher. Aus Furcht davor tut die Reichsbank alles, um die Arbeitsbeschaffung zu verlangsamen. Das hat sie erreicht. Es ist ein Kampf hinter den Kulissen, der mit großer Zähigkeit geführt wird. Er tobt zwischen den bedenkenlosen Demagogen, die mit den finanziell gefährlichsten Methoden um jeden Preis die versprochene Besserung der Wirtschaft im rein kapitalistischen Rahmen herbeiführen möchten und der Reichs bank, die die Währung jeden Tag mehr gefährdet sieht, und die daher auf der Linie des geringsten Widerstandes, also auf den Rücken der Arbeitslosen, einen fast aussichtslosen Kampf gegen die neue Jnflation führt. Denn in einem sind alle einig: fie wollen keine Opfer der Besitzenden, keine Vermögensabgabe der Reichen, keine 3wangsanleihe. Solche Eingriffe widersprechen dem Wesen des Kapitalismus, aber auch den Prinzipien des Deutschen Sozialismus"! Deswegen wird die Arbeitsbeschaffung nur im Schneckentempo vorwärts schreiten. Die Jn. flation aber wird zuletzt doch nicht ver mieden. , Unter 40 Stunden" Am Monatsende August waren in Pirmasens rund 2000 Arbeiter mehr eingestellt gegenüber 2500 Vollerwerbslosen im Vorjahr. Rund 6000 Arbeiter sind unter 40 Wochenstunden beschäftigt. Es ist laut Ledermarft notwendig, die Aufträge möglichst frühzeitig für das Winterbeschäftigungsprogramm zu erteilen, um die Beschäftigung streden au fönnen. Beim Einzel. handel hat der Geschäftsgang in der zweiten Hälfte des August etwas nachgelassen, wodurch die Zah lungsweise schleppender wurde. Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der„ Deutschen Freiheit"* Freitag, 8. September 1933* Ereignisse und Geschichten Die Geschichte von Goliath und David David Göring mit dem Speec in Reime gebracht von Matthias Claudius War einst ein Riese Goliath, gar ein gefährlich Mann! Er hatte Tressen auf dem Hut mit einem Klunker dran, und einen Rock von Drap d'argem und alles so nach advenant. An seinen Schnurrbart sah man nur mit Gräfen und mit Graus, und dabei sah er von Natur pur wie der aus. Sein Sarras war, man glaubt es faum, so groß schier als ein Weberbaum. Er hatte Knochen wie ein Gaul und eine freche Stirn, und ein entseßlich großes Maul, und nur ein kleines Hirn; gab jedem einen Rippenstoß, und flunkerte und prahlte groß. So fam er alle Tage her und sprach Israel Hohn. „ Wer ist der Mann? Wer wagts mit mir? Sei Vater oder Sohn, er fomme her, der Lumpenhund, ich box'n nieder auf den Grund." Da fam in seinem Schäferrod ein Jüngling zart und fein; er hatte nichts als seinen Stock, als Schleuder und den Stein, und sprach:„ Du hast viel Stolz und Wehr, ich tomm im Namen Gottes her." Und damit schleudert er auf ihn und traf die Stirne gar; da fiel der große Esel hin, so lang und dick er war. Und David haut in guter Ruh' ihm nun den Kopf noch ab dazu. Trau nicht auf deinen Tressenhut, noch auf den Klunker dran! Ein großes Maul es auch nicht tut; das lern vom langen Mann; und von dem kleinen lerne wohl: Wie man mit Ehren fechten soll. 120 Jahre später Von den großen Tycannen: damals und heute und es ist ein Ungeheuer geboren und ein blutgefleckter Greuel entstanden. Doch haben viele ihn angebetet und zum Gözen ihrer Herzen und Gedanken gemacht und haben ihn genannt Heiland und Retter und Befreier und den Lann, der da kömmt im Narien des Herrn, daß er die Welt erlöse. Und doch kenne ich ihn nicht, spricht Gott, und habe ihn verworfen und ist kein Heil und keine Rettung und Freiheit in ihm, und hat er fein Zeichen, daß man ihn nenne nach Gott. Sondern durch Lügen ist er gewaltig geworden, und durch Mord und Verrat hat er seinen Stuhl gebaut. Und ist ein Zeichen der Zeit, wie sündlich die Menschen sind, und wie ferne wandeln vom richtigen Pfade, daß sie die Knecht schaft haben Errettung genannt. Und wird ihre Missetat fallen stracks auf ihr Haupt. Aber ich werde die Miffetat zerschmettern. Wann die Sünde erfüllt ist, dann werfe ich ihn weg; wann des Unglücks genug ist, dann offenbare ich, wie schändlich er war. Und ich rufe es aus mit starker Stimme: Auf, ihr Völker! Diesen erschlaget, denn er ist verfluchet von mir, diesen vertilget, denn er ist ein Bertilger der Freiheit und des Rechts!" 9 Milouf ro@ Diese Säße sind im Jahre 1818 von feinem Geringeren als Ernst Moriz Arndt geschrieben worden in einer Schrift: Katechismus für den Teutschen Kriegs- und Wehrmann. Gerichtet war sie gegen den, den Arndt als den blutigen und wilden Tyrannen ansehen mußte, gegen Napoleon Bonaparte. Es bedarf keiner großen Fantasie, um dieselben Säße auf einen Zeitgenossen anzuwenden, um mit Arndt zu reden:„ gegen einen Tyrannen, welcher Freiheit und Gerechtigkeit zu vertilgen aufstand, welcher sich Leibwächter und Trabanten beilegte, damit er seinen Leib gegen die Untertanen beschirmte, Untertanen, die er nicht als Menschen, sondern als Sklaven gebrauchte. Solche Leibwächter haben die Tyrannen über alle anderen Menschen erhoben und Gnaden und Güter und großen Sold auf sie gehäuft, damit sie ihnen treu blieben. Und sind solche Söldner nichts anderes gewesen denn reißende Tiere. Und ist das aller Tyrannen Art gewesen bis auf den heutigen Tag. Diese Soldaten haben solches wohl ihre heutigen Tag. Diese Soldaten haben solches wohl ihre Ghre genannt. Und es ist doch nur eine Ehre und eine Tugend für alle Menschen auf Erden." Lessing wird auf's Rathaus gebeten Aus seiner Scheift ,, Blumen" In den griechischen Städten bestand die Sitte des Scherbengerichts. Wenn ein Mann in seiner Heimat mißliebig oder gefährlich wurde, dann konnte darüber abge= stimmt werden, ob man ihn verbannen oder in der Stadt behalten wollte. Damals lehrte in Athen der weise Sokrates. Die Stadt Athen aber hatte ein springendes weißes Roß als Wappen. Davon berichtet uns Plato:„ Sokrates hat gesagt: ich bin eine lästige Fliege, die sich auf die Nase des athenischen Rosses niedergelassen hat und das Roß nun zum Ausschlagen bringt." Die Stadt Hannover an der Leine hat wohl nicht mehr Aehnlichkeit mit dem alten Athen, als ich sie habe mit dem weisen Sokrates. Aber so viel ist richtig: Auch die Stadt Hannover führt als Wappen das springende Pferd, das weiße Welfenroß, und ich bin für die Nase dieses Rosses eine läftige Fliege. Heute, am 12. Juni, wurde ich auf das Rathaus gebeten. Da stand in seinem Amtszimmer der Oberbürgermeister und schwäßte und schwäßte:„ Sie sind an= geklagt, daß sie die Jugend unserer Stadt verderben. Die Stadt fordert, daß Sie auf Ihr Lehramt freiwillig verzichten. Hier liegt die Urkunde des Verzichts, und hier haben Sie meine Feder; unterschreiben Sie!"... Da warf ich dem Armseligen seinen Dreck vor die Füße und antwortete so, wie der Zorn antwortet und der beleidigte Stolz. Denn draußen vor den Fenstern leuchtete in Sonne die alte Stadt mit ihren Türmen. Da rauschte wie in Zorn der alte Bronnen, den hat mein Ahne der Stadt geschenkt; da stand wie im Troß der alte Tempel, den hat mein Ururgroßvater der Stadt gestiftet. Da lehnten wie im Leid die alten Häuser; in denen wohnten meine Großeltern und Eltern und ist keines, daraus mein Vater nicht einen Kranken geheilt und nicht ich ein Kind unterrichtet hätte. Und wenn man heute in Deutschland und über Deutschland hinaus an die Stadt Hannover denkt, dann wird von den Würdigsten mein Name mitgedacht.