Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veutschiands Nummer 75— 1. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 15. September 1933 Chefredakteur: M. Braun Der Deutsche zeigt sein angeborenes Talent selbst im Verkehrten, es nicht verlassend, sondern ausbildend bis zur vollkommenen Erscheinung seiner Nichtigkeit. Die Ausartung alles Hohen und Erhabenen, die Erlöschung desselben bis auf den Begriff selbst In weltlichen Geschäften und Dingen, 1st ein Beweis mehr von seiner Konsequenz. Daher haben hier verderbliche Grundsätze auch weit verderblicher eingewirkt und In der Tat die ganze Masse der Nation verkehrt, wie ein wenig Sauerteig eine ganze Masse säuert. Schelllng. Dettelzflge dnrcli Deutschland Neulich schrieb ein grobes ausländisches Blatt, das der deutschen Reichsregierung mindestens neutral gegenüber» steht, die Deutschen ständen jetzt in ihrem Wirtschaftskampse etwa bei ISIS. Im Kriege hätten sie noch jahrelang Wider» stand geleistet, weil sie im Gegensatze zur übrigen Welt nicht wubten, daß die Entscheidung längst gegen sie gefallen war. Dadurch sei für Deutschland und die übrigen Kriegführenden »och viel Unheil angerichtet worden. Auch jetzt wüßten die Deutschen ihre wahre Lage nicht. Aus 1915 werde aber 1918 folgen. Es geschieht jetzt in Deutschland vieles, was an 1915 erinnert: Die wirtschaftliche und politische Abgrenzung von fast der ganzen übrigen Welt und der dem Bolle vorgeredete und von groben Massen gläubig hingenommene Wahn, Deutschland könne sich allein helfen und sich gegen die übrige Welt allein behaupten. Hinzu kommen wachsende Teuerung und einst- weilen zaghaft einsetzende Inflation, die von den meisten so wenig bemerkt wird, wie einst im Jahre 191». Ferner eine unter schärfster Zensur stehende Presse, die alles Ungünstige fortlassen mutz, um die Stimmung nicht zu verderben und den„Burgfrieden" nicht zu stören, und nnn ist zu alledem auch die in bester Erinnerung stehende„Kriegsanleihe" wie» der ausgetaucht. Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Wir meinen mit dieser neuen„Kriegsanleihe" das grobe Winterhilfswerk, für das der Reichskanzler und der Reichspropagondaminister soeben grobe Sprüche geredet baden. Der„Burgfrieden", der jetzt„nationale Solidarität" heiht, feiert noch einmal seine Triumphe. Den Strahenbettel und die Brieslotterie nnd sogar das Eintopfgericht hat er wieder hervorgeholt. Nur die Steckrüben und das Dörr» gemüse fehlen noch? fie bleiben einstweilen in Reserve, denn wir schreiben ja erst 1915. Ein Sonntag in jedem Monat soll den Hilfsbedürftigen gewidmet sein. An diesem Tage soll jeder Deutsche nur ein Eintopfgericht im Werte von höchstens 89 Pfennig pro P e r s o n zu sich nehmen. Das an Braten und Pudding Er» sparte soll der allgemeinen Sammlung zufließen. Freilich darf man dabei nicht vergessen, dah nur eine Minderheit des Volkes in der Lage ist, für eine Mahlzeit 39 Psg. pro Person aufzuwenden. Allzuviel kann die Bettelei nicht bringen. Man mub also andere Quelle» erschlichen. Das geschieht ganz im Stile der Kriegsanleihe dnrch Zwangs- und Reklamezeichnung von gröberen Summen. Nur mit dem Unterschiede, Sah weder Zinsen noch Rück- zahlung versprochen wird, aber man weiß ja allgemein, dah das auch bei der Kriegsanleihe zu Essig wurde. Die erste Liste für das Winterhilfswerk steht so auS: 1. NSDAP.-Reichsleitung München 199 999 Reichsmark, 2. Verlag des„Völkischen Beobach- t e r s", Zentralverlag Franz Eher Nachf., München, 199 999 Reichsmark» 3. Gau Grotz-Berlin der NSDAP. 59 999 RM., 4. Gau München-Oberbayern der NSDAP. 59 999 RM., 5. Kreis- und Ortsgruppen des Gaues Groh-Berlin der NSDAP. 199999 Reichsmark, 9. Daimler-Benz A.-G., Stuttgart- Untertürkheim, 59999 RM., 7. Reichskrebitgesell- s ch a f t A.-G. und deren Schwesterunternehmungen 39 999 Reichsmark, 8. Eommerz- und Privatbank A.-G., Berlin, 39 999 RM., g. Deutsche Bank und Dis- conto-Gesellschast, Berlin 59 999 RM., 19. D r e s- dener Bank, Berlin. 59999 RM., iL Deutsche Arbeitsfront 299 999 RM., 12. Vereinigte Glanz st offabriken Elberfeld 59 999 RM., 13. I. G. Farbenindustrie 1 Million RM., 14. Bayerische Motorenwerke 59 999 RM., 15. Bayerische Stick st offwerke München-Berlin 59 999 RM„ 19. Viktoria Feuerversicherungsgesellschaft, Berlin, 59 999 RM. Es sind somit bereits am ersten Tag über zwei Millionen RM. für das grobe soziale Hilfswerk der Reichsregiernng gespendet worden. Mehrere Groh- Unternehmungen, die mit ihren Schwestergesellschaften zusammen genannt werden wollen, haben bereits heute für den morgigen Tag gleichfalls größere Summen angezeigt. Sieht man genauer hin, so findet man: die NSDAP, gibt einen kleinen Teil der Beiträge wieder her, die sie vorher den Massen abgenommen hat. Die Banken stiften einen winzigen Prozentsatz der Stützungssummen, die ihnen auS Reichsmitteln zugeflossen sind und die Automobil- industrie zeigt sich unter gelindem Druck mit dem Bruch- teil eines Prozentes erkenntlich für die Auftragszuweisungen aus dem Arbeitsbeschaffungsprogramm, aus öffent- lichen Mitteln. Die Bayerischen Stickstoffwerke eröffnen den Reigen der aus Reichskassen gespeisten Rüstungsindustrie, deren Hauptspender wohl noch auftauchen werden. Man sieht, die Aehnlichkeit mit dem Zeichnen für die Kriegsanleihe ist frappant und wird sich noch deutlicher zeigen. Wir sagen nichts gegen die Solidarität mit den Armen, wo sie sich in wirklicher Hilfsbereitschaft zeigt. Hilfsbereite Menschen werden sich auch im jetzigen Deutschland massenhaft finden. Noch immer hat der Minderbemittelte am meisten für seine noch ärmeren Volksgenossen übrig gehabt. Carttativ betrachtet ist der Wille des Hilfswerks anzuerken- nen, und wir wünschen den Sammlungen besten Erfolg. Anders steht es mit der wirtschaftlichen Betrachtung. Da ergeben sich folge- e Schlüsse: 1. Reich, Länder, Gemeinden, Sozial- Versicherung und private Fürsorge sind nicht mehr in der Lage, die Millionen der Krisenopfer aus reg»- lären Mitteln vor dem Verhungern zu schützen. Die Kassen- läge muh also allgemein sehr schlecht geworden sein nnd die die Zahl der Unterstützungsbedürftigen viel gröber als bis- her, was die Siegesberichte aus der Arbeitsschlacht, die ohne» hin kein Kundiger glaubt, öffentlich Lügen straft. 2. Mit Bettelpfennigen, auch wenn sie durch zahlnngskräs» tige Geber und durch die Spenden grober Massen zu Mil, lionen Mark werde«, kann man zwar viele Portionen Suppen kochen, aber für die deutsche Wirtschast ist das bedeutungslos. Weder ergibt sich eine Steigerung der Kauf- kraft, noch eine Vermehrung der Arbeitsgelegenheit. Der öffentliche Bettel, so wohlwollend man ihn ethisch beurteilen mag, ist ei« Zeichen wirtschaftlichen Tiesstandes, die Ohn- Machtserklärung der Machthaber, durch Arbeit und Lohn die jetzt noch Erwerbslosen über den Winter z« dringen. Der ganze„Sozialismus" des„dritten Reichs" besteht in einer ins riesenhaft- wachsenden Organisation sür die öffent. liche Bettelei. Das nennt der Propagandaministcr„Not» und Brotgemeinschaft" und eine„beglückende Wirklichkeit". Unter dem Zeiche» des Bettelsacks soll die Parole„Gemeinnutz geht vor Eigennutz" verwirklicht werden. Diejenigen aber, die diese Phrasen dem deutschen Volke zumuten, sahren in den teuersten Wagen Europas vor nnd geniebcn die höchsten Ministergehälter, Staatsrats- und Parlamentsdiäten, die einem armen Volk abgeprebt worden sind. „Sozialismus" ist nicht Bettelei der Armen bei den Reichen. Er ist nicht eine elende Teilerei zwischen Reichen und Armen in dem Sinne, dab ein paar Brosamen sür die da unten ab- fallen. Der Sozialismus ist nicht der arme Lazarus, der mit Schwären vor den Türen der Reichen liegt. Sozialismus ist gemeinnützige Organisation der Erzeugung und Ver- teilung der Güter, die überreich in Dentschland und in aller Welt produziert werden könnten, wenn die kapitalistische Wirtschastsanarchie überwunden wäre. Und dieses gewaltige Menschheitsziel wollen die Göbbels und Hitler dnrch Strahenbettelei aushalten? Sie werden sich noch wundern. Nicht die Bettelsäcke, sondern die leuchtende» Fahnen sozialistischer Gemeinschaft werden Deutschland in ein neues Reich führen. Die Arrivierten 12 000 Mark pro Mann Gleichzeitig mit dem Beginn der Winterbettelei wird das Programm der feierlichen Einführung des preuhischen Staatsrates bekanntgegeben. Es zeigt deutlich, dab Minister, Präsident Göring sich bemüht, die Reichstagscrösfnung im März möglichst zu kopieren, damit er nicht gegen den Reichs» kanzler zu sehr in den Hintergrund tritt: Glockengeläut-, Parade, Fahnenweihe, Stanbartennagelung, Aufstellung von „Blutsahnen", Borbeimarsch, Kranzniederlegung am Denk» mal Friedrich des Groben, Festreden, Festoper fstilgerecht: „Lohengrin"), schulfreier Tag und arbeitssrei sür alle Staats- und Gemeindebeamten, damit sie an dem Festakt wenigstens durch den Rundfunk sich erbauen können. Diese großartige und kostspielige preubische Feier in Zeiten des angeblich dnrch die Rrichsstatthalter längst voll- zogenen Einheitsstaates. Man sollte die Staatsräte mit ihren 12 999 Mark jährlichen Schweigegeldern, die Reichsstatthalter mit ihren Ministergehältern, den ganzen Troh der national- sozialistischen Pfründner in anderthalb Dutzend deutsche« Ländern von der Staatskrippe entfernen. Das wäre ein wirklich guter und erfreulicher Auftakt des Winterwerks. Dämliche Wohltätigkeitstees Zum Besten ihrer Wohltätigkeitsarbeit veranstalteten die verbündeten Bereine für Mittelstanbsfttrsorge im Mode- Atelier. Tiergartenstraße 15, einen Tee-Empfang. Die Bor- sitzende, Frau Anna Charlotte Lindemann, begrüßte die Frau des Justizministers Kerrl, die Frau des Generalmusikdi- rektors Kleiber, die Turnierreiterin Frau von Becker, Gräsin von Degenfeld, Baronin von Hohenberg und Frau Dr. Piccard. In hübschen, mit Herbstblumen und echtem Por- zellan geschmückten Teetischen saß man beisammen und ließ eine M o d e s ch a u an sich vorüberziehen, die ein Übersicht- liches Bild deutschen, modeschöpferischen Könnens bot. ..Bewaffneter Aufstand" D. F. Der Gesamtverband deutscher antikommunistk scher Vereinigungen hat ein Buch mit dem Titel„Be- waffneter Aufstand" erscheinen lassen, das aus Propa- gandamitteln des Reichs bezahlt wird und in viele Sprachen übersetzt werden soll. Sein Zweck ist, nachzu- weisen, daß die Brandstiftung im Reichtstagsgebäude von den Kommunisten verursacht worden ist, um einen be- waffneten Aufstand einzuleiten. Um es gleich vorweg zu nehmen: in dem Buche ist trotz aller scheinbaren Eni- hüllungen nicht ein einziges Dokument, das die Kommu- nisten mit dem Verdacht der Brandstiftung belastet und führende Männer des Reichs, insbesondere Herrn Göring. von der Beschuldigung entlastet, die Urheber des Reichs- tagsbrands zu sein. Es werden eine Reihe von Polizei-— also Spitzelberichten über Sitzungen einer„geheimen Kampfleitung" und ähnlicher Gruppen mitgeteilt, die dartun sollen, daß die K. P. ausgerechnet für Ende Februar oder Anfang März den bewaffneten Aufstand geplant habe. Diese sämtlichen Berichte sind reichlich ungenau und apokryph. Bemerkenswerter sind die Teile des Buches, die mehr oder minder parteiamtliche Kundgebungen der KPD. zu- sammenstellen. aber sie bringen nichts Neues, denn die KPD. hat nie verheimlicht, daß sie ihre Ziele durch den bewaffneten Aufstand erreichen will. Um das zu erforschen, brauchte man keine Polizeispitzel und kein Enthüllung?- buch. Solche Erklärungen stehen massenhaft in der legalen kommunistischen Literatur und sind dutzendfach von den Parlamentstribünen und auch in Versammlungsreden von allen kommunistischen Führern abgegeben worden. Man darf auch als wahr unterstellen, dah sich die KPD. organisatorisch und technisch auf den bewaffneten Auf- stand vorbereitet hat. Bei der Unzuverlässigkeit vieler kommunistischer Funktionäre und der Durchsetzung des Apparates mit Polizeispitzeln konnte diese gar nicht ge- heim bleiben. Funde von Waffen und Sprengstoffen sind nicht selten bei Verhaftung von Kommunisten gemacht worden. Solche Funde gab es aber, wie aus zahlreichen Prozessen bekannt ist, auch bei den Rechtsorganisationen, die terroristische Politik betrieben. Soweit das Buch„Bewaffneter Aufstand" wirklich echtes Material der Kommunisten bringt, beweist es, dah sich die Kommunisten im Februar dieses Jahres nicht im Angriff, also nicht imStadium eines nahen kommunistischen. Aufstondes bewegten, sondern in der Verteidi- gung gegen faschistische Terrorakte. Das ist nach dem gegenseitigen Kräfteverhältnis ganz klar. Im ganzen Reiche hatten damals schon die SA.- und SS.« Formationen das Vielfache der Mitgliederzahl der anti» faschistischen kommunistischen Kampforganisation. Dah sich die Kommunisten strategisch in der Verteidigung wußten, zeigt deutlich ein in dem Buche als besonders beweis- kräftig herangezogener Aufruf der KPD.-Führung Mittelrhein. „An alle UB.