- So aber fühlt man nur unter Menschen. Nun aber bin ich wieder daheim, und immer noch blühen und spinnen meine beiden fleißigen Spinnerinnen. Und aus ihnen schweigt Gott: Ameisenfämpfe! Ameisenfämpfe! All eure Kämpfe sind schon morgen verschollen. Die nach alter Germanenact... " Daß die Naziführer samt und sonders Helden in Großformat find, Mischlinge zwischen Old Shatterhand und den Nibelungen, versteht sich von selbst; trotzdem ist es immer wieder belehrend und erhebend, von bisher unbekannten Erlebnissen dieser Berserker zu erfahren. Daß Hitler als einsamer Meldegänger eine ganze Patrouille umzingelt hat, weiß man bereits; er hat sich dafür das Eiserne Kreuz zu= gelegt. Aber was ist der Gefreite Hitler gegen den General Göring? Ein Nichts, ein Schlappschwanz, ein Desterreicher. Und so erzählt uns die Rheinisch- Westfälische Zeitung”. " Bei der Mobilmachung geht der einundzwanzigjährige Leutnant sofort ins Feld. In zahlreichen Gefechten be= wies er seinen Mut bis zur Tollkühnheit. Einmal läßt Göring Infanteristen auffigen und sie mit Lanzen zur Patrouille bewaffnen. Im entscheidenden Augenblick vor dem Feinde weiß das berittene Fußvolt mit den Lanzen nicht umzugehen da gibt Göring den Befehl, die Lanzen nach alter Germanenart als Speere zu schleudern- und die feindliche Patrouille wendet sich geschlagen in die Flucht. Der„ Revolutionär" stieß das Ererzierreglement einfach um." Hojotoho, mit des Speeres Spize riß den Reford an sich der Gote Göring!„ Nach alter Germanenart" hat er's voll bracht, zum Unterschied von Hitler, dessen Umzingelung einer Patrouille mehr dem braven Soldaten Schweit entsprach. Aber Hitler wird dem Göring nichts schuldig bleiben und wird seinen Zeitungen bald eine neue Heldentat diktieren und die erwachte Nation bewundert ihre Helden. Oder nicht? Süßer Fratz! Mein Strampelschatz! Ein echter deutscher Schlager In der Musikabteilung des„ Kampfbundes für deutsche Kultur" waltet als hoher brauner Würdenträger der Musikkritifer Dr. Friz Stege seines Amtes. Die Stirn' in sittliche Falten gelegt, schleudert er seinen Donnerkeil gegen die jüdische Jazzseuche", gegen die geile Schlagerproduktion, die dem armen Deutschland am Mark frißt. Und in der Tat er ist just der Mann, dem es wohl ansteht, auf die jazzenden Mitmusikanten herabzusehen. Hat er doch selbst in seinem Leben nur volksliedhafte, unschuldsreine, tief gemütvolle Kompositionen geschaffen. So lautete zum Beispiel der Refrain seines Opus 9: ,, Ach du, mein kleiner Hampelmann! Sei doch hübsch brav und hör mich an und zappel. trampel, hampel, strampel mit Gefühl, ganz wie ich will! O du mein füßer Strampelschab, gib mir mal schnell' nen duft'gen Schmat! Ich hab dich lieb, du Hampelmat, mein Herzensdieb, du Schmeichelkat, du süßer Fray! Mein Strampelscha z!" Ist das nun eigentlich höhere Kunst oder ist es nicht vielmehr ein typisches undeutsches Kurfürstendammprodukt", das sich in nichts von anderen Schlagermäßchen unterscheidet? Heute macht Strampelschatz in höhrer arischer Kunstmoral, heute schimpft Hampelmaß weidlich auf den Kulturbolschewismus der Schlagerfabrikanten und betet mit Augenaufschlag:" Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jene!" Man sieht wenn, undeutsche Schlager" nicht gefragt sind, reisen die Herren von der Art des Dr. Frizz Stege in Kunsterneuerung Geschäfte machen sie auf alle Fälle. Von hundert braunen Kulturbonzen haben 99 solche Strampelschätze in ihrer Vergangenheit, an die sie nicht gern erinnert werden. Stette meiner Blüten, meiner Blätter aber spinnt fort durch Acme deutsche Jugend die Jahrhunderte! ,, Da beuge ich mich in Demut, streichle Blüte und Blatt und spreche:„ Blumen verzeiht!" Geschrieben am 12. Juni 1926, am Tage, man mich, um meiner Ueberzeugung willen, vom Lehramt absetzte. 100 * Der Einsender dieses Aufsaßes von Leffing schreibt uns dazu: Tötet! Tötet! Tötet! Margistenbrut! Judenbrut! Wehe dem; der da waget zu denken. Deutschlands Erde wird gedüngt mit fostbarem Blut. Das Volf erstirbt in Marter und Pein. Wieder ist einer ihrer Edelsten ermordet worden: Theodor Leffing. Im heiligen Jahre ermordet, von Knechten der heiligen Schwerindustrie". Lache, Menschheit, um nicht zu sterben vor Scham. Wer immer der Mörder auch sein wird, die Hintermänner sind: Die Reichstagsbrandstifter. Ein Mord mit Haß, mit unsinnigem Haß erkauft durch gedungene Mörder. Ein Prachtmord. Ein„ rein arischer Mord". Lessing war Jude, noch schlimmer; er war ein Mensch, ein ganzer Mensch. Er hat einen Rampf gefämpft gegen Lüge und Haß, einen Kampf mit ungleichen Mitteln. Er stand: Liebe gegen Haß Wissen Geist gegen Gewalt gegen Dummheit- Wahrheit gegen Lüge- Offenheit gegen Niedertracht Friede gegen Krieg. Und dieser Kampf bat ihm sein Lehramt gefostet, und sein Leben. Noch herrscht die Mordkamarilla und beherrscht BlutNationale ,, Erziehung" Der weiland bedeutende Jugendschriftenverlag Franz Schneider G. m. b. H., Leipzig, zeigt dem Buchhandel, fol gende Neuerscheinungen an: Jaedicke, Wie feiern wir deutsche Silvester; Fronemann, Der deutsche Luther; Oberstlentnant Benary, Die Schlacht bei Tannenberg; Oberstleutnant Benary, Die Hölle von Verdunz Berkner, Jungens in Feldgrau; Czech- Jochberg, 3 weimal Marneschlacht, ein deutsches Schicksal; Lüßkendorf, Der Zeppelinspion von York; Czech- Jochberg: Die Kämpfe am Isonzo; Korvetten kapitän Busch, Die Meuterei in Kiel; Rolf Brandt, Versailles; Magnus Wehner, Schlageter; Josef Viera, Horst Wessel; do., Uz kämpft für Hitler; do., SA. Mann Schott; = J. v. Maltzahn, Ein Hitler Mädel; Puttkamer, Jugendkameradschaft im Arbeits. dienst. daß die heutige Jugend dereinst mit Begeisterung ihre verWenn man bedenkt, daß der Zweck der Uebung der ist, giftete Lunge fürs Vaterland aus dem Leibe huste, dann möchte man derartigen Jugendschriftstellern ganz sanft den Kragen umdrehen, um die Jugend auf diese Weise vor weiterem Schaden zu bewahren. durft die deutsche Jugend, von Rasenden aufgestachelt und be- ,, Kohlkopf heil!" göringt. Wenn aber dieser Blutrausch vorbei sein wird, wenn Deutschlands Jugend wieder mit Geist statt mit Waffen gerüstet wird, wird es dankbar Leffings Europa und Afien" rüstet wird, wird es dankbar Leffings Europa und Afien" in die Hand nehmen. E. D. Der Führer der Landesgruppe Braunschweig des Reichsbundes der Kleingarten- und Kleinsiedlungsvereine hat eine Anordnung über die Einführung des Hitler- Grußes erlassen. Unter den Mitgliedern besteht Grußpflicht, und zwar hat der Jüngere den Aelteren zuerst zu grüßen. DAS BUNTE BLATT NUMMER 69= 1. JAHRGANG TÄGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE FREITAG, DEN 8. SEPTEMBER 1933 Schiffbrüchige der Luftolo Die Notfandung in der persisɗfien Wüste Nach unsäglichen Strapazen sind fürzlich drei Herren und eine Dame in England eingetroffen, die mit einem weiteren Passagier und zwei Mann Besatzung am 10. Juli in einem Verkehrsflugzeug aus Karachi in Indien abgeflogen waren. Mister Eric E. Dutt aus Nagpur( Indien) und seine Frau, die zu den Geretteten gehören, haben inzwischen ausführlich über ihr unfreiwilliges Abenteuer berichtet, das anschaulich beweist, welchen ungeheuren Gefahren trotz aller Fortschritte Reisende auch heute noch auf den weiten Strecken Asiens ausgesetzt sein können. Bis zum Hals im Sand Der Flug verlief zunächst ganz normal. Auch in den ersten Nachtstunden war an Bord noch alles wohl. Erst kurz nach Mitternacht trat dann plötzlich infolge Bruches des Delzuleitungsrohres ein Motor defekt ein, der den Piloten zu einer Notlandung mitten in der persischent Wüste zwang. Da sich dabei die Räder immer tiefer in den Sand bohrten, brach schließlich das Fahrgestell weg, der Apparat stellte sich auf den Kopf und überschlug sich. Trozzdem sind sämtliche Insassen der Maschine, von einigen unbedeutenden Hautabschürfungen abgesehen, bei dieser Bruchlandung mit dem Schrecken davongekommen. Im übrigen blieb nun den Schiffbrüchigen der Luft nichts anderes übrig, als den Rest der Nacht im Freien zu kampieren. Gegen die vor allem gegen Morgen unerträglich bittere Kälte hatten fich die Reisenden dadurch geschüßt, daß sie sich bis zum Hals in den Sand eingruben. Bergebliche SOS- Rufe mit dem Hilfssender Am nächsten Morgen versuchten der Pilot und der Bordfunter zunächst mit Hilfe des Bordfunkgerätes und einer in aller Eile aus Flugzeugüberresten gebauten Antenne einen Hilfssender zu errichten, was nach vielen Mühen auch gelang. Stundenlang wurden nun ununterbrochen SOS- Botschaften ausgesendet. Schließlich aber mußten die ängstlich und ge= spannt Lauschenden mit Entsetzen feststellen, daß ihre verzweifelten Rufe nirgends gehört wurden. Da außer der bescheidenen eisernen Ration, die jeder für alle Fälle mit an Bord nahm und etwa 15 Liter Waschwasser, die als Trinkwasser benutzt werden mußten, keinerlei Proviant vorrätig war, entschloß sich daraufhin der Pilot des Flugzeuges, den Versuch zu machen, quer durch den Glutsand der Wüste hindurch nach Shabbah, der nächstgelegenen, etwa achtzig Kilometer entfernten Ansiedlung zu marschieren, um von dort Hilfe herbeizuholen. Einer der Passagiere schloß sich ihm freiwillig an. Nachdem die beiden Feldflaschen gefüllt worden waren, zogen die beiden in den frühen Nachmittagsstunden, nur mit einem Kompaß ausgerüstet, in die weglose Wüste, ins Ungewisse hinein. Dieser Marsch sollte für beide, obgleich er den Uebrigen endlich die lang ersehnte Rettung brachte, zum Verhängnis werden. Der Flugzeugführer hat sich zwar nach unmenschlichen Leistungen, die ihn dem Wahnsinn nahebrachten- er liegt noch heute im Fieberwahn in einem Krankenhaus in Teheran, gerettet; sein Begleiter jedoch, den er im Interesse der Zurückgebliebenen, nach völligem körperlichem Zusammenbruch etwa auf halbem Wege mitten in der Nacht seinem Schicksal überlassen mußte, ist seitdem verschollen und dürfte wohl ein qualvolles Ende gefunden haben. Kamelreiter in Sicht Der Nachmittag verging, der Abend kam und schließlich brach die Nacht herein, eine jener unbeschreiblich klaren ,. Herrlichen Nächte der arabischen Wüste, durchflutet von dem geisterhaften Licht des Mondes. Unheimlich war die Stille, die ringsum herrschte, unterbrochen nur von dem heiseren Bellen der Schakale, die durch die Wüste streiften, wobei sie sich gelegentlich auch dem Lager näherten, das die Zurückgebliebenen provisorisch neben dem Flugzeug angelegt hatten. Die vier Männer teilten sich in die Nachtwache, aber auch die zweite Nacht verlief ohne weitere Zwischenfälle. Dann brach ein neuer Tag an. Von Stunde zu Stunde wurde die Hiße, die der Glut eines Backofens glich, unerträglicher. Erbarmungslos sandte die Sonne Persiens ihre sengenden Strahlen herab auf die dem Verdursten und der Erschöpfung nahegekommenen Gefangenen der Wüste. Selbst der feine, weiße Wüstensand fing zu kochen an, so daß es bald unmöglich war, in ihm zu stehen, geschweige denn in ihm zu liegen. Die Verzweiflung der Unglücklichen nahm rasch zu. Jeder hing in tiefer Niedergeschlagenheit trüben Gedanken an den Tod nach. Gegen Abend meldete dann plötz lich der Mann auf dem Ausguck einen Kamelreiter in Sicht. Auch die anderen konnten nun den sich langsam nähernden einzelnen Wüstenreiter, in dem sie zunächst einen Vorboten ihrer Rettung vermuteten, beobachten. Dann machte der Reiter aber ebenso plößlich wieder kehrt, und verschwand hinter einer Sanddüne. Etwa eine Stunde später kam er dann mit acht schwerbewaffneten, ebenfalls mit Kamelen berittenen Leuten zurück, die auf sein Kommando hin sofort ausschwärmten und das Lager umstellten. Da jeder Widerstand aussichtslos gewesen wäre- nur einer der Reisenden war im Besitz einer kleinen Pistole- und da es den Erschöpften trotz aller Gefahren vorteilhafter erschien, wenigstens aus dieser Einöde herauszukommen, nahmen sie endlich die Bedingungen der Räuber, gegen Nahrungsmittel und Dattelsaft sich freiwillig in Gefangenschaft zu begeben, an. Wiederum etwa eine Stunde später zog dann diese Karawane des Leidens in der Dämmerung des Abends durch die Wüste, einem neuen ungewissen Schicksal entgegen. Rettung aus Räuberhand Nach mehrstündigem Marsch gelangte man schließlich an den Rand der Wüste, in eine felsige, langsam ansteigende Gegend, hinter der sich, in dem Mondlicht deutlich sichtbar, ein gewaltiges, rauhes Gebirge auftürmte. Die Gefangenen, die mitten zwischen den auf ihren Kamelen reitenden Entführern dahinwankten, hatten gerade mit dem mühseligen Aufstieg begonnen, als plößlich von mehreren Seiten Schüsse fielen, worauf die Bande, ziemlich Hals über Kopf, und fast ohne irgendwelche Gegenwehr zu leisten, die Flucht ergriff. Es waren tatsächlich die Retter, eine mit Pferden berittene Polizeitruppe von zwanzig Mann aus Shabbah, die nach endlosem Herumstreifen freuz und quer durch die Wüste endlich das Flugzeugwrack entdeckten und dann in Windeseile auf den Spuren der Karawane den Räubern nachgesetzt war. Wie die Retter berichteten, waren ihre Nachforschungen deshalb so schwer, weil man über die Lage der Absturzstelle aus dem bereits in Delirium verfallenen unglücklichen Flugzeugführer, nach dessen Ankunft in Shabbah, nur noch sehr unvollständige Angaben hatte herausholen können. Jedenfalls bildet dieser heldenmütige Marsch des Piloten durch den Glutsand der persischen Wüste ein Ruhmesblatt in den Annalen der englischen Verkehrsfliegerei, Der Wohltäter Die Legende Das Speisehaus der Armen betrat ein großer, hagerer Mann mit grauem Mante!. Der Mann an der Essenausgabe betrachtete ihn mißtrauisch. ,, Einmal Reis mit Bacobst," sagte der Graue. Der Mann an der Theke strich die 53 Groschen, die der Fremde auf den Tisch gelegt hatte, ein und sagte: " Reis mit Backobst ist heute nicht mehr da." " Dann möchte ich, bitte, mein Geld zurück haben." " Geld zurück gibt es nicht." Was dann?" " Essen Sie etwas anderes." " Ja, bitte." Der Mann an der Ausgabe verschwand einen Augenblick in der Küche. Als er wieder kam, brachte er einen Teller, darauf lagen nebeneinander ein Bückling, eine Scheibe Schwarzbrot und ein wenig Apfeltompott. Der Fremde, ob der seltsamen Zusammenstellung, sah auf. " Das soll ich---?" „ Ja, ja, los doch. Ich habe nicht Zeit, mich so lange mit Ihnen aufzuhalten." Der Mann im grauen Mantel sagte nichts mehr, nahm den Teller, ging und setzte sich an einen Tisch. Der Bückling roch schlecht. Der Mann aß nicht. Er grübelte. Indes ging die Tür auf. Herein traten zwei junge Menschen in Wanderkleidung, ein junger Mann und ein Mädchen. Sie legten ihre Bündel ab und setzten sich an den Tisch zu dem Fremden. Sie strahlten, man sah ihnen an: Sie be= wegten sich wie in einem Abenteuer. Der Fremde zwinkerte lächelnd:„ Ausgerissen, wie?" „ Stimmt, alter Herr, ausgerissen von zu Hause." " Darf ich fragen wieso?" Der Junge hob gleichmütig die Achseln:„ Arbeitslose Väs ter, und obendrein wollten sie nicht, daß wir uns liebten. Gehört dazu Geld? Wir sind