-Leitungen! An alle Instrukteure von Groß-Köln! Alarm im ganzen Bezirk Mittelrhein! Alarm in ganz Deutschland! Alarm an jeder Werkbank, in jedem Arbeitsamt, in jedem Büro! Anti- faschisten am Mittelrhein! Jetzt nicht gefackelt! Wir! Kommunisten schlagen vor: in den nächsten Tagen überall und unverzüglich zu gemeinsamen Betricbsstempelstellen und Häuserblock-Versammlungen zusammenzutreten. Wir schlagen vor: gemeinsame Antifaschistische Aktionskomitees in allen Betrieben und in allen Häuserblockvierteln. An- gesichts des Göringschen Schießerlasses gegen das Prole- tariat proklamieren wir das wehrhaste Massen- und Notwehrrecht gegen den faschistischen Terror. Wenn sie anrücken, bringt die Züge zum Stehen mit allen Mitteln! Haltet die Lastwagen auf! Verhindert die Automobiltransporte! Reißt das Straßenpflaster auf! Legt Bäume über die Marschstraßen! Handeln erfordert das Gebot der Stunde! Dieser Aufruf ist deshalb wichtig, weil er aus einem Gebiete stammt, das nach den Behauptungen des Buches mit dem Aufstand beginnen sollte: der entmilitari- sierten Zone. Der Aufruf mobilisiert zur Abwehr gegen eine nationalsozialistische Offensive. Er propagiert den„Massenselbstschutz", wie damals das kommunistische Schlagwort hieß. Kennzeichnend für die Fantasien des Enthüllungsbuches ist die Behauptung, die geheime Leitung des bolfche- wistischen Aufstandes sollte in D ü r e n und in K r e f e l d sein. Das find ganz überwiegend katholische Städte, in denen die Kommunisten eine ohnmächtige Minderheit der Bevölkerung bildeten, wie die Kommunisten überhaupt im größten Teil der entmilitarisierten Zone organisa- torisch besonders schwach waren. Nur vollendeter Irrsinn« Österreichs schwarzer Faschismus Sfarhemberg will Verbot der Sozialdemokratie Hm Wien Wien, 18. Sept. Bor dem Starhemberg-Denkmal hielt der Führer der österreichischen Heimwehr, Fürst Star- Hemberg, eine Ansprache an'Bundeskanzler Doll saß, in der er erklärte, die Heimwehr erwarte Großes vom Bundeskanzler. Er habe eine konkrete Bitte an die Regie, rung. In diesen Tage» sei das christliche nnd bodenstäu- dige Volk ans die Ringstraße gegangen und habe sich zur Idee des neuen Oesterreichs bekannt. Für diese Wiener müsse es unerträglichsei n, daßimWiener Rathaus« noch Bolschewiki sitzen, die Wien beHerr» schen. Starhcmberg forderte Bundeskanzler Dollfuß auf, diejenigen hinauszuschaffen, welche im Stadtparla- went sitzen. Das Jahr 1933 müßte zur Befreiung Wiens von dieser Gefahr werden. Die Heimweh? sei bereit, mit ihrem Leben für diese große Leistung einzutreten. Wien wird nicht von„Bolschewiken", sondern von de» Sozialdemokraten beherrscht. Starhemberg will wie früher schon die gewaltsame„Befreiung" Wiens von den Sozial- demokrate». Er will die Annullierung der sozialbcmokra- tischen Mandate nnd das Verbot der Sozialdemokratie. Italien alz Vorbild Im„Echo de Paris" vom 13. Sept. schreibt Pe r t i n ax: .... Kurz, auch Oesterreich nimmt eine Wendung zum Faschismus, aber zu einem Faschismus, der mehr das italic- Nische alsdas Deutsche Vorbild nachahmt und den Verhält- nissen des Landes und dem Charakter des Kanzlers wirklich angepaßt ist. Das Lebensinteresse des unabhängigen Staats Oester- reichs ist unvereinbar mit der rücksichtslosen Anwendung der bestehenden Verfassung, mit der dauernden Tätigkeit des Parlaments und mit neuen Wahlen. Das ist schon längst bewiesen worden. Bor einigen Monaten wünschte Paul- Boncour, als guter Demokrat, daß Oesterreich im Früh- jähr sein vertagtes Parlament wieder einberufen solle und daß die rechtmäßigen Einrichtungen nicht beseitigt würden. Der neue französische Gesandte in Wien mußte ihn er- nüchtern. Man kann sich leicht vorstellen, was gegenwärtig Neuwahlen bedeuten. Die Nazis würden mit vollen Händen aus den Kassen des Reichs schöpfen, um ihre Propaganda übermächtig zu gestalten. Panl-Bonconr besteht nicht mehr aus seine Idee. Wie werden sich die Sozialisten gegenüber den Neuerungen verhalten, die der Kanzler Dollfuß angekündigt hat. Neulich hat Otto Bauer, wie es scheint, die Notwendigkeit einer Ansnahmeregierung anerkannt. Es ist also wahrscheinlich, daß die trotz ihrer parlamentarischen Stärke— sie besitzen 72 von 165 Abgeordneten— sich ruhig verhalten werden. Jedenfalls verbietet ihnen die Lage im Reiche, von dort irgendetwas zu erhoffen. Man kann sogar annehmen, daß sie sich auch dann hüten würden, die Aufgabe des Kanzlers durch eine aktive Opposition zu erschweren, wenn sich ihrer wahren Antreffen wenig bewußt wären. Eine Kathastraphe der Regierung Dollfuß würde die Wege zum Anschluß ebnen. Die ernsthaste Gefahr ist, daß der schwarze Faschismus Oesterreichs, wie gemäßigt, vorsichtigt und vernünftig er auch sein mag, auf die Dauer den braunen Faschismus vorbe- reitet. Im Grunde hängt unter den gegenwärtigen Umständen die Selbständigkeit der kleinen Republik vom Kanzler Doll- fuß ab, von der Tauer seiner Regierung und vor allem auch von der blinden Wut der Hitlerlente. Wenn diese Wut von einziger Einsicht begleitet wäre, wenn die Führer der außenpoltischen Aktion des„dritten Reichs" stark genug wären, um den nationalsozialistischen Häuptlingen ein Kom- promiß aufzwingen und im allgemeinen ihre Gewaltsam- leiten zu mildern, so würden die beiden Länder schließlich zu einer starken Annäherung gelangen und eine Anglei, chung könnte beginnen. Glücklicherweise sind wir noch nicht so weit. Um Oesterreich wirklich unabhängnig zu erhalten, um sein Abgleiten zum Reich aufzuhalten, wäre ein Bund der Donau» staaten unentbehrlich. Aber man muß sich eingestehen, daß wir von diesem Ziele noch weit entfernt sind. Gegenwärtig ist Oesterreich unter dem Einfluß Italiens. Es ist zu fürchten, daß eine österreichisch-ungarische Annäherung den Graben zwischen Wien und Budapest auf der einen Seite und Prag, Belgard und Bukarest aus der anderen Seite verbreitert, und daß die ästerreichisch-ungarische Gruppe schließlich Deutschland um Unterstützung gegen das Slawentum rings- umher bitten muß. Eine solche wirksame Unterstützung würde Italien vielleicht nicht gewähren können. Alles bleibt also schwankend und unsicher. „Genosse Snyders'— ein Nazi-Spitzel Entlarvt nnd der Polizei Ubergeben Saarbrücken, 14. Sept. Gestern î st hier ein Nazispitzel gefaßt worden, der sich bei hiesigen nicht-gleichgeschal, t e t e n Stellen als holländischer Sozialist ausgab und eine« holländischen Paß vorwies. Er versuchte am Freitag der vor» letzten Woche zunächst bei der hiesigen sozialdemokratischen Flüchtlingsstelle und in der Redaktion der„Deutschen Frei» heit" anzukommen. Als er daran durch verschiedene Um» stände gehindert wurde, verschwand er für einige Tage nach Straßburg und tauchte Mittwoch vergangener Woche wieder in Saarbrücken ans. Er begab sich in das Parteibüro der S S P. zu deren Vorsitzenden Waltz, bei dem er sich als Flüchtling ausgab. Während er in der Woche vorher SPD.-Lenten gegenüber behauptet hatte, er komme aus einem hitlerdentschen Kon» zentrationslager, gab er bei der SSP. an, er habe Hol» land wegen Verfolgungen seitens der holländischen Faschisten verlassen müssen und wolle sich gern in der SSP. betätigen. Die Parteileitung der SSP. ging scheinbar aus diesen Vorschlag ein und beschäftigte ihn einige Tage lang, ohueihn aus den Augen zu verlieren. Er behauptete, Gelder zur Verfügung zu haben und wollte für den Druck einer Broschüre 14 666 französische Franken zur Verfügung stellen. Zu diesem Zwecke begab er sich gestern morgen mit dem Vorsitzenden der SSP. ans die hiesige Saar» ländische Beamtenbant, wo er von dem verantwortlichen Leiter Schaub sich bestätigen ließ, daß er 45000 Kranken in erwarten habe, die aber noch nicht eingetroffen seien! Er teilte deshalb folgende Quittung aus: Saarbrücken,!». Sept. 188». An die Saarländische Beamtenbank, Geschäftsstelle Saarbrücken. Hiermit ersuche ich Sie, zu Laste« meines Kontos an Herrn Max Waltz, Saarbrücken, gegen Borlage dieser Quittung 14 6 66,— französische Franke« sin Worten vierzehntausend französische Franke« zur A»S» zahlung zu bringen. Hochachtungsvoll! (Unterschrift.) Danach wnrde der Spitzet weiter beobachtet und bemerkt, baß er in das Hans eines hiesigen SA.- Führers ging. Dabei muß er beobachtet haben, daß er tont rot» liert wurde! Er versuchte, sich zu entfernen, wnrde aber von Lente» der SSP. dauernd beobachtet. Inzwischen war durch einen Anruf bei der Beamtenbank festgestellt worden, daß dies« plötzlich nichts mehr mit der Sache zu tu« haben wollte» während noch am Morgen ihre Auskunsteiueganzanderegewesenwar. Es gelaug, ihn nochmals auf das Büro der SSP. zu locke« und dort fand mau bei ihm folgendes hochinteressante Doku» meut: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Saargebiet Landesführung Saarbrücken, den 13. Sept. Grotz-Saarbrücken Bahnhvfslratze 28 Telefon 2 05 SV An Pg. Ortsgruppenverbandsleiter Werner Neunkirchen-Saar. Kaiserstrahe. Herr Josef Snyders» Holländer, holländischer Patz Nr. 191612, war von mir gegen die SSP. eingesetzt. Heute ging die Sache hoch. Ich mutzte ihn zurückziehen und von hier ver- schwinden lasten. Bitte nehmen Sie sich seiner an, indem sie für ihn und seine Frau Unterkunft besorgen. Bringen Sie ihn so wenig wie möglich mit den Parteigenossen zu- sammen, damit er nicht zu bekannt wird. S i e w o l- ten ihngegendieKPD. verwenden, nach einigen Tagen wird der S. nach dem Reich dirigiert werden. (Stempel) Heil Hitler! Nationalsozialistische DAP.(gez.) R a u Kreis Grotz-Saarbrücken Der Spitzel ist der Polizei übergeben wor» den und sieht seiner Aburteilung entgegen. Es ist zu erwarten, daß hier nicht nur ein Nazispitzel„ans- geflogen" ist, sondern daß jetzt noch ganz andere Herren, die hier anfs schwerste kompromittiert worden sind,„auffliegen" werden! Wir werden über den weitere« Verlans der Auge» legeuheit lausend berichten. Die Originaldokumente nnd der Paß haben uns vorgelegen und die Zeugen sind von uns selbst gehört worden. Wir kommen daraus noch zurück. der immerhin bei den kommunistischen Führern nicht zu beobachten war, hätte zum Losschlagen gerade auf dem linken Rheinufer veranlassen können. In Wahrheit konnten die Kommunisten im Februar an eine bewaffnete Aktion überhaupt nicht denken. Die Situation war für sie so ungünstig, wie nur möglich. Die ganze Staatsmacht war in den Händen ihrer Gegner, denn Hitler war ja schon seit Wochen Reichskanzler. Reichswehr, Schupo, SA. und SS.,„Stahlhelm" und alles, was es sonst noch an längst bewaffneten Organisa- tionen antibolschewistischer Art gab, stand bereit, um jede kommunistische Erhebung innerhalb Minuten blutig zu ersticken. Die Kommunisten hatten auch in der Bevöl- kerung nur wenig hinter sich. Ihre Wählerschaft betrug etwa ein Achtel der erwachsenen Deutschen. Die Partie S and also einer gegen acht, und dabei waren bei den cht auch noch die ganze bewaffnete Macht des Staats, der ganze riesenhafte Staatsapparat. Zu unterstreichen ist schließlich, daß kommunistisch wählen natürlich noch lange nicht bedeutet, für den Kommunismus mit der Waffe in der Hand zu kämpfen. Die KPD. war selten in einer so ungünstigen, ja hoffnungslosen Lage wie im Februar d. I. Das Ringen zwischen Faschismus und Bolschewismus war längst zu Gunsten des Faschismus entschieden. Die faschistische Reichsregierung brauchte nur noch eins: ihre tatsächliche Macht durch ein Plebiszit zu legalisieren. Sie mußte fürchten, am 5. März bei den Reichstagswahlen in eine Minderheit gebracht und somit abhängig zu werden von den Parteigruppen der Mitte, insbesondere vom Zentrum, dessen Kraft sie damals zu Unrecht noch hoch einschätzte. In dieser Lage rief die Reichsregierung das alte Mittel des Bürgerschrecks gegen das rote Gespenst zu Hilfe. Um es besonders grausig erscheinen zu lassen, wurde der rote Hahn auf das Dach des Reichstagsgebäudes gesetzt. Jeder Unterrichtete wußte und weiß, daß der Brand des Reichs- tagsgebäudes in einer Zeit, in der die Regierung ohne jeden Widerspruchsmöglichkeit der Opposition alle Propa- ganbamittel, insbesondere den Rundfunk, gegen ihre Feinde spielen ließ, auf die Wählerschaft nur antikommu- nistisch, antimarxistisch überhaupt wirken konnte. So ist es auch gekommen. Der Reichstagsbrand ist von denen verursacht, die am 5. März sich„legal" in der Macht be- stätigen und alle Gegner mit brutaler Gewalt unterdrücken wollten. Die Kommunisten und ihre ungezählten Polizeispitzel 5>aben freilich ihren Gegnern im Laufe der Jahre mancher« ei Material geliefert, das jetzt zur Bernebelung benutzt werden soll. Die politische Lage im Februar und die ganze Art der Brandstiftung bleiben aber deutlich genug, um die nationalsozialistische Brandstiftung klar beleuchtet zu lasten, Rußland und die Nazis Köln, 13. September. Der Korrespondent der„Kölnischen Zeitung" teilt mit, daß die VetleibSdrtefe, die Ministerpräsident Görtng nach der neuerlichen Flugzeugkatastrophe an die Sowjetregierung gesandt hatte, in der deutschen Zeltung von Moskau keine Erwähnung gefunden haben, während die des Marschalls Balbo nnd des polnischen Lustfahrtministers vutkiewisz im vollen Wortlaut veröffentlicht wurden. Auch ein Bildchen: Der gewaltige Bolschewistenfeind Görtng, der in Deutschland die Bolschewisten foltern und töten läßt, telegrafiert die russischen Bolschewisten an, weil ein paar ihrer Funktionäre verunglückt sind. Die Bolschewisten aber weisen das Telegramm in den Papier- korb, wenn sie nicht sonstige Verwendung dafür hatten. Dumme Neugier Die saarlandische Regierungskommission und wir Die prohttlertsche und darum antideutsche Presse an der Saar macht immer wieder den albernen Ber- such, uns als von der Rcgterungskommission gehätschelt hinzustellen. Dieser Tage hat die Regierungskommission an die Lokal zeitungen des Saargebietes als Auflagenachricht eine„Amtliche Kundgebung der RegierungS- k o m m i s s i o n" gegeben, die sich gegen ein zum Boykott französischer Schulen aufforderndes Flugblatt richtete: „Deutsche Väter— Deutsche Mütter". Nun fragt die„Saarbrllcker Zeitung" in sensationellem Druck an der Spitze ihre» Blattes die RegierungS- kommission, warum wir diese Auflagenachricht mit der Überschrift„Schulterror" bringen durften, statt mit ber amt- lich vorgeschriebenen Überschrift. Die Antwort ist sehr einfach: weil un S diese Auflage- Nachricht überhaupt nicht zugegangen ist, wahrscheinlich weil uns die Regierungskommission mit Recht nicht zu den Lokal- zeitungen rechnet. Wir haben die Kundgebung der Regierungskommission auS anderen Blättern übernommen und haben selbstverständlich das Recht, die Überschrift zu wählen, die uns treffend zu sein scheint. Wir begreifen durchaus, daß sich die unter dem Kommando und der Zensur von SA.-Analphabeten stehende Redaktion der„Saarbrücker Zeitung" den freien Entschluß einer unab- hängigen Redaktton nicht mehr vorstellen kann. Es war aber wirklich nicht nötig, daß das Blatt diese? Armutszeugnis öffentlich bekundete. Als deutsche Journalisten bedauern wir, daß sich eine deutsche Zeitung so vor ber fremden Regierungskommission bloßstellt. Wir können nur hoffen, daß die ausländischen Herren der Regierungskommission sich «inen besseren Eindruck von der deutschen Journalistik be- wahren, als er ihnen täglich von der„Saarbrücker Zeitung" gegeben wirb. Das Heuest« Marschall Petain hat mit mehreren Generalstabsosfi» zieren die neuen Befestigungsanlagen der Gegend von Diedenhosen besichtigt. Der Stellvertreter des„Führers" weist nochmals darauf hin, daß das Tragen von Braunhemden für vorübergehend im Ausland befindliche Nationalsozialisten ohne Genehmi» gung der Reichsleitung verboten ist. Dem Gauleiter der NSDAP, in T i r o l ist die L a n d e S» bürgerfchaft von Tirol aberkannt worden. In Hamburg wirb es künftig neben dem regierenden Bürgermeister nur noch fünf, statt bisher 12 Senatoren »eben, die sämtlich vo« der NSDAP, gestellt «erde«. vie Uermann-HöringStraße Gestern hat man in Berlin in feierlicher Weise die Hermann Göring-Straße eingeweiht. Diese Straße trug bis dahin den Namen des verstorbenen Reichspräsidenten Ebert. Der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident und verschie- dene Behörden nahmen an der Zeremonie teil.