doch jung." „ Und nun?" Wieder Achselzucken, aber diesmal ohne Antwort. Der Fremde sab alles. Nun habt ihr weder Geld noch Obdach, noch Aussicht auf Arbeit. Ist es nicht so?" Die jungen Leute nickten lachend. Und der Mann fühlte, daß sie recht taten, zu lachen. Sie hatten für sich ihre Jugend. ,, Kommt mit mir," sagte er nur. Er führte die Jungen in ein geräumiges Haus, das anscheinend das seine war. Die beiden staunten. Sie bekamen awei kleine Zimmer. Ihren lachenden Dank wehrte der Graue ab. „ Wenn ihr euch nur wohl fühlt." " Wie wir uns wohl fühlen! Und wenn das Kind da ist..." " Es ist unterwegs?" " Ja, seit einem Monat." " Ihr wollt es gern?" ,, Wie sollten wir gern wollen, daß auf die überfüllte Erde noch ein armer Hungerleider mehr kommt!" Die Stimme des Jungen war zum erstenmal ernst geworden. Der Mann meinte: " Es muß ja nicht unbedingt kommen." " Ja, wenn das Gesetz nicht wäre!" „ Es ist nur für die Reichen zu umgehen. Vor Geld schwin den alle Paragraphen." Der Mann hatte einen Arzt zum Freund. Der bewahrte die junge Frau, bewahrte das Kind vor dem unerwünschten Hungerleben. Indes wurde der Mann in der Ausgabe, der Berwalter jenes Speisehauses, ganz plößlich seines Amtes enthoben, weil er um eigenen Vorteiles willen schlechte Lebensmittel ausgegeben hatte und die Armen, die ihre letzten Groschen hinbrachten, obendrein barsch behandelte. An seine Stelle wurde der junge Mann gesetzt; die junge Frau versah die Küche. Denn das Speisehaus der Armen wurde von einem Wohltäter unterhalten, den niemand kannte. Es war der Graue. Der junge Mann war dankbar. Er und seine Frau taten ihre Arbeit lachend. Die Armen kamen jetzt hierher wie nach Hause. In seiner Freizeit malte der junge Mann kleine Bilder mit billigen Aquarellfarben. „ Es ist nichts," sagte er, als der Wohltäter einmal dazutam, aber seine Freude muß man haben." Der Wohltäter jedoch sah, daß es sehr wohl etwas war. Er erbat sich eines der Bilder, ging damit zu einem Freunde, der der geschickteste Kunsthändler des Landes war, und als Mensch über Bord Von Fritz Brainin Heute nacht ist ein Mensch über Bord gefallen. Irgendwo Zwischen den Küsten des Atlantiks, Zwischen den Küsten des Pazifiks und Zwischen den Küsten der fünf Kontinente. Hente nacht, irgendwo Zwischen den Küsten des Atlantiks, Stürzte Pilot E. Christiansen ab, Der von der Stahl- AG., Oslo, gemanagt C Wurde, um den legten Reford zu schlagen im Nonstopflug! ( Seine Leiche konnte nicht geborgen werden.) Hente nacht, irgendwo Zwischen den Küsten des Pazifits, Mußte Makauri in das Meer tauchen, Um eine Perle zu holen für Jeffie, Tochter Henry Shorts, des Konservenkönigs in Chikago! ( Seine Leiche fonnte nicht geborgen werden.) Heute nacht, irgendwo Zwischen den Küsten von Europa, Ging Erich Burke unter, arbeitslos Seit ein paar Jahren, er fiel den Millionen Dieser großen Stadt zu, anheim dem Meer des ewigen ( Seine Leiche fonnte nicht geborgen werden.) [ Lebens! er wiederkam, brachte er dem Jungen Mann an Stelle des Bildes viel Geld mit. Der junge Mann wurde ein berühmter Maler. Da der geschickte Kunsthändler sich für ihn interessierte, fam er in Mode und die Reichen fauften seine Bilder für sehr viel Geld, hängten sie in ihren Häusern auf und erzählten allen Gästen, wieviel sie gekostet hatten. Der junge Mann hatte bald ein großes Haus, größer als das des Wohltäters. Aber es war kein Lurus darin, sondern lauter einfache, saubere fleine Zimmer, in denen obdachlose junge Menschen wohnten, die wider den Stachel der bürgerlichen Welt geleckt hatten und vertrieben waren. Der junge Mann versammelte sie um sich und erzählte ihnen seine Geschichte. Dankbarkeit, Begeisterung und der Wille zum Guten brannten auf seiner Stirn wie ein Licht. Und alle, die ihm zuhörten, entzündeten sich an diesem Licht, gingen hinaus ins Land, erzählten die Geschichte des Wohltäters und des jungen Malers weiter und trugen das Licht ins Volk. Bald zählte die Gemeinde nach Millionen. Von allen strahlte das Licht. Die Wirklichkeit In seinem eleganten Auto kam der kleine dicke Wohltäter vor dem Speisehaus der Armen angefahren. Der Mann an der Essenausgabe tat, als kenne er ihn nicht, und verabreichte ihm eine gute, reichliche Portion. Während der Wohltäter aß, kamen zwei junge Leute, ein Mann und ein Mädel, sezten ihr Bündel ab und sich an den Tisch des Dicken. Er fragte nach ihrem Woher und Wohin, schalt sie tüchtig aus, weil sie von zu Hause durchgegangen waren, rümpfte die Nase, als er hörte, daß das Mädchen ein Kind erwartete, und sah mit Interesse die kleinen Bilder an, die der junge Mann mit billigen Aquarellfarben gemalt hatte. Er erbat eines der Bilder und bestellte die beiden für den nächsten Tag zu sich in seine Villa. Inzwischen ging er zu seinem Freund, der der geschickteste Kunsthändler des Landes war. Am näch sten Tag legte er dem jungen Maler einen Vertrag vor, demzufolge er ihm großzügige Abnahme all seiner Bilder zu einem sehr bescheidenen Preise garantierte. Er und der Kunsthändler verdienten Tausende an den Bildern, während der Maler sich an dem mageren Vertrag sattsehen konnte. Der Verwalter des Speisehauses wurde ebenso dick wie sein Herr. Das Speisehaus mußte trotz seiner scheinbar billigen Preise kräftig einbringen. Der einzige Fehler des Verwalters wäre gewesen, wenn die Ueberschüsse zurückgingen. Die Zeitungen aber bestätigten dem Dicken laut seine Wohltäterei. Die junge Frau brachte ein Kind zur Welt und starb baran. Justizgesɗfiicfiten Der Eid Ein junger Mann, der vor Gericht als Zeuge vernommen werden sollte, wurde vom Vorsitzenden gefragt, ob er sich über die Bedeutung des Eides im Klaren sei. ,, Nein," sagte er. Der Richter war etwas ratlos und meinte, der Eid und seine Bedeutung sei sicherlich auch im Schulunterricht des jungen Mannes behandelt worden, er müsse sich doch daran noch erinnern können. Die Antwort war ausweichend. Der Richter schüttelte den Kopf und versuchte es nun mit einem sehr verklausierten Satz, den er dem aufhorchenden Zeugen ins Gesicht hieb. Vorsichtshalber fragte er aber noch einmal, ob er verstanden worden sei. " Nein," hieß es prompt. Jetzt riß dem Richter die Geduld und er rief:„ Also die Sache ist ganz einfach die: Wenn das, was Sie mir jetzt sagen, nicht wahr ist, dann werden Sie eingesperrt. Erheben Sie die rechte Hand und schwören Sie!" Endlich klappte die Sache. Gerichtsvollzieher Alexander Dumas wurde einmal gebeten, zur Beerdigung eines im Elend gestorbenen Gerichtsvollziehers 25 Franken beizusteuern. Dumas entnahm seinem Schreibpult 300 Fran fen mit den Worten:„ Hier nehmen Sie und lassen Sie dafür ein Dußend beerdigen." Das Denkmal von Dinant Kampf um eine Inschrift Man weiß, daß sich ein Ausschuß gebildet hat, um in Dinant ein Denkmal zu errichten, das dem Gedächtnis der von der deutschen Soldatesfa im August 1914 erschossenen Zivilisten geweiht sein soll. Die öffentliche Meinung in Belgien hat einstimmig die Schaffung dieses Denkmals gebilligt. Der Architekt Damman und der Bildhauer de Spete haben ein prachtvolles Modell angefertigt, das Zustimmung fand. Ueberdies hat man Mittel gefunden, um der Anregung des großen amerikanischen Architekten Whitney Warren zu entsprechen, nämlich dem Ganzen die berühmte Inschrift einzufügen, die der Rektor Ladeuze von der Universität Löwen zurückgewiesen hat:" Furore teutonico diruta".