„Es ist nicht nötig, auseinander zu setzen", erklärte der Staatskommissar Lippert,„warum die Friedrich-Ebert-Straße nunmehr in der Hauptstadt überflüssig geworden ist". Er feierte die Ber- dienste Görings, des zweiten ManneS des Reiches. Dann brachen die Sturmabteilungen, die längst der Straße auf- gestellt waren, in ein„Heil Hitler" aus und stimmten das Horst-Wessel-Lied an. Streit om die landwirtsdiait Der deutschnationale Staatssekretär im ReichsernährungS- Ministerium, Herr von Rohr, wird in den nächsten Tagen seinen Posten verlassen. Der Grund für den Wechsel im Staatssekretariat des Reichsernährungsministeriums liegt in tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten über grundsätz- liehe und aktuelle wirtschafts- und agrarpolitische Fragen. Kommunisten boykottieren nicht Die schwedischen Kommunisten der MoS- kauer Richtung(Sillen-Kommuntsten) haben be- schlössen, an der von den schwedischen sozialdemokratischen Gewerkschaften erklärten Baykottaktion gegen deutsche Waren nicht teilzunehmen. Dieser Beschlutz soll auf Jni- tiative der Moskauer Regierung zurückgehen, die sich auch in Zukunft Deutschland gegenüber neutral verhalten wolle. Fünf Monate Wegen in einer Versammlung am 13. Juni in Kupferdreh getaner Aeußerungen, die sich gegen das Ansehen der Regie, rnng und der hinter ihr stehende» Verbände richteten, wnrde die Geschäftsführerin des dcutschnationalen LandeSfranen» ansschusseö, Elisabeth Stnbenrauch, vom Dortmunder Sondergericht zu fünf Monaten Gefängnis ver» urteilt. Auflösung katholischer Verbände „Le Temps"(Nr. 26314) meldet: Der Kardinal Bert- ram, der Präsident der Fuldarer Bischofskonferenz empfiehlt den katholischen Verbänden, nicht selbst ihre Auf- lösung zu beschließen,„wie es, so sagt er, bereits in mehreren Fällen, infolge eines äußeren Drucks, geschehen ist". Der Reichstagsbrand Der Herr Reichsanwalt auf dem Rückzug: Lübbe allein angeklagtl Die große Pariser Abendzeitung„Pa ris- S oir" bringt eine sensationelle Meldung Es ist einem ihrer Mitarbeiter gelungen, Einblick in die Anklageschrift des Oberreichsanwaltes gegen die„Reichstagsbrandstifter" zu erhalten. Aus dieser Akte geht hervor, daß die Reichs» anwaltschaft versuchen wird, glaubhaft zu machen, daß van der Lübbe der alleinige Täter gewesen sei. Der junge, halbblinde Holländer soll an der Fassade des Reichstages hochgeklettert sein, eine Scheibe eingetreten haben und so ins Innere des Reichs- tagsgebäudes gelangt, ganz allein mit ein paar Kohlen- anzündern das riesige Feuer angelegt haben. Diese Version schlägt den bisherigen Behauptungen der offi- ziellen deutschen Stellen, daß mindestens zehn Menschen notwendig gewesen seien, um zentnerweise Brandmaterial in den Reichstag zu schaffen, geradezu ins Gesicht. Sie widerspricht ebenso allen bisher abgegebenen Gutachten der deutschen Sachverständigen, daß unmöglich ein Mann allein die vielen Brandherde vorbereitet und entzündet haben könne. Der Untersuchungsrichter Vogt hatte immer wieder erklärt, daß er die Beweise dafür besitze, daß van der Lübbe mehrere Helfer bei der In- brandsetzung des Reichstages gehabt habe. Der amtliche preußische Pressedienst schrieb am 1. März: „Die bisherige amtliche Untersuchung der großen Brandstiftung im Gebäude des deutschen Reichstages hat ergeben, daß allein zur Herbeischaffung beS Zündmaterials mindestens sieben Personen notwendig gewesen sind, während die Verteilung der Brandherde und ihre gleich- zeitige Entzündung in dem riesigen Hauie min- bestens zehn Personen erfordert haben muß." Von Beginn an also war die Anklage darauf angelegt, «ine umfangreiche, lang vorbereitete Verschwörung nach- zuweisen. Weshalb fällt jetzt in letzter Minute die Anklagebe- Hörde um und behauptet, daß von der Lübbe allein den Reichstag angezündet habe? DieGründefürdiefe sensationelle Schwenkung sind sehr ein- fach. Es ist nachgewiesen warben, daß in der Tat eine Anzahl von Personen nach sorgfältiger Vorbereitung das Brandmaterial in den Reichstag gebracht und an ver- schiedenen Stellen zugleich entzündet haben. Diese Brandstifterkolonne hat aber nur durch den unterirdischen Gang vom Palais des Reichstagspräsidenten G ö r i n g in den Reichstag eindringen können. Diese Möglichkeit aber war niemals für Kommunisten, sondern ausschließ- sich für Nationalsozialisten gegeben. Der Beweis ist lückenlos. Die ganze Welt weiß heute darüber Bescheid, wer den Reichstag ange- zündet hat und aus welchen Gründen diese verbrecherische Provokation erfolgte. An- gesichts der Weltöffentlichkeit mutz die Anklagebehörde in Leipzig, deren Aufgabe es ist, die Wahrheit zu ver- tuschen, nicht aber sie zu finden, die Schwenkung vor- nehmen und alle früheren offiziellen Behauptungen dementieren. Wird man heute noch wagen zu behaupten, daß Torgler. Dimitroff, Taneff und P o p o s f an dieser Tat beteiligt gewesen sind, daß sie den Täter an- gestiftet haben? Wird man es zuwege bringen, der Oeffentlichkeit einzureden, daß Torgler den halbblinden van der Lübbe veranlaßt habe, eine Fassade zu er- klettern? Die Manöver der vor der Welt entlarvten wahren Brand st ifter werden immer verzweifelter. Kein Täuschungsversuch kann heute mehr verhindern, daß die Wahrheit in der Welt bekannt geworden ist und auch in Deutschland selbst schon dämmert. * Die Hauptbelastungszeugen im Leipziger Reichstagsprozeß sind, wie es sich bei den Methoden dieser Justizbehörde beinahe von selbst versteht, ausgesuchte Nationalsozialisten. Es werden gegen Torgler zeugen: der nationalsozia- ûstische Reichstazsabgeordnete Karwahne aus Hannooer. Karwahne wurde 1925 aus der Kommu- nistischen Partei, in der er vergeblich eine Rolle zu spielen suchte, ausgeschlossen. Der zweite Zeuge ist der Frak- tionssekretär der nationalsozialistischen Reichstags- fraktion, Steuer; der dritte ein führender öfter- - reichischer nationalsozialistischer Funktionär namens Frey. Es ist selbstverständlich, daß diese„Zeugen" als Funktio- näre einer Partei, die ein Lebensinteresse daran hat, die Wahrheit über den Reichstagsbrand zu vertuschen, völlig unglaubwürdig sind. Sie werden nur das aussagen, was ihnen vorher durch das Propaganda- Ministerium einexerziert worden ist. Diese Aussagen werden teils völlig freie Erfindungen, teils völlige Ent- stellungen und Verdrehungen von Tatsachen sein. Die Oeffentlichkeit kann sich darauf gefaßt machen, daß sie von diesen Herren„Zeugen" die sonderbarsten Schauer- Märchen zu hören bekommen wird. vas pariser Massenmeeting „Der Mörder und Anstifter ist Göring!" Paris, 18. September. Zehntausende waren gekommen, um im größten Saale von Paris, dem„Salle Wagram", von den beiden berühmtesten französischen Anwälten Moro Giafferi und Torres zu hören, wer den deutschen Reichstag in Brand gesteckt hat. Um sieben Uhr waren die Zugänge zum Saal gesperrt. Auch die Journalisten, die Pressefotografen wurden butzenb- weise wieder fortgeschickt, weil nicht ein einziger Mensch mehr in den vollkommen überfüllten Saal hineinging, in dem man die Stühle an die Seite gestellt hatte und stand, Kopf an Kopf. Draußen auf den Straßen demonstrierten Tausende und aber Tauscnde gegen den„M ö r d e r Hitler" und für die Freilassung Torglers, Thälmanns und aller Opfer des deutschen Faschismus. Unter atemloser Stille schilderte Moro Giafferi die Vorgänge: den Reichstagsbrand selbst und die Begebenheiten am Tatort. Er zitierte die ersten amtlichen Verlautbarungen, wonach mindestens zehn Mann an der Brandstiftung be- teiligt gewesen sein müssen. Er beschäftigte sich ausstthr- lich mit der Person van der Lübbes, den er als einen Halbirren kennzeichnete. Er betonte, daß die Behaup- tung der Ankläger, van der Lübbe habe ein Mitgliedsbuch der Kommunistischen Partei in der Tasche gehabt, erlogen sein müsse, da bewiesen worden sit, daß van der Lübbe be- reits 1931 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden ist. Er zerpflückte die Aussagen der nationalsozia- listischen Belastungszeugen bis ins einzelne. Er stellte die zahlreichen Widersprüche und Unmöglichkeiten in diesen Aussagen fest. Er zog aus allen juristischen Argumenten und aus der^ülle des vorliegenden Tatsachenmaterials den Schluß, daß die Angeklagten— mit Ausnahme van der Lübbes— mit dem Brande nicht das Geringste zu schaffen gehabt haben, daß die Anklage konstruiert und voller un- wahrscheinlicher Widersprüche sei. Moro Giafferi sagte, daß er als Anwalt spreche, der das Recht erforschen wolle. Daß er nicht aus politischen Gründen, sondern aus dem Grunde des Rechts und der Wahrheitsfindung feststellen müsse, daß die Angeklagten unschuldig seien. Aber er plädierte nicht nur als Verteidiger, sondern auch als Ankläger. Er stellte fest, daß nach amtlichen deutschen Verlautbarungen vom 1. März die Polizei bereits am 24. Februar davon unterrichtet gewesen sei, daß ein Anschlag aus den Reichstag drohe. Was aber hat Göring getan, um diesen drohenden Anschlag zu verhindern? Er hat, wie fest- gestellt ist, am 27. Februar den Kommandeur der verant- wörtlichen Polizeiwache beaustragt, seinen Mannschaften Urlaub zu geben. Giafferi stellte weiter fest, daß die Täter nur zwei Möglichkeiten hatten in den Reichstag zu gelangen, entweder durch das streng bewachte Portal Nr. 5 oder durch den unterirdischen Gang vom Palais des Reichstagspräsi- denten Göring. Er appellierte mit Leidenschaft an die deutschen Verteidiger, alle diese Fragen in Leipzig zu stellen nnd auf alle Widersprüche der amtlichen Verlautbarungen, der Voruntersuchung und der Anklageschrist hinzuweisen. Er rief am Schluß seiner langen und inhaltsreichen Rede auS: Der Mörder und Brandstifter ist Göring! Nach ihm sprach der zweite weltbekannte französische An- walt. Me Torres, Depute, der alle Ausführungen von Giafferi unterstrich und an das Weltgewissen appellierte, sich durch die Justizsarce, die in Leipzig ausgeführt werde, nicht täuschen zu lassen. Diese beiden Hanptreden waren eingerahmt in die An- sprachen und Appelle des Versammlungsvorsitzenden, des großen französischen Journalisten Lee a che, des Schrift- stellers Egon Erwin K i s ch, des in einem TA.-Keller mißhandelte» Inders T a g o r e lden Nesse» des Dichterss, durch die Anklage gegen die Verbrechen des Naziregimes, die Rudolf Leonhard noch einmal zusammenfaßte und endlich durch das Bekenntnis der Schwester des Angeklagten Dimitroff zum Freiheitskampf des revolutionären Proletariats. Die Versammlung nahm am Schluß einstimmig und leidenschaftlich für eine Resolution Stellung, die das Justiz- verbrechen, das jetzt in Leipzig zur Ausführung kommen soll, aufs Schärfste verurteilte. Der Freispruch der An» geklagten wurde im Namen des Rechtes und der Mensch- lichkeit gefordert. vas seisisà Einstein Interview In großer Aufmachung bringt der„Völkische Beobachter" auf der Titelseite die Nachricht, Albert Ein- stein habe holländischen Blättern ein Interview gegeben, in dem er sich über die angebliche Ausnutzung seines Namens bei der Publikation des„Braunbuches" beklage und mit- teile, der eigentliche Herausgeber des Braunbuches sei der Reichstagsabgeordnete Münzenberg. Diese Interviews sind eine völlig freie Erfindung deS Berliner Propagandaministeriums. Einstein hat niemals ..Affentnt auf Hitler" Ein braunes Greuelmärchen Frankfurt a. M., 13. Sept. Gelegentlich der Festnahme einer größeren Anzahl von Kommunisten bei einer Fahn- dungSaktion der Geheimen Staatspolizei, wurde, wie das Geheime Ttaatspolizciamt mitteilt: ermittelt, daß im Juni rorigen Jahres ein Anschlag auf Reichskanzler Adolf Hitler in Mainz geplant gewesen war. Die Verhasteten„gestanden", daß am 13. Juni 1932 Adolf Hitler, als er in einer Versammlung in Mainz sprach, auf der Rückfahrt hätte ermordet werden sollen. Der Plan sei daran gescheitert, baß einer der Attentäter mit seinem Revolver nicht umzugehen verstand und sich die Waffe in einem Hausflur erklären ließ. Dabei ging ein Schuß los, und die Attentäter flüchteten, da sie der Meinung waren, es sei ein Gegenanschlag auf sie geplant. Als die Verschwörer sich wieber gesammelt hatten, war Hitler mit seinem Kraft- wagen bereits vorbeigefahren. Und dieses schwachsinnige Lügenmärchen der Geheimpolizei soll ein vernünftiger Mensch ernst nehmen! Aber es handelt sich darum, wieder einen Anlaß zu neuen Kommunisten»«« folgungcn zu konstruieren. Die Verfolgungen haben bereits begonnen. « Mainz, 13. September. Bei einer Polizeiaktion gegen die verbotene Kommunistische Partei und deren Hilfs- und Unterorganisationen wurden in Mainz 7» Personen sestge» nomme». Es wurde festgestellt, daß der Rotfrontkämpserbund in Mainz immer noch fortbesteht und Borbereitungen zu einem Umsturz getroffen hatte. Beschlagnahmt worden Bomben, Sprengstoff, Gewehre, Handgranaten und Mnni» tiou. und zu niemanden eine auch nur ähnlich geartete Er» klärnng abgegeben. Ganz im Gegenteil hat der Gelehrte, der sich vor den Mord- drohungen der Nationalsozialisten nach England flüchten mußte, den Vertretern der englischen Presse noch einmal er- klärt, daß er selbst zwar«icht am„Braunbuch" mitgearbeitet habe, sich aber mit seinem Inhalt vollkommen identifiziere. Am 14. September: Beginn des Londoner Gegenprozesses Am 14. September hat in London im Hause der Society os Law der Prozeß der Internationalen Juriftenkommission gegen die eigentlichen Urheber des Brandes im deutschen Reichstagsgebäude begonnen. Eine von der Untersnchungskommission nach Holland ent» sandte Untcrkommiffion hat in diesen Tagen sehr erhebliche Zeugen ermitteln und protokollarisch vernehmen können. Es handelt sich nm Personen, die in der Lage sind, über die Tätigkeit des van der Lübbe in faschistischen Organi- sationen sehr genaue Angaben zu machen, und, anderenteils» nm solche Personen, die über den homosexuellen Kompler in der Affäre sehr präzise Mitteilungen geben konnten. War nach dem bisher vorliegenden, im„Braun- Buch" ausgebreiteten Material mit hoher Wahrscheinlich- keit anzunehmen, daß van der Lobbe durch den ermordeten Bell in den amourensen Kreis des Stabschefs der SA. und SS.» des Hauptmanns R ö h m, eingeführt worden war, so fehlten doch bis jetzt Beweise dafür, daß van der Lobbe auch schon vor seiner letzten Reise nach Deutschland in Holland in homosexuellen Zirkeln verkehrt habe. Jetzt ist von der nach Holland entsandten Unterkommission eine Reihe von Zengen ermittelt worden, deren Aussagen nnnmehr keinen Zweifel mehr bestehen lassen, daß van der Lobbe homosexuell veranlagt ist. Einer dieser Zeugen hat mit dem Provokateur in intimem Verkehr gestanden. » Dem Londoner Gerichtshof wird ein umfassendes, historisch und dokumentarisch fundiertes Gutachten vorliegen, in dem, von der Ermordung Liebknechts ab bis auf die neueste Zeit die ver- sckiedenen terroristischen Akte geschildert werden, die von der deutschen Gegen-Revolution begangen worden sind, um die Ar- beiterschaft, al» den tragenden Pfeiler der Weimarer Republik, zu provozieren. Nan rstsket In Leipzig Der Prozeß beginnt a m 21. September in Leipzig. Das Reichsgerichtsgebäude wird seit Montag scharf über- wacht. Polizei und Wächter sind an allen Eingängen auf- gestellt. Man erwartet einen beträchtlichen Andrang von deutschen und fremden Journalisten, aber die Behörden haben beschlossen, nicht mehr als insgesamt 129 Presse- karten auszugeben. Dreißig besondere Telefonzellen werden den Berichterstattern vorbehalten sein. Außerdem versichert man, baß verschiedene Gerichtssitzungen durch Radio verbreitet werden dürfen. Später wird das Gericht in Berlin tagen. Der Saal des Hauptausschusses des Reichs- tags ist für diese Sitzungen bestimmt. „Ekslrabladel" sa dl die Wahrheit! Darum wird es in Hitler-Deutschland verboten! Kopenhagen, 14. Sept. sEig. Ber.j Das große dänische Blatt„E k st r a b l a d e t" wurde heute von der Geheimen Staatspolizei in Deutschland beschlagnahmt und aus un- bestimmte Zeit verboten. Warum?—: Nun, es hatte ein Foto des Ministerpräsi» denten Göring mit der Unterschrift:„Das ist der wahre Reichstagsbrandstifter!" gebracht. Weil aber Herr Göring diese Wahrheit nicht vertragen kann, mußte das Kopenhagener Blatt verboten werden! Wo Ist Dr. Mlerendorif? Lebt— noch? Man schreibt uns aus dem Reich: Der bekannte sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Karl Mierendorsf, Kriegsfreiwilliger und Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. Klasse, befand sich seither in dem hessischen Konzentrationslager Osthosen bei Worms. Aus dem Wege dorthin wurde er bekanntlich im Triumphzuge durch Darmstadt geschleift und mißhandelt. Auch im Lager Ost- hosen wurde er mißhandelt. Wir wissen zuverlässig, daß er mindestens zweimal dort in der schlimmsten Weise vcr- prügelt und niedergeschlagen wurde. Dr. Mierendorff befindet sich seit dem 1. September nicht mehr in O st hosen! Zur Ent- lassung kam er nicht, geflüchtet ist er auch nicht. Er wurde von den hessischen Machthaber« aus dem Lager entfernt und niemand vermag zu sagen, wo sich Dr. Mierendorff jetzt bc- findet. Tie schlimmsten Befürchtungen über sein Schicksal sind nicht von der Hand zu weisen! Wir fragen den Präsidenten des Hessischen Staatspolizei- amies, Dr. Best, in Darmstadt: Wo ist der Reichstagsabgeordnete Dr. Mierendorsf? Die Dbrfelge des Holländers 15 Monate"efängnis lJnpreß.j Ein holländischer Geschäftsmann, der die Be- lästigungen eines SA.-Mannes schließlich nicht anders als durch eine Ohrfeige zu parieren wußte, wurde in Düsseldorf zu IS Monaten Gefängnis verurteilt. Schweizer Sflmme „Ausrotten...1" Eine deutliche Mahnung Die„Neue Züricher Zeitung" schreibt in einem Aufsatz? „Spektrum der schweizerisch-deutschen Handelsbeziehungen". Die nationale Bewegung scheint in Deutschland gewisse Leute so zu begeistern, daß sie die ebenso natürlichen wie historisch sanktionierten LandeSgrenzen auf den Flügeln der Phantasie überspringen. Umso schärfer läßt das deutsche Reich dafür seine wirtschaftliche Grenze in Er- scheinung treten. Wenn die herausfordernde Mißachtung der politischen Landesgrenze, wie sie die„völkische Werbung sich zu leisten erlaubt, von dem sicheren Boden des schmelze- tischen Staatsgedankens aus mit dem Spott, den sie ver» dient, quittiert werden darf, so zwingt die immer rücksichts- losere Betonung der Zollgrenze zu realerer Ber- g e l t u n g. Wie man sich erinnern wird, hat die Schweiz im Frllhsommer dieses Jahres bereits einmal die Initiative ergriffen, um in freundschaftlichem Geiste, die sich auf dem schweizerisch-deutschen Hanbelsweg besorgniserregend ver- mehrenden Klöße hinwegzuräumen. Dieser Versuch zur wirtschaftlichen Annäherung fand indessen aus deutscher Seite offenbar nicht das Verständnis, das man hätte voraussetzen mögen, und blieb fruchtlos. Im Hinblick auf diesen Miß- erfolg wird man darum ernstlich zu erwägen haben, ob die Schweiz nochmals ihren guten Willen zum Markt tragen darf, oder ob sie der unausweichlichen Konsequenz aus einer unhaltbaren Situation nicht vielmehr sofort durch praktisches Handeln genügen sollte. Anch die Schweiz ver- fügt über so etwas, wie wirtschaftliche Souveränität. Verlust verpfändet... In der Hauptstadt Hitlers In der GV. der Münchener Lokalbahn A.-G. wurde mit- geteilt, daß auf Grund einer von unbekannter Seite erstat« tcten Anzeige eine behördliche Nachprüfung der Bücher durchgeführt werde. Nachdem sich im Berichts- jähr ein erheblicher Verlust von 0,99 Millionen er- geben hat, sei auch im laufenden Jahre mit weiteren V e r l u st e n zu rechnen. Der Grundbesitz der A.-G. ist be- lastet, die Maschinen übereignet, Beteiligungen und Effekten verpfändet Punkten Einstimmigkeit. 992 2(50 RM. vorgetragen. Die Abstimmung ergab bei allen Danach wird der Verlust von „Freiwilliger" Arbeltsdienst Wer nicht mitmacht, soll verhungern— Auch die Eltern werden mit dem Hungertode bedroht Vor uns liegt im Original folgende Bekannt- machung: Bekanntmachung Ledigen männlichen Personen unter 25 Jahren ist Te- legenheit geboten, im Arbeitslager in Dahn durch Ber- mittlung des Arbeitsamts im Wege des freiwilligen Arbeitsdienstes Arbeit zu erhalten. Mit sofortiger Wirkung werden daher sämtliche Unter- stützungen an solche Personen(Arbeitslosen-, Krisen- und WohlfahrtSunterstützungen) mangels Hilfsbedürftigkett eingestellt. Soweit ledige männliche Personen unter 25 Jahren bet den Pflichtarbeiten beschäftigt sind, erfolgt Entlassung der- selben mit Wirkung vom 81. Juli 1988. Eltern, welche ihre Kinder nicht zu der erwähnten Arbeits» leistung anhalten, können ebenfalls nicht mehr unterstützt werden. PirmaseuS, den 27. Juli 1988. Ltädt. Wohlfahrtsamt. ver Hunger geht um Für die Nicht-Nazis Aus Berlin wird dem Manchester Guardian geschrieben? Ein Angestellter— kein Jude, aber einer, der seine Arbeit verloren hatte, weil sein jüdischer Arbeitgeber ruiniert wurde— läuft den ganzen Tag herum, um sich nach einer Anstellung umzusehen. Er und seine Familie sind in trost- loser Lage,' aber wohin er stch auch wendet, erhält er die gleiche Antwort:„Es besteht keine Aussicht aus Arbeit für jemanden, der nicht der nationalsozialistischen Partei an- gehört." In einer Firma, die elektrische Birnen herstellt, wurden die Mitglieder des Betriebsrats, von denen die meisten den «freien Gewerkschaften" angehörten, von der Nazizellc an- gewiesen,„freiwillig" zu kündigen. Wenn sie eS nicht täten, so wurde ihnen gesagt, kämen sie in ein Konzentrations- lager. Natürlich kündigten sie. Aber da sie es„freiwillig" getan hatten, konnten sie für die nächsten zehn Wochen keine Arbeitslosenunterstützung beziehen. Wie sie und ihre Fa- Milien während dieser Zeit leben sollen, weiß man nicht. In einer Schuhfabrik wurden 25 Angestellte wegen ihrer politischen Anschauungen entlasten. Unter ihnen befanden stch fünf Nazi, die eine„zweite Revolution" erhofften und „gegen den Kapitalismus" waren. In der ReichSbrnckerei wurden einige Angestellte fristlos entlasten, weil sie sich weigerten, der„freiwilligen Hitler- spende" einen Betrag zu zahlen. Diese Zahlungen werden als eine Arbeitersteuer ausgefatzt, die sie auch in Wirklich- kett sind. Amerikaner meiden Deutschland Laut den amtlichen Zahlen des Statistischen Reichsamtes ist die Ziffer der Reisenden aus Ueberseeländern nach Deutschland von 28 000 in den Monaten April bis Juni 1932 auf 11000 in der gleichen Berichtszeit de» Jahres 1933 gefallen. Die Einreise der Amerikaner ging von 14100 in den drei Monaten des Jahres 1932 auf 7000 in der gleichen Pertode des Jahres 1983 zurück. Laut den offiziellen Ausweisen de? Statistischen Reichs- amies sind allein im Monat Juli vierzig Aktiengesellschaften aufgelöst worden. Neu gegründet wurden— drei Aktiengesellschaften. In den Monaten Juni und Juli ist eine Schrumpfung des Aktienkapitals um fast eine Viertelmilliarde zu verzeichnen. Abonniert die«DentscKe Fs-wV«*"! BERT „Nur so wird es gelingen, das von den Führern der nationalsozialistischen Revolution gesteckte Ziel zu erreichen, den Bolschewismus mit Stumpf und Stiel auszurotten, bis schließlich, wie Ministerpräsident Göring einmal ausführte, in Deutschland keine einzige Schrift mehr davon kündet, daß es überhaupt einen Marxismus gibt." „Völkischer Beobachter". vie Bogkoflbewegung Prag, 18. Sept. lEig. Bericht s In der Tschechoslowakei ist die Einsuhr aus Deutschland um 11,8 Prozent im ersten Halbjahr 1988 gegenüber der gleichen Berichtszeit des Jahres 1882 gefallen. Zahlenmäßig bedeutet das einen Ber» lust von über 898 Millionen Kronen. Warschau, 18. Sept.«Eig. Bericht.» In Pole« hat sich «in Komitee zum Boykott deutscher Waren gebildet, dessen Filialen über das ganze Land verbreitet sind. Das Komitee arbeitet außerordentlich aktiv. Die Fabrikanten der großen Textilstädt« Lodz, Bielitz,«ialvftik beschlosten, den Bezug deutscher Woll- und Baumwoll-Absälle abzubrechen. JG.-Farben, die Millionenumsätze erzielten, werden von Färbereien nnd Textilsabriken ausnahmslos boykottiert. Medizinische Präparate aus Deutschland sollen sostcmatlsch verdrängt werden. Motoren nnd Maschinen werden nicht mehr gekauft. Die Nadeln für die Trikotagen- nnd Cotton» industrie werden neuerdings mastcnhast aus England be- zogen. Stockholm, 18. Sept. sEig. Bericht.» Die schwedisch« sozialdemokratisch« Regierung hat beschlosten, daß die Sin- suhr deutscher Waren nach Schweden mehr als 198 Millionen jährlich nicht betragen darf. Im Jahre 1881 betrug die deutsche Einfuhr nicht weniger als 172 Millionen Kronen. Berlin, 13. Sept. lEig. Bericht.» Nach hier verössent- lichten Statistiken ging die deutsche Ausfuhr nach den nor- bischen Ländern von 251 Millionen Mark im ersten Halb- jähr 1888 ans 181 Millionen Mark in der gleichen Zeit des Jahres 1883 zurück.> Hein den deutsdien riOdiilingen) Ein Aufruf an die französische Geschäftswelt! DaS Straßburger Comité d'Informations et d'Aide aux Refugies allemands, 8, Rue des Francs Bourgeois hat nun nach Unterbringung zahlreicher Flüchtlingskinder auch den lobenswerten und nachahmenswerten Versuch gemacht, wenigstens für die Flüchtlinge seines Bezirks, an den Edel- mut der französischen Bürger zu appelieren, ausgehend von dem Gedanken, daß ja dem Werke der Menschlichkeit nur ein halber Dienst erwiesen wäre, wenn man all diesen jungen Leuten nur die Möglichkeit gegeben hätte, sich vor den Ver- fnlgungen deS HttlerreqimeS in Sicherheit zu bringen, ohne ihnen aus der andern Seite die Möglichkeit zu geben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In voller Wahrung des Umstandes, baß den Eingesessenen durch die Flüchtlinge der Lcbensraum und die Eristenzmög- lichkeit in keiner Weife geschmälert werben dürfe, glaubt das obige Komitee die Berechtigung zu der Feststellung zu haben, daß bei gutem Willen sicher eine Anzahl von Stellen bei Arbeitgebern sFabrtkanten, Handwerksmeistern, Ge- werbetreibenben» aufzufinden wären, die durch Flüchtlinge besetzt werden könnten, ohne daß einem Franzosen irgend- ein Nachteil dadurch entstehen könnt«. In diesem Sinne appeliert das obengenannte Komitee an sämtliche Arbeitgeber. Unternehmer, Landwirte, ihm freie ~?frt. Me fîd> zn? JWefetoitna Mtrdr behördlichen Bestimmungen eignen, baldgefLlligst bekannt- zugeben. Flüchtlinge natürlich nur im Rahmen ber ich«-" Iii dem Aufruf des Flttchtlingskomites heißt«» weiter: Wie wir dazu erfahren, hat die Unterbringung von deutsche» Flüchtlingskinder« als Lehrlinge in französischen Betrieben schon sehr gute Fortschritte gemacht. iWir empfehlen dtese» Werk allen Komitees zur gefl. Nachahmung.» Ein« große Anzahl Spezialarbeiter und qualifizierter Handwerker sind durch das Hitlerregime aus Deutschland vertrieben worden. Die Situation all dieser Flüchtlinge— da sie kaum über nennenswerte Mittel verfügen— ist eine sehr schlimme. Auf vielen dieser Leute lastet nunmehr mehrmonatliche Beschäs- tigungslosigkeit vernichtend und treibt sie zur Verzweiflung. „Absage Erpreßte Erklärungen Der ReichSwehrmini st er bringt da» Schreibe» de» Reichsinnenministerö an die Reichsbebörden zur Kenntnis, worin das Ersuchen ausgesprochen wird, alle Beamten, An- gestellten und Arbeiter darauf hinzuweisen, daß jede, auch nur lose Beziehung zur SPD. oder KPD. verboten ist. Der ReichSwchrminister erklärt, baß dieser Erlab volle Gültig- keit für den Bereich der Wehrmacht habe. Er beauftragt die Dienststellenleiter, die Bekanntgabe deS Erlasses an alle Beamten. Angestellten und Arbeiter zu veranlasten und von Personen, die den genannten Parteien früher angehört haben, entsprechende schriftliche Erklärungen ein- zufordern. Diese Erklärungen sind zu den Personalakten zu nehmen. Der Reichswchrminister hat ferner verfügt, daß da» Tagen von Uniformen der NSDAP, den Beamten, Ange- stellten und Arbeitern der Wehrmacht im Dienst« gestattet ist. Entgegenstehende Bestimmungen aus älterer Zeit sind ent- sprechend abgeändert worden. Bekreuzigte Bürgermeister Die babische Regierung hat angeordnet, daß künftighin an den Amtsketten der badtschen Bürgermeister das Haken- kreuz zu tragen ist. Abwärts! F sselurg der Porzellanindustrie auf 44,5 Proz. Berlin, 14. Sept. lJnpreß.» Die führenden Betrieb« der Porzellanindustrie fordern von der Reichsregierung die Schaffung eines Zwangskartell für die Porzellan-Geschirr- industrie. Im Durchschnitt der Jahr« 1927 bi» 1982 wurden 1118 000 Kubikmeter Glattbrand hergestellt. Der Jahresver- brauch dagegen beträgt— nach eigenen Berechnungen de» Industrie— gegenwärtig nur 528 000 Kubikmeter. Da» b«, deute ein- notwendia« Drotleluno flcafecftc Stimmen Feuîlletonbeîlage der„Deutschen Freiheit" Freitag, den 15. September 1955* Ereignisse und Geschichten Das Spiel kamt âeçimtm... Ueudeutsches JAeatec und neudeutsche JCcitik Nun öffnen in Deutschland auch die Theater wieder ihre Pforten. Die neue Saison beginnt. Die theaterlose, die schreckliche Zeit ist vorüber(nur das grandtose, ganz Deutsch- land überflutende Partcitheater kennt keine Saison!),— die Zeit, während der Herr Göring, als Oberosaf und General- chefintendant aller dramatischen und theatralischen Künste sorgsam gesiebt hat unter den Intendanten, den Drama- turgen, Oberregtsseuren und Dirigenten aller Staats- und Stadttheater im neuen Deutschland. * Dir Saison kann beginnen, die erste garantiert hundert» prozentig reine und keimfreie nationalsozialistische Theater- ära. Denn auch das Theater ist in die„Totalität" des neuen Staate? einbezogen: Herr Doktor Göbbels, dessen drama- tische Werke daS ehedem ltberalisttsche Theater so schnöde abwies, hat die besten Aussichten, vielgespielter Autor auf den diversen Bühnen des„dritten Reichs" zu werden. Und die Bürger werden sich, mit dem ihnen eingeborenen oder neuerdings ihnen eingeimpften Furor auf das neue Theater stürzen: sie werden, in jedem Moment eingedenk ihrer seelischen, geistigen und künstlerischen Wiedererweckung im Brio der nationalen Revolution, sich auf die Gipfelungen neudeutscher Theaterkunst, auf die Kleist und Körner, auf die Iohst und Burte», auf die nie abreihenden Schlaget«!