( Durch deutsche Wut vernichtet.) Aber der Ausschuß ist seit mehreren Wochen Gegenstand der dringendsten Aufforderungen von seiten der Regierung gewesen, damit er auf den Teil des Denkmals verzichte, der die Inschrift trägt. Vor allem der Graf von Broqueville, der Ministerpräsident, hat selbst einen Schritt unternommen und die Staatsräson ins Feld geführt, um zu verhindern, daß in Dinant an den deutschen Furor erinnert werde. Der Gouverneur der Provinz Namur und dann ein Beamter des Rabinetts des Grafen von Broqueville haben Das Danzig Brill in Schutzhaft- Was erklärt, daß das Denkmal ein Wert der Pietät und der Er sagt der Völkerbund? innerung an die unglücklichen Opfer sein müsse und nicht eine Offenbarung des Hasses. Diese Haltung der Regierung wird sehr verschieden aufgefaßt und die Angelegenheit scheint, vom innerpolitischen Standpunkt Belgiens aus gesehen, nicht leicht geregelt werden zu können. In der Tat, so schreibt der Korrespondent des " Temps", wenn die Haltung der Spizen der katholischen Universität Löwen sich vor einigen Jahren noch, in der Periode der Politik von Locarno begreifen ließ, so wird heute die Haltung der belgischen Regierung im Augenblick, wo die Führer des dritten Reichs" eine alldeutsche und friegerische Politik treiben, nicht verfehlen, als Beweis der Schwäche und der Furcht ausgelegt zu werden. In den in dustriellen und Gewerkschaftskreisen Walloniens wendet man sich schon gegen die Aufrechterhaltung des deutsch- belgischen Vertrages von 1924, der so schädlich für die belgische Industrie ist und man protestiert gegen die Stellungnahme der Brüsseler Regierung in der Martfrage und in einigen anderen Angelegenheiten, deren Reglung fie besser einige Festigkeit gegen den Deutschen gezeigt hätte. Mowrer in Lebensgefahr! Was heute einem angesehenen Journalisten in Hitler- Deutschland passiert ist... London, 7. September 1938.( Eig. Bericht.) Vor wenigen Tagen hat der Präsident der Vereinigung der ausländischen Journalisten Deutschlands, Edgar A. Mowrer, Hitler- Deutschland plöglich verlassen müssen. Die Sintergründe dieser fluchtartigen Abreise Mowrers haben jetzt die„ Time 8", das ofizielle Organ des Auswärtigen Amtes, und die Morning Post", das größte tonservative Organ Englands, enthüllt: Der deutsche Geschäftsträger in Bashington hat dem amerikanischen Staatsdepartement era clärt, daß mit einem eventuellen Mord= anschlag gerechnet werden müsse und daß er für die persönliche Sicherheit Mowrers feine Gewähr mehr übernehmen könne! Presseverbandes! Was war geschehen?: Der deutsche Geschäftsträger in Washington hatte dem amerikanischen Staatsdepartement erflärt, daß Hitler- Deutschland für die persönliche Sicherheit Mowrers feine Ge währ übernehmen tönne. Der ungewöhnliche Hin weis auf einen eventuellen Mordanschlag, schreibt die„ Morning Post", muß von seiten einer Regierung, die über eine unbegrenzte Polizeigewalt verfügt, doppelt überraschen! Mowrers Tatsachen Mowrer, Korrespondent der„ Chikago Daily News", hat sich bei den Nazis durch sein Buch DeutschLand stellt den Zeiger zurück" unbeliebt gemacht. Deshalb stellte schon im März die Naziregierung an die Ver einigung der ausländischen Journalisten die Forderung, daß fie ihren Präsidenten Mowrer zum freiwilligen" Rücktritt bewegen solle. Die Antwort darauf seitens der ausländischen Journalisten war eine schallende Ohrfeige: Die Er= pressung wurde abgelehnt und Mowrer mit Einstimmigkeit in seinen Funktionen erneut bestätigt! Als Anfang August der Berliner Korrespondent der Neuen Freien Preffe", Dr. Goldmann, in Berlin verhaftet wurde, bot sich der hochherzige Edgar E. Mowrer sofort an, aus der Präsidialstelle im Berliner Verband der auswärtigen Presse auszuscheiden, falls die Reichsregierung den fast 70 Jahre alten und herzleidenden Dr. Goldmann freilasse. Die Naziregierung der Geiselpolitit ging auf diesen für sie fennzeichnenden Vorschlag ein und Mowrer wollte nach der Freilassung Goldmanns am 12. September Berlin verlassen. Statt dessen hat er bereits am 8. September Berlin verlassen drei Tage vor der anberaumten Abschiedsfeier des Was die Nazipresse nicht berichtet: daß der Polizeisekretär Wetswange vom ftaatlichen Polizeiamt Solingen am 10. August nach dem Ronzen trationslager Papenburg überführt wurde; daß die SS. von Duisburg- Hamborn von der Regierung zwei Limousinen( Marken: Opel und Stöwer) geliefert bekam; daß troz mehrfacher Reklamationen keine dieser Limous fiuen zurückgegeben wurde; daß der Arbeitsdienstfreiwillige Friedrich Seim vont Dortmund Marten am 27. August von einem Stahl helmer mit einem Messer schwer verletzt wurde; daß der SA.- Mann Friz Meleski von Dortmund am 27. August während einer Schlägerei zwischen Stahlhelmleuten und SA.- Männern schwer verlegt wurde; daß diese schwere Schlägerei wegen Nichterwiderung des Hitlergrußes ausbrach; daß am 27. August in Köln Merheim der Arbeiter Julius Decker von dem SA.- Mann Baumgarten durch Kepfschuß tödlich verlegt wurde; I, I. Artur Brill, einer der führenden Vertrauensmäna ner der Danziger Sozialdemokratischer Partei, ist dieser Tage zum zweiten Mal in Schutzhaft genommen worden. Als Abgeordneter des Volkstages genießt Brill die Immunität. Nichtsdestoweniger wurde erst nachträglich an den Volkstag der Antrag gerichtet, die Verlegung der Immunität zu aenehmigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verhängung einer Schutzhaft gegen die Danziger Verfassung, insbesondere ihrem Artikel 62, widerspricht. Die Debatte im Boltstag ließ darüber keinen Zweifel. Selbst der ehemalige deutschnatios nale Senatspräsident( Regierungschef) Danzigs, Dr. Ziehm, ein erbitterter Gegner der Sozialdemokraten, mußte ers flären: „ Nach der Danziger Verfassung darf kein Abgeordneter ohne Genehmigung des Volkstages in Haft genommen werden. Wenn ich meine Stimme erhebe gegen den Antrag des Senats, dann wird man mir nicht den Vorwurf machen können, daß es aus politischer Sympathie für die Sozialdemokratie geschieht. Ueber dem politischen Empfinden aber steht die Gerechtig feit. Der Regierungsvertreter habe im Ausschuß gesagt, daß der Grund zur Verhaftung des Abgeordneten Brill in seinem eigenen Interesse gelegen habe. Das Interesse des Abgeordneten liege nicht in seiner Verhaftung, sondern in seiner Entlassung. Wenn der Regierungsvertreter dann auch erklärt habe, daß der Abgeordnete Brill wegen des Verteilens verbotener Flugschriften verhaftet worden sei, dann wäre richterliche Untersuchungshaft wegen eines strafbaren Delifts am Blaze gewesen. Der Antrag des Se nats aber laute auf Durchführung der polizeilichen Ver wahrung. Die Erklärungen des Regierungsvertreters fön nen wohl nicht die Meinung des Senats sein. Die Ber haftung des Abgeordneten Brill verstoße ganz offensichtlich gegen die Verfassung. Wenn der Abgeordnete Drill fich strafbar gemacht habe, dann solle das richterliche Verfahren gegen ihn durchgeführt werden. Oberstes Gesetz für uns alle sei die Gerechtigkeit. Die Verfassung sei in Danzig unverändert und auch die Behörden hätten die Verfassung zu achten. Der Freistaat müsse Schaden nehmen, wenn die Berfassung außer acht gelassen werde." Die Nazimehrheit stimmte nichtsdestoweniger dem Regierungsantrag zu. Artur Brill bleibt also weiter in„ Schutzbaft". Als Rache für das mannhafte Eintreten Dr. Ziehms für das Recht wurden in den Parteibüros der Deutschnationalen Partei in Danzig, sowie in den