- und Horst-Wessel-Apothesen, auf die SA.-Gloriolen und die HannS-Heinz-EwerS-Alraunigkeiten, auf die vielen neu- erweckten und noch, mit Herrn Göbbels Hilfe, neu zu er- weckenden Dramatiker deS»dritten Reichs" stürzen. * Serie« wirb eS geben in diesem neubeutschen Theater: do— 60— 100 Abende in überquellender Begeisterung, wie man sie in Deutschland seit den Tagen der„Lustigen Witwe" und aller»Alt-Heibelberg"-Räusche nicht mehr erlebt hat... * „Schlag auf Schlag" werden die Premieren hinter- einander sallen— es wird kein Ausruhen geben und kein müde? Nachlassen: wie das Feuerprasseln in 18 Kilometer breiter Front auf dem Nürnberger Spuk, so wird der ahnungslose Theatergenieber des neuen Reichs, der mehr oder minder sanft gezwungen von seinen sauer verdienten Groschen ein Abonnement auf dieses schauerlich-schöne Theater zeichnen muhte, mit neu deutscher Dramatik, vom Tragischen biZ zum Burlesken, bombardiert werben. Städtische und staatliche Beamte, Lehrer und Werkmeister, Richter und Studenten, Hebammen und Chefärzte» Direk- tore» und Stenotypistinnen werden sich dem markanten »Druck von oben" nicht entziehen können lind sich— auch wenn sie lieber Kegel schieben oder einen Dämmerschoppen genehmigen wollten— am vorbestimmten Abend die neue Nazi-Premiere anschauen müssen. Und am Tag darauf dürfen sie, auch wenn ihnen unter dem Geknatter der Phrasen und Ttraden Seele und Sinne noch nicht ab- gestumpft sind, noch nicht einmal über den verlorenen Abend schimpfen, denn man weiß ja nie, ob nicht das Dienstmädchen eine kleine, adrette Denunziation an den nächsten Herrn AmtSwalter richtet... Und dann steht ja für den deutschen Theatergenteher von 1933 hinter einer mißvergnügten Premiere eine erfahrungsgemäß recht vergnügte Schutz- hast... » Aber dennoch! Tags darauf, wie doch immer nach einer festlichen Premiere, greift er zur Zettung und sucht, was er selbst nicht verstand, aus der Kriti k zu verstehen. Die löb- liche Kritik begriff doch immer mehr als Autor, Regisseur, Schauspieler und Zuschauer zusammen begriffen: der Herr Kritiker— in jeder Stadt ein eigener Kerr oder Herbert Ihering— hatte die Gabe und die Gnade, alles daS frei und objektiv zu sagen, was im Unterbewußtsein der mehr oder minder intelligenten Zuschauer nur undeutlich und unsor- mulierbar hin und herwogte. Die Kritik wird Rechenschast geben und Bekenntnis sein— auch vor den Emanationen des„dritten Reichs"...? » Wie alles im Hitler-Staate einer blut- und wurzelhaften Erneuerung unterzogen wurde, so hat man auch sehr bald abgerechnet mit einer Kritik, die im bisherigen Reich der Künste allzu frei und apodiktisch ihres Amtes waltete: die westdeutsche Nazipresse hat erst jüngst in einem furiosen Artikel die Sünden der Kerr- und Jhering-Kritik lVer- zeihung: Herr Jhering hat sich ja schleunigst gleichgeschaltet!), die Sünden der kleinen und größeren Kerrs in jeder Stadt aufgezählt, den Herren Krittkern nachgewiesen, wie sehr sie selbst schuld seien am völligen geistigen und künstlerischen Zusammenbruch de? Theaters und Dramas in Deutschland von gestern— oh, diese Kulturbolschewisten! Gott sei Dank, daß sie zum Teufel gejagt wurden! Und dann wurden den Herren Kritikern von approbiert neu- deutscher Gesinnung Richtlinien gegeben, was sie zu schreiben, was sie zu loben, was sie abzulehnen hätten.— Direktiven geradenwegs aus dem ungeheuer fleißigen Pro- pagandaministerium. Da von Amts wegen„Objektivität" unstatthaft, sozusagen ein kulturbolschewistischcr Begriff ist, hat der mit der alleinseligmachenden Gnade des Braunen HaufeS angestrahlte Kritiker nur das Recht und die Pflicht, „subjektiv" zu sein: Subjekt bleibt in jedem Falle da? auf allen Märkten laut propagierte Werturteil deS Doktor Göbbels.— Zweiselsfälle sind demnach im totalen Staat nicht mehr möglich. « DaS gibt ein Theater— da? gibt eine Kritik! Kein Inten- dant wird wagen, im Spielplan außer der Reihe zu tanzen, kein Dramaturg wird ein Stück präsentieren, das nicht hundertprozentig Geist l„Geist"> vom Geiste Hitlers, nicht hundertprozentig Phrase vom ewigen Göbbels-Geschwäft, nicht hundertprozentig Blntvifion vom Sadismus eines Göring ist. Und die Komödie? Humor ist im„dritten Reich" unbeliebt, ist sogar stattSgefährltch— nur Peitschenhieb, »ur Heil und Hurra, nur Lüge und billige Blasphemie. Und Deutschlands junge Dramatiker? Sie werben vor Parademärschen intuitiv erschauern, bei den Blutsongs der SA. in Ekstase geraten, vor den Stacheldrähten der Kon- zcntrationslager ihre dichterischen Räusche sich abreagieren. * Und still ergeben wird der Herr Kritiker dasitzen und alles über sich ergehen lassen. Die ausgedonnerte Mittelmäßig- feit, die heute auch in den Kunst- und Literaturbereichen Deutschlands herrscht, wird auch vom Krittkeramt Besitz er- greifen: linder Hauch von ihrem Hauche. Der Rezensent wird nicht wagen, ein objektives Wort zu schreiben— hinter jedem Kritiker steht unsichtbar ein SS-Mann und diktiert Werturteile in die leichtflüssige Feder. Die Route ist strengstens vorgeschrieben— aber Kritik mit vorgefaßter Route ist eine Verlogenheit. Armselige Schleimer das— die heute in Deutschland dazu erkoren sind, zu schreiben, zu würdigen, sich auseinanderzusetzen mit Dingen, die jenseits aller künstlerischen Diskussion liegen. Wer hätte schon im Mär,— April dieses Jahres gewagt, ein abfälliges Wort über das Schlageter-Stück des mit allen Kronen dritter Herrlichkeit gekrönten Hanns Iohst zu schreiben? Lest sie doch nach, die Elogen, zum Teil geschrieben von Leuten, die man vorher um ihrer Sachlichkeit, um ihres Ernstes, um der Lauterkeit ihrer Kunstgcsinnung achten mußte! Schmählich ward das Bild geändert— die Schmach der deutschen Kunst- und Theaterkritik wird sich in der neuen Saison schnell vollenden. An kleine Aeußerlichkeiten klammern sie sich, an Formalien, an ein paar sprachliche Krummheiten, heften krampfhaft ihr Monitum daran— ein Monitum, das zu nichts verpflichtet und durchaus ungefähr- lich ist. Früher drohte vielleicht einmal ein Verleger— heute droht jedem unbotmäßigen Kritiker jenes Ungeheuer, das sich„Staat" nennt. » Denn nur daS Führerprinzip verpflichtet, auch in den Be- zirken der deutschen Kunst- und Theaterkritik. Und die Herren Führer wissen schon, was für ein Theater, waS für eine Kritik sie dulden. Willig läßt das Volk sich führen, so gebietet es deutsche Disziplin und Subordination. Bequem ist daS und wenig kostspielig: eigene Meinung braucht man nicht mehr zu haben, sie grenzt sogar an Landesverrat. Nur dazusitzen braucht man im Theater und reinrassige Pralinen zu knabbern— und am andern Morgen ohne Laune und Erschütterung die Kritik im Leibblatt zu lesen, die, wie man selber, nichts zu denken und nichts zu sagen wagt... • Oder sollte doch— täusche ich mich?— irgendwo in Deutschland ein aufrechter Mann sein und anderntags ein wahres, ein objektives Wort schreiben? Bedauerns- werter Held! Unverzügliches Kommando an die allzeit be- reite SA.:„Schlagt ihn tot, er ist«in Rezensent!" lWomit übrigens Herr von Goethe seine Qualifikation für Geist und Methoden des Hitler-NegimeS unweigerlich erbracht hätte!) Benito. Çccuiçs^BefeMsälecgxile Seine JUde mied, in den jÀeateeéûeos ange* schlagen! Im Plenarsaal des Landtages traten DienStagvormittag sämtliche Intendanten der preußischen städtischen Theater zu einer Sitzung zusammen, auf der ihr Oberbefehlshaber Ministerpräsident General Göring grundlegende Aus- sührungen über das Theaterwesen machte. Der Letter des Preußischen Theaterausschusscs StaatSkom» missar H t n k e l eröffnete die Tagung. Ausdrücklich hob er hervor, daß alle Verträge der Theaterleitungen in Preußen rechtlich der Genehmigung des Preußischen Jnnenministe- riumS bedürfen. Dann sprach Göring über grundsätzliche Fragen deS preußischen Thcaterwescns. Um daS Führung?» Prinzip auch für die preußischen Theater in den Border- grund zu stellen, habe er angeordnet, baß die Berufung aller wichtigen Persönlichkeiten, insbesondere die der Inten- Kanten, i h m vorbehalten bleibe. Die Verantwortung des einzelnen Theaterleiter» müsse klar herausgestellt werden. Aus diesem Grunde werde er auchedie Stellung der Inten- dcnteu neu formulieren. Es seien selbstverständlich die Wünsche der Städte zu achten, aber das letzte Wort zu allen Fragen des Theaters habe der Intendant. Die Arbeit der Theaterleiter müsse in dem Geiste geschehen, der in der großen Rede des Führers zu den Fragen der Kultur auf dem Nürnberger Parteitag zum Ausdruck gekommen sei. Diese Rede solle auch sichtbar in allen preußischen Theatern angeschlagen werden. Der Ministerpräsident kam dann auf die Spielplan- g e ft a l tun g zu sprechen und betonte, daß gerade auf diesem Gebiete in der vergangenen Zeit sehr viel gesündigt worden fei. Es habe Fälle gegeben, in denen die Inten- danten sich bemüht hätten, besonder« unkünstlerische, deka- dente Stücke aufzuführen. Der Spielplan habe zu berücksichtigen, baß wir heute in einer großen Zeit leben, vielleicht der größten, die Deutschland je durchgemacht hat. Aber«S soll auch der Humor und da« Lustspiel nicht vergessen werden. Zum Schluß richtete Ministerpräsident Göring an die Theaterleiter die Mahnung, in ihren Theatern die Kamerad- jchaft in nationalsozialistischem Geiste zu pflegen... Mit unhefCeckten ständen... D« bist der Herr, und was du tust ist gut; dein ist das Reich, die Kraft und Herrlichkeit. In jeder Furche deines Wegs steht Blut. WaS tut das schon! Das ist die große Zeit. Dein die SA., das Recht, das Henkerbeil; die holzen ab im dentschen Menschenwald. Du hast an ihren Taten keinen Teil. Ihr Werk ist Mord? Und wenn— dich läßt eS kalt. Du profitierst von ihrer Schlächterei; aus ihren Opfern baust du deinen Thron. Doch du bleibst rein: du warst ja nicht dabei. Dein BLrtchen lacht den Abgekillten Hohn. Ja, dich zu drücken, hast du stets gewußt; wenn andre sterben gingen, warst d« sern. Du trugst den Kompaß in der eignen Brust und folgtest weit vom Schusse deinem Stern. Ich wüßte gerne: hast du in der Nacht nicht manchmal ein Gefühl im fetten Bauch, als wärst du Held in deiner ganzen Pracht doch nur ein hohler, aufgeqnollner Schlauch? Und d» bist niemals lchweißaetränkt erwacht «nd bast im bleichen Schein des Monds gcsrh» die Scharen, die dein Mordheer umgebracht, als ernste Richter stumm dein Bett umsteh»? Max Barth« Jmmec wiedec xLie Jüchtigsten £ehc6efugnis entlegen Auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufs- beamtentums sind an der Leipziger Universität der ordent- liche Professor der Nationalökonomie Dr. Gerhard Ke ß l 11 und der planmäßige außerordentliche Professor der Radio- physik Dr. Erich Marr in den Ruhestand versetzt worden. Den nichtplanmäßigen außerordentlichen Professoren in der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig, Dr. Eduard Erkes sChinesisch) und Dr. Karl Drucker(Allgemeine und physikalische Chemie) sowie den Privatdozenten in der medizinischen Fakultät Dr. Ludwig Friebheim(Haut- und Geschlechtskrankheiten) und Dr. Oswei Temktn(Ge- schichte der Medizin) ist die Lehrbefugnis entzogen worden. Dec Jàuèecich an das„deitte Jleicfi" „cKiez muß gepfiffen weiden Richard Tauber, der bekanntlich Jude ist, hat es sich nicht nehmen lassen, an den gleichgeschalteten Hugenbcrgsche» Scherl-Verlag aus dem Seebad Scheveningen sein Bild mit Grüßen an daS neue Deutschland zu schicken. Tie Scherlschc„Filmwelt" druckt Bild und Grüße ab. Darob Geschrei in der Nazipresse.„Finden Sie, daß die„Filmwclt" sich richtig verhält, wenn sie in ihrer letzten Nummer, die auf der Titelseite Lent Riefenstahl zeigt, am Ende auch ein Bild Richard Taubers zeigt? Hier darf man nicht den Mund spitzen, hier muß gepfiffen werden. Und zwar kräftig!" TmiitäcuUssenschaft Dec Çenecal auf dem£ehcstuhl Unter der Regierung Hitler ist die M i l i t ä r w i s s e n- schaft in den deutschen Universitäten offiziell eingeführt worden. Der General Wolfgang Nuff ist aus den „Lehrstuhl der Militärwissenschaft" in Tübingen berufen worden. In Berlin wurde eine„Gesellschaft der Militär- Wissenschaft" gegründet. Die deutsche Presse erhielt den Be- fehl, jede Aeußcrung über den Sachverhalt zu unterlassen. Dec Zensue entgangen Die„sinnesschwache" helle tHasse In der„Aerztlichen Korrespondenz" erscheint zu der blau» äugigrn, blondhaarigen nordischen Edclmenschenrasse die Analyse:„Bei den Haustieren werden ganz ausgesprochen tie hellen pigmentschwachen Rassen ivege» ihrer Lenksamkcit und Zahmheit bevorzugt. Je lenksamer, sinnesschwacher und geistig stumpfer die Haustiere werden, um so brauchbarer sind sie. Bei den Rindern werden ebenfalls die hellen Schläge bevorzugt, während zum Beispiel die spanischen Kampfsttere in der Regel ein dunkles Rotschwarz aufweisen..." Nicht nur die hellen Schafe sind sinneSschwacher als die dunklen, nicht nur die hellen Rinder, sondern auch... Wir wagen nicht fortzusetzen. Auch gehen wir in der ve- urteilung der„hellen Rasse" nicht so radikal vor wie der Autor. Möge er vom Konzentrationslager verschont bleibend Tllateiial" tt Beim Vorbeimarsch der oberschlesischen SA. auf tem Nürnberger Parteitag klopfte Hitler dem Fememörder Heines auf die Schulter und sagte:„Das ist aber ein präch- tigeS Menschenmaterial."— Es ist die Sprache der König« vor den Schlachten. Jkeußen läßt schöne Jffude malen Die dem preußischen Ministerium de« Innern unterste GesttttSverwaltung hat den als Kriegs- und Soldatenmale, bekannten Münchener Künstler Oskar M e r t é beauftragt, mehrere Zuchthengste des ostpreußischen Hauptgestüts. Trakehnen im Bilde zu verewigen. 