Privatwohnungen einiger ihrer Parteigenossen Hausdurchsuchungen vorgenommen. Die amtliche Mitteilung sagt, daß Mitteilungen über eine gegen die Behörden gerichtete Propagandatätigkeit der Deutschnationalen eingegangen seien, und fährt unverblümt fort: Diese positiven Mitteilungen wurden noch durch die offene Oppositionsstellung, die der Abgeordnete Dr. Ziehm im Volkstage anläßlich der Beratung über die Aufhebung der Immunität des sozialdemokratischen Abgeordneten Brill einnahm und gegen die aus verfassungsrechtlichen Gründen nichts unternommen werden kann, noch besonders unterstrichen." Die Danziger Verfassung und Rechtsordnung aber unters teht der Garantie des Bölterbundes! Lebt van der Lubbe noch? „ Wenn Torgler wirklich zum Tode verurteilt würde..." P. B. Es ist still geworden um ihn in Deutschland. Wäh rend die Welt von ihm spricht, sehr genau unterrichtet durch die Lebensschilderung, die das„ Braunbuch" von ihm gegeben hat, sorgt das Hitlerregime in Deutschland dafür, daß sein Name nicht mehr genannt wird. Ist van der Lubbe, das Halbblinde Opfer der eigenen Ruhmsucht und der zynischen Pläne Görings, noch am Leben? Wird er am Leben bleiben, bis es zur Verhandlung kommt? Wir begreifen zu gut, daß dieser Kronzeuge" seinen Auftraggebern etwas unzuverlässig erscheint. Man kann nie wissen, in welcher Weise ein Mann wie van der Lubbe, der leicht beeinflußbar, aber unselbständig im Denken erscheint, sich am Tage der Berhandlung verplappern wird. Wäre es nach Göring gegangen, so hinge allerdings dieses Opfer längst: ein toter van der Lubbe wäre ein sicherer Zeuge als ein lebender. Wenn es nach ihm gegangen wäre, sagte Herr Göring am 2. März in seiner Rede in den Tennishallen, dann wäre der Beweis für das Vorhandensein des Attentäters schon dadurch gegeben, daß der Attentäter gegenüber dem Reichstag am Galgen hinge". So etwa hatten die Herren sich das gedacht. Aber die Weltöffentlichkeit, die sich keinen Augenblick täuschen ließ, machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Sie mußten diesen monströsen Prozeß in Leipzig ansetzen nicht mehr, um zu beweisen, daß Torgler den Reichstag angesteckt habe, als vielmehr den Versuch zu unternehmen, der Welt vorzumachen, daß jedenfalls nicht sie selbst diese verbrecherische Provokation veranlaßt hätten. In dieser Hinsicht sind sie wiederum gestört worden durch die eraften Feststellungen des „ Braunbuches", die die Welt mit den wahren Tätern und ihren Motiven bekannt gemacht haben. Die Welt wird das prüfen, auf wessen Geheiß van der Lubbe den Reichstag anzündete und in welcher Gesellschaft er sich befand. Bezeichnend für die öffentliche Meinung Englands in bezug auf den Prozeß gegen die„ Reichstagsbrandstifter" in Leipzig ist ein sehr ausführlicher Artikel der„ Sunday Referee", in dem unter anderem folgendes ausgeführt wird: „ Der Prozeß ist eines der schlimmsten Verbre chen in der Geschichte der Justiz schlimmer noch als die infame Sacco- Vanzetti- Affäre. In Leipzig werden die wahren Verbrecher als Ankläger auftreten, und unter ihnen wird Göring sein, der Morphinist, der Mann, der in Wahrheit die Brandstiftungsarbeiten dirigierte. Und dort auch auf der Seite von„ Gesetz und Ordnung" wird Göb bels stehen, dessen krantes Hirn diesen Plan ausgeheckt hat. In der Anklagebank wird Ernst Torgler fizzen der Haupts gegenstand des Nazihasses. Die Bulgaren und van der Lubbe find bloß Garnierung; aber auch fie mögen zum Richtblock schreiten müssen, um Torglers Hinrichtung zu rechtfertigen. Denn diese Nazis find schamlos. Sie find ohne Moral. Der Parallel- Prozeß, der gleichzeitig mit der Leipziger Farce von einer Körperschaft internationaler Juristen geführt wird, wird Torgler und seinen Mitgefangenen nichts nügen, wenn nicht die zivilisierten Regierungen Deutschland warnen, daß ein Justizmord nicht geduldet werden wird... Wenn Torg= ler zu Tode verurteilt wird, wird ein Fleckchen nicht nur auf Deutschlands Ehre sein, sondern auf der Ehre einer jeden zivilifierten Regierung." abgefartete Spiel in Leipzig, wo nicht die Wahrheit gefun- Die französischen Sozialisten den, sondern vertuscht werden soll, als das nehmen, was es ist: Rückzugsmänöver und Verschleierungskünfte. Nur ein Forum unabhängiger Juristen vermag die Wahrheit festzustellen. Werden sich in Leipzig unabhängige" Juristen finden? Eine solche Frage stellen heißt die Methoden des HitTerismus völlig verkennen. Die Internationale juristische Kommission, die Anfang September in Paris tagte, stellte fest, daß von einer Unabhängigkeit der deutschen Verteidiger vor dem Leipziger Gerichtshof keine Rede sein könne, da die Verteidigung von Kommunisten als kommunistische Betätigung verfolgt werde. Das Forum wahrhaft unabhängiger Juristen wird sich vielmehr in London am 14. September zusammenfinden und Paris, 7. Sept. Der ständige Verwaltungsausschuß der sozialistischen Partet hat mit sämtlichen gegen drei Stimmen ein Manifest gegen den Krieg in Marokko angenommen und außerdem beschlossen, die Parteimitglieder, die an der sogenannten ,, neufaschistischen" bzw.„ neusozialistischen" Kundgebung von Angouleme teilgenommen haben, vor den Verwaltungsrat der Partei zu zitieren, der am 4. und 5. November zusammentritt. Weder der Führer der französischen Sozialisten. Leon Blum, noch seine Gegner, Marquet und Renaudel, wohnten der Sigung bei, in der dieser Beschluß gefaßt wurde. BRIEFKASTEN F. M., Nancy. Ihr Paket ist angekommen. Sie können auch die nächsten Sendungen und Briefe genau so adressieren. Der Geschäftsführer der Volksstimme" ist auch Geschäftsführer der Deut schen Freiheit" und ist für beide Unternehmen allein zeichnungsberechtigt. Es war nur ein Versehen, daß ein Briefbogen der " Volksstimme" benutzt wurde. Besten Gruß! „ Bon einem Gönner" in Bern. Ihren Brief haben wir erhalten. Dank für den Gruß auf dem Umschlag, den infolgedessen die schweizer, die französische und die saarländische Post leichter lesen fonnte. Sie werden Ihre Einsendung bald gedruckt sehen. Dr. H. Ascona: Aus einer vor einigen Tagen von uns ver öffentlichten Buschrift scheint hervorzugehen, daß behördliche Schwie. rigkeiten gegen die Verbreitung des Braunbuchs" bestehen. Die Gründe sind uns unbekannt. In andern Ländern, Deutschland natürlich ausgenommen, ist das„ Braunbuch" zu haben. Feichout. Besten Dank! Wird gern veröffentlicht. Mit St. stehen wir in Verbindung. N. A., Frankfurter Zeitung". Wollen Sie nicht endlich aufhören, Ihrer Leserwelt über Ihre Seelenzustände etwas vorzujammern? Nur Sie bilden sich noch ein, es bestehe ein 8wiespalt" in Ihnen. Sie sind nicht mechanisch gleichgeschaltet: Sie sind Nationalsozia list. Haben Sie doch endlich den Mut, sich zu Ihrem Führer zu betennen. Die Frankfurter Zeitung" wird sich auch damit abfinden. Ein Blatt mehr oder weniger braun uniformiert, was macht bas in diesem Deutschland noch aus? Nur nicht mehr zögern, Herr R. K. ,, SA. marschiert...", und Sie dürfen hinterhertrotteln. Werden Ste felig! Dr. S., Luzern. Sie bezeichnen die wiederholten Eingaben der Soarpresse gegen die Beschränkungen der Pressefreiheit" an ber Saar als eine unverschämtheit und hoffen, daß die Herren in Genf gehörig heimgeleuchtet werden. Sie sollten erst einmal lesen, was diese Vertreter des„ Geisteslebens" sich täglich in ihren Zeitungen leisten. Nicht nur, daß sie im Auftrage der deutschen Regierungsstellen, die sie aushalten, alles