1 IMS BUNT mm mmraninn i H 1. J AHR GANG TÄGLICHE U N T E R H ALT U N GS-BEI LA G E FREITAG, DEN 15. S E P T E MB E Rljl 9 3 3 Alsdie Jiiwhen vow Wien standen Vor 250 Jahren Der„allerchristlichste" König von Frankreich. Ludwig XIV., hat den türkischen Großwesir Kara Mustapha, den eigentlichen Regenten des ottomanischen Reiches, be- wogen, Wien zu belagern. Der König von Frankreich hoffte nämlich, nach dem Falle von Wien irgendwie deutscher Kaiser zu werden! Ein Plan, der deutlich macht, wie schon in früher Zeit hinter aller äußeren Frömmigkeit derer von „Gottes Gnaden" die schnödesten irdischen Ziele sich ver- bargen. Nichts war vorbereitet! Mitte Juli 1683 hat die Belagerung Wiens begonnen. Als die Wiener Vorstädte in Flammen aufgingen und die türkischen Reiter die Zivilisten, die sich nicht geflüchtet hatten, erstachen, sind erst die letzten Kanonen auf die Wiener Stadtmauern gebracht worden, ist das letzte Schiff mit Kanonenkugeln und Pulver beim Salsgries gelandet. Die Versorgung Wiens mit Waffen, Munition und Soldaten war ganz unzureichend. Niemand hatte beim Ausbruch des Krieges damit gerechnet, daß der Türke bis nach Wien kommen könnte und als am 7. Jusi die kaiser- lichen Regimenter bet Petronell geschlagen worden waren, hatte, vom Kaiser angefangen bis zum letzten Saaltürhllter in der Hosburg, alles nur an sofortige Flucht gedacht. Be- kanntlich ist der Kaiser Leopold l., ein passionierter Flötenbläser und leidlich begabter Opernkomponist, mit der schwangeren Kaiserin bis P a s s a u g e s l o h e n. Der ganze Hof, der Adel und alle reichen Leute mit ihm. Zurückge- blieben ist eine von sechzigtausend zitternden Menschen er- füllte Stadt, ein Kommißknopf und tapferer Mann, der Feldzeugmeister Graf Starhemberg, als Kommandant von Wien, und elftausend Soldaten, die 262 Kanonen hatten. Das türkische Heer aber hat weit mehr als hunderttausend Mann gezählt. Es ist also der Wiener Besatzung, die mit den fünftausend Freiwilligen aus der Bürgerschaft sechzehn- tausend Mann ausmachte, im Ansang sich eine sechs- bis siebenfache Uebermacht gegenübergestanden. Feldherren unter sich Der Graf Starhemberg ist kein genialer Heerführer ge- wesen. Das war ein Mann, der sich ans Büchel gehalten hat. Auf besondere Auskunftsmittel ist er nicht verfallen, und tatsächlich ist es am 9. September 1683 so weit gewesen, daß Wien verloren war. In drei, vier Tagen wären die Türken in der Stadt gewesen, wenn, ja, wenn nicht der Herzog Karl von Lothringen gewesen wäre, der kaiserliche Oberkommandant, Schwager des Kaisers, ein Franzose. Ein außerordentliches militärisches Talent. Dem ist eigentlich die Rettung Wiens zu verdanken, nicht dem König Sobieski von Polen, und schon gar nicht dem Felbzeug- meister Starhemberg. Der Herzog hat sich fortwährend in der Nähe von Wien gehalten, er hat es durch seine außer- ordentlichen Charaktereigenschaften möglich gemacht, daß die eitlen und aufgeblasenen Generale und Fürsten der fremden Staaten, die Truppen zur Befreiung Wiens geschickt hatten, sich vertrugen und daß diese buntscheckige Armee ein Heer sein konnte, das von einheitlichem Geist erfüllt, einem Führcrwillen gehorchte. In Wien aber ist es zwei Monate lang schrecklich zu- gegangen. Gleich ist die Ruhr ausgebrochen. Man muß sich vorstellen, daß damals jedes Haus eine Senkgrube hatte, die Kanalisation ganz primitiv war ssoweit es eine gab), daß die innere Stadt voll von Friedhöfen und Massengräbern war, zwischen denen die Hausbrunnen lagen, aus denen die Wiener ein trübes, schlecht schmeckendes Wasser tranken. So sind denn im Juli bereits zwanzig Personen täglich an der Ruhr gestorben, im August vierzig und gegen Ende der Be- lagerung sechzig täglich. Zu Hunderten sind die armen, aus den Vorstädten Geflüchteten, ob- dachlos aus dem Straßenpslaster gestorben, das sie straßauf, straßab mit ihren blutigen Stühlen besudelten. Man schüttete allen Unrat aus den Häusern dazwischen, ganze Mißhaufen entstanden und wir wissen, daß der Gestank un- erträglich geworden ist, schließlich in jedes Zimmer drang. Mit Mine« und Gegenmine« Dazu das unaufhörliche Schießen, Tag und Nacht, auf der Burg- und Löwenbastei, also dort, wo heute das Burgtheater steht, sich der Bolksgarten erstreckt. Dort, nur dort nämlich, griffen die Türken an. Sturm folgte aus Sturm. Unter unaufhörlichem Allahi-Geschrei haben die Janitscharen in ihren langen blauen Kaktanen immer wieder angegriffen und immer wieder riesige Minen gesprengt. Der Krieg, in dem hier aus dem Gleise der heutigen Straßenbahn 12 606 Handgranaten geworfen worden sind, war wie eine Vor- ahnung des Weltkrieges. Die Türken hatten ungeheureVerluste. Die Leichen lagen oft mehrere Meter hoch, aber Starhemberg hat jeden Waffenstillstand, den Kara Mustapha zur Beerdigung der Toten verlangte, abgelehnt. Die Gefallenen stanken furchtbar. Die fortwährenden Minenexplosionen streuten die faulenden Reste in alle Windrichtungen. Es muß wie im „Niemandsland" des Weltkrieges gewesen sein. Am 7. Sep- tember sollen die Türken einen Gesamtverlust von 48 544 Mann gehabt haben. All das auf diesem engen Raum, be- grenzt von der heutigen Burggasse und der Florianigaffe. Dabei muß man bedenken, daß die damalige Medizin in den Kinderschuhen steckte. Ein kleiner Ritzer konnte schon tödlich sein, denn gegen den Wundstarrkrampf, von dessen Erreger man natürlich keine Ahnung hatte, gab es kein Mittel. Es sind denn auch von den 16 6 6 6 V e r t e i d i g e r n Wiens rund 7666 gefallen. Eine enorme Zeit! Da kann sich wohl jeder vorstellen, was das für ein Morden gewesen ist! Kriegsgewinner vor 250 Jahren Am 9. September war Starhemberg mit seiner Weisheit zu Ende. Tie Türken waren mit ihren Schützengräben biS zur unmittelbaren Stadtmauer vorgedrungen. Eine Mine mußten sie sprengen, dann standen sie in der Stadt! Der Feldzeugmeister Starhemberg, der es nicht zu ver- Hinbern vermochte, daß eine Rotte schamloser Schieber und Lebensmittelwucherer sich unerhört in der be- lagerten Stadt bereicherte, wußte nichts anderes, als die Schenkenstraße, die Teinfaltstraße zu verbarrikadieren, alle Wiener Männer auf dem Michaelplatz, auf der Frenung zu- sammenzutreiben. So warteten sie wie das Tchas vor der Schlachtbank. Dieser Widerstand hatte keine Hoffnung mehr. Aber Kara Mustapha hat sich selber sein Grab g e- graben. Hat sich um den Herzog von Lothringen, um die Entsatzarmee, die sich im Tullner Feld sammelte, überhaupt nicht bekümmert. Das ist ein militärisches Rätsel, das bis heute noch niemand begriffen hat. 21 666 Kaiserliche, 16 666 Sachsen, 11066 Bayern, 9666 Franken und Schwaben, 24 666 Polen schleppte Lothringen die steilen Abhänge des Wiener- waldes hinauf. In Regen und Sturm. In Strümpsen und Halbschuhen— so trug sich damals die Infanterie. Lothringens Schlachtplan war kühn und für die damalige Zeit originell, denn man schlug Schlachten nur in den Ebenen, wo die Regimenter schön nebeneinander ausmarschierten, die Kavallerie attackieren konnte. Er aber hat, wie gesagt, die ganze Armee auf das G e b i r g e, welches Wien umgibt, mühselig hinausgetrieben und dann wieber hinunterklettern lassen. Es war so steil, baß die Dragoner absteigen und di.e Pferde auf dem Hinterteil abrutschen lassen mußten. Augriff und Sieg. Um 4 Uhr früh am 12. September ging der Angriff auf die Türken los, die noch alles, was sie in den Rohren hatte, auf Wien verschossen. Beim Kahlenbergerdorf, bei Nußdorf und Döbling schmissen Kaiserliche, Sachsen und Bayern mittags die Türken um. Die Polen, die erst nach- mittags um 2 Uhr sich aus den Bergen bei Dornbach heraus- würgten, hatten vorerst viel Pech, aber gegen 5 Uhr hat dann ein riesiger Angriff ihrer schwer gepanzerten Kavallerie auf den Feldern zwischen Breitensee und Hernals die ganze türkische Aufstellung eingestampft und die Osmanen be- gannen in furchtbarer Panik, Kara Mustapha an der Spitze, zu laufen. Sie sind erst in Raab stehengeblieben. Um 6 Uhr abends stand das erste Dragonerregiment der Kaiserlichen unter lautem Trompetenblasen vor dem Schot- tentor. Die Schlacht, die Belagerung, Wiens größte Not, waren aus. Verlassen von Kaiser und Reich hat sich Wien unter der Leitung eine? Haudegens, dessen Begriffe sich in Bewahrung der militärischen Disziplin und des Reglements erschöpften, verzweifelt gewehrt. Di« 16 000 auf den Wällen, die haben es geschafft. Mit wenig Pluver und Blei, mit viel Blut, Fleisch und Knochen. Tapfere Herzen, die zu brechen wußten. Starhemberg erhielt als Belohnung hunderttausend Taler. dreitausend Dukaten einen unschätzbaren Diamantring, das Goldene Blies, ein verbessertes Wappen. Die sechstausend Infanteristen, die nach dem großen Morden übriggeblieben sind, eine„Gratifikation" von vier Gulden fünfzig Kreuzer pro Kopf. Das war Oesterreich! Der Papageicnpaß Auf den Docks von Neuyork erregte kürzlich ein Papagei mit seinem eingelernten Ruf:„Ich habe einen rich- t i g e n Paß" große Heiterkeit. Das Tier sprach die Wahr« heit, denn jeder per Bahn, Schiff oder Flugzeug in Amerika eintreffende Bogel hat einen regelrechten Paß zu besitzen, den sich die Zollstelle und ein Angestellter des Biologischen Instituts sehr genau ansehen. Es werden auf diese Weise täglich mehr als tausend Vogelpässe geprüft. Da die Ein- reisegebühr mindestens 56 Cent beträgt und da für wertvolle Tiere sogar 26 Prozent ihres Wertes erhoben wird, kann Amerika jährlich durch Vögel 256 666 Dollar ein- nehmen. Am häufigsten sind Pässe für Kanarienvögel, denn von ihnen kommen ungefähr 75 à nach Amerika. Australien liefert pro Jahr etwa 56 666 Papageien und Kakadus. Natür- lich wird mit allen Mitteln versucht, die strengen amerika- nischen Bestimmungen zu umgehen, und es gelingt nicht selten, einen auf der schwarzen Liste stehenden Vogel im letzten Augenblick am„Betreten" amerikanischen Bodens zu hindern. ROMAN VON l O N A 1 1 O S 1 L 0 N B Er näherte sich, mit einigen Arbeitern in lebhaftem Ge- spräch. Er war in Arbeitskleidcrn, die Jacke über dem Arm, ein« Wasserwaage in der Hand: ein Meterstab stand aus seiner Hosentasche, die Stiefel waren von Kalk verbrannt, Hosen und Schultern von Gips und Kalk besudelt. Niemand, der den Impresario nicht kannte, hätte geglaubt, baß dies der reichste Mann unserer Gegend und das Haupt der Gemeinde sei... Obgleich er unsere Anwesenheit be- merkt hatte, fuhr er fort mit den ihn begleitenden Arbeitern zu disputieren und zu schreien. „.... Wenn der Fuhrmann auf seine Ladung nicht besser aufgepaßt und weiter die Ziegelsteine zerbricht, werde ich ihn mit den Scherben bezahlen. Was will er eigentlich?... Den Lohn für den letzten Monat?... Frechheit! Meint er vielleicht, daß ich durchbrenne? Statt daß er sich bedankt, daß ich ihm, in einer Krise. Arbeit gebe!... Die Zementarbeiter wollen keine zehn Stunden Arbeit machen? Ah so? Z^hn Stunden am Tag sind wohl zu viel? Ich habe einen Zwölf- Stundentag! Ich, der Unternehmer, arbeite zwölf Stunden am Tag..." „Rosalia," schrie er gegen die Villa, woraufhin die Frau sofort auf dem Balkon erschien.„Rosalia!... Hat der Archi- tekt die Pläne gebracht? Wie?.... Er ist beim Bankett? Aber die Pläne hat er nicht gebracht? Glaubt der denn, daß ich ihn zahle, damit er sich vollfrißt?... Hat der Stations- vorstand den Frachtbrief gebracht? Hat ihn nicht gebracht? Diesen Luftikus muß man nach Calabrien verschicken?... Warum denn?... Wegen des Banketts? Wegen welchen Banketts?... Ah, meinst du das zu meiner Ernennung?.. Bedaurc, aber ich Hab keine Zeit. Kann keinesfalls kommen, muß unbedingt noch einmal zum Wachtmeister... Die Gäste werden beleidigt sein? Aber nein, das werden sie bestimmt nicht. Die kenne ich, gib ihnen zu trinken, mehr zu trinken, dann werden sie nicht gekränkt sein. Laß nur, die kenne ich. Und er ging, ohne stehenzubleiben, ohne uns anzusehen, am Tor de» Hauses vorüber und nahm das Gespräch mit den ihn begleitenden Arbeitern wieder auf. Seine Art zu han- dein und zu sprechen war imponierend. „Wahrhaftig," dachte ich,„wenn dieser Räuber noch zwei Jahre hier bleibt, wird er alles und alle beherrschen..." Antonio Zappa lies ihm nach und rief uns Frauen zu: „Wartet hier!" Wir sahen ihn hinter dem Gerüst des Hauses verschwinden und warteten darauf, daß er wiederkäme. Mittlerweile hatten sich die betrunkenen Gäste auf dem Balkon der Villa ver- sammelt. In der Gruppe der Advokaten war Don Circostanza, im steifen Hut, mit höckriger Trinkernase, abstehenden Ohren, den Wanst im dritten Stadium, am auffallendsten. Es ist ja nichts Neues, daß unsere Advokaten zum Bankett in Hosen besonderer Art erscheinen, Harmonika- oder Akademiker- Hosen genannt, die anstatt einer, drei Knopfreihen haben, und dem Befehl des langsam runder werdenden Wanstes ge- horchen.... Das erste Stadium wird meist bei der pasta asciuta er- reicht, das zweite beim Braten, das dritte beim Obst. Heute waren die Hosen von Don Circostanza, Don Pomponio, Don Cuccavascio, Don Tara^della und vom Denker alle im dritten Stadium. Kaum hatte Don Circostanza uns erkannt, so machte er schon eine feierliche Verbeugung: „Heil, heil meine Fontamaresen," schrie er. Don Circostanza hatte für die Leute von Fontamara immer ein besonderes Wohlwollen gehabt. Alle ihre Streitig- ketten waren durch seine Hände gegangen. Daher war auch der größte Teil der fontamaresischen Eier und Hühner in Don Circostanzas Küche gewandert. Einmal, als nur die deS Lesens und Schreibens Kundigen abstimmen durften, war ein Schullehrer ins Dorf gekommen, der allen Cafoni das Schreiben von Don Circostanzas Namen und Vornamen bei- brachte. Seither stimmten alle Fontamaresen immer ge- schlössen für ihn. Mit dem besten Willen hätten sie keinen andern wählen können, denn sie konnten nur„Don Circo- stanza" schreiben. Später wurde überhaupt nicht mehr ge- wählt, aber keiner von uns ging deshalb ins Wasser. Dessen ungeachtet behielt Don Circostanza den Namen: „Freund des Volkes". „Die Anwesenheit dieser tüchtige» Frauen von Fonta- mara," sagte Don Circostanza zu den Herren, die mit ihm auf dem Balkon versammelt waren,„erlaubt uns das Tele- gramm, das wir an das Staatsoberhaupt zu schicken be- schlössen haben, zu vervollständigen." Dabei zog er ein Stück Papier aus der Tasche, notierte etwas und laS dann mit lauter Stimme: „Obrigkeit und Bevölkerung begrüßen, brüderlich vereint, die Ernennung des neuen Podesta." Als wir merkten, daß die Gäste anfingen, sich von Donna Rosalia zu verabschieden und im Begriff waren fortzugehen, ohne sich überhaupt mit uns beschäftigt zu haben, und ohne daß der Impresario zurückgekommen war, riß uns die Ge- dnld. Entschlossen, niemanden mehr durchzulassen, ehe unsere Sache geklärt und die Garantie gegeben war, baß der Bach nicht abgeleitet wurde, faßten wir vor dem Gartentor Posten und schrien: „Schämt euch, das arme Volk so zu behandeln!... „Diebe!... Diebe ihr!... Auch wir sind Christenmenschen! Seit heute morgen sind wir auf den Beinen, ohne daß je- mand uns anhört!... Gott im Himmel wird euch dafür strafen!... Unser Herrgott wird euch dafür züchtigen!..." Gleichzeitig griffen zwei oder drei von uns nach Steinen und schleuderten sie gegen ein Fenster im ersten Stock. Die Scheiben flogen. Durch das Klirren nur noch wütender ge- macht, stürzten wir anderen zu einem Backsteinhaufen beim Gartentor. Jetzt bekamen es die Betrunkenen, die eben aus dem Garten treten wollten, mit der Angst und flüchteten wieder ins Innere des Hauses. Die zu Tode erschrockene Magd schloß hastig die Läden der übrigen Fenster. Da hörten wir plötzlich hinter uns die ruhige Stimme des Impresario: „Was habt ihr mit meinen Backsteinen vor? Diese Steine gehören mir und ihr dürft sie nicht nehmen, nicht einmal zu meiner Steinigung... Außerdem sehe ich absolut keinen Grund zu dieser Prozedur... Hier bin ich und werde euch jede gewünschte Aufklärung geben.." Sofort brachten wir die Steine auf ihren Platz zurück und betraten den Garten der Villa. Auf der einen Seite standen wir, auf der andern der Impresario, umringt von seinen betrunkenen Gästen, denen der Schrecken noch immer in den Knochen saß. (Fortsetzung folgtl Deutschlands Isolierung Yon England ans gesehen! Dr. O. G. London. 12. Sept. Die englische Presse ist nicht gleichgeschaltet: aus ihr er- schallt nicht das eintönige Gedudel, das man heute aus dem deutschen Pressewald vernimmt, allerdings auch nicht die schrillen Mißklänge, die wir aus der letzten Zeit der deutschen Republik im Ichi haben. Damals wurde die Presse- freiheit von einer gewissenlosen Journalistik auf der äußer- sten Rechten wie der äußersten Linken in der übelsten Weise mißbraucht, um politische Gegner auf rein persönlichem Ge- biet anzuflegeln und um die Arbeit der Regierung in der Innen- wie in der Außenpolitik nicht etwa nur zu kriti- sieren, sondern regelrecht zu sabotieren. Welch anderes Bild in der englischen Presse. Gewiß, auch dort werden politische Gegner scharf angegriffen, aber welch himmelweiter Unter- schied im Ton gegenüber den Pöbeleien, die wir in der deutschen Presse gewohnt waren und heute noch in fast schlimmerer Form aus der Nazipresse gegen Marxisten, Pazifisten, Juden usw. hören. Auch in der englischen Presse wird die Regierung von der Opposition nicht gerade mit Glacehandschuhen angefaßt: und doch auch die Opposition zeigt im allgemeinen genügend Selbstdisziplin— vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik— um der oft scharf ange- griffencn Regierungspolitik eine Chance zu geben. Da sind natürlich keine Instruktionen nötig, die sich die englischen Journalisten energisch verbitten würden, sondern nur gute Informationen über die Absichten der Regierung. So kann man bis zu einer gewissen Grenze die eng- tische Außenpolitik aus den Pressestimmen erkennen. So spiegelt sich auch die Haltung Englands gegenüber Deutschland beutlich in der großen Presse wieder. Anfang Mai, als Deutschland drauf und dran war, die Ab- rüstungskonferenz zu sprengen, erfolgte in der eng- tischen Presse ein regelrechtes Trommelfeuer gegen Deutsch- land, das von einigen Parlamentsreden, so vor allem der Rebe des englischen Kriegsministers, unterstützt wurde. Nach Hitlers„Friedensrede" vom 17. Mai wurde das Trom- melfeuer plötzlich abgeblasen. Englands Politik ging darauf hinaus, zwar ein gesundes Mißtrauen zu bewahren, aber doch Nazi-Deutschland eine neue Chance zu geben. Es begann sogar ein gewisser Druck auf Frankreich, nun seiner- setts Konzessionen in. der raschen tatsächlichen Abrüstung zu machen: und selbst in der Frage der Rüstungskontrolle lehnte England damals zunächst den französischen Borschlag einer ständigen Kontrolle ab, und wollte nur auf Antrag eine Kontrolle vornehmen. Hier machte man Hitler eine Chance, die Isolierung außenpolitisch zu durchbrechen. Er hat sie nicht genutzt, konnte sie wohl auch nach den inneren Ge- setzen seiner Bewegung nicht nutzen. Er verschärft nicht nur den Terror im Inneren durch allerhand mittelalterliche Maß- nahmen und verstärkte so den moralischen Abscheu in Eng- land, er begann auch seine Angriffspolitik gegen Oesterreich. Nun setzten neue Attacken in England ein, die den diplomatischen Schritt, der gemeinsam mit Frank- reich unternommen wurde, vorzubereiten. Dieser diploma- tische Schritt endete mit einer englisch-französi- schen Nieberlage und einem— allerdings heute in einem zweifelhaften Licht erscheinenden— Erfolg Musso- linis. Trotz der unverminderten deutschen Angriffe gegen Oesterreich drängte nun die englische Presse nicht mehr zu neuen diplomatischen Schritten, sondern überließ ent- sprechend der englisch-französischen Rcgierungspolitik alles wettere Mussolini. Nur der„Manchester Guardian" warnte vor der Gefährlichkeit dieser Politik. Inzwischen begann sich eine neue, jetzt immer klarer wer- dende politische Offensive gegen Deutschland zu entwickeln. Ganz planmäßig berichteten die englischen Zeitungen von dem wachsenden agressiven Geist in Deutsch- land. Alle nationalsozialistischen Hetzreden wurden kommen- tarlos registriert. Jeden Tag konnte man z. B. in der „Time s" irgend einen Bericht über deutsche Grenzver- letzungen oder Wühlereien gegen die kleineren Nachbar- staaten(Dänemark, Schweiz, Holland, Belgien, Tschccho- slowakei) lesen. So wurde der Abscheu gegen den agressiven Geist des deutschen Faschismus geweckt und gleichzeitig das Verständnis für den französischen Standpunkt in der Rü- stungsfrage. Auch über die geheimen Rüstungen wurde gelegentlich berichtet, wenn auch hier im allgemeinen mit einer gewissen Zurückhaltung. England will offenbar den Versuch machen, hinter den Kulissen aus diplomatischem Wege, Deutschland von seiner Rüstungspolitik abzubringen, und die Regierung fürchtet durch vorzeitige Veröffentlichung des in ihrem Besitz befindlichen Materials in Hitler-Deutsch- land das Prestigebedllrfnis anzustacheln und dadurch mit seinen diplomatischen Schritten zu scheitern. Ob diese vor- sichtige Politik den Nazis gegenüber, denen nur die kräftige Faust imponiert, richtig ist, ist eine zweite Frage. Aber zweifellos geht die englische Politik in dieser Richtung. Auf der anderen Seite ist dagegen England jetzt bereit, ebenso wie Amerika, den französischen Kontrollvorschlag anzuneh- men, wenn Frankreich sich verpflichtet, nach einer nicht zu langen Probezeit, in der die Wirksamkeit der Kontrolle fest- gestellt werden soll, selbst ernsthaft abzurüsten. Die englisch- srdnzösischen Beziehungen sind heute so eng wie seit langem nicht. Das besagt auch der folgende, zweifellos auf besten In- formationen beruhende Bericht der„Times". Dort heißt es u. a.: „Der Hauptwunsch der französischen Regierung ist es, die volle Unterstützung durch Großbritan- nien bei der Wiedereröffnung der Ab- rüstungskonferenz zu gestalten. Und die No t- wendigkeit einer eindeutigen Verständigung wird in britischen Regierungskreisen vollauf anerkannt. Die britische Regierung ist jetzt, wie man hört, bereit, grundsätzlich die französische Ansicht sich zu eigen zu machen, wonach eine ständische und automatische Rüstungskontrolle auf internationaler Grundlage vorhanden sein muß, ehe an weitere Abrüstung gedacht werden kann. Und sie mag vielleicht auch die Bedingung annehmen, daß die Wirksamkeit einer solchen Kontrolle während einer mehrjährigen Probezeit erwiesen werden muß. Man erwartet indessen, baß die britische Regierung erklärt, daß die Annahme des französischen Kontroll- systems durch sie durch ein endgültiges Einvernehmen er- gänzt werden muk> dahingehend, daß die französischen Rüstungen am Ende der Probezeit herabgesetzt werden, falls das Kontrollsystem zufriedenstellend arbeitet, sowie daß diese Herabsetzung klar bestimmt und wesentlich sein müsse. Eine Vorbedingung muß allerdings auch barin liegen, daß die europäische Situation Anlaß zu Vertrauen gibt. Es wird die erste Aufgabe der französischen und britischen Vertreter bei den Vorbesprechungen fein, sich über diese Punkte zu einigen, so daß die Gewähr gegeben ist, daß kein Mißverständnis und keine Meinungsverschiedenheit besteht, die es möglich machen könnte, daß ein Keil zwischen die französische und britische Delegation in Genf getrieben werden könnte. Wenn die französischen und britischen Delegierten in vollem Einvernehmen nach Genf gehen können und vielleicht sogar mit italienischer Unterstützung, dann kann, so meint man, die Annahme der internatio^ nalen Kontrolle als eine klare Angelegenheit präsentiert werden, und die Naziregierung ist gezwungen, ihre wahren Absichten zu enthüllen. Wenn sie ei» faires und ernst- Haftes Angebot ablehnt, an einem System sich zu betei- ligen, das allen Mächten gegenüber in gleicher Weise an- gewandt wird, dann ist es klar, wo die Schuld für benZusammenbruch liegt. Was die Geheimrüstungen anbelangt, so heißt es, daß die britische Regierung zwar die Besorgnisse der franzö- fistben Regierung in dieser Frage' teilt, aber ihren Einfluß gegen eine vorzeitige Aufrollung dieser Frage in die Waagschale werfen wird." Aus der Diplomatcnsprache übersetzt, heißt das alles nichts weiter, als baß man jetzt dabei ist, eine englisch-französische Einheitsfront, an der Amerika sicher und Italien vielleicht teilnimmt, zu formen und dann in Genf Nazi-Deutschland eine Art Ultimatum zu stellen. Deutschland wird also ent- weder eine wirksame Rüstungskontrolle schlucken müssen und seine Geheimrüstungen abblasen müssen, oder es wird als Schuldiger dastehen. Noch gründlicher behandelt„M anchester Guardian" da. Problem der Isolierung Deutschlands und der Zu- spitzung der europäischen Lage: die Zeitung widmet dieser Frage zwei lange Artikel, aus denen nur ein paar Sätze zitiert werden sollen: „Der Wandel in den Beziehungen zwischen Frankreich und England seit dem Beginn des Hitler-Regimes ist im wesentlichen psychologisch. Heute ist mehr Sym- pathie für Frankreich in England als je- mals feit dem Kriege. Viele Franzosen, denen seit Jahren ihre Presse geraten hat, den antifranzösischen und prodeuti-ben Engländern zu mißtrauen, sind jetzt über- ra^t über den Wecbsel, so sehr, baß sie kaum glauben, er könne von Dauer sein. Sie übersehen die Tatsache, daß das, was ihre Presse„anttfranzösisch" nannte, nur anti- Poincare oder anti-Tardieu war, und daß dann, wenn England prodeutsch zu sein schien, es lediglich aus seinem Friedenswillen heraus entschlossen war, Deutschland— dem Deutschland Strescmannö und Brünings— eine Chance zu geben: die Chance, die ihm zukam. Englands Haltung Frankreichs gegenüber ist natürlich beute anders als vor zwei Jahren oder selbst vor einem Jahr. Die übliche englische Kritik an der französischen Ab- rüstungspolitik ist heute nicht mehr im gleichen Maße wie früher angebracht. Während es möglich war, an den guten Willen eines Mannes wie Brüning zu glauben, kann das Deutschland Hitlers nur Mißtrauen erwecken. Und man ist heute darüber einig, daß die Franzosen, wenn sie auch in der Vergangenheit mit ihren verwickelten und schwer handlichen Sicherheitsplänen der Abrüstung Hindernisse in den Weg legten, heute mehr als berechtigt sind, ein wirksames und zuverlässiges Kontrollsystem zu fordern." Nachdem Frankreich als eine der Hauptstützen der Demo- kratie und der Freiheit in der Welt bezeichnet worden ist, heißt eS weiter: „Ein Franzose ist heute ein freier Mann: ein Deutscher ist ent 10 cd er ein Sklave oder ein Sklavenhalter. Seit Deutschland sich zum Mili- tarismus bekannt hat, ist Frankreich in den Äugen der Welt der Hauptvorkämpfer des Friedens in Europa. In der Vergangenheit wurden seine. Friedcnssicherungs- Methoden... oft und mit Recht kritisiert. Aber wenn Krieg in der Luft liegt, ist es zu spät, allzu kritisch die Methoden derer unter die Lupe zu nehmen, die den Krieg abwenden wollen. Außerdem herrscht jetzt Einverständnis darüber, daß heute keine Zeit für territoriale Revision ist, am aller- wenigsten, was Deutschland anbelangt. Wer will kühn ge- nug fein, einige dieser polnischen„Untermenschen" beS Danziger Korridors unter deutsche Herrschaft zu bringen, nach der Erfahrung, die die jüdische„Minderheit" unter der Naztherrschast hat machen müssen? Ob nun die französische Methode im Prinzip gut oder schlecht ist, es kann kein Zweifel bestehen, daß Frankreich heute sich bemüht, den Frieden in Europa zu sichern. Wie? Einfach dadurch, daß es Deutschland, das einzige Land in Europa, das ernstlich Krieg will, isoliert." General von Westreim Alis dem Reiche des Statthalters Spreit9er Neulich las man in der Frankfurter Presse eine kurze Notiz, in der das Ausscheiden des Generals von We st rem aus dem Amt des Frankfurter Polizeipräsidenten mitgeteilt wurde. Von Westrem habe, so hieß es, die ihm kommissarisch gestellte Aufgabe mit großem Fleiß und Geschick durchge- führt. Mit der abgeschlossenen Durchführung erlösche das Kommissariat des Generals. Mit andern Worten: der Gene- ral wird feierlich abgesägt, nachdem er sich in den Augen der Nazibonzeu während seiner Probezeit nicht bewährt hat. Warum hat v. Westrem sich nicht bewährt? Welches sind die wirklichen Gründe seiner so plötzlich erfolgten Kaltstellung? General von Westrem ist ein Militär der alten Schule. Stramm, diszipliniert und korrekt: der Typ eines hohen preußischen Soldaten. Für seine ganze Einstellung ist ein Vorfall bezeichnend, der sich abspielte, als er in sein neues Amt eingeführt wurde. Der General geht durch die Räume des Polizeipräsidiums und läßt sich die leitenden Beamten vorstellen. Jeden fragt er»ach der Art seiner früheren Be«» schästigung, seiner beruflichen Vorbildung, seiner Kriegs- Verwendung im Felde. Man merkt, daß der General sich höchlichst wundert, als er fast überall die Erfahrung macht, daß die Beamten des P. P. über entsprechende Polizei« amtliche Vorbildung verfügen und im Weltkrieg in vor- defter Front standen. Schließlich bricht sich sein Erstaunen in den Worten Bahn: „Das ist aber merkwürdig. Ich habe gedacht, hier säßen lauter Parteibuchbeamte, Gewerkschaftsangestellte usw. Aber das ist ja garnicht wahr, was mir berichtet wurde. Meitze Herren, ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten." Dem früheren Leiter der Politischen Polizei, Kriminalrat M. gegenüber äußert er bei der ersten Vorstellung:„Ich weiß, Sie sind ein tüchtiger Beamter. Ich weiß auch, daß Sie kein Nationalsozialist sind. Aber mir kommt es in erster Linie nicht aus die Parteizugehörigkeit, sondern auf die Qualifl- kation des Beamten an. Deshalb werde ich Sie halten, obwohl Sie Sozialdemokrat sind." Es kam aber doch anders. Der Allgewaltige, der Herr Reichsstatthalter Sprenger, sorgte für die Entlassung dieses Kriminalrates. Es versteht sich, daß diese korrekte und sachliche Einstellung de» Polizeipräsidenten v. Westrem der maßgebenden Nazi- bande sehr wenig genehm war. Die Clique um den Reichs- statthafter und Gauleiter Sprenger betrachtet ihn mit stei- gendcm Mißtrauen. Kleine Intrigue» werden gesponnen. Man schwärzt Westrem bei seinem Chef Göring an. Sprenger, ein notorischer Säufer, beanstandet Westrems Bier- und Kognakrechnungen, die in der Kantine anstehen. Der Kon- flikt zwischen dem korrekten Militär und dem Ganleiter nimmt schärfere Formen an, als die Einführung der H i l f s- polizei akut wird. Die gesamte Belegschaft des Polizei- Präsidiums, Schupos und Kriminalbeamte, lehnt einhellig die Aufstellung dieser überflüssigen, vom polizeilichen Stand- punkt wehrlosen und zudem kostspieligen Truppe ab. Der Präsident, der die Bedenken seiner Beamten vollkommen versteht, stellt sich unverzüglich und offen auf ihre Seite. Es gelingt ihm, die Ausstellung der Hilfspolizei einige Zeit hinauszuzögern— bann siegt der Wille des Gauleiters Sprenger. Frankfurt bekomme seine Hilfspolizei. Die Lage spitzt sich zu. Von Düsseldorf kommt ab und zu der dortige Polizeipräsident und SS.