an ausländischen Pressestimmen fälschen, was ihnen zwischen die gleichgeschalteten Finger kommt: chwindel auch über das Reich verbreiten sie nur die amtlichen meldungen. Dabei weiß jeder der Herren, rie 8 in Wirklichkeit aussieht. In ihrer jüngsten Eingabe an den Völkerbund etften fich diese Vorkämpfer der Rechtssicherheit" auch eine üble Tenunzi tien der politischen Emigranten. Welche moralische Qualitäten die Forte Schriftleiter an der Saar dazu hat, möge aus Folgendem ersichtlich fein: Die„ Saarbrücker Zeitung" brachte gehorsam die M. Idung ihrer vorgefesten Berliner Regierungsstellen, daß ein in Saarbrücken lebender Emigrant an ausländischen Sendern gegen Deutschland gehezt habe. Der Emigrant, der von den Banditen des Neichskanzlers halb tot geschlagen worden war, suchte die Redaktion auf, um eine Berichtigung zu erbitten. Er hat Deutschland nie verlassen und hat nie an einem Rundfunksenber gesprochen. Zwar wurde er mit Heuchlerischer Söflichkeit empfangen unb bie Berich titung wurde ihm zugesagt. Bisher fonnte man sie aber mit der Lupe nicht entdecken. Und so etwas wagt, fich an die Weltöffentlichfeit zu wenden. Pariser Spaziergang Violette vom Studentenviertel oder die Reste der Boheme Der Fall der Studentenliebsten Violette, die ihren Eltern Gift gegeben hat, ist ein Anschauungsunterricht, wohin die Reste der einst vielbesungenen„ Boheme" geraten sind. Nichts als Puzlumpen sind das über der sterbenden Seele des Mittelstandes, die überall furchtbare Erscheinungen des Verfalls ihrer Ideale gebiert. Hier ist die typische Jugend= tragödie der aus den Fugen geratenen Bürgerlichkeit; mit Krise, Geldnot, Koketten, Elend und Sexualität im Hintergrund. Seht ihr die lustigen Tanziungens auf den lateinischen Terrassen des Universitätsviertels, die heißen Poussiernachmittage im Garten Luxemburg, in dem, unabänderlich, die Dichter Frankreichs als Statuen träumen? Seht ihr die Beguine- Bars, die Nacht- Dancings, den Negermond von Montmartre? Seht ihr die Autos; die Ausländer, die Absteiger auf den großen Boulevards um die weißen Stufen des klassischen Tempels der Madeleine? Seht ihr Violette, das anständige Mädchen", die die Stunden im Gymnasium schwänzt und auf den Strich geht, um für Jean, den schlanken Studenten mit den großen Augen und der Hornbrille anzuschaffen? Die Eltern von dieser Romanfigur: brave EisenbahnerEheleute namens Nozieres, mit 165 000 Franken auf der Bant, sparsam, wohlwollend, mit allen Nationaltugenden, wohnen im Osten von Paris, in der nichtsahnenden Madagastar- Straße. Violette, die von ihren Kumpanen auf den Lieblingsterrassen des Boul' Mich' mit dem englischen Rosenamen„ Mady" angeredet wird, ist die einzige Tochter, früh entwidelt, 18 Jahre alt, üppige Schultern und vollbusig, wollüstige Fleischstücke in Nase und Mund. Eines Tages ist das Mädel von Hause weg. Sie treibt sich einen blauen Sommertag in Paris herum, schickt unterwegs einen Rohrpostbrief nach Hause, daß sie nicht vor 1 Uhr nachts heimtommt und wartet inzwischen in lustigen Festen ab, bis die Eltern sterben: denn sie hat ihnen Gift beigebracht. Ohne Reue, fast sachlich, mit diesem leeren Lebensinhalt, diesem entsetzlichen Tanz- und Zigarettenklaps der heutigen, um ihre wahren Gefühle betrogenen Jugend, geht sie vor. Sie rast durch die Jazz- und Beguine- Kapellen, während daheim die Alten röcheln. Als sie nachts nach wilden Szenen heimkommt, ist der Vater tot; die Mutter liegt blaß, mit Schweiß und Blut. Das Mädel im Tanzkleid reißt die Gashähne auf; schauspielert einen Gasunfall, weint, schreit, wedt den Flurnachbar, holt die Feuerwehr herbei, vergebens, die Mutter lebt noch und sagt die Untat der Entarteten der Polizei ins Gesicht.. Verlogen flieht die Mörderin in einem unbewachten Augenblick aus dem Spital, in das man die franke Mutter, gebracht hat, davon. Violettes Flucht ins Ungewisse hält gana Paris in Aufruhr. Tagelang suchte man sie in der Seine, an den Selbstmörderbrücken, sie aber geht lächelnd, unver kleidet, durch diese seltsame Stadt und spricht die Männer an. Die Refonstruktion dieses Treibens durch die Polizeiakten gibt einen unerschütterlichen Beweis aus dem Treiben der heutigen letzten Boheme. Sie hat erst morgens eine Schulfreundin, eine Stenotypistin, mit einem Auto in deren Büro gebracht, dann hat sie sich in einem großen Warenhaus Dauerwellen legen lassen und neue Kleider gekauft, abends hat sie ihre Freundin abgeholt und mit dieser verschwenderisch gespeist und einen Bummel durch die Studentenlokale gemacht, dann ist sie mit Willy, dem hübschen Architekturschüler und einem anderen Tanzjüngling, oben nach Montmartre gesaust. Dieser Willy ist der Duzfreund von Jean, ihrem Richtigen, ihrem Liebsten, für den sie wahrscheinlich ein paar Tausende aus der Schublade ihrer Eltern und dem Kleide ihrer Mutter gestohlen hat. Jean ist ein - zwanzigjähriger Rechtsstudent, schmal, länglich, intellektuell, studiert im zweiten Jahr, und später wird er Richter oder Anwalt werden; vielleicht wird er Violette heiraten, fein, Wo speist man gut und billig In Brüssel Restaurant à la Fourchette 22, rue St. Michel, 22. 1. Querstraße rechts vom Platz Brouckère. Diners u. Soupers à 6,00, 8,00 u. 10,00 Frs. Flüchtlinge aus Deutschland erhalten 5% Rabatt auf alle Speisen. Geöffnet von 12 Uhr morgens bis 12 Uhr nachts. e te be a to be a zury pun Susan anony 3E9152431O- L1? jv[ eg puaq uapaf 2'67'11 1° ( a) ,, TextilWarenhausFachmann Jude, sucht Beteilig, oder Ueber nahme eines Ges schäftes. Auch andere Branche. Angebote unter 159 an die Deutsche Freiheit" " Inferiert in der ,, Deutschen Freiheit" asgid" was? Aber heute ist er noch jung und Violette will zu ihm; will ihn aus den Ferien abholen und ihn reich machen, mit ihm ans Meer, in den sterbenden Sommer im Badekleid, oder sonst wohin. Sie schwärmen viel dort oben mit dem Blicke auf das leuchtende Paris zu ihren Füßen und gehen und lieben sich im Zimmer der Freundin. Nächtelang rast die Polizei, ein zweiter Kranich des Jbykus, hinter der Mörderin her. Aber die Mörderin fährt kavaliermäßig mit einem reichen Ausländer im Luxusauto durch die feinsten Viertel der Weltstadt oder setzt ihre Straßenbekanntschaften in Amüsierlokalen fort. Einmal geht sie mit einem schwarzen Saxophonspieler in ein Liebeszimmer und lebt die Nacht von ihm. Am nächsten Morgen ist ihre erste Sorge eine Pincette, um die Augenbrauen schmal zu zupfen; für 10 Fr. Am Nachmittag bittet sie den Neger um 150 Fr. für ein neues Kleid; er hat aber nur 15. Nachts pennt sie wieder in dem Hotel, es gibt aber eine Szene, weil sie statt der verlangten 20 nur 18 Fr. hat, also muß sie noch einmal weg und bringt dann dem dienernden Kellner den Rest. Wo aber sind die Tausende der Eltern hin? Violette schweigt auf diese Frage. Violette verdient sich weiter Geld und am nächsten Morgen, vor dem angenehmen Frühstück im Cafe, gibt sie dem Zimmermädel 50 Fr. und läßt sich Hautcreme und Toilettensachen holen. Nachmittags steuert sie wieder auf eine Anlagebank los, auf der sie ein neues Stu dententrio kennengelernt hat. Einer dieser Neuen, ein kle= verer Junge, läßt sie bewachen und hochgehen. Im Gefängnis Petite- Roquette, in der Zelle zu ebener Erde, beäugt die ganze Journalistik ihr Lager. Am ersten Morgen hat sie mit großem Appetit Milchkaffee und belegte Brötchen gegessen. Ihr größter Kummer ist, daß man ihr vorübergehend