-Gruppenführer Weitzel, der früher Chauffeur in Frankfurt am Main war und seiner brutalen „Schlagfertigkeit" den märchenhasten Ausstieg in der NSDAP, zu verdanken hat, in die Mainstadt, um Privat- räche an seinen Gegnern zu nehmen. Wenn Weitzel in Frankfurt am Main erscheint, ver- schwinden auf geheimnisvolle Weise Menschen aus ihren Wohnungen, aus den Betrieben. Aufrechte Nationalsozialisten, die sich Kritik an der kor- rupten Clique Weitzel-Sprenger erlauben, werden nächt- licherweile entführt, unter Mordbrohungen jämmerlich ver- prügelt. Der Polizeipräsident v. Westrem bekundet offen seine Absicht, diesen unerhörten Zwischenfällen mit polizei- lichen Mitteln ein Ende zu machen. Weitzel-Sprenger reagieren darauf mit der unverblümten Forderung, Westrem möge Häftlinge, die sich in Polizeigewahrsam befinden, darunter Nationalsozialisten, ihnen zur„privaten Behandlung" überlassen. Westrem weigert sich voller Entschiedenheit. Sein Sturz ist beschlossene Sache. Zwei Ereignisse treten ein, die den Konflikt zu offenem Ausbruch bringen. Ein österreichischer Arbeiter wird von der Sprenger-Garde verhaftet und ln das SA.-Heim am Mozartplatz verschleppt. Passanten hören Todesschreie aus dem Haus und alarmieren telefonisch das Polizeipräsidium. Der General schickt sofort das Ueberfallkommando nach dem Mozartplatz und findet es verbarrikadiert, die SA. ver- weigert der Polizei den Eintritt. Der Präsident, von seinen Beamten in Kenntnis gesetzt, verlangt kategorisch die Oessnung des Hauses. Di« SA. weigert sich weiter, ver- spricht aber, den verhafteten Arbeiter der Polizei zu über- geben und führt das auch aus: in einer Kiste, als zerstückelte Leiche, wird er de« wartende« Beamten ausgeliefert. Nun begehrt der General auf und verlangt schärfste Be- strafung der Mörder— aber Reichsstatthalter und Gau- letter Sprenger hält seine schützende Hand über sie, kein Mörder kann verhaftet werben. Kurz daraus wird in dunkler Nacht der frühere Abge» ordnete Schäfer» der Enthüller der Boxheimer Blntdo» kumente» von SS.-Leuten aus dem Darmstädter Gefängnis geholt, aus Frankfurter Siebtet verschleppt, in bestialischer Weis« zusammengcstochen, durch eine,, Revolverschuß in den Hals erledigt und schließlich vor einen fahrenden Zug geworfen. Schon früher war Schäfer verhaftet und saß eine Zeitlang im Frankfurter Gerichtögesängnis, wo ihm nichts geschah und von wo aus er wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Nun liegt seine Leiche bei einem Tunnel in der Nähe Frankfurts, schrecklich zugerichtet und verstümmelt. Die Zeitung meldet Selbstmord des Dr. Schäfer. Der Frankfurter Polizei- Präsident, General von Westrem, erscheint mit seinen Be- amten am Tatort und äußert ebenso bewegt wie unvorsichtig zu einem anwesenden Reporter:„Das ist der gemeinste politische Meuchelmord, der je passiert ist: ich werde nicht eher ruhen und rasten, bis ich die feigen Mörder gefaßt habe." Die feigen Mörder sitzen in den Kreisen, über die Herr Reichsstatthalter Sprenger seine schützende Hand hält. Der General ahnt es, und die Empörung des alten Soldaten gegen die gemeinten Intrigen und feigen Meucheleien arrivierter Zivilisation schlägt in ihm hoch, als er dieser Clique nunmehr den offenen Kamps ansagt. Der Ausgang ist nicht zweifelhaft. Korrekte Beamte haben in der Nazi- bllrokratie keinen Platz. Kurze Zeit später melden die Blätter, daß das Kommissariat des Generals von Westrem erloschen sei, und die Stadt Frankfurt wartet zur Zeit aus einen Polizeipräsidenten, der etwas weniger Korrektheit be- sitzt als der General, aber desto mehr Charakterlosigkeit, um das willenlose Werkzeug des Herrn Reichsstatthalters abgeben zu können. Die Schüsse von Bacharach 1™"*"™ Der Herd an»tachow und die Hintergründe Wir berichteten gestern, daß der Leiter des Organisations- amies der Deutschen Arbeitsfront, Reinhold M u ch o w, von dem Sturmbannführer M ä h l i n g in einer Weinstube in Bacharach erschossen worden ist. Wir wiesen bereits kurz darauf hin, daß die amtliche Darstellung über den angeb- lichen Unglücksfall, an sich schon höchst unwahrscheinlich, den Tatsachen nicht entspricht. Die Kugel für Muchow war seit langem gegossen. Muchow war der Führer des radikalen sozialistischen Teiles der Nazipartei. Der erst 28jährige hatte eine auffallend glänzende Laufbahn hinter sich. Schon früh wurde er stellvertretender Leiter der Betriebszellenorganisation. Seine Zeitschrift„Das Ar- be it er tum" errang sich außerordentliche Verbreitung. Er war es, der den schlagartigen Ueberfall auf die freien Ge- werkschaften vom 2. Mai 1938 in allen Einzelheiten vor- bereitet hatte. Er war der gegebene Leiter der kommenden neuen Arbeitsfront. Sehr zu seinem und seiner Anhänger Acrger wurde ihm der hysterische und trunksüchtige Akademiker Dr. Ley vor die Nase gesetzt. Ley wurde Führer der Deutschen Arbeitsfront. Muchow trat in den Hintergrund nnd erhielt als Trostpreis den Posten eines Leiters des Organisationsamtes der Ar» beiterfront. In der Folgezeit entspann sich zwischen ihm und Dr. Ley ein unerbittlicher unterirdischer Rivalitätenstreit, an denen die Nazibewegung so reich ist. Im Gegensatz zu Dr. Ley trat Muchow für die Forderung ein: Alle Macht der NSBO.! Mit der NSBO. gedachte er selbst dann allmäh- lich die Spitze zu erklettern. Dagegen suchte Dr. Leu die Gewerkschaften zu halten und bei ihnen nach der Vereinheit- lichnng alle Organisationen zu konzentrieren. Dieser Kampf zeitigte mitunter tolle Früchte. So ließ Muchow eines Tages sämtliche von Ley eingesetzten Berliner Kewerkschasts-Kommissare des Einhejts- Verbandes durch die Berliner SS. verhasten, weil sie einer Auflösung der Gcwerkschast und der Ueberführung zum Gesamtverband Schwierigkeiten entgegensetzten. Bezeichnenderweise wurden die damit noch vorhandenen Sekretäre der freien Gewerkschaft von der Haft verschont. Sieger in dem Kampfe blieb Dr. Ley. Muchow mit seinen radikalen sozialistischen Plänen mußte in dem Ringen, in dessen Hintergrund Göring und Thyssen standen, unterliegen. Ueberall wurde die NSBO. zurückgeworfen. Die Hauptbastionen Muchows im N u h r g e b i e t, in Hamburg und Breslau wurden zerschlagen. G ö b b e l s selbst mußte ja die Nachrichten über die Ver- Haftung der NSBO.-Leute und deren teilweise Einlieferung in Konzentrationslager schließlich freigeben. Muchows Gegnerschaft zu den neuen Gewerkschaften bereitete ihm viele Feinde. Er war für eine rücksichtslose Vereinheit- lichung und Zusammenlegung. dadurch find viele Nazibonzen aus liebgewordenen Stel- langen herausgeworfen worden. So sind allein durch ihn von den vier Kommissaren in der Leitung des Einheits- Verbandes drei infolge der Zusammenlegung mit dem Ge- gmtverband postenlos geworden. Muchow blieb ein Mahner an dem in taufenden Wahl- Versammlungen versprochenen Sozialismus. Ein un- bequemer, gefährlicher Mahner, ein Mann mit Anhang unter den treuesten der braunen Garde. Nachdem Hitler die zweite Revolution, gerade die Re- volution Muchows, abgeblasen hatte, nachdem der Reichs- wirtschaftsminister Schmidt die neue Epoche des Kapi- talismus ankündigte und die NSBO. Herrn Thyssen über- antwortet wurde, erschien der tatentschlossene Kreis um Muchow als ein bedrohlicher Gefahrenherd, als ein Er- plosivstyss im innersten Parteikörper, der ausgemerzt werden mußte. Ter Tod des achtunbzwanzigjährigen Unterführers brachte die Befreiung von dem unangenehmen Druck. Die Kugel von Bacharach sand einen zum Tode Gezeichneten. Die näheren Umstände des Mordes dürsten nur durch einen Zu- fall ans dem sie verhüllenden Dunkel heraustreten. ♦ Die„Neue Zürcher Zeitung" berichtet, baß der Sturmbannführer den Organisationsleiter und dieser den erstcren erschossen habe. Die amtliche Wolss-Meldung ist jedenfalls ganz salsch, da sie technisch unmögliche Dinge behauptet. Es ist ganz ausgeschlossen, daß beim Koppelumschnallen der in der Patronentasche befindliche Re- volver losgeht und ein Unglück anrichtet. Und ebenso on- wahrscheinlich ist, daß sich der Anrilbter dieses Unglücks, ohne die Folgen abzuwarten, gleich aus der Stelle erschießt. Aber zum ganzen Bilde paßt durchaus, daß die NSBO. keine Ntitgliederbeiträge mehr erheben darf und daher zum Unter» gang verurteilt ist. Der Gipfel der Heuchelei aber sind die Anordnungen, die Muchows Gegenspieler, Dr. Ley, als„Tranerkundgcbung" getroffen hat: Sämtliche Fahnen müssen bis zum 1. Oktober Trauerflor anlegen— es sind in Wirklichkeit die Freudensahnen des Intriganten nnd Korruptionärs über den Entschlossenen und Programmtreuen! Braunbuch. Die zweite Auflage des Braunbuches ist leider noch nicht fertiggestellt. Der Verleger teilte uns heute mit, daß wir uns noch 8 Tage gedulden sollen. Der Versand unsererseits erfolgt bann sofort. Grenoble, A. H. Wir freuen uns, auch in Grenoble so ausmcrk- same uni so kritische Leser zu haben. Da uns jede Selbstgerechtigkeit fehlt, so find wir auch dann dankbar, wenn man uns nach unserer Auffassung unrecht tut. Das Wort„ewig" kann mißbraucht werden, ober wenn man möglichst kurz und präzis ausdrücken will, daß sich eine bleibende und unvergängliche Idee immer gegen Ungeist und Gewalt behaupten wird, so ist es durchaus am Play Um so mehr, wenn der ganze Aufsatz sehr sachlich und sehr ernst gehalten und kein Samenkorn Hitler'schen Schwulstes darin aufgegangen ist. Eher schon geben wir das Wort„Gedankengut preis. So etwas rutscht im Eilzugstcmpo schon einmal durch. Tie Glossen über H. und W. verwenden wir gerne. Im übrigen: Händedruck. Der„be- geisterten Leserin Ihres Wahrheit verkündenden Blattes." Das ist die Mischung, die unS wohltut: Freundlichkeit, Kritik und Mit- arbeit, wenn man was zu sagen hat. „Schnorrer." Tie teilen uns über die Nazibettelei in Deutschland mit: Eine Apotheke erhält den Austrag, aus so und so viel Kilo Aspirin und eine Drogeric auf einige Hundert Liter Petroleum, Spiritus usw. für Arbeitslager. Tarunter steht, wir hoffen, daß sie keine Rechnung stellen und diese Artikel dem nationalen Aufbau- werk spenden«oder Konzentrationslager für ihren Ehcfs. Das ist kein Einzelsall. Auch die Drohung mit dem Konzentrationslager an Unternehmer, die genug Nazis einstellen, ist keine Seltenheit. M., Amsterdam. So auimerksamen Leiern wie Ihnen mutz man für jede Kritik dankbar sein. Da sie selbst Redakteur waren, werden Sie die Ursache des kleinen Betriebsunfalles erkennen. Natürlich haben wir längst bemerkt, daß uns die betreffende Zeitungskorre- fpondenz oft als Quelle benutzt Recht haben Tie auch darin, daß sie uns öfter nennen könnte. Vielleicht nimmt sie Rücksicht aus ihre bürgerlichen Abnehmer. Wir sind nicht kleinlich. Dr. B.«ud Zt., Mülhausen. Sie müssen den Brief Ihres Be- konnten in Bayern nur richtig verstehen. Er meint ganze Partien offensichtlich nicht ernst. Wahrscheinlich hat er sich einen Durchschlag zurückbehalten, um jederzeit ein briefliches„Alibi" zu haben. Er Ist belastet genug, wenn ihn seine wissenschaftlichen Interessen zwingen, mit einem Franzosen zu korrespondieren. Homburg. Das Gruppenbildchen haben wir erhalten und uns ein wenig in die Hitlergesichter vertieft, soweit dies bei soviel Ober» fläche möglich ist. Unbegreiflich bleib uns immer, warum solch« Herren überhaupt Hakenkreuz-Abzeichen tragen: man sieht es doch ohnehin jedem an, daß er außerhalb europäischer Zivilisation steht. T. S., Lille. Aber wo denken Sie hin? Solche Verordnungen werden im„dritten Reich" immer streng durchgeführt. Uns ist be- kennt, daß z. B. das Konzentrationslager von Oranienburg von den wohlhabenden„Angehörigen der Schutzhästlinge 4 Mark Ver- pslegungsgeld den Tag einzieht.„Wohlhabend" ist jeder, der noch einen Notgroschen hat. Die jämmerlich« Verpflegung kostet vielleicht M Pfennige den Tag. Den Ueberschuß verfressen und versaufen die SA.- und^»Leute. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud- weiler: für Fnscrate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 3, Schützenstraße 5. !fastqattesdiwst nach deutschem Ritus. Orgel. Chor PREDIGTEN IN DEUTSCHER SPRACHE Jltuischfiascfionofi und Jaum kippuc 1933 im würdigen Saal Pleyel, 252, Faubourg St. Honoré, Paris 8 am 20», 21., 22., 29. und 30. SeptemAec 1933 Karten gültig für alle 7 Gottesdienste 25,— bis 100,— Fr. Vorverkauf bei: Durand 6. Co., 4, Place de la Madeleine. La Boite à Musique, 133, Boulevard Raspail. Agence Cook, 118, Avenue des Champs Elysées und im Saal Pleyel, 252, Faubourg St. Honoré Schuhe u. Konfektion mil langjährigem Vertrag und Wohnung, krankheitshalber billig abzugeben. Kaufhaus J. Krippner Thann(Elsass, Frankr.), Hauptstr. 41 Das Braunbucli ist wieder xu haben Broschiert 18,— Fr. 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