ihr schwarzes Kleid weggenommen hatte und ihr eine graue Kutte gab. Violette gesteht zynisch, ohne Reue, was man von ihr wissen will. Den armen Vater draußen im Osten, im Charenton- Viertel, belastet sie gemein mit der Lüge der Blutschande; bei der Mutter ist sie vorsichtiger, die lebt noch, nur ihren Liebsten, den Studenten, entlastet sie. Hier wird die Erscheinung ein sozialer Fall. Natürlich ist dies kein trivialer Liebesroman, keine Hintertreppengeschichte, sondern der Uebergang der alten MariaMagdalena- Rolle zur modernen Gesellschafts= tragödie. Die Luft der sterbenden Kleinbürger, die Verwesung der Zeit erfüllen diesen Familienroman mit dem Gift und dem Schlafzimmer und dem Handgeld für künftige Togaträger und dem ganzen Dreck. Pariserisch ist daran nur der Schauplatz und die Straße, an sich hätte die Geschichte ebensogut in Steglitz bei Berlin geschehen können und hätte dann Primaner Kranz- Fall geheißen oder das HorstWessel- Milieu der Fischerstraße hätte sie umgeben, und sieht man genau hin, dann sind die Gifte dieses modernen Monstrums gar nicht ihre eigenen, sondern die Giftgaie der früheren Generation, der Odem des Krieges und der Krise, der fast an allem Elend in der Welt schuld ist. Seekrieg vor Paris Den Seekrieg vor Paris führen diesmal nicht die französischen Grunewald- Familien, die mit dem landesüblichen Rotwein und Eiern hinaus an die Marne fahren, auch nicht die Nachkommen der alten Normannen, die vor einiger Zeit ihre tausendjährige Vereinigung mit Frankreich geführt haben und so viele Blondköpfe und Blauaugen dazu aufboten, wie Hitler in Neutomischel vergebens sucht, sondern die Söhne der alten Gallier, die Flußschiffer, hatten die Enterhaken ergriffen und kämpften gegen die Frachtbörsen und Unternehmer, die ihnen an die Gurgel griffen. Von Rouen und Havre im Süden bis Lille und Dünkirchen im Norden, durch diese ganze verzweigte nordfranzösische Kohlenund Wiesenlandschaft zog sich alsbald ein System von Wassersperren und Brückenköpfen, denn die alten Die ,, Deutsche Freiheit', muß man regelmäßig fesen 3101 Abonnieren Sie sofort! Besteffschein: Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der Deutsche Freiheit" Genaue Adresse: Wetterfesten waren höllisch geladen und machten mit ihren lan, a Bootshaken kurzen Prozeß, und bei der ersten Barri kade an der Mündung der Oise in die Seine wäre es beinahe zu einem Kampf gekommen, aber die Aufständischen hielten tapfer stand und erreichten, daß alle Fuhren und srechte neu geregelt werden, damit der Schornstein ans den Kajüten besser raucht. Diese alten Gallier sind nämlich bisher ein bißchen in den Menschenrechten zu kurz gekommen; es gibt noch eine königliche Verordnung von 1669, die den Schiffern eine Rast von mehr als 24 Stunden im Hafen von Anville verbietet und ebenso den Gebrauch von Angeln und Fischgerät, das heute in dieser Jahreszeit eine geheiligte Angelegenheit von vielen Franzosen ist: Dafür hatten die Flußschiffer also jetzt ihr Seeschlacht nachgeholt; in Frankreich folgt die Flottille erst jeßt der Bastille nach: Dies erreicht, spucken die alten Seebären ihren Knaster, der hierzulande natürlich einen französischen Namen führt, mit noch einmal so viel Eifer über Bord, und die vielen Tonnen Rüben und Obst, Kohle und Grubenholz landen seitdem mit noch einmal so viel Stolz unter den historischen Brücken des Kaisers Napoleon an der Seine. Herbstmode Auf der berühmtesten Ecke am Montparnasse sind einige Bilder der neuen deutschen Mode ausgestellt. Originalfotos des deutschen Modeamtes, und sie bringen nicht nur Frau Magda Göbbels, die davor geflüchtet ist, sondern auch den Franzosen das Gruseln bei. Mir persönlich ist es völlig schleierhaft, wie der Arier das Nichtvorhandensein von„ Ellipsen", die ihm verboten sind, feststellen soll, wenn die deutsche Mode aus lauter Säcken besteht. Eckig und weit, züchtig am Hals verschlossen, mit etwa bis über das Herz gerutschtem Zwickel, lächeln einen die gleichgeschalteten Tub nelden an. Ach, Adolf, diese Schlacht mit plumpen, langen Röcken, die noch dazu viel Stoff und daher mehr Geld kusten, wirst du bestimmt gegen Wien und Paris verlieren. Denn siehe, die neue Mode kriecht hier ganz billig und zärtlich aus dem Herbstlaub der Krise; so daß sich auch die Arbeiterfrau jetzt vorteilhaft anziehen kann. In Madrid ist sogar eine Konkurrenz für das billigste Modekleid nicht über 4 Peseten gewesen, und hier in Paris kann sich jede für 8 oder 10 Stundenlöhne anziehen. Es gibt viel Trikot und Wolle und weniger Seide, lebhafte, sprühende Farben, oft zwiefaches Tuch, etwa rot mit grau oder bläu mit Silberperlen an der Garnitur, und bunte Blusen zum Komplett und Schleifen sind groß in Form. Leßte Instanz über diese den Frauen so wichtigen Dinge ist wieder Marlene Dietrich, die wieder ganz weiblich geworden ist und die bei der glanzvoll stattgefundenen Pariser Premiere ihres ersten ManulianFilms„ Das Lied der Liebe", das Ewig- Weibliche in allen Nuancen wieder eingeführt hat. Uebrigens Marlene. Landsmännin, Glücksgöttin: hast du nicht auch ein Herz für deine armen Landsleute, die deutschen Flüchtlinge, die in den Barackenlagern schlafen, während Paris deine Triumphe feiert? Nachtrag Seitdem ist etwas Furchtbares geschehen. Violette ist ihrer Mutter vorgeführt worden. Die Mutter hat gesagt:„ Töte Dich!" Die Tochter hat geschrien wie ein Tier. Die Mutter hat gesagt:„ Ich vergebe dir erst nach dem Urteil erst wenn Du tot bist." Die Tochter ist umgefallen. Der Untersuchungsrichter, ein alter Praktiker, hat gestanden, daß ein solch furchtbarer Augenblick von ihm bisher noch nicht erlebt wurde. Alle Beamten haben geweint, auch der Irrenarzt und die Polizisten. Die Szene ist jetzt klar. Die mit Henna manikürten Fingernägel dieser schrecklichen Zeit enthüllen sich als Raubtiertagen. Die Hüllen fallen ab, die soziale Katastrophe ist fertig, das Drama der Eltern ist geschrieben. Jean, der Rechtsstudent, wann gehst Du das nächste Mal tanzen? Baptiste, Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pis in Dudweiler; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Berlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 8, Schüßenstraße 5. ,, Deutsche Freiheit" Abonnementspreise: Schweden im Einzel Monat verkauf Saargebiet Frankreich Luxemburg Belgien fr. Fr. 12,- 0,60 fr. Fr. belg. Fr. 12, 0,60 15,- 0,70 belg Fr. 15,- 0,85 Neubelgien ( Eupen- Malmedy) Holland Dänemark belg. Fr. 12,- 0,50 fl. 1,20 0,10 Kr. 3,20 0,20 Kr. 2,60 0,20 Schweiz Oesterreich Tschechoslowakei schw. Fr. 2,40 0,20 Schilling 7,50 0,30 Kr. 30, 1,20 England sh 4, 3 d Palästina sh 4, Spanien Polen Rußland Argentinien Zu diesen Beträgen kommt noch das Porto Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten. Inseratenpreise: Der einspaltige Millimeter der neunspaltigen Inseratenseite 70 fr. Cts. Peseta 6, Zloty 4,20 Rubel 1, Peso 3, SCHWEIZ Der Abonnementsbetrag für die ,, Deutsche Freiheit" beträgt 1 Monat 9 3 Monate 3,20 sfr. 9,60 sfr. 6 Monate.. 19,20 sfr. 12 Monate.... 38,40 sfr. einschließlich Zustellgebühr Wir bitten unsere Abonnenten, dafür Sorge zu tragen, daß der fällige Abonnementsbetrag bis spätestens zum 6. eines jeden Monats auf Postscheck Konto VIII 8713 Zürich ( Deutsche Freiheit) zur Einzahlung gelangt, um auch unsere Verpflichtungen prompt erfüllen zu können. 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